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René Schickele – Das Glück

Erzählung

aus: René Schickele, Die Mädchen, Paul Cassierer, Berlin, 1920

Martha diente als Kammerzofe beim Baron Neufville, Michael als Gärtner. Sie waren, ohne einander zu kennen, am selben Tag aus Deutschland gekommen, stammten beide aus der Kölner Gegend, hatten sich am selben Tag beim Baron verdingt. Sie waren wohl auch von gleichem Alter.

Als sie an jenem Sommerabend zusammen aus dem Parktor gingen, wussten sie noch nicht einmal ihre Namen. Das Haus des Barons lag auf dem Hügel über Saint-Cloud, man sah vom Park über die Seine und den Bois de Boulogne auf Paris. Der Weg lief in steilen Krümmungen den Hügel hinab. An der ersten Biegung nahm Martha, weil sie so rannten, Michaels Hand, und nun mussten sie noch schneller laufen. Unten angelangt, warf sie sich mit schiefem Hut und gelockerten Haaren an seine Brust. Sie war wirklich ganz ausser Atem und konnte sich kaum aufrecht halten. Um keine Zeit zu verlieren und möglichst schnell über die Seine in den Bois zu entkommen, wo sie sich vor ihrer Herrschaft sicher fühlen konnten, nahm der Bursche das zierliche Mädchen auf den Arm und trug es ein Stück Wegs. Sie sah wie eine kleine Französin aus mit ihrem braunen, spitzen Gesichtchen, den geraden Schultern und der dünnen Taille. Auch schaukelte sie mit den Beinen, die in gelben Strümpfen unter dem Tuchkleid hervorsahen, als ob sie auf einem Lehnstuhl läge. Das Kleid war ebenfalls gelb, und die schwarzen Lackschuhe hatten übertrieben hohe Absätze, die Michael überzeugten, dass sich darauf allerdings schlecht laufen liess, zumal einen steinigen Weg hinunter. Unter den ersten Bäumen des Bois musste Michael die kleine Dame absetzen. Sie nahm ihn an den Ohren, zog seinen Kopf zu sich herunter und belohnte ihn mit drei schallenden Küssen auf den Mund. Nach dem dritten Kuss hielt sie ihn fest und betrachtete seinen Mund.

»Hübsch,« sagte sie mit zufriedenem Nicken. Sie sah ihm in die Augen und wiederholte: »Hübsch,« und diesmal rieb sie sanft, ganz leicht obenhin, erst die eine, dann die andere Wange an seinem Mund.

Gleich darauf waren sie beide erschrocken, Sie hatten den Wagen des Barons erkannt.

Auch er hatte sie gesehen. Er liess halten, und schon lief Martha wie ein kleines Mädchen auf den Baron zu und wechselte, den Fuss auf dem Trittbrett, einige Worte mit ihm, die Michael nicht verstand, übrigens wurde er auch gar nicht beachtet. Martha stieg ein, und der Wagen fuhr in der Richtung nach Paris davon. Sie hatte sich nicht einmal nach ihm umgesehen.

Von all dem begriff Michael bis auf den heutigen Tag nicht das geringste. Er war Martha, die doch unter demselben Dach wohnte, nicht wieder begegnet, bis sie sich heute, nach Feierabend, drunten im Garten bei ihm eingestellt hatte mit der Mitteilung, dass sie beide heute frei bekämen und zum weihnachtlichen Festbetrieb, dem »Réveillon«, nach Paris führen. Er sollte gleich vorausfahren und sie um halb zwölf Uhr an der Ecke des Boulevard de Sébastopol und der Rue de Rivoli abholen. Dort wollte sie ihn, in einem Automobil, erwarten. Michael hatte seine Ersparnisse genommen und war nach Paris gefahren.

Auf den Boulevards geriet er, ohne zuerst zu wissen, worum es sich handelte, in einen geordneten Volkshaufen, der ihn magnetisch anzog und mit sich fortführte. Es war ein Hungermarsch der arbeitslosen Erdarbeiter. Sie trugen den Aufruhr der »Internationale« auf die grossen Verkehrsstrassen. An Stangen schrien Plakate: »Es sind sechstausend Arbeiter nötig, um die dringendsten Arbeiten zu Ende zu führen, und man hat dreitausend von uns entlassen!« . . . »Publikum, man spielt mit deinem Geld, und auf den Chantiers wird nicht gearbeitet.« . . . »Es gibt in Paris dreitausend Arbeitslose. Sie wollen Arbeit.« Und zwischen den Strophen der »Internationale« sangen sie: »Arbeit oder Brot! Arbeit – Arbeit oder Brot!« Sie kamen unbehelligt bis zum Boulevard des Italiens. Dort stellte sich ihnen ein starkes Polizeiaufgebot in den Weg. Sie schrien und pfiffen, aber bogen willig in eine Nebenstrasse ein. Vielleicht das zehnte Haus dieser Strasse ist die Mairie des neunten Bezirks, das auch ein Polizeibureau beherbergt. Als der Zug bis auf die Nachzügler daran vorbei war, öffneten sich die grossen Torflügel. Aus dem Hof stürzte eine uniformierte Menge, drang im Laufschritt in die letzten Reihen der Manifestanten und sprengte sie auseinander. Aber die Arbeiter machten kehrt und schlugen auf die Polizisten ein. Es kam in der engen Strasse zu einem heftigen Handgemenge. Polizisten und Arbeiter rollten über das Pflaster. Da kamen vom Boulevard des Italiens im Laufschritt die Polizisten an, die vorher dem Zug den Weg versperrt hatten, und in einem dumpfdröhnenden Schock wurde die zusammengekeilte Masse der Arbeiter nach vorwärts und in die Nebenstrassen geworfen. Michael kam mit einigen Rippenstössen und einem grossen Zorn auf die Pariser Polizei davon.

Im deutschen Leseklub, den er dann aufsuchte, erfuhr er mehr von den Ereignissen des Abends. Die städtischen Elektrizitätsarbeiter waren im Hause des Allgemeinen Arbeiterverbandes zusammengekommen, in der festen Absicht, den Réveillon zu sabotieren, dass heisst, das festliche Paris in Dunkel zu hüllen oder doch wenigstens damit zu drohen und so die verlangte Genugtuung zu erpressen. Sie verlangten schon lange eine allgemeine Revision ihrer Arbeitsbedingungen. Der Weihnachtsabend schien ihnen besonders geeignet, ihr Anliegen wirksam in Erinnerung zu bringen. Sie schickten ihren berühmten Führer Pataud zum Seinepräfekten und liessen ihm sagen, er möge sich sofort zu besagter Revision verpflichten, weil sie sonst seiner Stadt Paris das Licht ausbliesen. Und die Revision wurde versprochen.

Michael fühlte sich durch den Erfolg seiner französischen Kameraden gehoben. Den anderen deutschen Arbeitern im Klub ging es ebenso. Sie schlugen sich lachend auf die Schenkel oder rieben wenigstens vergnügt die Hände.

Sie wurden ernst und feierlich, als eine Tür sich öffnete und ein brennender Weihnachtsbaum in seiner ganzen Pracht zu sehen war. Leider musste Michael jetzt fort. Er fürchtete, die Aufmerksamkeit des Präsidenten zu erregen und schlich behutsam hinaus. Um schneller vorwärts zu kommen, ging er durch Seitengassen und kam Punkt halb zwölf Uhr an die Stelle, wo die Rue de Rivoli den Boulevard de Sébastopol schneidet.

Martha wartete bereits. Sie lehnte nachlässig in einer Ecke des geschlossenen Automobils und rauchte eine dünne parfümierte Zigarette. Als Michael sich neben sie setzte, tat sie einen tiefen Zug und warf die Zigarette zur Wagentür hinaus. Aber sie stiess den Rauch nicht gleich aus, sondern nahm Michaels Kopf in die Hände und legte den Mund auf seine Lippen, denen sie durch sanfte, zugleich eindringliche Andeutungen verständlich zu machen suchte, dass sie sich öffnen und den Rauch entgegennehmen sollten. Sie verstanden nicht, jedenfalls nicht schnell genug, und als der Wagen im nächsten Augenblick mit einem Ruck zur Fahrt ansetzte, wurden Michaels und Marthas Köpfe unsanft aneinander geschlagen. Martha, die den Rauch verschluckt hatte, zog sich mit einem Hustenanfall in ihre Ecke zurück, aus der Michael sie nach einer Weile hervorholte, um ihr sachverständig auf den Rücken zu klopfen. Er war sehr verwirrt, hauptsächlich weil er fürchtete, dass er ihr einen Zahn eingestossen haben könnte. Denn sein eigenes Gebiss, dessen Stärke ihm bewusst war, schmerzte.

Nichts Derartiges war geschehen. Martha bemerkte nur, dass Automobile ungemütliche Fahrzeuge seien. Dieser Ansicht schloss Michael sich mit Überzeugung an. Er fügte hinzu, dass diese seine erste Automobilfahrt auch ruhig seine letzte sein dürfte. Eine Kutsche sei allemal besser. Er war vom Vorzug einer Kutsche so durchdrungen, dass er Martha bestürmte:

»Sagen Sie, sagen Sie doch, wäre es nicht schöner, in einem Wagen wie dem des Barons zu sitzen, – wir beiden?«

Martha irrte, wenn sie darin eine unfreundliche Anspielung auf die Begegnung im Bois de Boulogne zu erkennen glaubte. Michael dachte nicht daran und war deshalb sehr erstaunt, als sie mit böser Heftigkeit antwortete: »Wissen Sie, Eifersucht mag ich nun schon gar nicht. Damit kommen Sie bei mir nicht weiter!

Er nahm den Tadel an, fand aber trotz angestrengten Nachdenkens nicht, wodurch er ihn verdient hatte. Es geschah ihm Unrecht, das wusste er nun ganz bestimmt, er dachte daran, sich zu verteidigen, aber dann fand er das Unrecht so gross und Martha, die es leichtfertig beging, so verächtlich, dass er trotzig schwieg. Sie sang leise vor sich hin, was ihn in seiner geringschätzigen Meinung bestärkte.

»Ist sie wirklich eine Deutsche?« fragte er sich. Aber das war sie zweifellos, wenn es ihm auch nicht so recht in den Kopf wollte. Er ging um das Abenteuerliche dieses Gedankens langsam herum, betrachtete ihn von allen Seiten und musste sich eingestehen, dass er davon nicht gescheiter wurde.

Dann sassen sie auf der Terrasse des »Café de Madrid«. Zwei Damen in Strassentoilette, Federhüte auf dem Kopf, kamen und sangen Lieder zur Gitarre. Von der zweiten Strophe an sang alles Volk den Kehrreim mit. Die Damen sammelten Kupfermünzen, versenkten ihre Instrumente in Wachstuchsäcke und mischten sich unter die in gedrängter Kolonne wandelnde, sich unaufhörlich aus zwei Richtungen durchdringende Menge, in der Hähne krähten, Nachtigallen schlugen, Trompeten schmetterten und Papprevolver durch die Richtung ihrer Schüsse Fröhlichkeit hervorklapperten. Die Witzbolde, die niemand bezahlte und die nur ihr Talent trieb, fuhren hin und her, wirkten und hinterliessen eine Lichtspur entzückter Glorie.

Kaum waren die Damen mit den Gitarren gegangen, da erschien ein alter zahnloser Komiker mit einem Handkoffer, den er vor sich hinstellte. Er zog den Hut und hielt eine Ansprache. Zuerst eine heitere Szene. Die »Klagen der Liebe«.

Er öffnete den Handkoffer und zog eine schmierige Perücke hervor, die er sich über den Schädel stülpte. Der Zylinder wurde in den Nacken geschoben, der Rockkragen in die Höhe geschlagen. Schon stand der Alte »angezogen« da. Michael verstand gerade manche derjenigen Wendungen nicht, die am kräftigsten zündeten. Martha jedoch lachte und klatschte in die Hände. Sie hatte Michael durch ihre hübsche, herausfordernde Ausgelassenheit bald versöhnt.

Der Komiker gab bekannt, dass er jetzt sammeln und dann das Gedicht des bekannten Chansonniers ( »Wer?« . . schrie Marthas Nachbar ihr ins Ohr. »Legay,« rief sie belustigt. »Nie gehört,« schrie der andere zurück . . .) »Der Fetzen« dreingeben werde. Als der Komiker die Soustücke aus dem Zylinder geklaubt hatte, machte er eine Bewegung, als ob er gehen wollte. Ein Gast in der ersten Tischreihe bekam ihn am Zipfel des Gehrocks zu fassen. »Holla! Und der Fetzen?« Man schrie: »Heraus mit dem Fetzen!«

»Hier!« sagte der Komiker. Er zeigte sein Taschentuch und begann zu rezitieren. Das Gedicht reichte von den Windeln bis zum Leichentuch. Aber es stimmte zu melancholischem Nachdenken, und deshalb zeigte man sich allgemein unzufrieden. Mit Verachtung beladen zog der Alte weiter. Manchmal wurden die Gäste auf der Terrasse von einer allgemeinen Bewegung vom Stuhl gehoben und umgedreht. Sie mussten zusehen, wie sich die Leute im Innern an den weissgedeckten Tischen vergnügten. Immer war etwas Neues los. Und sie lachten, sie lachten –! Da musste man schon mitlachen, obwohl man natürlich die Zusammenhänge hinter den Scheiben kaum ahnen konnte.

»Was, Michael?« rief Martha, »die verstehen zu leben in Paris!«

Ja, die verstanden zu leben in Paris. Michael vergrub die Hände in den Hosentaschen und lehnte sich herrisch zurück. Ihm war zumute, als ob ihm an den Schultern zwei leichte, aber starke Flügel hingen, die er nur zu entfalten brauchte, um sich in einen Himmel voll rosaroter Balletteusen emporzuschwingen. Solche wurden nämlich von einem Postkartenhändler feilgeboten. Die Gestalt der Tänzerinnen war gemalt, aber das Röckchen bestand aus wirklicher Gaze, und der Händler wusste sie mit geschickten Fingern aufzubauschen, dass sie in gezackten Falten von der Gestalt abstanden.

Vom »Café de Madrid« ging’s in die »Olympia«. Der grosse Keller war festlich hergerichtet. Das Orchester lärmte, in einer Nische brannte ein Weihnachtsbaum, die Huri der weltbekannten Frauenbörse hatten phantastische Binden durchs Haar gezogen und tanzten sich die Weihnachtmelancholie der gefallenen Mädchen aus den Gliedern. In einer Ecke sass der Häuptling der marokkanischen Gesandtschaft, die gerade Paris besuchte, im Burnus von violetter Seide, mit einem blassgelben Turban, den schneeweisse Kordeln umschnürten. An seiner braunen Rechten, die ein weisses Mädchenkinn stützte, funkelte ein Diamant. Wenn das schwermütige Gesicht lachte und die weissen Zähne zum Vorschein kamen, war es wirklich, wie wenn die Sonne ihr Mitrailleusenfeuer durch Wolken sendet. Ein Herr neben Michael fragte seine Dame: »Hast du die Weiber gesehn, die da drüben Zigaretten rauchten?« Sie sagte schüchtern »Nein«. Auch die andern Damen hatten nichts gesehen. Da riefen die Männer: »Warum sind wir denn hergekommen?« und die Damen lächelten und sahen mit blanken Augen um sich.

Sie gefielen Michael nicht. Schon der erste flüchtige Vergleich mit den tanzenden Mädchen, den er beim Betreten des Kellers angestellt hatte, war zu ungunsten seiner Nachbarinnen ausgefallen, und er hätte sie gar nicht mehr beachtet, wenn nicht Martha immerfort mit ihrer spitzen Zunge nach ihnen gestochen hätte. Sie weidete sich an der Plumpheit dieser Damen mit einer Inbrunst, die Michael im Grunde unangebracht fand. Es hatte überdies die üble Folge, dass die Gatten der Damen sich ebenso aufmerksam, wenn auch bedeutend freundlicher mit Martha befassten. Immer war einer dabei, sie zu mustern, und manchmal starrten sie alle zu gleicher Zeit herüber. Michael schleuderte einen wütenden Blick hinüber und sagte laut: »Ekelhaft, dieses Anglotzen!« Aber Martha legte ihre Hand auf seinen Arm und drückte leise sein Handgelenk: »Stellen Sie sich vor, Sie sässen an ihrem Platz. Würden Sie nicht auch sehnsüchtig herüberblicken?« Sie senkte lachend das Gesicht und sah ihn mit leuchtenden Augen von untenher an. Michael bemühte sich, ebenso zu strahlen und ebenso verwegen zu sein. Da sie nicht nur ihre Hand auf seinem Arm liegen liess, sondern ihm sogar ein wenig näher rückte, so wussten die Kerle ja Bescheid, wie es sich mit Martha und ihm verhielt. Es dauerte auch nicht lange, da gaben sie das Spiel auf und erhoben sich. Sie liessen ihre Damen vorausgehen und warfen Martha, alle auf einmal, einen listigen Abschiedsblick zu. Sie nickte fröhlich und winkte wie ein Kavalier. Michael gönnte ihnen die Freude. Und um es ihnen zu zeigen, winkte er auch. Fühlte er doch Marthas Knie an seinem!

»Gott sei Dank, dass wir sie los sind,« sagte er und schlang kühn seinen Arm um ihre Hüften. Sie schmiegte sich an ihn und fragte plötzlich tiefernst!

»Michael, liebst du mich!«

Ein Schauer wie von einem kalten Luftzug kroch ihm über den Rücken, Brust und Kopf aber brannten. Er sah ihr fassungslos in die Augen und betrachtete dann jedes Teilchen ihres Gesichts. Ohne ihre Stellung zu verändern, legte sie beide Arme um ihn, und wieder bekam er kalt auf dem Rücken und heiss auf der Brust, und sie flüsterte:

»Ja, Michael?«

Er blickte verzweifelt um sich. Es war niemand da, der ihn auslachte. Aber es half ihm auch niemand. Sein Blick kehrte zu ihrem Gesicht neben ihm, zu ihren Augen unter ihm zurück, und dieser Blick hatte etwas so Flehendes, dass Martha erschrocken die Arme fallen liess und schluckte, als ob sie weinen wollte.

Michael war im Begriff, sie an sich zu reissen. Er biss die Zähne aufeinander, die Stirnadern waren geschwollen, und er sah böse aus. Er hob seine schweren Arme wie zu einer gewaltigen Arbeit, aber so viel Drohungen die senkrechte Falte über der Nasenwurzel zu enthalten schien, die blauen Augen glänzten in ätherischer Verzückung. Sie waren klar wie Wasser in einem silbernen Becher. Da strich Martha ihm sanft über die Stirn, die Hand verweilte ein wenig auf den Augen, und sie strich ihm mütterlich über das Gesicht, in dem jetzt der fleischige, schön geschwungene Mund zuckte:

»Martha weiss, dass Michael sie lieb hat. Michael muss nur still sein.«

Sie beobachtete, gütig lächelnd, wie er sich langsam beruhigte. Als die Musik einen Walzer spielte, griff sie ihm in das gelbe gelockte Haar und rief:

»Komm, Schatz, jetzt wird getanzt. Eins, zwei, drei, vier – eins! zwei . . .«

Sie erwartete nicht, dass er tanzen konnte, und versuchte mit viel Anstrengung, ihn zu führen. Als sie sah, dass es gut ging, überliess sie sich ihm mehr und mehr, und dann merkte sie, welch vorzüglicher Tänzer er war, und gab sich ihm hin.

Das war die Art, wie Michael den Umgang mit Frauen gewohnt war. Jetzt lernte er auch Martha kennen. Er sah, dass sie klein und biegsam war und voll eines süssen Schwunges in der Versunkenheit, aus der sie immerfort mit ihrer schlanken Fülle heraustrat zu ihm, in immer erneutem Kommen und Gehen. Sie hatte einen leisen, aber durchdringenden Geruch wie von faulenden Blättern im Wald, der Michael von den Bauernmädchen zu Hause vertraut war, und den er liebte. Aber ihr Haar duftete, tausendmal schöner, nach Veilchen. Er drückte sie an sich, um den Duft ganz nah und sicher bei sich zu haben.

In den nächsten Stunden liessen sie kaum einen Tanz aus. Michael fühlte stolz, wie er Herr wurde über sie. Sie lebte ganz in ihm, er konnte mit ihr machen, was er wollte. Sie folgte einer Bewegung von ihm, fast schon, bevor er sie ausführte. Sie hatte keinem andern mehr, auch nicht spöttisch, zugelächelt.

Auf dem Wege zum Bahnhof kamen sie am Gebäude der Zeitung »Le Matin« vorbei. Die riesigen Rotationsmaschinen arbeiteten. Sie sahen, wie die Maschinen die dick en Rollen Papier frassen und auf der andern Seite das bedruckte und beschnittene Zeitungsblatt von sich gaben. Eins legte sich still aufs andere. Die Zeitung verwendete ihre Druckerei gleichzeitig als Schaufenster. Hinter den Maschinen, auf denen Menschen spazieren gingen, erhob sich eine Spiegelwand. Davon wurde der Maschinensaal ein unendliches Gefilde voll herkulischer Wesen, die ihre eisernen Gelenke regten, und zwischen denen Zwerge umhergingen, die sie behorchten, die sie betasteten. Michael kaufte das Morgenblatt, das bereits ausgeboten wurde, und das von den Ereignissen dieser Nacht berichtete, die noch nicht einmal zu Ende war. Er schilderte Martha die Heldentat der Elektrizitätsarbeiter nach der ausführlichen Erzählung des Blattes. Er wollte sie für Pataud begeistern. Martha widersprach ihm nicht, aber er merkte wohl, dass sie anderer Meinung war. Er steckte die Zeitung, die er unter einer Gaslaterne entfaltet hatte, in die Tasche, und sie gingen schweigend nebeneinander. Nach einer Weile sagte Martha: »So kommen wir auch schneller vorwärts.«

Er wollte wissen, ob sie den Elektrizitätsarbeitern nicht recht gab.

»Was gehn uns die Elektrizitätsarbeiter an!« antwortete sie, und obwohl der neckische Blick, den sie ihm zu warf, seine Wirkung nicht verfehlte, konnte er sich doch nicht verhehlen, dass dieser Blick zugleich reichlich frech gewesen war.

Ihn, Michael, versteifte er sich, gingen aber die Elektrizitätsarbeiter sehr viel an! Sie seien seine Kameraden!

Sie lachte laut und fragte, ob sie mit den Elektrizitätsarbeitern getanzt habe:

»Übrigens, Schatz, möchte ich mit keinem deiner Kameraden tanzen, da kannst du Gift drauf nehmen. Pfui Teufel!«

Sie schüttelte die Röcke, als ob sie einen schlechten Geruch vertreiben wollte.

Michael fand das nicht recht von ihr, und in seinem Innern nahm er die Kameraden eifrig in Schutz, aber er war doch auch wieder froh, dass das feine Püppchen mit ihm allein tanzen wollte und »Schatz« zu ihm sagte, als ob es sich von selbst verstünde, dass ein hübsches wohlriechendes Mädchen ihn »Schatz« nannte.

Als sie allein in ihrem Abteil sassen, wollte Michael wissen, ob er denn nun auch wirklich ihr Schatz sei. Er glaubte es zwar zu wissen, aber er wollte sie es sagen hören. Deshalb spielte er schmeichelnd, mit strotzender Gewissheit den bekümmerten Zweifler.

Er durfte ihn spielen, bis der Zug im Fahren war. Dann nahm die Szene eine Wendung, die ihn überraschte und im Nu entwaffnete. Die kraftvolle Überlegenheit, die er in dieser Nacht erobert zu haben glaubte, verwandelte sich in klägliche Hilflosigkeit, als Martha, die ihn lächelnd ansah, plötzlich zu weinen begann. Sie weinte stumm, ohne den Kopf zu wenden, sie wollte nicht einmal ihr Lächeln verlieren, und die schmerzhafte Grimasse ihres lächelnden Mundes erschütterte Michael derart, dass sich seine ganze angesammelte Erregung in einem fassungslosen Schluchzen Luft machte.

Der Zug hielt und fuhr weiter, Martha lag in Michaels Arm, und beide weinten. Michael schüttelte sich und schrie. Martha fielen nur immer grosse Tränen aus den Augen, sie hielt Michael fest umschlungen und gab keinen Laut von sich.

Mit einem Male raffte sie sich auf und sah zum Fenster hinaus.

»Höre, Michael,« sagte sie schnell, indem sie hastig ihr Taschentuch aus der Tasche nahm und ihr Gesicht trocknete. Sie stand vor ihm und sagte entschlossen: »Höre, Michael, wenn du mich liebst, musst du mir etwas schwören.«

Er hatte beim befehlenden Ton ihrer Stimme aufgehört zu weinen und sah jetzt unterwürfig zu ihr auf.

Sie legte die Hände auf seine Schulter:

»Liebst du mich?«

Er machte eine Bewegung, als ob er alles aus seinen Händen geben wollte, und sagte wehmütig:

»Oh, so sehr!«

Ihre Hände auf seinen Schultern griffen zu, sie zog ihn an sich:

»Dann musst du mir schwören, dass du alles tust, was ich dir sage. Alles! Was – ich – will!»

»Alles,« flüsterte er.

Einen Augenblick blieben sie so. Dann fuhr sie ihm in die gelben, gelockten Haare und bog seinen Kopf zurück, und wie etwas Grosses, Schweres, Wildes fiel ihr Mund auf ihn.

Als die erste Betäubung vorüber war, umschlang er sie heftig, er wollte aufspringen, um grösser und stärker zu sein als sie. Sie hielt ihn nieder und flüsterte:

»Still, Schatz, wir sind da.«

Sie hob warnend den Finger und wiederholte: »Ganz brav! Man kennt uns hier.«

Michael fand ihre Vorsicht übertrieben. Denn einmal wurden Liebespaare hierherum durchaus nicht mit ärgerlichen Augen angesehen, und dann herrschte ein solcher Nebel, dass sich die zwei einzigen Menschen auf dem Bahnsteig, der Zugführer und der Stationsbeamte, wie graue Schatten ausnahmen. Er sagte es ihr, als sie Arm in Arm die Gartenwege hinaufstiegen. Da sie keinen Einspruch dagegen erhob, wollte er sie küssen. Aber sie bog den Kopf zur Seite.

»Michael, du musst tun, was ich dir sage. Du hast geschworen . . . Du musst jetzt das Tor öffnen und es so einrichten, dass du keinen Lärm dabei machst . . . Leise! Am End’ ist die Frau des Obergärtners schon auf. So, jetzt gib die Hand.«

Sie standen hinter dem einstöckigen Häuschen aus roten Ziegeln, in dessen unteren Räumen der Obergärtner wohnte. Michael gehörte das Giebelzimmer, in das man nur auf einer engen Treppe gelangen konnte, die aussen an der Hinterwand hinaufführte.

»Sag’ Adieu,« flüsterte Martha, und ihre Augen funkelten aufregend aus den dünnen Schlitzen der halbgeschlossenen Lider.

Er wusste nicht, ob sie scherzte, oder ob es ihr Ernst war, dass sie ohne einen Kuss scheiden sollten.

»Sag’ Adieu, schnell!«

Er drückte ihre Hand, sagte beschämt Adieu und wandte sich der Treppe zu. Aber sie hielt seine Hand fest und sah ihn immerfort an. Ihm schien, dass das Funkeln ihrer Augen, die jetzt ganz dunkel waren, heftiger wurde. In ihrer Hand, die die seine festhielt, rührte sich etwas und zog wie ein Senfpflaster. Da kam ihm zum erstenmal der Gedanke an eine Möglichkeit, die ihn zittern machte, der Gedanke, dass auch sie ihn begehren könnte, wie er sie begehrte.

»Michael, du hältst doch deinen Schwur!«

Er nickte.

»Du wirst tun, was ich dir sage!«

»Ja,« sagte er heiss.

»O nein, Michael, du musst brav sein und darfst mir nichts tun. Aber wenn du brav bist, darfst du zusehen, wie ich mich ausziehe . . .«

Er ging eifrig darauf ein. »Ich will Martha ausziehen,« miaute er, »ganz langsam ausziehen und sie in ihr Bettchen legen und zudecken, wie ein Püppchen.«

Martha liess ihn dabei, bis sie sich in ihr Zimmer geschlichen hatten und die Tür hinter ihnen geschlossen war. Dort musste sich Michael auf einen Stuhl in die Ecke setzen und stillhalten, denn gerade unter ihnen schlief der Baron.

Es war hübsch bei Martha, und Michael liebte sie zärtlich, wie sie vor dem grossen Spiegelschrank stand und den Hut abnahm. Das Zimmer hatte eine helle Tapete, lauter weiss lackierte Möbel, einen Liegestuhl, mit einem grossen weissen Fell darauf, und eine Strohmatte, die für diesen Raum gefertigt schien, denn sie reichte genau bis in die Ecken. Ausserdem roch es vornehm nach Parfüm. Michael sah zu, wie Martha sich am andern Ende des Zimmers, vor den weissen Spitzenvorhängen des Fensters, langsam entkleidete.

»Du tanzt ja, Schatz,« rief er leise. »Du tanzt so süss aus deinen Kleidern, du, machst du das auch so, wenn du allein bist?«

Und wirklich beugte sie sich gerade wie eine Ballerine und hob in dieser Stellung den Kopf auf, um ihm zu antworten.

»Immer,« lachte sie und nickte ihm mit hochgezogenen Augenbrauen zu.

Nun dachte er daran, dass sein Püppchen jeden Abend so aus den Kleidern tanzte, und schon lange, so viele Abende schon, ohne dass er das Herrliche auch nur vermutet hatte. Er wunderte sich, dass er nie darauf gekommen war, vom Garten unten hier heraufzudenken, wenn im Zimmer Licht gebrannt hatte. Ja, er musste sich gestehen, dass er sogar nie darüber nachgedacht hatte, welches der Fenster zu Marthas Zimmer gehörte.

Sie stand weiss und bloss vor dem Fenstervorhang, und das Licht des nebeligen Morgens drang so gedämpft ins Zimmer, dass ihr Körper in das Spitzenmuster verweht schien.

»Du darfst kommen,« hörte er sie sagen. Als er vor ihr stand, sah er, dass sie am ganzen Körper bebte. Sie hielt den Kopf gereckt, dass die Halsmuskeln hervortraten, und blickte starr über ihn hinweg. Ihre Stimme klang ein wenig heiser, und es war, als ob eine kalte Hand sein Herz gepresst hätte, bis die grosse Zärtlichkeit, die es die ganze Zeit über gehegt, daraus entwichen war. An deren Stelle war eine quälend heisse Leere getreten. Die Stimme sagte:

»Knie nieder und küss mich.«

Er liess sich auf die Knie fallen und warf die Arme zurück, wie man einen Anlauf nimmt, um sich kopfüber ins Wasser zu stürzen. Er hielt sie umschlungen, und sie wehrte ihm mit ihrer eintönigen, rauhen Stimme, die ihn noch mehr aufregte: »Still – du hast geschworen – still – halt mich ganz still – so – nein! – so, ja, so – Du musst gleich gehen, gleich, doch, gleich!«

Aber dann schob sie ihn mit dem Knie von sich fort und beugte sich lauschend vor. Es klopfte an die Tür; und jemand rief leise »Martha«. Mit einem Satz war sie in ihrem Bett und hatte sich bis an den Hals zugedeckt. Michael lag auf den Knien und blickte bald auf Martha, bald nach der Tür . . . Sie sah ihn böse an und rief halblaut, so, als zwitscherte sie vor Entzücken:

»Ich komme! Geh’ nur, ich bin gleich bei dir,« rief sie.

Während er lauschte, wie der Mann draussen sich entfernte, wankte Michael auf den Knien schwerfällig hin und her, Martha sah ihn, schon plötzlich aufschluchzend, vorn überfallen. »Michael,« mahnte sie herrisch, »sei ein Mann.« Unter ihrem unbegreiflichen, bösen Blick kam er auf den Knien zu ihr, lautlos sank er über sie. Martha hob seinen Kopf, um zu sehen, ob er weinte. Da schlug er die Augen auf und lächelte sie hilflos an.

Einen Augenblick war sie verwirrt und streichelte ihm liebkosend übers Haar, aber schon schüttelte sie heftig den Kopf und sagte, dass er sofort aufstehen und gehen müsste. Er starrte sie lange an und fragte dann, weshalb? Er wisse es, antwortete sie frech. Zu ihm? Er richtete sich auf und zog seine Arme an sich. Ja, sagte sie, und die Angst überkam sie vor seiner lauernden Ruhe. So liebe sie den – Baron? Er hob die Bettdecke auf und setzte sich neben sie. Sie drückte sich furchtsam an die Wand, aber sie antwortete.

Ja, ja, sie liebe den Baron, ihn allein. Ihm gehöre sie – sie kroch zusammen wie eine Katze und wartete auf den Angriff – ihm . . . allein.

»So,« sagte er ruhig, »also so eine bist du,« nahm sie, zog sie mit einem Ruck zu sich herüber und warf sich über sie.

Martha hämmerte mit der ausgestreckten Hand gegen die Wand, er griff die Hand und drückte sie nieder, sie schrie »Edouard! Zu Hilfe«, er riss ihr das Kissen unter dem Kopf weg und presste es ihr ins Gesicht.

Sie rangen lautlos. Er hob sie gerade auf, um sie zum letztenmal niederzuwerfen, da wurde die Tür des Zimmers gesprengt. Michael fühlte sich rücklings gepackt, zu Boden geschleudert, etwas zerriss ihm das Gesicht.

Der Baron stand im Schlafanzug vor ihm und winkte mit der Hundepeitsche. Es war ein grosser, breitschultriger Mann mit einem viereckigen Kinn, aber Michael warf sich in blinder Wut an seine Beine und brachte ihn zu Fall. Es half ihm nichts. Der Baron schleppte ihn aus dem Zimmer und den Korridor entlang zur Treppe, auf die er ihn, mit einem Fusstritt, hinunterstiess.

Ein Stockwerk tiefer nahmen ihn zwei Lakaien in Empfang und warfen ihn die nächste Treppe hinunter, und unten standen der Obergärtner, der Kutscher und der Koch, die hoben ihn auf, trugen ihn im Eilschritt ans grosse Tor, wo die Frau des Obergärtners ihm die Schlüssel aus der Tasche nahm, und warfen ihn, wie er war, auf die Strasse.

Sie hatten ihn kaum fallen lassen, da war Michael schon wieder auf den Beinen und ging, ohne sich umzusehen, hastigen Schrittes zum Bahnhof. Er nahm in seinem Geiste durch, was geschehen war, seitdem er Marthas Zimmer betreten hatte. Wenn er zu Ende war, begann er wieder von vorn. Er stand eine Stunde später vor den Räumen des deutschen Leseklubs, und es war ihm nichts anderes in den Sinn gekommen. Erst als er die Tür verschlossen fand, fiel ihm ein, dass die Kameraden vor allem erst mit seinem Erlebnis vertraut gemacht werden müssten. Da er gleichzeitig nach den ersten Worten suchte, mit denen seine Schilderung beginnen sollte, stellte sich ihm auch gleich die ganze Schwierigkeit des Unternehmens vor.

Er verharrte nicht länger dabei, weil er an der Tür einen schmalen Streifen Papier entdeckte, auf dem die Adresse des Präsidenten, Herrn Hirsch, vermerkt war.

Herr Hirsch wohnte in Enghien, einem nördlichen Vorort, dessen Namen Michael nie gehört hatte. Er liess sich von einem Polizisten über den Weg belehren und kam nach einer weitern Stunde in Enghien an. Zu seinem Schreck waren ihm unterwegs Strasse und Hausnummer entfallen, aber der erste Mensch, an den er sich mit der Frage nach Herrn Hirsch wandte, konnte ihm Bescheid geben, der nächste, den er ein Wegstück weiter ansprach, ebenfalls, und so liess er sich von denen, die ihm in dem Labyrinth von üppigen, zwischen Vorgärten gebetteten Wegen begegneten, bis vor das kleine schmucke Haus des Herrn Hirsch weisen. Eine Kirche läutete Mittag, und es roch nach Braten. Auf sein Klingeln wurde ihm von einem schwarzgekleideten Dienstmädchen in weisser Schürze und weissem Häubchen geöffnet. Das Mädchen sah ihn mit einem Ausdruck ängstlichen Staunens an und behielt die Türklinke in der Hand. Michael wollte sie gedankenlos zur Seite schieben, aber sie drückte mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Tür, so dass er in den Spalt zwischen der halbgeöffneten Tür und der Mauer zu stecken kam und sich nicht rühren konnte. Sie drückte und rief mit zeternder Stimme um Hilfe. Michael packte die Wut, er überschrie sie. Ob die ekelhaften Französinnen denn alle gleich um Hilfe brüllen müssten, fragte er, und anderes, worauf er keine Antwort erwartete, was ihn aber erleichterte. Vielleicht war er auch unbewusst in der Vorstellung befangen, dass er es mit einer Schwester oder wenigstens einer Verwandten Marthas zu tun habe.

Herr Hirsch, der in einem seidenen Schlafanzüge erschien, machte dem Auftritt ein Ende, indem er Michael mit einem Feldherrnblick und dem Zeigefinger, den er ihm drohend auf die Brust setzte, ins Freie drängte. Nachdem dies geschehen war, öffnete Herr Hirsch ein Fenster in der Tür und begann durch das Gitter umständlich in Michaels Augen zu forschen.

Seit seiner Schulzeit hatte Michael keinen so strengen Mann gesehen. »Wer sind Sie?« fragte Herr Hirsch, und bevor Michael noch hatte antworten können, setzte er, etwas lauter und jede Silbe betonend, hinzu: »Was wollen Sie?«

Michael erinnerte sich, dass Herr Hirsch schon oft im Leseklub mit ihm gesprochen, noch öfter ihm die Hand gedrückt hatte. Aber dessen Benehmen wunderte ihn nicht gross, teils, weil Herr Hirsch sozusagen sein Vorgesetzter war und Michael zudem vermuten konnte, dass seine Flucht vom Weihnachtsbaum nicht unbekannt geblieben sei, teils, weil er es dem unerbittlichen Ernst der Lage angemessen fand. Er nahm sich zusammen, um das Examen mit Ehren zu bestehen und dadurch sein Anrecht auf Schutz und Hilfe zu erweisen. Seine Antworten waren kurz und klar. Herr Hirsch gewann sichtlich Vertrauen. Er stellte sogar Fragen, die ihm, wie er sagte, geeignet schienen, gewisse Einzelheiten deutlicher zu machen und ihn über den sehr interessanten Charakter der Dame aufzuklären. Michael gab sie ihm, so ausführlich und genau, wie Herr Hirsch sie nur wünschte. Er war über die Leichtigkeit, wie er das alles erzählte, selbst so überrascht, zugleich so erfreut über die sichtliche Teilnahme des andern, dass er an den Stellen, die dessen Aufmerksamkeit in besonderem Masse fesselten, ihm zuliebe gern ein wenig übertrieb.

Herr Hirsch hatte feuchte Augen bekommen und hielt sich mit den Händen am Gitter fest. Er folgte mit solcher Spannung, dass sich die Nase zwischen zwei Stangen des Gitters Michael entgegenstreckte, und er verharrte in dieser Stellung, als Michael schon mit seiner Erzählung zu Ende war.

Der Junge sah den Hingerissenen und hielt die Schlacht für gewonnen. Jetzt kam der Augenblick, Forderungen zu stellen. Er kannte sie, auf einmal waren sie da, und er wollte ihnen, wo sie so bestimmt auftraten, nicht kleinmütig ausweichen. Er überflog sie. Herr Hirsch würde vor die versammelten Mitglieder des Leseklubs treten und nach Bekanntgabe des Sachverhalts ausrufen: »Freiwillige vor!« Es meldeten sich natürlich zu viele. Sie müssten unter sich zwanzig auslosen, die Herr Hirsch unter Michaels Befehl stellte. Dann ginge es an die Ausarbeitung eines Feldzugsplans mit dem Ziel, den Baron in seinem Haus zu überrumpeln und zu züchtigen – von Treppe zu Treppe bis vor das grosse Tor – wobei die Baronin beruhigt und über die Treulosigkeit ihres Gatten aufgeklärt würde, dann, Martha gefangen zu nehmen und im Automobil nach Paris zu schaffen. Im Klub würde man sie vor die Wahl stellen, entweder sich naturalisieren zu lassen und unter die Sittenkontrolle zu kommen, oder nach Hause zu fahren und in einer Besserungsanstalt untergebracht zu werden. Den Lakaien, dem Obergärtner, dem Koch und dem Kutscher, die verblendete, irregeführte Proletarier waren, sollte nichts geschehen.

Als Michael so weit war, fand er es klug, bei Herrn Hirsch mit dem letzten, dem Akt der Gnade und Gerechtigkeit anzufangen. Nur schien Herr Hirsch plötzlich ermüdet. Er richtete sich gerade auf und sagte wehmütig: »Ja, diese Weiber. Da kann man nichts machen . . . Nichts machen . . . Seiner Frau erzählt er natürlich . . . natürlich . . . dass er das Fräulein . . . vor einer Vergewaltigung . . . gerettet . . . hat. Ja!« . . . Er stand hinter dem Gitter, die Hände in den Taschen des Schlafanzugs und träumte tiefbetrübt vor sich hin. »Wenn Sie zur Polizei gehen, . . . werden Sie bestraft . . . wegen versuchter Vergewaltigung. Ja! . . . Oder zum mindesten ausgewiesen . . . Und es gibt eine Deutschenhetze . . . in den Zeitungen.« Er steckte zwei Finger durch das Gitter und wiederholte mit einer Stimme, in der echte Wehmut wie eine Saite klang: »Da ist nichts zu machen. Leben Sie wohl, junger Freund. Unser Stellennachweis wird um vier Uhr geöffnet.« Da Michael die Finger nicht nahm, obwohl sie ihm wiederholt bekümmerte Zeichen machten, zog Herr Hirsch sie zurück und schloss das Fenster: vorsichtig, als wollte er nicht die Stimmung stören oder den andern nicht reizen. Michael spuckte auf das Fenster und ging. Er wusste schon, wohin. Zur deutschen Botschaft.

Mit dem Botschafter selbst zu sprechen, wie er mit trotziger Unterwürfigkeit verlangte, gelang ihm nicht. Um so mehr war er entschlossen, dem langen dürren Herrn mit der goldenen Brille auf der Habichtsnase keine richtige Auskunft zu geben. »Kanzleirat« hatte er an der Tür gelesen. Einen Kanzleirat gab es bei ihm zu Hause auch, und Michael war misstrauisch geworden gegen seinesgleichen. Nur einem hohen Herrn wollte er sich eröffnen, wahrscheinlich, weil er bei dem ein höheres Mass von Ehrgefühl voraussetzte. Der Kanzleirat hatte die Beine übereinandergeschlagen und spielte nachlässig mit einem schwarzen Lineal, was sein gemässigtes Interesse für den zwei Schritte vor ihm sitzenden Bittsteller vorzüglich zum Ausdruck brachte. Sein Kollege in Michaels Heimat hielt es genau so, nur pflegte der das Lineal auf dem Tisch zu rücken, bis es nach Überwindung unsichtbarer Hindernisse einen rechten Winkel mit der Tischkante bildete, wohingegen dieser hier das Lineal am Ende des aufgestützten und steifgehaltenen Arms mit losem Handgelenk wie einen Taktstock spielen liess. Michael ersah aus den gemächlichen Vorbereitungen des Kanzleirats auf eine Geduldprobe, dass dieser den Zweck seines Besuchs mit der Zeit doch zu erfahren hoffte, und dass er jedenfalls auf eine glaubwürdige Auskunft bestehen werde. Als er dar- auf etwas von einem Staatsgeheimnis stammelte, liess der Herr mit einem erstaunten, elegant hervorgestossenen »Ah!« das Lineal von der Nase auf den Schenkel fallen, musterte Michael mit einer Aufmerksamkeit, die nicht ohne Respekt war, und sagte: »Militärisch?« Michael lächelte verständnisvoll. Er dachte, dass das für ein Staatsgeheimnis genügte. Aber der Kanzleirat wiederholte eindringlicher »Militärisch?« Da liess er sich herbei, mit einem leichten Kopfnicken zu bejahen. Der andere meinte, dass er dazu doch nicht den Botschafter brauchte, vielmehr sei Herr von Soundso mit dem Ressort betraut, der allerdings schon weggegangen sei, aber . . . Der Kanzleirat schien nach einem Blick auf Michael einen Entschluss gefasst zu haben. Er brach seine Vorstellungen ab und erhob sich. »Nun gut, ich werde Sie beim Botschafter melden. Gedulden Sie sich eine Minute.« Er verschwand in einer gepolsterten Tür, durch die er einen Augenblick später auch Michael schob. Sie kamen durch eine leere Schreibstube und durch eine zweite Tür in einen kleinen roten Salon. Hier klopfte der Kanzleirat an. Eine Stimme antwortete, der Kanzleirat öffnete und schob Michael in ein Zimmer, wo ein schwarzgekleideter Herr mit weissen Gamaschen an den Füssen auf ihn zutrat und ihn mit einer leichten Verbeugung zum Sitzen einlud. Der Kanzleirat war verschwunden. Michael sass allein dem jungen, höflich lächelnden Herrn gegenüber, der für ihn der Botschafter war. »Bitte,« sagte der, »wollen Sie sprechen!«

Michael begann damit, dass er seine List eingestand. Das entlockte dem Herrn ein Lachen, das seine wundervollen weissen Zähne entblösste. Michael fand den jungen Herrn hübsch und liebenswürdig, und er schloss daraus, dass er recht gehabt habe, sich nur dem Botschafter selbst erschliessen zu wollen. Mit seiner Erzählung kam er allerdings nicht so weit vom Fleck, wie vor dem Fenster des Herrn Hirsch. Dafür geschah das Erstaunliche, dass sein freundlicher Nachbar ihm mittendrin das Wort abnahm und kurz sagte, was hernach geschehen war. Und er setzte, nachdem er ihn aufmerksam betrachtet hatte, gleich hinzu, was jetzt getan werden müsste. »Sie bleiben ruhig in der Botschaft, und ich fahre nach Suresnes, sage dem Baron die Meinung und lasse Ihr Gepäck herschaffen. Unser Obergärtner sucht einen Gehilfen, Sie kommen also wie gerufen. Sie bleiben bei uns, hier kann Ihnen keiner was anhaben, es sei denn, dass er mit dem Deutschen Reich Krieg anfangen wollte. Später heiraten Sie ein braves Weib und richten sich mit der Geldbusse, die der Baron für Sie zahlen muss, ein kleines Paradies ein. Und wenn der Obergärtner pensioniert wird, treten Sie an seine Stelle. Ihr Militärverhältnis wird von hier aus geregelt. Nicht wahr? So, und nun bleiben wir gute Freunde.« Damit stand er auf, schüttelte Michael die Hand, drückte auf den Knopf einer elektrischen Klingel und sagte dem Lakaien, der hereintrat: »Das ist der neue Gärtner. Zeigen Sie ihm sein Zimmer und seien Sie ihm behilflich, bis er sich hier auskennt. Übrigens . . .« Er zog Michael zur Seite und sagte leise: »Hüten Sie sich, mit irgend jemand von Ihrem Erlebnis zu sprechen. Sie würden nur Spott ernten. Es bleibt ein Geheimnis zwischen uns.

Als Michael in seiner Kammer allein war, fiel er auf die Knie und betete inbrünstigen Herzens, wie er seit Jahren nicht mehr, wie er vielleicht noch nie gebetet hatte. Er hob das tränenüberströmte Gesicht zum bestirnten Himmel, der durch das kleine Fenster zu ihm hereinschien und dankte mit ausgebreiteten Armen für seine wunderbare Errettung aus Schande und Not. Aus den Sternen kam die grosse Klarheit in sein Gemüt, ein Strom von Licht wusch alle Hässlichkeiten fort, die ihn befleckten, und verwandelte sein Herz in einen grossen, schweren Spiegel, auf dem nicht eines Hauches Trübheit lag. Er betete auch für Martha, an die er ohne Hass dachte, wohl aber mit einem Mitleid, in dem Reue und vielleicht sogar ein wenig Liebe war. Durch seine Träume ging der junge hübsche Herr und zeigte lachend seine wundervollen, weissen Zähne.

Michael wurde der Liebling im Hause. Alle mochten ihn gern, vom gewaltigen Majordomus, der ihn mit zärtlicher Betonung das Sonnenkalb nannte, bis zur Tochter des Obergärtners, die in der grossen Küche das Geschirr spülte. Sie selbst ass bei den Eltern. Michael war am Tisch der Platz neben ihr eingeräumt worden. Sie hiess Louise und wurde Louison gerufen, sie hatte hellbraune Haare, die in der Sonne blond schienen, eine weisse Haut, auf der noch die Sommersprossen vom vergangenen Sommer zu sehen waren, und grosse, runde blaue Augen, dazu zwei Reihen blanker Puppenzähne, hinter denen sich ein rosiger Mund öffnete. Von diesem Mund hatte der Graf Solm im Beisein Michaels gesagt, dass er eine kleine rosige Höhle sei, worin sich die Zunge wie ein grosser Goldfisch tummele. Dabei war seine Hand sanft über Louisens Haar gefahren; Michael und das Mädchen hatten ihm mit demselben leuchtenden Augenaufschlag gedankt. Seitdem brauchte der Graf nur nah oder fern vorüberzugehen, damit eins an das andere dachte. Wenn sie zusammen waren, im Garten oder im Zimmer, blickten sie gleich lächelnd zueinander hinüber. Er war der gute Geist, der ihre Gedanken in Wohlgefallen vereinigte. Dass der Graf nicht der Botschafter war, hatte Michael schon am Tag nach seinem Eintritt erfahren, aber seltsamerweise war sein Beschützer ihm deshalb nur vertrauter geworden, um so mehr, als der wirkliche Botschafter, den er am selben Tag kennen lernte, ihn durch eine gewisse, allerdings recht vornehme Greisenhaftigkeit enttäuscht hatte. Nach reiflicher Überlegung erkannte Michael in der Vorspiegelung des Kanzleirats sogar eine vom Botschaftsrat angeordnete oder doch zum mindesten gebilligte Notlüge, der er schlechterdings alles Gute verdankte: die erste Wohltat, die ihm erst aufgedrängt werden musste, damit die andern folgen konnten. Zuweilen wollte die Mühe, die der Graf sich mit ihm gab, ihn schier bekümmern. Er zog deshalb Louise zu Rate, von der er die einzig richtige Antwort bekam, dass er eben dem Herrn ausnehmend gefalle; und da dessen Wohlgefallen sich auch auf sie erstrecke, so hege selbiger offenbar die Absicht, seine beiden Lieblinge zusammen zu tun.

»Wogegen«, ergänzte Michael schwungvoll, »die Lieblinge nichts einzuwenden haben.«

Die leichte, elegante Art des Grafen begann auf Michael abzufärben. Auch war Louisens eignes Wesen so, dass es zur Liebenswürdigkeit geradezu zwang, wenn man sich recht mit ihr verstehen wollte. Um mit ihr Schritt zu halten, musste man sich den gleitenden Bewegungen ihres Körpers anpassen; um an ihrer leicht beschwingten, wenn auch im Unterton immer ein wenig schwermütigen Unterhaltung teilzuhaben, die Gelenke locker halten; darauf bedacht sein, den Ball, den sie einem anmutig zuwarf, mit schnellem und leichtem Griff aufzufangen und auch sie artig zu bedienen.

Eines Abends, in der Dämmerung, sah Michael, der in einem verlassenen Winkel des Gartens einen Starkasten ausbesserte, Louise mit dem Grafen aus einem Hinterpförtchen des Hauses treten und schnell auf eine Laube zugehen. Sie führte ihn an der Hand, und es schien, als ob er nur widerwillig folgte.

Im Sommer mochte die Laube von den Fliederbüschen bedeckt und ganz in wildem Wein eingesponnen sein, jetzt hingen nur spärliche Efeusträhnen über die Holzgatter, und Michael konnte deutlich sehen, wie Louise mit einer Bewegung, als bücke sie sich, in die Laube trat, und wie beide am runden Steintisch Platz nahmen. Sie sassen einander gegenüber, die Arme auf dem Tisch. Louise hielt die Hände des Grafen, so verharrte sie wortlos, unbeweglich, das matte Gesicht gegen sein dunkleres gehoben. Er sprach leise auf sie ein, sie rührte sich nicht. Dann plötzlich nickte sie, und der ganze Oberkörper machte die Bewegung mit. Sie zog seine Hände an den Mund, legte sie eine nach der andern auf den Tisch zurück, erhob sich und ging davon. Das alles geschah sehr schnell und machte auf Michael den Eindruck einer grossen Entschlossenheit. Er nahm sich ein Herz und eilte zum Grafen hinüber, der in der Laube sitzen geblieben war. Der sah ihn kommen, schien ihn aber zuerst nicht zu erkennen. Er sass zurückgelehnt, die Hände lagen schlaff auf der Tischplatte, wie Louise sie hingelegt hatte. Er sah Michael mit leeren Augen an, ohne auf dessen Gruss zu antworten. Michael, der in grosser Verlegenheit mit seiner Mütze spielte, musste zuerst das Wort ergreifen. Er sagte, dass er Louise gebeten habe, seine Frau zu werden, sie aber zuerst mit dem Grafen habe sprechen wollen; worauf ihr von ihm erwidert worden sei, dass der Graf selbst ihn auf den Gedanken gebracht habe, zu heiraten und später einmal der Nachfolger des Obergärtners zu werden. Im übrigen sei auch er der Meinung gewesen, dass die Sache mit ihm, dem Grafen, besprochen werden müsste, denn ihm und ihm allein hätten sie beide alles zu verdanken. Nun habe er, Michael, sie und den Grafen hier sitzen sehen, und wohl erkannt, dass der Graf eifrig für ihn eingetreten sei. Er glaube, den weitern Verlauf des Gesprächs so deuten zu dürfen, dass Louise dem Grafen sozusagen für ihn, Michael, das Jawort gegeben habe. Bevor er es sich nun selbst bei Louise hole, wolle er dem Grafen danken. Die Rührung übermannte Michael, er warf sich über die Hände vor ihm auf der Tischplatte und küsste sie.

Sie wurden ihm heftig entzogen. »Nicht!« rief der Graf, aber gleich darauf griff er selbst nach Michaels Händen und sagte mit seinem hübschen Lächeln, doch seltsam traurig: »Wenn Sie wüssten, Michael, wie sehr ich mich Ihnen jetzt verbunden fühle; als ob wir Jugendfreunde wären! . . . Setzen Sie die Mütze auf!« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Es gibt keine Höhen und Tiefen im Leben, nur Augenblicke, wo man empfindet, und die vielen übrigen, wo einem das Leben keine Zeit dazu lässt.«

Wieder herrschte eine Stille, von der Michael sich bedrückt fühlte, ohne zu wissen, warum. Er ging neben dem Grafen den Weg zurück, den dieser mit Louise gekommen war. An der Tür angelangt, blickte Solm ihm in die Augen, und das Lächeln kam ihm wieder, als er zum Abschied sagte: »Sie kriegen ein schönes, tapferes Mädchen zur Frau, Michael, und ich glaube dafür einstehen zu können: ein unverdorbenes. . . . Und«, rief er jetzt lachend aus: »ich glaube, Sie wissen selbst, was das wert ist!«

Er verneigte sich nach Herrenart vor Michael, der nun auch die Erklärung für das merkwürdige Benehmen des Grafen gefunden hatte, nämlich, dass der heimlich in Louise verliebt gewesen sei und es vermutlich erst jetzt gemerkt habe, als bereits die Stunde der Entsagung schlug.

Am selben Abend gab Louise Michael das Jawort, indem sie ihn bei den gelben Locken packte und ihn abküsste, wie kleine Mädchen mit kleinen Buben tun. Dann nahm sie seinen Kopf an ihr Herz und wiegte ihn. Michael hörte, wie sie leise vor sich hinweinte, aber er fragte nicht und versuchte nicht, sie zu trösten, weil er fühlte, dass sie es so haben wollte, und dass es so am besten war.

Am nächsten Tag verliess Graf Solm die Botschaft. Es hiess, dass er telegraphisch abberufen und in den Orient versetzt worden sei. Er hatte keine Zeit mehr gehabt, sich von Michael und Louise zu verabschieden, aber der Obergärtner zeigte seinem zukünftigen Schwiegersohn ein Heftchen, das er ein Scheckbuch nannte. Für jedes Blättchen bekam man in der Bank bares Geld ausbezahlt, damit sollte die Einrichtung angeschafft werden, und wenn alles Nötige gekauft wäre, blieben noch einige Tausender übrig, die auf Zinsen angelegt würden und dann Geld einbrächten, ohne dass man es erst zu verdienen brauchte. Michael wollte möglichst bald heiraten. Er überredete Louise, nicht länger zu warten, als die gesetzliche Frist es nötig machte. Nachdem sie eingewilligt hatte, begann für ihn eine Zeit restlosen Glückes.

Michael und Louise hatten Urlaub bekommen, um die Vorbereitungen für ihren Ehestand zu treffen. Sie kaufte ihm einen schönen karierten Anzug, Hemden, Kragen, Strümpfe und Schuhe, wie er solche nie getragen hatte. Sie selbst trat ihm eines Morgens in einem Schneiderkleid entgegen, das ihn veranlasste, sie mit einem ehrfürchtigen »Madame« zu begrüssen. Sie waren ein stattliches Paar und wurden in den Kaufläden wie Herrschaften behandelt. »Siehst du,« erklärte Louise, »so werden wir später nur Sonntags sein. Aber bis zur Hochzeit ist jeden Tag Sonntag. »Michael mass die drei Kammern aus, die sie bewohnen sollten, dann wurden die Möbel ausgesucht. Dazu müssten sie natürlich zahlreiche Ausstellungen besichtigen, was um so mehr Zeit in Anspruch nahm, als es ihnen nicht gelingen wollte, auf den Wanderungen durch die Warenhäuser zur Möbelabteilung ihre Aufmerksamkeit von den vielen andern Gegenständen abzulenken, die da lockend am Wege standen. Es war halt so, als ob ihnen plötzlich die ganze Welt angeboten würde und sie daraus nur so viel mitnehmen könnten, wie eben in ihre drei Kammern hineinging. Sie hielten aber darauf, sich auch an den Dingen zu erfreuen, die sie nicht gerade haben wollten, um sich wenigstens auf diese Weise schadlos zu halten. In Michaels Augen benahmen sie sich dabei so gut, dass er Louise gestand, ihm möchte es zuweilen scheinen, als ob für sie beide schon immer nur Sonntag gewesen wäre. Sie erwiderte, dass es sehr gut ginge, und dass sie vor allem stolz sei auf seine gute Haltung, um die ihn die Kutscher zu Hause beneiden dürften.

Da sie beide denselben Geschmack hatten, erwiesen sich die ermüdenden Spaziergänge als eine Reihe von köstlichen Gelegenheiten, einander an hundert verschiedenen Punkten nahezukommen, seine Neigungen und Abneigungen an ganz bestimmten Gegenständen zu erproben, Arm in Arm dahinzuschlendern und alles, was es nur gab, für sich gemeinsam zu haben. Wenn sie einmal verschiedener Meinung waren, so brauchte Louise sich nur an einem Möbelstück zu schaffen machen, etwa mit der flachen Hand darüberzustreichen und ein andres, dass sie mit dem ersten verglichen, an dieser und jener Stelle fest anzufassen, damit Michael sich dadurch und durch ihre erklärenden Worte überzeugen liess. Dafür genoss er dankbar seine körperliche Überlegenheit, die es ihm ermöglichte, Louise fortwährend behilflich zu sein: ihr einen Weg durch die Menschen zu bahnen, sie mit seinem Schutz zu umgeben, wo sie auch stand und ging, ein Glas Limonade oder ein Brötchen zu holen, bevor sie noch danach verlangt hatte. Die grösste Freude des Tages war zu spüren, wie sie an seinem Arm ermüdete und immer schwerer wurde, bis er sie fast wie ein Kind halb ziehen und halb tragen musste. Hatte er sie bei den Auseinandersetzungen mit den Händlern wegen ihrer scharfzüngigen Wehrhaftigkeit bewundert, so liebte er sie jetzt, wo sie erschöpft war, wegen ihrer tiefen, wehmütig heitern Zärtlichkeit und – was der Inbegriff dieser Zärtlichkeit war – wegen des breiten, ein wenig geöffneten Mundes indem blassen Gesicht, der auch erschlafft schien, aber alle seine Worte und Blicke, ewig erwartungsvoll, wie leise Küsse entgegennahm.

Die heftigen Bewegungen und Worte standen ihr nicht, und im Grund fühlte sich Michael bei aller Hochachtung doch oft recht unbehaglich, wenn er bei den Wortgefechten danebenstehen und lauern musste, ob sich in den Mienen der Kommis ein Missfallen an seiner Braut verriete. Davor fürchtete er sich, weil er unfähig gewesen wäre, im rechten Augenblick mit zulänglichen Mitteln einzugreifen.

Einmal hatte sie sich im Gedränge auf den grossen Boulevards umgedreht und einen Herrn geohrfeigt, dass dem der Hut vom Kopfe geflogen war. Der Herr sprang seinem Hut nach und kam nicht wieder zum Vorschein. Als Michael sie in heller Aufregung fragte, was geschehen sei, antwortete sie ruhig, dass der Kerl sie in den Rücken gekniffen habe. Michael wurde die Sorge nicht mehr los, dass der Auftritt sich wiederholen könnte. Er hatte immer den Eindruck, dass er dicht vor einer Prügelei stand. Aber abends, auf dem Heimweg, war Louise vollkommen. Michael redete sie heimlich als die süsse Mutter seiner Kinder an.

Zuletzt wurde in langen, sorgsamen Besichtigungen und inbrünstiger Auswahl gesammelt, was Louise an Kleidern und Wäsche haben sollte. Hierbei erfuhr Michael vieles, wovon er nicht die geringste Ahnung gehabt hatte. Die Frauen gingen keineswegs im grossen und ganzen auf dieselbe Weise gekleidet, und dass eine Frau so und so gekleidet war, wie die Männer sich eben auf ihre Weise anzogen, war noch lange nicht das Wesentliche daran. Der Reiz einer Frauenkleidung bestand nicht nur einfach darin, dass sie auf gröbere oder feinere Art eine Frau verhüllte. Es gab unendliche Abstufungen. Ein Wäschegeschäft kam ihm vor wie ein Paradies der zartesten Dinge, die ein Mann nur mit den Fingerspitzen berühren durfte. Louise zeigte ihm Stücke, die er nicht anzurühren wagte aus Angst, dass sie wie Asche zusammenfielen. Die Frauen schmückten sich nicht nur mit Broschen, Armbändern und Ringen, o nein, sie kleideten sich heimlich in Stoffe, die so leicht waren wie der Wind, der einem über die Hand streicht und so fein, wie Himmel weiss und die zartesten Farben des Sonnenuntergangs. Michael fühlte eine ganz neue Art von Zärtlichkeit in sich wachsen, und so, als ob sein Blut davon dünner und kostbarer würde. Er brauchte sich nicht mehr zusammenzunehmen, um Louise nicht derb anzufassen, er kam nicht mehr in Versuchung, ihr mit plumpen Scherzen zuzusetzen. Denn sie hatte Dinge an sich, die sie schön machten, die ein Teil von ihr waren, und die er nicht zerknittern durfte. Als er einmal an später dachte, wenn sie keine Heimlichkeit mehr vor ihm hätte, zeigte er Louise seine Arbeiterhände und fragte, ob sie nicht fürchte, dass er ihr allerhand zerrisse, wenn er ihr helfen wolle, oder ihr gar wehtäte, da strich sie ihm leise mit den Fingern darüber und antwortete mütterlich: »Du wirst sehn, wie flink sie laufen lernen!« Sie wurde ja nie ungeduldig, zeigte ihm nie ein unzufriedenes Gesicht, selbst wenn er fühlte, dass er sie kränkte oder ärgerte. Schlimmstenfalls schalt sie ihn scherzhaft wie ein verwöhntes Kind. »Weisst du nicht,« sagte sie dann, »dass du der liebste Mensch bist, den ich habe, und dass ich die treuste, zärtlichste Frau sein werde, die ein Mann haben kann – warum tust du da nicht mehr, um mir Freude zu machen? Komm, küsse mich und sei nett!« Michael küsste sie und folgte ihr blindlings.

Eines Tages sassen sie in der eingerichteten Wohnung und nahmen die erste Mahlzeit ein, die Louise in der eignen Küche zubereitet hatte. Die »Probemobilmachung«, wie Michael sich ausdrückte, verlief zu ihrer Zufriedenheit. Louise ordnete noch einmal alle Schubläden, Michael versuchte Schlösser und Scharniere und putzte die Messer, dann trennten sie sich zum letztenmal. Tags darauf wurden sie getraut.

Das Kind, das Louise im siebenten Monat ihrer Ehe zur Welt brachte, war so zart, dass man die Knochen durch die Haut und das fliessende Blut in den Adern zu sehen glaubte. Michaels Schwiegereltern betonten, dass solches bei einer Frühgeburt nicht überraschen konnte, und der Arzt, den Michael besorgt über die Lebensfähigkeit des Kindes befragte, meinte, dass der Kleine trotz der scheinbaren Schwäche voraussichtlich gut gedeihen werde. In seiner Freude darüber liess Michael die Absicht verlauten, seine Eltern telegraphisch über die Geburt eines Stammhalters in Kenntnis zu setzen. Als die Schwiegereltern ihm entgegenhielten, dass es nicht unbedingt nötig sei, sein Geld für Depeschen hinauszuwerfen, besann er sich auf einen Jugendfreund, der in Köln eine gutbezahlte Stellung hatte, und von dem er vermutete, dass er ihm die Ausgaben für das Telegramm zurückerstatten werde. Das meint man oft, entgegnete der Schwiegervater, und nachher bleibt man dran hängen. Aber Michael musste nun einmal die Nachricht von dem grossen Ereignis in die Welt hinausbringen. »Ich hab’s«, rief er und zog triumphierend durchs Zimmer, als ob er seinem Einfall eine Fahne voraustrüge. »Wir telegraphieren an den Grafen! »Er fügte, um den letzten Widerstand zu besiegen, hinzu: »Dem sind wir’s schuldig! Der hat dem Baron in Suresnes das Bussgeld abgenommen, ohne das wir nicht hätten heiraten können.«

Der hagere Obergärtner, der sonst das verwegene Aussehen eines alten Zuaven hatte, sah ihn ganz verdutzt an, hob die Schulter und ging mit einem wütenden Gesicht aus dem Zimmer. Die korpulente Schwiegermutter hatte sich nach einem erschrockenen Blick auf ihren Gatten umgedreht, um mit dem Schürzenzipfel einen Flecken auf dem Büfett abzureiben. »Dann nicht,« sagte Michael, aber in seinem Innern beschuldigte er die Schwiegereltern des Geizes. Louise sollte ihm durch ein Machtwort helfen. Als er in das Schlafzimmer eintrat, hatte sie den Säugling neben sich liegen und sah ihn aufmerksam an. Michael kniete neben dem Bett nieder und küsste seine Frau über den Kleinen hinweg auf die Stirn, dann betrachteten sie zusammen ihren Sohn. Louise sagte, ohne den Blick zu heben: »Er gleicht dir nicht, Michael. Aber ich habe dein Bild in meinen Augen, wachend und im Schlaf, und ich glaube, ich hätte es noch darin, wenn ich tot wäre, und ich will ihn ansehn, so lange ansehn, bis er dir gleicht. Und ich habe dich ja nicht nur in den Augen, sondern ganz in mir, drum bist du auch sicher in der Milch, die er trinkt. Gib acht, in ein paar Jahren, da ist er dein!«

Michael antwortete ausgelassen: »Aber erstens gleicht er mir und zweitens gehört er uns beiden«, und legte zärtlich seine beiden grossen Hände um den winzigen Kopf. Seine Frau drückte ihre Wange gegen die gewaltige Hand, die so sanft sein konnte. »Kleine Kinder gehören allein der Mutter. Sie brauchen nur die Mutter. Ihr seid meist nur unbequem. Aber ich will, dass er mit aller meiner Liebe dir gehört – erst dir ganz allein und dann, wenn er so weit ist, auch mir wieder und uns zusammen.«

Sie richtete sich mit einer grossen Anstrengung auf, griff ihn bei den Locken und küsste, grub sich in seinen Mund, sie glitt von seinem Mund und sank in die Kissen. Ihre grossen, runden blauen Augen schwammen in einer unaussprechlichen Klarheit. Als ob von Zeit zu Zeit ein Tropfen himmlischen Feuers in sie fiele, glänzte es bald hier, bald dort silbrig auf.

Diese Augen ruhten auf Michael. Es war eine Stille in ihnen wie über dem Meer. Sie sahen in aller Ewigkeit nur ihn.

Die Schwiegermutter, die ins Zimmer trat, rief: »Kind, wie verklärt siehst du aus!« und rollte zum Bett, in der deutlich erkennbaren Absicht, Louise und das Kind unter ihrer Fülle zu begraben.

»Wir wollen allein sein,« sagte Louise abwehrend. Schnell nahm Michael die kleine dikke Frau in seine Arme, hob sie und drückte sie etwas zu fest an sich. Dann trug er sie in das Nebenzimmer und schloss nach einer höflichen Verbeugung die Tür hinter sich zu.

Der Säugling hatte angefangen zu schreien. Michael nahm ihn und trug ihn kräftigen Schrittes auf und ab, während Louise mit einer dünnen, zarten Stimme ein Wiegenlied sang.