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Olive Schreiner : Die Frau und die Arbeit

Abhandlung

Eugen Dieterichs Verlag, Jena 1914
Übertragung von Leopoldine Kulka

CONSTANCE LYTTON

GEWIDMET VON OLIVE SCHREINER

DE AAR KAP DER GUTEN HOFFNUNG

»OLIVE SCHREINER ist jetzt in London,« sagte mir vor einigen Wochen eine befreundete Schriftstellerin, »da können Sie Ihre alte Sehnsucht stillen und die Dichterin bei mir sehen.«

Ich möchte sie sehr gerne sehen, die unvergleichliche und unverglichene Vorkämpferin der Frauenbefreiung, der wir die gedankenvollen »Dreams«, die phantasievolle und dabei so holländischderbe Erzählung aus dem Leben der Bauern in Südafrika »The Story of an African Farm«, dann die wie aus Erz gegossene unvergeßliche Gestalt des Reiters »Peter Halket of Mashonaland«, endlich das vorliegende Werk verdanken. Aber ich bin klüger geworden im Laufe der Jahre und habe weise Enthaltsamkeit gelernt: mein Idealbild von Olive Schreiner soll mir durch die irdische Unvollkommenheit ihrer wirklichen Erscheinung nicht entheiligt werden.

Olive Schreiner, die Tochter eines deutschen Pastors und einer englischen Mutter, ist auf dem »Veldt« Südafrikas aufgewachsen und hat den Kampf der Rassen und Klassen in seiner unverhülltesten Nacktheit gesehen. Eine solche Umgebung läßt in der Seele keinen Raum für so schwächliche Dinge wie Geschmack und Umschreibung. Olive Schreiner nennt die Dinge beim rechten Wort; sie ist in ihrer Kunst so realistisch wie nur irgendein alttestamentlicher Prophet. Kommt zu solch unbestechlicher Wahrheitsliebe noch Naturgefühl und visionäre Einbildungskraft hinzu, so gibt das Werke von der Art des »Peter Halkett« - überzeugendste Menschendarstellung im Rahmen stimmungsvoller Landschaft und erfüllt vom Geiste apostolischer Sendung. Olive Schreiner schrieb vor dem Ausbruch des Burenkrieges gegen die Unmenschlichkeit, mit der die Engländer in Südafrika hausten, gegen das ganze System der englischen Besiedelungspolitik. Sie wurde nicht gehört. Da kehrte sie zu ihrem alten Gegenstand, der Frauenfrage zurück, der alle ihre Gedanken durch mehr als zwei Jahrzehnte gehört hatten. Ihr Werk war fertig - ins Reine geschrieben für den Druck. Sie hatte das letzte Wort gesagt im Kampfe des Weibes um eine menschenwürdige Existenz. Da überfiel die Soldateska während des Krieges ihr Haus. Die Schublade ihres Schreibtisches wurde erbrochen, das Manuskript ihres Lebenswerkes herausgezerrt und der Haufe gelockerter Blätter in Flammen gesteckt. Als sie nach dem Kriege in ihr Haus zurückkehrte, fand sie die verkohlten Reste. Das vorliegende Buch, von dessen Entstehung während des Krieges die Autorin in der Einleitung erzählt, ist ein Fragment, eine Erinnerung an das zerstörte große Werk. Aber wir haben alle Ursache der Übersetzerin zu danken, daß sie es den deutschen Lesern vermittelt, denn es gibt kaum eine Schrift, die das Recht des Weibes auf Arbeit mit solch edlem Pathos und zugleich mit so überzeugender Verstandesmäßigkeit bewiese. Olive Schreiner trägt ihre Botschaft mit der Inbrunst jener glaubensstarken Naturen vor, die aus dem Zusammenbruch der puritanischen Weltanschauung die gehaltvollen Abbreviaturen Gleichheit und Gerechtigkeit in unsere sittlich verarmte Zeit herübergerettet haben. Dieser biblische Geist gibt allen Schriften der Olive Schreiner vorgeschichtliche Einfachheit, elementare Kraft und dichterische Weihe.

Daß sie in ihrem Werke über Frauenarbeit ihr Pathos eindämmt und die Logik der Tatsachen sprechen läßt, erhöht die Wirkung ihrer Botschaft. Ihre der Kulturgeschichte und Soziologie entnommenen Gründe für die wirtschaftliche Emanzipation der Frau werden ohne Leidenschaft vorgetragen, prägen sich aber ein vermöge des eigenen Gewichts. Und alles, was Olive Schreiner in diesem Buche sagt, ist so gehalten, so maßvoll, so bildhaft und eindringlich, daß auch Gegner des Frauenrechts es nicht ohne Erhebung aus der Hand legen werden.

London, Ostern 1914

Leon Kellner

EINLEITUNG

Ich muß diesem Buch einige erklärende Worte vorausschicken. Sein ursprünglicher Titel lautete: »Gedanken über die Frau und die Arbeit«.

Wie dieser Name besagt, ist es also eine Sammlung von Gedanken über einzelne Punkte, die mit der Frauenarbeit zusammenhängen.

In früher Jugend begann ich ein Werk über die Frau und arbeitete bis vor zwölf Jahren daran. Es berührte naturgemäß, wenn auch in unvollständiger Weise, die meisten Fragen, in denen das Geschlecht eine Rolle spielt.

Ich begann damit, die Verschiedenheiten der Geschlechtsfunktionen in ihren frühesten Erscheinungsformen bei den Lebewesen dieser Erde zu zeichnen; nicht nur in der Tierwelt, wo mit der Vereinigung zweier amöboider Kügelchen der Zeugungsprozeß fast unmerklich beginnt, sondern auch seine noch primitiveren Offenbarungen im Pflanzenleben. In den ersten drei Kapiteln zeichnete ich, soweit ich es vermochte, die geschlechtliche Entwicklung bei den verschiedenen Gruppen nichtmenschlicher Lebewesen. Als ich in dieser Richtung weiterforschte, überraschten mich viele bedeutsame Tatsachen durch ihre Beziehungen zum ganzen modernen Geschlechtsproblem, Tatsachen, wie diese: daß beider großen Mehrzahl der auf der Erde lebenden Arten das Weibchen dem Männchen an Größe und Kraft und oft auch an räuberischem Instinkt überlegen ist; daß die geschlechtlichen Beziehungen fast jede Form annehmen können, je nachdem die Lebensbedingungen variieren; daß selbst im Verhältnis der Geschlechter gegenüber ihrer Nachkommenschaft jene Verschiedenheiten, die wir gewöhnlich als unzertrennlich vom mütterlichen oder väterlichen Geschlechtswesen annehmen, keineswegs inhärent sind. (So kann man Krötenarten beobachten, bei denen das Weibchen seine Eier in Vertiefungen auf den Rücken des Männchens legt, wo sie verwahrt und ausgebrütet werden, oder manche Seetiere, bei denen das Männchen die Jungen mit sich trägt und sie in einem Beutel aus seiner eigenen Körpersubstanz großzieht, und zahllose andere derartige Beispiele.) Was sich mir aber schon als Kind aufdrängte, wenn ich allein durch den afrikanischen Busch wanderte und den ineinander greifenden Tönen des Liebessangs der Cock-o-veets 1) lauschte oder beobachtete, wie die kleinen Singvögel zusammen ihr Nest bauen und nicht nur für ihre Jungen, sondern auch für einander sorgen und einander behüten, war die Tatsache, die seither alles, was ich über geschlechtliche Dinge dachte und fühlte, mächtig beeinflußt hat, daß das Geschlechtsleben der Vögel bei einigen Arten seine höchste, schönste, man möchte fast sagen, geistige Entwicklung auf der Erde erreicht hat: eine Höhe der Entwicklung, zu der noch keine menschliche Rasse als Ganzes gelangt ist, und die eine Verwirklichung des höchsten geschlechtlichen Ideals darstellt, von dem die Menschheit träumt.

Als diese drei Kapitel beendet waren, ging ich daran, mich, soweit als möglich, mit der Stellung der Frau in den allerprimitivsten, den unzivilisierten und halbzivilisierten Gemeinwesen zu befassen. Ich habe von Kindheit an mit außerordentlichem Interesse die Lage der eingeborenen afrikanischen Frauen um mich her in ihrem primitiven Gesellschaftszustand beobachtet. Mit achtzehn Jahren sprach ich einmal mit einem Kaffernweib, das noch in unberührt primitiven Zuständen lebte, und kein mit der Stellung der Frau zusammenhängendes Erlebnis hat, mit Ausnahme eines einzigen, einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht wie dieses Gespräch. Es war eine Frau, die mir, so oft ich an sie denke, als geniales Wesen erscheint. In einer Sprache, die beredter und eindringlicher war als alles, was ich je von weiblichen Lippen vernommen, schilderte sie die Lage der Frauen ihrer Rasse. Die Arbeit der Frau, das Elend der Frau, wenn sie älter wird, die Schranken, in die ihr Leben gebannt ist, und die Leiden, die ihr Polygamie und Abhängigkeit auferlegen, all das schilderte sie mit einer Leidenschaft und Eindringlichkeit ohnegleichen. Und doch - und das war für mich das Interessante, als ich weiter mit ihr sprach -, trotz ihrer tiefen, fast glühenden Erbitterung über das Leben und die unsichtbaren Mächte, die die Frau und ihre Lage in solcher Weise gestaltet haben, hatte sie nicht ein Wort der Bitterkeit gegen den einzelnen Mann, noch irgend Wille oder Absicht, sich aufzulehnen. Sie nahm vielmehr mit ernster, fast majestätischer Haltung das Leben und die Lage ihres Geschlechtes als ein Unabänderliches hin. Gerade dieses Gespräch drängte mir eine Wahrheit auf, die ich später beinahe als Axiom betrachten lernte: die Frauen keiner Rasse oder Klasse werden sich je erheben oder eine gewaltsame Verbesserung ihrer Lage in der Gesellschaft versuchen, seien ihre Leiden auch noch so tief und mögen sie sich ihrer auch noch so klar bewußt sein, solange die Wohlfahrt und der Bestand der Gemeinschaft ihre Unterwerfung fordern. Wo immer ein allgemeiner Versuch der Frau irgendeiner Gesellschaft, ihre Lage zu verbessern, unternommen wurde, wird eine genaue Untersuchung immer zeigen, daß ein veränderter oder sich verändernder Gesellschaftszustand die Unterordnung der Frau nicht länger nötig oder wünschenswert gemacht hatte.

Ein anderer Punkt, den ich in diesem Teile des Buches zu behandeln versuchte, war die mir fast zur Gewißheit erwachsene Wahrscheinlichkeit, daß die physischen Leiden und die Schwäche der Frau bei der Geburt und in gewissen anderen Beziehungen der Preis waren, den die Frau für den Übergang der Menschheit aus der Haltung der Vierfüßer und Vierhänder zu der aufrechten zahlen mußte, einer Haltung, die unbedingt notwendig war, wenn die Menschheit das werden sollte, was sie ist (dies wurde selbstverständlich in einer physiologischen Studie über die weibliche Körperbildung behandelt). Ferner beschäftigte ich mich mit der höchstwahrscheinlichen, wenn auch unbewiesenen und vielleicht unbeweisbaren Hypothese, daß es hauptsächlich eine Folge des Zwanges war, unter dem die Frau stand, indem sie ihre hilflosen Jungen in den Armen tragen und gleichzeitig für diese und sich selbst Nahrung suchen oder mit ihnen vor dem Feind fliehen mußte, welche zu der vollkommen aufrechten Haltung des Menschen führte.

Diese und viele andere Punkte, die ein interessantes Licht auf die spätere Entwicklung der Frau werfen (wie die Beziehungen zwischen Ackerbau und Hörigkeit der Frau), behandelte dieser Teil des Buches, der sich mit den Frauen der primitiven und halb barbarischen Gesellschaft befaßte.

Als dieser Teil beendet war, ließ ich ihn mit der Maschine abschreiben und im Jahre 1888 mit den drei ersten Kapiteln in einen Band binden; dann arbeitete ich an dem bereits begonnenen letzten Teile weiter.

Dieser behandelte die Probleme, die allgemeiner als Frauenfrage bekannt sind: Die Ursachen, die im modernen Europa Frauen veranlaßten, eine Neugestaltung ihrer Stellung im sozialen Organismus anzustreben, die Richtung, in der diese Neugestaltungen sich bewegen, und die Ergebnisse, die solche Neuordnungen in Zukunft wahrscheinlich zeitigen werden.

Nach elf Jahren, im Jahre 1899, wurden auch diese Kapitel beendet und mit den beiden ersten Teilen in einen starken Band vereint. Es erübrigte nur noch, das Buch durchzusehen und das Vorwort zu schreiben. Den trockenen Erörterungen hatte ich in jedem Kapitel eine oder mehrere Allegorien hinzugefügt 2); denn, wenn es auch leicht ist, abstrakte Gedanken in logischer Prosa auseinanderzusetzen, die Empfindungen, die diese Gedanken auslösen, fühlte ich mich nicht fähig anders als in jener Form voll und ganz auszudrücken. Ich hatte auch versucht, den Gegenstand überall mit solchen Fällen aus der Menschen- und Tierwelt zu illustrieren, die ich persönlich beobachtet hatte und die mir zur Bildung der gegebenen Schlüsse behilflich waren, da mir immer bei soziologischen Fragen die Kenntnis der genauen Art und Weise, durch die der Schriftsteller zu seinen Ansichten gelangt ist, zur Beurteilung ihres Wertes notwendig schien. Das Werk hatte einen großen Teil meines Lebens in Anspruch genommen, und ich hatte gehofft, daß es, welches auch seine Mängel sein mögen, wenigstens andere Geister unter günstigeren Umständen zu eingehenderem Studium der Frage anregen würde.

Im Jahre 1899 lebte ich in Johannisburg, als mir eines Leidens wegen plötzlich verordnet wurde, für einige Zeit eine tiefer gelegene Gegend aufzusuchen. Nach Ablauf von zwei Monaten brach der Burenkrieg aus. Zwei Tage nachdem der Krieg erklärt worden war, kam ich auf dem Rückwege nach Transvaal in De Aar an. Dort war bereits der Kriegszustand proklamiert, und die Militärbehörden verwehrten mir die Rückkehr nach Johannisburg und schickten mich in die Kolonie. Man erlaubte mir auch nicht, an irgend jemand eine Nachricht zu senden, der meine Habseligkeiten hätte in Obhut nehmen können. Ungefähr acht Monate später, als die britischen Truppen Johannisburg genommen und die Stadt besetzt hatten, schrieb mir ein Freund, der auf englischer Seite stand und dem man gestattet hatte, hinzureisen, daß er mein Haus besucht und geplündert gefunden habe, daß alle Wertgegenstände gestohlen oder zerstört worden seien, mein Schreibtisch gewaltsam aufgebrochen und sein Inhalt in der Mitte des Zimmer angezündet worden war, so daß die Decke oberhalb des Haufens verbrannter Papiere geschwärzt sei. Er fügte hinzu, daß nur noch wenig von den Überbleibseln zu verwenden sein dürfte, doch habe er die Fragmente gesammelt und werde sie aufbewahren, bis ich die Erlaubnis zur Rückkehr erhielte und sie sehen könnte. So erfuhr ich, daß mein Buch zerstört war.

Als der Krieg schon ein paar Monate gewährt hatte, war ich - viele hundert Meilen von der Küste und von Johannisburg entfernt - in einem kleinen, landeinwärts gelegenen Dorfe eingeschlossen. Die Flamme des Krieges begann eben auch unsere nächste Umgebung zu ergreifen; de Wet hatte den Oranjefluß überschritten, und man vermutete ihn nur wenige Meilen von uns entfernt, während die britischen Truppen hin- und herstreiften. Ich lebte zu jener Zeit in einem kleinen Hause am Rande des Dorfes, in einem einzigen Zimmer, das mit einer Tragbahre und zwei Kisten möbliert war. Mein kleiner Hund war meine Gesellschaft. Sechsunddreißig bewaffnete afrikanische Eingeborene bewachten Tag und Nacht Türen und Fenster meines Hauses, und ich durfte nur zu Mittag, während bestimmter Stunden, ausgehen, um Wasser vom Brunnen zu holen oder mir das Nötige zu kaufen. Auch durfte ich weder Bücher noch Zeitungen empfangen. Ein hoher, von bewaffneten Eingeborenen bewachter Stacheldrahtzaun umgab das Dorf; jeder Versuch, hier zu entfliehen, wäre sicherer Tod gewesen. Während des ganzen Tages hörte man in kurzen Intervallen die Pompongeschütze der Panzerzüge, die auf der neun Meilen entfernten Eisenbahnlinie manövrierten, und nachts das Gespräch der bewaffneten Eingeborenen, die sich an die Fenster lehnten, und die taktmäßigen Schritte und das endlose »Wer da?« der Wache, die während der langen dunklen Stunden, in denen man weder eine Kerze anzünden noch ein Streichholz in Brand setzen durfte, die Runde um den Drahtzaun machte. Wenn ein Scharmützel in der Nähe stattgefunden hatte, wurden die Toten und Verwundeten hereingebracht. Drei Männer aus unserem Dorfe wurden zur Hinrichtung geführt. Auf dem kleinen Marktplatz wurden Todesurteile verlesen. Das Gefängnis war mit unseren Landsleuten gefüllt, und wir wußten von Stunde zu Stunde nicht, was die nächste jedem von uns bringen würde. Unter solchen Verhältnissen empfand ich das Bedürfnis, zuweilen meine Gedanken gewaltsam von den Schrecknissen der Welt um mich her abzulenken und bei irgendeiner abstrakten Frage zu verweilen. So wurde dieses kleine Buch geschrieben, das vornehmlich die Wiedergabe eines einzigen Kapitels des größeren Buches bildet. Da die bewaffneten Eingeborenen vor meinen vorhanglosen Fenstern Wache standen, war es unmöglich, die Läden zu öffnen, und das Zimmer war daher immer so dunkel, daß selbst die physische Arbeit des Schreibens schwierig war.

Einundeinhalb Jahre später, als der Krieg vorüber und der Friede schon seit mehr als vier Monaten verkündet war, erhielt ich mit vieler Mühe die Erlaubnis, den Transvaal zu besuchen. Ich fand unter den verbrannten Überresten den Lederrücken meines Buches unversehrt, aber von den Blättern die vordere Hälfte weggebrannt; der hintere Teil der Blätter, nächst dem Deckel, war vorhanden, aber von den Flammen so gebräunt und versengt, daß sie bei der Berührung zerfielen. Es blieb nichts übrig, als alles zu vernichten. Selbst damals hatte ich noch die Hoffnung, daß ich das ganze Buch in künftigen Tagen nochmals schreiben könnte. Aber das Leben ist kurz, und ich habe erkannt, daß ich das Buch nicht nur niemals wiederschreiben werde, sondern daß meine Gesundheit es mir nicht einmal gestattet, diese kleine Erinnerung daran zu vervollständigen und abzurunden.

Nur mit ernstlicher Sorge gebe ich daher dieses Fragment heraus. Mich tröstet nur der Gedanke, daß vielleicht jedes aufrichtige und ernste Suchen nach Wahrheit, selbst wenn es sie nicht erreicht, ihr oft so nahe kommt, daß andere glücklichere Geister, indem sie Begrenztheit und Irrtümer erkennen, zu einer weiteren Einsicht gelangen.

Ich habe diese lange und sehr uninteressante Erklärung nicht etwa gegeben, um durch die Darlegung der Bedingungen, unter denen das kleine Buch geschrieben wurde, irgendwelche Wiederholungen oder literarische Mängel zu entschuldigen; denn das ist unwesentlich, sondern - und dies ist sehr wesentlich - weil es leicht zu Mißverständnissen über die Sache selbst führen könnte, wenn man die Entstehungsart des Büchleins nicht genau kennen würde.

Das Buch bietet keineswegs einen Überblick über das ganze große Gebiet von Erscheinungen, die mit der Stellung der Frau in Zusammenhang stehen; es bedeutet nicht einmal einen Blick aus der Vogelschau über die ganze Frage der Beziehungen der Frau zur Arbeit.

In dem ursprünglichen Werk beschäftigte sich unter zwölf Kapiteln nur eines mit dem Thema des Parasitismus der Frau, und hauptsächlich aus diesem Kapitel ist das vorliegende Buch entstanden; die Frage des Parasitismus der Frau ist, wie mir scheint, sehr wichtig, sehr wesentlich; sie erklärt viele Erscheinungen, die sich durch nichts sonst erklären lassen, und ihre Bedeutung wird noch wachsen. Aber für den Moment gibt es noch andere Gesichtspunkte, unter denen die Beziehungen der Frau zur Arbeit zu betrachten eigentlich ebenso dringend wäre. In dem größeren Buch hatte ich ein ganzes Kapitel der Untersuchung dessen gewidmet, was die Frau an Arbeit geleistet hat und in der modernen Welt noch leistet, und welch ungeheure Übel aus der Tatsache erwachsen, daß ihre Arbeit, speziell die häusliche Arbeit, oft die mühseligste und endloseste, die das Menschengeschlecht kennt, nicht entsprechend anerkannt und bewertet wird. Besonders in dieser Hinsicht, fürchte ich, könnte das vorliegende Buch zu einem Mißverständnis führen durch den großen Nachdruck, den es auf das Problem des Geschlechtsparasitismus legt, und die leichtere Behandlung der anderen Gesichtspunkte, wodurch der Eindruck erweckt werden könnte, daß die häusliche Arbeit der Frau der Gegenwart (die etwas durchaus Verschiedenes von den geschlechtlichen Beziehungen von Mann und Frau ist, wenn sie auch indirekt damit in Zusammenhang steht) nicht hoch und aufs höchste anzuerkennen und zu bewerten sei. Ich glaube, daß in der Zukunft die Frau, die ihr selbständiges Arbeitsgebiet aufgibt, um häusliche und eheliche Pflichten irgendwelcher Art zu übernehmen, ihren Teil am Einkommen des Mannes nicht mehr als eine mehr oder weniger almosenartige Unterstützung erhalten wird, die sie in die Lage der Untergebenen versetzt, sondern als einen ihr in gerechter Teilung zukommenden gleichen Anteil zwischen gleichberechtigten Partnern.3)

Besonders fürchte ich, daß die in diesem kleinen Buch, losgelöst von anderen Seiten der Frage, behandelten Punkte zu der Annahme führen könnten, ich hielte es für möglich oder wünschenswert, daß die Frau neben ihrer Aufgabe des Gebärens auch noch den Pflichtanteil des Mannes übernehmen und nicht nur ihm gegenüber alle häuslichen Pflichten erfüllen, sondern auch für den Unterhalt seines Kindes und für sich selbst sorgen solle. In dem ursprünglichen Buch hatte ich in dem Kapitel über die Arbeit des Mannes in bezug auf Frau und Kinder mehr als hundert Seiten daran gewendet, zu beleuchten, wie wichtig für die Humanisierung und Zivilisierung des Mannes und damit der ganzen Menschheit eine gesteigerte geschlechtliche und väterliche Verantwortlichkeit wäre und eine höhere Gerechtigkeit gegenüber der Frau als häuslicher Arbeiterin. In dem zweiten Teil desselben Kapitels behandelte ich dann ausführlich eine mir momentan fast noch dringender erscheinende praktische Frage der Geschlechter - die Haltung des Mannes gegenüber jenen Frauen, die nicht im Hause beschäftigt sind, gegenüber der großen und an Zahl immer zunehmenden Gruppe von Frauen, die durch die Entwicklung der modernen Verhältnisse in den Strom des Erwerbslebens hinausgetrieben werden, sich selbst und andere durch ihre eigene Arbeit erhalten müssen und die da an Händen und Füßen gebunden sind, nicht durch die geistigen oder körperlichen Schranken ihrer Natur, sondern durch künstliche Einschränkungen und Vorurteile, den Überbleibseln eines vergangenen Gesellschaftzustandes.

Es ist gerade dieser Mißstand, der, wenn man die Sache eingehend in all ihren Folgeerscheinungen studiert, als die Wurzel und Hauptquelle des entsetzlichsten sozialen Übels, unter dem wir leiden, erkannt werden wird.

Keine andere Tatsache in dem ganzen Verhältnis der Frau zu unserer heutigen Gesellschaft nähert sich so sehr einem willkürlichen und unerhörten »Rechtsbruch«, als die, daß es bei gleicher, von Mann und Frau gleich gut verrichteter Arbeit Gesetz geworden ist, die Frau einzig auf Grund ihres Geschlechtes niedriger zu entlohnen.

Es ist mir immer unbegreiflich gewesen, daß Männer von Aufklärung und Billigkeit das Bestehen einer solchen Ungleichheit auch nur eine Stunde lang dulden können, und es ist nur erklärlich als Folge des verblendenden Einflusses von Gewohnheit und Herkommen. Ich persönlich habe dieses Unrecht immer so tief empfunden, daß dieser Punkt und nur noch ein anderer im Verhältnis von Mann und Frau die einzigen in der Frauenfrage sind, bei denen ich, so oft ich daran denke, mit aller Gewalt meine Entrüstung niederringen und in Schranken halten muß, um mir die Objektivität der Betrachtung zu wahren. Ich würde es daher sehr bedauern, wenn die leichte, nebensächliche Art, in der diese Frage in dem vorliegenden kleinen Buch berührt wurde, sie von weniger eminenter Bedeutung erscheinen ließe, als sie mir zu sein dünkt.

Im letzten Kapitel des ursprünglichen Buches, dem längsten und wie ich glaube wichtigsten, behandelte ich die Probleme der Ehe und des persönlichen Verhältnisses von Mann und Frau in der modernen Welt. Hier versuchte ich auszudrücken, was ich für eine große Wahrheit halte, über die das Urteil kommender Generationen herauszufordern ich mich nicht scheue - daß nämlich die Richtung aller Bestrebungen der Frauen, sich den neuen Lebensbedingungen anzupassen, nicht zu größerer Lockerung geschlechtlicher Beziehungen, nicht zu Promiskuität oder Zügellosigkeit führen, sondern zu einer höheren Bewertung der Heiligkeit aller Geschlechtsbeziehungen, einer klareren Erkenntnis des Geschlechtsverhältnisses zwischen Mann und Frau als der Grundlage der menschlichen Gesellschaft, von deren Lauterkeit, Schönheit und Gesundheit die Gesundheit und Schönheit des menschlichen Lebens als Ganzes abhängig ist. Vor allem aber werden diese Bestrebungen zu einer engeren, dauernderen, gefühl- und geisterfüllteren und innigeren Verbindung zwischen Mann und Frau als Individuen führen. Und wenn in dem jetzigen ordnungslosen Übergangsstadium unseres gesellschaftlichen Wachstums die Ehescheidung als ein notwendiges Mittel der Regelung zulässig erscheint, so geschieht es nicht, weil eine solche Regelung leicht genommen werden soll; sondern wir müssen, wie bei einem komplizierten, feinen Mechanismus, der von einer zentralen Feder bewegt wird, in das Werk eingreifen, um die Feder anzupassen und zu regulieren, weil von der absoluten Vollkommenheit ihrer Funktion die ganze Bewegung des Mechanismus abhängt.

Auf den letzten Seiten des Buches endlich suchte ich einer, wie mir scheint, tiefen und oft übersehenen Wahrheit Ausdruck zu geben. Mit der langsam fortschreitenden Entwicklung der Menschheit und der menschlichen Gesellschaft aus ihrem gegenwärtigen barbarischen und halbbarbarischen zu einem höheren Zustand auf dem Gebiet des Geschlechtslebens wird es sich immer deutlicher zeigen, daß neben und über der Funktion, den Strom des physischen Lebens zu erzeugen und weiter zu leiten (einer Funktion, die das Gattungsleben der Menschheit mit dem der niedrigsten Tiere und Pflanzen teilt, die aber selbst von bedeutenden Denkern der Gegenwart als dessen einzig mögliche betrachtet zu werden scheint), das Geschlecht und die geschlechtliche Verbindung von Mann und Frau, ganz abgesehen von der physischen Fortpflanzung, auch ästhetische, geistige und seelische Funktionen und Ziele besitzt. So vornehm die Aufgabe der physischen Fortpflanzung der Menschheit durch die Vereinigung von Mann und Frau an sich ist, so liegen in ihr, richtig besehen, noch andere höhere Formen schöpferischer Energie und lebenspendender Kraft verborgen, deren Geschichte auf Erden kaum begonnen hat. So wie die erste wilde Rose, als sie an ihrem Stengel saß, mit ihrem Kreis von Staubfäden und Stempel und einem einzigen Wirtel blasser Blumenblätter erst ihren Lauf begonnen hatte und dazu bestimmt war, im Laufe der Zeiten Staubfaden um Staubfaden, Blatt um Blatt zu entwickeln, bis sie hunderte Formen der Freude und Schönheit annahm.

Und es möchte fast scheinen, daß, während der Mann so oft auf anderen Wegen der Führende war, hier auf dem Wege zu höherem Geschlechtsleben auf Erden es vielleicht die Frau sein wird, die auf Grund jener selben geschlechtlichen Bedingungen, die sie in der Vergangenheit niedergedrückt und gefesselt haben, nun die Führende sein wird und der Mann wird folgen. So daß endlich die Geschlechtsliebe, dieser müde Engel, der die Zeiten hindurch den Gang der Menschheit geleitet hat, mit irrem Auge und gebrochenen Schwingen, die Flügel so vom Schlamm der Lust und Gier beschmutzt, die goldenen Locken so vom Schutt des Unrechts und der Unterdrückung besudelt, daß, die ihn erblickten, entsetzt aufschrien: »Er ist das Unheil, nicht das Heil des Lebens«, und ihn auszutreiben versuchten - daß dieser Engel nun im Strom der Freundschaft und Freiheit, vom Kot und Staub der Jahrhunderte reingebadet, sich aufschwingt mit ausgebreiteten weißen Schwingen, die im Sonnenschein einer fernen Zukunft erglänzen - das wahrhaft Gute und Schöne des menschlichen Lebens.

Ich habe dieses Büchlein meiner Freundin Lady Constance Lytton gewidmet, nicht weil ich es ihrer wert erachte, noch auch um der glänzenden Rolle willen, die sie in dem Kampf, den die Frauen Englands gegenwärtig für gewisse Formen der Freiheit führen, gespielt hat. Ich tue es, weil, wenn ich dies ohne die Heiligkeit naher persönlicher Freundschaft zu verletzen, sagen darf, sie neben ein oder zwei anderen Männern und Frauen, die ich gekannt habe, für mich das höchste Ideal menschlicher Natur verkörpert, in dem geistige Kraft und Stärke des Willens mit unendlicher Zartheit und weitherzigem, menschlichem Mitgefühl verbunden sind, eine Vereinigung, die, ob sie sich nun bei Mann oder Frau findet, das Wesen des voll abgerundeten, harmonischen Menschen ausmacht. Wie es eine geniale Engländerin in eine Zeile zusammenfaßte, als sie ihre große französische Schwester apostrophierte: »Du großdenkende Frau und mildherziger Mann!«

Noch ein Wort will ich hinzufügen, da ich nicht mehr über diesen Gegenstand reden oder schreiben dürfte. Zu den Männern und Frauen der kommenden Generation möchte ich sprechen: »Ihr werdet mit Verwunderung auf uns zurückblicken! Ihr werdet staunen über die leidenschaftlichen Anstrengungen, die so wenig erreichten, über die, euch so klaren Wege, die wir nicht fanden; über die unerträglichen Übel, denen gegenüber wir, wie es euch scheinen wird, untätig blieben; über die großen Wahrheiten, die uns ins Gesicht blickten und die wir nicht erkannten; über die Wahrheiten, nach denen unsere Hände langten, ohne sie ganz erfassen zu können. Ihr werdet euch wundern über diese Arbeit, die so wenig erreichte - aber eins werdet ihr nicht wissen, daß es der Gedanke an euch war, der uns den Kampf kämpfen ließ, den wir kämpften und das Wenige erreichen, das wir erreicht haben, der Gedanke an euere höhere Vollendung, an euer reicheres Leben, in dem wir Trost fanden für die Wertlosigkeit unseres eigenen.«

»Was ich zu sein gestrebt, nicht was ich war, das ist mein Trost.«

O. S.

I. PARASITISMUS

Wer aufmerksam den Streit verfolgt, der sich in der modernen Welt erhoben hat, in dem bald dies, bald jenes durch und für große Frauengruppen gefordert wird, der kann als Grundton unter all dem wirren Lärm den Ruf heraushören: Gebt uns Arbeit und die Bildung, die uns zur Arbeit befähigt! Wir fordern dies nicht allein für uns, sondern um der Menschheit willen.

Wir wollen diese Forderung folgendermaßen logisch entwickeln: Gebt uns Arbeit! Unzählige, Tausende, Millionen Jahre haben wir gearbeitet. Als der Mann der Urzeit unstät umherwanderte, der nackte, kaum zu aufrechtem Gang gelangte Wilde jagte und focht, wanderten wir mit ihm; jeder seiner Wege war der unsere. In unseren Leibern, auf unseren Schultern trugen wir das Geschlecht; wir suchten Wurzeln und Kräuter für seine Nahrung; wir bereiteten das Wild, das der befiederte Pfeil oder die Schlinge des Mannes erreichte. Seite an Seite wanderten wir, der wilde Mann und die wilde Frau, und frei arbeiteten wir gemeinsam. Und wir waren zufrieden!

Dann trat ein Wandel ein. Die Wanderungen hörten auf; wir ließen uns auf einem Fleck Erde nieder; wieder ward die Arbeit unseres Lebens zwischen uns geteilt. Während der Mann zur Jagd auszog oder in den Kampf gegen den Feind, der all unseren Besitz bedrohte, bearbeiteten wir das Land. Wir lockerten die Erde, wir schnitten das Korn, wir erbauten die Wohnungen, wir woben die Kleider, wir formten die irdenen Gefäße und zeichneten Linien darauf, der erste Versuch der Menschheit in häuslicher Kunst. Wir studierten die Eigenschaften und den Nutzen der Pflanzen, und unsere alten Frauen waren die ersten Ärzte der Rasse, wie auch oft ihre ersten Priester und Propheten.

Wir ernährten das Geschlecht an unseren Brüsten, wir trugen es in unseren Armen, durch uns ward es gebildet, ernährt und bekleidet. Mühsamer und endloser war unsere Arbeit als jene des Mannes, und dennoch klagten wir nie, daß sie uns zu schwer fiele. Während der wilde Mann im Sonnenschein auf seinen Fellen lag, ausruhte, um neue Kräfte für Jagd und Krieg zu sammeln, oder seine todbringenden Waffen schnitzte, aß und trank er, was unsere Hände für ihn bereitet hatten. Und wenn wir über unserem Mühlstein knieten oder die Felder aufharkten, vielleicht mit einem Kinde im Leibe und einem andern auf dem Rücken, arbeiteten, bis der junge Körper vorzeitig alterte - jammerten wir jemals, daß die uns zugeteilte Arbeit zu hart sei? Wußten wir nicht, daß das Weib, das sich seiner Bürde entledigte, dem Manne glich, der in der Schlacht seinen Schild wegwarf - ein Feigling und Verräter seines Volkes? Der Mann kämpfte - das war seine Aufgabe; wir ernährten und zogen das Geschlecht auf - das war die unsere. Wir wußten, daß von unserer Arbeit wie von der des Mannes das Leben und Wohlbefinden des Volkes abhing, das wir geboren hatten. Wir ertrugen unsere schwere Arbeit ruhig, wie der Mann seine Wunden, und wir waren zufrieden.

Dann kam wieder ein Wandel. Jahrhunderte vergingen, und es kam eine Zeit, wo nicht mehr alle Männer auf die Jagd oder in den Krieg mußten, wo nur einer von fünf oder von zehn oder von zwanzig fortwährend hiervon in Anspruch genommen wurde; da nahm unser Gefährte einen Teil unserer Arbeit auf sich; denn sein altes Arbeitsfeld bot nicht mehr genug Beschäftigung. Auch er begann das Feld zu bebauen, Häuser zu errichten, Korn zu mahlen, oder seine Sklaven mußten es tun; und die Harke, die Töpferscheibe und sogar der Mahlstein, den wir zuerst aufgelesen und geglättet hatten, um die Nahrung unserer Kinder zu mahlen, alles ging von unseren Händen in die seinen über. Das alte schöne Leben im Freien hatte für uns ein Ende; wir zogen uns in die Häuser zurück, wo die Zeit langsamer vergeht und die Welt trauriger erscheint als unter freiem Himmel; doch wir hatten unsere Arbeit und wir waren zufrieden. Wenn wir auch die Nahrung unseres Volkes nicht mehr unter unseren Händen reifen sahen, so bereiteten wir sie doch; wenn wir auch den Flachs und den Hanf nicht immer mehr selbst pflanzten und vorrichteten, so webten wir doch die Gewänder für die Unseren; wenn wir auch die Wände unserer Häuser nicht mehr errichteten, so bedeckten wir sie doch mit Teppichen, die das Werk unserer Hände waren. Wir brauten das Bier, kochten und verordneten die Heiltränke, die als Arzneien dienten, und unter unseren Augen wuchsen die Kinder, die wir geboren, heran von der Geburt bis zur Mannheit; ihre Stimme konnte uns immer erreichen. Wir saßen spinnend vor der Haustüre und blickten über die Felder hin, die wir einst selbst bestellt hatten - und wir waren zufrieden. Adlige, Bäuerinnen und Bürgersfrauen, wir alle hatten unser Teil Arbeit zugemessen!

Hätte man vor tausend Jahren irgendeine Edeldame gefragt, ob sie nicht in den Kampf ziehen wolle oder im Ratssaal Recht sprechen, oder neue Gesetze beraten wolle, sie hätte sicher geantwortet: »Bin ich verrückt, daß man solche Fragen an mich richtet? Habe ich nicht hundert Mägde am Spinnrad und am Stickrahmen sitzen? Muß ich nicht mit eigenen Händen Hunderten meiner Leute das Brot zuteilen? Geh in die große Halle und sieh dir die Teppiche an, die ich in jahrelanger Arbeit mit meinen Mägden geschaffen und an denen wir noch zwanzig Jahre zu arbeiten haben, daß sie meinen Kindeskindern einst Zeugnis ablegen von den großen Taten ihrer Vorväter. Geh in meine Vorratskammer und sieh die Salben und Heiltränke, die ich mit eigenen Händen bereitete, um meine Leute und die Kranken der Umgebung zu heilen. Es würde schlimm stehen, wenn die Männer heim kämen von Krieg und Kampf gegen wilde Tiere, müde und wund, und das Weibervolk wäre abwesend, um zu fechten und zu jagen, und niemand wäre da, ihre Wunden zu verbinden, ihr Mahl zu bereiten, den Haushalt zu führen und zu regieren. Weit eher könnte mein Herr und sein Gefolge uns in unserer Arbeit beistehen, als daß wir ihnen hülfen. Du hast wohl deinen Verstand verloren! Was sollte aus dem Lande werden, wenn die Frauen ihre Arbeit verließen?«

Und hätte man die Bürgersfrau gefragt, warum sie nicht im Laden ihres Mannes mitarbeite oder Waren auf den Markt oder in fremde Länder trüge, sie würde sicher geantwortet haben: »Raube mir meine Zeit nicht mit solchen Fragen. Das Brot ist im Backofen, ich rieche schon, wie es sich bräunt. Der Winter naht heran, meine Kinder brauchen wollene Unterkleider, und mein Mann braucht einen warmen Rock. Ich habe sechs Bottiche Bier zu brauen, meine Töchter muß ich spinnen und nähen lehren, und meine Jüngsten hängen an meinen Röcken. Und du fragst mich, warum ich nicht Arbeit außer Haus suche! Mein Gott, sollte ich meinen Haushalt verlassen und dann im Sommer verhungern und im Winter erfrieren und meine Kinder verwahrlosen lassen, während ich herumirre nach neuer Arbeit. Der Mann muß seinen Wanst gefüllt und etwas Warmes auf dem Leib haben, das ist das erste. Wer sollte spinnen und backen und brauen und die Kinder pflegen und erziehen, wenn ich in die Fremde zöge? Noch mehr Arbeit, wenn schon jetzt die Tage nicht reichen und ich bis in die Nacht hinein arbeiten muß! Ich habe keine Zeit mit Narren zu reden! Wer sollte für den Nachwuchs sorgen und ihn aufziehen, wenn nicht ich?«

Und das junge Mädchen, das an der Haustür am Spinnrad sitzt, sie hätte auf die Frage, wieso sie zufrieden wäre, warum sie nicht nach Arbeitsfeldern suche, sicher geantwortet: »Laß mich in Frieden, ich habe keine Zeit dir zuzuhören. Siehst du nicht, daß ich spinne, daß auch ich das eigene Heim ersehne? Ich webe das Linnen für meinen Haushalt, für die Jahre, die kommen. Die Schränke müssen gefüllt sein, ehe ich ans Heiraten denken darf. Du kannst es nicht hören; ich aber höre, wenn ich allein sitze und spinne zwischen dem Schnurren des Spinnrades in weiter Ferne die Stimme meiner noch ungeborenen Kinder, und sie rufen mir zu: »O Mutter, eile doch, wir wollen leben!« - und manchmal, wenn ich, über mein Rad hinweg, in die Sonne zu blicken scheine, sehe ich die Glut meines eigenen Kamins, und der Schein erhellt die Gesichter, die ihn umgeben; und ich spinne eifriger und schneller, wenn ich an die Zukunft denke. Und mich fragst du, warum ich nicht im Felde arbeite mit dem Burschen, den ich gewählt? Ist denn seine Arbeit wichtiger für die Errichtung unseres Heims, als die meine? O, unverdrossen will ich für ihn und meine Kinder arbeiten, viele, viele Jahre. Jetzt kann ich aber nicht länger mit dir plaudern. Die Stimmen meiner Kinder rufen, und ich muß mich beeilen. Und mich fragst du, warum ich nicht neue Arbeit suche, die ich alle Hände voll zu tun habe? Wer soll meinem Volk neue Menschen geben, wenn nicht ich?«

So hätte unsere Antwort in Europa in vergangenen Zeiten gelautet, wenn man uns gefragt hätte, wie es komme, daß wir mit unserem Arbeitsfelde zufrieden seien und nichts weiter suchten. Der Mann hatte seine Arbeit; wir hatten die unsere. Wir wußten, daß wir unsere Welt auf unseren Schultern trugen, und daß sie durch unserer Hände Arbeit gestärkt und erhalten wurde - und wir waren zufrieden.

Aber jetzt kam wieder ein Wandel.

Etwas ganz Neues trat in den menschlichen Arbeitskreis, und nichts blieb, wie es vorher gewesen.

Im Arbeitsfeld des Mannes hat sich der Wandel vollzogen und vollzieht sich immer rascher. Auf einem Stück Land, auf dem sich einst fünfzig Männer und Burschen mit Zugvieh plagten, arbeitet jetzt ein Dampfpflug, nur von wenigen Händen geführt, und eine automatische Mähmaschine schneidet, bindet und bereitet für den Speicher das Produkt von Feldern, das einst hundert starke Männerarme zur Ernte erfordert hätte. Die eisernen Werkzeuge und Waffen, von denen jedes einzelne Stück unsern Vorvätern monatelange, schwere Mühe kostete, bis das Metall aus dem Erz geschieden, geformt und gehärtet war, - sie werden jetzt von dampfgetriebenen Maschinen herausgeschüttet, wie aus dem Mühlbach das Wasser hervorschießt. Und sogar im Kriege, des Mannes ältestem und ureigenstem Gebiet, auch darin griff ein völliger Umsturz der alten Ordnung ein. Es gab eine Zeit, wo die Muskelkraft der Schenkel und Arme, die Größe und Stärke des Körpers hauptsächlich die Eignung des Mannes für den Krieg entschied, wo ein Achilles oder ein Richard Löwenherz den Feind vor sich herjagte, obwohl er nur mit einem Speer oder einer Streitaxt bewaffnet war; heute kann das schwächlichste Männchen in voller Sicherheit, hinter einer modernen Maximkanone postiert, eine Phalanx von Helden niedermähen, die ein griechischer Gott um ihre Arm- und Schenkelmuskeln beneidet hätte, die aber kraftlos hinsinken mußten, weil sie nicht die modernen Kriegswaffen besitzen. Die Tage, da der höchste Wert für die Menschheit in Krieg und Frieden in des Mannes Streck- und Beugemuskeln lag, sind vorbei für immer, und der Tag, da die Verfeinerung und Tätigkeit von Gehirn und Nerven die entscheidende Wichtigkeit besitzen, ist bereits erschienen. Der Geist eines einzigen lungenkranken deutschen Chemikers, der einen neuen Explosivstoff in seinem Laboratorium mischt, beeinflußt die Kriege der modernen Völker mehr, als zehntausend kämpfende Arme und Beine; und die Gehirntätigkeit eines Mannes, der eine arbeitsparende Maschine erfindet, verrichtet eine Arbeit, die sonst das Leben von Hunderttausenden seiner kräftigen Genossen ausgefüllt hätte.

Jedes Jahr, jeden Monat, fast jede Stunde zeigt sich wachsend dieser Umschwung auf den Gebieten moderner Arbeit, und immer tiefer sinkt der Wert der rohen Muskelkräfte von Menschen und Tieren auf dem Arbeitsmarkt, während geistige Kraft, Reife, Gewandtheit und jene Bildung, die zur Herrschaft über die leblosen Naturkräfte, zur Erfindung von Maschinen führt, im Verein mit der feinen Handfertigkeit, die zu deren Bedienung erforderlich ist, immer größere Wichtigkeit für die Menschheit erlangen. Schon stehen wir mit gespannter Erwartung am Vorabend einer Erfindung, einer einfachen, billigen Methode zur Dienstbarmachung verbreiteter, überall erreichbarer Naturkräfte (wie z.B. der Kraft von Ebbe und Flut). Dann wird plötzlich mit einem Schlage und für immer der schon im jetzigen Zivilisationsstadium verhältnismäßig geringe Wert roher, mechanischer, menschlicher Kraft verschwinden. Der physisch noch so kräftige Mensch, der, nach Art der Maschine, nichts kann als stoßen, ziehen und heben, wird auf den Gebieten menschlicher Arbeit keinen Wert mehr besitzen.

Daher sehen wir schon heute überall, wo die Bedingungen moderner Zivilisation vorherrschen und in dem Maße in dem sie vorherrschen, überall wo die Kräfte des Dampfes, der Elektrizität, des Windes und Wassers durch menschlichen Geist als Bewegungskräfte in den Dienst der Vervollkommnung menschlicher Arbeit gezwungen sind, wo fein angepaßte, wissenschaftlich konstruierte Maschinen an die Stelle einfacher Handarbeit getreten sind, in der ganzen Welt große Gruppen von Männern, denen ihre alten Arbeitsgebiete entschwunden sind oder im Begriff sind zu entschwinden, und die vor der Tatsache stehen, daß die moderne Welt weder Platz noch Bedarf für sie hat.

Je mehr unsere Zivilisation fortschreitet, um so mehr finden wir an unseren Hafenplätzen, in den Straßen und auf den Feldern überall Männer, deren Gestalt und Körperkraft sie in primitiveren Zeiten als Krieger zu unschätzbaren Mitgliedern der Gemeinschaft gemacht hätte, und die selbst noch in Zeiten geringerer Zivilisation als der unseren wertvoll als Arbeitsmaschinen gewesen wären, heute aber, mangels intellektueller oder manueller Ausbildung, der Gesellschaft keine wirklich notwendige Leistung zu bieten haben und daher das große »Heer der Arbeitslosen« bilden - Menschen, deren einziger Besitz an Fähigkeiten bei ihren Nebenmenschen so wenig Anwert findet, daß sie trotz intensivster physischer Anstrengung kaum das Nötigste verdienen. Die materiellen Lebensbedingungen haben sich rapid verändert, aber der Mensch nicht mit ihnen. Maschinen haben größtenteils sein Arbeitsfeld eingenommen; er aber hat kein neues dafür gefunden.

Von diesen Männern, die, vom allgemein menschlichen Standpunkt betrachtet, oft zu den liebenswürdigsten und interessantesten Typen gehören, und die in primitiveren Zeiten, wo physische Kraft als Hauptfaktor galt, vielleicht die Führer, Helden und Häuptlinge ihres Volkes gewesen wären, von diesen geht in der modernen Welt der bittere Schrei der Arbeitslosen aus: »Gebt uns Arbeit, wir sterben.« 4)

Und doch ist es nur ein Teil, und zwar ein verhältnismäßig kleiner Teil der Männer der modernen, zivilisierten Welt, auf die der Umschwung der materiellen Lebensbedingungen so gewirkt hat, daß er sie um alle nützliche Beschäftigung gebracht und sie gänzlich oder teilweise unnütz für die Gesellschaft gemacht hat. Wenn die Arbeitsgelegenheit des modernen Mannes auf der einen Seite, der physischen, abgenommen hat, so hat sie auf der anderen, der intellektuellen, unermeßlich zugenommen. Wenn Maschinen und die Herrschaft über die Naturkräfte des Mannes physische Kraft verhältnismäßig entwerteten, so wuchs die Nachfrage nach seinen geistigen Fähigkeiten, seiner nervösen Energie und nach feinerer manueller Geschicklichkeit in der Arbeit des täglichen Lebens ins Unabsehbare.

Nach zahllosen neuen Richtungen eröffneten sich dem modernen Manne ehrende und einträgliche soziale Arbeiten, von denen sich seine Ahnen nichts träumen ließen, und täglich wachsen sie noch an Zahl und Wichtigkeit. Dampfschiff, hydraulischer Lift, Eisenbahn, elektrische Trambahn, Dampfmühle, Maximgeschütz und Torpedoboot mögen, wenn sie fertig sind, ihre Arbeit mit Leitung und Hilfe verhältnismäßig weniger Hände verrichten; aber zu ihrer Erfindung, Konstruktion und Erhaltung bedarf es einer ganzen Armee von Gelehrten, Technikern und tüchtig geschulten Arbeitern. Im Bereich der Kunst, Wissenschaft, Literatur und vor allem in der Politik und Verwaltung hat eine fast unendliche Vermehrung der Männerarbeit stattgefunden. Während in primitiver Zeit die Frau oft der einzige Baumeister war und die Muster, die sie auf die Wände ihrer Hütte oder auf irdene Gefäße kleckste, die einzigen Versuche bildender Kunst waren, und während später wenige Männer genügten, um da oder dort ein Königsschloß, ein Gotteshaus zu errichten oder es mit Statuen und Bildern zu schmücken, ist heute eine Millionen starke Armee beschäftigt, bildende Kunst zu schaffen, hohe und niedere, vom Plakat und den Illustrationen in Pfennigjournalen bis zu den Bildern und Statuen, welche unsere Nationalgalerien schmücken, und die einst nur jagenden und kämpfenden Männer haben ein mächtig großes Arbeitsfeld gewonnen. Wo einst eine alte Wunderdoktorin vielleicht das einzige Geschöpf in der ganzen Gegend war, das die Naturkräuter und Gesteine studierte, oder ein Zauberer, der mit Giften experimentierte, weit und breit das einzige Individuum, das sich mit der Natur beschäftigte, und wo früher ein paar Dutzende von Alchimisten und Astrologen die Zusammensetzung der Stoffe oder die Bewegung der Planeten studierten, da arbeiten heute Tausende in jeder zivilisierten Gesellschaft daran, die Geheimnisse der Natur zu enträtseln, und der praktische Chemiker, der Arzt, der Anatom, der Ingenieur, der Astronom, der Mathematiker, der Elektriker bilden eine mächtige und immer einflußreichere Armee von männlichen Arbeitern. Wo einst ein Barde die Nation mit Literatur versorgte oder später einige Tausende Priester und Gelehrte für die wenigen schrieben, die lesen konnten, da arbeitet heute eine Menge von Literaten, zahllos wie ein Heuschreckenschwarm. Vom Reporter bis zum Künstler und Denker, für alle wächst stündlich die Nachfrage nach ihrer Arbeit. Wo einst ein Ausrufer mit starken Beinen und kräftigen Lungen genügte, um die Neuigkeiten in Stadt und Land zu verbreiten, da sitzen heute eine Menge von Männern, um die Spalten der Morgenblätter zu füllen, und Hunderte von Schriftsetzern sind bis tief in die Nacht mit einer Arbeit beschäftigt, die mehr manuelle und geistige Kultur verlangt, als die meisten Führer und Könige alter Zeit besaßen. Sogar im Kriegshandwerk, dem brutalsten und primitivsten aller Geschäfte, das auf der zivilisierten Welt noch aus ihrem Zustand der Wildheit lastet, auch darin ist der Bedarf an geistiger Arbeit ganz außerordentlich. Die Erfindung, Konstruktion und Herstellung einer Kruppkanone, deren Abfeuerung kaum mehr Muskelkraft erfordert, als ein Wilder zum Werfen seines Bumerangs braucht, ist das Resultat unendlicher Mühe und Gedankenarbeit, weit größerer als die Herstellung aller Waffen einer primitiven Armee kostete. Vor allem aber auf dem Gebiete der Politik und Verwaltung, wo einst ein König oder eine Königin mit einigen Räten die Herrschaftsführung und Gesetzgebung ausübten, ist es heute, dank der schnellen Verkehrsmittel, der Druckerpresse und der daraus sich ergebenden Verbreitung politischer und sozialer Kenntnisse, zum erstenmal für jeden Erwachsenen der Gemeinschaft möglich geworden, über alle öffentlichen Angelegenheiten stets genau informiert zu sein, und in allen Kulturstaaten ist jeder einfache Mann fast gezwungen, seinen, wenn auch kleinen Teil, an den Pflichten und Arbeiten der Gesetzgebung und Regierung zu übernehmen. So erschloß sich der großen Menge der Männer ein weites Arbeitsgebiet, von dem sich ihre Ahnen nichts träumen ließen. Die Veränderung, welche die Zivilisation hervorgerufen hat, erweiterte das Feld männlicher Arbeit nach jeder Richtung unendlich, während nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl von Männern, die der Gesellschaft nichts als ihre Muskelkraft zu bieten hatten, dadurch viele und unverdiente Leiden erdulden mußten. Solange die Welt besteht, war das Gebiet männlicher Berufsarbeit niemals so vielfältig, interessant und in seinen Resultaten für die Gesellschaft so wichtig wie jetzt; niemals war im großen und ganzen das männliche Geschlecht so voll und angestrengt beschäftigt wie heute.

Wie in früheren Gesellschaftszuständen eine ungeheure, fast niederschmetternde Last der wichtigsten physischen Arbeit der Frau zufiel, so fällt heute unter den wohlhabenden und hochzivilisierten Klassen ein ungebührlich großer Anteil dem Manne zu. Der dem modernen Letten eigene, ungesunde Zustand, welcher Gehirn und Nerven angreift und das Leben Tausender unserer Gesellschaft verkürzt, gemeinhin als »Überanstrengung« oder »Nervöse Erschöpfung« bekannt, ist nur ein Beweis des Übermaßes der geistigen Arbeit der Männer unserer gebildeten Klassen, die nicht nur sich, sondern auch eine Anzahl vollständig parasitischer Frauen zu erhalten haben. Was aber auch das den Mann betreffende Resultat des Umschwunges in der modernen Zivilisation sein mag, er kann sicher nicht klagen, daß er des Arbeitsfeldes beraubt wurde, daß sein Anteil an den Geschäften des Lebens vermindert wäre oder daß er zu krankhafter Untätigkeit verurteilt worden sei.

Ganz anders gestalteten sich die Dinge im Arbeitsfelde der Frau! Der Wandel in den letzten Jahrhunderten, den wir in dem vielsagenden Wort »moderne Zivilisation« zusammenfassen, führt dahin, die Frau nicht nur teilweise, sondern gänzlich der wichtigsten ihrer alten Domänen produktiver und sozialer Arbeit zu berauben, und wo sie nicht entschlossenen und zielbewußten Widerstand leistete, eröffnete sich ihr nirgends spontan neue und ausgleichende Gelegenheit zur Arbeit.

Diese Tatsache ist es, die unser modernes »Problem der Frauenarbeit« bildet.

Unsere Spinnräder sind zerbrochen; in Tausenden von Riesengebäuden produzieren dampfgetriebene Webstühle, von mehreren hunderttausend, oft männlichen Händen bedient, die Bekleidung der halben Welt, und wir dürfen nicht mehr, wie ehedem, stolz sagen, daß wir und wir allein unser Volk bekleiden.

Unsere Harken und Mahlsteine hatten wir schon längst an den Pflüger und Müller abgegeben; aber eine Zeitlang war uns noch der Backtrog und die Braukufe geblieben. Heute wird unser Brot oft in der Fabrik mit Dampfkraft geknetet, und die fertigen Laibe werden uns ins Haus gestellt, vielleicht mittels eines von Männerhand geleiteten Motorwagens! Die Entstehung unserer Getränke kennen wir nicht mehr; wir sehen sie erst bei Tische. Von Tag zu Tag nehmen maschinenbereitete, in Fabriken gefertigte Nahrungsmittel einen größeren Raum sowohl im Haushalt der Reichen, wie der Armen ein. Die Arbeiterfrau wird bald nur wenig Selbstbereitetes auf ihren Tisch setzen; in den wohlhabenden Klassen aber haben sich die Dinge derart verändert, daß man nicht selten Männer in Haus und Küche arbeiten oder bei Tisch hinter unseren Stühlen stehen sieht und uns Frauen nichts zu tun übrig bleibt, als den Bissen zwischen unsere weiblichen Lippen zu stecken. Das Heer rosiger Milchmägde ist dahin für immer, um den Milchzentrifugen und den größtenteils von Männerhänden bedienten Buttermaschinen Platz zu machen. In jeder Beziehung wird mit fortschreitender Zivilisation die alte Redensart, daß die Bereitung der Lebensmittel ausschließlich Sphäre der Frau sei, zur veralteten Lüge.

Selbst die untergeordneten häuslichen Beschäftigungen werden bald nicht mehr in den Kreis der Frauenarbeit fallen. In den modernen Großstädten läßt man durch Maschinen oder außerhäusliche, oft männliche Arbeitskräfte Teppiche klopfen, die Fenster putzen, die Fußböden bürsten. Und auch bei der Herstellung der Bekleidung greift die Veränderung schon viel weiter, als bloß auf die Vorrichtung des Materials. Schon beginnt die Nähmaschine im Hause, die fast ganz die alte Nähnadel verdrängt, zu veralten, und die Tausende von einer Zentraldampfkraft getriebenen Maschinen der Fabriken versorgen nicht nur Mann und Sohn, sondern die Frau selbst mit fast allen Einzelheiten ihrer Kleidung von der Unterjacke bis zum Mantel. In den wohlhabenden Klassen sind männliche Kostümzeichner und Hunderte männlicher Schneider und Putzmacher daran, dem alten Märchen, daß die Herstellung der Gewänder für sich und ihre Familie ausschließlich Aufgabe der Frau sei und einen Teil ihrer häuslichen Arbeit bilde, endgültig den Garaus zu machen.

Jahr für Jahr, Tag für Tag engt sich unmerklich, aber entschieden die Sphäre weiblicher Hausarbeit mehr und mehr ein, und diese Einengung schreitet genau im Verhältnis mit jenen komplizierten Tatsachen fort, die wir »moderne Zivilisation« heißen.

Sie zeigt sich deutlicher in England und Amerika, als in Italien oder Spanien, mehr in den großen Städten, als am flachen Land, mehr unter den wohlhabenden Klassen, als unter den Besitzlosen und ist ein untrügliches Zeichen dieser fortschreitenden modernen Zivilisation. 5)

Aber nicht nur und nicht hauptsächlich auf dem Gebiet der Hausarbeit haben die Veränderungen die Frauen berührt und ihr altes Arbeitsfeld eingeschränkt. Es gab eine Zeit, da die Frau ihre Kinder unter den Augen behielt, bis sie erwachsen waren. Ihrer Erziehung, ihrem Einfluß dankten sie ihr Wesen. Von dem ersten Augenblick, da das Kind an ihrer Brust lag, bis die Tochter das Haus verließ, um zu heiraten und der Sohn in die Reihe der Männer trat, standen die Kinder fortwährend unter dem Einfluß der Mutter. Heute aber sind selbst die einfacheren und formalen Zweige der Erziehung so kompliziert geworden, so gewaltig und unnachsichtig sind die Forderungen der modernen Zivilisation an die spezialisierte Unterweisung und Erziehung jedes einzelnen, der unter den heutigen Lebensbedingungen bestehen und sich nützlich erweisen soll, daß das Kind von den frühesten Lebensjahren an größtenteils den Händen der Mutter entzogen und verschiedenen eigens geschulten Erziehern übergeben wird. Bei den besitzenden Klassen wird das Kind, kaum geboren, in die Hände einer geschulten Pflegerin gelegt, aus denen es in die des geprüften Erziehers gelangt; mit neun oder zehn Jahren verläßt in manchen Ländern der Knabe für immer das Elternhaus, um in eine Erziehungsanstalt, dann ins College und auf die Universität zu kommen; während das Mädchen unter der Aufsicht von Erzieherinnen und Dienerinnen aufwächst und seine Erziehung und Bildung meistenteils auch nur in geringem Maße dem mütterlichen Einfluß dankt. In den besitzlosen Klassen wieder entzieht zuerst der Kindergarten und die Volksschule, später die Schulung für ein Handwerk oder Gewerbe den Sohn und oft auch die Tochter ebenso vollständig der mütterlichen Aufsicht, und das um so mehr, je weiter die Zivilisation fortschreitet. So auffallend ist der Wandel auf diesem ehemaligen Gebiet weiblicher Tätigkeit, daß fast in allen Ständen Frauen, die mehrere Kinder zur Welt gebracht haben, in noch mittleren Jahren allein in ihrem leeren Hause sitzen, weil all ihre Kinder in der Fremde sind, um ihre Erziehung und Bildung von anderen zu erhalten. Die alte Behauptung, daß die Erziehung und Bildung der Kinder ausschließlich die Aufgabe der Mütter sei, so wahr sie in bezug auf die ferne Vergangenheit sein mag, ist jetzt vollständig unrichtig; und die Frau, die heutzutage darauf bestehen würde, ihr Kind ganz allein zu erziehen, würde es in neun Fällen von zehn unverbesserlich schädigen, weil sie dazu unfähig ist.

Aber womöglich noch tiefer und einschneidender haben die Veränderungen der modernen Zivilisation unser altes Leistungsgebiet in einer andern Richtung ergriffen - in jenem Teil menschlichen Schaffens, das unser besonderes und ureigenstes ist und uns niemals ganz genommen werden kann. Hier ist die Einschränkung größer als in irgendeiner andern Richtung und berührt uns als Frauen am wesentlichsten.

Es gab eine Zeit - und heute noch ist es so bei allen primitiven und wilden Völkern -, da die erste und wichtigste Pflicht der Frauen gegenüber der Gesellschaft die war, zu gebären, viel zu gebären, unablässig zu gebären! Von der hinreichenden und wiederholten Erfüllung dieser passiven Leistung und von dem erfolgreichen Nähren und Aufziehen der Jungen an der Mutterbrust hing nicht nur die Wohlfahrt, sondern oft auch die Existenz des Stammes und Volkes ab. Wo, wie es fast bei allen barbarischen Völkern der Fall ist, die Kindersterblichkeit eine hohe ist, wo die fortwährenden Unfälle durch Krieg, Jagd und Gewaltakte die Zahl der erwachsenen Männer vermindert, wo die wundärztliche Kunst noch so in den Kinderschuhen steckt, daß die meisten Wunden todbringend werden, wo vor allem immer wiederkehrende Pest und unvorhergesehene Hungersnot, vor der es kein Entrinnen gab, das Volk dezimierten, war es von der höchsten Wichtigkeit, daß die Frau ihre schöpferische Kraft bis zur äußersten Grenze anstrengte, wenn das Geschlecht nicht auf einmal hinschwinden und aussterben sollte. »Möge der Leib deines Weibes nie aufhören zu gebären«, ist noch heute der höchste Ausdruck des Wohlwollens seitens eines afrikanischen Häuptlings gegenüber dem scheidenden Gast. Denn nicht nur das Wohl und die Stärke ihres Volkes als Ganzes fördert die fruchtbare Frau in primitiven Gesellschaftszuständen, sondern auch das ihres eigenen männlichen Gefährten und ihrer Familie. Wo die sozialen Lebensverhältnisse so einfach sind, daß außer dem Gebären und Säugen des Kindes auch seine Pflege und Ernährung während der Kindheit fast ausschließlich Arbeit und Sache der Mutter ist und seine Erziehung und Bildung der Familie oder dem Stamm keinerlei Auslagen verursacht, überwiegt der Wert der Erwachsenen sowohl für den Staat als den einzelnen Mann unendlich die Mühen und Kosten der Aufzucht, die fast ganz der Mutter zufallen. Der Mann, der mit seinen zwanzig Kindern zwanzig künftige Krieger und Arbeiter besitzt, ist um soviel reicher und mächtiger als der, der bloß eines hat; der Staat aber, dessen Frauen fruchtbar sind und für ihre Kinder arbeiten und sie großziehen, ist sichergestellt gegen Untergang. Ununterbrochenes und ausdauerndes Kindergebären ist demnach wirklich die höchste Pflicht und die sozial höchstgewertete Tätigkeit der primitiven Frau, die in ihrer Wichtigkeit für die Allgemeinheit die Arbeit des Mannes in Krieg und Jagd vollkommen aufwiegt. Selbst in jenem Kulturzustand, der in den Jahrhunderten herrschte, die zwischen primitiver Wildheit und hoher Zivilisation lagen, war die Forderung nach fortgesetztem unablässigen Kindergebären als höchste soziale Pflicht der Frau im ganzen kaum weniger gebieterisch. Während des Mittelalters und fast bis zu unseren Tagen herab war in Europa die Kindersterblichkeit beinahe ebenso groß wie im Zustand der Wildheit; medizinische Unwissenheit zerstörte unzählige Leben; da die antiseptische Wundbehandlung noch unbekannt war, verliefen ernstliche Verwundungen fast noch immer tödlich; bei dem niedrigen Stand der Hygiene waren Seuchen, wie die zur Zeit Justinians, die sich über die ganze zivilisierte Welt von Indien bis nach Norwegen verbreitete und nahe daran war, den Erdball zu entvölkern, oder wie der »schwarze Tod« von 1349, der in England allein mehr als die Hälfte der Inselbewohner dahinraffte, nur extreme Formen der chronischen Menschenvernichtung durch Infektionskrankheiten; dazu waren die Kriege nicht nur weit häufiger, sondern zerstörten infolge der Hungersnöte, die sie fast unfehlbar nach sich zogen, noch viel mehr Menschenleben, als in unsern Tagen, und gewaltsame Tötungen sowohl seitens des Staates, als infolge persönlicher Feindseligkeiten waren etwas Alltägliches in allen Ländern. Unter diesen Verhältnissen würde die Enthaltung der Frauen von unablässigem Kindergebären fast zu denselben ernsten Folgen der Verminderung oder selbst des Aussterbens ihres Volkes geführt haben; wie in der Periode der Wildheit. Auch hing der Bestand der Zivilisation dieser Zeit von der Hervorbringung einer immensen Zahl von Individuen ab, die sich als Lasttiere mit ihrer rohen Muskelkraft in den Dienst der Landarbeit und des Gewerbes stellten und ohne die jene Zwischenstufen der Zivilisation bei dem Mangel von Maschinen unmöglich gewesen wären. Zwanzig Männer mußten geboren, an der Mutterbrust genährt und aufgezogen werden, um jene grobe Arbeit zu verrichten, die heute ein kleiner, gut gebauter Dampfkrahn leistet, und der Bedarf an großen Massen menschlicher Geschöpfe als bloße Kraftreservoire zur Verrichtung der einfachsten Prozesse war eine Notwendigkeit. So stark war tatsächlich das Bewußtsein der gesellschaftlichen Notwendigkeit fortwährenden Gebärens durch die Frau, daß Luther noch in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts schrieb: »Wenn eine Frau erschöpft wird und endlich stirbt, weil sie Kinder gebärt, so tut es nichts; laßt sie nur am Gebären sterben, denn dazu ist sie da,« und er gab damit zweifellos, wenn auch in einer etwas ungeschliffenen und brutalen Form, einer Anschauung Ausdruck, die von der Mehrzahl seiner Zeitgenossen, Männern wie Frauen, geteilt wurde.

Heute haben sich diese Verhältnisse fast vollständig umgekehrt.

Die Fortschritte der Wissenschaft und die Verbesserungen der physischen Lebensbedingungen führen zu einer rapiden Abnahme der Sterblichkeit unter den Menschen. Die Kindersterblichkeit ist bei den oberen Ständen in den modernen Staaten um mehr als die Hälfte gesunken, und auch in den besitzlosen Klassen beginnt sie, wenn auch langsam, zu fallen. Durch die zunehmende Kenntnis der, Gesetze der Hygiene ist die Entvölkerung durch Seuchen bei allen zivilisierten Völkern zu einer Sache der Vergangenheit geworden, und die Entdeckungen der nächsten zwanzig oder dreißig Jahre werden wahrscheinlich auch die Gefahren der Infektionskrankheiten für immer bannen. Hungersnöte jener verzweifelten Art früherer Zeiten sind eine Unmöglichkeit geworden, da die schnellen Verkehrsmittel den Mangel des einen Landes mit dem Überfluß des andern decken; Kriege und Gewalttaten, die zwar noch nicht ganz verschwunden sind, sind doch schon zu Episoden im Leben der Völker wie der Individuen geworden; während durch die großartigen Fortschritte der Chirurgie und Antiseptik die Folgen von Verwundungen und Verstümmelungen nur zum kleinen Teil mehr tödlich sind. All diese Veränderungen haben dahin geführt, die Sterblichkeit zu vermindern und das Menschenleben zu verlängern, so daß es schon heute für ein Volk möglich ist, mit einem verhältnismäßig kleinen Aufwand an weiblicher Lebenskraft für die passive Leistung des Gebarens nicht nur seine Zahl zu erhalten, sondern sie zu vermehren.

Aber noch bedeutender hat sich die Anforderung an die weibliche Gebärkraft durch den Wandel in einer anderen Beziehung vermindert.

Jede technische Erfindung, durch die der Bedarf an grober, ungelernter menschlicher Muskelkraft abnimmt, vermindert auch die soziale Anforderung an die Frau, große Massen derartiger Arbeiter hervorzubringen. Wir haben schon durchweg in der modernen zivilisierten Welt einen Punkt erreicht, an dem nicht mehr ein Bedarf nach menschlichen Geschöpfen besteht, die im großen ganzen nur als Lasttiere verwendet werden, sondern eher und ausschließlich nach Individuen, die sich durch ihre Erziehung und Bildung zur Verrichtung der komplizierten Pflichten des modernen Lebens eignen. Was wir gegenwärtig brauchen, sind nicht mehr viele Menschen, sondern lieber wenige, aber diese wenigen wohlentwickelt von Geburt und durch Erziehung.

Die Frau, die heute zwölf Kinder zur Welt bringt und säugt und sie dann ihrer Gemeinde oder der Familie überläßt, wird mit Recht als ein Fluch und Schädling, nicht als eine produktive Kraft dieser Gesellschaft betrachtet werden. Tatsächlich ist es in der modernen Welt so schwer und kostspielig geworden, auch nur ein Individuum so aufzuziehen und auszubilden, wie es der Kampf mit den Kompliziertheiten und Schwierigkeiten unseres Daseins erfordert, daß sowohl für Familie als Staat grenzenlose Fruchtbarkeit der Frau in der Mehrzahl der Fälle ein nicht gutzumachendes Übel bedeutet. Der Handarbeiter, der mit größten Opfern seine Kinder bis zum zwölften oder vierzehnten Jahr erhalten und erziehen muß, wenn sie sich nur irgendwie als Arbeiter fortbringen sollen, bricht, wenn die Familie groß ist, oft unter der Last zusammen und muß seine Sprößlinge zu verwahrlosten, ununterrichteten, unnützen Geschöpfen werden lassen. Für den Mann der gebildeten Stände, der gezwungen ist, durch geistige Arbeit mit riesigen Kosten seine Söhne, bis sie zwanzig Jahre und darüber sind, zu verpflegen und auszubilden und die Töchter oft, wenn sie nicht heiraten, ihr Leben lang zu erhalten, ist eine große Familie nicht weniger verhängnisvoll. Der Staat aber, dessen Frauen unbekümmert große Massen von Individuen gebären, mehr als sie zu ernähren und aufzuziehen imstande sind, ginge der Gefahr des Ruins entgegen. Für die moderne Frau lautet das Gebot nicht mehr einfach: »Du sollst Kinder gebären«, sondern vielmehr: »Du sollst nicht mehr Kinder gebären, als du ordentlich erhalten und erziehen kannst«. Die Frau, die heute mit zwölf Kindern vor dem Tor des Werkhauses oder vor der Armenbehörde erschiene und für sich und die Kinder anständigen Unterhalt fordern würde als Entgelt ihrer Leistung, die Kinder zur Welt gebracht zu haben, würde kaum viel Gehör finden. Und der moderne Mann, den man heute an seinem Hochzeitstag den guten Wunsch von ehedem darbringen würde, er möge Vater von zwanzig Söhnen und zwanzig Töchtern werden, würde dies eher als Fluch, denn als Segensspruch betrachten. Es ist sicher, daß die Zeit herannaht, da Kindergebären nicht mehr als eine Leistung an sich angesehen wird, die unter allen Bedingungen für die Gesellschaft von Vorteil ist, sondern vielmehr als ein hohes Privileg, das nur jenen zukommt, die ihre Fähigkeit beweisen, ihre Sprößlinge rechtschaffen zu erziehen und zu versorgen. 6)

Teils infolge dieser verminderten Forderung nach Nachwuchs, die aus den außerordentlichen Schwierigkeiten und Kosten der Ernährung und Erziehung entsteht, teils infolge noch vieler anderer verwickelter sozialer Verhältnisse, auf die wir später zurückkommen, sind Millionen von Frauen unserer modernen Gesellschaft gezwungen, nicht nur vollkommen kinderlos, sondern auch ohne Geschlechtsverbindung welcher Art immer, durchs Leben zu gehen; während ein anderes großes Heer von Frauen durch die Verschrobenheit unserer Zivilisation auf Geschlechtsverbindungen angewiesen ist, die tatsächlich das Gebären ausschließen und deren einzige Frucht körperliches und moralisches Verderben ist.

So ist es gekommen, daß Frauen in großer Menge durch die modernen Gesellschaftsverhältnisse überhaupt vom Gebären ausgeschlossen sind, und daß selbst jene, die gebären, im Verhältnis zu dem Grade der Zivilisation ihrer Klasse oder Rasse in der Zahl ihres Nachwuchses beschränkt sind, so daß auch für sie das Kindergebären und Säugen nicht mehr das ganze Frauenleben von der Pubertät bis zum Ende des mittleren Lebensalters ausfüllt, sondern zu einer vorübergehenden Beschäftigung wird, die drei bis vier, höchstens zehn bis zwanzig von den siebzig Jahren des menschlichen Lebens einnimmt. Unter solchen Umständen ist die Behauptung (die vollkommen richtig ist, solange es sich um wilde Völker handelt, und selbst noch zutreffend in bezug auf die Zwischenstadien der Zivilisation), daß die hauptsächliche und fortdauernde Beschäftigung aller Frauen von der Reife bis ins Alter das Gebären und Nähren der Kinder sei, und daß diese Beschäftigung alle ihre Ansprüche an soziale Arbeit und Leistung voll und ganz befriedige, zu einer veralteten und vollständigen Unwahrheit geworden. 7)

Wenn wir die Dinge rund um uns her mit der größten Unparteilichkeit betrachten, so finden wir, daß das ganze Gebiet ehemaliger und traditioneller Frauenarbeit um volle drei Viertel seines Umfanges für immer zusammengeschrumpft ist, und daß das restliche Viertel dahin neigt, sich noch mehr einzuengen.

Diese große, so oft völlig übersehene Tatsache ist es, die als treibende Kraft der mächtigen, rastlosen »Frauenbewegung«, die unsere Zeit kennzeichnet, zugrunde liegt. Diese Tatsache ist es, die, ob nun klar und verstandesmäßig erfaßt, oder, wie es viel öfter der Fall, nur unklar und schmerzlich gefühlt, in den Herzen der tüchtigsten Frauen des modernen Europa den leidenschaftlichen, manchmal unlogisch scheinenden Ruf nach neuen Arbeitsformen und neuen Tätigkeitsgebieten auslöst.

In streng logische Form gebracht, ist unsere Forderung: Wir verlangen nicht, daß das Rad der Zeit sich zurückdrehe oder der Strom des Lebens nach rückwärts fließe. Wir verlangen nicht, daß unsere alten Spinnräder wieder hergestellt und in unsere Hände gelegt werden sollen; wir verlangen nicht, daß unsere alten Mühlsteine und Harken uns wiedergegeben werden, oder daß der Mann wieder ganz in sein altes Bereich von Krieg und Jagd zurückkehre und uns alle häusliche und bürgerliche Arbeit überlasse. Wir fordern nicht einmal, daß die Gesellschaft sich unmittelbar so umgestalte, daß jede Frau wieder Kinder gebären kann (so tief und überwältigend die Sehnsucht nach Mutterschaft in jedem reifen weiblichen Herzen lebt!), noch fordern wir, daß die Kinder, die wir zur Welt bringen, wieder ausschließlich unserer Erziehung überlassen bleiben sollen. Wir wissen, daß das alles nicht sein kann. Die Lebensbedingungen der Vergangenheit sind tot für uns; kein Menschenwille kann sie wiedererwecken. Aber dieses ist unsere Forderung: In dieser neuen fremden Welt, die gleicherweise für Männer und Frauen erstanden ist, wo nichts ist; wie es war und alle Dinge neue Gestalt und neue Beziehungen annehmen, in dieser neuen Welt wollen auch wir unsern Teil ehrenvoller und sozial nützlicher Tätigkeit erhalten, die volle Hälfte der Arbeit aller, die vom Weibe geboren sind. Wir fordern nichts mehr als dies und werden uns mit nichts weniger zufrieden geben. Dies ist unser »Frauenrecht«!

II. PARASITISMUS

Werden in Zukunft Maschinen und die gefesselten Naturkräfte bei der Erzeugung der Nahrung und Kleidung der Nationen die Stelle von Menschenhänden vertreten und diese Industriezweige nicht länger die häusliche Arbeit bilden? Nun, dann fordern wir in der Fabrik, im Warenhaus, auf allen Gebieten, wo immer die Maschine von unseren alten Arbeitsfeldern Besitz ergriffen hat, unseren Platz als Leiter, Aufseher, Besitzer. Wird Kindergebären nur mehr die Aufgabe eines Teiles unseres Geschlechtes bilden? Nun, dann fordern wir für jene unter uns, die zugestandenermaßen nicht daran Teil haben, Ersatz und gleich ehrenvolle und wichtige Felder sozialer Arbeit. Wird die Aufzucht menschlicher Wesen eine immer beschwerlichere und mühevollere Aufgabe, ihre Erziehung und Bildung immer mehr eine hohe, Vielseitigkeit und Wissen erfordernde Kunst? Ist es so, dann fordern wir diese hohe und vielseitige Bildung und Erziehung, die uns befähigt, das Geschlecht, das wir zur Welt bringen, auch zu erziehen. Wird die Notwendigkeit, Kinder in die Welt zu setzen, sich so verringern, daß selbst jene unter uns, die Gebärerinnen sind, nicht mehr als ein halb Dutzend von den siebenzig Jahren eines menschlichen Lebens damit ausfüllen? Nun, dann fordern wir andere Gelegenheit zur Betätigung, um die übrige Zahl der Jahre mit Würde und Wert zu erfüllen. Wird geistige Arbeit immer mehr und in höherem Grade an Stelle roher Muskelkraft treten? Nun, dann fordern wir Bildung und Handlungsfreiheit, die allein uns Lebenserkenntnis und geistige Kraft und Stärke geben, uns befähigen können, denselben Teil der geistigen Arbeit auf uns zu nehmen, den wir früher an physischer Arbeit im Leben verrichtet haben. Werden künftig nicht mehr Könige und Königinnen, sondern die Massen der Völker die Beherrscher des Menschengeschlechts sein? Dann fordern wir, als die Hälfte des Volkes, unseren vollen Königinnenanteil an den Pflichten und der Arbeit der Regierung und Gesetzgebung. Langsam, aber sicher, so wie die alten Arbeitsfelder sich verschließen und hinter uns versinken, fordern wir den Eintritt in die neuen.

Wir erheben diese Forderung nicht allein um unsertwillen, sondern zum Wohle der Menschheit.

Ein Reiter, der allein in finsterer Nacht durch unbekanntes Land reist, dem mag es geschehen, daß er plötzlich sein Pferd unter sich scheuen fühlt, ja, daß es sich aufbäumt und ihn fast zur Erde schleudert. In der Finsternis wird er dem Tiere fluchen und meinen, es wolle ihn einfach abwerfen, um sich für immer von seiner Last zu befreien. Aber, wenn dann der Morgen anbricht und die Hügel und Täler beleuchtet, die er durchwandert hat, wird er rückwärts blickend erkennen, daß die Stelle, an der sein Tier gescheut hat, an der es wie festgenagelt stehen blieb und an der es sich weigerte, auf dem alten Weg zu bleiben, tatsächlich der Rand eines gewaltigen Abgrunds war. Ein Schritt weiter, und Roß und Reiter wären hinabgestürzt. Und er wird sich sagen, daß ein Instinkt, weiser als sein eigener, das Tier im Dunkel geleitet hatte, es zurückweichen und einen neuen Pfad suchen ließ, auf dem sie beide vorwärts konnten. 8)

In der Verwirrung und der Dunkelheit der Gegenwart mag es manchem scheinen, daß die Frau in ihrem Streben nach neuen Wegen und Arbeitsgebieten nur von unverantwortlichem Impuls getrieben sei, oder daß sie selbstsüchtig nur ihren eigenen Vorteil im Auge habe auf Kosten der Menschheit, für deren Gedeihen sie so lang und treulich gesorgt hat. Aber, wenn eine hellere Zukunft anbricht und die verdunkelnden Nebel der Gegenwart zerstreut, wird es sich dann nicht klar erweisen, daß die Frau nicht für sich allein, sondern für die ganze Menschheit neue Wege gesucht hat?

Betrachten wir genau, welche Stellung wir Frauen, die wir heute neue Arbeitsfelder und eine Umgestaltung unserer Lebensverhältnisse verlangen, einnehmen.

Man sagt oft, daß das Problem der Arbeit der Frau und das des beschäftigungslosen, halb oder unnütz beschäftigten Mannes genau das gleiche wäre, und daß daher mit der Lösung des Problems der Arbeit für den Mann unserer Zeit auch das der Frau notwendig seine Lösung finden wird.

Diese Behauptung, so sehr sie einen gewissen äußeren Schein von Wahrheit besitzt, ist, wie wir meinen, von Grund aus falsch. Es ist wahr, daß die beiden Probleme unserer Zeit, das der männlichen wie der weiblichen Arbeit, ihren Ursprung großenteils in denselben rapiden äußeren Veränderungen haben, die während der letzten Jahrhunderte, besonders in den letzten neunzig Jahren, das Angesicht der Welt vollständig verwandelt haben.

Beide, Männer und Frauen, wurden durch diese Veränderungen ihrer alten ergiebigen Felder sozialen Wirkens beraubt. Hier endet aber die Ähnlichkeit. Der Mann, dem die Veränderungen der modernen Zivilisation seine alten Arbeitsfelder genommen haben, hat nur eine Wahl übrig: neue Arbeitsgebiete finden oder zugrunde gehen. Die Gesellschaft wird ihn bei vollständiger Untätigkeit und fast voller Nutzlosigkeit schließlich nicht länger erhalten. Wenn er sich nicht in irgendeiner Weise - und sei es selbst in schadenbringender - ernstlich anstrengt, so wird er endlich zugrunde gehen. Einzelne Drohnen mögen sowohl in den wohlhabendsten als in den ärmsten Klassen (Millionärssöhne, Prinzen und Bettler) erhalten bleiben und sich fortpflanzen ohne jede körperliche oder geistige Anstrengung oder Tätigkeit; aber eine ganze Klasse von Männern, die ihre alte, soziale Verwendung verloren hat und in keiner Weise nach einer neuen trachtet, würde in nicht langer Zeit aussterben. Es gab niemals und wird, soweit es sich voraussehen läßt, niemals eine Zeit geben, in der die Mehrheit der Männer irgendeiner Gesellschaft im Zustande völliger geistiger und körperlicher Untätigkeit von dem anderen Teil der Männer versorgt würde. »Arbeite oder stirb« ist die Wahl, vor die schließlich jeder Mann heute, ebensowohl wie in der Vergangenheit, gestellt ist. Und das ist es, was für ihn das Arbeitsproblem bedeutet. 9) Die Arbeit des Mannes mag nicht immer nützlich im höchsten Sinne für die Gesellschaft sein, ja, sie kann sogar entschieden schädlich und antisozial sein, wie im Falle der Raubritter des Mittelalters, die vom Fang und der Plünderung der an ihren Schlössern Vorbeiziehenden lebten, oder im Falle der Spekulanten, Börsenjobber, Trustbarone und Kartellisten von heute, die sich von der produktiven Arbeit der Gesellschaft ernähren, ohne irgend etwas zu ihrer Wohlfahrt beizutragen. Aber selbst die in solcher Weise beschäftigten Männer müssen einen hohen Grad von Energie und selbst ein gewisses Maß von Intelligenz an ihr Gewerbe wenden, und so schädlich sie auch für die Gesellschaft sein mögen, sind sie doch nicht in persönlicher Gefahr, eine entnervte, erschlaffte Konstitution an ihre Nachkommen weiterzugeben. Ob nun zum Vorteil oder Nachteil, der Mann muß im allgemeinen entweder Verstand oder Muskeln anstrengen oder aber sterben.

Die Stellung der unbeschäftigten Frau im modernen Leben ist eine weit andere. Für sie ist die Wahl, nachdem die alten Felder häuslicher Arbeit ihr entglitten sind, in der Regel oder oftmals nicht die zwischen neuen Arbeitsfeldern oder dem Tod, sondern eine in ihrer weittragenden Bedeutung für die Menschheit als Ganzes noch viel ernstere: es ist die Wahl, neue Arbeitsformen zu finden oder aber langsam hinabzusinken in einen Zustand des mehr oder weniger vollständigen passiven Geschlechtsparasitismus. 10) Wieder und wieder hat sich in der Geschichte der Vergangenheit, so oft eine gewisse Stufe materieller Kultur erreicht war, eine seltsame Tendenz zum Parasitentum der Frauen gezeigt. Die sozialen Bedingungen gehen dahin, die Frauen jeder Art tätiger, bewußter, sozialer Arbeit zu berauben und sie gleich der Zecke allein auf die passive Ausübung ihrer Geschlechtsfunktionen zu beschränken.

Das Resultat des Parasitismus aber war unabänderlich der Verfall der Lebenskraft und Intelligenz des weiblichen Geschlechtes, dem nach einer längeren oder kürzeren Periode auch der Verfall der männlichen Nachkommenschaft und ihrer ganzen Gesellschaftsklasse folgte.

Nichtsdestoweniger haben in der Vergangenheit die Gefahren des Geschlechtsparasitismus niemals mehr als einen kleinen Teil des weiblichen Geschlechtes bedroht, ausschließlich die Frauen irgendeiner verhältnismäßig kleinen herrschenden Rasse oder Klasse, während die Masse der Frauen doch gezwungen blieb, mannigfache Arten anstrengender Tätigkeit auszuüben. In der Jetztzeit aber, unter den besonderen Umständen unserer modernen Zivilisation ist es das erstemal, daß der Geschlechtsparasitismus früher oder später zu einer Gefahr für die Masse der zivilisierten Frauen, vielleicht endlich für ihre Gesamtheit wird.

Auf der frühesten Stufe menschlicher Entwicklung war der Geschlechtsparasitismus und die Degeneration des Weibes keine denkbare Quelle sozialer Gefahr. Wo die Lebensbedingungen es unausweichlich machten, daß alle Arbeit in einer Gemeinschaft von den Mitgliedern dieser Gemeinschaft selbst ausgeführt werden mußte ohne Hilfe von Sklaven oder Maschinen, hat immer mehr die Tendenz bestanden, den Frauen eine übergroße Arbeitslast aufzubürden. Unter keinen Verhältnissen, zu keiner Zeit, nirgends in der Weltgeschichte haben die Männer irgendeiner Periode, irgendeiner Nation oder Klasse die leiseste Neigung gezeigt, ihre eigenen Frauen untätig oder parasitisch werden zu lassen, solange die zu ihrer Ernährung und Bekleidung nötige Muskelarbeit in diesem Falle auf sie selbst überwälzt worden wäre.

Der Parasitismus der Frau wird erst dann eine Möglichkeit, wenn ein Grad der Zivilisation erreicht ist, bei dem (wie in den alten Kulturen Griechenlands, Roms, Persiens, Assyriens, Indiens und in den heutigen orientalischen, wie China und die Türkei) dank der ausgedehnten Verwendung von Sklavenarbeit oder der Arbeit unterworfener Stämme oder Klassen die herrschende Rasse oder Klasse so reichlich mit materiellen Lebensgütern versorgt ist, daß die rein physische Arbeit von seiten der eigenen Frauen unnötig geworden ist. Erst wenn dieses Stadium erreicht war und niemals vorher, sind die Symptome von weiblichem Parasitismus in der Vergangenheit fast jedesmal zutage getreten und zu einer sozialen Gefahr geworden. Die Männer der herrschenden Klasse suchten fast immer die neuen geistigen Beschäftigungen, welche durch die verminderte Notwendigkeit der alten Formen physischer Arbeit innerhalb der Gesellschaft möglich geworden waren, für sich in Anspruch zu nehmen; und die Frauen der herrschenden Rasse oder Klasse, für deren Muskelarbeit auch keine Verwendung mehr war und denen es nicht gelang, diese neuen Arbeitsformen zu ergreifen und zu erreichen, sanken in einen Zustand, in dem sie keinerlei Art aktiver sozialer Pflichten erfüllten, sondern allein in der passiven Erfüllung ihrer Geschlechtsfunktionen lebten. Ob mit oder ohne Befriedigung, darüber können wir nichts wissen, da wir keine literarischen Aufzeichnungen der Frauen der Vergangenheit und ihrer Wünsche oder Sorgen besitzen. So trat an Stelle des tätigen, wirkenden Weibes, deren Arbeit die Gesellschaft erhielt, die erschlaffte Ehefrau, die Konkubine oder Prostituierte, die sich in feine Gewänder, dem Werk fremder Hände kleidete, mit kostbaren Gerichten, dem Erzeugnis fremder Mühe, nährte, sich von den Händen anderer bedienen und warten ließ. Nachdem das Bedürfnis nach ihrer physischen Arbeit geschwunden und geistige Tätigkeit nicht an deren Stelle getreten war, schminkte und parfümierte sie ihren Körper oder ließ ihn schminken und parfümieren, lag am Sofa oder fuhr im Wagen spazieren, belud sich mit Juwelen und suchte durch Zerstreuungen die unbestimmte Leere auszufüllen, die der Mangel an produktiver Tätigkeit zurückgelassen hatte. Und ihre Hände wurden immer weicher und ihr Leib immer verweichlichter, bis zuletzt selbst die Pflichten der Mutterschaft, der einzige Inhalt, der ihrem Leben geblieben, ihr widerwärtig wurden und das Kind von dem Moment, da es feucht aus ihrem Schoße kam, in fremde Hände überging, die es warteten und aufzogen. Und von der Kindheit bis ins Alter schuldete ihr Sprößling oft nichts ihrer persönlichen Arbeit. In vielen Fällen war ihre Entnervtheit so vollständig, daß schließlich selbst die Freude, Leben zu spenden, der Stolz und die Seligkeit reifer Weiblichkeit, ihr zur Last wurde und sie sich ihr zu entziehen suchte. Nicht etwa um gebieterischen Pflichten gegenüber den bereits Geborenen oder gegenüber der Gesellschaft keinen Eintrag zu tun, sondern nur, weil ihr untätiges Leben sie aller Freude an mutigem Anstrengen und Erdulden, welcher Art immer, beraubt hatte. Fein gekleidet, in wohligem Heim, wurde das Leben für sie rein nur die Befriedigung ihrer eigenen physischen und geschlechtlichen Begierden und der Begierden des Mannes, durch deren Reizung sie sich versorgen konnte. Ob nun als ausgehaltenes Eheweib, als ausgehaltene Maitresse oder Prostituierte, sie trug nichts zu der schaffenden oder erhaltenden Arbeit der Gesellschaft bei. In seiner vollen Entwicklung ist dieser Typus ebenso im modernen Paris, Newyork oder London, wie im alten Griechenland, Assyrien und Rom, in allen seinen Zügen, seiner Natur und seinen Resultaten ein und derselbe. Es ist der Typus der »feinen Dame«, des weiblichen Parasiten, der tödlichsten Mikrobe, die auf der Oberfläche irgendeines sozialen Organismus auftreten kann. 11) Wo immer in der Geschichte der Vergangenheit dieser Typus seine volle Entwicklung erreicht hat und die Masse der Frauen einer herrschenden Rasse oder Klasse ihn angenommen hat, war dies die Ankündigung des Verfalls. In Assyrien, Griechenland, Rom, Persien, sowie heute in der Türkei haben dieselben materiellen Bedingungen dieselben sozialen Übel unter den wohlhabenden und herrschenden Klassen hervorgebracht, und wieder und wieder, wo derartig affizierte Völker in Berührung mit gesünder beschaffenen kamen, hat dieser krankhafte Zustand zu ihrem Untergang beigetragen.

Im antiken Griechenland, zur Zeit seiner wundervollen, mannhaften Jugend, waren die Frauen reichlich und selbst überreichlich mit Arbeit versehen. Nicht allein die Masse der Frauen, sondern auch Königinnen und Fürstentöchter sehen wir zum Brunnen gehen, um Wasser zu tragen, im Flusse die Wäsche waschen, Nahrung und Arzneien für den Haushalt bereiten, die Kleidung für ihre Angehörigen anfertigen und selbst einen Teil der höchsten gesellschaftlichen Ämter als Priesterinnen und Prophetinnen ausüben. Dem Schoße solcher Frauen sind die Geschlechter von Helden, Denkern und Künstlern entsprossen, die Griechenlands Größe begründet haben. Diese Frauen bilden den Unterbau ihrer Gesellschaft, so wie die festen, tief gegrabenen Grundmauern die Basis für die sichtbaren und schmuckreicheren Teile eines großen Tempels bilden und seinen Aufbau und seine Haltbarkeit ermöglichen. Nach Ablauf einer bestimmten Zeitepoche aber fand man in Griechenland bei den oberen Ständen keine derart kraftvoll arbeitenden Frauen mehr. Der angehäufte Wohlstand der herrschenden Rasse, der durch die Arbeit der Sklaven und unterworfenen Völker gesammelt worden war, hatte so ungeheuer zugenommen, daß kein Bedürfnis mehr nach physischer Arbeit von Frauen der herrschenden Klasse bestand. Als Gattinnen oder Maitressen, eingesperrt innerhalb der vier Wände ihres Hauses, bedient von Sklaven oder Untergebenen, leisteten sie weder für ihre eigene Person, noch für ihr Volk das Geringste. Die geistige Arbeit war von den Männern in Anspruch genommen, die physische verrichteten die Sklaven und Unterworfenen. Einen Moment allerdings gab es zu Ende des fünften und Beginn des vierten Jahrhunderts, wo die Frauen Griechenlands innerlich schon ganz in Verfall geraten waren, unter ihren Männern aber eine glänzende Blüte des Geistes herrschte, gleich den prächtigen Farben des Abendhimmels, wenn die Sonne bereits hinabgesunken ist; aber das Mark Griechenlands war bereits angefault und seine Lebenskraft im Erlöschen. Es vollzog sich eine immer wachsende Scheidung und Ungleichheit zwischen Mann und Weib, als der Mann in seiner Bildung immer fortschritt und neue Gebiete geistiger Arbeit betrat, während das Weib untätig zurück- und hinabfiel von der Lebensleiter, so daß zuletzt eine Kluft entstand, die selbst die Geschlechtsliebe nicht zu überbrücken vermochte. Die unnatürliche Institution anerkannter Homosexualität in den höchsten Schichten war ein, und zwar das ernsteste Resultat dieser Scheidung. Der unausweichliche, unüberwindliche Wunsch aller höher entwickelten menschlichen Naturen, mit dem geschlechtlichen Verkehre ihre höchsten geistigen Interessen und Sympathien zu verbinden, konnte unmöglich Befriedigung und Widerhall finden in dem Verkehr zwischen den zurückgezogenen, verhältnismäßig unwissenden und hilflosen Frauen der oberen Klasse Griechenlands und den glänzend gebildeten und vielseitigen Männern, die dessen herrschende Klasse im fünften und vierten Jahrhundert bildeten. Der Mann hielt sich an den Mann, und die Elternschaft, die göttliche Gabe, Leben zu zeugen, ward getrennt von den erhabensten und tiefsten Phasen menschlichen Empfindens. Xanthippe verzankte ihr unwissendes erbärmliches Dasein zwischen den vier Wänden ihres Hauses, und Sokrates lag in der Agora und diskutierte mit Alkibiades die Probleme der Philosophie und Ethik; und der griechische Stamm ward im innersten Mark faul 12). Hie und da durchbricht eine Aspasia oder früher noch eine Sappho die fesselnden Bande des weiblichen Zustandes, und mit der Kraft des unwiderstehlichen Genies betritt sie triumphierend neue Felder der Tätigkeit und kraftvollen geistigen Lebens Seite an Seite mit dem Mann; aber dies waren eben Ausnahmefälle. Wären diese Frauen oder andere imstande gewesen, einen Weg zu bahnen, auf dem die Masse der griechischen Frauen ihnen hätte folgen können, wäre es für die Mehrzahl, der Frauen der herrschenden Klasse Griechenlands zu Ende des fünften Jahrhunderts möglich gewesen, sich aus dem Zustande träger Untätigkeit und Unwissenheit zu erheben und an der geistigen Arbeit und ernsten Tätigkeit ihres Volkes teilzunehmen, so würde Griechenland nie so zerfallen sein, wie es zu Ende des vierten Jahrhunderts zerfiel, so unmittelbar und vollständig, wie ein fauler Staubschwamm, den ein gesunder Finger berührt, erst durch die Bestechungen Philipps und dann noch vollständiger durch die Waffen seines noch kriegerischeren Sohnes, der ja auch der Sohn der feurigen, kraftvollen, standhaften Olympia war. 13)

Auch würde Griechenland einige Jahrhunderte später nicht von Thessalien bis Sparta, von Korinth bis Ephesus hinweggefegt, seine Tempel zerstört, seine erschlafften Weiber gefangen worden sein von den Horden der Goten - einem Volk, das viel weniger gut bewaffnet und viel weniger kultiviert war als die Nachkommen des Perikles und Leonidas, das aber ein Zweig des großen teutonischen Stammes bildete, dessen monogames häusliches Leben im Kern gesund war, und dessen furchtlose, arbeitende und entschlossene Frauen von sich, wie einst die Spartanerinnen, sagen konnten, daß sie ihren Männern, denen sie bis ans Ende der Erde folgten, auch Männer gebären.

In Rom, in den Tagen der Kraft und Reinheit, arbeitete die römische Matrone eifrig und trug die volle Hälfte sozialer Last auf ihren Schultern, wenn auch ihre Arbeits- und Einflußsphäre etwas kleiner war, als die ihrer teutonischen Schwester, deren Abkömmlinge bestimmt waren, einst die ihrigen zu verdrängen. Von der vestalischen Jungfrau bis zur Matrone, versah die römische Frau in den Zeiten nationaler Gesundheit und nationalen Wachstums gewichtige Funktionen und trug die ganze Schwere der häuslichen Arbeit. Von den Tagen der großen Lucretia, die mit ihren Mägden spann bis tief in die Nacht hinein und die ihre Ehre so hoch hielt, daß sie den Tod ihrem Verluste vorzog, bis zu den Tagen der Mutter der Gracchen, einer der letzten Frauen dieser großen Reihe, finden wir überall die aufrechte, tätige, entschlossene Römerin, die Männer zur Welt brachte, die Roms Größe schufen. Wenige Jahrhunderte später und Rom hatte ebenfalls jenen gefährlichen Punkt sozialen Wandels erreicht, den Griechenland Jahrhunderte früher erlebt hatte. Sklavenarbeit und der Besitz einer unermeßlichen Beute unterworfener Stämme hatten dem Bedarf nach physischer Arbeit von Seiten der Mitglieder des herrschenden Stammes für immer ein Ende gemacht. Es kam die Epoche, in der die Männer sich wohl noch mit den Pflichten des Krieges, der Regierung, der Gesetzgebung und Kultur abgaben, die römische Matrone aber bereits für immer ihrer Aufgaben sich entledigt hatte. Bedeckt mit Juwelen und kostbaren Gewändern, die auf Kosten unsäglicher menschlicher Arbeit von den Enden der Welt herbeigebracht wurden, genährt mit den wohlschmeckendsten Gerichten, die andere Hände bereitet hatten, suchte sie nur mit Vergnügungen ihr Leben zu verbringen, das ihr nicht länger die Anregungen und Freuden einer produktiven Tätigkeit bot. Sie besuchte die Theater und Bäder, lag auf ihrem Sofa oder fuhr in ihrem Wagen, und ganz wie ihr modernes Seitenstück schminkte sie sich, trug Schönheitspflästerchen, affektierte einen künstlerischen Gang und bot die Hand zum Gruß mit erhobenem Ellbogen und herabhängenden Fingern. Ihre Kinder wurden von Dienerinnen aufgezogen. An der geistigen Arbeit und der Regierung ihres Landes nahm sie geringen Anteil und war auch nicht geeignet, ihn irgend zu nehmen.

Es fehlt nicht an Schriftstellern und Denkern, die klar erkannten, wohin diese Entnervtheit der Frauen führte, und sie sparten nicht mit Anklagen. So schreibt ein römischer Autor dieser Epoche: »Es gab eine Zeit, da die Matrone die Spindel drehte und dabei nach dem Kochtopf ausschaute, damit die Suppe nicht überkoche; aber jetzt,« fügt der Autor hinzu, »da die Weiber mit Juwelen beladen, auf weichen Kissen ruhen oder in Bädern und Theater Zerstreuung suchen, gehen die Dinge abwärts und der Staat verfällt.« Aber weder er, noch einer aus der Menge der Schriftsteller und Denker, die erkannten, zu welchen Zuständen der Dekadenz der weibliche Parasitismus die Gesellschaft führen mußte, wußte eine Abhilfe dagegen. 14) Denkende Männer seufzten über die Gegenwart, sehnten sich nach der Vergangenheit und schienen doch nicht begriffen zu haben, daß diese unwiderruflich vorbei war; daß die Römerin, die, um es ihrer Ahnin gleich zu tun, mit ihren hundert müßig herumstehenden Dienerinnen den Krug auf dem Kopfe zum Brunnen hinausgegangen wäre, während der eingeleitete Wasserstrahl im Hofraum jedes Hauses hervorschoß, die Rolle einer Heuchlerin gespielt hätte; daß die Römerin, die damals darauf bestanden hätte, ihren Webstuhl hervorzuholen und die ganzen Nächte am Spinnrad zu sitzen, doch niemals solche Gewebe zustande gebracht hätte, wie sie ihr Haushalt erforderte und nur recht kindisch gehandelt hätte; daß sie nicht durch Rückkehr zu den alten und für immer verschlossenen Arbeitsfeldern, sondern allein durch den Eintritt in neue ihrem Volke nützen und sich selbst hätte Würde und Kraft erhalten können. Nicht durch Wassertragen und Leinenweben, sondern indem sie sich selbst dazu erzogen und geschult hätte, ihren Arbeitsteil an der gerechten und weisen Leitung eines großen Reiches zu übernehmen und ein Geschlecht von Männern dazu heranzuziehen, eine erleuchtete, barmherzige und wohltätige Herrschaft über die große Masse unterworfener Völker zu führen - so und nur so hätte sie ihrer Pflicht gegenüber der neuen Gesellschaft genügen und deren Last gemeinsam mit dem Manne tragen können, wie ihre Vorfahrinnen in vergangenen Zeiten die ihrige getragen hatten.

Daß in dieser Richtung und in dieser allein die einzig mögliche Abhilfe für den Zustand der Frauen lag, war eine Vorstellung, die augenscheinlich niemand erfaßte. Und so sank das Weib tiefer und tiefer herab zu dem Bild jener parasitischen Römerin, die in toller Jagd nach Vergnügen und Sinneslust die Leere auszufüllen suchte, die der Mangel an ehrlicher Arbeit hinterlassen hatte, die Lust anstatt Liebe, Bequemlichkeit anstatt Tätigkeit hinnahm, maßlos konsumierte anstatt zu produzieren und endlich zu entnervt war, um auch nur Kinder zur Welt bringen zu wollen, da sie vor jeder Art Leiden und Ertragen zurückschreckt. So bleibt die Römerin jener Zeit - der auch in ihrer Erniedrigung noch eine Spur der alten römischen Intensität anhaftet - selbst heutigen Tages noch das vollendetste und darum abstoßendste Bild des parasitischen Weibes, daß die Erde jemals hervorgebracht hat - ein Bild, dessen Widerlichkeit nur noch durch seine Tragik übertroffen wird.

Wir begreifen, daß es unausweichlich war, daß diese Frauen, die durch ihre Stellung dazu geboren schienen, eine Welt zu lenken und zu erleuchten, und anstatt dessen nur auf Kosten dieser Welt lebten, zuletzt auch nur kraftlose Männer gebären konnten, und daß beide schließlich hinweggefegt wurden bei dem Auftreten jenes teutonischen Stammes, dessen mannhafte Frauen auch Männer gebären konnten. Ein Volk, bei dem es Sitte war, daß die Frau an ihrem Hochzeitsmorgen von dem Manne, der ihr Gefährte fürs Leben werden sollte, nicht irgendein verächtliches Geschmeide, um Hals oder Glieder damit zu behängen, zum Geschenk erhielt, sondern Schild, Speer und Schwert und ein Joch Ochsen, während sie dem Mann als Gegengabe eine volle Rüstung bot, als Zeichen, daß sie beide hinfort eins sein wollten in Arbeit und Gefahr, daß auch sie mit ihm die Wagnisse des Krieges und die Sorgen des Friedens tragen wollte. Ein Volk, von dem ein Schriftsteller uns berichtet, daß seine Frauen nicht bloß die Geschlechter gebären, an ihrer Brust nähren und ohne fremde Hilfe großziehen, sondern auch die ganze Bewirtschaftung von Haus und Land übernehmen, damit die Männer für Krieg und Jagd frei seien. Suetonius erzählt uns, daß Kaiser Augustus als Geiseln von einem Stamm dieses Volkes Frauen, nicht Männer nahm, weil er aus Erfahrung wußte, daß jene angesehener wären. Und Strabo spricht davon, daß die germanischen Völker den Verstand ihrer Frauen so hoch schätzen, daß sie diese als erleuchtet ansehen und in keinen Krieg ziehen und nichts Großes unternehmen, ohne ihren Rat und ihre Meinung gehört zu haben. Von den Frauen der Zimbern, die ihre Männer bei dem Einfall in Italien begleiteten, schritten manche barfuß inmitten des Zuges; kenntlich durch ihre lichten Haare und weißen Gewänder, galten sie als Seherinnen, und Florus sagt von ihnen bei Beschreibung eines römischen Sieges: »Nicht weniger heftig und hartnäckig war der Kampf mit den Frauen der Besiegten. Mit ihren Karren und Wagen bildeten sie eine Schlachtenreihe, und von dieser erhöhten Stellung verfolgten sie, wie von Festungstürmen aus, die Römer mit ihren Streitäxten und Lanzen. 15) Ihr Tod war so glorreich wie ihr Kampfesmut. Als sie alles verloren sahen, erdrosselten sie ihre Kinder und töteten sich selbst in gegenseitigem Schlachten oder knüpften sich mit ihren Haarbändern an die Äste der Bäume oder an das Dach des Wagens auf.« Valerius Maximus sagt von diesen Frauen: »Hätten die Götter am Tage der Schlacht die Männer mit gleichem Mut erfüllt, so hätte Marius sich niemals eines Sieges über die Teutonen rühmen können.« Und Tacitus gibt folgende Schilderung von den Frauen, die die Männer in den Krieg begleiteten: »Sie sind die trautesten Zeugen seiner Taten, die Beifallspender seiner Tapferkeit, gleich geliebt und geehrt. Die Verwundeten suchen ihre Mütter und Weiber auf; unerschrocken vor ihrem Anblick, zählen die Frauen jede ehrenvolle Wunde und saugen das hervorquellende Blut auf. Sie sind sogar kühn genug, sich unter die Kämpfenden zu mischen, um Erfrischungen auszuteilen und sie zu Taten der Tapferkeit anzufeuern.« Und er fügt hinzu: »Es ist eine Eigenheit der Germanen, sich mit einem Weib zu begnügen, sowie auch die Frau sich mit einem Manne begnügt, gleichwie mit einem Leben, einem Leib und einer, Seele.«

Es war unabwendbar, daß durch die Söhne solcher Frauen die Söhne der parasitischen Römerinnen von der. Erde hinweggefegt werden mußten, so wie die Jungen der in Gefangenschaft lebenden Kanarienvögel im Kampf mit den Jungen der frei lebenden unterliegen.

Wieder und wieder, in ermüdender Wiederholung, spielt sich dieselbe Entwicklung ab. Bei den Juden sehen wir in den Tagen der Gesundheit und des Wachstums die Frauen den Hauptteil der landwirtschaftlichen und häuslichen Arbeit leisten, stets sich mühen und sorgen, von Rahel angefangen, der Jakob begegnete, als sie die Herde ihres Vaters tränkte, bis zu Ruth, der Ahnherrin einer Königsund Heldenreihe, die Boas im Felde beim Ährenlesen .antraf; von Sarah, die für Abrahams prophetische Gäste die Kuchen knetete und buk, bis zu Miriam, der Prophetin und Sängerin und zu Deborah, die unter den Palmen wohnte und über die Kinder Israels Recht sprach, »und das Land war stille vierzig Jahre«.

Überall erscheint die Frau bei den alten Juden als eine erhaltende Kraft ihres Volkes, und die jüdischen Schriften enthalten das vielleicht vornehmste Bild der arbeitenden Frau, das in irgendeiner Literatur zu finden ist, und zwar stammt dasselbe aus eben der Zeit, da zum ersten Male bei einem Teil des jüdischen Volkes die fleißige Frau zu verschwinden anfing 16) und bereits Salomons siebenhundert parasitische Weiber und dreihundert parasitische Kebsweiber am Horizont des nationalen Lebens auftauchten. Die traten nun an Stelle der Herden hütenden Rahel und der Ähren lesenden Ruth; aber keine von ihnen hat in ihren Palästen aus Gold und Zedernholz einem Joseph oder David das Leben gegeben, wohl aber einem Rehobeam, unter dessen Händen das Königtum seinem Fall entgegenging.

Im Osten spielt sich heute derselbe leidige Vorgang ab. In China, wo die gegenwärtige Lebenskraft und macht der ältesten bestehenden Zivilisation genau an der Länge der Frauenschuhe gemessen werden kann; im türkischen Harem, wo eine der vornehmsten, hervorragendsten arischen Rassen, die die Welt hervorgebracht hat, langsam in den Armen einer parasitischen Weiblichkeit erstickt und tatsächlich schon längst hinweggetilgt wäre, wenn nicht immer von neuem einige Mannhaftigkeit und Kraft durch gekaufte Frauen zugeführt würde, die ihre Kindheit und frühe Jugend in tätigem Leben auf dem Lande zugebracht haben. Überall, in Vergangenheit wie Gegenwart, ist der weibliche Parasitismus der Vorbote des Verfalls einer Nation oder Klasse und zeigt so unabänderlich einen ungesunden Zustand an, wie Pocken auf der Haut die Existenz eines eitrigen Giftstoffes im Körper.

Wir sind selbstverständlich weit davon entfernt, zu behaupten, daß die untergegangenen Zivilisationen der Vergangenheit ihren Verfall einzig dem Parasitismus ihrer Frauen schulden. Große, weittragende soziale Phänomene haben unwandelbare Ursachen und Rückwirkungen, die weitaus zu kompliziert sind, um unter ein so, einfaches Gesetz zusammengefaßt zu werden. Hinter dem Phänomene des weiblichen Parasitismus ist jedesmal ein anderes und noch größeres gelegen. Jedesmal ging, wie wir gesehen, die Unterjochung großer Menschengruppen voran, sei es in Form von Sklaverei oder Unterwerfung von Völkerschaften oder Klassen, und die Folge der übermäßigen Arbeit dieser Schichten war immer die Anhäufung nicht erarbeiteter Reichtümer in den Händen der herrschenden Klassen oder Rassen. Es war immer auf Kosten dieser Reichtümer, dem Resultate erzwungener oder schlecht bezahlter Arbeit, daß die Frauen der herrschenden Klasse oder Rasse in der Vergangenheit ihre Arbeitsamkeit verloren und dahin gelangten, rein nur der passiven Erfüllung ihrer Geschlechtsfunktionen zu leben. Ohne Sklaverei oder unterworfene Klassen, welche die rohe physische Arbeit ausführten und überflüssige Güter erzeugten, wäre der Parasitismus der Frau in der Vergangenheit eine Unmöglichkeit gewesen.

Es ist daher eine tiefe Wahrheit in der allgemeinen Anschauung, daß der Verfall großer Nationen und Zivilisationen der Vergangenheit aus der Entnervtheit resultiert, die übergroßer Reichtum und Luxus verursacht, und eine womöglich noch tiefere Wahrheit liegt der Behauptung zugrunde, daß der Untergang schließlich die Folge der Entkräftung der ganzen Rasse von Männern wie Frauen war.

Aber wenn wir weiter danach fragen, in welcher Weise sich dieser Prozeß des Verfalls entwickelte, finden wir, daß die Rolle, die der Parasitismus der Frau dabei spielt, eine wesentliche war. Der bloße Gebrauch von materiellen Arbeitsprodukten, die wir Güter nennen, kann niemals an sich den körperlichen oder geistigen Verfall hervorbringen, der dem Untergang großer zivilisierter Nationen vorangeht. Das bloße Essen von Lachs, der zehn Schilling das Pfund kostet, kann an sich die moralische, geistige und physische Konstitution des Menschen, der ihn verspeist, nicht mehr schwächen und verderben, als die seines nackten Vorvaters, der sich den Lachs aus dem Flusse fischte. Daß ein Mensch ein Kleid trägt, welches aus dem Gespinst eines Wurms hergestellt wurde, kann die körperlichen Anlagen ebensowenig verschlechtern, als wenn das Gewand aus Schafwolle ist; ein ganzes Volk, das in Marmorpalästen wohnt, Delikatessen speist, sich in Samt und Seide kleidet und von den herrlichsten Erzeugnissen der Literatur und Kunst umgeben ist, wird niemals dadurch entkräftet werden, solange diese Paläste, Speisen, Gewänder und Kunstprodukte das Resultat seiner eigenen Arbeit sind. Die verderbliche Wirkung des Reichtums setzt erst genau in dem Moment, niemals früher ein, in welchem die Beschaffung der materiellen Bedürfnisse und Annehmlichkeiten und der ästhetischen Genüsse die Individualität hemmt, indem diese sich mit dem bloßen passiven Besitz der Erzeugnisse fremder Arbeit zufrieden gibt, ohne das Bedürfnis oder den Wunsch nach fernerer eigener, produktiver Tätigkeit zu empfinden. 17)

Die äußern Bedingungen, unter denen dieser Punkt erreicht wird, werden nicht immer genau dieselben sein; sie werden nicht nur nach Alter und Rasse, sondern auch nach dem Individuum verschieden sein. Ein Marc Aurel war fähig, sich in seinem Palast aus Gold und Marmor seine Einfachheit und Männlichkeit so vollkommen zu erhalten, als wenn er in der Hütte eines Kuhhirten gelebt hätte; während es andererseits durchaus möglich ist, daß die Frau eines afrikanischen Häuptlings, die auch nur vier Sklaven besitzt, um ihr Korn und Milch zu schaffen und Felle in die Sonne zu breiten, fast ebenso rein parasitisch wird, wie die verzärteltsten Modedamen des alten Rom oder modernen Paris, London und Newyork. Die Höhe, welche unverdienter materieller Wohlstand erreichen muß, um innerhalb derselben Gesellschaft das einzelne Individuum zu entkräften, ist verschieden und steht im genauen Verhältnis zu den intellektuellen und moralischen Anlagen und der Stärke oder Schwäche des individuellen, natürlichen Tätigkeitsdranges. 18)

Der schwächende Einfluß nicht erarbeiteten Wohlstandes liegt demnach nicht in der Natur irgendeiner materiellen Lebensverbesserung an sich, sondern in der Möglichkeit, dem Individuum jeden Ansporn zur Tätigkeit zu rauben und so die geistigen und körperlichen und schließlich auch die sittlichen Anlagen zu zerstören. Unsere Untersuchung wird zeigen, daß es in allen Zivilisationen der Vergangenheit fast ausnahmslos die Frau war, die zuerst an diesem Punkte anlangte, und daß Entkräftung und Verfall fast immer von ihr aus sich auf den Mann übertragen hat.

Warum das so sein mußte, ist klar. Erstens ist es die Sphäre häuslicher Tätigkeit, in die Sklavenarbeit oder gedungene Dienste am leichtesten eindringen. Die Macht der Peitsche und des Mietschillings vermag viel leichter Arbeiter zu verschaffen, die Nahrung und Kleidung herstellen und selbst auch die Kinder pflegen, als Arbeiter, denen man die Aufgaben des Krieges und der Regierung anvertrauen kann, jener Geschäfte, welche in der Vergangenheit die besondere Sphäre des Mannes waren. Die Frauen Roms waren schon durch Generationen aus ihrem Gebiete der häuslichen Arbeit und der Erziehung und Pflege ihrer Nachkommen verdrängt worden und hatten längst einen verächtlichen Parasitismus erreicht, ehe noch Roms Männer imstande waren, ihre eigene Arbeit durch die von Mietlingen oder Barbaren im Heer oder bei mechanischen Verwaltungsgeschäften zu ersetzen.

Ferner ist die Frau, indem sie mit dem Akt des Gebärens eine hochwichtige, wenn auch passive Funktion erfüllt, die ihr nicht abgenommen werden kann und die ausschließlich mit ihrer eigenen Person verknüpft ist, und dadurch, daß ihre rein geschlechtlichen Attribute ein Gegenstand der Wünsche und Begierden des Mannes sind, ganz besonders ausgesetzt, in einer eigenartig trügerischen und allmählichen Weise mit ihrem Unterhalt von dieser geschlechtlichen Funktion allein abhängig zu werden. So sehr ist dies der Fall, daß ihr, selbst wenn sie diese Funktion gar nicht ausübt, doch der Ruhm derselben anhaften bleibt, und daß in ihren eigenen Augen, sowie in denen der Gesellschaft die bloße Fähigkeit zu dieser Leistung, mag sie sie auch niemals erfüllen, mit deren wirklichen Erfüllung verwechselt wird. Unter der mächtigen Ägide der Frau, die die Nachkommenschaft zur Welt bringt und großzieht und in anderen Richtungen ansehnliche wertvolle Arbeit ihrem Volke leistet, schleicht sich unbemerkt und allmählich die Frau ein, die nichts von alle dem tut. Von der kräftig arbeitenden Frau, die menschliche Wesen nach dem vollen Maß ihrer Kräfte gebiert, die ihre Kinder ohne fremde Hilfe aufzieht und gleichzeitig ernste soziale Arbeit in anderer Beziehung leistet (und die unzweifelhaft, wo immer sie sich findet, die produktivste Kraft ist, die das Menschengeschlecht kennt), ist nur ein Schritt, wenn auch ein großer, zu der Frau, die wohl einen reichlichen Nachwuchs erzeugt, aber ihn nicht selbst aufzieht und keine andere soziale Arbeit verrichtet. Von dieser Frau wieder bis zu der, die nur wenig oder gar keine Kinder hat und keinerlei andere produktive Arbeit leistet, sondern, sei es als Frau oder Maitresse, allein von der Ausübung ihrer Geschlechtsfunktionen lebt, ist der Schritt nur mehr ein kurzer. Nur ein Schritt weiter noch ist es zur Prostituierten, die zu keiner Art produktiver Arbeit geneigt ist und die an Stelle von Leben anerkanntermaßen Krankheit und Tod erzeugt, aber dank ihrer geschlechtlichen Attribute eine parasitische Existenz führt. So riesig der Abstand zwischen den zwei extremen Typen dieser Gruppen von Frauen und so scharf entgegengesetzt ihre Stellung in der Welt ist, so besteht doch im praktischen Leben keine scharfe, klare, feste Grenzlinie, welche die eine Frauentype von der, andern trennt. Sie fließen ineinander über in feinen, unmerklichen Abstufungen. Und diese schiefe Ebene unwillkürlich hinabzugleiten, das ist die Gefahr, die der Frau der zivilisierten Rassen besonders droht. Indem sie von der vornehmen Höhe eines Zustandes angestrengtester sozialer Tätigkeit in den Zustand eines vollkommen hilflosen, untätigen Parasitismus hinabsinkt, ohne sich selbst der Tatsache klar bewußt zu werden und ohne, daß die Gesellschaft sich darüber klar würde, verbirgt die Frau, die aufgehört hat, ihr Kind selbst aufzuziehen oder überhaupt zu gebären, und die auch keine andere produktive soziale Funktion ausübt, diese Tatsachen vor ihren eigenen Augen, indem sie darauf beharrt, daß sie eine Frau sei, in der jene Eigenschaften wenigstens latent liegen. 19)

Diese Besonderheiten ihres Zustandes haben in allen zivilisierten Gemeinwesen die Frauen früher, und ernstlicher den Angriffen des Parasitismus ausgesetzt als die Männer, und während die Akkumulierung von Reichtümern immer die Voraussetzung war und die Degenerierung und Erschöpfung des Mannes die endliche und sichtbare Ursache des Verfalls großer Rassen der Vergangenheit, lag doch immer zwischen diesen beiden Phänomenen als Mittelglied der Parasitismus der Frauen, ohne welchen die erste Tatsache unwirksam und die zweite unmöglich geworden wäre.

Weder die Sklaverei noch die große Anhäufung von Reichtümern allein könnte eine Nation durch Entnervung verderben, wenn ihre Frauen tätig, kraftvoll und arbeitsam blieben.

Die Vorstellung, die wieder und wieder die aufeinander folgenden Kulturen beherrscht zu haben scheint, daß es für den Mann eine Möglichkeit gäbe, an körperlicher und geistiger Kraft zuzunehmen, während seine weibliche Gefährtin stationär und untätig bliebe, ohne andern Anteil an der Arbeit der Gesellschaft als der passiven Erfüllung der Geschlechtsfunktionen, ist von den Tatsachen immer widerlegt worden. Es endete, wie das Experiment enden würde, gute Rennpferde mit ungeübten, kurzatmigen, x-beinigen Mähren aufzüchten zu wollen. Nein, noch weit verhängnisvoller! Denn während das weibliche Tier sein Wesen an die Nachkommenschaft einzig oder hauptsächlich durch Vererbung im Keim überträgt und durch den Einfluß, den es während der Trächtigkeit ausübt, prägt beim Menschen die Mutter, indem sie die ganze geistige und moralische Atmosphäre bereitet, in der das Kind die ersten Lebensjahre verbringt, ihr Wesen viel untilgbarer ihrem Sprößling ein. Nur tüchtige und arbeitsame Frauen können auf die Dauer tüchtige, arbeitsame Männer gebären; nur kraftlose, untätige Männer können schließlich von kraftlosen, untätigen Frauen geboren werden. Der frisierte, parfümierte, schlaffe Zärtling, mit der faden Sprechweise und der feinen Kleidung, dem die Seltenheit und Mannigfaltigkeit der Speisen zum Studium wird und dessen schwerste Arbeit die Suche nach Vergnügungen ist, für den selbst die Jagd, die seinen Vorvätern eine stärkende, männliche Arbeit von wesentlicher Bedeutung für das Leben ihres Volkes war, zur luxuriösen, possenhaften Spielerei wird - diese Art Mann, wo immer man ihr begegnet, ob im späten römischen Kaisertum, ob im heutigen türkischen Harem oder in unserer nördlichen Zivilisation, ist nur dadurch möglich geworden, daß Generationen parasitischer Frauen ihm vorangegangen sind. Ist solch ein Mann auch als Produkt eines noch fortgeschritteneren Verfalls noch abstoßender als die parasitische Frau, so ist es doch das Parfüm aus dem Boudoir seiner Mutter, das uns aus seinem Haar entgegenduftet. Wie die kahlen Stellen und die verfaulte Wolle am Rücken eines räudigen Schafes, welche anzeigen, daß tief unter der Hautoberfläche sich ein schmarotzendes Insekt in das Fleisch eingefressen hat, sind diese Männer nicht so sehr die Ursachen des Übels als seine Erkennungszeichen.

Wie gesagt, das menschliche Weib prägt sein eigenes Wesen der männlichen und weiblichen Nachkommenschaft nicht nur durch Keimvererbung und den Einfluß in der Zeit der Schwangerschaft auf, sondern durch die geistige Atmosphäre, die es bereitet und in der das Kind die frühesten eindrucksfähigsten Jahre verbringt; dies ist es, warum die Lebensverhältnisse der kindergebärenden Frauen zu einem höchsten Interesse der Menschheit werden. Diese Tatsache macht, daß selbst die Prostitution, die in vielen anderen Beziehungen die abstoßendste aller Formen des weiblichen Schmarotzertums ist, vielleicht dem Fortschritt und selbst der Erhaltung einer gesunden, kräftigen Gesellschaft nicht abträglicher ist als der Parasitismus der gebärenden Frauen. Denn die Prostituierte, so schwer sie auch die Gesellschaft belastet, der sie für ihren Unterhalt nichts als Krankheit, geistigen und sittlichen Zerfall bietet, greift doch nicht so unmittelbar in die kommende Generation ein, als die ausgehaltene Ehefrau oder Maitresse, die ihr kraftloses Bild unauslöschlich dem folgenden Geschlecht einprägt. 20)

Noch kein Mann der Erde ist weiter entfernt von seiner Mutter zur Welt gekommen, als ihre Nabelschnur lang war. Es ist die Frau, die schließlich den Stand der Rasse bestimmt, von dem auf die Länge der Zeit keine Abweichung in irgendeiner Richtung möglich ist; wenn ihr Hirn geschwächt ist, so auch das des Mannes, den sie gebiert, wenn ihre Muskeln schlaff sind, so auch die seinen, wenn sie entartet, so verfällt auch ihr Volk.

Andere Ursachen mögen und werden zur Entkräftung und Degeneration einer Klasse oder Rasse führen; der Parasitismus der gebärenden Frau muß dahin führen.

Wir, die europäischen Frauen unserer Zeit, stehen heute dort, wo in der Vergangenheit die Frauen anderer Rassen wieder und wieder gestanden haben. Aber unser Zustand ist noch ernster und von noch größerer Bedeutung für die ganze Menschheit als es der ihre je war. Sehen wir näher zu, weshalb dem so ist.

III. PARASITISMUS (Fortsetzung)

Wir haben gesehen, daß in der Vergangenheit etwas derartiges, wie der Parasitismus aller oder auch nur der großen Mehrheit der Frauen irgendeines Erdstrichs unmöglich war. Neben jener Gruppe von Frauen der herrschenden Klasse oder Rasse, die weder geistig noch körperlich arbeitete, gab es notwendigerweise immer eine weit größere Masse von Frauen, die nicht nur die vor Einführung maschineller Produktionsmethoden für die Gesellschaft so bedeutungsvolle physische Arbeit verrichteten, sondern auch gezwungen waren, um so intensiver zu arbeiten, als sie mit ihrer physischen Arbeit eine über ihnen stehende müßige Klasse zu erhalten hatten. Je mehr das weibliche Parasitentum früherer Zeit in einer Rasse oder Klasse gedieh, um so sicherer waren alle Frauen der andern Klassen oder Rassen gezwungen, nur zu übermäßig zu arbeiten, und endlich waren diese Frauen und ihre Nachkommenschaft dazu bestimmt, die entnervte Klasse oder Rasse zu ersetzen. In Ermanglung von Maschinen und der ausgedehnten Anwendung der Naturkräfte konnte das Schmarotzertum nur einen verhältnismäßig kleinen Teil einer Gemeinschaft bedrohen und nur einen minimen Teil der gesamten menschlichen Gesellschaft. Der weibliche Parasitismus der Vergangenheit glich der Gicht, einer Krankheit, die nur den zu Wohlgenährten, Überfütterten, den Wenigen gefährlich wird, niemals einer Bevölkerung als Ganzes.

Heutzutage hat der Ersatz der rohen physischen Menschenkraft durch Maschinenkräfte solch enorme Fortschritte gemacht (dienen doch heute selbst maschinell hergestellte Saugflaschen und künstliche Nährmittel als Ersatz der Muttermilch!), daß es nun nicht mehr bloß für einen kleinen wohlhabenden Teil der Frauen jeder zivilisierten Gemeinschaft möglich ist, sich zu erhalten, ohne die alte rohe, physische Arbeit ihres Geschlechtes zu verrichten und ohne die Abhängigkeit der Sklaverei oder einen großen Zuwachs von Arbeit durch eine andere Klasse von Frauen zu erleiden; vielmehr hat bereits jene breite Masse von Frauen, welche die Mittelklasse zwischen Arm und Reich in der modernen Gesellschaft bilden, diesen Zustand erreicht oder neigt dahin, ihn zu erreichen. In den nächsten fünfzig Jahren werden sich unzweifelhaft die technischen Errungenschaften der Zivilisation so rasch verbreiten, und zwar sowohl in der modernen Gesellschaft als auch dort, wo bisher diese materielle Zivilisation noch nicht eingedrungen ist, daß die alte Form der weiblichen, häuslichen, physischen Arbeit selbst von den Frauen der untersten Klassen wenig mehr gefordert werden dürfte, da sie durch immer mehr fortschreitende, arbeitsparende Maschinen ersetzt wird.

Auf diese Weise bedroht der weibliche Parasitismus, der in der Vergangenheit nur einen minimen Teil der Erdbewohnerinnen betraf, unter den heute bestehenden Verhältnissen breite Massen und kann in der Zukunft das weibliche Geschlecht als Ganzes bedrohen.

Wenn die Frauen sich darein finden, den Männern alle Arbeit auf den neuen höchst wichtigen Gebieten zu überlassen, die sich dem Menschengeschlecht unausgesetzt erschließen, wenn sie, so wie die alten Formen häuslicher Arbeit für immer verschwinden, nicht nach Neuem greifen, ist es unausweichlich, daß endlich nicht nur eine Klasse, sondern große Massen von Frauen der zivilisierten Gesellschaft in einen Zustand mehr oder minder vollständiger Abhängigkeit von ihrer Geschlechtsfunktion allein geraten. 21)

Wenn wir die Beherrschung neuer Formen der Naturkräfte und die vervollkommnete Anwendung der Maschinen erreichen, wird es für die männliche Hälfte aller zivilisierten Rassen (und daher schließlich für alle) leicht möglich sein, alle Felder geistiger Arbeit und gelernter Handarbeit für sich allein zu beanspruchen; es wäre denkbar, daß die weibliche Hälfte des Geschlechts aufhört, irgendwelche Form aktiver Arbeit zu leisten, und sei es als Prostituierte, als Maitresse oder Ehefrau, als passives Werkzeug der Geschlechtsfortpflanzung oder bei noch stärkerer Dekadenz als bloßes Instrument geschlechtlicher Befriedigung in einen Zustand von vollkommen hilflosem Geschlechtsparasitismus verfiele.

Der Geschlechtsparasitismus stellt sich daher zu Ende des neunzehnten und Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in einem Gewände dar, das er nie früher getragen. Wir, die Frauen Europas des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, befinden uns daher in einer Lage, deren Ernst und Bedeutung bei unsern Vorläuferinnen in den alten Kulturen nicht ihresgleichen hatte. Je nachdem, wie wir die Schwierigkeiten unserer Lage bemeistern und darüber hinwegkommen oder aber von ihnen besiegt werden, wird die Zukunft nicht nur unserer eigenen Klasse oder auch nur unserer eigenen Rasse, sondern darüber hinaus aller jener sich gestalten, die den Spuren unserer Zivilisation folgen. Die Entscheidung, die zu treffen wir berufen sind, ist entscheidend für die Menschheit; hinter uns schreiten unzählige Millionen.

Es ist demnach die Behauptung, die selbst von denkenden Menschen erhoben wird, unwahr, daß die Arbeiterfrage und die Frauenfrage unserer Zeit vollständig eins seien, und daß die Frauen Europas nur geduldig zu warten brauchten, bis die Männer allein die Frage für sich gelöst hätten, um gleichzeitig auch ihr eigenes Frauenproblem gelöst zu finden. Angenommen, das ganze heutige Arbeitsproblem des Mannes wäre morgen geordnet, es wären all die arbeitslosen oder nutzlos beschäftigten Männer, welche durch die Umwandlungen der modernen Verhältnisse an den beiden Polen der Gesellschaft ihrer alten Arbeitsformen beraubt worden sind, so erzogen und geschult, daß sie sich vollkommen den neuen Lebensbedingungen anpaßten, und es wären der materielle Ertrag und die intellektuellen Möglichkeiten, welche der Ersatz menschlicher durch Maschinenkräfte nun der Menschheit gewährt, nicht mehr allein in den Händen Weniger, sondern der volle Arbeitsertrag käme allen Männern zugute, so wäre doch das Frauenproblem ebensoweit von einer befriedigenden Lösung entfernt als heute, und wenn es überhaupt beeinflußt worden wäre, so zum Schlechteren. Es ist ganz unrichtig, daß 1000 oder 10000 Mark, die der Mann mit physischer oder geistiger Arbeit verdient hat und von denen er einen Teil zur Erhaltung nicht arbeitender Frauen, seien es Prostituierte, Ehefrauen oder Maitressen, verwendet, für die Frau oder die Gesellschaft dasselbe bedeuten, wie dieselbe Summe, wenn sie von Frauen durch ihre eigene Arbeit erworben wurde, ob nun direkt als Lohn oder indirekt durch Arbeit für den Mann, von dessen Einkommen sie leben. Für den Moment allerdings wird die vom Manne versorgte Frau weicher und wärmer gebettet sein, als jene, die gezwungen ist, sich selbst anzustrengen; schließlich aber wird der geistige, moralische und selbst physische Effekt für das Individuum wie für die Rasse so verschieden sein, wie Aufstieg und Niedergang, wie Leben und Tod. Der zunehmende Wohlstand des Mannes hebt und fördert die Frau, über die er ihn ausgießt, ebensowenig, als der zunehmende Reichtum seiner Herrin einen Pudel geistig oder körperlich fördert, weil er nun ein Daunenstatt eines Federkissens oder Hühnerbraten statt Rindfleisch erhält. Je wohlhabender die Männer einer Gesellschaft werden, um so größer wird die Versuchung sowohl für de selbst, als für die von ihnen abhängigen Frauen, dem weiblichen Parasitismus zuzusteuern.

Wem die Verbesserung der Lage der männlichen Arbeiter zu einer gleichmäßigeren Verteilung der Güter unter den Männern führte, so würde dies tatsächlich ein wenig die Tendenz zum Parasitismus unter den Frauen der wohlhabendsten Klassen vermindern; aber es würde andererseits genau dieselben Vorbedingungen des Parasitismus für Millionen von Frauen zeitigen, die heute ein gesundes und tätiges Leben führen. 22)

Daß die zwei Probleme nicht gleichbedeutend sind, beweist, wenn ein Beweis überhaupt nötig ist, die Tatsache, daß jene Männer, die am eifrigsten die Umwandlung der Lage der arbeitenden Männer anstreben, oft gerade die bittersten Feinde der Bestrebungen der Frauen sind, die ihre Lage verbessern wollen. Nicht einmal die Angehörigen jener Berufe, die gewöhnlich als das Bollwerk von Konservatismus und Vorurteil gelten, haben sobald eine kurzsichtigere Opposition gegen die Versuche der Frauen, in neue Arbeitsgebiete einzudringen, geübt, als wieder und wieder die männlichen Arbeiter, sowohl als Individuen, wie in der organisierten Macht Tradeunions. 23) Sie haben, wenigstens einige von ihnen, die Frauen nicht nur von neuen Feldern geistiger und sozialer Arbeit auszuschließen gesucht, sondern selbst von den alten Gebieten des Textilgewerbes und des Handwerks, die zu allen Zeiten der Vergangenheit der Frau gehörten. Die offenkundige und unleugbare Tatsache, daß, wo die Arbeiterbewegung gedeiht, auch die Frauenbewegung anwächst, kommt nicht daher, daß die beiden identisch sind, sondern daher, daß dieselben heilsamen und kräftigenden Zustände innerhalb einer Rasse oder Gesellschaft beiden den Boden bereiten.

Wie zwei Ströme, die einer Quelle entfließen und deren Lauf lange Strecken hindurch parallel geht, dennoch ganz getrennt bleiben können, der eine seinen Weg zum Meere findet, während der andere sich in Sand verläuft oder versumpft, so können auch unsere moderne Arbeiter- und Frauenbewegung, obwohl sie denselben materiellen Bedingungen unserer Kultur entspringen und obwohl sich zahllose und nahe Analogien in ihrer Entwicklung ergeben, doch vollständig voneinander getrennt bleiben. Durch beide Bewegungen muß die Zukunft des Menschengeschlechts eine tiefgehende Veränderung erfahren, zum Guten oder zum Bösen; beide berühren die Menschheit in vitalster Weise; aber beide werden unabhängig voneinander auf ihrem eigenen Boden ausgefochten werden müssen, und nur durch entschlossene, bewußte und beharrliche Tätigkeit von seiten der Frauen wird die Lösung ihrer eigenen Arbeitsfragen gleichmäßig mit der der Männer fortschreiten.

Wie verschieden, trotz der Ähnlichkeit, die grundlegenden Motive der beiden Bewegungen sind, spricht sich am deutlichsten in der Tatsache aus, daß, während die Bewegung der Männer hauptsächlich unter der armen oder handarbeitenden Klasse entstand, wo der materielle Druck des Lebens am schwersten lastet und wo die Gefahr physischen Leidens und selbst der Vernichtung durch diesen Druck am meisten empfunden wird - die Frauenbewegung ihren Ursprung fast ausschließlich unter den wohlhabenden, kultivierten, geistig arbeitenden Klassen hat, wo allein gegenwärtig die Gefahr der Entkräftung durch Müßiggang und der Degeneration durch Abhängigkeit von den Geschlechtsfunktionen existiert. Das Arbeitsproblem ist für die Frau unserer Tage letzten Endes das Bestreben von seiten eines Teils des Geschlechts, sich selbst vor Untätigkeit und Degeneration zu schützen und dies sogar auf Kosten eines momentanen schweren Verlustes an materiellem Behagen und Wohlleben für die Individuen, die die Frage aufwarfen. Das Arbeitsproblem des Mannes ist direkt und in erster Linie ein materielles und, wenigstens oberflächlich, mehr oder weniger eigennützig, obwohl die schließliche Wirkung auf die Gesellschaft durch die Befreiung der ärmeren Mitglieder aus Erniedrigung, Abhängigkeit und Not unzweifelhaft durchaus sozial und unbedingt notwendig für das Wohl und die weitere Entwicklung der Menschheit ist. In der Frage der Frauenarbeit unserer Zeit, die ihren Ursprung wesentlich unter Frauen der gebildeten und wohlhabenden Klassen hat und die hauptsächlich in dem Verlangen nach Öffnung beruflicher, politischer und höherer, gelernter Arbeit besteht, kann das endliche Resultat nur auf Kosten mehr oder weniger heftiger, augenblicklicher persönlicher Leiden und Entbehrungen erreicht werden, obwohl ein befriedigender Abschluß zweifellos zum materiellen und physischen Wohl der Frauen selbst, sowie ihrer männlichen Genossen und der Nachkommenschaft gereichen wird.

Das nächste halbe Jahrhundert wird eine Zeit besonderer Anspannung sein, da die Menschheit unausgesetzt danach trachtet, die Begriffe der Moral, die sozialen Verhältnisse und die allgemeinen Einrichtungen des Lebens den neuen und sich fortwährend entfaltenden materiellen Bedingungen anzupassen. Wenn die beiden großen Bewegungen unserer Zeit, die diese zum Gegenstande haben, zu voller Übereinstimmung und engem Zusammenwirken gebracht werden können, so wird diese Anpassung sich um so schneller und schmerzloser vollziehen; für den Moment aber bleiben die beiden Bewegungen, so ähnlich sie in ihrem Ursprung und in vielen Methoden ihrer Entwicklung sind, voneinander getrennt.

Das Bewußtsein der Frauen, die an der heutigen Bewegung teilnehmen, daß ihre Bestrebungen nicht von momentanem Vorteil für sie selbst sind und sein können, sondern fast notwendig zu Opfern und Entsagen führen, verleiht der Bewegung ihre besondere Note, weist ihr eine besondere Stellung an unter der großen Menge ökonomischer Bewegungen und stellt sie eher in eine Linie mit jenen großen religiösen Entwicklungen, welche in Zwischenräumen von Jahrhunderten die Menschheit mit fortgerissen haben, sie unwiderstehlich umwandelnd und neu gestaltend.

Es ist die Empfindung dieser Tatsache, daß sie nicht für sich selbst, noch auch allein für ihre Mitschwestern, sondern zum Wohle der Menschheit als Ganzes sich dem Leben anzupassen suchen muß, was den meist oberflächlichen, oft scheinbar kleinlichen Anpassungsversuchen der modernen Frau eine gewisse Würde und Bedeutung verleiht. Es ist diese tief verborgene Überzeugung, welche jede kleine Frauenrechtlerin, die ihr Banner schwingt, aus der Sphäre der Lächerlichkeit emporhebt und uns selbst die leidenschaftlichen, nicht immer sehr weisen Anklagen vergeben läßt, in denen sie die Leiden und die Nöte der Frau als ein ihr absichtlich zugefügtes Unrecht darstellt, während diese doch bloß unausweichliche Folgen einer jahrhundertelangen Entwicklung sind.

Es ist dieses dunkle Bewußtsein einer großen unpersönlichen Verpflichtung, welche selbst die Handlungsweise jedes einzelnen jungen Mädchens über die Sphäre des Geringwertigen und Gleichgültigen hinaushebt, wenn es sein luxuriöses und behagliches Heim verläßt, um es mit einer Dachstube zu vertauschen, um in Einsamkeit und unter jenem schweren Druck, den jeder empfindet, der gegen die Anschauungen seiner Umgebung anzukämpfen hat, sich die Wege und nötigen Kenntnisse zu neuen Arbeitsfeldern sucht. Es ist dieses tiefe Bewußtsein, welches die arme, kleine, halb verhungerte Studentin geradezu heroisch erscheinen läßt, wenn sie, dem gigantischen Vorsprung trotzend, sich neben dem Manne auf den Feldern moderner, geistiger Arbeit behaupten will, und die, ob es nun gelingt oder fehlschlägt, einen Meilenstein auf der Straße der menschlichen Entwicklung bedeutet. Es ist dies Bewußtsein großer unpersönlicher Ziele, die es zu erreichen gilt und zu deren Erlangung jede einzelne ihr wenn auch noch so kleines Teil beizutragen hat, was der Handlungsweise jeder Frau, die auch nur der Tyrannei der sie im Kampfe nach neuen Anpassungsformen hindernden Mode in Bekleidung, Betragen oder Sitte widerstrebt, aus dem Bereich des Nichtigen zu Wichtigkeit erhebt.

Es ist dieses Bewußtsein, welches dem Streben jeder einzelnen nach physischer und geistiger Selbsterziehung und Entwicklung eine fast ehrfurchtgebietende Bedeutung verleiht; es ist dies Bewußtsein, das mit hohem Enthusiasmus das Herz des jungen Mädchens erfüllt, wenn es vielleicht auf einer entlegenen Farm Afrikas oder Amerikas bis tief in die Nacht über seine Bücher gebückt sitzt mit jener Leidenschaft und Inbrunst, mit der einst die ersten Christen sich über die Seiten der Schrift beugten, in dem Gefühl sich durch jede Erweiterung seines Wissens für irgendwelche unbekannten kommenden Pflichten gegenüber der Welt vorzubereiten. Es ist dieses Bewußtsein großer, unpersönlicher Ziele, denen uns ihre Handlungsweise, wenn auch langsam und unmerklich ein klein wenig näher bringt, das so mancher Frau die Kraft des Verzichtens gibt, wenn sie jede niedere Art von Geschlechtsverbindung - selbst eine mit allen äußeren Ehren eines legalen Bundes verknüpfte - von sich weist, weil dieselbe ihr nur Entnervtheit und Schmarotzertum zu bieten hätte. Dies Bewußtsein befähigt sie, Armut, Mühe und geschlechtliche Vereinsamung (eine Vereinsamung, die für die Frau noch schrecklicher ist als für jeden Mann) hinzunehmen, ja selbst den Verzicht auf Mutterschaft, diese höchste Seligkeit des weiblichen Daseins, die allein vollen Ersatz für die natürlichen Leiden ihres Weibtums zu bieten vermag. Sie tut es in der Überzeugung, dadurch eine vollere und höhere Entwicklung der Mutterschaft und Ehe für kommende Frauengenerationen zu ermöglichen. Es ist dieses Bewußtsein, welches auch der geringsten Frau, die an die geschlossenen Pforten pocht, welche sie von den neuen Feldern physischer und geistiger Arbeit abschließt, eine achtunggebietende Bedeutung gibt: sie ist überzeugt, nicht für sich selbst, sondern im Dienste der ganzen Menschheit an diese Pforten zu pochen. Es ist dieses beständige Bewußtsein eines über persönliches Leben und individuelles Interesse hinausreichenden Zieles, welches das religiöse Element der Frauenbewegung unserer Tage ausmacht und mit einem gemeinsamen Band unpersönlicher Begeisterung die Frauen der verschiedensten Rassen, Klassen und Nationen in ihrem Kampf um Anpassung an das moderne Leben verbindet.

Dies ist es auch, was, ungeachtet der Mängel und Fehler der einzelnen, doch diese Frauen in ihrer Gesamtheit zu einer der eindrucksmächtigsten und unwiderstehlichsten modernen Kräfte macht. Jeder gemeine Soldat einer großen siegreichen Armee ist gerade auch nicht immer ein imponierendes Wesen, wenn er die Dorfstraße entlang schlendert, die Mütze schief auf dem Kopf, das Bajonett zwischen den Beinen baumelnd, noch macht er Immer einen gewaltigen Eindruck, wenn er seine Uniform putzt oder seinen Eßnapf auswischt; und doch sind es Individuen dieser Art, aus denen die große Armee besteht, die vielleicht morgen, wenn sie geschlossen einherschreitet, die Welt mit ihrem Tritt erschüttern wird.

Vielleicht ist nicht eine unter zehn, ja vielleicht nicht eine unter zwanzigtausend Frauen, die an dem Kampf teilnehmen, die klar und bündig von den Ursachen Rechenschaft geben könnte, die zu der Disharmonie in der gegenwärtigen Lage der Frau geführt haben, oder die Vorteile einer Umwandlung klar darzulegen wüßte; ebenso wie kaum ein Soldat in einer Armee von zehn- oder zwanzigtausend, die bereit sind, ihr Leben für ihr Vaterland zu lassen, imstande wäre, in Klarheit und Kürze Aufschluß über die Geschichte des Landes und die Verhältnisse, welche den Krieg herbeigeführt haben, zu geben und ebensowenig ein genaues und detailliertes Bild von den Folgen seines Kampfes. Er weiß nur, daß sein Vaterland ihn ruft, und kennt nur den Platz, an dem er zu stehen, und die Arbeit, die er zu leisten hat.

Möglicherweise hat nicht eine von zehntausend Frauen es mit wissenschaftlicher Exaktheit erfaßt, und noch weniger vermag sie es mit dialektischer Schärfe auszudrücken, welches die großen treibenden Kräfte sind, die sie zum Handeln bewegen und zwingen. Sie wird vielleicht nicht das große, im Mittelpunkt stehende Faktum klar erfaßt haben, daß jede neue Generation der Menschheit hindurchgehen muß durch den Leib ihrer Frauen wie durch eine Gußform, aus der sie mit unverwischbaren Kennzeichen hervorkommt. Wie der Kopf des Kindes bei der Geburt durch den weiblichen os cervix hindurch muß, der einen Ring bildet, der für immer die Größe des menschlichen Kopfes bestimmt, und nur wenn dieser os cervix sich erweitern würde, sich im Laufe der Zeiten auch der Umfang des Kopfes vergrößern könnte, ganz ebenso bilden die Geistesfähigkeiten, die Körperkräfte und die Gemütstiefe der Frau einen unüberschreitbaren Ring, der für jede folgende Generation die Grenze des Wachstums der menschlichen Rasse bestimmt. Selbst dieses Faktum aber wird die Mehrzahl der Frauen nicht klar genug verstandesmäßig erfaßt haben, um es in die Form einer logischen Darlegung zu bringen.

Die Fortentwicklung des Menschengeschlechtes auf Erden (eine Entwicklung, die je mehr die alten Mythen und Träume einer beschränkten persönlichen Unsterblichkeit verblassen, der Seele Hoffnung ist, deren Licht uns leuchtet), eine Entwicklung, von der wir erhoffen, daß die Menschheit einer fernen Zukunft an Geisteskraft und Weite des sozialen Empfindens die höchsten Menschen der Jetztzeit um so viel überragen werde, als diese unsere ersten Urahnen überragen, die mit zitternden Schenkeln sich zu aufrechtem Gang erhoben, und deren Lippen die ersten Worte formten - diese Entwicklung ist nur dann möglich, wenn die männliche und weibliche Hälfte des Menschengeschlechts gemeinsam fortschreiten, auch künftig Seite an Seite wachsend, wie es in der Vergangenheit war. Aber auch diese tiefe Wahrheit haben möglicherweise nur wenige Frauen deutlich und logisch als die Grundlage ihres Handelns erkannt. Wie aus den ersten primitiven Männern und Frauen, die kaum die Zahl ihrer Finger zählen, die keine abstrakte Idee fassen konnten, keine hemmende Kraft eines sozialen Empfindens kannten, sich in einer höheren Kultur eine Sappho, ein Aristoteles, ein Schelling nur dann entwickeln konnten, wenn Mann und Frau sich Seite an Seite, Schritt für Schritt zusammen entwickelten, wenn mit den Windungen des männlichen Gehirns auch die des weiblichen zunahmen, wenn so wie ihre Stirne höher ward, auch die seine wuchs: so wird auch in Zukunft, wenn je der lange Aufstieg der Menschheit sich vollziehen soll, Mann und Frau Seite an Seite marschieren müssen, durch Vererbung aufeinander einwirkend und rückwirkend, wenn nicht jeder Fortschritt unmöglich werden soll.

So wie die Existenz selbst des Buschmanns unmöglich wäre, ohne die Existenz einer; gleichgearteten, gleichbegabten Buschmännin, wie ein Geschlecht, das unter seinen Männern einen William Clifford, Tolstoj oder Robert Browning hervorbrachte, unmöglich und undenkbar wäre, wenn es nicht auch Frauen wie Sophie Kowalewska, George Eliot oder Louise Michel hätte hervorbringen können, ebenso wird auch in Zukunft das höhere und sozialisiertere Menschengeschlecht, von dem wir träumen, nur erstehen können, wenn sich beide Geschlechter zusammen entfalten, wenn der Ball des Lebens bald von dem einen, bald von dem anderen aufgefangen und zurückgeworfen, sich leise und unmerklich vergrößert und verschönert, während er durch ihre Hände geht. Ohne die Rückwirkung der gegenseitigen Entwicklung der Geschlechter ist kein tatsächlicher und dauernder menschlicher Fortschritt möglich. Ohne eine befreite, denkende Frau, die ihn zur Welt bringt, kein freier Mann; ohne einen freien, empfindungstiefen Mann, der sie zeugt, keine freie, verstehende Frau, ohne freien Adam und freie Eva kein freies und schönes Menschengeschlecht auf Erden; Stillstand des einen bedeutet Stillstand für beide und für den Aufstieg des ganzen Menschengeschlechtes. Wenn die Frau heute nach ihrem langen Aufstieg Seite an Seite mit dem Mann, nachdem sie durch zahllose Zeitalter ihre Geistes- und Körperkräfte entwickelt hat, nun endlich an der letzten Grenze ihres Wachstums angekommen wäre, über die sie nicht hinaus kann - dann würde hier und heute auch das Wachstum des menschlichen Geistes aufhören und auf derselben Stelle, auf der die Frau halt macht, müßte die Fahne des Menschengeschlechtes endgültig aufgepflanzt werden für immer und ewig: - wenn dieses Schmarotzerwesen, das sich, mit Tand beladen, ein Spielzeug und Zeitvertreib des Mannes, auf seinem Ruhebett hinstreckt, wirklich die bleibende und endliche Manifestation weiblichen Lebens wäre, dann wäre dieses Ruhebett auch das Totenbett aller menschlichen Entwicklung. All diese tiefen, grundlegenden Wahrheiten hat vielleicht nicht eine von zwanzigtausend Frauen, die für die Umgestaltung kämpfen, scharf und klar genug erfaßt, um sie in Worte zu kleiden, und doch wird jede von ihnen, auch die schwächste und unbedeutendste, die an unseren Bestrebungen nach Anpassung und Entwicklung teilnimmt, von diesem unklaren Gefühl getrieben. Hinter den kleinen Übeln, die sie durch ihr momentanes persönliches Tun zu bessern sucht, liegen, das fühlt sie, große Übel, von denen jene bloß Schößlinge sind; hinter den kleinen Gütern, die sie zu erreichen sucht, liegt, daran glaubt sie, eine große, für alle zu erstrebende Glückseligkeit; hinter dem kleinen Kampf des Tages liegt der große Kampf der Jahrhunderte, an dem weder sie allein, noch ihr Geschlecht allein, sondern die ganze Menschheit beteiligt ist.

Diese Geistesverfassung des Durchschnitts der Frauen, die heute an der Reformbewegung ihres Geschlechtes teilnehmen und von der Rednerbühne und in der Literatur so oft bloß sekundäre Argumente anführen, unfähig die dahinter liegenden treibenden Verhältnisse klar darzulegen, wird manchmal als Zeichen der Erfolglosigkeit und des wahrscheinlichen endlichen Fehlschlagens der Bewegung hingestellt. In Wirklichkeit ist dem nicht so. Es ist eher ein Zeichen dafür, wie gesund und tief im Menschenwesen ruhend, die Wurzeln dieser Bewegung sind und wie sie eine von jenen großen Reformbewegungen ist, die im Laufe der Jahrhunderte das Menschenleben gewandelt haben. Denn diese großen Bewegungen, die bleibend den Zustand der Menschheit veränderten, sind niemals von gelehrten Weisheitskrämern ausgegangen, ihre Lebenskraft ist niemals aus rein intellektuellen und abstrakten Theorien erwachsen. Sie sind immer als Folge von weitverbreiteten materiellen und geistigen Zuständen entstanden, die in weiten Kreisen menschliche Bedürfnisse schufen und indem sie auf das einzelne Individuum ihren Druck ausübten, schließlich eine fortlaufende, wenn auch oft unsichere und schwankende Bewegung in bestimmter Richtung hervorriefen. Die bloße intellektuelle Erkenntnis mag die großen Bewegungen der Menschheit lenken, hemmen oder beschleunigen; aber niemals hat sie sie geschaffen. Selbst das ist fraglich, ob die Führer, die jene großen erfolgreichen Bewegungen zu schaffen und zu organisieren schienen, ob sie in ihrer Mehrzahl oder je die ganzen Zusammenhänge der Bewegungen, die sie scheinbar beherrschten, verstanden haben. Sie waren vielmehr von der großen allgemeinen Not durchdrungen, und da sie mehr Willenskraft, Leidenschaft, Stärke oder Intelligenz besaßen, vermochten sie dem Stimme zu verleihen, was in den andern stumm blieb, und dem bewußte Richtung zu geben, was für die anderen unbewußter Wunsch war; sie waren nur der Kamm auf der großen Woge der Notwendigkeit, aber sie haben nicht selbst die Woge geschaffen, die sie und die Menschheit aufwärts trägt. Jene künstlichen Bewegungen, welche ihren Ursprung dem eigenmächtigen Willen eines einzelnen verdanken, mögen sie mit noch so viel Entschlossenheit und Verstand geleitet werden, haben sich notwendig immer als ephemär und mißlungen erwiesen. Ein Alexander mochte Griechenland und Asien zusammenschweißen wollen, ein Napoleon aus einem vielgestaltigen Europa einen vereinigten Staat schaffen wollen, und vermöge ihrer Geschicklichkeit und Energie mag es für den Moment geschienen haben, als könnten sie, was sie wünschten, auch erreichen; aber sobald das treibende Individuum hinweg ist, schmilzt der Gegenstand ihrer Bemühungen dahin, wie ein Häuflein feuchten Sandes, das die Hand eines Kindes am Meeresufer zusammengescharrt, hinweggeweht wird vom Wind, hinweggewaschen von den Wogen im Augenblick, da die Hand, die es gebildet, nicht mehr da ist; während die kleine, weiche, formlose, wässerige Qualle daneben, obwohl hin- und hergeschleudert von Wasser und Wind, doch Gestalt behält und wächst, weil ihre Teile durch eine innere organische Kraft verbunden sind.

Unsere Frauenbewegung erinnert in dieser Beziehung in hohem Grade an die gigantischen religiösen und geistigen Bewegungen, die Jahrhunderte hindurch das Leben Europas durchrüttelt haben und deren endliches Ergebnis die Emanzipation der menschlichen Vernunft, die Freiheit des Menschengeistes war. Wenn man von dem überlegenen Standpunkt der Gegenwart zurückblickt, erscheint diese Vergangenheit als eine große, stetige, fortlaufende Bewegung, die, wie von einem menschlichen Intellekt geleitet, unverwandt auf ihr Ziel losgeht. Aber jener Masse menschlicher Individuen, die daran teilnahmen, erschien sie weit anders. Bald hier, bald dort wurde von einzelnen oder kleinen Gruppen gekämpft, oft für scheinbar kleine, fast persönliche Zwecke, die oberflächlich besehen, zuweilen wenig Gemeinsames hatten. Bald war es Giordano Bruno, der in Rom verbrannt wurde, weil er eine abstrakte Theorie über die letzten Ursachen der Dinge verteidigte; bald wurde der Albigenser aus seinen Bergen vertrieben, weil er sich nicht von seiner alten Bibel trennen konnte; bald bestieg eine holländische Bäuerin gelassen den Scheiterhaufen, weil sie ihr Haupt nicht vor zwei gekreuzten Stäben beugen wollte; später wieder wurde Servet von dem Protestanten Calvin in Genf verbrannt, wurde Spinoza von seinem Stamm und seinem Volk ausgestoßen, weil er in allem nur Gott erkannte, wurde ein Rousseau und Voltaire verbannt, ein Bradlaugh verfolgt, bis endlich in unseren Tagen der Nachhall des langen Kampfes, gleich einem ersterbenden Echo ausklingt in manch kindischen Versuchen, Personen um ihrer abstrakten Überzeugungen willen von allgemeinen Rechten auszuschließen. Die Vorhut der Menschheit hat in ihrem Kampf um Gedankenfreiheit den Sieg erfochten.

Jenen Männern und Frauen aber, die an diesem gewaltigen Kampfe im Laufe vieler Jahrhunderte der Vergangenheit teilgenommen haben, war wahrscheinlich in ihrer Mehrheit nichts anderes klar, als ihr eigenes momentanes Vorgehen. Auch die Führer kannten nicht den ganzen Umfang des Schlachtfeldes, auf dem sie im Kampf standen, oder erfaßten genau, was der Ausgang bedeutete - am wenigsten der gute alte Luther, selbst als er sein unsterbliches: »Ich kann nicht anders!« sprach, diese ewig gültige Rechtfertigung aller Reformatoren und Erneuerer. Auch der kühne Engländer, der, als die Flammen des Scheiterhaufens über ihm zusammenschlugen, seinem Todesgefährten zurief: »Sei guten Muts, Ridley, wir zünden heute in England ein Licht an, das mit Gottes Hilfe nie mehr erlöschen wird!« sah zweifellos in diesem Licht nur die Talgkerze der Freiheit einer kleinen englischen Sekte und wußte nicht, daß es nur ein Strahl der großen allgemeinen Morgenröte der Denk- und Geistesfreiheit war, deren Licht endlich nicht nur England, sondern die ganze Erde überströmen sollte. Nichtsdestoweniger liegt unzweifelhaft hinter all diesem beschränkten Streben für scheinbar oberflächliche, beschränkte Ziele, ein tiefes, wenn auch unklares Bewußtsein, das die Herzen dieser Männer und Frauen während all dieser Jahrhunderte erfüllte, ein Bewußtsein, daß ihr Handeln einem Ziele, das größer sei als sie klar erkannten, einer allgemeinen Verpflichtung, einer großen Notwendigkeit diene.

Daß die Frauenbewegung unserer Tage ihren Ursprung nicht bloß von irgendwelchen theoretischen Argumentationen nahm, daß sie bald hier, bald dort in verschiedenen und manchmal scheinbar unvereinbaren Formen an den Tag tritt, daß die Mehrzahl der Teilnehmerinnen infolge eines momentanen Druckes der Lebensverhältnisse zum Handeln getrieben wird und nicht immer fähig ist, die Natur der Ursachen, die sie treibt, verstandesmäßig festzustellen oder die Folgen ihrer Handlungen klar zu zeichnen - dies alles scheidet die Frauenbewegung keineswegs von den großen Reformbewegungen der Menschheit, sondern stellt sie vielmehr mit ihnen in eine Linie, indem es beweist, wie lebensvoll, spontan, wie durchaus organisch und ungekünstelt sie ihrem Wesen nach ist.

Die Tatsache, daß sie sich an einem Ort als leidenschaftliche, manchmal fast zusammenhanglose Forderung nach rechtmäßiger Teilnahme an öffentlichen und sozialen Pflichten äußert, während sie sich anderwärts als entschlossenes Streben nach Bildung fühlbar macht, daß sie sich in einem Land hauptsächlich im Kampf um die Erweiterung der Gebiete weiblicher Lohnarbeit verkörpert, während sie sich in einem andern in erster Linie in dem Bestreben, das persönliche Verhältnis der Geschlechter neu zu gestalten, ausdrückt, daß sie bei einem Individuum sich in leidenschaftlichem und manchmal lärmendem Kampf um persönliche Handlungsfreiheit äußert, bei einem andern still in der Tiefe des eigenen Innern - diesem Hauptschlachtfeld, auf dem alle Fragen menschlichen Fortschritts endgültig ausgefochten und entschieden werden - durchgekämpft wird: all diese Verschiedenheiten und die Tatsache, daß die Durchschnittsfrau ganz von der Arbeit auf ihrem eigenen kleinen Gebiet in Anspruch genommen ist, beweist nicht die Schwäche, sondern die Stärke der Bewegung, die als Ganzes betrachtet eine stetige und fortlaufende ist in der Richtung zunehmender Tätigkeit und Bildung und der Abwehr jeder Möglichkeit weiblichen Parasitentums. Langsam und unbewußt, wie das Kind sich im Mutterleibe bildet, wächst diese Bewegung im Schoße unserer Zeit und fordert ihren Platz neben jenen großen menschlichen Entwicklungen, von denen die Menschen angesichts ihrer Ursprünglichkeit und ihres Zusammenhangs in der Sprache früherer Zeiten zu sagen pflegten: »Sie sind nicht Menschenwerk, sondern Gotteswille.«

Wer heute eine große gotische Kathedrale in ihrer endgültigen Gestalt betrachtet, glaubt darin die Verkörperung des Traumes eines einzigen genialen Menschengeistes zu sehen. Tatsächlich aber war die Entstehung eine ganz andere. Jahrhunderte lagen zwischen der Zeit, in der der Grundstein gelegt, und jener, in der der letzte Spitzturm oder die letzte Zinne gebildet ward. Und die Hand, die den Grundstein legte, war niemals dieselbe, die den Schlußstein aufsetzte. Generationen folgten oft aufeinander, arbeiteten an den Wasserspeiern, den Rosenfenstern, den Helmen und starben und hinterließen ihr Werk andern; der Meister, der die ersten rohen Umrisse zeichnete, ging dahin und ihm folgten andere, und die Einzelheiten des vollendeten Werkes hatten oft nur eine blasse Ähnlichkeit mit seinem Entwurf; keiner verstand ganz, was die andern geschaffen oder schufen, aber jeder arbeitete an seinem Platz, und das vollendete Werk war eine Einheit; es drückte nicht die Wünsche und Bedürfnisse eines einzelnen aus, sondern den Geist jener Zeit. Und für den Bestand des Gebäudes war die Arbeit des Steinmetzen, der sein Leben lang hingebend an den Wasserspeiern und Fensterrosetten meißelte, nicht weniger von Wichtigkeit, als die des größten Meisters, der den Plan schuf. Und vielleicht war jener noch der heroischere; denn für den Meister, der, wenn auch nur unklar, ein Bild dessen vor Augen hatte, was das Werk bedeuten würde, wenn der letzte Stein daran gefügt und die letzte Spitzsäule aufgerichtet sein würde, war es leicht, mit Hingabe und Eifer zu arbeiten, wenn er auch wußte, daß nicht er es sein werde, der diesen letzten Stein fügen und diese letzte Spitzsäule aufrichten, und daß er den Bau in seiner vollen Schönheit und Größe niemals sehen werde; aber für den Tagelöhner, der seine Pflicht tat und Monat auf Monat an seinem kleinen Wasserspeier oder an dem Maßwerk seines kleinen Erkers arbeitete und meißelte, ohne Bild des Ganzen, war es nicht so leicht. Nichtsdestoweniger bedurfte es seiner gewissenhaften Arbeit, bedurfte es der Haufen behauener und verdorbener Steine ringsumher, damit endlich der Bau in seiner ganzen Größe und Schönheit dastehe.

Für einen Moses, der vom Berg Pisga aus, wenn auch durch den Nebel bitterer Tränen, das Land der Verheißung vor sich liegen sah, ein Land, das sein Fuß niemals betreten und dessen Früchte seine Hand niemals pflücken sollte, war es doch vielleicht nicht so schwer, umzukehren und zu sterben, denn wie in einem Traum hatte er das Land erblickt. Aber für die Tausende, die den Pisga nicht ersteigen konnten, die ihre Gebeine in der Wüste bleichen lassen mußten, ohne auch nur ferne das Land winken zu sehen, die auf dem langen Marsch nicht einmal die Bundeslade tragen, nicht den Cymbal schlagen durften, sondern nur ihr eigenes Hausgerät und ihre geringe Habe schleppten, für sie war es vielleicht noch schwerer, in der Wüste zu sterben, nur mit dem Bewußtsein, daß irgendwo in der Ferne das Land der Verheißung liege. Nichtsdestoweniger war es ihr langsamer und manchmal schwankender Zug, durch den das Volk endlich das Land erreichte.

So ist es auch für diejenigen Frauen, deren Weitblick sie befähigt, den großen Segen zu schauen, zu dem die Kämpfe und Leiden der heutigen Generation führen, die hinter der Gegenwart, wenn auch in einer Zukunft, die sie selbst nicht mehr erleben werden, ein freieres und stärkeres Frauengeschlecht erblicken und mit ihm eine kräftigere und entwickeltere Menschheit, nicht so schwer zu entsagen und mit unerschütterlichem Zielbewußtsein zu arbeiten; aber für jene, die das nicht sehen und doch weiterkämpfen, zumeist nur von dem unklaren Bewußtsein getrieben, daß irgendwo in der Zukunft ein großes Ziel ist, zu dem ihr Streben führt, die Jahr um Jahr an den kleinen Wasserspeiern irgendeines Wahlrechtes oder dem Zuhauen des Grundsteines irgendeiner Erziehungsreform arbeiten oder einen Stein einfügen, der vielleicht nie ganz den Fleck ausfüllt, für den er bestimmt war und weggeworfen werden muß, oder die ihr ganzes Leben lang an dem Tragstein irgendeiner Reform in dem Verhältnis der Geschlechter meißeln, um endlich zu sehen, wie er unter ihrem Stichel zerbricht, die über viele Enttäuschungen vielleicht zu keinem Erfolg oder nur zu so geringem oder so verborgenem gelangen, daß nie ein Auge ihn sehen wird, für die mag es nicht leicht sein, zu arbeiten ohne müde zu werden. Und doch sind es diese Myriaden Arbeiterinnen, die jede in ihrer eigenen winzigen Sphäre arbeiten, mit ihrem engen Ausblick unter endlosem Mißlingen und vielen Enttäuschungen, durch deren Arbeit zuletzt ein höheres und schöneres Verhältnis der Frau zum Leben erstehen wird, wenn ein solches überhaupt kommen soll.

Wenn auf dem Grunde des Meeres ein Seestern am Fuß eines steilen Felsens liegt, scheint es dem Zuschauer, als ob nichts die träge Masse in Bewegung bringen und das Tier niemals den Felsen hinanklimmen könnte. Aber gebt nur acht. Auf der Unterseite, den Blicken verborgen, hat es tausend feiner Fühlfäden, und aus dem Nervenzentrum strahlen Willensimpulse in alle Teile des Körpers, und jedes winzige Faserchen, dünn wie ein Haar, dehnt sich langsam aus und klammert sich an der nächstliegenden kleinsten Rauheit des Felsens an; bald läßt ein winziger Fühlfaden seinen Halt fahren, bald hält er sich wieder fest, und so gelangt langsam, langsam die ganze träge Masse zum Gipfel.

In diesen Versuchen einer Neuanpassung der Frau an das Leben spricht man oft von den Führerinnen, als von der »Neuen Frau«, und zwar so, als ob sie etwas Unheilverkündendes, Unerhörtes in der Menschengeschichte wären.

In Wahrheit sind wir aber gar nicht neu. Wir, die wir diese heutige Bewegung leiten, sind von jenen alten, alten teutonischen Frauengeschlechtern, die vor zwanzig Jahrhunderten an der Seite ihrer männlichen Gefährten ihren Weg durch Europas Wälder und Moräste bahnten, die mit den Zimbern nach Italien, mit den Franken nach dem Rhein, mit den Warägern nach Rußland und den Alemannen nach der Schweiz zogen, die Skandinavien bevölkerten und in England eindrangen, deren Priesterinnen ihre Altäre in den deutschen Wäldern hatten und über Krieg oder Frieden entschieden. In uns fließt das Blut eines Frauengeschlechtes, das niemals gekauft und verkauft ward, das keinen Schleier trug und dessen Füße nie gebunden waren, dessen verwirklichtes Eheideal die Kameradschaft der Geschlechter war und die Gleichheit in Pflichten und Arbeit, das dem geliebten Mann zur Seite stand im Krieg wie im Frieden, und dessen Kinder Mannheit aus Mutterbrüsten saugten und schon im Mutterleibe ein mutiges Herz über sich schlagen fühlten. Wir sind Frauen einer Rasse, deren Stammesideal keine griechische Helena ist, die von der Hand eines Mannes in die eines andern überging wie Gold oder Blei, sondern jene Brunhild, die Sigurd in Helm und Brünne gekleidet auffand, die Walküre, die ihm den Rat gab, »den tiefsten, der jemals einem lebenden Manne gegeben ward«, und die ihn »aufrief, große Taten zu vollbringen«, die, als er starb, den Holzstoß hoch aufrichtete und sich neben ihn bettete mit den Worten: »Des Helden heiligste Ehre zu teilen, verlangt mein eigener Leib.« Wir sind von einem Weibergeschlecht, das von altersher keine Furcht kannte, den Tod nicht fürchtete, ein großes Leben lebte und hohe Hoffnungen nährte, und wenn auch heute manche von uns gesunken sind in böser, entarteter Zeit, so pocht doch noch das alte Blut in uns.

Und stehen wir auch heute nicht physisch auf dem Schlachtfeld neben unseren Männern und geht der Marsch auch nicht durch Wälder und Moräste, so ist es doch der alte Geist, der ungetrübt durch zwei Jahrtausende sich in uns rührt, nur in tieferer und feinerer Weise; es ist noch der Ruf des freien nordischen Weibes, der heute die Welt durchklingt. Wenn auch heute für uns alle das Schlachtfeld in Laboratorien und Werkstätten, im Gerichtshof oder Studierzimmer liegt, im Versammlungssaal, auf dem Markte oder der politischen Arena, wenn wir auch mit der Feder anstatt mit dem Schwert, mit dem Kopf, nicht mit dem Arm kämpfen, so stehen wir doch den Männern, die wir lieben, zur Seite, »mit ihnen im Kampfe zu wagen und im Frieden zu leiden«, wie es einst der Römer von unseren alten nordischen Frauen geschrieben. Diese Frauen, von denen uns die alten Schriftsteller erzählen, daß sie barfuß und weiß gekleidet dem nordischen Heerbann auf dem langen Marsch nach Italien voranschritten, sie waren von dem Gedanken beseelt, ihr Volk in ein Land zu führen, in dem die Sonne wärmer scheint und reichere Früchte gedeihen; und wir heute glauben, ein Land zu erkennen, das in herrlicheres als in leuchtendes Sonnenlicht gebadet ist und reichere Früchte trägt als die Sinne erfassen können; und hinter uns, glauben wir, folgt uns eine längere Heerschar, als irgendeine unseres Volks oder Geschlechts; der Schall der Tritte, den wir hinter uns hören, ist der der Frauen der ganzen Erde, die in sich die ganze Menschheit tragen. Der noch kaum sichtbare Pfad, den wir heute austreten, wird, so glauben wir, die breiteste und ebenste Straße des Lebens sein, auf der die Menschenkinder in höherer Gemeinschaft und Harmonie dahinschreiten werden. Das Banner, das wir heute entfalten, ist nicht neu: es ist das Banner der alten, freien, monogamen, arbeitenden Frau, das schon vor zweitausend Jahren über den Wäldern Europas wehte. Wir werden es weiter tragen, jede Generation, die fällt, wird es der folgenden weiterreichen, bis wir es so hoch aufpflanzen können, daß alle Völker der Erde es sehen; bis die Frauen auch der niedersten menschlichen Rassen sich unter ihren Falten sammeln und kein Kind ins Leben treten wird, das nicht in ihrem Schatten geboren wäre.

Wir sind nicht neu! Wenn ihr uns verstehen wollt, so schaut zweitausend Jahre zurück und studiert unsere Herkunft; unsere Abstammung ist unsere Erklärung. Wir sind die Töchter unserer Väter sowohl als unserer Mütter. In unseren Träumen hören wir noch das Klirren der Schilder, die unsere Vorväter vor der Schlacht zusammenschlugen mit dem Ruf nach »Freiheit«! Diesen Ruf hören wir in unseren Träumen, und wenn wir wachen, tönt er von unseren Lippen! Wir sind die Töchter jener Männer.

Aber man wird vielleicht einwenden: »Sind nicht Frauen unter euch, die das Losungswort Freiheit und Arbeit nur benützen werden, damit sich ihnen die Tore zu noch größerer, raffinierterer Genußsucht, zu noch gewinnbringenderem und genußreicherem Parasitismus öffnen? Gibt es nicht Frauen, die unter dem Schein von Arbeit nur nach neuen Wegen zu sinnlicher Lust und Zügellosigkeit suchen, für die die Bildung des Geistes und die Erschließung neuer Arbeitsfelder an der Seite des Mannes nur neue Mittel sind, um sich bemerkbar zu machen und zu schmarotzen?« Unsere Antwort ist: Es mag sein, daß solche unter uns sind, aber - sie gehören nicht zu uns. Wir selbst wenigstens lassen uns selten von ihnen täuschen; die Schafe erkennen gewöhnlich den Wolf, so sorgfältig er sich in den Schafpelz kleidet, wenn sie ihn auch nicht immer aus der Herde zu vertreiben vermögen und wenn der Zuschauer ihn auch nicht erkennt! Die Außenstehenden mögen durch sie irregeführt werden; wir, die Schulter an Schulter mit ihnen stehen, kennen sie schon; es sind ihrer weder viele, noch sind sie etwas Neues. Sie gehören zu den ältesten Überbleibseln, zum Urbestand der Menschheit. Sie sind so alt wie Loki unter den Göttern, wie Luzifer unter den Kindern des Lichts, wie die Schlange im Garten Eden, wie Pein und Verirrung im Gang des menschlichen Lebens.

Solche Frauen sind so alt, wie die ersten Frauen der Urzeit, die mit ihren Genossen Holz sammeln gingen für den gemeinsamen Haushalt und Gras unter ihre Bündel steckten, damit es aussähe, als trügen sie dieselbe Last, während sie nichts trugen; sie sind so alt, wie der erste Mann, der seinen Schild in der Schlacht wegwarf und wenn die Schlacht vorüber war, sich unter die Sieger mischte, um die Beute zu teilen; so alt, wie Feigheit und Gier in der Menschen- und Tierwelt ist, die immer bestanden und erst aufhören werden, wenn vielleicht eine höhere und größere Menschheit die letzte Häutung hinter sich hat.

Jede Armee hat ihre Mitläufer, die nicht zu den rechtmäßigen Soldaten gehören, aber ihrem Zug folgen, bereit, die Gefallenen auf beiden Seiten zu überfallen und auszuplündern. Fremde mögen sie für Soldaten halten, aber die Soldaten wissen, wer sie sind. Beim heiligen Abendmahl saßen der Meister und scheinbar zwölf Apostel; in Wahrheit aber waren allesamt nur zwölf von der Gemeinde, und einer war nicht von den ihrigen. Einen solchen Dreizehnten gab es seit jeher bei jeder heiligen Gemeinschaft, seitdem die Welt besteht, wo immer die Träger einer großen Sache geistiges Brot gebrochen haben; aber es ist die Frage, ob je dieser Dreizehnte imstande war, irgendeine große Bewegung zu zerstören oder auch nur aufzuhalten. Judas konnte den Meister durch einen Kuß ans Kreuz liefern; aber seine Stimme konnte er nicht zum Schweigen bringen, durch Jahrtausende klang sie aus diesem judäischen Grab heraus. Wieder und wieder, in sozialen, politischen, geistigen Bewegungen verrät der Verräter, aber die Sache schreitet vorwärts, über seinen Leib hinweg.

Es gibt Frauen, wie es Männer gibt, deren politische, soziale, wissenschaftliche oder philanthropische Arbeit die

Schminke ist, die sie auflegen, wie die Dirne die Farbe, und zu keinem anderen Zweck: aber sie können den Fortschritt der großen Masse lebensvoller und ehrlicher Frauen so wenig aufhalten, als das Treibholz auf der Oberfläche eines mächtigen Stromes seine Wasser hindern kann, das Meer zu erreichen.

IV. DIE FRAU UND DER KRIEG

Wir dürften ferner dem Einwand begegnen: Gesetzt, ihr habt vollkommen recht, daß die Frau, der die alten Arbeitsgebiete verloren gehen, nach neuen greifen muß, wenn sie nicht in volle Abhängigkeit von ihren Geschlechtsfunktionen geraten will und nicht alle anderen Elemente ihres menschlichen Wesens aus Mangel an Übung gehemmt und vernichtet werden sollen. Gesetzt, es sei wahr, daß mit dem Stillstand ihrer Entwicklung auch die Entwicklung der ganzen Menschheit aufhören würde. All dies vollständig zugegeben und auch zugegeben, daß die menschliche Arbeit im großen ganzen dahin neigt, mehr und mehr eine geistige und immer weniger eine rein mechanische zu werden, je mehr vervollkommnete Maschinen die rohe Menschenkraft ersetzen, und daß daher die Frau, um sich selbst vor Degeneration und Parasitismus und die ganze Menschheit vor Stillstand zu retten, eine Erziehung erhalten muß, die all ihre geistigen und körperlichen Anlagen ausbildet und ihr die Freiheit gibt, sie zu benützen - würde es nichtsdestoweniger möglich und vielleicht gut sein, irgendeine Teilung zwischen männlichen und weiblichen Beschäftigungen vorzunehmen? Könnten nicht vielleicht die Frauen wieder zur Landwirtschaft, zu Textilgewerbe und Handel, Haushaltungsgeschäften, Jugenderziehung und Heilkunst zurückkehren und all dies im Verein mit den Mutterpflichten ihr ausschließliches Arbeitsgebiet bilden, während dem Mann das Studium der abstrakten Wissenschaften, Rechtskunde, Politik und Kriegshandwerk überlassen bliebe? So wie in alten Zeiten Krieg und Jagd Sache des Mannes, alle anderen Arbeiten die der Frau waren, warum sollte nicht auch ferner eine gerechte gleiche Teilung der sozialen Arbeitsgebiete bestehen?

Oberflächlich besehen scheint dieser Vorschlag ganz rationell und hat wenigstens das für sich, daß er mit dem

Lauf der menschlichen Entwicklung in der Vergangenheit übereinzustimmen scheint. Bei näherer Betrachtung aber zeigt es sich, daß ihm jede praktische oder wissenschaftliche Basis fehlt und jede Übereinstimmung mit den modernen Lebensbedingungen. In vergangenen primitiven Gesellschaftsordnungen wurde durch die bloße Muskelkraft und Größe des Mannes einerseits, durch die fortwährende Inanspruchnahme der Frau für Gebären, Säugen und Aufziehen der Kinder andererseits, diese Arbeitsteilung nach Geschlechtern in fast allen Ländern (Ägypten vielleicht ausgenommen) 24) unausweichlich. Die Frauen übernahmen naturgemäß die schwere landwirtschaftliche und häusliche Arbeit, weil sich diese immerhin eher als die Beschäftigungen des Mannes in Jagd und Krieg mit der fortwährenden Inanspruchnahme durch die Kinder vereinbaren ließ. Es war nichts Künstliches in einer solchen Teilung. Wohl lag die schwerste Last der ermüdendsten und gleichförmigsten Arbeit auf den Schultern der Frau; aber beide Geschlechter arbeiteten in der gebotenen Weise für die Existenz der Gemeinschaft, und jedes überlieferte dem anderen mittels Vererbung die Früchte seiner durch stete Übung zunehmenden Kräfte, und die Rasse gedieh.

Einzelne Frauen mögen manchmal, ja sogar öfters, Häuptlinge eines Stammes gewesen sein; der König der Ashantees mag mit seinen gefürchteten weiblichen Kriegsscharen in den Kampf gezogen sein, und Männer mögen hier und da für ihre Kinder das Feld bebaut und das Gewand gewoben haben; aber in der Hauptsache war in den meisten Gemeinschaften die Teilung der Arbeit eine natürliche, gerechte und segensreiche, und es war unausweichlich, daß eine derartige Teilung stattfand. Wenn heute eine Schar zivilisierter Männer, Frauen und Kinder in völlig nacktem und schutzlosem Zustand in eine Wildnis verschlagen würde, vollständig abgeschnitten von aller Zivilisation, so würde unzweifelhaft fast ganz die alte Arbeitsteilung, wenigstens für kurze Zeit, wieder Platz greifen. Die Männer würden nach Steinen und Stöcken suchen, um sich Waffen zum Schutz gegen wilde Tiere und Feinde zu schaffen, auf die Jagd gehen, mit den Wilden kämpfen und das gezähmte Vieh hüten. 25) Die Frauen würden ihre Kinder säugen, das Fleisch kochen, das die Männer heimbrächten, Hütten aufrichten, nach Wurzeln suchen und womöglich sie anpflanzen. Sicherlich gäbe es keine Müßiggänger in der Gesellschaft; denn die Frau, die nicht für ihr Kind arbeiten, und der Mann, der nicht auf die Jagd gehen oder die Gemeinschaft gegen Angriffe verteidigen wollte, sie würden von ihren Genossen nicht erhalten werden und bald zugrunde gehen. Wenn später die wilden Tiere ausgerottet und andere gezähmt und die Kriegswaffen verbessert wären, so daß man nicht mehr aller Männer für Krieg und Jagd bedürfte, dann würden sie daheim bleiben und beim Pflanzen und Bauen helfen. Viele Frauen würden sich dann zu Hausarbeit und Handwerk zurückziehen, und die ganze ehemalige Entwicklung würde sich im kleinen Maßstab wiederholen. In der Gegenwart aber, innerhalb der neuen Felder geistiger Arbeit oder gelernter Handarbeit,.die an Stelle der alten Arbeitsformen getreten sind, sehen wir nirgend eine solche natürliche, spontane Arbeitsteilung, die auf natürlichen Geschlechtsverschiedenheiten basieren würde.

Es ist ja möglich, obwohl in der Gegenwart keinerlei Anzeichen dafür sprechen und es sehr unwahrscheinlich klingt, daß irgendein entfernter, jetzt noch unwahrnehmbarer Zusammenhang besteht zwischen der zu bestimmten Geistesarbeiten befähigenden Gehirn- und Nervenbeschaffenheit und den Geschlechtsfunktionen eines Individuums. Es mag sein, so unerklärlich es auch scheint, daß sich schließlich irgendein Zusammenhang findet zwischen dem Gehirn- und Nervenzustand, der das Individuum, sagen wir, zum Studium der Mathematik befähigt, und der Natur seiner Geschlechtsattribute. Die bloße Tatsache aber, daß von der Handvoll Frauen, die sich bisher abstrakten Studien widmen durften, einige sich in der höheren Mathematik auszeichneten, beweist noch nicht notwendig, daß das weibliche Geschlecht für mathematische Fächer eine höhere Eignung als etwa für Staatswissenschaften, für Recht oder Verwaltung besitze, Gebiete, zu welchen Frauen bisher tatsächlich noch keinen Zutritt erhielten. Man behauptet manchmal, weil einige geniale Frauen der neueren Zeit ihre schöpferische Kraft in der Erzählungskunst zum Ausdruck zu bringen suchten, daß ein innerer Zusammenhang im menschlichen Gehirn bestehen müsse zwischen den Geschlechtsfunktionen des Eierstocks und der Kunst der Erzählung. Tatsächlich verhält es sich vielmehr so: Da die moderne Erzählungskunst eine bloße Beschreibung des menschlichen Lebens in seinen verschiedenen Phasen und die einzige Kunst ist, die keiner speziellen Schulung und besonderer Vorkehrungen bedarf, kann die Frau sie in jenen Momenten ausüben, die sie den mannigfaltigen, ihr Leben ausfüllenden, geisttötenden Beschäftigungen abstiehlt. Und so wurde sie auf diesen Ausweg, als den einzigen, der sich ihren Kräften bot, gedrängt. In welchen anderen Richtungen ihre Begabung bei naturgemäßer Entwicklung zum Ausdruck gelangt wäre, ist ihr selbst nur teilweise bewußt, und was die Welt durch dieses in eine bestimmte Richtung Zwingen von Begabungen, die vielleicht in dieser Ausdrucksform nicht ihre naturgemäßeste oder nicht ihre einzige Form gefunden haben, verloren hat, kann niemand berechnen. Selbst in den unbedeutenden Novellistinnen dritten Ranges, deren Produktionen den Markt überschwemmen, können wir oft eine ergreifende Erscheinung erblicken, wenn wir ahnen, daß unter ihren mißlungenen künstlerischen Versuchen die Begabung eines tüchtigen Gesetzgebers, eines geschickten Architekten, eines originellen wissenschaftlichen Forschers oder eines guten Richters begraben liegen mag. Wissenschaftlich ist ein organischer Zusammenhang zwischen dem weiblichen Gehirn und der Erzählungskunst ebensowenig bewiesen, wie ein organischer Zusammenhang zwischen der weiblichen Hand und der Schreibmaschine. Beide, die Schriftstellerin wie die Stenotypistin, suchen jede innerhalb ihrer Sphäre ihren Kräften ein Ventil zu öffnen in der Richtung des schwächsten Widerstands. Die momentane Tendenz der Frauen zu bestimmten Arbeitsformen beweist nichts, als daß in dem verworrenen, eingeengten, gebundenen Zustand der Frau der Gegenwart dies die Richtungen sind, in denen ihr eine Tätigkeit am ehesten möglich wird.

Möglich, daß in späteren Zeiten, wenn Mann und Frau geistig gleich vorgebildet sind, die gleiche Erziehung, gleiche Anregung und gleiche Entlohnung erhalten werden, ein oder die andere Fähigkeit als parallel laufend mit der Art der Geschlechtsfunktionen erkannt werden wird, sobald man die Menschheit als Ganzes betrachtet. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Historiker der Zukunft, der auf unzählige Generationen geistig befreiter und tätiger Geschlechter zurückblicken wird, bei sorgfältiger, ausgedehnter Vergleichung eine entschiedene Eignung des weiblichen Intellekts für Mathematik, Technik oder Politik und ebenso etwa eine ausgesprochene Neigung des männlichen Geistes für Schauspielkunst, Musik oder Astronomie erkennen wird. Aber in der Gegenwart haben wir keinerlei ausreichende wissenschaftliche Anhaltspunkte, aus denen derartige Schlüsse zu ziehen wären, und jeder Versuch einer Teilung der Arbeitsgebiete in männliche und weibliche ist ein künstlicher und willkürlicher, um nichts rationeller und wissenschaftlicher, als etwa ein Versuch wäre, einen Jungen nach der Farbe seiner Augen oder der Form und Stärke seiner Beine zum Astronomen oder Kupferstecher zu bestimmen. Jene physischen Verschiedenheiten innerhalb der Menschheit, welche Rassen und Nationen trennen - nicht bloß die Rassenunterschiede zwischen Juden und Schweden oder Japaner und Engländer, die doch unendlich größer sind, als je der Gegensatz zwischen Mann und Frau derselben Rasse, sondern auch die feinen Abweichungen, die nah verwandte Rassen, wie Engländer und Deutsche unterscheiden - scheinen oft mit subtilen Verschiedenheiten in der geistigen Veranlagung verbunden zu sein. Aber selbst in bezug auf diese Unterschiede ist es fast unmöglich, wissenschaftlich festzustellen, inwiefern sie das Resultat von nationalen Traditionen, Umgebung und Erziehung, und inwiefern das Resultat organischer Gestaltung sind. 26)

Kein Studium der bloßen physischen Verschiedenheiten zwischen Individuen oder Rassen würde uns Kenntnisse über ihre geistige Veranlagung verschafft haben, noch kann die Tatsache, daß bestimmte Individuen einer menschlichen Art gewisse Fähigkeiten besitzen, einen vernünftigen Grund bilden, alle Individuen dieser Art in ein bestimmtes Arbeitsgebiet zu zwingen.

Keine noch so genaue Analyse der physischen Konstitution der Juden konnte ohne jahrhundertelange praktische Erfahrungen à priori annehmen und noch weniger beweisen, daß parallel mit irgendwelchen physischen Merkmalen, welche sie von ihren Mitmenschen unterscheiden, eine angeborene einzigartige intellektuelle Begabung für Religion geht. Die Tatsache, daß während dreier Jahrtausende, von Moses bis Jesaias, von Jesus und Paulus bis zu Spinoza, die jüdische Rasse Männer hervorgebracht hat, die der halben Welt ihren religiösen Glauben und ihr religiöses Feuer geliehen haben, beweist, daß irgendwo und irgendwie, entweder organisch mit der physischen Konstitution der Juden zusammenhängend oder als Resultat von Traditionen und Erziehung, diese Begabung für religiöse Dinge besteht. Trotzdem finden wir andererseits Millionen Juden, denen dieser Sinn total und ausgesprochen abgeht, und irgendwelche praktischen Vorschriften für das Individuum auf diese erwiesene geistige Veranlagung der Rasse als Ganzes zu basieren, wäre ebenso offenkundig lächerlich wie verfehlt. Ein noch markanteres Beispiel bieten die Deutschen. Keinerlei Betrachtung ihrer physischen Eigentümlichkeiten, selbst bei subtilster Untersuchung von Nerven, Knochen, Muskeln könnte bei dem jetzigen Stand der Wissenschaft erweisen, daß mit dieser organischen Konstitution der Deutschen eine einzigartige Veranlagung für Musik verknüpft ist. Wohl besteht immer die Möglichkeit einer Verwechselung von angeborner Anlage mit den Resultaten von Erziehung und äußern Umständen; aber wenn wir die Leidenschaft, welche die Deutschen für Musik bewiesen haben, und die Tatsache bedenken, daß die größten Musiker, die die Welt kennt, von Bach, Beethoven, Mozart bis zu Wagner dieser Nation angehörten, so erscheint es höchst wahrscheinlich, daß eine Beziehung zwischen dem Körperbau des Deutschen und seiner musikalischen Begabung existiert. Ähnliche geistige Besonderheiten scheinen mit äußeren Verschiedenheiten, die andere Rassen kennzeichnen, einherzugehen. Nichtsdestoweniger würde jeder Versuch in einer Kolonie, in der Personen all dieser Nationen zusammenlebten, auf Grund dieser anscheinend erprobten nationalen Eignung oder Nichteignung jede auf ein bestimmtes Arbeitsgebiet zu beschränken, als verrückt angesehen werden. Darauf zu bestehen, daß alle Juden und nur Juden religiöse Gegenstände zu behandeln und zu unterrichten hätten, daß alle Engländer und nur Engländer Handel zu treiben hätten, jeder Deutsche sich mit Musik seinen Lebensunterhalt verdienen müßte und niemand außer Deutschen Musik betreiben dürfte, würde jeden einzelnen unglücklichen Engländer, dessen ausgesprochenster Mangel in der Richtung von Finanz- und Geschäftswesen liegen mag, jeden Juden, dessen religiöse Instinkte rudimentär sind, jeden Deutschen, der keine Note von der andern zu unterscheiden vermag, einfach zur Verzweiflung bringen. Und die Gesellschaft als Ganzes würde einen unersetzlichen Verlust erleiden, einen der schwersten Verluste, die eine Gesellschaft betreffen kann - die Nichtausnützung der höchsten Fähigkeiten all ihrer Mitglieder.

Es mag sein, daß wie bei den Rassen, so auch bei den Geschlechtern die feinsten physischen Differenzen ihr feines, geistiges Korrelat besitzen; aber keine abstrakte Betrachtung des menschlichen Körpers bezüglich seiner Geschlechtsfunktionen kann bei dem jetzigen Stand unserer Wissenschaft erweisen, welche geistigen Fähigkeiten dahin neigen, mit den sexuellen Organen zu variieren, und nichts im gegenwärtigen oder vergangenen Zustand von Mann und Frau gibt uns mehr als die allerleisesten Andeutungen einer Möglichkeit der Relation zwischen geistigen Anlagen und Geschlechtsfunktionen. Und selbst wenn durch jahrhundertelange Erfahrungen erwiesen wäre, daß mit den weiblichen Geschlechtsfunktionen mehr Neigung zu außerordentlichen Fähigkeiten in mathematischen als in naturwissenschaftlichen Fächern zusammenfällt oder mehr Eignung für Politik als für technische Erfindungen, wenn es erwiesen wäre, daß im allgemeinen von zwanzigtausend Frauen, die sich dem juristischen, und zwanzigtausend, die sich dem medizinischen Studium widmen, eine verhältnismäßig größere Zahl auf dem Gebiete der Rechtskunde etwas leistet, so wäre noch immer kein gesunder und vernünftiger Grund vorhanden, die Tätigkeit der einzelnen Frau auf die Richtung zu beschränken, in der die Frau durchschnittlich öfter Hervorragendes zu leisten schien. 27) Daß auch nur ein Individuum in einer Gesellschaft von derjenigen Arbeit, für die es am besten geeignet ist, ausgeschlossen sein soll, bedeutet einen unnötigen Ausfall in dem geistigen Besitzstand der Gesellschaft. Wenn ein männlicher Fröbel an seiner Arbeit als Pädagoge gehemmt oder verhindert worden wäre, weil Kindererziehung als Gebiet der Frau galt, oder nur eine Frau, die die Gabe zum Staatsmann besitzt, gezwungen sein soll, im Kindergarten zu unterrichten, wozu sie vielleicht nicht die leiseste Begabung hat, ist eine fortlaufende Verschwendung sozialen Lebensbluts.

Freiheit der Arbeit und Gleichheit der Vorbildung, körperlicher wie geistiger, ist unbedingt notwendig, um über die natürliche Veranlagung eines Geschlechts oder einer Klasse zu entscheiden. Und darum geht unsere Forderung dahin, daß nicht künstliche Einschränkungen, sondern die natürlichen Bedingungen es sein sollen, die unerbittlich, aber wohltätig über die Arbeit jedes einzelnen entscheiden.

So wie es nicht nötig ist, den Hindus, von denen man gewöhnlich annimmt, daß sie keine natürliche Begabung für Sport besitzen, diesen zu verbieten - denn wenn sie kein Talent dazu haben, werden sie ihm ohnehin unterlassen -, und wie es trotz dieser angenommenen allgemeinen Unbegabtheit für Sport möglich ist, daß einmal ein einzelner Hindu der beste Kricketspieler seiner Zeit wird, so ist auch keinerlei Notwendigkeit vorhanden^ die Frau in der Wahl ihrer Arbeitsgebiete gesetzlich zu beschränken. Denn die natürliche Unfähigkeit eines Individuums wird, wo sie besteht, viel mächtiger wirken als irgendeine künstliche, gesetzliche oder soziale Absperrung, und es kann vorkommen, daß das eine Individuum unter zehntausend, welches ein bei seinen Artgenossen im allgemeinen nicht beliebtes Arbeitsfeld wählt, die Menschheit durch die Resultate seines besonderen Talents bereichert. Daß in der Welt geistiger Kultur und Arbeit alle von demselben Punkt starten dürfen und unserer alten Mutter Natur das Schiedsrichteramt, das Verteilen der Preise und Streichen der Unfähigen aus der Liste, überlassen bleibe, das ist alles, was wir fordern, aber das fordern wir entschieden. Werft den jungen Hund ins Wasser: schwimmt er - gut, sinkt er - auch gut, aber bindet ihm nicht einen Strick mit einem Stein um den Hals und sagt dann, er war nicht imstande, sich über Wasser zu halten.

Für heute muß unser Ruf lauten: »Jede Arbeit gehört in unser Gebiet!«

Vom Richterstuhl bis zum Parlamentssitz, vom Kabinett des Staatsmannes bis zum Kontor des Kaufmanns, vom chemischen Laboratorium bis zur Sternwarte, nirgend ist eine Stelle oder eine Arbeitsgelegenheit, für die wir nicht die Absicht hätten, uns tauglich zu machen. Es gibt keine verschlossene Tür, die wir nicht aufbrechen wollen, und es gibt keine Frucht im Garten der Erkenntnis, von der wir nicht zu essen entschlossen wären. Wir wissen, daß die Natur in uns und durch uns arbeitet und erbarmungslos unsere Mängel, unsere Kräfte aufdecken wird. Vorderhand aber gehört jede Arbeit in unser Gebiet!

Aber man wird nun einwenden: »Und was ist mit dem Krieg, dieser Art menschlichen Ringens, das sein Ziel durch physische Gewalt und um den Preis fremden Lebens erreicht - wollt ihr daran auch teilnehmen?« Darauf antworten wir: Ja, ganz besonders beabsichtigen wir, auf diesem Feld unsere Rolle zu spielen. Seit jeher haben wir unser Teil an den Lasten des Krieges getragen. Nicht nur in primitiven Zeiten, wo wir unter der Zerstörung der Felder, die wir bestellt, und der Häuser, die wir gebaut, zu leiden hatten oder in späteren Jahrhunderten, wo wir als die ungezählten häuslichen Arbeiter und Produzenten an Abgaben, Verlusten, Lebensmitteln und persönlicher Arbeit soviel wie die Männer an Kriegskosten beizusteuern hatten. Nicht nur weil in der neueren Zeit manche von uns als Kriegspflegerinnen oder in früheren Epochen hier und da als Führerinnen und Häuptlinge unser Teil trugen; noch selbst, weil die Entschlossenheit der Frauen und ihre Bereitschaft, zu leiden, in allen Zeiten wieder und wieder aufs stärkste das Schicksal kriegführender Völker beeinflußt haben - nicht aus diesen Ursachen allein fordern wir ein Recht der Mitbestimmung, wo es sich um den Krieg handelt. Unsere Beziehungen zum Krieg sind weit engere, persönlichere und unlösbarere als diese. Die Männer haben Bumerangs, Bogen, Schwerter und Kanonen erzeugt, um sich gegenseitig zu töten, wir aber haben die Männer erzeugt, die töten und getötet werden! Wir haben zu allen Zeiten um enormen Preis die wichtigste Kriegsmunition geliefert, ohne die keine andere existiert hätte.

Es gibt kein Schlachtfeld der Erde, noch hat es je eines gegeben, mit wieviel Erschlagenen es auch bedeckt sein mochte, das die Frauen des betreffenden Volkes, die es mit Kämpfern zu versorgen hatten, nicht mehr an Blut und Qualen gekostet hätte als die Männer, die da liegen. Wir sind es, die die Hauptkosten aller Menschenleben zahlen.

Indem sie die Männer für das Blutbad der Schlachtfelder liefern, haben die Frauen nicht nur tatsächlich mehr Blut vergossen, und in den langen Monaten, die sie das Kind getragen und endlich unter Schmerzen geboren haben, mehr Qualen und Leiden ausgestanden als die Männer, die das Schlachtfeld bedecken; sondern sie haben in den langen Jahren, da sie die Kinder großzogen, so lange und geduldig Strapazen ertragen, wie sie kein schwer bepackter Soldat auf dem längsten Marsch ärger zu erdulden hatte. Und was das Sterben anlangt, so ist unter allen zivilisierten Völkern die Wahrscheinlichkeit für die Frau, im Kindbett zu sterben, durchschnittlich unendlich größer als für den Mann die, auf dem Schlachtfeld zu fallen.

Es gibt kaum eine Frau, ob sie nun Kinder geboren hat oder nicht, die über ein mit Gefallenen bedecktes Schlachtfeld gehen könnte, ohne daß ihr der Gedanke käme: »Wie vieler Mütter Söhne! Wie viele Menschenleiber zur Welt gebracht, um nun hier zu liegen! Wie viele Monde von Mühsal und Leiden, bevor diese Glieder und Muskeln sich im Mutterleibe gestalteten, wieviel Stunden der Angst und Qual, damit Leben werde; wie viele Kinderlippen mußten Leben saugen aus Mutterbrüsten - und all dies, damit nun diese Männer daliegen mit stieren Augäpfeln, mit gedunsenen Leibern, mit starren, blauen, geöffneten Lippen, mit weggerissenen Gliedern - um einige Äcker mit Menschenfleisch zu düngen, daß im nächsten Jahr das Gras grüner oder Mohn und Heidekraut röter stehen, wo sie gelegen, oder der Sand der Ebene weißer schimmern wird von Totengebein!« Und wir rufen: »Nein, ohne unerbittliche Ursache darf das nicht sein!« Keine Frau, die wahrhaft Frau ist, wird je von einem Menschenleib sagen: »Er ist wertlos!« Der Tag, an dem die Frau neben dem Mann ihren Platz in der Lenkung und Regelung der auswärtigen Angelegenheiten ihres Volkes finden wird, wird auch der Tag sein, der das Ende der Kriege als eines Mittels, menschliche Streitfragen zu schlichten, verkündet. Kein Fanfarenschmettern und Bannerrauschen wird schließlich Frauen zu dem Wahnsinn verführen, rücksichtslos Leben zu zerstören oder vorsätzliches Töten mit einem anderen Namen als Mord zu beschönigen, ob es sich nun um das Schlachten von Tausenden oder Einzelner durch Einzelne handelt. Und dies nicht etwa, weil die geschlechtlichen Funktionen der Mütterlichkeit notwendig eine tiefere moralische Einsicht verleihen als die der Vaterschaft oder eine höhere Art sozialen Instinkts. Männer haben zu allen Zeiten ebenso vornehm wie Frauen auf mancherlei Pfaden hochherziger Güte gewandelt und hinan zu höherem sozialen Empfinden; ja zu manchen Zeiten sind sie, als die Freieren und Höhergebildeten, weiter und kühner vorangeschritten. (Daß die Frau nicht etwa eine natürliche, allseitige moralische Überlegenheit gegenüber dem Manne oder einen höheren sozialen Instinkt als er besitzt, ist vielleicht am klarsten durch eine sehr unscheinbare, seltsame Tatsache bewiesen: Die zwei Ausdrücke, die, in fast allen Sprachen intime menschliche Beziehungen bezeichnend, die übelste antisoziale Bedeutung besitzen, haben beide das Wort »Mutter« als Wurzel und bezeichnen weibliche Verwandte - die Worte »Schwiegermutter« und »Stiefmutter«.)

In der ganzen Menschheitsgeschichte hat sich der Mann in bezug auf soziale Solidarität und Großherzigkeit der Frau mindestens ebenbürtig erwiesen.

Aber andererseits wird die Frau nicht aus Mangel an Mut vor dem Kriege zurückschrecken. Die Frauen aller Länder und Generationen haben Leiden und Tod mit einem Gleichmut ins Auge gesehen, der von keinem Krieger auf dem Schlachtfeld je übertroffen und von wenigen erreicht worden ist. Und wo es sich im Krieg um den Schutz von Leben, Land oder Freiheit handelte, haben tüchtige, noch nicht parasitisch gewordene Frauengeschlechter stets tätig teilzunehmen und zu sterben verstanden. Auch wird der Einfluß der Frau nicht deshalb sich gegen den Krieg kehren, weil die Frau der Zukunft physisch unfähig wäre, daran teilzunehmen. Die geringere Kraft ihrer Muskeln, die für sie von entscheidendem Nachteil gewesen wäre, solange Kriege mit der Streitaxt und dem Schwert im Einzelkampf geführt wurden, würde jetzt wenig oder nichts bedeuten. Wenn die Frau es darauf absähe, sich für den Krieg zu schulen, so könnte sie wohl ebenso die Geschicklichkeit erwerben, ein Maximgeschütz abzufeuern oder den Feind mit einem Lee-Metford-Gewehr aus dreitausend Metern Entfernung niederzuknallen, wie irgendein Mann, und unzweifelhaft war es nicht einzig das Hirtenmädchen von Orleans, in der sich latent die Gaben bargen, die den großen Feldherrn ausmachen. Wenn die Völker Europas in ihrem gegenwärtigen halbzivilisierten Zustand, der den Krieg ermöglicht, noch durch einige Generationen verharren sollten, so ist es höchst wahrscheinlich, daß Frauen im Finanzdepartement, in der Intendantur, bei der Approvisionierung und Bekleidung der Armeen eine Hauptrolle spielen werden und daß die Nation, die als erste ihre Frauen so verwendet, zu Kriegszeiten in großem Vorteil gegenüber den anderen sein wird. Also nicht, weil die Frau zu feige oder unfähig ist, noch weil ihre Moral im allgemeinen eine höhere ist, wird sie dem Krieg ein Ende bereiten, sobald ihre Stimme allgemein, entscheidend und klar sich in der Staatenlenkung Gehör verschaffen wird - sondern weil in diesem einen Punkt und fast allein in diesem einen das Wissen der Frau, einfach als Frau, dem des Mannes überlegen ist. Sie kennt die Geschichte des menschlichen Fleisches, sie weiß, was es kostet, er nicht. 28)

In einer belagerten Stadt mag es vorkommen, daß die Leute in den Straßen, um die Breschen zu verstopfen, die der Feind in die Wälle geschlagen, Statuen und Marmorbilder aus öffentlichen Gebäuden und Galerien reißen und sie hinwerfen, unbedenklich, nur weil sie ihnen gerade zur Hand sind, ohne sie höher zu achten, als wären sie Pflastersteine. Aber einer wird das nie tun - der Bildhauer! Er, der, wenn auch kein Werk seines eigenen Meißels darunter ist, doch wohl weiß, was jedes dieser Kunstwerke gekostet hat, aus Erfahrung weiß, wieviel Jahre des Kampfes und Studiums, welche unendliche Mühe das Schaffen jedes einzelnen Gliedes kostet, das Meißeln jeder dieser vollendeten Linien, er könnte niemals gedanken- und sorglos so verfahren. Instinktiv würde er nach anderen Dingen suchen, Hausrat, selbst alles Gold und Silber, das die Stadt besitzt, hinwerfen, ehe er diese Kunstwerke opferte!

Menschenleiber sind die Kunstwerke von uns Frauen. Gebt uns die Macht, es zu hindern, und wir werden sie nie achtlos hinwerfen, um damit die Risse auszufüllen, die durch internationalen Ehrgeiz oder Habgier in den menschlichen Beziehungen entstanden sind. Uns Frauen wird niemals der Gedanke kommen: »Werft Menschenleiber hin, um die Sache zum Austrag zu bringen.« Schiedsspruch und Entschädigungen würden uns so naturgemäß als das billigere und einfachere Mittel erscheinen, die Spaltungen in den nationalen Beziehungen zu überbrücken, wie es dem Bildhauer natürlich ist, alles andere eher hinzuwerfen als Statuen, obwohl er zuletzt auch dazu getrieben werden kann!

Es ist dies einer der nicht sehr zahlreichen, aber äußerst wichtigen Punkte im menschlichen Leben, in welchen der Mann als Mann und die Frau als Frau, bloß auf Grund der Verschiedenheit ihrer geschlechtlichen Funktionen in bezug auf die Fortpflanzung, auf einem einigermaßen verschiedenen Standpunkt stehen und stehen müssen. Der physische Schöpfungsakt von Menschenleben, der, soweit der Mann daran beteiligt ist, nur in wenigen Momenten physischen Genusses besteht, bedeutet für die Frau immer Monate der Last und körperlicher Leiden, die in Lebensgefahr gipfeln. Für den Mann ist Leben zeugen Lust, für die Frau Blut, Angst und manchmal Tod. Hier berühren wir einen der wenigen, aber bedeutsamen Unterschiede zwischen Mann und Frau als solche.

Die zwanzigtausend Männer, die vorzeitig auf dem Schlachtfeld fallen, bedeuten für die Frauen ihres Volkes zwanzigtausend menschliche Wesen, die sie durch Monate tragen, unter Qualen gebären, an ihrer Brust nähren und unter Mühen aufziehen müssen, wenn die Zahl ihres Stammes und die Stärke ihres Volkes erhalten bleiben soll. Bei Völkern, die fortwährend Krieg führen, ist den Frauen fortwährendes, ununterbrochenes Kindergebären durch den Krieg auferlegt, wenn der Staat weiterbestehen soll. Und wann immer Kriege vorkommen, muß, wenn die Bevölkerungszahl erhalten bleiben soll, die Zahl der Geburten zunehmen. Das bedeutet für die Frauen als solche eine Kriegssteuer, mit welcher verglichen alles was Männer für militärische Rüstungen aufwenden, verhältnismäßig wenig ist.

Die Beziehungen der Frau zur Fortpflanzung beeinflussen unzweifelhaft selbst ihr Verhältnis zu Tieren und allen Lebewesen. »Heut ist ein schöner Tag, gehen wir Vögel schießen,« ruft der typische Mann gewisser Völker ganz instinktiv. »Da ist ein Vöglein aus dem Nest gefallen, retten wir es,« sagt die Durchschnittsfrau fast ebenso instinktiv. Gewiß ist es wahr, daß die Frau imstande ist, ebenso unbarmherzig und grausam das Leben einer gehaßten Rivalin oder eines Feindes zu opfern, wie nur irgendein Mann, aber sie weiß dabei, was sie tut, sie kennt den Wert des Lebens, das sie raubt! Für die normale Frau gibt es kein leichtherziges, sorgloses Hinopfern von Leben; ihr Instinkt, von praktischer Erfahrung belehrt, schreckt davor zurück. Sie kennt den Wert des Lebens und weiß, daß es leichter ist, es zu zerstören, als zu erschaffen.

Allerdings ist es sicher, daß die Verdammung des Krieges, die in den fortgeschrittenen Menschengeistern erwacht ist, vom höchsten Standpunkte aus in keiner Weise mit den besonderen Geschlechtsfunktionen in Verbindung steht. Ganz gleich, ob Mann oder Frau, alle jene, die mit Jesaias auf den Hügeln Palästinas oder mit Buddha unter den Palmen Indiens die Wesenseinheit alles fühlenden Lebens erkannt haben und die daher im Krieg nur ein Symptom jener rohen Disharmonie erblicken, unter der das Leben auf Erden, noch uneins mit sich selbst, in seinen frühen Entwicklungsstufen leidet; die als endliches, in weiter Ferne hinter den Kuppen unzähliger kommender Zeitalter verborgenes Ziel der Menschheit, die Harmonie zwischen allen Formen bewußten Lebens erkennen, wie es der alte Hebräer in dem Bilde zeichnete: »Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen und die Pardel bei den Böcklein liegen, ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben« - für alle, ob Mann oder Frau, die diesen Standpunkt erreicht haben, bedarf es nicht der Erleuchtung durch den Instinkt der Gebärerin als solche. Denn ihre Verurteilung des Krieges erwächst nicht so sehr aus der Tatsache vergeuderischer Zerstörung von Menschenfleisch, als daraus, daß sie im Krieg ein Zeichen des Mangels jener Einheit, jener Harmonie erkennen, die in dem Rufe lebt: »Kinder, liebet einander!«

Aber für die große Masse der Menschen wird wahrscheinlich noch durch Generationen der instinktive Antagonismus der Gebärerin gegen die rücksichtslose Zerstörung dessen, was sie um so hohen Preis geschaffen hat, nötig sein, um die Menschheit zu klarem Begreifen der Bestialität und des Wahnsinnes des Krieges zu erziehen.

Der Krieg wird aufhören, sobald Bildung und Tätigkeit es der Frau ermöglicht haben werden, ihren Teil an Herrschaft und Einfluß im Leben der modernen Nationen zu erlangen; er wird wahrscheinlich nicht früher verschwinden und kaum viel später. Speziell in der Domäne des Kriegs haben wir, die wir die Männer gebären und damit das wertvollste Kriegsmaterial liefern, wir, die zwar nicht in der Hitze des Gefechts, aber einsam und allein mit verzweifeltem Mut unser Blut vergießen und dem Tod ins Antlitz schauen, daß dem Schlachtfeld sein Futter werde, ein Futter, das uns teurer ist als unser Herzblut - speziell wir haben in der Domäne des Kriegs unser Wort dreinzureden, ein Wort, das kein Mann für uns sprechen kann. Es ist unser Wille, auch in das Gebiet des Kriegs einzudringen und solange darin zu arbeiten, bis wir ihm im Laufe der Generationen ein Ende bereitet haben.

Wenn wir heute auf allen Gebieten Arbeit fordern, so fordern wir sie auf jenen Feldern besonders, auf denen die Unterschiede der Geschlechtsfunktionen Mann und Frau auf einigermaßen verschiedenem Standpunkt dem menschlichen Leben gegenüberstellen.

V. GESCHLECHTSUNTERSCHIEDE

Wenn wir die physischen Geschlechtsphänomene beim Menschen untersuchen, so finden wir in den allerersten Lebensstadien, im Keim, keine mit den uns bisher zur Verfügung stehenden Mitteln erkennbaren Unterschiede zwischen jenen Keimen, aus denen sich ein männliches, und jenen, aus denen sich ein weibliches Wesen entwickeln soll. Später, beim Fötus, bei der Geburt und während der Kindheit, bilden die Geschlechtsorgane wohl die Erkennungszeichen der Geschlechter, aber Bau und Tätigkeit des Organismus unterscheiden sich im allgemeinen wenig oder gar nicht nach dem Geschlecht.

Selbst dann, wenn die Pubertät erreicht ist und die enorme Entwicklung des sexuellen und Fortpflanzungstriebes die betreffenden Teile umbildet und gewisse sekundäre Geschlechtsmerkmale hervorbringt, wird der größte Teil der menschlichen Organe und ihrer Funktionen durch die geschlechtlichen Veränderungen wenig oder gar nicht beeinflußt. Auge, Ohr, Tastsinn, die Verdauungs-, Atmungs- und Willensorgane sind in der Hauptsache gleich und oft unter Personen desselben Geschlechtes abweichender als zwischen solchen verschiedenen Geschlechtes. Selbst am Seziertisch sind oft die Zellgewebe von männlichen und weiblichen Körpern nicht unterscheidbar.

Erst wenn wir die Reproduktionsorgane selbst, ihre Form und Tätigkeit betrachten und jene Teile des Organismus, die mit ihnen in direkter Verbindung stehen, finden wir tatsächlich sich weitgehend voneinander unterscheidende, aber einander vollkommen ergänzende Merkmale. So wie wir uns den Reproduktionsorganen nähern, zeigen sich die Abweichungen des männlichen vom weiblichen Körper, so wie wir uns davon entfernen, werden die Organe ähnlich oder ganz identisch. Nehmen wir das Auge, das vielleicht höchst entwickelte, komplizierteste Organ des menschlichen Körpers, das, wenn der Ausdruck hier gestattet ist, geistigste Sinnesorgan, so finden wir es bei Mann und Frau in allen Perioden des Lebens gleich in Bau, Aussehen und Funktion. Während die Brust, die enge Beziehung zur Fortpflanzung hat, wohl in der Kindheit bei beiden Geschlechtern gleich ist, sobald aber der Fortpflanzungstrieb wirksam wird, eine weit verschiedene Gestalt annimmt.

Wenden wir uns zu den verschiedenen Phasen des psychischen Lebens, so zeigen sich genau analoge Erscheinungen. Bei der Geburt des Kindes unterscheiden sich Verstand, Empfindungen und Triebe in keiner wahrnehmbaren Weise, ob das Geschlecht nun männlich oder weiblich ist. Und jene psychischen Verschiedenheiten, die in der späteren Kindheit scheinbar bestehen, sind unzweifelhaft großenteils das Resultat künstlicher Anerziehung, welche psychische Geschlechtsverschiedenheiten viel früher aufzwingt als sie naturgemäß in Erscheinung träten. So, wenn Spiele und Beschäftigungen kleinen Kindern auf Grund ihrer angeblichen geschlechtlichen Nichteignung verboten werden, wenn man kleine Mädchen gewaltsam vom Klettern oder Lärmen abhält oder Knaben davon, sich mit Nadel und Faden oder mit Puppen zu unterhalten. Selbst beim ganz erwachsenen Menschen, ungeachtet der Verschiedenheit der Erziehung, scheinen die psychischen Funktionen auf weiten Gebieten des Lebens absolut die gleichen. Das männliche wie das weibliche Gehirn eignet sich Sprachen an, löst mathematische Probleme, beherrscht wissenschaftliche Einzelheiten in ganz ununterscheidbarer Weise, was durch die an modernen Universitäten von männlichen und weiblichen Studenten gelieferten schriftlichen Arbeiten, die in der Regel den genau gleichen Charakter tragen, bewiesen ist. Unter gleichen äußern Verhältnissen ist der Geschmack und das Empfinden auf weiten Lebensgebieten gleich, und in unzähligen Fällen, in denen scheinbar Geschlechtsverschiedenheiten bestehen, wird man bei genauerer Untersuchung finden, daß es sich um rein künstlich Erzeugtes handelt, da bei andern Rassen oder Klassen dieselben Sexualmerkmale nicht existieren. So, wenn im modernen Europa von unwissenden Beurteilern der Frau eine dem Manne fremde, natürliche Vorliebe für farbige Gewänder und Schmuck zugeschrieben wird, während die Beobachtung anderer Rassen und vergangener Epochen lehrt, daß der Mann oft noch mehr darauf hielt, sich prächtig zu kleiden und mit glänzenden Juwelen zu schmücken, oder, wenn bei manchen wilden Stämmen der Gebrauch des Tabaks als ein ausschließlich weibliches Prärogativ gilt, während in der modernen Gesellschaft das Tabakrauchen mit Männlichkeit in Verbindung gebracht wird. 29)

Aber es bleiben einige Unterschiede im Seelenzustand von Mann und Frau als solche, die angeboren und nicht künstliche sind, und auch auf psychischem Gebiet ist es genau so, daß da wo wir uns der Sphäre der sexuellen und Fortpflanzungstätigkeit und den direkt damit verbundenen Gefühlen und Instinkten nähern, die Verschiedenheiten auftreten.

In der Tierwelt finden sich alle psychischen Abweichungen bald mit der männlichen, bald mit der weiblichen Geschlechtsform verbunden. Bei Insekten und Fischen, wo der weibliche Teil gewöhnlich größer und stärker als der männliche ist, sind die Weibchen gewöhnlich auch kampflustiger und räuberischer als die Männchen. Bei den Raubvögeln, bei denen ebenfalls die Weibchen größer und stärker sind, finden sich sehr geringe psychische Unterschiede. Bei Adlern und ähnlichen streng monogamen Arten ist die Liebe des Weibchens zum Männchen so groß, daß es sich angeblich, wenn das Männchen stirbt, nie mit einem zweiten gattet, und beide wachen über das Junge und sorgen für dasselbe mit außerordentlicher Vorsicht. Die Straußenmännchen, obgleich größer als die Weibchen, teilen sich mit diesen im Ausbrüten der Eier, indem sie zu bestimmten Stunden des Tages die Henne ablösen, und die Sorgfalt für das ausgebrütete Junge ist bei beiden Teilen gleich groß. Bei den Singvögeln, bei denen die beiden Geschlechter manchmal ununterscheidbar ähnlich sind und die ebenfalls monogam leben, beweisen nicht nur Männchen und Weibchen die gleiche leidenschaftliche Liebe füreinander (die südafrikanischen Cock-o-veets singen ein Liebeslied, einen Wechselgesang; das Männchen singt zwei oder drei Töne und das Weibchen antwortet mit zwei oder drei anderen), sondern sie bauen auch ihre Nester gemeinsam und ziehen die Jungen mit gleicher Hingebung auf. Die kleinen am Kap lebenden Kapokvögel bauen beide zusammen ein schönes, weißes, flaumiges, rundes Nest aus dem weißen Flaum einer bestimmten Pflanze, und unmittelbar unter dem Eingang der Höhlung, in der das kleine Weibchen auf den Eiern sitzt, ist ein kleiner Sims oder Körbchen, wo das zierliche Männchen seinen Platz hat, um sein Weibchen zu behüten und zu bewachen. Einige Vogelarten gibt es, bei denen die Äußerungen des Geschlechtslebens ihre harmonischeste und poetischeste Form auf Erden erreicht zu haben scheinen. Bei den polygam lebenden Hühnerarten andererseits, wo der Hahn viel größer und kampflustiger ist als die Henne, gewinnt dieser das Weibchen nicht durch Gesang, sondern faßt es mit Gewalt und zeigt wenig oder gar kein Interesse an seinen Jungen, beteiligt sich weder am Brüten noch am Füttern, ja packt manchmal sogar einen lockenden Bissen, den das Junge oder die Henne entdeckt hat.

Unter den Säugetieren ist das Männchen gewöhnlich etwas größer als das Weibchen, obwohl nicht immer (die weiblichen Walfische beispielsweise sind größer als die männlichen); die Männchen pflegen auch kampflustiger und weniger sorgfältig gegen die Jungen zu sein, doch ist auch diese Regel nicht ohne Ausnahmen. Bei den südafrikanischen Meerkatzen z.B. ist das Weibchen viel streitbarer und schwerer zu zähmen als das Männchen, und es ist das Männchen, das vom Augenblick der Geburt an mit der leidenschaftlichsten und zartesten Sorgfalt über das Junge wacht, es unter seinem Körper warm hält, es in seinem Maul an einen sicheren Ort trägt und es füttert, bis es ganz erwachsen ist. Und das nicht nur gegenüber seinen eigenen Jungen, sondern gegenüber jedem Jungen, das in seine Nähe gebracht wird. Wir hatten eine männliche Meerkatze, die so ausdauernd ganz fremde Junge fütterte und ihnen jeden Bissen von ihrem eigenen Futter gab, daß wir sie beim Füttern allein in einen Raum sperren mußten, sonst hätte sie sich zu Tode gehungert. Während die männliche Meerkatze also genau jene psychischen Eigenschaften zeigte, die gewöhnlich als spezifisch weiblich angesehen werden, waren die Weibchen andererseits untereinander viel kampflustiger als die Männchen.

Gewöhnlich sind bei den Säugetieren, abgesehen von der größeren Kampflust der Männchen untereinander und der größeren Sorgfalt, welche die Weibchen meistens, wenn auch nicht immer, den Jungen gegenüber beweisen, die psychischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht groß. Wenn man Jagdhunde beobachtet, so findet man, daß bei den jungen Hunden zwischen männlichen und weiblichen ebensowenig Unterschied in geistiger wie körperlicher Beziehung besteht, und wenn sie dann erwachsen zur Jagd kommen, diesem großen, außergeschlechtlichen Gebiet, auf dem sie ihre größten geistigen und körperlichen Fähigkeiten entfalten, so zeigt sich wenig oder nichts, worin sich Männchen und Weibchen sachlich unterscheiden würden; ihre Art und Weise zu jagen und ihre Geschwindigkeit ist die gleiche, in ihrer Anhänglichkeit an den Menschen sind sie genau dieselben. 30) Erst in dem Moment, wo das Element der Fortpflanzung ins Spiel kommt, hört die Ähnlichkeit und Gleichartigkeit auf. An Intensität des erwachenden Geschlechtstriebs sind sie gleich; die Hündin springt aus dem Fenster, klettert über Mauern und scheut selbst Lebensgefahr nicht, um zu dem Männchen zu gelangen, das sie erwartet, und dasselbe tut das Männchen, das sie gewinnen will. Aber wenn die Hündin daliegt mit ihren sechs Jungen, die Leben aus ihrer Brust saugen, mit angstvoller, gespannter Aufmerksamkeit nach jeder Hand blickt, die die Jungen berühren will, eine Welt von Empfindungen sich auf die blinden Geschöpfchen konzentriert und ein ganz neuer Komplex geistiger Fähigkeiten zutage tritt, indem sie für sie sorgt - da ist es, wo die seelische Verschiedenheit zwischen ihr und dem Männchen, das die Jungen mit ihr zeugte, aber sich nicht weiter um sie kümmert, eine wahrhafte und große wird. Gleichartig in ihren Spielen als junge Hündchen und ihren außergeschlechtlichen Trieben zur Zeit der Reife, gleichartig in ihrem Geschlechtsinstinkt, welcher das eine Geschlecht zum anderen zieht, öffnet sich in dem Augenblick, da es sich um die geschlechtliche Fortpflanzung handelt, dem Weibchen eine Welt von Empfindungen und Erfahrungen, von der das Männchen für immer ausgeschlossen ist.

Ebenso liegt es in der Menschenwelt: gleich in den Spielen, Freuden und Leiden der Kindheit; gleich in den außergeschlechtlichen Arbeiten des Lebens; gleich selbst in jenem Instinkt, der Geschlecht zu Geschlecht zieht und, nur in Formen und Äußerungen leicht abweichend, bei beiden von gleicher Heftigkeit ist - treten in dem Moment, da die Fortpflanzung wirksam wird, Mann und Frau in Sphären von Gefühlen, Vorstellungen, Empfindungen, Wünschen und Wissen, die nicht die gleichen sind und nicht die gleichen sein können. Zwischen dem Mann, der in einem Moment sorglosen Genusses das Kind zeugt (der es selbst in einem Stadium halbtrunkener Bewußtlosigkeit gezeugt haben mag und vielleicht durch Monate oder Jahre nach seiner Geburt oder überhaupt nie mehr etwas davon erfährt, der unter keinen Umständen irgendeine unmittelbare sinnliche Wahrnehmung des Zusammenhangs mit demselben haben kann), und der Frau, die das Kind durch Monate ununterbrochen in ihrem Leib trägt, die es mit Schmerzen zur Welt bringt und die es, wenn es am Leben bleibt, durch Monate mit ihrem eignen Blut ernähren muß (oder wenigstens in primitiven Zeiten mußte) - zwischen diesen beiden besteht notwendig innerhalb einer begrenzten, aber hochwichtigen Sphäre menschlicher Interessen und Lebenserscheinungen eine ausgesprochen verschiedene seelische Verfassung. In diesem einen Punkt stehen die zwei Hälften der Menschheit bestimmten weittragenden Elementen des menschlichen Daseins gegenüber auf nicht gleichem Standpunkt. Von dem Moment an, da die allgemein erwachende geschlechtliche Anziehung sich in dem ersten körperlichen Sexualakt inkarniert, bis zu der Zeit, da der Sprößling die Reife erreicht hat, ist kein Schritt auf dem Wege der Fortpflanzung oder in dem Verhältnis zur Nachkommenschaft genau derselbe für Mann und Weib. Und diese Divergenz der Erfahrungen innerhalb menschlicher Beziehungen muß zurückwirken auf ihre Haltung gegenüber jener speziellen Gruppe menschlicher Interessen, die unmittelbar mit der geschlechtlichen Fortpflanzung in Verbindung stehen, und eben auf diesen Feldern menschlicher Tätigkeit, wo das Geschlecht als solches beteiligt ist, hat die Frau als Frau eine Rolle zu spielen, die sie niemandem andern abtreten kann.

Man mag aufrichtig eingestehen, daß die Frau als solche im Laboratorium und Zeichensaal, in Industrie und Handel, in Mathematik und auf allen Gebieten rein abstrakter unpersönlicher Arbeit, obwohl ihr Eintritt in diese Gebiete das Gesamtresultat menschlicher Arbeit erhöhen würde, und obwohl ihr Ausschluß eine schwere Ungerechtigkeit gegen die einzelne, die vielleicht gerade nur für diese Tätigkeit geeignet ist, bedeutet, doch wahrscheinlich auf all diesen Gebieten nur wenig oder nichts zu bieten hätte, was von der Arbeit des Mannes innerlich durchaus verschieden wäre; es würde wohl ein Unterschied in der Menge, nicht aber in der Art der Arbeit für die Gesamtleistung erwachsen.

Aber in jenen Sphären sozialer Arbeit, die sich speziell mit menschlichen Verhältnissen beschäftigen, haben die Geschlechter als solche auf Grund ihrer verschiedenen, sich ergänzenden Beziehungen zur Fortpflanzung des Menschengeschlechts, jedes seine eigene Rolle zu spielen, die das andere nicht spielen kann. Jedes Geschlecht besitzt seine, aus Phasen menschlicher Erfahrung gewonnene Erkenntnis, die das andere nicht besitzt. Hier haben die Frauen als Frauen etwas durchaus Verschiedenes zu der Totalsumme der menschlichen Erkenntnis beizutragen, und ihre Mitwirkung ist nicht nur als die von Individuen, sondern als die einer Gesamtheit, einer Klasse, von Bedeutung.

Die Forderung um Zulassung zu den Wahlen und schließlich zu den gesetzgeberischen und Verwaltungsaufgaben, die heute in allen demokratischen, verfassungsmäßigen Staaten erhoben wird, beruht auf zweierlei Gründen: dem weiteren und wichtigeren, daß die Frauen nichts in der Natur ihrer Geschlechtsfunktionen wahrnehmen, das sie als Menschen von ihrer Verpflichtung, an den Aufgaben der Leitung und Regierung des Staates teilzunehmen, entbinden würde, und dem engeren, aber ebenfalls wichtigen Grund, daß, insofern sie sich in einer Richtung, nämlich in der besonderen Art ihrer Geschlechtsfunktionen vom Mann unterscheiden, sie eine Klasse bilden, deren Interessen zu vertreten sie verpflichtet sind und in die dem Staat Einblick zu verschaffen, in mancher Hinsicht wertvoll ist.

Diejenigen, welche annehmen, daß das Verhältnis der großen politischen Parteien irgendeiner Gemeinschaft ernstlich durch die Zulassung der Frauen zum öffentlichen Leben verändert würde, sind unzweifelhaft ganz im Irrtum. Die grundsätzliche Scheidung der Menschen in solche, die geneigt sind, am Vergangenen festzuhalten und alles Bestehende zu verteidigen, und jene, die auf die Zukunft hoffen und bestrebt sind, das Neue einzuführen, wird sich wahrscheinlich bei Männern wie Frauen jeder Gemeinschaft, in ziemlich demselben Verhältnis finden, und die Männer und Frauen jeder Klasse werden im großen und ganzen die Fehler, Tugenden und Vorurteile ihrer Klasse teilen. Das Individuum mag dadurch verlieren, daß es auf Grund seines Geschlechtes von der Anteilnahme am öffentlichen Leben ausgeschlossen und um einen Teil seines rechtlichen persönlichen Einflusses innerhalb seiner Gemeinschaft beraubt ist, und die Gesellschaft als Ganzes mag daran verlieren, daß sie nur unter einer kleineren Zahl ihrer Mitarbeiter zu wählen vermag. Was aber die Mehrzahl der sozialen, politischen und internationalen Fragen betrifft, so werden unzweifelhaft die Schlüsse, zu denen das eine Geschlecht gelangt, genau dieselben sein, wie die, zu denen das andere kommt.

Wenn eine Körperschaft etwa über die Aussprache des Griechischen zu entscheiden oder die Feinheit von Wolloder Leinengeweben zu vergleichen hat, wird das Geschlecht der Personen, welche die Körperschaft bilden, wahrscheinlich keinerlei Einfluß auf das Resultat üben; es gibt keinen vernünftigen Grund, anzunehmen, daß gleich gut unterrichtete Männer und Frauen in Fragen des griechischen Akzents oder der Dicke von Tuchen voneinander abweichen würden. Hier spielt das Geschlecht keine Rolle. Die Erfahrung und Kenntnisse des Individuums beweisen, ihre geschlechtlichen Attribute sind gleichgültig.

Aber es gibt Fragen, verhältnismäßig wenige, ja sehr wenige an Zahl, aber von wesentlicher Bedeutung für das menschliche Leben, in denen das Geschlecht eine Rolle spielt.

Es ist nicht gleichgültig, ob eine Körperschaft, die über die Frage, ob der Handel mit Frauenkörpern für geschlechtliche Zwecke eine vom Staat anerkannte und geförderte Handelsform bilden soll oder nicht; ob das Recht der Frau an das Kind, das sie geboren, dem des Mannes, der es gezeugt hat, gleich sein soll oder nicht; ob ein Akt der Untreue von seiten des Mannes den Vertrag, der seine Ehegenossin an ihn bindet, ebenso vollständig lösen soll, als ein Akt der Untreue von ihrer Seite ihr Recht an ihn aufhebt - es ist nicht gleichgültig, ob eine Körperschaft, die über derartige Fragen zu entscheiden hat, aus Männern allein, aus Frauen allein oder aus beiden vereint besteht. Je nachdem, ob die einen oder die andern oder beide darin vertreten sind, wird die Antwort nicht nur eine andere, sondern in manchen Fällen eine direkt entgegengesetzte sein. Hier gelangen wir zu dem sehr beschränkten, aber wichtigen Gebiet, wo das Geschlecht als solches eine offenkundige Rolle spielt, wo der Mann als Mann und die Frau als Frau je ihre Erfahrungen und Begriffe haben, die nicht gemeinsam sind, hier kann das eine Geschlecht das andere nicht entsprechend vertreten. Hier ist es, wo jedes Geschlecht etwas grundlegend Verschiedenes zu dem Wissen der Menschheit beizutragen hat.

Wir erklären heute jede Arbeit für unser Gebiet! Wir suchen in die geschlechtlichen Gebiete geistiger und physischer Arbeit einzudringen, weil wir nicht zu erkennen vermögen, daß das Geschlecht hier irgendeine trennende Schranke aufrichtet, welche uns ausschließen würde. Und wir sind ebenso entschlossen, jene Gebiete zu betreten, in denen die Geschlechtsverschiedenheit eine Rolle spielt, weil gerade hier die Frau, die Gebärerin der Menschheit, an der Seite des Mannes, des Zeugenden, zu stehen hat, wenn es eine vollkommenere menschliche Erkenntnis, eine Einsicht, die das Menschenleben von allen Standpunkten betrachtet, und ein Streben, das im Einklang mit allem Erkennen und allen Instinkten der menschlichen Rasse steht, je geben soll. Hier kann der Mann nicht für die Frau und die Frau nicht für den Mann handeln, sondern beide müssen zusammen wirken. Hier hat jede Hälfte der Menschheit, so nahe und ununterscheidbar sie sonst verschmolzen sind, ihren eigenen Teil zu der Gesamtsumme menschlicher Erkenntnis und menschlichen Wissens beizutragen. Weder die Frau ohne den Mann, noch der Mann ohne die Frau vertritt die menschliche Vernunft voll und ganz.

Darum fordern wir heute alle Arbeit als unser Gebiet! Jene weiten Gebiete, auf denen das Geschlecht keine Rolle zu spielen scheint, und ebenso jene begrenzteren, auf denen es eine Rolle spielt.

VI. EINIGE EINWÄNDE

Es wird manchmal, öfters indirekt als in direkter, offener Weise behauptet (denn diese Behauptung ist eine von jenen, welche man kaum bestimmt aussprechen kann, ohne daß sie in nichts zerfließen!), daß die Frauen auch in der neu rund um uns her erstehenden Welt nicht nach Arbeitsfeldern zu suchen brauchen, da sie ja immer noch ihre Aufgabe als Gebärerinnen behalten, eine Aufgabe, die ihrem eigenen Zeugnis nach eine aufreibende und gefährliche ist, wenn die Frau sie auch liebt wie der Soldat die Schlacht. Die Frau soll einzig ihre Geschlechtsfunktion erfüllen und es dem Mann oder dem Staat überlassen, sie als die zum Gebären Bestimmte zu erhalten, ob sie nun tatsächlich Kinder zur Welt bringe oder nicht. 31)

Es ist nicht leicht, auf solche durchaus trügerischen Theorien zu erwidern. Ganz abgesehen davon, daß alle Argumente gegen den Klassen- und Rassenparasitismus ihnen widersprechen, heutzutage, wo noch mehr als die Hälfte aller mühsamsten und schlechtest bezahlten Arbeit der ganzen Welt von Frauen verrichtet wird (vom Tee- und Kakaopflücken in Indien bis zum Waschen, Kochen und all der Plackerei unserer Arbeiterfrauen, für die neben der schwersten, endlosesten Arbeit das Kindergebären nur eine kleine Zugabe bildet), wo in einzelnen Ländern die Anzahl der Frauen die der Männer um eine Million übersteigt, so daß, wenn auch jeder Mann eine Frau zu erhalten hätte, noch immer eine Million Frauen übrig bliebe, für die es keine legitime Geschlechtsverbindung gäbe, - ist es wirklich sehr schwer, der Behauptung, »die Frauen mögen es sich an ihrer göttlichen Aufgabe der Mutterschaft genügen lassen und nichts anderes begehren«, mit Ernst zu begegnen.

Wäre es der Mühe wert, auf solche müßige Theorien im Ernst einzugehen, so würden wir entgegnen: Während all der Jahrhunderte der Vergangenheit, da wir mit schwerem Schoß und hartgearbeiteten Händen physische Arbeit an der Seite des Mannes verrichteten, mit unserer Hände Arbeit die Welt um uns her aufbauten, fiel es niemandem ein, uns zu sagen: »Ihr, die ihr der Menschheit Kinder gebäret, erfüllt mit dieser einen Leistung eine Aufgabe, die alle andern aufwiegt, darum beschwören wir euch, laßt alle andere Arbeit, laßt das Pflanzen und Bauen, bückt euch nicht länger über den Mahlstein, sitzt nicht bis tief in die Nacht hinein am Webstuhl bei den Gewändern für uns und unsere Kinder! Überlaßt das alles uns, wir wollen für euch säen und ernten und weben und arbeiten und uns plagen für euch, geheiligte Mütter!« Diesen Ruf haben wir in all den finsteren Zeiten arbeitsschwerer Vergangenheit nie vernommen.

Und heute? Wie ist es denn da um den edlen Theoretiker bestellt, der im Salon mit fleckenloser Hemdbrust und tadellos sitzendem Anzug vor dem Kamin stehend, über die Hoheit der Mutterschaft peroriert, über den gewaltigen Wert dieser mütterlichen Leistung, die jede andere überragt und die Frau von der niedern und rohen Arbeit des Mannes enthebt - ist es so sicher, daß er sich auch im Alltagsleben immer seiner Theorien erinnert? Wie, wenn er des Morgens erwacht und die alte Hausmagd, die beim Morgengrauen, während er noch ruhig schläft, aufsteht, um seine Schuhe zu putzen und seinen Tee zu kochen, einmal die Schuhe schlecht bürstet oder den Tee später bringt, wird er sie nicht scharf anlassen und ihr zu verstehen geben, daß er sie nicht brauchen kann, wenn sie nicht früher aufsteht und mehr arbeitet? Oder wird er sie anrufen: »Göttliche Gebärerin, du, der die heilige Kraft zur Mutterschaft gegeben ist, warum sollst du meine Stiefel putzen und mein Frühstück kochen, während ich im warmen Bette liege? Ist es nicht genug, daß dir die hohe, geheimnisvolle Kraft innewohnt, Menschen zur Welt zu bringen? Laß dir daran genügen. Und ich will hinfort beim Morgengrauen aufstehen und mir selbst meinen Tee machen und meine Schuhe putzen und will dich genau so zahlen wie bisher.« Oder wenn seine Hausfrau, die eben ihr neuntes Kind erwartet, ihm ein schlechter gekochtes Mittagessen auf den Tisch setzen oder vergessen würde, seinen Kohlenkübel zu füllen, würde er die erstaunte Hauswirtin also apostrophieren: »Trägerin der Geschlechter! Menschenschöpferin! Kannst du dir nicht an deiner hohen und edlen Aufgabe genügen lassen, ohne dich abzurackern? Wozu schleppst du den schweren Kohlenkübel vom Keller herauf, und wozu bückst du dich über den heißen Herd und erschöpfest Nerven, Gehirn und Muskeln, die für weit höhere Pflichten bewahrt bleiben sollen? Wir, die Männer des Volkes, wollen alle die niedern, schmutzigen und aufreibenden Arbeiten verrichten. Den Frauen sei Schönheit, Ruhe und Frieden! Ihre Aufgabe ist es, Leben zu spenden, nicht es durch Arbeit zu erhalten. Mutter! Mutter! wie wundervoll das klingt! Mühet euch nicht mehr - Ruhe gebührt euch, Arbeit und Plage uns!« - Wird er ihr nicht vielmehr erklären, daß er die Wohnung aufgeben werde, wenn sie ihn nicht aufmerksamer und emsiger bediene, so daß sie dann ihren Mietzins nicht aufbringen könnte und vielleicht mit ihren Kindern und ihrem kranken oder trunkenen Mann, den sie zu erhalten hat, auf der Straße stünde? Denn auffallenderweise ist es nicht die Arbeit der Frau oder das Maß der Körper und Geist gleich erschöpfenden Arbeit, wogegen diese Art von Theoretikern sich wendet, sondern es ist nur die Form der Arbeit und die Höhe der Entlohnung. Nicht über die physisch arbeitende Frau regt er sich auf, selbst nicht über die seiner eigenen Gesellschaftsklasse, die infolge der aufreibenden endlosen Hausarbeit mit vierzig Jahren vorzeitig altert und verbraucht ist,

»Von früh bis abends regt der Mann die Hände,
Der Hausfrau Arbeit aber kennt kein Ende.«

auch nicht über die ausgemergelte, unter der Last ihrer Arbeit zusammenbrechende Frau, die seine Hemden bügelt, oder über die künftige Mutter, die ihre Gesundheit und Jugend zerstört, indem sie Tag und Nacht an dem Anzug näht, mit dem er dann im Salon so glänzende Figur macht - all diese alterieren ihn nicht. Sondern was ihn aufregt, das ist der Gedanke an den weiblichen Doktor, an die Ärztin, die mit einem Einkommen von einigen tausend Mark jährlich, im Wagen zu ihren Patienten fährt oder sie in ihrem Ordinationszimmer empfängt, die ihre Abende am Kamin lesend und rauchend beim Studium oder mit ihren Gästen verbringt; der Gedanke an den weiblichen Parlamentarier, der vielleicht sechs Stunden des Tags in den gepolsterten Fauteuils der Kammer lehnt und hie und da, wenn es nicht gerade zu reden oder zu stimmen gilt, die Langeweile der Verhandlung in den Couloirs oder am Büfett unterbricht; der Gedanke an den weiblichen Universitätsprofessor, der für sechs- oder achttausend Mark im Jahr ein Dutzend Vorlesungen in der Woche zu halten hat und Muße genug behält, die Gesellschaft von Gatten und Kindern zu genießen und sich ihren Ideen und Studien zu widmen - der Gedanke an diese ist es, der sein Herz bewegt. Nicht der Gedanke an die Frau, die auf allen Vieren liegend, für zwei Mark per Tag den Boden reibt, erfüllt ihn mit Angst um die Weiblichkeit, diese an die Vierfüßler gemahnende Stellung erscheint ihm echt weiblich und widerspricht durchaus nicht seinem Ideal der Mutter und Kindergebärerin. Und auch, daß vielleicht in seinem eigenen Haus oder in dem seines Freundes irgendein erschöpftes Mädchen bis tief in die Nacht hinein mit schmerzendem Rücken und müdem Kopf sein zahnendes weinendes Kind herumträgt, gegen einen Lohn von vierhundert Mark im Jahr, während er mit der Frau, die er sich zu seinem Vergnügen hält, Konzerte oder Gesellschaften besucht, auch das macht ihm nicht die geringste Sorge. Aber daß dieselbe Person vielleicht als Beamtin 2000 Mark verdienen und ihr eigenes anständiges Heim und freie Abende für ihr Vergnügen oder Studium haben könnte, das erregt ihn tief. Nicht so sehr die Arbeit oder das Maß der Arbeit ist es, als viel mehr die Höhe des Lohnes, was seinem Ideal des Ewig-Weiblichen widerspricht; er ist in der Regel ganz damit einverstanden, daß die Frau für ihn arbeitet, sei es nun als Plantagenarbeiterin, als Waschfrau oder als Pflegerin der Kinder, die er in die Welt setzt, - wenn nur die Bezahlung, die sie erhält, nicht hoch ist, und wenn es sich nicht um jene Arbeitsgebiete handelt, die er für sich selbst reserviert wissen will. -

Ein Mann hatte zusammen mit seinem Esel eine schwere Last einen steilen Berg hinaufgeschleppt; sie waren über schroffe Felsen und über gleitendes Gerolle gewandert, wo es kein Wasser und nur karges Gras gab. Als sie nun auf die Höhe des Berges kamen und sich vor ihren Blicken die grünen Matten erstreckten, als sie durch breite, halbgeöffnete Tore das wogende Laub der Bäume schimmern sahen und Quellen rieseln hörten, da sprach der Herr zu seinem Esel: »Mein gutes Tier, ruhe dich jetzt aus, ich kann die Last jetzt schon allein tragen, bleib du nur ruhig, du armes Vieh, du hast dich genug geplagt, ich werde allein weitergehen.« Da flüstert aber selbst das Grautier mit einem Blick auf das offene Tor und die grünen Wiesen dahinter: »Herr, wir haben den hohen Berg zusammen erklommen, die Steine haben mir die Hufe zerschnitten wie Euch die Sohlen. Hättet Ihr am Fuß des Berges gefunden, die Last sei zu schwer für mich, und mir zugeredet, liegen zu bleiben, vielleicht hätte ich Euch gehorcht. Aber jetzt, wo ich hier die offenen Tore sehe, den ebenen Weg und die grünen Matten, denke ich, dieses Stückchen könnte ich noch gehen. Wir beide haben zusammen den Berg erklommen, ich meine, wir sollen auch weiter Seite an Seite wandern.«

Und also entringt es sich dem Herzen der arbeitenden Frauen von heute, denen die Männer einreden möchten, sie brauchten nicht nach neuen Arbeitsfeldern zu suchen, sie leisteten ihr Teil, wenn sie nur Kinder gebären: »Wagt ihr es wirklich, uns nun zu sagen, wir taugten zu nichts als zum Gebären? Uns, die in all den vergangenen Jahrhunderten, wo es beständig, fortwährend gebären hieß, dies kaum als Mühe, eher als Lohn für unsere Arbeit ansahen? Haben unsere Hände ihre Geschicklichkeit, unsere Herzen ihre Kraft verloren, daß ihr heute, da die Arbeit der Menschheit so viel leichter und ihr Werk so viel klarer wird, zu uns sagt, wir könnten nichts als Kinder zur Welt bringen? Wagt ihr, uns das zu sagen, da der Weg, den die Menschheit emporstieg, mit dem Schweiß unseres Angesichtes getränkt und die Straße, die die Menschheit zur Höhe gewandert, am Rande mit den Gebeinen von Frauen bedeckt ist, die arbeitend an der Seite ihrer Männer gefallen sind? Wagt ihr, uns das zu sagen, da ihr selbst heute noch die Speisen, mit denen ihr euch nährt, die Kleidung, die ihr tragt, die Bequemlichkeit, die ihr genießt, zum großen Teil der endlosen physischen Arbeit von Frauen verdankt?«

So wie die Frau der Vorzeit das Feld bebaute und das Korn mahlte, um die Kinder, die sie gebar, zu nähren, so wie die Jungfrau der Vorzeit das Leinen spann für ihren Haushalt und sich das Recht erwarb, Menschen zu gebären, so wollen auch wir, ob wir uns auch nicht mehr über den Mahlstein bücken oder mit der Hand weben, arbeiten, auf neuen Arbeitsfeldern arbeiten, um uns auch die Kraft und das Recht zu erwerben, Menschen zur Welt zu bringen. Und wir glauben, der Tag wird kommen, an dem kein Mann sich erkühnen wird, zu sagen: »Die Frau hat ihr Teil am Leben, wenn sie nur Kinder gebiert,« wo es vielmehr heißen wird: »Welche ernste Arbeit hat diese Frau geleistet, daß sie das Vorrecht haben soll, Kinder in die Welt zu setzen?«

Aber man wendet weiter ein: »Wie, wenn die weibliche Hälfte der Menschheit wohl imstande ist, außer ihren Aufgaben als Geschlechtswesen auch einen Teil der gesellschaftlichen Arbeit auf den neuen Arbeitsgebieten, wie einst auf den alten, zu leisten, aber doch in mancher Beziehung weniger fruchtbare als die Männer? Wie, wenn im großen ganzen das Arbeitsresultat der beiden Hälften der Menschheit kein gleich großes wäre?«

Darauf läßt sich nun folgendes erwidern: Es liegt gewiß im Bereich der Möglichkeit, daß ein geheimnisvoller Zusammenhang besteht zwischen den Geschlechtsfunktionen des Mannes und irgendwelchen Anlagen, die ihn mehr als die Frau zu einer nützlichen und segensreichen Tätigkeit für die Menschheit in ihrem derzeitigen Entwicklungsstadium befähigen. Doch wir sehen den Grund nicht, warum dem so sein müßte, und bei dem gegenwärtigen Stand unseres Wissens wird kein vernünftiger Mensch ein Urteil darüber fällen, aber möglich ist es. Andererseits könnte es sich auch bei Betrachtung aller Zweige produktiver Arbeit im Laufe der Zeit herausstellen, daß im großen ganzen der Wert der Arbeit beider Hälften der Menschheit sich so die Wage hält, daß keinerlei Überlegenheit eines oder des andern Teiles auch bei genauester Untersuchung festzustellen wäre. Auch das ist möglich.

Aber es könnte auch geschehen, daß künftige Zeiten, die das Ganze, die Totalsumme menschlicher Tätigkeit überblicken, den Wert der weiblichen Arbeit in der Welt, die um uns her ersteht, dem der männlichen Arbeit in Qualität oder Quantität überlegen finden. Wir haben keinen Grund, anzunehmen, daß dem so sein werde; es liegt nichts in der Natur der weiblichen Geschlechtsfunktionen, das notwendig eine solche Überlegenheit bedingen würde. Aber immerhin könnte es sein, daß mit der geringeren Körperkraft und den zarteren Muskeln, dem Übergewicht von Gehirn- und Nervensubstanz gegenüber der Substanz von Knochen und Muskeln, wie dies beim Menschen gewöhnlich, wenn auch nicht durchweg das weibliche gegenüber dem männlichen Geschlecht charakterisiert, geistige Eigenschaften einhergehen, welche die Frau für die Arbeit der Zukunft besonders geeignet machen.

Es könnte sein, daß - während in einem frühern Entwicklungsstadium der Menschheit der geringe Besitz an bloßer Muskel- und Knochenstärke, welche Elemente von größter, Macht verleihender Bedeutung waren, die Frau gegenüber ihrem männlichen Genossen sozial benachteiligten - nun unter den neuen Lebensverhältnissen, in denen der Wert roher mechanischer Kraft hinter dem hoher Lebenskraft und Nervenstärke verschwindet, der Frau ihre Schwäche ebenso zum Vorteil gereichen werde, wie einst dem Manne seine Körperstärke.

Es ist leicht möglich, daß in der neuen Welt, die um uns her entsteht, der für die Gesellschaft nützlichste und für die zukünftigen Verhältnisse bestgeeignete, in den meisten Tätigkeitsformen überragende Typus nicht jener der Muskel- und Fauststarken sein wird, sondern der Typus der Gewandten, Beweglichen, Lebendigen, Anpassungsfähigen, Empfänglichen und physisch zarter Gebauten. Und da dieser Typus - obgleich ebensowenig wie der muskelstarke, schwerfällige nur einem Geschlecht eigentümlich oder darauf beschränkt - doch immerhin öfter in Verbindung mit dem weiblichen Organismus angetroffen wird, so ist es wohl möglich, daß im großen und ganzen die weibliche Hälfte der Menschheit dank ihrer organischen Angepaßtheit als die geeignetste für die Hauptgebiete menschlicher Zukunftsarbeit sich erweisen wird.

So wie bei Individuen und Rassen können auch bei den Geschlechtern unter veränderten sozialen Bedingungen gerade jene feineren Eigenschaften, die in dem einen Gesellschaftsstadium von Nachteil sind, in dem andern höchsten sozialen Vorteil verleihen.

Der erfahrene Diplomat oder Politiker, so einflußreich er in seiner Sphäre sein mag, wird während eines Sturmes an Bord eines Schiffes plötzlich von viel weniger Wert und Bedeutung sein als der einfachste Seemann, der ein Segel zu raffen oder das Steuer zu führen versteht. Und fände sich eine Gesellschaft hochzivilisierter Männer und Frauen plötzlich wieder in den Naturzustand zurückversetzt, so würde sich, wie schon früher bemerkt, der Wert ihrer Mitglieder vollständig umkehren; nackt und schutzlos auf einer wüsten Insel ausgesetzt, im Kampfe mit Raubtieren und Wilden, genötigt, der Natur Nahrung abzuringen, würde sich die primitive menschliche Rangordnung sofort wieder herstellen. Nicht der mächtige Finanzier, der gelehrte Richter, der große Dichter oder Gelehrte wären die Gesuchten, sondern der einfältigste Tagelöhner, der nur einen Stein so zu schleudern vermag, daß er einen Vogel trifft, und in einem Tag eine Mauer aufzuführen, die allen Schutz gewährt. Der Mann aber, der stark genug wäre, mit seinem Knüttel einen Feind oder ein wildes Tier zu erschlagen, würde sofort gesellschaftliches Ansehen und persönliche Auszeichnung und wahrscheinlich eine Machtstellung erlangen. Nicht eine Tänzerin, die in unserer Zivilisation in einer Nacht Hunderte Pfund verdient, nicht die gebrechliche, zarte Schönheit, sondern die Magd mit breitem Rücken und starken Armen, die Holz sammeln und Wasser tragen kann, wird das wertvollste und gesuchteste Weib in solch einer Gemeinschaft sein. Selbst in der Tierwelt besteht dieselbe Umwertung, je nachdem die äußeren Umstände sich ändern. Der Löwe, der in der Wildnis, dank seiner unbezähmbaren Wildheit, Größe und Raubgier, alle andern Geschöpfe beherrscht, fällt dem Untergang und dem Aussterben anheim, wenn er mit den neuen Zuständen innerhalb der Menschenwelt in Kontakt kommt, während die ihm an Größe und Wildheit so unendlich inferioren Hunde ihn in der Gefangenschaft überleben und sich vermehren, gerade weil ihr kleinerer Bau und ihre geringeren Körperkräfte dahin führen, jene sozialen Instinkte und jene Formen der Intelligenz zu entwickeln, die sie den neuen Lebensbedingungen zugänglich und für dieselben wertvoll machen. Dieselbe Umwertung der Werte läßt sich in der Geschichte menschlicher Rassen nachweisen. Der Jude, dessen Geschichte eine lange Kette von Unterdrückungen seitens physisch kräftigerer Völker mit stärkeren Muskeln und Fäusten war, der zuerst unter der Peitsche des Ägypters Ziegel formte und später im Exil seine Harfe an die Weiden Babylons hing, der durch achtzehn Jahrhunderte von den europäischen Völkern gemartert, verachtet und mit Füßen getreten wurde, von Rassen, die ihn wohl an Körperkraft und Stärke der Faust, nicht aber an Lebenskraft, Scharfsinn, Intelligenz und Zähigkeit übertreffen, er ist durch die langsame Drehung des Lebensrades nach oben gekommen. Die ägyptischen Fronvögte und Krieger sind dahingegangen, von den Babyloniern kennen wir nichts mehr als einige Gedenktafeln und Inschriften, die von Siegen und Kriegen künden. Die einst gefangenen Juden aber sehen wir heute auf allen Straßen und in allen Städten. Und die Abkömmlinge jener, die ausspieen, wenn sie von Juden sprachen, die ihnen gewaltsam die Zähne ausrissen, um ihnen Geld zu erpressen, antichambrieren heute geduldig vor ihren Bureaus und Palästen, Adelige freien ihre Töchter, Könige lassen sich in der Hoffnung auf goldene Krumen gern zu ihrer Tafel laden, und die Entscheidung über Krieg und Frieden liegt oft in der Hand eines kleinen, asthmatischen Juden. Nach langen Jahrtausenden von Verachtung und Pariatum ist die Zeit gekommen, ob zum Heil oder Unheil, wo gerade jene Qualitäten gebraucht werden, welche den Juden eigen sind und die sie subtil von andern unterscheiden, während jene Eigenschaften, die ihnen fehlen, unnütz geworden sind. Eben jenes mehr nachdenkliche als kampflustige Wesen, das sie einst zu Sklaven machte, bewahrte sie auch davor, durch Kriege dahingerafft zu werden, und die Beweglichkeit ihres Verstandes, der vorsichtige Scharfsinn, die beharrliche geistige Emsigkeit und Selbstbeherrschung, die sie in jenen Zeiten nicht vor Erniedrigung bewahren oder für ihren Mangel an Knochen und Muskeln entschädigen konnten, sind jene Eigenschaften, die die moderne Welt braucht und ehrt. Die Tage des Goliath mit seiner Keule und seinen Flüchen schwinden dahin, und der Tag des David mit der Harfe und der kunstfertig erdachten Schlinge kommt näher und näher.

Die Eigenschaften, die einem Tier, einer Rasse oder einem Individuum höheren Nutzen oder soziale Vorherrschaft verleihen, werden immer von jeder Veränderung der äußern Verhältnisse beeinflußt. Sowie das Rad des Lebens sich langsam umdreht, kommt das, was zu unterst war, langsam zu höchst, und der Herrschende wird zum Untergebenen.

Infolge ihres verhältnismäßig geringeren Gewichts und der schwächeren Entwicklung ihrer Muskeln, welche fast allen weiblichen Geschöpfen, die ihre Jungen säugen, eigen sind, und infolge der geringen Kampflust, die fast alle ihre Jungen lebend zur Welt bringenden Weibchen charakterisiert, haben der Frau zahllose Generationen hindurch die beiden Eigenschaften gefehlt, die den Individuen ein Herrschaftsrecht in der Gesellschaft verliehen haben. Möglicherweise aber wird es sich in Zukunft herausstellen, daß die Entwicklung, welche mit der Unentbehrlichkeit von Muskelkraft und Faustrecht aufgeräumt hat, auch den Platz der Frau auf der Leiter sozialer Werte verändert habe.

Gleich dem Juden, dem Mannestypus, der von dem in der Vergangenheit herrschenden am weitesten abweicht, dürfte künftighin auch die Frau finden, daß eben jene Eigenschaften, die in einer früheren Periode ihren sozialen Wert und ihre Arbeitsfähigkeit verminderten, diese weiterhin nicht schmälern, sondern erhöhen; daß die Feinheit ihrer Hand, die Zartheit ihres Baues, die verhängnisvoll waren, solange die Hauptarbeit des Lebens darin bestand, eine Streitaxt zu schwingen oder eine Last zu heben, kein Hindernis mehr, sondern sogar einen Vorteil auf den geistigen Gebieten und den Feldern feinerer mechanischer Arbeit bilden werden; daß das Übergewicht an Nerven gegenüber Muskeln und die Neigung zu erhaltender und schöpferischer gegenüber kampflustiger und zerstörender Tätigkeit, weit davon entfernt, sie von den wichtigsten Gebieten menschlicher Arbeit auszuschließen, ihre Eignung für dieselben steigern wird. Wir haben dafür in der Gegenwart keine Beweise; aber vielleicht wird es sich in Zukunft zeigen, daß die langen Jahre der Knechtschaft und physischen Unterwerfung, sowie die Erfahrung als Gebärerin und Beschützerin des Kindes der Frau als eine Art sekundären Geschlechtsmerkmals einen erhöhten sozialen Instinkt, ein besonders starkes menschliches Mitgefühl und instinktives Verständnis verliehen haben. In diesem Falle wäre es nicht nur möglich, sondern sicher, daß in kommenden Zeiten, in denen die Arbeit des Menschengeschlechtes eine mehr erhaltende als zerstörende sein wird, in denen das Aufbauen und Entwickeln der Menschheit und nicht die gegenseitige Vernichtung die Hauptarbeit bilden werden, die Frau als Frau, kraft jener Merkmale, die sie vom Manne unterscheiden, berufen sein werde, eine hochwichtige Rolle in der Tätigkeit der Menschheit zu spielen. Dieser Gegenstand ist von ausgesuchtem und eigenartigem Interesse; aber in praktischer Beziehung ist es für die Menschheit nicht so sehr von Wichtigkeit, welches von den beiden Geschlechtern, die stets zusammen bestehen müssen, am besten für diese oder jene Arbeit zu dieser oder jener Zeit geeignet ist, noch selbst welches Geschlecht am meisten zu der Totalsumme menschlicher Leistungen beizutragen hat. Wichtig vor allem ist, daß jedes einzelne Mitglied der Menschheit, unabhängig von Rasse, Geschlecht oder Typus, genau jenes Arbeitsfeld findet, auf dem es sich am besten entwickeln kann und sich am glücklichsten und wohlsten fühlt, und in welchem seine besondern Fähigkeiten und Gaben am wirksamsten und segensreichsten für seine Nebenmenschen verwendet werden.

Es bedeutet für uns als Frauen nichts, weniger als nichts, ob von den Kindern, die wir zur Welt bringen, die Söhne an Tüchtigkeit, Intelligenz und Geschicklichkeit die Töchter überragen oder die Töchter die Söhne, wenn nur bei keinem unserer Kinder eine Entwicklungsmöglichkeit gänzlich verloren geht oder an eine geringe Aufgabe vergeudet wird, während sie für eine höhere, wertvollere hätte verwendet werden können. Wenn nur keine wünschenswerte Fähigkeit des wundersamen Geschöpfs, das wir unter Schmerzen geboren haben, unentwickelt bleibt, so ist es für uns als Frauen vollständig gleichgültig, welches Geschlecht das andere an Tatkraft, Wissen und Vorzüglichkeit übertrifft, sofern nur beide ihr Bestes erreichen. Es gibt nur eines auf der Welt, das der Frau so kostbar wäre wie die Tochter, die ihrem Leib entsprossen ist - der Sohn. Es gibt nur eines, das der Frau teurer wäre als ihr Selbst - der Mann. So wie kein vernünftiger Mensch sich darum kümmert, ob seine rechte oder linke Herzkammer besser arbeitet oder wichtiger für sein Wohlbefinden ist, wenn nur beide gesund und kräftig sind, sowie keine vernünftige Frau sich sorgen wird, ihre rechte Brust könnte die linke an Schönheit und Fülle übertreffen, so wird kein vernünftiger Mann und keine vernünftige Frau ängstlich die Vorzüge von Mann und Frau vergleichen. Und Liebe rechnet nicht. Was wir vom Leben fordern, ist, daß das Werkzeug in jene Hand gelegt werde, die es am besten zu gebrauchen weiß, daß der weniger Tüchtige nicht an den Platz des Tüchtigeren gestellt werde und daß keine künstliche Schranke je die Tätigkeit der einzelnen Individuen, die wir Frauen zur Welt bringen, einenge.

Aber man wird uns vielleicht weiter einwenden: Wie, wenn alle eure Träume und Hoffnungen für die Frau und die Zukunft des Menschengeschlechtes Luftschlösser wären? Wenn, so wünschenswert es auch sein möge, die Frauen nicht ausschließlich auf ihre Geschlechtsfunktion angewiesen wären und auch in Zukunft an produktiver Tätigkeit wenigstens ebensoviel Teil hätten wie in der Vergangenheit - wie, wenn die Frau nicht imstande ist, denselben großen Teil der komplizierten und hauptsächlich geistigen Arbeit der Zukunft zu leisten, den sie an der größtenteils physischen Arbeit der Vergangenheit leistete? Wie, wenn sie trotz aller ihrer Anstrengungen und Opfer zur Erreichung des Zieles, eben jetzt, da die Arbeit der zivilisierten Gesellschaft eine mehr geistige als mechanische wird, nicht ausreicht?

In den Gebirgsteilen der Schweiz begegnet der Reisende manchmal einer einsam die Bergfelder hinanklimmenden Frauengestalt, die auf ihren breiten Schultern eine gewaltige Ladung Futter für das Vieh oder Dünger für das Feld trägt. Fest und unerschrocken blicken die Augen unter der tiefgefurchten Stirn euch entgegen, und ein Haarsträhn, der vielleicht so weiß leuchtet wie der Schnee auf den Gipfeln, sieht unter dem Rand des Kopftuches hervor. Das durchfurchte verbrannte Antlitz trägt die tiefen Spuren von Arbeit und Leiden, wie die Berglehne die Spuren von Sturm und Lawinen. Es ist das Antlitz einer, die mit Mühen und Sorgen Kinder zur Welt gebracht, und die schwer gearbeitet hat, sie zu erhalten. Und wessen Auge nicht blind ist für die Phasen menschlichen Daseins, der wird in dieser abgearbeiteten Gestalt einen der mächtigen Pfeiler erblicken, die in den langen Jahrhunderten der Vergangenheit das Leben der Menschheit auf Erden erhalten und seine spätere Entwicklung ermöglicht haben; und arg müßte der Flitterglanz des Lebens den geblendet haben, der nicht mit Ehrfurcht auf diese Gestalt blickte und nicht im Geist das Haupt beugte vor diesem Typus der schwer arbeitenden Frau, die Leben aufgebaut hat.

Was nun aber, wenn in künftigen Zeiten nie mehr ein Mann sich mit derselben Ehrfurcht vor solch einer Arbeitsgewaltigen der Erde, die zugleich Frau und Mutter wäre, wird beugen können? Was dann, wenn die Frau, die ihre Mutterschaft mit der endlosesten körperlichen Arbeit zu vereinen wußte, schlaff und hilflos würde, sobald es sich um geistige Arbeit handelt? Wie, wenn sie trotz aller Anstrengung in Zukunft nichts mehr sein könnte, als das am Sofa liegende, verhätschelte, in seinem Seidenfell zitternde Schoßhündchen der Menschheit? Wie, wenn es bestimmt sein sollte, daß den Frauen trotz ihres ernsten Strebens und ihrer entschlossensten Anstrengungen in der neuerstehenden Welt infolge ihrer geistigen Unfähigkeit nur Mißerfolg beschieden wäre?

Es ließe sich auf diesen Einwand erwidern: Oft schon ist mit Recht gesagt worden, daß die üblichen Beschäftigungen der Frau, zu allen Zeiten und in allen Gesellschaftsklassen, in denen sie nicht parasitisch war, nicht nur physische, sondern auch vielseitige geistige Fähigkeiten erforderten, daß die Edelfrau des Mittelalters, die ihren großen Haushalt leitete, dazu wahrscheinlich mehr Intelligenz brauchte als ihr Gatte zu Jagd und Kampf, daß heute die Frau eines Buchhalters oder Konzeptbeamten vielleicht mehr Verstand, Gedanken, Umsicht und Gedächtnis zur Wirtschaftsführung in ihrem kleinen Haushalt aufwenden muß als der Mann bei seiner weit einfacheren, einförmigen Rechenarbeit, daß ebenso wie der Schneider oder Schuster zu seinem Berufe nicht weniger Intelligenz braucht, als der Soldat oder Preisfechter, die Frauen der Vergangenheit in der Mehrzahl ihrer Berufe nicht weniger Intellekt aufgewendet haben als die Männer in den ihren. In jenen hoch spezialisierten geistigen Tätigkeiten aber, zu denen eine lange ununterbrochene Vorbildung in ganz bestimmter Richtung nötig ist, wie den liberalen Berufen und den Künsten, haben die Frauen, obgleich sie tatsächlich von dem erforderlichen Studium und der freien Ausübung dieser Berufe ausgeschlossen waren, doch kraft ihres angeborenen Talentes und ihrer Anlagen fortwährend die scheinbar unübersteiglichen Hindernisse durchbrochen, oft und oft auch auf diesen Arbeitsgebieten den Platz neben dem Mann eingenommen und also nicht nur eine bloße Eignung, sondern eine entschiedene und leidenschaftliche Neigung in diesen Richtungen bewiesen. Mit gleichem Recht ist schon oft erwähnt worden, daß die Frau in der einzigen Stellung, in der sie je imstande war, ihre Individualität frei und voll zur Geltung zu bringen, nämlich als Herrscherin (trotzdem sie hier nur aufs Geratewohl vom Schicksal durch den Zufall der Geburt oder Heirat aus der Masse von Frauen herausgegriffen war), verhältnismäßig oft die Fähigkeit zu gebieten, zu organisieren bewiesen hat und mit Erfolg imstande war, als Regent eines Volkes eine der anspruchsvollsten und schwierigsten Stellungen zu bekleiden. Von den Tagen der Amalaswintha bis zu Isabella von Spanien, Elisabeth von England, Katharina von Rußland erwiesen sich Frauen fähig, das Leben von großen, unpersönlichen Gesichtspunkten zu erfassen und mit Erfolg und Kraft zu beherrschen, wenn sie jene hohe Stellung einnahmen, die es von ihnen verlangte. Es mag auch erwähnt werden, was schon ermüdend oft wiederholt worden ist, daß die Eignung der Frau für die Gebiete moderner geistiger Arbeit oder gelernter Handarbeit heute nicht mehr Thema der Diskussion sein kann, da die Zahl der Frauen, die als preisgekrönte Mathematikerinnen, als Ärztinnen usw. diese neuen Gebiete betreten haben, und die guten Resultate der Frauen bei allen Hochschulprüfungen, zu denen sie zugelassen wurden, sowie ihre allgemeine erfolgreiche Tätigkeit im Gemeindedienst, wo immer sie an demselben teilnehmen durften, ihre geistige und sittliche Eignung für diese neuen Arbeitsfelder beweisen.

All diese Tatsachen sind sicherlich interessant und dürften unwiderleglich sein. Und doch - um der Wahrheit die Ehre zu geben, sind es schließlich nicht diese Gründe, auf die viele von uns ihre Hoffnungen, ja die Gewißheit basieren, mit der sie in die Zukunft blicken. Unsere Überzeugung von dem vollen Ausreichen ihrer Kräfte für die Erfüllung hoher Aufgaben auf diesen neuen Gebieten fußt nicht auf einer verstandesmäßigen Aufzählung dessen, was einzelne Frauen oder Frauengruppen in der Vergangenheit oder Gegenwart erreicht oder geleistet haben; sie hat eine andere Quelle.

Es war einmal ein Mann, der fand ein Vogelei; er trug es heim und ließ es von seiner Haushenne ausbrüten. Als das Kücken ausgekrochen war, band der Mann es am Fuß an einen Pfahl, damit es sich nicht verlaufe. Und die Leute standen um das Kücken herum und studierten, was für ein Vogel es wohl sein möge. Der eine sagte: »Es ist sicher ein Schwimmvogel, eine Ente oder eine Gans; wenn wir es ins Wasser würfen, würde es schwimmen und schnattern.« Aber ein anderer meinte: »Es hat keine Schwimmhäute an den Füßen, es ist ein Haushuhn, laßt es nur frei, so wird es mit den andern auf dem Misthaufen scharren und gackern.« Ein dritter rief: »Seht nur seinen gebogenen Schnabel. Ein Papagei ist es, gebt ihm Nüsse zu knacken.« Und ein vierter: »Schaut nur seine Flügel an, vielleicht ist es gar ein Vogel, der hoch fliegen kann.« Aber da riefen andere: »Unsinn, nie hat ihn noch jemand fliegen gesehen, wie sollte er denn fliegen können? Wie kann man denn glauben, daß er etwas kann, was er noch nicht versucht hat?« Und der Vogel - der Vogel mit seinem festgeketteten Bein lüftete die Flügel. Sie saßen um ihn herum und spekulierten und stritten, und einer sagte dies und der andere jenes. Und die ganze Zeit, während sie sprachen, saß der Vogel regungslos und blickte unverwandt in den klaren, blauen Himmel hinauf. Endlich meinte einer: »Wie wäre es, wenn wir ihn losließen, um zu sehen, was er beginnt?« Der Vogel zitterte, aber die andern schrien: »Was fällt Euch ein, er ist viel zu wertvoll. Er könnte verloren gehen, wenn er vielleicht zu fliegen versuchen würde und herunter fiele und das Genick bräche.«

Und der Vogel mit seinem angeketteten Fuß saß und blickte aufwärts zum blauen Himmel, dem Himmel, in dem er noch niemals gewesen - der Vogel, er wußte, was er wollte - denn - es war ein junger Adler!

Viele von uns kennen eine Frau, wie sie jeder Mensch nur einmal auf Erden kennt, und daß wir diese Frau kennen, das ist es, worauf wir unsere Gewißheit gründen.

Für jene, die keine solche Frau kennen und auf diesen festen Grund nicht bauen können, mag es ja gut und nützlich sein, sorgsam Tatsachen zu sammeln und darüber nachzudenken und darauf Ansichten zu basieren. Es mag selbst vorteilhaft sein, sich keinerlei bestimmte Ansicht zu bilden, sondern abzuwarten, bis die Jahre praktischer Erfahrung alle Zweifel beseitigt haben. Für uns aber, die wir für unsere Überzeugung einen Grund haben, den wir Außenstehenden nicht beweisen können, für uns ist es wohl besser, furchtlos zu handeln als viel zu argumentieren.

Schließlich ließe sich gegen den Eintritt der Frauen in die neuen Arbeitsfelder vielleicht noch folgendes sagen, was auch tatsächlich oft eingewendet wird: Wie, wenn man euch alles, wonach ihr begehrt, einräumte - wenn es völlig anerkannt würde, daß die alten Arbeitsgebiete der Frau ihr entschwinden und daß, wenn sie keine neuen findet, sie in einen Zustand von Geschlechtsparasitismus verfiele, der sie von ihrer Fortpflanzungsfähigkeit allein abhängig machen würde; zugegeben, daß sie in diesem Falle degenerieren müßte und daß ihr Verfall auch die Degeneration und den Stillstand sowohl der Männer als der Frauen ihres Volkes bedeuten würde; zugegeben auch, daß die Frau in der Vergangenheit nicht nur Kinder geboren, sondern auch mehr als die Hälfte der ganzen Last produktiver Arbeit der Gemeinschaft getragen hat; zugegeben ferner, daß sie sehr wohl imstande ist, ihren Teil an der geistigen Arbeit der Zukunft zu tragen, wie sie ihn an den mehr mechanischen Arbeiten der Vergangenheit leisten konnte; all das zugegeben, könnte nicht doch eine Seite der Sache unberücksichtigt geblieben sein, die alle Schlüsse, daß es wünschenswert und zum Wohle der Menschheit sei, wenn die Frau eine größere Arbeitsfreiheit erreicht, umkehren? Wie, wenn die erhöhte Kultur und geistige Regsamkeit, deren die Frau zum Eintritt in die neuen Arbeitsgebiete bedarf, so wünschenswert sie in anderer Beziehung für sie selbst und die Allgemeinheit sein mögen, zu einer Verminderung oder einem vollkommenen Erlöschen der geschlechtlichen Anziehung und Zuneigung, die in allen Zeiten der Vergangenheit die zwei Menschheitshälften aneinanderkettete, führen sollte? Zwar haben die schweren und unschönen körperlichen Arbeiten der Vergangenheit niemals die Anziehung der Frau für den Mann ihrer Gesellschaftsschicht, noch die des Mannes für die Frau beeinträchtigt. Doch wie, wenn ihre geistige Tätigkeit oder kompliziertere, feinere Handarbeit, ihre höhere Intelligenz und ihr weiterer Horizont in ihr Abneigung gegenüber dem Manne entstehen oder die Frau dem Manne ohne Reiz erscheinen ließen, so daß das Menschengeschlecht aussterben würde infolge des Mangels an geschlechtlicher Anziehung? Wie, wenn die Frau aufhört, den Sohn zu schätzen, den sie geboren, oder Begehren und Zärtlichkeit gegenüber dem Manne zu empfinden, der ihn gezeugt, und der Mann aufhören würde, das Weib und ihr Kind zu lieben und zu begehren? Würde nicht ein solches Ergebnis in seinem Unheil für die Menschheit gleich groß oder noch größer sein, als alles, was aus der Degeneration und dem Parasitismus der Frau erwachsen könnte? Wäre es nicht besser, falls irgendeine Möglichkeit dieser Gefahr besteht, daß die Frauen, so bewußt sie sich auch seien, die sozialen Arbeiten unter den neuen Bedingungen ebenso vorzüglich erfüllen zu können wie unter den alten, doch freiwillig und bewußt, mit offenen Augen lieber in einen Zustand voller geistiger Erschlaffung mit allen daran haftenden Übeln versänken, als dem noch unersetzlicheren Verlust entgegenzugehen, den ihre Entwicklung und die Ausübung ihrer Gaben zur Folge haben könnte? Wäre es nicht besser, sich freiwillig für das kleinere von beiden Übeln zu entscheiden, selbst sein Wachstum zu hemmen und seine Tätigkeit und die Erweiterung seiner Fähigkeiten einzuschränken, als irgend zu riskieren, daß das Band des Begehrens und Fühlens zwischen den beiden Hälften der Menschheit sich lockere? Wenn das Menschengeschlecht auf Erden verblühen und verlöschen soll, warum nicht ebenso durch den Parasitismus und den Verfall der Frau als durch das Verwelken des Geschlechtsinstinktes?

Es ist nicht leicht in vernünftiger oder nur in ernster Weise auf eine Annahme zu antworten, die darauf basiert zu sein scheint, daß ein plötzlicher und vollständiger Umsturz der tiefsten Elemente, auf denen das menschliche, ja auch das tierische Leben auf Erden ruht, durch eine so unzulängliche Ursache möglich wäre, und man könnte mit Stillschweigen darüber hinweggehen, wenn dieses Argument nicht in einer oder der andern, in vernünftiger und unvernünftiger Form immer wiederkehren und selbst bei ziemlich intelligenten Köpfen eine Abneigung gegen den Eintritt der Frau in neue Arbeitsgebiete verursachen würde.

Es soll gleich offen zugegeben werden, daß, wenn auch nur die geringste tatsächliche Gefahr in dieser Richtung bestünde, die Frau um ihrer selbst und der Menschheit willen nichts besseres tun könnte, als so rasch wie möglich all ihre Bestrebungen nach Wissen- und Erreichung neuer Tätigkeitsgebiete beiseite zu legen.

Man bedenke, welchen Faktor die geschlechtliche Anziehung im Empfindungsleben bildet, von der fast unbewußten Anziehung angefangen, die Amöbe zu Amöbe zieht, durch alle endlos fortschreitenden Lebensformen hindurch; wie sie bei den monogamen Vogelarten in Gesang und vielfältigem Liebeswerben und manchmal in lebenslanger ehelicher Liebe sich ausdrückt; wie sie auch im Menschengeschlecht die verschiedensten Formen durchläuft, von der gebieterischen, aber fast rein physischen Anziehung der Geschlechter bei den Wilden bis zu den ästhetischen und geistigen, aber nicht minder gebieterischen Formen, die sie bei hochentwickelten Männern und Frauen annimmt, wo sie sich in den Liedern der Dichter und in der oft unsterblichen Treue reichbegabter Persönlichkeiten birgt. So begegnen wir ihr nicht nur allüberall, sondern erkennen in ihr das Fundament, auf dem das ganze Empfindungsleben ruht - unausrottbar, wenn auch unendlich veränderlich in Form und Ausdruck. Man bedenke, welche Rolle die Anziehung zwischen Mann und Frau innerhalb der Menschenwelt spielt, angefangen von den Schlachten und Tänzen der Wilden bis zu den Intrigen und Festen in Palästen und an modernen Höfen. Man bedenke, daß die leidenschaftliche religiöse Askese aller Zeiten, Geißeln und Fasten in Nonnen- und Mönchsklöstern niemals imstande war, die Herrschaft dieses Gefühls zu tilgen oder auch nur ernstlich für den Moment zu schwächen. Man bedenke, daß in niedrigster und rohester Unwissenheit wie in höchster geistiger Kultur die Menschheit diesem Gefühl gleich stark, wenn auch in verschiedener Weise, unterworfen blieb. Und heute noch klingt es ebenso aus dem rohen Gelächter der Schnapsbuden, den zynischen Witzen der vornehmen Klubs, wie aus den Träumen der Poeten und dem edelsten, Mann und Frau fürs Leben aneinander bindenden Gattenverhältnis. Noch immer spielt es auf Erden dieselbe große Rolle wie zur Zeit, da die Ungeheuer der Vorzeit durch Siluriens Moore jagten, noch immer bildet es am Webstuhl des Lebens die Kette des Gewebes und läuft wie ein endloser Faden durch jede Zeichnung und jedes Muster der einzelnen menschlichen Existenzen. So erscheint es nicht nur unausrottbar, sondern es ist unbegreiflich, wie jemand annehmen kann, daß diese Anziehung von Geschlecht zu Geschlecht, die mit Hunger und Durst als dreieiniger Instinkt die Basis des tierischen Lebens auf Erden bildet, jemals durch eine verhältnismäßig so geringe Veränderung getilgt werden könnte, wie es die Verrichtung dieser oder jener Arbeit oder ein etwas größeres oder geringeres Wissen in einer oder der andern Richtung ist.

Daß die Frau, weil sie an einem dampfgetriebenen Webstuhl Dutzende von Ellen Leinen im Tage erzeugt, weniger die Gefährtin des zu ihr passenden Mannes sein sollte, als da sie an ihrem Spinnrad mit Hand und Fuß eine Elle fertig brachte; daß der Mann weniger die Gemeinschaft mit der Frau wünschen sollte, weil sie in ihrem Konsultationszimmer Kinder nach pharmakologischen Vorschriften behandelt, als wenn sie in alter Zeit Arzneikräuter auf den Hügeln sammelte; daß die Frau, die ein modernes Bild malt oder eine moderne Vase zeichnet, dem Manne weniger liebenswert erscheinen sollte als ihre Vorfahrin, die den ersten Topf formte und mit einem Zickzack verzierte, dem Manne ihrer Zeit erschien; daß die Frau, die zu dem Unterhalt ihrer Familie beiträgt, indem sie Rechtsbeistand leistet, sich weniger nach Mutterschaft und Ehe sehnen sollte als diejenige, die in der Vergangenheit zu dem Unterhalt der Familie beitrug, indem sie über dem Mahlstein hockte oder Fußböden rieb, und daß die eine weniger vom Manne geschätzt werden sollte als die andere - das sind Voraussetzungen, die sich mit irgendeiner Kenntnis der menschlichen Natur und der sie beherrschenden Gesetze nicht vereinen lassen.

Andererseits wird die Annahme, daß der Besitz von Gütern oder der Mittel, sie zu erwerben, den Mann der Frau abgeneigt machen sollte, von der Geschichte und aller täglichen Erfahrung widerlegt. Die eifrige Jagd nach reichen Erbinnen zu allen Zeiten und unter allen Verhältnissen macht es einleuchtend, daß der Mann sehr geneigt ist, es an der Frau zu schätzen, wenn sie zu den Ausgaben der Familie beizutragen vermag. Und der Fall ist, glauben wir, noch nicht dagewesen, daß ein Mann einer Frau darum abgeneigt wurde, weil er erfuhr, daß sie über materielle Güter verfüge. Dieselbe Frau wird, wenn sie als Arzt oder Anwalt zehntausend Mark jährlich verdient, jederzeit und ganz bestimmt heute mehr Freier finden, als wenn sie als Köchin oder Gouvernante sechshundert Mark erhält und nicht minder schwer arbeitet.

Wenn sich aber die Behauptung, die Frau, die neue Arbeitsfelder betritt, werde dem Manne nicht mehr liebenswert erscheinen, auf die Tatsache ihrer größeren Freiheit gründet, so wird dies von der Geschichte und der menschlichen Erfahrung noch entschiedener widerlegt. Das Studium aller Rassen und Zeiten lehrt, daß die Frau um so .höher im Geschlechtswert bei den Männern ihrer Gesellschaft stieg, je freier sie war. Die drei Weiber, die der Indianer hinter sich herschleppt, nachdem er sie im Kampf erbeutet oder für einige Äxte oder ein paar Rollen Tabak eingetauscht hat, und denen gegenüber er eine unbeschränkte Gewalt über Leben und Tod ausübt, haben wahrscheinlich in seinen Augen unendlich geringeren Wert, als die einzige Frau eines unserer alten germanischen Vorfahren für diesen besaß. Und ebenso haben die hundert Weiber und Konkubinen, die sich ein türkischer Pascha hält, in seinen Augen wahrscheinlich auch nicht annähernd den gleichen Wert, wie für Tausende moderner europäischer Männer ihre verhältnismäßig freien Frauen, die sie erst oft nach langer, mühevoller Werbung gewonnen haben.

Die Tatsache, daß der Wert der Frau für den Mann mit ihrer Freiheit wächst, ist so sehr ein Axiom, daß man, jedesmal, wenn von der hohen Wertschätzung der individuellen Frau berichtet wird, auch mit Sicherheit auf eine verhältnismäßige soziale Freiheit der Frau schließen kann, und überall, wo ein hoher Grad von Freiheit der Frau in einer Gesellschaft gegeben ist, kann man den großen Geschlechtswert der einzelnen für den Mann folgern.

Wenn schließlich die Annahme, daß Mann und Frau einander nicht mehr anziehen werden, darauf ruht, daß mit dem Eintritt in neue Arbeitsgebiete ihre Intelligenz zunehme und ihr Gesichtskreis sich erweitere, so muß dem entgegnet werden, daß die ganze Richtung der Menschheitsgeschichte dies absolut verneint. Es gibt nirgend einen Grund für die Voraussetzung, daß erhöhte Intelligenz und Geisteskraft die Geschlechtsempfindung des Menschen, sei es des Mannes oder der Frau verringert. Der unwissende Wilde in Vergangenheit und Gegenwart, der ein Weib vergewaltigt und es sich mit Gewalt unterwirft, mag von einer bestimmten Art der Geschlechtsempfindung beherrscht sein und ist es auch tatsächlich; aber nicht weniger waren es die gebildetsten, bedeutendsten und höchst differenzierten Geister unter den Männern, die die Menschheit hervorgebracht hat. Ein Mill, ein Shelley, ein Goethe, ein Schiller, ein Perikles waren nicht minder für die Tiefe und Stärke ihres sexuellen Empfindens als für ihre hohen Geisteskräfte bekannt. Und bei der Frau ist womöglich die Beziehung zwischen der Stärke ihres sexuellen Empfindens und der Höhe der Geistesgaben eine noch engere. Das Leben einer Sofia Kowalewska, einer George Eliot, einer Elisabeth Browning waren nicht weniger durch ein tiefes leidenschaftliches Geschlechtsempfinden als durch die seltene Entwicklung ihres Intellekts gekennzeichnet. Niemals in der Geschichte der Menschheit hat hohe Intelligenz und Geisteskraft dazu beigetragen, Mann oder Frau dem andern Geschlechte reizlos zu machen. Keine noch so elegant gekleidete, aber unintelligente Frau wird wohl je dieselbe Intensität tiefen Sexualgefühls selbst unter ihr wesensähnlichen Männern erweckt haben, wie es eine George Sand hervorrief, die mit unsterblicher Kraft mehrere der bedeutendsten Männer ihrer Zeit fesselte, selbst als sie nicht mehr jung war, dick und unförmlich, in abgetragenem schwarzen Kleid in einem rauchigen Lokal Zigaretten drehte und sich über allen Putz, mit dem weniger anziehende Frauen ihre verborgenen Mängel zu verdecken suchen, lustig machte. In keinen hoffnungsloseren Irrtum könnte ein Asket verfallen, als wenn er sich einbildete, die Ausrottung der Geschlechtsliebe und der Anziehung der Geschlechter durch erhöhte Reife, Intelligenz und erhöhtes Wissen erreichen zu können. Wohl mag er dadurch diese Empfindungen verfeinern und stark konzentrieren, aber auch verstärken, so wie ein breiter, seichter, langsam fließender Strom nicht versiegt, sondern an Kraft und Bewegung zunimmt, wenn sein Lauf bestimmt, sein Bett tiefer eingeschnitten wird.

Wenn wir ferner jene sekundären Offenbarungen des Geschlechtsempfindens in Betracht ziehen, die sich im Verhältnis der Erzeuger zu ihren Nachkommen ausdrücken, so sehen wir womöglich noch deutlicher, daß erhöhte Intelligenz und Selbständigkeit die Stärke der Zuneigung nicht vermindert, sondern erhöht. Sowie der primitive, unwissende Mann, der oft willig sein Kind verkauft, oder wenn es ein Mädchen ist, es aussetzt, mit wachsender Kultur und Intelligenz zu dem höchst aufopfernden, hingebenden Vater unserer zivilisierten Gesellschaft wird, so, ja noch entschiedener, wird die Beziehung der Frau zu ihrem Kind mit dem Anwachsen ihrer Bildung, Intelligenz und Reife tiefer und andauernder. Die Buschmännin und ebenso die tiefstehendsten, rohesten Frauen unserer Gesellschaft geben oft ihr Kind für eine Flasche Schnaps oder ein paar Pfennige her, und selbst unter geistig etwas entwickelteren Frauen, so stark auch ihre Liebe durchschnittlich gegenüber dem Neugeborenen ist, nimmt doch die Vertraulichkeit der Beziehung zwischen Mutter und Kind rasch mit den Jahren ab, so daß dem Knaben, wenn er zum Jüngling geworden ist, selten viel mehr als die Erinnerung an eine einstige nahe Zusammengehörigkeit übrig bleibt. Ehe die Frau den höchsten Grad von geistigem Wachstum und Verstandesreife erreicht hat, werden selten ihre Beziehungen zum Sohn einen dauernden, lebendigen und beherrschenden Faktor im Leben beider Teile bilden. Die konzentrierte, alles absorbierende Liebe und Kameradschaft, die zwischen der geistig höchststehenden Frau, die Frankreich hervorgebracht hat und ihrem Sohn bestand und das Leben beider bis ans Ende beherrschte, die Kameradschaft des englischen Historikers mit seiner Mutter, die ihm Gefährtin durchs Leben blieb und an allen seinen Arbeiten teilnahm, das Verhältnis des heiligen Augustin zu seiner Mutter sind Beziehungen, die unfaßbar sind, wenn die Frau nicht von hervorragendem und lebhaftem Geiste ist und wenn die bloß physische, instinktive Liebe nicht durch geistige und seelische Bande ergänzt wird.

Die Untersuchung der menschlichen Natur in der Vergangenheit bietet also keinen Grund anzunehmen, daß die durch neue Arbeitsformen freier, wohlhabender und intelligenter gewordene Frau an Bedürfnis nach physischer oder geistiger Kameradschaft mit dem Manne einbüßen, oder daß sein Verlangen nach ihr abnehmen würde, noch daß die sekundären Geschlechtsrelationen als Erzeuger eine Veränderung erleiden würden, es sei denn in der Richtung einer Vertiefung, Konzentrierung und Ausdehnung der elterlichen Gefühle auf das ganze Leben. Die Vorstellung, daß durch irgendeine bloße Veränderung der Formen der Frauenarbeit das Bedürfnis von Mann und Frau nacheinander berührt oder die Gefühle, welche die Geschlechter aneinander binden, zerstört werden könnten, ist in ihrer Unmöglichkeit so grotesk wie die Idee, man könnte durch die Art, wie man eine Muschel an das Seeufer hinlegt, Ebbe und Flut hintanhalten.

Aber, wird man einwenden, wenn so gar kein Grund für die Bildung einer derartigen Ansicht vorhanden ist, wieso kommt es, daß sie doch so oft in einer oder der andern Form von Gegnern der modernen geistigen Frauenarbeit vorgebracht wird? Wo Rauch ist, muß doch wohl auch Feuer sein?

Worauf zu erwidern wäre: »Sicherlich ohne Feuer kein Rauch; aber sehr oft hat es den Anschein von Rauch, wo weder Rauch noch Feuer ist.«

Die Tatsache, daß eine Behauptung oft aufgestellt oder eine Ansicht verbreitet ist, bietet noch keinen Wahrscheinlichkeitsgrund für ihre Wahrheit, wohl aber zweifellos einen Grund anzunehmen, daß der Schein besteht, der die Behauptung wahr erscheinen läßt, und der sie hervorruft. Die allgemeine Vorstellung, daß die Sonne um die Erde kreist, war nicht nur falsch, sondern die Umkehrung der Wahrheit; zu ihrer Annahme führte bloß der falsche Schein, der sie suggerierte.

Wenn wir die Behauptung, daß der Eintritt der Frau in neue Arbeitsfelder mit seinen wahrscheinlichen Folgen größerer Bewegungsfreiheit, ökonomischer Unabhängigkeit und höherer Kultur zu einer Trennung der Geschlechter führen würde, näher untersuchen, so wird es klar, worin der irreleitende Schein liegt, der zu dieser Annahme verführt.

Der Eintritt der Frau in neue Arbeitsgebiete kann, obwohl er ihr erhöhte Freiheit und ökonomische Unabhängigkeit bringt und Erweiterung ihrer Bildung und ihres Wissens notwendig macht, nicht die natürlichen physischen Instinkte verlöschen, die die Geschlechter in allen Klassen empfindender Wesen zueinanderziehen. Und noch weniger kann er das feinere geistige Bedürfnis vernichten, das in der höher entwickelten Menschheit die Geschlechter in Gefühlsgemeinschaft und innigem Verkehr verbindet; wohl aber kann er und wird er unzweifelhaft mächtig auf die Beziehungen bestimmter Männer zu bestimmten Frauen Einfluß üben und umwandelnd wirken.

Während die Anziehung, die physische und geistige der Geschlechter füreinander, in Umfang und Stärke dieselbe bleibt, werden die Formen, in denen sie sich ausdrückt, und vor allem die relative Macht des einzelnen, über die Befriedigung von Instinkten und Wünschen zu gebieten, grundlegend verändert und in manchen Fällen verkehrt werden. In den barbarischen Gesellschaftsformen, wo die physische Kraft herrschte, ist es der stärkste Mann mit den stärksten Muskeln und Fäusten, den rohesten und tierischsten Instinkten, welcher die meisten Frauen erbeutet und besitzt, und ohne Zweifel wäre er berechtigt, jede soziale Änderung, welche der Frau eine größere Freiheit der Wahl gäbe und dadurch dem weniger brutalen, aber vielleicht klügeren Mann, den die Frau wählt, eine gleiche Gelegenheit für die Befriedigung seiner geschlechtlichen Wünsche und für die Hervorbringung einer Nachkommenschaft böte, als einen entschiedenen Verlust zu betrachten, und von seinem rein persönlichen Standpunkt hätte er unzweifelhaft recht, alles zu fürchten, was zur Befreiung der Frau führen könnte. Aber er wäre offenbar nicht zu der Behauptung berechtigt, die größere Wahlfreiheit der Frau oder die Tatsache, daß andere Männer den Vorteil, mehrere Weiber zu haben, teilen, vermindere irgendwie die Höhe der Sexualempfindungen oder die Innigkeit der Beziehungen zwischen den beiden Hälften der Menschheit. Er selbst würde nicht mehr durch rohe Gewalt so viele Frauen besitzen, noch eine so große Auswahl unter den neuen Verhältnissen haben; aber was er verliert, würden andere gewinnen, und die Intensität des Geschlechtsempfindens und die Innigkeit und Leidenschaftlichkeit der Beziehungen zwischen den Geschlechtern würden in keiner Weise berührt.

In unserer zivilisierten Gesellschaft, wie sie heute besteht, hat die Frau (vielleicht oft mehr scheinbar als tatsächlich!) eine einigermaßen größere Freiheit der geschlechtlichen Wahl, sie wird nicht mehr durch Muskelkraft gewonnen; aber es bestehen noch immer Verhältnisse, die, ohne jeden Zusammenhang mit geschlechtlicher Anziehung und Neigung, in hohem Grade die Geschlechtsbeziehungen beherrschen.

Nicht der Mann mit dem starken Arm, aber der Mann mit dem großen Beutel ist es, der in unverhältnismäßiger und künstlicher Weise heute das Geschlechtsleben beherrscht.

Tatsächlich ist die Frau, wo immer in der modernen Welt sie ganz oder teilweise mit ihrem Unterhalt auf die Ausübung ihrer Geschlechtsfunktionen angewiesen ist, mehr oder weniger abhängig von der Fähigkeit des Mannes, sie zu erhalten, und insofern ist ihre Freiheit der Wahl ganz eingeschränkt. Gewiß dreiviertel aller Geschlechtsverbindungen in unserer modernen europäischen Gesellschaft, ob sie nun illegale oder legale Formen tragen, sind von der Kaufkraft des Mannes abhängig oder stark beeinflußt. In bezug auf die verbreitete barbarische Einrichtung der Prostitution, die noch immer wie ein Krebsgeschwür im Innersten unserer Zivilisation eingebettet liegt, ist das eine offenkundige, nackte Tatsache; die Kaufkraft des Mannes gegenüber den weiblichen Geschöpfen erscheint mit scheußlicher Aufdringlichkeit als ihre Grundlage und Lebensquelle. Aber die Kaufkraft des Mannes macht sich nicht minder peinlich, wenn auch etwas weniger aufdringlich, in den offener liegenden Gesellschaftsschichten geltend. Bei dem schönen, verblühten jungen Mädchen der wohlhabenden Klassen, das unter Tränen erzählt, sie müsse auf den Mann, den sie liebt, verzichten, weil er sie mit zweitausend Mark im Jahre nicht erhalten kann, wie bei dem Vater, der an den Freier seiner Tochter offen die Frage stellt, wieviel er ihr zu bieten vermag, ehe er seine Einwilligung gibt, ist es Tatsache, daß unter den bestehenden Verhältnissen nicht die Geschlechtsanziehung, Leidenschaft oder Neigung, sondern der ganz außerhalb liegende Faktor des materiellen Besitzes des Mannes in hohem Maße über die Geschlechtsverbindungen entscheidet. Der faulenzende, unnütze Dandy, der seine Studien nicht zu Ende brachte, der weder Männlichkeit noch persönlichen Reiz oder Charakter, wohl aber Reichtümer besitzt, hat weit mehr Aussicht auf unbeschränkte geschlechtliche Befriedigung und die Lebensgemeinschaft mit dem schönsten Mädchen als etwa der Hofmeister ihres Bruders, der alle männlichen Tugenden, äußeren Vorzüge und geistigen Gaben besitzen mag. Und der alte Wüstling, der nichts als materielle Güter sein eigen nennt, hat, besonders in den sogenannten oberen Klassen unserer Gesellschaft, weit größere Aussicht, die geschlechtliche Gemeinschaft mit jeder Frau, die er als Frau, Maitresse oder Prostituierte wünscht, zu erreichen, als der physisch reizvollste und geistig hochstehendste Mann, der der abhängigen Frau nichts als Liebe und Geschlechtsgemeinschaft zu bieten hat.

Für jenen Mann, wo immer in unserer Gesellschaft er sich findet, der bei Eingehung einer erwünschten Geschlechtsverbindung nicht auf die Kraft, persönlich Neigung zu gewinnen und zu bewahren, sondern auf die Kaufkraft seines Besitzes gegenüber der Besitzlosigkeit der Frauen seiner Gesellschaft angewiesen ist, würde bei einer sozialen Wandlung, die der Frau eine größere ökonomische Unabhängigkeit und damit größere Freiheit der geschlechtlichen Wahl gibt, der persönliche Verlust ein ernster und sofort fühlbarer sein. Für den jungen Gecken einer gewissen Type, der im Theater in der vordersten Reihe des Parketts mit vorgestrecktem Kopf und hängender Kinnlade nach den unglücklichen Frauenzimmern blinzelt, die für Geld tanzen, ist es nicht eine eingebildete Gefahr, die er heraufkommen fühlt, wenn er seine tiefe Mißbilligung hervorstammelt gegenüber jeder Erweiterung des Wissens und der Freiheit der Frau, sich Mittel zum Unterhalt auf geistigen Gebieten zu holen, und wenn er seine entschiedene Vorliebe für das ungebildete Balletmädel gegenüber allen gebildeten und produktiv arbeitenden Frauen der Welt ausdrückt. Ein feiner und tiefer Instinkt raunt ihm zu, daß mit höherer Intelligenz und ökonomischer Unabhängigkeit der Frau, er und seinesgleichen schließlich keine geschlechtliche Gemeinschaft mehr finden, sondern als nicht begehrenswerte männliche alte Jungfern der Menschheit sitzen bleiben werden. Andererseits ist es unzweifelhaft eine gewisse Gruppe von Frauen, die bei dem allgemeinen Fortschreiten ihres Geschlechtes zu freier Arbeit und ökonomischer Selbständigkeit viel verlieren würde oder zu verlieren glaubt. Die Frauen, die wissentlich oder ihrer Natur nach jener parasitischen Klasse angehören, die weder Verstandes- noch Körperkräfte genug besitzen, um irgendeine Form produktiver Arbeit zu leisten und allein von der passiven Erfüllung ihrer Geschlechtsfunktionen abhängig zu bleiben wünschen, werden unzweifelhaft sowohl als Prostituierte wie als Ehefrauen einen schweren Verlust erleiden bei der Umwandlung, die von der Frau höhere Kenntnisse und Tätigkeit fordert. 32) Und wirklich sind es gerade diese beiden Klassen von Personen, von denen der Einwand ausgeht, der Eintritt der Frauen in neue Arbeitsgebiete und ihre größere Freiheit und Intelligenz werde die Beziehungen der Geschlechter erschüttern, und während sie von ihrem rein persönlichen Standpunkt aus unzweifelhaft im Rechte sind, haben sie in bezug auf die Menschheit als Ganzes entschieden unrecht. Der Verlust eines kleinen ungesunden Teiles wäre ein Gewinn für die Menschheit als Ganzes.

Für den männlichen Wollüstling von schwachem Intellekt und reizloser Persönlichkeit, der bei Befriedigung seiner Geschlechtsinstinkte sowohl bei dem schreiend barbarischen geschlechtlichen Handel außerhalb der Ehe, wie bei dem nicht minder barbarischen, nur etwas verschleierteren Handel innerhalb derselben nicht auf seine Fähigkeit, die Neigung und Bewunderung der Frau zu gewinnen, sondern nur auf ihre Käuflichkeit rechnen kann, - für den bedeutet der Zutritt der Frauen zu den neuen Arbeitsgebieten, ihre höhere Bildung und ökonomische Unabhängigkeit fast so viel wie sozialer Untergang. Für jene Männer aber, die selbst heute die Mehrheit in unserer Gesellschaft bilden und die mehr die Liebe und Kameradschaft der Frau als ihren bloßen Besitz wünschen, für die Männer, deren körperliche und geistige Eigenschaften und Gaben geeignet sind, abgesehen von allen materiellen Vorteilen, die Neigung der Frau auch bei voller Wahlfreiheit zu erwecken, für diese wird der Gewinn ein entsprechend großer sein. In einer Gesellschaft, in der die Mehrheit der Frauen frei an allen Gebieten moderner Arbeit teilnimmt, für ihre Arbeit vollwertig entlohnt wird und sich dadurch so weit selbst erhalten kann, daß sie es nicht mehr nötig hat, sich durch Heirat oder in einer andern Form als Geschlechtswesen zu verkaufen, wird damit nicht eine Verringerung der Zahl dauernder Geschlechtsverbindungen herbeigeführt, sondern vielmehr eines der schwersten Hindernisse derselben beseitigt werden. Ein allgemein anerkannter Mangel unserer sozialen Verhältnisse ist die wachsende Schwierigkeit für einen gewissenhaften Mann, eine Ehe einzugehen und eine Familie zu gründen, wenn beschränkte Einkünfte im Falle seines Todes oder seiner Arbeitsunfähigkeit Frau und Kinder hilflos dem reißenden Strom unseres wirtschaftlichen Lebens aussetzen. Wenn man aber annehmen kann, daß die Frau, im Falle der Mann dazu, unfähig ist oder stirbt, seine Stelle als Familienerhalter einnehmen kann, würden tausend wertvolle Ehen, die jetzt nicht zustande kommen können, eingegangen werden, und das ernstliche soziale Übel, daß der gewissenlose Egoist ruhig heiratet und eine große Familie zeugt, der gewissenhafte und vorsichtige es aber oft nicht wagt, wird behoben sein. Zum ersten Male in der Weltgeschichte würde die Prostitution - dieser Ausdruck in seinem weitesten Sinn für jede Form erzwungenen geschlechtlichen Verkehrs gebraucht, der sich nicht auf freiwillige Neigung der Frau, sondern auf die Notwendigkeit, materielle Güter für die Ausübung ihrer Geschlechtsfunktionen anzunehmen, gründet - erlöschen und die Beziehungen zwischen Mann und Frau eine Gemeinschaft zwischen freien, gleichberechtigten Menschen werden. Weit entfernt davon, die Geschlechtsliebe zwischen Mann und Frau zu zerstören, würde die ökonomische Freiheit und soziale Unabhängigkeit der Frau dieselbe zum ersten Male völlig befreien. Das Element körperlicher Kraft und Gewalt, das die primitivsten Formen der Geschlechtsverbindung beherrschte, das noch entwürdigendere Element der Verführung und des Kaufs um Reichtum und materielle Güter, wie sie der Frau in unserer modernen Gesellschaft geboten werden, wird dann dem ungefesselten Wirken der Anziehung und Zuneigung der Geschlechter den Platz räumen, und die Geschlechtsliebe wird nach langer Wanderung durch die Wüste wieder das Königszepter ergreifen.

Aber abgesehen von den beiden Klassen von Personen, deren Einwendungen gegen den Zutritt der Frauen zu neuen Arbeitsgebieten mehr oder weniger instinktiv auf der Furcht vor persönlichem Verlust basiert, gibt es zweifellos auch eine kleine, wenn auch sehr kleine Gruppe aufrichtiger Menschen, deren Angst, die Freiheit der Frau könnte zu einer Trennung der Geschlechter führen, auf abstrakteren, unpersönlicheren Gründen ruht.

Es ist nicht ganz leicht, durch genaue Prüfung einer Anschauung gerecht zu werden, die sich meist in etwas nebuloser und unklarer Weise ausspricht; aber wir glauben dieselbe nicht mißzuverstehen, wenn wir sagen, daß es eine Klasse ganz ehrlicher und sogar ziemlich gescheidter Leute gibt, die ungefähr folgendes meinen: Der Eintritt der Frauen in neue Arbeitsgebiete erfordert soviel Verstandesbildung und eine derartige geistige und körperliche Entwicklung der Frau, daß sie sich schließlich zu einem so viel höher stehenden Wesen als der Mann und zu einem so weit von ihm verschiedenen entwickeln wird, daß das Band der Sympathie zwischen den Geschlechtern dadurch zerstört werden muß und durch die Ungleichheit der Mann aufhören wird, Gegenstand der Liebe und Anziehung für die Frau und die Frau für den Mann zu sein. In der Zukunft, wie sie diesen Leuten mehr oder weniger vorschwebt, würden die Männer genau so wie sie heute sind geblieben, die Frauen aber zu ungeahnten Höhen der Bildung und Intelligenz vorgeschritten sein, so etwa, daß der Handwerker, der kleine Beamte oder Farmer dem weiblichen Astronomen oder Philologen von außerordentlichem Wissen und Genie als einzig mögliche Geschlechtsgefährten gegenüberstünden, und diese Vision erweckt natürlich bei diesen guten Leuten einige Zweifel daran, daß zwei so ungleiche Teile der Menschheit zueinander passen und füreinander Sympathie empfinden könnten.

Wären die beiden Geschlechter ganz verschiedene Spezies, die, nachdem sie auseinandergehende Bahnen der Entwicklung eingeschlagen, sich in dieser Richtung durch ungezählte oder selbst nur einige Generationen hindurch weiter entwickeln könnten, ohne durch Vererbung eines auf das andere rückzuwirken, so müßte es ohne weiteres zugegeben werden, daß eine solche Entwicklung schließlich zu einer Trennung führen müßte.

Die Entwicklung bestimmter Zweige der Menschheit hat bereits zu solch einer Trennung von Rassen und Klassen, die sich in total verschiedenen Entwicklungsstadien befinden, geführt. Die Kluft zwischen ihnen ist eine so weite, daß selbst die niedersten Formen der Geschlechtsanziehung sie kaum überschreiten und die höheren Arten geistigen und seelischen Geschlechtsempfindens sie unmöglich überbrücken können. In der Welt des Geschlechtslebens sucht Gleiches nach Gleichem, und eine zu große Ungleichheit schließt die höhern Formen des Geschlechtsempfindens und oft selbst die niedern rein tierischen aus.

Könnte man eine Anzahl höchst entwickelter Frauen - George Sands, Sophia Kowalewskas, oder selbst nur mittelmäßig gebildeter Frauen einer hochentwickelten Rasse - auf einer Insel aussetzen, auf der keine andern Männer als Feuerländer leben, die mit ihren vorstehenden Kiefern und verfitztem Haar sie unter wildem Geschrei und mit Keulenschlägen empfingen, so würden die Frauen ihnen gegenüber solches Grauen empfinden, daß nicht nur das Geschlecht sich nicht fortpflanzen könnte, sondern sie alle den Tod einer geschlechtlichen Annäherung vorziehen würden. Nicht viel weniger ausgesprochen wäre die geschlechtliche Scheidung, wenn wir uns an Stelle der gebildeten entwickelten Frauen Männer derselben Entwicklungsstufe den tiefstehendsten Arten von Weibern gegenübergestellt denken. Ein Darwin, ein Schiller, ein Keats, obwohl lauter Männer, die des stärksten Geschlechtsempfindens und der dauerndsten Geschlechtsliebe fähig waren, würden wahrscheinlich kein anderes Gefühl als Grauen gegenüber einem Kreis von Buschmänninnen empfinden, die mit fettigen Leibern und funkelnden Augen die rohen Eingeweide eines erschlagenen Tieres verschlingen.

Aber selbst abgesehen von solchen Extremen, führt die bloße Verschiedenheit der Bildung und geistigen Gewohnheiten, welche Individuen derselben Rasse, aber verschiedener Klassen trennt, leicht zum Ausschluß wenigstens der höheren und dauernderen Formen der Geschlechtsempfindungen. Der hochkultivierte moderne Städter mag wohl in vorübergehende, zeitweilige physische Verbindung mit einer ungebildeten Bäuerin oder Straßendirne treten; aber selten wird in solch einem Fall die Tiefe der Empfindung und Sympathie erwachen, die zum Genuß der engen Vereinigung ehelichen Lebens nötig ist, und es ist zweifelhaft, ob die höchsten, dauerhaftesten und innigsten Formen der Geschlechtsneigung je zwischen andern Menschen bestehen können als solchen, die sich in Geschmack, Gewohnheiten und Denken, in ihrer moralischen und physischen Entwicklung in hohem Grade ähnlich sind. 33) Wenn es möglich wäre, daß der Eintritt der Frau in neue Arbeitsgebiete eine stärkere Divergenz ihrer Ideale, ihrer Bildung und ihres Geschmackes von denen des Mannes zur Folge hätte, so würde damit gewiß jeder, der eine solche Bewegung fördert, eine schwere Verantwortung auf sich laden. Aber auch nur das oberflächlichste Studium des Lebens und der Geschlechtsbeziehungen widerlegt eine solche Annahme.

Die beiden Geschlechter sind keine verschiedenen Spezies, sondern zwei Hälften derselben und wirken stets aufeinander durch Vererbung ein und zurück, vermischen sich miteinander und pflanzen einander fort in jeder Generation.

Die Frau ist in zwei Beziehungen organisch mit dem Mann ihrer Gesellschaft verbunden: er ist ihr Gefährte und mit ihr der gemeinsame Ahne des Geschlechtes; aber sie ist auch Mutter der Männer jeder kommenden Generation, und ihre Persönlichkeit überträgt sich und prägt sich ihnen auf. Die Männer und Frauen jeder menschlichen Gesellschaft sind gleich den Rindern, die in dasselbe Joch gespannt sind: für einen Moment mag das eine ein wenig vorangehen und das andere stehen bleiben, aber sie können nie sich weiter voneinander entfernen als das Joch, das sie verbindet, lang ist, und schließlich müssen sie zusammen stillstehen oder zusammen vorwärtsgehen. Was die Frauen einer Generation heute geistig oder physisch sind, das zu werden, neigen die Männer der nächsten durch Vererbung und Erziehung; es gibt keine Veränderung und Bewegung des einen Geschlechtes, die nicht sofort den ausgleichenden Effekt auf das andere üben würde; die Männer von morgen werden in die Form der Frauen von heute gegossen. Wenn neue Ideale, neue ethische Begriffe, neue Arten der Tätigkeit die Gemüter einer Frauengeneration durchdringen, so werden sie in den Idealen, ethischen Anschauungen und der Tätigkeit der dreißig Jahre später lebenden Männer wieder erscheinen, und die Idee, daß die Männer einer Gesellschaft je dauernd weiter hinter ihren Frauen zurückstehen können, als der einzelne Mann hinter seiner Mutter, die ihn geboren und erzogen, ist in Widerspruch mit allen Gesetzen der Vererbung.

Wenn wir uns aber von der abstrakten Betrachtung dieser Annahme hinwegwenden und Mann und Frau in der Wirklichkeit dieser modernen Welt prüfen, so wird die Unvernunft der Voraussetzung noch greifbarer.

Nicht nur ist die Frauenbewegung unserer Zeit nicht ein sporadisches abnormes Gewächs, ein Krebsgeschwür ohne organischen Zusammenhang mit dem übrigen sozialen Organismus, sondern sie ist ihrem Wesen nach nur eine wichtige Phase einer allgemeinen Umwandlung, der das ganze moderne Leben ausgesetzt ist. Jedes nähere, sorgfältigere Studium der Frage wird beweisen, daß es sich von Seite der Frau nicht um eine Bewegung handelt, die zu einer Scheidung und Trennung der Geschlechter führt, sondern daß es vielmehr eine Bewegung ist, die ihrem ganzen Wesen nach die Frau dem Manne nähert, die Geschlechter einander enger verbindet.

Viel wird heute von der »neuen Frau« gesprochen (die, wie wir darlegten, im wesentlichen die alte nicht parasitische Frau der Vergangenheit ist und nur daran geht, die neue Tracht des zwanzigsten Jahrhunderts anzulegen), und sie kann sich wahrlich nicht darüber beklagen, zu wenig beachtet zu werden. Von allen Seiten wird sie beobachtet, gepriesen, verurteilt, verfälscht und mißverstanden, lächerlich gemacht oder vergöttert - aber nirgendwo wird ihre Existenz übersehen.

Doch es besteht heute noch ein anderes soziales Phänomen, das ganz ebenso wichtig, ebenso durchgreifend und in seinen Wirkungen auf Gegenwart und Zukunft womöglich noch weitreichender ist, aber obgleich es sich allerwärts fühlbar macht, nur wenig bewußte Aufmerksamkeit oder Kritik erfährt. Im Schatten eines Baumes sitzen die Leute oft jahraus, jahrein ohne zu merken, wie mit dem Wachsen des Baumes der Schatten breiter und breiter wird.

Seite an Seite mit der »neuen Frau«, übereinstimmend mit ihr wie die zwei Seiten einer Münze, die in einer Form gegossen, wohl oberflächlich voneinander abweichen, aber vom selben Metall, derselben Größe und demselben Wert sind; alt, wie sie alt ist, in dem Sinne einer Wiedergeburt alter Daseinsformen seiner Rasse unter dem Druck neuer Bedingungen; neu, wie sie neu ist, in dem Sinn einer Anpassung an materielle und soziale Verhältnisse, die kein genaues Widerspiel in der Vergangenheit haben; weit verschiedener von seinen unmittelbaren Vorgängern als selbst die Frau von den ihren, Seite an Seite mit ihr in jeder Gesellschaft und jeder Klasse, in der die »neue Frau« existiert, steht heute - der »neue Mann«.

Und fragt man nun, wenn der Mann unter dem Druck der Verhältnisse die gleiche Umwandlung durchmacht: Wieso kommt es, daß sie bei der Frau die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zieht, bei den Männern aber fast unbemerkt bleibt? - so liegt die Erklärung darin, daß dank der geringen Handlungsfreiheit der Frau in der Vergangenheit jeder Versuch einer Anpassung von ihrer Seite auf großen Widerstand stößt, und der Lärm und die Reibung des Widerstandes sind es, mehr als die tatsächliche Größe der Veränderung, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wie ein Bergstrom, der nach langem Winterfrost das Eis bricht und unter Lärmen und Rauschen alle Hindernisse, die sich in seinem Bett angesammelt haben, hinwegschwemmt, die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht, während später das viel größere Wasser, das still seinen Weg geht, von niemand beachtet wird. (Eine interessante praktische Illustration dieser Tatsache ist die große Aufregung, die es hervorrief, als vor einigen dreißig Jahren die ersten drei Frauen in England Medizin zu studieren anfingen. Heute studieren jährlich Hunderte von Frauen, ohne im geringsten allgemeines Interesse zu erwecken; die Wandlung, die vor sich geht, ist eine weit größere an Umfang und sozialer Bedeutung, aber nachdem die ersten Hindernisse beseitigt sind, macht sie kein Aufsehen mehr.)

Es besteht keine größere Kluft, vielleicht nicht einmal eine so große zwischen den Frauen der vergangenen Generation und der typischsten modernen Frau, als die zwischen den Männern jener Zeit und dem Typus eines ganz modernen Mannes.

Die sexuellen und sozialen Ideale, welche der jagende, trinkende, spielende, ein lockeres Leben führende Landedelmann oder der Geistliche, Rechtsanwalt und Politiker hegte, der an der Spitze der Gesellschaft seiner Zeit stand, sind mindestens ebenso weit von den Idealen Tausender, heute ähnliche Stellungen einnehmender Männer entfernt, als es die Ideale unserer Ururgroßmütter von denen der modernsten »neuen Frau«.

Das, was sich vor allem aufdrängt, als Resultat gründlichen persönlichen Studiums jener Teile der modernen europäischen Gesellschaft, in denen die Umwandlung und Anpassung am raschesten fortschreitet, ist, daß nicht bloß gleich große Gruppen von Männern und Frauen ihre sexuellen und sozialen Ideale und ihre Lebensweise rapid abändern, sondern daß diese Veränderung ausgesprochen komplementär ist.

Wenn das Ideal der modernen Frau immer unvereinbarer wird mit der passiven Abhängigkeit von der Entlohnung ihrer sexuellen Qualitäten durch den Mann, wenn in der Ehe für sie immer mehr die Gemeinschaft gleicher Gefährten an die Stelle des Verhältnisses zwischen Eigentümer und Eigentum, Erhalter und Erhaltener tritt, so weicht das Ideal des typischen modernen Mannes ganz ebenso stark von dem seiner Vorväter dahin ab, in der Frau eine tätige Gefährtin und Mitarbeiterin statt einer passiven Untergebenen zu suchen. Wenn die Vorstellung der modernen Frau in bezug auf Elternschaft sich von der alten Vorstellung durch das stärkere Bewußtsein des Ernstes und der Verpflichtung unterscheidet, die auf jedem ruht, der für die Hervorbringung eines Geschöpfes verantwortlich ist, und dadurch ihre Auffassung der Fortpflanzung sehr von der sorglosen, gedankenlosen Mutterschaft der Frau der Vergangenheit abweicht, so wird der typische moderne Mann mindestens in demselben Grade die soziale und moralische Verpflichtung fühlen, die die Zeugung eines Menschenlebens mit sich bringt. Wenn das Ideal, das sich die neue Frau von ihrem männlichen Gefährten bildet, den rohen, saufenden, fluchenden, ausschweifenden, wenn auch reich begüterten Gatten der Vergangenheit ausschließt, so wird der moderne Mann von dem Ideal seines Geschlechts ebenfalls diese Type ausschließen. Wohl bestehen Wettrennen, Spieltisch, Bordell und ausschweifende Gewohnheiten noch unter unseren Männern, aber ein selbst oberflächliches Studium unserer Gesellschaft zeigt, daß diese Einrichtungen und Sitten jetzt einen andern Rang einnehmen. Der Politiker, Geistliche oder Jurist wird seine öffentliche und soziale Stellung durch starke Neigungen in diesen Richtungen nicht verbessern; seine Genossen unter den Tisch trinken, notorisch die größte Zahl illegitimer Verhältnisse zu besitzen, als ein Stammgast der Spielsalons zu gelten, erhöht selbst nicht einmal mehr den Ruf gekrönter Häupter und erweist sich beim gewöhnlichen Mann als Hindernis des Erfolges. Wenn die Vorstellung der Liebe zwischen den Geschlechtern bei der neuen Frau eine mehr seelische und geistige als rohe und rein physische ist, so gelangt in der von typischen modernen Männern geschaffenen typischsten Literatur und Kunst dasselbe neue Ideal mit einer von keiner Frau übertroffenen Kraft zum Ausdruck.

Wenn der modernen Frau die Lebensgemeinschaft mit einem fluchenden und saufenden Landedelmann unerträglicher wäre als der Tod oder vollständiges Zölibat, so würde der moderne denkende Mann nicht minder vor der Aussicht, sein Leben lang an ein fortwährend in Ohnmacht fallendes, weinendes und schmachtendes Frauenzimmer gefesselt zu sein, zurückschrecken.

Wenn irgendwo auf Erden das vollendete Wesen, das die moderne Frau sein möchte, - die arbeitende, reife, freie, starke, furchtlose und gütige Frau - existiert, so ist es im Herzen des neuen Mannes, gezeugt von seinem eigenen höchsten Bedürfnis und Streben; und der höchst entwickelte moderne Mann wird sein Idealbild voll entwickelter Mannheit nirgend eher finden als in dem Mannesideal, das im Herzen der neuen Frau lebt.

Wer in der Frauenbewegung unserer Tage eine geistige Bewegung der Frau gegen den Mann oder weg vom Manne erblickt, hat manche von den wichtigsten Erscheinungen in unserer modernen Welt übersehen.

Wir nannten die Frauenbewegung unserer Zeit das Streben von seiten der Frau zivilisierter Völker, neue Arbeitsformen anstatt der alten ihr entschwindenden zu finden, einen Versuch, dem Parasitismus und der untätigen völligen Abhängigkeit von ihren Geschlechtsfunktionen zu entgehen. Aber von einer andern Seite betrachtet, könnte man die Frauenbewegung mit ebensoviel Recht einen Teil der großen Bewegung nennen, welche die Geschlechter zueinander führt, ein Streben nach gemeinsamer Tätigkeit, gemeinsamen Interessen, gemeinsamen Idealen und nach einer tiefer gegründeten und unzerstörbareren Gefühlsübereinstimmung zwischen den Geschlechtern, als die Welt sie je gesehen.

Hingegen wird, und nicht ohne tiefe, zugrundeliegende Wahrheit, eingewendet werden: Wie kommt es, daß bei einer solch nahen Berührung der Linien, innerhalb deren sich die fortgeschrittenen Männer und Frauen entwickeln, doch in unserer modernen Gesellschaft und oft gerade in jenen typisch fortgeschrittensten Klassen heute so viel Unrast, Disharmonie und sexuelle Not besteht?

Die Antwort auf diesen treffenden Einwand ist, daß diese Disharmonien, dieses Ringen und die daraus folgenden Leiden, welche unzweifelhaft innerhalb der Welt der Geschlechtsbeziehungen und ideale unserer Zeit bestehen, nicht einer Disharmonie der Geschlechter als solche entspringen, sondern ein Teil der allgemeinen Umwälzung sind, der Konflikte zwischen alten und neuen Idealen, ein Ringen, welches auf allen Lebensgebieten in der modernen Gesellschaft vorherrscht und in welchem der entscheidende Faktor nicht das Geschlecht, sondern der Entwicklungsgrad ist, den die Rasse oder das Individuum erreicht hat.

Es kann nicht zu oft gesagt werden, selbst auf die Gefahr ermüdender Wiederholungen hin, daß unsere Gesellschaft sich im Stadium rapider Entwicklung und Umwandlung befindet. Die sich fortwährend wandelnden materiellen Lebensbedingungen mit ihrer Reaktion auf das Denken und Fühlen in allen menschlichen Angelegenheiten macht unsere Gesellschaft zu der kompliziertesten und vielleicht bewegtesten und unsichersten, die je dagewesen. Als Folge dieser Wandlungen und Verwicklungen muß fortwährend ein hoher Grad von Disharmonie und folglich von Leid entstehen.

In einer stationären Gesellschaft, in der eine Generation der andern durch Jahrhunderte, ja vielleicht durch Jahrtausende unter geringen oder gar keinen Veränderungen der materiellen Verhältnisse folgt, haben sich die Ansprüche, Institutionen und moralischen Grundsätze der Menschen, ihre religiösen, politischen, häuslichen und sexuellen Einrichtungen nach und nach in Einklang mit den Verhältnissen gestaltet, und eine gewisse Harmonie, Gleichartigkeit und Ruhe herrscht in der Gesellschaft.

In Zeiten von solch raschem Wechsel der Zustände wie in unserer modernen Gesellschaft, wo nicht bloß jedes Jahrzehnt, sondern jedes Jahr und fast jeder Tag neue Kräfte und Bedingungen ins Leben ruft, sind nicht nur viele Leiden und soziale Gebrechen, wie sie jeder rasche, ungewöhnliche und plötzliche Umschwung in einem Organismus mit sich bringt, unausweichlich, sondern die neuen Zustände, die mit verschiedener Stärke auf die verschiedenen Individuen, je nach ihrer Stellung und Intelligenz einwirken, erzeugen eine Gesellschaft von so erstaunlicher Kompliziertheit und Ungleichheit ihrer einzelnen Teile, daß die tiefsten Risse und Disharmonien zwischen den Individuen die Folge sein müssen. Und die sexuellen Ideale und Verhältnisse haben Teil an diesem allgemeinen Zustand.

In einer primitiven Gesellschaft, in der (wenn eine einigermaßen weitschweifige Illustration gestattet ist) durch unzählige Generationen die Lebensbedingungen absolut unverändert geblieben sind, wo durch Jahrhunderte die Männer sich dem Kampf gegen wilde Tiere und gefährliche Feinde widmen mußten, mag die Polygamie eine allgemeine Notwendigkeit gewesen sein, wenn die Rasse bestehen und an Zahl nicht abnehmen sollte, und in Erkenntnis dessen wurde sie anerkannt und unterwarf sich die Gesellschaft der Polygamie als einer allgemeinen Institution, so viel Leid sie auch mit sich bringen mochte.

Solange Not an Nahrungsmitteln herrschte, mag die Vernichtung überzähliger Greise und Kinder eine Notwendigkeit für das Wohl des einzelnen wie der Allgemeinheit gewesen sein, und die ganze Gesellschaft wird ohne moralische Zweifel darein gewilligt haben. Wäre einmal eine Sonnenfinsternis mit dem Erscheinen eines unbekannten Insekts zusammengefallen, so hätte man dieses für einen Gott gehalten, der die Finsternis herbeiführte, und Jahrhunderte würden vergehen, ohne daß ein Zweifel an diesem Glauben erwachte. Es gäbe keine sozialen und religiösen Probleme, und die Meinung des einen wäre die Anschauung aller, und alle befänden sich mehr oder weniger in Übereinstimmung mit den bestehenden Einrichtungen und Sitten.

Aber nehmen wir nun an, es erschienen plötzlich Fremde, die mit überlegenen Waffen und Wissen ausgestattet wären, die alle wilden Tiere ausrotten würden und den Kampf und damit den Verlust zahlreicher Männer zu einer Sache der Vergangenheit machten, so würde nicht nur der Mann gezwungen, in die weibliche Domäne landwirtschaftlicher und häuslicher Arbeit einzudringen, sondern die Zahl der Männer würde auch, da ihrer nicht mehr so viele umkämen, die der Frauen erreichen oder sie überragen. Es würde dann nicht bloß eine Streitfrage, ein »Problem« werden, welche Arbeiten von den Männern und welche von den Frauen ausgeübt werden sollen, sondern sehr bald würden nicht die Frauen und nicht die Männer allein, sondern beide dazu geführt werden, über die Notwendigkeit und Erwünschtheit der Polygamie nachzudenken, die, sobald es ebensoviel Männer wie Frauen gibt, viele Männer ohne Geschlechtsverbindung ließe. Die intelligenteren und fortgeschritteneren Individuen der Gemeinschaft würden fast gleichzeitig zu dem Schluß kommen, die Polygamie anzugreifen, und die furchtlosesten würden ihre Theorie in die Tat umzusetzen suchen; die unwissendsten und rückständigsten würden entschieden an den alten Einrichtungen festhalten, wie sie sie aus der Vergangenheit übernommen haben, ohne zu fragen und zu rechten. Verschiedenheiten der Ideale würden Konflikte und Zwietracht in allen Teilen des Gesellschaftskörpers hervorbringen und Leiden mit sich bringen, wo alles früher feststehend und bestimmt war. Ebenso würde auch, wenn die Fremden neue verbesserte Methoden des Ackerbaues einführten, so daß Nahrungsmittel reichlich vorhanden wären, die weitblickendsten und anpassungsfähigsten Mitglieder der Gemeinschaft, Männer wie Frauen, auf einmal von dem Gedanken erfaßt werden, daß keine Notwendigkeit mehr bestünde, ihre Kinder umzubringen; alte Männer und Frauen würden anfangen, sich einem vorzeitigen Tod ernstlich zu widersetzen, sobald sie erkannt hätten, daß sie auch bei außerordentlich hohem Alter nicht notwendig dem Hungertod ins Auge sehen müßten. Die beschränktesten und zähesten Mitglieder der Gesellschaft würden unter dem Einfluß traditioneller Vorurteile immer noch fortfahren, ihre Eltern und Kinder zu opfern, wenn längst die Notwendigkeit nicht mehr bestünde. Viele Personen wären in einem Zustand moralischen Zweifels, welchen Weg sie einschlagen sollen, den alten oder den neuen, und bittere Kämpfe über alle diese Punkte würden in der Gemeinschaft wüten. Und wenn nun die Fremden ein Teleskop mit sich brächten, mittels welchem es plötzlich klar würde, daß die Sonnenfinsternis nur dadurch entstand, daß der Mond vor die Sonnenscheibe trat, so würden die intelligenteren Mitglieder der Gemeinschaft plötzlich zu dem Schluß kommen, daß nicht das Insekt die Ursache der Finsternis gewesen sei; sie würden aufhören, es als einen Gott zu betrachten und es vielleicht sogar töten. Die beschränkteren und am Alten haftenden Teile der Gemeinschaft würden es ablehnen, durch das Teleskop zu schauen. Und wenn sie hineinschauten, würden sie leugnen zu sehen, daß der Mond die Finsternis verursacht, und ihre eingewurzelte Verehrung für das Insekt, die sich im Lauf der Zeit herausgebildet, würde sie dahin führen, jene Individuen, die seine Gottheit leugnen, gottlos zu nennen, und es könnte dies vielleicht sogar die Vernichtung dieser ersten Ungläubigen zur Folge haben. Die Gesellschaft, die einst so homogen und einig in allen ihren Teilen war, würde auf einmal durch moralische und soziale Probleme zerklüftet werden, und endlose Leiden müßten für das Individuum aus seinen Versuchen, die Ideale, Sitten und Einrichtungen der Gesellschaft mit den neuen Verhältnissen in Einklang zu bringen, erstehen. Es mag daraus unendlicher Gewinn in vielen Richtungen fließen, Leben, die sonst geopfert würden, erspart bleiben, ein höheres und befriedigenderes Dasein beginnen, aber die Disharmonie und der Kampf würden unvermeidlich sein, bis die Gesellschaft wieder das Gleichgewicht zwischen ihrem Wissen, ihren materiellen Verhältnissen und ihren sozialen, religiösen und sexuellen Institutionen hergestellt hätte.

Ein ähnlicher, aber weit komplizierterer Zustand besteht heute in unserer eigenen Gesellschaft. Unsere materielle Umgebung weicht in jeder Beziehung von der unserer Großeltern ab und hat nur wenig oder gar keine Ähnlichkeit mit der vor wenigen Jahrhunderten. Hie und da mögen selbst innerhalb unserer Zivilisation in entlegenen ländlichen Gegenden die alten sozialen Verhältnisse teilweise unverändert bestehen. Aber im großen ganzen haben der Ersatz der Handarbeit durch Maschinen, die große Verbreitung von Kenntnissen durch den immer billiger werdenden Buchdruck, der rapid wachsende Zufluß von Menschen nach der Großstadt, das Zusammendrängen von Tausenden, ja Millionen unter physischen und geistigen Bedingungen, die alle soziale Ordnung der Vergangenheit umkehren, die zunehmend raschen Verkehrsmittel, die durch die schnellen Verkehrswege erleichterte Verbindung zwischen entfernten Rassen und Länder, - all dies hat den menschlichen Horizont in jeder Richtung erweitert und verändert. Es hat eine so komplizierte und raschem Wandel unterworfene Gesellschaftsordnung erzeugt, daß soziale Harmonie all ihrer Teile unmöglich ist und soziale Unruhe, Gegensätzlichkeit der Ideale in Anschauungen und Einrichtungen und damit auch menschliche Leiden unausweichlich sind. Ebenso wie die alten Gewehre und Ackerbaugeräte, die unsere Väter verwendeten, in den Händen ihrer Nachkommen wertlos wurden und die Muster, die unsere Mütter webten, und die Strümpfe, die sie strikten, durch den modernen Webstuhl überflüssig geworden sind, werden ihre sozialen Einrichtungen, ihr Glaube und ihre Lebensgewohnheiten täglich in noch höherem Grade für uns unpassend, und Reibungen und Leiden werden unausweichlich, besonders für die fortgeschrittensten und differenziertesten Individuen unserer Gesellschaft.

Diese Leiden erwachsen, wenn wir es genau betrachten, aus drei Ursachen:

Erstlich aus der Tatsache, daß die bloße, außerordentlich rasche Veränderung meist schmerzvoll wird, indem bereits gefestigte Gewohnheiten und Anschauungsweisen gewaltsam verletzt werden, wie ein sehr rasch wachsender Baum seine Rinde sprengt und seine inneren Säfte ausscheidet.

Zweitens erwachsen sie daraus, daß zwischen Individuen derselben Gesellschaft, »die sich nicht im selben Tempo den neuen Bedingungen anpassen oder ihnen in verschiedenem Grade ausgesetzt sind, eine weitgehende und fast beispiellose Ungleichheit entsteht, so daß Seite an Seite mit Männern und Frauen, die sich rasch angepaßt haben oder so erfolgreich dem neuen Wissens- und Lebenstatsachen anzupassen suchen, daß sie in geordneten Gesellschaftszuständen der Zukunft vielleicht kaum antiquiert erscheinen würden, sich Männer und Frauen finden, die sich mit ihren sozialen, religiösen und ethischen Idealen noch in Harmonie mit den fernen Ahnen des Menschengeschlechtes fänden. Und zwischen diesen extremen Gruppen steht die große Masse in einem Zwischenstadium der Entwicklung. Diese Verschiedenheit muß Reibungen und Leiden im Zusammenleben der Glieder der Gesellschaft herbeiführen, besonders da die einzelnen Individuen der verschiedenen Typen nicht in Klassen und Familien getrennt, sondern in allen Klassen und Schichten unserer Gesellschaft zerstreut sind. 34)

Personen, die durch die engsten Bande des Blutes und gesellschaftliche Berührung zu fortwährendem Verkehr gezwungen sind, sind oft am weitesten in ihrer Anpassungsstufe an die neuen Lebensverhältnisse voneinander verschieden, und die sozialen Reibungen und daraus folgenden Leiden, die aus dieser Tatsache erwachsen, sind so empfindlich und fast unberechenbar, daß es kaum möglich ist, in trockenen Theorien ein Bild davon zu geben, sondern nur durch das Medium der Kunst, wo bestimmte konkrete Individuen handelnd und aufeinander, einwirkend gezeigt werden, im Drama oder im Roman. Wir sind wie Schachfiguren, die nicht nach Bauern, Königen und Königinnen, Läufern und Türmen geordnet, sondern in einer Schachtel bunt durcheinandergeworfen und vermischt sind. In den stationären Gesellschaftsstadien, wo alle Individuen von denselben politischen, religiösen und moralischen Ideen durchdrungen waren und jede Klasse ihre eigenen ererbten feststehenden Traditionen in Handeln und Gewohnheiten besaß, bestanden selbstverständlich diese Ursachen der Reibung oder Leiden nicht; persönliche Differenzen und Zwiespalt mögen durch persönliche Habgier, Ehrgeiz oder Selbstsucht entstanden sein, nicht aber durch widersprechende Auffassung von Recht und Unrecht, von dem, was erstrebbar und nicht erstrebenswert auf allen Gebieten des menschlichen Lebens sei. 35)

Drittens beruht die Unrast und die Not, die unserer Zeit eigen ist, auf Konflikten, die sich in dem Individuum selbst abspielen. Die Veränderungen in unserer Umgebung und dem Stand des Wissens sind so rasche, daß man im Lauf eines einzigen Menschenlebens durch ein halbes Dutzend Phasen des Wachstums hindurchgeht. In bestimmten Ideen und Gewohnheiten geboren und aufgewachsen, haben er oder sie, ehe das mittlere Lebensalter erreicht ist, wiederholt Gelegenheit, ihre Traditionen zu erweitern, zu ändern oder ganz beiseite zu werfen. Im Innern dieses Menschen besteht in verstärkter Form derselbe Kampf, derselbe Konflikt und dieselbe Disharmonie, welche in der Gesellschaft als ganzes zwischen ihren verschiedenen Mitgliedern entsteht. Und es ergeben sich schmerzliche Momente für das Individuum, wenn es die Notwendigkeit, neue Wege einzuschlagen, neue Wahrheiten anzunehmen oder sich neuen Verhältnissen anzupassen, erkennt und sich doch noch von der Macht traditioneller Überzeugungen gefesselt fühlt. Männer und Frauen, die ihr Leben den neuen materiellen Verhältnissen anzupassen und mit den neuen Kenntnissen in Einklang zu bringen suchen, sind manchmal fast gezwungen, die Kontinuität ihres eigenen Seelenlebens zu durchbrechen.

Aus diesen Verhältnissen erwächst auch die so oft bemerkte Tatsache, daß die Kunst unserer Zeit entschieden dahin neigt, sich mit subtilen sozialen, religiösen, politischen und sexuellen Problemen zu beschäftigen, wie dies in der Kunst der Vergangenheit nicht ihresgleichen hat. Und es kann auch nicht anders sein, weil der Künstler, der, dem künstlerischen Instinkt gehorchend, das treue Bild der Welt um sich her entwirft, das zeichnen muß, was ihr innerstes Wesen ausmacht. Das »Problemstück«, die »Problemdichtung« ist in unserer Zeit so unvermeidlich, wie es unvermeidlich war, daß die Dichter des elften Jahrhunderts Turniere, Schlachten und Rittertum darstellten, weil diese das herrschende Element in dem Leben rings um sie her waren.

Auch ist es unvermeidlich, daß diese Leiden und Konflikte sich in der schärfsten Weise gerade bei den fortgeschrittensten Individuen unserer Gesellschaft geltend machen. Der Schwimmer, der als erster in den gefrorenen Strom springt, ist es, den das Eis am schärfsten schneidet; die nachfolgenden finden es bereits gebrochen und der letzte überhaupt nicht mehr. Die Männer oder Frauen, die als erste den Pfad betreten, auf dem die Masse schließlich folgen wird, sie sind es, die sich schließlich in einer Einsamkeit finden, in der das Schweigen tödlich ist. Die Tatsache, daß jeder Weg, auf dem menschliches Handeln zu einer Umwandlung leitet, ebenso auch zu unmittelbaren Leiden führt, indem es das Individuum von der Masse seiner Mitmenschen scheidet, ist kein Gegenargument. Einsamkeit und Leid ist die Dornenkrone, die das Königtum des irdischen Messias kennzeichnet - es ist das Kennzeichen des Führers.

So durchdringen soziale Disharmonien und subjektive Konflikte und Leiden das Leben unserer Zeit und machen sich auf jedem Gebiet des Menschenlebens, dem religiösen, politischen, häuslichen fühlbar, und wenn sie sich im Geschlechtsleben stärker bemerkbar und heftiger fühlbar machen als auf jedem andern Gebiet, selbst als auf dem der Religion, so ist es, weil wir, sobald wir das Sexualgebiet betreten, das Rückenmark des menschlichen Daseins angreifen, den Zentralnerv, bei dem jede Berührung am heftigsten, jeder Schmerz oder Freude am lebhaftesten fühlbar ist. Nicht die geschlechtliche Disharmonie ist die Wurzel unserer Unrast, sondern die allgemeine Disharmonie ist es, die selbst die Welt der Geschlechtsphänomene beeinflußt.

Die Grenzen, welche die fortschrittlichen Gruppen von Personen, die sich den neuen Lebensverhältnissen anzupassen suchen, von den reaktionären scheidet, fällt keineswegs mit der Grenze des Geschlechtes zusammen. Eine George Sand und ein Henrik Ibsen gehören weit eher in ein und dieselbe Gruppe der modernen Entwicklung, als jeder von beiden in irgendeine Gruppe ihres eigenen Geschlechtes. Wenn wir die Menschheit nach Typen einteilen, so wird jede Gruppe Männer und die ihnen entsprechenden Frauen umfassen. Neben dem altbekannten Typus der Dirne, die sich an der Straßenecke zum Kaufe anbietet, steht der uralte Typus des Mannes - mit oder ohne Firnis der Zivilisation -, der begierig ist, sie zu kaufen. Neben der parasitischen Frau, die im Verhältnis zum Mann nur Genuß und Luxus sucht, steht der Mann, der in der Verbindung mit ihr nur zügellose Genussucht befriedigt. Neben der neuen Frau, die Arbeit begehrt und beim Mann die Liebe und Kameradschaft sucht, die sie ihm gibt, steht der neue Mann, der gerade das zu besitzen sich sehnt, was sie ihm bietet. Wenn die soziale Bewegung, in der die fortgeschrittensten Frauen unserer Tage sich neuen Lebensbedingungen anzupassen suchen, sie unendlich von gewissen primitiven Männertypen entfernt, so entfernt dieselbe Bewegung ebenso den neuen Mann von jenem alten Frauentypus. Die sexuelle Tragik des modernen Lebens liegt nicht in der Tatsache, daß Frau und Mann sich von Grund aus verschieden entwickeln, sondern darin, daß in der ungeheuren Verworrenheit unseres modernen Lebens fortwährend die vorgeschrittensten Männer- und Frauentypen in regster persönlicher Verbindung mit den antiquiertesten Typen des anderen Geschlechtes stehen, daß zwischen Vater und Tochter, Mutter und Sohn, Bruder und Schwester, Mann und Frau manchmal nicht Jahre, sondern Jahrhunderte sozialer Entwicklung zu liegen scheinen.

Nicht der Mann als Mann widersetzt sich dem Anpassungsversuche der Frau an die neuen Lebensbedingungen, sondern noch öfter vielleicht kommt die Opposition von seiten ihrer eigenen zurückgebliebenen Geschlechtsgenossinnen. Und es ist eine Tatsache, die keinen, der die modernen Zustände kennt, überraschen wird, daß unter den literarischen Werken aller Sprachen, die am entschiedensten für die Zulassung der Frau in neue Arbeitsgebiete eintreten, die am rückhaltlosesten ihre erweiterte Bildung und volle Handlungsfreiheit fordern und die am leidenschaftlichsten alle künstlichen Schranken zwischen Mann und Frau niederzureißen suchen, viele der besten und weitgehendsten Werke von Männern sind.

Der moderne Mann und die moderne Frau gleichen nicht Leuten, die, auf gleicher Höhe stehend, vom gleichen Ausgangspunkte aus zwei Straßen gehen, die sich um so mehr voneinander entfernen, je weiter man ihre Richtung verfolgt; sie ähneln vielmehr zwei Menschen, die jeder von einer andern Seite aus ein Vorgebirge zu erklimmen suchen und einander um so näher kommen, je höher sie gelangen, bis sie sich auf der Spitze endlich begegnen müssen.

Selbst die Opposition, die die Männer oft gegen den Eintritt der Frau in neue, bisher von ihnen monopolisierte Arbeitsgebiete erheben, ist im Grunde nicht sexueller Natur. Die Männer, die bisher dieses Monopol eines Berufes oder Standes innehatten, würden sich ebenso und vielleicht mit noch größerer Erbitterung dagegen wehren, die Tore Mitgliedern ihres eignen Geschlechtes, die bisher ausgeschlossen waren, die sie in ihrem Gewinn verkürzen und ihre Privilegien teilen wollten, zu öffnen. Was sich hier äußert, ist der primitive, brutale Instinkt, ohne Rücksicht auf Gerechtigkeit und Menschlichkeit so viel als möglich für sich selbst zu behalten, ein Instinkt, welcher alle tiefstehenden Menschentypen, sowohl von Männern als Frauen beherrscht. Der Advokat oder Arzt, der sich der Zulassung der Frau zu seinem schwer zugänglichen Beruf widersetzt, würde sich wahrscheinlich noch entschiedener dagegen sträuben, den Damm von Beschränkungen und Kosten niederreißen zu lassen, der andere Männer davon abhält, seinem Beruf zuzuströmen. Der Arbeiter an der Maschine, der sich gegen den Eintritt der Frauen in sein spezielles Arbeitsfeld wehrt, würde dies unzweifelhaft ebenso, vielleicht noch hartnäckiger gegenüber dem Eindringen anderer Männer tun, wenn es irgend möglich wäre.

Man nimmt manchmal an, die Opposition des tiefer stehenden Mannestypus gegen den Eintritt der Frau in Berufe, die bisher sein Gebiet waren, schließe die Entstehung von Kameradschaft und Neigung zwischen gemeinschaftlich arbeitenden Männern und Frauen völlig aus; des Mannes Eifersucht im Beruf müßte notwendig ein Gefühl des Hasses und der Gegnerschaft gegen jeden, der sein Arbeitsgebiet teilt, hervorbringen. Aber schon die oberflächlichste Beobachtung des Lebens widerlegt diese Voraussetzung. Wenn wir die Gesellschaft als Ganzes betrachten, finden wir bei den Männern trotz gelegentlicher beruflicher Eifersüchteleien und Gegnerschaft, daß die gemeinschaftlichen Interessen und vor allem gemeinsame Arbeit die stärksten Mittel sind, innige Verbindungen herzustellen, ja, sie erscheinen tatsächlich als wesentliche Voraussetzung für die Bildung der engsten und dauerndsten Freundschaftsbeziehungen. In allen Kreisen, sei es welchen Gewerbes oder Berufes, immer finden wir Männer, die sich aus freier Wahl zu Männern ihres eigenen Berufes gesellen und oft die tiefsten und dauerhaftesten Freundschaften mit ihnen eingehen. Unter den intimsten Freunden eines Rechtsanwaltes findet sich fast immer ein Kollege; der Geschäftsmann wird am öftesten in Gesellschaft seiner Geschäftsfreunde zu finden sein; der Arzt findet seine intimsten Freunde in vielen Fällen unter seinen ehemaligen Studiengenossen, die mit ihm die verschiedenen Stadien des Berufslebens durchschritten haben; der Freund und freigewählte Genosse des Schauspielers ist in der Regel der Schauspieler, der des Gelehrten der Gelehrte, der des Landwirtes der Landwirt, der des Seemanns der Seemann. So allgemein ist dies, daß es fast auffallen und komisch wirken würde, wenn der Zechgenosse eines Kapitäns ein führender Politiker, der Duzfreund des Geistlichen Schauspieler und der intime Freund eines Farmers Astronom wäre. Gleich und gleich gesellt sich gern. Die meisten Männer suchen Klubs auf, in denen sie Berufsgenossen finden, und besonders in vorgerückteren Jahren, wenn die Männer immer mehr in ihrem Beruf aufgehen, suchen sie Kameradschaft hauptsächlich unter ihren Mitarbeitern. Und das ist auch unausweichlich; zwischen jungen Leuten mögen gemeinschaftliche Vergnügungen eine Art Band knüpfen, aber gemeinsame Arbeit, auf Grund gleicher Kenntnisse, gleicher Gewohnheiten und gleicher Denkweise bilden ein festeres Band, das die Menschen viel mächtiger zu nahem Verkehr und persönlicher Freundschaft und Neigung verbindet, als die zentrifugalen Kräfte der Berufseifersüchteleien sie zu trennen vermögen.

Daß dieselben Bedingungen herrschend würden, sobald Frauen die Arbeitsgefährten des Mannes wären, läßt sich theoretisch folgern, und die praktische Erfahrung bestätigt es. Der Schauspieler heiratet meistens eine Schauspielerin, der Musiker eine Musikerin; im Empfangszimmer der Schriftstellerin oder Malerin findet man immer Männer ihres Berufes; der weibliche Arzt ist in fortwährendem Verkehr mit seinen männlichen Kollegen und heiratet oft einen von ihnen. Und je größer die Zahl der Frauen wird, die die bisher dem Manne allein gehörigen Arbeitsfelder mit ihm teilen, um so klarer wird sich die Natur und Stärke der aus gemeinsamer Arbeit erwachsenden Sympathie erweisen.

Die Teilnahme von Männern und Frauen an gleicher Arbeit, welche gemeinsame Bildung und damit gemeinsame Denkgewohnheiten und Interessen erfordert, würde dahin führen, die gefährliche Kluft auszufüllen, die so oft im modernen Eheleben entsteht, die, sobald die erste Glut sinnlicher, nur durch den Reiz des Unbekannten entfachter Leidenschaft zu verblassen beginnt, Mann und Frau trennt, und aus der ein so großer Teil der modernen Ehetragödien entspringt. Der primitive Mann konnte mit seiner Frau über seinen Jagdgewinn und ihre Ausbeute an Wurzeln und Kräutern sprechen, so wie heute der einfache Bauer mit seinem Weib über die Ernte und das Vieh spricht, wovon beide etwas verstehen und woran beide gleich interessiert sind; es liegt nichts in ihrer Lebensweise, was geeignet wäre, ihre Denkweise und Interessen voneinander zu scheiden.

Im modernen Leben aber erzeugt vielfach der völlige Mangel an gemeinsamer Arbeit und gemeinsamen Interessen und die große Verschiedenheit des Lebens, das Mann und Frau führen, eine fortwährende zunehmende Divergenz, so daß lange noch, ehe die mittleren Lebensjahre erreicht sind, kein anderes Band der Zusammengehörigkeit als das der Gewohnheit übrig ist. Die Kameradschaft und die beständige Anregung, die aus dem Verkehr mit Menschen erwächst, die unsere nächsten Interessen teilen und das Leben vom selben Standpunkt betrachten, sucht der Mann im Klub und unter seinen männlichen Gefährten, und die Frau bleibt einsam oder sucht Zerstreuungen, die geeignet sind, das Eheleben noch tiefer zu spalten. Eine gewisse geistige Kameradschaft und Gemeinsamkeit unpersönlicher Interessen ist neben dem rein geschlechtlichen Verhältnis für das Eheleben absolut nötig, wenn die Übereinstimmung eine lebendige und stets wachsende sein soll. Ganz besonders deshalb, weil die Teilnahme der Frau an der Arbeit des Mannes geeignet ist, die Kameradschaft und das Bestehen gemeinsamer unpersönlicher Interessen und gleicher Denk- und Lebensweise zu fördern, ist der Eintritt der Frau in eben die Arbeitsgebiete des Mannes und nicht in andere, für sie besonders bestimmte, so wünschenswert. 36)

Es ist eine erfreuliche Tatsache, und jede Frau, die mit Erfolg irgendein Gebiet männlichen Schaffens, sei es der Wissenschaft, Literatur oder eines anderen Berufes, betreten oder darin etwas geleistet hat, wird es bestätigen, daß die Hände, die sich ihr am freundlichsten zum Willkomm entgegenstreckten, die von Männern waren, daß die Stimmen, die ihrem Erfolg am freigebigsten Beifall gespendet haben, die männlicher Mitarbeiter auf demselben Gebiete gewesen sind. An keine Tür eines neuen Arbeitsgebietes pocht die Hand der Frau, ohne daß die Hand eines starken, großmütigen Mannes sie ihr öffnen würde, fast noch, ehe sie gepocht.

Für uns, die wir am Beginn eines neuen Jahrhunderts, das Auge beschattend, den Blick in die Zukunft richten, um die Umrisse der in der Ferne aufragenden Nebelgestalten zu entdecken, gibt es keine beglückendere Hoffnung, als daß wir schattenhaft einen Zustand zu erkennen glauben, in welchem ein engeres Band Mann und Frau verbinden wird, als die Welt es bisher gesehen hat: wo die Walhalla unserer alten nordischen Väter zur Wirklichkeit wird, die Walküre und ihr Held an derselben Tafel in treuer Kameradschaft des Mahles Freuden teilen.

In unsern Träumen hören wir die Tür des letzten Frauenhauses zufallen; wir hören die letzte Münze klingen, mit der Leib und Seele einer Frau gekauft wird; wir sehen die letzte Wand zusammenbrechen, die künstlich der Frauen Tätigkeit einschränkt und sie vom Manne trennt; wir malen uns immer wieder die Liebe der Geschlechter aus, die, einst ein blinder, kriechender Wurm, dann eine starre, erdgebundene Puppe, endlich als beschwingter Schmetterling im Sonnenschein der Zukunft strahlt. Täuschen uns, die wir heute schwer gegen den Strom rudern, unsere übermüdeten Augen, wenn wir weit in der Ferne durch die Nebel der Ufer ein klares, goldenes Licht schimmern sehen? Ist es nur eine Gesichtstäuschung, die uns unsere Ruder leichter führen und uns weiter ausholen läßt, obwohl wir genau wissen, daß lange bevor unser Schiff jene Ferne erreicht, andere Hände das Ruder führen, das Steuer lenken werden? Ist das alles ein Traum?

Der alte chaldäische Seher hatte die Vision eines Gartens Eden, der in ferner Vergangenheit lag. Er träumte, daß Mann und Frau einst in Freude und Kameradschaft lebten, bis die Frau die Früchte vom Baume der Erkenntnis brach und dem Manne bot und beide ausgestoßen wurden und sich im Schweiß ihres Angesichtes ihr Brot verdienen mußten, weil sie von der Frucht genossen. Auch wir haben unsern Paradiesestraum, aber er liegt in ferner Zukunft. Wir träumen, daß die Frau gemeinsam mit dem Mann vom Baume der Erkenntnis essen werde, daß sie Seite an Seite, Hand in Hand mit ihm durch Menschenalter voll Arbeit und Mühe ein neues Eden aufrichten werde, schöner als der Chaldäer es je geträumt, ein Eden, das ihre eigene Arbeit erschaffen hat und das ihre innige Kameradschaft verschönt.

Die Apokalypse erschaute einen neuen Himmel und eine neue Erde, wir erschauen eine neue Erde, aber in ihr wohnt Liebe - die Liebe von Kameraden und Arbeitsgenossen.

Deshalb, weil die Möglichkeiten der Zukunft uns so reich und so herrlich erscheinen, die Rückkehr zur Vergangenheit so unmöglich und die passive Ergebung in die Gegenwart so tödlich - darum erbeben wir heute allüberall unsern fremdklingenden Ruf: »Gebt uns Arbeit und Erziehung zur Arbeit!«

Endnoten

1) Kleine Singvögel, die in Südafrika leben. Anm. d. Übers.

2) Die Allegorie »Drei Träume in der Wüste«, die ich vor 19 Jahren veröffentlichte, war diesem Buche entnommen, und ich habe bemerkt, daß sie, aus dem Zusammenhang gerissen, vielleicht nicht jedermann klar wurde.

3) Man wird vielleicht einwenden, wo Mann und Frau einander würdig hielten, sich unter allen Menschen zu lebenslänglicher physischer Vereinigung zu erwählen, sei es unstatthaft anzunehmen, daß eine Regelung ökonomischer Verhältnisse irgend notwendig wäre. Die Liebe rechnet nicht! Und ein jeder kenne nur den Wunsch, den andern an Hingabe zu überbieten. Daß dem so sein sollte, ist richtig, daß es in dem Fall der Vereinigung zweier moralisch vollkommen entwickelter Menschen so ist, ist ebenfalls richtig, und daß dieser Zustand in einer entfernten Zukunft ein fast allgemeiner sein wird, ist sicher richtig. Aber, wenn wir die Sache als praktische Gegenwartsfrage betrachten, so handelt es sich nicht um das, was sein sollte oder was sein wird, sondern was unter den gegebenen Überlieferungen und Einrichtungen unserer Gesellschaft heute tatsächlich besteht.

4) Das Problem der Arbeitslosigkeit des Mannes ist natürlich lange nicht so neu, wie das der Arbeitslosigkeit der Frau. In England ist es schon im 15.Jahrhundert, als die wirtschaftlichen Veränderungen anfingen, den Landarbeiter von seinem Boden zu trennen und ihn seiner alten Arbeitsarten zu berauben, fast in seiner heutigen Form aufgetaucht. Und doch muß man das Problem in seiner schärfsten Form ein modernes nennen.

5) Es ist tatsächlich manchmal etwas Rührendes in der Haltung manches alten Mütterchens, das da oder dort, inmitten der modernen Zivilisation lebend, ganz verwirrt wird durch den Wandel in den Pflichten und Aufgaben der Frau. In den Augen einer Altersgenossin, die gleich ihr eine vergangene Kulturepoche überlebt hat, sucht sie die Bestätigung ihrer Lebensanschauung. Ein beunruhigender Zweifel hat sogar ihre Seele beschlichen. »Ich,« sagt sie, »habe immer selbst die Schinken geräuchert und die Socken gestrickt und die Wäsche in der Hand genäht; wie wir junge Mädchen waren, haben wir das alles gemacht; aber meine Töchter wollen es nicht mehr tun!« Und die andere antwortet: »Ja freilich, wir haben das alles gemacht und so gehört sich's auch; aber es kommt so hoch, und die fertigen Dinge sind so viel billiger.« Und die Alten schütteln die Köpfe, und die Welt scheint ihnen seltsam aus den Angeln, wenn Pflicht nicht mehr Pflicht ist. Solche Frauen sind wie eine gute alte Entenmutter, die ihre Entlein durch Jahre immer in denselben Teich geführt hat und, wenn nun dieser Teich abgeleitet und der eingetrocknete Schlick zurückgeblieben ist, dennoch darauf besteht, ihre Jungen dorthin zu bringen und nun flügelschlagend und ängstlich schnatternd an seinem Rand hin und her watschelt und sie zu bewegen sucht, hineinzugehen. Aber die Entlein mit ihrem jungen frischen Instinkt hören in der Ferne das köstliche Rieseln des neuen Wehrs, in dem hoch oben das Wasser aufgefangen worden ist, und sie riechen die Vogelmiere und das hohe Gras, das an seinem Rande wächst, und wollen nichts davon wissen, sich an dem vertrockneten Schlamm zu ergötzen oder Würmer zu suchen, wo keine sind. Und sie lassen ihre alte Mutter an ihrem Teich quaken und machen sich auf, neue Futterplätze zu suchen - vielleicht verirren sie sich? - vielleicht finden sie welche? Der alten Mutter aber möchte man sagen: »Gute, alte Entenmutter, siehst du nicht, daß die Welt sich verändert hat? Du kannst das Wasser nicht in den alten Teich zurückbringen! Vielleicht war es besser und schöner wie es da war; aber es ist weg auf immer, und wenn du und die Deinen noch schwimmen wollen, muß es in anderem Wasser sein. Neue Zeit bringt neue Pflichten.«

6) Die Verschiedenheit zwischen den primitiven und modernen Anschauungen über diesen Gegenstand wird treffend und eigenartig durch folgende zwei Vorfälle beleuchtet. Einst begegnete mir ein Bantu-Weib, das besser erhalten, weniger abgearbeitet und glücklicher als die Mehrzahl ihrer Genossinnen aussah. Auf meine Erkundigung erfuhr ich, daß sie zwei Brüder habe, die impotent wären, und deshalb hatte sie selbst nicht geheiratet, aber vierzehn Kinder, die sie mit verschiedenen Männern gezeugt, hatte sie alle, so wie sie erwachsen waren, den Brüdern geschenkt. »Sie haben mich lieb, weil ich ihnen soviel Kinder geschenkt habe; darum brauche ich nicht zu arbeiten wie die andern Weiber, und die Brüder geben mir reichlich Nahrung und Milch,« erzählte sie selbstzufrieden, »und unsere Familie wird nicht aussterben.« Diese Person, deren Lebensführung vom modernen Standpunkt betrachtet, so entschieden antisozial war, wurde offenbar als höchst wertvoll für ihre Familie und Gesellschaft bloß um ihrer Fruchtbarkeit willen angesehen. - Als Gegensatz hierzu: Vor einigen Wochen stand in den Londoner Blättern von einem Frauenzimmer, das in Eastend wegen irgendeines Vergehens aufgegriffen wurde und vor Gericht schluchzend vorbrachte, daß sie Mutter von zwanzig Kindern sei. »Schämen Sie sich nicht,« rief der Richter, »eine Person, die sich so aufführt, ist zu allem fähig!« und sie wurde unbarmherzig verurteilt. Zweifellos hat dieser Richter, wenn auch in etwas brutaler Weise, den modernen Anschauungen über leichtsinniges, übermäßiges Kindergebären richtigen Ausdruck gegeben.

7) Im Hinblick auf die modernen Staaten finden wir, daß jene, deren Geburtsraten am höchsten, keineswegs die glücklichsten, aufgeklärtesten oder mächtigsten sind; ja es zeigt sich, daß selbst die Bevölkerungszahl nicht immer im Verhältnis zu den Geburten wächst. Frankreich, das in vielen Beziehungen in der Zivilisation vorangeht, hat eine der niedrigsten Durchschnitts-Geburtsraten in Europa, und bei der freien und aufgeklärten Völkerschaft der Schweiz und Skandinaviens ist die Geburtenziffer auffallend niedrig, während Irland, eines der unglücklichsten und schwächsten Länder Europas, lange Zeit eine der höchsten Geburtsraten hatte, ohne daß die Bevölkerung oder ihre Macht im Verhältnis zugenommen hätte. In bezug auf die verschiedenen Klassen derselben Gesellschaft, sind die Erscheinungen dieselben. Die Geburtenziffer ist im Verhältnis zur Zahl der Frauen unter den niedrigsten und ungebildetsten Volksklassen in den Armenvierteln unserer Großstädte weit höher, als bei den Frauen der oberen gebildeten Stände, hauptsächlich, weil das Heiratsalter mit der wachsenden Kultur und Bildung der Individuen zu steigen pflegt, aber auch durch die Regulierung der Geburten in der Ehe. Dennoch ist die Zahl der herangewachsenen Kinder in den gebildeten Ständen wahrscheinlich nicht geringer, vielleicht sogar höher als in den unteren Klassen, infolge der hohen Kindersterblichkeit dort, wo die Geburtenzahl übergroß ist.

8) Wird nicht berichtet, daß selbst der Esel, den Bileam ritt, den Engel mit dem feurigen Schwert sah, nicht aber Bileam selbst?

9) Die größte Annäherung zu einem vollen Parasitismus einer großen Gruppe von Männern findet sich vielleicht im alten Rom zur Zeit des Verfalls und Untergangs des Kaiserreiches, als die Masse der Bevölkerung, Männer wie Frauen, sich von importiertem Korn, Wein und Öl nährte und ihr sogar Feste geboten wurden ohne Arbeitsleistung irgendwelcher Art von ihrer Seite; aber dieser Zustand war nur von kurzer Dauer und beschleunigte den Untergang des hinsiechenden Kaisertums. Unter den wohlhabenden sogenannten höheren Klassen ist es wiederholt vorgekommen, daß die männlichen Mitglieder einer Aristokratie im Verlaufe der Zeit zu vollständigem Parasitismus hinneigten; aber dieser Zustand hat immer eine rasche und strenge Abhilfe erfahren, das Geschlecht ist entweder herabgekommen oder erloschen. Die Lage der Männer der oberen Klasse in Frankreich vor der Revolution gibt hierzu eine interessante Illustration.

10) Es ist von hohem Interesse, die verschiedenen Phänomene von Geschlechtsparasitismus in der Tierwelt zu betrachten, sowohl bei Männchen als Weibchen. Obwohl in der größeren Zahl von Spezies in der Tierwelt die Weibchen größer und stärker als die Männchen sind (z.B. unter den Raubvögeln, bei Adlern, Falken, Geiern etc.), erscheint der Geschlechtsparasitismus bei beiden Geschlechtern. Bei gewissen Seetieren beispielsweise tragen die Weibchen in den Falten ihrer Umhüllung drei oder vier winzige, ganz bewegungslose Männchen, die vollständig passiv und von ihnen abhängig sind. Unter den Termiten andererseits ist das Weibchen so degeneriert, daß es alle Fähigkeit,

sich fortzubewegen, verloren hat, weder für seine eigene noch für die Nahrung der Jungen sorgen, sich nicht verteidigen, nicht einmal sich reinigen kann. Es ist ein bloßer unbeweglicher, ausgedehnter Eiersack ohne Intelligenz oder Aktivität und lebt mitsamt seinen Jungen nur von der Tätigkeit der Arbeiter der Gemeinschaft. Unter anderen Insekten, z. B. gewissen Zecken, herrscht ebenfalls eine Art Parasitismus der Weibchen vor. Während das Männchen ein entwickeltes, sehr lebhaftes, beflügeltes Tierchen ist, hat das Weibchen, das sich mit dem Kopf in das Fleisch lebender Tiere festheftet und deren Blut aussaugt, die Flügel und alle Beweglichkeit verloren. Es ist zu einer bloßen aufgeblähten Blase geworden, die, sobald sie mit Eiern gefüllt ist, zerplatzt und damit seine parasitische Existenz, die kaum je Leben war, beendet. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß eben diese Degeneration und der Parasitismus der Weibchen auch der Entwicklung der Ameisen Grenzen gesetzt hat, dieser Geschöpfe, die in mancher Beziehung eine fast ebenso hohe geistige Entwicklung wie der Mensch erreicht haben und doch merkwürdig unveränderlich stationär geblieben sind. Die ganze Frage des Geschlechtsparasitismus unter den Tieren würde vielsagende, lehrreiche Schlaglichter auf menschliche Sozialprobleme werfen; aber sie ist zu ausgedehnt, um hier darauf eingehen zu können.

11) Der Zusammenhang des allgemeinen weiblichen Parasitismus mit dem speziellen Phänomen der Prostitution ist von fundamentaler Bedeutung. Man kann sich nicht eingehend mit dem Problem der Prostitution weder vom moralischen noch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus befassen, ohne dessen Zusammenhang mit dem allgemeinen Phänomen des weiblichen Parasitismus voll zu erkennen. Der Mangel dieser Erkenntnis ist es, der so oft das peinliche Gefühl des Unreifen hinterläßt, wenn man die meisten modernen Äußerungen über die Frage, sei es vom Gefühlsstandpunkt des Moralreformers oder vom Intellektstandpunkt des wissenschaftlich sein Wollenden, mit anhört. Man hat die Empfindung, daß sie sich mit der Sache wohl befassen, sie aber nicht erfaßt, sie nicht an der Wurzel gepackt haben.

12) Siehe Platos »Gastmahl«; aber erst das Studium der ganzen griechischen Literatur des 5. und 4. Jahrhunderts wirft volle Lichter auf diese wichtige Frage.

13) Wie fast alle im Guten oder Bösen hervorragenden Männer hatte Alexander seine bedeutendsten Eigenschaften, seinen Mut, seine geistige Beweglichkeit, seinen Ehrgeiz, dem jedes Mittel rechtwar, wenn es nur zum Ziele führte, von der Mutter geerbt. Furchtlos war sie im Leben, furchtlos sah sie dem Tod ins Angesicht, mit einem Mut, würdig ihrer Stellung und ihres ganzen gebieterischen Wesens, als die Stunde der Vergeltung gekommen war. Alexander wird erst verständlich, wenn wir ihn als dem Schoße der Olympia entsprossen, erkennen.

14) Muß nicht auch tatsächlich der Protest und die Abhilfe in allen solchen Fällen ihren Ausgang von der betroffenen Klasse selbst nahmen, wenn sie von irgend welcher Wirkung sein sollen?

15) Die südafrikanischen Burenfrauen scheinen nach zweitausend Jahren die Taktik ihrer Ahninnen noch nicht ganz vergessen zu haben.

16) Das Idealbild der arbeitenden im Gegensatz zu der parasitischen Frau findet sich in den Sprüchen Salomonis unter der Überschrift »Worte des Königs Samuel, die Lehre, die ihn seine Mutter lehrte.« Auf die Gefahr hin, den Leser ein ihm allzu Vertrautes zu bieten, sei die Stelle hierher gesetzt, die mit Berücksichtigung der Verschiedenheit der materiellen und geistigen Verhältnisse auch das Ideal der arbeitenden Frau der Gegenwart und Zukunft darstellt:

»Sie ist viel edler, denn die köstlichsten Perlen,
Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen,
Und Nahrung wird ihm nicht mangeln.
Sie tut ihm Liebes und kein Leides sein Leben lang,
Sie gehet mit Wolle und Flachs um
Und arbeitet gern mit ihren Händen.
Sie ist wie ein Kaufmannschiff,
Das seine Nahrung von Ferne bringt.
Sie steht des Nachts auf
Und gibt Futter ihrem Hause
Und Essen ihren Dirnen.
Sie denkt nach einem Acker und kauft ihn,
Und pflanzet einen Weinberg von den Früchten ihrer Hände.
Sie gürtet ihre Lenden fest
Und stärkte ihre Arme.
Sie merkt wie ihr Handel Frommen bringt;
Ihre Leuchte erlöscht des Nachts nicht.
Sie streckt ihre Hand nach dem Rocken,
Und ihre Finger fassen die Spindel.
Sie breitet ihre Hände aus zu den Armen
Und reicht ihre Hand dem Dürftigen.
Sie fürchtet ihres Hauses nicht vor dem Schnee,
Denn ihr ganzes Haus hat zweifache Kleider.
Sie macht selbst Decken,
Weiße Seide und Purpur ist ihr Kleid
Ihr Mann ist berühmt in den Toren,
Wenn er sitzt bei den Ältesten des Landes.
Sie macht einen Rock und verkauft ihn,
Einen Gürtel gibt sie dem Krämer.
Ihr Schmuck ist, daß sie reinlich und fleißig ist
Und wird hernach lachen.
Sie tut ihren Mund auf mit Weisheit,
Und auf ihrer Zunge ist holdselige Lehre.
Sie schauet, wie es in ihrem Hause zugeht
Und isset ihr Brot nicht mit Faulheit.
Ihre Söhne kommen auf und preisen sie selig;
Ihr Mann lobt sie:
Viele Töchter bringen Reichtum,
Du aber übertriffst sie alle,
Lieblich und schön sein ist nichts,
Ein Weib, das den Herrn fürchtet, soll man loben.
Sie wird gerühmt werden von den Früchten ihrer Hände,
Und ihre Werke werden sie loben in den Toren.«

(Kap. 31. Luthers Übersetzung.)

17) Von den andern verderblichen Wirkungen nicht erarbeiteten Reichtums auf die ihn besitzenden Personen oder Klassen, die Abnahme menschlicher Teilnahme etc. wollen wir jetzt nicht sprechen; denn obwohl auch diese Dinge unzweifelhaft indirekt dazu beitragen, eine Gesellschaft zu zersetzen, so müssen sie dieselbe doch nicht notwendig und unmittelbar entkräften, und diese Entkräftung ist der Punkt, den wir augenblicklich ins Auge fassen.

18) Es ist in der modernen Gesellschaft nichts Ungewöhnliches, daß Frauen von verhältnismäßig sehr bescheidenem Wohlstand, die von ihren männlichen Verwandten mit ganz beschränkten Mitteln, ohne daß sie etwas arbeiten, erhalten werden, wie die Frauen und Töchter kleiner Kaufleute oder Angehöriger liberaler Berufe ebenso vollkommen parasitisch und nutzlos werden, wie Frauen, die über ungezählte Reichtümer verfügen.

19) Es besteht eine interessante analoge Tendenz auch allenthalben auf Seiten des parasitischen Mannes, seinen tatsächlichen Zustand vor seinen Augen und denen der Welt zu verbergen, indem er die alten Formen männlicher Arbeit zum Scheine weiterübt. Meist rühmt er sich laut, hilflose Frauen und die Gesellschaft zu beschützen, während in Wahrheit er selbst durch die Tätigkeit von Militär, Polizei, Gerichten und Gesellschaft geschützt wird; fast ausnahmslos liebt er es, ein Schwert oder irgend eine andere Waffe an der Seite baumeln zu haben und irgendeine Uniform zu tragen; denn die Anmaßung des Militarismus, ohne dessen ernste Arbeit, ist ihm Wonne. In einer entarteten Travestie der alten Jagd (durch die seine Ahnherren mit Gefahr ihres Lebens und unter männlichen Strapazen ihr Volk mit Nahrung versorgten und vor dem Angriff wilder Tiere schützten) findet er seine Hauptbefriedigung. Sie verhilft ihm dazu, ihn und andere die Herabgekommenheit und Nutzlosigkeit seiner Existenz weniger deutlich erkennen zu lassen, als wenn er sein Leben im Lehnstuhl verbrächte. In den Mooren von Yorkshire kann man Rasenwälle aufgerichtet sehen, hinter denen sich männliche Gestalten verbergen, während von Sonnenaufgang an Leute unermüdlich tätig sind, ihnen Vögel zuzutreiben. Wenn die Vögel herbeigetrieben sind, erheben die Jäger hinter dem Wall ihre Waffe, und der Vogel, den aufzuscheuchen und herzuschaffen soviel Mühe gekostet hat, fällt tot zu ihren Füßen, und damit erhöht sich großartig der Ruhm des Jägers, der nach den Mühen der Jagd zur Stadt heimgekehrt, seine Jagdtasche vorweist. Fast glaubt man, aus dem Heideboden die Geister der alten teutonischen Ahnen, deren Staub hier lange geruht, sich erheben und verächtlich mit den Fingern auf ihre degenerierten Nachkommen weisen zu sehn, die da hinter ihrem Erdwall hervorlugen. Zur Zeit des spätem römischen Kaiserreichs, in den Tagen des Verfalls, ließ Commodus mit großen Kosten wilde Tiere aus fernen Ländern kommen, um sich den Ruhm zu verschaffen, sie im römischen Zirkus zu erschlagen, und er ließ Medaillen prägen, die ihn als Herkules im Kampf mit dem nemeischen Löwen darstellten. Es ist uns bisher auf dem Gebiete der Plastik noch keine Darstellung des Jagdhelden hinter dem Rasenwall bekannt; aber die Weltgeschichte wiederholt sich, und so mag auch das noch kommen. Es ist bemerkenswert, daß diese Jäger nicht etwa Jungens sind, sondern oft vollkommen reife Männer, vor denen alle hohen Genüsse und Beschäftigungen des modernen Lebens offen liegen.

20) Man kann es nicht oft genug wiederholen, daß die Frau, die nur Kinder zur Welt bringt und es dann andern überläßt, sie zu nähren und großzuziehen, nicht einmal die Hälfte der Arbeit geleistet hat, die die Schaffung eines menschlichen Wesens bedeutet. In diesem Fall ist es die Amme und die Pflegerin, nicht die Mutter, die die wichtigste Arbeit leistet.

21) Wie sehr diese scheinbar sehr fernliegende Gefahr tatsächlich besteht, illustriert in interessanter Weise der ernst gemeinte Vorschlag, der vor einigen Jahren von einer bekannten Persönlichkeit in England gemacht wurde. Der Mann schlug vor, daß obligatorisch für alle Frauen, mindestens der Ober- und Mittelklassen Fürsorge getroffen werden solle, so daß sie lebenslang ganz erhalten werden, ohne Rücksicht darauf, ob sie irgendwelche produktive Arbeit leisten und ohne daß selbst die passive Leistung geschlechtlicher Fortpflanzung notwendig von ihnen gefordert würde. Es mag den Mann, der diesen Vorschlag machte, überrascht haben, daß derselbe bei jenen Frauen, die eine Umgestaltung der Stellung der Frau im modernen Leben anstreben, keine Zustimmung, sondern nur Spott fand; aber ebensoviel Grund hätte er, überrascht zu sein, wenn etwa Leute, die sich vor irgend einer ansteckenden Krankheit fürchten, nicht auf den Vorschlag eingingen, ihnen allen diese Krankheit in ihrer schwersten Form einzuimpfen!

22) Die Tatsache kann nicht oft genug betont werden, daß der Parasitismus keineswegs von einem bestimmten Grad des Reichtums abhängig ist. Irgendeine Summe, die ein Individuum soweit befriedigt, daß es sein Leben ohne jede Arbeit hinbringen kann, vermag dasselbe zu vollständigen Parasitismus zu führen, während große Reichtümer (so ungesund ihr Einfluß gewöhnlich zu sein pflegt) auf manche seltene und edle Naturen kaum irgendeine entnervende oder verderbliche Wirkung ausüben. Ein unterhaltendes Beispiel, wie verschieden der Grad des Reichtums sein kann, bei dem verschiedene Frauen seinem Einfluß unterliegen, habe ich selbst erlebt. Eine Frau, Witwe und Tochter kleiner Beamter, kam einmal zu einer amerikanischen Millionärin. Diese bemerkte, daß es bei ihrem Gast sowohl mit Nahrung, als Kleidung recht knapp bestellt war und schenkte der Frau eine Hammelkeule und zwei gute Kleider. Die aber fing nun zu jammern an, daß sie niemanden habe, um die Sachen nach Hause zu bringen, und es fiel ihr nicht ein, sie selbst zu tragen, trotzdem sie vollständig gesund und kräftig war. Die Amerikanerin, ein Abkömmling von Generationen tüchtiger, tätiger Puritaner, nahm die Hammelkeule unter den einen und das Paket Kleider unter den andern Arm und ging damit durch die Straßen der Stadt nach der Wohnung der staunend hinter ihr hertrottenden Schmarotzerin.

Der Fall hilflosester, weiblicher Dekadenz, der mir je begegnet ist, war der einer Tochter eines armen englischen Reserveoffiziers, der vor einer sehr kleinen Pension lebte. Diese Person konnte weder kochen, noch nähen, noch hatte sie irgendwelche geistige, soziale oder künstlerische Beschäftigung. Sie konnte wohl eine Nacht durchtanzen oder einen Nachmittag Tennis spielen, war aber kaum imstande, sich seilst zu frisieren oder anzukleiden und schien absolut alle Fähigkeit verloren zu haben, sich zu irgendeiner Sache zu zwingen, die ihr im Moment unangenehm oder anstrengend war, wie dies eben bei jeder Arbeit vorkommt, wieviel Befriedigung sie auch schließlich bringen mag. In den achundzwanzig Jahren ihres Lebens hatte diese Frau wahrscheinlich nichteine einzige Stunde ernster physischer oder geistiger Arbeit zu der Totalsumme menschlicher produktiver Leistungen beigetragen. Hätte sie inmitten vieler Morgen kultivierbaren Landes gelebt, so würde sie doch wahrscheinlich lieber Hungers gestorben sein, als daß sie auch nur einen halben Acker zu ihrer Nahrung bestellt hätte. Das ist ein extremer Fall; aber das schließliche Resultat des Parasitismus ist immer eine Lähmung des Willens und die Unfähigkeit, sich selbst zu irgendeiner Handlungsweise zu zwingen, die momentan unangenehm oder anstrengend ist.

23) Die Verhältnisse scheinen in den anglikanischen Ländern etwa anders zu liegen als bei uns, wo der Arbeiter in der Frau wohl die Lohndrückerin bekämpft, die Gleichberechtigung der Frauen aber gerate von der organisierten Arbeiterschaft in unserer Zeit voll anerkannt wird und Arbeiter- und Frauenbewegung, so verschieden sie in ihrem Wesen sind, von gleichem Zukunftsglauben und persönlichem Opfermut getragen werden.

Anm. d. Übers.

24) Die Arbeitsteilung unter den Geschlechtern im alten Ägypten und anderen Ländern, in denen Ausnahmeverhältnisse bestanden, ist ein Gegenstand von hohem Interesse, doch kann hier nicht näher darauf eingegangen werden.

25) Die jungen gefangenen Tiere würden wahrscheinlich von den Frauen gezähmt und aufgezogen werden.

26) In bezug auf die körperlichen Geschlechtsunterschiede muß sich der zivilisierte Mensch der modernen Welt immer davor hüten, sich unbewußt durch die sehr übertriebenen äußern Geschlechtsunterscheidungen irreführen zu lassen, welche unsere unnatürliche Art der Kleidung und der Haartracht mit sich bringt. Im unbekleideten natürlichen Zustand ist der Körper von Mann und Weib nicht stärker von einander unterschieden, als der von Löwe und Löwin. Unsere angelsächsischen Altvordern mit ihren großen, fast nackten weißen Körpern und den langen fliegenden Haaren, die beide Geschlechter trugen, unterschieden sich wenig von einander, während bei ihren modernen Abkömmlingen der kurzhaarige, dunkel gekleidete, offenkundig zweibeinige Mann von der gewöhnlich langhaarigen, farbig herausgeputzten, mit vielen Röcken angetanen Frau vollständig verschieden ist. Wären die organischen Verschiedenheiten zwischen Mann und Frau nur halb so auffallend als die augenfälligen künstlichen, so wären sie nicht nur größer als alle Unterschiede zwischen einer Menschenrasse und der anderen, sondern so groß wie die zwischen verschiedenen Ordnungen der Tierwelt. Nur ein besonders analytischer, ängstlich scheidender Verstand wird sich durch die gewohnten augenfälligen Verfälschungen nicht irreführen lassen. Es gibt vielleicht nicht einen Mann oder eine Frau unter vielen Tausenden, die nicht in ihren Vorstellungen über die körperlichen und geistigen Geschlechtsunterschiede aufs stärkste von den grotesken Übertreibungen der modernen Tracht und künstlich geschaffenen Sitten beeinflußt wären.

27) Wer nicht scharf zu unterscheiden versteht, ist immer geneigt, den nur scheinbaren Zusammenhang für Ursache und Wirkung zu nehmen. Wie oft hören wir ernsthaft behaupten, daß der Irländer mit Kartoffeln, Schweinen und Lehmhütten organisch verwachsen sei; wer aber in den Kolonien gelebt hat, weiß, daß innerhalb zweier Generationen, der besser erzogene Abkömmling des Lehmhüttenbewohners oft ein erfolgreicher Politiker, ein wohlhabender Finanzmann oder guter Richter wird und nicht mehr Vorliebe für Kartoffel, Schweine und Lehmhütten bewahrt als ein Abkömmling irgend einer andern Rasse.

28) Es ist bemerkenswert, daß selbst Katharina v. Rußland, eine Herrscherin und Staatsmännin von männlichem und hartem Typus und im allgemeinen nicht von moralischen Skrupeln geplagt, dennoch mit Entrüstung das Angebot Friedrichs des Großen, der sie reichlich für eine kleine Anzahl russischer Rekruten bezahlen wollte, zurückwies, zu einer Zeit, da das Verheuern von Soldaten allgemein unter den Herrschern Europas üblich war.

29) Die Männer der heutigen wilden Stämme mit ihrer Bemalung, ihren Federn, Katzenschwänzen und ihrem Halsschmuck sind unendlich auffallendere, geputztere Erscheinungen als ihre Weiber, selbst wenn diese mit Perlen und Armringen zum Tanz geschmückt sind. Die Männer des Orients konnten manchmal unter der Last ihres Schmuckes kaum aufrecht gehen und vor einigen Jahrhunderten waren die Männer Europas mit ihren gepuderten Perrücken, Spitzen-Jabots, Manschetten und falschen Edelsteinschnallen, ihren federgeschmückten Dreimastern und Schönheitspflästerchen ganz ebenso lächerlich in ihrer Überladenheit wie die gleichgestellten Frauen ihrer Zeit oder die parasitischesten Frauen der Jetztzeit. Sowohl bei Klasse als Individuum, bei Mann wie Frau ist eine starke Vorliebe für Putz und auffallenden Schmuck fast immer die unabänderliche Begleiterscheinung und Folge des Parasitismus. Wenn die parasitische Frau aus unserer heutigen Gesellschaft verschwinden würde, so würde auch jene französische Mode mit all ihren grotesken und gezwungenen Formen (die weder schön, noch nützlich, sondern nur auffallend sein wollen) aussterben. Das Maß, in dem heute eine Frau, die nicht der parasitischen, sondern einer arbeitenden Schicht angehört, den Moden der ersteren zu folgen sucht, kann gewöhnlich als fast sicheres Zeichen angesehen werden für die Leichtigkeit, mit der sie, sobald die Gelegenheit sich bietet, dem Parasitismus anheimfallen würde. Die Neigung der heutigen gebildeten, geistig arbeitenden Frau, eine rationellere Art des Anzugs anzunehmen, die weniger geeignet ist, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, als Bequemlichkeit zu bieten und den Wegfall alles Behindernden, wird oft als ein Versuch sklavischer Nachahmung des männlichen Wesens bezeichnet. Tatsächlich aber sind es nur die gleichen Ursachen, die gleiche Wirkungen auf menschliche Wesen mit gemeinsamen Eigenschaften ausüben.

30) Es wird oft behauptet, daß die Hündin intelligenter wäre, aber ich möchte dies nach langen und genauen Beobachtungen von männlichen und weiblichen Hunden bezweifeln.

31) Ein derartiger Vorschlag wurde, wie früher erwähnt, tatsächlich vor einigen Jahren von einem englischen Schriftsteller gemacht; aber er war klug genug, ihn nur auf die Frauen der oberen Klassen zu beziehen, dagegen die Arbeiterinnen, die heute die Masse der Engländerinnen bilden, all ihrer schlecht bezahlten Plackerei und gleichzeitig den Mühen der Mutterschaft zu überlassen!

32) Sie werden in doppelter Hinsicht verlieren: durch die soziale Mißachtung, die mit der Verallgemeinerung der neuen Verhältnisse auf ihnen lasten wird, und noch mehr durch die Konkurrenz der entwickelteren Frauenarten. Sie werden tatsächlich aussterben.

33) Wie schon an anderer Stelle bemerkt, scheint in Griechenland in einer bestimmten Periode der Mann der Frau so weit vorgeschritten gewesen zu sein, daß die Verschiedenheit zwischen ihnen fast unermeßlich war; aber rasch sank der Mann wieder auf das Niveau der Frau hinab.

34) In bezug auf die Anschauungen über die Stellung des weiblichen Geschlechtes war eine der fortgeschrittensten Frauen, der wir je begegnet sind, eine Schustersfrau in Yorkhampshire, die sich ihren Unterhalt mit dem Nähen von Schuhoberteilen verdiente.

35) Nur wer in Berührung mit solch stationären und homogenen Gesellschaftskörpern gekommen ist, wie mit afrikanischen Stämmen, ehe sie mit Europäern in Kontakt kamen, oder mit den Buren in Südafrika vor zwanzig Jahren, kann sich eine richtige Vorstellung machen, wie vollständig frei von ethischen und sozialen Problemen und sozialen Reibungen solch eine Gesellschaft sein kann. Bei dem Studium derartiger Gesellschaftszustände drängt sich lebhaft die Gewißheit auf, daß der Schlüssel zum Verständnis der Hälfte und mehr als der Hälfte der Erscheinungen in unserer eigenen Welt nur in dem raschen Wandel der Verhältnisse zu finden ist, der notwendig einen gleich raschen Wandel unserer Vorstellungen, Ideale und Einrichtungen mit sich bringt.

36) Die Antwort der Gattin eines bekannten Rechtsanwaltes auf die Frage, wie es käme, daß sie und ihr Mann so selten zusammen zu sehen wären, wirft ein trauriges, aber wahres Licht auf gewisse Seiten unseres modernen Lebens, gegen die eben die gesamte Frauenbewegung rebelliert. »Mein Mann,« sagt sie, »ist immer mehr von seinen Berufspflichten in Anspruch genommen, von denen ich nichts verstehe und die mich also auch nicht interessieren. Meine Kinder sind schon alle groß und gehen in die Schule, die Dienerschaft versieht mein Haus. Wenn mein Mann abends nach Hause kommt und ich ihm von den Dingen erzählen will, die mich unter Tags beschäftigen, von den Wohltätigkeits-Bazars, für die ich arbeite, von den Einkäufen und Besuchen, die ich gemacht habe, langweilt es ihn. Er trachtet wegzukommen zu seinen Büchern und Freunden, und ich bleibe ganz einsam. Wenn ich nicht Bekannte hätte, Frauen und Männer, mit denen ich mehr gemeinsam habe, könnte ich das Leben nicht ertragen. Als wir uns einst als junge Leute kennen lernten und ineinander verliebten, tanzten wir zusammen und ritten mit einander und es schien, als wenn wir alles gemeinsam hätten, und nun haben wir nichts Gemeinsames. Ich schätze meinen Mann, und ich er schätzt mich, aber das ist alles!« Vielleicht nur im vertrautesten Geständnis von Mann zu Mann oder Frau zu Frau berührt man diese offene Wunde, die aus der Verschiedenheit der Erziehung, der Lebensgewohnheiten und Beschäftigungen von Mann und Frau entsteht; aber hier liegt die Tragik von Millionen moderner Ehen, die sich unter der glatten Oberfläche unseres gesellschaftlichen Lebens verbirgt und nur gelegentlich in Enthüllungen der Scheidungsprozesse zutage tritt.

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