ngiyaw-eBooks Home

Paul Rosenhayn – Ein Ruf in der Nacht

Detektiv-Geschichte

Aus: Paul Rosenhayn, Elf Abenteuer des Joe Jenkins, Josef Singer, Straßburg, Leipzig, o. J.


»Mr. Joe Jenkins, der Privatdetektiv?«

»Der bin ich.«

Der Besucher trat näher. Er schien einen eiligen Weg hinter sich zu haben, denn er war außer Atem und vollkommen erschöpft. – »Ich habe von Ihren außerordentlichen Fähigkeiten gehört, Mr. Jenkins«, begann er mit sichtlicher Mühe. Seine Worte kamen abgerissen hervor, er zitterte am ganzen Körper. Der Sprechende machte den Eindruck eines Kranken, oder eines Menschen, dem irgend etwas eine qualvolle Angst einflößte.

»Ich muß Sie um Verzeihung bitten, Mr. Jenkins,« fuhr er fort, »daß ich frühmorgens um 7 Uhr bei Ihnen eindringe. Aber was ich diese Nacht erlebt habe, zwingt mich dazu. Es läßt mir keine Ruhe. Ich wohne im äußersten Osten von Paris, in der Rue St. Fargeau im 20. Arrondissement, und ich habe den Weg zu Ihnen in drei Stunden zu Fuß zurückgelegt. Sie müssen mir helfen, Mr. Jenkins, ich bitte Sie darum.«

»Warum wenden Sie sich nicht an die Polizei?«

»Was ich erlebt habe, ist derart beschaffen, daß jemand, der nicht ein wenig tiefer in die Dinge zu blicken vermag, vielleicht sich kaum etwas dabei denken wird. Es sind keine eigentlichen Tatsachen, die ich berichten kann. Und doch habe ich das Gefühl, daß ich in unmittelbarer Lebensgefahr schwebe.«

»Seit wann haben Sie dies Gefühl?«

»Seit heute nacht. Und darum komme ich zu Ihnen, Mr. Jenkins. Vielleicht können Sie den Schleier lüften, der über den Ereignissen liegt, die mir widerfahren sind, und die mich nun in Angst und Unruhe versetzen.«

»Nun,« sagte Mr. Jenkins ermutigend, »beruhigen Sie sich. Vorläufig sind Sie bei mir in Sicherheit. Machen Sie es sich bequem. Trinken Sie eine Tasse Tee mit mir?«

Das übernächtigte Gesicht des Mannes schien aufzuleuchten. »Danke, ja.«

»Einen Augenblick!« Mr. Joe Jenkins verließ das Zimmer, um einige Anweisungen in der Küche zu geben, kurz darauf trat der Diener mit dem japanischen Teeservice ein. Der Detektiv stellte die Tassen hin und fragte, indem er den Tee einschenkte: »Mit wem habe ich übrigens die Ehre?«

»Verzeihung,« sagte der andere mit einem schwachen Lächeln, »ich habe das Nächstliegende vergessen. Mein Name ist François Sabin. Ich bin der technische Leiter einer Stuhlfabrik. Meine Wohnung in der Rue St. Fargeau liegt auf dem Grundstück der Fabrik. Das Haus, das ich bewohne, liegt unmittelbar an der Straße, dahinter, durch einen nicht großen Hof getrennt, befindet sich die Fabrik.«

»Sind Sie verheiratet?«

»Ja. Indessen weilt meine Frau zurzeit mit unserem Kinde, einem fünfjährigen Mädchen, zu Besuch bei ihren Eltern in Marseille. Daher schlafe ich momentan in meinem Hause all-ein«

»Wie groß ist Ihr Haus?«

»Es besteht aus dem Erdgeschoß und einer Etage. Das Parterre hat drei, der erste Stock vier Zimmer. Mein Schlafzimmer liegt zu ebener Erde, daneben mein Arbeitszimmer mit dem Telephon. Dies Telephon ist eine Nebenstelle unserer Fabriktelephonleitung. Wenn ich abends um 7 Uhr die Fabrik verlasse, schalte ich das Telephon nach meiner Wohnung um; es kommt gelegentlich vor, daß noch nach Feierabend irgendein Kunde anruft, um eine eilige Bestellung aufzugeben.«

»Geschieht dies oft?« fragte der Detektiv. – »Seht selten, seit fünf Monaten überhaupt nicht. Letzte Nacht nun hat sich etwas ereignet, was mich um so mehr mit Schrecken, ich kann wohl geradezu sagen, mit Grauen erfüllt, als ich den Zusammenhang der Dinge nicht begreife.«

»Hängt dies Erlebnis mit dem Telephon zusammen?«

»Ja. Wie gewöhnlich ging ich gestern abend um ½12 Uhr schlafen. Ein paar Freunde hatten mich besucht und ein Gläschen Wein bei mir getrunken. Etwa um 11 Uhr hatte ich noch einen Rundgang durch die Fabrik gemacht und alles in Ordnung gefunden.

Das Telephon war, wovon ich mich noch besonders überzeugt hatte, ordnungsmäßig nach meiner Wohnung umgestellt.«

»Wo waren Ihre Freunde, während Sie die Fabrik inspizierten?« – »Sie blieben im Eßzimmer einen Augenblick allein. Es sind alterprobte, gute Freunde, übrigens wohlhabende Leute.«

»Gut, weiter.«

»Nachdem ich zurückgekehrt war, verabschiedeten sich meine Freunde bald. Ich schloß das Haus ab und ging schlafen. Ich habe die Angewohnheit, eine Nachtlampe zu brennen. Eine einfache Öllampe, die ein schwaches Licht gibt, gerade hell genug, um das Zimmer notdürftig zu beleuchten. Damit mir das Licht der Lampe nicht direkt ins Gesicht fällt und mich dadurch am Schlafen hindert, pflege ich einen Gegenstand davorzustellen, und zwar benutze ich dazu meine Wasserkaraffe mit dem darübergestülpten Glas. Hinter diese Karaffe stelle ich, wie gesagt, die Öllampe. Ich erzähle Ihnen dies absichtlich ganz ausführlich. Warum, werden Sie nachher sehen.

Es war ungefähr zehn Minuten nach 3 Uhr in der Nacht, als ich davon aufwachte, daß in meinem Arbeitszimmer nebenan laut und schrill das Telephon klingelte. In meiner Schlaftrunkenheit begriff ich zunächst nicht, woher der Klang kam. Ich richtete mich im Bette auf, das Klingeln wiederholte sich. Vollkommen munter geworden, sprang ich aus dem Bett und lief ins Nebenzimmer, hob den Hörer ab und nannte meinen Namen. Unmittelbar darauf antwortet eine hohe, anscheinend weibliche Stimme, augenscheinlich in furchtbarster Angst, denn die Stimme klang schrill, und die Worte überstürzten sich:

›Fliehen Sie, um Gottes willen! Man will . . .‹

Und hier brach die Stimme ab. Ich versuchte sofort, eine neue Verbindung herzustellen; es gelang nicht. Das Amt meldete sich überhaupt nicht. Etwa fünf Minuten lang versuchte ich alles mögliche, klingelte, schrie sin den Apparat hinein. Vergebens Die Resonanz des Telephons war, wie ich bald feststellte, vollkommen aufgehoben, das Telephon sozusagen taub. Daraus ersah ich . . .«

»Was ersahen Sie daraus?« fragte der Detektiv langsam.

»Daraus ersah ich, daß jemand das Telephon umgeschaltet haben mußte. Und dies konnte nur von der Zentrale in der Fabrik aus geschehen sein.«

»Was taten Sie darauf?«

»Einen Augenblick stand ich wie betäubt. Was konnte dieser Ruf in der Nacht zu bedeuten haben? Wer hatte ein Interesse daran, mich zu warnen? Ich beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich bin ein Mann, der sich nicht leicht fürchtet, Mr. Jenkins Das Telephon war abgestellt worden. Das konnte nur vom Fabrikkontor aus geschehen. Folglich mußte jemand in der Fabrik gewesen sein«

Ich zog mich notdürftig an, nahm meinen Revolver in die Hand und ging zur Fabrik hinüber. Es war eine kühle, etwas trübe Sommernacht. Der Mond hatte sich hinter den Wolken verkrochen, und die Gegenstände auf dem Hof waren nur undeutlich zu erkennen. Die Fabriktür war verschlossen, wie immer. Ich schloß auf und trat ein. Das Fabrikkontor lag ebenfalls genau so, wie ich es verlassen hatte. Ich ging langsam in den Hintergrund des Zimmers, in dem das Telephon hängt: es war umgestellt worden. Die Verbindung mit meiner Wohnung war unterbrochen.«

»Wissen Sie genau, daß Sie es an jenem Abend nach Ihrer Wohnung umgeschaltet hatten?«

»Ganz genau. Schon deshalb, weil einer meiner Freunde von meiner Wohnung aus seine Frau antelephoniert hatte.«

»Was fanden Sie weiter?«

»Zunächst nichts. Ich rief sofort das Amt an. Wie Sie wissen, Mr. Jenkins, werden alle Nachtgespräche genau registriert wegen der Gebühren. Ich fragte also beim Amt an, von welcher Nummer aus ich vor einer Viertelstunde angerufen sei. Das Amt erklärte mir hierauf mit Bestimmtheit, niemand habe meine Nummer angerufen. Ich stand zunächst vor einem Rätsel.«

»Können«, fragte Mr. Jenkins, »Wohnung und Fabrik untereinander telephonieren?«

»Ja.«

»Der Ruf kam also«, sagte. Mr. Jenkins ruhig, »aus dem Fabrikkontor?«

»Es kann nicht anders sein«, erklärte Herr Sabin.

»Nachdenklich ging ich in meine Wohnung zurück, immer den Revolver im Anschlag. Nichts Verdächtiges war zu entdecken, fast hätte man alles für einen Traum halten können, wenn nicht . . .«

»Geschah noch etwas in dieser Nacht?«

»Ja. Ich leuchtete in meinem Hause alle Ecken ab, nichts regte sich. Dann legte ich mich wieder ins Bett, mehr um mich zu wärmen, als um zu schlafen – denn der Schlaf war mir vorläufig vergangen. Als ich eben im Bett lag, bemerkte ich plötzlich einen Umstand, der mir den sicheren Beweis gab – so unbedeutend es an sich erschien – daß jemand dagewesen sein mußte.«

»Was bemerkten Sie?« fragte Mr. Jenkins mit unverhohlenem Interesse.

»Wie ich Ihnen schon sagte, Mr. Jenkins, pflege ich über Nacht eine Öllampe zu brennen und vor diese eine Karaffe mit darübergestülptem Glas zu stellen. Die Karaffe stelle ich derart, daß sie das Licht auffängt, also zwischen mir und der Lampe steht. Ich kann anders nicht einschlafen. Als ich wieder im Bett lag, traf mich plötzlich der volle Lichtschein. Kein Zweifel: die Karaffe stand etwa vier bis fünf Zentimeter weiter nach links als zuvor. Sie war verschoben worden. Irgend jemand mußte entweder die Karaffe oder die Öllampe in der Hand gehabt haben.

Als ich dies sah, stand ich wieder auf, denn nun war ich unruhig geworden. Ich blickte aufmerksam im Zimmer umher und ging darauf ins Nebenzimmer. Da fiel mein Blick auf etwas Weißes, das ich zuvor nicht bemerkt hatte. Offenbar hatte es vorher noch nicht dagelegen. Ich hob es auf; es war ein Zettel mit einem unverständlichen Inhalt. Hier ist er. Ich weiß zwar nicht, ob er in irgendeiner Beziehung zu dem nächtlichen Vorfall steht, gewiß ist aber, daß ich ihn nicht geschrieben habe. Von dem Zettel ist, wie Sie sehen, eine Ecke abgerissen.«

Der Detektiv nahm aus seinem Schreibtisch eine Linse und betrachtete aufmerksam den Zettel mit den seltsamen Worten, die wie folgt lauteten:


Tfk . ifvuf . obd

3 . Vis . avs

Hfme . mkfhu

Pgfo .             Mbo


Der Detektiv war bald in den Inhalt der Botschaft vertieft und schüttelte mehrmals den Kopf.

»Es ist nicht zu verstehen«, erklärte der Besucher. »Ich habe mir schon alle erdenkliche Mühe gegeben.«

»Was taten Sie, als Sie diesen Zettel gefunden hatten?«

»Ich kleidete mich in aller Hast an und verließ das Haus. Zu Fuß bin ich dann durch ganz Paris gewandert, um schließlich um 7 Uhr hier bei Ihnen anzulangen. Was halten Sie von der Sache, und was raten Sie mir zu tun, Mr. Jenkins?«

Der Detektiv hatte die letzten Worte seines Gastes kaum mehr gehört. Er hatte sich über das Stück Papier mit dem seltsamen Text gebeugt und machte allerhand Aufzeichnungen in sein Buch, die er von Zeit zu Zeit mit dem Inhalt des Zettels verglich. Eine längere Pause entstand, während der Mr. Joe Jenkins ununterbrochen schrieb, wobei er mehreremal den Kopf schüttelte. Endlich blickte er auf.

»Ist Ihr Haus am Tage bewacht, Herr Sabin?«

»Ja. Meine Haushälterin kommt frühmorgens und geht abends um 8 Uhr wieder fort.«

»Gut. Der Brief, den Sie mir hier gebracht haben, ist offenbar von größter Wichtigkeit. Wahrscheinlich wird er die Lösung des Rätsels enthalten. Leider habe ich die chiffrierte Schrift bis zu dieser Minute nicht enträtseln können. Sie müssen mir den Brief dalassen. Ich denke, in einigen Stunden werde ich ihn lesen können. Gehen Sie jetzt ruhig nach Hause, Herr Sabin. Am Tage wird nichts passieren. Dagegen kann ich Ihnen für die Nacht mit ziemlicher Bestimmtheit neue Ereignisse in Aussicht stellen. Bewahren Sie während der Nachtzeit Geschäftsgeld oder private Summen im Hause oder in der Fabrik auf?«

»Nein. Höchstens ganz unbedeutende Beträge. Die eingegangenen Gelder bringe ich jeden Nachmittag zur Bank. Dieser Modus besteht allerdings erst seit drei Wochen. Früher war es anders, da hatten wir ständig große Summen im Hause. Bis seines Tages mein Kollege, der kaufmännische Leiter unserer Fabrik, bei einer Revision seinen Fehlbetrag von 85000 Franken in seiner Kasse hatte. Das Geld müsse ihm gestohlen sein, erklärte er; er habe keine Ahnung, wie das Defizit zustande gekommen sei.« – »Wurde er zur Verantwortung gezogen?«

»Nein. Herr Lançon wurde entlassen, von einer Anzeige nahm man Abstand.«

»Haben Sie Ihren Kollegen nach der Entlassung wiedergesehen?«

»Ja. Einmal. Vor etwa drei Tagen besuchte er mich; es war am 21. August, kurz nach 7 Uhr abends. Er erklärte, er habe in einer Ofenfabrik eine gute Stellung gefunden, er interessierte sich augenscheinlich sehr für seine neue Tätigkeit. Er erklärte mir mit großem Eifer verschiedene patentierte Ofenkonstruktionen seiner neuen Firma.« «

Der Detektiv sah Herrn Sabin aufmerksam an. »In welcher Weise erläuterte Ihnen Herr Lançon die Konstruktionen?«

»Er» öffnete die Türen des Kachelofens, der in meinem Schlafzimmer steht, ließ mich hineinblicken, und zeigte mir die Abweichungen seiner Öfen von der Einrichtung des meinigen: den Bau der Züge und den Weg der Heizgase.«

Der Detektiv erhob sich. »Ich werde im Laufe des Abends bei Ihnen sein. Wann, kann ich Ihnen noch nicht genau sagen. Jedenfalls seien Sie ganz unbesorgt: im Augenblick der Gefahr bin ich zur Stelle. Welche Nummer wohnen Sie?«

»Rue St. Fargeau Nr. 176.«

»Sollte sich im Laufe des Tages irgend etwas ereignen, so geben Sie mir telephonisch Nachricht. Seit wann sind Sie übrigens aus den Tropen zurückgekehrt?«

Der Direktor starrte den Detektiv sprachlos an.

»Sie waren doch augenscheinlich längere Zeit im fernen Osten? Ich vermute, in Indien?«

»Ich war in der Tat in Tongking . . .« stammelte der Besucher, ». . . aber woher . . .«

»Nun, ich sehe an Ihren Händen Flecke, die offenbar die Merkmale einer überstandenen schweren Malaria sind. Sind Sie geheilt? Nehmen Sie Chinin?«

Der Techniker sah Mr. Jenkins mit einem fast ehrfürchtigen Lächeln an. »Das ist großartig«, murmelte er. »Ich bin so gut wie geheilt. Zur Vorsicht nehme ich noch hin und wieder etwas Chinin. Also bis auf heute abend Adieu.«


* * *


Als Herr Sabin um 8 Uhr desselben Tages beim Abendessen saß, ertönte die Entreeglocke. Er öffnete, und auf der Schwelle stand Mr. Joe Jenkins, der mit ruhigem Lächeln eintrat.

»Haben Sie etwas entdeckt, Mr. Jenkins?«

»Wo ist Ihr Schlafzimmer, Herr Sabin?« war die schnelle Gegenfrage des Detektivs, der eilig den Korridor durchschritt. »Ich möchte den Ofen sehen, an dem Ihr früherer Kollege, Herr Lançon, Ihnen die Konstruktionen demonstrierte.«

Sehr erstaunt schritt ihm der Direktor voran und öffnete die Tür eines Zimmers, in dem ein Bett stand.

Der Detektiv schritt auf den Ofen zu, öffnete die Tür, nahm den Rost heraus und untersuchte sorgfältig den verkohlten Inhalt, der sich während des Sommers ziemlich angehäuft hatte. Das untersuchte Material schüttete er auf den Fußboden, worüber sich Herr Sabin nicht wenig wunderte. Plötzlich kam ein kleines Kästchen zum Vorschein, das Mr. Jenkins mit einem Ausruf der Befriedigung von seiner Umschnürung befreite und öffnete. »Und hier, Herr Sabin, übergehe ich Ihnen die fünfunddreißigtausend Franken, die Ihr Kollege, Herr Lançon vor drei Wochen unterschlagen hat!«

Der Techniker sah mit weitgeöffneten Augen bald auf das Geld, bald auf den Detektiv. »Und wie kommt dieses Geld in meinen Ofen?« fragte er schließlich mit vor Erregung heiserer Stimme.

»Nun,« sagte Mr. Jenkins ruhig, »das ist ziemlich einfach. Als Herr Lançon das Geld an sich nahm, war er sich keineswegs sicher, ob man ihn nicht verhaften lassen würde. Dann hätte man eine Haussuchung bei ihm vorgenommen, und seine Behauptung, er wisse nicht, wohin das Geld gekommen sei, wäre natürlich in sich zusammengefallen – denn man hätte das Geld wahrscheinlich bei ihm gefunden. Um dies zu vermeiden, wählte er ein Versteck für das Geld. Daß Ihre Öfen im Sommer nicht geheizt werden, war ihm natürlich bekannt. Vielleicht haben Sie sogar die Gewohnheit, in Ihrem Schlafzimmer überhaupt nicht, auch nicht im Winter zu heizen?«

»Allerdings. Ich halte es für besser, kalt zu schlafen.«

»Nun, das wußte Ihr Kollege, und darum wählte er den Ofen Ihres Schlafzimmers. Vermutlich hatte er ungehinderten Zutritt zu Ihrer Wohnung?«

»Als Kollege, natürlich. Er war häufig bei mir.«

»Eines schönen Tages versteckte er also das Geld bei Ihnen, um dann bei der Revision zu erklären, er wisse nicht, wohin es gekommen sei. Wahrscheinlich hat er die Absicht gehabt, einen Moment abzuwarten, in dem Sie das Haus allein lassen würden, um alsdann das Geld zu holen.

Durch diese Rechnung haben Sie ihm offenbar einen Strich gemacht, indem Sie wahrscheinlich die Wohnung überhaupt nicht unbeaufsichtigt gelassen haben.«

»In der Tat. Ich bin in letzter Zeit überhaupt nicht ausgegangen, und am Tage war meine Wirtschafterin da.«

»Hierdurch nervös gemacht, hat sich Ihr ehemaliger Kollege entschlossen, Ihnen einen Besuch abzustatten.

Dabei hat er sich unter einem recht geschickten Vorwand am Ofen zu schaffen gemacht. Offenbar immer in der Hoffnung, Sie würden ihn einen Augenblick allein lassen. Diese Hoffnung hat ihn betrogen, und nun hat er sich zum Äußersten entschlossen: er hat in letzter Nacht bei Ihnen eingebrochen.«

»Warum aber«, fragte Herr Sabin, »hat er den umständlichen und zeitraubenden Umweg über das Fabrikkontor gewählt? Dort war doch das Geld nicht!«

»Nein. Aber etwas anderes war dort: die Telephonzentrale. Herr Lançon mußte damit rechnen, daß Sie telephonisch Hilfe herbeirufen würden, sobald Sie etwas Verdächtiges hören oder wahrnehmen würden. Das mußte er verhüten. Darum drang er zunächst in das Fabrikkontor ein und stellte das Telephon um. Dadurch waren Sie von der Außenwelt abgeschnitten.«

»Aber«, sagte der Direktor leise und faßte sich mit der Hand an den Kopf, »woher wissen Sie das alles? Den Schatz im Ofen? Herr Lançon der Täter?«

»Nun«, entgegnete Mr. Jenkins, »der Zettel!«

»Der Zettel in Chiffreschrift? Den ich Ihnen übergeben habe?«

»Nun ja. Sehen Sie sich ihn nochmals genau an. Hier ist er:


Tfk . ifvuf . obd

3 . Vis . avs

Hfme . mkfhu

Pgfo .             Mbo


Was fällt Ihnen an diesem Zettel auf?«

Herr Sabin sah den Zettel sinnend an und sagte schließlich: »Nichts. Ich verstehe den Inhalt absolut nicht«

»Nun, es gibt ein Zeichen auf diesem Zettel, das verständlich ist. Das ist die Zahl ›3‹. Hiervon ging ich aus. Sie werden sich erinnern: Sie sagten mir, das Telephon habe in der Nacht um zehn Minuten nach 3 Uhr geklingelt. Die Vermutung lag also nahe, daß die Zahl ›3‹ auf dem Zettel sich auf die Tageszeit bezog. Dann bedeutete das Wort dahinter wahrscheinlich ›Uhr‹, und dies um so wahrscheinlicher, als das betreffende Wort in der Tat aus drei Buchstaben besteht. Das Wort hinter der Zahl ›3‹ aber lautet ›Vis‹. Vergleichen Sie es mit dem Worte ›Uhr‹. Was fällt Ihnen daran auf?«

»Ich bin zu erregt, Mr. Jenkins, um nachdenken zu können.« – »Also, sehen Sie her:

Uhr gleich Vis, das heißt:

U gleich V

H gleich I

R gleich S

Mit anderen Worten, der Briefschreiber hat jedesmal für den betreffenden Buchstaben den im Alphabet darauffolgenden gesetzt. Ich stellte also den Buchstaben jedesmal um einen zurück – ›A‹ bedeutet offenbar ›Z‹ – und gelangte so zu folgender Übersetzung:


Tfk . ifvuf . obd

Sei  heute  nac..

3 . Vis . avs

3 Uhr zur .....

Hfme . mkfhu

Geld    liegt

Pgfo .            Mbo

Ofen         Lan...


Die Botschaft lautet also:

›Sei heute nac . . 3 Uhr zur . . . . . Geld liegt . . . Ofen. Lan.‹

Die Unterschrift kann man wohl ohne weiteres in ›Lançon‹ ergänzen und auch die durch das Abreißen der Ecke abgetrennten Silben sich leicht hinzudenken. Der Brief war offenbar von dem Defraudanten an einen Komplicen gerichtet und lautete: ›Sei heute nacht 3 Uhr zur Stelle. Das Geld liegt im Ofen. Lançon.‹ Und nun, Herr Sabin, denke ich, Sie bringen diese Nacht bei mir zu. Denn es dürfte ein wenig aufregend werden, und viel Schlaf würden Sie wohl nicht bekommen. Meine Leute sind an mehreren Stellen der Straße verteilt und werden die Herren Einbrecher im Laufe der Nacht liebevoll in Empfang nehmen. Das Geld nehmen wir mit uns und liefern es morgen früh Ihrem Chef ab. Also kommen Sie.«

Der Direktor legte Hut und Mantel an, als ihm plötzlich etwas einfiel.

»Aber, der Warnruf?« fragte er. »Der Ruf in der Nacht . . .«

»Der Ruf in der Nacht . . .,« wiederholte Mr. Jenkins, ». . . das ist eigentlich das einzige bei der Sache, was ich im Augenblick nicht völlig erklären kann. Es sind zwei Versionen, die mir durch den Kopf gegangen sind. Herr Lançon hat, wie wir wissen, einen Komplicen gehabt. Möglich, daß dieser andere einen Moment allein im Fabrikkontor blieb und in der Tat Sie warnen wollte. Warnen vor einem Feind, der zum Äußersten, gegebenenfalls zu einem Mord, entschlossen war. Wahrscheinlicher scheint mir jedoch, daß dieser Ruf in der Nacht eine Finte war.«

»Eine Finte? Und was hätte die bezwecken sollen?« – »Sie aus Ihrer Wohnung fortzulocken.«

»Trotzdem aber hat man das Geld nicht genommen!« – »Weil Sie zu schnell zurückgekommen sind. Offenbar haben sich die Einbrecher eben an die Arbeit begeben wollen und zu diesem Zwecke Ihre Öllampe in die Hand genommen, als sie Sie zurückkehren hörten und schleunigst fliehen mußten. Vermutlich haben sie sogar gesehen, daß Sie einen Revolver in der Hand trugen und haben deshalb das Spiel – vorläufig – aufgegeben, mit der Absicht, heute nacht wiederzukommen.«

Die beiden Herren traten auf die Straße. »Und Ihr Honorar?« fragte der Direktor, noch fast betäubt.

»Nun«, sagte Mr. Jenkins und lachte, »ich denke, Ihr Chef wird mit Vergnügen seinen guten Finderlohn zahlen, wenn ihm morgen 35 000 Franken vom Himmel fallen!«