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Gebhard Schätzler-Perasini – Nachtschatten

Kriminalroman

Gebhard Schätzler-Perasini, Nachtschatten, Verlag von Friedrich Rothbarth, Leipzig und Bern, o. J.


I.

Es war in einer Juninacht. Tagsüber hatte eine starke Hitze geherrscht und gegen Abend bildeten sich schwarze Gewitterwolken am Himmel, die sich mehr und mehr zusammenballten.

Dennoch brach das Wetter nicht los.

Ein starker Wind trieb die Wolken von Zeit zu Zeit auseinander, so daß die Mondstrahlen auf die Erde fielen, doch waren dies nur seltene Momente.

Meist lag tiefe Finsternis über dem Forst, der schmalen Straße, die an dem Waldrand entlang und an einigen, einzeln stehenden Besitzungen vorüber, nach dem Städtchen Wilberg führte.

Nur ganz wenige Personen betraten um diese Zeit noch den Weg, der nach dem Wald und durch diesen nach dem Dorf Steinbach führte.

Wer aber dort etwas zu schaffen hatte, tat es bei Tage, oder doch ehe völlige Dunkelheit hereinbrach, denn der Forst besaß eine Ausdehnung von zwei Stunden und war stark verwildert.

Zudem wußte jedermann, daß es in der Nähe der gelben Steinbrüche, die sich dort befanden, eine Persönlichkeit gab, der man bei Tag nicht gern begegnete, noch viel weniger in dunkler Nacht.

Es schlug zehn Uhr von dem alten Turm der Martinskirche und kaum waren die dumpfen Schläge verklungen, so ertönte ein hastiger Schritt. Allem Anschein nach kam jemand aus der Stadt.

In der Nähe des Brakschen Hauses, einer Besitzung, die ziemlich einsam hier draußen am Weg lag und von einem großen Garten umgeben wurde, hielt der Schritt an.

Ein Windstoß fuhr in die Baumkronen, rüttelte sie, daß die Äste seufzten und stöhnten, und trieb die schwarzen Gewitterwolken gegen den Forst.

Der Schritt war nun nicht mehr zu hören. Wer es gewesen, der um diese Zeit sich hier heraus begab, wohin die Person verschwand, ließ sich nicht feststellen.

Der Mann, denn um einen solchen handelte es sich hier, mochte in der Dunkelheit seinen Weg nach dem zweiten hier draußen liegenden Besitztum fortgesetzt haben.

Dieses Haus gehörte der Schwester Braks, einer Frau Fallner, und wurde von dieser und zwei Dienstboten bewohnt. Es lag nicht allzuweit von Braks Besitztum entfernt.

Als der pfeifende Wind nachgelassen hatte und Ruhe eingetreten war, ließ sich nichts mehr von dem Schall eines Schrittes vernehmen, auch keine Gestalt in dem momentan aufblitzenden Mondlicht war zu sehen.

Das Gewitter kam diese Nacht nicht zum Ausbruch, bang und drohend hingen die düsteren Wolken am Nachthimmel.

Eine Viertelstunde vor Mitternacht trat ein Mann eilig aus dem Wald, den Hut auf dem Kopf, einen derben Knotenstock in der Hand.

Rüstig schritt er vorwärts, dem Städtchen zu.

Noch unheimlicher hatte sich das Aussehen des Nachthimmels gestaltet.

Der Mann warf einen Blick nach dem Wald, dessen rabenschwarzes Innere er soeben verlassen hatte.

»Gott sei Dank, daß ich so weit bin!« murmelte er, ordentlich erleichtert. »Noch eine kleine Weile, dann bin ich am Stadttor. Ist das eine Nacht! Das geht selbst dem vernünftigsten Menschen an die Nerven. So recht geschaffen zu Mord und Totschlag! Gott behüte uns davor!«

Ein Frösteln hatte den Mann unwillkürlich gepackt. Dann sagte er, sich mit Gewalt aufraffend:

»Unsinn! Wann wäre hier bei uns so etwas vorgekommen? Die Nacht ist keines Menschen Freund, und sitzt einem mal so eine Bangigkeit in den Knochen, so kriegt man sie nicht mehr los. Und bang kann einem schon werden bei dem Marsch durch den Wald und der rabenschwarzen Nacht. Horch! Seufzt da nicht jemand?«

Er lauschte. Aber es mußte wohl ein Ast gewesen sein, der sich an einem anderen rieb.

Der Mann löschte nun das Licht in seiner kleinen Laterne aus, denn er konnte auch in der Dunkelheit den Weg nach der Stadt nicht mehr verfehlen.

Eilig schritt er weiter.

In dem Augenblick, da er sich dem Peter Brakschen Besitztum näherte, schlug es vom Martinsturm Mitternacht.

Zu gleicher Zeit etwa riß der Wind wieder einmal die Wolkenballen auseinander und ein matter Mondstrahl fiel auf den Weg.

Der Mann blieb stehen.

Unwillkürlich war er heftig erschrocken.

Auf dem Weg, mit dem Rücken ihm zugewendet, als wäre er soeben aus derselben Richtung gekommen, die unser Mann einschlug, stand eine Gestalt.

Der junge Mann – denn daß es ein solcher war, soviel konnte der Beobachter erkennen – hatte wahrscheinlich nicht gehört, daß ihm jemand gefolgt war.

Die beiden Personen blieben nun stehen und unser Mann konnte beobachten, daß der andere mit einem lauten Ächzen die Hände vor das Gesicht schlug und dann förmlich zusammenbrach.

Schon berührten die Knie den Boden, da raffte sich die Gestalt wieder empor, ließ schlaff die Arme sinken und setzte den Weg nach der Stadt fort.

Dies mußte der Beobachter, ein Arbeiter aus dem Städtchen, wenigstens annehmen, da er die sich entfernenden Schritte hörte.

Zu erkennen vermochte er nichts mehr, da sich die Wolken wieder über den Mond geschoben hatten.

Die kurze Begegnung war jedoch so seltsam und kam ihm so sonderbar vor, so verdächtig, daß er sofort beschloß, dem Unbekannten zu folgen.

Hier war etwas geschehen, und der Arbeiter wollte wenigstens erfahren, wen er vor sich hatte. Furcht kannte er nicht und so eilte er den Weg entlang.

Aber der Voranschreitende schien es zu hören, daß ihn jemand verfolgte, denn er verdoppelte seine Schritte und als ihn der Arbeiter dennoch bald eingeholt hatte, rannte er in wilder Flucht dahin.

Der andere folgte ihm jedoch, und unter dem Torbogen, wo eine vom Wind stark niedergedrückte Laternenflamme brannte, hatte er den Fliehenden wirklich eingeholt und packte ohne Bedenken seinen Rock.

»Holla! Wer seid Ihr? Und was lauft Ihr so davon, als hättet Ihr einen Mord auf dem Gewissen?!« rief er.

Keuchend hielt der Angeredete still.

Es schien, als habe er einen anderen Mann in dem Verfolger vermutet.

Wie er sein bleiches Gesicht dem Arbeiter zuwandte, ließ dieser verblüfft den Rock frei.

»Ah – Sie sind es, Herr Referendar Gollwitz«, entfuhr es ihm.

»Ihr kennt mich?« stieß Gollwitz, heftig atmend, hervor und sein Körper bebte und zitterte vor Erregung. »Warum verfolgt Ihr mich?«

»Ich komme von Steinbach herüber, durch den Wald, Herr Referendar. Mein Bruder ist schwer krank und man holte mich am späten Nachmittag. Der Besuch hat sich in die Länge gezogen, aber herüber mußte ich noch, denn unsereins muß früh wieder an die Arbeit. Als ich in die Nähe des Brakschen Hauses komme, sah ich Sie ächzend und händeringend am Weg stehen. Aber ich erkannte Sie nicht und weil mir die Sache so sonderbar vorkam, so – so bin ich Ihnen eben gefolgt.«

Der Referendar faßte plötzlich den Arm des Arbeiters.

»Versprecht mir, keinem Menschen zu sagen, was Ihr gesehen habt in dieser Nacht!« rief er fast heiser.

»Das will ich meinetwegen schon versprechen!« antwortete erschrocken der Mann, denn Gollwitz genoß im Städtchen den besten Ruf, wenngleich er ohne Vermögen war und von dem Wohlwollen seiner Tante, Frau Fallner, lebte. »Aber ich begreife gar nicht, woher Sie kamen, Herr Referendar, und wie Sie –«

»Denkt, was Ihr wollt,« unterbrach ihn hastig Gollwitz, »aber schweigt! Ich habe Euch manchen kleinen Gefallen getan und werde Euch gewiß nicht vergessen.«

»Verlassen Sie sich nur auf mich, Herr Referendar!« sagte der Arbeiter kurz. »Daß Sie von keiner schlechten Tat kommen, das weiß ich ja, und das übrige geht mich nichts an!«

Gollwitz preßte die Hand des Arbeiters.

»Ich danke Euch! Und jetzt will ich heimkehren!«

»Gute Nacht, Herr Referendar!«

»Gute Nacht!« murmelte Gollwitz dumpf und wandte sich zum Gehen.

Kopfschüttelnd sah ihm der Arbeiter nach, ehe er ebenfalls den Weg nach seiner eigenen Behausung antrat.

Heinrich Gollwitz zog fröstelnd den Überrockkragen in die Höhe, obwohl es wahrlich nicht kühl war, ließ den Kopf tief auf die Brust sinken und verschwand in einer der Gassen, wo er eine Tür aufschloß, wie der Arbeiter noch sah.


* * *


Nicht gar lange, nachdem sich Gollwitz und der Arbeiter, der ihn verfolgte, dem Stadttor genähert hatten, ereignete sich draußen auf dem verlassenen Weg abermals etwas Seltsames.

Das fahle Mondlicht lag für kurze Zeit wieder auf der Erde. Die Wolken oben am Himmel zerriß der Wind, so daß es sich nun ansah, wie eine weite, tiefe Schlucht, auf deren Grund die nicht völlig reine Mondscheibe lag.

Grünschillernder Dunst wogte über dem Licht, das die Wolkenränder zu beiden Seiten phantastisch erscheinen ließ. Das sah aus wie wild zerrissene, gezackte Bergwände, die bald grell beschienen, bald von dem schwarzen Schatten eines Felsblockes getroffen wurden.

Und auf dem Grund, gleichsam in trübem Wasser, schwamm der Mond und warf sein fahles, zitterndes Licht über den verlassenen Weg.

Eine lange, hagere Gestalt glitt nun über diesen, den Kopf vornübergebeugt.

Man hörte fast keinen Schritt, sah in dem unsicheren Mondlicht nur, wie die unheimliche Erscheinung im Zickzack dahinhuschte, bald vom Weg abwich, bald ihn wieder betrat, sah den flatternden Rock, der Rabenflügeln ähnlich war, und die langen, dünnen Arme.

Hielt die Gestalt nicht irgendeinen Gegenstand in der einen Hand?

Es schien so; zu erkennen war jedoch nichts Genaues.

Unter dem Pfeifen des Windes und während am Nachthimmel die Wolken zusammenprallten, alles Licht verdeckend, verschwand auch die rätselhafte Erscheinung.


* * *


Am nächsten Morgen, in aller Frühe schon, kam Balthasar, der Diener der alten Frau Fallner, atemloß und totenblaß in das Städtchen gelaufen, die Richtung nach der Polizei nehmend.

Einige Personen riefen ihn an, was es denn gäbe, doch erhielten sie keine Antwort von dem augenscheinlich gänzlich verstörten Alten.

Dieser gelangte nur mit Mühe die Treppe hinauf zu dem Zimmer des amtierenden Polizeikommissars.

Dieser war noch gar nicht anwesend, wie der Amtsdiener sagte, der Balthasar genau kannte.

»Rufe ihn augenblicklich her,« keuchte der Alte, »es ist keine Zeit mehr zu verlieren!«

»Aber was, zum Kuckuck, gibt es denn nur, Balthasar?« fragte der Amtsdiener neugierig.

»Etwas Schreckliches – fort! Ein Mord ist geschehen!« schrie Balthasar. »Wecke den Herrn Kommissar, wenn er noch schlafen sollte!«

Das fuhr dem Frager jäh in die Glieder. Er tat auch gar keine weitere Frage vorderhand, sondern lief eilig davon.

Balthasar war auf einen Stuhl gesunken und trocknete sich mit dem Taschentuch die Stirn ab, wobei er kläglich ächzte:

»Wer hätte das geahnt! Wie konnte das nur geschehen? Es ist ja schrecklich!«

Lange brauchte Balthasar nicht zu warten, dann trat der Polizeibeamte in das Bureau.

Er hatte nicht mehr geschlafen, wie Balthasar glaubte, und die Meldung des Amtsdieners hatte auch ihn jäh erfaßt.

Ein Mord hier in dem kleinen Wilberg!

Das war eine Seltenheit und wohl geeignet, Sensation zu machen. Er beeilte sich deshalb sehr, aus dem Mund Balthasars etwas Näheres zu erfahren.

»Was höre ich?« rief er bereits im Eintreten. »Sie haben einen Mord zu melden?«

»Jawohl – einen schrecklichen Mord, Herr Kommissar,« ächzte der Diener, sich mühsam erhebend.

Dabei zitterten ihm auch jetzt die Glieder noch derart, daß ihm der Beamte zuwinkte, sitzenzubleiben.

»Vor allem: wer ist ermordet?« fragte er rasch.

»Meine Herrin, Frau Fallner –«

»Unmöglich!« fuhr der Beamte auf. »Frau Fallner, die bei alt und jung gleich beliebt war, die in der ganzen Gegend keinen Feind besaß! Irren Sie sich auch nicht, Balthasar? Die Dame hat vielleicht in der Nacht einen Blutsturz gehabt, ist von einem Schlaganfall betroffen worden?«

»Leider irre ich mich nicht, Herr Kommissar,« schüttelte Balthasar den Kopf. »Frau Fallner wurde ermordet, erschlagen!«

»Wirklich? So erzählen Sie, wie Sie die Dame fanden. Doch halt, einen Augenblick!«

Er gab ein Glockenzeichen und befahl dem eintretenden Diener, sogleich den Doktor Thoma und den Oberamtsrichter benachrichtigen zu lassen, daß sich ein Mord in Wilberg ereignet habe und im Polizeibureau das Nähere soeben festgestellt werde.

Dann sagte er zu Balthasar: »Erzählen Sie nun!«

Balthasar nahm sich gewaltsam zusammen und berichtete folgendes: »Frau Fallner hatte die Gewohnheit, ziemlich früh aufzustehen und im Garten zu promenieren. Ehe sie jedoch das Haus verließ, sprach sie jedesmal erst in der Küche vor, um Ulrike die nötigen Anweisungen für den Tag zu geben. Diesen Morgen nun blieb Frau Fallner viel länger im Zimmer als gewöhnlich, so daß wir endlich anfingen, ängstlich zu werden.

Ulrike klopfte, erhielt aber keine Antwort. Wir warteten noch eine Zeitlang und klopften dann abermals, diesmal sehr stark. Doch kam wieder keine Antwort und wir mußten nun annehmen, daß Frau Fallner entweder bereits ausgegangen war, oder daß sie krank im Zimmer lag, so krank, daß sie nicht einmal eine Antwort auf unser Pochen geben konnte.

Nachdem ich mit Ulrike rasch den Garten durchsuchte, aber keine Spur von Frau Fallner entdeckte, beschloß ich, einen Blick durch das nicht allzu hohe Fenster in das Schlafzimmer zu tun.

Ulrike war zugegen, als ich auf das Fenstergesims stieg und in die Schlafstube blickte. Der eine Fensterflügel stand weit offen, was mir gleich auffiel, obwohl unsere Herrin fast immer bei offenem Fenster schlief. Doch war der Fensterflügel stets nur zu einem geringen Maß geöffnet und niemals so weit, wie diesmal.«

»Frau Fallner schlief in einem Parterrezimmer bei offenem Fenster?« fiel der Beamte ein. »In Anbetracht, daß ihr Haus so gut wie dasjenige ihres Herrn Bruders fast einsam liegt, ist dies doch eine große Unvorsichtigkeit!«

»Ich erlaubte mir auch öfters, gelinde Vorwürfe meiner Herrin zu machen,« versetzte der Diener, »aber Frau Fallner meinte: sie brauche niemanden zu fürchten, da sie keinen Feind besitze, weder unter Reich, noch Arm. Kein Notleidender, und war es der größte Strolch, ging unbeschenkt von ihrer Schwelle. Frau Fallner erwiderte oft, sie dürfe es wagen, überall, und sei es im tiefsten Wald, allein zu ruhen.«

»Der schreckliche Vorfall hat das Gegenteil bewiesen! Doch erzählen Sie weiter. Was bemerkten Sie zunächst vom Fenstersims aus?«

»Ich mußte meine Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen, dann aber bemerkte ich, daß Frau Fallner in ihrem, von Vorhängen umgebenen Bett lag.

Der eine Vorhang war zurückgeschlagen, der andere jedoch bedeckte Gesicht und Brust. Ich sah jedoch eine Hand herabhängen.

›Was sehen Sie, Balthasar!‹ rief mir Ulrike zu.

›Frau Fallner liegt zu Bett,‹ gab ich zur Antwort und rief meine Herrin gleichzeitig laut beim Namen.

Aber ich bekam keine Antwort. ›Sie regt sich gar nicht!‹ antwortete ich Ulrike.

›Am Ende ist sie tot?!‹ schrie diese angstvoll. ›Springen Sie hinein! Ich vergehe vor Angst!‹

Das tat ich denn; ich sprang in das Zimmer und eilte an das Bett.

Als ich den einen Vorhang, welcher Kopf und Brust verhüllte, beiseite zog, taumelte ich fast zugleich mit einem lauten Schrei zurück.

›Allmächtiger Gott!‹ schrie ich. ›Da ist ein Mord geschehen, Ulrike!‹

Auch diese schrie auf. Ich täuschte mich aber nicht, denn als ich den Vorhang zurückzog, sah ich das starre Antlitz der Frau Fallner vor mir, die Augen weit geöffnet, ebenso den Mund, als hätte sie im letzten Augenblick noch den Namen ihres Mörders hinausrufen mögen.

Das Kopfkissen war, wie auch Frau Fallners Gesicht, stark mit Blut bedeckt und auf der Stirn befand sich eine große, schreckliche Wunde. Frau Fallner muß erschlagen worden sein.

Ich konnte mich leicht überzeugen, daß sie tot war, dann aber floh ich, von Entsetzen geschüttelt, aus dem Zimmer in den Garten, vorbei an Ulrike, die auf einer Gartenbank ganz verwirrt saß, und eilte hierher. Sie wissen nun alles, Herr Kommissar.«

Der Beamte nickte.

»Leider scheinen Sie recht zu haben. Frau Fallner wurde ermordet. Von wem und unter welchen Umständen, dies wird ja hoffentlich die Untersuchung zutage fördern.«

Er machte sich einige Notizen und dann erschienen die beiden Herren, nach denen er geschickt hatte, der Oberamtsrichter und Doktor Thoma, der Kreisphysikus.

Mit einigen wenigen Worten waren sie verständigt und der Oberamtsrichter ordnete an, daß man sich sofort an den Ort der Bluttat begeben solle.

Dies geschah auch in einem geschlossenen Wagen.

Balthasar fuhr mit; seine Füße trugen ihn sowieso kaum mehr.

In kurzer Zeit erreichte das Gefährt den Garten der Frau Fallner, den ein nicht besonders hoher Heckenzaun umgab.

Das Besitztum lag tatsächlich stark isoliert.

Am offenen Gittertor stand die alte Ulrike, mit der Schürze die Augen sich trocknend.

Sie hatte die ganze Zeit über hier gestanden, nachdem sie Balthasar nachlief.

Nicht um alles in der Welt wäre sie allein mit der Toten im Haus geblieben.

»Gott sei Dank, daß Sie kommen, Balthasar!« rief sie nun.

»Hat sich während Balthasars Abwesenheit etwas ereignet?« fragte der Oberamtsrichter.

»Nein, Herr Oberamtsrichter,« schluchzte die Alte, »nichts, gar nichts!«

Die Männer schritten dem Haus zu.

»Wir werden die Tür des Schlafzimmers aufbrechen müssen,« sagte der Oberamtsrichter. »Haben Sie etwas dazu bei der Hand, Balthasar?«

»Das schon, Herr Oberamtsrichter –«

»Dann holen Sie es!«

Die Herren standen nun vor der Tür. Sie war fest verschlossen von innen und da sich Balthasar unter keinen Umständen mehr dazu herbeiließ, durch das Fenster zu steigen, um die Tür von innen zu öffnen, so mußte dies eben von hier aus geschehen.

Man trat ein.

»Haben Sie irgend etwas in dem Zimmer geändert?« fragte der Richter Balthasar.

»Nein, nicht das geringste!« gab dieser zur Antwort.

Die Untersuchung begann nun.

Doktor Thoma fand Frau Fallner so, wie Balthasar geschildert hatte.

Sie war tot, seit Stunden schon.

Mehr nach der einen Schläfe zu, nicht direkt über der Stirn, befand sich die Wunde, die von einem oder mehreren Streichen, vermittels eines stumpfen, aber schweren Instrumentes ausgeführt, herrührte.

Und bald fand man auch die tödliche Waffe.

Es war dies ein sehr schwerer, roher Hammer, wie ihn die Arbeiter in den Steinbrüchen benutzen.

Er hatte einen kurzen, stark abgenutzten Stiel, in den zwei Buchstaben mit dem Messer geschnitzt waren. J. V. stand darauf.

Der Hammer war mit Blut befleckt und lag am Boden, dicht vor dem Bett.

Es schien, als ob er, zu schwer, der Hand des Mörders entfallen und so liegen geblieben war. Daß mit ihm die Tat ausgeführt wurde, darüber herrschte kein Zweifel.

»Haben Sie während der Nacht keinen Hilferuf vernommen oder sonstwie ein verdächtiges Geräusch?« fragte der Richter Balthasar.

»Nein, nicht das mindeste,« gab dieser zur Antwort.

»Hm – das ist aber sonderbar!«

»Allem Anschein nach wurde die Dame im Schlaf überfallen,« bemerkte Doktor Thoma, »und durch einen heftigen Streich sogleich betäubt. Im weiteren dürfte der Tod schon nach wenigen Minuten eingetreten sein.«

Weitere Untersuchung ergab, daß Frau Fallner bei einem Nachtlicht schlief, das jedoch ausgebrannt war.

Der Richter nahm den Hammer in die Hand.

»Kennen Sie diesen Hammer, Balthasar?« fragte er.

»Nein,« lautete die Antwort, »ich habe ihn nie gesehen.«

»J. V.,« murmelte der Oberamtsrichter. »Was bedeutet dies? Doch jedenfalls den Namen des Mörders?«

Er wandte sich wieder Balthasar zu.

»Mit wem verkehrte Frau Fallner in den letzten Tagen?« fragte der Oberamtsrichter.

»Frau Fallner ging nur einigemal in das Städtchen, besuchte dann ihren Bruder, Herrn Brak, und empfing ihren Neffen, Herrn Gollwitz.«

»Sonst kam niemand hierher?«

»Nein.«

»Haben Sie auch gar keine Ahnung über die Person des Mörders?«

»Nicht die geringste, Herr Oberamtsrichter. Frau Fallner hatte ja keinen Feind.«

»Es kann Raubmord sein. Man weiß, daß Frau Fallner vermögend ist, daß sie bedeutende Summen im Haus hatte!«

Das Geld lag stets hier in diesem Schrank,« sagte Balthasar, »und sehen Sie nur, Herr Richter – der Schrank steht offen!«

Dies war wirklich der Fall.

Der Richter trat an den Schrank heran, dessen Klappe, als Schreibtisch zu benützen, herabgelassen war.

Man bemerkte nicht die geringste Unordnung in den offen daliegenden Briefschaften.

Der Untersuchende zog die nächsten Schubfächer heraus. Dieselben waren durchweg offen.

»Das ist kein Raubmord,« rief der Richter überrascht, »hier liegen ja ganz bedeutende Summen offen da!«

Balthasar schüttelte ganz verwirrt den Kopf.

»Dann bleibt mir völlig unklar, weshalb dann unsere liebe Frau ermordet wurde!« sagte er.

Der Richter schwieg eine Weile, um dann zu fragen:

»Sagen Sie doch, Balthasar, Sie, als langjähriger Diener der Ermordeten, müssen uns doch angeben können, wer von den Verwandten der Frau Fallner eigentlich einen Nutzen aus diesem Todesfall ziehen könnte?«

»Einen Nutzen?« machte Balthasar verblüfft.

»Nun ja; wer sollte denn erben? Vielleicht dauerte es dem Betreffenden zu lange!«

»Als ihre Erben hatte Frau Fallner ihre beiden Lieblingspersonen, Luise Brak und Herrn Gollwitz bestimmt. Der letztere trug sich auch, wie ich einmal von meiner Herrin hörte, mit dem Gedanken, um Fräulein Luise zu werben. Solange er aber arm wie eine Kirchenmaus war, mußte er diesen Gedanken schon aufgeben.«

»Ei, was Sie sagen!« fuhr der Richter rasch auf.

Jetzt erst begriff Balthasar, daß er den jungen Gollwitz in eine schlimme Lage gebracht hatte, und versuchte sich rasch zu verbessern.

»Sie denken doch nicht etwa, Herr Oberamtsrichter,« rief er, »daß Herr Gollwitz –? O nein, das ist unmöglich! Der junge Herr könnte so etwas ja gar nicht ausführen. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer!«

»Na, nicht so hitzig, Alterchen,« bekam er zur Antwort, »der Polizei sind schon ganz andere Fälle vorgekommen.«

»Um Gottes willen!« rief der geängstigte Diener. »Sie werden doch nicht etwa auf mein unbedachtes Reden hin Herrn Gollwitz beschuldigen, den Mord –«

»Wir beschuldigen gar niemand vorderhand,« unterbrach ihn der Richter, »aber da Frau Fallner keinen Feind besaß und ein Raubmord ausgeschlossen ist, so ist es unsere Pflicht, derartige Persönlichkeiten zu suchen, die einen Nutzen aus diesem Todesfall ziehen werden. Das ist nur logisch. Seien Sie aber ganz ruhig; kann sich Herr Gollwitz über die heutige Nacht ausweisen, so belästigt ihn kein Mensch weiter mehr.«

Der Richter ging nun daran, die schwachen Fußspuren, welche sich vom Teppich bis zum Fenster hinzogen, zu untersuchen.

Währenddem sprach Doktor Thoma mit dem Polizeikommissar.

»Ich kenne den jungen Herrn Gollwitz persönlich,« sagte er, »und glaube niemals, daß er imstande wäre, eine solche Tat auszuführen, selbst wenn er den größten Nutzen davon hätte. Hier muß etwas anderes vorliegen, das sich bis jetzt zwar noch ängstlich verhüllt, eines Tages aber doch zum Vorschein kommen wird.«

»Gollwitz soll aber doch sehr arm sein, und da er Luise Brak, seine Cousine, heiraten möchte, so wäre dies doch ein Zusammenhang!« versetzte der Kommissar.

Doktor Thoma lächelte.

»Es ist Ihnen natürlich darum zu tun, so rasch als möglich einen Täter zu erhaschen. Gollwitz ist es aber ganz gewiß nicht. Sie werden es sehen, er kann sich leicht ausweisen. Er ist Referendar hier und arm, das ist wahr, aber er liebte Frau Fallner wie eine zweite Mutter und sie sorgte auch so für ihn. Unmöglich, daß er seine Wohltäterin ermordet haben könnte. Meine Meinung ist, daß Sie eher den Besitzer dieses Hammers, diesen J. V., suchen sollten. Ein Raubmord ist es nicht; hat man jedoch erst diese Person, so könnte man auch erfahren, welche Gründe hier vorlagen.«

Das Gespräch stockte hier, denn der Oberamtsrichter kehrte vom Fenster zurück.

»Aus diesen Spuren ist nichts weiter zu ersehen, als daß jemand vom Garten aus durch das Fenster stieg. Einen Abdruck des Stiefels findet man jedoch nicht; zudem machte ja Balthasar denselben Weg. Wir wollen in den Garten gehen, vielleicht findet sich dort etwas,« sagte er.

Die Herren verließen das Haus und besichtigten auf das eingehendste den Garten.

Unter dem offenen Fenster waren wohl Fußspuren zu entdecken, auch an der Wand, doch konnten diese ebensogut von Balthasar herrühren.

Dagegen wurde eine zwar schwache, aber deutlich erkennbare Spur gefunden, die durch niederes Gras nach dem Heckenzaun lief.

Diese konnte nicht von Balthasar herrühren.

Näher tretend, bemerkte der Oberamtsrichter auch, daß der Heckenzaun an einer niederen Stelle übersprungen wurde.

Dabei mußte die betreffende Person hängen geblieben sein, denn die oberen Zweige waren niedergedrückt und geknickt.

»An dieser Stelle ist der Mörder eingedrungen,« sagte der Richter.

Weiter ließ sich nichts feststellen.

Im Begriff, sich in das Haus zurückzubegeben, kam ihnen der vorhin zurückgebliebene Balthasar entgegengeeilt.

Daß er durch sein Reden den jungen Gollwitz in solch schrecklichen Verdacht gebracht hatte, ließ ihm keine Ruhe.

Er grübelte beständig darüber nach, wie er den Richter auf andere Gedanken bringen konnte.

Und plötzlich schoß ihm ein Lichtstrahl durch den Kopf. Er eilte sofort in den Garten.

»Herr Oberamtsrichter!« rief er hastig. »Jetzt weiß ich, wer der Mörder ist!«

Die Herren schauten ihn betroffen an.

»Nun!« fragte der Richter gespannt.

»Ich wußte gleich, daß es der junge Gollwitz nicht sein kann. Der Wald-Sepp hat die Tat vollbracht!«

»Wie kommen Sie denn auf den Gedanken?«

»Es ließ mir keine Ruhe. Ich dachte immer an den Steinhammer. Wie käme denn Gollwitz zu solch schwerem Ding, abgesehen von allem. Dazu sind seine Hände ja viel zu weich. Und dann hatte ich's plötzlich; ich brachte die beiden Buchstaben heraus! J. V« Joseph Vroninger, in der Gegend bekannt als der Wald-Sepp!«

»Bei Gott!« fuhr der Richter auf. »Das stimmt auffallend!«

»Der Sepp ist ein total verkommener Mensch, der mit seiner sogenannten Braut draußen in der Nähe des gelben Steinbruchs im Wald wohnt,« fuhr Balthasar eifrig fort. »Der Hammer ist sein Eigentum. Sie werden es sehen!«

»Ich glaube selbst, daß wir da den rechten gefunden haben,« nickte der Oberamtsrichter. »Aus welchem Grund aber hätte er die Tat vollbracht?«

»Das weiß ich freilich nicht,« mußte Balthasar gestehen. »Aber getan hat er's sicher!«

»Nun, wir werden ja sehen. Der Bursche wird noch diesen Vormittag verhaftet, und das weitere wird sich dann finden.«

Nachdem der Richter das Fenster verschlossen, legte er auch an die Tür des Schlafzimmers das gerichtliche Siegel an.

Schon am Nachmittag konnte der Staatsanwalt aus der Residenz eintreffen.

Die Herren schritten nach dem Wagen zurück.


II.

Ehe die Gerichtspersonen den Wagen jedoch besteigen konnten, nahm eine in hastigem Lauf näherkommende Person ihre Aufmerksamkeit in Anspruch.

»Es ist der junge Herr Gollwitz!« sagte Doktor Thoma.

Man wartete unwillkürlich, bis der schon von weitem mit den Armen winkende junge Mann näher kam.

»Um Vergebung, meine Herren!« rief nun Gollwitz, ein junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren und von sehr sympathischem Äußern, atemlos. »Soeben verbreitet sich in der Stadt das Gerücht, Frau Fallner, meine teure Tante, wäre tot, ermordet aufgefunden worden. Ich vermag es nicht zu glauben, es ist ja rein unmöglich! Geben Sie mir Auskunft, meine Herren, diese Ungewißheit ist ja entsetzlich! Sie kommen aus dem Haus dort? So ist vielleicht ein Unglück geschehen, aber doch kein Mord?!«

Der Oberamtsrichter sagte halblaut zu dem Kommissar: »Da scheint meine alte Köchin wieder geplaudert zu haben! Ich sage es ja, diese Weiber! Schade, ich hätte Gollwitz gern selbst mit der Nachricht überrascht, um zu sehen, wie er sich dabei benimmt!«

Während dieser geflüsterten Zwischenrede wendete der Referendar seinen Blick wortlos von einem zum anderen.

Sein vorhin von atemlosem Lauf gerötetes Gesicht wurde plötzlich bleich.

»Sie zögern, Herr Oberamtsrichter, mir zu antworten!« stieß er hervor. »Vergeben Sie mein ungestümes Fragen! Aber meine Angst und Sorge werden erklärlich, wenn ich Ihnen sage, daß Frau Fallner mir eine zweite Mutter war, daß ich sie hoch verehre, ja, mein ganzes Lebensglück hängt von ihr ab!«

»Frau Fallner hatte Sie ja wohl zum Erben eingesetzt, Herr Gollwitz?« sagte der Richter wenig rücksichtsvoll.

Betroffen, befremdet ob dem Ton dieser Worte, antwortete der Referendar:

»Ich verstehe diese Frage nicht, Herr Oberamtsrichter. Vielleicht hegte Frau Fallner diesen Wunsch – aber es handelt sich jetzt, in diesem Augenblick doch nicht um Geld, und ich flehe Sie noch einmal an, mir zu sagen, was in dem Haus meiner Tante geschah!«

Der Oberamtsrichter sah Gollwitz scharf an.

»Frau Fallner ist tatsächlich tot!« sagte er.

»Also – doch!« stammelte der Referendar. »Aber wie kam es denn?«

»Die Dame ist heute nacht ermordet worden!« sprach der Oberamtsrichter kalt.

Gollwitz starrte ihn voller Entsetzen an.

»Ermordet? Ja, träume ich denn? Wer, in aller Welt, konnte denn solch eine Tat ausführen?« stammelte er.

»Frau Fallner ist durch einen wuchtigen Hammerschlag getötet worden; wer der Mörder ist, darüber herrscht zur Zeit noch Dunkel,« erwiderte der Richter. »Hoffentlich gelingt es aber unseren Bemühungen, bald Licht in die Sache zu bringen. Sie, Herr Gollwitz, ersuche ich, diesen Nachmittag in meiner Amtsstube vorzusprechen. Ich habe einige wichtige Fragen an Sie zu stellen.«

Der junge Mann fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Er schien ganz betäubt zu sein von dem Vorgefallenen, so daß er sich gegen das Torgitter stützen mußte.

»Ermordet – ermordet!« stöhnte er. »Mein Gott, das ist ja gar nicht faßbar! Wer könnte denn das Furchtbare, Unbegreifliche ausgeführt haben? O, Fluch dem elenden Mörder! Möge er niemals Ruhe mehr finden, solange er lebt!«

Es sprachen so unendlich viel Schmerz und Verzweiflung aus diesen Worten des jungen Mannes, daß sich Doktor Thoma erschüttert abwandte.

Dabei sah er den Oberamtsrichter mit einem Blick an, der etwa sagen wollte:

»Daß Gollwitz an dem Mord beteiligt ist, kann gar nicht sein!«

Aber der Richter, der diesen Blick wohl verstand, zuckte nur die Schultern und sagte:

»Lassen Sie uns zurückfahren, meine Herren!«

Die drei Personen wollten einsteigen. Gollwitz raffte sich gewaltsam auf.

»Ich bitte,« sagte er, »kann ich wenigstens meine unglückliche Tante noch einmal sehen?«

»Bedaure, Herr Gollwitz,« entgegnete der Oberamtsrichter, »nachdem Herr Doktor Thoma den längst eingetretenen Tod der Dame feststellte, sind die Fenster verschlossen, die Tür versiegelt worden bis zum Eintreffen des Staatsanwaltes. Dieser kann schon nachmittags hier sein. Finden Sie sich etwa um vier Uhr in meiner Amtsstube ein. Sie können sodann mit dem Herrn Staatsanwalt hierher kommen.«

Der Richter hatte dabei seine eigenen Gedanken.

Der Referendar nickte mechanisch, worauf die erschienene Gerichtskommission den Wagen bestieg und nach der Stadt zurückfuhr.

Gollwitz aber taumelte durch den Garten, dem Haus der Ermordeten zu.

Er traf dort den alten Diener Balthasar, der ihm in verwirrten Worten berichtete, was die Gerichtskommission feststellte, ohne jedoch eine Silbe davon verlauten zu lassen, daß er durch seine unbedachten Worte Gollwitz in Verdacht brachte.

»Der Wald-Sepp hat es getan!« sagte er zum Schluß. »Es ist gewiß sein Hammer, der im Zimmer meiner armen, unglücklichen Herrin gefunden wurde.«

»Der Wald-Sepp?« fragte Gollwitz. »Ja, was soll denn diesen Menschen dazu getrieben haben, die gute Tante zu ermorden?«

Darauf hatte Balthasar freilich keine Antwort.

»Nachmittags werde ich ihre Leiche ja sehen,« murmelte Gollwitz. »Jetzt will ich hinüber zu Brak und zu Luise. Sie ahnen gewiß das Schreckliche noch gar nicht.«

»Freilich nicht,« versetzte Balthasar, »ich dachte auch schon daran, hinüberzueilen. Herr Brak geht ja fast niemals aus, und auch Fräulein Luise verläßt selten das alleinstehende Haus.«

»Luise!« sprach Gollwitz schmerzlich. »Wie wird sie die entsetzliche Nachricht aufnehmen?«

Er schlug gleich darauf den Weg nach dem etwa zehn Minuten von hier entfernten Haus Braks ein.

Dieses lag ebenfalls in einem Garten, wie die meisten alleinstehenden Gebäude außerhalb der Stadt.

Das ziemlich üppige, starke Buschwerk verdeckte die unteren Fenster fast völlig.

Brak bewohnte den oberen Stock allein mit seiner Tochter Luise und einer alten, halb tauben Magd.

Das Parterre stand völlig leer.

Es war etwa eine halbe Stunde nach Entdeckung des Mordes durch Balthasar, als sich Brak erst vom Lager erhob.

Luise wirtschaftete schon längst in der Küche mit der alten Magd.

Brak empfand im Kopf eine bleierne Schwere, die er sich nicht zu erklären wußte.

Dabei zuckten seine Hände nervös.

»Es liegt etwas in der Luft,« murmelte der alte Mann, mit scheuem Blick sich umsehend. »Ich fühle es, man möchte es greifen, denn es ist vorhanden, das lasse ich mir nicht nehmen. Aber wie es erfassen?«

Brak hüllte sich in einen leichten Schlafrock und ging in seine, direkt an das Schlafzimmer grenzende, sogenannte Arbeitsstube.

Dort sah es wunderlich genug aus.

Überall standen oder lagen Bücher umher, vom großen, in Schweinsleder gebundenen Folianten bis herab zu der modernen Broschüre.

Alle aber hatten so ziemlich denselben verwandten Inhalt, die versuchte Lösung übersinnlicher Probleme und Ereignisse.

Das ganze Geistesleben Braks bestand in den letzten Jahren ausschließlich in der Beschäftigung mit diesen brennenden Fragen. Hypnotismus, Somnambulismus, Seelenwanderung, Magnetismus und wie all die verwandten Wissenschaften und Thesen heißen mögen.

Wer darüber zu reden verstanden hätte, wäre der intimste Freund Braks geworden.

Leider fand sich dazu niemand in dem Städtchen.

Man hieß es verrücktes Zeug, und selbst Luise wollte durchaus nichts davon wissen.

Ebenso verständnislos zeigte sich Heinrich Gollwitz, wenn er hin und wieder von dem »Onkel« rein aus Mitleid zu Tisch geladen wurde und nachdem seine Meinung über ein neues übersinnliches Problem abgeben sollte.

Brak fand es bald gar nicht mehr der Mühe wert, mit Leuten, die ihm nicht das geringste Verständnis entgegenbrachten, über seine Wissenschaft zu sprechen.

Ging es ihm doch bei Frau Fallner und seinem in der Residenz als Polizeiinspektor angestellten Bruder ebenso.

In der Folge grübelte er allein weiter.

Brak ließ sich an dem großen Tisch nieder und brütete eine Weile über einem Buch.

Dann aber sprang er wieder nervös auf und fuhr mit den gespreizten Fingern durch die kurzen, grauen Haare.

»Lauter Ameisen – Lauter Ameisen –!« murmelte er. »Es ist zu dumm!«

Er trat an das große Fenster, das in den Garten hinausging.

Draußen lag ein heller, sonniger Frühlingsmorgen.

Brak wollte seinen Kopf in der frischen Luft baden und zog den Fensterflügel auf.

Dieser war gar nicht fest verschlossen, was ihm jedoch nicht weiter auffiel.

Einige Minuten stand Brak an der Fensterbrüstung und schaute unverwandt in die Strahlen der aufgehenden Sonne.

Jedem anderen wäre dies unangenehm gewesen, Brak wandte jedoch lange den Blick nicht ab von dem funkelnden, glitzernden Feuerball.

Erst als der kühle Wind ihm über das Gesicht fuhr, regte er sich, tat einen tiefen Atemzug und wandte das Auge ab.

Er betrachtete nun aufmerksam die Fensterbrüstung und das außerhalb des Hauses herauflaufende Rebgeländer.

»Hm!« sagte er nach einer Pause halblaut. »Das sieht ja beinahe so aus, als wäre hier jemand aus- und eingestiegen! Das ist höchst sonderbar!«

Er schüttelte den Kopf, sah genauer hin, und wirklich zeigte sich die Mauer etwas abgeschürft, wie auch einige Zweige der jungen Reben zerdrückt waren.

Unter Umständen konnte dies wirklich von einem menschlichen Fuß herrühren, der hier auf- und abstieg.

Unmöglich war die Sache nicht.

Brak wandte sich unruhig um und durchforschte sein Zimmer.

»War es ein Dieb?« stieß er kurz über die Lippen und ein Zug der Habsucht trat für Augenblicke in sein Gesicht. Aber es war in der ganzen Stube nichts zu entdecken, was auf eine fremde Hand schließen ließ.

»Alles ist an dem gewohnten Platz – der Geldschrank verschlossen! Ha! Ich möchte auch den sehen, der diesen Schrank öffnen wollte! Trage ich doch selbst die Schlüssel am Leibe und nur ich und Luise wissen das bestimmte Wort, das zusammengestellt werden muß, um das Schloß zu öffnen.«

Es ließ ihn aber doch nicht in Ruhe, bis er sich überzeugt hatte, daß tatsächlich der Inhalt des Kassenschrankes unberührt blieb.

Während er abschloß, sagte er leise, nachdenklich:

»Wenn ich wüßte, daß mein Geld hier nicht mehr sicher liegen würde, ich möchte es lieber vergraben, als der Bank anvertrauen, die mich um alles brächte.«

Vorläufig beschloß er, seiner Tochter nichts von der gemachten, sonderbaren Entdeckung zu sagen, sondern in den nächsten Nächten ein wachsames Auge zu haben. Luise brauchte nicht geängstigt zu werden.

In diesem Augenblick trat die Genannte ein.

Es war ein sehr hübsches Mädchen von etwa achtzehn Jahren.

Seit die Mutter tot war, lebte Luise mit dem Vater in dem einsamen Hause.

Trotz seiner Schrullen wurde Brak von seinem Kind sehr geliebt und Luise hätte nie etwas Ernstliches gegen den Willen des Vaters unternommen, da ihr die väterliche Autorität beinahe über alles ging.

Sie machte sich deshalb auch großen Kummer, weil sie ihren Vetter Gollwitz, seines treuen, freundlichen Wesens wegen, lieben lernte, diese Liebe aber ängstlich vor dem Vater verbarg.

Da Heinrich arm war, durften die beiden nicht daran denken, Braks Einwilligung zu ihrer Verbindung zu erhalten. Dazu kannte Luise ihren Vater zu gut.

Es blieb den beiden nur die Hoffnung, daß ihnen Tante Fallner helfen würde, was diese auch versprochen hatte.

Brak erfuhr aber keine Silbe von all dem.

An ein Liebesverhältnis seiner Tochter mit dem von ihm nur aus Mitleid manchmal zu Tisch gezogenen Vetter dachte er schon gar nicht.

Luise sah diesen Morgen etwas bleich aus, und ihre Augenränder waren leicht gerötet.

»Willst du nicht zum Frühstück kommen, Vater?« fragte sie, nachdem sie Brak einen guten Morgen gewünscht.

»Ich komme gleich, Kind,« erwiderte Brak und folgte Luise in das große Wohnzimmer, wo der Frühstückstisch bereits gedeckt stand.

Als die beiden einander gegenübersaßen, fragte Brak plötzlich: »Was ist dir, Luise? Du siehst nicht gut aus! Hast du schlecht geschlafen?«

Das Mädchen erschrak sichtlich, antwortete dann aber gefaßt:

»Du hast es schon erraten, Vater, ich schlief nicht gut. Ich weiß selbst nicht, woran dies lag.«

»Hm! – Du bist auch jetzt noch unruhig, nervös?«

»Das leugne ich nicht,« stammelte, mehr und mehr verwirrt, Luise. »Aber sorge dich deshalb nicht, es wird ja vorübergehen und hat auch nichts zu bedeuten.«

»Doch! Es hat etwas zu bedeuten!« versetzte Brak erregt und legte seine Hand auf den Arm des erschrockenen Mädchens. Dabei sah er sich wieder geradezu scheu im Zimmer um.

»Ich verstehe dich nicht, Vater,« sprach Luise. »Oder willst du sagen, daß auch du schlecht geschlafen hast und den Grund weißt?«

»Ja – ja; das ist es!« rief Brak hastig. »Es liegt etwas in der Luft, etwas wie Unglück oder Schrecken. Ich möchte darauf wetten, nein, nicht wetten, ich weiß es gewiß. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß etwas geschehen ist, das uns sehr nahe angeht. Vielleicht erfahren wir es bald.«

Luise schüttelte den Kopf.

»Woraus schließest du das denn, Vater?« fragte sie.

»Das kann ich dir gar nicht so recht beschreiben, das liegt einzig im Empfinden, im Gefühl. Aber auf meinem Kopf lastet ein dumpfer, unheimlicher Druck. Ich weiß, daß diese Nacht etwas geschehen ist, aber ich weiß nicht was!«

»Du solltest einen Arzt zu Rate ziehen; dein Kopfleiden –«

Aber Brak fuhr heftig auf.

»Schweige damit, Luise! Ich bin ja nicht krank; wie oft noch soll ich es dir denn sagen? Ich bin vollkommen gesund, nur etwas nervös. Wer ist das nicht heutzutage? Aber gerade der nervöse Mensch hat Empfindungen, Gefühle, die einem anderen völlig fremd sind. Schon Nostradamus, Paracelsus sagen, daß es Geister gibt, die unsichtbar in der Luft ihr Wesen treiben und die Menschen ängstigen.«

Luise wollte eben etwas entgegnen, als die Glocke stark gezogen wurde.

Es war immerhin sonderbar, daß beide zusammenfuhren. Dann sagte Brak:

»Sieh einmal nach, wer kommt, Luise! Vielleicht erfahren wir schon jetzt, daß etwas geschehen ist.«

Luise erhob sich und ging hinaus.

Sie war etwas bleicher geworden. Hatte sie das sonderliche Wesen ihres Vaters angesteckt?

Oder hatte sie irgendeinen Grund, erschrocken zu sein?

Etwas wie eine bange Sorge beschlich sie, daß dieser Tag den Anfang einer Leidenskette bildete.

Sie stieg die Treppe hinab und öffnete die Tür.

»Heinrich!« entfuhr es ihr unwillkürlich, und sie wich in den Flur zurück.

Gollwitz trat rasch ein und zog die Tür hinter sich zu.

»Ich bringe eine erschütternde Nachricht, Luise!« stieß er, atemlos vom raschen Gehen, über die Lippen.

»Das sieht man dir an!« entgegnete Luise bebend. »Was ist denn geschehen?«

»Tante Fallner, unsere gute Tante ist tot!«

»Ach –!«

Luise fuhr mit beiden Händen über ihr bleiches Gesicht.

»Tot? Wie ist das möglich?« stammelte sie.

Noch immer heftig atmend, fuhr Gollwitz fort:

»Aber du weißt noch nicht alles, nicht das Entsetzliche, Grauenvolle. Die arme Tante ist ermordet worden!«

Diesmal schrie Luise nicht auf. Sie blickte starr den jungen Mann an.

»Er–mordet?« hauchte sie nur, als vermöge sie das Schreckliche noch nicht recht zu fassen.

Heinrich Gollwitz sah sich beinahe scheu um. Er fürchtete offenbar einen Lauscher.

»Ja – ermordet,« sagte er darauf hastig. »Was hilft es? Du mußt es ja doch erfahren, das Grauenvolle. Ermordet, erschlagen in dieser Nacht –«

Sie verstand ihn nun ganz.

Ein Schauer ging über ihren Körper.

Sie mußte sich mit der Hand an der Wand stützen, um nicht umzusinken.

»In – dieser Nacht?« kam es voller Entsetzen über ihre Lippen, und es mußte für Gollwitz etwas in dem Ton ihrer Worte liegen, das ihm plötzlich auffiel.

Von einem jähen Schrecken durchzuckt, faßte er Luise bei der Hand und fragte mit gedämpfter Stimme:

»Woran denkst du, Luise? Sage mir um Gottes willen –«

»Ich muß an die Nacht denken,« keuchte zitternd das Mädchen.

In demselben Augenblick fuhr sie dann auch heftig zusammen. Oben war eine Tür gegangen.

»Der Vater!« rief Luise.

Gollwitz preßte ihre Hand.

»Weiß jemand, daß –«

»Nein, nein!« schüttelte sie heftig den Kopf.

»Und niemand darf es erfahren, Luise!« fuhr er beinahe keuchend fort. »Ein entsetzlicher Gedanke ist mir eben gekommen!«

»Ich – schweige!« stammelte Luise. Aber dabei fröstelte sie.

»Was gibt es denn, Luise?« rief ihr Vater von oben herab. »Wer ist da?«

Die beiden jungen Leute mußten sich der Treppe zuwenden. Auf deren oberster Stufe stand Brak in seinem Schlafrock und sah herab.

»Ah – Sie sind es, Gollwitz?« rief er einigermaßen verwundert. »Kommen Sie herauf. Was führt Sie denn zu so früher Stunde hierher?«

Er bekam nicht sogleich eine Antwort.

Langsam kamen die beiden jungen Leute nach oben.

Brak bemerkte nun auch deren verstörte Mienen.

»Holla!« fuhr er auf, und es flackerte beinahe triumphierend in seinen tiefliegenden Augen auf, triumphierend, weil er mit seiner Weissagung allem Anschein nach recht hatte.

»Da hat es etwas gegeben! In der Stadt – oder wo sonst? Sagte ich es nicht, daß etwas in der Luft liegt? Ich konnte es nur nicht recht greifen, aber es ist da, es ist da! Ich kann mich ganz bestimmt auf mein Gefühl verlassen!«

Wie eine Art wilde Freude klang es aus den Worten des sonderbaren Mannes.

Händereibend trat er in das Wohnzimmer, gefolgt von Luise und Gollwitz.

»Nehmen Sie Platz. Gollwitz,« rief er, »und dann schießen Sie los. Was hat sich ereignet? Sie sehen ja aus wie eine Leiche! Und du, Luise, liegst wie gebrochen im Stuhl!«

»O, es ist entsetzlich!« stöhnte das Mädchen.

»Entsetzlich? So! Was ist entsetzlich? Spannt mich nicht länger auf die Folter!« rief Brak und seine Finger zuckten nervös.

»Lieber Onkel,« antwortete Gollwitz mühsam; »nehmen Sie all Ihren Mut zusammen. Ein Mord ist geschehen!«

»Ein Mord?« fragte Brak kalt. Man sah ihm jedoch das Gezwungene an. »In dieser Nacht? Wann war es?«

»Die Zeit, wo das Gräßliche geschah, weiß ich nicht!«

»So! Es wäre mir aber interessant gewesen. Mir träumte in dieser Nacht von Blut – und Totschlag – aber alles wirr, undeutlich; ich weiß gar nichts mehr!«

Gollwitz, der in seiner Aufregung diese Worte Braks gar nicht dem Sinn nach beachtete, fuhr hastig fort:

»Was das Entsetzlichste ist, wir alle werden durch die Bluttat eines elenden Mörders auf das Furchtbarste betroffen, denn das Opfer ist –«

Brak war plötzlich aufgefahren.

Es flammte geradezu unheimlich in seinen dunklen Augen auf.

»Meine Schwester!« schrie er in jähem, leidenschaftlichem Ausbruch.

Einen Moment trat Stille ein. Gollwitz und Luise blickten voller Bestürzung den Sonderling an.

Brak hatte erraten, daß Gollwitz eben den Namen seiner Schwester nennen wollte.

Wie war dies möglich?

Unmöglich konnte er das Gespräch vorhin im Flur unten belauscht haben. Er wäre nicht der Mann gewesen, sich daraufhin so zurückzuhalten.

Aber ebensowenig gab es den geringsten Anhalt, woraus Brak von sich selbst hätte schließen können, daß gerade seine Schwester dem Mordanschlag zum Opfer fiel, ja, niemand in der ganzen Gegend hätte dies vermuten können, denn Frau Fallner war allgemein beliebt und besaß, wie erwähnt, keinen Feind weit und breit.

Seinen unheimlichen Blick auf Gollwitz gerichtet, den einen hageren, aber sehnigen Arm starr vor sich haltend, als versuche er, etwas festzuhalten, das doch nicht zu sehen war, erwartete er die Antwort.

»Es ist so,« sprach Gollwitz endlich, nachdem er sich von seiner Bestürzung erholt hatte. »Die arme Tante ist es, die ihren Tod durch die Hand eines verruchten Mörders fand. Aber wie ist es nur möglich, daß Sie von selbst das Schreckliche erraten?«

Brak ließ sich in den Stuhl am Tisch gleiten und streifte sich mit beiden Händen über die Stirn, auf der ein leichter Schweiß stand.

Dabei zitterte er.

»Ich kann das nicht so erklären,« antwortete er halblaut, sichtlich erschüttert. »Es ist eben etwas in mir, das mich aufregte, ängstigte, das in der Luft schwebte und nicht gefaßt werden konnte. Und jetzt gerade, in diesem Augenblick, hatte ich es vor mir – Mord – und meine Schwester ist das Opfer! Ich sehe sie wie durch einen Schleier vor mir in den Kissen liegend. Die Nachtlampe brennt und ein Mann hebt die Hand zum Schlag –«

Er brach plötzlich ab, ein Ächzen drang aus seiner Kehle. Der Frost schüttelte ihn.

»Es war ein Traum; ich weiß es jetzt, ein wilder Traum, der mich derart ängstigte, daß meine Nerven diesen Morgen sich in höchster Erregung befanden und auf meinem Kopf eine Last wie von tausend Zentnern lag. Auf Genaues kann ich mich aber nicht besinnen; es ist wie ein wirrer Knäuel roter Fäden.«

»Seltsam!« sagte mit angehaltenem Atem Gollwitz. »Ich habe in meinem Leben nie etwas auf Träume oder Vorahnungen gegeben, ich gestehe es nun offen ein, jetzt aber bin ich bekehrt. Alles stimmt ja in schrecklich überraschender Weise. Frau Fallner wurde tatsächlich im Bett ermordet, und zwar erschlagen mit einem Hammer.«

Brak hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt. Nun war er kaum merklich zusammengezuckt.

»Mit einem – Hammer?« murmelte er.

»Ja, mit einem schweren Steinhammer, wie ihn die Arbeiter in den Steinbrüchen benützen,« sagte Gollwitz. »Der Mörder ist durch das Fenster eingestiegen, so wurde festgestellt.«

Wieder war Brak bei den letzten Worten zusammengezuckt, war es aus Schmerz, Erschütterung oder sonstiger Veranlassung.

»Sie haben gehört, was festgestellt wurde, Gollwitz.« sagte er dann, indem er die Hände von dem krankhaft bleichen Gesicht sinken ließ, »berichten Sie über das, was Sie wissen. Ich muß alles erfahren.«

Er nahm sich augenscheinlich gewaltsam zusammen.

Gollwitz erzählte, was er wußte, in hastigen Worten. Als er zu Ende war, seufzte Brak schwer.

»Arme Schwester!« sagte er.

Sein Blick hatte den starren, sonderbaren Ausdruck verloren und schimmerte feucht.

Darauf wendete er sich rasch dem Referendar zu.

»Sagten Sie nicht, daß der Wald-Sepp der Mörder sei, Gollwitz?« fragte Brak.

»Es wird wenigstens angenommen. Der Mensch besitzt einen schlechten Ruf, arbeitet hin und wieder in einem Steinbruch, und da auf dem Hammerstiel seine Namenszeichen stehen –«

»Er ist es!« fiel Brak ein. »Ich habe den Menschen nur einmal von weitem gesehen, aber er machte auf mich den schlechtesten Eindruck. Natürlich hat er es auf das Geld abgesehen? Er hat meine Schwester beraubt und wahrscheinlich das Geld schon irgendwo vergraben!«

Nun war es wieder die Habsucht, die Angst um das Vermögen der kaum toten Schwester, die aus Braks Worten sprachen.

Frau Fallners Vermögen mußte ja ihm und dem Bruder in der Residenz zufallen, wenn die Ermordete es nicht anders in einem zurückgelassenen Testament bestimmt hatte. Dies war nicht anzunehmen, wenigstens für Brak nicht, da er nicht das geringste von Frau Fallners Plänen in bezug auf Gollwitz und seine Tochter Luise ahnte.

»Sie irren sich, Onkel,« antwortete der Referendar, »obwohl der Schrank offen stand und die Gelder in größeren Beträgen frei dalagen, fehlt doch nicht das geringste davon.«

»Dann begreife ich die Sache nicht,« murmelte Brak. »Die Zimmer sind polizeilich verschlossen, sagen Sie? Da muß ich also warten, bis der Staatsanwalt am Nachmittag eintrifft, um meine arme Schwester sehen zu können. Lassen Sie mich nun allein, Gollwitz; ich brauche Ruhe, um mich bis zum Nachmittag erholen zu können von der furchtbaren Aufregung. Noch eines! Depeschieren Sie doch die schreckliche Mitteilung an meinen Bruder, den Polizeiinspektor. Wenn er nicht bereits vom Gericht aus benachrichtigt ist, wird er sicher diesen Nachmittag mit dem Staatsanwalt hierher fahren.«

Gollwitz hatte sich erhoben, versprach, sofort das Nötige zu veranlassen und verließ mit unsicheren, hastigen Schritten das Haus, nachdem er Luise noch vorher einen flehenden stummen Blick zugeworfen hatte.

Brak kam an dem Stuhl seiner Tochter vorüber.

Er blieb davor stehen und nahm das Mädchen bei beiden Händen.

»Wir haben einen schweren Verlust erlitten, Luise,« sprach er bewegt. »Ich weiß ja, wie sehr du die Tante liebtest, und auch ich hatte niemals einen Zwist mit ihr. Uns bleibt nur die Hoffnung, daß das Gericht recht bald den heimtückischen, verruchten Mörder finde und ihn der auf ihn wartenden Strafe zuführe.«

Und als Luise, aufschluchzend, die Hände vor das Gesicht schlug, streifte der Sonderling wie tröstend über den glänzenden Scheitel des Mädchens.

»Du mußt ruhig werden, Kind; was geschehen ist, das ist ja leider nicht mehr zu ändern. Ich will nun etwas ruhen, ich vermag mich ja kaum mehr auf den Füßen zu halten.«

Damit verließ Brak das Wohnzimmer.

Eine geraume Zeit blieb Luise ohne Bewegung in dem Stuhl liegen.

Der Schrecken und die Angst schüttelten sie.

»Und gerade in dieser Nacht!« stöhnte sie leise, als scheue sie sich, von einem menschlichen Ohr gehört zu werden. »Aber nein, der Gedanke ist ja wahnsinnig. Wie komme ich nur darauf! Aber Heinrichs Worte! Ich bringe sie nicht aus dem Kopf. Es war zwölf Uhr, als er ging. Ich weiß es genau, denn die Glocke vom Martinsturm schlug an – wann ist die arme Tante getötet worden?«

Luise machte plötzlich mit beiden Händen eine heftige Bewegung der Abwehr, als dringe eine giftige Fliege auf sie ein.

Dann erhob sie sich und verließ ebenfalls das Zimmer mit wankenden Knien.

»Ich bin ja toll – toll!« murmelte sie.

Peter Brak mußte, wenn er nach seinem Schlafzimmer ging, durch die sogenannte Arbeitsstube.

Er blieb eine Weile vor dem Tisch stehen. Mit den hageren Fingern rieb er sich die Stirn.

»Sonderbar, höchst sonderbar, daß ich davon träumte,« murmelte er. »Und alles stimmt, wenigstens in der Hauptsache, wenn ich auch keinen rechten Zusammenhang in meine Gedanken bringen kann! Sie springen und schießen alle wirr durcheinander. – Und nun soll mir noch ein Mensch behaupten, daß es nicht Dinge im Geistesleben des Menschen gibt, die unerklärlich, rätselhaft sind.«

Er legte wie liebkosend seine Hand auf die Bücher, die er gerade in letzter Zeit durchgelesen hatte und studierte.

»Ich glaube an euch und die geheimen Satzungen, die ihr aufstellt,« sagte er.

Darauf wandte er sich wieder dem Fenster zu und beugte sich über die Brüstung.

Über das dichte Buschwerk seines Gartens hinweg hatte er eine Fernsicht auf den sich stundenweit hinziehenden Forst.

»Da drüben, kaum eine halbe Stunde von da entfernt, soll der Wald-Sepp mit einem Weib in der Hütte beim gelben Steinbruch hausen. Hat mir nicht vor ein paar Tagen unsere Magd erzählt, daß der Pfarrer von der Kanzel herab gegen den sittenlosen, verwahrlosten Menschen donnerte, der keine Kirche besuche und da draußen im Wald mit dem gleichgesinnten Weibe hause, der Busch-Kathrin, wie sie genannt wird?

Ich hätte die Wirtschaft dieser Auswürflinge gern einmal im Geheimen betrachtet, so etwas interessiert mich immer, das hat seinen eigenen Reiz. Aber daraus kann nichts werden, das Ding ist zu gefährlich, wir haben ja den Beweis. Der Sepp ist zum Mörder geworden, warum, das weiß ich zwar nicht, das wird sich aber ja finden.«

Brak schwieg einen Moment, um alsdann desto eifriger fortzufahren.

»Der Mörder stieg durch das Fenster in die Schlafstube – hm – wenn Sepp auch hier bei mir eingestiegen wäre?«

Brak bückte sich und machte sich an eine Untersuchung des Bodenteppichs.

»Da sind ja schwache Fußspuren – gelber Sand, wie er im Forst und um die Steinbrüche herum zu finden ist. Es ist kein Zweifel mehr, der Mörder war auch bei mir. Er konnte so verhältnismäßig leicht an der Mauer heraufklettern. Aber was wollte er denn hier? Mich etwa auch ermorden, berauben?!

Mein Schlafzimmer liegt hier nebenan, und die Tür ist stets offen. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, mich so gut im Schlaf zu erschlagen, wie er es mit meiner unglücklichen Schwester tat. Aber ich hörte nichts, ich bin gar nicht aufgewacht. Vielleicht ist er wieder fort, nachdem er eingesehen, daß der Schrank hier nicht so ohne weiteres zu öffnen ist, und für die Zukunft will ich vorsichtiger sein, alles verschließen, Tür und Fenster zur Nachtzeit, und die Schrankschlüssel an meinem eigenen Körper aufbewahren. Denn eingestiegen ist ein Mensch – durchs Fenster – mit dem Hammer –«

Die Logik seiner Gedanken schien hier eine Unterbrechung zu erleiden.

Brak schwankte, sich mit den Händen an den Möbeln stützend, nach seiner Schlafstube und ließ sich auf sein Bett fallen.

Eine lähmende Müdigkeit schien ihn befallen zu haben.


III.

Die Hütte des Wald-Sepp war eine richtige Baracke, zum Teil aus Holz, teils aus rohen Steinblöcken hergestellt, und enthielt zwei oder drei Räume.

Genau ließ sich dies von außen gar nicht bestimmen.

Der Wald-Sepp, ein verwegener, aber nicht häßlicher Mensch von etwa dreißig Jahren, war vor fünf Jahren in die Gegend Wilbergs gekommen und suchte Arbeit, einerlei welche.

Etwas Rechtes hatte er ja nicht gelernt.

Bald arbeitete er am Straßenbau, bald im Holz, bald in den Steinbrüchen.

Dabei verschmähte er es auch durchaus nicht, dem Förster das Wild wegzuschießen.

Die Jäger wußten es auch und hätten ebensowenig die mindeste Gnade walten lassen, wenn sie den Sepp auf der Tat ertappt hätten.

Aber eben dies gelang nicht, der Bursche war viel zu schlau.

Oft hatte Sepp wochenlang keine Beschäftigung und lebte doch.

Dies war nur möglich, indem sich der Mensch heimlich einen Verdienst verschaffte.

Dabei trank er stark, und der Bürgermeister Wilbergs hatte ihn auch schon mehrmals vorführen lassen.

Sepp sollte bekennen, woher er bei der jedesmaligen Arbeitslosigkeit die Mittel zum Leben nehme.

Auf die listigste Weise der Welt behauptete er stets, daß er eben in guten Tagen spare, damit er in schlechten zu essen habe.

Man konnte ihm nicht beikommen, der Beweis fehlte.

Ausweisen durfte man ihn auch nicht, denn Sepp hatte eine alte Hütte im Wald gekauft – wahrscheinlich um ein paar Flaschen Schnaps – und zwar von der Tochter eines dort kurz vorher verstorbenen Steinarbeiters, der die Busch-Kathrin, wie das Mädchen genannt wurde, allein zurückließ. Der Kauf war regelrecht abgeschlossen worden und man konnte dem Sepp auch nicht verbieten, daß er die Busch-Kathrin in der Hütte als »Haushälterin« behielt.

Er befestigte seine Baracke nach und nach und lebte nun ziemlich isoliert von der übrigen Welt im Walde.

Man gab ihm den Namen Wald-Sepp, und wer nicht mußte, ging nicht in die Nähe seiner Hütte.

Sepp sollte dort ein wahres Lotterleben treiben, mit der Busch-Kathrin oft manchen Abend johlen und trinken, bis sie beide betäubt unter den Tisch fielen.

Das große, prächtige Frauenzimmer hatte nämlich das Trinken schon von ihrem Vater gelernt.

Arbeiten sah niemand die Busch-Kathrin.

Selten brachte sie einmal einen Korb mit Waldbeeren oder eßbaren Pilzen in die Stadt, und man wußte dann, daß nun Schmalhans Küchenmeister in der Waldhütte war.

Übrigens war auch die Katharina nicht häßlich, sondern ganz im Gegenteil von einer Art wilden Schönheit, der sich selbst der unbändige Sepp meist unterordnete.

Es war der Morgen nach der Mordnacht.

Prächtig war die Sonne aufgegangen und hatte sich auch über den weiten Forst verbreitet, der an zahlreichen Punkten Felsenformationen aufwies.

Die Busch-Kathrin öffnete die Hüttentür und trat auf den freien Platz davor.

Ringsum lagen Felsblöcke, rechter Hand erhob sich eine kleine, steinige Anhöhe, auf der Sepp aus Brettern eine Art offenen Schuppen errichtet hatte, um darunter seine Steinbrechwerkzeuge aufzubewahren.

Der Vater Kathrins hatte ihm eine Anzahl derselben »vererbt«.

Der Hütte schräg gegenüber stiegen die brüchigen, gelbweißen Wände des ausgebeuteten, alten Steinbruches in die Höhe.

Der laute Gesang der Waldvögel traf das Ohr des Mädchens, was ihr jedoch als das ewig alte Einerlei gar nicht auffiel.

Sie zog die Hüttentür zu, schritt nach einem Felsblock, der als Bank diente, und ließ sich darauf nieder.

Sie öffnete nun einen Lederbeutel, den sie in der Hand trug, und begann das im Morgenlicht glitzernde Geld zu zählen.

Das Resultat schien nun durchaus nicht ihren, wenn auch schon herabgestimmten Erwartungen zu entsprechen, denn sie zog die Stirne kraus.

»Den größten Teil hat er wieder verlumpt,« sagte sie heftig. »Aber er soll mir wenigstens sagen, mit wem!«

Das Mädchen erhob sich rasch und eilte in die Hütte zurück.

Wir dürfen es ja sogleich verraten, daß Kathrin ihrem »Bräutigam« im Morgengrauen die Geldbörse entwendete, um heimlich festzustellen, wieviel er eigentlich in der Nacht verlumpte.

Nachdem nun ihre Ahnung sich bestätigt hatte, konnte sie sich auch nicht mehr länger halten.

Sie trat zornig in einen zweiten Raum und rüttelte heftig den dort auf einem Laublager in voller Kleidung schnarchenden Sepp.

Ein mit Papier verklebtes Fenster warf nur einen spärlichen Abglanz des herrlichen Morgens in den dumpfen Raum.

Der Sepp öffnete brummend die Augen.

»He – was gibt es denn, zum Donnerwetter!« knurrte er.

»Wo warst du in der Nacht?« fragte Kathrin heftig.

Er wurde gar nicht recht nüchtern, sondern antwortete unwirsch:

»Was geht's dich an? Laß – mich – zufrieden!«

Das Mädchen war jedoch nicht gewillt, sich so kurzerhand abweisen zu lassen.

»Du hast ein Reh heimlich an den Hehler, den Wirt von der Kugel, verkauft und hast mit dem Geld, das du dafür bekamst, die Nacht über gekneipt. Ist es nicht so?«

»Hm – ja –« machte er schläfrig.

»Wer war bei der Kneiperei dabei? Ich will es wissen! Die Marie vom Kugelwirt?«

»Und – wenn?«

»Wenn?« fuhr das Mädchen eifersüchtig auf. »Dann solltest du es büßen!«

Er wälzte sich auf die andere Seite, und Kathrin verließ den Raum, Groll im Herzen.

Sie besorgte einige häusliche Arbeiten, konnte aber nicht hindern, daß sich stets wieder der Gedanke bei ihr einschlich, Sepp betrüge sie mit der Wirtstochter.

»Aber das soll er büßen,« sprach sie vor sich hin. »Er hat gewildert, nicht nur das eine Mal. Wenn er mich betrügt, zeige ich ihn an.«

Es wurde später Vormittag.

Sepp lag noch immer auf dem Laublager; er schien nachholen zu müssen, was er in der Nacht versäumte.

Kathrin saß vor der Hütte in Gedanken versunken, die nicht gerade versöhnlicher Natur waren.

Plötzlich hob sie den Kopf und lauschte.

Männerstimmen drangen aus der Tiefe des Waldes an ihr Ohr.

Gleichzeitig schoß auch ein wilder, kleiner Hundeköter, der dafür eine um so längere Kette um den Hals trug, aus seiner Hütte und schlug ein Geheul auf.

Das Mädchen rief dem Hund einige Worte zu, worauf das borstige Vieh wieder in die Hütte zurückkroch, dort aber beständig knurrte.

Kathrin sprang auf die Füße und eilte den kleinen Abhang hinauf. Von dort aus konnte man eine Strecke des inneren Forstes überblicken, ohne selbst gesehen zu werden, da man sich durch den Bretterschuppen decken konnte.

Um die Ecke spionierend, bemerkte das Mädchen auch bald zu ihrem Schrecken, daß mehrere Personen unter den Bäumen auftauchten, die zweifellos nach der Waldhütte wollten.

»Ein Gendarm!« flüsterte sie. »Und der eine, ist das nicht ein Polizeikommissar? Da kommt noch ein weiterer Gendarm um die Buschecke mit einem Schreiber oder dergleichen! Das wird ernst! Dem Sepp gilt es, sonst keinem anderen! Noch ist es Zeit für ihn, zu entfliehen! Er kann noch rückwärts durch den Wald!«

Sie glitt schnell von dem Abhang der Hütte zu und wollte eben eintreten, als ihr wieder der Gedanke an die Marie des Kugelwirtes kam.

Sie blieb nun stehen und stampfte trotzig mit dem kräftigen Fuß den Boden.

»Nein! Ich warne ihn nicht! Er mag sich selber verantworten!«

Und wirklich rührte sich das Mädchen nicht mehr vom Platz, sondern erwartete kaltblütig die Ankunft der Gerichtsherren.

Diese ließen nun auch nicht mehr lange auf sich warten. Sie kamen soeben um den Holzschuppen herum, wobei sie Kathrin sogleich bemerkten.

»Endlich am Ziel!« rief der Polizeibeamte. »Das ist ja ein ganz verteufelter Weg, auf dem man sich Arme und Beine brechen kann!«

Die Männer stiegen nun nach unten.

Wütend zerrte der kläffende Hund an der langen Kette. Kathrin mußte ihn gewaltsam zurückziehen und kürzer hängen.

Dabei sagte sie zu sich:

»Sepp hört ja den Lärm und kann sich meinetwegen aus dem Staub machen. Ist er aber, infolge der durchlumpten Nacht, nicht mehr dazu fähig, so ist es seine Schuld.«

»Heda!« rief nun der Kommissar. »Wohnt hier Joseph Vroninger, genannt der Wald-Sepp?«

»Jawohl,« gab Kathrin zur Antwort.

»Und ist er zu Hause?«

»Auch das. Was wollen Sie denn?«

»Das werdet Ihr gleich sehen! Wo ist der Sepp?«

»Er schläft noch.«

»Aha! Ist wohl erst in der Frühe heimgekommen?«

»Das ist schon möglich.«

Der Beamte gab nun den beiden Gendarmen einen Wink und diese schritten, die Gewehre in der Hand, auf die verschlossene Hüttentür zu.

In demselben Augenblick wurde diese aufgestoßen und auf der Schwelle stand der Wald-Sepp mit verwildertem Kopf- und Barthaar.

»Was soll's mit dem Lärm?!« rief er, wechselte jedoch sofort die Farbe, als er die ihm bekannten Uniformen erblickte.

Er wollte zurückweichen, als der Kommissar mit lauter Stimme rief: »Joseph Vroninger, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes!« Gleichzeitig legten die zwei Gendarmen von beiden Seiten die Hände auf seine Schultern.

Sepp, erst entschlossen, die beiden von sich abzuschütteln, ließ die Hände jedoch gleich darauf ruhig sinken.

Bei aller Wildheit seines Charakters mußte er doch einsehen, daß hier Widerstand seine Sache nur verschlimmern konnte. Er nahm deshalb eine trotzige, verbissene Miene an und erwiderte ebenso:

»Viele Hunde sind des Hasen Tod! Sie haben sich gleich mit zwei Gendarmen vorgesehen, Herr Kommissar. Alle Ehre für mich. Nun möchte ich aber doch auch wissen, was ich eigentlich verbrochen haben soll?«

»Das wird sich finden, Vroninger,« lautete die Antwort. »Gebt ihm Handschellen!«

Dies geschah, wenn auch nach Überwindung einigen Widerstandes von seiten Sepps.

Darauf wurde der Bursche beiseite geführt und von einem Gendarmen bewacht.

Der Kommissar wandte sich nun an die Busch-Kathrin.

»Ihr seid die Geliebte des Vroninger?«

»Ich besorge ihm den Haushalt,« versetzte kurz das Mädchen. »Er bezahlt mich dafür. Wen kümmert das übrige?«

»Es handelt sich auch darum vorläufig nicht; aber ich kann Euch doch raten, einen etwas anständigeren Ton anzuschlagen.«

Das Mädchen zuckte die Schultern.

»Ich habe nichts verbrochen, brauche mich nicht zu fürchten!«

»Ihr sollt mir einige Fragen beantworten.«

»Gut!«

»Wo war der Sepp diese Nacht?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete das Mädchen, das nun keine Lust mehr hatte, den Burschen zu verraten.

Hätte sie gesagt, daß er, um ein Reh zu verkaufen, sich beim Kugelwirt aufhielt, so konnte Sepp dadurch in eine schlimme Sache geraten.

»Aber zu Hause war er nicht?« fuhr der Kommissar fort.

»Nein!« antwortete nach einigem Zögern Kathrin.

»Einfältiges Ding!« fluchte der Sepp.

»Euer Zorn hilft Euch hier gar nichts, Vroninger,« sagte der Kommissar kurz, um weiter fortzufahren: »Wann verließ Sepp die Hütte?«

»Gestern abend in der Dämmerung.«

»So! Und wann kam er zurück?«

Kathrin schwieg. Sie sah den Sepp an.

»Gegen Mitternacht!« rief dieser.

Ärgerlich entgegnete der Kommissar:

»Ihr habt zu schweigen! Verhält sich das so?« fragte er Kathrin.

»Es wird wohl so sein, ich weiß es nicht, weil ich schlief, als er heimkam.«

»Habt Ihr diesen Morgen etwas Auffälliges an ihm bemerkt, Blutflecken etwa an den Händen, an den Kleidern?«

»Blutflecken? Nein; wo sollten denn die herkommen?«

»Ich verlange die Beantwortung der Frage!«

»Also nein! Auch sonst ist mir nichts aufgefallen. Übrigens kam ich gar nicht dazu, ihn so genau zu untersuchen.«

Der Kommissar gab dem Gendarmen einen Wink und trat zu dem Gefangenen.

Sepp mußte sich durchsuchen lassen, wobei ihm ein zweiter Lederbeutel mit Inhalt und ein griffestes Messer abgenommen wurde.

Die Frage des Kommissars nach Blutflecken legte er, wie auch Kathrin, sich dahin aus, daß die Polizei von dem Wildraub einen Wink bekommen hatte.

»Da sind mehrere Flecken, Herr Kommissar,« rief der eine Gendarm, der dem Wald-Sepp seinen Rock auseinandergeschlagen hatte.

»Das ist Blut!« nickte der Beamte hastig. »Oder wollt Ihr das leugnen, Vroninger?«

»Meinetwegen ist es Blut,« lautete die zornige Antwort. »Ich hatte Nasenbluten! Ist das etwa auch verboten?«

Der Kommissar hatte darauf nur ein überlegenes Lächeln.

»Dies Nasenbluten wird Euch teuer zu stehen kommen,« sagte er. »Bolz, untersuchen Sie mal den Geldbeutel!«

Der angerufene Gendarm tat dies.

»Vier Mark und sechzig Pfennige, Herr Kommissar, außerdem ein Taler, der aber nicht mehr gangbar ist.«

Der Kommissar nahm das betreffende Geldstück in die Hand.

Es war ein alter, sehr seltener Jubiläumstaler, der für Sammler Wert besaß, sonst jedoch nicht mehr kursfähig war.

»Wie kommt Ihr zu diesem Geldstück, Vroninger?« fragte er.

»Es ist schon jahrelang in meinem Besitz, ein Andenken,« versetzte Sepp lakonisch. »Wenn der Taler gangbar wäre, hätte ich ihn schon längst ausgegeben.«

Der Kommissar ging auf diese Antwort nicht weiter ein, sondern legte den seltenen Taler in den mit Beschlag belegten Beutel zurück.

»Ob Ihr damit die Wahrheit sprecht, wird sich ja herausstellen.

Und Sepp dachte sich:

»Wer kann mir beweisen, woher ich das Ding habe?«

Der Kommissar ordnete nun eine sorgfältige Untersuchung der Hütte an, die jedoch nichts Verdächtiges zutage förderte.

Der Wald-Sepp hatte sein Gewehr, wie auch die Wildschlingen zu gut im Forst versteckt, um allem vorzubeugen.

»Was enthält der Schuppen da oben?« fragte der aus der Hütte tretende Beamte, nach dem kleinen, offenen Lattenbau deutend.

»Meine Werkzeuge,« antwortete Sepp.

»Was für Werkzeuge?«

»Brechstangen für den Steinbruch, Steinhämmer.«

Der Kommissar stieg mit einem Gendarmen die kleine Anhöhe hinauf.

Er besichtigte sehr aufmerksam das herumliegende und offenbar sehr vernachlässigte Handwerkszeug.

Dann nahm er mehrere Stücke in die Hand und betrachtete sie.

»Er ist es!« sagte er.

Mit einem der Hämmer kehrte er zu dem Gefangenen zurück.

»Da auf dem Holzstiel sind zwei Buchstaben eingeschnitten: J. V. Ist das Euer Name?«

»Jawohl; Joseph Vroninger, das will ich nicht leugnen. Sie sehen ja die zwei Buchstaben auf allem Werkzeug,« antwortete Sepp gleichgültig.

Der Kommissar legte einen der Hämmer zu den mit Beschlag belegten Gegenständen.

»Habt Ihr gestern einen solchen Hammer mit nach der Stadt genommen? Ihr waret doch in der Stadt?«

»Meinetwegen, wenn Ihnen da etwas daran liegt. In der Stadt war ich also. Einen Hammer habe ich aber nicht mitgenommen.«

»Was habt Ihr in der Stadt getan?«

»Darüber gebe ich keine Antwort. Ich kann doch wohl hingehen, wohin ich mag?!«

»Ihr verweigert also die Auskunft?«

»Ja!« sagte der Wald-Sepp trotzig.

»Es wird Euch wenig nützen, denn man wird Euch beweisen, was Ihr während dieser Nacht getrieben habt!«

»Dann kann sich die Polizei ja gratulieren!« lachte der Bursche höhnisch auf.

Der Kommissar tat noch einige Fragen an Kathrin, die aber eine wertlose Beantwortung fanden, und ordnete sodann die Rückkehr nach der Stadt an.

Der Gerichtsschreiber, der, auf dem Stein vor der Hütte sitzend, das Ergebnis der Untersuchung zu Papier gebracht hatte, packte seine Akten zusammen und dann zog die Kommission mit dem gefesselten Wald-Sepp ab, durch den prächtigen Forst, nach der Stadt zuschreitend.

Die Busch-Kathrin blieb allein zurück.

Nach und nach verstummten die Stimmen der sich entfernenden Männer, auch der Hund beruhigte sich wieder und kroch in seine Hütte.

Das Mädchen blickte brütend vor sich nieder.

»Holen sie ihn nur wegen der Wilderei? Da wird er sich schon herauswinden! Oder ist etwas anderes diese Nacht geschehen, von dem ich nichts weiß? Beinahe hat es den Anschein! Ich will gegen Abend, wenn er bis dahin nicht zurück ist, nach der Stadt. Vielleicht erfahre ich dort etwas.«

Die Busch-Kathrin strich sich mit den Händen das rotgelbe, wirre Haar aus der Stirn und ging langsam in die Hütte zurück. Der Wald-Sepp war gegangen, ohne ihr noch ein Wort zu sagen.


IV.

Aus der Residenz war am Nachmittag der Staatsanwalt Frankenstein mit dem Bruder der Ermordeten eingetroffen, dem Polizeiinspektor Brak.

Der letztere war der Jüngste unter den drei Geschwistern. Er zählte etwa fünfundvierzig Jahre und genoß den Ruf eines ausgezeichneten, pflichtgetreuen Beamten.

Die beiden Herren befanden sich nun im Dienstzimmer des Oberamtsrichters, der über den Fall eingehend berichtete.

Inspektor Brak war tief erschüttert.

Auch er konnte sich nicht erklären, aus welchen Gründen die Schwester ermordet wurde, da ein Raub ja ausgeschlossen war. Der Staatsanwalt erfuhr von der am Vormittag erfolgten Verhaftung des schwer verdächtigen Wald-Sepp.

Der Bursche war vorläufig noch keinem Verhör unterzogen worden, da man erst die Ankunft des Staatsanwaltes abwarten wollte.

Der Oberamtsrichter konnte nicht umhin, trotz der vorliegenden schweren Verdachtsmomente, auch auf den Referendar Gollwitz hinzuweisen:

»Hat Sepp die Tat verübt, so wäre es immerhin möglich, daß ihn Gollwitz dazu veranlaßte,« führte er aus, »denn hier wären doch Gründe zu finden, ein Anhalt. Die Ermordete hatte versprochen, Gollwitz und Luise Brak zu ihren Erben einzusetzen; dies wußten die beiden. Ob auch Herr Peter Brak, der Vater des Fräuleins, Kenntnis davon hatte, weiß ich nicht. Obwohl der junge Mann einen sehr guten Ruf besitzt, so wäre doch schließlich anzunehmen, daß er in der Verblendung den Gedanken faßte, die Tante zu ermorden, um so den Zeitpunkt zu beschleunigen, wo er in den Besitz eines Vermögens gelangte.«

Während der Staatsanwalt bedächtig darauf erwiderte:

»Ich werde mir den jungen Mann ansehen. Auf den sogenannten guten Ruf gebe ich gar nichts. Diesen Punkt betreffend, habe ich schon des Abstrakten zu viel erlebt.«

»Der menschliche Geist ist etwas, das uns täglich neue Rätsel auferlegt!« protestierte der Inspektor energisch gegen die Annahme, daß Gollwitz, den er kannte, der Mörder oder doch Mitwisser sein könnte.

In diesem Fall war jedoch der Staatsanwalt maßgebend.

»Gollwitz dürfte jeden Augenblick eintreffen,« sagte der Oberamtsrichter, »da er Frau Fallner zu sehen verlangt, bei seinem Erscheinen die Türen jedoch bereits verschlossen waren. Wenn Sie einige Fragen an den betreffenden Herrn stellen wollen –«

»Ich werde sehen!«

Kurz darauf pochte es.

Heinrich Gollwitz trat ein.

Sein Gesicht war noch immer sehr bleich und seine Miene unruhig.

Dies bemerkte sogleich der Staatsanwalt, der Gollwitz von dem Moment an scharf beobachtete, als dieser über die Schwelle trat.

Der Oberamtsrichter machte ihn mit dem Staatsanwalt bekannt, der Inspektor reichte ihm die Hand, gleichsam, als wolle er damit noch einmal bekräftigen, daß Gollwitz in seinen Augen kein Mörder war.

»Sie hegen den Wunsch, Herr Gollwitz, die Leiche zu besichtigen?« fragte kalt der Staatsanwalt.

»Gewiß,« antwortete der Referendar befremdet. »Frau Fallner war meine Tante, meine zweite Mutter. Wir liebten einander. Soll ich sie nicht wenigstens im Tod noch einmal sehen?«

»Es steht diesem Verlangen nichts mehr im Wege. Nur gestatten Sie erst einige wichtige Fragen, die bei der rätselhaften Angelegenheit vielleicht zu entschuldigen sind. Kannten Sie den bereits als des Mordes verdächtigen Wald-Sepp?«

»Ich habe den Menschen allerdings einigemal gesehen.«

»Wann das letztemal?«

»Ich glaube – gestern abend,« erwiderte ohne Zögern Gollwitz.

Der Staatsanwalt sah rasch auf.

»Ah, so! – Und wo?«

»Es war, soviel ich mich erinnern kann, vor dem Stadttor.«

»Wohin gingen Sie?«

»Ich machte einen Spaziergang nach auswärts. Der Wald-Sepp ging in die Stadt. Es war bereits dunkel, und ich erkannte den Menschen auch nur, weil er gerade unter einer Laterne wegschritt.«

»Hm! Sagen Sie mir doch, wie lange dauerte Ihr nächtlicher Spaziergang?«

»Etwa eine halbe Stunde.«

»Und dann kehrten Sie heim?«

»Ja – ich – ging heim!« lautete die Antwort Gollwitz'.

»Er scheint unsicher zu sein. Ich werde den Punkt nicht außer acht lassen,« dachte sich der Staatsanwalt.

Tatsächlich hatte sich die nervöse Unruhe des Referendars vermehrt.

»Darf ich erfahren, was diese letzteren Fragen zu bedeuten haben?« sagte er aufgeregt.

»Ich hoffte nur, meine Annahme bestätigt zu finden – diesen Burschen betreffend,« versetzte der Staatsanwalt gleichgültig. »Lassen Sie uns nun aufbrechen.«

Während die Gerichtskommission nach unten zu dem wartenden Wagen stieg, bemerkte der Oberamtsrichter, zu dem Inspektor gewandt:

»Ich habe Ihren Herrn Bruder benachrichtigt. Wir werden ihn am Tatort finden.«

In kurzer Zeit war das Haus der Ermordeten erreicht. Wirklich fanden die Herren im Entree den Bruder der Frau Fallner, Herrn Peter Brak, im Gespräch mit Balthasar, dem alten Diener.

Brak, in einen langen, schwarzen Rock gekleidet, trug eine ebensolche Halsbinde, was die gelb-fahle Farbe seines Gesichtes noch mehr abstechen ließ.

Er streckte dem Inspektor beide Hände entgegen.

»Es ist schrecklich, nicht wahr?« rief er. »Sieh mich an, Franz, ich bin ohnedies ein kränklicher Mensch, aber dieses furchtbare Ereignis hat mich derart verwirrt, daß ich mich kaum zu fassen weiß. Die gute Schwester! Keine Seele hat sie beleidigt, jeden Strolch beschenkt, ihr schönes Geld mit vollen Händen hinausgegeben, so daß sie in wenig Jahren bettelarm geworden wäre, wenn nicht – aber ich weiß gar nicht mehr, was ich rede! Ich zittere am ganzen Körper.«

Voll Teilnahme sah der Inspektor seinen wirklich ganz verstörten Bruder an.

»Ja, es ist schrecklich,« sagte er. »Wie konnte nur diese Tat geschehen?«

»Ich weiß es nicht, niemand weiß es.«

»Ist Luise auch hier?«

»Nein, ich wollte ihr den Anblick der Leiche ersparen. Sie soll ja schrecklich zugerichtet sein. Luise ist so nervös.«

»Es ist auch besser, sie bleibt fern,« sagte der Inspektor, tief atemholend. »Nun komm! Es muß ja sein! Der Staatsanwalt hat bereits die Tür des Schlafzimmers öffnen lassen!«

Peter Brak folgte dem Bruder mit zuckenden Lippen.

Die Männer traten ein.

Eine unheimliche, dumpfe, schwere Luft schlug ihnen entgegen.

Der Staatsanwalt ließ sogleich das Fernster öffnen.

»Es ist nichts verändert worden,« sagte der Oberamtsrichter, nachdem er sich umgesehen.

Der Staatsanwalt schlug die Bettvorhänge zurück und in demselben Moment stürzte Heinrich Gollwitz mit einem lauten Schrei vor dem Lager auf die Knie.

»Tante Fallner! O, wie schrecklich!« stöhnte er, beide Hände vor das Gesicht schlagend.

So verharrte er eine ganze Weile regungslos.

Der Inspektor Brak und sein Bruder traten erschüttert näher. Während der erstere anfangs vor Ergriffenheit kein Wort über die Lippen brachte, tastete Peter Brak mit der mageren Hand nach dem blutbefleckten Kopfkissen.

Dabei starrte er der Toten direkt ins Gesicht.

»Tot – ermordet!« murmelte er dumpf. »Man sieht es ja – erschlagen mit dem Hammer – einem schweren Hammer!«

Der Oberamtsrichter deutete auf einen am Tisch liegenden Gegenstand.

»Hier ist der Hammer; mit ihm ist zweifellos der Mord ausgeführt worden,« sagte er.

Auch der mitgekommene Doktor Thoma bestätigte diese Ansicht.

Der Staatsanwalt betrachtete das Werkzeug. Auch er fand, daß nur mit ihm der tödliche Streich ausgeführt wurde.

Es ging nun der Staatsanwalt an die Aufnahme des weiteren Tatbestandes.

Balthasar wurde dazu herbeigerufen.

Vorher aber kehrten der Inspektor, sein Bruder und Gollwitz nach dem Hause Braks zurück.

Der Referendar war wie betäubt. Mehrmals auf dem Weg faßte ihn ein Schauer an.

Ebenso erschüttert war der Polizeiinspektor.

Er marterte sich den Kopf ab, um einen Anhaltspunkt zu finden, wo eigentlich der Mörder zu suchen sei.

Gollwitz war es nicht, oder seine ganze Menschenkenntnis wäre in diesem Falle zuschanden geworden.

Wer aber sonst?

Peter Brak war ebenfalls auf das höchste erregt. Die Zähne fest aufeinander gebissen, die Hände auf dem Rücken, schritt er neben dem Inspektor her.

Dabei hatte sein Blick etwas Glasiges.

Der jähe Tod der Schwester schien auch ihn gänzlich niedergeschmettert zu haben.

Einmal fuhr er mit dem Arm so heftig durch die Luft, als wolle er jemand niederschmettern.

»Du denkst an den Mörder?« fragte ihn der Inspektor.

Brak fuhr, wie aus einem Traum erwachend, auf.

»Ja – an den verruchten Mörder. Gott verdamme ihn;« stieß er dann hervor.

»Hast auch du keinen Schimmer einer Ahnung, wer es sein könnte?«

»Nichts, gar nichts! Ich weiß nicht, was ich sagen soll – ich bin wie vor den Kopf geschlagen!« keuchte Brak.

»Der Wald-Sepp ist übrigens bereits verhaftet.«

»Ich – hörte davon. Er soll stark verdächtigt sein, weil sein Hammer gefunden wurde. Aber ich glaube doch nicht, daß er es getan hat. Der Mensch hätte doch auch das Geld genommen.«

»Vielleicht handelte er im Auftrag eines anderen, der irgendwelchen Nutzen aus dem Tod unserer Schwester zieht!«

»Eines – anderen?« machte Brak kopfschüttelnd. »Wer sollte denn das sein?«

»Ich weiß es nicht; Sepp wird ja Auskunft geben, wenn er sieht, daß es im anderen Fall ihm selbst an den Hals geht.«

»Hoffen wir darauf,« nickte Brak, und dann drehte er hastig den Kopf nach dem Bruder um. »Da fällt mir ein, ich habe vergessen, dem Staatsanwalt eine Mitteilung zu machen, die für ihn vielleicht von Wichtigkeit ist. Ich wollte anfänglich die Sache verschweigen, aber nun habe ich mir's überlegt. Der Staatsanwalt kann die Sache für seinen Zweck ausnützen.«

Brak erzählte nun dem Inspektor von seiner Wahrnehmung, daß in der Mordnacht bei ihm irgendwer eingestiegen war.

Diese Mitteilung war dem Bruder sehr interessant.

Gollwitz, der noch immer wie betäubt neben den beiden herging, hörte gar nicht darauf.

»Du weißt bestimmt, daß es gestern nacht war?« fragte der Inspektor, nachdem sein Bruder geendet hatte.

»Ganz bestimmt,« versicherte dieser, »ich kann darauf schwören.«

»Um welche Zeit könnte denn der Mensch eingestiegen sein?«

»Vielleicht kurz nach zehn Uhr. Bis dahin war ich noch in meinem Arbeitszimmer in ein sehr interessantes Buch vertieft: ›Die Rätsel des menschlichen Geistes‹. Aber davon verstehst du ja nichts!«

»Nein,« sagte der Inspektor trocken.

»Und nachdem gingst du schlafen?«

»Gewiß; ich schlief sogar sehr rasch ein. Währenddem muß der Verbrecher zum Fenster hereingestiegen sein. Um ein Haar wäre es mir ergangen, wie der armen Schwester. Weshalb überhaupt der Mensch unverrichteter Sache wieder abzog, das begreife ich nicht.«

»Ich werde bei meiner Rückkehr in das Stadthaus den Herrn Staatsanwalt von deiner Wahrnehmung in Kenntnis setzen!« sagte der Inspektor.

Damit war man vor dem Garten Braks angelangt.

Während Gollwitz in das Haus trat, ersuchte der Inspektor seinen Bruder, ihm die Stelle zu zeigen, von wo aus irgendwer nach dem Fenster der Arbeitsstube emporgestiegen war.

Die Stelle war bald erreicht.

Das Fenster befand sich, wie erwähnt, im ersten Stock, und da ziemlich starke Stangen, zu einem Leiterbau verbunden, bis nach oben reichten, so war es gerade kein Kunststück, selbst für einen erwachsenen, schweren Mann nicht, hier auf und ab zu steigen.

An den Rebranken konnte man in der Tat ersehen, daß etwas Derartiges in jüngster Zeit geschehen war.

»Es ist gut, daß du die Sache nicht verschwiegen hast,« sagte der Inspektor. »Das muß so rasch als möglich der Staatsanwalt erfahren.« »Du glaubst also auch, daß ein Mensch hier war,« fragte Brak hastig.

»Daran kann man wohl kaum zweifeln!« versetzte der Inspektor, »das sieht ja jedes – halt! Was ist das?« unterbrach er sich, indem er einen kleinen Gegenstand aus dem Gras nahm. »Da hätten wir ja am Ende sogleich einen Fingerzeig.«

»Was hast du gefunden?« fragte Brak.

»Nur einen Manschettenknopf, ein billiges Fabrikat, wie es entweder arme oder doch sehr sparsame Leute tragen. Vielleicht verlor ihn der Täter!«

Brak hatte einen Blick auf den kleinen Gegenstand in der Hand des Polizeiinspektors geworfen und rief sodann:

»Da irrst du dich aber diesmal gründlich! Das Ding gehört weder einem armen Burschen, noch dem Täter, sondern mir!«

»Ah – du hast den Manschettenknopf verloren?« fragte der Inspektor enttäuscht.

»Jawohl, vor kurzem. Ich weiß nicht mehr, bei welcher Gelegenheit. Am Morgen war er eben weg, und ich nahm mir einen anderen.«

»Schade, daß er nicht Eigentum des Täters ist, er hätte einen Beweis dargestellt, daß der Mann hier war,« sagte der Polizeibeamte und schob den Knopf gleichgültig in die Westentasche.

Darauf begaben auch diese beiden sich in das Haus, wo Gollwitz Luise bereits von dem Anblick auf schonendste Weise unterrichtete, der sich ihm in dem Schlafzimmer der armen Tante bot.


* * *


Der Staatsanwalt hatte die ihm bereits zu Anfang von dem Oberamtsrichter gemachten Mitteilungen bestätigt gefunden. Der Mörder war durch das Fenster eingestiegen, was nicht schwer auszuführen war.

Fußspuren fanden sich wohl, doch konnte aus ihnen unmöglich die Form eines Stiefels oder einer Sohle entnommen werden, was sehr wichtig gewesen wäre.

Der Steinhammer hatte, nach Form und Beschaffenheit der Wunde, als todbringendes Werkzeug dem Mörder gedient. Und zwar war nur ein einziger Schlag geführt worden, wie unzweifelhaft feststand, allerdings mit großer Kraft.

Allem Anschein nach war er nach der Mitte der Stirn gezielt gewesen, glitt jedoch seitwärts nach der Schläfe zu ab, was möglicherweise daher kam, daß entweder des Mörders Hand nicht ganz sicher war, oder daß die Schlafende im entscheidenden Moment eine Wendung mit dem Kopf machte.

Aber gerade die Ablenkung des Streiches hatte ihn zu einem tödlichen gestaltet.

Der Staatsanwalt ließ alles zu Protokoll nehmen.

»War der Wald-Sepp je schon einmal hier im Hause?« fragte er Balthasar.

»Niemals,« antwortete dieser.

»So war ihm also auch nicht bekannt, wo sich das Schlafzimmer der Dame befand?«

»Wohl nicht; doch ist es ganz leicht möglich, daß er vom Garten aus das Licht sah. War er in der Absicht hier eingedrungen, einen Diebstahl oder Raub auszuführen, so brauchte er nur auf einen der Gartenbäume zu steigen und konnte so alles beobachten, was in dem Schlafzimmer geschah.«

»Allem Anschein nach hat sich Ihre Herrin, ehe sie zu Bett ging, noch am Schreibtisch, vielleicht mit dem Zählen von Geld, beschäftigt. Dies hätte also der Mörder von einem Baum aus sehen können?«

»Gewiß!«

»Wir werden nachher den Garten untersuchen Kommen Sie nun her an den offenen Schreibtisch. Obwohl anscheinend alles vorhanden ist und nichts fehlt, möchte ich Sie doch ersuchen, ganz genau noch einmal nachzusehen, ob Sie nichts, auch nicht das Geringste vermissen?«

Balthasar sah nach. Er strengte sein Gedächtnis an, aber vergebens.

»Ich vermisse nichts!« sagte er.

»Wissen Sie denn, wieviel Geld stets hier vorhanden war?«

»So ziemlich; es liegen ja auch hier oben mehrere Banknoten in vollster Ordnung.«

Der Staatsanwalt hatte die unterste Lade herausgezogen, wobei der Oberamtsrichter bemerkte:

»Diese Lade stand offen, wie wir diesen Morgen das Zimmer betraten. Aus Versehen muß sie zugeschoben worden sein, vielleicht von mir selbst.«

»Sie ist leer – doch nein, hier in der Ecke liegt noch ein kleineres Geldstück. Befand sich sonst nichts anderes in dem Fach?« wandte sich der Staatsanwalt an Balthasar.

Dieser fuhr plötzlich auf.

»Ja, jetzt erinnere ich mich,« rief er. »Frau Fallner legte ihr Kleingeld meist in diese Lade. Und seit Jahren befand sich auch ein seltener Jubiläumstaler dabei, den ich nun doch vermisse!«

»Gott sei Dank, wenigstens etwas,« versetzte der Staatsanwalt, als der Oberamtsrichter erregt ausrief:

»Jetzt kann der Mörder überführt werden! Es ist nun doch der Wald-Sepp! Ein solch seltener Jubiläumstaler wurde heute morgen bei ihm gefunden.«

»Nun also!« nickte der Staatsanwalt.

Er ließ sich jedoch von Balthasar den Taler auf das genaueste beschreiben.

Darauf begab sich die Kommission in den Garten, wo indessen keine weiteren Spuren entdeckt wurden. Auf einen Baum war der Verbrecher nicht gestiegen.

Die Leiche der Ermordeten wurde nun in ein anderes Zimmer verbracht und aus Requisition des Staatsanwaltes das Schlafgemach abermals gerichtlich verschlossen.

Die Hinterlassenschaft der so jäh Verstorbenen, besonders ihre Papiere, mußten ja ohnedies vom Gericht aus geregelt werden.

Die Gerichtskommission kehrte nach der Stadt zurück.

Nachmittags fand die Obduktion der Leiche statt, die ein Resultat ergab, völlig gleichlautend der Feststellung, die dem Leser ja bereits bekannt ist.

Der Polizeiinspektor Brak hatte den Staatsanwalt in Kenntnis gesetzt, daß sein Bruder alle Ursache habe, an einen auch bei ihm versuchten Raub zu glauben.

Sogleich begab sich der Staatsanwalt nach dem Hause Braks, wo ihm von dem Hausherrn bestätigt wurde, was der Polizeiinspektor berichtete.

Das sogenannte Arbeitszimmer wurde genau untersucht.

Daß der Eingestiegene sich nichts aneignete, konnte mit aller Bestimmtheit festgestellt werden.

Es war sonderbar, hier, wie im Haus der Frau Fallner, dasselbe Verhältnis.

Große Summen lagen dort so gut wie offen da, und der Mörder hatte sich begnügt, einiges Kleingeld und einen nicht einmal mehr gangbaren Taler an sich zu nehmen.

War nun auch der Geldschrank Peter Braks verschlossen, so lag doch auf dem Arbeitstisch eine alte, goldene Zylinderuhr.

Fürchtete der Mensch, sich zu verraten, wenn er die sehr wertvolle Uhr an sich nahm, genug, er ließ sie liegen und entfernte sich wieder völlig unverrichteter Sache.

Und dabei schlief Peter Brak nebenan bei offener, das heißt, unverschlossener Tür.

Er hatte nicht das mindeste Geräusch vernommen.

Während sein nächtlicher Besuch Frau Fallner um eine Bagatelle das Leben kostete, blieb Peter Brak sonderbarerweise völlig unbelästigt.

Der Staatsanwalt besichtigte auch den Garten, wobei er mehrere Fußspuren entdeckte, und zwar durchwegs frische.

Er nahm genaues Maß davon, zeichnete sich auch die Form der Abdrücke ein, die ziemlich scharf in dem weichen Boden zu erkennen war.

Dann kehrte er nach der Stadt zurück.


V.

Am Nachmittag, kurz vor der gerichtlichen Obduktion, wurde der Wald-Sepp zum ersten Verhör geführt.

Er wußte noch immer nicht, um was es sich handelte, wenigstens gab er sich den Anschein so.

Indessen hatte er doch etwas von seiner Sicherheit eingebüßt, die er noch am Morgen zur Schau getragen hatte.

Daß man ihn gefesselt vor den Untersuchungsrichter führte und ihm auch dort die Eisen nicht abnahm, wollte ihm nicht recht behagen.

Er sollte Auskunft geben, was er die vergangene Nacht getrieben, gab jedoch nur zur Antwort, er habe sich in der Dämmerung aus seiner Hütte entfernt und wäre in die Stadt gegangen.

Diese Angabe stimmte mit derjenigen Gollwitz' überein, der den Sepp in der Dunkelheit vor dem Tor gesehen haben wollte.

»Wohin seid Ihr gegangen?« lautete die weitere Frage.

»Darauf verweigere ich die Antwort,« versetzte Sepp wieder trotzig. »Ich will wissen, was ich verbrochen haben soll.«

»Und ich rate Euch allen Ernstes, anzugeben, wo Ihr die Nacht zugebracht habt!« rief der Richter.

»Gut; ich ging spazieren!«

»Das ist erlogen!«

»Ja, wenn man mir nicht glaubt, dann kann ich ja ebensogut stillschweigen!«

»Wann seid Ihr nach Hause gekommen?«

»Ich habe das schon dem Kommissar gesagt, gegen Mitternacht.«

Der Untersuchungsrichter warf einen Blick in die Akten vor sich.

Dort fand sich die nachträglich noch von dem alten Diener Balthasar abgegebene Erklärung, daß Frau Fallner zwar schon gegen halb zehn sich in ihr Schlafgemach zurückzog, später jedoch ihm, Balthasar, noch einen Auftrag für den nächsten Tag gab.

Sie hatte dabei die Tür geöffnet und, auf der Schwelle stehend, mit Balthasar gesprochen.

Als dieser nach seiner Stube zurückkehrte, schlug die Wanduhr, die genau ging, halb elf.

Wenn also der Wald-Sepp vielleicht annahm, sich aus der Schlinge durch diese offenbar falsche Angabe zu ziehen, so täuschte er sich.

Von halb elf bis Mitternacht konnte der Mord sehr gut ausgeführt werden, da Balthasar sogleich, nachdem ihn seine Herrin gesprochen, zu Bett gegangen war.

»Es wurde dieser Jubiläumstaler bei Euch gefunden,« fuhr der Richter fort. »Das Stück ist äußerst selten und man kann weit gehen, bis man ein zweites Exemplar findet. Wie kommt Ihr dazu?«

»Ich habe diese Frage auch schon beantwortet, es ist eben ein sogenanntes Andenken und schon jahrelang in meinem Besitz.«

»Das klingt aber wieder recht unwahrscheinlich!«

Der Wald-Sepp zuckte die Schultern.

»Warum soll ich nicht auch ein Andenken haben?« sagte er höhnisch.

Der Richter hieß ihn nun näher herantreten.

»Betrachtet Euch einmal diesen Hammer hier,« befahl er, wobei er den Burschen scharf im Auge behielt.

Sepp war mit einem sarkastischen Lächeln nähergetreten und hatte den Blick auf den bis dahin verdeckt gewesenen Hammer geworfen.

Plötzlich verfärbte er sich.

»Was soll das?« fragte er heiser.

Er hatte die Blutflecken bemerkt, und dies bewirkte die rasche Veränderung seines Gesichtes.

»Ich frage, ob Ihr den Hammer hier als Euer Eigentum anerkennt?« lautete die scharfe Frage des Untersuchungsrichters.

Der Wald-Sepp beging nun offenbar eine Ungeschicklichkeit, als er eine Antwort gab, die ihm das plötzliche Gefühl einer nahenden Gefahr eingab.

Er versuchte zu leugnen.

»Nein,« stotterte er, sichtlich verwirrt.

Der Richter legte ihm nun einen zweiten Hammer vor, der dem ersten auf ein Haar glich.

»Aber Ihr leugnet doch nicht etwa auch, daß Euch dieser Hammer fremd ist?« sagte er mit scharfer Betonung.

Der Verhaftete sah wohl ein, daß er nicht mehr recht auskam.

»Der Kommissar hat diesen zweiten Hammer ja diesen Morgen aus meiner Hütte mitgenommen,« antwortete er.

»Ganz recht, und dabei habt Ihr erklärt, daß die beiden Buchstaben J. V. von Euch selbst in den Stiel geschnitten wurden, wie an all Eurem übrigen Werkzeug. Dieser mit Blut befleckte Hammer trägt dieselben Buchstaben. Leugnet Ihr noch weiter?«

Der Wald-Sepp warf trotzige, wilde Blicke um sich, sagte aber nichts.

»Ich will Euch sagen, Mann,« fuhr der Untersuchungsrichter laut fort, »weshalb Ihr vorhin bei dem Anblick dieser blutigen Flecken erbleicht seid. Es ist das Blut Eures Opfers, das Euch anklagt, das um Rache schreit!«

Der Richter hoffte, durch diese Worte den Gefangenen niederzuschmettern, und in gewissem Maße gelang ihm dies auch. Sepp fuhr jäh zusammen, öffnete weit die Augen und zerrte an den Fesseln, daß ihm die Eisen in das Fleisch schnitten.

»Ich weiß von nichts!« schrie er dumpf. »Ich bin kein Mörder!«

»Gebt Euer Leugnen lieber auf, Mann und gesteht,« erwiderte der Richter kalt. »Nützen kann Euch das Verstocktsein ja doch nichts, denn wir haben Beweise genug in Händen, um Euch des Mordes zu überführen!«

»Wer will mich überführen?« fuhr Sepp heftig auf.

»Ich habe nichts getan. Wie könnte man mich denn einer Tat überführen, die ich nicht einmal dem Namen nach kenne?«

Der Untersuchungsrichter machte eine Handbewegung, als wolle er sagen:

»Derartige Ausflüchte kennt man, wird dir aber nichts helfen, Patron. Wir ziehen dir mit aller Ruhe die Schlinge um den Hals!«

In lautem, amtlichem Ton sprach er:

»In vergangener Nacht wurde die Witwe Fallner ermordet, erschlagen mit diesem Hammer hier, der Euer Eigentum ist. Leugnet Ihr die Tat?«

»Ja, tausendmal ja!« rief Sepp wütend. »Ich weiß nichts davon.«

»Ihr tätet besser, alles einzugestehen, ich lege Euch dies nochmals ans Herz!« ermahnte der Beamte.

»Ich will aber nichts gestehen, weil ich nichts getan habe!« lautete die Antwort.

»Wie erklärt Ihr den Umstand, daß Euer Hammer blutbedeckt vor dem Bett der Ermordeten gefunden wurde?«

»Ich weiß es nicht, ich kannte diese Frau Fallner gar nicht persönlich. Ihren Mörder müssen Sie schon an anderer Stelle suchen; ich bin es nicht!«

»Ihr seid es! Wir werden Euch das noch durch andere Dinge beweisen, obwohl das Auffinden des Hammers genügte. Ihr behauptet, spazierengegangen zu sein! Wie lächerlich! Ein Mensch, wie Ihr, geht nicht planlos in der Nacht spazieren. Um zwölf Uhr wollt Ihr wieder in Eurer Hütte gewesen sein. Ich glaube es nicht, aber wenn es sich auch so verhält, so beweist dies nicht, daß Ihr bis dahin den Mord nicht ausgeführt haben könnt. Im weiteren wurde der seltene Jubiläumstaler bei Euch gefunden, von dem Ihr behauptet, daß er schon jahrelang in Eurem Besitz ist.

Dieser Angabe wurde schon gleich kein Glauben geschenkt, ich bin aber jetzt in der Lage, Euch zu beweisen, daß Ihr gelogen habt. Frau Fallner besaß bis zum gestrigen Tag diesen sehr seltenen Taler; heute morgen war er nicht mehr zu finden. Ihr habt die Dame ermordet und beraubt!«

Der Wald-Sepp starrte den Richter betroffen an.

Eine Ahnung schien in ihm heraufzudämmern, daß er sich selbst in eine äußerst schlimme Lage gebracht hatte.

»Ich weiß auch nichts von einem Raub,« preßte er durch die Zähne. »Meine Hütte wurde ja durchsucht, wo hätte ich denn das Geld? Außer diesem Taler enthielt mein Lederbeutel ja nur noch eine Kleinigkeit.«

»Es wurde auch nichts Nennenswertes weiter dem Schrank entnommen, sei es, daß Ihr erst nur rauben, von der alten Dame angerufen worden seid, worauf Ihr sie erschlugt und vor Schrecken die Flucht ergriffen habt, sei es aus anderer Ursache.«

Schwer gingen die Atemzüge des Wald-Sepp.

Seine breite Brust hob und senkte sich unter der Gewalt des Sturmes, der unter ihr tobte.

»Ich stehe nicht im besten Ruf,« sagte er dann knirschend, in ohnmächtiger Wut, »deshalb glaubt man auch, mir alles in die Schuhe schieben zu können. Ich wehre mich aber diesmal aus Leibeskräften.«

»Das heißt, Ihr leugnet?«

»Nein, ich will die volle Wahrheit sagen. Vorhin hatte ich einen Unsinn gesprochen –«

»Aha!«

»Der Jubiläumstaler ist wirklich erst seit heute morgen in meinem Besitz.«

»Wirklich? Ihr behauptet doch nicht etwa, daß er Euch durch das Dach Eurer Waldhütte hereingeschneit kam?«

»Nein, ich habe ihn – gefunden!«

»Diesen Morgen?« fragte mit einer ungläubigen Miene der Untersuchungsrichter.

»Ja; es mochte gegen fünf Uhr in der Frühe sein.«

»Das ist sonderbar,« bemerkte der Untersuchungsrichter sarkastisch. »Ich denke, da schlieft Ihr noch?«

»Ich – hatte damit die Unwahrheit gesagt,« versetzte zögernd der Gefangene. Man sah ihm die Wut an, die ihn erfaßte bei dem Gedanken, daß er sich selbst der Lüge beschuldigen mußte.

»Endlich gesteht Ihr doch wenigstens dies ein!« sagte der Richter. »Ihr wollt also den Taler gefunden haben?«

»Ja!«

»Sagt doch lieber gleich, daß Ihr ihn aus dem Schrank der ermordeten Frau Fallner nahmt, damit kommen wir rascher zum Ziel.«

»Ich habe den Taler gefunden; ich kann nichts anderes sagen,« erwiderte der Wald-Sepp hartnäckig. »Ich würde da erst recht lügen!«

»Meinetwegen bleibt also vorläufig dabei. Wir werden Euch schon überführen. Also gefunden! Und wo denn eigentlich?«

Ohne Zaudern kam die Antwort.

»Es war in der Nähe einer Besitzung, die einem Herrn Peter Brak gehört. Der Taler lag am Wege.«

»Was Ihr nicht sagt!« machte der Richter ungläubig. »Wie seid Ihr denn da vorbeigekommen?«

»Ich kam aus der Stadt.«

»Und was habt Ihr die Nacht über für Geschäfte gehabt?«

Der Wald-Sepp schwieg.

Er hoffte noch immer, sich auch so aus der Klemme zu befreien, ohne daß er angab, wo er die Nacht gewesen.

Mit pfeifendem Geräusch fuhr die Feder des Protokollierenden über das harte Papier.

»Ihr schweigt darüber?« fragte der Richter nach einer Weile.

»Ja!«

»Ihr habt es Euch selbst zuzuschreiben! Habt Ihr vielleicht auch schon eine Erklärung bereit, wie Euer Hammer in das Zimmer der Ermordeten kam?«

»Er muß mir gestohlen worden sein; es ist nicht anders möglich!«

»Unsinn, Mann! Macht Euch doch nicht lächerlich?« fuhr der Richter auf. »Den Taler gefunden, der Hammer gestohlen! So leicht geht das doch nicht. Da müßtet Ihr schon einen Beweis für solch unsinnige Behauptungen erbringen können.«

»Daß ich den Taler fand, dafür habe ich einen Zeugen.«

»Ah!« machte wirklich überrascht der Richter. »Das wäre schon etwas. Sprecht!«

»Wie ich das Geldstück vom Boden aufhob, kam eine Magd dazu, die in dem nahen Haus des Herrn Peter Brak bedienstet ist. Sie war neugierig, wie alle Weiber, und ich zeigte ihr auch den Taler. Aber ich gab ihn nicht her, sondern sagte: ›Gestern habe ich ihn verloren, es ist gut, daß ich ihn heute wieder finde.‹ Damit ging ich meiner Wege.«

»Ich werde die Magd darüber vernehmen. Und den Hammer betreffend, da habt Ihr doch nicht etwa auch einen Beweis?«

»Ich kann nur sagen, daß er mir gestohlen worden sein muß, aber ich hatte keine Ahnung davon.«

»Seit wann wollt Ihr den Hammer vermißt haben?«

»Ich habe in der Nacht vor dem Mord, es mochte schon zwölf Uhr vorbei sein, vor meiner Hütte ein Geräusch gehört. Der Hund knurrte und schlug endlich an. Da ich noch auf war, und Licht hatte, so nahm ich die Büchse und trat rasch vor die Hütte.«

»Einen Augenblick! Wie kommt Ihr denn zu der Waffe?«

»Ich wohne so allein im Forst, da ist es doch erklärlich, wenn ich mich vorsehe,« versetzte der Angeklagte, den Blick des Richters meidend.

»Hm – fahrt weiter fort!«

»Wie ich heraustrat, sah ich eine Gestalt oben an dem kleinen Bretterschuppen stehen, in dem mein Werkzeug liegt. Es war jedoch zu dunkel, als daß ich das Gesicht des Mannes erkannt hätte.«

»Also es war ein Mann?«

»Ja; ziemlich groß, soviel konnte ich sehen, und ohne Kopfbedeckung. Die Haare waren entweder blond oder grau, wie ich in dem Lichtstreifen bemerkte, der die Gestalt ganz kurz und auch nur von rückwärts traf, als sie entfloh.«

»Sie entfloh also?«

»Fast in demselben Augenblick, als ich mit dem Gewehr aus der Hütte trat. Ich rief laut: ›Halt! Wer ist da?‹ bekam aber keine Antwort. In wilder Flucht entfernte sich der Mann. Ich eilte hinauf zu dem Schuppen, sah und hörte aber nichts mehr.«

»So! Und nun wollt Ihr behaupten, daß Euch dieser unbekannte Gast den Mordhammer stahl und in der nächsten Nacht die Tat ausführte?«

»Es muß wohl so sein. Den Hammer habe ich gar nicht vermißt, weil ich nichts arbeitete. Sonst wurde mir auch nichts gestohlen und deshalb dachte ich gar nicht weiter an die Sache. Erst jetzt weiß ich, daß nur so mein Hammer verschwinden konnte.«

»Weiß Eure sogenannte Haushälterin von diesem nächtlichen Besuch?«

»Ja; Kathrin war noch wach, wir saßen beisammen. Sie kann es bestätigen.«

»Ich werde auch sie vorladen. Und nun hofft Ihr allen Ernstes, daß man Euch glauben soll, wenn Ihr behauptet, an dem Euch zur Last gelegten Verbrechen völlig unbeteiligt zu sein!?« rief laut der Untersuchungsrichter.

Der Wald-Sepp warf den Kopf zurück.

»Muß man mir nicht glauben, wenn ich beweise, daß ich unschuldig bin?«

»Bis dahin hat es noch gute Wege! Habt Ihr den Mord nicht aus eigenem Antrieb begangen, so stiftete Euch ein anderer dazu an. Beteiligt seid Ihr jedenfalls!«

Die Röte der Wut trat dem Burschen in das Gesicht.

»So! Und wenn ich doch beweise, daß ich wirklich den Taler gefunden habe, daß in vorletzter Nacht ein Unbekannter sich nach meiner Hütte schlich?« keuchte er.

»Ihr habt anfänglich zuviel gelogen, als daß man Euren Angaben überhaupt großes Gewicht beilegen könnte. Aber darüber werden wir ja klar werden.«

»Und dann müssen Sie mich entlassen!« versetzte Sepp drohend.

»Was Euch nicht einfällt,« entgegnete der Richter kurz. »Ihr habt einen viel zu schlechten Leumund, als daß bloß ein paar Ausreden genügen, Euch wieder durchschlüpfen zu lassen. Nein, wenn selbst diese Angaben sich bestätigen, der Mörder könnt Ihr doch sein, trotz allem! Diese Behauptung halte ich aufrecht, denn – das Blut der Ermordeten klebt nicht nur an diesem Hammer, auch Euer Rock trägt die Spuren davon! Wollt Ihr noch immer leugnen!«

Donnernd warf der schneidige Untersuchungsrichter diese, bis zuletzt aufgesparten Worte hin. Er war aufgesprungen und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

Die Wirkung dieser Worte entsprach jedoch nicht den Hoffnungen des Richters, denn der Wald-Sepp schrie mit wutentstellter Stimme:

»Hahaha! Ich sehe es schon, mit Gewalt will man mich zum Mörder machen, weil ich ein armer Teufel bin! Aber ich wehre mich, ich schreie es durch alle Wände, wie man hier zu Gericht sitzt. Man muß mich freigeben, denn ich weiß nichts von dem Mord, nichts von dem Hammer. Und das Blut an meinem Rock rührt von ganz etwas anderem her. Auch das kann ich beweisen, aber wozu denn noch, wenn mir keine Silbe geglaubt wird! Eines Tages aber werde ich frei sein, das prophezeie ich euch, und dann wehe euch allen!«

Wutschäumend brach er ab.

Auf einen Wink des Untersuchungsrichters trat ein Gendarm an die Seite des Verhafteten, da dieser wie toll an seinen Fesseln zerrte.

Der Richter entgegnete ärgerlich:

»Diese empörte Aufführung gereicht Euch nur selbst zum Schaden und ändert an der Sachlage durchaus nichts. Seid Ihr unschuldig, so wird sich dies herausstellen; vorläufig aber müßt Ihr schon erlauben, daß man Euch dies nicht glaubt. Ihr werdet nun zurückgeführt und in einer Viertelstunde der Leiche Eures Opfers gegenübergestellt. Bis dahin habt Ihr Zeit, zu überlegen, ob es nicht besser ist, eine Tat einzugestehen, deren man Euch ja schließlich doch überführen wird!«

Der Untersuchungsrichter gab einen Wink, und Joseph Vroninger, der Wald-Sepp, wurde in seine Zelle zurückgeführt.


VI.

Die gerichtliche Obduktion hatte stattgefunden und ergeben, daß Frau Fallner kaum noch wenige Sekunden nach dem Streich lebte.

Vielleicht hatte sie rasch noch die Augen geöffnet, das Gesicht des Mörders gesehen, einen kurzen Schrei ausgestoßen und dann sofort das Bewußtsein verloren.

Unmittelbar darauf trat sodann der Tod ein.

Auch der wahrscheinlich noch ausgestoßene Schrei mußte kaum auf dem Flur draußen hörbar gewesen sein, denn Balthasar hatte keinen Laut vernommen.

In einem Wagen – der Empörung wegen, die sich der ganzen Einwohnerschaft Wilbergs seit Bekanntwerden des Mordes bemächtigte – wurde der Wald-Sepp nach dem Haus seines Opfers gebracht.

Bewacht von zwei Gendarmen saß er gefesselt in dem Wagen, hörte die Verwünschungen der Menge, die ihn begleitete, und hatte auf all dies denselben wild-trotzigen Blick, der ihn nicht mehr verließ, seit dem letzten Verhör, das der Untersuchungsrichter mit ihm anstellte.

In einem zweiten Wagen folgten die Beamten.

Am Tor des Fallnerschen Besitztums standen viele Personen, denn es war nicht verschwiegen geblieben, daß der Mörder hierher geführt wurde, um, angesichts seines blutigen Opfers, die Tat zu gestehen.

Als der Wald-Sepp ausstieg, trafen sein Ohr von allen Seiten derartige Verwünschungen, daß er versucht war, diese zu erwidern.

Erst als die Menge, gereizt durch seine trotzige Miene, auf ihn eindrang, um ihn mit Stöcken zu erschlagen, erbleichte der Wehrlose.

Die Gendarmen trieben die Wütenden zurück und schritten mit dem Gefangenen rasch durch den Garten, dem Haus zu.

Die Empörung des harmlosen Volkes war leicht erklärlich, wenn man bedachte, daß Frau Fallner weit und breit beliebt war, ja, geradezu verehrt wurde.

Ebenso rasch folgten die Gerichtsherren.

Anwesend waren noch, außer Balthasar, der Inspektor Brak und sein Bruder.

Gollwitz war dienstlich abgehalten.

Peter Brak betrachtete sich den Wald-Sepp bei dessen Erscheinen mit großem Interesse, ohne daß er selbst von dem Gefangenen bemerkt wurde.

»Ich bin neugierig, ob der Patron die Tat eingesteht!« sagte Peter Brak zu seinem Bruder, dem Inspektor.

»Ich halte ihn unbedingt für den Täter; es sind ja auch Beweise genug vorhanden, ihn zu überführen!« entgegnete dieser.

Während der Inspektor in das Zimmer trat, in dem Sepp bereits der Leiche gegenübergestellt wurde, entfernte sich Brak aus dem Hause.

Er war zu angegriffen, um an der schauerlichen Szene teilzunehmen.

Im Garten auf einer Bank sitzend, erwartete er das Resultat.

»Ist er der Mörder? Ist er es nicht?« murmelte er nachdenklich. »Mir deucht, es müßte ein anderer sein. Aber wer – wer?«

Peter Brak rieb sich die Stirn, schüttelte den Kopf und sah dann brütend vor sich nieder.

Offenbar war er zu keinem Resultat gekommen.

Zehn Minuten später wurde unfern von ihm der Wald-Sepp nach dem Wagen zurücktransportiert.

Durch die Büsche hindurch sah er das etwas fahle Gesicht des Burschen, der die Lippen fest aufeinanderpreßte und drohende Blicke um sich schickte.

Er stand auf und trat in das Haus.

Das Ergebnis dieser Vorführung war von keinem Wert.

Sepp hatte auch der Leiche gegenüber auf das entschiedenste geleugnet, etwas von dem Mord zu wissen, hatte sich als unschuldig bekannt.

Keine Ermahnung half.

Wohl war der Bursche stark ergriffen, bat auch mit dumpfer Stimme, man möge ihn von der blutigen Leiche fortführen, aber daß er an der Tat beteiligt, dies gab er unter keinen Umständen zu.

So wurde er wieder unverrichteter Sache zurückgeführt.

Es vergingen nun zwei Tage.

Frau Fallner wurde unter enormer Beteiligung zur Ruhe getragen, tieftrauernd schritten ihre nächsten Angehörigen hinter dem Sarge her, und als dieser in die Erde versenkt war, hörte man von mehr als einer Seite, daß man nicht ruhen wolle, als bis der elende Mörder seiner gerechten Strafe zugeführt sei.

In der Sache selbst waren noch vernommen worden: die Busch-Kathrin und Braks alte Magd.

Sonderbarerweise bestätigten sie die Angaben des Verhafteten, so daß er also hier die Wahrheit gesprochen hatte.

Dennoch konnte Sepp trotzdem der Mörder sein.

Vielleicht hatte er eben im Auftrag jenes nächtlichen Unbekannten gehandelt, den er nur gesehen, aber nicht gesprochen haben wollte.

Aber es ließ sich nicht leugnen, die Sache hatte für Sepp eine günstigere Wendung genommen, obwohl ihn der Untersuchungsrichter noch immer für schuldig hielt.

Es ergaben sich aber noch wichtigere Feststellungen.

Als das bedeutendste Moment galt die Tatsache, daß das Blut am Rock Sepps weder von ihm selbst, wie er behauptet, noch von der Ermordeten herrührte.

Es war, wie mehrere vereidigte Chemiker bekundeten, überhaupt kein Menschenblut, sondern rührte von einem Tier her.

Man brachte diese Tatsache mit dem Umstand in Verbindung, daß Sepp wilderte, obwohl man ihm dies nicht direkt beweisen konnte bis dahin.

Sodann paßte Sepps Fußgröße in keine der vom Staatsanwalt genau abgemessenen Spuren im Garten Peter Braks.

Daß er auch bei diesem eingestiegen war, um zu rauben, leugnete Sepp auf das entschiedenste, beteuerte seine Unschuld und verlangte, freigelassen zu werden.

Diesem Verlangen wurde jedoch fürs erste noch nicht stattgegeben, wohl aber stiegen jetzt selbst dem Untersuchungsrichter Zweifel darüber auf, ob man in Sepp wirklich den alleinigen Mörder habe.

Bis jetzt hatte dieser sich hartnäckig geweigert, anzugeben, wo er sich die Nacht über aufgehalten hatte.

Er merkte nämlich, daß man bereits etwas unsicher betreffs seiner Schuld wurde und hoffte, auch so freizukommen, ohne daß er angab, sich die Nacht in der Kugel-Wirtschaft aufgehalten zu haben, in welchem Fall auch an den Tag kommen mußte, daß er ein Reh verkaufte.

Der Wirt, wie auch die zwei Genossen, mit denen er die Nacht durchzechte, schwiegen aus guten Gründen, und Sepp wollte lieber die kurze Untersuchungshaft tragen, als die Zuchthausstrafe von einigen Monaten, die ihn wegen Wilddieberei erwartete.

Tatsächlich hatte sich die mit großer Energie geführte Untersuchung nach anderer Seite gewendet.

Der Untersuchungsrichter wurde von dem Oberamtsrichter wiederholt auf Heinrich Gollwitz hingewiesen. – Der junge, gänzlich unbescholtene Mann schien dem Oberamtsrichter überhaupt unsympathisch zu sein, und er wurde dem Untersuchungsrichter als eine Persönlichkeit geschildert, die am meisten Nutzen aus dem Tod der alten Dame zog, da diese ja mehrfach geäußert, daß Luise Brak und Heinrich Gollwitz ihre Erben sein sollten.

Diesen Wink hatte der Untersuchungsrichter nicht unbeachtet gelassen.

Er ging jedoch mit großer Vorsicht zu Werke, um Gollwitz nicht stutzig zu machen.

Der einzige, schwerwiegende Punkt in der Anklage gegen den Wald-Sepp bestand in dem Umstand, daß man seinen Hammer am Tatort fand, sodann, daß er sich weigerte, den Aufenthalt in der Mordnacht anzugeben.

Er behauptete, eine Nacht vorher eine unbekannte Person vor der Hütte bemerkt zu haben, die ihm den Hammer gestohlen haben müsse.

So sonderbar es nun war, daß ein Mensch erst nach der entfernten Waldhütte lief, um sich dort das Werkzeug zu verschaffen, das er doch jedenfalls viel bequemer zur Hand hatte, so war andererseits auch anzunehmen, der Täter suchte sich mit Absicht den schlecht beleumundeten Sepp heraus, um den Verdacht sofort auf diesen zu lenken.

Dies war nicht unmöglich, so wenig Glauben der Wald-Sepp anfänglich mit seiner Behauptung fand.

Ganz im Geheimen stellte der Untersuchungsrichter Erkundigungen an.

Er begab sich selbst, zu einer Zeit, wo der Referendar Gollwitz im Amt war, zu dessen Logisfrau, einer alleinstehenden alten Witwe, und befragte sie über ihren Mieter.

Frau Ballin war nicht wenig erschrocken, als sie von dem Beamten erfuhr, daß sich Gollwitz wegen des Mordes an der Frau Fallner, seiner Tante, zu verantworten haben werde.

Der Untersuchungsrichter verlangte jedoch zugleich unbedingtes Stillschweigen ihrem Mieter gegenüber, gegen den ja auch nicht das geringste unternommen würde, sobald er sich auszuweisen vermöge.

Frau Ballin berichtete nun, daß Gollwitz seit dem Tod seines bejahrten Vaters bei ihr wohne und in Frau Fallner eine zweite Mutter besessen habe.

Er liebte die alte Dame sehr und gewiß nicht nur aus dem Grund, weil diese mütterlich für ihn sorgte und die Kosten seiner Ausbildung bestritt.

Daß Gollwitz, dem sie das allerbeste Zeugnis gab, imstande gewesen sein sollte, die Tante zu ermorden, oder auch nur solches zu wünschen, wies Frau Ballin weit von der Hand.

»Sagen Sie doch,« fragte der ruhigbleibende Richter, »ist Ihnen auch nicht bekannt, daß sich Gollwitz wenigstens den natürlichen Tod der alten Dame wünschte?«

»Das allein wäre ja schon ein Verbrechen, und Herr Gollwitz dachte nie daran,« lautete die Antwort.

»Hm – aber Gollwitz sprach doch hin und wieder davon, daß er nach dem Tod der Dame erben würde?«

»Er sprach davon, das ist wahr, doch nur in Gefühlen der Dankbarkeit.«

»Ist Ihnen bekannt, daß er mit Fräulein Luise Brak ein Liebesverhältnis unterhielt?«

»Nein,« versetzte die Frau rasch, »davon weiß ich absolut nichts. Vielleicht liebte Herr Gollwitz das Fräulein ich glaube dies sogar, aber solange er arm war, durfte er nicht daran denken, sich dem alten Herrn Brak zu offenbaren, der sehr geizig ist.«

»Nun, sehen Sie,« rief schnell der Richter, »darum handelt es sich so eben. Gollwitz liebte Luise –, man hat dafür bereits Beweise – und sein Bestreben ging dahin, sich bald in den Besitz des geliebten Gegenstandes zu setzen. Dies war aber erst möglich, wenn er das Erbe angetreten hatte, das ihm in Aussicht gestellt war. Die Leidenschaft, liebe Frau, hat schon Dinge zuwege gebracht, die unter normalen Verhältnissen gar nicht denkbar gewesen wären. Frau Fallner war noch sehr gesund, konnte noch lange leben, und dieser Gedanke mußte dem jungen Menschen durchaus ungelegen kommen.«

Die Witwe schüttelte ernst den grauen Kopf.

»Ich glaube trotzdem nicht, daß sich Herr Gollwitz soweit vergessen konnte; nein, nein, es ist nicht möglich. Er kann ja kein armseliges Tier leiden sehen. Wie könnte er dann so grausam sein, einen Mord zu begehen?«

»Vielleicht, daß er ihn nicht selbst ausführte, daß er den Wald-Sepp dazu dingte und außerhalb des Gartens wartete?«

»Auch dies vermag ich nicht zu glauben.«

»Nun, wir werden ja sehen. Sagen Sie mir noch, wann Gollwitz in der bewußten Nacht nach Hause kam?«

Die Witwe sann eine Weile nach und antwortete dann:

»Es war ein Viertel nach zwölf.«

Der Untersuchungsrichter notierte sich die Zeit.

»Sie irren sich nicht?« sagte er.

»Nein, ich weiß es ganz gewiß. Zufällig war ich noch auf, als Herr Gollwitz an meiner Tür vorbeischritt. Ich öffnete diese und rief ihm auf den Gang hinaus ein: ›Gute Nacht!‹ zu. Er antwortete mir nur kurz darauf, weil er nicht gut gelaunt zu sein schien, und trat in sein Zimmer. Ich schaute nach der Uhr, es war ein Viertel nach zwölf.«

»Liegt das Zimmer, das Gollwitz bewohnt, parterre?«

»Jawohl, gleich hier nebenan. Sie können es ansehen, mein Herr.«

Der Beamte ging nun mit der alten Frau in das nebenan liegende Zimmer.

Es war klein und einfach möbliert.

Nur zwei Fenster enthaltend, ging das eine davon auf die Straße.

Der Untersuchungsrichter betrachtete es sorgsam.

Es war durchaus kein Kunststück, von hier aus durch das Fenster auf die Straße zu gelangen.

Diesen Gedanken festhaltend, fragte der Richter die alte Frau: »Hielt sich Gollwitz in der Nacht vor dem Mord – besinnen Sie sich genau – zu Hause auf?«

»Ja, ich weiß es bestimmt. Herr Gollwitz lebt sehr solid. Er kam schon abends heim, zog sich in sein Zimmer zurück und zeigte sich nicht mehr.«

»Zeigte sich nicht mehr? So – so!«

Und der Untersuchungsrichter betrachtete sich nochmals das Fenster, ohne jedoch etwas Auffälliges zu finden.

»Irgendwelche Veränderung haben Sie an Gollwitz seit dem Mord wohl auch nicht bemerkt?« fragte er weiter.

»Herr Gollwitz ist freilich immer sehr erregt, aber das läßt sich doch begreifen,« antwortete die Frau.

»Blutige Wäsche oder dergleichen fanden Sie nicht?«

»O nein!«

Der Beamte empfahl sich, verlangte Gollwitz gegenüber vollkommenes Schweigen und entfernte sich.

Er sprach bei dem Oberamtsrichter vor, der ihn mit einer wichtigen Miene empfing.

»Ich habe Ihnen, den Mord betreffend, eine wertvolle Mitteilung zu machen!« sprach er sogleich.

»Sprechen Sie, bitte. Ich komme soeben von der Witwe Ballin.«

»Gollwitz wohnt bei ihr!« rief der Oberamtsrichter. »Sie haben sich selbst bemüht?«

»Der Vorsicht wegen, ja!«

»Und was haben Sie gefunden?«

»Offen gesagt, nicht viel. Der junge Mann besitzt den besten Leumund. Andererseits läßt sich aber auch wieder nicht leugnen, daß er von dem Tod der alten Dame fast allein Nutzen zu ziehen hoffte.«

»Hoffte! Ja, das ist es; er glaubte bestimmt, daß er ihr Erbe sein würde und hatte dazu auch alle Veranlassung.

Die Ermordete bestärkte ihn selbst in diesem Glauben.

Unterdessen ist der Nachlaß von seiten des Gerichts einer Prüfung unterzogen worden, und ist es nicht geradezu eine Fügung des Schicksals zu nennen, eine Tatsache ausgleichender Gerechtigkeit, daß ein Testament gar nicht gefunden, also von Frau Fallner ein solches noch gar nicht aufgesetzt wurde, Heinrich Gollwitz erbt gar nichts.«

»Er hätte also die alte Dame um ein Nichts ermordet?«

»Um nichts, ganz recht. Aber er konnte natürlich nicht wissen, daß die Ermordete das erwähnte Testament noch nicht aufgesetzt hatte, sondern vermutete eben das Gegenteil.«

»Wenn man ihm beweisen könnte, daß er tatsächlich auf dieses Erbe wartete?« –

»Dies hoffe ich ihm beweisen zu können. Lesen Sie nur einmal hier diese Zeilen!«

Mit einer triumphierenden Miene reichte der Oberamtsrichter dem anderen ein offenes Blatt Papier. Dieser las:


»Mein lieber Heinrich!

Nach reiflichem Überlegen bin ich zu der Erkenntnis gelangt, daß Ihr beide, Du und Luise, noch zu jung zum Heiraten seid. Wartet also noch ruhig ein paar Jährchen. Dann meinetwegen will ich – falls ich nicht schon früher sterbe und Du in den Besitz meines Vermögens gelangst, wie Du weißt – ein Auge zudrücken und bei meinem Bruder ein gewichtiges Wort für Dich einlegen, denn Du weißt, Peter Brak darf vorläufig noch nichts von Eurem Bund erfahren, den er durchaus nicht gutheißen wird, solange ich ihm nicht sage, daß Du und Luise meine Erben werdet.

Also, nur Geduld bis dahin, mein lieber Sohn; es bleibt Dir nichts anderes übrig, als zu warten, und Tante Fallner meint es ja nur gut. Bestürme mich also nicht mehr mit Deinen Bitten, bei Brak Eure Verbindung durchzusetzen. Ich bleibe hart.

Da ich Dich erst nächsten Donnerstag bei wir erwarte, so sende ich Dir heute schon diese Zeilen.«

Der Untersuchungsrichter ließ den Arm mit dem Blatt sinken.

»Das ist in der Tat ein wichtiges Dokument,« sagte er. »Wie kommt es in Ihre Hände?«

»Durch die einfachste Art der Welt. Ich hatte gleich von Anfang an vermutet, daß sich irgendwelche Zeilen im Besitz des Referendars befänden, die das Verhältnis zwischen ihm und Frau Fallner klarstellten, wußte jedoch nicht, wie dazukommen, da eine direkte Durchsuchung seiner Wohnung noch nicht gerechtfertigt erschien. Ich gab deshalb dem Diener, der das Amtszimmer aufzuräumen hat, in dem der Referendar beschäftigt ist, einen deutlichen Wink, nachzusehen, ob Gollwitz nicht dort unter der Schreibunterlage oder im Papierkorb usw. ein beschriebenes Blatt liegen ließ und vergaß. Dabei hatte ich Glück, wie Sie sehen. Der Diener brachte mir vorhin diesen Brief, den Frau Fallner an Gollwitz etwa zwei Tage vor dem Mord schrieb.«

Der Untersuchungsrichter drehte das wichtige Dokument in den Fingern.

»Die Verdachtsmomente mehren sich tatsächlich gegen den jungen Mann. Diesen Brief werde ich zu den Akten legen und das weitere veranlassen. Mit dem heutigen Tag erschien auch die Bekanntmachung, daß auf die Entdeckung des wahren Mörders eine Belohnung von fünfhundert Mark ausgesetzt wird. Wir gestehen damit allerdings, daß wir den Wald-Sepp nicht mehr recht sicher für den Alleinschuldigen halten, aber was tut das? Vielleicht erfährt man wirklich etwas Genaueres.«

»Möglich, daß irgendwer Gollwitz um eine gewisse Stunde in der Nähe des Fallnerschen Hauses bemerkte,« versetzte der Oberamtsrichter, hartnäckig daran festhaltend, daß eben nur Gollwitz und kaum ein anderer direkt der Urheber des Mordes sein könne.

»Ich habe hier bereits eine Art Schlinge für den Referendar,« sagte rasch der Untersuchungsrichter, »da ich von seiner Wirtin auf das Bestimmteste erfuhr, daß Gollwitz in der bewußten Nacht erst gegen ein Viertel nach zwölf heimkam. Ich werde nun Gollwitz vorladen und ihn befragen, was er die Nacht über trieb. Kann er sich ausweisen, so ist es gut, wo nicht, verfüge ich seine Verhaftung.«

»Darüber kann ich Ihnen ganz genaue Auskunft geben,« antwortete der Oberamtsrichter. »Gollwitz hat auf mein Befragen mit aller Bestimmtheit erklärt, daß er an dem Abend des Mordes schon nach eingebrochener Dunkelheit heimkehrte.«

»Herrscht hier kein Irrtum?«

Durchaus nicht. Sie können übrigens Gollwitz noch einmal fragen, und er wird dasselbe antworten.«

»Ach, dann hätten wir ihn ja bereits!« rief im Eifer der Untersuchungsrichter.

Der andere nickte, und der die Untersuchung führende Beamte empfahl sich.

In seinem Bureau angekommen, gab er Auftrag, den Referendar Gollwitz, zwecks einer amtlichen Vernehmung, vorzuführen.

Kaum war dies geschehen, so wurde ihm ein Arbeiter gemeldet, der über den Mord Angaben zu machen sich bereit erklärte.

Er wurde sofort vorgelassen.

»Was wissen Sie über die Sache?« fragte der Untersuchungsrichter.

Der Mann, der erst mit großer Zuversicht hierherging, kratzte sich nun doch etwas verlegen hinter dem Ohr.

»Ich weiß zwar nicht, Herr Richter, ob es was richtiges ist, was ich angeben kann,« sagte er, »aber die anderen ließen mir keine Ruhe, und meine Barbara meinte, fünfhundert Märker wären nicht alle Tage zu verdienen und da höre jede Rücksicht auf bekannte Personen auf.«

»Ganz recht. Was wißt Ihr also?«

Getreu der Wahrheit berichtete der Mann nun, wie er in der verhängnisvollen Nacht mit Heinrich Gollwitz zusammentraf.

»Ihr könnt das beschwören?« rief der Untersuchungsrichter hastig, als der Arbeiter geendet hatte.

»Jawohl, jederzeit. Ich kenne ja den jungen Herrn sehr gut.«

»Wie spät war es, als Ihr Gollwitz in der Nähe des Brakschen Hauses auf dem Wege stehen saht?«

»Es schlug unmittelbar vorher Mitternacht auf dem Martinsturm.«

»War es nicht etwa elf, statt zwölf? Ihr könnt Euch ja verzählt haben!«

»Nein, ich bin meiner Sache gewiß. Als Herr Gollwitz in die J . . . . straße, wo er wohnt, trat« schlug es ein Viertel.«

»Das stimmt genau mit den Aussagen der Witwe Ballin überein,« sagte sich der Untersuchungsrichter.

Er ließ den Arbeiter das Protokoll unterschreiben und dieser war entlassen.

Am Nachmittag erschien Heinrich Gollwitz vor dem Untersuchungsrichter.

Sein Gesicht war bleich und zeigte den Ausdruck des Kummers und der Sorge.

Gollwitz wußte ja nun, daß er nichts mehr zu erhoffen hatte von dem Erbe, das ihm die gute Tante Fallner so bestimmt versprach, wissend, daß Peter Brak nur in diesem Fall sein Kind dem Referendar geben würde.

Die Hoffnung auf Luisens Hand durfte sich Heinrich nun aus dem Kopf schlagen, ja, niemand durfte auch nur eine Silbe davon erfahren, daß er es wagte, sich dem Mädchen zu nähern. Jetzt, da er niemals ihr Gatte werden konnte, hätte ein Bekanntwerden ihres, wenn auch unschuldigen Liebesverhältnisses Luise schwer kompromittiert und geschädigt.

Deshalb mußte er schweigen.

Gollwitz befand sich aber auch in gewisser Unruhe. Er ahnte irgendeine noch nicht recht greifbare Gefahr für sich.

Weshalb rief ihn der Untersuchungsrichter?

Was konnte er denn noch von ihm wissen wollen?

Schon der Oberamtsrichter hatte ihn so eigentümlich befragt. Sollte sich dies hier noch einmal wiederholen?

Und wirklich war es so. In sachgemäßer, kalter Weise stellte der Richter seine Fragen.

Er verlangte zunächst Auskunft darüber, was Gollwitz an dem bewußten Abend getan hatte.

Mit innerlichem Widerstreben antwortete Gollwitz dasselbe was er schon dem Oberamtsrichter sagte auf die gleiche Frage.

»Sie behaupten also, einen Spaziergang in der Dämmerung gemacht zu haben und dann – etwa eine halbe Stunde später – heimgekehrt zu sein?« erwiderte der Richter mit Nachdruck.

»Ja, so ist es,« sagte Gollwitz, konnte jedoch nicht verhindern, daß seine Stimme unsicher klang.

»Können Sie angeben, wie spät es beiläufig war, als Sie Ihr Zimmer betraten?«

»Vielleicht zehn Uhr. – Aber darf ich fragen, was dies alles bedeutet?«

»Sogleich! Vorläufig kann ich Ihnen erwidern, daß Ihre Aussagen erlogen sind!« rief der Beamte.

»Erlogen!?« fuhr Gollwitz auf, indem eine jähe Röte über sein Gesicht flog.

»Jawohl, erlogen!« sprach der Untersuchungsrichter kalt.

»Frau Ballin, Ihre Wirtin, hat angegeben, daß Sie genau ein Viertel nach zwölf ihr Zimmer betraten.«

Gollwitz schwieg; er atmete nur heftiger.

»Was sagen Sie darauf?« fragte der Beamte, ihn scharf fixierend.

»Ich mag mich also in meiner Angabe geirrt haben,« preßte Gollwitz hervor.

»Gut, daß Sie das zugeben. Wo hielten Sie sich bis zwölf Uhr auf?«

»Ich ging spazieren.«

»Das klingt sehr unwahrscheinlich!«

»Dennoch kann ich nichts anderes sagen.«

»Was taten Sie in der Nähe des Fallnerschen Hauses?«

»Ich kam gar nicht dorthin.«

»Nicht? Aber doch in die Nähe des Brakschen Besitztumes?«

»Nein, auch dort war ich nicht,« sagte Gollwitz etwas unbedacht, denn er hätte sich sagen müssen, daß ihn der Mann neulich ja erkannte.

»Durch derartige Unwahrheiten werfen Sie selbst ein schlechtes Licht auf Ihren Charakter,« versetzte der Richter kurz. »Auch hier kann ich Ihnen durch einen Zeugen das Gegenteil beweisen. Vielleicht waren Sie im Garten Braks selbst!«

»Nein, nein!« rief Gollwitz mit solcher Heftigkeit, daß er dadurch seine Lage nur noch verschlimmerte. »Was sollte ich denn zu solch später Stunde in dem abgeschlossenen Garten tun? Ich gebe es zu, es ist möglich, daß ich auf dem Weg dort vorüberkam, ich weiß es nicht mehr. Und das ist doch nicht etwa ein Verbrechen? Aber den Garten selbst habe ich nicht betreten.«

Der Richter ließ alles zu Protokoll nehmen, dann sagte er:

»Ich muß Sie bitten, mir eine klare Antwort, betreffend das Verhältnis Ihrer Person zu Frau Fallner, zu geben. Die Dame war mit Ihnen verwandt und Sie hatten Gründe, anzunehmen, daß nach ihrem Tod ein Teil des Vermögens an Sie fiel?«

»Frau Fallner war meine Tante, meine zweite Mutter,« erwiderte Gollwitz und man sah es ihm an, wieviel Mühe es ihn kostete, die oberflächliche Ruhe zu bewahren. »Wenn ich auch Gründe hatte, zu hoffen, von Frau Fallner gütig bedacht zu werden, so ist diese Hoffnung doch völlig zerstört worden, da sich kein Testament vorfand.«

»Das erwarteten Sie wohl nicht, und es traf Sie sehr hart?«

»Wenn auch, ich zürne der Toten nicht, die nur zu schnell aus dem Leben gerissen wurde, um noch vorher ein Testament aufsetzen zu können.«

»Hm! Sie nahmen aber vielleicht an, daß sich ein solches Vermächtnis nach dem Tod der Dame unbedingt vorfinden würde?«

»Ich nahm es an, ja, wenngleich dieser Gedanke erst dann kam, als sich tatsächlich keins vorfand.«

»Natürlich! Sie wollten heiraten?«

Diese Frage kam so unerwartet, so bestimmt, daß Gollwitz heftig zusammenzuckte.

»Wer – sagt dies?« stotterte er.

»Ich frage Sie ja nur!«

»Davon weiß ich nichts; ich bitte, verschonen Sie mich mit solchen Fragen!«

»Ich muß bedauern!« erwiderte kalt der Richter. »Sie bedrängten Frau Fallner sogar kurz vor dem Tag des Mordes, für Sie zu werben, das heißt wohl besser, Ihnen schon jetzt einen Teil des Erbes zuzusichern?«

Betroffen, verwirrt blickte Heinrich den Beamten an.

»Es war nicht so,« stammelte er, »ich bedrängte Frau Fallner nicht, ich bat nur –«

»Und wurden abgewiesen!« ergänzte der Richter. »Dieser Brief hier sagt das nähere darüber.«

Jetzt verstand Gollwitz. Die Röte der Empörung färbte seine Wangen.

»Dieser Brief! Er ist mir listigerweise entwendet worden! Das ist Diebstahl!«

Der Verhörende ging jedoch gar nicht näher darauf ein, sondern fuhr fort:

» Sie lieben Fräulein Luise Brak?«

Keine Antwort.

»Werden Sie von ihr wiedergeliebt?«

Diesmal versetzte Gollwitz mit bleichem Antlitz:

»Nein, meine Base weiß nichts davon, daß ich sie liebe und heiraten wollte. Ich hätte sie erst damit bekanntgemacht –«

»Wenn Frau Fallner das Geld dazu hergegeben hätte, nicht wahr?«

»Wenn Sie in diesem Ton fortfahren, mein Herr,« antwortete Gollwitz, den Kopf zurückwerfend, »so antworte ich gar nichts mehr.«

Der Untersuchungsrichter hatte ein gefährliches Lächeln. Er drückte auf eine Glocke.

»Vorläufig genügen mir diese ersten Feststellungen, Herr Gollwitz,« sagte er. »Das weitere findet sich. Ich erkläre Sie hiermit für verhaftet.«

Der junge Mann prallte mit todblassem Gesicht zurück.

»Verhaftet!« rief er. »Ich? Weshalb? Wessen beschuldigt man mich denn?«

»Des Mordes an Frau Fallner!«

Gollwitz stieß einen lauten Schrei aus und, die Hände vor das Gesicht schlagend, taumelte er zurück, direkten Weges in die Arme des eintretenden Polizisten, der ihn auf einen Wink des Richters erfaßte.

»Der Mann wird in Untersuchungshaft abgeführt; ich folge sogleich nach!« sprach kalt der Richter.


VII.

Der Referendar Gollwitz verhaftet! Das war das Neueste, was man sich in Wilberg erzählte, verhaftet und in Untersuchung gezogen des Mordes wegen, der an Frau Fallner verübt wurde.

Der junge Mann hoffte Erbe zu werden, und da es ihm zu lange dauerte, bis die gute Dame starb, so half er nach.

Das Publikum teilte sich in zwei Parteien, solche, die Gollwitz für unschuldig erklärten, und andere, die es durchaus nicht für unmöglich hielten, daß ein junger Mann seine Wohltäterin ermordete.

Was man nun mit dem Wald-Sepp anfangen sollte, wußten die Leutchen nicht recht.

War Gollwitz der Mörder, so konnte es Sepp nicht sein. Aber der Hammer?

Schließlich nahmen diejenigen, die den Referendar als der Tat für fähig hielten, eben an, er habe im Verein mit Sepp die Tat ausgeführt und diesem eine bestimmte Summe versprochen.

Dieser Ansicht war auch der Untersuchungsrichter und er ließ den Sepp vorführen.

Der Bursche war noch trotziger geworden, seitdem er, wahrscheinlich durch einen unvorsichtigen Gefängniswärter, erfahren hatte, daß der Referendar Gollwitz, als verdächtig des Mordes, in Haft gesetzt wurde.

Er forderte energisch seine Freilassung, bezweckte damit aber nur, daß ihn der Richter barsch zur Ruhe wies.

»Joseph Vroninger,« fuhr der Beamte dann fort, »leugnet Ihr noch immer, den Mord an Frau Fallner ausgeführt zu haben?«

»Ja, bis zum jüngsten Tag,« schrie der Bursche. »Ich weiß nichts davon; da müssen Sie schon einen anderen suchen. Wie mein Hammer zu der Leiche kam, habe ich ja erklärt, er ist mir eben gestohlen worden.«

»Wollt Ihr nicht lieber eingestehen, daß Ihr, vielleicht im Verein mit einem anderen, der Euch Geld versprach, die Dame getötet habt?«

Der Wald-Sepp machte große Augen.

»Ah – sieh mal! Nun möchten Sie mir wenigstens das aufdisputieren! Ich sehe schon, man will mir mit Gewalt beweisen, daß ich an der Geschichte beteiligt bin.«

»Beweist mir das Gegenteil!«

»Das habe ich nicht nötig; man muß mich auch so freilassen.«

In diesem Augenblick wurde der Referendar aus der Untersuchungshaft vorgeführt.

Er war völlig gebrochen.

»Kennen Sie diesen Mann?« fragte der Richter ihn, auf den Wald-Sepp deutend.

Gollwitz sah mechanisch hin.

»Der Wald-Sepp,« antwortete er dann ebenso.

»Und Ihr, kennt Ihr den Herrn?« fragte der Beamte den Sepp.

»Nein, ich kenne ihn nicht!« sprach dieser.

Es gelang dem Untersuchungsrichter nicht, von einem der beiden Männer das Geständnis zu erpressen, daß sie miteinander in Verbindung standen.

»Wollen Sie noch immer nicht angeben, Gollwitz,« fragte er ziemlich ärgerlich, »wo Sie sich in der Mordnacht bis zwölf Uhr aufhielten?«

»Ich ging spazieren, ich sagte es ja schon,« lautete die resignierte Antwort.

»Und wenn Sie nichts anderes anzugeben vermögen, so sind Sie verloren!« rief der Richter.

Er ließ Gollwitz in seine Zelle zurückführen.

Der Wald-Sepp wartete eine Weile, dann meinte er listig:

»Nun müssen Sie mich eben doch laufen lassen, Herr Richter?«

»Ich denke gar nicht daran,« versetzte dieser kurz, »ja, ich hoffe, Euch im Gegenteil bald beweisen zu können, daß Ihr zum mindesten Mitschuldiger seid.«

»Das dürfte aber etwas lange dauern,« sagte Sepp.

»Und wenn es ein halbes Jahr dauert,« rief der Untersuchungsrichter, »ich will schließlich die Wahrheit schon herausbringen. Bis dahin sitzt Ihr mir gut in der Untersuchungshaft.«

Der Wald-Sepp blickte ganz perplex den Richter an.

»Ein – halbes Jahr?« meinte er dann gedehnt.

»Meinetwegen noch länger!«

»Teufel, das wäre nicht lustig,« brummte Sepp. »Da möchte ich doch lieber –«

Er rang offenbar mit einem Entschluß.

»Nun? Was möchtet Ihr lieber?« forschte der Richter mit Nachdruck.

»Hm,« wisperte Sepp, »wenn ich angeben könnte, daß ich die ganze Nacht nicht aus der Stadt, nicht aus einem gewissen Zimmer kam, damit hätte ich doch den Beweis erbracht, daß ich unbeteiligt an dem Mord bin?!«

»Daß Ihr das nicht könnt, daran liegt es eben!«

Eine Sekunde besann sich der Wald-Sepp noch, dann rief er entschlossen:

»Ich hab' es satt, beständig für einen Mörder gehalten zu werden und auch dann noch, wenn schon ein anderer gefaßt ist. Das halbe Jahr Untersuchungshaft, das Sie mir so freundlich in Aussicht stellten, Herr Richter, hat die Sache entschieden. Schicken Sie nach der Schenke zur Kugel, dort wird man Ihnen bestätigen, daß ich in der bewußten Nacht von neun Uhr abends an festgesessen bin bis morgens gegen vier Uhr, ohne mich auch nur eine Viertelstunde zu entfernen.«

Der Richter horchte hoch auf.

»Was habt Ihr für Zeugen dafür?« fragte er.

»Den Wirt, seine Tochter, dann Anton Springer und Christian Balder.«

»Ich werde sofort recherchieren und jeden einzeln vernehmen.«

»Tun Sie dies, Herr Richter, und reden Sie ihnen nur recht ins Gewissen. Sie werden anfänglich nicht recht herauswollen.«

»Weshalb nicht?«

»Das werden Sie vielleicht auch erfahren.«

»Noch eins! Wenn es seine Richtigkeit hat mit diesen Angaben, warum habt Ihr sie nicht gleich gemacht?«

»Ich hatte eben auch Gründe und hoffte, schon so freizukommen.«

»Was sind dies für Gründe?«

»Ich sage vorläufig nichts weiter!«

Sepp wollte abwarten, ob bei den Zeugenaussagen nicht durch einen glücklichen Zufall die Wilderergeschichte verschwiegen blieb. Aber wenn auch nicht, mehr als ein halbes Jahr konnte er doch nicht bekommen, und dann war's stets bequemer, im eigentlichen Zuchthaus, als in der strengen Untersuchungshaft zu sitzen.

Der Untersuchungsrichter ließ Sepp abführen und zitierte sofort die von dem Burschen genannten Personen einzeln zu sich.

Das Resultat dieser Vernehmung war, daß sich Sepp tatsächlich von neun Uhr abends bis früh vier Uhr im Wirtshaus zur Kugel aufgehalten hatte, wie schließlich alle Zeugen übereinstimmend aussagten.

Damit war Sepps Unschuld an dem Mord der Frau Fallner erwiesen; da jedoch sein langes Schweigen jedem zu denken geben mußte, so ging auch der Untersuchungsrichter der Sache auf den Grund, und die weitere Folge war, daß Joseph Vroningers Wilddieberei herauskam.

Er wurde deshalb nicht in Freiheit gesetzt, sondern die Untersuchung wegen Wildfrevel gegen ihn eingeleitet.

Da Sepp gewitzigt, sich aber keineswegs aufs Leugnen legte, sich aber möglichst wenig belastete, so fiel die Sache nicht gerade schlimm für ihn aus.

Dagegen war Heinrich Gollwitz in eine böse Lage gekommen. So gut man erst den Wald-Sepp für den Mörder hielt und verwünschte, ebenso rasch hatte die Stimmung gewechselt.

Hätte Gollwitz gehört, wie man über ihn im Publikum urteilte, er hätte noch mehr als ohnedies gelitten.

Daß man ihn, gerade ihn für den Mörder der guten Tante halten konnte, schmerzte ihn tief, ja, oftmals kamen wahre Verzweiflungsstunden über ihn.

Unter dem Volke aber verurteilte man seine Tat noch viel schärfer, als es bei Sepp der Fall war.

Dort war es ein verkommener Mensch, hier aber der verhätschelte Liebling der Ermordeten, dem der Mord zugesagt wurde.

Die von dem Untersuchungsrichter gesammelten Schuldbeweise waren derart, daß Gollwitz, trotz seines Leugnens, in Kürze vor die Geschworenen gewiesen werden konnte.

Man beschuldigte ihn, den bewußten Hammer in der Nacht vor dem Mord aus der Hütte Sepps entwendet zu haben, und zwar speziell zu dem Zweck, seine Tante zu ermorden und den Verdacht auf den schlecht beleumundeten Wald-Sepp zu lenken, was ihm anfangs ja auch gelang.

Sodann ward er weiter verdächtigt, auch bei Peter Brak einen Diebstahl oder Einbruch versucht zu haben, denn daß ein Mensch über die Mauer in dessen Arbeitszimmer stieg und auf demselben Weg dasselbe auch wieder verließ, war erwiesen.

Sepp konnte auch diese Tat nicht ausgeführt haben, und so blieb wiederum nur Gollwitz.

Zu seinem Unglück ergaben genaue Messungen seiner Fußbekleidung und Vergleichungen mit den unter dem Fenster gefundenen Spuren, daß Gollwitz tatsächlich in bewußter Nacht im Garten war und dies ableugnete, trotz allem Vorhalt.

Er hatte der ersten Beschuldigung gegenüber nur die Behauptung, daß er in der Nacht, wo er den Hammer gestohlen haben sollte, ja schon frühe zu Bett ging und sein Zimmer bis zum Morgen gar nicht mehr verließ.

Leider wurde darauf nichts gegeben, da er ja durch das parterre liegende Fenster ganz bequem aus- und einsteigen konnte, ohne daß seine Quartierfrau etwas davon zu wissen brauchte.

Noch einmal Sepp gegenübergestellt, sagte dieser aus, daß der nächtliche Gast wohl Gollwitz gewesen sein könne, da dieser groß und schlank war, sich schwarz kleidete und auch blonde oder graue Haare besaß.

Gollwitz sah mit Schaudern, daß sich der eiserne Ring mehr und mehr um ihn zog. Nichts konnte ihn mehr retten, selbst nicht, wenn er angab, wo er in der bewußten Mordnacht war, daß er nicht planlos spazieren ging, sondern sich mit einer zweiten Person unterhielt.

Aber was half es, wenn er diese auch noch mit hereinzog, da er ja den Mord trotzdem begangen haben konnte, nachdem er sie verlassen hatte.

So ließ er denn, völlig entmutigt, alles über sich ergehen.


* * *


Im Hause Peter Braks herrschte seit der Mordnacht eine äußerst unbehagliche Stimmung.

Brak befand sich in beständiger, nervöser Aufregung und Luise hatte kein auch noch so leises Lächeln mehr.

Sie lief meist mit verweinten Augen umher, schrak vor jedem Geräusch zusammen und vermied es angstvoll, von dem Mord zu sprechen.

Dafür sprach Brak um so mehr davon, und es kam dann häufig vor, daß Luise gezwungen war, dem Vater zu antworten.

Die Verhaftung des Referendars traf übrigens Vater und Tochter wie ein Schlag aus heiterem Himmel, ebenso die Nachricht, daß der Wald-Sepp vollkommen unschuldig an der Bluttat und nach allem Gollwitz der Schuldige wäre.

»Er ist kein Mörder, es ist nicht möglich!« schrie Luise qualvoll.

Brak ging sofort zu dem Untersuchungsrichter, und was man ihm dort mitteilte, mußte wohl geeignet sein, auch ihm die Überzeugung beizubringen, daß Gollwitz der Täter war. Mit hochrotem Kopf kam er heim und rief sofort Luise in sein Zimmer.

Zitternd befolgte das Mädchen seine Weisung.

Er teilte ihr nun in zorniger Erregung mit, was er über den Fall erfahren.

»Und denke dir nur,« rief er heftig, »der Mensch dachte daran, bei mir um dich zu freien, und die Tante wußte darum, wie ein aufgefundener Brief besagen soll. So ein Hungerleider! Hahaha! Ich hätte ihm eine andere Antwort gegeben! Aber er wußte das und hütete sich deshalb, offen mit seinem Projekt hervorzutreten. Deshalb steckte er sich hinter die schwache Tante; natürlich, sie sollte Geld hergeben. Und sie versprach es ja auch, sie sagte, daß sie ihm ein Erbe hinterlassen wolle. Aber das dauerte ihm zu lange und er machte ein Ende!«

Mit edler Entrüstung wies Luise das Ansinnen zurück, daß Gollwitz ein solches Verbrechen begangen haben könne, der Alte aber hörte gar nicht darauf.

»Gott sei Dank, daß ich den Menschen eigentlich immer möglichst fern von dir gehalten habe,« rief er, »da wäre etwas Schönes entstanden. Solch eine Frechheit! Er ist ein hinterlistiger Erbschleicher, der die Tante schon ganz hübsch herumgebracht hatte. Nun hat er den Lohn: noch kein Testament vorhanden und einen Mord um nichts ausgeführt. Und wenn ihm meine Schwester selbst ihr Vermögen noch bei Lebzeiten in die Hand gedrückt hätte, ich hätte ihn mit der Werbung abgewiesen, denn ich suche einen anderen Mann für dich, als solch einen Groschenschreiber!«

Dies war eine harte Antwort, wie sie Luise selbst nicht in ihren schlimmsten Stunden erhoffte.

Oftmals lag ihr ein Wort auf den Lippen, dem Vater das Geheimnis ihres Herzens zu verraten, aber wenn sie dann wieder hörte, daß er Gollwitz verwünschte und ihn für den Mörder hielt, da schwieg sie angstvoll.

Zitternd hörte sie die Mitteilungen der alten Magd an, die von ihr hin und wieder beauftragt wurde, in der Stadt Erkundigungen einzuziehen, wie es um Heinrichs Sache stehe.

Und was sie dann stets erfuhr, war keineswegs tröstlich. Gollwitz' Sache stand sehr schlimm und endlich hieß es, daß die Untersuchung abgeschlossen wäre und der Referendar vor das Schwurgericht gestellt würde.

Luise verbrachte schlaflose Nächte; sie rang mit einem Entschluß, den sie doch nicht auszuführen wagte.

Dem Vater gegenüber hatte sie noch eine leise Andeutung gemacht, Gollwitz könne nicht der Mörder der guten Tante sein, aber Brak fuhr heftig auf und verbot ihr, den Namen des Schändlichen ferner noch in den Mund zu nehmen.

»Morgen wird er nach E . . . . überführt, wo er als erster schon in vierzehn Tagen die Schwurgerichtssitzungen eröffnet,« rief er. »Dabei wird man ja sehen, daß die Polizei den Richtigen faßte.«

Und es kam der verhängnisvolle Tag näher und näher.

Bleich und mit verweinten Augen schleppte sich das junge Mädchen durch das Haus.

Peter Brak, ihr Vater, war, im Verein mit seinem Bruder, dem Polizeiinspektor, Erbe des Fallnerschen Vermögens geworden.

Ein Testament, das anders verfügte, war nicht gefunden worden. Frau Fallner hatte tatsächlich versäumt, ein solches aufzusetzen.

Die allgemeine Ansicht des Publikums war dem Verhafteten nicht günstig gestimmt, nur wenige hielten ihn für schuldlos.

Unter diesen befanden sich Balthasar, der alte Diener der Ermordeten, Frau Ballin, Luise und der Polizeiinspektor Brak.

Aber die von dem Untersuchungsrichter gegen Gollwitz gesammelten Indizienbeweise waren so gravierend, daß dessen Verurteilung vorauszusehen war, wenn nicht ein Wunder eintraf.

Dieser Ansicht hatte der Inspektor bei einem Besuch im Hause seines Bruders Ausdruck verliehen und unbewußt Luise auf das höchste geängstigt.

Er war dann wieder abgereist.

Zwei Tage vor der beginnenden Schwurgerichtsverhandlung erschien Balthasar eines frühen Morgens so, wie vor einiger Zeit im Stadthaus.

Dabei war er fast ebenso erregt.

Der Kommissar, benachrichtigt, daß ihm Balthasar etwas Wichtiges mitzuteilen habe, erschien sofort.

»Nun, Balthasar,« fragte er, »was bringen Sie?«

»Ich habe etwas ganz Sonderbares zu melden,« antwortete der Alte, rasch atmend. »In zwei Tagen wird Herr Gollwitz vor das Schwurgericht gestellt. Er soll den Mord auf dem Gewissen haben. Ich habe von allem Anfang nicht daran geglaubt, und jetzt habe ich den Beweis dafür!«

»Den Beweis? Was sagen Sie da?«

»Ein anderer ist der Mörder, und diesen anderen habe ich gesehen!«

Der Beamte war nicht wenig überrascht.

»Erzählen Sie, Balthasar; das wäre ja eine Sache von höchster Wichtigkeit!«

Und der Alte berichtete:

»Wie Sie wissen, Herr Kommissar, blieb ich mit der alten Magd, auf den Wunsch Herrn Braks, in dem Haus meiner armen Herrin wohnen, bis sich ein Käufer dafür findet, was noch gute Wege hat, da die Leute sich davor scheuen.

Alles an Einrichtung befindet sich noch an derselben Stelle. Das Zimmer meiner Herrin ist verschlossen. Diese Nacht nun, es mochte schon gegen ein Uhr gehen, wurde ich durch ein Geräusch geweckt, das im Garten vor dem Fenster entstanden war.

Ich habe einen sehr leichten Schlaf, deshalb erwachte ich so rasch. Eine Weile lauschte ich, dann stand ich auf und ging an das Fenster. Es war jemand im Garten, ich hörte ja die Schritte in dem Kies.

Ohne Licht zu machen, öffnete ich geräuschlos den einen Fensterflügel und beugte mich über das Gesims hinaus. Draußen war es aber ziemlich dunkel. Eine Zeitlang hörte ich nichts mehr und sah auch nichts.

Das Haus ist schräg gebaut,« fuhr Balthasar in seiner Erzählung gegen den Kommissar weiter fort; »mir gegenüber, parterre, lag das Fenster, durch das der Mörder eingestiegen ist.

Ich konnte es, trotz der Dunkelheit, ziemlich gut unterscheiden, denn es lag als dunkles Viereck in der weißen Kalkwand. Plötzlich hörte ich einen ganz sonderbaren Laut, es klang wie ein Ächzen und Stöhnen, und dann – dann schlich eine lange, schwarze Gestalt um das Fenster der Ermordeten, an der Kalkwand entlang.

Aber nicht genug damit, der Mensch, dessen Gesicht ich freilich nicht sehen konnte, schwang sich auf das Gesims, geradeso, wie es der Mörder getan haben muß, und kratzte mit den Fingernägeln an dem Glas. Wäre das Fenster offen gewesen, er wäre eingestiegen, und man hätte so gewiß den Menschen auf die leichteste Art abfangen können.

Ich dachte daran, mich des Schändlichen zu bemächtigen, denn daß nur er der Mörder sein konnte, stand fest bei mir. Aber ich bin ein alter Mann und allein. Deshalb holte ich eine alte, geladene Pistole und stieg die Treppe hinab, in den dunklen Garten hinaustretend.

Dabei war ich fest entschlossen, den Menschen niederzuschießen, wenn er nicht stehenblieb. Aber mittlerweile mußte er sich wohl entfernt haben, denn ich fand keine Spur von ihm mehr vor, so eifrig ich auch den Garten durchsuchte. Unverrichteter Sache mußte ich wieder in das Haus zurückkehren. Was sagen Sie nun zu dieser wunderlichen Geschichte, Herr Kommissar?« schloß der Alte.

»Hören Sie, Balthasar,« meinte bedächtig der Beamte, »sind Sie auch ganz gewiß, daß Sie sich nicht getäuscht haben? Sie könnten ja alles nur geträumt haben!?«

»Das ist unmöglich!« rief in vollem Eifer der Alte. Alles hat sich genau so ereignet, wie ich es soeben schilderte. Ist denn das unmöglich?«

»Unmöglich gerade nicht, denn es ist eine allbekannte Tatsache, daß Mörder mitunter noch wiederholt zur Nachtzeit den Ort ihrer blutigen Tat aufsuchen, gleichsam als ziehe sie etwas mit Gewalt dorthin. Aber die vorliegende Geschichte klingt doch etwas unwahrscheinlich!«

»Und weshalb?« fragte rasch der Diener.

»Weil alles darauf hinweist, daß der wahre Mörder festgenommen ist!«

»Gollwitz ist es nicht, so wenig wie der Wald-Sepp es war; Sie werden mir vielleicht eines Tages recht geben, Herr Kommissar. Jetzt glaubt man Gollwitz nicht, legt alles zu seinen Ungunsten aus; wäre der Mann, den ich diese Nacht sah, festgenommen, dann würde die Sache ein anderes Gesicht annehmen. Auf jeden Fall wird man doch meine Aussage dem Gericht vorlegen?«

»Kommen Sie mit zum Oberamtsrichter, und dann wollen wir diesem die Entscheidung überlassen!« sagte der Beamte.

Obwohl Balthasar wußte, daß der Genannte Gollwitz keine Sympathie entgegenbrachte, so konnte er doch für den Augenblick nichts tun, als dem Kommissar folgen.

Die beiden Männer wurden von dem Oberamtsrichter sogleich vorgelassen und Balthasar hatte noch einmal sein Erlebnis zu schildern.

Mit einem überlegenen Lächeln horchte der Stadtgewaltige auf Balthasars Worte. Als dieser geendet, sprach er kurz:

»Ich gebe gar nichts auf die ganze Geschichte!«

»Gar – nichts?« fragte Balthasar.

»Sie setzen wohl meine Glaubwürdigkeit in Zweifel, Herr Oberamtsrichter?«

Dieser zuckte die Schultern.

»Sie können geträumt haben, und wenn auch nicht, vielleicht sahen Sie einen ganz harmlosen Strolch, der sich in dem einsam stehenden Hause ein Nachtquartier suchte, für den Mörder an. Aber was soll uns denn diese Geschichte nützen?«

»Man muß sie dem Gerichtshof, der in zwei Tagen über Gollwitz entscheidet, vorlegen.«

»Aha! Darum ist es Ihnen wohl hauptsächlich zu tun?«

»Gewiß, weil ich Gollwitz für unschuldig halte. Man muß den anderen suchen!«

»Diese ganze Geschichte halte ich, kurz gesagt, für erfunden, um dem Gollwitz, der verurteilt werden wird, einen Dienst zu erweisen. Aber selbst, wenn der Gerichtshof davon Notiz nimmt, so wird dadurch nur eine Verschleppung bezweckt, weiter nichts. Lassen Sie uns also doch in Ruhe mit solchen Ammenmärchen! Sie verdunkeln nur den wahren Sachverhalt!«

Balthasar vermochte vor Aufregung kaum zu sprechen.

»Herr Oberamtsrichter,« stotterte er, »ich bin in Ehren grau geworden, ich habe meine arme Herrin sehr verehrt und verwünsche jede Stunde ihren Mörder. Aber ich lüge nicht! Nicht Gollwitz ist es, sondern der andere!«

»So nennen Sie uns doch seinen Namen!« rief der Oberamtsrichter heftig.

»Ich weiß ihn nicht!«

»Oder beschreiben Sie sein Gesicht!«

»Das kann ich nicht!«

»Haben Sie wenigstens dann Fußspuren, Stiefelabdrücke im Sande bemerkt?«

»Ich habe nachgesehen, aber der Mensch ging allem Anschein nach in Strümpfen!«

Der Richter schlug eine laute Lache auf.

»In Strümpfen! Da haben wir ja die Bescherung. Und Sie verlangen noch, daß man Ihre konfuse Geschichte für Ernst nehmen soll?«

»Ich verlange, daß meine Angaben wenigstens zu Protokoll genommen werden,« versetzte sehr hartnäckig Balthasar, »und vor dem Schwurgericht werde ich alles wiederholen.«

Dieser Forderung konnte der Oberamtsrichter nicht entgehen, so zornig er auch darüber war.

Er ließ also Balthasars Bericht protokollieren, worauf sich der Alte entfernte.

»Balthasar ist ein alter Narr!« sagte der Oberamtsrichter zu dem zurückgebliebenen Kommissar. »Durch diese erlogene Geschichte verschleppt er nur noch die Sache und wird Gollwitz durchaus nichts helfen, was er allein bezweckt. Ich glaube kein Wort davon; der Alte ist in den Burschen eben verschossen und will ihm heraushelfen. Ich werde aber schon den nötigen Bericht diesem Protokoll beifügen.«


* * *


Balthasar hatte, im höchsten erbittert, den Richter verlassen.

Man glaubte ihm dort nicht, betrachtete ihn als einen Lügner, der einfach zugunsten des Referendars die ganze Geschichte erfand. Den Groll in der Brust, betrat er Peter Braks Haus.

Er stand nun eigentlich in dessen Dienst und mußte auch ihm Mitteilung von der sonderbaren Erscheinung in vergangener Nacht machen.

Luise empfing ihn und hörte mit größtem Interesse auf seine Worte.

»Wenn Ihnen niemand glaubt, Balthasar, so glaube ich Ihnen,« rief sie, »denn ich weiß, daß Gollwitz der Mörder nicht sein kann. Wenn nur auch mein Vater so dächte, aber das ist leider nicht der Fall.«

»Vielleicht denkt Herr Brak anders, wenn ich ihm mein Erlebnis schildere!«

»Das hoffe ich noch; die Angst um Gollwitz bringt mich ja um, und ich weiß nicht, was geschieht bis übermorgen, wo sie ihn in E . . . . vielleicht zum Tod verurteilen, ihn, der die Tante doch so sehr liebte, wie ich selbst.«

In voller Verzweiflung hatte Luise diese Worte hervorgestoßen, so daß sie Balthasar mit einem betroffenen Blick ansah.

»Wissen Sie etwas, Fräulein Luise, das Herrn Gollwitz retten könnte, wenn es meine Aussage nicht tut, so werfen Sie es für den Unschuldigen in die Wagschale!«

»Ich kann ja noch immer keinen festen Gedanken fassen, die Angst verzehrt mich!«

»Sie müssen ruhig überlegen, es geht nicht anders! Denken Sie doch, was auf dem Spiel steht. Noch zwei Tage bleiben uns bis zur Verhandlung, benutzen Sie die Zeit gut. Führen Sie mich nun zu Herrn Brak.«

Sie ging ihm voran und öffnete das Arbeitszimmer.

Es war leer.

»Der Vater scheint diesen Morgen lange zu schlafen!« sagte Luise. Ich will anklopfen.«

Sie tat es.

Fast zu gleicher Zeit trat Brak über die Schwelle. Er hatte eine türkische Mütze auf dem Kopf und den Schlafrock um.

Im übrigen mußte er nicht gut geschlafen haben, er sah schlecht aus.

»Was gibt es denn, Balthasar?« fragte Brak.

Dieser berichtete nun ausführlich, was er schon dem Kommissar und dem Oberamtsrichter sagte.

Luise hatte sogleich die Stube verlassen, denn es war ihr nicht möglich, ruhig zu bleiben.

Sie erwartete jedoch Balthasar im unteren Flur.

Nach einer starken halben Stunde erschien erst der Diener. Seine Miene war ziemlich trostlos.

»Herr Brak glaubt mir noch weniger, als der Oberamtsrichter,« sagte er zu dem Mädchen. »Er lachte mich sogar aus und als ich trotzdem ernst blieb, hieß er mich verrückt. Schließlich wollte er mir noch durch Beispiele beweisen, daß ein Mensch, dessen Nerven oder Gehirn sich nicht in voller Ordnung befänden, sogar imstande wäre, Dinge zu tun oder Erscheinungen zu sehen, die in Wahrheit gar nicht existierten, oder wovon er später gar keine Idee mehr habe. Es war recht konfuses Zeug, was mich Herr Brak da glauben machen wollte, aber die Hauptsache bleibt ja doch, daß ich entweder für einen Lügner oder Narren angesehen werde.«

»Ich dachte es mir!« sprach Luise trostlos. »Was werden Sie nun tun?«

»Ich werde, trotz allem, meine Aussage vor Gericht wiederholen, und wenn es mir auch nichts nützt oder Gollwitz rettet, so habe ich doch meine Pflicht getan!« antwortete Balthasar.

Er verließ Luise und ging in das Haus der Ermordeten zurück. Noch einmal durchsuchte er den Garten auf das Genaueste, um vielleicht etwas zu finden, womit er seine Behauptung beweisen konnte.

Leider fand er nichts.

Peter Brak war in seinem sogenannten Arbeitszimmer zurückgeblieben und lief nun, laute Worte vor sich hinmurmelnd, in dem Raum auf und nieder.

»Balthasar ist ein Narr,« sagte er, »wenn er mich glauben machen will, daß der eigentliche Mörder wo anders, als hinter Gollwitz, zu suchen sei, daß er ihn gesehen habe mitten in der Nacht, an der Mauer hinaufkletternd, am Fenster scharrend! Dummheit! Was wollte denn der Mensch noch in dem Zimmer! Balthasar will dem Gollwitz heraushelfen, oder er hat wirklich nur in seiner Einbildung etwas gesehen, das gar nicht existierte.«

Peter Brak brach plötzlich ab.

Seine Pupillen erweiterten sich.

Dann schoß er nach dem Fenster und fuhr mit beiden Händen an dem Rahmen hinauf.

»Verschlossen, von innen verriegelt!« keuchte er.

»Luise!« rief er laut, indem er die Tür öffnete.

Nach wenigen Minuten erschien das Mädchen.

»Was wünschest du, Vater?« fragte sie, erschrocken über sein Aussehen.

»Komm hier herein,« befahl er, und als Luise nähergetreten war, fragte er heftig: »Du warst diesen Morgen in dem Zimmer hier?«

»Gewiß,« antwortete sie, erstaunt über den Ton seiner Worte; »ich wollte sehen, ob du noch schliefst.«

»Du hast dabei das offene Fenster dort geschlossen, den Riegel vorgeschoben?«

»Nein, Vater, das Fenster war zu.«

»Du hast es gar nicht angerührt? Weißt du das gewiß?« fragte er, sie anstarrend.

»Ich kann es beschwören!« beteuerte sie. »Aber weshalb fragst du nur so sonderbar? Ist etwas geschehen?«

Er winkte ihr heftig, sich zu entfernen.

»Nichts, nichts, laß mich allein –«

»Soll ich dir das Frühstück auftischen?«

»Noch nicht; ich – rufe dich schon!«

Luise ging, ohne sich gerade besondere Gedanken über das eigentümliche Benehmen Braks zu machen.

Sie war dergleichen gewöhnt.

Ihren Geist beschäftigte nunmehr ausschließlich der qualvolle Gedanke, wie Gollwitz gerettet werden konnte.

Peter Brak sah kaum, daß sich die Tür hinter seiner Tochter geschlossen hatte, als er auch schon von dem Stuhl aufsprang und sich wild umblickte.

»Er war wieder hier,« stieß er keuchend hervor. »Ich sehe ja die Spuren seiner schmutzigen Füße hier auf dem Teppich, da, am Fensterrand. Und doch habe ich diesmal selbst das Fenster verriegelt, von innen verriegelt. Wo ist er hereingekommen? Ich finde nichts, gar nichts, keine Öffnung! Und die Tür hatte ich ja auch verriegelt!«

Brak fuhr sich mit ausgespreizten Fingern durch sein starres Haar.

»Was will der Mensch denn von mir und wer ist es denn? Ich mag suchen, wie ich will, ich vermisse nichts, rein gar nichts. Gilt es nur immer dem Geldschrank, der verschlossen und ohne meinen Schlüssel kaum zu öffnen ist? Das wäre möglich.

Aber die Frage bleibt: wie kommt der Mensch denn herein? Ich hielt den Wald-Sepp für den Einbrecher, dann Gollwitz; aber keiner der beiden kann es sein, denn diese sitzen ja fest. Aber wer, wer ist es denn nun? Es ist ja, um verrückt zu werden! –

Wenn es derselbe wäre, den Balthasar bemerkte, wenn die Geschichte nicht erlogen wäre? Soll ich dem Gericht Mitteilung machen? Nein; ich lege mich auf die Lauer! Ich will doch sehen, ob der Mensch noch einmal kommt und was ich da für einen Fang mache?«

Nachdem Brak noch einmal eine Zeitlang auf und ab geschritten war, trat er in die große Stube und rief Luise zum Frühstück.

Auch sie erfuhr nichts von der geheimnisvollen Entdeckung ihres Vaters.


VIII.

Es war der letzte Abend vor dem Morgen angebrochen, an dem über Heinrich Gollwitz das Urteil gesprochen werden sollte.

Doktor Bernstein, der Verteidiger des Referendars, ein sehr pflichteifriger junger Mann, saß noch spät in der Nacht in seinem Arbeitszimmer über die Akten des Angeklagten gebeugt, den er morgen von dem Verdacht des Mordes reinigen sollte.

»Es wird ein schweres Stück Arbeit werden,« murmelte der Rechtsanwalt. »Fast könnte man verzagen, wenn dies überhaupt meine Sache wäre. Aber Gollwitz ist unschuldig, davon bin ich fest überzeugt. Wird es mir gelingen, dies aber auch zu beweisen? Eigentlich zu beweisen wohl kaum, aber man darf es auch schon ein Glück nennen, wenn Gollwitz wegen mangelnder Beweise frei kommt. Der Flecken hängt zwar auf ihm und seine Existenz ist vernichtet, aber immer noch besser, als das Schafott. Etwas Günstigeres zu erzielen ist eben, so wie die Dinge liegen, unmöglich.«

Er legte die einzelnen Papiere der Ordnung nach zurecht und wollte sich eben erheben, um zur Ruhe zu gehen, als ihm Hans, sein altes Faktotum, meldete, draußen stehe eine Dame, die den Herrn Rechtsanwalt dringend um eine Unterredung bitte.

Doktor Bernstein war nicht wenig überrascht.

»Eine Dame?« fragte er. »Und jetzt um diese Stunde, das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.«

»Herr Doktor, Sie meinen wohl, die Person wäre nicht richtig bei Verstande?« versetzte Hans augenzwinkernd. »Habe ich auch anfangs gemeint, weil sie gar so aufgeregt tat und konfus sprach. Es ist aber doch nicht der Fall, denn die Dame kommt wegen der morgigen Verhandlung, und das scheint sie so in Angst gebracht zu haben!«

»Wer ist es?«

»Das will sie Ihnen selbst nur sagen, Herr Doktor!«

»Gut, führe sie herein.«

Mit leicht begreiflicher Spannung erwartete Doktor Bernstein den Eintritt der Gemeldeten.

Diese trat auch bald ein, voller Hast, heftig atmend, das Gesicht verschleiert.

Nachdem Hans sich zurückgezogen, bot ihr Bernstein rasch einen Stuhl, denn die junge Dame schien kraftlos zusammenbrechen zu wollen.

Sie sank auch sofort darauf nieder.

»Was verschafft mir die Ehre, meine Gnädige?« fragte der Rechtsanwalt.

Die Dame vermochte kaum zu sprechen; es schüttelte sie wie im Fieber.

Angstvoll blickte sie den Rechtsanwalt an.

»Ich bitte um Verzeihung, mein Herr, daß ich Sie noch belästige,« sagte sie hastig. »Der Schritt, den ich unternahm, ist unweiblich – und man wird mich falsch beurteilen. Aber, mein Gott, ich konnte ja nicht anders! Es war mir unmöglich, während des Tages abzukommen.«

Doktor Bernstein hatte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl niedergelassen und betrachtete sie aufmerksam.

»Mein Diener sagte mir, daß Sie in einer Angelegenheit mich zu sprechen wünschten, die den Fall Gollwitz betrifft. Es muß etwas sehr Dringendes sein, daß Sie zu so später Stunde zu mir, dem Verteidiger des Angeklagten, führt, denn ich sehe ja, wie erregt Sie sind. Dieser Schritt hat Sie große Überwindung gekostet, und wenn es Sie einigermaßen beruhigen kann, so nehmen Sie die Versicherung entgegen, daß ich ihn gewiß nicht falsch beurteile. Wie darf ich Sie nennen, meine Gnädige?«

Sie zog den Schleier zurück.

»Ich bin Luise Brak; Sie werden gewiß meinen Namen in den Akten erwähnt finden!« antwortete das zitternde Mädchen, sich gewaltsam etwas beruhigend.

»Ah!« rief Bernstein, »Sie, mein Fräulein! Und was bringen Sie mir noch am Vorabend der Schlacht? Gewiß etwas für Gollwitz Günstiges?«

»Ich kam nachmittags mit meinem Vater hierher, wo wir im Goldenen Stern zwei Zimmer nahmen. In der morgigen Verhandlung haben wir ja als Zeugen zu erscheinen.«

»Ich weiß!«

»Gestatten Sie mir vor allem eine Frage, Herr Rechtsanwalt: Halten Sie Gollwitz für schuldig?«

»Nein, dies kann ich mit gutem Gewissen beantworten. Mein Klient wird vielleicht ein Opfer unglückseliger Verkettungen, der Mörder ist er nicht!«

»Ich danke Ihnen für diese Worte!« hauchte Luise. »Sie glauben also, daß man ihn freisprechen wird?«

»Ich hoffe es, aber diese Hoffnung ist schwach. Ihnen gegenüber kann ich dies ja gestehen.«

Luise faßte nach ihrem Herzen.

»O, mein Gott! So wird man nichts auf die Aussage Balthasars geben?«

»Daß der wahre Mörder sich noch der Freiheit erfreue? Ich glaube, die Geschichte wird als Märchen behandelt, das erfunden wurde, um Gollwitz zu helfen. Glauben findet sie bis jetzt nicht den geringsten.«

»Ich hörte davon,« flüsterte Luise, »man sprach ja im Gasthof offen darüber, daß Gollwitz verurteilt werden müsse, wenn er nicht beweisen könne, wo er sich die lange Zeit, von neun Uhr abends bis nach Mitternacht, aufgehalten habe.«

»Ganz recht; mein Klient behauptet, eine Promenade gemacht zu haben, kann aber gar keine Zeugen dafür anführen. Der einzige, jener Arbeiter, der ihn sah und erkannte, belastet ihn nur um so mehr, da er ihn vor dem Haus Ihres Vaters, auf dem Weg, in großer Erregung stehen sah, als eben die Glocke zwölf schlug.

Bis dahin ist aber der Mord bereits begangen worden. Ich habe Gollwitz ernstlich zugeredet, mir zu sagen, wo er sich aufhielt, er bleibt jedoch hartnäckig bei seinen ersten Angaben. Ich vermute nun wohl nicht mit Unrecht, daß hinter dem Geheimnis eine Frau steckt, die er, selbst um den Preis seiner Freiheit, nicht kompromittieren will.«

Doktor Bernstein hatte dabei Luise scharf angeblickt.

Deutlicher konnte er nicht werden; das Mädchen mußte ihn verstehen, wenn sie ihn verstehen wollte. Und Luise verstand ihn.

»Gollwitz ist unschuldig, er kann die Tat nicht begangen haben, denn ich – ich – bin imstande, dies zu beweisen!« stieß das Mädchen verzweifelt hervor.

»Endlich ein Lichtblick! Gott sei Dank!« rief der Rechtsanwalt. »Noch ist es nicht zu spät! Sprechen Sie, mein Fräulein! Der Unglückliche muß gerettet werden!«

Aber so sehr erfreut der Jurist durch diesen Zwischenfall war, der ihm für morgen eine ganz unerwartete Waffe in die Hand gab, so qualvoll wurden dem Mädchen die folgenden Worte:

»Mit namenloser Angst im Herzen habe ich den Tag seiner Verurteilung herankommen sehen. Anfangs hatte ich versucht, ihn dem Vater gegenüber zu verteidigen, wollte ihm gestehen, daß – wir – beide uns liebten, unschuldsvoll wie Kinder, daß wir uns aber Treue für immer geschworen hatten.

Die gute Tante wußte es, und sie war damit einverstanden. Mein Vater aber ist sehr – sparsam und strenge und durfte nichts von unserem Bund erfahren, es hätte gewiß schon da ein Unglück gegeben. Auch die Tante riet uns davon ab, meinem Vater mitzuteilen, daß wir uns liebten.

Sie wollte uns beide zu ihren Erben einsetzen, und in diesem Fall hätte mein Vater wohl kaum mehr uns seine Einwilligung versagt, da Heinrich ja nicht mehr mittellos war. Nun aber hieß es warten, immer warten. Wir wünschten der guten Tante das längste Leben, aber Heinrich strebte auch danach, mit mir vereinigt zu werden, und ich hegte denselben Wunsch.

Es war mir ja schrecklich, nur immer ganz geheim mit Heinrich zusammenkommen zu können! So hatten wir denn beschlossen, uns neuerdings an Tante Fallner zu wenden, sie recht herzlich zu bitten, uns zu unserem Glück zu verhelfen. Dies konnte nur dadurch geschehen, daß die Tante meinen Bräutigam dem Vater gegenüber als ihren Erben erklärte und ein gutes Wort für uns einlegte.

Persönlich wagten wir nicht, der Guten gegenüberzutreten, sie hatte schon so viel für uns getan. Aber andererseits war der gegenwärtige Zustand auch unerträglich für uns beide geworden. So schrieb denn Heinrich an Tante Fallner. Die Antwort kennen Sie ja, mein Herr!«

»Es ist der Brief, der bei Gollwitz gefunden wurde und ihn stark belastet?«

»Ja, derselbe. Heinrich hatte mir durch ein heimliches Billett mitgeteilt, daß er mich sprechen müsse. Da es sich nur um Tante Fallners Antwort handeln konnte, so willigte ich ein. Es war gerade in der Mordnacht, als er mich im Garten, bei unserem Haus, versteckt im Gebüsch, erwartete. Hin und wieder trat er vor und sah zu den Fenstern herauf, von wo ich ihm ein Zeichen gab.«

Doktor Bernstein, der völlig den Schlaf vergessen hatte, notierte sich alles, was Luise berichtete.

»Aha!« rief er. »Da wissen wir ja plötzlich, wie die Fußspuren Gollwitz' in den Garten kommen und auch, weshalb er seine dortige Anwesenheit bestreitet. Nur weiter, mein Fräulein, bitte! Sie haben mir nun wohl zu sagen, daß Gollwitz, auf einen Wink von Ihnen, die Rebengeländer hinaufkletterte und in das Arbeitszimmer Ihres Vaters stieg, nachdem dieser schlafen gegangen war? Damit wäre ja sofort erklärt, wie es kam, daß nicht das Geringste in dem Zimmer vermißt wurde!«

Luise Brak war tief errötet.

Sie machte eine hastige Bewegung der Abwehr und antwortete mit vibrierender Stimme:

»O nein, mein Herr, Heinrich kam nicht in das Haus in jener Nacht! Niemals hätte ich mich soweit vergessen, ihm solches zu gestatten.«

»Aber die Spuren am Fenster, zwischen den Reben?«

»Dafür habe ich keine Erklärung.«

»Das ist sonderbar! Da stände man ja vor einem völligen Rätsel.«

»Ich vermag es nicht zu lösen, und mein Hiersein hat auch nur den Zweck, einen Unschuldigen von schwerem Verdacht zu reinigen.«

»Ganz recht: bitte, wollen Sie mir nun angeben, um welche Zeit sich Herr Gollwitz in dem Garten unten einfand?«

»Es war zehn Uhr.«

»Wissen Sie dies genau?«

»Ganz genau; er gab mir ein Zeichen, und ich zeigte mich am Fenster. Aber der Vater blieb ziemlich lange auf, und so wurde es halb elf Uhr, als ich mich zu Heinrich in den Garten schleichen konnte, eine tödliche Angst in der Brust, denn mir war es, als ob diese heutige Zusammenkunft entscheidend für mein ganzes Leben werden sollte.«

Rascher flog der Stift des Rechtsanwaltes über das Papier.

»Als Sie mit Gollwitz zusammentrafen, war es also halb elf Uhr. Um diese Zeit lebte Frau Fallner noch: das ist erwiesen durch die Aussage des Dieners Balthasar!« rief er. »Nun das wichtigste! Wie lange hielt sich Gollwitz bei Ihnen auf?«

»Es war Punkt zwölf, als er von mir ging. Denken Sie nicht schlecht von mir, daß es solange dauerte, aber wir hatten uns ja so viel zu sagen.«

»Ich denke nur das Beste von Ihnen und meinem Klienten,« versetzte der Rechtsanwalt. »Haben Sie sich auch nicht in der Zeit geirrt? Dieser Punkt ist von kolossaler Bedeutung!«

»Ich kann es mit tausend Eiden bekräftigen! Kaum, daß Heinrich über das Gitter des Gartens gesprungen war, schlug es laut und deutlich zwölf vom Martinsturm.«

Doktor Bernstein richtete sich hoch auf.

»Dann ist Gollwitz gerettet! Er kann nicht der Mörder sein, denn ein zweiter, bis jetzt belastender Zeuge hat ihn von dem Schlag zwölf an nicht mehr aus den Augen gelassen, hat ihn sogar bis in die Stadt, bis fast an die Wohnung Gollwitz' verfolgt. Diese Aussage ist entscheidend.«

»Daß Heinrich unmöglich der Täter sein konnte, wußte ich vom ersten Augenblick an,« erwiderte das Mädchen, »aber er selbst schwieg ja, nur um mich nicht dem Zorn meines Vaters auszusetzen. Welch namenlose Angst habe ich ausgestanden um Heinrich, als ich hörte, daß immer weitere Verdachtsmomente gegen ihn vom Untersuchungsrichter gesammelt wurden, daß ihn alle Welt für verloren hielt. Ich wollte mich dem Vater zu Füßen werfen, ihm alles gestehen, aber die Angst war es wieder, die mich zurückhielt, denn mein Vater schnitt mir ja jedes Wort ab.«

»Noch eine kleine Frage, mein Fräulein,« bemerkte der Rechtsanwalt. »Wie kommt es, daß der Zeuge, dieser Arbeiter, Herrn Gollwitz auf dem Weg stehen sah, die Hände voller Verzweiflung vor das Gesicht geschlagen, aufstöhnend?«

Luise antwortete beinahe schluchzend:

»Wir hatten Abschied genommen. Heinrich erklärte mir, daß die Tante unter zwei Jahren ihre Einwilligung nicht gebe, daß es für ihn aber unmöglich wäre, so lange sich noch zu gedulden. Auch meinetwegen dürfe er dies nicht zugeben. Schon ein volles Jahr hatten wir uns heimlich verlobt. Nun sollte es noch zwei weitere Jahre währen.

Heinrich erklärte dies für einen unhaltbaren Zustand. In beiderseitigem Interesse war er fest entschlossen, mich und die Stadt zu verlassen. Er gab mir mein Wort zurück, und ich mochte einwenden, was immer ich auch wollte, er blieb fest. Aber diese Festigkeit muß nur Maske gewesen sein, denn als wir uns zum Abschied die Hände reichten, brach ein wildes Schluchzen über seine Lippen.

›Du bleibst, du wirst mich nicht verlassen?!‹ rief ich.

›Es muß sein!‹ erwiderte er. ›Leb' wohl!‹

Damit stürzte er davon in wilder Hast, schwang sich über das Gitter des Gartens, und in demselben Augenblick schlug es zwölf. Da ist es wohl denkbar, daß Heinrich auf der Straße stehenblieb und die Hände vor das Gesicht schlug.

Ich selbst habe es nicht mehr gesehen, denn ich eilte erschüttert ins Haus zurück. Erst am anderen Morgen erfuhr ich durch Heinrich selbst von der Ermordung der Tante, und er flüsterte mir dabei zu, daß von unserer nächtlichen Zusammenkunft niemand etwas erfahren dürfe. Ich schwieg aus Angst und er hielt sein Wort, zu seinem eigenen Unglück.«

Doktor Bernstein hatte seine Notizen beendet.

»Ich danke Ihnen, Fräulein!« rief er. »Sie haben durch diese Mitteilungen nicht nur dem Angeklagten, auch mir und dem ganzen Gerichtshof einen großen Dienst geleistet. Ah, diese Verhandlung morgen wird mit einer glänzenden Freisprechung enden.«

»So – muß es wirklich zur Verhandlung kommen?« fragte Luise angstvoll.

»Dem läßt sich nicht mehr vorbeugen, mein Fräulein. Bedenken Sie doch, es ist schon sehr spät in der Nacht. Morgen in aller Frühe tritt das Gericht zusammen. Aber was tut es! Mein Klient wird frei den Saal verlassen.«

»Und – ich muß wohl morgen vor allem Publikum bestätigen, was ich in dieser Nacht Ihnen anvertraute?«

»Leider gibt es hier keinen anderen Ausweg.«

»Das ist entsetzlich!« flüsterte das Mädchen fiebernd. »Ich hoffte, daß es mir erspart bliebe, ein solch demütigendes Geständnis vor Hunderten abzulegen, hoffte, daß Sie, sein Verteidiger, ihn zu retten vermöchten, ohne daß ich vor den rohen, neugierigen Zuhörern meine Schande preisgeben müsse da ich Sie ja doch überzeugen konnte, daß Heinrich nicht schuldig ist.«

»Von Schande kann hier wohl keine Rede sein! Aber so leid es mir tut, ich kann und darf auf Ihre öffentliche Darstellung oder doch Bestätigung des eben Geschilderten nicht verzichten. Nur so ist Gollwitz gerettet.«

»O mein Gott!« stöhnte Luise auf. »Dann muß ja auch mein Vater das Geheimnis erfahren, und er wird mich verfluchen.«

»Herr Brak wird vernünftig sein und sich in das Unabänderliche fügen. Es kann ihm ja doch schließlich nicht gleichgültig sein, einen Mörder in seiner Verwandtschaft zu haben.«

»O, Sie kennen meinen Vater nicht!« rief Luise verzweifelt. »Er wird mir und Heinrich niemals vergeben, daß wir ihn betrogen haben, ja, er wird mir schon deshalb fluchen, daß ich in dieser Nacht, während er schläft, heimlich davon bin, um Ihnen das Material zu geben, Heinrich zu befreien.«

»So haßt Ihr Vater Herrn Gollwitz?«

»Er liebt ihn nicht, weil er arm ist!«

»Nun denn, ich hoffe, daß Herr Brak vernünftigen Vorstellungen Gehör gibt und Gollwitz durch die Hand seiner Tochter für die Angst entschädigt, die er ertrug, entschädigt auch für den bewiesenen Edelmut, sich lieber verurteilen zu lassen, als eine Dame scheinbar zu kompromittieren. Ich werde wenigstens mein Möglichstes tun, Herrn Brak milderen Regungen zugänglich zu machen. Das ist freilich alles, was ich Ihnen an Hoffnungen mitgeben kann, aber der schöne Gedanke mag Sie in all Ihrem Leid trösten, durch Ihr Geständnis einen Unglücklichen vor schmachvoller Verurteilung gerettet zu haben.«

Luise erhob sich.

»Ich will nun zurückkehren in den Gasthof. Ob ich den Mut dazu finde, noch vor der öffentlichen Verhandlung meinem Vater Mitteilung von dem Schritt zu machen, den ich unternahm, ich weiß es nicht. Aber ich werde es versuchen.«

Doktor Bernstein reichte dem Mädchen die Hand.

»Auf Wiedersehen – morgen im Gerichtssaal!« sagte er, die zitternde Gestalt voll Mitleid betrachtend. »Sind Sie allein hergekommen, so will ich Ihnen meinen Diener mitgeben, daß Sie nicht schutzlos durch die nächtlichen Straßen zu gehen brauchen.«

»Ich danke,« versetzte Luise schwach, »ich bedarf dessen nicht, denn ich ließ mich durch den Hausdiener des Gasthauses, einen alten Mann, hierher führen. Er wartet unten.«

Der Rechtsanwalt nickte und begleitete Luise nach der Tür.

Er befand sich nun allein und ging, die Hände auf dem Rücken, in seiner Stube auf und nieder.

»Die Kleine tut mir leid,« murmelte er, »aber ich kann ihr Geständnis nicht entbehren, es geht nicht anders. Dachte ich es mir doch, daß auch hier wieder ein Weib dahintersteckt. Der Referendar ist ein Teufelskerl! Nicht mit einem Worte hätte er sich verraten. Ich werde ihn ohne Mühe frei bekommen und ihn absichtlich nicht vor der Verhandlung von der günstigen Wendung seines Prozesses in Kenntnis setzen.«

Ein Lächeln der Genugtuung umzog den Mund des Rechtsanwalts.

»Immer zu, mein Herr Staatsanwalt! Ich werde Sie in aller Ruhe sprechen lassen, bis auch ich an die Reihe komme. Dann Schlag auf Schlag! Der Sieg ist mir ja gewiß, denn ich verwandle im Nu jenen Arbeiter aus einem belastenden Zeugen zum Zeugen, daß Gollwitz schuldlos ist.«

Wieder ging der Rechtsanwalt eine Weile hin und her, um dann stehenzubleiben.

»Aber wer ist nun eigentlich der Mörder? Gollwitz nicht, der Wald-Sepp nicht! Jetzt wird man die Erzählung Balthasars, daß er den Mörder in einer der letzten Nächte bemerkte, vielleicht glaubwürdiger finden und die Untersuchung nach jener Seite lenken. Aber was kümmert dies mich vorläufig! Für jetzt muß es mir genügen, meinen Klienten frei zu bekommen.«


IX.

Der Schwurgerichtssaal von E . . . war dicht besetzt, so daß, um ein altes Sprichwort zu gebrauchen, auch nicht ein Apfel mehr zu Boden hätte fallen können.

Die Meinungen im Publikum waren verschieden, doch gab es nur sehr wenige, die zu behaupten wagten, daß Heinrich Gollwitz am Ende doch unschuldig sei.

Die Glocke des Präsidenten machte den verschiedenen Diskussionen ein Ende.

Man trat in die Verhandlung ein.

An Zeugen waren anwesend: Brak und seine Tochter, der Polizeiinspektor, Balthasar und die alte Magd, ebenso Frau Ballin, der Wald-Sepp und jener Arbeiter, der Gollwitz beobachtete.

Doktor Bernstein hatte niemandem vom Gerichtshofe eine Mitteilung darüber gemacht, daß er in verflossener Nacht ein vollständiges Entlastungsmaterial empfing.

Er bereitete so um so besser seinen Sieg vor.

Peter Brak war ganz in Schwarz gekleidet und von einer nervösen Lebhaftigkeit.

Dagegen saß Luise wie gebrochen neben ihm, sich hin und wieder mit den zuckenden Fingern über das Gesicht streifend, das totenbleich war.

Aus ihrem Benehmen konnte Bernstein, der ihr vergeblich ermutigende Blicke zusandte, schließen, daß das Mädchen bis dahin nicht den Mut gefunden hatte, den Vater von allem zu unterrichten.

Es war dies dem Rechtsanwalt in gewissem Sinn nur erwünscht, denn hätte Brak bereits um die Sache gewußt, so würde er auch in seiner Zeugenaussage diese sogleich erwähnt haben.

So handelte es sich bei ihm und Luise nur darum, anzugeben, ob sie Gollwitz für fähig hielten, den Mord an Frau Fallner begangen zu haben.

Während Luise, wenn auch schwach, aber entschieden verneinte, führte Brak aus, daß der junge Mann, wie sich nachträglich herausstellte, im Geheimen Pläne auf seine Tochter hatte und auch von Frau Fallner ein gewisses Versprechen erschlichen habe.

Er sollte erben.

Da ihm die Sache aber zu lange dauerte, wollte er schon früher Geld zugesichert haben.

Frau Fallner ging nicht darauf ein, und so wäre es schon möglich, daß Gollwitz im Zorn die alte Dame tötete.

Luise gab auf weiteres Befragen, ob sie Gollwitz vielleicht zu der Annahme berechtigt habe, durch Worte oder Benehmen, daß er nur anzuklopfen brauche, sobald er Erbe wäre, eine so verwirrte, konfuse Antwort, daß der Präsident sich lieber bei den weiteren Zeugen Auskunft und Klarheit holte.

Peter Brak erklärte übrigens, daß er dem Referendar auch dann nicht seine Tochter gegeben haben würde, wenn er als Erbe seiner Schwester zu ihm gekommen wäre, denn er habe Gollwitz nur als einen Schleicher und heimtückischen Menschen kennengelernt.

Heinrich Gollwitz preßte bei diesen Worten schmerzlich die Lippen aufeinander.

Er hatte, vom Präsidenten befragt, ob er das Verbrechen begangen habe, mit einem »Nein« geantwortet und wiederholte nur die Darstellung des Sachverhaltes, wie er früher schon angegeben hatte. Es wurden nun die übrigen Zeugen der Reihe nach vernommen, die Gutachten des Gerichtsarztes verlesen.

Der Wald-Sepp, befragt, ob er in dem Angeklagten vielleicht denjenigen erkenne, der ihm eine Nacht vor dem Morde den Steinhammer gestohlen haben müsse, erklärte, daß er nicht mit Bestimmtheit diese Frage bejahen könne, es wäre zu dunkel gewesen, aber möglich sei es ja immerhin.

Dabei blieb er.

Größe und Haarfarbe stimmten.

Gollwitz leugnete auch diesen Diebstahl.

Er wäre in bewußter Nacht gar nicht aus dem Hause gekommen, was der Vorsitzende mit der Bemerkung erwiderte, daß er sein Zimmer ja sehr leicht durch das im Parterre liegende Fenster verlassen und betreten konnte.

Auch dies stellte Gollwitz entschieden in Abrede.

Im weiteren wurde in der Verhandlung durch die verschiedenen Zeugenaussagen nur das bereits Bekannte noch einmal festgestellt.

Balthasar hatte mit aller Umständlichkeit sein Erlebnis in einer der vergangenen Nächte berichtet, aber dank der schon von Wilberg aus angeführten Randbemerkungen keinen Glauben gefunden.

Der Präsident unterstellte ihn einem scharfen Kreuzverhör, wobei Balthasar zwar immer dasselbe sagte, schließlich aber verstockt wurde, da man ihm auch hier Parteilichkeit vorwarf.

Die Aussagen waren beendet, und der Präsident erteilte dem Staatsanwalt, als öffentlichem Ankläger, das Wort.

Dieser hatte sich gut vorbereitet.

Auf schärfste, zutreffendste Weise legte er klar, daß niemand anders als nur Heinrich Gollwitz der Täter sein könne und auch alles darauf hinweise, trotzdem der Angeklagte beharrlich leugne.

Zwar befand sich die Justiz einmal im Irrtum, als sie einen anderen, den Wald-Sepp, als den Mörder festnahm, wäre jedoch rasch davon abgekommen, nachdem dieser sein Alibi nachzuweisen imstande war.

Und eben dies vermöge der Angeklagte nicht.

Der Staatsanwalt führte nun des Genaueren aus, was Gollwitz bewog, die alte Dame zu töten.

Sie wäre seinen Wünschen entgegengetreten, und von dieser Stunde an hätte der Angeklagte vergessen, wieviel Wohltaten er bereits von der guten Tante empfing.

Auf das heftigste verurteilte er die blutige Tat, die auch eine blutige Sühne erfordere, trotzdem der Angeklagte leugne.

So wie die Dinge lägen, müsse er verurteilt werden, auch ohne Geständnis, denn er wäre überführt.

Die Aussage Balthasars streifte er nur mit einigen wenigen Worten.

»Entweder glaubte er wirklich zu sehen, was gar nicht existierte, oder der alte Mann hat sich durch die Sympathie, die er für den Angeklagten zu haben scheint, zu einer unrichtigen Aussage bewegen lassen.«

Balthasar wollte auffahren.

Es fehlte nur noch, daß man ihn selbst des Mordes oder der Beihilfe daran verdächtigte.

Mit wuchtiger Stimme schloß der Staatsanwalt:

»Dort, meine Herren, sitzt der Mörder, reuelos, verstockt, denn wo, in aller Welt, wäre er denn sonst zu suchen? Wer konnte so wie er mit größerer Berechtigung wünschen, daß Frau Fallner starb, die ihn ja zu ihrem Erben einsetzen wollte, wie der Angeklagte selbst zugibt.«

Der Staatsanwalt beantragte, das Schuldig und die Todesstrafe über Heinrich Gollwitz auszusprechen.

Eine lautlose Stille war im Saal eingetreten.

Man sah, wie der Angeklagte krampfhaft die Hände ballte, wie er sich auf die Lippen biß, während seine Brust arbeitete.

Balthasar schüttelte den Kopf, Peter Brak nickte mehrmals, wie schon während der ganzen Ausführungen des Staatsanwaltes.

Luise aber blickte wie betäubt vor sich hin, alle Kraft und Energie war von ihr gewichen.

Während der vernichtenden Rede des öffentlichen Anklägers wollte sie mehrmals den Mund zum lauten Protest öffnen, aber die Kehle brannte ihr, sie brachte keine Silbe hervor.

Und jetzt, da gegen den Geliebten die Todesstrafe beantragt wurde, brach sie vollends mutlos zusammen.

Es kam nun der Verteidiger des Angeklagten an die Reihe.

Ruhig, mit einem sonderbaren Lächeln, erhob sich Doktor Bernstein.

»Meine Herren,« begann er, »nach der fulminanten Rede des Herrn Staatsanwaltes dürfte wohl zumeist die Ansicht vorherrschen, daß ein jedes meiner Worte nutzlos sein muß, daß ich für eine bereits verlorene Sache kämpfe. Ich wäre nun in der Lage gewesen, schon vor Beginn der Verhandlung mitzuteilen, daß ich in letzter Stunde den Beweis für die völlige Unschuld meines Klienten erhalten habe.

Ich sehe teils überraschte, teils ungläubige Mienen. Dennoch halte ich meine Behauptung aufrecht, Heinrich Gollwitz ist unschuldig; er hätte sein Alibi beweisen können, wenn er nur wollte; er ging nicht spazieren, wie er angab, sondern er befand sich in Gesellschaft einer Person, die er nicht kompromittieren wollte aus Edelsinn.

Diese Person befindet sich hier im Saal, und ich hätte während der Zeugenvernehmung darauf hinweisen können, daß sie den Angeklagten zu entlasten vermag. Da sie jedoch selbst schwieg, wollte ich dem Herrn Staatsanwalt wie dem ganzen Gerichtshof beweisen, daß ein Mann, trotz der schwersten Verdachtsmomente, unschuldig sein kann.

Der Angeklagte wäre verloren, wenn ich ihm nicht zu Hilfe kommen könnte; Sie, meine Herren, würden einen Justizmord auf dem Gewissen haben, denn Heinrich Gollwitz ist kein verstockter Mörder, er ist ein Unschuldiger.

Eine unglückselige Verkettung von Umständen brachte diesen Mann auf die Anklagebank, und der Diener Balthasar verdient vollsten Glauben, wenn er behauptet, daß der wahre Mörder wo anders zu suchen ist.

Der Angeklagte sträubt sich noch jetzt dagegen, daß das Geheimnis jener Nacht, zum Teil wenigstens, gelüftet werde; er bliebe lieber der Schuldige. Aber selbst diesem Edelmut gegenüber gibt es keine Nachsicht.

Heinrich Gollwitz betrat, wie ja die Fußspuren beweisen, an dem bewußten Abend Punkt zehn Uhr den Garten Herrn Peter Braks und verließ ihn erst mit dem Schlag zwölf, wo ihn der Arbeiter beobachtete und nach Hause eilen sah.

Während dieser Zeit ist Frau Fallner ermordet worden, während zehn und zwölf Uhr kam Gollwitz nicht von der Seite der Zeugin, die mir erst gestern nacht dieses Geständnis in der Angst ihres Herzens ablegte. Aus Furcht vor ihrem Vater schwieg sie bis dahin, obwohl die Liebe, die sie heimlich mit dem Angeklagten verband, frei von Schuld ist.

Die Zeugin, die Braut des Angeklagten, sitzt dort – es ist Fräulein Luise Brak, die sich den Dank des ganzen Gerichtshofes verdiente, indem sie einen Justizmord verhinderte.«

Diese Worte schlugen gewaltig ein.

Eine wahre Aufregung entstand im Saal, so daß der Präsident heftig die Glocke bewegen mußte.

Jetzt aber stand Peter Brak mit hochrotem Gesicht und fuchtelnden Armen da, eine Gestalt zum Erschrecken. Die Augen schienen ihm aus den Höhlen zu treten.

»Es ist erlogen!« kreischte er. »Meine Tochter hat nichts mit Gollwitz zu schaffen.«

»Ich ahnte ja, daß Gollwitz aus solchem Grunde schwieg!« rief Balthasar unter Weinen und Lachen.

»Die Zeugin steht unter Eid!« rief der Präsident, selbst erregt. »Sie wird uns sagen, ob der Herr Verteidiger die Wahrheit sprach. Erheben Sie sich, Luise Brak! Verhält es sich so, wie eben behauptet wurde?«

Wieder war eine momentane Stille eingetreten.

Peter Brak hob mit verzerrtem Antlitz die geballte Faust. Diese Schande vor dem ganzen Gerichtshof!

Langsam erhob sich Luise, während Heinrich Gollwitz, die Hände vor das Gesicht geschlagen, erschüttert auf der Anklagebank saß.

Sie sammelte ihre letzte Kraft, indem sie sich sagte, daß ihre Worte allein Gollwitz retten konnten, daß er nicht verurteilt werden durfte, mochte auch sonst was immer geschehen.

»Jedes Wort, das der Herr Verteidiger sprach, enthält die vollste Wahrheit,« sagte sie mit unnatürlicher Ruhe. »Ich habe ihm in gestriger Nacht all diese Mitteilungen gemacht, denn Heinrich Gollwitz kann nicht der Mörder sein, da er sich von zehn bis zum Schlag zwölf in unserem Garten aufhielt. Das schwöre ich noch einmal! Ich habe geschwiegen bis heute, aus falscher Scham, aus Furcht vor dem Zorn meines Vaters, wie Heinrich Gollwitz schwieg aus Edelmut!«

Ein kurzes, vielstimmiges ›Bravo‹ belohnte diese mutigen Worte Luisens, so daß der Präsident sogleich die Glocke ertönen ließ.

»Wenn noch eine einzige solche Äußerung fällt, lasse ich den Saal räumen!«

Mit dem ›Mut‹ Luisens war es nun aber zu Ende. Alles drehte sich vor ihren Angen, tausend Feuersterne schossen durch die Luft, und mit einem Ächzen brach sie bewußtlos zusammen, in demselben Augenblick, als Peter Brak, ihr Vater, von seinem Bruder, dem Inspektor, zurückgehalten wurde, da er sich auf Luise stürzen wollte.

»Du Dirne!« keuchte der rasende Alte.

»Sei doch vernünftig, Peter!« rief ihm der Inspektor zu. »Hörst du nicht, daß ihr Verhältnis ein ganz unschuldiges war, daß sie sich aber lieben? Du selbst trägst die Schuld, daß es so kam. Dein harter Sinn, dein Geiz –«

»Verflucht soll sie sein!« röchelte Brak kaum hörbar, blieb jedoch auf dem Platz und sah starren Blickes zu, wie man seine ohnmächtige Tochter aus dem Saal trug, in ein Nebengemach.

Es dauerte eine geraume Weile, bis der Präsident dem Verteidiger Gollwitz' das Wort wieder erteilen konnte.

»Daß die Zeugin zu angegriffen ist, um ihr ganzes Geständnis noch einmal zu wiederholen, werden Sie begreiflich finden, meine Herren,« sprach Doktor Bernstein. »Was sie jedoch bis jetzt aussagte, ist vollkommen ausreichend, den Angeklagten zu entlasten.«

Der Verteidiger schilderte nun eingehend das Gespräch zwischen ihm und Luise und schloß mit den kräftig gesprochenen Worten:

»Meine Herren, nicht dort steht der Mörder, man wird ihn wo anders suchen müssen, vielleicht in jenem Unbekannten, den der Diener Balthasar in einer der letzten Nächte bemerkte, wie er um das Haus der Ermordeten schlich und an ihr Fenster pochte. Die Aussage des alten, gewissenhaften Mannes wurde angezweifelt, sehr zu Unrecht, wie Sie nun sehen. Aus Edelsinn hat der Angeklagte geschwiegen; er hätte sein Alibi beweisen können, denn er kann unmöglich der Täter sein. Über allen Zweifel erhaben steht die Wahrheit der Worte Luise Braks. Und so beantrage ich, meinen schwer geprüften Klienten freizusprechen!«

Der Präsident stellte an Gollwitz die Frage, ob es sich tatsächlich so verhalte, wie Luise Brak aussagte, und dieser antwortete:

»Da Luise selbst ihr Zeugnis abgab, ja, es ist so! Aber offen kann sie die Stirn tragen, denn unsere Liebe war rein wie das Tageslicht.«

Weiter hatte Gollwitz nichts zu erwidern.

Nach einem kurzem Resümee des Präsidenten zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück.

Sie dauerte nur etwa zwanzig Minuten.

Als sie zurückkehrten, verkündete der Obmann das Resultat: »Nicht schuldig des Mordes an Frau Fallner.«

Heinrich Gollwitz wurde einstimmig freigesprochen, so daß er frei den Saal verlassen konnte.

Mit einem tiefen Aufatmen nahm Gollwitz den Spruch entgegen.

Er hob den Kopf, ließ ihn jedoch mutlos wieder sinken, als er das wutverzerrte Gesicht Peter Braks bemerkte, dessen zorniges Auflachen er vernahm.

Was konnte ihm jetzt noch dieser Freispruch fruchten, da Luise sich bloßgestellt hatte, ihr Vater ihn verwünschte, da er ja von Tante Fallners Erbe nichts zu erhoffen hatte, ja, vielleicht sogar das Mädchen seinetwegen mißhandelte!

Trotz der Warnung des Präsidenten war der Freispruch vom Publikum mit Beifallszeichen aufgenommen worden.

Rapid hatte die Stimmung umgeschlagen, wie dies ja meist der Fall ist.

Der alte Balthasar trocknete eine Träne, als der Präsident selbst einige warmfühlende Worte an Peter Brak richtete, diesem ans Herz legend, den jungen Leuten zu vergeben, besonders seiner Tochter, die noch in letzter Stunde einen Justizirrtum wieder gutmachte, der schwere Folgen hätte nach sich ziehen können.

Allein Brak hörte gar nicht auf diese Worte.

Während Heinrich Gollwitz, umgeben von einem ganzen Kreis rasch gefundener Freunde, den Saal verließ, meldete man ihm, daß Luise zwar wieder zu sich selbst kam, aber ihr Zustand Bedenken erwecke. Der Polizeiinspektor begab sich mit seinem Bruder nach dem erwähnten Seitenzimmer, wo ein Arzt sich um Luise beschäftigte.

Dieser wandte sich sogleich an die Eintretenden.

»Das Fräulein muß rasch zu Bett gebracht werden!« sagte er. »Ein heftiges Fieber ist im Anzug. Ich habe bereits nach einem Wagen geschickt. Sie mögen dem Kutscher weitere Befehle geben.«

In der Tat wurde Luise schon jetzt vom Fieber geschüttelt. Sie besaß nicht mehr die Kraft, sich selbständig auf den Füßen zu erhalten und drohte jeden Augenblick gänzlich zusammenzubrechen.

Der Inspektor stützte sie, während Peter Brak mit wütenden Blicken die Umstehenden anstarrte.

Der von dem Arzt bestellte Wagen war da und Luise wurde von dem Inspektor mehr getragen als geführt, die breite Treppe hinab, in den Fond des Wagens gebracht.

Peter Brak, sein Bruder und der Arzt stiegen ein und das Gefährt rollte dem goldenen Stern, dem Absteigequartier Braks zu.

Dort angelangt, ließ der Arzt Luise durch eine Dienerin rasch zu Bett bringen und verordnete das Nötigste, worauf er sich empfahl.

Vor dem Gehen machte er Peter Brak noch darauf aufmerksam, daß der Zustand der Patientin größte Ruhe bedinge.

»Und wann kann ich mit meiner Tochter abreisen?« fragte Brak heftig.

»Die Kranke ist vorläufig nicht zu transportieren,« lautete die Antwort.

»Nicht – zu transportieren?« fuhr der Alte auf. »Was heißt das?«

»Daß Sie wohl oder übel einige Tage sich hier gedulden müssen!« sagte der Arzt.

»Fällt mir gar nicht ein!« schrie rücksichtslos Peter Brak. »Ich werde doch nicht mein gutes Geld diesen Halsabschneidern von Wirten noch weiter geben! Hahaha! Da wird nichts daraus, mein lieber Herr! Ich reise ab, und zwar noch heute!«

»Dann haben Sie aber auch die volle Verantwortung zu übernehmen,« versetzte kühl der alte Arzt; »es handelt sich hier um das Leben Ihrer Tochter. Stellen Sie es verwerflicherweise aufs Spiel, so verantworten Sie es auch!«

Damit empfahl sich der Arzt.

Wie ein angeschossener Eber lief Peter Brak in dem Hotelzimmer umher, sich selbst, seine Tochter, vor allem aber Gollwitz verwünschend.

Vergeblich suchte ihn sein Bruder, der Inspektor, zu beruhigen.

»Du hast gut reden!« erhielt er zur Antwort. »Dich ärgert kein Weib, kein Kind, du streichst deinen Gehalt ein und kannst über die ganze Welt lachen, während ich vor Zorn umkomme. Ein Liebesverhältnis mit diesem Ritter von Habenichts!«

»Gollwitz ist unser Verwandter!« wandte der Polizeiinspektor ein.

»Aber er ißt Bettelsuppen!«

»Du selbst hast ihn in dein Haus eingeführt, hast ihn manchmal zu Tisch geladen. Daß er dabei sich in Luise verliebte, ist doch nur erklärlich!«

»Erklärlich? Eine Frechheit ist es! Er sollte Gott danken, daß er hin und wieder einen Bissen erschnappte! Und daß er in mein Haus überhaupt kam, daran ist nur unsere Schwester schuld. Sie führte ihn ein, päppelte ihn auf, unterstützte ihn, wie sie überhaupt ihr schönes Geld mit vollen Händen an Hinz und Kunz verschenkte. Das habe ich ihr nie verziehen; ihr Vermögen hätte das Doppelte betragen, wenn sie es nicht leichtsinnigerweise verschwendet hätte!«

»Du sprichst von einer Toten, Peter, von unserer gemordeten Schwester!« rief der Inspektor entrüstet.

»Lüge ich etwa?« entgegnete Peter Brak.

»Unsere Schwester vergeudete ihr Geld nicht zwecklos. Sie stillte viele Tränen, linderte manches Unglück. Und da wir schon einmal dabei sind, muß ich dir sagen, daß ihr Vermögen im Grunde genommen nicht uns, sondern Gollwitz gehört. Wir sollten dem jungen Mann wenigstens einen Teil davon abgeben, denn die Schwester hat bis zuletzt wiederholt geäußert, daß sie Luise und Gollwitz als ihre einzigen Erben bestimme.«

Mit weit geöffneten Augen blieb Brak mitten in der Stube stehen.

»Bist du verrückt?« kreischte er. »Wir sollen diesem Burschen freiwillig etwas abgeben? Ich hätte mit allen Mitteln ein solches Testament angefochten, wenn sich eines gefunden hätte. Aber glücklicherweise ist gar keines vorhanden!«

»Ich erkenne dich kaum mehr, Peter! Du arbeitest dich in einen förmlichen Haß gegen Gollwitz hinein. Was hat er dir denn eigentlich getan?«

Wieder lachte Brak kreischend auf.

»Das ist großartig! Was mir der Mensch getan hat? Hat er mich nicht vor aller Welt blamiert, meine Tochter bloßgestellt, so daß es schon jetzt die Spatzen auf den Dächern pfeifen: Fräulein Luise Brak gibt sich mit ihrem Liebhaber nächtliche Stelldichein im Garten ihres Vaters, den man einfach als einen alten Narren behandelt.«

»Du könntest der Sache schnell ein Ende machen, indem du die beiden jungen Leute zusammengibst.«

Peter Brak schüttelte wütend die Faust.

»Eher erwürge ich Luise mit eigener Hand, als daß ich sie einem Mörder zur Frau gebe.«

Betroffen sah der Inspektor seinen Bruder an.

»Einem Mörder sagst du?« rief er. »Hörtest du denn nicht, daß Gollwitz unschuldig ist?«

»Ach bah! Ich glaube nicht daran!«

»Ja – aber erkläre mir doch, wie deine Annahme möglich ist!«

»Kein Ding ist unmöglich! Luise kann sich, trotz allem, in der Zeit geirrt haben, die Turmuhr kann nicht richtig geschlagen haben, oder doppelt. Oder der Mensch ist nach zwölf Uhr erst recht aus dem Fenster seiner Stube gestiegen und hinaus zu Fallners gelaufen. Daran hat der ganze kluge Gerichtshof nicht gedacht, und es war doch so einfach. Die Überraschung über die Blamage meiner Tochter war eben gar zu groß.«

Der Inspektor schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Ich hoffe doch nicht, Peter, daß du diese Ansicht, die niemand außer dir teilt, laut werden läßt?«

»Das kommt darauf an!«

»Ich kann dir nur den guten Rat geben, tue es nicht, denn man würde daraus nur den unversöhnlichen Haß deines Charakters erkennen einem Mann gegenüber, der bis vor kurzem allgemein geachtet war und es hoffentlich auch wieder sein wird, denn Heinrich Gollwitz ist ein Ehrenmann, wenn er auch arm ist. So, das ist meine Meinung, die ich der deinen überall gegenüberstellen werde, sobald sich eine solche in der Öffentlichkeit bemerkbar macht.«

»Tue, was du willst!« schrie wütend Brak. »Ich weiß ja, daß du von allem Anfang an zu Gollwitz hieltest. Da ist unser Oberamtsrichter ein anderer Charakter! Sage mir doch, du Kluger, wo denn der Mörder zu suchen wäre in aller Welt, wenn nicht hinter Gollwitz?«

»Hinter der Person des nächtlichen Gastes, den Balthasar bemerkte!«

»Unsinn das! Der alte Mann sieht nicht mehr gut. Was wäre denn das für ein Mensch?«

»Das vermag ich zur Stunde noch nicht zu enträtseln,« versetzte der Inspektor ernst, »aber Unsinn braucht es deshalb noch lange nicht zu sein. Es ist dem Kriminalisten durchaus nichts Unbekanntes, daß sich Mörder oft Wochen nach der Tat heimlich, zur Nachtzeit, an den Ort ihres Verbrechens schleichen.«

»Daran glaube ich nicht! Was wollen sie denn dort?«

»Das weiß man nicht recht. Das Blut scheint sie anzuziehen oder etwas anderes. Keiner konnte darüber so recht eine Auskunft geben, wenn er dabei, wie es vorkam, festgenommen wurde. Es trieb ihn eben ein unbestimmtes Etwas an den Ort. Unsere Kriminalpolizei kennt diese Tatsache und wird sich auch diesmal den Fingerzeig Balthasars nicht entgehen lassen.«

»Nun, dann kann ich ihr nur Glück wünschen, daß sie den nächtlichen Gast bald abfängt!« versetzte Brak höhnisch. »Bis dahin müßt Ihr mir aber schon erlauben, die Erzählung Balthasars für ein Ammenmärchen zu halten.«

In diesem Augenblick klopfte es.

Der Besucher, wer es auch sein mochte, hätte keine schlechtere Stunde, als gerade diese, wählen können.

»Herein!« rief Peter Brak.

Er fuhr jedoch mit einer Verwünschung zurück, als er den Eintretenden erkannte.

Heinrich Gollwitz!

»Was? Sie unterstehen sich noch, hierherzukommen?« zeterte Brak. »Was wollen Sie, Unverschämter?«

Der Referendar stand bescheiden an der Tür.

Eine flüchtige Röte war über sein Gesicht gehuscht bei dem schroffen Empfang, der ihm zuteil wurde. Dann aber zwang er sich gewaltsam zur Ruhe.

»Ehe ich nach Wilberg zurückreise, wollte ich Sie noch vorher um Verzeihung bitten für die Ihnen unerwartet gekommene schmerzliche Überraschung,« sagte er.

»Für die Unverschämtheit!« schrie Brak. »Das ist die richtige Bezeichnung.«

Gollwitz biß sich auf die Lippen.

»Ich glaube keine so harte Behandlung verdient zu haben«, sprach Heinrich Gollwitz, »denn daß ich Luise liebe, das ist im Grunde genommen kein Verbrechen. Ich hätte Ihnen ja sogleich unser Geheimnis enthüllt, aber die arme Tante Fallner war es selbst, die es nicht wollte. Und einzig um diesem unhaltbaren Zustand ein Ende zu machen, bat ich sie ja, uns zu helfen, und erhielt eine Antwort, die mir so übel ausgelegt wurde.«

Peter Brak fuchtelte wütend mit den Händen in der Luft herum.

»Was reden Sie denn noch immer? Verlassen Sie das Zimmer!« rief er.

»Ich wollte Sie bitten, wenn nicht mir, so doch Luise zu verzeihen, denn sie ist gewiß völlig schuldlos und hat sich auch nichts vorzuwerfen.«

»Als daß sie mich hinterging, jawohl! Was ich übrigens mit meiner Tochter ausmache, ist meine Sache und geht Sie nichts an!«

»Vergeben Sie ihr, das ist meine innigste Bitte. Dann will ich Ihnen auch versprechen, Ihnen nie mehr absichtlich in den Weg zu treten. Ihr Haus zu meiden!«

»Das werden Sie ohnedies tun. In meinem Haus gibt es für Sie gar nichts mehr zu suchen. Merken Sie sich das! Treffe ich Sie aber doch einmal an, so lasse ich Sie hinauswerfen.«

Gollwitz fuhr auf. Zu viel war es, was man ihm hier bot.

Nur mühsam bezwang er sich.

»Daß ich vermögenslos bin, ist mein Verbrechen, ich weiß es wohl, Herr Onkel,« sagte er. »Aber man sagte mir, daß auch Sie arm waren –«

»Hinaus!« kreischte Brak wild.

»Ich gehe und mögen Sie niemals Ihre harten Worte bereuen. Lebte Tante Fallner noch, stände alles anders. Sie betrachtete es als ihr Lieblingsprojekt, uns beide, mich und Luise, zu vermählen. Nun der Tod sie aus ihrem Wirken gerissen, wird mir keine andere Aussicht bleiben, als Wilberg zu verlassen, wo ich niemals mehr Ruhe finden könnte, denn Luise verschachert zu wissen –«

Peter Brak riß wutschäumend an dem Glockenzug.

»Hinaus – Vagabund – Mörder!«

Gollwitz, von den Worten bis ins Mark getroffen, fuhr jäh empor.

Er wollte sich auf Brak stürzen, aber der Inspektor hielt ihn am Arm zurück.

»Gehen Sie, gehen Sie, Gollwitz! Ich bedaure Sie, aber jetzt ist hier nichts für Sie zu gewinnen. Hoffen Sie auf eine bessere Zeit!«

Diese letzten Worte hatte der Inspektor nur halblaut gesprochen.

Gollwitz stand bereits auf der Schwelle.

»Ich gehe, ich gehe ja schon!« murmelte er. »Aber zu hoffen habe ich wohl nichts mehr.«

»Wer weiß!« Damit drängte ihn der Polizeiinspektor auf den Korridor hinaus.

Dort traten Gollwitz auch schon zwei Hotelbedienstete entgegen, die jedoch von dem Inspektor sogleich wieder zurückgeschickt wurden.

Als Gollwitz schweren Herzens in die nächste Straße einbog, stieß er auf Balthasar, den alten Diener der ermordeten Frau Fallner.

»Ich habe Ihnen noch nicht Glück wünschen können zu Ihrer Freisprechung, Herr Gollwitz,« sagte der biedere Alte. »Ich tue es deshalb nachträglich. An Ihre Schuld habe ich von allem Anfang an keinen Augenblick geglaubt.«

Diese ehrlichen, aufrichtigen Worte taten dem jungen Mann wohl. Er drückte mit Worten des Dankes dessen Hand.

»Wenn jedermann nur so dächte wie Sie, Balthasar!« sagte er. »Aber leider habe ich soeben die Erfahrung machen müssen, daß das Wort Mörder im Zorn noch immer auf mich Anwendung findet.«

Der Alte blickte auf.

»Ich verstehe! Sie haben es gewagt, Brak einen Besuch zu machen?«

»Ja; ich wollte ihn um Verzeihung bitten. Ein so großes Verbrechen habe ich doch dadurch allein nicht schon begangen, daß ich Luise liebe? Aber mein Onkel war im höchsten Grade erregt, aufgebracht über mich, und verbot mir jedweden ferneren Verkehr in seinem Haus. Dabei fielen Worte von seiner Seite, die er niemals verantworten kann.«

»Ich habe mir das gedacht,« nickte Balthasar, »als ich Sie in den Goldenen Stern eintreten sah. Ich wartete deshalb hier auf Sie, weil ich mir denke, daß Sie eine Hilfe oder doch einen guten Rat in Ihrer jetzigen Lage brauchen können. Was gedenken Sie nun anzufangen?«

Ein Zug der Bitterkeit legte sich um den Mund Gollwitz'.

»Ich stehe im Vorbereitungsdienst und bin gänzlich ohne Vermögen. Was das bedeutet, werden Sie wohl begreifen, Balthasar! Meine Existenz basierte auf der gütigen Unterstützung meiner armen Tante. Es bleibt mir nun kaum etwas anderes übrig, als bei irgendeinem Rechtsanwalt oder Notar – Schreiberdienste zu tun.«

»Das kann Ihr Ernst nicht sein, Herr Gollwitz!?« rief Balthasar erschrocken.

»Was bleibt mir denn sonst übrig? Aber seien Sie versichert, in Wilberg bleibe ich nicht, hier soll niemand Zeuge meiner Erniedrigung sein.«

Balthasar legte plötzlich seine Hand auf den Arm des Referendars.

»Hören Sie, Herr Gollwitz!« sagte er. »Wenn Frau Fallner noch lebte, würde sie das nie geduldet haben. Daß Sie von ihr in einem Testament als Miterbe bestimmt werden sollten, weiß ich selbst. Leider verschob sie die rechtmäßige Abmachung des Dokumentes. Aber sobald sie aus dem Vorbereitungsdienst austreten, verlieren Sie Ihre ganze Karriere.«

»Ich kann unter günstigen Verhältnissen später vielleicht wieder von vorn anfangen!«

»Eine hübsche Aussicht! Sie werden dabei ein alter Mann!«

»Und was tut das?«

»So? Haben Sie denn Luise aufgegeben?«

»Ja, weil ich muß. Jetzt noch daran zu denken, daß ihr Vater sie mir, dem Enterbten, geben würde, wäre Wahnsinn! Sie wird mich gewiß bald vergessen, wenn ich nur erst einmal fort aus Wilberg bin.«

Balthasar schüttelte ernst den grauen Kopf.

»Das sind Worte, die Ihnen schwer genug fallen, sie auszusprechen,« sagte er. »Sie glauben selbst nicht daran. Luise liebt Sie mehr als nur oberflächlich, das hat sie bewiesen. Wie könnte sie Sie da so schnell vergessen? Und Ihnen gelingt es noch weit weniger. Weshalb auch wollen Sie so allen Mut aufgeben? Sind Sie erst einmal fest angestellt, können Sie auch eine Frau ernähren.«

»Aber ich werde das nie, denn ich vermag mich so nicht zu halten.«

»Warten Sie nur! Ich wollte sagen, bis dahin kann sich manches ändern in dem Brakschen Haus. Luise bleibt Ihnen treu, das dürfen Sie glauben. Sie müssen Ihre Karriere festhalten, und da wollte ich Sie bitten« – Balthasar fand nicht gleich die richtigen Worte – »mir zu erlauben – daß ich bis dahin die Stelle meiner armen Herrin bei Ihnen vertrete.«

»Sie, Balthasar?« rief Gollwitz, betroffen stehen bleibend.

»Ja – ich! Erschrecken Sie doch nicht, Herr Gollwitz. Ich habe ein ganz nettes Sümmchen mir in den langen Dienstjahren erspart, da ich ja nicht Kind, noch Kegel, auch keine Verwandten habe. Wollen Sie meine Hilfe nicht annehmen?«

»Nein,« versetzte ohne Zögern Gollwitz, indem eine jähe Röte sein Gesicht streifte, »ich danke Ihnen herzlich für den guten Willen, Balthasar. Aber was ich von Frau Fallner, die Mutterstelle an mir vertrat, annehmen konnte, darf ich niemals von Ihnen annehmen.«

»Das begreife ich nicht! Sie könnten lieber Ihre ganze Existenz aufgeben, Luise verlieren, als meine kleine Hilfe annehmen?«

»Luise habe ich an dem Tag verloren, da ich durch den Tod der armen Tante vermögenslos wurde. Dadurch wird auch meine Existenz unhaltbar. Wie könnte ich jemals darauf eingehen, Ihre Unterstützung anzunehmen!«

»Es können schlimme Tage kommen, Herr Gollwitz,« sagte Balthasar bedächtig, »und ich meine, ich sehe sie schon vor mir, denn Brak wird in seinem offenbaren Haß Ihnen auf jede Art zu schaden suchen. Und da wäre selbst ein Freund wie ich nicht zu verachten. Denken Sie daran.«

Gollwitz reichte dem Alten beide Hände.

»Das will ich Ihnen versprechen, Balthasar,« sprach er, mit Tränen in den Augen. »Wenn es zum Äußersten, Verzweifeltsten kommt, dann will ich an Sie denken, als den letzten, ehrlichsten Freund, der mir noch blieb. Wie aber wäre ein solches Unglück denkbar, da ich ja allem Hasse Braks aus dem Weg gehe. Er haßt mich, da haben Sie recht, Balthasar, und schon deshalb darf ich Sie nicht ohne weiteres in eine schiefe Lage bringen. Sie stehen jetzt in seinem Dienst und er kann verlangen, daß Sie keine Beziehungen mit mir unterhalten.«

»Ich kann mir eine andere Stelle suchen, Brak gefiel mir nie. Wenn ich noch länger bleibe, so geschieht es nur, weil ich denke, Luise wird sich nach einer Person sehnen, die ihr über den Referendar Gollwitz und dessen Tun Aufschluß geben kann, die vielleicht kleine Briefchen besorgt. Schütteln Sie nur nicht so energisch den Kopf, ich habe mir fest vorgenommen, den Verkehr mit Ihnen und Luise zu ermöglichen, Sie trotz allem Unheil zusammenzubringen. Denn das war ja auch der Wille meiner seligen Herrin. Ich spiele den Postillon d'amour, wie man sagt, weiß Gott, das tue ich, und dann will ich doch sehen, ob Sie nicht wieder Mut und Hoffnung bekommen, da Sie sich von Luise geliebt wissen. Schlagen Sie meine Hilfe noch immer aus?«

»Ja, Balthasar, dabei bleibt es! Vorläufig nehme ich sie nicht an. Ich werde zunächst ja versuchen, mich durch Privatarbeiten auf der Höhe zu erhalten.«

»Das ist eine schwache Aussicht. Wie lange vermögen Sie sich noch zu halten, wenn Sie keine Privathilfe erlangen?«

»Noch etwa zwei Monate.«

»Nun, bis dahin werden Sie sich hoffentlich eines Besseren besinnen.«

Gollwitz blieb dabei, vorläufig unter keinen Umständen die mühsam ersparten Gelder des alten Dieners anzunehmen.

Er wäre sich erbärmlich dabei vorgekommen.

Einen eigentlichen festen Plan schon jetzt zu fassen, war ihm übrigens nicht möglich, da sein Kopf noch zu sehr von den Ereignissen des Tages eingenommen war.

Mit Balthasar, der Witwe Ballin und anderen Wilberger Zeugen fuhr er nach dem Städtchen zurück, wohin bereits der Ruf seiner Freisprechung gedrungen war.

Peter Brak mußte wohl oder übel mit Luise noch einige Tage im Goldenen Stern zurückbleiben.


X.

Heinrich Gollwitz freigesprochen!

Diese Tatsache rief unwillkürlich die zweite Frage wach:

»Wer ist nun jetzt der Mörder? Wo ist er zu suchen?«

Diese wichtige Frage beschäftigte nicht nur allein das Publikum, sondern auch die Kriminalpolizei.

Man erinnerte sich der Worte des Dieners Balthasar, daß dieser in einer Nacht eine Gestalt im Dunkeln um das Haus der Ermordeten schleichen sah, sogar an dem Fensterglas scharren hörte.

Das konnte nicht unberücksichtigt bleiben.

Ein Kriminalbeamter wurde aus E . . . . nach Wilberg geschickt und wachte mehrere Nächte hindurch, versteckt im Garten des Fallnerschen Anwesens.

Es ereignete sich jedoch nicht das geringste; von dem unbekannten, nächtlichen Gaste keine Spur.

Der Kriminalist wurde wieder zurückbeordert, die Sache schien aussichtslos.

Unterdessen war Peter Brak mit Luise nach Wilberg zurückgekehrt.

Trotz der bedeutenden Erkrankung hatte Luise sich doch wieder so ziemlich erholt.

Sobald es anging, ordnete Brak die Abreise an.

Das Mädchen hatte viel auszustehen von den Vorwürfen des ergrimmten Mannes, der in ganz unverantwortlicher Weise seinen Schmähungen über Gollwitz den weitesten Spielraum ließ.

Dennoch liebte Luise ihren Vater wie zuvor, aber selten zog mehr ein Lächeln um ihren bleichen Mund.

Hin und wieder kam Balthasar in das Haus Braks, und der Alte wußte es so einzurichten, daß er stets einige Worte über das Befinden Gollwitz' dem Mädchen zuflüstern konnte.

Luise hatte ihrerseits Heinrich mitteilen lassen, daß sie ihm treu bleibe, trotz allem Ungemach, und daß er, gleich ihr, an der Hoffnung festhalten möge.

Die beiden jungen Leute kamen persönlich jedoch nicht mehr zusammen.

Sie konnten auch keine Ahnung haben, was ihnen in allernächster Zeit bevorstand.

Da Gollwitz es ängstlich vermied, sich dem erzürnten Onkel Brak zu zeigen, so durfte er annehmen, daß er von dort aus unbelästigt blieb, und doch sollte jedes fernere Unheil, alles Unglück einzig von Peter Brak ausgehen.

Brak hatte sich in ruhigeren Stunden oftmals die Frage vorgelegt, wer in Wahrheit eigentlich der Mörder war, Gollwitz oder ein anderer.

Daß sich Brak sagte, der Referendar könne, trotzdem sein Alibi scheinbar nachgewiesen war, die Tat vollbracht haben, bewiesen seine Worte im Hotel zum goldenen Stern.

Es kamen jedoch auch ruhigere Stunden, in denen Brak an der Richtigkeit seiner bei sich behaltenen Ansicht wieder zweifelte.

Wenn aber Gollwitz nicht der Mörder war, so konnte es nur der andere sein, jener geheimnisvolle Unbekannte, der in sein Arbeitszimmer in der Mordnacht eindrang – zu welchem Zweck, ließ sich nicht recht sagen – der aber noch einmal gekommen war, trotz verschlossener Türen und Fenster.

Gollwitz war es nicht, wenigstens das letztemal nicht, denn zu dieser Zeit saß der Referendar ja bereits in Untersuchungshaft.

War er es das erstemal?

Wohl möglich, doch war viel eher anzunehmen, daß der Besuch von demselben Mann wiederholt wurde, der ihn das erstemal unternahm.

Und was wollte dieser denn? Daß beide Male ein und dieselbe Person eingedrungen war, dagegen sprach wieder der Umstand, daß, falls es auf eine Beraubung des Kassenschrankes abgesehen war, der Dieb bereits das erstemal zu der Wahrnehmung kommen mußte, daß hier alle Mühe vergebens war.

Weshalb sollte er denn ein zweites Mal kommen?

Peter Brak schüttelte ganz verwirrt den Kopf.

Er hatte jedoch niemand eine Mitteilung über diesen zweiten Besuch gemacht, nicht der Polizei, nicht seinem Bruder oder Luise.

Er gedachte selbst die Augen offen zu halten.

Sein Geldschrank enthielt, in mehreren Fächern verteilt, eine bedeutende Geldsumme, da Brak nun auch die Erbschaft seiner Schwester angetreten hatte.

Er konnte nicht verhindern, daß ihn eine heftige Angst manchmal befiel, dieses Geld möchte ihm gestohlen werden.

Es einer Bank zu übergeben, dazu konnte er sich nicht entschließen.

Das einfachste nach seiner Ansicht wäre ein Vergraben des Geldes gewesen, doch stiegen ihm so mancherlei Bedenken darüber auf, daß er von diesem Vorsatz wieder abkam.

So waren etwa drei Wochen vergangen, während welcher der Wald-Sepp vom Gericht zu E . . . . eine zweimonatliche Gefängnisstrafe zudiktiert erhielt.

Diese wurde in Anbetracht der Umstände, die Sepps Verhaftung herbeiführten und der erlittenen Untersuchungshaft so niedrig bemessen.

Eines Morgens erhob sich Peter Brak wieder einmal sehr spät, da ihn der Kopf schmerzte, und betrat sein sogenanntes Arbeitszimmer.

Kaum eingetreten, verzerrte sich sein Gesicht jedoch sofort und mit einem heiseren Aufschrei stürzte er auf den Geldschrank zu.

Dieser stand offen, ebenso eines der Fächer.

Peter Brak griff mit zuckenden Fingern hinein.

»Leer!« schrie er wild auf. »Man hat mich bestohlen!«

Pfeifend kam der Atem aus seiner Brust.

Er schlug sich wie toll vor die Stirn.

Noch gestern abend spät hatte er gerade in dieses Fach eine Summe von dreitausend Mark gelegt, das wußte er ganz genau.

Er hatte dabei den Gedanken gehegt, ein Dieb könne ihm seinen Schatz stehlen und verschloß deshalb das Fach, ließ den Schlüssel innen allerdings stecken.

Dafür aber schloß er den Schrank um so sorgfältiger ab, und hing den Schlüssel an die Schnur, die er Tag und Nacht um den Hals trug.

Und nun waren die dreitausend Mark fort, verschwunden.

Peter Brak drehte sich auf dem Absatz wie ein Kreisel.

Die Haare standen ihm zu Berge.

Sein wilder Blick fiel auf einen kleinen Gegenstand am Boden. Es war die Schnur mit dem Kassenschlüssel daran.

Man hatte ihm diesen Schlüssel direkt vom Halse gestohlen, und dabei mußte der Dieb noch mit dem Teufel im Bunde stehen, daß er es fertig brachte, das richtige Wort zu stellen, denn nur in diesem Falle ließ sich das kunstvolle Schloß öffnen.

Der Fensterflügel stand offen.

Brak stürzte darauf zu und beugte sich über den Rand.

»Ha!« kreischte er. »Da sind sie ja schon wieder, die Spuren! Der Einbrecher hat sich durch das Fenster entfernt, durch den Garten! Wo aber kam er denn herein?«

Peter Brak hatte in der Nacht die Tür, die in das Wohnzimmer führte, wie auch das Fenster, sorgfältig verschlossen.

Dies wußte er ganz genau.

Er hatte Decke und Wand untersucht, ob nicht hier irgendein verborgener Eingang zu entdecken war, die Bilder von der Wand genommen, den Boden beklopft.

Nichts Verdächtiges hatte er gefunden.

Aber dennoch war er in großer Besorgnis seines Geldes wegen zu Bett gegangen.

Nun, da man ihn wirklich bestohlen hatte, trotz allem, gebärdete sich der Sonderling wie toll.

Er rannte nach der Tür, die in die Wohnstube führte.

Sie war noch verschlossen!

Er öffnete sie und rief laut nach seiner Tochter.

Statt dessen kam die alte Magd gelaufen.

Sie war nicht wenig erschrocken über das Aussehen ihres Herrn.

»Wo ist meine Tochter?« rief Brak.

»Fräulein Luise wird gleich kommen,« antwortete die Magd, »sie ist mit ihrer Toilette noch nicht fertig.«

Die Alte durfte ja doch nicht sagen, daß Luise sich erst die Tränen trocknen mußte, die sie soeben Heinrichs wegen vergossen hatte.

»Laufe in die Stadt hinein, Friederike, so schnell du kannst, auf die Polizei, nach dem Kommissar!« kreischte der Sonderling.

»Was ist denn schon wieder geschehen, Herr Brak?« rief die Magd, noch mehr erschrocken.

»Ein Dieb war hier, ein elender Schuft, ein Einbrecher! Er hat mir mein schönes Geld gestohlen. Fort! Ich will die Polizei! Sie muß mir den Banditen herbeischaffen, mir mein Geld wiederbringen.«

Die Alte lief ohne Kopfbedeckung nach der Stadt, auf das Polizeiamt.

Luise, durch einige hastige Worte von dem Vorgefallenen zur Not unterrichtet, eilte zu dem Vater in dessen Arbeitszimmer.

Auf den ersten Blick sah sie, daß es sich wirklich so verhielt, wie ihr Friederike zugerufen hatte; der Kassenschrank stand offen, die Fächer waren herausgerissen. Papiere zerstreut.

»Man hat dich bestohlen, Vater, ist es möglich?« rief das Mädchen.

»Dreitausend Mark, dreitausend!« erwiderte er jammernd und erging sich in Verwünschungen über den unbekannten Täter.

Luise hörte voller Schrecken seiner Schilderung zu.

»Und du hast gar keine Ahnung,« fragte sie dann, »wer der Dieb sein könnte?«

Der Sonderling schlug sich plötzlich mit der Hand vor die Stirn. Dann schoß er auf seine Tochter los und erfaßte sie krampfhaft am Arm.

»Warum fragst du so, he? Du vermeidest meinen Blick! Was ist das?«

Er schüttelte sie heftig und vor seinem wilden Blick fürchtete sie sich.

»Was willst du, Vater?« stieß sie verwirrt hervor. »Ich verstehe dich nicht!«

»Haha! Du verstehst mich ganz gut, du weichst mir nur aus, ich sehe es dir an! Du kennst den Dieb!«

Luise hatte plötzlich begriffen.

Sie stieß einen lauten Schrei aus, riß sich los und schlug die Hände vor das Gesicht.

»Habe ich dich, he?« kreischte der Alte. »Habe ich's erraten? Gollwitz, der Schuft, hat mich bestohlen, weil er sonst nichts mehr zu leben hat. Und du weißt darum!«

Langsam ließ Luise die Hände vom Gesicht sinken.

Sie war totenblaß.

»Daß du mir das antun konntest, Vater, hätte ich nie für möglich gehalten,« sprach sie leise. »Niemals habe ich einen Pfennig genommen, ohne daß du es wußtest. Und nun kannst du glauben, daß ich es billigte, wie man nächtlicherweise bei dir einbrach und dich bestahl? O, das ist entsetzlich!«

»Ach was, Papperlapapp!« rief Brak. »Wenn du selber auch dein Lebenlang keinen Pfennig veruntreut hast, so hängst du jetzt doch an dem Schuft, dem Gollwitz!«

»Heinrich Gollwitz ist so wenig der Dieb, wie er der Mörder war!« entgegnete mutig Luise.

»Und ich sage, er kann beides sein!« rief Brak wütend.

»Dein Haß macht dich ungerecht! Bedenke doch, Vater, was du aussprichst!« erwiderte Luise aufschreiend. »Gollwitz ist ein Ehrenmann!«

»Er war dein Liebhaber, ein Lump, dem ich den Schädel einschlage, wenn es mir nicht gelingt, ihn vorher ins Zuchthaus zu bringen!« schrie der sich wie rasend gebärdende alte Mann.

»Gott vergebe dir deine Worte!« antwortete Luise voll Schmerz. »Vielleicht kommt noch einmal die Stunde, wo du einsehen wirst, wie bitteres Unrecht du mir und Gollwitz tust!«

»Wie ich den Burschen kenne, werde ich beweisen, sobald die Polizei da ist!«

»Du – könntest wirklich Gollwitz des Einbruchs beschuldigen?« rief Luise zitternd.

Jawohl!«

»O, tue es nicht, Vater,« flehte das Mädchen und sank auf ihre Knie. »Er ist ja unschuldig, ganz gewiß!«

»So? Willst du etwa wieder sein Alibi beweisen, indem du angibst, er hätte bei dir gesteckt!« wütete der Alte.

»Hab' Erbarmen, Vater!« jammerte das verzweifelte Mädchen. »Du weißt ja wohl, daß ich niemals mehr mit Gollwitz zusammengetroffen bin. Ich aber weiß, daß du ihm seine ganze, von ihm so schwer zu erkämpfende Karriere vernichtest, wenn du ihn schon wieder in Verdacht bringst, nachdem er sich von dem ersten kaum gereinigt hat.«

»Das will ich eben!« lachte Brak voll Hohn. »Solch ein Mensch darf nicht im Dienst des Staates bleiben.«

»Vater!«

»Nichts mehr davon, oder ich vergreife mich noch an dir selber!«

»Mißhandle mich, töte mich! Aber schone einen Unglücklichen, der schuldlos ist!«

»Hinaus! Ich will nichts von dem Burschen mehr aus deinem Mund hören!«

Luise erhob sich von den Knien und wankte aus dem Zimmer.

Wenige Minuten darauf betrat es der Polizeikommissar und vernahm den Bericht Braks, den er auf einem Stuhl sitzend fand, mit starrem Blick vor sich hinschauend.

»Verschaffen Sie mir mein Geld, mein schönes Geld!« kreischte der Sonderling.

»Haben Sie irgendeinen Verdacht, wer den Einbruch verübt haben könnte,« fragte der Beamte, nachdem er alles angehört hatte.

»Jawohl, einen Verdacht habe ich!« versetzte Brak keuchend. »Einen sicheren Verdacht! Der Referendar Gollwitz hat mich bestohlen!«

Betroffen sah der Kommissar den Alten an.

»Worauf gründet sich denn dieser Verdacht?«

»Gollwitz hat keine Geldmittel mehr, irgend woher muß er sich solche verschaffen. Er ist vertraut mit der Einrichtung des Hauses, kennt den Schrank und hat vielleicht das gestellte Wort einmal durch Zufall erfahren. Halten Sie sofort Haussuchung bei ihm. Dabei wird sich mein Geld ja wiederfinden.

Der Kommissar meinte bedenklich:

»Daß Gollwitz der Dieb sein muß, will mir noch nicht recht einleuchten. Viel eher ließe sich doch annehmen, daß es derselbe Mann war, der hier schon einmal zur Nachtzeit einstieg und der auch wahrscheinlich identisch mit dem bis jetzt noch unbekannten Mörder der Frau Fallner ist.«

»Das kann ja eben auch Gollwitz gewesen sein!« rief Brak heftig.

»Daß dies nicht möglich ist, wissen Sie. Ihr Haß scheint Sie etwas ungerecht zu machen.«

»Sie verweigern es also, Gollwitz dieses Einbruchs wegen in Untersuchung zu ziehen?«

»Ich werde ihn fragen, wo er die vergangene Nacht war. Beweist er sein Alibi, so kann ich nichts machen.«

»Was kann er denn beweisen? Daß er zu Hause blieb und schlafen ging? Haha! Er kann jeden Augenblick nach Belieben wieder durch das Fenster heraussteigen!«

»Man darf doch nicht stets das schlimmste erwarten! Weshalb kann denn nicht jener unbekannte Mörder der Dieb sein? Damals fand er nichts, heute gelang ihm dies besser.«

»Nun, so suchen Sie dort!« rief Brak empört. »Bis Sie ihn aber nicht wirklich entdeckt haben, werde ich Gollwitz für den Dieb halten.«

Der Kommissar nahm noch einmal alles in Augenschein.

Die Sache kam ihm ganz unbegreiflich vor und auf dem Rückweg nach der Stadt murmelte er:

»Wie ist dieser Einbruch überhaupt nur möglich? Brak behauptet, am vergangenen Abend das Fenster, wie auch die Tür ins Wohnzimmer, geschlossen zu haben. Die erstere war auch am Morgen noch zu, das Fenster aber offen.

Folglich kann der Dieb nur durch dieses eingedrungen sein. Der Schlüssel zum Schrank lag am Boden und Brak hatte ihn um den Hals an einer Schnur getragen.

Er muß ihm also während des Schlafes heimlich abgenommen worden sein. Das konnte wieder nur jemand tun, der mit diesem Umstand bekannt war. Hier käme freilich Gollwitz in Betracht. Aber unerklärlich ist und bleibt es, wie der Dieb durch das von innen verschlossene Fenster eindringen konnte. Sollte Brak mir da eine selbst inszenierte Komödie vorspielen, die den Zweck hat, den Referendar Gollwitz unschädlich zu machen?

Es hat beinahe den Anschein so, obwohl die ganze Sache sehr plump angelegt wäre. Daß nur gerade diese dreitausend Mark fehlen, die Brak, dieser Sonderling, noch in der Nacht, gut verpackt und gezählt, ängstlich in die betreffende Lade legte, macht mich ebenfalls stutzig, denn dicht daneben lagen Summen, die das Dreifache repräsentierten und in gutem Geld, das unverdächtig ausgegeben werden konnte. Nichts davon wurde berührt. Ich finde mich da noch nicht zurecht!«

Allerdings hatte der Sonderling Brak es doch unterlassen, den Kommissar darauf aufmerksam zu machen, daß seine Tochter Luise von ihm verdächtigt wurde.

Vorläufig wollte er zusehen, wie sich die Sache auch ohne dies gestaltete.

Dem Polizeikommissar kam plötzlich ein Gedanke.

»Wie, wenn doch Gollwitz den Diebstahl, im Verein mit einem anderen, ausgeführt hätte? Brak hat recht, der Referendar ist in Not geraten, es handelt sich um seine ganze Karriere. Wenn er im Hause selbst eine Person hätte, die ihm behilflich war, so allein könnte man sich erklären, daß er einzudringen vermochte, trotzdem das Fenster von Brak abgeschlossen wurde.

Diese Person hat ganz einfach den Reiber des Fensters unauffällig wieder zurückgeschoben, zu einer Zeit, als Brak die Wohnzimmertür noch nicht verschlossen hatte. Bevor er zu Bett ging, schloß er freilich die Tür ab, aber der Dieb konnte nun durch das Fenster ohne große Mühe eindringen.

Die Tür zum Wohnzimmer vermochte Gollwitz nun auch zu öffnen,« fuhr der Polizeikommissar in seinem Gedankengang fort, »um, wenn erwünscht, mit der mitverbündeten Person zusammenzutreffen. Nachdem die Tat ausgeführt war, trennten sich die beiden, und der Dieb schloß die Tür wieder von innen ab und entfernte sich durchs Fenster. Das wäre eine Lösung.

Aber wer könnte sich mit Gollwitz verbünden? Luise Brak, zu dem Zweck, ihren eigenen Vater zu bestehlen? Kaum glaublich! Und selbst, wenn man annehmen will, daß das Mädchen dem in Not geratenen Geliebten helfen wollte, so konnte sie viel leichter in den Besitz des Geldes gelangen, als auf diese umständliche Weise. Außer Brak und dem Mädchen lebt nur noch die alte Magd in dem Hause. Soviel bekannt, steht diese allein in der Welt. Teufel! Die Geschichte verwickelt sich zu einem immer festeren Knoten, den schließlich kein Mensch mehr auseinander bringt.

Aber daß der Sonderling uns selbst diese Komödie vorspielt, dagegen spricht, daß er schon einen Einbruch meldete, zu einer Zeit, da er noch gar keine Veranlassung hatte, Gollwitz zu hassen, weil er noch nichts von dessen Verhältnis zu seiner Tochter ahnte.

Und hätte Brak selbst das Geld auf die Seite gebracht, woher kämen dann die Spuren am Fenster, wie an der Hausmauer außen? Heute wie damals sind sie zu bemerken. Ich werde mit dem Oberamtsrichter über die Sache noch sprechen.«

Mit diesem Entschluß begab sich der Kommissar nach dem Amtszimmer des Genannten.

Daß dieser Mann Gollwitz keinerlei Sympathie entgegenbrachte, weil ihm der Referendar nicht unterwürfig genug erschien, wissen wir bereits.

Auch jetzt hörte er mit großem Ernst den Bericht des Kommissars an und versetzte ohne Zögern darauf:

»Brak hat meiner Ansicht nach den ganz richtigen Gedanken geäußert, wenn er Gollwitz als denjenigen bezeichnete, der ihn wahrscheinlich beraubte. Der Referendar ist schon aus der Mordgeschichte nicht recht rein herausgegangen, und es wäre durchaus nicht unmöglich, daß bei passender Gelegenheit die Sache von neuem aufgenommen würde. Warten wir's nur ab. Ich habe über die Sache nachgedacht und noch einige unklare Punkte entdeckt. Was diesen Diebstahl betrifft, so dürfen wir den Wink Braks ja nicht verachten, sondern müssen uns an den Referendar halten. Man muß eine Haussuchung anordnen.«

Und dies geschah auch in Abwesenheit des jungen Mannes. Man fand jedoch nichts Verdächtiges, besonders aber keine größere Geldsumme. Weinend bat die alte Witwe Ballin, die Polizei möge doch ihren jungen Herrn ungeschoren lassen, da er an allem gänzlich unschuldig wäre und durch den Tod der guten Frau Fallner ohnehin schon schwer betroffen worden sei.

Ihre Worte waren natürlich zwecklos.

Heinrich Gollwitz wurde gleich darauf polizeilich vernommen, wobei er erfuhr, um was es sich handelte.

Auf das höchste entrüstet, verteidigte er sich und bewies durch seine Wirtin, daß er in der vergangenen Nacht sein Zimmer betreten und es erst am Morgen verlassen habe.

Er verlieh auch seiner Ansicht darüber Worte, daß Brak ihn mit Gewalt zu verderben suche, trotzdem er sich sagen müsse, daß er, Gollwitz, im Grunde nichts tat, diesen grenzenlosen Haß herauszufordern.

Da sich bei der Haussuchung nichts Belastendes herausgestellt hatte, mußte Gollwitz wieder entlassen werden, und die Polizei stellte anderweitige Recherchen an.

Auch die alte Magd, selbst Luise wurden vernommen. Aber auch hier ließ sich nichts feststellen, das eine Spur ergeben hätte.

Die alte Magd verkehrte mit keinem Menschen.

Der Sonderling von Wilberg hörte davon, daß Heinrich Gollwitz nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte, daß auch kein Pfennig der gestohlenen dreitausend Mark gefunden wurde.

Diese Mitteilung versetzte ihn in die größte Wut.

»Mein Geld, mein schönes Geld!« schrie er. »Der Schuft hat es verscharrt, damit man es nicht findet. Ich sehe es niemals wieder! Verflucht sei der Dieb!«

Luise ließ Gollwitz heimlich durch Balthasar mitteilen, daß ihr Vater ihn zu ihrem größten Kummer noch immer für den Dieb halte, sie selbst aber fest an seine völlige Unschuld glaube.

So sehr dies letztere den bedauernswerten jungen Mann freute und ermutigte, so mußte er sich andererseits doch auch sagen, daß unter solchen Verhältnissen seines Bleibens in Wilberg nicht mehr war.

Man trachtete danach, ihn hier moralisch zugrunde zu richten.

Deshalb mußte er fort, sobald sich nur eine Gelegenheit bot, denn solange nicht der Mörder seiner Tante und der Dieb, der bei Brak eingebrochen, entdeckt waren, lastete auf ihm der häßliche Verdacht, der, trotz allem Freispruch, immer wieder auftauchte.

Mancherlei Äußerungen hatten ihn darüber genügend belehrt.

Aber auch aus finanziellen Gründen mußte Gollwitz die Stadt verlassen.

Er konnte sich nicht mehr länger als noch einige Wochen halten, wenn er nicht die Hilfe Balthasars annehmen wollte, wozu er sich durchaus nicht entschließen konnte.


XI.

So standen die Dinge, als eines Morgens der Polizeiinspektor Brak aus der Residenz eintraf.

Er hatte sich einen längeren Urlaub geben lassen und gedachte, diesen in Wilberg zu verleben.

Dabei hatte ihn hauptsächlich die Frage beschäftigt: ›Wer ist der Mörder?‹

Nachdem er Peter Brak aufgesucht und diesem seinen Wunsch, in dem Haus der Ermordeten Quartier zu nehmen, ausgedrückt hatte, wurden die letzten Vorfälle besprochen.

Mit größtem Interesse lauschte Brak der Schilderung seines Bruders, den Einbruch betreffend.

»Der Dieb ist auch der Mörder!« rief der Inspektor, nachdem er alles gehört. »Dieser Ansicht bin ich unbedingt.«

»Ich ebenfalls!« versetzte Brak hastig. »Und es ist geradezu ein Hohn, daß man den Burschen frei herumlaufen läßt.«

Der Inspektor blickte rasch auf.

»Du denkst an Gollwitz? Nein, Peter, lassen wir doch den Referendar aus dem Spiel, der ist weder der Dieb, noch der Mörder.«

»So denkst du eben, weil du den Burschen in seiner ganzen Hinterlistigkeit nicht so erkennst, wie ich ihn kenne!« rief Brak hitzig. »Aber es wird sich ja zeigen, wer recht hat, ich oder diejenigen, die den Referendar für ein weiß gewaschenes Lamm halten!«

»Ich werde Gollwitz so lange für unschuldig halten, als sich nicht direkte Beweise für seine Schuld finden, denn er ist nicht der Mann, einen Mord oder einen Diebstahl zu begehen!« lautete die ebenfalls erregte Antwort des Inspektors.

Da das Gespräch einen unerquicklichen Charakter anzunehmen drohte, so empfahl sich Brak bald und quartierte sich im ersten Stockwerk des Fallnerschen Hauses ein, das Balthasar noch immer allein mit der alten Magd bewohnte.

Ein Käufer fand sich so leicht nicht, da die begangene Bluttat jeden abschreckte.

Der Inspektor hatte mit Balthasar eine längere Besprechung, wobei er dem alten Mann im Vertrauen mitteilte, daß er seinen Urlaub eigentlich dazu benützen wolle, auf privatem Wege den geheimnisvollen Mörder seiner Schwester zu entdecken.

Der Inspektor hatte sich absichtlich in dem Haus der Ermordeten einquartiert, um von hier aus ungestört operieren zu können.

Diesen Entschluß hatte er jedoch seinem Bruder verheimlicht, da er dessen Meinung ja zur Genüge kannte.

Balthasar dagegen erklärte sich sofort dazu bereit, dem Inspektor hilfreiche Hand zu bieten.

Dieser hoffte auf ein Wiedererscheinen des Mörders im Garten, wobei er den Mann festnehmen wollte unter allen Umständen.

Stand die Gestalt nicht, so wollte er sie lieber niederschießen, als entkommen lassen.

Balthasar war mit dem Inspektor der Ansicht, daß sich die nächtliche Erscheinung sicher noch einmal zeige, und war der Mann dann festgenommen, so mußte sich auch das Dunkel lichten, das über dem geheimnisvollen Mord lag.

Denn obwohl von seiten der Kriminalpolizei alles aufgeboten wurde, eine neue Fährte zu finden, so war dies Bemühen bis jetzt noch von keinem auch noch so geringen Erfolg gekrönt.

Tatsache blieb eben nur, daß der Mord mit dem Hammer des Wald-Sepp ausgeführt wurde, und dieser in der Nacht vorher aus dem offenen Bretterschuppen von einem Unbekannten entwendet ward, unbedingt zu dem Zweck, um den Verdacht auf Sepp zu lenken.

Tatsache war ferner, daß sich der seltene Jubiläumstaler im Besitz der Ermordeten befand, von dem Täter entwendet und sodann auf dem Weg nach der Stadt, in der Nähe des Brakschen Anwesens, verloren wurde.

Weshalb aber der unbekannte Mensch nichts weiter raubte, als eben diesen Taler allein, vielleicht noch einiges Kleingeld, dies blieb allen ein Rätsel.

Gollwitz allein hatte Hoffnung, durch den Tod der alten Dame in den Besitz des Erbes zu gelangen.

Er war aber unschuldig.

Und nun suchte man nach dem nächsten Verwandten, der Nutzen aus der Erbschaft zog.

Das waren Peter Brak und sein Bruder, der Polizeiinspektor.

Während dieser zur Zeit der Tat sich in der Residenz aufhielt, hatte Peter Brak in der betreffenden Nacht sein Schlafzimmer gar nicht verlassen.

Zudem wußte er noch nicht das geringste von dem Vorhaben seiner Schwester, ihr Vermögen Luise und Gollwitz zu hinterlassen.

Somit lag für ihn auch nicht der kleinste Grund vor, die eigene Schwester zu töten, da ja ihm ihr Vermögen sicher früher oder später zufallen mußte.

Man gab es deshalb auf, nach dieser Richtung hin weiter zu forschen, wie überhaupt der aufgetauchte Gedanke von jedem für sich behalten wurde.

Wo also war der Mörder zu suchen?

Diese brennende Frage beschäftigte nicht nur die beiden Brüder Brak, Luise und Gollwitz, Balthasar und die Kriminalbeamten selbst, sondern die weitesten Kreise.

Die widersinnigsten Annahmen tauchten auf, keine aber enthielt einen wertvollen Gedanken, der eventuell hätte verfolgt werden können.

Daß ein vorüberziehender Stromer die Tat ausführte, war ebenfalls nicht anzunehmen.

Erstens fand sich in der betreffenden Nacht keine solche Persönlichkeit im Städtchen ein, dann hätte aber doch auch solch ein Mensch, ungestört wie er war, mehr als den Jubiläumstaler und vielleicht ein bischen Kleingeld zu sich gesteckt.

Kurz, man mochte tasten, wohin man wollte, überall griff die Hand fehl.

Eines aber hielt die Erregung beständig wach und verhinderte, daß in Wilberg Ruhe einkehrte, die Empfindung, der Mörder weile direkt in dem Städtchen selbst unter irgendwelcher ehrlichen Maske.

Und da es nicht gelang, dem Ungeheuer, das sich ja wirklich schon einmal zur Nachtzeit in dem Garten der Ermordeten zeigte, das sogar im Haus Peter Braks einen raffinierten Einbruch verübte, diese Maske abzureißen, vermehrte sich das unheimliche Gefühl, und eine allgemeine Beklemmung lag auf allen Gemütern.

Es waren vierzehn Tage verflossen.

Trotz aller Wachsamkeit hatten weder Balthasar, noch der Inspektor etwas entdeckt, das darauf schließen ließ, der Mörder habe sich noch einmal zur Nachtzeit in den Garten eingeschlichen, und Brak nahm selbst im geheimen an, daß sich Balthasar schließlich doch getäuscht habe, als er seinerzeit die nächtliche Erscheinung gesehen haben wollte.

Der alte Diener blieb jedoch fest bei seiner Behauptung, als dem Inspektor einmal eine diesbezügliche Bemerkung entschlüpfte.

Nichtsdestoweniger erlahmte dessen Eifer naturgemäß, da sich eben so gar nichts Verdächtiges ereignete.

Da sollte ein neues Ereignis ihn rasch genug wieder emporrütteln.

Bei Peter Brak war abermals eingebrochen worden und wieder wurde der Schrank geöffnet und eine größere Summe Geldes entwendet.

Diese Nachricht hatte sich rasch genug verbreitet.

Der Inspektor begab sich sofort zu seinem Bruder und fand diesen in wilder Aufregung.

»Mein Geld! Mein Geld!« schrie Peter wie rasend. »Sie machen mich zum Bettler! Wieder sind viertausend Mark fort, die ich erst gestern geschickt bekam.«

Unheimlich auflachend fiel er in einen Stuhl.

»Und dabei glaubt man mir nicht, läßt den Dieb frei umherlaufen!«

»Wie ist denn das nur wieder möglich?« fragte der Inspektor. »Das ist ja, als ob wir alle behext wären!«

»Behext!?« schrie Peter Brak wild auf. »Den Hexenmeister kenne ich nun sehr gut.«

»Was meinst du denn?«

»Gollwitz ist es, der Schuft! Er wird mich zum Bettler machen, wird mir den letzten Pfennig aus der Tasche stehlen. Aber diesmal soll er mir nicht entgehen, oder ich rufe die Polizei von E . . . zu Hilfe! Man muß mich schützen, sonst komme ich in das Armenhaus!«

Der Inspektor bat den sich wie rasend gebärdenden Bruder um eine klare, vernünftige Schilderung der Ereignisse.

Es war beinahe genau so wie das erstemal.

Der Sonderling hatte am vergangenen Tag viertausend Mark geschickt bekommen, die er abgezählt und verpackt in ein Fach legte.

Diesmal zog er den Schlüssel ab, schloß den Schrank ebenso sorgfältig und legte beide Schlüssel unter das Kopfkissen seines Bettes, da sich die Angst, auch dieses Geld wieder zu verlieren wie das letzte, bei ihm bis zu krankhafter Erregung steigerte.

Dann hatte er auch das Fenster von innen verriegelt, die Tür zum Wohnzimmer abgeschlossen, Boden und Wände beklopft und war sodann, einigermaßen beruhigt, in das Bett gestiegen.

Er hatte schlecht geschlafen, behauptete jedoch, während der Nacht nicht das mindeste Geräusch vernommen zu haben.

Ziemlich spät am Morgen erhob er sich und betrat sein Arbeitszimmer, um entsetzt gegen die Wand zu taumeln.

Man hatte abermals bei ihm eingebrochen.

Der Schrank stand offen, ebenso das Fach, in das er gestern die viertausend Mark gelegt hatte.

Aber auch der eine Fensterflügel schwankte leicht im Morgenwind und zeigte dem bestohlenen Sonderling, welchen Weg der Dieb eigentlich nahm.

Wieder dasselbe! Er war durch das geöffnete Fenster ein- und ausgestiegen.

Wie aber war denn dies überhaupt menschenmöglich? Hatte Brak nicht alles von innen verriegelt?

Wie und wo konnte denn da noch ein Mensch eindringen? Und dennoch war es geschehen.

Der Schrank offen, das Fach offen, die beiden Schlüssel, die ihm der Dieb unter dem Kopfkissen hinweggestohlen hatte, am Boden liegend, das Geld geraubt.

Und wieder nur diese viertausend Mark!

Auch diesmal hätte der Einbrecher mehr an sich nehmen können. Er tat es nicht, so wenig, wie das erstemal.

Es war zum Wahnsinnigwerden!

Aber so rätselhaft, so geheimnisvoll die ganze Sache auch war, das Geld war fort, geraubt durch ganz gemeinen Einbruch, und daran ließ sich nichts bezweifeln; das war die Hauptsache.

Der Polizeiinspektor rieb sich die Stirn. Die Geschichte fing an, ihn selbst aufzuregen.

Er untersuchte Tür und Fenster. Alles war unverletzt.

»Wie ist es nur möglich, daß hier ein Mensch eindringen konnte, da du doch mit aller Bestimmtheit versicherst, alles von innen abgeschlossen zu haben?« wandte er sich an Peter.

Dieser war die ganze Zeit über im Zimmer auf und ab gelaufen und hatte sich die Haare gerauft.

Auf die Frage seines Bruders fuhr er auf diesen zu und krallte seine Finger in dessen Arm.

»Ich will dir sagen, wie es möglich ist!« kreischte er. »Gestern abend hat sich jemand hier oder in meinem Schlafzimmer versteckt und hat dann von innen auf ein gegebenes Zeichen das Fenster geöffnet, den Dieb hereingelassen. Nachdem der Raub ausgeführt war, hat diese Person, die ich verfluche mitsamt dem Dieb, auf demselben Weg durch das Fenster die Stube verlassen. Begreifst du nun, wie alles möglich ist, möglich, daß das Fenster von innen geöffnet werden konnte, daß dabei aber auch diesen Morgen noch die Tür zum Wohnzimmer verschlossen war?«

Der Inspektor sah den Sonderling betroffen an.

Das war in der Tat die einzige Möglichkeit, wie der Raub ausgeführt werden konnte.

»Aber wenn es sich wirklich so verhält, wer wäre denn diese Person?« fragte er.

»Wer? Meine pflichtvergessene Tochter Luise!«

Der Inspektor prallte zurück.

»Wieder dieselbe Sache!« rief er. »Aber dein Verdacht ist ungerecht, hat keinen Grund. Werde doch endlich vernünftig. Du tust Luise bitter Unrecht, wenn du sie des Diebstahls am eigenen Vater bezichtigst.«

»Ich tue ihr gar kein Unrecht,« schrie Peter Brak ergrimmt, »weil ich meiner Sache gewiß bin! Höre nur zu! Ich stürzte diesen Morgen, nachdem ich den Diebstahl entdeckt hatte, hinaus in das Wohnzimmer, rief die Magd, rief Luise.

»Ich bin diese Nacht bestohlen worden!« schrie ich. »Man hat mir abermals viertausend Mark geraubt. Und Gollwitz tat es, der Schuft! Da drang ein gellender Aufschrei über die Lippen meiner Tochter. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und wollte davonstürzen. Aber das vereitelte ich, indem ich sie am Arm packte und in mein Arbeitszimmer zog. Die Magd schickte ich nach der Polizei.

Ich war mit Luise allein und sagte ihr's auf den Kopf zu, daß sie um den Diebstahl wisse. ›Nein, nein!‹ rief sie.

›Du lügst!‹ antworte ich. ›Ich habe es längst bemerkt, daß du, trotz allem, noch immer an dem Schuft, dem Gollwitz, hängst, daß du heimlich mit ihm verkehrst, wenn ich auch nicht weiß, auf welche Art. Gestehe, er war hier in vergangener Nacht!‹

Sie zitterte und wagte es gar nicht, mir ein lautes, lügnerisches Nein ins Gesicht zu rufen. Da hatte ich sie schon!

Ich ließ nicht nach, ich drohte, sie sofort der Polizei zu übergeben, denn ein Kind, das im Verein mit einem höchst verdächtigen Menschen den eigenen Vater bestiehlt und ausplündert, ist nicht mehr das meine.

Endlich gestand sie es ein; Gollwitz war hier, war im Garten diese Nacht.«

»Unmöglich! Das hätte Luise eingestanden?« rief der Inspektor.

»Jawohl, sie tat es!«

»Weil du sie dazu gezwungen hast!«

»Oh, ich weiß, daß du selber noch bis zuletzt der Brut die Stange halten möchtest!« schrie Peter Brak sinnlos, wütend. »Wird dir aber doch nichts mehr helfen. Diesmal habe ich Gollwitz fest. Nicht nur, daß Luise eingestand, daß er im Garten war diese Nacht, daß er auf sie wartete, ich habe auch den Beweis davon entdeckt.«

»Welchen Beweis?«

»Einen Zettel, ein Billett, das der Mensch durch Vermittlung eines Verbündeten, den ich auch noch herausfinden werde, meiner Tochter zusteckte und worin er sie bittet, zu einer bestimmten Stunde im Garten bei ihm zu sein.«

»Ein solches Billett hast du wirklich entdeckt?«

»Habe ich gefunden, jawohl, wie ich das Zimmer Luisens durchsuchte, während ich sie hier eingeschlossen hielt.«

»Wo ist der Zettel? Darf ich ihn lesen?«

Peter Brak reichte dem Inspektor ein kleines Billett.

»Hier! Lies ihn nur. Das wird dich von deiner Manie, Gollwitz für einen unschuldigen Menschen zu halten, gründlich heilen!«

Der Inspektor las folgende Worte:

»Mein über alles geliebtes Mädchen!

Auf dem alten Weg sende ich Dir diese wenigen Zeilen. Ich kann mich hier in der Stadt nicht mehr halten, der Boden brennt mir unter den Füßen. Ich muß fort, wohin das weiß ich noch nicht einmal. Wir durften uns nie mehr sehen seit jener letzten Nacht, trotzdem die Sehnsucht mich verzehrt.

Der Wille Deines tyrannischen Vaters trennt uns. Aber ehe ich gehe, für immer vielleicht scheide, laß uns Abschied nehmen an der alten, bekannten Stelle im Garten, wenn Dein Vater schläft. Wie Du das Haus verlassen kannst, weiß ich ja; Du wirst es auch diesmal möglich machen, trotz aller Vorsicht und Sorge, die mein unbarmherziger Onkel anwendet.

Ich erwarte Dich bis zwölf Uhr im Garten. Komme herab, mache es möglich, und wenn Dir kein anderer Weg bleibt, so steige durch das bewußte Fenster heraus. Ich habe mit Dir eine Angelegenheit zu besprechen, die Du ja kennst, von der aber niemand etwas ahnen darf, sonst sind wir beide verloren.«

Der Inspektor ersah aus dem Billett, daß dessen Inhalt allerdings den Referendar derart belasten mußte, daß seine Verhaftung unausbleiblich war.

Und dennoch glaubte er jetzt erst recht nicht an dessen Schuld. Hinter der ganzen Sache mußte ein Geheimnis stecken, etwas bis jetzt noch Unerklärliches.

Er gab den Zettel zurück.

»Gollwitz war im Garten, das ist sicher,« sagte er. »Hat Luise auch eingestanden, daß sie ihm das Fenster öffnete?«

»Nein, dazu brachte ich sie nicht, ich konnte anstellen, was ich wollte. Schließlich machte sie mich so rasend, daß ich die Hand gegen sie erhob.«

»Du – hast sie mißhandelt?«

»Ja, sie reizte mich durch ihre Verstocktheit.«

»Entsetzlich! Wo ist die Arme nun?«

»Auf ihrem Zimmer. Aber ich will keine Rücksicht, keine Schwachheit mehr kennen. Wenn die Polizei kommt, erzähle ich alles!«

»Du könntest Luise preisgeben, dein Kind?«

»Ich tue es, ohne Zögern, sie ist mein Kind nicht mehr!«

»Überlege es dir doch noch vorher!«

»Ich brauche keine weitere Überlegung mehr. Auch von dir lasse ich mir keine Vorschriften machen!«

Der Inspektor zuckte die Schultern. In diesem Augenblick klingelte es.

»Aha! Die Polizei!« rief Peter Brak aufspringend. »Ich werde öffnen.«

»Den Weg kann ich dir ersparen, Peter, denn ich entferne mich ohnedies, um nicht Zeuge sein zu müssen, wie ein Vater sein Kind der Polizei denunziert!« sprach der Inspektor ernst.

»Mir auch recht, daß du gehst,« warf Brak trotzig hin. »Wo es sich um mein Geld handelt, kenne ich keine Rücksicht.«

Der Inspektor ging und öffnete unten dem mit der Magd erscheinenden Kommissar.

»Es ist abermals eingebrochen worden, wie ich höre?« fragte der Kommissar.

»Allerdings,« antwortete der Inspektor. »Sie finden meinen Bruder oben; er wird Ihnen das Nähere mitteilen. Nur eine Bitte: Stellen Sie peinlichst genaue Untersuchungen an. Es scheint hier mehr ein dunkles Geheimnis, als ein gewöhnlicher Diebstahl vorzuliegen.

Der eigentliche Sachverhalt ist derart, daß er über den gesunden Menschenverstand hinausgeht. Und dann – lassen Sie sich ja nicht durch die vom Haß diktierten Worte meines Bruders leiten, der wieder Gollwitz anklagt, wenngleich der junge Mann sich abermals stark verdächtigte.«

»Keine Sorge, Herr Inspektor,« erwiderte der Kommissar, »ich werde mit aller Gründlichkeit zu Werke gehen, je verwickelter der Fall ist.« »Ich danke Ihnen, weiter habe ich nichts zu bemerken.«

Damit entfernte sich der Inspektor, während der Kommissar nach oben stieg.


XII.

Heinrich Gollwitz befand sich an diesem Morgen reisefertig in seinem Zimmer.

Er hatte bereits alles geordnet, seine Karriere aufgegeben und wollte die Stadt verlassen.

Es war viel schneller gekommen, als er selbst gedacht. Rapid gingen seine wenigen Barmittel zu Ende, und wollte Gollwitz wenigstens noch einen letzten Notpfennig behalten, so durfte er nicht zögern, sondern mußte fort, um wo anders eine einfache Existenz zu gründen.

Wählerisch durfte er nicht sein; wenn es nur das tägliche Brot zu verdienen gab.

Es war ihm gelungen, sogleich entlassen zu werden, nachdem er schon vor einiger Zeit ein diesbezügliches Ersuchen eingereicht hatte; besaß er doch im Grunde genommen wenig Freunde und auch keine Gönner mehr, seitdem Tante Fallner tot war.

Man sah ihn deshalb gern verschwinden, da der häßliche Verdacht noch immer nicht ganz von ihm genommen war, denn der wahre Mörder wurde ja nicht entdeckt bis dahin.

Gollwitz hatte an Luise jenes Billett geschickt, denn es dünkte ihn unmöglich, zu scheiden, ohne vorher noch einmal die Hände des geliebten Mädchens zu küssen, ein segnendes Wort aus ihrem Mund zu hören.

Er hatte gewartet wohl bis ein Uhr in der Nacht. Aber Luise war nicht gekommen.

Dunkel und schweigend lag das Haus des Sonderlings in dem Garten, nichts regte sich.

Er hatte vergebens gewartet und machte sich wieder auf den Heimweg, tiefste Verzweiflung im Herzen.

Und der qualvolle Gedanke, von Wilberg gehen zu müssen, ohne Luise noch einmal gesehen zu haben, ohne ein letztes, kleines Zeichen von ihrer Hand zu empfangen, war es, der ihn jetzt noch zaudern ließ.

Von seiner Wirtin hatte er sich bereits verabschiedet. Die gute Alte vergoß bittere Tränen über das Unglück ihres armen, jungen Herrn.

Einen größeren Koffer ließ Gollwitz bei Frau Ballin stehen, bis er ihr melden konnte, wohin sie ihn schicken solle. Er selbst nahm nur einen mäßig großen Handkoffer mit, der das Nötigste für die nächsten acht Tage barg.

Wollte Gollwitz nicht den Zug versäumen, der in etwa fünfzehn Minuten nach E . . . ging, so tat er gut, sich langsam auf den Weg zu machen.

Niemand suchte ihn mehr auf oder schickte ihm etwas. Wozu also noch länger zögern?!

Gollwitz griff seufzend nach dem Hut und stand eben im Begriff, zu gehen, als die Tür rasch aufgestoßen wurde und Balthasar atemlos in das Zimmer stürzte.

»Um Gottes willen!« rief der Referendar. »Ist denn ein neues Unglück geschehen? Kommen Sie von Luise?«

Der Alte war außer Atem auf einen Stuhl gefallen. Er sah sich hastig um.

»Sie wollen fort, verreisen?« keuchte er und rieb sich die Stirn. »Herr Gollwitz, wie kommt das? Sagen Sie, bei allem, was Ihnen heilig ist, haben Sie etwas auf dem Gewissen?«

»Nein, Balthasar, mein Gewissen ist rein, das kann ich Ihnen schwören!« gab Gollwitz ohne Zögern zur Antwort. »Aber spannen Sie mich nicht länger auf die Folter. Sagen Sie mir –«

»Sie haben nichts verschuldet? Ich glaube Ihnen. Aber das tut nichts zur Sache! Herr Gollwitz,« rief der alte Mann, »ich bitte Sie kniefällig, nehmen Sie meine Hilfe an. Wenn Frau Fallner noch fühlen könnte, wie das Unglück Sie verfolgt, wie man mit Ihnen umgeht, sie müßte sich im Grab noch umdrehen.

Alles scheint sich ja gegen Sie verschworen zu haben; was Sie beginnen, schlägt zu Ihrem Nachteil aus. Sie müßten dem Schicksal unterliegen, deshalb ist es besser, Sie gehen ihm aus dem Weg.

Sie wollen fort? Davon haben Sie mir zwar nichts gesagt, sondern wären aus falscher Scham wahrscheinlich ohne Abschied gegangen. So sehr ich Ihnen unter anderen Umständen gezürnt hätte, jetzt sage ich doch, gehen Sie, reisen Sie sofort ab. Sie wollen doch den nächsten Zug benützen?«

»Allerdings – aber –«

»Haben Sie hier noch etwas Notwendiges zu ordnen?«

»Nein, ich brauche nur dies Kofferchen aufzunehmen und zu gehen!«

»Dann kommen Sie; auf dem Weg zur Bahn erzähle ich Ihnen alles weitere!«

Balthasar erfaßte ohne Umstände das Kofferchen und eilte davon. Wohl oder übel mußte Gollwitz folgen.

Die Witwe Ballin eilte ihrem jungen Herrn nach.

»Herr Gollwitz!« rief sie händeringend.

Der Referendar wollte stehenbleiben, doch Balthasar zog ihn gewaltsam weiter.

»Kommen Sie, sonst versäumen Sie den Zug und dann ist alles verloren!«

Die beiden Männer eilten durch die nur wenig belebten Straßen.

»Nun sagen Sie mir aber, Balthasar, was das alles heißen soll?« verlangte Gollwitz zu wissen. »Ist Luise in Gefahr?«

»Kümmern Sie sich doch zunächst um Ihr Schicksal. Sie haben Luise gestern durch mich ein Briefchen zustecken lassen, worin Sie um ein nächtliches Rendezvous bitten?«

»Da Sie es wissen, ja!«

»Sie waren auch im Garten?«

»Ja.«

»Ist Ihnen dabei nichts aufgefallen?«

»Ja doch, warten Sie! Als ich nach vergeblichem Warten mich entfernte, war es mir, als verlasse hinter mir jemand den Garten. Ich dachte an Verfolgung und blieb stehen. In diesem Augenblick schimmerte ein schwacher Mondstrahl durch einen Wolkenriß. Da sah ich einen Mann, eine Gestalt, wenigstens den Umrissen nach ein Mann, soviel ich bemerken konnte, den Garten verlassen. Er kam aber nicht auf mich zu, sondern schlug die Richtung nach dem Walde ein.«

»Sie haben einen Mann gesehen?« antwortete fast schreiend Balthasar. »Besinnen Sie sich, um Gottes willen! Wie sah er aus?«

»Das kann ich nicht sagen, ich sah sein Gesicht nicht!«

»Dachte ich mir's doch! Das alte Mißgeschick. Hätten Sie diesen Mann verfolgt, festgehalten, so wäre das Unglück vorbei!«

»Wieso?«

»Vernehmen Sie denn, es ist abermals diese Nacht bei Brak eingebrochen worden; viertausend Mark sind geraubt. Der Täter muß stets derselbe sein, Mörder und Dieb jener Mensch, den Sie den Garten verlassen sahen. O, hätten Sie ihn doch festgehalten! Dadurch wäre alles gut geworden, denn nun sind Sie wieder verdächtigt, den Diebstahl ausgeführt zu haben.«

»Ich? Mein Gott, weshalb denn immer ich? Warum läßt man mich denn nicht in Ruhe?« rief Gollwitz.

»Das ist Ihr Unglück; ohne es zu wollen, verdächtigten Sie sich selbst! Brak hat den Brief gefunden, den Sie an Luise schrieben, er hat die Polizei benachrichtigt. Der Inspektor kam eben von dem Brakschen Haus zurück und erzählte mir die Sache.

Man weiß, daß Sie in dieser Nacht im Garten waren, und man wird ebensowenig glauben, daß Sie einen Mann gesehen haben, als man fest glaubt, Sie hätten das gestohlene Geld einfach vergraben. Deshalb die erfolglose Haussuchung. Sie haben keine Zeit zu verlieren, wenn Sie nicht in der nächsten Stunde verhaftet sein wollen.«

»Halt!« versetzte Gollwitz und blieb plötzlich stehen. »Ich bleibe! Eine Flucht würde nur einen Beweis meiner Schuld abgeben.«

»Fort!« Fast gewaltsam zog der alte Mann den Referendar mit sich. »Sie dürfen nicht bleiben, weil Sie eine andere Aufgabe zu erfüllen haben. Werden Sie heute verhaftet, so wird man Ihnen nicht nur diesen Diebstahl, sondern auch wieder den Mord zur Last legen, denn das ist gewiß, der Dieb ist auch der Mörder. Und des Diebstahls wird man Sie überführen, auch wenn man kein Geld vorfindet. Das darf nicht sein!

Sie müssen entfliehen, für schuldig hält Sie morgen ohnedies jedermann. Verbergen Sie sich und suchen Sie nach einiger Zeit heimlich hierherzukommen, um den Mörder zu entdecken, der unbedingt in nächster Nähe sein muß. Ist dies gelungen, so können Sie hervortreten und sind glänzend gerechtfertigt. Ihr Hierbleiben hat durchaus keinen Wert. Seien Sie doch vernünftig, Herr Gollwitz!«

»Aber Luise! Was wird sie zu erdulden haben?« rief der junge Mann.

»Ich werde sie trösten, so gut ich vermag; es wird so nicht zum Schlimmsten kommen. Da sind wir am Bahnhof. Warten Sie, ich löse Ihnen ein Billett!«

Und schon war der Alte davongeeilt.

Verwirrt, betäubt von all dem, was so plötzlich auf ihn einstürmte, stand Gollwitz auf dem Perron und sah den Zug heranbrausen.

Sollte er bleiben, allem die Stirn bieten?

Aber Balthasar hatte recht; so wie jetzt die Dinge lagen, durfte er dies nicht.

Balthasar kam zurück.

»Hier, Herr Gollwitz; ich habe zweite Klasse genommen, Sie können ungestört überlegen, wie Sie sich am besten die Zukunft gestalten. Das Billett lautet auf E . . .; ich möchte Ihnen aber raten, schon früher auszusteigen, sobald es ungestört geschehen kann. Die Polizei wird rasch hinter Ihnen her sein. Nun steigen Sie ein!«

Balthasar schob das Kofferchen in ein leeres Kupee. Gollwitz stieg ein, Balthasar folgte für einen Augenblick.

»Daß ich Luise nicht mehr sehen, sprechen konnte!« seufzte der Referendar.

»Versprechen Sie mir, vorsichtig zu sein und den Zweck Ihres Lebens, die Entdeckung des Mörders, nicht aus dem Auge zu lassen! Wenn ich ihr dies als Abschiedsgruß bringe, wird sie ebenso getröstet sein.«

»Ich verspreche es Ihnen – halt, Balthasar!« rief Gollwitz plötzlich, »Was haben Sie da auf den Sitz gelegt?«

Der alte Mann wurde förmlich verlegen.

»Nehmen Sie es mir doch nicht übel, Herr Gollwitz,« sagte er hastig. »Es ist ja nur eine kleine Summe! Denken Sie doch, meine arme gemordete Herrin würde es selber gutheißen, daß ich Ihnen diese schwache Hilfe angedeihen lasse, damit Sie endlich den Mörder finden. Daß man Sie dafür hält, kann ihr doch nicht recht sein.«

Die Pfeife des Zugführers ertönte. Balthasar hatte kaum Zeit, daß er heraussprang.

Gollwitz stürzte mit der kleinen Brieftasche an das offene Fenster.

Er wollte sie hinauswerfen, doch in demselben Augenblick sah ihn Balthasar so flehend an, daß er diesen Vorsatz vergaß.

»Denken Sie an Ihre Arbeit! Auf Wiedersehen!« rief der alte Mann noch vom Bahnsteig aus.

Dann donnerte der Zug davon, über die eiserne Brücke Wilbergs, hinein in den frischen Morgen, hinein in eine ungewisse Zukunft.

Gollwitz fiel auf den Sitz zurück.

»Was wird daraus werden?« stöhnte er. »Wie werden sich die nächsten Tage für mich gestalten?«

Dann zog plötzlich ein starrer, energischer Ausdruck um seinen Mund.

»Ich werde tun, was Balthasar verlangt! Ich bin es mir selbst, bin es Luise und der armen Tante schuldig. Hier schwöre ich es, nicht zu rasten und zu ruhen, bis ich den elenden Mörder und Dieb entdecke. Bis dahin will ich mich verbergen, als wäre ich selbst der blutbefleckte Mörder, unter dem Dunkel der Nacht operieren und, wenn es sein müßte, in Höhlen mich verkriechen, wie es gehetzte Tiere tun. Habe ich aber den Dieb und Mörder, dann keine Gnade! Das schwöre ich bei Gott, dem Allwissenden, der in mein Herz blickt und weiß, daß es frei von Schuld ist!«


* * *


Die Polizei hatte im Hause Braks mit peinlichster Sorgfalt alles untersucht und aufgenommen.

Diesmal gab der aufgebrachte Sonderling wirklich seine Tochter preis und lieferte den Brief des Referendars aus.

»Gollwitz ist der Täter!« war immer die gleiche Entgegnung auf jede diesbezügliche Frage des Kommissars.

Der Fall war tatsächlich rätselhaft.

Man stand vor einem offenbaren Geheimnis.

Ohne daß dem eindringenden Dieb von innen geöffnet wurde, war die Sache überhaupt unausführbar.

Dann mußte die im Zimmer versteckte zweite Person ebenso durch das Fenster mit dem Dieb gestiegen sein, sonst wäre es nicht möglich, daß die Tür, die in das Wohnzimmer führte, auch noch am Morgen von innen verschlossen war.

Der Kommissar meinte kopfschüttelnd, wenn Luise diese Person gewesen wäre, so könne man doch nicht annehmen, daß das Mädchen den halsbrecherischen Weg über die Hausmauer machte.

Peter Brak aber versetzte heftig, daß es eben doch so sein müsse, da es gar keine andere Erklärung gebe.

Übrigens wäre Luise in ihren Kinderjahren gesprungen und geklettert gleich einem Jungen.

Der Kommissar hatte Luise vernommen.

Sie gestand, daß sie den Brief von Gollwitz erhalten habe, aber das Haus in der Nacht nicht verließ.

Die Angelegenheit, die Gollwitz mit ihr besprechen wollte, könne sich nur um die Zukunft handeln, um seine Karriere, die er aufgeben müsse, da er ohne Vermögen sei. Wollte er ihr etwas anderes sagen, so war ihr dies eben nicht bekannt.

Hinter dem Rücken ihres Vaters habe sie mit Gollwitz seit dem Tag des Prozesses nicht mehr gesprochen.

Durch wen sie seinen Brief erhalten hatte, weigerte sie sich anzugeben.

Doch erklärte sie auf das bestimmteste, daß es sich in dem Schreiben nicht um das Aussteigen durch das Fenster der Arbeitsstube handle, sondern um ein Parterrefenster, das ganz nahe am Boden lag und auch nur ein einziges Mal von ihr benutzt wurde.

Daß sie sich in dem Arbeitszimmer im Lauf des Abends versteckte, wies sie weit von sich, ebenso mit Entrüstung, daß sie sich mit Heinrich Gollwitz verbündet habe, um den Vater zu bestehlen.

Ihre, wie die Unschuld des Referendars, würde gewiß eines Tages bewiesen werden.

Der Kommissar wußte nicht mehr, was er denken sollte. Die alte Magd bestritt ebenfalls auf das entschiedenste, etwas von dem Diebstahl zu wissen.

Man durchsuchte jeden Winkel des Hauses, um eine Person zu entdecken, die sich vielleicht dort verborgen hielt. Nichts fand man, auch nicht die leiseste Spur.

Selbst der Polizeibeamte geriet in Hitze. Das war ja geradezu zum Tollwerden!

Wer war der Täter? Wie kam er herein?

Gollwitz war schwer belastet, dagegen ließ sich nichts anführen, und nach reiflicher Überlegung sagte sich der Kommissar auch, daß niemand als er schließlich der Täter sein könne.

Er hatte die Spuren am Fenster und in den Ranken betrachtet.

Es war nichts Deutliches, Ausgeprägtes, kein voller Fuß und nur die Zweige der wilden Reben geknickt.

Ein Mensch war hier, dies stand fest.

Von einer Verhaftung Luises glaubte der Beamte absehen zu dürfen, ihre Schuld war durch nichts erwiesen.

Dagegen galt es, sich des Referendars zu versichern, der ja, laut dem Inhalt seines Briefes an Luise, fort wollte. Schon dies war einigermaßen verdächtig.

Der Polizeikommissar begab sich nach der Stadt und ließ Peter Brak in voller Raserei seines gestohlenen Geldes wegen zurück.

Bevor er einen weiteren Schritt tat, besprach er sich mit dem Oberamtsrichter.

Dieser war sogleich damit einverstanden, Gollwitz augenblicklich zu verhaften.

»Haben wir den feinen Herrn nur erst einmal dieses Diebstahls überführt, so wird es ein leichtes sein, ihm auch den Mord an Frau Fallner zu beweisen!« rief der würdige Mann.

»Sie glauben noch immer fest daran, daß Gollwitz der Mörder ist?«

»Jawohl, jetzt mehr als je!« erwiderte der Oberamtsrichter. »Ich bitte Sie, wo soll denn der geheimnisvolle Mörder stecken? Sie werden ja sehen, daß diesmal die Geschichte etwas anders hinausgeht. Versichern Sie sich nur rasch des Burschen, damit er uns nicht vorher entwischt. Er hat doch keine Ahnung von dem, was gegen ihn schwebt?«

»Ich glaube nicht und werde sogleich die Verhaftung selbst vornehmen.«

Der Kommissar hatte wohl die Absicht, sich der Person des Referendars zu versichern, konnte sie aber nicht mehr ausführen, denn als er die Wohnung des jungen Mannes gegen zehn Uhr vormittags betrat, erfuhr er, daß Gollwitz längst abgereist war.

»Zu spät!« fluchte der Beamte, ließ sich jedoch in aller Eile von Frau Ballin die nötigsten Mitteilungen geben.

»Also Balthasar war bei ihm diesen Morgen in aller Frühe?« rief er, plötzlich von einem Gedanken durchzuckt.

»Da erklärt sich ja alles, auch durch wen Luise Brak den Brief erhielt. Das hätten wir früher wissen sollen! Wohin reiste Gollwitz?«

»Er wollte nach E . . . » erwiderte die Witwe aufgeregt, »aber als er ging, war er so eilig und aufgeregt, daß ich gar nicht mehr recht Abschied von ihm nehmen konnte. Er stürzte nur so fort.«

»Allein?«

»Nein, Balthasar war bei ihm.«

»So, so! Nun, wir werden mit dem Alten auch noch ein Hühnchen pflücken.«

»Was ist denn schon wieder geschehen, Herr Kommissar?« bat die Witwe. »Ich habe seit diesem Morgen, als mich mein junger Herr verließ, eine ganz schreckliche Angst in mir herumgetragen.«

»Herr Brak ist abermals bestohlen worden, und es liegen alle Anzeichen vor, daß Gollwitz der Täter ist.«

»Herr Gollwitz?« schrie die Alte auf. »Allgerechter Gott! So wollten Sie ihn am Ende gar verhaften?«

»Jawohl!«

»Tun Sie es nicht; ich lege die Hand für ihn ins Feuer, beide Hände. Er ist so unschuldig, wie ein neugeborenes Kind!«

»Das verstehen Sie nicht, gute Frau!« schnitt ihr der Kommissar das Wort vom Mund ab. »Befindet sich nichts mehr hier, das Gollwitz gehört?«

»Doch, sein großer Koffer.«

»Das ist gut, ich werde ihn später durchsuchen. Was nahm er denn mit?«

»Nur ein kleines Handköfferchen.«

»Wissen Sie vielleicht, daß in diesem größere Summen lagen?«

Die Alte schüttelte den Kopf.

»Mein junger Herr ist ja sehr unglücklich geworden; er hatte kaum mehr die Mittel zum Leben. Deshalb ging er ja gerade von hier fort.«

»Das wissen wir nun doch etwas besser, liebe Frau!« versetzte der Kommissar.

Er verließ das Haus und begab sich nach dem Bahnhof.

»Jetzt gibt es gar keinen Zweifel mehr an der Schuld des Referendars,« sagte er sich. »Er ist in wilder Hast entflohen, nachdem ihn Balthasar warnte. Das dürfte dem Alten doch etwas teuer zu stehen kommen. Nützen wird es Gollwitz auch nichts, denn wozu hätten wir den Telegraphen. Er kann kaum recht E . . . erreicht haben und wird dort einen wirkungsvollen Empfang finden.«

Die Recherchen, die er auf dem Bahnhof einzog, bestätigten, daß Gollwitz mit dem Morgenzug nach E . . . . reiste, sowie daß er bis zum Zug von dem alten Diener Balthasar begleitet wurde.

Der Telegraph spielte sogleich auf der ganzen Strecke. Bis die Antwort zurückkam, ging der Kommissar in die Wohnung der Witwe Ballin zurück, indem er einen Polizisten von der Straße mitnahm. Der Koffer des Referendars wurde erbrochen.

Dieser enthielt jedoch durchweg unverdächtige Effekten. Nicht das geringste fand sich, das auf die Täterschaft des jungen Mannes bei dem Diebstahl oder Mord hingewiesen hätte.

»Er ist klug genug, alles zu beseitigen!« sagte der Beamte.

Er ging nach seinem Bureau und gab Befehl, den Diener Balthasar vorzuführen zum Zweck einer polizeilichen Vernehmung.

Während der Kommissar die Durchsuchung von Gollwitz' Effekten leitete, waren bereits telegraphische Antworten aus E . . . . eingetroffen.

Mit großem Interesse las sie der Beamte.

Gollwitz konnte nicht festgenommen werden, da er sich nicht mehr in dem Zug befand, der von Wilberg kam. Folglich hatte er schon früher den Wagen verlassen.

Eine sofortige Vernehmung der Schaffner hatte kein Resultat ergeben.

Gollwitz saß allein in einem Kupee.

Er mußte sich irgendwo ganz unbemerkt entfernt haben. Diese Station anzugeben, war dem Schaffner jedoch unmöglich. Erst kurz vor E . . . . hatte er das Verschwinden des Passagiers entdeckt und sich darüber gewundert.

Sofortige telegraphische Recherchen führten auch zu keinem besseren Resultat.

Gollwitz war vorläufig entkommen, und befand er sich im Besitz von Geldmitteln, woran der Kommissar nun gar nicht mehr zweifelte, so war es möglich, daß der Referendar sich für lange Zeit, wenn nicht für immer, unsichtbar machte. Der ganze Zorn des Beamten richtete sich gegen Balthasar, da Gollwitz einzig entkommen konnte, weil ihn der Alte warnte.

Es dauerte nicht lange, so wurde Balthasar vorgeführt. Er wußte bereits, um was es sich handelte, und kannte auch keine Furcht.

Nur jetzt, beim Eintritt in das Dienstzimmer, warf er einen forschenden Blick auf den Kommissar, da er gern gewußt hätte, ob Gollwitz entkam.

Er konnte sich etwas beruhigen, denn der Polizeibeamte befand sich in schlechter Stimmung, dies war offenbar.

»Ich habe wohl gar nicht nötig, Ihnen mitzuteilen, was der Zweck Ihres Hierseins ist?« begann kurz der Kommissar.

»Ich denke mir, es handelt sich um den Diebstahl, der diese Nacht im Hause des Herrn Brak verübt wurde!« sagte Balthasar.

»Es ist so! Durch wen haben Sie diesen Morgen in aller Frühe die Sache erfahren?«

»Durch den Herrn Polizeiinspektor Brak.«

»Aha! So verhält es sich! Um so schlimmer. Der Herr Inspektor ahnte wohl nicht, daß er uns einen recht empfindsamen Streich versetzte, als er Ihnen die Sache erzählte!«

»Ich verstehe nicht, wie Sie das meinen?« erwiderte Balthasar harmlos.

»Sie verstehen es ganz gut!« brauste der Beamte auf. »Ihre Verstellung nützt Ihnen rein gar nichts mehr. Oder wollen Sie leugnen, daß Sie in aller Frühe, unmittelbar nachdem Sie von dem Inspektor unterrichtet wurden, hierher eilten zu Gollwitz?«

»Durchaus nicht!«

»So! Aber vielleicht leugnen Sie, daß Sie ihn von dem Vorgefallenen unterrichteten?«

»Auch das nicht. Ich sagte Herrn Gollwitz alles, auch daß auf ihn der Verdacht fiel!«

»Und so haben Sie ihm zur Flucht verholfen, haben es fertig gebracht, daß dieser gefährliche Bursche entwischen konnte.«

Gollwitz war also entkommen! Nun ward Balthasar vollkommen ruhig.

»Sie haben sich dadurch zum Mitschuldigen dieses Verbrechers gemacht, dem man auch noch den Mord an Frau Fallner im Wiederaufnahmeverfahren beweisen wird!«

Bis hierher hatte Balthasar ruhig zugehört. Nun aber hielt er es an der Zeit, sich ebenfalls seiner Haut zu wehren.

Er richtete sich energisch auf.

»Es ist nicht schwer, Herr Kommissar,« sagte er, »einen alten Mann zu beschimpfen. Ich bin aber, Gott sei Dank. noch rüstig genug, um mich meiner Haut zu wehren. Mitschuldiger eines Verbrechers bin ich nicht, selbst nicht, wenn Herr Gollwitz wirklich ein Verbrechen begangen hätte, was ich einfach niemals glaube. Als ich diesen Morgen erfuhr, welch neues Unglück den armen jungen Mann bedrohe, eilte ich zu ihm, um ihm dies mitzuteilen. Das ist doch nur selbstverständlich und kein Verbrechen.«

»Aber Sie haben ihn zur Flucht veranlaßt!«

»Das bestreite ich entschieden. Herr Gollwitz stand, als ich bei ihm eintrat, vollkommen reisefertig da, und das kann seine Wirtin bestätigen. Es ist nicht meine Sache, ihn gewaltsam zurückzuhalten, wenn er fort will, ich bin kein Polizist. Das kann auch keine Behörde von einem alten Mann verlangen.«

Der Kommissar biß sich ärgerlich auf die Lippen.

»Aber Sie müssen doch einsehen, daß es verwerflich ist, einen schwer verdächtigten Menschen zu unterrichten, daß die Polizei bereits auf seiner Spur ist?« rief er.

»Vielleicht wäre es verwerflich, wenn ich Gollwitz für einen Verbrecher hielte, das ist jedoch nicht der Fall. Ja, im Gegenteil, ich fühlte mich sogar verpflichtet, Herrn Gollwitz das neue, drohend gegen ihn heraufziehende Unheil mitzuteilen, denn er war der Schützling meiner armen Herrin, und wenn ich ihn von einem neuen Unglück, das ihm bevorstand, unterrichtete, so handelte ich nur in ihrem Sinn. Daß Herr Gollwitz dann abreiste, wie er sich schon vorgenommen hatte, ist das etwa meine Schuld?«

Der Kommissar sah ein, daß er auf diese Weise mit dem alten Mann nichts anstellen konnte.

Die Witwe Ballin war gewiß jederzeit bereit, auszusagen, daß tatsächlich Gollwitz bereits im Begriff stand, das Haus zu verlassen, als Balthasar kam.

»Sie behaupten also, daß Gollwitz auch ohne Ihre Mitteilung abgereist wäre?« sagte er.

»Jawohl, das ist die Wahrheit!«

»Wohin wollte Gollwitz?«

»Nach E . . . soviel ich weiß!«

»Er ist dort nicht angekommen!«

»Dann hat er seine Tour geändert, ich weiß darüber nichts.«

»Hat er Ihnen nicht verraten, was er für die Zukunft tun wollte?«

»Er wollte sich eine neue Existenz gründen, nachdem ihm die jetzige durch den schmachvollen Verdacht des Mordes, durch den Tod seiner Wohltäterin zerstört wurde.«

»Aber daß dieser Verdacht nun mehr als begründet ist, werden Sie doch zugeben? In der Nacht wird der Mord verübt und gleichzeitig steigt ein Dieb in das Arbeitszimmer des Herrn Brak. Der Dieb ist unbedingt auch der Mörder. Dieser Diebstahl trug das erstemal nichts ein, das zweitemal zu wenig und wurde deshalb in heutiger Nacht wiederholt.

Jetzt reicht es wahrscheinlich; es sind siebentausend Mark, mit denen sich ein mittelloser Mann schon eine Zeitlang über Wasser halten kann. Am frühesten Morgen nach dem Einbruch reist Gollwitz ab, nachdem es erwiesen ist, daß er in der Nacht sich im Garten Braks aufhielt. Und da wollen Sie noch Partei für einen solchen Menschen ergreifen?«

»Ich gebe es zu, Herr Kommissar, Herr Gollwitz ist sehr stark verdächtigt, und man könnte verzweifeln in seiner Sache. Aber er ist weder der Dieb, noch der Mörder. Daran halte ich fest bis in alle Ewigkeit!« entgegnete Balthasar unerschütterlich.

»Das ist schließlich Ihre Sache,« versetzte der Kommissar kurz. »Wie aber Herr Brak über Gollwitz denkt und urteilt, ist Ihnen wohl auch bekannt. Und daß es auf ihn einen sonderbaren Eindruck machen muß, wenn er erfährt, daß Sie, sein Diener, zu dem Mann halten, der sich durchaus nicht völlig von dem Verdacht des Mordes zu reinigen vermochte, nachdem man ihm nun auch diesen Einbruchsdiebstahl beweisen wird, vermögen Sie sich doch leicht vorzustellen.«

»Es tut mir leid, daß ich Herrn Brak kränke, aber ich kann nicht anders!« erwiderte Balthasar. »Gollwitz ist kein Mörder, er ist auch kein Dieb. Im Garten Braks war er, das gibt er selbst zu, aber als er sich entfernte, nachdem er vergeblich auf Fräulein Luise gewartet hatte, stieg auch noch ein anderer Mann aus dem Garten.«

»Was sagen Sie da?«

»Ein Mann verließ nach Gollwitz den Garten. Dieser muß der Dieb sein und also auch der Mörder.«

»So!« machte mit einem Lächeln der Polizeibeamte. »Da greife ich nun aber doch wohl nicht fehl, wenn ich behaupte, daß Gollwitz wahrscheinlich das Gesicht dieses ›Unbekannten‹ wieder nicht gesehen hat, überhaupt die Person gar nicht zu beschreiben vermag?«

»Das ist leider der Fall!« mußte Balthasar gestehen.

»Nun, da haben wir es ja! Die Sache ist ein recht schlecht erfundenes Märchen und hat gar keinen Zweck, ich gehe nicht darauf ein.«

»Daran tun Sie unrecht, Herr Kommissar!«

»Ah bah! Wer glaubt an solchen Unsinn? Hat Ihnen Gollwitz sonst nichts erzählt?«

»Nein!«

»Daß er im Besitz von Geldmitteln ist?«

»Nein!«

»Na, das ist wieder ein Beweis seiner Schuld, sobald er es fertig bringt, sich uns auf die Dauer zu entziehen, denn ohne Geldmittel wäre das einfach nicht möglich.«

Darauf schwieg Balthasar.

»Nachdem sich nun herausgestellt hat, daß Sie für Gollwitz die wärmsten Sympathien hegen, so gestehen Sie wohl auch, daß Sie den bewußten Brief an Luise Brak besorgten?«

Der Alte überlegte einen Augenblick, dann aber sagte er geradezu trotzig: »Ich tat es, weshalb sollte ich es leugnen. Meine arme Herrin billigte die projektierte Verbindung zwischen Herrn Gollwitz und Fräulein Luise. Wenn ich also ein harmloses Billett dem Fräulein zusteckte, selbst gegen den Willen des Vaters, so ist dies auch kein Verbrechen, wegen dessen mich die Polizei zur Rechenschaft zu ziehen vermag.«

»Das ist möglich,« warf der Kommissar hin. »Ihr Tun wird jedoch von nun an scharf bewacht werden, da wir wissen, was wir von Ihnen zu halten haben.«

»Wie es Ihnen beliebt, Herr Kommissar. Ich kann ganz ruhig sein, denn ich bin mir keiner schlechten Tat bewußt und mein Haar ist in Ehren grau geworden.«

Nach einigen nebensächlichen Bemerkungen wurde Balthasar entlassen.

Er konnte nicht festgehalten werden, trotzdem sein Benehmen in der Öffentlichkeit auf das schärfste verurteilt wurde.

Hinter Heinrich Gollwitz wurde ein Steckbrief erlassen, der aber vorläufig ohne Resultat blieb.

Wenige Tage nach dem Verhör Balthasars trat der alte Mann reisefertig in das Zimmer des Inspektors Brak.

»Sie wollen fort, Balthasar?« sagte der Inspektor etwas kalt, da er dem Alten nicht vergessen hatte, daß er sogleich von hier aus zu Gollwitz geeilt war.

»Jawohl, Herr Inspektor,« nickte Balthasar. »Sie wissen ja doch, daß mich Ihr Herr Bruder entlassen, eigentlich, besser gesagt, davongejagt hat. Er hatte nach seiner Ansicht ja schließlich das Recht dazu. Und, offen gesagt, ich hätte es auch nicht mehr lange in seinem Dienst ausgehalten.

Bei meiner seligen Herrin war das etwas anderes. Sie hätte, gleich mir, Herrn Gollwitz niemals die Schlechtigkeiten zugetraut, deren ihn jetzt alle Welt für fähig hält. Auch Ihr Glaube an seine Unschuld ist erschüttert, ich weiß es wohl.

Aber ehe ich von hier gehe, um vielleicht niemals wieder zu kommen, habe ich zwei letzte Bitten noch. Die eine ist, daß Sie mir vergeben mögen, weil ich Gollwitz an jenem Morgen aufsuchte, ich konnte ja nicht anders.

Die andere aber ist, daß Sie Fräulein Luise in Ihren Schutz nehmen und weiter den Mörder zu entdecken versuchen. Eine Nacht wird er wieder erscheinen, davon bin ich fest überzeugt, er ist der Dieb und Mörder in einer Person. Und wenn Sie ihn haben, halten Sie ihn fest, damit alle Welt erfährt, daß Gollwitz unschuldig ist.«

Einen Augenblick zögerte der Inspektor, dann reichte er Balthasar die Hand.

»Ich habe Sie immer als einen ehrlichen Mann geschätzt,« sagte er. »Ihre beiden Bitten will ich gewähren, so weit es eben in meiner Macht steht. Bald halte ich Gollwitz für schuldig, bald für unschuldig. Ich hoffe, daß ein Tag kommt, der uns allen Gewißheit bringt.«

»Darauf hoffe auch ich, Herr Inspektor, dieser Tag wird und muß kommen. Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie meine Bitten erfüllen wollen.«

»Wohin gehen Sie?«

»Nach E . . . »wo ich meine alten Tage in Ruhe verleben werde. Ich habe dort eine alte Schwester, die in einem kleinen Häuschen vor der Stadt ganz allein wohnt. Glücklicherweise habe ich mir in den langen Jahren soviel erspart, um den Rest meines Lebens sorglos verbringen zu können.

Ich weiß zwar, daß die Polizei in E . . . . einen Wink erhalten wird, mich polizeilich zu überwachen, aber das ficht mich nicht an. Ich stehe mit dem entflohenen Gollwitz in keiner Verbindung und brauche deshalb auch nichts zu fürchten.«

Der Inspektor ging mit Balthasar und der alten Magd durch den Garten nach dem Gitter.

Dort nahm Balthasar noch einmal kurzen Abschied, wobei ihm die Tränen in den Augen standen, als er einen letzten Blick auf die Besitzung warf, in der er die längste Zeit seines Lebens verbracht, in der seine arme Herrin hingeschlachtet wurde.

Dann schritt er allein weiter.

Wie er am Garten Braks vorbeikam, verlangsamte er seinen Gang und sah sich um.

Da traf ein Ruf sein Ohr. Eine der Hecken am Zaun ward auseinandergebogen.

Es war Luise, die den alten Mann anrief.

Ihr feines Gesicht war tiefbleich und unter den Augen lagen bläuliche Schatten.

Die beiden konnten nur kurzen Abschied nehmen. Aber ehe er ging, sagte Balthasar:

»Fräulein Luise, man soll nicht die Kinder gegen die eigenen Eltern aufbringen, aber ich weiß, daß Ihr Vater Sie in letzter Zeit sogar tätlich mißhandelt hat, alles Herrn Gollwitz wegen. Herr Brak ist hochgradig nervös, er ist nicht immer verantwortlich für das, was er tut. Aber wenn es zu arg werden sollte, wenn Sie das Leben hier nicht mehr ertragen können, dann wissen Sie ja, wo ich zu finden bin.«

»Ich werde Ihre Worte nicht vergessen!« erwiderte Luise schmerzlich. »Aber solange es geht, will ich lieber alles Ungemach ertragen, als den Vater verlassen.«

»Das ist edel gedacht von Ihnen, Fräulein Luise,« antwortete Balthasar. »Manches geht aber doch über die Kraft eines Menschen, und für diesen Fall erinnern Sie sich meiner.«

»Das verspreche ich Ihnen!«

Eine Tür ging heftig im Hause auf und zu.

Balthasar entfernte sich eilig, um Luise nicht dem Zorn des erregten Sonderlings auszusetzen.

Schon acht Tage darauf verließ Luise das Haus ihres Vaters, und zwar nicht freiwillig, sondern gleichsam gezwungen.

Peter Brak, dessen Nerven durch die Ereignisse derart erregt wurden, daß er in beständiger Wut umherging, hatte Luise so gut wie verstoßen, die Tür gewiesen.

Es gab eine furchtbare Szene zwischen Vater und Tochter, wobei Luise ihren Vater durch das unerschütterliche Festhalten an der Unschuld Gollwitz' derart in Raserei versetzte, daß er sie eine Dirne schalt, ein schlechtes, verkommenes Geschöpf, das er nicht mehr als seine Tochter anerkenne, die er verstoße und aus dem Haus jage.

Ein unbeschreiblich schmerzlicher Blick hatte ihn aus Luises Augen getroffen. Doch das erhöhte nur noch seine Wut.

»Wenn der Tag kommt, wo die Unschuld des unglücklichen, von dir gehaßten Mannes sich erweist, wirst du einsehen, wie bitter unrecht du ihm und mir tatest!« sagte sie leise.

Er stürzte auf sie zu, die Hände zur Faust geballt.

»Hinaus, aus meinen Augen,« kreischte er, »oder ich begehe einen Mord!«

Entsetzt über den Ausbruch seiner Wut floh Luise aus dem Zimmer, die Treppe hinab.

»Ich will dich nicht mehr sehen, elendes, entartetes Geschöpf!« schrie er keuchend. »In meinem Haus ist kein Platz mehr für dich!«

Noch an demselben Tag war das Mädchen gegangen, ohne jemand zu sagen, wohin.

Sie hatte nur wenig an Garderobe mitgenommen und besaß kaum soviel Geldmittel, um die Fahrt nach E . . . . zu bezahlen.

Am nächsten Tag erhielt der Polizeiinspektor einen Brief Luises, worin sie ihm mitteilte, daß sie das Haus ihres Vaters verließ und nun bei Balthasars Schwester, einer alten, alleinstehenden Frau, wohne, mit keinem Menschen einen Verkehr unterhalte außerhalb des Hauses und auf den Tag warte, wo ihr Vater sein Unrecht eingesehen hätte und ruhiger geworden wäre.

Der Inspektor, noch völlig unbekannt mit dem Auftritt im Hause Peter Braks, begab sich erregt zu dem Bruder.

Er stellte diesem vor, welch schlimmen Eindruck es machen müsse, wenn es bekannt wurde, daß er seine Tochter verstieß. Brak war jedoch noch so aufgebracht über Luise, daß die Worte des Inspektors seinen Zorn nur noch vermehrten, und als dieser endlich verlangte, Peter solle seine Tochter aus dem Hause Balthasars zurückholen, erging er sich in den häßlichsten Schimpfworten über Luise, den alten Gauner Balthasar, über die ganze Brut, die zusammenhalte, um ihm das Leben sauer zu machen und ihn vor der Zeit ins Grab zu bringen.

Der Inspektor konnte nichts ausrichten.

Er mußte sich unverrichteter Sache wieder entfernen.

Es beruhigte ihn wenigstens, daß er Luise in guter Hut wußte. Bei Balthasar war sie geborgen.


XIII.

Es war in der nächsten Nacht, als der neuangestellte Hausmeister des ehemaligen Fallnerschen Hauses heftig an die Tür pochte, hinter der der Polizeiinspektor schlief.

Augenblicklich fuhr dieser in die Höhe, warf im Dunkeln einige Kleidungsstücke über und rief:

»Ich komme schon! Was gibt es denn?«

»Er ist da, Herr Inspektor, er ist da!« antwortete der Mann vor der Tür.

Der aus dem Schlaf Gerüttelte tat einen Ruf des Erstaunens und riß die Tür auf. Der Schein einer flackernden Kerzenflamme traf ihn.

»Wer ist da? Was habt Ihr gesehen, Bormann?«

Der ältere Mann zitterte vor Angst und Aufregung. Er war nur notdürftig bekleidet und konnte sich kaum auf den Füßen halten.

»Sie haben mir doch erzählt, Herr Inspektor, daß Balthasar eine Gestalt im Garten gesehen haben wollte, die der Mörder sein soll. Ich schlafe oft recht schlecht, und da es draußen heute eine schöne, windstille Nacht ist, so setzte ich mich vor das offene Fenster und sah in den Garten hinab. Da hörte ich plötzlich etwas.

Man schlich über das Gras und dann auch über den Kiesweg. Ich erschrak nicht wenig und mußte sogleich an den geheimnisvollen Unbekannten denken. Richtig, da war er – eine lange, schwarze Gestalt! Sie lief im Zickzack um das Haus. Aber das Gesicht konnte ich nicht sehen, es war viel zu dunkel dazu.«

»Weiter, weiter!« rief der Inspektor heftig, als der alte Mann eine Pause machte. »Was geschah dann?«

»Die Gestalt wollte in das Fenster steigen, das in die Schlafstube der ermordeten Frau Fallner führt.«

»Wißt Ihr das gewiß?«

»Ja, ich kann's beschwören! Der Mensch muß noch dort sein, denn als ich sah, was er wollte, zündete ich Licht an und rannte hierher!«

»Habt Ihr eine Laterne?« rief der Inspektor mit fliegendem Atem.

»Jawohl –«

»So zündet sie an. Und dann hinunter in den Garten. Wir müssen ihn durchsuchen. Der Mensch soll mir diesmal nicht entkommen. So hatte Balthasar doch die Wahrheit gesprochen. Es treibt den Mörder mit unwiderstehlicher Gewalt an den Ort seiner Tat zurück.«

Der Inspektor nahm einen Revolver in die Hand, löste die Sicherung und währenddem besorgte Bormann die brennende Laterne.

Darauf eilten beide in den Garten hinab.

»Wir teilen uns – Ihr dort – ich hier!« gebot der Inspektor halblaut.

Er selbst rannte geradenwegs auf das Fenster zu, das ins Zimmer der Ermordeten führte.

Die Nacht war ziemlich dunkel, der Mond, in der ersten Hälfte am Himmel stehend, von einem weißen Wolkenschleier überdeckt.

Dennoch konnte man sehr genau die hellen Grundmauern des Hauses, wie auch den lichten Kiesweg davor unterscheiden.

Aber der Platz war leer, keine menschliche Gestalt dort zu entdecken.

»Er ist entflohen!« rief der Inspektor. »Irgendein Geräusch kam ihm verdächtig vor. Aber das soll ihm nicht viel nützen.«

Der Inspektor wandte sich rasch dem Garteninnern zu. In diesem Augenblick erscholl ein Schrei aus dem linken Gartenwinkel.

»Hilfe! Er ist da, Herr Inspektor!«

Mit langen Sätzen sprang dieser nach der Richtung, aus der der Ruf kam.

Beinahe dicht am Heckenzaun lag die große Laterne Bormanns am Boden, daneben der Mann selbst, der sich nur mühsam wieder erhob.

Der Inspektor faßte ihn bei der Schulter.

»Ihr habt eben gerufen! Wo ist der Mann?«

»Dort über den Zaun!« keuchte Bormann. »Hören Sie es nicht, wie er über die harte Straße rennt?«

Der Polizeiinspektor schwang sich über die Hecken und strengte seine Augen an.

Wirklich bemerkte er in ziemlicher Entfernung von sich eine dunkle Gestalt, aber schwach, undeutlich.

Dies mußte der Gesuchte sein.

»Halt! Oder ich schieße!« schrie der Inspektor aus Leibeskräften, indem er ein paar Schritte vorsprang und den Revolver hob.

Doch der Verdächtige war entweder nicht gewillt, sich so leichten Kaufes gefangen zu geben, oder er hörte den Anruf gar nicht.

Da gab Brak rasch hintereinander zwei Schüsse ab, ob mit Erfolg, konnte er nicht sagen, da er zwar die Gestalt nicht mehr bemerkte, aber auch keinen Schrei vernommen hatte.

So rasch es anging, sprang er die Straße entlang, hoffend, den Verwundeten zu finden.

Er suchte jedoch vergeblich den ganzen Weg ab, horchte nach allen Richtungen, doch nicht das geringste ließ sich entdecken.

»Der Bursche ist entkommen; ich gäbe viel darum, zu wissen, wer es war!« murmelte Brak.

Tatsächlich war die Nachtgestalt ganz in Nebel aufgegangen. Kein Laut ringsum deutete die Richtung an, die der Verdächtige nahm.

Der Inspektor mußte wieder in das Haus zurückkehren, wo er Bormann mit der Laterne wartend fand.

»Er ist entkommen, daran ist leider nichts mehr zu ändern,« sagte er. »Nun aber erzählt mir, wie Ihr mit dem Menschen zusammengetroffen seid.«

»Da ist nicht viel zu erzählen.« ächzte der Alte, mit der Hand über den Mund fahrend. »Ich ging mit der Laterne dicht am Heckenzaun, als ganz plötzlich, ganz unerwartet von der Seite her ein Mensch aus den Büschen brach, mich über den Haufen rannte und über den Zaun sich schwang.«

»Ihr seid gestürzt?«

»Ja, er fiel beinahe über mich und die Laterne.«

»Fort ist er; aber Ihr habt ihn doch gesehen, wißt, wie er aussah?«

»Ich habe leider so gut wie gar nichts gesehen,« seufzte der Mann.

»Das ist doch unmöglich! Ihr hattet doch eine Laterne in der Hand!«

»Ich verlor sie ja!«

»Aber einen Moment muß doch das Licht auf die Züge, auf die Gestalt dieses Menschen gefallen sein?«

»Das ist schon möglich, aber vor Schrecken sah und hörte ich nichts. Ich glaubte ja im ersten Augenblick, der Mensch habe mich auf den Kopf geschlagen, wie er Frau Fallner schlug.«

»Ihr habt also gar nichts gesehen?«

»O ja, einen Teil seiner Beine, als er über den Zaun sprang!«

Wäre nicht die Situation so ernst gewesen, der Inspektor hätte laut hinausgelacht.

»An diesen Beinen, Bormann, würdet Ihr den Menschen schwerlich wiedererkennen!« sagte er.

»Und ich denke mir, gerade an den Schuhen, die ich sah, dürfte man den Verbrecher herausfinden.«

»Weshalb denn? Waren sie so absonderlich?«

»Für mich, ja. Sie waren rot!«

»Rot?«

»Jawohl, sie sahen aus, als ob es gar keine Schuhe wären, wie man sie für gewöhnlich trägt.«

»Das ist wenigstens etwas! Näher beschreiben könnt Ihr sie aber nicht?«

»Nein, ich habe nur gesehen, daß es rote Schuhe waren.«

Der Inspektor merkte sich die Worte des alten Bormann.

Am nächsten Morgen begab er sich zu dem Polizeikommissar von Wilberg und trug ihm die Sache vor.

Dieser hörte aufmerksam zu und bemerkte sodann:

»Ihr Bericht hört sich so seltsam an, wie alles Übrige dieses verwickelten Falles. Wenn Sie mir nicht selbst versicherten, daß Sie wirklich eine solche Gestalt sahen und auf sie schossen, dem alten Bormann würde ich es so wenig glauben, wie seinerzeit Balthasar. Aber so muß es ja doch seine Richtigkeit haben.«

»Ich dachte schon, ob sich in Wilberg oder dessen Nähe fahrendes Volk, Zigeuner oder Kunstreiter, aufhalten.«

»Ach – wegen der roten Schuhe? Ich werde sogleich recherchieren lassen. Möglicherweise könnte der Mord von solchem Gelichter vollführt worden sein. Aber auch Bormann kann sich versehen haben.«

»Sie halten noch immer Gollwitz für den Schuldigen?«

»Mehr als je und mit Recht. Weshalb entfloh er sofort am Morgen nach dem zweiten Einbruch, wenn er frei von jeder Schuld war? Weshalb hält er sich nun derart versteckt, daß ihn die gewiegtesten Kriminalisten nicht entdecken? Schließlich, wovon lebt er, wenn nicht von dem geraubten Geld? Er war ja angeblich mittellos.«

»Ich gebe zu, daß Gollwitz überaus schwer belastet ist, denn wie mir bekannt, ist auch das Aufnahmeverfahren seines ersten Prozesses wieder eingeleitet worden. Man hatte, trotz dem Alibinachweis, einen Punkt übersehen. Gollwitz kann möglicherweise nach ein Uhr aus dem Fenster gestiegen sein und kann so den Mord begangen haben. Diese furchtbare Anklage wäre wohl kaum jetzt nachträglich wieder gegen ihn erhoben worden, wenn nicht der Verdacht des Diebstahls auf ihn gefallen wäre. Dennoch, so wie ich den jungen Mann kenne, ist es mir oft unmöglich, zu glauben, daß er einer solch blutigen Tat fähig ist.«

»Daß man sich mitunter in einem Menschen ganz ungemein täuschen kann, sollte Ihnen doch bekannt sein, Herr Inspektor!«

»Allerdings; bei Gollwitz bin ich aber noch nicht recht im klaren mit mir. Ich werde von jetzt ab sorgfältig den Garten und die nähere Umgebung bewachen, da ich gewiß bin, die nächtliche Gestalt kommt wieder.«

»Da kann ich Ihnen nur Erfolg wünschen. Es wäre leicht möglich, bei dieser Gelegenheit fiele Ihnen Gollwitz in die Hände.«

»Gollwitz? Wie käme er hierher?«

»Man kann es nicht wissen; kein Ding ist unmöglich auf der Welt. Vergessen Sie nicht, daß dessen Aufenthalt unbekannt ist.«

»Wie könnte er sich hier aufhalten? Er besitzt keine Freunde hier.«

»Wenigstens ist es der Polizei nicht bekannt,« meinte der Kommissar. »Man wird ja sehen, was sich in nächster Zeit herausstellt.«

Der Inspektor sprach den Wunsch aus, einen entschlossenen Mann zugesellt zu bekommen, mit dem er gemeinsam die Wache übernehmen wollte.

»Das dürfte nicht schwer sein!« versetzte der Kommissar. »Hielten mich meine Berufsgeschäfte nicht ab, so würde ich mich Ihnen zur Verfügung stellen. So aber werde ich nach E . . . depeschieren, da Sie in Urlaub sind. Morgen ist ein gewiegter Kriminalist hier.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit!«

Die beiden Männer trennten sich.

Angestellte Recherchen ergaben, daß sich weder Zigeuner noch Kunstreiter in oder um Wilberg aufhielten, weder jetzt da waren, noch dagewesen waren.

Dafür aber traf am nächsten Tag aus E . . . ein tüchtiger Geheimpolizist ein, der als Geschäftsreisender im Städtchen Quartier nahm.

Schon in derselben Nacht teilte er mit dem Inspektor die Wache.

Es ereignete sich jedoch nichts.

Ebenso erfolglos verging die zweitnächste Nacht.

Nicht so die dritte.

Der Inspektor hatte den Polizisten, etwa zehn Schritt vom Heckenzaun des Fallnerschen Hauses entfernt, hinter einen großen Strauch postiert.

Von dort aus vermochte Weller, wie der Polizist hieß, einen großen Teil des Weges zu übersehen, fast bis zur Besitzung Peter Braks hin.

Die Nacht war zwar, im ganzen genommen, ziemlich hell, doch schoben sich hin und wieder Wolkenmassen über die Mondscheibe, so daß schwarze Schatten auf die Erde fielen.

Der Inspektor selbst befand sich im Garten des Fallnerschen Hauses, während der alte Hausmeister Bormann zu Bett geschickt worden war.

Es mochte Mitternacht bereits vorbei sein, als Weller, der Geheimpolizist, plötzlich den Ruf eines Nachtvogels ertönen ließ.

Augenblicklich schlich sich der Inspektor aus dem Garten bis zu dem Standort des Polizisten.

»Sie haben etwas bemerkt?« fragte er hastig.

»Jawohl,« lautete dessen gedämpfte Antwort.

»Ein Mann befindet sich in der Nähe.«

»Der Gesuchte?«

»Das vermag ich nicht zu sagen, aber verdächtig ist der Mensch auf jeden Fall. Er drückte sich hier an mir vorbei, eine große Figur, schwarz gekleidet.«

»Das ist er, das ist er!« rief der Inspektor. »Sie haben ihn nicht festgehalten?«

»Nein; man muß doch erst sehen, was der Mann vorhat. Entkommen wird er ja kaum.«

»Wohin wandte er sich denn? Ich kann nichts von ihm entdecken!«

»Weil es zu dunkel ist! Er schlug die Richtung ein nach dem Haus Ihres Bruders. Der Mond muß sogleich für einige Zeit aus den Wolken treten. Unter dem Schutz der Dunkelheit können wir, diesen Wegrain noch als Deckung benutzend, uns den Weg entlangschleichen, sobald Ihnen mein Vorschlag zusagt?«

»Gewiß; lassen Sie uns keine Zeit verlieren. Vorwärts also!«

Es war noch dunkel genug, so daß die beiden Männer, ohne bemerkt zu werden, sich rasch gegen die Besitzung Peter Braks hinzuziehen vermochten.

Plötzlich blieben sie stehen. Langsam rückte die Mondscheibe aus den Wolken.

Nun galt es Vorsicht anzuwenden. Das ziemlich helle Licht zitterte über die Gegend.

Weller ergriff in der Aufregung den Arm des Inspektors.

»Da sehen Sie! Eben schwingt sich der Bursche in den Garten Ihres Bruders!« flüsterte er hastig.

Dies war wirklich der Fall.

Zwar konnte man nichts Genaues mehr erkennen, vor allem kein Gesicht des Einsteigenden, doch daß eine Gestalt soeben über den Zaun Braks gestiegen war, dies hatte auch der Inspektor bemerkt.

»Er ist es!« entgegnete er. »Wir haben den Fuchs in der Falle.«

»Was sollen wir tun?« sprach Weller. »Ich könnte dem Burschen sogleich folgen und mich innerhalb des Gartens seiner versichern.«

»Nein, warten wir, bis er zurückkommt, dies dürfte nicht allzu lange dauern. Wir stellen uns an zwei Stellen auf. Ich habe so meine Vermutung, daß der Bursche auch diesmal wieder einen Diebstahl versuchen wird, und da er sich hierzu ganz unbekannter, geheimnisvoller Mittel bedienen muß, wäre es möglich, der Streich gelänge ihm ein drittesmal.«

»Ich höre ein Geräusch!«

»Das klingt wie das Klirren eines Fensters.«

»Man wird gleich mehr erfahren!«

»Wir fangen den Burschen, samt seinem geraubten Geld, hier ab. Damit ist der Fall erledigt.«

Plötzlich erscholl in der sonst so stillen Nacht ein lauter, gellender Aufschrei.

Dies geschah im Innern des Gartens, und dieser Schrei enthielt so viel Schrecken und Überraschung, so viel namenloses Entsetzen, daß sich die beiden Männer betroffen ansahen.

»Was ist das?« rief der Inspektor.

»Da muß etwas geschehen sein!« entgegnete ebenso rasch der Befragte. »Soll ich über den Zaun springen?«

»Nein; man kommt! Hören Sie nicht die Schritte im Kiessand? Achtung! Bücken wir uns! Der Mensch kommt zurück. Er wird festgehalten!«

Die beiden Männer bückten sich.

In diesem Moment schwang sich eine Person in voller Hast über den Gartenzaun und wollte nach dem Wald zu entfliehen.

Schon im Begriff, sich auf den Verdächtigen zu stürzen, hielten die beiden Polizisten doch noch zurück, denn der Mann blieb mitten auf dem Wege stehen.

Er rang die Hände, stieß einen jammervollen Ruf aus und seine Knie schienen brechen zu wollen. Dann schlug er ächzend und stöhnend die beiden Hände vor das Gesicht.

Wie er sich wieder mit Gewalt aufraffte und entfliehen wollte, sprangen die beiden Polizisten auf ihn zu.

»Halt! Im Namen des Gesetzes!« rief Weller.

Der Angerufene zuckte, wie vom Blitz getroffen, zusammen und stieß abermals einen Schrei aus.

Der erste Gedanke von ihm war Flucht.

Als aber Weller und der Inspektor von beiden Seiten ihre Hände fest auf seine Schultern legten, erfaßte ihn nur ein heftiges Zittern und er stammelte:

»Verloren!«

Das Mondlicht trat in diesem Augenblick voll und klar aus den Wolken.

Der Inspektor prallte zurück.

»Gollwitz?!« rief er. »Also doch Sie, den wir hier festnahmen? Unseliger, das ist Ihr Verderben!«

Wirklich war es Gollwitz, der Referendar.

Sein Gesicht sah in der Mondbeleuchtung erschreckend bleich aus und keuchender Atem flog aus seiner Kehle.

»Ich – bin es,« stieß er, zitternd am ganzen Körper, hervor. »Ich ahne auch, weshalb Sie hier sind. Daß ich verloren bin, weiß ich. Aber dennoch – ich bin nicht das, wofür mich alle nun halten werden. Das schwöre ich bei dem allwissenden Gott!«

Der Inspektor hatte mit gerunzelter Stirn diese Worte vernommen.

»Ich habe viel auf Sie gehalten, Gollwitz, selbst dann noch, als Sie sich durch Flucht der Verantwortung entzogen!« entgegnete er finster. »Jetzt aber werden Sie vergeblich nach einem Menschen suchen, der nur noch im entferntesten an Ihre Unschuld glaubt.«

»Ich weiß es – und dennoch kenne ich den wahren Dieb und Mörder,« stammelte Gollwitz mit gebrochener Stimme.

»So nennen Sie ihn doch!«

Der Referendar ließ den Kopf sinken.

»Aha! Also höchstens ein Komplize, und Sie sagen sich wahrscheinlich in diesem Augenblick, daß es für Sie zwecklos ist, auch jenen anzugeben.«

Gollwitz wandte plötzlich den Kopf.

Man hörte das Klirren eines Fensters, und mit allen Zeichen der Angst verlangte der Festgenommene:

»Führen Sie mich fort, Herr Inspektor!«

»Das wird mein Kollege tun!«

Er gab Weller einen Wink, und dieser legte dem Referendar Handfesseln an.

»Wollen Sie mir noch erklären, was Sie in dem Garten meines Bruders suchten?« fragte der Inspektor.

Gollwitz antwortete dumpf: »Nein!«

»Sie wollten sich vielleicht wieder mit Luise in Verbindung setzen? Wäre dies der Grund?«

Gollwitz schüttelte heftig den Kopf.

»O nein! Ganz gewiß nicht. Luise hat nichts, gar nichts in dieser Sache zu tun. Man sollte sie doch ganz aus dem Spiel lassen. Ich wußte ja, daß sie gar nicht in der Stadt war.«

»Ah! Sie wußten das! Um so schlimmer für Sie! Da kann man nichts anderes annehmen, als daß Sie abermals einen Diebstahl versuchten, nachdem wahrscheinlich das Geld aus den früheren zu Ende gegangen war?«

Gollwitz blickte den Inspektor mit einem schmerzlichen Blick an. »Lassen Sie mich in allen Taschen untersuchen, Herr Inspektor, ich habe nicht mehr Geld, als ich notwendig zum Leben der nächsten Tage brauche. Sie hielten einst viel auf mich, glaubten an meine Unschuld, und dafür danke ich Ihnen noch heute. So wie sich die Verhältnisse fügten, muß mich jetzt alle Welt für schuldig halten. Und doch bin ich es nicht, bin weder der Dieb noch der Mörder. Mit einem einzigen Wort könnte ich das ganze Geheimnis aufklären –«

»Nun, weshalb sprechen Sie denn nicht?« rief der Inspektor.

»Weil ich nicht will!«

Es war nicht Trotz, sondern tiefste Verzweiflung, das aus diesen Worten klang.

»Dann habe ich nur eine Antwort für Sie: Ihre Worte sind erlogen, wertlos! Sie täten besser, alles einzugestehen!«

»Wie könnte ich etwas gestehen, das ich gar nicht begangen habe?«

»Was, zum Teufel, hätten Sie dann mitten in der Nacht im Garten meines Bruders zu suchen?«

Gollwitz ließ den Kopf sinken und schwieg.

»Sie weigern sich, zu antworten? Gut! Was hatte der Aufschrei zu bedeuten, den Sie vor kurzem ausstießen? Es war im Garten, er kam aus Ihrem Mund?«

Abermals Schweigen.

»Trafen Sie mit jemandem zusammen?«

»Nein – nein, denken Sie das nicht!« rief nun heftig Gollwitz. »Ich sah niemand, ich – erschrak eben nur unwillkürlich.«

»Worüber denn? Man erschrickt doch nicht vor dem bloßen Nichts?« »Führen Sie mich fort, Herr Inspektor!« bat Gollwitz, und man konnte sehen, wie er sich kaum noch zu fassen vermochte. »Ich kann nicht sagen, was mich entsetzte, so daß ich laut aufschrie. Man verurteilt einen Unglücklichen, einen Schuldlosen, aber es ist mir von heute ab jeder Weg abgeschnitten, mich freizulösen.«

»Ich gebe auf Ihre Worte nichts mehr; nun mag das Gericht entscheiden, das Ihre Verurteilung aussprechen muß, denn von heute an halte auch ich Sie für schuldig. Führen Sie den Mann nach der Stadt, Weller, und geben Sie acht, daß er Ihnen nicht entwischt.«

»Dies Kunststück müßte er mir schon vormachen, Herr Inspektor,« entgegnete lachend der Kriminalist.

»Aber wollen Sie nicht den Weg mitmachen?«

»Ich will meinen Bruder aufsuchen, um von ihm zu erfahren, ob er nichts von dem Vorgefallenen hörte. Vielleicht höre ich dabei auch, was Gollwitz so erschreckte.«

Der Referendar hob rasch den Kopf.

Er wollte sprechen, vielleicht den Inspektor bitten, nicht zu Peter Brak hineinzugehen, vielleicht fürchtete er auch, der Beamte könne dabei entdecken, was ihn selbst so erschreckte; aber nach momentanem Überlegen schwieg er.

Es war besser so.

Weller gebot ihm nun, voranzuschreiten, was Gollwitz zwar tat, aber schon nach kurzer Zeit von dem Kriminalisten gestützt werden mußte, da er kraftlos zusammenzubrechen drohte.

Das Entsetzen über das, was er gesehen hatte, schien ihn völlig zu lähmen.

Schwer und röchelnd kam der Atem aus seiner Brust.

Endlich war das Stadthaus erreicht, wo der diensthabende Polizeiwachtmeister den Verhafteten in Empfang nahm und bis zum Morgen in eine feste Zelle unterbrachte.

Dann erst sollte das Verhör vor dem Kommissar stattfinden.

Der Wachtmeister schritt mit der brennenden Laterne die kurze Steintreppe hinab, nach den wenigen Zellen, die das alte Stadthaus enthielt.

Diese lagen zur Hälfte unter dem Boden und hatten alle dasselbe breite, vergitterte Fenster, das hoch oben an der Wand auf den Hofraum des Stadthauses hinausführte.

Besonders angenehm war der Aufenthalt hier unten nicht, aber dafür waren es nun eben Arrestzellen.

Der Wachtmeister blieb in dem kahlen Gang vor einer der Türen stehen und riegelte sie auf.

Die Flamme seiner Laterne warf ihren trüben Schein in den düsteren Raum.

Weller nahm Gollwitz die Fesseln ab, und der Wachtmeister machte eine Handbewegung, die so viel besagte, wie etwa: »Spazieren Sie herein!«

Gollwitz, von den Fesseln befreit, ließ schlaff die beiden Arme sinken und tat einen tiefen Atemzug.

»Verloren!« murmelte er.

Dann schritt er in die Zelle, blieb vor der niedrigen Matratze stehen und starrte wie geistesabwesend vor sich nieder. Der Wachtmeister war hinter ihm eingetreten und hob die Laterne.

»Hier ist ein Lager und dort steht ein Krug mit Wasser. Wünschen Sie noch etwas zu essen?«

Aber Gollwitz schüttelte nur trostlos den Kopf.

»Na, dann bis morgen!«

Der Wachtmeister verließ die Zelle, schloß ab und ging mit Weller der Treppe zu.

Dort blieben sie beide plötzlich stehen.

»Hörten Sie nichts Schreien?« fragte der Wachtmeister.

»Das ist Gollwitz! Was hat der Mensch nur?« antwortete Weller.

»Das klang ja ganz unheimlich, als wäre er plötzlich verrückt geworden?«

»Befindet sich etwas in der Zelle, mit dem sich der Arrestant das Leben nehmen könnte?«

»Nein, dafür ist schon gesorgt. Er müßte geradezu mit dem Kopf gegen die Wand rennen, und wenn dies einer versucht, läßt er's auch bei dem ersten Versuch.«

»Schließen Sie rasch noch einmal auf und lassen Sie uns nachsehen, was Gollwitz eigentlich angestellt hat!« sagte Weller.

Rasch wurde die Zellentür noch einmal geöffnet.

Der Polizist trat mit der Laterne in den Raum hinein. Gollwitz lag ausgestreckt auf der Matratze, die beiden Hände vor das Gesicht geschlagen.

Ein Schauer lief mehrmals hintereinander über seinen Körper, und er röchelte dabei, wie ein zu Tode verwundeter Mann.

Da Gollwitz das Gesicht mit beiden Händen bedeckte, so war es nicht möglich, zu sehen, ob er sich etwa eine Verletzung beigebracht hatte.

Der Wachtmeister rüttelte den Arrestanten deshalb an der Schulter und rief:

»He! Was haben Sie denn? Warum schreien Sie so?«

Gollwitz ließ die Hände vom Gesicht sinken und starrte den Wachtmeister an, ohne eine Silbe zu entgegnen.

»Fehlt Ihnen etwas?« fragte dieser.

»Nein,« lautete die tonlose, beinahe stumpfsinnige Antwort.

Dabei sah das Gesicht des Referendars aus, wie eine Leiche. Verletzt war er jedoch nicht.

»So verhalten Sie sich gefälligst ruhig, oder ich werde andere Maßregeln ergreifen!« sprach ärgerlich der Wachtmeister und verließ die Zelle.

Draußen im Gang sagte er zu Weller:

»Das Gewissen war es, das ihn so schreien ließ!«

Weller sagte nichts darauf.

Ihm gingen so allerhand Gedanken durch den Kopf.


* * *


Der Inspektor hatte, nachdem Gollwitz durch Weller abgeführt war, versucht, das Gittertor des Gartens zu öffnen, was ihm indessen nicht gelang.

Er schwang sich deshalb, gleich Gollwitz, über den Zaun und schritt im Dunkeln auf das Haus seines Bruders zu.

Zunächst nahm er die Richtung, aus der vorhin der Schrei Gollwitz' gekommen war, um vielleicht die Ursache des Aufschreies zu entdecken.

Der Inspektor hielt für alle Fälle den schußbereiten Revolver in der Hand.

Vorsichtig schritt er weiter, den Grasboden benutzend, wodurch sich das Geräusch seiner Stiefeln aufhob.

Er blieb hin und wieder stehen und horchte.

Es war jedoch absolut nichts zu hören. Sehen konnte der Inspektor ohnehin nichts.

Nur der Nachtwind fuhr in die Büsche und rauschte die Blätter durcheinander.

Brak besah sich das Haus, an dessen rechter Seite er sich nun befand.

Keines der Fenster war erleuchtet, alles dunkel.

In diesem Augenblick kam dem Beamten ein aparter Gedanke, den er auch sogleich zur Ausführung brachte.

Peter Brak hatte nach jedem der Einbruchsdiebstähle fest behauptet, Tür und Fenster am Abend vorher verschlossen gehalten zu haben, besonders das letztere, das dann jedesmal offen gefunden wurde.

Durch diese bestimmte Aussage wurde das Eindringen des Diebes geradezu unerklärlich, wenn man das Mitwirken einer weiteren Person, vom Innern des sogenannten Arbeitszimmers aus, ausschloß.

und eben auf diese Art wurde ja gerade Luise verdächtigt, selbst vom eigenen Vater.

Der Inspektor hätte viel für die Gewißheit gegeben, ob sich sein Bruder nicht doch getäuscht hatte, als er das Fenster am Abend zu schließen wähnte.

Es war auch möglich, Peter hatte den Flügel vielleicht um Luft zu schöpfen, wieder selbst in Gedanken geöffnet und dann vergessen, noch einmal zu schließen.

Wenn es gelang, diese Gewißheit zu erhalten, war Luise frei von dem häßlichen Verdacht.

Der Inspektor beschloß, auf demselben Weg an der Mauer hinauf zum Fenster zu steigen, wie es der Verbrecher tat.

Fand er auch diesmal das Fenster offen und Brak behauptete, es fest geschlossen zu haben, so war der Beweis erbracht, daß sich Brak heute und früher eben täuschte und den Flügel persönlich zu schließen vergessen hatte.

Der Inspektor tastete nach dem Rebgeländer an der Wand und prüfte dessen Tragfähigkeit.

Es war fest genug, die Latten gut ineinandergefügt, so daß es für einen Mann, der nicht gerade ein Riese war, durchaus wenig Schwierigkeit bot, zu dem Fenster hinaufzugelangen.

Der Inspektor wollte den Versuch machen.

Da es etwas heller geworden war, so konnte er das Fenster entdecken und begann langsam nach oben zu steigen.

Das Experiment gelang sehr gut, da sich das Rebgeländer als eine durchaus sichere Leiter repräsentierte.

Der Inspektor fand es erklärlich, daß der Dieb so leicht nach oben und wieder zurückgelangen konnte.

Jetzt hatte er das Fenster erreicht.

Mit der einen Hand sich festhaltend, tastete er mit der anderen nach dem Fensterrahmen.

Ein Ausruf der Überraschung entfuhr ihm.

Das Fenster gab dem Druck seiner Hand nach, es war wirklich offen.

»Bin ich einmal so weit, kann ich auch noch weiter gehen,« sagte sich der Inspektor und schwang sich auf das Fensterbrett.

Von hier aus stieg er in das sogenannte Arbeitszimmer.

»Ich werde meinem Bruder jetzt beweisen, daß er sich im Irrtum befand!«

Damit entzündete der Inspektor eine kleine Taschenlaterne und sah sich um.

In dem Raum war nichts, was darauf schließen ließ, Gollwitz wäre vor kurzem hier gewesen.

Nichts befand sich in Unordnung.

Er schritt nun auf die Tür des Wohnzimmers zu. Diese war verschlossen.

Der Inspektor ging nach der anderen, zu jener, welche in das Schlafzimmer Peter Braks führte.

Dieselbe ließ sich ohne Mühe oder Geräusch öffnen.

»Aha! Da haben wir's ja!« nickte der Beamte. »Wie unvorsichtig! Auf solche Weise ist es wirklich kein Kunststück, ihm die Kassenschlüssel selbst vom eigenen Leib fortzustehlen. Und das gestellte Wort hat Gollwitz jedenfalls bei seinem Aufenthalt im Hause erfahren.«

Er sah sich um.

An der Längswand stand ein breites Bett.

Auf demselben lag Peter Brak, aber sonderbarerweise nur zur Hälfte entkleidet.

Auf dem Boden lag geöffnet eines der mystischen Bücher; die Kerze auf dem Nachttisch war gänzlich herabgebrannt. Der Inspektor schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Da hat er nun wieder in dem verrückten Buch gelesen, so lange, bis er darüber einschlief und, halb angekleidet, wie er war, auf das Bett fiel. Und nun schläft er wie eine Ratte, trotz dem lauten Schrei Gollwitz' im Garten, trotzdem ich durch die beiden Zimmer schritt.«

Er rüttelte nun Peter Brak an der Schulter. Mit einem Schrei fuhr dieser empor; er hatte dabei weit die Augen geöffnet und erkannte im ersten Schrecken gar nicht seinen Bruder.

»Hilfe! Diebe! Mörder!« schrie er kreischend und packte den Inspektor an der Brust.

Dieser mußte ihn auf das Bett zurückwerfen.

»Zum Donnerwetter!« rief er laut. »Kennst du mich denn nicht, Peter? Besinne dich doch!«

Peter Brak kauerte auf dem Bettrand und stierte den Inspektor an.

Dann rieb er sich die Stirn.

»Du bist es?« murmelte er. »Wie kommst du denn hier herein?«

»Auf demselben Weg, den der Dieb für gewöhnlich nahm.« Du siehst, es ist gar kein Kunststück. Nur um dir dies zu beweisen, bin ich hier.«

»Der – Dieb? Ist es denn nicht Nacht?«

»Allerdings! Hast du keine Ahnung von dem, was vorgefallen ist?«

»Ich weiß nichts – bin eingeschlafen,« ächzte Peter Brak. »Später bin ich dann aufgewacht, wodurch, das weiß ich nicht mehr.«

»War es nicht ein Schrei, der dich weckte?«

»Ich kann es nicht sagen. Warum soll es denn ein Schrei gewesen sein?«

»Wir haben in dieser Nacht dicht vor deinem Garten den wahrscheinlichen Dieb und Mörder erwischt!«

Peter Brak schnellte hoch empor.

Es funkelte in seinem Blick.

»Ihr habt ihn? Ah – das ist eine Nachricht. Ich erhalte mein schönes Geld wieder!« rief er. »Wo ist der Mensch?«

»Bereits im Polizeigewahrsam. Es ist Gollwitz!«

»Gollwitz?!« schrie Peter Brak mit wahrhaft teuflischer Freude.

»Was sagte ich denn nicht immer? Hatte ich recht oder nicht?«

»Du hattest recht, heute gestehe ich dies offen ein.«

»Gollwitz und Luise! Sie haben gemeinsam operiert, um mich zugrunde zu richten!«

»Hier befindest du dich wieder stark im Irrtum. Luises ganzes Verbrechen besteht einzig darin, daß sie Gollwitz liebt. Das ist aber alles. Mit ihm verbunden, zu dem Zweck, dich zu schädigen, hat sie sich gewiß nicht. Das kann ich dir damit beweisen, daß ich hier stehe, ohne daß mir jemand von innen das Fenster öffnete.«

Verblüfft schaute Peter Brak den Bruder an.

»Richtig,« stammelte er, »wie kommst du denn herein? Ich habe doch gestern abend alles verschlossen.«

»Von innen verschlossen? Auch das Fenster und nicht mehr geöffnet? Weißt du das gewiß?« fragte lächelnd der Inspektor.

»Ich könnte darauf schwören!«

»Tue das lieber nicht, es wäre falsch. Ich kann es dir ja beweisen, daß du dich in einem Irrtum befindest.«

»Wieso?«

Der Inspektor berichtete nun genau, wie er Gollwitz verhaftete, den Zaun überstieg, an dem Rebgeländer emporkletterte und ohne Mühe einzusteigen vermochte.

Trotzdem er nun dadurch auf das deutlichste bewies, daß sich Peter Brak in seiner Behauptung, er habe stets das Fenster von innen fest verschlossen gehalten, eben irrte, so blieb doch der Sonderling hartnäckig bei dieser seiner Behauptung, obwohl ihn der Inspektor gründlich widerlegte.

Schließlich wollte er noch zugeben, daß er sich diesmal vielleicht täusche, die letzten Male aber gewiß nicht.

Kopfschüttelnd sagte der Inspektor:

»Du mußt dich auch da täuschen, Luise ist völlig unschuldig, daran halte ich fest!«

»Du hast auch Gollwitz für unschuldig gehalten!«

»Das war etwas anderes! Da würde ich noch weit eher glauben, der Dieb wäre durch ein anderes offenes Fenster in das Haus gelangt und hätte Eingang in dieses Zimmer gefunden.«

»Wie wäre denn dies möglich?«

»Hm! Woran stößt diese Wand hier?«

Der Inspektor deutete dabei nach jener Seite des Zimmers, auf der der Schrank stand.

»Auf den Korridor,« antwortete Brak.

Der Polizeibeamte schritt nun auf den Schrank zu. Er hatte soeben erst bemerkt, daß dieser nicht direkt an die Wand stieß.

Es mußte sich ein Zwischenraum dort vorfinden, was freilich nicht auf den ersten Blick zu entdecken war.

Wirklich konnte der Inspektor den Kopf zwischen Wand und Schrank bringen, ja, einem schmächtigen Menschen gelang es sogar, sich mit dem ganzen Körper hindurchzudrücken.

»Halt! Was ist das?« rief der Inspektor eifrig. »Da am Boden befindet sich ja eine Öffnung. Hattest du davon keine Ahnung?«

Brak trat hinzu.

»Ich erinnere mich jetzt,« sagte er; »hier an dieser Stelle stand ein großer Kachelofen, der nach alter Manier von außen geheizt wurde. Da die Öffnung vollkommen mit der Rückwand des Schrankes bedeckt wurde, so blieb sie unvermauert.«

»Na, da haben wir ja die Lösung! Gollwitz hat bei seinen Besuchen wahrscheinlich zufällig entdeckt, daß ein schmächtiger Mensch vom Korridor aus durch dieses unscheinbare, vergessene Ofenloch in das Zimmer dringen könnte und hat den Versuch gemacht, indem er sich irgendein unverschlossen gehaltenes Fenster oder eine Hintertür aussuchte, um ins Haus zu gelangen. Einmal im Innern, schlüpfte er durch die Öffnung in dieses Zimmer, vollführte den Diebstahl und, um die Polizei irre zu leiten, verließ er den Schauplatz seiner Tat nicht auf demselben Weg, sondern durch das Fenster, das er ja von innen aufriegeln konnte. Begreifst du nun?«

»Allerdings, so ist es möglich!«

»Und du hältst Luise noch immer für schuldig?«

»Ich weiß nicht, wie ich darüber denken soll!«

»Sehr einfach; die Sache verhält sich so, wie ich dir sagte. Diesmal hast du vergessen, das Fenster zu schließen, oder hast es in Gedanken wieder geöffnet. Man bringt Gollwitz hoffentlich zu einem Geständnis. Laß uns jetzt einmal die einstige Feuerungsöffnung von außen betrachten.«

Der Inspektor begab sich mit Peter Brak nach dem Korridor. Ganz in einer Nische verborgen, gänzlich unauffällig, befand sich eine eiserne Tür. Dieselbe ließ sich mit leichter Mühe öffnen.

In dem kleinen Raum dahinter lagen mehrere Mauersteine und dicker Staub, der jedoch an mehreren Stellen durcheinandergewirbelt war.

Es konnten dies schließlich aber auch Mäuse zuwege gebracht haben.

Der Inspektor ließ den Bruder seine gutleuchtende Laterne halten und versuchte es, durch die Öffnung zu kriechen.

Leicht war dies nicht, aber der Beamte ließ nicht nach, und schließlich hatte er wirklich den Körper durch die Maueröffnung gezwängt.

Er stand hinter dem Schrank, im Innern des Zimmers, wenn auch staubbedeckt, zerschunden.

Da kam auch schon Peter Brak gelaufen.

»Bei Gott!« rief er. »Es ist möglich! So ist der Schuft Gollwitz eingedrungen. Aber nun wird ihm sein Handwerk gelegt. Das Loch in der Mauer lasse ich morgen zumauern. Ich hatte es vollkommen vergessen!«

»Das war dein Fehler,« nickte der Inspektor. »Diese Vergeßlichkeit kostet dich siebentausend Mark.«


XIV.

Die Hoffnung des Inspektors, Heinrich Gollwitz werde ein umfassendes Geständnis ablegen, erfüllte sich nicht. Bei dem sogleich am Morgen nach seiner Festnahme mit ihm angestellten Verhör leugnete Gollwitz den Diebstahl, wie auch den Mord, denn auch des letzteren wegen war die neuerliche Anklage gegen Gollwitz von dem Staatsanwalt erhoben worden, der Revision verlangte.

Dies war hauptsächlich der Bemühung des Oberamtsrichters, des persönlichen Feindes Gollwitz', zuzuschreiben, der nicht ruhte, bis alle Welt neuerdings den Referendar für den Mörder hielt.

Dabei kam ihm die Tatsache gerade passend, daß eben kein anderer entdeckt worden war.

Gollwitz stellte alles in Abrede, aber nicht mehr mit der Entrüstung und verzweifelten Energie, wie vor Beginn der ersten Verhandlung. Er schien es einzusehen, daß ihn diesmal die Beweise erdrückten, daß er gebunden war an Leib und Seele.

Wegzuleugnen war eben nicht, daß er sich in Braks Garten schlich, wozu er keine Berechtigung und Ursache hatte, denn, was sollte er dort, wenn nicht stehlen.

Seine schließlich abgegebene Erklärung klang so unwahrscheinlich, so naiv, daß sie nur ein verächtliches Lächeln bei dem Richter hervorrief.

Gollwitz gab nämlich an, er hätte sich in den Garten geschlichen, um den Dieb zu entdecken, der auch zugleich der Mörder sein müsse, da ihm alles daran lag, zu beweisen, daß nicht er, sondern ein anderer die Tat begannen habe.

Niemand nahm diese Worte für Ernst, und Gollwitz fühlte dies selbst am besten. Vielleicht eine Person glaubte daran, möglicherweise auch noch eine zweite, der alte Balthasar und Luise.

Beide waren auf das tiefste erschüttert, als die Festnahme des Referendars bekannt wurde. Wo er sich die Zeit über aufgehalten hatte, gab Gollwitz nicht an.

Die hierüber angestellten Recherchen ergaben jedoch, daß er sich wohl anfangs von Wilberg entfernte, bald aber zurückkehrte und in der Nähe der Stadt sich unter falschem Namen aufhielt. Auch wurde bekannt, daß er öfters des Nachts sich entfernte und erst gegen Morgen heimkam; im weiteren noch, daß er im Besitz von Geldmitteln war.

Ein Dorfwirt, bei dem der Flüchtling bald, nachdem er den Bahnzug verlassen hatte, eingekehrt war, sagte aus, der junge Mann hätte eine ganze Brieftasche voll Geldscheine besessen.

Der Mann hatte jedenfalls schlecht gesehen oder übertrieben, aber das Gericht glaubte ihm, und das war schlimm für Gollwitz.

Man wußte – und er selbst, wie auch seine Quartiersfrau bestätigten es – daß er angeblich Wilberg verließ, weil ihm die letzten Geldmittel ausgingen.

Woher der Flüchtling nun plötzlich zu diesen unbekannten Summen kam, darüber verweigerte er die Auskunft.

Der Untersuchungsrichter sagte ihm deshalb auf den Kopf zu, er habe das Brak geraubte Geld eben verborgen gehalten und erst zu sich gesteckt, als er entfloh.

Bei seiner neuerlichen Verhaftung fand sich auch nur ein geringer Betrag vor.

Der Untersuchungsrichter verlangte zu wissen, wo Gollwitz diesmal das übrige verborgen habe.

Dieser aber hatte auf alle Anklagen nur zu entgegnen: »Ich habe weder einen Mord, noch einen Diebstahl begangen. Ich bin nicht über die Mauer in das Arbeitszimmer Braks gestiegen, ebensowenig durch die Maueröffnung. Ich habe den Hammer, mit dem der Mord ausgeführt wurde, niemals gesehen, habe auch den Jubiläumstaler nicht verloren. Ich weiß nichts von dem geraubten Geld, kann also auch keines vergraben haben, weder jetzt, noch früher. Ein unglückseliges, entsetzliches Mißverständnis herrscht hier. Ich habe vielleicht den Schlüssel des Geheimnisses gefunden, als ich in jener Nacht im Garten Braks etwas erlebte, das mich derart entsetzte und erschreckte, daß ich laut aufschrie. Was es aber war, kann ich nicht sagen. Man wird mich diesmal verurteilen, ich weiß es, niemand vermag mich zu retten. Aber ich kann nichts dagegen tun, als nur immer und immer rufen: Ich bin unschuldig!«

Dabei blieb Gollwitz, mochte er auch noch so wenig Glauben bei seinen Richtern finden.

Oft strengte ihn ein derartiges Verhör so sehr an, daß er halb ohnmächtig nach seiner Zelle zurückgeführt werden mußte.

Er schien reine Folterqualen zu erdulden.

Von Wilberg hatte man ihn wieder nach E . . . . überführt, und sein Prozeß ging dem Ende zu. Die Verhandlung stand vor der Tür.

Wieder waren alle Zeugen aus dem ersten Prozeß geladen. Diesmal lautete die Anklage auf Mord und Einbruch.

Auch Luise, Balthasar, Peter Brak, sein Bruder, wie überhaupt alle früheren Zeugen, befanden sich im Saal, den ein zahlreiches Publikum überfüllte.

Als Heinrich Gollwitz vorgeführt wurde, richteten sich aller Augen auf die schwankende Gestalt. Der Referendar war kaum mehr zu erkennen, so hatte er sich seit dem Tag verändert, da Frau Fallner ermordet vorgefunden wurde.

Heute hielt ihn mit ganz geringer Ausnahme jedes im Saal für schuldig, deshalb wagte er kaum mehr, den Blick vom Boden zu erheben.

Einmal hatte er zu Luise hinübergesehen. Sie wandte jedoch erschauernd das Gesicht von ihm ab.

Gollwitz erklärte auf die Frage des Vorsitzenden, daß er nicht schuldig sei.

Die Zeugen wurden vernommen, die Protokolle der früheren Zeugenaussagen verlesen.

Was heute Neues dazukam, war nur überaus belastend. Gollwitz war von vornherein ein verlorener Mann.

Das sah auch sein Verteidiger ein, und nach der vernichtenden Rede des Staatsanwaltes, der auf das schärfste die »Schwäche« des ersten Gerichtshofes verurteilte, war Heinrich Gollwitz verloren.

Obwohl er alles ableugnete, was man ihm zur Last legte, so ward er doch des Mordes, wie auch der wiederholten Einbrüche für schuldig befunden resp. überführt.

Obwohl Luise ihn das erstemal rettete, so konnte ihr das ein zweites Mal nicht mehr gelingen, da einfach angenommen wurde, Gollwitz habe eben nach seiner Heimkehr noch einmal durch das Fenster seine Stube verlassen und so den Mord ausgeführt.

Daß dies möglich war, dahin sprach sich auch ein neuerliches Gutachten des Arztes aus, der die Obduktion an der ermordeten Frau Fallner vornahm.

Der Staatsanwalt bewies dem Gerichtshof, daß auf solche Art Heinrich Gollwitz der Dieb und Mörder sein könne, ohne daß die Zeugenaussagen der ersten Verhandlung angezweifelt zu werden brauchten.

Vom Präsidenten befragt, ob er noch etwas zu erwidern habe, entgegnete Gollwitz mit gebrochener Stimme:

»Da mich alle Welt für schuldig hält, selbst diejenigen, die noch vor kurzem an meine Unschuld glaubten, so habe ich nichts mehr zu sagen als das eine: Alle täuschen sich, der Gerichtshof, alle, alle! Ich kenne den Täter!«

Diese letzten Worte brachten die größte Unruhe im Saal hervor.

»Was sollen diese Worte?!« rief der Präsident. »Sie wollen den wahren Mörder kennen? Schon einmal haben Sie etwas Ähnliches in der Voruntersuchung gesagt, ohne sich näher darüber auszulassen. Wollen Sie nun jetzt sprechen?«

»Nein!« lautete die Antwort des Angeklagten.

Seine Brust hob und senkte sich krampfhaft. Er biß die Zähne fest aufeinander.

Dabei ließ er den Blick zu Boden sinken, weil er fühlte, daß aller Augen an seinen Lippen hingen.

Entrüstet versetzte der Präsident:

»So kann ich Ihre Worte nur verwerflich nennen, wertlos und nur dazu angebracht, das klare Urteil der Herren Geschworenen zu trüben. Ich hoffe aber, daß die Herren kein Gewicht darauf legen werden.«

Die kurze Replik, die darauf folgte, besiegelte das Urteil des Angeklagten.

Die Geschworenen zogen sich zurück.

Gollwitz glitt als ein gebrochener Mann auf die Anklagebank und ließ den Kopf tief auf die Brust sinken.

Wie Bienensummen schwirrte es durch den Saal. Und es traf mehrmals der gedämpfte Ausruf sein Ohr:

»Seht ihn nur an! Das soll kein Schuldiger sein? Endlich hat ihn das Gewissen gezeichnet!«

Das Gewissen!?

Gollwitz hob bei solchen Worten unwillkürlich den totenbleichen Kopf.

Er war versucht, ein Wort in den Saal hineinzuschreien, ein Wort, das treffen mußte, wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Aber war ihm dann geholfen?

So verzog sich sein Mund zu einem krampfhaften, qualvollen Lächeln, und er ließ jedesmal den Kopf wieder sinken.

Die Geschworenen kehrten nach verhältnismäßig kurzer Beratung zurück.

Der Obmann verkündete das Urteil.

Heinrich Gollwitz war einstimmig für schuldig des Mordes und Diebstahls befunden worden.

Er wurde deshalb zur Todesstrafe und zweijährigem Gefängnis verurteilt, das letztere nach vorher ausgesprochener Todesstrafe bekanntlich nur eine Formel, die nach dem Buchstaben des Gesetzes der Gerichtshof auszusprechen hat.

Luise Brak brach ohnmächtig zusammen, als der furchtbare Spruch verkündet wurde.

Heinrich Gollwitz zuckte wohl heftig, als hätte er einen Schlag ins Gesicht empfangen, zusammen, und die Nächststehenden hörten ihn stöhnen:

»Die Schmach, die Schmach!« Aber außer diesen Worten sprach er an dem Tage nichts mehr.

Was man mit ihm anfing, es war ihm alles gleichgültig, mechanisch folgte er der Aufforderung, den Saal zu verlassen, und es war fast ein Wunder zu nennen, daß die Füße ihren Dienst verrichteten.

Man brachte ihn in das Gefängnis zurück.

»Zum Tode verurteilt!« raunten sich die Wärter zu.

Er hörte es – man nahm wenig Rücksicht auf seine Ohren – aber es war ihm gleichgültig.

Wie ein Stück Holz fiel er, in seiner Zelle angelangt, auf das harte Lager, und der Wärter, der ihn durch das Loch in der Tür beobachtete, sah, daß er sich wohl eine Viertelstunde lang nicht mehr rührte. –

Peter Brak hatte mit wahrer Genugtuung das Urteil vernommen, und nur eines warf einen Schatten in seine unverhüllt zur Schau getragene Freude, der Umstand, daß sein Geld verloren war, daß nichts darauf hindeutete, wo Gollwitz es verborgen hatte.

Denn daß er in der verhältnismäßig kurzen Zeit die ganze Summe verbraucht haben sollte, war nicht gut möglich. Der Sonderling haßte Gollwitz schon aus dem Grunde, weil dieser ihm seine Tochter entfremdete, so daß er nun allein in seinen alten Tagen blieb.

So erklärlich das auch der Inspektor fand, so machte auf ihn diese offen zur Schau getragene Freude Peters über die Verurteilung des Referendars doch einen unangenehmen Eindruck.

Peter Brak war an seiner ohnmächtigen Tochter kalt vorübergegangen, nur Balthasar hätte er am liebsten mit seinen Blicken vergiftet.

Auf der Heimfahrt nach Wilberg machte übrigens der Inspektor seinem Bruder kurzerhand begreiflich, daß er Luise zu sich zurücknehmen müsse, da durch die Verhandlung der Skandal offenkundig wurde.

Peter Brak wollte davon zwar nichts wissen, gab schließlich jedoch nach, als der Inspektor sagte, er wolle Luise brieflich auffordern, zu ihrem Vater zurückzukehren.

Das geschah auch in den nächsten Tagen, doch weigerte sich Luise vorläufig, zu folgen.

Der Inspektor wollte ihr einige Ruhe gönnen und dann selbst nach E . . . reisen, um sie zurückzuholen.


* * *


Sehen wir uns noch kurz nach Luise um.

Balthasar hatte, mit Hilfe eines befreundeten Mannes, die Ohnmächtige nach einem Nebenzimmer gebracht und dort ins Bewußtsein zurückgerufen.

Dann fuhr er mit ihr im Wagen nach seinem kleinen Vorstadthäuschen. Das Mädchen befand sich in furchtbarer Erregung, so daß Balthasar und seine alte Schwester das schlimmste befürchteten.

Es gelang ihnen lange nicht, die sich wie wahnsinnig Gebärdende zu beruhigen. Luise warf sich mit dem Gesicht auf den Teppich und schrie verzweifelt:

»Zum Tode verurteilt!«

»Man wird Gnade für Recht ergehen lassen,« rief Balthasar, ebenfalls nicht wenig erregt, »wird ihn begnadigen. Und währenddem muß sich der wahre Dieb und Mörder finden!«

Luise richtete ihr fahles Antlitz dem alten Manne zu.

»Der wahre Mörder? So glauben Sie noch immer an seine Unschuld?«

Der alte Mann, auf das tiefste erschüttert durch diese Worte, hob beide Hände empor und rief:

»Ich glaube daran, wie an meinen Gott! Wehe, daß Sie anders denken, Luise! Das hat Heinrich nicht um Sie verdient!«

Das Mädchen schlug die Hände vor das Gesicht und wimmerte:

»Muß ich denn nicht an ihm zweifeln, nach allem, was heute gegen ihn vorgebracht wurde? Gibt es in der ganzen Stadt einen Menschen, der noch im leisesten an seiner Schuld zweifelt?«

»Wenn es keinen außer mir gibt, ich halte fest an ihm bis zum letzten Augenblick!«

»Aber die Beweise erdrückten ihn ja?«

»Das ist sein Unglück! Hörten Sie nicht, Luise, daß er den wahren Mörder kennt?«

»Weshalb spricht er davon und nennt ihn doch nicht? So mußte er sich nur um so mehr schaden.«

»Er wird seine Gründe dafür haben.«

»O, er durfte nicht zögern, schon meinetwegen nicht, wenn er mich wirklich liebte, wie er mir hundertmal versicherte. Er wußte, daß ich elend werde, wenn man ihn zum Tode verurteilt!« schluchzte überlaut das Mädchen.

Der alte Balthasar legte seine Hand auf die Schulter Luises.

»Mein liebes Kind, es gibt Dinge in der Welt, die so unergründlich, geheimnisvoll sind, daß sie ein ewiges Rätsel bilden. Mitunter aber kommt doch noch ein Lichtstrahl und zeigt uns, weshalb es so und nicht anders geschehen konnte. Das ist auch hier meine Hoffnung, und ich werde Gott täglich bitten, daß sie nicht zuschanden wird. Tun Sie dasselbe, und wenn es der Himmel will, kommen Sie doch noch eines Tages zusammen und ohne daß das Brandmal der Schande auf Heinrich lastet.«

So hatte der ehrliche Alte gesprochen.

Leider konnte sich Luise nicht völlig zu seiner Anschauung emporschwingen.

Sie wurde von ewigen Zweifeln gequält.


XV.

Der Inspektor saß eines Morgens, etwa vierzehn Tage nach der Verurteilung des Referendars, in dem Fallnerschen Hause am Frühstückstisch, als ihm der Hausmeister die Zeitungen brachte.

Das Gesicht des Mannes, seine unruhige Miene fiel dem Inspektor auf, so daß er Bormann fragte, ob etwa irgend etwas vorgefallen wäre.

Bormann kraute sich hinter dem Ohr und erwiderte:

»Jawohl, Herr Inspektor, vorgefallen wäre schon etwas. Aber ich weiß nicht, ob es nicht Unsinn ist, wenn ich's erzähle?«

»Einerlei, nur heraus damit!« sprach der Inspektor.

»Sehen Sie, Herr Inspektor,« begann der Mann neuerdings mit einem förmlichen Anlauf. »Wenn ich nicht ganz bestimmt wüßte, daß der Mörder der guten Frau Fallner entdeckt und hinter Schloß und Riegel sitzt, ja, schon in kurzer Zeit seinen Kopf verlieren wird, so würde ich steif und fest behaupten, er war diese Nacht wieder hier.«

»Was sagt Ihr da, Bormann? Wer wäre wieder dagewesen?« rief der Inspektor, die Tasse absetzend.

»Die nächtliche Gestalt, der Mörder!«

»Wann?«

»Diese Nacht!«

»Das ist unmöglich, Gollwitz sitzt ja hinter Schloß und Riegel!«

»Ich weiß es, und eben deshalb begreife ich die Sache nicht. Ich traute ja selbst meinen Augen nicht, aber es hilft nichts, er war eben doch da, er oder ein anderer. Ich kenne mich da gar nicht mehr aus!«

»Nun erzählt einmal zusammenhängend, vernünftig, was Ihr eigentlich entdeckt habt,« befahl der Inspektor.

»Gut, Herr Inspektor, ich will es tun, mögen Sie mir nun glauben oder nicht,« sagte Bormann. »Diese Nacht schlief ich wieder recht schlecht, wie das häufig vorkommt. Mit offenen Augen lag ich auf meinem Bett und hörte jeden Laut, der in der stillen Nacht entstand.

Plötzlich war es mir, als knirschte der Wegsand im Garten. Da ich das Fenster stets ein wenig offen halte, so konnte ich das Geräusch ganz gut unterscheiden. Eine Zeitlang war es still, begann dann aber von neuem. Jetzt stand ich auf und schlich ans Fenster. Ich spähte vorsichtig hinab, besonders hielt ich das Fenster im Auge, das in das Zimmer der Ermordeten führt. Wie immer, erfaßte mich ein Schauder dabei. Bald aber wich dieses Gefühl der Neugierde. Ich sah nämlich eine Gestalt!«

»Halt! Wißt Ihr ganz gewiß, daß Ihr Euch nicht getäuscht habt, Bormann?« rief der Inspektor. »In der Angst und Aufregung sieht man häufig Dinge, die in Wirklichkeit gar nicht existieren.«

»Ich dachte auch daran, Herr Inspektor, ich rieb mir die Augen, denn was ich da sah, war ja ganz unmöglich. Die Gestalt versuchte nämlich, sich auf das Fensterbrett zu schwingen, und ich hörte ein deutliches Klopfen, als suche der Mensch Eingang. Das Fenster selbst zeichnete sich ziemlich deutlich auf der weißen Kalkwand ab, weniger die Figur des Menschen oder was es sonst war. Aber das Klopfen habe ich gehört, dabei bleibe ich, ebenso das Knistern des Wegsandes, als die Gestalt sich bald darauf wieder entfernte.«

»Sie verschwand also wieder?«

»Jawohl, und dabei taumelte sie im Zickzack hin und her.«

»Warum habt Ihr mich nicht geweckt?« rief der Inspektor, den die Sache gegen seinen eigenen Willen erregte.

»Ich dachte daran, dann aber sagte ich mir, daß ich mich doch, trotz allem, getäuscht haben könne. Meine Augen sind nicht mehr die besten und auch mein Gehör läßt mich hin und wieder im Stich. So legte ich mich wieder frostschüttelnd zu Bett, konnte aber kein Auge zutun bis zum Morgen. Vorhin nun bin ich hinaus und habe auf das genaueste Rasen und Wege und auch die Mauer selbst unter dem bewußten Fenster untersucht.«

»Nun – und was habt Ihr gefunden?

»Spuren, deutliche Spuren, Herr Inspektor, die mir sagten, daß ich recht gesehen hatte in der Nacht!«

»Was waren das für Spuren?«

»Schmutzflecken auf der Mauer, ganz frisch, herrührend von Stiefeln. Es war einer da! War es nicht Gollwitz, so war es ein anderer.«

»Sonst habt Ihr nichts entdeckt?«

»Nein!«

»So laßt mich jetzt allein. Während ich frühstücke, will ich über die Sache nachdenken. Nachdem zeigt Ihr mir einmal die Spuren.«

»Ganz recht, Herr Inspektor,« sagte der alte Hausmeister und verließ die Stube.

Der Polizeiinspektor schüttelte den Kopf, stand dann auf und schritt einigemal in dem Zimmer auf und ab.

»Was soll das nun wieder bedeuten? murmelte er. »Wenn es sich wirklich so verhält, wie Bormann sagt, wenn einer hier gewesen ist, derselbe, den ich schon einmal verfolgte, und Gollwitz sitzt doch hinter Schloß und Riegel, so kann der Referendar auch nicht der Mörder sein. Oder dieses Nachtgespenst hat irgendwelche geheimnisvolle Gründe, sich hierher zu schleichen. Da könnte man ja verrückt werden. Wo finde ich den Schlüssel zu diesem Rätsel?«

Er ließ sich wieder am Tisch nieder, und mechanisch nahm er die von Bormann gebrachten Morgenblätter zur Hand. Diese waren bereits am Abend vorher erschienen, kamen jedoch erst in der Frühe nach Wilberg.

Der Inspektor suchte vor allem die Rubrik der gerichtlichen Nachrichten.

Mit großem Interesse las er, daß der Landesfürst von dem Recht der Begnadigung Gebrauch gemacht hatte.

Heinrich Gollwitz ging also lebenslänglichem Zuchthaus entgegen.

Der Inspektor tat einen tiefen Atemzug.

»Wenigstens das Schrecklichste bleibt der armen Luise erspart!«

Sein Blick glitt unwillkürlich hinunter auf die mit fetter Schrift gedruckten letzten Telegramme und besonders wichtigen Nachrichten. Hier fand sich nun eine Stelle, bei der der Inspektor, wie von der Tarantel gestochen, emporschnellte.

Es hieß da wörtlich:

»Soeben zieht eine alarmierende Nachricht durch die Stadt. Wie unsere Leser unter der Rubrik Gerichtsnachrichten finden werden, wurde der Mörder Heinrich Gollwitz zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Gegen fünf Uhr sollte er nach der Strafanstalt P . . . überführt werden. Auf bisher noch unaufgeklärte Art und Weise ist es Gollwitz nun gelungen, zu entspringen. Es geschah dies zwischen der Station Burgfeld und Stendach, wo der Bahnzug eine Steigung zu überwinden hat.

Die beiden Transporteure, die mit Gollwitz ein Abteil einnahmen, hatten, gegen ihre Instruktion, dem Gefangenen die Handfesseln auf seine Bitten abgenommen. Er vergalt ihnen diesen Dienst damit, daß er ganz plötzlich und völlig unerwartet aufsprang, in voller Fahrt die Wagentür durch das offene Fenster öffnete und den halsbrechenden Sprung ins Freie wagte. Der erste Transporteur sprang Gollwitz sofort nach, verletzte sich jedoch dabei so schwer, daß er am Platz liegen blieb. Dies sehend, unterließ der zweite Mann den Versuch und zog die Notbremse.

Als der Zug nach kurzer Zeit stand, war Gollwitz verschwunden. Trotz sofort angestellter zahlreicher Verfolgung konnte dieser gefährliche Verbrecher bis jetzt nicht herbeigeschafft werden. Er scheint rein vom Erdboden verschwunden zu sein. Die Polizei befindet sich in fieberhafter Tätigkeit. Wir hoffen, unsern Lesern in der nächsten Nummer die Verhaftung des Entsprungenen melden zu können.«

Das war der Wortlaut der alarmierenden Notiz.

»Gollwitz entsprungen!« rief der Inspektor. »Wer hätte hinter dem einfachen, jungen Menschen solche verbrecherische Tollkühnheit gesucht? Jetzt ist das Rätsel dieser Nacht freilich so ziemlich gelöst.

Fehlte nur noch, daß er sofort bei Peter wieder einen Diebstahl in dieser Nacht versucht hätte. Hier war er, darüber bin ich mir nun völlig klar. Es ist auch sehr leicht möglich, von der Station Burgfeld bis hierher zu kommen. Aber Gollwitz muß geradezu mit dem Teufel im Bunde stehen, daß ihm der Streich gelang.«

Der Inspektor schlüpfte eilig in seinen Straßenrock, setzte den Filzhut auf und stürmte hinaus. Bormann stand unter der Haustür.

»Wollen Sie die Fußspuren ansehen, Herr Inspektor?« fragte er.

»Ist nicht mehr nötig!« gab dieser hastig zurück. »Sie haben recht gesehen, Bormann! Er war da!«

»Wer denn?«

»Gollwitz!«

»Ja – aber ich denke, der ist doch eingesperrt?«

»Entsprungen, gestern abend aus dem Zug!«

Damit eilte der Inspektor weiter.

»Heiliger Gott!« stotterte Bormann. »Was wird aus dieser Geschichte noch werden?«

Der Inspektor hatte den Weg beinahe zurückgelegt, der das Besitztum Peter Braks von dem seiner ermordeten Schwester trennte, als plötzlich aus dem Garten des ersteren die alte Magd Braks herausstürzte und, den Inspektor erblickend, mit gerungenen Händen auf diesen zueilte.

»Herr Inspektor,« keuchte sie atemlos, »o, Gott sei gelobt und gedankt, daß ich Sie gleich hier treffe! Ich wollte ja eben zu Ihnen hinüber. Es ist schon wieder etwas geschehen!«

»Na, na!« versetzte der Inspektor, von einer bestimmten Ahnung erfüllt. »Es wurde doch nicht eingebrochen?«

»Ja, das ist es, das ist's! Vor einer halben Stunde entdeckte es Herr Brak. Es fehlen ihm fünftausend Mark, und nun tut er wie ein Toller, ich weiß mir gar nicht mehr zu helfen. Er rief mich herein und sagte, ich hätte mich gestern abend im Arbeitszimmer versteckt, hätte das Fenster aufgemacht, den Dieb hereingelassen, der ein Helfershelfer Gollwitz' wäre, und sei dann über das Rebgeländer in den Garten hinabgeklettert. Ich bin in meinem Leben nicht geklettert und wie käme ich denn zu der Gemeinschaft mit diesen Halunken! Auf den Knien habe ich ihm meine Unschuld beteuert, aber er hörte gar nicht darauf, sondern gebärdete sich wie ein Wahnsinniger. Da bin ich denn fortgelaufen.«

»Dachte ich's mir doch beinahe!« murmelte der Inspektor, der mittlerweile das Gittertor des Gartens erreicht hatte. Mit der alten Magd schritt er rasch auf das Haus zu.

Vor der Haustür angelangt, vernahm der Inspektor schon jetzt das Toben seines Bruders, der beständig nach seinem Geld schrie und Verwünschungen ausstieß.

Er fand Peter Brak in dem Arbeitszimmer, mit wirrem Haar und fuchtelnden Armen, hin und her laufend.

»Ha! Da bist du ja!« schrie er, als der Inspektor eintrat, und packte den Bruder krampfhaft am Arm. »Weißt du schon, daß man mich abermals bestohlen hat? Fünftausend Mark! Ich werde arm gemacht, langsam saugt man mir das Blut aus! Schaffe mir mein Geld wieder oder ich werde verrückt!«

Nur mit größter Mühe gelang es dem Inspektor, seinen Bruder wenigstens so weit zu beruhigen, daß er einige Auskunft geben konnte. Es war ganz die alte Geschichte.

Peter Brak hatte zufällig am Tag vorher wieder eine Summe von fünftausend Mark erhalten, hatte das Geld in ein Schubfach gelegt, diese und den Schrank abgeschlossen, die Schlüssel eingesteckt, Tür und Fenster nachgesehen und sich dann frühzeitig zu Bett begeben.

Als er am Morgen dann sein sogenanntes Arbeitszimmer betrat, stand der Schrank offen, ebenso das Fenster.

Auf dem Tisch lagen die beiden Schlüssel und die fünftausend Mark fehlten.

Peter Brak schrie nach der Magd; sie wußte nichts, er konnte absolut nichts aus ihr herausbringen.

Daß man ihn bestohlen hatte, abermals bestohlen, war klar.

Aber wer tat es, und wie wurde die Tat ausgeführt? Saß Gollwitz nicht im Gefängnis?

Darüber konnte ihn nun der Inspektor sogleich eines anderen belehren.

»Gollwitz ist entsprungen?!« schrie Brak. »Da haben wir es ja! Sein erster Weg war hierher, wo er mich bestahl, um Mittel zur Flucht zu erhalten!«

»Leider muß ich dir hierin recht geben,« versetzte der Inspektor. »Unerklärlich aber ist mir, wie der Mensch hier eindringen konnte!«

»Diesmal kann ich darauf schwören, daß ich vor dem Schlafengehen das Fenster von innen verriegelte!« beteuerte Peter Brak.

»Dann hast du vergessen, die Maueröffnung vermauern zu lassen!«

»Nein, auch das ist geschehen, schon seit acht Tagen!«

Der Inspektor überzeugte sich davon.

»So ist der Fensterriegel von außen durch einen Kunstgriff, einen dünnen Draht oder dergleichen, zu öffnen. Es kann ja kaum anders sein.«

Mit diesen Worten trat der Inspektor an das Fenster und untersuchte auf das genaueste den Fensterrahmen.

Kopfschüttelnd trat er zurück.

»Es ist geradezu unmöglich!« rief er erregt. »War der Fensterflügel zu, so konnte ihn niemand von außen öffnen. Du mußt ihn in Gedanken wieder selbst geöffnet haben!«

»Nein, nein!« keuchte Brak.

»Dann, zum Teufel,« entgegnete der Inspektor heftig, »ist der Mensch durch den Boden hereingedrungen!«

Der Polizeiinspektor Brak stampfte wütend mit dem Fuß auf, riß den kurzen Teppich beiseite. Alles war fest, nichts gab nach.

»Und er war doch hier!« kreischte Peter. »Sieh dir die Spuren an am Fenster, an den Reben! Er stieg hier ein und aus.«

Davon konnte sich der Inspektor wirklich überzeugen. Ohne Zweifel war ein Mensch hier, der den Schrank öffnete und das Geld stahl.

Der erfahrene Polizeibeamte schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Solch ein Fall war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen.

Dieser Dieb – und es konnte nur Gollwitz sein – hielt die ganze Welt zum Narren.

Eine wahre Wut erfaßte nun auch den Inspektor gegen Gollwitz. »Ich werde nicht ruhen, bis ich den Burschen abgefangen habe, bis ich den Kunstgriff herausfinde, wie er hier ein- und aussteigt!« rief er.

»Und mein Geld, das wirst du auch suchen, das ist das wichtigste!« jammerte Brak.

Der Inspektor wollte seinen Bruder bitten, das Rebgeländer abnehmen zu lassen, schwieg darüber jedoch vorläufig, da der Dieb und Mörder, der sicher noch einmal kam, durch nichts stutzig gemacht werden durfte.


XVI.

Am zweitnächsten Tag begab sich der Inspektor nach E . . . . Er wollte Balthasar aufsuchen, um Luise heimzuholen.

Es machte einen üblen Eindruck auf die Bevölkerung Wilbergs, daß der alte Sonderling sich vollständig von seiner Tochter losgesagt hatte und sie gänzlich ihrem Schicksal überließ.

Verschiedentlich hatte der Inspektor die Äußerung vernommen, es wäre die Pflicht Peter Braks, sein Kind heimzuführen, dessen ganzes Verschulden nur darin bestand, daß es Heinrich Gollwitz liebte, zu einer Zeit, da ihm noch kein Mensch etwas Unehrenhaftes nachsagen konnte, da er im Gegenteil sich des besten Leumundes erfreute.

Der Inspektor hatte es dem Bruder schließlich begreiflich gemacht, daß er in diesem Fall nachgeben müsse, und Peter Brak willigte, wenn auch mit finsterer Miene, ein, die Tochter wieder in sein Haus zu nehmen.

So war der Inspektor in E . . . . angekommen und hatte zunächst dem Untersuchungsrichter einen längeren Besuch abgestattet.

Diesem, wie überhaupt jedem der Beamten, stand es über allem Zweifel, daß der entsprungene Gollwitz wirklich in der betreffenden Nacht sich bei Wilberg aufhielt und abermals den Einbruch vollführte, auf welche Art, dies war freilich allen ein wahres Rätsel.

Ebenso verwunderlich war es, daß Gollwitz bis zur Stunde noch nicht festgenommen war, daß er es vermochte, trotz eifriger Nachforschung sich unsichtbar zu machen.

»Da sehen Sie, Herr Inspektor,« rief der Richter, »was in verhältnismäßig kurzer Zeit aus einem Menschen werden kann! Vor wenigen Wochen noch ehrenhaft, tadellosen Rufes, und jetzt, wegen Mord und Diebstahl verurteilt, entsprungen, versteht es dieser anscheinend so harmlose Mensch, unsere ganze, so vortrefflich organisierte Polizei an der Nase herumzuführen. Was machte ihn nun zu dem raffinierten Verbrecher, wenn nicht der angeborene Verbrechersinn?«

»Oder die Not, die verzweifelte Lage,« versetzte der Inspektor. »Aber einerlei, was es auch sei, Gollwitz verdient keine Schonung mehr. Ich habe mich in ihm getäuscht, wie noch niemals in einem Menschen.«

Es wurde nun der neuerliche Diebstahl genau besprochen. Eine Erklärung gab es jedoch nicht dafür.

Daß Gollwitz sich in der Nähe Wilbergs aufhielt, war sicher. Man verabredete, daß die Nachricht von dem Einbruch möglichst verschwiegen gehalten werde, um den Verbrecher einige Zeit in Sicherheit zu wiegen.

Dann sollten ganz plötzlich in einigen Tagen durch zahlreiche Polizei, verstärkt durch Forstbeamte und Treiber, die ganzen umfangreichen Waldungen durchstreift werden, die Wilberg umgaben.

Es war schon Spätnachmittag, als der Inspektor den Untersuchungsrichter verließ.

Der Kriminalpolizist Weller, der nach erfolgter Verhaftung des Referendars wieder nach E . . . . zurückgekehrt war, sollte, getroffener Verabredung gemäß, am nächsten Tag mit dem Inspektor und Luise Brak abermals nach Wilberg zurückreisen, da es aufs neue galt, den flüchtigen Verbrecher einzufangen, sei es mit List oder Gewalt. Gegen die beiden Transporteure, die Gollwitz, infolge ihrer Fahrlässigkeit, entspringen ließen, war bereits Untersuchung eingeleitet.

Übrigens war der eine davon schon hart genug durch die schweren Verletzungen bestraft, die er sich beim Sprung aus dem Waggon zugezogen hatte.

Der Inspektor erreichte nach einer etwa viertelstündigen Wanderung das Gartenhäuschen, das Balthasar mit seiner Schwester und Luise bewohnte. Es wurde von dichten Hecken umgeben und lag ganz vereinzelt und überaus friedlich mitten im Grünen, etwas abseits der Straße.

Der Inspektor mußte an dem verschlossenen Holzgitter klingeln, worauf nach einer Weile Schritte vom Haus her erklangen und Balthasar erschien.

Er war nicht wenig überrascht, den Inspektor vor sich zu sehen, denn dieser hatte sich absichtlich durch keine Zeile angemeldet.

Sichtlich verwirrt fragte er nach dessen Begehr.

Als er erfahren, um was es sich handelte, schüttelte er bedenklich den Kopf.

»Ich fürchte, Sie haben eine schlimme Stunde gewählt, Herr Inspektor,« sagte er. »Luise wird sich weigern, zu ihrem Vater zurückzukehren, da er sie auf die roheste Weise verstieß und förmlich zum Haus hinausjagte. Seitdem hat sich Luise ehrlich und mühsam ihr Brot verdient, indem sie hier bei uns Näharbeiten für ein größeres Geschäft anfertigt.

Aber den Versuch können Sie ja machen, Herr Inspektor. Ich will nicht derjenige sein, von dem man sagen könnte, er habe sich zwischen Vater und Tochter gestellt, oder gar Luise aufgehetzt und zurückgehalten, zu ihrem Vater zurückzukehren.«

Mit diesen Worten hatte Balthasar das Türchen geöffnet und schritt mit dem Inspektor durch den dichtbelaubten Garten nach dem Hause zu.

Langsam sank der Abend herab.

Luise saß an dem geöffneten Fenster und ruhte aus von der anstrengenden Arbeit, die beendet neben ihr auf einem Stuhle lag.

Als sie Balthasar mit dem Inspektor auf das Haus zukommen sah, entschlüpfte ihr ein Ruf des Erschreckens, doch faßte sie sich rasch wieder.

Der Inspektor hatte sie ebenfalls bemerkt und rief ihr zu: »Grüß dich Gott, Luise! Du brauchst nicht zu erschrecken, ich komme in keiner schlechten Absicht zu dir!«

Dann trat er mit Balthasar ins Haus, begrüßte kurz dessen Schwester und schritt sodann mit dem Alten nach der Stube, in der sich Luise befand.

Eine friedliche Dämmerung herrschte in dem einfach ausgestatteten Raum.

Luise bot dem Onkel beide Hände, und er sah mit tiefer Bewegung in dieses schmale, liebliche Antlitz, dessen Mund von einem schmerzlichen Zucken umgeben war.

»Wie bleich du bist, Kind!« rief der Inspektor unwillkürlich. »Du bist unglücklich, elend geworden durch diesen Menschen, um den du dich wahrlich nicht länger grämen solltest, denn er verdient es nicht, bei Gott nicht!«

Schluchzend bedeckte Luise ihr Gesicht mit den Händen. Balthasar saß auf einem Stuhl in der Ecke und sprach kein Wort.

Der Alte hielt noch immer an Heinrichs Unschuld fest, obwohl dies geradezu Wahnsinn war nach dem Vorgefallenen.

So verharrte er mit trotzig übereinander geklemmten Lippen während all der anklagenden Worte, die der Inspektor gegen Gollwitz schleuderte.

Luise vernahm nun, was ihren Onkel hierherführte.

Sie weigerte sich jedoch, in das Haus ihres Vaters zurückzukehren, der nur, sozusagen von der öffentlichen Meinung gezwungen, nach ihr schicke, der sie aber mißhandelt, verflucht und verstoßen habe.

Der Inspektor wandte seine ganze Beredsamkeit an, um Luise willfährig zu machen.

Er stellte ihr vor, daß ihr Vater ein nervöser Mann wäre, dem man das, was er tue, auch dementsprechend anrechnen müsse.

Fest überzeugt von allem Anfang an, daß nur Gollwitz und kein anderer den Mord wie auch die Einbruchsdiebstähle begangen habe, hätte ihn eben Luises Verhalten, das seiner eigenen Anschauung entgegen den Referendar für schuldlos hielt, ja, den eigenen Namen, die Ehre seines Hauses bloßstellte, auf das heftigste gereizt.

Und da sich nun herausstellte, daß Peter Brak wirklich im Recht war, als er Gollwitz für einen Dieb und Mörder hielt, so möge ihm Luise vergeben, was er ihr tat, und – schon der Leute wegen – zu ihm heimkehren.

Die Hände ineinander verschränkt, starr zu Boden blickend, hatte Luise diese Worte vernommen.

Aber sie schwieg.

»Du antwortest mir nicht, Luise?« sagte der Inspektor. »Wenn du deinen Vater wirklich liebst, so darfst du nicht so lange zögern. Oder sollte, Gott verhüte es, deine Liebe vielleicht gar erstorben sein?«

Aufschluchzend antwortete das Mädchen:

»Ich weiß es nicht, Onkel, frage mich darüber nicht weiter. Ich habe meinen Vater, trotz seiner Launen, geliebt, wie es die Pflicht eines jeden Kindes ist, aber von der Stunde an, wo er mich mißhandelte, verfluchte, da empfand ich etwas wie einen Riß in meinem Herzen. Auch mein Vater hat mich nie geliebt. Das wußte ich in jener Stunde.«

»Darüber darfst du nicht urteilen, Luise,« erwiderte der Inspektor sehr ernst. »Dein Vater kann dich lieben, auch wenn er dich verfluchte und die Hand gegen dich erhob. Man sieht nicht jedem Menschen in sein Herz, und mein Bruder war seit langem ein Sonderling, den selbst ich oft genug nicht verstand. Alles, was er dir Schmerzliches zufügte, geschah in der schrecklichen Aufregung, da du, sein Kind, zu demjenigen hieltest, der ihn bestahl, der die gute Tante ermordete. Und er hatte recht, bedenke nur das, und dann wirst du einsehen, daß auch du vieles gutzumachen hast.«

Aber Luise schwieg abermals.

Der Inspektor legte rasch seine Hand auf den Arm des Mädchens.

»Ein Gedanke durchfährt mich, Luise!« rief er. »Könntest du auch jetzt noch an die Unschuld Gollwitz' glauben?«

Fest sah er ihr ins Gesicht.

»Ich weiß nicht, was ich denken soll!« entrang es sich ihren Lippen in qualvollem Ton.

Der Inspektor schwieg einen Moment, dann legte er hart die Hand auf das kleine Tischchen neben Luise.

»Das also ist es!« sprach er mit kräftiger Stimme, die sogar bis hinaus in den Garten durch das offene Fenster drang. »Du zweifelst noch heute? Und Ihr wohl auch, Balthasar? Ja, von Euch scheint ja aller Zweifel an die Schuld Gollwitz' in Luises Brust gepflanzt worden zu sein. Ist es so oder nicht?«

»Jeder mag denken, wie er's für gut hält, Herr Inspektor,« entgegnete der alte Mann ruhig, aber entschlossen. »Ich halte Gollwitz für unschuldig, mögen ihn auch zehntausend andere für schuldig halten.«

»Das ist der pure Wahnsinn, nach dem, was vorgefallen ist!« rief der Inspektor laut und zornig.

»Mag sein, Herr Inspektor,« lautete die Gegenantwort. »Versuchen Sie es meinetwegen, Fräulein Luise zu ›bekehren‹, bei mir ist jedoch alle Mühe vergebens. Ich bin nun einmal so.«

»Ein Trotzkopf seid Ihr, der nur nicht eingestehen will, daß er sich eben auch täuschte in diesem Gollwitz, wie wir alle. Aber wenigstens reinen Wein will ich Euch und Luise einschenken. Da ist weiteres Stillschweigen nicht mehr am Platz. Wißt ihr, was geschah, als der Verurteilte in die Strafanstalt abgeführt werden mußte?«

»Er ist entsprungen, wer wüßte das nicht!« machte Balthasar achselzuckend.

»Recht so, beweist dies etwa nichts?«

»Gollwitz kann diesen Schritt ja in der Verzweiflung unternommen haben, halb im Wahnsinn! Es ist doch jedenfalls für einen Unschuldigen, der an Luft und Freiheit gewöhnt ist, ein geradezu entsetzlicher Gedanke, lebendig begraben zu werden. Ich würde in einem solchen Fall eben auch das letzte Mittel ergreifen, um zu entkommen. Was kann ihm denn noch Schlimmeres geschehen, wenn er wieder eingefangen wird?«

»Mit Euch ist nun einmal nicht zu reden,« versetzte ärgerlich der Inspektor. »Ich hoffe Euch aber trotzdem noch sehr rasch zu überzeugen, daß Gollwitz wirklich der Schuldige ist. Abgesehen davon, daß Euer Nachfolger Bormann in jener Nacht, da wir den Verbrecher verfolgten, an den Füßen des Unbekannten gelbe Schuhe bemerkte, die stark ins Rote gingen, und Gollwitz in solchen Sommerschuhen bei seiner darauf folgenden Verhaftung angetroffen wurde, so ist auch erwiesen, daß der angeblich ohne Geldmittel von Wilberg abgereiste Referendar sich im Besitz einer größeren Summe befand. Woher sollte er denn das Geld haben? Aha! Da schweigt Ihr! Es war eben das Geld aus dem Diebstahl, wenn er auch zu keinem Geständnis sich herbeiließ. Gollwitz hatte seinerzeit einfach die geraubten Summen versteckt, vergraben vielleicht, deshalb fand man nichts bei ihm vor. Nun ist er abermals entsprungen. Ohne Geldmittel kommt er nicht fort, und da er entweder das frühere bereits verbraucht, sei es durch Bestechung irgendwelcher Mitwisser, oder zu anderem Zweck, oder daß er nicht zu dem Rest des versteckten Geldes gelangen kann, so hat er sich die Sache einfacher gemacht und in einer der letzten Nächte dem Haus meines Bruders abermals einen Besuch abgestattet.«

Balthasar hob das Haupt mit einem heftigen Ruck.

»Was sagen Sie da, Herr Inspektor?« rief er.

Auch Luise sah den Onkel mit erschrockenem Blick an.

»Ich sage, daß Gollwitz, nachdem er entsprungen ist, sich nach Wilberg begab, abermals in das Arbeitszimmer meines Bruders einbrach und diesmal fünftausend Mark stahl. Dabei ist er auf eben solch raffinierte, ja, sogar rätselhafte Weise zu Werk gegangen, wie früher. Man hat gar keinen Anhaltspunkt, wie er den Diebstahl ausführen konnte, wie er spurlos entkam, wie er sich so lange verborgen halten kann.«

»Mein Gott, wie entsetzlich!« stöhnte Luise.

Und auch Balthasar rieb sich mit beiden Händen die Stirn.

»Das geht über meinen Verstand!« murmelte er. »Ich wußte nichts davon! Wie ist dies alles nur möglich?«

»Da müßtet Ihr schon Gollwitz selber fragen!« gab der Inspektor zur Antwort.

In diesem Augenblick zuckte Luise heftig zusammen. Der Inspektor bemerkte es und fragte rasch:

»Was ist dir, Luise?«

Das Mädchen war sichtlich verwirrt, erschrocken.

»Es – ist nichts – nichts, Onkel –« sagte sie, mit der Hand über die Augen fahrend.

Der Beamte hatte jedoch vorhin deutlich den raschen, erschrockenen Blick bemerkt, den Luise durch das offene Fenster nach dem Garten warf, über dem nun die Schleier des Abends ruhten.

Er richtete sich auf und beugte sich aus dem offenen Fenster.

Trotzdem er sich anstrengte, vernahm er nichts, als das Rauschen der Büsche, in die der Nachtwind fuhr.

»Was suchen Sie, Herr Inspektor?« fragte Balthasar.

Dieser wandte sich zurück.

»Hm – es ist sonderbar,« sagte er, »mir war es vorhin, als hörte ich einen Seufzer da draußen zwischen den Büschen, und auch Luise scheint etwas dergleichen vernommen zu haben.«

Balthasar stand auf.

»Es wird ein Ast gewesen sein, der sich am anderen rieb!« sagte er. Man hörte ihm jedoch eine gewisse Unsicherheit an.

Der Inspektor trat dicht vor ihn hin.

»Hört!« sprach er scharf. »Euer Gewissen ist doch rein, Balthasar?«

Der Alte fuhr zornig auf, faßte sich dann aber sofort wieder. »Vollkommen rein, Herr Inspektor! Ich weiß schon, worauf Sie anspielen, aber Sie befinden sich hier in einem Irrtum. Weder ich, meine Schwester, noch Fräulein Luise tragen ein Geheimnis mit uns herum. Auch bewohnt das Haus niemand, außer uns, ebensowenig kommt jemand hierher, der nicht öffentlich vor aller Welt dies dürfte. Und dann« – ein Lächeln umzog den Mund des alten Mannes – »Sie wissen ja doch, daß ich ständig polizeilich überwacht werde. Es kann also gar nichts in diesem Haus passieren, das gegen Gesetz und Ordnung verstößt. Wenn Sie aber wünschen, Herr Inspektor, so will ich sogleich mit Ihnen den ganzen Garten absuchen, auch jedes Kämmerchen im Haus öffnen. Viele enthält es ja ohnedies nicht.«

»Es ist schon gut, Balthasar!« wehrte der Inspektor. »Ich will glauben, daß ich mich vorhin täuschte, und die Sache auf sich beruhen lassen.«

Die alte Frau brachte nun Licht in die Stube, entfernte sich dann aber wieder.

Noch einmal wandte sich der Inspektor an das Mädchen.

»Ich hoffe, du wirst nun anders von diesem Gollwitz denken, diesem Menschen, der gar nicht verdient, daß sich ein Mädchen wie du um ihn grämt. Vergiß ihn, das ist das einzige, was du tun kannst!«

»Wenn es sich so leicht vergessen ließe!« flüsterte Luise, von Schmerz durchbebt.

»Mut gefaßt, Kind,« ermahnte der Inspektor. »Du mußt vergessen! Dann wird auch alles wieder gut. Morgen früh kehrst du mit mir nach Wilberg zurück. Was soll diese Näherei hier um die paar Pfennige? Du arbeitest dir die Finger dabei wund, und das hast du wahrlich nicht nötig.«

Aber Luise schüttelte traurig den Kopf.

»Ich werde nicht nach Wilberg zurückkehren, nimm mir's nicht übel, Onkel!« sprach sie. »Ich bleibe hier!«

Überrascht fuhr der Inspektor zurück.

»Wie? Du wolltest deinen Vater allein lassen, auch fernerhin?«

»Ich bin nicht freiwillig gegangen, er schickte mich fort, wie eine Fremde, und ich weiß, daß er auch jetzt sich nicht nach mir sehnt, daß er nur deinen Vorstellungen nachgab. Ich würde trübe Stunden in seiner Nähe erleben.«

»Ich vermute, daß es weniger daran liegt, als an dem Umstand, daß meine Worte dich noch nicht völlig von der Schuld des Angeklagten überzeugten!« rief heftig der Inspektor.

»Du irrst dich, Onkel,« versetzte ruhig Luise. »Jetzt halte auch ich den Referendar für schuldig, nichts in meinem Herzen spricht mehr zu seinen gunsten. Aber trotzdem kehre ich nicht nach Wilberg zurück, sondern bleibe hier, wo ich mir mein Brot in Frieden verdiene. Ich wünsche mir nicht mehr zum Leben. Versuche es nicht, mich umzustimmen, Onkel, es wäre vergebens!«

Zornig erhob sich der Inspektor.

»Möchtest du mir nicht sagen, wie lange das so fortgehen soll? Du kannst doch nicht ewig hier bleiben, haltlos, ohne Stütze, während dein Vater in Wilberg haust?«

»Wie lange es so fortgehen wird, weiß ich selbst nicht, Onkel,« antwortete Luise todestraurig. »Vielleicht bis zu der Stunde, wo mich mein Vater auf andere Weise zurückruft, als es heute geschieht. Und sorge dich nicht bis dahin. Ich habe einen Halt und eine Stütze an Balthasar hier. Unter diesem Dach lebe ich vollkommen sicher. Das magst du meinem Vater sagen, Onkel.«

Der Inspektor hatte ärgerlich nach seinem Hut gegriffen.

»Ich aber sage dir, Luise, daß es besser wäre, du kämest freiwillig morgen mit mir, ohne daß dich dein Vater zur Heimkehr zwingen muß. Du wirst es dir bis morgen früh überlegen, ob du nicht ein edleres Werk fördern könntest, indem du danach trachtest, die Liebe und Zuneigung deines alten Vaters wieder zu erringen, anstatt den Riß nur noch größer zu machen. Ich reise mit dem Zehnuhrzug nach Wilberg zurück. Überlege dir alles noch einmal reiflich. Und dann laß mich deine Antwort wissen. Ich wohne im Goldenen Stern.«

Der Inspektor schritt, ohne Luise die Hand zu reichen, nach der Tür.

»Gute Nacht, Balthasar,« sagte er zu dem alten Mann, »und da Ihr nun von Eurem Wahn geheilt seid, wie ich hoffe, so könntet Ihr ein gutes Werk tun, wenn Ihr einem Vater sein Kind erhaltet.«

Der Alte nickte erschüttert, ging mit dem Inspektor durch den Hausflur, wo er eine kleine Laterne herabnahm und damit den Beamten bis an das Gartentürchen geleitete.

Nachdem der Inspektor gegangen, seine Schritte in der Nacht verhallt waren, schloß Balthasar wieder ab und wandte sich gegen das Haus zurück.

Er trat zu Luise und erschrak förmlich.

Das Mädchen kniete am Boden und hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen, den Kopf auf einen Stuhl gelegt. Ein qualvolles Stöhnen drang unter den Händen hervor.

»Luise!« rief der alte Mann zitternd. »Was ist Ihnen?«

Erst nach geraumer Weile hob sie das bleiche, tränenüberströmte Gesicht.

»Balthasar, mein einziger, väterlicher Freund!« stammelte sie. »Nun haben wir nichts mehr, daß uns einen Funken Hoffnung gibt. Jetzt noch Gollwitz für unschuldig halten, wäre ein Verbrechen. Das sehen Sie doch wohl auch ein, und das war es, was mir so unendlich wehe tat, was mir das Herz abdrücken wollte.«

Sie klammerte sich an seinen beiden Händen fest und klagte:

»Was wird nun werden? Es ist alles verloren. Gollwitz hat mein Leben und jeden frohen Gedanken in mir vernichtet.«

Der alte Mann kämpfte eine Weile mit sich selbst, dann sagte er verbissen:

»Soll ich Ihnen sagen, was ich eigentlich denke, Fräulein Luise? Ich denke mir, Sie haben Gollwitz niemals so richtig, so für die Ewigkeit geliebt, sonst könnten Sie nicht jetzt dieser Liebe entsagen, gerade jetzt, wo Heinrichs Sache so verzweifelt liegt, daß ihm wahrscheinlich kein Gott mehr heraus helfen kann.«

Betroffen war das Mädchen zurückgewichen.

»Balthasar!« rief es. »Sie könnten jetzt noch an Heinrichs Schuld zweifeln?«

»Ja und tausendmal ja!« rief dagegen auf die heftigste Weise der alte Mann. »Wenn alle ihn verdammen, wenn sie ihm selbst den Kopf abschlagen würden, ich würde auch dann noch aller Welt zuschreien: ›Ihr habt einen Unschuldigen getötet! Der wahre Mörder und Dieb lebt frei unter der Sonne. Nun ist es zu spät, ihn zu suchen.‹«

»Aber,« stotterte Luise mit zurückgehaltenem Atem, »wo ist denn ein Beweis, daß Gollwitz unschuldig ist?«

Der Alte schlug mit der Hand auf seine Brust.

»Hier drinnen habe ich den Beweis, der Welt gegenüber gar nichts, mir aber alles! Heinrich Gollwitz ist kein Dieb und noch weit weniger ein Mörder. Ich glaube es nicht, und wenn er's selbst eingestehen würde.

Wenn man so bedrängt wird von allen Seiten wie er, gehetzt wie ein armseliger Hase von einem Rudel Hunde, überall in Fallen stürzend, da ist es kein Wunder, wenn der Mensch in seiner Verzweiflung Dinge tut, die nur noch mehr den Glauben an seine Schuld erwecken müssen. Aber ich halte fest an Gollwitz, und wenn ich's noch erlebe, daß seine Unschuld an den Tag kommt, so wird dies mein größter Festtag sein, erlebe ich's nicht mehr, so wird man wenigstens sagen müssen: ›Der alte Balthasar war der einzige Freund des Unglücklichen.‹«

Luise hatte sich abgewandt. Kraftlos fiel sie auf das kleine Sofa.

»Lassen Sie mich eine Weile allein, Balthasar,« bat sie mit zitternder Stimme. »Da in meiner Brust kämpft es wie die Brandung des Meeres. Ich ringe nach einem festen Halt und finde keinen. Schuldig oder nicht! O, fände ich doch Gewißheit!«

»Ich lasse Sie allein, Luise,« sprach mit bewegter Stimme der alte Mann. »Gebe Gott, daß Ihr Herz das Richtige finde!«

Darauf verließ er die Stube.

Seine Schwester stand in der Küche am Herd, als er an der offenen Tür vorbeikam.

Sie war etwas schwerhörig und wandte sich gar nicht um, als Balthasar vorüberging.

Der alte Mann sah nun doch recht nachdenklich vor sich nieder.

Wenn er, gleichsam allen zum Trotz, unerschütterlich festhielt an der Unschuld des Referendars, so konnte er sich andererseits doch auch nicht verhehlen, daß die Dinge für den Entsprungenen derart schlimm standen, daß sie gar nicht schlimmer mehr werden konnten.

In trübe Gedanken versunken betrat er die kleine, dicht neben der Haustür befindliche Stube, die er allein bewohnte.

Eine Lampe stand auf dem Tisch und an diesem Tisch saß ein Mann, der sich beim Eintritt Balthasars rasch vom Stuhl erhob und dem Alten mit einer matten Bewegung die Hände entgegenstreckte.

Diesem entfuhr unwillkürlich ein Ruf des Schreckens.

Dann drückte er hastig die Tür hinter sich zu, verriegelte sie und taumelte zum Fenster, dessen undurchsichtige Vorhänge er rasch mit den zuckenden Händen schloß.

Jetzt erst drehte er sich dem Tisch zu und sich mit der Hand darauf stützend, starrte er mit weit geöffneten Augen auf die Gestalt, die zusammengekauert am Tisch saß.

»Gollwitz!« stieß er keuchend, halblaut hervor. »Sind Sie es, oder ist es Ihr Geist?«

Nur mühsam kam die Antwort aus dem Mund des Unglücklichen.

»Ich bin es wohl, aber nicht mehr der alte Gollwitz, ein Schatten, gehetzt, verflucht! Erbarmen Sie sich meiner, Balthasar!«

Der alte Mann, dem selbst die Knie wankten, ließ sich auf einen Stuhl sinken.

»Unglücklicher, was haben Sie getan? Wie kommen Sie hierher? Wissen Sie, daß eben der Polizeiinspektor Brak von hier ging, daß er Sie hätte entdecken können, da er bereits einen Verdacht faßte?«

»Ich – weiß alles, alles!« röchelte Gollwitz mit matter Stimme. »Durch das Wäldchen dort drüben habe ich mich hierher geschlichen, und in der Dämmerung stieg ich in den Garten, da ich mich nicht auf den Straßenweg wagen durfte. Durch das offene Fenster hörte und sah ich Luise, den Inspektor und Sie, der Sie der einzige Mensch sind, der noch an mich glaubt!«

Gollwitz ließ den Kopf schwer auf die Brust sinken.

»Wasser,« stieß er leise hervor, »ich werde ohnmächtig!«

Balthasar, von tiefstem Mitleid ergriffen, nahm einen Weinkrug aus dem Schrank und labte den kraftlos zusammenbrechenden Mann.

Allmählich kehrten dessen Kräfte wieder und er drückte dankbar die Hand des Alten.

»Wie sehen Sie aus, Gollwitz?« entfuhr es schaudernd dem treuen Diener.

Und dieser Ausruf war nicht ohne Berechtigung.

Gollwitz trug noch nicht die graue Sträflingskleidung, sondern seinen früheren einfachen Straßenanzug. Wie aber sah dieser heute aus?

Beschmutzt, als wäre er durch den Kot des Weges gezogen worden, an zahlreichen Stellen zerrissen, schlotterte er nur so an der abgemagerten Gestalt des Referendars herum.

Auch die Stiefeln zeigten Defekte, ohne Hemdkragen war das Hemd ebenfalls unrein, von Lehm und Erde beschmiert.

Und darauf saß der farblose, abgemagerte Kopf, das Kinn unrasiert, die spitzen Backenknochen weit herausstehend.

Ein zerknüllter Hut lag am Boden, Gollwitz' Hände waren blutig zerschunden.

Ein schmerzliches Lächeln spielte um den Mund des Flüchtlings.

»Nicht wahr, Sie staunen über mein Aussehen, Balthasar?« sagte er. »Ich habe mich schon daran gewöhnt. So rasch kann sich ein Mensch verändern, wenn ihn das Schicksal mit eisernen Krallen packt und durcheinander rüttelt, daß einem Hören und Sehen vergeht.«

»Sie sind entsprungen, Gollwitz?«

»Ja, ich tat es,« antwortete der Flüchtling, heftig atmend. »Sie hatten mich verurteilt, zum Tod – und dann begnadigt! Begnadigt! Die Luft, die Freiheit waren mein alles, und dabei hungerte ich gern. Und nun hinein für das ganze Leben in das Zuchthaus, lebendig begraben! Dieser Gedanke brachte mich an den Rand des Irrsinns! Und Sie haben wohl auch schon gehört, daß Irrsinnige klug und verschmitzt werden. Ich dachte an Flucht, einerlei, was nachdem aus mir werden mußte. Entweder ich stürzte zwischen die Räder, und dann war ich erlöst – oder ich entkam. Daß mir das letztere gelang, werden Sie wohl erfahren haben.«

Gollwitz machte eine Pause und tat einen Schluck aus dem Weinglas.

»Die Zeitungen waren voll davon,« nickte erschüttert Balthasar, »nur konnte sich kein Mensch erklären, wie es ihm möglich wurde, sich den Verfolgern zu entziehen.«

»Sehen Sie mich an, Balthasar, und Sie finden die Erklärung,« murmelte Gollwitz düster.

»Von allen Seiten hetzten sie mich und hätte ich versucht, vor ihnen her zu entfliehen, sie hätten mich bald wieder gehabt. So aber kroch ich in eine Erdhöhle, nicht größer, wie sie der Fuchs als Bau sich gräbt; ich bohrte mich mit Händen und Füßen in den Boden ein und hätte mich eher ersticken lassen, als daß ich mich gezeigt hätte.«

»Entsetzlich!« stöhnte Balthasar.

»So rannten sie an mir vorbei, aber ich konnte nicht mehr fort, denn der ganze Wald wurde durchstreift, noch stundenlang, tagelang. Ich hatte nichts in der Tasche, als ein dürres Stück Brot, Gefängnisbrot. Davon nährte ich mich und von den wenigen Waldbeeren, die ich ohne Gefahr erreichen konnte. Endlich aber kam der Hunger so mächtig, daß er selbst alles Freiheitsgefühl erstickte, ich schrie ja auf vor Schmerz! Und da – nahm ich mir vor – mich wieder selbst zu stellen.«

»Sie hätten alles umsonst getan, diese Flucht unternommen, die Sie noch weit schwerer belastet als vorher?«

Ein irres Aufflackern brach aus den Augen Gollwitz'.

»Haben Sie schon den Hunger empfunden, Balthasar, den Hunger in seiner gräßlichsten Gestalt? Ich war schlecht genährt, hatte seit meiner Verurteilung fast nur das Allernötigste genossen. Und nun packte es mich wütend an. In meiner Verzweiflung riß ich Wurzeln aus dem Boden. Vergebens! Ich konnte es ertragen, stundenlang in dem feuchten Erdloch zu liegen, konnte die Wassertropfen hundertmal mir vom Gesicht wischen, die darauf sickerten, aber ich ertrug den Hunger nicht. Deshalb bin ich aufgebrochen, mich selbst zu stellen. Ich hoffe ja, daß mir nun doch das Zuchthaus erspart bleibt, daß – der König – seine Begnadigung – zurücknimmt. Dann ist mir geholfen!«

Der alte Mann schlug vor Entsetzen die Hände zusammen.

»So weit ist es mit Ihnen gekommen, Gollwitz?« rief er.

»So weit, ja!«

»Aber weshalb, wenn Sie sich doch der Polizei stellen wollen, kommen Sie hierher?«

»Ich wußte, daß Luise hier ist bei Ihnen. Ehe ich mich wieder den Gerichten stellte, wollte ich ihr sagen, daß man einen Unschuldigen in mir verfolgt, daß ich weder den Diebstahl, noch den Mord begangen habe. Auf meinen Knien wollte ich's ihr beschwören und dann, gestärkt, das Schwerste ertragen. Nun aber weiß ich, daß sie mich für schuldig hält, auch sie, auf die ich meine letzte Hoffnung setzte. Und jetzt will ich sie nicht sehen, ich kann sie nicht sehen! Aber etwas anderes will ich tun – ich zeige ihr den Weg, wie sie den Dieb und Mörder der guten Tante findet.«

»Das sind wieder Worte, wie sie schon einmal aus Ihrem Mund kamen! Sie kennen den Täter?«

»Ja, ich kenne ihn!«

»Und weshalb nennen Sie ihn nicht?« rief der Alte in höchster Erregung.

»Weil – ich – nicht will!«

»Ha!« fuhr Balthasar heftig auf, »dann dürfen Sie auch nicht verlangen, daß Ihnen ein Mensch glaubt!«

Gollwitz krampfte die Hände zusammen.

»Ich weiß es, daß ich das nicht mehr verlangen darf, bis zu dem Tag, wo ein Zufall oder das Walten der ewigen Gerechtigkeit gegen meinen Willen den Mörder in die Hände des Gerichtes liefert.«

»Gegen ihren Willen? Sie sprechen wohl im Fieber, Gollwitz!«

»O nein, ich spreche nicht im Fieber, Balthasar,« erklärte Gollwitz. »Nun lassen Sie mich zu Ende kommen; man könnte, Ihres längeren Ausbleibens wegen, Verdacht schöpfen. Bei dem Bild des Gekreuzigten, der hier über mir hängt, schwöre ich es noch einmal, meine Hand ist rein von dem Blut der armen Ermordeten, rein auch von dem Diebstahl. Kein Pfennig unrechtes Geld ist je durch meine Hände gegangen. Ebensowenig war ich an diesem letzten Einbruch beteiligt, den man mir zuschiebt.

Ich hörte es ja vom Fenster aus vorhin. Aber niemand wird mir vielleicht glauben; doch das könnte ich überwinden, wenn nicht auch Luise an mir verzweifelte. Jetzt soll sie den Mörder und Dieb mit eigenen Augen erblicken. Das wird zwar gar nichts zu meinen Gunsten ändern, aber Luise muß dann doch einsehen, daß sie einen falschen Verdacht hegte und daß ich freiwillig das furchtbare Opfer auf mich nehme.«

»Das verstehe ich nicht,« sagte Balthasar. »Wäre es denn nicht viel einfacher, Sie würden gleich den Namen des Mörders nennen?«

»Nein, das tue ich nicht!«

»Aber vielleicht mir allein?«

»Auch Ihnen nicht, Balthasar.«

»Dann steht mir der Verstand still!«

»Ich bitte Sie, Balthasar, erfüllen Sie meinen Wunsch. Veranlassen Sie Luise, daß sie morgen mit ihrem Onkel, dem Inspektor, doch nach Wilberg zurückkehrt. Wenn es sie auch hart ankommt, so möge sie bedenken, daß es der Erreichung eines großen Zweckes gilt, die Erfüllung meiner letzten Bitte.

Ich will nichts weiter erreichen, als daß ich vor ihr rein dastehe. Gelingt mir dies, so bin ich befriedigt. Ich wünsche nicht, daß sie den Namen des Mörders und Diebes angibt, das bleibe ihr ewiges Geheimnis, selbst wenn ich diesmal, wie ich hoffe, nicht wieder begnadigt werde.«

Gollwitz sprach nun so ruhig und klar, als ordne er sein Testament an.

Balthasar rieb sich ganz verzweifelt die Stirn.

»Entweder Sie sind bereits wahnsinnig, Gollwitz, oder Sie werden es jeden Augenblick!« rief er endlich.

»Der Wahnsinn wäre Erlösung, aber er wird mich nicht heimsuchen!«

»Wie soll denn Luise den Mörder und Dieb finden?«

»Wie ich ihn fand. Wenn sie sich öfters in der Nachtzeit aus dem Haus ihres Vaters schleicht und im Garten wartet, wird sie ihn eines Tages erblicken. Er steigt stets durch das Fenster des Arbeitszimmers aus und ein. Sie wird sein Gesicht sehen und wissen, daß er und nicht ich der Schuldige ist.«

»Nun gut! So werde ich Luise veranlassen, morgen heimzureisen und zu tun, was Sie von ihr erbitten. Ich werde aber auch eine Bitte hinzufügen – mir und der Polizei den Namen des Verbrechers zu nennen, sobald sie ihn kennt.«

»Daran kann ich sie nicht hindern,« versetzte Gollwitz mit einem Lächeln, das so qualvoll war, daß es dem alten Mann tief in die Seele schnitt.

»Und was wird mit Ihnen geschehen, Herr Gollwitz, bis dahin?« rief stöhnend Balthasar.

»Ich überlasse mich dem Schicksal. Es wird Herbst draußen, langsam fallen die Blätter vom Stamm, die Sonne ist untergegangen, – ich habe keine Hoffnung mehr,« murmelte der Unglückliche.

»Keine Hoffnung mehr, wo Sie nur ein Wort auszusprechen brauchten, um der Polizei die richtige Spur anzudeuten? Keine Hoffnung, daß Luise den Menschen, dieses Scheusal, das wie ein Vampyr im Dunkel der Nacht dahinschleicht, entdeckt und den Gerichten angibt?«

»Keine Hoffnung; ich wünsche nur schuldlos vor ihr dazustehen, das ist alles. Und nun lassen Sie mich gehen, Balthasar.«

»Sie wollen noch in der Nacht fort?«

»Gewiß; die Polizei wird mir zu jeder Stunde aufmachen.«

»Das gebe ich nicht zu,« sagte Balthasar hartnäckig, »und wenn ich Sie einschließen müßte. Sie sind total ermattet, können sich ja kaum mehr auf den Füßen halten. Morgen ist auch noch ein Tag.«

»Nein, Balthasar, ich darf nicht bleiben! Bis zum Stadthaus komme ich schon. Man darf nicht erfahren, daß ich hier einen Besuch machte, wenngleich ich ganz gegen Ihr Wissen hier eindrang.«

»Ah bah! Ich fürchte mich nicht. Ich bin ein alter Mann mir kann nicht viel mehr geschehen.«

»Eben deshalb bleibe ich nicht; der einzige Freund, der mir blieb, soll nicht durch mich gefährdet werden. Und dann könnte ich Luise in den Weg treten. Das will ich und darf ich nicht.«

»Wie soll ich ihr aber dann die Sache beibringen, wenn sie nichts von Ihnen hören darf?«

»So sagen Sie ihr meinetwegen, daß ich hier war, für Minuten, daß ich Ihnen meine Bitte mitteilte, aber nicht einzutreten wagte, sondern weiterfloh.«

Der Alte sah trübe zu Boden.

»Sie wird mir kaum glauben! Wenn Sie ihr selbst den Wunsch aussprächen?«

Hastig wehrte Gollwitz ab.

»Nein, nein! Noch bin ich ein Schuldiger in ihren Augen. Ich kann ihr nicht gegenübertreten.«

»Sei es denn, so mögen Sie ihr fern bleiben, nicht für immer, wie ich hoffe!«

Ein Pochen erscholl an der Tür.

Die beiden Männer fuhren unwillkürlich zusammen.

Einen Augenblick war es vollkommen still in dem Raum.

Dann hörte man die Stimme der alten Witwe, Balthasars Schwester.

»He! Balthasar! Weshalb kommst du nicht zum Essen? Was tust du denn?«

Balthasar trat an die Tür, ohne sie zu öffnen.

»Gleich komme ich, Schwester. Richte das Essen in der Küche an, damit ich es hier in meine Stube nehmen kann. Ich habe eine sehr notwendige schriftliche Arbeit zu tun.«

Die Alte entfernte sich brummend.

»Verhalten Sie sich still, Herr Gollwitz,« wisperte Balthasar. »Ich komme gleich wieder zurück.«

Damit öffnete er die Tür, trat rasch über die Schwelle, zog den Schlüssel ab und ging nach der Küche.

Dort hatte seine Schwester bereits das Abendessen auf eine Platte gestellt.

»Ist denn die Arbeit so notwendig, Balthasar, daß du sie nicht morgen in der Frühe machen kannst?« fragte die Witwe.

»Sie muß ja eben morgen schon fertig abgehen, Schwester,« sagte er. »Ich glaubte eben, bis zum Abendessen fertig zu werden. Das ist nun nicht geschehen. Es dauert aber nicht mehr lange. Leiste Fräulein Luise indessen Gesellschaft.«

Damit nahm er auch schon die Platte auf und entfernte sich aus der Küche.

»Du willst doch nicht das Essen selber hineintragen?« rief ihm seine Schwester noch nach.

Er nickte nur und bog um die Gangecke.

Nachdem er sich vergewissert, daß ihm die alte Frau wirklich nicht folgte, sondern kopfschüttelnd am Herd stehen blieb, schloß er die Tür seiner Stube wieder auf und trat rasch ein.

Sofort schob er den Riegel abermals vor.

Er setzte die Platte vor Gollwitz auf den Tisch.

»So!« sprach er, mit offenbarer Befriedigung in der Stimme. »Dies hätten wir erreicht. Und nun lassen Sie sich das bischen Essen schmecken, Herr Gollwitz. Für den Anfang wird es genügen und mehr könnte Ihnen nur schaden. Da ist eine kräftige Fleischbrühe und hier Schinken mit Weißbrot. Greifen Sie zu.«

Aber Gollwitz starrte noch immer regungslos den Alten an.

»Ist es nicht Ihr eigenes Abendessen, Balthasar, um das ich Sie beraube?«

»Nur keine Zimperlichkeit oder ich werde ernstlich böse!« antwortete Balthasar. »Glauben Sie, daß ich etwa so ausgehungert bin wie Sie? Durchaus nicht! Und dann weiß ich mir immer etwas in der Küche zu verschaffen, ohne daß Brigitte etwas ahnt. Also essen Sie! Wenn es Ihnen schmeckt, habe ich ja auch mein Vergnügen daran!«

Und wenn auch Tränen dem Unglücklichen in den Augen standen, so konnte er der Macht des wütenden Hungers nicht mehr länger widerstehen.

»Ich bin zu einem wilden Tier geworden!« stieß er keuchend hervor. »Da sehen Sie nur! Ich möchte nicht – und meine Hände zucken, die Finger strecken sich aus nach dieser Labung – ich – esse!«

Von da an sprach Gollwitz eine lange Weile gar nichts. Mit wahrhaftem Heißhunger vertilgte er die Speisen bis auf den letzten Rest. Dann atmete er tief auf. Ich empfinde neues Leben, neue Kraft in mir!« murmelte er.

Mit feuchtem Auge hatte ihm Balthasar zugesehen. Nun erhob er sich.

»Wie mich das freut! Jetzt werden Sie die Nacht schlafen und morgen früh sind Sie ein ganz anderer Mensch.«

»Ein anderer Mensch?« murmelte Gollwitz, und plötzlich ließ er das Gesicht in beide Hände gleiten und auf die Tischplatte niedersinken.

Ein qualvolles Stöhnen drang aus seiner Brust.

Der Alte wartete eine Weile, dann nahm er die Lampe in die Hand, öffnete die Tür, lauschte und rief halblaut:

»Kommen Sie jetzt, Herr Gollwitz. Es ist die beste Gelegenheit. Meine Schwester und Luise sitzen beim Nachtmahl. Oben ist eine kleine, halb versteckte Kammer mit einem Bett darin. Dort werden Sie vorläufig ruhig schlafen können.«

Gollwitz richtete sich auf. Er widersprach nicht mehr, war er doch todmüde.

Vorsichtig stieg Balthasar die Stufen empor, ihm nach folgte der Referendar in seinem zerfetzten Gewand.


XVII.

Es war am nächsten Morgen.

Balthasar trat, während seine Schwester eine Zeitlang sich entfernt hatte, in die Küche, goß in einen Topf heißen Kaffee mit Milch, raffte zwei Weißbrote zusammen und huschte die Treppe hinauf, so rasch ihm dies seine alten Knochen erlaubten.

Er öffnete die Kammertür ein wenig, schob den Topf und die Brote hinein und rief:

»Nehmen Sie vorlieb damit wie es kommt!«

Sofort schloß er wieder ab.

»Balthasar!« rief von innen Gollwitz.

»Hab' keine Zeit!« versetzte dieser und verschwand auf schnellste Weise, den Kammerschlüssel in der Tiefe seiner Tasche versenkend.

Mit möglichst unbefangener Miene betrat er die größere Stube, in der das Frühstück gemeinschaftlich eingenommen wurde.

Luise saß bereits am Tisch und Brigitte trug auf.

Balthasar betrachtete das Mädchen.

Ihr Gesicht war bleich, noch bleicher vielleicht als gewöhnlich, aber vollkommen ruhig.

Brigitte schüttelte mehrmals den Kopf, was Balthasar scheinbar gar nicht bemerkte.

Es schien der Alten heute mit dem Frühstück nicht recht zuzugehen, es fehlte überall, am Kaffee, an den Broten, und schließlich warf die Schwester Balthasars vernichtende Blicke auf Peter, den mächtigen Hauskater, der von ihr verdächtigt wurde, der Kaffeekanne und den Broten einen Besuch abgestattet zu haben, was zwar gar nicht sein Fall sonst war.

Peter strich jedoch im Bewußtsein größter Unschuld schnurrend um ihren Rock.

Nachdem das Frühstück beendet, bat Balthasar seine Schwester, ihn eine Viertelstunde mit Luise alleinzulassen, was Brigitte gern tat, da sie sich in die schrecklichen Geschichten am liebsten gar nicht mischte.

Und von etwas anderem als dem Mord und dem entsprungenen Gollwitz sprachen die beiden ja doch nicht.

»Haben Sie sich eines anderen besonnen, Fräulein Luise, während der Nacht?« begann Balthasar. »Oder wollen Sie wirklich nicht nach Wilberg zurückkehren?«

»Mein Entschluß stand schon gestern fest,« antwortete Luise. »Ich bleibe hier, wenn Sie es mir erlauben.«

»Hm! Während der Nacht sind mir so mancherlei Gedanken gekommen. Es wäre doch besser, Sie würden mit Ihrem Onkel nach Wilberg zurückreisen. Sie haben so noch hinreichend Zeit bis zum Abgang des Zuges.«

Luise blickte erschrocken den alten Mann an.

»Sie schicken mich also fort, Balthasar?« sagte sie leise.

»Verstehen Sie mich nicht falsch, Luise,« sprach der Alte, »so ist das ja gar nicht gemeint. Merken Sie auf, was ich sage. Als Gollwitz an jenem Morgen, nachdem er die Nacht hindurch vergebens auf Sie im Garten gewartet hatte, so rasch die Stadt verließ, befand er sich tatsächlich ohne Mittel. Er wäre nicht imstande gewesen, sich so lange verborgen zu halten, wenn nicht ich ihm das Geld geradezu aufgedrängt, ins Coupé nachgeworfen hätte. Sie sehen, Luise, es war also ehrliches Geld, von dem er lebte.«

Betroffen rief das Mädchen:

»Von Ihrem Geld lebte er? Mein Gott! Weshalb haben Sie das nicht dem Gericht mitgeteilt? Daß Gollwitz angab ohne Geld zu sein, und sich dennoch verborgen halten konnte, belastete ihn ja eben.«

»Wenn ich ihn durch dieses Zeugnis hätte entlasten können, ich hätte es gewiß getan, aber weil ich die Überzeugung hatte, daß ich selbst mich ganz nutzlos und ohne Gollwitz auch nur im geringsten zu entlasten, bloßgestellt hätte, schwieg ich. Tatsächlich habe ich ihm zur Flucht geraten, und wenn er dann später nach Wilberg heimlich zurückkehrte, so tat er das ebenfalls auf meinen Rat.«

»Aber wozu denn?«

»Sie haben es ja im Gerichtssaal gehört; er wollte den wahren Dieb und Mörder entdecken, denn dieser schleicht noch immer um das Haus der Ermordeten, steigt in den Garten Ihres Vaters. Erst wenn ihm dies gelungen war, durfte er sich wiederum der Welt zeigen.«

»Es gelang ihm aber nicht,« murmelte Luise düster.

»Im Gegenteil, ich glaube, es gelang ihm vollkommen! Er kennt den Täter, er sah ihn!«

»Unmöglich! Weshalb hätte er ihn dann nicht sogleich den Gerichten überliefert? Oder wenigstens den Namen genannt?«

Balthasar zuckte mit den Schultern.

»Das eben ist das Geheimnis. Er kennt den Täter, aber das Gericht darf dessen Namen nicht erfahren.«

»Daran kann ich nicht glauben.«

»Dann tun Sie ihm unrecht! Ich glaube fest daran, wie ich auch weiß, daß Gollwitz in den letzten Nächten nicht in Wilberg weilte, also auch den letzten Diebstahl nicht ausgeführt haben kann.«

»Sie – wissen?«

»Ja, ich weiß! Der Einbruch und Diebstahl wurde von demselben Menschen ausgeführt, der die übrigen Verbrechen auf dem Gewissen hat, der sich noch immer der Freiheit erfreut und seine Schandtaten noch weiter ausführen wird. Er lebt in Wilberg, er wird noch öfters um das Haus der Ermordeten schleichen, wird ebenso versuchen, in das Arbeitszimmer Ihres Vaters einzudringen.

Begreifen Sie nun, weshalb ich Sie bitte, mit dem Inspektor nach Wilberg zurückzukehren? Sie können sich und der Menschheit einen Riesendienst erweisen, indem Sie in den Nächten heimlich auf das Erscheinen des geheimnisvollen Menschen lauern, ohne jedoch jemandem etwas davon zu sagen.

Es ist das, wenn Sie einigermaßen vorsichtig sind, mit keiner Gefahr für Sie verknüpft. Ich selbst darf nicht nach dem Städtchen zurückkehren. Den Inspektor bat ich darum; leider lief ihm dabei eben Gollwitz in den Weg, den man nun verurteilte.

Jetzt wird der Inspektor nicht mehr daran denken, nach einem anderen Täter zu forschen. Sie hörten ja, daß bei ihm kein Zweifel mehr an der Schuld des Referendars herrscht. Wir haben nun nicht mehr viel Zeit, deshalb überlegen Sie rasch, Luise, ob der arme, tief unglückliche Gollwitz Ihrem Herzen so wenig nahe steht, als daß Sie, die einzige, die es noch vermag, ihm den kleinen und doch so großen Dienst tun, indem Sie in das Gesicht des wahren Mörders blicken, der gewiß noch einmal erscheint!«

Luise rang in stummer Verzweiflung mit sich selbst.

»Schuldig oder nicht!« stöhnte sie. »Herr, mein Gott, wo finde ich Gewißheit?«

»Zu Wilberg, wenn Sie meine, seine Bitte erfüllen und nach dem Mörder fahnden. Haben Sie doch Erbarmen, Luise! Daß er entsprang, geschah im wilden Wahnsinn, in der Verzweiflung, einem ewigen Grab entgegenzugehen. Gehetzt wie ein armes Wild von der Meute, flieht er umher! Retten Sie ihn, indem Sie den wahren Täter entdecken. Vielleicht beschleunigt es Ihren Entschluß, wenn ich Ihnen sage, daß es seine eigene, flehende Bitte an Sie ist, sich zu überzeugen, daß nicht er, sondern ein anderer der Schuldige ist. Nur das will er bezwecken, fleckenlos vor Ihnen dastehen und dann ohne Murren die schwerste Strafe ertragen. Das letztere wird man aber dann wohl verhindern können.«

Mit immer wachsender Erregung hatte Luise diesen Worten gelauscht. Nun rief sie:

»Er – war hier, bei Ihnen! Leugnen Sie es nicht, Ihre Worte sagen es zu deutlich!«

»Gollwitz war hier, ich stelle es nicht in Abrede. Gestern abend war es, als Sie das Geräusch im Garten hörten. Ich wußte jedoch nichts davon. Als ich den Inspektor fortbegleitete und zurückkehrte, fand ich ihn in meinem Zimmer, kraftlos, abgemagert, ein Bild des Entsetzens. Bei dem Gekreuzigten schwor er mir, unschuldig zu sein, bat mich, Sie zu bewegen, nach Wilberg zu gehen, um zu sehen, wer der Verbrecher ist, da er unterm offenen Fenster hörte, daß Sie ihn nun auch aufgeben.«

Luise fuhr sich mit beiden Händen über die Stirn.

»Er war hier! Und Sie sagten mir nichts!«

»Er wünschte nicht, vor Ihr Antlitz zu treten, da Sie ihn für schuldig hielten.«

Das Mädchen sprang rasch auf. Es hatte einen Entschluß gefaßt.

»Wo ist er, Balthasar? Sie haben ihn verborgen? Ich will ihn selbst fragen, und mir wird er wohl den Namen nennen, diesen entsetzlichen Namen!«

»Er ist nicht mehr hier, er ist fort in der Nacht,« erwiderte Balthasar ruhig. »Ihr Bemühen wäre wohl auch ganz vergeblich, da er Ihnen gewiß keine entscheidende Antwort geben würde. Nur ein Weg der Hoffnung bleibt Ihnen, sich selbst zu überzeugen, wer es ist dessen Gesicht auf Gollwitz eine solch dämonische Macht ausübt, daß er, trotz Jammer, Schmach und Elend, den Namen verschweigt.«

Einen Moment überlegte Luise noch, dann versetzte sie entschlossen:

»Gut, wenn es noch nicht zu spät ist, so fahre ich mit dem Onkel zu meinem Vater zurück.«

»Recht so, Fräulein Luise!« rief der Alte. »Wenn wir uns nicht mehr lange aufhalten, kommen wir noch ganz gut zum Zug. Und vergessen Sie ja niemals den eigentlichen Zweck und seien Sie verschwiegen.«

Dies versprach Luise.

»Wenn der Verbrecher noch einmal erscheint, werde ich sein Gesicht finden, und wer es auch sei, den Namen hinausschreien in alle Welt.«

»Sie werden zum Ziel kommen, dessen bin ich jetzt gewiß!« nickte Balthasar befriedigt.

»Wo ist Heinrich nun?«

»Fort; wohin, das weiß ich nicht, darf ich nicht wissen. Vielleicht vermag er sich so lange verborgen zu halten, bis Sie den Mörder und Dieb entdeckt haben. In jedem Fall beeilen Sie sich.«

Luise packte nun rasch das nötigste in eine kleine Handtasche, Balthasar rief seine Schwester herein, teilte der ganz Verblüfften den Entschluß des Mädchens mit, und nach Verlauf einer Viertelstunde verließen Balthasar und Luise das kleine Gartenhäuschen, der ersteren die nicht allzu schwere Reisetasche des Mädchens tragend.

Eilig schritten sie weiter, ohne sich noch einmal umzublicken. Und das war gut, denn es wäre möglich gewesen, Luise hätte an dem kleinen Giebelfenster ein bleiches Gesicht erblickt, das sich gegen die Scheiben drückte.

»Sie erfüllt meinen letzten Wunsch,« murmelte der Unglückliche. »Gott erhalte sie stark, damit sie nicht auch unter der Last zusammenbricht, wie ich zusammenbrechen mußte. Hoffnung, du bist für mich gestorben! Aber komme, was immer, sie soll nicht den Gedanken mit sich herumtragen, daß diese Hand mordete, unsere Wohltäterin erschlug, daß sie Kasten erbrach und Geld stahl, diese Hand, die ich rein in die ihre zu legen versprach. Und was dann weiter kommt, das helfe Gott uns tragen!«

Ein Windstoß strich an dem halb erblindeten Fenster vorbei, riß die Blätter von den Bäumen und Büschen.

Zusammenschauernd wandte sich Gollwitz um.

»Es ist Herbst geworden, bald kommt der Winter und mit ihm der Tod, die Erlösung von allem Unglück und Elend!«

Als Balthasar mit Luise den Bahnhof erreichte, stand der Zug bereits fertig zur Abfahrt da.

Der Inspektor bemerkte die beiden sogleich und war sichtlich erfreut, daß sich das Mädchen, wenn auch in letzter Stunde, noch entschlossen hatte, heimzukehren.

Eilig wurde von Balthasar die Fahrkarte besorgt; einige kurze Worte wurden gewechselt, und der Zug entfernte sich mit dem Inspektor und Luise.

Die Hände ineinander reibend, ein leichtes Lächeln um den Mund, schritt Balthasar seiner Behausung entgegen.

»Es wird Herbst,« murmelte auch Balthasar, »aber es wird wieder Frühling werden. Kein Mensch soll die Hoffnung aufgeben. Nun wird gewiß alles noch gut werden. Weiß der Kuckuck, warum Gollwitz nicht heraus will mit der Sprache! Fürchtet er, daß man ihm doch nicht glauben würde, da er vielleicht keinen Beweis zu erbringen vermag, oder steckt etwas anderes dahinter?

Einerlei! Sobald Luise sich mit eigenen Augen überzeugt hat, daß ein anderer der Täter ist, daß Gollwitz vollkommen unschuldig verurteilt wurde, wird und kann sie gar nicht mehr zögern, dies zu beweisen, denn sie liebt ihn noch immer, ich weiß es gewiß. Und welch liebendes Weib könnte es übers Herz gewinnen, den Mann ihrer Zuneigung leiden zu sehen, Schmach und Elend schuldlos ertragen zu lassen? Nein, sie wird sprechen, und dann holen wir diesen geheimnisvollen Schuft hervor ans Tageslicht.«

Der Alte hatte das Häuschen erreicht.

Als er an der offenen Küche vorüberschritt, warf er einen Blick hinein.

Ein unerwartetes Bild bot sich ihm dort.

Brigitte saß, an allen Gliedern zitternd, auf einem Holzstuhl. Ihr Gesicht war vor Schrecken ganz fahl.

Rasch trat er vor sie hin.

»Was ist dir begegnet, Brigitte?«

»Gott sei Dank, daß du da bist!« stöhnte die Alte, nach Atem ringend. »Es ist ja ganz entsetzlich, schrecklich!«

»Was denn?«

»In der Kammer oben unterm Dach ist ein Mensch!«

»Unsinn!«

»Ich war oben, in den Morgenschuhen. Man hörte mich nicht. Als ich an der Kammertür vorbeiging, erschrak ich bis in den Tod. Innen lief jemand hin und her und dann hörte ich ihn sprechen, wenn ich auch nichts verstand. Ein Mensch hat sich dort eingeschlichen. Wie ich wieder die Treppe herabkam, weiß ich nicht. Dann fiel ich auf dem Stuhl zusammen, und wenn er gekommen wäre, mich zu morden, ich hätte mich gar nicht gerührt.«

Balthasar blickte einen Moment stirnrunzelnd vor sich nieder, dann sagte er:

»Nun gut; einmal mußt du's ja doch erfahren. Ich selber habe den Mann da hinaufgebracht. Es ist der Referendar Gollwitz.«

Um ein Haar wäre Brigitte, von neuerlichem Entsetzen gepackt, von dem Stuhl heruntergefallen.

»Gollwitz?« ächzte sie. »Der Raubmörder, der Entsprungene?«

»Derselbe, aber du brauchst keine Angst zu haben vor ihm, er hat sicher noch keiner Fliege etwas zuleide getan, und daß ihn die blinden Richter verurteilten, dafür kann er nicht. Fürs erste verlange ich nur, daß du schweigst, peinlich schweigst gegen jedermann. Das übrige laß meine Sache sein!«

»Sieh, daß du ihn bald hinausbringst, ich sterbe sonst vor Angst! Du machst ja dich und mich unglücklich!« jammerte Brigitte.

Balthasar winkte nur mit der Hand.

»Schweige, Schwester; verrate uns nicht. Dann wird alles gut werden.«

Er drehte sich um und stieg die Treppe hinauf.


XVIII.

Luise war also wieder im Haus ihres Vaters zu Wilberg. Er hatte seine Tochter mit finsterer Miene empfangen und sie vernahm selten mehr ein freundliches Wort aus seinem Mund.

Seine nervöse Erregung war aufs höchste gestiegen, bei jedem Geräusch schreckte er zusammen, er durchsuchte bei Einbruch der Dunkelheit mit flackerndem Blick das ganze Haus, jeden Winkel, ob sich niemand eingeschlichen habe, wobei ihm Luise leuchten mußte.

Dabei hörte das Mädchen beständig Verwünschungen, die Gollwitz und indirekt auch sie selbst trafen, schwieg jedoch zu allem.

Gefunden ward bei diesen Durchsuchungen niemals etwas Verdächtiges. Trotzdem kannte das Mißtrauen des Sonderlings keine Grenzen.

Tür und Fenster mußten nachgesehen und das Gittertor des Gartens jeden Abend fest abgesperrt werden.

Außerdem brachte Peter Brak an verschiedenen Stellen des Gartens mit Schrot geladene Legbüchsen an, alte Pistolen, die, im Gebüsch versteckt, mit unter dem Gras laufenden Drähten verbunden, losdonnerten, sobald jemand auf diese Drähte mit dem Fuß trat.

Glücklicherweise mußte Luise auch bei dieser Manipulation helfen, sonst hätte es ihr leicht geschehen können, daß sie selbst einmal unversehens auf solch gefährliche Stelle getreten wäre.

So jedoch merkte sich das Mädchen genau die Stellen, selbst in der Nacht.

Sie hatte den Zweck ihrer Rückkehr nicht aus dem Auge gelassen, konnte jedoch in den ersten Nächten unmöglich heimlich in den Garten gelangen.

Gollwitz war ja noch immer nicht ergriffen, wofür sie im stillen Gott dankte, und deshalb behielt sie Peter Brak streng unter Aufsicht, da er befürchtete, sie könne vielleicht gar noch einmal versuchen, mit dem Flüchtling, der sich ja in der Gegend herumtreiben mußte, zusammenzukommen.

Endlich legte sich Braks Mißtrauen etwas, und Luise konnte es wagen, heimlich, in aller Stille durch ein Fenster auszusteigen.

Das Unternehmen gelang einigemal, ohne daß Peter Brak dahinterkam. Stundenlang stand nun das Mädchen, oft zitternd vor Frost, unter einem Busch und lauschte auf jedes geringste Geräusch.

Die Nächte fingen an kühl zu werden, so daß Luise oft gegen Morgen mit erstarrten Gliedern ihr Lager aufsuchte, um wenigstens noch eine Weile zu ruhen.

Daß ihr Aussehen darunter sehr litt, läßt sich leicht denken. Der alte Sonderling schien dies jedoch gar nicht zu bemerken.

Dagegen sprach der Inspektor, der wieder in dem Haus der Ermordeten Quartier genommen hatte, mit seinem Bruder darüber.

Heftig auffahrend erklärte Peter Brak, dies schlechte Aussehen seiner Tochter rühre nur davon her, daß Luise noch immer sich um den Schuft, diesen Gollwitz, gräme, der mit dem Teufel im Bund zu stehen scheine.

Der Inspektor fand, daß sein Bruder hierin nicht so ganz Unrecht haben dürfte. Er wollte dem Mädchen ins Gewissen reden, bezweckte damit jedoch nichts anderes, als daß ihm Luise auswich, wenn er zu ihrem Vater kam, was nicht allzuoft geschah, da Peter Brak derart reizbar und unleidlich sich benahm, daß ihm der eigene Bruder am liebsten fernblieb.

Luise hatte bereits mehrmals in der Nacht gewacht, ohne daß sich das geringste ereignet hätte.

Schon begann sie zu verzweifeln, als eine Nacht anbrach, die plötzlich alles änderte.

Wieder stand sie auf ihrem Posten, regungslos und alle Sinne gespannt, als das Geräusch schleichender Schritte ihr Ohr traf.

Sie stand meist und auch diesmal unter einem Strauch, am Ausgang der Straße zu, von wo aus sie am besten hören, vielleicht, wenn die Nacht nicht zu finster war, auch sehen konnte, wenn sich jemand, sei es im Garten oder draußen auf der Straße, regte.

Mit angehaltenem Atem bog sie einen Zweig zur Seite. In diesem Augenblick krachte ein Schuß, dessen Schall durch die Nachtluft zitterte.

Der nächtliche Gast war auf eine der Leitungen getreten, so daß die Büchse sich entlud.

Unwillkürlich stieß das Mädchen einen Schrei aus, der aber in dem Rauschen der Blätter und dem Dröhnen des Schusses verklang.

Dann jedoch blieb Luise regungslos, wie angewurzelt stehen. Sie hatte nun einen greifbaren Beweis, daß sich jemand im Garten befand.

Wer anders konnte es sein, als der Mörder? Zugleich aber erschrak Luise bis in die Seele bei dem aufgetauchten Gedanken, daß es trotz allem, am Ende Gollwitz sein könnte, der aufs neue dem Arbeitszimmer ihres Vaters einen Besuch abstattete, wenn auch kein Mensch wußte, wie das möglich war.

Der unbekannte Gast mußte bereits von der Waldseite aus in den Garten eingedrungen sein, als Luise noch im Hause war. Hatte er sein Werk bereits vollführt und stand nun im Begriff, Braks Besitztum zu verlassen?

Das Arbeitszimmer ihres Vaters lag auf der anderen Seite, so daß es Luise eine Unmöglichkeit war, zu erkennen, ob der Mensch von dort ausstieg.

Es ließ sich nun eine Zeitlang gar nichts vernehmen, so daß das Mädchen bereits befürchtete, der Schuß habe den Mann getroffen, wie es beabsichtigt war.

Allein man hörte auch keinen Fall oder ein Stöhnen.

Nun erwartete Luise jeden Augenblick Lärm im Hause zu vernehmen, denn der Schuß weckte doch wahrscheinlich Ihren Vater aus dem Schlaf.

Noch unentschlossen, ob sie warten oder rasch ins Haus zurückkehren solle, machte ein neues Ereignis ihrem Zaudern ein Ende.

Das Geräusch der Schritte machte sich wieder vernehmlich. Es hatte den Anschein, als habe der unheimliche Gast nur eine Zeitlang nach dem Schuß gewartet, ob sich sonst etwas ereigne, und schreite nun, jedenfalls völlig unverletzt, weiter.

Gleichmäßig schleichend war der Schritt.

Jetzt kam die Gestalt beinahe dicht an ihr vorbei, so nahe, daß sie die Hand nur auszustrecken brauchte, um sie zu fassen.

Das wagte Luise jedoch nicht; eine fürchterliche Angst hatte sie plötzlich erfaßt.

Wenn sie nur das Gesicht des Menschen erkannt hätte, oder etwas Genaueres seiner Kleidung, aber das war bei der herrschenden tiefen Dunkelheit vollkommen unmöglich. Jetzt hatte sich die Gestalt über den Gartenzaun geschwungen und sprang auf der Straße auf.

»Er geht zum Fenster der Ermordeten, ihm nach!« rief es in der Brust des Mädchens.

Der Wind trieb eben die dicken Wolkenballen, die den Mond bedeckten, zum Teil auseinander, so daß einiges Licht auf den Weg fiel. Luise konnte nun die Gestalt bemerken, die in seltsamen Zackenlinien hin und her schwankte, aber die Richtung nach Tante Fallners Haus nahm.

Das Gesicht konnte sie aus dieser Entfernung jedoch auch nicht mehr erkennen.

Der Größe nach konnte es Gollwitz sein, aber auch ein anderer. Genaues ließ sich einmal nicht unterscheiden. Das Mädchen eilte an dem Heckenzaun entlang bis zu einer ihr bereits bekannten Stelle, an der sie auf die Straße gelangen konnte.

Das war rasch geschehen.

Eilig folgte sie den Windungen des Weges.

Gewißheit, wer der nächtliche Gast, diese rätselhafte Erscheinung war, wollte sie sich heute unter allen Umständen verschaffen.

Es war nun wieder dunkel geworden, so dunkel, daß Luise nicht den Weg erkennen konnte.

Sie war jedoch hier zu bekannt, als daß sie nicht auch im Finstern die Richtung nach dem Garten der Frau Fallner einzuhalten vermocht hätte.

Jetzt stand sie an dem Gittertor, hielt mit der Hand die Eisenstäbe umfaßt und strengte ihr Gehör an, um irgendeinen verdächtigen Laut zu hören.

Einige Minuten vergingen, ohne daß sich etwas ereignete.

Der Verbrecher, dieses im Dunkel der Nacht umherschleichende Scheusal, war im Garten, Luise hätte ihr Seelenheil darauf verwettet.

Da – plötzlich fuhr sie jäh zusammen!

Schritte wurden vernehmbar, der feine Kiessand knirschte, ein dürrer, zufällig auf dem Weg liegender Ast zerbrach.

»Licht, Licht!« stöhnte das Mädchen verzweifelt in höchster Erregung. »Er kommt zurück! Nur einen schwachen Mondstrahl gib mir, allgütiger Gott, damit ich sein Gesicht erkennen kann!«

Nun knisterte der nicht allzu hohe Heckenzaun, nicht weit von der Stelle entfernt, an der Luise verharrte.

Nahm der Mensch die Richtung nach der Stadt, am Hause Peter Braks vorbei, so konnte er nicht auf das Mädchen treffen.

Luise war dieser Meinung.

Sie trat einen Schritt vor. Tausend Gedanken, wild, wahnsinnig, schossen ihr durch den Kopf.

Jetzt galt es ja alles!

Wenn der Verbrecher entkam, ohne daß sie sein Gesicht gesehen hatte, wer konnte sagen, ob es ihr jemals noch gelang, ihm so nahe zu sein, wie diesmal?

Und dieser Gedanke brachte sie zu dem tollkühnen Entschluß, dem Mann nachzustürzen, sich an seine Arme zu klammern, damit sie ihm ins Gesicht sehen oder ihn doch hören konnte.

Vielleicht schlug er sie in der Wut, entdeckt worden zu sein, nieder.

Aber gleichviel, fand man sie auch am Morgen, so lebte sie möglicherweise noch, hatte noch so viel Kraft, um den Namen des Mörders zu nennen.

Und wenn auch nicht, so hatte doch sie selbst die Gewißheit erlangt, ob Gollwitz oder ein anderer der Täter war.

In dem Augenblick, da sie diesen von der Notwendigkeit diktierten Entschluß auszuführen im Begriff stand, wandte sich die Gestalt plötzlich und nahm die Richtung nach dem Wald zu.

Jetzt mußte er dicht an Luise vorbeikommen, ja, auf sie stoßen, wenn sie nicht beiseite trat.

Diese Wahrnehmung wirkte auf das Mädchen auch derart rapid, erschreckend, daß es nicht eine Handbreit wegtrat.

Luise sah die Umrisse der Gestalt, sie wurden deutlicher.

Schon stand er nahe vor ihr – sie streckte unwillkürlich die Arme aus.

Ein keuchender Atem entfloh ihren Lippen.

Und da teilten sich oben am Nachthimmel die Wolken, der Mond goß sein bleiches Licht auf die Erde.

Jetzt konnte Luise das Gesicht des unheimlichen Menschen erkennen.

Er stand dicht vor ihr, fahl wie ein Toter, mit starren Zügen, eigentümlich glitzernden Augen, den spitzen Kopf vorgeschoben.

Er hielt den Schritt an, stierte nach dem Mädchen, ohne daß eine Miene in seinem leichenähnlichen Gesicht gezuckt hätte.

Und Luise öffnete weit den Mund zu einem wilden Schrei, aber sie schien förmlich für den Augenblick zu Stein verwandelt.

Ihre Hände blieben ausgestreckt in der Luft mit ausgespreitzten Fingern; als hätte sie der unheimliche Geselle bezaubert, so starr blickten auch ihre Augen.

Erst als der Mensch nach ihren Händen faßte, als sie die Eiseskälte seiner Finger empfand, stieß Luise einen kurzen, gellenden Schrei aus und stürzte dann zu Boden, wie der Stamm, wenn ihn die Axt fällt.

Kein Laut entrang sich mehr ihrer Kehle, regungslos lag sie da, quer über dem Weg.

Und als ob nichts geschehen, schritt der sonderbare Mensch über sie hinweg, die Richtung nach dem Wald einschlagend. Er sah sich nicht ein einziges Mal mehr nach dem Mädchen um, schwankend wie ein Betrunkener verfolgte er seinen Weg.

Plötzlich ging seine Gestalt im grauweißen Nebel auf, der über eine Lichtung des Waldes herüberfloß.

Er verschwand.


XIX.

Am nächsten Morgen spielte sich im Hause Peter Braks eine aufregende Szene ab.

Die alte Magd hatte soeben den Sonderling am Boden seines Arbeitszimmers in Krämpfen gefunden.

Er befand sich im Schlafrock und Pantoffeln und schien erst vor kurzem sich vom Lager erhoben zu haben.

Peter Braks Haare hingen in wirren Büscheln über sein Gesicht, die Augen hatten einen stieren Glanz angenommen, und er schlug mit den Fäusten den Teppich, auf dem er lag.

Aufschreiend wollte sich die alte Magd wieder entfernen, als Brak auch schon vom Boden emporsprang.

Er packte die Alte und zog die zum Tod Erschrockene in das Zimmer herein und schob sie bis zu dem offenstehenden Geldschrank.

»Sieh dir das an!« kreischte er heiser. »Was ist das?«

»Der Geldschrank!« rief entsetzt die Alte. »Um Jesu willen, was haben Sie denn nur?«

»Da – greife in das Fach hier! Findest du etwas?« fuhr er keuchend fort.

»Nein, das Fach ist leer!«

»Also doch, ich habe recht gesehen, ich bin nicht verrückt!« schrie Peter Brak. »Das Fach ist wirklich leer! Man hat mich abermals bestohlen – ich werde zum Bettler gemacht!«

Zitternd rief die alte Magd: »So lassen Sie mich die Polizei holen.«

»Nein, ich brauche sie nicht! Sie kann mir nicht helfen! Hat sie denn mein anderes Geld gefunden? Sie wird mir gar nicht glauben, wenn ich ihr sage, daß man mich ganz nach Gefallen, trotz Schloß und Riegel, weiter bestiehlt. Es ist ja auch zum Lachen – hahaha!«

Schrill lachte Peter Brak hinaus und lief dann wie toll in der Stube auf und ab.

»Aber der Diebstahl kann nur von hier aus geschehen,« stieß er durch die Zähne. »Darüber bin ich mir vollkommen klar. Etwas anderes ist gar nicht möglich. Gollwitz, der Schuft, der Räuber und Mörder, hat ein Mittel, sich einzuschleichen; er trifft mit meiner Tochter heimlich zusammen. Das lasse ich mir nicht nehmen. Ha!« fuhr er ganz plötzlich auf. »Was zitterst du so? Du weißt etwas! Ich sehe es dir an! Lüge nicht!«

Er packte sie wieder heftig am Arm.

Tatsächlich war die alte Magd bei seinen Worten auffallend heftig zusammengeschreckt.

»Ich – bin nur erschrocken, Herr Brak,« stotterte sie nun in größter Angst.

»Warum erschrocken? Rede!«

»Ich dachte an Fräulein Luise –«

»Aha! Nur heraus damit! Du weißt, daß sie des Nachts etwa heimlich in den Garten hinausschleicht? Ist es das?«

»Ich weiß nicht, ob es schon öfters geschehen ist, aber gestern –«

»Gestern geschah es also? Da haben wir ja die Erklärung!« knirschte Brak. »O, die Elende! Erzähle mir! Wie kamst du darauf?«

»Verschonen Sie mich doch!« flehte die geängstigte Person. »Fräulein Luise ist gewiß unschuldig an dem, was hier diese Nacht geschah, o ganz gewiß! Darauf möchte ich meine Hand ins Feuer legen!«

Die Wut Peter Braks stieg.

»Wenn du mir nicht augenblicklich alles gestehst, was du weißt, lasse ich dich in deinen alten Tagen verhaften als Mitschuldige der Einbrecher!« rief er.

Das half.

»Gott steh mir bei!« wimmerte entsetzt die Alte. »Keinen Finger habe ich je an unrechtes Gut gelegt, und nun soll ich gar –! Jetzt sollen Sie auch alles wissen, gehe es, wie es wolle!«

Die Magd erzählte nun in aller Hast und Erregung, daß sie ziemlich spät in der Nacht durch ein Ächzen und Stöhnen, das von der Tür heraufdrang, aus ihrem leichten Schlummer geweckt wurde.

Sie habe das Fenster geöffnet, und das Stöhnen wäre deutlich an ihr Ohr gedrungen. Zugleich aber habe sie an diesen Lauten das Fräulein erkannt.

Voller Schrecken sei sie nun die Treppe hinabgelaufen, habe die Tür geöffnet und Fräulein Luise ganz kraftlos auf den Stufen kauernd gefunden.

Eine vernünftige Antwort war nicht aus ihr herauszubringen gewesen. Sie wollte nur auf ihr Zimmer gebracht sein, was auch mit Hilfe der Magd geschah.

Dabei habe das arme Fräulein vor Frost mit den Zähnen geklappert und immerwährend gestöhnt, so daß sie, die Magd, schon den Herrn wecken oder zum Doktor laufen wollte. Beides habe ihr aber Luise streng verboten und auch gebeten, daß sie über den Vorfall schweige.

Nun habe die Magd ihr einen heißen Tee gemacht und die gänzlich Erschöpfte zu Bett gebracht.

Nachdem sie dann die Tür wieder gut verschlossen und ebenso ein am Ausgang des Flurs befindliches, offenstehendes Fenster, durch das das Fräulein wahrscheinlich ausgestiegen, sei sie selbst wieder zu Bett gegangen, ohne indessen bis zum Morgen den Schlummer zu finden.

So lautete der Bericht der alten Magd.

Peter Brak hatte mit krampfhaft übereinandergekniffenen Lippen und zornfunkelndem Blick diesen Worten gelauscht, die zuckenden Hände übereinander reibend.

»So!« fuhr er auf, als die Magd geendet. »Da ist es also heraus! Meine Tochter belügt und betrügt mich, steht im Verkehr mit dem Dieb und Mörder. Aber jetzt soll sie gestehen! Wo ist sie?«

»Das Fräulein hat ihr Zimmer noch nicht verlassen,« antwortete bebend die alte Magd. »Ich habe schon einmal nach ihr geschaut und eine Tasse heiße Milch hinaufgetragen. Fräulein Luise wollte auch bald herunterkommen. Krank scheint sie, gottlob, jetzt nicht mehr zu sein, nur elend und schwach. Man sollte sie ruhen lassen, Herr Brak!«

Aber der Sonderling rief heftig: »Sie soll herabkommen, ich muß sie sprechen. Und kommt sie nicht, so hole ich sie, ich zerre sie mit Gewalt zu mir!«

Voller Angst eilte die Magd hinaus.

Peter Brak aber rannte in dem Zimmer auf und nieder und fuhr sich wild mit den langen, mageren Fingern durch seine grauen Haarbüschel.

»Ist es menschenmöglich, daß sie auch jetzt noch an diesem Schuft hängt, daß sie sich mit ihm verbündet, um den eigenen Vater zu berauben, ihn langsam zum Bettler zu machen? Habe ich sie deshalb nur ins Haus zurückgenommen, die Ungeratene?«

Er stieß die heftigsten Verwünschungen aus, bis er draußen im Wohnzimmer die Tür gehen hörte.

Dann wurde er plötzlich ruhig. Er fiel auf einen Stuhl am Tisch und hielt den starren Blick auf die Tür gerichtet.

Diese öffnete sich nun und Luise trat ein, unsicheren Schrittes, das Gesicht totenbleich, ein schmerzliches, qualvolles Zucken um die Mundwinkel.

»Da bin ich, Vater!« sagte sie leise, ohne den Blick zu erheben. »Was soll ich?«

Noch nie hatte Peter Brak solche Laute aus dem Mund seiner Tochter vernommen. Wie aus erstorbener Brust kamen sie.

Für den Augenblick war er selbst frappiert, doch erhielt sogleich der Zorn wieder die Oberhand.

»Sieh dich um!« rief er. »Man hat mich abermals bestohlen und das wird so fortgehen, bis ich keinen Heller mehr besitze.«

»Ich habe es vorhin gehört,« sagte Luise tonlos.

»So? Du hast es gehört?« knirschte er. »Hast du es denn nicht schon vorher gewußt?«

»Ich habe es – vermutet!«

»Hahaha! Vermutet! Warum sagst du es nicht gleich heraus, daß du dem Schuft, dem Gollwitz, das Fenster geöffnet hast, wie du schon länger heimlich mit ihm zusammenkamst?«

»Es wäre eine Lüge!«

»Eine Lüge, daß Gollwitz der Dieb ist?«

»Ja!«

»Daß du nicht daran erstickst! Eine Lüge vielleicht auch, daß du heimlich in dunkler Nacht in den Garten stiegst, he?«

»Nein, das tat ich!«

»So! – Habe ich dich wenigstens so weit!« schrie Peter Brak, den der Zorn und die Wut immer mehr packten.

»Und du leugnest, daß du mit Gollwitz zusammenkamst?«

»Ja, Gott ist mein Zeuge!«

»Ich glaube dir nicht! Was hättest du sonst im Garten zu suchen?«

»Ich wollte den Dieb und Mörder entdecken.«

»Gollwitz ist es, da braucht es kein langes Suchen mehr!«

»Er ist es nicht! Der Verbrecher ist ein anderer, und ich kenne ihn nun! Ich habe ihn gestern nacht gesehen!«

Luise hatte diese Worte laut, aber eisigkalt gesprochen. Nun sank sie auf einen Stuhl an der Tür, und ein Schauer lief über ihren Körper.

Eine Pause entstand. Dann aber schüttelte Peter Brak gewaltsam das seltsame Gefühl ab, das ihn bei den Worten seiner Tochter gepackt hatte.

»Komme mir nicht damit!« rief er. »Du lügst!«

»Ich lüge nicht; ich sah den Dieb und Mörder und vermutete, daß hier wieder ein – Einbruch verübt wurde!«

»Wenn es nicht Gollwitz ist, wer ist es dann?«

»Das erfährt niemand von mir!«

»Niemand? Auch ich nicht?«

»Auch – du – nicht!« erwiderte Luise, die Hände krampfhaft ineinander verschlingend.

Jetzt vermochte sich Brak nicht mehr länger zu halten. Er sprang empor und stürzte zu Luise.

Sie am Handgelenk aufreißend, schrie er wie toll:

»Du hast den Dieb und Mörder gesehen und nennst seinen Namen nicht?«

»Nein; töte mich, aber verlange nicht das von mir!«

Der Alte stieß ein wütendes Lachen aus.

»Recht so! Wen Gott straft, dem beschert er solche Kinder! Es ist Gollwitz, den du gesehen hast! Einen anderen Namen würdest du wohl ohne langes Bedenken angeben, Gollwitz aber, mit dem du zusammenkamst, dem du die Gelegenheit zu diesen Diebstählen verschafftest, nicht. Gestehe es doch ein, Elende!«

Er schüttelte sie so heftig, daß sie schmerzlich aufschrie. Aber selbst jetzt hatte sie keine andere Antwort, als das unerschütterliche:

»Es ist nicht Gollwitz, sondern ein anderer! Ich schwöre es!«

»So nenne den Namen, den Namen!«

»Nein!«

Mit einem Wutschrei hob er die Hand zum Schlag. In diesem Augenblick traf ihn aus den Augen seines Kindes ein solch entsetzter, qualvoller Blick, daß seine Hand schlaff herabsank.

»Schlage nicht, Vater – es wäre nutzlos!« bebte es von ihren Lippen.

Der Alte riß in seiner Wut die Tür zum Wohnzimmer auf, wendete sich aber noch einmal zurück. Mit wutentstellter Stimme fragte er:

»Zum letztenmal – willst du gestehen, wen du in der Nacht gesehen, als du heimlich ausstiegst?«

»Nein!« schüttelte Luise das Haupt, bleich wie eine Leiche.

»Gut!« schrie der Alte mit heiserer Stimme. »Dann gibst du vielleicht der Polizei Antwort, der ich dich jetzt übergebe.«

Und laut rief er nach der Magd. Voller Angst kam sie herbeigelaufen.

»Ich lasse den Kommissar sogleich zu mir bitten,« sagte er, hastig atmend. »Man hat mich abermals bestohlen, und es gibt hier eine Person, die den Dieb und Mörder kennt, aber seinen Namen anzugeben sich weigert. Sage ihm das!«

Damit trieb er die Magd weiter.

In diesem Augenblick hatte sich Luise erhoben und stand dicht neben ihm.

»Wage nicht das äußerste, Vater!« rief sie, ihn voller Entsetzen anblickend. »Was soll ich denn der Polizei sagen?«

»Wer der Verbrecher ist, wo und wie du mit ihm zusammentrafst!« gab er zur Antwort.

»Das kann ich nicht sagen!« rang es sich in höchster Qual aus ihrer Kehle.

»Weil du dem Schuft Gollwitz Gelegenheit geben willst, zu entkommen! Den Braten rieche ich schon. Diesmal aber soll er mir mein Geld nicht abermals davontragen!«

»Heinrich Gollwitz ist nicht der Dieb und nicht der Mörder! Ich traf nicht mit ihm zusammen, ein anderer war's! Auch du könntest seinen Namen erraten!«

Als wäre der Blitz vor ihm niedergefahren, so fuhr der alte Sonderling zurück.

»Was sagst du da? Nicht Gollwitz, ein anderer, einer, den auch ich kenne? Und du rückst noch immer nicht mit dem Namen heraus?«

»Nein!«

»Dann geh mir aus den Augen, Ungeratene!« schrie er wie rasend. »Ich verfluche den Tag, wo du wieder hierherkamst, um mit einem Schuft gemeinsame Sache gegen mich zu machen. Da sieh meinen grauen Kopf! Durch dich wird mein Haar weiß wie Schnee. Wenn es so fortgeht, überlebe ich den Winter gar nicht. Aber immer noch besser, sechs Fuß unter der Erde, als im Armenhaus zu sterben! Fort, aus meinen Augen, du –«

Peter Brak fuchtelte so drohend mit den Armen in der Luft umher, daß Luise sich unwillkürlich niederbückte, da sie eine Mißhandlung von ihm erwartete.

Aber der Alte taumelte nach dem Stuhl am Tisch und stürzte darauf nieder.

Langsam schritt das Mädchen aus dem Zimmer. Ihr Gesicht hatte nun einen starren, entschlossenen Ausdruck angenommen.

Erst als sie ihr Stübchen erreicht hatte, fiel sie auf die Knie nieder und rang verzweifelt die Hände, streckte sie empor zu dem Bild der Madonna, die milde von der Wand herniederblickte.

»Heilige Mutter des Himmels! Zeige mir einen rettenden Ausweg!« schluchzte sie. »Was soll ich beginnen? Nun weiß ich, weshalb Heinrich den Namen des Mörders verschweigt! Ich weiß, daß er alle Schmach, alles Elend schuldlos erträgt und könnte ihn retten durch ein einziges Wort. Aber dieses Wort darf ja nicht über meine Lippen kommen. Ich liege in einem entsetzlichen Bann, gefesselt, hilflos. Rette du mich – und ihn, der schuldlos leidet, allgerechter Gott!«

Aber Luise mußte wohl zu der Erkenntnis kommen, daß Rettung unmöglich war, daß der eine oder andere Teil um so unglücklicher wurde in einem solchen Fall, denn mutlos schüttelte sie den Kopf.

»Sterben – das ist die einzige Rettung!«

Ein Geräusch entstand im Hause.

»Die Polizei!« murmelte das Mädchen, während abermals ein Schauer sie erfaßte.

Dann aber nahm ihr Gesicht wieder denselben starren, entschlossenen Ausdruck an, den man vorhin an ihr bemerken konnte, als sie das Arbeitszimmer ihres Vaters verließ.

»Sie mögen mich fragen!« sagte sie und wartete, bis die alte Magd sie rief.


XX.

Der Polizeikommissar hatte sich beeilt, in das Haus Peter Braks zu kommen.

Was ihm von dort durch die alte Magd gemeldet wurde, das ging ihm nachgerade über den Verstand.

Abermals eingebrochen! Hatte denn der alte Sonderling nicht die weitgehendsten Maßregeln getroffen, daß solch ein Diebstahl zur Unmöglichkeit wurde?

Unverzüglich hatte sich der Polizeibeamte auf den Weg gemacht und fand nun Peter Brak in höchster Aufregung vor. Aber die Sache blieb geradezu rätselhaft.

Der Schrank war geöffnet worden, und zwar ohne Anwendung von Gewalt, einfach mit dem Kassaschlüssel, den Peter Brak, fest an eine Schnur gebunden, auf dem bloßen Leib trug. Die Tür vom Arbeitszimmer nach der Wohnstube war von innen verschlossen, ebenso das einzige Fenster.

Am Morgen stand eben wieder dieses Fenster offen, offen auch der Schrank und die Lade, in der Brak gegen zweitausend Mark aufbewahrte.

Dieses Geld war fort, der Kassaschlüssel lag am Boden. Er war ganz einfach dem Schlafenden vom Leib weggestohlen worden.

Der Einbruch wurde immer auf ein und dieselbe Art und Weise ausgeführt.

Der Polizeibeamte faßte sich ganz verzweifelt an die Stirn, ein solcher Fall war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen.

Hier stand man vor einem Rätsel, das anscheinend keine Lösung finden konnte.

Der Kommissar hängte die Fensterflügel aus, um so vielleicht eine Stelle zu entdecken, an der der Einbrecher durch einen Draht oder dergleichen den von innen geschlossenen Fensterriegel öffnete. Vergeblich, es fand sich nichts vor.

Währenddem erging sich Brak in Verwünschungen gegen Gollwitz, der, nach seiner Meinung, einzig der Verbrecher sein konnte.

Dieser Annahme neigte sich auch der Kommissar zu, denn noch immer befand sich der Entsprungene in Freiheit, trotz der größten Anstrengungen, die die Polizei machte.

Wie Gollwitz die Tat jedoch ausgeführt hatte, dafür hatte der Beamte keine Erklärung.

Um so besser wußte Brak hier Bescheid.

Er behauptete ohne weiteres, seine Tochter Luise habe dem Menschen dazu verholfen, in das Haus einzudringen.

Der Beamte erfuhr nun auch, was der Alte von der Magd herausbrachte, was seine Tochter selbst ihm gestand.

Die Sache nahm eine interessante Wendung, und der Kommissar wollte sogleich Luise vernehmen.

Den Angaben des eigenen Vaters mußte unbedingt Wert beigelegt werden.

Durch die alte Magd wurde Luise gerufen.

Mit aller Anstrengung hielt sich das Mädchen aufrecht. Doch hatte ihr Gesicht nichts von der finsteren Entschlossenheit verloren.

Im Arbeitszimmer ihres Vaters erwartete sie der Kommissar. Bei ihrem Eintritt warf er einen prüfenden Blick auf sie.

Das Resultat war ein für das Mädchen nicht günstiges. Luise sah elend aus, und es mußte wohl irgend etwas vorliegen, das ihr Gewissen belastete.

»Sie haben in vergangener Nacht das Haus heimlich verlassen?« fragte er.

»Ja,« antwortete sie deutlich, aber tonlos, welches Benehmen sie auch im weiteren beibehielt.

»Was hatten Sie dazu für einen Grund?«

»Ich wollte sehen, wer es war, der hier die Einbrüche verübte.«

»Das klingt sehr unwahrscheinlich.«

»Es ist aber doch so!«

»Sagen Sie lieber, Sie wußten, daß der flüchtige Gollwitz sich in der Nähe aufhielt und trafen mit ihm in der Nacht im Garten zusammen!«

»Mein Herr, Sie haben nicht das Recht, mich so zu beleidigen!«

»Ich folge nur den Andeutungen Ihres Vaters.«

Luise ließ den für eine Sekunde erhobenen Kopf wieder auf die Brust sinken.

»Mein Vater irrt sich; ich habe Gollwitz nicht gesehen.«

»Gut, meinetwegen! Aber Sie sahen einen anderen, den Dieb und Mörder?«

»Ja –«

»Woraus schlossen Sie denn, daß er dies wirklich war?«

»Sein Aussehen sagte es mir.«

»Sahen Sie ihn vielleicht in den Garten der ermordeten Frau Fallner steigen?«

»Er kam bereits zurück.«

»Gut; nennen Sie mir den Namen!«

»Das – kann ich nicht!«

»So beschreiben Sie mir wenigstens genau die Erscheinung!«

»Auch das ist mir nicht möglich.«

»So haben Sie also weder das Gesicht gesehen, noch sonst etwas Genaueres! Wie wollen Sie dann behaupten, daß es der Mörder ist? Sie haben den Menschen also gar nicht erkannt und Ihre Behauptung wird dadurch sehr hinfällig.«

»Ich habe sein Gesicht gesehen,« antwortete Luise mit starrem Blick, »ich habe ihn auch erkannt.«

»Also doch! Den Namen?«

»Ich verweigere ihn!«

Eine Pause entstand. Ärgerlich schüttelte der Beamte den Kopf.

Peter Brak aber schrie erbost: »Da hören Sie es nun selbst! Sie will den Dieb und Mörder gesehen, erkannt haben, aber sie verweigert den Namen!«

»Ich mache Sie darauf aufmerksam, Fräulein,« fuhr der Kommissar eindringlich fort, »daß Sie sich durch Ihr sonderbares Benehmen in eine sehr schlimme Lage bringen können. Sie wollen den Verbrecher erkannt haben und verweigern der Polizei seinen Namen. Ist es Gollwitz?«

»Nein, das schwöre ich!«

»Diesem Schwur wird sehr wenig Bedeutung zugemessen werden können, wenn man bedenkt, daß Sie das Haus verließen, um den wahren Täter zu entdecken. So behaupten Sie doch noch immer?«

»Ja.«

»Gollwitz war es nicht nach Ihrer Überzeugung, und um der Welt einen anderen zu zeigen, den Sie selbst noch nicht kannten, suchten Sie ja gerade diesen anderen. Sie haben ihn nun gefunden. Wenn es nicht Gollwitz ist, so verstehe ich nicht, warum Sie nicht den Namen nennen. Sie haben ja doch Ihren Zweck erreicht; nun sprechen Sie und man wird Ihre Angaben auf ihre Glaubwürdigkeit untersuchen.«

Aber Luise preßte fest die Lippen aufeinander und schwieg.

Der Kommissar zuckte die Schultern.

»Also nicht! Sie haben Ihre Gründe dafür, und ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich annehme, daß es eben Gollwitz war, den Sie erkannten.«

Hastig schüttelte das Mädchen den Kopf.

Aber der Beamte entgegnete:

»Wenn Sie nichts anderes als dieses Kopfschütteln haben, so dürfte Ihnen das wenig nützen. Ich will zu Ihren Gunsten annehmen, daß Sie tatsächlich an die Unschuld Gollwitz' glaubten, daß Sie einen anderen Täter entdecken wollten. Nun trat Ihnen eben doch Gollwitz in der Nacht entgegen, und da Sie ihn noch immer lieben, so verschweigen Sie seinen Namen. Diese furchtbare Entdeckung, daß Ihre Liebe wirklich einem rettungslos Verlorenen galt, einem blutbefleckten Mörder, hat Sie zu Boden geworfen, so daß Sie die alte Magd in der geschilderten Lage auf den Stufen des Hauses finden konnte. Habe ich recht oder nicht?«

Heftig atmend brachte Luise mit größter Anstrengung die Worte hervor:

»Ich vermag nichts anderes zu sagen als: Gollwitz ist nicht der Verbrecher – ein anderer tat es, wenn ich auch nicht begreifen kann, wie gerade er es tun konnte.«

Der Kommissar wandte sich zornig zum Gehen.

»Ich werde die Sache dem Untersuchungsrichter übergeben. Mag er beschließen, was er für gut findet. Den Vorwurf kann ich Ihnen aber nicht ersparen, daß Sie mit allen Mitteln dazu beitragen, die Sache zu verschleiern, anstatt zu klären.«

»Ich – kann nicht anders!« hauchte Luise.

»Vielleicht geben Sie dem Untersuchungsrichter eine andere Antwort!«

Damit verließ der Beamte mit heißem Kopf das Braksche Haus, nachdem er schon vorher dem Alten versprochen hatte, sogleich alle Hebel in Bewegung zu setzen, um den Verbrecher, der sich noch nicht weit von Wilberg entfernt haben konnte, aufzugreifen.

Dabei hatte man natürlich in erster Linie Gollwitz im Auge.

Luise war, nicht mehr länger imstande, sich auf den Füßen zu halten, auf einen Stuhl gesunken und starrte apathisch vor sich hin.

Peter Brak aber, bei dem die Wut nach dem Verlassen des Kommissars wieder stieg, rannte wie toll in dem Zimmer auf und nieder.

Er nannte den Beamten einen Schwachkopf, weil er noch zugunsten Luises annahm, daß sie tatsächlich das Haus verließ, um den Täter zu entdecken, anstatt, wie es richtiger wäre, sie sogleich zu verhaften, weil sie mit einem entsprungenen Sträfling zusammentraf und mit ihm den Einbruch verabredete und ausführte.

»Es ist nicht wahr, was du sprichst!« schrie hier Luise in dumpfer Verzweiflung.

Er packte sie, kaum mehr seiner Sinne mächtig, bei den Schultern und rief keuchend:

»So beweise mir's doch, nenne den verfluchten Namen, wenn es nicht Gollwitz ist!«

»Nein!« schrie sie kurz auf.

Da war es geschehen, was Luise längst gefürchtet. Er hatte in der Wut seine Hand gegen sie erhoben, und der Schlag traf ihr Gesicht. Lautlos fiel sie vom Stuhl auf den Boden.

»Peter!« durchdrang in diesem Augenblick eine heftig bewegte Stimme den Raum. »Was tust du?«

Der Inspektor Brak stand auf der Schwelle.


XXI.

Der Hausmeister Bormann hatte an diesem Morgen wie gewöhnlich einen Rundgang durch den Garten gemacht und war dabei auch an den Platz unter dem Schlafzimmerfenster der ermordeten Frau Fallner gekommen.

Hier blieb er plötzlich stehen, und sein Gesicht nahm eine gespannte Miene an.

»Sind das nicht wieder Fußspuren?« murmelte er. »Wahrhaftig, ich täusche mich nicht. Sie kommen hier aus dem Rasen, das Gras ist niedergetreten. Und die Mauer ist beschmutzt; es stieg jemand auf das Fenstersims! Gestern habe ich erst den Sandweg glatt gerecht, da waren noch keine Spuren vorhanden.«

In aller Eile begab sich der Mann zu dem eben frühstückenden Inspektor, diesem seine Entdeckung mitteilend.

Mit den hastig hervorgestoßenen Worten:

»Herr Inspektor! Er war wieder da!« trat er in das Zimmer.

Der Inspektor fuhr jäh herum.

»Der Verbrecher, Bormann?« rief er.

»Jawohl; Sie können sich überzeugen, Herr Inspektor. Man sieht deutlich die Spuren unter dem Fenster und an der Wand. Er wollte wieder in das Zimmer hinein.«

»Kommen Sie mit, Bormann, ich muß das mit eigenen Augen sehen!«

Damit erhob sich der Inspektor erregt und verließ das Zimmer, gefolgt von Bormann, dem es nicht mehr wohl zumute war.

Die beiden Männer erreichten bald den Platz unter dem Fenster.

Hier konnte der Inspektor sogleich die Fußspuren entdecken.

»Bei Gott, Ihr habt recht, Bormann!« rief er. »Dieser unheimliche Mensch war hier! Und er wollte abermals in das verschlossene Zimmer eindringen!«

Der Inspektor versuchte nun aus den Spuren im Sande zu entdecken, was für eine Fußgröße und Form der Mensch besaß. Das war jedoch aus dem Grunde unmöglich, weil der nächtliche Gast nicht aufgetreten, sondern hingeschlürft war. Die Spuren zeigten sich derart unregelmäßig, daß sich eine genaue Form der Fußbekleidung schlechterdings nicht feststellen ließ.

Soviel aber war gewiß: die Schuhe trugen glatte Sohlen und keine Nägel.

»War es Gollwitz? War er hier in der Gegend und wurde, wie schon öfters in dunkler Nacht, von einem unheimlichen Drang getrieben, den Ort seiner Schandtat aufzusuchen?« murmelte erregt der Inspektor.

Dann suchte er noch weiter im Garten nach Spuren. Solche fanden sich wohl im Gras und am Heckenzaun, aber es ließ sich hier auch nicht mehr erkennen, als an den Fußtritten unterm Fenster der Ermordeten.

»Habt Ihr diese Nacht nichts gehört, Bormann?« fragte der Inspektor. »Euer Schlaf ist doch nicht so fest wie der meine!«

»Ich bin wohl einmal aufgewacht, Herr Inspektor, weil ich glaubte, einen Schrei gehört zu haben, und zwar von einem weiblichen Wesen, aber nachdem ich aus dem Fenster gehorcht und kein Geräusch gehört hatte, legte ich mich wieder schlafen.«

»Und im Garten unten regte sich nichts?«

»Nicht das geringste!«

»Wißt Ihr Euch genau zu erinnern, daß der Schrei, den Ihr gehört habt, aus einem weiblichen Munde kam?«

»Jawohl, da irre ich mich wohl nicht.«

»Wer kann denn das nur gewesen sein?« fragte sich der Inspektor und setzte laut hinzu: »Wie spät war es, Bormann, als Ihr den Schrei vernommen habt?«

»Das kann ich leider nicht sagen, ich vergaß auf die Uhr zu sehen.«

Der Inspektor begab sich nun ins Haus, um Hut und Überrock zu nehmen, worauf er den Weg nach der Besitzung seines Bruders einschlug.

»Es wäre doch rein zum Tollwerden, wenn es dem Burschen gelungen wäre, abermals dort einzudringen. Da wüßte ich schließlich nicht mehr, was ich denken sollte. Die ganze Geschichte ist mir jetzt schon gänzlich unbegreiflich,« murmelte der Inspektor.

Er kam gerade in dem Augenblick an, als Peter Brak in seiner sinnlosen Wut Luise mißhandelte.

Empört sprang er dazwischen und hob das Mädchen vom Boden auf, sie in das Wohnzimmer tragend, wo er sie der vor Angst zitternden alten Magd übergab.

Mit finsterer Miene kehrte er sodann zu seinem Bruder zurück.

»Was geht hier vor in deinem Haus?« rief er erregt. »Du mißhandelst dein Kind? Hätte ich dies vorausgesehen, so würde ich sie in E . . . . gelassen haben. Schäme dich, Peter, die Hand gegen ein hilfloses, schwaches Wesen zu erheben. Das ist eines Mannes unwürdig!«

Peter Brak hatte sich, kreischend auflachend, in einen Stuhl geworfen und schrie nun:

»Recht so! Hast sie ja immer in Schutz genommen, sie und den Schuft von Gollwitz, der mich noch an den Bettelstab bringt. Und meine Tochter verhilft ihm dazu. Sie schleicht des Nachts aus dem Haus, hat Zusammenkünfte mit diesem Dieb und Mörder, leugnet es auch gar nicht, leugnet aber, daß es Gollwitz ist, und nennt doch keinen Namen, selbst der Polizei nicht. Da soll ich noch ruhig dabei bleiben! Ich werde verrückt noch! Des Teufels Dank habe ich mir geholt, daß ich die Entartete wieder zu mir ins Haus nahm!«

Voller Staunen lauschte der Inspektor diesen Worten seines sich wie toll gebärdenden Bruders.

»Willst du mir nun nicht in etwas verständlicher Weise auseinandersetzen, was es gegeben hat. Du bist abermals bestohlen worden?«

»Ja – ja!« schrie Brak, mit den geballten, knochigen Fäusten gegeneinander schlagend. »Mein schönes Geld! Ich muß verhungern!«

»So schlimm steht es wohl noch nicht! Wieviel vermißt du?«

»Zweitausend Mark!« fuhr Peter heftig auf. »Aber das ist freilich nichts für dich, darüber lachst du, freust dich noch, wenn sie mir den letzten Heller aus dem Schrank stehlen!«

»Du weißt in deiner Aufregung nicht, was du sprichst!«

»O, ich weiß noch zu gut, daß du selber den Schuft Gollwitz verteidigt hast, wie du jetzt meine ungeratene Tochter in Schutz nimmst.«

»Luise hegt keinen unrechten Gedanken, daran halte ich noch jetzt fest. Du magst sagen, was du willst!«

»Hahaha!« lachte Brak schneidend. »Höre nur erst einmal, was geschehen ist!«

Und er schilderte in heftigster Weise die Ereignisse der Nacht und des Morgens, mit einer neuerlichen Flut von Verwünschungen gegen Gollwitz und Luise endigend.

»Soll ich dir sagen, was ich denke?« sprach der Inspektor nach minutenlangem Schweigen.

»Ich wäre neugierig darauf! Vielleicht nimmst du auch jetzt noch meine ›unschuldige Tochter‹ in Schutz?«

»Das tue ich!« antwortete der Inspektor. »Ich glaube nun, daß Luise wirklich die Wahrheit sprach, wenn sie angibt, das Haus nur verlassen zu haben, um den wahren Täter zu entdecken, ich glaube ihr auch, daß sie diesen unheimlichen Menschen sah, und nur eins ist mir unfaßlich, unbegreiflich – daß sie den Namen nicht nennt!«

»Das – glaubst du?« keuchte Peter Brak, zitternd vor Wut.

»Jawohl, das ist mein Glaube!« antwortete unerschütterlich der Inspektor. »Und jetzt werde ich eine andere Taktik beobachten. Der Mörder wird durch ein unwiderstehliches Empfinden fortgetrieben, wenn die Stunde heranrückt, in der er den Mord ausführte, er muß an den Ort seiner Tat. Nicht jede Nacht geht er an das verschlossene Fenster, aber er wird wiederkommen, und diesmal soll er das Fenster offen finden, soll einsteigen können.

Im Innern jedoch wird er mich finden. Dann ist die schreckliche Komödie beendet. Ich werde nicht, wie es bei Luise der Fall zu sein scheint, unter der dämonischen Macht dieses Menschen schweigen. Wer es auch sei, ich ziehe ihn vor den Richterstuhl. Aber schon jetzt weiß ich, Gollwitz ist es nicht. Hier vertraue ich den Worten Luises.«

Peter Brak gebärdete sich auf diese Worte wie rasend. Er nannte seinen Bruder einen Narren, den der Staat von seiner Stelle entfernen sollte, weil er einen Mörder begünstige.

Empört entgegnete der Inspektor:

»Nimm dich in acht, Peter! Gut, daß du mein Bruder bist. In den weitesten Kreisen kennt man mich und mein strenges Gerechtigkeitsgefühl. Aber eben deshalb soll kein Unglücklicher schuldlos leiden. Gollwitz hat fest erklärt, er kenne den wahren Mörder, weigere sich aber, ihn zu nennen.

Man glaubte ihm nicht. Jetzt aber, da Luise ganz dasselbe anführt, bekommt die Sache einen neuen Anstrich. Ich werde noch heute mit dem Untersuchungsrichter sprechen, damit er vor allem schonend mit Luise vorgeht. Leicht scheint es ihr ja wahrhaftig nicht zu werden, daß sie schweigt. Du aber, Peter, schäme dich, dein eigenes Kind der Polizei anzugeben, es sogar zu mißhandeln!«

Peter Brak war von dem Stuhl emporgesprungen und deutete wutschäumend nach der Tür.

»Hinaus, hinaus!« schrie er. »Ihr gehört alle zusammen, seid alle gegen mich im Bund!«

Der Inspektor wandte sich zum Gehen.

Er hatte eine heftige Entgegnung auf den Lippen, unterdrückte sie jedoch und sagte nur:

»Du weißt jetzt nicht, was du sprichst!«

Im Wohnzimmer stand die alte Magd. Sie mußte den heftigen Auftritt der beiden Brüder mit angehört haben.

»Wo ist Luise jetzt und wie geht es ihr?« fragte der Inspektor.

»Sie hat sich wieder erholt und ist auf ihrem Zimmer,« antwortete die Alte. »O, Herr Inspektor, was sind das doch für schreckliche Dinge, die hier bei uns geschehen.«

Der Inspektor sagte gar nichts darauf, sondern schritt die Treppe hinauf zu dem Zimmer Luises.

Das Mädchen saß auf einem Stuhl und schien sich allerdings etwas erholt zu haben, blickte jedoch wie stumpfsinnig vor sich hin.

»Luise!« sagte der Inspektor, von tiefem Mitleid bewegt. »Vergiß, daß dein Vater dich tätlich mißhandelte. Er ist durch die letzten Ereignisse derart aufgebracht, daß ich für seinen Verstand fürchte.«

Luise nickte nur mit dem Kopf.

»Ich weiß es ja!«

»Sage mir doch, Kind,« fuhr der Inspektor ruhig fort, »ist es wahr, daß du in der vergangenen Nacht den Dieb und Mörder gesehen hast?«

Erschauernd antwortete sie:

»Ja – es ist wahr.«

»Und du hast ihn erkannt?«

»Ja – ich habe ihn erkannt.«

»Gollwitz ist es nicht? Du weißt, er kann es ganz gut sein, denn die Polizei hat den Flüchtling noch immer nicht eingefangen. Er könnte also leicht hierhergekommen sein und den neuerlichen Einbruch ausgeführt haben.«

»Heinrich ist es nicht, das weiß Gott! Ein anderer ist es!«

»Hm – du könntest dich aber auch täuschen?«

»Ich täusche mich nicht; sein Aussehen war entsetzlich, es war der Mörder, den es nach der Blutstätte treibt.«

Mit zuckenden Lippen und einem seltsamen Glanz in den Blicken, hatte Luise diese Worte hervorgestoßen.

Der Inspektor betrachtete sie forschend.

»Warum nennst du den Namen nicht, Luise?« sagte er dann. »Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, daß du dadurch einem Unschuldigen, Verfolgten, der tief elend ist, das Leben wiedergibst! Du hast den Referendar geliebt, die irrende Justiz hat ihn also verurteilt. Ist es da nicht deine heilige Pflicht, dem wie ein Tier gehetzten Mann zu Hilfe zu kommen?«

Heiß drang der Atem aus der Brust des Mädchens. In stummer Qual rang sie.

Endlich sagte sie schroff:

»Man kann mich töten, aber nicht ein Wort mir entreißen, das ich nicht aussprechen will.«

Der Inspektor erhob sich.

»Du verweigerst den Namen, gut!« sprach er. »Ich werde, vielleicht der einzige, dir dennoch glauben, daß es nicht Gollwitz war, mit dem du zusammentrafst. Ich werde nun meinen eigenen Weg gehen, um diesen anderen zu fangen, und mich soll er nicht unter seine dämonische Macht bekommen. Sobald ich ihn kenne, ist er verloren. Das schwöre ich dir!«

Er reichte ihr die Hand zum Abschied. Die ihre war kalt und starr.

»Arme Luise!« murmelte er. »Aber lasse nicht ganz den Mut sinken. Ich glaube einen Weg gefunden zu haben, um dir zu helfen.«

Damit ging er.

Das Mädchen sah ihm mit einem qualvollen Blick nach. Sie schüttelte den Kopf.

»Es gibt keine Hilfe mehr. Armer Heinrich!«


XXII.

Am nächsten Morgen kam die alte Magd Peter Braks ganz verstört in das Haus der ermordeten Frau Fallner gelaufen.

Sie verlangte nach dem Inspektor und als sie dessen ansichtig wurde, rief sie jammernd: »Ach, Herr Inspektor, Herr Inspektor! Unser Fräulein ist fort!«

»Wer ist fort? Luise?« fragte der Inspektor, nicht wenig überrascht.

Rasch genug erfuhr er die Wahrheit. Luise hatte wirklich in der Nacht, kurz vor Abgang des letzten, nach E . . . . gehenden Zuges, heimlich das Haus ihres Vaters verlassen, nur das Allernotwendigste mit sich nehmend.

Der Inspektor erfuhr dabei, daß sein Bruder am Spätnachmittag wiederholt eine sehr heftige Szene mit seiner Tochter hatte und sich sogar zu neuerlichen Mißhandlungen hinreißen ließ, da ihn Luises Weigerung, den Namen des geheimnisvollen Mörders, den sie in der Nacht beobachtete und der Gollwitz nicht wäre, unter keinen Umständen nennen wollte, in die höchste Wut versetzt hatte.

Der Inspektor fand die Flucht Luises unter diesen Umständen ziemlich erklärlich.

Er wußte ja doch auch, daß sich das Mädchen nirgends anders hin begab, als zu Balthasar nach E . . . . Sie war dort gut aufgehoben, und wenngleich der Inspektor der Leute wegen gewünscht hätte, Vater und Tochter hätten sich vertragen, so konnte man dem Mädchen wirklich nicht zumuten, die beständigen Mißhandlungen ihres hochgradig nervösen Vaters zu ertragen.

Freilich schüttelte der Inspektor auch sehr ernst den Kopf.

»Weshalb nennt sie ihm nur den Namen des Mörders nicht? Er verlangt ja nichts anderes von ihr und im Grunde genommen hat er ein Recht dazu, wie auch die Polizei es hat, zu erfahren, wen eigentlich Luise in der Nacht sah, da es doch Gollwitz nicht sein soll.

Aber so seltsam und unbegreiflich diese Weigerung auch auf den ersten Blick erscheint, so ist es doch auch völlig ausgeschlossen, daß Luise aus Trotz oder Böswilligkeit oder gar, weil sie an dem Verbrechen als Mitwisserin beteiligt war, so handelt.

Hier steckt etwas anderes dahinter, etwas, das noch in ein unheimliches Dunkel gehüllt ist. Auf jeden Fall muß ich der Polizei gegenüber das Mädchen in Schutz nehmen und auch Peter soll meine Ansicht über diese Mißhandlung eines schwachen Wesens zu hören bekommen. Was das weitere betrifft, so hoffe ich durch die endliche Festnahme des Verbrechers all diesen Wirren recht bald ein Ende zu machen.«

Während er der Magd auf ihr Lamento noch erwiderte, sie möge zurückkehren, er selbst komme bald nach, trat Bormann ins Zimmer und übergab die für den Inspektor soeben angelangten Briefe und Zeitungen.

Der Inspektor fand sogleich ein Schreiben Luises darunter heraus und erbrach es.

»Richtig, sie ist wieder bei Balthasar in E . . . » nickte er, »will sich unter allen Umständen weigern, zurückzukehren, da sie für ihr Leben fürchtet bei dem Zustand ihres Vaters. Das ist nun zwar etwas viel gesagt, aber unrecht kann ich ihr nicht geben.

Sobald sie beweist, daß ihr Vater sie beständig auf das gröblichste mißhandelt, wird man sie selbst vom Gericht aus nicht zwingen, zu dem unzurechnungsfähigen Mann zurückzukehren. Aber sonderbar, was in Peter gefahren ist seit den letzten Monaten! Hat ihn seine verrückte Lektüre, die Sucht, phantastische Probleme zu lösen, um den klaren Verstand gebracht? Aber nein, er spricht ja völlig vernünftig und weiß klar, was er will und tut. Nervös ist er, das unterliegt keinem Zweifel!«

Der Inspektor machte sich nun sogleich auf den Weg nach Peter Braks Haus, wo er seinen Bruder wie gewöhnlich heftig erregt im Zimmer auf und nieder laufend antraf.

Wie vorauszusehen war, verurteilte Peter Brak die Flucht seines Kindes auf das schärfste.

Er hieß sie geradezu eine Dirne, die er durch Polizisten festnehmen und zurückbringen lassen wolle, wenn es die Polizei nicht vorziehe, Luise ins Gefängnis zu setzen, da das Mädchen sich doch stark verdächtig machte, mit Gollwitz – daß der Referendar der Dieb und Mörder war, daran hielt Peter Brak fest – im Einvernehmen zu stehen.

Als ihm nun der Inspektor darauf in bündiger Weise erwiderte, Luise befinde sich bei Balthasar und werde wohl auch dort bleiben, da sie im Haus ihres Vaters beständigen Mißhandlungen ausgesetzt wäre, daß er, der Inspektor, seinerseits dies unglaublich rohe Benehmen seines Bruders ebenfalls auf das schärfste verurteile und sogleich bei der Polizei Schritte tun werde, damit Luise nicht des vom eigenen Vater gegen sie hervorgebrachten Verdachtes belästigt werde, entstand eine derart tumultarische Szene zwischen den beiden Brüdern, daß man den Lärm bis hinaus auf die Straße hören konnte.

Peter Brak schrie dabei, er werde auch den Inspektor selbst denunzieren, da er Luise, dieses entartete Geschöpf, viel zu sehr in Schutz nehme, so daß er dazu ganz besondere Gründe haben müsse.

Der Inspektor hinwieder antwortete darauf, daß die Polizei Peter ganz einfach in ein Narrenhaus stecken werde, falls er so sinnlos sein sollte, den Bruder bei ihr zu verdächtigen.

Der Auftritt schloß damit, daß der Inspektor rasch das Arbeitszimmer Peters verließ, das Gesicht hochrot vor Zorn und die Tür kräftig zuschlagend.

Noch eine ziemlich lange Weile hörte die alte Magd ihren Herrn auf das heftigste räsonieren und toben, bis es endlich still wurde.

Der Inspektor begab sich nach dem Stadthaus und hatte mit dem Polizeikommissar eine längere Besprechung.

Das Resultat war, daß ihm und seinen Äußerungen für die Zukunft mehr Gewicht beigelegt werden sollte, als dem oftmals ganz unvernünftig sprechenden Sonderling.

Ferner erhielt der Inspektor das Versprechen des Kommissars, darauf hinzuwirken, daß Luise, deren Aufenthalt man ja nun wußte, nicht verhaftet wurde, da angenommen werden mußte, sie schweige nicht aus einem verbrecherischen Grund, sondern unter dem Einfluß einer geheimen Gewalt, die der Inspektor jedoch bald zu brechen hoffte.

Trotz der größten Anstrengungen der Polizeiorgane war es noch nicht gelungen, des Flüchtlings Gollwitz habhaft zu werden. Er war wie vom Erdboden verschwunden und schien den Vorsatz, sich selbst der Polizei zu stellen, wieder aufgegeben zu haben.

Übrigens hatte niemand außer Luise von Balthasar gehört, daß Gollwitz an dem bewußten Abend bei ihm war.

Der Inspektor kehrte nach dem Landhaus zurück, wo er mit Weller, dem Geheimpolizisten, eine Unterredung hatte.

Zustimmend nickte dieser.

Der Plan des Inspektors war gut und dabei so verblüffend einfach und selbstverständlich, daß man sich geradezu wundern mußte, daß niemand früher auf diese Idee gekommen war.

Weller ging nach dem Städtchen zurück.

Er hatte seine Instruktionen für die nächsten Tage, oder besser gesagt, Nächte erhalten.

Am Nachmittag rief der Inspektor Bormann und die beiden begaben sich nach der Tür, die in das Schlafzimmer der Ermordeten führte.

Dieser Raum wurde in letzter Zeit niemals mehr betreten, von Bormann überhaupt noch nicht, da die Tür abgeschlossen gehalten wurde.

Der alte Mann ging stets mit einem leisen Schauern an der Tür vorüber.

Er war deshalb nicht angenehm berührt, als ihm der Inspektor einen Schlüssel überreichte mit der Aufforderung, die Tür zu öffnen. Er tat es.

Als man über die Schwelle trat, drang den Männern jener dumpf-moderige Geruch entgegen, der allen längere Zeit verschlossen gehaltenen Räumen anhaftet.

Die Stube lag in völliger Dunkelheit, und der Inspektor tastete sich nach dem Fenster, das verschlossen gehalten wurde, gleich der Tür.

Er öffnete die Riegel und stieß die Läden nach außen auf. Sogleich erhellte sich der Raum und frische Luft strömte herein.

In der Stube war fast nichts verändert worden, beinahe alles lag und stand noch so, wie bei Lebzeiten der Ermordeten.

Mit bleichem Gesicht blickte sich Bormann nach dem mittels hoher Gardinen geschlossenen Bett um, in dem die Bluttat ausgeführt wurde.

Auch der Inspektor sah sich um.

Dem Bett schräg gegenüber stand der Schrank. An jenem Morgen geöffnet, war er nun geschlossen und enthielt nichts mehr, nachdem das Gericht die vorhandenen Papiere an sich genommen hatte.

Der Inspektor ließ ihn ebenfalls aufschließen und zog eine Lade zur Hälfte heraus.

»Es ist dieselbe, in die meine arme Schwester gewöhnlich einiges Kleingeld legte vor dem Schlafengehen und die auch den bewußten seltenen Jubiläumstaler enthielt,« sagte er zu Bormann. »Sie ist leer! Wir wollen etwas hineinlegen.«

Überrascht blickte Bormann den Inspektor an. Dieser hatte eine Handvoll Münzen in die Lade geschüttet.

»Aber – Herr Inspektor,« rief der Mann, »das sind ja Spielmarken!?«

»Mit denen ich den Verbrecher fangen werde!« sagte der Beamte sehr ernst.

Dann betrachtete er sich die Nische zwischen dem Schrank und der Mauer.

»Nun merkt auf, Bormann!« sagte er. »Hier hinein stellt Ihr nachher meinen Lehnstuhl von oben. Es wird noch so viel Raum bleiben, daß ein kleines Tischchen daneben Platz findet. Auf dieses stellt Ihr meine Blendlaterne und legt daneben meinen Revolver. Dann nehmt Ihr die eine Bettgardine herab und befestigt das Ding derart über der Nische, daß es Stuhl und Tisch verdeckt, daß ich aber ohne Geräusch die Gardine auf die Seite schlagen und heraustreten kann.«

»Was haben Sie denn vor, Herr Inspektor?« rief der alte Mann erschrocken.

»Ich werde hier einige Nächte im Lehnstuhl zubringen und den geheimnisvollen Menschen erwarten, der ganz sicher, wie schon öfters, wiederkommt.«

»Um Gottes willen!« entfuhr es Bormann.

»Ihr habt dabei nichts zu tun, Bormann,« sagte der Inspektor, »könnt ruhig schlafen, während ich hier wache. Das Fenster und die Läden davor bleiben offen, das erstere nur angelehnt, damit der Mensch einsteigen kann. Hier fasse ich ihn dann ab.«

Bormann fuhr sich mit den Fingern über seinen Kopf.

»Wenn das nur ein gutes Ende nimmt! Ich würde mir nicht getrauen, allein und in tiefer Nacht zu warten, bis dieser unheimliche Mensch einsteigt. Und noch dazu hier, kaum einen Schritt entfernt von dem Bett, in dem die unglückliche Frau Fallner den letzten Atemzug tat.«

Der Inspektor hatte darauf nur ein leichtes Lächeln.

»Was Euch Schrecken einflößt, berührt mich nicht,« sprach er. »Ich habe nur meinen Zweck im Auge. Und daß die Toten leider nicht wiederkommen, das wißt Ihr doch.«

»Aber könnten Sie nicht im Garten draußen auf das Erscheinen dieses Menschen warten?«

»Nein; hier will ich ihn sehen, hören, beobachten, was er tut, wie er sich benimmt, um ein ganz genaues Urteil zu erhalten. Eine unheimliche Macht treibt ihn hierher, wahrscheinlich gegen den eigenen Willen. Man hat solche Beobachtungen häufig bei Mördern gemacht. Ich werde ihn erst dann abfassen, wenn er im Begriff steht, das Zimmer wieder zu verlassen. Sprecht nichts mehr dagegen und schweigt gegen jedermann über mein Vorhaben.«

Wie es der Inspektor angeordnet, so geschah es schließlich auch. Am Abend bezog der Beamte das Zimmer, das heißt den Lehnstuhl in der Mauernische. Die Blendlaterne brannte, doch waren die Klappen zum größten Teil geschlossen, so daß nur ein sehr mäßiger Lichtschein entstand, der vom Fenster oder der Stube aus überhaupt nicht bemerkt werden konnte, da ja die Gardine über die Nische lief.

Der Polizeiinspektor Brak war seiner Ausdauer wegen bekannt. Auch in dem vorliegenden Fall rührte er sich die ganze lange Nacht über kaum vom Platz, verstand es, den Schlaf zu verscheuchen, der sich auf seine Lider senken wollte.

Der Inspektor hatte nun schon mehrere Nächte gewacht, ohne daß sich das geringste ereignet hätte.

Ein anderer als er hätte die Sache bereits aufgegeben, er aber beharrte hartnäckig darauf, daß der Verbrecher kommen müsse, daß er ihn erwarten wolle, und wenn es ein Vierteljahr währte.

Da natürlich der Beamte, trotz aller Energie, nicht jede Nacht durchwachen konnte, so wechselte er mit Weller nach getroffener Verabredung ab.

Während die eine Nacht der Inspektor wachte, sollte dies die nächstfolgende Weller tun.

Wir sagen »sollte«, denn Weller fielen, trotz aller Anstrengung, oft genug die Augen zu, so daß er schlafend im Lehnstuhl lag und seine lauten Atemzüge den eindringenden nächtlichen Gast ganz gewiß verscheucht hätten.

Es war jedoch niemand gekommen.

Die siebente Nacht wachte wieder der Inspektor, und diesmal hatte er sich mehr als sonst einen Erfolg versprochen. Der Mond stand in voller Scheibe am Himmel, bekanntlich eine Zeit, in der die tief auf dem Grund der Seele schlummernden geheimnisvollen Triebe mancher Menschen mehr als sonst geweckt werden.

Vollmond! Der Inspektor befand sich in einer ganz sonderbaren, ihm selbst unerklärlichen Aufregung. Ihm war es, als müsse diese Nacht, oder niemals mehr, der seltsame Gast kommen.

Und er kam auch!

Der Inspektor hatte eine Stunde nach eingetretener Dunkelheit das Schlafzimmer der ermordeten Schwester aufgesucht und schritt zunächst in dem Raum mehrmals auf und nieder.

Dann überzeugte er sich, daß das Fenster nur angelehnt war und sah sodann nach, ob die Marken noch in der halb offenstehenden Lade lagen.

Dieselben hatten den Zweck, durch ihr Klirren den vielleicht lautlos einschleichenden Verbrecher zu signalisieren, falls dem Inspektor oder Weller doch einmal die Augen zufallen sollten, was der erstere für heute jedoch nicht befürchtete.

Alles war in Ordnung.

Eine Stunde später ging der Mond auf.

Sein Silberlicht strömte über die Bäume des Gartens, fiel auf die Kieswege und goß ein bleiches Leuchten auf die weiße Kalkwand und in das Totenzimmer.

In einem spitzen Dreieck lag der fahle Schein auf der Diele, warf schwarze Schlagschatten hinter Ecken und Vorsprünge. Nicht ein Lüftchen regte sich draußen, es war eine Herbstnacht, so still und unbeweglich, als wäre alles Leben in ihr erstorben.

Der Inspektor hatte seine Laterne nicht angezündet, da er auch ohnedies alles genau erkennen konnte, was im Zimmer vorging.

Lange stand er am Fenster, das in den Garten hinausführte, und zählte die Schläge seines Herzens, die heute öfters lange aussetzten, um gleich darauf um so heftiger zu pochen.

Sonderbar! So wie heute war ihm noch niemals zumute, und doch befand er sich wiederholt in ähnlicher Situation. Oder war es schließlich doch der Umstand, daß es seine eigene Schwester war, deren Mörder er erwartete und festzunehmen geschworen hatte, das Bewußtsein, sich kaum zwei Schritte von dem Bett entfernt zu wissen, auf dem seine arme Schwester verblutete? Genug, er fühlte, daß seine Nerven mehr und mehr in Erregung gerieten.

Schließlich wurde er müde vom langen Stehen und schritt nach der Mauernische, hob den Vorhang beiseite und sank in den Lehnsessel.

»Wer kann der Mörder nun eigentlich sein?«

Das war die Frage, die ihn beständig wach hielt.

Allerlei Gedanken kreuzten sein Gehirn. Seltsam war es immerhin, daß er dabei gar nicht mehr an Gollwitz dachte. Ein anderer war es, den Luise sah!

Vielleicht hatte er sie gezwungen, zu schweigen, hatte sie ihm diesen Schwur geleistet.

Die Annahme hatte etwas für sich.

Vom alten Turm der Martinskirche Wilbergs schlug es eine späte Stunde.

Hin und wieder schwirrte ein Nachtfalter durch den stillen Raum oder es knisterten die Tapeten, knackte im wurmstichigen Holz.

»Der Totenvogel pickt an,« sagten sie in der Wilberger Gegend.

Das war ein Unsinn, dennoch ward es dem Inspektor heute unbehaglich in dieser Situation, und einmal ertappte er sich sogar dabei, daß er erschrocken zusammenfuhr, als die alte Bettstatt knarrte, als ruhe eine Gestalt darauf.

Mehrmals trocknete sich der Inspektor den leichten Schweiß von der Stirn, trotzdem es in dem Raum durchaus nicht heiß zu nennen war.

So verging abermals eine halbe Stunde.

Plötzlich zuckte der Inspektor jäh zusammen. Er hielt den Atem an und erhob sich vom Stuhl.

»Er – kommt!« rief es in seinem Innern.

Die Gardine etwas beiseite ziehend, blickte er in die Stube. Noch lag der spitze, grün-fahle Lichtstreifen auf der Diele. Man konnte alles so ziemlich genau im Zimmer erkennen.

Der Inspektor hielt seinen Blick in fieberhafter Erregung auf das Fenster gerichtet.

Vor diesem war vor einigen Sekunden ein Geräusch erklungen, wodurch der Polizeibeamte vom Stuhl emporgerissen wurde.

Man vernahm ein Scharren an der Wand. Der unheimliche Gast stieg empor, was nicht schwer auszuführen war.

Jetzt fiel ein Schatten ins Zimmer. Ein Kopf, der Teil eines schwarzen Rumpfes tauchte vor den Scheiben auf. Da der Mensch das Gesicht tief, auf eine sonderbare Art niedergedrückt hielt, so vermochte der Beobachter keine Züge zu erkennen.

In dem Augenblick aber als er den Kopf wandte, da er mit der einen Hand das Fenster aufstieß, traf ihn der volle Mondstrahl.

Zugleich fast erstarb aber auch der Schein. Es ward tiefe Nacht.

Wolken mußten den Mond vollkommen verdecken.

Diese fatale Lichtveränderung geschah jedoch nicht so schnell, daß der Inspektor nicht, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, das totenbleiche Gesicht mit den spitzen Backenknochen, den tief in den Höhlen liegenden Augen gesehen hätte.

Er ließ den Vorhang sinken und lehnte sich gegen die Wand. Wirkte auch auf ihn bereits die dämonische Macht dieses Verbrechers, daß er eine Weile wie gelähmt verharrte?

Dann aber ging plötzlich ein Ruck durch seinen Körper.

»Unsinn!« rief es in ihm. »Tollheit, was ich zu sehen glaubte! Es war eine Halluzination, die mir eine Teufelsfratze vorgaukelte. Wäre nur das Mondlicht nicht ausgeblieben, so wüßte ich jetzt schon, wen ich vor mir habe. Aber Geduld! Ich fasse den Vampyr und sollte es mein Leben kosten!«

Es war nun in dem Zimmer so dunkel, daß der Inspektor nur die Umrisse der unheimlichen Gestalt erkennen konnte, die das Fenster geöffnet hatte und in das Totenzimmer gestiegen war.

Dabei entstand so wenig Geräusch, daß der Beamte annehmen mußte, der Verbrecher trage entweder gar keine, oder doch sehr weiche, ungenagelte Schuhe.

Sehr fatal war es, daß er seine Laterne nicht angezündet hatte. Der Fehler ließ sich jedoch nicht mehr gut machen, da sich der Inspektor nicht durch das Knistern und Aufflammen des Streichholzes verraten wollte.

Übrigens war er entschlossen, im geeigneten Moment vorzustürzen und den Verbrecher festzuhalten.

Vielleicht zog bis dahin auch die verhüllende Wolke vom Mond, so daß der Raum erhellt wurde.

Mit vorgebeugtem Oberkörper, den Revolver in der einen Hand, die Gardine in der anderen festhaltend, stand der Inspektor, mit gewaltsam unterdrücktem Atem auf der Lauer, in furchtbarer Erregung die hin und her schwankenden Umrisse der nachtschwarzen Gestalt verfolgend.

Diese hatte bis jetzt noch keinen weiteren Laut von sich gegeben, als einen kurz hervorgestoßenen Atem.

Also ein Mensch von Fleisch und Blut, wie der Inspektor von allem Anfang an dachte.

Die unheimliche Gestalt schwankte nun nach dem Bett der Ermordeten zu, und der Lauscher hörte plötzlich ein sonderbares, ihm durch Mark und Bein gehendes Lachen, das eigentlich mehr einem grausamen Kichern ähnelte.

»Das Geld – das Geld –« hörte Brak in einem ganz seltsamen Ton. »Ich kann es brauchen – ja –«

Und dann machte der Unheimliche mit den erhobenen Armen wilde Bewegungen, als wolle er noch einmal eine Gestalt zerschmettern, die auf dem Bett lag.

Der stumpfe Schlag fiel auch nieder. Das Bettgestell ächzte. Jetzt trat der Mörder rasch zurück.

»So – vorbei!« keuchte er jetzt in einem Ton, der keinem Menschen anzugehören schien. »Das Geld – bleibt mein!«

Er wandte sich dem Schrank zu und griff wohl auch in die offenstehende Lade, genau so, wie er es in der Mordnacht getan hatte.

Ein pfeifender Laut entfuhr seinem Mund, als die klirrenden Spielmarken in seiner Hand blieben.

Er schob das falsche Geld in die Tasche, wobei mehrere Münzen auf den Boden rollten, und wandte sich dem Fenster zu. Jetzt war der geeignete Moment gekommen.

Wenn der Inspektor nicht den Mörder entwischen lassen wollte, so mußte er nun vorstürzen, um ihn zu fassen.

Ein Gefühl, wie es der erfahrene Beamte in seinem ganzen Leben nicht kennengelernt hatte, bemächtigte sich seiner. Es war etwas Rätselhaftes, Unerklärliches, ein Gemisch von Angst, wilder Erregung und Begierde, diesen unheimlichen Menschen zu packen und niederzuwerfen.

Eine Sekunde zögerte der Inspektor noch. Das Blut pochte in seinen Schläfen mit aller Gewalt.

Dann schlug er plötzlich die Gardine beiseite und stürzte sich auf den Verbrecher, ihn bei der Schulter fassend.

»Halt!« schrie er. »Im Namen des Gesetzes! Du bist ertappt, Mörder!«

Die Gestalt vor ihm war in die Höhe geschnellt und hatte einen kurzen Schrei ausgestoßen.

Dann aber setzte sie sich zur Wehr, und der Inspektor, dem es im Kopf sauste und brauste, als dringe eine Sturmflut auf ihn herein, fühlte bald, daß der Mensch trotz seiner hageren Arme eine kaum geahnte Kraft entwickelte.

Kein Wort entfloh mehr dem Mund des Verbrechers. Er hatte sich mit aller Energie auf den Inspektor geworfen, und die beiden rangen nun keuchend miteinander, wobei sich der Revolver des Beamten entlud, den er übrigens weder jetzt, noch vorher hatte zur Geltung bringen können.

Bewies der Mörder, daß er, trotz seiner Magerkeit, Kraft in den Knochen hatte, so fand er an dem Inspektor einen ziemlich ebenmäßigen Gegner, der ihn nicht losließ, mochte es gehen wie es wolle.

Und endlich, nachdem der wilde Kampf in dem düsteren Totenzimmer bereits minutenlang gewährt hatte, schien der Verbrecher zu unterliegen.

Einem neuerlichen wütenden Angriff des Inspektors vermochte er nicht mehr zu widerstehen, er brach in die Knie. Jetzt schien er verloren.

In diesem Augenblick trat die volle Mondscheibe aus den Wolken, die sie bis dahin verdeckten.

Die fahlen Lichtstrahlen zogen gleich Fäden durch die Büsche, fielen vereint auf die Wege, drangen in das Totenzimmer, es mit hellem Mondlicht erfüllend.

Der Inspektor hatte den Verbrecher bei der Brust gefaßt. Die Hand mit dem nun freigemachten Revolver entschlossen auf die Gestalt gerichtet, rief er:

»Ergib dich, Schurke, jeder Widerstand ist vergeblich!«

Allein schon das letzte Wort war in seinem Mund erstorben. Als hätte ihn plötzlich der Schlag gerührt, sank sein erhobener Arm schlaff herab, so daß der Revolver zu Boden polterte.

Seine Finger, die sich in die Brust des Mörders eingekrallt hatten, lockerten sich und mit den halb erstickten Worten: »Gott sei mir gnädig!« stürzte der Inspektor lang, wie ein gefällter Baum, zu Boden.

Er gab keinen Laut mehr von sich.

Ohne sich zu regen, lag der Körper da, und das Mondlicht strömte über das verzerrte Antlitz des Beamten.

Auch er war der unheimlichen Macht erlegen.

Langsam erhob sich die rätselhafte Gestalt des Verbrechers. Die dunklen Blicke glitten starr über den Inspektor hin.

Dann schüttelte sich der Mensch, und als wäre gar nichts weiter vorgefallen, schritt er dem offenen Fenster zu und verschwand.


XXIII.

Bormann, der Hausmeister, hatte niemals einen festen Schlaf gehabt, seitdem er aber wußte, daß unten in dem Zimmer der Ermordeten bald Weller, bald der Inspektor auf das Erscheinen des rätselhaften Menschen lauerten, schlief er noch viel schlechter.

Allein es hatte anfangs den Anschein, als hüte sich der Mörder, gerade jetzt zu kommen, trotz des offenen Fensters.

So war die siebente Nacht angebrochen.

Auch diesmal hatte sich Bormann lange auf seinem Lager hin und her gewälzt, bis er endlich doch in einen Halbschlummer verfiel.

Wie lange er so gelegen, wußte er nicht zu sagen, als er plötzlich durch die Explosion eines Schusses aufgeweckt wurde.

Sofort stand er auf den Füßen außerhalb des Bettes.

Er sagte sich, daß es ziemlich spät sein mußte, konnte sich jedoch nicht so rasch zusammenreimen, wieso er einen Schuß hören konnte.

Es ist dies meist der Fall, wenn man jäh aus dem Schlummer gerissen wird, daß man sich nicht so rasch die Vorgänge zu erklären vermag.

Dann aber vermochte sich Bormann doch zu erinnern, daß ja der Inspektor im Totenzimmer wachte. Kam von dorther der Schuß?

Soeben war es noch tiefdunkel gewesen, jetzt herrschte Mondlicht.

Bormann fuhr in seine Beinkleider und eilte nach dem Fenster, das er öffnete und sich hinausbeugte.

Fast zu gleicher Zeit verschwand unten eine dunkle Gestalt im Gebüsch.

Bormann konnte jedoch nichts Genaues erkennen; es konnte der Inspektor selbst, aber auch der fliehende Mörder sein, was er da soeben verschwinden sah.

Er hörte die Büsche rauschen, vernahm jedoch keinen Ruf. Da Bormann das unbestimmte Empfinden hatte, es hier mit dem fliehenden Verbrecher zu tun zu haben, so mußte er sich wundern, nichts von dem Inspektor zu hören, noch zu sehen.

Der Schuß fiel ihm ein! Wenn der Inspektor getötet war?

Dieser Gedanke spornte den alten Mann zur höchsten Eile an.

Er brannte sich ein Licht an und stieg die Treppe hinunter. Vor der Tür des Totenzimmers angelangt, schwankte der Leuchter bedenklich in seiner Hand. Bormann ermannte sich jedoch und klopfte.

Keine Antwort kam von drinnen.

Nun zögerte er nicht länger, sondern öffnete die unversperrte Tür und trat ein.

Das erste, was er sah, war die regungslose Gestalt des Inspektors, der lang ausgestreckt am Boden lag.

»Herr Inspektor, Herr Inspektor!« schrie Bormann voller Entsetzen, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten.

Glücklicherweise behielt der alte Mann den Kopf wenigstens jetzt oben.

Er stellte sein Licht auf den Boden und kniete an der Seite des Inspektors nieder. Er rüttelte ihn, doch ohne Erfolg. Dann blickte er sich hastig um.

»Sie sind miteinander zusammengetroffen; das Fenster steht weit offen und da liegen auch Spielmarken am Boden. Der Revolver ist einmal abgeschossen, aber getroffen hat er den Verbrecher wohl nicht. Auch er selbst scheint ja nicht verletzt zu sein – nur bewußtlos! Wie ist das nur möglich?«

Bormann lief nach Wasser, holte auch starken Weinessig herbei, mit dem er dem ohnmächtigen Mann Brust und Schläfen wusch.

Erst nach langer Weile kam ein schwaches Leben in den Körper des Inspektors.

Ein Zucken lief über das blasse Gesicht, und dann hoben sich langsam die Lider.

»Herr Inspektor,« rief Bormann in einem Ton, der die Mitte hielt zwischen Freude und Angst, »wie fühlen Sie sich?«

Mit einem starren Blick sah ihn der Inspektor an. Langsam, durch Bormann unterstützt, richtete er sich auf. Dann fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und murmelte:

»Was ist mit mir geschehen? Wo bin ich denn?«

»Wissen Sie es denn nicht, Herr Inspektor?« antwortete Bormann. »Sie wollten ja den Verbrecher erwarten und festnehmen –«

Der Inspektor zuckte heftig zusammen; ein ächzender Laut entfuhr seiner Kehle. Er schlug beide Hände vor das Gesicht und taumelte.

Bormann mußte ihn auffangen, und der alte Mann war so erschrocken, daß er rief:

»Um Gottes willen, Herr Inspektor! Was haben Sie denn? Soll ich den Doktor rufen?«

»Nein –«

»Aber Sie sind gewiß verwundet? Was hat Ihnen der Mensch getan, der hier mit Ihnen zusammentraf?«

Der Inspektor raffte sich gewaltsam auf.

»Wer sagt Euch, daß – er hier war?« fragte er mit einer unnatürlichen Hast.

»Man sieht es doch!« versetzte verwirrt der alte Mann. »Dort das offene Fenster, die Münzen am Boden – und dann Sie selbst, Herr Inspektor! Wie wäre es denn möglich, daß ich Sie in solchem Zustand fände?«

»Ihr täuscht Euch!« stieß Brak hartnäckig durch die Zähne. »Es war niemand hier! Habt Ihr einen Schuß gehört, so ist mir mein Revolver aus Unbedachtsamkeit losgegangen. Die Münzen sind auf den Boden gerollt, weil ich an die Lade stieß; das ist alles. Daß Ihr mich hier ohnmächtig liegen fandet, braucht Euch nicht zu wundern, ich hatte in letzter Zeit öfters solche Anfälle.«

Bormann sah aber, daß es wie von mühsam unterdrückter Qual um den Mund des Inspektors zuckte.

»Weshalb wollen Sie es denn nicht zugeben, Herr Inspektor, daß Sie mit dem Verbrecher zusammenkamen,« fragte er teilnehmend. »Weil Sie ihn nicht festhalten konnten und er Ihnen entwischte? Das ist doch keine Schande!«

»Es war niemand hier!« fuhr der Inspektor zornig auf. »Wollt Ihr es besser wissen, als ich?«

»Ich habe aber doch den Menschen vom Fenster aus gesehen?« wandte Bormann ein.

In diesem Moment faßte ihn der Inspektor krampfhaft am Arm.

»Gesehen?« rief er heftig. »Wer war es? Antwortet, oder, bei Gott –«

»Wer es war, kann ich nicht sagen,« gab Bormann zurück. »Aber daß der Mensch hier herauskam, dies möchte ich beschwören!«

»Ihr habt – sein Gesicht nicht gesehen, ahnt auch nicht, wer es ist?«

»Nein, bei Gott nicht!« beteuerte Bormann.

Der Griff des Inspektors lockerte sich.

»Gut! Ich will Euch eingestehen, daß er hier war,« murmelte er, den Blick starr zu Boden gerichtet. »Wir trafen zusammen, aber da er mir einen Faustschlag auf den Kopf versetzte, so brach ich zusammen. Aber das darf niemand erfahren außer Euch und mir. Ich wäre blamiert für mein ganzes Leben. Schwört mir, zu schweigen über diesen Vorfall gegen jedermann.«

»Aber, Herr Inspektor,« wagte Bormann zu erwidern, »haben Sie denn den Mann nicht erkannt?«

»Nein –«

»Gollwitz war es gewiß?«

»Ich – weiß es nicht genau. Schwört zu schweigen!«

»Wäre es denn nicht besser, die Polizeibehörde erfährt die Sache?«

»Nein; wollt Ihr mich heruntersetzen?« rief Brak, den alten Mann von neuem heftig am Arm schüttelnd. »Schwört!«

»Ich – schwöre es Ihnen denn, Herr Inspektor,« sagte Bormann verwirrt, »zu schweigen gegen jedermann.«

Erst jetzt schien der Beamte einigermaßen beruhigt zu sein. Ein tiefer Atemzug entfloh seiner Brust. Er wandte sich der Tür zu.

»Schließt hier nur alles ab,« sprach er dumpf, »wir brauchen nicht mehr zu wachen, der – Mörder kommt nicht mehr.«

Dann ging er mit unsicheren Schritten über die Schwelle und suchte sein Zimmer auf.

Mechanisch schloß er ab.

Der Polizeiinspektor Brak blieb in der Mitte der Stube stehen. Licht brauchte er keines anzustecken, denn die Mondhelle flutete durch den Raum.

Wie geistesabwesend blickte er vor sich nieder. Ein Schauer lief über seinen Körper.

»Was nun?« murmelte er endlich.

Eine Antwort vermochte er sich nicht zu geben. Jetzt wußte er, weshalb Gollwitz schwieg, weshalb Luise den verfluchten Namen nicht nennen konnte.

Jetzt hätte es in seiner Macht gelegen, den armen, gehetzten Referendar zu retten, seine völlige Unschuld zu beweisen. Er brauchte nur zu sprechen.

Aber auch er konnte es nicht, sowenig wie Gollwitz und Luise, denn auch ihm verschloß ein unseliges Verhängnis den Mund. –

Kopfschüttelnd war Bormann ebenfalls wieder in seine Stube zurückgekehrt, nachdem er der Weisung seines Herrn gemäß Tür und Fenster des Totenzimmers abgesperrt hatte.

Er konnte sich den Vorfall nicht zusammenreimen, trotzdem er annahm, daß der Inspektor einzig deshalb Schweigen von ihm verlangte, weil er in dem Kampf mit dem Verbrecher unterlegen war.

Brak war Polizeibeamter und seiner Strenge wegen bekannt. Es blieb doch immerhin sonderbar, daß er seiner vorgesetzten Behörde diese wichtigen Entdeckungen vorenthielt und die ganze Sache in das Dunkel des Geheimnisses hüllte.

»Er muß einen tüchtigen Hieb auf den Kopf bekommen haben, sonst hätte ich ihn ja auch nicht ohnmächtig am Boden liegend gefunden,« sagte sich Bormann, der mit offenen Augen auf seinem Bett lag. »Hoffentlich erholt er sich bis zum Morgen völlig und überlegt sich die Sache.«

Grau und nebelig zog der nächste Morgen herauf, die feuchten Tropfen hingen an Ast und Blatt, sickerten schwer zur Erde nieder.

Bormann sah nach, ob der Inspektor sich bereits vom Bett erhoben hatte und ob er seiner bedürfe.

Auf sein Klopfen erhielt er keine Antwort, so daß er nach kurzem Zögern die Tür öffnete und eintrat.

Der Inspektor hatte das Lager bereits verlassen und saß am Tisch, starr, wie geistesabwesend, vor sich ins Leere blickend.

Bormann erschrak bei diesem Anblick. Das Gesicht des Inspektors hatte eine graufahle Farbe, der Kopf hing auf die Brust herab und nur die Augen hatten einen sonderbaren Ausdruck, während sich die schmalen, energischen Lippen fest übereinander preßten.

»Herr Inspektor!« rief Bormann betroffen.

Weiter brachte er für den Augenblick gar nichts hervor. Er blickte nur unverwandt den über Nacht so furchtbar veränderten Mann an, dessen dunkles Haar an den Schläfen einen deutlichen Silberschein zeigte.

Der Inspektor fuhr bei dieser Anrede zusammen und hob den Kopf.

»Was – wollt Ihr, Bormann?« fragte er tonlos.

»Ich wollte nur fragen, ob ich das Frühstück –« stotterte der Alte.

Der Inspektor nickte rasch. Er tat es, damit er den Mann weiterbrachte. An Essen und Trinken dachte er wahrlich nicht.

Aber der Hausmeister ließ sich nicht so ohne weiteres fortschicken.

»Sie sehen so krank aus, Herr Inspektor! Mein Gott! Sie haben durch den Schlag, den Ihnen der Mensch diese Nacht versetzte, doch nicht am Ende –«

»– den Verstand verloren?« ergänzte Brak mit harter Stimme. »Meint Ihr das? Nur keine Sorge deshalb; ich – weiß, was zu tun ist!«

»Soll ich nicht den Doktor holen, Herr Inspektor, es wäre doch besser?«

»Nein!« fuhr der Beamte auf. »Geht!«

Und Bormann ging.

Als er nach zehn Minuten mit dem Frühstück wieder das Zimmer betrat, saß der Inspektor noch genau so, wie er ihn verlassen, an dem Tisch.

Nur die eine Hand lag auf der Decke und die Finger waren zur Faust geballt.

Der Hausmeister setzte die Platte vor dem Inspektor auf den Tisch, wartete, ob dieser etwas sagen werde, und als dies nicht geschah, verließ er seufzend das Zimmer.

Nach einer Viertelstunde etwa erschien der Inspektor im Hut und Überrock.

Bormann trat ihm entgegen.

»Haben Sie einen Auftrag für mich, Herr Inspektor?« fragte er.

»Ja so – ja! Packen! Packt den kleinen Koffer für mich, Bormann. Ich werde heute noch abreisen.«

»Abreisen?« rief der Alte verwundert. »Ja, wohin denn?«

»Heim – nach der Residenz.«

Damit schritt er an Bormann vorüber, den Gang entlang. Der Alte sah ihm verwirrt nach und bemerkte, daß sich der bis gestern so eisenfeste Beamte einmal taumelnd mit der Hand an der Mauer stützte.

»Da werde ein anderer daraus klug!« murmelte der Hausmeister.

Er ging in das Zimmer des Inspektors, um das Frühstücksgeschirr abzuräumen, machte aber große Augen, als er sah, daß Brak auch nicht einen Bissen zu sich genommen hatte.

»Das wird schlimm werden!« sagte sich der alte Mann. »Immer solch gesegneten Appetit und nun plötzlich alles vorbei. Er ist wie gebrochen! Und – was ist das? Wozu nimmt er denn seinen Revolver mit sich? Hier hing das Ding immer am Nagel! Wo geht er denn nur hin?«

Bormann trat an das Fenster und sah hinaus.

»Dort geht er! Er nimmt die Richtung nach der Stadt. Da – jetzt bleibt er vor dem Gartengitter seines Bruders stehen und zieht die Glocke –«


* * *


Der Schall der Glocke klang laut und heftig durch das Haus des alten Sonderlings Peter Brak.

Es mochte etwa acht Uhr morgens sein.

Die alte Magd eilte, so rasch sie ihre Füße tragen konnten, nach dem Gitter, das seit den letzten Einbrüchen immer verschlossen gehalten wurde, und öffnete.

Auch sie erschrak nicht wenig über das Aussehen des Inspektors.

»Ist mein Bruder schon auf?« fragte Brak die Alte mit einer harten Stimme, dabei dem forschenden Blick ausweichend, der ihn traf.

»Jawohl; Herr Brak ist erst aufgestanden!« antwortete die Magd. »Ich habe ihm das Frühstück ins Arbeitszimmer getragen. Er befindet sich aber in einer solch gereizten Stimmung, daß ich gern wieder ging.«

Der Inspektor ließ die plappernde Alte stehen und schritt ins Haus.

Während er nach oben stieg, hatte sein Gang ganz plötzlich eine gewisse Festigkeit angenommen, wie sich auch ein eiserner Entschluß in seinen Mienen ausprägte.

Die Magd ließ das Gitter unversperrt und folgte langsam ins Haus.

Es war ihr nicht wohl dabei zumute, wußte sie doch, daß die beiden Brüder nicht gut miteinander harmonierten, und besonders heute bei der überaus gereizten Stimmung Peter Braks eine heftige Szene in Aussicht stand.

Sie erinnerte sich an die neuliche, nach der der Inspektor nicht mehr das Haus seines Bruders betreten hatte.

Neugierig, wie die meisten Frauen, stieg sie nach oben und hielt sich in der Nähe des alten Feuerloches auf, das, wie der Leser weiß, in das sogenannte Arbeitszimmer Peter Braks mündete.

Zwar hatte die Öffnung selbst Peter vermauern lassen, öffnete man aber die kleine Eisentür auf dem Gang, so vermochte man trotzdem einzelne Worte zu hören, vorausgesetzt, sie wurden laut gesprochen.

Vorläufig horchte die Alte nur an der geschlossenen Tür.

Wirklich schien im Arbeitszimmer ein lärmender Auftritt stattzufinden.

Peter Braks schreiende Stimme wurde vernehmbar.

»Ich dachte mir's doch!« nickte die Alte und öffnete geräuschlos das Türchen.

Peter Brak schien förmlich zu toben; er rannte in dem Zimmer umher, während der Inspektor kalt auf ihn einsprach. Leider verstand die Magd bis jetzt kein deutliches Wort.

Sie beugte sich mehr gegen die Mauer.

Der Inspektor schien aufgesprungen zu sein. Hatte er seinen Bruder gepackt?

»Laß mich los!« schrie soeben Peter Brak mit gellender Stimme.

»Weigerst du dich?« hörte die Magd den Inspektor rufen, und sie zitterte förmlich bei dem Ton dieser Stimme.

»Ja – ja! Tausendmal ja! Ich lasse die Polizei holen! Ihr alle wollt mich verderben, seid Schufte, Mörder, Diebe!« schrie Peter.

»Wenn du denn alle Ehr' vergessen hast, so will ich –« hörte die Magd den Inspektor ganz wild rufen.

»Hilfe! Hilfe!« schrillte es aus Peter Braks Kehle.

Die Magd fuhr zurück.

Da krachte ein Schuß. Dröhnend drang der Schall durchs Haus.

»Heilige Mutter Gottes, steh uns bei!« jammerte die alte Magd und sank in die Knie.

Gleich darauf wurden Türen aufgerissen, und der Inspektor eilte aus den Zimmern seines Bruders.

Er hatte keinen Hut auf dem Kopf, die Haare hingen ihm wirr in das todbleiche Gesicht herein.

Die Magd sah dies alles, hörte auch seinen keuchenden Atem. Er dagegen hatte für nichts Augen, eilte die Treppen hinab und stürzte aus dem Haus.

»Er hat seinen Bruder erschossen!« stammelte die alte Magd schreckensbleich.


XXIV.

Der Inspektor hatte das Haus seiner ermordeten Schwester erreicht und betrat kaum sein Zimmer, als er auch schon mit einem ächzenden Laut auf dem Stuhl zusammenbrach.

»Herr, mein Gott,« bebte es von seinen Lippen, »vergib mir die Blutschuld!«

Dann raffte er sich gewaltsam auf, strich das Haar aus der Stirn. Eine unheimliche Ruhe bemächtigte sich jetzt seiner.

»Ich muß fort, sogleich, es ist ja noch manches zu tun!« sagte er.

Nach einer anderen Kopfbedeckung suchend, rief er, nachdem er eine solche gefunden hatte, Bormann.

Als der Hausmeister erschien, fand er den Inspektor viel ruhiger, als am frühen Morgen, obwohl er glaubte, Brak wäre vor einer Weile wie ein Toller die Stufen vor dem Haus emporgerannt.

»Tragt den Koffer hier nach der Bahn!« befahl der Inspektor. »Gebt ihn im Gepäckraum für mich ab, der Mann kennt mich. Ich komme zu Fuß nach.«

Bormann nahm das kleine Gepäckstück auf und entfernte sich damit.

Zwanzig Minuten später folgte der Inspektor. Vom Fenster aus hatte er Bormann mit dem Koffer unterm Stadttor verschwinden sehen, gleich darauf erschien die alte Magd seines Bruders händeringend auf dem Weg vor dem Gitter und eilte ebenfalls nach der Stadt.

Der Inspektor verließ das Haus, rasch in den nebelgrauen Morgen hineinschreitend.

Er kam an dem Haus Peter Braks vorbei, drehte jedoch nicht einmal den Kopf, sondern beschleunigte nur seine Schritte.

Vor dem Stadttor, rechter Hand des Weges, befand sich ein dichtes Gebüsch.

Dorthinein eilte der Inspektor. Zwischen dem Buschwerk, das ihm mit den nassen Ästen und Blättern das Gesicht streifte, blieb der Beamte stehen.

Von hier aus konnte er das Stadttor und den größten Teil des Weges übersehen, der zu dem Haus Peter Braks führte, ohne selbst beobachtet zu werden.

Der Inspektor sah auf seine Uhr. Noch eine Stunde blieb ihm bis zum Eintreffen des nach E . . . weiterdampfenden Zuges.

Von nun an verharrte der Inspektor beinahe regungslos. Lange zeigte sich keine Menschenseele auf dem Weg, der nur an den beiden Häusern vorbei und dann in den Forst führte. Endlich erschienen zwei Personen in höchster Eile. Es war die alte Magd und der Doktor Burghardt.

»Eilen Sie, Herr Doktor – er stirbt ja!« wimmerte eben die Magd. Die beiden schritten hastig weiter.

Ein tiefer Atemzug hob die Brust des Inspektors. Wieder vergingen einige Minuten, dann erschien der Polizeikommissar mit einem Protokollanten, in seinen grauschwarzen Wettermantel gehüllt und rasch ausschreitend.

»Unbegreiflich, rätselhaft!« hörte der Lauscher den Beamten mehrmals hintereinander sagen.

Die beiden verschwanden im Garten Peter Braks. Ein verächtlicher Zug legte sich um den Mund des Inspektors.

»Was wißt ihr alle von dem eigentlichen Drama?« murmelte er.

Wieder vergingen zwanzig Minuten.

Ein Schüttelfrost packte den Inspektor. Die naßkalten Tropfen der Zweige sickerten über sein Gesicht.

Endlich sah er nach der Uhr und dann nach dem Weg.

Noch zehn Minuten bis zum Abgang des Zuges!

Bormann eilte an ihm vorbei. Er schien bereits von dem Vorgefallenen in der Stadt erfahren zu haben.

Jetzt kam der Arzt zurück, den der Inspektor erwartet hatte. Kurz bevor er an das Gebüsch trat, teilte der Inspektor die Zweige und schritt auf den Weg.

Doktor Burghardt fuhr ordentlich zurück. Dann faßte er sich jedoch rasch.

»Sie, Herr Inspektor?!« rief er. »Wissen Sie, daß ich soeben von Ihrem Bruder komme?«

»Ja – ich habe auf Sie gewartet.«

»Sie – haben auf ihn geschossen, wohl im Streit?«

»Ja, im Streit! Ist er tot? Nur dies wollte ich von Ihnen erfahren.«

Die Blicke des Inspektors hingen gespannt an dem Gesicht des Doktors.

»Nein, danken Sie es Ihrem Geschick. Eine Rippe fing die Kugel auf und leitete sie ab. Ein Streifschuß, in vierzehn Tagen ist die Wunde verheilt!« sagte er.

Der Inspektor fuhr jäh empor.

»Nicht tot?« stammelte er. »Nur ein Streifschuß?«

»Ich verstehe Sie nicht, Herr Inspektor?« rief perplex der Arzt. »Ich kann ja vielleicht begreifen, daß Sie in einem Augenblick völligen Selbstvergessens eine Tat begingen, die man im günstigsten Fall mit versuchtem Totschlag bezeichnen wird, aber daß Sie darüber entsetzt sind, daß die Kugel das Herz nicht traf, für das sie bestimmt war, das ist mir gänzlich unbegreiflich!«

»Sie haben recht, Doktor,« sprach der Inspektor tonlos. »Ich bin nicht recht bei Verstand! Ich – danke Ihnen!«

Rasch, so rasch, daß ihm der Arzt nicht zu folgen vermochte, eilte der Inspektor davon, dem Bahnhof zu.

Es war die höchste Zeit.

Soeben fuhr der Zug ein, und Brak konnte gerade noch seinen Koffer nehmen, ein Billett lösen und ins Coupé springen.

Bis hierher schien die alarmierende Nachricht doch noch nicht gedrungen zu sein, denn niemand hielt den Inspektor auf. Er saß allein in einem Coupé, und der Zug trug ihn pfeilgeschwind nach E . . .

»Nicht tot!« murmelte er dumpf. »Alles umsonst! Und ich selbst, bin ich nicht dem Gesetz verfallen, selber ein Verbrecher, ein Totschläger?«

Er lachte wie wahnsinnig auf.

»Einen anderen wollte ich vor dem Zuchthaus bewahren, nun blüht es mir selbst. Aber nein, nein! Kein Makel haftete bis heute an meinem Namen; ich werde ja wohl den richtigen Weg finden, dem – Zuchthaus zu entgehen.«

Bald hatte man E . . . erreicht.

Der Inspektor stieg aus und gab seinen Koffer dem Portier. Was sollte er jetzt mit ihm!

Wie er sich durch die Reisenden der Kreuzungsstation drängte, ertönte dicht in seiner Nähe ein leiser Aufschrei. Er wandte sich um und stand Luise gegenüber, die aus einem Geschäft der Stadt Stickereien zum Fertigstellen geholt hatte und am Bahnhof vorbeigekommen war.

Der Inspektor ergriff Luises Hand und zog das bleiche vergrämt aussehende Mädchen rasch beiseite.

»Gut, daß ich dich hier treffe, Luise!« stieß er hastig hervor. »Ich habe Wichtiges mit dir zu reden, und es bleibt uns nur wenig Zeit. Ich versprach dir einst, zu helfen, und zwar dadurch, daß ich selbst den Mörder ertappte, den weder Gollwitz, noch du bei Namen nennen konntest!«

»Onkel – du hast –?« rief Luise zitternd.

»Ich habe ihm aufgelauert, habe ihn ertappt, erkannt!«

»O mein Gott!« hauchte das Mädchen.

»Ich weiß nun, weshalb Gollwitz seinetwegen litt. Auch ich war entschlossen, zu schweigen. Dein Vater ist diesen Morgen von mir im Streit verwundet worden. Ich bin entflohen, aber bald wird die Polizei meine Flucht entdeckt haben. Totschlag, versuchten Totschlag werden sie es nennen und mich auch demgemäß verurteilen. Aber sie sollen mich nicht in ihre Hände bekommen. Warum ich mich zu dem verbrecherischen Schritt hinreißen ließ, höre mich an und dann verurteile auch du mich, wenn du kannst!«

Hastig flüsterte er auf die Arme hinein, und als er geendet, fügte er auffahrend hinzu:

»Habe ich ein Verbrechen begangen, Luise?«

»Nein,« murmelten ihre bleichen Lippen.

»Ich danke dir, Kind! Und nun leb' wohl! Kehre niemals in das Haus deines Vaters zurück, solange er dort lebt. Ich hoffe aber, auch der Gerechtigkeit einen Dienst erweisen zu können. Was du auch hören wirst, verdamme mich nicht. In Ehren bin ich alt geworden, die letzten Tage haben mein Haar grau gefärbt, ich werde den einzigen Weg wählen, der mir bleibt. Wir alle sind dem unseligen Geschick unterlegen!«

Er umarmte voller Hast das Mädchen, und ehe dieses Zeit finden konnte zu einer Entgegnung, war er davongeeilt.

Die Füße wollten Luise den Dienst versagen, mühsam schleppte sie sich weiter, mit den Händen sich an den Häusern stützend.

So erreichte sie das Gartenhäuschen Balthasars, wo sie schluchzend auf einen Stuhl sank.

»Was ist denn jetzt schon wieder geschehen, Luise?« rief der alte Mann verstört. »Ein neues Unglück?«

»Das Unglück wird kein Ende nehmen!« stöhnte Luise.

»Da denke ich nun doch ganz anders, Luise,« versetzte Balthasar hartnäckig. »Wenn auch Sie behaupten, den Mörder gesehen und erkannt zu haben und dennoch sich weigern, seinen Namen zu nennen, so muß dieser unheimliche Mensch auf Sie, wie auf Gollwitz, eben eine unerklärliche, dämonische Macht ausüben. Etwas anderes aber ist es mit dem Herrn Inspektor. Hat er nicht mir und auch Ihnen versprochen, den Menschen zu verhaften? Darauf rechne ich noch mit aller Bestimmtheit. Der Inspektor ist ein Polizeimann und wird sich den Kuckuck um die sogenannte dämonische Macht kümmern. Weiß der nur einmal, mit wem er es hier zu tun hat, so ist der Bursche auch verloren.«

»Der Inspektor hat den – Mörder gesehen – in vergangener Nacht!« preßte Luise qualvoll hervor.

»Hurra!« schrie Balthasar, und es zog wie Sonnenschein über das faltenreiche, ehrliche Gesicht des Alten. »Er hat ihn gesehen! Dann sind wir schön heraus! Daß es Gollwitz nicht sein kann, wissen Sie ja so gut wie ich, denn der ist ja –«

Der Alte schlug sich mit der Hand auf die Stirn.

»Alle Wetter, wenn das außer uns jemand gehört hätte! Der Inspektor ist wohl hier gewesen?«

»Ich traf ihn auf dem Bahnhof.«

»Aha! Er zeigt den Burschen wohl an, oder bringt er ihn gar gleich mit?«

»Keines von beiden; auch er nennt den Namen nicht, und die furchtbare Blutschuld bleibt auf Heinrich lasten, wenn der Mörder sich nicht selbst nennt. Und auch dann ist alles verloren!«

Der Alte faßte mit beiden Händen nach seinem Kopf.

»Gott steh mir bei! Was ist das nur wieder? Der Inspektor kennt den Mörder, läßt ihn laufen und nennt ihn nicht?«

»So – ist es!« hauchte Luise frostschüttelnd.

»Und Sie haben sich ihm nicht zu Füßen geworfen, haben ihn nicht angefleht, Heinrichs wegen zu sprechen?«

»Nein, und er hätte es auch nicht getan, sowenig wie ich!«

»Ist das Barmherzigkeit, ist das Gerechtigkeit?« schrie der Alte, gänzlich auseinandergebracht. »Ihr wißt, daß ein Unschuldiger zu Tod gehetzt wird, daß er an den Rand des Wahnsinns getrieben wurde, und weigert Euch, ein Wort zu seiner Erlösung zu sprechen?

Und dabei behaupten Sie selbst, Luise, daß Sie niemals einem anderen Menschen Ihre Liebe zuwenden würden, als eben diesem Unschuldigen, der mit Ihrem Willen langsam zu Tode gemartert wird? Und der Inspektor galt als eine Leuchte der Gerechtigkeit! Diese Welt ist mir nicht mehr verständlich; ich wollte, ich könnte sie verlassen!«

Während dieser harten, aber dennoch von der Seite Balthasars aus gerechten Anklage hatte das Mädchen beide Hände vor das Gesicht geschlagen.

Nun ließ es dieselben kraftlos sinken, und der alte Mann sah den Ausdruck furchtbarster Seelenqual in dem todbleichen Gesicht.

»Seht Ihr denn nicht selbst, wie entsetzlich ich leide?« stammelte sie.

Balthasar lief erschüttert in der Stube auf und nieder.

»Der Inspektor, der Inspektor!« rief er. »Das war meine letzte Hoffnung, meine beste! Nun ist auch die verlorengegangen. Wer wird nun dem unglücklichen Referendar zu Hilfe kommen?«

»Es gibt keine Hoffnung, keine Hilfe!« murmelte Luise.

Balthasar hörte nicht darauf.

Er wandte sich der Tür zu.

»Wenigstens erfahren muß es Heinrich, was sich ereignete!« sagte er entschlossen. »Vielleicht redet er jetzt doch selber, da er von anderer Seite keine Hilfe mehr erwarten kann.«

In demselben Augenblick, da er die Hand auf die Klinke legte, fiel sein Blick durch das Fenster.

Als wäre plötzlich ein Schreckgespenst vor ihm aufgetaucht, fuhr er zurück und deutete nach dem Garten hinaus.

»Himmel! Was ist das?« stotterte er.

Nun hob auch Luise den Kopf.

Zwei Gendarmen standen vor dem Gitter und der eine davon zog soeben stark an dem Glockendraht.

Balthasar eilte zu Luise.

»Sie suchen den Referendar!« rief er halblaut.

»Haben Sie dem Inspektor gesagt, daß er hier –«

»Nein, nein! Rettet ihn, Balthasar!« antwortete Luise in höchster Angst.

Jetzt erschallte die Glocke.

»Lassen Sie die Herren nur warten. Meine Schwester ist nicht zu Hause. Um so besser, sie könnte uns durch ihre Angst verraten. Ich will die Treppe hinauf und durch das obere Fenster blicken, ob der Weg nach dem Wald zu frei ist. Während wir dann die Gendarmen hier unten aufhalten, gewinnt Heinrich Zeit, zu entfliehen!«

Balthasar eilte hinaus, während Luise in tödlicher Angst zurückblieb.

Wenn den beiden Gendarmen die Geduld ausging und sie gewaltsam in den Garten drangen, noch ehe Gollwitz fliehen konnte?

Zum zweitenmal ertönte die heftig in Bewegung gesetzte Glocke.

Zitternd stand Luise inmitten der Stube.

Da endlich, endlich knarrte die Treppe. Gleich darauf stürzte Balthasar ins Zimmer.

»Wir sind verloren! Zwei Polizeiposten stehen nach dem Wald zu. Heinrich kann nicht entfliehen und ist verloren, wenn das Haus durchsucht wird.«

Vom Gartentor her vernahm man lautes Rufen. Die beiden Gendarmen waren über das Gitter gestiegen und näherten sich rasch dem Haus.

Nun galt es, eine erhabene Stirn zu zeigen.

Balthasar trat den beiden Männern entgegen, die schlecht gelaunt schienen.

»Warum öffneten Sie nicht?« fragte der eine, der Wachtmeister, barsch.

Balthasar entschuldigte sich damit, daß er im Keller beschäftigt gewesen wäre, verlangte sodann zu wissen, was die Herren berechtige, auf solche Art in sein Besitztum einzudringen.

»Das werden Sie gleich hören,« versetzte der Wachtmeister. »Wo steckt der entsprungene Sträfling Gollwitz?«

»Gollwitz? Ich weiß nichts von ihm,« antwortete Balthasar dreist, innerlich aber zitternd. »Wenn Sie den Mann hier suchen, gehen Sie fehl!«

»Meinen Sie?« sagte mit einem gefährlichen Lächeln der Gendarm. »Ich werde Ihnen etwas sagen, Mann. Vor einer halben Stunde haben wir Ihre Schwester festgenommen, und dieselbe ist einem scharfen Verhör unterzogen worden!«

»Brigitte?« rief der alte Mann. »Wie kommen Sie dazu?«

»Sehr einfach! Auf Sie selbst hatten wir immer ein Auge. Wir vermuteten, und nicht mit Unrecht, daß Sie mit dem entsprungenen Gollwitz unter einer Decke steckten. Aber Sie waren schlau. Dennoch lenkte sich der Verdacht, den Verbrecher hier versteckt zu halten, mehr und mehr auf Sie. Um nun rascher zum Ziel zu gelangen, verhafteten wir kurzerhand diesen Morgen Ihre Schwester. Richtig gestand sie in der ersten Angst auch so ziemlich alles. Sind Sie nun orientiert? Und jetzt zögern Sie nicht länger, öffnen Sie die Kammer da oben, wo der Vogel steckt. Entkommen kann er nicht mehr. Die Prämie ist uns gewiß!«

Balthasar brach förmlich zusammen.

»Verloren!« ächzte er.


XXV.

In das Dienstzimmer des amtierenden Polizeiinspektors zu E . . . trat der Inspektor Brak.

Die beiden Herren waren gut bekannt miteinander, noch aus der Zeit her, bevor Brak nach der Residenz versetzt wurde.

»Ich bitte Sie um eine Gefälligkeit, Herr Kollege,« sagte Brak.

Obwohl er bemüht war, möglichst ruhig zu sprechen, so hörte doch der befreundete Inspektor sogleich das Sonderbare aus dieser Stimme.

»Was ist Ihnen begegnet, Herr Kollege?« fragte er deshalb rasch. »Sie sehen ja ganz bleich aus!«

»O, nicht viel, eine Kleinigkeit in der Familie, wie es ja häufig vorkommt,« antwortete Brak mit mühsam aufrechterhaltener Fassung. »Machen Sie sich deshalb keine Sorge. Ich habe soeben auf der Durchfahrt eine Nachricht erhalten, die ich schriftlich beantworten möchte, da ich nicht mehr Zeit erübrige, um nach Wilberg zurückzukehren. Und da ich in hiesiger Stadt niemand weiter kenne, so wollte ich Sie bitten, mir Ihr Privatkabinett auf wenige Minuten zu überlassen.«

»Mit Vergnügen, mein Privatkabinett steht Ihnen zur Verfügung,« sprach der Beamte, noch immer beunruhigt über den sonderbaren Klang in den Worten des Inspektors Brak.

Dieser nickte nur dankend und schritt über die Schwelle des kleinen Kabinetts, dessen Tür der Polizeibeamte ihm öffnete.

»Sie finden Papier und alles Nötige auf dem Arbeitstisch dort,« sagte er.

»Danke bestens!«

Die Tür schloß sich wiederum.

Der Polizeiinspektor von E . . . blickte dem Kollegen kopfschüttelnd nach.

»Was ist in den Mann nur gefahren?« fragte er sich. »Sein Aussehen gefällt mir nicht im geringsten. Muß eine ganz sonderbare Nachricht sein, die er da erhalten hat!«

Der Inspektor kam jedoch sogleich von diesen Gedanken wieder ab und kümmerte sich nicht weiter mehr um den im Nebenzimmer schreibenden Inspektor Brak, da diesen Vormittag auf dem Polizeiamt überaus wichtige Dinge sich abspielten.

Vor kurzem hatte das Verhör der alten Brigitte stattgefunden, wobei wirklich das erwartete Resultat erzielt wurde. In ihrer Angst – zum erstenmal im Leben hatte die alte Frau mit der Polizei zu tun – gestand Brigitte, daß Heinrich Gollwitz sich in ihrem Haus aufhalte, und zwar in einer genau bezeichneten Oberkammer.

Brigitte gab weiter an, daß sie gar nicht wisse, wie Gollwitz in das Haus gekommen wäre, plötzlich sei er oben in der Kammer aufgetaucht und aus Mitleid und Barmherzigkeit habe sie, wie auch ihr Bruder, geschwiegen, da sie den Referendar für unschuldig hielten.

Der Polizeiinspektor ließ die laut jammernde alte Frau vorläufig in eine Zelle bringen, bis die Verhaftung des entsprungenen, schweren Verbrechers gelungen war.

Nachdem wollte er Brigitte wieder nach Hause entlassen, obwohl sie, wie auch ihr Bruder, sich gegen das Gesetz vergangen hatten, da sie einen steckbrieflich verfolgten, entsprungenen Verbrecher den Augen der Polizei entzogen.

Allein es lag weder bei Balthasar, noch bei Brigitte ein Fluchtverdacht vor; die alten Leute hatten sich bisher nichts zuschulden kommen lassen.

Nun erwartete der Inspektor jede Minute das Eintreffen der zur Verhaftung ausgeschickten Polizisten.

Eine schwache halbe Stunde war vergangen, da schlug der elektrische Apparat im Zimmer an.

Der Inspektor trat hinzu und las zu seiner nicht geringen Überraschung:


»Am frühen Morgen hier ein Mordversuch auf den Rentier Peter Brak ausgeführt. Brak lebt, scheint aber schwer verwundet. Der Mörder ist entflohen. Nahm die Richtung nach E . . . das er mit dem Morgenzug 9 Uhr 45 Minuten erreicht haben dürfte. Bitten um Verfolgung. Es handelt sich um den Bruder des Überfallenen, den Polizeiinspektor Brak.

Polizeikommissariat Wilberg.«


Das Ticken des Apparates hatte aufgehört.

Der Inspektor von E . . . griff nach der Stirn. Träumte er? Hatte er recht gelesen?

Es war ja doch nicht möglich, daß Brak, dieser besonnene Mann, sich so weit vergessen konnte, ein Verbrechen zu begehen!

Aber da stand es deutlich, er hatte sich nicht geirrt!

Er wollte sehen, was Brak zu dieser fürchterlichen An klage sagen würde. Auf sein Klopfen öffnete Brak und sagte ruhig:

»Meine Arbeit ist getan; ich danke Ihnen. Dort auf dem Tisch liegt ein versiegeltes Papier. Ich bitte, befördern Sie es an seine Adresse. Und nun – lassen Sie mich gehen.«

Aber der Beamte wich nicht zur Seite.

»Eine Frage erst, Herr Inspektor,« sagte er ernst: »Sie kommen von Wilberg?«

»Ja!«

»Soeben ist von dort ein Telegramm an mich eingelaufen. Ein Mordanfall ist dort geschehen.«

Brak zuckte zusammen.

»So rasch schon!« murmelte er, mit der Hand nach der Brust greifend. »Ich dachte mehr Zeit zu gewinnen –«

»Sie kennen den Mörder?« rief der Polizeiinspektor von E . . . .

»Ja, ich selbst habe auf meinen Bruder geschossen, aber die Kugel wurde abgelenkt!« antwortete Brak tonlos.

»Dann tut es mir leid, ich muß Sie verhaften, bis dieser seltsame Vorfall sich, wie ich hoffe, aufgeklärt hat.«

»Sie – tun nur Ihre Pflicht, ich – kenne das ja,« sagte mit fahlen Lippen und starrem Blick der Inspektor Brak. »Aber lassen Sie mir noch einige Minuten Zeit, bis ich –«

Er stockte und richtete den Blick nach der Tür, vor der ein Geräusch entstanden war.

Auch der Beamte tat einen Schritt vorwärts. Die Tür öffnete sich und, transportiert von mehreren Polizisten, wurde der Referendar Gollwitz in das Zimmer gestoßen.

Er trug keine Kopfbedeckung, das völlig farblose Gesicht zeigte den Ausdruck tiefster Verzweiflung.

Die Haare hingen ihm in die Stirn und seine Handgelenke umschloß das Fesseleisen.

»Wir haben den Vogel aus dem Nest genommen!« rapportierte mit einem triumphierenden Lächeln der Polizeiwachtmeister, der sich manches erlauben durfte. »Gewehrt hat sich der Bursche wie ein Toller, und erst als ihm Brand die Faust auf den Kopf schlug, konnten wir ihn fesseln. Sehen Sie nur, Herr Inspektor, wie er an den Eisen zerrt und mit den Zähnen knirscht!«

»Ich bin unschuldig!« keuchte Gollwitz. »Tausendmal rufe ich es den Richtern zu, zum Himmel empor! Ich bin entflohen, weil mich der Gedanke an das Zuchthaus rasend machte; ich habe mich in die feuchte Erde gebohrt und wäre lieber verhungert, als mich in die Hände der Polizei zu geben – bis meine letzte Kraft brach.

Jetzt atmete ich noch einmal auf, weil ich dort, in jenem Haus, ein Asyl fand! Zieht die alten Leute nicht zur Verantwortung! Sie wissen ja, daß ich schuldlos bin, Luise kennt ja den wahren Mörder, ohne ihn zu nennen, auch ich kenne ihn, sogar der Inspektor Brak kennt ihn, wie mir Balthasar noch bei meiner Verhaftung zurief.«

»Ja – ich kenne ihn!« drang Braks tiefe Stimme durch den Raum.

Erst jetzt sah der Gefangene den Bruder des alten Sonderlings.

»Herr Inspektor,« rief er, »sagen Sie allen hier, ob ich dieser Mörder bin!«

»Nein, Gollwitz, Sie sind es nicht!«

»Aber, wer ist es dann?« fuhr der amtierende Polizeibeamte auf. »Den Namen!«

»Ich kann Sie nur bitten, das versiegelte Paket dort an seine Adresse zu befördern!« antwortete Brak. »Gollwitz ist unschuldig, aber trotzdem kann ich ihm nicht helfen.«

»Ich wußte es,« stammelte der Referendar. »Herr, mein Gott, wann schickst du mir Erlösung? Und gibt es keine, so gib mir den Wahnsinn, damit ich nicht mehr fassen kann, was um mich herum vorgeht!«

»Genug!« rief zornig der Inspektor von E . . . . »Dies ganze Reden hat keinen Sinn. Und daß Sie, Herr Inspektor, sich noch dieses Menschen annehmen, ist für mich jetzt, nach den letzten Vorfällen, nicht mehr überraschend. Wer weiß, ob nicht Sie selbst schon hier Ihre Hand mit im Spiel hatten!«

Ein unnatürliches Lachen entrang sich der Kehle Braks.

»Recht so! Stempelt mich nur gleich auch zum Mörder meiner Schwester. Einer, der da oben über uns, weiß, wie es in der Tiefe meiner Brust aussieht. Der Mörder wird selbst den einzig möglichen Ausweg ergreifen. Dann denkt man vielleicht anders von dem Inspektor Brak, der aus Not zum Verbrecher wurde, indem er seinen Bruder töten wollte. Dann ist auch dieser Unglückliche gerettet. Halten Sie daran fest, Gollwitz, dieser eine Hoffnungsstrahl bleibt Ihnen noch!«

Der amtierende Inspektor machte eine befehlende Handbewegung.

»Wachtmeister!« rief er. »Inspektor Brak ist auf Requisition des Polizeikommissariats Wilberg verhaftet. Führen Sie ihn ab!«

Der Polizist wollte auf Brak zutreten, da wich dieser einen Schritt zurück.

»Geduld – Geduld!« rief er. »Die Zelle erspare ich mir!«

Ein dumpfer Knall erfolgte im Zimmer. Dann polterte Braks Revolver zu Boden.

Eine Sekunde stand der Inspektor aufrecht, mit halb geöffnetem Mund da.

»Das – Päckchen –« hörte man ihn sagen.

Dann aber stürzte er, wie vom Blitz getroffen, zusammen und schlug lang auf den Boden, ohne daß ihn der Wachtmeister oder sonst wer hätte noch auffangen können.

Wie eine Lähmung lag es sekundenlang auf allen. Der Polizeiinspektor von E . . . . war der erste, der sich über den regungslos Daliegenden beugte.

Alle Härte war aus dem Gesicht des Beamten gewichen bei diesem mit blitzartiger Schnelligkeit ausgeführten Selbstmord.

»Brak!« rief er. »Was haben Sie getan?«

Aber dieser gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Aus einer Wunde sickerte Blut; die Kugel mußte sofort getötet haben, da der Schuß aus allernächster Nähe abgegeben wurde.

»Er hat gut getroffen,« sprach der erschütterte Inspektor, indem er sich erhob, »mitten ins Herz. Ein Muster von Gerechtigkeit sein Leben lang, brachte ihn ein unseliges Verhängnis dennoch zu Fall. Um dem Gefängnis zu entgehen, starb er lieber freiwillig.«

Gollwitz hatte mit weit geöffneten Augen auf die Leiche gestarrt.

»Das Päckchen – es muß mich retten!« rief er nun.

»Bringt den Gefangenen einstweilen in eine feste Zelle, bis hier die Gerichtskommission alles aufgenommen hat,« befahl der Inspektor.

»Ja, bringt mich fort – fort!« stöhnte Gollwitz. »Ich sehe nichts als Blut, da, dort, überall! Es steigt mir in die Augen, erstickt mich –«

Und Gollwitz mußte von zwei Polizisten unter den Armen gefaßt und aus dem Zimmer getragen werden, denn er hatte die Besinnung verloren.

Der Inspektor von E . . . . schritt an der Leiche Braks vorüber und trat an den Arbeitstisch, auf dem das von dem Toten ihm empfohlene Päckchen lag.

»An meinen Bruder Peter Brak zu senden!« stand darauf.

Verwundert schüttelte der Polizeibeamte den Kopf.

Hatte Brak am Ende doch weit mehr auf dem Gewissen, als diesen letzten Überfall seines Bruders? Wenn er selbst seine Schwester ermordet hätte? Er teilte sich ja mit dem alten Sonderling in das Erbe. Wenn er jetzt auch noch den Versuch gemacht hätte, sich von dem Miterben zu befreien, um allein sich des Besitzes zu erfreuen?

Es wäre möglich, liegt doch so manches Rätsel in der Menschenbrust, und die Worte Braks geben zu denken:

»Der Mörder wird selbst den richtigen Ausweg finden.«

Und sagte nicht Gollwitz darauf: »Das Päckchen muß mich retten?« Es ist nicht anders, hier ist ein Geständnis enthalten, das Brak seinem Bruder macht. Sonderbar bleibt es nur immerhin, weshalb der unglückliche Mann diese Mitteilungen nicht direkt an die Polizeibehörde adressiert.

Der Inspektor nahm das versiegelte Päckchen und ließ es sofort an seine Adresse befördern, das heißt, er sandte es mit der Todesnachricht des Inspektors Brak an das Polizeikommissariat Wilberg, mit der Bitte, es an Brak auszufolgen, sobald es dessen Zustand erlaubte.


* * *


Halb tot vor Schrecken, kam die alte Brigitte gegen Mittag wieder in ihrem Häuschen mit Balthasar an, der sich selbst auf den Weg nach dem Stadthaus gemacht hatte, wo seine Aussagen – zu leugnen gab es nun nichts mehr – zu Protokoll genommen wurden, wie es schon früher mit denjenigen Brigittes geschehen war.

Dann entließ man ihn, wie auch seine Schwester.

Zu Hause angelangt, fiel Brigitte sogleich in Weinkrämpfe und auch Balthasar war gänzlich desperat.

In die Stube tretend, während Brigitte wie gewöhnlich in der Küche zurückblieb, fand er Luise am Fenster sitzend, die Arme matt herabhängend, trostlos vor sich niederblickend. Als sie Balthasar bemerkte, machte sie mit dem Kopf eine leichte Bewegung.

»Ihr kommt – vom Polizeiamt?« flüsterte sie kaum hörbar.

»Ja; sie haben Brigitte wieder entlassen, wenn wir uns auch seiner Zeit zu verantworten haben werden. Aber ich fürchte mich nicht und hoffe, daß bis dahin der wahre Mörder entdeckt ist, trotz alles Fürchterlichen, was sich heute ereignete!« antwortete der alte Mann.

»Ihr meint die Verhaftung Heinrichs?«

»Das – und noch etwas anderes! Luise, sind Sie stark genug, um eine doppelte Schreckensbotschaft zu tragen?«

»Sprecht nur, Balthasar,« hauchte das Mädchen. »Mir ist, als wäre mein Herz nicht mehr so empfindlich wie einst. Die Leiden haben es abgestumpft. Jetzt könnte ich auch das Entsetzlichste hören, und ich würde trotzdem nicht die Besinnung verlieren.«

Mit tiefem Mitleid betrachtete Balthasar die Unglückliche.

»Arme Luise!« sagte er.

»Daß Ihr Vater verwundet ist, das wissen Sie bereits, und Sie haben mir trotzdem erklärt, nicht zu ihm zurückkehren zu wollen. Inzwischen hat sich auf dem Polizeibureau ein neues Unglück zugetragen. Um der bevorstehenden Verhaftung zu entgehen – tötete sich Ihr Onkel, der Inspektor, selbst.«

Nur ein leiser Schrei entschlüpfte den farblosen Lippen Luises. Dann drückte sie beide Hände auf die Brust.

»Tot – tot!« stöhnte sie. »Ich weiß, warum er es tat! O, mein Gott, hast du keine Barmherzigkeit für uns, keinen lichten Strahl mehr? Sollen wir alle rettungslos zugrunde gehen?«

»In allem Unglück liegt immer ein Funke Glück. Hören Sie nur, Luise! Der unglückliche Mann hat vor seinem Tode ein Schreiben verfaßt.«

»Wo ist dieser Brief?« rief das Mädchen hastig.

»Davon will ich eben sprechen. Der Inspektor hat öffentlich und feierlichst erklärt, daß Gollwitz nicht der Mörder sei. Aber natürlich glaubte man ihm nicht so ohne weiteres. Er sollte den Namen des wahren Mörders angeben.«

»Und tat er das?« rief Luise.

»Nein; er bat den Beamten nur den versiegelten Brief an seine Adresse zu senden. Darin sollten Aufklärungen enthalten sein, und endlich wird man den Namen des unheimlichen Menschen erfahren, denn der Brief trug die Adresse Ihres Vaters.«

»Meines – Vaters«?

»Jawohl, und er ist bereits nach Wilberg abgegangen. Der Inspektor hat den Mörder gesehen, erkannt, sich zwar bis jetzt geweigert, den Namen zu nennen, aber da nun dieser Name unzweifelhaft in dem Brief enthalten ist, so wird und darf Ihr Vater ja gar nicht länger zögern, mit der Wahrheit herauszurücken. Dadurch ist Gollwitz gerettet, und man wird auch mit uns nicht so streng ins Gericht gehen, da wir ja einen Unschuldigen aufnahmen und verbargen. Sie sehen also, Luise, trotz alles Unglücks steht die Sache nicht so trostlos, und auch Heinrich soll seine ganze Hoffnung auf dieses von dem Inspektor hinterlassene Schreiben setzen!«

Mit trockenen Augen hatte das Mädchen in den Schoß niedergeblickt. Nun schüttelte sie mechanisch den Kopf.

»Heinrich kann keine Hoffnung erwarten, denn es gibt keine,« sagte sie tonlos.

»Gibt keine?« wiederholte Balthasar perplex. »Wenn doch Ihr Vater nun den Namen des wahren Mörders erfährt, wenn er ihn nennt?«

»Er wird es nicht tun!«

»Das wollen wir abwarten. Ich habe auf der Polizei darauf hingewiesen, daß in dem Brief der Name enthalten ist. Man hat auch eine diesbezügliche Notiz behalten. Wenn es gut geht, kann Ihr Vater schon morgen seine Angaben machen.«

Luise preßte nur noch fester die Lippen übereinander, sprach jedoch nichts.

»Sie denken wirklich, daß Ihr Vater den Inhalt des Briefes geheimhalten könnte?« fragte Balthasar nach einer Weile.

»Ja, das denke ich!« lautete die dumpfe Antwort.

Balthasar ging aufgeregt in der Stube auf und nieder, sich mehrmals mit den Fingern durch die grauen Haare streifend.

»Dann wüßte ich aber wirklich nicht mehr, was ich von der Sache halten sollte!« rief er heftig. »Dann wäre nur das eine anzunehmen, daß der Mörder –« Er stockte.

»Was wolltet Ihr sagen, Balthasar?« fragte das Mädchen, den Kopf hebend.

»Daß, wie der Polizeiinspektor vermutet, Ihr Onkel selber die Hand im Spiel hatte, daß der Brief ein Bekenntnis enthält – daß der Inspektor Brak seine Schwester tötete, wie er Ihren Vater töten wollte!« platzte Balthasar heraus.

Mit einem Ruf des Entsetzens sprang Luise auf.

»Das – ahnt der Inspektor?« rang es sich aus ihrer Kehle.

»Jawohl, ich habe dergleichen wenigstens aus den Worten des Polizeibeamten herausgefunden, und Ihr Erschrecken, Luise, sagt mir, daß ich recht habe. Sie wollen ja den Täter erkannt haben.«

Abwehrend streckte Luise dem alten Mann beide Hände entgegen.

»Nein, nein!« rief sie qualvoll, und ein Zittern lief über ihren Körper. »Ihr irrt Euch, alle irren sich! Wie kann man nur solch schwarzen Verdacht auf einen Unglücklichen werfen, der sich nicht mehr verteidigen kann, weil er, um dem Gefängnis zu entgehen, den Tod wählte? Auch er ist schuldlos, kein Verbrechen lastet auf ihm!«

»Keine Schuld? Trotzdem er Ihren Vater ermorden wollte?«

»Trotzdem –«

Das war dem alten Mann zuviel. Mit beiden Händen sich den Kopf haltend, stürzte er aus dem Zimmer.

Luise Brak sank auf den Stuhl zurück und flüsterte:

»Wann wird das Ende kommen?«


XXVI.

Peter Brak lag verwundet in seinem einsamen Haus zu Wilberg und außer dem Arzt und der alten Magd kam niemand mehr zu ihm hinein, nachdem die Polizei einmal seine Aussagen, den Überfall seines eigenen Bruders betreffend, zu den Akten genommen hatte.

Doktor Burghardt, der Brak behandelte, hatte vollkommen recht gehabt, als er an jenem verhängnisvollen Morgen dem Inspektor nur von einem Streifschuß berichtete, dessen Heilung nicht länger als vierzehn Tage erfordere.

Über den Verlauf des Streites befragt, erklärte Peter Brak in wirrem Durcheinander, sein Bruder habe ihn auf das heftigste gereizt, habe ihm derartige Schmähungen ins Gesicht geschleudert, daß er sie gar nicht wiederholen könne.

Schließlich habe er wie ein Rasender von ihm verlangt, daß er öffentlich erkläre, Gollwitz könne unmöglich der Mörder sein, auch nicht der Dieb, er, Brak, habe das angeblich gestohlene Geld selbst auf die Seite gebracht.

Dieses wahnsinnige Verlangen wies er mit Entrüstung zurück und darüber wäre der Inspektor derart in Wut geraten, daß er mit dem Revolver auf ihn zuging und nach kurzem Ringen die Waffe gegen den Bruder abdrückte, und zwar in der Absicht, ihn zu töten.

Nachdem der Schuß gefallen und er, Peter, zu Boden stürzte, wäre der Inspektor wie sinnlos davongelaufen.

Den eigentlichen Gegenstand des Streites nannte Brak nicht, aber es mußte etwas sein, das sein ganzes Innere empörte und ihn mit grenzenlosem Zorn gegen den Bruder erfüllte.

Bald nachdem der Kommissar diese Angaben Peter Braks zu Protokoll genommen hatte und nach E . . . . depeschierte, traf von dort die Nachricht ein, daß der Inspektor durch Selbstmord der Verhaftung sich entzog.

Das hatte niemand erwartet.

Indessen fand man es nicht für angebracht, sogleich Peter Brak von diesem erschütternden Ereignis in Kenntnis zu setzen. Es stand jedoch nicht lange an, und aus E . . . . traf jenes Päckchen an den Bruder des Inspektors ein.

Der Kommissar las zugleich die dienstliche Mitteilung des dortigen Polizeibeamten, daß der entsprungene Heinrich Gollwitz verhaftet wurde.

Mit dem Ersuchen, das hinterlassene Schreiben sobald als nur irgend möglich Peter Brak zu übermitteln, verband der Polizeiinspektor die Mitteilung, daß die Affäre des Mordes in ein neues Stadium getreten wäre.

Obwohl Gollwitz an dem Verbrechen sicherlich beteiligt sei, so hätten sich doch Momente ergeben, die es möglich erscheinen ließen, daß der in den Tod gegangene Inspektor auf irgendwelche Art an dem Mord beteiligt, ja, vielleicht der eigentliche Mörder war.

Diese Annahme beruhe auf dem Umstand, daß Gollwitz behauptete, den wahren Mörder zu kennen, ihn aber nicht nannte, weil er wahrscheinlich eben mitverbunden war; daß auch Luise Brak den unbekannten Verbrecher gesehen habe, sich aber weigerte, seinen Namen zu nennen, obwohl auch sie hartnäckig daran festhielt, daß es nicht Gollwitz wäre.

Hatte man in dem Inspektor den Täter vor sich, so erklärten sich all diese Rätsel.

Daß Brak sich bis dahin eines streng ehrenhaften Rufes erfreute, bedeutete nicht viel.

In den Annalen der Kriminaljustiz fanden sich genug ähnliche Fälle verzeichnet, in denen ein Mensch, der bis in sein Alter peinlich jede Rechtsüberschreitung vermied, plötzlich strauchelte und zum Erstaunen der Mitwelt zu Fall kam.

Der Polizeiinspektor von E . . . . sprach nun die Hoffnung aus, daß der Inhalt des versiegelten Schreibens an Peter Brak ein aufklärendes Geständnis enthalte, das der Inspektor seinem Bruder mache und wonach dieser doch jedenfalls nicht mehr zögern könne, die Wahrheit der Polizeibehörde zu enthüllen.

Wenigstens warte man darauf, und die Polizei Wilbergs möge in geschickter Weise Peter Brak dazu drängen, sich über das geheime Schreiben auszusprechen.

Der Kommissar schüttelte sehr ernst den Kopf.

»Handelt es sich hier wirklich um eine neue Version, ist der Inspektor unbegreiflicherweise an dem Mord beteiligt gewesen und macht er dem alten Sonderling da draußen ein derartiges Geständnis, so wird Peter Brak die Geschichte eben erst recht totschweigen. Gibt Gollwitz nicht endlich sein Leugnen auf und gesteht, wie sich die Sache abspielte, so kommen wir keinen Schritt weiter. Eine Wirkung aber wird diese neue Annahme doch haben. Der Verteidiger des Referendars wird sich diesen günstigen Moment nicht entgehen lassen, eine neue Verhandlung herbeiführen und dabei die ganze Schuld auf den toten Inspektor schieben. Immerhin kommt diese Verschiebung dem Referendar zugute. Den Versuch bei Peter Brak will ich ja machen!«

Nachdem der Kommissar sich mit dem Doktor Burghardt besprochen und von diesem die Versicherung erhalten hatte, daß sein Patient vollkommen außer Gefahr sei und ganz gut die Mitteilung, daß sein Bruder tot sei und ihm das erwähnte Schreiben zuschicke, ertragen könne, begab sich der Beamte nach dem Haus des Sonderlings.

Die alte Magd öffnete und führte den Beamten nach oben.

»Wie befindet sich Herr Brak?« fragte der Kommissar.

»Den Umständen nach Gott sei Dank wohl,« erhielt er zur Antwort. »Die Wunde scheint ihm nicht viel Beschwerden zu machen. Nur ist Herr Brak schrecklich nervös und aufgeregt und verwünscht hunderte Male seinen Bruder.«

»Melden Sie mich jetzt Herrn Brak. Sagen Sie ihm, ich habe eine wichtige Mitteilung zu machen.«

Die Magd ging auf den Fußspitzen und sehr ängstlich in das Krankenzimmer.

Der Beamte hörte die harte, kreischende Stimme des alten Sonderlings und mußte sich sagen, daß tatsächlich kein Schwerkranker solch eine Lunge hatte.

Nach kurzer Weile kam die Magd zurück.

Der Kommissar konnte eintreten.

Er hatte erwartet, Peter Brak im Bett zu finden, das war jedoch nicht der Fall.

Der Sonderling lag auf einem langen Diwan und war im Schlafrock, der, oben teilweise geöffnet, den mageren Hals sehen ließ.

Brak hatte mehrere Kissen untergeschoben und richtete sich nun darin zur Hälfte empor.

Seine dunklen, in tiefen Höhlen liegenden Augen auf den Beamten gerichtet, fragte er mit seiner unangenehmen Stimme:

»Was wollen Sie von mir? Warum hat man den Inspektor noch nicht verhaftet? Wahrscheinlich, weil er auch zur Polizei gehört! Aber ich ruhe nicht, bis es geschehen ist! Ich habe keinen Bruder mehr, seitdem er mich ermorden wollte und unerhörte Beschuldigungen mir ins Gesicht schleuderte. Ich habe auch keine Tochter mehr, weil sie zu der ganzen übrigen Bande hält, zu diesen Elenden, die mich selbst am liebsten da sehen würden, wohin sie selber gehören – im Zuchthaus!«

Und Peter Brak, in dessen lederartigem Gesicht mit den noch spitzer gewordenen Backenknochen der Haß mit der Wut sich gepaart zeigte, raufte voller Aufregung sich die grauen Haare.

»Ich bringe Ihnen Nachricht über den Inspektor Brak!« sagte der Kommissar, nachdem sich der aufgeregte Mann etwas beruhigt hatte.

Peter Brak hob den Kopf.

»Hat man ihn festgenommen, he?«

»Ihr Bruder ist nur bis nach E . . . . gekommen.«

»Sagen Sie, der Inspektor! Solch ein Elender ist mir kein Bruder! Also doch gepackt! Und was sagte er denn über mich aus? Lügen, lauter Lügen! Ich erkläre das im voraus.«

»Der Inspektor sagte gar nichts weiter aus, als daß der Referendar unschuldig wäre, daß der Mörder einen anderen Namen trage.«

»So? Einen anderen Namen?« stieß Brak durch die Zähne, und sein Blick, der aus den halb zusammengekniffenen Lidern hervorbrach, hatte einen seltsamen Ausdruck. »Das kenne ich! Wer wäre es denn sonst?«

»Das erfuhr die Polizei leider nicht!«

»Hahaha!« lachte Peter kreischend. »Da hat man es! Finten, nichts weiter! Gollwitz ist der Mörder und Dieb, kein anderer.«

Ohne hierauf direkt zu antworten, fuhr der Beamte ernst fort: »Ich habe Ihnen als Hauptsache eine erschütternde Mitteilung zu machen. Sie betrifft den Inspektor. Um der Verhaftung zu entgehen –«

»Er ist entflohen?!« schrie Peter heftig.

»Allerdings, aber an einen Ort, der ihn allen Polizeibeamten der Welt entzieht. Der Inspektor Brak hat sich kurz vor seiner Verhaftung im Polizeibureau zu E . . . erschossen.«

Peter Brak zuckte zusammen.

Er öffnete weit die Augen und starrte den Beamten an.

Dabei verzerrte sich sein Mund, und er faßte mit den Händen nach der Wunde, die ihn plötzlich zu brennen schien.

»Er – ist tot?« drang es endlich über seine schmalen Lippen.

»Tot, ja.«

»Und – er hat nichts vorher gesagt?«

»Nein, die Kugel traf das Herz, so daß der Inspektor kaum mehr drei Worte sprechen konnte. Sie enthielten die Bitte, ein von ihm zurückgelassenes Schreiben an seine Adresse zu befördern.«

»Wohl an die Polizei – wie?« keuchte Brak, den fadenscheinigen Schlafrock mit den mageren Fingern über der Brust zusammenziehend.

»Nein, leider nicht, denn wir hätten dadurch sogleich Licht in die dunkle Mordaffäre bekommen. Das Schreiben ist an Sie gerichtet.«

Peter streckte hastig die Hand danach aus.

»Geben Sie her! Versiegelt? Das ist gut! Ich will es gleich lesen, aber dazu möchte ich – ungestört sein.«

»Ich verstehe, Herr Brak,« sagte der Kommissar. »Da die Polizei jedoch alle Ursache hat, anzunehmen, dieses Schreiben enthalte sehr wichtige Mitteilungen über den Mörder Ihrer Schwester, ja, ich sage es offen, das Geständnis des Inspektors, daß er selbst sich an dem Verbrechen beteiligte, was natürlich eine ganz neue Wendung herbeiführen würde, so bitte ich Sie gegebenenfalls um Mitteilung, ob sich der Verdacht bestätigt, den die Polizei hegt.«

Wieder schoß unter den halb geschlossenen Lidern hervor ein grünschillernder, unangenehmer Blick nach dem Beamten.

»Das denkt die Polizei?« wisperte Brak. »Das ist Unsinn, alles Unsinn! Gollwitz hat es getan, kein anderer!«

»Ich bitte Sie, Herr Brak, im Nebenzimmer warten zu dürfen, bis Sie das Schreiben gelesen haben. Vielleicht enthält es doch Mitteilungen, die für uns von höchstem Wert sind.«

»Meinetwegen – warten Sie!« sagte der Sonderling kurz.

Der Beamte zog sich in das Wohnzimmer zurück, nachdem er noch gesehen hatte, wie Brak das versiegelte Schreiben aufriß.

Bald darauf vernahm er einen wilden Aufschrei, dem Verwünschungen folgten.

»Das Geständnis!« murmelte der Kommissar. »Nun muß es sich entscheiden, ob der Alte es verschweigt oder uns ein richtiges Licht aufsteckt.«

Er wartete noch etwa zehn Minuten, da aber keine Äußerung Braks ihn zurückrief, so öffnete er die nur angelehnte Tür des Arbeitszimmers, schritt hindurch und klopfte.

Es erfolgte keine Antwort.

Kurz entschlossen, trat er auch ohne diese ein.

Peter Brak lag mit dem Oberkörper in den Diwankissen, das Gesicht nach unten, die Haare verwirrt und mit den Fäusten um sich schlagend.

In einer der geballten Hände erblickte der Beamte das total zerknitterte Schreiben, das den Sonderling solchermaßen in Wut versetzt haben mußte.

»Der Verleumder, der Ehrabschneider! Verflucht soll er sein!« hörte man Peter kreischen.

Der Tobende fuhr erst auf, als der Inspektor seine Hand ihm auf die Schulter legte.

»He!« – schrie er, die Augen aufreißend. »Was wollen Sie noch? Hier gibt es nichts zu erhorchen! Ich bin in meinem eigenen Haus und lasse mir nicht befehlen.«

»Wollen Sie mir nicht sagen, was der Inspektor Ihnen mitteilt?« fragte der Beamte, ohne sich beirren zu lassen.

»Nein, das will ich nicht!« kreischte Brak. »Ich verfluche ihn, auch jetzt noch im Tode, den Lügner, den Verleumder! Aber was er mir hier schreibt, ist Wahnsinn! Es braucht es niemand zu erfahren, die Polizei am allerwenigsten. Wer will mich zwingen, daß ich spreche? Es ist eine Privatsache, und ich behalte sie für mich! Lassen Sie mich allein.«

Der Kommissar zuckte die Schultern.

»Also nicht!« sprach er. »Dann habe ich hier nichts weiter zu tun. Durch dieses Benehmen aber wird unserem Verdacht, daß dies Schreiben ein Geständnis enthält, nur noch mehr Nahrung gegeben.«

»Denken Sie, was Sie wollen!« schrie Peter mit pfeifender Stimme. »Von mir erfahren Sie nichts!«

Der Beamte mußte sich zurückziehen, und er tat es in gereizter Stimmung.

»Der alte Sonderling ist ein boshafter Teufel. Von ihm eine Aufklärung zu erhalten, diese Hoffnung muß gänzlich aufgegeben werden.«

In sein Bureau zurückgekehrt, sandte er nach E . . . . den Bericht ab, in dem er seiner Vermutung Ausdruck verlieh, das Schreiben habe wirklich ein Geständnis des Inspektors enthalten.

Leider wäre auch nicht die geringste Aussicht vorhanden, Peter Brak zum Sprechen zu bringen.

Dieser befinde sich in einer derart gereizten Stimmung, daß jeder Versuch, von ihm etwas zu erfahren, scheitere.

Besonders erfreut war man in E . . . . über diese Mitteilung nicht.

Gollwitz wurde einem heftigen Kreuzverhör unterzogen, man ließ ihm sogar merken, daß man nun den toten Inspektor als eigentlichen Mörder betrachte, ihn, Gollwitz, nur als Mithelfer.

Aber Heinrich Gollwitz gestand nichts ein, wohl aber nannte er es einen entsetzlichen Irrtum, wenn man nun gar den toten Inspektor des Mordes beschuldige.

Weder dieser, noch Gollwitz selbst wäre der Mörder.

Der sei ganz wo anders zu suchen.

Er verweigerte indessen jede weitere Auskunft und blieb übrigens dabei, daß ihn nur das Geständnis des wahren Mörders retten könne, worauf er warte.

Man hielt ihm entgegen, daß man in dem unbekannten Schreiben des Inspektors an seinen Bruder eben dies Geständnis vermute, doch hatte Gollwitz nur ein müdes Kopfschütteln darauf.

»Das Schreiben kann kein Geständnis enthalten, weit eher etwas anderes!« war die feste Entgegnung des Gefangenen.

Darüber befragt, was unter diesem »anderen« gemeint sei, schwieg Gollwitz.

Der Untersuchungsrichter konnte nichts bei ihm ausrichten, er mochte es anstellen, wie er wollte. Dennoch wurde die Untersuchung nach der neu entdeckten Seite hin aufgenommen, was natürlich mit großen Schwierigkeiten verknüpft war, da der Inspektor Brak selbst tot war.

Man suchte festzustellen, wo Brak in der Mordnacht sich aufgehalten hatte.

Ein sicheres Resultat ward nicht gewonnen.

Der Inspektor war gerade zwei Tage dienstfrei, und da er keine Familie besaß, bekümmerten sich seine Quartierleute nicht viel um ihn.

Brak konnte ganz gut mit dem Abendzug abgereist und in Wilberg eingetroffen, ebenso auch mit dem Frühzuge wieder zurückgekehrt sein, ohne daß seine Wirtin eine Kenntnis davon besaß.

Die in der Wohnung des Inspektors vorgenommene Haussuchung ergab weder an Papieren, Aufzeichnungen, noch an Kleidungsstücken etwas, das Brak belastet hätte.

Aber all diese Schuldbeweise konnte der Inspektor auch vernichtet haben.

Nachforschungen in der Residenz, auf den Bahnhöfen und zu Wilberg selbst, ob man dort Brak gesehen, führten zu keinem Resultat.

Nur an Gollwitz und Peter Brak konnte man sich halten und hier stieß man auf die gewaltigsten Hindernisse.

Bormann hatte bald genug von dem Überfall und dem Tod des Inspektors gehört und wurde nicht wenig betroffen dadurch.

Gern hätte er nun der Polizei geschildert, was sich in der Nacht vor dem verhängnisvollen Morgen im Totenzimmer der Frau Fallner zutrug, aber er hatte dem Inspektor ja geschworen, über alles zu schweigen.

Auch die alte Magd Peter Braks verschwieg den Umstand, daß sie mehrere Worte durch die Wand erlauscht hatte, die zu denken gaben.

Sie fürchtete ihren Herrn zu viel.

So standen die Dinge, und es ließ sich gar nicht voraussehen, wann endlich Licht in die rätselhafte Affäre kommen würde.

Gollwitz blieb in den Verhören sich immer gleich; er behauptete, unschuldig zu sein.

Luise weigerte sich auch jetzt noch, zu sagen, wer der Mörder dann war, wenn nicht Gollwitz.

Balthasar hatte von Tag zu Tag gewartet, daß Peter Brak, jetzt, da er den Namen des Verbrechers doch kannte, damit an die Öffentlichkeit trete.

Als aber die Zeit verging, ohne daß dies geschah, als er Luise recht geben mußte, daß ihr Vater nicht sprechen werde, da zog ein tiefer Groll in die Brust des alten Mannes.

Finster lief er umher; Gollwitz war unter solchen Umständen nicht mehr zu retten, und somit mußten auch Balthasar und seine alte Schwester in Strafe fallen, weil sie einen entsprungenen Sträfling verbargen.

Der alte Mann zürnte Gollwitz, noch weit mehr aber Luise, weil das Mädchen schwieg und doch mit einem Wort der Polizei auf die richtige Fährte verhelfen konnte.

Sie tat es nicht, ließ Gollwitz untergehen, trotzdem sie ihn liebte.

Wer aus diesem Knäuel von Rätseln den richtigen Faden finden könnte!

»Jetzt glaube ich selber, daß der Inspektor der Täter ist!« brummte Balthasar. »Deshalb schweigen sie alle. Wie wird das enden?«

Niemand sah den alten Mann mehr mit einem freundlichen Gesicht.

Mittlerweile war die Zeit vergangen und der erste Schnee fiel.

Noch immer lag Gollwitz im Untersuchungsgefängnis, denn es war seinem Verteidiger wirklich gelungen, die Revision des ersten Urteils durchzusetzen und so sollte es zu einer neuerlichen Verhandlung kommen.

Der Gefangene hatte die Hoffnung aufgegeben, durch das Schreiben des in den Tod gegangenen Inspektors gerettet zu werden.

Er hoffte gar nichts mehr.

Mochten sie mit ihm nun machen, was sie wollten.

Luise wohnte nach wie vor bei Balthasar und dessen Schwester.

Einer früheren Bitte von mehreren Seiten, sie möge doch zur Pflege ihres verwundeten Vaters nach Wilberg zurückkehren, leistete sie keine Folge. Gründe für diese Ablehnung gab sie nicht an.


XXVII.

Der erste Schnee war gefallen und hing sich in kleinen Flocken an Baum und Strauch.

Noch immer war der Mord in dem nun ganz verlassen daliegenden Fallnerschen Haus nicht gesühnt, die neuerliche Aburteilung des Referendars noch nicht erfolgt.

Peter Brak hatte nichts mehr von seiner Wunde zu erdulden; sie war völlig verheilt.

Wilberg hatte er nicht verlassen, sondern hauste, menschenscheuer als jemals, in seinem düsteren Haus mit der alten Magd, die ihren Herrn zwar fürchtete, seines oft unheimlichen Gebarens wegen, ihn aber trotzdem nicht verlassen wollte.

Den durch Selbstmord verstorbenen Inspektor hatte man ohne Sang und Klang beerdigt.

Nur wenige Personen begleiteten die letzten Überreste des unglücklichen Mannes zur Ruhe.

Luise war darunter und Balthasar.

Dem letzteren gelang es nur mit großer Mühe, das sich plötzlich wie eine Wahnsinnige auf den Hügel niederwerfende Mädchen fortzubringen, nachdem alle anderen bereits gegangen waren.


* * *


Der Tag ging stark zur Neige, als ein Mann, gekleidet in das Gewand eines gewöhnlichen Arbeiters, hastigen Fußes über den mit leichtem Schnee bedeckten Weg schritt, der an dem Hause Peter Braks und dem der ermordeten Frau Fallner vorbei, in den Forst führte.

Bei dem Gittertor des letzten Hauses blieb der Mann stehen und sah eine Weile nachdenklich hindurch.

»Wie es mit der Geschichte wohl steht?« murmelte er. »Ob keiner auf meine Idee gekommen ist? Na, ich werde das Nähere ja bald erfahren. Vorwärts, sonst wird es tiefe Nacht, ehe ich unter Dach komme und der ohnehin schlecht begangene Weg könnte derart verschneit sein, daß selbst ich mich nicht mehr auskenne. Eine verteufelte Kälte!«

Der Mann schritt wieder weiter und bog in den Wald ein. Rascher als er vermutet ward es dunkel, ein Glück, daß sich der Mann im Forst gut auskannte, unmöglich hätte er sonst die Richtung, die er einzuhalten hatte, nehmen können.

Vollkommene Finsternis herrschte, als er endlich über einen kleinen Hügel kletterte und sich der alten Baracke des Wald-Sepp näherte.

Nach einigen Sprüngen blieb er stehen und lauschte.

»Hm – es regt sich nichts! Wo ist der Hund? Und auch kein Lichtschein ist zu sehen!«

Er suchte nun, mit der Hand tastend, die Tür und klopfte laut an. Nichts antwortete von innen.

Der Mann wiederholte das Pochen heftiger, es mit einigen Flüchen begleitend.

Nun endlich entstand ein Geräusch im Innern der Hütte.

Man hörte eine Stimme fragen:

»He! – Was gibt es? Wer ist vor meiner Tür? Nehmt Euch in acht, daß ich Euch nicht eine Büchsenladung hinausschicke!«

Es war die Busch-Kathrin, und ihre Stimme verriet keine Angst.

»Das laß lieber bleiben, Teufelsmädel!« rief der Mann, offenbar nur angenehm berührt von der Art und Weise, wie Kathrin ihre Hütte verteidigte.

Die Tür sprang in diesem Augenblick auch schon auf und in dem Hausgang stand das groß gewachsene Mädchen, eine alte Büchse in der Hand, beleuchtet von den flackernden Schein einer Kerze, die sie auf eine alte Kiste gestellt hatte.

»Heiliger Gott! Bist du es wirklich, Sepp?« rief Kathrin überrascht.

»Jawohl, bin's schon!« lachte der Heimgekehrte, rasch über die Schwelle tretend und die Tür hinter sich schließend. »Brauchst mich nicht anzustarren, als ob ich ein Geist wäre! Grüß dich Gott, Wettermädel! Verteidigst ja nicht schlecht dein Hausrecht!«

Er schüttelte ihr die Hände, ließ sogar mit einem Schmunzeln den Blick über ihre gar nicht unschöne Gestalt gleiten und sagte darauf:

»Nun komm' in die Stube. Da heraußen ist's verflucht kalt.«

Er nahm das Licht auf und die beiden schritten nach der Stube, in der eine ganz angenehme Wärme herrschte, denn an Holz mangelte es ja niemals.

Beide ließen sich auf den von Sepp selbst gefertigten Holzstühlen nieder, und die Busch-Kathrin fragte, noch immer überrascht:

»Was ist denn geschehen, Sepp, daß sie dich jetzt schon wieder laufen ließen! Deine Zeit ist doch noch nicht ganz um. Oder bist am Ende gar ausgekniffen?«

»Ja, an etwas anderes kannst du freilich nicht denken,« gab er mit einem spöttischen Lächeln zurück. »Man hat mir den kleinen Rest der Strafe geschenkt wegen meiner guten Führung!«

»Wegen deiner –? Geh', laß dich doch nicht auslachen!«

»Du glaubst mir nicht, aber es ist doch so! Warum könnte ich's nicht auch auf so eine Art einmal versuchen, wenn ich einsehe, daß ich bei den Herren da drinnen so am besten wegkomme. Nein, es ist schon so, ich hab' mich so gut geführt, daß ich ein wahres Muster von einem Zuchthaussträfling abgegeben hätte. Jetzt aber sag', Kathrin, hast du nichts zu beißen für mich; ich meine, der Weg daher hat Hunger gemacht.«

Das Mädchen zuckte resigniert die Schultern.

»Daß du wirklich freikamst, Sepp, das freut mich, aber mit etwas zu essen kann ich dir beim besten Willen nicht aufwarten. Es ist nichts im Haus.«

Der Bursche zog die Stirn kraus.

»Nichts im Haus? Gar nichts?«

»Gar nichts. Ich kann dir nicht helfen. Die ganze Zeit her hab' ich Not genug gelitten. So lang' es noch Waldbeeren gab oder Pilze, die man mir in Wilberg abnahm, ging es noch, in der letzten Zeit aber ging mir's nahe an den Hals. Einmal hab' ich wohl auch ein Reh in der Schlinge gefangen, um nicht zu verhungern, aber ein zweitesmal ist mir das nicht gelungen. Nun hab' ich am Nachmittag das letzte Stück Brot aufgegessen. Wie es dann morgen weitergegangen wäre, weiß ich nicht.«

»Verflucht!« stieß Sepp durch die Zähne. »Das sieht schlimm aus! Hast du denn nicht versucht, irgendwo in Wilberg mit Arbeit etwas zu verdienen? In der Not –«

»Du sprichst wie ein Kind, Sepp! Ich hab's versucht, obwohl ich wußte, daß mich auf ehrliche Weise kein Mensch etwas verdienen ließ. Und so war es auch; sie lachten mir nur ins Gesicht.«

»Aber was nun?« fragte Sepp, finster grübelnd zu Boden starrend. »Von der Luft leben kann man nicht und ich konnte mir im Zuchthaus nichts verdienen wie mancher andere, der länger sitzt. Was fangen wir an?«

»Du wirst einen Ausweg finden!«

»Das ist ein schweres Stück Arbeit! Schließlich verhungern wir alle beide!« knirschte er.

»Dich kennt man ja gar nicht mehr!« rief das Mädchen beinahe zornig. »Wäre ich nur ein Mann! Ehe ich Hunger litte, knallte ich mir das nötige Wildpret schon zusammen. Du weißt doch, daß ich, was wir nicht aufessen können, so gut zu verbergen weiß, daß es keiner finden soll von den Grünröcken.«

»Hm,« murmelte Sepp, »es wird mir nichts anderes übrigbleiben, obwohl ich vorhatte, mich eine Zeitlang von der Wilderei fernzuhalten.«

»Sei vorsichtig, dann ist keine Gefahr dabei. Verkaufen brauchst du nichts.«

»Ich könnte das auch gar nicht mehr so wie früher, denn der Wirt von der Kugel will nichts mehr von mir wissen. Sie haben mir die Tür gewiesen.«

»Warst du schon wieder dort?« fuhr das Mädchen auf. »Geschieht dir recht, wie sie dich behandeln. Du wirst es schon noch einsehen, daß niemand so ehrlich zu dir hält wie ich!«

Noch in der Erinnerung an die ihm widerfahrene Abweisung stieß Sepp einen Fluch durch die Zähne und versetzte darauf:

»Gut, ich will sehen, daß ich etwas vors Rohr bekomme. Das Wild hat Zeit genug gehabt, sich bis heute auszuruhen. Aber doppelte Vorsicht ist nötig. Wie steht es denn aber mit dem Schießzeug? Meine neue Büchse haben sie mir im Amt zurückbehalten. Da läßt sich nichts machen und das Ding da in deiner Hand – ist's überhaupt geladen?«

»Das will ich meinen und noch dazu mit Rehposten.«

Damit reichte Kathrin dem Sepp die alte, im Haus zurückgebliebene Büchse.

Der Bursche untersuchte den Lauf, die Zündpfanne und meinte:

»Es könnte gehen, bleibt mir ja auch gar nichts anderes übrig. Verhungern will ich nicht. Die Büchse soll mir Hilfe bringen.«

Er sagte dies letztere in einem solch eigentümlich entschlossenen Ton, daß das Mädchen rasch fragte:

»Du – denkst doch nicht etwa an – eine andere Hilfe dabei?«

»Wieso?« fragte er finster zurück.

»Du könntest ja auch einem Menschen damit zu Leibe gehen wollen!«

»Meinst wohl, einem, der die Kasten voller Geld hat, etwa dem alten Peter Brak, der immer bestohlen wird? Unsinn! Ich denke nicht daran, wenn ich auch vielleicht in allernächster Zeit mit dem Alten ein Wörtchen sprechen werde.«

»Was hast du mit dem Mann?«

»Nichts, frage nicht weiter. Sage mir lieber, wer während meiner Abwesenheit hier bei dir verkehrte?«

»Hier in der Hütte? Niemand.«

»Also im Wald draußen?«

»Das ist eine sonderbare Geschichte, die ich dir erzählen muß.«

»Ah! Du hast wohl mit einem von den Grünröcken angebunden?«

»Nein, ich traf selten und nur flüchtig mit ihnen zusammen. Sie rührten mich nicht an.«

»Aber hier vor der Hütte? Wollten sie herein zu dir?«

»Auch das nicht. Nicht sie fürchtete ich so, daß ich mir die alte Büchse lud – sondern einen anderen.«

»Einen anderen?« fragte Sepp aufhorchend. »Wer ist das?«

»Ich weiß es nicht genau; ich habe nur einen Verdacht. Das ist aber auch alles!«

»So erzähle, wie die Geschichte war.«

»Vor etwa drei Wochen war es in einer dunklen Nacht. Ich war bis zum späten Abend im Forst herumgelaufen, um die letzten Pilze zu sammeln. Bei einer Kerze saß ich noch lange und schnitt die gefundene Ware mir zurecht, weil ich sie am nächsten Morgen nach Wilberg bringen wollte. Es war sehr spät geworden und eben wollte ich aufstehen, als ich draußen zwischen den Steinbrüchen und vom Schuppen her, wo dein Werkzeug liegt, ein Geräusch hörte. Gleichzeitig schlug der Hund an und zerrte wie rasend an der Kette.

Da mußte jemand in der Nähe sein. Ich blieb, stand auf und trat mit dem Licht aus Fenster. Dabei versuchte ich, durch die einzige, noch ganz erhaltene Scheibe zu blicken. Das war aber unmöglich. Der Hund hatte sich noch nicht beruhigt, sondern sein Bellen war heftiger geworden. Eben dachte ich daran, das Licht auszulöschen und mich heimlich nach außen zu schleichen, als – ein Gesicht vor mir auftauchte.«

»Ein Gesicht?« fragte Sepp.

»Ja, dicht an der Fensterscheibe, ein wachsbleiches, unheimliches Gesicht mit wirrem Haar und schwarzen, funkelnden Augen. Er zeigte mir die fehlerhaften Zähne, lachte mich grinsend an und winkte. Die unheimliche Erscheinung hatte mich derart erschreckt, daß ich das Licht fallen ließ, so daß es erlosch und stockdunkle Nacht um mich wurde. Ich konnte nichts mehr erkennen.

Aber ich hörte die Schritte Mannes nach der Hüttentür zu und, obwohl ich sie fest verschlossen hatte, so packte mich doch die Angst, sie könne nachgeben. Wär's ein Grünrock oder sonst ein gewöhnlicher Mensch gewesen, ich hätte mich nicht gefürchtet, so aber zitterte das Messer in meiner Hand.

Ich hatte es erfaßt, um mich zu verteidigen, wußte aber auch, daß ich nicht imstande wäre, einen Stoß zu führen. Jetzt polterte es gegen die Tür. Gott sei Dank, sie gab nicht nach. Der unheimliche Mensch entfernte sich; an dem wütenden Bellen merkte ich aber, daß ihn der Hund gepackt hatte.

Einige Minuten dauerte der Lärm, dann wurde es still. Ich schlich mich ans Fenster und horchte in die Nacht hinaus. Man hörte nichts als das Knarren der Äste, keinen Tritt und auch kein Hundegebell, so daß ich dachte, der Hund hätte sich losgerissen und wäre dem Menschen nachgestürzt in den Forst. Vor Aufregung konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen, vor die Hütte wagte ich mich aber auch nicht. Erst wie es Morgen wurde, sah ich draußen nach. Ich fand wohl Spuren, daß sich ein Mensch um die Hütte geschlichen hatte, konnte aber nichts Deutliches unterscheiden. Dafür sah ich etwas anderes.

Unser Hund lag tot an der Kette. Er hatte den Menschen gepackt und nicht eher losgelassen, bis dieser ihn mit den Händen erwürgte. Dabei muß der Unhold einen Biß in die Hand oder den Fuß erhalten haben, denn an den Steinblöcken sah man eine schwache Blutspur, die sich nach dem Forst zu verlor.

Der Hund hielt einen Fetzen Tuch zwischen den Zähnen, den er dem Menschen aus dem Rock oder der Hose gerissen hatte. Nun weißt du es, Sepp, weshalb ich mir die alte Büchse aus dem Winkel suchte und lud.«

Der Waldsepp hatte mit großer Aufmerksamkeit der Erzählung des Mädchens gelauscht.

Allerlei Gedanken zogen ihm durch den Kopf.

»Das ist ja eine ganz sonderbare Geschichte,« sagte er endlich. »Und ist der Mensch seit dem erstenmal nicht mehr gekommen?«

»Nein, und ich bin froh darum.«

»Wer denkst du, wer es gewesen ist?«

»Da habe ich mir so mancherlei gedacht.«

»Sein Gesicht hast du nicht erkannt?«

»Nicht recht, aber mir war's, als hätte ich es schon einmal irgendwo gesehen.«

»Hm – im Gerichtssaal vielleicht?«

»Ja, das ist es!«

»Nun weiß ich, wen du meinst!« versetzte Sepp hastig. »Ich hab' auch schon daran gedacht, aber den Zusammenhang fand ich nicht heraus. Ein junger Mensch war es nicht?«

»Nein, ganz sicher nicht!«

»Und vor drei Wochen war es, da konnte es auch gar nicht der Referendar sein, den sie zum Tode verurteilten und der dann entsprang, denn um die Zeit hatten sie ihn ja schon wieder eingefangen und festgesetzt. Weißt du, was ich mir denke Kathrin? Der Mensch, der damals vor die Hütte schlich in der Nacht, mir den Hammer stahl und damit die alte Frau erschlug, das ist derselbe, der dir vor drei Wochen einen Besuch machen wollte!«

Mit einem starren Blick sah Kathrin den Sprecher an.

»Wenn ich auch sagen möchte, es ist so, so kann es doch nicht sein. Du mußt an einen anderen denken wie ich.«

»Ich denke an den gleichen, so sonderbar die Geschichte auch dadurch wird. Der Mensch ist der Mörder, das lasse ich mir nicht nehmen.«

»Aber sie haben doch den Referendar deshalb verurteilt?«

»Was will das heißen? Sie hätten auch mich verurteilt, wenn es mir nicht gelungen wäre, den Kopf im letzten Moment aus der Schlinge zu ziehen. Und ich war auch unschuldig. Nein, jetzt bin ich meiner Sache so ziemlich sicher, der Referendar ist so unschuldig an dem Mord wie ich es war. Sagte er's nicht immer? Und er kennt sogar den Mörder, wenn er den Namen auch nicht nennen kann. Niemand glaubt ihm das. Ich weiß nun aber, weshalb er nicht spricht!«

»Du willst doch nicht etwa vor Gericht sagen, was du denkst?«

»Jetzt noch nicht; ich will erst abwarten, ob der unheimliche Mensch noch einmal kommt. Aber heraushelfen tue ich dem Referendar, weil er sich selber nicht helfen kann. Ich weiß jetzt auch, warum sich der Polizeiinspektor Brak erschoß.«

»Aber, Sepp, wenn wir doch einen falschen Verdacht hegten? Wie soll die ganze Sache denn zusammenhängen? Der Mörder ist ja auch der Dieb, der bei Peter Brak einbrach. Und nun willst du behaupten – nein, das glaubt dir kein Mensch!«

»Ich werde mir die Beweise schon zusammensuchen! Manches ist rätselhaft, was sich nachher auf ganz natürliche Weise erklären läßt. Du hast doch den Tuchfetzen aufgehoben, den der Hund zwischen den Zähnen hielt?«

»Ja, dort am Nagel hängt er.«

Sepp nahm das Stück Tuch herunter und betrachtete es. Dasselbe war von schwarzbrauner Farbe und zeigte kein Muster.

Allem Anschein nach war es ein altmodischer Rock, aus welchem dieses beinahe achteckige Tuchstück gerissen war.

»Ich werde den Rock dazu finden, verlaß dich darauf,« nickte Sepp. »Und dann ist der Referendar gerettet. Du hast doch zu niemandem von dem Vorfall gesprochen?«

»Zu keinem Menschen.«

»Recht so. Nun gib mir die Büchse, ich will gleich hinaus in den Forst. Der Mond wird bald aufgehen und wenn ich nicht heute noch ein Wild uns hole, können wir morgen hungern.«

Ohne ihn zurückzuhalten, reichte das Mädchen dem Sepp die Büchse, der sie eingehend betrachtete und dann meinte:

»Ein paar Schüsse hält sie ja noch aus und treffen werd' ich wohl auch noch. Leg' dich nur wieder schlafen, Kathrin. Bis ich zurückkomm', kann eine gute Stunde vergehen.«

Damit stülpte Sepp den Hut auf den Kopf und hing sich das alte Gewehr um.

Gleich darauf hatte er die Hütte verlassen und schritt vorsichtig in den nächtlichen Forst hinein.

Die Busch-Kathrin legte sich angekleidet, so wie sie war, auf ihr Lager von Laub, ohne jedoch den Schlaf zu finden.

Ihrer Berechnung nach mußte weit mehr als eine Stunde vergangen sein und Sepp war noch immer nicht zurück. Sollte ihm heute, gleich das erstemal seit seiner Freilassung, ein Malheur passiert sein?

Was sollte dann morgen und die nächsten Tage aus ihr werden?

Abermals war ungefähr eine halbe Stunde vergangen, da endlich klopfte es an die Hüttentür.

Sogleich stand Kathrin auf und machte Licht.

»Bist du es, Sepp?« fragte sie durchs Fenster.

»Bin's schon, mache auf!« antwortete seine keuchende Stimme.

Sie sah ihn im schwachen Mondlicht vor der Hütte stehen. Auf der Schulter trug er einen Gegenstand.

Rasch öffnete sie, ließ Sepp eintreten und verschloß dann wieder.

Der Bursche war nach einer hinteren Kammer geeilt und warf dort den Bock, den er erlegt hatte, auf den Boden nieder.

Dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

Besorgt sah ihm das Mädchen ins Gesicht.

»Du hast ja gar keine Farbe!« rief es. »Ist dir was Schlimmes passiert?«

»Nein, ich hatte sogar Glück!« antwortete er. »Das ist nur die Aufregung! Die Nacht hab' ich zwei Böcke auf einmal erwischt, den da am Boden und den anderen.«

»Welchen anderen?«

»Du weißt schon, wen ich meine!«

»War er wieder im Wald?«

»Wenigstens am Rand. Ich hab' ihn deutlich im Mondlicht gesehen und auch erkannt. Es scheint ihm keine Ruhe zu lassen; seine Mordtat treibt ihn beständig herum. Und auch da zu der Hütte muß es ihn ziehen, denn ich merkte es ihm an. Aber dann gab ich Feuer auf den Bock da und das schien den Menschen stutzig zu machen. Er ging zurück.«

»Was willst du nun anfangen?« fragte das Mädchen beklommen.

»Ich habe mir meinen Plan bereits gemacht. Wenn er gelingt, brauchen wir keine Not mehr zu leiden und gelingt er nicht – dann will ich dem Referendar wenigstens heraushelfen.«


XXVIII.

Am nächsten Morgen verließ der Wald-Sepp seine Hütte und schlug den Weg nach Wilberg ein.

In seinem Kopf schien eine Sache von großer Wichtigkeit vorzugehen, auch war er vermutlich noch nicht recht einig mit sich selbst, wie er's am besten anpacken könnte.

Es war ein heller und nicht allzu kalter Morgen.

Weiterer Schnee war nicht mehr gefallen, ja, der alte war auf großen Plätzen und Strecken des Weges sogar schon wieder verschwunden.

Sepp kam an dem Besitztum der ermordeten Frau Fallner vorbei und murmelte einige unverständliche Worte.

Dann schritt er weiter.

Vor dem Gittertor des Brakschen Gartens blieb er stehen und zog die Glocke.

Bald darauf trippelte die alte Magd vom Hause her und fragte, was er wolle.

Den alten Herrn in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen, sie möge ihn hinaufführen!

Dessen weigerte sich anfänglich die Magd; Sepp betonte aber so sicher, daß sie sich große Unannehmlichkeiten zuziehen könne, wenn sie ihn nicht hinauflasse, daß die Alte stutzig wurde.

Peter Brak selber geschehe dadurch ein großer Dienst, denn er, Sepp, wolle ihm den wahren Mörder der Frau Fallner nennen.

Nun zögerte die Magd nicht mehr, sondern ließ Sepp eintreten, führte ihn auch die Treppe hinauf.

Doch hieß sie ihn warten, bis sie ihrem Herrn die überraschende Mitteilung gemacht habe.

Nach einigen Minuten kam sie zurück und winkte Sepp.

»Kommt herein, aber seid vorsichtig. Herr Brak ist wieder sehr aufgeregt. Ich bin froh, daß ich aus dem Zimmer kam.«

Der Wald-Sepp verschwand in dem Zimmer, das an Braks Schlafstube stieß. Die Magd blieb im Korridor stehen und schüttelte den Kopf.

»Was ist denn das wieder für eine sonderbare Geschichte?« murmelte sie. »Er will ihm den wahren Mörder nennen! Ja ist es denn nicht der Referendar?«

Währenddem mußte im Zimmer Braks ein heftiger Wortwechsel entstanden sein.

Erschrocken lauschte die Magd, vermochte jedoch nichts zu hören als die kreischende Stimme ihres Herrn, ohne ein Wort davon zu verstehen.

Plötzlich flogen Türen auf und Brak schrie wie toll:

»Die Polizei! Holt die Polizei! Man will Geld von mir erpressen!«

Jetzt öffnete sich rasch die letzte Tür, die auf den Korridor herausführte und der Waldsepp schritt hastig aus dem Zimmer.

Er hatte den Filzhut ganz zerknittert in der Hand, sein Gesicht war rot vor Zorn.

Nun wandte er sich noch einmal nach Peter Brak zurück und hob drohend die Hand.

»Ihr sollt mich kennenlernen!« rief er. »Holt sie nur, Eure Polizei, wenn Ihr's wagt! Wir wollen sehen, wen von uns zweien sie eher am Kragen nimmt, mich oder Euch!«

»Hinaus!« zeterte Peter, beide Arme gegen Sepp schüttelnd. »Infamer Verleumder, Erpresser!«

»Ich gehe schon, aber hört: Acht Tage will ich warten. Sagt Ihr mir bis dahin einen Bescheid, wie ich ihn wünsche, so ist's gut, wenn nicht, so gehe ich aufs Stadthaus. Die Antwort müßt Ihr mir aber schon hinausbringen in den Wald, da Ihr mir Euer Haus verbietet. Wißt ja auch, wo ich logiere.«

Mit diesen höhnischen Schlußworten entfernte sich der gereizte Bursche und stieg die Treppe hinab, in demselben Augenblick, da von unten voller Hast Bormann heraufeilte.

Peter Brak hatte sich, am ganzen Leib zitternd vor Wut, in einen Stuhl geworfen.

Die Stimme schien ihm zu versagen.

Da die Tür offen geblieben war, so konnte Bormann sogleich den Hausherrn erblicken.

»Er war wieder da, Herr Brak!« rief der Alte. »Ich habe die Spuren diesen Morgen im Schnee gefunden.«

»Wer – war – da?« keuchte Brak.

»Der Mörder, drüben im Haus und in dieser Nacht!«

»Lüge! Lüge!«

Von unten her erscholl ein scharfes, höhnisches Auflachen, dann fiel klirrend die Tür ins Schloß.

Der Wald-Sepp hatte Bormanns Worte vernommen und dazu gelacht.

Jetzt drückte er den Hut auf den Kopf und schritt durch den Garten auf die Straße.

Auf dem Wege hielt er eine kleine Weile an.

Er überlegte.

»Nein,« sagte er dann, »ich will erst warten ob er kommt. Bis dahin aber sehe ich ihm auf die Finger. Vielleicht entdecke ich auch, wohin das Geld kam.«

Der Wald-Sepp schlug die Richtung nach dem Forst ein. Er konnte ja einige Tage warten, ohne zu verhungern, denn die alte Büchse hatte ihm einen saftigen Braten verschafft.


* * *


Peter Brak war heftig zusammengefahren, als vom unteren Korridor her das Lachen Sepps an sein Ohr schlug.

Dann erhob er sich und zeigte mit dem knochigen Arm nach der offenen Tür.

»Macht zu dort!« befahl er heiser.

Bormann kam der Weisung nach und schloß die Tür.

»Jetzt wiederholt mir Eure Meldung!« gebot Brak, mit seinen funkelnden Blicken vor sich hinstarrend.

Bormann berichtete, daß er an diesem Morgen abermals Fußspuren unter dem wieder fest verschlossenen Fenster des Totenzimmers bemerkte, daß diese Spuren sich an der Mauer und am Gesimse zeigten.

Es bestehe also gar kein Zweifel mehr, der Verbrecher, dieser geheimnisvolle Mensch wäre abermals dagewesen.

Peter Brak funkelte den alten Mann mit seinen schwarzen Augen an.

»Ihr habt deutliche Fußspuren gesehen?« fragte er lauernd.

»Jawohl, aber sie waren durcheinander und nun vergeht der dünne Schnee langsam.«

»Ihr habt Euch durch die Angst getäuscht!«

»Das ist unmöglich, Herr Brak. Der Mörder war wieder da, davon bin ich fest überzeugt.«

Peter Brak erregte sich mehr und mehr, da es Bormann wagte, ihm zu widersprechen.

»Unsinn! Begreift Ihr denn nicht, daß dies ein Ding der Unmöglichkeit ist?« fuhr er heftig auf. »Wie kann denn Gollwitz um das Haus schleichen? Er ist ja im Gefängnis und wird so streng bewacht, daß er ein zweitesmal nicht entwischt!«

»Dann ist eben Herr Gollwitz doch nicht der Mörder und ein anderer hat die Tat begangen, einer, der noch auf freiem Fuß lebt, den es aber immer wieder nach dem Ort treibt, wo er die Bluttat beging.«

Das ohnehin fahle Gesicht des alten Sonderlings war vor Wut noch bleicher geworden.

Mit den Blicken schien er Bormann vernichten zu wollen.

»Laßt mich das nicht mehr hören oder Ihr seid augenblicklich entlassen!« schrie er wild. »Gollwitz ist der Mörder! Alles andere ist Unsinn, Betrug! Habt Ihr das Lachen vorhin gehört von diesem Vagabunden, diesem Zuchthäusler. Der wollte mir auch solch eine Geschichte erzählen, wollte Geld erpressen, der Schuft. Die Polizei hetze ich ihm auf den Hals, dem Verbrecher! Ich will nichts mehr hören von diesen Spuren, oder gar, daß ein anderer als Gollwitz der Mörder und Dieb sein könnte, keine Silbe! Versteht Ihr mich?«

»Ich werde nicht mehr davon reden, Herr Brak, da Sie es so wünschen,« sagte Bormann verletzt.

»Dann – ist es gut,« nickte Peter, stark atmend. »Nun geht, laßt mich allein.«

Bormann wendete sich nach der Tür, als er hinter sich rufen hörte:

»Halt! Noch eins! Schwört es mir, daß Ihr gegen niemand etwas von der Sache verlauten laßt. Gollwitz muß verurteilt werden; sie lassen ihn viel zu lange leben.«

Betroffen über den haßvollen Ton in den Worten Peter Braks wandte sich Bormann an der Tür noch einmal um und sagte:

»Das werden Sie doch nicht von mir im Ernst verlangen, Herr Brak, daß ich zu keiner Seele etwas von dem erwähnen soll, was ich diesen Morgen bemerkte?«

»Ihr schwört mir – oder ich jage Euch noch diesen Vormittag mit Schimpf und Schande davon!« schrie Brak mit pfeifender Stimme.

Einen kurzen Moment bäumte sich wohl das Innere Bormanns empor.

War er denn wirklich ein Sklave des alten, verrückten Mannes?

Dann aber dachte er daran, daß es für ihn die Existenz bedeute, wenn er bleiben konnte als Hausmeister.

In seinem Alter fand sich nicht so schnell eine Stelle, und er besaß auch keinerlei Vermögen.

»Ich – schwöre, zu schweigen!« sprach er dumpf.

Der Sonderling nickte hastig.

»Das ist Euer Glück! Geht nun!«

Und Bormann ging.

Unzufrieden mit sich selbst, schlug er den Weg nach dem Fallnerschen Haus ein.

»Ich wollte, ich wäre gleich aufs Stadthaus gelaufen und hätte dort die Anzeige erstattet. Dann war es zu spät, daß er mir den Mund verbot. Nun weiß ich Dinge von größter Wichtigkeit, das, was sich in jener Nacht hier zutrug, bevor sich der Inspektor mit eigener Hand den Tod gab und dann das Heutige – und kann trotzdem zu keinem Menschen ein Sterbenswort davon sagen. Der Referendar ist unschuldig, darauf möchte ich jetzt selber schwören. Aber der alte Sonderling haßt ihn viel zu sehr, als daß er dies einsehen würde, ja, er wird im Gegenteil alles aufbieten, damit Gollwitz verurteilt wird. Wie mag das noch enden?«

Mit ernstem Kopfschütteln betrat Bormann den Fallnerschen Garten und nahm sich vor, künftighin nichts mehr zu hören und nichts mehr zu sehen.


* * *


Der Wald-Sepp war in die verfallene Hütte zurückgekehrt und erwiderte der Kathrin auf ihre Frage:

»Heute war's nichts, aber ich lasse nicht nach und werde den Vogel bald genug auf dem Leim haben. Frage vorderhand nicht weiter.«

Sepp brütete eine Zeitlang vor sich hin, dann erhob er sich und suchte einen kleinen Raum auf, der sich rechts, einen Meter von der Haustür entfernt, befand.

Das stallähnliche Gelaß hatte einen festen Lehmboden und ein einziges Fenster, das noch dazu mit dicken Querbalken versehen war, so daß es eine Unmöglichkeit genannt werden mußte, durch die kleinen Luken ein- oder auszusteigen.

Sepp überzeugte sich durch starkes Anzerren, daß die Balken festhielten.

Dann schaffte er alles Gerümpel aus dem Raum und trug einen Korb mit dürrem Laub herein, das er in eine Ecke schüttete.

Den Korb nahm er wieder mit sich.

Nun untersuchte er die Tür.

Sie war sehr stark, konnte aber nicht verschlossen werden.

Dem ließ sich abhelfen.

Der Wald-Sepp brachte mehrere sehr dicke Eisenstifte, hämmerte einen Teil davon krumm und trieb sie in das Holz der Tür und den Balken daneben.

Kathrin kam dazu und fragte verwundert, was er da mache.

»Ein Gefängnis!« antwortete er kurz. »Ich sorge für alle Fälle.«

»Aber du wirst doch nicht –« entfuhr es dem Mädchen.

»Nichts will ich, in das ich dich dreinreden lasse!« unterbrach er sich. »Merke dir das.«

Die Busch-Kathrin zuckte die vollen Schultern und meinte:

»Wenn dir's nur immer gut hinausgeht! Aber ich denke, wenn wir den Menschen hier hereinlocken, brauchst du mich am ehesten. Denn deinetwegen kommt er ganz gewiß nicht nach unserer Hütte.«

Der Wald-Sepp hob den Kopf,

»Aber deinetwegen – he?«

»Das ist doch gewiß!«

»Gratulier' zu solch einer Eroberung!« lachte Sepp schneidend. »Der Patron wäre wohl gar imstande, dich als seine Haushälterin zu engagieren!«

»Du weißt aber auch, daß ich lieber verhungern würde, als mich mit so einem Unhold einzulassen. Ich glaube, bei dem spukt es im Gehirn.«

»Oder er ist ein Schuft erster Klasse. Doch das ist einerlei; ich hoffe, mit ihm fertig zu werden.«

Der Wald-Sepp überzeugte sich nun, ob der Raum so war, wie er ihn sich wünschte und verließ dann mit Kathrin das kleine Zimmer.

Zwei Tage vergingen, und sobald es Nacht wurde, legte sich Sepp auf die Lauer.

Die Tür der Hütte ließ er zum Teil offen und ebenso jene zu dem früher beschriebenen Raum.

Dort hinein stellte er auch ein Licht, das die ganze Nacht brannte.

Kathrin aber setzte sich vor das Fenster der ersten Stube, so daß man ihren Kopf deutlich erkennen konnte, wenn man über den kleinen Hügel vom Forst herkam.

Es ereignete sich jedoch nichts.

Am Abend des dritten Tages begab sich Sepp mit seiner alten Büchse wieder in den Wald.

Er hatte eine Wildspur entdeckt.

Kathrin verschloß diese Nacht die Tür und verlöschte auch das Licht.

Es ging nahe an Mitternacht, als das Mädchen durch ein heftiges Klopfen aus dem Schlaf gerüttelt wurde.

Es stand rasch auf und lief nach der Hüttentür.

»Bist du es, Sepp?« fragte Kathrin.

»Ja – auf, auf!« lautete die Antwort des Burschen.

Die Tür öffnete sich und Sepp trat rasch über die Schwelle.

»Ist dir etwas begegnet? Wie siehst du denn aus?«

Der Wald-Sepp hatte kaum mehr einen Atem.

Den Hut schien er verloren zu haben und sein Gesicht war bleich, trotz der Kälte, die im Forst herrschte.

Die Büchse trug er in der Hand, Wild brachte er keines mit sich.

»Komm',« keuchte er, das Mädchen beim Arm erfassend und in den Gang ziehend. »Es gibt eine Neuigkeit! Alle Not hat ein Ende! Wir haben Gold, Gold!«

In ihrer Verblüffung dachte die Busch-Kathrin gar nicht einmal daran, die Hüttentür wieder fest zu verschließen.

Sie folgte Sepp mit dem Kerzenlicht in der Hand.

»Nicht in die große Stube,« sagte er hastig, »es könnte uns da jemand belauschen. Man kann nicht wissen, wer draußen im Wald herumschleicht. Da hinein!«

Sie betraten beide den zum Gefängnis eingerichteten kleinen Raum.

»Jetzt aber, Sepp, sage mir um alles in der Welt, was dir begegnet ist?« rief das Mädchen.

Er lehnte das Gewehr gegen die kahle Wand und lachte ganz seltsam.

»Da, schau' her! Wer kommt uns noch an?«

Dabei hatte er mit beiden Händen in die Seitentaschen seines schmutzigen Rockes gefaßt und brachte jede Hand voll mit Goldstücken wieder zum Vorschein.

Kathrin stieß einen lauten Schrei aus, als sie das funkelnde Metall bemerkte, als mehrere Stücke den Händen Sepps entglitten und mit leisem Klingen über den Boden rollten.

»Hahaha! Ich wußte es, daß du Augen machen würdest!« lachte Sepp, schlug aber plötzlich einen anderen Ton an und fragte: »Warum weichst du zurück und starrst mich an, als wäre ich der Leibhaftige selber?«

Tatsächlich war das Mädchen zurückgewichen.

»Weil ich dich fürchte, Sepp!« gab es zur Antwort. »Wie kommst du zu dem vielen Gold?«

»Es gehörte dem alten Sonderling, und ich brauchte es nur an mich zu nehmen.«

»Du hast ihn erschossen und beraubt, in der Wut darüber, daß er dir nicht gab, was du von ihm verlangtest!«

»Unsinn! Ich –«

Sepp brach plötzlich ab und schob die Goldstücke rasch in die Tasche zurück.

Dabei entfielen ihm wieder einige davon, während die übrigen in seinen Taschen laut klirrten.

»Was ist das?« rief er gedämpft. »Hörst du nichts?« Es ist jemand im Haus? Du hast die Tür offen gelassen und auch diese hier –«

In diesem Augenblick ging die Tür rasch auf.

Ein Mann stand auf der Schwelle.

Er mußte ohne viel Geräusch eingetreten sein in das Haus, hatte durch die schlecht geschlossene Tür des kleinen Raumes den Lichtschein bemerkt und war ihm gefolgt.

Er trug einen faltigen, dunklen Mantel, der die Arme verbarg, auf dem Kopf einen breitkrempigen Hut.

Daß Sepp von dem Fremden nichts Gutes zu erwarten hatte, ersah er auf den ersten Blick.

Mit einer blitzschnellen Bewegung löschte er die Kerze aus und faßte nach dem Gewehr.

Er hatte jedoch die Rechnung ohne dem Fremden gemacht, denn beinahe in demselben Augenblick, da es dunkel ward, schlug der Fremde auch schon den Mantel auseinander und gleichzeitig blitzte ein helles Licht auf.

»Die Hand vom Gewehr, oder Ihr seid verloren!« rief eine drohende, stahlharte Stimme.

Der Wald-Sepp war von diesem rapiden Wechsel derart betroffen, daß er tatsächlich die alte Büchse fallen ließ und für einen Moment fassungslos den Fremden anstarrte.

»Was – wollen Sie hier?« stotterte er.

»Das will ich gleich erklären!« sagte der Fremde und trat völlig in den kleinen Raum herein.

Sepp und Kathrin, die sich ebenfalls noch gar nicht zu fassen vermochten, sahen nun, daß der Mann unter dem Mantel eine scharf leuchtende Blendlaterne verborgen gehalten hatte.

In der zweiten Hand aber blitzte der schußbereite Lauf eines Revolvers. Unter solchen Umständen war es das Vernünftigste, sich zu fügen.

»Ihr habt das Gold in Euren Taschen gestohlen!« sagte der Fremde.

»Ich – habe kein Gold!« trotzte Sepp.

»Mit Lügen kommt Ihr bei mir nicht weiter!« fuhr der Mann drohend auf. »Da auf dem Boden liegen noch ein halbes Dutzend Goldstücke, mehr, als Ihr in Eurem ganzen Leben beisammen gesehen habt. Zudem hörte ich das Metall in Euren Taschen klirren. Legt heraus, was Ihr habt, auf diese Holzbank hier. Vorwärts! Zögert nicht!«

Die letzten Worte klangen so befehlend, daß Sepp, der allmählich seine Fassung wieder erhalten hatte, knirschend entgegnete:

»Oho! Wer sind Sie denn, daß Sie glauben, ich müsse Ihnen nur so auf den Wink folgen?«

»Ich bin Kriminalbeamter, schaut Euch hier die Marke an. Macht Ihr mir lange Umstände, so verhafte ich Euch augenblicklich!«

Der Wald-Sepp wurde nun plötzlich kleinlaut.

»Das konnte ich nicht wissen!« versetzte er. »Aber zu verhaften brauchen Sie mich nicht; ich habe kein Verbrechen begangen, sondern dieses Gold hier einfach in einem hohlen Baum entdeckt.«

»Wenn ich Euch glaube, so habe ich dafür meine Gründe!« nickte der Detektiv. »Ich verlange aber volle Offenheit von Euch und in diesem Fall sollt Ihr nicht zu kurz kommen.«

Sepp hatte die Taschen geleert und eine ganz erkleckliche Anzahl des roten Goldes auf die Holzbank gelegt.

Daß er das schöne Gold wieder herausgeben sollte, tat ihm zwar in der Seele weh, aber es ließ sich nicht anders machen, und wenn er nicht sofort wieder mit der Polizei in Konflikt geraten wollte, so mußte er tun, was der Fremde von ihm verlangte.

»Wozu habt Ihr diesen Raum beinahe wie ein Gefängnis hergerichtet?« fragte dieser plötzlich.

Sepp zögerte etwas mit der Antwort, entgegnete dann aber offen:

»Ich will es nur gleich gestehen, Herr, ich wollte den unheimlichen Menschen hier hereinlocken und festhalten, der noch immer in den Nächten umherschleicht, den Dieb und Mörder der Frau Fallner.«

»Ihr kennt den Menschen? Es ist also nicht der verurteilte Gollwitz?«

»Gott bewahre, Gollwitz ist sicher unschuldig. Er kennt den Täter sogar, er und Luise Brak und ich kenne ihn auch. Wenn ich ihn nur erst hier drinnen hätte, würde die Polizei, während ich ihn einsperre, leicht feststellen können, daß er selber der Dieb und Mörder ist. Ließe man ihn aber wieder nach Hause laufen, könnte er die Spuren beseitigen.«

»Das hättet Ihr getan?« fragte forschend der Kriminalbeamte.

»Jawohl, ich hätte es getan!« erwiderte Sepp, sich förmlich in die Brust werfend.

Kathrin schweigt.

Sie weiß, daß Sepp den Verbrecher der Polizei ausgeliefert hätte – aber erst dann, wenn dieser nicht darauf eingegangen wäre, ihn mit einer hohen Abfindungssumme zum Schweigen zu bringen.

»Kommt denn der Mensch hin und wieder hierher?« fragte der Kriminalbeamte.

»Jawohl, er stahl mir ja auch den Steinhammer aus dem Schuppen dort oben, und während ich – festsaß, versuchte er es ebenfalls, hier einzudringen.«

»Was will er denn hier?«

Sepp zuckte die Achseln.

»Ich kann mich da nicht recht ausdrücken. Es scheint ihn eben hierher zu ziehen, vielleicht die Kathrin.«

Der Beamte sah das Mädchen an und wollte soeben fragen:

»Wer, nach Eurer Meinung, ist es nun aber, der durch den Wald schleicht?« als ein Geräusch entstand, bei dem Sepp und auch Kathrin zusammenfuhren.

»Da ist er!« rief der Bursche hastig.

»Wer?«

»Der Mörder! Er steht an der Hüttentür! Hören Sie nicht? Er will herein!«

»Ich habe vorhin wahrscheinlich aus Versehen die Tür hinter mir zugedrückt, so daß der Riegel einsprang,« meinte der Kriminalist. »Das ist nun gut. Gehen wir aus dem Raum hier. Laßt die Tür halb offen, das Gold liegen, das Licht brennen, nehmt aber Eure Büchse mit. Kommt! Wo können wir uns verbergen?«

»Gleich hier nebenan, Herr,« sagte Sepp, auf eine Tür im Gang deutend.

»Gut!«

Alle drei traten in die Stube, nachdem noch rasch das kleine Kerzenlicht angezündet worden war.

Man hörte abermals ein scharrendes Geräusch an der Hüttentür.

»Schleicht Euch bis dorthin,« sagte der Kriminalbeamte »und öffnet den Riegel. Ihr könnt Euch sofort dann hinter die große Kiste daneben stellen. Sobald der Mensch eingetreten ist, wird der Lichtschein von dort her ihm in die Augen fallen und da er die Tür halb offen stehen sieht, wird er auch darauf zugehen und dort eintreten. Ihr schleicht ihm nach und ist er drinnen, schließt Ihr rasch die Tür und verriegelt sie. Getraut Ihr Euch, dies auszuführen?«

»Gewiß, es ist ja auch gar nicht schwer!« sagte Sepp.

»Vorwärts also!«

Der Detektiv schloß die Klappen seiner Blendlaterne und drückte die Stubentür so weit zu, daß nur ein ganz kleiner Spalt blieb, um hindurch zu spähen.

Sepp schlich sich durch den halb dunklen, nur durch den aus dem kleinen Raum fallenden Lichtschein erhellten Gang nach der Hüttentür, rückte sich erst die daneben befindliche Kiste zurecht, um rasch dahinter zu gelangen, und zog mit einem Griff den Riegel zurück.

Ein Windstoß, der soeben über die Steinbrüche hereinfuhr, warf die Tür gegen die Wand.

Sepp stand lautlos hinter der Kiste.

Einige Sekunden vergingen, ohne daß sich etwas ereignete. Der Detektiv sah aufmerksam nach der Türöffnung.

Dahinter lag finstere Nacht und man konnte ein leichtes Schneegestöber bemerken.

Das Auge aufs äußerste anstrengend, bemerkte der Beamte endlich eine in schwachen Umrissen erkennbare dunkle Gestalt, die unbeweglich in dem Schneegestöber stand.

Wagte sich der Mensch nicht herein oder hatte ihn etwas stutzig gemacht?

Von dem Lufthauch getroffen, flackerte die Kerzenflamme in dem kleinen Raum hin und her.

Jetzt bewegte sich die Gestalt.

Sie wurde deutlicher und plötzlich stand sie im Hausflur.

Noch einmal zögerte der Mensch, dann aber bewegte er sich in schwankendem Gang, einem Betrunkenen ähnlich, dem Licht zu, angelockt wie die Motte, die nach der Flamme flattert.

In höchster Erregung verfolgte der Kriminalist jede Bewegung des unheimlichen Menschen.

Ja, so mußte der Mörder aussehen, der den geheimnisvollen Mord beging an einer Frau, die im weiten Umkreis keinen Feind besaß, und der Beamte wünschte, das Bild dieses Menschen, so wie es sich jetzt seinen Blicken zeigte, dem ganzen Gerichtshof vorführen zu können.

Ohne jeden weiteren Beweis mußten sie zu der Erkenntnis kommen, daß dies und kein anderer der Mörder war. Die hagere, lange Gestalt mit dem spitzen Kopf, dem herabhängenden Kinn, den düster flackernden Augen in dem Leichenangesicht machte mit den dürren, ausgespreizten Fingern einen geradezu unheimlichen Eindruck.

Jetzt schwankte die Gestalt in den kleinen, erhellten Raum, sah sich um, hob die Arme – und in demselben Augenblick fiel die Tür zu, die Sepp rasch und sicher verriegelte.

»Gelungen!« rief der Kriminalbeamte, aus der Stube tretend. »Hält auch alles fest?«

»Bis zum jüngsten Tag!« lachte Sepp. »Den halte ich sicher, so lange Sie wollen!«

Die drei Personen lauschten.

Aus dem Gefängnis wurde jedoch nichts gehört, als das Klirren der Goldstücke.


XXIX.

Der Kriminalbeamte gab dem Wald-Sepp ein Zeichen, damit ihm dieser folge und trat mit dem Burschen in die Stube zurück.

»Nun erzählt mir rasch, wie Ihr zu dem Gold kamt!« sagte er. »Aber erinnert Euch, daß ich unbedingte Offenheit verlangte.«

»Haben Sie keine Sorge, Herr, ich werde Sie nicht belügen!« entgegnete Sepp.

Er fand die Sache wirklich für zu gefährlich, als daß er jetzt noch einen Ausweg im Lügen gesucht hätte.

Der Wald-Sepp schilderte in raschen Worten, was ihm die Kathrin bei seiner Rückkehr aus der Haft erzählte, wie er dann selbst den unheimlichen Menschen beobachtete, als er einen Gang durch den Forst in finsterer Nacht machte – daß er dabei wilderte, verschwieg er wohlweislich – und wie er dabei die Person erkannt habe.

Als er im weiteren berichtete, daß er am Morgen darauf Peter Brak einen Besuch abstattete, fragte der Kriminalist:

»Warum seid Ihr denn nicht sofort auf das Stadthaus gegangen und habt dort die wichtige Meldung erstattet?«

»Ich war zu neugierig, das Gesicht Peter Braks zu sehen, wenn ich ihm sagte, wer eigentlich der Mörder war!« antwortete Sepp.

»Ich denke, es wird sich hier wohl eher um einen Erpressungsversuch handeln,« sagte der Kriminalist. »Aber fahrt nur weiter fort, ich will mich nicht weiter darum bekümmern. Mich wundert es aber, daß Ihr nach der Entgegnung Peter Braks nicht dann wenigstens die Anzeige erstattet habt?«

Sepp machte ein pfiffiges Gesicht.

»Ich glaubte, daß der Gauner nicht so ohne weiteres zu fassen wäre. Kein Mensch wird ja glauben wollen, daß er, dieser angesehene Mann, den Mord ausgeführt hat. Den mußte man mit List ins Netz bekommen und wie ich dies anfing, das haben Sie ja gesehen, Herr.«

»Wir kommen zur heutigen Nacht,« sagte der Beamte, der ganz gut wußte, daß Sepps Beweggründe etwas anders sich darstellten, als der Bursche behauptete, der aber zum Schluß kommen wollte. »Was tatet Ihr denn in dieser Nacht mit der Büchse im Forst?«

»Ich wollte sehen, ob der Mensch wieder umherschlich,« antwortete Sepp. »Wenn ich dabei meine Büchse mit mir nahm, so tat ich es aus Vorsicht. Man kann nicht wissen, was geschieht.«

»Auch darum will ich mich nicht weiter kümmern. Wie kamt Ihr nun aber zu dem Gold?«

»Die Geschichte hört sich sonderbar genug an, aber sie ist trotzdem wahr bis auf den letzten Buchstaben. Ich war in die Nähe des Waldrandes gekommen und blieb eine Zeitlang stehen, um zu lauschen. Der Mond leuchtete bald gar nicht, bald wieder nur sehr mäßig, je nachdem ihn die Wolken bedeckten oder freiließen.

Ich brauchte nicht lange zu warten, dann hörte ich ein Geräusch. Es klang, als ob ein Mensch hin und her sprang. Bald näherte sich meinem Platz eine Gestalt, und da der Mond wieder etwas sichtbar geworden war, so konnte ich den unheimlichen Menschen erkennen. So geräuschlos als möglich schlich ich ihm nach. Plötzlich blieb er am Stamm einer alten Eiche stehen und tastete daran herum. Dabei bemerkte ich, daß er etwas in der Hand trug. Es schien ein Sack zu sein.

Jetzt fand ich auch heraus, was er tat. Er hatte die Hand mit dem Sack in ein Loch des hohlen Stammes geschoben und plötzlich klirrte es wie pures Gold. Der Mensch versteckte hier Geld, und es mußte ihm diesmal der Beutel im Hineinschieben aufgesprungen sein. Ich hörte ein heiseres Lachen, dann verschwand der Mensch unter den Bäumen. Diesmal folgte ich ihm nicht, sondern ich blieb mehrere Minuten regungslos stehen.

Nur wenige Schritte entfernt von mir befand sich ein Schatz, Gold! Ich brauchte nur in die Öffnung zu greifen, und das Gold war mein. Ich zögerte noch eine Weile, dann aber vermochte ich mich nicht mehr zu halten. Ich bin ein armer Teufel, Herr, und wer wird es mir verdenken, daß ich mit der Hand in den hohlen Baum faßte, daß ich meine Taschen mit dem Gold füllte, das mir in die Finger kam? Es lag weit mehr in der Höhlung, als ich unterbringen konnte, Sie können sich leicht davon überzeugen; ich hatte jedoch genug und lief in wilder Hast auf dem kürzesten Weg hierher, nach meiner Hütte zurück, wo Sie mich fanden.«

»Eure Angabe dürfte stimmen!« nickte der Kriminalist. »Auch ich lag seit mehreren Tagen auf der Lauer, von einem Verdacht erfaßt, auf den bis dato noch niemand kam. Aber erst diese Nacht bemerkte ich eine Gestalt am Rand des Waldes, doch so verschwommen und undeutlich, daß etwas Genaueres gar nicht zu erkennen war.

Gleich darauf verlor ich auch die Spur wieder, drang jedoch noch eine Zeitlang vorwärts, bis ich plötzlich einen eiligen Schritt vernahm. Irgend wer rannte an mir vorbei, ohne mich in der Dunkelheit zu bemerken. Das war niemand anderes als Ihr. So rasch es ging, folgte ich, stürzte aber mehrmals über Steine und Wurzeln, so daß ich schließlich nichts mehr von Euren Schritten hörte.

Trotzdem behielt ich die Richtung inne und kam endlich von der Seite her gegen die Hütte, in der ich einen Lichtschein bemerkte. Die Tür ließ sich öffnen, geräuschlos ging ich bis zu dem Eingang des kleinen Raumes, den Ihr als Gefängnis hergerichtet – und das weitere wißt Ihr.«

»Was wird nun geschehen, Herr?« fragte Sepp.

Der Kriminalist bedachte sich einen Moment, um dann zu erwidern:

»Wie lange hat man zu gehen bis nach der Stadt?«

»Wenn ich Euch führe, eine starke halbe Stunde. Der Weg ist jetzt schlecht. Allein wird es aber schlimmer gehen.«

»Kommen wir an dem hohlen Baum vorüber?«

»Wenn Sie es wünschen, jawohl.«

»Und Ihr könnt mir versichern, daß der Gefangene nicht entwischt, falls ich Euch mit mir nehme?«

»Darauf könnte ich meinen Kopf verwetten. Das Fenster läßt ihn unmöglich durch, und die Tür ist mit starken Nägeln versichert. Außerdem kann sich auch noch Kathrin mit der geladenen Büchse vor die Tür setzen.«

»Das ist gut. Da fällt mir ein, daß in dem Raum ein offenes Licht brennt. Wenn der Mensch unvorsichtig oder verbrecherisch damit umgeht, brennt die ganze Hütte mit ihm nieder. Damit ist mir jedoch sehr wenig gedient.«

Der Wald-Sepp hatte ein Lächeln darauf.

»Wenn das winzige Stümpfchen Licht nicht schon jetzt verlöscht ist, so dauert das jedenfalls keine fünf Minuten mehr. Sie können sich auch davon überzeugen, Herr,« sagte er.

»Gehen wir also!« ordnete der Beamte an.

Der Wald-Sepp sprach einige Worte zu Kathrin und diese ergriff die alte Büchse, worauf sie mit den beiden Männern in den Hausgang hinaustrat und sich sogleich in der Nähe des zum Gefängnis hergerichteten Raumes auf einer Kiste niederließ.

Nachdem sie noch eine alte Decke um sich gewickelt hatte, erklärte sie mit leiser Stimme, sie könne es in dieser Verfassung ganz gut bis zum Morgen aushalten, wenn dies sein müsse.

Der Kriminalist legte sein Ohr an die Tür, hörte jedoch nichts.

Der Lichtschein von innen war bereits erloschen.

Er gab Sepp einen Wink und verließ mit dem Burschen die Hütte.

Im Wald herrschte tiefe Stille, da sich der Wind vollständig gelegt und auch das Schneetreiben aufgehört hatte.

Sepp voran, der Beamte mit der geöffneten Laterne hintennach, schritten die beiden Männer rasch durch den nächtlichen Forst.

Nach geraumer Weile näherte man sich dem Ausgang des Waldes.

Es wurde heller, denn der Mond war herausgekommen. Sepp blieb plötzlich stehen und zeigte auf einen großen, verkrüppelten Baumstamm, den die Mondstrahlen streiften.

»Hier ist der Baum, Herr,« sagte er.

Der Kriminalist gab Sepp die Laterne zum Halten und griff tief in die Öffnung, die ihm Sepp bezeichnete.

Sofort brachte er mehrere schwere Rollen zum Vorschein und nach genauerem Untersuchen fand er, daß der Hohlraum noch weit mehr enthielt.

Er brachte in seinen Manteltaschen soviel als möglich unter, und dann wurde der Weg nach der Stadt angetreten.

Die Laterne wurde verlöscht, da der Mond hell genug leuchtete.

An dem Haus Peter Braks vorbeikommend, murmelte der Kriminalbeamte:

»Dir werden wir bald genug einen Besuch abstatten!«

Es mochte gegen drei Uhr in der Frühe sein, als die beiden Männer das Stadttor passierten und bald darauf in der Wachtstube sich einfanden.

»Ist der Herr Kommissar zu sprechen?« fragte der Kriminalist.

»Der Herr Kommissar schläft,« antwortete ein Wachtmeister. »Wenn Sie eine wichtige Mitteilung zu machen haben, so bin ich dafür da.«

Dabei betrachtete sich der Mann forschend den ihm unbekannten Kriminalbeamten, noch mehr aber den berüchtigten Wald-Sepp.

»Ich muß unter allen Umständen den Herrn Kommissar persönlich, und zwar sofort sprechen,« sagte der erstere. »Wecken Sie ihn, Wachtmeister, und sagen Sie, Inspektor Lanner habe ihm sogleich eine dringende Mitteilung zu machen.«

»Inspektor Lanner?« rief der Wachtmeister. »Sind Sie der Nachfolger des unglücklichen Brak in der Residenz?«

»Jawohl, hier meine Beglaubigung. Ich habe mich inkognito hier aufgehalten, um den eigentlichen Mörder der Frau Fallner zu entdecken. Gollwitz ist es nicht. Fragen Sie nicht weiter, es gilt rasches Handeln.«

Der Wachtmeister war durch diese Worte nicht wenig überrascht, beeilte sich aber sogleich, in eigener Person den Kommissar zu wecken.

Nach etwa zehn Minuten erschien er mit dem Genannten und dieser rief sogleich:

»Was ist denn vorgefallen, Herr Inspektor? Treten Sie, bitte, in mein Bureau ein.«

Lanner kam dieser Einladung nach und schritt mit Sepp über die Schwelle des Dienstzimmers.

Der Wachtmeister hatte eine Lampe auf den Tisch gestellt und sich entfernt.

»Das muß ja etwas ganz Außerordentliches sein, das Sie morgens um drei Uhr zu mir herführt?« begann der Kommissar.

»Allerdings,« nickte Lanner hastig, »ich bitte um Entschuldigung, daß ich Sie aus dem Schlaf riß, aber es geht nicht anders. Ich habe in dieser Nacht den Mörder der Frau Fallner entdeckt.«

Enttäuscht sah der Kommissar den Beamten an.

»Den Mörder der Frau Fallner? Aber das ist doch gar nicht möglich, Herr Inspektor! Gollwitz ist ja längst in Haft und seine Verurteilung sicher!« rief er.

»Man hat sich bis heute getäuscht! Gollwitz ist nicht der Mörder; er ist vollkommen unschuldig. Ich studierte nach dem Tod meines unglücklichen Vorgängers auf das genaueste die Akten dieses sonderbaren Prozesses und das Resultat war, daß ich den Referendar für schuldlos hielt. Noch hatte ich keine Beweise, stand auch mit meiner Ansicht allein da, aber was mehr wert ist, ich hatte einen ganz bestimmten Verdacht, der sich bei mir mehr und mehr bestärkte. So begab ich mich vor einigen Tagen in aller Stille hierher, um den wahren Dieb und Mörder zu entdecken. Hören Sie nun rasch, was sich bis zu dieser Stunde ereignete.«

Lanner schilderte die letzten Ereignisse.

Der Kommissar war anfangs sprachlos, dann aber fuhr er heftig auf.

»Was Sie da sagen, Herr Inspektor, das klingt so unglaublich, die Sache ist so unerhört, daß ich noch immer nicht weiß, wache oder träume ich!« rief er.

»Sie wachen!« versetzte Lanner. »Und Sie werden sich rasch überzeugen, daß sich alles so verhält wie ich sage.«

»Aber – wie könnte denn gerade dieser Mann der Mörder sein, wenn ich auch schließlich noch annehmen wollte, er habe diese Geldsummen entfernt, um Gollwitz zu schaden?«

»Wie sich der Zusammenhang darstellen wird, das vermag ich zur Stunde noch nicht zu sagen, aber daß er wirklich der Mörder ist und kein anderer, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Wir werden übrigens die Beweise finden, noch diese Nacht, davon bin ich überzeugt!«

»Sie verlangen eine sofortige Haussuchung bei Peter Brak?«

»Bei Peter Brak, jawohl!«

»Das wird einen Heidenskandal geben. Aber ich bin sogleich bereit dazu.«

Während Lanner das im Baum gefundene Gold auf den Arbeitstisch legte, gab der Kommissar dem Wachtmeister die nötige Order.

Dann zählte er die mehrere tausend Mark betragende Summe nach, notierte sich die Zahl und verließ mit dem Inspektor Lanner und Sepp das Dienstzimmer.

Vor dem Stadthaus fuhr eben ein Wagen vor. In Begleitung eines Polizisten bestiegen die Männer den Wagen, und es ging in rascher Fahrt durch den Frühmorgen nach Braks Haus.

Niemand begegnete man; in Wilberg schlief noch alles.

Der Wagen hielt vor dem Garten.

Das Gitter war jedoch verschlossen, so daß der Polizist über den Heckenzaun springen und von innen das Schloß absprengen mußte.

Ein leichter Schnee lag auf den Wegen, als die Männer dem Haus zuschritten.

Der Wald-Sepp allein blieb im Wagen zurück.

Inspektor Lanner klingelte, mußte dies jedoch zweimal wiederholen, ehe sich etwas im Haus rührte.

Dann vernahm man die ängstliche Stimme der alten Magd.

»Was gibt es denn?«

»Macht auf, die Polizei ist da,« erhielt sie zur Antwort.

Ein Ruf des Schreckens erfolgte, dann wurden von innen die schweren Riegel zurückgeschoben und die Tür tat sich auf. Ohne Säumen betraten die drei Männer den Hausflur.

»Wo ist Herr Brak? Wir müssen ihn sofort sprechen!« sagte der Kommissar.

»Herr Brak schläft natürlich, was sollte er denn sonst um diese Zeit tun?« stotterte gänzlich verwirrt die nur notdürftig bekleidete Magd.

»Er schläft?« versetzte Lanner. »Wir wollen uns doch davon überzeugen. Gehen Sie doch voran, Herr Kommissar.«

»Ja – aber um Gottes willen, was bedeutet denn das?« rief die Alte.

Sie bekam jedoch keine Antwort.

Der Kommissar voran, schritten die drei Männer die Treppe hinauf.

Der Kommissar klopfte an Braks sogenanntem Arbeitszimmer. Es erfolgte keine Antwort.

Die Tür war von innen verschlossen.

Der Polizist erhielt einen Wink, worauf er sich ohne Umstände mit der Schulter gegen das Schloß stemmte und die Tür gewaltsam eindrückte.

Krachend flog das Holz zurück.

Der Weg war frei.

Mit den Männern fast zugleich war die alte Magd eingetreten.

Nun schlug sie sofort ein lautes Lamento auf.

»Allbarmherziger Gott! Unser Herr ist schon wieder beraubt worden!« schrie sie. »Da sehen Sie nur das offene Fenster – und hier den offenen Geldschrank.«

Der Inspektor Lanner sah sich um.

Es stimmte.

Er lächelte eigen.

»Sehen Sie nun, Herr Kommissar, wie recht ich hatte, als ich behauptete, der alte Sonderling bestahl sich die ganze Zeit über selbst und versteckte sein Geld in einem hohlen Baum?«

»Aber weshalb denn nur?«

»Um Gollwitz zu schaden!«

»Das hatte anfangs Wert, jetzt aber doch nicht mehr?«

»Geduld, ich hoffe, es soll sich alles aufklären.«

»Es wäre erwünscht. Der Schrank hier scheint wirklich beraubt zu sein. Die Lade ist leer. Wissen Sie vielleicht, ob Ihr Herr gestern oder die letzten Tage Geld bekam?« fragte er die alte Magd.

»Gestern nachmittag empfing Herr Brak eine Rückzahlung von zweitausend Mark, alles in Gold, wie ich deutlich gesehen habe,« antwortete sie, die gar nicht mehr wußte, wie ihr geschah.

Lanner nickte befriedigt.

»Ich dachte mir so etwas dergleichen!«

Er schritt zum Fenster.

»Sehen Sie her, Herr Kommissar, Brak ist hier hinausgestiegen, hinunter in den Garten. Wäre seitdem nicht Schnee gefallen auf den früheren, so ließen sich die Fußspuren genau nachweisen.«

»Herr Brak – wäre –?« rief die alte Magd händeringend.

»Herr Brak schläft ja doch in seinem Bett, und es war wieder ein Dieb hier, der den Schrank beraubte!«

Lanner hatte darauf nur ein Lächeln.

»Das wissen wir besser, liebe Frau!«

Währenddem war der Kommissar auf die Tür des Schlafzimmers zugeschritten und hatte diese ohne weiteres geöffnet.

Sie war übrigens auch gar nicht versperrt von innen. Lanner und der Kommissar traten ein.

Auf den ersten Blick sahen sie, daß das Bett zwar zerwühlt, aber leer war.

Peter Brak war gar nicht zu sehen, worüber sich die beiden Herren auch nicht mehr verwunderten.

Neben dem Bett, auf einem Stuhl lag ein Schlafrock, derselbe, den Brak für gewöhnlich benutzte, auch ein Paar Filzpantoffeln standen daneben.

»Wollen Sie nun glauben, daß es Brak ist, den wir in der Waldhütte eingesperrt halten?« fragte Lanner.

»Ich muß wohl,« erwiderte der Kommissar, »aber unbegreiflich bleibt mir die Sache dennoch. Ich tappe völlig im Finstern.«

»Geduld, das Licht wird schon kommen! Untersuchen wir den Raum hier einmal!«

Das geschah.

Es wurde jedoch anfangs nichts Verdächtiges gefunden.

»Wenn wir nur das Schreiben entdecken könnten, das mein unglücklicher Vorgänger an seinen Bruder richtete, ehe er sich erschoß? Hier müßte sich eine wichtige Aufklärung finden!« bemerkte Lanner.

»Brak hat den Brief sicher vernichtet, wenn er etwas enthielt, das ihm gefährlich werden konnte,« versetzte der Kommissar.

»Wer weiß! In dergleichen Dingen begingen häufig die schlauesten Gauner die größten Unvorsichtigkeiten. Wir wollen einmal die Magd fragen, was sie von der Sache weiß.«

Die Person wurde hereingerufen.

»Sagen Sie uns der Wahrheit gemäß, war Ihnen bekannt, daß Herr Brak manchmal auf heimliche Weise das Haus verließ?« fragte der Kommissar.

»Nein, davon weiß ich nichts!« antwortete die gänzlich verwirrte Magd.

»So! Also auch davon wußten Sie nichts, daß Brak das Geld, das ihm angeblich geraubt wurde, immer selbst beiseite schaffte und nachher Gollwitz dessen beschuldigte?«

»Nein, ich schwöre es bei meinem Seelenheil!«

Die Art und Weise, wie die Alte ihre Beteuerung vorbrachte, ließ auch wirklich keinen Gedanken zu, daß die Person log.

Der Kommissar befragte sie nun über das Schreiben, das Brak erhalten hatte durch seine, des Kommissars Vermittlung.

Die Magd konnte jedoch nicht angeben, wohin der Brief gekommen war.

Brak hatte auf dem Sofa in seinem Schlafzimmer gelegen, als er das Schreiben empfing und darüber in solch fürchterliche Wut geriet.

Nachdem war von dem Brief nichts mehr zu entdecken.

»Fatal!« sagte der Kommissar; Inspektor Lanner jedoch, von einem Gedanken geleitet, eilte in das Schlafzimmer zurück.

»Man darf nichts unversucht lassen!« rief er.

Der ihm nachfolgende Kommissar sah, wie Lanner bereits das alte Sofa beiseite gerückt hatte.

»Triumph!« rief der Beamte auch schon in demselben Augenblick und hob ein vollkommen zerknittertes Papier in die Höhe, das zwischen der Sofalehne und der Wand gesteckt hatte und nun zu Boden gefallen war. »Ich wette tausend gegen eins, daß dieser Fund das Richtige enthält!«

Die beiden Polizeibeamten traten mit dem Papierknäuel an das Lampenlicht und glätteten auf der Tischplatte das Schreiben.

Sogleich erkannten sie, daß es sich tatsächlich um das Schreiben handelte, das der unglückliche Inspektor Brak vor seinem Tod an den Bruder richtete.

Mit halblauter Stimme las der Kommissar.

Als er geendet, ließ er das Blatt erschüttert sinken.

»Wer hätte dies gedacht! Der arme Inspektor! Es ist entsetzlich! Aber nun wird es plötzlich Tag, und man weiß, weshalb weder Gollwitz, noch Luise und auch der Inspektor den wahren Mörder nicht nennen wollten. Ich kann nur den Referendar bewundern, daß er lieber sich verurteilen ließ, als daß er Luises Vater beschuldigte. Nun aber kein Säumen mehr. Dieses Scheusal muß der Justiz übergeben werden. Diesmal ist es ganz gewiß der richtige.«

Der Kommissar verschloß nun die Zimmer, ohne in ihnen etwas zu verändern, machte die Magd darauf aufmerksam, daß auch von ihrer Seite unter keinen Umständen geöffnet werden dürfe und verließ darauf mit Lanner und dem Polizisten Braks Haus.

Die drei Männer stiegen in den Wagen, während Sepp bei dem Kutscher Platz nahm, um diesem zu sagen, welchen Weg er nehmen müsse, um möglichst in die Nähe der Steinbrüche zu kommen.

Man kam an dem hohlen Baum vorüber, der ja in seinem Innern noch eine ganz hübsche Summe Geldes enthalten mußte.

Lanner erkannte im Morgengrauen sogleich die Stelle wieder und machte den Kommissar darauf aufmerksam, daß es angebracht wäre, die noch vorhandene Geldsumme zur Sicherheit herauszunehmen.

Der Kommissar ließ auch sogleich halten und stieg aus.

Mit seinem Seitengewehr erweiterte der Polizist die Öffnung, so daß man nun auf den Grund gelangen konnte.

In der Tat befand sich noch eine ganz bedeutende Summe vor, die der Polizeibeamte an sich nahm.

Die Gelder waren teils in Rollen gepackt, teils waren es Banknoten von hohem Wert.

Aber auch offen lagen die Goldstücke in der feuchten Höhlung.

Nachdem dieser sonderbare Geldschrank ausgeräumt war, wurde die Fahrt fortgesetzt.

Der Wald-Sepp zeigte dem Kutscher einen alten Fahrweg, der vor Zeiten zu den nun eingegangenen Steinbrüchen führte, so daß der Wagen ziemlich nahe an die Waldhütte heranfahren konnte.

Endlich machte man halt und stieg aus.

Rasch war die Hütte erreicht, aus der keinerlei Geräusch zu hören war.

Sepp öffnete die Haustür, und die drei Männer traten mit ihm ein.

In dem Frühschein, der durch die offen gebliebene Tür in den Gang fiel, sah man die Buschkathrin vor dem zum Gefängnis hergerichteten Raum auf einer Holzkiste sitzen, eingehüllt in eine wärmende Decke und neben sich die alte Büchse.

»Ist etwas vorgefallen, Kathrin?« fragte Sepp.

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Nichts!«

»Hat er denn nicht gerufen oder an die Tür geklopft?« fragte Lanner.

»Auch nicht, er rührte sich gar nicht.«

»Hoffentlich ist er uns nicht in letzter Minute entwischt!« rief der Kommissar.

»Das ist ganz unmöglich, Herr!« sagte Sepp.

»Dann wollen wir öffnen!«

Er gab dem Polizisten einen Wink.

Dieser nahm die Handschellen heraus, während Sepp die improvisierten Riegel zurückzog.

Lanner hatte seine Laterne wieder entzündet, um die Szene besser beleuchten zu können und hob das Licht nun hoch. Der gelbrote Schein kontrastierte seltsam mit dem fahlen Frühlicht, das vom Gang her und dem kleinen, vergitterten Fenster in den Raum fiel.

»Da ist er!« sagte Lanner halblaut.

Der Kommissar sah in der Ecke auf einem Haufen Laub eine Gestalt liegen, die sich jedoch gar nicht rührte.

»Sollte er uns doch entwischt sein, wenn auch in ein Land, aus dem wir ihn nicht mehr zurückholen können?« rief Lanner.

Der Kommissar beugte sich über die Gestalt und richtete sich sofort wieder auf.

»Sonderbar! Wie ist das nur möglich?« entfuhr es ihm. »Der Mensch schläft! Beobachten Sie nur seine ruhigen Atemzüge!«

Wirklich verhielt es sich so.

»Ich werde ihn wachrütteln!« sagte der Kommissar.

»Legen Sie ihm sogleich die Handschellen an, Winter,« fügte er, zu dem Polizisten gewendet, bei.

Dieser erfaßte auch bereits das eine Handgelenk Peter Braks und der Kommissar schüttelte den alten Sonderling derb an der Schulter.

Brak fuhr zusammen, nicht anders, als wenn jemand aus dem Schlaf geweckt wird.

In diesem Augenblick waren auch schon die Fesseleisen an seinen beiden Handgelenken.

Mit einem halblauten, heiseren Ruf richtete er sich zur Hälfte empor, ließ seine unheimlich flackernden Blicke durch den Raum gleiten und stieß dann heraus:

»Was ist? Was – will man von mir? He –?«

»Stehen Sie auf, die Polizei befiehlt es!« sagte der Inspektor.

Brak erhob sich, wollte mit den Händen offenbar nach dem Gesicht fahren, stieß jedoch abermals einen wilden Ton aus, als ihm das der Fesseln wegen nicht gelang.

»Was bedeutet das?« schrie er kreischend, sich gegen die Hüttenwand lehnend. »Was will man von mir? Ich bin in Räuberhänden! Hilfe!«

»Ihr Rufen ist zwecklos. Sie befinden sich, wie Sie wohl wissen werden, in der Hütte des Wald-Sepp!«

»In der Hütte des –? Wie kam ich denn hierher zu dem Schuft?« rief Brak und ließ sein funkelndes Auge umherlaufen.

Der Wald-Sepp lachte schneidend auf.

»Selber Schuft!«

»Wie Sie hierher kamen, wissen Sie selbst am besten!« fuhr der Kommissar fort. »Sie haben uns nun zu folgen, das Weitere wird sich finden.«

»Ich will aber nicht!« schrie der alte Mann, dessen Aussehen wirklich furchterweckend war. »Wer kann mir etwas anhaben? Ich beschwere mich! Warum sind diese Eisenringe an meinen Händen?«

»Weil Sie verhaftet sind!«

»Verhaftet? Weshalb darf man mich verhaften?«

»Weil Sie einen Mord begangen haben und noch dazu den Verdacht auf einen Unschuldigen lenkten, indem Sie sich immer selbst bestahlen!« rief laut der Inspektor.

Einen Moment starrte ihn Brak wortlos an.

Dann stieß er ein kreischendes Lachen aus.

»Hahaha! Der alte Unsinn! Ich soll meine Schwester ermordet haben, ich soll mein eigenes Geld stehlen! Unsinn! Verrücktheit! Aber ihr sollt es büßen, diese Behandlung! Man will dem Schuft Gollwitz nur durchhelfen, ich weiß es schon lange, aber ich werde reden, ich werde alle auf die Anklagebank bringen!«

»Reden Sie sich um den eigenen Hals!« entgegnete der Kommissar entrüstet. »Jetzt folgen Sie uns!«

»Daß ich ein Narr wäre!« heulte Brak auf. »Nehmt mir die Fesseln ab. Man hat ein Verbrechen an mir begangen, hat mich hierher geschleppt, in dieses Loch gesperrt! Aber Ihr sollt mich kennenlernen, ich wehre mich!«

»Da hört sich aber doch alles auf!« entfuhr es dem Kommissar. »Winter fassen Sie zu! Geht der Mann nicht gutwillig, so schleppen wir ihn mit Gewalt in den Wagen. Man wird ihm bald genug beweisen, auf welcher Seite ein Verbrechen geschehen ist!«

Es entspann sich nun ein förmlicher Kampf, der jedoch bald sein Ende dadurch fand, daß Peter Brak mehr getragen als selbst gehend aus der Hütte nach dem Wagen geschleppt wurde. Er stieß dabei die gräßlichsten Verwünschungen aus, ohne dadurch das geringste zu erreichen.

Ehe der Wagen abfuhr, kam Sepp noch gelaufen.

Er hielt ein kleines Stück Tuch in der Hand.

»Herr Kommissar,« rief er, »hier ist der Tuchfetzen, den die Kathrin im Maul des erwürgten Hundes fand. Ich habe die Sache ja dem Herrn Inspektor erzählt. Brak trägt jetzt gerade einen Rock von demselben Stoff. Vielleicht ist auch das ein Beweis, daß er und kein anderer in den Nächten herumschlich!«

»Das will ich meinen, Sepp, gebt her!« erwiderte der Kommissar.

Gleich darauf fuhr der Wagen mit dem Gefangenen über die holperigen Waldwege dem Städtchen Wilberg zu.


XXX.

Es war am nächsten Tage.

In E . . . befand sich alles in größter Aufregung, denn die entscheidende Schwurgerichtsverhandlung stand unmittelbar bevor.

Noch vierundzwanzig Stunden und die Richter mußten Gollwitz verurteilen, diesmal zum Tode, da er sich durch die Flucht und Niederstoßung eines Polizisten, der dadurch unter die Räder des Waggons geriet, noch mehr belastet hatte.

Niemand hoffte auf einen günstigeren Ausgang, als vielleicht Heinrichs Verteidiger und Balthasar.

Der erstere hielt daran fest, daß nicht Gollwitz, sondern Brak den Mord an Frau Fallner ausgeführt habe, wie er ja auch seinen Bruder, Peter Brak, töten wollte.

Dasselbe glaubte auch Balthasar, obwohl er Luise gegenüber nichts davon verlauten lassen durfte, da das Mädchen bei solchen Worten stets in eine schreckliche Erregung versetzt wurde.

Daß die Verhältnisse Gollwitz gegenüber sehr ernst und gefährlich sich gestaltet hatten, darüber war sich indessen jedes einig, und gelang es dem Verteidiger, Heinrich zu retten, so konnte das immerhin ein Wunder genannt werden.

Noch einmal, an dem Vorabend des verhängnisreichen Tages, versuchte Balthasar, Luise zum Sprechen zu bewegen. Gollwitz war nicht der Mörder, und sie kannte diesen.

Aber Luise nannte den Namen nicht.

Das Resultat war, daß das Mädchen in höchster Erregung aus dem Zimmer stürzte und sich in ihr Stübchen einriegelte, ohne sich bis zum Abend noch einmal sehen zu lassen.

Balthasar lief mürrisch und gereizt umher.

Zu morgen war er als Zeuge vorgeladen, so gut wie Luise, ihr Vater und die früheren Personen, die bereits bei der ersten Verhandlung für oder gegen den Referendar aussagten.

Daß er mit ansehen mußte, wie Gollwitz verurteilt wurde, trotzdem ihn ein Wort Luises retten konnte – Balthasar war davon überzeugt – dieser Gedanke machte den alten Mann ganz rabiat.

Als es dunkel wurde, ging er aus, da er seinen erhitzten Kopf an die Luft bringen wollte.

Wohl eine Stunde lief er planlos umher, das unerbittliche Schicksal verfluchend, das den armen Referendar zu verderben schien.

Endlich kehrte er wieder in das Vorstadt-Häuschen zurück, wo ihn seine bejahrte Schwester sogleich mit der Schreckensbotschaft empfing, Luise wäre fort, heimlich fort.

»Fort? Wohin denn?« fragte Balthasar, der noch nicht recht begriff.

»Ich fürchte, sie hat sich ein Leid angetan!« jammerte die Alte.

»Unsinn, Schwester!« schalt er. »Um gleich das Schlimmste anzunehmen, muß man doch auch seine Ursachen haben. Sprich vernünftig; wie verhält sich also die Sache?«

Und die alte Frau erzählte, daß sie vor einer halben Stunde etwa von der Küche aus hörte, wie jemand leise die Treppe herabkam, daß sie dabei an Luise dachte und sich deshalb auch gar nicht sonderlich darum bekümmerte.

Luise würde eben zum Nachtmahl kommen.

Da wäre die Haustür gegangen.

Jetzt sei ihr plötzlich der Gedanke aufgestiegen, das Mädchen könnte etwas Schlimmes vorhaben.

Als sie vor die Tür eilte, war niemand in der Dunkelheit mehr zu sehen.

Die Alte habe gerufen, aber keine Stimme geantwortet.

»Vielleicht täuschte ich mich doch,« sagte sie sich darauf, stieg aber doch nach oben, wo die Tür zu Luises Stube halb offen stand.

Das Mädchen war fort, Tuch und Mantel fehlten und auf dem Tisch lag ein Brief, der gar keine Adresse trug, aber verschlossen war.

»Wo ist der Brief?« rief Balthasar, seine Schwester unterbrechend.

Sie reichte ihm ein Kuvert, noch verschlossen.

»Hier! Ich habe den Brief noch gar nicht aufgemacht, weil ich zu viel Angst hatte.«

Balthasar riß ihn eilig auf und überflog das Schreiben. Vor Schrecken fiel er auf den Küchenstuhl.

»Allgerechter Schöpfer! Luise ist fort, ins Wasser, aus Furcht vor der morgigen Verhandlung!« schrie er halb erstickt. »Und da sagt sie auch, weshalb sie den Namen des wahren Mörders nicht nennen konnte im Leben, warum ihn Gollwitz nicht nannte und ebensowenig der arme Inspektor. Wir waren alle blind! Aber das darf nicht sein, daß Luise stirbt, jetzt, wo ich die Unschuld Gollwitz' beweisen kann. Ich muß sie finden, und dann danke ich dem Himmel, daß er sie gerade jetzt diesen Brief schreiben ließ!«

Mit diesen letzten Worten sprang der alte Mann vom Stuhl empor, schob den Brief in die Tasche und rannte davon.

Es war finstere Nacht draußen, und soeben begann es in feinen Flocken zu schneien, so daß die wenigen entfernten Gasflammen noch tiefer in dem Nebel untertauchten und beinahe verwischt wurden.

Wohin sollte Balthasar zuerst den Fuß setzen?

Er wußte das selbst nicht, doch trieb ihn ein unbestimmtes Gefühl nach jener Seite der Stadt, die der Fluß durchschnitt.

Etwa zwanzig Schritte nur hatte er gemacht, als er, zu Tod erschrocken, stehenblieb und mit der Hand nach einem Stützpunkt suchte.

Schwach beleuchtet von den flackernden Laternen, sah er einen Menschenknäuel herankommen, in dessen Mitte etwas getragen wurde.

Jetzt sah der alte Mann, was dieses Etwas war: lange, zu Boden hängende, vom Wasser triefende Kleider, hörte, wie eine bekannte Stimme rief:

»Nur noch wenige Schritte, dann sind wir bei Balthasar! Einen Arzt! Sorgt um Gottes willen, daß rasch ein Arzt kommt!«

Dann drehte sich alles im Kreis vor Balthasars Augen.

»Ich träume wieder einmal!« keuchte er. »Es ist ja gar nicht anders möglich!«

Aber der düstere Zug drängte sich an ihm vorbei, seinem Häuschen zu, und er folgte mechanisch nach.

Polizeimänner verwehrten den Neugierigen den Eintritt in den Garten.

Da kam auch schon ein Arzt gelaufen.

»Eine Ertrunkene?« rief er. »Wo ist sie? Wir wollen sehen, ob noch etwas zu retten ist!«

Der Schutzmann zeigte nach dem Häuschen, aus dem soeben ein jammernder Aufschrei der alten Frau kam.

»Dort hinein hat man das Mädchen getragen, Herr Doktor,« sagte er. »Es wäre schon möglich, daß noch etwas zu helfen ist, denn sie war nicht lange unter Wasser, dann sprang ihr auch schon ein Mann nach, von der Sebastianbrücke aus – eine Kapitalleistung das! – und holte sie heraus.«

Der Arzt war bereits weitergeeilt.

Balthasar folgte.

Er war zu spät gekommen, um Luise von dem verzweifelten Schritt zurückhalten zu können.


* * *


Am nächsten Morgen war es.

In ihrem Stübchen lag Luise auf dem Bett.

Aber sie befand sich nicht bei Besinnung; ein wildes Fieber hatte sie ergriffen und in den heißen Worten, die von ihren brennenden Lippen strömten, lag die Enthüllung des ganzen Geheimnisses, weshalb sie schwieg, obwohl sie den wahren Dieb und Mörder kannte.

Es war ja ihr eigener Vater gewesen, dem sie in jener Nacht folgte, den sie erkannte, als er aus dem Garten der ermordeten Frau Fallner zurückkam.

Auch Gollwitz hatte immer gewußt, daß Brak der Mörder, nachdem er diesen nächtlicherweise ertappt hatte.

Aber er hätte sich lieber noch einmal verurteilen lassen, als daß er Luises Vater genannt hätte. –

In jener Nacht, kurz vor seiner Verhaftung, war er in den Garten Braks gestiegen, um dem Dieb und Mörder aufzulauern.

Plötzlich erschien an dem geöffneten Fenster oben eine Gestalt, die sich anschickte, an der Mauer entlang nach unten zu klettern.

Gollwitz sah hin, das geisterbleiche Gesicht, der unheimliche Blick – es war Brak, Luises Vater.

Diese Erkenntnis war so furchtbar, daß Gollwitz jenen gellenden Schrei ausstieß und davonstürzte.

Peter Brak aber hatte sich langsam zurückgezogen. –

Vor dem Bett saß Gollwitz selbst, zwar noch sehr bleich, aber nicht mehr so gebrochen und trostlos wie vor kurzem.

Die Sorge um Luise hatte all seine übriggebliebene Energie wachgerüttelt.

An der anderen Seite des Lagers saß Balthasar und sagte soeben:

»Was ich da aus Ihrem Mund höre, Herr Gollwitz, das klingt wie ein Märchen. Und doch ist's Wirklichkeit! Alles stimmt und greift ineinander, eines ergänzt das andere. Und nun müssen wir doch noch die Vorsehung preisen, die es verhinderte, daß ein völlig Unschuldiger zugrunde gerichtet wurde.

Die Wege, auf denen des Himmels Gerechtigkeit schreitet, sind oft seltsam verschlungen, aber sie führen doch zum Ziel. Vieles ist mir noch unerklärlich zwar, wenn auch unbedingt feststeht, daß Peter Brak selbst den Mord und die fingierten Diebstähle ausführte. Weshalb tat er dies? Wo liegt ein Grund? Und dann seine wilde Aufregung, so oft er angeblich bestohlen war! Das konnte nicht Verstellung sein. Auch seine Wut, als ihm Luise nicht den Täter nennen wollte, den sie erkannt hatte, ist eine sonderliche Sache. Holte er doch selbst die Polizei, um Luise zu zwingen, den Namen zu nennen. Ich weiß nicht, was man davon denken soll!«

»Ich hoffe, auch diese seltsamen Umstände finden ihre Erklärung!« erwiderte Gollwitz ernst. »Mir bangt nur um Luise. Dem Tod haben wir sie entrissen, wenn nicht eine schlimme Wendung kommt. Was aber soll ich ihr sagen, wenn sie ins Bewußtsein zurückkehrt. Vor diesem Augenblick habe ich Furcht.«

»Sagen Sie ihr die Wahrheit, das ist der einzige Weg, der hier noch zum Ziel führen kann. Sagen Sie ihr, daß Sie selbst sich eher verurteilen ließen, als daß Sie den Namen ihres Vaters genannt hätten, daß aber Peter Brak sich endlich selbst verriet, daß er gefangen wurde und der Brief seines Bruders, des Inspektors, in die Hände der Polizei fiel.

Sagen Sie ihr, daß man Sie sogleich auf freien Fuß setzte, da kein Mensch mehr an Ihrer eigenen Schuldlosigkeit zweifelt und das begangene Unrecht, das Ihnen geschah, nach Kräften gutgemacht werden soll. Lassen Sie Luise auch noch vorsichtig wissen, daß ich nun ihren eigenen Brief, der dasselbe enthält, wie derjenige des Inspektors – in der Hauptsache wenigstens – ebenfalls als wichtiges Beweisstück der Polizei ausliefere und zugleich angebe, daß ich es war, der Ihnen, Herr Gollwitz, die Mittel zur Flucht damals vorstreckte, da die Behauptung, diese Mittel rührten aus dem Diebstahl her, kräftig widerlegt werden muß. Was Sie Luise sonst noch sagen,« schloß der alte Mann mit einem Seufzer, »das muß ich Ihnen überlassen. Aber wissen lassen würde ich sie doch, daß Sie selbst an der Sebastianbrücke zu rechter Zeit hinuntersprangen und Luise dem nassen Element entrissen haben, daß Sie nun das Leben, das Sie sich erkämpften, auch trotz allem für sich beanspruchen.«

Balthasar drückte Heinrich kräftig die Hand und verließ das Zimmer.


XXXI.

In öffentlicher Gerichtsverhandlung war Heinrich Gollwitz formell glänzend freigesprochen worden, nachdem man ihn sofort nach Peter Braks Verhaftung auf freien Fuß gesetzt hatte. Von allen Seiten wetteiferte man, an dem armen, seiner Karriere beraubten jungen Mann gutzumachen, was man an ihm verbrach.

Heinrich Gollwitz nahm jedoch nichts an, von welcher Adresse auch die Hilfe ausging, konnte er doch die Erinnerung nicht verwischen, daß er in den Tagen seiner höchsten Not nur einen einzigen ehrlichen Freund hatte: Balthasar, und daß alle anderen ihn verfluchten und wie ein wildes Tier hetzten.

So verbrachte er auch seine meiste Zeit in dem Häuschen Balthasars.

Luise war dem Tod entrissen, auch das gefährliche Nervenfieber war zum größten Teil überwunden, aber nun war das Mädchen so schwach und hilflos, daß noch jeden Tag ein schlimmer Ausgang befürchtet werden konnte.

Auf den Füßen zu stehen vermochte sie überhaupt nicht; kraftlos, totenbleich lag sie auf ihrem Lager, meist apathisch vor sich hinstarrend, oft aber auch in ein plötzliches Weinen ausbrechend.

Es mußte alles angewandt werden, die Arme, die sich der letzten Vorfälle genau erinnerte, zu trösten.

Währenddessen hatte die Untersuchung in der Mordangelegenheit ihren raschesten Verlauf genommen.

Man hatte den Brief des Inspektors Brak, der sich tötete, weil er seinen eigenen Bruder nicht als Mörder angeben wollte, und man besaß Luises Brief, die aus ähnlicher Ursache in den Tod gehen wollte.

Auch Gollwitz hatte nun keinen Grund mehr, länger zu verschweigen, daß er längst Brak als Mörder kannte.

Peter Brak war nach E . . . . ins Untersuchungsgefängnis gebracht worden, und der Richter gab sich alle Mühe, den alten Verbrecher zu einem Geständnis zu veranlassen.

Es war vergeblich!

Brak leugnete rundweg alles und schrie, man habe sich von allen Seiten gegen ihn verschworen und wolle ihn verderben, aber alles wäre Lüge und Frechheit!

Man hielt ihm die offenbaren Beweise vor Augen, die Briefe seines Bruders, seiner Tochter, die Tatsache, daß man ihn aufgriff, als er eben wieder das Geld, das er am Morgen empfangen hatte, versteckte wie das frühere, hatte man doch die ganze Summe zusammengebracht, von der Brak behauptete, sie wäre ihm von Gollwitz gestohlen.

Im weiteren sagte man ihm, daß an seinem Leib der Rock gefunden wurde, in den auf das genaueste das Stück Tuch paßte, das im Maul des erwürgten Hundes gefunden wurde, daß er, Brak, sogar die bekannten gelben Schuhe trug, die seiner Zeit von dem Hausmeister entdeckt wurden. Alles war vergebens.

Je mehr der Untersuchungsrichter in den Alten drang, desto rasender wurde dieser.

Brak gestand nichts, auch nicht das Kleinste ein.

Er wollte weder von dem Morde, noch von dem Diebstahl an sich selbst etwas wissen, schrie, daß er ja selber die Polizei gerufen habe und daß Gollwitz, seine eigene Tochter, sein toter Bruder, Balthasar und der Wald-Sepp die eigentliche Verbrecherbande darstelle, die gegen ihn agitiere.

Gewaltsam, im Schlaf, habe man ihm wahrscheinlich den alten, zerfetzten Rock, diese schmutzigen, gelben Schuhe angezogen, habe ihn nach der Waldhütte gebracht und dort festgehalten.

Er verlangte wutschäumend seine Freilassung, und das jedesmalige Resultat war, daß Peter Brak, der sich mit Händen und Füßen wehrte, durch die Gefängniswärter nach seiner Zelle zurückgebracht wurde.

Da ein solches Benehmen, wie es Brak zeigte, geradezu einzig dastand, so wurde er unter Beobachtung eines Irrenarztes gestellt, der jedoch nach sorgfältiger Untersuchung erklärte, der Gefangene wäre allerdings ein hochgradig nervöser Mensch, befinde sich jedoch im Besitz seiner Geisteskräfte, so daß er sich auf Dinge erinnern könne, die vor Jahren geschehen seien.

Daß er von all dem, was ihm zur Last gelegt wurde, nichts wissen wolle, bedeute nur, daß man es hier mit einem selten verstockten Menschen zu tun habe, der auf die raffinierteste Weise lange Zeit die Behörden täuschte und sogar einen völlig Unschuldigen ohne Mitleid verurteilen ließ, trotzdem er wissen mußte, weshalb dieser schwieg, weshalb sein Bruder in den Tod ging.

Nachdem alle Mühe vergeblich war, Brak zu einem Geständnis zu bewegen, hingegen aber auch das ärztliche Gutachten über dessen Zurechnungsfähigkeit vorlag, wurde die Untersuchung geschlossen, und der Tag der öffentlichen Verhandlung stand bevor.


* * *


Der Schwurgerichtssaal zu E . . . . war voll zum Ersticken, denn der Fall, der diesmal zur Verhandlung kommen mußte, war interessant genug.

Mit geradezu fieberhafter Spannung erwartete jedes Ohr den Beginn der Verhöre.

Auf der Anklagebank saß oder kauerte vielmehr Peter Brak.

Er sah zum Erschrecken aus und manches Auge wandte sich voll Grauen von ihm ab.

Er steckte in einem abgeschabten Anzug, denn er hatte sich ausbedungen, daß ihm seine alte Magd nichts Anständiges hier herein in das »Rattenloch« schicke, nachdem der Anzug, in dem er verhaftet wurde, ihm abgenommen ward.

Sein Gesicht war gelb wie altes Pergament und vollkommen eingefallen.

Die schmalen Lippen befanden sich in fortwährender Bewegung, ebenso die Hände, die sich oftmals an das Geländer der Bank festklammerten und daran rüttelten.

Ein düsteres, unheimliches Feuer flackerte in den nachtschwarzen Blicken, die sich auf jeden einzelnen der Richter und Zeugen hefteten.

Bewacht wurde Brak auf jeder Seite von je einem Gendarmen.

Der Präsident eröffnete die Sitzung, indem er eine genaue Schilderung der beinahe unglaublichen, unfaßlichen Vorfälle gab, wie sie sich zugetragen hatten.

Befragt, ob Brak sich der ihm zur Last gelegten Verbrechen bekenne, antwortete der alte Sonderling heiser:

»Nein, tausendmal nein! Ich weiß nichts von all dem tollen Zeug, das ich begangen haben soll. Mit Gewalt und Hinterlist hat man mich hierher geschleppt!«

Es begann nun das Zeugenverhör, das sehr viel Zeit in Anspruch nahm.

An Zeugen waren anwesend die Polizeiorgane von Wilberg, die Kriminalbeamten Lanner und Weller, Gollwitz, Balthasar und Bormann, der Arzt, der Brak behandelte, sodann auch der Wald-Sepp und die Busch-Kathrin, im weiteren jede, auch in der Verhandlung gegen den Referendar aufgetretene Persönlichkeit.

Was diese Zeugen notgedrungen gegen Brak aussagen mußten, war derart belastend, daß sich jedermann verwundern mußte, wie unter solchen Umständen der Angeklagte noch sein hartnäckiges Leugnen aufrecht erhalten konnte.

Unter der Wucht der auf ihn einstürmenden Schuldbeweise erschien es als eine vollkommen unbegreifliche Sache, daß Peter Brak nicht zusammenbrach.

Aber gerade das Gegenteil geschah.

Je mehr er belastet wurde, desto hartnäckiger beteuerte er seine Unschuld, ja, er verstieg sich so weit, daß er alle Zeugen eine Mordbande nannte, die ihn zugrunde richte, was ihm eine strenge Zurechtweisung zuzog.

»Alles erlogen!« kreischte er noch zuletzt. »Ich weiß von nichts, von gar nichts! Die ganzen Zeugen müssen toll, verrückt sein oder sie lügen. Ich bin unschuldig wie ein neugeborenes Kind!«

Dabei blieb Brak stehen; es ließ sich nichts mit ihm anfangen.

Die Vernehmungen waren geschlossen, und der Präsident erteilte nach einer kurzen Zusammenfassung des Vorhergegangenen dem Staatsanwalt das Wort.

Wir müssen an dieser Stelle noch einfügen, daß Luise Brak nicht anwesend war, da ihr Zustand nicht gestattete, sich öffentlich zu zeigen.

Noch immer lag sie sehr leidend im Häuschen Balthasars.

Ihre Aussagen, die übrigens der Brief enthielt, den sie zurückgelassen hatte, waren zu Protokoll genommen worden und zur Verlesung gelangt.

Er lautete wörtlich:


»Von der Verzweiflung gehetzt, bin ich fort, um Erlösung in den Wellen des Stromes zu suchen. Unmöglich ist es mir, noch einmal all die furchtbaren Qualen zu ertragen, den Mann verurteilt zu sehen, den mein Herz schuldlos weiß und der für mich in den Tod gehen will. Ich habe nächtelang zu Gott um Erlösung gefleht, um einen Ausweg, vergebens!

Heinrich Gollwitz soll aber nicht länger leiden, wenn ich auch bis heute schwieg in entsetzlichem Ringen, wo ihn ein Wort von mir retten konnte. Nicht er ist der Mörder. Ich habe diesen gesehen und erkannt, und nun, da ich bereit bin, zu sterben, schwöre ich bei Gott, dem Allwissenden: Mein eigener Vater war es, den ich erkannte in jener Nacht, als er aus dem Garten der armen Tante zurückkehrte und ich ohnmächtig niederstürzte. Er wollte in unbegreiflicher Wut den Namen von mir wissen; er wußte ihn selbst am besten!

Ich bin ihm entflohen voll Grauen, jetzt wußte ich, weshalb Gollwitz nicht den Mörder nannte, als er ihn erkannte, wie er aus dem Fenster stieg, um Geld zu verstecken, dessen Abhandenkommen er Heinrich zuschob. Dennoch brachte ich es nicht übers Herz, meinen Vater selbst zu denunzieren, ich konnte nur Gott bitten, daß er ihn bald zu sich nehme, ihm so die Schmach des Zuchthauses ersparend.

Das war ja das einzige, das ich noch erhoffte. Mein armer Onkel, der Inspektor Brak, hat mir selbst gesagt, daß auch er seinen Bruder erkannte, ihn für den Dieb und Mörder halten mußte, wie ich und Gollwitz. Er war zu ihm gegangen, hatte von meinem Vater verlangt, er möge sich den Tod geben, um uns die Schmach zu ersparen, hatte ihm den geladenen Revolver in die Hand gedrückt.

Aber als ihn mein Vater einen Lügner und Elenden nannte, als er alles ableugnete, da hatte der Inspektor in der Verzweiflung auf ihn geschossen, in voller Absicht, ihn eher zu töten, als ihn auf dem Schafott enden zu sehen. Der Schuß ging fehl, und um einer Verhaftung vorzubeugen, tötete sich der arme Onkel.

Er hatte gehofft, noch die Residenz zu erreichen, doch trieb ihn die Sorge, mitten in der Fahrt verhaftet zu werden, dazu, schon hier den Brief an meinen Vater zu schreiben, worin er ihn noch flehentlich bitten wollte, den unschuldigen Gollwitz zu retten und selbst aus der Welt zu gehen. Aber selbst diesem furchtbaren Todesfall gegenüber hat mein Vater seine Starrheit bewahrt.

Man hat den Inspektor selbst des Mordes an der teuren Tante beschuldigt – o, wie bitter Unrecht tat man dem Toten! Morgen soll Gollwitz aufs neue verurteilt werden, denn sein Mund wird das Geheimnis ja verschweigen, wie er es bis jetzt tat. Ich habe lange mit mir gekämpft, nun bin ich unterlegen. Ich habe Heinrich gesehen, wie er leidet, schuldlos leidet, ich weiß, daß mein Vater der Mörder ist und der eigene Dieb, ich muß den Geliebten retten.

Aber mein Vater wird dadurch vernichtet, und das will ich nicht überleben. Wenn Sie diesen Brief finden, Balthasar, tragen Sie ihn zur Staatsanwaltschaft, er wird Heinrich das Leben und die Freiheit geben, mir und meinem Vater aber den Tod. Und Heinrich möge mir vergeben, daß ich so von ihm scheide, daß ich ihn so lange martern ließ.

Es war ja doch mein Vater, den zu verraten sich mein armes gequältes Herz lange sträubte. Ich tat es mit diesem Brief, ohne zu fassen, weshalb mein Vater den Mord an der Tante begehen konnte, die ihm niemals etwas zuleide tat. Nun ist meine Kraft dahin. Gott sei mir gnädig! Verzeiht mir alle, alle!

Luise Brak.«


Dies war der Inhalt des Schreibens.

Der Brief des Inspektors lautete ähnlich.

Auch er bezeugte, daß er in dem eindringenden, nächtlichen Gast den eigenen Bruder erkannt habe, der die Schwester ermordete und, von einer unwiderstehlichen Macht gedrängt, immer wieder an die blutgetränkte Stelle getrieben wurde. Ein Zweifel wäre völlig ausgeschlossen.

Der Inspektor flehte Brak in den rührendsten Worten an, sich selbst den Tod zu geben, als einzigen Ausweg, Heinrich Gollwitz zu retten, indem er in einem Schreiben an die Polizei die Schuld eingestehe.

Zugleich teilte Inspektor Brak mit, daß er selbst in den Tod gehe, vorher aber in einem, bei Bormann zurückgelassenen Schreiben sein Vermögen dem gequälten Referendar vermachte.

Der Staatsanwalt hatte im Laufe der Untersuchung auf mehrfache Weise von dem Inhalt dieser beiden Schreiben Gebrauch gemacht.

In der Verhandlung gegen Gollwitz dienten sie dazu, diesem zum glänzenden Freispruch zu verhelfen.

Sodann wurden sie Peter Brak vorgehalten, aber dieser erklärte alles für eine Verleumdung und geriet in eine grenzenlose Wut, als ihn der Untersuchungsrichter bedeutete, eine solche Antwort wäre geradezu lächerlich, da die Briefe in völliger Übereinstimmung ihn beschuldigten und nicht etwa in leichtfertiger Weise, da beide Persönlichkeiten ihre Aussagen mit dem Tode zu besiegeln bereit waren.

Aber es half nichts, Brak schrie nur immer, man wolle ihn verderben, alles habe sich gegen ihn verschworen, er sei unschuldig, wisse von keinem Mord oder Diebstahl, leugne, daß er zur Nachtzeit in das Zimmer seiner ermordeten Schwester gestiegen sei, daß er sein eigenes Geld vergraben habe und gar den Mordhammer in der Waldhütte gestohlen habe.

Er wisse nur, daß man ihn im Schlaf mit alten Kleidern und schmutzig-gelbroten Schuhen bekleidet, in das Waldhaus schleppte, um ihn dort einzusperren, wisse, daß seine eigene Tochter gegen ihn agitiere, wie auch sein Bruder einen Mordversuch machte, nachdem er sich geweigert, sich selbst zu töten, da er den Inspektor, seiner unsinnigen Worte wegen, für verrückt hielt.

Alles übrige wäre erlogen und erdichtet.

Der Staatsanwalt konnte nichts auf solche Worte geben.

Tatsächlich fand sich auch in dem von dem Inspektor bewohnten Zimmer des Fallnerschen Hauses ein weiteres versiegeltes Päckchen, das Heinrich Gollwitz in den Besitz des Erbes brachte, das Brak für ihn bestimmte.

Bormann entdeckte dieses Schreiben jedoch erst nach Peter Braks Verhaftung.

Der Staatsanwalt hatte das Wort ergriffen.

Seine Rede lautete ungefähr wie folgt:


»Meine Herren Geschworenen!


Der Gerichtshof ist heute zusammengetreten, um einen blutigen Mord zu sühnen, dessen einzelne Momente derart geheimnisvoll und verwickelt waren, daß die gerechteste Justiz sich irren konnte. Was nun nach vieler Mühe und erschütternden Vorfällen zutage gefördert wurde, ist so interessant, daß ich mit Recht behaupten kann, seit fünfzig Jahren gelangte ein solcher Fall nicht mehr vor die Schranken des Gerichtes.

Ein blutiger Mord ist begangen worden. Die Tote hatte keine Feinde, sie wurde auch nur einer Kleinigkeit beraubt, während große Summen daneben lagen. Gleichzeitig sollte in das Arbeitszimmer des Angeklagten eingebrochen worden sein. Wie es möglich wurde, daß ein völlig Unschuldiger des Mordes und Diebstahls verdächtigt, eingezogen, freigesprochen, wieder verhaftet und verurteilt wurde, wie Heinrich Gollwitz entsprang, um abermals verhaftet und endlich freigesprochen zu werden, das klingt wie ein Märchen, wie ein schrecklicher Traum.

Aber Sie haben diese einzelnen Momente wohl noch so scharf aus der letzten Verhandlung im Gedächtnis, daß ich sie kaum zu wiederholen brauchte, wenn ich dies nicht trotzdem tun müßte.«

Es folgte nun eine genaue Schilderung aller Begebenheiten, worauf der Staatsanwalt fortfuhr:

»Diesmal kann auch nicht mehr der leiseste Zweifel herrschen, daß Heinrich Gollwitz vollkommen schuldlos ist, und mit einem Bedauern muß ich erwähnen, daß gerade hier wieder eine Verordnung am Platz wäre, die den unschuldig Verurteilten entschädigt. Der wahre Mörder sitzt dort vor Ihnen.

Sehen Sie diese Gestalt an und zweifeln Sie nicht länger. Wenn es so lange währte, bis die Justiz den Richtigen fand, so lag dies zum größten Teil an dem Umstand, daß es der Angeklagte auf raffiniert schlaue Weise verstand, seine Mitmenschen zu täuschen, daß er immer wieder den Verdacht auf Gollwitz lenkte. Und dabei kamen ihm verhängnisvolle Schicksalswendungen zu Hilfe. Sein eigenes Kind wußte, daß der Vater der Mörder war, es schwieg unter Qualen, entfloh dem väterlichen Haus, da es dieser Mann auch noch dazu in grausamster Weise marterte, indem er verlangte, es solle doch den Namen des Mörders nennen.

O, er wußte, daß Luise Brak dies nicht tun konnte, und mit satanischer Freude beobachtete er den weiteren Verlauf. Er haßte Gollwitz, weil dieser arme Mann sich seiner Tochter näherte. Gollwitz mußte vernichtet werden. Deshalb diese wiederholten Einbruchsdiebstähle, wobei ihm der Zufall ebenfalls günstig war, da man nicht wußte, woher Gollwitz die Mittel zur Flucht hatte und er festgenommen wurde, als er durch den nächtlichen Garten schlich, um den wahren Mörder zu entdecken.

Er hätte ihn nennen können – aber es war ja der Vater seiner Geliebten. Deshalb schwieg er! Noch mehr triumphierte der Angeklagte, als ihn der Bruder erkannte und dennoch schwieg, ja, lieber selbst in den Tod ging, nachdem es ihm nicht gelang, den Verbrecher zu erschießen.

So konnte es kommen, daß der Verdacht sich auch der Person des bedauernswerten Toten bemächtigte, daß die Verurteilung Gollwitz' abermals vor der Tür stand. Im letzten Augenblick sollte die Gerechtigkeit siegen über all die Niedertracht, Heuchelei und Mordlust des Angeklagten, der ohne die geringste Rücksicht, ohne Gewissensbisse über die Leiche seines ehrenhaften Bruders hinwegschritt, der sein eigenes Kind sterben lassen könnte, wie er auch eine satanische Freude an der Verurteilung des Referendars Gollwitz hatte.

Luise Brak war bereit, gleich dem Inspektor in den Tod zu gehen, vorher aber schrieb sie jenen Brief, dessen Inhalt Ihnen bekannt ist und der sich vollkommen mit demjenigen des Inspektors deckt, mit den Zeugenaussagen des Hausmeisters Bormann, des Polizeikommissars von Wilberg, denjenigen der alten Magd Braks und nicht zu vergessen Gollwitz' eigenen Angaben.

Der Schleier fiel vollständig in dem Augenblick, als jener Brief in die Hände der Staatsanwaltschaft gelangte. Kurz zuvor aber traf aus Wilberg schon die Meldung ein, daß der Verbrecher bereits festgenommen sei, daß man auch dort ein ihm verhängnisvolles Schreiben vorfand.

Inspektor Lanner gebührt das Verdienst, diese Verhaftung herbeigeführt zu haben. Er legte sich, gleich seinem unglücklichen Vorgänger, nächtelang auf die Lauer, denn ein ganz richtiger Verdacht war in ihm aufgestiegen. Und da ertappte er den unheimlichen Menschen, wie ihn Inspektor Brak ertappte, aber während der letztere schweigen mußte, brauchte Inspektor Lanner keine Rücksicht zu nehmen. Wie die Verhaftung geschah, wissen Sie. Der wahre Mörder ist gefunden.

Er leugnet hartnäckig, seine einzige Antwort besteht in Verwünschungen. Seine Schuld ist jedoch bis ins kleinste Detail erwiesen, wenn auch unerklärlich bleibt, weshalb der Angeklagte die Tat beging. Vielleicht bleibt es ein ewiges Rätsel, aber wenn auch, wir dürfen uns deshalb nicht beirren lassen, denn der Mord ist nun einmal geschehen, sei es aus diesem, sei es aus jenem Grunde, und die blutige, grauenvolle Tat verlangt auch blutige Sühne.

Als am Morgen der Tat Heinrich Gollwitz die Kunde von einem Mord zu Peter Brak brachte, da war es dieser selbst, der unwillkürlich ausrief: ›Meine Schwester ist es!‹ trotzdem er das unmöglich wissen konnte, wenn er nicht selbst an dem Mord beteiligt war. Nachher gab er zur Entschuldigung an, er habe alles geträumt. Wie lächerlich!

Aus dem Schrank der Ermordeten wurde ein seltener Jubiläumstaler entwendet, den der Wald-Sepp unmittelbar vor dem Garten Braks fand. Dieser hatte das Geldstück verloren, und anfänglich wäre es ihm gleichgültig gewesen, wenn der Verdacht nicht auf Gollwitz gefallen wäre, hatte er doch in der vorangehenden Nacht den Steinhammer zu dem Zweck aus der Waldhütte entwendet, um den Verdacht auf den schlecht beleumundeten Burschen zu lenken, was auch vorläufig gelang. Nachdem sich der Wald-Sepp jedoch auswies, mußte Gollwitz herhalten, und fast wäre es dem von seltenem Glück begünstigten Verbrecher gelungen, diesen Unschuldigen zu stürzen, während er selbst die Früchte seiner Tat, das Erbe, einheimste.

Hier wäre auch am Ende eine Erklärung, ein Beweggrund zu finden, wenn man annimmt, daß das gute Einvernehmen des Verbrechers mit Frau Fallner eben nichts anderes sein konnte als Heuchelei, denn von der Absicht der Ermordeten, ihren Neffen und Luise Brak als Erben einzusetzen, wußte der Angeklagte ja noch nichts. Der Angeklagte leugnet jede Schuld, gibt absolut nichts zu, erklärt sich als unschuldiges Opfer.

Wie wenig er Glauben finden kann, beweisen die verschiedenen Aussagen der Zeugen. Wollen Sie nur noch in Betracht ziehen, meine Herren, daß der Angeklagte in jedem Punkt überführt ist! Er wußte als erster von dem Opfer des Mordes, ohne daß der Name genannt wurde.

Er verlor den Jubiläumstaler. Er stahl den Eisenhammer in einer vorhergehenden Nacht, denn der Wald-Sepp gab damals an, daß es entweder eine blonde oder graue Person war, die er entfliehen sah, heute behauptet er, daß Peter Brak diese Gestalt war.

Luise Brak hat ihren Vater in dem Mörder erkannt, wie ihn Gollwitz erkannte, wie ihn der Inspektor Brak auf der Tat ertappte, als er, wie manche Mörder, an den Ort des Mordes zurückkehrte, ja, sogar die Bewegung des Erschlagens wiederholte. Alles dies leugnet der Angeklagte.

Aber noch mehr! Inspektor Lanner lauerte ihm auf, verfolgte ihn bis zur Waldhütte, veranlaßte dort seine Verhaftung, und man findet an seinem Leib denselben zerfetzten Rock, den ihm der von seiner Hand erwürgte Hund zerriß, als er heimlich in die Waldhütte sich schleichen wollte.

Auf das genaueste paßt das Stückchen Tuch, im Maule des toten Hundes gefunden, in das Loch des Rockes. Die erwähnten gelben Lederschuhe, ohne Nägel, fanden sich ebenfalls an den Füßen des Angeklagten und bis zur Evidenz ist erwiesen, daß er immer sein Geld selbst auf die Seite schaffte, denn eine sofort vorgenommene Durchsuchung des Hauses ergab das offene Fenster des Schlafzimmers, den offenen Geldschrank und die gewöhnlichen Kleider Braks auf einem Stuhl am Bett.

Wäre er dem Inspektor Lanner entwischt, so hätte man am Morgen sicher abermals von einem Einbruch gehört, den diesmal eben ein ›Komplize‹ Gollwitz' ausgeführt haben mußte. All diesen erdrückenden Tatsachen gegenüber verharrt der Angeklagte in verwerflichster Weise in seinem Verstocktsein.

Was das heißen soll, gebe ich Ihrem eigenen Ermessen anheim, meine Herren Geschworenen! Die blutige Tat, die der Angeklagte beging, hat unermeßliches Elend heraufbeschworen; sie ruft nach Sühne. Einen Zweifel gibt es hier nicht mehr, und so beantrage ich, über den Angeklagten das Schuldig auszusprechen, ohne ihm mildernde Umstände zuzubilligen, da seine Hartnäckigkeit die unerbittliche Strenge des Gerichtshofes geradezu herausfordert.

Zögern Sie nicht, meine Herren Geschworenen; es gilt, die Menschheit von einem Geschöpf zu befreien, das vielleicht einzig in den Annalen der Justiz erscheint.«


Der Staatsanwalt hatte geendet und jedermann wußte, daß Peter Brak verloren war.

Was sollte sein Verteidiger denn noch gegen diese niederschmetternde Anklage anführen?!

Der Präsident stellte an den Angeklagten die Frage, ob er etwas zu erwidern habe, und Brak, dessen verzerrtes, totenbleiches Gesicht einen abstoßenden Eindruck machte, fuhr hastig auf.

»Lüge! Alles erbärmliche Lüge!« keuchte er mit wuterstickter Stimme. »Verflucht seid ihr alle, die mich morden wollen!«

Die Gendarmen drückten ihn auf die Anklagebank zurück und ein Murmeln des Unwillens zog durch den Saal.

Der Präsident berührte die Glocke.

Es ward wieder ruhig.

»Der Herr Verteidiger hat das Wort!« sprach der Präsident.


XXXII.

Doktor Bernstein erhob sich langsam.

Was wird er sagen? Was kann er sagen?

Ist nicht jede Mühe nutzlos in diesem Fall?

Oder sollte er selbst, der scharfsinnige Jurist, nicht längst mit aller Bestimmtheit darüber einig sein, daß sein Klient und kein anderer der Täter war, daß Brak keine Nachsicht verdiente?

Wahrscheinlich wird er einige Worte sprechen, die bedeutungslos verhallen und den Angeklagten aufgeben.

Die Anwesenden sollten sich aber gewaltig täuschen.

Der Prozeß nahm eine ganz sonderbare Wendung.

»Meine Herren!« begann Doktor Bernstein in vollkommen ruhiger, sachgemäßer Weise. »Wir stehen hier vor einem Rätsel, vor einem Geheimnis des menschlichen Geistes, dessen Lösung und Enthüllung scheinbar unmöglich ist. Wenn ich es dennoch versuche, so diene Ihnen dies zum Beweis, daß ich mit dem Angeklagten das tiefste Mitleid empfinde.

Peter Brak hat die Tat begangen, ohne Zweifel, er mordete und bestahl sich selbst, er nahm den Steinhammer aus dem offenen Schuppen der Waldhütte und war auch jene unheimliche Person, die in dunkler Nacht umherschlich. Und dennoch bitte ich für den Angeklagten um Freisprechung!«

Ein lautes Zischen entstand im Saal, aber der Gerichtshof selbst wurde unruhig, obwohl man bei Doktor Bernstein auf Überraschungen gefaßt sein mußte.

Die Glocke des Präsidenten ertönte und schaffte Ruhe. Doktor Bernstein lächelte.

»Ich habe Sie überrascht, meine Herren? Wenn ich den Angeklagten für schuldig des Mordes und Diebstahls halte und dennoch seine Freisprechung verlangte, so habe ich dafür meine Gründe, die ich Ihnen im nachfolgenden auseinandersetzen werde.

Die ganze Erklärung des unbegreiflichen Verhaltens des Angeklagten besteht darin, daß er wohl den Mord beging, aber nachher nichts davon mehr wußte, daß er sich auf gleiche Weise selbst bestahl, daß er sich nach dem hohlen Baum schlich, dort sein Geld verbarg und doch am nächsten Morgen sich ob des Verlustes in Krämpfen am Boden wand, da er sich eben an nichts mehr erinnern konnte.

Der Herr Staatsanwalt hat den Angeklagten, der alles beharrlich leugnet, einen Heuchler, einen verstockten, hinterlistigen Verbrecher genannt; dies trifft nicht zu. Peter Brak kann nicht eingestehen, was man von ihm verlangt, da er nichts mehr davon weiß. Vielleicht lebt etwas in seiner Erinnerung, das er sich selbst nicht recht zu erklären weiß, aber ich finde es vollkommen natürlich, wenn er in Wut gerät bei der Aufforderung, Dinge einzugestehen, die er ohne Zweifel begangen hat, auf die er sich aber einfach nicht mehr besinnen kann.

Man hat gesagt, Peter Brak nannte am Morgen nach der Tat sogleich den Namen des Opfers; das ist wahr, ebenso wahr aber ist, daß er mit schwerem Kopf sich erhob und beständig davon sprach, es liege etwas in der Luft. Der berichterstattende Gollwitz kam seinen blitzartig unterbrochen auftauchenden Erinnerungen zu Hilfe, so daß Brak plötzlich rufen konnte: ›Meine Schwester ist es!‹

Nach meiner Ansicht, die ich wissenschaftlich nach jeder Richtung hin vertrete, stellen sich die ganzen Vorgänge auf folgende Weise dar: Peter Brak, ein ohnehin nervöser Mann, beschäftigte sich in letzter Zeit allzuviel mit Büchern, deren mystischer Inhalt seinen Geist zugrunde richtete. Er verfiel nicht in Wahnsinn, wenigstens nicht in den bis dahin bekannten, aber in seinem Innern entstand ein zweites Ich, der ›andere‹, wie Paul Lindau dieses Geistergeschöpf nennt. Dieser ›andere‹ handelt völlig unabhängig von dem eigentlichen Willen der auf solche Weise geistesgestörten Person, wenngleich sich nicht völlig leugnen läßt, daß ganz bestimmte Eindrücke und Gedanken eben diesen ›anderen‹ erst zum Handeln bringen.

Ich hoffe, dies bei dem Angeklagten zu beweisen. Peter Brak war eine nervöse, phantastisch veranlagte Natur. Als solche fiel ihm der Wald-Sepp auf, und die zügellose, romantische Lotterwirtschaft, die dieser im Forst draußen führte. Mitten in der Nacht verfiel er in den Zustand, den ich immer mit demselben Namen, der ›andere‹ bezeichnen will. Es trieb ihn aus dem Bett, er zog schlechte Kleider an und schlich aus dem Haus, aber nicht durch die Türen, nein, durchs Fenster, von wo ihn der Mondschein traf, gleich dem Nachtwandler, der ja auch nichts von dem weiß, was er tut, gleich dem Hypnotisierten, der unter der unheimlichen Macht eines Stärkeren steht.

Er schlich nach der Waldhütte, über den Abhang, auf dem der offene Schuppen mit den Steinwerkzeugen steht. Er sah in der erhellten Stube den Sepp und die Kathrin und starrte nach ihnen hinüber.

Aber er war nun im Denken und Fühlen der ›andere‹, so daß er, als der Hund aufheulte, als Sepp mit der Büchse im Lichtschein vor die Hütte sprang, auch schon einen der offen herumliegenden Hämmer ergriff, um sich zu verteidigen. Dann aber fand er es für besser, zu entfliehen und entkam auch. Auf demselben Weg gelangte er in sein Schlafzimmer zurück, legte das alte Gewand mit dem Hammer in irgendeine Ecke, warf sich auf das Bett und erwachte am nächsten Tag, ohne auch nur eine Spur von dem zu wissen, was er in der Nacht vollbrachte.

Wir kommen nun zu der Mordnacht. Es wurde viel nach dem Beweggrund zu dieser Tat gesucht. Dieser Beweggrund ist leicht zu finden: es war der Geiz des Angeklagten, der Ärger, daß seine Schwester ihr Geld zur Unterstützung der Armen verwandte.

Den Gedanken mochte der Angeklagte schon seit langem mit sich herumgetragen haben, wie er verhindern konnte, daß Frau Fallner ihr Vermögen, das ›schöne Geld‹, immer in reicherem Maß an Hilfsbedürftige verteilte. Er sagte sich dabei, daß es nur einen Ausweg gab, nachdem er, jedenfalls vergeblich, Frau Fallner Vorstellungen darüber gemacht hatte; der Tod seiner Schwester!

Aber Frau Fallner war gesund; auf natürliche Weise war nicht anzunehmen, daß der Tod so rasch eintrat. Der Angeklagte hat vielleicht schon lange vergeblich darauf gewartet, hat mit steigendem Ingrimm mit ansehen müssen, wie seine Schwester fortfuhr, ihr Vermögen zu verringern. Und da kam ihm der blitzartig auftauchende Gedanke: töte sie! Wahrscheinlich versuchte er es, sich schaudernd davon abzuwenden, aber der Gedanke saß fest und Peter Brak führte ihn mechanisch aus in jener Nacht, nachdem er den Hammer des Wald-Sepp entwendet, ohne es zu wissen.

Verstehen Sie mich wohl, meine Herren: nicht der seines Handelns bewußte Angeklagte mordete, sondern sein zweites Ich, der ›andere‹. Er zog sozusagen im Traum die alten Kleider an, nahm den Hammer und begab sich auf dem einmal gewohnten Fensterweg ins Freie, stieg über den Zaun des Fallnerschen Gartens, in die offene Schlafstube und tötete seine eigene Schwester.

›Das schöne Geld!‹ hörte der bedauernswerte Inspektor Brak die Nachtgestalt murmeln und Peter Brak griff dabei in die offene Lade, einsteckend, was ihm zwischen die Finger kam. Es war nur eine unwillkürliche Bewegung und geschah durchaus nicht, um den Glauben an einen Raubmord zu erwecken.

Hätte er den Jubiläumstaler nicht verloren, sondern am nächsten Morgen bei sich gefunden, ganz sicher hätte Brak auch nicht anzugeben gewußt, wie er in seinen Besitz gelangt war. So aber fand ihn der Wald-Sepp. Wollen Sie in Betracht ziehen, daß Brak sich mit schwerem Kopf am Morgen erhob und davon sprach, daß ›etwas in der Luft liegen‹ müsse, daß er selbst die Anzeige machte von dem versuchten ›Einbruch‹, so werden Sie finden, daß der Angeklagte kaum eine schwache Ahnung in sich trug, von dem, was in der Nacht geschah.

Schließlich sprach er von einem Traum, konnte sich aber auf nichts Genaues besinnen, vor allem nicht, daß er selbst die verbrecherische Rolle in dem blutigen Drama spielte und sein Ausruf: ›Meine Schwester ist das Opfer!‹ kann eben nur einem plötzlich auftauchenden Gedanken zuzuschreiben sein. Peter Brak ist kein Heuchler, der die Leute betrog; er glaubte allen Ernstes erst, daß der Wald-Sepp, dann, daß Gollwitz die blutige Tat vollbrachte, er glaubte auch unbedingt, daß man ihn beständig bestahl, daß Gollwitz der Dieb war, der mit Hilfe seiner eigenen Tochter eindrang oder, als der Referendar festsaß, dessen unbekannter Komplize.

Man hat behauptet, der Angeklagte beseitigte das Geld und fingierte die Einbrüche, um Gollwitz zu verderben. Diese Annahme ist falsch! ›Weshalb aber sollte es sonst geschehen sein?‹ werden Sie mit Recht fragen.

Ich sage: aus Geiz, ein Hauptübel des Angeklagten. Aus Geiz und Sorge erhielt sein Geist den ersten Anstoß, Frau Fallner zu ermorden, aus derselben Ursache und auf dieselbe Weise trug er jedesmal, so oft er am Vorabend eine größere Summe erhalten und gezählt hatte, dieses Geld davon und versteckte es.

Die Zeugenaussage der alten Magd zeigt uns, daß ein sogenannter Einbruch stets am Morgen nach dem Tag entdeckt wurde, da Brak Geld erhielt. Der Angeklagte hatte sich unbedingt längst mit dem Gedanken getragen, seine größeren Summen, die er ja auch niemals einer Bank anvertraute, zu vergraben.

In den Nächten führte er dies aus, ohne am Morgen etwas davon zu wissen. Die schreckliche Wut, die rasende Verzweiflung, die sich seiner bemächtigten, so oft er sich immer wieder bestohlen sah, das konnte unmöglich Verstellung sein. Er holte die Polizei, er traf alle möglichen Sicherheitsmaßregeln, mißhandelte und verstieß seine Tochter.

Alles dies wird plötzlich verständlich, wenn Sie annehmen, daß der Angeklagte ohne Wissen handelte, daß er am Tage ein anderer war, als in der Nacht. Als ›anderer‹ trieb es ihn auch in den Nächten nach dem Ort seiner Bluttat, und er wußte bei Tage weder von dem Zusammentreffen mit seiner Tochter, noch von demjenigen mit dem Inspektor. Er stieg stets wieder in sein Arbeitszimmer, legte die alten Kleider und Schuhe ab, verbarg sie wohl auch in einer Ecke und erwachte am Morgen als Peter Brak, der nichts wußte von dem, was in der Nacht geschah.

Deshalb seine fürchterliche Aufregung, als ihm Luise Brak sagte, daß sie den Dieb und Mörder kenne, aber den Namen nicht nannte, als der Inspektor ihn offen einen Mörder nannte und von ihm forderte, er solle sich selbst töten, um der Schande zu entgehen, der Haß, als Inspektor Brak ihn niederschoß.

Auch Gollwitz hat schon zu Anfang in einer Nacht den Angeklagten unterm offenen Fenster gesehen. Aus Rücksicht für Luise schwieg er und ließ sich lieber selbst verurteilen.

Ich komme nun zu den Schlußbegebenheiten, der Ertappung und Festnahme dieses sogenannten Verbrechers. Inspektor Lanner hatte, nach Einsicht in die Prozeßakten, den unbestimmten Verdacht gefaßt, Peter Brak könne selbst an dem Mord beteiligt sein, wäre vielleicht gar das nächtliche Gespenst.

Er legte sich auf die Lauer, und wie die Verhaftung gelang, das wissen Sie, meine Herren. Ganz aus derselben Ursache schleppte Brak abermals das am Tage vorher erhaltene Geld fort wie früher, versuchte, in das Schlafzimmer einzudringen und schlich nach der Waldhütte. Er wußte ja nicht, daß der Sepp nicht mehr im Gefängnis saß und die Busch-Kathrin muß ihn dorthin gezogen haben.

Er ging in die gestellte Falle und man fand an ihm den von dem Hund zerfetzten Rock, fand die schmutzig-gelben Lederschuhe, und trotzdem leugnet der Angeklagte alle und jede Schuld, will sich auf nichts besinnen.

Seine Aussage findet keinen Glauben, erweckt Entrüstung, Abscheu! Nun denn, meine Herren Geschworenen, ich stehe nicht an, laut und deutlich zu rufen: Der Angeklagte spricht die Wahrheit! Er weiß nichts von all' dem, was man ihm zur Last legt, er handelte wie im Traum.

Hörten Sie nicht, wie alle Zeugenaussagen darin übereinstimmen, daß die nächtliche Gestalt im Zickzack, taumelnd wie im Schlaf, aber doch mit offenem, starrem Blick, dahinwankte?

Wenn ich schon zu Anfang meiner Rede auf Freisprechung des Angeklagten plädierte, so wiederhole ich diese Forderung noch einmal. Peter Brak gehört nicht auf das Schafott, sondern ins Irrenhaus! Der Angeklagte wußte nicht, was er tat, und daß der ›andere‹, dieses zweite Ich, bei hoch nervösen Menschen vorkommt, das hat die Wissenschaft unserer Tage unumstößlich festgestellt.

Sehen Sie ihn an, diesen Menschen! Sieht er nicht aus wie ein Gespenst, flackert in seinen Blicken nicht etwas wie ausbrechender Irrsinn? Oder ist es die Erkenntnis, daß es sich wirklich nur so verhält, wie ich ausführte, ein Funke von Erinnerung? Wenn dem so ist,« erhob der Verteidiger seine kraftvolle Stimme, »so fordere ich Sie auf, Peter Brak, sagen Sie: ›Ja, ich habe vielleicht all das getan, was man mir zur Last legt, ich sehe die blutigen Ereignisse wie durch einen Nebel vor mir, aber ich kann mich auf nichts mehr besinnen!‹«

Eine lähmende Stille war auf diese Abschwenkung eingetreten, auf den Schluß einer Verteidigung, wie sie niemand im Saal erwartet hatte und die auf sämtliche Anwesende mit unheimlicher Gewalt wirkte.

Den Mund halb geöffnet, den spitzen Kopf weit vorgebeugt, in den Blicken das grauenvolle Entsetzen, die Erkenntnis, daß es sich wirklich nur so und nicht anders verhalten konnte, erhob sich Brak.

Er klammerte sich an die Holzbrüstung an und über seine Lippen drangen die keuchenden Worte:

»Der – andere – der andere –!«

Plötzlich brach er, wie vom Blitz getroffen, zusammen. Man sprang ihm zu Hilfe.

Allein hier war jede Mühe vergebens. Peter Brak, der Sonderling von Wilberg, der Mörder und Dieb, war tot.

Ein Herzschlag hatte ihn getroffen, auf solch erschütternde Weise das Drama abschließend.

Ob es sich tatsächlich so verhielt, wie Doktor Bernstein ausführte, darüber konnte niemand mehr absolute Gewißheit erhalten.

Eins aber stand fest, nur Peter Brak war der Mörder, und es gab für sein Handeln, so unbegreiflich und rätselhaft es sich darstellte, auch wirklich nur die einzige Lösung, wie sie Doktor Bernstein brachte.

Und dem scharfsinnigen Verteidiger pflichteten die meisten Persönlichkeiten bei, auch Gollwitz und Luise selbst.

War es doch für die bedauernswerte Tochter ein kleiner Trost, zu wissen, daß ihr Vater nicht im gewöhnlichen Verbrechersinn handelte.

Trotzdem wollte sie sich von Gollwitz lossagen, verbarg sich ängstlich vor ihm.

Er sollte nicht das Kind eines Mörders als Gattin heimführen.

Heinrich Gollwitz jedoch hatte sich fest vorgenommen, keine andere als Luise, die er mit unverminderter Treue liebte, zur Gattin zu machen.

Der Winter war vergangen und Luise, die monatelang krank daniederlag, schritt, schwach und bleich, zum erstenmal in den Garten hinaus, der Balthasars Häuschen umgab.

Der alte Mann stützte die Schwache, als wäre sie sein eigen Kind und geleitete sie nach einem Stuhl, der an sonniger Stelle stand.

Matt sank Luise nieder, ihre Blicke dankten dem ehrlichen Alten, dann aber bat sie leise, er möge sie allein lassen.

Wie träumend schloß sie halb die Lider.

Vorsichtig schlich der Alte sich ins Haus.

Der erste sonnig-helle, wundersame Tag im Frühling war es.

Die Knospen hatten sich ausgebreitet, ihre Hülle gesprengt, weiße, kleine Blüten brachen hervor wie Flöckchen Schnee, und ein feiner Duft durchzog den Garten.

Luise schloß völlig die Lider; die weißen Hände über dem Busen gefaltet, lag sie wie träumend im Stuhl.

Der goldene Sonnenstrahl huschte durch die Zweige und wob einen lichten Strahlenkranz um das liebliche, ach, so bleiche Antlitz der Schlummernden.

Und Luise träumte von Liebe und Glück!

Auf ihr Verlangen hatte Balthasar bis heute den Geliebten zurückgehalten, sie wollte ihn ja nicht sehen, aber fern von ihm dachte sie doch nur an ihn und seine Treue.

Ihr träumte, daß er plötzlich vor sie hintrat mit den alten lieben, treuen Augen, daß er die Hände flehend zu ihr aufhob und bittend rief: »Luise! Weshalb quälst du dich und mich? Weißt du denn nicht, daß ich nicht leben kann ohne dich und deine Liebe!«

Und im Traum flüsterten ihre bleichen Lippen:

»Ich liebe dich ja, Heinrich, immer, ewig! O, warum mußte das Schicksal uns so schwer treffen!«

Nun rauschten die Zweige und im nächsten Augenblick lag Heinrich Gollwitz vor der Schlummernden auf den Knien und drückte sein schluchzendes Gesicht in ihren Schoß.

Erschreckt öffnete sie die Augen.

»Heinrich!« schrie sie leise.

Er faßte ihre Hände.

»Luise!« rief er flehend. »Weshalb verstößt du mich? Siehst du nicht, wie ich leide, wie ich mich trunken sehne nach einem Blick deiner Augen? Habe ich das um dich verdient?«

»Hast du vergessen, Heinrich, was zwischen uns liegt?« entgegnete sie, schon halb bezwungen durch seinen Anblick.

»Zwischen mir und dir lag niemals etwas von dem Tag an, wo dein Herz mich freisprechen mußte von der Schuld! Ich lasse dich nicht mehr, du liebes, trotziges Kind! Habe ich nicht gelitten deinetwegen, wie kaum ein Mensch, dich mir aus den tötenden Wellen sogar geholt? Nun fordere ich auch meinen Lohn, dich selbst! Alles übrige sei begraben, vergessen! Kannst du mich noch immer von dir stoßen?«

Ihr bebender Mund hatte keine Antwort mehr, und er verlangte auch nicht danach.

Ihm war es Antwort genug, daß ihn die zitternden, schwachen Hände festhielten, daß sie sich um seinen Hals schlangen und er den bleichen Mund wieder und immer wieder küssen durfte.

In den Büschen flatterte es, und dann sang ein Vogel sein Lied laut und jubilierend aus der kleinen Kehle hinaus in den ersten sonnigen, wonnigen Frühlingstag.

Ein kleines Stückchen zurück stand Balthasar.

Er wollte laut aufschreien vor Freude, drückte aber sorglich die Hand auf den Mund.

Aus dem Dunkel der Nacht war die blaue Wunderblume Glück emporgetaucht.