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Hugo Salus – Die Blumenschale.

Gedichte

Albert Langen Verlag, München, 1908.
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August Macke – Frau mit Blumenschale


Aufs Grab meiner Mutter



Wehmut


Des Altans dunkle Nische

Ward meines Leids Asyl.

Im Garten an dem Tische

Lehnt stumm mein Saitenspiel.


Mich hat ein Weh getroffen,

Daß ich ganz trostlos bin.

Mein Auge scheint nur offen,

Verschlossen ist mein Sinn!


So starr' ich in die Bäume

Schon manche Woche lang –

Da, horch, in meine Träume

Erklingt's wie Saitenklang!


Und wie ich niederschaue,

Woher das Klingen bebt,

Erschau ich eine Fraue,

Die meine Leier hebt.


Ich seh die Finger gleiten

Die Saiten auf und ab,

Sie stimmt den Klang der Saiten

Um einen Ton herab.


Mein Schmerz neigt sich in Demut,

Er fühlt beschämt sein Ziel:

Sein sanft Geschwister Wehmut

Reicht mir das Saitenspiel ..



Traurige Lenzfahrt


Dumpfdonnernder Wagen!

Ich fahre durch den Frühlingsglanz nach Hause,

Um meiner Sterbenden Ade zu sagen.


Tiefdunkelnde Tannen!

Ihr deckt die Hänge längs dem Bahngeleise,

Wie Trauertücher ein Gemach bespannen.


Hellgrünende Birken!

Verstreut im Forst macht ihr sein Dunkel dünkler

Und möchtet doch als Frühlingsfackeln wirken!


Wirbelnde Blütenflocken!

In allen Zweigen drängt ein neues Leben,

Ich fühle schwer mein Blut im Herzen stocken.


Weiße Wölkchen im Weiten!

Bald, ach vielleicht noch eh' der Himmel dunkelt,

Wird eine weiße Seele euch begleiten ....



Erkannte Seele


Die tiefsten Lieder, die gelingen,

Halten ein Spieglein in der Hand,

Drein ist mit ihren bunten Schwingen

Des Dichters scheue Seele gebannt.


Die siehst du drin beben, die Flügel heben

Und schaust bewegter dem Spiele zu,

Bis deine staunenden Lippen beben:

»Du meine zitternde Seele du;


Gleich hab' ich dich an den bunten Schwingen

Als meine eigene Seele erkannt!« –

Die tiefsten Lieder, die gelingen,

Halten ein Spieglein in der Hand ...




Begegnung


Durchs Dunkel schwebend trifft der Morgenwind

Den heimwärts strebenden, den Abendwind.

Der junge grüßt und ruft erstaunt den alten:

»Wie Segel blähn sich deines Mantels Falten

Und kehrst doch heim!« – Ernst spricht der Abendwind:

»Weil sie gefüllt mit schweren Seufzern sind!«


Der Junge wirft sich in die Luft: ihm graut!

Er schaut das Morgenrot, dem er vertraut;

Er glaubt die Worte nicht, die eisigkalten,

Des Schwindenden: »In deines Mantels Falten

Bringst du den Menschen, wenn der Morgen graut,

Nur ihrer neuen Seufzer Hauch und Laut!«



Richtspruch der Ewigkeit


Mit wuchtigen Schritten stürmte vor den Thron

Der Ewigkeit Chronos, der Wanderer.

In zornigen Fäusten zerrt er an den Strähnen

Zerwühlten Haars zwei Weiber hinter sich

Und schleudert sie zu Füßen der Natur:

»Heut Nacht, da sich ein Jahr vom andern kehrt,

Hab' ich die neidische Brut gefaßt. Sie höhnen

Und quälen mich, den Schreitenden. Dies Weib

Nennt sich Erinnerung und wirft mir Berge

Auf meine Straße, daß ich straucheln muß.

Und dieses Weib, so hassenswert wie jenes,

Dies Weib Vergessenheit mit gierigen Krallen

Höhlt unter meinen Sohlen tiefe Täler,

Daß meine Knie versagen. Herrin, richte!

Vernichte sie, damit ich weiter wandre!« –

Da hob von ihrem Thron sich die Natur,

Die Ewige, die Arme breitet sie:

»Ich kenn' euch nicht; nicht dich, noch dich und dich.

Ihr seid, weil Menschen sind. Sie brauchen euch,

Damit sie nicht verzweifeln, dich und dich.

Kehrt um, sie schrei'n nach euch. Ich hör' sie schrei'n!«

Da flohn die Schwestern. Mit verlornem Blick

Folgt ihnen Chronos nach, der Wanderer.

Und ihre Arme senkt die ewige Mutter ...



Lichter über dem Strome


Lichter über dem Strome drüben,

Liebe Lichter, was ruft ihr mir?

»Du bist drüben und wir sind hüben,

Und die Klarheit kennt kein Drüben.

Klarer Abend, dort wie hier ...«


Dunkle Wolken. Auf den Wellen

Graue Schleier, Nebeltanz.

Auf den Wellen Schleierschwellen,

Schmachtend Schweben, schwelend Quellen:

Lichter, wo ist euer Glanz?


Ferne Rufe: »Wir sind hüben!

Sehnt's dich nicht? Wir leuchten noch,

Komm herüber!« – Ich mit trüben

Träumerblicken: »Drüben? Drüben?

Welch ein Dunkel ruft ihr doch ...«




Vorletzte Stunde


Jede Stunde ist Tochter und Mutter zugleich

Und macht uns arm, und macht uns reich.

Und immer öffn' ich von neuem die Tür:

»Tritt ein, du Stunde, was bringst du mir?«


Sie schaut mich an: »Mich hab' ich gebracht;

So hab' ich dein Leben reicher gemacht.« –

»Und ärmer!« schrei ich. Sie nickt und geht.

Die Tochter schon auf der Schwelle steht.


»Du, deine Mutter an mich vergaß!

Bring du mir endlich ...« Ernst fragt sie: »Was?«

– »Das Leben!« fleh' ich. Da geht sie schon:

»Vielleicht weiß meine Tochter davon.«


Und Kommen und Gehn und Kommen und Gehn,

Kann kaum mehr an der Türe stehn,

Und da schlürft noch eine Stunde herein,

Und die wird nimmermehr Mutter sein ...



Die Hand des Schöpfers


... Da griff des Ewigen schwere Riesenhand

Ins Ungeformte und, zur Tat erwacht,

Formt sie der Welten, der Gestirne Macht

Und trennt mit einem Drucke Meer und Land.


Dann drückt ihr Finger an den Weltenrand,

Da wirbeln die Gestirne durch die Nacht,

Dann schleudert sie – der Himmelsschild erkracht! –

Den ersten Blitz und setzt die Sonn' in Brand.


O heilige Kraft! O Schöpferlust!

                                   Und dann,

Dann schaut der Ewige still die Welten an

Und spricht zum Sphärenreigen: »Nun erklinge!«


Sein Auge träumt, die Riesenhand wird mild,

Sie schafft den Mondschein, formt das Lenzgefild,

Den Tau, den Wellenschaum, die Falterschwinge ...



Die ewige Stimme


Und der Winsler Stimmen gellten

Klagend auf zum Herrn der Welten:

»Vater, es ist schlecht bestellt!

Sieh, wir leiden Pein und Qualen

Durch die Willkür der Brutalen!

Wem, für wen schufst du die Welt,

Nord und Süd und Ost und Westen?«

Spricht der Herr:

»Für die Starken und die Festen!


Doch zugleich mit den Verlornen

Schrien die Starken, Krafterkornen:

»Vater, es ist schlecht bestellt!

Sieh, an unsern reifen Plänen

Hängen schwer der Feigen Tränen!

Herr, für wen schufst du die Welt,

Ost und West und Nord und Süden?«

Spricht der Herr:

»Für die Schwachen und die Müden!«



Notturno aus dem Forsthaus


Mit Träumersinnen, die der Schlummer flieht,

Lieg' ich im Mondschein aufgestützt im Bette.

Das Bächlein murmelt und ich starre müd'

Auf des Gebirges ernste Silhouette.


Der trotzigen Windsbraut Jungfernreigen zieht

Im Walde hinterm Haus zur Hochzeitsmette,

Da stöhnt der Wald und rauscht sein dunkles Lied,

Und, jäh erwacht, zerrt Pluto an der Kette.


Und so, Natur belauschend, fühl' ich bang,

Und fühl's zum erstenmal in meinem Leben –

Wie traurig ihrer Riesenharfe Klang;


Wie melancholisch ihre Saiten beben,

Wie, Mutter, schmerzlich deine Melodein ...

Und tiefaufseufzend schlaf' ich lächelnd ein ...



Mitleid


An der Kirchentür, wo die Bettler stehn,

Da ist mir ein tiefes Leid geschehn,

Das wird mir das Leben verbittern!

Ich gab den Bettlern, wies keinen zurück,

Und fühlte Mitleid und Geberglück

Wärmend mein Herz durchzittern.


Und da muß der Teufel gewesen sein,

Und es kann nur der Teufel gewesen sein

Da an der Kirchenpforte.

Und zischelt: Wie wohl tut doch fremdes Leid!

Dein Mitleid ist nichts denn Eitelkeit!

Denke, bedenk meine Worte!


Und nun steh' ich da und im Ohre heiß

Gärt mir das Gift und ich weiß, ich weiß,

Wird gären und weiterbrennen.

Und mein Mitleid und Wohltun ist mir vergällt,

Und der Fluch hat mein reinstes Glück zerschellt:

Freudig wohltun zu können.




Charonsrufe


Wo sich der Styx schwarz in den Abgrund gießt,

Ragt flutumrauscht einsam ein Felsen auf.

Aus Charons Nachen, der dort niederschießt,

Schwang sich ein Wahrheitsucher felsenauf:

»Hier ist der Ort, da Sein in Nichtsein fließt,

Hier kündet sich mir allen Wesens Lauf!«

Ein Charonsruf:

                              »Du Narr, der du mich fliehst!

Hier fängt die Wahrheit an; hier hört sie auf!«


Doch welch ein Wunder! Neben Charons Boot

Ein zweiter Nachen! Milden Angesichts

Am Kreuzesmast ein andrer Fährmann Tod!

Der streckt die Hand und, ledig des Gewichts,

Hebt sich das Boot, dem schon der Hades droht,

Und schwebt zum Himmel auf, verklärten Lichts.

Ein Charonsruf:

                              »Du träumender Pilot!

Hinauf, hinab! Wir steuern in das Nichts ...«


Da ist im stygischen Dunkel eine Stelle

Des letzten Sonnenstrahls. Und Charon lenkt

So meisterlich das Boot, daß sich die Helle

Von Mund zu Mund auf jeden Schatten senkt;

Und ist kein Mund, dem nicht die lichte Welle

Zum letztenmal das Wörtlein »Liebe« schenkt.

Ein Charonsruf:

                              »Ich bin der Dunkelhelle!

Ich bin die Liebe, die zum Frieden lenkt ...«



Dunkler Garten


In deinem traumdunklen Märchengarten

Unter Bäumen, die uralte Greise sind,

Seh' ich noch immer mit seinen zarten

Wänglein und blonden Locken dein Kind.


War nur ein Sonnenstrahl in dem Dunkel,

Legt sich dem Kind ums Haupt wie ein Kranz.

Nimmer vergess' ich das goldne Gefunkel,

Nie seiner Schläfen angelischen Glanz.


Ach! und es schaut in den Strahl und mit Schmeicheln

Sagt es und lacht und lacht in das Licht:

»Mutter, ich möchte die Wölkchen streicheln!«

Sagt die Mutter: »Das kannst du nicht!« –


Deinem Kind ist sein Wunsch geworden,

Flog zu den hellen Wolken empor;

Und dein Garten ist dunkel geworden,

Dunkel, dunkel, wie nie zuvor ...



Aus der Matratzengruft


Nun muß ich liegen und liegen,

Daß ich gebrochener Mann

Meiner Stunden Fliegen

Nimmermehr folgen kann.


Liegen und immer nur lauschen;

Und mein gepeinigtes Ohr

Hört jedes Raunen und Rauschen

Nahe wie nie zuvor.


Lauscht jedem Glockenverhallen

Über dem dämmernden Land,

Hört jedes Mörtelfallen

Von einer müden Wand.


All meine Sinne starben,

Nur mein Hören säumt!

Sprich, Tod, gibt es Farben,

Hab' ich von Duft nur geträumt?


Raunen und Rauschen ... O wehe,

Wie ist mir Einsamem bang!

Ach, und ich war doch ehe

Selbst ein jubelnder Klang! ...




Stimme des Grabes


Über den Sarg, der neben der Grube steht,

Der Herbstwind stöhnend zusammenweht:

Der Witwe Schluchzen, der Kinder Klagen,

Der Frauen Weinen, des Priesters Gebet,

Und weht auch ins Grab mein trostloses Fragen:

»Dunkles Grab, nun mußt du mir Antwort sagen,

Warum nach ihm deine Sehnsucht steht,

Warum just ihn der Tod erschlagen,

Der so mannhaft und stark das Leben getragen?«


Und nun starr' ich hinab in den dunklen Schlund

Und seh' das frische Grab sich tiefen,

Und seh' seine feuchten Wände triefen,

Zerschnittene Wurzeln und schwarz den Grund,

Und mir ist, als ob die Wände was riefen:

»Wir wollen dir künden in dieser Stund'

Des Lebens und Sterbens tiefsten Grund;

Es steht geschrieben in Hieroglyphen

In diesen zerschnittenen Wurzeln und ...«


Da schwiegen die Wände, da schwieg mir der Grund,

Sie hoben den Sarg just über den Schlund,

Und da schloß der Sarg dem Grabe den Mund,

Und dann hat die Antwort auf meine Fragen

Das Poltern der kollernden Schollen erschlagen ...



Sterne


Nun ist mein Schifflein im Hafen:

Dorffrieden. Tiefe Nacht.

Bin doch aus dem Schlafe erwacht.

Das Schweigen der Sternennacht

Läßt mich nicht schlafen, schlafen.


Sterne, die ewigen Fragen

Weckt ihr, das ewige Leid;

Einsamunendlichkeit!

Sieger der Dunkelheit,

Wollt ihr nichts Helles mir sagen?


Sternhimmel, Traum der Erde,

Deine leuchtende Pracht

Hat mir so bang gemacht!

Hast du für meine Nacht

Nichts, daß mir Frieden werde?


Nichts? Eines Knechts Laterne

Schimmert im Dorfe.

Und du, Seele, du zitterst ihr zu.

Ach, und du fühlst: deine Ruh'

Liegt im Schein solcher Sterne ...



Zwiegespräch


»Wie kommt es, du weiser und greiser Mann,

Daß niemand das Welträtsel lösen kann?

Und sind so viel tausend Jahre verflossen,

Und hat doch noch niemand das Rätsel erschlossen!«–


– »Drauf weiß ich dies: weil keinem auf Erden

Natur verstattet so alt zu werden,

Daß er den Tag der Klarheit erlebt,

Daß er den Schleier der Wahrheit hebt.« –


– »Du bist doch so alt!« –

                              – »So neunzig Jahr!

Mit sechzig war ich älter fürwahr!

Dann ward ich alljährlich jünger wieder:

Bald legt mich Natur in die Wiege nieder!« –


– »Das sagst du weiser ...?«

                              – »Und greiser Mann!

Natur fängt stets wieder beim Kinde an.

Und das ist ihr schlichtes Geheimnis auf Erden:

Sie läßt ihre Kinder – Kinder werden ...«



Spätes Erkennen


Als ich dich sah zum erstenmal,

Mir war's wie ein tiefes Besinnen,

Als hätt' ich dich längst schon im Bildersaal

Hängen im Herzen drinnen.


Dort hängt meiner Mutter und Vaters Bild,

Mein Bruder und noch ein Rahmen,

Eines Engels Köpfchen, lieb und mild,

Doch das trug keinen Namen.


Dacht' immer: mein totes Schwesterlein;

Das ward den Eltern genommen.

Sie sagten mir oft: »Sie starb noch klein.

Statt ihrer bist du gekommen.«


Da dacht' ich, so hätte sie dreingeblickt,

Wär' sie zum Leben genesen,

Und hab' mir ihr Bild mit Rosen geschmückt.

Nun weiß ich erst, wer es gewesen ...



Schöne Zeile


»Der Heinrichspark steht ganz in Blüten«

In einem deiner Briefe fand

Ich diesen sonnenüberglühten,

Glitzernden Satz – du liebe Hand!


Du schriebst die Zeile so im Briefe

Gleichmütig hin und wußtest nicht,

Daß sie von Klang und Wohllaut triefe!

Mir war sie wie ein Lenzgedicht.


Seither ist fast ein Jahr vergangen:

Der Park war grün, ward gelb, war tief

In seinen weißen Traum befangen,

Die schöne Zeile aber schlief.


Heut steh' ich in dem lenzerglühten,

Erblühten Park. Er rauscht, er spricht:

»Der Heinrichspark steht ganz in Blüten!

Suchst du vielleicht dein Lenzgedicht?«



Traumengel


Heut hat Traumkönigin die lichten

Traumenglein in die Nacht geschickt,

Die wissen Träume zu erdichten,

Vom Baum der Wünsche abgepflückt.


Nun flattern sie durch alle Gassen.

»Wo fliegst du hin?« – »Zu einem Kind.«

»Und du?« – »Ich darf mich niederlassen,

Wo ich ein willig Ohr mir find'!«


Husch hier, husch dort! An tausend Ohren

Erklingt der holde, süße Trug.

Ein Engel nur fliegt noch verloren,

Ihm scheint kein Schläfer wert genug.


Da, wie er durch den Mondschein gleitet,

Bannt ihn an einem Giebelhaus

Ein dunkles Fenster. Weh, da breitet

Ein andrer schon die Flügel aus.


»Laß mich hier meinen Träumer finden!«

Doch Amor lacht: »Den schirme ich!

Dem mußt du keine Märchen künden!

Er liebt! Der träumt auch ohne dich!«



Der Wettlauf


Von Leben glühend in mein lichtdurchhelltes

Poetenstübchen trat mein Mädchen ein

Und neigt ihr Haupt, ihr sonnig blondgewelltes,

Auf mein, der Muse harrend, schräggestelltes

Schreibpult herab: der schiere Sonnenschein!


Sie lacht: »Die griechische Dame scheint zu schmollen!

Sie kommt dem Herrn heut nicht zum Stelldichein!

Schon wollte ich der Göttin eifernd grollen,

Nun lad' ich deine Muse mir zum tollen

Wettdauerlauf um deine Liebe ein.«


Schon eilt sie hin, mir jeden Plan erschlaffend;

Doch – ist's ein Spuk? – ihr nach im Sonnenschein

Seh' ich, des Chiton strenge Falten raffend,

Die Muse schweben: und ich stehe gaffend,

Und meine Verse jagen hinterdrein ...




Der Träumer


Jetzt hat die weiße Winternacht

Mir einen närrischen Traum gebracht:

Ich stand auf unserm Kirchenplatz

Und lugte aus nach meinem Schatz.


Der Platz lag leer im Sonnenschein,

Doch wer mag diese Dame sein?

Die Dame aber, sonderbar,

War mein Braunlieb in blondem Haar!


In blonden Locken wie sie kam,

Ich sie für eine Dame nahm!

Das Haar ihr Mantel! Königin,

Wo geht der Mantel mit Euch hin?


Da fuhr sie mit der Hand ins Gold,

Daß ein Dukaten fürder rollt,

Und noch und noch. Ein ganzer Schwarm!

»Bin ich den Deinen noch zu arm?


Jetzt geh' ich so vor euer Haus!«

Mehr weiß ich nicht, der Traum war aus!

Ach, wär' nur auch die Nacht zu End',

Daß ich mit Vater sprechen könnt'!



Die kalten Finger


Heut hielt ich lang' die grabkühle Hand

Einer Sterbenden in der meinen:

Nun will mir's immer noch scheinen,

Ihr Frost sei mir in die Finger gebannt.


Und nun, du holdes Leben,

Mein Lieb, kommst du mit deiner Glut,

Mit offenen Armen und heißem Blut –

Und ich steh' kalt daneben?!


Nennst du mich kalt? Ich bin's nicht! Nein,

Nur meine Finger frieren

Und möchten dich nicht berühren! –

Liebe muß abergläubisch sein!



Stille der Nacht


Die Nacht hat tausend Ohren

Und allen sage ich,

Ganz in die Nacht verloren:

»O Liebste, liebst du mich?«

Die Nacht hat tausend Ohren.


Du Nacht, du heiligstille,

Geheimnisvolle Nacht,

Durch deines Schweigens Fülle,

Ist sie vielleicht erwacht!

Du Nacht, du heiligstille!


Du Nacht, was sagt dein Rauschen?

Gib Antwort, hört sie mich?

Andächtig will ich lauschen,

Voll Sehnsucht frag' ich dich,

Du Nacht, was sagt dein Rauschen?



Trotz


Meine Liebe zu verschmähen

Ist dein Recht; doch mir zu wehren,

Dich vom Herzen zu verehren,

Kann kein Gott dir zugestehen.


Denn mein Herz ist wohl dein eigen,

Doch es läßt sich nichts befehlen,

Und es ist zu stolz, zu hehlen,

Und es kann und will nicht schweigen!


Drum verzeih du meinen Wangen,

Wenn sie aufglühn und erbleichen!

Aber nie wirst du's erreichen

Und du darfst auch nicht verlangen:


Daß ich lächle, statt zu klagen,

Noch, daß Antlitz und Gebärde

Mir zum Mimenkunstwerk werde!

Denn mein Herz läßt sich nichts sagen!



Die Blumen der Witwe


Sie drückt', wie ich versteckt im Flieder sah,

Auf jede Rose noch der Liebe Siegel,

Und hielt den Strauß dem Herzen innig nah.

Dann legte sie ihn seufzend auf den Hügel.


Sie ging. Ich trat ans Grab. Ich sprach zum Strauß:

Du bist von Liebe jetzt ganz, ganz durchflutet,

Strahlst du sie wirklich all dem Toten aus?

Der Tote schläft! Doch meine Sehnsucht blutet!


Und beug' ich mich zu dir, laß es geschehn,

Ich will nicht sträflich seine Rosen fassen;

Ich will nur hier, wo Liebe atmet, stehn

Und mich von ihrem Duft umkosen lassen.




Altmodisches Frühlingslied


Die Sonne lacht und es blitzt der Tau,

Und fröhliche Vögel schwingen

Sich jubelnd empor ins selige Blau;

Und mir ist, ich muß dir, du vielliebe Frau,

Ein altmodisch Frühlingslied singen:


Du hast wie ein leuchtender Frühlingstag

Dem Herzen den Winter genommen;

Da ward mein Herzschlag zum Amselschlag,

Und es lacht die Aue, es leuchtet der Hag

Und mein Lenz, mein Lenz ist gekommen!


Ich stehe in Knospen, ein junger Baum,

Und meine Äste dehnen

Sich dir entgegen in Tag und Traum.

Und ich stehe in Blüten und weiß es kaum

Vor Lust und Liebe und Sehnen ...


Das ist ein altmodisch Frühlingslied,

Zum Klange der Laute zu singen.

Doch wenn's dich in meine Arme zieht,

Dann ist es ein junges Frühlingslied,

Blutjunges Frühlingslied!

Tät nimmer ein beßres gelingen!




Am Klavier


Spiel was von Mozart! Ich liebe dich sehr:

Spiel was von Mozart! Dann lieb' ich dich mehr!

Mädchen, von Mozartwohlklang umflossen:

Alle Schönheit liegt drinnen verschlossen.


Ich seh' auf den Tasten den hüpfenden Reigen

Schlanker Finger sich tummeln und neigen,

Zehn Finger hüpfen im wirbelsichern,

Jubelnden Tanz und die Töne kichern.


Das strömt so hell aus den Saiten heraus,

Wie Kinder aus einem dunklen Haus,

Ist rein und klar, wie Frühlingslüfte,

Und süß und innig, wie Frühlingsdüfte.


Da wird der Wohllaut zur Farbe und glitzt

Und schimmert und flimmert und leuchtet und blitzt!

Fünfhundert Falter mit funkelndem Glanze

Schweben um dich in sprühendem Tanze!


Singende Falter! Du Zauberin du,

Selig schau' ich dem Märchen zu,

Und mein klingendes Herz auf Falterschwingen

Wiegt sich inmitten den Schmetterlingen ...



Baumblüte


Der Eilzug rollt durch das blühende Elbtal.

Apfelblüte. Duft, Duft bis in den Wagen.

Mir ist, tausend weißrosa Schmetterlinge

Haben sich draußen auf die Zweige gesetzt;

So lieblich ist Apfelblüte! Wenn ein Lüftchen weht,

Schweben die Blütenfalter zur Erde nieder.

Lachende Kinder haschen nach ihnen.

                              Ich bin wie berauscht!

Und jetzt trägt gar der Wind eine Blüte

Mir in den Wagen. Ich fange dich, Blüte,

Und ich drücke dich, Kühle, warm an den Mund:

Gruß meiner Heimat ...

Prag! Meine lachende Liebste erwartet mich.

Nun küss' ich sie. »Wie deine Lippen duften, Geliebter!«

Ich lächle beseligt. Ich fühle dankbar:

Gruß meiner Heimat ...



Heißer Kuß


Nun sich im Kusse unsre Lippen finden,

Du mir so nah und alle Welt so fern!

Da sieht mein Aug' den Demant sich entzünden

An deinem rosigen Ohr, den Liebesstern.


Sein Feuer glüht, loht auf und bricht zusammen.

O Seligkeit der Liebe, ich und du!

Wir stehn in purpurroten Liebesflammen

Und ihre Glut schließt uns die Lider zu.


Mit starken Armen halt' ich dich umfangen,

Ich trinke deine Seele, du bist mein!

Was bebt dein Mund? Nein, küß mich ohne Bangen,

Du sollst an meiner Brust geborgen sein.


Sie neigt die Stirne. Durch den Spalt der Lider

Schau' ich sie an. O Welt, wie warst du fern!

Wie traulich winkt mir jetzt der Demant wieder

Am Ohr der Liebsten! Holder Liebesstern!



Gedächtnis


Wenn der Lenz die ersten Blumen streut,

Muß ich dein in stiller Wehmut denken:

Ach, wie oft, beim Frühlingsblumenschenken

Hat sich mir dein Frühlingsreiz erneut!


Mit gesenkter Wimper, rot vor Scham,

Im Beglücken frei, scheu im Empfangen,

Botest du mir deine keuschen Wangen –

Bis ein neid'scher Lenz dich zu sich nahm.


Drum so macht der erste Frühlingsgruß,

Erste Blumengruß mich tief beklommen,

Weil beim Frühlingsblumenwiederkommen

Ich der Frühverwelkten denken muß:


Bis ich unter Tränen lächeln kann;

Frühlingskinder, Tröster meiner Leiden,

So vertraut, so rein, so hold bescheiden

Schaun mich eure lieben Augen an ...



Der Blick


Den sie schon ausgesandt nach mir, den Blick,

Der mir ein Glück verheißen wollt', den Blick,

Den ich ersehnte, wie den ersten Blick

Der Blindgewesene, Genesene: den Blick

Rief sie zurück im Gehn, da ihr mein Blick,

Der sie erwartende, vielleicht als Blick

Zu heischend schien, mein arm demütiger Blick,

Vielleicht zu sklavisch schien, und ließ den Blick

An mir vorübergehn, die grausame Verschwenderin!

Dort traf ihn in der leeren Luft mein Blick

Und, ihm vermählt und ausgelöscht, ihr Blick

Fiel grau und tot aufs Straßenpflaster hin

Und ward zertreten von der Menschen Füßen.

Nun steh' ich da und such' mit leerem Blick

Den lichterweckenden, den Gnadenblick

Und werde wohl mein Lebtag suchen müssen ...





Das Symbol


Nach einem überhitzten Leid,

Versunken in mein Elend, fand

Ich mich in Zimmers Einsamkeit

Mit meiner Sanduhr in der Hand.


Die Sanduhr, müßiger Ahnentand,

Weiß Gott, warum mich's überkam,

Daß ich sie jetzo von der Wand

Schwermütig in die Hände nahm.


Sie zwängt sich selbst in meine Hand!

Die Dinge sind so zauberhaft!

Und über menschlichen Verstand

Wirkt des Symboles Wunderkraft!


Und so in meiner Einsamkeit,

Da inniges Mitleid ich empfand

Mit meinem überhitzten Leid,

Zwängt es sich selbst in meine Hand.


Wie Hamlet mit dem Schädel stand

Ich sinnend und – nichts sinnend da,

Bis ich mich in dem Spiegel sah

Und meiner Stellung Lug empfand.


Da hat die Scham mich übermannt!

Verflogen war mein falsches Leid.

Ich gab das Spielzeug aus der Hand

Und höhnte meine Einsamkeit ...



Genesene Ophelia


Du klare, alabasterweiße Stirne,

Darauf der Abglanz aller Keuschheit thront,

– Gleichwie im Diadem der Nacht der Mond –

Heut' bist du wieder rein, wie Eis der Firne.


Ach, hinter dir, im arg verwirrten Hirne,

Hat gestern noch ein trüber Geist gewohnt,

Der selbst so reine Lippen nicht verschont

Und sie verzerrt zum Munde einer Dirne!


Heut' sind die Lippen, die nie wissen dürfen,

Wie sie ein Dämon schänderisch mißbraucht,

Sanft und gerührt und lächeln selig wund,


Da sie erstaunt des Lebens Odem schlürfen;

Und heilig glänzt die Stirn, da nun mein Mund

Auf ihren Schnee den Kuß des Mitleids haucht ...



Don Juan-Menuett


Tiefsinnige Mädchenklugheit!

's ist lange her, viel lange Jahre her!

Sie denkt gewiß an mich schon lang nicht mehr!


Schwarzlockiger Mädchenkopf!

Ich traf sie in des Zimmers Dämmerschein

Endlich zum ersten, ersten Mal allein.


Tiefdunkle Mädchenaugen!

»Ich lieb' dich! Küsse mich! Mich drängt's zu dir!«

Sie wehrt mir? Flieht? Sucht Hilfe beim Klavier?


Heißglühende Mädchenlippen!

O seliger Kuß! Mir schwindet Zeit und Ort!

Hell klingt's: »Bst, bst! O schöne Masken dort!«


Tändelnde Mädchenhände!

Ich glüh'; sie spielt. In göttlich heitrer Ruh'

Spielt sie das Menuett. Du Kalte, du!


Silbernes Mädchenlachen!

Sie blitzt mich an: »Du Don Juan! Hab' ich dich?!

Hörst du das Menuett, so denk an mich!«


Tiefsinnige Mädchenklugheit!

Wie oft mahnt's mich an sie die Jahre her!

Sie denkt gewiß an mich schon lang nicht mehr ...



Die Greisenserenade


Als ich Fröhlicher bei meiner Liebsten stand,

Die mich mit lockigen Fesseln umwand,

Da lauscht' ich: vom dunklen Garten klangen

Werbende Töne voll Liebesverlangen.


Wie aus vielen Kehlen klang das Lied,

Wie aus schwülen Seelen, heiß und doch müd',

Siegersehnend und doch bezwungen!

Und ich hielt die Liebste tändelnd umschlungen!


Sie riß mich an sich und herzte mich

Und höhnte die Sänger: »Die kenne ich!

Das ist das Ständchen der widrigen Flenner,

Die Serenade der alten Männer!


Die singen all Abend vor meinem Haus

Und winseln mich an und sind mir ein Graus!

Sing du mir dein Lied! Das wird sie verscheuchen!

Sie werden erschrecken und werden entweichen!« –


Und ich sang mein Lied. Und Tag und Jahr,

Mein Herz ward müd' und grau mein Haar ...

Doch mein Blut ist noch heiß und voller Verlangen,

Und ich bin in den dunklen Garten gegangen.


Und Brüder sind da und die Sehnsucht zieht

Zum Fenster empor als werbendes Lied,

Und ich singe im Chore der traurigen Brüder.

Vom Fenster höhnt die Jugend hernieder ...



Helios


Die weiße Straße in das Alpendorf

Vom Passe nieder vor zwei wuchtigen Braunen,

Aus deren Fell die Sonne Schilder schweißt,

Stürmt offnen Hemds der schlanke, braune Knecht.

Er jauchzt, die Rosse schnauben. Und die Straße

Erdröhnt von ihrem Hufschlag wie Metall.

Die Mädchen aus der Stadt schaun weiten Auges

Die Stürmenden.

                              Durch ihre Träume nachts

Wird Helios heute seine Rosse jagen,

Und offne Lippen werden Worte hauchen,

Heiß wie der Dampf aus glühendroten Nüstern ...



Das letzte Geschenk


Warum er es tat, das war ihm nicht klar,

Ihm war nicht zum Denken zumute;

Er wußte nur, daß sie gestorben war

Und daß sie im Sarge ruhte.


Da trug er zwei Tage sein großes Weh

In die Wälder, als müßt' er was suchen,

Und fand zwei Federchen, weiß wie Schnee,

Bei des Wildsees blutdunklen Buchen.


Zwei weiße Federchen, Flügelflaum

Aus eines Schwanes Gefieder,

Die nahm er und küßte sie, wie im Traum,

Und legt sie im Sarge nieder.


Er hat sich dabei nichts Rechtes gedacht,

Er wollt' ihr zum Abschied was bringen;

Da hat er ihr die zwei Federn gebracht

Für ihre Engelsschwingen ...



Das Tor der Träume


In sanften Angeln geht das Tor der Träume;

Mit Fingern eines Blinden tastest du

Dem leichten Riegel an dem Tore zu

Durch lange Gänge und durch weite Räume.


Im offnen Tor der Wunder und der Träume

Wird leicht dein Fuß, als trüg' er Flügelschuh',

Und auf beglückten Sohlen wandelst du,

Verwirrt und klar, im Schatten heiliger Bäume.


Der Garten winkt; das Paradies! Und hier –

Eva, bist du's? Mein Wunsch, mein Traum, mein Glück,

Im schlanken Ebenmaß der jungen Glieder? –


»Ich bin's!« – Ein Wirbelsturm reißt dich zu ihr

Und hebt dich hoch und schleudert dich zurück, –

Und vor dem Tor der Träume sinkst du nieder!



Junge Witwe


Das Schicksal hat ihr zertrümmert,

Was ihr das Liebste war;

Sie hat nicht geschrien und gewimmert

Und nicht gerauft das Haar,

Nein, sie ist hart geworden.


Nun kommt mit ihrer schiefen

Weisheit die Welt: »Bleib weich!

Der Schmerz wird dein Herz vertiefen,

Der Schmerz macht gut und reich!«

Wie sie die Worte ekeln!


»Das Herz wird rein durch Leiden!«

Ihr Lügner, das Glück macht rein!

Ich kann nur hassen und neiden,

Und ich bin fühllos, wie Stein!

Weh mir, und auch das ist erlogen ...



Lauschender Pan


Hinter Bäumen versteckt lauscht Pan einem Liebespaar:

»Mädchen, wie lieb' ich dich innig, wie lieb' ich dich rein und wahr!

Welch ein Wunder geschah mir! Wie fühl' ich mit staunendem Beben,

Deine Liebe, sie hat die Reinheit mir wiedergegeben!

Daß ich geruhigen Blicks dir tief in die Augen zu schauen,

Daß ich voll heiligen Glücks dich zu küssen mich darf getrauen!«


Hinter Bäumen versteckt lauscht Pan einem Liebespaar:

»Liebster, wie soll ich dir danken! Wie schau' ich jetzt alles so klar!

All mein Sehnen war wie die Wege im Abendgarten,

Die auf die Silberpantoffel des Reigens der Mondelfen warten.

Du hast mein Sehnen gestillt! Wie wunschlos ist doch die Liebe!

Und nur ein Wunsch erfüllt mich: Ach, wenn es doch immer so bliebe!«


Hinter Bäumen versteckt lauscht Pan einem Liebespaar.

Ei, wie strotzt dem Burschen der Nacken braun unterm Haar!

Hei, wie wölben die runden Brüste dem Mädchen das Mieder!

Und wie üppig fließt das Kleid von den Hüften ihr nieder!

Pan lacht auf! Das Pärchen verstummt. Die Bäume krachen.

Durch den rauschenden Wald von fernher schmettert sein Lachen ...



Der Nachtwandler


Nun hält die Nacht den dunklen Monolog

Vor dem gewölbten Ohr des Alls.

Am Himmel Auf ihrem alabasterweißen Schimmel

Sprengt Luna her, die, ach, mein Herz betrog.


Durch der Planeten silbernes Gewog',

Durch der Milliarden Sterne Lichtgewimmel

Sprengt sie dahin durchs festliche Getümmel,

Der nachzuspähn ein Fluch mein Herz bewog.


Einst war der Tag mein Gott. Nun geh' ich bang

Durch sein zu grelles Licht und sehne mich

Empor, empor, wo Lunas Schleier wehen;


Nach ihrem Menschenohr verwehrtem Sang

Und lieb' dich, Luna, und verfluche dich

Und möcht' in deinem Reich verloren gehen ...



Der Sandmann


Sie standen weinend ums Bett herum,

Aber der Sterbenden Mund war stumm,

Denn mitten in ihr Klagen und Beten

War still der Tod an ihr Lager getreten.


Und sie konnt' ihn ganz deutlich winken sehn

Und konnt' es doch nimmer und nimmer verstehn,

Daß der Tod, vor dem ihr so bangte und graute,

Mit des Liebsten treulieben Augen schaute.


Und da sprach sie: »Macht doch dem Wilhelm Platz!

Ich dank' dir in Ewigkeit, Amen, mein Schatz,

Du kommst, mir wieder Gesundheit zu spenden

Und hältst gar ein hübsches Geschenk in Händen!«


Und sie lächelt ihn an mit wehem Mund,

Selbst der Tod ihren Blick nicht ertragen kunnt',

Er klopft ans Sandglas; da barst es.

Und nieder Rieselt der Sand auf die müden Lider.


Da schlief sie ein, den tiefen Schlaf,

Darin sie die Sense des Sandmanns traf.

Und sie hörten sie gar nicht seufzen und röcheln.

Um ihren Mund war das selige Lächeln ...



Zwei Töne


Auf dem braunen Zweig des kahlen Baumes,

Der mein Fenster streift, sitzt nun ein Vogel

Jeden Früh.

Er ist jung und übt mit großem Eifer

Eine neue, aber gar nicht leichte

Melodie.


Nur zwei Töne; mit gesenktem Köpfchen

Probt er immer wieder diese neue

Melodie.

Wie ein junger Priester bei der Messe

Beugt er sich zum Zweiglein und ist fleißig

Jeden Früh.


Aber heute, da die Sonne leuchtet,

Übt er nicht mehr, heute singt er seine

Melodie:

Frühling heißt sie! Und ein grünes Knösplein

Hat er aus dem Zweig herausgesungen

Heute früh.



Hütten


Da stehn ein paar Hütten und Scheuern beisammen,

Die aus urdenklichen Zeiten stammen,

Mit Dächern, stroh– und moosbedeckt,

Darüber die Linde die Äste streckt,

Inmitten im Feldgelb und Wiesengrün

Nestschutz nach Sorgen und Tagesmühn.


Ein Weiler; weit von Stadt und Straß'.

Da macht sich die Sonne täglich den Spaß,

Eh' sie scheidet, just auf die elenden Hütten

Ihre vornehmsten Farben auszuschütten:

Lila und Rosa, Orange, Violett,

Kein Maler dafür einen Namen hätt'!


Und wenn dann die moosgrünen Dächer schimmern

Und glänzen und strahlen und leuchten und flimmern,

Daß der Himmel selbst, eh' daß er graut,

Voll Abendandacht herniederschaut,

Dann freut sich der güldene Sonnenstrahl.

Und die Bauern ahnen es nicht einmal ...



Lied des Wandrers


Kann denn der Wandrer zur Ruhe kommen,

Da alle Dinge so herrlich sind!

Hat er im Eichlaub den Sturm auch vernommen,

Anders in Palmen säuselt der Wind!

Anders am Tag, wenn die Sonne leuchtet,

Anders, wenn Luna den Schleier hebt,

Oder wenn Frühtau die Blätter feuchtet,

Oder wenn Wolke zu Wolke strebt!


Kann denn der Wandrer zu Hause bleiben?

Hat er auch wandernd gar vieles gesehn,

Nun hier die Hirten zu Berge treiben,

Werden sie dorten zu Tale gehn!

Klingt doch kein Herdengeläut' wie das andre!

Und in den Nächten auf flimmernden Au'n

Fern im Osten – o Glücklicher, wandre! –

Tanzen jetzt auf den Bergen die Pfau'n!


Lieblich sind Freundinnen unter Linden;

Aber im Mondschein wie märchenschön

Mögen jetzt schlanke Hüften sich winden

Zu der Samisen sanftem Getön!

Weiß aus dem dunklen Pinienhaine

Leuchten die Tempel im Dämmerschein,

Aber die Burgen über dem Rheine

Schauen so träumerisch aus dem Rhein!


Schön ist die Rast, und mit Freunden erlabend

Ist ein Gespräch von Reise und Ruh',

Doch nur ein Atemzug ist der Abend,

Und die Sonne, sie wandert wie du!

Nach diesen irdischen Wandertagen,

Seele, du weißt es, dann löst sich der Bann,

Und auf Flügeln ins Weltall getragen,

Fängst du von neuem zu wandern an.




Lenzahnung


Auf dem Rasen fängt der Frühling schon an,

Wie von blitzenden Splittern glitzert die Erde,

Und über die Schollen der Bauersmann

Treibt wie trunken die dampfenden Pferde.


Und schon sehnt sich die Luft danach

Jubelnd von Lerchen durchschwirrt zu werden,

Und wie im Traume murmelt der Bach:

Lenz ist erstanden, Frühling auf Erden!


Nur noch die Bäume stehn schwarz und kahl,

Wie gequälte Märtyrer ringen

Sie die Äste im Morgenstrahl:

Frühling, wirst du uns Knospen bringen?



Dolomiten


Das ist der feierlichste Augenblick

Des Dolomitentags: die Sonne scheidet

Und, eben noch in Purpurrot gekleidet,

Fällt das Gestein in Urweltsgrau zurück.


Die Felsen starren hart wie das Geschick.

Doch wie ein Antlitz, das die Sonne meidet,

Weil es im Dunkel schon unsäglich leidet,

Aufleuchten kann, verfluchend Leid wie Glück:


So glühn noch einmal plötzlich die bizarren

Felsmassen auf, die steil zum Himmel starren,

Und leuchten in den Abend, grell und rot;


Als wollten diese Riesen all die Gluten

Des Sonnentags aus ihren Herzen bluten

Und in die Nacht versinken kalt und tot ...



Waldmärchen


Heut', als ich auf dem blanken Pfad

Ins grüne Waldesdämmer trat,

Da standen aufrecht, Stamm bei Stamm,

Die Bäume frank und schlank beisamm':

Mir ward ganz frei, ich ging einher,

Als ob ich wer Besondrer wär'!

Und richtig, wie ich aufwärts sah,

Ganz seltsam, wie mir da geschah!

Die Bäume standen »habt acht!« da,

Kein Wald, nein, Halm an Halm, ein Feld!

Wer hat mich da hereingestellt?

Und ich, was ist denn das, schrumpf' ein,

Und, ohne Spaß, ich bin ganz klein,

Ganz klein! Das muß ein Wunder sein!

Da lacht' ich ängstlich vor mich hin:

»Wenn ich nur wüßte, wer ich bin!«

Da wußt' ich's auch: »Du bist ein Zwerg,

Der Zwerg vom Feld, ein Königszwergel,

Kommst aus dem Schlosse »Maulwurfsbergel«,

Und gehst da durch dein Feld einher,

Als ob das was Besondres wär'!

Und da die Halme rings um dich,

Die grüßen dich und neigen sich,

Und auch die Ähren droben wollen

Dem König die Verehrung zollen.« –

Da kam mein Krönlein nicht zur Ruh',

Nickt' allen mein Gefallen zu

Und so, in meinem Traum befangen,

Bin ich ganz stolz einhergegangen.

So ging ich, winkt' ich, ging und stand

Auf einmal an des Feldes Rand.

Doch, wie ich aus den Halmen kam,

Mein Krönlein mir vom Haupte nahm,

Da war es nur mein Wanderhut,

Und ich? Ach was! 's ist doppelt gut!

Denn dorten winkt ein neuer Wald,

Ein Wald! und lockt und hat mich bald,

Dann sollst du, Wanderhütlein mein,

Wieder ein Königskrönlein sein!



Vorherbst


Das sind jetzt köstliche Vorherbsttage,

Daß mir mein Herz fast Sorgen macht!

Es geht gar nicht mehr im richtigen Schlage,

Es hüpft nur und springt in der Brust und lacht!


Ich bin ganz trunken vom Most meines Blutes

Und sehe nur Farben und Glanz und Licht,

Und die Welt liegt da, wie was Einfaches,

Gutes, Wie ein offenes Mädchenangesicht.


Ich gehe durchs Land auf freudigen Wegen,

Nein, nein, die Wege gehn unter mir,

Und die Berge kommen mir winkend entgegen,

Als sagten sie: »Bleib nur, wir kommen zu dir!«


In den Feldern stehn Scheuchen mit närrischen Hüten,

Und im Wald, zwischen all dem lustigen Grün,

Stehn Bäume wie riesige, rote Blüten,

Und die ernstesten Bergesgipfel erglühn.


Da kann in all der schäumenden Wonne

Der Mond, das versteh' ich, nicht schlafen gehn,

Und, bleich vor Neid auf die lachende Sonne,

Bleibt er tagsüber am Himmel stehn!




Venezianischer Mittag


Der Markusplatz ist ganz weiß von glühendem Sonnenschein;

Ich sitze schläfrig und träumend unter den schattigen Lauben;

Die Flaggen schlafen am Mast. Wo mögen nur jetzt die Tauben,

Wo mögen nur jetzt die lieben gurrenden Tauben sein?


Da kommt ein Tauber wichtig daher; welch ein Ernst in den Mienen!

Fürwahr: ein Doge! Er nickt kurz mit dem grauen Kopf;

Die Schleppe fegt übers Pflaster; es bläht sich der satte Kropf.

Sein Schatten selbst ist stolz auf den Herrn: »Ich bitte, nach Ihnen!«


Und da noch ein zweiter Tauber; ein Pfaff! Geschmeidig und glatt,

Schwarz und, oh, wie beweglich! Die Äuglein, wie glitzernde Tröpfchen,

Zittern nach jedem Korn. Wie rasch schluckt das hagere Kröpfchen:

Pick, pick, pick. Und blitzt zum Dogen: »Nach dir werd' ich satt!«


Der wendet das Haupt. Er sieht den hurtigen Pfaffen. Er steht;

Ihn schauert. Prr! fliegt er davon; zum Dogenpalast. Der Pfaffe

Taucht in den Schatten des Markusdoms .........

Wie heiß doch die schlaffe Mittagsglut um meine träumenden Lider weht!



Lied des deutschböhmischen Mädchens


Der Pawel von den Böhmischen drüben,

Ich kann mir nicht helfen, ich mag ihn nicht.

Er sagt mir und klagt mir, ich müsse ihn lieben,

Und nennt mich »mein Täubchen« und »Engelsgesicht«.


Und – spricht er – sein Herz sei ihm schwer zum Brechen,

Vor mir sei er niedrig und sei doch sonst stolz,

Wie so die Böhmischen eben sprechen,

Und »dich möcht' ich küssen, wie's heilige Holz«.


Und tausend so Worte, und er nimmt sich's zum Herzen

Und steht alle Abend vor unserem Haus;

Und er tut mir auch leid und ich glaub' seine Schmerzen,

Und er sieht wie die Leiden Christi aus!


Und doch, sein Schmeicheln und Betteln und Klagen

Geht mir kein bissel ins Herz hinein,

Und ich weiß einen Burschen, der müßte nichts sagen,

Nur wollen: so wär' ich vom Herzen sein!



Junge Mütter


I

Das verlassene Mädchen


Und da es niemand merken kunnt',

Beugt sich das junge Weib

Hinunter tief mit zuckendem Mund

Zu ihrem gesegneten Leib,

Gesegneten Leib ...


Und sprach zu dem Kinde und seufzte bang:

»Du wirst ein Waisenkind sein!

Deine Mutter, die ist elend und krank,

Und dein Vater ließ sie allein!

Mutterseelenallein ..


Draus kann nichts Gutes werden mehr,

Kein Mensch hat Mitleid mit mir!

Und wirst du ein Bub, so wirst du wie er,

Und wirst du ein Mädel, weh dir!

Weh mir und wehe dir!


Ein schlechter Mann, ein elendes Weib,

Das ist's, was ich vor mir seh'!

Und du Kind in meinem gemarterten Leib

Stößt mich und tust mir weh,

Jetzt schon weh! .....



II

Erlebnis


Da sie so heimwärts eilt im Dämmerschein,

Sich auf den schlankgewordnen Hüften wiegend,

Ihr ist, sie höre ihres Kindes Schrei'n

Ihr durch den Straßenlärm entgegenfliegend:


Auf einmal ist der Fremde wieder da,

Der Heischende, mit seinen tiefen Blicken,

Und tritt der Zitternden gebietend nah:

»Entflieh mir nicht! Wann wirst du mich beglücken?«


Da loht ein flammend Glück ihr ins Gesicht:

Noch bin ich schön trotz all den bösen Tagen,

Trotz meinem Kind! O Gott, das hofft' ich nicht!

In einem Blick will ich den Dank ihm sagen. –


Sie stockt; sie hebt den Blick; sie zittert sehr;

Sie eilt davon und alle Pulse klopfen,

Und unter ihrem Hemde fühlt sie schwer

Die vollen Krüge ihrer Brüste tropfen ...




Legenden


I

Deutschböhmische Legende


Meiner lieben Heimat junge Mütter,

Eines Kindes frühen Tod beklagend,

Essen Kirschen niemals vor Johanni.

Denn die heilige Maria droben

Sammelt abends in dem Himmelsgarten

Um sich her die frühverstorbnen Kinder,

Rote Kirschen, rote, runde Kirschen

Den begehrlich Drängenden verteilend:

»Du und du und du!« Doch jene Englein,

Denen ihren Anteil an den Kirschen,

Allzurasch getröstet, ihre Mütter

Weggenascht da unten auf der Erde,

Bleiben leer; für die sind keine Kirschen ...

So die jungen Mütter meiner Heimat.

Und ihr glaubt dies? Und ihr traut Marien,

Und ihr traut der Mutter aller Mütter

Solche Härte zu? – Da sind sie stille,

Sie erröten, ratlos. Eine faßt sich:

»Nein, wir glauben's nicht; nicht von Marien!

Nur, daß unsre Mütter auch so taten,

Nur, kurzum, wer weiß denn, wer kann wissen!

Ich möcht' niemals Kirschen vor Johanni!«

Und die andern alle: »Ja, so ist es!« –

Liebe Mütter meiner schönen Heimat!



II

Griechische Legende


Als nun nach schnaubendem Kampf den Ossa der Pelion krönte

Und den Olympos drüben die Burg der Titanen verhöhnte,

Unter den riesigen Brüdern, die mürrisch ihr Lager sich stampften

Und mit verglühenden Gliedern den zischenden Firnschnee verdampften,

Hob sich Typhon empor: »Noch bin ich nicht müde, ihr Brüder!

Galt mein Taghaß den Göttern, mein Nachthaß lodert hernieder!

Dort in dem Tale drunten, des Knaben Groll schon entfachend,

Wohnt der Chariten Geschlecht, stets heiter und ordnend und lachend,

Blumen mit spitzigen Fingern zu zwecklosen Kränzen verbindend,

Um der Götter Altäre den kindischen Firlefanz windend,

Reigen tretend und singend entlang ihren bunten Gefilden:

Ekel erstickt mir die Worte! Mein Groll erweck' euch, ihr Wilden!

Feinde der saftigen Kraft, vertun sie verzärtelt ihr Leben,

Schönheit ist ihr Gesetz und Friede und Ordnung ihr Streben!

O, wie hass' ich dies ziere Geschlecht!« Aus dem Felsen mit Krachen

Riß er wütend den massigen Block: »Erstick mir ihr Lachen!« –

Und so stand er, den Fels in Fäusten, dem Wuchtenden trotzend,

Weit die sehnigen Beine gespreizt, von Riesenkraft strotzend;

Und er strafft sich empor; und mit Staunen und freudigem Grausen

Sehn die Brüder den Fels ins Dunkel herniedersausen,

Daß noch die Luft, die hinter dem Felsblock zischend sich drängte,

Steine und Vögel und Bäume im stöhnenden Wirbel vermengte ...

– – – – – – – – – – –

Also sauste der Block hinab ins Tal. Die Chariten

Feierten festlich die Nacht und opferten heut Aphroditen;

Sie umschritten den Plan, ein Festlied in jubelnder Kehle,

Daß die Himmlische ihn für ihren Tempel erwähle.

Eros, den goldbeschwingten Gott, und die Schar der Eroten

Hatte die Göttin hinab zum Fest den Chariten entboten,

Und die Götter der Anmut, der sinnigen Liebe, der Lenze,

Hatten sie Lieder gelehrt und neue berückende Tänze.

Jetzt aber kehrten sie heim, wie Lerchen zum Äther sich schwingend

Und aus glücklicher Brust den Sang des Höhenflugs singend;

Eine Rosengirlande in Händen, von Rosen lieblich umwunden,

Schwebten sie singend dahin, aufs engste und schönste verbunden.

Horch: und da stöhnte die Luft, und näher und näher ein Brausen,

Ihrem Fluge entgegen des Felsblockes grausiges Sausen!

Aber Eros, der kleine Gott, die Arme verbreitend,

Flog seinem Reigen voraus, mit dem Finger dem Riesigen deutend:

»Halt, du Poltrer! Ihr Brüder, umwindet mit Kränzen den Wilden!

Und wir geleiten ihn artig hinab zu des Festes Gefilden.

Wahrlich, die göttliche Mutter erhörte das Lied der Chariten

Und wir leiten ihr künftiges Haus ins Tal Aphroditen!«

Auf dem Blocke saß Eros, ihn lenkend mit heitrer Gebärde,

Und mit Kränzen umwunden glitt sanft der Marmor zur Erde.

»Seht, Aphrodite erhört euch, in diesem Marmor verborgen

Schlummert ihr Bild, ihr Altar, ihr Säulenhaus! Tage sein Morgen!«

Jubel und Dank der Chariten. Doch Eros und seine Brüder

Flogen empor zum Olymp. Auf den Pelion sahen sie nieder:

Typhon lag da erschöpft bei den Riesen und stöhnte; und stöhnte,

Als aus den Lüften herab ein Regen von Rosen ihn höhnte ...



III

Talmudeske Legenden


1.

Der Todesengel


Vor dem Schreibepult des Engels,

Der die Namen der Verstorbenen

In die großen Bücher zeichnet,

Drängen sich die jungen Englein,

Die den Himmel noch nicht kennen.

Und sie sehn den ernsten Bruder

Namen still an Namen reihen;

Und die Englein, ihn umflatternd,

Fragen ihn: Wie heißt du, Bruder?

Sag uns an, du Ruheloser,

Der die Namen der Verstorbenen

In die großen Bücher einschreibt,

Nennst du dich den Todesengel?« –

Hebt den Blick vom Folianten

Lächelnd auf der emsige Schreiber:

»Dieses ist das Buch des Lebens,

Ist das Buch des wahren Lebens;

Aber mich, der es verwaltet,

Nennet mich den Todesengel,

Nennt mich, wie ihr wollt, ihr Kinder!

Bald, wenn frei vom irdischen Staube

Eure Schwingen leuchten werden,

Werdet ihr mich anders nennen!«



2.

Die Seele


Ein unendliches Meer, das die Welten umfließt,

Die Welten umfließt und sie umschließt,

Ist die Seele des Herrn.

Ein unendliches Meer, von niemand gesehn, doch es sieht,

Durch dessen Fluten strahlend die Sonne zieht

Und Mond und Stern.


Einen Tropfen des Meers, ihr Menschen bedenkt,

Einen Tropfen hat er in euch versenkt,

Der unsichtbar sieht:

Einen Tropfen, darin die Seele des Ewigen lebt,

Drin der Abglanz des Monds und der ewigen Sterne schwebt

Und die Sonne zieht.


Seele des Menschen, fühlst du rings um dich her

Der Unendlichkeit Strom, fühlst du der Ewigkeit Meer,

Das dich umspült?

Schließ die Lider, o Mensch, und lobsinge:

Heil mir, Meine Seele, o Herr, ist ein Tropfen von dir,

Der die Ewigkeit fühlt!



Die Meermaid


Die Meermaid dehnt ihren triefenden Leib

Auf der glasgrünen, schäumenden Welle,

Und das ist ein süßer Zeitvertreib!

Denn der Wellenkamm ist die Schwelle

In alles Warme und Helle!


Sie schnellt sich empor und schreit ihre Seligkeit

In das Brüllen der kämpfenden Wogen.

Kommt just eine Möwe geflogen

Und kommt schon weither gezogen,

Weither übers Meer.


Die setzt sich der tollenden Wellenmaid

Auf ihr sonnenglitzerndes Schuppenkleid,

Einen Flügelschlag lang,

Einen Flügelschlag, eine kleine Ewigkeit.


Der Meermaid wird bang,

Ihre Pulse stocken erschrocken.

Sie fühlt, wo der blutwarme Vogelfuß stand,

Ward ihr Wellenleib trocken!


Nun ist sie Strandgut, nun ist sie verflucht!

Und wie sie auch immer zu tauchen versucht,

Die Flut nimmt ihren Leib nimmer an,

Daß sie nimmer, nimmermehr heimkehren kann,

Tausend Jahre nimmermehr heimkehren kann;

Vielleicht erst dann heimkehren kann,

Wenn Woge und Strand und Welle und Wind

Einst wieder versöhnte Geschwister sind .....



Bahnfahrt


Endlose Eisenbahnfahrt, trüber Tag,

Trostlose Landschaft. Und im Wagen drinnen

Ich und fünf Weiber, deren Reden rinnen.

Hilf Himmel, daß ich diese Fahrt ertrag'!


Und wieder hält der Zug! Verfluchte Plag'!

Tür auf. Tür zu! Und zu den Schwätzerinnen

Noch eine mehr! Und hält im weißen Linnen,

Herrgott! ein Kind im Arm! Der Teufel mag ...


Und Weiterfahrt. Das Kind erwacht, erschrickt

Und schreit und schreit! Sie neigt sich zu ihm nieder

Und nestelt an der Brust: »Gleich, gleich! Sei gut!«


Die Weiber, still, schaun zu, erregt, beglückt.

Zehn Brüste sehnen sich aus Hemd und Mieder.

Und mir wird fromm und andachtsvoll zu Mut ...




Böhmischer Bauernkrieg


Da ist es den Bauern zu dumm geworden,

Da zogen die wilden brüllenden Horden

Durchs herbstliche Land mit Sengen und Morden.


»Ihr habt uns geschunden, ihr Fürsten und Grafen,

Da waren wir immer die Treuen und Braven,

Jetzt wollen wir auch mal in Schlössern schlafen!


»Jetzt kommen wir dran!« Der lange Michel –

Seine Rede war wie aus dem Büchel –,

Er schwang den Flegel wie eine Sichel


Und jauchzte und schrie: »Wir werden schon siegen,

Wir werden die Vögel gefangen kriegen,

Mit ihren Weibsen im Bette liegen!«


Der Michel aber ward Bauernkönig.

Und alles Morden war ihm zu wenig:

»Noch ist uns der Kaiser nicht untertänig!«


Sein alter Pfarrer trat ihm entgegen:

»Nun laß es genug sein! Sei nicht zu verwegen!

Halt ein mit dem Morden; zum Fluch wird der Segen!«


Und da kamen auch schon die Kaiserlichen,

Und da ist die Furcht in die Herzen geschlichen,

Sind viele entflohn und nach Hause entwichen.


Doch der Michel, der König Michel blieb mutig,

Er fuhr in den Feind, wie ein Stier so wutig

Und jeder Hieb seines Flegels war blutig.


Er fuchtelt' herum mit dem schweren Flegel

Und schwang ihn, als wär' es ein Weihrauchwedel ...

Und der Dreschflegel traf ihm den eigenen Schädel.


Bums! Lag er. Der Kaiser: »Jetzt bitt um dein Leben!

Will dir, du Wilder, dein Wüten vergeben,

Mußt aber um Gnade die Hände heben!«


Der Michel fuhr auf. Wie höhnisch blickte

Der Henker, da er ins Knie ihn drückte,

Da er sein blitzendes Richtschwert zückte!


»Rache!« schrie Michel. Da traf der dumpfe

Schwerthieb den Nacken, der Kopf flog vom Rumpfe;

Aber der schrie noch im Flug im Triumphe;


»Rache!« so schrie der Kopf noch im Schwunge.

»Rache!« so sägte die blutige Zunge.

Lachte der Henker: »Schon gut, mein Junge!«


»Rache ...« so röchelt er noch auf der Erden.

Mußte sein Maul, sein lästerhaft Maul

Noch für sich extra erschlagen werden.



Herrn Reinwalts Ritt


Herr Reinwalt über das Schneefeld ritt,

Ein Brieflein, rosenrot und warm,

Rief ihn in Frau Jorindens Arm.

Die Sonne über das Schneefeld glitt.


Wie hatt' er diesen Brief so heiß,

Vor Liebe fiebernd ihn ersehnt:

»Heut bleibt mein Pförtlein angelehnt.«

Das Schneefeld glitzert rein und weiß.


»Heut' komm, mein Kuß erwartet dich,

Heut' ließ der Gatte mich allein,

Heut' will ich ganz dein eigen sein!«

Ein Schatten übers Schneefeld schlich.


Herr Reinwalt griff sich an das Herz:

»Du holdes Weib!« Und dann, und dann

Befiel es ihn: »Du armer Mann!«

Es blitzt der Schnee wie blankes Erz.


»Mein Freund ihr Gatte! Also lohnt

Sich seine Lieb' und Treu' zu ihr?

Und seine Lieb' und Treu' zu mir!«

Blaß überm Schneefeld steht der Mond.


Da zog Herr Reinwalt bang und weh

Den Brief herfür, der drückt ihn sehr

Und war von »Wenn« und »Aber« schwer;

Und kalt und traurig lag der Schnee.


Sein Pferd blieb stehn. Mit ernstem Blick

Schaut es sich um; dann nickt es stumm,

Er wehrt ihm nicht, da kehrt es um

Und geht im Schnee den Weg zurück.


Vom Pferde steigt der Liebesheld,

Sein Torlaternchen schimmert bleich.

Und neue Flocken füllen weich

Der Hufe Stapfenspur im Feld ....



Festgruß an die Professoren

Zum hundertjährigen Jubiläum der deutschen technischen Hochschule in Prag


Die Menschheit ist ein Kind, horcht gern auf Märchen

Und deutet sie nach Kinderart. O Stolz:

Nach seinem Bilde schuf der Schöpfer Menschen!

Du holdes Märchen! Doch dein tiefrer Sinn

Schafft nicht das Bild des Menschen nach dem Schöpfer

Mit Augen, die da schaun, neugierigem Ohr,

Mit flinken Fingern und gelenkigem Fuß,

Er schuf ihn, daß er schaffe. Und er gab ihm,

Daß er nicht bloß ein Bild des Schöpfers sei,

O tiefrer Sinn, er schuf ihn, daß er schaffe!

So schaut der Mensch und merkt im Sein und Werden

Geheimnisvollen Ryhthmus und Gesetz,

Im Lasten des Gebirgs, im Vogelflug,

Im Blitz, im Wasserbraus, im Sonnenstrahl:

Ein urgewaltiger Ryhthmus füllt die Welt!

O Träumerglück, mit Sinnen ihm zu lauschen!

O Schöpferglück, des Ryhthmus Klang zu meistern! –

Die Menschheit ist ein Kind, horcht gern auf Märchen

Und deutet sie nach Kinderart. Doch klar

Schaun ihre Weisen in das Märchenbuch

Und deuten es den Menschen. Welches Leuchten

Sprüht da aus Augen, deren Schleier fallen,

Welch heiliger Schöpferdrang erfüllt die Brust!

Da wird das Glück des Wollens Tat und Arbeit,

Und Wissen wird zur Frucht und Spiel zur Saat! –

Habt Dank, ihr Meister! Die Unendlichkeit,

Der ihr Gesetze findet, spottet wohl

Der Meilensteine, die der Mensch ihr setzt,

Und hundert Jahre sind ihr wie ein Hohn!

Doch hundert Jahre Arbeit, hundert Eimer

Voll Arbeitstagen in das Meer der Zeit,

Uns Menschen sind sie Grund zu stolzem Zuruf,

Zu Festesjubel und zu Feierklängen –

Und aus dem Jubel nehmt euch gern den Dank!



Das Sonett


Achteckig bin ich und ein Marmorbronnen

Und aus gekörntem, reinem, weißem Stein;

Ich freue mich so edler Form zu sein

Und fühle stolz der schönen Maße Wonnen.


Doch daß ich stumpfem Sinn nicht zu besonnen,

In meiner edlen Einfalt nüchtern schein',

Ward ich von zweier üppiger Kränze Reihn

Von meinem hohen Meister hold umsponnen.


So steh' ich da. Doch nun auf meinem Grunde

Quillt's, rieselt, sprudelt's auf und schäumt

Aus einem sechsfach übervollen Munde,


Bis sich die Flut mir bis zum Rande bäumt.

Ich hab' in Marmor Schönheit nur geträumt,

Nun leb' ich Schönheit! O beglückte Stunde!



Joachim–Quartett


Stets löst Musik vor meiner Brust den Riegel,

Und Schmerz wie Lust wird tiefster Schaffensdrang.

Aus eurem Spiel ward mir kein Lied, nur Klang,

Der schwang sich auf und litt nicht Zaum noch Zügel.


Er trug mich über Tal und Frühlingshügel

Zum ewigen Meer – o heiliger Überschwang,

Beethoven–Überschwang! Dann ward ihm bang.

In meine Brust zurück trug ihn sein Flügel.


Cantabile. Der Klang wird Lied und Tanz.

Die Grazien nahn im hellen Sommerglanz

Und treten ihren anmutvollen Reigen.


Ob euren Häuptern schwebt ihr Lorbeerkranz,

Die Blätter glänzen feucht: Kastalischer Glanz!

Ihr neigt das Haupt, und alle Herzen schweigen ...



Die Blumenschale


Der Blumenschale schön gewölbtes Rund

Hat eine liebe Hand dem Freudelosen

Gar oft gefüllt mit überirdischen Rosen:

Wie schien das Leben ihm da süß und bunt!


Nun sehnt der Schale schön gewölbtes Rund

Sich nach der Weichheit rot und weißer Rosen,

Nach ihrer Blätter schmeichlerischem Kosen

Und ward darob gleich einem Dichtermund.


Denn wie ihr Rand, dieweil er Rosen träumt,

Nach Rosen duftet, die doch längst verblühten,

Weil ihn die liebe Hand zu kränzen säumt:


So singt mein Mund in Dunkel, Not und Harm

Von Glück und Liebe, die doch längst verglühten,

Und meine Sehnsucht macht mein Lied erst warm ...

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