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Paul Rosenhayn – Der Fall Pompejus Pym

Detektivgeschichten

Paul Rosenhayn, Der Fall Pompejus Pym, Zwei Detektivgeschichten, Josef Singer Verlag A.-G., Berlin, o. J.


Joe Jenkins wird erkannt

Zweimal an jedem Tage wiederholte es sich.

Die Passagiere des Dampfers »Columbus« zerbrachen sich den Kopf darüber.

Der Obersteward hatte den dreien den Ecktisch reserviert. Zweimal an jedem Tage, zum Lunch und zum Dinner, kamen sie in den Speisesaal: zuerst die ältere Frau mit dem indifferenten Gesicht. Vielleicht eine Gesellschafterin. Vielleicht eine Pflegerin. Dann, unmittelbar hinter ihr, die junge, schöne Dame, der die Aufmerksamkeit der Mitreisenden galt. Sie war dunkelblond, helläugig, von skandinavischem Typ, doch mit den ungezwungenen Manieren der jungen Neuyorkerin. Ihr folgte, einen Tag wie den andern, der Herr: groß, glattrasiert, mit frischem gebräunten Gesicht. Galant besorgt um die junge Dame; vermutlich waren sie Mann und Frau. Aber niemand auf diesem Schiff hatte je ein Wort mit den dreien gesprochen.

Mit einer einzigen Ausnahme: dem Kapitän.

Abends kam der Herr allein. Gewöhnlich sah er dem Tanze zu; gelegentlich stieg er in den Fahrstuhl und fuhr hinauf zum Kapitän. Zum Schluß ging er gewöhnlich in die Bar, um einen Nightcup zu nehmen. Punkt zwölf kehrte er in seine Kabine zurück.

Er hatte Nummer 106, auf C-Deck. Neben ihm wohnte die junge Frau mit ihrer Begleiterin: auf 104.

Es gab weit schönere Frauen in der ersten Klasse; diese Fahrt der »Columbus« war, wie Mr. Dawson aus Hollywood erklärte, eine Blütenlese von Frauenschönheit – und daß ein gut aussehender Herr sich regelmäßig in der Gesellschaft einer schönen Frau zeigte, war gewiß nichts Besonderes. Dennoch hatte man, wenn die drei erschienen, ein seltsames Gefühl: so, als ob man unmittelbar vor Aufgehen des Vorhanges in einem Theater sitze, das sich langsam verdunkelte.

Der junge Deutsche, der am Nebentisch seinen Platz hatte, war der einzige, der sich rühmen konnte, einen Blick von der schönen jungen Frau empfangen zu haben. In diesem Blick, das fühlte er deutlich, lag der Wunsch, seine Bekanntschaft zu machen. Oder, vielleicht: der Wunsch, mit ihm zu sprechen.

Dies alles würde allmählich eine Sache der Gewohnheit geworden sein, Unterhaltungsstoff für eine kurze reizvolle Fahrt über den Ozean, wenn sich nicht eines Nachts etwas Besonderes ereignet hätte: in einer dunklen Nacht – ausnahmsweise war sie im Tanzsaal erschienen – machte die junge Dame einen Selbstmordversuch.

Aber dann geschah die zweite Unbegreiflichkeit: ihr Gatte tauchte plötzlich an der Reeling auf und riß sie zurück. Mr. Dawson, der zufällig die Szene beobachtet hatte, hörte, daß die beiden ein paar erregte Worte in englischer Sprache, mit Neuyorker Akzent, wechselten; dann führte der Ehemann seine Frau in ihre Kabine; von diesem Tage an erschien weder die Dame noch ihre Begleiterin zu den Mahlzeiten; nur der Herr kam zum Lunch und zum Dinner.

Aber in dem Maße, in dem die »Columbus« sich dem Hafen von Neuyork näherte, wurden die Interessen der Passagiere von Stunde zu Stunde sozusagen amerikanischer. Es war, als ob der Atem dieses ruhelosen Landes die Ankömmlinge langsam einhülle; das Tagesgespräch von Neuyork wurde unmerklich das Tagesgespräch des Dampfers »Columbus«: der Fall Pompejus Pym, dessen einzelne Phasen die Bordzeitung Tag für Tag meldete, begann alles andere zu verdrängen.

Der Fall war seltsam genug. Nicht nur die Konstellation seiner einzelnen Prämissen war ungewöhnlich, nicht nur die Tatsache, daß die Ereignisse eine Reihe von Jahren zurücklagen – und nicht nur endlich der Umstand, daß sich plötzlich, sozusagen aus dem Nichts heraus, die Dinge zusammengeballt hatten: charakteristisch für den Fall Pompejus Pym war, daß hier nicht Recht gegen Unrecht kämpfte – sondern daß sich hier in Wahrheit zwei Welten gegenüberstanden. Denn Pompejus Pym, der Angeklagte, war ein Neger.

Mr. Dawson aus New York, der jeden aus der ersten Klasse kannte, hatte sich des Falles Pompejus Pym persönlich angenommen. Er hatte alle Daten im Kopf, und er stellte die Schätze seiner Weisheit freigebig zur Verfügung, wenn er abends, nach Schluß des Tanzes, beim Whisky saß.

Mr. Dawson hatte das Unmögliche möglich gemacht: er hatte mit dem schweigsamen Herrn von Kabine 106 Bekanntschaft geschlossen.

Er zog das kleine Päckchen Bordzeitungen und ließ es klatschend auf den Tisch fallen. »Merkwürdige Sache das. Ich habe nichts gegen die Neger, ich habe auch nichts für die Neger, Sir. Aber Recht muß Recht bleiben, das ist selbstverständlich. Komische Geschichte das. Der Chauffeur einer gelben Autodroschke findet ein Platinarmband mit Brillanten in seinem Wagen. Wer es verloren hat, weiß er natürlich nicht, denn er hat ungefähr fünfunddreißig Menschen gefahren. Aber die Verliererin meldet sich nicht.«

»Merkwürdig,« sagt der andere, der Herr von 106.

»Kommt noch besser. Nach drei Tagen geht der Chauffeur aufs Fundbureau. Der Clerk sagt: ›Warten Sie mal. Hier stimmt etwas nicht.‹ Er holt einen Beamten, irgendeinen Oberbonzen. Man redet hin und her. Resultat: das Platinarmband stammt aus einem Kapitalverbrechen, das sich vor acht Jahren in Clayton zugetragen hat. Sie wissen doch, wo Clayton liegt? Nein? Clayton liegt am St.-Lorenz-Strom. Dort, wo er sich zum Ontariosee erweitert. Dieses Verbrechen ist nun eine ganz unglaubliche Geschichte. In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 1919 ist in der Claytonbucht das Hausboot des Millionärs MacComb in Flammen aufgegangen. Die junge Frau MacCombs hatte die Gewohnheit, ihre Nächte auf diesem Hausboot zu verbringen; sie ist bei dem Feuer ums Leben gekommen.«

»Hatte MacComb nichts dagegen, daß seine Frau so allein . . .?«

»Die Ehe war wohl nicht sehr glücklich. Der Mann reiste viel, oft ließ er seine Frau monatelang allein. Dadurch hatten sich die Gatten entfremdet. Ich vermute, daß außerdem eine Liebesgeschichte hineinspielt.«

»Eine mutige Dame! So ganz allein auf dem großen Hausboot zu schlafen!«

»Ganz allein war sie eigentlich nicht. Das Boot wurde bewacht von einem farbigen Diener. Von dem Neger Pompejus Pym.«

»Pompejus Pym . . .?«

»Das Armband, das der Chauffeur in seiner Droschke gefunden hatte, stammte, das wurde festgestellt, aus dem Besitz der verunglückten Frau MacComb. Das läßt auf irgendein schweres Verbrechen schließen. Mrs. MacComb hat den Schmuck nämlich in der Nacht ihres Todes getragen.

Die Behörde greift zu einem Trick. Sie in­seriert im Namen des Chauffeurs in den Neu­yorker Zeitungen: er habe ein Armband gefunden, Platin mit Brillanten, in seiner Droschke; der Verlierer könne es Park Avenue 31, Bronx, abholen.

Das Inserat hat Erfolg: nach ein paar Tagen meldet sich eine farbige Dame. Man nimmt sie fest und verhört sie. Sie ist sehr erstaunt; sie legitimiert sich als die Frau des Boardinghouse-Besitzers Pompejus Pym, 42. Straße, Ost.

Pompejus Pym . . . das ist jener Neger, der das Hausboot zu bewachen hatte. Der ausgesagt hat, er könne nichts Näheres über das furchtbare Unglück sagen. Sie müssen zugeben, mein Herr: das ist verdächtig. Wie kommt der Neger zu dem Armband?«

»Wie erklärt Pym den Besitz des Armbandes?«

»Zunächst überhaupt nicht. Endlich, nachdem man ihn dreizehn Stunden verhört hatte, immer ohne Pause, immer ein Richter nach dem andern – Sie kennen ja unsere herrlichen Untersuchungsmethoden – endlich also, im dritten Grad der Untersuchung, hat Pym ausgesagt: er habe das Armband von einer Frau Lilian Stone erhalten. Diese Lilian Stone spielt in dem Prozeß Pym die berühmte Rolle der großen Unbekannten; sie ist nämlich schon längst nicht mehr in Neuyork, sie wohnt in Deutschland. In Berlin. Alles spitzt sich auf die Frage zu: wer ist Lilian Stone? Hat Pym die Wahrheit gesagt? Wie kommt Lilian Stone in den Besitz des Armbandes?«

»Ist es denn nicht möglich, diese Lilian Stone zur Stelle zu schaffen?«

»Ganz Amerika schwört darauf, daß Lilian Stone überhaupt nicht existiert. Da, plötzlich kommt einer und behauptet: Lilian Stone existiert doch. Der Neger hat die Wahrheit gesagt. Lilian Stone muß zur Stelle, geschafft werden; dann wird sich alles klären!«

»Das muß ein merkwürdiger Kauz sein,« sagte der Herr von 106. »Einer gegen alle . . . Hat man ihn nicht ausgelacht?«

»Ja« – Dawson faltete zärtlich die Menükarte zusammen und steckte sie in die Tasche: »Zur Erinnerung. Verdammt gute Dinners haben diese Deutschen! . . . Also Sie wollten wissen, ob man diesen . . . ja – denken Sie sich, man hat ihn nicht ausgelacht. Man ist stutzig geworden. Nämlich, dieser eine einzige Mann, der sich der Meinung eines ganzen Landes entgegenstellt, ist kein anderer als Joe Jenkins

»Das ist ein Detektiv, nicht wahr?«

»Ein Detektiv, sagten Sie? Der Detektiv! Die letzte Instanz für alle, die Hilfe brauchen – und sie nicht finden können.«


(Im Original fehlt eine Seite; Seite 14)


Ein paar Freunde Dawsons kamen in die Bar. »Hat er Ihnen den Fall Pym auseinandergesetzt?« fragte Carr, der Direktor des Chicagoer Konservatoriums. »Es ist sein Steckenpferd. Aber glauben Sie um Gottes willen nicht, was die Bordzeitung schreibt. Die Radioagenturen haben den Auftrag, die ganze Geschichte zu verdunkeln.«

»Unsinn!« knurrte Dawson.

»Ich habe schon versucht, gleich hinter Bremerhaven von dem Staatsanwalt O'Cardigan Näheres zu erfahren. Er hat einfach nicht geantwortet. Heute ist mir nun der erlösende Gedanke gekommen. Wißt ihr, was ich getan habe? Ich habe an Joe Jenkins telegraphiert: an seine Neuyorker Adresse. Mit bezahlter Antwort. Er soll mir, streng privat natürlich, Nachricht geben, wie seine Meinung über den Fall Pym ist. Und ob er Aussicht hat, diese geheimnisvolle Lilian Stone zu finden.«

»Glauben Sie im Ernst, Carr,« antwortete Dawson mitleidig, »daß Sie von Jenkins eine Antwort bekommen werden?«

»Was wetten wir?«

»Sie mit Ihrem ewigen ›Was wetten wir?‹«

Carr lachte. »Ehrlich gestanden: ich darf gar nicht wetten. Denn ich habe die Antwort von Joe Jenkins schon in der Tasche. Hier ist sie.«

Dawson riß ihm in sichtlicher Erregung das Telegramm aus der Hand. Es lautete:


joe jenkins an bord des dampfers columbus unterwegs nach neuyork.


»An Bord des Dampfers ›Columbus‹?«, wiederholte Dawson bestürzt. »Joe Jenkins ist auf diesem Schiff? Was bedeutet das? Was will er?«

»Wahrscheinlich,« sagte Carr, »wird er in Berlin gemerkt haben, daß diese Lilian Stone nicht existiert.«

»Ich habe die Passagierliste sechsmal durchgelesen,« sagte der junge Westinghouse, der Erbe der großen Elektrizitätswerke. »Der Name Joe Jenkins wäre mir aufgefallen.«

»Wahrscheinlich reist er inkognito.«

»Auf alle Fälle wird er sich ein Fiasko holen,« sagte Dawson giftig.

Der schweigsame Herr von 106 nahm das Wort. »Warum muß es ein Fiasko werden? Wäre es nicht möglich, daß Joe Jenkins erfolgreich aus Berlin käme? Etwa in Begleitung jener Lilian Stone – auf die ganz Amerika wartet?«

»Das wäre . . .« sagte Dawson zögernd, indem er unruhig den Kopf wandte. Er sah dem Sprechenden ins Gesicht; »das wäre . . . warten Sie einmal, mein Herr;« mit einem Schlage wandten alle an diesem Tisch ihre Gesichter dem Fremden zu, der gleichmütig an ihnen vorüberblickte. »Ich sah Sie in Begleitung einer jungen Dame – vor einigen Tagen, bis in jener Nacht . . . der kleine Zwischenfall . . . wie war doch Ihr Name?«

»Joe Jenkins,« antwortete der Gefragte mit höflichem Lächeln.

»Joe Jenkins?« Dawson sprang auf. »Und Sie haben sich von mir die ganze Geschichte haarklein erzählen lassen? Den ganzen Fall Pompejus Pym, den Sie viel besser kennen als ich?«

»Je nun,« antwortete Jenkins, »es interessierte mich immerhin, wie sich diese Sache im Kopf eines klugen Mannes malt.«

»Und die Dame?« fragte Carr, fast flüsternd. »Diese Dame? Aus Kabine 104?«

»Es ist, wie Sie vermuten,« nickte Joe Jenkins. »Diese Dame ist Frau Lilian Stone.«



Die Gerichtsverhandlung

In Centre Street, an der Front des dunklen Gebäudes, staute sich die Kette der Autos; durch die hohen Fenster schimmerte mühsam frühes Licht in die wallenden Nebel, die aus den Tiefen des East River stiegen. Dieses ganze Viertel schien unter dem lähmenden Bann eines seltsamen und beklemmenden Ereignisses zu stehen; die Menschenmenge, die unter dem Zustrom aus den engen Gassen des Hafens beständig wuchs, umwogte das ganze Massiv wie ein lebendiger Ring.

Alle Korridore waren erfüllt von Wartenden, alle Türen waren von Ungeduldigen belagert; Glockenzeichen schrillten durch das Haus, Kontrollsignale antworteten.

Die Tür des großen Sitzungssaales war durch einen Ringwall Uniformierter gesichert; nur hie und da, wenn die Doppeltüren sich hastig öffneten, hörte man das Klappern der Schreibmaschinen; aber aus dem hohen Raum, in dem hundert erregte Menschen fiebernd atmeten, schlug fühlbar die Welle zitternder Gespanntheit hierüber in das Hasten der Korridore.

Eben wurde ein Name aufgerufen: Elsie O'Cardigan.

Die Tür ging auf; der Kordon der Wächter teilte sich; die junge Frau des Staatsanwalts O'Cardigan trat in den Saal.

Die Blicke der zwölf Geschworenen richteten sich auf die Eintretende, die, ein wenig befangen unter Ihrer kritisierenden Sachlichkeit, an die Barriere trat. Der Richter sah ihr mit aufmunterndem Lächeln entgegen; sie kannte ihn, es war Fremont Higgins; er war einige Male ihr Gast gewesen. Dort, rechts von der Geschworenenbank, saß ihr Mann, der Staatsanwalt; auch er lächelte ihr entgegen, mit jenem unruhigen Ausdruck in den Augen, den sie diese ganze Zeit über mit Besorgnis an ihm beobachtete. Sie wandte den Kopf. Am anderen Ende des Tisches saß der Verteidiger, ein blasser, junger Mann. Hinter ihm – sie fühlte, wie ihr das Blut jäh zum Herzen schoß –, hinter ihm saß Pompejus Pym, der Neger. Der Angeklagte. Wie alt er geworden war! Wie seltsam das schneeweiße Haar mit der Bräune seines Gesichts kontrastierte! Seine Wangen waren eingefallen, in den Augen lag ein hilfloser Ausdruck, während er unsicher zu Elsie O'Cardigan hinüberspähte. Sie nickte ihm zu; ein ungläubiges Flimmern glomm in seinem Blick auf, und es ging wie der Schatten eines Lächelns über seine Züge.

»Der Verteidiger hat Sie schon hereinrufen lassen, Frau O'Cardigan,« sagte der Richter, »er erwartet von Ihnen wichtige Aussagen. Bevor ich Sie indessen verhöre, muß ich von einer anderen Angelegenheit sprechen, die mir eben gemeldet wird. Bitte, nehmen Sie dort drüben solange Platz.«

Elsie sah sich suchend um; ihr Mann stand auf; gleichzeitig erhob sich der Verteidiger, um sich ihr vorzustellen. Die beiden Herren sahen aneinander vorbei.

»Was ich dem Gericht mitzuteilen habe,« der Richter erhob sich; man sah, daß er erregt war, »ist, ich darf es ruhig aussprechen, eine Ungeheuerlichkeit. Man hat in der letzten Nacht versucht, den Gefangenen Pym zu befreien.«

Aller Augen hefteten sich auf den Neger, dumpfe Stille legte sich über den Saal.

»Gestern abend um ¾10 kam das Auto des Obergerichtshofes vor dem Haupteingang der Tombs vorgefahren. Drei Herren, die sich als Gerichtsbeamte legitimierten, ließen sich beim Direktor melden; sie wiesen eine schriftliche Order des Obersten Gerichts vor: der Gefangene Pompejus Pym solle aus bestimmten Gründen nach Orange County im Staate New York überführt werden. Der Direktor, erstaunt über diese ungewöhnliche Maßnahme, wurde mißtrauisch. Was denn der Grund dieser Überführung sei?

Der Chef der drei antwortete ihm: der Gerichtshof habe Nachricht bekommen, daß die Pogromstimmung in Neuyork im Wachsen sei; man rechne mit der Möglichkeit eines Angriffs auf die Tombs. Der Direktor schüttelte den Kopf: ›Ein Angriff auf die Tombs?‹

Selbstverständlich sei der Versuch aussichtslos, antwortete der Obmann; man wolle indessen jeder Möglichkeit von vornherein den Boden entziehen. Der Direktor ließ sich telephonisch mit dem Obergericht verbinden. Er erhielt die Antwort: Alles sei in Ordnung. Der Befehl sei erteilt.«

Erstaunte Ausrufe schwirrten durch den Saal.

»Es gab nun keinen Grund mehr, die Auslieferung des Gefangenen zu verweigern. Während Pym mit den Beamten über den Hof ging, kam dem Direktor – aus irgendeinem Grunde, vielleicht aus dem Unterbewußtsein – neuer Zweifel. Er ließ sich zum zweiten Male mit dem Obergericht verbinden. Und nun stellte sich das Unglaubliche heraus: man wußte nichts von einer Überführung Pyms; der Befehl war gefälscht

Wieder stieg erregtes Gemurmel auf; alles sah auf den Angeklagten, dessen dunkles Gesicht sich mit fahlem Grau bedeckte.

»In letzter Minute gelang es, den Gefangenen seinen Befreiern zu entreißen. Die drei sind entkommen.«

Staatsanwalt O'Cardigan erhob sich. »Was hat der Angeklagte zu diesem Befreiungsversuch zu sagen?«

Pompejus Pym, der fast krampfhaft nach Atem rang, antwortete leise: »Ich weiß nicht, wer die Männer waren.«

»Wollen Sie uns erzählen, Sie hätten nicht gewußt, daß Sie befreit werden sollten?«

Pym schüttelte den Kopf. »Es ist so, Mr. O'Cardigan: ich wußte nichts davon.«

Der Staatsanwalt wechselte einen lächelnden Blick mit dem Richter.

»Und nun, Frau O'Cardigan,« sagte Richter Higgins, »nun möchte ich Sie bitten, uns die Vorgeschichte dieser traurigen Angelegenheit zu erzählen: so wie Sie sie in der Erinnerung haben.«

Er wies mit einer einladenden Handbewegung auf den Zeugenstuhl; Elsie nahm zögernd Platz.

Der Richter sah ihr lächelnd, offenbar in der Absicht, sie zu ermuntern, ins Gesicht. Sie hatte die dunklen, fast schwarzen Augen der Mutter, deren Bild vor ihm auf dem Gerichtstisch lag; aber das blonde Haar wirkte seltsam und fremdartig; es mochte das Erbteil ihres Vaters sein.

»Wir wissen aus den Akten,« sagte er mit leiser Stimme, »daß der Angeklagte im Hause Ihrer Eltern bedienstet gewesen ist. Können Sie sich erinnern, ob Ihre Eltern mit ihm zufrieden waren?«

Elsie fühlte, wie der Blick des Angeklagten auf ihr ruhte. »Pompejus war der treueste Diener, Mr. Higgins, den wir jemals gehabt haben.«

»So, so.«

»Meine Mutter hat ihm das Leben gerettet; sie machte eine Reise durch die Südstaaten; in einem Hotel in St. Louis erwachte sie eines Nachts von einem furchtbaren Geschrei auf der Straße: ein junger Neger wurde vorbeigeführt. Man schickte sich an, ihn zu lynchen. Er habe eine Summe Geldes gestohlen. ›Das ist nicht wahr!‹ heulte der Neger. Meine Mutter bezahlte das Geld für ihn und nahm ihn in ihre Dienste. Von diesem Tage an ist uns Pompejus treu gewesen wie ein Hund. Er ist eines Mordes unfähig, Mr. Higgins: ja, er ist unschuldig.«

Der Richter hob ungeduldig die Hand. »Ich darf Sie bitten, Mrs. O'Cardigan, nur von den Dingen zu sprechen, über die ich Sie befrage. Seit dem Todestage Ihrer Mutter fehlen nun alle Schmuckstücke, die der Verstorbenen gehört haben. Eins dieser Schmuckstücke ist im Besitze des Angeklagten gefunden worden. Der Angeklagte hat eine Karriere gemacht, die selbst für unser tüchtiges Land außergewöhnlich erfolgreich ist: vom Kammerdiener zum Hotelbesitzer!« Der Richter hob den Kopf und sah Elsie ins Gesicht. »Ich kann mich in Ihre Gefühle nur zu gut hineindenken, Mrs. O'Cardigan. Der Angeklagte hat Sie betreut, als Sie noch in der Wiege lagen; er hat Ihre ersten Schritte behütet, Ihre schönsten Kindheitserinnerungen verknüpfen sich mit seiner Person. Daß es Ihnen schwer fällt, von einem alten, lieben Gefährten Schlimmes zu glauben, können wir nur allzu gut begreifen. Aber Ihr persönliches Gefühl der Dankbarkeit gegen Pym schließt nicht aus, daß er eine Tat begangen hat, deren ihn Ihre Liebe nicht für fähig hält. Die Kriminalgeschichte berichtet von manchem Mörder, der die Seinen zärtlich liebte.«

Elsie erhob sich; sie fühlte das würgende Schluchzen, das in ihr aufstieg. »Ich kenne den Angeklagten, ich kenne sein Leben, ich kenne seine Seele. Ich glaube, daß alle Feststellungen, die Ihnen so glücklich gelungen sind, auch einen anderen Schluß zulassen als den, daß Pompejus Pym einen Mord begangen hat – und ich bitte Sie im Namen der Gerechtigkeit, nicht nur jenen Spuren nachzugehen, die auf den Neger weisen, den die öffentliche Meinung lynchen möchte . . .«

»Mrs. O'Cardigan!«

». . . sondern auch jenen anderen Möglichkeiten Raum zu gewähren, die vielleicht zu einem andern Ziel führen könnten. Auch dann, Mr. Higgins, wenn dieses Ziel vielleicht ein Weißer wäre.«

Hochrot im Gesicht antwortete der Richter:

»Ich habe aus Höflichkeit geschwiegen, Mrs. O'Cardigan. Aus Höflichkeit der Dame gegenüber. Aber ich muß Ihnen erklären, daß ich kein weiteres Wort von Ihnen dulden werde, das die amerikanischen Gerichte oder das amerikanische Volk beleidigt. Ihre Vernehmung ist beendet. Ich danke Ihnen.«

Elsie ging langsam hinüber zum Zuhörerraum; sie fühlte, wie die Augen ihres Gatten ihr folgten; nervös öffnete sie die Handtasche. Wo nur Joe Jenkins blieb? Hier war sein Rohrpostbrief: sie möge guten Mutes sein. Wo er nur blieb?

Plötzlich horchte sie auf wie elektrisiert: der Name ihres Vaters wurde aufgerufen. Sie wußte gar nicht, daß er in Neuyork war; dies alles war so seltsam, so feindselig; zwischen allen Menschen, um die der Prozeß Pompejus Pym kreiste, lagen unausgesprochene und gefährliche Dinge.

Eben öffneten sich die Saaltüren, und ihr Vater trat ein. Er war stark ergraut in dieser letzten Zeit, aber immer noch war sein Gang aufrecht, und sein Blick hatte nichts von seiner Härte verloren. Diesem Manne sah man an, daß er sein halbes Leben in den Dschungeln zugebracht hatte.

»Mr. Edward MacComb,« sagte der Richter mit einer auffordernden Handbewegung: »Sie sind in dieser Sache der Kronzeuge. Fast alles hängt von Ihrer Aussage ab. Wir bedauern, hier von Dingen sprechen zu müssen, die Ihnen unendlich schmerzlich sein dürften. Aber die Gerechtigkeit verlangt, daß völlige Klarheit geschaffen wird.«

»Gewiß,« sagte MacComb kühl.

Staatsanwalt O'Cardigan erhob sich. »Nicht wahr, Mr. MacComb: Sie haben einen ungewöhnlichen Beruf: Sie unternehmen Expeditionen nach Indien, nach Afrika: Tierfang-Expeditionen.«

»Ja. Ich liefere wilde Tiere an die Menagerien, an die Zoologischen Gärten, an die Tierbändiger der ganzen Welt.«

»Als das . . . als das Unglück geschah, Mr. MacComb,« der Staatsanwalt wendete langsam das Aktenblatt, bei dessen knisterndem Rascheln der Angeklagte zusammenzuckte, »als jenes Unglück geschah, waren Sie eben von einer Reise zurückgekehrt. Nicht wahr?«

»Leider bin ich um einen Tag zu spät gekommen,« nickte MacComb. »In der Nacht vor meiner Ankunft war das Unglück passiert.«

Der Verteidiger erhob sich. »Ist es wahr, Mr. MacComb, daß auf Ihren Befehl eines Tages in den indischen Dschungeln elf Kulis erschossen wurden?«

Der Gefragte schürzte die Lippen. »Ja,« sagte er endlich. »Es blieb mir nichts anderes übrig: die Disziplin war gelockert; die ganze Expedition war gefährdet.«

Wieder nahm der Staatsanwalt das Wort. »Wer die Verhältnisse in den Tropen kennt, weiß natürlich, Mr. MacComb, daß nur ein starker Wille sich durchsetzen kann.«

Der Verteidiger fuhr fort: »Ihre Frau Gemahlin hatte die Gewohnheit, allein auf dem Hausboot zu schlafen. Hatten Sie an dieser merkwürdigen Lebensweise Ihrer Frau nichts auszusetzen?«

MacComb zuckte die Achseln. »Ich glaube, daß ein Gentleman seine Frau tun läßt, was sie für gut befindet.«

»Sehr richtig,« lächelte der Staatsanwalt; aber der Verteidiger ließ sich nicht beirren. »Sie werden zugeben müssen, daß die Gewohnheit Ihrer Frau, ihre Nächte getrennt von Ihnen zu verbringen, auf eine nicht sehr glückliche Ehe schließen läßt.« Und während er dem Zeugen ins Gesicht blickte, das sich langsam rötete, setzte er hinzu: »Im Interesse meines Klienten muß ich alle Schlußfolgerungen aussprechen, Mr. MacComb, die sich aus den Dingen ergeben. In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 1919 ist auf dem Hausboot plötzlich Feuer ausgebrochen. In dieser Nacht hatte der Angeklagte auf dem Boot die Wache. Ist es Ihnen bekannt, wer das Feuer entdeckt hat?«

»Zwei Männer aus Watertown.«

»Was haben diese beiden Männer getan, als sie das brennende Boot erblickten?«

»Sie haben ein Ruderboot geholt und sind zum brennenden Schiff hinübergefahren. Es stand schon in hellen Flammen. Zu allem Unglück hatte es sich aus seiner Verankerung gelöst. Die beiden sahen, daß Rettung nicht möglich war; vor ihren Augen trieb das brennende Schiff in den Ontario-See hinein.«

»Nicht wahr, man glaubte zunächst an einen Unglücksfall? Dann aber wurden Stimmen laut, die auf Pompejus Pym, den Neger, deuteten. Können Sie uns sagen, wie es gekommen ist, daß die Stimmung so umgeschlagen ist?«

»Das kann ich Ihnen genau erklären, Herr Rechtsanwalt,« sagte MacComb mit einem finsteren Blick auf den Angeklagten. »Als sich herausstellte, daß der gesamte Schmuck meiner Frau fehlte, glaubte niemand mehr an einen Unglücksfall.«



Das Rätsel einer Nacht

Der Staatsanwalt, der sich eifrig Notizen gemacht hatte, hob die Hand. »Wo bewahrte Ihre Frau den Schmuck auf?«

»Im Safe. In unserer Villa.«

Der Rechtsanwalt stand auf. »Wäre nicht eine einfachere Lösung möglich: daß nämlich Ihre Frau den Schmuck in jener Nacht angelegt hatte? Daß er mit ihr verbrannt ist

MacComb schüttelte den Kopf. »Welchen Grund sollte meine Frau gehabt haben, für die Nacht auf dem Boot Schmuckstücke, die ein Vermögen darstellen, anzulegen?«

»Ich möchte vorschlagen,« sagte der Rechtsanwalt, »daß uns der Angeklagte selbst erzählt, wie sich die Dinge jener Nacht in seiner Erinnerung darstellen. Hören Sie, Pym, Sie sollen uns ein paar Auskünfte geben. Was wissen Sie uns von dem Abend des 13. Juni zu erzählen?«

Der Neger, der bei der plötzlichen Anrede zusammengefahren war, erhob sich zögernd. »Am Abend des 13. Juni,« sagte er mit leiser Stimme, »rief mich Frau MacComb plötzlich in den Rauchsalon. Sie gab mir einen Brief; den sollte ich nach Clayton bringen. Zum Postamt.«

»An wen war dieser Brief gerichtet?« fragte der Staatsanwalt.

»Ich weiß es nicht.«

»Hm. Hm.«

»Während ich unterwegs war, zog ein schweres Gewitter herauf. Ich war bis auf die Haut durchnäßt, als ich zurückkam. Zu meinem Entsetzen sah ich Feuerschein – und als ich zum Steg kam, erblickte ich das brennende Schiff, das in der Richtung nach dem See abtrieb.«

»Ich möchte,« sagte der Staatsanwalt, »eine Frage stellen, die den Kern der Sache berührt: wie kamen Sie in den Besitz des Schmuckstückes, das zu der Erhebung der Anklage geführt hat?«

Pompejus Pym wandte den Kopf halb zu dem Verteidiger herum, der ihm langsam zunickte. »Frau Lilian Stone hat mir den Schmuck geschenkt.«

»Hat sie Ihnen noch weitere Schmuckstücke gegeben?«

»Nein.«

»Dann beantrage ich –« die Stimme O'Cardigans kam hell und scharf durch den Raum, »die Vernehmung des Zeugen aus Ohio, der draußen wartet.«

»Er soll hereinkommen,« entschied der Richter.

Ein kleiner, untersetzter Herr, breitschultrig, rotwangig, trat in die Mitte des Saals; der Richter wies auf den Zeugenstuhl. Der Ankömmling faßte in die Tasche und zog stumm drei blitzende Gegenstände: einen Ring, ein Kollier, ein Diadem.

»Diese Schmuckstücke,« sagte der Staatsanwalt, »stammen aus dem Besitz der ermordeten Frau MacComb. »Ich kann es aus den Akten beweisen – vielleicht kann Herr MacComb sie zu allem Überfluß rekognoszieren?«

MacComb trat an den Richtertisch. »Ja,« sagte er mit leiser Stimme, indem er sich mit der Hand über die Stirn fuhr, »diese Schmuckstücke habe ich meiner Frau selbst gekauft.«

»Angeklagter Pym,« O'Cardigan wandte sich dem Neger zu, »dieser Mann behauptet, die drei Schmuckstücke von Ihnen gekauft zu haben. Was haben Sie dazu zu sagen?«

Der Gefragte blickte hilflos auf die Gegenstände und schwieg.

»Sie scheinen mich nicht richtig verstanden zu haben. Diese Juwelen sind Eigentum der Toten gewesen, Ihrer Herrin Mrs. Manuela MacComb. Sie haben uns erklärt, Sie hätten außer jenem Armband keine Schmuckstücke Ihrer Herrin besessen. Nun stellt sich heraus, daß Sie die Unwahrheit gesagt haben: daß weitere Juwelen, die ein kleines Vermögen repräsentieren, in Ihrem Besitz gewesen sind. Es geht um Ihren Kopf, Pym! Antworten Sie, ich rate es Ihnen in aller Freundschaft!«

Alles blickte auf den Neger, der gesenkten Kopfes vor sich hinstarrte.

»Ich möchte ein paar weitere Schritte in das Dunkel tun, das um diese Dinge liegt,« sagte Staatsanwalt O'Cardigan. »Der Angeklagte hat uns erzählt, der Blitz habe in das Hausboot eingeschlagen. Nun: auf dem Grunde des Ontario-Sees sind die Trümmer des Hausbootes gefunden worden. Diese Trümmer weisen Spuren von Schüssen auf. Ferner ergibt der Befund des Holzes, daß das Feuer nicht von außen, sondern von innen gekommen ist. Vielleicht kann uns der Angeklagte dieses Rätsel erklären?«

Wieder schwieg Pompejus Pym; sein Verteidiger, der die drohende Stimmung im Saal fühlen mochte, sagte lakonisch: »Der Blitzschlag ist nur eine Vermutung von Pym. Er war unterwegs, als das Gewitter ausbrach.«

Eiligen Schrittes kam der Gerichtsdiener auf den Richtertisch zu, eine schmale Visitenkarte in der Hand. Der Richter las sie aufmerksam und hob überrascht den Kopf.

»Mir wird ein interessanter Besuch gemeldet, meine Herren. Joe Jenkins bittet um die Erlaubnis, uns ein paar Worte zu sagen.« Und indem er sich antwort-heischend umsah, beschied er den Gerichtsdiener mit einer Handbewegung: »Ich lasse Mr. Jenkins bitten!«

Der Verteidiger sah auf Pompejus Pym, der unruhig, erwartungsvoll, mit dem scheuen Lächeln aufkeimender Hoffnung, den Kopf zur Tür wandte. Er sah auf Staatsanwalt O'Cardigan, der spöttisch den Blick erwiderte; und er blickte hinüber zu Elsie O'Cardigan, die in nervöser Erregung auf ihren Mann sah.

Die Tür ging auf; Joe Jenkins trat ein.

Atemlose Stille legte sich über den Saal. Alles blickte auf den Mann, der sich vermessen hatte, einer furchtbaren Anklage, die in allen Einzelheiten gesichert schien, eine unerwartete Wendung zu geben. Eine Beschuldigung, die erbarmungslos auf ein bestimmtes Ziel zusteuerte, in ihren Fundamenten zu erschüttern.

Der Mann, der hier eintrat, sah nicht aus wie jemand, der große Dinge vorhat. Er schien von einer eiligen Autofahrt zu kommen; der helle Ledermantel stand halb offen, die Mütze mit der Autobrille steckte zusammengefaltet in der Tasche. Er ging lächelnd und unbefangen, während seine grauen Augen flüchtig durch den Raum schweiften, auf Richter Higgins zu und gab ihm die Hand.

»Guten Tag, Jenkins,« sagte der. »Wir sind neugierig, was Sie uns bringen werden!«

Der Detektiv blickte hinüber zu Elsie O'Cardigan und lächelte ihr zu. Sie winkte freundlich zurück; aber der Ausdruck ihres Gesichts war zweifelnd und gezwungen.

»Darf ich fragen, ob Mr. MacComb schon ausgesagt hat?« fragte Jenkins.

»Gewiß,« sagte der Richter. »Leider kann er nicht allzuviel bekunden. Denn er ist erst am Morgen nach der Tat von der Reise zurückgekehrt.«

»Erst am Morgen nach der Tat?« wiederholte Joe Jenkins. »Darf ich den Zeugen MacComb an eine kleine Szene erinnern, die sich am Abend des Unglücks zugetragen hat?«

»Da wäre ich neugierig,« sagte Elsies Vater, indem er auf den Detektiv zuging.

»Nun, Mr. MacComb, vielleicht haben Sie diese Kleinigkeit inzwischen vergessen. Am Abend des 13. Juni, um ½10, klingelte in Ihrem Arbeitszimmer das Telephon. Auf Ihrem Schreibtisch standen zwei Apparate: das Stadttelephon – und daneben ein kleines Mikrophon, das die Verbindung mit dem Hausboot bildete. Stimmt das, Mr. MacComb?«

»Ja,« antwortete dieser erstaunt.

»Sie meldeten sich mit Ihrem Namen – Sie waren sichtlich betroffen, denn der Anruf konnte nur von Ihrer Frau, vom Schiff, kommen; mit Ihrer Frau aber hatten Sie schon seit langer Zeit kein Wort mehr gesprochen. Zu Ihrem Erstaunen aber meldete sich am Telephon nicht Mrs. MacComb, sondern eine männliche Stimme

»Darf ich fragen, Mr. Jenkins,« der Staatsanwalt erhob sich, »woher Sie das alles wissen?«

»Nehmen wir einmal an, ein Dienstbote hätte gelauscht.«

»Der Dienstbote könnte im günstigsten Falle die Antworten des Herrn MacComb gehört haben. Nicht aber die Worte des Anrufenden.«

»Das stimmt. Immerhin: auch das, was Herr MacComb geantwortet hat, ist in mancher Hinsicht bemerkenswert. Soll ich die einzelnen Antworten hier anführen? Oder will Mr. MacComb vielleicht freiwillig die ganze Unterhaltung wiedergeben?«

MacComb, aus dessen Gesicht das Rot gewichen war, sagte leise:

»Mr. Jenkins hat die Wahrheit gesagt. Ich will die Unterhaltung, soweit ich sie im Gedächtnis habe, wiederholen.«

Der Verteidiger erhob sich mit einem Ruck. »Herr MacComb hat uns versichert, er wisse nichts von den Einzelheiten jener Unglücksnacht. Er sei erst am nächsten Morgen heimgekehrt. Mr. MacComb hat demnach eine falsche Aussage gemacht.«

MacComb nickte. »Sie haben recht,« sagte er leise. »Warum ich die Unwahrheit gesagt habe, werde ich Ihnen später erklären. An jenem Abend also, kurz nach ½10 Uhr, meldete sich eine männliche Stimme: ein Unbekannter. Er sagte: Wollen Sie mir eine Unterredung von einer Viertelstunde gewähren, Mr. MacComb?«

Wieder erhob sich der Verteidiger. »Ihre Frau hatte also Besuch an Bord Ihres Hausbootes? Männlichen Besuch?«

»Ohne Zweifel.«

»Was antworteten Sie?«

»Ich lehnte ab. Darauf erwiderte jene Stimme: Dann haben Sie alles, was kommen wird, sich selbst zuzuschreiben.«

»Was taten Sie nun?« fragte der Staatsanwalt unruhig.

»Ich hatte ein Gefühl der Furcht bekommen. Irgendein Unglück stand bevor, das sagte mir der Instinkt. Ich nahm meinen Mantel und ging hinunter zum Hausboot; es lag über eine Stunde vom Hause entfernt. Als ich anlangte, stand das Boot in Flammen.«

»Stimmt das, was uns Mr. MacComb gesagt hat,« wandte sich der Verteidiger an Joe Jenkins, »mit Ihren Informationen überein?«

»Ja.«

»Sie wollten uns erklären, Mr. MacComb, warum Sie uns vorhin die Unwahrheit gesagt haben.«

»Ja,« sagte MacComb mit einem tiefen Aufatmen. »Der Grund ist traurig genug. Ich fühlte mich schuldig am Tode meiner Frau. Hätte ich an jenem Abend nicht Nein gesagt, so wäre vielleicht die Katastrophe vermieden worden.«

»Das läßt sich hören,« sagte der Staatsanwalt.

Joe Jenkins schüttelte den Kopf. »Ich finde: Mr. MacCombs Erklärung ist völlig widersinnig. Sein Schuldgefühl wird dadurch nicht kleiner, daß er dem Gericht eine falsche Darstellung gibt – nicht größer, wenn er die Wahrheit sagt. Welches also war der Grund, Mr. MacComb, der wahre Grund, der Sie veranlaßte, eine falsche Aussage zu machen?«

»Ich könnte die Beantwortung dieser Frage, die von einem Unberufenen kommt, ablehnen,« sagte MacComb; »aber das würde vielleicht zu falschen Deutungen führen. Sie fragen, warum ich die Unwahrheit gesagt habe. Nun: ich war mir natürlich bewußt, daß ein gewisser Verdacht auf mich fallen müßte. Meine Frau hatte mich betrogen – ich hatte es erfahren –, eine Eifersuchtstat war naheliegend. Darum habe ich der Einfachheit halber gesagt, ich sei erst am anderen Morgen eingetroffen. So ging ich allen Fragen aus dem Wege.«

Wieder nahm der Staatsanwalt das Wort. »Ich glaube im Namen aller zu sprechen, wenn ich hier erkläre, daß niemand im Ernst an Herrn MacCombs Schuld glaubt.«

»Ich komme jetzt zum zweiten Teil meiner Mission,« sagte Joe Jenkins. »Darf ich Lilian Stone hereinholen?«

»Die Zeugin Lilian Stone ist hier?« fragte der Richter.

Joe Jenkins ging zur Tür und kam mit der jungen Dame zurück. Ihre Erscheinung, dunkelblond, helläugig, wirkte in diesem Raume nordisch-fremdartig.

»Nun, Mrs. Stone?« Der Richter sah ihr aufmerksam entgegen. »Mr. Jenkins behauptet, daß Sie uns Interessantes zu erzählen hätten.«

Der Staatsanwalt nahm das Wort. »Niemand kann Sie zwingen, Mrs. Stone, Dinge zu bekunden, die Sie irgendwie belasten könnten. Sie haben das Recht, Ihre Aussage zu verweigern.«

»Mrs. Stone,« sagte Joe Jenkins, »hat nicht die Absicht, von diesem Recht Gebrauch zu machen.«

Der Verteidiger hatte sich erhoben und war auf die Zeugin zugegangen, die verstohlen den Angeklagten betrachtete. »Ich muß eine Erklärung abgeben,« sagte sie mit leiser Stimme, »die, so leid es mir tut, die Verstorbene in ein anderes Licht setzt.«

»Was wünschen Sie, Angeklagter?« wandte sich der Richter an Pompejus Pym, der mit weitaufgerissenen Augen auf die Zeugin starrte.

»Lilian Stone,« murmelte der Neger, »Lilian Stone – das war der Name, der auf jenem Brief stand. Auf jenem Brief, den ich am Unglücksabend in Clayton zur Post gebracht habe!«

»Frau Stone – haben Sie am 14. Juni einen Brief von Mrs. MacComb erhalten?«

Lilian Stone nickte. »Ich machte eines Tages eine niederschmetternde Entdeckung: mein Verlobter – Wilbur Perry – stand in Beziehungen zu einer verheirateten Frau. Zu Frau Manuela MacComb. Heimlich forschte ich nach dem Näheren. Frau MacComb war, darin mochte eine gewisse Entschuldigung liegen, seit fast zwei Jahren allein. Bevor sie heiratete, war sie Schauspielerin in New York gewesen; mein Verlobter hatte sie zu jener Zeit an einem Broadway-Theater kennengelernt.«

»Was taten Sie, als Sie die Entdeckung machten, daß Frau MacComb die Geliebte Ihres Verlobten war?« fragte der Verteidiger.

»Ich fuhr nach Clayton und stellte Frau MacComb zur Rede. Sie war außer sich: Perry hatte ihr angeblich verschwiegen, daß er verlobt war.«

»Ich vermute,« sagte der Staatsanwalt, »daß Sie nunmehr Ihre Beziehungen zu dem Ungetreuen lösten?«

Lilian Stone schien die Frage überhört zu haben. »Am 14. Juni erhielt ich einen Brief von Frau MacComb. Darin flehte sie mich an, Wilbur Perry freizugeben. Sie wolle mir alles, was sie habe, zu Füßen legen.«

»Das war vermutlich die übliche Phrase,« lächelte O'Cardigan.

»Der Himmel ist also mit Ihnen im Bunde gewesen,« nahm der Verteidiger das Wort. »Denn in jener Nacht ist Ihre Nebenbuhlerin ums Leben gekommen, und Ihr Verlobter war Ihnen zurückgegeben?«

Lilian Stone schloß die Augen. Leise schüttelte sie den Kopf. »Ich muß das Letzte sagen,« murmelte sie. »Ich darf es nicht verschweigen, vielleicht . . . vielleicht . . . In jener Nacht ist mein Verlobter mit Manuela MacComb verbrannt

Der Staatsanwalt und der Verteidiger sprangen auf.

»Eine völlig neue Wendung!« sagte O'Cardigan atemlos.

Der Richter sah auf Lilian Stone, die bleichen Gesichts in ihrem Stuhl lehnte.



Die Kassandra von Neuyork.

Joe Jenkins zog ein Zeitungsblatt. »Ich finde hier einen interessanten Artikel in der Sun. Er ist betitelt: ›Die Kassandra von Neuyork.‹«

Gelächter antwortete; Richter Higgins sah den Detektiv erstaunt an. »Ich kenne den Artikel,« sagte er. »Zufällig sah ich vorhin, daß er unter den Geschworenen zirkulierte. Wollen Sie im Ernst vor diesem Forum von der Kassandra von Neuyork sprechen?«

»Ja,« sagte Joe Jenkins freundlich.

Der Richter zog nervös die Uhr und warf einen schnellen Blick auf Lilian Stone. »Also bitte.«

»Ich höre, daß einige von Ihnen,« sagte Joe Jenkins, »von jener Kassandra wissen. Gleichwohl möchte ich ein paar Worte über sie sagen: für die, die sie nicht kennen. In der Fünfundvierzigsten Straße, Ost, irgendwo im fünften Stock, wohnt eine Frau. Sie teilt ihren Beruf mit vielen Tausenden in dieser Stadt: sie ist Wahrsagerin. Das wäre an sich kein Grund, von ihr zu sprechen. Auch daß die Frauen der Wall- Street-Prominenten ihre täglichen Gäste sind, ist vielleicht nichts Besonderes. Aber diese Dame hat Aussprüche getan, die von einer seltsamen Begabung zeugen: sie beschäftigt sich in täglichen Sitzungen mit dem Fall Pompejus Pym.«

Aus dem Zuhörerraum kam Kichern; der Richter hob unmutig die Hand.

»Der Fall Pompejus Pym,« fuhr Jenkins fort, »ist, ich brauche es Ihnen nicht zu sagen, das Tagesgespräch von New York. Jeder will erfahren, wie dieser Prozeß ausgehen wird; die Autos der vornehmen Kundinnen parken bis zur Queenboro-Subway-Station.«

»Haben Sie sie befragt?« erkundigte sich Higgins schmunzelnd.

»Ich habe sie befragt,« entgegnete Jenkins. »Sie hat mir manchen Humbug erzählt . . .«

»Sehen Sie wohl!«

»Und sie hat mir ferner einige Auskünfte gegeben, die mich ein paar Stunden meiner Nachtruhe gekostet haben. Ich will mich kurz fassen. Die Kassandra – wie sie heißt, weiß ich nicht – versank in Trance und schilderte mir unter Zuckungen und Stöhnen alle Einzelheiten der Unglücksnacht vom 13. auf den 14. Juni 1919.«

»Die hat sie in der Zeitung gelesen,« sagte ein Geschworener.

»Sie behauptet mit Bestimmtheit, Pompejus Pym sei unschuldig. Frau MacComb sei das Opfer eines tödlichen Unfalls geworden.«

Der Staatsanwalt verschränkte die Arme mit verhaltenem Lachen. »Ich konnte mir's denken, daß es auf etwas Derartiges hinauslaufen würde. Die Partei des Angeklagten sieht ihre Sache verloren: jetzt versucht man es mit einem Appell an den Aberglauben.«

»Fast fürchte ich, es ist so, Mr. Jenkins,« nickte Higgins.

»Ich bitte um die Erlaubnis, die Kassandra von New York hierherzubringen. Und ich bitte Sie, ihr jede Frage vorzulegen, die Sie für zweckmäßig halten.«

»Die einzige Frage, die ich für zweckmäßig halten würde,« antwortete Staatsanwalt O'Cardigan, »wäre die nach der Höhe der Summe, die man ihr für ihre ›Prophezeiungen‹ gezahlt hat.«

»Ich muß die Sitzung unterbrechen,« sagte der Richter, indem er nach dem Zeugenstuhl hinüber wies.

»Mrs. Lilian Stone ist ohnmächtig geworden.«


* * *


Die Luft im Gerichtssaal war dumpf und schwer. Draußen lagen schon die Schatten des frühen Abends; Wassertropfen perlten an den Fensterscheiben, das Licht der Glühlampen bohrte sich flimmernd durch graue Dunstschwaden. Neue Kombinationen gingen flüsternd von Mund zu Mund; Richter Higgins, der eben mit den Geschworenen eintrat, war nervöser als am Vormittag. Er gab dem Gerichtsdiener einen Wink; die Tür ging auf, ein Mann in blauem Anzug, der Typ eines Seemanns, trat mit wiegenden Schritten an den Richtertisch.

»Ich höre, daß Sie sich gemeldet haben, um eine wichtige Aussage zu machen.«

»Ja, Herr Richter. Zufällig liest mir mein Schlafbaas heute morgen was aus der Zeitung vor. Ich höre plötzlich: Clayton . . . Pompejus Pym . . . Halt, sage ich, was heißt das: Clayton . . . was ist das für ein Feuer . . . ich habe nämlich selbst in Clayton gewohnt, müssen Sie wissen, Herr Richter, ich kenne Pompejus Pym, und ich weiß auch von dem Feuer.«

»Was wissen Sie von dem Feuer?«

Der Zeuge wandte sich herum zu dem Neger: »Ja . . . das ist er,« sagte er nickend. »Ich entsinne mich ganz genau: er hatte eine Fackel in der Hand. Durch das Fenster des Hausboots sah ich es: mit der Fackel ging er in der Pantry herum und setzte die Holzteile in Brand.«

»Das ist ganz unglaubwürdig,« rief der Verteidiger erregt. »Da kommt irgendein Fremder daher und behauptet etwas Ungeheuerliches. Ich bestreite seine Angaben!«

»Das Feuer loderte so verdächtig schnell auf, daß ich sofort sah: hier ist vorgearbeitet worden. Mit Petroleum, taxiere ich.«

»Und Sie wissen genau, daß es der Angeklagte war?«

Wieder wandte sich der Zeuge zu dem Neger herum. »So genau wie ich meinen Kopf kenne. Es war Pompejus Pym, der das Schiff in Brand gesteckt hat.«

»Was dieser Zeuge sagt, ist Wahnsinn!« schrie der Verteidiger.

Der Richter wies gebieterisch auf den Neger.

»Was haben Sie dazu zu sagen?«

Der Neger erhob sich mühsam, die zitternden Hände auf die Barriere gestützt; im Saal wurde es totenstill. Langsam sagte er:

»Dieser Mann sagt die Wahrheit.«

Erregtes Murmeln schwirrte durch den Saal und erstarb plötzlich wieder, als der Richter mit heiserer Stimme fragte:

»Sie bekennen sich also schuldig, Pompejus Pym?«

Zum Erstaunen des Saales antwortete der Neger:

»Nein.«

»Dann will ich Ihnen etwas sagen –« die Stimme des Richters schwoll zornig an: »Dann erkläre ich Sie für schuldig. Und jeder Mensch in diesem Saal ist meiner Meinung. Dafür lege ich meinen Hut in den Ring.«

Der Verteidiger, totenbleich, sichtlich außer sich vor Erregung, trat auf den Zeugen zu. »Wie kommt es, daß Sie sich erst heute melden?«

»Das will ich Ihnen sagen, Doktor: an jenem Abend, am 13. Juni 1919, war ich auf dem Wege nach New York. Ich hatte mich um einen Tag verspätet, mein Dampfer lag schon am Pier. Am nächsten Tage fuhr ich nach Australien; die ganze Zeit über habe ich im Busch gelebt.«

»Sie haben diesem Prozeß,« sagte der Richter, »die entscheidende Wendung gegeben. Nehmen Sie dort drüben Platz.«

Der Seemann nickte und schaukelte, nicht ohne selbstbewußt um sich zu blicken, gemächlich auf die Zeugenbank zu.

Eben wollte sich der Staatsanwalt zum Plädoyer erheben, als die Tür aufging und Joe Jenkins eintrat.

»Bringen Sie etwas Neues?« fragte der Richter, ein wenig unmutig.

»Ja. Einen Zeugen,« sagte Joe Jenkins, »der immerhin einiges weiß, was mir nicht unwichtig scheint.« Und indem er die Tür öffnete, winkte er einen Mann in Chauffeurkleidung herein.

»Ich kenne Pompejus,« sagte der Ankömmling, während er sich in den Zeugenstuhl niederließ; »ich kannte auch die verstorbene Frau MacComb; ich stand zu jener Zeit als Chauffeur in ihren Diensten. Die Sache ist die, daß Frau MacComb eine Feindin hatte; sie wohnte in der Siebenten Avenue, West, Nr. 325; ich habe Frau MacComb drei- oder viermal vor das Haus gefahren.«

»Was für eine Feindin war das?« fragte O'Cardigan. »Wie hieß sie?«

»Das weiß ich nicht.«

Der Staatsanwalt zuckte geringschätzig die Achseln; aber der Verteidiger fiel ein: »Ich glaube, daß dieser Zeuge mindestens so wichtig ist wie der vorige.«

»Vielleicht war es gar keine Feindin?« fragte der Staatsanwalt lächelnd. »Vielleicht war es ein Freund? Vielleicht war es Mr. Wilbur Perry?«

Der Chauffeur schüttelte den Kopf. »Ich weiß schon, was ich sage. Es war eine Dame. Sie hat Frau MacComb selbst ans Auto gebracht.«

»Und woraus schließen Sie, daß es eine Feindin und nicht eine Freundin war?«

»Zweimal war Mrs. MacComb in Tränen aufgelöst, als sie aus jenem Hause kam; die fremde Dame ging ohne Gruß ins Haus zurück. Dann, einmal, ich werde es nie vergessen, da ist jene fremde Frau zu Mrs. MacComb ins Auto gestiegen. Der Wagen hatte einen Sprechschlauch, daran hatten die beiden nicht gedacht. Ein paarmal fing ich Worte auf, die mich stutzig machten; so verlegte ich mich aufs Horchen. Plötzlich hörte ich, wie meine Herrin sagte: ›Wenn Sie Ihre Drohung wahrmachen und meinem Mann telegraphieren, so treiben Sie mich in dem Tod.‹ Darauf antwortete jene Dame: ›Ich werde Ihrem Mann telegraphieren!‹ Gleich darauf klopfte jemand an die Fensterscheibe; ich hielt. Die Fremde stieg aus und ging mit raschen Schritten in ein Haus; es war ein Laden der Telegraphengesellschaft. Frau MacComb stürzte hinter ihr her, faßte sie an der Schulter, redete auf sie ein; die Fremde wandte sich brüsk herum und ging ins Haus. Meine Herrin stand eine ganze Weile regungslos, dann kam sie langsam zum Auto zurück. Als sie nachher ausstieg, hielt sie das Taschentuch vors Gesicht gepreßt.«

»Siebente Avenue, West, Nr. 325,« wiederholte der Staatsanwalt. »Wie will man heute noch feststellen, was das für eine Dame war, die vor acht Jahren in jenem Hause gewohnt hat!«

»Ich habe mir die kleine Mühe gemacht,« sagte Joe Jenkins. »Der Superintendent ist zwar inzwischen einige Male umgezogen; aber ich habe ihn aufgefunden. In Brooklyn. Er hat mir den Namen jener Dame gesagt; er erinnert sich auch, daß sie oft von einer Frau besucht wurde, die im Auto vorfuhr. Diese Bewohnerin des Hauses Siebente Avenue, West, Nr. 325, ist dem Gericht nicht unbekannt. Es ist Frau Lilian Stone

»Frau Lilian Stone?« wiederholte O'Cardigan betroffen. »Wo ist Frau Stone?« Er blickte umher; Lilian Stone war nicht im Saal.

»Frau Stone hat auf dem Dampfer ›Columbus‹« – der Verteidiger blickte auf Jenkins – »einen Selbstmordversuch gemacht. Frau Stone ist heute vormittag ohnmächtig geworden. Sie weiß mehr von diesen Dingen, als sie sagt. Ich bitte, Frau Stone sofort zu holen.«

»Und nun,« sagte Joe Jenkins, »möchte ich Ihnen den letzten und wichtigsten Zeugen in dieser Sache vorstellen. Es ist übrigens kein Zeuge, sondern eine Zeugin. Es ist die Kassandra von Neuyork.«

»Hu hu!« machte jemand im Saal. Schallendes Gelächter antwortete.

»In Gottes Namen; Frau Kassandra möge eintreten.«

Die Tür ging auf; eine Frau von unbestimmbarem Alter, auf ihren Schirm gestützt, trat langsam, mit müden Schritten, in den Saal. Unterdrücktes Lachen schlug ihr entgegen; sie blickte geradeaus, vorüber an dem Angeklagten, der sie verwirrt, vielleicht erschrocken, betrachtete. Ihr Blick war glanzlos; ihre dunklen Augen hatten seltsam fremdländischen Schnitt; vielleicht mochte sie früher eine Schönheit gewesen sein.

»Sie wollen uns wichtige Neuigkeiten erzählen?« fragte Higgins.

»Es kommt darauf an, ob Sie ihren Sinn verstehen,« antwortete die Wahrsagerin mit tiefer, brüchiger Stimme.

»Wir werden uns alle Mühe geben.«

»Pompejus Pym ist unschuldig,« murmelte sie.

»Das ist ein Irrtum,« unterbrach der Richter sie unmutig. »Pym hat eingestanden, daß er das Schiff angezündet hat.«

Die Wahrsagerin nickte. »Angezündet, ja. Angezündet. Warum soll er das Schiff nicht angezündet haben?«

Eben wollte Higgins die Zeugin mit einer unwirschen Antwort entlassen, als sie zu seinem Erstaunen sagte:

»Frau MacComb war ja gar nicht auf dem brennenden Schiff!«

»Was sagen Sie da?« Der Richter sah der Frau ins Gesicht – in die dunklen Augen, aus denen plötzlich eine harte und erbarmungslose Intelligenz sprach – »Frau MacComb war nicht auf dem Schiff? Sie ist doch mit ihrem Geliebten Wilbur Perry zusammen verbrannt!«

Die Zeugin machte eine wegwerfende Handbewegung. »Der war ebensowenig auf dem Schiff wie sie.«

Die rätselhafte Frau, die das Volk die Kassandra von New York nannte, wandte sich zum Vorsitzenden:

»Wünschen Sie alles zu wissen? Nun gut. Lilian Stone hatte Mr. MacComb alles verraten: daß seine Frau einen Geliebten habe: Wilbur Perry. Die beiden wußten, wenn MacComb zurückkommt, geschieht ein Unglück.«

»Sie hatten Zeit,« sagte der Staatsanwalt. »Sie konnten fliehen.«

»MacCombs Arm reichte weit. Sie wären ihm nicht entgangen. Es gab nur eins, um sich vor seiner Rache zu retten: MacComb mußte die beiden für tot halten. So kamen sie auf den Gedanken, das Schiff anzuzünden.«

»Die beiden leben also? Frau MacComb ist nicht ermordet worden? Aber wo ist sie? Warum tritt sie nicht hervor?«

Die Zeugin wandte sich mit einem angstvollen Blick herum. »Sie wäre nie wieder aufgetaucht, die unglückselige Manuela MacComb, wenn nicht dieser arme Teufel Pompejus Pym unter dem Galgen stände. So bleibt ihr nichts übrig, als zurückzukehren aus der Vergessenheit.«

Mit leisem Knarren ging die Tür. Aller Augen glitten hinüber. Aber es war nicht Frau MacComb, die der ganze Saal, in dieser seltsamen Überspannung der Nerven, erwartet hatte.

Es war Herr MacComb.

Die Zeugin wandte sich zu dem Eintretenden herum. Sie sah ihm ins Gesicht und stieß einen gellenden Schrei aus.

Erst jetzt wurde MacComb der Frau ansichtig. Er streckte fassungslos, in irrer Abwehr, die Hände aus.

»Manuela!« rief er in ungläubigem Entsetzen.

»Ja. Edward. Manuela. Deine Frau: Manuela MacComb!«

Er schüttelte den Kopf, schweigend, verständnislos, unfähig, dies alles zu begreifen.

»Ich bin nicht wert, daß ich deinen Namen trage, Edward. Ich weiß es. Nur eins will ich dir sagen: was ich an Enttäuschungen erlebt habe in diesen Jahren – das wäre Strafe gewesen für ein weit größeres Verbrechen, als ich an dir verübt habe. Du hast mich wohl nie recht lieb gehabt, du ließest mich allein, jahrelang allein. Ich brauchte Liebe. In meiner Not kam ich an einen Menschen, der mich kaltherzig nahm. Der meine Weltfremdheit erkannte, der über mein Vertrauen lächelte – der nur die gute Gelegenheit sah, ein Vermögen zu gewinnen. Ein Jahr lang reisten wir zusammen – dann waren wir arme Leute. Meine Kräfte waren zu Ende, meine Nerven zerrüttet. Was sollte ich tun?«

»Zu mir zurückkehren.«

»Nein, Edward. Ich war eine Tote – und niemals hättest du mich wiedergesehen, gälte es nicht, Pym zu retten. Der Befreiungsversuch, den wir unternommen hatten, war fehlgeschlagen.«

Richter Higgins hatte längst seinen Platz verlassen; die Geschworenen waren aufgesprungen. Der Staatsanwalt, der Verteidiger, alle Anwesenden in diesem Saal hatten sich um die beiden, um MacComb und seine Frau, geschart.

»Eins müssen Sie mir erklären –« Higgins, der Richter, trat in den Kreis. »Wie ist Pym in den Besitz Ihres Schmuckes gekommen?«

Erstaunt gab Frau MacComb die Antwort: »Begreifen Sie das nicht? Ich selbst habe ihm den Schmuck geschenkt. Denn er war unser Mitwisser: er hat uns zur Flucht verholfen, er hat alles getan, um den Schein eines Unglücksfalles zu wahren.«

»Warum hat er denn nicht einfach die Wahrheit gesagt, als er in den furchtbaren Verdacht kam, Ihr Mörder zu sein?«

In Frau MacCombs Gesicht trat ein Lächeln, das ihren verwüsteten Zügen einen Schimmer von mütterlicher Zärtlichkeit gab. Sie wandte sich herum zur Bank des Angeklagten: Pompejus Pym saß, den Kopf in die Hände vergraben, unbeweglich. »Warum er nicht gesprochen hat? Weil er . . . weil er . . .« sie nahm den Kopf des Negers zwischen ihre Hände und preßte ihr Gesicht an seine Wange; »weil er der einzige wahre Freund ist, den mir das Leben geschenkt hat. Er hätte geschwiegen, er wäre für mich in den Tod gegangen.«


* * *


Am Westausgang des Gerichtsgebäudes stand Elsie am Auto.

»Wo ist meine Mutter, Mr. Jenkins?«

Der Detektiv hob den Blick zu den Fenstern des grauen Gebäudes. »Ich habe lange mit ihr dort oben gestanden. Frau MacComb hat ihre Tochter gesehen; sie ist glücklich – weiß sie doch, daß ihr Kind glücklich ist.«

»Warum kommt sie nicht, Mr. Jenkins?«

»Frau MacComb hat kein Anrecht auf ein Leben an Ihrer Seite. Sie gehört in jene Kreise, für die sie sich in einer dunklen Stunde entschieden hat. Sie ist für eine kurze Spanne Zeit in das helle Licht des Tages getreten, denn eine unabweisbare Pflicht hat sie gerufen. Sie hat ihre Pflicht erfüllt; nun ist sie zurückgekehrt in das Dunkel, aus dem sie gekommen ist.«