ngiyaw-eBooks Home

Felix Salten – Das Buch der Könige

Kleine Biographien

Felix Salten, Das Buch der Könige, Mit Zeichnungen von Leo Kober, Verlag Georg Müller, München und Leipzig, o. J.



Buch der Koenige

Der deutsche Kaiser

Die Geschichte wird ihm eines unbedingt zugestehen, und daran werden auch die Nörgler der Nachwelt nicht zu rütteln vermögen: dass nämlich unter seiner Regierung die Schnurrbarte einen fabelhaften Aufschwung genommen haben. Seinem erhabenen Beispiel ist es zu danken, wenn jetzt beinahe alle deutschen Männer, die sich überhaupt leisten können, diesen hochfahrenden, jähen und drohenden Schnurrbart tragen. Solch ein Schnurrbart ist einfach ein Programm, eine sichtbar gewordene, emporgezwirbelte Gesinnung. Man kennt den Untertan, wenn man seinen Schnurrbart kennt. Er darf sich alle Worte sparen, und ein kurzes Hurra genügt, um sich mit ihm zu verständigen. Seit dem dreizehnten Ludwig hat Europa so steile Lippenhaare nicht mehr gesehen. Aber wer fragt heute noch nach König Ludwigs Bart? Solche Friseurmoden sterben mit ihren souveränen Erfindern, und wenn der Sang an Ägir nicht ebenso lange vorhält wie die Gavotte Louis' Treize, dann muss der Historiker sich nach anderen Leistungen Wilhelms II. umsehen.

Unterschätzen wir die Äusserlichkeiten nicht. Ein Mann, der sich die Haare kurz schneidet oder sie lang werden lässt, der sein Haar rechts oder links scheitelt, es glatt bürstet oder einfach zurückstreicht, will damit immer etwas sagen. Schliesslich wollen wir ja das aus uns machen, was wir für das Allerschönste halten. Und da verrät doch ein jeder, wie er sich die Sache mit dem Allerschönsten denkt. Vollends bei einem Monarchen sind Äußerlichkeiten wichtig, da er doch mit Uniformen und goldenen Knöpfen, mit Orden und Bändern, mit lauter äusserlichen Dingen Gnaden und Höflichkeiten bezeigt, und da er seinen Kopf als das Muster aller Männerköpfe im ganzen Lande abbilden lässt. Und gar erst, wie ein Mann seinen Schnurrbart trägt. Das zeigt die Dominante seines Wesens. Sein ganzes Temperament liegt darin. Habt ihr schon bemerkt, wie der schüchterne Liebhaber auf dem Theater den Schnurrbart aufdreht, wenn er seine Courage zusammenrafft, um sich zu erklären? Es ist eine psychologische Nuance. Keine von den besonders neuen oder tiefen Nuancen, aber bewährt, weil sie aus der Beobachtung des menschlichen Charakters resultiert. Nun also! Ein Mann, der seinen Schnurrbart aufdreht, ist allemal ein hochgemuter Mann. Hat man Wilhelm II. schon anders als hochgemut gesehen?

Immerhin, es ist eine Äusserlichkeit. Und das wäre doch gar zu bequem. Dieser Kaiser hat schliesslich noch andere Leistungen aufzuweisen als sein Verständnis für Haby. Zum Beispiel hat er Bismarck weggeschickt und an die Völker Europas das Ersuchen gerichtet, sie mögen ihre heiligsten Güter wahren. Dem Prinzregenten von Bayern hat er einmal hunderttausend Mark angeboten und den alten Herrn dadurch in eine der sonderbarsten Geldverlegenheiten gebracht. Den Amerikanern hat er eine Statue Friedrichs des Grossen geschenkt und den Römern ein Goethedenkmal. Daneben freilich auch der Stadt München die Schackgalerie. Den Deutschen hat er eine grosse Flotte gegeben, dazu die Berliner Siegesallee und den Dichter Lauff. Er hat verschiedene Hymnen komponiert, für Leoncavallo ein Opernlibretto geschrieben, pathetische Bilder mit Knackfussens Hilfe gemalt und sich mit der Saufeder photographieren lassen. Er hat lange Gespräche mit dem Baron Berger geführt, bei denen er freilich selbst nicht oft zu Wort gelangt sein dürfte; und er hat dann den schweigsamen Menzel zur Exzellenz ernannt. Kurz, es sind die widersprechendsten Dinge, die wir von ihm erleben. Und weil Gerechtigkeit eine schöne Sache bleibt, möchte man sich oft wünschen, es solle einer, der ihn genau kennt, die ganze Angelegenheit ins Reine bringen. Das müsste natürlich einer sein, der es vermag, auch gekrönte Menschen zu wägen und zu werten, einer, an dessen Urteil alle glauben, und er müsste uns endlich genau sagen, ob der deutsche Kaiser ein grosszügiger oder nur ein beweglicher Mensch sei, ob er seinen Impulsen unterliegt oder auf den Effekt arbeitet oder beides zusammen, ob man ihn Wilhelm den Bedeutenden nennen darf, oder ob es genügt, ihn als Wilhelm den Interessanten hinzunehmen.

Das Ganze wäre ja bei aller Kompliziertheit so schwierig nicht, wenn seine Mienen den Stempel eines hervorragenden Geistes tragen würden. Könnte man es ihm nur vom Gesicht ablesen, dass er ein grosser Mann ist, dann wäre die innere Einheit für all seine disparaten Handlungen bald gefunden. Den grossen Herrn merkt man ihm freilich an, und der biedere Frosch könnte zu ihm sagen: »Sie scheinen mir aus einem edlen Haus, Sie sehen stolz und unzufrieden aus.« Nehmt aber alles nur in allem, dann ist es ein Soldatengesicht von jenem Heroismus des Ausdrucks, der Frisur und Haltung, den Schönthan und Gustav v. Moser auf die deutsche Bühne bringen. Ein Gesicht, in dem Tüchtigkeit und ein strammer Wille geschrieben stehen. Vom Wetter und von der Seeluft völlig braun gegerbt. Ein bewegliches, munteres Antlitz, das nur zu gern lächelt und lächelnd auch sehr liebenswürdig wirkt, das aber zu einer majestätischen Herrschermiene sich zwingt. Kleine, vergnügte, temperamentvolle Augen beleben dieses Gesicht, aber ihnen wird es auferlegt, starr und streng zu blicken. Der Kaiser zieht die Brauen hoch, wenn er jemanden anspricht, reisst die Augen auf, »blitzt die Menschen an«, wie man wohl sagen soll. Untersetzt und breitschultrig von Gestalt, hält er sich in einer kerzengeraden Würde, und wie der »korsische Parvenu« ersetzt er durch überraschende Schnelligkeit, was seiner Gebärde an Adel etwa fehlt. Er hat nicht die Art der Könige, die sich beobachtet fühlen, sondern viel eher die Art der Menschen, die sich unablässig selbst beobachten, die ihre eigene Wirkung auf andere ständig kontrollieren.

Man könnte ihn, wie er des schönen Deutschen Reiches sich freut, den lachenden Erben nennen. Aber das wäre lange nicht genug. Denn Wilhelm II. ist auch ein bewundernder und er ist ein dankbarer, dazu noch ein fleissiger Erbe. Er ist der glühendste Verehrer des deutschen Kaisers, und dass er sich einmal hinreissen liess, vom chinesischen Sühneprinzen den Kotau zu heischen, hat nur in der tiefen Ehrfurcht, die er vor dem deutschen Kaiser hegt, seinen Grund. Vielleicht rührt auch sein Streben nach Vielseitigkeit, sein Ehrgeiz, sich in allen Künsten und Wissenschaften zu betätigen, nur daher, dass er glaubt, der deutsche Kaiser müsse schier ein Ausbund von Genialität und universaler Begabung sein. Jedenfalls zeigt er mit allem, was er tut, dass er eine wahre und herzliche Freude an seinem Beruf hat. Von allen Herrschern Europas ist er wahrscheinlich der einzige, der in heutiger Zeit, in der das Regieren ja ein ziemlich mühsames und oft gar nicht ungefährliches Geschäft geworden, mit Passion bei der Sache ist. Wenn man ihn beobachtet, wie er in Potsdam sein Regiment zur Kaserne führt, wie er in Berlin durch den Tiergarten reitet, wie er auf dem Subskriptionsball den Saal betritt, wenn man immer wieder gewahr wird, wie er sich wohlfühlt an seinem Platze, dann möchte man darauf schwören, dass er alle Tage, sobald er nur aufwacht, an den lieben Gott folgende Ansprache richtet: »Mein Herre Gott, ich danke dir, dass ich deutscher Kaiser und König von Preussen bin!«


Buch der Koenige

Der Zar

Bin schlanker junger Mann, den man in seiner bürgerlichen Nettigkeit für einen mittleren Beamten halten könnte. Das Antlitz fein, schmal und blass. Stubenfarbe, Kanzleiblässe vielleicht. Ein bisschen Männlichkeit gibt der hübsche, lichtbraune Vollbart diesen weichen Zügen. Die hohe Stirn wölbt sich weiss unter kastanienbraunen, sauber gescheitelten und willig glatten Haaren. Von der Nase lässt sich nichts weiter sagen, als dass sie eben eine Nase ist. Sanfte, verbindlich zwinkernde Augen, an denen nur auffällt, dass sie gescheucht und ruhelos umherwandern. Manchmal beginnt er heftig zu blinzeln, als sei ihm was ins Gesicht gefahren. Er hält sich aufrecht, wiegt sich in den Hüften, hat runde, anmutige Gebärden, ohne Strammheit, und ein anmutiges, gar nicht gebietendes Wesen. Den Kopf trägt er dabei immer ein wenig geduckt, wie Menschen, die der vollen Sonne entgegenwandern, oder die einen Streich erwarten. Im übrigen erinnert auch das schüchterne Lächeln an einen Beamten, oder an sonst einen wohldisziplinierten Menschen, der um Herrengunst sich müht. Dass er selbst ein grosser Herr ist, würde ihm niemand vom bourgeoisen Antlitz ablesen. Ein grosser Herr, jawohl . . . aber beständig in der Furcht vor einem grösseren.

Unermesslich ist das Reich, dem dieser hübsche junge Mann gebietet. Erfüllt von allen Wundern und Schätzen und vom tiefsten Elend. Uns leidlich freien Europäern ist es das Land der rätselhaften Widersprüche, ist es das Kaisertum der Geheimnisse. Wir wissen nur, dass es die prunkvollsten Schlösser und die grausigsten Kerker dieser Erde besitzt. Wir wissen nur, dass seine Grenzen abgesperrt sind, damit kein Schimmer geistigen Lichtes auf das von der Macht der Finsternis bezwungene Volk falle, und dass Dostojewski dort der menschlichen Seele dunkelste Tiefen erleuchten konnte; dass ein üppiger Adel seine Reichtümer nach Menschenseelen rechnen durfte, und dass Graf Tolstoi im Bauernrock die Pflugschar durch die Äcker zieht. Wir wissen nur, dass barbarischer Aberglaube und tierische Roheit unter diesen Völkern wüten und dass die kulturfeine, moderne Seele Turgenjews diesem Boden entsprossen ist. Von unsagbarer Schergengrausamkeit wissen wir und von unendlicher menschlicher Geduld. Wir wissen, dass im ganzen Europa kein Raubgeselle, kein Dieb und Mörder geprügelt werden darf, und dass in Russland an Geist und Bildung reiche, hochherzige Männer und Frauen, edle Jünglinge und Mädchen die blutige Entehrung der Peitsche leiden müssen. Wir kennen nichts von diesem Lande, als mittelalterliche Greuel und wunderbare Heldentaten, nichts als ein paar Volkslieder von erschütternder Melancholie und bezwingender Lieblichkeit; vorragende Gestalten, unter denen die einen wie Heilige, die anderen wie reissende Bestien leben. Wir gewahren nur, wie im Verborgenen dunkle Gewalten sich mühen, das Joch der Geknechteten und Geknuteten zu sprengen, wie aus der Tiefe manchmal ein Arm emporgreift zur Höhe, den unerreichbaren Gebieter zu fahnden und zu würgen. Wir sehen Generation auf Generation in nutzlosem Heroismus sich hinopfern. Erleben es täglich, wie unerschrockene Männer ihr Blut dem Vaterlande fanatisch darbringen, . . . und was ist Mucius Scävola gegen die Jünglinge Russlands!

Und über alle waltet ein Kaiser. Unnahbar, geheimnisvoll, allmächtig, beinahe wie ein Gott. Gebietet den Prinzen und Baronen seines Reiches, wie nirgendwo ein Kaiser seinen Bauern befehlen kann. Herrscht über Hab und Gut, über Freiheit und Gefangenschaft, über Leben und Tod, und darf keiner aufstehen im ganzen Land, dem das Licht der Sonne lieb ist, und fragen: Warum? Warum, du Kaiser, hast du diesen getötet, und jenen erhöht? Warum baden deine Schergen in unserem Blut? In die fernsten Gegenden des Erdballs reicht der Wille dieses einen Mannes, und das Wort dieses einen wird gehört, wird belauscht und geachtet im chinesischen Kaiserpalast, in der Hofburg zu Wien, im Elysee und im Berliner Hohenzollernschloss, und ein Dutzend kleiner Souveräne, mitten unter ihnen den Grossherrn der Türkei, hält er mit ihrer Throne Schicksal in der hohlen Hand. Ein einzelner junger Mann, nett und bürgerlich von Ansehen, nett und bürgerlich vielleicht auch von Geist – und sein Ja oder Nein, seine Laune oder sein Impuls vermag es, das Antlitz dieser Welt zu verändern. Die übrigen Könige Europas mögen ihn beneiden um sein aufrechtes Königtum, um sein ungebrochenes Herrenrecht. Was der Zeiten Lauf ihrer angestammten Herrlichkeit abgezwungen, was sie unter den ehernen Griffen neuer Erkenntnisse verloren, das mögen sie am Zaren messen. Und wie unwiederbringlich vergangener Jahrhunderte Denkmal mag ihnen die absolute Zarenherrlichkeit erscheinen, ein Monument ihrer einstigen königlichen Unumschränktheit, die lebendige Erinnerung an jene goldenen Tage, da es noch freie Könige gegeben.

Ein schüchtern lächelnder, blasser junger Mensch, ohne Tyrannengebärde, ohne grossartige Gebietergesten. Er braucht ja den Arm nicht stolz zu erheben, wo ein Wink mit dem kleinen Finger genügt, um Millionen in Bewegung zu setzen. Dieses aber war das Leben seiner Vorfahren: dass sie Trunk und Speise ihren Lakaien und Hunden zum Vorkosten reichten, um, wenn jene in Krämpfen verröchelten, aufzuatmen, weil sie für heute Mittag dem Gift entronnen; dass sie zur festlichen Tafel schreiten wollten, und im selben Moment der Saal donnernd einstürzte, so knapp vor ihrem Eintritt, dass vor ihren Augen der Bediente, der die Türflügel aufschlug, in Stücke gerissen ward; dass die Schienen, darauf ihr Zug dahinsauste, unterminiert, explodierten, und sie in ihres Reiches Mitte auf freiem Felde verweilen mussten, umgeben von Leichen und Sterbenden, und dankbar noch, weil das Unheil jene traf, die Diener, die noch eben frisch und lebendig um des Zaren Person treu und beflissen sich mühten; dass sie, gehetzt und verängstigt, alle Bewegungen ihrer Nächsten furchtsam belauern, einmal den Adjutanten, weil er zu eilig in das Zimmer trat und mit der Hand in die Tasche nach einem Aktenstück fuhr, über den Haufen schossen, ein andermal einen jungen Offizier niederknallten, weil er auf der Treppe zu rasch nach der Mütze fuhr, den Kaiser zu grüssen, und weil der Kaiser in seinem beständigen Entsetzen meinte, der Mörder wolle zum Schlag ausholen. Das war Alexander, der Vater des Nikolaus. Der Grossvater verblutete, den Leib von Bomben zerfetzt, auf dem Strassenpflaster.

Was der Erbe dieses Reiches und dieses Daseins im Herzen denkt, erscheint als lockendes Rätsel. Man wird nicht müde, seine Worte, seine Taten zu durchforschen, ob irgendwo seines Wesens Spur sich finden lässt, ob er in seinen Absichten und Plänen zu erraten wäre, dass man ihm abmerken könne, ob er ein wissender Zar ist in Russland und ein fühlender. Er hat, als er im Kreml zu Moskau sich krönte, einmal von seiner Sehnsucht nach Frieden laut geredet, und er hat seither den blutigsten Krieg, den die Geschichte kennt, dilettantisch und hilflos geführt. Wie es in Russland gewesen, so ist es geblieben. Nichts hat sich geändert unter ihm, und während er in den steirischen Bergen Gemsen schiesst oder in den Wäldern bei Darmstadt auf die Pürsch geht, werden in seinem Reiche Menschen gejagt. Aber man erzählt, dass oftmals eine tiefe Traurigkeit das Gemüt des jungen Zaren umnachtet, dass er Tränen vergiesst auf seinem hochragenden Thron, dass er manchmal von allen Menschen sich absperrt, wenn die erschütterten Nerven den Dienst verweigern; und dass er melancholisch seine Tage verbringt, dass er selten nur lacht, erzählt man.

Wir sehen ihn in dem gleichen Gehege dahinleben, das seine Väter umgab. Eingeschlossen in einem Kerker, der mit ihm wandelt, wohin er seine Schritte auch lenken mag. Sehen ihn begleitet und gehütet von lebendigen Mauern durch die Welt ziehen, überall den Schrecken vor dem Schrecken mit sich tragend. Wenn seine Augen blinzeln, so ist es, weil jede Bewegung, die er wahrnimmt, für ihn zwei Bilder hat, das wirkliche, harmlose, und das innere, sofort in seiner beständig wachen Phantasie entstehende, gefährliche. Darum blinzelt er, als wolle ihm was ins Gesicht fahren. Und jedes Geräusch hat zwei Stimmen für ihn, die wirkliche und jene andere furchtbare, die er bei sich selbst vernimmt. Was seine schmalen Wangen bleicht, ist Stubenblässe nicht, ist das Bewusstsein: dass nur ein Stein dieser Ringmauer sich lockern, nur einer dieser vieltausend Wächter treulos zu sein braucht, dass in der ehernen, mit Bajonettspitzen und Kosakenlanzen bewehrten Hecke nur einmal, unversehens, ein kleiner Spalt entstehen könnte, und sofort schlüpfte jene Mörderfaust herein, die unheimlich und gespenstisch immer an dieser schirmenden Wand tastet und tastet. Ein schlanker, schüchtern lächelnder junger Mann, und trägt die stolzeste Krone. Aber er trägt sie geduckten Hauptes, wie man vor einem Streich das Haupt duckt. Indessen hofft die Welt auf den jungen Zaren, weil sie ja seit mehr als einem Jahrhundert gewohnt ist, immer und immer wieder auf den jungen Zaren zu hoffen.


Buch der Koenige

Der König von England

Wollte man ein Beiwort für ihn finden, dann könnte man ihn wohl den Behaglichen nennen. Vor Jahren einmal mögen andere Namen freilich besser gepasst haben. Eduard der Lustige zum Beispiel. Als er noch die unzähligen freien Abende in bunter Gesellschaft totschlug. Oder als er noch, die neue Mode mit der Seele suchend, Westen und Krawatten zu dichten liebte: Eduard der Nettgekleidete. Eduard der Leichtsinnige auch; denn er hat oft und gern und sogar recht hoch gespielt und geriet in manche Klemme, weil er als ein richtiger Prinz Glück in der Liebe und Unglück im Bakkarat hatte. In jenen Tagen, da er so manche Mitternacht am grünen Tisch herangewacht, hätte man ihn auch Eduard den Übernächtigen nennen dürfen. Damals aber war er noch Prinz von Wales; Thronerbe und Mutters unbeschäftigter Sohn. Damals war er noch frisch und gesund und hatte Besseres nicht zu tun, als sein Leben in vollen Zügen zu geniessen. Und heute ist er ein König und älter und fährt zur Kur nach Marienbad. Und weil er doch nicht mehr so magentüchtig ist wie einst, werden die Speisen für ihn sorglich nach vorgeschriebener Diät bereitet. Des Daseins freundliche Gewohnheit scheint ihm aber noch immer angenehm und wünschenswert. Nur dass sein Tempo jetzt ge-lassener geworden, majestätischer vielleicht; und dass er jene Ruhe gewonnen, die erworbene Erfahrungen und angesammeltes Fett dem Gemüte verleihen. So darf er jetzt Eduard der Behagliche heissen; und er hat einen gewissen Anspruch auf diesen Titel, weil von den Königen Europas gewiss keiner so viel Ursache und so viel Talent zur Behaglichkeit besitzt wie der König von England.

Der blaue österreichische Husarenrock, in dem er bei uns in Wien herumfährt, kleidet ihn gut. Er sieht lustig und vergnügt aus in diesem fidelen Soldatenrock. Beinahe fesch, wenn er dazu nicht doch ein wenig zu dick wäre. Im übrigen aber schadet ihm diese Fülle nur wenig, was die militärische Haltung betrifft. Vielleicht nur deshalb, weil wir gewohnt sind, gar viele wohlbeleibte Hauptleute und Rittmeister mit verschnürtem Schmerbauch dem rauhen Kriegshandwerk obliegen zu sehen. Diesen engen Waffenrock mag er als eine kurze, aber strenge Nachkur nach Marienbad dulden. Er wird – man darf darauf wetten – sicherlich weniger essen, solange er als österreichischer Husarenoberst bei Tafel sitzt. Denn in unseres Kaisers Rock gibt es keine Prinz von Wales-Moden, und so kann er hier nicht, wie einst in appetitgesegneteren Tagen, dekretieren, es sei schick, einen Westen-Knopf in der Magengegend offen zu tragen. In diesem ärarischen Kostüm sah er auf den ersten Anblick ganz normal österreichisch aus. Dann aber merkte man bald, dass es kein Gesicht ist, wie es hierzulande aus Uniformen schaut.

An diesem Antlitz ist alles üppig. Üppig ist dieses volle Rund, diese geschwellten Backen und üppig die Lippen, die Nase und die Augen. Es sind braune Augen, die vergnüglich glänzen und die man für ausserordentlich gutmütig halten konnte, wenn es nicht die Augen eines Königs wären. Nicht etwa, dass Eduard der Behagliche den zwingenden Herrscherblick hätte, seit er die Krone trägt. Aber es spiegeln sich allerlei Berufseigenschaften in seinen braunen Augen, und er schaut nur drein, wie heutzutage alle Könige dreinschauen. Ein wenig huldvoll, ein wenig misstrauisch, ein wenig geängstigt und ein wenig zornig. Verbindliche, gewissermassen konstitutionelle Brutalität, beständige Wachsamkeit und sehr viel Überdruss spricht immer aus den Augen der Könige. Eduard VII. hat dazu noch das seelenvergnügte Geniesserlächeln von einst. Manchmal blitzt es für Sekunden darin auf, ein Widerschein aus den harmloseren, amüsanteren Tagen, wo man noch in zweiter Reihe stand und alle Ehren, alle Verdriesslichkeiten, alle Macht und alle Regierungssorgen in erster Linie der Mama gebührten.

Mit dieser Nase freilich sieht es bedenklich aus. Besonders in Wien, wo schon der leiseste Schwung des Nasenbeins auch den Unschuldigen in furchtbaren Verdacht bringen kann. Mit dieser energisch gebogenen, fleischigen Nase hätte Eduard bei uns keine städtische Anstellung gefunden, und es ist ein wahres Glück, dass er König von England ist und nicht danach fragen braucht, ob seine Nase uns gefällt. Immerhin, Gott schuf sie als eine Königsnase, also lasst sie dafür gelten. Muss ja dieses ganze behagliche, schmunzelnde Antlitz für königlich hingehen. Wenn er aber im Zivil wäre, und er führe mit dieser gebogenen Nase, mit dem schwarzen Schnurrbart und dem weissen Henriquatre, mit den weichgepolsterten Tränensäckchen unter, den genusssüchtigen Augen, mit diesen vollen Lippen, die den Nachgeschmack köstlicher Mahlzeiten noch zu kosten scheinen, und mit dieser Leibesfülle über den Schottenring, in einem Fiaker, dann hiesse es gleich wieder: ja, den Börseanern geht's halt gut. Weil er jedoch mit vier Schimmeln und einem Vorreiter im goldenen Wagen über den Schottenring fuhr, hintenauf zwei Leibjäger; und weil der Kaiser von Österreich neben ihm sass und ganz freundlich mit ihm sprach, war ein solcher Irrtum nicht gut möglich, und alle Leute wussten gleich, dass der behäbige alte Herr ein echter König sei. Auch trug er die Husarenuniform, was bei Börseanern doch nur selten vorkommt.

Dieser König hat die Mienen des grossen Kavaliers. Die Mienen eines Menschen, der alle Freuden dieser Welt gekostet, dem nicht Kummer und Sorge das Haar gebleicht, sondern die Strapaz vieler fröhlich durchjagter Jahre. Die verwöhnten, niemals enthusiastischen, aber stets gleichmässig behaglichen Mienen des absolut Satten, der die Gunst des Schicksals gewohnt und in anspruchsvoller Vornehmheit überzeugt ist, das Leben werde ihm auch künftighin nur das Beste und Auserlesenste zu bieten wagen. König Eduard hat die seligneurale Gebärde, den edlen Anstand und die freien, wunderbaren Manieren, die nun einmal zu seinem Geschäft gehören. Aber seine Gebärde ist nicht feierlich, sein Anstand hat nichts Getragenes; seine Manieren sind verbindlich, seine Würde ist heiter. Das Maestoso fehlt allen seinen Bewegungen, dafür aber ist seine ganze Haltung wohlgelaunt, und man sieht an seinem raschen Lächeln, dass er eher fidel ist als pathetisch. Auf dem Theater fällt die Rolle des Königs gewöhnlich dem ersten Helden zu. Die Wirklichkeit verfährt da anders. Sie hat schon schüchterne jugendliche Liebhaber gekrönt, Intriganten und Komiker. Und so hat sie jetzt den Thron von England einem Bonvivant gegeben. Wenn gerade kein erster Held zu haben ist, scheint diese Besetzung so übel nicht. Die Leute aber verlangen immer und immer wieder mehr von den Königen, und das ist eine solche Unvorsichtigkeit, dass man nicht genug davor warnen kann. Bonvivants sind gutmütig und harmlos und bringen Geld statt Unsicherheit unter die Leute. Lasst wohlbeleibte Männer über uns sein, mit glatten Köpfen und die nachts gut schlafen.

Vollends dem behaglichen Eduard ist beständig Unrecht geschehen. Dass er flott gelebt hat, dass er die Weiber liebte, und die Karten, und die Freuden der Tafel, und schöne Kleider, dass er in der Wissenschaft des Genusses, des Amüsements und des Geldausgebens ein hervorragender Gelehrter gewesen, haben sie ihm in Deutschland und Frankreich und Österreich zum Vorwurf gemacht, wo es sie doch schon gar nichts angeht. Vor allem: der Mann hat's ja, er kann's ja tun; und ich weiss nicht, ob von den Tugendrichtern Eduards nur einer sich mit Seelengrösse langweilen würde, wenn er Prinz von Wales wäre und es besser haben könnte als jetzt. Dann aber gehört es auch nicht zu den angenehmsten Situationen, so in seinen besten Jahren zum Müssiggang aus Schicklichkeitsgründen verurteilt sein, heranaltern und immer noch auf den Thron warten müssen. Dieser andauernde Prinz von Wales, dem das Leben immer gelächelt hat und den das Leben doch so lange warten liess, dieser König, dem der Tod im Augenblick der Thronbesteigung auf die Schulter klopfte und ihm eine so ernste Mahnung zurief, erscheint in all seinen Menschlichkeiten lange nicht so schlimm, als dass ihm fortwährend Busspredigten gehalten werden müssten. Er hat sich amüsiert, unbekümmert darum, ob eine ganze Welt ihm dabei zusah. Das ist wenigstens aufrichtig. Und andere wissen die Sache heimlicher zu betreiben. Dass er als König jetzt ein behagliches Dasein führt, ist auch nicht so schlecht getan. Dem Beherrscher von England bleibt ja sonst nicht viel, auch wenn er ehrgeiziger wäre, und in dem Lande, in dem alles seinen geordneten, festen Gang nimmt, wäre weder der Held noch der Reformator am Platze. Er ist schliesslich, ohne ein königlicher Mensch zu sein, doch ein leidlich menschlicher König. Und zu allerletzt: verteidigen will ich ihn auch gar nicht. Es ist immer ein undankbares und überflüssiges Geschäft, einem König das Wort zu reden. Und nun gar dem König Eduard. Man braucht ihn ja nur anzusehen, wie er feist und vergnügt dasitzt, die kleinen runden Hände in sanften Gebärden bewegt, mit den braunen Augen blinzelt, als munde ihm das Leben vorzüglich, man sieht, er hat es gar nicht nötig, verteidigt und in Schutz genommen zu werden. Es geht ihm auch ohne das ganz gut.


Buch der Koenige

Der König der Belgier

Er ist der Enkel jenes geschäftsklugen Louis Philipp, der vor allem die grosse Brieftasche zu retten wusste, als er die Krone Frankreichs verlor. Und er ist der Sohn jenes Leopold von Sachsen-Koburg, der im Napoleon-Krieg ein braver Soldat gewesen, der dann in England als Prinz-Gemahl diente, der sich zuletzt in Belgien selbständig etablieren durfte, und der sich im übrigen immer anständig benommen hat. Es gibt noch andere, interessante Verwandtschaften. Da geht zum Beispiel in Paris ein Bruder spazieren, ein ganz natürlicher Bruder. Er trägt jetzt auch einen langen weissen Vollbart und einen langen schwarzen Salonrock, und er sieht überhaupt dem König der Belgier so ähnlich, als stamme er nicht bloss vom selben Vater, sondern auch von der gleichen Mutter. Es ist selbstverständlich nur ein reiner Zufall, dass nicht er im Palast zu Brüssel herrscht. Weil er nun kein König werden konnte, wurde er ein Taugenichts, denn zu den Glückspilzen, die beides zugleich sein dürfen, gehört er eben nicht. Aber er scheint Humor zu besitzen, und er hat ein Stückchen aufgeführt, das ebensoviel Frechheit als Witz verrät. Eines Tages wurde in irgendeinem Variété eine Revue gegeben, in der König Leopold auftreten sollte. Da liess sich nun der natürliche Sprössling des ersten Leopold einfach engagieren und spielte allabendlich unter dem Hallo der Zuschauer den Bruder König. Maske brauchte er keine. Er ging eben auf die Bühne, wie er war. Nur das Hinken musste er imitieren. Das tat er denn auch, und für das liebe Publikum blieb es egal, ob es den echten oder den halbechten Koburger vor sich mimen sah. Beissender kann die Legitimität gar nicht verspottet werden. Schärfer vermag der natürlich Geborene am Hochgeborenen sich nicht zu rächen. Und satirischer kann die moderne Bühne nicht mehr sein. Höchstens, dass ein spekulativer Impresario die illegitimen Sprösslinge einer Dynastie sammelt, ein historisches Schauspiel dazu anfertigen lässt, dessen Stoff der Vergangenheit eben jener Herrscherfamilie entnommen ist, und dann ankündigt, »alle Personen werden von wirklichen Abkömmlingen des betreffenden Herrscherhauses dargestellt«.

Was übrigens den König Leopold betrifft, so ist er oft genug verspottet worden, und es werden bis zum heutigen Tag viele Witze über ihn gerissen. Deswegen aber dürften die Leute, die den König von Belgien als eine komische Figur ansehen, doch im Irrtum sein. Die vielen Scherze kommen ja zunächst daher, dass die Belgier zur Ehrfurcht wenig Talent haben, dass sie republikanische Freiheiten geniessen und zu ihrem König recht zwanglose, oft ganz ungenierte Beziehungen unterhalten. Dann vielleicht auch, weil Leopold sehr gern und sehr häufig in Paris weilt. Dort haben sie seit fünfunddreissig Jahren keine eigene Majestät, und das geht ihnen doch manchmal ein bisschen ab. Da kommt denn Leopold hie und da auf ein Gastspiel hinüber, damit die guten Leute doch nicht ganz und gar vergessen, wie ein König eigentlich ausschaut. Dabei amüsieren sich die Pariser, und dabei amüsiert sich Leopold. Dabei legen sich die Pariser keinen Zwang auf, und auch Leopold geniert sich nicht. Dass er sein alterndes Herz an eine hübsche Tänzerin verschenkt hat, nehmen ihm die Franzosen gewiss nicht übel. Aber sie haben die Geschichte über alle Dächer geschrien, und alle Spatzen in Europa zwitschern jetzt den Namen des Königsliebchens tagaus tagein. Sehr geschmackvoll ist das freilich nicht. Wenn man es überlegt, ist es auch sehr unrecht, und der abgedroschen spasshaften Verkoppelung beider Namen wird man endlich überdrüssig. Schliesslich sind das doch ganz private Dinge, die nur König Leopold oder seine Familie angehen. Wenn's der alte Mann noch vermag, lustig zu sein, darf ihn deshalb jeder Spötter bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten öffentlich stäupen? Und wenn der angehende Siebziger zu galanten Verruchtheiten noch das nötige Animo besitzt, so beweist das gar nichts für oder gegen seine Majestät.

Jeder würde sich täuschen, der ihn als König Bobeche auffassen wollte. Dazu fehlt ihm vor allem die Dummheit und die Gutmütigkeit. Und beides sieht man ihm an. Seine Augen sind nicht gross und nicht liebenswürdig, aber ihr Blick ist klug und lauernd. Es ist ein Gesicht, auf dem viel Falschheit geschrieben steht, das mit der spitzen Nase einen boshaften und zornigen Ausdruck erhält, und die schmalen, eigensinnigen Lippen verbergen sich unter dem weissen Bart ganz vergeblich. Überhaupt dieser lange, ehrwürdige patriarchalische Silberbart, dieses Dekorationsstück der Gemütlichkeit, macht Leopold weder zum Patriarchen noch gemütlich. Einen trotzigen, willensstarken, zum Zorn und vielleicht sogar zur Brutalität neigenden Menschen erkennt man, wenn man Leopold II. anschaut; einen Menschen, auf dessen Antlitz das Leben so manche feine, beredsame, und verräterische Linie gezeichnet hat, der zu gewitzt und zu erfahren, zu kniffig und zu gescheit ist, als dass ihn ein rebellischer Humorist ohne weiteres in die Tasche stecken könnte. Sein Gang allerdings, dieser wackelnde, zappelnde Hinkeschritt, der die ganze lange, ungebeugte Gestalt ins Schaukeln und Schütteln bringt, ist operettenhaft. Wenn er noch eine Krone aufsetzen und am feierlichen Ornat einher kommen wollte, sähe er wie eine böse Karikatur aus, und die Leute müssten über ihn lachen. Aber Leopold geht nicht mit der Krone spazieren; er ist nicht feierlich und er trägt mit Vorliebe bürgerliche Kleider. Er ist ein moderner König. Und auch sein Wahlspruch könnte lauten: »Les affaires sont les affaires.« Er versteht sich auf sein Handwerk und weiss, dass man etwas gelernt haben, dass man ein intelligenter und fleissiger Mensch sein muss, um heutzutage selbst als König etwas zu erreichen. Ob sein Vater einst zu ihm nach berühmtem Muster gesagt hat: »Suche dir ein anderes Reich. Belgien ist für dich zu klein!« ist nicht bekannt geworden. Rührende offiziöse Anekdötchen aus der königlichen Kinderstube scheinen in Belgien nicht sonderlich beliebt zu sein. Sicher aber ist, dass König Leopold sich ein anderes Reich gesucht und gefunden hat. Der Kongostaat ist seine eigene Schöpfung, oder wenn man will, seine persönliche Spekulation. Und noch manch andere Gründungen sind von ihm ausgesonnen und von ihm ausgenützt worden. Man darf ihn als den gekrönten Geschäftsmann nehmen, wie man Eduard VII. als den gekrönten Bonvivant nimmt. Ein Geschäftsmann mit weitem Blick, mit grosser Weltauffassung, mit scharfer Intelligenz und mit hinlänglicher Gerissenheit, um überall seinen Profit zu finden. Er hätte es sicherlich zu etwas gebracht, auch wenn er nicht ein ganzes Land als Betriebskapital geerbt hätte, er wäre etwas geworden, auch wenn er nicht als König sein Brot verdienen müsste. Und nicht von allen seinen Kollegen lässt sich das mit so viel Gewissheit sagen. Er ist der Enkel jenes klugen Louis Philipp, der sich die Brieftasche zu retten wusste.

Mit diesem weissbärtigen König müsste man einmal über den König Lear sprechen und seine Meinung hören. Weil nämlich der König Lear auch drei Töchter und einen langen weissen Bart besitzt, und weil ja auch Leopold so eine Art Cordelia bei sich behält, indessen er die beiden anderen Töchter verstiess. Aber er hat sie nicht erst mit Wohltaten überhäuft, er hat sich ihnen zuliebe keines Titelchens seiner Macht und seines Vermögens begeben. Er hat sie nur verstossen, als sie ihm unangenehm wurden. Eine kräftige Gegenfigur zum alten Lear, mag er über den törichten Theaterkönig lächeln, der zum Narren eigener Güte geworden. Ob Leopolds Vaterherz sonderlich erschüttert war, als er, ohne zu zahlen, Louise ins Irrenhaus sperren, und ohne zu zucken, Stephanie vom Sarge der Mutter scheuchen liess, vermag niemand zu wissen. Eines aber weiss man, dass Leopold nie der Narr seiner Güte gewesen. Dergleichen kann ihm nicht passieren. Viel Freude mag er ja nicht erlebt und in seinem Hause so ziemlich als Einsamer sich gefühlt haben. Doch er ging nicht auf die Heide, um mit dem Sturmwind Zwiesprache zu halten. Er suchte geselligere Zirkel auf, wusste sich andere Vergnügungen und minder pathetischen Trost. Leopold wird seinen Bart niemals raufen wie Lear; aber er wird ihn immer sorgfältig pflegen und sich in dieser angenehmen Beschäftigung durch häusliches Ungemach nicht stören lassen. Eine harte, unbeugsame Natur liess er sich schelten und freute sich dabei ungestörten Besitzes und des guten Geschäftsganges. »Besser geschimpft als bedauert«, das ist ein gutes altes Egoistenwort, und so hat er's erreicht, dass auch der weichmütigste Mensch nicht Ursache findet, den König der Belgier zu bemitleiden. Vielleicht, dass er sich unterschätzt glaubt, und dass es ihm peinlich ist, seine Galanterie öfter gewürdigt zu sehen als seine Intelligenz, seine Bildung und seine Betriebsamkeit. Leopolds Untertanen aber kennen ihn besser, und wenn er dort auch nicht gerade abgöttisch geliebt wird, so achten sie doch seine Fähigkeiten und wissen, dass mehr in ihm steckt, als die Witzblätter von ihm erzählen.


Buch der Koenige

Der König von Sachsen

Friedrich August, König von Sachsen . . . man könnte es mit Schlagworten versuchen. Zum Beispiel, dass er »weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus die öffentliche Aufmerksamkeit erregte«. Das stimmt. Es unterscheidet ihn sogar von vielen anderen deutschen Bundeafürsten, von manchen anderen Königen Europas, die ohne erheblichen Spektakel existieren und die man ausserhalb ihrer Grenzpfähle so gut wie gar nicht kennt. Den König von Sachsen kennt man. Schon als Kronprinz . . . das ist natürlich auch nur ein Schlagwort. Denn die Lebensbeschreibungen grosser Monarchen enthalten immer eine Stelle, an der es heisst: Schon als Kronprinz . . . Von ihm haben die Leute also schon gesprochen, da er noch nicht die Rautenkrone der Wettiner auf sein hellblondes Haar setzen durfte.

Man könnte auch in Schlagworten über ihn urteilen. Aber es zeigt sich, dass Schlagworte nicht ausreichen. Das tun sie eben nie. Hier ist ein König, dem sehr viel Trauriges widerfahren ist, und der ungemein fidel aussieht. Daran erscheint nur eines gewiss, dass nämlich sein fröhliches Aussehen nicht von den traurigen Erlebnissen herrührt. Die mögen ihn genug geschmerzt haben. Aber möglich wäre es, dass die traurigen Erlebnisse in dem fidelen Aussehen ihren Grund hatten. Es gibt eine Heiterkeit, die Frauen aufreizt. Und an Friedrich August ist alles heiter. Seine hellblonden Haare. Sein dünner, kleiner, lichter Schnurrbart. Sein breiter Mund. Seine wasserblauen Augen. Dieses ganze Gesicht: breit und kurz, mit der knappen Stirn und dem schnell abschneidenden Kinn, trägt den einen vorherrschenden Ausdruck: Heiterkeit. Frisch, fromm, fröhlich. Ohne weitere Kompliziertheit. Ohne tiefere, ohne sinnreichere Nebenbedeutungen. Einfach, primitiv, simpel: heiter. Ein König mit einem bürgerlichen Antlitz. Oder besser: wie ein harmloser Truppenoffizier. Wohlgenährt, von der frischen Luft gerötet, von des Gedankens Blässe verschont, ohne den Ehrgeiz, schneidig oder gar imposant zu sein; zufrieden, wenn Speis und Trank gut schmecken. Der Mund zeigt Lust an Üppigkeit, ist mit seinem Lächeln, das sich breit in die runden Wangen schiebt, von derben Scherzen, von einfachen Spässen beständig umschwebt. Es mag ein Vergnügen sein, ihm Witze zu erzählen und ihn dann lachen zu sehen. Die Nase ist leutselig genug, gewöhnlich zu sein. Eine Nase, die sich bescheiden senkt, die den aristokratischen Schwung verschmäht. Eine Nase, die jeder schlichte Mann sich leisten dürfte. Man hat den ganzen Menschen schon oft gesehen. Freilich war er da nicht der König von Sachsen, sondern irgendein wackerer Krieger. Schlägt man den Jahrgang 1870 der Gartenlaube nach, dann begegnet man auf den patriotischen Bildern aus dem Franzosenkrieg beinahe auf jedem Blatt diesem Typus. Oder in den illustrierten Soldatengeschichten von Hackländer. Von harmlosen Zeichnern illustriert. Anton v. Werner wäre der richtige Pinsel, diesen König zu malen, ein rechtes Staatsporträt aus ihm zu machen. Blond, blauäugig, von Orden blitzend, mit schimmernd hell geputzten Uniformknöpfen, und die Reiterstiefel so blank gewichst, dass sie Reflexe werfen. Kurz: Heil dir im Siegerkranz. Eichenlaub. Schwerter. Hurra!

Aber sollte sein innerstes Wesen durchschlagen, käme es nicht darauf an, seine äusseren Insignien, sondern seine verborgenste Art herauszubringen, so dass man sogleich den ganzen Menschen begreift, und sich Worte sparen kann, dann müsste ein anderer ihn malen: Wilhelm Busch. Dieser Meister, der den Humor der Juvenilen so gütig und so tief erfasst, wäre der Porträtist für Friedrich August. Es wäre freilich kein Bildnis für die Ahnengalerie, aber für die Zeitgenossen ebenso wie für die Nachwelt eine authentische, aufschlussreiche Erklärung des Schicksals, das Friedrich August zu tragen hat.

Nämlich: Es gibt Schulkameraden, die man im Leben nicht wieder zu erkennen vermag. Alles an ihnen hat sich verändert, ist reifer, ernster, ist anders geworden. Den kleinen Jungen, mit dem zusammen man die Schulbank gedrückt hat, sucht man vergebens in den Zügen des Mannes, der einem nach Jahren zufällig gegenübertritt. Dann wieder gibt es Kameraden, die noch ganz so aussehen wie damals. Sie sind grösser, stärker geworden, haben einen Bart bekommen, etwas Fett angesetzt, das ist alles. Sonst aber sind sie sich gleich geblieben. Man erkennt sie auf den ersten Blick. Es sind noch die knabenhaften Gebärden, dasselbe jugendliche Wesen, dieselbe Art, zu sprechen, zu gehen und zu stehen, den Kopf zu halten, Kleider und Hut zu tragen. Friedrich August gehört zu ihnen. Er ist in seinem ganzen Wesen immer noch von seiner Kindheit, von seiner Kindlichkeit umspielt. Er trägt sein Bäuchlein ganz naiv vor sich her und merkt es kaum, dass in der Uniform die »Brust heraus« soll. Er hat die Gesten, mit denen die liebe Jugend den Ernst der Erwachsenen markiert, und er ist die Schüchternheit der Jugendjahre nicht los geworden, wird sie wohl niemals los werden. Er macht auch kein ernstes Gesicht; das gelingt ihm kaum. Vielmehr nimmt sein Antlitz einen angestrengten, leicht betrübten und verschreckten Ausdruck an, und man denkt an einen Jüngling, der gescholten wurde.

Es ist schon denkbar, dass dieses Wesen einer anspruchsvollen, in ihrem Temperament nach Illusionen schmachtenden Frau nicht genügt, dass es ihr zu rasch ausgeschöpft, zu durchsichtig, zu leicht ergründlich ist. Aber für den Mann ist das höchstens ein Malheur; kein Verschulden. Wenn man Friedrich August, den Vielbesprochenen, aus der Nähe besehen kann, vermag man es auch, durch ihn hindurch die Gestalt der Frau, die ihn verlassen hat, deutlicher zu erblicken. Sie hat ihm damals, in jenen ersten Tagen ihrer offenen Auflehnung, nur seinen steten Prinzengehorsam gegen die königliche Gewalt vorgeworfen. Sonst nichts. Dieser Gehorsam, dieses sichtbare Zeichen einer strengen, ungütigen Erziehung, steckt ihm heute noch in den Gliedern. Das kurze Königtum weniger Monate hat die Übung langer Jahre noch nicht verwischt. Noch scheint ihm das Befohlenwerden geläufiger als das Befehlen, und betrachtet man ihn, dann stellt man sich leicht den einfachen Konflikt wieder her, dessen Ergebnis Genf und Lindau und Florenz heisst: wie eine revoltierende, respektlose, spottlustige, zu fröhlichem Übermut geneigte Frauennatur zu toben begann neben einem Gatten, den Familienehrfurcht, Folgsamkeit, stummes Ertragen und militärische Disziplin statt aufbrausender Impulse leiteten; und wie sie dabei die Geduld verlor, so völlig verlor, dass sie die kurze Frist, die man nach menschlicher Voraussicht noch zu warten hatte, nicht mehr ertrug. Wenn man ihn jetzt betrachtet, dann erscheint der Leichtsinn, der die Königin von Sachsen zur Gräfin Montignoso machte, doppelt verhängnisvoll. Denn neben Friedrich August, dem König, wäre Luise so frei gewesen, wie sie neben Friedrich August, dem Kronprinzen, unfrei, beobachtet und im Hofzwang lebte. Sie selbst gab das zu, hat es selbst erklärt, dass nicht ihr Mann sie jemals beengt, jemals vertrieben hätte; und damit mag sie wohl die Wahrheit gesprochen haben, denn alles an diesem König sieht wie Nachgiebigkeit aus. Möglich, dass er manchmal barsch sein, dass er eigensinnig auf einem Entschluss beharren mag, mit dem Eigensinn jener Naturen, denen es an Willensstärke und Selbstbewusstsein fehlt. Von einer Frau – vollends von einer geliebten Frau – hätte dieser König sich sanft regieren lassen, dieser hellblonde, rotwangige, lächelnde König mit den kindlichen Gebärden, dem das Imposante nicht geläufig ist, dem der Helm im Nacken sitzt, und dessen Wesen Wilhelm Busch mit ein paar Strichen zu zeichnen vermöchte.

Man ist natürlich versucht, nicht bloss Luisens Vergangenheit, sondern auch ihr künftiges Schicksal aus des Königs Mienen zu erraten. Ein Kunststück ist es nicht. Vermöchte sie es jemals, bis zu ihm vorzudringen, sie könnte leicht wieder Macht über ihn gewinnen. So aber wird er den ernsten Vorstellungen der Minister und Ratgeber jenes angestrengte, traurige Gesicht zeigen, das wie gescholten aussieht, und wird sich fügen, wird nur wünschen, der schwierigen, unerquicklichen Debatte zu entwischen, um jenseits davon sein Lächeln wieder zu finden.

Man muss gerecht sein; muss ihm wünschen, dass er völlig über diese Katastrophe hinwegkommt. Denn wenn man gerecht ist, wird man sich erinnern, dass er sich in dieser ganzen unglückseligen Geschichte glänzend benommen hat. Schweigsam, ohne einen Laut ertrug er die Bitterkeit des ersten Skandals, ertrug es, dass der königliche Vater ihm die zwar treulose, aber immer noch geliebte Frau mit Worten, die wie Peitschenhiebe trafen, züchtigte, ertrug die Vereinsamung und hatte seit den Verhandlungen, die in Genf geführt wurden, bis auf den Justizrat Körner, den er entliess, immer nur Zartheit, Entgegenkommen und Rücksicht für die Mutter seiner Kinder. Ein König, der seine Frau nicht zu unterhalten vermochte, der es aber gewiss so gut trifft, ein König zu sein, wie die andern. Die neue Mode, seine Völker zu amüsieren, braucht er ja nicht mitzumachen. Das Regieren aber dürfte ihm auf alle Fälle gelingen. Es ist eine Mühe, die den Königen von heute vielfach erleichtert wird.


Buch der Koenige

Der Schah von Persien

Perserkönig . . . nur freilich darf man nicht gleich an den grimmen Xerxes denken, der das Meer peitschen liess, oder an den schlauen Dareios, der die Krone gewann, weil sein Ross zuerst wieherte, oder an den schönen, milden, aber unglücklichen Dareios, den Alexander nach dem Treffen am Granikos ermordet fand, wie Kaiser Rudolf den Ottokar, und den er mit seinem Mantel deckte, wie der Habsburg den Przemislas. Oder an die weisen, literaturfreundlichen Könige, die dem Hafis, dem Pirdusi, dem Dschami das Dichten erlaubten. Oder an den grossartig wilden Tamerlan, der aus siebzigtausend abgeschnittenen Köpfen zu Ispahan eine Pyramide baute . . .

Nicht so feierlich. Eine andere Melodie. Es kann gern etwas von Offenbach sein, jedenfalls aber irgend etwas Operettenhaftes: Schah von Persien. Tschinellen. viel Blech und die grosse Trommel. Monarchisches Prinzip, aber mit exotischen Arabesken. Ein goldstarrender, von Edelsteinen funkelnder König, der sich in die Finger schneuzt. Ein Grandseigneur, der eigenhändig seinen Hammel schlachtet, was die Parkettböden europäischer Fürstenschlösser nicht gut vertragen. Ein Kavalier, der die Reize hübscher Frauen mit naiver Anerkennung sofort betasten möchte und nicht einsehen will, weshalb so plastisches Hofieren im Abendland Entsetzen erregt.

Aber, aber: ein König. Schah-in-Schah. Wenn er auch nicht königlich aussieht. Wenigstens nach unseren Begriffen. Vielleicht finden sie in Persien, dass er majestätisch ist. Bei uns muss man immer erst die faustgrossen Smaragde an seiner Brust und auf seinen Schultern ansehen, um den walachischen Schafhirten aus dem Kopf zu kriegen, der einem immer einfällt, wenn man ihn ansieht. Freilich nur in den ersten Sekunden. Dann sprechen andere Zeichen.

Ein kleiner Mann, dieser grosse Herr. Klein und breit und etwas dick, und ganz weich. Als ob er aus Talg oder aus Butter wäre unter seiner Uniform, oder aus Schafkäse. Die Schultern weich und abfallend, die Brust fett und weich wie Polster, die ein wenig eingedrückt sind. Die Beine weich, als ob es eigentlich nur zwei leere Hosen wären, und der ganze Schritt, alle Bewegungen, jede Gebärde rund, weich, fett. Und auf diesem Korpus ein Antlitz, das eigentlich betrübt und misslaunig aussieht, das aber hager geblieben. Ein Antlitz, an dem alles schlaff ist und bekümmert herniederhängt. Die faltigen Tränensäcke, die rotumränderten Augen, die den Blick nach abwärts richten, die ungeheure Nase, die einem hölzernen Säbelgriff gleicht, der Schnurrbart, der wie abgeblühte, graue Weidenkätzchen den Mund umhängt, die Unterlippe, die den Verkehr mit der oberen aufgegeben hat und nicht mehr willens ist, ihrer höheren Schwester irgendein Entgegenkommen zu zeigen; ja, man möchte glauben, dass auch die Ohren müd und verstimmt herabhängen.

Das verwühlte Antlitz eines Menschen, der alle Strapazen des Genusses kennt, alle Wonnen der tiefsten Erschöpfung, und es ist überhaupt ein merkwürdiges Antlitz. Denn es mischen sich seltsame Elemente darin, vom Karikaturistischen bis zum Pathetischen. Er hat manchmal aus seinen kleinen, braunschwarzen, halbverschlafenen Augen einen Blick, als sei er solcher Wut fähig wie sein Vorgänger im Amt, der das Meer züchtigen wollte, und dass er gelegentlich auf den Gedanken verfallen könnte, mit Menschenschädeln die architektonischen Scherze Tamerlans zu wiederholen, traut man ihm ohne weiteres zu. Mag sein, es rührt davon her, dass er noch ein wirklicher Gebieter ist, unumschränkt; einer, der sich's erlauben darf, auch ein Tyrann zu sein, womit er sich vielleicht tröstet, wenn's ihm hie und da gezeigt wird, dass die europäischen Herren, die er besucht, mehr in der Welt dreinzureden haben als er. Denn mit der kriegerischen Vergangenheit der Perser hat Musaffr ed-din Mirza aus der jungen Kadjaren-Dynastie, die in dem kurzen Säkulum ihres Bestehens in fünf Feldzügen fünfmal pünktlich geschlagen wurde, nur wenig zu tun. Eher schon mit dem pfiffigen Dareios, der sein Pferd nicht fütterte, damit es zeitiger wiehere, weil ja die Perser überhaupt bis auf den heutigen Tag als gerissene Rosskämme gelten, und weil von solcher Verschlagenheit ein Abglanz in seinem müden, bekümmert dreinschauenden Antlitz manchmal aufschimmert.

Schah von Persien . . . das Wort allein schon hat einen besonderen Stil, gemengt aus Prunk und Komik, aus Würde und Spass, aus Feierlichkeit und Gelächter. Und wie das Wort, hat der Mann auch denselben originellen Stil. Die weisse Reiherfeder auf seiner Lammfellmütze und der indische Agraffenstein von märchenhaftem Wert, der wie ein heller Stern über seiner Stirn leuchtet. Darunter aber dieses schwarze, geölte, verpickte Haar, das ungeschnitten in langen Ringeln hinters Ohr kriecht. Die Epauletten mit sechs grossen Smaragden, dass man ein halbes Königreich für sie kaufen könnte. Auf der Brust Smaragde aus Khorasan, wie kleine Schilde; ein herrliches Glänzen, wie das Funkeln von Menthe in kostbarem Kristall, in einem unbeschreiblich milden Grün; ein helles Aufblitzen von Brillanten, die weisser sind als Wasser. Und wenn er sich umdreht Schuppen auf dem Rockkragen, und der sichtbare Hals von einem Streifen bedeckt, so dunkel . . . die Perser sind nicht so schwarzbraun, wenigstens nicht, wenn sie sich abstauben. Du hast Diamanten und Perlen, mein Liebchen, was willst du noch mehr? . . . Seife.

Bei alledem: es ist auch ein Zug von Gemütlichkeit in ihm. Dieses Mitschleppen von kleinen Kindern. Zwei Lieblingssöhne; winzige Bübchen. Es scheint, dass sie nicht grösser werden von einem aufs andere Mal, oder dass er sie von Jahr zu Jahr auswechselt; was ihm übrigens weiter nicht schwer fallen mag. Jedenfalls liegt das Bedürfnis darin, Kinder um sich zu haben; mit ihnen stundenweis harmlos zu sein, ihrem Schwatzen zuhören, sich an ihnen ergötzen, sie dulden, verzärteln, niedliche Szenen im Salonwagen, während das Riesengefolge in den anderen Coupés die Orden sortiert, die man an Trinkgelds Statt bei sich führt. Er hat eine sehr ernste, aufmerksame Art, sich mit diesen kleinen Buben zu beschäftigen, sich mit wichtiger Miene zu ihnen herabzubeugen, sie zu präsentieren und sie vor sich herzuschieben. Es ist ein Zug von Gemütlichkeit.

Bei alledem: es ist auch ein Zug von Grossartigkeit in der Sache. Dieses Reisen mit einem Schwarm von Würdenträgern und Dienern, mit einem Bataillon von Adjutanten, Ministern, Offizieren, Hofmeistern. Dieses Erscheinen in einer Wolke von goldbetressten Uniformträgern. Kein europäischer Monarch schleppt so viel Leute mit sich herum, wenn er spazieren fährt. Es ist altorientalische Grossherrenmanier, erinnert an den Tross Solimans, nur modern, im langsam fahrenden Eisenbahnzug, statt auf Kamelen, die mit Zelten beladen sind; und auch die altorientalischen Brandschatzungen fehlen nicht, nur sind es ganz kleine, sind moderne Brandschatzungen. Es erinnert an den Tross Solimans oder des Kara Mustapha, und ist auch wieder lustig, wenn man sich auf die vielen Geschichten von früherher besinnt, wenn man sich's einfallen lässt, welchen Schrecken diese Perserinvasion in allen Königsschlössern um sich verbreitet und wie famos sich all diese galonierten, lammfellmützigen Herrschaften darauf verstehen, die Ordensbrillanten, die der Schah austeilt, in Glasscherben und Pierres de Strass zu verwandeln, wie sie zum eigenen Vorteil naiver Unverhohlenheit die verwegensten Streiche ausführen, wie sie gar nicht zu ahnen scheinen, dass sie ihren erhabenen Gebieter durch diese Praktiken in die peinliche Stellung eines Zechprellers bringen, und wie dieses alles wieder verhüllt, verdeckt wird von dem exotischen Glanz Seiner persischen Majestät. Schah- in-Schah.

Ein abgegriffenes Politikerwort wird diesmal wieder plastisch: Wir stehen den Persern sympathisch gegenüber. Es ist wirklich so. Wir stehen da und schauen sie mit Freundlichkeit an. Freilich gibt's jetzt andere Asiatenfürsten, die uns interessanter wären. Die Konkurrenz wird täglich stärker. Käme der japanische Arisugawa einmal auch zu uns nach Wien, es wäre das Neueste was zu haben ist. Tut nichts. Interessanter mögen heute andere Asiaten sein. Aber an die Perser sind wir nun einmal schon gewohnt. An ihre dekorativen Gesandtschaften, an ihre goldbestickten Konsular-Uniformen, an ihre Konsuln, an ihre Orden und an ihren Schah, der uns in den Hundstagen zeigt, wie man eine »Pudelhaub'n« trägt. Die Weltausstellung vom Jahre 1873, die einzige, die wir hatten, ist verschwunden, nichts ist uns davon geblieben als die Erinnerung an den Krach, die Rotunde und der Schah von Persien. Der Schah ist nun einmal eine wienerische Tradition geworden, und der Ausflug nach Wien scheint als persische Tradition sich eingebürgert zu haben. Dabei haben wir es noch sehr bequem. Denn es mag nicht leicht sein, diesen Urlaub herauszuschlagen, und wenn der Persermonarch nicht sein eigener Herr wäre, hätten ihn die arabischen Grosskaufleute doch zurückgehalten, die jetzt wieder gegen die Reise des Schah Protest erhoben, aus Angst, die Beamten werden in der Abwesenheit des Gebieters das Volk ausbeuten, pressen und bewuchern. Sie müssen ja wissen, warum sie jammern. Uns geht das nichts an. Wir müssen im Sommer unseren Schah haben, wie das Annenfest auf dem Kahlenberg oder den Blumenkorso. Und jedesmal, so oft er bei uns erscheint, blickt man lächelnd auf diesen Fürsten eines Volkes, das seine eigene Kultur halb schon vergessen und die unsrigen erst halb erlernt hat. Wir stehen den Persern sympathisch gegenüber.


Buch der Koenige

Der König von Schweden

Unter allen Königen der Erde ist er jetzt der grösste. Man beachte, dass wir von der Körperlänge sprechen. Es ist eine königliche Erscheinung, die beinahe kein Ende nimmt. Nur noch wenige Zoll, und er wäre eine Sehenswürdigkeit. Weil nämlich bei so und so viel Fuss das Majestätische aufhört und Barnum beginnt. König Oskar ist glücklicherweise nicht so gross wie die Riesen, die man gelegentlich bei Ronacher vorführt, aber immerhin grösser als der Herr Schmidt vom Burgtheater, der wie ein Flaggenmast über alle Kollegen emporragt. So weit man also König Oskars Antlitz mit freiem Auge erspähen kann, muss man sagen, es ist ein gutes, tapferes Angesicht. Ein weissbärtiger Soldatenkopf mit den sanften, klug und ernst blickenden Augen eines Bernhardiners. Die Nase ist von einer Gewöhnlichkeit, die man als schmerzliche Enttäuschung empfindet, wenn man bedenkt, dass es sich um eines Königs Nase handelt. Solch eine richtige Alte-Herren-Nase, der man es sogleich anmerkt, dass sie schon viel geleistet und viel mitgemacht hat. Wenn er spricht, zieht sich die Oberlippe scharf in die Höhe, und zwei weisse, lange Vorderzähne werden sichtbar, dass man für eine Sekunde der Miene eines klagenden Feldhasen gedenkt. Aber auch nur für eine Sekunde. Denn es liegt sonst so viel kraftvolle Energie auf seinen Zügen, dass diese mehr niedliche Einzelheit daneben rasch verschwindet. Die Bewegungen dieses Fünfundsiebzigjährigen sind geschmeidig und von einer gewissen wuchtigen Anmut. Seine verbindlichen Gebärden haben nichts Herablassendes; seine Höflichkeit ist einfach und herzlich. Augenscheinlich ist seine Routine, nach königlichem Brauche zu distanzieren, zu differenzieren und zu dosieren, gar nicht gering. Wenn man ihn ansieht, und der übrigen Monarchen sich besinnt, dann entdeckt man eigentlich kaum einen Unterschied. Angeblich soll es ja den Herrschaften anzumerken sein, wenn ihre Ahnen schon vor tausend Jahren gekrönte Menschen waren. Was das betrifft, haben wir Leute aus solch prachtvollen Familien gesehen, denen das Krönlein sehr salopp und sonderbar auf dem Scheitel sass, wie eine zufällige, ungewohnte Kopfbedeckung. Der Anstand, mit dem König Oskar sich gibt, ist von solcher Art, als sei er von vielen majestätischen Vorvätern seit vielen Jahrhunderten erworben und vererbt. Entweder ist es also nicht gar so schwer, das Königsein zu lernen, oder dieser Enkel eines kleinen französischen Advokaten hat besonderes Talent dazu.

Ihr Freunde, nicht diese Töne  . . . So weit sind wir doch nicht, dass wir vom Schwedenkönig erwarten, er werde zur Begrüssung des Wiener Hofes ein bisschen Heilgymnastik aufführen, auf dem Bahnhof etwa oder während der Zwischenakte im Théâtre paré. Auch wollen wir dem schwedischen Herrn nicht extra auf seine Handschuhe gucken oder gar den Moment erlauern, in dem er ein Päckchen Zündhölzer aus der Tasche zieht. Utan Svafvel. Seine Länder haben uns edlere Gaben dargebracht, und dieser gute alte König ist besserer Betrachtung wert. Kommt Wilhelm II. zu uns, dann fällt es niemandem ein, ihn als den Kaiser Gerhart Hauptmanns zu nehmen; an seine Person knüpfen sich andere Beziehungen, und der geistige Tiefstrom seines Volkes rauscht seitab, aus Quellen, über die Wilhelm II. sich nie gebückt hat. Innigere Zusammenhänge weben zwischen Oskar von Schweden und der Dichtung seiner Reiche. Unsichtbar, aber in stets fühlbarer Gegenwart begleitet ihn ein stolzes Gefolge ruhmreicher Poeten. An Esaias Tegnér denkt man, den feinen Lyriker, der die Frithjofs-Saga niedergeschrieben, an Magdalene Thoresen, die Erzählerin stiller Bauerngeschichten, an Jonas Lie, den nervenzarten Schilderer der Seele, an Arne Garborg, der in unvergesslichen Büchern die Geschichte seines Volkes, die Leiden und Kämpfe seiner heissen Gegenwart gestaltet; »Bei Mama«, »Müde Männer«, »Bauernstudenten«. Dann Almquist, dieses abenteuernde, kraftvolle und genialische Temperament, dann die Flygare-Carlén, die arbeitsame Streiterin gegen das Frömmlerwesen, Gustav af Geijerstam und Selma Lagerlöf, die prächtige, die schwungvolle, phantasiereiche, berückende Selma Lagerlöf. Björnstjerne Björnson endlich, der Erwecker und Erreger der Massen, der Meister der Novelle, und Henrik Ibsen, der als kaiserlicher Herr und Souverän geehrt wird, in einem Reiche, in dem König Oskar höchstens als ein bescheidener Edelmann rangiert. Wenn, man ihm gestern abends im Burgtheater nicht die verzuckerte »Novella d'Andrea« vorgeführt hätte, als dieses Winters reifste Frucht, der König hätte vielleicht an besseren Stücken gesehen, wie viele schwedische Vasallen es auf der deutschen Bühne gibt, dank Henrik Ibsen, dem Eroberer.

All diese Lichter sind freilich erstrahlt, ohne dass König Oskar sie angezündet hat. Das verlangt ja auch kein, vernünftiger Mensch von ihm. Aber er liess sie leuchten in seinem Lande und hat nie versucht, sie zu verhüllen oder zu verdunkeln. Für einen König ist das viel. Geistige Beschränkungen hat er von seinem Volke genommen, und das ist die königlichste aller Freigebigkeiten. Gegen die Meister des Schrifttums ist er nie als der königliche Gebieter aufgetreten; immer mehr als ein bescheidener Kollege. Und ihm ward die Freude, dass er sich kleiner, lokaler Erfolge rühmen durfte. Seine Gedichte wurden mit einem Preis belohnt, ohne dass die Geber wussten, dass der Reimschmied ihr Kronprinz sei. Natürlich sind es die Verse eines Idealisten, eines gottgläubigen, zu sanftem Pathos frommer Denkungsart neigenden Schwärmers. Denn seit Friedrich dem Grossen ist kein königlicher Dichter je wieder ironisch, skeptisch oder satirisch gewesen, und bis zur rumänischen Carmen Sylva herunter ist jeder König, wenn er schreibt, ein Idealist.

Immerhin, er ist ein intellektueller König. Er hat den »Torquato Tasso« Goethes und er hat den »Cid« von Herder in das Schwedische übersetzt. Er hat über die akustischen Lehren Helmholtz' Vorträge gehalten, er ist ein passionierter Musiktheoretiker und gelangte zu dieser fesselnden Wissenschaft auf dem schönsten Wege, nämlich durch die Mathematik. Denn er ist auch ein Mathematiker. Er war ein begeisterter Seemann und soll in seiner Jugend ein athletischer Turner gewesen sein. Schwedische Gymnastik. Er hat wissenschaftliche Zeitungen gegründet und Expeditionen nach unerforschten Bezirken des Erdballs ausgerüstet. Er wird als überlegsamer, formsicherer Redner gerühmt, und so scheint er denn überhaupt ein gesundes und stattliches Exemplar von einem Menschen.

Wenn ich ein König nach der Regel wäre, könnte mir der schwedische Herr nicht sympathisch sein. Denn allzu lebhaft gibt er die Beweise, dass auch die Könige zu besseren Dingen Zeit genug haben. Deutlich zeigt er, dass man ein trefflicher Soldat und Monarch sein kann und dabei doch Müsse genug finden, ein gutes Buch zu lesen, einem hohen Gedanken nachzuhängen. Das ist für die Kollegenschaft nicht angenehm. Denn aufmerksam gemacht durch Oskar II., der seine Stunden so gut anzuwenden weiss, wird man eines Tages vielleicht nachrechnen, wie viele schöne Zeit andere Berufsgenossen auf der Jagd, auf der Parade verbringen, und zu dem Resultat gelangen, dass es auch dem Kronenträger nicht an Musse gebricht, sich zu bilden. Nur oft an anderem.

Dann hat der König von Schweden noch eine andere Eigenschaft. Er besitzt eine ganze Menge Doktorhüte. Von allen möglichen Universitäten. Nun kann ein Fürst ohne jegliche Mühe Grosskreuze sammeln, er kann seine Brust mit Stern' und Kreuzen panzern. Das ist ihm eine wahre Kleinigkeit. Aber Doktorhüte, wenn er sie auch leichter erwirbt als gewöhnliche Erdensöhne, sie fliegen ihm doch nicht so ohne weiteres auf das gesalbte Haupt. Da muss er schon einen anständigen Anlass geben. Man kann sie nicht zu den billigen Auszeichnungen rechnen, die jedem König unausweichlich sind. Es gibt vielmehr Monarchen, die es trefflich verstanden haben, diesen Kopfschmuck zu meiden. Vielleicht sprechen bei Oskar II. Atavismen mit. Der bürgerliche Doktorhut hat sich von je dieser bürgerlichen Familie gesellt, und vor wenig mehr als hundert Jahren ist der Vater des Kronprinzen von Schweden ein kleiner Advokat gewesen in der kleinen Stadt Pau. Der Doktorssohn, der dann die Krone trug, ist erst vier Jahre, ehe unser Kaiser den Thron bestieg, gestorben. Hatte wahrscheinlich noch bürgerliche Sippen, die des Schwedenkönigs sich erinnerten, da er einst im französischen Provinzstädtchen als Schuljunge durch die Strassen lief. So jung ist diese Dynastie, so unlängst erst aus der namenlosen Masse emporgestiegen. Und wahrscheinlich ist sie deshalb noch so frisch.

Das war der kluge Jean Baptiste Jules Bernadotte, der eine bessere Karriere gemacht hat als jener andere Advokatensohn Napoleon Bonaparte. Freilich, der Glücksstern Napoleons hat die Segel Bernadottes gefüllt. Als aber dann der gute Wind aus anderen Himmelsstrichen blies, da wusste Jean Baptiste sein Schifflein weise zu steuern. Dass er auf dem Throne blieb, auf den die märchenhafte Königmacherei jener Tage ihn gehoben, war aber schliesslich nur ein Sieg der Tüchtigkeit. Denn auch Bernadotte ist mehr gewesen als ein schlauer Nützer günstiger Konjunkturen. Ein Feldherr, der ohne des Bonaparte Führung Lorbeeren und Triumphe erstritt, und was Napoleons Ehrgeiz erdachte: ein neuer Thron auf den Trümmern der Konventsregierung und des Direktoriums, war eine Idee, der auch Bernadotte nachsinnen durfte. Am 18. Brumaire ist ihm Bonaparte zuvorgekommen. Nach Waterloo aber hat Bernadotte zuletzt und am besten gelacht. Nur eine Kleinigkeit, und er hätte damals aus dem Kronprinzen von Schweden König von Frankreich werden können.

Diese Tüchtigkeit ist im Hause Bernadottes noch nicht erschlafft. Freilich scheint die Luft in Schweden den intellektuellen Königen förderlicher zu sein als anderswo. Jener unglückselige Gustav, der, wie man aus der Geschichte und aus der Oper weiss, auf einem Maskenball erschossen wurde, ist nach seinem Tode sogar im Wiener Burgtheater aufgeführt worden. Archivar Weltner hat das vor wenig Tagen herausgefunden und mitgeteilt. Das Stück war ein Schauspiel in drei Aufzügen und hiess »Siri Brahe oder die Neugierigen«. Auf dem Theaterzettel stand: »Von Sr. Majestät Gustav dem Dritten, König in Schweden.« Vielleicht der einzige König, der mit vollem Titel auf einem Wiener Theaterzettel als Autor angeschrieben ward. Das Stück wurde von 1794 bis 1798 neunmal gespielt, hatte also einen recht hübschen Erfolg. Allein Gustav der Dritte, der Verfasser von »Siri Brahe«, war kein Bernadotte, und weil neun Aufführungen in vier Jahren vom geschäftlichen Standpunkt betrachtet wohl wenig sind, darf man zweifeln, ob er von seiner Schriftstellerei hätte leben können. Die Bernadottes aber, die jetzt regieren, sind in diesem knappen Jahrhundert noch keineswegs erwerbsunfähig geworden. Oskar II. könnte mancherlei Berufe ergreifen. Ein Prinz von Schweden ist als Landschaftsmaler ersten Ranges berühmt. Der Thronerbe gilt als gelehrter und befähigter Kopf. Und so hat man die Überzeugung, dass diese Männer es in der Welt sicherlich zu etwas Ordentlichem bringen könnten, auch wenn sie nicht schon in einem Königspalast sässen. Nicht eben von vielen anderen Bewohnern stolzer Burgen und Paläste lässt sich dasselbe behaupten. Die schwedischen Herren aber sind uns dadurch in eine mehr menschliche Nähe gerückt, und ihre Hoheit entbehrt noch nicht der bürgerlichen Solidität. Nach feudalen Begriffen mag das ein Fehler sein, vernünftige Leute werden es für einen beneidenswerten Vorzug halten.

Und nun ist dem alten Herrn ein Malheur passiert. Von den beiden Kronen, die das Haus Bernadotte sich erworben, hat er die eine verloren. Jetzt möchte er vielleicht alle seine Doktorhüte mit anderen bürgerlichen Kopfbedeckungen und Bildungsabzeichen, die sich auf den Erstgeborenen nicht vererben lassen, gerne für den einen Stirnreif dahingehen. Umsonst. Er ist ihm abgenommen worden. Sehr höflich zwar, in aller Ruhe, aber: wie es scheint für immer. Das Volk von Norwegen hat dem redlichen, treuen und fleissigen Oskar seine Stellung aufgesagt. Sie haben es ihm willig bestätigt, dass er redlich, treu und fleissig gewesen. Allein sie haben ihn halt doch gekündigt und sich einen anderen König engagiert, einen netten jungen Prinzen, der die besten Referenzen mitbrachte, der glänzende Empfehlungen besass, der das Metier gewiss sehr flott erlernen und allen Anforderungen zur allseitigen Zufriedenheit entsprechen wird. Immerhin: jeder Mensch, der zufällig kein Norweger ist, hat dem greisen Oskar eine gefühlvolle Anhänglichkeit bewahrt und nur ungern, nur mit herzlicher Teilnahme ein so barockes Missgeschick über ihn hereinbrechen sehen. Die leidige Politik . . . ohne sie wäre es so bequem ein König zu sein. Da hat sie jetzt wieder einmal jemandem übel mitgespielt, der's justament am wenigsten verdiente. Und seit dieser norwegischen Staatsaktion, in der sich Männerstolz vor Königsthronen und ein moderner Stil des Umgangs mit Majestäten, ein feierlicher Ernst und operettenhafte Satire sonderbar mischen, ist auch die Stellung Oskars II. in ein merkwürdiges Licht gerückt worden: ein Souverän, dem ein Parlamentssturm und ein Telegramm das halbe Reich kostete . . . der einzige König in Europa, der wie ein Prokuraführer kurzer Hand entlassen wurde . . . das Opfer einer lautlosen Revolution . . . Und er wäre, als Norwegen so rücksichtslos kurzen Prozess machte, beinahe in peinlichster Verlegenheit gewesen, hatte bei so hohen Jahren den übrigen vazierenden Herrschaften in Paris und Cannes sich beigesellen müssen oder vielleicht gar die in Genf soeben frei gewordene Wohnung Peter Karageorgs beziehen können, wenn ihm nicht glücklicherweise noch in Schweden die altgewohnte Beschäftigung des Regierens geblieben wäre.

Was für Zeiten, Kinder . . . was für Zeiten . . .