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Fjodor Ssologub – Ljoljetschka.

Erzählung

Aus: Wiener Rundschau, Zeitschrift für Cultur und Kunst, Herausgegeben von Constantin Christomanos und Felix Pappaport, 15. Mai 1898, Wien, 1898
Autorisirte Uebersetzung von Klara Brauner


I.

In Ljoljetschkas Kinderstube war alles licht, hübsch und fröhlich. Ljoljetschkas helle Stimme erfreute die Mama. Ljoljetschka ist ein reizendes Kind. Niemand hat ein solches Kind, hat es je gehabt und wird es je haben. Serafima Alexandrowna, Ljoljetschkas Mama, ist davon überzeugt. Ljoljetschkas Augen sind schwarz und gross, die Wangen roth, die Lippen scheinen zum Küssen und Lachen geschaffen. Aber nicht das ist Serafima Alexandrowna an Ljoljetschka das Liebste.

Ljoljetschka ist allein bei der Mama. Darum entzückt jede Bewegung Ljoljetschkas die Mama. Welch' eine Wonne, Ljoljetschka auf den Knien zu halten, sie zu liebkosen, in den Armen das kleine Mädchen zu fühlen, das lebendig und lustig wie ein Vögelchen ist!

Die Wahrheit zu sagen, ist Serafima Alexandrowna nur in der Kinderstube fröhlich. Mit dem Mann ist ihr kalt. Vielleicht darum, weil er selbst das Kalte so liebt, kaltes Wasser, kalte Luft. Er ist immer frisch und kalt, mit einem kalten Lächeln, und wo er vorübergeht, scheinen kalte Wasserstrahlen durch die Luft zu dringen.

Sergei Modjestowitsch und Serafima Alexandrowna Nesleljeff haben einander weder aus Liebe, noch aus Berechnung geheiratet, sondern weil es schon einmal so Sitte ist. Ein junger Mann von fünfunddreissig Jahren und ein junges Mädchen von sechsundzwanzig. Beide demselben Gesellschaftskreis angehörend und wohlerzogen, sind einander in den Weg gekommen; er sollte heiraten und auch für sie war es Zeit, an den Mann zu kommen. Serafima Alexandrowna schien es sogar, sie sei in ihren Bräutigam verliebt und das amusirte sie sehr; er war elegant und geschickt, bewahrte immer einen vielsagenden Ausdruck in den gescheidten, grauen Augen und erfüllte seine Bräutigamspflichten mit tadelloser Zärtlichkeit. Sergei Modjestowitsch fühlte sich nicht verliebt, es war ihm nicht so froh zu Muth, sondern nur angenehm, wie übrigens immer in seinem eintönigen und gemässigten Leben. Die Braut war ein hübsches – übrigens nicht allzusehr – grosses, schwarzäugiges und schwarzhaariges Mädchen, das sich etwas schüchtern, aber sehr tactvoll benahm. Er hatte es nicht auf die Mitgift abgesehen – aber es machte ihm Vergnügen zu wissen, dass sie etwas besass. Er hatte Verbindungen – und auch sie hatte einflussreiche Verwandte. Einmal, bei Gelegenheit, konnte das von Nutzen sein. Der stets correcte und tactvolle Nesletjeff avancirte auf seinem Posten nicht so schnell, um beneidet zu werden, aber auch nicht so langsam, um Andere zu beneiden.

Nachdem sie geheiratet hatten, gab Sergei Modjestowitsch in seinem äusseren, zur Schau getragenen Benehmen seiner Frau nie Anlass, ihn zu beschuldigen. Später, als Serafima Alexandrowna in anderen Umständen war, knüpfte Sergei Modjestowitsch im Stillen leichte, vorübergehende Verhältnisse an. Serafima Alexandrowna erfuhr das und fühlte sich zu ihrer Verwunderung nicht besonders gekränkt; sie erwartete das Kind mit einem unruhigen, sie ganz in Anspruch nehmenden Gefühl.

Ein Mädchen kam zur Welt; Serafima Alexandrowna ging in den Sorgen um die Kleine ganz auf. Anfangs theilte sie ihrem Mann mit Entzücken die sie freuenden Einzelheiten aus Ljoljas Leben mit. Aber bald bemerkte sie, dass Sergei Modjestowitsch ihr ohne jede lebhafte Theil­nahme, sondern einzig aus weltmännischer, liebenswürdiger Gewohnheit zuhörte. Serafima Alexandrowna begann ihm immer ferner zu rücken. Sie liebte das Mädchen mit unbefriedigter Leidenschaftlichkeit, mit der andere Frauen, die sich in der Wahl ihres Schicksales geirrt haben, ihre Männer mit den erst besten jungen Leuten betrügen. . .

In Ljoljetschkas Kinderstube war es licht und fröhlich . . .

»Mamachen, wollen wir Verstecken spielen?« rief Ljoljetschka.

Ihre anmuthige Unbeholfenheit beim Sprechen machte Serafima Alexandrowna zärtlich und gerührt lächeln.

Ljoljetschka lief herum, stampfte auf dem Teppich mit ihren kleinen, dicken Beinchen und versteckte sich hinter den Vorhängen ihres Bettchens.

»Kuku, Mamachen!« schrie sie mit lachender Stimme und schaute mit einem schwarzen, schelmischen Auge hervor.

»Wo ist mein Kind?« fragte die Mama, indem sie sich den Anschein gab, Ljoljetschka zu suchen und sie nicht zu sehen.

Und Ljoljetschka lachte laut und hell in ihrem Zufluchtsort . . . Dann streckte sie sich noch mehr vor, und die Mama fasste sie bei den kleinen Schultern, als hätte sie sie soeben erst erblickt und rief freudig aus: »Ah, hier ist sie, meine Ljoljetschka!« Lange und hell lachte Ljoljetschka, schmiegte ihren Kopf an Mamas Knie und zappelte in Mamas weissen Armen, freudig glänzten Mamas schwarze Augen.

»Jetzt versteck' Du Dich, Mamachen,« sagte Ljoljetschka, die vom Lachen müde war. Die Mama ging sich verstecken; Ljoljetschka wandte sich ab, als schaute sie nicht hin, und gab heimlich acht, wohin Mamachen gehen wird. Die Mama versteckte sich hinter einen Schrank und rief ihr zu:

»Kuku, mein Kind! . . .« Ljoljetschka lief um das Zimmer herum, schaute in alle Winkelchen und stellte sich wie vorhin die Mama, als suchte sie, obgleich sie selbst gut wusste, wo Mamachen stand.

»Wo ist mein Mamachen? Hier nicht und hier nicht,« sagte sie und lief in eine andere Ecke.

Die Mama stand mit verhaltenem Athem, den Kopf an die Wand gelehnt, mit zerzaustem Haar. Ein seliges und unruhiges Lächeln glitt über ihre rothen Lippen.

Die Wärterin Fedossja, mit einer etwas dummen Miene, aber eine gute und hübsche Frau, schaute die Gnädige grinsend mit dem ihr eigenen Ausdruck an, als sei sie einverstanden, nichts gegen die herrschaftlichen Grillen einzuwenden und dachte im Stillen: »Sieh nur an, die Mutter glüht auch wie Feuer, wie so 'n kleines Kind.«

Ljoljetschka näherte sich Mamas Ecke und die Mama wurde immer aufgeregter, sie gewann Interesse am Spiel; Mamas Herz schlug oft und kurz, und sie schmiegte sich fester an die Wand und verdrückte ihre Frisur. Ljoljetschka sieht in Mamas Ecke und quietscht vor Freude.

»Son da!« schrie sie laut und freudig, wobei sie das »Sch« unrein aussprach und damit wieder die Mama erfreute.

Sie zog die Mama bei den Händen in die Mitte des Zimmers, Beide freuten sich und lachten und Ljoljetschka schmiegte wieder ihren Kopf an Mamas Kniee und flüsterte ohne Ende liebe Worte, die sie so hübsch und unbeholfen aussprach.

Sergei Modjestowitsch nahte sich unterdessen der Kinderstube. Durch die nicht fest geschlossenen Thüren hörte er ein Lachen, freudige Rufe, ein Lärmen und Herumtollen. Kalt, aber liebenswürdig lächelnd, frisch und kerzengerade, tadellos gekleidet, trat er in die Kinderstube und verbreitete um sich einen Hauch von Sauberkeit, Frische und Kälte. Er kam herein, als das Spiel im vollen Gange war und machte Alle durch seine klare Kälte verlegen. Selbst Fedossja wurde schamroth, halb für die Gnädige, halb für sich selbst. Serafima Alexandrowna wurde auf einmal ruhig und scheinbar kalt – und diese ihre Stimmung ging auf die Kleine über, die zu lachen aufhörte und den Vater aufmerksam und schweigend betrachtete.

Sergei Modjestowitsch liess einen flüchtigen Blick durch das Zimmer gleiten. Alles hier war ihm angenehm: die Einrichtung ist hübsch und elegant – Serafima Alexandrowna sorgt dafür, dass das Kind vom zartesten Alter an nur von Schönem umgeben sei; Serafima Alexandrowna ist geschmackvoll und zu Gesicht gekleidet – das thut sie immer für Ljoljetschka mit derselben Absicht. Nur Eines konnte Sergei Modjestowitsch nicht gutheissen – dass seine Frau sich fast immer in der Kinderstube aufhielt.

»Ich wollte Dir sagen . . . Ich wusste ja, dass ich Dich hier treffen würde,« sagte er mit einem nachsichtigen Lächeln.

Sie traten zusammen aus der Kinderstube. Nachdem Sergei Modjestowitsch Serafima Alexandrowna den Vortritt in die Thür seines Arbeitszimmers gelassen hatte, sagte er gleichgiltig, wie im Vorübergehen und ohne seinen Worten Bedeutung beizulegen:

»Findest Du nicht, es wäre für die Kleine nützlich, sich manchmal auch ohne Deine Gesellschaft zu behelfen? Verstehst Du, damit das Kind ein wenig seine eigene Persönlichkeit fühlt,« erklärte er als Antwort auf Serafima Alexandrownas erstaunten Blick.

»Sie ist noch so klein . . .«

»Das ist übrigens nur so meine bescheidene Ansicht. Ich bestehe nicht darauf – dort ist Euer Königreich.«

»Ich werde es mir überlegen,« antwortete die Frau und lächelte kalt und höflich, wie er. Und sie sprachen von was Anderem.


II.

Des Abends erzählte die Wärterin Fedossja in der Küche dem schweigsamen Dienstmädchen Darja und der alten Köchin Agafja, die zu raisonniren liebte, wie überaus gern das kleine Fräulein mit der Gnädigen Verstecken spielt: sie versteckt das Gesichtchen und ruft »Kuku!«

»Und die Gnädige ist selbst wie so 'n kleines Kind,« sprach Fedossja und grinste.

Agafja hörte zu, schüttelte missbilligend den Kopf und ihr Gesicht wurde streng und vorwurfsvoll.

»Was schadet's der Gnädigen: natürlich, ihr geht nichts ab,« sagte sie, »aber dass das Fräulein sich immer versteckt – das ist nicht gut.«

»Warum denn?« fragte Fedossja neugierig.

Ihr gutmüthiges und rothwangiges Gesicht sah vor Neugier dem Gesicht einer plump bemalten Holzpuppe ähnlich.

»Ja, es ist nicht gut,« wiederholte Agafja voll Ueberzeugung, »durchaus nicht!«

»Nun?« fragte Fedossja wieder und verstärkte den komischen Ausdruck der Neugier in ihrem Gesicht.

»Sie versteckt sich und versteckt sich und wird sich ganz verstecken,« sagte Agafja mit dumpfer Stimme, während sie ängstlich nach der Thür hinschielte.

»Aber was Du nicht sagst!« rief Fedossja erschrocken aus.

»Es ist schon richtig, gib auf mein Wort acht,« sagte Agafja mit Bestimmtheit, »das ist schon das sicherste Merkmal.«

Aber die Alte hatte dieses Merkmal offenbar selbst erfunden – hatte plötzlich Glauben daran gefasst und war jetzt sehr stolz darauf.


III.

Ljoljetschka schlief und Serafima Alexandrowna sass bei sich im Zimmer und dachte freudig und zärtlich an Ljoljetschka. Ljoljetschka war in ihren Träumen ein liebes Kind, dann ein liebes junges Mädchen, dann wieder ein reizendes junges Mädchen und blieb immer ohne Ende Mamas Ljoljetschka.

Serafima Alexandrowna bemerkte nicht, wie Fedossja hereinkam und vor ihr stehen blieb. Fedossja hatte ein verblüfftes und erschrockenes Gesicht.

»Gnädige, hören Sie, Gnädige,« rief sie leise mit zitternder und aufgeregter Stimme.

Serafima Alexandrowna kam zu sich. Fedossjas Gesicht machte sie unruhig.

»Was willst Du, Fedossja? Ist was mit Ljoljetschka geschehen?«

Sie erhob sich rasch vom Sessel.

»Aber nein, gnä' Frau,« erwiderte Fedossja und wehrte mit den Händen ab, um die Gnädige zu beruhigen und sie zum Sitzen zu bringen, »Ljoljetschka schläft, Gott sei mit ihr. Aber ich will Ihnen sagen, wissen Sie – ich werde Ihnen sagen, Ljoljetschka versteckt sich immer bei uns – das ist nicht gut . . .«

Fedossja sah die Gnädige mit stieren, vor Schrecken gerundeten Augen an.

»Warum ist das nicht gut?« fragte Serafima Alexandrowna und auch sie fühlte unwillkürlich eine unbestimmte Unruhe.

»Es ist schon einmal so, schlecht ist's, nicht gut,« sagte Fedossja und ihr Gesicht drückte eine unerschütterliche Ueberzeugtheit aus.

»Sprich, bitte, vernünftig,« befahl Serafima Alexandrowna kurz, »ich verstehe nichts.«

»Ja schauen Sie, Gnädige, es gibt so ein Merkmal,« erklärte Fedossja und wurde plötzlich verlegen.

»Unsinn,« sagte Serafima Alexandrowna.

Sie hatte keine Lust, länger zu hören, was das für ein Merkmal sei, was es prophezeie – ihr wurde, man kann nicht sagen ängstlich, aber unheimlich zu Muth, sie fühlte sich beleidigt, dass irgend eine offenbar sinnlose Erfindung die lieben Träume verscheucht und bange macht.

»Ja gewiss, die Herrschaften glauben nicht an Merkmale, aber dies Merkmal ist schlecht,« sprach Fedossja mit dumpfer Stimme, »das Fräulein versteckt sich und versteckt sich . . .«

Plötzlich weinte sie auf und schluchzte laut.

»Sie versteckt sich und versteckt sich und dann wird sich ihre Engelsseele ins nasse Grab verstecken,« sagte sie, während sie sich mit der Schürze die Thränen wischte und sich schneuzte.

»Wer hat Dir das Alles eingeredet?« fragte Serafima Alexandrowna mit strenger und sinkender Stimme.

»Die Agafja,« antwortete Fedossja, »sie wird's schon wissen.«

»Die wird's wissen,« sagte Serafima Alexandrowna ärgerlich, die sich offenbar durch irgend etwas gegen diese plötzliche Unruhe schützen wollte. »Welch ein Unsinn! Ich bitte mir künftig keine solchen Dummheiten zu sagen. Geh . . .«

Fedossja ging mit beleidigtem und traurigem Gesicht.

»Welch ein Unsinn! Kann denn Ljoljetschka sterben?« dachte Serafima Alexandrowna, indem sie das Gefühl von Kälte und Schrecken, welches sie beim Gedanken an die Möglichkeit von Ljoljetschkas Tod erfasst hatte, durch vernünftige Argumente zu bekämpfen suchte.

Serafima Alexandrowna dachte daran, dass diese Frauen unwissend seien und deshalb an die Merkmale glauben. Was sie anbetraf, begriff sie deutlich, dass zwischen einem Kinderspiel, für welches ein jedes Kind eine Vorliebe fassen kann und der Dauer seines Lebens keinerlei Zusammenhang bestehen könnte. Sie bemühte sich an dem Abend mit besonderem Eifer, sich mit etwas Anderem zu beschäftigen, aber sie kehrte unwillkürlich zu dem Gedanken zurück, dass Ljoljetschka sich zu verstecken liebte . . .

Als Ljoljetschka noch ganz klein war und erst seit Kurzem gelernt hatte, die Mama und die Wärterin zu erkennen, kam es vor, dass sie plötzlich die Mama mit schelmischer Miene anblickte, auflachte und sich hinter die Schulter der Kindsfrau versteckte, die sie auf dem Arm hielt. Dann lugt sie verschmitzt hervor. In der letzten Zeit hatte Fedossja Ljoljetschka wieder daran gewöhnt, sich während der kurzen Zeiträume, da die Mama in der Kinderstube abwesend war, zu verstecken; als die Mama dann sah, wie reizend Ljoljetschka war, wenn sie sich versteckte, fing sie selbst an, Verstecken zu spielen . . .


IV.

Am nächsten Morgen vergass Serafima Alexandrowna, von den freudigen Sorgen um Ljoljetschka erfüllt, Fedossjas gestrige Reden. Aber als sie aus der Kinderstube ging, um das Mittagessen zu bestellen, und dann als sie zurückkam, Ljoljetschka unter dem Tisch versteckt war und von dort aus: »Kuku!« rief, wurde es Serafima Alexandrowna plötzlich bange. Obgleich sie sich diese unbegründete abergläubische Angst sofort selbst vorwarf, konnte sie Ljoljetschka doch nicht mehr mit dem Versteckenspielen unterhalten und bemühte sich, Ljoljetschkas Aufmerksamkeit auf etwas Anderes zu lenken.

Ljoljetschka ist ein freundliches, gehorsames Kind. Sie leistet Mamas Wunsch gerne Folge. Aber da sie schon gewohnt ist, sich vor Mama zu verstecken und ihr »Kuku« zu rufen, kommt sie auch heute häufig darauf zurück.

Serafima Alexandrowna strengte sich an, Ljoljetschka zu beschäftigen. Das ist nicht so leicht! Besonders wenn bange und drohende Gedanken stören.

Warum denkt Ljoljetschka immer an ihr »Kuku!«? . . . Wieso wird sie des Einerleis nicht überdrüssig, die Augen zu schliessen und das Gesicht zu verstecken? Vielleicht, dachte Serafima Alexandrowna, hat Ljoljetschka keine so starke Neigung zur Welt wie andere Kinder, welche die sie umgebenden Dinge unverwandt anschauen. Aber wenn dem so ist, ist das nicht ein Zeichen organischer Schwäche? Ist das nicht der Keim der unbewussten Unlust zum Leben? Vorahnungen quälten Serafima Alexandrowna. Sie schämte sich vor Fedossja und vor sich selbst, das Versteckenspiel aufzugeben. Aber das Spiel wurde ihr zur Qual, umsomehr da sie trotzdem Lust hatte es zu spielen und sich immer mehr hingezogen fühlte, sich vor Ljoljetschka zu verstecken oder die versteckte Ljoljetschka zu suchen. Serafima Alexandrowna war manchmal sogar selbst die Anstifterin dieses Spieles – wobei sie darunter litt wie unter etwas Bösem, von dem man weiss, dass man es nicht thun darf und es doch thut. Es war ein schwerer Tag für Serafima Alexandrowna. . . .


V.

Ljoljetschka ging zu Bett. Ihre Augen fielen vor Müdigkeit zu, als sie sich in das von Netzen umrandete Bettchen legte. Die Mama deckte sie mit der blauen Decke zu. Ljoljetschka befreite ihre weissen und zarten Händchen aus der Decke und streckte sie aus, um Mamachen zu umarmen. Die Mama neigte sich zu ihr herab. Ljoljetschka küsste die Mama mit einem zärtlichen Ausdruck im müden Gesichtchen und senkte den Kopf auf die Kissen. Ihre Hände versteckten sich unter die Decke, und das Mädchen flüsterte: »Die Händchen – kuku.«

Mamas Herz stand stille – Ljoljetschka lag so klein, so schwach und still da. Ljoljetschka lächelte leise, schloss die Augen und sagte still: »Die Augen, kuku.«

Und dann noch leiser: »Ljoljetschka, kuku.«

Mit diesen Worten schlief sie ein, die Wange an das Kissen geschmiegt, in die Decke gehüllt, klein und schwach. Die Mutter blickte sie mit zärtlichen, traurigen Augen an. . . .

Und lange stand Serafima Alexandrowna an Ljoljetschkas Bettchen und blickte ihre Ljoljetschka ängstlich an. »Ich bin ja die Mutter: ist's möglich, dass ich sie nicht in Schutz nehmen kann?« – dachte sie und stellte sich allerlei Gefahren vor, die Ljoljetschka drohen konnten.

Sie betete lange in dieser Nacht, aber das Gebet erleichterte ihre Bangigkeit nicht. . . .


VI.

Ein paar Tage vergingen. Ljoljetschka hatte sich erkältet. Serafima Alexandrowna musste für ein paar Stunden fortgehen, die Wärterin passte nicht genügend auf und Ljoljetschka spielte zu lange am offenen Fenster. Des Nachts bekam die Kleine Fieber. Als Serafima Alexandrowna, von Fedossja aufgeweckt, zu Ljoljetschka kam und sie in der Fieberhitze unruhig und leidend fand, dachte sie zuerst an das unheilverkündende Merkmal, und Verzweiflung, die im ersten Moment hoffnungslos war, bemächtigte sich ihrer.

Man holte den Arzt, that Alles was in solchen Fällen zu thun ist, doch das Unvermeidliche vollzog sich. Serafima Alexandrowna gab sich Mühe, sich mit der Hoffnung zu trösten, Ljoljetschka würde genesen, würde wieder lächeln und spielen, doch das erschien ihr als ein unerreichbares Glück. Und Ljoljetschka wurde von Stunde zu Stunde schwächer.

Der Arzt und der Mann heuchelten Ruhe, um Serafima Alexandrowna nicht zu erschrecken, aber ihre unaufrichtigen Gesichter machten sie traurig. Eine tödtliche Bangigkeit kam über sie von Fedossjas Schluchzen und Jammern.

»Versteckt hat sie sich, meine Ljoljetschka, immer versteckt!«

Aber Serafima Alexandrownas Gedanken waren unklar, und sie begriff schlecht, was vorging.

Ljoljetschka brannte wie im Feuer, verlor jeden Augenblick das Bewusstsein und phantasirte. Aber wenn sie zu sich kam, ertrug sie ihre Schmerzen und ihre Schwäche mit zärtlicher Sanftmuth und lächelte der Mama zu, damit die Mama nicht glaubte, dass es sie sehr schmerzte.

Quälend wie ein Alpdruck vergingen drei Tage. Ljoljetschka war ganz kraftlos. Aber sie begriff nicht, dass sie starb.

Sie blickte die Mutter mit trüben Augen an und flüsterte mit ihrem kaum hörbaren, heiseren Stimmchen: »Kuku, Mamachen! Mache kuku, Mamachen!«

Serafima Alexandrowna versteckte das Gesicht hinter die Vorhänge von Ljoljetschkas Bettchen. Welch eine Qual! . . .

»Mamachen!« rief Ljoljetschka kaum hörbar.

Die Mama beugte sich zu Ljoljetschka herab – und Ljoljetschka sah zum letztenmal mit ihren brechenden Augen Mamachens blasses und verzweifeltes Gesicht.

»Mamachen ist weiss!« flüsterte sie.

Mamachens blasses Gesicht erlosch und es wurde dunkel vor Ljoljetschka. Sie erfasste mit den Händchen den Rand der Bettdecke und flüsterte:

»Kuku.«

Aus ihrer Kehle drang ein Röcheln, Ljoljetschka öffnete und schloss wieder die auf einmal erblassten Lippen und starb . . .

In stumpfer Verzweiflung verliess Serafima Alexandrowna Ljoljetschka und ging aus dem Zimmer. Sie begegnete ihrem Mann.

»Ljoljetschka ist todt,« sagte sie mit klangloser Stimme.

Sergei Modjestowitsch blickte ihr blasses Gesicht ängstlich an. Ihn überraschte die sonderbare Stumpfheit in den Zügen dieses früher belebten und schönen Gesichtes . . .


VII.

Man kleidete Ljoljetschka an, legte sie in einen kleinen Sarg und trug sie in den Salon. Serafima Alexandrowna stand am Sarg und blickte das todte Töchterchen stumpf an. Sergei Modjestowitsch kam auf seine Frau zu, tröstete sie mit leeren und kalten Worten und bemühte sich sie vom Sarg fortzuführen. Sie lächelte.

»Geh fort! Ljoljetschka spielt, sie wird gleich aufstehn.«

»Reg' Dich nicht auf, meine Liebe,« sprach Sergei Modjestowitsch im Flüsterton. »Man muss sich in das Schicksal fügen.«

»Sie wird aufstehen,« wiederholte Serafima Alexandrowna eigensinnig und schaute die Todte mit starren Augen an.

Sergei Modjestowitsch blickte ängstlich um sich: er fürchtete das Unschickliche und Lächerliche.

»Reg' Dich nicht auf!« sprach er wieder. »Das wäre ein Wunder, und im neunzehnten Jahrhundert geschehen keine Wunder.«

Nachdem er diese banalen und unpassenden Worte gesagt hatte, fühlte Sergei Modjestowitsch dunkel, wie wenig sie dem entsprachen, was vorging. Er wurde verlegen und ärgerlich. Er fasste die Frau am Arm und führte sie vorsichtig vom Sarge fort. Serafima Alexandrowna widersetzte sich nicht. Ihr Gesicht erschien ruhig und ihre Augen waren trocken. Sie ging in die Kinderstube und schaute überall nach, wo Ljoljetschka sich früher versteckte. Sie ging um das ganze Zimmer herum, bückte sich, um unter den Tisch oder unter das Bettchen zu sehen und sprach dabei mit fröhlicher Stimme:

»Wo ist mein Kindchen? Wo ist meine Ljoljetschka?«

Wenn sie um das Zimmer herumgegangen war, begann sie von Neuem zu suchen. Fedossja sass unbeweglich, mit traurigem Gesicht in einer Ecke, sah die Gnädige erschrocken an und begann dann plötzlich zu schluchzen und laut zu jammern:

»Versteckt hat sie sich, immer versteckt, Ljoljetschka, die Engelsseele!«

Serafima Alexandrowna fuhr zusammen, blieb stehen, blickte Fedossja verwundert an, begann zu weinen und ging still aus der Kinderstube hinaus.


VIII.

Sergei Modjestowitsch beschleunigte das Begräbniss. Ihn beunruhigte das Gebahren der Frau. Er begriff, dass Serafima Alexandrowna vom plötzlichen Kummer ausserordentlich erschüttert war und, da er für ihren Verstand fürchtete, glaubte er, man müsse Ljoljetschka schnell begraben, um die Mutter zu zerstreuen und zu trösten . . .

Des Morgens kleidete sich Serafima Alexandrowna besonders sorgfältig an – für Ljoljetschka. Als sie in den Salon kam, waren zwischen ihr und Ljoljetschka viele Leute, der Geistliche und der Diakon gingen hin und her, ein blauer Rauch schwamm durch die Luft und es roch nach Weihrauch. Mit einer dumpfen Schwere im Kopf ging Serafima Alexandrowna an Ljoljetschka heran. Sie lag still und blass da und schien zu lächeln. Die Mutter lehnte ihre Wange an den Rand von Ljoljetschkas Sarg und flüsterte: »Kuku, Kindchen!« Das Kindchen antwortete nicht.

Um Serafima Alexandrowna ging etwas vor, ein Trubel, eine Bewegung, fremde und gleichgiltige Gesichter neigten sich über sie, Jemand stützte sie – und man trug Ljoljetschka irgendwo hin.

Serafima Alexandrowna richtete sich empor, schrie bestürzt auf, lächelte und sagte laut:

»Ljoljetschka!«

Man trug Ljoljetschka fort – die Mutter stürzte mit einem verzweifelten Wehruf dem Sarge nach – man hielt sie fest. Sie sprang hinter die Thür, durch die man Ljoljetschka hinaustrug, setzte sich dort auf den Fussboden, schaute durch die Spalte und rief: »Ljoljetschka, kuku!«

Dann steckte sie den Kopf hinter der Thür heraus und lachte.

Man trug Ljoljetschka eilig von der Mutter fort – der rasch forteilende Trauerzug glich einer Flucht . . .