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Paul Rosenhayn – Der Mann unterm Bett

Kriminaleske

Aus: Paul Rosenhayn, Salto mortale, Fünf Kriminalesken, Bibliothek für Dramatik und Musik, Verlagsgesellschaft m. b. H., Berlin, 1919


Personen:

Der Maler

Der Einbrecher




Nacht. – Das Wohn- und Arbeitszimmer eines jungen Malers. An den Wänden Skizzen und Entwürfe neben fertigen futuristischen Gemälden. Auf dem Tisch, der in der Mitte steht, liegen ein paar Bücher. Rechts im Hintergrund ein Kleiderschrank, rechts an der Wand eine Kommode, links das Bett. Darüber ein phantastischer japanischer Schirm. Ueber dem Raum liegt ausgesprochene Bohèmestimmung.

Bei Aufgehen des Vorhangs ist die Bühne dunkel. Man hört verwehte Klänge irgend eines Musikinstruments, die sich allmählich verlieren; sie mögen von einem nächtlichen Wanderer kommen. Durchs Fenster sieht man die Giebel der benachbarten Häuser, Mondlicht fließt schräg herein.

Einen Augenblick bleibt alles still. Dann hört man ein leises Feilen und Bohren. Wieder bleibt es einen Augenblick ruhig, dann öffnet sich tastend und vorsichtig die Tür, der Strahl einer Blendlaterne blitzt auf.


Der Einbrecher

(tritt vorsichtig und zögernd ein. Er ist in einen langen braunen Mantel gehüllt; schließt die Tür geräuschlos hinter sich. Sie gleitet ihm im letzten Moment aus der Hand und fällt mit einem leisen Krach zu. Erschrocken hält er inne. A tempo erlischt das Licht der Laterne. Der Einbrecher verharrt in geduckter Haltung. Als alles ruhig bleibt, läßt er die Lampe wieder aufblitzen, deren Strahl spähend über die Gegenstände des Zimmers gleitet, während der Ankömmling sich neugierig umsieht. Er geht aufs Bett zu. Leuchtet hinein. Ueberzeugt sich endgültig, daß das Zimmer leer ist. Pfeift gemächlich ein paar Takte. Geht auf die Petroleumlampe zu, die auf dem Tisch steht. Zündet sie an. Oeffnet das Zigarettenkästchen, das neben der Lampe steht. Sagt enttäuscht, indem er es demonstrativ umstülpt:) Leergebrannt ist die Stätte. (Er blättert zerstreut in den Büchern, die auf dem Tisch liegen. Läßt sie offen liegen.) Rembrandt und die Frauen. (Er zuckt überlegen die Achseln. Nimmt ein zweites Buch) Vincent von Gogh. (Klappt das Buch verächtlich zu. Nimmt ein drittes.) Leonardo da Vinci. (Sieht sich erstaunt und prüfend um. Schleudert das Buch auf den Tisch. Nimmt ein viertes.) Die Malerei des Quattrocento. (Sieht mitleidig auf das Buch. Nickt. Legt es mit einer bedauernden Geste auf den Tisch. Geht an den Kleiderschrank, der im Hintergrunde rechts steht.)

(Im Moment, da der Einbrecher den Kleiderschrank öffnen will, hört man ein leises Geräusch wie von näherkommenden Schritten auf der Treppe. Gleich darauf setzt eine helle Stimme mit einem Lied ein:

»Mein Kommandant ist duhn –
Was kann ich dabei tun.«

[nach der Melodie von: »Sous les ponts de Paris.«]).


Der Einbrecher

(stürzt zur Lampe. Dreht sie aus. Er bleibt ein paar Atemzüge lang lauschend stehen. Schlüpft dann unter das Bett).

(Der Singende kommt näher. Macht dann plötzlich vor der Tür halt. Der Gesang verstummt. Der Draußenstehende versucht, zunächst vergeblich, den Schlüssel in dem derangierten Schloß herumzudrehen.

Endlich gelingt es ihm. Die Tür öffnet sich.)

Der Maler

(tritt ein. Er ist in dunklem Anzug und Strohhut, ohne Paletot. Bleibt einen Augenblick an der Tür stehen. Sieht sich um. Tritt dann ins Zimmer. Geht auf die Lampe zu. Nimmt den Zylinder ab. Läßt ihn erstaunt aus den Tisch fallen.) Au! (Schüttelt gleich darauf den Kopf. Lächelt.) Ach – ich hab' bloß so kalte Hände! (Er zündet die Lampe an. Zieht das Jackett aus. Nimmt einen Bügel aus dem Kleiderschrank. Zieht dann auch die Weste aus. Hängt beides über den Bügel. Hängt diesen an einen vermeintlichen Nagel an der Wand. Der Bügel mit den Kleiderstücken fällt zu Boden. Er sieht sich erstaunt den Fleck an der Wand an. Nimmt den Bügel mit den Kleidern auf. Sucht vergeblich nach einem andern Haken. Wirft den Bügel mit Jackett und Weste achtlos auf den Boden. Zieht die Hose aus. Glättet sie sorgsam. Legt sie lang auf den Fußboden. Packt achtsam ein paar Bücher auf die Bügelfalte. Zieht die Stiefel aus, wobei er sich aufs Bett setzt. Nimmt einen Farbtopf vom Boden, stellt ihn ins Nachtschränkchen. Nimmt aus der Tischschublade eine kurze Pfeife. Stopft sie. Nimmt ein paar Bücher und legt sich ins Bett. Beginnt zu lesen. Klopft die Pfeife am Bettrand aus. Ein wenig glimmender Tabak fällt auf den Bettvorleger. Er bemerkt es. Beugt sich über den Bettrand, um den kleinen Brandherd zu löschen, von dem bereits Dampf aufsteigt. In diesem Augenblick kommt eine Hand unter dem Bett hervor, die das Feuer erstickt. Der Maler klappt erstaunt das Buch zu. Richtet sich halb im Bett auf. Sieht neugierig über den Rand. Schüttelt den Kopf. Fragt endlich verwundert, etwa im Ton eines Geschäftsmannes, der am Telephon steht.) Ist da jemand?

(Einen Augenblick bleibt es still. Dann antwortet

Der Einbrecher

unterm Bett heraus). Jawohl.

Der Maler

(nickt befriedigt. Fährt in höflichem Ton fort) Darf ich fragen, was Sie wünschen, mein Herr?

Der Einbrecher

(nach einer kleinen Pause). Mein Besuch ist geschäftlich.

Der Maler

(nickt wieder. Legt die ausgebrannte Pfeife auf die Platte des Nachttischchens). Möchten Sie nicht unter dem Bett hervorkommen? Es spricht sich schlecht so . . . so um die Ecke . . .

(Unter dem Bett entsteht ein gleitendes Geräusch. Ein paarmal stößt jemand von unten gegen die Matratze. Dann taucht allmählich die lange braune Gestalt des Einbrechers aus dem Dunkel hervor.)

Der Einbrecher

(sich aufrichtend, mit einer kurzen tadellosen Verbeugung, sich vorstellend). Meier

Der Maler

(im Bett, ebenfalls eine Verbeugung machend, wie jener). Bröselmann

(Kurzes Schweigen, während dessen Bröselmann Herrn Meier erwartungsvoll ansieht. – Herr Meter weicht seinen Blicken ein wenig verlegen aus. Dann)

Der Maler

(in höflichem Ton, wie überhaupt von nun an die gesamte Unterhaltung in den verbindlichsten Formen vor sich geht). Darf ich fragen, Herr Meier – was mir die Ehre Ihres Besuches verschafft?

Der Einbrecher

(blickt den Frager mit ruhigem Lächeln an. Schlägt dann die Augen zu Boden. Sagt endlich in halb verlegenem, halb belehrendem Ton). Gott, was kann man schon wollen . . . wenn man nachts um zwei Uhr . . . in einer fremden Wohnung – unter dem Bett liegt – – –?

Der Maler

(sieht Herrn Meier einen Moment erstaunt an. Dreht sich dann mit einem Schwung aus dem Bett, sodaß er auf die Bettkante zu sitzen kommt, verblüfft). Sie wollten einbrechen?

Der Einbrecher

(macht eine zögernde Bewegung, sagt dann in verlegenem Ton). Ich kann es nicht leugnen . . .

Der Maler

(ein wenig spitzt.) Ja . . . Da muß ich Ihnen allerdings sagen . . .

Der Einbrecher

(ihn unterbrechend). Ich weiß schon. Ich kann mir schon denken, was Sie meinen. Sie wollen sagen (lacht gutmütig) , da hätten Sie auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Der Maler

(schüttelt den Kopf). Ach nein. Das wollte ich nicht sagen.

Der Einbrecher

(sieht ihn verständnislos an).

Der Maler

Im Gegenteil. Ich wollte sagen: sollten Sie in diesen Räumen irgend etwas finden, was mitnehmenswert wäre – so würde mich das außerordentlich wundern.

Der Einbrecher

(wirft einen Rundblick durch das Zimmer. Zuckt die Achseln, freundlich). Nach der kleinen Inventur, die ich eben . . . Sie haben wohl nicht viel?

Der Maler

(sieht Herrn Meter in die Augen. Achselzuckend). Ich suche jedenfalls seit zwei Wochen vergeblich nach irgend etwas, was ich noch versetzen könnte. Versuchen Sie es. Vielleicht haben Sie mehr Glück. Vielleicht haben Sie auch mehr Uebung. (Mit einer kreisenden Geste) Betrachten Sie mein Haus als das Ihre, Herr Meier. Und sollten Sie irgend etwas finden, was Sie verwerten können, so würde ich es als einen Freundschaftsdienst betrachten, wenn Sie mich daran beteiligen würden – sagen wir mit zehn Prozent.

Der Einbrecher

(nachdenklich). Das klingt nicht sehr vertrauenerweckend. Mit einem Blick auf den Kleiderschrank – (in hoffnungsvollerem Ton) Würden Sie mir gestatten, daß ich selbst einmal . . .

Der Maler

Aber mit Vergnügen.

Der Einbrecher

(mit einer korrekten Verbeugung). Danke. (Geht mit lautlosen Schritten an die Kommode rechts. Zieht nacheinander die drei Schubladen auf – während dieser Prozedur wird sein Gesicht immer länger – er sieht halb verlegen, halb vorwurfsvoll zum Maler hinüber, der die Achseln zuckt. Er bleibt einen Augenblick stehen. Dann schiebt er mit einer einzigen Bewegung alle drei Schubladen zurück. Geht an den Kleiderschrank, öffnet ihn. Das weiße Holz des leeren Schrankes grinst ihm entgegen. Er knipst die Blendlaterne an. Leuchtet in die Ecken des Schrankes. Wechselt wieder einen Blick mit Bröselmann. Schüttelt traurig den Kopf. Dann schließt er den Schrank wieder und kehrt langsam zum Bett zurück. Mit leisem Vorwurf in der Stimme) Das ist ja . . . (spontan) das ist ja entsetzlich!

Der Maler

Ja. Ja.

Der Einbrecher

Ein junger vielversprechender Künstler . . . ein zweifelloses Talent . . .

Der Maler

(wehrt bescheiden ab). Aber, Herr Meier.

Der Einbrecher

Doch, doch – – – ich habe mir vorhin Ihre Skizzen angesehen. Da steckt was drin. (Visiert prüfend eins der Bilder) Freilich – die Diagonalen – – – die Auffassung des Raumes – – – das sind noch so kleine Kinderkrankheiten. Jedenfalls: Sie haben eine Zukunft! (Bröselmanns Augen irren von Herrn Meiers Gesicht zu der Blendlaterne, von dieser zu den Skizzen an den Wänden und wieder zurück. Meier, der seinem Blick gefolgt ist, nickt gewichtig.)

Der Einbrecher

Sie werden sich vielleicht wundern, daß ich so von diesen Dingen rede – aber ich verstehe wirklich etwas davon.

Der Maler

Ich zweifle durchaus nicht. Sie kommen viel herum.

Der Einbrecher

Eben!

Der Maler

Sie sehen und hören täglich Neues und Schönes –

Der Einbrecher

Mehr Neues als Schönes.

Der Maler

 . . . jeden Tag . . . oder . . . jede Nacht.

Der Einbrecher

(nickend). Da bekommt man ein Urteil. Man vergleicht . . . und allmählich entwickelt sich eine gewisse Sicherheit des Geschmacks. Das liegt auf der Hand. Sie haben Talent! Darüber ist garnicht zu reden. Sie haben eine Zukunft, junger Mann!

Der Maler

Na – vielleicht kann ich Ihnen mit einigen meiner Arbeiten dienen . . .

Der Einbrecher

(leuchtet ein paar Bilder an). Lieber nicht.

Der Maler

(wirft einen fragenden Blick auf ihn).

Der Einbrecher

Bei der Eigenart Ihres Pinsels . . . Sie verstehen . . . Ich habe wenig Interesse daran, daß die Herkunft meiner . . . meiner Artikel . . . allzu ersichtlich ist . . . und dann . . . Ihre Bedeutung als Entwicklungsfaktor der europäischen Malerei dürfte erst in einigen Jahren (Geste des Geldzählens) verwertbar werden.

Der Maler

Ja – dann bedaure ich allerdings . . .

Der Einbrecher

Darf ich übrigens fragen, wo Sie Ihr Portemonnaie haben?

Der Maler

(weist auf seine Hose, die mit Büchern beschwert auf dem Boden liegt).

Der Einbrecher

(geht auf die Hose zu. Nimmt sie auf – die Bücher kollern herunter. Faßt in die Taschen. Zieht eine dünne Börse hervor. Oeffnet sie. Blickt hinein. Wendet sie um. Schüttet sie aus – – leer! Wirft die Hose, nachdem er sie sorgsam in die Bügelfalten gelegt hat – zwei Vorderknöpfe zusammen – auf den Tisch. Blickt Bröselmann an). Das ist ja geradezu fürchterlich! (Nachdenklich). Sagen Sie mal – wie machen Sie denn das? Sie müssen doch essen und trinken! Das kostet doch . . . nun ja, das kostet doch Geld!

Der Maler

(lacht bitter auf.)

Der Einbrecher

Ich spreche in allem Ernst. Bevor Sie eben nach Hause gekommen sind, da müssen Sie doch irgendwo zur Nacht gegessen haben. Und das pflegt man doch nicht umsonst zu bekommen.

Der Maler

(sieht auf, mit deutlichem Vorwurf). Herr Meier, ich will Ihnen mal etwas sagen . . . Ich habe nichts dagegen gehabt, daß Sie mir zu so ungewöhnlicher Stunde einen so ungewöhnlichen Besuch gemacht haben. Nicht das Geringste habe ich dagegen gehabt. Ich bin nun einmal ein gut erzogener Mensch und weiß, wie man einen Besuch zu empfangen hat – ganz einerlei ob dieser Besuch am Tage oder in der Nacht erscheint. Wenn Sie aber nur zu dem Zwecke gekommen sind, um mir den Mund wässerig zu machen mit Ihren Erzählungen von Essen und Trinken – so muß ich dagegen auf das Schärfste protestieren. Denn das ist ein Quälerei, die ich nur als im höchsten Grade verwerflich bezeichnen kann.

Der Einbrecher

(begütigend). Seien Sie nur nicht gleich böse.

Der Maler

Ich bin böse!

Der Einbrecher

(sieht ihn mit einem langen Blick an). Haben Sie Hunger?

Der Maler

Ich habe nur meine Pfeife geraucht, um meinen Magen ein bißchen zu beruhigen.

Der Einbrecher

Nein. Das kann ich nicht mit ansehen. Man ist schließlich doch auch nur ein Mensch. (Faßt in die Manteltasche.) Meine Frau gibt mir gewöhnlich, wenn ich nach dem Abendessen meinem Beruf nachgehe, zwei Butterbrote mit. (Zieht ein Paket. Wickelt es auseinander.) Sehen Sie hier: dies ist eine Stulle mit Gänsebrust – und dies ist eine mit Speck. Gestatten Sie mir, Ihnen eine davon anzubieten?

Der Maler

Aber – das kann ich ja garnicht verlangen.

Der Einbrecher

Nehmen Sie nur. Welche wollen Sie denn haben?

Der Maler

Wenn ich um die mit Speck bitten dürfte – –?

Der Einbrecher

(reicht ihm ein Butterbrot).

Der Maler

(nimmt es, klappt es auseinander). Wirklicher Speck! Wie kommen Sie zu solch kostbaren Dingen?

Der Einbrecher

(lächelnd). Die Frage scheint mir ein bißchen . . . ein bißchen naiv. Freilich – Speck und solche Dinge zu bekommen, fällt selbst mir manchmal recht schwer.

Der Maler

(mit einem Blick auf Herrn Meier, dann auf dessen Blendlaterne. Plötzlich verstehend). Und ich habe Ihnen noch nicht einmal einen Stuhl angeboten.

Beide

(setzen sich und essen).

Der Maler

Herrlich!

Der Einbrecher

(kauend). Wenn man jetzt eine Flasche Bier dazu hätte . . .

Der Maler

Aber nichts leichter als das. (Zeigt zum Fenster.) Sehen Sie dort den Korb mit dem Tau?

Der Einbrecher

(sieht den Maler interessiert an. Nickt).

Der Maler

Wenn Sie den hinunterlassen und das Champagnerlied aus dem »Don Juan« pfeifen – so wird sich unten ein Fenster öffnen. Es ist nämlich ein Lichthof und unten ist die Küche des kleinen Restaurants. Dann wird man Ihnen so viel Flaschen Bier in den Korb legen, als Sie vorher Zehnpfennigstücke hineingelegt haben.

Der Einbrecher

Das ist aber eine praktische Einrichtung.

Der Maler

Ich habe sie mit dem Atelier übernommen. Leider habe ich bisher wenig Gebrauch davon machen können.

Der Einbrecher

Also zwei Flaschen Bier – das sind zwei Zehnpfennigstücke.

Der Maler

Ganz richtig.

Der Einbrecher

(nimmt in Gedanken die Börse Bröselmanns. Seinen Irrtum erkennend, wirft er sie unmutig auf den Tisch). Ach! (Zieht dann sein eigenes Portemonnaie, entnimmt ihm zwei Münzen. Geht ans Fenster. Legt das Geld in den Korb. Oeffnet das Fenster. Pfeift – obendrein falsch – das Trinklied aus »Cavalleria rusticana«.)

Der Maler

Aber Herr Meier, das ist ja nicht einmal »Cavalleria«!

Der Einbrecher

Ich komme so selten in die Oper. Sie verstehen – ich bin abends fast immer beruflich in Anspruch genommen – und wenn man sich schon mal frei macht, dann schleppt einen die Frau mit in die Operette.

Der Maler

(tritt zum Einbrecher ans Fenster, pfeift an seiner Stelle das Champagnerlied. Sie lassen gemeinsam den Korb hinunter. Man hört das Oeffnen eines Fensters. Kurz darauf ziehen sie den Korb wieder empor, entnehmen ihm zwei Bierflaschen. Beide trinken und essen). Schmeckt das gut!

Der Einbrecher

Die Küche meiner Frau ist berühmt. (Wischt sich zufrieden den Mund und stellt die geleerte Flasche behutsam unter das Bett.) Ja – nun wird's wohl Zeit, daß ich gehe. Ich habe Sie schon über Gebühr aufgehalten.

Der Maler

(der gerade trinkt, absetzend). Absolut nicht, Herr Meier. (Trinkt weiter.)

Der Einbrecher

Nun sagen Sie mal: wenn Sie also morgen früh aufstehen – dann müssen Sie doch Kaffee trinken . . . nun ja . . . und ein paar Brötchen essen.

Der Maler

(seufzend). Kaffee – Brötchen. – Wenn ich morgen früh aufstehe, dann geht die alte Leier wieder los: treppauf, treppab bei den Redaktionen – bei den Kunsthändlern – bei den Witzblättern.

Der Einbrecher

(mitleidig). Mit hungrigem Magen?

Der Maler

Mit hungrigem Magen.

Der Einbrecher

(feuchten Auges). Gott strafe mich – aber das geht über meine Kräfte. Das kann ich nicht mit ansehen. (Wie um sich vor sich selbst zu entschuldigen) Ich bin ja nicht eigentlich hierher gekommen, um Ihnen etwas zu bringen . . .

Der Maler

Das ist ja schließlich ganz egal, warum Sie gekommen sind. Die Hauptsache ist: Sie sind da!

Der Einbrecher

Ich bin nun einmal so ein gutmütiger Mensch – ich kann keinen leiden sehen. (Greift in die Tasche) Also, wenn Sie mir erlauben wollen – ein kleines Stipendium! (Legt einen Schein auf den Nachttisch)

Der Maler

(streckt Herrn Meier die Hand entgegen, die dieser ergreift und schüttelt, gerührt). Herr Meter!

Der Einbrecher

Und nun: Kopf hoch, junger Mann! Es wird schon wieder besser werden. Glauben Sie mir: auch ich habe meine Lehrjahre hinter mir. Knappe Lehrjahre. Ich habe schlimme Zeiten durchgemacht, bis ich in geordnete Verhältnisse gekommen bin. Das ist nun mal so im Leben. Sie werden später noch einmal darüber lachen – über diese Zeit – wenn Sie erst Ihr sicheres Einkommen haben – wie ich.

Der Maler

Gehen Sie mit Gott, Herr Meier. (Mit verhaltenem Schluchzen in der Stimme.) Ich danke Ihnen auch für Ihren lieben Besuch.

Der Einbrecher

(bleibt unruhig zögernd stehen. Sieht auf das Geldstück, das noch auf dem Nachttischchen liegt. Drängend). Nehmen Sie es gleich weg. Ich habe das nun mal so in der Gewohnheit: wenn ich Geld liegen sehe – Sie verstehen . . .

Der Maler

(nimmt das Geldstück, läßt es zwischen Bettrand und Matratze gleiten). So!

Der Einbrecher

(geht langsam zur Tür, wohin Bröselmann ihn artig geleitet).

Der Maler

Wissen Sie, Herr Meier: eins ist mir eigentlich ein Rätsel.

Der Einbrecher

(bleibt stehen. Sieht ihn freundlich erwartungsvoll an).

Der Maler

Sagen Sie mal: wie sind Sie bloß auf den Gedanken gekommen, ausgerechnet bei mir einzu . . . einzukehren?

Der Einbrecher

(ernst werdend). Ja. Darüber zerbreche ich mir auch schon die ganze Zeit den Kopf. Wissen Sie: ich glaube, hier muß ein Irrtum vorgekommen sein. (Er zieht einen dünnen Taschennotizblock. Blättert darin.) Malvinenstraße 46, drei Treppen. Akademieprofessor von Buck.

Der Maler

Hier ist Malvinenstraße 64, und daß ich kein Akademieprofessor bin, werden Sie mir wohl so glauben.

Der Einbrecher

Da haben wir's. Diese ewige Unordnung in den Büchern.

Der Maler

(lächelnd). Ja, da haben Sie die Zahlen umgedreht, Herr Meier.

Der Einbrecher

Ich nicht. Das hat mein Buchhalter getan.

Der Maler

(bewundernd). Einen Buchhalter haben Sie auch?

Der Einbrecher

Aber gewiß. Mit diesem Kleinkram gebe ich mich nicht ab. Ich kann meine Zeit besser ausnutzen. Dafür habe ich mein Personal. Ein sehr talentierter Mensch – findig bis dorthinaus – aber unzuverlässig. Unzuverlässig – wie alle tüchtigen Leute. Flüchtig sage ich Ihnen – es ist schrecklich. Neulich hat er mir eine Adresse aufgeschrieben – da wäre ich um ein Haar in einen Ballsaal geraten. Stellen Sie sich vor: in einen Ballsaal . . . mit meiner ganzen Ausrüstung. Und wissen Sie, was da los war? Das Jahresfest des Vereins der deutschen Kriminalbeamten.

Der Maler

Das ist allerdings eine Gewissenlosigkeit.

Der Einbrecher

Und dies ist die zweite. (Legt den Finger an die Nase.) Innerhalb vierzehn Tagen die zweite Dummheit. Wissen Sie – ich bin ein gutmütiger Mensch. Aber – wenn das nochmal vorkommt, schmeiße ich ihn raus. – Nun schließlich – es schadet ja nichts. Ich habe eine angenehme Bekanntschaft gemacht –

Der Maler

(verbeugt sich).

Der Einbrecher

– habe eine nette Stunde verplaudert. Aber schließlich, wenn das so weitergeht, nicht wahr – man will doch schließlich . . . man geht doch auf die Tour um zu verdienen. Und nicht, um . . . na ja . . .

Der Maler

Natürlich. Wohin sollte das wohl führen, wenn Sie jedem, den Sie besuchen . . . Aber das war ja schließlich nur eine Ausnahme, Herr Meier.

Der Einbrecher

(traurig den Kopf schüttelnd). Leider nicht. Leider nicht. Das ist keine Ausnahme. (sieht Bröselmann lange schweigend an, aufbrechend) Meine Frau hat es mir schon immer gesagt: August hat sie gesagt: du kannst nun mal keinem etwas abschlagen! Du bist zu weich, August! Neulich habe ich bei einem Bankdirektor eingebrochen – bei einem Bankdirektor! Stellen Sie sich vor, mit welchen Hoffnungen man da ans Werk geht! Ja – proste Mahlzeit! Ich hab' die Dummheit gemacht, in seine Bücher zu gucken. Das hätte ich nicht tun sollen.

Der Maler

(interessiert). Warum nicht?

Der Einbrecher

Der ganze Effekt war der, daß ich am nächsten Tage einen Wechsel für ihn eingelöst habe. Der Mann wäre sonst zugrunde gegangen – Frau – zwei kleine Kinder – alle wären sie zugrunde gegangen. Ich hätte nicht in die Bücher gucken sollen! In vierzehn Tagen ist wieder ein Wechsel fällig – (mit einer Handbewegung) – Ach, ich mag garnicht daran denken. Und dann meine Frau – die Vorwürfe! August sagt sie: an deine Kinder denkst du nicht! (macht eine resignierte Handbewegung) Gute Nacht, Herr Bröselmann

Der Maler

Guten Morgen, Herr Meier.

Der Einbrecher

(sich erinnernd). Da fällt mit ein . . . (Er zieht wieder den Notizblock. Sucht in der Tasche.) Haben Sie vielleicht einen Bleistift?

Der Maler

(nimmt einen solchen aus der Tischschublade, überreicht ihn dem Einbrecher, der damit einen dicken Strich quer über das Notizblatt macht. Auf Bröselmanns verwunderten Blick erwidert, ihm mit einer dankenden Geste den Bleistift zurückgebend)

Der Einbrecher

Ich habe mir nur ein Zeichen bei Ihrem Namen gemacht. Damit ich es morgen früh nicht vergesse.

Der Maler

(nickend). Wenn der Buchhalter kommt!

Der Einbrecher

(jenem die Hand reichend). Leben Sie wohl. (geht mit schnellen Schritten zur Tür.)

Der Maler

(bleibt einen Augenblick zögernd, wie mit einem Einfall kämpfend, in der Mitte der Bühne stehen. Wendet sich dann zur Tür). Herr Meier!

Der Einbrecher

(wendet sich überrascht um. Tritt zögernd ein paar Schritte ins Zimmer).

Der Maler

Herr Meier! Wir kennen uns zwar erst kurze Zeit . . . . aber ich habe in diesen wenigen Stunden unbegrenztes Vertrauen zu Ihnen gefaßt. Sie sind mir so riesig sympathisch. (Sie gehen langsam aufeinander zu.)

Der Einbrecher

(nickt. Mit belegter Stimme). Es geht mir ja genau so.

Der Maler

Und darum hätte ich eine Bitte. Sie werden mich gewiß für unbescheiden halten.

Der Einbrecher

(schüttelt den Kopf. Tonlos). Reden Sie nur.

Der Maler

Ich könnte nämlich eine Stellung bekommen. Eine gute Stellung. Morgen früh soll ich mich vorstellen. Aber urteilen Sie selbst: mit der Hose kann ich mich unmöglich sehen lassen.

Der Einbrecher

(nimmt die Hose vom Tisch. Betrachtet sie. Nickt schwer). Doll! (Wirft die Hose zurück. Sieht Bröselmann erwartungsvoll an.)

Der Maler

(zögernd). Und darum dachte ich . . .

Der Einbrecher

(erwartungsvoll, weich). Was dachten Sie denn, mein junger Freund?

Der Maler

Ich meinte: Sie haben einen so wundervoll langen Mantel, der fast bis auf die Fersen reicht. Ich weiß zwar nicht, ob Sie heute nacht noch irgendeinen weiteren Besuch vorhaben . . .

Der Einbrecher

(zieht eine schwere goldene Uhr). Nein. Nein. Ich muß nach Hause. Meine Frau ängstigt sich sonst. (Mit einem Blick zum Fenster.) Es dämmert übrigens schon.

Der Maler

Und zu Hause haben Sie gewiß noch sehr viel Hosen.

Der Einbrecher

(sieht noch immer ziemlich verständnislos den jungen Maler an, der prüfend die Länge des braunen Mantels mißt).

Der Maler

(nickend). Es würde gehen.

Der Einbrecher

Was denn?

Der Maler

Wenn Sie sich vielleicht entschließen könnten, Ihre Hose auszuziehen – niemand würde das kleine Manko in Ihrer Kleidung bemerken.

Der Einbrecher

(sieht ihn erstaunt an).

Der Maler

Haben Sie es weit?

Der Einbrecher

Nein, nein. Ein paar Straßen.

Der Maler

Um so besser.

Der Einbrecher

(sieht Bröselmann an. Mit zögernder Bereitschaft in der Stimme). Also Sie meinten . . . ich sollte Ihnen . . . meine Hose dalassen . . .

Der Maler

Ich würde es als den größten Freundschaftsdienst betrachten, der mir je geschehen wäre.

Der Einbrecher

(mit einem Blick auf die Hose). Und Sie meinen: wenn Sie die da anhaben . . . dann kriegen Sie die Stellung nicht?

Der Maler

Ausgeschossen! (nimmt die Hose in die Hand, zeigt sie.) Das müssen Sie selbst sagen: wenn ich mit dem Ding da erscheine, ist alles aus. Was glauben Sie, was ich in der Hose schon durchgemacht habe.

Der Einbrecher

(nickend). Und dann müssen Sie weiter hungern . . .

Der Maler

Ja. (sieht Meier an, der noch zögernd dasteht. Auffordernd, mit einem Blick auf dessen untere Körperhälfte.) Wie gesagt: wenn ich eine anständige Hose hätte – so eine wie Sie – – –

Der Einbrecher

(beginnt zu schluchzen. Knöpft den Mantel auf. Zieht das Taschentuch aus der Hosentasche. Faßt dann in beide Taschen. Nimmt nacheinander ein Taschenmesser, einen Revolver, ein Schlüsselbund, einige Dietriche, zwei Stemmeisen, eine kleine Säge. ein Döschen mit Schmierseife heraus. Legt alles auf den Tisch).

Der Maler

(sieht ihm erstaunt zu. Blickt fragend auf die Gegenstände).

Der Einbrecher

(wie auf diesen fragenden Blick antwortend, schluchzend). Nun ja. Ich kann Ihnen doch unmöglich alles mitschenken, was in der Hose steckt. (Dann löst er den Lederriemen. Die Hose sinkt mit einem Ruck herunter. Er streift sie über die Stiefel. Wischt mit einem Hosenbein die Tränen ab. Reicht die Hose dann mit einer feierlichen Gebärde dem jungen Maler, der sie andächtig entgegennimmt. Darauf geht der Einbrecher wieder an den Tisch. Nimmt die der Hose entnommenen Gegenstände und steckt sie in die Manteltasche. Vergißt das Taschentuch.)

Der Maler

(nimmt ein Schlüsselbund). Das ist also sozusagen Ihr Pinsel. (Nimmt ein Stemmeisen.) Und das Ihre Palette!

Der Einbrecher

(in Unterhosen, mit offenem Mantel, reicht Bröselmann die Hand). Sie haben für alles eine so künstlerische versöhnende Auffassung. Guten Morgen, Herr Bröselmann.

Der Maler

Guten Morgen, Herr Meier. Und nochmals: herzlichen Dank! Kommen Sie doch mal wieder.

Der Einbrecher

Gut. Mach ich. Ich werde in den nächsten Tagen mal nach Ihnen sehen.

Der Maler

Es wird mich herzlich freuen. Sie treffen mich immer um diese Zeit zu Hause.

Der Einbrecher

Wenn ich nicht gerade geschäftlich verhindert sein sollte. (Geht aufs Fenster zu. Stößt es auf. Will hinaussteigen.)

Der Maler

(nimmt ihn bei der Hand. Weist lächelnd auf die Tür).

Der Einbrecher

(schlägt sich auf die Stirn). Ach Gott . . . natürlich! Ich bin so vergeßlich Man wird alt! (Wendet sich zur Tür.)

Der Maler

Wollen Sie nicht lieber auf alle Fälle meine alten Hosen . . . damit Sie sich nicht etwa erkälten?

Der Einbrecher

Nein. Nein. Ich bin abgehärtet.

Der Maler

(knöpft Herrn Meier den Mantel zu. Oeffnet ihm die Tür. Entzückt über diesen Liebesdienst beginnt Herr Meier wieder zu schluchzen. Sucht nach seinem Taschentuch um die Tränen zu trocknen. Findet es nicht. Erblickt das Taschentuch auf dem Tisch. Nimmt es. Trocknet Herrn Meier die Tränen. Steckt ihm das Taschentuch in die Tasche. Tröstend). Wir sehen uns ja wieder.

Der Einbrecher

Sie müssen mal Sonntags zu uns zu Tisch kommen (in vollem Schluchzen ab. Man hört ihn die Treppe hinunterwanken).

Der Maler

(betrachtet befriedigt die erhaltene Hose. Geht ans Bett. Nimmt den Fünfmarkschein aus der Matratze heraus. Betrachtet ihn nachdenklich. Geht hierauf schnell ans Fenster, legt das Geld in den Korb, pfeift ein paar Takte, läßt den Korb hinunter, laut) Zehn!


(Der Vorhang fällt.)