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Hugo Salus – Das blaue Fenster

Novellen

Egon Fleischel & Co., Berlin, 1906

Pietà


Ein einsames Kirchlein mitten im Walde hat immer etwas Verträumtes; es ist so, als hätten die Häuser der Menschen, deren Heiligtum es war, das Kirchlein verlassen, so daß es nun ganz allein zurückgeblieben ist, bis die Bäume des Waldes an seine Mauern hinanwuchsen; oder als wäre es, einsamkeitssüchtig und der Welt überdrüssig vom Tale heraufgeflogen, um fürder recht als ein Einsiedel hoch oben im grünen, stillen Forste zu träumen.

In solch einem Kirchlein vertritt dann die Waldfrömmigkeit und der Märchenzauber des Wanderers etwa mangelnden Glauben; und er kniet in dem Heiligtume ehrlich und wundergläubig wie ein Kind.

Ich habe im Sommer heuer solch ein einsames Kirchlein mitten im Hochwalde gefunden; es sah etwa wie eine kleine Dorfkirche aus, die sich aber seltsam genug an einen hohen und runden Turm anschmiegte: so daß es gleich den Anschein weckte, als wäre an einen alten Wartturm später die Kapelle angebaut worden. Ich war durch den schönen Wald wie immer in dem Gefühle gegangen, durch einen Dom zu schreiten, so daß ich lächelnd nunmehr das kleine Gotteshaus mitten in der Heiligkeit des Domes gewahrte. Die Tür der Kapelle war leicht geöffnet und das Innere des Kirchleins hell und freundlich. Ich legte meinen Wanderhut auf eine der wenigen Bänke und ging auf ein Grabmal zu, das an der einen Seitenwand sich vom Boden erhob. Es war das langgestreckte Grabmal eines adeligen Fräuleins, und ihre Gestalt war aus dem Sandstein herausgemeißelt, so daß sie mit gefalteten Händen wie in ihrem Sarge da auf der Erde lag. Auf ihrem Gesichte spielte der Sonnenschein, der durch das Fenster der gegenüberliegenden Wand hereinleuchtete, aber seltsam bläulich schimmernd, so daß ich den Strahl gleich zu dem Fenster zurückverfolgte und dort mitten in dem Fenster eine blaue Glasscheibe gewahrte, von einem so tiefen und satten Blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Da schaute ich mir das Gesicht der Schlummernden noch einmal an, ich beugte mich darüber, aber so, daß der bläuliche Schimmer nicht verdeckt wurde, und blickte nun in ein zartes, leidverklärtes Antlitz von einer solchen Reinheit der Linien, von einem so schmerzlich erkämpften Frieden, daß ich auf das innigste ergriffen ward. Schlicht gescheiteltes Haar umrahmte die eingesunkenen Schläfen, die Augen wölbten die zarten Lider wie große Kugeln vor, eine stolze, edelgeformte Nase ragte zwischen den eingefallenen, verhärmten Wangen umso ausgeprägter empor, aber das Wunder war doch der schmale und beinahe lächelnde Mund, um den ein Frieden, eine heilige Ruhe lagerten, wie sie der Tod nur solchen Lippen läßt, die viel, unendlich viel gelitten haben.

Da setzte ich mich auf den Grabstein hin, ich fing wohl träumend die blauen Strahlen mit meinen Händen auf und goß sie dann wieder über das bleiche Totengesicht und las aus den süßherben Zügen ihre Geschichte.

Und jetzt, da ich sie niederschreibe, ist es mir hier in meinem Zimmer wie ein Wunder, daß weit von hier, hoch in den Wäldern droben, ein Kirchlein steht und daß dort durch ein tiefblaues Kirchenfenster die Sonne auf ein schmales Angesicht scheint, seit Jahrhunderten und wohl noch jahrhundertelang, ein Angesicht voll Leid und erkämpftem Frieden.

Meilenweit, hügelauf, hügelab Tannenwald um das weiße Schloß. Die Täler hinab bis an die Meierhöfe und kleinen Dörfer, die Berglehnen hinan und über die Bergrücken rauschender oder heiligstiller Forst mit sturmerprobten Bäumen bestanden; oben von dem einsamen Rundturme mit seinem spitzigen Dachhütlein schweift der Blick wie über ein großwelliges Meer über die hellgrünen Baumkronen in der Nähe, über die schon ferneren dunkelgrünen Wipfelfelder, über das bläuliche Grün der Forste am Horizonte, die wie breite Moosflächen sich an den runden Himmelsrand schmiegen. Und drüber über dem besonnten und doch so dunklen Grün schwebt auf breiten Schwingen ein Adler oder wiegt sich wohlig ein Edelfalke. Deutsche Waldlandschaft, Besitz des Grafen Otto Eberstein, der mit seinen fünfzig Jahren mächtig und eigensinnig in seinem Schlosse sitzt und doch schon ein Greis sein sollte, so viele Pfade und Steige hat die Sorge und das Leid zum Schlosse gefunden. Er war ein gar lebensfreudiger Herr gewesen, der neben dem Fürsten sitzen durfte und dessen Schimmel gleich hinter des Kaisers Rappen in das Geschirr schäumte, wenn sie prächtig zum Reichstage ritten. Dann hatte ihn eine edle Fürstentochter zum Gatten erwählt, und sie hatten ein glückliches Jahr in dem weißen Schlosse verlebt und der Forst hatte Ja und Amen dazu gerauscht: bis die Tochter Berta geboren ward, ein glückliches Ereignis und doch allen Elends Anfang. Denn die junge Mutter verfiel in eine schwere, hitzige Krankheit, aus der ihr Leib genas, indes ihr Gemüt verwirrt blieb in einer tiefen Schwermut, daraus sie nie wieder genesen sollte.

Sie saß die erste Zeit nach ihrer Krankheit trübselig auf ihrem Lager, auf ihre entstellten, schlaffen Brüste niederstarrend oder im Spiegel die verlorene Frische ihrer Wangen suchend, als könnte ihre Schönheit unmöglich wiederkehren: so tiefe Runen hatten die Schmerzen der Geburt und die Leiden ihres Siechtums in ihr zartes, mondscheinblasses Gesicht geschrieben. Dann lachte sie traurig auf und barg sich hinter dem Linnen, wenn der Graf sie besuchen kam und wollte sich um keinen Preis zeigen: so häßlich schien sie sich, so zerstört deuchte sie ihr Liebesglück, so abscheulich ihr Körper und ihr Antlitz, daß sie immer wieder aufjammerte, nun werde der Graf sein Liebesverlangen bei schöneren Frauen stillen. Und einmal ward sie von der Amme überrascht, da sie sich eben über die Wiege des Kindes beugte mit funkelnden, rachegierigen Augen, und dann blitzschnell den Säugling in die Höhe hob, wohl um ihn an der Wand zu zerschmettern. Da war ihr die starke Bauernmagd noch rechtzeitig in die Arme gefallen und hatte das Kind gerettet. Die Gräfin aber wurde von dem Tage an in einen fernen Teil des Schlosses gebracht und dort wohl bewacht, daß sie nicht mehr zum Kinde kommen konnte.

Dort lebte die Kranke denn die jungen Jahre ihres Lebens dahin mit der Wärterin und späterhin mit der Amme, da das Kind ihrer nicht mehr bedurfte, trübselig vor sich hinstarrend und immer seltener in einen jener fürchterlichen Wutausbrüche verfallend, daraus sie noch elender und siecher hervorging.

So daß die mutterlose Berta eine traurige und liebeleere Kindheit verträumte.

Denn der Graf hatte wohl die ersten Monate in inniger, liebreicher Teilnahme sein verwirrtes Ehegemahl betreut, da er jeden Morgen von neuem gehofft hatte, der böse Schleier, der sich um ihr Gemüt gelegt hatte, müsse sich endlich heben und die Augen der Gräfin wieder klar, heiter und warm zu ihm emporblicken. Aber Tag um Tag, Woche um Woche verging, aus den Augen der Kranken starrte ihn ein schreckhaftes Nichterkennen, eine böse Angst an, und der Sonnenstrahl, der ihre einst so schönen, blauen Augen traf, wurde fahl und grau, wenn er aus ihren düsteren Augensternen zurückkehrte; so daß der Jammer mit knochigen Fingern immer fester des Grafen Herz umkrallte, bis daß er hoffnungslos, gleichgültig und endlich fast feindselig sich gegen sein Weib auflehnte und immer seltener das Gemach der Kranken aufsuchte.

Zu Berta hatte er eine verwitwete Verwandte ins Schloß berufen, die in Trauerkleidern das verschüchterte Kind leitete und die auch das Trauerkleid von ihrer Seele nicht abstreifen konnte, so liebevoll und zart sie auch mit dem Kinde umging. Und in den ersten Jugendjahren war es für das Kind immer noch ein Fest, wenn die Amme einmal herüberkam und mit ihr schön tat. Denn der Vater verstand die holde Kunst schlecht, eines Kindes Seele zu eröffnen und ihr ein Lachen, ein Jubeln, ein Jauchzen zu entlocken, das die eigene Seele wieder jung zu machen und ihre Flügel zu lösen vermag.

So war das Kind zehn Jahre alt geworden und ein kluges, stilles und verträumtes Kind mit den tiefsten und klarsten blauen Kinderaugen und sah versonnen und traumverloren in die Welt, die ihr aus Zimmern, seltsamen Menschen und Waldesrauschen bestand und darin ihr, ohne daß sie wußte was, etwas fehlte, das ihre Augen hätte aufleuchten lassen. Und es war wieder einmal die Amme bei ihr gewesen und hatte ihr abergläubische und wunderbare Märchen erzählt bis in die Dämmerung. Berta hatte sich an ihre Kniee geschmiegt und sie hundertmal umarmt und ihr immer wieder verstohlen zugeflüstert: »Ach, Amme, du bist gut!« Bis einer der Diener von der Gräfin drüben sie holte; die sei wieder schlimm geworden. Da war die Amme davongeeilt, um nach ihrer Kranken zu schauen. Und hatte nicht gemerkt, daß das Kind, durch das Dunkel und die Märchen verwirrt, ihr nachschlich, wohl weil seine Liebe es der guten Amme nachdrängte, vielleicht auch, weil es etwas ahnte oder fürchtete in seinem erwachten Kinderherzen, ein tiefes Geheimnis, das man ihm verbarg, und das es entdecken wollte.

So geschah es, daß Berta auf dem dunklen Gange durch die verbotene Tür schlüpfte und plötzlich in einem hohen, erleuchteten Zimmer stand, darin eine große Frau mit aufgelösten Haaren schreiend und händeringend umherirrte und sich dann erschöpft auf die Erde hinkauerte, den Kopf jammernd zwischen den Knieen verbergend. Dann hob die Frau ihr Haupt wieder empor und starrte plötzlich mit dem weit offenen Munde einer Maske und mit entsetzten Blicken zur Türe, wo das Kind zitternd stand, und dann stieß der starre Mund einen furchtbaren Schrei aus. Da hatte die Amme aber auch schon das Kind erblickt und hatte es schnell aus der Tür gedrängt und mit einem der Diener in sein Zimmer geschickt.

Es zitterte und war ganz bleich geworden, es hatte den Mund offen wie jene Frau drüben, nur daß es nicht schreien konnte, und endlich in den Armen seiner Pflegemutter löste sich das Entsetzen des Kindes, ein heißer Tränenquell sänftigte sein verwirrtes Gemüt. Und so lag Berta die ganze Nacht in den Armen ihrer Pflegerin, die mild auf sie einsprach und die ihr Gesicht eng an des Kindes bleiche Wangen drückte, als wolle sie alle bösen Geister davon abhalten.

Nach diesem Abend, der das Mädchen um viele Jahre älter machte, wurde die kranke Gräfin mit der Amme in den runden einsamen Turm oben im Walde gebracht, zu dem ein schattiger Waldpfad wohl eine Stunde lang vom Schlosse emporklomm; so daß in den folgenden Nächten denen im Schlosse unten ein neues Sternlein aufleuchtete, die Ampel im friedlosen Schlafgemach der Gräfin.

Das Kind aber verblieb noch einige Monate im Schlosse. Es war sehr nachdenklich und schreckhaft geworden, aus dem Schlafe schrie es oft und verzerrte das Gesicht wie in einer großen Angst und stöhnte aus seinen Träumen. Da wußte sich der Graf, dem das scheue Wesen seines Kindes unheimlich war, nach langer Beratung mit seiner Base und dem Pfarrer keinen andern Rat, als sie aus dem Hause zu geben. Und Berta kam zu den Feldegg, armen Rittersleuten, die dem Grafen eine Meierei verwalteten und die stundenweit vom Schlosse in einem Tale hausten; hier verblieb Berta durch viele Monate.

Die ersten Wochen weilte die Base bei dem Mädchen. Dann aber fuhr sie von dannen, da sie sah, wie wohl die neue Umgebung und die Güte der Meiersleute auf das Gemüt des Kindes wirkten. Die waren brave Menschen, denen von ihren Kindern nur ein Knabe geblieben war, Leon, der etwa vierzehn Jahre zählen mochte, und sie freuten sich über die Auszeichnung, nunmehr die Tochter ihres Herrn pflegen zu dürfen; was ihnen in ihrer bedrängten Lage gewiß zum Vorteile gereichen mußte. Sie waren einst selbst wohlbegütert gewesen, aber durch Wetterschäden, allerlei Krankheiten und Unglück heruntergekommen, so daß sie gern ein Lehen des Grafen empfingen.

Nun nahm sich also Frau Anna, Leons Mutter, des armen Grafenkindes mit all der überschüssigen Liebe an, die ihren verstorbenen Kindern zugedacht war; und sie verhätschelte und verzärtelte das Kind, das anfangs solche Liebe gar nicht verstand; denn die brave Rittersfrau wußte wohl um das traurige Geschick des mutterlosen Kindes und empfand es in ihrem frommen Gemüte als eine himmlische Gnade, daß sie es nun pflegen und ihm die Mutter ersetzen dürfe. Und ihrem Leon hatte sie in einer jener fürs ganze Leben unvergeßlichen Stunden, da Herz zu Herzen spricht, erklärt, wie unglücklich Berta trotz ihres Ranges und Reichtums sei, da sie ohne Mutter lebe, und der gute, geweckte Knabe hatte als Antwort und Beweis, daß er sie verstanden habe, die Mutter weinend und wortlos umarmt und immer wieder an sich gedrückt und ihr dann geschworen, er wolle die junge Gräfin wie ein Ritter schützen.

Und der Knabe hielt sein Versprechen. Er war schlank und wohlgebildet und hatte jene pagenhafte Art, die Knaben von seiner Art die gröberen Altersgenossen fliehen und die Einsamkeit mit ihrem Rauschen und Raunen lieben läßt; so daß mit vierzehn Jahren viel mehr Dichter in den Landen herumträumen, als das Leben später zuläßt. Er betrachtete das Grafenkind mit bewundernder Scheu, weil sie viel Leids erlebt hatte und weil sie des Grafen Kind war. Und er freute sich, daß sie in seinen Märchen so gut die traurige Prinzessin oder verlassene Königin vorstellen konnte, die auf ihren Ritter wartet.

Berta gab ihm denn auch gern ihre Hand, wenn sie in den Wald gingen, gesittet wie bei Hofe, und lauschte seinen Worten, denn er wußte gar manches, was sie noch nicht gelernt hatte. Und im dichten Waldesschatten sitzend, erzählten sie einander von ihrem Leben.

»Ich will einmal was Großes werden,« sagte er, »der Vater möchte mich zu einem Soldaten machen, aber ich will lieber ein Gelehrter werden oder ein berühmter Arzt oder ein Papst, der in Rom wohnt. Und die Mutter, meine liebe Mutter« . .... da unterbrach er sich aber, denn er hatte einen flüchtigen Blick auf Berta getan und nun schwieg er betroffen still. Die zwei großen, blauen Augen neben den seinigen taten ihm leid, sie waren so traurig, und plötzlich schlang er den Arm um die Schultern seiner Gespielin: »Du mußt immer bei uns bleiben, bei uns ist es schön und, wenn ich ins Kloster komme, um zu lernen, mußt du an meiner Statt bei der - bei dem Vater und der Mutter bleiben. Im Sommer kehre ich dann immer wieder zu euch heim und dann wollen wir mitsammen in den Wald gehen und ich will dein Lehrer sein. Willst du, willst du?« fragte er in der eindringlichen Art von Kindern.

»Ja, ich will,« sagte sie. »Aber du mußt auch einmal zu uns aufs Schloß kommen.« Dabei rückte sie noch einmal so eng an Leon heran und senkte ihre Stimme und flüsterte ihm ins Ohr: »Und dann mußt du über den dunklen Gang in das hohe Zimmer gehen, wo die arme traurige Frau ist, und mußt ihr sagen, sie dürfe nicht so traurig sein und solle mit uns kommen! Willst du, willst du?«

»Deine Mutter,« sagte Leon geheimnisvoll und stolz, daß er um das Geheimnis wußte. »Ist das meine Mutter?« brachten die bleichen Lippen Bertas mühsam hervor. »Ich habe keine Mutter! Wenn sie meine Mutter ist, die arme, erschrockene Frau drüben, warum lassen sie mich nicht zu ihr? Warum hat sie die Arme so vor sich ausgestreckt, wie sie mich erblickte?« Und sie streckte die Hände weit von sich und machte das entsetzte Larvengesicht wie damals, da sie bei der Kranken gewesen war.

Darauf wußte der Knabe aber keine Antwort, und sie saßen eng umschlungen unter dem alten Baume, und sie weinte, während der Knabe die von Tränen Erschütterte nur immer an sich hielt und streichelte.

»Mutter,« fragte Leon in der Dämmerung, da sie allein miteinander waren, »Mutter, sprich, warum weiß Berta nicht, daß die kranke Frau in dem großen Zimmer im Schlosse ihre Mutter ist? Warum weint sie und glaubt, daß sie keine Mutter habe?«

Da stand die Mutter auf und holte Berta und sagte ihr mild und sanft, daß jene bleiche Frau im Saale eben ihre Mutter sei, eine gute, liebe Mutter, nur daß sie krank sei, denn ein Nebel habe sich vor ihre Augen gesenkt, so daß sie weder den Grafen, noch auch ihr eigenes geliebtes Kind sehen könne und immer nach ihnen begehre und sie herbei wünsche. Wenn dann der Graf zu ihr käme und liebreich zu ihr spreche, dann glaube sie ihm nicht, und kein Arzt habe sie bisher heilen können. Aber einmal werde gewiß der große Arzt kommen, der sie erlösen und heilen werde!

»Und der werde ich sein,« sagte der Knabe.

»Du nicht, du wahrhaftig nicht,« sprach erschrocken die Mutter, »an dich habe ich bei diesen Worten nicht gedacht, so sei Gott meiner Seele gnädig und behüte dich!« Und sie bekreuzte den Knaben.

»Ich will aber Berten ihre Mutter gesund machen und Berta glücklich,« trotzte der Knabe. »Und darum will ich im Kloster fleißig lernen und dann noch lernen und immer lernen, bis ich ein berühmter Arzt sein werde. Und dann will ich die Frau Gräfin gesund machen und Berta soll sich freuen und lachen!« Und er fügte tiefsinnig hinzu: »Denn du mußt wissen, Mutter, daß Berta noch nicht gelacht hat, seit sie bei uns ist, und ich habe ihr doch schon die Geschichte vom dummen Peter erzählt, über die du selbst immer lachen mußt!«

»Ich aber habe sie schon lachen gesehen,« sagte die Mutter. »In der Nacht habe ich mich mit dem Kienspan in der Hand an ihr Bett gesetzt, und da hat sie immer, wenn das Licht über ihr Gesicht huschte, aus dem Schlafe gelacht. Siehst du, genau so wie jetzt, nicht laut, aber ihr Gesicht hat gelacht. Und da hat sie sicher ein schönes Märchen geträumt!« »Ja,« sagte Berta eifrig, »und Leon ritt auf einem Pferde und es war Winter und das Pferd hatte Pelzschuhe an den Füßen!«

Da lachten sie alle drei und Bertas Stimme lachte laut mit.

Als der Herbst gekommen war und der Knabe von Berta Abschied nehmen sollte, da führte er sie noch einmal in den Wald hinaus zu ihrem Lieblingsplätzchen und sie waren beide beklommen und traurig.

»Du hast es gut, Berta,« sagte Leon, »du wirst den Winter über bei uns bleiben, ich aber muß fort und kann erst in ein oder zwei Jahren wieder zurück.«

»Warum in zwei Jahren?« fragte Berta erschrocken.

»Weil ich jetzt Chorknabe werden soll. Da muß ich auch über den Sommer im Kloster bleiben. Aber vielleicht lassen sie mich im nächsten Jahre noch heim und behalten mich erst übers Jahr im Kloster.«

»Ich will aber nicht, daß du wegbleibst!« sagte Berta fast zornig, »und wenn ich es meinem Vater sage, so wird er es den Klosterleuten verbieten!«

»Bis dahin hast du mich längst vergessen,« meinte der Knabe, »was liegt dir denn an mir!«

Da schaute ihn das Mädchen mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke an und es mußte ihr sehr nahe gehen, denn langsam überzogen sich ihre Augen mit einem feuchten Schimmer und der ward zu Tränen, die groß und schwer über ihre Lider sickerten. Und sie konnte nichts sagen, kein Wörtlein, weil ihre Lippen so zitterten. Der Knabe stand ganz ratlos neben ihr und wußte auch nichts Gescheiteres zu tun und weinte auch. Und dann gingen die beiden Hand in Hand und immer wieder aufschluchzend nach Hause.

»Daß nur die Mutter nichts sieht!« sagte Leon.

»Daß nur die Mutter nichts merkt!« schluchzte Berta. Und es war ihnen, als ob nun ein schweres Geheimnis, fast wie ein Verbrechen, sie beide noch enger aneinander kette, und wußten doch nicht, was sie getan hatten. Und als Leon am nächsten Tage davonfuhr, da hob er, als die Mutter unter dem Tore just wegschaute, die zum Beten gefalteten Hände gegen Berta und sie nickte ihm voll Einverständnisses zu, obgleich sie beide nicht wußten, was Geheimnisvolles sie damit ausdrücken wollten.

Und der Wagen verschwand im Walde.

Aber es kam doch anders, als die Kinder geglaubt hatten. Als Leon im nächsten Jahre nach Hause fuhr und vom Berge oben die Meierei im Tale unten friedlich liegen sah, da klopfte ihm das Herz fast schmerzlich bei dem Gedanken, daß er nun Berta wiedersehen werde, nach der er sich das ganze Jahr so sehr gesehnt hatte. Aber seine Lippen sprachen dabei die Worte: »Liebe, liebe Mutter, wie sehn' ich mich nach dir! Du liebe, liebe . ...« und schon sprachen die Lippen auch weiter - »liebe, kleine Berta, wie wirst du mich mit deinen traurigen Augen ansehn!«

Dann aber erschrak er über den Verrat seiner Lippen und schloß die Augen, um recht innig an die Mutter zu denken und jeden andern Gedanken zu verscheuchen. Aber er mußte zwischendurch manchmal Berta sagen, oder er kehrte das Wort um und sagte Atreb vor sich hin in spielerischer Knabenart, Atreb und Noel, wie wenn sie beide aus der biblischen Geschichte wären!

Der Wagen hielt vor dem Tore, der Kutscher hatte durch Peitschenknall die Hofleute benachrichtigt, und da stand der Vater und lachte in den Sonnenschein und die Mutter lief ihrem Buben entgegen. Nur Berta fehlte.

Und dann lag Leon in den Armen der Mutter und bekam vom Vater den Kuß, der ihn von dem ernsten, zärtlichkeitskargen Manne immer so erregte, und mußte viel erzählen und berichten, und dann ging er an Mutters Hand durch die Zimmer und Ställe und Wirtschaftsräume und erfuhr alles Neue, das sich auf dem Hofe begeben hatte.

In dem dunklen Gange hinter der Tenne nahm er sich ein Herz und fragte: »Was ist denn auf dem Schlosse Neues? Lebt die Gräfin noch?«

Da huschte ein Lächeln über Mutters Gesicht und sie antwortete mild und legte dabei ihre Hand auf Leons Haupt: »Berta kommt heuer nicht zu uns, sie ist jetzt in ein adeliges Stift gegeben worden, wo sie einige Jahre bleiben soll, um Sitte und höfische Art zu lernen. Und die Gräfin lebt in dem Turme im Walde und ist nicht gesund geworden.«

Da senkte der Knabe sein bleiches Gesicht und die Mutter merkte wohl, daß eine Hoffnung in seinem Herzen gebrochen sei; sie sah auch seine zuckenden Lippen, da sie aus dem Dunkel traten. Sie drückte des Knaben Haupt wärmer an sich und sprach: »Die arme Gräfin!« Als glaubte sie, daß den Knaben das traurige Geschick der kranken Frau so schmerzte.

Und dann kam Leon wieder ins Kloster und wurde Chorknabe und im Jahre darauf verfiel er in eine schwere Krankheit, von der er sich nur langsam erholte, und er war einundzwanzig Jahre alt, als er das Kloster verließ, um nach Italien zu ziehen und dort in den tiefen Schacht der Wissenschaft hinabzusteigen.

Vorher aber blieb er noch einige Wochen zu Hause und die Augen seiner Eltern blickten besorgt auf das bleiche Gesicht des schlanken Jünglings und fürchteten sich vor der Trennung.

Die Pflicht erforderte es, daß Leon sich erst dem Förderer seiner Studien, dem Grafen, vorstelle und ihn um weitere Gnade anflehe.

Und so ritt er denn eines Morgens langsam den Talweg dahin, nicht wie ein Soldat, der er hätte werden sollen, sondern recht als ein Scholare, müde auf dem Pferde sitzend und dem Rößlein ganz die Wahl der Gangart überlassend; so daß die Sonne schon recht im Sinken war, als er das weiße Schloß Eberstein erreichte.

»Ist der gnädige Herr Graf daheim?« fragte er den Pförtner am Burgtore.

»Der komme abends heim! Aber die Gräfin Berta sei zu Hause, ob der Ritter nicht der sein Anliegen vorbringen wolle?«

»Wenn mich die Gräfin gnädig anhören mag?« sagten da seine Lippen. Aber sein Herz war wieder ganz kindisch geworden und eine demütige Angst quälte es. Denn er hatte doch oft in den letzten Jahren an jenen Sommer gedacht, und die Erinnerung war ihm lieb und innigwert geblieben. »Und meldet einen ehrerbietigen Gruß des Ritters Leon Feldegg von der Meierei im Tale, ob sich die Gräfin seiner noch erinnern mag?«

Wenn nur sein Herz nicht so schmerzlich geschlagen hätte! Das tat es seit der Krankheit immer, wenn er erregt war. Und jetzt hatte es doch wirklich keine Ursache dazu! sagte sich Leon, als er allein war. Die Kinderträume paßten doch wahrhaftig nicht mehr in sein gelehrtes Haupt. Ob sie wohl noch der Wochen in der Meierei gedenken möchte! Und er sah Berta neben seiner Mutter stehen, als er damals ins Kloster gefahren war, und er sah ihr nachdenkliches Kindergesicht ihm zuwinken. Da kam aber auch schon der Pförtner und führte ihn ins Schloß, wo ihn die junge Gräfin erwarte.

Sie trat ihm an der Schwelle des großen Zimmers entgegen, darin sonst ihr Vater seine Geschäfte zu erledigen pflegte. Es war dunkel auf dem Gange und er konnte im ersten Augenblicke, nachdem er sich tief verneigt hatte, ihr Gesicht nicht sehen; wohl aber sah er gegen die Helle des Zimmers eine große Mädchengestalt und hörte eine holde Stimme: »Tretet ein zu mir, Ritter Leon!«, die ihm wie ein Orgelton durch die Seele ging. Und nun er hinter ihr in den hohen Saal eintrat, umfing sein Blick verwundert und ungläubig ihre schlanke, edle Gestalt, und er errötete, da sie sich ihm zuwendete und er ihres Busens sanfte Wölbung streifte, weil es ihm ein Wunder schien, daß die Jungfrau das Kind von damals sein sollte. Und ihm ward bang und weh bei diesem Gedanken.

Dann standen sie einander gegenüber und sahen einander an. Er stammelte einige verlorene Worte von Dankbarkeit, von Schuld und Pflicht, bis sie ihm die Hände entgegenstreckte und ihn herzlich begrüßte. Sie erinnerte sich seiner so gut aus jener Kinderzeit, wenn er freilich indessen auch ein Gelehrter geworden sei, der an ernstere Dinge denken müsse als an jene Kindertage. Sie sagte dies alles mit ihrer dunklen Stimme und so vollendet und überlegen, daß Leon, verwirrt und erstaunt, seiner Worte nicht mächtig war und endlich mit wärmerer Betonung, als der Sitte entsprechen mochte, erzählte, wie oft er jener Zeit gedacht und wie er bei jedem: Ave Maria, Mutter . ..., aber da stockte er, denn er hatte sagen wollen, daß er bei seiner Rückkehr ins Kloster damals als Knabe sich vorgenommen habe, beim Worte ›Mutter‹ im Vaterunser immer an Bertas Mutter zu denken, und daß er diese Sitte dann schon aus Gewohnheit beibehalten habe. Nun erschrak er, da ihm dies Geständnis entfliehen wollte, er wurde rot und sein Herz fing wiederum zu zerren an, daß er tief atmen mußte, um es zu meistern.

Gräfin Berta hatte ihn rot und bleich werden sehen, und, fast ohne daß sie es wußte, trat sie ganz nahe an Leon heran und fragte ihn, ob er auch immer wohl gewesen sei und wie es Mutter und Vater ergehe, und ob die liebe Frau Anna noch so munter sei. Da konnte er denn viel und freudig berichten, wenngleich es ihn bedrängte, daß er nicht nach Bertas Mutter im Turme oben fragen solle.

Und dann sagte er unvermittelt: »Ich will mir jetzt von Eurem gnädigen Herrn Vater die Erlaubnis erbitten, nach Italien an die hohe Schule zu gehen, die Geheimnisse der Medizin zu erfahren und ein Arzt zu werden.«

»Wie Ihr Euch schon damals vorgenommen habt,« sagte Berta. Dann schwiegen sie eine Weile still, plötzlich füllten schwere Tränen Bertas Augen und mit zuckenden Lippen sprach sie: »Ich danke Euch!«

Und als ob die Tränen auch gleich ihr ganzes Leid vor ihre Seele brächten, fuhr sie fort: »Leon, Ihr wißt ja nicht, wie unglücklich ich bin!«

»Gräfin Berta, liebe, liebe Berta, Ihr unglücklich?! Und ich denke Euch in Stolz und Glück! Was quält euch, Berta, liebe Gräfin Berta, sagt mir, was macht Euch unglücklich?«

Leon schien es, als ob Berta wanke, und er fing die Bebende auf: »Wenn ich Euch helfen könnte! Meine arme, liebe ...«

Da richtete sie sich empor, ihre Augen waren voll Angst und sahen hilflos und hilfesuchend in die Augen Leons: »Wer könnte mir helfen! Ich schreie nach Mitleid, nach ein wenig Mitleid und Güte und man gibt mir kaltes Geschmeide und leere Worte und Kleider. Ich bin unglücklich!« Und die Augen mit den Händen bedeckend: »Unglücklich!«

Und da verschwanden zwischen ihren eng aneinander gedrängten Körpern wie in einer Versenkung die Jahre, seit sie einander nicht gesehen hatten, und das Kind Berta lehnte wieder an der Brust des Knaben Leon, sie fühlten, daß sie aufeinander all die Jahre gewartet hatten. Und er sprach in ihr abenddunkles Haar, das seine Lippen berührten, immer die gleichen Worte des Mitleids: »O du mein armes, liebes Liebes!«

Sie kämpfte mit den Tränen, die sie erschütterten, und suchte ein Wort und konnte keines finden, das ihre Lippen erschlossen hätte, so fest drückte das Leid sie aufeinander, und endlich hatte sie das Wort gefunden und schrie es aus ihrer Seele empor: »Mitleid! Nur ein Tränentröpflein Mitleid!«

Da führte er die Erregte zu dem breiten Stuhle, wohl des Grafen Sitz, wenn er die Verwalter oder Bauern verhörte, und ließ sie sanft niedergleiten. Er kniete zu ihr nieder und sprach still und mild auf sie ein. Und sprach so still und sanft, daß sie plötzlich die Stimme seiner Mutter nach langen Jahren hörte und daß ihr Herz sich beruhigte.

»Wann wollt Ihr mir Euer Leid vertrauen, daß ich über Eure Rettung sinne?« fragte er. »Wann kann ich Euch wiedersehen?«

»Morgen, bei der Mutter Turm, beim Abendglockenläuten!« sagte sie.

Und dann erhoben sie sich, sie standen einander gegenüber Hand in Hand und ihre Augen ruhten lange ineinander. Sie sagten nichts als ihre Namen und wußten doch, daß sie einander alles, alles gesagt hatten. .....

Und Leon war es, als er dann allein in dem Saale auf den Grafen wartete, als ob die Wände ihm immer noch die Worte Berta und Leon zuriefen, und er hatte keinen andern Gedanken und hörte entzückt auf diese einfache Melodie.

Dann sprach er mit dem Grafen nicht mehr als der schüchterne Scholare, er sprach offen und frei mit ihm als ein Ritter, und der Graf verhieß ihm auch fürder Schutz und Unterstützung.

Das Rößlein aber wunderte sich, als Leon in den Abend hinein heimritt, wie sich der Ritter so verändert hatte. Und wenn es auch nicht verstand, was er mit den Worten ›mein Rößlein in Pelzstiefeln!‹ meinte, so mußte es doch etwas Liebes sein, denn dann streichelte der Ritter ihm gar zärtlich den Hals. Und seine Glöcklein klangen hell durch die Stille.

Als Leon nachts heimgekommen war, da war sein Herz so voll Hoffnung, weil das holde, schlanke Mädchen sich ihm so warm vertraut hatte, daß der jugendliche Stolz über den Empfang ihrer Liebe ihn fast jubeln machte. Aber langsam fiel, Tropfen auf Tropfen, Leid in seinen Becher, Leid über das unbekannte Geschick seiner Herrin, Leid, das seine Seele erzittern ließ, innigstes Mitleid mit der Geliebten, daß er die Stunde des Wiedersehens nicht so sehr aus Sehnsucht nach dem Angesicht seiner Erwählten herbeiwünschte, als aus dem Verlangen, ihr Gutes zu sagen, ihre Hände zu streicheln und ihres Leides Ursache zu erfahren, um ihr beizustehen. Denn der Mutter Siechtum allein konnte es jetzt wohl nimmer sein, was sie so schmerzlich erregte.

Nachmittag klomm denn sein Pferd den steilen Weg zum runden Turm hinan, der über die Tannen emporragte. Dann schwang sich Leon aus dem Sattel, wand die Zügel um einen Stamm und schaute zum Turm empor, der auf dem Gipfel des Berges Wache stand und weit ins Land hinausblickte.

»Wie viel Elend du birgst,« sagte Leon halblaut vor sich hin, »Elend für deine Bewohnerin und tieferes Leid für das arme Mädchen, das so würdig wäre, glücklich zu sein und ihre schönen Augen von deiner Höhe über ihres Vaters Land schweifen zu lassen.«

Dann trat er zwischen den Bäumen hervor und setzte sich auf die Steinbank, die, aus seinen Quadern gebildet, den Turm umgriff und mit Moos überwachsen war. Dort unten sah er das weiße Schloß und in jenem Tale drüben mußte seiner Eltern Haus stehen; aber er konnte es nicht finden. Und von fernher schwang sich der Abendglocke Klang über die Wipfel, daß er fromm seine Hände faltete. Und als er »Ave Maria, Mutter . ...« sagte, da hörte er den Huftritt eines Pferdes, er stand auf und half Berta aus dem Sattel.

»Bist du so allein durch den Forst geritten?« fragte er besorgt. Und sie fühlten gar nicht, daß sie einander von jetzt ab wieder du sagten; so innig hatten beide seit ihrem Wiedersehen aneinander gedacht und so ununterbrochen im Herzen zueinander gesprochen.

»Wen sollte ich fürchten? Wer viel innerlich Leids erlebt, lacht der sichtbaren Gefahren!« Und als fühlte sie den Wert jedes Augenblickes, als fahre sie in einer oft durchdachten Rede zu sprechen fort, warf sie sich jetzt leidenschaftlich an Leons Brust, sie dämpfte den Laut ihrer Stimme nicht, sie loderte ihm züngelnd entgegen: »Meine Mutter ist mir mehr als gestorben, wenn sie auch da oben im Turmgemache atmet! Und mein Vater, höre, Leon, mein Vater haßt mich, ich bin ihm zu viel, ich hindere ihn, wenn er sich auch durch mich wenig hindern läßt. Du guter Leon, wenn du wüßtest, wie unendlich viel Schmach und Schimpf ich dulden muß, wie oft ich mich in meiner Mutter früheres Krankengemach flüchte vor den Blicken der, der ..« ihr Mund sträubte sich, das Wort zu sagen - »der Schamlosen, die mir den Vater geraubt hat, die im Tore stand an seiner Seite, da ich mit meiner Sehnsucht im Herzen aus dem Stifte heimkehrte, die von meiner Mutter in Worten spricht, daß ich vor Leid vergehen möchte, indes der Vater seinen Humpen schwingt und ihr zulacht! Leon, ich ziehe mit dir, ich ziehe mit dir, wohin es auch sei, wie könnte ich denn jetzt allein hier weiter leben!«

Sie schwieg erschöpft und ihre tiefen, blauen Augen blickten sehnsüchtig und hoffend zu ihm empor. Da hörte sie von seinen stummen, zuckenden Lippen ungesprochene Worte in ihr Ohr klingen, Worte der Liebe und des Mitleids, und sie lächelte glückselig, da sein Mund sich auf den ihren senkte.

Und dann setzten sie sich eng aneinandergelehnt auf die Bank und ihre Rede war immer das eine Wort »ich liebe dich« und »ich liebe dich«, und in ihren Küssen war Sehnsucht und Dank und Erfüllung, bis sie scheiden mußten.

Leon hatte beim Heimreiten lange überlegt, ob er der Mutter von seiner Liebe erzählen solle; denn er fühlte, daß ihr daraus viel Sorge erwachsen würde. Aber er wußte auch, daß er allein zu schwach sei, eine Entscheidung zu treffen. Hatte ihn doch schon eben in allen den süßen Augenblicken des Glückes beim Turme fast störend der eine Gedanke gequält, daß Berta mit ihm fliehen wollte. Was ihn hätte beglücken und entzücken sollen, sein Blut zum Sieden hätte bringen müssen, das beunruhigte ihn, das störte ihm sein Glück. Die Gefahren der Reise, der Haß und die sichere Verfolgung des Grafen, das Ungemach für seine Eltern und viel Unausgedachtes und rasch beim Aufkeimen in seiner Seele Unterdrücktes: eine Fülle von ungewohnten, peinigenden Vorstellungen drängte sich nun zwischen seine Liebe und die Geliebte. »Ich kann doch nicht wie mit einer Vagantin mit der Grafentochter herumziehen!« wiederholte er. Und so kam er zu Hause an.

Vater war noch im Forsthause draußen und so saß er mit der Mutter allein in der Stube; und langsam, langsam kamen ihm die Worte von den Lippen, die hellen und die dunklen, seine Hoffnungen und Sorgen.

Die Mutter hatte sich wohl gedacht, daß Leon seiner Kinderträume nicht ledig geworden sei, nun hörte sie auch von Bertas Liebe zu ihrem Sohne. Sie sann dem Gehörten eine Weile schweigend nach, dann ließ sie die Hände in den Schoß fallen.

»Ihr seid jung und liebet euch,« sagte sie dann, »so müßt ihr auch den Mut für eine Liebe haben! Und ihr werdet viel Liebe, viel Mut und viel Ausdauer brauchen!«

»Und soll ich Berta jetzt mit mir nehmen?« fragte Leon hastig.

»Deine Frage, mein Junge, ist schon Antwort genug!« sagte die kluge Frau. »Sie wird nicht mehr davon sprechen! Aber vielleicht läßt sie ihr Vater, nachdem du weggeritten, zu mir, und, wenn sie nicht für längere Zeit bei uns leben kann, sie wird schon Wege finden, zu mir zu kommen! Und wenn du Gelegenheit hast, uns einen Brief zu senden, dann wird sie wohl ein Brieflein dabei finden!«

Leon hatte erleichtert genickt, er hatte, da er ihre Hände küßte, gefühlt, daß er ihrer würdig werden müsse und daß ihn diese edle Frau nicht mehr als Knaben, sondern als Mann wiedersehen solle. Er reckte sich empor, er dachte an Berta und fühlte sich stark und sicher.

Dann kam er mit Berta noch mehrere Male zusammen und die Mutter hatte recht gehabt. Berta scheute sich, auf ihre Worte beim ersten Zusammentreffen zurückzukommen, sie sprach nicht mehr davon und dankte im Herzen Leon, der so feinfühlig war, sie nicht beschämen zu wollen. Sie umarmten und küßten einander beim tränenvollen Abschied und gelobten sich ewige Liebe und Treue; er erzählte ihr von seiner Gewohnheit beim Aveläuten und sie versprachen einander, den Abendglocken ihre Grüße mitzugeben, daß die sie einander entgegen schwängen. Und dann wandte sich Leon zum letzten Male auf dem Pferde um und nahm ihr letztes Schleierwinken in seiner übervollen Seele mit nach Italien.

Er hatte vorerst zwei volle Jahre auf der welschen Universität bleiben wollen. Die ersten Monate hatte ihn die wache Erinnerung an seine Braut, wie er sie in seinen Zwiegesprächen mit seinem Herzen nannte, aufrecht erhalten. Dann hatte er einen hochgelehrten Lehrer gefunden, dem er das Leiden der kranken Gräfin vorgetragen, und dem der Casus viel Nachdenken und gründliches Meditieren verursacht hatte. Denn er hatte den deutschen Studenten lieb gewonnen und wollte ihm gern helfen. Er hatte ihm denn endlich auch ein Arkanum für die Gräfin versprochen und dabei den einsilbigen Scholaren selbst in seine Kur genommen, nachdem er seinen Puls lange geprüft und ihm wiederholt zur Ader gelassen hatte. Denn Leon fühlte sich matt und schrieb dies dem schlaffen Süden zu, indes wohl sein Heimweh nach dem Norden und sein altes Herzübel an ihm zehren mochten.

Als es denn nach ein und einem halben Jahre wieder Frühling werden wollte, da kam ein unstillbares Drängen über ihn, daß er seinem gelehrten Meister erklärte, er müsse wieder nordwärts ziehen, ihm sei, als ob ein geheimer Zauber ihn heimdränge; ob der verehrte Lehrer ihm nun das Mittel für die kranke Gräfin schon jetzt geben könne.

Da führte ihn der Gelehrte in seine Studierstube und brachte zwischen allerlei seltsamen Kolben und Gefäßen eine Tafel hellen Fensterglases hervor, die in einem Bleirahmen gefaßt war.

»Dies Glas, das dich so unscheinbar dünkt, nimm mit nach deiner Heimat. Und hänge es vor das Fenster des Turmgemachs, darin deine hohe Kranke dahinsiecht. Sie wird durch dieses Fenster schauen, und ich verrate dir, es ist ein wunderbares Glas mit geheimen und tiefen Tugenden begabt, das die übergroße und dem gemeinen Laienverstande darum krankhaft scheinende Sehnsucht aus den Augen der Hindurchschauenden ziehet, und so sie lange genug durch das Glas geschaut haben wird, Wochen, Monde, und vielleicht Jahre lang, dann werden ihre Augen klar und sie wird geheilt sein! Vergiß aber eines nicht, wenn du jetzt heimreitest. Du darfst dieses künstliche und außerordentliche Glas nicht etwa einem Knechte in die Hand geben oder gar in deinen Halftersack stecken, das könnte sich an der zarten Komplexion seines Aufbaues sündhaft rächen, sondern mußt es in Händen nach Hause bringen, daß ihm kein Leids geschehe und es immer an der Luft sei. Und wenn die Heilung naht, dann wird das Glas selbst der Herold sein durch seine Farbe! Und nun reite heim und möge das heiltüchtige Fenster auch deinen schwachen Körper stärken und kräftigen!«

Leon dankte seinem Meister in heißen Worten und versprach ihm, so ihn hoffentlich bald wieder ein beglückteres Ziel hierher führe, ihm zu berichten und würdiger zu danken; wobei er ein überaus heiteres Bild vor Augen hatte.

So zog er von dannen und ritt als ein gar seltsamer Reiter nach Norden. Er hielt die Glasscheibe in Händen vor sich hin oder stützte sie aufs Knie, wenn eine Hand den Zügel ergreifen mußte. Auch stieg er auf den beschwerlichen Alpensteigen vom Pferde, den Zügel um den Arm geschlungen, und ließ das Rößlein hinter sich hertraben, indem er wie eine Monstranz das Glas in Händen trug. Viele Wochen vergingen so, ehe er jenseits der Alpen war, und viele Wochen, ehe er sich seiner Heimat näherte. Und je müder er wurde, je schmäler und dunkler sein Gesicht, je öfter er Halt machen mußte, um sein fast versagend Herz zu beruhigen, um so heißer ward seine Sehnsucht nach Hause, da ihn eine große und schmerzliche Angst gefangen hielt; in welcher Sehnsucht und Angst ihm das Bild seiner Geliebten verloren ging also, daß er Tage und Nächte lang versuchte, sich daran zu erinnern, ohne dazu imstande zu sein. Und krank und elend, mit Armen, die vom ewigen Halten des Heilfensters fast zu Holz verdorrt waren, mit einem Herzen, das eine bleischwere Müdigkeit am Schlagen hinderte, kam er eines Morgens vor die Täler seiner Heimat.

Er hatte daran gedacht, erst seine Eltern zu begrüßen, seine geliebte Mutter zu umarmen und seinem lauschenden Vater von seinen Studien und dem wunderseltsamen Italien zu erzählen; und gleich zu erfahren, was auf dem Schlosse Neues sich begeben; denn er hatte nun viele Monde lang keinen Brief von Hause bekommen und wußte nicht, ob sein Schreiben je in die Hände seiner Mutter und seiner Braut gelangt war. Als er aber in dem Tale dahinritt, von dem aus die Wege nach seinem Elternhause und dem Schlosse abzweigten, da war ein auffällig großes Leben auf der Straße, viele Wagen fuhren dahin und Edelknechte ritten an ihm vorüber, als ob gerade heute Gerichtstag auf dem Schlosse wäre. Da stieg er, immer von seiner großen Angst gepeinigt, vom Pferde und setzte sich an den Weg, jemanden zu fragen. An einen Ritter wagte er sich nicht, da er vom langen Reiten verstaubt und gering aussah, und so erbat er von einem Bäuerlein Bescheid, was Ursach das Leben auf der Straße habe. Der schaute ihn schier ungläubig an, ob er denn nicht wisse, daß morgen die Hochzeit sei.

»Die Hochzeit?« zitterten die bleichen Lippen Leons.

»Nun, des Landgrafen Hochzeit mit der Tochter unseres Grafen,« sagte gleichmütig der Bauer und wollte weitererzählen. Aber er blieb mit offenem Munde stehen, da der Frager aufgesprungen war und die verstaubte Tafel in seinen Händen als einen Schild vor sich hielt.

»Berta? Berta?« schrie er dabei; und er sah so verändert und nicht von dieser Erde aus, daß dem Bauer angst und bange wurde und er mit großen Schritten weglief. Leon aber war indessen schon einem anderen Wanderer entgegengelaufen, er fragte auch ihn, was auf dem Schlosse sich begebe. Und er hatte kaum die Antwort gehört, so lief er drei Weibern entgegen, die mit schweren Körben bepackt, daherhumpelten, und die antworteten ihm gar nicht erst und hielten ihn für trunken, weil er so seltsam schwankte, und riefen ihm zu, daß morgen erst Freibier auf dem Schlosse fließen werde; da möge er sich nur für morgen seinen Saufsack ordentlich ausleeren! Leon aber sagte ganz geistesabwesend immer nur »meine Braut, meine Braut!« und »so etwas ist doch nicht möglich!« und dann stieg er mühselig auf sein Pferd und wollte es in einen rascheren Trab bringen; wozu das arme, müde Tier aber nicht zu bewegen war.

So saß er auf dem Gaule, hielt das Glas in seinen steifen Händen und ritt auf dem Waldpfade gegen das Schloß, indes die andern auf der breiten Straße blieben. Er sah nicht, daß er endlich seinen seit Monaten ersehnten, geliebten Wald erreicht hatte, er hörte nicht das Rauschen seiner Bäume, darnach ihn so heiß verlangt hatte, und schaute abwesend den Lerchen nach, die sich jubelnd in den Äther warfen.

»Das ist der Schluß!« sagte er den Bäumen, und die nickten dazu, »das also ist der Schluß!« Als er aber gegen Mittag das weiße Schloß zwischen den Bäumen durchblitzen sah, da blieb das Pferd von selbst stehen, und da Leons Augen die weißen Mauern erschauten, da war das Weh zu groß in ihm, da blendete ihn das grelle Hell des Schlosses zu stark und er weinte, daß das Pferd sich immer wieder nach seinem Herrn umschaute. Der stieg denn aus dem Sattel, legte das Glas neben sich hin und schluchzte in das Moos auf der Erde. Und das Rößlein beschnupperte seinen Herrn und verstand ihn nicht.

Leon hatte sich endlich aufgesetzt, ein irres, wehes Lächeln war um seine Lippen, und immer wieder sagte er kopfschüttelnd: »So etwas ist doch nicht möglich, das gibt es doch nur in Liedern, so die Burschen am Abend in den Dörfern singen:

Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,

Kam just der Hochzeitszug heraus,

Feinsliebchen unter dem Schleier.«

Er sang die Strophe leise und schwermütig vor sich hin und dann lachte er laut auf. »Das also ist die ewige Treue, die sie mir geschworen, das ist die Liebe, die mich Narren stündlich ihrer gedenken ließ. Gott im Himmel droben, was kann ich denn jetzt noch tun? Soll ich vor sie hintreten, daß sie mich höhnt und fragt, wer der schmutzige Knecht sei, der es wagt, die Landgräfin mit sinnlosen Worten zu belästigen? Und soll ich warten, bis sie mit ihrem feinen Vater mich vom Hofe peitschen läßt? Ich Narr, der ich ihre Augen für wahr nahm, ihre Küsse für rein! Aber ich muß ihr doch sagen, daß sie eine Gauklerin ist, ich muß es ihr sagen, daß ich sie erkannt habe! Und wenn es nur wäre, daß ich ihre Hochzeit störe, ich muß, ich muß mit ihr sprechen! Aber wie kann ich an sie herankommen? Wie wird sie heute unter ihren Brautkleidern und Hochzeitsgeschmeiden für mich zu sprechen sein! Ich will ihr einen Brief schicken!« rief er vom Boden sich erhebend, »ich schreibe ihr einen Brief! Daß ich das Heilmittel für ihre Mutter bringe. Ich bestelle sie zum Turme, dort will ich ihrer warten, ich habe ja Zeit, dort will ich ihr ins Gesicht ...«

Er erschrak vor seiner lauten Stimme, dann nahm er seine Schreibtafel und schrieb ihr in hastigen Worten von seiner Rückkunft, wie er sich freue - Tränen liefen ihm in seine Zeilen -, wie er sich freue, daß er noch zur Hochzeit zurecht gekommen sei, und daß er für die Frau Gräfin das versprochene Gesundmittel heimgebracht habe; und er fügte bei: denn ich halte, was ich versprochen. Beim runden Turme wolle er ihr das Arkanum übergeben; er werde bis zum Abend dort warten.

Dann suchte er seinen Beutel, ein letztes Geldstück funkelte ihm entgegen, das nahm er mit dem zusammengefalteten Briefe und schlich bis zum Tore des Schlosses. Und als er dort einen Diener sah, fragte er ihn, ob er das Gold verdienen wolle. Er müsse nur sogleich dies Brieflein zur Gräfin Braut bringen und ihm dann melden, ob er die Botschaft geheim bestellt habe. Dann, als der Diener zurückkam und sein Goldstück empfangen hatte, bestieg Leon sein Pferd, nun fühlte er fast Freude über seine Rache und ritt den steilen Waldpfad hinan zum Turme. Und er hatte die Glastafel in Händen, ohne sie zu fühlen, so gewohnt war er, sie zu halten.

»Wenn meine Mutter wüßte, daß ich nun doch zur rechten Zeit gekommen bin, wie würde sie mich in die Arme nehmen, wie würde sie mit mir weinen!« Er klagte leise vor sich hin, er dachte an alle Leidensstationen, die ihm noch bevorstanden, aber kein Gedanke war in seinem Herzen, daß vielleicht Berta auch unglücklich sein könnte, daß auch sie viel großes Leid erfahren, vielleicht größeres, als er ahnen konnte! Eine ungeheure Bitterkeit erfüllte ihn, die Beschämung des verschmähten Liebhabers und betrogenen Geliebten, er nannte sich Tölpel und leichtgläubiger Tropf, und dabei hielt er die Glasscheibe in Händen und hob sie bei jedem holperigen Schritte seines Pferdes, daß ihr ja nichts geschehe. Und er sang mit zuckenden Lippen das Burschenlied:

»Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,

Kam just der Hochzeitszug heraus,

Feinsliebchen unterm Schleier.«

Die Sonne senkte sich schon gegen die westlichen Berge, als er oben beim Turme ankam. Er versorgte seinen Gaul und legte die Scheibe neben die Bank beim Turme. Er selbst saß auf der Erde nieder und stützte seinen schweren Kopf in die Hände. »Hier will ich warten. Ob sie wohl kommen wird? Wenn nur mein Herz nicht gar so schmerzen wollte!« - Er hatte in der Tasche noch eine letzte Brotrinde gefunden, daran kaute er nun, denn er fühlte sich schwach zum Vergehen und eine schreckliche Mattigkeit lähmte ihm die Glieder. »Mir ist zum Sterben,« hauchte er. Sein Kopf fiel auf die Bank nieder, so lag er da und starrte vor sich hin. .... ....

›Nur jetzt nicht sterben!‹ dachte er, ›nur jetzt nicht! Ich muß erst mit Berta gesprochen haben, o! nur ein paar Worte, damit sie wisse, wie sie mich elend gemacht hat!‹

So sterbensmatt er sich fühlte, so hob er sich doch ein wenig empor und krampfte die Hände zusammen, denn er dachte, daß er Berta bei den Schultern fassen, ihr seine Verachtung und seinen Fluch ins Gesicht schleudern wolle. Er sah ihre Augen vor sich, die erschreckten, blauen Augen, die entsetzt zu ihm aufblickten, und er fühlte, daß sie ihn in seiner grenzenlosen, heißen Erregung bewundern und lieben müsse. Und dann wollte er die Glasscheibe emporheben und ihr überreichen. Mit den Worten des Meisters: ›Wenn jemand ein tiefes Leid erfahren und voll Sehnsucht und verwirrter Liebe sei, dann solle er durch das Glas schauen, Monde, Monde lang, dann werde die Sehnsucht in das Glas übergehen und die Seele rein werden!‹ Und er wollte dann Berta sagen, sie möge das Glas ihrer Mutter bringen, er gebe es ihr, wie er versprochen, ob er gleich selber . ...

»Nein, das will ich ihr nicht sagen,« stöhnte er, »daß sie den Triumph nicht erlebe, mich gedemütigt zu sehen! Da will ich lieber vor ihren Augen die Scheibe zerbrechen, in tausend Splitter, wie sie mein Herz zerbrochen!«

Da hörte er Pferdegewieher; er erhob sich müde, müde und mit zerrendem Herzen und da, er hob abwehrend die Hand, da stand Berta vor ihm.

»Leon,« schrie sie, »Leon, mein einziges Glück auf Erden, meine Hoffnung und Zuversicht, Leon, mein Geliebter, du kommst mich retten,« und sie weinte, sie schluchzte, sie umarmte ihn, sie drückte ihn stürmisch an sich, sie küßte und liebkoste ihn, »du meine letzte Zuversicht, du mein einzig Geliebter, Leon, Leon, mein Retter!«

Leon hing an ihrem Halse, er fühlte, wie seine Beine unter ihm schwanden, er fühlte, wie sein Herz ihm die ganze Brust füllte, um die Rippen zu zersprengen, seine Rechte schwamm durch die Luft: »Das ist zu viel, das verdiene ich nicht, meine Braut« . ....

Sie sah ihm ins Gesicht; es war totenbleich und mit Schweiß bedeckt, da ließ sie seinen Körper auf die Bank niedergleiten: »Um des Himmels willen, Leon, fasse dich, mein Gott, er wird mir doch jetzt nicht . ....., meine Hoffnung, mein Glück, Leon, mein Leon!«

Sie nestelte an seinem Wams, sie trocknete sein Gesicht, da ward ihm leichter und endlich lispelte er ihr ins Ohr:

»Das Glück hat mich so schwach gemacht! O Berta, meine arme, liebe Braut, ich bin unwürdig, erzähle mir nur rasch, was haben sie dir getan? Um Gottes willen, sprich rasch, verzeih mir, Berta, verzeih mir, eh es zu spät ist!«

Und sie legte ihren Arm unter sein Haupt, und in wahnsinniger Angst, denn er keuchte wie im Fieber, erzählte sie ihm, wie ihr Vater den einzigen Brief Leons, den sie erhalten, gefunden habe, wie er sie vor den Dienern und seiner . ..., vor ›ihr‹ mit einem häßlichen Schimpfwort geschmäht, wie er sie verflucht und geschworen habe, sie solle bald auf andere Gedanken kommen; wie sie dann gefangen gehalten wurde, wie sie dann in die Stadt geschleppt und dem jungen Landgrafen zugeführt worden sei und wie sie sicher Gift genommen hätte, wenn sie nicht immer noch auf seine Wiederkunft gehofft hätte: »Und jetzt bist du da, mein lieber, lieber Leon, und jetzt wird alles gut werden!«

»Alles gut,« hauchte Leon. Er wollte sich mühselig aufsetzen, aber er glitt fast von der Bank, da faßte ihn Berta und unterstützte ihn, daß er an ihrer Seite hing, den Kopf schwer an ihrer Schulter. Er wies mit der Hand auf das Glasfenster und erzählte ihr mit stockenden Worten, was für eine Bewandtnis es mit dem Glase habe.

»Mein einzig Geliebtes, meine Braut!« sagte er dann mit klarer Stimme, »ich habe an dir gezweifelt, ich habe dich ob deiner Untreue verflucht, dafür muß ich jetzt sterben. Du Reine, du Treue!« - Und mit der letzten Kraft, die er fand, sagte er: »Küsse mich, vergib mir!« Dann griff er nach seinem Herzen, »Mutter,« schrie er gequält und wund, »Mutter,« und dabei wollte er Berta noch zulächeln, aber da streckte der Tod schon seinen Körper, es war ihm, als ob er noch aufstehen könne, ihm zu entfliehen, er erhob sich ein wenig, dann fiel er auf den Schoß Bertas nieder, sein Kopf sank hintenüber, er war tot ...

Und Berta saß da, der Körper des Geliebten lag über ihren Knieen, ihre Rechte stützte seinen Kopf, auf ihrer Linken lagen seine Kniee, und sie beugte ihr Antlitz über sein Gesicht, über sein totes, entstelltes Gesicht ...

Ringsum aber war Abend, tiefer dunkelblauer Abend im Walde, Waldfrieden und heilige Stille. Und in diesem unendlich süßen Veratmen der Natur saß Berta da, ihren ersehnten Geliebten als Leichnam auf den Knieen, ihre Augen sahen verständnislos in sein Gesicht, ängstliche Seufzer eines Kindes im Dunkel wimmerten von ihren Lippen. »Leon,« sagte sie, wie sie den lieben Namen wohl tausendmal in den Abend gesagt hatte, »Leon!« aber er antwortete nicht, obgleich er doch da auf ihren Knieen, schwer und lastend, lag, und auf einmal wurde ihr klar, daß dieser Leon, ihr Leon, ein Lebloses, Gewesenes sei. Ein rasender Schmerz lohte jäh in ihrer Brust empor, plötzlich löste sich der Krampf in ihrer Kehle, sie atmete tief auf, tief, als ob sie lange, endlos lange nicht geatmet hätte, und dann stieß sie einen Schrei aus, wie ein gequältes Tier, schrie mit entsetzlicher, ihre Kraft höhnender Stimme, einer Stimme, davor die Vögel des Waldes flohen und die sie vor sich hertrieb wie ein Gewittersturm, einer Stimme, die den Turm erschütterte und die in ihrer furchtbaren Stärke nicht erlahmte, die jenseits des Tales drüben an die Felsen anprallte und von dort zurückgellte; und sie schrie und wußte nicht, daß sie schrie, es war ihre Erlösung und sie mußte schreien, auf Leben und Tod schreien, jetzt das Haupt neigend, dem Toten in die tauben Ohren, nicht Worte oder Sätze, nur ihren fürchterlichen Schrei, wie ihre Mutter damals geschrieen hatte, da sie zum ersten Male in ihr Zimmer getreten war, jetzt den Kopf in den Nacken werfend und zum Himmel schreiend, emporstoßend den Schrei ihrer gequälten Jugend, ihrer zerstörten Hoffnungen, ihrer verletzten Scham und ihrer Angst. Sie schrie und wußte nicht, daß die Amme aus dem Turme getreten war, emporgeschreckt durch die furchtbare Stimme, und daß hinter ihr, der Amme unbewußt, die wahnsinnige, zum Skelett abgemagerte Gräfin sich zur Tür geschlichen hatte. Und Berta schrie und sah den freien Platz vor dem Turme sich mit Menschen füllen, sah Fackeln erschrockene Lichter und gespenstige Schatten auf den Waldboden werfen und sah doch nichts und schrie; ihr Schrei war heiser geworden, ihre Lippen waren geschwollen, und jetzt ritt ihr Vater und ihr Bräutigam heran und sprangen von den Rossen, denn sie waren der Entflohenen durch den Wald nachgejagt und waren nun in das gräßliche Schreien hereingeritten, als ahnten sie, daß sie hier die Gesuchte finden müßten. Der Graf war zurückgetaumelt, als er seine Tochter sah und auf ihren Knieen den fremden Mann, den er nicht kannte.

»O, du elende Dirne!« schrie er in seinem jähen Zorne, »hintergehst du mich so?« und er stürzte sich durch den Kreis der Fackelträger zu der Schreienden vor, er zerrte an dem Manne, den sie im Schoße liegen hatte, daß er schwer zu Boden fiel, und da sah er, daß der Mann tot war, und schlug eine fürchterliche Lache auf und schlug sich den Schenkel und lachte: »So hab ich dich mit deinem Liebsten gestört! Herr Landgraf, Euren Nebenbuhler fürchtet nicht, der gibt kalte Küsse, der tut Euch nichts mehr in diesem Leben!«

Da hatte sich Berta schon über ihren Geliebten geworfen, sie deckte ihn mit ihrem Körper zu und wehrte dem Vater mit der drohend erhobenen Rechten.

»Rührt ihn nicht an, wagt nicht ihn anzurühren!«

Eine atemraubende Erregung hielt alle gefangen, alle Blicke starrten auf die drei, den Vater, die Tochter, und ihren toten Geliebten, und niemand merkte, wie aus dem Turme eine hagere und gebeugte Greisin sich wegschlich, mit Blicken aus einer anderen Welt die beleuchtete Gruppe anstarrend, und dann im dunklen Walde verschwand . ...

Jetzt aber warf sich Berta über den Leichnam, sie preßte ihren Mund auf die bleichen Lippen des Toten und trank, trank, trank gierig und verzückt von seinem Munde. Dann sprang sie leicht vom Boden, sie schaute glücklich und trunken um sich, ihre Lippen schrieen nicht mehr und konnten auch nicht sprechen, und nun lachte sie irr und verloren, dann beugte sie sich nieder, als habe sie etwas vergessen, sie ergriff dann die Glastafel bei der Bank und stürmte in den Turm, das Tor hinter sich zuschlagend. Die Menschen draußen aber standen unbeweglich und wußten nicht, was sie jetzt tun sollten, als warte jeder auf ein Stichwort vom anderen, und alle schauten auf den Grafen, ob er das Schweigen löse. Der bückte sich endlich zu dem Toten nieder, dann nickte er langsam und bestätigend, er tat seinen hart geschlossenen Lippen Gewalt an und sagte: »Bringet den Meiersleuten im Tale ihren Sohn, sie sollen ihren Teil haben!«

Dann winkte er dem jungen Landgrafen und sie bestiegen die Rosse. Es war finster im Walde und sie wußten nicht, da sie schweigend heimritten, warum bei der ersten Wendung des Weges die Pferde sich bäumten. Dort fanden die Fackelträger kurz darnach die tote alte Gräfin und bei ihr ein mageres Rößlein, das einen zerrissenen Zügel schleifte und sie beschnupperte. Dem banden sie den leichten Leichnam auf den Sattel und zogen zu Tale.

Drin in dem runden Turme, von wo der Blick weit, weit über die Wälder schweifen konnte, saß Berta am Fenster, das ihre Mutter ihr überlassen hatte. Sie saß still und mild mit einem glücklichen Lächeln um die Lippen da, sie hielt die Glasscheibe Leons in Händen und schaute Tag und Nacht durch das Fenster, das er ihr gebracht hatte, ins Land hinunter. Ihre blauen, unergründlich dunkelblauen Augen waren weit geöffnet und wie in tiefes Träumen versunken, sie horchte oft gespannt auf, als vernehme sie einen fernen Zuruf, dann beugte sie sich wieder ganz nahe ans Fenster und lächelte es an und küßte es, und die Amme, die nun ihr Pflegekind wieder hatte, weinte gar oft über die sanfte Güte ihrer Schutzbefohlenen und erzählte immer neue Beispiele davon der Mutter Leons, wenn die sie besuchen kam. Von ihr ließ sich Berta auch gerne streicheln, aber sie sprach kein Wort mehr und schaute nur unverwandt durch das Wunderglas, das die Sehnsucht nehmen konnte.

Und dazu brauchte es gar manches Jahr; und es begab sich das Wunder, daß Berta eines Morgens mit geschlossenen Lidern hinter dem Glasfenster saß und das Glas, das schon in den letzten Monden bläulich geschimmert hatte, tief dunkelblau geworden war, so tief blau, wie Bertas Augen gewesen waren. Und als die Amme das Haupt Bertas aufhob und ihre erloschenen Augen öffnete, da war das Blau darin geschwunden, die Augen waren farblos wie Wasser, durchsichtig wie Luft. Da deckte sie die Lider über die Augen, die wie zwei große Kugeln durch die dünnen Lider sich vorwölbten. Sie legte den Körper der Entschlummerten auf ihr Bett, und der Leichnam war so gefügig und sanft, als ob noch die gute Seele der Gestorbenen darin wohne. Dann nahm sie die Glasscheibe vom Fenster wie ein Heiliges und deckte zitternd ein seidenes Tuch der Gräfin drüber. Sie zögerte lange, ehe sie aus dem Gemache wegging, sie mußte immer wieder zum Lager hinschauen, als müßte die still dort Schlummernde die Lider noch einmal über den großen Augen öffnen, als müßte ihre Brust sich nach einem schweren Seufzer wieder heben und senken, jetzt, da das Wunder mit dem Glase geschehen war. Aber das glückselige, unsäglich süße Lächeln um die friedlichen, schmalen Lippen löste sich nicht, der Seufzer blieb aus und die großen Augen blieben hinter den Lidern verborgen.

Da kniete die Amme noch einmal beim Bette der Toten nieder, da seufzte sie recht aus tiefstem Herzensgrunde auf und bekreuzte dann die Tote, indes große Tropfen über ihre Wangen herabrannen.

Und dann ging sie aufrecht und feierlich ins Schloß hinab, den Tod Bertas zu melden.

Das blaue Glas aber brachte sie am gleichen Tage den Meiersleuten.

Das ist die Geschichte von der Grafentochter und dem blauen Fenster, wie ich sie oben in dem einsamen Waldkirchlein an dem schönen Grabmale träumte. Und ich denke mir, daß dieses stille und friedliche Kirchlein an dem runden Wartturm an der gleichen Stelle angebaut wurde, an der Berta ihren geliebten Toten auf den Knieen hielt.

Und als ich mich damals im Sommer von dem Grabmale erhob, um wieder in den rauschenden Wald einzutreten, da schaute ich noch einmal zu dem blauen Fenster empor und dachte mir, wie es so vollkommen zu der Liebe und Güte der Mutter Leons passe, daß sie in das neuerbaute Kirchlein oben am runden Turme die wundersame Glastafel gespendet hat, durch die nun der Sonnenstrahl so freundliche Lichter auf das Angesicht der Schlummernden zaubert. ...




Der Rächer

I.


Etwa sechs Wegstunden nördlich von Genua, in einem jener schmalen Täler, über welche jetzt auf kühnen Viadukten die Eisenbahn dahinsaust, lag zur Zeit, da diese Begebenheit sich abspielt, ein einsames Gehöft derer von Fabbri, eine Art Landhaus, welches aber von den Leuten ringsum ›das Schloß‹ genannt wurde. Die Fabbri waren verarmte Edelleute, die von ihren großen und weitläufigen Besitzungen nur dieses unansehnliche Haus gerettet hatten und nun in einer schwer ertragenen, durch ihre schlechten Verhältnisse aber notwendigen Verbannung hinlebten.

Diesem Schlosse nun ritt an einem trüben Spätsommernachmittage ein junger und vornehm aussehender Offizier zu, von einem Diener gefolgt, der auf seinem Gaule in zwei geschwollenen Mantelsäcken das Gepäck des Herrn führte. Der hieß Riccardo Fabbri und war ein sechsundzwanzigjähriger, schlanker Mann, der eben von einem jener kühnen Seezüge zurückkehrte, durch welche sich Genua in jenen Zeitläuften zu so großem und verdientem Ansehen aufgeschwungen hatte. Er hatte als Seeoffizier das Unternehmen mitgemacht und sich durch seine Tapferkeit den Ruf eines tüchtigen, aussichtsreichen Edlen erworben, der allen Grund hatte, das Wiedersehen mit seiner Familie, die durch zwei Jahre ohne Nachricht von ihm geblieben war, herbeizusehnen; mit einem geheimen Seufzer freilich, daß sein herrlicher Vater, der vor mehreren Jahren vergrämt über seine Armut gestorben war, nicht mehr das Glück mitgenießen durfte, seinen Sohn so stattlich und hoffnungsvoll heimkehren zu sehen, dessen ganze Sehnsucht denn Mutter und Schwester umschloß. Er war auch kaum ans Land gestiegen, als er schon mit der ganzen Liebe seines zärtlichen Herzens danach verlangte, in ihr einsames Haus zu kommen, ungeachtet der Feste und Huldigungen, die das glückliche Genua seinen heimkehrenden Söhnen bereitete. So hatte er denn zwei Pferde gekauft und seinen Diener mitgenommen, weil er nicht ohne einen gewissen Glanz nach Hause zurückkommen wollte, in einer verzeihlichen Regung der Eitelkeit, und weil er wußte, in welchen glanzvollen Träumen von Glück und Reichtum die Frauen zu Hause ihr kärgliches Leben fristeten. Er brachte ihnen aus den fernen Ländern, in denen er gefochten hatte, die herrlichsten Seidenstoffe und Gewebe mit und freute sich die ganze Zeit über auf die Szene, die sein Erscheinen und die Bewunderung der mitgebrachten Schätze hervorrufen würde, so daß er eigentlich dem Himmel ein wenig zürnte, daß er bei seiner Heimkunft ein so unfreundliches Gesicht machte und seinen Triumph nicht mit Sonnenglanz und Leuchten verherrlichte. Doch er war zu jung, als daß er sich dadurch hätte seine Laune verderben lassen; er sang vielmehr fröhlich vor sich hin oder streichelte zärtlich den Hals seines Pferdes, das dann freudig wiehernd seinen Kopf wendete und ihm mit ernsten Augen dankte.

»Du wirst bald im Stalle stehen, mein Lieber,« sagte der Offizier dann zu dem Pferde, »greife nur tüchtig aus und gib mir hübsch auf den Weg acht! Dein Pferd, Beppino,« wandte er sich zu dem Diener, »scheint auch lieber auf dem Strande Lasten zu ziehen, als so einen braven Matrosen, wie du einer bist, zu tragen. Schau, wie es den Kopf hängen läßt!«

»Vielleicht liegt's an mir, Signor,« lachte der Diener, »ich bin seit meinen Kinderjahren nicht mehr im Sattel gesessen und meine Matrosenbeine wollen nicht mehr den rechten Schenkeldruck zustande bringen; ich könnte ordentlich seekrank werden bei diesem langweiligen Hinundherschaukeln. Na, in einer Stunde sind wir wohl im Hafen!«

Er gab mit der Gerte seinem Gaule einen leichten Schlag und suchte seinem Herrn näher zu kommen.

So ritten sie weiter; es war fast dunkel geworden, und endlich, endlich sahen sie das einsame Schloß auf dem Hügel daliegen. Riccardo klopfte das Herz, er mußte zwei, dreimal ordentlich schlucken, um die Rührung zu verbeißen; für so weichmütig hatte er sich nicht gehalten! Dann aber, als auch die Pferde den nahen Stall witterten, ging es rasch die Anhöhe hinauf und sie pochten an dem verschlossenen Tore. Und endlich, nachdem ein paar Stimmen laut geworden und Riccardo die alte Marietta an ihrem »Heiligste Madonna, unser junger Herr!« erkannt hatte, ritten sie in den Hof ein und schwangen sich lachend von den Pferden.

Wie deutlich hatte sich Riccardo in den langen Nächten, da er die Wache auf seinem Schiffe hatte, die Heimkehr mit ihrer Erregung und Freude ausgemalt, jede Bewegung, jeden Ausruf, der ihn als Ausbruch mütterlicher Zärtlichkeit und schwesterlicher Liebe beglücken sollte! Denn er hatte noch nie die wahre, echte Liebe erlebt, so daß seine Sehnsucht nur den beiden Frauen galt, von denen er wußte, daß auch nur er den Inhalt ihrer Gedanken bildete. Als er nun in dem Familienzimmer harrend auf und nieder ging, in dem er jedes Gerät kannte und das nun ganz mit den Schleiern der Dämmerung verhüllt war, da fühlte er wirklich eine Bitterkeit gegen das Dunkel, das ihm das Zimmer so klein und modrig machte, da er es sich doch so groß und herrlich vorgestellt hatte. Als aber dann - endlich - die Mutter die Tür aufriß und mit einem »Riccardo, mein lieber, lieber Riccardo!« in seine Arme eilte, da verschwand jegliches andere Gefühl in seinem Herzen, er umarmte nur immer wieder die zitternde Frau und suchte immer wieder ihre bebenden Lippen. Tränen flossen aus ihren Augen und ein Krampf erschütterte ihre schmächtige Gestalt. Da konnte auch Riccardo sein Gefühl nicht mehr bemeistern, er wiederholte nur immer wieder die Worte »Mutter, meine liebe Mutter«, wobei auch ihm große Tropfen über die Wangen liefen.

Es war aber nach dem ersten Ansturm bei der Mutter nicht nur der Ausbruch der innigen Zärtlichkeit, die sie erbeben ließ, sondern auch ein tiefer, zehrender Schmerz, den sie lange Monate hindurch in sich niedergekämpft hatte und dessen Ursache der arme Riccardo bald erfahren sollte; so daß sie ihn, da er nach seiner Schwester fragen wollte, wie in einer großen Angst nur um so inniger umarmte und an sich preßte, als könnte sie dadurch die Beantwortung dieser quälenden Frage weit, weit hinausschieben.

Aber endlich, da ihn eine große Unruhe ergriffen und er die Mutter beschworen hatte, ihm alles zu erzählen, aufs Argste gefaßt, daß die geliebte Emilia krank oder, um Himmels willen, in seiner Abwesenheit gestorben sei, da erfuhr er, daß etwas noch Schlimmeres sich ereignet habe, etwas Entsetzliches, das ihm unfaßbar war und das ihn vernichtete, so daß er lange mit leeren Augen in die Dunkelheit des Zimmers und der Zukunft starren mußte.

Seine Emilie, seine herrliche Schwester entehrt, verführt! Er hörte nicht mehr die Worte seiner Mutter, die ihn unter Tränen anflehte, sich zu fassen, um Gottes und Christi Barmherzigkeit willen Emilia diesen Schmerz nicht entgelten zu lassen, die ohnehin gestraft und unglücklich sei: er wußte gar nicht, daß nun Emilia neben ihm stand, ein Bild des Jammers und der schrecklichsten Zerstörung, daß sie an seinem Herzen weinte und stöhnte, er starrte nur fassungslos und ohne Besinnung vor sich ins Leere, ohne Gedanken, ja ohne Gefühl. Es war ihm, als stünde sein Herz erschrocken in seiner Brust still und es gäbe kein Leben, keine Zeit, keinen Raum, nur Finsternis, grenzenlose Finsternis. Dann aber durchtobte ihn ein glühender Schmerz, er rang nach Luft, er reckte sich empor, er griff um sich und stürzte besinnungslos in die Arme seiner Mutter.

So ward seine Heimkehr, um derentwillen er die Entbehrungen und Mühen der vergangenen Jahre so freudig ertragen hatte und die ihm als ein Leuchtturm mit klarem Lichte den Weg gewiesen, zum traurigsten Ereignisse seines Lebens, das alle seine Hoffnungen zerstörte, seinen Stolz beugte, sein Glück höhnte und alle Pläne, die er für die Zukunft geschmiedet hatte, vernichtete, für die Zukunft, durch die seine Mutter und seine geliebte Emilia wie durch herrliche Schloßgemächer in Glanz und Glück hätten schreiten sollen.

Und die dunkle Nacht, darein der Unglückliche ohne Frieden starrte, schien ihm nur der Beginn einer dunklen, sonnenleeren Reihe von Jahren, in denen er aber eine Aufgabe haben sollte, die ihn aufrechterhielt: Rache an dem Verführer . ...

II.


Der Tag, der diese böse Nacht ablöste, war ein strahlender Sommertag, und die Sonne leuchtete vom Himmel, als wäre die Welt voll Glücks und Jubels. Riccardo aber fluchte dieser Sonne, die ihm seine unglückliche Schwester nur noch zerstörter zeigte und ihm keine Runzel in dem vergrämten Antlitz seiner Mutter ersparte. Ein tiefes Weh füllte sein Herz, als er die beiden durch die Zimmer schleichen sah in einer ewigen Unrast, als trauten sie sich nicht, laut aufzutreten oder bei dem so sehnsüchtig Erwarteten zu sitzen und sich an ihn anzuschmiegen. Er hatte schon früh am Morgen Beppino zu sich gerufen und ihm befohlen, die prunkenden Stoffe und Geschenke auf den Boden zu tragen, um seine Lieben nicht durch die freudigen Gewänder in ihrem dunklen Leid zu kränken; dann hatte er in kurzen Worten dem Diener, der wohl schon von dem Unheil gehört hatte, auseinandergesetzt, daß sie nicht lange hier bleiben würden, da er bald eine große Reise antreten müsse. Beppino hatte stumm das Haupt geneigt, gewohnt zu gehorchen, ohne zu fragen, und dachte sich wohl, was für ein Ziel seinen unglücklichen Herrn wieder in die Fremde trieb. Dann hatte Riccardo eine lange Unterredung mit der Mutter, in der er den Hergang der traurigen Begebenheit erfuhr.

Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia in Genua gewesen, um Nachrichten über ihren Sohn zu sammeln. Man hatte in den alten Adelsgeschlechtern die beiden Damen mit großer Herzlichkeit und Freude aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht und mit mehreren Patrizierfamilien verschwägert waren; so ließ man die Frauen denn nicht gleich wieder in ihre Einsamkeit zurück, obgleich sie nichts über ihren Sohn hatten erfahren können; und auf einem Feste hatte sich ihnen ein junger römischer Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders, zugesellt, ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Schönheit Emilias entzückt hatte und der gleich bei ihrem ersten Anblicke seine Bewunderung nicht hatte unterdrücken können. Und als dann die Frauen wieder heimgekehrt waren, war er öfter mit den jungen Genueser Kavalieren herausgeritten und hatte die Mutter durch seine guten Sitten und Emilia durch seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so daß auch sie ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch allein zu ihnen, und in der Mutter waren fröhliche Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines edlen und tüchtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe und aufrichtiger Neigung erfüllt schien. Er war aber einer jener allzu liebenswürdigen Jünglinge, denen das Leben nur einen Wert hat, weil schöne Frauen auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer jungfräulichen Reinheit wohl ein würdiges Ziel erschienen, um seine Betörungskünste an ihr zu erproben, was ihm auch leider vollkommen geglückt war. Aber so unglücklich sie nun alle durch den Grafen geworden waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so schwur die Mutter, rein und mädchenhaft geblieben, da sie wie unter einem Zwange alles gelitten habe, wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches Erwachen gefolgt war; denn im Frühjahr sei der Graf verschwunden, ohne auch nur einen Abschiedsbrief an die Unglückliche zu hinterlassen, und nicht mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig hatten Umfrage halten lassen, habe niemand gewußt, wohin sich Graf Palma gewendet habe.

»Ich werde ihn schon zu finden wissen!« hatte Riccardo gesagt, »verlaß dich auf mich, Mutter, ich werde ihn finden, den Buben! Laß mich nur keine Zeit verlieren, Emilia wird gerächt werden!«

Und ohne daß er der Mutter Vorwürfe gemacht oder die Schwester getröstet hätte, ritt er am nächsten Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua zurück, um die Spur des Verführers zu verfolgen; er hatte kein bestimmtes Gefühl, was er mit dem Verführer beginnen würde, wenn er ihn erst fände, ob er ihn töten oder zu seiner Schwester zurückbringen wolle; er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten und ihm in die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich zu rächen. Und während ihres schweigsamen Rittes, da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die Falten seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere, um aufzublitzen, wenn er leise das süße Wort Rache vor sich hinmurmelte. Dann ritten sie abends in Genua ein.

III.


Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr; er erschien zum großen Jubel der jungen Kavaliere an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald schien er der Übermütigste und Tollste von ihnen zu sein; sie schwärmten die ganze Nacht durch und hatten keine Ahnung, wie vernichtet das Gemüt ihres guten Kameraden war, der munter bei der Tafel saß und immer wieder mit ihnen anstieß. In den Zwiegesprächen, die er dabei mit den Patriziersöhnen hatte, erfuhr er nur, welch prächtiger Kumpan Ermete Palma gewesen sei, ein Held im Trinken, ein tollkühner Fechter und Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen in seine überschäumende Jugend gewesen seien. Ja, sie wären fast auf Riccardos Schwester eifersüchtig geworden, da er diese immer als ein Muster von Schönheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft verliebt in sie gewesen sei. Aber niemand konnte ihm bestimmt sagen, wohin sich der junge Römer gewendet habe. Die einen wollten wissen, daß er auf einem der Schlösser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten, daß er plötzlich abberufen worden sei, um auf einem römischen Schiffe an einem Kriegszuge teilzunehmen.

Darüber erschrak Riccardo sehr, da er fürchten mußte, so den Gegenstand seiner Rache zu verfehlen; doch hoffte er, daß die andere Mitteilung seiner Kameraden die richtige sei, und ritt schon am nächsten Morgen aus und gegen Rom, zum großen Erstaunen und Ärger der jungen Genueser, denen seine Anwesenheit eine Reihe von fröhlichen Festen versprochen hatte.

Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum ein Wort; aber sein Blick wurde freier, als sie endlich Rom zu ihren Füßen sich ausbreiten sahen, seine Wangen röteten sich, als ob er einen großen Sieg erkämpft hätte, als ob nun nichts mehr seine Rache hemmen könnte.

Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener Zeit eines der besten in der römischen Aristokratie, das unermeßlichen Reichtum mit großer Kunstliebe und einer großzügigen Freude, das Leben schön zu verbringen, vereinte. Die Palma bewohnten einen großen und herrlichen Palast in der Stadt; alle Merkwürdigkeiten fremder Länder, die gerade damals von den Seefahrern heimgebracht wurden, alle Schätze alter und neuer Kunst waren in diesem im edelsten Ebenmaße gebauten Palast versammelt, in welchem alle hervorragenden Männer Roms gern und in wahrhaft festlicher Weise verkehrten; denn der alte Graf Palma war ein echter Aristokrat, der in seinen jungen Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter erworben hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen wohlgebildeten Geist als wahrhaftes Künstlertum bezeugten. Immerhin hatte diese tätige Beschäftigung mit der Poesie sein reges Gefühl für die Künste wach erhalten, so daß der noch ganz jugendlich empfindende Graf ein wahrer Freund der Künstler und ihr Schirmherr blieb und als solcher auch von ihnen warm verehrt wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude nicht viel übergegangen, obgleich auch er die Kunst als Lebensschmückerin liebte und gern mit den freidenkenden Künstlern verkehrte, aber mehr aus Lust an Unterhaltung und witzigen Gesprächen, als aus wirklichem Bedürfnis; wohl aber auf die Tochter Francesca, den Stolz und die Freude des Hauses, die mit warmem Gefühl und schöner Stimme die Romanzen jener Tage sang und die mit seinem Geist mit den Dichtern über ihre Verse sprach, die sie als ihre Schutzgöttin besangen und feierten.

Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und durch die geschmückten Hallen, die eines Königs würdig waren, erregten Herzens dahinschritt, da war es ihm, als ob sein Rachegefühl vor dieser Pracht und diesem ungemeinen Reichtum schwankend würde, als wäre er mit seinem Hasse in eine Welt geraten, die, heiter und fürstlich, weit von jeder Not des Lebens entfernt läge, und eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn über sein schwankendes Gefühl. Er kam sich wie ein Bettler vor, der einem reichen Manne sein Elend klarlegen will und merkt, daß der sich nicht einmal eine Vorstellung davon machen kann, wie jämmerlich Menschen ihr Dasein fristen können. Dann aber stieg auch der Groll des Bettlers gegen den Reichen doppelt in ihm auf, sein Haß flammte um so glühender in die Höhe, er umfaßte den Griff seines Degens und fühlte eine brennende Befriedigung bei dem Gedanken, daß er, der Sohn eines verarmten Edelmannes, dieses verwöhnte Bürschchen seinem Überfluß entreißen und sich an diesem Buben rächen werde. Er sah im Geiste das ärmliche Haus seiner Mutter in dem unwirtlichen Tale bei Genua und sah die beiden zerstörten Frauen durch die öden Räume schleichen, seine entehrte Schwester, die dieser Lüstling wohl gar für beneidenswert hielt, weil er sie seiner Umarmung gewürdigt hatte! Und Riccardo umklammerte den Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause, durch dieses Tor, diese Halle, diese Gänge, und wenn er ihm jetzt entgegentreten würde, das fühlte er, dann würde er ihn, ohne ein Wort zu sprechen, niederstoßen.

Da trat ein Diener auf ihn zu und fragte nach seinen Wünschen. »Ob er den Grafen Palma sprechen könne?«

»Nein, die Herrschaften sind für einige Wochen auf ihren Schlössern.« Riccardo aber sagte ungeduldig, er wolle den jungen Grafen sprechen.

»O,« sagte der Diener, »unser junger Herr, der ist überhaupt jetzt nicht zu sprechen! Der ist vor etwa vier Monaten mit der Flotte nach Kleinasien gefahren, der wird wohl erst gegen Ende des Jahres heimkehren!«

»Gegen Ende des Jahres?! Mensch, weißt du das wirklich? Ist das keine Ausflucht?« fuhr Riccardo empor. Er schwankte, so unvorbereitet traf ihn dieser Bescheid; denn er hatte die Mitteilung der Genueser Offiziere, daß Ermete vielleicht gar nicht in Rom sei, ganz vergessen, weil er sie vergessen wollte; er hatte gar nicht mehr daran gedacht, so greifbar nahe schien ihm der Augenblick seiner Rache. »Weißt du das sicher?« wiederholte er.

»Ganz sicher, Herr! Übrigens kann Euer Gnaden noch nähere Auskunft bei unserer Herrschaft erfahren, draußen in Selva nera, wo jetzt der ganze römische Adel versammelt ist.«

»Ja, ja, das will ich tun,« sagte Riccardo; und er verließ den Palast mit glanzlosem Blick, enttäuscht und hoffnungslos, und irrte lang durch die Straßen Roms, unfähig, einen Plan zu entwerfen, unglücklich und zerschmettert.

IV.


Nun wurde seine Sehnsucht nach Rache wie ein böses Gift, das an ihm zehrte. Er legte sich mit dem Gedanken an seine entehrte Schwester zu Bette, er sah sie im Traume, wie er sie einst verlassen hatte, und sah sie klagend durch das Elternhaus irren, mit gesenktem Blick und ängstlich, den Augen der geliebten Mutter zu begegnen. Er träumte, wie seine Mutter aus den Brettern ihrer Bettstatt einen Sarg zimmerte, ihr verlorenes Leben hineinzulegen, und er erwachte unglücklich und zerquält. Dann irrte er in der Umgebung Roms umher und fand einen Ort, von dem aus er einen fernen Streifen des Meeres aufleuchten sah. Dort stand er in der Sonnenglut, mit angestrengtem Blicke, ob nicht das Geschwader dort auftauchen wolle, nach dem er sich sehnte. Und wenn ihm seine erhitzten Augen ein Schiff vortäuschten, dann hob er die Arme, als ob er ihm entgegenfliegen wollte, um sie kraftlos sinken zu lassen, wenn er den Irrtum einsah. Beppino erschrak über seinen Herrn, wenn er dann müde und verstört heimkehrte in ihre armselige Herberge, und wagte wohl einmal eine schüchterne Bemerkung, der gnädige Herr möge sich vor dem Fieber in acht nehmen und ob sie nicht wieder lieber nach Genua heimkehren wollten. Da traf ihn aber ein so harter Blick aus den Augen Riccardos, daß er fürderhin schwieg und sich seufzend zurückzog. Und so lungerte Beppo in den Gassen Roms und auf den Plätzen herum, bis er eines Tages einen anderen Matrosen von der genuesischen Flotte traf, der gleich ihm mit seinem Herrn, einem liebenswürdigen Offizier und Verwandten des Papstes, in Rom weilte.

Dem erzählte er seine Sorgen um seinen Herrn und es stieg ein stiller Plan in ihm auf, die beiden Offiziere zusammenzubringen, und er führte auch mit Hilfe seines Kameraden Tonio sein Vorhaben trefflich durch. Der erzählte seinem Herrn, dem Nobile da Spada, daß er dem edlen Herrn Fabbri begegnet sei, wie elend er aussehe, und daß er ausgeforscht habe, daß er in der Via angusta wohne; ob der Herr ihn nicht dort einmal aufsuchen wolle, denn es müsse schlecht um ihn stehen. Das sagte der Offizier gerne zu, da er Riccardo zugetan war, und so wartete er schon am nächsten Tage auf seinen Kriegsgefährten und traf ihn auch, da er aus der kleinen Herberge in der Via angusta heraustrat.

»Riccardo Fabbri,« rief er scheinbar überrascht, »bist du's oder ist es dein Schatten, der hier durch diese vermaledeit enge Gasse wandelt? Sprich rasch, denn schon scheint es mir, mein Herr, als hätte ich einen Fremden für meinen Kameraden Fabbri angesprochen!«

Er zog den Hut und machte eine höfliche Verbeugung vor Riccardo, der wirklich erst einen Augenblick zögerte, ob er sich verstellen und fremd tun solle. Denn im ersten Augenblicke war ihm diese Begegnung peinlich, er wollte hier, in dieser schmutzigen Gasse, nicht gern erkannt werden, auch fürchtete er gleich eine Behinderung seiner unbestimmten Pläne. Dann aber siegte seine Ehrlichkeit um so eher, als er mit Emilio immer aufs beste ausgekommen war und auf dessen lachendem Gesichte die Freude des Wiedersehens zu deutlich leuchtete.

»Freilich bin ich's, mein lieber da Spada!« sagte er also und trat auf den Kameraden zu, ihm die Hand zu reichen. »Ich bin in Angelegenheit meiner Familie hier gewesen und will nun bald Rom verlassen.«

Und er log mit diesen Worten nicht, denn er glaubte in diesem Augenblicke des Sichentdecktfühlens selbst daran, daß er nun aus Rom weg müsse.

»Das wirst du gewiß nicht tun,« sagte Emilio herzlich; »wir waren immer gute Kameraden, Riccardo, und du darfst aus Rom nicht scheiden, ehe du meine Eltern besucht und mit mir die Herrlichkeiten meiner Heimat gesehen hast!«

Dabei winkte er seinem Diener, der mit Beppino im Tore der Herberge stand, und sagte ihm einige rasche Worte. Dann nahm er Riccardo unter den Arm und zog ihn lachend weiter. Und in dieser Nacht schlief Riccardo schon im Palaste der Spada.

V.


Der große Palast seines Gastfreundes war wie ausgestorben, denn der Vater Emilios war nur für einige Tage zum Empfange seines Sohnes nach Rom gekommen; er hatte ihn in feierlicher Audienz beim Papste vorgeführt und war dann wieder auf sein Sommerschloß zurückgekehrt, indes Emilio noch in Rom seine Angelegenheiten ordnete. Das alles erfuhr Riccardo am Abend, da die beiden Kameraden, von einem aufmerksamen Kammerdiener trefflich bedient, bei einer Flasche edlen Weines ihr Abendmahl hielten und Erinnerungen auffrischten. Sie sprachen über gemeinsame Bekannte, über die Aussichten des nächsten Frühjahrs und seiner Unternehmungen, und Riccardo schien wieder der lebensfrohe und gute Offizier, wie ihn seine Kameraden liebten und schätzten. Er war angeregt und fast heiter, und als gar da Spada den Namen Palma erwähnte, der Riccardo plötzlich still gemacht hatte, und davon sprach, daß die Palma die Nachbarn seiner Eltern in Bosco rado seien, da wurde Riccardo fast übermütig in seiner Freude, er erhob das Glas und leerte es, er ließ sich von dem gern bereiten Emilio immer wieder von der Schönheit Francescas, der jungen Gräfin und Schwester Ermetes, vorschwärmen und war schon ganz bereit, mit seinem Kameraden und lieben Freunde Emilio gleich am zweitnächsten Tage in die Berge zu reiten. Denn der Wein war gut und rollte wie Feuer durch seine Adern.

»Schade, daß Ermete nicht zu Hause ist, bitterschade!« sagte Emilio, »jeder Tag wäre zu einem Feste geworden!«

»Ja, bitterschade!« wiederholte Riccardo; er war ernst geworden. »Den hätte ich gern gesehen! Sie haben in Genua viel von ihm gesprochen!«

»Und sicher nur Gutes!« rühmte Emilio. »Die Männer lieben ihn und mit den Weibern versteht es keiner wie er! Den müßtest du kennen lernen, Riccardo, und wenn das Glück es gut meint, kommt er früher heim, als seine Eltern glauben. Mit dem würdest du bald Freund sein, ihr paßt zusammen!«

Da war Riccardo von seinem Sessel aufgesprungen, er glaubte seinen Schwertgriff in den Händen zu halten und schwang doch das Weinglas, daß der rote Wein blutig über seine Hand spritzte. Er wollte etwas Furchtbares sagen, seine Augen funkelten, aber es gelang ihm nicht, und er sank hilflos und verloren lachend in seinen Sessel zurück.

Da brachte ihn Beppino zu Bette.

VI.


Als die beiden Offiziere sich am nächsten Tage beim Morgenimbiß trafen und Emilio lachend von ihrem gestrigen Zechgelage zu zweien sprach, da wurde es Riccardo erst klar, daß er dies nicht geträumt habe; er war verstimmt über seine Schwäche und hatte Angst von seinen Plänen und Absichten etwas verraten zu haben. Dann trennten sich die beiden, um für den nächsten Reisetag ihre Einkäufe zu besorgen, die Riccardo bald erledigt hatte.

Dann irrte er wieder wie früher durch Rom und in einer verschwiegenen Schenke unter dem Monte Pincio, wo er sein Mittagessen nahm, ward ihm ein Gedanke lebendig, der gestern abend zum ersten Male blitzartig durch sein Hirn geschossen war.

»Du reitest morgen nach Bosco rado,« sprach er zu sich, »und kannst übermorgen vielleicht vor den Eltern und der Schwester dessen stehen, der dein und deiner Lieben Glück zerstört hat. Und du bist ausgezogen, um die Schmach, die er deinem Hause angetan, zu rächen. Ist nicht die Lage, darin du und die Familie Palma euch findet, die gleiche, die vor Monden Ermete fand, da er das Haus deiner Mutter betrat? Der Bruder ist auf dem Meere und die Frauen sind allein, wenn ich vom alten Grafen absehe. Und gibt es eine andere, eine gerechtere Rache, eine Rache, die Gleiches mit Gleichem besser vergilt, als wenn du den heimkehrenden Bruder, der jetzt deinem Schwerte sich entzieht, ebenso unglücklich machst, wie er dich in allen deinen stolzen Hoffnungen zerstört hat? Da ist die Mutter, da die Schwester und da bin ich«, so berechnete er an den Fingern die Lage. »Wäre jener Schuft, jener Feigling, der sich vor mir aufs Meer geflüchtet hat, zur Stelle, er dürfte den heutigen Abend nicht erleben. Aber er ist vor mir geflohen,« der Gedanke fraß sich immer tiefer in sein Hirn, »er hat sich feige davongemacht, um meiner Rache zu entfliehen, da er doch wissen mußte, daß ich bald kommen, daß ich bald erscheinen werde, um die Schmach zu tilgen. Und da sind jetzt die beiden Frauen: was bleibt mir anderes übrig, als gleiches Unrecht mit gleichem Unrecht zu zahlen, als seine Schwester so unglücklich zu machen, als er meine Schwester fürs ganze Leben elend gemacht hat! Und wenn er heimkehrt, dann soll er alle Qualen durchfühlen, die ich in den letzten Wochen gelitten, und dann will ich vor ihn hintreten, offen und ehrlich, wie es einem Ritter ziemt, und er soll mir Rechenschaft geben und ich will ihm Rechenschaft geben. So ist es!«

Damit machte er den Strich unter seine Rechnung, damit zog er die Summe ihrer einzelnen Zahlen, damit beschwichtigte er sein Gewissen, bis es einschlief. Ein heißes Gefühl der Zufriedenheit durchfloß ihn, er konnte nicht mehr sitzen bleiben, es trieb ihn ins Freie und eine glühende Ungeduld jagte ihn durch die Gassen Roms. Er konnte den Morgen kaum erwarten und freute sich auf die kommenden Ereignisse wie ein kraftstrotzender Jüngling auf ein Turnier, daraus er als Sieger hervorgehen muß. Und er war auf dem Ritte nach Bosco rado durch den herrlichen, klaren Frühherbstmorgen übermütig und glücklich wie nur je.

»Erzähle mir von Francesca, Emilio,« sagte er, da sie einen steiler werdenden Pfad emporritten, »ist sie schön, ist sie liebenswert, hat sie einen Liebsten?«

Er mußte von Francesca sprechen, er drängte sein Pferd ganz nahe an den Schimmel Emilios, er fühlte, daß er sich mit seiner Frage in die Gefahr begab, etwas zu verraten, aber gerade dies reizte ihn, er mußte fragen:

»Ist sie wirklich so schön, wie alle Welt sagt? Und hat sie ihr Herz schon jemandem vergeben? Mich gelüstet nach Abenteuern, weißt du, ich sehne mich nach Heiterkeit und Liebe! Und Liebe!« wiederholte er, da Emilio schwieg.

Emilio hatte sich bei den Fragen seines Genossen erst abgewendet; dann klopfte er seinem Rosse den Bug, und nun schaute er Riccardo mit einem großen und ernsten Blicke an, er saß steil und wie aus Erz gegossen im Sattel und sprach dann mit einer Stimme, die zu schwer für die schlichte Antwort war:

»Du irrst, Riccardo Fabbri, Francesca ist eine römische Adelige, sie ist nicht für Abenteuer geboren, sie ist eine Palma!«

»Und meine Schwester ist eine Fabbri!« wollte Riccardo antworten. Aber er hemmte sich.

»Du sagst mir nichts Neues, sie ist eine Palma!« versuchte er seine Frage abzuschwächen. »Und ich habe nichts anderes gefragt, als ob sie schön sei. Du willst meine Frage nicht beantworten,« setzte er dann munter hinzu, »du willst mich überraschen! Ich danke dir!«

Er lachte gezwungen, aber seine Heiterkeit war verschwunden, er empfand die Demütigung in den Worten Emilios, er fühlte, wie ihn Spada an den Abstand gemahnte, der den armen Fabbri von der Gräfin Palma trennte, er biß sich auf die Lippe und gab, da sie nun in der Ebene ritten, seinem Pferde die Sporen, daß es in eine rasche Gangart fiel.

Dann aber mäßigte er den Trab seines Pferdes und sagte: »Siehst du, so närrisch macht mich die Würze dieses Herbstrittes! Sei nicht böse, Emilio, wir sind jung; schau, wie klar sich die waldigen Berge vom blauen Himmel heben.«

Und nach einigem Zögern fügte er hinzu, und seine Stimme war weich und fast zärtlich:

»Ich habe dich noch gar nicht gefragt oder habe es vergessen, Emilio, ob du Geschwister hast?«

»Ja, Riccardo,« sagte Spada, »ich habe zwei Schwestern, eine ist vermählt und wohnt im Toskanischen, und zu Hause habe ich meine kleine, liebe Maria, die Freundin Francescas, die du bald sehen wirst.«

Er hob den Arm und wies Riccardo mitten im hügeligen Walde einen hellen Fleck. »Dort ist Bosco rado und dort drüben, nicht weit von jener Waldlichtung, sitzen die Palma.«

Er lächelte und reichte Riccardo die Hand hinüber. »Dort wirst du meine Antwort von vorhin verstehen!«

»Ja, dort werden wir uns erst recht verstehen!« erwiderte Riccardo.

Und sie ritten scharf drauflos, um recht bald nach Bosco rado zu kommen.

VII.


Da sie dann durch tiefe Dämmerung ritten, blitzten auf einmal ganz nahe die Lichter von Bosco rado auf, das ihnen während der letzten Stunde verdeckt gewesen war, und es währte auch gar nicht lange, daß sie die Lichter ordnen und die Fensterreihen und den ganzen Aufbau des Schlosses daraus erzeichnen konnten.

Aber in der Nähe des Schlosses ward jetzt ein helles, breites Licht sichtbar, von Schatten unterbrochen, und das Licht loderte manchen Augenblick plötzlich in die Höhe, so daß Emilio ängstlich wurde und dem fragenden Riccardo die Antwort schuldig blieb.

»Dort auf dem leichten Hügel neben dem Schlosse sind die Wirtschaftsgebäude,« sagte er wie zu sich, »es wird doch hoffentlich kein Feuer entstanden sein, das wäre eine schlechte Illumination für meine unerwartete Heimkunft!«

Sie ritten rascher, und nun sahen sie auch schon, daß die Schatten mit einer gewissen Regelmäßigkeit durch das Licht huschten, und bald hörten sie laute Stimmen und helles Lachen. Der Wald nahm die Reitenden für kurze Zeit wieder auf, ein leichter Wind wehte ihnen jubelnde Stimmen und auch die rasch verstummenden Töne einer tollen Musik zu.

»Oh, die feiern ein ländliches Fest!« sagte Emilio mit erleichterter Brust. »Wir wollen uns erst die Festlichen anschauen und sie dann überraschen. Wir wollen uns im Schatten unter sie mischen und uns dann im Lichte erkennen lassen.«

Er winkte Tonio und Beppo herbei und gab ihnen, vom Pferde steigend, seine kurzen Befehle. Die beiden Diener sollten auf einem Umwege die Pferde in den Stall bringen, sich aber dabei gar nicht beeilen. Dann traten die beiden Edelleute ganz nahe an den Waldesrand und schauten zwischen den Bäumen dem Schauspiele zu, das sich ihnen phantastisch und seltsam genug darbot.

Da stand in der weiten Waldlichtung seitab von dem stattlichen weißen Schlosse auf dem Hügel eine Scheuer und unten am Fuße des sanften Abhanges war eine vornehme und fröhliche Gesellschaft vereinigt, Damen und Herren, jung und alt, die würdigen Damen auf Bänken und Sesseln, indes die Herren sich nach Willen und Neigung um sie geschart hatten. Auf dem rundlichen Abhange aber, etwa in der Mitte zwischen den Herrschaften und der Scheuer, brannte ein Feuer von Pechfackeln, das die weißgetünchte Wand des breiten Hauses grell beleuchtete. Und von beiden Seiten des Hügels ritten nun auf munteren Maultieren zwei Burschen zu der Scheuer empor, und plötzlich zeichneten sich ihre grotesken, riesigen Schatten, aus dem Dunkel kommend, auf der grell erleuchteten Wand ab, närrisch verzerrt und bis an das Dach des Gebäudes vergrößert, aufeinander zureitend, auf sagenhaft aussehenden, unerhörten Tieren, und die Schatten hatten Dreschflegel in den Händen, an deren Stangen aber große Schweinsblasen befestigt waren. Ein Dudelsack jammerte dazu, von Flöten verlacht, und die laute Heiterkeit der vornehmen Gesellschaft begleitete die seltsamen Schatten und närrischen Töne.

»Das sind unsere Knechte,« erläuterte Emilio, »sie unterhalten sich und machen den Herrschaften ihre hübschen Späße vor. Dort sitzt meine Mutter neben der Gräfin Palma, die, wie ich zu meiner Freude sehe, zu dem Abend herbeigekommen ist, und dort bei den drei Kavalieren steht Francesca Palma mit meiner Schwester. Aber jetzt gib acht auf das Schauspiel, das eben seinen Höhepunkt erreicht hat.«

Plötzlich war mitten auf dem weißen Hintergrunde der Wand ein phantastisch aufgeputztes Weibsbild aufgetaucht, der unglaubliche Schatten eines übertrieben üppigen Weibes, das nach den beiden Seiten hin den Maultierreitern plumpe Kußhände zuwarf. Die waren just in ihrem Ritte fast unten bei den vornehmen Zuschauern angelangt, nun schienen sie, durch die Musik aufmerksam gemacht, plötzlich das Frauenzimmer zu erblicken, sie wandten ihre Tiere und ritten wie rasend den Hügel empor, den Ritt plötzlich hemmend, als ihr Schatten den Schatten der Holden berührte. Sie ward stürmischer in ihren verlockenden Bewegungen, bald schien sie den einen, bald den andern zu begünstigen, der Dudelsack war dabei ganz toll geworden, die Flöten jammerten und die aufs beste belustigte Gesellschaft jubelte laut zu dem sonderbaren Schauspiele.

Riccardo aber stand neben Emilio, sein Gesicht lächelte weiter, indes sein Herz mächtig pochte und sein Blick unverwandt auf die Gruppe hinstarrte, die ihm sein Freund gewiesen hatte; da standen die drei Kavaliere, zwei jüngere und ein älterer, und die beiden Mädchen, lachend und frohe Bemerkungen tauschend. Aber Riccardo fragte gar nicht erst, welches der beiden Mädchen Francesca sei, er wußte es gleich, er konnte sich nicht täuschen, er dachte gar nicht daran, daß er sich vielleicht irren könnte; denn seine Augen und sein Herz sagten es ihm, daß die Kleinere, die Fröhliche, Francesca sein müsse.

»Sie ist wunderschön!« jubelte es in ihm, und seine jugendliche Glut flüsterte ihm gleich in die Ohren: »Da wird deine Rache . ...« Aber er dachte den frevlen Gedanken gar nicht zu Ende, er zwang sich, an seine Schwester zu denken und preßte die Hände zu Fäusten zusammen. »Ja, das ist Francesca, so reizend, so liebenswürdig, so unwiderstehlich! Und so, du arme Schwester, mag dir auch ihr Bruder erschienen sein, daß du ihm nicht wehren konntest!«

Er sah jetzt auch die andere an, sie war groß, hatte ein ernstes, in strengen, aber ungemein edlen Linien gezeichnetes Antlitz, und dieser Ernst blieb auf ihren reinen Zügen, auch wenn sie lächelte, so daß sie etwa wie die Muse der Historie neben der Muse des Liebesliedes oder des anmutigen Tanzes bei ihrer Freundin stand. Aber Riccardo verweilte nicht lange im Anblicke dieser ernsten Erscheinung, ihn zog es warm und glückverheißend zur kleineren und heiteren anderen, die ihm in ihrem lichten Gewande wie die Verkörperung aller Anmut erschien, so daß er, als Emilio ihn jetzt laut auflachend in die Seite stieß, herzlich und zukunftsicher mitlachte, aber aus einem ganz anderen Grunde, als sein Freund, der mit leuchtenden Augen dem Schattenspiele gefolgt war. Der eine Reiter hatte eben die Schweinsblase seines Dreschflegels auf dem Kopfe des anderen zum Platzen gebracht, der taumelte vom Maultiere herab, der schauderhafte Schatten des Liebchens schwang sich auf sein lediges Reittier und nun rasten die beiden, bis über das Scheunendach verzerrten Schatten des Siegers und seiner willigen Beute den Abhang nieder, indes der Besiegte mit täppischer Bewegung sich erhob, ihnen nachdrohte und dann, gleichsam aus Rache und zum Hohne der jubelnden Gesellschaft mitten in den Fackelbrand hineinsprang und ihn mit raschen Tritten auslöschte. Das Schattenspiel war zu Ende.

Während die heiteren Zuschauer lachend Beifall klatschen und noch einen Augenblick in ihren Gruppen verharrten, als sollte dem närrischen Spiele noch ein Nachspiel folgen, hatte Emilio den Arm Riccardos ergriffen und zog ihn nun mitten in das Gewühl der Gesellschaft hinein. Fackelträger kamen rasch aus dem Schlosse gelaufen, und als nun die beiden neben den Mädchen standen und Emilio plötzlich seine Stimme in das Gespräch mischte, als wäre er all die Zeit über anwesend gewesen, da erhob sich gleich ein neuer Jubel und neues Lachen, während dessen Riccardo unbemerkt blieb. Er hatte sich nahe neben seine Auserkorene gestellt und atmete den Duft ihres blühenden, entblößten Halses. Eine heiße Sehnsucht ließ ihn erglühen und doch fühlte er sich einen Augenblick traurig, wie ein Kind, das an einem fernen Orte einer rauschenden Musik lauscht und plötzlich Heimweh nach den vertrauten Worten seiner entfernten Mutter bekommt. Und schon waren die Eltern da Spadas zu ihnen getreten und hatten ihren Sohn begrüßt, der nun artig seinen Freund vorstellte und ihn ihrer Huld als tapferen Kameraden und lieben Freund empfahl. Und während sich Riccardo über die Hand der Mutter Emilios beugte, fuhr dieser fort, ihn auch den Mädchen bekannt zu machen, der jungen Gräfin Francesca und seiner kleinen Schwester Maria, vor denen sich der Offizier verbeugte, ohne ein Wort sagen zu können, denn schon waren auch die übrigen Edlen um die beiden versammelt und es gab Verbeugungen und Händedrücke die Menge, bis sich endlich die ganze Gesellschaft in die weite Halle vor dem Schlosse begab, um das Fest bei einem reichen Tische zu beenden. Riccardo saß an der Seite der Mutter Emilios und war durch ihren freundlichen Zuspruch und ihre Gegenrede in der angenehmsten Weise gefesselt, indes das junge Volk unten an der Tafel sich über das Schattenspiel unterhielt und Emilio den Mädchen über den Gast berichten mußte.

So daß Riccardo endlich, von dem Freunde in sein Zimmer geleitet, müde von dem ausgiebigen Ritte und verwirrt von den vielen Menschen, auf seinem Lager einschlief, ohne Träume und ohne weiter an seine Pläne gedacht zu haben.

VIII.


Als die leuchtende Sonne den Schläfer am anderen Morgen weckte, da gab er sich erst den angenehmen Gefühlen eines Jünglings hin, der am vergangenen Abend ein Mädchen kennen gelernt oder eigentlich nur gesehen hat, das ihn entzückt und das ihm der Inbegriff alles Schönen und Begehrenswerten scheint, wovon er je geträumt hat: sie ist ihm ganz in strahlendes Sonnenlicht getaucht, ist zierlich und heiter und dünkt ihn das verlockendste Spielzeug, das er gern wie ein Kind an der Brust bergen und streicheln möchte. Er sucht sich recht genau an ihre liebliche Gestalt zu erinnern, er freut sich, daß sie kleiner ist als er und daß er sich zu ihrem rosigen Ohr herabbeugen muß, um ihr was recht Holdseliges zu sagen. Er schließt die Lider noch einmal, um sich wie in einem lauen Bade wohlig zu strecken. Und wenn in seinem Denken finstere Vorstellungen ihm das freundliche Bild verdunkeln wollen, dann scheucht er sie unwillig fort, er fühlt, daß seine Sehnsucht ihn langsam das begehrenswerte Wesen lieben lehrt. Aber die dunklen Gedanken ballen sich immer dichter, immer undurchdringlicher, und plötzlich strafft der Träumer sich empor, er spricht zu sich wie zu einem anderen Menschen, er schämt sich vor sich selber.

So ging es Riccardo jetzt; er mußte des Zwischenfalles während ihres Rittes gestern gedenken, da Emilio seine verwegene Frage mit dem stolzen Worte: ›Sie ist eine Palma!‹ beantwortet hatte. Sein heiteres Morgenbild verschwand, er erinnerte sich an den Zweck seines Hierseins, an seinen Entschluß und den neuen Plan für seine Rache.

»O, das wird viel schwieriger durchführbar sein, als ich dachte! Sie ist so schön, so rein!«, träumte er vor sich hin. Da stand aber wieder das Bild seiner Schwester vor seinem Blicke, die er sich auch so schön, so rein geträumt hatte, wenn er auf dem Schiffe seinen holden Heimatsgedanken nachhing, und ein frischer, ungleich tieferer Schmerz erfüllte sein Herz. War seine Schwester so leicht zu erobern? Hat sie sich dem Werben seines Todfeindes Ermete so willig hingegeben? Trägt nicht auch sie vielleicht eine Schuld?

Seine erregte Phantasie zeigte ihm körperlich deutlich Ermete und seine Schwester, das konnte er nicht ertragen, er sprang vom Lager auf, er machte sich rasch fertig und rief seinen Diener. Der führte ihn ins Nebengemach, wo der Morgenimbiß seiner harrte. Und dann eilte Riccardo in den Garten hinab, nur von dem Wunsche erfüllt, sich und den Gedanken seiner Einsamkeit zu entfliehen.

IX.


Als Riccardo in den flimmernden, grünen Garten trat, unter dessen alten Bäumen die Gesellschaft heiter versammelt war, da verwandelte sich sein Trübsinn gleich in die glücklichste Fröhlichkeit. Er lachte mit den andern, die den Langschläfer mit frohem Zuruf begrüßten, die Betten im Hause Spada seien doch besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch an Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der Gesellschaft vermisse.

»Da seid Ihr irre,« sagte Emilios Vater, »der ist heute gar zeitig früh aus den Federn gekrochen und läßt sich entschuldigen. Er und Maria sind mit den Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde etwa weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.«

»O, das tut mir leid,« stammelte Riccardo, und seine Worte konnten als Entschuldigung dafür gelten, daß er sich von der gräflichen Familie nicht verabschiedet habe. Es war keine Wolke an dem blauen Himmel, aber sein Gesicht war plötzlich ganz dunkel geworden und einer der Nobili, der dessen acht hatte, sagte spottend:

»So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet, könnt Ihr gewiß den Schleier der schönen Francesca noch im Winde flattern sehen, ehe sie in dem dichten Schatten von Selva nera verschwinden!«

»Ja,« meinte der Vater da Spadas, »darum bittet auch Emilio, Ihr möchtet, falls es Euch beliebt, ihnen entgegenreiten, der Weg ist nicht zu verfehlen, und unsere Kinder werden Euch in der Mitte des Weges begegnen.«

»Das will ich sehr gerne tun,« erwiderte Riccardo leise. »Ich will nur mein Pferd satteln lassen.«

»Dem gönnt heute seine verdiente Ruhe,« sagte der freundliche Hausherr verbindlich, »mein Pferd steht gesattelt zu Euren Diensten.«

Er pfiff dem Stallburschen, der auch bald ein schönes, feuriges Tier heranführte. Das bestieg Riccardo, nachdem ihm der Weg gewiesen war, und sprengte davon.

»Grüßet uns die schöne Gräfin Francesca!« rief der Nobile ihm noch fröhlich nach; und er sagte dann lachend zu den übrigen Gästen: »Dem hat es natürlich wieder die Gräfin angetan, sonst wäre der Siebenschläfer - bei aller Liebe zu Emilio - heute wohl nicht so leicht aufs Pferd gestiegen. Aber er reitet besser, als ich einem Seeoffizier zugetraut hätte!«

Auch Riccardo fühlte, daß er heute leichter als je im Sattel saß, so schwer auch sein Herz von der Mitteilung des freundlichen Vaters Emilios getroffen war.

›Ich muß sie einholen,‹ sagte er sich, ›ich muß sie noch einmal sehen!‹

Der Weg führte hinter dem Schlosse durch den Wald empor, verließ aber auch auf der Höhe den Wald nicht, so daß die Hoffnung Riccardos, er werde, nach einem scharfen Ritt auf der Höhe angelangt, den Wagen der Palma und seine Begleiter sehen, sich nicht erfüllte.

›Ich bin doch gewiß nicht auf einem falschen Wege,‹ dachte er, ›und doch hat der spöttische Nobile davon gesprochen, daß ich in der Ferne den Schleier Francescas werde wehen sehen. Vielleicht öffnet sich später der Ausblick, jetzt mag ich wohl schon eine Stunde geritten sein.‹

Er trieb sein Pferd zu rascherem Trabe an, obgleich es wahrhaftig den steilen Weg wie eine Landstraße genommen hatte.

Da, als Riccardo eben aus den Bäumen auf eine sonnige Waldwiese kam und, vom hellen Lichte geblendet, die Augen geschlossen hatte, dem Schatten des gegenüberliegenden Waldes zustrebend, hörte er plötzlich seinen Namen rufen; er schaute sich um und brachte schon durch den freudigen Schreck, der seinen Körper rückwärts riß, das Pferd zum Stehen.

Auf der Wiese aber, auf einem moosbewachsenen Steine, saß sie, nach der er sich sehnte, und hielt die Zügel ihres Pferdes lose in Händen. Sie hatte einen verwegenen Hut schief auf dem hellbraunen Haare, sie sah in ihrem Reitkleide heute schlanker aus und lachte hell in den Tag hinein, weil wohl der ungestüme Reiter, der so plötzlich sein Pferd zum Stehen brachte, einen recht seltsamen Anblick bieten mochte; und weil sein Gesicht und seine Haltung, da er vom Rosse stieg, so überdeutlich den Ausdruck der Überraschung, ja des freudigsten Schreckens darbot, daß sie nur noch lauter lachen mußte.

»Gräfin,« sagte er, »Ihr seid zurückgeblieben« - um mich zu erwarten, wollte er sagen, aber er vollendete den Satz nicht, denn Maria war ihm entgegengekommen, und das Erstaunen war nun auf ihr helles Gesicht hinübergehuscht.

»Gräfin sagt Ihr? Haltet Ihr mich denn für Francesca?«

»Ja, seid Ihr denn nicht die Gräfin Palma?« kam es unsicher und doch mit der ganzen Sicherheit einer schon beantworteten Frage von den Lippen Riccardos. »So hat Euer Bruder mich gestern genarrt, als er mich ...«

»Meiner Freundin Francesca und mir zusammen vorführte?« vollendete Maria den Satz. »Und Ihr habt mich für meine Freundin genommen? Aber Ihr macht ein so bestürztes Gesicht, Ihr scheint so unglücklich über den Irrtum, daß ich wohl um Verzeihung bitten muß, daß Ihr Euch so getäuscht habt, Ihr Armer! Ich bin aber wirklich nur Maria, die Schwester Emilios, könnt Ihr mir das vergeben? Ich habe unsere lieben Gäste bis hieher geleitet und mein Bruder ist noch ein Stück mit ihnen weitergeritten, vielleicht bis Selva nera, weil der Tag so herrlich und der Ritt so angenehm ist. Ich will jetzt wieder heimreiten, denn Ihr habt lange auf Euch warten lassen, und nun habe ich Euch, ohne meine Schuld, eine so arge Enttäuschung bereiten müssen!«

Sie lachte wieder laut in die flimmernde Luft und klopfte den Hals ihres Pferdes, das seine Herrin mit glänzenden Augen anblickte.

Riccardo aber stand vor ihr, eine leise Stimme in ihm sang immer das gleiche Lied: Nun ist alles gut, nun muß ich dir, du liebes, süßes Mädchen, kein Leids antun! Aber eine andere Stimme höhnte ihn: Du kühner Ritter, denkst du an deine Rache? Und hast verliebte Augen und verliebte Ohren und stehst hier vor einem liebenswerten Geschöpf, das deine Zärtlichkeit sich auserkoren hat, indes du sie dir stolz als Ziel deiner Rache vorgelogen hast.

Und seine Scham und das Gefühl des schweren Unrechtes, das er dieser Reinen angetan hatte, war so groß, daß er - als müßte die Heitere da vor ihm seine ganze Schuld kennen - vor ihr ins Gras sank, den Saum ihres Kleides zu küssen, und mit gepreßter Stimme zu ihr sagte:

»Könnt Ihr mir verzeihen, Maria, könnt Ihr mir das alles im Leben je verzeihen?« Er flehte sie voll tiefer Innigkeit an, er wußte jetzt auch schon ganz bestimmt, daß seine Verwechslung der beiden Mädchen nur seinem Entzücken über dieses helle Geschöpf entsprungen sei, und daß er aus Bewunderung für sie und aus dem Gefühle seiner keimenden Liebe den Irrtum begangen habe.

Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das Lächeln lag noch um ihre Lippen, aber nun sah sie in seine unglücklichen Augen und verstand sie nicht, und darum sagte sie:

»Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und weiß nicht, ob Ihr bei heiterem Spiel, wie dieser Kniefall wohl eines ist, immer so unglücklich schaut wie jetzt. Und weiß auch nicht, was ich Euch verzeihen soll, wenn Ihr dies Wort ernst gemeint habt! Ihr habt uns beide Freundinnen gestern, da Ihr als Fremder in eine große Gesellschaft tratet, verwechselt, aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich beleidigt zu fühlen, wenn jemand uns verwechselt. Steht auf, Signor, und sagt mir, ob es Euch kränken würde, wenn Euch jemand für meinen Bruder halten würde?«

Sie sagte diese Worte so natürlich und doch so mild, daß Riccardo nur verwirrter wurde. Er brachte keine Antwort zuwege, er stammelte nur: »Ihr könnt ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was ich getan habe oder tun wollte!«

Und plötzlich umfaßte er stürmisch ihre Kniee und rief zu ihr empor: »Ihr wißt ja nicht, wie verworfen, wie elend ich bin und wie unglücklich! Und ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so unglücklich macht! Die Verwechslung hat damit gar nichts zu schaffen, wahrhaftig nicht, jedoch Ihr müßt Mitleid mit mir haben, denn ich bin unglücklich; aber ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie allein mich retten könnte!«

Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen sahen so traurig und hoffnungslos zu der erschrockenen Maria empor, daß sie ihm nicht wehrte, so ängstlich sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen Abend so verändert, daß sie sich fragte, ob er wirklich der weltkundige Offizier und Freund ihres Bruders sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten zu ihm:

»Wie könnte ich Euch etwas verzeihen, was ich nicht kenne und was mich nicht beleidigt hat? Steht auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause reiten, vielleicht sänftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen dort auf Emilio warten, dem Ihr sagen könnt, was Euch so bewegt! Ist es Euch so recht?«

Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos, und dankte ihr mit stummem Blicke; und sie gingen eine Strecke weit zwischen den Pferden, die sie an den Zügeln führten, in den Wald hinein. Dann aber blieb er stehen, er kämpfte mit sich, ob er Maria sein Herz eröffnen solle. Und er begann ihr zu erzählen:

»Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in Eurem Alter sein, und sie lebt mit unserer Mutter einsam in den Bergen über Genua. Und diese beiden Frauen waren mein Traum in den Nächten auf dem Meere und mein Glück und Stolz in der Ferne. Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben inhaltsreich, ich wußte, daß ich leben durfte und leben mußte, denn ich hatte jemanden, für den es sich zu leben verlohnte. Aber als ich nun nach Hause kam ...«

Er wollte weitererzählen, aber er sah das reine Mädchen an seiner Seite an, das ihn mitleidig betrachtete, da stockte er und sagte dann nach einer langen Unterbrechung:

»Ihr könnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf freut, nach Hause zu kommen, wie ihn die Sehnsucht erfüllt, Eure Eltern und Euch wiederzusehen! Und was könnte ihn auch Schlimmes überraschen? In Genua hat er gehört, daß Ihr gesund seid, Eure Briefe haben ihn darüber beruhigt. Ihr könntet vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer Liebe beglückt haben, mit Eurer reinen Neigung beglückt haben,« wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen, »und diese Veränderung könnte Emilio vielleicht einige Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl kennen gelernt hat. Ach, Maria!« rief er plötzlich wie verzweifelnd aus, »ich kann Euch meine Heimkunft nicht schildern, ich bin um all mein Glück, um meine ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist - und zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick gebracht, das Niederschmetternde ist das sichere Bewußtsein, daß ich meine Schwester nicht mehr lieben kann, daß ich nunmehr meine Heimat, daß ich meine Berechtigung zum Leben verloren habe! O, Maria, forschet nicht nach meinem Geschick, aber habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld, wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen könnt! Ich will hier im Walde warten, bis Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei Euren Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zurückkehren kann. Mein Diener wird mir mein Pferd bringen und ich will fürderreiten. Lebet wohl!«

Er blieb stehen und reichte Maria die Hand. Da sprach sie, indes sie seine Rechte in ihrer Hand hielt:

»Sprecht mit Emilio, er wird Euch trösten können, er wird Euch, das hoffe ich, zu uns zurückbringen. Seid meines innigen Mitleids gewiß, denn ich sehe, daß Ihr sehr leidet, wenn ich auch die Ursache Eures Schmerzes nicht verstehen kann. Seht, ich lebe sorglos und heiter meine Jugend dahin, und Ihr seid der erste Mann, den ich von einem tiefen Leid erschüttert sehe, von einem Leid, das sich gewiß nicht verbergen läßt. Daran werde ich wohl mein Leben lang denken müssen! Und ich würde wahrhaft glücklich sein, wenn ich durch Emilio erführe, daß sich Euer Geschick zum Guten gewendet hat. Das wünsche ich Euch von ganzem Herzen. Lebet wohl!«

Da wallte noch einmal ein heißes Gefühl in Riccardo auf, es drängte ihn zu Maria hin, aber er bezwang sich und so küßte er ihr stumm die Hand. Dann kehrte er langsam mit seinem Pferde um und ging den Waldweg zurück, Emilio zu erwarten.

X.


Es war spät am Nachmittage, als Emilio des Weges daherkam. Beppino hatte indessen das Pferd Riccardos und seinen Mantelsack gebracht und einen Korb mit Speis und Trank, den Maria geschickt hatte; und der Bursch, der ihn geleitet hatte, war mit dem Pferde da Spadas wieder heimgeritten. Beppino saß unmutig bei den Rossen, es hatte ihm in Bosco rado gut gefallen und er hatte gehofft, sich nun endlich ordentlich ausfaulenzen zu können. Sein Herr aber saß schwermütig an der Straße, seufzte oft, ballte die Fäuste oder fuhr mit der Rechten durch die Luft und schaute dann wieder sehnsüchtig in der Richtung von Selva nera, ob Emilio noch nicht kommen wolle.

»Endlich, endlich!« rief er nun, als sein Freund heiter dahergesprengt kam, »du hast lange auf dich warten lassen!«

Emilio sah erstaunt in das verstörte Gesicht Riccardos, er sah verwundert Beppino mit den bepackten Pferden und sprang neugierig aus dem Sattel.

»Hast du lange auf mich gewartet?« fragte er. »Hast du denn Maria nicht getroffen, die doch schon Mittag zurückgeritten ist?«

Er übergab Beppino auch sein Pferd und trat zu Riccardo, der ihn bei der Hand nahm und seinem Diener winkte, sich zurückzuziehen.

»Ich habe mit deiner Schwester gesprochen, Emilio; sie weiß, daß ich hier auf dich warte, um mich von dir zu verabschieden; denn ich muß noch heute fort von hier.«

Er sagte dies so seltsam, daß Emilio auffuhr:

»Hat man dich im Schlosse beleidigt? Was ist geschehen?«

»Man hat mich nicht beleidigt,« lächelte Riccardo trüb, »aber ich habe mich schuldig gemacht, Emilio!«

»So sprich doch klar, ich verstehe dich nicht! Womit und wen hast du gekränkt? Es ist ja nicht möglich! Foltere mich doch nicht, gerade heute nicht!«

Da senkte Riccardo den Blick und sprach mit erregter Stimme: »Emilio, hast du in deinem Leben schon ein reines Mädchen verführt? Wir sind jung und heiß, und ich bin nicht anders als du und die anderen jungen Nobili. Hast du ein Mädchen verführt und dabei jemals an den Jammer der Betörten, an das Elend ihrer Mutter, an das Unglück ihrer Geschwister gedacht? Niemals kam dir der Gedanke daran, das weiß ich. Ich kenne uns. Aber was würdest du sagen, Emilio« - in den Augen Riccardos war ein Lauern, und seine kalte Stimme bewies, daß er diese Worte den ganzen Nachmittag über vorbereitet hatte - »was würdest du sagen, was würdest du tun, wenn du erführest, daß deine - Schwester verführt worden ist?«

Da faßte ihn Emilio an der Brust, er hatte seinen Degen gezogen und hielt ihn stoßbereit erhoben: »Du bist wahnsinnig, Riccardo, was sprichst du für rasende Tollheiten? Du bist von Sinnen! Rede, oder du erlebst den nächsten Augenblick nicht!«

Aber Riccardo lachte auf, befriedigt, als ginge alles nach Wunsch, und dann schrie er Emilio in die Ohren: »Stoß zu, Emilio, stoß zu, ich habe deine Schwester verführt, aus Irrtum verführt, denn ich hatte es auf Francesca abgesehen, die Schwester Ermetes! Du weißt ja, wie ich mich schon gestern auf dem Ritte nach ihr erkundigt habe!«

Er lachte grausam und höhnend und schrie noch einmal: »Stoß zu!«

Aber Emilio hatte den Arm mit dem Degen sinken lassen, er sah entsetzt in das verzerrte Antlitz Riccardos und warf den Degen beiseite:

»Du bist von Sinnen, Riccardo,« sagte er schwer aufatmend, »du bist toll!« Und dann stand er aufrecht und stolz vor Riccardo, der ihn hilflos anblickte, und sagte mit verachtendem Munde: »Und meiner Schwester bin ich so sicher wie meiner Braut!«

»Deiner Braut?« schrie Riccardo.

»Meiner Braut,« erwiderte Emilio ruhig.

Da fielen die Arme Riccardos schlaff an seinem Körper herunter, er knickte zusammen, daß ihn die Hand seines Freundes, der immer noch sein Wams festhielt, nicht halten konnte; er sank in die Kniee und sagte mit bleichen Lippen: »Deiner Schwester bist du sicher! Das sagt jeder Bruder! Dann ist ja alles gut,« lispelte er vor sich hin, »alles gut.«

So sank er in den Staub des Weges.

Emilio aber, dem die vergangenen Stunden das lang ersehnte Glück gebracht hatten, beugte sich über ihn, ein inniges Mitleid mit dem Kameraden erfüllte ihn, er trocknete ihm den kalten Schweiß von der Stirne und dann erhob er sich und rief nach Beppino, er möge Wein bringen. Den flößten sie dem Kraftlosen ein, und langsam, langsam kehrte das Blut wieder in seine Wangen zurück. Er stützte sich auf seinen rechten Arm, er blickte Emilio lange an und dann schickte er Beppino wieder weg. Er schüttelte das Haupt, als müsse er sich erst langsam auf etwas besinnen, dann drückte er Emilio die Hand und sagte leise: »Francesca.« Dann umarmte er Emilio und ein schwergeborenes Schluchzen erschütterte seinen Körper: »Maria,« sagte er innig, »die reine, heilige Maria! Man muß auch zum Frevelnkönnen stark sein, Emilio, und ich bin ein Feigling! Stelle mich vor eine Gefahr und ich bin ein Held! Und doch bin ich ein Feigling! Ich wollte sterben, von dir wollte ich den Freundschaftsdienst erzwingen, aber es gelang mir nicht; weil du ein guter Mensch bist und ich ein schlechter. Ich bin ausgezogen, um meine entehrte Schwester zu rächen, an ihrem Verführer ...«

Er wollte ›Ermete‹ sagen, da besann er sich, daß Emilio die Schwester seines Todfeindes liebe und sie ihn, er fühlte eine unendliche Rücksicht für seinen Freund, für den Bruder Marias, die er liebte, und da schwieg er.

Aber Emilio hatte die letzten Worte Riccardos gehört, er erinnerte sich eines Gespräches mit einem Genueser Freunde kurz nach seiner Landung, da er sich nach Ermete Palma erkundigt hatte, wohl um vielleicht über Francesca etwas zu hören. Und er entsann sich einer Äußerung des Genuesen, daß Ermete in den Banden von Riccardos Schwester schmachte. Eine schmerzhafte Erkenntnis erleuchtete die Wirrnis seiner Gedanken, er umarmte Riccardo und küßte ihn auf das feuchte Haar:

»Was mußt du gelitten haben, armer Freund! Was mußt du für furchtbare Tage erlebt haben!«

Da löste sich in den Armen Emilios auch der Schmerz Riccardos und er sagte: »Ich schäme mich meiner Tränen nicht, sie tun mir wohl wie deine Güte. Aber ich habe in diesen Tagen wie ein Schuft handeln wollen, aus Schwäche und aus Verzweiflung, und ich bin um eine Erkenntnis reicher geworden. Ich bin nicht mehr wert, irgend einen Menschen zur Verantwortung zu ziehen, aber ich bin auch unwürdig einen Menschen zu lieben! Und wenn dein Schwager Ermete heimkehrt, Emilio, dann erzähle ihm von dieser Stunde, vielleicht macht sie ihn zum Manne! Und nun laß uns scheiden!«

Er erhob sich vom Boden und Emilio half ihm schweigend das Pferd besteigen. Er fühlte, daß Worte Worte bleiben müßten und so drückte er seinem Freunde, der bleich und ernst im Sattel saß, nur stumm die Hand.

»Grüße mir Maria!« sagte Riccardo zum Abschied, »grüß sie mir, wenn du mich noch für würdig hältst, die Reine grüßen zu dürfen. Und sei glücklich, Emilio, lebe wohl!«

›Lebe wohl!‹ wollte Emilio antworten, aber da fühlte er den Hohn dieses Abschiedsgrußes und er drückte dem Davonreitenden nur noch einmal fest und innig die Hand.

Der Wald schloß sich hinter Riccardo, nun verschwand auch Beppino seinen Blicken, und Emilio stand noch lange auf dem Wege und starrte seinem verschwundenen Freunde nach.

Er wußte, daß er ihn nie wiedersehen werde ...




Das Meerweibchen

I.


Diese Geschichte könnte also beginnen: Es war einmal ein wunderschönes Meerweibchen, das an der Küste von Grönland lebte und das von Schiffsleuten in einer klaren Mondnacht, da es just auf den Klippen ruhte und auf den Silbersaiten der Mondesstrahlen sein Lied begleitete, gefangen ward und das dann in die Welt geschickt und allerorten als ein Wunder angestaunt und gepriesen wurde, bis es in Prag . ...

Aber dann würde jeder glauben daß diese Geschichte von einem Lügner und Aufschneider erfunden worden sei, und ernste Menschen würden sie überhaupt nicht weiterlesen. Deshalb soll diese wahrhafte und beglaubigte Geschichte einen anderen Anfang bekommen, damit jeder ruhige und nachdenkliche Mensch sie unbesorgt lesen könne, denn es ist eine durchaus verbürgte Geschichte und ist in den alten Büchern der königlichen Hauptstadt Prag aufgeschrieben, und jeder Zweifler kann sie dort suchen. Und in der Karlsgasse in Prag steht noch jetzt das Haus, das zu dieser Geschichte gehört; ein steinernes Meerweibchen, dem leider im Laufe der Jahrhunderte der Kopf abgefallen, ist sein Schmuck und es ist als das Haus zum Meerweibchen im Grundbuche eingetragen. Was aber von dem steinernen Meerweibchen erhalten blieb, zeugt dafür, daß es eine wunderschöne Seejungfrau gewesen sein muß, die dem Steinmetz als Vorbild gedient hat, Hals und Busen und Haltung sind edel, und nur der schuppige, etwas schematisch gemeißelte Fischschwanz, der - in dem Lande des zweischwänzigen Löwen nicht auffällig - in zwei schön geringelten, stilisierten Teilen endigt, beweist, daß Nacken und Brust einem Wunderwesen angehört haben. Das Haus selbst ist jetzt ein wenig verfallen und sieht altersschwach und engbrüstig genug aus. Aber es paßt gut in die altertümliche Karlsgasse und in diesen Teil des herrlichen Alt-Prag, in dem man weniger zufügender als abblendender Phantasie bedarf, um sich in die vergangenen Jahrhunderte versetzt zu fühlen; man muß nur die Gaslaternen und Telephondrähte, die Fahrräder und elektrischen Glühlichter in den Schaufenstern vergessen, um sich, wie in einem Traum, im Mittelalter zu befinden und zwischen den seltsamsten Häusern mit Giebeln und Erkern, mit wunderlichen Verzierungen und verwegenen Dächern dahinzuwandeln und verwundert zum Frühlingshimmel emporzuschauen, der wie eine blaue Patina das herrlichseltsame Bild nach oben abschließt.

Im Mittelalter aber spielt diese Geschichte nicht, sondern im Beginn des siebzehnten Jahrhunderts. Da es aber eine, sozusagen, historische Erzählung ist, die hier mitgeteilt wird, so ist wohl die Anmerkung gestattet, daß gar bald ohnehin die Notwendigkeit sich einstellen wird, das Ende des Mittelalters weiter in die Neuzeit herein zu verlegen; die Neuzeit gebiert doch immer neue Zeiten, und wir, die es so herrlich weit gebracht haben, gehören schon längst nicht mehr in die Neuzeit des sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts! Dazu sind wir denn doch zu aufgeklärt und vorgeschritten, zu . ... ... Aber genug der Einleitung! Also mag diese Geschichte immerhin als eine mittelalterliche gelten, umsomehr als sie in der altertümlichen Karlsgasse anhebt und endigt.

Dort ward damals eben das Haus aufgebaut, das vorhin geschildert wurde. Es war noch nicht unter Dach, sollte aber in wenigen Wochen vollendet sein. Es gehörte dem zu Ansehen und Reichtum gelangten Prager Bürger und Kaufmann Wenzel Werkmeister, der den Grund vor Jahren um ein Billiges gekauft hatte und dessen Lieblingsidee war, für seinen Sohn und dessen einstige Ehefrau ein eigenes Haus zu bauen, auf daß er als ein bodenständiger Bürger und Kaufmann hier lebe und dem Namen Werkmeister zu Bedeutung und immer größerer Würde verhelfe. Denn er selbst war aus bescheidenen Anfängen zu einem begüterten Kaufmann geworden und liebte auf Erden niemanden inniger als seinen Sohn Karolus, der die einzige Hinterlassenschaft seiner treuen Ehefrau Veronika vorstellte. Er hatte ihn etwas Ordentliches lernen lassen, war sogar mit ihm einmal in Wien gewesen, um ihm die Welt zu weisen, und sah ihn nun unter seinen Augen zu einem tüchtigen und ehrsamen Manne emporwachsen. So war Karolus vierundzwanzig Jahre alt geworden und war ein gesitteter, stiller, bescheidener Jüngling, schlank, mit sanften, etwas schüchternen Augen, wie sie seine verstorbene Mutter gehabt hatte und aus denen eine empfindsame und träumerische Seele in die Welt schaute. Dem Vater war Karolus sogar zu bescheiden, zu sanft und schüchtern, denn er wußte, was sein Sohn alles gelernt hatte, nicht nur, was das Geschäft anlangt, sondern auch von den freien Wissenschaften und Künsten, und er hätte wohl seinen Sohn ein weniges stolzer und selbstbewußter gewünscht. Karolus aber liebte die Gesellschaft seiner Altersgenossen nicht sonderlich, er war ein Leser und Träumer und freute sich tagsüber auf den Abend, da er zu seinen Büchern zurückkehren konnte. Das wehrte ihm der Vater auch nicht, da Karolus im Geschäfte still und sicher seine Arbeit tat und bei den Kunden beliebt und geachtet war.

Eine tüchtige Hausfrau wird ihm schon sein allzu sanftes Geblüt auffrischen! dachte der Vater und schaute darum fleißig unter den Bürgertöchtern um, welche ihm wohl am besten für seinen Einzigen tauglich schiene. Und bis zum Herbste, bis zur Dachgleiche, hoffte er eine bestimmte Wahl getroffen zu haben.

Nun waren aber Karolus' Beziehungen zum weiblichen Geschlechte bisher mehr theoretischer Natur gewesen; er hatte den Dichtern ihre Lobpreisungen der Frauen aufs Wort geglaubt und sich gewöhnt, die Frauen mit den Augen der schreibenden, nicht der liebenden Dichter anzusehen, ohne doch je eine innere Nötigung zu empfinden, ihre Hymnen und Romane am eigenen Herzen zu erproben; das Weib war ihm etwas Hohes und Hehres, über dem Alltag Stehendes und jeder Liebreiz war auf sie ausgegossen; ihre Wänglein waren Pfirsichblüten, ihre Lippen Kirschen, ihre Augen leuchtende Kohlen oder liebliche Vergißmeinnichtblümlein, ihr Gang war wie das Hüpfen der Sonnenstrahlen über blumige Auen, aber, daß man die Wangen streicheln, die Lippen küssen könne, daß man die zierliche Gestalt umarmen dürfe, fiel ihm gar nicht bei und nichts trieb ihn dazu, aus seiner literarischen Verehrung der Frauen herauszutreten und einmal einem lebenswarmen, blühenden Kinde herzhaft ans Kinn zu greifen.

Und nur ein einziges Mal hatte er eine Art von Verliebtheit gefühlt; das war an einem Sonntag nachmittag, als er auf der Kleinseite drüben unter der Königsburg, dem Hradschin, durch die schattigen Gassen lustwandelte und plötzlich vor einem herrlichen, schmiedeeisernen Gittertor stand und in einen wundervollen, adeligen Garten geschaut hatte: große Rasenflächen dehnten sich behaglich im Sonnenscheine, ein rundes Wasserbecken erglänzte im Sommerlichte und ein feiner Springbrunnen plätscherte in das bewegte Wasser herab. Der Garten aber dehnte sich weit, weit aus bis an die steil abfallende Lehne des Hradschin, und die grandiose Königsburg mit dem herrlichen Dome war wie eine phantastische Krönung des grünen, blühenden, weit ausgestreckten Gartens. In dem Garten aber wandelte in einem weißen Sommerkleide eine schlanke, biegsame Frau, und die Sonne schien selbst in sie verliebt zu sein, so jubelnd sammelte sie all ihren Glanz um die feine Gestalt der Dame, so golden ließ sie ihr blondes Haar aufleuchten. Es war, als ob eine der Marmorgöttinnen, die im Garten in den grünen Gebüschen standen, von ihrem Postamente herabgestiegen sei und nun im Sonnenlichte sich zwischen den Beeten ergehe. Mit weit offenen Augen schaute Karolus ihr lange nach, er hatte den Hut vom Kopfe genommen und ihm schien es, als ob die Dame ihm zulächle. Er stand noch auf dem Flecke vor dem Eisengitter lange, nachdem das Wunder in den Büschen verschwunden war, und starrte in den Sonnenschein, bis er die Lider senken mußte. Erst als er Stimmen neben sich hörte, wachte er auf und schaute erstaunt um sich. Und er glaubte sich's später selbst nicht mehr, daß er eine lebende Dame im Garten gesehen habe, er war überzeugt, daß er nur ein wunderschönes Märchen von einer lieblichen Prinzessin geträumt habe, etwa das Märchen von der weißen Frau Medulina, die mit Blumen und Früchten in den Händen durch die Auen schreitet. Einige Tage träumte er noch davon und war glücklich darüber, daß er auch bei Tage nach eigenem Willen den schönen Traum erneuern konnte; er errötete, wenn er sich immer wieder dabei ertappte, wie er gleich einem Puppenspieler die schöne, fürstliche Dame immer von neuem den Kopf neigen und dem Lauscher vor dem Gitter liebreich zuwinken ließ. Es hatten sich aber auch zu liebliche, blonde Ringellöckchen über ihrem blühweißen Nacken gekräuselt.

In diese Zeit seines angenehm erregten Herzens fiel nun die Ankunft des grönländischen Meerweibchens in Prag. Zwei phantastisch aufgeputzte Trommler hatten ihr Erscheinen angezeigt und waren durch mehrere Tage auf allen Plätzen und allen Straßenecken gestanden und hatten nach einem aufrührerischen Trommelwirbel den p. t. Adel und Bürgerschaft der königlichen Hauptstadt Prag auf das große Wunder aufmerksam gemacht, das in den nächsten Tagen eintreffen werde. Lalanda, die grönländische Meerjungfrau, das schönste Seeweibchen, das je gefangen worden, die Dame mit dem Fischschwanze, von allen Gelehrten der Welt bewundert und als neues Weltwunder angestaunt und gepriesen, werde in den nächsten Tagen in Prag zu sehen sein. Große Bilder wurden in den Straßen herumgetragen, darauf Lalanda, die grönländische Seekönigin, abgeschildert war, und überall folgte eine Menge Neugieriger den Trommlern, die eine beträchtliche Aufregung in der Stadt verursachten. Auch verteilten sie ein fliegendes Blatt, darauf der Fang der Seejungfrau genau berichtet und auch ein zierliches Gedicht abgedruckt war, so die Schönheit der Dame mit dem Fischschweife in lieblichen Versen pries. Sie werde auf dem Altstädter Ring in einem der großen Verkaufsgewölbe unter den Lauben zu sehen sein und in ihrer Sprache singen, sie spreche aber auch, wenn sie ihre gute Stunde habe und freundliche Menschen sehe, deutsch zu ihnen, da sie eine erstaunliche Klugheit und ein unerhörtes Gedächtnis besitze. Und sei schöner, als je ein Mädchen auf dem Festlande gewesen.

Nun waren gerade damals ruhige Zeitläufte, und Prag, die Stadt, die von Zeit zu Zeit wie ein Kind ihr Fieber durchmachen muß, um sich ihrer schädlichen Gärungsstoffe zu entledigen und ihr Blut für einige Jahre zu reinigen, erfreute sich eben einer behaglichen Erholung nach Kämpfen und Bürgerzwisten, so daß Lalanda den richtigen Zeitpunkt getroffen hatte, um allgemeinem Interesse zu begegnen. Die Laufburschen und Lehrjungen aus dem Werkmeisterschen Geschäfte, die ihre überschüssige Lebhaftigkeit sonst bei den Straßenaufläufen ausgetobt hatten, benützten jetzt jeden freien Augenblick, hinter den Trommlern einherzulaufen und immer frische Zettel mit dem Lalanda-Gedichte heimzubringen, und die älteren Herren Kommis und die beiden Buchhalter in der Schreibstube führten die ausgiebigsten Gespräche über das Meerweibchen, und es gab keine Lebensäußerung eines erwachsenen Menschen, die sie nicht in ernst- und in scherzhafte Beziehung zu dem wunderbaren Körperbau des Grönländischen Mirakels gebracht hätten. Sie übertrafen sich gegenseitig in der Erfindung neuer Fragen: ›ob sie wohl auch‹ und ›wie mag bei ihr‹, nur mußten sie sich vor Herrn Karolus in acht nehmen, dessen Zartgefühl zu schonen eine schweigende Übereinkunft im Hause Werkmeister war. Der hatte natürlich auch die Trommler gehört und ihren Zettel gelesen. Aber er hatte noch keinen richtigen Standpunkt zu dem Meerweibchen gefunden, nur die Tatsache, daß ein Wunder zu sehen sein werde, beschäftigte ihn und er hatte beschlossen, sich gleich am nächsten Sonntage, dem ersten Tage, da Lalanda ausgestellt werden sollte, durch den Augenschein zu überzeugen, wie weit den Ankündigungen zu glauben sei.

II.


Es gibt wenige Plätze auf Erden, die sich an Schönheit mit dem Altstädter Ring in Prag messen können, herrliche Paläste umrahmen ihn, seltsame Häuser, denen man die Freude der Erbauer an ihrer Phantasie anmerkt, schauen auf sein Pflaster nieder, das alte Rathaus beherrscht eine Seite mit seiner ernstheiteren Loggia und dem zierlichen Türmchen, das die wunderbare astronomische Uhr beherbergt, und die grandiose Teinkirche mit ihren beiden ragenden Türmen, die ernst gen Himmel weisen, schaut über die giebeligen, mit Laubengängen versehenen Häuser der anderen Seite stolz auf den Platz herab, auf dem sich viel große und inhaltreiche Historia abgespielt und dessen Boden edles und unedles Menschenblut getrunken hat. Sie schaut gleichmütig auf den Ring hernieder und wundert sich über die winzigen Menschlein, die über den Platz wimmeln, sie kann immer noch ihre Hast und irdische Geschäftigkeit nicht begreifen und streckt wie zwei warnende Finger ihre Türme bedeutungsvoll gegen den Himmel.

Aber die Menschen achten der Türme kaum; denn da sie immer gleichmäßig in steinerner Ruhe in ihrer Stellung verharren, machen sie längst keinen Eindruck mehr auf der Menschen Gemüt, da diesen nur das wunderbar erscheint, was von der Gleichmäßigkeit abweicht, was anders ist, als ihre trägen Vorstellungen.

Lalanda aber war ein Wunder! So etwas war noch nicht dagewesen, denn sie war schön und seltsam zugleich, und an jenem Sonntag strömten die Prager Bürger zu Hunderten in den Laden auf dem Altstädter Ring, um das nie Dagewesene, Unglaubliche anzustaunen. Und tausend Bürger und Bauern, Neugierige und Befriedigte standen auf dem Platze und tauschten ihre Meinungen über das Meerweibchen aus oder lauschten den Glücklichen, die Lalanda, die schöne Grönländerin, schon gesehen hatten.

Die Trommler aber standen vor dem Eingange des Gewölbes, und alle Viertelstunden dröhnte ihr Trommelwirbel durch die Luft, zum Zeichen, daß frischen Besuchern der Einlaß gewährt werde; dann strömten die erledigten Zuschauer aus der Ladentür auf den Ring heraus und ein neuer Schwarm von Neugierigen, die geduldig auf ihrem Posten gewartet hatten, wurde eingelassen.

»Es ist wirklich ein Wunder,« sagten die Heraustretenden, und selbst ein berühmter Professor der Universität, der unter den ersten Besuchern gewesen war, ging kopfschüttelnd und scheinbar aufs höchste überrascht, schweigend und auf seinen Stock gestützt, durch die Reihen der ehrfürchtig Grüßenden.

»Es ist wunderbar, fürwahr höchst wunderbar,« sagte er dann zu einem Bekannten, der begierig zu ihm getreten war. »Gar manchen Bericht über Meerweibchen (Sirenen) habe ich mit Verwunderung und einigem Mißtrauen gelesen, aber, nun ich diese Lalanda gesehen, muß ich wohl daran glauben. Hat doch die Natur manchmal Launen, wie ein, Gott verzeihe mir die Sünde, wie ein übermütig, spielerisch Kind, das aus Wachs oder Teig seltsame oder unmögliche Formen bildet! Nun aber gehet selbst und staunet! Ich will in mein Museum, in Eusebii miraculis naturae nachzulesen, was dieser unterrichtete Autor bei dieser Materie berichtet.«

Und er ging, kopfschüttelnd und in tiefes Nachdenken versunken, von dannen.

In dem matterhellten Gewölbe aber drängten sich die Neugierigen, um Lalanda deutlicher zu sehen und besser zu hören. Da war ein großer Wasserbottich aufgestellt, so daß er bis an die rückwärtige Wand des geräumigen Gewölbes reichte und sich noch in das nächste Zimmer zu erstrecken schien; denn vom Wasserspiegel aufwärts sah man eine Tür in ein Nebengemach, Schilf umsäumte sie, und mit Schilf waren die Wände der großen Kufe verkleidet, also daß sie wie ein kleiner Teich aussah. Auch waren große Steinblöcke bis an die Wände des Teiches herangelegt, so daß ein breiteres Ufer gebildet war, auf dem Moos und grüner Rasen lag. In der Mitte des Teiches aber war ein Felsen aus Steinen aufgebaut und eine seltsam geformte Harfe lag auf dieser klippigen Insel. Und nun, da die Besucher einen Augenblick atemlos auf den Beginn der Vorstellung gewartet hatten, öffnete sich die Tür an der Rückwand, der Teich schien auch ins Nebengemach sich zu erstrecken und durch das Wasser kam Lalanda hereingeschwommen, blond, mit aufgelöstem Haare und mit anmutigen, schön geschwungenen Bewegungen schwamm sie einmal die Ufer des Teiches entlang, mit großen, erstaunten Augen die Menschen grüßend. Sie war jung und schön, Seerosen lagen in einem blühenden Kranze auf ihrem Haupte, ihre Augen waren rund und die weißen Hügel ihres jungfräulichen Busens hoben sich aus dem Ausschnitte ihres goldschimmernden, schuppenbedeckten Mieders. Von den Hüften nach abwärts aber verlief ihr schlanker Leib in einen sich ringelnden, schuppigen, im Lichte schimmernden Fischschwanz, der anmutig, wie ein goldenes Steuer, die Bewegungen ihres Körpers zu lenken schien und manchmal wie übermütig das Wasser peitschte. So schwamm sie mit fast feierlicher Ruhe um den Teich herum, ruhte wohl auch einen Augenblick aus, indem sie sich an den Borden des Teiches festhielt und ein paar weiche, ringgeschmückte Finger aus dem Wasser hob. Sie schwang sich dann auch ein wenig aus dem Wasser und legte den schuppigen Schweif zierlich auf den Rand des Teiches und erlaubte lächelnd mit blitzenden Zähnchen, daß ein paar neugierige Hände ihren kühlen Fischleib berührten. Nur, wenn die Berührungen etwas kühner werden wollten, ließ sie sich rasch ins Wasser gleiten und lachte, wenn die aufspritzenden Tropfen den allzu Kecken schreckten. Dann schwamm sie ruhig weiter und wandte sich von den Ufern gegen die Klippe, auf die sie sich emporschwang, einige Augenblicke zu veratmen. Sie griff auf den Saiten der Harfe einige verlorene, wie fernher klingende Akkorde, ihre Augen wurden verträumt und sehnsüchtig und, wie aus dieser Heimwehstimmung heraus, erklang zart und doch ergreifend ihr seltsames, unverständliches Lied. »Lalanda, Lalanda« verklang es. Sie legte die Harfe aus der Hand, schaute noch einmal aus ihren großen Kinderaugen im Kreise umher und ließ sich dann still ins Wasser gleiten. Die Tür im Hintergrunde des Zimmers öffnete sich und mit anmutigen und runden Armbewegungen teilte sie das Wasser und entschwand den Blicken.

Die Zuschauer starrten ihr sprachlos nach; denn sie war wirklich schön in ihrer Ruhe und Jugend, und mancher, der hereingekommen war, zu spotten und zu höhnen, schüttelte bewundernd den Kopf und ging gläubigen Herzens von dannen.

»Das ist ein wirkliches Wunder,« sagte ein angesehener Bürger, der ganz vorne am Ufer des Teiches stand.

»Und wäre es auch,« sagte ein Nachbar, »ein Wunder an Anmut und Schönheit, wenn sie den Fischschwanz nicht hätte!«

»Mir tut es wahrhaftig leid,« sagte ein anderer und wischte sich dabei mit dem Sacktuche seinen arg bespritzten Rock vorsichtig ab, »mir tut es leid, daß ich mein Ehgemahl nicht mitgenommen habe; die hier kann jede ehrsame Frau ohne Erröten sich anschauen.«

»Nur würdet Ihr sie in Anwesenheit Eurer Frau nicht so gründlich betasten dürfen!« spottete einer. »Wischt Euch nur erst Euren Sonntagsrock gehörig ab, daß sie nichts merke!«

Die anderen lachten und schoben sich langsam dem Ausgange des Gewölbes zu.

An der Wand aber stand Karolus Werkmeister, sprachlos, ohne Besinnung; er starrte immer noch nach der Tür, durch welche das blonde Wunder verschwunden war, seine Augen waren weit offen und sahen doch nicht, seine Lippen zuckten, als ob er weinen wollte, und doch hüpfte das Herz in seiner Brust wie ein Vogel, der nach dunkler Nacht das Sonnenlicht schaut. So stand er allein in dem Gewölbe, er wußte gar nicht, daß Menschen um ihn gewesen waren, daß er hier auf dem Altstädter Ring in einem Laden stand, er hätte seinem Vater nicht geglaubt, wenn er ihm gesagt hätte, daß Lalanda ein herumreisendes Wunder sei, ein so unermeßliches Glücksgefühl, ein solcher Jubel erfüllte ihn, ohne daß er ihm einen Namen hätte geben können.

Da faßte ihn eine Hand etwas unsanft am Ärmel und eine näselnde Stimme weckte ihn aus seinen Träumen:

»Herr, die nächste Vorstellung wird eben beginnen, mit einem Eintrittsgeld darf man nicht zweimal zuschauen!«

Karolus fuhr zusammen, seine Augen verloren ihren träumerischen Glanz, seine Wangen wurden glühendrot, er wagte nicht, dem Störer etwas zu erwidern, wie ein ertappter Dieb schlich er aus dem Gewölbe. Und ohne aufzuschauen, ohne sich an die Zurufe der Neugierigen auf dem Altstädter Ring zu kehren, eilte er wie im Traume von dannen.

Er war berauscht, er ging durch die Gassen und wußte nichts davon, ihm war, als wären seine Augen geblendet, und so kam er unbewußt auf die Kleinseite und stand plötzlich vor dem schönen Gitter unter dem Hradschin, darin ihm unlängst die weiße Frau Medulina erschienen war. Aber der Garten war heute leer und nur der Springbrunnen plätscherte melancholisch durch die Stille. Lalanda, so plätscherte er, Lalanda; es war das Lied, das die Herrliche vorhin gesungen hatte, er hörte ganz deutlich ihre Stimme durch den Tropfenfall und glaubte nun auch sie selbst auf dem Rande des Marmorbeckens sitzen zu sehen, sie winkte ihm liebreich und anmutig, wie einst die holdselige, weiße Frau ihm zugewinkt hatte. Da riß er sich los, die Stimme lockte ihn zurück, er mußte ihr folgen und bald stand er wieder auf dem Altstädter Ring, er drängte sich durch die Menge und stand tiefatmend dicht an der Tür des Wunderladens, ungeduldig den Augenblick ersehnend, bis sie sich wieder öffnen würde. Er wartete gar nicht ab, bis alle Zuschauer herausgetreten waren, und stellte sich ganz dicht an den Rand des Teiches. Ach, und an diesem Tage ging der betörte Karolus Werkmeister nicht mehr aus dem Laden, er stand wie festgewurzelt auf seinem Posten, bezahlte immer von neuem und wartete immer wieder mit Herzklopfen darauf, daß sich die Tür im Hintergrunde des Teiches öffne, daß sie, die Helle, die Wunderbare, hereinschwimme und ihm ihre freundlichen Märchenaugen zuwende. Und sie bemerkte ihn, bei jedem neuen Öffnen der Tür suchten ihre dankenden Blicke immer wieder die seinen, und er stand auf seinem Platze wie ein im Sonnenscheine leuchtender Baum und seine Aste loderten ihr entgegen. Und als der Abend kam, als Lalanda zum letzten Male an diesem Tage ihr betörendes Lied gesungen hatte, da schwamm sie noch einmal an das Ufer des Teiches heran, gerade zu der Stelle, da Karolus stand, und reichte ihm eine Seerose aus ihrem Haare und sprach mit ihrer klangvollen Stimme: »Auf Wiedersehen morgen!«

Und es war seit Jahren das erste Mal, daß Karolus nicht zur Zeit nach Hause kam, er konnte heute nicht nach Hause, sondern irrte in den Feldern vor der Stadt ruhelos umher. .... ...

III.


So war denn endlich für Karolus das große Wunder gekommen, es mußte ein wirkliches, wunderbares Wunder sein, um in seinem Herzen die Sehnsucht zu wecken; ein Meerweibchen aus dem hohen Norden, eine Seekönigin mußte nach Prag kommen, um das Lämpchen in seiner Brust zu entzünden; und Lalanda, Lalanda mußte sie heißen, damit seine Träume in den Tag hinein dauern konnten, damit endlich seine Seele ihren Frieden verliere. In den kurzen Stunden in jener Sonntagsnacht, da ein leiser Schlummer seine Lider schloß, träumte er davon, wie er auf einer fernen Insel säße und auf den Mondschein warte, mit dem auch seine Meergöttin aus den Wellen auf sein Eiland zugeschwommen komme.

Da wurden die Wogen stille, aus dem Schaume, eine zweite Aphrodite, schwang sich die Lichte, Liebliche auf seinen Felsen und hielt ihre Harfe in Händen; und schon erklang ihr Lied: ›Lalanda, Lalanda.‹ Aber er schmiegte sich an sie, ihr Körper ward warm vom Mondenscheine, und ihr Busen, weißer als die Mondesstrahlen, hob und senkte sich bei ihrem Gesange. Er aber sprach kein anderes Wort zu ihr als ›Lalanda‹, und doch verstand sie ganz genau, was er sagen wollte, ihre Augen winkten ihm liebreich zu und ihre Hände lagen still in den seinen. Und als die Sonne fern-fernher ihre Strahlen über die Wellen schickte, da glitt sie sanft vom Felsen ins Meer, das rot aufleuchtete, eine Seerose aber ließ sie ihm zurück und die duftete milder und süßer, als je eine Rose aus dem Garten geduftet hatte. Er wachte auf und hielt die Seerose in Händen und mußte in staunender Verwirrung lange, lange nachdenken, ob er wirklich auf dem Felsen liege, wieso die Seerose in seine Hand gekommen sei. Dann aber erinnerte er sich an die Worte Lalandas vom gestrigen Abend, da sie ihm die Blume gereicht hatte, er drückte sie leidenschaftlich an die Lippen, ein Hauch ihres Wesens duftete ihm aus der Seerose entgegen und glückselig lächelte er vor sich hin.

»Lalanda,« sagte er fast feierlich. Da bemerkte er erst seinen Vater, der zu Häupten seines Bettes stand und verwundert und besorgt auf ihn blickte, der gestern abend so spät nach Hause gekommen war. O, wie errötete Karolus vor seinen Blicken, er hätte am liebsten geweint, denn er wußte nicht, was er dem Vater sagen sollte. Der aber grüßte ihn mild und, wie in einem tiefen Verstehen, sprach er von den Geschäften, die heute zu erledigen waren. So stand denn Karolus auf und machte sich rasch fertig. Er ging ins Geschäft und arbeitete eifrig und angestrengt bis zum Mittag, er wollte keinen Augenblick leer haben, er ging aus der Schreibstube, als die beiden Buchhalter von ihrem Sonntagnachmittag zu sprechen anfingen, er lief aus dem Laden, da die Kommis von dem Wunder zu reden begannen, und half lieber dem Hausknecht, der im Keller arbeitete. Mittags aber eilte er zur Moldau hinunter, wo er einen Gärtner wußte, von dem kaufte er Blumen, Rosen und Lilien, denn Seerosen waren keine da, und dann ging er klopfenden Herzens auf den Altstädter Ring. Es war eben eine Pause in den Vorstellungen eingetreten, aber er durfte eintreten, da er die Blumen vorwies, und so trat er in das Gewölbe.

Das Gewölbe war leer und eine angenehme Kühle empfing ihn und eine Dunkelheit, in der er sich erst langsam zurechtfand. Da sah er auf den Bänken an der Wand die beiden Trommler liegen, sie hatten ihre Trommeln auf den Boden gestellt und lagen nun schlafend in ihren bunten Wämsern ausgestreckt und schnarchten, als ob sie kleine Trommeln im Munde hätten. Der kleine Mann, der ihn gestern mit seiner näselnden Stimme angesprochen und aus den ersten Träumen gestört hatte, kam aus dem Nebengemache, er schaute Karolus mit argwöhnischen, lauernden Blicken an, ein häßliches Lächeln war um seine Lippen, da er die Blumen in der Hand des Jünglings sah. Er sprach nichts, er weidete sich an der Verlegenheit des Gastes und auch Karolus schwieg einige Augenblicke lang, da er gehofft hatte, Lalanda zu sehen und ihr mit einer stummen Verbeugung die Blumen zu überreichen. Denn ihm schwebte die Erinnerung an eine Erzählung vor Augen, in der ein Prinz Erik aus dem Dänenreiche vor einer sagenhaften Königin des Nordens stand, deren Sprache er nicht verstand und deren Liebreiz ihn gefangen hielt: der beugte stumm die Kniee und senkte das Haupt, wie es in der Geschichte hieß, ›als ob er erst durch sie den Ritterschlag der Liebe sollte empfangen.‹ Nun störte ihn das Schnarchen der Trommler, nun schien ihm der kleine, höhnische Mann, der ihm gegenüber stand, wie ein häßlicher Zwerg, der den Zugang zur Grotte seiner Meergöttin neidisch bewacht, und verwirrte ihn. Endlich aber besann er sich und übergab ihm die Blumen.

»Sind die für mich?« fragte der Zwerg spöttelnd.

»Für Lalanda,« sagte Karolus errötend, »von dem, der ihre Seerose bewahrt.«

Da machte der Zwerg eine übertrieben-höfliche Verbeugung, es lag viel Spott und Hohn in der Bewegung seines großen Kopfes, und dann ging er ins Nebengemach. Da Karolus sich umwandte, um aus dem Gewölbe zu treten, niedergeschlagen, weil er sich den Besuch bei seiner Meerkönigin schöner und poetischer gedacht hatte, da öffnete sich rasch die Tür im Hintergrunde, und, wie ein Schwan, kam Lalanda hereingeschwommen.

Sie sprach einige unverständliche und doch wie ein seltsames Deutsch klingende Worte zu ihrem Behüter, der ihr demütig die Blumen übergab und dann aus dem Gewölbe trat. Und mit den Blumen in der Hand wartete Lalanda am Ufer des Teiches, daß Karolus sich ihr nähere.

Und Karolus trat langsam zu ihr hin, ach, er trat langsam zu ihr hin, denn das Herz hämmerte in seiner Brust und die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Wie eine schwere Last lag der Gedanke auf seinem Herzen, daß er nun mit der Wunderbaren allein sei, daß er mit dieser Auserlesenen, Königlichen sprechen solle; er fühlte, wie klein, wie nichtig er war, er, der Kaufmannssohn, der Unbedeutende, der ihr so gar nichts Absonderliches zu bieten hatte, der so durchaus gewöhnlich war, indes sie, eine Königin des Meeres, ihm wie eine Halbgöttin, wie aus einer anderen Welt erschien! Wie ein Hirt erschrecken mag, dem bei seinen Schafen auf einmal Diana auf ihrem Jagdzuge erscheint, um mit ihm zu sprechen, oder wie ein einsamer Schiffer, vor dem plötzlich Poseidon aus dem Meere aufsteigt. Wenn er doch wenigstens die Blumen noch in Händen gehabt hätte, daß er sie ihr mit einer stummen Verbeugung hätte darreichen können! So trat er zögernd an den Rand des Teiches, seine Augen hatten sich schüchtern und doch voll Sehnsucht zu Lalanda emporgewagt, und ihm fiel nichts ein, was er ihr hätte sagen können. Da blitzte es schelmisch in ihren Augen, sie reichte ihm die Rechte hin, indes sie sich mit der linken Hand am Rande des Teiches festhielt, und, da er ihre Hand nicht zu ergreifen wagte, sagte sie mit ihrer freundlichsten, sanftesten Stimme:

»Ihr fürchtet Euch wohl, meine Finger zu berühren, weil sie naß und kühl vom Wasser sind? Sie werden warm, wenn Ihr sie einen Augenblick in Euren Händen haltet!«

Da beugte sich der verwirrte Karolus auf ihre Hand nieder, ihm war, als ob er jetzt ›den Ritterschlag der Liebe‹ empfangen solle, und seine Seele ward frei, da er die Königin so liebreich sprechen hörte. Und es schien ihm ein neues Wunder zu sein, daß die Herrliche, die wohl seit ewigen Zeiten in ihrem Kristallpalaste auf dem Grunde des Meeres gewohnt haben mochte, nun so huldreich und so deutsch zu ihm sprach, er küßte ihr nochmals die Hand und sprach dann, wie erleichtert:

»Ich danke Euch, daß Ihr so freundlich zu mir sprecht! Ich hätte nie geglaubt, daß ich Worte finden würde, um Euch für Eure Schönheit zu danken, und nun kann ich es, weil Ihr auch gut seid! Verzeiht nur, daß ich Euch keine Seerosen gebracht habe, die Euch besser zugesagt hätten, und nehmet heute diese schlichten Blumen gnädig an. Morgen will ich, wenn Ihr mir diese Gunst gewährt, die schönsten Seerosen bringen, die zu finden sind!«

Lalanda schaute Karolus lange prüfend an, als ob sie sich erst darüber klar werden müßte, ob sein seltsames Pathos ernst zu nehmen sei oder nicht. Dann aber lächelte sie kaum merkbar, schwang sich aus dem Wasser auf das Ufer des Teiches, nahe, ganz nahe an Karolus, der ehrfurchtsvoll zurückwich und begann die Rosen und Lilien zu einem Kränzlein zu winden. Als es fertig war, legte sie die bunte Zier schelmisch auf ihren blonden Scheitel, schaute Karolus siegreich und doch flehend von der Seite an und fragte:

»Gefall ich Euch nicht auch mit diesem Kranze aus Rosen und Lilien, Ihr Anspruchsvoller? Gefall ich Euch?«

Da war es Karolus, als ob eine weiche und kühle Hand sein Herz presse, ihm ward ganz eng in der Brust und er wußte keine andere Antwort auf ihre Frage, als die, daß er diese Hand küßte, die noch eben sein Herz fast schmerzlich bedrängt hatte. Sie aber blitzte ihn verführerisch aus den Augenwinkeln an und verstand die Kunst, die Lider nicht eher zu schließen, als bis er fassungslos und ohne Besinnung seine Augen senken mußte. Dann sprach sie - und legte dabei den triefenden Fischschweif näher an Karolus heran, aber ohne ihn zu berühren:

»Noch weiß ich nicht, wie Ihr Euch nennet und von wem ich träumen soll, wenn ich nachts auf dem Grunde dieses abscheulichen Wassers schlafe oder wenn ich auf den Felsen steige, mein Nachtlied zu singen. Denn hier in der Nähe muß ein großer, gewaltiger Dom stehen, mit mächtigen Glocken, das fühle ich, und um Mitternacht dröhnt der Boden hier von dem Klange ihrer sehnsüchtigen Träume. Dann steige ich aus dem Wasser und nehme mein Spiel zur Hand und singe. Ich möchte dann Euren Namen in meinem Liede haben!«

O, das war der richtige Ton für Karolus! Er schnappte nur so nach Luft bei ihren poetischen Worten, nun war er ganz besiegt, die flatternde Seele in seiner Brust legte die Flügel zusammen und ward feierlich und zufrieden still in ihrer Haft, wie ein Vöglein im warmen Käfig. Er sagte ihr mit geschwollenen Worten, wer er sei und wie er heiße, wie er sich in all den Jahren nach einer Lalanda gesehnt habe, und sagte dies alles trotz des Pathos in einem so aufrichtigen und ehrlichen Tone, daß Lalanda vor Vergnügen jauchzte und daß ihr Karolus wirkliche Freude bereitete. Und als er ihr nun von seinem Glücke sprach, daß er sie nun endlich gefunden habe, daß sie, die Herrliche, ihm endlich erschienen sei, da lehnte sie ihr schönes, blondes Haupt zärtlich an seine Schulter und sah ihn von unten her so verheißend und gewährend an, daß er sich beinahe ein Herz gefaßt und sie geküßt hätte. Aber er tat es nicht, er vergaß nicht, daß sie die Meerkönigin war und er nur der einfache, nichtssagende Kaufmannssohn, und küßte sie nicht. Er schaute sie nur dankbar an, ein kalter Schauer rieselte ihm über den Rücken und seine Lippen wurden trocken. Und er fühlte es wie eine Erleichterung, als ihm die Frage einfiel, woher sie so schön deutsch spreche. Sie ließ ihr Haupt an seiner Brust liegen, sie nahm spielend seine Finger in die ihren, ihre Blicke wurden sehnsuchtsvoll und dann erzählte sie, wie sie oft an deutschen Küsten geschwommen sei und deutschen Schiffern gelauscht habe, wenn sie nachts in ihren Kuttern sich ihre Mären erzählten oder ihre schwermütigen Lieder sangen.

»Und da wurde mein Herz weit bei ihrem Gesange, ich verstand ihre Sprache und lernte sie gebrauchen. Und oft, wenn ich auf dem Grunde des Meeres vor meinem Palaste saß und ein deutsches Lied nachsang, so klang es den Schiffern oben wie ein fernes, fernes Echo ihrer Gesänge, ich sah sie droben sich über den Rand ihrer Boote neigen und in den wundersamen Spiegel niederschauen; und manch einen faßte das Heimweh so mächtig, wenn er mein Lied hörte, daß es ihn am Bord seines Schiffes nicht länger litt und er ins Wasser stieg, dem Klange nachzugehen. Ich aber habe nie, das schwöre ich, nie Männer zu mir ins Meer locken wollen! Wer zu mir kommen will, der muß freiwillig kommen. Und wenn ich wüßte, daß Ihr, lieber Karolus, oben auf dem Meere in Eurem Boote meinem Liede lauschtet, und wenn Euer liebes Antlitz sich über den Rand des Bootes neigte, ich würde nicht weiter singen, würde verstummen, damit Euch kein Leids geschehe!«

Sie schaute ihn wieder mit ihren schönen, glänzenden Augen an, innig und lang, bis er ganz sinnlos von ihren Worten und wie aus einem Traume heraus sagte:

»Ich stiege von selbst zu Euch hernieder, o Lalanda, und Ihr müßtet mich in Euren weißen Armen auffangen; und ich möchte mein Leben lang neben Euch sitzen und Euren Liedern lauschen!«

»Wie lieb, wie gut Ihr seid!« hauchte Lalanda, ein Schauer des Glücks schien ihren Leib zu erschüttern und sie senkte verwirrt die Blicke. Da trat aber der häßliche Zwerg ins Gewölbe, er ging mit lauten Schritten, die seiner kleinen Gestalt gar nicht entsprachen, auf die Trommler zu und weckte sie.

»Auf, ihr Faulenzer, es ist Zeit, die Stunde ist um! Macht fertig!« Da glitt Lalanda hastig ins Wasser, sie reichte noch einmal Karolus die Hand und sagte ihm mit einem langen Blick: »Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen heute abend!«

Und langsam mit rückgewandtem Haupte schwamm sie aus dem Zimmer. Die Tür schloß sich hinter ihr, und zwischen den Trommlern, die ihre Instrumente umgehängt hatten, verließ Karolus betäubt und fassungslos den Raum. Und der harte Trommelwirbel verfolgte ihn über den Altstädter Ring und höhnte ihm nach, als er schon weit von seinem Paradiese entfernt war.

IV.


Die folgenden Tage verlebte Karolus in einem Märchen; die Stunden im Geschäfte zählten für ihn nicht, er verbrachte sie nur in Sehnsucht nach dem Mittag und den kurzen Stunden am Abend, wenn die letzten Gäste aus dem Gewölbe auf dem Altstädter Ring geschieden waren und Lalanda nur für ihn noch einmal aus ihrem Ruhezimmer hereingeschwommen kam. Und es war Mittwoch und Donnerstag geworden, zwei kurze Tage blieb Lalanda noch in Prag, dann mußten die Liebenden scheiden. Denn es war kein Zweifel, Karolus mußte sich's in seinem zitternden Herzen selbst gestehen, Lalanda, die Meerkönigin, die Göttliche, die Wunderbare, liebte ihn und neigte sich seinen schlichten Worten. Sie hatte es ihm heute abend selbst gesagt, daß sie die Minuten zähle, bis er wieder zu ihr kommen könne, daß ihr das Leben schal und unerträglich scheine, wenn er nicht mehr am Wasser stehen und mit ihr sprechen könne.

»Schau, bin ich nicht warm wie eure Mädchen,« sagte sie, »pocht mein Herz nicht ebenso stark in meiner Brust? Fühlst du es, fühlst du es schlagen, Karolus? Und nun muß ich Unglückliche wieder von dannen ziehen, ewig, von Stadt zu Stadt, und den häßlichen Menschen mich darbieten! Ich bin unglücklich, Karolus, unselig, denn ich bin eine Gefangene und möchte so gerne in Freiheit leben, lieben und lachen und weinen, wie ihr Menschen, mich an dich schmiegen, Karolus, und dir in die Augen schauen. Und doch wird keine Macht der Erde mich erlösen!«

Und Karolus hatte unter ihrem Mieder, unter ihrem weißen schimmernden Busen das Herz klopfen gefühlt, gleichmäßig und ruhig, denn sie war ja trotz ihrer Erregung ein kühlerblütiges Meerweibchen und ein unendliches Mitleid mit der armen, gefangenen Seekönigin füllte seine Augen.

»Flieh mit mir,« rief er ihr zu, wie Kandalus im Romane, »flieh mit mir, ich will dich gegen eine Welt verteidigen!«

Da deutete sie stumm und traurig auf ihren Fischschwanz und seine Hoffnungen zerrannen.

»Ich will irgendwo an einem Meere oder See ein Häuschen für uns bauen, dann sollst du in deinem Wasser leben können und doch in meiner Nähe sein und sollst mit mir Zwiesprache halten und des Nachts -« Er schwieg, er errötete.

»Küsse mich,« sagte Lalanda, »küsse mich recht vom Herzen!«

Und er preßte die Lippen auf ihren Mund und fühlte, wie auch ihre Lippen heiß wurden, heißer als er es geahnt hätte; denn es glühte ihm bis ins Herz hinab und sein Mund war noch in der Nacht brennend heiß von ihrem Kusse. Und als sie gar ihre weißen, nackten Arme um seinen Hals schlang und ihn an sich preßte und nicht loslassen wollte, da schloß er die Augen, er umarmte sie und drückte sie noch fester an sich und vermeinte sterben zu müssen.

»Ich muß dich retten, du mußt mein werden!« sagte er, tief Atem schöpfend, »mein für immer!«

Da huschte ein Lächeln, ein siegreiches Lächeln über ihr Gesicht, sie wiederholte ihre heißen Umarmungen, dann schlüpfte sie rasch ins Wasser, denn der Zwerg war ins Gewölbe getreten, um die Tore zu schließen.

»Denk an dein Versprechen!« rief sie dem Scheidenden nach. Er aber stand auf dem Altstädter Ring, er hob die Rechte wie zum Schwure gegen den sternenbesäeten Himmel und sprach feierlich in den Abend hinein: »Ich schwöre!«

In dieser Nacht, als endlich ein unruhiger Schlummer seine Augen schloß, träumte Karolus wieder, er stehe auf dem Strande. Der Mondschein lag in einem breiten, schimmernden Streifen auf den ewig bewegten Wellen und mitten in dem breiten Streifen Mondlichtes kam vom Rande des Horizontes Lalanda auf ihn zugeschwommen. Er sah ganz deutlich in der Ferne ihr blondes, weiches Haar, ihr Kopf hob sich wie eine große, phantastische Blume aus dem bläulich-flimmernden Wasser. Sie kam näher und näher und nun streckte sie ihm die Arme entgegen und winkte ihm. Und ganz deutlich hörte er ihre Stimme angstvoll rufen: »Karolus, Karolus, rette mich!« Er aber stand auf dem Ufer, er schaute verzweifelnd auf die Geliebte, die mit den Wogen rang, er wollte sich ins Meer stürzen, aber ein schrecklicher Gedanke hielt ihn zurück. »Ich kann nicht schwimmen!« sagte er erst tonlos vor sich hin, dann sagte er es lauter und immer lauter, er schrie es Lalanda zu: »Ich kann nicht schwimmen!«

Da schallte ein höhnendes, entsetzliches Lachen aus dem Meere zu ihm hin, Lalanda hob sich noch einmal hoch aus den Wellen, dann sank sie ins Meer. Und nur einige Seerosen und Lilien schwammen hilflos und armselig auf den Wellen und bezeichneten die Stelle, an der Lalanda verschwunden war.

Karolus erwachte aus seinem Traume, der Angstschweiß stand auf seiner Stirn. Der Vater war an sein Bett getreten, das Schreien seines Karolus hatte ihn geweckt.

»Was hast du nur für böse Träume, Karolus?« fragte er.

»Gottlob, daß es nur Träume sind,« sagte sein Sohn. »Ich habe einen schrecklichen Traum gehabt!«

Als er mit dem Vater beim Frühstück saß, da übermannte ihn plötzlich sein Herz und er wollte dem Vater alles beichten. Und er fing auch zu sprechen an und sagte: »Vater! ...«

Aber mehr brachte er nicht über die Lippen; er wußte nicht, wie er dem Vater auch hätte sagen sollen, daß ein Wunder geschehen sei, daß ihn eine Meerkönigin erwählt habe!

»Vater,« sagte er, und als sein guter Vater teilnahmsvoll ihn anschaute, da schlossen sich seine Lippen, eine dunkle Röte färbte seine Wangen und seine Lider senkten sich.

»Was willst du von mir?« fragte der Vater und alle Güte seines Herzens, alle Liebe zu seinem Einzigen war in seinen Worten: »Was gäbe es, was ich dir nicht gewähren könnte?«

Aber Karolus Blicke irrten im Zimmer umher, er schaute für Sekunden ängstlich den Vater an, aber er fand keine Worte.

»Brauchst du Geld?« fragte ihn der Vater.

Da nickte Karolus mit dem Kopfe, ja, Geld werde er brauchen, aber der Vater möge ihm verzeihen, wenn er noch nicht sagen könne, wofür.

Da gab ihm der Vater, der gewöhnt war, seinem Sohne unbedingt zu vertrauen, da er dessen Bravheit und Tugend kannte, Geld, mehr, als Karolus erwartet hatte. Er nahm es mit innigem Danke an, er hatte das dunkle Gefühl, er werde zu Lalandas Entführung Geld, viel Geld brauchen, und damit wollte er nicht sparen. ›Ich will arbeiten wie ein Knecht,‹ sagte er zu sich, ›ich will mir die Hände blutig arbeiten; aber erst muß ich sie erretten!‹

Mittag, den letzten Mittag, der ihm gegönnt war, brachte er Lalanden nebst den Seerosen ein schmales Ringlein, ein Herz hing an einem Kettchen daran, und er steckte ihr den Reif feierlich an den schlanken Finger, ohne etwas zu sprechen. Sie umarmte und küßte ihn stürmisch, noch heißer als gestern und sah ihm noch tiefer in die Augen, und mit einer Stimme, die zärtlich und doch ganz anders, wahrer und herzlicher als früher klang, sagte sie zu ihm:

»Nimm mich fort von hier, nimm mich mit dir, ich will dein sein für immer, nur errette mich von diesem Zwerge, errette mich aus dem Wasser hier, ich sterbe vor Scham und Ekel bei diesem Herumziehen in der Welt, bei diesem Ausgestelltsein, ich sehne mich nach Frieden und Glück, ich beneide die anderen Mädchen, ich sehne mich nach einer . .....« Häuslichkeit wollte sie sagen, die Seejungfrau aus dem dunklen Norden, und sie dachte dabei wohl an ihren schimmernden, herrlichen Kristallpalast auf dem Grunde des Meeres. Aber sie hielt inne, da sie bei diesem Worte angelangt war, sie schaute Karolus rasch von der Seite an, forschend und fast ungeduldig. Er aber blickte sie voll Mitleids an und nickte langsam mit dem Kopfe. »Du weißt nicht,« sagte sie traurig, »was ich schon alles erdulden mußte, wieviel Schande und Elend, wie satt ich dieses Leben habe!«

Und Karolus streichelte ihr in innigem Mitgefühl die Arme, er streichelte ihr die Wangen und er seufzte bei dem melancholischen Gedanken, daß dieser herrlichen, edlen, königlichen Seejungfrau das Elend des Irdischen nicht erspart geblieben sei, daß sie leiden müsse und gewiß das Elend schmerzlicher fühle als ein Menschenkind. Und sein Finger glitt mitleidig und doch ehrfurchtsvoll über die Schuppen ihres Fischschweifes, der zierlich auf dem Rande des Teiches lag.

»Hast du mich denn wirklich lieb?« fragte Lalanda.

»Ich verehre dich!« antwortete Karolus, und als wäre dieses ›ich verehre dich‹ noch zu kühn, setzte er die Worte hinzu, die Baronzo im ›Unvergeßlichen Liebhaber‹ zu Graziosa sagt: »Meine Nacht ist voll von deiner Sonne und mein Tag voll von deinem Mondlicht, du Königin!«

Da erscholl plötzlich vor der Tür der Trommelwirbel der beiden Spielleute, grausam und empörend nahe, und schon stand auch der Zwerg im Laden. Karolus wandte sich zum Gehen; er drückte nur rasch dem Zwerg ein Goldstück in die Hand. Als er sich dann noch einmal umkehrte, hob Lalanda die Hand aus dem Wasser, das Ringlein glänzte an ihrem Finger wie ein Stern in der Nacht, dann entschwand sie. Und schon traten die ersten Besucher in das Gewölbe.

V.


Am Nachmittag, in all den kleinen Geschäftigkeiten des Geschäftes mußte Karolus immer wieder an den Abend denken. Aber seine Pläne und Entführungsgedanken kamen nicht über die Worte: ›heute abend‹ hinaus, er wußte nicht, was dann geschehen werde, er konnte sich nicht so weit sammeln, um einen bestimmten Plan fertigzustellen. Einmal fiel ihm ein, er werde sie fassen, sie sollte ihre runden, glatten Arme um seinen Hals schlingen, und so wollte er sie bis zur Moldau, zum Flusse, hinabtragen, um sie dort ihrem Elemente zu übergeben; er selbst wollte dann in einem Kahne neben ihr herfahren, bis sie irgendwo außerhalb Prags eine ruhige Zuflucht finden würden. Aber er verwarf diesen Gedanken, die Stadtsoldaten würden ihn sicher auf dem Wege festnehmen, oder die Schiffer an der Moldau drunten würden ihn ergreifen und auf die Wachstube führen. Auch verzweifelte er an seiner Kraft, das süße, holde Geschöpf bis an die Moldau tragen zu können. Er wollte jedenfalls gegen neun Uhr abends einen Wagen auf dem Altstädter Ring warten lassen, er dachte einen Augenblick daran, eine Wasserkufe in den Wagen zu stellen, aber auch das würde auffallen. Was dann weiter geschehen solle, das mußte er dem Schicksal überlassen, der Gott der Liebenden würde sie sicher beschirmen und ihnen gnädig sein. Er ging Nachmittag nach Hause, um seinen großen Radmantel zu holen, den er Lalanda um den Leib legen wollte, wenn er sie zum Wasser trüge. Er steckte das Geld zu sich, zählte eine runde Summe ab, um nötigen Falles den Zwerg damit zu bestechen und nahm dann gegen Abend zwei Flaschen des schwersten Ungarweines in die Taschen, die beiden Trommler zu berauschen, falls sie wach wären. ›Das ist das beste Mittel!‹ sagte er zu sich und dachte an eine Stelle in einem Räuberroman, wo des Kerkermeisters Töchterlein den Ritter befreit. Er verabschiedete sich still, aber mit einem langen Händedruck von seinem Vater, der ihm kopfschüttelnd nachschaute, und ging, eilte, lief durch die Gassen, die beiden Flaschen an die Brust gedrückt, bis er fast atemlos auf dem Altstädter Ring anlangte.

Er kam noch zu früh, und doch lag der Platz wie in einem ersten Dunkel da, nur aus einigen Geschäften und Wirtsstuben drang ein matter Lampenschein fahl in die Dämmerung. Der Himmel hatte sein Leuchten verloren, er war blaugrau, aber ohne Farbe, fast wolkenlos. Nur ein kleines schmales Wölkchen schien sich an der Spitze des Teinturmes gefangen zu haben und hing droben wie eine melancholische Fahne, mit welcher der Wind spielt.

Auch aus Lalandas Fenster fiel ein matter Lichtstrahl ins Dunkel unter der Laube, aber es schien, als ob noch eine Schar Neugieriger vor ihrer Tür stehe. Jetzt erklang auch noch einmal ein schwacher Trommelwirbel durch die Stille, dann hörte Karolus, der im Schatten der Häuser umherschlich, wie die Stimme des Zwerges sich erhob und verkündete, daß noch ein einziges Mal der Eintritt gestattet sei, wer das Wunder noch einmal zu sehen wünsche, müsse jetzt eintreten, dann schließe sich die Türe für immer. Dann sah Karolus mit bebendem Herzen noch eine Menge Leute in das Gewölbe treten und stand fröstelnd und sehnsuchtsvoll, wie auf sein Stichwort harrend, auf seinem dunklen Posten. Er schaute die Tür an, er stellte sich tiefatmend vor, wie er die Geliebte, Einzige, Wunderbare in einer kurzen halben Stunde über die Schwelle tragen werde, hier bei dem schmalen Teingäßchen werde der Wagen warten und rasch mit ihnen von dannen fahren. Wohin? Das wußte Karolus jetzt selbst noch nicht, die Unterredung mit Lalanda werde Gewißheit bringen, wohin, ach, jedenfalls in eine glückliche Zukunft.

»Ich hätte einen Dolch mitnehmen sollen!« fiel ihm ein, und seine Finger ballten sich zusammen, als ob sie schon den Griff eines Dolches hielten und zustoßen müßten. »Denn viel Gefahr wartet auf mich und manches Abenteuer gilt's zu bestehen! Wenn die Trommler nicht weichen wollen!« Er griff nach den Flaschen in seinem Mantel, »wenn der Zwerg nicht zu bestechen ist!«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür zu Lalandas Laden und der Streifen des Lichtes fiel greller und breiter ins Dunkel. Dann kamen lärmend die befriedigten Neugierigen aus dem Gewölbe heraus, sie standen noch in Gruppen beieinander, ein säumiger Nachzügler kam als Letzter über die Schwelle. Dann traten auch die beiden Trommler vor die Tür, sie nahmen die großen Bilder Lalandas, die zu beiden Seiten des Einganges aufgehängt waren, herunter und trugen sie in den Laden, dann kamen sie noch einmal mit ihren Trommeln und gingen über den Altstädter Ring nach Hause.

»Gott sei Dank,« sagte Karolus, »die werden nicht wachen!« Und dann, er traute seinen Augen kaum, dann trat auch der Zwerg in die Tür, er schaute sich mißtrauisch um, als ob er auf jemanden warte, dann öffnete er noch einmal die Tür und sprach einige Worte ins Gewölbe hinein. Und dann - Karolus hatte sich noch tiefer ins Dunkel zurückgezogen - dann ging auch der von dannen.

›Allein!‹ jubelte es in Karolus Seele, ›sie ist allein, sie wartet auf mich, sie liebt mich, ich werde sie erretten, sie wird mein sein!‹ Er schaute dem Zwerge nach, bis er im Dunkel verschwand. Ein letzter Verdacht stieg lähmend in ihm auf, der Zwerg könnte die Tür hinter sich gesperrt haben! Er lief eilig der Tür zu, mit verschwendeter Kraft drückte er die Klinke nieder, die Tür öffnete sich weit und er stürzte in das Gewölbe.

Auf dem Rande der Kufe, seiner harrend, lag Lalanda, im Scheine der Lampe leuchtete ihr weißer Busen aus dem dunklen Mieder hervor und ihre Augen lachten ihn an, da sie die Arme ihm entgegenstreckte.

»Endlich,« sagte sie, »endlich kommst du! Ich hatte schon Angst, du kämest nicht!«

Er stürzte in ihre Arme, sie faßte seinen Kopf und übersäte seinen Mund mit heißen Küssen. »Liebst du mich?« fragte sie immer von neuem zwischen den glühenden Küssen. »Liebst du mich wirklich?«

Und sie reckte sich empor, daß sein Mund ihren Hals und den feinen Ansatz ihres Busens küssen mußte. Er bog den Kopf zurück, er erschrak bei der Berührung der weichen, warmen Sammethaut, als müsse er sich entschuldigen, daß er ein Heiligtum berührt habe. Dann legte er den Radmantel ab, wies auf die beiden Flaschen Weins in den Taschen und sagte: »Die waren für die beiden Trommler, falls sie uns gestört hätten, oder für den Zwerg, wenn sein Neid uns nicht allein gelassen hätte. Gottlob, sie sind fort, und nun laß uns beraten, Lalanda, wie ich dich errette. Ein Wagen harrt draußen auf unsere Flucht, wie aber bekomme ich dich in den Wagen, du Herrliche! Und wirst du es auf dem Trocknen aushalten? Wirst du es überleben? Denn ehe wir vor die Stadt zur Moldau kommen, vergeht wohl eine halbe Stunde und dann will ich dich ins Wasser zurückgleiten lassen und auf dem Ufer stehen und dir folgen, bis wir ein ruhiges Plätzchen finden, oder, wenn deine Sehnsucht dich ins Meer zurückzieht, will ich auf dem Ufer der Flüsse, dich im Angesichte wandern, bis wir ans Meer gelangen!«

Da richtete sich Lalanda vom Rande des Teiches auf, sie zog den Kopf Karolus' nahe, ganz nahe an ihren Mund heran und fragte fast geheimnisvoll noch einmal:

»Liebst du mich wahrhaftig, sehnst du dich nach mir? Schwöre mir, daß du mich liebst!«

Und Karolus schauerte zusammen, so feierlich war die Frage, er hob die beiden Finger seiner Rechten zum Schwure in die Höhe und sagte ernst:

»Ich liebe dich, ich sehne mich nach dir. Ich bin glücklich, daß du mich erhöht hast durch deine Liebe. Ich wünsche nichts anderes, als daß du mich liebst!«

»O du unglückseliger, armer, armer Karolus,« sagte Lalanda traurig, »daß du gerade mich lieben mußt, gerade mich, die ich halb Fisch, halb Mensch bin! Indes du wert wärest, daß dich ein schönes Menschenkind liebte und glücklich machte!«

»Aber ich will dich gar nicht anders, Lalanda,« jubelte Karolus, »ich liebe dich, weil du so bist, so herrlich, so über alle Maßen schön und wunderbar, so königlich und erhaben!«

»Du guter Karolus,« antwortete sie ihm, »ich weiß, daß du mir das Leid geringer machen willst, das ich empfinden müßte, wenn ich« - ihre Stimme wurde wieder feierlich, aber es lag doch wie ein Jubel in ihren Worten - »wenn ich dich nicht jetzt im nächsten Augenblicke zum glücklichen, glücklichen Menschen machen könnte! Schraube den Docht der Lampe zurück, ich will dir ein Geheimnis verraten, ich will deine Sorgen enden. Ich habe den ganzen Tag nachgedacht, ob ich dir's verraten soll, ob du würdig bist, es zu erfahren. Aber du liebst mich, du willst mich aus diesem Elende befreien, du sehnst dich nach mir, wir wollen glücklich werden!«

Karolus folgte ihrem Auftrage, seine Finger zitterten, da er den Docht zurückschraubte, so seltsam, wie eine Beschwörung klangen die Worte Lalandas; wie Jaromir war ihm zumute, da Kleophas, der Zauberer vom Moore, ihn in seine Höhle lädt. Und es ward fast dunkel im Gemach.

»Verschließe die Tür!« befahl sie.

Er drehte den Schlüssel um, er versuchte, ob die Tür fest verschlossen sei. Dann sprach Lalanda: »Wende dein Antlitz von mir und warte, bis ich dich rufe. Dann wende dich rasch um, schau mich rasch an! Aber nur einen Augenblick lang! Dann aber schließe die Augen, daß ich vor dir nicht sterbe!«

»Was beginnst du?« fragte Karolus in tiefster Erregung, »was soll ich erfahren?« Und er dachte nicht anders, als daß nun der Boden sich öffnen und er mit Lalanda tief, tief in einen Schacht versinken werde, um auf dem Grunde des Meeres vor ihrem Palaste zu erwachen. Er atmete auf, als wolle er noch einmal ordentlich Luft sammeln, ehe er versänke.

»So denke an unsere Liebe!« sagte Lalanda. »Und nun, Karolus, Karolus, sieh mich an!«

Da wendete sich Karolus zitternd um, er hob die Augen zum Rande des Teiches und machte unwillkürlich einen Schritt nach vorwärts. Aber er taumelte im gleichen Augenblicke, wie vor die Stirn geschlagen, zurück. Auf dem breiten Rande des Bottichs - stand Lalanda aufrecht, aufrecht auf zwei Beinen wie ein anderer Mensch auch, sie hatte das Mieder an, aber die Beine, üppige, pralle Beine, waren nackt! Und triumphierend, mit einem siegesgewissen Lächeln schwang sie die schillernde Fischhaut in der Hand, aus der sie geschlüpft war.

»Das tat ich für dich!« rief sie, »weil ich dich liebe! Bist du jetzt glücklich?«

Und schon sprang sie, wie ein ausgelassenes Kind, lachend in den Teich, um den Fischschweif unterm Wasser - zum letzten Male - anzulegen.

Karolus stand mit weit aufgerissenen Augen da, er fühlte ganz deutlich den Stoß, den er vor die Stirne bekommen hatte und hob wie abwehrend die Arme. Er wollte schreien, aber eine unsichtbare Hand hatte seine Gurgel umfaßt und schien ihn erwürgen zu wollen, seine Arme ruderten durch die Lüfte.

»Du bist ein Menschenweib!« schrie er mit furchtbarer Anstrengung; er hörte mit donnerndem Getöse den Kristallpalast seiner Träume zusammenkrachen, »eine schamlose Person, nackt, pfui, o pfui, nackt« . ....

Er griff sich an die Stirn, ein unnennbarer Ekel erfüllte sein Herz, seine Augen waren trocken.

»Du hast mich betrogen!« schrie er, und seine Stimme überschlug sich.

Lalanda aber hob jetzt den Kopf wieder vom Wasser und schaute Karolus lachend an, ihre Perlenzähne schimmerten zwischen den geöffneten Lippen; denn sie hatte die Worte des Karolus nicht verstanden und hielt sein seltsames Gehaben für die Äußerungen seines freudigen Staunens. Und mit herausforderndem Lachen fragte sie:

»Nun sprich, Karolus, bist du glücklich, daß ich dir die Rettung so leicht gestalte? Gleich will ich mich fertig machen!«

Da hatte Karolus wieder Atem bekommen, seine Brust keuchte noch, er stürzte zum Teiche.

»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er in ihre Worte und in ihr Lächeln hinein, er faßte Lalanda und hätte sie geschlagen, so sinnlos, so entsetzt, so betrogen und um sein Wunder beraubt fühlte er sich. »Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er.

Lalanda aber begriff seine Worte immer noch nicht, sie war zu fest davon überzeugt, daß sie klug gehandelt habe, sie sah ihn mit verständnislosen Augen an, sie hob den Fischschwanz spielend aus dem Wasser, wie sie gewöhnt war, und lachte dazu und machte eine Schwimmbewegung mit den Armen und rief neckend und schelmisch:

»So fang mich doch, Karolus, fang mich doch!«

Da griff Karolus nach ihr, eine heiße Blutwelle war ihm zu Kopfe gestiegen und verwirrte ihn, er umfaßte ihren Hals und zerrte die Erschrockene an den Rand des Bottichs; und er würgte sie in seiner sinnlosen Enttäuschung und schrie »Betrügerin, schamlose Betrügerin!«, ohne es zu wissen, und hätte die Hände nicht vom Halse Lalandas gelassen, wenn sie in ihrer Todesangst und der plötzlichen Erkenntnis, wie sie sich um Karolus gebracht, in ihrer Wut und Empörung über seine Dummheit nicht ihre Nägel in seine Hände gebohrt und endlich seine Finger von ihrem Halse gezerrt hätte. Dann biß sie ihn blitzschnell tief in die Finger, tauchte unter und verschwand unter der Tür hindurch in das zweite Gemach.

Karolus erwachte vor Schmerz, dann packte er seinen Mantel, aus dem eine Flasche herausgefallen und zerbrochen war, und stürzte aus dem Gewölbe. Der Kutscher, den er gemietet hatte, schien schon auf diesen Augenblick gewartet zu haben, er fuhr aus dem Dunkel heran und öffnete rasch den Wagenschlag. Und Karolus warf sich in den Wagen, sinnlos lachend; und so fuhr er von dannen, der Moldau zu.

Karolus lag erschöpft in dem Wagen, der stolpernd über das schlechte Pflaster der Judenstadt holperte, er wurde von einer Seite zur anderen geworfen und geschüttelt und wußte nichts davon. Eine trostlose Niedergeschlagenheit hatte sich seiner bemächtigt, ein unsäglicher Ekel schnürte ihm die Kehle zu, und nur die Wunde an seiner Hand lehrte ihn, daß es Wirklichkeit war, was er erlebt hatte. Er wollte weinen, wie ein Kind, dem seine schönsten Weihnachtsträume nicht erfüllt worden sind und das unter dem schimmernden Weihnachtsbaum mit großen Tränen in den Augen steht und nur daran denken muß, wie ganz anders es sich den Weihnachtsjubel vorgestellt hat. Dabei fieberte er beinahe vor Scham, daß Lalanda sich ihm entblößt gezeigt hatte, wie eine Dirne in dieser Judenstadt, durch die sie fuhren, in der er manch einmal mit dem Gefühle des größten Ekels Mädchen mit nackten Busen an den Fenstern gesehen hatte, die ihm winkten.

»Wie eine Dirne,« sagte er laut vor sich in das Dunkel hin. »Und das war Lalanda, die Meerkönigin, das war mein Traum! Gott, Gott, wie werde ich das überleben!«

In diesem Augenblicke hielt der Wagen, der Strom lag im Mondesscheine glitzernd da und der Kutscher öffnete den Schlag und, wie hätte er den Sohn des reichen Werkmeister nicht kennen sollen, fragte mit einer höflichen Verbeugung:

»Will der Herr Werkmeister hier stehen bleiben oder sollen wir über die Brücke hinüber?«

Da schrak Karolus zusammen. »Fahrt zu, wohin Ihr wollt,« sagte er, und sich besinnend, fügte er bei: »bis ich Euch rufen werde, daß ich aussteigen will.«

Da stieg der Kutscher kopfschüttelnd wieder auf den Bock und der Wagen holperte weiter. Die Laternen wurden immer seltener und schon waren sie auf der einsamen Landstraße.

Wie eine Dirne! An dieses Wort klammerten sich seine Gedanken. Dirne! Er sprach das Wort laut aus, es hatte einen scharfen Klang, wie wenn Seide zerrissen wird. Schamlose Dirne! Er hatte das Wunder, die reine, kühle, königliche, ferne Meerkönigin geliebt, aber der schillernde Fischschweif war Lüge, Täuschung, schamloser Betrug, darunter steckte das Gewöhnliche, Schamlose - ihn schauderte, als wenn ein Frost ihn schüttelte - das Dirnenhafte! »Und diese Dirne schämt sich nicht, ihren Betrug zu entdecken, sie scheut sich nicht, die Fischhaut wie eine Trophäe in die Höhe zu heben, mit nackten Beinen vor mir zu stehen! O, ich hätte sie erwürgen sollen, diese Lügnerin, diese schamlose Dirne!«

Große Tränen rollten über seine Wangen, ein tiefes Mitleid mit seiner Enttäuschung, mit seiner Jugend erfüllte ihn, sein Herz ward leichter und eine warme Sehnsucht nach einem Menschen, dem er sich an die Brust werfen könnte, ergriff ihn. Er nahm einen ordentlichen Schluck Weines aus der Flasche, dann schaute er tränenden Auges zum Himmel empor, die Sternlein flimmerten wie Diamanten durch seine Tränen und er rief dem Kutscher zu, er möge ihn rasch nach Hause fahren. Da wendete der Kutscher die Rosse und der Wagen rollte dem nächtlichen Prag entgegen.

Über die Unterredung, die Karolus mit seinem Vater in dieser Nacht gehabt, wie der Vater zuerst über das verstörte Gesicht, über die Wunde an der Hand seines Karolus erschrak, wie dieser dann allmählich sein Erlebnis, sein Glück und seine Enttäuschung beichtete, darüber steht nichts mehr - in der alten Chronik von Prag. Es steht kein Wort darüber, daß der Vater Werkmeister seinen Sohn ans Herz geschlossen und geküßt hat und daß er doch bei allem Mitleid lachen, lachen mußte über seinen verträumten Karolus und daß er dann den rätselhaften Ausspruch tat, daß im Leben jedes Mannes der Tag kommen müsse, an dem sein Ideal den glitzernden Fischschwanz von sich tue! Denn Chroniken sind nicht sentimental, und so wollen wir lieber kein Wort zu dieser historischen Erzählung hinzudichten. Es steht nur ein kurzer Nachsatz in der Chronik, daß Lalanda von da an aus Prag verschwunden war und nichts mehr von ihr verlautete.

Karolus muß sich wohl mit der Zeit getröstet haben; er wird wohl auch ein anderer geworden sein, sonst hätte er nicht verlangt, daß an dem fertigen, neuen Hause in der Karlsgasse das steinerne Konterfei Lalandas angebracht und das Haus ›Zum Meerweibchen‹ genannt werde. In den alten Büchern ist nichts weiter darüber berichtet. Wohl aber steht in den Kirchenbüchern der alten Königlichen Hauptstadt Prag der Name Karolus Werkmeister, Prager Bürger und Besitzer des Hauses ›Zum Meerweibchen‹ und daneben ein anderer Name, der gar nicht wie Lalanda und ganz und gar nicht romantisch klingt, Barbara Werkmeister, geborene Knobloch, Tochter eines Haus- und Gartenverwalters von der Kleinseite unter dem Hradschin, und es ist verbürgt, daß Karolus sie in zärtlichen Augenblicken Medulina nannte. Und in den Büchern folgt auf diese beiden Namen eine Menge Kinder.

So schließt diese merkwürdige Geschichte ebenso historisch, wie sie begonnen hat, und wer sie nicht glaubt, der möge ruhig in der Chronik der Königlichen Hauptstadt Prag nachlesen. Er wird sie darin aufgezeichnet finden und in der Karlsgasse noch heute das Haus sehen, das den gleichen Namen trägt wie diese Geschichte. Dann mag er kopfschüttelnd und nachdenklich durch die Karlsgasse weiterschreiten bis zur Moldau. Dort aber wird er die Augen weit öffnen und auf den Hradschin hinüberschauen, die Königliche Burg, die herrlich und majestätisch von der Höhe herübergrüßt, und er wird fühlen, daß man aus dieser Stadt, darüber der Hradschin thront, nur historische Geschichten erzählen kann, seltsame und wunderbare Historien, wie diese vom Meerweibchen.




Der Spiegel

Eine Legende

I.


Zu jener Zeit, in welche die Dichter mit vollem Recht und Fug ihre Legenden verlegen dürfen, weil dazumal der Heiland und die Mutter Gottes noch ein Vergnügen hatten, die Menschen zu lenken - jungen Eltern gleich, denen die Kindererziehung noch Freude und Lust bereitet -, zu jener Zeit also stand abseits von der Heerstraße mitten im Walde ein weitläufiges, schönes Nonnenkloster von strengen Sitten, in welchem, fern vom Lärm und Hasten der Welt, die Nonnen ein beschauliches und ihrem himmlischen Bräutigam ergebenes Leben führten. Die Stille in diesem Kloster war eine so große und die einschläfernde Macht der Gewohnheit, unterstützt durch das gleichmäßige Rauschen des Waldes, eine so überwältigende, daß die Geißel an der Wand verstaubte und die frommen Frauen alt wurden und ehrwürdig dahinlebten, und daß eine Wolke der Heiligkeit über dem Kloster schwebte.

So ist es begreiflich, daß der Böse ein unabweisliches Verlangen fühlte, in diesem Kloster seine Künste zu probieren, und daß er der Madonna, als er sie einmal aus der Klosterpforte schreiten sah, in seiner Keckheit zurief, diese Burg der Frömmigkeit sei wohl auch nicht so uneinnehmbar, wie sie glaube.

Da sah ihn die Madonna mit ihren dunklen Augen - wie sie der göttliche Raffael uns überliefert hat - durchdringend an und sprach: »An der Schwelle dieses Klosters endigt deine Macht. Und so sicher bin ich meiner Sache, daß ich dir erlaube so lange darin zu verweilen, als ich hier ein Vaterunser sage.«

Der Böse erschauerte, da er den Namen ›Vaterunser‹ sprechen hörte, aber er faßte sich gar bald und entgegnete:

»Gut, ich bin mit dieser Erlaubnis zufrieden, verweile hier, und, ehe du dein Sprüchlein geendigt hast, will ich wieder bei dir sein und mich meiner Tat erfreuen.«

Und kaum, daß er es ausgesprochen, war er in ein altes, runzeliges Weiblein verwandelt, das an der Klosterglocke zog und hüstelnd im Tore verschwand.

Nun war gerade zu jener Zeit eine junge und ausnehmend schöne Nonne Pförtnerin geworden, Schwester Clarissa, die sozusagen ein Kind des Nonnenklosters war; denn man hatte sie als Säugling an der Klosterpforte, friedlich schlummernd, aufgefunden und erbarmungsvoll in den Schutz des heiligen Hauses aufgenommen. Hier wuchs sie in ihr Nonnenhabit hinein und war bisher ihren Pflichten so selbstverständlich und ohne Zweifel nachgekommen, daß die Oberin ihr den schweren Posten einer Pförtnerin übertragen hatte. Sie hieß also Schwester Clarissa und war blühender als je eine Nonne gewesen.

Nun, da es läutete, öffnete sie dem hüstelnden Weibe ihr Schiebfenster und fragte nach seinem Begehr.

»Die Oberin Berthilde vom nächsten Nonnenkloster schickt dies Gebetbüchlein der Pförtnerin Clarissa,« sprach das Weiblein, »daß sie es als Geschenk annehme. Aber, um sie von den Pflichten ihres Postens nicht abzulenken und als Erprobung ihrer Stärke gegen die Anfechtung der Neubegier wünscht sie, daß die fromme Schwester Clarissa das Tüchlein, drein das Geschenk eingepackt, nicht eher von dem Buche wegziehe, als bis der Mondschein durch ihr Fenster falle.« Sprach's, und ehe die Pförtnerin noch ein Wort antworten konnte, war die Alte verschwunden.

Der Böse stand aber gerade in dem Augenblicke wieder bei der Mutter Gottes, als diese ihren schönen Mund öffnete, um Amen zu sagen. Er machte eine höfliche Verbeugung, wie ein galanter Ritter, und dankte ihr mit einem höfischen Kratzfuß für die gütige Erlaubnis. Sein Werk sei vollendet. Die Madonna aber lächelte milde und sprach ihr Amen und schlug drei Kreuze. Da entlief der Böse mit lautem Geschrei. Sie aber machte sich auf und wandelte still ihres Weges.

Als nun das Abendglöcklein geläutet und das Tor des Klosters verschlossen war, bereitete die Schwester Clarissa ihr armseliges Nachtlager, entkleidete sich und nahm dann das Geschenk vor, als eben der Mond hell und träumerisch durch ihr Fenster leuchtete. Die ganze Stube flimmerte in weißem Silberlicht, so herrlich strahlte an diesem Abende der Mond vom gestirnten Himmel. »Ich hätte das Geschenk der Oberin zeigen sollen,« flüsterte sie in den Mondschein, »aber sie hätte es, fürchte ich, gegen den Wunsch der Spenderin im Sonnenlichte geöffnet! Ja, geöffnet! Ja gewiß,« beruhigte sie ihr ängstliches Gewissen, »und ich will es der Oberin gleich bringen!« Doch dabei nestelte sie schon an dem Tüchlein und da, o Wunder! lag das Gebetbuch vor ihr und leuchtete und schimmerte ihr entgegen, als wäre wahrhaftig ein Stück Mondes in das Tuch eingehüllt gewesen. Es war aber gar kein Gebetbuch, sondern ein Spiegel, den der schlaue Teufel in ihre Nonnenklause geschmuggelt hatte, und Clarissa hatte niemals einen Spiegel gesehen, da solch ein Werkzeug der Eitelkeit in einem Nonnenkloster unbekannt ist. Darum hielt sie das viereckige Stück leuchtenden Glases auch zuerst für den silbernen Beschlag eines wertvollen Buches, das sie morgen der Oberin übergeben müsse; als sie aber versuchte, es zu öffnen, und sich voll Neugierde darüber beugte, sah sie darin ein menschliches Gesicht, blühend schön und mit lachenden Augen, mit einem wißbegierig geöffneten Mund und bebenden Lippen, wie sie nie ein schöneres gesehen hatte. Das kurze Blondhaar flimmerte und schimmerte im Mondschein, als wenn es selbst aus Mondesstrahlen gesponnen wäre, und das Antlitz schaute sie mit kindischem Vergnügen an, da es sich bewegte wie ihr eigenes Gesicht, und lachte in den Spiegel hinein, zu sehen, ob es in dem Glase auch lache, und dabei vergaß sie ganz, daß sie damit etwas Sträfliches tue. Dann aber erinnerte sie sich plötzlich daran, wie sündhaft es sei, sich so am eigenen Gesichte zu ergötzen, und deckte schnell das Tüchlein darüber. Aber es ließ sie nicht in Ruhe. Denn das Bild, das sie gesehen hatte, war zu schön gewesen, als daß sie dem Zauber hätte widerstehen können. Sie lüftete das Tüchlein wieder, indem sie ganz laut vor sich hinsprach, daß dieses Geschenk ja von der bekannten und heiligen Berthilde stamme, die ihr gewiß nichts Unlauteres geschickt hätte! »Morgen früh geb ich es der Oberin,« sprach sie feierlich. Dabei lachte sie sich aber wieder mit glücklichen Lippen zu und nickte dem lieblichen Bilde im Spiegel freundlich entgegen und bewegte den Kopf hin und her und ordnete ihr Haar mit einem kleinen Seufzer, daß es so kurz sei. Und sie machte mit den Händen über den schönen, weißen Nacken eine streichelnde Bewegung, als fahre sie sich mit den Fingern durch dichtes Haar, als stelle sie sich vor, wie herrlich ein langes blondes Lockengewirr zu ihrem Gesichte passen müsse. Dann öffnete sie ihr grobes Hemd und sah nun die Herrlichkeit ihres weißen Busens im Spiegel und es war ihr, als ob die Mondesstrahlen jetzt noch heller leuchteten, weil sie sich mit dem blendenden Scheine ihrer Brust vermählten; und lachte, lachte laut vor sich hin!

So hatte sie an die ganze Welt und ihren himmlischen Bräutigam vergessen! Eine unbestimmte, drängende Sehnsucht war in ihr erwacht, daß sie lange mit dürstenden Lippen vor dem Spiegel saß und sich nicht satt schauen konnte. Denn wenn der Böse etwas unternimmt, das muß man ihm lassen, so tut er es ordentlich und keine Gesellenarbeit; so daß denn das fromme Gemüt der lieblichen Clarissa ganz verwirrt ward an diesem Abend und sie vom plumpen Kruzifix an der Wand das Kränzlein herabnahm, das sie aus dem Garten jeden Morgen holte, um ihren Bräutigam zu schmücken, und sich die schlichten Blumen in das Haar legte; daß sie den schwarzen Rosenkranz vom Bette nahm, ohne auch nur an Beten zu denken, und ihn um den weißen Hals legte, den Spiegel hin und her drehend, um nur ja keinen neuen Reiz ihrer Schönheit zu übersehen.

Es war eben ein teuflischer und kein gewöhnlicher Menschenspiegel, und ein so starker Zauber ging von ihm aus, daß, als der Morgen graute, das Gemüt der armen Nonne schon ganz verwandelt war und sie sich reisefertig gemacht und, ohne die Schwere ihrer Sünde zu empfinden, das Tor geöffnet hatte und daß sie einfach aus dem Kloster davonlief. Den Spiegel aber hatte sie in das Tüchlein eingeschlagen und trug ihn wie einen Schatz an ihrem Busen. Es war ihr, als ob der Spiegel sie in die Welt zöge, so lustig und glücklich hüpften ihre Füße den Weg in das Leben hinaus. Und sie eilte dahin bis in den leuchtenden Morgen.

II.


Nun lebte zur selben Zeit auf seinem Schlosse Schwarzenburg, das prächtig und drohend auf einem waldigen Berge über ein ängstlich geducktes Dörflein gleichen Namens hinwegsah, ein melancholischer Graf Heinrich, der trotz seiner mannbaren Jugend von dreißig Jahren doch schon seit vielen, vielen schwarzen Tagen sein Leben abgeschlossen wähnte und in einer beklagenswerten Dürre des Gemütes sich für fertig und abgewirtschaftet hielt. Er war vor einigen Jahren noch einer der weltfreudigsten Ritter gewesen, der sich in Turnieren tummelte und die Farbe seiner Geliebten verteidigte, was nie ohne Sieg über den Gegner und das Herz der Erkorenen ausgegangen war; aber da er es vielleicht in diesen Jahren seiner strotzenden Kraft etwas zu sehr aus dem Vollen getrieben hatte, so war er bald in eine schwere und traurige Trübheit verfallen, in der er sich für ausgedorrt und jeder Erregung unfähig hielt, für einen Bankerotteur des Lebens und der Liebe, und hatte sich gekränkt und unhold auf seine Burg zurückgezogen, in das höchste Turmgemach, das er ganz schwarz hatte ausschlagen lassen. Hier saß er als ein Unnütz und Grillenfänger seine traurigen Jahre ab; doch war seine Melancholie nicht von der Art, die seufzt und betet, sondern er fluchte und war immerfort verdrießlich, so daß er eigentlich ein recht unlieber und abscheulicher Herr geworden war, der seinen alten seufzenden Diener quälte, daß es ein Jammer war. Wenn der ihn ob seiner Krankheit bedauerte, so fluchte er, und wenn er ihn nicht bemitleidete, so schimpfte er erst recht über Vernachlässigung, denn er hatte immerfort das Bedürfnis nach Martyrium, im Sommer, daß er schwitzen, und im Winter, daß er so frieren müsse, obgleich das Turmgemach während der heißen Monate recht angenehm kühl und im Winter so gut geheizt war, daß er wohl hätte zufrieden sein können. Hier oben saß er nun und war fest überzeugt, daß sein dürrer Stamm nun so langsam verdorren und nie mehr ein neues Reis ansetzen werde.

Oder war doch nicht so ganz überzeugt; darum wurden auch alle weisen Ärzte und Heilkünstler, deren man habhaft werden konnte, aus der ganzen Welt nach Schwarzenburg berufen und hatten sich nacheinander mit dem melancholischen Grafen eingeschlossen, um ihre Wunder an ihm zu probieren. Er war geschröpft worden, hatte allerlei Pillen und Pülverchen geschluckt, Kröten- und Eidechsenaugen zu Hunderten gegessen, trug Amulette auf der Brust in Lederbeutelchen und Leinwandsäckchen, daß kaum Platz für sie war und um seinen Hals von den hundert Schnüren, an denen sie hingen, sich mit der Zeit ein breites Halsband gebildet hatte, und alles dies, ohne daß seine verlorene Jugendkraft und Weltfreude sich neu eingestellt hätte. Und immer wieder, wenn eine Kur ohne Erfolg geblieben war, tobte er, daß man ihn hier oben verdorren und verfaulen lasse, daß kein Mensch sich um ihn kümmere und er elendiglich verrecken müsse als ein Auswurf der Menschheit, so daß sein alter Diener nur recht schnell einen neuen Arzt herbeischaffte, dessen Hokuspokus den Grafen wieder ein wenig aufheitere und neue Hoffnungen in ihm erwecke. Dabei war der melancholische Ritter, Gott sei Dank, bei recht gutem Appetit und war mit der Zeit da oben dick und schwammig geworden, was er freilich als Wassersucht aufgefaßt wissen wollte. Zu jedem Essen ließ er sich nötigen und drängen, und jeden Schluck Weins nahm er mit scheinbarem Widerwillen und schimpfend, daß man ihn verfolge, dann aber umso ordentlicher, so daß seine Mahlzeiten für einen melancholischen Grafen eigentlich recht genügend waren.

Gerade vierzehn Tage nun, ehe die liebliche Schwester Clarissa mit ihrem Spiegel aus dem Kloster entwich, war ein großer, berühmter Medikus auf Schwarzenburg gewesen, ein frommer und grundgelehrter Mann, der nicht wie die anderen mit Latwergen und Kräutern sein Heil versuchte, sondern der dem Teufel in dem traurigen Heinrich mit ganz anderen und wirksameren Mitteln auf den Leib rückte. Er hatte erst versucht, den bösen Verfolger durch Weihrauch auszutreiben, wobei er in dem Turmstübchen einen Qualm gemacht hatte, daß ihm sein Patient fast erstickt wäre. Dann hatte er drei Tage und Nächte lang die wirksamsten Gebete um den gerade dastehenden Heinrich herumgesprochen und ihn so gleichsam mit einem Walle von Heiligkeit umgeben, in dem es der Teufel gewiß nicht aushalten konnte. Aber als auch dies nicht flecken wollte, war er nach einer reichlichen Mahlzeit, die er sich wohl verdient hatte, einen Tag lang, in tiefes Nachsinnen und Brüten versenkt, dagesessen, um über den schwierigen Fall recht ordentlich zu meditieren. Endlich nach vierundzwanzig Stunden, weil er wohl wieder einen ordentlichen Hunger empfand, war ihm plötzlich die große Lösung der Frage wie eine Erleuchtung aufgegangen, und er erhob sich und legte seine Ansicht klar auseinander: daß nur ein Mensch auf dieser Erde den armen melancholischen Grafen heilen könne, und dies sei der heilige Vater in Rom. Zu dem müsse er pilgern, aber nicht allein, denn das sei zu einfach und könne daher die heilende Wirkung nicht haben, sondern es müsse sich eine reine Jungfrau finden, die in ihrer jungfräulichen Keuschheit ihn an die Stufen des heiligen Stuhles geleite, als Symbolum gleichsam, daß er sein früheres unchristliches und geradezu heidnisches Leben abgetan habe und nun wert geworden sei, wieder der göttlichen Gnade teilhaftig zu werden: denn es war gerade damals die Zeit, wo man gerne Jungfrauen zur Heilung aller möglichen Leiden benützte. Da nun der Arzt ein viel gewanderter und sehr gelehrter Heilkünstler war, so unterließ er es nicht, darauf hinzuweisen, daß auch ein anderer Ritter Heinrich von seinem Gebreste durch eine Jungfrau sei geheilt worden, wobei er sich, während der Diener ihm das Essen zutrug, kauend und trinkend in eine philosophische Auseinandersetzung über den verwunderlichen und höchst bemerkenswerten Umstand einließ, daß beide Ritter Heinriche waren, was vielleicht ein Zeichen Gottes sei und auf eine immanente Leiderwähltheit so benannter Menschen hinweise. Dann war er mit großem Aufsehen aus dem Schlosse geschieden.

Nun war es aber nach dem Abgange des berühmten Arztes mit dem melancholischen Heinrich rein nicht mehr auszuhalten. Die anfänglichen Heilmethoden des Doktors hatten den träge gewordenen Grafen recht angestrengt und in Schweiß gebracht, und seine Kehle war beleidigt von dem abscheulichen Weihrauch, da er um keinen Preis das Fenster seines Zimmers hatte öffnen lassen, von den dreitägigen Gebetumkreisungen fühlte er eine Art von Drehkrankheit, wie sie manchmal Schafe überfällt, und sein Magen war ausgedörrt wie ein Lederbeutel. Eine Woche lang brüllte er nun durch den Turm wie ein gereizter Eber, und ganz Schwarzenburg, Schloß und Dorf, zitterte vor Angst und Besorgnis, daß dem armen gnädigen Herrn nur das Essen gut behagen und der Wein und das Bier gut munden möge. Und nach allen Richtungen waren Boten nach einer sicheren Jungfrau ausgeschickt worden, die das beschwerliche Martyrium auf sich nehmen wollte, mit dem unholden Ritter gen Rom zu pilgern; der selbstverständlich zu einer Behandlung, bei der ein Weibsbild mitwirken sollte, kein großes Vertrauen empfand.

III.


Indessen kam, da schon von allen Seiten die Boten mit leeren Händen zurückgekehrt waren, (weil jedes Mädchen, das seine Jungfrauenschaft beschwören sollte, entrüstet die Zumutung von sich abgewiesen hatte - mit dem unwirschen Grafen gen Rom zu pilgern) die holdselige Clarissa auf ihrer Wanderung bis gegen Schwarzenburg gepilgert. Ihr Nonnengewand war bestaubt und von Dornen zerrissen, so daß es gar nicht mehr als heiliges Gewand zu erkennen war, ihr Blondhaar war länger geworden und ihre Lippen wenn möglich noch blühender, weil ihr das Wandern in der frischen Luft wohlbekam und die bleiche Klosterfarbe einem frischen Rot weichen mußte. Sie hatte die ersten Tage ihrer Wanderschaft wie in einem Rausche verbracht, nur auf den Abend wartend, an dem sie ihr glückseliges Spieglein hervorholen und sich recht aus Herzensgrund an ihrem Anblick erfreuen konnte. Denn sie wußte in ihrer glorreichen Dummheit noch nicht, daß der Spiegel auch bei Tage imstande war, ihr Sehnen zu stillen, und kam erst am fünften Tage hinter dies Geheimnis, als sie ihren schneeweißen Leib in einem Waldbache gebadet hatte und ihn nun mit dem Tüchlein trocknete, das den Spiegel ansonsten verdeckte. Da sah sie nun im flutenden Sonnenlichte ihren Körper leuchten und merkte zu ihrer großen Freude, daß er ebenso wie ihr Gesicht bei dieser Beleuchtung noch viel schöner war als beim Mondenschein. Darüber freute sich das arme betörte Wesen nun umso inniger und dankte dem lieben Gott für das schöne und erquickliche Geschenk in stillen und herzlichen Worten, die sie zum ersten Male in ihrem Leben nicht aus dem Psalter, sondern aus ihrer reinen Mädchenseele hervorholte. Denn sie wußte nicht, daß der Böse ihr das freudenreiche Glas geschenkt hatte.

Und so wanderte sie als eine törichte Jungfrau mit dem Spiegel in der Hand durch die Auen, gleichsam ihrem reizenden Antlitz entgegen, das ihr immer freundlich zunickte und doch bei jedem Schritte wieder zurückwich, holdselig lachend und winkend; sie schmückte sich das Haar mit den Blumen, die sie auf den Wiesen pflückte, und sah so mit den roten Mohnblumen und blauen Cyanen im Haar aus, wie eine entzückende Prinzessin aus dem Märchen, die zum Reigen antreten will und dazu ein phantastisches Gewand angelegt hat. Und so verliebt war sie in aller Herzensreinheit und kindlichen Freude in das schöne Gesicht im Spiegel, daß sie ihn auch nicht senkte, wenn etwa ein paar Bauern ihr am Wege begegneten oder ein fahrender Geselle ihr entgegenkam, um mit offenem Munde dem lieblichen Wunder nachzustaunen. Sie war so über alle Maßen schön, daß keiner der Männer es gewagt hätte ihr nachzustellen, weil er ihr so lange nachschauen mußte mit offenen Augen, bis diese ihm übergingen und er die Lider senkte. Dann aber war das Wunder schon lange verschwunden, und er glaubte sicher geträumt zu haben; und wenn er ein Fabulant und Liedermacher war, setzte er sich hin und ersann gleich einen Reim auf den holdseligen Traum; so daß aus jenen Tagen eine ganze Zahl von Liedern stammen, die dieses wandelnde Wunder besingen: ›Tandarada, welches Wunder mir heute geschah!‹

Als sie nun also gegen Schwarzenburg gewandelt kam, hatte sich die Sonne eben zur Ruhe gelegt und der Mond war noch nicht aus dem Abendmäntelchen einer silberrandigen Wolke hervorgeschlüpft, so daß jene unbeschreiblich schöne Dämmerung herrschte, die ohne Schatten und ohne Glanz ist, und Clarissa endlich ihren Spiegel senkte. Sie trat in ein Haus ein und bat um einen Bissen Brot und einen Schluck Milch vor dem Schlafengehen. Der Bauer aber, bei dem sie eintrat, war einer von den Boten gewesen, die von der Jungfernsuche eben zurückgekehrt waren, und, ohne die holdselige Clarissa auch nur zu fragen, lief er spornstreichs aufs Schloß, so über jeden Zweifel sicher war er, daß jetzt die gesuchte Jungfrau von selbst gekommen sei, deren Erscheinen sie alle so sehnsüchtig erwarteten. Als er atemlos seine Botschaft auf dem Schlosse ausgerichtet hatte, erhob sich in dem abendlichen Schwarzenburg ein großer Jubel und Glückslärm, der fast den schnarchenden Ritter geweckt hätte, wenn er sich nicht einen so gesegneten Schlaf in seiner bösen Krankheit bewahrt hätte. Das ganze Gesinde und alle Dorfbewohner kamen in das Haus, in dem Clarissa mit dem Spiegel beim Fenster saß und im Mondscheine ihr Haar ordnete. Und ehe sie noch ein Wort hätte sagen können, wußte sie schon die ganze Geschichte von dem armen melancholischen Grafen, zu dessen Retterin sie vom Schicksale ausersehen war. Und, ohne daß sie sich dieses Gefühls ordentlich bewußt wurde, so rein und ohne Fehl war sie, freute sie sich doch, für ihre Flucht aus dem Kloster eine Art Buße auf sich nehmen zu können, und willigte ohne viel Fragen und Reden ein, mit dem kranken Ritter nach dem heiligen Rom zu pilgern. Und es war ein großer und aufrichtiger Jubel darüber in Schwarzenburg.

Schon am nächsten Tage wurden auf dem Schlosse mit großem Geräusch die Vorbereitungen zur Pilgerfahrt des melancholischen Heinrich in Angriff genommen. Und noch niemals haben Schneider und Schuster ihre Arbeit so rasch und prompt fertiggebracht und abgeliefert, wie nun für den Grafen, da alle eigentlich im innersten Herzen glücklich waren, den launenkranken Herrn auf so schöne und heilige Weise für eine Zeit los zu werden. Der aber jammerte jetzt um so mehr, da er sein Turmzimmer verlassen sollte, in dem er sich uneingestanden doch sehr wohlgefühlt hatte, etwa wie ein Junggeselle, der nicht duldet, daß sein Bett täglich aufgeschüttelt werde, weil er glücklich ist, sich eine behagliche Grube in den Strohsack gedrückt zu haben. Er seufzte und schimpfte ärger als ein Fuhrknecht und verfluchte hundertmal den Medikus, der ihm eine so beschwerliche Heilung vorgeschrieben hatte. Dabei überwachte er doch genau jegliches Stück seiner Reiseausstattung und gab den Schnitt seines Reisemantels sorgfältig an, puffte den Schuster, der es gewagt hatte, ihm ein Paar Bauernstiefel zu bauen, und rüstete sich überhaupt aufs allerbeste für die Reise, ohne auch nur mit einem Gedanken für die Jungfrau zu sorgen, die doch die gleichen Unbillen des Wetters und Beschwerlichkeiten der Wege aushalten sollte. Er bestellte ein Habit für Regenwetter und eins für Sonnenschein, Wettermäntel und eine Reisedecke, bis man ihm endlich bedeutete, daß ihn ja leider kein Diener auf dem Pilgerzuge begleiten könne, um die Sachen zu tragen. Das leuchtete ihm wohl auch ein, und so brachte man denn Clarissen einen Reisemantel, den der Graf für sich hatte fertigen lassen, damit sie sich darein kleide, und einen Pilgerhut, daß sie sich gegen die heißen Sonnenstrahlen Italiens schütze. Dann geschah eines Tages das Unerhörte, daß der dicke Ritter, auf die Schulter seines Dieners gestützt, die Treppen von seinem Turme herunterpolterte und in einem funkelnagelneuen Reisegewand im Schloßsaale landete.

Dorthin hatten sie auch Clarissa gebracht, daß sie den Grafen in Empfang nehme und mit ihm nach Rom wandere. Vorher, gleichsam als Wegzehrung, hatten sie aber dem Ritter eine Mahlzeit hergerichtet, die das Auserlesenste vereinigte, was je ein Rompilger geschmaust haben mag. Der unglückliche Heinrich saß nun in seinem Lehnstuhle und stopfte sich die Backen voll wie ein Hamster und merkte gar nicht, daß vor einem großen Wandspiegel seine Begleiterin stand, mit lachenden Augen ihr Antlitz und ihr neues Gewand bewundernd und ihren Spiegel hinter ihr Haupt haltend, so daß sie sich auch von rückwärts schauen konnte. Sie hatte kaum ihren Augen geglaubt, als sie beim Betreten des Saales an der Wand einen Spiegel gesehen, wahrhaftig einen Spiegel, nur daß er groß war und fest an der Wand hing. Und dieser große Spiegel machte ihr gleich den Saal vertraut, den Grafen wert und ihren Pilgerzug erfolgverheißend. Und so stand sie still vor dem schönen Spiegel und freute sich. Da sie nun der Graf, durch den Diener auf sie aufmerksam, erblickte, schlug er gleich derb mit der Faust auf den Tisch, daß die Teller tanzten und eine volle Kanne Weins überlief.

»Das kann eine schöne Reise werden,« fluchte er dann, »mit einem solchen eitlen Weibsbild zu wandern; verfluchter Medikus!«

Clarissa hatte sich umgewendet und sah ihn mit ihren holden Augen an, die jetzt, seit sie ihren Spiegel besaß, immer einen glücklichen Glanz hatten und vor Freude leuchteten, und sie kam nun, indem sie die Kutte, die ihren Leib umwallte, etwas hob und den viel zu großen Hut in den Nacken schob, auf den Ritter zugegangen, schön und neckisch, wie ein Fastnachtstraum, und setzte sich zu ihm. Dem blieb ob dieser zutraulichen Keckheit fast der Bissen im Hals stecken. Er mußte einen ordentlichen Schluck Weins zu sich nehmen, um ihn hinabzuspülen. Dann seufzte er tief auf, und endlich erhoben sich die beiden Pilger zu ihrer Wanderschaft. Und durch das Spalier der glotzenden Bauern, die vor Bewunderung über ihren Herrn fast das Grüßen vergaßen, wandelten sie den steilen Schloßweg hinab dem kühlen Tale entgegen. Und als sie im Tale angelangt waren und vom Turme, in dem der Ritter gehaust hatte, eine Trompetenfanfare ihnen den Reisegruß nachschmetterte, war es, als ob in diesen Trompetentönen alle Erlösungsjauchzer zusammenflössen, die Schwarzenburg heute ob des Auszuges seines Herrn ausstieß.

Weil er ja geheilt zurückkehren würde . ...

IV.


So pilgerten die beiden, der arme Kranke mit seiner schönen Begleiterin, des Weges.

Der Ritter aber war ein viel zu selbstsüchtiger Mann, als daß er die Begleitung der Jungfrau als ein großes Opfer angesehen hätte, und nahm sie vielmehr als etwas Selbstverständliches und gar nicht Dankenswertes hin, indem er den Arm des Mädchens weidlich als Stütze ausnützte, jede Handreichung von ihr forderte und so ein unwirscher und lästiger Geselle blieb, wie er es immer gewesen war. Jeder Schritt war die erneute Ursache eines tiefen Seufzers für ihn, jede Speise, die ihm in den schlechten Herbergen geboten ward, eine Gelegenheit zur lauten Unzufriedenheit, so daß das arme Clarißchen in den ersten Tagen gar nicht dazu kam, ihren Schatz aus dem Mantel hervorzuholen und ihrer Lust zu frönen. Nur abends, ehe sie in irgend einer Dachkammer oder Scheune ihre müden Glieder auf das Lager streckte, während ihr dicker Herr und Gebieter das beste Bett des Wirts für sich in Anspruch nahm, glückte es ihr zuweilen, sich an ihrer Schönheit zu freuen und mit herzlicher Lust zu sehen, wie ihr Blondhaar länger wurde und sich zärtlich um ihre Schultern ringelte, oder wie ihre Wangen sich röteten in einem gesunden und bräunlichen Rot, das ihr gar lieblich anstand. Und es war überall, wo sie hinkamen, ein großes Aufsehen mit ihr, und immer wieder mußte der melancholische Graf zarte oder deutliche Anspielungen hören, was für ein herrliches Mädchen er sich auf die Reise mitgenommen habe.

Aber diese Worte fielen neben seinen Ohren nieder, ohne daß er sie einer Überlegung für wert hielt, da dem Armen ja jegliche Lust am Weibe geschwunden war und er nur immer an sein Unglück und sein Leid denken mußte; höchstens, daß er ein pfiffiges Gesicht machte, wenn ihn die Leute ob seines Geschmackes einmal recht ordentlich lobten, weil es ihm wohltat, als ein so überaus feiner und geschmackvoller Pilger angesehen zu werden. Denn so sehr er auch seufzte und jammerte, tat ihm die reichliche Bewegung im Freien doch wohl, und die Kräfte kehrten mit jedem Tage mehr in das Gebäude seines stattlichen Körpers wieder. Seine bleiche Farbe wich einem leichten Rot und die Wucht seines Armes lag immer leichter auf der runden Schulter seiner Stützerin, da er bald selbst ordentlich ausschreiten konnte, wenn er auch nicht unterließ über jeden Stein am Wege oder jeden Regentropfen, der ihn näßte, einen ordentlichen Fluch loszulassen. Die blühende Clarissa pflegte und betreute ihn wie eine Mutter, und ein ungemeines Glücksgefühl durchströmte sie dabei, daß sie einen kranken Menschen so warten dürfe und dieser große und gewaltsame Mensch wie ein Kind auf sie angewiesen war.

So wanderten sie erst schweigsam durch die Lande, nur daß die Flüche des Ritters und seine Verwünschungen ihre Schritte begleiteten. Denn er war gar nicht neugierig, nach dem Leben seiner Begleiterin zu fragen oder nach ihren Wünschen zu forschen. Aber nach einigen Tagen hielt es Clarissa nicht mehr aus, so stumm neben dem traurigen Ritter einherzugehen, und fing von selbst von ihrem Leben, das gar einfach war, zu berichten an, und der Graf ließ sie gewähren, weil ihm der Weg auf diese Weise minder eintönig wurde. Er vergaß dabei wohl auch etliche Male zu jammern und stellte sogar nach einigen Tagen, da der Redestrom seiner Begleiterin zu versanden anfing, Fragen, die sie in ihrer munteren und freundlichen Art beantwortete. Und dann kam es so weit, daß er dem Mädchen zögernd und unwirsch sein Leben erzählte, ohne viel Rücksicht auf ihr Jungfrauentum, also daß sie manches hören mußte, was ihr die verdiente Nachtruhe mit bösen Träumen störte und sie nachdenklich und schreckhaft machte. Dann tröstete sie nur ein Blick in den Spiegel, der ihr zeigte, wie gut ihr das dunkle Rot paßte, das plötzlich ihre Wangen durchglühte, und wie seltsam ihre Augen aufleuchteten und die Lippen sich schürzten, wenn sie an die Reden des kranken Ritters dachte. Sie konnte jetzt schon ihr Haar, das ihr über den Rücken herabflutete, in goldschimmernde Flechten drehen und vergnügte sich nun lange damit, sie in verschiedenen Windungen um den Kopf zu legen, Bänder und Blumen hineinzuordnen und ihrem breitrandigen Pilgerhute alle erdenklichen abenteuerlichen Formen zu geben, je nach ihrer Stimmung, hoffnungsvoll geschwungen oder kühn auf die Seite gedrückt wie ein weiblicher Rinaldo. Und immer war sie von neuem von ihrem Anblick entzückt. Bei Tage aber wanderten sie tapfer dem Süden zu und waren schon mitten in den Tälern der Alpen angelangt, als ihr eines Tages der Ritter erkrankte.

V.


Es war aber nicht etwa eine schwere Krankheit, in die der Graf verfiel, sondern bloß die Ausbrüche seines Schmerzes und seiner Verstimmung über sein Leiden waren so gewaltige, daß Clarissa einen großen Schreck darüber empfand. Er mochte gestern abend in dem lieblich gelegenen Alpenhause etwas zu viel von dem saueren Landwein getrunken und ein wenig zu stark dem saftigen Fleische zugesprochen haben, also daß er sie in der Nacht an sein Lager rufen ließ. Er lag stöhnend und jammernd in seinem Bette und wälzte sich unruhig hin und her, ausrufend, daß dies nun seine letzte Stunde sei und er hier einsam und verlassen sterben müsse. Er zerriß das Bettlaken und kratzte den Bewurf von der Wand vor Wut und Schmerz und schrie, daß man ihn hierher gelockt habe, um ihn elendiglich verrecken zu lassen. Der Schuft von einem Bauer habe ihn sicher vergiftet, so brenne es in den Gedärmen und so rasende Schmerzen empfinde er. Dabei warf er von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf die erschrockene Clarissa, ob sein Klagen nur auch die richtige Wirkung hervorrufe und sie begreife, was für ein gottverlassener Märtyrer er sei.

Clarissa war vom Lager aufgesprungen, als man sie wecken kam, und hatte nur eilig den Mantel umgeworfen, da sie zu dem durch das Haus brüllenden Ritter geeilt war. Nun stand sie bei seinem Lager und beugte sich über ihn, leise mit ihren Fingern über seine Stirn streichelnd, und der Mantel war ihr, ohne daß sie es merkte, von den Schultern geglitten. So stand sie da in ihrer Schönheit, die Fluten ihres goldenen Haares jauchzten über ihren schneeweißen Nacken und ihre vollen schimmernden Schultern, und ihr jungfräulicher Busen hob das groblinnene Hemde.

So beugte sie sich über den Grafen, der zum ersten Male seit langen, langen Jahren wieder mit Wohlbehagen und einiger Erregung eines Weibes Herrlichkeit anschaute. Aber er war ein zu verstockter Selbstling, als daß er darum weniger gestöhnt hätte, er wälzte sich vielmehr nur um so ungebärdiger auf seinem Lager und sparte nicht mit Flüchen und Schimpfworten, stieß die streichelnde Hand Clarissens von seinem Gesichte und warf das kalte Tuch, das sie ihm auf den Kopf legen wollte, weit in die Ecke. Da kniete das erschrockene Mädchen in tiefstem Mitleid neben dem Lager des kranken Grafen nieder und betete in ihrer Seelenangst inbrünstig zu Gott und rief die Mutter Gottes zu Hilfe, herzlich und innig, und nicht wie eine, die ein Geschenk des Teufels mit sich herumführt. Ihr Spiegel fiel ihr aber plötzlich in den Sinn, und weil er ihr wie ein Wunder und etwas Segensreiches und Heilkräftiges erschienen war erhob sie sich und eilte in ihre Kammer, um dem Ritter ihren Schatz zu bringen, damit auch er daran sein Herz heile.

Als der Ritter sie mit dem Spiegel in der Hand zurückkehren sah und sie ihm das Glas vor sein Gesicht hielt in ihrer Keuschheit und Herzensreinheit, da stieß er einen gräßlichen Fluch aus, weil er glaubte, daß sie ihn verspotten wolle, und warf dann den Spiegel mit aller Wucht auf den Boden, daß er in hundert Stücke zersplitterte; dann aber, als ob er seine letzten Kräfte ausgegeben hätte, sank er auf sein Kissen zurück, streckte sich und schlief ruhig und schmerzlos ein.

Clarissa war mit einem lauten Schrei in die Kniee gesunken und es war ihr, als ob mit ihrem geliebten Spiegel auch ihr Herz in Stücke bräche. Dann aber, als sie gegen das mondscheinerleuchtete Fenster sah, erschien es ihr, als stünde draußen die Mutter Gottes, genau so schön und lieblich wie auf dem Altarbilde im Kloster, an das sie jetzt zum ersten Male mit Wehmut und Reue dachte, und sie mit einem ernsten und langen Blicke ansähe. Da neigte sie die Stirn und betete lange, lange für das Heil ihres Ritters. Dann legte sie sich, als sie den Kranken so still und zufrieden schlafen sah, auf den Fußboden neben sein Lager hin und schlummerte bis in den Morgen.

VI.


Am nächsten Tage, als der Ritter morgens früher als seine schöne Begleiterin aufwachte, war ihm viel, viel wohler, als er sich eingestehen wollte. Und das erste, was ihm bei seinem Erwachen einfiel, war nicht sein Schmerz, sondern das Bild der holdseligen Pflegerin, wie sie sich über ihn gebeugt und seine Stirn gestreichelt hatte. Er sah das volle Blondhaar um ihren schönen Nacken fluten und die milden Hügel des Busenansatzes über dem sittsam geknüpften Hemde und schloß gleich wiederum als ein Schlemmer und Feinschmecker aus früheren Zeiten die Lider, um sich in dieses liebliche Morgenbild zu versenken. Als er dann die Augen wieder öffnete und die Maid auf dem Boden daliegen sah, den rechten Arm unter dem schönen Haupte, wie sie mit halb geöffneten Lippen friedlich schlummerte, da schaute er mit einigem Wohlbehagen auf die Schläferin und ward nicht satt, sie zu betrachten. Kaum aber, daß Clarissa die Augen aufschlug, als hätten die Blicke des Grafen sie geweckt, da schaute er schnell, wie ein trotziger Schuljunge, beiseite, die Augen schließend und Schlaf heuchelnd, bis er endlich mit einem tiefen Seufzer erwachte und mit Schmerzensausrufen den jungen Tag begrüßte. Nicht ein Auge habe er die ganze Nacht geschlossen, log er gleich in seiner alten Weise, wenn er auch vielleicht scheinbar den Eindruck eines Schlummernden gemacht habe. Ein Mann wisse sich eben zu fassen und winsele nicht herum wie ein Weib, wenn nur die Schmerzen ein wenig erträglich seien. Clarissa natürlich, sagte er giftig, sei da auf der Erde gelegen und habe geschnarcht wie eine Säge durch Querholz, daß er schon deshalb nicht hätte einschlummern können; und schon schrie er nach seinem Morgenimbiß, da ihm sonst sein Magen verbrenne.

Clarissa war aufgestanden und hatte den Mantel um sich gezogen, dann brachte sie dem Ritter sein Essen, las dann sorgsam die Spiegelscherben zusammen und trug sie traurig in ihre Kammer. Sie barg sie dort in ihr armes Tüchlein wie eine kostbare Habe, ohne auch nur die geringste Lust zu verspüren, in den Scherben ihr Antlitz zu beschauen. Denn es war ihr so seltsam im Herzen seit dieser Nacht, daß sie immerfort an den Grafen und seinen Schmerz denken mußte, mit einem tiefen, herzinnigen Mitleid und einem traurigen Gefühle darüber, daß er so barsch ihre Hand weggestoßen hatte; und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder ihre Hand auf seine Stirn legen zu dürfen. So machte sie sich rasch fertig und eilte dann wieder hinunter in die Stube des Ritters, um ihn zu pflegen, wenn er ihrer bedürfe.

Und er bedurfte ihrer gar sehr. Er nahm ihre Handreichungen hin wie etwas Selbstverständliches und war um so rauher, als er eine seltsame innere Nötigung empfand, sich immerfort von ihr pflegen und hätscheln zu lassen. Und je inniger und liebevoller sie sich seiner annahm, desto unebener und schlimmer ward er, weil es arme Menschen gibt, die nur dann glücklich sind, wenn sie quälen können. Im Herzen aber hatte er nur den einen Wunsch, daß bald wieder Nacht werden möge, damit er wieder Clarissa zu sich rufen und die Rundung ihrer Schultern und die Lieblichkeit ihres Leibes beschauen könne. Indessen lag er im Bette, aß und trank wie ein Gesunder, freilich, wie er sagte, ohne Hunger und Bedürfnis, nur um recht bald wieder aufbrechen zu können.

So war langsam Abend geworden und Clarissa hatte gefragt, ob sie sich neben ihn auf den Boden legen solle. Da war sie aber schlecht angekommen. Sie solle ihn in Ruhe lassen und sich in ihr Zimmer trollen, er wolle heute schlafen und da könne er ihr Schnarchen nicht brauchen. Er drehte sich der Wand zu und schwieg hartnäckig auf alle ihre Fragen, so daß sie es endlich aufgab, in ihn zu dringen, und sich leise aus dem Zimmer davonschlich.

Sie legte sich traurig auf ihr Lager und seufzte und seufzte und konnte lange keinen Schlummer finden.

VII.


Sie war aber kaum eingeschlafen, als auch schon wieder an der Tür gepocht wurde und die Wirtsleute sie holten, da der arme kranke Ritter wieder seinen Anfall habe. Sie hatte sich in ihrer Kammer gar nicht ausgezogen und nahm nun ihren Mantel um und eilte erschrocken und voll herzlichen Mitleids in das Zimmer des Märtyrers. Es schien in dieser Nacht noch schlimmer zu sein als in der vorhergehenden, wenigstens schrie der traurige Heinrich noch rasender und warf sich noch wütender im Bette hin und her. Es war aber nur ein ausgezeichnet durchgeführtes Schauspiel, das er sich selbst aufführte, weil er in uneingestandener Sehnsucht nach der lieblichen Pflegerin nicht hatte schlafen können und nur wünschte, sie möge ihm wieder wie gestern im bloßen Hemde, mit aufgelöstem Haare beistehen und sich liebreich über sein Lager beugen. Als er sie daher im Mantel und Kleid mit aufgesteckten Zöpfen in das Zimmer treten sah, zerrann seine Phantasie vor ihrem grauen Habit und er war ordentlich wütend darüber, daß sie seinem geheimen Wunsche nicht nachkam. Denn es hatte ihn zum ersten Male seit seiner Krankheit den ganzen Abend hindurch nur der eine Wunsch geplagt, sich recht innig an die Brust der holdseligen Clarissa anzuschmiegen, ihren Nacken zu streicheln und sich von ihren vollen Armen umfangen zu lassen.

Sie hatte ihr Lämplein auf den Tisch gestellt und beugte sich nun über den Armen, ihm die Stirn berührend. Er ließ sich das auch heute gefallen, nur daß er wie in einem plötzlichen Tollwerden des Schmerzes sich in ihren Mantel krallte und zerrte. Clarissa bebte und zitterte vor Mitleid mit seinem Schmerze und seufzte recht aus tiefstem Herzen, weil sie ganz untätig neben ihm stehen mußte und ihm sein Leiden so gar nicht abnehmen konnte. Sie strich ihm milde über das Haar und sprach zu ihm mit zärtlicher Stimme, als ob er ein krankes Kind wäre, das sie in den Schlaf wiegen wollte. Und als der Ritter aufstöhnte und mit klappernden Zähnen jammerte, daß ihn friere, da setzte sie sich auf den Bettrand zu ihm und breitete ihren Mantel über seine Bettdecke. Er aber umarmte sie wie in schrecklicher Angst und drückte sie heiß und fest an seine wogende Brust, daß ihr Hören und Sehen verging und sie in ihrer jungfräulichen Liebe zu ihm bereit war, ihm alles hinzuopfern, was er auch verlangte. Sie wehrte ihm nicht, als er an ihrem Kleide nestelte und sie zu sich ins Bett nahm. Und ein unbestimmtes und großes Glück und das heiligste Mitleid mit dem armen melancholischen Grafen, der aber in diesem Augenblicke schon ganz und gar nicht melancholisch war, durchströmte sie, daß sie die Augen schließen mußte und sich den Umarmungen des Ritters willenlos ergab.

Und als die Lampe früh erlosch und die Sonnenstrahlen in das Zimmer schauten, lagen die beiden in stillem Schlummer nebeneinander und der Arm des Ritters lag zärtlich unter dem schönen Haupte der Pilgerin.

Bald aber weckten sie die Sonnenstrahlen. Sie strich sich erst über die Stirn, als wolle sie sich auf etwas besinnen, so traumhaft war ihr zumute, dann aber übergoß eine tiefe Röte ihre Wangen, Tränen stürzten aus ihren Augen und ein Zittern durchlief ihren Körper. Sie war glücklich, daß der arme Graf neben ihr noch schlief und sie ihm nicht in die Augen schauen mußte, erhob sich rasch aus dem Bette und entkam in ihre Kammer. Dort warf sie sich vor ihrem ärmlichen Lager auf die Kniee, versteckte ihr Gesicht in den Kissen und verharrte so in grenzenloser Verwirrung, in die doch wie aus weiter Ferne ein feines Silberglöcklein des Glückes herüberläutete, und im Gefühle der glühendsten Scham, aber ohne die unwahre Ziererei der Reue, da sie dem Ritter in aufrichtigem Mitleid und inniger Liebe sich hingegeben hatte. Dann aber erhob sie sich und betete, daß die heilige Mutter Gottes ihr Opfer gnädig annehmen und zugunsten des Ritters verwenden möge, damit er endlich von seinem schweren Siechtum und seiner Melancholie erlöst werde.

Der Ritter war indessen mit dem Gefühle süßer Ermattung aufgewacht und dämmerte in seinem Bette vor sich hin. Er dachte auch nicht mit einem Gedanken an das Opfer der Jungfrau, sondern gab sich einem großen Stolze hin, daß er sein Stücklein so gut durchgeführt hatte, und träumte schon wieder von Abenteuern und Liebesunternehmungen, als ob die vergangenen Jahre nur ein böser Schabernack gewesen wären und alle Damen noch dasäßen und warteten, daß der schöne Heinrich sich ihrer Liebesnot erbarme. Dann aber, da der Hunger sich meldete, rief er nach seiner Pflegerin, die denn auch mit niedergeschlagenen Augen kam, um ihm seinen Morgenimbiß zu bringen.

Und wenn der Ritter nur ein wenig klug gewesen wäre, so hätte er vor Glückseligkeit bei ihrem Anblicke aufjauchzen müssen. Denn als sie nun mit gebeugtem Nacken an sein Lager trat und kaum den Morgengruß über die bebenden Lippen brachte, da flackerte das feinste Rot in ihren Wangen und sie war so unsäglich schön in ihrer Scham und Verwirrung, daß die Sonnenstrahlen vor Bewunderung ganz trunken ihre Gestalt umschmeichelten und ihr Blondhaar wie eitel Gold aufleuchtete. Der traurige Heinrich aber war durch sein jahrelanges Martyrium so verderbt und verstockt geworden, daß er ein großes Jammern anhob und ein über das andere Mal ausrief, daß diese Nacht seinen Pilgerzug und seine Heilung zunichte gemacht habe, da er ja mit einer reinen Jungfrau hätte nach Rom kommen sollen. Nun müsse er ewig krank und elend bleiben; das habe der verfluchte Medikus so fein eingefädelt und der Teufel habe ihm dabei geholfen.

Und er war in diesem Augenblicke, da er sich ja heil und durchaus gesund fühlte, wirklich schlecht und empörend in seiner Selbstsucht und Lust, andere zu quälen; und das erreichte er auch. Denn durch diese Reden ward die arme Clarissa aufs tiefste erschüttert und verlor völlig ihre Besinnung. In ihrer Scham und Glückseligkeit hatte sie den ganzen Morgen über vor sich hingeträumt, so daß es ihr jetzt schwer auf das Herz fiel, wie sie nun nicht mehr fähig sei mit dem Grafen vor den Papst zu treten. Sie fiel ihm zu Füßen, keines Wortes mächtig, und weinte, daß ihr Körper durch das Schluchzen erschüttert ward. Der traurige Ritter aber blieb verstockt und hart und legte nicht einmal die Hand auf das Haupt der Armen, bis sie sich endlich erhob und ganz verstört und unglücklich aus dem Zimmer davonwankte.

VIII.


Es war ihr nicht klar, warum es sie in ihre Kammer zog. Dort beugte sie sich unter ihr Bett und zog das Tüchlein hervor, in dem die Scherben ihres zerschlagenen Glückes lagen. Dann ging sie die Treppen hinunter und der einsamen Kapelle zu, die sie von ihrem Fenster am Waldesrande gesehen hatte. Es war das erste Mal seit ihrer Flucht, daß sie vor dem Altar kniete und heiß und aus tiefster Seele zur Mutter Gottes in ihrem Hause betete. Es war in dieser Kapelle eine hölzerne Mutter Gottes, mit seltsamer Krone und allerhand Flitter geschmückt, die aus einem kindlich geschnitzten Angesicht freundlich in die Welt schaute und die Rechte tröstend und mild erhoben hielt. Clarissa lag nun weinend und betend zu ihren Füßen und erzählte ihr ihr Leid und wie sie nun des Ritters Heilung verwirkt hätte.

»Du innigst verehrte, gebenedeite Himmelsfrau, du herrliche, reine Magd und Mutter, neige dich meinen Schmerzen,« flehte sie mit hoch erhobenen Händen zu der stummen Heiligen empor, »und heile den armen Grafen, nimm mich statt seiner zum Opfer, denn er ist gut und krank, indes ich armselig und unwürdig bin. Ich habe gar nichts, was dich erfreuen könnte, du reine Himmelsmagd, als diese Scherben eines Spiegleins, die ich dir weihe, denn sie haben mich unsäglich glücklich gemacht.«

Dabei legte sie ihr Tüchlein mit den Scherben der Mutter Gottes zu Füßen. Sie schluchzte aus tiefstem Herzen auf, und heiße Tränen rollten aus ihren verzweifelten Augen, da sie nun den Blick senkte und rot vor Scham und fassungslos der Jungfrau Maria ihr Vergehen berichtete. Sie verhüllte ihr Haupt und traute sich nicht, zur liebreich lächelnden Gnadenmutter emporzuschauen. Dann aber erhob sie sich, und von den Tränen erschüttert, endete sie ihr Gebet: »Nimm mich zu dir und reinige mich, denn ich sterbe gern, da ich mich vergangen habe, ich stürbe so gern, wenn nur mein Ritter, mein armer, kranker Ritter leben bliebe!«

»Liebe! Liebe! Liebe!« sagte der Widerhall im Kirchlein oder die Mutter Gottes. Denn sie lächelte mild und hielt ihre feine Rechte tröstend und sanft der zerknirschten Beterin entgegen. Die aber schwankte, ohne emporzuschauen, aus der Kapelle.

Als sich aber abends Clarissa, nachdem sie noch einige Stunden bei dem Ritter gewesen, in ihrer Kammer auf das Lager warf, da fügte es die trostreiche Mutter Gottes, daß die Arme in einen tiefen Schlaf verfiel, in welchem sie Ruhe und Frieden fand. Und die gütige Madonna selbst saß bei dem Kopfende ihres Bettes und freute sich herzlich der reuigen Sünderin und hatte das Tüchlein mit den Spiegelscherben mitgebracht, vielleicht weil sie den Bösen unterwegs zu treffen gehofft hatte. Die gute Clarissa aber schlief fest und hörte nicht einmal, als der Ritter wieder in seiner unwirschen Weise um sie schickte und durch das Haus schrie. Da erhob sich die Jungfrau Maria und nahm ganz die Gestalt der schlummernden Clarissa an, legte ihren Mantel um die Schultern und ging mit dem Päcklein, darin die Scherben lagen, aus dem Gemache den Ritter aufzusuchen.

Als sie nun etwas langsamer als die eigentliche Clarissa in sein Zimmer eintrat, donnerte er ihr schon seine häßlichen Flüche entgegen, daß sie sich schon gar nicht mehr um ihn kümmere und gar kein Mitleid mit seinem Leide habe, und setzte einige abscheuliche Lästerworte hinzu, da ihn schon wieder die Leidenschaft erfaßt hatte. Da stellte sich die Madonna vor ihn hin und, nachdem sie ihn lange und ruhig mit ihren tiefen Augen angesehen hatte, sprach sie zu dem erstaunten Ritter also:

»Du eigennütziger und häßlicher Schelm, der du mich in der selbstsüchtigsten und abscheulichsten Weise gekränkt und beleidigt hast, bist du wirklich also verstockt und böse, daß dir die Scham nicht die Stimme verschlägt, so mit mir zu sprechen? Ich zog mit dir aus, ich stützte und pflegte dich und war dir zu Willen, weil du mich dauertest, nicht deiner eingebildeten Krankheit wegen, du Eigennutz, sondern um meiner Liebe willen, die ich dir nicht verhehlen kann. Und nun willst du mich von dir jagen, anstatt mir die Füße zu küssen und um meine Gnade zu bitten. Den Saum meines Gewandes solltest du fassen und winseln, daß ich dir beistehe in deiner unmännlichen und verachtenswerten Selbstsucht, du Abscheulicher!«

Der Ritter hatte sich in seinem Bett aufgesetzt und schaute, sprachlos über diese Kühnheit, die Jungfrau Maria an, da er Clarissa bisher nur untertänig und willenlos gesehen hatte. Er rang nach Atem, so wütend war er, als er sie so dreist sprechen hörte. Dann aber lachte er böse auf und wollte aus dem Bette, die Kühne zu züchtigen. Die aber hatte ihr Tüchlein geöffnet, darin die Scherben lagen, und, indem sie das Laken, das den Ritter bedeckte, aufhob, schüttete sie die hundert Scherben auf sein Lager, daß sie wie spitze Dornen rings um seinen Körper verstreut waren und er wie in einer Dornenhecke lag, daß ihn jegliche Bewegung verletzen mußte, so daß er jetzt ein wirklicher Märtyrer war. Er hatte sich aber viel zu lieb, als daß er sich etwa gestochen hätte und rührte sich nicht, sondern schaute ganz verwirrt und hilflos auf die stolze Maid, die ihn gebändigt hatte.

So gern nun diese auch gelacht hätte, da der verdutzte melancholische Heinrich in seiner Angst zwischen den Stacheln einen wahrhaft kläglichen Eindruck machte, so beherrschte sie sich doch und blieb ernst und streng und sprach auf den Ritter in ihrer hoheitsvollen und gebietenden Weise ein, und er war gezwungen, ihr zuzuhören, da sie sich über sein Lager gebeugt hatte und ihn sogleich recht unsanft aufrüttelte, falls er ihren Ermahnungen durch Einschlafen sich entziehen wollte. Es war für diesen selbstherrischen und gewalttätigen Mann, der durch Jahre hindurch seine Umgebung gepeinigt und ganz vergessen hatte, daß die anderen vielleicht auch einen Willen hätten, die lehrreichste Strafe, nunmehr in einem Dornenbette von einer Maid bezwungen dazuliegen, ohne sich rühren zu dürfen, und ihren salbungsreichen Worten, die nun sein ganzes Leben vor ihm aufrollten, zuhören zu müssen. Der Trotz aus seinen Augen wich allmählich der Verwunderung, dann einem ängstlichen Staunen und wirklicher Furcht, da ihm die gezwungene Lage höchst unangenehm wurde und die schöne Predigerin ihm auch nicht einen Augenblick der Unaufmerksamkeit vergönnte, sondern ihn gleich rüttelte, wenn er ihr unachtsam schien.

So wurde diese Rede die eindringlichste und längste Predigt, die je gehalten wurde, und als der Morgen graute, war der Ritter so windelweich geworden in seinem verhärteten und verstockten Gemüt, daß ihm zum ersten Male aufrichtige Tränen in die Augen traten und ihm jämmerlich und ganz elend zumute war. Da war die Jungfrau aber erst in ihrer Rede bei dem Augenblicke angelangt, da Clarissa in das Leben des traurigen Heinrich eingetreten war. Und sie füllte die Morgenstunde mit der Aufzählung aller Schandtaten, die er ihr auf der Pilgerfahrt angetan hatte, wobei der Ritter nur leise mit dem Kopfe nickte und seufzte, da er nunmehr schon selbst einsah, wie verliebt er in dieses herrliche Wesen sei, das ihn hatte gen Rom geleiten wollen. Er weinte recht aus tiefstem Herzen, da ihn jetzt jedes rauhe Wort und jede unwirsche Bewegung, durch die er die gute Clarissa verletzt hatte, selbst schmerzte und peinigte und er nur den einen Wunsch hegte, alles wieder gut zu machen, was er verbrochen hatte.

So kam denn die predigende Jungfrau zu dem Augenblicke, da der böse Heinrich Clarissa zu sich ins Bett gezogen hatte: aber nun vergaß er ganz der Stacheln und Dornen, die ihn umgaben und richtete sich im Bette auf und flehte inbrünstig um Vergebung, und sie solle um Himmels willen ihm nicht auch noch diese Schandtat noch einmal erzählen, er liebe sie ja, wie er noch nie im Leben geliebt, mit einer so heißen Verehrung und achtungsvollen Liebe, daß er sich selbst eines so reinen und heiligen Gefühles nie für fähig gehalten hätte. Er schluchzte und verbarg sein Gesicht in den Händen, so schämte er sich, und zwischen echten Tränen rief er immer wieder: »Wenn ich nur wüßte, wie ich deine Verzeihung erlange! Ich liebe, ich liebe dich ja so heiß und innig!«

Diesen Augenblick aber benützte die heilige Jungfrau, um aus dem Zimmer zu verschwinden, und dies um so mehr, als sie schon vor der Tür die Schritte der wahren Clarissa hörte, die denn auch im selben Augenblicke, da die Madonna ihr Platz gemacht hatte, an das Lager des Geheilten trat. So hörte denn die verwunderte, glückliche Clarissa seine reinen und wahrhaften Liebesbeteuerungen mit jubelndem Herzen an, in der schönsten Verwirrung des Gemütes, das sich vor Glückseligkeit gar nicht zu fassen wußte. Sie legte ihre Hand sanft auf das Haupt des Ritters, der sie erfaßte und mit glühenden und innigen Küssen bedeckte und mit seinen Tränen netzte. »Ich habe dir dein Spieglein zerbrochen,« sagte er da und seine Lippen wurden weich und sanft, so daß die Worte aus seinem Munde liebreich und hold zitterten, »aber was brauchst du jetzt auch einen Spiegel, da du dich nur immerfort in meinen Augen anschauen sollst; du wirst dich darin erschauen, du Liebe und Holde, und wirst noch durch meine reine und echte Liebe verschönt sein!«

Da sah sie schon lachend in seine Augen, sie erschaute sich darin und erschaute sich doch nicht, so erfüllt waren die Augen von Liebe.

Und auf einmal war es den beiden, als ob ein wundervoller Duft das Zimmer erfülle, und da der Ritter sein Bettuch verschob, so waren die Splitter verschwunden und er lag mitten auf einem dornenlosen Rosenlager zwischen weißen und roten duftenden Rosen; also, daß nie ein Brautpaar ein schöneres und lieblicheres Brautbett gehabt hat.

Sie umarmten und küßten sich lange und mit dankbaren und glücklichen Lippen und noch am selben Tage machten sie sich auf, - nachdem sie sich in der Kapelle der gnadenreichen Madonna für ewige Zeiten vereinigt hatten, - um nach Schwarzenburg heimzuwandern.

»Denn,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nach Rom zu pilgern ......« worauf sie glutrot wurde und ihr Gesicht an seiner Brust verbarg.

»Mein liebes, holdes, einziges Weib!« jubelte er, und, da eine Lerche sich vor ihnen tirillierend in die Lüfte schwang, da war es ihm, als ob seine Seele auch Flügel hätte, und plötzlich sang er der beschwingten Sängerin seinen Gruß zu:

»Tandarada, Tandarada!

Welch ein Wunder mir doch geschah!«

Und er hat dieses Lied sein Leben lang weitergesungen!

Ihr lieben, guten Menschen aber, denen ich bis hierher wahrheitsgetreu und zu Gefallen diese Legende berichtet habe, nun seid mir nicht böse: ich weiß keinen Schluß dazu. Ich weiß nicht, wie sich der - Gott sei bei uns! -, wie sich der Böse mit der Mutter Gottes auseinander gesetzt hat! Und ob er auf seine gewonnene Wette sehr stolz ist! Denn ihr werdet doch gewiß, ihr guten und lieben Menschen, nicht verlangen, daß ich, nur um euch einen Schluß zu dieser Legende berichten zu können, mit ihm hätte sprechen sollen! Gott sei meiner Seele gnädig!

Aber eines ist wahr! In dem Kloster, daraus die Gräfin Clarissa von Schwarzenburg als Nonne entwichen, und fern, fern in der hohen Alpenkapelle, wo sie ihre armseligen Spiegelscherben der Mutter Gottes weihte, hängen zwei Bilder, von einer Künstlerhand gemalt und beide berühmt ob ihrer Schönheit und Wunderkraft für unglückliche Liebesleute: die Madonna, die in der Hand ein Spieglein hält und sich holdselig und lächelnd in dem Glase betrachtet. ...

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