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Henryk Sienkiewicz – Der Leuchtturmwächter

Erzählungen

Henryk Sienkiewicz, Der Leuchtturmwächter, Drei Erzählungen, Übersetzt von Ad. Horovitz, Verlag von Otto Janke, Berlin, o. J.
Nach der Transkription bei Gutenberg DE, neu durchgesehen und nachkorrigiert.


Der Leuchtturmwächter.

Der Leuchtturmwächter in Aspinwall, unweit Panama, war verschollen.

Man vermutete, daß der Unglückliche hart ans Ufer des felsigen Inselchens gegangen war, auf welchem der Leuchtturm steht, und von einer Woge weggeschwemmt wurde, und diese Vermutung war um so wahrscheinlicher, als man am nächsten Tage seinen in der Felsenbucht stehenden Kahn nicht fand. Der auf diese Weise frei gewordene Posten eines Leuchtturmwächters mußte sofort wieder besetzt werden, da der Leuchtturm sowohl für den lokalen Verkehr wie für die von New York nach Panama gehenden Schiffe von großer Bedeutung war.


* * *


Der Meerbusen ist reich an Sandbänken und Flugsand, und der Weg selbst am Tage ein schwieriger, und nachts, besonders durch den von der Tropensonne erhitzten Gewässern oft aufsteigenden Nebel beinahe unpassierbar. Dann ist der einzige Wegweiser für die zahlreichen Fahrzeuge das Licht der Meereslaterne. Die Sorge, einen neuen Leuchtturmwächter ausfindig zu machen, fiel dem in Panama residierenden Konsul der Vereinigten Staaten zu, und es war keine geringe Sorge, erstens schon deshalb, weil der Nachfolger innerhalb zwölf Stunden gefunden werden mußte, zweitens, weil nur ein überaus gewissenhafter Mensch den Posten bekleiden darf, und so konnte man nicht den ersten besten anstellen, und schließlich fehlte es überhaupt an Kandidaten für diese Stelle. Das Leben auf dem Turm ist ein überaus mühseliges und bietet für die an Müßiggang und freies Bummlerleben gewohnten Südländer gar keinen Reiz. Sonntag ausgenommen, kann er sein felsiges Eiland gar nicht verlassen. Aus Aspinwall bringt ein Boot ihm einmal des Tages Lebensmittel und frisches Wasser. Dann entfernen sich die Schiffer sofort, und auf dem ganzen Inselchen, das einen Morgen Ausdehnung hat, bleibt niemand. Der Wächter wohnt im Leuchtturm und hält ihn in Stand; am Tage gibt er Signale durch das Hissen verschiedenfarbiger Flaggen, laut den Weisungen des Barometers, und abends zündet er das Licht an. Das wäre keine große Arbeit, wenn nicht der Umstand da wäre, daß man, um zu den Feuerstätten auf der Turmzinne zu gelangen, über vierhundert gewundener und sehr hoher Stufen steigen müßte, welchen Weg der Wächter oft einigemal täglich zurücklegen muß. Überhaupt ist dies ein Kloster-, ja noch mehr ein Einsiedlerleben. Kein Wunder also, daß Mister Isaak Folcombridge in nicht geringer Verlegenheit war, um einen ständigen Nachfolger für den Verschollenen zu finden und man wird vielleicht seine Freude begreifen, als sich noch an demselben Tage ein Bewerber unverhofft meldete. Es war ein schon bejahrter Mann, vielleicht schon über siebzig, aber rüstig, stramm, Bewegung und Haltung die eines Soldaten. Er hatte ganz weißes Haar, die Gesichtsfarbe gebräunt wie bei den Kreolen, aber nach den blauen Augen zu schließen, war er kein Südländer. Sein Gesicht war vergrämt und traurig, aber ehrlich. Beim ersten Blick gefiel er Folcombridge, aber es war nötig, ihn zu examinieren, infolgedessen entspann sich folgendes Gespräch: »Woher seid Ihr?«

»Ich bin ein Pole.«

»Was habt Ihr bisher getan?«

»Ich habe mich herumgetrieben.«

»Ein Leuchtturmwächter muß auf einem Flecke sitzen können.«

»Ich brauche jetzt Ruhe.«

»Habt Ihr gedient? Habt Ihr Zeugnisse über einen ehrlichen Regierungsdienst?«

Der alte Mann zog einen einem Fahnenfetzen ähnlichen seidenen Lappen hervor, entfaltete ihn und sagte: »Hier sind Zeugnisse. Dieses Kreuz habe ich in den dreißiger Jahren bekommen. Dieses zweite ist ein spanisches aus dem Karlistenkriege. Dieses dritte ist das der französischen Ehrenlegion; das vierte erhielt ich in Ungarn. Dann habe ich mich an dem amerikanischen Kriege gegen die Südstaaten beteiligt, dort gibt es keine Kreuze, dafür habe ich dieses Papier.«

Folcombridge nahm das Schriftstück und begann zu lesen. »Hm, Skarmoki? Das ist Euer Name? Hm! – Zwei Fahnen im Bajonettangriffe eigenhändig erbeutet. Ihr wart ein tapferer Soldat!«

»Ich werde auch ein gewissenhafter Leuchtturmwächter sein können.«

»Ihr müßt dort mehrmals täglich auf den Turm steigen, habt Ihr gesunde Beine?«

»Ich habe die Prärien zu Fuß durchwandert.«

»All right. Seid Ihr mit der Schiffahrt vertraut?«

»Ich habe drei Jahre auf einem Walfischfangfahrer gedient.«

»Ihr habt verschiedene Berufe versucht?«

»Ja, nur Ruhe habe ich nicht gefunden.«

»Warum nicht?«

Der alte Mann zuckte die Achseln: »Das ist schon so mein Los . . .«

»Aber Ihr scheint mir zu alt für einen Leuchtturmwächter?«

»Sir,« ließ sich der Kandidat jäh mit gerührter Stimme vernehmen, »ich bin sehr abgehetzt und zerrüttet. Ich habe eben viel durchgemacht. Dieser Posten entspricht meinen sehnsüchtigsten Wünschen. Ich bin alt und bedarf der Ruhe. Ich möchte mir sagen können: hier ist dein Hafen. Zum zweiten Male wird sich mir eine solche Stelle vielleicht nicht bieten. Was für ein Glück, daß ich in Panama war. Ich flehe Euch an, so wahr mir Gott lieb ist, ich bin wie ein Schiff, welches untergeht, wenn es nicht in den Hafen einläuft. Gebt mir den Posten, wenn Ihr einen alten Mann beglücken wollt! Ich schwöre Euch, daß ich ehrlich bin, und ich bin dieses Herumtreibens müde.«

Die blauen Augen des Greises drückten solch eine innige Bitte aus, daß Folcombridge, der ein gutes, weiches Herz hatte, sich gerührt fühlte. »Well,« sagte er. »Ich nehme Euch an. Ihr seid der Leuchtturmwächter.«

Das Gesicht des Alten erstrahlte in einer unaussprechlichen Freude. »Ich danke Euch.«

»Könnt Ihr Euch noch heute nach dem Turme begeben?«

»Jawohl.«

»Also good bye! . . . Noch ein Wort: für jeden Verstoß im Dienst harrt Eurer Entlassung.«

»All right –«

Noch an demselben Tage abends, als die Sonne jenseits der Landenge unterging und nach einem strahlenden Tage die Nacht ohne Dämmerung hereinbrach, war der neue Leuchtturmwächter schon augenscheinlich auf seinem Posten, denn der Turm schleuderte wie gewöhnlich seine grellen Lichtgarben auf die Gewässer. Es war eine vollkommen ruhige, stille, echte Tropennacht, von einem lichten Nebel durchsättigt, der um die Mondscheibe einen regenbogenfarbenen Kreis mit sanften Rändern bildete. Nur das Meer brandete, da die Flut im Steigen begriffen war. Skarmoki stand auf dem Balkon, knapp bei dem riesigen Reflektor, von unten einem schwarzen, kleinen Punkte ähnlich. Er versuchte seine Gedanken zu sammeln und sich seine neue Lage zu vergegenwärtigen. Aber seine Gedanken waren zu sehr unter dem Drucke, als daß sie sich regelrecht hätten entspinnen können. Er empfand etwas wie das gehetzte Wild, wenn es sich schließlich vor der Verfolgung in eine unzugängliche Felsenschlucht flüchtet. Endlich war für ihn eine Ruhezeit gekommen. Ein Gefühl der Sicherheit erfüllte seine Seele mit einer unaussprechlichen Wonne. Hier auf diesem Felsen konnte er seine früheren Irrfahrten, Unglücksfälle und Mißerfolge einfach auslachen.

Er war wirklich wie ein Schiff, dem ein Sturm die Masten zerschmettert, Taue und Segel zerrissen, das von den Wellenkämmen in die Tiefe geschleudert, und nun in den Hafen eingelaufen war. Die Bilder dieses Sturmes zogen als Gegensatz zur stillen Zukunft an seinen Gedanken vorüber.

Einen Teil seiner seltsamen Erlebnisse hatte er Folcombridge erzählt, aber tausend andere Abenteuer hatte er nicht erwähnt. Er hatte das Unglück, daß, so oft er irgendwo sein Zelt aufschlug und ein Herdfeuer anfachte, um sich niederzulassen, ein Wind die Pflöcke seines Zeltes niederriß, das Feuer verwehte und ihn selbst dem Ungewissen entgegentrug. Von seinem Turmbalkon jetzt auf die beleuchteten Wellen niederschauend, erinnerte er sich an seine Erlebnisse.

Er war in allen vier Weltteilen gewesen und auf seinen Wanderungen hatte er sich beinahe in allen Berufen versucht. Arbeitsam und ehrlich, hatte er manchmal etwas Geld erspart, verlor es aber immer trotz der größten Vorsicht. Er war Goldgräber in Australien, Diamantensucher in Afrika, Landjäger in Ostindien. Als er seinerzeit in Kalifornien eine Farm anlegte, richtete die Dürre ihn zugrunde. Er versuchte einen Handel mit den das Innere Brasiliens bewohnenden wilden Volksstämmen. Sein Kahn scheiterte auf dem Amazonenflusse, und er, wehrlos und beinahe nackt, irrte wochenlang in den Wäldern umher, sich von wilden Früchten nährend, jeden Moment der Gefahr ausgesetzt, von wilden Tieren zerrissen zu werden. Er legte in Helena, in Arkansas, eine Schmiedewerkstätte an und brannte in der großen Feuerbrunst der Stadt ab. Dann geriet er im Felsengebirge in Indianerhände und wurde nur durch ein Wunder von kanadischen Jägern befreit. Er diente auf einem zwischen Bahia und Bordeaux verkehrenden Schiffe als Matrose, dann als Harpunier auf einem Walfischfangfahrer. Beide Fahrzeuge erlitten Schiffbruch. In Havanna hatte er eine Zigarrenfabrik und wurde, während er krank daniederlag, von seinem Kompagnon bestohlen. Schließlich kam er nach Aspinwall und hier sollten seine Mißgeschicke zu Ende sein. Denn was konnte ihm auf diesem Felseninselchen noch widerfahren? Weder Wasser, Feuer noch Menschen konnten ihn erreichen.

Von Menschen hat Skarmoki übrigens nicht viel Übles erfahren, er ist öfter guten als schlechten Menschen begegnet. Dafür aber schienen ihn alle vier Elemente zu verfolgen. Die ihn kannten, sagten, er habe kein Glück und damit erklärten sie alles. Er wurde schließlich ein Fatalist. Er glaubte, daß irgendeine mächtige, rachsüchtige Hand ihn überall zu Wasser und zu Land verfolge. Er redete aber nicht gern darüber; nur manchmal, wenn man ihn fragte, wessen Hand das sein möge, wies er geheimnisvoll auf den Polarstern und antwortete, das komme von dort. Und seine Mißerfolge waren tatsächlich so beständig, daß man an eine höhere Macht glauben mußte. Im übrigen besaß er die Geduld eines Indianers und die große Widerstandskraft eines rechtschaffenen Polen. Seinerzeit hatte er in Ungarn mehrere Bajonettstiche bekommen, weil er nicht um Pardon bitten wollte. Ebenso unterwarf er sich nicht dem Unglück. Er klomm wie eine arbeitssame Ameise den Berg hinan. Hundertmal herunterrollend, begann er seine Reise ruhig aufs neue. Er war in seiner Art ein Sonderling, abgehärtet und in allen Dingen erfahren, hatte er das Herz eines Kindes. Während einer Epidemie auf Kuba wurde er deshalb von ihr ergriffen, weil er sein ganzes Chinin, von welchem er einen bedeutenden Vorrat besaß, an Kranke verteilte und für sich selbst keinen Gran zurückließ.

Er besaß auch diese wunderliche Eigenschaft, daß er nach so viel Enttäuschungen stets wieder voll Zuversicht war und nicht die Hoffnung aufgab, alles werde noch gut werden.

Im Winter wurde er immer lebhaft und prophezeite stets große Ereignisse. Er harrte ihrer mit Ungeduld und lebte jahrelang mit dem Gedanken an Verwirklichung. Aber ein Winter nach dem anderen verstrich, und Skarmoki erlebte nur das, daß sein Haupthaar bleichte.

Schließlich alterte er und begann die Energie zu verlieren. Seine Geduld begann einer Resignation zu weichen. Die frühere Ruhe ging in Empfindsamkeit über und dieser abgehärtete Soldat begann sich in einen Greis zu verwandeln, der bei dem geringfügigsten Anlasse in Tränen ausbrach. Außerdem begann ihn ein furchtbares Heimweh zu plagen, das der erste beste Umstand anfachte: der Anblick von Schwalben, von grauen, Sperlingen ähnlichen Vögeln, Schnee und Gebirge oder irgendeine Melodie, die einer einst gehörten ähnlich war. Schließlich beherrschte ihn nur noch ein Gedanke: der Gedanke an Ruhe. Der ewige Irrfahrer konnte sich nichts Erwünschteres vorstellen, als einen ruhigen Winkel, in welchem er ausruhen und das Ende still erwarten könnte. Deshalb vielleicht, weil eine sonderbare Laune des Schicksals ihn nach allen Weltgegenden geschleudert hatte, kam es ihm als das größte menschliche Glück vor, nicht mehr umherirren zu müssen. Er hatte fürwahr Anspruch auf solch ein bescheidenes Glück, er war aber schon so an Enttäuschungen gewöhnt, daß er wie an etwas Unerreichbares dachte, und nun bekam er innerhalb zwölf Stunden unverhofft einen Posten, wie er ihn sich nicht hatte träumen lassen.

Als er abends seine Laterne anzündete, war er wie betäubt, daß er sich selbst fragte, ob dies wahr sei, und wagte kaum zu antworten: »Ja.« Unterdessen drang die Wirklichkeit mit unwiderlegbaren Beweisen auf ihn ein, und so verstrich ihm eine Stunde nach der anderen auf dem Turmbalkon. Es schien, als sähe er zum ersten Male in seinem Leben das Meer. Das Linsenglas des Leuchtturms warf einen riesigen kegelförmigen Lichtkreis in die Dunkelheit, während die Ferne schwarz und geheimnisvoll blieb. Aber diese Ferne schien dem Lichtschein entgegenzueilen. Kilometerlange Wellen kamen aus der Dunkelheit herangewälzt und brüllend brandeten sie an der Stufe des Inselchens und da sah man ihre schäumenden, im Leuchtturmscheine rosig glitzernden Kämme. Die Flut stieg immer mehr und überschwemmte die Sandbänke. Die geheimnisvolle Sprache des Ozeans wurde immer mächtiger und lauter, bald dem Kanonendonner, bald dem Rauschen riesiger Wälder, bald einem fernen Gewirr menschlicher Stimmen ähnlich. Manchmal wurde es ganz still. Dann drangen aus des Greises Brust schwere Seufzer oder Schluchzen und alte Erinnerungen quälten ihn.

Schließlich verwehte der Wind den Nebel und trieb schwarze, zerfetzte Wolken herbei, die den Mond verschleierten. Vom Westen begann es immer stärker zu wehen. Die Meeresbrandung schlug wütend an den Felsabhang des Leuchtturms, das Untergemäuer schon mit Schaum bedeckend. In der Ferne brauste ein Sturm. Auf dem dunklen, aufgewühlten Meeresspiegel blitzten einige an den Schiffsmasten aufgehängte grüne Laternchen auf. Diese grünen Pünktchen hoben und senkten sich, schwankten bald nach rechts, bald nach links.

Skarmoki stieg in seine Stube hinab. Der Sturm begann zu heulen. Draußen auf jenen Schiffen kämpften die Leute mit der Nacht, der Finsternis und den Wellen; in der Stube aber war es ruhig und still. Selbst der Schall des Orkans drang nur gedämpft durch die dicken Mauern, und nur das gemessene »Ticktack« der Uhr wiegte den müden Greis in den Schlaf.


II.

Die Stunden, Tage und Wochen begannen zu verstreichen. Die Matrosen behaupten, daß wenn das Meer sehr stürmisch ist, sie in der Nacht und der Dunkelheit von einer Stimme beim Namen gerufen würden. Wenn die Unendlichkeit des Meeres so rufen kann, so mag sein, daß, wenn der Mensch altert, eine dunkle, geheimnisvolle Unendlichkeit auch ihn gleichfalls ruft, und je mehr er vom Leben ermüdet ist, desto willkommener sind ihm diese Zurufe. Um sie aber zu hören, dazu bedarf es der Stille. Außerdem liebt es das Alter, sich im Vorgefühle des Todes zu isolieren.

Für Skarmoki war der Leuchtturm solch ein halbes Grab. Es gibt nichts Eintönigeres, als ein Leben auf dem Leuchtturm. Junge Leute, die einen solchen Posten annehmen, verlassen ihn bald wieder. Der Leuchtturmwächter pflegt auch gewöhnlich ein älterer, finsterer und verschlossener Mensch zu sein. Wenn er einmal seinen Turm verläßt und unter Menschen geht, wandelt er unter ihnen wie ein aus tiefem Schlafe Erwachter. Auf dem Turm fehlt es an jeglichen kleinen Eindrücken, die im gewöhnlichen Leben lehren, alles auf sich zu beziehen. Alles, womit der Leuchtturmwächter in Berührung kommt, ist riesig und groß und geschlossener Formen bar. Der Himmel, das ist die eine Gesamtheit, das Wasser die zweite, und inmitten dieser Unendlichkeiten die einsame Menschenseele!

Er führt dort eine Lebensweise, in welcher der Gedanke ein ununterbrochenes Hinbrüten wird, aus diesem Hinbrüten weckt den Leuchtturmwächter selbst seine Beschäftigung nicht. Ein Tag ist dem anderen so ähnlich, wie zwei Glasperlen in einem Rosenkranze sich gleichen, und höchstens das Wetter bietet eine Abwechselung.

Skarmoki aber fühlte sich so glücklich, wie noch nie in seinem Leben. Er stand mit Tagesanbruch auf, nahm Nahrung zu sich, putzte das Linsenglas der Laterne, ließ sich dann auf dem Balkon nieder und starrte in die Meeresferne. Seine Augen konnten sich an den Bildern, die er vor sich hatte, nie satt sehen. Gewöhnlich sah er auf dem türkisfarbenen Hintergrunde ein geblähtes Segel, das in den Sonnenstrahlen so leuchtete, daß die Augen davon geblendet wurden. Manchmal fuhren die Schiffe, die sogenannten Passatwinde benutzend, in einer langgestreckten Reihe hintereinander, einer Möwenkette ähnlich. Die roten, den Weg weisenden Tonnen schaukelten sich auf den Wellen. Zwischen den Segeln tauchte täglich gegen Mittag eine riesige grauschimmernde Rauchsäule auf, das war der Dampfer, der Passagiere und Waren von New York nach Aspinwall brachte, lange, schäumende Furchen hinter sich ziehend. Von der anderen Seite des Balkons sah Skarmoki deutlich Aspinwall und seinen ruhigen Hafen und einen Wald von Masten, Booten und Kähnen; etwas weiter die weißen Häuser und Türmchen der Stadt. Von der Höhe des Leuchtturms waren die Häuschen Möwennestern, die Boote kleinen Käfern ähnlich, und die Leute bewegten sich wie Punkte auf dem weißen, steingepflasterten Boulevard.

Des Morgens brachte eine leichte Ostbrise das menschliche Stimmengewirr, welches vom Pfeifen der Dampfer übertönt wurde, her, mittags war Siestazeit. Im Hafen hörte der Verkehr auf; die Möwen verkrochen sich in Felsspalten, der Wellengang wurde schwächer und träge, und dann entstand zu Land, zu Wasser und auf dem Leuchtturm ein Moment ungetrübter Stille. Der gelbe Sand, von welchem die Wellen zurückströmten, glitzerte wie goldige Flocken auf der Wasserfläche; der Turmkorpus hob sich im Äther scharf ab. Ströme von Sonnenstrahlen ergossen sich vom Himmel auf das Wasser, auf den Sand und auf die Felsabhänge. Da bemächtigte sich auch des Greises eine angenehme Schwäche. Er fühlte, daß ihm diese Ruhe wohltuend sei, und da er hoffte, daß sie dauernd sein würde, fehlte ihm nichts mehr zu seinem Glück. Skarmoki schmachtete sein eigenes Glück an. Da der Mensch sich aber leicht an ein besseres Los gewöhnt, so gewann er allmählich Vertrauen und Zuversicht; denn er dachte, wenn die Menschen für Invaliden Häuser bauen, warum sollte Gott schließlich seinem Invaliden keine Zufluchtsstätte gewähren.

Die Zeit verfloß und bestärkte ihn in dieser Überzeugung. Der Alte lebte sich mit dem Leuchtturm, den Felsabhängen, den Sandbänken und der Einsamkeit ein. Er machte auch mit den Möwen, die sich im Felsgeklüft niederließen und abends auf dem Turmdache geräuschvoll herumschwärmten, Bekanntschaft. Skarmoki warf ihnen die Reste seines Essens hin, und sie wurden bald so zahm, daß ihn dann ein Sturm weißer Fittiche umgab, und der Alte schritt zwischen dem Gevögel wie ein Schäfer zwischen seinen Schafen einher.

Zur Ebbezeit begab er sich auf die niederen Sandbänke, wo er schmackhafte Schnecken und schöne Perlmutter Molluskenmuscheln sammelte, die die zurücktretende Flut hinterließ. Des Nachts ging er beim Schein des Mondes und des Leuchtturms aus, um Fische zu fangen, von denen das Felsgeklüfte wimmelte. Schließlich gewann er seinen Felsen und sein baumloses Inselchen lieb, das nur von winzigen fetten Pflanzen und Strandhafer bewachsen war.

Eine Fernsicht entschädigte ihn übrigens für die Armut seines Eilandes. In den Mittagsstunden, wenn die Atmosphäre durchsichtiger wurde, sah man die ganze Landenge bis zum Pacific mit seiner üppigen Vegetation. Dann schien es Skarmoki, als ob er in einen Riesengarten sähe. Mächtige Kokosbündel bildeten knapp hinter den Häusern Aspinwalls prächtige buschige Sträuße. Weiter zwischen Aspinwall und Panama sah man einen ungeheuern Wald, über welchem jeden Morgen und Abend rötliche Dünste aufstiegen, ein echter Tropenwald, unten von einem stehenden Wasser bespült, von Lianen, rauschenden Orchideen, Palmen und Gummibäumen umrankt.

Durch sein Fernrohr konnte der Alte nicht nur Bäume, nicht nur weitverzweigte Bananenblätter, sondern auch Affen und Papageien beobachten, welche sich manchmal über dem Walde wie eine regenbogenfarbene Wolke erhoben. Skarmoki kannte derartige Wälder, wußte, was für Gefahren, was für ein Tod unter dieser herrlichen lachenden Oberfläche lauerte. Um so mehr verursachte es ihm Freude, von seiner Höhe zu schauen, ihre Schönheit zu bewundern und vor Verderben geschützt zu sein. Sein Turm schützte ihn vor jedem Unheil. Er verließ ihn auch meist nur Sonntags früh. Dann legte er seinen granatblauen Wächterrock mit Silberknöpfen an, heftete seine Kreuze an die Brust und sein milchweißes Haupt richtete sich mit einem gewissen Stolze in die Höhe, wenn er beim Kircheneingang hörte, wie die Kreolen untereinander sprachen: »Wir haben einen ordentlichen Leuchtturmwächter. Und sogar ein Jankee, kein Ketzer.« Aber sofort nach der Messe kehrte er nach seinem Inselchen zurück, glücklich ging er heim, denn er traute noch immer nicht dem Festlande.

Sonntags las er auch eine spanische Zeitung, die er in der Stadt kaufte oder den von Folcombridge geliehenen »New York Herald« und suchte darin gierig nach Nachrichten aus Europa. Armes, altes Herz. Auf diesem Wachtturm und auf der zweiten Halbkugel schlug es noch fürs Vaterland . . .

Manchmal, wenn das Boot, das ihm Mundvorrat und Wasser zuführte, anlegte, stieg er vom Turm, um mit dem Wächter Johnsen zu plaudern. Später aber verwilderte er augenscheinlich. Er hörte auf nach der Stadt zu kommen, Zeitungen zu lesen und mit Johnsen politische Debatten zu führen. Es verstrichen Wochen, in denen er niemand und niemand sah. Das einzige Zeichen, daß der Alte lebte, war nur das Verschwinden des am Ufer für ihn zurückgelassenen Proviants und das Turmlicht, welches jeden Abend mit solch einer Regelmäßigkeit angezündet wurde, mit welcher die Sonne morgens in fernen Zonen aus dem Wasser emporsteigt.

Der Alte war offenbar für die Welt gleichgültig geworden. Hierfür war nicht das Heimweh der Grund, sondern, daß er in Resignation übergegangen war. Für den Greis verkörperte sich jetzt die ganze Welt in seinem Inselchen. Er hatte sich in den Gedanken eingelebt, daß er den Turm bis zu seinem Tode nicht verlassen werde, und er vergaß, daß außer ihm noch anderes vorhanden war. Dazu wurde er Mystiker. Seine sanften blauen Augen wurden wie Kinderaugen und starrten in die Ferne.

In fortwährender Vereinsamung und angesichts der überaus einfachen und großen Umgebung begann der Alte die Empfindung der eigenen Individualität zu verlieren. Er hörte auf als Person zu existieren und verschmolz immer mehr mit seinem Milieu. Er stellte darüber keine Betrachtungen an, er fühlte nur unbewußt, schließlich aber kam es ihm vor, als sei der Himmel, das Meer, sein Felsen, der Turm, die Sandbänke, die geblähten Segel und Möwen, die Ebbe und Flut eine große Einheit und eine ungeheure, geheimnisvolle Seele. Er tauchte darin unter und lullte sich ein. – und in dieser Beschränkung seines eigenen Daseins, in diesem Halbwachen und Halbschlafe fand er eine große, dem Halbtode beinahe ähnliche Ruhe.


III.

Aber das Erwachen stellte sich ein. Als das Boot wieder Wasser und Lebensmittel brachte und Skarmoki eine Stunde darauf vom Turm gestiegen war, bemerkte er, daß außer der gewöhnlichen Ladung noch ein Paket dabei sei. Auf dem Deckel des Pakets waren Postwertzeichen der Vereinigten Staaten und die deutliche Adresse: Skarmoki Esqr., auf dickem Segeltuch. Der neugierig gewordene Alte schnitt die Leinwand durch und erblickte Bücher; er nahm eins in die Hand, schaute es an und legte es zurück, wobei seine Hände heftig zu zittern begannen. Er bedeckte die Augen, als traute er ihnen nicht, es schien ihm, er träume, denn es war ein polnisches Buch. Was sollte das bedeuten? Wer hat ihm das Buch schicken können? Er hatte offenbar im ersten Augenblicke vergessen, daß er noch zu Beginn seiner Karriere als Leuchtturmwächter in dem vom Konsul ausgeliehenen »Herald« von der Gründung einer polnischen Gesellschaft in New York gelesen hatte, und daß er derselben gleich die Hälfte seines Monatsgehaltes, für das er auf dem Turme keine Verwendung wußte, geschickt hatte. Als Dank hatte die Gesellschaft ihm Bücher zugeschickt. Sie kamen also auf natürlichem Wege, im ersten Moment aber konnte der Greis diese Gedanken nicht erfassen.

Polnische Bücher in Aspinwall auf seinem Turm, inmitten seiner Einsamkeit, das war für ihn etwas Außergewöhnliches, ein Hauch aus alten Zeiten, ein Wunder. Jetzt kam es ihm wie jenem Seefahrer inmitten der Nacht vor, als ob ihn jemand mit einer geliebten und beinahe vergessenen Stimme beim Namen gerufen habe.

Eine Weile saß er mit geschlossenen Augen und er fürchtete, daß der Traum, sobald er die Augen öffnete, verschwinden würde. Nein, das aufgeschnittete Paket lag deutlich, von den Strahlen der Mittagssonne beschienen, vor ihm und das bereits aufgeschlagene Buch. Als der Alte die Hand wieder danach ausstreckte, vernahm er inmitten der Stille das Pochen seines eigenen Herzens.

Er betrachtete das Buch: es waren Verse. Oben stand mit großen Buchstaben der Titel, darunter der Name des Verfassers. Dieser Name war Skarmoki nicht fremd, er wußte, daß es der Name eines großen Dichters sei, dessen Erzeugnisse er sogar in Paris gelesen hatte. Auch als er in Algerien und Spanien Krieg führte, hörte er von seinen Landsleuten von dem immer mehr wachsenden Ruhm des großen Poeten. Er war damals aber so sehr an die Flinte gewöhnt, daß er Bücher nicht einmal in die Hand nahm. Im Jahre 49 reiste er nach Amerika, und in dem abenteuerlichen Leben, das er führte, hatte er niemals Polen und polnische Bücher gesehen. Mit größter Hast und Herzpochen schlug er das Titelblatt um.

Jetzt begann auf seinem einsamen Felsen etwas Feierliches vor sich zu gehen. Es herrschte große Ruhe und Stille. Die Uhren in Aspinwall hatten die fünfte Nachmittagsstunde geschlagen, der klare Himmel wurde von keinem Wölkchen getrübt, nur einige Möwen kreisten im Äther. Der Ozean war eingelullt. Die schwach brandenden Wellen säuselten leise, sich sanft über den Sand ergießend. Von weitem lachten Aspinwalls weiße Häuser und die wunderbaren Palmengruppen. Es war feierlich still und ernst. Inmitten dieses Naturfriedens erscholl jäh die zitternde Stimme des Alten, der laut die Verse las, um sie besser zu verstehen. Die schwungvollen Gedichte glühten von Heimweh und Vaterlandsliebe.

Skarmokis Stimme versagte. Die Buchstaben begannen vor seinen Augen zu tanzen, und in seinem Herzen stiegen alte Erinnerungen auf, die seine Stimme erstickten. Noch einen Moment beherrschte er sich und las weiter, und immer hinreißender, immer schmachtender und wehmutsvoller gestalteten sich die Dichtungen.

Die angeschwollene Flut durchbrach den Damm des Willens. Der Greis brüllte auf und warf sich zu Boden, seine milchweißen Haare vermengten sich mit dem Strandsande.

Vierzig Jahre beinahe sind dahingegangen, daß er sein Vaterland nicht gesehen und, Gott weiß, wie lange er schon seine Muttersprache nicht vernommen hatte, und da kam diese Sprache durch den Dichter zu ihm heran, hatte den Ozean durchschifft und fand ihn als Einsiedler auf der anderen Halbkugel.

In seinem Schluchzen, das ihn erschütterte, war kein Schmerz, sondern nur eine jäh erwachte unermeßliche Liebe, welcher gegenüber alles in nichts zerfloß. Mit seinem Weinen bat er die geliebte entfernte Heimat um Verzeihung, daß er schon so gealtert und daß er sich mit dem einsamen Felsen eingelebt und vergessen hatte, daß selbst jede Sehnsucht sich zu verwischen begann.

Die Stunden verstrichen und er lag ruhig am Boden. Die Möwen kamen kreischend herangeflogen, als waren sie um ihren alten Freund beunruhigt. Die Stunde, in welcher er sie mit seinen Speiseüberresten fütterte, war angebrochen, und so kamen einige von der Turmspitze bis zu ihm herangeflattert. Dann kamen immer mehr und sie begannen ihn zu beschnäbeln und mit ihren Schwingen über seinem Haupte zu schweben. Das Rauschen der Flügel erweckte ihn. Nachdem er sich ausgeweint hatte, war ein strahlender Friede über ihn gekommen und seine Augen waren wie neu belebt. Unbewußt gab er seine ganze Nahrung den Vögeln, die sich mit Geschrei darüber stürzten, und er selbst griff wieder nach dem Buche. Die Sonne hatte schon die Gärten und Panamas Urwald passiert und ging langsam hinter der Landenge unter, aber das Atlantische Meer war noch voll hellen Scheines, die Luft noch ganz licht, und so las er weiter – – –

Die hereinbrechende Dämmerung verwischte die Buchstaben auf der weißen Buchseite, eine Dämmerung, kurz wie ein Augenblick. Der Greis lehnte das Haupt an den Felsen und schloß die Augen. Die Gedichte zitterten in seiner Seele nach, der Himmel glühte noch in Purpurtinten und in seinem Geiste tauchten die heimatlichen Gaue auf. In seinen Ohren rauschten Kiefernwälder, plätscherten heimatliche Flüsse. Er sah alles, wie es war und alles fragte ihn: denkst du der alten Zeiten? Er sah weitgestreckte Felder, Haine, Wiesen, Wälder und Dörfer. Es wurde Nacht. Um diese Zeit erhellte sein Leuchtturm längst schon das Meeresdunkel, er selbst aber ist jetzt in seinem Heimatsdorfe. Das alte Haupt senkte sich auf die Brust und er träumte. Die Bilder zogen an seinen Augen rasch und unzusammenhängend vorüber. Er sah nicht das Vaterhaus, denn der Krieg hat es zerstört, er sah weder Vater noch Mutter, denn als sie starben, war er noch ein Kind. Sonst war es ihm aber, als hätte er das Dorf gestern verlassen. Er sah eine Reihe Bauernhütten mit erleuchteten Fenstern, einen Deich, eine Mühle, zwei Teiche, in welchem die ganze Nacht ein Froschchor quakt. Einst stand er in diesem Dorfe nachts als Wachtposten; jetzt lebte die Vergangenheit jäh in seinen Gedanken auf. – Er ist wieder ein Soldat und steht Schildwache. Von weitem blickt der Dorfkrug und darin singt, spielt und tanzt man. Die Ulanen führen einen Reigen auf, und er langweilt sich auf seinem Rosse. Die Stunden schleppen sich träge dahin, schließlich verlöschen die Lichter, so weit das Auge reicht ist jetzt ein undurchdringlicher Nebel, die Nacht ist ruhig und kühl, eine echte polnische Nacht. In der Ferne säuselt der Kiefernforst ohne Wind, wie Seewogen. Bald beginnt es im Osten zu grauen, auch die Hähne krähen schon hinter den Zäunen. Kraniche lassen sich gleichfalls in der Höhe vernehmen. Dem Ulan wird es so frisch ums Herz. Der junge Morgen bricht an. Die Nacht verblaßt. Aus dem Schatten tauchen Wälder, Gebüsche, Bauernhäuschen, eine Mühle und Pappeln auf. Die Brunnenschwengel knarren wie Blechfähnchen auf einem Turm. O wie wunderschön ist dieses Land im rosigen Scheine des Morgenrotes! Stille! Die wachthabende Bedette hört, daß jemand herankommt, man kommt wahrscheinlich, die Wache abzulösen.

Plötzlich erschallt eine Stimme über Skarmoki: »He, Alter, steht auf! Was ist Euch?«

Der Alte macht die Augen auf und schaut einen neben ihm stehenden Mann verwundert an. Nächtliche Traumerscheinungen kämpfen in seinem Kopfe mit der Wirklichkeit. Schließlich verblassen und verschwinden die Traumgesichter und vor ihm steht der Hafenwächter Johnsen.

»Was ist das?« fragte Johnsen. »Seid Ihr krank?«

»Nein.«

»Ihr habt den Leuchtturm nicht angezündet. Ihr werdet aus dem Dienste gejagt werden. Ein Boot aus Gerono ist auf flachem Seegrunde gescheitert, zum Glück ist niemand ertrunken, sonst hätte man Euch vors Gericht gestellt. Steigt mit mir ein. Das übrige werdet Ihr im Konsulat hören.«

Der Alte erbleichte, er hatte tatsächlich diese Nacht den Leuchtturm nicht angezündet.

Einige Tage später sah man Skarmoki an Bord eines von Aspinwall nach New York gehenden Schiffes. Der arme Schlucker hatte den Posten verloren. Neue Wege von Irrfahrten taten sich vor ihm auf. Der Wind entführte wieder dieses Blatt, um es über Wasser und Land zu schleudern, um an ihm sein Mütchen zu kühlen.

In diesen Tagen wurde der Alte ganz gebeugt, nur seine Augen glänzten. Für seine neue Lebensbahn hatte er sein Buch auf der Brust, das er von Zeit zu Zeit mit der Hand betastete, als fürchtete er, auch dieses könne ihm verloren gehen.



Auf dem »großen Wasser«.

Der deutsche Dampfer »Blücher« glitt auf der Fahrt von Hamburg nach New York schaukelnd über die gewaltigen Wogen des Ozeans.

Seit vier Tagen war er schon unterwegs und seit zwei Tagen hatte er die grünen Küsten Irlands passiert und war ins offene Meer hinausgelangt. So weit das Auge reichte, sah man nur die grüne wogende, tosende, schäumende, immer dunklere Meeresfläche, die mit dem wolkenbedeckten Horizont verschmolz. Der Widerschein der weißen Wolken fiel teilweis auch auf die Wasserfläche und von diesem perlenfarbenen Hintergrund stach der schwarze Schiffsrumpf deutlich ab. Das Schiff, welches mit dem Bugspriet gegen Westen gerichtet war, glitt über die Wellen mit Anstrengung dahin, bald tauchte es unter, als sinke es, bald verschwand es den Blicken ganz, und von einem Wellenkamm emporgehoben, kam es wieder so weit zum Vorschein, daß sein Boden sichtbar wurde. Die Flut wälzte sich ihm entgegen und es durchschnitt sie mit seinen Pranken, und hinter ihm schlängelte sich wie eine riesige Schlange die weiße schäumende Kielwasserstraße. Einige Möwen flogen dem Steuer nach und winselten wie polnische Kibitze. Der Wind war gut, der Dampfer fuhr mit halbem Dampf, dafür aber hatte er die Segel aufgespannt, und das Wetter gestaltete sich immer besser. Stellenweise sah man zwischen den zerfetzten Wolken blaue Himmelsstreifen, die fortwährend ihre Formen veränderten. Seit »Blücher« den Hafen von Hamburg verlassen hatte, war es zwar windig, aber sturmfrei wehte der Wind gegen Westen; setzte er zeitweise aus, dann sanken die Segel klatschend zusammen, um sich wiederum wie Schwanenbrüste aufzublähen. Die Matrosen in ihren knapp anliegenden Wollgarnjacken zogen das Tau des großen Mastes mit dem Rufe: »Ho ho ho« und bewegten ihre Körper dabei nach dem Takt des Gesanges. Ihre Rufe vermengten sich mit den schrillen Pfiffen der Schiffskadetten und dem fieberhaften Keuchen des Schornsteins, der Rauchsäulen von schwarzem Qualm ausstieß.

Die Passagiere hatten das Verdeck bestiegen. Im Hinterdeck sah man die schwarzen Paletots und Hüte der Reisenden erster Kajüte, und am Vorderdeck schillerte ein buntfarbiger Emigrantenhaufen – Zwischendeckpassagiere. Manche von ihnen saßen auf Bänken, kurze Pfeifen rauchend, andere hatten sich hingelegt, und wieder andere, über Bord gelehnt, blickten ins Wasser. Es waren auch mehrere Frauen mit Kindern auf dem Arm dabei und am Gürtel trugen sie Blechgeschirre befestigt. Einige junge Leute spazierten vom Bugspriet bis zur Brückendeckung, nur mit Mühe das Gleichgewicht haltend und jeden Augenblick taumelnd. Sie sangen: »Wo ist das deutsche Vaterland?« Dachten sie vielleicht, daß sie dieses Vaterland nie mehr wiedersehen würden? Trotzdem aber verließ sie der Frohsinn nicht.

Unter diesen Leuten saßen zwei sehr traurig da und wie von den übrigen verlassen: ein alter Mann und ein junges Mädchen. Sie verstanden kein Deutsch und waren ganz vereinsamt zwischen den Fremden. Wer waren sie? Man konnte es auf den ersten Blick erraten – polnische Bauersleute.

Der Bauer hieß Wawrzon Toporek, und die Dirne, Maryscha, war seine Tochter. Sie fuhren nach Amerika, und vor kurzer Zeit hatten sie zum erstenmal gewagt, das Verdeck zu betreten. Auf ihren von Krankheit stark mitgenommenen Gesichtern prägte sich Schrecken und Verwunderung aus. Mit ängstlichen Augen blickten sie auf die Reisegefährten, auf die Matrosen, auf den keuchenden Schornstein und auf die dräuenden Wasserberge, die ihre Schaumkämme aufs Schiff schleuderten. Sie redeten nicht miteinander, denn sie wagten es nicht. Wawrzon klammerte sich mit einer Hand an die Brüstung, mit der anderen hielt er seine eckige Mütze fest, daß der Wind sie nicht fortreiße, und Maryscha schmiegte sich an Väterchen. Wenn das Schiff stärker schwankte, hielt sie sich fester an ihn, leise Schreckenslaute ausstoßend.

Nach einer geraumen Weile brach der Alte das Schweigen: »Maryscha?«

»Was denn?«

»Siehst Du?«

»Ich sehe.«

»Wunderst Du Dich?«

»Ja, ich wundere mich.«

Aber sie fürchtete sich mehr als sie sich wunderte. Der alte Toporek gleichfalls. Zu ihrer Freude wurde der Wellengang schwächer, der Wind legte sich und die Sonne drang durch die Wolken. Als sie die liebe Sonne erblickten, wurde ihnen leichter ums Herz, denn sie dachten: sie ist ganz wie in der Heimat. Hier war für sie alles neu und unbekannt, nur diese leuchtende und strahlende Sonnenscheibe kam ihnen wie eine gute alte Bekannte und Beschützerin vor.

Unterdessen glättete sich die See immer mehr, die Segel wurden schlaff, von der hohen Kommandobrücke ertönte die Pfeife des Kapitäns, und die Matrosen machten sich hurtig daran, sie einzuziehen. Der Anblick dieser Menschen, die in der Luft über einem Abgrund schweben, erfüllte Toporek und Maryscha mit Staunen.

»Unsere Jungens hätten das nicht vermocht,« sagte der Alte.

»Wenn die Deutschen dies können, so hätte Jaschko es auch gekonnt,« erwiderte Maryscha.

»Welcher Jaschko? Sobkor?«

»Nicht Sobkor. Ich meine Smolak, den Pferdeknecht.«

»Er ist ein wackerer Bursche, aber schlag ihn Dir aus dem Sinn. Er paßt weder für Dich noch Du für ihn. Du ziehst aus, um eine Herrin zu werden, und er wird ein Pferdeknecht bleiben, wie er es heute ist.«

»Er hat doch ein Anwesen.«

»Ja, aber in Lipinze.«

Maryscha entgegnete nichts, dachte aber bei sich: was einem bestimmt ist, dem entgeht man nicht, und seufzte sehnsüchtig.

Unterdessen waren die Segel schon eingezogen, dafür aber begann die Schiffsschraube das Wasser so stark aufzuwühlen, daß der ganze Dampfer von ihren Bewegungen erbebte. Aber das Schaukeln hörte beinahe ganz auf. In der Ferne erschien die Meeresfläche sogar glatt und blau. Immer neue Gestalten kamen aus dem Zwischendeck zum Vorschein: Arbeiter, deutsche Bauern, Straßenbummler aus verschiedenen Seestädten, die nach Amerika fuhren, um Glück, aber nicht Arbeit zu suchen. Es entstand oben ein Gedränge, und um niemand in den Weg zu kommen, setzten sich Maryscha und Wawrzon auf ein Bündel Taue in einen Winkel neben dem Bugspriet.

»Väterchen, werden wir noch lange auf dem Wasser fahren?« fragte Maryscha.

»Ich weiß es nicht, und niemand wird in unserer Sprache antworten können.«

»Wie werden wir uns in Amerika verständigen?«

»Es ist uns doch gesagt worden, daß viele von unserem Volk da sind.«

»Väterchen!«

»Was?«

»Wundern kann man sich schon, aber in Lipinze war es doch besser.«

»Rede kein dummes Zeug.« Nach einer Weile aber fügte Wawrzon wie zu sich selbst redend hinzu: »Gottes Wille!«

Des Mädchens Augen füllten sich mit Tränen, und dann begannen beide über Lipinze nachzudenken.

Wawrzon Toporek stellte Betrachtungen an, weshalb er nach Amerika fuhr und wie das alles gekommen ist. Vor einem halben Jahr im Sommer wurde seine Kuh in einem fremden Kleefelde beschlagnahmt. Der Wirt, der sie mit Beschlag belegte, verlangte drei Rubel für den angerichteten Schaden. Wawrzon wollte es nicht zahlen, und so wurde der Gerichtsweg betreten. Die Sache zog sich in die Länge. Der beschädigte Landwirt forderte nicht nur für die Kuh, sondern auch für ihre Erhaltung, und die Kosten wuchsen mit jedem Tag. Wawrzon war hartnäckig, denn das Geld tat ihm leid.

Er hatte schon beträchtliche Prozeßkosten gehabt, und der Gang war ein schleppender. Die Spesen häuften sich fortwährend, schließlich verlor Wawrzon den Prozeß. Gott weiß, was er schon für die Kuh schuldete, und da er nichts zum Bezahlen hatte, wurde sein Pferd gepfändet, und er bekam wegen Widersetzlichkeit eine Arreststrafe. Toporek war außer sich, denn die Erntezeit hatte begonnen, und so waren Hände und Gespann zur Arbeit notwendig. Es verspätete sich mit dem Einernten, und dann begann es zu regnen. Das Getreide wuchs in den Garbenbündeln aus, und so überlegte er, daß durch einen Schaden im fremden Klee sein Hab und Gut zugrunde gehen wird, daß er sein Geld, einen Teil des Inventars, die ganze Ernte verlieren, und von der nächstjährigen mit der Tochter so gut wie nichts haben würde und den Bettelstab werde ergreifen müssen.

Und da der Bauer vorher ziemlich wohlhabend war, geriet er in Verzweiflung und ergab sich dem Trunke.

Im Wirtshaus lernte er einen Deutschen kennen, der scheinbar die Dörfer wegen Flachs bereiste, in Wirklichkeit aber die Leute zur Reise übers Meer beredete. Der Deutsche erzählte ihm Wunder über Amerika. Er versprach so viel Grund und Boden umsonst, wie ganz Lipinze nicht faßte, mitsamt Waldungen und Wiesen, daß des Bauers Augen vor Freude lachten. Er glaubte und glaubte auch nicht, aber dem Deutschen stimmte der jüdische Pächter bei und sagte, daß die Regierung dort jedem so viel Grundstücke gibt, wie er nur mag. Der Jude wußte das von seinem Schwiegersohn. Der Deutsche zeigte so viel Geld vor, wie nicht nur Bauern-, sondern auch Gutsbesitzersaugen noch nie im Leben gesehen hatten. Der Bauer erlag der Versuchung. Wozu sollte er da bleiben? Hat er doch wegen eines Feldschadens so viel eingebüßt, daß er dafür einen Knecht hätte halten können. Sollte er sich dem Untergang aussetzen? Sollte er einen Stecken in die Hand nehmen und vor der Kirche singen: »Himmlische Heilige, engelreine Jungfrau?« Nein, daraus wird nichts, dachte er sich. Er sagte dem Deutschen zu, und bis zu Michaelis hatte er alles verkauft, er nahm die Tochter – und so befand er sich jetzt auf der Fahrt nach Amerika.

Aber die Reise ging nicht so gut vonstatten, als er gehofft. In Hamburg hatte man ihren Geldbeutel tüchtig geschröpft, und auf dem Dampfer fuhren sie in einem gemeinschaftlichen Saal im Zwischendeck. Das Schaukeln des Schiffes und das endlose Meer entsetzte sie. Niemand konnte sie verstehen, beide wurden wie eine Sache behandelt, Wawrzon wurde weggestoßen wie ein Stein am Wege; die deutschen Mitreisenden machten sich über ihn und Maryscha lustig. Um die Mittagszeit, wenn alle mit ihren Geschirren zum Koch kamen, der das Essen austeilte, wurden sie bis ans Ende zurückgestoßen, so daß sie manchmal Hunger leiden mußten. Es erging ihnen auf dem Schiffe schlecht, sie fühlten sich verlassen und fremd. Außer dem Schutze Gottes empfand Wawrzon keinen über sich. Dem Mädchen gegenüber machte er eine gute Miene, schob seine Mütze keck zur Seite, ließ Maryscha sich wundern und wunderte sich selbst über alles, traute aber niemand. Manchmal bemächtigte sich seiner die Furcht, daß diese »Heiden«, wie er die Reisegefährten nannte, sie beide ins Wasser werfen könnten, oder vielleicht würden sie ihm gebieten, den Glauben zu wechseln oder irgendein Schriftstück, bah! vielleicht gar irgendeinen Teufelspakt zu unterschreiben. Das Fahrzeug selbst, das Tag und Nacht über die endlose Seefläche dahindampfte, welches bebte, brauste und wie ein Drache schnaubte und nachts einen Kranz feuriger Funken nach sich zog, kam ihm wie eine verdächtige und überirdische Macht vor. Die kindischen Befürchtungen, obwohl er sich nicht zu ihnen bekannte, preßten ihm das Herz zusammen, denn er war tatsächlich, vom heimatlichen Herd losgerissen, ein hilfloses Kind und allem wie ein Spielball preisgegeben.

Alles, was er sah, was ihn umgab, konnte er überdies nicht begreifen. Kein Wunder also, daß sich sein Haupt unter der Bürde einer schweren Unsicherheit und Kummer senkte. Die Seebrise spielte in seinen Ohren und wiederholte etwas wie das Wort: Lipinze! Lipinze! und manchmal pfiff sie auch wie die Hirtenflöten in Lipinze; die Sonne sagte: Wawrzon, wie geht es Dir? Ich war in Lipinze. Aber die Schraube durchwühlte immer heftiger die Gewässer, und der Schiffskamin keuchte immer rascher und lauter, zwei bösen Geistern ähnlich, die ihn immer weiter von Lipinze wegzogen.

Unterdessen stürmten auf Maryscha andere Gedanken und Erinnerungen ein, und sie kamen herangeflossen wie jene schäumende Wasserstraße oder wie Möwen, die dem Schiffe folgten. Sie erinnerte sich eben, wie sie im Herbst, spät am Abend, kurz vor der Abreise, in Lipinze zum Brunnen ging, um Wasser zu holen. Am Himmel flimmerten schon die eisten Sterne, und sie zog singend den Brunnenschwengel. Jaschko hatte die Pferde getränkt, Maryscha hatte Wasser geschöpft und es war ihr so bange wie einer Schwalbe, die vor dem Fortziehen wehmütig zwitschert. Dann ließ sich im dunklen Forst eine Hirtenflöte gedehnt vernehmen, und Jaschko Smolak, der Pferdeknecht, gab ein Zeichen, daß er sah, wie der Schwengel sich senkt, und daß er gleich angefahren kommen wird. Und er kam bald herangepoltert, er sprang vom Fohlen, schüttelte mit der Hanfmähne, und was er ihr gesagt, daran erinnerte sie sich wie an eine schöne Musik.

Sie schloß halb die Augen, und es kam ihr vor, als ob Smolak ihr mit bebender Stimme zuflüsterte: »Wenn Dein Väterchen so eigensinnig ist, so werde ich das vom Gutshof genommene Angeld zurückgeben, die Hütte und das Anwesen verkaufen und mitfahren. – Meine Maryscha,« sagte er, »wo Du sein wirst, da werde ich wie ein Kranich durch die Luft hinfliegen, wie ein Enterich das Wasser durchschwimmen, wie ein goldener Ring mich über die Landstraße dahinwalzen und Dich, Einzige, finden. Gibt es denn ein Leben ohne Dich? Wohin Du Dich wenden wirst, dorthin werde ich mich auch wenden, was mit Dir geschehen wird, wird mit mir geschehen, für uns gibt es nur ein Leben und einen Tod, und so wie ich Dir bei diesem Brunnenwasser gelobt habe, so möge Gott mich verlassen, wenn ich Dich verlassen werde, Maryscha, Du meine Einzige.«

Während sie sich an diese Worte erinnerte, sah Maryscha jenen Brunnen und den roten Mond über dem Forst und Jaschko leibhaft vor sich. Die Rückerinnerungen boten ihr große Linderung und Trost. Jaschko war ein treuer Mensch, und so glaubte sie, daß er das, was er gesagt hat, auch erfüllen wird. O, sie möchte nur, daß er jetzt an ihrer Seite wäre und mit ihr zusammen das Rauschen des Meeres anhören könne. Mit ihm wäre es lustig und schön, denn er fürchtete niemand und wußte sich überall Rat zu schaffen. Was macht er jetzt in Lipinze, da doch schon der erste Schnee gefallen ist? Ist er nach dem Forst gefahren, um Bäume zu fällen, wartet er die Pferde, oder hat man ihn vom Gutshofe mit einem Auftrag geschickt, oder ist er beim Teich beschäftigt? Wo mag er, der Allerliebste, jetzt sein?

Hier erschien dem Mädchen Lipinze ganz so wie es war. Der auf dem Wege knisternde Schnee, das Abendrot zwischen den schwarzen Zweigen der blätterlosen Bäume, ein Schwarm Krähen, die mit Gekrächze vom Forst nach dem Dorfe ziehen, der den Kaminen entsteigende Rauch, der zugefrorene Brunnen und in der Ferne der vom Dämmerlicht rotstrahlende Forst mit Schnee bestreut.

Und wo war sie jetzt? Wohin hat der Wille des Väterchens sie geführt? In der Ferne, soweit das Auge reicht, nur Wasser und Wasser, grünliche Wellen und schäumende Wogen, und auf dieser endlosen Wasserfläche dieses eine Schiff, ein verirrter Vogel; oben der Himmel, unten eine Wüstenei, ein großes Rauschen, wie ein Weinen der Flut und ein Pfeifen des Windes, und dort vor dem Schiffsschnabel wird wohl ein neuer Weltteil oder das Ende der Welt sein! –

Armer Jaschko! Könntest Du hier sein! Wirst Du wie ein Falke durch die Luft fliegen oder wie ein Fisch durch das Wasser schwimmen oder denkst Du an sie in Lipinze?

Die Sonne neigte sich langsam gegen Westen und tauchte im Ozean unter. Auf dem Meer bildete sich eine breite, goldig schimmernde, schillernde, farbenreiche Wasserstraße, die sich in der Ferne verlor.

Das Schiff, in dieses Flammenband hineingeratend, schien die fliehende Sonne zu verfolgen. Der aus dem Schornstein qualmende Rauch wurde rot, die Segel und die feuchten Taue schimmerten rosig, die Matrosen begannen zu singen; unterdessen begann der strahlende Kreis immer größer zu werden und sank immer tiefer in die Flut. Bald war nur die Hälfte der Scheibe über dem Meeresspiegel sichtbar, dann nur die Strahlen und dann ergoß sich über den ganzen Westen eine einzige strahlende Röte und in diesem Lichtscheine verschmolz Himmel, Luft und Wasser. Der Ozean erklang in mildem Rauschen, als spräche er sein Abendgebet.

In solchen Momenten kriegt die Menschenseele Schwingen und was sie liebgewonnen hat, liebt sie inbrünstiger, und wonach sie sich sehnt, dem fliegt sie entgegen. Wawrzon und Maryscha fühlten auch, daß, obwohl der Wind sie wie Blätter umherträgt, es doch nicht ihre Heimat ist, der sie entgegenfahren. Sie hatten den polnischen Boden verlassen, jenes fromme Ackerland mit Forst bestanden, mit Strohhütten bedeckt, wiesen- und wasserreich, mit schönen Herrensitzen inmitten von schattigen Linden. Jene Erde, wo man die eckige Mütze mit den Worten tief zieht: »Grüß Gott!« und dankend Antwort erhält, jene über alles in der Welt geliebte Heimat. Und was ihre Bauernherzen vorher nicht empfanden, das fühlten sie jetzt.

Wawrzon zog die Mütze, das Westlicht fiel auf die ergrauenden Haare, seine Gedanken arbeiteten, denn der arme Kerl wußte nicht, wie er das, was ihn bewegte, Maryscha sagen sollte. Schließlich meinte er: »Maryscha, mir ist, als wäre dort, jenseits des Meeres, etwas zurückgeblieben.«

»Unsere Heimat und unsere Liebe,« entgegnete das Mädel leise, die Augen wie zum Gebet emporgerichtet.

Mittlerweile wurde es dunkel, die Reisenden begannen das Verdeck zu verlassen; aber an Bord herrschte doch eine ungewöhnliche Bewegung. Einem schönen Sonnenuntergang folgt nicht immer eine ruhige Nacht, deshalb ertönten in einem fort die Offizierspfeifen, und die Matrosen zogen die Taue. Der letzte Purpurschein erlosch auf dem Meer und gleichzeitig entstieg dem Wasser ein Nebel. Am Himmel kamen Sterne zum Vorschein und verschwanden wieder. Der Nebel wurde zusehends dichter und verhüllten den Himmel, den Horizont und das Schiff. Man sah nur noch den Schornstein und den großen Mittelmast, die Gestalten der Matrosen erschienen von weitem wie Schatten. Eine Stunde später war alles von einem weißen Nebel erfüllt, selbst die an der Spitze des Mastes hängende Laterne und selbst die Funken, die der Schornstein ausstreute.

Das Schiff schaukelte nicht mehr, man konnte glauben, der Wellengang sei erschlafft und habe sich unter der Last des Nebels geglättet. Es brach tatsächlich eine stockfinstere und stille Nacht an.

Plötzlich ließen sich inmitten dieser Stille von den entferntesten Enden des Horizonts seltsame Geräusche vernehmen. Es war wie das schwere Atmen einer Riesenbrust, das sich näherte. Zeitweilig schien es, als rufe jemand aus der Finsternis, dann war es, als tönten jammernde Stimmen.

Die Matrosen, die das Stimmengewirr vernahmen, sagten, der Sturm rufe aus der Hölle die Winde herbei, und die Anzeichen dafür wurden immer deutlicher. Der Kapitän, mit einem Gummimantel und Kapuze angetan, faßte auf der höchsten Kommandobrücke Posto; ein Offizier nahm den gewöhnlichen Posten vor dem beleuchteten Kompaß ein. Auf dem Verdecke befand sich niemand mehr von den Reisenden.

Wawrzon und Maryscha waren gleichfalls in den gemeinsamen Zwischendecksaal hinuntergestiegen. Dort herrschte Stille. Das Licht der an der sehr niedrigen Saaldecke befestigten Lampen beleuchtete mit seinem düsteren Schein das Innere und die Gruppen der Auswanderer, die längs der Bettstellen an den Wänden saßen. Der Saal war groß, aber düster, wie gewöhnlich Säle vierter Klasse. Seine Decke traf beinahe mit den Flanken des Schiffes zusammen, und deshalb glichen die Bettstellen, durch Verschläge voneinander geteilt, eher dunklen Höhlen als Lagerstätten, auch der ganze Saal machte den Eindruck eines großen Kellers. Seine Luft war von dem Geruch geteerter Leinwand, Schiffstauen, Meerwasser und Feuchtigkeit durchschwängert. Wie konnte man hier einen Vergleich mit den schönen Sälen der ersten Klasse anstellen? Eine wenn auch nur zweiwöchentliche Überfahrt in solchen Räumen vergiftet die Lungen mit ungesunder Luft, überzieht die Gesichtshaut mit einer wässrigen Blässe und hat häufig auch den Skorbut im Gefolge. Wawrzon und Tochter fuhren erst vier Tage und doch, wer die früher gesunde, rotbäckige Maryscha in Lipinze mit der jetzigen, von Krankheit herabgekommenen verglichen hätte, würde sie nicht wiedererkannt haben. Der alte Wawrzon war auch gelb wie Wachs geworden, da sie beide während der ersten zwei Tage nicht aufs Verdeck gingen, in dem Glauben, es sei nicht gestattet. Sie wagten sich beinahe nicht vom Fleck zu rühren und außerdem fürchteten sie sich von ihren Sachen zu entfernen.

Auch jetzt saßen nicht nur sie, sondern alle bei ihrem Gepäck. Mit solchen Emigrantenbündeln war der ganze Saal angehäuft, wodurch seine Unordnung und der traurige Anblick noch vergrößert wurde. Bettzeug, Kleidungsstücke, Lebensmittel, Vorräte, allerhand Werkzeug und Blechgeschirr bunt zusammengewürfelt lagen in größeren und kleineren Häuflein auf dem ganzen Fußboden zerstreut. Auf ihnen saßen die Auswanderer, beinahe lauter Deutsche. Die einen kauten Tabak, die anderen rauchten Pfeifen. Der Rauch prallte an der niederen Decke zurück und verhüllte das Lampenlicht. Einige Kinder weinten in den Winkeln, aber sonst war jedes Geräusch verstummt, denn der Nebel erfüllte alle mit Furcht und Unruhe. Die erfahreneren unter den Emigranten wußten, daß ein Sturm drohte, es war für niemand mehr ein Geheimnis, daß Gefahr im Anzuge war und vielleicht der Tod herannahe.

Wawrzon und Maryscha merkten nichts, obwohl beim Öffnen der Tür jene fernen, unheilverkündenden Laute deutlich zu vernehmen waren. Beide saßen im Hintergrunde des Saales an seiner schmalsten Stelle, unweit des Bugspriets. Dort war das Schaukeln empfindlicher und so hatten die Reisegefährten sie dorthin gedrängt. Der Alte stärkte sich mit Brot, das noch aus Lipinze stammte, und das Mädchen, das sich langweilte, flocht sich das Haar für die Nacht.

Allmählich aber wunderten sie sich über das allgemeine Schweigen, das nur von Kinderweinen unterbrochen war. »Warum sitzen die Deutschen heute so still?« fragte sie.

»Weiß ich's?« antwortete Wawrzon wie gewöhnlich. »Es wird bei ihnen irgendein Feiertag oder sonst was sein.«

Plötzlich schwankte das Fahrzeug heftig, als erbebe es vor etwas Schrecklichem. Das nebeneinander liegende Blechgeschirr klirrte unheimlich, die Flammen in den Lampen hüpften und leuchteten stärker und einige erschreckte Stimmen begannen zu fragen: »Was ist das? Was ist das?« Aber niemand gab Antwort. Ein zweites Schwanken, stärker als das erste, erschütterte das Schiff. Sein Bugspriet richtete sich jäh in die Höhe und senkte sich ebenso plötzlich und gleichzeitig schlug die Flut dumpf an die runden Fensterchen einer Schiffsplanke.

»Ein Sturm kommt!« flüsterte Maryscha mit erschreckter Stimme.

Unterdessen begann es um den Dampfer zu toben wie in einem vom Orkan gepeitschten Forst, es begann zu brüllen, als heule ein Rudel Wölfe. Der Sturmwind raste, legte das Schiff auf die Seite und dann drehte er es im Wirbel, schleuderte es in die Höhe und dann in den Abgrund. Das Schiffsgefüge begann zu krachen, das Blechgeschirr, die Gepäckbündel und das Werkzeug kollerten über die Diele, von einem Winkel nach dem anderen. Einige Leute fielen zu Boden, Bettfedern begannen durch die Luft zu fliegen und die Gläser in den Lampen klirrten traurig. Es erdröhnte ein Brausen, Getöse, ein Aufspritzen der über Bord sich ergießenden Gewässer, ein Rütteln des Schiffes und inmitten dieser chaotischen Verwirrungen vernahm man nur die schrillen Pfiffe der Schiffspfeifen und von Zeit zu Zeit das dumpfe Stampfen der Matrosen, die oben auf dem Verdeck dahinrannten.

»Mutter Gottes!« flüsterte Maryscha.

Der Schiffsschnabel, in welchem beide sich befanden, flog in die Höhe und fiel dann wie rasend nieder. Trotzdem sie sich an die Pritschenwände anklammerten, wurden sie so hin und her geschleudert, daß sie zeitweise an die Wände anstießen. Das Wogengebrülle steigerte sich und das Knarren der Saaldecke wurde so entsetzlich, daß man glaubte, die Balken und Bretter würden jeden Augenblick krachend bersten.

»Maryscha, halte Dich fest!« schrie Wawrzon, um das Tosen des Sturmes zu überschreien, aber bald preßte die Angst ihm und den anderen die Kehle zusammen. Die Kinder hielten im Weinen, die Frauen im Schreien inne, alle atmeten schwer und klammerten sich mit Anstrengung fest.

Die Furie des Sturmes wuchs noch immer, die Elemente waren entfesselt, der Nebel verdichtete sich, die Wogen peitschten das Schiff und schleuderten es nach rechts und links, auf und nieder in die Meerestiefe. Zuweilen überschwemmten Sturzwellen seine ganze Länge, riesige Wassermassen tosten in einem gewaltigen Wirbel. Im Saal begannen die Öllampen zu verlöschen, es wurde immer dunkler, und so kam es Wawrzon und Maryscha vor, als sei die Finsternis des Todes schon hereingebrochen.

»Maryscha,« hub der Bauer mit gebrochener Stimme an, denn der Atem ging ihm aus, »Maryscha, vergib mir, daß ich Dich dem Untergang preisgegeben habe. Unsere letzte Stunde ist gekommen. Wir werden mit unsern sündigen Augen die Welt nicht wiedersehen. Wir werden weder beichten können, noch die letzte Ölung erhalten, noch in der Erde liegen, sondern vom Wasser aus werden wir vor Gottes Gericht kommen.«

Und während er so redete, begriff auch Maryscha, daß es keine Rettung mehr gab. Die Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf, und ihre Seele schrie: »Jaschko. lieber Jaschko, hörst Du mich in Lipinze?« Ein großes Weh schnürte ihr Herz zusammen, daß sie laut zu schluchzen begann.

»Still!« rief eine Stimme aus einer Ecke, verstummte aber wieder, vom eigenen Ton erschreckt.

Unterdessen stürzte ein Lampenglas zu Boden und die Flamme erlosch. Es wurde noch dunkler, und die Leute rückten in eine Ecke zusammen, um einander näher zu sein. Die Angst des Schweigens herrschte überall. Plötzlich erscholl in der Stille Wawrzons Stimme: »Kyrie eleison!«

»Christi eleison!« antwortete Mainscha schluchzend.

»Christi, erhöre uns.«

»Himmlischer Vater! Gott erbarme Dich unser!«

Beide sagten die Litanei her. Die Stimme des Alten und die vom Schluchzen unterbrochenen Antworten des Mädchens erklangen im dunklen Saal seltsam feierlich. Manche der Auswanderer entblößten die Häupter. Allmählich hörte des Mädchens Weinen auf, die Stimmen wurden ruhiger und draußen heulte der Sturm die Begleitung dazu.

Plötzlich entstand unter den am Ausgang zunächst Stehenden ein Geschrei.

Eine Woge hatte die Tür eingedrückt und wälzte sich in den Saal. Rauschend ergoß sich das Wasser in alle Winkel. Die Weiber begannen zu kreischen und sich auf die Bettstellen zu flüchten, es schien allen, als sei schon das Ende nahe.

Bald darauf erschien ein diensthabender Offizier mit einer kleinen Laterne in der Hand, ganz durchnäßt und echauffiert. Mit einigen Worten beruhigte er die Frauen, daß das Wasser nur durch Zufall eingedrungen sei, dann fügte er hinzu, die Gefahr sei nicht groß, da das Schiff sich auf offener See befinde.

Es verstrich eine zweite Stunde. Der Sturm tobte immer rasender. Der Dampfer krachte, wurde in die Höhe und in die Tiefe geschleudert, legte sich auf die Seite, ging aber nicht unter. Die Leute beruhigten sich ein wenig, manche legten sich schlafen.

Wiederum verstrichen ewige Stunden und durch das obere vergitterte Fenster drang in den dunkeln Saal ein Dämmerlicht. Auf dem Ozean graute ein blasser, trübseliger, wie erschreckter Tag, aber er brachte doch eine kleine Zuversicht und Hoffnung.

Nachdem Wawrzon und Maryscha alle Gebete, die sie auswendig kannten, hergesagt hatten, krochen sie auf ihre Pritschen und schliefen ein. Der Schall der Glocke, die zum Frühstück rief, weckte sie erst auf. Sie konnten aber nicht essen, denn ihre Köpfe waren schwer wie Blei, aber der Alte fühlte sich noch schlimmer als das Mädchen. Sein erstarrter Kopf vermochte jetzt nichts zu fassen. Der Deutsche, der ihn zur Fahrt nach Amerika beredete, hatte ihm zwar gesagt, daß man über ein Wasser fahren müsse, er aber hatte nie daran gedacht, daß man über solch ein großes Wasser so viel Tage und Nächte würde fahren müssen, sondern einfach einen Fluß passieren, wie er schon früher im Leben getan hatte. Wenn er gewußt hätte, daß das Meer so ungeheuer groß sei, wäre er in Lipinze geblieben. Außerdem plagte ihn noch ein Gedanke: ob er seine und des Mädchens Seele nicht dem Verderben ausgesetzt habe? Ob es nicht für einen Katholiken eine Sünde sei, den Herrgott in Versuchung zu bringen und eine Reise über solche Untiefen anzutreten, wo man schon den fünften Tag zum andern Ufer fahren mußte, wenn eine Küste überhaupt vorhanden war?

Seine Zweifel und Schrecken sollten noch durch sieben Tage wachsen. Der Sturm selbst tobte noch achtundvierzig Stunden, aber dann ließ er nach. Wawrzon und Maryscha wagten wieder das Deck zu besteigen, aber als sie die noch entfesselten, schwarzen zürnenden Wogen und Wasserberge und die bodenlosen gurgelnden Untiefen erblickten, dachten sie wieder, daß aus diesen Abgründen sie weder die Hand Gottes noch irgendeine andere menschliche Macht werde retten können.

Schließlich trat schönes Wetter ein, aber ein Tag nach dem andern verstrich, und vor dem Schiffe war immer nur die endlose Meeresflut zu sehen, die mit dem Horizont bald grün, bald blau, zusammenfloß. Hoch am Horizont zogen helle Wolken dahin, die sich abends rot färbten und im fernen Westen verschwanden. Der Dampfer fuhr ihnen nach, und Wawrzon dachte tatsächlich, daß das Meer gar kein Ende nehme, er faßte aber Mut und beschloß zu fragen.

Seine Mütze ziehend, fragte er einen vorübergehenden Matrosen demütig: »Gnädiger Herr, werden wir bald zum Ufer gelangen?«

Und o Wunder! Der Matrose brach nicht in schallendes Gelächter aus, sondern blieb stehen und hörte zu. Auf seinem roten, vom Wind zerwühlten Gesicht prägten sich Erinnerungen aus.

Nach einer Weile fragte er: »Was?«

»Werden wir bald ans Land kommen, gnädiger Herr?«

»Zwei Tage! Zwei Tage!« wiederholte der Seemann mit Anstrengung, gleichzeitig zwei Finger zeigend.

»Ich danke untertänigst.«

»Woher seid Ihr?«

»Aus Lipinze.«

»Was ist das, Lipinze?«

Maryscha, die während des Gesprächs herangekommen war, errötete und ihre Augen schüchtern auf den Matrosen heftend, sagte sie mit dünner Stimme, wie die Mägde auf dem Lande reden: »Ich bitte, wir sind aus dem Posenschen.«

Der Matrose begann nachdenklich einen Messingbeschlag des Schiffsbordes zu betrachten; dann blickte er das Mädchen an und etwas wie Rührung prägte sich auf seinem wetterscharfen Gesicht aus. Bald darauf sagte er ernst: »Ich war in Danzig, ich verstehe Polnisch. Ich bin ein Kaschube, Euer Bruder, aber das ist schon lange her. Jetzt bin ich deutsch.«

Während er das sagte, hob er ein Tauende, das er vorher in der Hand gehalten, empor, wandte sich um und auf Matrosenweise: »ho ho ho« schreiend, begann er das Seil zu ziehen.

So oft er jetzt Wawrzon und Maryscha auf dem Deck erblickte, lächelte er ihnen freundschaftlich zu. Sie freuten sich gleichfalls sehr, denn sie hatten jetzt wenigstens eine lebende, wohlwollende Seele auf diesem deutschen Schiff.

Übrigens sollte die Reise nicht mehr lange dauern. Am Morgen des zweiten Tages bot sich ihren Blicken, als sie das Deck betraten, ein seltsamer Anblick dar. Sie erblickten ein Etwas, das sich auf dem Meere schaukelte, und als der Dampfer sich diesem Gegenstand näherte, erkannten sie, daß es eine große rote Tonne sei, die die Flut sanft bewegte. In der Ferne tauchte eine zweite, dritte und vierte auf. Luft und Wasser schimmerten ein wenig neblig, silbrig und mild und nicht mehr brandend, aber soweit das Auge reichte, schaukelten immer mehr Tonnen auf dem Meeresspiegel. Ganze Schwärme weißer Vögel mit schwarzen Flügeln flogen quietschend und lärmend hinter dem Schiffe her. An Bord herrschte eine ungewöhnliche Bewegung, die Matrosen zogen neue Jacken an, die einen wuschen das Verdeck, die anderen reinigten die Messingbeschläge der Planken und Fenster, und auf dem Mastbaume wurde eine und auf dem Hinterteil des Schiffes eine zweite, größere Fahne gehißt.

Neues Leben und Freude bemächtigte sich aller Reisenden, alles was lebte, eilte auf Deck, manche brachten ihre Felleisen mit hinauf und begannen die Riemen zusammenzuziehen.

Als Maryscha das alles sah, sagte sie: »Sicher sind wir bald an Land.« Es beseelte sie neue Hoffnung!

Im Westen kam zuerst die Insel Sandy-Hook zum Vorschein, dann eine zweite, mit einem großen Gebäude darauf, und in der Ferne tauchte wie dichter Nebel das Land auf. Bei dem Anblick entstand großer Jubel, alle blickten nach dem Land, und das Signal ertönte.

»Was ist das?« fragte Wawrzon.

»New York,« erwiderte der neben ihm stehende Kaschube.

Da begann sich der Nebel zu lichten und zu verlieren; als der Schiffskiel die silberklare Flut immer weiter durchschnitt, traten allmählich die Umrisse von Häusern und Dächern hervor. Spitze Türme hoben sich immer deutlicher im Luftraume neben hohen Fabrikschloten ab und über den Schornsteinen stiegen Rauchsäulen in die Höhe. Unten vor der Stadt war ein Wald von Masten und auf ihren Spitzen Tausende von bunten Fähnlein, über welche die Brise wie über Wiesenblumen dahinwehte. Das Schiff kam immer näher und die schöne Stadt tauchte wie aus dem Wasser empor.

Da bemächtigte sich Wawrzons große Freude und Staunen, er zog die Mütze, machte den Mund auf und schaute und schaute. Dann an das Mädchen gewendet, sprach er: »Maryscha!«

»Vater?«

»Siehst Du die Stadt?«

»Ich sehe alles.«

»Wunderst Du Dich?«

»Ja, ich staune!«

»Aber Wawrzon bewunderte nicht nur, sondern war auch schon lüstern. Zu beiden Seiten der Stadt sah er grüne Ränder und dunkle Parkstreifen und sagte: »Gelobt sei Gott! Wenn sie uns nur gleich neben der Stadt ein Grundstück mit einer Wiese geben möchten, da wäre es näher zum Markt, und man könnte ein Schwein oder eine Kuh hintreiben und verkaufen. Menschen gibt es hier so viele wie Mohn. In Polen war ich ein Knecht und hier werde ich ein Herr sein.«

In diesem Augenblick entfaltete sich der herrliche »Nationalpark« in seiner ganzen Länge vor seinen Augen. Als er diese schönen Baumgruppen erblickte, sagte Wawrzon wieder: »Ich werde vor dem gnädigen Herrn Regierungskommissär einen tiefen Bückling machen und werde schön bitten, daß er uns von diesem Forst wenigstens zwei Hufen Landes schenke. Wenn es eine Gutsherrschaft ist, so ist es ein stattlicher Besitz. Gelobt sei Gott, ich sehe, der Deutsche hat mich nicht gefoppt!«

Auch Maryscha war über diese Herrlichkeiten erfreut und wußte selbst nicht, warum ihr ein Liedchen, das in Lipinze die Braut dem Bräutigam auf der Hochzeit sang, in den Sinn kam. Hatte sie vielleicht die Absicht, dem armen Jaschko etwas ähnliches vorzusingen, wenn er ihr nachkommen würde, wenn sie eine Gutsherrin sein wird?

Unterdessen legte ein kleines Fahrzeug von der Quarantäne beim Dampfer an. Vier oder fünf Mann kamen an Bord. Es begannen Gespräche und Zurufe. Bald darauf kam ein zweites Schiff aus der Stadt selber angedampft, welches Hotelagenten, Führer, Geldwechsler und Eisenbahnagenten brachte. Alle diese Leute schrien wirr durcheinander, drängten und tummelten sich auf dem Schiff. Wawrzon und Maryscha gerieten in ein Gewühl und wußten nicht, was beginnen.

Der Kaschube riet dem Alten, sein Geld zu wechseln und sich dabei nicht beschwindeln zu lassen, und Wawrzon befolgte seinen Rat. Für sein mitgebrachtes Geld bekam er siebenundvierzig Dollar in Silber.

Unterdessen hatte sich der Dampfer der Stadt so weit genähert, daß nicht nur die Häuser, sondern auch die auf dem Kai stehenden Menschen zu unterscheiden waren, und fortwährend kamen größere und kleinere Fahrzeuge vorbei; schließlich erreichte er die Werft und glitt in ein schmales Hafendock hinein. Die Reise war zu Ende.

Die Leute begannen aus dem Schiffe wie Bienen aus einem Bienenstock herauszuströmen. Über eine schmale Brücke, die von Bord ans Ufer führte, strömte eine buntscheckige Menschenmenge. Zuerst die erste und zweite Klasse und dann die mit ihrem Gepäck beladenen Zwischendeckpassagiere. Als Wawrzon und Maryscha, von der Menschenmenge gestoßen, sich der Brücke näherten, fanden sie dort den Kaschuben. Er drückte Wawrzons Hand kräftig und sagte: »Bruder, ich wünsche Dir und dem Mädchen Glück, Gott helfe Euch!«

»Vergelt es Gott!« entgegneten beide. Zu einem langen Abschiednehmen war aber keine Zeit. Der Menschenschwarm drängte sich über die schiefe Landungsbrücke und bald darauf befanden sie sich in einem geräumigen Zollgebäude. Der Zollwächter im grauen Rock mit Silbersternen zählte ihre Gepäckstücke, dann schrie er »all right!« und wies nach dem Ausgang. Sie befanden sich auf der Straße.

»Väterchen, was werden wir tun?« fragte Maryscha.

»Wir müssen warten. Der Deutsche hat gesagt, daß ein Kommissar von der Regierung herkommen würde, um nach uns zu fragen.«

Und so blieben sie bei der Wand stehen, den Kommissar erwartend, und unterdessen umgab sie der Trubel der unbekannten, riesengroßen Stadt. Etwas ähnliches hatten sie nie gesehen. Die Straßen dehnten sich geradlinig breit aus und Menschenmassen wogten hin und her wie auf einem Jahrmarkt. Auf der Fahrstraße fuhren Fiaker, Omnibusse und Frachtwagen und ringsum tönte eine seltsame, unbekannte Sprache, und Rufe von Arbeitern und Händlern erschollen überall. Öfter kamen ganz schwarze Menschen mit großen, kraushaarigen Köpfen vorüber. Bei ihrem Anblick bekreuzten sich Wawrzon und Maryscha andächtig. Diese lärmende, geräuschvolle Stadt mit Lokomotivenpfiffen, Wagengerassel und menschlichen Zurufen kam ihnen sonderbar vor. Dort liefen alle Leute so schnell, als würden sie verfolgt oder flöhen vor jemand. Und was für Menschenmassen, was für sonderbare Gesichter, bald schwarz, bald olivenfarben, bald rothäutig. Dort wo sie standen, neben dem Hafen, herrschte der größte Verkehr; von einem der Schiffe wurden Ballen abgeladen, Wagen fuhren in einem fort, Karren klapperten über die Brücken, es herrschte ein Trubel und Lärm wie in einer Sagemühle.

So verstrich eine und eine zweite Stunde. Die beiden Fremden an der Mauer warteten noch immer auf den Kommissär.

Dieser polnische Bauer mit langem, ergrauendem Haar, in einer eckigen Mütze mit Lammfellverbrämung, und dieses Mädchen aus Lipinze, mit Glasperlen am Hals, boten an dem amerikanischen Ufer in New Jork einen seltsamen Anblick.

Aber die Leute gingen an ihnen vorbei, ohne sie anzublicken, denn dort wundert man sich weder über Gesichter noch über irgendwelche Kleidungsstücke.

Es verfloß wiederum eine Stunde; der Himmel überzog sich mit Wolken, ein mit Schnee untermengter Regen begann zu fallen, vom Wasser wehte ein kalter, feuchter Wind . . .

Sie standen, auf den Kommissär wartend.

Die Bauernnatur war geduldig, aber es begann ihnen doch etwas schwer ums Herz zu werden.

Auf dem Schiffe fühlten sie sich vereinsamt inmitten von fremden Menschen und des ungeheuren Wassers, und sie beteten zu Gott, daß er sie wie verirrte Kinder über die Meeresuntiefen führen möge. Sie dachten, wenn sie nur den Fuß ans Land setzen, wird ihr Mißgeschick auch zu Ende sein. Jetzt, nachdem sie angekommen waren, fühlten sie sich inmitten der Großstadt und des Menschengewühls noch verlassener und einsamer, als auf dem Schiff.

Der Kommissar kam nicht. Was sollen sie beginnen, wenn er überhaupt nicht kommt, wenn der Deutsche sie genarrt hat?

Bei diesem Gedanken erzitterten die Bauernherzen vor Angst. Was sollen sie beginnen? Sie werden einfach zugrunde gehen.

Unterdessen drang der Wind durch ihre Kleider, der Regen durchnäßte sie.

»Maryscha, ist Dir kalt?« fragte Wawrzon.

»Ja, Väterchen,« antwortete das Mädel.

Die Stadtuhren schlugen noch eine Stunde, es begann dunkel zu werden. Im Hafen hörte der Verkehr auf und in den Straßen wurden die Laternen angezündet. Ein Lichtmeer flammte in der ganzen Stadt auf. die Hafenarbeiter sangen mit heiseren Stimmen »Yankee-Doodle« und zogen in größeren und kleineren Trupps nach Hause. Allmählich wurde der Kai ganz öde und das Zollgebäude wurde geschlossen.

Schließlich brach die Nacht herein und im Hafen ward es still, nur von Zeit zu Zeit strömten die finsteren Schiffsschlote zischend Funkengarben aus, oder eine Welle rauschte an dem steingefaßten Kai. Zuweilen ertönte ein Lied eines betrunkenen, zum Schiff heimkehrenden Matrosen, und der Lichtschein erblaßte. Sie warteten noch immer. Selbst wenn sie nicht hätten warten wollen, wohin sollten sie gehen, was sollten sie beginnen, wohin sich wenden, wo für ihre müden Häupter einen Unterschlupf suchen?

Die Kälte durchdrang sie immer empfindlicher und der Hunger begann sie zu quälen. Wenn sie wenigstens ein Dach über dem Kopf hätten, denn sie waren schon bis aufs Hemd durchnäßt. Ach, der Kommissär wird niemals kommen, denn solche Kommissäre gibt es überhaupt nicht. Der Deutsche war ein Agent der Transportgesellschaft und nahm Prozente pro Person und kümmerte sich um nichts weiter. Wawrzon fühlte, daß die Beine unter ihm wankten, daß eine Riesenlast ihn zu Boden drücke, daß Gottes Zorn wohl über ihm schweben müsse. Er litt und wartete, wie nur ein Bauer es vermag. Die Stimme des Mädchens, das vor Kälte zitterte, erweckte ihn aus seiner Betäubung.

»Väterchen!«

»Es gibt über uns kein Erbarmen.«

»Kehren wir nach Lipinze zurück.«

»Geh, ertränke Dich.«

»Gott! Gott!« flüsterte Maryscha leise.

Wawrzon wurde von einem ungeheuren Weh erfaßt. »O Du arme Waise! Daß Gott sich Deiner wenigstens erbarme.«

Aber sie hörte ihn nicht mehr. Das Haupt an die Wand lehnend, schloß sie die Augen und ein schwerer, fieberhafter Schlaf befiel sie und im Traum sah sie wie ein eingerahmtes Bildchen Lipinze vor sich und hörte ein Liedchen Jaschkos, des Pferdeknechtes.

Das erste Tagesgrauen im New-Yorker Hafen glitt über das Wasser, über die Masten und über das Zollgebäude dahin. In diesem Dämmerlichte sah man zwei schlafende Gestalten mit bleichen, blauangelaufenen Gesichtern und mit Schnee bedeckt, unbeweglich, als wären sie tot. Aber in ihrem Leidensbuch wurden erst die eisten Seiten umgeblättert, die weiteren werden wir nachfolgend erzählen.


II.
In New York.

Wenn man von der breiten Broadwaystraße gegen den Hafen, in der Richtung von Chatham-Square herabsteigt und einige anstoßende Gassen passiert, gelangt man in ein immer ärmeres, öderes und düsteres Stadtviertel. Die Gäßchen werden immer enger, die von den holländischen Ansiedlern noch erbauten Häuser hatten im Laufe der Zeit Risse bekommen und wurden windschief, die Dächer waren gebeugt, von den Mauern war der Mörtel abgefallen, und die Mauern selbst waren so eingesunken, daß die Fenster der Kellerwohnungen kaum den oberen Rand des Straßenniveaus erreichten. An Stelle der in Amerika so beliebten geraden Linien sind hier krumme Winkel, die Dächer und Wände bilden hier ein chaotisches Gewirr. In diesem Stadtteil, am Meeresufer gelegen, trocknen die Pfützen in den Straßen beinahe nie aus und die kleinen verbauten Plätze sind Tiefen mit sumpfigem, schwarzem Wasser. Die Fenster der schäbigen Häuserfassaden spiegeln sich düster in diesem Gewässer, dessen schmutzige Oberfläche mit allerhand Abfällen bedeckt ist. Ähnlich sind die ganzen Straßen, sie sind mit einer Kotschicht bedeckt. Überall sieht man hier Schmutz, Unordnung und menschliches Elend.

In diesem Stadtviertel befinden sich die Herbergen, in denen man für zwei Dollar die Woche Quartier und Verpflegung bekommen kann, hier sind auch die Schenken, in denen die Walfischfänger allerhand Landstreicher für ihre Schiffe anwerben. Hier sind auch die südamerikanischen Winkelagenturen, die den Kolonien des Äquators und dem Fieber eine stattliche Anzahl von Opfern liefern; Garküchen, die ihre Gäste mit gesalzenem Fleisch, verfaulten Austern und Fischen, die das Wasser selbst wahrscheinlich auf den Sand gespült hat, ernähren. Geheime Spielhäuser für Würfelspiel, chinesische Wäschereien und verschiedene Matrosenschlupfwinkel. Hier sind schließlich die Höhlen des Verbrechens, des Elends, des Hungers und der Tränen.

Und doch ist dieser Stadtteil verkehrsreich, denn diejenigen Emigranten, die in den Kasernen von Castle Garden nicht einmal eine momentane Unterkunft finden und nicht in die sogenannten Arbeiterhäuser gehen wollen, finden sich da, wohnen, leben und sterben hier. Anderseits kann man sagen, daß, wie die Auswanderer der Abschaum der europäischen Völker sind, so sind die Bewohner dieser Winkelgassen der Abschaum der Einwanderer. Diese Leute sind teilweise aus Arbeitsmangel, teilweise aus Vorliebe Müßiggänger. Hier ertönen auch nachts häufig Revolverschüsse. Hilferufe, heiseres Wutgeschrei. Gesänge betrunkener Irländer oder das Geheul der sich blutig schlagenden Neger. Am Tage schauen ganze Gruppen Vagabunden in zerfetzten Hüten, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen, Faustkämpfen zu und gehen dabei hohe Wetten ein für jedes ausgeschlagene Auge. Weiße und Negerkinder mit Krausköpfen, statt in der Schule zu sitzen, treiben sich in den Straßen umher und suchen im Kot die Überbleibsel von Gemüse, Pomeranzen und Bananen. Ausgemergelte irländische Weiber strecken die Hände einem besser gekleideten Passanten, wenn er sich dorthin verirrt, bettelnd entgegen.

In solch einem menschlichen Jammer finden mir unsere alten Bekannten Wawrzon Toporek und seine Tochter Maryscha. Die Domäne, die sie erhofften, war ein Traum und zerstob wie ein solcher, und die Wirklichkeit stellt sich uns jetzt in Gestalt eines engen, eingesunkenen, verfallenen Stübchens mit einem Fenster und ausgeschlagenen Scheiben dar. An den Stubenwänden ist Schimmel und Feuchtigkeit zu sehen. Bei der Wand steht ein verrosteter und defekter kleiner Eisenofen und ein Stuhl mit drei Füßen; in einer Ecke vertritt eine Schütte Gerstenstroh eine Lagerstätte – das ist alles.

Der alte Wawrzon kniet vor dem kleinen Ofen und sucht, ob sich in der erloschenen Asche nicht irgendwo eine Kartoffel versteckt hat, und dieses Suchen nimmt er schon den zweiten Tag vergebens vor. Maryscha sitzt auf dem Stroh, und die Knie mit den Händen umklammernd, starrt sie unbeweglich auf den Fußboden. Das Mädchen ist krank und ausgemergelt. Es ist wohl dieselbe Maryscha, aber ihre einst roten Backen sind tief eingefallen, die Gesichtsfarbe ist bleich und krankhaft, das ganze Gesicht klein und die Augen groß geworden; so stiert sie ins Leere. Auf ihrem Gesicht ist der Einfluß verdorbener Luft, Sorgen und einer elenden Ernährung zu erkennen. Sie nährten sich nur von Erdäpfeln, aber seit zwei Tagen waren auch diese ausgegangen. Jetzt wissen sie nicht mehr, was sie anfangen und wovon sie leben sollen. Es verstrich schon der dritte Monat, seit sie in dieser Höhle sitzen, und das Geld ist verbraucht. Der alte Wawrzon hat versucht, Arbeit zu erlangen, aber man verstand nicht einmal, was er wollte. Er ging nach dem Hafen, Lasten zu tragen und Kohlen auf die Schiffe zu laden, er hatte aber keine Karre, und überdies haben ihn die Irländer gleich tüchtig durchgebläut. Er wollte bei einem Dockbau mit seiner Hacke helfen, und wiederum wurde er verhauen. Außerdem, was ist das für ein Arbeiter, der nicht versteht, was man ihm sagt? Wo er die Hände rührte, was er auch angreifen wollte, wurde er gestoßen und geschlagen, und so fand er nichts und vermochte nirgends weder einen Pfennig zu verdienen noch zu erbetteln. Seine Haare wurden vor Gram weiß, die Hoffnung war erschöpft, das Geld war zu Ende und der Hunger stellte sich ein.

Zu Haus unter den Seinen, selbst wenn er alles verloren hätte, wenn eine Krankheit ihn befallen, oder wenn die Kinder ihn aus der Hütte gejagt hätten, nun, so würde er eben einen Stecken zur Hand genommen, sich an einem Kruzifix oder vor einer Kirchentür aufgestellt und gesungen haben. Manch vorüberfahrender Herr würde ein Zehnpfennigstück geben, oder eine gütige Dame eine kleine Gabe spenden. Manch Bauernweib würde etwas Speck geben, und man könnte leben wie ein Vogel, der weder säet noch erntet. Wenn er so unter den Seinen wäre, würde Gott sein Flehen erhören. Hier in dieser großen Stadt dröhnte alles wie in einer großen Maschine. Jeder raste nur so vorwärts, kümmerte sich nur um sich, so daß niemand fremdes Leid gewahrte. Hier wurde der Kopf schwindlig, die Hände wurden schwach, die Augen vermochten nicht alles, was auf sie eindrang, zu fassen. Hier war alles wunderlich fremd, verdrängend und auseinander treibend, so daß jeder, der sich in diesem Wirbel nicht mitzudrehen vermochte, aus dem Kreise flog und wie ein Tongefäß zerschellen mußte.

Ach, was für ein Unterschied! Im ruhigen Lipinze war Wawrzon ein Landwirt und Schöffenbeisitzer gewesen, besaß ein Gehöft, war geachtet und hatte jeden Tag sein Auskommen. Sonntags trat er vor den Altar mit einer Kerze, und hier war er der letzte von allen, war wie ein auf einen fremden Hof verirrter Hund, schüchtern, bebend, zusammengekauert und ausgehungert. In den ersten Tagen der Leidenszeit kamen oft die Erinnerungen, und sein Gewissen rief: »In Lipinze hast du es besser gehabt, warum hast du es verlassen?«

Warum, weil Gott ihn verlassen hatte.

Der Bauer hätte schließlich sein Kreuz geduldig getragen, wenn ein Ende seiner Leidenszeit abzusehen wäre. Er wußte aber, daß jeder Tag neue Prüfungen bringen und jeden Morgen die Sonne sein und des Mädchens Elend bescheinen würde. Also was beginnen?

Sollte er sich einen Strick drehen, ein Gebet hersagen und sich erhängen? Er hatte keine Furcht vor dem Tod, aber was wird mit der Dirne geschehen?

Wenn er an alles dies dachte, so fühlte er, daß er nicht nur Gott, sondern auch den Verstand verlieren wird. In dieser Finsternis gab es kein Licht, und den größten Schmerz vermochte er nicht einmal zu nennen. Der grüßte war das Heimweh nach Lipinze. Es plagte ihn Tag und Nacht, und um so schrecklicher, da er sich nicht erklären konnte, was es sei, was er vermißt und wonach seine Bauernseele sich so sehnt und sich vor Schmerz windet. Er brauchte, um leben zu können, seinen Kiefernforst, Felder und strohgedeckte Hütten, Herzen und Bauern, Geistliche und einen Streifen Heimatshimmel, der sich über ihm wölbte und womit das Herz so verwachsen war.

Der Bauer fühlte sein Elend, manchmal verspürte er Lust, sich beim Haar zu packen und mit dem Kopf gegen die Mauer zu rennen, oder sich zu Boden zu werfen und wie ein angeketteter Hund zu heulen, oder wie im Wahnsinn jemand zu rufen. Aber wen? das wußte er selbst nicht. Er duckte sich unter dieser unbekannten Bürde, und die fremde Stadt brauste über ihn hin. Er stöhnte und rief Jesus an, doch hier gab es nirgends ein Kreuz, wo er beten konnte, niemand antwortete, nur die Stadt tobte weiter; und auf der Pritsche saß die Dirne und heftete die Augen zu Boden, ausgehungert und lautlos leidend. Sonderbar! Sie saßen fortwährend zusammen und häufig sprach eins zum andern tagelang kein Wort. Sie lebten wie in einem großen Groll. Es wurde ihnen schwer, so zu leben, aber worüber sollten sie reden? Es ist besser, eiternde Wunden nicht zu berühren. Höchstens hätten sie darüber reden können, daß weder Geld in der Tasche, noch Erdäpfel im Ofen, noch ein Rat im Kopf vorhanden sei. Auf Hilfe konnten sie von niemand rechnen.

In New York leben sehr viele Polen, aber in der Gegend von Chatham-Square lebt kein wohlhabender Mensch. In der zweiten Woche nach ihrer Ankunft hatten sie zwar zwei polnische Familien kennen gelernt, eine aus Schlesien, die andere aus der Umgegend von Posen, aber auch sie nagten schon längst am Hungertuch. Den Schlesiern waren schon zwei Kinder gestorben, ein drittes war krank und trotzdem schlief es schon seit zwei Wochen mitsamt den Eltern unter einem Brückenbogen und alle ernährten sich nur davon, was sie auf den Straßen fanden. Später wurden sie auch ins Hospital genommen, und es war unbekannt, was mit ihnen geschehen war. Der zweiten Familie erging es gleichfalls schlecht und sogar noch schlimmer, denn der Vater ergab sich dem Trunk. Maryscha half der Frau solange sie konnte, aber jetzt war sie selbst hilfsbedürftig.

Sie hätte sich zwar mit dem Vater nach der polnischen Kirche in Hoboken begeben können und dem Geistlichen ihr Unglück mitteilen, aber wußten sie denn, ob irgendeine polnische Kirche oder ein polnischer Geistlicher vorhanden war? Konnten sie sich denn mit jemand verständigen? Auf diese Weise war für sie jeder verausgabte Cent eine neue Stufe, die in den Abgrund führte.

Jetzt saß Maryscha bei dem Öfchen auf dem Stroh, und die Stunden verstrichen. In der Stube wurde es immer dunkler, obgleich es Mittagszeit war, aber dem Wasser entstieg ein Nebel, wie gewöhnlich im Frühling, ein schwerer, durchdringender Nebel. Obwohl die Luft draußen schon warm war, zitterten beide in der Kammer vor Kälte.

Wawrzon verlor schließlich die Hoffnung, etwas in der Asche zu finden, und sagte zu Maryscha: »Ich kann es nicht mehr aushalten, ich werde ans Wasser gehen, Holz herauszufischen, damit wir wenigstens den Ofen heizen können, und vielleicht finde ich was zum Essen.«

Sie erwiderte nichts, und so ging er. Er hatte es schon gelernt, am Hafen Kisten und Bretter aufzufangen, die das Wasser ans Ufer schwemmt. So machten es alle, die kein Geld hatten, Kohlen zu kaufen. Oft kriegte er bei solchem Fange Rippenstöße, manchmal fand sich auch etwas Eßbares, Überreste, die von den Schiffen hinausgeworfenen Abfälle, und so vergaß er zeitweilig sein Unglück und das Heimweh, das am meisten an ihm zehrte.

Schließlich langte er beim Wasser an und da es die Lunchzeit war, trieben sich am Kai einige kleine Burschen herum, die ihn gleich anzuschreien begannen, ihn mit Kot und Muscheln bewarfen, aber schlagen konnten sie ihn schließlich nicht. Viele Brettchen schwammen auf dem Wasser, eine Welle brachte sie näher, eine andere entführte sie wieder, aber bald hatte er eine Anzahl herausgefischt.

Auch kleine grüne Häufchen schaukelten auf der Flut, es war vielleicht etwas Eßbares drin, aber wahrscheinlich kamen sie nicht ans Ufer und so konnte er ihrer nicht habhaft werden. Die Burschen warfen Schnüre danach aus und zogen sie auf diese Weise heran; da er aber keine Schnur hatte, schaute er nur gierig zu, wartete, bis die Buben fortgingen, und durchstöberte dann noch einmal die Überreste, und was ihm eßbar vorkam, verschlang er gierig.

Aber das Schicksal sollte ihm hold sein. Als er heimging, begegnete ihm ein großer Wagen mit Kartoffeln, der auf dem Wege nach dem Hafen in einem Straßenloch stecken geblieben war und sich nicht vom Fleck rühren konnte.

Wawrzon griff sogleich in die Speichen und begann mit dem Fuhrmann zusammen die Räder zu schieben. Es ging schwer, aber schließlich zogen die Pferde an, der Wagen ging vorwärts und da er übervoll befrachtet war, schüttete sich ein Teil der Erdäpfel aus und fiel in den Kot. Der Fuhrmann dachte nicht daran, sie aufzulesen, dankte Wawrzon für die Hilfe, schrie den Pferden »Get up« zu und fuhr davon. Wawrzon fiel gleich über die Kartoffeln her, las sie gierig mit zitternden Händen auf. barg sie zwischen Rock und Brust und sogleich zog Hoffnung in sein Herz, und so brummte der Bauer auf dem Heimweg leise: »Gott sei Lob und Dank, daß er mit unseren Leiden ein Ansehen hat. Holz ist da, das Mädel wird Feuer machen, und die Erdäpfel werden für zwei Mahlzeiten reichen. Der Herr ist barmherzig. In der Stube wird es bald gemütlicher werden. Das Mädel hat schon anderthalb Tage nichts gegessen, und so wird es sich freuen.«

So spintisierend, schleppte er mit einer Hand die Bretter und untersuchte alle Augenblicke mit der andern, ob die zwischen Hemd und Rock befindlichen Erdäpfel nicht hinausfielen. Er trug einen großen Schatz und so schlug er dankbar die Augen zum Himmel und sagte: »Ich glaubte schon, ich würde stehlen müssen und nun haben wir zu essen, der Herr ist barmherzig. Wenn Maryscha nur erfahren wird, daß ich Kartoffeln habe, wird sie gleich vom Stroh aufstehen.«

Mittlerweile hatte sich Maryscha nicht vom Fleck gerührt. So war es jeden Tag: wenn Wawrzon in der Frühe Holz brachte und sie Feuer gemacht hatte, saß sie dann stundenlang und starrte ins Feuer. Seinerzeit hatte sie ebenfalls Arbeit gesucht, sie war sogar einmal in einem Gasthaus zum Geschirrspülen und Scheuern angenommen worden, da man sich aber nicht mit ihr verständlich machen konnte, führte sie die Anordnungen schlecht aus, und man gab ihr nach zwei Tagen den Laufpaß. Dann fand sie auch nichts mehr zu tun. Sie hockte tagelang zu Haus, fürchtete sich auf die Gasse zu gehen, denn dort wurde sie von Irländern und betrunkenen Matrosen attackiert.

Dies Müßiggehen machte sie noch unglücklicher und das Heimweh verzehrte sie wie Rost das Eisen. Sie war sogar unglücklicher als Wawrzon; denn zum Hungern, zu all den Qualen, die sie ertrug, und zu der Überzeugung, daß es für sie weder eine Hilfe noch ein »morgen« gab, zum furchtbaren Heimweh nach Lipinze gesellte sich noch der niederdrückende Gedanke an Jaschko. Er hatte ihr zwar zugeschworen und gesagt: »Wohin Du Dich wenden wirst, werde ich mich auch wenden,« aber sie ging fort, um eine Gutsbesitzerin und große Herrin zu werden, und wie hat sich nun alles verändert.

Er war ein herrschaftlicher Knecht, hatte sein ererbtes Vermögen, und sie ist so arm und so hungrig wie eine Kirchenmaus in Lipinze. Wird er herkommen? Und selbst wenn er käme, wird er sie an die Brust drücken und sagen: »Du mein armes Täubchen!« oder »Schere Dich fort, Du Bettlertochter!« Was für eine Morgengabe hat sie jetzt? Lumpen! In Lipinze würden die Hunde sie jetzt anbellen, und doch zieht sie ein Etwas dahin, daß sie wie eine flinke Schwalbe über die Gewässer dahinfliegen möchte, wenn auch nur, um dort zu sterben. Ob Jaschko nun ihrer gedenkt – nur bei ihm wäre Freude und Glück!

Wenn im Öfchen das Feuer brannte und der Hunger nicht allzu groß war wie heute, so erzählten ihr die zischenden, emporschießenden Funken von Lipinze und brachten ihr in Erinnerung, wie sie vormals mit andern Mädchen bei der Lampe zu sitzen pflegte und Jaschko ihr zurief: »Maryscha, wir werden zum Geistlichen gehen, denn ich hab' Dich lieb!« Und sie antwortete ihm: »Still, Du Schalk!« Und ihr war so wohl, so lustig zumute wie damals, als er sie aus einer Ecke in die Mitte der Stube zum Tanz hinzog, und sie die Augen mit den Händen bedeckte und flüsterte: »Geh weg, denn ich schäme mich!« Wenn die Flammen sie daran erinnerten, so ergossen sich Tränen über ihr Gesicht. Aber jetzt gab es in den Augen ebensowenig Tränen wie im Öfchen ein Feuer, denn sie hatte bereits so viel Tränen vergossen, daß sie keine mehr hatte. Sie verspürte große Ermüdung und Erschöpfung, es fehlten ihr sogar die Gedanken und sie duldete demütig, mit großen Augen vor sich hinstierend, wie ein Vogel, den man peinigt.

Plötzlich rührte jemand an der Stubentür. Maryscha glaubte, es sei der Vater und richtete nicht einmal den Kopf empor, bis sich eine fremde Stimme vernehmen ließ: »Look here!« Es war der Eigentümer des baufälligen Hauses, in welchem sie wohnten, ein alter Mulatte mit einem unheimlichen Gesicht, schmutzig und schäbig, die Backen mit Kautabak ausgestopft.

Als sie seiner ansichtig wurde, erschrak das Mädchen sehr. Sie hatten für die folgende Woche einen Dollar zu zahlen und besaßen keinen Cent mehr. Nur mit Unterwürfigkeit konnte sie etwas ausrichten, und auf ihn zugehend, umfaßte sie leise seine Knie und drückte einen Kuß auf seine Hand.

»Ich komme wegen des Dollars,« sagte er.

Sie verstand das Wort Dollar und mit dem Haupte schüttelnd, die Ausdrücke verwechselnd und ihn gleichzeitig flehentlich anblickend, bemühte sie sich, ihm verständlich zu machen, daß sie nichts besäßen, daß sie schon den zweiten Tag nichts gegessen hätten, und daß er sich ihrer erbarmen möge, Gott werde es dem gnädigen Herrn vergelten, fügte sie auf polnisch hinzu, ohne zu wissen, was reden und tun.

Der gnädige Herr verstand zwar nicht, daß er gnädig sei, verstand aber, daß er den Dollar nicht bekomme. Er faßte mit einer Hand die Bündel mit ihren Sachen zusammen, mit der andern ergriff er das Mädchen am Arm, drängte es sachte die Stiege hinauf, auf die Gasse hinaus und warf die Sachen zu seinen Füßen nieder. Mit gleichem Phlegma öffnete er die Tür der anstoßenden Schenke und rief: »He, Paddy, es ist eine Stube für Dich da.«

»All right,« antwortete irgendeine Stimme aus dem Innern, »ich werde für die Nacht kommen.«

Der Mulatte verschwand dann im dunklen Hausflur, und das Mädel blieb allein auf der Straße. Es stapelte die Bündel in einer Wandnische auf, damit sie nicht im Kot herumliegen, und setzte sich daneben, demütig und still wie immer.

Die betrunkenen Irländer, die die Straße passierten, belästigten Maryscha diesmal nicht. In der Stube war es dunkel, auf der Straße aber sehr hell und in diesem Licht erschien das Gesicht des Mädchens so elend, wie nach einer schweren Krankheit. Nur das blonde Flachshaar war unverändert, aber die Lippen waren blau, die Augen eingefallen und umrändert, die Backenknochen ragten hervor und sie sah aus wie eine verwelkte Blume oder wie ein Mädchen, das im Sterben liegt.

Die Vorübergehenden blickten sie mit einem gewissen Mitleid an. Eine alte Negerin fragte sie etwas, aber da sie keine Antwort bekam, ging sie verletzt von dannen.

Mittlerweile eilte Wawrzon mit einem frohen Gefühl nach Haus. Er hatte Erdäpfel, und er dachte, wie sie essen würden, wie er morgen wiederum neben Frachtwagen einhergehen wollte, und weiter dachte er in diesem Augenblick noch nicht, denn er war zu hungrig. Von weitem sah er auf dem Straßenpflaster vor dem Hause die Dirne stehen, verwunderte sich sehr und beschleunigte seine Schritte.

»Was stehst Du hier?«

»Väterchen, der Wirt hat uns hinausgejagt.«

»Hinausgeworfen?«

Das Holz entfiel den Händen des Bauers. Das war zu viel. Jetzt, in diesem Augenblick, wo es Erdäpfel und Holz gab, sie hinauszuwerfen! Was sollen sie jetzt beginnen, wo die Kartoffeln braten, damit sie sich stärken, und wohin gehen? Wawrzon schleuderte die Mütze dem Holze nach in den Kot. »Jesus! Jesus!« Er drehte sich um sich selbst, machte den Mund auf, blickte das Mädchen irr an und wiederholte noch einmal: »Hinausgeworfen?«

Dann machte er Anstalt zu gehen, kehrte aber um und seine Stimme klang dumpf rasselnd und drohend, als er wieder das Wort ergriff: »Warum hast Du ihn nicht gebeten?«

Sie seufzte. »Ich habe ihn gebeten.«

»Hast Du seine Knie umfaßt?«

»Ja.«

Wawrzon drehte sich wieder wie ein aufgespießter Wurm auf dem Fleck herum. Vor den Augen wurde es ihm ganz dunkel. »Daß Du krepierst!« schrie er.

Das Mädchen schaute ihn schmerzlich an. »Väterchen, was bin ich schuld?«

»Bleib da stehen, rühr Dich nicht vom Fleck. Ich werde ihn bitten, daß er wenigstens erlaubt, die Erdäpfel zu braten.«

Er ging. Bald darauf ließ sich im Hausflur ein Lärm, Stampfen von Füßen und laute Stimmen vernehmen, und dann kam Wawrzon auf die Straße gestürzt, offenbar von einer starken Hand hinausgestoßen. Er stand ein Weilchen, dann sagte er zum Mädchen kurz: »Komm!«

Sie beugte sich, um die Bündel aufzuheben. Für ihre erschöpften Kräfte waren sie ziemlich schwer, aber er half ihr nicht, als hätte er sie vergessen, als sähe er nicht, daß das Mädchen sie kaum zu tragen vermochte. Sie gingen. Zwei solche elenden Gestalten wie die des Alten und des Mädchens hätten die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich gelenkt, wenn diese nicht an den Anblick von Elend gewöhnt wären. Wohin sollten sie gehen? Welcher Finsternis, welchem weiteren Unglück, welcher weiteren Marter entgegen?

Der Atem Maryschas wurde immer schwerer und keuchender, sie wankte einmal über das andere auf den Beinen. Schließlich sagte sie mit bittender Stimme: »Väterchen, nimm das Gelumpe, denn ich kann nicht mehr.«

Als erwache er aus einem tiefen Traume, sagte er: »So wirf die Fetzen weg.«

»Wir werden sie brauchen.«

»Nein, wir werden sie nicht brauchen.«

Plötzlich bemerkte er, daß das Mädchen zauderte. Er schrie wütend: »Wirf sie weg, denn ich schlage Dich tot!«

Erschreckt befolgte sie es jetzt, und sie gingen weiter. Der Bauer wiederholte noch einigemal: »Wenn es sein soll, wenn es sein soll!« Dann verstummte er, aber seine Augen funkelten unheimlich.

Durch immer kotigere Gäßchen näherten sie sich dann dem untersten Ende des Hafens und gelangten auf eine große, auf Pfählen ruhende Brücke. Sie gingen an einem Gebäude mit der Aufschrift: »Sailor's asylum« vorüber und gingen bis hart ans Wasser. An dieser Stelle wurde ein neues Dock gebaut. Die großen Gerüste zum Einrammen der Pfähle ragten weit über das Wasser hinaus, und zwischen den Brettern und Balken beeilten sich die Leute, beim Bau beschäftigt.

Maryscha setzte sich nieder, denn sie konnte nicht weiter gehen. Wawrzon setzte sich schweigend neben sie.

Es war schon vier Uhr nachmittags. Der ganze Hafen war voll Leben und Bewegung. Der Nebel hatte sich schon gelichtet und die hellen Sonnenstrahlen beschienen mit ihrem mitleidigen und warmen Lichte die beiden Elenden. Das Wasser strömte einen erfrischenden, heiteren Odem aus. Ringsum gab es so viel Himmelsbläue und Licht, daß die Augen unter dieser Fülle geblendet wurden. Die Meeresflut verschmolz in der Ferne harmonisch mit dem Horizont. In dem blauen Luftraum sah man Masten, Schlote und Fahnen, die von der Brise leicht bewegt wurden. Die Fahrzeuge erschienen am Horizont, als schwämmen sie in die Höhe oder tauchten aus dem Wasser empor. Ihre aufgeblähten, wolkenartig ganz in Strahlen getauchten Segel hoben sich mit blendender Weiße vom blauen Wasserspiegel ab. Andere Schiffe fuhren ins offene Meer hinaus, das Fahrwasser hinter sich mit dem Kiel aufwühlend. Sie nahmen den Weg in der Richtung von Lipinze, für sie beide also ein verlorenes Glück.

Das Mädchen dachte darüber nach, womit sie so sehr gesündigt, wodurch sie sich an Gott vergangen haben könnte, daß er so ohne Erbarmen sein Antlitz abgewandt, sie unter fremden Menschen vergessen und an diese ferne Küste geschleudert hatte. Lag es doch in seiner Hand, ihnen das Glück wiederzugeben. Viele Schiffe fuhren nach jener Seite in die See, aber alle ohne sie. Maryschas müder armer Gedanke flog noch einmal nach der Richtung von Lipinze und zu dem Pferdeknecht Jaschko. Denkt er noch an sie? Im Glück vergißt man, aber nicht im Unglück, in der Verlassenheit. Da rankt sich der Gedanke um die geliebten Gestalten, wie der Hopfen um eine Pappel. Aber er? Vielleicht hat er die alte Liebe schon verschmäht und Brautwerber schon nach einer anderen Hütte geschickt. Er würde sich einer so armen Dirn doch nur schämen, die außer einem Rautenkranz nichts ihr eigen nennt, und um welche der Tod höchstens noch Bewerber schickt. Da sie krank war, merkte sie nichts vom Hunger, aber vor Schwäche bemächtigte sich ihrer der Schlaf, die Lider schlossen sich und das bleiche Gesicht senkte sich auf die Brust.

Zeitweilig erwachte sie und machte die Augen auf, dann schloß sie sie wieder. Sie träumte, daß sie über Klüfte und Abgründe streifte, wie jene Kathi im Volksliede falle, daß Jaschko ihr vom hohen Berg eine seidene Schnur reiche, die aber nicht auslangt, und die Arme den Haarzopf verliert. Hier erwachte sie jäh, denn es schien ihr, daß sie in einen Abgrund stürzt.

Der Traum verflüchtigte sich. Nicht Jaschko saß neben ihr, sondern Wawrzon, und nicht der Dunajecfluß war zu sehen, sondern der New Yorker Hafen mit seinen Werften, Gerüsten, Masten und Schiffsschloten. Wiederum stachen etliche Schiffs in die offene See und von ihnen scholl Gesang herüber. Der stille, warme, klare Frühlingsabend begann Wasser und Himmel in Purpur zu tauchen. Die Meeresflut ward spiegelglatt, jedes Schiff, jeder Pfahl spiegelte sich so wider, als wäre unten am Boden derselbe Gegenstand noch einmal, und ringsum war es wunderschön. Eine Glückseligkeit und Besänftigung durchströmte die Luft, es schien, daß die ganze Welt sich freue, nur sie beide waren die Unglückseligen und Vergessenen.

Die Arbeiter begannen nach Haus zu gehen, nur sie beide hatten kein Heim. Immer stärkerer Hunger begann mit eiserner Hand Wawrzons Eingeweide aufzuwühlen. Der Bauer saß finster und trübselig, aber ein schrecklicher Entschluß prägte sich auf seinem Gesicht aus. Der Hunger hatte einen tierischen und verzweifelten Ausdruck hervorgerufen, wie bei einem Gestorbenen. Er redete kein Wort, erst als die Nacht anbrach, als der Hafen ganz verödet war, sagte er mit wunderlicher Stimme: »Maryscha, gehen wir!«

»Wohin werden wir gehen?« fragte sie schlaftrunken.

»Nach den Brücken über dem Wasser, wir wollen uns auf die Bretter legen und schlafen.«

Sie gingen. In der großen Dunkelheit mußten sie sehr vorsichtig gehen, um nicht ins Wasser zu fallen. Die Hängewerke aus Planken und Balken bildeten durch zahlreiche Krümmungen und Windungen einen schmalen Gang, an dessen Ende sich eine Plattform befand und dahinter ein Rammbock zum Einlassen der Pfähle. Auf dieser Plattform standen die Leute beim Ziehen der Seile, jetzt aber war sie leer.

»Hier werden wir schlafen,« sagte Wawrzon.

Maryscha warf sich sofort auf die Bretter und obgleich sie von Moskitoschwärmen überfallen wurde, schlief sie sofort ein.

Mitten in der Nacht weckte sie der Vater jäh auf. »Maryscha, steh auf!«

Es lag etwas in dem Ruf, das sie sofort wach machte. »Was willst Du. Väterchen?«

In der Stille der Nacht klang die Stimme des alten Bauern dumpf und schrecklich, aber ruhig: »Mädel, Du sollst nicht Hungers sterben. Du sollst nicht betteln gehen, Du sollst nicht im Freien schlafen. Gott und die Menschen haben Dich verlassen, das Elend hat Dich zugrunde gerichtet, so soll der Tod sich Deiner erbarmen. Das Wasser ist hier tief, Du wirst Dich nicht quälen.«

In der Dunkelheit konnte sie den Vater nicht sehen, obgleich sich ihre Augen vor Entsetzen weit aufrissen.

»Ich werde erst Dich, Arme, dann mich selbst ertränken,« fuhr er fort, »für uns gibt es keine Rettung, über uns kein Erbarmen, morgen wirst Du keinen Hunger mehr haben, morgen wird Dir besser sein als heute . . .«

Nein, sie wollte nicht sterben! Sie war achtzehn Jahre alt und hing am Leben, wie die Jugend es mit sich bringt. Ihre ganze Seele sträubte sich bis in die Tiefe bei dem Gedanken, daß sie morgen eine Ertrunkene sein, daß sie in irgendeine Finsternis kommen und im Wasser unter Fischen und Reptilien auf schlammigen Grund liegen solle. Unbeschreiblicher Ekel und Schrecken bemächtigten sich ihrer und der leibliche Vater, der so in der Dunkelheit redete, erschien ihr wie ein böser Geist.

Während dieser Zeit ruhten seine beiden Hände auf ihren abgemagerten Armen und er redete in einem fort mit schrecklichster Ruhe: »Selbst wenn Du schreien solltest, wird Dich niemand hören, ich werde Dich nur hinunterstoßen und es wird nicht solange dauern, wie zweimal das Vaterunser zu beten.«

»Ich will nicht, Väterchen, ich will nicht!« rief Maryscha. »Fürchtest Du denn nicht Gottes Strafe, liebes, goldenes Väterchen? Erbarmt Euch meiner! Was habe ich Euch getan? Ich murrte doch nicht über mein Unglück, ich habe doch mit Dir Hunger und Kälte ertragen, Väterchen!« Ihr Atem begann rasch zu gehen, ihre Hände krallten sich wie Zangen zusammen, sie bat sich immer verzweifelter vom Tod los: »Erbarmt Euch! Habt Erbarmen, Erbarmen! Ich bin doch Euer Kind, ich bin arm und krank, ich habe ohnehin nicht mehr lange zu leben, ich fürchte mich so!«

So stöhnend, klammerte sie sich an seinen Bauernkittel und drückte flehentlich den Mund auf seine Hände, die sie in den Abgrund stoßen wollten. Aber das alles schien ihn nur noch anzutreiben. Seine Ruhe ging in Wahnsinn über. Er begann zu keuchen und zu röcheln, dann trat zwischen ihnen wieder Stille ein, und wer am Ufer stände, hätte nur ein Herumzerren und ein Brettergekrache vernommen. Es war tieffinstere Nacht und Hilfe konnte von nirgends kommen, denn hier war das äußerste Hafenende und selbst am Tag gab es hier außer den beim Dockbau beschäftigten Arbeitern niemand.

»Erbarmen! Erbarmen!« rief Maryscha markerschütternd.

In demselben Augenblick zog er sie mit der einen Hand gewaltsam an den äußersten Rand des Gerüstes und mit der andern begann er sie auf den Kopf zu schlagen, um ihre Hilferufe zu unterdrücken. Aber auch so erweckte dieses Schreien kein Echo, nur ein Hund heulte in der Ferne.

Das Mädchen fühlte, daß es schwach wurde, schließlich stießen seine Füße auf einen leeren Raum, nur die Hände hielten sich noch am Vater fest, wurden aber kraftlos. Die Hilferufe wurden immer leiser, die Hände rissen ein Stück des Bauernkittels los, und Maryscha fühlte, daß sie in den Abgrund stürzte. Sie stürzte auch wirklich von der Plattform herunter, aber unterwegs klammerte sie sich an den Bohlen fest und blieb über dem Wasser hängen. Der Bauer beugte sich hinüber und, o Graus! begann ihre Hand loszumachen. Die Gedanken zogen wie ein Schwarm aufgestöberter Vögel durch ihr Haupt, ihr blitzartig Bilder von Lipinze vorspiegelnd: Der Ziehbrunnen, die Abreise, das Schiff, der Sturm, die Litanei, das New-Yorker Elend, und schließlich, was geht denn mit ihr vor? Sie sieht ein ungeheures Schiff mit hoch geschwungenem Bugspriet, darauf eine Menschenmenge, und aus dieser Menge strecken sich ihr zwei Hände entgegen: Um Gottes willen! dort steht ja Jaschko. Jaschko streckt die Hände aus, und über dem Schiff und über Jaschko schwebt die lächelnde Mutter Gottes in großem Glanz. Bei diesem Anblick drängt sie durch die Menschenmenge am Ufer. Heiligste Jungfrau! Jaschko! Jaschko! Noch eine Weile . . . zum letztenmal schlägt sie die Augen zum Vater auf: »Väterchen! Dort ist die Mutter Gottes! Dort ist die Mutter Gottes!«

Dieselben Hände, die sie ins Wasser stießen, erfassen jetzt ihre erschlaffenden Hände und ziehen sie mit einer übermenschlichen Kraft empor. Sie fühlt wieder unter ihren Füßen die Bretter des Gerüstes, wiederum umfassen sie die Arme eines Vaters und nicht eines Henkers, und ihr Haupt sinkt an die väterliche Brust.

Aus der Ohnmacht erwachend, bemerkte sie, daß sie ruhig neben dem Vater lag, aber obwohl es dunkel war, sah sie, daß auch er ausgestreckt lag, und daß ein dumpfes, klägliches Schluchzen ihn erschütterte und seine Brust zerriß.

»Maryscha,« ließ er sich schließlich mit einer von Schluchzen unterbrochenen Stimme vernehmen, »vergib mir, mein Kind . . .«

Das Mädchen faßte im Dunkeln nach seinen Händen, und die Lippen darauf drückend, sagte sie: »Väterchen, der Herr Jesus möge Euch so vergeben, wie ich vergebe.«

Am Horizont kam die große, volle, klare Mondscheibe zum Vorschein, und wiederum geschah etwas Seltsames. Maryscha erblickte wie im Traume ganze Schwärme kleiner Engel, goldigen Bienen ähnlich, auf den Strahlen zu ihr niederschwebend; mit den Fittichen rauschend und sich windend, fangen sie mit Kinderstimmen: »Du gemartertes Mädchen, Friede mit Dir, armes Vöglein. Friede Dir, Du geduldiges, ergebenes Feldblümlein! Friede mit Dir!« So singend, bestreuten sie sie mit weißen Lilienkelchen und mit weißen silbernen Glockenblümlein: »Schlaf, Mädchen, schlafe, schlafe.« Und ihr ward so gut und ruhig ums Gemüt, daß sie tatsächlich einschlief.

Die Nacht verstrich und es tagte. Die Morgenröte erhellte das Wasser. Die Mäste und Schlote begannen aus dem Schatten emporzutauchen und wie näher zu kommen, Wawrzon kniete schon gebeugt über Maryscha.

Er dachte, sie sei gestorben. Ihre schlanke Gestalt lag unbeweglich, ihre Augen waren geschlossen, und ihr Gesicht war so bleich wie ein Linnentuch, mit bläulichen Schatten, ruhig, wie leblos. Der Alte rüttelte sie vergeblich am Arm, sie rührte sich nicht. Wawrzon glaubte, daß er wohl auch sterben würde, aber als er die Hand an ihren Mund führte, merkte er, daß sie noch atme. Ihr Herz schlug nur noch schwach, und er meinte, daß sie jeden Moment sterben könne. Vielleicht, wenn die Sonne sie erwärmt, wird sie sich erholen, sonst nicht.

Die Möwen begannen, wie um sie besorgt, über ihr zu schweben, manche ließen sich auf die in der Nähe befindlichen Pfähle nieder. Allmählich lichtete sich der Nebel, der Windhauch war lenzlich warm und würzig. Dann ging die Sonne auf, und ihre Strahlen fielen zuerst auf die Spitze des Gerüstes, dann warf sie ihr goldiges Licht auf Maryschas lebloses Gesicht. Sie schien sie zu küssen, zu liebkosen und zu besänftigen. In diesen Reflexen mit dem Kranze hellblonden Haares, das vom nächtlichen Kampfe und der Feuchtigkeit aufgelöst war, sah Maryscha aus wie ein Engel.

Ein herrlicher rosiger Tag stieg aus dem Wasser empor. Die Sonne leuchtete immer stärker, der Wind hauchte mitleidig über das Mädchen hin, die Möwen, sich im Kreise drehend, kreischten, als wollten sie sie aufwecken. Wawrzon zog seinen Bauernrock aus und deckte damit ihre Füße zu, und Hoffnung begann in sein Herz einzuziehen.

Die bläuliche Farbe wich allmählich aus ihrem Gesicht, die Wangen wurden von einer leichten Röte überzogen, sie lächelte ein über das andere Mal, und schließlich schlug sie die Augen auf.

Da kniete der alte Bauer auf der Brücke nieder, heftete die Augen gen Himmel, und die Tränen rannen über sein gerunzeltes Gesicht. Er fühlte, daß dieses Kind jetzt sein Augapfel und seine Seele und wie ein Heiligtum über alles von ihm geliebt sei.

Sie erwachte gesünder und frischer als gestern. Die reine Hafenluft war für sie gesünder als die Vergiftete Stubenatmosphäre. Sie kehrte tatsächlich zum Leben zurück, denn sie rief: »Väterchen, ich habe starken Hunger!«

»Komm. Töchterchen, ans Wasser, vielleicht findet sich dort etwas.« sagte der Alte.

Sie erhob sich ohne Anstrengung und ging mit.

Aber dieser Tag sollte augenscheinlich eine Ausnahme in ihrer Leidenszeit sein, denn kaum hatten sie einige Schritte zurückgelegt, erblickten sie knapp neben sich auf dem Gerüste ein zwischen zwei Balken eingeschobenes Tuch und darin eingewickelt Brot, gekochten Mais und gesalzenes Fleisch. Einer der Werftarbeiter hatte sich gestern einen Teil seines Frühstücks für heute aufgehoben. Die dortigen Arbeiter haben diese Gewohnheit, aber Wawrzon und Maryscha erklärten sich das noch einfacher. Wer hat diese Nahrung hingelegt? Nach ihrer Meinung derjenige, der an jedes Blümlein, Vöglein, Graspferdchen und Ameise denkt, Gott! Sie verrichteten das Morgengebet, aßen, obwohl nicht viel da war, und gingen am Wasser entlang bis zu dem Hauptdock. Neue Kräfte kehrten bei ihnen ein.

Als sie das Zollgebäude erreichten, bogen sie in die Water Street gegen Broadway zu ein. Die Rastpausen eingerechnet, brauchten sie dazu mehrere Stunden, denn der Weg war weit. Zeitweilig setzten sie sich auf Bretter oder auf leere Schiffskisten. Sie gingen, ohne selbst zu wissen weshalb, aber Maryscha hatte den Einfall, durchaus nach der Stadt zu gehen. Unterwegs begegneten sie vielen nach dem Hafen fahrenden Wagen. In der Water Street herrschte schon ein lebhafter Verkehr. Die Leute kamen aus den Häusern und gingen eilig an ihre Tagesbeschäftigungen. An einem Tor erschien ein hoher, grauhaariger schnurrbärtiger Herr mit einem Jüngling. Er blickte sie und ihre Kleider an, und auf seinem Gesicht prägte sich Verwunderung aus, dann betrachtete er sie noch aufmerksamer und lächelte.

Ein in New Jork ihnen freundlich zulächelndes Gesicht war ein Wunder, so daß beide bei diesem Anblick erstaunten. Unterdessen kam der grauhaarige Herr näher und fragte im reinsten Polnisch: »Leute, woher seid Ihr?« Es war, als hätte sie ein Donner gerührt, und statt zu antworten, wurde der Bauer blaß wie eine Wand und schwankte auf den Beinen, weder seinen Ohren noch seinen Augen trauend.

Maryscha faßte sich zuerst, umfaßte die Knie des alten Herrn mit den Händen und begann zu rufen: »Aus der Gegend von Posen, gnädiger Herr, aus der Gegend von Posen!«

»Was macht Ihr hier?«

»Teurer Herr, wir leben in großem Elend und hungern.«

Hier ging Maryscha die Stimme aus, und Wawrzon warf sich gleichfalls zu den Füßen des Herrn nieder und begann seinen Rockschoß zu küssen, wähnend, ein Stückchen Himmel erwischt zu haben. Dies ist ein großer Herr und obendrein ein Einheimischer, er wird sie nicht Hungers sterben lassen, er wird helfen.

Der Junge, der mit dem grauhaarigen Herrn war, riß die Augen weit auf; Leute begannen sich auf der Gasse anzusammeln und sich zu wundern, daß ein Mensch vor dem andern kniet und die Füße küßt, in Amerika ist das eine unbekannte Sache. Aber der alte Herr begann sich über die Gaffer zu ärgern. »Das ist nicht Euer Geschäft,« sagte er zu ihnen auf englisch, »geht an Eure Geschäfte.« Dann wendete er sich an Wawrzon und Maryscha: »Wir wollen nicht auf der Straße stehen bleiben, folgt mir.«

Er führte sie in das nächstgelegene Speisehaus und schloß sich mit ihnen und dem Jüngling ein. Sie begannen wieder ihm zu Füßen zu fallen, er aber wehrte sich dagegen und brummte ärgerlich: »Hört mit diesen Sachen auf! Wir sind doch aus einer Gegend, mir sind die Kinder einer . . . Mutter.«

Hier begann offenbar der Rauch einer Zigarre, die er rauchte, ihm in den Augen zu beißen, denn er wischte sich die Augen.

»Seid Ihr hungrig?«

»Wir haben zwei Tage nichts gegessen, nur das, was wir heute am Wasser gefunden haben.«

»William,« sagte er zum Jungen, »laß ihnen zu essen geben.« Dann fragte er weiter: »Wo wohnt Ihr?«

»Nirgends, gnädiger Herr.«

»Wo habt Ihr geschlafen?«

»Am Wasser.«

»Man hat Euch aus der Wohnung gejagt?«

»Ja.«

»Habt Ihr außer den Sachen, die Ihr anhabt, keine Kleidung?«

»Keine.«

»Habt Ihr Geld?«

»Wir haben keins.«

»Was wollt Ihr tun?«

»Wir wissen nicht.«

Der alte Herr wandte sich ärgerlich fragend an Maryscha: »Mädel, wie alt bist Du?«

»Zu Maria Himmelfahrt werde ich achtzehn Jahre alt.«

»Hast Du viel gelitten?«

Sie antwortete nichts, beugte sich nur unterwürfig zu seinen Füßen.

Dem alten Herrn begann offenbar der Zigarrenrauch neuerdings in den Augen zu beißen.

In diesem Moment brachte man Bier und warmes Fleisch. Der alte Herr befahl ihnen, gleich zu essen, und als sie erwiderten, daß sie dies in seinem Beisein nicht wagten, sagte er, daß sie töricht waren. Aber trotz seiner Verdrießlichkeit erschien er ihnen wie ein Engel vom Himmel.

Als sie gegessen hatten, ließ er sich erzählen, wie sie hergekommen sind und was sie durchgemacht hatten; und so erzählte Wawrzon ihm alles und verheimlichte nichts, wie vor einem Geistlichen in der Beichte.

Der alte Herr schalt ihn aus, und als Wawrzon sagte, daß er Maryscha habe ertränken wollen, schrie er auf: »Ich hätte Dir das Fell über die Ohren gezogen!« Dann wandte er sich an Maryscha: Mädel, komm her!«

Als sie herankam, nahm er ihren Kopf in beide Hände und küßte sie auf die Stirn. Dann dachte er eine Weile nach und sagte: »Ihr habt viel Elend durchgemacht, aber hier ist ein gutes Land, nur muß man sich zu raten wissen.«

Wawrzon sah ihn erstaunt an. Dieser wackere und kluge Herr nannte Amerika ein gutes Land.

»Es ist so, Du unbeholfener Mensch,« sagte er, Wawrzons Verwunderung gewahrend, »ein gutes Land. Als ich herkam, hatte ich nichts, und jetzt habe ich viel Geld. Aber Ihr Bauern habt auf Eurem Grund und Boden zu bleiben, nicht aber in der Welt herumzustreifen. Hier seid Ihr zu nichts brauchbar, und es ist leicht herzukommen, aber schwer heimzukehren.«

Er schwieg eine Weile, dann fügte er wie zu sich selbst hinzu: »Ich lebe hier seit einigen vierzig Jahren, und so vergißt man die Heimat; manchmal aber überfallt einem ein Heimweh, was? William soll herüberfahren. Er soll das Land, wo seine Väter gelebt haben, kennen lernen. Das ist mein Sohn,« sagte er, auf den Jungen weisend. »William, Du wirst mir aus der Heimat eine Handvoll Erde mitbringen und unters Haupt in den Sarg legen.«

»Yes, father,« antwortete der halbwüchsige Bursche englisch.

»Und auf die Brust, William, und auf die Brust!«

Dem alten Herrn begann der Zigarrenrauch wieder in den Augen zu beißen, daß seine Pupillen wie von einem Nebel überzogen wurden. Er ärgerte sich, daß sein Sohn Englisch sprach, und sagte: »Der Gelbschnabel versteht Polnisch, will aber lieber Englisch sprechen. So ist es hier. Wer hier lebt, ist für die alte Heimat verloren. William, geh heim, sage der Schwester, daß wir zu Mittag und für die Nacht Gäste haben werden.«

Der Junge eilte flink davon. Der alte Herr schwieg lange, dann begann er wie zu sich selbst zu sprechen: »Selbst wenn man sie zurückschicken wollte, wäre es mit großen Kosten verbunden und wozu heimkehren? Was sie hatten, haben sie veräußert, dort werden sie auch Bettler sein. Gott weiß, was mit dem Mädel im Dienst geschähe. Da sie nun hier sind, muß man eine Arbeit für sie suchen. Man muß sie nach irgendeiner Kolonie schicken, das Mädel wird im Handumdrehen einen Mann bekommen.« Dann sagte er direkt zu Wawrzon: »Hast Du von unseren hiesigen Ansiedlungen gehört?«

»Nein, gnädiger Herr.«

»Leute, wie konntet Ihr Euch nur auf die Reise machen! Ihr müßt ja zugrunde gehen. In Chicago gibt es solche wie Du wohl zwanzigtausend, in Milwaukee gleichfalls, ebenso in Detroit und Buffalo eine stattliche Anzahl. Sie arbeiten in Fabriken, aber für einen Bauern ist am besten Grund und Boden. Soll man Euch nach Radom oder nach Illinois schicken, he? Dort ist der Boden schon knapp und man gründet neue Kolonien. Aber das ist weit, die Bahn kostet viel, Jungfrau. Texas ist ebenfalls weit, Borowina wäre am besten, um so mehr, als ich Euch umsonst Fahrkarten dorthin geben könnte, und was ich Euch außerdem geben werde, das werdet Ihr für die Wirtschaft aufheben.«

Er verfiel in Nachdenken.

»Höre, Alter,« sagte er plötzlich, »man gründet jetzt eine neue Ansiedlung Borowina in Arkansas. Es ist dies ein schönes und warmes Land und der Boden noch beinahe wüst. Dort wirst Du von der Regierung hundertundsechzig Morgen Grund mit Wald umsonst bekommen und ebenso von der Bahn gegen eine kleine Abgabe, verstehst Du? Für die Wirtschaft werde ich Dir Geld geben, auch Eisenbahnbilletts. Dann werdet Ihr nach der Stadt Little Rock fahren. Ihr werdet auch noch andere finden, die mit Euch fahren werden. Übrigens werde ich Euch Briefe mitgeben. Ich will Euch helfen, denn ich bin Euer Bruder, aber das Mädchen tut mir hundertmal mehr leid als Du. Danket Gott, daß Ihr mir begegnet seid.« Hier wurde seine Stimme ganz weich. »Kind, höre,« sagte er zu Maryscha, »hier hast Du meine Karte, hebe sie gut auf. Wenn Dir je Unglück zustoßen wird, wenn Du allein und schutzlos auf der Welt bleiben wirst, dann suche mich auf. Du bist ein armes und gutes Kind. Sollte ich sterben, wird William sich Deiner annehmen. Die Karte verliere niemals, und jetzt kommt zu mir.«

Unterwegs kaufte er ihnen Wäsche und Kleidungsstücke: schließlich führte er sie zu sich und bewirtete sie. Es waren gute Menschen, denn sowohl William wie auch seine Schwester Jenny beschäftigten sich mit beiden, als wären sie Verwandte. Herr William benahm sich Maryscha gegenüber so, als wäre sie eine Lady, worüber sie in großer Beschämung war.

Abends kamen zu Fräulein Jenny junge Mädchen, schön gekleidet, und nahmen Maryscha in ihre Mitte. Sie wunderten sich, daß sie so bleich und so schön sei, daß sie so lichtes Haar hätte und sich in einem fort zu ihren Füßen beugte und ihre Hände küßte, worüber sie sehr lachten.

Der alte Herr mengte sich unter die Jugend, schüttelte das weiße Haupt und ärgerte sich darüber. Er sprach bald Englisch, bald Polnisch und unterhielt sich mit Maryscha und Wawrzon über das ferne Geburtsland, er erinnerte sich, stellte Betrachtungen an, und von Zeit zu Zeit biß ihm der Zigarrenrauch augenscheinlich sehr in den Augen, denn er wischte sie häufig verstohlen aus.

Als alle schlafen gingen, bereitete Fräulein Jenny Maryscha eigenhändig eine Lagerstätte, und letztere konnte sich der Tränen nicht erwehren. Ach, was für gute Menschen waren dies; aber schließlich welches Wunder, stammte doch der alte Herr ebenfalls aus der Posener Gegend.

Am dritten Tag fuhren Wawrzon und das Mädchen nach Little Rock. Der Bauer hatte hundert Dollar in der Tasche und vergaß sein Elend. Maryscha fühlte die sichtbare Hand Gottes über sich und glaubte, daß diese Hand sie nicht untergehen lassen wird und daß Gott, da er sie von den Leiden erlöst hat, er auch Jaschko nach Amerika führen werde, um über ihnen zu wachen und sie nach Lipinze heimzubringen.

Unterdessen huschten vor den Waggonfenstern die Städte und Farmen vorüber. Das war ganz anders als in New York. Hier gab es Felder, Wald und Häuschen, hier wuchsen grüne Bäume, Getreide bedeckte weite Strecken, ganz so wie in Polen. Bei diesem Anblick weitete sich Wawrzons Brust so, daß er vor Lust ausrief: »O, ihr grünen Forste und Felder!«

Auf den Wiesen weideten Kühe und Schafherden, am Waldsaum sah man Leute mit Beilen bei der Arbeit.

Der Eisenbahnzug sauste unaufhaltsam dahin. Allmählich wurde die Gegend immer weniger bewohnt. Die Ansiedlungen verschwanden und das Land sah aus wie eine weite öde Steppe. Der Wind bewegte das Gras auf den Wiesen, auf denen früher die Ziegen geweidet hatten, und die Wege schlängelten sich wie goldige Bänder mit gelben Blüten bedeckt dazwischen. Hohe Koloquintenstauden, Königskerzen und Disteln neigten ihre Häupter, als hießen sie die Wanderer willkommen. Adler schwebten auf breiten Schwingen über die Steppe hin. Der Bahnzug raste vorwärts, als wollte er dorthin stürmen, wo die Steppen mit dem Horizont zusammenstießen. Von den Waggonfenstern sah man ganze Rudel Wild, und manchmal huschte der gehörnte Kopf eines Hirsches über das Gras hin. Nirgends war weder eine Stadt, noch ein Dorf, noch ein Haus, nur Eisenbahnstationen, und nirgends eine lebendige Seele.

Wawrzon sah sich dies alles an, schüttelte den Kopf und konnte nicht verstehen, daß so viel »Güter«, wie er die Grundstücke nannte, verlassen und öde liegen.

Ein Tag und eine Nacht verstrichen. Frühmorgens fuhren sie in einen Forst ein, dessen Bäume von armdicken, rankenden Gewächsen umschlungen waren und den Wald so dicht machten, daß man nur mit einer Axt sich Bahn brechen konnte. Unbekanntes Gevögel zwitscherte in diesem grünen Gestrüpp.

Einmal schien es Wawrzon und Maryscha, daß sie zwischen den Krümmungen im Dickicht Reiter mit Federn auf den Köpfen sähen, deren Gesichter so rot waren wie poliertes Kupfer. Diese Wälder, diese öden Steppen und Forste, all diese unbekannten Wunder und fremdartigen Menschen sehend, konnte Wawrzon schließlich nicht mehr schweigen und sagte: »Maryscha.«

»Väterchen?«

»Siehst Du die wunderbare Gegend?«

»Ich sehe alles.«

»Wunderst Du Dich nicht?«

»Ich staune über alles.«

Sie passierten schließlich einen Fluß, der dreimal so breit war wie die Warte; später erfuhren sie, daß er Mississippi heiße, und endlich in später Nacht langten sie in Little Rock an. Hier sollten sie sich nach dem Weg nach Borowina erkundigen.

Jetzt wollen wir unsere Reisenden verlassen, der zweite Abschnitt ihrer Irrfahrten war zu Ende, der dritte sollte sich in Wäldern unter dem Krachen der Äxte und der schweren Arbeit des Kolonistenlebens abspielen. Ob in diesem weniger Tränen, Leiden und Ungemach war, werden wir recht bald erfahren.


III.
In der Kolonie.

Was war Borowina? Eine im Werden begriffene Ansiedlung.

Aber augenscheinlich hatte man die Benennung im voraus erdacht, von dem Grundsatz ausgehend, daß dort, wo ein Name ist, auch eine Sache existieren müsse. In polnischen und sogar auch englischen, in New York, Chicago, Buffalo, Detroit, Milwaukee und Moritowk erscheinenden Zeitungen, mit einem Wort überall, wo man die polnische Sprache spricht, urbi et orbi im allgemeinen, und den polnischen Ansiedlern im besonderen war verkündet, daß wer von ihnen gesund, reich, glücklich sein, fett essen und lange leben wolle und nach dem Tod die Seligkeit erlangen möchte, der möge sich zur Ansiedlung im irdischen Paradies oder in Borowina eintragen lassen. Die Kundmachungen besagten, daß Arkansas, in welchem Borowina entstehen sollte, ein noch wüstes, aber das gesündeste Land der Welt sei. Zwar ist das knapp an der Grenze jenseits des Mississippi gelegene Städtchen Memphis ein Herd des gelben Fiebers, aber den Kundmachungen zufolge konnte weder das gelbe noch irgendein anderes Fieber über solch einen Fluß wie der Mississippi. Am oberen Laufe des Arkansasflusses ist es auch deshalb schon nicht mehr vorhanden, weil die benachbarten Choctaw-Indianer es erbarmungslos skalpiert haben. Das Fieber zittere beim Anblick einer Rothaut. Infolgedessen werden die Ansiedler Borowinas zwischen dem Fieber im Osten und den Rothäuten im Westen in einer ganz neutralen Zone wohnen, die deshalb eine große Zukunft vor sich hat. Nach tausend Jahren wird Borowina sicher zwei Millionen Einwohner zählen, und der Boden, der heute mit anderthalb Dollar pro Acre zu haben ist, wird dann als Parzellen zum Preise von zirka tausend Dollar für den Landstrich verkäuflich sein.

Solchen Versprechungen und Aussichten konnte man schwer widerstehen. Denjenigen, die von der Nachbarschaft der Choctaw-Indianer wenig erbaut waren, versicherte man durch Prospekte, daß dieser tapfere Indianerstamm für die Polen eben eine besondere Sympathie hege, so daß die freundnachbarlichsten Beziehungen vorauszusetzen wären. Übrigens ist es bekannt, daß dort, wo die Eisenbahn und Telegraphen die Wälder und Steppen durchschneiden, bald die Grabhügel der Indianer entstehen. Und da das Terrain bei Borowina von der Eisenbahn erworben ist, war also das Verschwinden der Indianer nur eine Frage der Zeit.

Der Boden war tatsächlich von der Eisenbahn erstanden, was der Kolonie einen Kontakt mit der Welt, einen Absatz für die Produkte und eine zukünftige Entwickelung zusicherte. Die Prospekte vergaßen zwar hinzuzufügen, daß diese Bahn erst im Entstehen sei, und daß der Verkauf an die Regierung der Eisenbahnen erst den für einen Bahnbau nötigen Fonds beschaffen wird, aber diese Vergeßlichkeit war bei solch einem komplizierten Geschäft leicht zu verzeihen. Nur hatte dies für Borowina den Unterschied, daß die Ansiedlung statt an einer Bahnlinie in einer stillen Wildnis lag, zu welcher man nur unter großen Strapazen gelangen konnte.

Dadurch konnten verschiedene Unannehmlichkeiten entstehen, die aber mit dem Zustandekommen der Bahn aufhören würden. Übrigens ist es ja bekannt, daß die Prospekte in diesem Lande nicht buchstäblich genommen werden können, denn so wie jedes auf amerikanischen Boden verpflanzte Gewächs zuverlässig üppig emporschießt, so schießt auch die Reklame in amerikanischen Zeitungen so hoch empor, daß man aus der Spreu meist nur mit Mühe ein Körnchen Wahrheit herauszuschälen vermag. Aber all dies war in den Ankündigungen über Borowina als sogenannter Humbug zu betrachten und konnte man immer der Meinung sein, daß diese Kolonie ganz und gar nicht schlechter sei als tausend andere, deren Gründung mit nicht geringerer Übertreibung angekündigt wurden. Die Begleitumstände und Bedingungen erschienen sogar in vieler Beziehung günstig und daher ließen sich viele Personen, sogar polnische Familien, von den großen Seen bis zu den Palmenwäldern Floridas, vom Atlantischen Ozean bis zu den Küsten Kaliforniens, als Ansiedler in der zu errichtenden Kolonie vormerken. Preußische Masuren, Schlesier, Posener, Galizianer, Litauer und Masuren aus der Gegend von Warschau, die in Chicago und Milwaukee in Fabriken gearbeitet und die sich schon längst nach einem Leben, das ein Bauer von Ahn und Urahn führen soll, gesehnt hatten, ergriffen die erste Gelegenheit, um die drückenden, rußgeschwärzten Städte verlassen zu können und in Arkansas weiten Feldern, Wäldern und Steppen Pflug und Axt zu ergreifen. Diejenigen, denen es in Texas zu heiß, in Minnesota zu kalt, in Detroit zu feucht oder in Radom in Illinois zu schlecht erging, vereinigten sich mit den ersten, einigen hundert Personen, meistens Männern; aber auch viele Frauen und Kinder machten sich auf den Weg nach Arkansas. Die Benennung »Bloody Arkansas« schreckte die Kolonisten nicht ab. Obwohl, um die Wahrheit zu sagen, dieses Land an raubgierigen Indianern, die sich vor dem Gesetze geflüchtet, an verwilderten Quäkern, die trotz des Verbotes der Regierung in Red River die Bäume fällten, an allerhand Abenteurern und Strolchen, die dem Galgen entlaufen waren, reich ist, obwohl der westliche Teil dieses Staates bis heute wegen der schrecklichen Kämpfe zwischen Rothäuten und Büffeljägern und wegen des furchtbaren Lynchrechtes berüchtigt ist, kann man doch für alles Rat schaffen. Ein Masur, der einen knorrigen Stock in der Hand hat, läßt sich nicht sobald aus dem Felde schlagen, besonders wenn er sich von Landsleuten umgeben weiß. Es ist auch bekannt, daß die Masuren untereinander zusammenhalten und sich gerne so ansiedeln, daß einer dem andern auf jeden Ruf zu Hilfe eilen kann.

Für die meisten war die Stadt Little Rock der Sammelplatz, aber von dort nach Clarcsville, der nächsten menschlichen Ansiedlung, an welche Borowina grenzen sollte, ist es weiter als von Warschau nach Krakau, und was schlimmer ist, man muß durch ein wüstes Land, Wälder und angeschwollene Flüsse passieren. Einige Leute, die nicht auf den ganzen Trupp warten wollten und einzeln den Weg antraten, blieben verschollen, aber der Hauptzug langte glücklich an und die Leute kampierten im Walde.

Um die Wahrheit zu sagen, waren die Kolonisten, als sie an Ort und Stelle anlangten, sehr enttäuscht. Sie hatten gehofft, auf dem zur Kolonie bestimmten Terrain Felder und Wald anzutreffen, und fanden nur einen Wald vor, der erst ausgerodet werden mußte. Schwarze Eichen, rote Baumwollbäume, sogenannte Cottonwood, lichte Plantanen und düstere Hickoren standen nebeneinander in einer dichten Masse. Das war eine echte Wildnis, unten von Gestrüpp bedeckt, oben von Lianen umschlungen, die sich wie hängende Brücken von einem Baum zum anderen hinzogen, mit Blüten bedeckt und so undurchdringliche Vorhänge bildeten, daß das Auge keinen Ausblick wie in unseren Wäldern hat. Wer tiefer vordrang, der sah über sich keinen Himmel, mußte sich in der Dunkelheit verirren und zugrunde gehen. Die Leute blickten bald auf die eigenen Fäuste, bald auf die Axt, bald auf jene Eichen, die viele Ellen im Umfang hatten, und mehr als einem wurde beklommen ums Herz. Es ist gutes Holz für den Bau einer Hütte vorhanden und zum Heizen zu haben, aber wenn einer auf hundertsechzig Morgen einen Wald fällen, die Baumstümpfe aus der Erde graben, die Löcher ebnen und dann erst den Pflug ergreifen soll, dann ist es eine Arbeit für viele Jahre.

Es war aber nichts weiter zu tun und gleich am folgenden Tage nach der Ankunft bekreuzte sich so mancher, spuckte in die Hände, ergriff ein Beil, stöhnte auf und machte sich an die Arbeit, und seit diesem Tage vernahm man das Krachen der Äxte im Walde von Arkansas und manchmal auch ein heimisches Volkslied.

Das Lager befand sich neben einem Strom auf einer ziemlich weitgestreckten Waldwiese, an deren Rand die Hütten in einem Viereck entstehen sollten und in der Mitte mit der Zeit eine Kirche und eine Schule. Aber das lag noch in weiter Ferne. Unterdessen wurden die Wagen, in welchen die Kolonistenfamilien angekommen waren, in einem Dreieck aufgestellt, um bei einem etwaigen Überfall sich wie in einer Festung verteidigen zu können. Jenseits der Wagenburg auf dem übriggebliebenen Teil der Waldwiese waren die Maulesel, Pferde, Ochsen, Kühe und Schafe untergebracht, die von einer aus jungen bewaffneten Bauernburschen bestehenden Wache gehütet wurden. Die Leute schliefen auf den Wagen oder auch außerhalb ihres Umkreises beim Biwakfeuer. Am Tage blieben Frauen und Kinder in der Wagenburg, und die Anwesenheit von Männern konnte man nur an dem Donnern der Äxte, von welchem der ganze Wald dröhnte, erkennen; nachts heulten im Dickicht wilde Tiere, insbesondere Jaguare und arkansische Wölfe. Furchtbare graue Bären, die den Feuerschein weniger fürchteten, kamen manchmal nahe an die Wagen heran. Infolgedessen hörte man häufig inmitten der Dunkelheit Gewehrschüsse und die Rufe: »Her da, es ist eine Bestie totzuschlagen!«

Die Leute, die aus der wilden Gegend von Texas gekommen waren, sind meistens geübte Jäger und diese lieferten mit Leichtigkeit für sich und ihre Familien Wild, insbesondere Antilopen, Hirsche und Büffel; es war die Zeit der Frühlingswanderungen dieser Tiere nach Norden. Die übrigen Ansiedler ernährten sich von den in Little Rock oder Clarcsville eingekauften Vorräten, die aus Maismehl und Salzfleisch bestanden. Außerdem wurden Schafe, wovon jede Familie eine gewisse Anzahl angekauft hatte, geschlachtet.

Abends, wenn neben der Wagenburg ein großes Feuer angezündet wurde, begann die Jugend nach dem Nachtmahl, statt schlafen zu gehen, zu tanzen. Irgendein Musikus hatte eine Geige mitgebracht, auf welcher er eine rauschende Tanzweise aufspielte. und wenn die Geigentöne inmitten des Waldesrauschen und unter freiem Himmel sich verloren, halfen andere dem Spielmann, auf amerikanische Weise auf den Blechgeschirren klimpernd.

Das Leben verstrich unter schwerer Arbeit geräuschvoll und ordnungslos. Die erste Arbeit war Hütten zu erbauen, und so erhoben sich bald auf dem grünen Hintergrund der Waldwiese Balkengerippe und die ganze Fläche bedeckte sich mit Säge- und Hobelspänen, mit Baumrinde und ähnlichen Holzabfällen. Das rote Holz oder das sogenannte »redwood« ließ sich leicht bearbeiten, oft aber mußte man weit gehen, um es zu holen. Manche errichteten provisorische Leinwandzelte und die Leinwand hierzu entnahmen sie den Wagen. Andere, besonders unverheiratete Männer, die es nicht so eilig hatten, ein Dach über dem Kopf zu haben und denen die Ausrodung lästig wurde, begannen an Stellen, wo das Gestrüpp nicht so dicht war, zu pflügen. Da erschollen zum erstenmal, seit der Arkanser Forst bestand, menschliche Zu- und Anrufe.

Im allgemeinen aber harrte der Ansiedler solch eine Arbeitslast, daß sie nicht wußten, was sie zuerst in Angriff nehmen sollten, ob Häuser bauen, oh ausroden oder auf die Jagd gehen. Gleich zu Anfang stellte es sich heraus, daß der Bevollmächtigte der Kolonisten das Terrain von der Eisenbahngesellschaft auf Treue und Glauben gekauft hatte und nie vorher dort gewesen war, sonst hätte er doch nicht eine finstere Waldwüste erstanden, besonders da es ebenso leicht war, nur teilweise bewaldete Streifen zu erwerben. Sowohl er wie der Vertreter der Bahngesellschaft waren zwar an Ort und Stelle gewesen, um die Parzellen zu vermessen und jedem, was ihm gehört, anzuweisen, aber da sie gesehen, wie die Sache sich verhält, trieben sie sich zwei Tage herum, zankten sich miteinander, und wegen der Vermessungsinstrumente wieder abreisend, ließen sie sich in der Kolonie nicht mehr blicken.

Bald kam es ans Tageslicht, daß die einen Ansiedler mehr, die anderen weniger bezahlt hatten, und was noch schlimmer war, niemand wußte, wo seine Parzelle lag, wie sie abzumessen sei und was ihm gehörte. Die Kolonisten blieben ohne jede Führung, ohne jede Behörde, die ihre Angelegenheiten ordnen und ihre Zwistigkeiten hätte schlichten können. Man wußte nicht, wie man arbeiten sollte. Deutsche hätten sich wahrscheinlich daran gemacht, den Wald gemeinschaftlich zu fällen und, nachdem die ganze Fläche gesäubert und Häuser errichtet waren, vor jedem Hause den Grund und Boden abzumessen. Aber jeder Masure wollte sich sofort mit seiner eigenen Sache befassen, sein Haus aufstellen und auf seiner Parzelle den Wald fällen. Überdies wollte jeder bei der mittleren Wiese, wo der Wald am lichtesten und das Wasser am nächsten war, einen Platz angewiesen haben. Daraus entstanden Streitigkeiten, die sich noch steigerten, als eines Tages der Wagen eines gewissen Herrn Grünmanski wie vom Himmel gefallen auftauchte. Dieser Herr Grünmanski hat wohl in Cincinnatti, wo Deutsche wohnen, Grünmann geheißen, aber in Borowina hängte er sich ein »ski« deshalb an, damit das Geschäft besser ginge. Sein Wagen hatte ein hohes Leinwanddach, auf welchem zu beiden Seiten eine Aufschrift mit großen, schwarzen Buchstaben stand: »Salon« und unten mit kleineren: »Brandy, Whisky«.

Auf welche Weise dieser Wagen die unsichere Einöde zwischen Clarcsville und Borowina heil und ganz passiert hat, wie es kam, daß die Steppenstrolche ihn nicht ausgeplündert, warum die Indianer, die in kleinen Trupps manchmal bis in die nächste Nähe von Clarcsville streifen, den Herrn Grünmanski nicht skalpiert haben, das war sein Geheimnis, genug, daß er angekommen war, und noch am selben Tage begann er ausgezeichnete Geschäfte zu machen. Aber die Kolonisten begannen sich auch an demselben Tag zu zanken. Zu den tausenderlei Streitigkeiten wegen Parzellen, Werkzeugen, Schafen, Plätzen beim Biwakfeuer gesellten sich überaus geringfügige Ursachen. So war bei den Kolonisten ein amerikanischer partikulärer Patriotismus erwacht. Diejenigen, welche aus den Nordstaaten stammten, begannen ihre früheren Wohnsitze auf Kosten der Kolonien und Kolonisten aus den südlichen Gegenden zu loben, und umgekehrt. Hader und Streit in einem mit englischen Brocken gespickten Polnisch waren an der Tagesordnung.


* * *


In der Kolonie war es sehr schlecht bestellt, denn dieser Menschenhaufe war einem hirtenlosen Rudel Schafe ähnlich. Die Streitigkeiten um die Grundstücke wurden immer heftiger. Es kam zu Raufereien, bei welchen die Genossen einer Stadt oder Kolonie sich gegen die aus anderen Orten Stammenden vereinigten. Die erfahreneren, älteren und klügeren gewannen zwar allmählich Ansehen und Macht, konnten sie aber nicht immer behaupten. Nur in Momenten der Gefahr ließ der gemeinschaftliche Instinkt der Verteidigung die Zänkereien vergessen.

Als eines Abends ein Trupp Indianerstrolche Schafe stahl, machten sich die Bauern haufenweise und ohne einen Moment zu überlegen an die Verfolgung. Die Schafe wurden zurückerbeutet und einer der Rothäute wurde so verhauen, daß er bald darauf starb, und an diesem Tage herrschte Eintracht, aber tags darauf begannen sie bei der Ausrodung wieder miteinander zu raufen.

Friede und Eintracht war auch, wenn abends der Musiker keine Tanzweisen, sondern heimatliche Lieder spielte, die jeder unter seinem Strohdach schon gehört hatte. Dann verstummten die Gespräche, die Bauern umringten den Spielmann im weiten Kreise, das Rauschen des Forstes begleitete ihn, die Flammen der Biwakfeuer zischten und sprühten Funken, während sie, ringsum stehend, die Häupter trübselig senkten und ihre Seelen über das Meer flogen. Manchmal tauchte der Mond schon hoch über dem Wald auf und sie lauschten noch immer.

Aber mit Ausnahme dieser kurzen Episoden geriet in der Kolonie alles immer mehr in Auflösung. Die Zerrüttung wuchs, die Feindschaft untergrub alles. Dieses kleine Gemeinwesen, in die Wälder verschlagen, von den übrigen Menschen beinahe losgelöst und von den Führern verlassen, wußte sich keinen Rat.

Unter den Ansiedlern finden wir zwei bekannte Gestalten: den alten Bauer Wawrzon Toporek und seine Tochter Maryscha. Nach Arkansas gelangt, sollten sie in Borowina die Schicksale der anderen teilen. Anfänglich ging es ihnen besser, ein Forst ist kein New-Yorker Straßenpflaster und außerdem hatten sie dort nichts gehabt, hier besaßen sie einen Wagen, ein wenig Inventar, auch einige Ackerbaugeräte. Dort zehrte an ihnen ein furchtbares Heimweh, hier hatten sie schwere Arbeit und kein Abschweifen der Gedanken vom Tagewerk. Der Bauer arbeitete von frühmorgens bis abends im Forst und zimmerte Holz für die Hütte zurecht. Die Dirn' mußte im Strome waschen, Feuer machen und kochen. Aber trotz der schweren Arbeit verwischten die Bewegung und die Waldluft allmählich auf ihrem Gesicht die Spuren der Krankheit, von welcher sie durch das Elend in New York befallen worden war. Die heiße Luft und der Windhauch hatten ihr bleiches Gesicht gebräunt und mit einem goldigen Schimmer überzogen. Die jungen Burschen aus San Antonio und aus der Gegend der großen Seen, die bei dem geringfügigsten Anlaß mit geballten Fäusten sich bedrohten, waren nur darin einig, daß Maryschas Augen unter dem lichten Haar ausschauten wie blaue Blumen aus dem Korn und daß sie das schönste Mädel sei.

Maryschas Schönheit kam auch Wawrzon zustatten. Er hatte sich einen Streifen des Waldes selbst ausgesucht, und niemand erhob dagegen Einsprache, denn alle jungen Bauernburschen waren auf seiner Seite. Mehr als einer war ihm auch beim Holzhauen, beim Bearbeiten der Balken oder beim Zusammenfügen der Balkengerippe behilflich, aber der Alte war schlau, er merkte den Grund und sagte: »Mein Töchterchen geht über die Wiese wie eine Lilie, wie eine Herrin, wie eine Prinzessin! Ich werde sie nicht dem ersten besten zum Weibe geben, denn sie ist eines Landwirts Tochter. Wer vor mir einen tiefen Bückling machen und nach meinem Willen sein wird, dem werde ich sie geben, aber nicht einem Hergelaufenen.«

Wer ihm also half, half sich selber.

Und so erging es Wawrzon besser als den anderen, und es wäre alles gut gewesen, wenn die Kolonie irgendeine Zukunft vor sich hätte. Aber dort verschlimmerten sich die Dinge von Tag zu Tag. Woche um Woche verging; rings um die Waldwiese waren Bäume gefällt, der Boden bedeckte sich mit Holz; hier und da erhob sich schon die gelbe Wand eines Hauses: aber das, was getan war, war ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was noch zu tun war. Die grüne Forstmauer wich nur langsam vor den Äxten. Diejenigen, die weit in das Gestrüpp vorgedrungen waren, brachten die wunderliche Nachricht, daß dieser Forst gar kein Ende habe und weiterhinein unter den Bäumen schreckliche Sümpfe seien; daß dort Ungetüme hausen und Nebeldünste wie Geister durch das Dickicht gleiten; daß Schlangen am Erdboden zischen und manchmal Stimmen rufen: »Geh nicht!« und daß unnatürliche Menschen sie bei den Kleidern packen und nicht loslassen. Ein Junge aus Chicago behauptete, daß er den Teufel in eigener Person gesehen habe, wie er seinen schrecklichen zottigen Kopf aus dem Moor herausstreckte und ihn so anfauchte, daß er nur mit knapper Not sich nach der Wagenburg flüchten konnte. Die Kolonisten aus Texas erklärten ihm, es müsse ein Büffel gewesen sein, er aber wollte es nicht glauben, und durch solchen Aberglauben gestaltete sich die ohnehin schreckliche Lage noch schlimmer.

Einige Tage nachdem man den Teufel zu sehen gemeint hatte, gingen zwei unerschrockene Männer in den Wald und kamen nicht mehr zurück. Einige Leute erkrankten von den Anstrengungen an Kreuzschmerzen und wurden dann vom Fieber befallen. Bei den Streitigkeiten um die Grundstücke kam es bis zu Schlägereien und Blutvergießen. Wer sein Vieh nicht gezeichnet hatte, dem wurde das Eigentumsrecht von anderen bestritten. Die Wagenburg wurde zerstört und die Wagen an allen Enden der Wiese aufgestellt, um weit voneinander zu sein. Man wußte nicht, wer das Vieh hüten sollte, und die Schafe begannen verloren zu gehen.

Unterdessen wurde es immer offenkundiger, daß, ehe die auf den Waldlichtungen angebauten Saaten irgendeinen Ertrag lieferten, würden die vorhandenen Lebensmittelvorräte aufgezehrt sein, so daß Hunger zu befürchten war. Verzweiflung bemächtigte sich der Leute, im Wald verringerte sich das Dröhnen der Äxte, denn die Geduld und der Mut ließen nach. Jeder würde doch gearbeitet haben, wenn er gewußt hätte: dies oder das gehört dir. Aber niemand wußte, was sein und was nicht sein war. Die Leute sagten, sie seien in die Wüstenei geführt worden, um elendlich umzukommen. Wer noch etwas Geld hatte, bestieg seinen Wagen und fuhr nach Clarcsville. Die meisten aber hatten keinen Pfennig und konnten nicht nach dem früheren Wohnsitze zurück. Sie sahen den sicheren Untergang, rangen die Hände und jammerten. Die Äxte ruhten schließlich und der Forst rauschte, als mache er sich über die menschliche Ohnmacht lustig. »Arbeite zwei Jahre und dann stirb Hungers,« sagte einer zum anderen. Und der Wald rauschte, als schüttle er sich vor Lachen. Eines Abends kam Wawrzon zu Maryscha und sagte: »Liebe Tochter, man sieht, daß hier alle und auch wir elend zugrunde gehen werden.«

»Gottes Wille geschehe,« entgegnete das Mädchen, »er war uns immer barmherzig und so wird er uns auch jetzt nicht verlassen.«

Sie schlug ihre blauen Augen zu den Sternen auf, und beim Schein des Biwakfeuers sah sie aus wie ein Kirchenbild.

Die jungen Leute aus Chicago und die Jäger aus Texas sagten: »Auch wir, Maryscha, Du Morgenrot, werden Dich nicht verlassen.«

Sie dachte aber, nur mit einem würde sie bis ans Ende der Welt gehen und das ist Jaschko aus Lipinze. Aber obwohl er versprochen hatte, ihr zu folgen, ist er nicht gekommen; dieser eine hat sie Arme verlassen.

Maryscha konnte nicht wissen, daß es mit der Kolonie schlecht bestellt sei, aber sie war schon einmal aus der Untiefe gerettet. Gott hatte sie schon aus solchen Abgründen gezogen, daß ihre Seele nun im Ungemach so zuversichtlich war, daß nichts vermochte, ihr das Vertrauen auf die himmlische Hilfe zu rauben. Schließlich erinnerte sie sich, daß der Herr in New Jork, der ihnen aus dem Elend geholfen und sie hierher geschickt, ihr seine Karte mit den Worten gegeben hatte, daß sie im Unglück sich nur an ihn wenden möge, und er sich ihrer immer annehmen würde.

Unterdessen brachte jeder Tag für die Kolonie eine größere Gefahr. Die Leute liefen nachts davon, und was mit ihnen geschah, wußte niemand. Ringsum rauschte der Wald, als schüttele er sich vor Lachen.

Der alte Wawrzon erkrankte schließlich vor Überanstrengung. Er hatte heftige Schmerzen im Rückgrat. Zwei Tage achtete er dessen nicht, am dritten Tage konnte er nicht mehr aufstehen. Das Mädchen ging in den Wald, sammelte Moos, polsterte damit sein Lager aus, legte den Vater auf Moos und kochte ihre Arzneien mit Branntwein.

»Maryscha,« brummte der Bauer, »der Tod kommt schon zu mir durch den Forst. Du wirst als Waise allein zurückbleiben. Gott straft mich für meine schweren Sünden, weil ich Dich übers Meer geführt und zugrunde gerichtet habe. Mein Sterben wird mir schwer werden.«

»Väterchen,« antwortete das Mädchen, »Gott hätte mich gestraft, wenn ich Dir nicht gefolgt wäre.«

»Wenn ich Dich nur nicht allein zurücklassen müßte, wenn ich Dich zur Trauung segnen könnte, wäre es mir leichter zu sterben. Maryscha, nimm den schwarzen Orlik zum Mann, er ist ein guter Kerl, er wird Dich nicht verlassen.«

Als der schwarze Orlik, ein unfehlbarer Jäger aus Texas, dies vernahm, sank er in die Knie und sagte: »Vater, segne uns, ich liebe dieses Mädchen wie mein eigenes Geschick. Ich bin mit dem Forst vertraut und werde sie nicht umkommen lassen.«

Er schaute mit seinen Falkenaugen auf Maryscha, aber sie wand sich zu Füßen des Alten und sagte: »Väterchen, zwingt mich nicht; dem ich geschworen habe anzugehören, dem werde ich mein Wort halten.«

»Dem Du Dein Wort gegeben hast, wirst Du nicht angehören, denn ich werde ihn töten. Du mußt mein werden oder niemand angehören,« antwortete Orlik. »Hier werden alle umkommen, und wenn ich Dich nicht rette, wirst auch Du umkommen.«

Der schwarze Orlik täuschte sich nicht, die Kolonie ging zugrunde. Wiederum verstrich eine und eine zweite Woche. Die Vorräte gingen zu Ende. Man begann das zur Arbeit bestimmte Vieh zu schlachten. Das Fieber überfiel immer mehr Leute, die Menschen in der Einöde begannen zu fluchen und mit lauter Stimme zum Himmel um Hilfe zu rufen. Eines Sonntags knieten alle, Alte, Junge, Weiber und Kinder, am Rasen nieder und sangen Bittgebete. Hundert Stimmen wiederholten: »Heiliger Gott, heilig und mächtig und unsterblich, erbarme Dich unser.« Der Forst hörte auf, sich zu schütteln, hörte auf zu rauschen und hörte zu. Erst als der Gesang verstummt war. begann er wieder zu rauschen, als sage er drohend: »Hier bin ich der König, hier bin ich der Herr, hier bin ich der Stärkste!«

Der schwarze Orlik aber, der mit dem Forst vertraut war, heftete auf ihn seine schwarzen Augen, schaute ihn seltsam an und sagte dann laut: »Nun, so werden mir den Kampf miteinander aufnehmen.«

Die Leute blickten auf Orlik und eine neue Hoffnung zog in ihre Herzen ein. Diejenigen, die ihn noch von Texas her kannten, hatten zu ihm großes Vertrauen, denn er war selbst in Texas ein berühmter Jäger. Er war ein in der Steppe verwilderter Mensch und stark wie eine Eiche. Er ging ganz allein auf die Bärenjagd. In San Antonio, seinem früheren Wohnort, wußte man. daß er manchmal mit der Büchse in die Wildnis ging, monatelang ausblieb und immer heil und unversehrt heimkehrte. Man nannte ihn den Schwarzen, weil er stark sonnenverbrannt war. Man sagte ihm sogar nach, daß er an der Grenze Mexikos das Räuberhandwerk betrieben hätte; das war aber nicht wahr. Er brachte nur Felle und manchmal auch Indianerskalpe mit, bis der Ortspfarrer ihn dafür mit dem Bannfluche bedrohte. Jetzt in Borowina war er der einzige, der sich um nichts kümmerte und um nichts sorgte. Der Forst gab ihm zu essen und zu trinken, der Forst kleidete ihn.

Als die Leute also begannen davonzulaufen und die Köpfe zu verlieren, nahm er alles in die Hand und schaltete und waltete eigenmächtig, da er alle aus Texas auf seiner Seite hatte. Als er nach den Bittgesängen den Forst herausfordernd anblickte, dachten sich die Leute, daß er was ersinnen würde.

Mittlerweile ging die Sonne unter, beleuchtete noch eine Zeitlang die Zweige wie eine goldene Halle, dann verblaßte sie und erlosch. Der Wind kam von Süden. Als es dunkel wurde, nahm Orlik seine Flinte und ging in den Wald.

Die Nacht war schon herangebrochen, als die Leute in der schwarzen Waldesferne gleichsam einen großen goldigen Stern wie aufsteigendes Morgenrot erblickten, der mit rasender Schnelligkeit wuchs und einen blutigen und roten Schein verbreitete.

»Der Forst brennt! Der Forst brennt!« begann man im Lager zu rufen.

Vogelscharen flogen von allen Enden des Waldes geräuschvoll auf, schreiend, krächzend und zwitschernd. Das Vieh im Lager begann jämmerlich zu brüllen, die Hunde heulten, die Menschen rannten entsetzt umher und glaubten, die Feuersbrunst wälze sich auf sie, aber der starke Südwind trieb die Flammen von der Waldwiese fort.

Unterdessen blitzte in der Ferne ein zweiter und dann ein dritter roter Stern auf. Beide verschmolzen bald mit dem ersten, der eine immer größere Ausdehnung annahm. Die Flammen ergossen sich wie Wasser, strömten über die trockenen Gewinde der Lianen und des wilden Weins. Ein Sturmwind riß die flammenden Blätter los und trieb sie wie feurige Vögel immer weiter und weiter! – –

Die starken Bäume barsten in den Flammen. Rote Feuerschlangen leckten über das harzige Gestrüpp. Ein Zischen und Rauschen, ein Krachen der Äste, ein unheimliches Brausen des Feuers, mit dem Gekreische der Vögel und dem Brüllen der Tiere vermengt, erfüllte die Luft. Himmelragende Bäume wankten wie stammende Säulen und Kolonnaden. Die in den Verschlingungen durchgebrannten Lianen rissen sich von den Bäumen los und schaukelten sich wie dämonische Arme, und so verbreiteten sich die Funken von einem Baum zum anderen. Der Himmel wurde rot, als wütete in ihm ein zweiter Brand. Es wurde tageshell, dann flossen alle Flammen in ein Feuermeer zusammen und ergossen sich wie Todesodem oder wie Gottes Zorn über den Wald. Rauch, Hitze und Brandgeruch erfüllten die Luft. Die Leute im Lager, obwohl ihnen keine Gefahr drohte, begannen zu schreien und sich gegenseitig zuzurufen, als der schwarze Orlik in der Richtung der Feuersbrunst im Feuerschein zum Vorschein kam. Er hatte ein rauchgeschwärztes drohendes Gesicht.

Als man ihn umringte, lehnte er sich auf die Flinte und sagte: »Ihr werdet nicht mehr ausroden, ich habe den Forst verbrannt. Morgen werdet Ihr von dieser Seite Felder in Hülle und Fülle haben.« Dann wandte er sich an Maryscha: »Du mußt mein sein, so wie ich der bin, der den Forst verbrannt hat. Wer ist stärker als ich?« Maryscha begann am ganzen Leib zu zittern, denn in Orliks Augen flammte eine Lohe und er kam ihr schrecklich vor. Zum erstenmal seit ihrer Ankunft dankte sie Gott, daß Jaschko fern in Lipinze weilte.

Unterdessen gewann der Brand sengend und zischend immer mehr an Ausdehnung, ein trüber Tag brach an und Regen drohte. Mit Tagesanbruch gingen die Leute, die Brandstätte zu besichtigen, aber es war der Hitze wegen unmöglich, sich zu nähern. Am folgenden Tag schwebte ein Mehltau wie Nebel in der Luft, so daß einer den anderen auf einige Schritte Entfernung nicht unterscheiden konnte. In der Nacht begann es zu regnen und der Regen ging bald in ein schreckliches Gewitter über. Es mag sein, daß die Atmosphäre zum Zusammenballen der Wolken beitrug, außerdem war dies die Frühlingszeit, in welcher am oberen Mississippilauf, wie auch in dem Arkansas- und roten Flusse, gewöhnlich ungeheure Regengüsse niedergehen. Auch das Verdampfen der Gewässer trägt dazu bei, die in Arkansas in Form von Sümpfen, kleinen Seen und Strömen das ganze Land bedecken und infolge der Schneeschmelze im oberen Gebirge anschwellen. Die ganze Waldwiese wurde aufgeweicht und verwandelte sich allmählich in einen großen Teich. Die Leute waren tagelang durchnäßt und wurden krank. Wieder andere verließen die Kolonie, um nach Clarcsville zu gelangen, kehrten aber um, da der Fluß stark angeschwollen und ein Übersetzen unmöglich war. Die Lage wurde immer schlimmer; denn seit der Ankunft der Ansiedler war schon ein Monat zu Ende. Die Vorräte erschöpften sich, und neue aus Clarcsville zu beschaffen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Nur Wawrzon und Maryscha drohte der Hunger weniger als den andern, denn des schwarzen Orlik mächtige Hand wachte über ihnen. Jeden Morgen brachte er Wild, das er erlegte oder mit einer Schlinge einfing. Er stellte sein Zelt auf, um den Alten und Maryscha vor Regen zu schützen. Man mußte diese Hilfe, die er beinahe aufdrängte, schon annehmen und sich zur Dankbarkeit verpflichten, denn eine Bezahlung wollte er nicht und forderte nur Maryschas Hand.

»Bin ich denn allein in der Welt?« versuchte das Mädchen sich loszubitten. »Geh, such Dir eine andere, da ich einen anderen liebe.«

Orlik aber antwortete: »Selbst wenn ich bis ans Ende der Welt ginge, fände ich keine zweite wie Du, Du bist für mich die einzige auf der Welt und mußt mein sein. Was willst Du beginnen, wenn der Vater stirbt? Du wirst zu mir kommen, wirst von selbst kommen, und ich werde Dich nehmen wie ein Wolf das Lamm, werde Dich in dem Wald aber nicht auffressen. Du bist mein, Du bist meine einzige! Wer will Dich mir streitig machen? Wen hätte ich zu fürchten?«

Was Wawrzon betraf, schien Orlik recht zu haben. Der Alte kränkelte immer mehr, zeitweilig bekam er Hitze, redete von seinen Sünden, von Lipinze und davon, daß Gott nicht gestatte, es wiederzusehen.

Maryscha vergoß Tränen über ihn und über sich. Das, was Orlik ihr versprach, mit ihr selbst nach Lipinze zurückzukehren, wenn sie ihn heiraten wollte, war für sie Kummer, aber kein Trost. Nach Lipinze heimkehren, wo Jaschko war, und als die Frau eines anderen kommen – für nichts in der Welt! Besser hier unter dem ersten besten Baum sterben. Sie dachte sich, daß es so enden wird.

Mittlerweile sollte die Kolonie von einer neuen Fügung Gottes heimgesucht werden.

Der Regen fiel in immer größeren Strömen nieder. In einer finstern Nacht, als Orlik wie gewöhnlich in den Wald gegangen war, erscholl im Lager der Entsetzensschrei: »Wasser! Wasser!«

Als die Leute sich den Schlaf aus den Augen rieben, erblickten sie in der Dunkelheit, soweit das Auge reichte, eine weiße Wasserfläche, auf die der Regen plätscherte und die vom Winde geschaukelt wurde. Das flatternde und verschleierte Nachtlicht glitzerte stahlfarben auf dem Gekräusel der Flut. Von der Richtung des Ufers und von dem verbrannten Wald her vernahm man das Rauschen und Glucksen einer neuen Flut, die mit großer Geschwindigkeit einherströmte. Im ganzen Lager entstand Lärm. Die Weiber und Kinder begannen sich auf die Wagen zu retten, die Männer rannten nach der Westseite der Waldwiese, wo die Bäume nicht gefällt waren; das Wasser reichte bis zum Knie, stieg aber schnell, und das Rauschen von der Waldseite wurde stärker und vermengte sich mit Angstrufen und mit Bitten um Hilfe. Bald begannen die Tiere vor dem Andrang des Wassers zurückzuweichen, die Flut stieg, Schafe kamen herangeschwommen und blökten jämmerlich, bis sie fortgeschwemmt wurden. Der Regen floß in Strömen und in jeder Minute wurde es schlimmer. Das ferne Rauschen verwandelte sich in ein Brausen und in ein rasendes Getöse der Wasserfluten. Vor ihrem Anprall begannen die Wagen zu schwanken. Es war klar, daß dies nicht eine gewöhnliche Überschwemmung infolge starken Regens war, sondern daß der Arkansasstrom und alle seine Nebenflüsse aus den Ufern getreten sein müssen. Es wurde ein Wasserstrudel, ein Entwurzeln der Bäume, ein Einstürzen der Wälder, ein Entsetzen, eine Entfesselung der Elemente, die Finsternis, der Tod!

Einer der dem abgebrannten Wald zunächst stehenden Wagen kippte um. Auf den entsetzten Hilferuf der im Wagen eingeschlossenen Weiber kamen einige dunkle Männergestalten von den Bäumen heruntergeklettert, aber die Flut ergriff die Zuhilfeeilenden, drehte sie im Wirbel und trug sie nach dem Wald, dem Untergang entgegen. Auf anderen Wagen flüchtete man sich auf die Leinwanddächer. Immer größere Finsternis hüllte die düstere Waldwiese ein. Manchmal glitt ein Ballen mit einer daran geklammerten menschlichen Gestalt vorüber, von der Flut auf und nieder geschleudert, manchmal tauchte die Gestalt eines Tieres oder Menschen auf oder eine Hand kam an die Oberfläche, um dann sogleich wieder für immer in dem Wasser zu verschwinden. Das Brausen der Gewässer wurde immer stärker, das Brüllen der ertrinkenden Tiere und die Hilferufe der Menschen übertönte alles. Auf der Wiese bildeten sich Strudel und Wirbel und die Wagen verschwanden.

Und Wawrzon und Maryscha?

Die Wand, auf welcher der alte Bauer unter Orliks Zelt lag. rettete sie vorderhand, denn sie schwamm wie ein Floß. Die Flut drehte es rings um die ganze Waldwiese und trug es schließlich, ins Flußbett treibend, davon. Das Mädchen, neben dem alten Vater kniend, hob die Hände gen Himmel, Gottes Hilfe anrufend. Aber nur das Brausen der vom Wind gepeitschten Flut antwortete ihr. Das Zelt wurde weggerissen, aber auch das Floß konnte jeden Augenblick zerschellen, denn vor und hinter ihm trieben Baumstämme, die alles erdrücken konnten.

Schließlich geriet es zwischen die Zweige eines Baumes, dessen Schopf aus dem Wasser ragte. Da ließ sich von diesem Schopf eine menschliche Stimme vernehmen: »Nehmt die Flinte und schifft nach der andern Seite, damit das Floß nicht überschlage, wenn ich hinaufspringe!«

Kaum hatten Wawrzon und Maryscha vollführt, was ihnen geheißen, schwang sich eine menschliche Gestalt vom Baumzweig auf das Floß.

Es war Orlik.

»Maryscha,« sagte er, »wie ich versprochen habe, werde ich Dich nicht verlassen. Ich werde Euch aus dieser Hochflut retten.«

Mit einem kleinen Beil, das er bei sich führte, haute er einen geraden Zweig vom Baum ab. zimmerte ihn im Handumdrehen zurecht, dann stieß er das Floß aus den Zweigen und begann zu rudern.

Sie gelangten in das eigentliche Strombett und trieben blitzschnell dahin. Wohin, das wußten sie nicht. Von Zeit zu Zeit stieß Orlik Stämme und Zweige weg oder drehte das Floß, um einem hervorstehenden Baume auszuweichen. Seine Riesenkräfte schienen sich zu verdoppeln. Trotz der Dunkelheit entdeckte sein Auge jede Gefahr. Eine Stunde nach der anderen verstrich, jeder andere wäre vor Ermüdung zusammengebrochen, an ihm war nicht einmal eine Anstrengung zu merken.

Mit Tagesanbruch waren sie aus dem Waldrevier, denn es war kein einziger Baum mehr zu sehen, dafür sah die ganze Gegend wie ein Meer aus. Die ungeheuern Wellen der gelben schäumenden Wassermassen wälzten sich brüllend über die Fläche.

Mittlerweile tagte es immer mehr; Orlik sah, daß in der Nähe kein Baumstamm war, hielt eine Weile im Rudern inne und drehte sich zu Maryscha: »Jetzt bist Du mein, denn ich habe Dich dem Tod entrissen.«

Sein Kopf war barhäuptig, und das nasse, von der Anstrengung gerötete und vom Kampfe mit der Überschwemmung erhitzte Gesicht hatte solch einen Ausdruck von Kraft, daß Maryscha zum erstenmal nicht wagte, ihm zu erwidern, daß sie einem anderen Treue gelobt.

»Maryscha,« sagte er weich, »herzige Maryscha.«

»Wohin schiffen wir?« fragte sie, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

»Was liegt mir daran! Nur mit Dir, mein Lieb, rudern, bis der Tod uns ereilt.«

Orlik begann wieder zu rudern.

Wawrzon aber fühlte sich immer schlechter. Abwechselnd hatte er Hitze und Frost und er ward zusehends schwächer. Für seinen alten, erschöpften Körper war das Leiden schon zuviel, das Ende nahte. Um die Mittagszeit wachte er auf und sagte: »Maryscha, ich werde morgen nicht mehr leben. Ach, Mädel, Mädel, hätte ich lieber Lipinze nicht verlassen und Dich nicht weggeführt. Aber Gott ist barmherzig! Ich habe viel gelitten, und so wird er mir meine Sünden vergeben. Begrabet mich, wenn es möglich ist, und Dich soll Orlik zu dem alten Herrn nach New York bringen. Das ist ein guter Herr, er wird sich Deiner erbarmen, wird Dir auch das Reisegeld geben und Du kannst nach Lipinze heimkehren; ich nicht mehr. O Gott, barmherziger Gott, erlaube meiner Seele, daß sie dorthin fliegen darf und es wenigstens wiedersieht. Heilige Mutter Gottes, ich begebe mich unter deinen Schutz!« Plötzlich schrie er auf: »Werfet mich nicht ins Wasser, denn ich bin kein Hund!« Dann erinnerte er sich, daß er Maryscha aus Elend habe ertränken wollen, denn er rief wiederum: »Kind, vergib, vergib mir!« . . .

Die Arme lag schluchzend ihm zu Häupten . . . Orlik ruderte und Tränen erstickten seine Stimme.

Am Abend klärte sich das Wetter auf. Die Sonne kam zum Vorschein und spiegelte sich im Wasser in einem goldigen, langen Streifen. Der Alte verfiel in Agonie. Aber Gott erbarmte sich seiner und gab ihm einen leichten Tod. Anfänglich wiederholte er mit wehmütiger Stimme: »Ich habe Polen verlassen,« aber dann kam es ihm in der Fieberhitze vor, als ob er heimkehre. Er bildete sich ein, daß der alte Herr aus New York Geld für die Reise und auch für den Rückkauf seines Anwesens gegeben hätte, und er und Maryscha befänden sich jetzt auf der Heimfahrt. Sie sind auf dem Ozean, das Schiff schwimmt Tag und Nacht. Die Matrosen singen. Dann sieht er den Hafen von Hamburg, von dem er die Reise angetreten, verschiedene Städte flimmern vor seinen Augen, ringsum erschallt die deutsche Sprache, aber der Eisenbahnzug stürmt weiter, und so fühlt Wawrzon, daß er sich immer mehr der Heimat nähert, Freude schwellt seine Brust, und von der heimatlichen Gegend kommt ihm eine liebe andere Luft entgegengeweht.

Was ist das? Die Grenze. Das arme Bauernherz schlägt wie ein Hammer. . . Fahret nur zu! Gott! Gott! und da sind schon die bekannten Felder und Obstbäume, die grauen Bauernhütten und Kirchen! Dort geht ein Bauer in einer Lammfellmütze hinter dem Flug drein. Aus dem Waggon streckt er ihm die Hände entgegen, weit! weit! Er kann nicht reden. Man fährt weiter. Und was ist denn dort? Die Stadt Przyrembla, und hinter Przyrembla Lipinze. Er und Maryscha gehen den Weg entlang und weinen. Es ist Frühling. Das Getreide blüht, die Maikäfer summen in der Luft. In Przyrembla läutet man zum Angelus. Jesus! Jesus! Für ihre Sünden so viel Glück! Noch über dieses Berge, dort ist schon ein Kreuz, ein Wegweiser und die Grenze von Lipinze.

Der Bauer wirft sich zu Boden und schreit auf vor Glück, küßt die Erde, kriecht ans Kreuz heran und umfaßt es mit den Händen, er ist schon in Lipinze. Ja. so ist es. Er ist schon in Lipinze, denn nur sein toter Körper ruht auf dem ins Hochwasser verirrten Floß, während die Seele dahin schwebt, wo ihr Glück und Friede ist.

Arme Maryscha! Dein Schluchzen ist vergeblich. Väterchen wird nicht mehr zu Dir zurückkehren. Ihm ist in Lipinze zu wohl.

Die Nacht war angebrochen. Vor Müdigkeit entfiel Orliks Händen das improvisierte Ruder, und der Hunger setzte ihm zu. Maryscha, an der Leiche des Vaters kniend, sagte mit gebrochener Stimme Gebete her, und ringsum bis zum äußersten Rande des Horizontes sah man nur das Hochwasser.

Sie gerieten in das Bett eines größeren Flusses denn die Strömung trieb das Floß wiederum rasch dahin. Es war unmöglich zu lenken. Vielleicht aber waren es auch nur Wasserstrudel, die über den Vertiefungen wirbelten, denn sie wurden häufig im Kreis herumgedreht. Orlik fühlte, daß die Kräfte ihn verließen, da sprang er plötzlich auf und rief: »Bei den Wundmalen Christi! Dort ist ein Licht!«

Maryscha blickte nach der Richtung, in welcher er die Hand ausstreckte. In der Tat leuchtete in der Ferne eine kleine Flamme.

»Das ist ein Boot aus Clarcsville.« sagte Orlik hastig. »Die Yankees haben Hilfe geschickt, daß sie uns nur nicht verfehlen. Maryscha, ich werde Dich erretten! Hoffnung! Hoffnung!« Gleichzeitig ruderte er mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte.

Das Licht wuchs vor ihren Augen, und in seinem roten Schein zeichnete sich ein großes Boot ab. Es war noch sehr weit, aber sie kamen näher. Nach einer geraumen Zeit bemerkte Orlik, daß das Boot nicht vom Fleck komme. Sie schifften in einen großen Strom, aber das Ruder brach in Orliks Händen. Nun waren sie ohne Ruder. Die Strömung trug sie immer weiter dahin, das Licht wurde kleiner. Zum Glück stieß das Floß nach einer Viertelstunde an einen einsamen, in der Steppe stehenden Baum und blieb in seinen Zweigen stecken. Sie begannen beide um Hilfe zu rufen, aber das Tosen der Brandung übertönte ihre Stimmen.

»Ich werde schießen,« sagte Orlik, »sie werden das Aufleuchten erblicken und das Krachen des Schusses hören.«

Kaum gedacht, richtete er schon den Flintenlauf in die Höhe, aber statt eines Schusses vernahm man nur das dumpfe Schnappen des Hahnes auf der Gewehrpfanne. Das Pulver war naß geworden.

Orlik warf sich der Länge nach auf dem Floß hin. Es war keine Rettung. Eine Weile lag er wie leblos; schließlich stand er auf und sagte: »Maryscha . . . ein anderes Mädel hätte ich schon längst mit Gewalt genommen und in den Wald geschleppt. Ich dachte es auch mit Dir so zu machen, ich wagte es aber nicht, denn ich habe Dich lieb. Ich ging wie ein Wolf allein durch die Welt, die Menschen fürchteten mich, während ich vor Dir Furcht habe. Maryscha, Du mußt mir was angetan haben . . . Aber Du scheinst mich nicht heiraten zu sollen, der Tod ist besser! Ich werde Dich retten oder umkommen, und wenn ich umkomme, so betraure mich, mein Lieb, und sage für mich ein Gebet her. Was habe ich an Dir verschuldet? Ein Unrecht habe ich Dir nicht zugefügt. Ach Maryscha, Maryscha! Leb wohl, Du mein Lieb, meine Sonne!« Und ehe sie sich versah, was er vorhabe, sprang er ins Wasser und begann zu schwimmen. Eine Weile sah sie in der Dunkelheit seinen Kopf und die Arme, die das Wasser trotz der Strömung stromauf durchschnitten, denn er war ein tüchtiger Schwimmer. Bald aber verschwand er aus ihren Augen. Er schwamm zum Boot, um Rettung für sie zu holen. Die reißende Strömung behinderte seine Bewegungen, als zöge ihn etwas zurück, er riß sich aber los und hastete vorwärts. Wenn er dieser Strömung hätte ausweichen können, wenn er in eine andere geriet, hätte er bestimmt das Ziel erreicht. Aber er vermochte trotz der übermenschlichen Anstrengung nur langsam vom Fleck zu kommen. Dichte gelbliche Wassermassen spritzten ihm oft Schaum in die Augen und so streckte er den Kopf in die Höhe, sammelte Atem und strengte in der Dunkelheit den Blick an, um zu erspähen, wo das Boot sich befinde. Manchmal warf eine stärkere Welle ihn zurück, dann hob sie ihn wieder in die Höhe; er atmete immer schwerer, er fühlte, daß seine Knie erstarrten. Er glaubte nicht, daß er hinüberkommen würde; da flüsterte ihm aber etwas wie Maryschas liebe Stimme ins Ohr: »Rette mich!« und er begann wieder die Flut verzweiflungsvoll mit den Armen zu teilen. Seine Backen blähten sich auf, und die Augen traten ihm hervor.

Wenn er umkehrte, konnte er noch stromabwärts das Floh schwimmend erreichen, aber er dachte nicht einmal daran, denn das Boot, von derselben Strömung, gegen die er ankämpfte, getragen, kam ihm tatsächlich entgegen. Plötzlich fühlte er, daß die Füße ihm ganz erstarrten. Nach einigen verzweifelten Anstrengungen – das Boot kam immer näher – rief er: »Hilfe! Rettung!« Das letzte Wort erstickte das Wasser, das ihm in den Mund kam. Er tauchte unter, eine Welle glitt über seinen Kopf; aber er tauchte wieder auf – das Boot war ganz nahe – strengte zum letztenmal seine Stimme an und rief: »Hilfe, Hilfe!« Man hörte ihn, denn das Plätschern der Ruder wurde rascher. Aber Orlik sank wieder unter. Ein Wirbel erfaßte ihn . . . Noch eine Weile war er auf der Flut sichtbar, dann ragte nur eine, dann die andere Hand aus dem Wasser hervor und dann verschwand er ganz im Wasserschlund . . .

Maryscha, auf dem Floß allein mit dem Leichnam des Vaters zurückgeblieben, starrte wie irre ins ferne Licht.

Aber die Strömung trieb es ihr entgegen. Ein Boot mit mehreren Rudern, die sich beim Schein des Feuers wie die roten Füße eines großen Wurmes bewegten, zeichnete sich ab. Maryscha begann verzweiflungsvoll zu schreien.

»He, Smith,« ließ sich eine Stimme auf englisch vernehmen, »man möge mich henken, wenn ich nicht Hilferufe vernommen und wenn ich sie nicht wieder höre.«. . .

Bald darauf trugen kräftige Arme Maryscha in den Kahn. Orlik aber war nicht im Boot.

Zwei Monate später verließ Maryscha das Spital in Little Rock und für das von guten Menschen gesammelte Geld fuhr sie nach New York.

Aber dieses Geld reichte nicht aus. Einen Teil des Weges mußte sie zu Fuß zurücklegen, da sie aber schon ein wenig Englisch sprach, verstand sie die Eisenbahnschaffner zu bitten, sie streckenweise umsonst mitzunehmen. Viele Menschen hatten mit diesem armen, abgehärmten, hinfälligen, blauäugigen Mädchen, das einem Schatten ähnlicher war als einem Menschen, und das mit Tränen um Erbarmen bat, Mitleid.

Nicht die Menschen hatten ihr Unglück verschuldet, sondern das Leben und dessen Begleiterscheinungen. Was sollte in diesem amerikanischen Strudel und in diesem riesigen Verkehr dieses Feldblümlein aus Lipinze beginnen? Wie sollte Maryscha sich helfen?

Mit einer ausgemergelten, vor Schwäche zitternden Hand zerrte sie an der Glocke in Water Street in New York: Maryscha kam, um bei dem alten Herrn, der aus der Gegend von Posen stammte, Hilfe zu suchen.

Ein fremder, ihr unbekannter Mensch öffnete.

»Ist Mister Zlotopolski zu Haus?«

»Wer ist das?«

»Ein alter Herr.« Hier wies sie seine Karte vor.

»Er ist gestorben.«

»Gestorben? Und der Sohn? Herr William?«

»Verreist.«

»Und Fräulein Johanna?«

»Gleichfalls abgereist.«

Die Tür schloß sich vor ihr. Sie setzte sich auf die Schwelle und begann sich das Gesicht zu reiben. Sie war wiederum in New York, allein, hilf- und schutzlos, ohne Geld. Konnte sie hier bleiben? Nie und nimmer! Sie wird nach dem Hafen gehen, in die deutschen Docks, die Knien des Kapitäns umfassen und ihn bitten, daß er sie mitnehme und wenn er sich ihrer erbarmt, würde sie Deutschland bettelnd durchwandern und nach Lipinze heimkehren. Dort ist ihr Jaschko. Außer ihm hat sie niemand mehr in der weiten Welt. Wenn er sich ihrer nicht annimmt, wenn er sie vergessen, wenn er sie verstößt, so wird sie wenigstens in seiner Nähe sterben.

Sie ging nach dem Hafen und kniete zu den Füßen des deutschen Kapitäns nieder. Er möchte sie schon mitnehmen, denn wenn sie sich nur ein wenig erholen würde, wäre sie ein schönes Mädchen. Er möchte gern, aber die Gesetze gestatten es nicht, es wäre ein öffentliches Ärgernis. Sie möge ihn also in Ruh lassen . . .

Das Mädchen ging, um auf derselben Brücke zu schlafen, auf welcher sie und der Vater in jener denkwürdigen Nacht, als er sie ertränken wollte, schliefen. Sie nährte sich davon, was das Wasser ans Ufer spülte, so wie sie sich damals in New York mit dem Vater ernährt hatte.

Zum Glück war es Sommer – also warm.

Kaum daß der Tag graute, ging sie täglich nach den deutschen Docks, um Gnade zu erbetteln; jedoch immer vergebens. Aber sie besaß eine bäuerliche Ausdauer. Doch endlich verließen sie die Kräfte. Sie fühlte, daß wenn sie nicht bald fährt, sie sterben wird, so wie alle, mit denen das Schicksal sie zusammengeknüpft hatte, gestorben waren.

Eines Morgens schleppte sie sich nur mit Mühe und mit dem Gedanken her, dies sei wohl schon das letztemal, denn morgen werden die Kräfte nicht mehr reichen. Sie beschloß nicht zu bitten, sondern sich auf das erste beste nach Europa abgehende Fahrzeug zu schleichen und sich irgendwo an Bord zu verstecken. Wenn sie erst auf offener See sind und sie finden, wird man sie doch nicht ins Wasser werfen, und wenn sie es tun, ja, was ist weiter dabei? Wenn man sterben muß, ist es einerlei, wie man stirbt.

Aber bei der zum Schiff führenden Landungsbrücke wurde auf die Kommenden gut aufgepaßt und der Wächter stieß sie beim ersten Versuch zurück. Und so setzte sie sich auf einen Pfahl beim Wasser und dachte sich, das Fieber überfalle sie wohl. Sie begann auch zu lächeln und zu träumen.

»Jaschko, ich bin eine Gutsbesitzerstochter, habe Dir aber Treue bewahrt. Was, Du kennst mich nicht?«

Die Arme verfiel nicht in ein hitziges Fieber, aber in Wahnsinn. Von da an kam sie täglich nach dem Hafen, Jaschko zu erwarten. Die Leute gewöhnten sich an sie und gaben ihr manchmal ein Almosen. Sie dankte demütig und lächelte wie ein Kind. So lebte sie zwei Monate. Aber eines Tages kam sie nicht nach dem Hafen und man sah sie nicht mehr. Nur die Polizeizeitung meldete am folgenden Tage, daß man am äußersten Hafenende den Leichnam eines nach Name und Herkunft unbekannten Mädchens gefunden habe.



Komödie der Irrungen.

Eine Skizze aus dem amerikanischen Leben.

Vor fünf oder sechs Jahren wurden in der Grafschaft Maryposa in einer gewissen Ortschaft Naphtaquellen entdeckt. Bei dem immensen Gewinn, den derartige Gruben in den amerikanischen Staaten abwerfen, gründete gleich ein Unternehmer eine Gesellschaft, um die neuentdeckten Quellen zu verwerten. Es wurden verschiedene Maschinen, Pumpen, Bohrer und andere Gerätschaften angekauft, Arbeiterhäuser wurden erbaut, und die Ortschaft Struck Oil getauft. Nach einer geraumen Zeit erhob sich in einer öden, unbewohnten Gegend eine Ansiedlung, die aus einigen Dutzend Häusern mit einer Bevölkerung von mehreren hundert Arbeitern bestand. Zwei Jahre später hieß Struck Oil schon Struck Oil City, und es war tatsächlich schon eine City im vollen Sinne des Wortes entstanden. Es lebten bereits ein Schuster, ein Schneider, ein Zimmermann, ein Schmied, ein Fleischer und ein Doktor in der Stadt, ein Franzose, der seinerzeit in Frankreich die Bärte rasierte, im übrigen aber ein »gelehrter« und unschädlicher Mensch war, was bei einem amerikanischen Doktor schon viel sagen will. Wie das in kleinen Städten häufig der Fall ist, unterhielt der Doktor zugleich die Apotheke und die Post; und so hatte er eine dreifache Praxis. Er war als Apotheker ebenso unschädlich wie als Doktor, denn in seiner Apotheke waren nur zwei Arzneien erhältlich: Zuckersirup und Canol. Dieser stille und sanfte Greis pflegte seinen Patienten gewöhnlich zu sagen: »Habt vor meinen Arzneien keine Angst. Ich habe die Gewohnheit, wenn ich einem Kranken eine Arznei gebe, immer eine gleiche Dosis selbst einzunehmen, denn wenn sie mir Gesundem nicht schadet, wird sie auch den Kranken nichts schaden. Nicht wahr?«

»Ganz richtig,« antworteten die befriedigten Bürger, denen es gar nicht einfiel, daß es die Pflicht eines Arztes sei, nicht nur dem Kranken nicht zu schaden, sondern zu helfen.

Herr Dasouville – so hieß der Doktor – glaubte aber besonders an die wunderbaren Folgen des Canol. Auf Volksversammlungen zog er zum Beispiel den Hut vom Haupte, und sich zum Publikum wendend, sagte er: »Meine Herren und Damen! Überzeugt Euch von der Wirkung meines Mittels. Ich bin siebzig Jahre alt. Seit vierzig Jahren nehme ich täglich Canol ein, und schaut, ich habe kein einziges graues Haar auf dem Kopf.«

Die Damen und Herren aber bemerkten, daß der Doktor nicht nur kein einziges graues Haar, sondern überhaupt keins hatte, denn sein Kopf war kahl wie ein Lampenschirm. Da aber derartige Bemerkungen zu Struck Oil Citys Gedeihen in gar keiner Weise beitrugen, wurden sie auch nicht weiter beachtet.

Unterdessen wuchs und gedieh Struck Oil City.

Nach Ablauf von zwei Jahren wurde eine Zweigbahn errichtet. Die Stadt hatte schon ihre eigenen Beamten; der Doktor, der allgemein beliebt war, wurde als Repräsentant der Intelligenz zum Richter eingesetzt, der Schuster, ein Jude aus Polen, Mister Devis, zum Sheriff, das heißt, Chef der Polizei, die nur aus dem Sheriff und sonst niemand bestand. Es wurde eine Schule errichtet, deren Leitung man einer uralten, kränklichen Jungfrau übertrug. Schließlich wurde auch das erste Hotel unter der Firma »United States Hotel« eröffnet.

Die Geschäfte nahmen auch einen ungewöhnlichen Aufschwung. Der Naphtaexport warf einen guten Profit ab. Man sah, daß Mister Devis vor seinem Laden ein Schaufenster errichten ließ, ähnlich wie die, die in San Francisco die Schuhhandlungen schmücken. Dafür wurde dem Herrn Devis von den Bürgern für diese neue Zierde der Stadt öffentlicher Dank gesagt, worauf Mister Devis mit der Bescheidenheit eines großen Bürgers antwortete: »Danke Euch, danke Euch sehr!«

Wo es einen Sheriff und Richter gibt, dort kommen auch Prozeßsachen vor, das erheischt Schreibwaren und Papier, und so entstand an der Ecke der Long-Street ein Papiergeschäft, in dem man politische Journale und Karikaturen verkaufte und sich über die Vereinigten Staaten lustig machte. Die Pflichten eines Sheriffs erheischten es ganz und gar nicht, den Verkauf derartiger Illustrationen zu verbieten, denn das gehört nicht zur Polizei.

Aber das genügte nicht. Eine amerikanische Stadt kann ohne eine Zeitung nicht leben und so entstand im zweiten Jahr eine Zeitschrift unter dem Titel: »Samstags-Wochen-Rundschau«, die so viel Abonnenten wie Struck Oil City Einwohner zählte. Der Redakteur dieser Zeitung war gleichzeitig deren Herausgeber, Drucker, Verwalter und Austräger. Die letztere Obliegenheit war freilich um so leichter, da er sich außerdem Kühe hielt und jeden Morgen die Milch austragen mußte. Das hinderte ihn aber ganz und gar nicht, die politischen Leitartikel mit den Worten zu beginnen: »Wenn unser infamer Präsident der Vereinigten Staaten den Rat, den wir ihm in unserer vorigen Nummer erteilten, befolgt hätte . . .« und so weiter.

Wie man sieht, fehlte also nichts im gesegneten Struck Oil City. Da sich außerdem die Grubenarbeiter, die sich mit Petroleumgewinnung beschäftigten, weder durch Gewalttätigkeit noch durch rüde Sitten, wie die Goldsucher, auszeichneten, war es in der Stadt ruhig. Es kamen keine Raufereien vor und von einer Lynchjustiz hörte man niemals. Das Leben floß ruhig dahin und ein Tag war wie der andere. In der Frühe ging jeder seinen Geschäften nach, abends verbrannten die Bürger den Kehricht auf den Gassen, und wenn es kein Treffen gab, gingen sie schlafen.

Der einzige Kummer des Sheriffs war, daß er den Bürgern nicht abgewöhnen konnte, des Abends mit Flinten auf die wilden Gänse zu schießen, die über die Stadt dahinflogen. Die Stadtgesetze verbieten das Schießen in den Straßen. »Wenn dies irgendein obskures Städtchen wäre,« pflegte der Sheriff zu sagen, »nun, da hätte ich geschwiegen; aber in solch einer großen Stadt piff, paff! piff, paff! das ist nicht erlaubt.«

Die Bürger hörten zu, schüttelten die Häupter und antworteten. »O yes!« Wenn aber abends am geröteten Himmel wieder die Schwärme weißer und grauer Wildgänse auftauchten, vergaß jeder sein Versprechen, griff nach der Büchse – und die Schießerei ging von neuem los.

Herr Devis konnte zwar jeden Schurken beim Richter anzeigen, und der Richter konnte ihn mit einer Geldbuße bestrafen, man durfte aber nicht vergessen, daß die Schuldigen im Falle einer Krankheit gleichzeitig die Patienten des Doktors, und wenn ihre Schuhe rissen, die Gäste des Sheriffs waren, und da eine Hand die andere wäscht, tat auch eine Hand der anderen kein Unrecht.

Und so war es in Struck Oil City so friedlich wie im Himmel; aber diese schönen Tage nahmen jäh ein Ende. Der Besitzer des einen Warenhauses entbrannte im tödlichen Hasse zur Inhaberin des anderen, und sie zu ihm. In ihrem Laden kann man alles haben: Mehl, Hüte, Zigarren; Besen, Knöpfe, Reis, Sardinen, Hemden, Speck; Sämereien, Blusen, Hosen, Lampengläser, Beile, Zwieback, Teller, Papierkragen, gedörrte Fische – mit einem Worte alles, was der Mensch gebrauchen kann.

Zu Anfang gab es in Struck Oil City nur ein solches Warenhaus. Der Eigentümer, ein Deutscher, Hans Kasche mit Namen, war ein phlegmatischer Mensch; er stammte aus Preußen, war fünfunddreißig Jahre alt, hatte Glotzaugen, sah ziemlich fesch aus und ging immer ohne Rock einher, die Pfeife kam nie aus seinem Munde. Englisch konnte er soviel, wie unumgänglich notwendig war, aber kein Wort mehr. Das Geschäft führte er gut, so daß man schon nach einem Jahre in Struck Oil City sagte, es sei einige tausend Dollar wert.

Aber plötzlich tauchte ein zweites Geschäft auf. Und sonderbar, das erste hielt ein Deutscher und das zweite machte eine Deutsche auf. Zwischen beiden Parteien entbrannte sofort ein Krieg, der damit seinen Anfang nahm, daß Fräulein Naumann zum Begrüßungslunch Plätzchen aus Mehl herstellen ließ, das mit Soda und Alaun vermischt war. Damit hätte sie sich in der öffentlichen Meinung geschadet, wenn sie nicht dabei betont hätte und auch Zeugen stellte, daß sie ihr Mehl noch nicht ausgepackt habe und dieses inzwischen bei Hans Kasche gekauft hätte. Es stellte sich also heraus, daß Hans Kasche ein Neidhammel und niederträchtiger Mensch sei, der gleich zu Beginn seine Konkurrentin in der öffentlichen Meinung zugrunde richten wollte.

Es war übrigens vorauszusehen, daß zwei gleiche Handlungen miteinander rivalisieren würden, aber niemand sah voraus, daß die Konkurrenz in einen furchtbaren persönlichen Haß übergehen würde. Dieser Haß erreichte bald einen solchen Grad, daß Hans nur dann den Kehricht verbrannte, wenn der Wind den Rauch davon nach dem Laden seiner Gegnerin wehte und sie nannte Hans nicht anders als »Deutscher«, was er als Beschimpfung auffaßte.

Anfänglich lachten die Einwohner über beide um so mehr, als sie nicht Englisch konnten. Allmählich aber bildeten sich zwei Parteien, die sich mit scheelen Augen anzusehen begannen, was der Wohlfahrt und dem Frieden des Gemeinwohles schadete und für die Zukunft unheilvolle Verwickelung heraufbeschwören konnte. Devis wollte das Übel gleich an der Quelle heilen und so bemühte er sich, den Deutschen mit der Deutschen zu versöhnen. Manchmal pflegte er inmitten der Straße Posto zu fassen und zu ihnen in ihrer Muttersprache zu sprechen: »Nun, warum wollt Ihr Euch zanken. Kauft Ihr denn nicht bei einem Schuster Schuhe? Ich habe solche, die selbst in San Francisco nicht besser zu haben sind.«

»Es ist vergebens, dem, der bald ohne Stiefel gehen wird, Schuhe anzupreisen,« unterbrach Fräulein Naumann ihn mürrisch.

»Ich verschaffe mir mit den Füßen keinen Kredit.« antwortete Hans phlegmatisch.

Nun mußte man wissen, daß Fräulein Naumann tatsächlich schöne Füße hatte, und so erfüllten solche Sticheleien ihr Herz mit einem tödlichen Zorn.

In der Stadt begannen schon die beiden Parteien auch auf den Meetings die Angelegenheit zwischen Hans Kasche und Fräulein Naumann zu berühren. Da in Amerika aber in einer Angelegenheit mit einer Frau niemand Gerechtigkeit findet, so war die Majorität auf Fräulein Naumanns Seite.

Hans machte bald die Wahrnehmung, daß sein Geschäft sich kaum noch rentiere. Aber auch Fräulein Naumann machte nicht allzu glänzende Geschäfte, denn alle Frauen der Stadt ergriffen Hans' Partei. Sie bemerkten nämlich, daß ihre Männer allzu häufig bei der schönen Deutschen Lieferungen hatten und bei jedem Einkauf allzu lange sitzen blieben.

Wenn beide Geschäfte ganz ohne Kunden waren, standen Hans Kasche und Fräulein Naumann in der Tür, einer dem anderen giftige Blicke zuschleudernd, und Fräulein Naumann sang nach der Melodie »Ach, du lieber Augustin«: »Deutscher, Deutscher, Deutscher!« Herr Hans betrachtete dann sein Gegenüber mit einem Ausdruck, wie er wohl ein erlegtes Wild betrachtet hätte, und brach in ein höllisches Lachen aus.

Der Haß in diesem sonst so phlegmatischen Menschen wurde immer größer, so daß er, wenn er des Morgens Fräulein Naumann sah, schon in Wut geriet. Es wäre schon lange zwischen ihnen zu Handgreiflichkeiten gekommen, wenn er nicht gewußt hätte, daß er in jedem Prozeßfalle den kürzeren ziehen würde, um so mehr, als Fräulein Naumann den Redakteur der Samstag-Wochen-Rundschau auf ihrer Seite hatte. Hans überzeugte sich davon, als er das Gerücht aussprengte, Fräulein Naumann trage eine künstliche Büste. Es war sehr wahrscheinlich, denn in Amerika ist dies ein allgemeiner Brauch.

In der folgenden Woche erschien in der Samstag-Wochen-Rundschau ein niederschmetternder Artikel, in welchem der Redakteur, von den Verleumdungen im allgemeinen sprechend, mit der feierlichen Versicherung eines gut Informierten schloß, daß die Büste einer gewissen verleumdeten Lady echt sei. Von da an trank Herr Hans jeden Morgen statt weißen, nur schwarzen Kaffee, denn er wollte von diesem Redakteur keine Milch mehr beziehen, dafür aber nahm Fräulein Naumann beständig zwei Portionen. Außerdem ließ sie sich vom Schneider ein Kleid anfertigen, dessen Taillenform alle endgültig überzeugen mußte, daß Hans ein Verleumder sei.

Der weiblichen Schlauheit gegenüber fühlte Hans sich wehrlos.

Unterdessen aber sang sie jeden Morgen, sich vor den Laden stellend, immer lauter: »Deutscher, Deutscher, Deutscher!«

»Was könnte ich ihr antun?« dachte Hans. »Ich habe Rattengift, soll ich ihre Hühner vergiften? Nein, ich würde sie ersetzen müssen. Ich weiß aber, was ich tun werde.«

Und abends bemerkte Fräulein Naumann zu ihrer großen Verwunderung, wie Herr Hans Bündel wilder Sonnenblumen herbeitrug und sie vor dem vergitterten Kellerfensterchen wie einen Steg aufschüttete.

»Ich bin neugierig, was das werden wird,« dachte sie bei sich, »wahrscheinlich etwas gegen mich.«

Unterdessen brach die Nacht herein. Herr Hans ordnete die Sonnenblumen in zwei Linien, so daß nur in der Mitte ein Durchgang zum Kellerfensterchen frei blieb, dann brachte er einen mit einer Leinwand bedeckten Gegenstand, wendete sich mit dem Rücken gegen Fräulein Naumann, entfernte die Leinwand von dem geheimnisvollen Gegenstand und bedeckte ihn mit Sonnenblumenblättern. Dann näherte er sich der Mauer und begann darauf Buchstaben zu zeichnen.

Fräulein Naumann kam vor Neugierde schier um. »Er schreibt wahrscheinlich etwas gegen mich an,« dachte sie, »aber wenn alle schlafen gegangen sind, werde ich hingehen, um nachzuschauen, selbst wenn ich es mit dem Leben büßen sollte.«

Nachdem Hans mit seiner Arbeit fertig war. ging er hinauf in seine Wohnung, und bald darauf löschte er das Licht aus.

Da hüllte sich Fräulein Naumann hastig in einen Schlafrock, zog auf die nackten Füße Pantoffel und ging hinaus über die Gasse. Sie erreichte die Sonnenblumen und ging auf den Steg zum Fensterchen, um die Aufschrift an der Wand zu lesen. Plötzlich quollen ihre Augen hervor, sie warf ihren Oberkörper zurück und ihren Lippen entrang sich ein schmerzliches »ach, ach!« dann ein verzweifelter Aufschrei: »Zu Hilfe, zu Hilfe!«

Oben wurde ein Fenster aufgemacht. »Was ist das?« erscholl ruhig Hans' Stimme. »Was ist das?«

»Verfluchter Deutscher.« brüllte das Mädchen. »Du hast mich ermordet und zugrunde gerichtet! Morgen wirft Du gehängt. Hilfe! Hilfe!«

»Ich komme gleich herunter.« sagte Hans.

Bald darauf erschien er wirklich mit einer Kerze in der Hand. Er blickte Fräulein Naumann, die wie an den Boden angenagelt dastand, an, dann stemmte er die Hände in die Hüften und begann zu lachen. »Was ist das Fräulein Naumann? Hahaha! Fräulein, guten Abend. Hahaha! Ich habe ein Fangeisen auf Skunks aufgestellt und hab' Sie gefangen. Wozu sind Sie hergekommen, um in meinen Keller hineinzuschauen. Ich habe absichtlich an die Wand eine Warnung geschrieben, daß man sich nicht nähere. Jetzt schreien Sie; es sollen die Leute gelaufen kommen, sie sollen alle sehen, daß Sie hergekommen sind, um in den Keller des Deutschen hineinzuschauen. O mein Gott, schreien Sie bis zum Morgen. Gute Nacht, Fräulein, gute Nacht!«

Fräulein Naumanns Lage war schrecklich. Sollte sie schreien? Wenn die Leute gelaufen kommen, ist es eine Kompromittierung. Nicht schreien und die ganze Nacht im Fangeisen stehen und tags darauf ein Schaustück abgeben? Und dazu schmerzt der Fuß immer mehr . . . Im Kopfe ward es ihr schwindlig, die Sterne mengten sich untereinander und der Mond hatte das unheilverkündende Gesicht des Herrn Hans. Sie wurde ohnmächtig.

»Herrje!« schrie Hans zu sich selbst, »wenn sie stirbt, werde ich morgen ohne Urteilsspruch gelyncht.« Und vor Schreck sträubten sich seine Haare auf dem Kopf. Es war kein anderer Ausweg. – Hans brachte so schnell wie möglich den Schlüssel, um das Fangeisen zu öffnen. Das ging aber nicht so leicht, denn der Schlafrock des Fräulein Naumann war hinderlich. Man mußte ihn ein wenig emporschürzen und trotz des Hasses und des Schreckens, konnte Hans sich nicht enthalten, seine Blicke auf die schönen, wie aus Marmor gemeißelten, vom roten Mondlicht beschienenen Füßchen seiner Widersacherin zu werfen.

Man hätte sagen können, daß sein Haß jetzt mit Mitleid gepaart sei. Er öffnete rasch das Eisen, und da sie sich noch nicht rührte, nahm er sie auf die Arme und trug sie schnell nach ihrer Wohnung. Dann kehrte er zurück und vermochte die ganze Nacht kein Auge zu schließen.

Am folgenden Tage kam Fräulein Naumann aus ihrem Laden nicht zum Vorschein. Sie schämte sich vielleicht oder schmiedete schweigend Rache. Und so war es.

Noch am Abend desselben Tages forderte der Redakteur der »Samstag-Wochen-Rundschau« Hans zum Boxerkampfe heraus und gleich bei Beginn schlug er ihm ein Auge grün und blau. Aber Hans, zur Verzweiflung gebracht, versetzte ihm schreckliche Schläge, daß nach einer kurzen vergeblichen Gegenwehr der Redakteur der Länge nach hinstürzte, indem er rief: »Genug! genug!«

Es ist unbekannt, auf welche Weise die ganze Stadt von dem nächtlichen Abenteuer des Fräulein Naumann erfuhr.

Nach dem Faustkampfe mit dem Redakteur verschwand wiederum in Hans' Herzen das Mitleid für die Feindin und der Haß blieb zurück.

Hans ahnte, daß ihn nun ein unverhoffter Schlag von gehässiger Hand treffen wird, und er sollte auch nicht lange darauf warten. Die Eigentümer von Gemischtwaren-Handlungen hängen häufig vor ihren Läden Bekanntmachungen über verschiedene Waren auf, die gewöhnlich »Notice« betitelt sind. Anderseits muß man wissen, daß die Kaufleute gewöhnlich den Schankwirten Eis verkaufen, ohne welches ein Amerikaner weder Whisky noch Bier trinkt.

Mit einem Male machte Hans die Wahrnehmung, daß man ganz aufhörte, von ihm Eis zu beziehen. Die großen Eisschollen, die er per Bahn bekommen und eingekellert hatte, schmolzen. Der Schaden war beträchtlich. Warum? Weshalb? Hans sah, daß seine Anhänger jetzt täglich bei Fräulein Naumann Eis kauften. Er begriff nicht, was das bedeute, um so weniger, als er sich mit keinem Schankwirt gezankt hatte.

Er beschloß, sich über die Sache Aufklärung zu verschaffen. »Warum nehmt Ihr kein Eis mehr von mir?« fragte er in gebrochenem Englisch den Schankwirt Peters, der an seinem Laden vorbeiging.

»Weil Ihr keins habt.«

»Wie denn, ich habe keins?«

»Nun ich weiß es ja.«

»Aber ich habe ja Eis auf Lager.«

»Und was ist das?« fragte der Schankwirt, mit dem Finger auf die am Hause angebrachte Bekanntmachung weisend.

Hans blickte hin und wurde grün vor Wut. Jemand hatte in seiner Anzeige in dem Worte »Notice« das »t« aus der Mitte weggekratzt, infolgedessen aus dem Wort »No ice« wurde. Dies bedeutet im Englischen: Kein Eis.

»Donnerwetter!« schrie Hans auf und stürzte wutschnaubend in den Laden des Fräulein Naumann. »Das ist eine Gemeinheit.« schrie er. »Warum haben Sie mir einen Buchstaben aus der Mitte ausgekratzt?«

»Was habe ich Ihnen aus der Mitte ausgekratzt? Was habe ich Ihnen aus der Mitte ausgekratzt?« sagte Fräulein Naumann, die Einfältige spielend.

»Ich sage einen Buchstaben, ein ›t‹. Sie haben mir ein ›t‹ ausgekratzt. Aber, goddam, das lasse ich mir nicht gefallen. Sie müssen mir dafür zahlen, goddam! goddam!« Und seine gewöhnliche Kaltblütigkeit verlierend, begann er wie besessen zu brüllen.

Daraufhin schlug Fräulein Naumann Lärm. Die Leute kamen gerannt.

»Zu Hilfe!« rief Fräulein Naumann aus. »Der Deutsche ist verrückt geworden. Er sagt, ich habe ihm etwas ausgekratzt. Was hätte ich ihm auskratzen sollen? Ich habe nichts ausgekratzt! O, bei Gott, wenn ich könnte, würde ich ihm die Augen auskratzen! Ich arme, verlassene Frau, er wird mich totschlagen, ermorden!«

So schreiend, vergoß sie bittere Tränen. Die Amerikaner verstanden zwar nicht, um was es sich handelte, aber sie können Frauentränen nicht ertragen und so wurde Hans am Kragen gepackt und zur Tür hinausspediert. Er wollte Widerstand leisten, flog aber über die Gasse hinüber in seine eigene Ladentür und fiel dort der Länge nach hin.

Eine Woche später hing über seinem Laden ein riesiges malerisches Schild. Es stellte einen mit einem karierten Kleide und weißer Schürze mit Achselbändern bekleideten Affen dar, ganz so wie Fräulein Naumann. Darunter befand sich eine Aufschrift mit großen gelben Lettern: »Kaufladen zum Affen«.

Die Leute strömten herbei, um sich die Sache anzusehen. Das Lachen lockte Fräulein Naumann vor die Tür. Sie kam, sah es und erblaßte, aber die Geistesgegenwart nicht verlierend, rief sie aus: »Kaufladen zum Affen? Kein Wunder, denn Herr Kasche wohnt oberhalb des Ladens, ha, ha!«

Aber der Stich traf sie ins Herz. Um die Mittagszeit sah sie, wie die Kinderscharen, die aus der Schule kamen, an dem Laden vor dem Schilde stehen blieben und riefen: »O das ist Miß Naumann. Guten Abend, Miß Naumann!«

Das war zu stark. Als der Redakteur abends zu ihr kam, sagte sie: »Dieser Affe, das soll ich sein, ich weiß, daß ich es sein soll. Das soll ihm aber nicht geschenkt werden. Er muß diesen Affen in meinem Beisein herunternehmen und mit seiner eigenen Zunge ablecken.«

»Was wollen Sie tun?«

»Ich gehe sofort zum Richter.«

Frühmorgens ging sie zu Hans herüber und sagte sie: »Hören Sie, Herr Deutscher, ich weiß, daß ich dieser Affe sein soll, aber kommen Sie nur mit mir zum Richter. Wir wollen sehen, was der dazu sagen wird.«

»Er wird sagen, daß ich über meinen Laden malen darf, was mir beliebt.«

»Das werden wir gleich sehen.« Fräulein Naumann vermochte kaum zu atmen.

»Und woher wissen Sie, daß Sie dieser Affe sein sollen?«

»Weil Sie meine Tracht nachgeahmt haben. Kommen Sie zum Richter, und wenn nicht, wird Sie der Sheriff holen.«

»Gut, ich werde mitgehen,« sagte Hans, seiner Sache sicher.

Sie sperrten die Geschäftsläden zu und gingen zum Richter. Erst knapp vor der Tür erinnerten sie sich, daß sie beide nicht genug Englisch konnten, um die Sache zu erklären. Was also tun? Aber der Sheriff als polnischer Jude kann Deutsch und Englisch. »Also versuchen wir es.«

Aber der Sheriff war eben im Begriff wegzufahren. »Geht zum Teufel!« schrie er. »Die ganze Stadt ist durch Euch beunruhigt. Ich fahre zum Lumber. Good bye.« Und er fuhr davon.

Hans griff sich an den Kopf. »Sie müssen bis morgen warten,« sagte er phlegmatisch.

»Ich soll warten? Lieber sterben! Außer, wenn Sie den Affen herunternehmen.«

»Den Affen werde ich nicht entfernen.«

»So werden Sie baumeln, Deutscher. Sie werden gehenkt werden! Es wird auch ohne Sheriff gehen. Der Richter weiß auch, um was es sich handelt.«

»Nun, so gehen wir ohne Sheriff,« sagte er.

Aber Fräulein Naumann befand sich in einem Irrtum. In der ganzen Stadt wußte allein der Richter nichts von ihrer Befehdung. Der wackere Greis war nur mit seinen »Arzeneien« beschäftigt und glaubte damit die Welt zu erlösen. Er empfing sie höflich und freundlich, wie er gewöhnlich jeden empfing.

»Kinder, zeigt Eure Zungen,« sagte er. »Ich werde Euch gleich was verschreiben.«

Beide begannen zum Zeichen, daß sie keine Arzeneien mögen, mit den Händen zu fuchteln.

Fräulein Naumann wiederholte: »Das brauchen wir nicht, das nicht.«

»Also was?«

Sie redeten durcheinander. Auf ein Wort von Hans fielen zehn des Mädchens. Schließlich verfiel sie auf die Idee, aufs Herz zu weisen, zum Zeichen, daß Herr Hans es mit sieben Schwertern durchbohrt habe.

»Ich verstehe! Jetzt verstehe ich.« sagte der Doktor.

Darauf schlug er ein Buch auf und begann zu schreiben. Er fragte Hans, wie alt er sei.

»Fünfunddreißig Jahre.«

Dann fragte er Fräulein Naumann; sie wußte sich nicht genau zu erinnern, so ungefähr fünfundzwanzig.

»All right! Wie sind Ihre Vornamen? Hans, Lora? All right! Beschäftigung? Sie haben Kaufläden? All right!« Dann noch einige Fragen.

Beide verstanden sie nicht, antworteten aber »yes«.

Der Doktor winkte mit dem Haupte. »Alles erledigt.«

Als er mit der Schreiberei fertig war, erhob er sich plötzlich zu Loras Verwunderung und küßte sie. Sie faßte das als günstiges Omen auf und ging voll rosiger Hoffnungen nach Haus.

Am folgenden Morgen kam der Sheriff vor die Geschäftsläden. Beide standen vor den Türen. Hans schmauchte seine Pfeife, Lora sang ihr Spottlied.

»Wollt Ihr zum Richter gehen?« fragte der Sheriff.

»Wir waren schon dort.« »Nun und wie steht es?«

»Mein lieber Sheriff, mein bester Herr Devis,« rief das Mädchen, gehen Sie hin, um zu erfahren, was er gesagt hat, und legen Sie für mich beim Richter ein gutes Wörtchen ein. Sie sehen, ich bin ein armes, alleinstehendes Mädchen.«

Der Sheriff ging und kehrte nach einer Viertelstunde zurück. Man wußte aber nicht, warum er von einer Menschenmenge umringt zurückkehrte.

»Nun, was ist? Wie steht's?« begannen beide ihn auszufragen.

»Alles ist gut.« sagte der Sheriff.

»Na, was hat der Richter gemacht?«

»Na, was hätte er Böses machen sollen, er hat Euch verheiratet.«

»Verheiratet?!!!«

Wenn ein Blitz jäh eingeschlagen hätte, wären Hans und das Mädchen nicht in diesem Grade bestürzt gewesen. Hans riß weit die Augen auf, öffnete den Mund, streckte die Zunge heraus und schaute Fräulein Naumann wie blöde an, und sie tat ganz dasselbe. Beide waren erstarrt, versteinert, dann erhoben sie ein großes Geschrei.

»Ich soll seine Frau sein?« »Ich soll ihr Mann sein?« »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Nie!« »Gleich eine Scheidung! Ich will nicht!« »Nein, ich will nicht!« »Lieber sterben! Scheidung, Scheidung! Was geht denn da vor?«

»Meine Lieben!« sagte der Sheriff ruhig, »hier hilft kein Schreien, der Richter traut, aber eine Scheidung kann er nicht vornehmen. Warum schreit Ihr? Ich habe schöne Kinderschuhe, ich verkaufe billig. Good bye!« Dies sagend, ging er von dannen.

Die Leute begannen ebenfalls lachend auseinander zu gehen. Die Neuvermählten blieben allein zurück.

»Dieser Franzose,« schrie das Fräulein-Frau, »er hat uns das absichtlich getan, weil wir Deutsche sind!«

»Richtig,« antwortete Hans. »Wir werden aber zur Scheidung gehen! Ich werde sagen: Sie haben mir ein ›t‹ aus der Mitte ausgekratzt.«

»Nein, ich werde sagen, Sie haben mich in die Eisenfalle gelockt!«

»Ich kann Sie nicht ausstehen!«

Sie gingen auseinander und schlossen die Läden. Sie saß in ihrer Wohnung, den ganzen Tag nachsinnend, er in der seinigen.

Die Nacht brach an. Die Nacht bringt Ruhe, aber beide vermochten nicht an Schlaf zu denken. Sie legten sich nieder, konnten aber die Augen nicht schließen. Er dachte: »Dort schläft meine Frau.« Sie dachte: »Dort schläft mein Mann.« Und seltsame Empfindungen entstanden in ihren Herzen. Es war Haß und Zorn mit einem Gefühl der Einsamkeit gepaart.

Hans dachte außerdem an seinen Affen oberhalb des Geschäftsladens. Wie konnte er ihn weiter behalten, wenn dies jetzt eine Karikatur seiner Frau ist. Und es kam ihm vor, als habe er etwas sehr Garstiges getan, als er diesen Affen malen ließ. Aber wiederum haßte er dieses Fräulein Naumann doch, denn durch sie ist sein Eis geschmolzen und er hat sie doch bei Mondschein in die Eisenfalle gelockt.

Da kamen ihm wiederum jene beim Mondlicht gesehenen Formen in den Sinn. »Nun, wahr ist es, sie ist ein fesches Mädchen,« dachte er, »aber sie kann mich nicht leiden und ich sie nicht.«

Das ist eine Situation! Ach, Herr Gott! Er hat geheiratet. Und wen? Fräulein Naumann! Und eine Scheidung kostet so viel! Das ganze Geschäft wird dazu nicht reichen. –

»Ich bin die Frau dieses Deutschen.« sagte sich Fräulein Naumann. »Ich bin kein Mädchen mehr, das heißt, ich wollte sagen, ein Mädchen, aber vermählt. Mit wem? Mit Kasche, der mich in der Eisenfalle erwischte. Es ist zwar wahr, daß er mich in die Arme nahm und hinauftrug, und wie stark er ist. – Was ist das? Da ist ein Geräusch!«

Es war gar kein Geräusch, aber Fräulein Naumann begann sich zu fürchten, obwohl sie sich früher nie fürchtete.

»Aber wenn er sich jetzt erdreisten sollte, Gott!« Dann aber fügte sie mit einer Stimme, in welcher ein seltsamer Tonfall der Enttäuschung klang, hinzu: »Er wird es aber nicht wagen, er . . .«

Bei alldem steigerte sich ihre Furcht. »Einer alleinstehenden Frau ergeht es immer so,« dachte sie weiter. »Wenn ein Mann da wäre, wäre es sicherer. Ich habe von Mordtaten in der Umgegend gehört« – sie hatte nichts gehört – »ich schwöre, man wird mich noch einmal totschlagen. Ach, dieser Kasche! dieser Kasche! Er hat mir den Weg versperrt. Man muß aber wegen einer Scheidung Rat schaffen.«

So spintisierend wälzte sie sich schlaflos im breiten amerikanischen Bette und fühlte sich wirklich vereinsamt.

Plötzlich schnellte sie empor. Diesmal hatte ihr Schreck einen realen Grund. In der nächtlichen Stille war deutlich das Klopfen eines Hammers zu vernehmen.

»Jesus,« schrie sie auf, »man schleicht sich in mein Geschäft ein!« Dies sagend, sprang sie aus dem Bette und eilte ans Fenster. Aber hinausblickend, beruhigte sie sich gleich. Beim Mondschein sah sie eine Leiter und auf derselben stand Hans. Er entfernte die Nägel, die das Affenschild festhielten. Fräulein Naumann machte leise das Fenster auf.

»Er entfernt den Affen, das ist von seiner Seite anständig.« dachte sie. Und sie fühlte plötzlich, als taue etwas in ihrer Herzgegend auf.

Hans zog langsam die Nägel heraus. Das Blechschild fiel klirrend zu Boden. Er stieg hinunter, löste den Rahmen, rollte das Blech in seinen sehnigen Händen zusammen und trug die Leiter fort.

Das Mädchen verfolgte ihn mit den Augen. Es war eine stille, warme Nacht. »Herr Hans,« lispelte sie.

»Sie schlafen nicht?« erwiderte Hans gleichfalls flüsternd.

»Nein! Guten Abend!«

»Guten Abend!«

»Was machen Sie denn?«

»Ich entferne den Affen.«

»Herr Hans, ich danke Ihnen.«

Kurzes Schweigen.

»Herr Hans,« flüsterte wieder die Mädchenstimme.

»Was wünschen Sie, Fräulein Lora?«

»Wir müssen betreffs der Scheidung beratschlagen.«

»Ja, Fräulein Lora.«

»Morgen?«

»Morgen.« Kurzes Schweigen, der Mond lachte, alles war still.

»Herr Hans!«

»Was, Fräulein?«

»Ich habe es eilig, mich scheiden zu lassen.«

Ihre Stimme hatte einen melancholischen Klang.

»Auch ich, Fräulein Lora.« Hans' Stimme klang traurig. »Wir wollen es nicht verzögern.«

»Je früher man darüber berät, desto besser.«

»Desto besser, Fräulein Lora.«

»So können wir gleich beratschlagen.«

»Wenn Sie erlauben, so komme ich zu Ihnen. Ich will mich nur ankleiden.«

»Es sind keine Umstände nötig.«

Unten tat sich die Tür auf, Herr Hans verschwand in der Dunkelheit und bald darauf befand er sich in einem stillen, warmen, sauberen Mädchenzimmer. Fräulein Lora hatte einen weißen Schlafrock an und war entzückend.

»Ich höre,« sagte Hans mit gebrochener, weicher Stimme.

»Denn sehen Sie, ich möchte mich gern scheiden lassen, aber – ich fürchte, daß uns jemand von der Straße erblickt.«

»In den Fenstern ist es doch dunkel,« sagte Hans.

»Ach, richtig!« erwiderte das Mädchen.

Dann begann die Beratung wegen der Scheidung, die aber nicht mehr zur Geschichte gehört . . .

In Struck Oil City zog der Friede wieder ein.