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Paul Rosenhayn – Die Stunde des Erkennens

Kriminalgeschichte

Aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Jahrgang 1918, Fünfter Band, Stuttgart, Berlin, Leipzig, Wien


Als Doktor Carraveau das graue Gebäude verließ, gingen schon die ersten Schatten über die Dächer. Der Kutscher grüßte höflich; aber nur mit zerstreutem Nicken dankte der Verteidiger und stieg in den Wagen.

Morgen war das Urteil zu erwarten.

Doktor Carraveau schloß die Augen und lehnte sich mit einem nervösen Seufzer in das Polster zurück. Die Sache stand schlecht. Eine junge Frau hatte ihren Mann getötet, aus einem Grund, den menschlicher Verstand kaum ergründen konnte; beide jung, reich, kinderlos und in den glücklichsten Verhältnissen. Die ersten Juweliere der Stadt sprachen beinahe mit Andacht von diesem Manne, als sie Zeugnis ablegten von den Geschenken, mit denen er seine Frau überschüttet hatte. Kein Grund – weiß Gott. Und dennoch: unzweifelhafter, eindeutiger Mord.

Gegen acht Uhr abends hatte der Diener eine erregte Unterhaltung zwischen den Eheleuten gehört. Eine Tür war krachend zugeschlagen worden: der Herr hatte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen. Gleich darauf war der Diener aus dem Haus gegangen. Als er an der Villa vorüberging, flammte das Licht auf; er sah noch, wie sein Herr am Schreibtisch in Papieren kramte.

Fünf Minuten nach Mitternacht war der Diener zurückgekehrt; das Haus in der schweigenden Villenstraße war völlig dunkel. Eben schloß er die Gittertür auf, als ein Schrei aufgellte. Diese Stimme kannte er.

Der Herr lag regungslos auf dem hellen Perserteppich aus der Brust floß dunkles Blut. Neben dem starren Körper blitzte eine dolchartige Waffe im Scheine des Glühlichts: der Brieföffner vom Schreibtisch. Zu Häupten des Toten aber kauerte mit irren Augen die junge Frau. . . .

Der Wagen fuhr langsam; ein paar Menschen blickten durch das offene Fenster. Jemand grüßte. Der Verteidiger sah es deutlich: in diesem Gruße lag ein gewisses Bedauern, fast Mitleid. Mitleid mit dem Erfolglosen. Er lächelte bitter. Ja, ja – die Dinge standen schlecht. Alle Spuren, denen die Untersuchung nachging – zögernd zuerst – widerstrebend – ungläubig – alle Spuren liefen irgendwo zusammen in einem einzigen Punkt, in dem sie sich verknoteten wie zu einem Netz. Hinter diesen Fäden, die sich mehr und mehr verdichteten, tauchte, schemenhaft zuerst, wie die schweigende Nacht selbst, die diese dunkle Tat in ihre schweren Schatten hüllte, dann aufdämmernd wie durch graue Nebel, der blonde Kopf einer jungen Frau empor.

Der Wagen hielt vor dem nüchternen Bürohaus. Schwerfällig erhob sich der Rechtsanwalt und ging mit gesenktem Kopf über das Trottoir.

Die junge Frau leugnete. Sie war die einzige, die man der Tat bezichtigen konnte. Niemand hatte das Haus betreten, niemand es verlassen – so lautete die Aussage der Mädchen. Dann sagte die junge Frau, das sei ein Irrtum. Kurz nach neun Uhr sei jemand gekommen – ein Fremder, den ihr Mann offenbar erwartet hatte, denn er selbst hatte ihn hereingelassen. Sie konnte nicht sagen, wie der Besucher ausgesehen haben mochte; sie hatte einen belanglosen Zank mit ihrem Manne gehabt und sich schmollend in ihr Zimmer zurückgezogen. Die Unterhaltung zwischen den beiden Männern war ziemlich lebhaft gewesen – fast, als ob der Fremde eine Forderung gestellt habe, die ihr Gatte ablehnte. Eine halbe Stunde später habe der Besucher das Haus in polternder Erregung wieder verlassen.

Der Besuch konnte zeitlich für den Mord nicht in Frage kommen. Und doch – hier schimmerte eine Hoffnung auf. Der Verteidiger hatte auf der Stelle eingegriffen. Wie nun, wenn jener Abgewiesene im Dunkel der Nacht zurückgekehrt wäre? Die Gitter waren niedrig, das Arbeitszimmer lag im Erdgeschoß. Wie nun, wenn er mitten in der Nacht wieder aufgetaucht wäre – um seine Forderung drohend zu wiederholen? Um sich zu rächen? Alle Nachforschungen nach dem Unbekannten waren vergeblich gewesen. Und Schritt für Schritt mußte der Verteidiger vor den unerbittlichen Tatsachen der Anklage zurückweichen.

Doktor Carraveau betrat das Sprechzimmer unmittelbar durch den Flureingang und knipste die Lampe ein.

»Etwas von Bedeutung?«

Der Bürovorstand nickte: »Ein Herr wartet. Seit zwei Stunden.«

»Wichtig?« fragte der Rechtsanwalt zerstreut.

Jener zuckte die Achseln: »In der Mordsache.«

Der Doktor blickte auf. »Ich lasse bitten.«

Der Eintretende, über den der warme Schimmer des Deckenlichtes spielerisch glitt, war ein vornehm aussehender Mann, der am Ende der Dreißiger stehen mochte.

Doktor Carraveau blickte auf die Karte: Franz Severin stand darauf, nichts weiter. Dann sah er den Besucher erwartungsvoll an und wies mit einer leichten Verbeugung auf den Sessel.

Der Fremde dankte mit höflichem Lächeln für die Aufforderung und blieb stehen: »Ich war gestern und heute im Schwurgerichtsaal,« begann er mit ruhiger, fast leiser Stimme.

Der Verteidiger nickte und sah ihn fragend an.

»Ich habe Sie reden gehört, Herr Doktor Carraveau,« fuhr jener fort, »und ich muß Ihnen gestehen: ich erhielt einen seltsamen Eindruck.«

»Einen seltsamen Eindruck?« wiederholte der Rechtsanwalt fragend. Er runzelte, fast unwillkürlich, die Brauen unter dem forschenden Blick, der unausgesetzt auf ihm ruhte: »Einen seltsamen Eindruck?«

»Ja. Rund heraus: ich habe das Gefühl, Herr Doktor Carraveau – nein, ich weiß es bestimmt: Sie glauben nicht an die Unschuld Ihrer Klientin.«

Der Verteidiger erhob sich langsam von seinem Sitz und sah den Fremden durchdringend an: »Woher wollen Sie dies wissen?« fragte er kühl.

»Ihren Worten fehlt die überzeugende Kraft, jene hinreißende Beredsamkeit, die sich mit Notwendigkeit einstellen muß, wenn die innerste Überzeugung spricht. Sie halten Ihre Klientin für schuldig, Herr Doktor, und darum ist jedes Wort, das Sie sprechen, verloren. Sie tun Ihre Pflicht, zweifellos – und niemand kann Sie tadeln. Aber Sie mögen für diese Frau sprechen, soviel Sie wollen – es wird Ihnen nicht gelingen, zu überzeugen – aus dem einfachen und einzigen Grunde, weil Sie selbst nicht überzeugt sind. Und darum – als ehrlicher Mann werden Sie das nicht bestreiten – darum ist das ›Schuldig‹ sicher.«

Der Rechtsanwalt preßte die Lippen aufeinander: »Und der Grund Ihres Besuches, Herr Severin?« fragte er langsam.

Der andere ließ sich in den Sessel nieder und sah dem Doktor ins Gesicht: »Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, den Sie vielleicht seltsam finden werden,« sagte er ein wenig zögernd – »allein – es handelt sich hier um ein Menschenleben, um das Leben eines jungen, schönen, blühenden Menschen. Ich war, ich sagte es schon, im Gerichtsaal. Gestern und heute. Ich habe Ihrer Klientin in die Augen gesehen. Und ich weiß es gewiß: diese Frau ist unschuldig.«

Der Doktor nickte und lehnte sich nervös zurück.

»Diese Frau ist unschuldig. Und damit komme ich zu dem Zweck meines Besuches. Ich bin Jurist; man hat mich sogar vor einigen Jahren einmal hier angenommen. Aber ich habe meinen Beruf niemals im Ernst ausgeübt. Ich bin reich und unabhängig, mein Vermögen gestattet mir, zu leben wie ich will und wo ich will – zu helfen und zu verteidigen, wo Hilfe nottut – anzuklagen, wo Schuld ist. Und darum mache ich Ihnen das Anerbieten, Herr Doktor: lassen Sie mich an Ihre Stelle treten, lassen Sie mich die Verteidigung Ihrer Klientin übernehmen. Lassen Sie meine Überzeugung an die Stelle Ihrer Pflichterfüllung treten. Lassen Sie meine Beredsamkeit, die aus heißem Herzen kommt, vor den Schranken des Gerichts für das Leben jener Frau kämpfen.«

Der Doktor hob den Blick: »Ich will von allem Gefühlsmäßigen absehen,« begann er, langsam mit wärmerem Ton, »wir sind Männer – von gekränkter Eitelkeit, von Berufstolz und dergleichen kann hier nicht die Rede sein. Es handelt sich um ein Menschenleben. Ich werde Ihren Vorschlag meiner Klientin mitteilen; sie selbst mag entscheiden.«

»Ich wüßte etwas Einfacheres,« warf der Besucher ein. »Lassen Sie uns gemeinschaftlich die Frau aufsuchen. Sie soll mich sehen – ich will sie sehen. Es wird Ihnen nicht schwer werden, die Erlaubnis zu einer Unterredung zu erhalten, wenn Sie ihren Zweck nennen.«

Der Doktor erhob sich: »Gut,« sagte er kurz. »Wir werden zu zweit gehen.« –

Der Fall der Frau Felizie Wahl hielt die Mittelstadt in einem Wirbel der Erregung. Die Unbegreiflichkeit dieses seltsamen Mordes, den ein Mensch, den niemand gesehen hatte, zwecklos, grundlos und sinnlos im undurchdringlichen Dunkel der Nacht begangen hatte, machte den grausigen Fall nur um so mehr zum Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit. Die Meinungen waren geteilt. Würden unter den Männern Stimmen des Mitleids, des Zweifels an der Schuld der schönen jungen Angeklagten laut – die Frauen waren wie immer die Feinde ihres eigenen Geschlechts. Im innersten Herzen hatte wohl ursprünglich niemand gewagt, der blonden Felizie eine solche Tat zuzutrauen. Erst als die Nachforschungen tastend und wägend Schritt für Schritt einem unerwarteten Ziel näher krochen, setzte eine atemlose Beklemmung ein, und tausend Augen starrten auf das Dunkel, das langsam Gestalt anzunehmen begann. Die Spannung wuchs von Tag zu Tag. Durch diese fiebernden Hirne zitterten die widerstreitendsten Gefühle: Ungläubigkeit, Mitleid, Haß, staunendes Nichtverstehen. Und dann schwirrte plötzlich ein neuer Name durch die Luft – eine neue Erregung.

An dem Tage, an dem Franz Severin, der Unbekannte, an Stelle-des Verteidigers schützend vor die Angeklagte trat, steigerte sich die allgemeine Spannung aufs äußerste.

Das Gebäude war dicht umlagert, und die drückende Luft, die über dem kleinen Saal lag, zitterte schwül durch die Mauern, durch die geschlossenen Fenster und Türen hinaus auf die lautlos harrenden Menschen.

Der Mann mit dem energischen Gesicht und mit den ruhigen Bewegungen machte Eindruck, das fühlte man. Ein angesehener, gesellschaftlich hochstehender Mensch, der frank und frei die Partei der Angegriffenen genommen hatte – das gab den Zweifelnden neue Nahrung, den Unsicheren freudigen Halt.

Franz Severin wandte sich mehr an die Menschen denn an die Richter. Er sprach von dem Vorleben der jungen Frau – von ihren makellosen Mädchenjahren, von ihrem unantastbaren Ruf. Auf jeden Einwand war er vorbereitet – jedem Zeugen wußte er hier und da eine kaum merkliche Unstimmigkeit nachzuweisen, die geeignet war, den Sinn der Dinge umzustoßen oder doch zu ändern. Und schon am Abend des ersten Tages begann das starre Gerüst der Anklage zu wanken.

Am zweiten Tage meldete sich bei Severin ein Mann, der eine wichtige Aussage zu machen hatte. Eine halbe Stunde später stellte ihn dieser dem Gerichtshof vor.

Der Bericht des Fremden lautete: »Ich habe in der Nacht vom fünfzehnten auf den sechzehnten, wenige Minuten vor zwölf Uhr, einen fremden Mann über das Gitter der Villa Wahl steigen und in der Richtung nach dem Hause verschwinden sehen.«

In der Nacht vom fünfzehnten auf den sechzehnten kurz nach zwölf Uhr war der Mord geschehen.

»Warum sagen Sie uns das erst heute?« fragte der Vorsitzende stirnrunzelnd.

»Ich bin am sechzehnten früh nach dem Süden gefahren,« war die Antwort, »und erst gestern abend von meiner Reise zurückgekehrt. Da habe ich in der Zeitung von dem Prozeß Wahl gelesen und auch die Einzelheiten erfahren. Ich hörte, daß man nach einem Unbekannten sucht, der in jener Nacht unhörbar gekommen und ungesehen verschwunden sei. Jenen Unbekannten habe ich gesehen – das Datum: die Nacht vom fünfzehnten auf den sechzehnten ist mir darum genau erinnerlich, weil ich am folgenden Tage jene Reise angetreten habe.«

Am folgenden Abend wurde Felizie Wahl aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Ein Wunder hatte sich vollzogen; die öffentliche Meinung war in wenigen Stunden umgesprungen wie ein gewaltiger Wirbelwind. Plötzlich war kein einziger mehr, der an Felizies Schuld glaubte; der furchtbare Druck, der auf aller Herzen gelastet, die dumpf brütende Angst schlug um in jauchzendes, liebevolles Mitfühlen. Das Leben hatte gesiegt; die Freude über die Freisprechung war allgemein. Als Felizie aus dem dunklen Mauertor in den Sonnenschein hinaustrat, erwartete sie eine vielköpfige Menschenmenge. Ein Wagen hielt; sie stieg ein. Aller Häupter entblößten sich. Eine Blume flog zu ihren Füßen nieder. Schüchtern rief jemand ihren Namen. Ein zweiter fiel in den Ruf ein, und plötzlich scholl aus tausend Stimmen ein ungeheurer jauchzender Glückwunsch durch die Luft. Der Wagen fuhr ab. Sie neigte sich dankend zurück, während ihr die Tränen in die Augen stiegen. Schimmernd schwirrten zahllose Blumen nieder. Und während sie in den Sommermorgen hineinfuhr, brauste wie eine gewaltige Sinfonie des Lebens der vielstimmige Freudenschrei dieser Menschen hinter ihr her.

Zwei Tage später erhielt Franz Severin einen Besuch. Felizie selbst war es, die ihrem Retter dankte.

Zum ersten Male verließ ihn seine kaltblütige Ruhe, als er in diese Augen sah, die ihn dankerfüllt unter Tränen anlächelten, und sein Blick fuhr verwirrt über das blonde Haar und über diesen feingeschnittenen Kopf, den er dem Schafott abgerungen hatte. Und plötzlich war er sich klar darüber: es war wohl nicht menschliches Mitleid allein gewesen, was ihn vor die Schranken des Gerichts getrieben hatte. Er liebte diese Frau. Liebte er sie nur, weil sie unschuldig war? Oder war es vielleicht nur ein Schleichweg, den die Natur hier eingeschlagen hatte, die unbeirrt ihre Zwecke verfolgte? Ahnend fühlte er den dunklen Zusammenhang der Dinge, die Fäden, die das Seelische mit dem Körperlichen verbanden und die unsichtbar und unentwirrbar ineinander übergingen. Und er gab sich der süßen Lässigkeit dieser dämmernden Gefühle hin, die feiner waren als menschlicher Verstand, stärker als menschliche Kraft.

Felizie sah ihrem Retter verstohlen ins Gesicht – diesem schönen schweigsamen Mann, der sie aus Not und Tod gerettet hatte, und ihre zitternden Nerven spürten die heiße Welle, die unsichtbar durch den Raum flutete. Die Starre, die während der letzten Zeit über ihrem Wesen gelegen hatte, wich vor diesem ehrlichen, aufrechten Menschen. Und zum ersten Male seit langen Monaten ging es wie ein glückliches Lächeln über ihre Züge.


* * *


Franz Severin stieg aus und gab dem Fahrer Befehl, heimzukehren. Die kurze Strecke Weges, die durch den kleinen Park führte, wollte er zu Fuß zurücklegen. Er dachte an Felizie, die nun seit zwei Monaten seine Frau war, und ein leichter Schatten huschte über sein Gesicht. Sie war glücklich; daran war kein Zweifel. Sie liebte ihn; er fühlte es mehr, als er es wußte. Nur diese seltsamen Anfälle von Schwermut, die sich jedesmal einstellten, wenn jene Briefe kamen. Zuerst hatte er an heimliche Schulden geglaubt. Er hatte lächelnd ihr Nadelgeld verdoppelt. Aber die Wolken wichen nicht von ihrer Stirn.

Eben schlug es neun Uhr. Um neun Uhr wollte er mit Felizie bei Heiders sein. Nun kam er allein.

Heute war wieder jener Brief gekommen – kurz bevor sie zusammen fortgehen wollten. Er hatte deutlich die Veränderung in ihren Zügen bemerkt, als sie den Briefumschlag mit der Aufschrift erblickte. Gleich darauf hatte sie ihn gebeten, allein zu fahren; ihre Stimme hatte einen unbeschreiblich matten Klang gehabt; er hörte ihn noch: »Ich habe Kopfschmerzen. Sage ein paar Worte der Entschuldigung.«

Er wollte sich nicht in ihr Vertrauen drängen. Daß er jederzeit bereit war, ihr zu helfen, wußte sie; wollte sie dennoch nicht reden – zu zwingen vermochte er sie nicht.

Ein Wagen hielt vor der Villa; es war das Gefährt des Medizinalrats. Die Dame des Hauses kam Severin mit verweinten Augen entgegen: »Die Kleine ist plötzlich schwer krank geworden,« sagte sie traurig. »Da muß ich Sie leider bitten . . .«

Er sagte ein paar bedauernde Worte und ging.

Das Grau des Abends war in schweres Dunkel übergegangen. Der frische Wind hatte sich gelegt, und schwarze Regenwolken zogen sich still und drohend zusammen. Ein paar große Tropfen fielen – gleichwohl öffnete Severin den Überrock unter der drückenden Schwüle, die ein herannahendes Gewitter verkündete –Der Park war still, wie ausgestorben. Wie ein Echo ebbte das Branden der Stadt herüber. Gellend pfiff ein ferner Bahnzug; er fuhr nervös zusammen. Dann lächelte er über sich selbst und spitzte den Mund zu einem lustigen Lied; die Melodie erstarb auf seinen Lippen. Seltsame Geräusche schlugen an sein Ohr; einen Atemzug lang glaubte er eine klagende Stimme zu hören, die seinen Namen rief.

Ohne daß er es gemerkt hatte, war er in die Straße gelangt, in der er wohnte. Dort vorn ging ein Mann vor ihm her. Irgend etwas an dieser Gestalt fiel ihm auf, ohne daß er sich hätte erklären können, was. Die Gestalt war gekleidet wie hundert andere, und doch kam es ihm mehr und mehr zum Bewußtsein, daß er diesen Menschen kannte. Ein seltsam beklemmendes Gefühl kam über ihn. Jener Fremde, der in der Richtung schritt, in der sein Haus lag, flößte ihm beinahe Angst ein. Er bog in den kleinen Park und ging mit schnellen Schritten voraus, um jenen zu überholen. Dann stellte er sich hinter einen Baum und starrte dem Vorüberschlendernden ins Gesicht. Und plötzlich wußte er's: es war der Zeuge; jener Mann, der ausgesagt hatte, er habe in der Nacht vom fünfzehnten auf den sechzehnten einen Fremden über das Gitter der Villa steigen sehen. Er konnte sich keine Rechenschaft geben, warum – aber der Anblick dieses Mannes in der Straße, in der er mit seiner jungen Frau wohnte, war ihm unerträglich. Er ging ihm lautlos nach, immer in das Dunkel der Bäume gedrückt. Der Vorausschreitende blieb stehen. Er sah sich argwöhnisch um, ging dann mit schnellen Schritten über die Straße und zog den Klingelknopf an seinem Hause. Severin blieb stehen und starrte auf den Mann, der dort drüben wartete. Eine helle Gestalt kam den Kiesweg herunter. Rasender Schmerz schoß Severin zum Herzen. Es war Felizie.

Sie schloß auf und ließ den Fremden eintreten wie jemand, den sie erwartet hatte. Dann ging sie mit ihm ins Haus.

Severin taumelte mit den schweren Schritten eines Trunkenen über die Straße. Er zog den Schlüssel und ging auf den Seiteneingang seines Hauses zu. Im Zimmer seiner Frau flammte eben Licht auf. Er ging geräuschlos durch die Räume bis zu dem kleinen Zimmer, das neben dem Speisesaal lag. Die Stimmen der beiden schlugen wie durch brodelnden Nebel an sein Ohr. Er hörte seine Frau sprechen – bittende, angstvolle Worte; dazwischen das grollende Drohen der fremden Stimme. Und plötzlich verstand er: der Mann forderte Geld. Zaghafte Einwendungen von seiten Felizies, auf die er höhnisch und kalt antwortete. Dann klirrte ein Schlüssel; ein Schloß schnappte, Scheine knisterten. Türen schlugen dröhnend zu, und der Mann verließ das Haus.

Franz Severin trat ans Fenster und blickte der breitschultrigen Gestalt nach.

Die Schiebetür rollte auseinander. Im nächsten Augenblick tönte ein leiser Schrei. Vor ihm stand Felizie. Sie sah ihn an. Jeder Blutstropfen war aus ihrem Gesicht gewichen; ihre Hand sank schlaff herunter. Ein müder Zug trat in ihre Augen. Er trat auf sie zu und spreizte, wie von plötzlichem Abscheu ergriffen, die Hände gegen sie.

»Also doch – du bist die Mörderin?«

Ihr Kopf sank langsam herab; ihre Augen bohrten sich in den blutroten Teppich. Von fern klang die Hupe eines Automobils durch die Nacht.

»Antworte!« drängte er.

Sie nickte.

»Warum hast du es getan?« fragte er mit einer Stimme, die plötzlich ganz ruhig war.

»Er quälte mich mit seiner wahnsinnigen Eifersucht; ich wäre zugrunde gegangen an seiner Seite.«

»Jener Zeuge hat also die Unwahrheit gesprochen?«

Sie öffnete ein paarmal den Mund. »Ja,« sagte sie endlich.

»Wer hat ihn gedungen?«

»Meine Mutter.«

Er warf einen irren Blick auf sie und wandte den Kopf. In diesem einen Augenblick hatte er das Gefühl, als ob die Welt zusammenstürzen müsse. Alles, woran er geglaubt, wofür er gekämpft hatte, der ganze Inhalt seines Lebens war vernichtet. Seine Hand umkrampfte den Hut, und er stürzte in die Nacht hinaus.

Als er nach einer Viertelstunde zurückkehrte, saß Felizie am Schreibtisch. Sie hob mühsam den Kopf; plötzlich stand sie auf mit einer Bewegung, aus der namenlose Angst sprach: »Wo warst du?« fragte sie leise.

Er schwieg.

»Du hast mich verraten?«

»Für mich gibt es nur eins. Unschuld oder Schuld – Freiheit oder Strafe!«

Draußen fuhr ein Wagen vor. Lichter blitzten auf. Eine Glocke schrillte durch die Nacht. Sie blickte ihn an. Er nickte: »Sie kommen.«

Die Männer, die der verwunderte Diener ins Haus ließ, fanden eine Flucht von leeren Zimmern. Die geöffneten Türen wiesen zum hinteren Ausgang: dorthin, wo der See schimmerte. Ein paar halblaute Rufe klangen; Laternen flammten auf.

»Hier,« sagte einer leise. Am Ufer des dunklen Wassers fand man ein paar Fußabdrücke. Sie wiesen den Weg, den die beiden gegangen waren.