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Hugo Salus – Reigen

Gedichte

Albert Langen Verlag für Litteratur und Kunst, München, 21901

Liederseelen


Ein sinkendes Blatt, ein Vogelflug,

Einer einsamen Flöte träumendes Singen,

Ein Mädchenblick: ist jedes genug,

Eines Dichters Seele zum Tönen zu bringen.


Ein sinkendes Blatt: o du müder Tod ...

Ein Vogelflug: meine jauchzende Kehle ...

Ein Mädchenblick: o Lust, o Not ..

Ein Flötenton: o du Sehnsucht der Seele ...


Und nun klingt das Lied und umgaukelt dich,

Und will dir die tiefsten Dinge benennen:

Und die Liederseelen, sie wundern sich

Und können sich selbst kaum wiedererkennen.



Die Stunden


Vor meinem Haus sah ich die Stunden stehn

Und langsam, langsam ihren Reigen drehn;

Im Schatten standen sie, und, wie im Traum,

Bewegten sich die müden Schwestern kaum.


Und eh' die eine ihrer Schwester Hand

Mit zagen Fingern einer Blinden fand,

Und eh' ihr Fuß vom Boden sich befreit,

Rann eine Welle in die Ewigkeit.


Ein bleicher Knabe aber stand dabei

Und füllt mit bangen Seufzern die Schalmei,

Und ihr Getön war also dumpf und leer,

Als wenn's das Rauschen einer Muschel wär' .....



Alte Uhr


Ist eine alte Uhr in Prag,

Verrostet das Werk und der Stundenschlag,

Verstummt ihre Stimme im Munde,

Zeigt immer die gleiche Stunde.


Doch täglich einmal, so tot sie sei,

Schleicht zögernd die Zeit an der Uhr vorbei,

Dann zeigt sie die richtige Stunde,

Wie die Uhren all' in der Runde.


Es ist kein Werk so abgethan,

Kommt doch einmal seine Zeit heran,

Daß es sein Wirken bekunde,

Kommt doch seine richtige Stunde.



Die junge Frau


In deiner mildgesenkten Wimpern Schatten

Liegt, junge Frau, Bescheidenheit und Demut

Und stiller Dank für deinen ernsten Gatten:

Doch ist es auch wie eine kleine Wehmut;


Wie ein noch unbewußtes, fernes Sehnen

Nach einem Tag, da sich die Wimpern feuchten,

Nach großen Freuden oder schweren Thränen,

Nach einem Tag, da deine Augen leuchten!



Die Stufe


Ich bin eine Stufe, die aufwärts führt,

Darüber der Priester zum Tempel schreitet;

Und bin eine Stufe, die abwärts führt,

Darüber sein Purpurmantel gleitet.


Ich bin aus Marmor, weiß und rein,

Und höre oft meine Schönheit loben

Und weiß, aus dem gleichen Marmorstein

Ist auch der ewige Tempel da oben.


Und daß ich's weiß ohne Sehnsucht und Neid,

Das ist mein Glück und ist mein Leid!



Seufzer


Vom Lager dieses Kranken wegzugehen,

Der weltverloren in das Dunkel stöhnt,

Hemmt meinen Schritt ein schmerzliches Verstehen.


Als müßten, gleich gefangenen Gespenstern,

Die Seufzer dieses Armen, unversöhnt,

Die Flügel blutig schlagen an den Fenstern:


Weil Seufzer früher nicht zu Ruhe kommen,

Eh' sich ein Mitleid ihrer angenommen ...



Legende


Als Christus nun durchs stolze Hallenthor

Die Stadt verließ und zwischen Feldern ging

Und sinnend wanderte, den Dörfern zu,

Sprach Petrus zu Johannes: »Blick' ihn an!

Er ist ein andrer, als er eben war;

Sein Mantel floß in königlichen Falten,

Da er im Schatten der Paläste ging;

Nun fällt er karg von seinen Schultern nieder.

Er schritt, ein Herrscher, durch die trotzige Stadt,

Ein strenger Richter und ein weiser Priester,

Nun geht er schlicht dem weißen Dörfchen zu

Und wie ein Landmann, der den Abend segnet.

Schau, wie die Ackersleute ihn begrüßen

Und fast vertraulich winken. Still! Er wartet.«

Und Christus stand und lächelte. Sein Antlitz

War von der Abendsonne mild gerötet.

Und mit den Jüngern trat er in das Dorf.



Elegie


In dieser Welt, die, seit sie ward, vergeht,

In der die Sonne stirbt am eignen Glanze

Und sich im ungeheuern Totentanze

Der wilde Reigen der Gestirne dreht;


Auf dieser Erde, die aus Staub besteht,

Dem gleichen Moderstaub von Tier und Pflanze,

Die eitel prunkt im bunten Frühlingskranze,

Wenn auch der Hauch des Tod's den Duft verweht:


Ist tiefe Wehmut jeder Lust verschwistert,

Und jede Freude, die das Herz durchdringt,

Vom dunklen Flor: Melancholie verdüstert.


Ist Glaube – Furcht, die dich zu Boden zwingt,

Und Liebe, die von ewiger Treue flüstert,

Die Angst des Kindes, das im Dunkel singt ...



Der neue Heiland


Wir sind verderbt durch Deutungen und Träume,

Vererbte Stimmung, Thränen unserer Ahnen,

Durch schwermutvolle Abendwolkensäume,

Geheimnisschwangere Kometenbahnen;


Durch Schleier, die das Sichere umweben,

Und deren Fäden unsere Sorgen spinnen,

Denn klaren Blickes schaut kein Aug' ins Leben,

Und seinen Wurzeln kann kein Mensch entrinnen.


Ein Träumer war der Heiland, war ein Dichter,

Voll tiefer Schatten seines Mantels Falten

Und sehnsuchtskrank sein Blick, sein göttlich lichter;

Und neue Träume sann er zu den alten.


Der aber führt zu neuen Morgenröten,

Der besser höhnen kann und mehr verneinen!

Die Dichter und die Deuter wird er töten;

Und eine neue Sonne wird ihm scheinen!



Sehnsucht


Meine Sehnsucht hat so weiche Schwingen,

Daß sie nur für Zephyrwellen taugen,

Hat so märchen-märchentiefe Augen,

Daß sie bis zum letzten Himmel dringen.


Meine Sehnsucht kommt an Frühlingstagen,

Wie ein Hauch die Stirne mir zu küssen,

Kommt ein Wörtlein mir ins Ohr zu sagen,

Daß sich meine Lider senken müssen.


Und das Wörtlein hat nicht Sinn noch Kunde,

Aber ist so seltsam süß im Klange,

Und mein Herz vergeht im Überschwange,

Und zum Seufzer wird der Hauch im Munde ...



Der Zauberspruch


Willst du in öden Wintertagen

Die Sehnsucht nach dem Lenz ertragen,

Will ich dir einen Zauber sagen,

Den sprich vor dich ins Grau hinein:

Lerchenjubel und Sonnenschein!


Hilft vor dem Teufel drei Kreuze schlagen,

Oder ein Vaterunser sagen,

Wirkt mein Zauber, die Nebel zu jagen,

Hilft gegen Dunkel und Winterspein:

Lerchenjubel und Sonnenschein!


Nur mußt du es recht vom Herzen sagen!

Siehst du die Wolken am Himmel jagen?

Hörst du die Nachtigallen schlagen?

Und mitten in deinen Winter hinein

Lerchenjubel und Sonnenschein!



Italienische Madonnen


Madonna in Italien!

In wieviel Namen ich dir hier begegnet:

Du bist die Göttin, die mit Schönheit segnet.


Madonna della vigna.

Gott Bacchus flieht. Er flucht dir im Entschweben;

Dein mildes Lächeln quillt in diesen Reben.


Madonna del fiume.

Es küßt der Strom der Kirche Marmorschwelle,

Und noch im Meere träumt davon die Welle.


Madonna del popolo.

Und seufzt ein stolzer Fürst um dein Erbarmen,

Die Krone ab! Er kniee bei den Armen!


Madonna sopra Minerva.

Welch tiefer Sinn in diesem Namen liegt:

Die reine Liebe, die den Geist besiegt.


Madonna delle grazie,

Deutsch: Gnadenmutter. Schreib' ich also? Nein!

Mein Glaube läßt dich voller Grazie sein.


Madonna della campagna.

So lieb' ich dich zumeist, du Holde, Milde,

Das Kind im Arm und segnend die Gefilde.


Madonna della rosa,

Du liebe Heilige meines glaubenlosen

Und gläubigen Seins: es jauchzt und seufzt in Rosen!


Madonna ohne Ende!

Und jede reicht mir liebevoll die Hand

Und leitet mich durch prangende Gelände!




Saat


Ein Sammetglanz liegt auf der Welt.

Die schweren Ackergäule ziehn

Die Pflüge durch das Krumenfeld

Vom Morgenglühn zum Abendglühn.


Die Erde dampft im Sonnenstrahl,

Als wär' sie just zum Sein erwacht.

Die Welt ist wie ein Friedensthal

Und nur auf ihre Saat bedacht.


Vom Himmel schaut der Bauerngott

Und lächelt, und ihm ist dabei,

Als ob mit einem Hüh und Hott

Das Weltall zu regieren sei ...



Frühling


Mit einem Blütenzweig in der Hand,

Ein frühlingstrunkener, sanfter Bacchant,

Schritt ich auf sonnenglänzenden Wegen

Der festlich bewegten Stadt entgegen.


Da haben die Blüten ihr Wunder gethan:

Alle Mädchen sahen mich liebreich an,

Als ob mich die Blüten lieblicher machten,

Und winkten mir freundlich und grüßten und lachten.


Und die Kinder, als ob ich was Seltsames wär',

Gingen in Scharen hinter mir her

Und bettelten: »Laß uns die Blüten sehen!«

Und wollten alle mit mir gehen.


Ich aber ging still und geradeaus

Und brachte den Zweig der Liebsten ins Haus;

Die stellt' ihn ins Fenster und giebt ihm zu trinken:

Und die Kinder stehn alle noch unten und winken ..



Soldatenlied


Bei einem böhmischen Regiment

Bin ich in Reih' und Glied gestanden:

Sind brave Burschen, sapperment,

Und lauter geborene Musikanten!


Das sind Burschen, wie Wein, kein Falsch und Fehl,

Und haben das Herz auf dem rechten Flecke,

Und Dienst ist Dienst, und Befehl ist Befehl,

Und das Herz pocht stolz an die blauen Röcke.


Und Marschieren und Rackern und Schinderei

Das kann uns, der Teufel, ein'n Quark genieren:

Ist überall doch Musik dabei,

Und Musik liegt schon im bloßen Marschieren.


Und schimpft der Kor'pral, so nimmt's der Wind,

Ich geb' nur acht, daß ich drüber nicht lache,

Und das macht der Liebe noch immer kein Kind,

Und das Leben ist doch eine feine Sache!


Und der Trommler, der schlägt sein Extrastück,

Und unser Hornist wird blau zum Zerspringen,

Und wenn auch der schwere Tornister drückt,

So dürfen wir pfeifen und singen und singen:


Drei Jahr sind bald um, und dann ist es aus.

Und heißt's in den Feind marschieren und sterben,

Frau Mutter, habt Kinder genug zu Haus:

Die soll'n meinen Tschako und Stiefel erben!



Der Kirschenbaum


Heut hatt' ich einen Kindertraum.

Sein Inhalt war: ein Kirschenbaum,

Sonst nichts. Der war so kirschenschwer,

Man sah von seinem Grün nichts mehr.


Der rote Baum stand ganz allein

Und strahlte nur von Sonnenschein.

Die Kirschen waren wie aus Glas,

Was für ein heller Glanz war das!


Wie ich so in die Kirschen guck',

Aus jeder Kirsche, wie ein Spuk,

In kirschen-, kirschenrotem Licht

Lacht mir entgegen mein Gesicht.


Zehntausend Kirschen sicherlich,

Nicht übertrieben, zählte ich;

Nun stellt euch vor, zehntausendmal

Lacht' ich mich an im Sonnenstrahl!


Da ich schon lange aufgewacht,

Hab' ich noch vor mich hingelacht

Und lag und lag noch halb im Traum

Und lachte in den Kirschenbaum.



Lied der Mutter


Ihr Kinder, es ist Essenszeit!

Halt' jedes seinen Mund bereit,

Ihr Großen, nehmt Löffel und Gabel,

Ihr Kleinen aber, gebt mir acht,

Daß ihr das Kleid nicht schmutzig macht,

Und öffnet weit den Schnabel!


Was, Kinder, ist die Suppe fein?

Ich that ein gutes Ei hinein,

Das ist eine Kaisersuppe!

Die Henne machte gluck, gluck, gluck –

Du einen Schluck, du einen Schluck,

Und einen für die Puppe.


So, Kinder, wischt euch hübsch den Mund,

Ein Stückchen Fleisch macht Mädel rund

Und Buben zu Soldaten:

Ein Stückchen du, ein Stückchen du,

Und macht mir kein Gesicht dazu!

Es giebt nicht immer Braten!


Habt ihr auch alle den Teller leer?

Sonst giebt es keinen Kuchen mehr,

Kuchen und noch was Feines!

Wer nicht brav ißt und Mutter quält,

Bekommt nie mehr ein Märchen erzählt. –

Am besten pappt doch mein Kleines!



Psalm


Einst wird ein Tag so voller Liebe tagen,

Und solch ein Frieden wird die Welt erfüllen,

Der letzte Stern wird seinen Glanz enthüllen

Und stille stehn der goldne Sonnenwagen.


Aus allen Himmeln werden Chöre schallen

Und auf zu allen Himmeln frohe Lieder,

Auf hundertfarbigem Regenbogen nieder

Wird licht ein Zug von Friedensengeln wallen.


Und Liebe wird und Milde und Erbarmen

Aus selig klaren Menschenaugen glänzen,

Und jedes Haupt wird sich mit Rosen kränzen,

Und Hirten werden Könige umarmen.


Da wird das Reich des ewigen Glaubens enden,

Die Liebe wird von allen Türmen winken;

Und all den Toten in der Erde sinken

Die stillen Kreuze aus den müden Händen ..




                                                                      P. A. gewidmet.


Das Segelschiff



Der Knabe erspähte das Schiff zuerst

Und rief: »Ein Schiff mit weißen Segeln!«

So, wie man etwas Helles begrüßt.

Der Bräutigam sagte: »Ein Segelschiff,

Es paßt nicht mehr in unsere Zeit,

Es ist wie eine Dame im Reifrock.«

Die Braut sah lang die Wellen hin;

Sie sprach: »Ein Schiff mit weißen Segeln ..«

Als käme endlich das Schiff der Erfüllung

Mit ihren goldenen Träumen befrachtet.

Der Dichter drückte ihr warm die Hand;

Er flüsterte: »Mit weißen Flügeln ..«

In seinen Worten war Wunsch und Sehnsucht

Und Glück und Dank und Gottesdienst.



Der Führer


Vom Weg verirrt mich durch den Hochwald tastend,

Traf ich dich, wunderlicher, stiller Greis,

An deinem knorrig derben Bergstock rastend;

Mir war, in deinem Rucksack läge lastend

Die Bürde deiner Jahre, schwer und heiß.


»Du wirst den Weg zur Höhe, Vater, kennen,

Den ich verfehlt; du endigst meine Qual.«

Und seinen Blick, nicht Menschenblick zu nennen,

Fühlt' ich mir tief bis in die Seele brennen:

»Der beste Weg zur Höhe führt – ins Thal.«



Das Fensterkreuz


Vor das bischen lichtblauen Himmels in meinem Fenster,

Meiner Krankensehnsucht, meinem Krankenglück,

Stellt sich das plumpe, dunkle Fensterkreuz

Und zerschneidet mir den Himmel in Stücke.

Manchmal, mein blauer Himmel, mein lieber Himmel,


Wenn du recht innig leuchtest,

Seh' ich nur dich, das Kreuz verschwindet,

Seh' ich nur dich und sehn' mich nach dir

Und nach Sommerglück und sonnigen Wegen.

Aber manchmal, manchmal, wenn meine Seele im Schatten liegt,


Reckt sich das Kreuz, das dunkle Kreuz,

Vor all dein Leuchten;

Und du bist nur das Helle, von dem es droht,

Hoffnungslos, grausam, kalt und schwarz

Und unentrinnbar ....



Die Brücke


Von dieser Brücke staunt der Blick entzückt

Auf eine große Landschaft; von den Höh'n

Droht eine Burg, dem Menschenmaß entrückt,

Gigantenwerk, doch im Gewaltigen schön.


Zu ihren Füßen, zwischen Berg und Strom,

Liegt eine alte Stadt, vom Wald umsäumt,

Um einen tausendjährig kühnen Dom,

Die ihre stolzen Königsträume träumt.


Auf diese Wunderbrücke führt' ich dich,

Deß junger Dichterruhm die Welt erfüllt,

Mein Gast, mein Freund! Des Staunens harrte ich,

Da sich die Landschaft deinem Aug' enthüllt.


Du sahst und – schwiegst; doch nicht dein Staunen schwieg,

Dein Herz blieb stumm, das so viel Schönheit – spricht. –

Mein Ruhm ist klein, ich gönne dir den Sieg:

Bekränze dich! Ein Dichter bist du nicht!



Der Spruch


Sie sprach – wenn dieser tiefe Orgelton

Noch Sprache heißt-: »Sag', warum dankst du mir?

Ist nicht die Liebe selbst Geschenk und Lohn?

Und, daß ich lieben darf, wem dank' ich's? Dir!«


Da war mir so: weit über Meer und Land

Trug uns ein Engel bis zu Zions Thor.

Sie aber hielt die Bibel in der Hand

Und las mir mild die heiligen Sprüche vor.




Das traurige Echo


Die meine Seele in Banden hält,

Ist treu, – treu einem andern.

Was wäre denn so weit die Welt,

Als recht darin zu wandern!


Was wäre denn die Luft so klar?

Daß hell mein Lied erklinge!

O, Echo, hörst du, sei doch wahr!

Was weinst du, wenn ich singe ..



Simson


Die ihr euch gern an Großem berauscht,

Ihr Knechte, so ihr mir willig lauscht

Am Feuer mit halbverschlafenen Augen,

Was könnt' euch denn so am besten taugen?

Will ich versuchen, euch aus der schlichten

Bibel ein Stücklein nachzudichten:


Als Simson denn endlich, ohne Haar

Kraftlos, beschämt und gefangen war,

Und in des Kerkers dunklen Stunden

Seine strotzende, trotzige Kraft geschwunden:

Ließ ihn der König in Ketten zwingen

Und zum Hohn und zur Schmach in den Tempel bringen;

Sie banden ihn an zwei Säulen an

Und höhnten, verlachten und stießen ihn dann:

»Der du das Maul so voll genommen,

Du starker Held, bist weit gekommen!

Wir spei'n dich an, duck dich nur, duck,

Du Großmaul, Glattkopf, du Säulenschmuck,

Du feiger Hund, nun zeig deinen Mut!« –

Da faßt ihn die Schmach, da erwachte sein Blut,

Da kochte sein Groll, da schwoll seine Wut,

Aus dem Herzen fühlt' er wie heiße Glut

Den Haß durch seine Adern fluten:

Und noch einmal hat er alle Kraft

Zu einer That zusammengerafft

Und packte die Säulen und fühlte sie wanken

Und lachte, da sie in Trümmer sanken,

Und jauchzte, da sie zusammenkrachten

Und seiner Schmach ein Ende machten.

– – – – – – – – – – – – – –

Das war die Geschichte von Simson, dem Helden,

Eine alte Geschichte; die wollt' ich euch melden.

Das Feuer verglimmt, ihr Knechte, schlaft ein!

Mag jeder im Traume ein Simson sein!




Aus der »Novelle des Lyrikers«


Als ich nun eintrat in den Saal,

– Wie schon so manches, manches Mal –

Als ich nun eintrat in den Saal

Und in das dunkelnde Gemach

Funkelnd das Licht des Tages brach,

Daß ich ihr just ins Auge sah,

Ich weiß nicht, wie mir da geschah!

Sie saß, der Thüre zugewandt,

Als wär' ihr Blick durch mich gebannt,

Als hätt' sie mich noch nie gesehn,

Als wär' ihr nun das Heil geschehn,

So saß sie da und schaute.

Mir schlug das Herz, mir graute,

Und war Entzücken doch im Graun,

Die schöne Fraue anzuschaun.

Da war mir, daß der dunkle Saal

Sich dehnte weit mit einem Mal,

Und weit, wer weiß, wie ewig weit,

Saß nun mein Glück und Lust und Leid

Und winkte mir, zu kommen,

Und winkte mir, zu kommen.

Und, da ich ihm entgegenging

Und mich ihr stummer Blick empfing,

War mir, als wär' der Weg zu ihr,

Als wär' der Weg von mir zu ihr

Viel tausend Meilen, ohne End',

Daß ich ihn nie vollenden könnt'

Und müßt' in Ewigkeiten

Ihr nun entgegenschreiten.

Und durch den ungeheuern Raum

Ging ich und ging, und wie im Traum,

Und fühlte, wie vor Sehnen

Sich lösten meine Thränen,

Und wie ich, weinend wie ein Kind,

Vor Sehnen und vor Thränen blind,

Mich spornte, nicht zu weilen,

Als könnt' sie mir enteilen.

Da stand sie, wie im Traume, auf

Und fing mich noch im Schwanken auf

Und hielt mich fest umfangen.

Nun weiß ich: über Raum und Zeit

Von Ewigkeit zu Ewigkeit

Ist heut' mein Herz von mir zu ihr,

Und ist ihr Herz von ihr zu mir

In sehnendem Verlangen

In Hangen und in Bangen

Den weiten Weg gegangen ...



Maiglöckchen


Maiglöckchenstrauß, Maiglöckchenstrauß!

Ich trage einen Schatz nach Haus,

Weiße Glocken auf grünem Stengel.


Liebe Glöckchen, weiß und zart und rein!

So müssen die keuschen Blumen sein

Im Lockenkranze der Engel.


Aus einem Himmel kommt auch ihr,

Aus einem Himmel bringt ihr mir

Grüße und Duft und Segen.


Ihr duftet kaum und doch so reich:

Ihr seid an einem Busen weich

Und knospenrein gelegen –


Und bringt mir Duft und Segen.



Die Flüchtlinge


»Dort unten schläft die Stadt! Nun sind wir frei,

Nach bangen Wochen frei, nach Angst und Schauern;

An schönen Villen fahren wir vorbei

Und mondbeglänzten, stillen Gartenmauern.


Hier wohnt der Reichtum, Glück und Frieden hier!

Sieh diesen Garten mit den dunklen Bäumen;

Cypressen sind es, fast zu dunkel mir,

Darunter weiße Marmorgötter träumen.


Welch schönes Friedensbild! O, sei uns mehr,

Künd' uns die Wonnen, die auch unser warten!« –

Da sprach mein Leidgenoss' und seufzte schwer:

»Schau hin! Ein Friedhof ist der schöne Garten!«




Das verspätete Echo


Das kleine Wörtlein, das ich erfleht,

Eh' daß ich ging zu wandern,

Sagst du mir heut', ein Jahr zu spät.

Nun ist's ein Wort, wie die andern.


Ich schau' es an, dreh's hin und her,

Weiß nichts damit zu beginnen. –

Ich will ein Märchen ersinnen,

Meines Bruders Kinder baten so sehr:


»Hast du uns Märchen mitgebracht?«

Was mich die Kinder doch quälen!

Ich will den Kindern heut' zur Nacht

Vom verspäteten Echo erzählen ..



Botschaft


An Tagen, da der Schwermut breite Schwingen

Ob meiner Seele eb'nen Planen schweben,

Beugt sich der Stamm des Lebensbaums zur Erde.

Aus solcher Zeit trägt meine Stirne Furchen

Und tief're Narben mein empfindsam Herz,

Als aus dem Schlachtgetös' des thätigen Lebens.

An solchen Tagen weiß ich mit Entsetzen,

Daß alle Kunst nur Spiel und Thorheit ist,

Den Greisenblick zum Kindesblick zu fälschen;

Daß nie das Rauschen eines Heldenlieds

Aus Memmen Helden schuf; daß Bösewichter,

Im Schauspielhause vor der Szene sitzend,

Des falschen Pathos lächeln, das sie feiert;

Daß dieser Dirne Lachen Eva lachte,

Und Kain, der vor Millionen dunklen Jahren

Den Bruder Abel schlug, noch lebt und haßt.

An solchen Tagen bin ich ohne Hoffnung

Und flüchte mich zum Lied, wie oft im Kriege

In Gärten das Entscheidungsmorden wütet.

Heut' aber, da der Schwermut Schwingenschlag

Von fernher meiner Seele Halme beugt,

Heut' lad' ich dich, die du voll Sonne bist,

Zu mir ins Haus: bring' mir die Sonne mit.

Noch lechzt mein Herz nach Licht. Kommst du zu spät,

So liegt mein Haus in Nacht. Kommst du zur Zeit,

So wollen wir die Krüge roten Weins

Mit Rosen kränzen. Aber spute dich!

Ich war zu lang' allein: die Einsamkeit

Schreit schon nach ihrer Schwester, nach der Schwermut.



Gardasee


Von all den wunderschönen Sommertagen,

Die mich an deinem Strand so tief entzückt,

Hat mich kein einziger – soll ich's beklagen? –

Im Neuerlebnis eines Lieds beglückt.


Wollt' ich in Verse mein Erinnern gießen,

Wer weiß, was ich von meinem Glück verlier'!

So brauch' ich nur die Lider fest zu schließen,

Und hab' noch all die Pracht in mir, in mir!



Die Mäher


Sensenschwung durch reifes Korn; Mähersang.

Fremder Schnitter kommt das gelbe Feld entlang.


»Suchst du Arbeit, Mann? In unsern Reigen tritt!

Deine Sense schwing mit unsern Sensen mit!«


Schaut der Fremde lang' die braunen Burschen an,

Schüttelt ernst das Haupt der fremde Schnittersmann:


»Junges Volk! Zu euch komm' ich ein andres Mal.

Diese Saat ist noch nicht reif für meinen Stahl!«



Der letzte Blick


Ihr glaubt es nicht, daß meine Seele lacht,

Daß meine Verse drum so fröhlich fließen!

Dies aber weiß ich: vor der ewigen Nacht

Wird noch mein letzter Blick die Sonne grüßen;


Wie an der Kirchenthür verliebte Fraun,

Wenn sie die Hand im Weihebecken netzen,

Noch heißen Blicks nach ihrem Buhlen schaun,

Eh' sie den Fuß ins ernste Dunkel setzen.




Genesung


Diese Nacht, nach manchem Leidenstag,

Fühl' ich mich so wohl und so genesen,

Daß ich, glücklich, gar nicht schlafen mag.


Dort beim friedlich milden Kerzenlicht

Sah ich still die Pflegeschwester lesen:

Grüß dich Gott, du liebes Angesicht!


Wie sie liest mit hochgezognen Brau'n,

Still, ganz still will ich so liegen bleiben

Und nur immerfort hinüberschaun.


Schon belebt sich mir der Kerzenschein:

Bald will ich dir hundert Bücher schreiben;

Nur für dich. Du sollst die Heldin sein.



Die Zwiesprache


Einmal, da war mir wie Hamlet zu Sinn;

Trieb mich des Nachts auf den Friedhof hin

Mit meinem lieben, klugen, alten

Begrabenen Lehrer Zwiesprach zu halten.


Auf sein Hügelchen setzt' ich mich,

Klopfte dreimal: »Ich rufe dich!

Sag', seit du Abschied von uns genommen,

Sag' mir, zu welchem Schluß du gekommen!«


Klopft's zurück; aufs Herz jeder Schlag ...

»Horch, was ich aus dem Grabe dir sag':

Ihr seht die Blumen der Erde entsteigen,

Wir sehn die Wurzeln sich verzweigen .....«



Prager Brücke


Über der alten Brücke in Prag

Hängt ein verschlafener Frühlingsmorgen.

Über die Brücke in Lust und Plag'

Hasten die Freuden und schleichen die Sorgen.


Nacht und Morgen und leuchtender Tag,

Und kein Zögern und kein Sich-Sputen.

Unter der alten Brücke in Prag

Wälzt der Strom seine träumenden Fluten ....




Die jungen Mädchen


Junge Mädchen sind Rokoko:

Weiße Kleidchen und zierliche Schrittchen,

Träume von Königsohn und Schneewittchen,

Seufzer und Thränen, bang und froh;

Junge Mädchen sind Rokoko ...


Von einem duftigen Mädchenkranz

War ich umschlungen, ein seliger Dichter,

O, diese süßen, lieben Gesichter!

Und das Leben ist Sang und Tanz

Und in ewigem Frühlingsglanz!


Ach, so ein Dichter! Der hat seine Not,

Wenn ihn so junge Mädchen umringen!

»Dicht' uns was Schönes!« – »Was soll ich euch singen?«

Ruft die Blühendste, weiß und rot:

»Sing' uns, sing' uns – am liebsten vom Tod!«


Frag' ich: »Du lieber Unverstand,

Wählst du das düsterste von den Bildern,

Sag', wie soll ich den Tod euch schildern?«

Sagt sie: »Jung im Samtgewand,

Bleich, schwarzlockig, interessant!«



Die Huldigung


Nun hat schon ganze Wochen lang kein Wunsch mein Herz beflügelt,

Mein Volk von Reimen tollt umher, seit Monden ungezügelt.


Sie tanzen, drehn und grüßen sich, vergnügen sich aufs beste,

Verbeugen sich und neigen sich, wie Pagen vor dem Feste.


Sie nehmen die Lorgnetten vor, und Herz und Schmerz versichern,

Daß sie einander nie gesehn; verbeugen sich und kichern.


Da trittst du in den Pagensaal. Sie blicken auf, sie schweigen.

Ein Wink. Und Paar nach Paar tritt an, vor dir sich zu verneigen.




Madonna


Den Säugling ihrer Schwester hielt mein Mädchen,

Als wären ihre Mutterfreuden echt,

In ihren zärtlichen, besorgten Armen.

Ihr großes Auge war so voll der Liebe,

Und ihres Herzens Schlag so mütterlich,

Die Neigung ihres Hauptes so vertraut,

Daß des betrog'nen Säuglings Mund sich spitzte,

Und daß sein Blick, wie auf der Mutter Brust,

Auf meines Mädchens reinem Busen ruhte,

Als wär's der Hügel seines süßen Brünnleins.

Sein Händchen griff danach aus seinem Kissen,

Sein Zünglein schlürfte.

                                        Und ich stand dabei,

Gerührt auf mein verwirrtes Mädchen blickend;

Und fromm und andachtsvoll und wundergläubig

Und wie die Könige in Bethlehem ....



Der Frühlingsdichter


Und wieder Frühling und Sonnenpracht

Und blauer Himmel und Knospenspringen!

Und wenn ihr mich auch verhöhnt und verlacht,

So will ich doch wieder mein Lenzlied singen!


Mein Lenz- und Danklied – der Himmel geb',

Es möge mir so, wie ich möcht', gelingen!

Und wenn ich noch hundert Lenze erleb',

So will ich noch hundert Lenzlieder singen!


Dann, wie dem Propheten Elisa geschah,

Mag mich Greisen die Rotte der Jungen umringen

Und höhnen: »Der Frühlingsdichter ist da!«

Er wird noch im Grabe sein Lenzlied singen!



Sommerfrische


Sie dachten, ich werde nun hier auf dem Lande

Im Garten lustwandeln, den Stift in Händen,

Wie etwa der Pfarrer am Tag vor der Predigt,

Und werde träumen und sinnen und dichten.

Sie sind ein wenig enttäuscht, die Guten,

Und wie um einen Glauben betrogen,

Daß ich den ganzen Tag in den Feldern

Hemdärmlig, lustig und ohne Gedanken

Und wie ein zielloser Bub' flaniere.

Heut' aber hab' ich bei meinen Bauern

Das letzte Bißchen Vertrauen verloren,

Seitdem zwei Burschen mich auf dem Felde

Im duftenden Heu vergraben fanden,

Bis über den Hals ins Heu vergraben

Und ihre eigenen Lieder singend!



                                                                      Fernand Khnopff


Die bleichen Hände


Diese Hände, diese bleichen, schlanken,

Diese Finger, diese schmalen, kalten,

Die sich schmerzlich in einander falten,

O, ich fühl's, daß sie am Leben kranken!


Lilienstengel, die in Keuschheit schwanken,

Schlanker Gläser zarte Duftgestalten

Sollten diese weißen Finger halten,

Künstler sollten ihrer Schönheit danken.


Eines Seidenkleides ernste Falten,

Eines Dolches Stahl, den spiegelblanken,

Müde Locken, die vom Haupte sanken,


Sollten tändelnd diese Finger halten,

Sollten kühl sich um die sehnsuchtskranken,

Bleichen Schläfen eines Dichters ranken ...



Der dunkle Baum


Im weiten Felde stirbt der Tag.

In Schatten harrt die müde Welt,

Was nun mit ihr geschehen mag,

Eh' Mond und Stern die Nacht erhellt.


Im Felde steht ein alter Baum.

Nun, da das letzte Licht verblich,

Erwacht er, wie aus einem Traum.

Er dehnt und streckt im Dunkel sich,


Und wächst empor und löst sich los

Und breitet seine Arme weit,

Und wird im Dunkel riesengroß

Und dunkler als die Dunkelheit.


Und hat kein Maß und wächst empor

Bis durch des Himmels heiliges Zelt:

Da quillt das Silber draus hervor

Und rieselt auf die klare Welt ...



Der Blinde


Ich war zu lang ein Wolkenspäher

Und forscht' im Sonnenangesicht

Nach der Erkenntnis Strahlenlicht:

Da ward ich blind und – bin ein Seher.


Denn Tag und Nacht, denn Mond und Sterne

Und Eis und Glut und Weh und Lust,

Sie sind nur in der Menschenbrust,

Und nur sein Stolz trennt Näh' und Ferne.


Der aber ist der wahrhaft Weise,

Der reich sein Innerstes bestellt,

In dessen Busen sich die Welt

Bewegt im schön geschwungnen Kreise ..



Kleine Ballade


Schon lange war ich nicht so frohgemut:

Auf diesen Dolch schreib' ich mit warmem Blut

Meinen Namen.


Sie schwor mir einst: »Mein Herz ist treu und rein;

Und noch im Tod bewahr' ich drin allein

Deinen Namen«.


Du Dolch! So fass' ich dich! So stoß' ich zu!

Und, wie in roten Flammen, jubelst du

Meinen Namen!



Die Königstochter


Was thät' ich, wenn ich armer Wicht

– Es ist mir wahrhaftig auch zuzutrauen –

Mich müßt' in das süße Angesicht

Einer stolzen Königstochter verschauen?


Entweder: in meiner argen Not

Stieß' ich ein Messer mir zwischen die Rippen

Und hätt' noch in meinem elenden Tod

Den holden Namen auf meinen Lippen.


Oder: ich zöge ins Land hinein

Und suchte, und suchte, bis ich am Ende

Ein arm, verlassenes Mägdelein

In einer verfallenen Hütte fände.


Und spräche: »Meine Prinzessin bist du,

Und tausendmal schöner, als je eine echte.«

Und redete mir so lange zu,

Bis ich mir's selber glauben möchte ...


Ach Gott, wie hoch ragt ein Königsthron!

Und tief im Staub zieh' ich armer Sünder!

Was hab' ich in meinem Leben schon

Geliebt verwunschene Königskinder ...



Zwei Chansons


I.


Die Pfaffenkutten


Mädeln, hört zu: ich hab' einen Haufen

Pfaffenkutten zu verkaufen.

Ist feine, schwarze, knisternde Seide,

Jede Kutte reicht grade zu einem Kleide;

Ich schwör' euch, ihr werdet zufrieden sein.

Kauft ein, ihr Mädeln, kauft ein!


Kein Schwindel dabei: ein ganzer Orden

Von Pfaffen ist unlängst weltlich worden;

Vierzig Kutten zu Leibchen und Unterröcken!

Auf acht oder neun sind Schnupftabakflecken,

Die geb' ich billig; die andern sind rein:

Kauft ein, ihr Mädeln, kauft ein!


Habt keine Angst, sie riechen nicht heilig.

In der Kirche hatten's die Braven recht eilig.

Hat manche sogar einen feinen, leichten

Duft nach – verschwiegenen Mädchenbeichten.

Acht oder neun riechen nach Wein:

Kauft ein, ihr Mädeln, kauft ein!


Ich weiß, hinter allen, die Kutten kaufen,

Werden wie närrisch die Burschen laufen:

Ein kleiner Rest vom früheren Segen

Bleibt immer in so einer Kutte gelegen.

Acht, neun werden drin, gesegnet sein:

Kauft ein, ihr Mädeln, kauft ein!



II.


Der Königssohn


Der junge Königssohn zog aus,

Eine Königin sich zu erwählen.

Nun bringt er sich – o Schreck, o Graus –

Eine zierliche Chansonette nach Haus

Und will sich mit ihr vermählen!

Und will sich mit ihr vermählen!


»Um Gottes Willen, was fällt dir ein?«

Sprach der König zu seinem Sohne.

»Die ist ja ganz hübsch! Aber viel zu klein!

»Die ist ja so zierlich, so klein und fein,

»Der baumeln die Beinchen vom Throne!

»Der baumeln die Beinchen vom Throne!«


Sprach der Prinz – und hat wie ein König gelacht

Und zwinkert verschmitzt mit den Augen –:

»An den Thron hab' ich, meiner Seel'! nicht gedacht!

»Der ist für den Tag, und das Bett für die Nacht.

»Auf den Thron mag sie wirklich nicht taugen.

»Auf den Thron mag sie wirklich nicht taugen.


»Aber schwarze Seidenstrümpfe sind nett!

»Und geht sie am Abend zu Bette,

»Dann baumeln die Beinchen so nett vom Bett!« –

Und der König winkt. Und die Chansonett,

Chansonett, Chansonett,

Ward Hof- und Leibchansonette,

Ward Hof- und Leibchansonette.




                                        H. T. gewidmet.


Winternacht


Winternacht. In weißer Watte

Liegt verwahrt die ganze Welt,

Haus und Hof und Fluß und Matte.

Winterschlaf in weicher Watte,

Und kein Laut in Wald und Feld.


Auf dem weiten Himmelsrasen

Führt der Mond, der treue Hirt,

Seine Lämmerwolken grasen,

Daß der ganze Himmelsrasen

Weiß von weichen Wolken wird.


Wie sie drängen; schieben, stocken,

Flockt von ihrem Vließ der Flaum,

Und es schweben neue Flocken

Durch den Frieden; Flocken, Flocken!

– Und die Welt liegt wie im Traum ...



Deus simplex


In meinem Himmel thront der Herr allein,

Und Heilige sind in seinem Himmel nicht.

Heilige wollen gut und heilig sein,

Und Wunsch ist Absicht. Gott ist groß und schlicht.


Mein Gott ist: nach der großen That die Ruh'

Und mildes Lächeln über Wunsch und Wahn.

Er schaut dem Reigen der Gestirne zu

Und lenkt mit stillem Auge ihre Bahn.


Doch ist sein Himmel drum nicht öd' und leer;

Und will mein Herr in liebe Augen schaun,

Dann ruft er sich die tausend Kinder her,

Die um den Himmel rings die Wolken baun.



Der Reigen


Ich lieb' es so sehr, auf das Schleppenrauschen

Der schreitenden, gleitenden Stunden zu lauschen:

Immerzu, immerzu,

Ohne Rast, ohne Ruh,

– Und ist doch die Ruh –

Und mir fallen beim Lauschen die Augen zu.


Und ich höre das schwere

Schlürfen und Schleppen

Über die Treppen

Zu meiner Thür;

Sie möchten verweilen

Und müssen die steilen

Treppen nach oben

Sich schleppen und eilen;

Neue Schwestern treten herfür,

Neue Schwestern drängen zur Thür.


Aber einmal wird die Thüre gehen,

Wird der Reigen der Schwestern stehen,

Wird meine Stunde stehen bei mir.

Dann wird der Reigen vor meiner Thür

Sich wieder regen

Und wieder bewegen;

Doch meine Stunde wird stehen bei mir,

Für und für,

Und wird nimmer von dannen gehen ...



Die Blumen im Eden


In den Bäumen vor dem Paradiese

Sitzen tausend blinde Seelchen harrend,

Bis das große Petrusthor sich knarrend

Öffnet zu der blumenreichen Wiese.


Sie sind blind, weil sie dereinst auf Erden

Vielzuviel gesucht in Näh'n und Fernen,

Und sie müssen hier einfältig werden,

Und sie sollen hier erst staunen lernen.


Denn die Blumen, die im Eden prangen,

Die sie jetzt mit seligen Augen schauen,

Sind die gleichen gelben, roten, blauen,

Denen sie einst blind vorbeigegangen.




Der Marmorblock


Dies ist der Marmorblock, den ich ersehnt,

Als ich noch schönheitsdürstend trunken war,

Als noch Apoll, ans Saitenspiel gelehnt,

Nach Leben schrie. Ach, es sind viele Jahr'!


Doch bin ich alt, so bin ich doch so jung,

Daß ich den Gott noch aus dem Steine lock',

Und bin noch warm und voll Begeisterung:

Heil dir, du schimmernd weißer Marmorblock!


Ich geh' ans Werk. Gott mit dem Saitenspiel?

Und nur die Lust an Schönheit und Gestalt?

Genügt mir's noch? Mich dünkt, ich weiß zu viel!

Mein Gott soll sprechen! Ich bin klug und alt.


Längst ist mein Gott nicht mehr der glatte Fant,

Die geistgewordne Schönheit ist mein Gott!

Weh mir! Der Meißel folgt nicht mehr der Hand!

Dies wird nicht Schönheit, dies wird Witz und Spott.


Weh mir und meiner Kunst! Hier stehe ich

Und dacht' ein Künstler und ein Gott zu sein!

Ich ging ans Werk, Apoll erfüllte mich,

Und ein Thersites höhnt mich aus dem Stein! –



Abendlied


Nun schweigt das laute Treiben,

Und still wird Dorf und Rain,

In allen Fensterscheiben

Verglüht der Sonnenschein.


Die Abendglocken freuen

Sich hoch im Gotteshaus,

Wie Weihrauchfässer streuen

Sie ihren Segen aus.


Die Wellen rauschen leise,

Schlaftrunken träumt der Fluß;

Die Blätter tauschen leise

Den letzten Schlummerkuß.


Die Abendenglein zünden

Schon Stern und Sternlein an,

Auf lauen Abendwinden

Schwebt mild die Nacht heran ..



Die Ähren


Der Abend war selbst wie ein Wunder der Liebe,

Sie gingen umschlungen und stumm vor Liebe

Aus den Feldern dem träumenden Dorfe zu.


Sie lehnte sich wärmer an ihn. Sie sagte,

So still, als wenn der Abendwind klagte:

»Im Korn, das war doch eine Sünde, du!«


Er löst seine Hand und Wange von Wange:

»Und nennst du's Sünde, daß ich dich umfange,

So liebst du mich nicht und liebst mich nicht!«


Da schaut sie empor zu dem Zornigen, Wilden

Und sieht mit erschrockenen, hilflosen, milden

Augen dem Liebsten ins Angesicht;


Und lächelt in Thränen und löst die bleichen,

Bebenden Lippen und sagt mit weichen

Worten zum Liebsten: »Das sagst du mir?!«


Und schlingt den Arm um den trotzigen Knaben:

»Daß wir das Korn so zerbrochen haben,

Das war eine Sünde. Das sag' ich dir.«



Mädchenlied


Sternschnuppenfall, Sternschnuppenfall!

Heut will ich nicht schlafen und immer nur wünschen,

Und alles wird in Erfüllung gehn:


Ein Kleid aus Seide, aus schneeweißer Seide,

Mit uralten Spitzen aus Brabant,

Und jeder Knopf ein Diamant;


Ein Diadem aus lauter Türkisen,

Dazwischen Brillanten, wie Wasser klar,

Das paßt am besten ins schwarze Haar;


Sternschnuppe, ein Halsband aus großen Perlen;

Und du, Sternschnuppe, ich bitte dich,

Such Perlen ohne Thränen für mich;


Dann wünsch' ich ein Paar ganz kleiner Pantoffel,

Kleiner, viel kleiner als mein Fuß,

Aber das mir doch passen muß!


Zu alledem wünsch' ich mir einen Liebsten ...

O weh, die Mutter! Sie jagt mich ins Bett!

Ach, wenn ich nur erst einen Liebsten hätt'!



Liebesgeschichten


Ich weiß ein paar winzige Liebesgeschichten,

Und solche erleb' ich an jedem Tag:

Zwei braune Augen, zwei blaue Augen,

So heißt meine erste Liebesgeschichte;

Zwei braune Augen, zwei graue Augen,

Und das ist die zweite Liebesgeschichte;

Zwei braune Augen, zwei schwarze Augen,

Das ist meine dritte Liebesgeschichte.

Und solche kleine Liebesgeschichten

Erleb' ich an jedem, jedem Tag

Und möcht' sie so gerne weiter dichten;

Doch immer erleb' ich nur hübsche Titel.

Aber mein Herz mit jedem Schlag

Sehnt sich nach einem ganzen Kapitel,

Wie es auch immer enden mag,

Wie es auch immer enden mag ..



Die fremden Schwestern


Als nun die heitere Stunde kam,

Mit Blumen im Haar mich zum Reigen nahm,

Da blutete noch meine heiße Wunde,

Geschlagen vom Schwerte der düsteren Stunde.


Und ich sprach zur heiteren Stunde: »Lausch!

Deine Schwester war Schmerz, und du bist Rausch!

Deine bittere Schwester ist kaum gegangen,

Und du kommst mit Blumen und heiterem Prangen«?!


Da sah sie mir fragend und fremd ins Gesicht:

»Meine Schwester? Ich kenn' meine Schwester nicht!«

Und sie ging von mir mit staunendem Munde..

Eine Stunde weiß nichts von der anderen Stunde.



Unnaive Legende


Als Atlas müd' geworden war

Und seinen Schultern, mitleidvoll,

Gott Vater – noch ein junger Gott –

Die ungeheure Bürde nahm,

Ging er, ein Mensch und Riese doch

Und arg vergrämt die Lande hin.

Er kam an einen kleinen Fluß,

An dessen Bord ein Knäblein stand,

Das nach dem andern Ufer sah,

Vermissend, ach, die seichte Furt.

Und Atlas stand und lächelte

Um seinen greisen Faltenmund,

Da er das lichte Knäblein sah.

Er schmunzelte und beugte sich,

Und hob das Kind und schwang's empor,

Daß es auf seiner Schulter saß.

Er lachte selber wie ein Kind,

Da er durchs Wasser watete,

Der Ungeheuere, wie ein Turm,

Das Knäblein tragend, statt der Welt.

Sein Gram entwich, er wurde jung

– Und nannte sich Christophorus.



Resignation


Einst hielt ich meines wunderbaren

Geschwaders nur das Meer für wert.

Ich habe längst den Kiel gekehrt

Und bin den Strom zu Thal gefahren.


Nun will ich hier ans Landen denken,

Eh' dieser Fluß zum Bächlein wird.

Ich bin zu lang' umher geirrt.

Hier will ich meinen Anker senken.


An dieses wogenferne, flache

Gelände warf das wilde Meer

Mich als ein unnütz Strandgut her:

Das Meer reicht bis zum letzten Bache.


Wie ruhig hier die Wellen fließen!

Wie glücklich sich mein Nachen wiegt!

Ich hab' das große Meer besiegt!

– Nun kann ich meine Irrfahrt schließen ..



Der Abendreigen


Da nun der Tag in die Weiten ging,

Und ein milder Abend sie umfing,

Und rot die Häupter der Berge erglühten,

Und die ersten Sternlein am Himmel erblühten:

Da war den schlichten Liebespaaren,

Als hätten sie nie einen Abend erfahren,

Ihnen war, sie wußten selbst nicht, wie.

Die groben Hände falteten sie,

Als wollten sie just in die Kirche treten:

»Laßt uns zur Mutter Gottes beten.«


Als solches die Mutter Gottes ersah,

Sprach sie mild zur heiligen Cäcilia:

»Die Wandrer da unten, sie irren sich;

Sie rufen mich und meinen dich.

Sie wissen nur nicht, wie ihnen geschehn,

Seit sie in den heiligen Abend gehn,

Daß ihnen die Herzen so feierlich schlagen.

Du sollst ihnen deine Wunder sagen!«


Da löste sich von dem Wolkenrand,

Drauf sie auf zarten Füßen stand,

Und schwebte mit lächelnder Gebärde

Die heilige Cäcilia nieder zur Erde.

Und ihr Flügelschlag streifte die Paare im Schweben

Und löst ihre Lippen und läßt sie erbeben;

Und ihre Seelen wuchsen empor

Und einten sich jubelnd zu einem Chor,

Und über der Felder träumendes Schweigen

Klang glücklich ihr klingender Abendreigen.



Elegien


I.


Nie, seit mich Schönheit beglückt und Frauenliebreiz mich fesselt,

Seit ich die Kunst verstand, Grieche genießend zu sein,

Hab' ich so schmerzlich, wie heute, die Schönheit des eigenen Körpers,

So des eigenen Leibs mangelnde Anmut vermißt.

Dir, entzückende Frau, wird Schönheit jede Bewegung,

Wird das schlichteste Kleid wallend ein Königs gewand!

Eine Göttin, so schreitest du hin zum Takte der Hüften,

Doch das Berückendste bleibt immer dein Hausgewand.

Die ich längst schon vergaß, der griechischen Göttinnen Namen,

Wahrlich, der ganze Olymp, ward mir vom neuen vertraut,

Da ich im schlotternden Rocke und deutsch bis zur knarrenden Sohle

Dir in dein duftig Gemach, Aphrodite, gefolgt.

Doch dein Auge blieb groß und strahlend die Glut deiner Blicke,

Und dein zierlich Gemach ward mir Parnaß und Olymp.

O, ich verrate uns nicht! Auch Dichter vermögen zu schweigen;

Der sich Thersites gefühlt, ging als Apollo von dir!

Schön macht Liebe und Gunst der Schönen. Hab' Dank, Aphrodite!

Nein, kein klingender Reim bringt dir würdigen Dank

Nichts von Herzen und Schmerzen und nichts von Liebe und Triebe!

Und in griechischem Maß dankt dir pathetisch mein Lied.



II.


Wahrlich, nicht blind macht Liebe! Nie sah ich mit hellerem Staunen,

Wie du, herrliche Frau, Größe und Grazie einst.

Denn kein zierliches Füßchen trägt spottend des Körperchens Bürde,

Groß, ein blühendes Weib, schreitest du mächtig und schön.

Helena sahen die Greise und staunten: ein größeres Wunder,

Kommst du, Stolze, daher, staunen die Frauen dir nach.

Ach, wie selten verschwistern sich Größe und Anmut der Glieder!

Welch ein zierliches Ding schlüpft das Lacertchen durchs Gras.

Du hast Größe und Anmut. O, wie du die Arme emporhebst,

Wie die geschäftige Hand bändigt die Fülle des Haars!

Leise knistert die Seide des Leibchens; sie bebt vor Begierde,

Und die Fülle der Brust sprengt fast die Enge der Haft.

Und kein Backfischchen rollt so zierlich das Mieder zusammen,

Eh'es die Kerze verlöscht und sich im Bette vergräbt.

Dann, dann bist du ein kleines Mädchen und kicherst und jubelst,

Und dein begehrlicher Mund küßt sich die Kindheit zurück ...



III.


»Seine Verse sind gut gebaut, doch frostig wie Marmor;

»Gab ihm die Glätte Apoll, gab er ihm doch nicht die Glut!

»Nicht ein Tropfen der lodernden Leidenschaft kocht ihm im Blute,

»Klug, ein Meister der Form, nützt er bedächtig sein Pfund!«

Liebste, liebst du mich noch? Unmöglich! Zerknirscht und vernichtet

Bringt dir dein »kalter Poet« fröstelnd das strenge Verdikt.

Auch in der südlichen Wärme Canossas starrte ein Winter,

Ach, im Canossa der Kunst steh' ich zu Eise erstarrt!

Liebste, du lachst? Und glühend umschlingen mich eng deine Arme?

Deine bacchantische Glut macht doch den Marmor nicht heiß!

Und du jubelst und küssest: »Ich liebe dich, eisiger Dichter!

Leidenschaftsloser Poet, heischst du noch bessre Kritik!?«



IV.


Welche Fülle der Form und doch, welche Anmut der Glieder!

Schlafe, liebes Geschöpf, gönn' mir die Wonnen des Blicks:

Wie das zärtliche Hemd dem blühenden Busen sich anschmiegt,

Wie der kräftige Arm lieblich den Lockenkopf stützt.

Sorglich löschte sie erst das Licht, nun liegt sie und schlummert;

Doch mein begehrliches Aug' litt es im Dunkel nicht mehr.

Brennt ihr mein Blick auf der Haut? Sie glüht, wie der Gletscher am Abend.

Pulst ihr, noch eben geebbt, wieder bacchantisch das Blut?

Über die trotzigen Lippen, welch Schauspiel, fühlert das Zünglein,

Und die irrende Hand lüftet die Bürde des Betts.

Rubens und Tizian, dich, euch ruf' ich, euch gönn' ich den Anblick!

Still, ihr drängt euch zu sehr! Dunkel. Sie seufzt. Sie erwacht.



V.


Wäre die Landschaft groß, bewacht von ragenden Bergen,

Und ein gewaltiger Strom trüge die Bildung ins Land;

Wäre ein Marmorpalast das Haus meiner schönen Geliebten,

Und aus dem Pinienhain leuchtete hell ihr Gewand;

Wären die Männer ringsum helläugig, freier und schöner,

Und die Töchter des Lands wert ihre Frauen zu sein:

Wahrlich, der glühende Traum, der mich zum Helden erkoren,

Würde ein ewiger Sang, Sang von Liebe und Glut!

Aber die Landschaft ist klein und flach, und winklig das Städtchen,

Und ein Krämergeschlecht sorgt für den kommenden Tag!

Ängstlich in Felder geteilt, bewacht von geizigen Blicken,

Dankt mit kärglicher Frucht zögernd das trockene Land.

Flieh', Geliebte, entflieh' mit mir! Ein helles Gestade

Weiß ich, und mächtigen Schwungs weist uns ein Adler den Weg!

Weh, du zögerst? Du fürchtest die Menschen? Auch ich fürcht' die Menschen!

Und mein ewiges Lied stirbt und verblutet im Sand ...



VI.


Der unterbrochene Rhythmus


Einsames Lager, vom Monde beglänzt, was gähnst du und höhnst du?

Kühle Kissen, versucht, ob ihr das Blut mir versöhnt.

Kühle Kissen, ihr glüht. Ich will in griechischen Versen

Zähmen die buhlende Lust, bannen das lockende Bild.

Heil dir, griechisches Maß, du zwingst zu edlerem Rhythmus,

Bändigst sorgsam und klug mir das bacchantische Blut.

Dir vertrau ich mich an; die jähen Wogen des Meeres

Orpheus sang sie zur Ruh: Rhythmus ist Sitte und Kunst.

Denk' ich jetzt der Geliebten, o freundliche Wirkung des Verses,

Nicht als lockendes Weib, steht sie als Statue da;

Kalt um die herrlichen Glieder und wunschlos flutet der Mondschein,

Schmiegt sich an Schultern und Arm, wärmer an Nacken und Brust.

Eine Locke des buhlenden Haars liegt weich auf dem Busen,

Und der Busen ...

                                        Da brach jäh der Pentameter ab.

Er will nicht mehr folgen; ich will nicht mehr zählen,

Ich will meinen Leib ihrem Leibe vermählen,

Sie an mich reißen und an mich pressen

Und im heißen Taumel die Welt vergessen,

Ich will im Rausche glücklich sein! ....

Was höhnst du mich, flimmernder Mondenschein?!



Reue


Nach dem Rausche dieser Stunden,

Dieser seligen Sekunden,

Dem Verflackern meiner Glut:


Sänftigt sich des Herzens Klopfen,

Und es fällt ein dunkler Tropfen

Reue in mein rotes Blut .....



Neue acherontische Sizilianen


I.


Als wir nun niederstiegen an den Strand,

Dran wellenlos die stygischen Wasser rinnen,

Wir saßen nieder in den bleichen Sand

Und zogen fröstelnd enger unsre Linnen;

Wir sehn uns an, vom Zweifel übermannt,

Und können uns doch nimmermehr besinnen:

Soll nun an dieses Strandes schmalem Rand

Das Träumen enden oder erst beginnen?



II.


Wo düstre Schroffen in die Wolken drohn,

Wo sich die Meere in den Styx ergießen,

Sah ich vom Felsen in den Acheron

Noch muntre Bächlein schäumend niederschießen,

Noch kalt vom Quell, dem Dunkel kaum entflohn.

Ein Kindlein spielt im Sand zu meinen Füßen,

Nun sprach es: »Ach, wie schad', wir fahren schon;

Ich möcht' noch zuschaun, wie die Bächlein fließen!«



III.


Der Schatten eines Mönchs war mit im Boot,

Drauf sich nun dicht der stygische Nebel breitet.

Da sprach der Mönch: »Ich starb geweihten Tod

Mir ward am Kreuz das ewige Heil bereitet.

Gieb mir das Steuer, heidnischer Pilot,

Mein Ferge steht bei mir, der mich geleitet.«

Sprach Charon, der ihm mild das Steuer bot:

»Dies ist das Boot, das ohne Steuer gleitet ...«



IV.


Vom Bootmast wirft ein Lämplein müden Schein,

Phantastische Lichter und groteske Schatten.

So gleitet unser Boot ins Grau hinein.

Phantastische Lichter und groteske Schatten

Erinnern uns an das entschwundne Sein,

Phantastische Lichter und groteske Schatten.

Ins ewige Dunkel folgen uns allein

Phantastische Lichter und groteske Schatten ....


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