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René Schickele – Die Mädchen über Athen

Erzählung

aus: René Schickele, Die Mädchen, Paul Cassierer, Berlin, 1920

Im Vasensaal irrte ich wie in einem Spiegellabyrinth. Dann hielten mich die Bronzen, ich musste mich mit jedem Schritt losreissen. Die Marmorskulpturen, die ich schon aus Abbildungen kannte, bekamen Leben. Sie hoben sich atmend, standen und zeigten ihre kluge Stirn. Und überall waren fliegende Siegesgöttinnen, grosse und ganz kleine, ja, fast an jeder Tür, in jedem Winkel tat eine ihre rauschenden Schritte. Dank ihnen zog eine heiter ausschreitende Musik, eine richtige unbekümmerte Strassenmusik durch die Museumsräume.

Meine ganze Liebe aber schenkte ich einigen marmornen Mädchen, obwohl ihnen immer etliche Glieder und zumeist auch der Kopf fehlte. Dafür waren sie vollkommenen Leibes, vollkommen, wie ihre Mutter sie gemacht hatte, vollkommen auch darin, wie sie sich mit ihrem Gewand geschmückt hatten, es über die Brüste gerafft hatten und nun zärtlich über ihren süssen Leib rinnen, auf ihrem süssen Leib zerfliessen und dies und die ganze Schöpfung mit einem Ausdruck verklärter Klugheit bis ins kleinste ihm zum Gefallen sein liessen.

Je höher ich auf der steilen Treppe emporstieg, desto grösser wurden die Säulen, die, in einem Aufmarsch von einziger Gewalt, den Eingang zur Akropolis bewachen. Einen Augenblick schien es mir, als neigten sie sich über mich und wollten mich erdrücken. Aber als ich den Kopf hob, sah ich, wie sie im Gegenteil, immer grösser werdend, vor mir in den Himmel zurückwichen, und ich stürmte, halb gehoben, weiter, das Sausen in den Ohren, die Augen zu Boden geschlagen. Nun stand ich dicht vor ihnen. Es waren Säulen, nichts als Säulen, mit einem Dach darüber, das bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts türkische Kasematten getragen hatte. Der Vorsprung neben ihnen, wo der Niketempel über den Abgrund hinaushing, war ebenfalls eine alte Bastion, der kleine Tempel selbst einem Schilderhaus nicht unähnlich. Jede Säule wies Spuren von Kugeln auf, ich streckte die Hand, um sie sorgsam zu berühren – diese eine hatten die Kugeln geradezu zerfetzt. »Nur Säulen,« wiederholte ich für mich, mit klopfendem Herzen, von einer sinnlosen Aufregung erfasst. Ich setzte mich auf den Sockel der Säule, vor der ich stand und schloss die Augen.

Wir erleben Augenblicke solcher Versunkenheit, dass wir, wenn sie vorbei sind, wie aus einer Ohnmacht erwachen mit dem Gefühl, viel schweres Leid und alle Tröstungen erfahren zu haben. So erhob ich mich, und das erste war, dass ich langsam viele Male mit beiden Händen über die Säule strich und zur nächsten ging und zur übernächsten und sie in einer Art anhaltenden Umarmung umschritt, worin schamvolle Achtung und brennendes Verlangen einander durchdrangen. Die durch den Marmor schimmernde Nacktheit war ja menschlich, menschlich das schlanke Ebenmass ihres Wachstums und, dieses, eine einzige menschliche Gebärde, die Gebärde einer schönen Frau und noch weit mehr . . . und derart das Wunder, dass das Werk des Geistes, der solches geschaffen hatte, noch immer vom Schein seines Blutes strahlte und, selbst tausendfach verwundet, selbst verstümmelt, die betörende Macht des Blutes ausübte, die darin besteht, dass sie fremdem Blute über alle Vernunft Glück verheisst! . . . Ein Mädchen, wie die im Museum, von klugen Männern geliebt, von klugen Männern gestaltet und mit der tapfern Vernünftigkeit ihrer Erfahrung ausgestattet – ich erkannte sie: Pallas Athene! . . . Oh, sicher suchten Perikles und seine Freunde, die hier zu uns sprachen, in ihr nur die vergöttlichten Eigenschaften der Aspasia, ihres so gescheiten Bettschatzes.

Diese Klugheit, die eine sinnliche Eigenschaft, ja die Blüte einer schönen Sinnlichkeit selbst ist, entfaltete über dein riesigen Trümmerfeld der Akropolis, zwischen Propyläen, Parthenon und Erechtheion, in den wolkenlosen Himmel hinein ihren grossen blütenweissen Kelch.

Dort stand das Parthenon, bei dessem Bau, nach dem Willen des Perikles, kein Sklave Hand anlegen durfte, und das so von freien Männern errichtet ward, von Männern, die wussten, was sie taten, stand da und beschämte die barbarische Zerstörungswut, die geglaubt hatte, Blut könne Geist auswischen, Gewalt einen edlen Herzschlag für alle Ewigkeit verstummen machen. Einst herrschte hier, wo tausend Trümmer übereinander lagen, bedachte Ordnung, und all die Schönheit war für das Schauspiel auf der hohen Bühne in der Sonne gerichtet und geschminkt. Davon strahlte sie übermenschlich, und das Volk, das zum Beten herkam, fühlte sich in ihrem Licht vergehn. Aber die Zuversicht des Alltags kehrte ihm zurück, wenn es zwischen den bunten überragenden Gebäuden die Karyatiden des Erechtheion erkannte, die »Mädchen«, wie sie einfach hiessen, seine »Mädchen«, deren lächelnde Gestalten unbeirrt dem Himmelslicht standhielten . . .

Die Schminke verblasste und verschwand, auf dem heiligen Berg wurde gemordet und die Geier nahmen von ihm Besitz. Kugeln und Explosionen zerstörten die Tempel, doch traten immer wieder, aus dem Bauch einstürzender Gebäude, der sie verhüllte, aus dem Blutnebel, der sie unsichtbar machte, aus dem Dunkel der Vergessenheit die Spielgefährten der Pallas Athene, die »Mädchen«. Genau so, wie sie jetzt vor mir standen.

Sie sagten nicht, dass der Kampf unnütz sei. Sie zeigten nur, dass sie ihn überdauerten . . .

Und wenn sie morgen der Gewalt erlägen oder wenn ich sie je vergässe, sie träten mir doch, doch, an irgendeiner Strassenecke, in den Augen der Geliebten, träten mir in den harmonischen Stunden guter Arbeit doch entgegen . . . Denn auf dem langen Weg, der mich zu ihnen führte, hatten sie mir ja auch schon von weitem ihre Boten entgegengesandt.

Vor vielen Jahren sprach mich auf dem Boulevard St. Michel in Paris eine Dame an, die ich nicht erkannte. Das schien sie auch nicht erwartet zu haben, denn sie sagte mir gleich, wer sie sei.

»Du hast dich verändert!« rief ich, leider nur zu deutlich enttäuscht. Sie nickte einigemal und versuchte zu sprechen. Da nahm ich ihre Hand . . .

Drei Schwestern waren sie, schlank, doch gedrungen, mit geraden Schultern, wie ihre Madonna und ihre Kirche sind. Sie waren die drei Schwestern von Paris.

»Was ist aus euch geworden?« fragte ich leise.

Sie antwortete nicht, wandte den Kopf zur Seite und drückte heftig meinen Arm.

Sie waren die drei Grazien der Natürlichkeit. Allein durch ihre Gegenwart blieb das lateinische Viertel eine Stätte hoher sittlicher und geistiger Kultur. Damals waren gerade die Fresken der Sorbonne dem Maler Puvis de Chavanne in Auftrag gegeben worden, und die Studenten wollten, dass ihnen dreien das Mittelfeld dieser Fresken gehöre. Über allen Philosophen und Dichtern sollten sie thronen, weil sie der fleischgewordene Traum aller waren: die Harmonie. Der Maler, der sie nicht kannte, wollte sich keine Modelle aufdrängen lassen. Doch fand eine Studentenversammlung statt, es wurde eine Adresse aufgesetzt, die, mit ihren Photographien, in die Zeitungen kam. Darauf lud der Maler sie freundlich ein.

Sie gingen nicht hin. Sie waren verschwunden. Man erzählte, am selben Abend hätten sie, jede in einem Automobil, das lateinische Viertel verlassen . . . Uns war, als sei ein ewiges Licht erloschen. Man verrohte hier zusehends. Gottlob musste ich bald abreisen. Und jetzt nach sechs Jahren –

»Du – so sprich doch – was ist aus euch geworden?«

Wir standen an der Rue Monsieur le Prince.

Sie antwortete nicht, sondern lief aufschluchzend in die Strasse und in das Haus, wo ich vor sechs Jahren gewohnt hatte.

So arm war sie also . . .

Es folgten endlose Regentage.

Der Sommer war irgendwo liegen geblieben, in der Touraine, in den grossen Wiesen, die sich zu seiner Begrüssung mit rotem Knabenkraut geschmückt hatten, und wo die herzbewegende Feierlichkeit der Abendglocken im endlos ermatteten Himmel ihn erdrückte.

Manchmal hob er den Kopf und sah nach Norden. Dann blitzte es über Paris goldig auf, und gleich strahlte der Garten des Luxembourg, als habe er nur auf diesen Blick gewartet, um seine Schönheit herzugeben. Das silbergraue Parterre mit dem flachen Wasserbecken glühte wie ein Spiegel. Über dem grossen weissen Kreis der Balustrade, die das Parterre umschliesst, lag die blühende Krone des Rotdorns, dahinter versanken die lichten Massen der Kastanienbäume in einem feinen Dunst weissen Lichts, dem wunderbar klar graue Dächer entstiegen, entfernt im blauen Himmel.

An solchen Tagen sah ich zuweilen die Dame von weitem an der Seite eines Studenten oder eines aufmerksamen Fremden. Der erste von uns, der des andern ansichtig wurde, bog in den Schatten ein.

Aber es war selten hell an diesen Tagen. Ich sass in einem möblierten Zimmer, in der Rue Gay-Lussac, von wo ich auf den Garten des Luxembourg und den eingeregneten Eiffelturm sah, zwischen Zeitungen, Büchern und illustrierten Revuen, die wie einen leichten roten Rauch eine aufrührende Atmosphäre ausströmten. Der kleine Tisch voll unreinen Papiers war ein Schlachtfeld von Leidenschaften, ein Gewühl und Gehetze, scharf und klein, wie durch einen umgekehrten Fernstecher gesehen.

Gegen Abend hörte der Regen gewöhnlich auf. Der Himmel hinter dem Eiffelturm leuchtete gelb. Es gab da drüben in den graubraunen Wolken einen Backofen von gelber Glut, der seinen Schein fächerförmig über den Horizont breitete. Das Schieferdach des Luxembourg war von sanftestem Blau, jeder Baum tief und gross.

Eine Zeitlang verbrachte ich die Hälfte der Nächte in der Gegend der grossen Boulevards . . . Ich suchte, ohne es recht zu wissen, die schlanke Frau mit den hohen Schultern. Einmal traf ich sie in der »Olympia«, auf dem blauen Teppich mit den grossen, gelben Blumen, wo kleine Tische mit blauen Glasplatten stehen, im Promenoir. Über dem Parterre lag eine hellgraue Rauchwolke, es waren viele Spiegel da, die Frauen wanderten. Sie trug ein enganliegendes schwarzes Kleid, das kaum verziert war, und sich ihrem Körper anschmiegte, dazu einen grossen, schwarzen Hut. Mir fiel ein, dass sie auch am Abend, wo sie mich angesprochen hatte, schwarzgekleidet war, und ich sah, ihre Blässe verlangte es. Ihr Profil war zart und hell. Sie hielt sich gut, schien gar nicht kokett, und selbst die diskrete Langeweile, die übrigens der Mattheit ihres Wesensentsprach, war durch einen Ausdruck von Güte und Freundschaftlichkeit so weit gemildert, dass sie für einen besonderen Reiz gelten konnte. Ihr Begleiter, ein kleiner Deutscher aus guter Familie, sympathisch, ernst, benahm sich, als ob sie seine Frau wäre; ein wenig abwesend, alles musternd, nachlässig zu ihr gehörig. Sie bemühte sich höflich um ihn.

Am nächsten Abend sah ich sie mit ihrem kleinen Freund neben dem Springbrunnen der Folies-Bergères, mitten unter anderen Frauen, die unförmig und aufgedunsen um das klare Wasser kreisten. Sie aber, die schön war unter der kristallenen Wolke, zeigte: sie war von anderem Geschlecht als die . . . Als sie fortgegangen war, schien der Springbrunnen etwas von ihr er Schönheit, Schlankheit und Blässe bewahrt zu haben, wie eine Quelle, worin eine Nymphe untertaucht, noch lange ihr Bild behält. »Vereinsamter Springbrunnen,« dachte ich, »der sich klar aus den Ausdünstungen dieser Weiber und aus der Niedertracht dieser ihrer Bauchmusik erhebt! Du: Quellwasser, Berg, Wald, Meer – plötzlich in der dicken Atmosphäre eines Bordells! O ihr Nymphen! Ihr Berggeister der kristallenen Lüfte, wie ist euer Atem rein! Ich spüre Sehnsucht in den Lungen . . . Wenn sie sich auszögen, die hier Frauenhaftes feilbieten, und ihren Leib in den Staub des fallenden Wassers lehnten: welche Seele bestände die Prüfung?! Sie wären gerichtet durch die Schlechtigkeit ihres Leibes. Wären sie nicht wie blinde Scheiben? . . . und noch die reinsten glichen den alten venezianischen Spiegeln, die man in unbewohnten Schlössern findet.«

Ich horchte auf. Eine Stimme auf der Bühne sang . . . Gleich schlug die rohe Musik sie tot. Ich dachte:

»Man sollte für seine Geliebte eine Folge von Harmonien erfinden, welche die reinste, mitklingende Luft für das Erklingen ihrer Stimme wäre, für ihr langes Verharren, ihr langsames Sterben. Harmonien – nicht für ihre ›Gesangstimme‹, nein, ursprüngliche Klänge, die Mutterwelt, aus der ihre Stimme erstand. Sie wiederfinden! . . . und sie wie einen Wald um ihren Gesang errichten, und ein Frage- und Antwortspiel zwischen dem Wald und ihrer Stimme, ein Suchen, Sichsuchen, und, zum Schluss, der ungeheure Einklang, lang ausgehalten: der schönste Augenblick dieser Vereinigung von Landschaft und Seele . . . Mythologie! Psyche lernt singen!«

Ich mochte dann nicht länger im »Quartier« wohnen bleiben. Die Examen hatten begonnen, jeden Abend fand ein Studentenumzug mit Lampions und Fahnen statt, immer unter demselben Gesang, immer mit demselben Abschluss; einer vollständigen Betrunkenheit in der »Lorraine«, im »d’Harcourt«, im »Pantheon«. Schliesslich kam der 14. Juli. Zur Erinnerung an die Einnahme der Bastille verwandelten die Pariser ihre Stadt in eine Kirmess. Die Boulevards hinaufstand eine Verkaufsbude neben der andern. Wer keine vier Latten hatte aufbringen können, um damit ein Zelt zu bauen, betrieb sein Geschäft am Boden auf einem Taschentuch. Wo ein freier Platz war, drehte sich ein Karussell, an jeder Strassenecke wurde getanzt. Die Musikanten sassen auf trikolorenen Brettergerüsten, und Omnibusse, Wagen, Autos mussten warten, bis der Tanz zu Ende war. Dann gaben die Polizisten den Weg frei, um ihn wieder bei der ersten Lücke im Wagenzug zu sperren. Über die Strassen spannten sich zahllose Triumphbogen mit farbigen Glühbirnen. Es war märchenhaft.

Ich zog mich nach dem Löwen von Belfort zurück in die Gegend der »Closerie des Lilas«. Das ist ein Restaurant und Kaffeehaus, worin selten mehr als zehn Menschen versammelt sind. Wenn ich es zu Hause nicht aushielt, konnte ich dahin gehen und arbeiten, ohne gestört zu werden. Die paar Gäste, die sich mit mir in das Café teilten, spielten Schach oder lernten Zeitungen auswendig.

Eines Abends fand ich, noch ein wenig weiter nach Montrouge zu, ein Lokal, das ebenso leer war wie die »Closerie«; aber auf dem Trottoir gegenüber standen viele Menschen und hörten der Musik zu, die hier weitabgewandte Konzerte gab. Fünf arme Konservatoristen hatten sich dem Wirt für die Abende vermietet. Sie machten Kammermusik. Die Zuhörer, Bewohner dieses Arbeiterviertels, verbrachten ihren Abend mit Frau und Kindern auf der Strasse, standen schweigend da, sehr still, und viele waren blass vor Aufmerksamkeit.

Hier verlebte ich Stunden, feierlich und heiter wie der letzte Akt eines Schauspiels, wo sich zum Schluss die Kulissen, mein Paris, auseinanderschöben und der Himmel offenstände. Hier war es auch, wo der Dichter Francis Jammes mir schwor, dass er den Tierhimmel gesehen habe.

In seiner Heimat, so sagte er, sei ihm auf der Landstrasse ein unansehnlicher Hase begegnet, und weil das Tier elend gewesen sei, habe er es geliebt. In der Folge seien sie Freunde geworden, wie selten zwei in diesem Leben voller Selbstsucht Freunde würden. Und es sei ein rührender Beweis mehr für die verständnisvolle Dankbarkeit der Tiere, dass der Hase ihn, den Dichter, bei einem mystischen Sprung in den Himmel mitgenommen habe.

Das allein hätte mich nicht sonderlich überrascht. Aber der Dichter fand im Tierhimmel einen Park, wo auch junge Mädchen waren, die man wegen ihrer tierhaften Anmut eingelassen hatte . . .

Davon träumte ich, während die Musikanten eine Sonate spielten, die sich bewegte wie ein Trupp glänzender Herren und Damen, den man im Zickzack einen Berg hinaufreiten sieht.

Es war hell im Land, es gab viel Grün und Blau, einen Fluss im Tal, Weg überall, schiefe Ebenen von Baumgipfeln wie grosse Dächer, die sieb an den Himmel lehnen, und keine Möglichkeit, an den Tod zu denken. Sie spielten eine Sonate, die sich bewegte, wie ein Trupp zuversichtlicher Herren und lächelnder Damen, die im Zickzack einen Berg hinaufreiten und mit entzückten Augen um sich schauen.

Ich dachte:

»Wie glücklich bin ich um dich, Ellen Parker! Also wurde deine Seele nicht ausschliesslich einem traurigen Einsamen anvertraut, als du in einem florentinischen Frühling so sehr erblasstest, dass zwischen einer weissen Verklärtheit und dir kein Unterschied mehr war, meine Freundin.

Wie glücklich bin ich für dich, deren Röcke jungfräulich mitgingen, wenn du neben Paul Merkel, deinem Geliebten, schrittest, . . .

deren Leib einen Erdgeruch ausatmete, wie von Heide und Thymian oder gemähten Wiesen oder einem jungen Wald, wenn es geregnet hat, . . .

deren Hände und Schultern stark waren, . . .

und deren Hüften, wenn sie sich in ihrer Bekleidung bogen, all das vergessen liessen:

die Rüschen so hell wie ein Fenstervorhang in einem verrufenen Haus, der bewegt wird,

das Höhlenhafte, Düstere solcher Orte, in einer hellen Stadt mit breiten Strassen, Brücken und Plätzen, und den ganzen Jammer, den man als Jüngling litt,

Entkleidungen wie das Umrühren einer dampfenden Suppe, der Unterkleider nach oben steigende Kaskaden, die plötzlich zurückgehen und verschwinden, wenn sie ihren Beruf erfüllt haben und die ›Wirklichkeit‹ beginnt,

all das Kulissenhafte, bis auf die Spitzen an den weiten Hosen, die ganz perverse Entlarvung der Amazone –

Wie bin ich glücklich für dich, Ellen Parker, dass du unter einem Baum liegst im Tierhimmel, sorglos wie eine Vierzehnjährige, die auf dem Lande aufgewachsen ist und aufspringend mit schlanken Tieren spielst, und dass ein Windhund, der sich an dir aufgerichtet hat, deinem Körper die Schönheit seines gestreckten, leise zitternden Rückens hinzufügt!

Und du, Lo, hast eine Zukunft, wie ich sie dir oft gewünscht habe.

Du solltest, sagte ich dir, in einem Garten wohnen. Der Garten wäre sehr gross und von einer hohen Mauer umgeben; unmöglich auszureissen. Hinten im Garten, unter Obstbäumen, hättest du deine Hütte, mit ausgewähltem Stroh, daneben stünde ein Brunnen mit klarem Wasser. Ringsherum, an der Erde, an den hundert Spalieren wüchse mehr, als du je essen könntest. Du trügest das dünne lila Kleid mit der lila Halskrause, das wir alle kennen, hohe gelbe Schuhe, gestopfte Strümpfe aus Fil d’Ecosse und gelbe Bänder von billiger Seide. Du wärst scheu, faul und zufrieden. Wenn es regnete, käme ich und legte dir eine goldene Kette um die Fussknöchel, damit du nicht in den Regen läufst und dich erkältest! . . .

Ich hatte allerdings den Wunsch, am andern Ende des Gartens in einem Palast zu wohnen. Grosse Herren und üppige Damen, die Festungen anziehen, sollten bei mir verkehren . . . Eigentlich sollten sie das nur des Kontrastes wegen. Nach dem Essen wollte ich sie in den Garten führen und ihnen meine Gazelle zeigen. Sie ständen in einem dicken Kreis herum und glichen einem an die Luft gesetzten Trödlerladen, während du dich zehn Schritte vor ihnen an mich lehntest, etwas lilafarben zartes, schnellfüssiges mit hellen braunen Augen, das im grossen Garten verschwände, wenn ich es nicht für die Augen meiner Gäste festhielte . . . Die Damen wären von deinem scheuen Wesen entzückt und fänden deine Augen schön.

Ich werde in keinem Palast wohnen. Ich werde nicht dort sein.

Aber du wirst deinen Garten haben, Lo.

Der Dichter hat ihn gesehen, im Tierhimmel, welcher der schönste aller Himmel ist, weil es dort ausser euch keine Menschen gibt.

Du wirst deinen Garten haben, Lo. Er liegt im ›Park, wo auch junge Mädchen waren, die man wegen ihrer tierhaften Anmut eingelassen hatte‹.

Der Dichter hat ihn gesehen.

Den Dichtern muss man glauben, Lo. Dichtern zu glauben, schmeichelt.«

Wie gut ich mich erinnere!

Sie spielten eine Sonate, die sich bewegte, wie ein Trupp berittener Herren und Damen, die ihre Pferde zügeln müssen, weil die Tiere Stallgeruch gewittert haben und vor Ungeduld an den Zügeln reissen. Es kam ein ernsthafter Einzug durch ein dunkles Burgtor. Der Trupp verschwand. Eine Weile tönte noch der Kontrabass, wie eine Säule . . .

Ihr holden Karyatiden!

Ich bin ein armer ungläubiger Christ. Aber als Kind hatte ich meine Madonna, und alle unsere Mädchen hatten ihre Madonna, und die Madonna, glaubt mir, ist euch wohlgesinnt. Unsere jungen Mädchen wissen das genau, wenn sie sich zum Tanze schmücken, oder an den lauen Abenden, nach den Maiandachten, vor den Burschen auf und ab gehen. Sähet ihr sie im Halbdunkel sich bewegen und hörtet sie untereinander lachen, ihr würdet euere Schwestern gleich erkennen.

Und unsere Madonna, das wage ich zu sagen, obwohl ich kein grosser Mann bin, wie Perikles, unsere Madonna habe ich ebenso geliebt, wie Perikles euere Pallas Athene. Mit Herz und Sinn.

Und deshalb träumte ich, während die Sonate in Montrouge verklang, und sprach im Traum:

»Meine Seele ist nicht zufrieden damit, dass diese Mädchen, die das Schönste sind, was an Menschen wächst, im vornehmsten der Himmel verschwinden.

Die Kirche lehrt, dass es Wesen gibt, die ihrer unbefleckten Reinheit wegen von Gott in seiner grossen Güte auserwählt sind, damit sie die anspruchsvolle Stümperhaftigkeit der übrigen Menschen auf sich laden. Die Vielheit unserer Gefühle löst sich in ihrer reinen Einfachheit und geht eine Verbindung ein, deren Produkt man Lapis coeli, den himmlischen Diamant, nennt. Er ist der Preis, um den die Sünden der Menschen zurückgekauft werden.

Ich bin gewiss, meine Freundinnen, die ihr uns schon in diesem Leben durch euer Beispiel erbaut und von vielen albernen Gewohnheiten gereinigt habt, dass ihr unter denen seid, die Gott zur immerwährenden Erlösung der Menschheit bestimmt hat. Denn wen hätte er sonst für würdig und fähig befinden sollen, sich von allen Ekelhaftigkeiten der Menschen anstecken zu lassen, wenn nicht euch und eure Schwestern, deren Schönheit in jedem Teilchen ganz und also unangreifbar, weil unersetzbar, und insgesamt so einfach ist, dass keine Hässlichkeit, die ihr in eure Seele aufnehmt, euch verunstalten kann? . . .«

Blauer blauer Himmel Attikas! Schwalben, die aus dem Parthenon schiessen und sich in der Bläue verlieren! Holde Karyatiden über dem Trümmerfeld! Würdige Freundinnen von euch haben mich bis hierher geführt. Nun habe ich euch selbst gesehen. Ihr, die ihr das Urbild unserer Sehnsucht seid. Ihr, die ihr noch mit Pallas Athene gespielt habt an Frühlingsabenden wie diesem. Tretet einst, ich bitte euch, an das Bett, auf dem ich den Todeskampf leiden werde.