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Palle Rosenkrantz – Der sechste Sinn

Kriminalroman

Palle Rosenkrantz, Der sechste Sinn, Übersetzung von Dr. Friedrich Leskien und Marie Leskien-Lie, Verlag von Fr. Wilh. Grunow, Leipzig, o. J.



Ein Stelldichein

»Einen Kuß, Monny, nicht wahr?«

»Glaubst Du, das geht, Arthur?«

»Natürlich, man wird doch seinen Schatz küssen dürfen – das war stets Brauch in Dänemark, und ist's noch heutzutage.«

Und so bekam Monny Busgaard einen wohlgemeinten Kuß. Sie war 18 Jahr alt und Arthur 22, in dem Alter ist so etwas angenehm. Und in diesem Falle war es um so angenehmer, als kein Mensch etwas davon wußte. Die beiden Liebenden waren heimlich verlobt; sie war die Tochter des Gutsbesitzers Busgaard auf Braendholt im Bezirk Leire, und es war auf Braendholt in einer tiefen Fensternische der Gartenstube, wo der Kuß gegeben wurde. Er war durchs Fenster gekommen und hatte diesen etwas ungewöhnlichen Weg benutzt, weil ihm der Zugang zu Braendholt durch die Haupttür verschlossen war. Warum? Ja, Gott weiß warum. Viel Mühe und Ärger hätte er sich sparen können, wenn er den geraden Weg gegangen wäre; nun ging er den krummen, den verborgnen, aber ungeheuer romantischen.

Arthur Franck war stud. jur. Der Vater war Großkaufmann in Wein und Zigarren. Alles dies klärt auf, erklärt aber nichts und eine vernünftige Erklärung ist wohl auch kaum möglich.

Der liebt nicht, der nicht beim ersten Blick liebt. Die beiden hatten einander eines Abends auf einem Ball bei Monnys Tante Bine getroffen und sie gehörten einander fürs Leben. So meinten sie auf jeden Fall selber. Der normale Schritt wäre nun gewesen, dieses Faktum den respektiven Angehörigen und der großen Welt kund zu tun. Aber das taten sie nicht. Monny war bange vor ihrem Vater. Gutsbesitzer Busgaard haßte die Juristen, weil ein Rechtsanwalt ihn bei einem Güterhandel geprellt und ein Amtsrichter ihm nicht recht gegeben hatte, als er den Anwalt verklagte. Das war lange her, aber Busgaard war ein Mann, der an seinen Ansichten festhielt; und als Thomas, der Sohn des einzigen Bruders seiner Frau, hinging und Jurist wurde, sogar Dr. juris und Kriminalassessor, schwor Busgaard, daß Thomas seinen Fuß nie mehr in sein Haus setzen sollte. Das war schlimm, denn Thomas Klem liebte Busgaards älteste Tochter Tine und da sie ihn wiederliebte, gab das Anlaß zu sehr bewegten Szenen im Hause.

Monny begriff also sehr wohl, daß, wenn auch sie jetzt mit einem Rechtsgelehrten daherkäme, das Maß des Unglückes voll sein würde. Daher versuchte sie, Arthur von der Rechtswissenschaft abzubringen; das wäre wohl gegangen, wenn er selber das Bestimmungsrecht darüber gehabt hätte; aber er mußte seinem Vater gehorchen, und daher blieb seine Verlobung mit Monny geheim.

Das war ja auch ganz praktisch für einen jungen Mann von 22 Jahren; denn warum mit seinem Glück prunken und goldene Fesseln tragen? Das sagte Mosjö Arthur indessen nicht zu Monny, und sie fand die heimliche Verlobung furchtbar romantisch und gräßlich interessant.

Drei Vierteljahre hatte dieser kleine Roman gedauert. Die Liebenden sahen sich selten, wechselten aber zärtliche und liebevolle Briefe – per Post, aber nicht direkt. Die Post auf Braendholt war das Ereignis des Tages; sie kam angefahren und wurde in einer Tasche abgeladen, wozu der Herr des Hauses den Schlüssel hatte. Er nahm alle abgehenden Briefe in Empfang, und es wäre für Monny unmöglich gewesen, einen Brief in die Tasche hineinzuschmuggeln oder heimlich herauszunehmen. Erfinderisch wie Liebende sind, hatte sie daher ein Abkommen mit der alten Aufwartefrau des Gutes, Stine, genannt Stine Steiffinger – aus leicht begreiflichen Gründen – getroffen, und diese alte Frau besorgte nun gegen eine geringe Bezahlung Monnys Briefe zur Post und expedierte Arthurs Briefe in Monnys Hände.

Da geschah das Furchtbare, was immer geschieht in Romanen, die von schönen Mädchen mit hartherzigen Vätern handeln; und das Furchtbare kam in Gestalt eines jungen Ingenieurs, der eine elektrische Lichtanlage auf Braendholt einrichten sollte. Das Furchtbare veranlaßte Monny Botschaft an Arthur zu senden, er solle sich unverzüglich einfinden und verkleidet und unter fingiertem Namen Aufenthalt beim Waldhüter des Ortes nehmen. Und obgleich es nahe an Weihnachten und bitter kalt war, kam Jung-Arthur.

Monny weinte viel vor Kummer und Freude und erzählte ihm das Furchtbare. Arthur ward bedenklich und bereitete sich auf einen längeren Aufenthalt beim Waldhüter vor, um den Gang der Schlacht verfolgen zu können. Die beiden trafen sich im Walde; aber da war es kalt und deshalb erzwang Jung-Arthur eines schönen Tages den Eintritt durchs Fenster.

Er stand also in der Nische mit Monny und küßte sie. »Monny,« sagte er nach einem Kuß ungefähr so lang wie vorstehende notwendige Erklärung. »Monny, jetzt halte ich es nicht länger aus. Die Waldhüterhütte ist eine Höhle; wärst Du bei mir, wollte ich sie für ein Schloß ansehen, aber Du bist nicht da. Das Essen ist nicht zu genießen, – wärst Du da, könnte ich Sohlenleder essen, aber Du bist nicht da; das Bett ist wie –«

Monny hielt mit ihrer kleinen weißen Hand dem Geliebten den Mund zu, und er küßte sie.

»Kurz,« fuhr er fort, »ich kann nicht mehr. Herrgott, Dein Vater wird mich wohl nicht fressen, und laß ihn kommen, ich werde ihn schon zu nehmen wissen . . .«

»Es ist unmöglich,« unterbrach ihn Monny, »Du kennst Vater nicht. Es ist unmöglich.«

Und sie sah sich um und lauschte.

»Es ist schrecklich unvorsichtig von Dir, hierher zu kommen. Mutter und Tine sind bloß in den Pfarrhof hinüber und die beiden Jungen können jeden Augenblick kommen. Vater schläft drinnen in seinem Arbeitszimmer und der Ingenieur –«

Arthur runzelte die Brauen: »Der Ingenieur! Ich will das Weiße in des Schurken Auge sehen – Monny! Nein, jetzt hat es lange genug gedauert, es muß ein Ende haben. Du sagst, Deine Schwester habe Dir erzählt, sie hätte Deinen Vater sagen hören, Ingenieur Willumsen wäre ein Mann für Dich – gut, laß den Unglücklichen sein Schicksal ereilen!«

Stud. jur. Arthur Franck war ganz romantisch anzusehen. Seine Augen funkelten und seine Monny küßte ihn. Alles in der Gartenstube auf Braendholt in einer tiefen Nische neben einem großen Mahagonisekretär.

Plötzlich knarrte eine Tür, und die Liebenden fuhren zusammen. Es war 4 Uhr und beinahe dunkel. Monny zog den Geliebten tief in die Nische zurück und – o Schreck! – durchs Zimmer schritt breit und mächtig der Herr des Hauses, Gutsbesitzer Busgaard, in der Hand ein großes gelbes Kuvert. Er paffte aus seiner Meerschaumpfeife und sprach vor sich hin, wie es seine Gewohnheit war. Er steuerte grade auf den Sekretär los.

Dort blieb er stehen, während die beiden jungen Leute in atemlosem Schweigen in der Nische standen. Der Herr des Hauses nahm sich gute Zeit. Er entnahm dem Kuvert einen Haufen Banknoten und zählte sie. Es waren 2500 Kronen. Dann steckte er sie wieder ins Kuvert und legte sie in ein Fach des Sekretärs.

Die beiden standen dicht aneinander und hielten den Atem an. Der Gutsbesitzer bemerkte sie nicht und ging gemächlich und ruhig den Weg zurück, den er gekommen war.

Das war eine Erleichterung, aber es dauerte eine Weile, ehe Monny die Sprache wiederfand, und Arthur wußte nicht, was er sagen sollte.

»Das war Vater,« sagte Monny endlich.

»Das kann ich mir denken,« erwiderte Arthur.

»Gott sei Dank, daß er uns nicht gesehen hat,« sagte sie.

»Gott sei Dank,« wiederholte er; aber dann fiel ihm ein, daß es im Grunde viel praktischer gewesen wäre, wenn er sich zu erkennen gegeben und das Donnerwetter über sich ergehen lassen hätte.

»Monny,« sagte er, »ist es nicht viel besser, ich gehe hinein zu Deinem Vater und sage wie Luther auf dem Reichstage zu Worms: Hier stehen wir, wir konnten nicht anders, Gott helfe uns! – so sagt der strenge Vater sicher Amen.«

»Du kennst Vater nicht, Du kennst Vater nicht,« antwortete Monny und schauderte – »er tut es nie in Ewigkeit.«

»Und was wollte er hier im Sekretär?« fragte Arthur. Denk, wenn er das oberste Fach geöffnet hätte, das Dein liebevoller Leichtsinn als Briefkasten braucht.«

Monny lächelte. »Du bist dumm, Arthur. Jetzt sind ja keine Briefe darin.«

Arthur küßte die Geliebte. Sie hatte recht. Es waren keine Briefe darin, aber das oberste Fach des Sekretärs war doch der Briefkasten der Liebenden; und das war Monnys Idee. Und da diese Idee eine bedeutende Rolle in dieser kleinen Erzählung spielt, soll sie näher und ausführlich besprochen werden. Wie schon bemerkt, war die alte Aufwartefrau, Stine Steiffinger, Postillon d'amour für unsere beiden Liebenden. Nun könnte es scheinen, als wäre es das Leichteste und Bequemste gewesen, daß besagter Postillon d'amour die Briefe von Monny an Arthur und vice versa zur Weiterbesorgung empfing. So glatt ging es indessen nicht. Um es schwieriger zu machen, hatte Monnys kleines romantisches Gehirn einen verwickelteren Postgang ausgeheckt. Stine kam am ganz frühen Morgen auf den Hof, um beim Reinemachen usw. zu helfen. Sie ging um 8 Uhr heim in ihr Häuschen und kam dann selten wieder, weil sie noch für den Waldhüter und einen alten Auszügler die Wirtschaft zu besorgen hatte. Die Post kam um 2 Uhr und die Briefe waren an Stine adressiert. Statt damit nach dem Gutshof zu gehen, wie es natürlich gewesen wäre, aber vielleicht auf dem regelmäßig eingerichteten Hof Argwohn erregt hätte, wartete Stine bis zum nächsten Morgen und legte dann den Brief, wenn einer angekommen war, in das erwähnte Fach des Sekretärs. Am gleichen Ort holte sie Monnys Briefe. Es konnten Wochen vergehen, wo Monny und Stine einander nicht sahen, und kein Mensch würde Argwohn fassen, daß zwischen diesen beiden eine Verbindung bestände. Eine Entdeckung bei einer Untersuchung des Sekretärs war nicht zu befürchten, da es niemanden einfiel, in das Fach zu gucken, und die Briefe ganz weit hinter gelegt wurden.

Aber jetzt war es doch sehr bedenklich, daß der Sekretär auch vom Herrn des Hauses benutzt wurde, und es war daher mehr als zweifelhaft, ob der geheime Postdienst in den gewohnten Formen aufrecht erhalten werden konnte .

»Du Thure!« sagte Monny, »in dem Fach, das ich immer benutze und das nicht verschlossen werden kann, ist ein breiter Spalt. Wenn wir uns nun hinschleichen und durchgucken, so können wir sehen, was Vater in das Fach gelegt hat, und ist es etwas Wichtiges, so müssen wir den Briefkasten aufgeben. Bleib nur ruhig in der Nische stehen, ich werde nachsehen.«

Und Monny schlich auf den Zehenspitzen zum Sekretär. Hell war es nicht, aber doch genug, daß man sehen konnte, und das Licht fiel vom Fenster her auf den Sekretär. Monny spähte, dann schlich sie durchs Zimmer und horchte an der Tür zum Eßzimmer.

»Ich höre Vater draußen im Hof,« sagte sie. »Komm nur hervor Thure, jetzt sind wir ganz allein im Hause.«

Und Thure kam hervor. Die beiden zogen das Fach mit Hilfe eines krummen Nagels, der Monnys Dietrich bildete und den sie zu diesem Zwecke in einer Nische des Sekretärs aufhob, auf.

Durch den breiten Spalt in dem leeren »Briefkasten« spähten sie in das verschlossene Fach hinab. Es war äußerst spannend; denn sie konnten jeden Augenblick überrascht werden.

»Du Monny!« sagte Arthur, »wenn wir das Fach herausziehen, können wir nehmen, was in dem darunter liegt; wenn es Geld ist, so ist es ein ganz schlechter Aufbewahrungsort, den der Alte sich gewählt hat, und ist er nicht verständiger, so brauchen wir beide wirklich nicht bange vor ihm zu sein.«

Sie zogen das Fach heraus und in dem jetzt zugänglichen Fach lag ein großes gelbes Kuvert offen und von Wohlstand schwellend vor ihren Augen; es barg 2500 Kronen.

»Monny,« sagte Arthur, »die nehmen wir und flüchten damit in die weite Welt.«

»Bist Du verrückt?« rief Monny. In diesem Augenblick hörte man Pferdegetrappel auf dem Hof.

»Das sind Mutter und Tine,« flüsterte Monny, »Du mußt gehen – Du mußt zum Fenster hinaus, den Weg, den Du gekommen bist, aber rasch, in einem Augenblick sind sie drinnen!«

Das Fach kam wieder hinein, Monny bekam einen Kuß – den letzten – und dann verschwand Romeo zum Fenster hinaus in den Garten, wo die Dunkelheit sich über die Bäume herab zu senken begann. –

Dies geschah Sonnabend Nachmittag am 16. Dezember auf Braendholt.

Montag morgen, am 18. desselben Monats, als Gutsbesitzer Busgaard hereinkam, um das Kuvert mit dem Geld zu holen, lag in dem verschlossenen Fach nur das leere Kuvert.

Das Geld war gestohlen.



Familie Busgaard

Gutsbesitzer Hans Busgaard auf Braendholt war ein Mann von 56 Jahren, Sohn eines Landmannes und Besitzers von Braendholt, Enkel eines Landmannes und Besitzers von Braendholt, und Urenkel eines Landmannes und Besitzers von Braendholt. Damit hörte der Stammbaum auf und das Geschlecht verlor sich im Dunkel der Hörigkeit und Leibeigenschaft. Jetzt waren Schillinge in der Truhe und Ordnung in den Sachen. Nicht daß Busgaard ein hervorragender Landwirt gewesen wäre, das war er durchaus nicht, im Gegenteil; die Landwirtschaft interessierte ihn eigentlich nicht; er bewirtschaftete seinen Hof, der zirka 200 Tonnen Landes umfaßte, mit einem Verwalter, den er in der Regel viele Jahre lang hatte, bis die Lust selbständig zu werden diesen Nächstkommandierenden aus sicherer Lage einem ungewissen – oder richtiger gewissen Schicksale als eigener Herr entgegenführte. Busgaard griff selber nur ein, wenn er eine Entschuldigung für sein Dasein brauchte, und daraus entsprang regelmäßig Skandal mit dem Gesinde, weil es Busgaard ebenso schwer fiel die Gaben zu verstehen, die der hochselige König Friedrich der Siebente mit der Verfassung dem dänischen Wählervolk verliehen hatte, wie es den früheren Besitzern von Braendholt und anderem damals unfreiem Gut schwer gefallen war, die Wohltaten zu begreifen, mit denen Kronprinz Friedrich, später der sechste Friedrich die leibeigenen und in andrer Weise gehemmten Busgaards überschüttet hatte. Gutsbesitzer Busgaard war gegen seine Leute ein Tyrann im Prinzip; in praxi hatten sie es vortrefflich, solange der Besitzer sich von ihnen fern hielt, wenn er aber »wirtschaftete«, tauchten immer theoretische Fragen auf, die zu Schwierigkeiten und Gesindeprozessen führten, die Busgaard immer verlor, was seinen Haß gegen die Rechtsgelehrten nur noch steigerte. Ferner war Busgaard ein »bestimmter« Mann, das heißt wenn er zufällig eine Idee hatte, so mußte sie durchgeführt werden. Hatte er bestimmt einzufahren, so fuhr er ein und wenn es platzregnete; hatte er bestimmt zu warten, so wartete er, und wenn die Sonne strahlte und die Lerchen sangen. Es war daher mehr als gut, daß Busgaard nur gelegentlich »wirtschaftete«. Er hatte ein einziges wirkliches Interesse, ein Interesse, das nicht von den hörigen und leibeigenen Busgaards hergeleitet werden konnte, sondern das auf einem Seitenwege in die Familie hineingekommen war durch eine schwarzhaarige und schwarzäugige Italienerin, die Busgaards Vater in einem Pfarrhof getroffen hatte. Dies Interesse war die Musik.

Busgaard war beinahe »Musikidiot«. Musikidiot ist: wenn man zu Zeit und Unzeit, früh und spät, Sonntags und Wochentags sich selber in unmittelbarer Nähe irgendeines Instrumentes anbringt oder dieses in unmittelbarer Nähe von sich, und Musik macht.

Musik machte Busgaard vermittelst eines Violoncells und das strich er vom Morgen bis zum Abend mit kleinen agrarischen Unterbrechungen und zur Begleitung des unglückseligen klavierspielenden Individuums, das sich in seiner Nähe befand. In seiner Jugend war es seine Mutter, später wurde es seine Frau, und jetzt waren es seine beiden Töchter, Tine und Monny. Sie verdienten sich ihren Unterhalt mit Spielen, sagte Monny, die voll Widerspruchsgeist war – aber spielen mußten sie.

Busgaard war mittelgroß, breit und starkgliedrig, mit grauem Backenbart und einem stark geröteten Gesicht. Er hatte einen Schritt wie ein Elefant, sprach sehr laut und war immer mit der Lust behaftet zu herrschen.

So war Gutsbesitzer Busgaard; ein jeder mußte glauben, daß er unbeschränkter Herr auf Braendholt war, Unterdrücker von Hausfrau, Kindern und Gesinde, der souveräne Herrscher im Hause. In Wirklichkeit war davon gar keine Rede. Die eigentlich ausübende Gewalt lag bei Frau Abel Katharine Busgaard, geborene Klem, Tochter des verstorbenen Gutsverwalters und Justizrates Thomas Klem. Man hätte es nicht für möglich halten sollen! Frau Busgaard war so still, so still. Sie sprach leise, lächelte meist, ging so lautlos in dem großen Hause umher, hatte niemals Eile und wurde doch mit allem fertig. Sie widersprach ihrem Manne nie, beugte sich gehorsam unter seinen laut ausgesprochenen Willen und tat, da sie sicher wußte, daß Busgaard nie nachsah, ob seine Befehle befolgt würden, immer das, was sie selber wollte und was, in Parenthese bemerkt, immer das Richtige war. Frau Busgaard gehörte zu jenen Frauen, die von allen vermißt, aber unbesungen in ihr Grab gehen, bescheiden, rechtgläubig und zugleich demütig, ein lebender Protest gegen eins der grundlegenden Dogmen der Kirche, das Dogma von der Erbsünde, aber selbst im Innersten überzeugt von der eignen angeborenen Schwachheit und daher nachsichtig in ihrem Urteil über den Nächsten.

Eine freundliche, ältliche, ein wenig müde Gestalt, leicht ergraut infolge von Geburten, Kindererziehung und häuslicher Arbeit, in baumwollnem Kleid mit Haube und Strickzeug. Ein gelblichblasses Gesicht mit guten blauen Augen, die alles sehen, aber niemals spähen oder starren. So war Frau Busgaard.

Nun ist es eine nie vollständig geklärte Frage, wie die Kinder sich innerlich und äußerlich zu ihren Eltern verhalten. Da gibt es Kinder, die beiden Eltern gleichen, selbst wenn diese untereinander ganz verschieden sind; dann gibt es Kinder, die keinem von ihren Eltern ähnlich sehen, Kinder, die nur dem Vater und andre, die nur der Mutter ähnlich sehen, ja endlich auch Kinder, die Vetter Peter oder dem jungen Mann, der Provisor in der Apotheke war, ähnlich sehen – und das Ganze kann doch in Ordnung sein.

Das Geheimnis ist wohl dies, daß die Kinder in den allermeisten Fällen ihren Eltern gar nicht ähnlich sehen, sondern daß die Umwelt, die gewisse Gesetze zur Beruhigung des Gemütes und die Gewißheit, daß alles mit rechten Dingen zugegangen ist, braucht, mit Fleiß einzelne an und für sich unbedeutende Phänomene heraussucht, die beiden Parteien, oder richtiger Eltern und Kindern, gemeinsam sind. Das geht so leicht, wenn Vater rothaarig ist und Peter dieselbe Kouleur hat. Mutters braune Augen sind lange kein so gutes Ähnlichkeitsmerkmal, sintemal es viele braune Augen in der Welt gibt. Aber das Prinzip ist dasselbe, ob es sich nun um die Farbe von Haar und Augen, die Form der Nase oder kleine innere Eigentümlichkeiten, wie Reizbarkeit, Lust die Unwahrheit zu sagen, oder Milde und Reinheit in Gedanken, die sie von der Mutter geerbt hat, handelt.

Diese mehr allgemeinen Betrachtungen seien vorausgeschickt, damit der verständige Leser selbst aus dem Folgenden entnehmen kann, welche von den bei den Eltern hervorgehobenen Eigentümlichkeiten sich bei den Busgaardschen Kindern wiederfanden. Dadurch bleibt es dem Autor erspart, ein doch nicht völlig erschöpfendes Bild von etwas so schwer Bestimmbarem wie zwei jungen Mädchen von 18 und 22 und zwei Knaben von 14 und 10 Jahren zu geben.

Vier Kinder gab es also in der Familie Busgaard. Die älteste war Martine Luthera getauft, so genannt nach dem Reformator von Wittenberg. Sie hätte ein Junge werden sollen. Wie erzählt war Busgaard ein bestimmter Mann; er hatte bestimmt, daß er vier Kinder haben wollte, zuerst zwei Knaben, dann zwei Mädchen. Es ging wie es immer geht, er bekam vier und auch zwei Jungen und zwei Mädchen, wie bestimmt, aber die Mädchen kamen zuerst, und doch wollte Busgaard die Namenliste nicht ändern. Der älteste, zu geistlicher Tätigkeit bestimmte Sohn wurde also eine Tochter und zu ihrem eignen Kummer und gegen ihren kräftigen Protest in der Kirche Martine Luthera getauft. Nummer zwei, die wir unter dem Namen Monny kennen, hieß Monradine, genannt nach dem Staatsmann, Krieger und Bischof Ditlev Gothard Monrad; das arme Kind trug sein Geschick mit einer gewissen Ergebung und sprach seinen Namen so aus, daß man glaubte, es sei Konradine. Allmählich gewöhnte sie sich an den flotten Namen Monny, der zu einer Zeit, wo die Engländer mit ihrem Tee, ihren Moden und ihrem Sport die Welt eroberten, ganz angenehm in Monnys Ohren klang.

Schlimmer war es mit den Knaben. Nummer drei hieß Tyrus Dannebod Busgaard, und der jüngste hieß Margarethus. Leser, die dänische Geschichte kennen, werden dies begreifen und möglicherweise verzeihen. Die beiden armen Jungen hatten schon jetzt viel ihrer Namen wegen durchgemacht. Wenn die Eltern nur bedenken wollten, wie wehrlos die ungetauften Kleinen den Namenattentaten ihrer Väter, Mütter und Tanten preisgegeben sind, wenn sie nur bedenken wollten, wie wichtig es ist, daß Kinder zivilisierte Namen bekommen und welch große Bedeutung in einem Namen liegen kann.

Aber es ist fruchtlos hier zu predigen; die Tatsachen müssen sprechen.

Die praktische Folge von Gutsbesitzer Busgaards Bestimmtheit war die, daß seine Kinder nicht so genannt wurden, wie sie getauft waren. Die zu täglichem Gebrauch eingerichtete Namenliste war folgende: Tine, Monny, Tyr und Tut. Das klang etwas affektiert, aber es war der offiziellen Namenliste weit vorzuziehen.

Auf gleichem Fuß mit der Familie und zu dieser gerechnet stand außerdem ein Hund, der Treu hieß, und eine glänzendschwarze Katze, die Knurre hieß, sowie ein landwirtschaftskundiger Verwalter mit Namen Hans Klemmesen. Er war ein Vollblut-Jütländer von dem langschädeligen Typus, der nach dem Vater der jütländischen Bewegung direkt von Walhalls Göttern abstammt und der Prototyp des homo sapiens, d. h. des Menschen ist. Dieser Typus findet sich hauptsächlich in Himmerland und sporadisch in Salling. Mittelgroß, blondgelockt, mit guten festen blauen Augen, die mehr Einfältigkeit vorspiegelten, als ihnen innewohnte, einem Paar starker Fäuste, die einen Pflug festzuhalten verstanden und niemals ein Fünförestück losließen, einem Kindergemüt, das einen Hamburger Börsenjuden sicher und arglos machen konnte, kurz die ganze liebenswürdige Mischung von Vortrefflichkeit und Niedertracht, die den Jütländer zu dem macht, was er ist, in seinen und seiner Gesinnungsgenossen Augen der einzige richtige Däne – in den Augen der andern nichts, denn man soll sich höllisch in acht nehmen, auch nur ein böses Wort über einen Jütländer zu sagen, wenn es einem in der Welt gut gehen soll.

Klemmesen erhielt 1200 Kronen im Jahr und legte 1400 zurück. – Erkläre das wer kann, aber es war so.

Außer den hier erwähnten, zur Familie gehörigen Individuen muß noch einer genannt werden. Ein junger, schöner und in vieler Hinsicht tüchtiger Mann, Ingenieur John Willumsen, der mit dem Furchtbaren, wovon oben die Rede war. Er war wegen einer elektrischen Installation auf den Hof gekommen. Der Gutsbesitzer hatte bestimmt, daß ein altes Mühlenwerk mit dazugehörigem Teich in eine elektrische Kraftstation umgewandelt würde. Dies geschah, und Willumsen kam auf den Hof als Obermonteur und Leiter. Er gewann augenblicklich durch sein ausgezeichnetes Klavierspiel das Herz des Gutsbesitzers. Anfangs waren auch die Mädchen froh darüber, denn so hatten sie Ruhe; aber als der Ingenieur begann die Kur zu machen, schlug die Stimmung um. Tine war fest und sicher an Vetter Thomas verankert; sie betrachtete den Ingenieur mit hellen blauen Augen, in denen deutlich eine Abweisung zu lesen stand. Monny war mehr echtes Weib, ihre braunen Augen sandten den Männern manchen raschen Blick, aber da auch sie – wie wohl bekannt – einen Herzenserwählten hatte, kam in die Blicke bald Zorn und zuletzt Haß. Es kränkte sie, daß der Ingenieur ihr den Hof machte, und er, der die kleinen süßen Eigentümlichkeiten der Frau kannte, glaubte nur: sie wollte sich kostbar machen. Kurz, es kam zum Krieg. Der Ingenieur war arm wie eine Kirchenmaus, verschuldet dazu, wie man in der Stadt meinte, und Monny fand nun heraus, daß er sie ihres Geldes wegen haben wollte. Das machte sie ganz unversöhnlich und je weiter die Zeit vorschritt – der Ingenieur war jetzt drei Monate im Hause – um so mehr spitzte sich die Situation zu.

Schlimmer war es, daß Gutsbesitzer Busgaard ganz offen die Pläne des Ingenieurs begünstigte und ihn um der Musik willen gern zum Schwiegersohn gehabt hätte.

So standen die Sachen, als die 2500 Kronen aus dem Sekretär gestohlen wurden.



Zwei Rechtsgelehrte

Die Vorstellung, die die Allgemeinheit in der Regel mit einem Kriminalassessor verbindet, ist wohl folgende: ein dürrer, infolge seines geringen Gehaltes etwas schäbig aussehender älterer Herr, dessen Sprache bissig und spitz, dessen Augen kurzsichtig aber böse, dessen Wesen schroff und abweisend ist, und der überhaupt der Inbegriff alles Menschenfeindlichen und Unangenehmen ist. Die Vorstellung war in alten Tagen kaum ganz unberechtigt, aber es sind neue Zeiten gekommen, und die große internationale kriminalistische Bewegung hat das Kriminal- und Polizeigericht ganz umgewandelt. Humanität ist die Losung des Gerichtes, sein Ziel die Welt zu verbessern und zugleich die Bürger gegen die Verbrecher zu schützen, seine Mittel sind freundliche Behandlung und Entfaltung von Klugheit und Scharfsinn, unterstützt von internationalem Wissen; in Wirklichkeit fehlen den Assessoren des Gerichts nur die weißen Flügel, um für Gottes Engel eintreten zu können.

Jedenfalls gibt es Leute, die das meinen.

Und zugleich hat sich der Typus in Aussehen und Lebensweise geändert. Ein Kriminalassessor ist ein untadelig gekleideter Herr, der zur besten Gesellschaft der Stadt gehört, bei Premieren im Theater zu sehen ist, an dem geistigen Leben in dessen Zentrum teilnimmt und aus ehrlichem Willen danach strebt, ein hervorragender und repräsentativer Bürger in einer hochkultivierten Gesellschaft zu sein.

Jedenfalls gibt es einige, die das meinen.

Zu diesen gehörte Dr. juris Kriminalassessor Thomas Klem. Schlank, elegant, ein Jon Chamberlain mit Monokel und ultramodernem Anzug, ein gewandter Causeur, ein vortrefflicher Tennisspieler, ausgezeichneter Turner und Schwimmer. Dunkel, über Mittelgröße mit leicht gelichtetem Haar und 35 Jahr alt, ein Mann mit Sinn für das Schöne id est schöne Frauen, schöne Kunst, prächtige Landschaften und gute Pferde und für das Gute id est französische Küche, guten Wein und gute Zigarren sowie alles andere Gute.

Das wäre ungefähr das Signalement.

Sohn eines Obergerichtsprokurators, selbst von Geburt an zum Juristen bestimmt, Kandidat mit der ersten Note, ein paar Jahre im Justizministerium verbunden mit Tätigkeit bei einem Anwalt des höchsten Gerichtshofes, dann freiwilliger Protokollführer im Kriminalgericht, Dr. juris auf Grund einer Untersuchung über Straf- und Zurechnungsfähigkeit und schließlich mit 30 Jahren Assessor in dem vorhin erwähnten von flügellosen Engeln gebildeten Rechtskollegium.

Das wären die biographischen Daten.

Im übrigen Junggeselle aus Zwang von wegen Fehlens jeglichen Vermögens und ernstlich verliebt in Gutsbesitzer Busgaards älteste Tochter, die sanfte häusliche Martine Luthera, genannt Tine.

Diese Aufschlüsse mögen genügen.

Thomas Klem saß in seiner wohleingerichteten Junggesellenwohnung in der Störresöstraße und beschäftigte sich mit seinen Studien über moderne Kriminalogie, als es an der Tür klingelte und sein Hausfaktotum Fräulein Petersen ihm ein Telegramm folgenden Inhaltes überbrachte:


2500 Kronen aus Onkels Sekretär gestohlen; verstehe nichts. Komme sofort.        Tante Mus.


Thomas drehte sich nach seiner Hausdame herum und sagte diese wenigen Worte: »Fräulein Petersen, ich reise morgen nach Braendholt und bleibe bis nach Weihnachten fort.«

Fräulein Petersen sagte nichts, aber sie wurde blaßgrün im Gesicht. Fräulein Petersen wußte, daß Braendholt Tine bedeutete und daß Tine eine Annonce, die sie selbst bezahlen mußte von folgendem Inhalt bedeutete: Eine gebildete Dame, die gewohnt ist einem vornehmen Hause vorzustehen, sucht Stellung bei einem alleinstehenden Herrn, der usw. . . .

Fräulein Petersen wußte auch, daß dies unvermeidlich war, aber sie hoffte zäh, daß es sich recht lange hinaus ziehen möchte. Sie schloß Onkel Busgaard in ihre Gebete ein, obgleich sie diesen älteren Capulet nie gesehen hatte; sie flehte, daß er fest bleiben möchte in seinem Widerstand gegen das Glück ihres Romeo und ihr graute vor der Stunde, die kommen mußte.

Wir wollen uns nicht mit Fräulein Petersen beschäftigen; wir haben genug mit vielen andern zu tun; wir wollen nur notieren und begreifen, daß ein Weihnachten mit der Geliebten unter einem Dach verbracht eine Gefahr war, die nicht überschätzt werden konnte, mehr als das, daß es der Abschluß war mit solcher Gewißheit, wie menschliche Berechnungen sie überhaupt erreichen können.

Thomas Klem war froh wie ein Vöglein, das die Sonne bescheint; er dachte nicht an die 2500 Kronen, nicht an den Diebstahl, nicht an Onkel Busgaard und ganz und gar nicht an Fräulein Petersen. Er suchte um Urlaub nach, den er erhielt, und packte seinen Koffer. Und im übrigen dachte er an Tine, an Martine Luthera und dann noch einmal an Tine, seine Tine – unsre Tine – – –

»Der Zug hält nicht vor Roskilde!« Plautz! die Tür schlug zu, und Assessor Klem streckte die Beine von sich. Außer ihm war nur noch ein Reisender im Kupee und dieser saß versunken in das Studium einer Monatsschrift.

Es war ein Mann von ungefähr 55 Jahren, lang, mager mit einer großen graugesprenkelten Künstlermähne und einem eigentümlichen Gesicht, wie man es kennt von den Bildern der Herren Mendelssohn, Beethoven, Haydn, Liszt und anderer Herren aus dem Reiche der Töne, einem interessanten, etwas menschenfernen, aber trotzdem gütigen Gesicht, bartlos, markiert und außerordentlich anziehend.

Der Mann war Däne, denn die Zeitschrift war dänisch, und Thomas kam es vor, als kennte er das Gesicht. Die Zeitschrift war die »Wochenschrift für Rechtswesen«, von der anzunehmen war, daß nur Juristen sie lasen. Der Mann sah aus wie ein Kanzleibeamter von einem älteren Jahrgang, einem Jahrgang, der vor dem lag, welcher Kriminalassessoren zu Engeln machte.

Und Thomas kannte ihn, aber der Name – der Name!

Der andere kannte ihn ebenfalls. Sie betrachteten einander eine Weile, dann lächelte der ältere Herr und sagte freundlich: »Ich weiß, woran Sie denken, Assessor Klem!«

Thomas beugte sich vor und sah ein wenig betreten aus. Wenn der ältere Herr ihn kannte, so war es ein Fehler, daß er nicht wußte, wer es war, der ihm gegenüber saß.

Der ältere Herr fuhr fort: »Ich bin Kreisrichter Heiden aus dem Kreise Leire. Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie – ganz Sevilla kennt Don Bartholo.«

Der Kreisrichter lachte.

»Aha,« sagte Thomas, »so reisen wir vermutlich nach derselben Station. Ich fahre nach Braendholt zu meinem Onkel, dem Gutsbesitzer Busgaard.«

In dem Augenblicke fiel es Thomas ein, daß es nicht ganz klug von ihm war, dies zu sagen. Denn Kreisrichter Heiden war die Obrigkeit des Ortes, der Gerichtsbeamte, dem es gesetzlich oblag, nach dem Urheber des Diebstahls zu forschen. Und wenn man jetzt nach ihm, Thomas, telegraphiert hatte, so mußte es sein, weil man zu der lokalen Obrigkeit nicht das richtige Vertrauen hatte. Das konnte diesem durchaus nicht angenehm sein, und es galt jetzt den Zweck der Reise zu verbergen.

Der Kreisrichter schien Thomas Gedanken zu erraten; er lächelte ihm freundlich zu.

»Ja, Herr Assessor,« sagte er, »wir werden sicher in den kommenden Tagen zusammentreffen. Ich erhielt gestern die Mitteilung von einem Diebstahl, der bei Ihrem Onkel in Braendholt begangen ist, einem bedeutenden Diebstahl von barem Geld, von 2500 Kronen. Ich reise nach Hause, um ungesäumt Untersuchungen anzustellen, und ich kann nur sagen, daß ich mich außerordentlich freue, mit Ihnen zusammen zu arbeiten. Also wenn Sie geglaubt haben, Sie würden hier draußen Ferien genießen, so müssen Sie Ihren Glauben ändern.«

Und der Kreisrichter lachte mit einem stillen glucksenden Lachen.

Das ist ein vernünftiger Mann, dachte Thomas. Die Gerichtsbeamten auf dem Lande haben auf Grund gewisser Naturverhältnisse, die man ohne nähere Erklärung begreifen wird, nicht mit den Richtern der Hauptstadt Schritt halten können. Es fehlen ihnen mit anderen Worten mehr als die Flügel, und es ist sehr gewöhnlich, daß so ein Handhaber der Gerechtigkeit vom Lande oder aus einer Kleinstadt mit unglaublichem Eifer darüber wacht, daß kein Fremder einen Einblick erhält, auf welche Weise er sein kleines abgegrenztes Arbeitsfeld verwaltet. Die höheren Instanzen sind seine Feinde, die er ertragen muß; er findet sich in sie, beugt sich vor ihnen, aber kritisiert sie scharf, wenn sie seine Urteile nicht bestätigen. Er ist nach Lage der Dinge ein kleiner Herr in seiner Welt, und diese Herrenstellung erfüllt ihn mit Selbstgefühl, steift ihm den Rücken, und läßt ihm sein Bäuchlein mit Würde unter der goldgestickten Weste tragen.

So war also Kreisrichter Heiden nicht.

Das muß einen Grund haben, dachte Thomas und mit dem den Menschen innewohnenden Hang selbst die angenehmsten Phänomene als Ausfluß dieser oder jener Schwäche zu erklären, spekulierte er darüber, was es sein könnte, was den Kreisrichter Heiden veranlaßt, statt sein Territorium zu verteidigen, seine Jagdgründe fremden Jägern zu öffnen, obendrein einem Sonntagsjäger aus dem im übrigen Lande mit zweifelhaftem Recht so wenig populären Kopenhagen.

Unterdessen saß Kreisrichter Heiden da und lächelte ihn mit einem eigentümlichen, ruhigen, harmonischen Lächeln an, wie es nur die Menschen haben, deren Reich in des Wortes schönster Bedeutung nicht von dieser Welt ist, ein Lächeln, das aufleuchtet im Gesicht stark religiöser Individuen, oder bei Leuten mit ausgesprochener musikalischer oder dichterischer Begabung.

Der Kreisrichter las Thomas' Gedanken: »Ich bin nicht ehrgeizig,« sagte er freundlich. »Das hatten Sie vielleicht angenommen?«

Er ist nicht dumm, dachte Thomas. Er hatte schon früher Richter aus ländlichen Distrikten getroffen und diese waren bis zum Rande mit Selbstvertrauen geladen gewesen, das seinen notwendigen Abfluß in Berichten über vortreffliche Leistungen in der Handhabung des Rechtes fand. Dieser hier war also von einem andern Typus, und dies sei ohne Bosheit mit dem Recht der Wahrheit gesagt, ein Gerichtsbeamter von einem »anderen« Typus als dem autorisierten, besitzt Möglichkeiten zum Guten.

So meinte wenigstens Thomas! Er lachte freundlich.

»Herr Kreisrichter,« sagte er, »ich bin Grossist in der Branche. Beim Kriminalgericht wird unser junger Ehrgeiz nur spärlich von dem mütterlichen Staat gelohnt, dafür, daß wir uns mit 10000 jährlichen Diebstählen von beweglichen Gegenständen im Durchschnittswert von 10 Öre beschäftigen, begangen von ein paar hundert hoffnungsvollen Typen vom Schlage Christian Westerbro, von denen die älteren Jahrgänge durch die staatliche Besserungsanstalt nicht gebessert werden können und die jüngeren Jahrgänge durch dieselben Anstalten unweigerlich verschlechtert werden. Bedenkliches Umgehen mit dem Gute des Nächsten hat für mich das Interesse der Neuheit verloren; man wird stumpf und erkennt seine Ohnmacht. Ich behandle allmählich alle Fälle geschäftsmäßig, wie einlaufende Briefe, die von der Polizei sortiert, vom Gericht eingetragen und von mir in meiner Geschäftszeit erledigt werden. Bisweilen vergesse ich ganz, daß meine Objekte auf zwei Beinen herumlaufen und auf kopenhagnerisch fluchen; ich leugne nicht, daß es mir konveniert, meine Objekte als Sachen zu betrachten.«

»Wie gesagt, ich bin in einem Engros-Geschäft angestellt und da lernt man mechanisch arbeiten.«

Der Kreisrichter nickte. »Ich verstehe Sie. Ich treibe ein Detailgeschäft; ich schäme mich nicht, einzugestehen, daß ich nicht weiter energisch daran arbeite, das Geschäft zu erweitern, und da ich nur kurz dabei gewesen bin, es ist nur wenige Monate her, daß ich mein ruhiges Dasein im Kultusministerium mit meiner – nun ja – ebenso ruhigen Stellung in Leire vertauschte, so glaube ich, daß Sie, der Sie, wie Sie selber sagen, Grossist im Fach sind, mir hier helfen können, wo es sich um einen, das Gewöhnliche etwas übersteigenden Betrag handelt und wo ich eingreifen muß

Der Kreisrichter sah seinem Mitreisenden freundlich in die Augen. »Ich will ihnen nämlich eins sagen, Verehrtester, eine 20jährige Arbeit in einer königlich dänischen Kanzlei hat mich gelehrt, mich nie mit einer Arbeit anzustrengen, die ein anderer für mich ausführen kann.«

»Aha,« sagte Thomas.

Der andere fuhr fort: »Ihr Onkel hat selbstverständlich nach Ihnen geschickt, weil er meinem Können nicht traut. Machen Sie sich darüber keine Gedanken, lieber Assessor. Ich kann nicht verlangen, daß die Leute eine bessere Meinung von mir haben als ich selber. Ich räume den Platz – und das soll uns nicht entzweien.«

»Ich bin stolz, aber nicht hochmütig,« sagte Thomas. Entweder ist der Mann recht anständig, oder er ist ein Idiot, dachte er. Kreisrichter Heiden konnte seinem Aussehen nach das eine wie das andere sein.

Sie glitten an Vridslöselille vorüber. »Da liegt Brasen,« sagte der Kreisrichter mit wehmütigem Lächeln. »Der vierflügelige Stern erinnert mich immer an eine Kaffeemühle, wo viel dänische Jugend zu unnützem Sägemehl zermahlen wird. Traurig ist es und traurig bleibt es. Hier saust ein Zug nach dem andern vorbei und da sitzen sie drinnen und horchen. Die Tage gehen und die Nächte kommen, die Sonne scheint und der Wind heult. – Volk stirbt und Vieh stirbt, und die Mühle mahlt weiter Großes und Kleines, Taugliches und Untaugliches, das muß so sein und ist so und müßte doch anders sein, aber es ist hoffnungslos. Auf mich wirkt ein Gefängnis immer wie ein Kirchhof, wo Tote umgehen. Ich will Ihnen nämlich sagen, ich liebe die Menschen!«

Thomas sah auf, ein leichtes Staunen, eine höfliche Verwunderung stand auf seinem Gesicht geschrieben. Es war doch ein schnurriger Geselle, dieser Kreisrichter.

Der Kreisrichter lächelte wieder. »Ich schulde den Menschen das, was meinem Leben Inhalt gibt: Ich bin Musiker – leidenschaftlicher Violinspieler – und daher stehe ich in Schuld bei den verstorbenen Meistern. »Ich denke Musik – verstehn Sie –«

Thomas schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin absolut unmusikalisch. Ob man Töne auf den Därmen einer toten Katze hervorbringt, oder ob dasselbe Geschöpf Töne hervorbringt, wenn man es kräftig in den Schwanz kneift, ist für mich ganz derselbe Genuß.«

»Schade,« sagte der Kreisrichter – »schade! Es ist so wenig Reichtum unter den Menschenkindern, daß es traurig ist, wenn man sich auch nur etwas von dem Vorhandenen rauben läßt. Und Harmonie ist ein Reichtum – ein geistiger Reichtum.«

»Mag sein,« wandte Thomas ein, – »aber ich bin sehr unmoralischen Individuen im Musikerfach begegnet. Wahrhaftig die größten Musikgenies sind oft moralisch sehr wenig wertvolle Menschen gewesen. Das habe ich jedenfalls gelesen, und ich bin von vornherein geneigt, es zu glauben.«

»Ich will es nicht bestreiten,« sagte der Kreisrichter. »Die moralische Wertung ist eine eigene Sache, und es ist nur unter dem Gesichtswinkel der Selbsterhaltung, daß sich bestimmte Kategorien für gut und böse aufstellen lassen. Ich liebe die Musik und für mich ist Musik ein absolut Gutes. Tolstoi betrachtet die Musik als den breiten Weg zu den Pforten der Hölle, das heißt Ursache und Wirkung umkehren. Ein Diebsgeselle, der vortrefflich Haydn spielt, ist mir als Mensch mehr wert als einer der ›König Christian‹ falsch singt. Ich würde einen Wagner laufen lassen und wenn er einen Massenmord begangen hätte, das ist meine Schwäche.«

»Jeder hat seine,« erwiderte Thomas und zündete sich eine Zigarre an. Der gute Kreisrichter verlor sich ein bischen zu viel in allgemeine Betrachtungen, und Thomas war in hohem Grade ein Freund des Konkreten. Aber er war höflich und wenn ein Gespräch ihn nicht interessierte, ließ er den Betreffenden ruhig weitersprechen.

Der Kreisrichter schwieg indessen.

Thomas rauchte in Ruhe seine Zigarre.

»Haben Sie die gemeinsame Arbeit aufgegeben?« sagte er endlich mit einem leichten Lächeln. – »Ich kann Ihnen nicht versprechen, daß ich die Nachforschung nach Onkel Busgaards Dieb wegen Violine und Klavier aufschieben werde; das ist nun einmal nicht meine Arbeitsmethode, aber ich glaube doch, daß wir auch ohne Musik ein Resultat erreichen. Onkel ist ein leidenschaftlicher Musikant, und wenn die Herren das Orchestrale übernehmen wollen, so werde ich meinerseits den minder lyrischen Teil der Arbeit besorgen. Ist es Ihnen nicht so am liebsten, Herr Kreisrichter?«

Der Kreisrichter nickte. »Ich schulde Ihnen eine Erklärung, Herr Assessor,« sagte er, »und die sollen Sie haben, da die blinde Vorsehung uns nun einmal zusammengeführt hat. Ich lebe für meine Musik, aber ich muß eine Tretmühle für meinen Körper haben. Sie könnten mich dazu anstellen, die Buchstaben in der Berlingschen Abendzeitung zu zählen, wenn es nur etwas wäre, was täglich zu erledigen wäre. Ich muß eine Mühle treten, und nun bin ich in diese hineingeglitten. Ich trete meine Mühle; manche finden, ich tue es respektabel, andere meinen, es könnte besser sein. Ich selber trete nur, und wenn die Mühle steht, nehme ich meine Violine und spanne eine Brücke zwischen mir und dem Ewigen; auf der steigen meine Seele und meine Gedanken hinauf zu dem, was für mich der Sinn des Ganzen ist.

Das verstehen Sie nicht, weil Sie wohl nicht Künstler sind! Ich will nicht behaupten, daß ich es selber verstehe, doch so ist es, und so ist es gut und segensreich. – Ja, ich bin eine wunderliche Schnecke; aber ich werde nun einmal nicht mehr anders, und wäre ich nicht zufällig Kreisrichter in Leire, würde ich Sie wahrhaftig nicht mit meiner geistigen Einrichtung beschwert haben. Dazu bin ich nun genötigt. Ich trete meine Mühle und Sie werden erfahren, daß ich es ruhig und einigermaßen geschickt tue, aber wenn Sie forsch vorgehen wollen, wie es vermutlich Ihre Absicht ist, so ist es am besten, Sie wissen dies vorher, sonst gerate ich vielleicht mit den Zehen ins Rad und dann dreht sich die Mühle bekanntlich nicht.«

Dazu war nichts zu sagen, und als verständiger Mann, der Thomas war, sagte er auch nichts.

Die beiden erreichten Roskilde ohne ein einziges Wort über den Diebstahl auf Braendholt gewechselt zu haben. Und aus diesem Umstand hat der Leser wirklich Grund zu vermuten, daß die beiden Herren ihm noch Überraschungen bieten werden. – Was auch von ihnen erwartet wird.



Häusliche Szenen

Gutsbesitzer Busgaard meldete den Diebstahl schriftlich bei dem Gericht in Leire und unternahm sonst keine Schritte. Wohl wütete er zunächst gewaltig, aber da das Geld fort war und nicht wiederkam, wieviel er auch wütete, so beschloß er in muhammedanischer Art alle Verantwortung auf die Obrigkeit zu wälzen, in der sicheren Vertröstung, daß sie nichts ausrichten würde. Wir wollen mit ihm nicht ins Gericht gehen, wegen seines mangelnden Zutrauens. Das Telegramm an Thomas war hinter seinem Rücken abgesandt worden. Das war ein kluger Schritt, aber ein Schritt, der vorbereitet werden mußte. Und dieser Vorbereitung sollen wir nun beiwohnen.

Die Szene ist idyllisch. Mittwoch Morgen auf Braendholt um 9 Uhr. Die Familie, die wir also kennen, ist im Wohnzimmer versammelt und der Hausherr und Ingenieur Willumsen spielen eine Sonate. Die übrige Familie hört zu. Die Mädchen arbeiten in Speisekammer und Küche und draußen in Scheunen und Ställen wird gewirtschaftet. Arthur Franck ist noch nicht aufgestanden, er liegt unter dem steinharten Federbett des Waldhüters und schnarcht.

Wir lassen ihn liegen und werfen einen Blick in die Busgaardsche Wohnstube, wo die blanken Mahagonimöbel glänzen und die weißen Dielen um die Wette mit Gardinen und Sofadeckchen leuchten.

Wir beschreiben das Idyll:

Und während die starken braunen Finger des Ingenieurs über die weißen und schwarzen Tasten hinspielten, glitt Onkel Bus auf den Flügeln der Töne empor zu höheren Sphären, dort wo immer Musik gemacht wird.

Die Sonne schien auf den Schnee draußen und warf weiße Reflexe gegen das Fenster, wo Monny stand, träumend den Kopf gegen das kalte Glas gelehnt, während sie hinausspähte zwischen den Bäumen hindurch nach dem Waldhüterhaus drüben auf dem Hügel am Waldrande, wo der schiefe niedrige Schornstein Ringe gegen den blauen Himmel emporblies. Und die Sonnenstrahlen glitten über ihr braungelocktes Haupt, streiften Tines rote Wangen, wirrten sich aus den hellen aschblonden Locken heraus und blieben ruhig auf der weißen Haube von Tante Mus liegen, die am Ende des Tisches saß und die fleißigen Finger mit großen gelben Stricknadeln arbeiten ließ, während ihre lieben mütterlichen Augen auf Tyr und Tut ruhten, die sich unter dem Tisch mit freundschaftlichen Fußtritten bedachten.

Wie – hätte irgend ein Schriftsteller im indianischen Sommer das schöner machen können.

»Monny komm her und wende für Ingenieur Willumsen die Seiten um,« erklang Busgaards Stimme oben von den Sphären herab. Monny zögerte.

»Monny, Dein Vater rief,« ließ sich die milde Stimme der Mutter vernehmen.

Und Monny ging langsam durchs Zimmer, während das Cello mit seinen tiefsten, sanftesten Flötentönen lockte, und es unter Willumsens Händen pianissimo wie Silberglöckchen läutete.

Das Blatt wurde umgewendet und Monny ging finster und oppositionell zum Fenster und zu ihren Träumen zurück.

Das Cello flötete so wehmütig und die Glocken klangen so schelmisch – da knarrte plötzlich die Tür – und ging ganz langsam auf, während Onkel Bus Ruhe gebietend den Kopf schüttelte.

Es war Klemmesen.

Er brachte Neuigkeiten – und die trieben ihn vorwärts, aber die Abwehr seines Herrn lähmte seinen Schritt; er blieb stehen und drehte den Kopf, bald nach rechts, bald nach links, trat von einem Fuß auf den anderen, geriet dann unter die Macht des Cello und begann mit dem Kopf den Takt zu schlagen, während die Neuigkeit ihm auf den Lippen brannte.

Die Hausfrau beugte sich zu ihm.

»Was gibt's, Klemmesen?«

Da kam es heraus – leise flüsternd, tuschelnd aber fest und deutlich.

»Du guter Gott, Bus« – die Frau fuhr in die Höhe – »Klemmesen sagt, daß Sau Nr. 16 Ferkel bekommt und sie ebenso schnell auffrißt wie sie kommen . . .«

Ratsch – Die Musik brach ab, und Busgaard fuhr in die Höhe.

»Was sagst Du, Mutter? – Monny, Tine nimm das Instrument – da mag der Teufel Landmann sein.«

Das Violoncell fiel in Tines Schoß, Monny verwickelte sich mit den Füßen in Mutters Garnknäueln, und Tyr und Tut hüpften von ihren Stühlen. Aus der Idylle wurde ein Wirrwarr, der nur kinematographisch wiederzugeben ist.

»Warum zum Teufel« – »Bus,« tönte es ermahnend von den Lippen der Hausfrau.

»Warum sagten Sie das nicht gleich? – Sie Leithammel, Idiot, Oberjütländer . . .«

»Der Herr Gutsbesitzer spielten so herrlich,« sagte der Verwalter und legte den Kopf auf die Schulter.

Busgaard zog die Hosen hinauf und stampfte sich Zirkulation in die Beine: »Danke schön, aber wenn bei jedem Takt ein Saugferkel darauf geht, so wird es weiß Gott eine etwas zu teure Sonate. – Kommen Sie . . .«

Und Busgaard schnurrte herum wie ein Kreisel.

Tyr und Tut im Chor: »Ach Vater, dürfen wir mitkommen?«

Seid ihr verrückt, Jungens, erscholl Vaters Stimme; aber Tyr blieb dabei:

»Es ist so hübsch zu sehen, wenn eine Sau Ferkel kriegt. – Dürfen wir nicht, Mutter?« Und ehe die Frage beantwortet war, eilten Busgaard, Klemmesen und die beiden Knaben zur Tür hinaus nach den Gegenden wo es duftet, und wo eine Sau lebendige Junge bekam.

Tine lächelte und Monny wandte sich an den Ingenieur.

»Wollen Sie nicht mit hinaus und das ländliche Schauspiel betrachten, Herr Willumsen?«

Augenblicklich flog der Ball zurück: »Ja, wenn die Damen meinen –.«

Tines Lächeln löste sich in Lachen auf und Monny warf den Kopf in den Nacken. Frau Busgaard beschwichtigte freundlich. Es amüsierte sie, Monnys kleine Attacken auf den Ingenieur zu beobachten. Sie verstand sie nicht ganz, sie konnten das eine oder das andere bedeuten. Und daß sie Arthur Franck bedeuteten, wußte die zärtliche Mutter so nicht. Zärtliche Mütter wissen nicht alles, und brauchen vielleicht auch nicht alles zu wissen.

Willumsen hatte seine Ahnungen und war im Begriff, seine Vortruppen zu einem kleinen Vorstoß zu ordnen.

»Fräulein Monny,« sagte er äußerst freundlich, »machen Sie nicht einen kleinen Spaziergang bei dem herrlichen Wetter?«

Monny warf den Kopf zurück und sagte spitz: »Nein, danke.«

»Ich glaube, ich tue es,« sagte der Ingenieur darauf. »Ich bin nicht wie Sie, Fräulein Monny, die am liebsten lange Spaziergänge allein macht.«

»Geniert Sie das?« tönte es wie eine Aufforderung zum Kampf.

»Nur insofern, als ich Wert darauf legen würde, dabei zu sein,« erwiderte der Ingenieur und fügte hinzu: »sehr großen Wert.«

Monny sah ihn groß an: »danke, dann bleibe ich lieber zu Hause.«

Jetzt kam der erste scharfe Schuß: »Man sollte meinen, Sie gingen zum Stelldichein.«

Monny richtete sich empor, schritt durchs Zimmer, stemmte die Hände in die Seiten und blieb mitten vor ihrem Feinde stehen: »Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten, unverschämter Mensch!«

»Aber Monny!« erscholl es im Chor von Mutter und Schwester. Doch Monny ging stolz und hochaufgerichtet wie Carmen im ersten Akt durchs Zimmer und verschwand durch die Eßzimmertür.

Willumsen sah ihr lange nach, und sagte dann zu Tine gewandt: »Sie kann mich gewiß nicht recht leiden.«

Tine lachte. »Das scheint so.«

»Ist sie in einen anderen verliebt?« fragte Willumsen prüfend.

»Nicht daß ich wüßte,« antwortete Tine. »Glaubst Du wohl, Mutter?«

»Nein, da garantiere ich dafür,« sagte Frau Busgaard und legte das Strickzeug beiseite. »Machen Sie sich nichts daraus, Herr Ingenieur. Monny ist ein Kind. Sie ist ein wenig eigen. Sie meint es gut.«

Willumsen lächelte. »Mit mir meint sie es jedenfalls ehrlich. Und Ihr Mann ist vielleicht auch zu freundlich gegen mich.«

Frau Busgaard nickte. – »Wir nehmen das zweite Frühstück heute etwas zeitiger. Der Wagen ist nach der Stadt, meinen Neffen abzuholen. Ich habe ihm telegraphiert, er kommt mit dem Morgenzug.«

Tine fuhr mit einem Ruck in die Höhe.

»Thomas kommt?«

»Es sollte eine Überraschung sein,« sagte Frau Busgaard freundlich. »Freust Du Dich darüber, Tine?«

Tines ganze Person sprach – nur ihr Mund schwieg.

Frau Busgaard erklärte: »Sie müssen wissen, Herr Ingenieur, daß ich kein rechtes Zutrauen zu unserem neuen Kreisrichter habe. Er wird die Diebesgeschichte kaum allein aufklären können, und mein Neffe ist ein wahres Wunder in dieser Richtung. Darum habe ich ihn gebeten, zu kommen. Ich habe meinem Mann nichts davon gesagt. Er kann Thomas Art nicht recht leiden. Aber wenn mein Neffe erst hier ist, wird er sich, meine ich, schon darein finden. Das Wichtigste ist ja, daß wir den Dieb finden. Meinen Sie nicht auch?«

Willumsen verneigte sich »Selbstverständlich. Nichts ist so häßlich wie der Argwohn, der sich unwillkürlich auf die Leute im Hause richtet. Aber ich glaube doch, Sie tun dem Kreisrichter unrecht. Heiden ist ein stiller Mann, eine Künstlernatur, aber er ist kein dummer Mann, und sein Amt versieht er gut.«

»Man sagt, es sei in den wenigen Monaten, die er hier ist, mehr gestohlen worden, als in der ganzen Amtszeit des vorigen Kreisrichters,« sagte Tine mit Nachdruck.

Willumsen lachte. – »Sie sind nicht unparteiisch, Fräulein Tine.«

Tine wurde rot. – »Ich verbitte mir . . .«

Und auch sie verließ mit ziemlich festen Schritten das Zimmer. Frau Busgaard drehte ihre Haubenbänder umeinander.

»Sie haben doch keinen rechten Stein im Brett bei den Mädchen, Herr Ingenieur,« sagte sie gutmütig. »Na, Tine und Thomas ziehen an einem Strang, und ich habe ihn lieb. Er ist der einzige Sohn meines einzigen Bruders, und Sie werden ihn auch schätzen lernen. Er hat eine scharfe Zunge, aber das Herz sitzt auf dem rechten Fleck. Und das tut der Kopf übrigens auch. Sie sollen sehen, wir werden Vergnügen an Thomas haben.«

»Ich freue mich auf ihn,« sagte der Ingenieur höflich. Das tat er eigentlich nicht; er hatte das Gefühl, als sollte er sich zu den Alten halten, bei den Jungen waren seine Chancen vorläufig nur gering.

Jetzt stürzte Tyr herein, beinahe ehe er die Tür geöffnet hatte.

»Mutter, Mutter, das war ein Spaß. Sowie die Ferkel kamen, fraß die Sau sie auf – wie bei der Katze, die du mir vorige Weihnachten in Kopenhagen gekauft hattest. Die kleinen Tiere gingen einfach durch das große durch.«

Und Tyr glänzte vor Freude und schwitzte vor Vergnügen über den praktischen Beitrag zur Fortpflanzungslehre, dem er draußen im Schweinestall beigewohnt hatte.

Nach ihm kam Busgaard. Er schwitzte auch und trocknete sich den Schweiß mit seinem großen rotgeblümten Taschentuch von der Stirn.

Und dann fluchte er: »Dieser Satans Viehknecht, dieser Tölpel, der Kerl ist ein kompletter Esel! Ich werfe ihn hinaus, ohne Lohn, augenblicklich.«

»Das tust Du nicht,« sagte Frau Busgaard beruhigend.

»Du meinst, dann rennt er gleich zum Kreisrichter und bekommt Recht, wie?«

Und Busgaard schwitzte stärker und trocknete sich die Stirn eifriger.

Er fauchte ein paar Minuten und fiel dann über den abwesenden Kreisrichter Heiden in sehr unparlamentarischen Wendungen her, die mit der durch die Situation gegebenen Bemerkung endeten: »Und wenn der Knallidiot mir wenigstens meine Gelder wieder schaffen könnte! – Aber das kann er natürlich auch nicht –.«

Tante Mus benutzte kluger Gewohnheit gemäß die Gelegenheit; das war ihre Force, und darauf beruhte ein gut Teil ihrer stillen aber unzweifelhaften Macht.

»Bus,« warf sie leicht hin, »darum habe ich auch nach Thomas telegraphiert! Niels holt ihn mit dem Wagen von der Bahn.«

In alten Tagen betrachtete man Explosionen als etwas Unangenehmes und Abnormes; in unseren Tagen, wo nicht allein Gasmotoren, sondern alle Motoren, Petroleum- und Benzinmotoren durch eine ununterbrochene Reihe von Explosionen getrieben werden, die also eine Bedingung für den Betrieb von Automobilen und Luftschiffen sind, hat man sich an diese Erscheinungen gewöhnt. Ein moderner Leser wird sich also auch an Gutsbesitzer Busgaard gewöhnen können, dessen ganzes Leben eine fortgesetzte Reihe kräftiger Explosionen ist.

Bei dem Namen Thomas explodierte er gewaltig.

»Den Teufel hast Du –.«

»Pst, Bus, pst,« erwiderte Frau Busgaard beschwichtigend. – »Ja, das habe ich. Ich mag nicht, daß die Leute hier auf dem Hofe herumgehn und sich gegenseitig verdächtigen. Und von Thomas weiß ich, was Du auch von ihm sagen magst, auf Diebe versteht er sich. Und deshalb meine ich, wir sollen ihn zu dem brauchen, wozu er gut ist. Das ist meine Ansicht, und ich bin sicher, ich habe recht!«

Busgaard brummte – aber sie hatte recht. Das haben Frauen nicht immer. Aber wehe dem Ehemann, dessen Frau es so eingerichtet hat, daß sie meistens recht hat. Die Männer sind nun einmal geneigt einzuräumen, daß ihr Widerpart recht hat, und darum unterliegen sie. Frauen räumen das niemals ein. Und darum ist auch kein Auskommen mit ihnen. Wenn sie nicht sind wie Frau Busgaard, dann gnade Gott! Und sie sind nicht alle wie Frau Busgaard. Freuen wir uns, daß sie so ist. –

Thomas wurde stillschweigend akzeptiert.

»Die Sonate ist hin,« sagte Busgaard den Kampf aufgebend. Erst verliere ich 5 Spanferkel, dann ärgere ich mich über den verwünschten Kreisrichter und den infamen Diebstahl, und jetzt schafft Mutter mir den Laffen, den Thomas, auf den Hals. – Alles an einem Vormittag! es wäre erklärlich und verzeihlich, wenn ich mich dem Trunke ergäbe – rein spielen, wenn es mir so im Kopf summt, kann ich nicht – facit, der Tag ist verloren.

Ich gehe zum Vieh hinaus. – Glauben Sie nur, Ingenieur, die stummen Kreaturen sind die wahren Freunde des Menschen.«

Mit dieser philosophischen Bemerkung ging Onkel Bus hinaus, um zu wirtschaften, wodurch der Betrieb auf Braendholt für einen Tag ernstlich gebremst wurde. Frau Busgaard schüttelte den Kopf und nahm den Strickstrumpf wieder auf.

»Sie haben wohl nichts dagegen, daß ich meinem Neffen das Zimmer, das Sie haben, gebe? Er hat es immer gehabt, wenn er hier war,« sagte sie freundlich zu Willumsen, und der Ingenieur verstand, daß der Herr, der kam, einen Stein im Brett hatte an den Stellen, von denen die eigentliche Regierung auf dem Gute ausging.

Er neigte den Kopf mit einem »Gott bewahre« und ging, um seine Habseligkeiten zu ordnen.

Unterdessen rollte ein Wagen dem Hofe entgegen, und darin saßen unsere beiden Rechtsgelehrten aus der Eisenbahn, die somit auf den Kampfplatz geführt wurden, den das Leben ihnen für diesen Augenblick anweisen wollte.



Entree der Juristen

Die wenigsten Leser ahnen, wie schwer es ist, die rechten Farbentöne für ein Interieur zu finden, das einem kritischen Publikum behagen soll. Es scheint so einfach. Soll Liebesglück geschildert werden, so nimmt man eine Sommernacht mit Mond, tiefblauem Himmel und funkelnden Sternen; handelt es sich um Gewalt und Mord, so ist die Nacht schwarz, der Sturm heult, während die Wolken wie böse Gewissen über einen mondlosen Himmel jagen; im Jugendglück leuchtet der Wald grün und die Lerchen schlagen, bei Hoffnung spielen die blauen Wogen, als Abschluß versinkt die Sonne rot über dampfenden Wiesen und so weiter in großer festlicher Auswahl.

Nach dem alten Rezept.

Das moderne ist gerade entgegengesetzt. Soll stilles Glück geschildert werden, so rast eine sturmgepeitschte See; soll Liebe gemalt werden, so stehen steife dürre Bäume da und strecken Totenfinger gegen die Liebenden aus, kurz der Gegensatz wird von dem Dichter betont, der ein Weihnachtsidyll gibt und dabei beschreibt, wie ein brustkrankes Proletarierkind auf einer Hintertreppe sitzt und zu Tode hungert. Das ist etwas schwerer als das andere und es endet damit, daß man wie jüngst ein junger Lyriker einen idyllischen Fjord bei Sonnenuntergang mit einer aufgerissenen blutigen Wunde vergleicht.

Auch dies hat seine Liebhaber – es gilt bloß den Geschmack des geneigten Lesers zu treffen. Aber Staffage gehört dazu.

Wenn nun also Kreisrichter Heiden und Kriminalassessor Klem in Gutsbesitzer Busgaards zweisitzigen Jagdwagen von Roskilde nach Braendholt hinausrollen, um zu den Untersuchungen zu schreiten, die auf mehr als 252 Seiten die gespannten Leser dieser wahrhaftigen Schilderung fesseln sollen, so ist es Pflicht des Autors eine landschaftliche und meteorologische Staffage zu geben, die sich auf passende und angenehme Weise um die Schilderung herumlegt.

Die Roskildegegend kann man nun einmal nicht umändern, und da im vorigen Kapitel auf Braendholt Sonnenschein war, ist das Wetter – diese große immer wiederkehrende Frage – eine gegebene Größe in der Gleichung. Winter ist es, wie schon früher öfters bemerkt, und die Uhr ist gegen zehn.

Einige Tiere haben wir zur Verfügung – sie dienen immer zur Belebung. Die Kühe sind im Stall, und wilde Tiere gibt es in der Gegend von Roskilde in größerer Menge nicht. Ein Hase kann draußen auf den Schneefeldern herumhüpfen. Mag er! Fünf, sechs Krähen können mit heiserem Krächzen – heiseres Krächzen ist gut – von rechts geflogen kommen. Das bedeutet Glück, und wenn die beiden Herren kein Glück haben sollten, hätten wir sie ebensogut zu Hause lassen können.

Also.

Die Sonne schien über die Schneefelder, die sich gegen den tiefblauen Fjord herabsenkten, wo das Eis am Ufer schmale Rinden gebildet hatte wie die Ränder einer mit Kollodium bestrichenen Wunde (eine Anleihe beim Lyriker). Die Weiden mit ihren starrenden nackten Zweigen guckten wie Hexen über die Zäune, und draußen im Schnee hüpfte ein einsamer Hase umher. Eine Schar grauer Krähen strich von rechts her über den Weg, der sich den Hügel hinauf wand, und der Wagen rollte vorwärts über den gefrornen Schneemorast, der unter den Rädern knirschte wie Kandiszucker. Eine leichte Dampfwolke stand über den schwitzenden blankbraunen Pferden, und die Nase von Niels, dem Kutscher, leuchtete wie ein blauroter Leuchtturm aus seinem Bärenfellkragen hervor.

Es ist nicht ganz sicher, ob diese Schilderung künstlerisch ganz richtig ist, da im Künstlerischen das Perspektivische eine große Rolle spielt und die Türme von Roskildes Domkirche, die sich in der Ferne von dem weißblauen Himmel abheben, sich nicht gut in ein perspektivisches Verhältnis zu Niels Nase bringen lassen.

Gehen wir über diesen Punkt hinweg und lassen unsre beiden Rechtsgelehrten ohne weitere Naturbeschreibung in Braendholt einfahren.

Hier ist ein Hiatus geboten.

Tyr, Tut, Tine und Monny kommen in die Wohnstube auf Braendholt hineingetanzt.

Hipp, hipp, hurra, rufen die beiden Kleinen und Tine strahlt wie ein Jubiläumszweikronenstück. Hipp, hipp, hurra für Vetter Thomas.

»Ergebenster Diener, Onkel Bus – küß die Hand, Tante Mus! Hier habt Ihr mich.«

Thomas Klem macht sich aus der Jugendgruppe los und nähert sich dem Familientisch, wo die beiden alten Busgaards sitzen. Er ist vergnügt, schön und strahlt, schlank, jung und groß. Er ist da, und er hat das Recht da zu sein. Denn man hat nach ihm geschickt.

Nichtsdestoweniger sagt Onkel Bus: »Was Teufel willst Du hier? Wer hat Dich gerufen?«

Thomas fängt den Ball im Wurfe: »Du nicht, Onkel Bus, aber öffne Deine Arme, denn meine Kamele dürsten gewaltig!«

Busgaard brummt. »Ist der Herr dort mit dem langen Haar vielleicht eins von Deinen Kamelen?«

Thomas verbeugt sich vorstellend: »Im Gegenteil, darf ich vorstellen Kreisrichter Heiden, Ritter des Dannebrog, p. p.«

Tante Mus schlägt die Hände überm Kopf zusammen: »Unser neuer Kreisrichter, Gott bewahre uns!«

»Das tut er schon, Tante, wenn Du ihn hübsch darum bittest,« sagt Thomas, aber jetzt poltert der Gutsbesitzer los: »Da soll doch gleich der Teufel . . .«

Thomas fährt fort: »Er auch, Onkel, wenn Du ihn kräftig beschwörst. Er hat Dir früher geholfen, und Du hast die Adresse.«

Der Gutsbesitzer ignoriert den Neffen und wendet sich zum Kreisrichter, der mit einem muntern Lächeln dasteht und sein Entree genießt. »Sind Sie unser neuer Kreisrichter?«

Und Heiden geht auf den Ton seines Begleiters ein: »Mit der Erlaubnis des Herrn Gutsbesitzers und königlicher Bestallung.«

»Nun, ich habe Sie nie gesehen,« sagt Busgaard und schlägt die Hände zusammen.

»Das haben Sie nicht –« fährt der Kreisrichter fort: »Sie haben mich nie vorher gesehen und deshalb sollen Sie mich auch betrachten dürfen, wie Sie tun, obgleich ich selber meine, daß ich ganz zivilisiert aussehe. – Ich bin Ihre weltliche Obrigkeit«

Thomas legt seine Hand auf die Schulter des Kreisrichters. »Sehen Sie ihn an! Mein Onkel Gutsbesitzer Niels Busgaard auf Braendholt! Kratzbürste, Geißel für jeden Gerichtsbezirk, Grossist in Arbeiterunruhen und Gesindeprozessen. Ein Mann, mit dem man nur umgehn kann, wenn man nicht die geringste Rücksicht auf ihn nimmt. Ein Landwirt mit rauhen aber reinen Sitten!«

»Und dies ist seine Familie.«

Heiden lächelt. »Eine recht liebenswürdige Familie.«

Worauf Thomas sich ihm zuwendet und mit Überzeugung sagt: »Ja, das können Sie Onkel bitten, mit einem Fluch zu bekräftigen, er flucht häufig und gern.«

»Kopenhagner Laffe,« klingt es halbversöhnt von den Lippen des Hausherrn, und damit haben unsre beiden Juristen ihren Einzug auf Braendholt gehalten.

Die Familie bemächtigt sich des Vetters Thomas, der in Prozession auf sein Zimmer geführt wird. Der Assessor ist ein höchst patenter und reinlicher Mann, der gleich Toilette machen will. Er ist auch besonders populär in der Familie, und daß er solange nicht auf Braendholt gewesen ist, hat die früher erwähnten Gründe. Der Kreisrichter blieb allein mit dem Hausherrn zurück; es war deutlich, daß die Begegnung mit dem Neffen Busgaard nicht sonderlich erbaut hatte, aber er meinte doch, er müßte sich vor dem neuen Kreisrichter, der zum ersten Mal in seiner Stube stand, zusammennehmen. Und dann mußte er ja auch die Gelegenheit benutzen sich mit der Obrigkeitsperson bekannt zu machen. An den Diebstahl dachte Onkel Bus ganz und gar nicht; wahrhaftig er war zerstreut, und es fiel ihm in diesem Augenblick durchaus nicht ein, was der Kreisrichter auf dem Hofe wollte. Er hatte nur instinktmäßig das Gefühl, daß etwas Unangenehmes seiner wartete.

»Wollen Herr Kreisrichter Platz nehmen?« sagte er geschäftsmäßig freundlich und ließ sich in den großen Mittagsruhestuhl am Familientisch fallen. Heiden setzte sich seinem Wirt gegenüber und faltete die Hände über die Knie. Es knackte in seinen schmalen, weißen Fingern; er wandte sein schönes Gesicht fragend dem Gutsbesitzer zu.

Es entstand eine Pause.

»Ein charmanter junger Mann, Ihr Neffe,« sagte Heiden. Er war freundlich gestimmt und wollte gern das Seinige zum Sonnenschein beitragen.

»Ein Kopenhagener Laffe,« brummte Busgaard.

Der Kreisrichter protestierte. »Klem ist einer der angesehensten Assessoren des Kriminalgerichtes. Er ist Dr. jur. ein kenntnisreicher und tüchtiger Mann, auf den jedes Richterkollegium mit Recht stolz sein kann, und auf den das Kriminalgericht auch stolz ist.«

»Sie haben auch nicht viel, auf das sie stolz sein können, die Herren!« sagte Busgaard mit dem höchsten Grad von Feindseligkeit gegen den Richterstand. Ehrlich gesprochen: »Das größte Übel, was wir von dem Diebsgesindel haben, ist, daß wir die hochnäsigen Juristen ertragen müssen, die eine Entschuldigung für ihr Dasein darin finden, daß sie auf die Verbrecher aufpassen sollen, mit denen sie sich nur in dem einen messen können, nämlich daß sie uns friedliche Bürger genieren. Ich kümmere mich sonst nicht viel um das Gewäsch, was in den Zeitungen steht, aber so viel habe ich doch herausgelesen, daß die wichtigtuenden Herrn da drinnen genötigt sind, unschuldige Leute zu quälen und zu arretieren, weil sie die, die es wirklich gewesen sind, nie erwischen.«

»Es steht so viel in den Zeitungen,« schob der Kreisrichter mit seinem stillen Sokrateslächeln ein.

»Zugegeben,« erwiderte Busgaard, »aber soviel weiß ich doch, wenn es Lügen wären, was die Blätter über die Richter schreiben, so würden sie die Zeitungsschreiber ins Loch sperren, und wenn sie es nicht tun, so geschieht es, weil sie wissen, daß jene recht haben. Nein, mein Lieber, das Diebsgesindel ist ein elendes Pack, das sei zugegeben, aber die Richter sind bei Gott viel schlimmer. Das steht bei den meisten Blättern fest, und selbst wenn es nicht so wäre, so ist es doch meine Meinung und damit Basta.«

Heiden lachte. »Sie meinen es nicht so schlimm.«

»Ich meine immer, was ich sage,« sagte Busgaard barsch.

Der Kreisrichter nickte. »So, meinen Sie das. Es kann auch seine Annehmlichkeiten haben mit einem Mann zu verhandeln, der meint, was er sagt. Solche sind nicht häufig.«

»Also – – –«

»Sie kommen in amtlicher Eigenschaft, soviel ich weiß?« Busgaard war jetzt etwas versöhnlicher gestimmt.

Er haßte Widerspruch, gab man ihm jedoch recht, so wurde er gleich umgänglicher. »Das tue ich,« erwiderte Heiden. »Ich vereine das Nützliche mit dem Angenehmen, indem ich bei Ausübung meines Berufes die Bekanntschaft eines ausgezeichneten Mannes mache. Ich bin eine poetische und harmonische Natur.«

»So, so, sind Sie von dieser Art?« Busgaard fühlte sich bereits ganz überlegen. »Da taugen Sie wohl nicht viel zum Kreisrichter?«

Heiden genoß seinen Wirt. »Das kann ich nicht sagen,« sagte er freundlich. »Ich habe das Amt erst vor kurzem angetreten. Und ein Maulheld bin ich nicht.«

Busgaard fuhr auf. »Soll das eine Anspielung sein,« sagte er augenblicklich en garde, »so muß ich doch . . .«

»Sie müssen gar nichts,« unterbrach ihn Heiden. »Sie sind sicher ein angenehmer Mann, wenn man Sie näher kennen lernt. – Sie sind kein ganz höflicher Mann – absolut nicht, auch kein ruhiger Mann. Aber Sie sind ein Mann, der 2500 Kronen verloren hat in einem Haus, das in meinem Gerichtsbezirk liegt, und daher interessieren Sie mich im Augenblick im allerhöchsten Grade.«

»Das hatte ich ganz vergessen,« sagte der Gutsbesitzer und zog ein saures Gesicht bei der Erinnerung an den Verlust.

Der Kreisrichter lächelte. »Sie sind also auch ein glücklicher Mann. Ein glücklicher Mann ist der, der vergessen kann, daß man ihm vor kurzem 2500 Kronen gestohlen hat. Den Dieb habe ich nicht, so glücklich bin ich nicht, aber ich habe mir den Beistand Ihres Neffen gesichert, und ich habe die feste Gewißheit, daß ich darin auf alle Fälle klug und bedachtsam gehandelt habe. Es ist mir deshalb darum zu tun, daß Sie, wenigstens solange unsere Untersuchungen währen, wenn nicht mit Wohlwollen, so doch mit einem gewissen Vertrauen auf die Juristen blicken, die Sie doch nun einmal selber herbei gerufen haben und in die Sie sich daher schicken müssen. Mein Polizeidiener Hansen ist ein flinker Spürhund, und ihren Neffen nennen sie drinnen in der Hauptstadt den Mann mit dem sechsten Sinn. Also, des Diebes können Sie sicher sein.«

Nach dieser ungewöhnlich langen Auseinandersetzung sank der Kreisrichter im Stuhl zurück und sah seinen Mandanten wohlwollend fragend an.

Busgaard brummte: »Sicher – ja die Sicherheit hat mich 2500 Kronen gekostet. Die sind weg, aber daß die Polizei den Dieb erwischen sollte – nie!«

»Soll ich Ihnen etwas anvertrauen?« fragte Heiden mit seinem sanftesten Lächeln. »Ich glaube es auch nicht. So werden Sie jedenfalls nicht enttäuscht.«

Busgaard sperrte Mund und Nase auf, und Heiden fuhr fort: »Wissen Sie vielleicht, wo der Dieb ist?«

»Ich –?«

»Ja, sehn Sie. Sie sitzen mitten darin, und Sie wissen es nicht. Finden Sie es da nicht etwas viel verlangt, daß ich, der ich anderthalb Meilen davon sitze, wissen soll – –«

»Das muß ich sagen,« fiel Busgaard ein.

»Ja, das dürfen Sie gern,« fuhr der Kreisrichter in demselben sanften Ton fort. »Es ist nämlich sehr klug. Sie sind überzeugt, daß die Obrigkeit nicht dazu taugt, die Diebe zu finden. Und in diesem Punkte werde ich Ihnen durchaus nicht widersprechen. Das ist sehr schwer, weil die Herren ein Interesse daran haben, inkognito zu bleiben. Meine Auffassung ist es denn auch, daß die Richter dazu da sind, die Verbrecher, mit denen die Herren kommen, zu verurteilen, das ist meiner Treu Arbeit genug, und es ist wohl ein bißchen viel verlangt, daß wir auch noch Untersuchungen anstellen sollen, wer das Verbrechen begangen hat. Dazu gehören gar keine Voraussetzungen, auf jeden Fall keine juristische Ausbildung, und es wird Ihnen sicher bekannt sein, daß die Nationalhelden, die in die Literatur übergegangen sind, die Sherlock Holms und Nick Carter und wie die Herren sonst heißen, alle viel klüger sind als die Polizei, und das sind, wie Sie in allen Ihren Blättern lesen können, unsere nationalen Gentlemen of the press auch.«

Busgaard hörte ihn etwas betreten an. Dann sagte er: »Na, sind Sie von der Art?«

»Von der Art bin ich,« lautete die friedfertige Antwort. »Sie müssen mich nehmen wie ich bin. Ihre Aussichten sind gering und es ist, wie gesagt, am vernünftigsten, mit niedrigen Erwartungen zu beginnen, was Sie ja auch, wie Sie mir offenherzig mitgeteilt haben, tun.«

Busgaard stand auf. »Das muß ich übrigens sagen –«

»Überflüssig,« unterbrach ihn Heiden, »ganz überflüssig, denn ich habe es bereits gesagt. Ich bin eine harmonische, poetische Natur, und sollte es mir glücken, Sie auf Moll herabzustimmen, so ist meine Reise nicht vergebens gewesen.«

»Halten Sie mich zum Narren?« brauste Busgaard auf, mit gesenktem Kopf, wie ein angriffsbereiter Stier. Jetzt wurde er nämlich zornig.

Doch der Kreisrichter erhob seine schmale, weiße Hand und sagte mild und freundlich wie vorher: »Ich spiele Violine, mein Herr, und vor dem Konzert stimme ich mein Instrument und mein Mitspieler muß sich im Ton nach mir richten. Das wissen Sie ja, der Sie selber ein Streichinstrument spielen. Dann spiele ich oft mit Sordine weiche, lange Striche, Verehrtester! Nicht wahr?


Wo man spielt, da laß dich ruhig nieder,
Böse Menschen haben keine Lieder –


Wir beide werden noch Freunde werden.«

Busgaard blieb stehen und starrte ihn an. – Frau Busgaard trat aus dem Eßzimmer herein.

»Wollen die Herren nicht eine Herzstärkung haben. – Das Frühstück ist fertig.«

»Vielen Dank,« erwiderte Heiden und schritt an Frau Busgaard vorbei auf die Tür zu. Busgaard gab seiner Frau einen Wink und sie näherte sich ihm.

»Mutter,« sagte er, so leise er konnte, »er ist verrückt, komplett unmöglich.«

Frau Busgaard dämpfte: »Aber Bus!«

Der Kreisrichter, der das eheliche Duett gehört hatte, wandte sich auf der Schwelle lächelnd um.

»Kümmern Sie sich nicht darum, liebe Frau Busgaard. Sie kennen und schätzen Ihren Mann; ich kenne ihn noch nicht richtig, aber ich glaube sicher, ich werde ihn schätzen lernen. Er spielt mehrere Instrumente, auch Gonggong und Pauke, das sind Instrumente, die ihre Berechtigung in jedem größeren Orchester haben. Und sie sind leicht zu handhaben. – – Ist dies der richtige Weg?«

Und lächelnd glitt der Kreisrichter über die Schwelle dem Tisch entgegen, der sich bog unter der Last der Schüsseln, während der Herr des Hauses hinterhertrippelte, desorientiert und kopfschüttelnd. – – Das war doch ein schnurriger Kauz, dieser Kreisrichter.



Wenn ein Kriminalassessor liebt

Kreisrichter Heiden hat gefrühstückt und sitzt jetzt am Klavier in der Wohnstube, damit beschäftigt die Familienvioline zu stimmen, um ein Duo mit dem bestohlenen Busgaard zu probieren. Polizeidiener Hansen hat einen Bissen Brot und einen Schnaps in der Leutestube erhalten und ist jetzt dabei den Taillenumfang der Wirtschaftsschülerin, Fräulein Antonsen, zu messen – dies geschieht aus Gründen der Vorsicht in der Speisekammer.

Und Thomas Klem – Dr. jur. und Kriminalassessor, der Mann, auf dessen Schultern alles ruht – er steht in der Fensternische in seiner Stube, während die Sonne die Eisblumen am Fenster schmilzt, tief versunken in seine starke junge Liebe.

Thomas Klem liebte Martine Luthera Busgaard – ja das klingt nach Lustspiel, das duftet nach Spießbürgerlichkeit, das kann unmöglich erhaben sein. Und doch, es ist erhaben, denn die Liebe ist erhaben. An und für sich ist diese Bemerkung banal, aber an dieser Stelle, in dieser Erzählung, die sich hier zu Höhen zu erheben trachtet, die sie später nicht wieder erreichen wird, muß es mit fünfzölligen Nägeln im Bewußtsein des Lesers festgenagelt werden, daß in dem Satze: die Liebe ist erhaben – doch mehr als Banalität steckt.

»Tine,« sagte Thomas, der selber die Empfindung hatte, daß ihre Liebe sich in ungewohnt erhabene Regionen verstieg, »der Kuß der Geliebten schmeckt doch am besten!«

»Thomas,« sagte Tine mit Zweifel in der Stimme.

»Nein, Geliebte, wie kannst Du an Jung-Hagbarths Treue zweifeln.«

»Warum nennst Du Dich Hagbarth?« fragte Tine mit einem Lächeln, das die Mißstimmung verscheuchen sollte.

»Frage nicht,« antwortete Thomas und küßte sie – »für Dänemark ist das Erhabene in der Liebe durch Hagbarth und Signe symbolisiert, jüngst vorgeführt im Tiergarten unter einigen herrlichen Buchenstämmen, auf die die Kopenhagener bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal aufmerksam wurden. Tine, Dein Vater gleicht der Königin Bera, ohne die Perfektibilität dieser hohen Dame. – Tine!«

»Wenn Vater nur wollte,« seufzte die holde Maid.

Aber ihr Vater wollte nicht. Es läßt sich nicht verhehlen, daß ein junger Mann, der in züchtiger Liebe ein Heim gründen will, Mittel haben muß, und die Assessoren des Kriminalgerichts sind bezahlt wie bessere Kegeljungen, vielleicht weil der Öffentlichkeit die Augen für ihre Vortrefflichkeit noch nicht aufgegangen sind.

Thomas seufzte. »Tine, ich habe bisweilen Lust der Gerechtigkeit Lebewohl zu sagen und ins Gastwirtsfach überzugehen. Das Bier ist ja der Weg zu Ruhm und Macht. Und ich fühle selbst, daß ich ohne Dich nicht menschenwürdig leben kann. Ich kann nicht, Tine.«

»Ich bin so grenzenlos unglücklich,« seufzte Tine mit Tränen in den Augen, Tränen, die wohl trotzalledem Freudentränen waren.

Thomas küßte die Tränen fort. »Und ich bin grenzenlos glücklich – vierzehn Tage lang. Weißt Du, Tine, es gibt keine Liebe auf Erden, die in Seligkeit sich mit unglücklicher Liebe messen kann. Das wirst Du merken, wenn wir beide erst glücklich werden. Und Spaß beiseite, jetzt muß es geschehen! Du mußt nämlich wissen, Tine, daß ich Schaden an meiner Seele nehme. Es ist etwas daran an dem Wort, es ist nicht gut, daß der Mann allein sei. Meine Gedanken sind mein Kapital – mein einziges, doch das Kapital ist gebunden, die Gedanken sind bei Dir. Und meine Liebe zu Dir, die mich emportragen sollte, führt mich von dem fort, was meine Aufgabe ist. Es ist grenzenlos töricht, wenn man es als erhabener Herr der Schöpfung aussprechen muß, kleine Tine, aber ich bin ganz unglücklich, und was schlimmer ist, ich werde ganz untauglich. Es ist zu Hause in meiner Stube ein leerer Platz, und selbst, wenn ich innerlich überzeugt bin, daß die Zeit kommen wird, wo ich Dich bitte, mich mit meiner Arbeit allein zu lassen – jetzt ist es merkwürdig, ich kann nicht arbeiten ohne Dich.«

Tine fühlte das Bedürfnis den Armen zu trösten und tröstete ihn.

Dies verlief eine Weile in Stillschweigen.

»Tine,« sagte Thomas ernst. »Im Grunde ist es ganz dumm von Dir und mir, daß wir uns wie ein paar Operettenliebende aufführen, die auf den Klimax im dritten Akt warten, um im vierten vereint zu werden. Und nun muß es ein Ende haben! Es gibt garnichts romantisches in der Geschichte unserer Liebe, sie beruht auf sich selber und muß aus sich selber wachsen. Wir sind alt genug dazu, und nun muß es ein Ende haben! Dein Vater kann mich nicht leiden, das ist sein Fehler. Deine Mutter hat mich um einen Dienst gebeten, und ich leiste ihr einen Dienst, doch dann muß ihr Ehegemahl sich darein finden, daß ich Dich als Siegespreis mitnehme. Die Möglichkeiten, die wohl verborgen unter meiner vielleicht nicht sonderlich vertrauenerweckenden Schale liegen, kannst nur Du allein durch Liebe zur Entwicklung bringen. Und ich kann merken, daß Dir die Lust dazu nicht fehlt.«

Das war nicht weiter verwunderlich, denn Tine hatte die Arme um seinen Hals geschlungen und sah zu ihm auf, als ob er ein Halbgott wäre. Es dient zu Thomas Klems Ehre, daß er in einem solchen Augenblick ganz die Lust verlor, witzig zu sein, eine Gewohnheit, die, im Vertrauen gesagt, die größte Schwäche des Mannes war.

»Du bist ein Engel, Tine,« sagte er ganz leise. Dies ist ja keine außergewöhnliche Wendung, sie zeichnet sich auch nicht durch Originalität oder besonders modernes Gepräge aus, aber sie ist eben so gut, wie sie alt ist. Wer es nicht glaubt, probiere es!

»Kleine Tine,« fuhr Thomas fort und zog sie vom Fenster weg nach dem kleinen steifen Roßhaarsopha – das von früheren Herren auf Braendholt und ihrer Liebe berichten konnte – »kleine Tine! Jetzt geloben wir einander, daß wir diese Stätte zusammen verlassen und dort hingehen, wo wir wirken sollen. Und als ein Pfand dieses Gelübdes sollst Du in mir in diesen Tagen einen Diener dieses Hauses sehen, einen demütigen Diener, der sein Kreuz schweigend trägt und in der Stille wirkt. Aber daß Du es weißt, Tine, jetzt lasse ich Dich nicht mehr.«

Und Tine bekräftigte das Gelübde schweigend. Die richtige Liebe ist stumm. Oder ist das nur eine schwache Entschuldigung für die mangelnde Fähigkeit, der Liebe Worte zu verleihen?

Monny brach in das Idyll ein. Sie klopfte leicht an die Tür und stand einen Augenblick später schweigend mit einem Lächeln im Zimmer. Dann lachte sie und sagte neckend: »Das sollte Klemmesen sehen, Tine!«

Thomas sprang auf: »Wer ist Klemmesen? – Ich sage, wer ist Klemmesen?«

Und so kriegte Thomas zu wissen, wer Klemmesen war. Wieder bewies die Liebe hier ihre Allmacht. Assessor Klem, der große Mann, der Herr über das Wohl und die Freiheit von Hunderten, hatte in diesem Augenblick das Gefühl, als ob ihm das Herz zusammengepreßt und die Kehle zugeschnürt würde. Er wiederholte den Namen für sich: Klemmesen, Klemmesen – ich muß das Weiße in den Augen des Mannes sehen. Ich muß Klemmesen sehen! Und die Gefahr, die er geahnt und gefühlt hatte, als etwas Unbestimmtes, nahm feste Form, nahm Menschenform an und wurde zu Klemmesen. Tine begriff es garnicht und Monny war ganz bestürzt. Die beiden kannten ja den richtigen Klemmesen.

Für Thomas war es nur ein Name, der Name eines Unbekannten, aber so viel Mensch war Thomas doch, daß der Name das Böse in ihm in Bewegung setzte. Bulwer würde geschrieben haben: Wehe Klemmesen.

Was Bulwer tun konnte, können wir hier auch tun: Wehe Klemmesen! Und der Konflikt tritt in sein erstes Stadium. Die Idylle verwandelt sich in Kampf.

Als Thomas Klem in die Wohnstube trat, saß der Kreisrichter da und spielte Haydn mit Busgaard. Was Polizeidiener Hansen machte, wissen wir auch. Heiden wandte sich dem Assessor zu, aber bevor er noch ein Wort sagen konnte, gab Thomas den Ereignissen die Wendung, die die Polizeimänner dahin zurückbrachte, wohin sie gehörten.

Und jetzt ist also alles auf seinem richtigen Platz.



Das erste Verhör

Es wurde also beschlossen mit dem Verhör zu beginnen. Der Kreisrichter wünschte kein eigentliches gerichtliches Verhör, nur ein vorläufiges Polizeiverhör, und er machte kein Hehl daraus, daß ihm die Anwesenheit des Kriminalassessors Klem besonders angenehm war. Der gute Heiden war kein schlechter Beamter; er hatte die Gabe des Kanzleibeamten, sich in eine Sache hineinzuversetzen.

Er konnte ein sehr verständiges Urteil abgeben, und er erledigte die laufenden Sachen ordentlich und sorgfältig. Aber er war weltfremd, in einem Grade, der jede wirkliche Tüchtigkeit im Abhalten von Verhören ausschloß. Seine schöne reine Auffassung der Menschen, als gute Vernunftwesen, die auf Worte und Handlungen anderer nach verschiedenen, der Erfahrung zugänglichen Gesetzen reagieren, hatte nicht das mindeste mit den Erscheinungen zu tun, die in der Praxis eines Gerichtsbeamten das tägliche Brot sind. Er sprach gebildet zu Vagabunden, die ihn auslachten; er sprach so höflich zu den Bauern, daß sie meinten er halte sie zu Narren, kurz er traf den rechten Ton nicht. Wären die Menschen gewesen, wie sie sein sollten, so wäre Heiden das Ideal eines Kreisrichters gewesen, – aber dann hätte man ja überhaupt keine Kreisrichter gebraucht! – –

Jetzt stand er mit Assessor Klem und Busgaard in der Wohnstube zu Braendholt, wo der Diebstahl begangen war. Und wahrhaftig, er hatte die größte Lust, Thomas das Ganze zu überlassen. Es galt nur die am wenigsten kompromittierende Form zu finden. Die Gemeinde durfte den Respekt vor der von Gott und dem König eingesetzten Obrigkeit nicht ganz verlieren!

Der Kreisrichter rieb sich die seinen schmalen Hände: »Ja, so wollen wir das Gericht auftun; da ich als Kanzleibeamter ohne größere Erfahrung bin, und Sie, lieber Assessor, lange Übung vom Kriminalgericht her haben, möchte ich Sie bitten, mir behilflich zu sein.«

Thomas blinzelte schlau zu Busgaard hinüber. »Ja, wenn Onkel Bus nichts dagegen hat.«

Der Gutsbesitzer warf ihm einen bösen Blick zu. »Du weißt, ich habe alles gegen Dich, aber in diesem Falle ist es vielleicht doch möglich, daß Du mir von Nutzen sein kannst.«

»Ich bin stolz, aber nicht hochmütig; aber da ich ohne Waffe in der Hand nicht arbeiten kann, will ich hinauf gehen und mir mein Notizbuch und einen Bleistift holen. Ich will Ihnen sagen, Herr Kreisrichter, es ist bei den Untersuchungsrichtern wie bei den Taschenspielern, der Zauberstab ist unentbehrlich.« Und mit einer leichten Verbeugung vor den Herrschaften drehte sich Thomas auf dem Absatz herum.

Die Tür ging auf und herein trat Polizeidiener Hansen; er blieb mit einem Ruck stehen und schlug die Hacken zusammen.

Thomas nickte freundlich. »Hansen, O. B. 37 Hansen –« und indem er sich Onkel Bus zuwandte und Hansen die Hand reichte, führte er den Polizisten wie zur Vorstellung in die Stube hinein.

»Onkel Bus, Deine Aktien steigen. – Und Sie, Herr Kreisrichter, ich will Sie nicht beleidigen, Sie sind ein bescheidener Mann und haben meine ungeteilte Sympathie gewonnen, ganz abgesehen von der Musik. Aber Hansen, das war ein Verlust für die 8. Kammer, als der Mann uns verließ.«

Hansen verneigte sich verlegen und drehte seinen flachsfarbenen Schnurrbart. »Herr Assessor sind zu freundlich,« sagte er.

Thomas lächelte: »So kennen Sie mich wohl nicht von dort oben, Hansen? Aber ich will Ihnen etwas sagen, ich trete hier als Gast auf, mit drei Sternen auf der Etikette, wie ein besserer Kognak.«

Der Polizeidiener lieferte eine reguläre Unteroffiziersverbeugung, und Thomas ging.

Als die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte, sagte Heiden mit einem Lächeln: »Alte Bekannte,« und Hansen verbeugte sich mit der komischen Mischung von offizieller Höflichkeit und freundlicher Nachsicht, die seine Haltung seinen Vorgesetzten gegenüber kennzeichnete.

Onkel Bus brummte: »Wollen Sie rauchen, Herr Kreisrichter?«

»Nein danke,« antwortete Heiden, »ich rauche nie.«

Onkel Bus brummte wieder; er fand, alle Männer müßten rauchen, und es setzte den Kreisrichter wieder in seiner Achtung etwas herab, daß die brave Obrigkeitsperson nicht rauchte.

»Sie haben wohl nichts dagegen, daß ich meine Pfeife hole?« fragte er etwas ironisch, und als Heiden ruhig und freundlich lächelte, machte Onkel Bus sich daran seine Pfeife zu holen.

Heiden wandte sich an Hansen, der da stand und dem Gutsbesitzer nachblickte.

»Was denken Sie über ihn, der eben fort ging?« fragte Heiden.

»Den Gutsbesitzer?«

»Nein, den Assessor!«

»Ein Rasiermesser,« lautete die Antwort, und Hansen sah aus wie ein Landtagsabgeordneter, der draußen in seinem Wahlkreis über das Königliche Theater spricht. Heiden lächelte:

»Tüchtig?«

»Das langt nicht. Der Herr Kreisrichter müssen viel höher hinauf. Aber man muß ihn kennen, versteht sich, das ist schwer, aber es kann gelernt werden. Der Herr Kreisrichter sind ein sehr kluger Mann, ein Mann, der mit sich reden läßt – aber der – den muß man gewähren lassen, ganz wie er will. Wir verstehen nicht ein Tüpfelchen davon – anfangs, aber am anderen Ende sitzt das Richtige, das schlägt niemals fehl.«

Heiden blickte auf – er genoß Hansen. »Glauben Sie?« sagte er neckend.

Der Polizeidiener war mitten in der Bewunderung seines alten Vorgesetzten und stolz auf die Bekanntschaft.

»Das ist sicher,« erwiderte er.

»Ja, wenn Sie dafür garantieren,« sagte der Kreisrichter im gleichen Ton.

»Das tue ich,« versicherte Hansen. »Er wird garnicht dergleichen tun und scheinbar alles dem Herrn Kreisrichter überlassen. Er tut einfältig, wenn es ihm paßt. Aber es entgeht ihm kein Wort.«

»Sie sehen wohl Assessor Klem für einen Zauberer an, Hansen?« Er fand die Bewunderung ein bißchen reichlich und wollte ihn ein wenig necken.

»Sie nennen ihn den Mann mit dem sechsten Sinn,« bemerkte Hansen mit tiefem Ernst. »Davon verstehe ich übrigens nichts und das ist etwas Mystiphistisches. Aber gleichgültig, ehe die Uhr zwölf geschlagen hat, haben wir den Dieb, da will ich ziemlich viel darauf wetten.«

»Na, ja, ja,« sagte der Kreisrichter ein wenig gestoßen. Der Kreisrichter machte sich doch geltend in ihm, und die Bewunderung war zu intensiv.

Hansen richtete sich in die Höhe: »Der Herr Kreisrichter fragten, und ich war so frei zu antworten.«

Es waren Oberklasse und Unterklasse, die mit leichtem Gekränktsein von einander wegglitten.

Jetzt kam Onkel Bus zurück.

Heiden wandte den Kopf nach ihm: »Polizeidiener Hansen sieht ihren Neffen für einen Hexenmeister an.«

»Ein Kopenhagner Laffe ist er,« polterte Onkel Bus los, »ein großmäuliger Kopenhagner.«

Und schwere Wolken umwogten den Herrn des Hauses.

Der Polizeidiener verbeugte sich sarkastisch: »Der Herr Gutsbesitzer müssen ihn wohl kennen, er ist ja von der Familie.«

So kriegte Onkel Bus den kleinen Gifttropfen, den Hansen nicht auf seinen Vorgesetzten zu träufeln wagte.

Onkel Bus merkte den Stachel nicht, doch aus seiner dichten Tabakswolke stieß er die Worte hervor: »Ihn kennen, ja weiß Gott kenne ich ihn – sogar allzugut.«

Die Tür knarrte und Thomas trat mit einer leckeren hellbraunen Havanna zwischen dem Gehege der Zähne ein.

»Hier bin ich – Du gestattest vielleicht, daß ich eine von meinen eigenen Zigarren rauche.«

Onkel Bus feuerte einen Kanonensalut von dickem Knasterrauch gegen den Assessor.

»Ich habe Dich überhaupt nicht eingeladen . . .«

»Und ich komme überhaupt nicht Deinetwegen –,« ein leichter blauer Rauch begegnete dem dicken grauen.

»Das ist eine Probe von dem Ton, der zwischen mir und meinem gestrengen Onkel herrscht,« fügte Thomas hinzu, indem er sich mit einem Lächeln an den Kreisrichter wandte – »als Salut zu betrachten, wie ihn freundlich gesinnte Mächte wechseln, ehe es losgeht – Also zur Sache.«

»Wollen Sie die Leitung übernehmen, Herr Kreisrichter?«

Heiden schüttelte den Kopf: »Nein, ich würde es lieber sehen, wenn Sie es tun wollten.«

»Nein wahrhaftig, das will ich nicht,« antwortete Thomas, und suchte Schutz hinter dem Klavier. »Tun Sie das Richtige, so ist meine Wirksamkeit überflüssig, und finde ich, daß Sie etwas Verkehrtes tun, so waren Sie ja so freundlich mich zu bitten, Sie auf den rechten Weg zu weisen. Es erscheint mir als der richtige Geschäftsgang, wenn die bestellte Obrigkeit das Schwert führt – dafür werden Sie ja außerdem bezahlt. Also . . .«

Heiden nickte und nahm Platz in einem Lehnstuhl am Familientisch. »Es macht sich also notwendig die Sache zu rekapitulieren,« sagte er und rückte seine Brille zurecht. »Die 2500 Kronen lagen in einem Kuvert dort im Schubfach. Sie hatten sie am selben Tag bekommen; wann war das?«

»Sonnabend,« sagte Onkel Bus aus seiner Wolke heraus. »Sie kamen um 2 Uhr mit der Post.«

»Und Sie legten sie gleich hier in das Fach?« fragte der Kreisrichter.

»Nein,« lautete die Antwort, »erst um vier.«

»Und wann vermißten Sie das Geld?«

»Montag morgen«

»War das Fach verschlossen?«

»Ja – das tue ich immer. Ich habe die Schlüssel bei mir. Das heißt nicht den Schlüssel zum Sekretär, der liegt in meinem Schreibtischfach, das mit einem Schlüssel verschlossen ist, der an meinem Bund hängt.«

»Onkel Bus ist schlau,« tönte es vom Flügel herüber, »er verwahrt sein Geld nicht im Schreibtisch, wo Diebe drauf verfallen könnten es zu suchen, er verwahrt es in diesem alten Gerümpel von Sekretär. Das ist furchtbar fein ausgeklügelt, und das ist günstig, denn es indiziert, daß die Diebe mörderlich schlau sein – oder Bescheid wissen müssen.«

»Gibt es jemand, der weiß, daß Sie Ihr Geld im Sekretär aufbewahren, Herr Gutsbesitzer?« fragte der Kreisrichter.

»Ja, meine Frau,« antwortete Onkel Bus.

»Da haben wir den Dieb – Tante Mus,« ertönte es vom Flügel her.

Onkel Bus fuhr in die Höhe: »Willst Du Deine Zunge hüten Du . . .«

»Du hast recht, Onkel,« sagte Thomas friedlich, »Tante Mus ist von vorn herein frei von Verdacht. Aber oben, im Gericht würden wir Dich festsetzen, weil Du im Verdacht stehst, bei Dir selber Einbruch verübt zu haben. Du bist doch gegen Diebstahl versichert, nicht wahr? Gut. Sehn Sie, Herr Kreisrichter, Sie sollten sich des Anmelders versichern. Das tun wir bisweilen, allerdings nicht immer mit Glück, aber es spricht manches dafür.«

»Der Herr Assessor hat nicht ganz unrecht,« meinte Heiden und schüttelte bedenklich den Kopf.

Onkel Bus fuhr empor und stampfte auf den Flügel zu.

»Was sagt Ihr, beschuldigt Ihr mich?«

»Wen beschuldigst Du?« fragte Thomas freundlich.

»Den Dieb, zum Satan – dies hier ist Ernst.«

»Selbstverständlich,« kam es mild und freundlich von den Lippen des Kreisrichters. »Aber da Sie sagen, Herr Gutsbesitzer, daß niemand sonst das Versteck kennt, so sieht es doch wirklich etwas merkwürdig aus.«

»Ja,« fuhr Thomas mit seiner mildesten Stimme fort, »es sieht mehr als merkwürdig aus. Können Sie sich erinnern, Hansen,« fügte er zu dem Polizeidiener gewandt hinzu, »daß wir schon früher einmal einen wegen derselben Sache arretiert haben?«

»Jawohl, den Doktor, Herr Assessor,« erwiderte der Polizist.

»Richtig, den Doktor, und er gestand. Er saß lange im Arrest und schließlich kam er damit heraus, daß er selber den Einbruch arrangiert hatte, um das Geld von der Versicherungsgesellschaft zu verdienen. Das war eine Geschichte, die viel Aufsehen machte, ich verdiente mir die Sporen dabei, und ich will Dir sagen, Onkel Bus, ich gewann ein Teil Erfahrung bei dieser Sache, die ich mit Freuden der lokalen Obrigkeit zur Disposition stelle. Du kannst versichert sein, mein lieber Onkel, daß ich der Sache freien Lauf lassen werde. Wir beginnen mit der Verhaftung . . .«

»Willst Du mich verhaften – da soll doch der Teufel . . .« Onkel Bus wurde ganz blau vor Zorn und der Kopf wirbelte ihm, während er wilde Blicke auf die beiden Richter warf.

»Ruhig, ruhig,« sagte Heiden.

»Nein, mein guter Mann. Sie können nicht verlangen, daß ich ruhig sitzen und anhören soll, daß Sie mich verhaften wollen. Das hat mir, hol mich der Teufel, noch niemand in meinem eigenen Hause geboten, und das soll zum Henker . . .«

»Lieber Onkel,« unterbrach ihn Thomas – »Du verletzt meine empfindliche Seele mit Deinen fürchterlichen Flüchen. In der Schrift steht: Eure Rede sei Ja, Ja, Nein, Nein, aber von hol mich der Teufel und zum Henker schweigen die Quellen. Seid Ihr, Tante und Du, die einzigen, die um das Versteck gewußt haben, so müßt Ihr verhört werden. Und Du mußt Dich darein finden. Also Hansen hole die gnädige Frau.«

Hausen schlug die Hacken zusammen, machte kehrt und schritt auf die Eßzimmertür zu.

»Was sagst Du,« brüllte Onkel Bus.

»Ruhig, ruhig,« sagte der Kreisrichter beschwichtigend.

Thomas genoß die Wut des Onkels, und während dieser fauchend mitten im Zimmer stand, ging er an den Sekretär und zog das Fach auf. »Was lag in dem Fach?«

»Einige Papiere, eine Stange Siegellack, ein altes Petschaft, ein paar alte Münzen und anderer Kram,« antwortete der Gutsbesitzer. Die Pfeife war ihm ausgegangen und er stand mitten im Zimmer wie ein Stier, der stoßen will, aber nicht weiß, gegen welchen von den zwei Feinden er die Hörner richten soll.

»Alte Münzen,« fragte Heiden interessiert.

»Wie viele?«

»Ein halbes Dutzend,« lautete die mürrische Antwort.

»Wir wollen das Fach herausziehen,« schlug der Kreisrichter vor.

Thomas zog das Fach heraus und setzte es mit einer zierlichen Verbeugung vor den Kreisrichter auf den Tisch.

»Das ist ganz richtig,«' sagte er. »Hier liegen Papiere, ein paar alte Münzen, zwei Uhrschlüssel und ein Stück eines Manschettenknopfes.«

»Fehlt eine von den Münzen?« fragte der Kreisrichter.

»Im Gegenteil,« erwiderte Thomas, »es sind zwei mehr als es sein sollen.«

»Es kann gut sein, daß es 8 waren,« zischte Busgaard.

»Es gilt in einem Verhör genau zu sein; wenn angegeben wird, ein halbes Dutzend, so bedeutet es 6. Wir stellen also fest, daß es 8 waren.«

»Ist das nicht gleichgültig,« schob Heiden ein.

»Nichts ist gleichgültig in einem Verhör,« dozierte der Assessor, »sehen Sie diesen Plunder, Herr Kreisrichter, ein alter Nagel und ein Messer.«

»Das Messer gehört mir,« schnob Busgaard.

»Und der Nagel?« fuhr Thomas fort. »Könnte man sich nicht denken, der Dieb habe dieses Werkzeug als Nachschlüssel benutzt?«

Heiden blickte auf. »Das Werkzeug, das im Fach lag?«

Onkel Bus warf den Kopf zurück. – »Da sehen Sie selbst den klugen Kopenhagner! Ja, das ist klar. Der Dieb hat einen Nagel benutzt, der im Fach lag, und . . .«

Thomas richtete sich in die Höhe und sah den Gutsbesitzer streng an. »Du vergißt, daß wir vorläufig garnicht an einen Dieb glauben. Wir befinden uns noch in dem Stadium, wo wir mit vollem Recht den beargwöhnen, der den Diebstahl angezeigt hat, und das bist Du . . .«

»Da soll doch der Teufel . . .«

»Nein, er soll nicht,« sagte Thomas ruhig, »aber Du solltest Dir den Nagel ansehen, das Fach ist damit aufgezogen worden, es ist Lack an der Spitze des Nagels und Kratzer an dem Fach in der Umgebung des Schlüssellochs. Das Messer da ist zum schneiden gebraucht worden, es sitzen noch Holzsplitter an der kleinen Klinge.«

»Und was bedeutet das alles?« brummte Onkel Bus.

»Daß ich Eure Herrlichkeit nicht arretieren will, alldieweil Du nicht nötig hattest, einzubrechen, wenn Du den Schlüssel hattest. Und ich habe einen gewaltigen Respekt vor Deiner gesunden und natürlichen Begabung, aber ich will Dir, und ohne daß Du mich deshalb aufzufressen brauchst, doch nicht die Abgefeimtheit zutrauen, daß Du die Geschichte mit dem Nagel und dem Messer arrangiert hast. Nicht wahr, Herr Kreisrichter, ein Richter soll sich wohl vor genialen Hypothesen hüten! Man kann berühmt damit werden, man kann aber auch niederträchtig in die Tinte geraten damit. So ging es neulich einem überbegabten Kollegen von mir, den wir jedoch in diesem Zusammenhang ungenannt bleiben lassen wollen. Wenn Du dagegen angezeigt hättest, es sei ein Dietrich benutzt worden, so wärst Du es selbst gewesen. Lerne daraus, daß man vorsichtig sein soll, ehe man in einem wohlgeordneten Staat einen Diebstahl anmeldet.«

»Ja, das kann ich bei Gott merken,« brummte der Gutsbesitzer. »Aber sonst verstehe ich kein Wort von der ganzen Geschichte.«

»Nein,« sagte Thomas, »und das ist Dein Glück. – Du bist unschuldig.«

»Willst Du mich verschonen . . .«

Thomas lachte. »Du wirst doch nicht etwa auch zornig werden, weil wir sagen, daß Du unschuldig bist. Deine Entwicklung hat Dich in den letzten Jahren wirklich etwas von der geordneten Gesellschaft entfernt. Willst Du Dein Geld wieder haben, oder nicht?«

»Selbstverständlich,« schrie Onkel Bus.

Heiden blickte ärgerlich in die Höhe: »Dann müssen Sie ruhig sein.«

Polizeidiener Hansen kam mit Frau Busgaard zurück; er hatte sie im ganzen Hause gesucht. Sie war im Keller. Tyr und Tut zeigten sich in der Tür mit großen Augen und roten Köpfen, sie fanden es furchtbar spannend, aber sie wurden nicht zum Verhör zugelassen, sondern im Gegenteil von ihrem Vater ziemlich unsanft vor die Tür gesetzt.

Tante Mus fühlte sich bei der feierlichen Zurüstung ein wenig schwach in den Knien, aber sie wußte ja nichts und konnte nur beteuern, daß sie die Benutzung des Sekretärs als Schatzkammer keiner Menschenseele gegenüber erwähnt hatte, und damit war man um keinen Schritt weiter.

Thomas wühlte weiter in dem Fach, besonders interessierte er sich für das Bruchstück des Manschettenknopfes, das darin lag. Es war eine gebogene Metallplatte, mit dem geprägten Bild der Haupthalle von der Ausstellung zu Aarhus 1908. Es fuhr Thomas durch den Kopf, daß der Dieb diese Platte verloren haben könnte, und es galt daher zu konstatieren, ob sich ein Seitenstück zu dem Knopf im Hause fand.

»Onkel,« sagte Thomas scharf, in richtigem Untersuchungsrichterton, »darf ich Deine Manschettenknöpfe sehen?«

»Willst Du nicht lieber meine Hosenknöpfe sehen,« lautete die mürrische Antwort.

»Danke, nein, vorläufig nicht, laß mich die Manschettenknöpfe sehen.«

Er bekam sie zu sehen. Sie waren von Gold und glatt. »Onkel,« fragte er weiter, »kennst Du das Stück hier? Es lag im Fach.«

Onkel Bus schüttelte den Kopf. »Nein, das habe ich nie gesehen. Ich habe es nicht in das Fach gelegt, und ich kann Dir nicht sagen, wie es dahin gekommen ist.«

Thomas nickte. »Nein, das habe ich mir gedacht.« Er wendete sich an Frau Busgaard. »Danke, Tante, Du kannst gern wieder gehen.«

»Danke,« sagte sie. »Ihr habt mich furchtbar erschreckt.«

Heiden stand auf und verbeugte sich. – »Das war absolut nicht beabsichtigt. Sie müssen entschuldigen, gnädige Frau, aber wir halten Verhör.«

»Verhör,« schnaubte Busgaard, »ja wenn das Verhör heißen soll, anständige Leute zu verunglimpfen und ihre Kleider nachzusehen – ja entschuldigen Sie, Herr Kreisrichter, Sie tun ja nichts, aber der dort. – Was glotzt Du so, Du Satan.«

Thomas beugte sich zu Heiden hinüber.

»Herr Kreisrichter, wir wollen hoffen, daß dieser brave Landwirt nie vor eine höhere juristische Instanz zitiert wird! Das sage ich Dir, Onkel Bus, wenn das Schicksal Dich in Kopenhagen zu einem meiner Kollegen führt, so endest Du, hol mich der Teufel – um eine Deiner Redeblumen zu gebrauchen – in einer Zelle.«

»Einer Zelle,« sagte Busgaard und glotzte – »was für einer Zelle – was ist eine Zelle . . .«

»Ein Aufbewahrungsort für Personen, die nicht das nötige Verständnis für die Bedeutung und Würde des Gerichtes haben. Laß uns den gehörnten Schutzpatron bitten, daß er Dich davor bewahrt, vor einem Richterkollegium erscheinen zu müssen. Und nun geh mit Gott, Tante Mus.«

Das ließ Tante Mus sich nicht zweimal sagen. Sie ging mit dem Gefühl, einer drohenden Gefahr entronnen zu sein.

Onkel Bus' Pfeife war ausgegangen, und dazu gehörte viel. Er zündete sie ostentativ wieder an; es kochte inwendig in ihm, aber es war etwas in dem Ganzen, was ihn niederhielt. – Dieser Satans Thomas.

»Noch mehr?« fragte er schließlich.

»Ich weiß nicht, ob der Herr Kreisrichter noch etwas zu bemerken hat,« sagte Thomas mild und friedlich.

Heiden legte den Finger an die Nase: Offenbar muß es ein Hausdieb sein und der Manschettenknopf ist ein wertvoller Fingerzeig. Nun gilt es nur den zu finden, der das Seitenstück zu dem Manschettenknopf besitzt.«

Thomas nickte. »Wir müssen Manschettenparade halten.«

»Ja,« fuhr Heiden fort, »und das sogleich.«

»Ach, Hansen!«

Thomas unterbrach ihn. »Nein, halt, halt, – das dürfen Sie nicht. Es könnte doch sein, daß der Dieb ebenso schlau wäre wie wir, und wenn er nun z. B. die zerbrochenen Knöpfe kassiert hätte, so schafften wir ja nur Verdruß. Nein, wir müssen behutsam vorgehen.«

Onkel Bus blickte auf.

»Ach, Onkel, fuhr Thomas fort, sieh doch zu, daß Du Deinen Verwalter erwischst – schick ihn herein und bleib selber draußen – Du mußt nicht böse sein, aber Du würdest selbst einem König Salomon ein Verhör unmöglich machen.«

Busgaard fuhr in die Höhe. »Soll jetzt Klemmesen verdächtigt werden– mein braver, vortrefflicher Klemmesen? Nein, hören Sie mal, Herr Kreisrichter!«

Heiden erhob abwehrend die Hand: »Tun Sie, wie der Assessor sagt, Herr Gutsbesitzer.«

Und Busgaard stürmte mit Volldampf aus der Tür wie ein Automobil von 30 Pferdekräften.

Thomas wandte sich an den Kreisrichter. »Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß meines Onkels Verwalter Jütländer ist; ich kann mir also denken, daß er beeinflußt von der inselfeindlichen Bewegung vielleicht im Besitz eines Manschettenknopfes ist, der als Erinnerungszeichen von der mit New York und London konkurrierenden Hauptstadt seines engeren Heimatlandes geprägt ist. In bezug auf Lokalpatriotismus sind diese Cimbern phänomenal.«



Es fängt an, für Klemmesen bedenklich auszusehen

Es gibt etwas, was man als Voreingenommenheit gegen Personen bezeichnen kann; man kann es auch anders nennen, es kommt nicht so übertrieben viel auf Bezeichnungen an, wenn man nur weiß, was sie bezeichnen. Voreingenommenheit würde zum Beispiel entstehen, wenn ein 250 Pfund schweres Fischweib ihren Einzug in die Straßenbahn damit hält, daß sie ihre beiden Füße auf die meinigen pflanzt und darauf ihr Achterkastell auf meine Knie. Wenn nun besagtes Fischweib zufällig auf dem Wege zu meinem Kontor ist, um mich für eine ihr nützliche Transaktion zu interessieren, so darf ohne Übertreibung behauptet werden, daß das Wiedersehen mit ihr eine gewisse Stimmung in mir wecken wird, die ihr nicht günstig ist, auch wenn die Ursache dafür zufällig ist. Bedeutend schlimmer für die Dame ist es, wenn ich Kriminalassessor bin und sie in einer Angelegenheit verhören soll, wobei es sich um unerlaubte Unachtsamkeit handelt.

Dieser Ausdruck, Voreingenommenheit, kann also gebraucht werden von den unfreundlichen und zum Argwohn höchst geneigten Gefühlen, die sich bei dem Kriminalassessor Thomas Klem emporarbeiteten, sobald die Möglichkeit auftauchte, daß sich der Verdacht des Diebstahls auf Klemmesen richten könnte. Er hatte Ursache zu vermuten, daß Klemmesen ein vom Vater begünstigter Bewerber um seine Tine war, und dies konnte ihn nur unfreundlich gegen den ihm sonst unbekannten Mann stimmen.

Nun war eine an Gewißheit grenzende Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden, daß dieser selbe Klemmesen in einem früheren Besitzverhältnis zu dem im Fach gefundenen Teil eines Manschettenknopfes von der Aarhusausstellung stand; denn von keinem zivilisierten Menschen war von vornherein anzunehmen, daß er mit so einem Ungeheuer von Gebrauchsgegenstand herumlaufen würde, und ein Verwalter aus Salling mußte Thomas seiner ganzen Anlage nach als etwas Unzivilisiertes erscheinen. Er ergriff den Gedanken und verfolgte ihn weiter.

Als Busgaard aus dem Zimmer war, wandte sich Thomas an den Polizeidiener und fragte scheinbar uninteressiert: »Was halten Sie von Klemmesen, Hansen?«

Hansen gefiel sich in Reservationen: »Tja, sagte er philosophisch, was soll man glauben in unseren Tagen? Es kommt ja vor, daß die anständigsten Menschen, sogar Leute in sehr hohen Stellungen . . .«

»Unsinn!« unterbrach ihn Thomas. – »Ja, Verzeihung, Hansen; aber Sie wissen, ich hasse allgemeine Bemerkungen. Ist der Kerl ehrlich?«

Hansen richtete sich auf und fraß seinen Ärger in sich. Bist Du bei Verstand? dachte Hansen. Laut sagte er: »Ich habe nur Gutes über Klemmesen gehört.«

Das würde den anderen ärgern, dachte er, und in diesem Augenblick hätte er selbst einem Bulotti ein Unbescholtenheitszeugnis ausgestellt.

»Kennen Sie ihn genauer?« fragte Thomas.

»Nicht eigentlich!« mußte Hansen einräumen. Durch den Ton des Assessors wurde etwas berührt, was infolge langer Dressur blind reagierte. Der Kreisrichter sah, daß ein kleines Scharmützel heranzog. Er wollte seinen Polizeidiener in Schutz nehmen, den er, ehrlich gesagt, nicht wenig verwöhnte.

»Ich kann die Art nicht leiden, den Verdacht auf einzelne zu richten,« sagte er sehr freundlich, aber doch gleichsam zurechtweisend.

Thomas drehte sich auf dem Absatz herum und nahm den Angriff an: »Nein, ich habe darum auch alle im Verdacht; aber Sie haben ja die Leitung. Also!« –

»So war es nicht gemeint.«

In diesem Augenblick trat Klemmesen ein. Draußen auf freier Flur unter den Vögeln des Himmels und den Tieren des Feldes war Klemmesen mit seiner kurzen gedrungenen Gestalt und seinem hellen lockigen Haar ein ganzer Kerl. In einer Wirtsstube, wo es einen Handel um einen Ochsen oder eine Fohlenstute galt, war er geradezu eine Macht, und sollte im Stall eine Kuh kalben, so schwang er sich zu einer Art Vorsehung auf. Aber hier in der Wohnstube, vom Scheitel bis zur Sohle bestaubt, in grober Kleidung, ungewiß, was es mit der Audienz für eine Bewandtnis habe, unbekannt mit den Leuten, deren Blicke den seinen begegneten, etwas außer Atem, verschwitzt und sehr verlegen, sah er aus wie ein Kalb, das sich auf einen schmalen Steg gewagt hat und die Wellen unter sich rauschen hört, während die schmale Brücke es von dem festen Grund und dem duftenden Gras trennt.

Thomas Klem betrachtete ihn genau, nahm ihn von Kopf bis zu Füßen in Augenschein und schwieg. Dann plötzlich erstrahlte die Stirn des Assessors in Heiterkeit; er schritt leicht und rasch durchs Zimmer und streckte Klemmesen die rechte Hand entgegen.

»Sind Sie Klemmesen? Gott segne Sie, und der Herr sei gelobt, daß Sie Klemmesen sind. Dabei müssen Sie bleiben.«

Klemmesen gaffte, und der Assessor schüttelte die arbeitsgewohnte Hand, so daß die Manschette des Verwalters über die Hand rutschte.

Es war eine Manschette mit dem Knopf von der Aarhusausstellung!

Der Assessor trat zurück.

Klemmesen machte verdutzt ein paar Schritte weiter ins Zimmer hinein.

Der Kreisrichter nickte ihm freundlich zu. Er hatte sich offenbar vorgenommen, die Partei des Verwalters zu ergreifen. Der Polizeidiener stand da und kaute an dem Bissen von vorhin. In Fällen wie dieser, sind Gerichtsbeamte der Unterklasse Wiederkäuer.

Thomas brach das Schweigen: »Ach, Herr Klemmesen, wollen Sie nicht so freundlich sein Polizeidiener Hansen zu helfen, den Sekretär von der Wand zu rücken.«

Hansen glotzte.

»Ziehen Sie den Rock aus, Hansen, und Sie auch Klemmesen!«

Der Polizeidiener gehorchte und zog den Rock aus. Klemmesen zögerte. »Das ist nicht nötig,« sagte er, »er wird nicht schlechter davon.«

»Tun Sie es nur,« meinte der Assessor, »es ist schade um die guten Kleider.«

Klemmesen warf die Jacke ab.

Der Assessor fuhr fort: »Sie sollten die Manschetten ablegen, sie sind nur im Wege. Geben Sie her und rücken Sie das Möbel ordentlich vor.«

Klemmesen reichte Thomas die Manschetten und machte sich an den Sekretär. Heiden starrte staunend auf die Dinge, die um ihn vorgingen. Er begriff nicht, was das alles bedeuten sollte. Da trat Thomas zu ihm hin.

»Bitte sehn Sie, Herr Kreisrichter, das sind ein paar Manschetten, die offenbar dem Verwalter gehören. Die eine Manschette hat einen Knopf, der dem im Fach gefundenen gleicht, einen Aarhusausstellungsknopf. Die andere hat einen Beinknopf. Was sagen Sie nun?«

»Ja, was sagen Sie?« erwiderte der Kreisrichter und sah ihn unsicher fragend an.

»Ich sage, die Knöpfe sind ungleich, aber das sind die Manschetten auch!« Dann wandte er sich an die Beiden, die sich schwitzend am Sekretär abmühten: »Danke, es ist gut, es war nichts. Die Herren können den Sekretär wieder anrücken.«

Der Sekretär wurde wieder an die Wand gerückt und die Herren schlüpften wieder in ihre Röcke. Thomas spielte mit den Manschettenknöpfen. »Das ist ein schnurriger Knopf, den Sie da haben, Herr Klemmesen!« sagte er.

Klemmesen warf einen Blick auf den Knopf. »Ja,« sagte er, »den habe ich auf der Aarhusausstellung vor 2 Jahren gekauft. Ich hatte zwei, aber der eine ist weg. Es ist wohl ein paar Tage her.«

Die 3 Polizeimänner wechselten Blicke, aber Thomas wehrte eine Diskussion ab. »Danke, Herr Klemmesen,« sagte er. »Es ist gut. Sagen Sie mir, wußten Sie, daß Geld mit der Post am Sonnabend gekommen war?«

»Ja,« antwortete der Verwalter sofort. »Ich stand hier, als die Post kam und außerdem sprachen ich und der Gutsbesitzer darüber, da ich die Leute abzulohnen hatte. Es waren ein paar, die Vorschuß haben wollten, aber der Gutsbesitzer wollte das Geld nicht holen.«

»Hm,« sagte Thomas, »Sie wußten also, daß das Geld im Sekretär lag.«

»Wußte,« erwiderte Klemmesen, »ich konnte es mir denken, denn da pflegt der Gutsbesitzer sein überflüssiges Geld aufzubewahren. Er legt es nie in den Schreibtisch aus Angst vor Dieben. Das habe ich oft gesehen. Da liegt es also nahe, an den Sekretär zu denken, und soviel ich mich erinnere, hat der Gutsbesitzer es mir selber erzählt.«

»Aus Furcht vor Dieben?« wiederholte der Kreisrichter und sah den Verwalter freundlich an.

»Ja,« fuhr dieser fort, – er war jetzt mit der Situation ganz vertraut – »es ist ja schrecklich mit dem Diebsgesindel, es breitet sich über das ganze Land aus. Ich kriegte selber so Angst bei der Geschichte hier, daß ich in die Stadt ritt und mein Geld auf die Sparkasse trug.«

»Sie hatten Geld?« fragte Thomas und sah ihn fest an. »Wieviel?«

Klemmesen schüttelte sich ein bißchen.

»Wieviel?« fragte der Assessor, wie einer der gewohnt ist zu fragen und Antwort zu fordern.

»Es waren wohl so zwanzig und einige Hundert,« sagte der Verwalter, wobei die Worte sich ihm entwandten, wie aus einem Schraubengewinde. »Seit dem Bankkrach traute ich den Sparkassen nicht recht; aber nach dem Diebstahl dachte ich bei mir, das, was die kleinen Diebe einem abnehmen, ist man los, während es der Regierung obliegt, einem das zu erstatten, was die großen Diebe an sich raffen.«

Der Kreisrichter lächelte: »Glauben Sie das, Klemmesen?«

»Das weiß ich,« erwiderte der Verwalter bestimmt; »dafür gibt es sicher ein Gesetz. Und so dachte ich, es wäre das Beste, meine Sparpfennige auf die Bank zu legen.«

»Zwanzig und einige Hundert?« fragte Thomas.

»Vielleicht etwas weniger, vielleicht etwas mehr. Ich erinnere mich nicht so genau,« sagte Klemmesen, der offenbar keine Lust hatte, die genaue Summe zu nennen.

Der Kreisrichter blickte Thomas an, der dastand und überlegte.

»Ach, Klemmesen,« fuhr er fort, »wollen Sie die Güte haben, den Gutsbesitzer zu bitten hereinzukommen. – Ja, danke, weiter war es nichts.«

Klemmesen ging.

»Hören Sie, Herr Assessor,« sagte der Kreisrichter, als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, »finden Sie eigentlich nicht, daß wir allen Grund hätten, den Mann etwas näher zu verhören. Er ist im Besitz eines Manschettenknopfes, der unserem vorläufig einzigen Corpus delicti gleicht. Ich hatte den Eindruck, der Mann wußte, daß Geld im Sekretär lag, und dann hat er obendrein Geld auf die Bank gebracht.«

Thomas nickte. »Es freut mich, Herr Kreisrichter, daß Sie sich dieses vollkommen richtige Wissen angeeignet haben. Wir wissen jetzt diese Dinge, aber da ich davon ausgehe, daß der Mann eine Frage von unserer Seite, die mit Fug als unhöflich betrachtet werden kann, nicht ohne weiteres beantworten wird, und da er wohl kaum sofort sich davonmacht, so möchte ich vorziehen zu untersuchen, was mein gestrenger Onkel zu diesen uns vorliegenden Aufklärungen zu bemerken hat.«

»Das kann man auch tun.« antwortete der Kreisrichter.

»Das tut man,« sagte Thomas kurz und unterdessen trat Busgaard ins Zimmer. Er sah den Neffen höhnisch an und ging direkt auf seinen Stuhl los. Dort nahm er Platz mit gefalteten Händen, von Kopf bis zu Füßen ein stummer und unwilliger Protest.

Thomas setzte sich auf einen Stuhl gerade gegenüber und sah ihn eindringlich und wohlwollend an. Busgaard rutschte auf dem Sitz und brummte.

»Onkel,« sagte Thomas mildwehmütig. »Ich bin genötigt eine Frage an Dich zu richten, die Dich vielleicht betrüben wird. Ich weiß, Du hast eine gewisse Vorliebe für Deinen Verwalter Klemmesen . . .«

»Klemmesen ist meine rechte Hand!« brauste Busgaard auf. »Ich verbitte mir jeden schnöden Verdacht gegen einen Mann, dem ich voll vertraue und der . . .«

»Verzeihung,« unterbrach ihn Thomas, »ich möchte Dich nicht verletzen; aber sage mir, hältst Du es für möglich, daß Klemmesen ehrlich in diesen Tagen zu 2500 Kronen gekommen sein kann.«

Busgaard sperrte den Mund auf: »Ein Verwalter ehrlich zu 2500 Kronen. – Mein Verwalter ehrlich zu 2500 Kronen – – –!«

Thomas nickte. »Also. Du hältst es nicht für möglich? Gut. Klemmesen steht im Verdacht.«

Busgaard rückte unruhig auf dem Stuhl hin und her.

Der Kreisrichter mischte sich ins Gespräch. »Ja, er steht im Verdacht, den Ausdruck kann man wohl brauchen.«

Da fuhr Busgaard mit einem Ruck in die Höhe und schlug auf den Tisch, daß Vasen und Nippsachen tanzten: »Das sind, hol mich der Teufel, Lügen!«

Thomas erhob sich mit einem Krach. »Und ich sage nicht hol mich der Teufel, weil es so einen verwünschten Klang hat, aber es ist trotzdem wahr! Klemmesen hat vorgestern zwanzig und einige hundert Kronen auf die Bank gelegt, und da Du selber sagst, es sei undenkbar, daß Dein Verwalter ehrlich zu dem Geld gekommen ist, so dürfen wir wohl davon ausgehen, daß er es gestohlen hat.«

Busgaard sank fassungslos in den Stuhl zurück. Doch bald erholte er sich und die Oppositionslust erwachte in ihm. »Das soll mir keiner einbilden, daß es so leicht ist für ein paar Herren wie die Herren einen Dieb zu finden!«

Thomas kniff das Monokel fest ins linke Auge. »Ich beuge mich in Ehrfurcht vor Dir, mein weiser Onkel! Das ist der einzige Grund, warum ich nicht gleich im Namen der Gerechtigkeit die Hand auf Deine rechte Hand lege. Außer den Fällen, wo der Verbrecher sich selber meldet, was diese geehrten Mitbürger ja bisweilen so wohlwollend sind zu tun, ist es geradezu eine Seltenheit, daß es so leicht geht, wie es hier zu gehen scheint. Ich wage also nicht zu hoffen, daß die Vorsehung so gnädig gegen uns gewesen ist, wenngleich ich das Beste hoffen will. Es wird indessen von uns verlangt, daß wir etwas unternehmen, und da wir leicht, indem wir einseitig eine Spur verfolgen, die falsch sein kann, an der richtigen vorbeigehen, so schlage ich vor, Klemmesen, der offenbar nicht ahnt, daß er in Verdacht steht, unter Aufsicht frei herumgehen zu lassen, während wir uns zu der Gewißheit emporarbeiten, die nötig ist, wenn ein Resultat erreicht werden soll. Ich erbitte mir daher die Erlaubnis, Klemmesen unter meine Obhut nehmen zu dürfen, und ich werde meine Arbeit sehr diskret verrichten.«

»Die Erlaubnis haben Sie,« antwortete der Kreisrichter. »Ich bin ebenfalls meiner Sache nicht sicher.«

»Und Sie, Hansen?« fragte Thomas.

Hansen schüttelte den Kopf.

Und so schüttelten sie alle vier die Köpfe, was der scharfsinnige Leser vermutlich auch tut! Nur Geduld!



Schildert unglückliche Liebe

Wir wissen, Tine war blond und Monny brünett. Tine war folglich ein gutes und frommes Mädchen. Monny dagegen war eher ein Charakter. Tine war froh und glücklich über die Anwesenheit des Geliebten, sie strahlte um die Wette mit unsres Herrgotts heller Sonne. Monny war ganz und gar nicht froh, und um dies zu erklären, müssen wir auf etwas zurückgehen, was der Leser vielleicht schon vergessen hat. Als Arthur Franck an jenem Sonnabend, wo der Gutsbesitzer das Paar überrascht hatte, Monny vorgeschlagen hatte, die 2500 Kronen zu stehlen und in die weite Welt zu ziehen, hatte Monny die Sache als Scherz genommen. Es konnte ihr ja nie einfallen zu glauben, daß ihr Arthur es ernst, meinte. Ihren geheimen Postdienst hatten sie nicht wieder aufzunehmen gewagt, und den ganzen Sonntag hatte sie auf eine Nachricht von Arthur gewartet. Er war indessen nach der Stadt gezogen um zu fouragieren. Das war natürlich und verzeihlich, denn die Küche beim Waldhüter war nicht erster Klasse. Dann kam am Montag die Entdeckung, und in der Verwirrung vergaß Monny ganz die unvorsichtigen Worte des Geliebten. Aber gegen Mittag suchte sie ihn in seinem Schlupfwinkel auf und als sie ihm das Furchtbare, was geschehen war, erzählte, kam es ihr mit einem Male in Erinnerung, was er am Sonnabend gesagt hatte. Sie erinnerte ihn daran und Arthur wurde böse. Sie bereute ihren Argwohn und sie schieden als gute Freunde; aber der häßliche Gedanke tauchte immer wieder auf, und als sie sich am Dienstag auf mündliche Verabredung hin trafen, war es, als ob zwischen ihnen etwas entzwei wäre. Arthur wurde übellaunig und sagte, er wollte abreisen. Monny wollte ihn nicht bitten zu bleiben, und die Beiden hatten es recht unbehaglich zusammen. Aber die Abreise wurde trotzdem auf Donnerstag verschoben. Mittwoch war es dann, wo Vetter Thomas ankam, und Monny meinte, sie müßte ihn mit dem Geschehenen bekannt machen. Aber sie wollte und konnte doch Arthur nicht mißtrauen, und darum, fand sie, durfte sie dem Vetter Arthurs Anwesenheit nicht verraten, ohne ihm loyal vorher mitgeteilt zu haben, was sie tun wollte.

Die Beiden kannten einander, denn Thomas, der ein recht gesuchter juristischer Repetent war, hatte Arthur Franck vorbereitet. Der junge Mann war indessen kein sehr fleißiger Student, und er hatte sich nicht gerade durch pünktliches Erscheinen bei seinem Repetenten ausgezeichnet. Thomas liebte die Ordnung, und obwohl er kein Kopfhänger war, seinen Studien hatte er immer mit Ernst und Eifer obgelegen, schwänzen und Mangel an Pflichterfüllung waren ihm von Herzen zuwider. Man konnte daher nicht annehmen, daß Mosjö Arthurs Aktien bei dem Assessor hoch ständen, und wenn es nun Thomas einfiele, den Bruder Leichtfuß zu beargwöhnen. Allein der Gedanke daran genügte, um jeden Zweifel bei Monny zu verscheuchen und sie ganz und ungeteilt auf die Seite des Geliebten zu stellen; man hatte ja so viel von diesen Kriminalassessoren gehört, und wenn Thomas nun wirklich darauf verfiel und den Verdacht faßte, von dem sie jetzt absolut nicht mehr begreifen konnte, wie er auch nur schattenhaft in ihr hatte aufsteigen können, so war ihr ganzes kleines Abenteuer mit einem Schlage verraten, ihr Arthur dem schändlichsten Geschick ausgesetzt und sie selbst in Grund und Boden unglücklich und zu Grunde gerichtet für Zeit und Ewigkeit. Alles dies waren Betrachtungen, die wohl den Sinn eines achtzehnjährigen Mädchens zum tiefsten Nachdenken anregen konnten. Und nun forderte die Situation von ihr, daß sie handeln sollte.

Schweren Sinnes und voll banger Ahnungen ging Monny daher durch den Park nach dem Waldhüterhaus, während Vetter Thomas und der Kreisrichter das erste Verhör, das wir aus der vorangehenden ausführlichen Schilderung kennen, abhielten. Ein Unglück kommt selten allein; das liegt wohl daran, daß der Sinn unter der Wirkung eines Unglückes für die Auffassung eines andern empfänglich gemacht wird, oder vielleicht darin, daß das, was an und für sich kein Unglück ist, leicht dazu wird, wenn es mit einem wirklichen Unglück zusammentrifft. Genug, im Park begegnete sie Willumsen, der ihr offenbar aufgelauert hatte.

Was sollte sie tun? Davonlaufen konnte sie nicht, ihn auf andre Weise loszuwerden ging ebenfalls nicht. Es blieb ihr nichts andres übrig, als den Umweg über das Pfarrhaus zu nehmen und durch einen Besuch bei Pastor Mortensens Rieke den unerwünschten Begleiter loszuwerden.

Willumsen hatte offenbar etwas auf dem Herzen und das mußte sie anhören, obgleich es sie nicht im allermindesten interessierte. Sie haßte diesen Menschen. Sie konnte ihn geradezu nicht ausstehen!

Doch er ging an ihrer Seite und es war offenbar seine Absicht, sich nicht abschütteln zu lassen. Sie ließ ihn reden. Es blieb ihr ja nichts anderes übrig. Sie gingen rasch durch den Schnee, erst durch den Park, dann längs der ausgefahrnen Landstraße; es stimmte Monny nicht milder, daß der Weg, den sie jetzt gehen mußte, dem, der zum Waldhüter und zu Arthur führte, gerade entgegengesetzt war.

Willumsen redete. Sie sah ihn nicht einmal an, und im Grunde war Willumsen ein hübscher schlanker Bursche mit dichtem braunen Haar, leicht rötlichem Vollbart und verständigen dunklen Augen. Er war weit herumgekommen und hatte nicht wenig gelernt, so daß er bei den meisten Dingen mitreden konnte. Die Damen hatten ihn und er sie gern. Es war wohl eigentlich nur die Geschichte mit Arthur, die Monny feindlich gegen ihn stimmte! Das glaubte er selber; er hatte sich angestrengt, um in dieses kleine Mysterium einzudringen, jetzt glaubte er auf der Spur zu sein, und darum sprach er.

»Fräulein Monny,« sagte er, »ich bin mir bewußt, Ihnen nie etwas Böses zugefügt zu haben. Ich habe Sie gleich vom ersten Mal an, wo ich Sie sah, außerordentlich hochgeschätzt, und ich bin ehrlich bestrebt gewesen, mich Ihnen angenehm zu machen. Das ist mir nicht geglückt. Von Tag zu Tag sind Sie immer unfreundlicher gegen mich geworden.«

»Und darum fände ich es passend, wenn Sie mich in Frieden ließen!« erwiderte Monny schroff.

»Das kann ich nicht,« sagte Willumsen. »Ich habe Sie lieben lernen. Ich bin arm, aber die Arbeit geht mir gut von der Hand, Ihr Vater und ich haben gemeinsame Interessen. Ihre Mutter ist lieb und gut und freundlich gegen mich. Sie müssen mir den Gefallen tun, mir zu sagen, ob ich persönlich Ihnen zuwider bin, am liebsten sollten Sie mir auch sagen warum! Oder – und das ist es eigentlich, was ich Sie fragen wollte, ist es ein andrer, ich meine, interessieren Sie sich für einen andern? – Herrgott, wir sind doch Menschen, und dazu vernünftige Menschen. Sie können es mir ruhig erzählen. Ich habe kein Recht, mich in Ihr Vertrauen einzudrängen, ich bitte Sie bloß, mir die Freundlichkeit zu erweisen und mir zu antworten.«

Monny blieb stehen und stemmte die Hände in die Seiten. »Herr Willumsen,« sagte sie mit Festigkeit und bedeutender Würde. »Es ist mir unfaßlich, daß Sie nicht begreifen können, daß ich Ihr Vertrauen nicht wünsche und Ihnen auch das meinige nicht schenken will. Ich bitte Sie nur, mich in Frieden zu lassen.«

»Das kann ich nicht,« antwortete Willumsen betrübt, aber ziemlich fest. »Sie können mir antworten, daß Sie einen andern lieben, dann weiß ich es. Aber solange Sie mir das nicht sagen, solange müssen Sie mir erlauben zu hoffen. Und ich kann Sie versichern, daß ich kein Mittel unversucht lassen werde, das dazu beitragen kann, Ihnen eine Ansicht von mir beizubringen, wie ich mir bewußt bin, sie zu verdienen, und wie sie Ihr Vater und Ihre Mutter bereits haben.«

»Soll das eine Herausforderung sein?« fragte Monny. Es kochte geradezu in ihrem Innern.

»Nein,« erwiderte er. »Es ist eine demütige Bitte, oder, wenn Sie wollen, eine Erklärung. Sie können antworten, was Sie wollen, aber eine Antwort will ich haben.«

Monny war nicht umsonst Busgaards Tochter. Sie sah dem zudringlichen Herrn gerade in die Augen, mit einem Blick, der geradezu Funken sprühte: »Sie sind es, der die 2500 Kronen gestohlen hat!« sagte sie, »und dann haben Sie obendrein noch die Frechheit, mich mit Ihren Erklärungen zu verfolgen.«

Sie bebte dabei – aber nun war es gesagt; es war natürlich der gräßlichste Unsinn – aber das mußte der Mann doch verstehen, und es waren offenbar scharfe Mittel nötig.

Die abgefeuerte Salve wirkte offenbar nicht so auf Willumsen, wie sie berechnet hatte. Der Ingenieur wurde nicht zornrot, er wurde überhaupt nicht böse, er betrachtete sie nur lächelnd und schüttelte den Kopf.

»Fräulein Monny!« sagte er schließlich ganz ruhig, aber mit großem Nachdruck auf jedem Wort. »Ich weiß nicht, was Sie berechtigt, so etwas zu mir zu sagen; es ist weit unhöflicher, als Sie vielleicht glauben. Es ist etwas, was man eigentlich ganz und gar nicht zu einem Mann sagen kann, von dem man absolut nichts wissen kann und von dem man nicht das Recht hat, etwas Unehrenhaftes zu vermuten, geschweige denn auszusprechen. Aber, laß gut sein, Sie haben es einmal gesagt und ich kann Ihnen ansehen, daß Sie es bereuen.«

»Nein!« unterbrach ihn Monny und stampfte mit dem Fuß in den Schnee.

»Gut,« antwortete er, »Sie bereuen es also nicht. So will ich Ihnen sagen, daß weit mehr Grund vorliegt, den im Verdacht zu haben, der sich bei einem der Untergebenen Ihres Vaters verborgen hält, der Ihres Vaters Sekretär, denselben, aus dem das Geld gestohlen ist, – als Briefkasten benutzt, und der sich auf den Hof schleicht, wenn er glaubt, daß andre nicht aufpassen.«

Monny wurde rot wie eine Päonie, aber er fuhr fort. – »Ich habe Ihnen nicht aufgelauert; ich spioniere nicht, aber ich habe Augen und Ohren. Ich mische mich nicht in Sachen, die mich nichts angehen, ich beabsichtige nicht Ihrem Vetter, dem Assessor, mitzuteilen, was ich weiß, wenn er nicht fragt; fragt er, so sage ich die Wahrheit. Ich habe nicht gelernt zu lügen und ich verachte die Lüge. Wir beiden sollen also Feinde sein!«

Und Ingenieur Willumsen zog seinen Hut, verbeugte sich und ging nach dem Hof zurück, während Monny stehen blieb und nach Luft schnappte.

Einen Augenblick dachte sie daran ihn zurückzurufen. Ihr Geheimnis war verraten, sie konnte sich vielleicht durch Freundlichkeit sein Schweigen erkaufen. Aber nach dem, was geschehen war, nach dem, was sie gesagt hatte! Nein unmöglich, so tief konnte sie sich nicht demütigen.

Sie biß die Zähne zusammen und die Tränen traten ihr in die Augen. Sie mußte mit Arthur, mit Thomas reden. – Sie mußte retten, was zu retten war, ehe es zu spät war. Und jetzt verdächtigte er Arthur. Es ging ihr mit einem Male auf, wie schlimm das Ganze aussah. Warum hatte sie auch die unartigen Worte zu Willumsen gesagt? Er war doch nicht der Dieb, konnte nicht der Dieb sein . . . Sie hatte nicht das geringste Recht dazu! – Und dann konzentrierten sich alle ihre Gedanken auf Arthur, und ohne daran zu denken, daß ihr Feind ihrer Spur folgen könnte, verließ sie die Landstraße und ging querfeldein durch den Schnee auf den Waldrand los, wo das Haus des Waldhüters lag.

Willumsen stand still, als er sich gut ein paar hundert Ellen von ihr entfernt hatte; dann drehte er sich um und sah ihr nach. Sie hatte natürlich nicht gemeint, was sie gesagt hatte, aber es war doch wohl am besten, der Assessor erfuhr etwas von dem jungen Mann da draußen im Waldhüterhaus.

Am liebsten mußte es aber so geschehen, daß nicht Willumsen den Angeber zu spielen brauchte. Und der Ingenieur schritt nachdenklich heim nach dem Hof, er pflegte sich nicht den Rang ablaufen zu lassen und am wenigsten von einem Grünschnabel, wie dem da unten im Waldhüterhause. Über ihn wußte Willumsen Bescheid. Woher er dieses Wissen hatte, werden wir später erfahren.

Am Scheunentor stand Klemmesen und erholte sich von dem sonderbaren Erlebnis drinnen im Hause. Klemmesen war kein Dummkopf – weit entfernt, aber sein Hirn arbeitete langsam. Er und der Ingenieur waren gute Freunde, und er nickte ihm freundlich zu, als er ihn um die Scheune herumkommen sah.

»Das ist ein lustiger Herr, der Assessor,« sagte Klemmesen; »er ließ die Möbel herumrücken und spielte eine richtige Komödie. Aber höflich ist er, mächtig gebildet und angenehm.«

»Das sind die Schlimmsten,« erwiderte der Ingenieur.

»Wie beliebt?« ertönte es aus dem Munde des Verwalters.

»Ein Wort, Klemmesen! Sie fallen durch. Sie haben ein Auge auf Tine geworfen, nicht wahr? Und das hat er auch. Er hat erste Priorität.«

»Wie beliebt?«

»Sie fallen durch, Klemmesen.«

Der Verwalter schüttelte den Kopf.

»Der Gutsbesitzer hat mir die Älteste halbwegs versprochen, gerade wie Ihnen die Jüngste zugesagt ist. Und der Gutsbesitzer steht dafür ein. Er sagt, so soll es geschehen, und so geschieht es.«

»Das glauben Sie!« Willumsen schüttelte den Kopf. »Aber angenommen, die Mädchen wollen nicht?«

»So sagt er, sie sollen, und damit Basta. Sie sind nur so ungeduldig, Willumsen! Immer ruhig Blut; mit Vorsicht praktiziert man Eier in einen Hopfensack. Wir werden sehen, alles geht gut.«

Willumsen seufzte. »Für Sie vielleicht! Aber nun ist die elektrische Anlage fertig, ich muß abreisen und was dann? Es ist wohl Tine, die der Assessor haben will.«

Klemmesen guckte auf. »Glauben Sie überhaupt, daß er eine haben will? Er gehört ja zur Familie und wenn er auch ein bißchen mit den Mädchen schäkert, so bedeutet es wohl nicht allzuviel. Es sind doch beides reizende Mädchen. Ich nehme die, die ich kriegen kann, für mich macht es keinen Unterschied. Mir soll keiner kommen und sich um das rein Persönliche mit mir zanken.«

Und der Verwalter lachte mit sattem Behagen und rieb sich die großen roten Arbeitshände. »Es heißt nur den Mut nicht verlieren, Willumsen! Mag der Assessor nach dem Geld und dem Dieb suchen, das ist ja sein Beruf, so können wir, Sie und ich, in der Zwischenzeit das unsrige bei den Mädchen tun; es geht schon alles so, wie es soll! Ich nehme meine, Du nimmst Deine, dann sind wir alle zufrieden.«

Der Ingenieur nickte.

»Wissen Sie was, Klemmesen, ich glaube es wird schwerer, als Sie denken. Aber ich gebe es nicht auf. Monny ist ein entzückendes Mädchen, ein Staatsmädchen. Und man ist doch zum Teufel noch ein erwachsener Mann.«

Klemmesen rieb sich die Hände und grunzte behaglich. »Und was für ein Mann, ein richtiger Mann – ein Mann mit Mark in den Knochen! Es fehlte noch, daß die traurigen Kopenhagner mit unsern Mädchen abziehen sollten. Was Willumsen? Sie sind ja auch sozusagen Jütländer, wenn Sie auch nur in Fredricia geboren sind. – Und wir Jütländer müssen doch durch dick und dünn zusammenhalten. Nicht?«

Dagegen hatte Willumsen im Augenblick nichts zu sagen; er bedurfte eines Bundesgenossen und der Verwalter log nicht, wenn er sagte, daß seine Aktien bei dem Gutsbesitzer gewaltig hoch standen. Willumsen wußte ja nicht, daß sich das Netz über dem pfiffigen Jütländer zusammenzog, und er bekräftigte die Bundesgenossenschaft mit einem Händedruck, worauf der Verwalter alles erfuhr, was der Ingenieur von Arthur und Monny wußte.

Draußen im Waldhüterhaus jedoch weinte Monny an Arthurs Hals, so daß diese Geschichte, die so lustig begann, nahe daran ist, traurig zu werden.

Hoffen wir, daß es nur ein Übergang ist, wie der Fuchs sagte, als sie ihm den Balg abzogen.



Die Gerechtigkeit arbeitet

Wir haben nun einmal die Aufgabe, uns dafür zu interessieren, wer dem Gutsbesitzer Busgaard zu Braendholt die 2500 Kronen gestohlen hat.

Wir wollen einräumen, es gibt größere Fragen, es gibt viel größere Fragen im wirklichen Leben, in Romanen gibt es auch weit spannendere Fragen, z B. ein gewaltsamer Mord, ein frecher Raub, eine häßliche Verleumdungsintrige oder ein dreister Mordbrand. Es gibt genug dergleichen, aber jetzt ist es der Diebstahl auf Braendholt, wofür wir uns interessieren sollen und wofür wir uns mit ein bißchen gutem Willen auch interessieren können, denn ein solcher Diebstahl ist wirklich etwas sehr Mystisches.

Das Geld war zu einem gegebenen Zeitpunkt vorhanden, es wurde in einem bestimmten Zeitraum entfernt, und es wurde von einer Person entfernt.

Wir haben Assessor Klem und dem Kreisrichter die Aufgabe gestellt, den Dieb zu finden. Die Untersuchung hat begonnen, und es ist nicht wenig, was dafür spricht, daß man in dem Verwalter Klemmesen eine Person gefunden hat, die den Diebstahl begangen haben kann.

Wir können es also den beiden Rechtsgelehrten nicht verdenken, wenn sie jetzt ihren Argwohn gegen diesen Mann richten.

Der Kreisrichter kannte ihn gar nicht, der Assessor ebensowenig; er hatte von Anfang an etwas gegen ihn aus Gründen, die wir kennen, aber nicht billigen.

Gleich beim ersten Blick sah Thomas indessen, daß der brave Verwalter ganz ungefährlich als Rival war.

Er würde ihn mit seinem guten Blick für Menschen gleich von jedem Verdacht freigesprochen haben, wenn nicht der merkwürdige Umstand mit dem Manschettenknopf und dem bei der Bank eingezahlten Geld gewesen wäre. Aber hier lag etwas Verdächtiges vor, und daher konnte man den Mann nicht außer acht lassen, ohne die Sache untersucht zu haben.

Eine Untersuchung der ökonomischen Verhältnisse Klemmesens hätte man gleich durch ein Verhör vornehmen können; selbst ein Jütländer wird den Mund vor dem Richter aufmachen, und es war nicht schwierig zu einem solchen Verhör zu schreiten.

Das wollte der Kreisrichter auch gern, aber Thomas bat um Aufschub, und es war Heidens Naturell nicht zuwider, ihn zu bewilligen.

Thomas beschloß, mit Tine über Klemmesen zu reden, und während dies geschah, wurde Polizeidiener Hansen beauftragt, einen Rapport über das Geschehene anzufertigen, der als Grundlage für ein kommendes Verhör dienen könnte. Heiden selbst wählte das beste Teil; er machte einen Spaziergang mit Busgaard, um sich den Hof und seine Umgebungen anzusehen.

Thomas und Tine wählten zu ihrer Zusammenkunft die Wohnstube. Thomas gehörte zu den Leuten, die, wenn sie einmal eine Sache begonnen haben, sie zu Ende führen müssen, und es fehlte nicht viel, daß er mehr Assessor als Liebhaber war.

Das merkte Tine, und da es ein alter Trick zwischen Liebenden ist, daß der eine Teil durch angenommene Kälte die Wärme des andern zu steigern sucht, fing sie an ein wenig zu schmollen und ihn leise zu schelten.

»Thomas,« sagte sie, nachdem sie sich ungewöhnlich weit von ihm entfernt aufgestellt hatte, »ich bin böse auf Dich, Du hast Dich sehr unfair benommen. Du kannst wohl begreifen, daß ich mit Klemmesen nichts zu tun haben will; aber darum ist es doch häßlich von Dir, einen geschickten und braven jungen Mann zu verdächtigen, nur um – –«

Thomas fiel ihr ins Wort: »einen Rivalen los zu werden! Ihr olympischen Götter, lacht im Chor! Martine Luthera, ich verweigere meine Mitwirkung zu der zwischen uns verabredeten Vornamenveränderung. Du sollst den Namen des heißblütigen Reformators bis zu Deinem Todestag tragen.«

Und Thomas lachte – etwas gezwungen, weil er, wie wir wissen, kein ganz reines Gewissen hatte.

»Ja, lach' Du nur!« sagte Tine, zwischen Kälte und Wärme schwankend.

Thomas wandte sich ihr zu, groß und breit, mit einer umarmenden Gebärde. »Du birgst eine Welt von Lieblichkeit, mein Mädchen; aber begabt bist Du nun einmal nicht, Gott sei Dank! Ich hasse begabte Frauen. Du irrst Dich! Da Du weißt, daß wir den braven Ackerbauer im Verdacht haben, so weißt Du wohl auch warum. Wir sind in unserm guten Recht. Er ist einer von denen, die das Geld genommen haben können, und es sind Indizien gegen ihn vorhanden; ganz gewiß ist etwas Persönliches an ihm, das mir gefällt, eine gewisse Offenheit, die indessen angenommen sein kann. Ich bitte Dich daher, bei einem kleinen privaten Verhör zugegen zu sein, das ich mit ihm abhalten will; aber erst will ich Dich fragen – was glaubst Du?«

»Klemmesen ist treu wie Gold,« antwortete Tine bestimmt.

»Betrügt er im Pferdehandel?« fragte Thomas inquisitorisch.

»Das tun gewiß alle Jütländer.«

»Und da wir vor Gott alle Jütländer sind,« lachte Thomas, »so betrügen wir wohl alle im Pferdehandel. Selber will ich das nicht behaupten; ich kann kaum ein Pferd von einer Kuh unterscheiden. Ich gebe Dir zu, daß das nichts zu bedeuten braucht, alldieweil aller Handel eine Art gesetzlichen Betruges ist, aber ich muß dem Mann auf den Zahn fühlen. Geh darum und mach' ihn Dir untertänig, bring ihn herein, und ich will ihn verhören.«

Tine verließ ihren Liebhaber und ging hinaus, während Thomas sich damit beschäftigte, über die ungezählten Möglichkeiten zu spekulieren, die immer im Gefolge der Unwissenheit auftauchen.

Er wurde von Niels unterbrochen, dem vortrefflichen Kutscher, dessen Nase sich in kein perspektivisches Verhältnis zu Roskildes Domkirche bringen lassen wollte.

Er war krummbeinig, klein, knorrig, mit einem runden schwammigen Gesicht, ganz kleinen grauen Augen und einer ungeheuer großen roten Nase, deren Farbe er dadurch erhielt, daß er seine Speiseröhre inwendig mit achtgrädigem Branntwein putzte – eine anerkannte Farbenquelle.

Seine Kleider sahen aus, als wären sie mit seinem Vorgänger begraben gewesen, und seine blanke, flache Mütze wartete nur auf ein paar Saatkörner, um in ihren Ritzen ein solides Feld hervorzubringen.

Seine Pferde hielt er gut, seine Wagen schlechter und sich selber hielt er garnicht, aber er war unentbehrlich und nahm eine Machtstellung auf Braendholt ein.

Um 2 Uhr jeden Tag kam er mit der Posttasche und in Erledigung dieser Angelegenheit trat er in die Stube, wo Thomas saß.

Thomas blickte auf.

»Na, Sie sind es, Niels?« fragte er. »Was wollen Sie?«

»Die Post,« sagte Niels kurz. Er gehörte zu denen, die kurz anfangen und nie aufhören, wenn die Mühle in Gang gekommen ist.

»Die Tasche ist geschlossen,« sagte Thomas und ließ den Blick über den schwarzbraunen Gebrauchsgegenstand gleiten, der die Verbindung der Familie Busgaard mit überseeischen Gegenden enthielt.

»Das ist sie,« sagte Niels würdig. »Aber wenn der Gutsbesitzer nicht da ist, habe ich die Vollmacht, sie mit diesem Schlüssel hier aufzuschließen.«

Niels nahm einen Schlüssel, der am Sekretär hing.

»Tun Sie es!« sagte Thomas.

»Das ist etwas, was ich bestimme,« erwiderte der Hüter der Tasche barsch.

Thomas hob den Kopf nicht einmal. »Natürlich,« sagte er freundlich. »Nun so bestimmen Sie! Ich erwarte einen wichtigen Brief vom Justizministerium.«

Nils sah ihn mit großen Augen an.

»Erwartet Thomas einen Brief vom Justizmanister? Das ist ein mächtig großer Mann, nicht? – Es muß stolz sein, Briefe von so einem großen Mann zu kriegen; denk, Briefe von einem Manister zu kriegen.«

Niels sagte Manister.

Thomas zuckte die Achseln. »Der Brief ist wichtig wegen des Mannes und nicht wegen der Stellung. Aber das versteht Niels wohl nicht?«

»Ach was,« antwortete Niels, »das ist doch nicht schwer zu verstehen. Es ist die Stellung, die den Mann schafft, nicht der Mann, der die Stellung schafft. Nehmen Sie unsern Reichstagsabgeordneten, Lars Madsen – er ist ein gewaltiger Schafskopf – und doch ist er Abgeordneter.

Verstehn wir –

Es ist die Stellung.«

Thomas lachte. Mit dieser Heiterkeit wollte er zeigen, daß, wenn die höheren Gesellschaftsklassen mit einer gewissen Verachtung auf die Ausüber der Macht, die sich auf die volkserwählten Repräsentanten stützen, herabsehen, dies in eben so hohem Grade bei dem wählenden Volk der Fall ist.

Und mit dem der irdischen Obrigkeit in Furcht und Zittern Gehorchen geht es bergab. Das ist eine von den Segnungen der Freiheit.

Thomas erhielt die Briefe aus der Tasche und durchblätterte das Bündel. Niels stand daneben und guckte zu.

Dann sagte er einschmeichelnd: »Thomas ist Kriminalassessor, und das ist ein hohes Amt, aber Thomas ist der Mann – nicht wahr?«

»Ja,« antwortete Thomas, »was ich bin, das bin ich.«

Darauf las Thomas den Brief vom Ministerium.

»Was sagt der Manister?« fragte Niels teilnehmend.

»Nichts,« antwortete Thomas und faltete den Brief zusammen.

»Das ist gewiß klug,« meinte Niels. – Thomas widersprach ihm nicht. Er musterte den alten Bekannten seiner Kindheit flüchtig von oben bis unten und schließlich fiel ihm ein, daß er ihn gut ein wenig verhören könnte. Es schien lange zu dauern, bis Tine den Verwalter fand.

»Sagen Sie, Niels, haben Sie jemand im Verdacht, der das Geld aus dem Sekretär genommen haben könnte.«

Niels kratzte sich am Nacken: »Das hat man vielleicht, aber man hat es zu keinem Menschen gesagt, und Thomas kriegt es nicht zu wissen.«

»Aber, wenn nun der Kreisrichter fragt?« fragte Thomas. Er wollte gern hören, welchen Eindruck die lokale Obrigkeit bei einem schlichten Mann wie Niels machte.

Niels Gesicht drückte eine bodenlose Verachtung aus.

»Der langhaarige Advokat,« sagte er, »hi, hi, – glaubt Thomas, der kann Diebe finden? Nee, der mag nur seine Violine spielen.«

»Nun, er ist doch sonst ein netter Mann,« schaltete Thomas lächelnd ein.

»Nett – er ist weder nett noch Mann, er ist langhaarig und sieht gefährlich aus, den können wir nicht gebrauchen. Unser Kreis ist ein wahres Paradies für Diebe geworden, so lange diese Figur hier 'rumspaziert. Nein, dazu gehören andere Leute. Doch mir kann es gleich sein, das Geld gehört nicht mir, und mir gibt Busgaard wahrhaftig keinen Heller davon – gutwillig wenigstens.«

Niels sah höchst geheimnisvoll und durchtrieben aus.

»Niels soll mir sagen, wen Niels im Verdacht hat,« sagte Thomas einschmeichelnd.

Nils legte den Kopf auf die Seite: »Was gibt Thomas?«

»Zwei Kronen,« schlug der Assessor vor, der die Wichtigtuerei des andern nach Verdienst einschätzte.

»Höher,« sagte Niels. Er war ein Stück von einem Handelsmann und es endete damit, daß er zehn Kronen für die Preisgabe seines Wissens erhielt. Bar und im voraus wollte er sie haben. Er bekam sie.

Darauf gab er einen langen Bericht von einem jungen Mann, der sich in letzter Zeit drüben beim Waldhüter herumgetrieben hätte. Ein schmächtiges Bürschchen, das etwa wie ein wandernder Handwerksgeselle aussah und höchst verdächtig war.

Nils hatte ihn selbst nicht gesehen, aber Klemmesen hatte ihm vor kurzem erzählt, daß er und Willumsen ihn bemerkt hätten, und jetzt wollten die beiden etwas arrangieren und den Kerl greifen, wenn der Kreisrichter das Spiel aufgeben mußte.

Es sollte sozusagen ein richtiges kleines Geschäft daraus gemacht werden – aber nun sollte Thomas mit dabei sein dürfen.

Thomas hörte die Geschichte, die Bedeutung haben konnte, an. Auffällig darin war namentlich ein Moment, nämlich, daß Klemmesen seiner ganzen Natur nach sich kaum an einer Diebesjagd mit dem Ingenieur und Niels als Bundesgenossen beteiligen würde, wenn er nicht in gutem Glauben handelte. Niels kam nicht weiter in Betracht; aber der Ingenieur, ein gebildeter Mann, der sozial bedeutend höher stand als der Verwalter, ein Mann, der als zum Hause gehörig betrachtet wurde!

Thomas beschäftigte sich hier zum ersten Mal mit dem Ingenieur, dem er nur ganz flüchtig vorgestellt worden war. Und während er Niels lang ausgesponnener Geschichte zuhörte, saß er da und blätterte in den Briefen, die auf dem Tisch lagen. Auf einmal zog er einen Brief aus dem Haufen; er war an Willumsen adressiert, eben darum las er die Adresse genauer, gleichsam rein mechanisch infolge der Ideenverbindung.

Es war ein Geschäftsbrief; am oberen Rande des Kuverts stand gedruckt: Kaare Mortensen & Co., Klerkestraße 10. Die Adresse kannte Thomas.

»Sagen Sie mir, Niels,« sagte er, »was ist dieser Willumsen für ein Mann?«

»Der Ingenieur?« antwortete Niels. »Das ist ein tüchtiger und ordentlicher Mann, der nie unnötige Worte macht und seine Arbeit verrichtet. Gute Trinkgelder gibt er auch, es ist nichts gegen ihn einzuwenden, ein respektabler Mann durch und durch! – Weshalb fragt Thomas nach ihm?«

»Ach, nur so,«' sagte Thomas vor sich hin, »hier ist ein Brief für ihn – der Absender ist mir bekannt.«

Niels erhaschte den Brief. »Ist es Kaare Mortensen? – geben Sie her! Ich will Ihnen sagen, Thomas, der Ingenieur hat mich gebeten, ihm Briefe von dem Geschäft persönlich zu geben. Das sind so Geheimnisse – jeder hat ja seine –. Jesses, das ist ja nichts Unanständiges. Der Ingenieur hat ein Auge auf unsere Monny geworfen, und er ist ein Staatskerl durch und durch, dem kann Busgaard seine Tochter gern geben – d. h. die eine – hi, hi – die andere soll Thomas haben.«

»Sonst kommt jeden Freitag ein Brief, was – aber nun ist Thomas hier in naturalis, wie der Prokurator sagt. Ja, andere Leute haben auch Augen!«

Die Tür ging auf und Tine trat herein ohne Klemmesen.

»Nun kann Niels gern gehen,« sagte Thomas – Niels fing an allzu beredt zu werden.

»Ja, das kann er,« sagte Niels, und griente verschlagen, »denn jetzt soll Thomas etwas unter die Nase bekommen, was mündlich besser schmeckt als per Brief!«

Und so trollte sich Niels auf seinen krummen Beinen und mit seinem körperlichen Gebrechen, im Gehen noch einen Blick auf Tine und Thomas werfend. Es sah häßlich aus, war aber gut gemeint.

Die Briefe blieben auf dem Tisch liegen bis auf den Brief an den Ingenieur. Den nahm Niels mit, um ihn persönlich abzuliefern.

Die beiden Liebenden blieben allein.

»Ich konnte Klemmesen nirgends finden,« sagte Tine, »und niemand weiß, wo er ist.«

»Es ist gleich,« erwiderte Thomas nachdenklich. – »Ich habe es vorläufig aufgegeben, ihn zu verhören. Weißt Du, Niels hat mir zwei neue Gegenstände für meinen Verdacht gegeben. Du sollst nicht fragen wen – noch nicht! Aber jetzt wird es notwendig, sehr vorsichtig vorzugehen.«

Tine blickte ihren Verlobten an und lachte.

»Du siehst so komisch aus, wenn Du schlau bist. Ich kann nicht begreifen, daß Deine Arrestanten Angst vor Dir haben.«

Und Kriminalassessor Thomas Klem sprach kein Wort, sondern nahm Tine in seine Arme und küßte sie – es soll dafür gesorgt werden, daß er es bei gegebener Gelegenheit öfter tut, um die empfindsamen Leserinnen, die das Kriminelle langweilt, zu erfreuen.

Denn das liest sich so hübsch – nicht?



Unter Gentlemen

Ingenieur Willumsen hatte die richtige Empfindung, daß, falls in der Sache, die alle Gemüter auf Braendholt erfüllte, etwas ausgerichtet werden sollte, Kriminalassessor Klem die Sache in die Hand nehmen müsse.

 Es wäre dem Ingenieur angenehmer gewesen, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, sondern wenn die lokale wohlbestallte Obrigkeit in diesen bewegten Tagen die Leitung übernommen hätte, wie es ihr nach dem Gesetz zukam.

Daraus darf der Leser sich nicht verleiten lassen, den Schluß zu ziehen, daß Ingenieur Willumsen ein Schurke wäre, oder wie es richtiger heißen würde »der Schurke«.

John Willumsen war der Sohn eines wohlhabenden Schiffmaklers in Fredericia, also auch ein Jütländer. Die veränderten Verhältnisse nach unserem letzten unglücklichen Kriege hatten das alte Geschäft, an das er geknüpft war, zu einem ständigen, vielleicht langsamen, aber sicheren Rückgang gebracht, aber man merkte es nicht in den ersten Jahrzehnten, solange noch etwas aus den alten Tagen übrig war.

Die Familie lebte, wie sie immer gelebt hatte, in gleichmäßigem Provinzwohlstand; zwei Söhne wuchsen heran und zwei Töchter wurden verheiratet. Der älteste Sohn, der dem Vater im Geschäft folgen sollte, wurde in dessen Tätigkeit unterrichtet, und ging darin auf; die beiden Töchter verheirateten sich, die eine mit einem Advokaten, die andere mit einem Bankmann, und der jüngste Sohn war Ingenieur John, der lange nach seinen Geschwistern geboren war, infolge einer dieser unfaßlichen, aber nicht seltenen Launen des Storches, und der Ingenieur wurde, weil er wie alle, in den neunziger Jahren heranwachsenden Jünglinge die Naturwissenschaften und die damit zu erobernde menschliche Herrlichkeit und Herrenstellung bewunderte.

Mit vierundzwanzig Jahren machte er sein Examen am Polytechnikum, und gerade als er ins Leben heraustreten sollte, brach in seinem Heim alles zusammen.

Der alte Schiffsreeder starb plötzlich am Herzschlag, und seine Gattin folgte ihm acht Tage später ins Grab.

Bei der Ordnung der Erbschaft stellte es sich heraus, daß seine Schulden dreimal so groß waren wie seine Aktiva, und da er beständig zäh dagegen gekämpft hatte, Aktiengesellschaft zu werden, wurde sein Sohn, der älteste Bruder des Ingenieurs bankrott erklärt und hatte das Ganze auszubaden.

Im weiteren Verlauf der Dinge zeigte sich, daß die beiden Schwäger, der Advokat und der Bankdirektor, jahrelang den alten Schiffsreeder mißbraucht und sich umfänglicher Schwindeleien schuldig gemacht hatten.

Ja, es ist hart, aber es erweist sich oft, daß Advokaten und Bankmenschen nicht so sind, wie sie sein sollten.

Ein sympathischer Advokat, ein edler Bankdirektor, diese beiden Figuren muß man im Leben suchen, die Literatur kennt sie nicht!

Und in Fredericia ging es im Ernste schlimm. Der Advokat nahm Gift und starb, während der Bankdirektor zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt wurde, da es nicht möglich war, ihn für verrückt zu erklären, was er, wie man annehmen sollte, gewesen sein mußte, als er seine Angelegenheiten so töricht besorgte, wie er es getan hatte.

Kurz, es wurde in Ingenieur Willumsens Heim so gründlich reiner Tisch gemacht, daß nichts mehr übrig blieb, was man ihm hätte nehmen können.

Das sind Dinge, die einen lebensfrohen jungen Mann schwer treffen und ihn in wenigen Wochen zu einem ganz anderen Menschen umwandeln können.

Und John Willumsen wurde ein anderer Mensch.

Der lebensfrohe, hübsche junge Ingenieur, der sich durch sein bedeutendes musikalisches Talent einen großen Verkehr und sich Freunde verschafft hatte, zog sich mit einem Male in die vollkommenste Einsamkeit zurück. Er las in allen Blätter die schärfsten Angriffe auf alle die Menschen, die er von Kindheit an lieb gehabt hatte und die ihn von Herzensgrund aus verwöhnt hatten.

Der würdige und joviale Vater, eine der Spitzen der Stadt, der sichere Mann bei aller Wohltätigkeit und allen Festlichkeiten, über den John nie ein böses Wort gehört hatte, wurde als ein gewissenloser Abenteurer geschildert, der die sauer erworbenen Sparpfennige anderer vergeudet hatte.

Die Schuld für sein Unglück, wurde auf die alte liebevolle Mutter geschoben, deren Lächeln seine Kindheit erhellt, deren fleißige Hände sein liebes Heim geschmückt und festlich gemacht hatten. Es wurde behauptet, ihre Verschwendungssucht und Untauglichkeit hätten ihren Mann ins Unglück gestürzt.

Und fand man vielleicht auch noch für die Toten eine Entschuldigung – der Tod soll ja angeblich versöhnen – so war man unbarmherzig gegen die Lebenden.

Der arme Bankrottierer wurde als ein ausschweifender Trunkenbold geschildert. Mochte er auch jährlich beim Vogelschießen seinen Spitz und, was selbstverständlich unzulässig ist, ein Liebesverhältnis mit einer Doktorsfrau gehabt haben; das hatte man mehrere Jahre lang gewußt und entschuldigt; jetzt wurde er herzlos verdammt und ausgestoßen, ja der Doktor ließ sich aus diesem Grunde sogar von seiner Frau scheiden!

Hans Willumsen mußte nach Amerika reisen, und damit seine Strafe noch empfindlicher würde – die Doktorsfrau reiste mit. Wir wollen ihn in seinem Unglück nicht weiter verfolgen, auch nicht mit unseren moralischen Betrachtungen.

John liebte seinen einzigen Bruder sehr und bezahlte ihm von seinen Ersparnissen die Reise in das fremde Land. Seine beiden Schwestern mußte er auch eine Zeitlang unterhalten, die Familien ihrer Männer wollten nicht das Geringste mit ihnen zu tun haben. Es war alles so jämmerlich und traurig, daß wir uns nicht weiter damit beschäftigen wollen.

Und jetzt nach einigen Jahren ehrlicher Arbeit, wo er verzweifelt mit Entbehrung und Armut hatte kämpfen und sogar seine Zuflucht zu Wucherern von der unangenehmsten Sorte hatte nehmen müssen, traf er ein schönes junges Mädchen, das nach allen Voraussetzungen des Lebens ihn sofort hätte lieben und seine Liebe erwidern sollen, und statt dessen – ist sie verlobt in einen Taugenichts von Juristen, Arthur Franck, den wir kennen, und den wir, nachdem, was wir von ihm wissen, im Verdacht haben und verachten dürfen.

Ja, nicht genug damit; der strebsame, tüchtige junge Ingenieur muß sich darein finden, daß das Mädchen, das er liebt, – Monny – ihn schnöde und völlig unbegründet eines niedrigen und häßlichen Verbrechens zeiht!

John Willumsen hatte sich ungefähr acht Tage in Roskilde aufgehalten und dort die Bekanntschaft des Kreisrichters Heiden gemacht, da sie ihre Mahlzeiten im selben Gasthaus einnahmen.

Sie hatten sich, musikalisch wie beide waren, rasch gefunden, und in der Junggesellenwohnung des Kreisrichters Duette bis zum frühen Morgen gespielt.

Es hätte daher für den Ingenieur nahe gelegen, sich an den Kreisrichter zu wenden und seine Aufmerksamkeit auf die Dinge zu lenken, die er auf verschiedene Weise über den von Wirt und Hausherrn nicht anerkannten Jüngling, der auf Braendholt und dessen nächster Umgebung sein Spiel trieb, erfahren hatte. Doch Willumsen meinte, da es doch der Assessor Klem war, der die eigentliche Arbeit mit der Untersuchung hatte, so wäre es das Natürlichste, sich an ihn zu wenden.

Dazu kam noch, daß Willumsen durchaus nicht wünschte, daß der junge Mann arretiert und bestraft würde; er wünschte hauptsächlich um Monnys willen, natürlich übrigens auch um seiner selbst willen, daß dieser Arthur Franck, dessen Namen er übrigens nicht kannte, gezwungen werden sollte, die Gegend ganz still ohne Untersuchung zu verlassen.

Der Diebstahl würde dann wohl nicht aufgeklärt werden, aber die Familie würde einen Skandal vermeiden; und da die 2500 Kronen für den steinreichen Busgaard keine größere Rolle spielten, würde Willumsen der Familie, und auch dem Assessor, einen bedeutenden Dienst leisten, wenn er den Dieb in aller Stille verschwinden ließ, ohne daß Gericht und Öffentlichkeit das geringste damit zu tun hätten.

Das war ganz klug und gentlemanlike gehandelt, wenn man es unter den hier gegebenen Voraussetzungen betrachtet, und es galt für Willumsen nur Assessor Klem dazu zu bringen, auf seinen Gedankengang einzugehen und seinen Anweisungen zu folgen. Daher suchte und traf er ihn in der Wohnstube in der früher geschilderten erbaulichen Konferenz mit der geliebten Tine.

Tine flüchtete wie ein Rehkalb, und der Ingenieur lächelte Thomas höflich verständnisvoll zu. Dieser gab sich nicht die geringste Mühe die Situation zu erklären, die wohl auch keiner Erklärung bedurfte.

»Wollen Sie mit mir sprechen, Herr Ingenieur?« fragte Thomas und lud Willumsen ein, Platz zu nehmen. Er fühlte sich hier als Herr im Hause; jedenfalls war ihm die Wohnstube der Schauplatz des Verbrechens, als Schlachtfeld angewiesen.

Der Ingenieur bejahte.

Thomas bot ihm eine Zigarre an. – Thomas rauchte gute Zigarren.

Willumsen nahm die Zigarre und Thomas reichte ihm Streichhölzer zum Anzünden. Unterdessen betrachtete er den jungen Ingenieur, dessen ganzes Wesen und Auftreten ihm gefielen.

Willumsen war ordentlich, in keiner Weise herausfordernd gekleidet. Er ging mit losem Kragen und Vorhemd, und er hatte lose Manschetten. Namentlich dies prägte sich Thomas ein, er haßte lose Manschetten; und als echtem Großstädter schien es ihm nicht recht mit der Würde eines Gentlemans vereinbar, lose Manschetten zu tragen . . .

»Herr Assessor,« sagte Willumsen anfangs mit einer gewissen Zurückhaltung, »rein durch Zufall bin ich in den Besitz eines Wissens gekommen, das vielleicht dazu beitragen könnte, Licht über das in hohem Grade beklagenswerte Ereignis zu werfen, das, wenn ich nicht irre, der wirkliche Grund Ihres Besuches hier im Hause ist . . .«

Thomas unterbrach ihn mit zuvorkommendem Lächeln: »Darf ich um jedes Mißverständnis zwischen uns zu vermeiden, bemerken, daß es keineswegs ein in hohem Grade beklagenswertes Ereignis ist, was den wirklichen Grund zu meinem Besuch in diesem Hause bildet. – Sie irren sich also! Es ist im Gegenteil ein in hohem Grad erfreuliches Ereignis. Meine Kusine Tine, die uns soeben verließ, und ich sind miteinander verlobt. Es ist eine Zeitfrage, wann wir heiraten. Sie will mich haben und ich will sie haben. Ich pflege meinen Willen durchzusetzen.

Davon brauchen wir also nicht weiter zu reden. Aber das ist die Veranlassung zu meinem Besuch.«

Man beachte Assessor Klems Auftreten bei diesem scheinbar unwichtigen Punkt. Es war im Gericht wie im Leben seine Stärke augenblicklich die Tête zu nehmen und der Sichere zu sein, während die, zu denen er sprach, unsicher wurden. Und das ist eine gute Eigenschaft für einen Mann in Amt und Würden.

Man kommt zu solch einem großen Mann und hat seine ganze Lektion wohl vorbereitet. Er hört täglich Massen von verschiedenen Sachen, die er nicht kennt, und »man« hat das Übergewicht, da »man« wie gesagt seine Lektion kann. Der große Mann muß daher damit beginnen, einen unsicher zu machen und glückt es, so hat er kraft seiner Größe und des Umstandes, daß er es ist, den man sucht, sofort das Übergewicht und die Führung. Es gehört Intelligenz und Routine dazu, das Manöver abzuwehren und ruhig und unangefochten im alten Gleise fortzufahren.

Diese Routine fehlte Willumsen, er errötete und stotterte.

Thomas lächelte wohlwollend und herablassend: »Nachdem ich Ihnen so das Geheimnis meines Herzens offenbart habe, kann ich vielleicht zu dem Ihrigen übergehen. Sie interessieren sich für meine Kusine Monny, die ein reizendes und pikantes junges Mädchen ist. Darf ich Ihnen zuvörderst sagen, daß ich von vornherein nichts gegen Sie einzuwenden habe. Sie sind mir von dem ausgezeichneten Kreisrichter vorzüglich empfohlen; mein Onkel schätzt Sie, was er mit mir nicht tut, und uneigennützig wie ich bin, gönne ich dem vortrefflichen Landwirt einen Schwiegersohn, den er schätzt. Meine Tante, für die ich beinahe religiöse Verehrung empfinde, hat nur gute Worte für Sie übrig. Kurz, Sie sind vortrefflich empfohlen. Aber – was haben Sie mit Kaare Mortensen & Co., Klerkestraße 10 zu tun?«

Willumsen wurde jetzt blutrot und der Assessor genoß seinen Triumph. Er liebte es, die Menschen so zu verwirren; das war ihm eine Lebensnotwendigkeit, ein Sport, den er zur Kunst ausgebildet hatte.

»Junger Mann,« sagte er wohlwollend und gemütlich, »ich bin Kriminalassessor, und wie Sie sich vielleicht denken können, besteht zwischen dem Kriminalgericht und den Wucherern der Stadt eine gewisse Wechselwirkung in des Wortes eigentlichster Bedeutung. Kaare Mortensen gehört zu denen, die man passieren lassen kann. Wir haben ab und zu eine Unterhaltung miteinander. Neulich fragte er mich, ob es wahr wäre, daß Sie mit der Tochter meines Onkels hier aus Braendholt verlobt wären«.

»Das habe ich nie gesagt,« fiel ihm Willumsen äußerst unangenehm berührt ins Wort.

Der Assessor nickte. »Ich habe auch nie etwas derartiges behauptet. Aber der ausgezeichnete Menschenfreund Kaare Mortensen, der seine Klienten mit nie ruhender Aufmerksamkeit verfolgt. Und daraus schließe ich, daß Sie einer von seinen Klienten sind. Ist es so?«

»Das will ich nicht leugnen,« erwiderte Willumsen.

Thomas fuhr fort: »Das ist klug von Ihnen, denn es würde mir Mißtrauen gegen Sie einflößen. Und ich habe wie gesagt sonst nur Gutes über Sie gehört. Ich redete Mortensen die Sache aus und beschloß die Verhältnisse zu untersuchen. Die Sache drückt Sie und es besteht die Möglichkeit, daß ich Ihnen in irgend einer Weise behülflich sein kann – verstehen Sie, Leute seines Schlages haben nun einmal einen gewissen Respekt vor dem Kriminalgericht. Also ich stehe in dieser Hinsicht zu Diensten. Wieviel schulden Sie?«

Das war nun nicht Willumsens Meinung. Arm war er, und er schuldete dem Wucherer Geld; er zweifelte nicht, daß das Gespräch zwischen Thomas und dem Wucherer stattgefunden hatte, er kannte ja Thomas nicht und ahnte nicht im entferntesten, daß an dem ganzen Bericht kein wahres Wort war, sondern daß es nur eine Falle war, die der Assessor ihm aufstellte.

Thomas war nämlich im Begriff, seinen Argwohn gegen Klemmesen ganz fallen zu lassen und suchte jetzt einen Gegenstand für seinen Verdacht. Der Brief von Kaare Mortensen an den Ingenieur lenkte den Verdacht auf diesen.

Die Affäre Arthur Franck war dem Assessor ja noch ganz unbekannt – und es war ein ganz gewöhnlicher Untersuchungsrichtertrick, Willumsen zu verlocken, die Höhe seiner Schulden anzugeben, und daraus auf eine mögliche Verbindung zwischen ihm und dem Diebstahl zu schließen.

Kriminalassessoren sind wie Klapperschlangen, sie können prachtvoll aussehen, aber sie sind nicht angenehm im Zimmer zu haben.

Na, dumm war Willumsen nicht; er ärgerte sich, daß seine Einführung bei dem Assessor ganz anders ausgefallen war als er gewünscht hatte; es war durchaus nicht so leicht für ihn, jetzt als Ankläger aufzutreten, aber seinen Vorsatz wollte er nicht aufgeben, und daher wollte er sich nicht näher auf seine ökonomischen Verhältnisse einlassen, die nicht gut waren und es nach allem was wir wissen, ganz ohne seine Schuld auch nicht sein konnten.

»Herr Assessor,« sagte er sehr höflich, aber nicht ohne eine gewisse Würde, »ich habe viel Mißgeschick gehabt, und wenn Sie meine Familienverhältnisse kennen, was Sie zweifellos tun, da das Land so klein ist und Sie so wohlunterrichtet zu sein scheinen, so werden Sie wissen, daß darin eine gewisse Entschuldigung für meine Geschäftsverbindung mit Kaare Mortensen liegt. Ich glaube indessen, ich kann sie allein lösen, und möchte nicht gern darüber reden. Sie dürfen nicht böse sein – aber.«

»Gott bewahre,« sagte Thomas mit der größten Überlegenheit in Tonfall und Mienenspiel. »Sprechen wir nicht mehr davon.«

Gleichzeitig aber notierte er den Ingenieur unter die verdächtigen Personen. Er war doch nicht umsonst Kriminalassessor, und ganz unberechtigt war es ja auch nicht. Wucherschulden muß man nun einmal nicht haben.

Äußerlich war Thomas lauter Wohlwollen.

»Lassen Sie mich denn hören, was Sie wünschen, Herr Ingenieur, und verzeihen Sie, daß ich aus Interesse für Sie und meine Kusine Monny mich in Dinge mischte, die, wie wir nun einig sind, außerhalb der Diskussion bleiben sollen.«

Jeder wird einsehen, daß Willumsen jetzt eine ganz andere Sprache reden mußte, als er sich ursprünglich vorgenommen hatte, und daß die einmal gelernte Lektion nicht mehr auf die Gelegenheit paßte. Doch dies war eben die Situation, die Thomas hatte herbeiführen wollen.

Der Ingenieur gab also eine sehr trockene, aber doch recht umfassende Schilderung der Begebenheiten, die er in Erfahrung gebracht hatte. Er gab zu, daß Monny ihm nicht günstig gesinnt sei, aber er hätte allen Anlaß zu glauben, daß eine leichtsinnige Verliebtheit in einen anderen daran schuld sei. Er erzählte dann, daß dieser andere sich in unmittelbarer Nähe von Braendholt aufhielt und daß verschiedene, unter andern er selber, ihn um den Hof hätten herumschleichen sehen.

Alles dies war nicht neu für Thomas, der dieselbe Geschichte von Niels gehört hatte; dennoch machte es einen gewissen Eindruck auf ihn, namentlich die vollkommene Übereinstimmung, die beinahe auf Verabredungen zwischen den Berichtenden zu beruhen schien.

Aber Niels stand ganz außer Verdacht und die Erzählung des Ingenieurs, die nur die Wiedergabe dessen was der ungebildete erzählt hatte, von seiten eines gebildeten Mannes war, ergänzte im Grunde ganz gut, was Thomas vorher erfahren hatte.

Es war also unzweifelhaft, daß Monny in Verbindung mit einer Person stand, die im höchsten Grade verdächtig war, und es war nicht tunlich, diese Seite der Sache ruhen zu lassen.

Der Verdacht gegen Klemmesen mußte aufgegeben werden – im stillen beschloß Thomas jedoch ihn bis zur äußersten Möglichkeit auszunutzen, aber es war doch eine eigne Sache, den Verdacht gegen ein Kind des Hauses zu richten, und noch dazu gegen Monny, die, wie Thomas wohl bekannt war, ein recht schwieriges Menschenkind war.

Er ließ also Willumsen erzählen, und als die faktischen Umstände klargelegt waren, sah er den Erzähler nachdenklich an und fragte ihn mit einer Miene, als ob er seiner Antwort eine das Geschick der Welt entscheidende Bedeutung beilegte, was er nun meinte, daß man tun solle.

Auch dies war ein kriminalistischer Trick. Man erwirbt sich nämlich nicht allein einen guten Einblick in das Wesen der Menschen, wenn man sie zwingt, unvorbereitet aufzutreten, und sie unsicher macht; man kann auch Gewinn davon haben, wenn man sie glauben läßt, daß sie im Augenblick die Führenden sind und daß man ihren Anschauungen und Meinungen die allergrößte Bedeutung und Wichtigkeit beilegt.

Jetzt war also Willumsen da, wo er hin wollte, aber vorsichtig und immer noch ein wenig unsicher.

»Herr Assessor,« sagte er, »ich möchte gern, daß wir beide diese Sache als Gentlemen anfassen, und ich bin überzeugt, daß Sie damit einverstanden sind.«

»Fräulein Monny ist eine junge Dame, die die Bedeutung der Situation, in die sie geraten ist, nicht begreift. Gegen mich ist sie eingenommen, ich würde gern ihre Abneigung überwinden, aber ich sehe ein, daß ich geduldig sein muß. Rom ist nicht an einem Tage erbaut worden. Ich glaube Sie verstehen mich und ich will Ihnen vollkommenes Vertrauen schenken. Könnten Sie nicht mit Ihrer Kusine reden und ihr erzählen, daß man auf diese Dinge aufmerksam geworden sei, und daß sie sich den allerunangenehmsten Schwierigkeiten aussetze, wenn es zu einer Behandlung dieser Angelegenheit durch die Polizei käme.

So wäre es vielleicht möglich, daß man in aller Stille ohne eigentliche gerichtliche Untersuchung feststellen könnte, ob der junge Mann der Dieb ist oder nicht. Doch ist dies unter Gentlemen wohl nicht die wichtigste Frage. Das Geld spielt nicht die Hauptrolle; das Wichtigste ist, daß die Sache geordnet wird, ohne daß Fräulein Monny kompromittiert und ohne daß der häusliche Friede hier gestört wird.«

Thomas legte den Kopf auf die Seite. »Und Sie wollen sich gern die Rolle des edlen Retters vorbehalten! Tja, sie ist mörderlich gut ausgedacht und, um ihren eigenen Ausdruck zu gebrauchen, unter Gentlemen ist sie eigentlich akzeptabel. Aber Sie vergessen doch, daß ich gegen eine lächerlich geringe jährliche Bezahlung von der Öffentlichkeit angestellt bin, über die öffentliche Sicherheit zu wachen, und es würde das ganze Arrangement des für mich notwendigen Reizes berauben, wenn das Resultat nur das wäre, daß Sie die begehrte Jungfrau heimführten, während ich um meinen Anteil an der Beute, nämlich den Dieb, betrogen würde.«

Das mußte Willumsen natürlich einräumen, »aber,« fügte er hinzu, »es kommt mir vor, als wäre es unmöglich, die Sache in Güte zu ordnen, wenn die Polizei erst hineingezogen ist. Man kann den Dieb wohl nicht so ohne weiteres laufen lassen?«

»Hm – m,« sagte Thomas und zog den Laut in die Länge. »Man kann vieles in dieser Richtung. Es werden täglich Hunderte von Diebstählen begangen; es werden wohl einige Tausend jedes Jahr angezeigt und einige Tausend Menschen angehalten.«

»Das will also sagen, daß es unmöglich ist, auch nur einen einigermaßen repräsentablen Bruchteil der vorliegenden Fälle zu behandeln. Es kann daher verteidigt werden, daß man ein Auge schließt, wo es aus anderen Gründen erwünscht ist. Und deshalb ist es vielleicht das Sicherste, ohne Rücksicht auf Monny, sich des stark verdächtigen jungen Mannes zu versichern.«

»Es sei denn, Sie hätten einen besseren Vorschlag, den ich mich auf alle Fälle bereit erkläre in Erwägung zu ziehen und mit Ihnen zu diskutieren.«

Willumsen hatte eine Idee, die wohl etwas gewagt erscheinen konnte, die aber bei näherer Betrachtung doch vielleicht nicht ganz von der Hand zu weisen war.

»Kann ich nicht den Versuch machen, die Geschichte in Ordnung zu bringen,« sagte er; »ich meine, kann ich nicht den jungen Mann aufsuchen? Es kann doch kein reiner Lump sein, wenn er Zugang zu den Kreisen finden konnte, in denen Fräulein Monny verkehrt. Es wäre also immerhin möglich, daß ich ihm klar machen könnte, daß seine Stellung unhaltbar sei, und ihn vielleicht zwingen könnte, zurückzugeben, was er sich angeeignet haben mag. Es ist ja möglich, daß wir uns irren, aber wäre das nicht eine Lösung, die für alle Teile am befriedigendsten wäre?«

Thomas erhob sich und lächelte liebenswürdig und gewinnend: »Lieber Ingenieur,« sagte er, »Sie haben vollständig recht; Sie haben Vollmacht zu handeln, wie Sie es andeuteten. Weder der Kreisrichter, noch der Polizeidiener sind von dieser Phase der Angelegenheit unterrichtet; dies bleibt zwischen uns und zwischen Ihnen und den beiden Männern, denen Sie Ihre Entdeckung mitgeteilt haben, Klemmesen und Niels.

»Klemmesen möchte ich nur persönlich noch eine abschließende Behandlung angedeihen lassen, den Rest überlasse ich vollständig Ihnen.«

»Also ans Werk und zeichnen Sie sich aus – meine besten Wünsche begleiten Sie, aber warten Sie bis nach dem Mittagessen.«

Das versprach der Ingenieur und damit war die Verhandlung zu Ende.

Willumsen machte sich gleich auf den Weg zur Ausführung seiner Pläne. Thomas Klem dagegen versank in tiefes Nachdenken.

Wenn man einmal seinen Mitmenschen nicht vollkommen traut, so schafft man sich eine bedeutende Arbeit, und der Kreis der Verdächtigen war jetzt auf einmal erweitert und eingeengt.

Thomas wollte dem Ingenieur nicht entgegenarbeiten, dessen ganzes Auftreten das Gepräge von Verstand und Überlegung trug, aber er wollte ihm nicht blind vertrauen, und namentlich wollte er selbst nicht untätiger Zuschauer sein. Er wollte ein ernstes Wort mit Monny sprechen, darum wollte er Frist bis nach Tisch haben.

Und dann war noch die Sache mit Klemmesen.



Der Assessor zeigt seine Macht

Die Familie aß um 5 Uhr zu Mittag, wenn Gäste da waren, und es war gegen 2 Uhr geworden, als Thomas mit Willumsen fertig war. Er war diesen ausgezeichneten Gentleman eben losgeworden, als Tine mit Klemmesen, den sie hinterm Stall in Konferenz mit Niels gefunden hatte, ankam.

Klemmesen wußte nicht, was der Assessor wollte und war infolge dessen beklommen und unsicher.

Tine war bescheiden und wollte sich entfernen, aber ihr Liebhaber gebot ihr, zu bleiben und so blieb sie.

Mit erhobenem Haupt und festen Schritten ging der Kriminalassessor auf sein Opfer los. Er reichte ihm eine Zigarre, die viel zu gut für den Verwalter war, weil dieser gute Zigarren nicht zu schätzen wußte. Hätte er es gewußt, so wäre sie nicht zu gut gewesen – eine zur Vermeidung von Mißverständnissen notwendige Bemerkung. Klemmesen nahm die Zigarre und der Assessor sprach.

»Nehmen Sie die Zigarre, Verehrtester, beißen Sie sie ab, Sie haben augenscheinlich starke Zähne. Stecken Sie sie sich ins Gesicht und am richtigen Ende an, genießen Sie sie mit Andacht und halten Sie Ihre Klappe und – setzen Sie sich.«

Dies tat Klemmesen, ungeachtet dessen, daß die Anrede kaum ganz ziemlich war.

Aber Thomas fuhr fort: »Ich bin Kriminalassessor; meine Lebenstätigkeit besteht in der Aufdeckung von Verbrechen. Das geschieht dadurch, daß ich einen dazu geeigneten Täter herausgreife, ihn ins Loch sperre und dort festhalte, bis er mürbe geworden ist.«

»Ja, so geht es zu,« sagte Klemmesen und starrte den mächtigen Mann mit einem religiösen Schauer an, der schlecht mit den Bestimmungen der Verfassung über allgemeines Wahlrecht und Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz harmonierte.

Thomas konstatierte die Wirkung, die seine Rede hatte; Tine dagegen lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und bewunderte ihren Bräutigam gar nicht. Dies ging ihr wider den Strich.

Thomas fuhr fort.

»Ja, so geht es zu! Hier sind 2500 Kronen aus meines Onkels Sekretär gestohlen worden. Er ist aufgebrochen worden. Wir haben den Nagel, den der Dieb vergessen hat. Wir haben den obern Teil eines Manschettenknopfes, eines Aarhusausstellungknopfes, der im Fach verloren worden ist. Wir kennen einen Mann, der wußte, daß das Geld im Sekretär verwahrt lag, und wir haben sein eigenes Geständnis, daß er den Aufbewahrungsort kannte. Dieser selbe Mann hat bekannt, daß er, kurz nachdem der Diebstahl begangen worden ist, 2200 Kronen auf die Bank gebracht hat, und man hat allen Grund zu glauben, daß er zu diesem Geld auf unehrliche Weise gekommen ist. Das einzige, was wir zu tun haben ist, diesen Mann festzusetzen und sitzen zu lassen, bis er mürbe geworden ist. Der Mann sind Sie, Hans Klemmesen!«

Klemmesen fuhr in die Höhe.

»Setzen Sie sich!« kommandierte Thomas streng.

Jetzt konnte Tine nicht länger an sich halten; diese Probe der Verhörstätigkeit war ihr zu stark.

»Aber Thomas!« rief sie.

Thomas wandte sich zu ihr und sagte streng: »Du schweigst still! – Haben Sie die Folgen bedacht, mein guter Klemmesen?« fuhr er zum Verwalter gewendet fort.

Klemmesen stand auf: »So wahr ein Gott im Himmel ist, ich bin unschuldig.«

Thomas blickte ihn scharf an. »Es kann sein, aber das ist nicht genug. Wo so ernste Momente gegen Sie sprechen, müssen Sie Ihre Unschuld beweisen.«

»Das kann ich,« erwiderte Klemmesen eifrig.

»Wo ist der andere Knopf?« fragte der Assessor.

»Der ist mir fortgekommen,« lautete die Antwort immer noch in zuversichtlichem Ton.

»Da haben wir's! – Und Sie haben eingestanden, daß Sie wußten, wo das Geld verwahrt war?«

»Ja, denn es ist wahr –« es klang ein bißchen weniger zuversichtlich.

»Also auch das,« triumphierte der Richter, »Sie haben am Montag Geld auf die Bank gebracht.«

Klemmesen fiel ihm ins Wort: »Ja, aber das war mein eigenes Geld.«

»Beweisen Sie es!« lautete die kurze Antwort.

Klemmesen stotterte: »Wie soll ich das können? Es war ja Geld, das ich mir so in aller Stille zusammengespart hatte.«

»Beweisen Sie es!« ertönte es wieder.

Klemmesen jammerte: »Das kann ich nicht.«

Der Richter verschränkte die Arme: »Das heißt also, Sie sind fertig.«

Tine war dem Weinen nahe. »Aber das alles ist doch Ehrlichkeit, die volle, reine Ehrlichkeit.«

Thomas wandte sich an sie. »Die vollkommene Ehrlichkeit und die abgefeimteste Unehrlichkeit liegen in der Seele des Menschen dicht beieinander. Klemmesens Erklärung kann von bedeutender verbrecherischer Intelligenz diktiert sein, der Manschettenknopf spricht gegen ihn. Es gibt keinen Richter, der Klemmesen nicht augenblicklich festsetzen würde.«

»So gibt es weder Recht noch Gerechtigkeit!« ächzte der Unglückliche.

Thomas sah ihn fest an, aber Tine griff wieder ein: »Dann seid Ihr schlimmer als die Verbrecher!«

Thomas lachte kalt und herzlos. »Das habe ich schon oft gelesen, Tine. Was die Frage angeht, so laß Dir sagen, daß das Publikum von uns verlangt, daß wir die Missetäter finden. Das Publikum verhöhnt uns, wenn wir langsam und besonnen vorgehen. Das Publikum überschüttet uns in seinen als Wahrheitszeugen auftretenden Zeitungen mit billigen Scheltworten, wenn wir eingreifen. Aber merke Dir meine Worte Tine, nichts von alledem rückt einen Richter einen Zoll breit von seinem Wege, und der Richter, der auf so etwas hört, ist seines Berufes nicht wert und seinem Amt nicht gewachsen. Nun, Klemmesen, was sagen Sie nun?«

Klemmesen ging gefaßt und entschlossen auf die Tür zu.

»Lebendig kriegen Sie mich nicht,« sagte er zwischen zusammengebissenen Zähnen, aber Thomas trat zwischen ihn und die Tür.

»Es nützt nichts gegen den Stachel zu löcken. – Draußen wartet Polizeidiener Hansen mit einem Paar solider Handschellen – es ist vorbei, Klemmesen, also tragen Sie Ihr Schicksal wie ein Mann.«

Der Verwalter sank zusammen, hilflos und besiegt. Tine trat zu ihm und tröstete ihn.

Thomas ergriff wieder das Wort: »Einen Richter gibt es indessen, der Sie nicht festsetzen wird. Das ist Kriminalassessor Klem, und das ist sehr günstig für Sie.

Sehen Sie das Mädchen dort – das ist mein Mädchen, vergessen Sie das nie! Und nun gehen Sie in Frieden.«

Klemmesen griff nach der Hand des Assessors. »Tausend Dank, Herr Assessor, tausend Dank!«

Thomas blickte ihn mit Würde an: »Danken Sie mir nicht, ich tue nur meine Pflicht. Wohl waren meine Motive heilig, aber ich will nicht verlangen, daß man meine Handlungen edel nennt, und es ist ja nur die rücksichtsvolle und wahrhaftige Darstellung der Tätigkeit des Richters in der Gegenwart, der ich meinen Sieg verdanke.

Gib mir einen Kuß, Tine, das ist mir Lohn genug!«

Und so mußte Klemmesen dastehen und zusehen, wie seine Hoffnung auf künftiges Glück vor seinen Augen zerschmettert wurde.

Nenne es Mißbrauch der richterlichen Gewalt, Leser, und füge es in die Liste über die zahllosen im Lauf der Zeit öffentlich beklagten Fälle gleicher Art! So ging es zu.

Klemmesen wollte sich drücken, aber der Assessor bat ihn, zu bleiben. Es fiel ihm ein, daß er in den letzten Minuten doch vielleicht ein bißchen sehr als Privatmann gewirkt hatte; hoffen wir, daß er ein wenig Scham darüber empfand! Die Hoffnung ist gewiß nur schwach. Er küßte Tine zärtlich auf die Stirn und schob sie nach der Tür.

Sie ging hinaus.

Klemmesen blieb stehen wie ein Wasserhund, der eine Viertelstunde zu lange draußen im Röhricht nach Enten gejagt hat. Jetzt hatte er doch geglaubt, er dürfte fort. Der Richter war der stärkere, es nützte nichts zu versuchen, mit ihm zu ringen.

Aber Thomas lächelte freundlich und gab ihm Feuer für seine Zigarre, die eine beunruhigende Ähnlichkeit mit einem Strohwisch angenommen hatte. Eine neue Zigarre wollte er seinem Opfer doch nicht spendieren.

»Kommen Sie her und setzen Sie sich friedlich hin, Klemmesen,« sagte er, »und lassen Sie uns sprechen wie zwei vernünftige Menschen.«

Assessor Klem sagte diesmal nicht Gentlemen, das würde Klemmesen geniert haben, und es paßte auch nicht in diesem Zusammenhang. Klemmesen hatte nicht einmal das Realexamen, und seine Hemdenbrust war aus gestreiftem Wollzeug.

Aber Thomas verstand, gleich den Engländern, deren Auffassung des Wortes Gentleman er teilte, daß der Sieger klug daran tue, sich auf freundschaftlichen Fuß mit dem Bezwungenen zu stellen. Und da er jetzt jeden Verdacht gegen den Verwalter aufgegeben hatte, wollte er das gewonnene Verständnis und den übriggebliebenen Respekt benutzen, um sich ein paar nützliche Aufklärungen über verschiedene Punkte der Angelegenheit zu verschaffen.

Zu allererst mußte aufgeklärt werden, auf welche Weise Klemmesens Manschettenknöpfe getrennt worden waren. Dies wäre jedenfalls ein Moment im Verhör gewesen, und falls Thomas nicht private Gründe gehabt hätte, den Verwalter einzuschüchtern, würde er sicher zunächst zu einer Entscheidung dieser unleugbar wichtigen Frage geschritten sein.

Das tat er nun.

»Sagen Sie mir, Klemmesen,« fragte er, als beide ihre Sitze am Tisch eingenommen hatten, »können Sie sich denken, wie Ihnen der Manschettenknopf, der Ihnen fehlt, weggekommen ist.«

Klemmesen dachte nach.

Thomas wollte ihm nicht erzählen, daß ein Bruchstück des Knopfes sich in dem Fach gefunden hatte, und er berechnete richtig, daß die Erwähnung dieser Tatsache in dem allgemeinen Schreckgefühl, das eine Folge seines harten Auftretens von vorhin war, untergegangen sei. Er wollte das einzige Indizium, das er hatte, nicht ausliefern, aber er wollte hören, was Klemmesen über die Manschetten erzählen könnte.

Klemmesen rieb sich die Stirn. »Laß sehen,« sagte er. »Donnerstag sollte ich mit einer Fuhre für den Kaufmann zur Stadt und ich fuhr den Wagen selber. – Nein, es ist wahr, ich fuhr auf dem Rad. – Ich hatte an dem Tage Manschetten angelegt – für gewöhnlich gehe ich nicht mit Manschetten, wenn keine Fremden da sind. Aber für die Stadt hatte ich sie angelegt – und da waren beide Knöpfe da.

Dann erinnere ich mich, ging ich in die Harmonie, um etwas abzuholen. Dort ist ein Billard in der Gaststube, und ich bin ein ganz geschickter Billardspieler. Ich spielte mit einem Markeur, und bei so einer Gelegenheit muß man sich ja in acht nehmen, ich warf also Rock und Manschetten ab.

Es ist also möglich, daß die Manschetten auf dem Billard vertauscht worden sind, das ist die einzige Erklärung, die ich habe.«

»Hm,« sagte Thomas, »Sie sagen, es war am Donnerstag? – Wann zogen Sie wieder Manschetten an, denn Sie haben die Verwechselung offenbar an jenem Tage nicht bemerkt, als sie nach Hause kamen.«

»Nein,« meinte der Verwalter, »das habe ich nicht. – Freitag und Sonnabend habe ich keine Manschetten gebraucht, und jetzt, wo ich daran denke, fällt es mir ein, daß ich sie Sonntags, als ich zu Tisch ging, nicht finden konnte. Ich hatte mich verspätet und kam Hals über Kopf in die Kleider. – Ich hatte keine Zeit zu suchen.«

»Aber Montags, als Sie mit dem Geld in der Stadt waren?« fragte Thomas.

»Da war ich im Sportshemd – es war Montags, wo ich mit dem Rad fuhr; Donnerstag fuhr ich mit dem Wagen, weil der Ingenieur mein Rad geliehen hatte.«

»War Willumsen an jenem Donnerstag in der Stadt?« fragte Thomas so nebenbei. Es war ihm von Interesse, möglichst viel zu erfahren.

»Das glaube ich,« antwortete Klemmesen; »aber ich sah ihn nicht. Wir hatten ausgemacht, uns in der Harmonie zu treffen, aber der Ingenieur kam nicht, und ich habe ihn nicht gefragt warum. Ich war übrigens nur auf einen Augenblick dort, nachdem ich die Abrechnung mit dem Kaufmann besorgt hatte; ich spielte Billard, während der Kaufmann abrechnete. Aber der Ingenieur war nicht da, nur ein junger Kopenhagener, der mit dem Markeur spielte.«

»Kannten Sie ihn?« fragte Thomas – er dachte sofort an die Manschetten.

»Nein, ich kannte ihn nicht,« sagte Klemmesen. »Damals nicht, aber jetzt, wo der Herr Assessor mich fragen, sollte ich nach der Beschreibung beinahe glauben, daß es der junge Mensch war, den Willumsen . . .«

Der Verwalter schwieg.

Thomas klopfte ihm freundlich auf die Schulter: »Sie brauchen mir nichts zu verbergen. Sie meinen, der junge Mann, den Sie im Billardzimmer sahen, war derselbe, den Willumsen hier draußen getroffen hat. Willumsen hat mir alles erzählt. Sie meinen also jetzt, daß der junge Mann Ihre Manschettenknöpfe, oder den einen erwischt hat, die Manschette vertauscht hat, meine ich, und er es war, der ihn bei dem Einbruch hier im Zimmer in der Schublade verloren hat. Nicht wahr?«

Klemmesen dachte nicht so rasch wie der Assessor, aber er mußte zugeben, daß etwas ähnliches sich wohl hätte zugetragen haben können, ja daß es sogar mehr als wahrscheinlich war. Und bei diesen Betrachtungen kam er ganz natürlich auf genau dasselbe, was Willumsen und Niels gesagt hatten.

Thomas hörte ihn geduldig an. Es ließ sich nicht leugnen, daß sich hier ein Weg zu öffnen schien. Es verdroß ihn jetzt, daß er Willumsen die Sache hatte in Hand nehmen lassen, er konnte ja Klemmesen den Plan, den Willumsen entworfen hatte, nicht gut erklären; das hieß den Respekt vor der Obrigkeit bei einem Mann herabsetzen, in dessen Augen sie eben ganz gewaltig gestiegen war.

Es war jetzt nur ganz notwendig, daß er Gelegenheit fand mit Monny zu sprechen. Aber Willumsen war schon längst an der Arbeit, und es war nicht ausgeschlossen, daß der viel besprochene und unleugbar auch sehr interessante junge Mann, über den Thomas noch nichts wußte, als Gefangener auf dem Hofe erscheinen würde, noch ehe Thomas erfahren hätte, wer es war und wie sein Verhältnis zu Monny war.

Freilich hatte Willumsen es übernommen, die Sache in Güte zu ordnen; aber bei einer solchen Ordnung durfte und konnte der Kreisrichter nicht umgangen werden, und Thomas kannte den vortrefflichen Vertreter der Obrigkeit bereits gut genug, um zu wissen, daß es keine großen Schwierigkeiten machen würde, ihn zu veranlassen, sich den Wünschen, die eine gütliche Ordnung bezweckten, zu fügen.

Es gab aber noch einen Punkt. Thomas traute dem Ingenieur nicht ganz. Des Diebstahls verdächtigen konnte er ihn nicht. Dazu lag nicht der geringste Grund vor, und das, was der Verwalter von den Manschetten erzählt hatte, lenkte den Verdacht in hohem Grade auf den Unbekannten.

Aber es war nicht Thomas' Gewohnheit, seine Sachen von Laien ausführen zu lassen, und er war immer sehr vorsichtig mit den Mitteilungen, die er gab. Er war aus diesem Grund wenig gut bei den Polizeireportern angeschrieben, die ganz natürlich die Tüchtigkeit eines Richters nach dem Entgegenkommen beurteilen, womit er die näheren Umstände einer Sache den Blättern zur Disposition stellt.

Thomas Klem gehörte entschieden nicht zu der neumodischen Kategorie von Untersuchungsrichtern, die bei einem berühmten Fall die Referenten im Vorzimmer des Gerichts um sich versammeln und ihre eigene Vortrefflichkeit dadurch demonstrieren, daß sie gewürzte Anekdoten über den berühmten Arrestanten lancieren.

Er liebte es, seine Arbeit in Ruhe auszuführen. Er verstand wohl, daß die Journalisten gern Neuigkeiten haben wollten, aber sie sollten sich nur die Mühe nehmen, sie sich selber zu verschaffen. Und jetzt war er in der unerwünschten Lage, daß er Willumsen carte blanche hinsichtlich einer Person gegeben hatte, die er sich selber sichern mußte. Er beschloß daher seine Taktik zu ändern.

»Klemmesen,« sagte er, »wollen Sie so freundlich sein und sehen, ob Sie Niels auftreiben können, und wollen Sie dann dem Ingenieur, wenn Sie ihn finden können, sagen, er möchte mit dem, was er mit mir besprochen hätte, noch warten. – Sagen Sie ihm nichts von der Order, die ich ihnen gebe; Sie sollen nämlich mit Niels zum Waldhüter hinaus und zusehen, daß Sie sich des jungen Menschen, von dem wir gesprochen haben, bemächtigen. Verstehen Sie?«

Der Verwalter nickte.

Thomas fuhr fort: »Sie sollen auch Polizeidiener Hansen nichts davon sagen! Er soll nichts von Verhaftung oder von etwas derartigem hören. Sie sollen keine Gewalt anwenden, aber Sie sollen dafür sorgen, daß der junge Mensch zu mir gebracht wird. Ich verlasse mich auf Sie, Klemmesen.«

Klemmesen erhob sich geschäftig. Das war gerade etwas für ihn. Er war dem Assessor riesig dankbar, und all die ausgestandene Qual und Angst war vergessen. Es ist seltsam, aber gerade darin besteht die Überlegenheit der geordneten Staatsmacht, daß sie den Bürgern drohen und sie beherrschen kann, so daß sie Haß und Widerstandslust bei ihnen weckt, um sie im nächsten Augenblick dazu zu bringen, ihr die eifrigsten Dienste zu leisten.

Das kann man aus dem Eifer lernen, womit Klemmesen aus der Stube stürzte, um dem Befehl des Assessors nachzukommen. Er war nahe daran Busgaard und den Kreisrichter, die die Treppe vom Hof herauskamen, über den Haufen zu rennen.

Der Kreisrichter glaubte anfangs der Verwalter wollte entfliehen und sah sich nach seinem Polizeidiener um; aber Thomas, der Bedürfnis nach frischer Luft fühlte und einen Augenblick später aus der Tür trat, beruhigte ihn.

»Was hast Du mit Klemmesen gemacht?« fragte Busgaard mit großen Augen.

Thomas lachte. »Ich habe die jütländische Bewegung besiegt, Onkel,« sagte er heiter. »Glaub mir, ich habe damit dem alten Dänemark einen großen Dienst erwiesen und mir selber einen noch größeren.«

Busgaard starrte ihn erstaunt an.

Der Kreisrichter, der ihn ebenfalls nicht verstand, sagte freundlich: »Das müssen Sie näher erklären, Assessor Klem! Das ist eine Frage, die mich immer interessiert hat.«

»Jetzt habe ich keine Zeit, Herr Kreisrichter,« erwiderte Thomas. »Nur soviel will ich sagen, Du kannst ruhig sein, Onkel! Klemmesen ist unschuldig.«

»Und das Geld, das er auf die Bank gebracht hat?« fragte Busgaard finster.

»Dazu muß er ehrlich gekommen sein,« antwortete Thomas und zuckte die Achseln.

»Ehrlich,« brauste Busgaard auf, »ein Verwalter ehrlich zu 2500 Kronen? Nein, hat er sie nicht gestohlen, so hat er mich auf andere Weise betrogen. Und er soll mir für jeden Heller Rechenschaft ablegen.«

»Der Mann kann ja doch ehrlich sein,« wendete der Kreisrichter ein.

»Er ist Jütländer,« erwiderte Thomas. »Das ist nach modernem dänischen Sprachgebrauch ein Ehrenname und es bedeutet, auf Klemmesen angewandt, nur Geschäftstüchtigkeit.«

»Das mag der Teufel wissen,« zischte Busgaard.

»Er weiß es sicher,« lachte Thomas. »Frag ihn, er wird Dir wohl antworten.«



Offizier und Unteroffizier

Polizeidiener Hansen ist ein vollkommener Gardesergeantentypus. Ursprünglich war er Spielmann Nr. 5 gewesen und hatte die Trommel aus Amalienborg geschlagen, wenn die königliche Familie ins Theater fuhr. Die Spielmannschule ist streng, und der Obersergeant, der sie leitete und unter dem Namen »der Waschbär« bekannt war, versagte sich nichts, wenn es galt, den Burschen die Rücken zu gerben.

Sie lernten gehorchen, turnen, Instrumente spielen, sie lernten wie Landsknechte fluchen und Tabak rauchen und Branntwein trinken, Prügel mit Anstand ertragen und sie an Schwächere weitergeben. Kurz, sie wurden für ein Kriegerleben geschult, dessen Voraussetzungen in Friedenszeiten nicht ganz erfüllt werden konnten. Und als sie 17 bis 18 Jahr alt wurden, nahmen sich die Amazonen der Gasse ihrer an und vollendeten die Erziehung durch leichtfaßliche Kurse über den Unterschied von gut und böse.

Hansen nahm das Leben, wie es zu ihm kam, mit Saurem und Süßem; er wurde Rekrut, Unterkorporal und Sergeant und ging dann zur Polizei über, für welche Stellung er wohlgeeignet war infolge seines durch eigene Erfahrung erworbenen intimen Verständnisses der offenen und verschlossenen Bücher der Großstadt, wie sie in Menschenschicksalen auf Straßen und Plätzen, in Schlupfwinkeln und Hinterhöfen geschrieben sind; die Disziplin brachte er vom Militärdienst mit; der gerade Rücken wurde zum Katzenbuckel gegenüber den Vorgesetzten.

Nach unten schlug Hansen zu, das hatte er gelernt und befand sich wohl dabei.

Auf diesem Wege war er ein vortrefflicher Geheimpolizist geworden, und wurde ein ausgezeichneter Polizeidiener auf dem Lande.

Thomas kannte und schätzte ihn aus langer Tätigkeit am Kriminalgericht; von Vertraulichkeit konnte keine Rede sein, zur Not von einem gewissen gemütlichen Unterhaltungston, wie er in Thomas' Naturell lag, ohne zu weit zu gehen.

In diesem speziellen Falle war Hansen ja nicht Thomas' Untergebener, aber noch immer bestanden zwischen ihnen diese Voraussetzungen, von denen keiner sich frei machen konnte. Tine hatte Hansen geholt, und als sie das Zimmer verließ, blickte Hansen ihr nach, ein bißchen abschätzend, wie es Thomas vorkam, aber enfin

»Was Neues, Hansen?« fragte er, als die Tür sich hinter Tine geschlossen hatte.

Hansen schlug die Hacken zusammen. »Das Neue soll von Ihnen kommen, Herr Assessor!«

Thomas lächelte.

»Sie sind höflich,« sagte er, und lud Hansen mit einer wohlwollenden, ein wenig herablassenden Bewegung ein, Platz zu nehmen. Selber warf er sich in einen Stuhl. Hansen blieb stehen.

»Ich kenne den Herrn Assessor,« sagte er. »Sie sind nie besser aufgelegt, als wenn ein bißchen – genug – um Verzeihung, mit im Spiel ist.«

Thomas nahm es gnädig auf. – »Pst, Hansen, die Wände haben Ohren!«

Hansen fuhr fort: »Es war einmal, wie der Herr Assessor noch junger Protokollführer waren . . .«

Thomas unterbrach ihn: »Sie haben recht, Hansen, ehe ich mich für die eine entscheiden konnte, mußte ich, um nicht ungerecht gegen die anderen zu sein, auch prüfen, was sie zu bieten hatten. Das war ja nur recht und billig.«

»Gut, sagen wir das,« erwiderte Hansen.

»Nein,« fiel Thomas ein, »das sagen wir nicht. – Wir schweigen damit. – Verstanden?«

»Mein Mund ist verschlossen,« antwortete der Polizeidiener und verbeugte sich. Aber es war doch durch diesen kleinen Wortwechsel in den beiden ein Gefühl des Zusammenarbeitens entstanden, das zwischen Männern ganz nützlich sein kann.

»Zur Sache,« sagte Thomas und zog sein Notizbuch heraus. Hansen richtete sich auf.

»Sagen Sie mir Hansen,« fuhr Thomas fort, indem er die Augen zusammenkniff; »ist ihr schöngelockter Vorgesetzter nicht eigentlich ein ganz tüchtiger Mann?«

Hansen antwortete mit Vorbehalt: »Ich habe ihn so kurz gehabt,« sagte er, wie zur Entschuldigung. »Er schlägt nicht ganz schlecht an. Aber es interessiert ihn nicht. Seine Violine und seine Musik füllen seine Zeit aus. Aber wenn man auf ihn aufpaßt, so glaube ich nicht, daß er Unheil anrichtet.«

»Das ist also Ihre Auffassung?« fragte Thomas langsam und biß in den Bleistift.

»Ja,« antwortete Hansen mit großer Bestimmtheit.

»Ich habe den größten Respekt vor Ihnen,« fuhr Thomas fort.

»Gleichfalls,« erwiderte der andere. »Sollen wir also den Verwalter verhaften.«

Thomas sah nachdenklich aus. »Die formelle Grundlage ist in Ordnung,« sagte er. »Aber glauben Sie auch, daß der Kreisrichter will? Er schien einen wahren Türkenglauben an den Jütländer zu haben. Und der Gutsbesitzer . . .«

»Ich habe mit beiden gesprochen,« erwiderte der Polizeidiener mit Selbstgefühl. Und ich glaube schon, daß die Sache jetzt ins Rutschen gebracht ist.«

»Wir lassen es sein,« sagte Thomas mit Wucht.

»Wie beliebt?« fragte der Polizeidiener und starrte ihn ungläubig an.

»Ich sage, wir lassen es sein,« fuhr Thomas sehr ruhig und in vollster Offenheit fort. »Ich habe mehrere Gründe. Einer der wichtigsten ist, daß ich überzeugt bin, der Mann hat das Geld nicht gestohlen.«

»Ist der Grund entscheidend?« wagte der Polizeidiener zu fragen.

»Nein,« räumte Thomas ein. »Aber er ist nicht ganz unwesentlich. Es gilt nur zu erfahren, ob man Ihren musikalischen Vorgesetzten dazu kriegen kann eine Untersuchung einzustellen, wenn die Umstände es erfordern.«

»Darin ist er großartig,« erklärte Hansen mit breitem Lächeln. »Wenn er eine Arbeit loswerden kann . . .«

»Na, ist er so?« fiel Thomas ein. »Ja, wissen Sie was, Hansen, das ist im Grunde der Beamtentypus, der am wenigsten Schaden in einem Lande anrichtet, und solche haben wir Gott sei Dank eine ganze Anzahl. Sie meinen also, daß es nicht schwer sein wird, den Kreisrichter zu veranlassen, die Untersuchung ruhen zu lassen, und das Ganze nach mehr privaten und familienrechtlichen Gesichtspunkten zu ordnen.«

Der Polizeidiener nickte.

Es entstand eine Pause.

»Hören Sie, Hansen,« sagte Thomas, lassen Sie mich nun einmal wissen, was Sie selber über die Sache denken.«

Hansen räusperte sich. »Der Herr Assessor haben selber meine Aufmerksamkeit auf den Verwalter gelenkt, und der Herr Assessor wissen ja, daß wir Kammerbeamten gewohnt sind unseren Richtern zu gehorchen. Ich habe einen Rapport über den Verwalter geschrieben, der drinnen auf dem Neumarkt eine vortreffliche Verhaftungsgrundlage abgeben würde, dafür garantiere ich. Das habe ich für meine Pflicht gehalten und der Herr Assessor haben mir auch nicht Order gegeben, andere Untersuchungen anzustellen.«

»Aber Ihre eigene Meinung?« unterbrach ihn Thomas.

Hansen fuhr fort: »Der Herr Assessor wissen, daß ich nie durch eigene Meinungen unbequem gewesen bin. Wenn man einen tüchtigen Vorgesetzten hat, so gilt es ja nur sich seine Meinung anzueignen und ihr die faktischen Verhältnisse anzupassen. Das habe ich gelernt und ich glaube, ich kann es ganz gut. Ich habe nie zu den Beamten gehört, die ihre Vorgesetzten kritisieren, das kommt, weil ich Soldat gewesen bin, das liegt im Blut . . .«

Thomas unterbrach ihn wieder.

»Das kann alles recht gut sein, Hansen, aber hier draußen müssen Sie doch auf eigene Hand handeln; nach Ihren Worten haben Sie ja keine große Stütze an Ihrem Chef. Wenn Sie also hier auf eigene Faust hätten handeln sollen, was dann?«

Hansen verbeugte sich bescheiden. »Dann würde ich dasselbe getan haben wie der Herr Assessor und wäre jetzt soweit, daß ich eine Untersuchung darüber anstellen müßte, wie Klemmesen zu dem Geld gekommen ist, das er auf die Bank gebracht hat. Ich würde ihn verhaften und den Weg weiter verfolgen.«

Thomas zuckte die Achseln. »Das wäre nicht richtig, Hansen! Klemmesen ist unschuldig.«

»Woher wissen der Herr Assessor das?« fragte der Polizeidiener etwas pikiert.

»Instinkt,« sagte Thomas und zuckte die Achseln.

»Kenne ich nicht,« kam es scharf von den Lippen des Polizisten.

Thomas lächelte. »Nein, mein guter Hansen, das ist mir nichts Neues – das weiß ich. Instinkt haben weder Sie, noch die meisten Ihrer Kollegen. Es ist nicht notwendig, aber es ist verteufelt angenehm, wenn man ihn hat. Na – sehen wir also von Klemmesen ab!«

Hansen bekam einen roten Kopf.

»Ist es der Ingenieur?« fragte er.

Thomas blickte auf. »Sieh, sieh – haben Sie ihn im Verdacht.«

»Einer muß es doch gewesen sein,« erwiderte der Polizeidiener mürrisch. Er hatte trotz allem eine leichte Pieke auf den Jütländer, und dann hatte er den ausgezeichneten Rapport geschrieben.

Thomas überlegte ein Weilchen, dann sagte er: »Sie können bisweilen genial sein, Hansen! Aber Sie können sich auch irren. Ich finde, es ist nicht schön, alle zu verdächtigen. Und es ist ja klargestellt, daß Willumsen nichts von dem Versteck gewußt haben kann.«

»Wer hat das festgestellt?« fragte Hansen bissig.

»Der Kreisrichter,« lautete die Antwort.

»Na, dann!« Hansens ganzer Unwille richtete sich jetzt gegen den Kreisrichter. »Ja, der Ingenieur ist ja auch Musikant, und die beiden haben manche Melodie zusammen abgeleiert. Aber es ist sonst nicht wahrscheinlich, daß jemand von dem Hofgesinde das Geld genommen hat. Und nach allem, was festgestellt ist, liegt doch nicht der entfernteste Grund vor zu glauben, es sei ein Einbruch von einer nicht zum Hause gehörigen Person verübt worden.«

»Das wissen wir eben nicht,« antwortete Thomas sehr sanft. Es machte ihm doch Vergnügen zu sehen, wie die unnütz verrichtete Arbeit den höflichen Beamten mürrisch und verdrießlich machte. Und dann war es so echt, daß es über den Kreisrichter herging und nicht über Thomas, den doch die Hauptschuld traf. Thomas wollte Hansen nicht verspotten, er konnte ihn möglicherweise brauchen, und es war das Sicherste ihn mit entgegenkommendem Wohlwollen zu behandeln.

»Sehen Sie, Hansen,« fuhr er daher mit gedämpfter Stimme fort. »Sie kenne ich; Ihren Kreisrichter habe ich heute zum erstenmal getroffen, und Sie meinen ja selber, daß er kein besonderer Hexenmeister ist. Lassen Sie mich Ihnen darum mitteilen, welche Rolle ich den beiden Herren in diesem spannenden kleinen Schauspiel bestimmt habe. Sie sollen mir helfen den Dieb zu fassen; zu dieser Arbeit bedarf ich Ihrer Hilfe. Wenn wir den Burschen haben, wird es sich vielleicht herausstellen, daß es das Bequemste und Praktischste für alle Teile ist, wenn wir ihn laufen lassen, und den Teil des Geschäftes soll Kreisrichter Heiden besorgen, verstehn Sie?«

»Nein,« antwortete Hansen aufrichtig. »Ich verstehe kein Wort. Das heißt, daß der Kreisrichter den Kerl laufen lassen soll, das verstehe ich, das ist etwas, was er mehr als gern tun wird. Aber worauf ich mir keinen Vers machen kann, das ist, wen der Herr Assessor im Verdacht hat, wenn es nicht der Ingenieur ist.«

»Nun will ich Ihnen das Ganze erklären, Hansen,« sagte Thomas – und damit meinte der eingefleischte Geistesaristokrat, daß er dem Polizeidiener die Hälfte erklären wollte.

Doch Hansen, der von seiner eigenen Vortrefflichkeit voll überzeugt war, konnte selbstverständlich nicht glauben, daß er nicht das Ganze zu wissen kriegte.

Thomas fuhr fort: »Wir sind also einig, daß Klemmesen aus dem Spiel bleibt. Auch um den Ingenieur handelt es sich kaum, ihn lasse ich also auch ganz außer Betracht. Aber Niels und Klemmesen haben meine Aufmerksamkeit auf eine Person gelenkt, die sich drüben beim Waldhüter aufhält. Da ich das Einschreiten des Kreisrichters noch nicht wünsche, habe ich Klemmesen und Niels gebeten, sich dieser Person zu versichern. Er soll indessen nicht verhaftet werden aus Gründen, die ich Ihnen noch nicht erklären kann. Er soll bloß hierhergebracht werden, und dafür habe ich, wie gesagt, die beiden braven Männer um ihre Mitwirkung ersucht. Nun ist Willumsen aus Gründen, die Sie selbst entdecken werden, und die ich Ihnen überlasse selber zu finden, im höchsten Grade daran interessiert, daß dieser Bursche in Güte entfernt wird, und ich habe daher aus privaten Gründen so getan, als ob ich mich Willumsen fügte. Es ist verabredet worden, daß Willumsen den Burschen nach Tische aufsuchen und versuchen soll, die Wahrheit aus ihm herauszukriegen. Aber noch vor dem Mittagessen werden Klemmesen und Niels ihn hier auf dem Hofe in Sicherheit gebracht haben. Verstehn Sie?«

Hansen schüttelte den Kopf. »Das ist zu ausgeklügelt.«

Thomas lächelte »Vielleicht, aber ich habe meine Gründe. Ich habe keinen Verdacht auf Willumsen, aber ich kenne ihn nicht. Darum bitte ich Sie, sich des Ingenieurs anzunehmen und einen Rapport darüber zu verfassen, was er in den letzten Tagen vorgenommen hat.«

Hansen schnitt eine häßliche Grimasse.

Thomas lachte.

»Ich kann wohl begreifen, daß Sie keine Lust haben, noch mehr unnütze Rapporte zu schreiben, aber ich wünsche es. Willumsen bietet bisher absolut keinen Angriffspunkt für einen Verdacht, und es gilt nur Material gegen den Unbekannten zu sammeln; aber zu gleicher Zeit sähe ich gern, daß Sie soviel wie möglich über den Ingenieur herauszubringen suchten, damit wir dort einsetzen können, wenn es sich wider Erwarten herausstellen sollte, daß wir jetzt auf einer falschen Spur sind.«

Hansen sah etwas bedenklich aus.

»Um Sie noch weiter aufzumuntern, ist hier eine Zigarre,« sagte der Assessor und erhob sich. »Es ist eine alte Bekannte.«

Der Polizeidiener nahm die Zigarre. »Verzeihung,« sagte er, »wollen mich der Herr Assessor aus dem Spiel haben?«

Thomas lachte.

»Keineswegs, Hansen! Und um Ihnen das Gegenteil zu beweisen, will ich Sie bitten, meine Kusine Monny aufzusuchen und ihr zu sagen, daß ich augenblicklich mit ihr sprechen müsse. Gehn Sie nun!«

Und Hansen ging mit einer Verbeugung – aber unleugbar etwas desorientiert.



Auf der Diebsjagd

Romantik und Kampflust sind unausrottbar im Menschenherzen, niemand kann daran zweifeln, man braucht nur den strebsamen Verwalter Hans Klemmesen und den treuen Kutscher auf Braendholt, Niels, der bei der Stellung wegen eines Körperfehlers kassiert worden war, zu betrachten, wie sie entflammt von dem heiligen Jagdeifer sich nach dem Waldhüterhause schleichen, um den Jüngling einzufangen, der vor ihrer Phantasie als der Urheber der staatszerstörenden Tat steht, die den stillen, wohlgeordneten Kreis, der sie und ihre Romantik einhegt, in Aufruhr gebracht hat.

Wir wenden uns zuerst zu dem Wild, stud. jur. Arthur Franck, mit dem wir unsere Schilderung der in diesem Buch beschriebenen Ereignisse begannen, der aber seitdem nur flüchtig und selten Erwähnung gefunden hat.

Monny war die erste, die Arthur im Verdacht hatte, den ungemütlichen Diebstahl begangen zu haben, und Monny hatte guten Grund dazu. Sie zitterte bei dem Gedanken. Ein Freund machte den Autor neulich darauf aufmerksam, daß er nie ein lebendes Wesen zittern gesehen hat, und das ist richtig; man sieht die Menschen nur in Romanen zittern, aber da ist es ihre Pflicht, und Monny zitterte also. – Aber sie sagte zu Arthur kein Wort von dem begangenen Diebstahl. Nicht um ihr Leben hätte sie einen so häßlichen Verdacht gegen den Geliebten schleudern wollen.

Und Arthur würde sicher auf das Bestimmteste die ihm zur Last gelegte Tat ableugnen.

Monny würde ihm geglaubt haben – wir können ihm nicht glauben. Es ist eine Notwendigkeit für uns an unserem Verdacht, der auf guten und soliden Gründen ruht, festzuhalten, und hat der Leser diese Gründe vergessen, so schlage er das erste Kapitel auf und lese es noch einmal durch.

Ein wohlgeschriebenes Buch gewinnt nur, wenn es mehrmals gelesen wird, und da man das für dasselbe Geld tun kann, ist es mehr als merkwürdig, daß es so selten geschieht.

Man lese das erste Kapitel noch einmal, und man wird nicht zweifeln, daß Arthur Franck der einzige ist, auf dem verständigerweise ein Verdacht ruhen kann. Und er ruht folglich mit vollem und gutem Recht auf ihm.

Das fühlte er selbst, und das Ende seiner Verhandlungen mit Monny war denn auch, daß er beschloß, das Waldhüterhaus zu verlassen und nach Kopenhagen zurückzureisen.

Es heißt in der Romansprache: der Boden brannte ihm unter den Füßen, aber das Bild ist schlecht, da der Boden mehrere Zoll hoch mit Schnee bedeckt war. Wir benutzen es deshalb nicht.

Wir stellen fest: Arthur Franck begriff, daß er auf Braendholts Erde nicht länger bleiben konnte. Das sagte er Monny und das arme Kind weinte bitterlich. Sie liebte ihren Arthur ja so sehr, und wann würde sie ihn wieder zu sehen kriegen? Aber er mußte fort. Willumsen hatte gedroht, ihn zu verraten, Gefahren lauerten von allen Seiten auf ihn, es war nichts anderes zu tun.

Als Monny daher mit roten Augen und schwerem Herzen das Waldhüterhaus verließ, um sich heim in die väterliche Wohnung zu begeben, machte Arthur Franck sich mit einem Seufzer daran, die wenigen Dinge, die er mitgebracht hatte, zusammenzupacken. Er war allein in dem Häuschen, der Waldhüter war auf Arbeit im Wald, und die alte Frau, die das Haus im Stand hielt und das Essen kochte, war gerade an dem Tag abwesend.

Sollen wir jetzt eine Menschenjagd schildern, so ist es notwendig, ein Bild des Jagdreviers zu geben.

Braendholt war eins jener einstöckigen Herrenhäuser, die noch Denkmäler aus der Zeit sind, als das dänische Land in den Händen von Priestern und Rittern war. Unansehnlich, aber aus dicken Mauern ausgeführt, damit es feindlichen Angriffen widerstehen könne, hatte es in der katholischen Zeit zu Roskildes Bischofsstuhl gehört und war von Adligen bewohnt, die im Abhängigkeitsverhältnis zum Bischof von Seeland standen.

Nach der Reformation war es unter die Krone gekommen und hatte seitdem seine Eigentümer gewechselt; bis es, wie oben erzählt, an die Busgaards gekommen. An dem Haus war nicht viel zu sehen. Es war weiß getüncht, hatte ein Ziegeldach, war dreiflügelig und hatte viele Fenster, was der Fassade ein uninteressantes und einförmiges Aussehen gab. Aber es war hübsch auf einem Hügel gelegen, umgeben von einem Park, der in alten Tagen eine Art Wald gewesen sein mochte und jetzt in das Stückchen wirklichen Wald, das zum Gute gehörte, überging.

Scheunen und Scheuern waren niedrig, trugen aber hohe moosbedeckte Strohdächer. Der Hofplatz war von Wirtschaftsgebäuden begrenzt und ein Tor führte durch die Scheune auf die Landstraße.

Sah man Braendholt vom Park aus, so erschien der Hof wie ein großes strenges, weißes Gesicht mit roter Mütze, eingerahmt von einer Perücke aus der Zeit Friedrichs III., im Winter rötlich, im Sommer grün. Von der Seite gesehen, machte Braendholt einen wirklich herrschaftlichen Eindruck; von der Straße dagegen glich es mit seinen überhängenden Wirtschaftsgebäuden einem Bauernhof, der im Verhältnis zu der ihm zukommenden Bedeutung ungebührlich angeschwollen war. Der Wald hinderte die Aussicht vom Hof nach dem Garten, die Gebäude den Blick nach der Landstraße.

Der Park erstreckte sich vom Hof aus ein paar Hundert Ellen nach Osten und Westen, der Hof selbst lag in nordsüdlicher Richtung. Nach Westen grenzte er an einen gräflichen Wald, von dem er durch einen Steinwall geschieden war. Nach Osten ging er in den Braendholter Wald über, der ein halbes Hundert Tonnen Landes umfaßte und über den ein Waldhüter die Aufsicht führte. Das Waldhüterhaus lag am alleröstlichsten Ende des Waldes dicht am Waldrand.

Der normale Weg vom Hof nach dem Waldhüterhaus führte durch den Park auf einem Pfad durch hochstämmigen Buchenwald mit einzelnen Inseln dichtstehender Tannen. Aber da sich der Wald im Osten halbmondförmig nach den Feldern des Gutes zu krümmte, gab es noch einen anderen Weg zum Waldhüterhaus, der zweite Weg führte zum Hoftor hinaus, folgte der Landstraße ein Stück und bog dann als ein von Räderspuren gebildeter Pfad über die Felder nach der Waldecke ab.

Das Haus konnte man vom Gutshof aus nicht sehen, wenn die Bäume belaubt waren, im Winter konnte man dagegen seine Konturen am Waldrande erkennen und den Rauch seines Schornsteines über die Buchenkronen hinziehen sehen.

Hans Klemmesen hatte beschlossen, alle ihm innewohnende Schlauheit aufzubieten, um das Ziel, das er sich gesetzt hatte, die Verhaftung des Diebes, zu erreichen, und er hatte diese Schlauheit noch gesteigert durch Reminiszenzen aus Coopers Romanen, die in seiner Kindheit siegreich die Jugend erobert hatten, und in der allerletzten Zeit wieder aufgefrischt worden waren durch verwandte Themen bei Conan Dople und in der dichten Wetterwolke von Zehnpfennig-Greueln, die sich von der Hauptstadt aus unter den Namen Dick Donovan, Nick-Carter, Dick Patrick usw. über das ganze Land verbreitet hatten.

Er hatte daher einen Kriegsplan entworfen, den er jetzt vor seinem Kampfgenossen Niels entwickelte, der neben ihm stand mit Augen so groß wie Teetassen und ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte.

»Siehst Du, Niels,« dozierte der Verwalter, »Monny hat begreiflicherweise den Gauner gewarnt; sie ist eben durch den Park nach Hause gekommen und glaubt natürlich, niemand wüßte etwas davon. Selber weiß sie garnicht, daß der Kerl ein Dieb ist, und das tut mir natürlich leid für sie. Sie hat jetzt begriffen, daß es nicht länger so geht, und darum wird sich der Urian begreiflicherweise davon machen.«

»Es paßt sehr gut mit der Bahngelegenheit um die Dämmerungszeit. Der kürzeste Weg für uns wäre nun über das Feld, aber einesteils riskierten wir, daß der Kerl uns schon von weitem entdeckt, anderseits könnte man sich denken, daß er sich davon macht, wenn er uns aufs Haus zukommen sieht, und darum ist es notwendig, eine doppelte Umgehung vorzunehmen.«

Dies mit der Umgehung ist ein strategischer Witz, den schon Xenophon erfunden hat und womit er die Jugend im Gymnasium plagt, wo ihr die höhere Weisheit vermittelst der Anabasis eingetrichtert wird.

Niels wußte nicht was eine doppelte Umgehung war, aber er konnte sich ausrechnen, daß es etwas höchst Begabtes sein mußte. Er starrte den Feldherrn Klemmesen bewundernd an, während er dastand und sich mit einem Tauende auf den Schenkel schlug. Der Dieb sollte nämlich gebunden werden. Keine Obrigkeit kann den Bauern das abgewöhnen. Sie glauben, es gehöre dazu, daß der, der den Trägern des Schwertes überantwortet wird, festgeschnürt sei wie ein Kalb, das dem Schlächter übergeben wird.

Und weder Klemmesen, noch Niels hegten den geringsten Zweifel, daß der Schurke, wenn er ergriffen würde, in Ketten und Bande geschlagen werden müsse, so fest wie arbeitsgewohnte Hände sie anlegen können.

Klemmesen hielt an der Umgehung fest und setzte seine Betrachtungen fort.

»Du bist der Älteste und am schlechtesten zu Fuß. Du gehst zum Tor hinaus und folgst der Landstraße bis zum Pfarrhof, dann gehst Du ganz langsam übers Feld auf das Waldhüterhaus los und wartest bis Du mich vom Wald herkommen siehst. Dann eilst Du strax auf das Haus los und wir treffen dort zusammen.

Sollte der Urian unterdessen, während Du auf der Landstraße bist, das Haus verlassen, so muß er ja um die Landstraße nach der Stadt zu erreichen, am Pfarrhof vorbei, dann gehst Du zu Pfarrers hinein und holst Niels oder Anton heraus, und dann faßt ihr ihn beim Schlaffitchen und wartet ruhig auf mich. Ich gehe unterdessen ums Haus herum, und ist das Nest leer, so weiß ich, wo ich den Vogel suchen soll. Hast Du mich verstanden, Niels?«

Niels hatte verstanden. »Aber welchen Weg geht der Herr Verwalter?« fragte er, um ganz genau Bescheid zu wissen.

Klemmesen war ein umständlicher General, er machte seine Pläne mit Sorgfalt und erklärte sie genau.

»Höre Niels,« sagte er, »ich gehe durch den Garten bis zur Grenzscheide am Wald hinunter. Dort führt ein Fußweg von unserem Gebiet in das des Grafen, und der Kerl könnte ja so schlau sein, daß er einen Richtweg durch den Wald des Grafen wählte, um den Pfarrhof und die Stadt zu vermeiden. Nimmt er den Weg, so muß er an mir vorbei, und ich verspreche, daß er mir nicht entwischen soll.«

Klemmesen ließ seine Muskeln spielen, und Niels schob den Priem auf die andere Seite.

So wurde die Expedition unternommen.

Arthur Franck bereitete sich wirklich vor, abzureisen. Er hatte beschlossen, die Heimkunft seines Wirtes abzuwarten, aber es dauerte zu lange. Nach der Station waren es anderthalb Meilen und es war unmöglich, einen Wagen zu bekommen. Sein Rad konnte er im Schnee nicht benutzen, das mußte er also im Waldhüterhause stehen lassen.

Der Schnee, der gerade in den letzten Tagen gefallen war, kam ihm verdammt ungelegen! Sonst konnte man so bequem in die Stadt huschen, was er oft getan hatte, wenn er sich langweilte und den Wunsch hatte, einen kleinen Abstecher nach der Hauptstadt oder nach Roskilde zu machen, um Billard zu spielen.

Es war ganz richtig, was Klemmesen dem Assessor erzählt hatte; Arthur war am selben Tage in Roskilde gewesen, an dem Klemmesen mit dem Markeur Billard gespielt hatte. Er kannte den Weg nach der Stadt gut, aber er hatte keine rechte Lust zu Fuß zu gehen.

Es war indes unmöglich, einen Wagen zu bekommen, jedenfalls in der Umgegend von Braendholt. Eher konnte er vielleicht den Schmied dazu kriegen, ihn zu fahren. Der Schmied wohnte am Ende des Dorfes und Arthur beschloß, übers Feld nach dem Pfarrhof und von da durch das Dorf nach der Schmiede zu gehen.

Nach Klemmesens klugem Plan mußte er also von Niels entdeckt werden, der laut Order sich im Pfarrhof in den Hinterhalt legen und ihn dort überfallen sollte. Wenn alles nach Berechnung gegangen wäre, würde den unglücklichen Arthur unvermeidlich sein Geschick am Dorfteich ereilt haben und seine Feinde hätten ihn gebunden auf einem Karren nach Braendholt geführt.

Es ging indessen nicht wie berechnet. Des Weges daher kam ein Mann im Schlitten, und der Mann war Willumsen.

Willumsen hatte dem Assessor versprochen, bis zum Nachmittag zu warten, ehe er den Verdächtigen aufsuchte. Wir wissen jetzt, warum der Assessor dem Ingenieur dieses Versprechen abgenommen hatte, aber das wußte Willumsen nicht. Für ihn war das Wichtigste, der Obrigkeit zuvorzukommen. Er wußte ja, daß der junge Mann dort draußen derjenige war, auf den Monny ihre jungen Augen geworfen hatte, und er wollte sein Wissen dazu benutzen, seinen Rivalen fortzuschaffen. Er wußte nicht, daß Monny ihren jungen Freund bestimmt hatte, zu flüchten, ohne Willumsens hochherziges Einschreiten abzuwarten, und daher hatte er sich kurz nach dem Gespräch mit dem Assessor vom Hofe entfernt, um zu sehen, ob Monny zurück käme. Und als er sie durch den Park kommen sah, eilte er auf dem kürzesten Wege nach dem Waldhüterhaus.

Die Umgehung, die von Klemmesens Standpunkt aus vortrefflich gewesen wäre, brachte es infolge unvorhergesehener Umstände mit sich, daß Willumsen zum Waldhüterhaus kam, ehe die beiden Strategen es erreichten, und auf diese Weise ihre Pläne durchkreuzte.

Auch die des Assessors.

Doch damit die kleine Episode mit größerer dramatischer Kraft wirken kann, ist es notwendig, die Leser in Unwissenheit darüber zu lassen, was da draußen geschah und nach Braendholt zurückzukehren, wo Monny eben vor den hohen Richter zu einem Verhör geladen war, das mächtig dazu beitragen wird, den Lesern für den wirklichen Zusammenhang in der ganzen dunklen Geschichte die Augen zu öffnen.



Monnys Geständnis

Assessor Thomas Klem ist als ein tüchtiger Untersuchungsrichter eingeführt worden, ja er ist sogar der Mann mit dem sechsten Sinn genannt worden. Wir sind auf 128 Seiten seinen Bewegungen gefolgt, wir haben ihn mit verschiedenen Leuten reden hören, wir haben einem Verhör beigewohnt, das nichts anderes ans Tageslicht brachte als einen Verdacht, den wir nicht teilten, und den der verständige Untersuchungsrichter wieder hat fallen lassen.

Denn wir können doch nicht glauben, daß Assessor Klem immer noch Klemmesen im Verdacht hat! Ja, wissen können wir es allerdings auch nicht. Wir haben erfahren, daß der Assessor sein Vertrauen nicht verschwendet, und weil er zu Tine und Klemmesen selber gesagt hat, er wollte keinen Verdacht auf den Verwalter werfen, und sich ebenso bestimmt über diese Frage Polizeidiener Hansen gegenüber ausgesprochen hat, so braucht er deshalb doch seinen Verdacht nicht aufgegeben zu haben.

Wen hat der Leser im Verdacht?

Klemmesen nicht – Klemmesen absolut nicht. Und warum eigentlich? – Gegen Klemmesen spricht der Fund des Manschettenknopfes und der Umstand, daß er das Versteck des Geldes kannte, und Geld auf die Bank getragen hat.

Aber Klemmesen macht einen anständigen Eindruck. Arthur Franck wußte auch, wo das Geld aufbewahrt war. Er hat unvorsichtigerweise ausgesprochen, daß er es stehlen und damit mit Monny flüchten wolle.

Gewiß, er ist nicht mit Monny geflüchtet, aber es ist möglich, daß sie nicht gewollt hat. Was die beiden miteinander gesprochen haben, haben wir ja nicht erfahren. Und die Manschettenknöpfe können auf eine außerordentlich vernünftige und logische Weise mit Arthur Franck in Verbindung gebracht werden.

Wir wissen, daß der junge Mensch am gleichen Tag wie Klemmesen, am Donnerstag vor dem Diebstahl, mit demselben Markeur in der Harmonie Billard gespielt hat. Wie leicht kann er eine Manschette vertauscht haben und zwar mit derselben, die Klemmesen zurückgelassen haben muß, als er seine Manschette mit der des Markeurs vertauschte.

Arthur Franck kann also sehr wohl den fatalen Ausstellungsknopf an sich getragen haben, als er – wie wir also jetzt annehmen – den Einbruch auf Braendholt verübte und das Geld nahm.

Aber hat er es genommen?

Wir haben die Wahl zwischen ihm und Klemmesen – aber gibt es keinen andern– oder richtiger gesagt keinen Dritten?

Willumsen?

Ja, er wußte doch nicht, daß das Geld im Sekretär lag. Jedenfalls haben wir nichts davon gehört. Es ist nur ein kleiner Punkt, der gegen Willumsen spricht, und den kennen wir so gut wie der Assessor. Er bekommt Briefe von einem Wucherer. Das kann bedeuten, daß er in Geldverlegenheit ist. Aber es gibt nicht den geringsten Fingerzeig, wie er erfahren haben sollte, daß Geld in dem Fach lag, so daß er imstande war, es zu stehlen.

Und wie hätte er seine Manschetten vertauschen können. Wir wissen nichts davon, daß er in der Harmonie war, und es wäre doch komisch, wenn der unglückliche Aarhusausstellungsknopf in dem Grade auf dem Billard in der Harmonie herumgetanzt wäre.

Wir sind so klug wie zuvor.

Aber seien wir gerecht! Assessor Klem weiß noch weniger wie wir, und wir können deshalb anständigerweise nicht mit ihm ins Gericht gehen.

Das Publikum ist geneigt zu verlangen, daß der Richter absolut alles wissen soll, und Richter sind doch auch nur Menschen!

Thomas Klem hat, laßt uns ehrlich gegen ihn sein, alle drei im Verdacht, Klemmesen, den Unbekannten (also Arthur Franck) und Willumsen; aber es fehlt ihm eine feste Grundlage, und das ist eben seine große Tugend als Untersuchungsrichter, daß er nicht effektiv eingreift, so lange er nicht festen Grund unter den Füßen hat.

Er darf Willumsen nicht auf den Unbekannten loslassen, um Willumsen nicht aus der Hand zu verlieren; er darf nicht alle Kraft daransetzen Klemmesens Verhältnisse aufzuklären, um nicht die Verantwortung auf sich zu laden. Er sitzt mit andern Worten wie eine Spinne in ihrem Netz und wartet auf die Fliege und den Zufall, auf den der Kluge so gut warten muß wie der Dummkopf, nur daß der Kluge ihn benutzt, während der Dummkopf ihn unbenutzt läßt.

Und dazu kommt noch etwas sehr Wichtiges. Thomas ist kein Fremder in dem Haus, worin die Untersuchung vor sich geht. Er ist ein Verwandter, will Schwiegersohn werden und wird Schwiegersohn so sicher wie das Amen in der Kirche. Es handelt sich für ihn darum, dem Hause Kummer und Demütigung zu ersparen; er ist ganz sicher, daß seine dahinzielenden Bestrebungen eine Stütze am Kreisrichter Heiden finden, und last not least gilt es für ihn, die ganze Untersuchung dazu zu benutzen, Busgaard gegenüberzutreten und zu sagen: »Hier bin ich – ich gehe nur, wenn Tine mir folgt!« Daß er dies erreichen kann, bezweifelt wohl niemand, aber um es zu erreichen, muß er alle seine Kräfte anspannen.

Und jetzt sollte also Monny ins Verhör.

Monny war die merkwürdigste von der ganzen Familie Busgaard. Sie war ein ausgesprochener Charakter. Was sie wollte, das wollte sie. Wäre sie in einem Hinterhaus geboren worden und in der Gosse aufgewachsen, mit Schlafpausen in einer finstern Klasse der Freischule, so würde Monny es mit Sicherheit erreicht haben, in die Stammrolle der professionellen Hehlerinnen und Diebesbräute eingetragen zu werden. Darüber gibt es keinen Zweifel, ja es ist sicher, daß sie bereits im Alter von 14 Jahren die Geliebte irgend eines Lümmels gewesen wäre, getreten und gestoßen von allen Seiten würde sie mit verbissenem Trotz wiedergetreten haben.

Hätte das Geschick, der blinde Zufall, ihr einen guten Mann in den Weg geführt, und hätte sie sich ihm angeschlossen, treu wie sie war, so könnte sich aus diesem wilden trotzigen Hinterhausmädchen ein Weib entwickelt haben, das eine Zierde der Gesellschaft gewesen wäre, eine vortreffliche Mutter, eine aufopfernde Gattin, wie es in den Todesanzeigen in den Zeitungen heißt.

Monny war treu im Guten wie im Bösen. Sie war keine Hinterhausdirne, sondern die Tochter eines reichen Gutsbesitzers, aufgewachsen in guten Verhältnissen unter der Hut und Leitung einer klugen und milden Mutter – aber der Schalk saß ihr im Nacken. Und der saß fest.

Busgaard war ein Haustyrann, und Monny war hart. Als Kind bekam sie Prügel; ihre Mutter schüttelte den Kopf, sie war keine Freundin von Prügeln; aber Busgaard glaubte daran. Seine Frau hielt es für die klügere Politik, die Exekution geschehen zu lassen, um nachher die Augen der Gestraften zu trocknen und milde Worte zu ihr zu sprechen.

Das war wohl nicht ganz richtig, denn Monny hatte nicht das Gefühl, daß ihre Mutter ihre ganz richtige Freundin war, daher wurde sie auch nicht ihre Vertraute.

Frau Busgaard, die selber so offen und einfach war, verstand das kleine Mädchen mit den trotzigen Augen und dem wirren lockigen Haar nicht so recht. Frau Busgaard, deren Hand immer offen und ausgestreckt war, begriff die kleinen geballten Fäuste nicht.

Und doch konnte ein freundliches Wort Monnys Zorn und Trotz schmelzen und Eingang in ihr innerstes Herz finden.

Mit ihren Geschwistern lag sie fortdauernd in bitterm Kampf. Tines sanfte Anmut war für sie eine persönliche Beleidigung, eine nie beigelegte Herausforderung. Monny war eine einsame Natur, aber sie mußte ihre Einsamkeit mit einem Mann teilen. Mit einem Knaben, so lange sie klein war; was hatte sie nicht um ihre kleinen Liebhaber gelitten und alle Leiden mit einer eigenen schmerzgemischten Freude ertragen!

Wie heißt doch gleich Graf Albert von Nordalbingiens Tochter, das Ideal aller kleinen streitbaren Mädchen, deren einziger Fehler ist, daß sie einem Dichterhirn entsprossen ist, in das die Bosheit nie recht Eingang gefunden hat! Und ohne Bosheit keine Wahrheit.

Wie heißt sie doch, das Ideal brünetter weiblicher Sprühteufelchen?

Gleichgültig – es steckte etwas von ihr in Monny. Und was an Trotz in Monny war, war zum Angriff gesammelt, als sie über die Schwelle der väterlichen Wohnstube trat, um von ihrem Vetter Thomas Klem ins Verhör genommen zu werden.

Monny schätzte Thomas als einen guten und frischen Kameraden. Sie hätte sich nie in ihn verlieben können, dazu war er zu selbstbewußt, zu wichtig und zu unangreifbar. Thomas repräsentierte Monny gegenüber die Gesellschaft; sie stellte sich zu ihm, wie sie sich zur Gesellschaft stellen würde, in Kampfstellung, wenn es sein müßte, niemals demütig, immer bereit einen Gang zu wagen.

Aber Thomas war kein junger Fuchs, und er wußte außerordentlich gut, wie so ein trotziges kleines Mädchen zu nehmen war. Das kam ihm im Kriminalgericht sehr zu statten. Dort erscheinen im Lauf des Jahres viele von der Art, und es sind rein menschlich betrachtet, nicht die schlechtesten. Thomas hatte seinen Anteil daran, daß aus manchen der verirrten Wesen im späteren Leben noch etwas wurde.

Na, das geht uns hier nichts an.

Er empfing Monny freundlich und bat sie, Platz auf einem Stuhl zu nehmen, den er dicht neben den seinigen rückte.

Er faßte sie bei der Hand.

»Monny,« sagte er, »Du weißt, daß ich nicht neugierig bin. Ich mische mich nie in etwas, was mich nichts angeht und am allerwenigsten bin ich ein Spießbürger. Wir beiden sind gute Kameraden gewesen, wenn wir uns auch hie und da geneckt haben. Ich habe Respekt vor Dir, weil Du ein Prachtmädchen bist, und wenn Du einmal in der Klemme bist, kannst Du getrost zu mir kommen.«

Monny saß still und sah ihn an; sie wußte ja noch nicht, wo er hinaus wollte, obgleich sie eine Ahnung hatte.

Thomas fuhr fort: »Du kannst Dir wohl denken, Monny, daß in einem kleinen engen Kreise, wie der, worin Du lebst, nur sehr wenig auf die Dauer verborgen bleiben kann. Das heißt also, daß in diesem Augenblick außer mir mindestens drei Menschen hier auf dem Gute wissen, daß Du Zusammenkünfte mit einem jungen Menschen hast, der beim Waldhüter wohnt.«

Monny wurde glühend rot.

»Mißversteh mich nicht, Monny,« fuhr Thomas fort, »das kannst Du tun, und es geht mich normalerweise nicht das geringste an. Tine und ich sind mehrere Jahre verlobt gewesen, ohne Deine Eltern zu fragen, und was dem einen recht ist, ist dem andern billig. Darüber wollen wir uns also nicht streiten! Aber nun behauptet Ingenieur Willumsen, daß Dein Anbeter Deinem Vater das Geld gestohlen habe, und da ich es bin, der den Dieb finden soll, so mußt Du mir nicht böse sein, wenn ich mich an Dich wende.«

Monny hatte sich flammendrot im Gesicht erhoben.

»Willumsen lügt!« sagte sie mit geballten Fäusten und klopfendem Herzen.

Thomas betrachtete sie genau.

Er verstand seine Augen zu brauchen. – Es lag in ihrer ganzen Haltung etwas, was Angst verriet und Trotz, der die Angst verbergen sollte. Das war nicht Empörung, das war nicht die ehrlich entrüstete Zurückweisung einer ungerechten Beschuldigung. Das war bewaffneter Widerstand, gepanzerter Zweifel, nicht kampfbereite Gewißheit.

Und das war Thomas genug.

»Setz Dich, Monny.« sagte er freundlich. »Das ist ernst. Laß mich Dir sagen, Deine Freunde sind meine Freunde, und ich habe in meinem Amt häufig Gelegenheit gehabt, einen Schleier über das zu breiten, was törichter Glaube an die absolute Gerechtigkeit, ohne kleinliche Rücksicht auf die Geschicke der Menschen aufgedeckt hätte. Vor mir braucht Dir nicht bange zu sein. Du kannst Dich auf mich verlassen – jawohl Du kannst! – Du hast mein Wort, und hier ist meine Hand.«

Er mußte ihre Hand ergreifen. Sie war ein wenig heiß und zitterte leicht.

»Sage mir nun, kleine Monny, wer ist es?«

Monny antwortete: »Arthur Franck.«

»Arthur Franck – sieh an – Mosjö Arthur Franck, einer meiner eignen Schüler. Aber warum in aller Welt sagst Du es nicht Deinen Eltern? Arthur Franck, da kann doch kein unübersteigliches Hindernis vorliegen.«

Monny taute auf. »Vater haßt die Juristen,« sagte sie, »das weißt Du selber recht wohl. Es wäre ganz vergeblich, zu ihm ein Wort von Arthur zu reden.«

»Du hast recht,« erwiderte Thomas. »Dein Vater hat eine Idiosynkrasie gegen Juristen – ganz wie gewisse Stiftsdamen sie gegen Katzen haben. Aber Arthur Franck ist doch der Sohn eines reichen Mannes. Etwas leichtsinnig, das ist richtig, unbeständig . . .«

»Ich liebe ihn,« sagte Monny fest.

»Nun, nun –« Thomas mußte lächeln, doch als er in Monnys ernstes Gesicht sah, lächelte er nicht mehr.

»Monny,« fuhr er fort, »ich muß die ganze Geschichte wissen. Wie ist es möglich, daß der geringste Schatten eines Verdachtes auf Arthur Franck fallen kann? – Ich kümmere mich nicht darum, was Willumsen sagt – er kennt Arthur Franck ja nicht. Aber Du selber, Monny – ja Monny, Du selber! Du kannst mir nichts vorlügen. Es muß irgend etwas geschehen sein, und das mußt Du mir erzählen. Wolltet Ihr zusammen flüchten? Du bist ja immer eine Wildkatze gewesen. – Na, Monny, Du kannst mir alles erzählen.«

Monny schlug die Augen nieder. Das war die richtige Art sie zu nehmen. Und Thomas hatte recht, sie zweifelte selbst an Arthur.

Sie erzählte Thomas alles.

Sie erzählte, wie Arthur und sie an jenem Sonnabend Nachmittag in der Nische gestanden hatten, als Busgaard ins Wohnzimmer kam, um das Geld in den Sekretär zu legen.

Sie erzählte, wie die beiden alles mit angesehen und wie sie hinter den Gardinen gestanden und gezittert hatten, bis die Gefahr vorüber war und Busgaard sich wieder entfernt hatte.

Sie erzählte nicht, daß Arthur etwas davon gesagt hatte, das Geld zu nehmen, und wenn man sie auf die Folter gespannt oder sie mit allen Wohltaten des Paradieses überschüttet hätte, nie würde ein menschliches oder göttliches Wesen sie dazu gebracht haben, das zu bekennen.

Aber an und für sich war das ja auch unnötig. Thomas lauschte ihrer Erzählung und erriet den Rest. Er schüttelte den Kopf und sagte nachdenklich: »Das ist nicht gut, Monny – das ist sehr schlimm.«

Monny saß da mit niedergeschlagenen Augen. – Sie wußte weder aus noch ein.

»Sage mir, Monny,« fragte Thomas nach einer Pause, »wie ist es möglich, daß Franck hier 14 Tage gewesen ist, ohne daß Ihr erwischt worden seid. Denn soviel ich verstehe, hat sich erst in den allerletzten Tagen auf Grund des begangenen Diebstahls die Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet. Und Deine Eltern haben noch nicht das geringste davon erfahren.«

»Ja,« sagte Monny, »wir sind furchtbar vorsichtig gewesen. Arthur wohnte beim Waldhüter und Du weißt schon, Stine Steiffinger!«

Thomas lächelte. »Stine Steiffinger, lebt sie noch?«

»Ja, das tut sie,« fuhr Monny fort, »und sie macht oben beim Waldhüter rein und geht außerdem hier auf dem Hofe bei verschiedenen Arbeiten zur Hand. Nun hatten Arthur und ich ausgemacht, daß es das bequemste wäre, die Briefe zwischen uns durch Stine besorgen zu lassen. Es paßte so gut, weil Stine jeden Morgen zeitig hierher kommt. Sie besorgte auch früher meine Briefe an Arthur, weil ich Niels nicht traue, der sich immer bei Vater und allen einschmeicheln will. Und jetzt, wo Arthur beim Waldhüter wohnte, machten wir aus, uns jeden Tag zu schreiben, wo und wann wir uns treffen wollten. Jeden Abend legte ich den Brief an Arthur in das oberste Fach des Sekretärs.

Thomas stand auf. »Das Fach über dem, worin das Geld lag?«

Monny nickte. »Ja, das war es. Dort nahm Stine jeden Morgen meine Briefe heraus und legte Arthurs Briefe an mich hinein. Wir ahnten ja nicht im entferntesten, daß Vater den Sekretär zur Aufbewahrung seines Geldes benutzte.«

Thomas war aufgestanden und an den Sekretär gegangen. Er betrachtete das oberste Fach, es war kein Schlüssel daran. Er wandte sich an Monny.

»Wie bekamst Du das Fach auf – gibt es einen besonderen Schlüssel dazu?«

»Nein,« erwiderte Monny, »wir benutzten einen krummen Nagel.«

Thomas drehte sich herum. »Einen krummen Nagel – Aha! – das Fach kann also nicht verschlossen werden?«

Und mit seinem Taschenmesser zog er jetzt das Fach auf. Es war ein breiter Spalt darin, sodaß man in das Fach darunter hinabsehen konnte, es waren keine Holzböden zwischen den Fächern des Sekretärs. Thomas wandte sich wieder Monny zu.

»Weißt Du, daß in dem Fach ein breiter Spalt ist, so daß man deutlich sehen kann, was in dem Fach darunter, wo Onkel das Geld hineingelegt hatte, drin ist, ja, daß man mit einiger Geschicklichkeit sogar den Inhalt des mittelsten Faches durch diesen Spalt herausnehmen kann, wenn man nicht vorziehen will, das Fach ganz herauszuziehen; das vereinfacht die Sache ganz wesentlich.«

Monny nickte.

»Sowohl Du wie Arthur habt also gewußt, daß das oberste Fach herausgezogen werden konnte, und daß es die leichteste Sache von der Welt war, sich in den Besitz des Geldes, das im Mittelfach lag, zu setzen? Das habt Ihr am Sonnabend Nachmittag gewußt, und in dem Zeitraum von Sonnabend bis Montag ist das Geld gestohlen worden.

Nicht wahr, Monny, das ist eine sehr bedenkliche Sache, das mußt Du mir zugeben? Du hast das Geld nicht genommen, denn was solltest Du damit, und Du könntest nie darauf verfallen, Deinen Vater zu bestehlen – aber –«

Monny saß mit gesenktem Kopf da und war nahe am Weinen.

Thomas fuhr fort:

»Ich will indes von Arthur Franck nicht annehmen, daß er das Geld genommen hat. Er muß sich in einen gewissen Verdacht finden, und wir müssen absolut die Sache gründlich untersuchen. Doch jetzt gilt es zuerst und vor allem herauszubringen, ob noch irgend jemand anders Kenntnis von diesem Versteck gehabt haben kann. Wenn nicht, so bleibt der Verdacht ernstlich an Franck haften. Wann holtest Du den letzten Brief von ihm dorther?«

Monny trocknete die Augen. »Am Sonnabend Morgen; wir hatten verabredet, daß er zum Haus kommen sollte; es war furchtbar unvorsichtig, und wenn wirs nicht getan hätten, könnte keiner jetzt wagen zu behaupten . . .«

Thomas unterbrach sie:

»Und seit dem Nachmittag, wo Onkel Euch überraschte, habt Ihr den Sekretär nicht mehr als Aufbewahrungsort für Eure Briefe benutzt?«

»Nein,« antwortete Monny. »Wir waren beide der Meinung, daß es zu gefährlich wäre. Wir haben uns seitdem nicht mehr geschrieben und nur zweimal gesprochen.«

»Wann zuletzt?« fragte Thomas.

»Heute,« lautete die Antwort.

»Franck ist noch hier?« fragte Thomas rasch.

Monny hoffte, daß der Geliebte bereits in Sicherheit wäre, sie wollte um keinen Preis verraten, daß sie ausgemacht hatten, er sollte flüchten. Darum antwortete sie nicht direkt auf die Frage. Sie gehörte zu den gefährlichen Menschen, deren Unwahrheiten im Verschweigen, nicht in den Aussagen, bestehen.

Thomas wiederholte ganz freundlich seine Frage, er kannte Monny und war vorsichtig.

»Ich glaube schon,« erwiderte Monny ebenso vorsichtig.

»Hm,« sagte Thomas, »ist der gute Arthur Franck nicht recht geckenhaft in seiner Kleidung?«

»Was meinst Du?« fragte Monny – das verstand sie nicht.

»Ich meine, glaubst Du nicht, daß er feste Manschetten trägt?« fragte Thomas. Es war ja der interessante Punkt mit den Manschetten, der von äußerster Wichtigkeit war.

»Darauf habe ich nicht geachtet,« sagte Monny.

»Nein, natürlich,« antwortete Thomas. »Hier draußen lebt Ihr so in einem ländlichen Unschuldszustand. Ich möchte doch annehmen, daß ein junger Mensch wie Franck soviel Selbstgefühl besitzt, daß er keine Röllchen trägt.«

Monny begriff immer noch nicht – das war ja auch kein Wunder, da sie nichts von dem Aarhusausstellungsknopf wußte und von der bedeutenden Rolle, die dieser an und für sich unbedeutende Gegenstand für die Aufklärung des begangenen Verbrechens spielte.

»Trägt er städtische Kleidung?« fragte Thomas weiter.

»Nein,« erwiderte Monny, »ich glaube er hat sich als reisender Handwerksbursche verkleidet.«

»Aha,« sagte Thomas. So gab es doch eine Möglichkeit, was die losen Manschetten anlangte. Thomas nahm noch eine gründliche abschließende Untersuchung des Faches, des Nagels und der übrigen Corpora delicti vor. Es war jetzt kaum zweifelhaft, daß das Geld auf die Weise entfernt worden war, daß das oberste Fach aufgezogen und das mittelste seines kostbaren Inhaltes beraubt worden war von jemand, der wußte, daß Geld in dem Fach lag.

Aber auf der andern Seite war es nicht notwendig, daß der Betreffende sich sein Wissen dadurch erworben hatte, daß er Augenzeuge gewesen war oder von andern unterrichtet worden war, daß Busgaard sein Geld in dem Mittelfach untergebracht hatte.

Es war auch möglich, daß der Dieb rein zufällig beim Öffnen des obersten Faches das Geld gesehen und es dann genommen hatte.

Und zu gleicher Zeit, wie der Verdacht gegen Franck ernster wurde, erweiterte sich auch der Kreis der verdächtigen Personen.

Da war zunächst Stine Steiffinger. Sie mußte verhört werden, und es war am besten, daß Monny sie aufsuchte und herbrachte. Aber gleichzeitig galt es freilich auch, sich Francks zu versichern, und Thomas bereute jetzt, daß er Klemmesen und Niels auf die Expedition geschickt hatte.

Da der Verdächtige einer von seinen Schülern war, und da somit der Fall viel komplizierter war, als er geahnt oder vorausgesehen hatte, wäre es ungleich besser gewesen, wenn er die Expedition selbst unternommen und die Sache ausschließlich in seiner eignen Hand behalten hätte.

Er durfte Franck nicht von vornherein freisprechen, aber nach den erhaltenen Aufklärungen war es ihm beinahe unmöglich, den Verdacht festzuhalten, und wahrhaftig, es fehlte nicht viel, daß der erste Verdacht gegen Klemmesen im Begriff war zurückzukehren.

Der auffallende Eifer des Verwalters konnte verdächtig sein – aber auch Niels war unter den vorliegenden Umständen auch nicht ganz frei von Verdacht, und Stine Steiffinger war am meisten dem Verdacht ausgesetzt. Von ihr wußte man sogar positiv, daß sie das Fach geöffnet hatte, um Briefe herauszunehmen. Das heißt, Monny hatte allerdings behauptet, seit Sonnabend hätte sie keine Briefe mehr in das Fach gelegt, aber wußte Stine das?

Darüber konnte Monny keine Auskunft geben.

Thomas war sehr bedenklich.

Monny war nicht minder bedenklich; sie traute dem Vetter doch nicht recht.

»Was willst Du tun, Thomas?« fragte sie.

»Ja,« lautete die Antwort, »das ist schwer zu sagen. Dein Freund Arthur Franck ist also hier am Ort. Vermutlich unter diesem oder jenem Pseudonym und als wandernder Handwerksbursche verkleidet. Wir halten Diebsjagd. Er hat einen Einbruch hier verübt – der Einbruch eines Liebhabers – aber es trifft sich verwünscht unglücklich, daß er der einzige Zeuge war, der sah, wie Dein Vater das Geld in das Fach legte. Leichtsinnig ist er, ich kenne ihn, und ganz sicher bin ich seiner nicht.

Die Sache steht ernst, und am ernstesten für Mosjö Franck. In diesen bewegten Tagen sind alle mehr oder weniger Sherlock Holmse. Niels hat Franck auf dem Korn, Klemmesen ist hinter ihm her, Willumsen beschuldigt ihn des Diebstahls – dies kann aus eigennützigen und darum unedlen Beweggründen geschehen, und der Nick Carter Hansen, der Polizeidiener aus der Stadt, ist nicht weniger durchtrieben als die andern, wenn ich ihn auch im Augenblick auf eine andre Spur gehetzt habe. Jeden Augenblick riskieren wir, ihn arretiert zu sehen.«

»Dann sterbe ich vor Scham,« rief Monny schreckensstarr.

»Das tust Du nicht,« sagte Thomas trocken mit einem Anflug seines gewohnten Humors, »das soll eine sehr seltene Todesursache sein.«

»Ich muß ihn retten, Du mußt ihn retten,« fuhr Monny fort, ohne die witzige Bemerkung zu beachten.

»Das ist unmöglich,« bemerkte Thomas ruhig. »Ich erzähle Dir alles dies um Dich zu warnen. Er ist vermutlich so nobel, Stand und Namen zu verbergen, ich verleugne ihn blind wie ein zweiter Simon Petrus. Du wirst dasselbe tun.«

»Ich Franck verleugnen?« sagte Monny. »Nie!« fügte sie trotzig hinzu.

»Das ist Deine Sache,« fuhr Thomas fort. »Ich gebe Dir nur einen freundlichen Rat. Entweder ist er der Dieb – junge Leute können verflucht leichtsinnig sein – und dann ist er unmöglich, denn es steht in der Schrift: Du sollst nicht stehlen, und diese Bestimmung wird mit großem Gewicht im allgemeinen bürgerlichen Strafgesetz kommentiert.

Ich sage das nicht um Dich zu verletzen, Monnychen, aber es ist doch eine Möglichkeit, mit der wir rechnen müssen. Nun, wir werden es schon herauskriegen! Praktisch ist es dagegen jetzt, daß ich Klemmesen und Niels gebeten habe, sich des jungen Menschen, der beim Waldhüter logiert, zu versichern, ohne zu wissen, daß es Herr Franck war. Hätte ich es gewußt, was ich von Dir hätte erfahren können, wenn ich zuerst mit Dir gesprochen hätte, so würde ich die Sache vielleicht anders eingefädelt haben.

Doch dagegen ist jetzt nichts zu machen. Allen Anzeichen nach wird Franck von Klemmesen und Niels hierhergebracht werden, und da mag er sich verantworten.«

Monny rang die Hände, sie konnte keine Worte finden.

Thomas strich ihr übers Haar. »Du mußt nicht verzweifeln, Monnychen! Recht betrachtet ist es vielleicht so am allerbesten. Kreisrichter Heiden ist ein milder und friedfertiger Mann, der keinem Menschen etwas zu leide tut, kaum den Verbrechern. Und sollte Dein Arthur, was wir hoffen wollen, lebendig und weißgewaschen aus diesem Fegefeuer, das sich unleugbar jetzt für ihn vorbereitet, hervorgehen, so ist er auf eine so romantische Weise hier ins Haus eingeführt, daß, soweit ich Onkel Bus kenne, alles mögliche daraus werden kann.

Trockne Deine Augen, Mädchen, und sei mutig! Verrate Dich nicht selber, tue als ob Du ihn nicht kenntest, und überlaß alles mir. Ich verspreche Dir, hat Arthur etwas Häßliches und Gemeines begangen, so soll er still und unbemerkt aus diesem Kreise verschwinden, und dann mußt Du ihn verschwinden lassen; Du kannst keinen Einbruchsdieb lieben, das ist naturwidrig und absolut nicht ladylike!

Hat er nichts anderes getan, als Dein Herz und Deinen Frieden gestohlen, so müssen wir versuchen, ihn nach Verdienst zu bestrafen, indem wir ihn Dir überlassen, eine Art lebenslängliches Zuchthaus, das ich nicht für ihn übernehmen möchte.

Geh nun, Monny und schaff mir Stine Steiffinger herbei.«

Monny erhob sich. Auf ihrem Gesicht stand ein unsicheres Lächeln. Sie traute Thomas nicht, sie war nicht völlig von Francks Unschuld überzeugt, aber sie hatte keine Wahl, sie mußte das Unvermeidliche tragen.

Doch in ihrem innersten Herzen gelobte sie sich, daß sie Arthur, selbst wenn er ein Dieb, so ein Mörder wäre, von ganzem Herzen, von ganzer Seele lieben, ihm ins Zuchthaus folgen und seine Schande mit ihm teilen würde, denn die rechte Liebe kennt weder Sitte, Gesetz noch Macht.

So dachte Monny, sie war also in gewisser Weise eine staatsgefährliche Anarchistin. Aber sie liebte ihren Arthur so glühend. Sie erhob sich und verließ das Zimmer mit demselben Gefühl, wie es die Räuberbraut auf Vernets berühmten Bild »Der gefangene Räuber« beseelt haben muß. Der Räuber liegt sterbend auf einem Karren und wird von einem Priester mit den Sakramenten versehen, – die Räuberbraut kniet gebunden zwischen seinen Wächtern und heftet ihren Blick zärtlich und doch trotzig auf ihn, der nur der irdischen Gerechtigkeit entgeht, um vor die himmlische gefordert zu werden.

So eine Räuberbraut war Monny und als sie Thomas verließ, schwor sie fest und bestimmt, daß sie Arthur retten, vielleicht mit ihm fliehen wollte, koste es, was es wolle.

Aber da sie zufällig Stine Steiffinger im Hof traf, schickte sie sie zu Thomas hinein; Thomas machte sich wieder an dem merkwürdigen Sekretär zu schaffen, der einen ganzen Roman voll von eigentümlichen Zufällen und Ereignissen zu beherbergen schien.

Selber eilte Monny in den Wald nach dem Waldhüterhaus hinaus. Der Leser wird gebeten festzuhalten, daß drei von einander unabhängige Expeditionen nach der Richtung unterwegs sind. Klemmesen und Niels, die vom Kriminalassessor ausgesandt sind, Willumsen, den seine reellen Absichten auf Monny hinausführten, und jetzt schließlich Monny selbst, die leichtfüßig, von ihrer Liebe gejagt, hinauseilt.

Das kann spannend genug werden – aber der Leser muß Geduld haben, wir machen jetzt einen kleinen Sprung, der uns um ein Beträchtliches in unserm Verständnis fördern wird.

Nur Geduld.



Willumsen ist edel

Wir kehren jetzt zum Waldhüterhaus zurück, wo wir Arthur Franck antreffen, ahnungslos, was für ein ernstes Ungewitter sich von mehreren Seiten über seinem sündigen Haupte zusammenzieht. Er hatte beschlossen abzureisen, hatte ein paar Worte an seinen Wirt geschrieben und packte gerade seine Sachen zusammen, als es an die Tür klopfte und Willumsen eintrat.

Der Ingenieur hatte den kürzesten Weg durch den Park und den Wald gewählt und hatte so einen bedeutenden Vorsprung vor den beiden vom Hüter des Gesetzes Ausgesandten gewonnen. Franck kannte ihn nicht, aber er ahnte gleich, wer es war. Er begegnete seinem Feind mit einem raschen Blick, wie um zu prüfen, wer von beiden der körperlich Stärkere wäre. Er mußte erkennen, daß der Ingenieur ihm überlegen war. Willumsen war groß, breitschultrig und kerngesund, gewohnt draufzugehen und sicher auch baumstark. Franck war geschmeidig und sportsgewohnt, aber es war keine Rede davon, daß er es im Kampf mit dem Ingenieur aufnehmen könnte.

Er gab daher sogleich jeden Gedanken an Handgreiflichkeit auf und beschloß, sich den unbequemen Gast mit Mitteln des Geistes vom Halse zu schaffen. Der gute Franck war kein Dummkopf, sein Gehirn war in Ordnung und seine Redegabe ließ nichts zu wünschen übrig. Der Ingenieur machte unmittelbar keinen besonders intelligenten Eindruck, und Franck rechnete damit, daß er aus der schwierigen Situation, in die er geraten war, sich herausreden könnte, wie so mancher es vor ihm getan hatte.

Willumsen blieb in der Tür stehen.

»Entschuldigen Sie, daß ich bei Ihnen eindringe,« sagte er, »aber es handelt sich um eine ernste Sache. Sie kennen mich vielleicht nicht, aber ich kenne Sie und komme um Ihnen meine Hilfe anzubieten.«

Der Ingenieur log; er wußte nicht, wer Franck war, aber es war eine natürliche Kriegslist zu tun, als wüßte er es, dann mußte der andere einsehen, daß es ihm nichts nützen könnte, sich der Gefahr durch die Flucht zu entziehen.

Franck stutzte. Er begriff nicht, woher Willumsen ihn kennen sollte. Monny konnte doch unmöglich aus der Schule geschwatzt haben oder ihn verraten haben, und er wußte doch auch von ihr, daß sie den Ingenieur als ihren Todfeind betrachtete. Wo in aller Welt wußte dieser Mann her, wer er war?

Er verbeugte sich leicht und sagte sehr höflich.

»Ich kenne Sie nicht, und ich kann daher nicht wissen, was Sie zu mir führt; aber ich bin im Begriff wegzugehen, ich habe eine Besorgung in der Stadt zu machen und wenn ich länger warte, wird es zu spät. Ich muß Sie darum bitten, sich kurz zu fassen.«

Willumsen zögerte einen Augenblick. Der andere kannte ihn nicht. Das war im Grunde ganz günstig, und es war bei dem jetzigen Stand der Dinge besser, ihn nicht aufzuklären. Es fiel Willumsen nicht ein, daß es eine listige Vorspiegelung von Francks Seite sein könnte, zu tun, als ahnte er nicht, wer der ungelegene Gast wäre. Und so begannen die beiden Herren ihre Unterhaltung mit einer Lüge von jeder Seite, die keiner zu konstatieren versuchte.

»Es tut nichts zur Sache, wer ich bin,« sagte Willumsen sehr freundlich. »Es handelt sich hier nur um Sie. Sie halten sich hier im Hause unter angenommenem Namen und ohne daß der Gutsbesitzer auf Braendholt es weiß, auf. Ich weiß auch, warum Sie sich hier aufhalten; die junge Dame, die Sie heute hier besucht hat und die Sie neulich in ihrem Heim besucht haben ohne Wissen und Willen ihrer Eltern, hat Ihnen sicher mitgeteilt, daß Ihr Aufenthalt hier eine Gefahr in sich schließt.«

»Und deshalb?« fragte Franck fest.

»Deshalb habe ich, der in der Sache, um die es sich handelt, interessiert ist, diese Gelegenheit ergriffen, um mit Ihnen zu reden. Die Obrigkeit ist auf dem Gut und Kriminalassessor Klem, ein Verwandter der Familie, der in der vorliegenden Angelegenheit herbeigerufen worden ist, hat mich gebeten, mich Ihrer Person zu versichern. Das ist ein Befehl, den ich auszuführen genötigt bin. Aus Rücksicht auf die Familie und hauptsächlich aus Rücksicht auf die junge Dame, deren Ruf leicht Schaden nehmen kann, wenn dies alles hier herauskommt, habe ich indessen beschlossen, daß möglichst jeder Skandal vermieden werden soll.«

Franck fiel ihm ins Wort. »Ich danke Ihnen; da trifft es sich ja gerade gut, daß ich im Begriff stehe, abzureisen; wenn Sie daher so freundlich wären, mich fortkommen zu lassen, so brauche ich keine weiteren Wechsel auf Ihre Liebenswürdigkeit zu ziehen, und Sie erhalten auf leichte und billige Weise die Möglichkeit, sich als Wohltäter der Familie auszuzeichnen.«

Willumsen schüttelte den Kopf.

»Nein, so leicht geht es doch nicht! Man weiß, wer Sie sind, und das Land ist klein. Ich nehme nicht an, daß Sie im Sinne haben, sofort zu verschwinden, und die Obrigkeit läßt Sie kaum so ohne weiteres entschlüpfen. Es ist nach Roskilde telefoniert worden, die Polizei ist über Sie informiert und Ihr Signalement aufgegeben worden. Es würde den Skandal nur größer machen, wenn Sie auf dem Bahnhof oder wo Sie sonst angetroffen werden, verhaftet würden. Sie werden also vermutlich einsehen, daß es mit dem Fortgehen allein nicht getan ist. Sie müssen Ihre Angelegenheiten in Ordnung gebracht haben, ehe Sie den Ort verlassen.«

Franck trat einen Schritt zurück, dann warf er sich in einen Stuhl und blickte seinem Angreifer gerade in die Augen.

»Hören Sie einmal, Verehrtester, wer Sie auch sein mögen, Sie scheinen ganz mittelalterliche Vorstellungen von Gesetz und Recht zu haben. Ich wünsche nicht, Ihnen Rechenschaft über meine Verhältnisse abzulegen; aber selbst, wenn eine gewisse junge Dame und ich unsere Gründe hatten, uns ungestört zu treffen, so möchte ich doch wissen, welche Veranlassung die Polizei hätte, sich in diese Verhältnisse zu mischen, wir leben nicht in der Zeit Waldemars des Siegreichen, mein guter Unbekannter! Sie müssen sich also nach einer neuen Serie von Bemerkungen umsehen, denn die zuletzt angewandten waren, milde ausgedrückt, wenig zweckmäßig.«

Willumsen maß seinen Gegner. Ob der junge Bursche nichts von dem Diebstahl wußte, oder ob er etwa nur, frech war? – Es war undenkbar, daß Monny ihm nichts davon erzählt hätte; sie war nach der Begegnung mit Willumsen direkt nach dem Waldhüterhaus gegangen, und die letzten Worte, die er zu ihr gesprochen hatte, waren ja eine verblümte Beschuldigung gegen diesen jungen Mann, daß er sich das gestohlene Geld angeeignet habe.

Es mußte also Frechheit sein! Es wäre ganz hübsch gewesen, wenn Willumsen gewußt hätte, wer der junge Fant war, aber auch so galt es scharf und energisch vorzugehen. Sonst riskierte er, daß sein ganzer Plan ins Wasser fiel.

Willumsen ließ sich also nicht verblüffen, er nahm ganz ruhig Platz auf einem Stuhl, doch so, daß er zum Teil den Ausgang durch die einzige Tür des Zimmers versperrte. Die Stube war klein und niedrig, und der Ingenieur warf einen forschenden Blick durch den Raum. Da standen ein Bett, ein Tisch und ein paar Stühle, außerdem ein kleiner gestrichener Kleiderschrank und ein Waschtisch. Den einzigen Ausgang bildete die Tür nach dem Vorzimmer, das Fenster war zu klein und außerdem fest verschlossen.

Nach kurzer Pause ergriff der Ingenieur wieder das Wort. »Sie sollten versuchen zu begreifen, junger Mann, daß ich ausschließlich in der besten Absicht komme. Ich habe keinen Grund wohlwollende Gefühle für Sie zu hegen, wir begegnen uns hier zum ersten Mal. Aber ich bin dem Gutsbesitzer Busgaard und seinem Haus zugetan. Es nützt nichts, daß Sie versuchen mir vorzumachen, Sie wüßten nicht, worum es sich handelt! Sie sind in diesem Augenblick des Einbruchdiebstahls verdächtig, und alle Indizien weisen auf Sie als den Dieb. Es ist deshalb nicht damit getan, daß Sie sich davon machen. Sie werden verfolgt und verhaftet werden und dann gibt es keinen Weg zurück. Ich hoffe, Sie verstehen mich?«

Arthur Franck erhob sich, wie es sehr natürlich war, mit geröteten Wangen und blitzenden Augen bebend vor Zorn.

»Zum Henker! was sagen Sie, Mann!« brüllte er beinahe. – »Wer wagt es, mich des Einbruchdiebstahls zu beschuldigen?«

Willumsen sah ihn erstaunt an – spielte der Kerl Komödie, so spielte er sie jedenfalls ganz gut. Sollte Monny wirklich nicht . . .

»Himmeldonnerwetter, Mann, antworten Sie!« donnerte Franck weiter.

Willumsen faßte sich, es galt auf dem Posten zu sein.

»Sie brauchen nicht so gewaltig zu brüllen, Verehrtester,« sagte er ruhig. »Ich bin nicht taub, und es ist kaum jemand in der Nähe, den herbeizurufen in ihrem Interesse liegen könnte. Sie sind verdächtig 2500 Kronen aus Gutsbesitzer Busgaards Sekretär gestohlen zu haben, und ob Sie brüllen oder stampfen, Sie werden sehr bald verhaftet und in die Stadt ins Arrestlokal transportiert werden, dort können Sie dann die Geschichte mit der Behörde abmachen.«

Willumsens Augen ruhten fest auf Franck, während er sprach und als er Gutsbesitzer Busgaards Sekretär erwähnte, sah er, daß die Arme des jungen Mannes herabsanken und er um Stirn und Wangen leicht erblaßte.

Oho, dachte Willumsen, der Bursche weiß also gut Bescheid! und das gab dem Ingenieur seine gewohnte Festigkeit und Stärke wieder.

Er machte sich rasch die Situation zu nutze.

»Sie sollten sich hinsetzen; ich weiß, daß Sie lügen; Sie kennen die Diebesgeschichte sehr wohl und Sie werden also begreifen, daß es nicht wenig ist, was für Sie im Augenblick auf dem Spiele steht und auch für die Leute, die die Angelegenheit sonst angeht. Lassen Sie uns wie zwei vernünftige Menschen zusammen reden. Ich meine es ehrlich und bin bereit, Ihnen und der jungen Dame aus dieser Verlegenheit zu helfen. Ich verlange nichts dafür, aber Sie müssen tun, was ich Ihnen vorschreibe. Tun Sie es nicht, müssen Sie die Folgen tragen.«

Franck setzte sich wieder. Es war offenbar notwendig, mit dem Mann zu verhandeln, aber es galt trotzdem auf der Hut zu sein.

»Lassen Sie mich wissen, was Sie eigentlich wollen,« fragte er mürrisch und kurz.

Willumsen lächelte.

»So ist es recht,« sagte er; »es scheint, Sie wollen mit sich reden lassen. Sie wissen also, worum es sich handelt. Dem Gutsbesitzer Busgaard sind 2500 Kronen gestohlen worden, es liegt ein Einbruch vor, und der Verdacht ruht vorläufig mit großem Gewicht auf Ihnen. Ich wünsche nicht mit Ihnen zu diskutieren, ob Sie diesen Diebstahl begangen haben oder nicht. Ich kenne Sie nicht persönlich, aber ich habe allen Grund anzunehmen, daß Sie was man hier zu Lande einen Gentleman nennt, sind. Ich glaube, daß ich dieselbe Bezeichnung auch auf mich selber anwenden darf, und unter Gentlemen führt man ja keine Diskussion über derartig prekäre Stoffe. Ich bin nicht bei der Polizei angestellt. Sie brauchen daher nicht zu fürchten, daß ich Sie irgendwie genieren werde. Ich wünsche nur einen Skandal zu verhindern. Assessor Klem ist in dieser Auffassung mit mir einig und hat mich ermächtigt, mit Ihnen zu reden. Wenn Sie das Geld haben, können Sie es mir ruhig geben, und die Sache ist damit erledigt.«

»Sie müssen den Verstand verloren haben, Mann!« zischte Arthur zwischen den Zähnen, und Willumsen hatte den Eindruck, daß der junge Mensch gleich auf ihn losfahren würde.

Er bewahrte seine Kaltblütigkeit vollständig.

»Ich begreife sehr gut, daß Sie möglicherweise das Geld nicht bei sich haben,« sagte er sehr freundlich, »entweder weil Sie es nicht gestohlen haben oder weil – kurz, es ist überflüssig, weiter darüber zu diskutieren. Sie haben also das Geld nicht bei sich. Auch daran habe ich gedacht, und auch für diesen Fall bin ich so glücklich, einen Ausweg für Sie zu wissen. Ich bin ermächtigt, die Sache zu ordnen, und ich wünsche sie auf meine Weise zu ordnen. Sie reisen fort, wie Sie es selber wünschen und geben mir bloß eine Erklärung, die besagt, daß Sie mit mir gesprochen haben, und daß wir uns geeinigt haben, daß Sie diesen Ort verlassen. Sie braucht durchaus kein Geständnis zu enthalten; Sie haben mein Wort darauf, daß die Sache geordnet werden wird.«

Franck verschränkte die Arme über der Brust.

»Jetzt will ich Ihnen eins sagen, mein guter Willumsen; ich weiß sehr wohl, daß Sie Willumsen heißen, und daß Sie das Mädchen, das ich liebe, belästigt haben, obgleich sie Ihnen nicht ein-, sondern hundertmal erklärt hat, daß sie nicht allein keinen Funken für Sie übrig habe, sondern daß sie Sie sogar aus vollstem Herzen hasse. –

Jetzt sind Sie so töricht, zu glauben, daß Sie mir eine Erklärung entlocken können, die Sie benutzen können, sie zu überzeugen, daß ich ein Dieb sei. Lassen Sie sich sagen, mein guter Willumsen, daß Monny, obwohl sie mehrere Tage von diesem Diebstahl gewußt hat und wir mehr als einmal davon gesprochen haben, mit keinem verblümten Wort mir zu verstehen gegeben hat, daß der Verdacht sich auf mich richtete. Und wenn Sie alle Erklärungen, die Sie sich verschaffen können, heranschleppten, und wenn Sie es fertig kriegten, mich vom höchsten Gerichtshof wegen Diebstahls verurteilen zu lassen, Monny würde nie einen Augenblick glauben, daß ich ein Dieb bin. Sie können sich darum alle Mühe sparen.«

Willumsen lächelte.

»Sie sehen begabter aus, junger Mann, als Sie in Wirklichkeit sind. Ich gehe von ganz derselben Anschauung aus wie Sie. Sie stehen offenbar bei der jungen Dame hoch in Gunst, und ich werde nicht versuchen, Ihre Stellung zu erschüttern. Dazu will ich die erwähnte Erklärung auch nicht brauchen. Ich will das Wohl der Familie und nichts anderes. Ich bin nicht so dumm, zu glauben, ich könnte ein junges Mädchen zwingen, mich zu lieben, und ich bin auch nicht so unverständig, daß es mein Tod wäre, wenn sie einen anderen wählt. Aber es soll kein Skandal entstehen, und Skandal entsteht, wenn Sie arretiert werden. Assessor Klem und ich wollen die Sache ordnen, aber ohne Sie kann sie nicht geordnet werden. Es ist möglich, daß Sie unschuldig sind – ich will es glauben. Jedenfalls haben Sie doch soviel Interesse für das Mädchen, daß Sie ihr alle Unannehmlichkeiten ersparen wollen, wie sie notwendig entstehen müssen, wenn die Sache zur Verhandlung kommt. Gut! der Betrag ist nicht unerschwinglich. Assessor Klem will sich beteiligen, so sind wir drei. Ich bin ebenfalls bereit, mich zu beteiligen, und damit ist die Sache aus der Welt geschafft. – Das Geld kommt zum Vorschein, und wir sind nur drei, die wissen, wie es herbeigeschafft worden ist.« –

»Ich habe nichts gestohlen,« erwiderte Arthur scharf; »ich weiß nicht, wie es mit Ihnen steht; ich kenne Sie nicht, so wenig wie Sie mich kennen. Assessor Klem kenne ich sehr genau; er ist mein Repetent, wenn Sie es wissen wollen, und es scheint mir angemessener, daß ich mit ihm verhandle, als daß ich hier sitze und mit einer mir gänzlich unbekannten Person verhandle. Um jedes Mißverständnis zu vermeiden, will ich hinzufügen, daß ich im Prinzip bereit bin, bei einer Lösung zu helfen, aber daß ich mir Ihr Auftreten nur aus dem Gesichtspunkt erklären kann, daß Sie die Schuld auf mich zu wälzen wünschen, um sich einen Nebenbuhler vom Halse zu schaffen. Jede andere Erklärung ist sinnlos. Ich bin kein Dummkopf, und ich gehe in keine Falle, wie hübsch sie auch aufgestellt ist« –

Willumsen biß sich auf die Lippe.

Wenn er bloß gewußt hätte, wer dieser Bursche war! Er kannte Assessor Klem, war sogar ein Schüler von ihm. Umso besser. Der Assessor war ja geneigt, die Sache in Güte zu ordnen. Aber würde er auch bereit sein, Geld zu zahlen? Er ärgerte sich, daß er zuviel gesagt hatte. Wenn der Assessor den jungen Mann genau kannte, würde er kaum mit offizieller Schärfe gegen ihn vorgehen. Aber es war, bei dieser Art die Geschichte zu ordnen, freilich die Voraussetzung, daß der junge Mann zum mindesten jetzt verschwand. Die Leute auf dem Gut mußten ihn für den Dieb ansehen.

Und Monny!

Der Ingenieur begann an dem glücklichen Ausgang seiner Mission zu zweifeln. Er mußte doch wohl den jungen Mann auffordern, ihn zu Assessor Klem zu begleiten. Es war ja kein Zweifel, daß der Assessor ebenso interessiert daran war, einen Skandal zu vermeiden, wie Willumsen, und gerade in diesem Augenblick dämmerte in Willumsen ein neuer Plan, viel besser wie der erste, ein Plan, der erst zur Entfaltung kommen konnte, wenn er und der junge Mann allein mit dem Assessor waren, der, wenn man es recht betrachtete, doch den Faden in der Hand hielt.

Also der Beschluß war gefaßt. Willumsen wollte dem jungen Mann vorschlagen, daß sie gemeinsam zu Assessor Klem gingen. Er stand auf, um seinen Vorschlag vorzubringen, aber im selben Augenblick wurde die Tür aufgerissen und auf der Schwelle stand, atemlos vom raschen Lauf, mit roten Wangen und klopfender Brust, die, die am allerungelegensten in diesem Augenblick kam – Monny!

Unwillkürlich trat Willumsen einen Schritt zurück. Monny bahnte sich ihren Weg an ihm vorbei und lag im selben Nu an der Brust des Geliebten.

»Arthur!« rief sie, »Arthur, beeile Dich, es gilt Deine Rettung – beeile Dich, Du mußt fort.«

Aber es war schon zu spät.



Stine Steiffinger und ein wenig Musik

Ein wilder, wahnwitziger, gellender Schrei und die Tür ging auf; totenbleich stand der Graf auf der Schwelle, er hob die Pistole und . . . Fortsetzung folgt. Nicht wahr, mit dieser kleinen Erfindung hat der selige Louis de Moulin Tausenden von Lesern ein Leben mit reichem Inhalt geschaffen, und die Blicke Tausender auf die Zukunft gelenkt, die den Menschenkindern so leer und freudlos vorkommt!

Wir wollen dasselbe tun und nach Braendholt zurückkehren, wo Thomas eben von dem Stuhl aufsteht, auf dem er gesessen hat, und die eintretende Stine Steiffinger, die an der gleichen Stelle erwähnt ist, begrüßt.

Stine Steiffinger!

Ein kleines, verhutzeltes Mütterchen, in graue Baumwolle eingehüllt, mit einem geblümten Tuch um ein paar graue Haarsträhne. Gichtkrumme Arme, mit Fingern, die Schwarzwurzeln glichen, triefende rote Augen und eine Nase, die sich über einen zahnlosen Mund mit blauen schmalen Lippen herabsenkte, schiefe Kopfhaltung und krummer Rücken, und eingehüllt in eine Wolke von undefinierbarem Erdgeruch. Diese merkwürdige malerische Gestalt knickste und nickte, und wenn sie den Mund öffnete, so ging ein unartikuliertes Schnarren und Knarren daraus hervor, das nur unvollkommen an menschliche Rede erinnerte und nur im Zusammenhang mit einem Mienenspiel zu verstehen war, das über wenig Nüancen verfügte und nur durch standhafte Wiederholung wirkte.

Das war Stine Steiffinger. »– n' Tag, Thomas,« schnarrte sie.

Thomas lächelte. »Guten Tag, Postillon d'amour

»Wie beliebt?« schnarrte Stine weiter.

»Postillon d'amour!« wiederholte Thomas. »Geradeso habe ich ihn mir immer vorgestellt. Bitte genießen Sie der wohlverdienten Ruhe!«

Und mit einer raschen Taschenspielerbewegung praktizierte Thomas einen Stuhl unter das Mütterchen, das sich auf einem Bruchteil des Sitzes, gerade auf der Ecke über dem vorderen rechten Stuhlbein, niederließ.

»Jetzt haben wir beide miteinander zu tun,« sagte Thomas und setzte sich zurecht.

»Wie beliebt?« tönte es wieder.

»Sind Sie taub?« rief Thomas fortissimo.

»Ganz gut ist es nicht mit dem Gehör,« schnarrte Stine und begleitete ihr Schnarren mit einer ganzen Reihe von Naturlauten unbestimmter Art.

Thomas ging gerade aufs Ziel los.

»Bekommen Sie Briefe von einem jungen Mann und legen sie in den Sekretär dort? Und nehmen Sie Briefe an den jungen Mann aus demselben Sekretär und bringen sie zum Waldhüter hinaus?«

Stine legte den Kopf auf die Seite: »Jesses, nein!«

»Das ist eine Lüge,« rief Thomas grimmig.

Das Mütterchen sank in sich zusammen und wackelte hilflos mit dem Kopf.

»Monny hat es mir erzählt,« fuhr Thomas fort.

Stine sah ihn ergeben an: »Dann ist es wahr, denn Monny lügt nie.«

»Aber Sie tun es,« donnerte Thomas mit strenger Amtsmiene.

Stine wand sich auf ihrem Sitz. Eine kleine unschädliche Lüge dann und wann, wenn es sich so trifft, davon kann man sich ja nicht ganz freisprechen.

»Wollen Sie nun so gut sein und die Wahrheit sagen,« sagte Thomas streng.

Stine blickte schalkhaft zu ihm empor: »Was geben Sie?«

»Was sagen Sie?« echote Thomas.

Stine fuhr unverzagt fort: »Ich sage, was geben Sie? Sie wollen doch nicht, daß ich gratis die Wahrheit sage, wenn Monny mich dafür bezahlt hat zu lügen.«

Diese Beweisführung überwältigte Thomas durch ihre Klugheit, und Stine bekam 2 Kronen zur Aufmunterung und Anerkennung.

Sie spuckte auf das Geldstück und packte es sorgfältig in ein rotgeblümtes Taschentuch ein.

Thomas setzte das Verhör fort.

»Gibt es einen Menschen außer Monny und dem jungen Mann, der um diese unregelmäßige Postverbindung weiß?«

»Wie beliebt?« schnarrte Stine.

Thomas erhob die Stimme. »Weiß irgend jemand anders von den Briefen?«

»Soviel ich weiß, nicht,« erwiderte Stine.

»Gar niemand?« fuhr Thomas fort. »Und ist Stine auch ganz sicher, daß kein Mensch gesehen oder überhaupt bemerkt hat, daß Stine kam und ging und die Briefe holte.«

»Naeh« – sagte Stine – »nur einmal einer von den kleinen Stiften.«

»Stiften?« fragte Thomas.

»Ja, Tyr, der älteste; er kam eines Morgens und war naseweis, aber da sagte ich zu ihm, das wäre etwas, was ihn nichts anginge.«

»Also Tyr,« hob Thomas noch einmal hervor, »und sonst niemand?«

»Naeh, Gott steh mir bei!« beteuerte Stine.

Thomas schüttelte nachdenklich den Kopf. Stine zu verdächtigen, sich das Geld unrechtmäßig angeeignet zu haben, lag kaum ein Grund vor. Das alte Frauenzimmer wäre nie im Leben darauf verfallen, eine Summe wegzunehmen, die bei ihren Gewohnheiten und ihrer Lebensführung für sie ein Vanderbiltsches Vermögen bedeuten mußte.

»Sie können gehen, Stine,« sagte Thomas und stand auf. »Aber daß Sie mäuschenstill sind über die ganze Geschichte, verstanden!«

Stine nickte verständnisvoll.

»Jesses, ja, dafür hat mich Monny bezahlt.«

Thomas ging an den Sekretär und zog das Fach auf. »Sagen Sie mir, Stine, haben Sie nie bemerkt, daß in dem Boden des Faches, das Sie als Briefkasten benutzt haben, ein breiter Spalt ist?«

Stine schüttelte den Kopf. »Mit den Augen ist es noch schlechter als mit den Ohren.«

Thomas betrachtete die Alte, die dastand und trippelte wie eine Henne, die Eier legen will. Es konnte sein, daß sie voller Schlauheit und Hinterlist steckte, aber ihre Sinne standen nicht auf gleicher Höhe mit ihrer Niedertracht, und als Verdachtsobjekt war sie ganz ungeeignet.

»Stine kann gehen,« sagte er und entließ die Zeugin.

Und Stine trottete ab.

Thomas stand am Sekretär und ging die Resultate durch, die er im Lauf des Tages durch Gespräche mit verschiedenen Personen und sonstige Untersuchungen erreicht hatte. Seine Gedanken machten bei Tyr halt. Stine Steiffinger hatte bezeugt, daß Tyr sie einmal überrascht hatte. Es war also denkbar, daß der Junge heimlich in das Fach geguckt hatte und dabei auf das Geld, das so schlecht verwahrt war, aufmerksam geworden war. Daß Tyr es genommen hätte, war undenkbar; was sollte ein Junge mit 2500 Kronen? – außerdem muß man bei seinen Verwandten, namentlich den Minderjährigen, ein gewisses Mindestmaß von Ehrlichkeit voraussetzen. – Aber schon der Umstand, daß das Fach für mehrere Menschen ein Gegenstand der Aufmerksamkeit und Neugier geworden war, barg die Möglichkeit, daß man auf indirektem Wege den Kreis derer erweitern konnte, die das Versteck gekannt hatten.

Die unmittelbare Folge des Verhörs über Stine war also, daß Thomas sich vornahm, Tyr zu verhören, was, soweit er das Bürschchen kannte, am besten ohne jede Feierlichkeit in Form einer kameradschaftlichen Unterhaltung geschah. Aber gleichzeitig fiel Thomas ein, daß es doch vielleicht gut wäre, wenn er sich an den Herd der Ereignisse begäbe, und darin wurde er noch bestärkt, als Polizeidiener Hansen sich einfand und erklärte, es wäre ihm unmöglich, Willumsens habhaft zu werden; er müßte sich, wie er meinte, in der gleichen Absicht wie Klemmesen und Niels entfernt haben. Hansen bemerkte auch, daß man Fräulein Monny mit ungewöhnlicher Eile hätte nach dem Walde eilen sehen, und alles dies bestimmte Thomas, begleitet von Tyr, den er auf dem Hofe einfing, eine Wanderung nach dem Waldhüterhause anzutreten, das also mehr und mehr zum Brennpunkt der Erzählung wird.

Wir wenden uns nun zu den zwei Personen, die scheinbar ganz aus dem Gang der Ereignisse herausgeglitten sind.

Gutsbesitzer Busgaard und Kreisrichter Heiden waren die besten Freunde geworden. Der Gutsbesitzer hatte dem Kreisrichter seine Schätze in Scheune und Stall gezeigt, und hinterher hatten sie einen Spaziergang durch den Wald gemacht. Ganz natürlich war die Rede auf Musik gekommen und es zeigte sich, daß beide leidenschaftliche Bewunderer des göttlichen Haydn waren, der soviel Sonnenschein über das Dasein ältrer Herren verbreitet hat.

Es mag sehr hübsch sein über Musik zu reden, aber es ist ungleich besser, welche zu machen, und als die beiden Herren von ihrem Spaziergang heimgekehrt waren und rasch ein wenig Toilette gemacht hatten, beschlossen sie, sich der Musik zu ergeben. Aber da der Kreisrichter Violine spielte und Busgaard Violoncell, so fehlte die Klavierstimme, die normalerweise Willumsen übernehmen sollte. Der Ingenieur war nirgends zu finden, obgleich Busgaard im ganzen Hause herumfuhr und das ganze Gesinde in Bewegung setzte, ihn zu suchen.

Bei dieser Gelegenheit stieß er auf Thomas, der oben auf seinem Zimmer gewesen war, um für die Arbeit außerhalb des Hauses eine passende Fußbekleidung anzulegen.

»Suchst Du nach Deinen 2500 Kronen, Onkel?« fragte Thomas mit liebenswürdig neckendem Lächeln.

»Ich suche Willumsen,« lautete die gereizte Antwort.

»Glaubst Du, er hat sie genommen?« fragte Thomas mild.

»Scher Dich zum Teufel,« brüllte der Gutsbesitzer. »Der Kreisrichter und ich wollen Haydn spielen und da brauchen wir Willumsen.«

»Aha,« sagte Thomas. »Ich habe nie gehört, daß man sein Geld vermittelst Musik wiederkriegt. Aber es ist vielleicht eine neue Methode. Ich werde sehen, daß ich Willumsen finde; ich glaube beinahe, ich weiß wo er ist« –

»Ja, tu Du das,« brummte der Gutsbesitzer, »so tust Du wenigstens etwas Nützliches.«

Thomas protestierte. »Ich habe nichts andres getan als den ganzen Nachmittag in Deinem Weinberge gearbeitet, und ich will Dir sagen, Deine Chancen haben sich bedeutend verbessert.«

»Ist es Klemmesen?« knurrte Busgaard.

»Nein, das glaube ich nicht,« antwortete Thomas, »aber er steht noch unter Verdacht. Übrigens bin ich so glücklich fünf Verdächtige zu haben.«

»Fünf« – Busgaard starrte ihn erstaunt an. »Wo sind die fünf?«

Thomas lächelte. »Ich bringe es nicht übers Herz, Dein Gemüt in Erregung zu versetzen, mein lieber Onkel. Ich will Dich also mit den fünf Verdächtigen verschonen und hoffe heute Abend Dir den einen Schuldigen vorstellen zu können.«

»Prahlerei,« höhnte Busgaard.

Der Kreisrichter steckte den Kopf zur Wohnzimmertür hinein.

»Sieh da! Der Herr Assessor,« sagte er mit lächelnder Miene.

»Wir arbeiten,« sagte Thomas munter. »Jeder auf seine Weise, und so tragen wir Holz zu dem gemeinsamen Holzstoß zusammen. Die Herren sollen sich nicht von ihrer Musik abhalten lassen. Fangen Sie nur an, auch das ist eine Hilfe.«

»Willumsen fehlt,« bemerkte der Kreisrichter.

»Sie sollen ihn bekommen,« erwiderte Thomas. »Nur Geduld.«

Tine zeigte sich in der Tür zur Leutestube.

»Tine,« rief Busgaard, »Du mußt kommen und die Klavierpartie übernehmen.«

Tine protestierte: »Ich bin mitten in der Bereitung des Mittagessens.«

»Das kann Deine Mutter machen,« sagte Busgaard bestimmt. »Du kommst jetzt herein und spielst die Klavierpartie; auf all das Gewäsch will ich, hol mich der Teufel, ein bißchen ordentliche Musik haben.«

Thomas lachte sardonisch.

Die beiden Herren verschwanden im Wohnzimmer.

»Tine,« sagte Thomas sanft. »Geh hinein zu ihnen und spiele Haydn. Aber spiele so, daß Dein Vater aus seiner rauhen Haut fährt. Ich will Dir nämlich anvertrauen, daß ich im Sinne habe heute um deine Hand anzuhalten, und darum ist es nicht gut, wenn Du in Deines Vaters Augen zu großen Wert besitzt. Verstehst Du!«

Und mit einem Kuß auf die Lippen der Geliebten verließ der Kriminalassessor das Haus, um dorthin zu gehen, wo die Gedanken des Lesers schon längst weilen. Tyr ging also mit.



Ein spannender Auftritt

Thomas Klem ging mit raschen Schritten den schmalen festgetretenen Pfad durch den Park entlang, der im Laufe dieser Erzählung von nicht wenigen eilenden Füßen bevölkert worden ist. Tyr tanzte an seiner Seite wie ein muntres Hündchen, gewaltig stolz, daß der große Vetter, den er in seinem begeistrungsfähigen Kinderherzen aufs höchste bewunderte, ihn zu einem Spaziergang eingeladen hatte.

Sie sprachen ein bißchen von Schlitten und Flugmaschinen, bis Thomas plötzlich sagte:

»Sage mir, Tyr, welche von Deinen Schwestern hast Du am liebsten?«

»Tine,« antwortete Tyr ohne sich zu bedenken.

»Ich auch,« sagte Thomas unwillkürlich.

Das wußte Tyr wohl; er grinste verschmitzt.

»Warum hast Du Tine am liebsten?« fragte Thomas pädagogisch.

»Monny neckt einen immer,« lautete die Antwort.

»So neckst Du sie wohl wieder?«

»Manchmal,« mußte Tyr zugeben.

Thomas packte Tyr mit freundschaftlichem Griff. »Sage mir, mein Junge, hast Du je Monny Verdruß bereitet? Du sollst mir jetzt antworten. Ich will Dir sagen Tyr, ich glaube es, und ich habe Grund es zu glauben.«

Tyr protestierte.

Thomas fuhr fort. »Es ist mir beinahe gewiß, und wenn Du mir nicht alles erzählst, werden wir nie wieder gute Freunde.«

»Wahrhaftig, ich habe es nicht!« dabei blieb Tyr.

Thomas spezialisierte seine Beschuldigung. »Ich will Dir nämlich erzählen, ich weiß, daß Du Stine einmal überrascht hast und gesehen, wie sie einen Brief in ein Fach des alten Sekretärs, der zu Haus in eurer Wohnstube steht, legte. Willst Du das etwa leugnen, sieh mich an, Du wirst dunkelrot! Du mußt nicht lügen! Wenn ich Dich frage, mußt Du die Wahrheit sagen!«

Tyr begann zu wünschen, er wäre zu Haus geblieben.

»Ich habe es nur ein einziges Mal gesehen,« gab er zu und blieb zurück.

»Wann?« fragte der Richter. »Nein, komm her an meine Seite.«

»Da liegt so viel Schnee,« wandte Tyr ein.

»Unsinn,« sagte Thomas, »ein tüchtiger Junge in Wasserstiefeln geht dem bißchen Schnee nicht aus dem Wege. Ich will wissen, wann Du sie überraschtest.«

»Mittwochs,« kam es leise von Tyrs Lippen. Er war glühend rot.

»Und dann schwatztest Du natürlich?« fuhr der unbarmherzige Untersuchungsrichter fort.

»Ich habe es nur einem einzigen Menschen gesagt,« führte Tyr als einen im hohen Grade mildernden Umstand an.

»Wem?« lautete die nächste Frage.

»Muß ich es sagen?« fragte der arme Sünder.

»Ja, Du mußt.« Es klang wie ein Befehl.

»Niels!« kam es zögernd.

Thomas nahm ihn bei den Ohren: »Schäme, Dich, Junge, warum schwatztest Du?«

Dann fiel ihm ein, daß der Zeitpunkt von Bedeutung für die Gedankenreihe war, die er im Begriff stand, aufzubauen. »Wann schwatztest Du, Du böser Bube?« fuhr er fort, indem er ihn schüttelte.

Tyr war es, zart ausgedrückt, übel zumute.

»Es war Sonnabend abend,« brachte er mühsam hervor. »Niels hatte mir erzählt, da wäre einer, der im Park draußen hinter Monny her wäre, und er glaubte, es wäre einer, der ein Stelldichein mit ihr hätte. Und weil mich Monny so geneckt hatte, da wollte ich sie wieder necken, und da erzählte ich es Niels, weil ich wollte, Niels sollte am Morgen den Brief nehmen und ihn einem geben, der ihn, wie ich wußte, gern würde haben wollen.«

Tyr bekam einen Puff, daß er in den Schnee purzelte.

»Warum nahmst Du ihn nicht selbst,« fragte Thomas. – Es war von Wichtigkeit, das Verhör fortzusetzen.

»Nein, denn ich bin Sonntags nie so früh auf,« sagte Tyr, »und es war ja Sonntag. Und da fand ich es so fad.«

»Wer sollte die Geschichte mit dem Brief erfahren?« fragte Thomas, der jetzt ganz von seinen eignen Gedanken eingenommen war.

Tyr antwortete nicht.

»Willst Du antworten, Junge!« sagte der Assessor scharf.

»Der Ingenieur,« flüsterte Tyr glühend rot.

»Das heißt also, Du sagtest Niels, er sollte Willumsen erzählen, daß ein Brief im Sekretärfach läge, den Willumsen nehmen sollte, obwohl er nicht für ihn bestimmt war. Wie?«

Tyr ließ die Ohren hängen und blieb zurück seine Munterkeit war verschwunden.

»Kannst Du nicht begreifen, daß Du etwas sehr häßliches getan hast?«

»Doch, aber es ist so gar nicht sicher, daß Niels es dem Ingenieur erzählt hat!« wandte Tyr mit Aufbietung seines ganzen Selbsterhaltungstriebes ein. »Und selbst wenn er es gesagt hätte, so ist der Ingenieur doch so ein anständiger Mann, daß es ihm nie einfallen könnte, einen Brief zu nehmen, der nicht für ihn bestimmt ist, und dann ist es ja auch nicht sicher, daß überhaupt ein Brief da war.«

»Halt den Mund, Junge!« fuhr ihn Thomas an.

Es war nämlich wirklich beachtenswert, was der Junge sagte. Kaum wahrscheinlich war es, daß Willumsen die Gastfreundschaft so mißbraucht haben sollte daß er sich heimlich einen Brief aneignete, der nicht für ihn bestimmt war. Und in diesem Fall war die ganze Sache ohne Bedeutung. Aber es blieb immer ein Punkt übrig, den Thomas untersuchen mußte, nämlich, ob es sich so verhielt, daß die Aufmerksamkeit des Ingenieurs auf den Sekretär gelenkt worden war. Mittwoch abend hatte Tyr von den Briefen erfahren, Sonnabend abend hatte er sein Wissen weitergegeben und Sonntag morgen konnte . . .

Hier machte Thomas halt. Sollte er seinen Verdacht direkt gegen Ingenieur Willumsen richten? Er kannte den Mann nicht; das war eine dürftige Grundlage für einen Verdacht, aber gegeben war es, daß Willumsen erfahren haben konnte, daß der Sekretär als Aufbewahrungsort für das Geld diente. Und mit dieser Möglichkeit trat der Ingenieur in den Kreis der Verdächtigen ein.

Doch zugleich öffnete sich die Möglichkeit, daß es ein ganz andrer gewesen wäre, eine vierte Person, wenn man die Spuren weiter verfolgte, die sich dem Assessor bei seiner Untersuchung in allzugroßer Zahl ergeben hatten. Er mußte Geduld haben, aber gerade darum war es nötig, daß er selber aktiv eingriff, und in tiefen Gedanken, ohne Tyr, der beschämt hinter ihm herschlich, zu beachten, beschleunigte er seinen Gang nach dem Waldhüterhaus, wo die Ereignisse auf ihn warteten.

Jetzt stehen wir nämlich unmittelbar vor dem spannendsten Moment. Es erweist sich deshalb als notwendig, eine Übersicht über Zeit, Ort und Ereignisse vorzunehmen, da es sonst, bei der Fülle der Begebenheiten, die sich an diesem einen Tage abgespielt haben, vielleicht schwierig ist, sie alle auseinanderzuhalten und sie stets gegenwärtig zu haben.

Es war 10 Uhr, als der Kreisrichter und der Assessor ankamen; das Frühstück wurde etwas zeitiger als sonst eingenommen, und die Mahlzeit war kurz nach zwölf beendet. Das große Verhör über Klemmesen fand gegen halb ein Uhr statt, zur gleichen Zeit machte Monny ihren Besuch bei Arthur Franck im Waldhüterhaus und hatte die Begegnung mit Willumsen auf der Landstraße. Gegen ein Uhr war Niels im Verhör, und nach ihm kam die Reihe an Willumsen und Klemmesen. Darauf begaben sich Niels und Klemmesen auf die Expedition, deren weiteren Verlauf der Leser noch zu erfahren hat, und während die beiden sich langsam ihrem Ziele näherten, ging Willumsen nach dem Waldhaus, um seine eigenmächtig übernommene Mission auszuführen. Das kurze Verhör und Monnys Beichte änderten die Pläne des Assessors, und während Monny zur Rettung des Geliebten hinauseilte, verschaffte Thomas sich das Wissen, das von Tyr auf dem Wege nach dem interessanten Brennpunkte noch ergänzt wurde. Unterdessen war es drei Uhr geworden und um fünf sollte das Mittagessen stattfinden.

Thomas hatte also seine Zeit gut gebraucht.

Aber die im Waldhüterhaus draußen?

Dort hatten wir ja Monny um Arthurs Hals und Willumsen beiden gegenüber verlassen.

Monny mußte in dem Ingenieur einen bitteren Feind sehen, und jetzt, wo es galt Arthur zu retten, wollte sie dem Feinde trotzen, und wenn sie ihm die Augen auskratzen müßte. Monny war bereit für den, den sie liebte, zu kämpfen.

Aber Willumsen wollte garnicht als Feind auftreten. Es handelte sich für ihn darum, die Situation zu retten; er hatte im Augenblick alle Hoffnung aufgegeben, seinen Rivalen um Monnys Gunst zu schlagen; das einzige, woran er denken konnte, war, ihn in der Stille fortzubringen. Insofern waren seine Pläne denen Monnys durchaus nicht entgegen.

Nur ein Ding war unmöglich: – Arthur Franck konnte nicht fliehen; und das war es, was Willumsen mit freundlichen Worten Monny begreiflich zu machen suchte. Sie starrte ihn an mit Blicken wie ein umzingelter Königstiger. Sie wollte nicht an seine friedlichen Absichten glauben; ihr Instinkt sagte ihr, daß er der Feind war, und ihr Instinkt wollte nicht schweigen, trotz seiner überredenden Worte.

Willumsen wiederholte Monny das meiste von dem, was er Arthur gesagt hatte; er sprach allein; die beiden antworteten nicht, aber es verging geraume Zeit mit dem Gerede, und man kam nicht weiter.

Da ertönten Schritte draußen, und Monny verstand, daß es die Absicht des Feindes gewesen war, die Flucht zu verzögern – bis die Verstärkungen aufmarschiert wären.

Der Schein war gegen Willumsen.

Er sprang rasch zur Tür und schloß sie ab.

Draußen erscholl Klemmesens Stimme.

»Aufgemacht im Namen des Königs und des Gesetzes, die Polizei ist da!«

Niels begann die Tür mit den Füßen zu bearbeiten, aber sie war solid, aus altem guten Eichenholz.

Willumsen parlamentierte:

»Ich bin es, Klemmesen,« sagte er. »Ich habe den Befehl des Assessors. Sie können ruhig nach Hause gehen, ich werde das übrige besorgen.«

Aber Klemmesen erinnerte sich, daß der Assessor ein Stück von Willumsen abgerückt war; und stolz auf den Besitz des größeren Vertrauens, lehnte er einfach den Ingenieur als Parlamentär ab. Niels hatte eine geraume Zeit beim Konsumverein im Dorf gewartet und sich seiner Gewohnheit treu fleißig die Nase begossen. Er war voller Tatendrang und Wagemut und machte gemeinschaftliche Sache mit Klemmesen, der von seiner langen Umgehung etwas steif gefroren war. Die Umgehung war etwas länger als wünschenswert ausgefallen, weil er den Versuch gemacht hatte, den Waldhüter zu treffen, da er Niels nicht ganz traute, denn er hatte ihn unvorsichtigerweise eine lange Umgehung machen lassen, die unglücklicherweise an einem Branntweinausschank vorbeigeführt hatte.

»Aufgemacht im Namen des Gesetzes, es ist die Polizei!« wiederholte Klemmesen und Niels trat wieder gegen die Tür.

»Ist Polizeidiener Hansen mit?« fragte Willumsen von drinnen.

»Wir brauchen keinen Polizeidiener, wir sind unsre eigne Polizei!« rief Niels mit heiserer Branntweinstimme.

Willumsen wandte sich zu den beiden.

»Es ist nichts weiter,« sagte er; »es sind nur Klemmesen und Niels; der letztere scheint ganz gehörig eingeheizt zu haben, es hat also keine Gefahr. Es ist nur notwendig, daß ich die beiden Menschen zur Vernunft bringe, und ich hoffe, das wird glücken. Sie können mir ruhig vertrauen! Ich gehe jetzt hinaus zu ihnen, und wenn Sie wünschen, können Sie ja die Tür hinter mir zuschließen.

Arthur nickte. Monny begann ein wenig Zutrauen zu dem Ingenieur zu fassen. Es war doch möglich, daß Sie sich geirrt hatte.

Die Tür flog auf, sie öffnete sich nach außen und Niels taumelte zurück. Mit einem Satz war Willumsen über die Schwelle, und die Tür wurde hinter ihm zugezogen.

Der Ingenieur stand jetzt draußen in dem kleinen Vorzimmer; Niels rieb sich das Hinterteil, das in etwas unsanfte Berührung mit dem Rahmen der Außentür gekommen war.

»Was zum Henker soll das heißen,« zischte Klemmesen, »halten Sie es mit dem Dieb?«

»Pst,« sagte Willumsen, »Fräulein Monny ist drinnen bei ihm.«

»Monny!« rief Niels, »drinnen bei dem Dieb! Er tut ihr ein Leid an! Aufgemacht im Namen des Gesetzes!«

Und Niels hämmerte wieder auf die Tür los.

»Hören Sie jetzt einmal, Niels,« sagte Willumsen fest, »Sie sind ja betrunken – jawohl. Wollen Sie die Güte haben, sich wie ein ordentlicher Mensch aufzuführen. Es ist ein junger Mensch drinnen, den der Assessor kennt, und der Assessor wird die Sache schon in Ordnung bringen. Sie und Klemmesen können ruhig nach dem Gut zurückgehen. Ich werde für den Rest sorgen. Im Bösen richten Sie bei mir nichts aus, und ich bin gewohnt, meinen Willen im Guten zu kriegen.«

Niels rieb sich seinen Schenkel.

»Was geben Sie?« schmunzelte er.

Willumsen lächelte; er kannte den Universalbalsam, der die geheimsten Türen bei Niels aufschloß.

Niels bekam zwei Kronen und ging damit in die inaktive Reserve über. Aber Klemmesen war nicht gesonnen, sich in dieser Weise lumpen zu lassen. Die Sache war nämlich die, daß dem Verwalter nach der inhaltsreichen Zusammenkunft mit dem Assessor die Augen dafür aufgegangen waren, daß der Weg zu Rahel versperrt war. Es war vergeblich, daß er den Mund nach Tine spitzte. Aber Lea war noch übrig. Und im selben Augenblick, wo er sein Begehr auf Monny richtete, hörte die Interessengemeinschaft auf, die sich zwischen ihm und dem Ingenieur entwickelt hatte. Willumsen war nicht länger sein Freund, sondern ein gefährlicher Nebenbuhler. Für den braven Mann galt im Kartenspiel wie in der Liebe keine Brüderschaft, und wenn es darauf ankam, wollte er dem Ingenieur schon zeigen, wer von ihnen beiden am festesten Fuß auf Braendholt gefaßt hätte.

Alles das bestimmte seine Taktik und machte ihn feindlich und unwillig gegen den Ingenieur. Es stimmte ihn auch nicht milder, daß seine vom Spiritus bezwungenen Hilfstruppen auf die schnödeste Weise zum Feinde übergingen.

»Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Ingenieur,« sagte er. »Ich habe den Befehl, den jungen Menschen zum Assessor aufs Gut zu bringen. Er ist des Diebstahls verdächtig. Der Assessor will nicht, daß sich die Polizei einmischt, er verläßt sich auf mich, und das kann er ruhig. Ich bleibe hier, keiner soll lebend das Haus verlassen, solange ich hierstehe, machen Sie mit dem Wicht dort was Sie wollen. Und im übrigen können Sie nach dem Gut gehen und die persönlichen Befehle des Assessors holen! – Aber schriftlich, Freundchen – das ist das einzige, wovor ich mich beuge.«

Und Klemmesen brüstete sich in all seiner Macht wie ein prächtiger Hahn auf dem heimatlichen Misthaufen. Das war kein dummer Gedanke; im Grunde erreichte Klemmesen gerade auf diesem Wege, was er wollte, und das Ende vom Liede war, daß Niels nach dem Hofe zurückgeschickt wurde, um nähere Ordre aus dem Hauptquartier zu holen.

Drinnen in der Stube saßen Monny und Arthur schweigend auf der Bettkante; sie lehnte den Kopf an seine Schulter und weinte. Er fand, es war eine fatale Situation, in die er geraten war, und verwünschte seinen jugendlichen Leichtsinn. Er war an den Ort gebunden, in einer Falle gefangen und außerstande zu entwischen.

Monny, wollte er, sollte durchs Fenster flüchten, aber davon wollte sie nichts hören. So blieben sie also sitzen, während Arthurs Reisetasche, die seine wenigen Habseligkeiten und ein paar besonders wichtige Papiere enthielt, auf dem Tisch am Bett stand und darauf wartete, von den Siegern beschlagnahmt zu werden.

Daran dachten die beiden nicht einmal, sie saßen dicht aneinandergeschmiegt wie zwei von der russischen Polizei in einer Hütte belagerte Nihilisten.

Im Grunde war es sehr traurig.

In der Wohnstube des Waldhüters saßen Klemmesen und Willumsen. Auch diese beiden sprachen nicht mit einander. In den Augen des Verwalters lauerte Haß, und Willumsen war mit seinen Plänen beschäftigt. Wie er den Assessor kannte, konnte er vorausberechnen, daß dieser sich persönlich nach der belagerten Festung hinausbegeben würde. Wie das Ganze sich entwickeln würde, hing von ihm allein ab. Der junge Mensch würde kaum Widerstand leisten, sondern sich in das Unvermeidliche finden, und was Monny anlangte, so galt es nur Geduld zu haben.

Während alles dies vor sich ging, war die sehnsüchtig erwartete Hauptperson in dem spannenden Drama auf dem Wege zum Schauplatz der Ereignisse. Niels wählte den Waldweg mehr aus Instinkt als eigentlich aus Berechnung, denn der Weg übers Feld war, wie schon erwähnt, der nähere; so kam es, daß er an dem Gatterübergang auf Thomas und Tyr stieß, die, wie wir wissen, auf dem Wege hinaus waren.

Von Niels erhielt Thomas eine mehr drastische als eigentlich zusammenhängende Darstellung von dem, was vorgegangen war, nur mit Weglassung der kleinen Schnäpse, die Niels in der Wartezeit hinter die Binde gegossen hatte; aber sie sprachen in dem Schlucken des braven Automedon so deutlich mit, daß es dem Assessor nicht verborgen bleiben konnte, welche Rolle sie für seinen Gewährsmann bei der Entwicklung der Ereignisse gespielt hatten.

Thomas schüttelte den Kopf, aber seine Tätigkeit hatte ihn in so nahe Berührung mit der Wirkung des Alkohols gebracht, daß er wußte, es ist ganz überflüssig, zu versuchen, einem berauschten Mann klar zu machen, daß er unter dem Einfluß von Spiritus stehe. Er entnahm dem Bericht das Wesentliche und überließ Tyr die unmittelbare Belustigung, die sich an Niels mit der Zeit recht wohl proportionierten Rausch knüpfen ließ.

Klemmesen war der erste, den der Assessor draußen traf. Der gute Verwalter hatte das Bedürfnis gefühlt, frische Luft zu schöpfen und sich in die Tür des Waldhüterhauses gestellt, seinen Kompagnon und Nebenbuhler in der schwülen kleinen Stube seinen eigenen Betrachtungen überlassend.

Von ihm erhielt Thomas eine Bestätigung der von Niels schlucksend vorgebrachten Erzählung, und es war dem Assessor augenblicklich klar, daß es eines festen und energischen Auftretens von seiner Seite bedurfte, damit die Ereignisse weiter rollten auf dies oder jenes unberechenbare Endziel los. Er musterte sein Heer.

Willumsen erschien jetzt in der Tür, er hatte die Unterhaltung draußen gehört und wünschte zuerst mit dem Assessor zu sprechen. Rein numerisch war nichts im Wege, die Belagerten waren also zwei, ein Mann und ein Weib. Die Belagerer waren ganze fünf, Tyr eingerechnet. Von diesen fünf war Niels sternhagelvoll, indem sein kleiner Rausch in der starken Kälte von Minute zu Minute von selber wuchs. Tyr war minderjährig und non combattant; Willumsen war für einen der Eingesperrten persönlich interessiert, und Thomas fand heraus, daß er sich in Wirklichkeit nur auf sich selbst und den braven Verwalter verlassen konnte.

Aber auf Klemmesen meinte er sich auch wirklich verlassen zu können. Sein erster Gedanke war, einen Teil seiner Heeresmacht ins Hauptquartier zurückzuschicken, und nur mit wenigen aber erprobten Truppen ins Feuer zu gehen. Willumsen verhinderte diese Taktik, indem er sich vordrängte und eine Unterredung mit dem Assessor begehrte.

Thomas empfing ihn mit gerunzelten Brauen.

»Herr Ingenieur,« sagte er, »ich schätze es nicht, daß man die Verabredungen, die man mit mir getroffen hat, bricht. Wir hatten uns geeinigt, daß Sie erst nach Mittag hierher gehen sollten. Ich hatte gewünscht, daß Sie und Hansen einige Untersuchungen vornehmen sollten, von denen ich mir Erfolg versprach. Sie gingen Ihre eignen Wege ohne mich davon zu unterrichten. Ich möchte Ihnen sagen, daß ich das nicht schätze und daß Sie in Zukunft nicht auf mein Vertrauen zu rechnen haben!«

Willumsen erwiderte: »Der Herr Assessor haben auch mir gegenüber unsre Abmachung gebrochen. Sie übertrugen es mir, den jungen Menschen nach dem Gute zu bringen, und nun sehe ich, daß Sie ohne etwas zu sagen, Klemmesen und Niels herausgeschickt haben. Ich habe kein Recht mich zu beklagen, aber Vertrauen beweist es jedenfalls nicht.«

Thomas nickte. »Ich habe das Recht des Richters vorsichtig zu sein und Argwohn zu hegen. Ich wünschte nicht, daß Sie mit dem jungen Manne redeten. Nun haben Sie also mit ihm gesprochen. Was für einen Eindruck haben Sie erhalten?«

»Daß er der Dieb ist,« sagte Willumsen bestimmt. »Es war meine Absicht die Sache so zu ordnen, daß ein Skandal vermieden würde. Jetzt hat der junge Mann das selber unmöglich gemacht und muß sich nun in sein Schicksal finden.«

»Sieh an,« erwiderte Thomas und warf den Kopf zurück. »Sie vergessen mein guter Herr, daß Sie nicht die Polizei hier sind, und daß Sie, wenn Sie sich nicht einmal nach erteilten Befehlen richten, kaum erwarten können, wieder zu Rate gezogen zu werden. Sie sollten nach Hause gehen.«

Willumsen richtete sich empor.

»Ich will ungern dem Herrn Assessor zuwiderhandeln, aber ich ziehe vor, hier zu bleiben.«

»Sieh einmal an,« sagte Thomas lächelnd. »Sie stellen sich also auf die Hinterbeine.«

»Ich habe erfahren,« erwiderte Willumsen sehr bestimmt, »daß der junge Mann ein Bekannter von Ihnen ist.«

»Wer hat das gesagt?« fragte Thomas kurz.

»Er selber,« lautete die Antwort. »Sie können die Geschichte vielleicht selbst ordnen, Herr Assessor; aber da ich einmal hineingezogen bin, so verlange ich auch dabei zu sein. Wenn nicht aus einem andern Grunde, so, weil ich voraussetzen kann, daß Sie, Herr Assessor, wenn Sie ihn aus den angeführten Gründen laufen lassen, ihren Verdacht vielleicht auf mich richten werden, und dem wünsche ich mich nicht auszusetzen.«

»Sie sind sogar ein ganz vernünftiger Kerl,« sagte Thomas und klopfte dem Ingenieur auf die Schulter, »und deshalb sollen Sie trotz ihres Mangels an Subordination die Erlaubnis erhalten, noch ein wenig mit zu spielen. Fangen wir also an!«

Thomas schritt zur Tür, die die beiden Belagerten deckte.

»Monny,« rief er und klopfte an die Tür. »Ich bin es, Thomas!«

Drinnen folgte eine leise Beratung.

»Monny,« wiederholte Thomas, »schließ auf.«

Es dauerte eine Weile, bis die beiden sich einigen konnten, aber schließlich ging Arthur an die Tür und schloß sie auf.

»Herr Assessor,« sagte er, »ich muß mit Ihnen reden.«

Monny verbarg sich in einem Winkel in der kleinen Fremdenstube.

»Wer sind Sie?« fragte Thomas.

»Sie kennen mich doch!« lautete die Antwort.

»Ich habe nicht die Ehre,« antwortete Thomas spöttisch. »Hier ist es alles andere als hell. Wollen Sie so freundlich sein, in den Salon einzutreten. – Und Du, Monny, kannst nach Hause gehen.«

»Ich bleibe hier,« sagte Monny trotzig.

Thomas zuckte die Achseln. »Gut, so bleibst Du hier!«

Die beiden Friedlosen wurden also in die Wohnstube hineingelassen, wo Willumsen und Klemmesen bereits Aufstellung genommen hatten. Niels hatte sich draußen auf die steinernen Treppenstufen gesetzt und war im Begriff einzuschlummern. Tyr stand in der Türfüllung und guckte mit erstaunten Augen zu.

Thomas betrachtete den Gefangenen. »Also Ihr Name?«

»Sie kennen mich gut, Assessor Klem,« sagte Arthur keck. »Ich wünsche meinen Namen nicht vor den Leuten hier zu nennen.«

Thomas musterte Arthur von oben bis unten.

»Ein reisender Handwerksbursche – wie, Monny, warst Du da drinnen mit einem reisenden Handwerksburschen eingeschlossen? Wie haben Sie die Bekanntschaft dieser Dame gemacht?«

Arthur warf den Kopf zurück. »Wir vergeuden ja bloß Zeit. Wollen Sie diese Menschen fortschicken, Assessor Klem, so werde ich Ihnen im Handumdrehen die ganze Geschichte erzählen.«

»Nein, das will ich nicht,« sagte Thomas, »ich habe absolut keine Lust, mit Ihnen unter vier Augen zu sprechen. Ich kenne Sie nicht.«

Und Thomas wandte sich an Willumsen.

»Sie sagten mir auch, der junge Mensch habe Ihnen erzählt, er kennte mich. Das ist möglich; es erscheinen jährlich vor der achten Kammer fünf- bis sechshundert Diebe verschiedener Größe und verschiedenen Alters, es ist ja möglich, daß der Bursche professional ist und mich daher kennt. Ich kenne ihn nicht, ich habe ein ganz gutes Gedächtnis, aber den hier kenne ich nicht.«

Franck begriff nicht, warum Thomas ihn verleugnete.

Und Willumsen wußte nicht, ob der Assessor die Wahrheit sprach, oder ob er log.

Klemmesen dagegen, der kein Wort von alledem begriff, bot seine guten Dienste mit echt ländlicher Bereitwilligkeit an.

»Herr Assessor,« sagte er, »mit dem Bürschchen werde ich allein fertig, und wenn es sein muß, kann der Ingenieur so mit zugreifen. Niels ist ja nach seiner Gewohnheit etwas benebelt. – Aber hiermit werden wir bequem fertig. Wenn der Herr Assessor also wünschen . . .«

Und Klemmesen schickte sich an, Arthur Franck zu packen und mit fester Hand in die Ereignisse einzugreifen.

»Ja,« erwiderte der Assessor, »das wird wohl nötig werden. Wollen Sie also nicht so gut sein, mir Ihren Namen zu sagen?«

»Ich heiße Petersen,« sagte Franck, »und bin wandernder Handwerksbursche.«

»Hm,« brummte Thomas, »und Ihre Bekanntschaft mit der jungen Dame?«

»Ich kenne die junge Dame nicht,« sagte Arthur weiter.

»Mir schien, Sie erzählten mir etwas anderes, Herr Willumsen,« rief der Assessor zu Willumsen gewandt.

»Herr Assessor führen ja an,« antwortete Willumsen spitz, – »es ist wohl zuviel verlangt, daß dieser junge Herr unter diesen Umständen die Wahrheit sagen soll.«

»Sie haben vollkommen Recht,« sagte Thomas mit einem Lächeln. »Aber sehen Sie, mein lieber Ingenieur, Sie kennen den Geschäftsgang bei einem Verhör doch nicht. Im ersten Verhör darf der Beschuldigte lügen so viel er will. Wir beschränken uns darauf, seine Erklärungen zu Protokoll zu nehmen, und wenn sie ein paar Seiten füllen. Später kommt dann die Reihe an die Wahrheit.

Sie wollen also nicht Rechenschaft über sich selber ablegen, junger Mann?« fuhr Thomas fort. »Dann sind Sie verhaftet.«

Franck zuckte zusammen.

»Verzeihung, Herr Assessor, aber Sie sind nicht die Polizei; ich lasse mich von Ihnen nicht verhaften.«

»Ah, Sie wünschen, daß alle Formalitäten erfüllt werden, junger Mann! Sie sind vielleicht sogar Jurist, aber über das Studium sind Sie wohl kaum herausgekommen. Sie werden später im Leben erfahren, daß die Theorie, wie Geheimrat Goethe sagt, grau ist, während des Lebens goldener Baum, so merkwürdig es klingt, grün ist. Es ist teuer, in einer kriminellen Sache mit einem Untersuchungsrichter unter Erfüllung aller Formalitäten zu prozessieren, es kostet nur Zeit!

Aber wenn Sie es wünschen, so kann Herr Klemmesen heimgehen und Polizeidiener Hansen holen; mit dem können Sie sich in die vorbereitende Unterhaltung einlassen, die die Verhafteten mit dem untergeordneten Personal der Gerechtigkeit zu führen pflegen und aus der ein sogenannter Rapport resultiert.«

Was Teufel steht er da und plappert, dachte Willumsen.

Dasselbe dachte Franck.

Thomas ließ den Blick durch die Stube schweifen. Er konnte den Verdacht gegen den jungen Mann noch nicht aufgeben. Es war doch möglich, daß er am Ziele stand. Er vermißte ein kleines Requisit und wandte sich direkt an den Angeklagten.

»Haben Sie Gepäck junger Mann?«

Franck nickte.

»Ich werde« . . . sagte Willumsen; seine Gedanken gingen denselben Weg wie die des Assessors.

»Nein, lassen Sie mich,« erwiderte Thomas rasch und war bereits an der Tür zum Vorzimmer. Franck folgte ihm auf den Fersen, Klemmesen wollte dazwischentreten, aber der Assessor wandte sich auf der Schwelle um.

»Friedlich, meine Herren,« sagte er.

Dann ging er in das kleine Zimmer, wo Francks Tasche auf dem Tisch stand, fertig zur Eisenbahnstation und fort von dem Schauplatz dieser Ereignisse getragen zu werden. Thomas griff nach der Tasche, aber Franck schnappte sie ihm vor der Nase weg.

»Nun denn,« sagte Thomas und biß sich auf die Lippe. »Sie setzen die Prozedur mit der Formalität fort. Wie Sie wollen. Ich habe persönlich eine Formalität übersehen, nämlich die, Ihnen mitzuteilen, was Sie übrigens wohl wissen, was Ihnen aber heilsam sein kann einmal aus meinem Munde zu hören, daß Sie des Einbruchdiebstahls beschuldigt werden. Sie können die Behandlung der Sache in gewissem Grade vereinfachen, wenn Sie uns die Erlaubnis geben, den Inhalt dieser Tasche zu sehen.«

In der Tasche lagen alle Briefe Monnys; sie stand laut schluchzend in der Tür und streckte flehend die Hände nach dem jungen Mann aus.

»Sie bekommen den Inhalt dieser Tasche nicht zu sehen,« sagte Arthur fest und bestimmt.

Thomas betrachtete den jungen Menschen scharf.

»Das ist dumm von Ihnen, junger Mann,« antwortete er. »Entweder liegt das gestohlene Geld in Ihrer Tasche, und dann verkürzen Sie die Pein sich selbst und uns, oder es liegt nicht darin. Im letzteren Fall ist nichts entschieden; es ändert nichts an Ihrer Lage, aber es macht einen besseren Eindruck auf uns. Sie sollten Ihren Entschluß ändern und den lächerlichen Protest aufgeben.«

»Ich bleibe bei meinem Protest,« sagte Arthur trotzig, während seine Hand sich fest um den Henkel der Tasche schloß.

Thomas zuckte die Achseln.

Klemmesen drängte sich vor. »Darum kümmern wir uns nicht im geringsten, nicht Herr Assessor? Der Dieb soll seine Beute herausrücken.«

Und der Verwalter langte nach der Tasche.

Thomas rückte sein Monokel zurecht. »Sie irren sich, Klemmesen! Ich bin Beamter, und es ist mein Stolz, daß ich immer dafür sorge, daß das Formelle in Ordnung ist. Der junge Mensch ist formell in seinem Recht. Ich habe keine Polizeigewalt hier, und die Herren auch nicht. Es bleibt nichts andres übrig, als die Polizei zu benachrichtigen, das können Sie besorgen, Klemmesen. Mit dem andern gewinnen wir nichts, und Zeit haben wir. Sie verstehn mich, nicht wahr, Willumsen?«

Willumsen nickte, aber Klemmesen ließ ein verdrießliches Brummen hören.

Niels schob seinen Priem auf die andere Seite.

»Das ist des Teufels, wie rücksichtsvoll die Polizei geworden ist; das pflegt sie sonst nicht zu sein.«

»Niels muß nicht glauben, was über die Polizei in den Blättern steht,« sagte der Assessor freundlich. »Wir tun nur das, wozu wir berechtigt sind – niemals mehr. Punktum!«

Thomas wandte sich wieder zu Arthur.

»Wie Sie sehen, ist Ihre Sache in guten Händen. Sie können sich auf mich verlassen; man wird mit Ihnen nach dem Gesetz verfahren, und Sie wünschen es ja nicht anders – nicht?«

Arthur nickte bestätigend.

»Gut, so will ich Sie fragen, ob Sie mir erlauben, diese Tasche zu versiegeln. Sie ist, wie Sie sagen, nicht verschlossen. Ich schlage vor, wir binden ein Band darum, dort auf dem Tisch liegt Lack, ich werde die Tasche versiegeln und sie dem Kreisrichter überliefern lassen. Um alle Unannehmlichkeiten zu vermeiden, bitte ich Sie, mir dann zu folgen. Es ist eine Höflichkeit gegen Sie, es ist ein Vertrauen, das Sie mir beweisen. Sie sagen, Sie kennen mich; gut, um so leichter wird es Ihnen fallen, mir Vertrauen zu schenken. Ich pflege das Vertrauen, das man mir schenkt, nie zu täuschen.«

Arthur überlegte einen Augenblick, dann sagte er:

»Ja, ich nehme den Vorschlag an.«

»Das freut mich,« erwiderte der Assessor.

Arthur reichte ihm die Tasche.

»Wollen Sie mir den Bindfaden reichen, der dort hängt!« sagte Thomas zu Klemmesen, und der Verwalter reichte ihm ein Stück Bindfaden, das an dem Bücherregal des Waldhüters hing. Der Assessor schnürte den Bindfaden sehr vorsichtig um die Tasche. Dann wandte er sich an Willumsen.

»Ach, Herr Ingenieur,« sagte er, »ich habe bemerkt, daß Sie einen Siegelring tragen. Sie haben Wohlwollen für den jungen Menschen gezeigt, und ich zweifle nicht, daß er zu Ihnen dasselbe Vertrauen hat wie zu mir. Geben Sie mir Ihren Ring, ich will die Tasche damit versiegeln. Das ist eine Garantie mehr, daß das Siegel nicht von Unberufnen erbrochen wird.«

Willumsen zog seinen Ring ab und reichte ihn Thomas. Dieser ging an den Schreibtisch und zündete ein Lichtstümpfchen an.

»Tyr,« sagte er zu dem Jungen, der die spannende Szene mit weit aufgerissenen Augen betrachtete, »komm und hilf mir bei der Tasche!«

Tyr stürzte herbei und hätte in seinem Eifer beinahe Monny umgerissen, die mit brennenden Augen und dem Weinen nahe am Schranke lehnte.

Thomas stellte die Tasche aufs Fensterbrett, es fing an dunkel zu werden. Tyr stand neben ihm, und der Assessor kehrte den anderen den Rücken zu. Mit steigender Verwunderung sah Tyr jetzt, wie Thomas mit einer blitzschnellen Bewegung seinen eigenen Siegelring vom Finger zog und Willumsens Ring auf seinen Ringfinger steckte.

Rasch und mit geübter Hand tropfte er dann Lack auf die Tasche über den Bindfaden und drückte seinen eigenen Siegelring auf den brennenden Lack.

Darauf vertauschte er die Ringe wieder. – Tyr wollte etwas sagen, aber der Assessor gab ihm ein Zeichen, daß er den Mund halten sollte.

Er drehte sich nun wieder zu den andern um, und gab Willumsen den Ring mit höflichem Dank zurück. »Ja, meine Herren,« sagte er, »damit ist die kleine Formalität zu Ende. Herr Willumsen, wollen Sie so freundlich sein die Tasche nach dem Gut zu bringen? Sie können sie auf mein Zimmer stellen; ich will sie gern selber dem Kreisrichter übergeben und lege Wert darauf, daß es erst geschieht, wenn ich mit dem jungen Mann angekommen bin. Tyr und Monny begleiten Sie!«

Monny wollte protestieren.

»Du tust, wie ich gesagt habe,« erwiderte Thomas fest. »Dies ist Ernst, keine Narrenstreiche! Ich verlange, daß Du mir das gleiche Vertrauen schenkst, wie jener dort.«

Die drei gingen, Monny mit einem langen Blick auf Arthur, der unbeweglich auf den Schaukelstuhl gestützt dastand, so wie er während des ganzen Verhörs gestanden hatte.

Thomas blieb mit ihm und den beiden Handlangern allein.

»Ja,« sagte er heiter, »weiter ist für uns hier nichts zu tun. Herr Petersen und ich gehen miteinander nach Braendholt, nicht wahr, Herr Petersen? – und Klemmesen kann uns mit Niels, falls er gehen kann, in sechs Schritt Abstand folgen. Sollte Herr Petersen Miene machen zu fliehen, was ich nicht glaube, so können die Herren eingreifen, dann ist meine Rolle vorläufig ausgespielt.«

So geschah es, und auf dem Wege nach Braendholt unterwarf der Assessor den jungen Mann einem privaten Verhör, das in einem etwas anderen Tone, als vorhin das offizielle geführt wurde.

Doch wir wollen den Ereignissen den Duft nicht rauben, indem wir verraten, worüber die beiden sprachen. Nur wunderte Klemmesen sich ein wenig, als der Assessor am Hoftor stehen blieb – sie waren den schnelleren Weg übers Feld gegangen – und ihn ohne weitere Zeremonien aufforderte, den jungen Mann in die Gesindestube zu führen und ihn dort unter Niels Bewachung zu lassen, bis man ihn holen ließe.

Arthur protestierte nicht, ja es schien sogar, als fände er sich mit großer Bereitwilligkeit in sein Schicksal. Als Niels mit dem Strick kam, lachte er sogar freundlich und verbat sich die Ehre. Niels schüttelte den Kopf, und Klemmesen kratzte sich hinterm Ohr.

Der Assessor nickte und schritt hochaufgerichtet durch das Tor, es den dreien überlassend, sich mit dem Rest zu einigen.

»Was ist das für einer?« fragte Niels, und schielte nach dem Gefangenen.

Arthur lächelte freundlich: »Sie müssen wohl Ordre parieren, Herr Gefangnenwächter! Ich werde Ihnen keine größere Mühe verursachen.«

Nils brummte, aber Klemmesen war überzeugt, daß dieser Teufelsassessor doch Fuchsstreiche vorhatte, und daß es seine Absicht war, den Dieb laufen zu lassen nach der guten alten Regel, daß man nur die kleinen Diebe hängt. Ein paar allgemeine Bemerkungen über dieses Thema fanden auch ihren Weg über das Gehege seiner Zähne, blieben aber in seinem Schnurrbart stecken.

Thomas ging direkt in die Wohnstube, wo der Kreisrichter saß und mit dem Polizeidiener konferierte.

Busgaard war in seinem Arbeitszimmer und schrieb.

Die arme Monny saß auf ihrem Zimmer und weinte, während Tyr draußen in der Speisekammer seiner Mutter einen Rapport über den spannenden Auftritt gab, dessen Zeuge er gewesen war. Willumsen dagegen, der von Monnys Begleitung sehr wenig Vergnügen gehabt hatte und der sie und Tyr deshalb auf halbem Wege verlassen hatte und mit sehr raschen Schritten nach dem Hofe vorausgeeilt war, ging mit der Tasche direkt auf sein Zimmer, als betrachtete er es als Ehrensache, sie sorgfältig zu hüten und nach Befehl dem Assessor abzuliefern.

Er nahm sich Zeit mit dem Umkleiden fürs Mittagessen. Es ärgerte ihn, daß sein Plan nicht durchführbar gewesen war, und daß der junge Mensch Gelegenheit erhielt mit dem Assessor allein zusammen zu sein. Es mußte Komödie sein, wenn der Assessor leugnete, den jungen Mann zu kennen; es war kaum wahrscheinlich, daß er diese Spur besonders energisch verfolgen würde, und damit war für Willumsen eine ausgezeichnete Gelegenheit verloren gegangen, sich bei der Familie Busgaard beliebt zu machen.

Wie es auch ging, nicht Ingenieur Willumsen, sondern Assessor Klem würde die Geschichte in Ordnung bringen. Es ging langsam mit dem Umziehen, und es waren viele verschiedene Gedanken, die das Gehirn des Ingenieurs durchkreuzten.

Einen davon, der sich in eine Tat umsetzte, werden wir später kennen lernen.



Die Verlobung

Thomas kam als erster in die Wohnstube hinunter. Er machte schnell Toilette, obwohl er immer aussah, als verbrächte er den größten Teil des Tages damit; das war sein Geheimnis.

Während er vor dem alten Ofen stand und seine Hände am Feuer, das in großen Buchenknorren knisterte, wärmte, wurde militärisch an die Tür geklopft.

»Herein,« sagte Thomas und blickte auf. Es war Hansen, der die vorgeschriebene stramme Haltung in der Tür einnahm. Später wurde sie durch die zivilen Bücklinge, die wir kennen, abgelöst.

»Herr Assessor,« sagte Hansen, »jetzt weiß ich im Grunde weder aus noch ein. Klemmesen hat einen jungen Menschen in den Rollkeller eingesperrt und in der Bügelstube davor hat Niels sich schlafen gelegt. Niels ist nicht ganz nüchtern; aber der junge Mensch sagt, das schadet nichts, er säße gut, wo er säße. Der Keller ist allerdings geheizt, aber ich verstehe es doch nicht, daß der junge Mensch sich so ruhig darein findet. Darum wollte ich Herrn Assessor gern fragen, was Herr Assessor eigentlich vorhaben, wenn Herr Assessor die Gnade haben wollen, mir Ihr Vertrauen zu schenken.«

Thomas rieb sich die Hände.

»Ja, Hansen, ich fange wirklich an, Sie zu brauchen, und daher ist es höchst wahrscheinlich, daß ich die Gnade haben werde, wie Sie so geschmackvoll sagen.«

Hansen schlug die Absätze zusammen.

»Hören Sie,« fuhr Thomas fort. »Der junge Mensch, der von Klemmesen und Niels hergebracht worden ist – letzterer ist bedauerlicherweise nicht ganz nüchtern und soll seinen Rausch ausschlafen – nennt sich Petersen und gibt an, er sei ein reisender Handwerksbursche. Das ist eine Lüge, und er hält mir gegenüber auch nicht daran fest, was schwierig wäre, denn er heißt Arthur Franck und ist einer von den jungen Menschen, die ich in meiner freien Zeit gegen hohe Bezahlung zu Rechtsgelehrten ausbilde.«

»Ah,« antwortete Hansen.

»Ja,« fuhr Thomas fort, »der Vater ist Grossist in Wein und Zigarren, er besitzt ein halbes Dutzend Grundstücke am Übergang zwischen der alten und neuen Stadt und ist ein hervorragender Schützenbruder. Es liegt deshalb von vornherein kein Grund vor zu glauben, daß der junge Mensch das Geld gestohlen habe. Meine Kusine Monny hat eine Neigung für den jungen Menschen, ich will mit ihr über ihren Geschmack nicht rechten. Hat der Bursche nicht gestohlen, so muß er mit der Erfüllung seiner Herzenswünsche belohnt werden, verstehen Sie.«

Hansen lächelte schlau, auch ein wenig geschmeichelt und verbeugte sich.

»Gut,« fuhr Thomas fort. »Wir mißhandeln nun den jungen Menschen bis zu einer solchen Grenze, daß wir, wenn er für unschuldig befunden wird, anständigerweise nicht anders können, als ihm die braunäugige Tochter des Hauses zu geben. Und da der junge Mensch ein gutes Gewissen zu haben scheint, so sitzt er jetzt unten im Keller und wartet auf den glücklichen Ausgang des Romans.«

»Und der Dieb?« fragte Hansen.

»Ja,« erwiderte der Assessor, »selbstverständlich ist es der Dieb, der Sie und mich am meisten interessiert. Ich habe einen Verdacht, den wir nicht erörtern wollen, er ist nicht neu für Sie. Aber ich muß stark betonen, daß die Sache jetzt sehr kompliziert ist. Ich bat Sie einen Rapport über Willumsen aufzunehmen – verstehen Sie mich recht, er soll nicht beschuldigt werden; aber es handelt sich für mich darum zu erfahren, ob Willumsen in der Harmonie war und Billard gespielt hat am selben Tage wie Klemmesen.«

»Das hat er,« sagte Hansen eifrig, »denn ich habe ihn selbst dort getroffen. Er spielte in Hemdsärmeln mit dem Markeur und wir sprachen gerade davon, daß Klemmesen schon fort war. Willumsen wollte noch etwas in der Stadt bleiben; er wollte nach der Hauptstadt telephonieren, sagte er, und hätte das Gespräch schon angemeldet. Dann ging er ans Telephon und von da ging er in die Stadt.«

»Ah,« erwiderte Thomas.

»Haben Herr Assessor Willumsen im Verdacht?« fragte Hansen vorsichtig.

»Ehrlich gesagt, ja,« antwortete der Assessor. »Von den drei Verdächtigen ist er im Augenblick der am stärksten Verdächtige. Aber er ist unbedingt auch der Gefährlichste und wollen wir ihn fangen, so kann es nur durch eine Überrumpelung geschehen. Gott behüte, er kann unschuldig sein, und ich wünsche ihn nicht zu verunglimpfen! Aber, sehen Sie, es ist ein Umstand, der mich sehr bedenklich gemacht hat –«

»Und das ist?« fragte Hansen und spitzte die Ohren.

Thomas zog aus seiner Brusttasche ein Paar lose Manschetten. »Sehen Sie, Hansen, ich habe mir von unserem Freund Klemmesen das Manschettenpaar, das er heute Mittag beim Verhör trug, ausliefern lassen. Die eine mit dem Aarhusknopf ist in Roskilde gekauft, das ist offenbar Klemmesens eigene. Die andere ist in Berlin gekauft – sehen Sie, da steht Mohrenstraße 18, Schultz, nicht? Nun ist das Merkwürdige, daß ich oben auf meinem Zimmer ein paar schmutzige Manschetten mit genau demselben Zeichen gefunden habe. Sehen Sie, hier ist die eine, Mohrenstraße l8, Berlin.«

Hansen nahm die Manschetten.

»Es stimmt,« sagte er sehr nachdenklich und gab sie Thomas zurück.

»Nein, behalten Sie sie,« fuhr Thomas fort. »Wir brauchen sie später. Ich gedenke im Laufe des Gesprächs zu erfahren, ob Willumsen in Berlin gewesen ist. Es ist doch ein seltener Fall, daß dänische Männer auf dem Lande Wäsche tragen, die an der Spree gekauft ist. Und Sie verstehen nun, daß eine überwiegende Wahrscheinlichkeit dafür besteht, daß Klemmesen und Willumsen die Manschetten über den Markeur weg vertauscht haben. Vermutlich ist es so zugegangen, daß Klemmesen in der Eile die eine Manschette des Markeurs erwischt hat und seine eigene hat stehen lassen, als er zum Kaufmann ging. In der Zwischenzeit hat Willumsen mit dem Markeur gespielt und ebenfalls die Manschetten abgelegt. Verstehen Sie, die Sache ist etwas verwickelt, aber der Zusammenhang ist richtig.«

Hansen nickte.

»Gut, dann ist Willumsen zum Telephonieren gegangen und hat bei dieser Gelegenheit eine von Klemmesens und eine von seinen eigenen ergriffen, der Markeur hat schließlich eine von Willumsen und eine von seinen eigenen gekriegt; aber dieser Irrtum ist rückgängig gemacht worden, als Klemmesen wiederkam, und der Markeur hat nun seine beiden eigenen Manschetten, während Klemmesen mit einer von seinen eigenen und einer von Willumsen heimzieht, nicht wahr?«

Hansen nickte wieder.

»Davon gehen wir also aus. Wir können also erklären, daß Klemmesens Knopf in dem Fach liegt, vergessen oder verloren von Herrn Willumsen. Es gilt daher nur noch andere Momente gegen Willumsen herbeizubringen, und ich glaube fast, die habe ich. Aber in alledem liegt noch kein Beweis. Und es wird ein recht schlaues Manöver erfordern, alles zum Klappen zu bringen. Mit am wichtigsten ist, daß der junge Mensch im Keller als der Schuldige behandelt wird.«

»Das verstehe ich,« sagte Hansen, »soll ich einen Rapport über ihn aufnehmen?«

Thomas lächelte. »Ja, tun Sie das, ich habe Angst, er langweilt sich sonst! Sie dürfen nicht verraten, daß Sie etwas wissen. Nehmen Sie die Sache ganz feierlich und ernst; ich werde mit dem Kreisrichter reden. Aber zu allernächst möchte ich Sie bitten, zu Willumsen hinauf zugehen und ihn zu bitten, Ihnen eine dem Verhafteten gehörende Tasche, die wir versiegelt haben, zu geben. Sie sollen Sie nicht öffnen, sondern sie nur zu mir herunterbringen. Sie bildet ein wichtiges Moment in der Angelegenheit, wie Sie später sehen werden. Haben Sie mich verstanden?«

Hansen verbeugte sich.

In diesem Augenblick trat Onkel Bus zur Tür herein.

»Ja, das wäre alles,« sagte Thomas. »Denken Sie nur an die Tasche; ich würde es gern sehen, daß Sie sie hier herunterbrächten.«

Hansen verließ das Zimmer.

Onkel Bus ging brummend auf den Assessor los.

»Na, Du kluger Kopenhagener, hast Du den Dieb gefunden?« fragte er und maß Thomas vom Scheitel bis zur Sohle.

»Nein,« sagte Thomas, »noch nicht – und ich habe auch nicht im Sinn mich einen Schritt zu rühren, ehe ich nicht eine kleine Privatangelegenheit in Ordnung gebracht habe.«

»Das ist Deine Sache,« antwortete Busgaard und schlenderte von ihm weg.

»Nein, Verzeihung, mein erhabener Onkel, es ist, Himmelbombenelement, die Deine!«

»Wie beliebt?« fragte Onkel Bus und drehte sich herum wie ein Kreisel.

»Setz Dich nieder!« kommandierte Thomas, »öffne Deine Hörwerkzeuge und schließ' Deinen Mund!«

Der Gutsbesitzer sank unwillig auf den nächsten Stuhl.

Thomas stellte sich ihm gegenüber auf, beide Daumen in den Armlöchern der Weste. Ungefähr die herausfordernste Stellung, die ein Mann einnehmen kann.

»Ich will Dir etwas sagen,« sagte er. »Unten im Keller sitzt ein Bursche, über den Polizeidiener Hansen soeben einen Rapport aufnimmt. Es ist möglich, daß er der Dieb ist; es ist auch möglich, daß er es nicht ist. Und in diesem Falle kriegen wir einen Mordsskandal. Nun habe ich amtlich nicht das allergeringste mit dieser Diebsgeschichte zu tun . . . ich habe die lokale Behörde nicht ernannt, und es liegt mir nicht ob, die Arbeit zu tun, die euer Kreisrichter nicht besorgen kann. – Schweig still – es kommt noch mehr! Ihr habt mich kommen lassen« –

»Deine Tante – nicht ich!« wandte Busgaard ein.

»Als ob es nicht der gewöhnliche Gang wäre, daß Du Deine hervorragende Lebensgefährtin alle richtigen Handlungen hier im Hause vornehmen läßt, für Dich die Ehre von denen, die Vorteil bringen, in Anspruch nimmst und versuchst, Dich von denen, die Verantwortung bringen, zu drücken! – Unterbrich mich nicht – Du hast die Verantwortung für mein Kommen. Ich werde die Verantwortung für das Ganze tragen müssen, und ich bin nicht gekommen, um für Dich und eure vorzügliche musikalische Obrigkeit die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Ich bin gekommen, weil ich Deine Tochter Tine zur Frau haben will, und ich will sie heute haben. Daß Du mich einmal und unwiderruflich verstanden hast! – Punktum.«

Busgaard fuhr von seinem Stuhl in die Höhe.

»Nie!« fauchte er. »Nie, solange ich lebe. Du bist ein verfluchter, großmäuliger Kopenhagner Laffe, den ich hasse und verabscheue; Du bist ein Rechtsverdreher, ein widerwärtiger Jurist, Du bist alles das auf Erden, was mir fatal und zuwider ist.«

»Onkel,« erwiderte Thomas sanft, »Du beachtest wohl nicht, daß die Ausdrücke, die Du benützt, meine Gefühle verletzen könnten.«

»Deine Gefühle verletzen!« brauste Busgaard auf noch lärmender infolge der Sanftmut des andern. »Deine Gefühle sind mir ganz und gar schnuppe. Meine Tochter kriegst Du nicht, solange ich atme, und wir Busgaards werden gewöhnlich in die achtzig. Ich kann mich nicht darein finden, daß Du hier herumläufst und dem Diebstahl nachspürst, dessen Urheber Du also nicht entdecken kannst. Du sagst, daß Du unten im Keller einen sitzen hast, der das Geld nicht gestohlen hat, – das habe ich auch nicht und Klemmesen auch nicht, obgleich der Esel mich auf andre Weise geprellt hat, daß mir die Haare zu Berge stehen –«

»Siehst Du,« unterbrach ihn Thomas sanft, »dieses Wissen schuldest Du doch gewissermaßen mir.«

»Ich pfeife auf Dein Wissen,« fuhr Busgaard fauchend fort. »Ich bekomme mein Geld doch nicht wieder, denn das Geld hat der Kerl bei gesetzlichen Kommissionen verdient. Aber das weiß ich, daß ich nie im Leben Dich zum Schwiegersohn haben will, und daß Tine viel zu gut für Dich ist. Hast Du nicht einmal soviel für ein Haus, wo Du deine ganze Kindheit hindurch mit Wohltaten überhäuft worden bist, übrig, daß Du etwas von Deiner Dankesschuld abbezahlen willst, dadurch, daß Du den elenden Dieb findest, so mach daß Du fortkommst – reise ab je eher je lieber. Du kennst den Weg nach Hause. Und verschone mich mit dem Anblicke Deines unangenehmen Gesichtes.«

Busgaard stampfte im Zimmer herum wie ein Stier, der sich losgerissen hat und nur auf die Gelegenheit wartet, dem Viehknecht zwei dicke Hörner in den Leib zu stoßen.

Thomas saß behaglich in den Stuhl zurückgelehnt, der bei dem Wutanfall von Onkel Bus frei geworden war.

Er pfiff eine sanfte Melodie aus einer österreichischen Operette in dem Glauben, es sei die Marseillaise.

»Du pfeifst noch obendrein!« schnaubte Busgaard und senkte den Kopf als ob er zustoßen wollte.

»Ja,« antwortete Thomas, »so nennt man es wohl, wenn man die Luft zwischen den Lippen herausbläst! Ich möchte so gerne freundlich gegen Dich sein, und Du interessierst Dich ja bekanntlich für Musik.«

»Bist Du fertig mit Deinen Grobheiten?«

Busgaard war ganz außer Atem, er schnappte förmlich nach Luft.

Thomas lächelte – sein Pfeifen bedeutete ein Signal. Thomas Klem pfiff nie, ohne daß es etwas bedeutete. Musik war für ihn kein Vergnügen.

Zur Tür herein trat errötend, beklommen, vorsichtig die schöne Martine Luthera. Thomas stand auf, ging auf die zitternde Jungfrau zu, nahm ihre Hand in die seine, schlang seinen Arm um ihre schlanke Taille und küßte ihre Lippen.

»Darf ich Dir meine Braut, Fräulein Busgaard, vorstellen,« sagte er. »Und laß mich im Kanzleistil hinzufügen: Dies zur Nachricht, nicht zum Beschluß! Wir beide haben uns verlobt. Solltest Du dieses freudige Ereignis mit einem Schlaganfall feiern wollen, was Dein Aussehen augenblicklich befürchten läßt, so werde ich Dich zum Grab geleiten, aber verlange nicht, daß ich Dich unnatürlichen, aber uns herzlich gleichgültigen Vater beweinen soll.«

Busgaard stampfte auf den Fußboden und focht mit den Armen, Worte brachte er nicht heraus.

Tine bat flehentlich: »Vater« –

Aber Thomas fiel ihr ins Wort: »Nenne diesen Mann nicht Vater! Es steht in der Schrift, daß das Weib Vater und Mutter verlassen soll und dem anhangen, den sie liebt. Ich habe diese Kernstelle schon früher vor Dir zitiert. Du bist mein!«

»Ich werde Dir zeigen« – bellte Busgaard.

»Du wirst gar nichts zeigen. Ich bin es, der zeigen wird!« antwortete Thomas fest und bestimmt.

»Ich habe jetzt die Possen satt. Das Mädchen und ich sind einig; wir brauchen Dich nicht, aber Du hast das Pech meiner zu bedürfen. Du hast jetzt die Wahl, entweder Du schlägst ein, oder Tine und ich gehen. Wir gehen! Du ahnst nicht, was das in diesem Augenblick bedeutet. Es sitzt ein Mann im Keller unten, der vielleicht der Dieb ist; vielleicht ist er es nicht, und dann kannst Du den Teufel zu sehen kriegen und das so gründlich, daß Du Deinen alten Freund und Waffenbruder kaum wiedererkennen wirst. Ich halte in diesem Augenblick alle Fäden in meiner Hand, und wenn ich weggehe, so stürzt das Ganze zusammen, daß Du es weißt. Jetzt verlange ich Deine bestimmte Antwort, willst Du Dich benehmen wie ein gebildeter Mensch, oder willst Du Dich weiter wie ein Stier aufführen. Für mich spielt das nicht die geringste Rolle; ich weiß, wie ich mich zu verhalten habe, – aber für Dich könnte es von Bedeutung werden.«

Busgaard schnurrte herum wie ein Kreisel und stürzte zur Tür hinaus, während er nach seiner Frau rief, daß es durch das Haus dröhnte.

Thomas küßte Tine zärtlich und lange, bis er durch das Klopfen des Polizeidieners Hansen unterbrochen wurde.

Hansen kam mit Arthurs Tasche. – Thomas nahm sie und betrachtete das Siegel.

»Stand sie oben beim Ingenieur in der Nähe des Kachelofens?« fragte Thomas, indem er das Siegel befühlte.

»Nein,« antwortete der Polizeidiener, »sie stand im Fenster.«

»Haben Sie bemerkt, daß das Siegel ganz warm ist?« fragte Thomas und reichte dem Polizeidiener die Tasche.

»Das ist es auch,« sagte Hansen. – »Was meinen Herr Assessor?«

»Daß Sie die Tasche auf mein Zimmer stellen sollen; nach dem Mittagessen wollen wir Verhör halten und sie vom Kreisrichter untersuchen lassen. – Sie werden noch nähere Order erhalten.«

Hansen verbeugte sich und ging.

Thomas wandte sich zu Tine und küßte sie wieder. Darin hatte er allmählich eine bedeutende Übung erlangt, und es mißfiel ihr nicht. So etwas mißfällt jungen Frauen nie, vorausgesetzt daß es der Richtige tut.

Onkel Bus hatte seine Ehehälfte gefunden, und sie kamen Schulter an Schulter herein.

»Aber was tut Ihr denn da?« fragte Tante Mus mit gemachtem Erstaunen.

Thomas drehte sich zu seinen Schwiegereltern herum.

»Wir besiegeln einen Bund, wie es in den Romanen heißt, oder um die Klassiker zu zitieren, Tante Mus: Ein Kuß ist einst die Grenze gewesen, die Zukunft und Vergangenheit schied – so lautet es ungefähr. – Was Deinen hochverehrten Gemahl anlangt, so ist er unterrichtet.

Busgaard schwieg.

Und kurz darauf ging die ganze Gesellschaft zu Tisch. Thomas Klem brachte ein Hoch auf die Neuverlobten aus.

Onkel Bus überlebte es.

Das war also unbedingt in Ordnung.



Schildert Kummer und Freude als zwei herrliche Gegensätze

Es war gegen Abend, die Lampe brannte auf dem Tisch in der Wohnstube, und die Hausfrau saß dabei und strickte.

Tyr und Tut lernten ihre Lektion und bedachten sich unter dem Tisch mit Fußtritten; das taten sie immer, wenn sie da saßen.

»Kannst Du es nun, Tyr?« fragte die Mutter ein bißchen müde und griff nach dem Buch.

»Ja, Mutter, jetzt kann ich es,« antwortete Tyr und lieferte das Lesebuch aus.

»Laß mich hören – was hast du auf?« Die Mutter nahm das Buch.

»Über den Verfall der katholischen Kirche – da« – Tyr zeigte im Buch.

»Laß hören,« sagte die Mutter und setzte sich zurecht. Tyr begann:

»Die Gründe, warum die Reformation unter Friedrich dem Ersten in Dänemark so rasche Fortschritte machten, waren eh – eh – eh – eh«

»Na, was waren sie?«

»Eh – eh – eh . . .« Tyr saß fest.

»Von verschiedener Natur eh – eh –«

»Der höhere Priesterstand –« sie klopfte ungeduldig mit den Stricknadeln.

»Bestand aus Adligen, die zum – zum . . .«

»Größten Teil . . .« soufflierte die Mutter.

»Zum größten Teil nur Sinn für die zeitlichen Güter hatten, die ihnen ihre Stellung brachte, und in dem – eh – eh –«

»Niederen Priesterstand.« Es klang ungeduldig.

»In dem niedern Priesterstand eh – eh –«

»Fand sich –«

»Fand sich eh – eh –«

»Was fand sich da?« Tante Mus fing an böse zu werden.

Tyr schwieg.

»Nun, was fand sich in dem niedern Priesterstand?«

»Mönche,« riet der Unglückliche.

»Unsinn – Du kannst es ja nicht! Fand sich viel Un –«

»Viel Un –«

»– wissenheit! Gleich –«

»Unwissenheit, gleich – eh – eh – gleichsam . . .«

»Gleichgültigkeit!«

»Gleichgültigkeit eh – eh . . .«

»Und Un . . .«

»Und Unzuverlässigkeit!« – Tyr war nahe daran das Ganze aufzugeben.

»Nein, Unsittlichkeit! Du kannst es nicht, lerne es noch einmal.«

Und Tyr bekam das Buch an den Kopf.

Ein wenig später kam Tine herein; sie strahlte und ging direkt auf den Stuhl der Mutter. Die Jungen glotzten.

»Mutter kann ich mit Dir reden?« – Die Sache wurde geheimnisvoll.

»Gern, mein Kind!« – lautete die mütterliche Antwort.

Aber Tyr und Tut durften nicht hören, wonach sie vor Neugierde brannten.

Die beiden wurden ins Eßzimmer geschickt mit dem Befehl weiter zu lernen. Es kostete etwas Mühe sie los zu werden, aber schließlich wurden sie mit Tines Hilfe hinausgesteckt.

Als sie draußen waren, ging Tine zu ihrer Mutter hin und umarmte sie zärtlich und nicht ohne eine gewisse Leidenschaft.

»O, Mutter, Mutter, ich bin so unsäglich glücklich!« sagte sie, und das war sie.

»Das ist ja hübsch zu hören,« antwortete die Mutter gleichsam ein bißchen dämpfend, aber Tine fuhr fort.

»Vater hat nachgegeben! – Du weißt, ich sollte Thomas nicht kriegen, weil wir Vetter und Kusine sind, und ich liebe Thomas. Ich habe ihn schon als kleines Mädchen geliebt. Und jetzt kriege ich ihn richtig! O, Mutter, ich bin so unsäglich glücklich.«

Tine tanzte rund herum, und die Mutter nickte ihr zu. Es war gut, daß wenigstens eine glücklich war.

»Ja, da siehst Du's, mein Kind, man muß nur warten!« Sie konnte es doch nicht lassen, moralisch zu sein und Lehren an die lichten Augenblicke des Lebens zu knüpfen.

Tine faltete die Hände. »Und ich, die ich nahe daran war eine alte Jungfer zu werden – ja, das war ich! Pastors Emilie ist verheiratet und Doktors Anna ist aufgeboten. – Mortensens Trine hat schon das Erste taufen lassen. Alle versorgt. Nur ich – aber Mutter, jetzt ist das aus – jetzt heiraten wir. Ach, wie herrlich!« Und Tine jubelte laut bei dem schönen Gedanken.

»Und was soll ich dann machen? – An mich denkst Du nicht. Dann ruht alles auf mir allein.« – Die hausmütterlichen Sorgen meldeten sich.

»Du hast Monny – sie kann es recht gut. Und sie soll – nicht? sie soll.« Tine legte tröstend den Arm um den Hals der Mutter. Sie sah die Gefahr und verstand sie.

»Monny« – Tante Mus schüttelte den Kopf – »es wird doch nicht dasselbe, Tine – nie.«

»Du darfst es mir nicht verleiden, Mutter! Jetzt war ich so froh,« – und Tine, das gute Geschöpf, war nahe daran das Ganze zu bereuen.

»Das will ich auch nicht. Die Schwingen wachsen, und die Jungen verlassen das Nest. Die Alten bleiben allein zurück.« Die Haubenbänder zitterten.

»Das ist der Gang des Lebens, Tinchen! Das ist der Gang des Lebens; Gott segne Dich, mein Kind – Du bist mir eine gute Tochter gewesen. Und Thomas kann sich freuen, daß er Dich bekommt? Wie ist es denn zugegangen?«

Sie wollte doch gern die Geschichte in extenso hören.

Aber Tine war nicht eigentlich für das Epische veranlagt, sie gefiel sich ausschließlich in der Lyrik, die große Gesten, aber nur wenig Worte hat.

»Thomas hat zugegriffen,« sagte sie, »nun ist es Ernst, er hat Klemmesen in ein Mauseloch gejagt.«

»Der arme Klemmesen,« lächelte Tante Mus.

»Ach was, er kommt schon darüber weg. Du glaubst doch nicht etwa, daß er der Dieb ist? – Das hat Thomas freilich auch nie gemeint.«

Nein, das glaubte Tante Mus nicht – aber gerade darunter tut er ihr leid. Tine meinte dagegen, Klemmesen müßte froh sein, daß er so davon käme. Er könnte doch bei Gott im Himmel nicht alles auf einmal kriegen. Und fügte sie schelmisch hinzu: »Wenn Lea weg ist, so ist doch Rahel noch da.«

»Monny meinst du;« Tante Mus schüttelte den Kopf.

»Ja, das ist Monnys Sache,« sagte Tine kurz. »Ich bin nur so glücklich.«

»So daß Du nur an Dein eigenes Glück denken kannst,« fiel Tante Mus ihr ins Wort. »Ja so sind sie, die jungen Leute – aber warte nur! Auch das Eure kommt noch. Jeder bekommt das Seinige hier im Leben,« und wieder wurde das Belehrende an das Erfreuliche geknüpft.

Tine lachte: »Jetzt kriege ich meinen, und dann mag jede ihren nehmen –« und sie tanzte lustig im Zimmer herum und schlug mit den Flügeln.

Sie endete schließlich am Klavier und begann in unbändiger Freude die unschuldigen Tasten zu mißhandeln und dazu zu singen.

»Ach Mutter, ich bin so unsäglich glücklich!« Und ohne ihre Freude näher zu begründen, tanzte sie zur Stube hinaus, um die Quelle aller Freude zu suchen, den früher halb heimlichen, jetzt im Sonnenlicht offenbaren regulären, bald mit Ring versehenen einzigen Einen – –

Glückliche Jugend, glückselige Tine!

Frau Busgaard strickte und schüttelte den Kopf. Sie kannte das Leben. Ach ja, das tat sie. Betrübt und niedergedrückt, recht ein Jammer anzuschauen, trat kurz darauf Monny in die Stube ein und näherte sich mit langsamen Schritten.

»Monnychen – was fehlt Dir?« fragte Tante Mus und blickte auf.

»Nichts, Mutter,« lautete die Antwort. Es klang nicht überzeugend.

»Doch, es fehlt Dir etwas – komm her zu Mutter! – Komm, kleines Mädchen, wie in alten Tagen – komm zu Mutter mit Deinen kleinen Sorgen!« Und Tante Mus lockte die arme Monny wie ein Hündchen.

»Ich kann nicht, Mutter.« Es war dicht vorm Ausbruch.

»Gewiß kannst Du, Monny – ein junges Mädchen kann immer mit seinen Sorgen zu seiner alten Mutter kommen! – Sprich Dich nur aus, mein Kind. Monny« – und die mütterlichen Arme öffneten sich.

Da schmolz das Eis und Monny brach in Tränen aus. »Ach Mutter, Mutter, ich wollte, ich wäre tot, ich bin so grenzenlos unglücklich!«

»Aber, mein Gott, was ist mit Dir?« Tante Mus war ganz entsetzt. Monny schluchzte.

»Du bist so gut, Mutter – Du bist meine liebe Mutter, Du mußt mir helfen – ich kann nicht, Mutter, ich bin so grenzenlos unglücklich!« – Das Köpfchen sank auf den stützenden Arm herab, Monny gab den Kampf auf!

»Was ist es denn – Du mußt es mir erst erzählen,« fragte Tante Mus beinahe eben so unglücklich wie die Tochter. Und nun begann der Bericht unklar und stotternd:

»Er – er – er, der unten im Rollkeller sitzt, das ist – er – Arthur – den ich liebe!« Monny weinte weiter, ganz in Tränen aufgelöst.

»Was sagst Du, Kind? Sitzt einer, den Du liebst, unten im Rollkeller?«

Tante Mus, die ganz unvorbereitet war, schlug in wirklichem unverstellten Erstaunen die Hände überm Kopf zusammen. Etwas derartiges hatte sie ganz und gar nicht erwartet.

»Ja – Arthur Franck!« Es war der Name des Geliebten, der ausgeliefert wurde.

»Wer ist Arthur Franck?« fragte Tante Mus; sie war so klug wie zuvor.

Monny fuhr fort, erst stotternd, dann immer fester: »Ja, es war Sünde von mir – und darum straft mich der liebe Gott so streng – ich habe es vor Dir geheim gehalten, Mutter – es war im August – nein, es war im vorigen Winter, wir trafen uns bei Tante Bine –.« Hierauf folgte das ganze Idyll, das wir schon lange kennen.

Die Mutter schüttelte den Kopf, sie könnte doch nicht alles begreifen.

»Er ist so gut und lieb – und sein Vater ist furchtbar reich! Arthur hat nicht gestohlen, er hat es nicht nötig zu stehlen. Und Thomas kennt ihn sehr gut, es ist nur, weil er schlecht ist . . .« Monny war tief in eignen Gedanken.

»Es ist Arthur Franck – sein Vater ist Hans Franck & Co., Wein und Zigarren. – Arthur studiert Jura. Er liebt mich, und ich liebe ihn, und wir sind heimlich verlobt!«

»Ohne Vater und mich zu fragen?« Tante Mus schüttelte bedenklich den Kopf.

»Ja, Vater hätte es ja nie erlaubt, – das weißt Du doch, Mutter! Vater ist so furchtbar ungerecht gegen Juristen, und wir haben ja keine Ringe. – Ich würde nie einen Verlobungsring haben, ohne daß Vater und Du es wüßtet.«

Tante Mus fuhr fort den Kopf zu schütteln.

»Nein, süße Mutter, liebes süßes Mütterchen, das würdest Du nicht sagen, wenn Du Arthur kenntest. Er ist so tüchtig, und er spielt so schön Klavier, viel besser als der eklige Willumsen. – Ach Mutter, Mutter . . . Und nun sitzt er im Rollkeller unten, und Thomas sagt, er hätte die 2500 Kronen gestohlen.«

Tante Mus verstand trotz alledem nicht ein Wort von der ganzen Geschichte.

Thomas würde ihr alles erklären – Monny wußte gar nichts – sie wußte nur, daß Arthur vor dem Mittagessen arretiert worden wäre. – Und als sie von der Verhaftung sprach, weinte sie wieder und fuhr fort mit weinen.

»Wir müssen es Vater sagen,« sagte Tante Mus und stand auf; aber davon wollte Monny nichts hören. Doch die Mutter blieb dabei.

»Ja, kleine Monny! Vater und ich sind bald 27 Jahre verheiratet, und ich habe nie ein Geheimnis vor ihm gehabt. Er ist Dein Vater, und er ist ein guter Vater. Darüber muß ich gleich mit ihm reden.« – Und sie machte sich los, um zu gehen.

Monny hielt sie auf. »Mutter, Mutter – dann laufe ich hinaus und ertränke mich im Teich.« Monny zitterte am ganzen Körper vor Nervosität.

»Nicht zu Vater – nicht zu Vater – sprich mit Thomas.«

Tante Mus blieb unschlüssig stehen; was in aller Welt sollte sie tun? Zum Glück ging die Tür auf und Thomas in eigener Person trat ein. Er blieb stehen und sah die beiden an, sagte aber nichts. Tante Mus sprach zuerst.

»Monny ist ganz außer sich – ich verstehe nicht die Hälfte von dem, was sie sagte, aber die ganze Geschichte ist furchtbar verfahren.«

»Das ist sie« – sagte Thomas mit Grabesstimme.

»Sie will nicht, daß ich es Vater sagen soll,« fuhr Tante Mus fort. »Aber ich finde doch, ich soll und muß es ihm sagen. Was meinst Du, Thomas?«

Thomas antwortete: »Ich finde wie Du – Du mußt unbedingt dem Onkel alles sagen, alles was Monny erzählt hat – und will er mehr wissen, kann er mich fragen.«

»Thomas, daß Du es übers Herz bringst,« kam es halberstickt von Monnys Lippen, aber Thomas war unbeugsam.

»Geh, Tante Mus, geh und tue Deine Pflicht!«

Und Frau Busgaard schritt auf die Tür zu, beständig kopfschüttelnd. »Monny wollte ihr nach. »Mutter!« – Aber Thomas trat dazwischen und sagte scharf: »Du bleibst hier, Monny!«

Monny blieb stehen – in ihrem Auge brannte eine trotzige Glut, hier stand Vetter gegen Kusine. Tante Mus flüchtete.

»Zu wem redest Du?« fragte Monny, als die beiden allein waren.

»Ich rede zu Dir – setz Dich!« lautete die feste Antwort.

»Willst Du hier kommandieren?« fragte sie rasch und spitz.

»Ja – ich habe das Kommando übernommen,« erwiderte er unbeugsam.

»Ach, Thomas, Thomas! Hilf mir, ich halte es nicht aus.« Jetzt brach Monny zusammen.

»So, so, kleine Monny – Deine Hand, so – so ist es recht, und nicht lange danach umschlangen die beiden kleinen Hände seinen Hals. – »Ach, Thomas, Thomas –«

Es wurde also Friede. Thomas tröstete.

»Was jetzt geschieht, geschieht um Deinetwillen und zu Deinem eigenen Besten! Die Kur ist vielleicht hart. Aber so muß es bisweilen sein. Die Sonne kann nicht immer scheinen.«

Monny schluchzte: »Arthur hat nicht gestohlen! – Arthur kann nicht stehlen!«

»Das werden wir erfahren,« sagte Thomas und beruhigte sie, wie man ein kleines Kind zur Ruhe redet. »Es genügt nun einmal nicht zur Entscheidung der Sache, daß Du es sagst. Der Dieb soll gefunden werden, und er soll jetzt gefunden werden. Das wird meine Sache sein. Hat Arthur gestohlen, so ist es vorbei – und hat er es nicht getan, so fängt es für Dich erst recht an!« Und Thomas strich behutsam über die weichen braunen Locken.

»Arthur kann nicht stehlen,« murmelte Monny standhaft.

»Das hilft nichts,« unterbrach er sie – »Du sollst mit Deinem Vater sprechen – Du magst es ihm gern sagen – Du sollst ganz frei von der Seele weg sprechen! Was später geschieht, ist meine Sache.«

»Und Arthur, soll er in dem garstigen Keller sitzen bleiben?«

»Das schadet ihm nichts. – Er sitzt, wo er sitzen soll – vorläufig. Verlaß Dich nur auf mich, Monny.«

»Glaubst Du, daß Arthur gestohlen hat?« Sie war nicht davon abzubringen. Er antwortete: »Ich glaube nie, wo ich sicher bin, daß ich in kurzer Zeit wissen werde. Trockne Deine Augen und sei ein vernünftiges Mädchen. – So, da kommt der Onkel!«

Man hörte feste Schritte vom Eßzimmer her.

»Du darfst nicht gehen, Thomas – Du mußt bleiben,« bat Monny in Angst.

»Nein, das muß ich gerade nicht,« lautete die Antwort. Ich komme, wenn es für mich Zeit ist einzugreifen. Jetzt ist es an Dir!« Und Thomas schritt zur Tür. »Kopf hoch, für alles, was Du getan hast, kannst Du getrost einstehen. Kopf hoch!«

Jetzt trat Busgaard vom Eßzimmer her sehr feierlich ein; hinter ihm her trippelte ängstlich seine Frau. – Thomas ging rückwärts, ohne ein Wort zu sagen, zur Tür hinaus, und Busgaard blieb mitten im Zimmer stehen, wie der steinerne Gast im Don Juan, unheilschwanger, bereit loszudonnern und Fluch und Verdammnis auszusprechen.

Monny sank hilflos auf einen Stuhl am Tisch nieder und verbarg ihr Gesicht in den Händen, recht ein Bild von Kummer und Zerknirschung.

Da geschah das große Wunder. Busgaards Gesicht wurde mild und freundlich; er ging zu seiner Tochter hin, legte die Hand auf ihre Schulter und sagte: »Monny, Kind, hast Du wirklich kein Vertrauen zu Deinem alten Vater mehr?«

Und da schmolz Monny zum zweiten Male hin.

»Ich dachte – ich glaubte,« stotterte sie verschüchtert unter Tränen.

Busgaard nahm sie in seine Arme und streichelte ihr Haar: »Du glaubtest, ich, Dein Vater, auf dessen Knien Du als kleines Mädchen gesessen hast, der Dich gehätschelt und für Dich getan hat, was er konnte, im Laufe der Jahre, ich würde Dich, das erste Mal, wo Du Deine eigenen Wege gingst und Dich aus dem schützenden Heim hinauswagtest, in Sturm und Regen – in Not und Verzweiflung – stehen lassen. Nein, kleine Monny, da kennst Du Deinen Vater nicht!«

»Ach, Vater, Vater,« – die kleine Monny war ganz aufgelöst.

Busgaard fuhr fort: »Ich kann wohl schelten und aufbrausen – ich kann wohl ungerecht sein – aber ich habe ein Herz, nicht Mutter? das weißt Du doch besser, als irgend einer. – Ich habe wirklich ein Herz. Das habe ich doch heute schon einmal gezeigt – nicht?

Du hast also einen getroffen, der Dir den Kopf verdreht hat, kleine Monny. Laß mich nun die ganze Geschichte hören.«

Und nun erfuhr auch Busgaard Monnys kleinen Roman. Er hörte andächtig zu, schüttelte ab und zu das buschige Haupt, sagte aber kein Sterbenswörtchen.

»Arthur hat nicht gestohlen!« schloß Monny; das war im Grunde das einzige, worum ihre Gedanken sich drehten.

Busgaard rieb sich die Stirn und zögerte mit der Antwort. Er wollte ungern zur Sache Stellung nehmen, ehe alles aufgeklärt und in Ordnung wäre. Schließlich sagte er:

»Ich kann wohl begreifen, daß Du das wissen möchtest – und es wird bald aufgeklärt werden. Das verwünschte Geld! Erst beschuldigte Thomas mich, dann unsern braven Klemmesen, und jetzt sitzt der Bursche dort unten – Ich bereue, daß ich den Laffen, den Thomas nicht vom Hofe gejagt habe . . .« Jetzt sollte es über den unschuldigen Thomas hergehen. »Das ist auch Deine Schuld, Mutter,« und der alte Busgaard wollte wieder erwachen.

»Aber Mann,« tönte es verweisend von Tante Mus' Lippen.

Monny fiel ein: »Vater, Du darfst nicht zulassen, daß der Kreisrichter . . .« Busgaard schüttelte den Kopf.

»Nichts mehr davon, mein Kind! – Heute Abend sprechen wir darüber. Geh zu Deiner Schwester und trockne Deine Augen, der liebe Gott hilft uns schon« – Der Vater war wieder bewegt und Monny verließ das Zimmer mit einem väterlichen Kuß auf der Stirn und dämmernder Hoffnung im Herzen.

Busgaard ging ernst zu seiner Ehehälfte hin und starrte ins Weite:

»Mutter, Mutter, hier gehen merkwürdige Dinge vor sich. Die Kinder bekommen Flügel und wollen aus dem Nest flattern. Sie wollen ihren Flug selbst bestimmen. Und ich meinte, wir sollten auch in dem Kapitel für sie sorgen. Das tat Dein Vater für Dich, Mutter, und keins von uns hat es jemals bereut.«

»So soll es jetzt wohl nicht mehr sein,« wandte die treue Gattin mit frommer Resignation ein. »Wenn man nur wüßte, was das Richtige ist.«

»Das Neue kann zu einem schlimmen Ende führen,« sagte der bekümmerte Vater, und das graue buschige Haar bewegte sich auf seinem Kopfe wie unter einem unruhigen Herbstwind.

Tante Mus legte ihre Hände auf seine Schulter und blickte ihn freundlich an:

»Das konnte das Alte wohl auch! – Nein, Vater, wir sollen die jungen Herzen sprechen lassen. Und gibt es einen reinen Klang, so wollen wir sie gewähren lassen. – Du liebst die Musik ja so sehr.«

Busgaard küßte sie. »Du bist so still, Mutter, und Du bekommst so still recht.«

Die Entreetür ging auf und herein trat lächelnd und liebenswürdig der musikalische Kreisrichter Heiden.

Tante Mus flüchtete verlegen und Busgaard beeilte sich zu erklären: »Ich küßte meine Frau, Herr Kreisrichter,« dann lachte er ein wenig.

»Ja, das ist Ihr gutes Recht, Herr Gutsbesitzer,« sagte Heiden ruhig.

»Jedenfalls nichts, dessen man sich zu schämen braucht, Mutter,« fuhr Busgaard behaglich fort. »Das haben Sie wohl auch schon getan, Herr Kreisrichter.«

Heiden lächelte: »Nein, Ihre Frau habe ich nie geküßt, und selber habe ich nie eine gehabt. Ich habe mein Amt und meine Musik.«

»Hm,« sagte Busgaard, »wem das genügt! Ich liebe meine Musik, das tue ich wahrhaftig, aber Frau und Kinder – wissen Sie, Herr Kreisrichter – sind doch die schönste Musik, die der liebe Gott für menschliche Stimmen gesetzt hat.«



Consilium juridicum

Onkel Bus war liebevoll und mild. Daran war hauptsächlich der Spaziergang vor Tisch schuld, aber zugleich und vielleicht nicht zum wenigsten das kleine hübsche Intermezzo, das eben geschildert wurde. Und wenn Onkel Bus mild war, wollte er Musik machen.

Doch der Kreisrichter war diesmal nicht dazu aufgelegt.

»Lieber Herr Gutsbesitzer,« sagte er, »ich kann es wirklich nicht verantworten, die wichtige Sache länger ruhen zu lassen. Ich muß mit Ihrem Neffen darüber verhandeln, was wir vornehmen sollen. Auf mir ruht die Verantwortung, ich kann die Arbeit nicht länger von mir schieben.«

Dem konnte Onkel Bus natürlich nicht widersprechen, aber ehrlich gesagt fand er es viel einfacher, Thomas den ernsthafteren Teil der Arbeit zu überlassen. Auf diesem Punkt war Onkel Bus ein echter Landmann. Er wollte wirklich etwas für seine Ausgaben haben, und hatte er Tine jetzt an Thomas gegeben, so war es nur recht und billig, daß dieser zum Entgelt eine Arbeit leistete, die er aller Wahrscheinlichkeit nach besser leisten konnte, als der ihm in musikalischer Hinsicht weit überlegene Kreisrichter.

Doch Heiden blieb fest. Jetzt fühlte er sich als Kreisrichter, und fühlte er den Drang zu wirken. Fast war er neidisch auf den Assessor geworden, wegen des aktiven Anteils, den dieser an den Ereignissen hatte, und doch hatte Heiden selber das Ganze von sich geschoben.

Jetzt zuckten dem braven Kreisrichter die Finger, in die Sache einzugreifen, der er den ganzen Tag keinen Gedanken geschenkt hatte. Und warum? Weil Hansen ihm mitgeteilt hatte, daß ein Gegenstand für die Untersuchung unten im Rollkeller säße. Das war mehr als Heiden aushalten konnte. Er wollte die Ehre haben, den Verhafteten zu verhören, er wollte die Verantwortung für den weiteren Verlauf der Sache übernehmen, weil er der zuständige Kreisrichter war. –

Die beiden Beamten saßen in Busgaards Zimmer, in der vom Kreisrichter gewünschten Konferenz.

»Zunächst hätte ich Lust zu erfahren, was Sie gesehen und gehört haben,« sagte der Kreisrichter.

»In großen Umrissen sollen Sie es erfahren,« erwiderte Thomas freundlich, »aber nur in großen Umrissen, dieweil das Geheimnis meiner Methode ist, daß sie als Anschauungsunterricht wirken soll.

Ich ging davon aus, daß hier ein Hausdiebstahl vorläge, und darin waren Sie ja heute morgen mit mir einig; aber der Hausdieb, den wir zunächst im Verdacht hatten, schien uns beiden ein ehrlicher Mann zu sein. Das führte Sie dazu, in Ihrem Verdacht schwankend zu werden, während es mich darauf brachte von der Person abzusehen und davon auszugehen, daß alle ehrlichen Männer verdächtig wären. So kam ich dazu, abgesehen davon, daß ich meine privaten Kartoffeln häufelte, was ich bekenne in reichem Maße getan zu haben, den Verdacht auf Willumsen zu richten, und ich fand heraus, daß er im allerhöchsten Grade verdächtig sei, aber gerade als ich im besten Zuge mit ihm war, wurde ich auf den dritten aufmerksam, der jedem Polizeibeamten auffällig erscheinen mußte.«

»Das ist vermutlich der, der im Keller sitzt,« warf Heiden ein.

»Richtig,« antwortete Thomas. »Aus dem Grunde sitzt er im Keller, während Klemmesen und Willumsen frei herumgehen. Klemmesen ist von dem Verdacht völlig gereinigt, denn er hat Busgaard Aufklärungen über seine Ersparnisse und Einkünfte gegeben. Er hat damit meinen ausgezeichneten Onkel geärgert und mich erfreut, aber er hat zugleich über eine Menge kleiner Dinge, die ich später vor Ihnen aufrollen werde, Licht verbreitet. Ich habe gesprächsweise alle Hausbewohner verhört und mein Verdacht, daß ein Hausdiebstahl vorliege, ist mehr als bestätigt worden – er ist zur Gewißheit geworden.«

»Sieh an,« sagte der Kreisrichter, »das ist nicht wenig; und doch sitzt der junge Mann im Rollkeller.«

Thomas lächelte: »Er sitzt dort aus privatrechtlichen Gründen; doch lassen Sie mich hinzufügen, es ist möglich, daß ich meinen Coup nicht durchführen kann. Es ist möglich, daß ich nicht beweisen kann, daß ich recht habe. Und in diesem Fall bin ich sehr gegen meinen Willen genötigt, den jungen Mann auszuliefern. Ich rechne mit starkem und bedeutendem Widerstand, und ich unterschätze meine Gegner niemals. Ich betone daher ausdrücklich, es ist möglich, daß mein großes Verhör damit endet, daß Sie sagen non liquet, wie die alten römischen Richter taten, wenn die Sache nicht genügend aufgeklärt war. Und aus diesem Grunde führe ich jetzt gern dieses Gespräch mit Ihnen. Glückt es mir nicht, den Dieb festzunageln und die Beweise auf den Tisch zu legen, so bitte ich Sie dabei mitzuwirken, daß diese Sache in Frieden geordnet wird. Ich glaube, Busgaard ist bereit, sie fallen zu lassen. Die Summe ist gewiß groß, aber sie bedeutet für ihn nicht viel, und für die Familie ist es am besten, wenn die Sache heute zum Abschluß kommt, ob sie entschieden wird oder nicht. Wollen Sie mir dazu helfen?«

Der Kreisrichter legte den Finger an die Nase und sah sehr nachdenklich aus.

»Ich glaubte, Sie wären Ihrer Sache sicher,« sagte er.

»Sicher,« wiederholte Thomas lächelnd, »wer ist sicher? Ich bin meiner Sache ziemlich gewiß, mehr darf ich nicht behaupten. Aber ich möchte ungern daneben treffen. Ich bin nicht unfehlbar. Ich habe im Sinn, ziemlich weit zu gehen, viel weiter als Sie je gehen würden. In einem Verhör dieser Art ist ein coup de main rätlich und zulässig. Aber wenn er mißglückt, ist ein rascher Rückzug nötig.

Sie müssen mir also ganz freie Hand lassen, Wollen Sie das?«

Heiden kaute eine Weile daran.

»Viel ist es nicht, was Sie mir die Ehre erwiesen, mitzuteilen,« sagte er lächelnd.

»Abgesehen von dem allgemeinen Verdacht gegen Willumsen, den Sie nicht einmal begründet haben, eigentlich gar nichts. Aber ich will versuchen, mich Ihres Vertrauens würdig zu zeigen, indem ich Ihnen Vertrauen schenke. Das ist eine hübsche und bisweilen nützliche Übung zwischen Männern von Geist. Sie können über mich disponieren. Wollen Sie ein Verhör haben mit Protokoll und dem ganzen Apparat, oder wünschen Sie einen Anschauungsunterricht in Ihrem eignen Stil.«

»Absolut das letztere,« antwortete Thomas eifrig. »Ein Monstrum, wie ein Gerichtsprotokoll darf nicht zum Vorschein kommen, am allerwenigsten in dieser Sache, ehe sie klar und offen vor Augen liegt.«

»Und Sie meinen, sie kann ohne Einschreiten beigelegt werden? Es handelt sich doch um einen bedeutenden Diebstahl?«

»Ich meine, daß jeder Prozeß, der sich nicht um Mord oder Gewalt von grober und gefährlicher Art dreht, eingestellt werden kann und muß, wenn die sonstigen Umstände dafür sprechen. So lange wir einem großen, vielleicht dem größten Teil der Missetaten, die begangen werden, machtlos gegenüberstehen, haben wir das Recht zu wählen, welche wir verfolgen wollen und welche nicht. Das Eigentumsrecht war einst der Grundpfeiler der menschlichen Gemeinschaft; jetzt haben wir andere ebenso wertvolle Güter kennen gelernt und ihnen gegenüber treten neue Ideen ins Leben. Wir wollen daher nicht zu doktrinär an den alten Begriffen festhalten. Es ist bisweilen ganz geschickt, die großen Diebe laufen zu lassen, sie sind vielleicht doch nicht so gefährlich für die Gesellschaft wie die kleinen.«

Heiden schüttelte den Kopf. »Prinzipien haben Sie wohl nicht, mein lieber Klem,« sagte er.

»Nein«, erwiderte Thomas, »ich bekenne, daß ich Vollblut-Nützlichkeitsmoralist bin. Aber ist man es konsequent, so ist es ja in Wirklichkeit nur eine neue Bezeichnung für dasselbe, wie das Alte. Das wichtigste ist, daß wir beide einig sind.«

Das waren sie also. Thomas begab sich auf sein Zimmer, um die letzte Hand ans Werk zu legen.

Der Kreisrichter blieb sitzen und dachte nach. Dann schüttelte er sein ergrauendes Haupt und sagte vor sich hin:

»Du bist gewiß nicht auf Deinen rechten Platz gekommen, lieber alter Freund.«

Das sagte er zu sich selber, denn er hielt viel von sich und das nicht mit Unrecht.



Das große Verhör

Der Knoten zieht sich zusammen. – Wir sind nun soweit, daß wir Bescheid haben wollen. Auf vielen kleinen Wegen sind wir dem großen Endziel entgegengeführt worden. Wer ist der Dieb, wer hat Gutsbesitzer Busgaards Geld gestohlen?

Ein Mann weiß es, und das ist Kriminalassessor Thomas Klem. Er weiß es so sicher und bestimmt, er kann auf den Dieb herabstoßen und mit schallender Stimme sagen: Du bist der Mann! Und das ist es auch, was er jetzt will. Sein Gespräch mit dem Kreisrichter war das letzte abschließende Glied in einem sorgfältig überlegten und sorgfältig durchgeführten Plan, worin nur das allernotwendigste dem blinden Zufall überlassen war.

Thomas Klem wollte nicht überraschen; wenn alles in Ordnung war, sollte der Verbrecher verhört werden; wollte man die Sache dann in Güte ordnen, so konnte es geschehen, wenn der Verbrecher es verdiente. Aber alles mußte offen und klar zu Tage liegen, der Beweis sollte der Beschuldigung auf dem Fuße folgen, das Geständnis sollte nicht erzwungen, sondern unter der Wucht des Unabwendbaren abgelegt werden. Und alles sollte offen vor den Augen derer, die es anging, vor sich gehen.

Der Kreisrichter und Busgaard warteten laut Verabredung in der Wohnstube, die beiden jungen Mädchen waren auf ihrem Platz und Frau Busgaard ging nervös hin und her wie eine Bruthenne, die von den Eiern verjagt ist und nicht wieder hingelangen kann.

Busgaard war etwas mißtrauisch. – »Ich will Ihnen eins sagen,« sagte er zum Kreisrichter, »ich habe nicht viel Fiduz zu Thomas. Er fing damit an, mich und Mutter zu beschuldigen, dann brachte er Klemmesen in Verdacht, jetzt hat er den jungen Menschen im Keller unten festgesetzt, und wir sind soweit, wie wir waren.

Polizeidiener Hansen sagt nichts, er sieht geradezu einen Papst in Thomas, und wir zwei dürfen unsre Trios nicht spielen. Der Teufel weiß, wozu das alles dient. Das Mädchen hat er mir abgezwungen, und dabei tut er wichtig wie immer und hat uns jetzt zu einem großen Verhör, wie er sagt, zusammengetrommelt.

Ich weiß nicht, ob ich der Idiot bin!«

Der Kreisrichter lächelte, sagte aber nichts.

Es klopfte und Klemmesen trat herein; der brave Verwalter war stark mitgenommen von den Ereignissen des Tages und noch ein bißchen geduckt nach der Abrechnung mit seinem Gutsherrn; er kam zu einer Türritze herein. Die Kunst verstand er, wenn er verlegen war.

Busgaard versuchte herzlich gegen den Verwalter zu sein, aber es wollte nicht recht gehen; so fuhr er fort, auf Thomas herumzuhacken.

Klemmesen nickte Beifall, aber der Kreisrichter war nicht dafür zu haben.

»Ich habe Vertrauen zu dem Assessor,« sagte er, »das ist eine Arbeitskraft, eine bedeutende Kraft!«

Der gute Kreisrichter fühlte selber, daß seine eigene Arbeit in der Angelegenheit nicht von großem Gewicht gewesen war.

»Gott sei Dank – da kam Thomas mit Willumsen!«

»Na, da sind Sie – wir sprachen von Ihnen,« sagte der Kreisrichter und rieb sich die Hände.

»Gut oder schlecht?« fragte Thomas; das war eine Wendung, die er oft brauchte.

»Gut natürlich. Wie steht es denn?« fragte der Kreisrichter.

Thomas wandte sich an Willumsen.

»Ich habe mit Herrn Willumsen über die Sache gesprochen – er ist ganz bekümmert wegen des jungen Mannes und hat für ihn gebeten.«

»Das macht Ihrem guten Herzen Ehre, Herr Ingenieur,« sagte Heiden freundlich.

»Was soll man sagen – es ist so häßlich. Und es liegt ja nichts gegen ihn vor – so viel ich weiß,« fügte er vorsichtig hinzu.

Thomas unterbrach ihn. »Man beginnt mit wenigen und allmählich wird es mehr. Das ist die Kunst des Verhörs. Wir müssen eine Grundlage haben. Ich halte es für richtiger den verdächtigen Fremden anzuschuldigen als unsern Freund Klemmesen.

Will der Kreisrichter jedoch den Verdacht gegen den Verwalter aufrecht erhalten, á la bonheur

Busgaard bekam einen roten Kopf: »Nein, nein, nein – um Verzeihung, Klemmesen.«

»Bitte sehr, Herr Gutsbesitzer,« lautete die gutmütige Antwort des Verwalters. »Wenn es ein zweites Mal sein muß, ich stehe ganz zu Diensten.« Man lachte.

»Ich habe Hansen gebeten,« fuhr Thomas fort, »mit Ihrer Erlaubnis den Verhafteten heraufzuführen. Niels und Stine Steiffinger sind vorgeladen, Tyr und Monny werde ich brauchen, und für Tine ist es gut, ihren Bräutigam bei der Arbeit zu sehen.

Der Kreisrichter ist hier von Amtswegen, Onkel Bus als der Bestohlene, ist selbstverständlich zugegen und mit ihm Tante Mus auf Grund der Gütergemeinschaft! – Es wird eine große und stattliche Versammlung, nicht wahr?«

»Und ich?« fragte Klemmesen, der Lust hatte auszukneifen.

»Sie sind noch nicht von jedem Verdacht gereinigt, mein Herr, wollen Sie es unterlassen, sich wichtig zu machen.«

»Aber ich bin offenbar ganz überflüssig,« sagte Willumsen mit einem Lächeln.

Thomas verneigte sich vor dem Ingenieur: »Das sind Sie durchaus; aber da Sie entschieden der einzige sind, den die ganze Sache nichts angeht, würde ich Wert darauf legen, wenn Sie als unparteiischer Zeuge bei dem Verhör zugegen sein wollten.«

»Der Assessor hat recht, Sie tun auch mir einen Gefallen damit,« fügte der Kreisrichter hinzu. Das war ja eine einfache Folge der juristischen Erwägungen, die dem großen Schlag vorausgingen.

Jetzt kam Hansen mit Arthur herein. – Der Aufenthalt im Keller hatte den jungen Mann ungeduldig gemacht.

»Kann ich ein Wort mit Ihnen reden, Assessor Klem?« sagte er und ging direkt auf den Assessor los, der jedoch abwinkte.

»Nein, ich will jetzt mit Ihnen sprechen!« fuhr der Arrestant fort. »Ich finde mich nicht länger in diese Komödie hier. Das ist doch bei Gott im Himmel zu lächerlich.«

Thomas machte ein finsteres Gesicht.

»Hören Sie, junger Mann! Es geschieht Ihnen nicht das mindeste Unrecht. Und kennen Sie mich, wie Sie behaupten, so werden Sie wissen, daß ich zu dem berühmten Typus der modernen, humanen Kriminalisten gehöre, die des Landes Hoffnung in diesen Tagen des Kummers und der Niedertracht bilden.

Also Sie warten!«

Thomas wandte sich an den Polizeidiener und sagte scharf: »Hansen, geben Sie acht auf den Verhafteten – und auf mich!«

Der Polizeidiener verbeugte sich: »Jawohl, Herr Assessor!«

Thomas fuhr fort: »Ja, Herr Kreisrichter – Hansen und ich sind einverstanden, und Sie gaben mir ja in unserm kleinen Mittagsgespräch im wesentlichen recht. Wir sind also einig. Nicht wahr?«

»Ja, soweit Sie mich eingeweiht haben,« sagte Heiden freundlich.

»Ich habe versprochen, daß es jetzt kommen soll. – Verlassen Sie sich nur auf mich. Jetzt fehlen bloß noch Niels und Stine.«

Die beiden Fehlenden, die mit dem Arrestanten zusammen gekommen und nur draußen bei ihrer Freundschaft gewartet hatten, traten jetzt höchst feierlich und andächtig ein. Niels stellte sich würdig auf und trug seinen kleinen Rausch mit großem Anstand.

»Na, da seid Ihr ja,« sagte Thomas.

»Jawohl, Thoms,« lautete die Antwort.

Jetzt kam auch Frau Busgaard mit Monny, Tine, Tyr und Tut, die sie aus dem Eßzimmer geholt hatte. Thomas musterte die Versammlung.

»Ja, dann können wir zu unsrer Arbeit schreiten. Sie kann recht ernst werden – und ich möchte Sie alle bitten mir zu helfen. Und besonders Sie, Herr Kreisrichter, Sie sind ja der eigentliche Präses!«

Thomas machte dem Kreisrichter eine Verbeugung.

»Ich verlasse mich auf Sie,« sagte Heiden ernst und nahm Platz am Ende des Tisches, während die ganze Gesellschaft sich um die Hauptperson in dem Drama, das jetzt zu Ende gespielt werden sollte, herumgruppierte.

Thomas stand an dem Sekretär, dicht neben dem Stuhl des Kreisrichters. Die Familie Busgaard war so zu sagen in Reih und Glied aufmarschiert. Der Gutsbesitzer und seine Frau am Klavier, Tine auf dem Stuhl vorm Klavier, Tyr und Tut hinterm Klavier, Monny ganz im Hintergrund. Arthur stand ganz in der Nähe des Kreisrichters unter Hansens Bewachung, während die beiden Leute aus dem Volke sich im Hintergrund an die Tür zum Vorzimmer drückten.

Willumsen allein hatte keinen festen Platz gefunden, er ging hinterm Klavier auf und ab. Es paßte ihm nicht, daß dieses Verhör sich vor solch einem Auditorium abspielen sollte. Eine gütliche Auseinandersetzung mit Arthur schien also ausgeschlossen, da sowohl der Kreisrichter und der Polizeidiener, sowie zahlreiche Zeugen dem Verhör beiwohnen sollten. Es kam jedoch kein Protokoll zum Vorschein, und das war ein Glück.

Thomas bemerkte die Unruhe des Ingenieurs.

»Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen, Herr Willumsen.«

»Danke, ich stehe lieber, ich habe heute so viel gesessen,« antwortete der Ingenieur.

»Wie Sie wollen,« sagte Thomas freundlich.

»Ja, soviel ich sehe, hat sich die Gesellschaft gruppiert und wir können beginnen.«

Thomas stand, wie erwähnt, am Ende des Tisches nahe an dem Sekretär. Er beugte sich zu Heiden herab.

»Ja, dann will ich mit Erlaubnis des Herrn Kreisrichters die Sache kurz durchgehen. Nicht wahr?«

»Wie Sie wollen. – Dies ist kein Verhör, und ich verlasse mich darauf, daß Sie nicht vorgreifen!« Der Kreisrichter wollte doch gern sein formelles Recht wahren.

Thomas verbeugte sich.

»Sie können sich ruhig auf mich verlassen, Herr Kreisrichter. Also, Onkel Bus, am Sonnabend bekamst Du 2500 Kronen vom Rechtsanwalt Pagh, Du nahmst sie selber von der Post in Empfang, quittiertest und legtest das Geld – –«

»Zuerst in mein Schreibtischfach, nachher, ehe ich mit Klemmesen abrechnete, legte ich es in den Sekretär,« bestätigte Onkel Bus.

»In dieses zweite Fach rechts, zu dem Du den Schlüssel hast und das Du abschlossest,« fuhr Thomas fort, der jetzt Busgaard verhörte, dessen Antworten kurz waren.

»Ja,« lautete die Antwort.

»Was war die Uhr?«

»Vier, glaube ich. – Es fing an dunkel zu werden.«

»Danke! Und als der Onkel mit dem Geld hereinkam standest Du, Monny, mit ihm, dem Arrestanten da, hinter der Gardine?«

Thomas wandte sich an Monny, die aus ihrem Halbversteck ein »Ja« stammelte.

»Und Sie bekennen, daß die junge Dame dort mit Ihnen stand?« sagte Thomas, sich an den verhafteten Arthur wendend.

»Ja,« antwortete der junge Mann laut und deutlich.

Thomas fuhr fort:

»Sie sahen, wie Gutsbesitzer Busgaard das Geld in das Fach legte?«

Der Verhaftete nickte.

»Ich sah, daß er etwas hineinlegte – daß es ein Geldbrief war, sah ich nicht«– Thomas wandte sich an Monny.

»Du sprachst nicht mit ihm davon, was es war, Monny?«

Monny zögerte, und zu ihrer großen Erleichterung glitt Thomas über die Frage hinweg.

»Du sprachst jedenfalls davon, daß es in dem Sekretär war, den Ihr für den Austausch Eurer Briefe benutzen ließt.«

»Ja,« erwiderte Arthur in ihrem Namen und Monny schloß sich ihm an:

»Und wir sprachen davon, daß das oberste Fach nicht verschlossen wäre.«

»Ist das wahr?« fragte Thomas Arthur.

»Ja,« lautete die Antwort.

»Sie behaupten also, junger Mann, daß dies alles ist, was Sie vom Sonnabend Nachmittag erzählen können?« Es klang wie eine Anklage.

»Bis Mon – – Fräulein Busgaard mir vorgestern von dem Diebstahl erzählte, dachte ich nicht an den Sekretär,« sagte Arthur fest und bestimmt.

»Stine!« rief Thomas.

»Wie beliebt?« Und Stine trat aus dem Hintergrunde hervor.

»Die Zeugin ist taub, Herr Kreisrichter,« erklärte Thomas, »und sie nennt mich Thoms – das beeinträchtigt die Würde des Gerichtes nicht. Also Stine,« redete er die alte Frau an.

»Ja, Thoms!«

»Sie bleiben dabei, daß Sie nach Verabredung mit Frl. Monny jeden Tag die letzten zehn Tage Briefe von und an den jungen Mann, der dort steht und der beim Waldhüter logiert, geholt und hineingelegt haben?«

Diese plötzliche Enthüllung erregte ungeheure Bewegung in der Familie Busgaard und rief eine Explosion bei dem Haupte der Familie hervor:

»Daß Du das konntest, Monny –«

Thomas fiel ein: »Stine spricht, Onkel! – Bleibst Du dabei, Stine?«

»Ich muß wohl, nachdem Thoms zu Mittag es von mir erfahren hat,« lautete die brummige Antwort.

»In dieses Fach hier?« fragte Thomas und zog das oberste Fach auf.

»Richtig,« sagte Stine.

»Und Sie, junger Mann, haben die Briefe regelmäßig bekommen?« fragte er weiter.

»Jeden Tag, bis zum Sonnabend,« sagte Arthur unverzagt. Jetzt war also ihr Geheimnis verraten, und das war eine große Erleichterung.

»Ist das richtig, Monny?«

»Ja.«

»Und jetzt Du, Tyr?«

Thomas wandte sich mit ernstem Gesicht an Tyr, der ganz benommen von dem Detektivroman mit offenem Mund und Augen, wie auf Stielen dastand.

»Jawohl, Vetter Thomas,« antwortete er mit schallender Stimme.

Thomas wehrte ab: »Ich bin nicht taub, Vagabund! – Du sahst Freitag morgens Stine den Brief hineinlegen, und dann gucktest Du Dir die Aufschrift an?«

»Ja,« antwortete der Übeltäter verlegen; aller Augen richteten sich auf ihn.

»So ein garstiger Junge!« rief Monny mit tiefer Empörung aus.

»Pfui, Tyr, so etwas mußt Du nie tun,« erklang vorwurfsvoll die Stimme der Mutter.

Tyr wurde ganz klein und verkroch sich beinahe unters Klavier.

»Und Du warst so böse auf Monny, und um ihr einen Streich zu spielen, verrietest Du es Niels?« fuhr Thomas unbarmherzig fort.

»Richtig,« ertönte Niels etwas belegte Stimme.

»Du wartest, Niels!« sagte Thomas streng.

»Nichts für ungut, Thoms« – kam es versöhnlich aus dem Munde des Kutschers.

Thomas wandte sich an den Kreisrichter.

»Er nennt mich nämlich auch Thoms!« – Das tatest Du also, Tyr?«

Tyr schwieg und gab mit seinem Schweigen seine Zustimmung kund, aber Thomas wollte eine Antwort haben.

»Wenn man ein gutes Gewissen hat, spricht man laut. Tatest Du es?«

»Ja!« preßte der Sünder heraus.

»Na und Sie, Niels? – Sie hatten bemerkt, daß der junge Mann dort um den Hof herumschlich, und da Sie meinten, es geschehe um Monnys Willen – –«

»Das rechnete ich mir gleich aus,« fiel ihm Niels ins Wort.

– »so wandten Sie sich an einen Mann, von dem Sie annahmen, es würde ihn interessieren?«

Thomas sah Niels scharf an, der sich mächtig in die Brust warf.

»So ist's! Ich sagte es dem Ingenieur; das ist ein tüchtiger Mann, und ich weiß, daß der Gutsbesitzer ihn gern für Monny haben wollte.«

Willumsen unterbrach ihn: »So, so Niels! – Das ist ja gar nicht wahr.«

»Bisher ist doch alles so gut gegangen,« bemerkte der Kreisrichter friedlich.

Thomas lächelte:

»Ja, einige Schwierigkeiten hat man immer zu bekämpfen!«

»Niels hat Ihnen also nichts davon gesagt, Herr Willumsen?«

Willumsen schüttelte den Kopf.

»Nein. Gewiß habe ich nichts dagegen gehabt, der Familienszene beizuwohnen, aber wenn man es recht betrachtet, bin ich doch ein Fremder – und wenn der Herr Gutsbesitzer – – –«

Busgaard protestierte.

»Nein, mein lieber Ingenieur, Sie gehören halbwegs mit zur Familie, und Sie brauchen sich nicht zu schämen, es zu sagen. Die Schuld ist mein – Sie haben zu mir von dem Mädchen gesprochen, und ich habe Ihnen so halb und halb ein Versprechen gegeben. Ich konnte ja nicht ahnen, daß sich Schwierigkeiten einstellen würden.«

Der Kreisrichter rieb sich die Hände.

»Also, lieber Willumsen, Sie können sich Ihr Zartgefühl sparen, wir erkennen es an, aber es ist überflüssig. Niels hat es Ihnen also gesagt,« forschte Thomas wieder.

»Was?« fragte der Ingenieur.

»Daß ein Brief, der Sie interessierte, im Sekretär zu finden wäre,« fuhr Thomas direkt zum Ingenieur gewandt fort.

»Ich erinnere mich nicht,« lautete die ausweichende Antwort. Dies war ja gegen alle Verabredung.

»Da kann ich einen Eid drauf leisten,« trumpfte Niels auf und trat an den Tisch vor.

»Das ist nicht nötig,« sagte Heiden abwehrend.

Thomas hielt sich an den Ingenieur: »Sie bestreiten es nicht – oder?«

Willumsen zuckte die Achseln.

»Nein, wenn Niels es so bestimmt behauptet, wage ich es nicht zu bestreiten – ich kann mich nur nicht daran erinnern.«

»Ja, jetzt haben wir von Stine und Niels erfahren, was wir wollten. Ihr könnt gehen!« – Es fiel Niels allmählich schwer, den nötigen Anstand zu bewahren.

»Danke,« sagte Stine und packte ihn beim Rockschoß.

»Danke, Thoms,« wiederholte Niels und wirbelte herum. Und die beiden verließen in Stille den Wahlplatz.

»Tyr kann gehen,« sagte Thomas, »und Tut auch!«

Tyr ergriff schleunigst die gebotene Gelegenheit und zog seinen Bruder mit sich fort.

»Es kann schon sein, daß dem Bürschchen der Boden zu heiß wurde,« sagte Busgaard mit einem Lächeln.

»Er schämt sich,« meinte Frau Busgaard beschwichtigend.

»Dazu hat er allen Grund,« bemerkte Monny spitz; aber bald erhielten ihre Gedanken eine andere Richtung.

Der Assessor wandte sich plötzlich mit voller Kraft gegen den jungen Mann, als gälte es jetzt den Hauptangriff. Monny bebte.

»Sie behaupten also, daß Sie Arthur Franck heißen, Jura studieren und ein Sohn des Großkaufmanns Hans Franck & Co. sind?«

»Wein und Zigarren,« grunzte Busgaard behaglich. Er hatte sich jetzt ganz beruhigt.

»Das wissen Sie sehr wohl, Assessor Klem! Sie sind ja selber mein Repetitor im Strafrecht und Prozeß gewesen,« sagte Arthur energisch.

»Und Sie wollen von mir gelernt haben, daß das, was nicht in den Akten steht, nicht existiert – also Sie geben die Generalia zu?« fuhr Thomas fort. – »Tun Sie das?«

»Ja,« lautete die Antwort. Der Kreisrichter blickte verwundert auf, das war die erste Überraschung.

»Sie kennen also den jungen Mann, Assessor Klem? Das überrascht mich.«

»Also war auch das Spiegelfechterei,« fiel Klemmesen voller Empörung ein.

Thomas wandte sich rasch dem Sprecher zu.

»Lieber Klemmesen, Sie müssen nicht Worte brauchen, die den Richter beleidigen. – Wir können also vermutlich das kleine Idyll überspringen, Monny!« – fügte er lächelnd hinzu.

»Ja, das finde ich,« flüsterte Monny verlegen.

»Überspring es, Thomas,« sagte Frau Busgaard überredend. Der Kreisrichter protestierte.

»Nein, da muß ich wirklich eingreifen! – Der junge Mann ist verhaftet – er ist wirklich als verhaftet anzusehen – – –«

»Wünschen Sie, daß die Verhaftung aufgehoben wird?« fragte Thomas, seine Worte an Arthur richtend.

»Nein,« lächelte der junge Mann, der zu begreifen begann, daß seine Chancen stiegen.

Thomas wandte sich an den Kreisrichter.

»Nein, ich glaube der Arrest gefällt ihm. – Ach, Hansen – Sie verstehen mich,« sagte er, dem Polizeidiener zunickend; Hansen antwortete mit einem Nicken.

»Gut. – So, Klemmesen, jetzt kommen wir zu Ihnen! Sie gestehen, daß Sie wußten, daß das Geld im Sekretär war?«

»Ja,« antwortete Klemmesen nicht wenig bestürzt; er hatte gemeint, daß er ganz außerhalb der Sache stände. Und jetzt hatte es wirklich den Anschein, als sollte er wieder hineingezogen werden.

Busgaard machte verwunderte Augen und wollte intervenieren, aber Thomas hielt ihn durch eine Handbewegung zurück.

»Nachher! – Sie geben zu, daß Sie am Montag 2500 Kronen bei der Bank eingezahlt haben?«

»Ja,«' lautete die Antwort.

Darauf zog Thomas die zwei Manschetten hervor, die er sich zur Mittagszeit von dem Verwalter hatte ausliefern lassen.

»Und Sie erkennen an, daß diese beiden Manschetten Ihr Eigentum sind?« Er reichte dem Verwalter die Manschetten, die dieser in Empfang nahm.

»Die eine,« erwiderte er, »die mit dem Messingknopf mit der Ausstellung – die andre gehört mir nicht – wie ich Ihnen schon erzählte, Herr Assessor – sie gehört dem Markeur, ich habe sie in der Harmonie vertauscht. Die Manschette hat mir nie gehört. Ich habe Ihnen ja die ganze Geschichte erzählt, Herr Assessor!«

Thomas wandte sich jetzt an Heiden: »Sie werden sich erinnern, Herr Kreisrichter, daß wir in dem Fach den Oberteil eines Knopfes, wie es dieser hier ist, fanden. – Hier ist die Messingplatte.« Und Thomas zog den ominösen Oberteil des Ausstellungsknopfes aus der Tasche und hielt ihn Heiden hin.

»Ja, ich erinnere mich,« antwortete der Kreisrichter und nickte.

Thomas fuhr fort:

»Wollen Sie die Güte haben, daran festzuhalten! Wenn Sie sich nun dieses Fach hier ansehen wollen, – das Fach über dem, worin das Geld lag. Da ist ein breiter Spalt im Boden – sehen Sie hier!« Und nun demonstrierte er dem staunenden Publikum das Geheimnis des Sekretärs.

»Ich denke mir nun, daß eine Person am Sonntag morgen, um einen Brief zu suchen, dieses Fach, das nicht verschlossen werden kann, mit diesem krummen Nagel, geöffnet hat. Ich denke mir, daß er durch den breiten Spalt das Kuvert mit der Aufschrift 2500 Kronen hat liegen sehen! – Dann denke ich mir, hat er das Fach herausgezogen. Es ist keine trennende Holzplatte dazwischen, Dein Versteck ist also schlecht gewählt, Onkel Bus. –

Dieser Er oder diese Sie, wer es nun sei, ist der Versuchung unterlegen und hat das Geld aus dem Kuvert herausgenommen.

Arthur Franck! Sind Sie am Sonntag morgen hier gewesen um Ihren Brief zu holen?«

Der junge Mann schüttelte den Kopf: »Niemals!«

»Und Du Monny?« fuhr Thomas fort.

»Nein,« sagte Monny, »seit Sonnabend bin ich nicht an dem Sekretär gewesen.«

»Da haben wir offenbar Stine zu früh gehen lassen,« bemerkte Thomas zögernd.

»Es sieht unleugbar so aus, als ob der Beweis Ihnen mißlingt, Herr Assessor,« bemerkte der Kreisrichter mit leicht schadenfrohem Lächeln.

Thomas zuckte die Achseln. »Ja, so scheint es! Es geschieht oft in der Rechtspflege, daß alle anderen Beweise fehlschlagen, so daß man sich nur an den Dieb selber halten kann. Und so mag er antworten.«

Und mit einer großen Bewegung zeigte Thomas auf Ingenieur Willumsen, der zusammenfuhr.

»Dort steht der Dieb!«

Ingenieur John Willumsen, wollen Sie Ihre Manschette abnehmen und sie Klemmesen reichen.«

»Herr Kriminalassessor!« protestierte der Ingenieur, blutrot im Gesicht.

Thomas fuhr fort:

»Kein Wort! Dies ist ein Befehl. Hansen, Sie sind für ihn verantwortlich! Nun Herr Ingenieur, die Manschetten?«

Der Polizeidiener näherte sich drohend und der Ingenieur zog seine Manschetten ab.

Der Polizeidiener nahm sie und reichte sie Thomas, der sie dem Verwalter entgegenstreckte.

»Ist das die Ihrige, diese hier?«' fragte er.

»Ja,« antwortete der Verwalter.

»Und dieses Stück Messing paßt zu dem Knopf,« fuhr Thomas fort und zeigte nun, wie das abgelieferte Stück zu dem ramponierten Knopf paßte.

Der Kreisrichter folgte den Ereignissen mit lebhaftem Interesse.

Willumsen faßte sich und trat auf den Assessor zu.

»Das ist Gewäsch und Geschwätz, das ist kein Beweis.«

Thomas wandte sich an den Polizeidiener:

»Ach, Hansen – und Sie, Klemmesen, nehmen Sie seine Arme und halten Sie ihn fest! Jetzt spielen wir nicht mehr, Herr Willumsen! – Hansen, nehmen Sie heraus, was in seiner Brusttasche steckt!«

»Sie tun am besten, es ruhig über sich ergehen zu lassen, mein guter Mann. Sie haben es mit Fachleuten zu tun!«

Und jetzt wurde Willumsen unter den handfesten Griffen förmlich übermannt. Polizeidiener Hansen zog ihm ein paar Briefe aus der Tasche und gab sie Thomas. Der blätterte in den Briefen und entfaltete einen davon.

»Den Brief bekamen Sie heute mit der Post; ich habe es selbst gesehen, als Niels mit der Tasche kam,« sagte er und las vor:


»Herrn Ingenieur Willumsen! Bis zum 18. muß der Wechsel über 2400 Kronen eingelöst sein, andernfalls Protest und Arrest auf Braendholt.

Ergebenst

Kaare Mortensen & Co.«


»Ich weiß nicht, ob ein genügender Verhaftungsgrund vorliegt, Herr Kreisrichter, oder verlangen Sie mehr?

Hier sind mehrere Briefe von derselben Firma. – Es ist ein Wucherer; ich kenne ihn vom Gericht her. Es liegt also genügender Grund zum Verdacht vor, das übrige stelle ich Ihnen anheim!«

Der Kreisrichter war von der Wendung, die die Sache genommen hatte, ganz überwältigt. Er sah abwechselnd den Ankläger und den Angeklagten unsicher an. Thomas' Blick war fest und kalt.

»Nein, ich bin völlig zufrieden, das ist eine genügende Grundlage,« sagte der Kreisrichter immer noch ganz erstaunt.

Thomas richtete sein Wort an den Ingenieur:

»Sie begreifen, Willumsen, das Spiel ist aus. Ich weiß, daß Sie das Geld noch nicht gebraucht haben, es muß also noch hier auf dem Gute sein.«

»Ich habe das Geld nicht genommen. Sie können suchen, wo Sie wollen,« erwiderte der Ingenieur bestimmt.

»Gut, wie Sie wollen! – Wir haben dann nur die Mühe, es selber zu finden,« fuhr Thomas fort.

»Ich hoffe, Sie haben gemerkt, daß ich einige Begabung auf diesem Gebiete besitze – es ist immer gut, sich zu üben! –«

Jetzt intervenierte Heiden:

»Junger Mann, Sie sollten sich überlegen, was Sie tun. Sie sind jung, dies hier ist Leichtsinn – grober, unverzeihlicher Leichtsinn. Aber die Sache ist klar. Es ist einfacher Diebstahl – kein Einbruch, nicht wahr?«

Thomas nickte:

»Ja, ich würde es einfachen Diebstahl nennen. Das Fach war nicht verschlossen –«

»Gut! Sie können also billig davonkommen, vielleicht mit bedingter Strafe. Sie können fortreisen, die Welt steht Ihnen offen, tüchtig sind Sie ja – – –

Aber eine unumstößliche Bedingung ist dabei, Sie müssen sogleich freiwillig das Geld zurückgeben!«

Alle drängten sich jetzt um die Gruppe am Tisch zusammen. Hansen stand steif und beobachtend hinter dem Ingenieur, während der Kreisrichter sich in beinahe flehendem Ton an seine bessern Regungen wandte. Busgaard, Frau Busgaard und Tine hatten sich erhoben und standen schweigend, betrübt, abwartend da. Monny glitt hinter das Klavier mehr und mehr zu Arthur hin, dessen juristischer Sinn indes so gefesselt war, daß er ausschließlich Augen für den Auftritt zwischen dem Juristen und dem Angeklagten hatte.

Thomas selber stand mit verschränkten Armen vor dem Sekretär und Klemmesen glich einem großen Fragezeichen.

Doch Willumsen ergab sich nicht.

»Wir leben doch wohl in einem Lande, wo ein Mann das Recht hat sich zu verteidigen!« sagte er fest und laut.

Der Kreisrichter nickte.

»Gut! Was bedeutet das alles hier? Ich habe Schulden, das gebe ich zu – das habe ich schon dem Assessor Klem zugegeben, als er versuchte, sich in einer Weise, die eines Gentlemans wenig würdig ist, in mein Vertrauen einzudrängen. Ich habe nicht gewußt, daß Geld im Sekretär lag.«

»Das ist eine Lüge,« sagte Thomas scharf.

»Herr Assessor,« fuhr Willumsen drohend fort. »Sie haben kein Recht mich zu beschimpfen. Das können Sie nicht beweisen! – Und was die jämmerliche Geschichte mit den Manschetten anlangt, so ist es wahr, daß ich durch irgend eine Verwechslung diese Manschette von Klemmesen statt meiner eignen bekommen habe.«

»Wo?« fragte Thomas rasch.

»Vermutlich in der Harmonie. Ich habe dort Billard gespielt an dem Tage, wo ich in der Stadt war. Es ist richtig, ich habe die Verwechslung nicht bemerkt. Ich gestehe, daß ich, nachdem der Kutscher mir von dem Versteck erzählt hatte, den Sekretär aufgeschlossen habe, nicht um die Geheimnisse der jungen Dame auszuspionieren, sondern aus Ergebenheit für die Familie.«

»Da haben wir's,« sagte Thomas. »Wann?«

»Sonntag am frühen Morgen. – Ich habe mit Hilfe eines krummen Nagels das nicht verschlossene Fach geöffnet, und ich kann nicht leugnen, daß der Manschettenknopf, als ich die Hand in das Fach steckte, abgeglitten und in das untere Fach, worin das Geld lag, gefallen sein kann. – Das ist möglich – ja es ist wohl sogar unzweifelhaft. Aber das Geld habe ich nicht gesehen, geschweige denn genommen. Und ich bestreite, daß Sie das Recht haben, mich des Diebstahls zu beschuldigen.«

»Was sagen Sie, Herr Kreisrichter?« fragte Thomas.

Der Kreisrichter schüttelte den Kopf. »Selbstverständlich liegt ein unzweifelhafter Grund, den Ingenieur Willumsen zu beschuldigen, vor. Ich trage kein Bedenken diesen Grund zu benutzen – – –«

Willumsen fiel ihm ins Wort:

»Einen Umstand vergessen die Herren in Betracht zu ziehen. Ich habe in der ganzen Sache als Gentleman gehandelt. Ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß der junge Mann dort der Dieb ist.«

Es gab allen einen Ruck; nur Thomas blieb ruhig stehen.

Der Ingenieur fuhr fort.

»Ich glaube es noch, und ich muß bestimmt verlangen, daß es jetzt, solange es Zeit ist, untersucht wird. Ich will nur noch hervorheben, daß ich einen Skandal habe vermeiden wollen. Ich habe die ganze Zeit gewünscht, daß die Angelegenheit in Güte geordnet würde, und ich habe mich zu dem Glauben verleiten lassen, daß Sie, Assessor Klem, dasselbe wollten! Ich habe mich geirrt, jetzt kann ich nicht länger Rücksicht nehmen. – Ich verlange, daß die Untersuchung zu Ende geführt wird. Ich stehe nicht allein mit meinem Verdacht auf Herrn Franck. – Fräulein Monny –«

Aller Blicke richteten sich auf Monny.

Sie stand glühend rot drüben am Klavier.

Thomas ergriff das Wort. »Sie haben vollkommen recht, Herr Ingenieur, auch ich habe einmal bemerkt, daß ein ähnlicher Verdacht bei Monny auftauchte – und Sie haben noch in einem Punkte recht. Ihre Erklärung bezüglich des Manschettenknopfes ist nicht von der Hand zu weisen. Der Verdacht ruht also auf Ihnen in gleicher Weise wie auf Herrn Franck. Und ich richte die Untersuchung auf einen bestimmten Punkt: Die Suche nach dem Geld. – Beide Herren sind also angeklagt.«

Arthur Franck näherte sich dem Assessor.

Der Kreisrichter nickte.

Willumsen fuhr fort.

»Sie haben von mir verlangt, ich sollte sagen, wo das Geld wäre. Mir scheint, es wäre natürlicher gewesen, es dort zu suchen, wo es sich aller Wahrscheinlichkeit nach befindet. Und wenn Sie als geriebener Untersuchungsrichter das nicht getan haben, so habe ich das Recht anzunehmen, daß es geschah, weil Sie gleich mir einen Skandal zu vermeiden wünschten. Jetzt handelt es sich um mich selber, und da habe ich keine Rücksicht mehr zu nehmen. Ich verlange, daß der junge Mann visitiert wird.«

»Das ist ein billiges Verlangen,« sagte Thomas, ohne seinen Standort zu ändern. »Ich nehme an, daß Sie sich der gleichen Untersuchung unterwerfen wollen.«

»Sie haben mich schon einmal mit einem Überfall gekränkt,« erwiderte der Ingenieur scharf. »Meine Brusttasche steht ihnen noch einmal zur Verfügung, ebenso wie Herrn Francks Handtasche.«

Thomas verbeugte sich: »Sie haben vollkommen recht.«

»Klemmesen,« sagte er zu dem Verwalter, »tun Sie mir den Gefallen, gehn Sie ins Eßzimmer und bitten Sie Tyr mit Ihnen auf mein Zimmer zu gehen, und holen Sie Herrn Francks Handtasche herunter. Tyr weiß Bescheid.«

Alle starrten den Assessor an; er wandte sich an Arthur Franck. »Es wird jetzt notwendig, die Tasche zu untersuchen. – Ich vermute, Sie haben nichts dagegen?«

Arthur errötete.

»Danach fragen wir nicht,« sagte der Kreisrichter eifrig, »ich verlange es.«

»Gut,« antwortete Thomas, »so muß es geschehen.«

Arthur schlug die Augen nieder, während Willumsen erhobenen Hauptes dastand und den Assessor mit ruhigem und festem Blicke maß.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis Tyr und Klemmesen mit der Tasche kamen.

Endlich. –

Thomas nahm dem Knaben die Tasche ab und stellte sie auf den Tisch.

»Ich bitte um Entschuldigung, Herr Kreisrichter, daß ich Ihnen dieses Moment in der Angelegenheit vorenthalten habe! Mein Verdacht richtete sich ausschließlich auf Herrn Willumsen, und ich wünschte nicht, daß die Briefe der jungen Leute, die in dieser Tasche enthalten sind, in die Hände des Gerichts fallen sollten. Es schien mir überflüssig. Ich muß Herrn Willumsen zugeben, daß er Anspruch auf diese Untersuchung hat, und sie soll geschehen. Ich erlaube mir daher, das Band, womit ich im Waldhüterhause diese Tasche versiegelt habe, zu durchschneiden – sie ist im übrigen nicht verschlossen.«

Und Thomas durchschnitt das Band dicht am Siegel. Dann öffnete er die Tasche und nahm den Inhalt heraus, Briefe, Toilettengegenstände und Wäsche, die darin waren, auf den Tisch legend.

Der Kreisrichter trat mit einer heftigen Bewegung zurück. Auf dem Boden der Tasche lagen die Banknoten des Gutsbesitzers, die 2500 Kronen, die ihm aus dem Sekretär gestohlen waren.

Monny schluchzte und sank verzweifelt auf einen Stuhl. Ihr herzbrechendes Weinen durchbrach die Stille in der Stube; aller Blicke waren auf Arthur Franck gerichtet, der an einen Stuhl gelehnt ein Stück hinter dem Tisch und den beiden Polizeibeamten stand.

Der junge Mann war leichenblaß, seine Hände umklammerten mit krampfhaftem Griff die Stuhllehne. – Seine Stirn bedeckte sich mit Schweißperlen. Er sagte kein Wort.

Auch Willumsen war bewegt, aber auch er sagte kein Wort. Es war, als ob eine Gewitterwolke über der Stube schwebte.

Da trat Thomas von dem Platz, auf dem er während des ganzen Verhörs gestanden hatte, einen Schritt vor. Er wandte sich ruhig und gemessen Ingenieur Willumsen zu und sah ihm ins Gesicht, mit einem Blick der durch und durch drang, so daß der andre sich darunter wandt wie ein getretener Wurm.

»Köter!« sagte er, »infamer Köter!«

Dann winkte er dem Polizeidiener.

»Handschellen für den Hallunken – unverzüglich Handschellen! – Zum Henker rasch, ehe es zu spät ist! Franck fassen Sie zu, und Sie Hansen, vorwärts, jetzt ist die Komödie vorbei.«

Eine Sekunde später und nach einem plötzlichen heftigen Kampf war Willumsen übermannt und gefesselt.

Der Kreisrichter trippelte entsetzt am Tisch herum, Busgaard starrte wie gelähmt auf die drei Kämpfenden und die beiden Mädchen weinten heftig.

Thomas schnaubte wie ein Roß nach einem langen, heftigen Lauf. Zum ersten Mal während des ganzen Kampfes hatte er die Herrschaft über sich verloren, die Adern auf seiner Stirn waren geschwollen.

Das dauerte einige Sekunden.

Dann verbeugte er sich vor dem Kreisrichter. – »Ich werde Ihnen das Ganze erklären. – Jetzt ist meine Arbeit in der Sache getan.«

Und er lächelte leicht verlegen, wie jemand der seine eigene Schwäche verbergen will. Dann nahm er das Band, das um die Tasche gebunden gewesen war, auf. –

»Tyr,« sagte er, »willst Du die Buchstaben auf dem Siegel lesen!«

Tyr näherte sich atemlos und las: »Da steht I. W.«

»Richtig,« sagte der Assessor – »Da steht I. W. – Und Du wirst Dich erinnern, daß Du und ich diese Tasche draußen im Waldhüterhaus mit meinem Ring, diesem Ring hier, versiegelten, was steht darauf?«

»T. K.« las Tyr.

»Richtig,« sagte Thomas, der jetzt völlig seine gewohnte Ruhe wieder fand. »Da steht T. K! Also, Sie, Arrestant! – ich bat Sie um Ihren Ring, um ihn zum Versiegeln der Tasche zu benutzen, ich gebrauchte meinen eignen und überließ Ihnen die Tasche, weil ich ahnte, was geschehen würde. – Ich durchschaute Ihre ganze Haltung und Ihren erbärmlichen Charakter. Sie haben die Zeit gut benutzt. Sie haben das Siegel erbrochen, und Sie haben das gestohlene Geld in die Tasche des jungen Mannes gelegt. Sie haben nur vergessen nachzusehen, was für Buchstaben auf dem Siegel standen.

Die Falle ist über Ihnen zugeklappt, der Rest der Angelegenheit wird sich zwischen Ihnen und dem zuständigen Richter dieses Kreises abspielen!«

Willumsen war blaß geworden, er wandt sich unter dem festem Griff des Polizeidieners, wollte aber doch den Kampf nicht aufgeben.

»Beweisen Sie, was Sie sagen!« zischte er zwischen den Zähnen.

Thomas zuckte die Achseln. »Mein Eid und das Zeugnis des Knaben werden vermutlich genügen, und sollte das nicht der Fall sein, so wird Polizeidiener Hansen bestätigen können, daß ich, schon ehe dieses Verhör seinen Anfang nahm, seine Aufmerksamkeit darauf gelenkt habe, daß der Lack des Siegels weich und warm war, und nicht kalt, wie er hätte sein müssen, nachdem die Tasche einer Temperatur von vier Kältegraden ausgesetzt gewesen war. Es ist bedauerlich Sie im Netz zappeln zu sehen, mein guter Mann, aber das geht, wie gesagt, mich nichts an.

Ich bin Zeuge in der Sache – Kreisrichter Heiden ist der Richter – und Sie sind fertig, daß Sie es begreifen, – unwiderruflich fertig.«

Der Kreisrichter hatte sich von seiner Überraschung erholt.

»Hansen,« sagte er, – »Polizeidiener Hansen! Nehmen Sie diesen Mann mit sich in die Stadt und lassen Sie ihn in Arrest setzen. Es ist eine schrecklich peinliche Geschichte – eine ganz ungewöhnliche Geschichte. Aber es ist kein Zweifel möglich. Ingenieur Willumsen hat das Geld genommen auf eine häßliche und gemeine Art und Weise. Es tut mir herzlich leid.«

Hansen schlug die Hacken zusammen und schob dann den Ingenieur fest und sicher nach der Tür.

Willumsen hatte den Kampf aufgegeben. Er ließ den Kopf auf die Brust hängen, die gefesselten Hände bewegten sich krampfhaft auf seinem Rücken.

Es war vorbei – unrettbar vorbei! – Ingenieur Willumsen war also ein Verbrecher, ein überführter Verbrecher, auf frischer Tat ertappt – verloren und fertig.

Und als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, ging es wie ein Seufzer der Erleichterung durch die Stube; hinter dem Klavier hing Monny schluchzend an Arthurs Hals. – Niemand fand es sonderbar – ja gab es überhaupt jemand, der es bemerkte?



Kreisrichter Heiden zeichnet sich aus

Wir nähern uns jetzt dem Schluß dieser lehrreichen und moralischen Erzählung, wo die Tugend ihren Lohn erntet und das Laster die verdiente Strafe erhält. Wir teilen den Lohn aus und messen die Strafe zu, dann ist unsre Aufgabe zu Ende und wir nehmen Abschied.

Das Laster wird also jetzt entschieden von dem Arrestanten John Willumsen repräsentiert. Willumsen ist verhaftet und hat drei Monate in der Haft gesessen; weniger konnten es nicht tun, obgleich seine Schuld erwiesen und sein Geständnis überflüssig war. Aber Willumsen wollte nicht gestehen. Er leugnete hartnäckig seine Schuld.

Kreisrichter Heiden war ganz unglücklich. Gleich nach der Verhaftung wurde Willumsen in das Arrestlokal der Stadt gebracht; dort verblieb er, bis er am nächsten Tag vor den Richter, und zwar vor Heiden zitiert wurde.

Er leugnete seine Schuld.

Und nun begann eine Reihe von Verhören, worin Thomas Klem der Hauptzeuge war. Des Assessors kluges und klares Erforschen alles dessen, was gegen Willumsen sprach, alles dessen, was wir kennen, füllte Seiten in dem Verhörsprotokoll; voran standen Busgaard, Monny, Arthur, Stine Steiffinger, Klemmesen, Tyr, Niels. Sie alle legten Zeugnis gegen Willumsen ab.

Und es traten andere auf, die wir nicht kennen und nicht kennen zu lernen brauchen. Der Markeur aus der Harmonie, Kaare Mortensen & Co., eine Schar Kellner, Pfandleiher, zweifelhafte Damen usw., die in verschiedener Weise Willumsens Niederträchtigkeit in seinem vorangegangnen Leben bestätigten sollten. Soweit war alles in schönster Ordnung, es gab keinen Menschen unter der Sonne, der daran zweifelte, daß Ingenieur John Willumsen der Dieb war, der an jenem Sonntagmorgen die 2500 Kronen aus Gutsbesitzer Busgaards Sekretärfach genommen hatte.

Aber der Arrestant wollte nicht gestehen. Er leugnete nicht, daß er nach dem Brief gesehen und das Bruchstück des Manschettenknopfes verloren hätte. Er gab zu, daß er seine Manschetten vertauscht hätte, und daß dies beim Billardspiel geschehen sein müsse. Er gestand seine Schulden an Kaare Mortensen & Co. zu, kurz alles das, was er nicht leugnen konnte, weil es bewiesen war. Mit umso größerer Bestimmtheit leugnete er jedoch zwei Dinge. Erstens, daß er das Geld genommen, und zweitens, daß er es in Arthur Francks Handtasche gelegt hätte.

Den ersten Punkt hatte er leicht leugnen, es gab ja in Wirklichkeit keinen Zeugen dafür, und es war ganz unmöglich, der Sache näher zu kommen, als man gekommen war.

Um so größeres Gewicht lag denn auch auf dem zweiten Punkt, der den Gegenstand von Willumsens Leugnen bildete.

Assessor Klem behauptete, Willumsen wäre in eine Falle gegangen, die er, der Assessor, ihm gestellt hätte. Er hätte Francks Tasche nach Hause getragen und sie in dem Glauben geöffnet, daß er sie mit seinem eignen Siegelring wieder versiegeln könne, und um den Verdacht und die Schuld von sich zu wälzen, hätte er das gestohlene Geld in die Tasche gelegt und sie so dem Assessor wieder überliefert. Es gab nicht einen, der daran zweifelte, und es lagen zwei Zeugnisse vor: Thomas und Tyr konnten bezeugen, daß das Siegel durch ein andres ersetzt worden war, das nur Willumsen auf die Tasche gesetzt haben konnte, und Polizeidiener Hansen konnte bestätigen, daß der Assessor ihn darauf aufmerksam gemacht habe, daß das Siegel kurz vor dem Mittagessen, an dem Tage, wo das Verhör stattfand, warm und eben aufgedrückt, war.

Dagegen behauptete Willumsen, daß Tyr lüge. Tyr war zu klein, um vereidigt zu werden, und sein Zeugnis konnte den Arrestanten kaum fällen. Thomas dagegen war ein in jeder Weise vortrefflicher Zeuge, aber ihn entkräftete Willumsen mit der Bemerkung, er sage wohl, daß er seinem Opfer eine Falle gestellt habe, aber diese sei von allzu unnatürlicher, unwahrscheinlicher und romanhafter Beschaffenheit, als daß man ihr Glaubwürdigkeit beilegen könne. Willumsen behauptete ferner, das Geld sei schon draußen im Waldhüterhaus in der Tasche gewesen, und daß man dies nicht untersucht habe, sei ausschließlich die Schuld des Assessors, der die Durchsuchung hätte erzwingen können.

Das war nicht zu leugnen; es war durch Zeugen erhärtet, denn sowohl Arthur wie Klemmesen und Monny waren bei der Szene zugegen gewesen, wo Willumsen allerdings Thomas in seinem Zugeständnis an Arthur unterstützt hatte. Aber keiner der Betreffenden wagte zu leugnen, daß, wenn Thomas wirklich die Tasche hätte öffnen lassen wollen, sie auch geöffnet worden wäre.

Dies war nicht geschehen.

Und Willumsen behauptete, es wäre nicht geschehen, weil Thomas die Hand über Arthur Franck, den er immer gekannt hätte und dessen Verhältnis zu Monny er protegierte, zu halten wünschte. Das war das Vortreffliche an Willumsens Verteidigung, daß er dadurch in gewisser Weise seinen gefährlichsten Gegner und den Hauptzeugen in der Sache, den Assessor Klem, schwächte. Doch war die Schwierigkeit eigentlich nur formeller Natur, denn in Wirklichkeit zweifelte niemand daran, daß Willumsen der Dieb sei.

Thomas erklärte einmal über das andere, der Kreisrichter Heiden könnte die Sache ruhig abschließen und Willumsen auf Indizien verurteilen; er fügte spitz hinzu, wenn der Arrestant der Obhut der achten Kammer anvertraut wäre, würde er ihn schon so mürbe gemacht haben, daß er ein aufrichtiges Geständnis abgelegt hätte. –

Aber wie gesagt, das war in diesem Falle überflüssig. Kreisrichter Heiden, der äußerst dankbar und voller Wohlwollen für Thomas war, war in diesem Punkte störrisch und hartnäckig.

Er hob hervor, es läge wohl eine Reihe wichtiger Indizien gegen den Arrestanten Willumsen vor, aber keins weise mit Notwendigkeit auf ihn als den einzig möglichen Übeltäter hin. Und das eine feste, gesetzmäßige Indizienmoment, daß die Beute sich im Besitz des Angeklagten finden solle, fehle hier, denn die Beute, das gestohlne Geld, habe sich eben im Besitz eines andern, jedenfalls in der Handtasche eines andern gefunden, ohne daß aufgeklärt wäre, wie es dahin gekommen war.

Kreisrichter Heiden wollte Arthur Franck nicht bezichtigen; er ließ seine Erklärung, daß er unschuldig sei, gelten, aber er wollte Willumsen nicht verurteilen, solange er nicht selber ein unumwundenes Geständnis abgelegt habe.

Thomas meinte, dies sei Prinzipienreiterei, aber Kreisrichter Heiden war nicht zu erschüttern.

So vergingen drei Monate, ohne daß die Sache soweit gefördert worden wäre, daß man eine Bestimmung über die öffentliche Verhandlung hätte treffen können.

Willumsen leugnete standhaft und hartnäckig. Er behauptete keck, entweder habe Franck das Geld gestohlen und es sei in der Tasche gewesen, als der Assessor sich weigerte sie im Waldhüterhause öffnen zu lassen, oder der Assessor habe es selbst in die Tasche hineinpraktiziert, nachdem er solche Taschenspielerkünste mit dem Band gemacht habe, daß man es öffnen konnte, ohne das Siegel zu erbrechen.

Und dies hätte der Assessor getan, um den Widerstand des Gutsbesitzers zu überwinden und seine Einwilligung zur Heirat mit Tine zu gewinnen. Das Geld hätte er selber mitgebracht, um mit der Entdeckung des Diebstahls zu glänzen.

Ja.

So stand die Sache.

Thomas ärgerte sich gelb und grün, aber der Kreisrichter mit seiner eigentümlichen milden Unbestimmtheit gab keinen Fußbreit nach. Es gab keinen andern Ausweg. Entweder mußte Thomas Klem beweisen, daß Willumsen das Geld in die Tasche gelegt habe, oder Willumsen mußte gestehen, daß er es wirklich getan habe.

Thomas Klem war nicht der Mann, der etwas aufgab. Die Folter konnte er nicht anwenden; auch nicht die moderne Form der Folter, die nach Gesetz und Recht und nach den geltenden Bestimmungen von einem rücksichtslosen Untersuchungsrichter gegen einen eingesperrten, vom Richter ganz abhängigen Angeklagten angewendet werden kann. Kreisrichter Heiden war mild und freundlich, und Willumsen saß behaglich und warm in seinem Arrest, bereit sitzen zu bleiben, solange man es wünschte.

Daher wählte Thomas einen ganz andern Ausweg, der den liebenswürdigen Kreisrichter, als er ihm seine Gedanken vortrug, äußerst nachdenklich stimmte.

Der Schauplatz war das Gericht nach einem der gewöhnlichen, resultatlosen Verhöre des Angeklagten. Willumsen war wieder in Arrest abgeführt, die Zeugen waren vorläufig entlassen.

Der Kreisrichter saß auf einem Stuhl hinter dem mit grünen Tuch bezogenen Richtertisch, und Thomas ritt auf der Schranke, eine von seinen eignen Zigarren rauchend.

»Lieber Herr Kreisrichter,« sagte er, an das oft diskutierte Thema anknüpfend. »Ich erkenne an, daß unter den vorliegenden Umständen geringe Aussicht dafür vorhanden ist, daß unser bewährter Freund Willumsen mürbe wird und gesteht. Ich sollte meinen, daß die höhere und höchste Gerichtsbarkeit ihn verurteilen würde, aber ich muß sagen, es gibt Momente in der Sache, die es mir bedenklich erscheinen lassen, sie vor das Forum der höchsten Gerichtsbarkeit kommen zu lassen. Ich wünsche nicht vor offnem Vorhang mitzuspielen und Gegenstand für die Taschenspielerkünste irgend eines ehrgeizigen Advokaten zu sein. Sie wollen den Mann also nicht auf Indizien verurteilen, und er wird sicher appellieren, wenn Sie ihn verurteilen. Ihn ohne weiteres laufen zu lassen, geht vermutlich auch nicht, jetzt wo die Sache durch seine Verhaftung öffentlich geworden ist und es kaum zu erwarten ist, daß die Anklagebehörde die Anklage gegen ihn fallen läßt.

Ich schlage Ihnen daher vor, daß wir Herrn Willumsens Geständnis erkaufen.«

Der Kreisrichter zuckte zusammen.

»Verstehn sie mich recht,« fuhr Thomas fort. »Ich gehe davon aus, daß der Mann gewillt ist mit uns zu handeln. Er gesteht nicht gutwillig – und ehrlich gesagt, warum in aller Welt sollte er auch? Dann wird er sicher verurteilt; solange er leugnet, hat er eine Chance freizukommen, und für ihn ist das Ganze eine Zeitfrage. Mein Vorschlag geht ganz einfach dahin, daß Sie ihn auf freien Fuß setzen, Sie sollen nicht einmal Kaution verlangen. Sie schließen die Verhöre und sagen dem Manne, daß er jetzt geleistet habe, was er Ihrer Ansicht nach leisten könnte, und daß er frei sei.

Nur darf er diese Stadt nicht verlassen; es soll dafür gesorgt werden, daß er Existenzmittel hat. Den Rest werde ich dann besorgen, wenn Sie es mir überlassen wollen. Er kann nicht weglaufen, ohne Verdacht zu erregen, und versucht er es, so sind wir eher weiter, als wir vorher waren.

Also tun Sie, wie ich Ihnen sage.«

Kreisrichter Heiden erhob sich von seinem Richtersitz und ging in dem kleinen abgegrenzten Stück des Gerichtslokals, wo er seinen Platz hinter dem Schranke hatte, auf und ab.

Der Plan gefiel ihm ausnehmend. –

Aber er wollte nicht gleich ja sagen; er wollte sich die Sache fünf Minuten überlegen. Es gibt Leute, die das unweigerlich müssen, und es ist selten schwierig mit ihnen zurecht zu kommen.

Als er mit der Überlegung fertig war, ging er auf den Plan ein.

»Gut!« sagte Thomas. »Jetzt ist also die Reihe einzugreifen, wieder an mir! Sie werden mir vermutlich zugeben, daß ich bisher ganz gut vorwärts gekommen bin, und daß ernste Schwierigkeiten auf unserm Weg erst entstanden sind, als die Sache in Ihre Hände überging. Ich sage das nicht um unbescheiden zu sein oder zu prahlen, aber es ist wahr.«

Der Kreisrichter bestätigte es sanftmütig.

»Also,« fuhr Thomas fort, »jetzt handle ich. Ich habe die Erlaubnis, alles innerhalb der Grenzen von Gesetz und Anstand vorzunehmen, was ich für gut befinde. Und Ingenieur Willumsen wird auf freien Fuß gesetzt unter der Bedingung, daß er sich innerhalb der Grenzen der Jurisdiktion aufzuhalten hat, nicht wahr?«

Der Kreisrichter nickte.

»Wollen Sie dann den Arrestanten rufen lassen!« sagte Thomas.

Und der Kreisrichter ließ den Gefangenenwärter holen, der kurz darauf mit Willumsen und Polizeidiener Hansen zurückkam.

Der Kreisrichter schrieb in seinem Protokoll. Er, der sonst alle Arbeit, wo er es anständigerweise konnte, andern überließ, führte die Arbeit selbst aus, die er ebensogut einen Protokollführer hätte tun lassen können, er schrieb selbst das Gerichtsprotokoll und las Willumsen folgendes vor:

»Nachdem der Arrestant hartnäckig trotz wiederholter und eindringlicher Vorhaltungen von seiten des Richters geleugnet hat, daß er des ihm zur Last gelegten Verbrechens schuldig sei, wird ihm vom Richter mitgeteilt, daß die Sache abgeschlossen und der Anklagebehörde zur Beschlußfassung übersandt wird. Da seine Anwesenheit somit in Rücksicht auf die Untersuchung der Angelegenheit nicht länger notwendig ist, und da der Richter nach der vom Angeklagten während der Untersuchung angenommenen Haltung keinen Grund hat zu befürchten, daß er sich dem eventuellen gerichtlichen Verfahren entziehen werde, so wird er, unter der Bedingung den Jurisdiktionsbezirk nicht zu verlassen, um bei einer eventuellen Vorladung dem Richter zur Verfügung zu stehen, entlassen. Die Haft ist aufgehoben, die Sache abgeschlossen. –«

Hansen fiel beinahe auf den Rücken und schielte nach dem Assessor wie um Beistand in seinem Entsetzen zu finden.

Thomas rauchte ruhig seine Zigarre weiter.

Willumsen stutzte und betrachtete die beiden Herren mißtrauisch.

Der Kreisrichter stand auf.

»Sie können also gehen, Herr Willumsen, die Haft ist aufgehoben! Ihre Sachen und Ihr bares Geld werden Ihnen vom Gefängniswärter ausgehändigt werden. Soweit es Sie angeht, ist die Sache also vorbei.«

Willumsen fand sich in guter Haltung darein und verbeugte sich.

Er fügte keinen Kommentar zu den Worten des Kreisrichters.

Assessor Klem trat an ihn heran.

»Herr Willumsen,« sagte er. »Sie können gehen, ohne mich anzuhören, wie der Kreisrichter sagt. Sie sind frei. Sie können mich auch anhören, und ich glaube, Sie täten klug daran, da sie ja doch riskieren unter Anklage gestellt zu werden und gewissermaßen noch einen Strick am Bein haben.«

Willumsen warf seinem Feinde einen scharfen Blick zu.

»Ich wüßte nicht, worüber ich mit Ihnen zu reden hätte,« sagte er: »ich halte mich an das Gesetz. Ich wünsche nicht anderes als Gerechtigkeit und bin bereit in der Haft zu bleiben.«

Der Assessor nickte.

»Wenn das Gericht dies nicht annähme, würden Sie kaum die Erlaubnis erhalten zu gehen. Aber wie Sie gegen den Willen des Gerichts nicht gehen können, so können Sie gegen seinen Willen auch nicht bleiben. Es handelt sich also nur darum, ob Sie ein paar Worte mit mir zu reden wünschen, wie ich sie mit Ihnen zu reden wünsche. Ich werde Ihnen nichts zu leide tun.«

Willumsen schwieg, er fürchtete wie die seligen Trojaner die Danaer, auch wenn sie Geschenke brachten. Aber Kreisrichter Heiden fand eine Lösung, die dem vortrefflichen Kreisrichter alle Ehre machte.

»Herr Willumsen,« sagte er, »Sie sind jetzt nicht mehr Arrestant; es wird Ihnen vielleicht unter diesen Umständen unangenehm sein, den Arrest zu verlassen und in die kleine Stadt hinauszugehen, wo Sie bekannt sind. Ich kann Sie noch nicht von hier wegreisen lassen. Ich werde für einen Aufenthaltsort für Sie sorgen. Wollen Sie mein Gast sein? Assessor Klem speist bei mir, und da können wir zusammen reden.«

Hansen beruhigte sich, er ahnte eine Falle.

Willumsen dagegen wappnete sich mit Mißtrauen und seinem gewohnten Starrsinn, aber er schlug ein.

Es wäre zu viel gesagt, wollte man die Stimmung, die während des Mittagessens bei Kreisrichter Heiden herrschte, animiert nennen. Das Essen war gut, der Kreisrichter hatte das ganze Verständnis des Junggesellen für gut zubereitetes Essen, und er war ein in jeder Weise vortrefflicher Wirt. Jeder wird indes zugeben, daß seine Aufgabe bei dieser Gelegenheit mehr als schwierig war. Und wir wollen darum nicht bei der Mahlzeit verweilen, die etwas peinlich verlief, sondern die drei merkwürdigen Tischgenossen betrachten, wie sie nach dem Essen im Zimmer des Kreisrichters beim Kaffee saßen, Willumsen eine von Assessor Klems guten Zigarren rauchend.

Thomas war merkwürdig mild, er machte keine schlechten Witze, er war sehr höflich gegen Willumsen und sprach von anderen Dingen; aber er versuchte andrerseits durchaus nicht so zu tun, als wüßte er die Situation nicht richtig einzuschätzen.

Und allmählich ging er zur Ausführung seiner eigentlichen Absicht über.

»Herr Willumsen,« sagte er, »ich bin moderner Kriminalist und habe meine eigene Ansicht von Verbrechen, seiner Ursache und seiner Bekämpfung. Sie wissen, daß ich Sie für schuldig halte, und ich will nicht versuchen aus meiner Auffassung ein Hehl zu machen. Auf der andern Seite wollten Sie als Arrestant nicht gestehen. Das kann ich begreifen, ich möchte nun erfahren, ob Sie als freier Mann denselben Standpunkt einnehmen.«

»Ja,« antwortete Willumsen fest, »ich spreche die Wahrheit und halte mich an die Wahrheit.«

»Gut,« fuhr Thomas fort, »aber ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß es nicht genug ist, daß Sie Ihre Stellung in Worten festlegen, Sie müssen auch durch die Tat dafür eintreten. Ich fordere Sie nun auf, mit mir nach Braendholt hinaus zu kommen; Sie treffen dort eine Familie, die Sie kennen, ich komme selber mit, und ich garantiere Ihnen dafür, daß Sie aufgenommen werden.«

Willumsen schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich – –«

Der Assessor fuhr fort: »Sie unterbrechen mich zu zeitig. Ich akzeptiere Ihre Unschuld; nicht weil ich daran glaube, das können Sie nicht verlangen, aber ich akzeptiere sie. Ich tue mehr als das, ich trete dafür ein. Ich räume meinem Onkel gegenüber ein, daß möglicherweise Franck der Dieb sein könne, daß ich mich in den Ringen geirrt haben könnte, als ich die Tasche versiegelte. Franck ist zur Zeit in der Hauptstadt. Ich verlange von Ihnen, daß Sie sich unter einem Dach mit der Familie aufhalten, mit ihr leben, und durch die Tat für Ihre Unschuld eintreten. Ich garantiere Ihnen, daß Sie aufgenommen werden, und daß Sie jede Gelegenheit, die Sie wünschen, erhalten werden, zu sagen, was Sie meinen zu sagen zu haben.«

»Das ist unmöglich,« sagte Willumsen scharf. Es ist nur eine neue Falle.«

Thomas strich die Asche von seiner Zigarre ab. »Nein, Herr Willumsen, das ist es nicht! Ich weiß, wenn Sie nicht der Dieb sind, so ist es Franck. Er behauptet er sei unschuldig, er ist offiziell mit meiner Kusine Monny verlobt, er kann hinkommen und seine Unschuld Ihnen gegenüber verteidigen. Es handelt sich bei diesem Kampf nur darum, wer auf eine gerechte Sache baut, und bauen Sie auf die Ihre, so sollten Sie den Kampf aufnehmen.«

»Ich habe Franck nicht in Verdacht,« erwiderte Willumsen fest; »ich habe Sie im Verdacht – nicht daß Sie gestohlen haben, sondern daß Sie das Geld in die Tasche gelegt haben, um die Schuld auf mich zu wälzen.«

Thomas lächelte: »Ja, ich weiß, daß ich das nicht getan habe und darum kann ich frei und ruhig Ihnen gegenüber auftreten. Aber auf der andern Seite können Sie ja diesen Standpunkt der Familie Busgaard gegenüber vertreten. Sie können nicht verlangen, daß ich ihn teile, ich habe im Gegenteil im Sinn, mich sehr heftig dagegen zu verteidigen, aber auf gleichem Fuß mit Ihnen.«

»Das ist doch nur Spiegelfechterei,« sagte Willumsen finster. »Sie wissen recht gut, daß Ihre Verwandten mir nicht glauben werden; sie werden Ihnen glauben und mich wie einen Verbrecher behandeln!«

»Jawohl, aber gerade durch Ihr Auftreten sollen Sie ja diese Menschen gewinnen. Sie glauben die ganze Zeit, Sie befinden sich im Verhör, Willumsen! Das tun Sie nicht, Sie sind Gast bei Kreisrichter Heiden, wo ich ebenfalls Gast bin. Wir haben beide Sie im Verdacht, das gebe ich zu; aber sind Sie unschuldig, so irren wir eben beide. Menschen können irren. Sie irren sich, wenn Sie glauben, ich hätte das Geld in die Tasche gelegt. Ihr Glaube macht mich nicht unsicher. Ich weiß nicht, ob Sie irgend welche Unsicherheit an mir bemerken. Ich verlange nur, daß Sie mit nach Braendholt hinauskommen und durch Ihr Benehmen Ihre Unschuld beweisen.«

»Das würde unnütz sein,« sagte Willumsen bestimmt. »Unangenehm für Busgaards, unerträglich für mich – nur die Verlegung des Verhörs in ein Privathaus, in die ich mich nicht zu finden brauche, und in die ich mich nicht finden will!«

»Wie Sie wollen,« sagte der Assessor und zuckte die Achseln. »Sie geben also den Versuch mich und die Welt zu überzeugen auf. Es ist also nur das Formelle, worum es sich jetzt handelt. – Sie meinen, Sie können der Strafe entgehen – ich glaube, Sie irren sich; aber es ist ja möglich, daß Sie freigesprochen werden. Was dann? Wollen Sie auch dann sich von Braendholt fern halten?«

»Ja,« erwiderte Willumsen; – »ich wünsche nicht die Menschen, die mich in dieses Unglück gestürzt haben, zu belästigen. – Ich habe diesen Verdacht nicht verdient und ich mag die Menschen nicht sehen, die mich unverdient im Verdacht haben. – Die Welt ist groß, ich werde meinen Weg schon machen, wenn nicht hier, dann im Ausland.«

»Richtig,« sagte Thomas freundlich. »Jetzt sind wir so weit. – Ich kaufe Ihnen Ihr Geständnis für den Betrag, den Sie dafür haben wollen, ab. Er darf meine Mittel natürlich nicht übersteigen, aber ich bin bereit eine runde Summe dafür zu opfern. Wie die Sache jetzt steht, haben Sie eine Chance freigesprochen zu werden, – sie ist minimal. Sie haben neun von zehn verurteilt zu werden, und in dem Fall ist es aus mit Ihnen. Nun komme ich und sage, Sie können sich freikaufen. Wir kommen dem Beweis nicht näher, als wir gekommen sind, sonst würde ich nicht mit Ihnen handeln. Sie entrinnen dem Verdacht nicht, höchstens können Sie der Strafe entrinnen. Davon können Sie sich durch Ihr Geständnis freikaufen, und dann können Sie das Leben von neuem beginnen, draußen in der weiten Welt.«

Willumsen schwieg.

»Sie verstehn,« fuhr Thomas fort, »daß ich nur mit Ihnen handle, weil ich von Ihrer Schuld überzeugt bin. Sie können nicht unter diesen Menschen leben, weil Sie schuldig sind. Es handelt sich nur um die Folgen – Sie sollen sich nicht übereilen – aber überlegen Sie sich die Sache!«

Willumsen schwieg andauernd.

Jetzt trat Kreisrichter Heiden zu ihm hin und sagte:

»Tun Sie mir den Gefallen, Willumsen, da Sie gerade hier sind – und spielen Sie mit mir das Duo in F moll; Sie wissen, das, was ich so liebe.«

Willumsen konnte nicht nein sagen, und die beiden, der Kreisrichter und der Angeschuldigte, spielten ein Duo in F moll. Das war seltsam.

Und noch seltsamer war es, daß Kriminalassessor Klem ruhig in einen Stuhl zurückgelehnt da saß und die Musik scheinbar von ganzer Seele genoß.

Sie spielten einmal und sie spielten zweimal, und Thomas blieb in seinem Stuhl sitzen.

Aber als sie nach langer Zeit fertig mit spielen waren und sich nach Assessor Klem umsahen, da war der Stuhl leer und Kreisrichter Heiden und Willumsen waren allein in der Stube.

Es war spät geworden, und es wurde noch später; aber als die Märzsonne auf die Fenster des Kreisrichters zu scheinen anfing, saß Willumsen im Lehnstuhl des Kreisrichters zusammengesunken in tief menschlichem Weinen, das aus dem innersten Herzen kam.

Warum es leugnen? – Auch Kreisrichter Heiden weinte; so war er nun einmal, er fand, daß er das Erhabene entweiht habe, als er sich das Geständnis erspielte.

Kriminalassessor Klem nahm es anders auf, als er am nächsten Morgen erfuhr, was vorgegangen war. Er sagte bloß:

»Dachte ich es mir doch, wenn Sie sich auszeichnen sollen, lieber Herr Kreisrichter, so müssen Ihre Handlungen in Musik umgesetzt werden.«

Aber das Geständnis hatten sie, und der Sünder kam einigermaßen billig davon.

Für Juristen sei bemerkt, daß § 228 in Verbindung mit dem Gesetz über bedingte Begnadigung in Anwendung kam. Laien interessiert das Juristische ja nicht.



Der sechste Sinn

Wir sind auf Braendholt, und dort ist es gut sein; es ist der 22 April, Tines und Thomas Klems Hochzeitstag.

Wir kennen fast die ganze Gesellschaft; vor der Mitte des Tisches sitzt die Braut in Weiß, lieblich lächelnd wie eine Braut sein soll; neben ihr der Bräutigam in goldgestickter Uniform, die seinem Schwiegervater bedeutenden Respekt abnötigt.

Dann ist die ganze Familie Busgaard da, Monny in Rosa, einfach bezaubernd mit ihrem Verlobten stud. jur. Arthur Franck, Großhändler Franck senior, der den Wein und die Zigarren geliefert hat, ein dicker Herr vom Schützenbrudertypus, Klemmesen, der rot ist vom Essen und Wein, seiner Aussichten Schwiegersohn zu werden beraubt, aber sehr zufrieden darüber, das keines der Mädchen einen Landmann bekommen hat. Klemmesen bereitet sich so halb und halb darauf vor stationär auf Braendholt zu werden. Es sind viele Gäste da, aber wir halten uns an die, die wir kennen und da besonders an einen, den wir am allerbesten kennen, unsern Freund Kreisrichter Heiden.

Er sieht sehr vornehm in dem schwarzen Frack aus, Heiden geht nie in Uniform, und der große weiße Schlips ist zierlich unter dem glattrasierten Kinn geknotet.

Er steht neben Tante Mus, er führt nämlich die Frau des Hauses zu Tisch, da keine Verwandten des Bräutigams anwesend sind. Kreisrichter Heiden redet, mit seinem stillen guten Lächeln, den Kopf ein wenig auf die Seite geneigt und die hübschen blauen Augen auf die Braut gegenüber gerichtet.

»Liebe Frau Klem, recht so, sehen Sie mich an mit Ihren lieben klaren Augen, die mir am ersten Tage, als ich dieses Haus betrat, entgegenleuchteten, wie die kleinen treuen Blumen, genannt Vergißmeinnicht. Liebe Frau Klem, Martine Luthera, nicht wahr, so lautete der Name, den Sie zum Andenken an den großen Reformator gleichen Namens tragen?«

Thomas fiel ihm ins Wort:

»Sie sollten wissen, Herr Kreisrichter, daß meine Gattin, zufolge königlicher Bewilligung, die Sie selber ihr mitgeteilt haben, das Recht erworben hat, den Vornamen Cäcilia zu führen. –«

Der Kreisrichter lachte: »Richtig! Cäcilia, die orgelspielende Heilige. Für Ihre Zukunft ist mir nicht bange.

Als Erbteil von Ihrer Mutter erhielten Sie zum Wiegengeschenk das Gleichgewicht des heitern Sinnes, der die Menschen über die Wellengipfel und -Täler dahin trägt, und wo Sie schreiten, folgt Ihnen Glück und Sonnenschein.

Für Sie ist mir nicht bange. Freundeswort und Freundeslächeln werden Ihre Begleiter auf dem Lebenswege sein.

Aber Sie lieber Klem, ja, warum nicht ehrlich zu Ihnen sprechen an diesem Tage, wo Sie einen neuen Kurs steuern. Das, was uns beide zusammengeführt hat, ist nicht erfreulicher Art. Es sind nur wenige Tage her, seit ich am Bollwerk stand und ein Schiff mit vielen Menschen an Bord fortgleiten sah, vielen die dem großen Unbekannten entgegenglitten, dem zweifelhaften Glück und der sichern Enttäuschung. Und unter diesen vielen war einer, dessen Namen wir nicht nennen, aber einer, dem ich alles Gute wünsche, weil er bereut hat, was er verbrach.

Es war seine törichte Handlung, die uns beide in diesem Hause zusammenführte; dadurch lernte ich Sie kennen, und Sie haben meine Freundschaft gewonnen; mag sie nicht viel wert für Sie sein, es ist das einzige, was ich zu verschenken habe!

Lassen Sie mich Ihnen sagen, ich glaube nicht, daß Glück in dem Beruf, den Sie erwählt haben, zu finden ist. Sie kennen die primitiven Menschentypen, zwei davon sind der Hirt und der Jäger. Ich betrachte mich als Hirt, aber Sie sind Jäger. Und es ist Ihre Jägernatur, die Sie in Ihrem Berufe anspornt. Doch der Jäger tötet, und es ist viel Wild in dem Jagdrevier, das Sie durchstreifen. Darf ich Ihnen heute eins sagen.

Lassen Sie die Jagd nie bei sich zum Sport werden, so daß Sie vergessen, daß es edles Wild ist, das Sie jagen. Ich habe Sie bei der Jagd gesehen, ich habe die Jagdfreude bemerkt, wenn das Wild im Garn zappelt. Sie werden sagen, die Zeit verlangt nicht nach Weichherzigkeit, nach törichter Milde gegen den Verbrecher, nach Warmbiertheorien, sondern nach einer festen Hand, nach einem kalten Hirn und wachem Auge.

Darin haben Sie recht! Aber Sie jagen Menschen, und wenn der Jagdeifer Sie fortreißt, und Ihr Herz klopft bei dem Siege, den Sie gewonnen, oder zu gewinnen hoffen, so bitte ich Sie, einen Augenblick innezuhalten und daran zu denken, was sie, die an Ihrer Seite sitzt, wohl sagen wird. Ich glaube, sie wird dasselbe sagen wie ich, der alte Kreisrichter, der nur dazu taugt, den Därmen toter Säugetiere Töne zu entlocken, die Sie in die Flucht jagen.

Sie wird zu Ihnen sagen: denke daran, Thomas Klem, daß es Menschen sind, die Du jagst! Gute Jagd, heißt es bei Kipling unter den Tieren der Dschungeln, gute Jagd, aber nicht Jagd allein um der Jagd willen.

Ja, das sind die Worte, lieber Klem – gute Jagd!«

Busgaard hielt es für Unsinn, was der gute Kreisrichter gesagt hatte, aber Tine nickte dem Kreisrichter freundlich zu und Tante Mus sagte ihm geradezu Dank für die Worte, die er gesprochen hatte.

Thomas war gnädig – warum sollte er nicht gnädig sein an seinem stolzen Glückstage? Kreisrichter Heiden hatte seine eigne Methode, sie hatte sich jedenfalls einmal als probat erwiesen.

Thomas erhob sich und richtete seine Worte an den Kreisrichter.

»Lieber Herr Kreisrichter! Dank für den Zuruf! Es könnte nicht besser sein; Sie haben richtig gesehen, ich bin Jäger. Und auch darin haben Sie recht, ich treibe die Jagd um der Jagd willen! Aber ist das eigentlich etwas Böses. Jedes Ding wird von mir um seiner selbst willen betrieben; das hat mir das Leben hell und die Jahre, die vergangen sind, reich gemacht, und das soll mir, wenn alles gut geht, das Leben und die kommenden Jahre hell und reich machen. Ich bin ein Mensch und als Mensch erhielt ich meine fünf Sinne. Ich gebrauche meine Augen und sehe, ich beurteile mit dem Blick die Dinge um mich, die lebenden wie die toten, sowie den Platz der Dinge im Raum um mich herum. Ich sehe das Neue und vergleiche es in meinem Innern mit dem, was ich früher gesehen habe. Ich habe gelernt, mich auf meinen Blick zu verlassen, und ich verlasse mich fernerhin darauf.

Ich kann nicht das Gras wachsen hören, das können nur die ganz Hellhörigen; aber ich kann die Menschen reden hören, und kann wohl auf ihre Worte acht geben. So wie ich auf Ihre Worte acht gegeben habe, lieber Kreisrichter, und mich ihrer erinnern werde! Ich bin nicht nur Jäger, sondern auch ein Stück von einem Jagdhund. Die Fährte des Wildes ist für mich von großer Bedeutung; ich stehe, wenn ich die Nähe des Wildes wittere. Ich bin ein Mann mit wachen Sinnen. Und dies sage ich Ihnen, Herr Kreisrichter, damit Sie begreifen, wenn ich einmal so bin, wie ich bin, so muß ich tun, was ich tue.

Sie machen Musik, das machen Sie gut! Sie spielen auf vielen Saiten, und Sie spielen mit Gehör; ich habe Sie selber auf Saiten spielen hören, daß ich alles andere vergaß und nur Ihrem Spiel lauschte.

Sie haben mich gelehrt, eine Kunst zu begreifen, die ich früher nicht beachtet habe; wer weiß, ob ich mich nicht einmal einfinde, um Trio mit Ihnen zu spielen!

Aber – das kleine unselige aber, was Sie so groß machten, und ich so klein mache, die Freude über meine Sinne dürfen Sie mir nicht rauben! Es sind meine Sinne, die mich zu dem machen, was ich bin.«

»Der Mann mit dem sechsten Sinn,« fiel Busgaard lärmend und explosiv ein.

Thomas nickte.

»Mit dem untrüglichen primitiven ländlichen Instinkt des Landmannes triffst Du, Onkel Bus, der Mann ohne ihn, aber vollgestopft mit Instinkten, das richtige, und sagst das Wort, das gesagt werden soll. – Ich bin der Mann mit dem bewußten sechsten Sinn. Vielleicht ist es das, was mich zum Jäger macht; ich bin Jäger, Herr Kreisrichter Heiden – und darum sage ich Dank für den Zuruf gute Jagd!

Ich will gute Jagd.«

Tine blickte bewundernd zu ihm auf; sie liebte ihren Jäger, sie war ja selbst eine Art Jagdbeute, meinte sie. Kreisrichter Heiden dagegen schüttelte sein lockiges Haupt.

»Sie nennen sich der Mann mit dem sechsten Sinn, lieber Kollege! Gestatten Sie mir, daß ich opponiere. Der sechste Sinn ist wirklich noch gar nicht wissenschaftlich konstatiert.«

»Im Gegenteil,« sagte Thomas, und sein Gesicht war ein großes siegesstolzes Lächeln. »Ich bin so glücklich, Ihnen sagen zu können, was der sechste Sinn ist. Ich weiß es nämlich aufs Tüpfelchen genau. Der sechste Sinn ist nichts weiter als der Sinn, die fünf zu brauchen, die man hat!«