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Paul Rosenhayn – Jenseits der Tür

Detektivgeschichte

Paul Rosenhayn, Jenseits der Tür, Mit Originalzeichnungen von Max Vogel, Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Jahrgang 1918, Elfter Band, Stuttgart, Berlin, Leipzig, Wien


Die Alarmglocke schlug gellend an. Der schrille Ton bohrte sich schneidend in das schwere Dunkel. Er heulte durch die schweigenden Zimmer, er zitterte durch die Korridore und schlug schreiend an das Ohr der Schläfer. Bilandios fuhr verstört vom Diwan empor. Er tastete schlaftrunken nach dem Schalter und knipste das Licht an. Furchtsam hob er den Kopf und starrte empor auf das Läutwerk, das zu seinen Häupten unablässig hämmerte und raste. Er wandte sich mit einer scheuen Bewegung und tastete mit den Blicken die Tür ab: jene undurchdringliche Panzertür, hinter deren stählernen Riegeln die Juwelierwerkstatt lag. Er faßte nach dem Griff. Nein, nichts war verändert. Nicht um ein Millimeter wich die Tür. Im Widerschein des Glühlichts blinkten die Bänder der Marvinsperre ihm entgegen. Und dennoch heulte die Glocke wie die Stimme eines Menschen in Todesangst. Der Juwelier gab sich einen Ruck; er warf die Decke auf den Boden, zog das Schlüsselbund aus der Tasche und ging mit entschlossenem Schritt auf die Tür zu.

»Télémaque!«

Er wandte sich erschreckt um. Unter der Tür stand seine Frau; ihre Augen irrten verständnislos von ihm zur Glocke. »Télémaque, was willst du tun?«

Er machte eine ungeduldige Handbewegung. »Ich muß hinein.«

»Aber . . .«

»Hörst du die Glocke? Kein Zweifel: dort drinnen ist etwas geschehen.«

Sie legte die Hand auf das Herz. »Ja,« sagte sie mit stockender Stimme, »es muß wohl etwas geschehen sein. Und eben darum – du solltest nicht hineingehen. Du setzest dein Leben aufs Spiel, Télémaque.«

Bilandios warf einen verzweifelten Blick auf das tönende Läutwerk. »Soll ich Melrose dort drinnen allein lassen – wie ein Schuft?«

Verstört wanderten ihre Augen über die Stahltür. »Vielleicht sorgen wir uns unnötig,« flüsterte sie, wie um sich selbst zu beschwichtigen. »Womöglich ein Kurzschluß oder etwas Ähnliches. Hast du einen Hammer?«


Paul Rosenhayn - Jenseits der Tür

Er blickte sie verständnislos an.

»Wir werden versuchen anzuklopfen.«

Sie nahm ein Hämmerchen von einem Seitentisch. Er riß es ihr aus der Hand und schlug an die Stahltür, die dröhnend widerhallte.

»Melrose! Melrose!«

Die beiden hielten den Atem an; ihre Augen bohrten sich in die undurchdringliche Tür, in diese kalte, spiegelglatte Fläche, die in der Sauberkeit ihrer Arbeit die beiden Lauscher höhnisch anzugrinsen schien.

»Melrose!«

Nein, niemand antwortete. Kein Laut. Nur die Glocke gellte schrill und unablässig ihre eintönige Warnung: Gefahr! – Gefahr! – Gefahr!

»Glaubst du« – ihre Stimme sank zum Flüstern herab – »glaubst du wirklich, daß ein Fremder dort drinnen . . .?«

Er zuckte die Achseln. »Das Schloß ist unversehrt.«

»Bist du die ganze Nacht über hier geblieben?«

»Die ganze Nacht. Ich habe das Zimmer nicht verlassen. Mein Diwan stand quer vor der Tür. Es müßte jemand über mich hinweggestiegen sein.«

»Wer hat das Ruhebett zurückgeschoben?«

»Ich selbst.«

»War alles an seinem Platz, als du erwachtest?«

»Alles.«

Sie warf einen Blick in sein blasses Gesicht – in seine Augen, die in einem flackernden Feuer glommen.

»Ich werde zum Nachbar laufen.«

»Der kann uns nicht helfen.«

»Zur Polizei.«

Er zuckte die Achseln. »Meinetwegen.«

Mit einer schnellen Bewegung wandte sie sich zur Tür und riß sie auf. Er sah ihr teilnahmlos nach.

»Konstanze!«

Zusammenfahrend blieb sie stehen.

In seinen Augen blitzte etwas auf wie ein erlösender Einfall. »Ich weiß etwas Besseres.«

Seine Frau blickte ihn erstaunt an.

»Joe Jenkins . . .«

Sie hob den Kopf, in ihr Gesicht trat ein Leuchten.

»Joe Jenkins . . .?« wiederholte sie aufatmend.

»Ja!«

»Weißt du, wo er wohnt?«

»Im Netherlandhotel, wie ich hörte.«

»Ich werde versuchen, ihn telephonisch zu erreichen.«

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloß.

Télémaque Bilandios zuckte zusammen. Das unausgesetzt ratternde Läutwerk schien das ganze Zimmer mit seinen Schallwellen zu erfüllen. Nervös legte der Juwelier beide Hände an die Ohren. Wieder irrten seine Blicke nach der stählernen Tür. Von dort kam es – hinter dieser blanken Fläche – dort saß der Kontakt. Er sah sich ein paarmal scheu um. Dann, mit einem entschlossenen Griff, faßte er in die Tasche; enttäuscht zog er die Hand zurück.

»Suchst du die Schlüssel?«

Er wandte sich um.

»Ich habe sie an mich genommen.« Seine Frau war es, die mit einem schwachen Lächeln in der Tür stand.

»Du sollst nicht hineingehen. Ich will es nicht.«

Dann setzte sie beruhigend hinzu: »Er ist da. Ich habe mit ihm gesprochen.«

»Mit Joe Jenkins?«

»Ja.«

»Gott sei Dank! Was hat er geantwortet?«

»Ich soll ihn sofort abholen. Mit einem Auto. In der Mietsgarage nebenan ist noch Licht.« Nach einem Blick in sein verstörtes Gesicht setzte sie wie tröstend hinzu: »Es dauert nicht lange. Ich bin bald wieder da.«


* * *


Eine sternenlose Herbstnacht lag über dem feuchten Asphalt. Joe Jenkins hatte schweigend dem Bericht seiner Besucherin zugehört, während das Auto durch die nächtlichen Straßen des Neuyorker Südwestens dahinschoß. Er hatte ihre Erzählung mit keinem Wort, mit keiner Frage unterbrochen.

»Es ist also kein Zweifel –« begann er, lange nachdem sie geendigt hatte, »es ist also kein Zweifel, daß das Alarmsignal aus dem Werkstattzimmer kommt?«

»Es gibt keine andere Möglichkeit.«

»Ein weiterer Kontakt ist nicht vorhanden?«

»Nein, Mr. Jenkins.«

»Die Verbindungstür wurde während der ganzen Nacht nicht geöffnet?«

»Mein Mann sagt, es sei ausgeschlossen.«

»Hm das Zimmer Fenster?«

»Ja. Ein kleines Fenster, das stark vergittert ist.«

»Im Werkstattzimmer befindet sich nur ein einziger Mensch?«

»Ja. Unser Gehilfe.«

»Wie heißt er?«

»Artur Melrose.«

»Wann hat er seine Arbeit begonnen?«

»Punkt acht Uhr haben wir unseren Laden zugemacht; dann ging er mit dem Platinarmband hinüber, und mein Mann schloß ihn ein.«

»Wäre es denkbar, daß Ihr Gehilfe Vielleicht aus Versehen den Kontakt ausgelöst hätte?«

»Das ist unmöglich.«

»Wie ist die Kontaktvorrichtung beschaffen?«

»Es ist ein doppelter Kontakt. Der eine sitzt über der Tür, der andere über dem Fenster.«

»Hm . . . wie wird die Auslösung betätigt?«

»Dadurch, daß die Tür oder das Fenster beim Auf- und Zugehen an dem Kontakt entlangstreicht.«

»Ist es in Ihrem Geschäft sonst üblich, den Gehilfen während einer derartigen Nachtarbeit einzuschließen?«

»Nein.«

»Und warum . . .?«

»Es war dies ein ganz besonderer Fall. Der Herr, der gestern abend das Armband brachte, legte uns ausdrücklich alleräußerste Vorsicht ans Herz.«

»Ein so kostbares Gut vertraute er Ihnen an?«

»Es ist ein sehr wertvolles Armband aus reinem Platin, das um einige Glieder verlängert werden soll.«

»Platin steht augenblicklich hoch im Kurs?«

»Es hat zurzeit den drei- bis vierfachen Goldwert.«

»Die Arbeit sollte in dieser einen Nacht fertig werden?«

»Ja. Der Herr will den Schmuck morgen mittag holen, um damit nach Holland zurückzufahren.«

»War diese Angst des Eigentümers nicht ein wenig auffallend – ein bißchen ungewöhnlich?«

»Gewiß, Herr Vanderstraaten war, als er zu uns kam, in heller Aufregung. Er erzählte uns, wie er auf Schritt und Tritt verfolgt werde von Leuten, die nach seinem Schatze trachteten.«

Jenkins nickte. »Da mag solche Vorsicht einigermaßen verständlich sein.«

»Herr Vanderstraaten erzählte, man habe sogar ein Attentat aus ihn versucht.«

»Ihr Gehilfe ging also an eine Arbeit, die ihn voraussichtlich die Nacht über in Anspruch nehmen würde.«

»Ja.«

»Und Ihr Gatte nahm zur selben Zeit in einem Zimmer Platz, das den Zugang zu dieser Werkstatt bildet?«

»Ganz richtig.«

»Pflegt Ihr Herr Gemahl jede Nacht in diesem Vorzimmer zu schlafen?«

»Nein. Er schläft sonst in unserem gemeinschaftlichen Schlafzimmer: Aber Herr Vanderstraaten hatte meinen Mann mit seiner Furcht angesteckt. Daher entschloß er sich, die Nacht auf dem Diwan zuzubringen, den er vor die Tür des Werkstattzimmers gerückt hatte.«

»Das Alarmsignal setzte plötzlich ein? Sie sagen, es wird dadurch ausgelöst, daß die Tür oder das Fenster an dem Kontakt entlangstreicht. Müßte demnach die Glocke nicht von Rechts wegen nach einigen Sekunden wieder verstummen?«

»Die Glocke läutet so lange, bis man sie abstellt.«

»Wo befindet sich die Abstellvorrichtung?«

»Ebenfalls im Werkstattzimmer.«

»Ihr Gatte klopfte nun und erhielt keine Antwort; wäre es möglich, daß Herr Melrose, etwa von Hunger und Durst oder von Müdigkeit überwältigt, im Laufe der Nacht eingeschlafen wäre?«

»Dergleichen ist ihm bisher nie geschehen.«

»Er hat demnach schon mehrfach solche Nachtarbeiten ausgeführt?«

»Einige Male, ja. Er hat dann stets eine Kanne mit Tee, den er sich in der Werkstatt auf einer Gasflamme kocht, und einige Butterbrote zur Arbeit mitgenommen. Überdies ist der Glockenlärm so furchtbar, daß er einen Toten erwecken könnte. Ich schlafe im zweiten Stock und erwachte augenblicklich.«

Das Straßenbild erweiterte sich. Fern im Osten dämmerte ein blasser Schein empor, der zitternde Lichter über die dunklen Dächer warf. Das schimmernde Kreuz der St.-Marks-Kirche tauchte aus den Morgennebeln auf.

»Hoffentlich war Ihr Gatte«, begann Joe Jenkins nach einer Pause, »nicht so unvorsichtig, in unserer Abwesenheit das Werkstattzimmer zu öffnen.«

Das Auto bog eben hart vor der Eisenbahnbrücke links ab und schoß in der Richtung nach der Zweiten Avenue vorwärts.

Die Dame schüttelte den Kopf. »Das hätte er sicher getan, wenn ich es ihm nicht unmöglich gemacht hätte.« Damit öffnete sie ihr Täschchen und zog triumphierend ein klirrendes Bund Präzisionsschlüssel hervor.

Über das Gesicht ihres Nachbars ging ein Lächeln.

»Sehr gut,« sagte er anerkennend.

Er deutete mit der Hand nach vorn. Mitten unter den dunklen Häusermassen erkannte man eine Reihe von erleuchteten Fenstern durch den dampfenden Nebel.

»Ist das Ihr Haus?«

Sie wandte sich zur Seite. »Jawohl, Mr. Jenkins.«

Das Auto hielt. Der Detektiv sprang auf den Steig und half seiner Klientin aus dem Wagen.

Er ließ einen forschenden Blick über das weiß schimmernde Haus gleiten. Die beiden großen Schaufenster des Erdgeschosses waren durch eiserne Rolljalousien abgesperrt. Während die Dame das Torgitter aufschloß, richtete er den Strahl seiner Taschenlaterne auf das bronzene Schild, das die Aufschrift trug:

Télémaque Bilandios, Juwelier.

»Ihr Gatte ist Grieche?«

»Ja. Er ist in Athen geboren, lebt aber schon seit vielen Jahren in Amerika.« «

Der Schlüssel knarrte im Schloß. Die beiden traten ein. Eine Tür öffnete sich. Ein Lichtstrom flutete auf den Flur heraus, und auf der Schwelle erschien ein mittelgroßer Herr.

»Gott sei Dank: Konstanze!« sagte er aufatmend. »Und dies ist, wenn ich recht vermute, Mr. Joe Jenkins?« Er ging auf den Ankömmling zu und reichte ihm, sichtlich erfreut, die Hand. »Wie froh bin ich, daß Sie da sind, Mr. Jenkins!«

Die drei traten ins Zimmer. Der Detektiv blickte sich um. »Sprachen Sie nicht von einem Alarmsignal, Mrs. Bilandios?« Der Juwelier warf einen scheuen Blick auf die Glocke. »Ich habe den Draht durchschnitten, Mr. Jenkins. Dieser unaufhörliche heulende Ton machte mich halb irrsinnig.«

»Erhielten Sie inzwischen ein Lebenszeichen von Ihrem Gehilfen?«

»Nein.«

»Versuchten Sie, mit ihm in Verbindung zu kommen?«

»Ich habe wohl zwanzigmal geklopft.«

Joe Jenkins deutete auf das Schlüsselbund, das Frau Bilandios eben hervorzog.

»Wir wollen also öffnen.«

Er zog aus der Tasche seines Überziehers einen Browning, den er entsicherte. »Gnädige Frau,« – er ließ den schußbereiten Revolver in die Tasche seines Jacketts gleiten – »es wird besser sein, wenn Sie uns Männer nun allein lassen.«

»Sie meinen?« fragte sie mit zitternder Stimme.

Er zuckte die Achseln. »Man kann nicht wissen. Ich werde Sie holen, Mrs. Bilandios, sobald es möglich ist.«

Frau Konstanze warf einen ängstlichen Blick auf ihren Mann und entfernte sich mit leisen Schritten.

Der Detektiv deutete mit einer kurzen Handbewegung auf die Tür. Der Juwelier nestelte an dem Ring und löste einen kleinen Protektorschlüssel ab, den er in den schmalen Spalt des Verbindungsschlosses drückte. Leise klirrte es auf; eine Feder ging schnappend zurück. Ein Druck auf eine Rosette, abermals eine Drehung des Schlüssels an einer zweiten Stelle des Schlosses: lautlos glitten drei mächtige stählerne Riegel zur Seite.

»Lassen Sie mich vorangehen.«

Der Juwelier nickte; er bog den Griff herum und zog langsam die Tür auf, die wuchtig und schwer sich in ihren Angeln drehte.

»Kommen Sie!«

Die beiden traten ein. Ein betäubender bittersüßlicher Geruch, der das ganze Zimmer erfüllte, schlug ihnen entgegen. »

»Machen Sie Licht.«

Der Schalter schnappte ein; blendende Lichtfülle schoß durch das Zimmer. Der Juwelier stieß einen Schrei aus und deutete mit zitternder Hand nach einem kleinen Arbeitstischchen.

»Das Platinarmband! Das Platinarmband! . . . Es ist gestohlen!«

Der Detektiv nickte. »Also doch !« Er wandte suchend den Kopf und sagte plötzlich mit leiser Stimme: »Dort liegt ein Mensch.«

Der Juwelier folgte dem Blicke des anderen und taumelte zurück. »Melrose, mein Gehilfe!« keuchte er.

Joe Jenkins beugte sich über den Regungslosen. »Er ist nicht tot,« sagte er, indem er das Ohr auf die Brust des jungen Mannes legte. »Das Herz schlägt schwach, aber regelmäßig. Er ist betäubt. Helfen Sie mir; wir wollen ihn hinaustragen.«

Die beiden hoben den Körper empor und betteten ihn auf den Diwan des Nebenzimmers. Der Detektiv schloß sorgsam die Stahltür hinter sich. »Damit der Geruch sich nicht verzieht,« fügte er erklärend hinzu. Dann öffnete er die Fenster. »Wasser!« Er riß die Tür nach dem Korridor auf und rief: »Bitte, Mrs. Bilandios, es gibt hier für Sie zu tun!«

Frau Konstanze trat ängstlich ein. Sie warf einen entsetzten Blick auf den regungslos Daliegenden.

»Er ist nicht tot. Besorgen Sie, bitte, etwas Essig und ein Handtuch.« «

Das Gewünschte war bald zur Stelle. Joe Jenkins rieb das Gesicht des Gehilfen; dann öffnete er die Weste und rieb seine Brust. Die Atemzüge des Betäubten wurden allmählich kräftiger; endlich schlug er die Augen auf. Er starrte die beiden Männer verständnislos an. Mühsam hob er den Kopf; er warf verstörte Blicke um sich und sprang mit einem Satz auf die Füße.

»Was ist geschehen?« stammelte er.

»Darüber werden Sie besser Auskunft geben können als wir,« antwortete der Detektiv lächelnd. »Wir fanden Sie bewußtlos auf dem Boden.«


Paul Rosenhayn - Jenseits der Tür

Melrose faßte mit einem Wehlaut nach seiner Brust, dann warf er einen Blick auf die Stahltür.

»Ja . . . ja . . .« begann er zögernd. »Ich entsinne mich – mir wurde plötzlich übel von einem betäubenden Geruch, von einem bittersüßlichen Duft – und dann – und dann weiß ich nichts mehr – ich wurde auf einmal so entsetzlich müde . . .«

»Und das Platinarmband?« fragte der Detektiv.

»Das Armband? Das Armband?« Der Gehilfe stierte dem Fragenden ins Gesicht. »Ist es nicht mehr da?«

»Nein. Es ist verschwunden,« erwiderte der Juwelier. »Überzeugen Sie sich selbst.« Er öffnete die Stahltür. Die beiden Herren geleiteten den Gehilfen, der wankend zwischen ihnen dahinschritt, in das Werkstattzimmer.

Melrose warf einen Blick auf den Arbeitstisch und fuhr bebend zurück.

»Beim Himmel – und Sie haben es wirklich nicht an sich genommen?«

»Nein.«

Der Gehilfe sank auf den Boden und griff mit zitternden Fingern in die Ecken und Winkel des kleinen Zimmers; er suchte in einer Hast, die von Sekunde zu Sekunde fiebriger und irrer wurde.

»Nein,« keuchte er endlich verzweifelt, »es ist fort.«

Der Detektiv hatte ihm schweigend zugesehen.

»Können Sie etwas angeben, Herr Melrose, was irgendwie geeignet wäre, Licht in diesen unerklärlichen Vorfall zu bringen?«

Der Gehilfe schüttelte traurig den Kopf. »Ich kann Ihnen nicht mehr sagen, mein Herr, als ich gesagt habe.«

Joe Jenkins ließ seinen Blick über die Wände des Zimmers gleiten. Plötzlich ging er mit ein paar schnellen Schritten auf das kleine viereckige Fenster zu. Drei der eisernen Gitterstäbe waren oben und unten abgesägt. Die Scheibe war zertrümmert; ein Haufe Scherben blinkte unter dem Fenster auf dem Fußboden. Die beiden anderen waren dem Detektiv gefolgt und blickten schweigend auf die Trümmer.

»Herr Vanderstraaten hat also nicht zuviel gesagt,« begann endlich der Juwelier, »als er mir erzählte, daß das Armband in Gefahr sei. Ich glaubte, alles getan zu haben, um einen Diebstahl unmöglich zu machen – und nun sehe ich: es war doch nicht genug . . .«

Joe Jenkins sah forschend auf die kleine quadratische Fensteröffnung, in der noch vereinzelte Glassplitter steckten; dann heftete er seine Augen mit ruhigem Ausdruck auf den Gehilfen. »Herr Melrose,« sagte er leise, »Sie werden zugeben, daß ein gewisser Verdacht gegen Sie erhoben werden könnte. Sie waren der letzte, der das Armband in Händen hatte. Es wird Ihnen selbst daran liegen, Ihre Unschuld darzutun. Ich mache Ihnen deshalb den Vorschlag: lassen Sie sich durchsuchen. Verläuft diese Durchsuchung, wovon ich überzeugt bin ergebnislos, dann scheiden Sie als unverdächtig aus.«

Der Gehilfe nickte. »Selbstverständlich – ich sehe es ein, mein Herr. Ich stehe Ihnen zur Verfügung.«

Joe Jenkins nickte. »Ich erwartete es nicht anders. Übrigens – dies Fenster führt, wie ich sehe, nicht ins Freie? Nicht auf die Straße oder auf den Hof?«

Der Juwelier schüttelte den Kopf. »Nein. Dies Werkstattzimmer war ursprünglich als eine Art Speisekammer gedacht. Jenseit der Mauer, unter diesem Fenster, läuft ein Korridor.«

»Wie gelangt man auf diesen Korridor?«

»Wir haben nur einen einzigen Eingang: die Haustür an der Vorderseite.«

»Wurde die Haustür gestern abend ordnungsmäßig verschlossen?«

Frau Bilandios, die auf der Schwelle stand, bejahte eifrig. »Ich mußte sie öffnen, als ich das Haus verließ.«

»Und sie war unberührt?«

»Vollkommen. Von außen verschloß ich sie wieder mit genau der gleichen Sorgfalt.«

Der Blick des Suchenden fiel auf einen großen Steintopf, der auf einem Gasofen stand.

»Was ist hier drin?« fragte er. »Das ist meine Teekanne,« erläuterte der Gehilfe.

Der Detektiv nickte. »Sie erlauben wohl.« Damit goß er den Inhalt der Kanne in eine gläserne Schale, die daneben stand.

»Tee,« nickte Jenkins und schüttete den Inhalt in die Teekanne zurück. »Und nun kommen Sie.« Und mit einer Handbewegung gegen das Ehepaar fuhr er fort: »Entschuldigen Sie uns für einige Minuten. Herr Melrose wird die Freundlichkeit haben, sich von mir untersuchen zu lassen. Eine kleine Formalität – nichts weiter.«

Die stählerne Tür schloß sich. Die beiden Zurückgebliebenen blickten einander schweigend an. Erregt ging der Juwelier ein paarmal im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er stehen. »Glaubst du im Ernst –« begann er zögernd.

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich halte Melrose für ehrlich. Ein Mann, der sich zweiundeinhalbes Jahr – nein – ich glaube es nicht.«

Bilandios blickte nachdenklich zu Boden. »Aber wie, um Gottes willen, erklärst du dir diese Geschichte?« brach er abermals das Schweigen. »Die Haustür unversehrt – und trotzdem das Armband fort.« Er legte die Hand auf die Stirn. »Und morgen kommt Herr Vanderstraaten, und ich muß ihm sagen, daß sein Platinarmband fort ist. Um Gottes willen, was wird das werden!«

Die junge Frau warf einen fast mütterlichen Blick in das kummervolle Antlitz ihres Mannes. »Herr Vanderstraaten hat sich selbst überzeugt, daß du alle Vorsicht aufgewendet hast, die nur erdenklich war. Du hast in seiner Gegenwart Melrose in das Zimmer eingeschlossen. Er weiß genau, daß niemand an den Schmuck herangekommen ist als Melrose und – und du . . .« Sie warf einen schnellen Blick aus ihren Mann. »Weißt du, Télémaque, daß der Verdacht auf dich ebensogut fallen könnte wie auf Melrose?«

Der Juwelier schreckte auf. »Glaubst du wirklich . . .?«

Sie zuckte bekümmert die Achseln. »Ich glaube gar nichts. Überhaupt, ich kann kaum mehr denken. Ich weiß nur das eine: zwei Menschen haben das Armband in der Hand gehabt . . .«

Die Tür öffnete sich. »Es ist, wie ich vermutet habe,« nickte der eintretende Detektiv. »Herr Melrose hat den Schmuck nicht.«

Bilandios schüttelte den Kopf. »Aber wie um Gottes willen, Mr. Jenkins . . .«

»Noch eines könnte ich allenfalls tun,« unterbrach ihn Jenkins, »man könnte Ihren Gehilfen mit Röntgenstrahlen durchleuchten. Wir werden zu einem mir befreundeten Professor fahren. Besteht er auch diese Probe – und das erscheint mir sicher –, so werde ich meine Nachforschungen ausdehnen müssen.«

Bilandios blickte zu Boden. »Und ich – in dieser Ungewißheit, in dieser Unruhe soll ich hier allein in meinen vier Wänden bleiben?«

»Nun – ich will Ihnen einen Vorschlag machen: Kommen Sie mit! Dann erfahren Sie das Ergebnis der Untersuchung auf der Stelle.«

»Ja, Mr. Jenkins,« sagte der Juwelier aufatmend, »das will ich tun.«

Einige Minuten später stiegen die drei Herren in den Kraftwagen.


* * *


Der Professor nahm die Negative aus dem Entwicklungsbad und hielt sie gegen das Licht, das durch die hohen Fensterscheiben hereinflutete. Seine Augen glitten ruhig prüfend über die verschwimmenden Linien, die sich auf den Glasplatten abzeichneten. Dann reichte er die Aufnahmen dem Detektiv, der sie genau betrachtete.

»Normal,« sagte der Professor

»Es ist also ausgeschlossen,« begann der Juwelier leise, »daß . . . daß . . .«

»Ganz unmöglich; auch das kleinste Stückchen Metall würde sich mit deutlichster Schärfe abzeichnen.«

Joe Jenkins drückte dem Professor die Hand. »Ich danke Ihnen.«

Schweigend gingen die drei Männer die Treppe hinunter.

»Was soll nun geschehen, Mr. Jenkins?« begann der Juwelier zögernd.

»Vorläufig nichts. Gehen Sie ruhig nach Hause – und erledigen Sie Ihre Geschäfte!«

 »Und Herr Vanderstraaten? Soll ich ihn benachrichtigen?«

»Vorläufig nicht. Wann wollte er kommen?«

»Morgen mittag. Oder vielmehr: heute mittag.«

»Sie werden bis dahin von mir hören. Noch eines: Verändern Sie nichts im Werkstattzimmer; lassen Sie alle Gegenstände an ihrem Platz. Und nun muß ich mich von Ihnen Verabschieden. – Übrigens muß ich Sie um eine Gefälligkeit bitten, Herr Bilandios: überlassen Sie mir das Auto. Ich habe einige Wege zu besorgen. Sie werden im Laufe des Vormittags von mir hören. Auf Wiedersehen!«

Eben ging ratternd der Motor an, als Joe Jenkins sich nochmals aus dem Wagen beugte. »Eine Frage noch. War die Scheibe im Werkstattzimmer gestern abend, als Herr Melrose an die Arbeit ging, heil – oder hatte sie ein Loch?«

Der Juwelier schüttelte fast entrüstet den Kopf. »Wo denken Sie hin, Mr. Jenkins! Natürlich war die Scheibe heil!«

»So, das wollte ich bloß wissen.«

Noch eine grüßende Handbewegung aus dem Wagen, dann bog das Auto knatternd um die Ecke.

Es mochte drei Viertelstunden später sein, als der Juwelier und sein Gehilfe in dem Laden am Tompkins Square anlangten. Frau Konstanze empfing die beiden schon in der Tür.

»Die Untersuchung hat leider nichts ergeben,« begann Bilandios kleinlaut.

»Ich weiß.«

»Du weißt?«

»Nun ja.« «

»Woher?«

»Von Mr. Jenkins.«

»Was sagst du? Mr. Jenkins war hier?«

»Vor einer halben Stunde.«

»Und was wollte er?"

»Nichts von Bedeutung. Er hat gefrühstückt.«

»Als ich ihn verließ, äußerte er nichts von einer Absicht, hierher zurückzukehren.«

»Er war in großer Eile. Er erklärte, er sei plötzlich von einem kräftigen Appetit befallen worden, und bat mich um ein Brötchen und eine Tasse Tee.«

Bilandios nickte. »Du hast ihn hoffentlich ins Eßzimmer geführt?«

»Er wollte durchaus nicht. ›Das wäre eine Rücksichtslosigkeit,‹ erklärte er, ›wenn ich Sie jetzt Ihrem Haushalt entziehen wollte.‹«

»Wo hat er dann gefrühstückt?«

»Im Werkstattzimmer.«


* * *


Um halb elf Uhr vormittags ging rasselnd die Türglocke in dem Juwelierladen am Tompkins Square. Bilandios öffnete. Auf der Schwelle stand Joe Jenkins, frisch und rosig wie ein Sportsmann, der vom Morgentraining kommt – mit einem Gesicht, dem man nichts anmerkte von den Aufregungen der verflossenen Nacht. »Etwas Neues?«

»Nichts, Mr. Jenkins. Was bringen Sie?«

Der Besucher lächelte. »Nichts. Im Gegenteil, ich möchte etwas holen.«

»Und was sollte das sein?« fragte der Juwelier zögernd.

»Nur eine Kleinigkeit. Haben Sie die Güte, mir die Teekanne zu geben – die Kanne, die auf dem kleinen Gasofen in der Werkstatt steht.«

»Die Teekanne?« wiederholte verwirrt der Grieche.

»Ja!«

»Die Teekanne – die ist Eigentum meines Gehilfen. Wenn ich gewußt hätte, daß Sie Wert darauf legen.«

»Was soll das heißen . . .?«

Der Juwelier fuhr stockend fort: »Melrose hat mich vorhin gebeten, sie ihm herauszuholen.«

»Und Sie haben es getan?«

»Ich sah keinen Grund, mich zu weigern.«

»Herr Bilandios,« das Gesicht des Detektivs wurde ernst, »Sie handelten gegen meine Anordnung.«

»Wieso?«

»Ich habe Sie ausdrücklich gebeten, alle Gegenstände des Zimmers so zu belassen, wie sie bei meinem Fortgang waren.«

»Nun ja. Aber ich dachte, ein bißchen Tee . . .«

Der Detektiv blickte sich um. »Wo ist Herr Melrose?«

»Er ging nach Hause, um nach der durchwachten Nacht sich auszuschlafen.«

»So ungefähr hatte ich mir's gedacht. Und seine Teekanne? . . . Die nahm er wohl mit?«

»Allerdings. Um sich zu Hause ein Frühstück zu machen.«

»Sehr einleuchtend. Haben Sie übrigens mal gesehen, wie sich Platin verhält, wenn man Tee daraufgießt?«

»Platin –? Tee –?« wiederholte der Juwelier verständnislos.

»Haben Sie ein Körnchen Platin bei der Hand?«

»Gewiß. Kommen Sie in meine Werkstatt.«

Der Detektiv nahm das kleine Blättchen des weißschimmernden Metalls und legte es in einen Napf. Dann zog er eine Flasche aus dem Jackett und goß eine bräunliche Flüssigkeit darauf.

»Tee!« sagte er mit seinem trockenen Lächeln.

Die Flüssigkeit wirbelte schäumend und zischend empor. Blasen brodelten an die Oberfläche; beißender Dunst stieg auf.

»Ein sonderbarer Tee, nicht wahr? Melrosescher Tee!«

»Was soll das sein?« flüsterte der Juwelier atemlos.

»Das bedeutet, daß dieser Tee . . .« Er nahm das Gefäß und goß es in eine Schale um; das Platin war verschwunden. »Das Platin löste sich in dem Tee,« erklärte Joe Jenkins. »Sie ahnen wohl, daß dieser Tee eigentlich kein Tee war, sondern eine Mischung von Salpeter- und Salzsäure . . .«

»Königswasser,« flüsterte der Juwelier.

»Ganz richtig! Königswasser, in dem sich bekanntlich Platin löst. Ich habe allen Grund, zu vermuten, daß der Tee, der sich in der Kanne des Herrn Melrose fand, in Wirklichkeit kein Tee war, sondern . . .«

»Königswasser?«

»Ja.«

»Demnach war das aufgelöste Platin die ganze Zeit über in der Teekanne gewesen?«

»Alles spricht dafür.«

»Aber . . .«

»Nun?«

»Der Geruch – Sie selbst haben den Inhalt der Kanne umgegossen – wir beide hätten- doch am Geruch wahrnehmen müssen, daß . . .«

»Das wußte Herr Melrose sehr geschickt zu verhindern durch den bittersüßen Geruch des Betäubungsmittels, das im Zimmer zerstäubt war und das jeden anderen Geruch sozusagen ausschaltete.«

Der Juwelier griff sich verzweifelt an den Kopf. »Und ich – ich habe dem Menschen selbst das kostbare Platin ausgeliefert!«

»Ja, Herr Bilandios. So geht es, wenn man seine Instruktionen mißachtet!«

»Es ist zum Verrücktwerden?«

»Nun, lassen Sie vorläufig den Kopf nicht hängen.

Ich rechnete, offen gestanden, damit, daß Sie irgend eine Dummheit machen würden.«

»Dadurch wird die Sache nicht besser,« antwortete kleinlaut der Grieche.

»Nun – vielleicht doch . . .«

»Artur Melrose wohnt in der Siebenundachtzigsten Straße, Ost, Nummer einunddreißig,« sagte der Juwelier leise.

»Diese Adresse habe ich schon heute früh aus Ihren Büchern ersehen,« nickte der Detektiv. »Nur würde ich mich sehr wundern, wenn Herr Melrose, der mir ein heller Kopf zu sein scheint, nicht längst aus seinem Nest ausgeflogen wäre. Nun, wir werden ja sehen.«

Während die beiden in das Menschengewimmel des Broadways tauchten, wurde die Miene des Juweliers immer nachdenklicher, mehr und mehr verlangsamten sich seine Schritte. Ein paarmal ließ der Detektiv einen verstohlenen Blick über das Gesicht seines Nachbars gleiten. Plötzlich blieb der Grieche stehen. »Nein, Mr. Jenkins,« stieß er hervor, »diese Geschichte will mir nicht in den Kopf.« .

»Was für eine Geschichte?«

»Nun, die Erklärung, die Sie mir gaben – daß Artur Melrose der Schuldige sein soll.«

»Was gefällt Ihnen daran nicht?«

»Es scheint mir unglaubwürdig, daß Melrose das Platin gestohlen hat. Warum gerade Melrose? Sie wissen so gut wie ich, daß der Schmuck in den Händen des Herrn Vanderstraaten schon das Ziel eines Attentats gewesen war. Mit andern Worten: man stellte dem Armband nach. Nun hat man es richtig gestohlen; warum soll es gerade mein Gehilfe sein, der das getan hat? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, daß es dieselben Leute waren, die Herrn Vanderstraaten schon verfolgt haben, ehe er daran dachte, mein Geschäft zu betreten?«

In die Züge des Detektivs trat ein Lächeln. »Warum kommen Ihnen erst jetzt diese Zweifel?« –

Bilandios sah ihn ein wenig verwirrt an. »Sie fühlen aber selbst, daß diese Zweifel berechtigt sind? – Ich will Ihnen gewiß nicht zu nahe treten, Mr. Jenkins, aber –«

»Alle Zweifel sind berechtigt,« unterbrach ihn der Detektiv. »Niemand kann ein größerer Zweifler sein als ich.«

»Nun, sehen Sie wohl . . .«

»Nur pflege ich meine Zweifel aufzugeben in dem Augenblick, da ich die Beweise habe, daß sie unbegründet sind.«

»Beweise – Sie haben also Beweise?«

»Ich sagte Ihnen schon: ich wunderte mich, daß Sie nicht längst nach ihnen gefragt haben. Sie entsinnen sich des zertrümmerten Fensters im Werkstattzimmer?«

»Gewiß,« erwiderte der Juwelier mit einem leisen Triumph in der Stimme, »des Fensters, dessen Trümmer bewiesen, daß jemand vom Korridor her eingestiegen sein mußte.«

»Nicht so rasch! – Einen Augenblick! Sie entsinnen sich, daß ich Sie fragte, ob die Scheibe bis zur Diebstahlsnacht heil gewesen sei, oder ob sie etwa ein Loch gehabt hätte?«

»Allerdings. Ich antwortete Ihnen darauf, das Fenster sei heil gewesen; in meinem Hause gibt es keine schadhaften Fensterscheiben.«

»Meine Hochachtung! Und nun sagen Sie, fiel Ihnen an den Scherben der Fensterscheibe, die auf dem Boden lagen, nichts auf?«

Bilandios dachte nach: »Nein.«

»Nun, so hören Sie! Die Glasmenge erschien mir auffallend gering.«

»Was bedeutet das?«

»Die Scherben, die am Boden lagen, hätten, zusammengesetzt, nie eine Scheibe von der Größe der zertrümmerten ergeben. Es fanden sich auch keine verschleppten Glasteile; ich suchte im ganzen Zimmer danach und fand nichts. Ich stellte mir also die Frage, ob vielleicht jenseit des Fensters auf dem Boden des Korridors weitere Glasscherben zu finden seien.«

»Das war leicht festzustellen, Mr. Jenkins,« versetzte der Grieche, noch immer mit einem Unterton der Ungeduld. »Wir hätten auf der Stelle danach suchen können . . .«

». . . und in Herrn Melrose sofort den Verdacht erwecken, daß man ihm auf den Fersen sei – nein. Ich zog es vor, allein zurückzukehren und nach den übrigen Scherben zu suchen.«

»Haben Sie welche gefunden?«

Der Gefragte machte eine Kopfbewegung. »Wir wollen endlich weitergehen. Kommen Sie.«

Die beiden bogen nach dem Madison Square ein. »Ja,« sagte Joe Jenkins plötzlich, »ich habe Scherben auf dem Korridor gefunden.«

Der Grieche wandte den Kopf und blickte den neben ihm Gehenden verständnislos an. »Was soll das beweisen?« fragte er nach einer Pause.

Joe Jenkins zog die Zigarettenschachtel aus der Tasche und entnahm ihr eine Zigarette. »Haben Sie ein bißchen Feuer? Danke! – Sie fragten, was dadurch bewiesen wird? Nun, daß Herr Melrose der Schuldige ist.«

Der Grieche blieb mit einem Ruck stehen und hob den Blick zu seinem Begleiter, der einen guten Kopf größer war. »Der Teufel soll mich holen, Mr. Jenkins, wenn ich das verstehe!« stieß er hervor. »Auf dem Korridor liegen Glasscherben – und daraus soll hervorgehen, daß Melrose den Schmuck gestohlen hat?«

Der Detektiv nahm gleichmütig die Zigarette aus dem Mund und streifte die Asche ab. »Ich muß deutlicher werden,« sagte er lächelnd. »Die zertrümmerte Scheibe war – darin sind wir uns einig – ein Beweis, daß ein Einbruch stattgefunden hatte, nicht wahr?«

»Allerdings.«

»Dieser Einbruch ist in der Weise verübt worden, daß jemand während der Nacht vom Korridor her die Scheibe eindrückte und darauf durch das Fenster einstieg.«

»Ja.«

»Nun beweisen aber die Glasscherben, die zu beiden Seiten des Fensters am Boden lagen, daß hier etwas nicht stimmt.«

»Wieso?«

»Wenn jemand eine Scheibe zertrümmert, um einzusteigen, so gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder: das Zimmer, in das er eindringen will, ist leer – dann braucht er sich nicht viel zu genieren, er drückt die Scheibe ein und steigt ins Zimmer. In diesem Falle gleiten die Scherben nach innen – ins Zimmer hinein. Oder aber: das Zimmer ist bewohnt – und das liegt hier vor –, dann muß der Eintretende geräuschlos arbeiten. In diesem Falle schneidet er die Scheibe vorsichtig ein und hebt sie heraus. Dann würde man die Fensterscheibe oder ihre Trümmer draußen finden müssen . . . Verstehen Sie jetzt?«

»Ich glaube, Mr. Jenkins,« flüsterte der Juwelier beinahe atemlos.

»Nun lag aber der größere Teil der Scherben innerhalb des Zimmers; das war schon auffällig – denn der Einbrechende hatte doch wahrlich allen Grund gehabt, den in der Werkstatt Arbeitenden nicht aufmerksam zu machen –, überdies lag ein weiteres Häufchen Scherben draußen – und das beseitigte den Rest meiner Zweifel. Dieser ›Einbruch‹ war nicht von außen geschehen, sondern von innen. Der ›Einbrecher‹ hatte sich bemüht, die Scherben gewissenhaft in zwei Hälften zu teilen und die eine Hälfte vor, die andere hinter dem Fenster niederzulegen. Dann sägte er die Gitterstäbe durch. Alles in allem stehen wir vor einem erdichteten Einbruch. Wer aber konnte ihn ausgeführt haben? Es gab nur einen, der dafür in Betracht kam – Hier, Herr Bilandios, ist die Untergrundbahn!«


* * *


Die alte Frau im ärmlichen Kleid, die im Hause Nummer einunddreißig in der Siebenundachtzigsten Straße, Ost, die Parterretür öffnete, warf einen scheuen Blick auf die beiden Herren und sagte: »Nein. Herr Melrose ist vor einigen Stunden nach Hause gekommen; er hat seine Wohnung bezahlt und ist ausgezogen.«

»Und Sie wissen nicht wohin?« nickte der Detektiv.

»Keine Ahnung.«

»Geflohen! Alles verloren!« stöhnte der Juwelier, während die beiden auf die Straße traten.

»Nun, nun,« begütigte Joe Jenkins, »ein klein wenig dürfen Sie schon auf mich vertrauen, mein lieber Herr Bilandios. – Wie steht's?« redete er einen jungen Burschen an, der nachlässig an einem Ladenfenster lümmelte. Der gelangweilte Ausdruck auf dem Gesichte des Jungen verschwand blitzschnell.

»Melrose ist vor drei Stunden aus dem Hause gekommen.«

»Du bist ihm nachgegangen?«

»Ja. An der Ecke haben ihn vier Herren erwartet. Sie stiegen zusammen in einen Wagen.«

»Bist du ihnen nachgefahren?«

»Zunächst hab' ich's versucht. Sie fuhren Zickzack.«

»Sehr vernünftig von den Herren. Wie weit hast du sie verfolgt?«

»Bis zur Fährbootstation am Hudson, an der Vierzehnten Straße. Dann kehrte ich um und beobachtete das Haus weiter.«

»Und wer . . .?«

»Der ›Kleine‹ ist ihnen auf der Fährte.«

»Gut.« Joe Jenkins wandte sich an den Griechen. »Herr Bilandios, gehen Sie, bitte, nach Hause und vertrösten Sie Herrn Vanderstraaten auf morgen. Die Arbeit sei zu schwierig gewesen oder etwas Ähnliches. Morgen werden wir, denke ich, ein gutes Stück weiter sein. Bleiben Sie heute zu Hause. Sie hören von mir.« –

Das Abendessen des Ehepaares war trübselig verlaufen. Der Juwelier hatte nur ein paar Bissen genossen, mißmutig seinen Teller beiseite geschoben und sich schweigend eine Zigarre angezündet.

Er blickte auf die Uhr. Es war fünf Minuten vor halb elf. Zerstreut blickte er in die Zeitung und sah zu seiner Frau hinüber, die seinem Blick verwirrt auswich. In diesem Augenblick klingelte die Glocke. Der Juwelier sprang auf. »Joe Jenkins,« sagte er erregt.

Das Mädchen trat ein. »Diesen Brief brachte eben ein Bote.«

»Wartet er auf Antwort?«

»Nein. Er ist schon wieder fort.«

Bilandios riß die Hülle auf und las:

»Ich erwarte Sie an der Fährbootstation in der Zwölften Avenue. J. J.«

Er schellte. »Hut und Paletot!« In atemloser Hast drückte er einen Kuß auf die Stirn seiner Frau.

Sie faßte ihn bei den Händen. »Geh mit Gott,« sagte sie leise.


* * *


»Ich habe sie aufgestöbert,« sagte der Detektiv, während er dem Ankömmling die Hand drückte. »Es sind sechs Kerle, eine ganze Bande. Herr Melrose scheint in schöner Gesellschaft zu sein.«

Sie bestiegen das Fährboot und waren in einer halben Stunde in Weehawken, dem nördlichen Teil von Hoboken. «

Die beiden gingen schweigend durch die dunklen Alleen des Landhausviertels. Fern flackerten ein paar spärliche Laternen in dem feuchtwarmen Winde, der vom Hudson herübertrieb. Irgendwo zitterte ein fernes Lied durch die Nacht – es mochte aus einem dieser dunklen Häuser kommen, die schweigend in dem schweren Dunkel zu träumen schienen.

»Ein Liebeslied,« sagte Joe Jenkins leise, fast wie zu sich selbst. »Ein Liebeslied. Die Nacht, die rätselhafte Nacht, ist wahrhaftig die Mutter aller Dinge, der Liebe und des Verbrechens, des Lebens und der Vernichtung.«

Die Allee verbreiterte sich, spärlicher wurden die Häuser. Vollkommene Ruhe lag über der nächtlichen Landschaft; nur die Schritte der beiden, die in dem weichen Sande knirschten, drangen durch das dunkle Schweigen. Welke Blätter wirbelten auf.

»Es wird Herbst,« sagte der Detektiv leise.

Ein feiner Regen setzte ein. Plötzlich legte Joe Jenkins seine Hand auf die Schulter seines Nachbarn. »St!« – Der Grieche zuckte zusammen.

»Kommen Sie auf das Gras!«

Beide gingen mit lautlosen Schritten um ein Haus herum. Aus drei Fenstern der Rückseite des Hochparterres schimmerte heller Lichtschein durch die dichten gelben Vorhänge. Die beiden Türen des Balkons standen offen.

»Bleiben Sie hier stehen!« flüsterte der Detektiv.

Im nächsten Augenblick schwang er sich geräuschlos auf die Brüstung. Mit kaum merkbarer Handbewegung zog er einen Zipfel des Vorhangs beiseite und spähte hinein. »Die Herrschaften sind bei der Arbeit,« flüsterte Jenkins, indem er sich weit über die Brüstung niederbeugte. »Eben schicken sie sich an, die Teekanne aufs Feuer zu stellen.« Wieder blickte er schweigend einige Minuten in den Raum; rötlicher Schein begann im Zimmer aufzuglühen. Joe Jenkins lachte sein geräuschloses Lachen. »Wenn ich nicht sehr irre, müssen die Gesichter der Herren allmählich länger und länger werden.« Plötzlich stieß er einen Laut zwischen den Zähnen hervor. »Verdammt! Ich glaube, sie haben mich gesehen.«

Fast im selben Augenblick wurde der Vorhang zurückgerissen; mehrere Männer erschienen auf dem Balkon. Eine Stimme schrie: »Joe Jenkins!«

Der Entdeckte sprang mit einem Satz auf den Grasplatz nieder und war wenige Sekunden später im Dunkel verschwunden. Zitternd, mit verkrampften Händen, duckte sich der Juwelier hinter den Busch und spähte mit fiebernden Augen in die Finsternis. Im Zimmer schrie jemand: »Ich muß ihn haben! Bringt ihn mir, tot oder lebendig!«

Eine angstvolle Pause entstand. Das Trampeln von schweren Stiefeln schlug an das Ohr des Lauschenden. Stimmen, unterdrückte Flüche, ein halblautes Kommando. Dann wurde es einen Augenblick totenstill. Aus dem Dunkel tauchten Männer auf. In ihrer Mitte eine Gestalt in langem hellem Mantel.

»Sie haben ihn gefangen!« stöhnte verzweifelt der Juwelier« »Er ist verloren!« Er fühlte, wie ihm kalter Schweiß auf Stirn und Wangen trat.

Die Männer stampften, ihren Gefangenen mit sich führend, polternd ins Haus.

Jeder Nerv des Juweliers zuckte; er fühlte, wie sein Herz in hämmernden Schlägen gegen die Rippen pochte. Einen Augenblick überlegte er: sollte er Joe Jenkins beistehen? Ach, das wäre Wahnsinn gewesen. Zwei gegen sechs. Er glitt lautlos auf dem Boden vorwärts. Dort drüben stand ein Baum. Geräuschlos schwang er sich hinauf und klomm in die Äste. Von hier aus konnte er das Zimmer vollständig übersehen. Der Vorhang hing in Fetzen zur Seite. Am Schmelzofen stand Artur Melrose, sein Gehilfe. Da führten die Männer den Gefangenen herein. Melrose trat auf den Detektiv zu und sagte höhnisch: »Ah, Mr. Jenkins, das war Ihr letzter Streich, Verehrtester!«

Der Angesprochene wandte seinen Kopf dem Fenster zu, so daß das Licht der Lampe voll auf sein Gesicht fiel. Mit Erstaunen sah der Juwelier: das war ja gar nicht Joe Jenkins. Der Mann, der dort unter den Verbrechern stand, trug zwar den Überzieher und den Hut des Detektivs, aber unter diesem Hut grinste halb verlegen, halb frech das Gesicht eines Bauernburschen hervor. Melrose war der erste, der den Irrtum bemerkte. Er starrte dem Gefangenen ins Gesicht; »Wer bist du?« schrie er ihn an. »Wie kommst du zu dieser Kleidung?«

Der Gefragte öffnete zögernd den Mund und blickte die Männer verständnislos mit einem halb neugierigen, halb erschreckten Grinsen an.

»Wie kommst du zu diesen Sachen?« wiederholte Melrose drohend.

Der Bursche, der allmählich merken mochte, daß er in Gefahr war, öffnete stockend die Hand. Eine Fünfdollarnote lag darin.

»Was ist das für Geld?«

»Ein Mann,« stotterte er ängstlich, »ein Mann hat mir das gegeben. Dann hängte er mir den Paletot um die Schultern und setzte mir diesen Hut auf . . .«

»Nun – und was weiter . . .?« drängte Melrose.

»Er sagte: ›Bleib mal einen Augenblick so stehen; du wirst hier wieder abgeholt‹ . . .«

»Wo ist der Mann?« schrie Melrose.

»Weggelaufen. Dort hinüber« – der Bursche deutete mit der Hand nach dem kleinen Brückensteg – »dort drüben läuft er.«

»Ihm nach!« brüllte Melrose. Mit einem Fluch sprang er empor. »Ihm nach! Wir müssen ihn haben!«

Die sechs Männer sprangen auf und stürzten zur Tür; einer von ihnen streifte mit dem Ellbogen die Teekanne. Klirrend fiel sie zu Boden und zerbrach; ihr Inhalt ergoß sich über den Teppich, der die Flüssigkeit rasch aufsaugte.

Im nächsten Augenblick waren die sechs Männer im Dunkel der Nacht verschwunden. Der Bauernbursche blickte ihnen kopfschüttelnd nach und sah sich neugierig im Zimmer um. Dann trottete er zum Ausgang.

Der Juwelier hatte von seinem Versteck aus den Vorgängen wie gelähmt zugesehen. Nun schwang er sich geräuschlos vom Baum, stieg über die Brüstung und betrat das Zimmer. Händeringend betrachtete er den feuchten Fleck auf dem Teppich. Er stöhnte auf: »Alles zum Teufel, Joe Jenkins in den Händen seiner Mörder – das Platin vernichtet!«


Paul Rosenhayn - Jenseits der Tür

»Und was sonst noch?« fragte plötzlich eine wohlbekannte Stimme.

Bilandios fuhr herum und starrte dem Bauernburschen ins Gesicht. Dessen Züge veränderten sich allmählich. Statt des blöden Grinsens trat ein behagliches Lächeln auf sein Gesicht, er nahm den Hut ab und blickte den Juwelier an.

»Joe Jenkins!« schrie Bilandios, außer sich vor Staunen.

»Guten Abend,« antwortete der Detektiv lachend.

»Gott sei Dank!« atmete der Juwelier auf. »Sie wenigstens gerettet, Mr. Jenkins!« Er legte ihm erregt beide Hände auf die Schultern. »Wenn auch das Platin zum Teufel ist –«

»Wer sagt Ihnen das?«

»Die Kerle haben ja den Topf zertrümmert und den kostbaren Tee verschüttet.«

Joe Jenkins griff in die Tasche seines Mantels und holte seine Tabakpfeife hervor. »Tee ist es allerding, was Sie hier sehen,« sagte er bedächtig, »diesmal ist es wirklicher Tee und nicht der Melrosesche.«

»Was bedeutet das?« schrie der Juwelier.

Der Detektiv entzündete behaglich ein Streichholz und paffte ein paar Züge in die Luft. »Ich sah voraus, daß Herr Melrose sich seinen Teetopf holen würde – und da habe ich auf alle Fälle wirklichen Tee in die Kanne gegossen, als ich Sie gestern früh in Ihrer Abwesenheit besuchte.«

»Und die Platinlösung?« flüsterte der Grieche fast atemlos.

»Steht fix und fertig in meinem Laboratorium.«

Der Juwelier stieß einen einzigen Schrei aus.

»Ich hätte Ihnen das ja gleich sagen können. Aber – zur Strafe für Ihre Unfolgsamkeit habe ich Sie ein bißchen zappeln lassen wollen . . .«

Von außen hörte man plötzlich wilde Rufe und Getümmel.

»Aha,« nickte Joe Jenkins, »meine Leute schließen eben Herrn Melrose und seine Genossen liebevoll in die Arme . . . Und nun kommen Sie, ich habe vorhin nicht weit von hier ein kleines Restaurant entdeckt. Dort habe ich für alle Fälle zwei Beefsteaks und eine Flasche Bordeaux bestellt.«