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Hugo Salus – Ehefrühling

Gedichte

Eugen Diederichs Verlag, Jena, 1905

Meiner lieben Frau zu eigen




Prolog


In dieser ernsten Stadt, darin wir leben,

Steht licht im Garten unser kleines Haus,

Aus seinen Fenstern träumt das Glück heraus,

Und »Qui si sana« grüßt es aus den Reben.


Dort leben wir, bewußtem Glück ergeben,

Und donnert draußen wild des Lebens Braus,

D'rin binden wir der Liebe Rosenstrauß,

Der Düfte froh, die kosend uns umschweben.


Sie waltet drin; kein tragisch Frauenbild,

Nicht Klärchen, Grethchen nicht, noch Kriemhild:

Ein Enkelkind von Windsors lustigen Frauen.


Sie tollt durch's Haus. Wer hinterdrein? Nun, ich!

»So fang mich doch!«

                                                  – »In Versen fang' ich Dich!« –

– – – – – – – – – –

Wenn mir's gelang, so sollt ihr Wunder schauen!




Vorfrühling der Ehe


Vom Bahnhof holt sie mich in einem Wagen,

Der einer Arche gleicht; schon aus dem Zuge

Seh' ich mit Lächeln vor dem Bahnhofstore

Den Kasten stehn und rings des Dorfes Jugend.

Vom Bock winkt mir stürmisch Willkomm zu.

Sie ist ganz Landkind, Bauernmädel, Heimat

und schaut mich unterm breiten Strohhut an,

Wie meine Kindertage auf dem Lande,

Wie meine Heimat, munter, frisch und blühend.


Nun sitzen wir im Wagen, ach, der ächzt

Und wundert sich, daß wir so eng uns drängen,

Da doch zwei Reifrockdamen ihn nicht füllten!

Und mein Geliebtes ist so schlank und rosig,

So gar nicht würdevoll und doch so würdig,

Daß ich nur immerfort auf ihre Hände

Die Lippen neigen möchte. »Süßes Leben!«


Nun fahren wir. Die Pferde meinen's gnädig

Und eilen nicht. Mir ist ein jeder Baum

In der Allee zum Dorfe, jedes Feld,

Ein jeder Vogel, jeder Schmetterling

Ein neues Wunder. »Sag, ist das hier Gerste?«

Sie lacht mich aus: »Nein, goldner Rumpelsame!« –

»Schau, diese roten Blumen!« – »Sind das Blumen?«

– Lacht sie mich an – »sind solches Unkraut Blumen?

Das nennt der Dichter Blumen! Ach, ich wette,

Du kennst die Nachtigall nicht von der Lerche!« –

– »O süße Julia!« – Da bebt ihr Mund,

Da wird sie still und rot, rückt von mir fort;

Wer weiß denn, welch ein Traum als Romeo

Sich jetzt auf ihrer Seele Brüstung schwingt!

So schweig auch ich. Dann: »War dir bang nach mir?«

Sie drauf: »Ich hab dich lieb.« An meiner Schulter

Ruht sie sanft ihr Köpfchen, bis der gute Wagen,

Ein Kuppler, ihren Mund auf meinen legt.

Wen ärgert das? Im nahen Dorf die Hunde!

Ein solcher Neidling fängt zu heulen an

Und rennt wie toll vom Dorf her uns entgegen,

Schaut in den Wagen, bellt uns zu: »Hört auf!«

Dann wirft er sich herum, er schießt zurück

Und bellt die Hundeschaft im Dorf zusammen,

Ein ganzer Rudel Köter sammelt sich

Und fragt ihn aus. – »Los auf die zwei Verliebten!«

Von allen Seiten bellt's uns an. Den Pferden

Wirft sich ein närrisch Köterpaar entgegen,

Kurzbeinige Dackel fliegen in die Höh'

Und schleudern uns ein »Schämt euch!« in den Wagen.

Ein Jagdhund streckt den Hals und ärgert sich,

Zwei Bullenbeißer sind vor Wut verrückt

Und fletschen Mäuler, nicht zu glauben häßlich,

Ein Rattlerbastard weint fast vor Erregung,

Und wenn sie mich gehörig ausgezankt,

Dann wirbeln sie hinüber zu der Liebsten

Und sind nicht artiger mit ihr. Sie lacht:

»Nun weißt du nicht, wie du die Meute los wirst?«

Ich drohe: »Kuscht euch!« – Neues Wutgeheule.

Da sagt mein Schatz. »So wirst du sie nicht scheuchen;

Ich kenn' die Meute besser. Schau, die Hunde

Sind nur begierig, wer du bist. Ihr Hunde,

Das ist mein Liebster, wißt ihr! Geht, seid artig,

Ich weiß, ihr seid nicht bös, ich kenn' euch ja!«

Und, wie der heilige Antonius zu Fischen,

Neigt sie sich zu den Hunden, die ihr lauschen:

»Das ist mein Liebster. Wo er herkommt, fragt ihr?

Aus einer großen Stadt! Und hat doch mich,

Mich Dorfkind, auserwählt! Wohin wir fahren?

Nein, seid ihr neugierig!! Auf unsern Hof,

Dort wird die Hochzeit sein. Nun wißt ihr alles!«

Die Hunde nicken ernst. Sie bellen Beifall:

Dann ist's schon recht! – Sie laufen wol noch mit,

Doch schon mit mir versöhnt; sie springen noch

Ein letztesmal zu ihr empor – dann kehren

Sie ruhig um und trotten heim ins Dorf.


Ich weiß nicht, wie mir ist; so wie im Märchen:

Die schlimmen Zwerge, die uns Böses tun wollten,

Sind durch Prinzessin Bildhübsch umgestimmt

Und trollen heim, doch vor uns in der Sonne

Liegt hell der Weg in ein beglücktes Leben ...




Die Bücher


Vor unserer Hochzeitsreise packt' ich emsig

In alle Ecken meines Reisekoffers

Lang ausgesuchte, kluge Bücher ein.

Du lieber Gott, man rastet hie und da,

Man fährt so endlos ungezählte Stunden,

Da ist ein gutes Buch ein werther Freund.

O, wie behaglich wird's mein Herz umschmeicheln,

Wenn ich mit meiner Liebsten Rom durchwandle,

Daß unser Goethe uns die Schritte lenkt;

Mein lieber Seume führt uns durch Neapel,

Doch vor den Pforten der Vergangenheit

Den Vorhang hebt mein Gregorovius.

Auch – ich gesteh's, ich bin vielleicht pedantisch –

Dünkt es mich klug, schon in der Flitterzeit

Den Sinn der Frau auf's Große hinzulenken;

Es ist so schön, wenn in den Kinderaugen

Der Strahl des Geistes neue Welten weckt.

So zwischen meinen Kleidern, meinen Hemden

Lag wohl gebettet die erlesene Schaar.


Nun rüsten wir im herrlichen Sorrent,

Nach einem Abend, dessen Widerschein

Aus meinem letzen Blicke leuchten wird,

Zur Fahrt nach Haus. Wir stehn vor unsern Koffern.


Ich schau dich an: »Hast du gelacht?«

                                                            –»Ich nicht.« –

»Es kichert, hörst du's nicht? aus meinem Koffer!«

Ich suche nach; da fliegt mir Amor lachend

Mit einer Amorettenschaar vorbei.

Hat Amor nicht die Brille auf dem Näschen?

Und lacht mich aus und schneidet mir Gesichter!

Wo saß dies Volk?


                                                            Auf einem Bücherpack,

Der, ganz vergessen, auf dem Boden gähnte.

Rasch zugedeckt! Was kommt mir just zur Hand?

Ein Seidenunterröckchen deckt die Bücher!




Das Taschenbuch


»Wenn wir einst Mann und Frau sind,« sprach sie oft,

»Will ich von dir nicht mehr Geschenke nehmen;

Sie freu'n mich nur, weil du sie mir geschenkt.

Doch dies verlang' ich: Sonntags will ich Blumen.

Ich will an jedem Sonntag Blumen haben.

Ein Mann, der Blumen bringt, bleibt sicher treu.«

Ich küsse sie, sagt, was ihr wollt, gerührt

Von dieser keuschen Weisheit eines Mädchens.

Ich hielt mich dran; und was auch sonst geschah,

Am Sonntag bracht' ich immer meine Blumen.

Nur einmal nicht. Weiß Gott, wie ich's vergaß:

Nahm mir mein ärztlicher Beruf die Stimmung,

Hatt' ich mit einer Kranken meine Sorgen,

Ich weiß es nicht: ich brachte keine Blumen.

An diesem Sonntag war sie still und traurig,

Und ihre Augen sahn mich fragend an,

Bis ich erfuhr, womit ich sie gekränkt.

Wir wurden in derselben Stunde gut.

Ich aber merkte mir's. Und Abends nahm ich,

Daß sie nichts sah, mein Taschenbuch und schrieb

Für jeden Sonntag dieses ganzen Jahres

»Blumen für's Schätzchen« mir in den Kalender.

Nun steht durchs ganze Jahr an jedem Sonntag

Dies Blumenzeichen mir im Taschenbuch.

Geh ich dann Sonntag früh zu meinen Kranken,

So leuchtet es mir mahnend in die Augen,

Und zwischen Tod und Siechthum und Geburt,

Wie Blumen aus den Ritzen einer Mauer,

Lacht mir die Mahnung an mein Glück entgegen.

Wenn ich dann wiederkomme, freut sie sich,

Wie gut ich bin, und meine Blumen prangen

Auf unserm Sonntagstisch – Panier der Liebe.

Heut früh lud ich mein liebes Weibchen ein,

Sie fährt so gern mit mir im offnen Wagen.

Sie wartet sehr begierig vor den Häusern

Und liest mir vom Gesicht die Sorgen ab,

Und freut sich innig, wenn es besser geht.

Wir fuhren durch den blauen Sommertag;

Ich ging und kam: »Du bringst mir Glück, Geliebte!

Noch einen letzten Weg, dann sind wir fertig.«

Doch, wie ich wiederkam, war ich erstaunt –

Der Wagen war geschlossen; drinnen saß,

Von Thränen ganz erschüttert, die Geliebte.

Sie sprach kein Wort. In ihren Händen lag

Mein Taschenbuch und »Blumen für das Schätzchen!«

Ich nahm sie in den Arm, sie weinte still,

Als hätt ein Frost die Blumen ihr getödtet.

»Du liebst mich nicht!« Da sprach ich sanft zu ihr,

Und, wenn ich je ein Menschentröster war,

So war ich's jetzt: »Die Blumen blühn, Geliebte!

Im Grau des Werkeltages blühn sie mir.

Der Weg des Lebens geht durch grauen Staub,

Die Meilensteine hab' ich mir umwunden

Mit blauen Veilchen und mit rothen Rosen.

Siehst du denn nicht, wie dieses dunkle Buch

In Rosen unterging und aufersteht?

Der ganze Wagen duftet schon von Rosen,

Guirlanden ranken sich um seine Räder,

So fahren wir durch's Leben. Weine nicht.«

Die Sonne ging in ihren Augen auf,

Durch Thränenwölkchen schimmernd. Ihre Arme

Umschlangen mich: »Mich hat es sehr erschreckt.«

»So soll auch dieser Tag ein Sonntag sein!«

Den Wagen deckt' ich auf. »Ich komme gleich. –

Nimm diesen Rosenstrauß!« – Panier der Liebe!



Erste Glut


Heut soll die erste Glut im Herde flammen,

In diesem Herd, den du bereitet hast;

Das Fest der Vesta feiern wir zusammen

Und laden die Penaten uns zu Gast.


Eh' du die Glut entfachst, reich mir die Hände

Und sprich den Spruch, drauf alles Glück beruht:

»Stets fülle Liebe dieses Hauses Wände

Und wärme sie mit ihrer milden Glut!


Ein Tempel sei dies Haus, drin frohen Mutes

Der reinen Göttin klarer Blick verweil',

Und eine Stätte, drin nur Schönes, Gutes

Erblühe, uns und aller Welt zum Heil!«


Nun steigt herab, die wir zu Gaste baten,

Und bringet mit des Himmels einen Hauch!

Die Flamme loht. Seid uns gegrüßt, Penaten,

Und segnet dieses Weiheopfers Rauch!



Pantoffel


Ich schlafe heut allein: sie ist verreist;

Sie fuhr zu meinen Eltern, die sie lieben

Fast mehr als ihren Sohn. Ich bin verwaist,

Allein in unserm Nest zurückgeblieben.


Nun sitzen sie daheim beim Lampenlicht

Und lächeln mild zu ihren krausen Scherzen

Und lachen, wenn sie ernste Dinge spricht,

Und denken mein im froh bewegten Herzen.


Ich lösch' das Licht und träume vor mich hin.

Ich rühre leis ihr Kissen »Schlaf in Frieden!

Ich weiß, daß ich in deinen Träumen bin,

Und denk', auch mir wird heut ein Traum beschieden«.


Da klappert's durch's Gemach, da trippelt was!

Pantoffelklappern! Flink, wie um die Wette.

Ich träume nicht, doch wie begreif ich das?

Und trappt und klappert her zu meinem Bette.


Rasch aus dem Bett! Still wird's beim Schein des Lichts.

Ich suche nach, wo sich der Spuk verstecke.

Da stehn ganz still, als wüßten sie von nichts,

Die Hausschuh meiner Frau in ihrer Ecke.


Duckmäuser ihr! Habt wohl Befehl von ihr?

Zwingt euch verliebte Sehnsucht, euch zu regen?

Ich schaff mir Ruh! Ich nehme euch zu mir,

Ich will euch unter meinen Polster legen,


Wie ich als Kind, wenn mich ein Buch entzückt,

Es unterm Kissen über Nacht geborgen,

Gewiß, daß mir der Traum den Helden schickt,

Und er mir nah verbleibe bis zum Morgen ...




Im stillen Hafen


Dies ist mein Glück: in allen Bitternissen

Des Seins daheim mein junges Weib zu wissen,

Das mädchenhaft und hold und lieb und rein

Nichts andres wünscht, als mein, nur mein zu sein;

Das weich ihr Haar anschmiegt an meine Wange

Und mir vertrauend, wie ein frommes Kind,

Mit feuchten Augen, die voll Güte sind,

Für Gaben dankt, die – ich empfange.



Bildhauer Tod


Melancholisches Intermezzo


Ihm war vor Kurzem seine Frau gestorben.

Es war, als wäre ihr Beruf erfüllt,

Seit er die Schönheit ihres nackten Leibs

In weißem Marmor auferstehen ließ;

Als seine Venus ihm den Lorbeer brachte,

Ward marmorbleich die Lippe seines Weibs

Und kalt wie Stein die liebewarme Brust.

Sie starb, und ihre Lippe ward nicht rot,

Als er mit Küssen sie erwärmen wollte;

Die Hand, begabt den Marmor zu beleben,

Berührte schaudernd ihren todten Leib

Und sank verzweifelnd und gelähmt herab.

Durch Wochen starrt sein Aug' in finstre Nacht,

Nach Thränen durstig, wie nach Thau die Flur;

Er hörte nicht, wenn ich mit Freundesworten

Das Ohr ihm füllte, sah gequält mich an,

Wenn ich von unsrer heiligen Kunst ihm sprach;

Da hob er manchmal nur die schlaffe Hand,

Als träumte sie vom heitern Meißelschlag

Der Jugendzeit – und wäre greis und welk!

Dann kam der Lenz. Ich zwang ihn in den Lenz;

Er horchte schmerzlich staunend seinem Locken;

Das Frühlingswunder löste seine Thränen,

Er weinte bebend lang an meiner Brust,

Und meine Thränen flossen in die seinen.

Dort auf dem grünen Hügel saß ich lang

Und sprach mit ihm, und seine Lippen fanden

Statt Seufzern, fast verwundert, Worte wieder.

Wir saßen oft auf jenem grünen Hügel,

Wie wir als junge Künstler schon gethan;

Er lauschte traurig lächelnd meinen Worten

Von Kunst und Sehnsucht, schwacher Kraft und Wunsch.

Und eines Tags, wie glücklich ward ich da,

Sprang er empor und reckte straff die Arme

Und rief: »Ich will und kann, die Kraft erwacht;

Es soll ihr Denkmal sein für ewige Zeiten,

Und nennen will ich es: ,Bildhauer Tod'!

Der grause Tod, vom Faltenwurf umwallt,

Hat aus dem Stein den süßen Leib gemeißelt;

Fast ist das ganze Meisterwerk vollendet,

Nur noch der linken Brust fehlt Form und Weichheit.

Da hebt er grinsend, höhnisch seinen Hammer,

Der Meißel lauert auf der Göttin Herzen,

Und mit der Grausamkeit, die Welten stürzt,

Läßt er den schweren Hammer niedersausen!«

Er stand vor mir, erhobnen Arms, erregt. –

»Es soll ihr Denkmal sein, mein Denkmal werden!«

Ich war erschüttert, aber hoffnungsvoll:

Die Kunst erbarmt sich seines armen Herzens,

Der »Bildner Tod« wird seine Wunden heilen! –

Dann sah ich ihn durch viele Wochen nicht.

Mit meiner jungen Frau kehrt' ich zurück.

Und wenn ein Wölkchen mir Neapels Himmel,

Den Himmel meines jungen Glückes, trübte,

War's das Gedächtnis meines armen Freundes.

Das wache Mitleid mit dem Einsamen

Vertiefte mir das Glück der jungen Ehe,

Daß meine Küsse wie Gebete wurden.

Sie liebte ihn gleich mir und träumte gern

Von ihrer Macht die Stirnen zu entwölken;

Ich glaube dran und hoffe viel für ihn.

Wir fuhren heim, vom Sommer in den Herbst,

Aus Sonnenflimmern in gespenstige Nebel.

Der Erde Brautkleid moderte dahin

Vor unserm Blick in einem Reisetag,

In ihrem Leichenhemde lag sie da.

Dies ist die böse Zeit für trübe Herzen.

»Er muß dem Lenz entgegen, heute noch!« –

»So bildet er den Tod jetzt, nicht die Göttin,«

Sprach tröstend die Geliebte, »glaube mir«.

Ich eilte hin zu ihm, ich war bewegt,

Mein Herz schlug ahnungsbang vor seiner Werkstatt,

Ein Strauß von Rosen bebt' in meiner Hand.

So trat ich ein. Ein Dämmer füllt' den Raum,

Ein dichter Staub lag auf den Götterbildern;

Die Uhr stand still, vom Spinngeweb gefesselt.

Ich schlug den Teppich auf zum Schlafgemach

Und – hielt mich dran, sonst wär ich hingestürzt.

Mein armer, armer Freund saß im Gemach,

Die Venus stand vor ihm, sein erstes Werk.

Nein, das war Venus nicht, die Todte wars:

Denn, gleich als wär das nackte Bild der Gattin

Ihm allzufern in diesem Götterbild,

Hatt' er es mit dem langen Hochzeitshemd

Der Toten angethan; den Stein umwallte

Das weiche Spitzenhemd. Er saß davor,

Den wunden Blick verzückt auf sie gerichtet,

Und Thränen schimmerten in seinen Augen

Und zögerten die bleichen Wangen nieder.

So saß er da und merkte nichts von mir;

Die Rosen fielen welk aus meiner Hand,

Ich schwankte fort.

          Wird ihm kein Frühling kommen?



Erinnerung


Zünd' festlich im Salon die Kerzen an,

Zieh aneinander fest des Vorhangs Spitzen,

Ich schiebe zum Kamin die Sessel dann,

Dort laß uns, uns umarmend, niedersitzen.


Denn sieh, an solchem Winterabend oft

Bin als Student ich durch die Stadt gegangen,

Mein Auge, das Erfüllung nie gehofft,

Ist oft an solchen Lichtes Schein gehangen.


An Lampenschein, der mild ins Dunkel bricht,

An Fenstern, draus ich frohe Stimmen hörte,

An Schatten hinterm Vorhang, eng und dicht,

Indes die Sehnsucht drunten mich verzehrte.


Heut ist ein solcher Abend, kalt und rauh,

Das Glück vertieft sich mir in diesen Räumen:

Lehn' fest dein Haupt an mich, geliebte Frau,

Recht fest an mich – und laß mich träumen, träumen!




Der Namenstag


Vor ihrem Namenstage werd' ich stets

Geheimnisvoll und seltsam; meine Stirn,

Sonst glatt geküßt, wird oft ein Furchenfeld;

Ich fahre mir, ich Heuchler, durch das Haar,

Als wär' ich Narr des Glücks vor Sorgen krank.

Sie sieht mich von der Seite ängstlich an,

Wenn ich aufseufzend wirre Worte murmle.

Und plötzlich hängt sie mir am Hals: »Nun sprich!

Ich geh' nicht eher weg, was fehlt dir, Liebster?«

Ich will mich aus den weißen Armen lösen,

Sie aber überschüttet mich mit heißen Küssen.

So beicht' ich zögernd: »Sorgen hab ich, Sorgen;

Für deinen Namenstag hab ich in China

Ein Theegeschirr bestellt. Sechs Reiter ritten

Vor sieben Monaten nach China aus.

Der Kaukasus ist schlimm, Sibirien schlimmer!

Wer weiß, ob sie ein Kurdenstamm nicht fängt,

Um, Liebste, ihren, deinen Schatz zu plündern!«

Sie lacht »du schlechter Mensch!« Ich aber seufze:

»Dann hab ich in Amerika für dich

Ein Seidenhemd aus Spinngeweb' bestellt.

Viertausend Indianerinnen weben

Seit einem halben Jahre das Gespinnst.

Wenn nun ein Sturm das Schiff auf Felsen schmettert!

Wenn die Matrosen meutern! O, ich Aermster!

Achttausend Golddukaten zahlt' ich schon!«

Sie lacht: »In Küssen will ich sie ersetzen.«

Ich wehre mich. – »In Rom gefiel dir sehr

Vom Kapitol die Venus; sie ist dein;

Ich kaufte sie dem römischen Staate ab.

Ob sie zur Zeit hier eintrifft! Oesterreich rüstet

Die Venus mir zu rauben! O, vielleicht

Fiel sie vom Saumpfad krachend in den Abgrund!« –

»Hör' doch schon auf, du Schlimmer!« jubelt sie.

»Dann hab ich in Upsala dir die Bibel –»

Sie aber schließt mit Küssen mir den Mund:

»Du schlechter Mensch! Du Lügner, Dichter du!

Mein Dichter! Küßt ihn todt, er ist ein Dichter!« ...


Am Morgen ihres Namenstags geleit' ich

Die Feierliche singend in das Zimmer;

Mein Sang ist ernst, ein krauses Trauerlied.

Ein kleiner Blumenhain blüht auf dem Tisch.

Dann halte ich pathetisch meine Rede:

»O was ich fürchtete, traf furchtbar ein!

Ich bin der unglücklichste Glückliche.

Sechs Reiter ritten aus – zum Heldentod;

Das Schiff versank; die Venus fiel in Trümmer;

Die Bibel ist geraubt! O Thränen, Thränen!

Drum hab ich dir vom Reste meiner Habe

Nur dieses kärgliche Geschenk gekauft:

Dies Meißner Täßchen, dieses Spitzentüchlein,

– Wie grob, verglichen jenem Spinngeweb,

Mit dem die Meerfrau jetzt den Busen deckt! –

Dies Bronzefigürchen deiner Marmorvenus

Und hier dies Buch, unbiblisch, ketzerhaft,

Mit schlechten Versen, die ich dir gedichtet.«

Sie lacht und weint; ich aber werde weich:

»Doch siehst du alles dies mit Liebe an,

Wer weiß, ob nicht die Schätze d'raus erstehn,

Die ich allein für deiner würdig hielt.«

– »Du guter, guter Mann!« –

                                                            Und unter Thränen

Und heißen Küssen geht mein Pathos unter.



Frühlingsfeier


Ein Blütenzweig, blaßrosa, weiß und grün,

Die Welt hat tausend solcher Blütenäste,

Da darf der eine auch für uns erblühn

Und darf verblühn bei unserm Liebesfeste.


Befrei' das schwere Haar von Kamm und Band

Und laß die schwarzen Fluten niederwallen

Auf dieses blumenhelle Lenzgewand,

Und laß die neidischen Achselspangen fallen!


Nun nimm den Blütenzweig – wie wunderbar

Die Blüten glühn von deines Pulses Schlägen! –

Und rühre mir die Stirne und das Haar

Und sprich dazu den heiligen Frühlingssegen:


»Blick auf, der Lenz ist kommen über Nacht,

Die Welt ist voll von Liebe und Erbarmen!«

Ich blicke auf; der Frühling ist erwacht;

Ich halt' den ganzen Frühling in den Armen!



Italienischer Abend


Der Staub des Werkeltages legt sich grau

Auf deine Träume; was dich einst entzückt,

Verblaßt, vom Spinngeweb der Zeit umgarnt.

Die große Spinne sitzt mit gierigen Augen

Und deckt mit grauen Fäden jeden Glanz.

Bedenk' dies wohl, geliebte, junge Frau,

Und scheuch sie weg! Ich lieb' die weißen Perlen

Im Rosenkranze der Alltäglichkeit

Und heitre Feste in der Arbeitswoche.«


Mein Weibchen hört mich an, sie ist geduldig

Und ehrt den Ahnen, der ein Prediger war,

In meinen salbungsreichen Dichterworten.

Tags drauf war sie geschäftig, wie ein Bienchen:

Kaum, daß, sie mir den Morgenkuß gereicht,

Husch, war sie fort, und husch, war sie zu Haus,

Geheimnißvolle Päckchen unterm Mantel;

Ein Zimmer, drein sie mir den Eintritt wehrte,

Ward zum Versteck dafür; die Köchin glühte,

Im Einverständniß mit der milden Herrin,

Und warf mir spöttischschlaue Blicke zu.

Mein Schätzchen war den Tag für mich verloren,

Kaum, daß ich hie und da ein Küßchen fing.

Ich mußte Abends eine Stunde fort:

»Du störst zu Hause; komm zum Essen wieder!«


Ich ging, wie einst, die alte Stadt entlang;

Schneeflocken glitten sanft zur Erde nieder

Und flimmerten im Schein des Straßenlichtes,

Als wenn des Himmels Sternlein niedersänken.

Mir war im Herzen warm und weihnachtshell,

Und jedes Dichterwort von dem Kamin,

Darin die glühend rothen Scheiter knistern,

Vom Brodelkessel, der sein Liedchen summt,

Von den Pantoffelchen der jungen Frau,

Die durch die wohlig warmen Zimmer klappern,

Klang mir durch's Herz, wie helle Silberglöckchen.

Ich fing ein Dutzend Lieder an im Schreiten

-Aus einer winterlichen Freudenstimmung –

Und eilte heim, den Hut verwegen schief,

Wie einer, dem das Glück die Thüren öffnet.

»Zu früh! Marsch in dein Zimmer!«-

                                                  »Erst ein Küßchen,« –

»Huh! kalt und naß! Im Winter küßt sich's schlecht.«


Als sich die Zeit vollendet, klopft es sacht

An meiner Thür. »Nun komm, nun tritt herein!«

Die Thüre öffnet sich. »Was ist denn das

Ein festlich heller Tisch; und Lampions,

An Schnüren hängend, durch das ganze Zimmer;

Im grünen Kübel dort ein Palmenbaum;

Auf einem Tisch um meine liebe Statue

Des »jungen Faun« die Bilder aus Italien,

Die wir von unsrer Reise heimgebracht.

Und zwischen all der bunten Herrlichkeit

Mein Weibchen mit beglückten Funkelaugen

Im Phantasiekleid einer Campagnolin.

»Was soll das heißen?« lach' ich. »Was das soll?

Ein Abend in Italien; römisches Fest!

Ja, staune nur. Die große, graue Spinne

Zieht sich erschrocken in ihr Netz zurück.

Und, keine Rührung jetzt! Marietta, presto!«


Wahrhaftig, kommt die alte Köchin schmunzelnd,

Mit einer rothen Schärpe um den Kopf,

Und flötet mir, von Lachen fast erstickt,

Ihr »bona sera!« Auf dem Tische dampfen

Die saftigen Maccaroni um den Braten;

In strohumflocht'nen Flaschen glüht mein Liebling,

Chianti vecchio; und bis zum Obst

Und Gorgonzola – Grüße aus Italien.

Es ist kein lautes, aber freudiges Fest,

Und, wenn mein Blick auf meine Liebste fällt,

So tanzt mein Herz fürwahr die Tarantella.

– Erinnerungen tauchen vor uns auf,

Piazza d'erbe und Scaligeri,

Der campo santo Pisa's und der Dom,

Die große Palme über'm Colosseum.

Und nach dem Mahle führt mich die Geliebte

In unser Erkerstübchen an das Fenster.

Da liegt der Park in weißen Schnee gehüllt,

Der Mondschein flimmert drauf, ein Wintermärchen.

Sie aber zaubert mir den Winter weg;

Die Augen schließt sie mir mit weichen Händchen

Und spricht: »Wenn du die Lider hebst, so staune!

Das Meer im Mondesscheine glitzert hell,

Hier ist Sorrent, die ganze Luft ist voll

Von weißen Strahlen; aus den Wassern, schaukelnd,

Gedenkst du's noch, hebt sich die Nixenschaar

Und fängt mit Silberspiegeln, leise singend,

Die Strahlen auf. Schau, wie die Wellen glitzern!«

Ich blicke auf, das weite Meer erglänzt,

Wir Zwei steh'n auf der Insel der Glückseligen

Und trinken Glück und Schönheit mit den Blicken –

Und niemals, niemals wagt sich auf die Insel

Die graue Spinne der Alltäglichkeit!



Stilles Glück


Wir sitzen am Tisch beim Lampenschein

Und sehn in dasselbe Buch hinein;

Und Wange an Wange und Hand in Hand,

Eine stille Zärtlichkeit uns umspannt.

Ich fühle ruhig dein Herzchen pochen:

Eine Stunde schon hat keines gesprochen,

Und keins dem andern ins Auge geblickt.

Wir haben die Wünsche schlafen geschickt.



Dornröschen


Und da ich dich wollte im Sturme umfangen,

Da löste das Band deiner Locken sich,

Und lachend warfst du die hüpfenden Schlangen

Vor dein Gesicht und höhntest mich.


Mein Mund ist der Prinz, Dornröschen der deine,

Der Prinz bahnt den Weg sich mit muthigem Sinn

Durch's Lockengewirr bis zu dir, du Feine:

Er macht Dornröschen zur Königin .....



Der Rosenkranz des heiligen Antonius


Capriccio grazioso


In Padua vor der Kirche Sankt Antons

Verfolgte uns ein welsches Kerzelweib

Mit Rosenkränzen, hier im Dom geweiht:

»Sie haben Wunderkraft, wie unser Heiliger.«

»So will ich einen kaufen,« sprach ich ernst,

»Antonius, viel versucht in diesem Leben

Und arg bedrängt von Lockungen des Weibs,

Er ist der Heilige junger Ehemänner,

Antonius von Padua, steh' mir bei!«

Mein junges Weibchen, eine Pfirsichblüte,

So morgenduftig in dem Seidenleibchen,

Sah mich mit großen Kinderaugen an;

Ich aber, ein verlogener Abbate,

Erzähl' ihr die Geschichte dieses Heiligen

Etwa im Stil des seligen Freunds Boccaccio;

Er ward in meinem ketzerischen Munde

Zum keuschen Tugendhelden des Ballets,

Der vor den Fleischtricots erschrocken flieht.

Mit frommem Augenaufschlag küßte ich

Den Rosenkranz und feilschte um den Preis.

Die Pfirsichblüte ward zur roten Rose,

Schamüberglüht und doch im Innern jubelnd,

Daß sie schon solche Dinge hören dürfe.

Ich kniete drauf im Dome vor dem Grabmal

Des Heiligen im brünstigen Gebet:

»O, heiliger Antonius, schütze mich!«

Wir fuhren noch denselben Abend weiter.

Und in Venedig und Florenz und Rom

Verblaßte uns das Bild des Heiligen;

Es sank ins Meer am schönen Strand Neapels,

An dem einst Venus aus den Fluten stieg.

Der Rosenkranz des heiligen Antonius

Lag auf dem Grunde unsres Reisekoffers,

Der Liebe Rosenkranz umglühte uns. –

          Nun streckt der Baum des welschen Honigmonds

Ueber die Alpen seine Blütenäste;

Uns scheint des Estrichs dunkles Holzgetäfel

In unserm warmen Nest im kühlen Deutschland

Vom Widerschein des welschen Himmels blau;

Zwei Tauben, zärtlich gurrend, folgten uns

Vom Markusplatze, wo wir sie gefüttert,

Und sitzen schnäbelnd über unsern Betten.

Wie viele Flitterwochen hat das Jahr?

O Rosenkranz des heiligen Antonius,

Der ein Symbol uns ward, wo fand ich dich!

Heut Abend kam ich heim: »Wo ist die Liebste?«

Ich suchte, lockend, sie durch alle Zimmer,

Sah unter jedes Bett, in jeden Winkel,

Stets auf der Lauer, daß zwei weiche Hände

Mir plötzlich beide Augen neckend schließen.

Ich fand sie nicht; das Mädchen zuckt die Achseln,

Zwei spitze Achseln einer Jubelgreisin.

Da, wie ich wieder gehn will sie zu suchen,

Tönt festlicher Gesang – vom Badezimmer;

Ein närrischer Mönch im Bademantel schreitet,

Das Haupt mit der Kapuze ganz verhüllt,

Die große Kerze flackernd in der Hand,

Und ernste Psalmen singend, mir entgegen.

Der fromme Mönch – mein rosenrotes Weibchen.

Sie geht an mir vorbei, sie wehrt mich ab,

Ich fasse sie: was gürtet ihr die Hüften?

Was schließt den Mantel dieser Potiphar?

Der Rosenkranz des heiligen Antonius!

O heiliger Antonius, steh mir bei!



Der Hochzeitstag


Heut ist's ein Jahr, daß wir ein Pärchen sind;

Früh gab es süße Thränen meines Weibchens,

Ich hört' ihr leises Schluchzen, Schlummer heuchelnd,

Da ich im Bette träumte; leise kam

Mein Süßes, Süßes an mein Bett geschlichen,

Und ihre Blicke, noch in Thränen schwimmend,

Fühlt ich auf meinem Antlitz selig ruhn;

Nun gab es Küsse, ungezählt und heiß,

Umarmungen und tausend Neckerein.

Dann saßen wir am straußgeschmückten Tisch

Beim frohen Frühstück; sie im Sommerkleid

– Es ist ein ganzer Sommertag für sich,

So zart und duftig, sonnig, märchenhell –

Kußhändchen werfend und von Zeit zu Zeit

Urplötzlich wieder einen Kuß verlangend.

Dann, wie besprochen, machten wir uns auf

Den ganzen Tag im Freien zu verbringen.

Mein Glück ging neben mir, schritt tapfer aus,

Vom Wegrand Blumen pflückend; und wir scherzten

Und waren närrisch heiter, wie zwei Kinder.

Im Dorf dann ein vergnüglicher Vormittag,

Ein Stündchen auf dem kleinen See, im Dunkel

Der Erlenbüsche, die in's Wasser tauchen;

Und dann im Wirtshausgarten auf dem blauen,

Großblumigen Tischtuch Hochzeitsschmaus: Die Wirtin,

Die drallen Arme unterm Busen kreuzend,

Mit ihrem hübschen Defreggergesicht

Lacht uns verliebten Leuten freundlich zu.

Dann tief im Walde auf dem Rasenteppich

Streckt' ich mich aus, mein Liebstes neben mir,

Mit Blumen mich bestreuend; ich entschlief

Im Schatten ihres breiten Sommerhuts,

Ihr weiches Händchen warm in meiner Hand.

Sie weckte mich, verschämt und wie ertappt,

Als durch die Bäume Städter sichtbar wurden;

Kreischende Flucht zum nahen Försterhaus.

Hier ein Diskurs mit einem Bauernburschen,

Der auf dem gelben Felde Ähren band

Und uns für Liebsleut' hielt.

                                                            Kaffee im Wirtshaus.

Mein Liebchen reicht mir zwischen jedem Schluck

Das rote Mündchen, das ich küssen darf.

Dann, da wir auf die Straße treten, lädt

Ein Rosselenker, der die Städter wohl

Herausgefahren, uns zur Mitfahrt ein.

»Wir gehn zu Fuß.« Doch plötzlich stößt mich leis

Mein Weibchen in die Seite: »Sieh' ihn an«.

Und, seltsam, aber wahr: es ist der Kutscher,

Der uns vor einem Jahr am Hochzeitstag

Zur Kirche führte. Er erkennt uns auch;

Nun Händedrücken, Fragen, frohe Scherze.

Mein Weibchen purpurrot, da er sie fragt,

Ob er nicht bald zur Taufe fahren dürfe.

Dann sitzen wir im Wagen, eng umschlungen,

Mein Schätzchen feierlich, wie Frauen sind,

Und glücklich ernst geworden durch den Zufall,

Der uns den Kutscher in den Weg geführt,

Mit dem einst unser tiefes Glück begann,

Den Zufall für was Gottgesandtes preisend.

Wir schauen träumend auf den breiten Rücken

Des Kutscherfreundes, der sich manchmal umkehrt

Uns zuzulächeln und sich mit uns freut.

Und auf dem breiten Rücken dieses Kutschers,

Der majestätisch auf dem Bocke thront,

Ziehn uns die Tage des vergangenen Jahrs

Wie Wandelbilder träumerisch vorüber:

Die Fahrt zur Kirche, unsre Hochzeitsreise,

Der blaue Himmel Roms, das weite Meer,

Die ersten Tage in der eignen Wohnung,

Die freudige Arbeit, wenn mein süßes Liebchen,

Mich küssend, über meine Achsel schaut.

Wir sind ganz still geworden, reines Glück

Füllt unsre dankerfüllten Kinderherzen.

Und plötzlich neigt sich weinend, außer sich

Mein Weib auf meine Hand, um sie zu küssen.

Wir sind zu Hause. Und im nächsten Jahr

Will ich am Hochzeitstag denselben Kutscher

In unser liebes, weißes Dorf bestellen –

Wenn ich ihn früher nicht zur Taufe brauch'!



Der Nebenbuhler


So eine kleine Frau, wie keusch sie sei,

Was Gefährliches ist doch immer dabei;

Aus ihrer Seele geheimstem Grunde

Sprach meine heute mit ruhigem Munde:

»Wenn Goethe noch lebte in unseren Tagen,

Goethe könnte ich nichts versagen:

Er ist so herrlich, so über die Maaßen,

Möcht' mich in Demuth ihm überlassen,

Möcht' gar nicht denken, so er mich wollte,

Ob ich sollte oder nicht sollte,

Ich wäre sein, vom Herzen sein.«

So sprach sie sich in die Verzückung hinein,

Indeß ich armer, betrogener Gatte

Meine neidische, dunkle Minute hatte.

          Dann aber seufzte ich vor mich hin:

»Heil mir, daß ich ein Enkel bin!«



Epilog


Hätt' ich das Glück, davon dies Büchlein bebt,

Dies Glück, das sich im Kleinen froh bescheidet

Und Wahrheit mit dem Schein des Trugs umkleidet,

Am Busen einer fremden Frau erlebt:


Seltsame Menschen, die ihr schwer vergebt,

Daß sich von euch der Künstler unterscheidet,

Ihr hättet mir gelauscht und mich beneidet,

Weil mich ein Schwarm von Grazien umschwebt.


So aber konnt' ich armer Schelm nur künden

Von einem Glücke, schlicht und bürgerlich,

Von einem Glück, ganz bar pikanter Sünden.


»Wie philiströs!« schmäht ihr, gestrengen Richter,

»Philisterglück!«

                                        Mein Weibchen tröstet mich:

»Philister über dir! du bist ein Dichter!«


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