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Hermann Stegemann – Daphnis

Eine Dichtung

Hermann Stegemann, Daphnis, eine Dichtung, Verlag von J. Huber in Frauenfeld, o. J.


Seinem lieben alten Freunde

Professor Johannes Schäfer

in Altkirch im Elsaß
gewidmet.

Mein lieber Hans!

Laß dir die Widmung dieser Dichtung gefallen.

Du weißt, daß mich der poetische Stoff, den ich hier zu meistern versucht habe, schon vor Jahren beschäftigt hat. Damals hatte ich, in den »Erotici scriptores graeci« blätternd, die kurze Angabe des Parthenius über Daphnis gefunden und war frisch daran gegangen, eine kleine Erzählung daraus zu entwickeln.

Heute kehre ich zu dem alten Vorwurf zurück und sehe mit Staunen, wie der Stoff mit wir gewachsen ist.

Ich habe eine Anzahl klassischer Poesieen mit meiner Dichtung zu einem Gewebe verflochten: Sapphos Ode an die Aphrodite, zwei Gedichte, die unter dem Namen des Theokrit im Umlauf sind, von der Kritik aber unter die Anacreontica verwiesen werden, und endlich und hauptsächlich einige der anmutigsten Idyllen des uns beiden liebgewordenen Blumen-singenden, Honig-lallenden, freundlich winkenden Theokrit

Ich will dich und die Welt nicht mit philologischen Erklärungen oder litterar-historischen Erörterungen behelligen und die Dichtung nicht mit einem Kommentar belasten. Sie soll auch so, gerade so bestehen und selbst für sich zeugen können.

Ich will nicht, daß man etwas anderes in ihr suche als Poesie.

Und in ihrem hohen Namen grüße ich dich, den mir so teuern Mann der strengen Wissenschaft.


Dein

Hermann Stegemann.

BASEL, im Dezember 1897.

Kalliope.

In Veilchenbläue liegt das Meer ergossen,
Sich sanft vermählend mit des Himmels Saum.
Und farbig glänzt von Licht und Flut umflossen
Trinakria und ruht in Duft und Traum.
Gott Phoebus sinkt hinab mit Rad und Rossen,
In Abendgluten brennt der Sonnenraum.
Kein Wölklein rings. Nur aus dem Aetna hebt
Sich Purpurrauch, der unbeweglich schwebt.

Ein leiser Hauch erwacht im Lorbeerschatten
Und flüstert zärtlich im Olivenhain,
Und Lamm und Ziege gehn auf grünen Matten.
Ein Falke rüttelt über Thal und Rain.
Und wo sich Tag und Dunkel heimlich gatten,
Singt eine Syrinx süß im Dämmerschein.
Und Daphnis neigt das Haupt im Takt der Flöte
Und taucht die Augen in die Abendröte.

Sehnsüchtig klingt die sanfte Hirtenweise
Wie im Gebüsch das Lied der Nachtigall
Und endet zart im Zirpen einer Meise.
Vom Hügel steigt ein letzter Widerhall.
Doch aus dem Pinienhain tönt fern und leise
Herüber einer Stimme heller Schall.
Menalkas eilt aus grünen Waldgehegen
Dem holden Freund mit raschem Fuß entgegen.

Auf steilen Pfaden schwingt er sich empor
Zur Binsenhütte unterm Eichenstamme.
Und Daphnis schürt die Glut und lockt hervor
Aus Ried und Stroh des Herdes frohe Flamme.
Neigt dann mit Schmeicheln sich zum scheuen Ohr
Der falben Kuh, der breitgehörnten Amme.
Und als sie willig steht, schwenkt er den Schaum
Der weißen Milch, so zart wie Schwanenflaum.

Den Becher aus Cypressenholz geründet
Beut er Menalkas, der ihn dürstend leert.
Und der Selene lodert fromm entzündet
Die lautre Flamme auf dem niedern Herd.
Und als sich Hand mit Hand zum Gruft verbündet,
Zeigt sich die Göttin, die das Opfer ehrt.
Ihr Silberkahn kommt durch die Nacht geschwommen,
Von tausend Sternen feierlich umglommen.

Da eilt Menalkas seinen Freund zu fragen:
»Daphnis, willst du im Singkampf mich bestehn?
Fürwahr, ich will den Preis von dannen tragen.«
Und Daphnis sprach: »Du wirst den Sieg nicht sehn,
Und solltest du dein Lehen dafür wagen
Und singend zu den dunkeln Schatten gehn.«
Und jäh entbrannten sie in froher Fehde,
Zum Trutzgesang ward ihre Wechselrede.

Menalkas.

Willst du singen, Gutgesell?
Willst du einen Kampfpreis setzen?

Daphnis.

Singen will ich süß und hell
Und an Sang und Sieg mich letzen.

Menalkas.

Auf! Daß uns der Preis entflamm'.
Nenn' mir denn das Pfand für Leide!

Daphnis.

Ich ein Kalb und du ein Lamm
Von der sommergrünen Weide.

Menalkas.

Ich ein Lämmlein? Nimmermehr!
Ach, ich fürcht' des Vaters Strenge.
Haupt für Haupt betrachtet er
Abends in des Stalles Enge.

Daphnis.

Nun so sag' mir doch, was dann
Sich der Sieger denn gewann?

Menalkas.

Eine Flöte hab' ich mir
Jüngst im schwanken Rohr geschnitten.
Mit neun Tönen ruft sie dir.
Thal mit Jungfernwachs sie kitten.
Sie zum Pfände setz' ich heute,
Daß sie werd' des Siegers Beute.

Daphnis.

Eine Flöte hab' auch ich
Mir im schwanken Schilf geschnitten.
Und neuntönig lockt sie dich,
Thal mit weichem Wachs sie kitten.
Und ich ritzte mich am Rohr,
Sieh, noch springt das Blut hervor.

Menalkas.

Doch wer soll das Urteil fällen,
Richten, wem der Preis gebührt?

Daphnis.

Ei, der Geißhirt, der dort naht
Und mit Stab und Hundebellen
Auf dem monderhellten Pfad
Seine Böcklein heimwärts führt.

*

Und so geschah's. Die beiden Knaben riefen
Dem Geißhirt, der das Richteramt empfing.
Im Kreis gelagert Küh' und Ziegen schliefen.
Ein stiller Glanz vom Himmel niederging.
Verträumtes Rauschen schwoll aus Waldestiefen
Und silbern flutete das Meer im Ring.
Da hob Menalkas, dem das Los gefallen,
Als erster sich und ließ sein Lied erschallen.

*

Menalkas.

Du heiliger Strom, du seliges Thal,
Wenn ich euch je gesungen,
Und jemals euch im Abendstrahl
Mein Flötenspiel erklungen,
Dann segnet mir der Lämmer Schar,
Wahrt sie vor Furcht und Fährde,
Und weidet Daphnis hier zumal,
Dann nährt auch seine Herde.

Daphnis.

O grüne Trift, o Quell so klar,
Wenn je ich ließ erschallen
Ein Lied so süß und wunderbar
Wie Schlag der Nachtigallen,
Dann seid auch meiner Herde hold,
Daß sie nicht Fährnis leidet,
Und nährt Menalkas' Lämmerschar,
Wenn er mit mir hier weidet.
menalkas.

Dort, wo der schlanke Milon wohnt,
Dort hat die Herde Fülle,
Und jedes Bienlein fleißig frohnt
Und trägt zur Wabenhülle.
Ja, selbst die Eiche hoher ragt, –
Doch, wenn der Knab' gegangen,
Dann bleichen mit den Blumen all
Wohl auch des Hirten Wangen.

Daphnis.

Wo anmutreich ein Mädchen ist,
Dort schmücken sich die Auen,
Und süße Milch in Fülle fließt,
Du kannst den Lenz erschauen, –
Doch wenn der Fuß der holden Magd
Zu andern sich verirrte,
Dann stirbt der Lenz im Blätterfall
Und mit ihm stirbt der Hirte.

Menalkas.

Mein Böcklein, spring, im Waldrevier
Mir Milon zu ereilen,
Am Rand der Quelle will ich hier
Mit meinen Lämmern weilen.
Und daß ich nur ein Hirtenknab,
Das kann ihn ja nicht schänden,
Erglänzte doch der Schäferstab
Auch schon in Götterhänden.
Daphnis.

Geliebte Flöte, wandle mir
Auf meines Mädchens Spuren,
Mit meiner Herde wart' ich hier
Auf den beblümten Fluren.
Du aber singst ihr süß ins Ohr
Und wendest ihre Pfade –
Und bald erflehen wir im Chor
Uns Aphroditens Gnade.

Menalkas.

Ich wünsche mir nicht Gold noch Macht,
Auch nicht der Winde Flügel,
Darf ich, von Felsen überdacht,
Nur hausen hier am Hügel,
Der weißen Lämmer ringsumher
Als treuer Hüter walten,
Und singen übers blaue Meer
Und dich in Armen halten.

Daphnis.

Ein Baum im Sturm, ein Bächlein, das
Die Sonne will verderben!
In Garn und Netz ohn' Unterlaß
Soll Reh und Amsel sterben.
Doch, ach, der Feind, der uns umgibt,
Heißt Mädchenstolz und Schöne –
Was thut's, auch Zeus hat viel geliebt,
Und wir sind seine Söhne!
*

So sangen sie im wechselvollen Streit.
Ein leichter Windhauch kühlte ihre Wangen,
Der Geißhirt saß zu Spruch und Lohn bereit
Und lauschte, wie die Melodien klangen.
Am Seegestad schwoll rauschend die Gezeit,
Der Abendstern war golden aufgegangen.
Menalkas aber noch einmal begann,
Und also heißt das Lied, das er ersann.

*

Menalkas.

Ich bin ein kleiner Hirtenknab'
Und weide große Herden,
Erbarm' dich Wolf! Du darfst mir nicht
Böcklein und Lamm gefährden.
Mein Hund wach' auf zu Kampf und Pflicht!
Was liegst du tief im Schlafe?
Ich bin ein kleiner Hirtenknab',
Drum hüt' du Hirt und Schafe.

Ihr lieben Schäfchen feiert nicht
Und pflückt mir Gras und Kräuter,
Dann nascht das Lämmchen emsiglich
Am milchgeschwellten Euter.
Und alle Schüsseln füllen sich
Zum Rand mit reicher Spende. –
Ihr liehen Schäfchen feiert nicht,
Das Blühn hat ja kein Ende.
*

Menalkas schwieg. Sein Lied war sanft verklungen,
Im Wipfelwehn erstarb der letzte Hauch.
Ihn aber dünkt, es sei ihm wohlgelungen.
Und sieh', nickt lobend nicht der Geißhirt auch?
Wie, wenn er nun den Siegespreis errungen
Und Singerkönig ward nach altem Brauch?
Doch horch, da tönte Daphnis' Syrinx und
Schon tönt es wohllautreich von seinem Mund.

*

Daphnis.

Als gestern ich zur Weide trieb,
Da saß in kühler Grotte
Ein holdes Kind und sprach so lieb
Mit sehnsuchtsvollem Spotte:
»Ach, bin ich dir nicht schön genug?«
Ich aber hielt die Augen
Geheftet auf der Rinder Zug:
Mir will kein Mädchen taugen.

Des Kälbleins Odem silbern raucht,
Und lieblich tönt sein Muhen,
Wo jäh ins Thal der Sturzbach taucht,
Will ich im Schatten ruhen.
Der Baum, der sich mit Früchten schmückt,
Neigt selig sich zur Erde,
Im Kälbchen ist die Kuh beglückt –
Mein Glück ist meine Herde.
*

So stritten sie. Da hub der Geißhirt an:
»Gar lieblich, Daphnis, weißt du doch zu singen,
Wie Honig süß es dir vom Munde rann.
Du hast gesiegt. So nimm hier die Syringen.
Und lehrst du mich die holde Kunst, ja dann
Will ich dir eine schlanke Ziege bringen.
Die sei das Lehrgeld, trag' die Horner stolz
Und füll' das Maß dir aus Cypressenholz.«

Und so war Daphnis Sieger, und zumal
Empfing er froh den Preis und jauchzte »Sieg!«
Menalkas härmte sich. Ein Thränlein stahl
Sich über seine Wangen, und er stieg
Traurig hinab ins dunkle Wiesenthal.
Und auch der Geißhirt schied. Und alles schwieg.
Nur eine ruhelose Quelle sprang
Dem Meere zu mit hellem Silberklang.

So lind die Nacht; die stillen Sterne blinken.
Das Meer erglänzt im Mondschein regungslos.
Und Daphnis fühlt, wie ihm die Augen sinken.
Er bettet sich auf das gehäufte Moos.
Im Schlummer sieht er neue Kränze winken
Und schmiegt sich lächelnd in der Träume Schooß.
Und dennoch hat sein Siegeslied getrogen:
Gott Eros lauert schon mit Pfeil und Bogen.

*


Klio.

Dem Himmel nah liegt auf des Aetna Rücken
Ein winzig Thal von Felsgeklüft umstellt.
Dort kannst du Myrten und Narzissen pflücken,
Und fern versunken ruht die weite Welt.
Die Rebe rankt und zaubert leichte Brücken
Von Baum zu Baum. Ein klares Wasser fällt
Vom Felsenhang und eilt mit raschen Sätzen
Aus Klamm und Kluft die freie Flur zu netzen.

Kein Hirte läßt dort seine Herde grasen,
Kein Jäger noch sich dort sein Wild ersah;
Kein Schäfer wagt die Flöte dort zu blasen –
Ein Hesperidengärtlein liegt es da.
Die schlanken Nymphen spielen auf dem Rasen,
Den Menschen fern und nur dem Himmel nah.
Und Pan, der große Pan kommt, um zu träumen
Im Mittagsbrand dort unter Blust und Bäumen.

Ins Steingeklüft sind tief der Oreaden
Gewölbte Grotten eingesprengt und bunt
Umblüht der Ginster sie. Und die Najaden
Enttauchen oft zur rosigen Dämmerstund'
Dem kühlen Quell, wenn sie zu Gast geladen
Bei ihren Schwestern sind im Felsengrund.
Doch wenn es Nacht ist, schlingen sie die Hände
Zum Reigentanz im blühenden Gelände.


Da kann es wohl geschehen, daß ein Schleier,
Durchsichtig, zart und wie aus Glas gesponnen,
Vom Wind erfaßt wird. Und bei Tanz und Feier
Entfaltet er sich leicht und wird vom Bronnen
Hinweggeführt bis weit ins Thal, wo freier
Die Nachtluft weht. Nun ist er ganz entronnen.
Und kommt der Tag, hängt er am Rosenstrauch
Und glänzt wie Silber fein im Morgenhauch.

So war es auch in jener Nacht geschehn,
Als Daphnis Sieger ward im frohen Spiele.
Vom Dornenbusch sah man den Schleier wehn.
Ein Heckenröslein trug auf schwankem Stiele
Stolz das Gespinnst. Ein Zicklein hat's gesehn
Und wählt sich keck das Wunderwerk zum Ziele.
Am Rand der Alp, wo aus dem Thal hervor
Das Bächlein tritt, hing im Gesträuch der Flor.

Da bellt der Hund und jagt das flüchtige Böcklein
Zurück zum Weidplatz, wo die Rinder ziehn.
Doch nun sieht Daphnis von dem Rosenstöcklein
Den Nymphenschleier auf- und niederfliehn.
Im Frühlicht glänzt er wie ein Silberflöcklein.
Was es nur sein mag? Traun, es wundert ihn.
Und endlich läßt er seine Herde weiden
Und steigt hinauf, den Zweifel zu entscheiden.

Nur wenige Schritte schienen ihn zu trennen
Vorn Hügelhang, auf dem der Dornbusch, blüht.
Und dennoch fühlt er seine Wangen brennen
Vorn jähen Aufstieg, und sein Odem glüht.
Und sieh – kaum noch vermag er zu erkennen
Die eigne Herde. Doch von Tau umsprüht,
Umgaukelt rings von bunten Schmetterlingen,
Steigt er empor, das Wunder zu erringen.

Der Dornbusch wächst, und jetzt sieht Daphnis schimmern
Die Rosen im verwilderten Gerank,
Er sieht das göttliche Gewebe flimmern.
Ein Stieglitzpaar empfing es schon mit Dank.
Es wollt' im Rosenstrauch ein Nestchen zimmern,
Als das Gespinnst vom Himmel niedersank.
Schon haben sie gar fleißig dran gezupft
Und sich ein Wochenbettchen ausgerupft.

Den Jüngling aber faßt ein jäher Schrecken.
Das ist kein Menschenwerk. Kein Hirtenkind
Hängt solch Gespinnst zum Bleichen an die Hecken.
So künstlich webt nur himmlisches Gesind.
Er zaudert, wagt die Hand nicht auszustrecken,
Der Schleier weht im frischen Morgenwind.
Jetzt schwebt er frei und eilt sich zu verfangen
An Daphnis' Haupt und fächelt Daphnis' Wangen.




Reglos, ohn' Atem, wie ein Steingebild
Steht einen Augenblick der junge Hirte.
Dann faßt er sich und zerrt den Schleier wild
Vom blonden Haar, in das er sich verirrte.
Da schöpft er Atem – und ein Duft so mild
Und süß ihm plötzlich Herz und Haupt verwirrte!
Er taucht das Antlitz in den Schleier und –
Auf dem Gewebe brennt sein heißer Mund.

Ringsum so still. In tiefem Frieden liegen
Die grünen Triften und das blaue Meer.
Und Falter sich und weiße Segel wiegen
Auf Flur und Flut. Ein Wölklein treibt daher,
Als wollt' es purpurn in den Himmel fliegen.
Trug es den Liebesgott von ungefähr? –
So still ringsum. Zikaden nur und Immen,
Und hoch im Blau der wilden Schwäne Stimmen.

Da rauscht das Gras wie unter sanften Schritten,
Als sei ein leicht Gewand mit Naht und Saum
Wie Windhauch weich darüber hingeglitten.
Das Halmfeld schwankt. Doch Daphnis achtet's kaum.
Kein Echo flüstert ihm von leisen Tritten.
Der Schleier hüllt ihn dicht in tiefen Traum,
Und näher kommt's, und endlich – husch, husch, husch,
Erreicht es gar den wilden Rosenbusch.

Die Rosen flatterten vom grünen Strauch
Wie Falter, die mutwillige Knaben scheuchten.
Da endlich hebt der Hirt das Antlitz auch
Und sieht zwei blaue Nymphenaugen leuchten.
Schon atmet er der Narde Balsamhauch.
Ein Ruf. Ein Beben. Scheue Thränen feuchten
Ihm jäh die Wimpern und das heiße Blut
Malt ihm die Wangen mit des Purpurs Glut.

Er stürzt aufs Knie und kann den Blick nicht wenden
Von ihrer holden, himmlischen Gestalt.
Er sieht wie Schnee die weißen Schultern blenden,
Den Busen, der in Rosenfarben wallt.
Wie Spinnweb fließt das Kleid von ihren Lenden,
Und, ach, so süß ihr leises Lachen schallt.
Und Daphnis blickt verträumt zu ihr empor,
Sein Herzschlag hämmert wie noch nie zuvor.

Den Schleier suchend war die Oreade
Zu Thal geschritten früh im Morgentau,
Hin an des Baches blumigem Gestade.
Jetzt stand sie auf der weidegrünen Au
Und Rosen gaukelten auf ihrem Pfade,
Die just vom Strauch gestreift ihr Schleier rauh.
Der Schnee des Eros fiel in Rosenflocken
Auf Daphnis' Haar und auf der Nymphe Locken.

Und heimlich wächst unter dem Rosenschnee
Die Liebe veilchengleich ans Herz geschmiegt. –
Noch ruht im ersten Bann die glatte See,
Bis jäh der Sturm in ihre Träume fliegt
Und sie zu Bergen peitscht, wo fern im Ree
Der Liebe Eiland in den Klippen liegt,
Wo Aphroditens heitre Tempel ragen,
Und Tag und Nacht die Nachtigallen schlagen . . .

Im Rosenbusch die Honigbienen schwirrten,
Die süßeste der Blüten zu erkunden.
Die holde Nymphe aber sprach zum Hirten:
»Gib mir den Schleier, den du fromm gefunden,
Und fürcht' dich nicht. Kränz' den Altar mit Myrten
Und opfre, wenn ich deinem Blick entschwunden.
Doch, daß du mich von Angesicht gesehn –
Das nur vergiß, als wär' es nie geschehn.«

Sie neigte sich, und mit dem weißen Arm
Verhüllte sie die sanftgeschwellten Brüste,
Um die mit Summen flog der Bienen Schwarm.
Als ob er dort noch süßre Atzung wüßte.
Und Daphnis gibt den Schleier, der noch wann
Von seinem Mund, da er ihn brünstig küßte.
Ein Blick. Ein Atemzug. Von Hand zu Hand
Ging langsam das entflohene Florgewand.

Sie wendet sich und kann den Fuß nicht heben.
Ihn aber rüttelt jäh ein heißer Schauer,
Als riss' vom Herzen sich das eigne Leben.
Doch all das währt kaum eines Herzschlags Dauer,
Dann sieht er sie im Sonnenbrand entschweben.
Und ach, vergebens liegt er auf der Lauer:
Ringsum so still. Zikaden nur und Immen
Und hoch im Blau der wilden Schwäne Stimmen.

Sie ging dahin und kehrt und kehrt nicht wieder,
Entschwunden ist sie wie ein Morgentraum.
Doch Daphnis schließt die heißen Augenlider
Und sieht sie wieder, und von Blütenflaum
Umflockt die weißen, wonniglichen Glieder.
Die Sonne sinkt, er aber merkt es kaum. –
Schon kürzte Helios scharf der Rosse Zügel,
Da stieg er langsam von dem Blumenhügel.

Er schmückte den Altar mit Myrtenkränzen
Und opferte dem Pan purpurnen Wein.
Und als er die Selene sah erglänzen
Und lautlos tauchen aus dem Pinienhain,
Wo sie den Nymphen bei den Reigentänzen
Zu leuchten pflegt mit sanftem Silberschein,
Da hob er zu der Strahlenden die Hände,
Daß sie ihm Schlaf und Traum und Tröstung sende.

Doch schlaflos und von wilden Wünschen trunken
Liegt er dahingestreckt die schwüle Nacht.
Er sieht im Purpurrauch den Aetna prunken,
Und über sich der Sterne kühle Pracht.
Des Eros Brandpfeil hat mit Feuerfunken
In Daphnis' Brust ein neu Gefühl entfacht.
Da – horch! – im Thal ein stümprig Lied erklingt:
Der Geißhirt ist's, der Daphnis' Preislied singt.

»Als gestern ich zur Weide trieb,
Da saß in kühler Grotte
Ein holdes Kind und sprach so lieb
Mit sehnsuchtsvollem Spotte:
›Ei, bin ich dir nicht schön genug?‹
Ich aber hielt die Augen
Geheftet auf der Rinder Zug –
Mir will kein Mädchen taugen,
Mir will kein Mädchen taugen!«
 

Euterpe.

Vorbei die Nacht. Der Tag ist sanft erglommen.
Die Eos streute Rosen vor ihm her.
Vlieswölkchen kamen durch das Blau geschwommen,
Und ruhig atmete das müde Meer.
Schon welkt der Tag. Der Abend ist gekommen
Und Eos feiert ihre Wiederkehr,
Streut Rosen in des Phoebus Räderspur
Und taucht in Purpurfarben das Azur.

Und wieder Nacht. Verschwiegne Sommernacht.
Sehnsüchtige Träume ihre Schleier spreiten.
Die Götter schlummern. Eros einzig wacht,
Und der Selene goldne Stiere schreiten
Die Himmelsbahn in heller Fackelpracht.
Sie wandeln still. Die Zügel, die sie leiten,
Ruhn lässig in der Mondengöttin Hand.
Und Eros kauert auf dem Wagenrand.

Ein Silberspiegel glänzt der heilige Born
Im grünen Waldthal, wo die Nymphen wohnen.
Kein Lauscher droht. Kein Satyr zeigt das Horn.
Nur die Zicaden, die im Dunkel thronen,
Wettsingen laut im grünen Hagedorn.
Und Farren wachsen rings und Anemonen,
Pappeln und Ulmen reihen sich ringsum
Zu schützen schattenreich das Heiligtum.


Da tauchen aus dem Schilfrohr die Najaden
Lustwandelnd durch das mondbeglänzte Thal.
Aus ihren Grotten gehn die Oreaden,
Den Ringelreihn zu schlingen allzumal.
Um dann vom Reigen müd' im Quell zu baden,
Wo tief und klar er glänzt im Silberstrahl,
Wo weiße Myrten und Narzissen blühen
Und düfteschwer die Lorbeerrosen glühen.

Noch liegt das Becken, das die Wasser sammelt,
Vereinsamt und noch säumt die scheue Schar.
Doch, wo das Dornicht jäh den Pfad verrammelt
Und hoch als Schranke aufgerichtet war,
Schmiegt Daphnis sich ins Moos und heimlich stammelt
Er ein Gebet in seliger Gefahr. –
Dicht über ihm gurrt aufgeschreckt im Laube
Der Aphrodite brünstige Turteltaube.

Und also sprach er zu dem Hirtengotte:
»O sei mir hold, der du auf steiler Bahn
Die Berg' umwandelst und mit Horn und Zotte
Geschmückt die Nymphen führest, großer Pan.
O, der du wölbtest die versteckte Grotte
Im Felsgestein, sieh' mich dir flehend nahn:
Lass' es geschehn, daß ich sie wiederfinde
An deinem Quell, bei deinem Ingesinde.«

Ein leiser Windhauch flüchtet durch den Hain,
Und vom Hollunder stäubt ein Blütenregen.
Da tönt ein Echo fern vom Felsenrain,
Die Nymphen sind's auf ihren Wanderwegen.
Sanft schweben sie im hellen Vollmondschein,
Wie sie im Tanze sich zu drehen pflegen,
Paarweis geordnet, Hand in Hand geschmiegt –
Der Schleier bauscht sich und die Locke fliegt.

Am Ufer lösen sie die leichte Kette
Und stillen das vom Tanz erregte Blut,
Umwandeln langsam die geliebte Stätte,
Auf der der Nacht verträumtes Schweigen ruht.
Und weifen dann die Schleier um die Wette
Ins Myrtengrün und tauchen in die Flut.
Um ihre schönen, schlanken Glieder schwellen
Mit sanftem Schmeicheln die kristallnen Wellen.

Daphnis erkennt die Lieblichste von allen,
Sieht Echenais, die er gestern sah,
Sieht ihren Gürtel, ihren Schleier fallen,
Und aufrecht wie die Lilie steht sie da,
Beschämt den Aetnaschnee, und abwärts wallen
Die braunen Locken. Nah ist sie, so nah,
Daß sie der Odem seiner Brust umhaucht,
Eh' sie dem Schwan gleich in die Wellen taucht.

Nun eilen sie, sich köstlich zu ergetzen
Und jagen, haschen sich in frohem Spiel.
Die eine will die andre heimlich netzen
Und rührt die Hände. Jede trifft ihr Ziel.
Jetzt lockt es sie, ans Ufer sich zu setzen.
Sie lachen, scherzen, treiben Kurzweil viel.
Kopfüber taucht ein keckes Blondchen und –
Im Mondlicht glänzt es zart und weiß und rund.

Doch Daphnis sieht nur sie. Dem Bad entstiegen
Hüllt Echenais sich in ihr Gewand.
Und wo sich fächergleich die Farren wiegen,
Sinkt sie ins Gras und fügt mit leichter Hand
Sich einen Myrthenkranz, ihn ins Gelock zu schmiegen,
In dem der Zephyr süße Arbeit fand.
Er streichelt sänftiglich die feuchten Strähnen
Und küßt hinweg die letzten Quellenthränen.

Die Schwestern folgen, und mit holdem Klang
Die Wellen wieder still zu Thale fließen.
Und flüsternd nur das Schilf die Fähnlein schwang,
Wo allzu säumig sie das Bad verließen.
Bald ruht das letzte Blatt am Uferhang,
Und alles träumt in seligem Genießen,
Bis Echenais wie das Echo leise
Zu singen anhebt eine alte Weise.

*

Als Kypris den Adonis sah,
Zu ihren Füßen lag er da,
Im Tod erblaßt die Wangen
Und wild zerwühlt das schöne Haar;
Da rief sie der Eroten Schar,
Den Eber ihr zu fangen.

Der hauste fern im finstern Wald,
Und jene flogen alsobald,
Den Mörder zu erjagen.
Sie scheuchten ihn in wilde Flucht
Und haben dann in dunkler Schlucht
In Fesseln ihn geschlagen.

Sie hielten ihn in rauher Haft.
Der traf ihn mit dem Lanzenschaft
Und jener mit dem Bogen.
Der Häftling schritt in grimmer Not,
Das Schicksal fürchtend, das ihn droht:
So kamen sie gezogen.

Die Göttin aber hielt im Schoß
Den holden Gatten, nackt und bloß,
Wie ihn der Tod gefunden.
Und Aphrodite sprach im Schmerz:
»Du bist's, du raubtest mir sein Herz,
Du schlugst ihm diese Wunden!«

Da sprach das mörderische Tier:
»O Göttin, glaub', ich schwör's bei dir
Und bei Adonis' Schatten:
So wahr vor deinem Angesicht
Verstrickt ich steh', ich wollte nicht
Dir töten deinen Gatten.

Ich sah Adonis' Huldgestalt
Wie Marmor weiß im dunklen Wald,
Da spürt' ich süße Schauer –
Verlangend drang ich auf ihn ein,
Zu küssen sein entblößtes Bein,
Da traf ihn tief mein Hauer.

O reiß' mir aus den Mörderzahn!
Ist doch durch meinen blinden Wahn
Adonis umgekommen.
Entreiß' ihn mir, nimm dir noch mehr,
Was soll die buhlerische Wehr
Mir auch in Zukunft frommen?

Und ist dir das noch nicht genug,
So nimm die Lippen dir mit Fug,
Sie küßten ja den Toten.«
Da ward der Göttin Herz gerührt,
Und jede Fessel, die ihn schnürt,
Entknüpften die Eroten.

Und seither folgt durch Wald und Flur
Der Eber Aphroditens Spur
Und lagert ihr zu Füßen.
Er kehrte nie zum dunklen Tann,
Lebt heut' noch in der Göttin Bann,
So seine Schuld zu büßen.

*

»Zu büßen« hallt ein fernes Echo nach.
Und Echenais läßt die Augen schweifen.
War's nicht ein Mund, der dort im Dickicht sprach?
Was blinkt dort wirr und weit und nah zum Greifen?
Und sieh', es wuchs und hob sich auf und brach
Mit hellem Ruf hervor. Die Dornen streifen
Und zerren rauh an Daphnis' blondem Haar.
Und wie ein Taubenschwarm zerstob die Schar.

Und hierhin, dorthin flattern ihre Schleier.
Die Hecke rauscht. Verschwunden, fern und fort.
Nur eine nicht. Glückselig hält der Freier
Den weißen Leib umspannt. Nicht Wink noch Wort
Ihr Gürtel sprang in heißer Liebesfeier,
Und Silberdämmer deckte still den Ort.
Selene aber trieb ihr Goldgespann,
Bis Schutz und Schatten auf sie niederrann.

Der große Pan strich sich den zott'gen Bart
Und nickte schmunzelnd, als von Baum zu Baum
Der Schatten wuchs. Und daß noch mehr verwahrt
Die Stätte sei zu holdem Liebestraum,
Hilft er nun auch. Brombeer' und Myrte paart
In grüner Wirrnis sich auf engem Raum,
Treibt unversehens unzählbare Schossen,
Die zärtlich sich sogleich zusammenschlossen.

Und eine Kuppel wölbte sich aus Blüten
Und zäunte rings mit scharfen Stacheln ein
Den heiligen Ort. Die Lorbeerrosen glühten
Und die Narzissen dufteten im Hain.
Doch da – ein frischer Hauch! Tauperlen sprühten
Im Farrenkraut, und über das Gestein
Der höhern Gipfel fließt es rot wie Blut
Der Tag erwacht in sanfter Morgenglut.

Die Erde dampft. Die Sonnenstrahlen zielen
Mit goldnen Pfeilen nach des Aetna Haupt.
Da wagen sich die flüchtigen Gespielen
Aus Quell' und Kluft. »Entführt, geraubt
Von wilden Satyrn, die sie überfielen,
Ist Echenais! Welcher Gott erlaubt
So frechen Frefel? Ist kein Rächer nah'?
Wo warst du, Artemis, als das geschah?«

Sie irren klagend, suchend durch das Thal.
Die Myrtenhecke liegt wie überschneit
Und sanft beglänzt vom ersten Tagesstrahl
In unbefleckter Blütenherrlichkeit.
Brombeeren rings und Dornen ohne Zahl,
Wie Spieße spitz zur Gegenwehr bereit.
Da führt kein Pfad, und nur die Meisen hüpfen
Von Zweig zu Zweig, im Busch sich zu verschlüpfen.

Rings um das unverletzliche Verließ
Von Mund zu Mund der Nymphen Klagen schallten.
Da fanden sie ein wollig Hirtenvließ
Im Dickicht von den Dornen festgehalten.
Und als gar Pan im Schilf die Flöte blies,
Erkannten sie der großen Gottheit Walten
Und bargen kichernd sich in Quell' und Kluft,
Wie Dunst verscheucht im Wehn der Morgenluft.

In Purpur ward der junge Tag geboren,
Und Land und Meer hat farbig sich enthüllt.
Im Lichte schreiten schon die holden Horen,
Das goldne Horn mit Gaben neu gefüllt.
Pans Flöte hat im Walde sich verloren,
Ein Stieglitz zwitschert und ein Brunststier brüllt,
Im blühenden Hollunder gurrt der Tauber
Und übt der Liebe alte, ewige Zauber.
 

Thalia.

Der Herbststurm wühlt im Eichbaum, der die Aeste
Weit über Daphnis' niedre Hütte reckt,
Stahlblau erglänzt des Himmels hohe Veste,
Von weißen Wellen ist das Meer bedeckt.
Und in den Trauben lärmen kecke Gäste,
Bis sie der Habicht von der Tafel schreckt.
In bunten Farben blüht die grüne Weide,
Und Silberfäden ziehn ob Hang und Haide.

Und mit der Herbstfrucht reift die Leidenschaft,
Gleich Aepfeln prangend und wie Wein berauschend.
Der Jüngling hat der Träume sich entrafft.
Er sitzt nicht mehr, dem Ton der Brandung lauschend,
Zu wilden Wünschen treibt der Lenden Kraft.
Er wandert nicht, mit Nachbarn Grüße tauschend,
Auf bunter Flur – ihn freut nichts andres mehr
Als der Selene stete Wiederkehr.

Doch ach, zehn Nächte schon sind ihm verloren!
Der Abendwind trieb schwarz Gewölk zu Hauf.
Der Blitz des Zeus fuhr aus den Wolkenthoren
Und nahm zur Erde seinen Zickzacklauf.
Den Tag hat Helios sich zur Lust erkoren,
Doch jede Nacht jagt neue Wetter auf.
Der Hegen rauscht, und auf der Liebesstätte
Erbraust der Bach im aufgewühlten Bette.


Und nur die Nächte sind der Liebe freund,
Der helle Tag verblendet ihr die Augen.
Die Sonne, die die heiße Wange bräunt,
Will zu der Liebe holdem Werk nicht taugen.
Wenn Sterngefunkel rings die Welt umzäunt,
Dann kann der Mund der Liebe Küsse saugen.
Dann spendet Aphrodite süßen Lohn,
Und purpurn blüht der ausgesäte Mohn . . .

Am Tage darf er sie nicht wiedersehen.
Bis heute hielt er treulich das Gebot.
Er weilt am Dornbusch, wo die Winde wehen.
Die Hagebutten glänzen feucht und rot,
Einst sah er sie in Rosenblättern stehen:
Ihm ist, als säh' vom Sonnenbrand umloht
Er Echenais in die Ferne tauchen,
Wo irisbunt des Sturzbachs Dünste rauchen.

Und ihn berauscht der Liehe Uebermut
Wie junger Wein. Zehn Tage und zehn Nächte
Verzehrt' er sich in ungestillter Glut.
Heut' aber fordert er des Siegers Rechte,
Zur Grotte dringend, wo die Nymphe ruht. –
Als ob sie seiner minder wohl gedächte? –
Sie wird, sie muß ihm öffnen sonder Groll,
Wenn er um Einlaß bittet sehnsuchtsvoll.

»Mit einem Lied lock' ich sie aus dem Dunkel
Zu mir heraus, daß sie mir Obdach gebe.
Zerraufen will ich ihr die goldne Kunkel.
Fort das Gespinst! In meinen Armen bebe
Ihr weißer Leib, bis Abendrotgefunkel
Die Grotte überströmt und das Gewebe
Der sanften Nacht still auf uns niederfließt,
Bis süßer Schlummer uns die Augen schließt.«

So ruft er laut, voll Inbrunst, und vom Rain
Eilt er zu Thal. Dort ruhn auf kühler Erde
Die glatten Rinder und im Felsgestein
Klettern die Ziegen. Und im Kreis der Herde
Liegt Tityros im hellen Sonnenschein.
Und Daphnis spricht mit freundlicher Geberde:
»Du warst mir stets der liebste Weidgenoss',
Hüt' mir die Herde heute, Tityros!

Und führ' sie auch mit Fleiß zum klaren Quell,
Doch vor dem Geißbock, der aus Libyen stammt,
Dem weißen dort, nimm dich in Acht, Gesell,
Daß er nicht bockt und dich zu Boden rammt.«
Und Tityros versprach's. Da flog er schnell
Dem Hügel zu, von heißer Glut entflammt.
Er drang dem Lauf des Wassers kühn entgegen,
Durch Dorn und Dickicht, auf geheimen Wegen.

Kein Windhauch fuhr das stille Thal entlang.
Breit floß der Bach. Rings glänzten kleine Kolke,
In die der Frosch mit lautem Glucksen sprang.
Und hoch am Himmel trieb des Aetna Wolke
Brandrot im Sturm, der sie im Wirbel schwang.
Nichts war zu sehn vom leichten Nymphenvolke.
Und Daphnis brach durch Myrte, Rohr und Ried
Zum Felsgeklüft und sang sein Werbelied.

*

Lieblich versteckt wohnst du in deiner Grotte,
Verbirgst dich scheu und schaust nicht zu mir her.
Ist deine Liebesglut so rasch erkaltet?
Bin ich dein Herzensliebster denn nicht mehr?
O schau doch her!

Wer weiß, vielleicht schein' ich dir mißgestaltet,
Seit deine weiße Brust mein Lager war.
Sag' Nymphlein, hab' ich eine stumpfe Nase,
Ein langes Kinn, bin ich der Anmut bar,
Ein Satyr gar?

Erdrosseln könnt' ich mich im Uebermaße
Des Schmerzes. Sieh', zehn Aepfel pflückt' ich dir,
Wie du befahlst, und andre pflück' ich morgen.
In bittren Liebesqualen steh' ich hier,
Lass' mich zu dir!

O könnt' ich die Gestalt der Biene borgen,
In deine Grotte flog' ich keck hinein
Durch Farrenwedel und durch Epheuranken.
Jetzt kenn' ich Eros: Schrecken flößt er ein
Und Angst und Pein.

Fürwahr, ihn schirmten einer Löwin Pranken.
In ihrem Schoße hat er warm geruht.
Im Urwald bot sie säugend ihm die Brüste. –
Und heute warf er Feuer in mein Blut
Und schürt die Glut.

O, daß ich, Liebste, dich doch wieder küßte!
Es harrt dein Hirt. Wie ist dein Haar so weich!
Hell strahlt dein Blick, schwarz wölben sich die Brauen –
Ein Kuß ist nichts und doch so wollustreich:
Nichts kommt ihm gleich. –

Den Kranz zerrauf' ich, den auf bunten Auen
Aus Epheu und aus würzigem Eppichgrün,
Aus Rosenknospen zierlich ich gewunden.
Er soll – wenn doch umsonst mein Liebesmühn –
Im Staub verblühn.

Du hörst mich nicht und bist und bleibst verschwunden.
Wohlan ! Leb' wohl! Ich geh' und lasse dich!
Die Brandung hab' ich mir zum Grab erkoren.
Und siehst du je, wie ich im Tod erblich,
So freue dich!

Ich weiß ja, daß mir längst dein Herz verloren.
Ich hab' den roten Mohn nach dir gefragt.
Umsonst! Ich mußte trostlos mich bescheiden.
Der Blumen hold Orakel hat versagt
Und dich verklagt.

Und auch die weise Frau hat mir mit Eiden
Geschworen, daß ich längst vergessen bin,
Daß du verlernt hast, treu an mich zu denken,
Daß aber ich – so sprach die Zauberin –
Dein eigen bin!

Ich wollte dir die weiße Ziege schenken.
Schon bat um sie ein braunes Hirtenkind.
Und traun, wenn du verschmähst, an mich zu denken,
So biet' ich sie als zärtlich Angebind
Dem Sausewind.

*

So bat und drohte Daphnis, und sein Sehnen
Hat sich melodisch im Gesang vereint.
»Ich will mich an den Stamm der Pinie lehnen
Und singen, singen, bis sie mir erscheint.
Verlocken will ich sie mit Zorn und Thränen;
Ihr Herz ist ja nicht über Nacht versteint.«
Und also sprach er und versucht aufs Neue
Mit hellem Sang der holden Göttin Treue.

Doch ungespalten rauscht der grüne Vorhang
Der Epheuranken von der Grotte nieder.
Und ob auch noch so süß der kecke Thor sang,
Im Quellensturz verklangen seine Lieder,
Da nun sein Lied nicht zu der Nymphe Ohr drang,
Erfaßt ihn grimmige Verzweiflung wieder.
Sein Sang bricht ab – er wirft sich wild ins Moos
Und schilt sie grausam und erbarmungslos.

»Wie schmerzt mein Haupt! In ungestilltem Harme
Verzehr' ich mich, doch du bleibst ungerührt.
Hier will ich liegen, daß sich mein erbarme
Die Wolfsbrut, die im Wald nach Beute spürt.
Und sink' ich dann dem Fährmann in die Arme,
Der meine Seele zu den Schatten führt,
Und liegt mein Leib zerfleischt im Pinienhain,
Wird dir der Anblick süß wie Honig sein!«

Er war verstummt. Sein heißes Antlitz sank
Ins krause Moos und seine Thränen flossen.
Da hat der Grotte rauschendes Gerank
Von weißer Hand bewegt sich aufgeschlossen.
Und auf der Schwelle Bord stand schön und schlank
Vom Licht der Sonne leuchtend übergossen
Die holde Nymphe. Und ihr Auge blaute
Dem Himmel gleich, der auf sie niederschaute.

Nur Daphnis sah sie nicht. Da hob sie leise
Die Frucht auf, die der Wind vom Apfelbaum
Herabgeschüttelt – aber nicht zur Speise –,
Zwei Schritte thut sie, mißt den Zwischenraum
Und beugt das Knie und schwingt den Arm im Kreise
Und zielt und wirft, so schnell, man sieht es kaum.
Der Apfel kommt in einem kühnen Bogen
Auf Daphnis' blondes Haupt herabgeflogen.

Und fällt und trifft. Ein helles Lachen tönt.
Der Hirt fährt auf und sieht die Oreade,
Das Ringelhaar vom Myrtenkranz gekrönt,
Erblickt zum ersten Mal seit jenem Bade
Die Göttin, die vom Liebesglück verschönt
Ihm lächelnd winkt, voranschwebt auf dem Pfade,
Der zu der dämmerstillen Grotte führt,
An die noch keines Menschen Hand gerührt.

Er zagt. Er folgt. Der Epheu schließt sich wieder,
Und um sie her fließt sanfter Dämmerschein.
Auf weiches Moos sank Echenais nieder.
Demanten blitzt und strahlt das Felsgestein.
Und lilienfarben blühn der Göttin Glieder
Wie aus Gewölk der Aetnaschnee so rein.
Dicht über ihrem Haupt brennt ein Karfunkel
An rauher Bergwand und durchglüht das Dunkel.

Gleich einer Ampel, die die Liebesnacht
Mit stillem, flackerfreiem Schein erhellt,
Ist des Karfunkels feuerrote Pracht
In Echenais' Grotte aufgestellt.
Und Daphnis' Liebesmut ist wild erwacht.
An ihrer Brust, die sanft in Sehnsucht schwellt,
Will er die süßeste der Stunden kosten,
Steht gleich der Abendstern noch tief im Osten.

Doch Echenais gibt ihm kein Gehör.
Und als er bettelt, faltet sie die Brauen
Und spricht: »Ich liebe dich, du aber schwör',
Kein ander Weib verlangend anzuschauen
Noch zu begehren. Wenn ich dich verlör',
Wenn treulos du genössest andrer Frauen,
Ging' ich um Rache mich vor Zeus zu neigen –
Ich lieb' dich, schwör' mir und ich bin dein eigen.«

Und Daphnis schwur, von ihrem Anblick trunken,
Rief Himmel, Erde und das Schattenreich
Zu Zeugen auf. Und dann ist fern versunken
Die weite Welt. Schon ging die Sonne bleich
In weißen Dünsten unter. Feuerfunken
Durchzuckten jäh die Wolken und ein Streich
Aus fernen Himmeln spaltete das Meer –
Dann ward es Nacht und Schweigen rings umher.

Der Regen rauscht. Im Brodem dampft die Erde,
Nicht Mond, noch Stern. Nur steter Tropfenfall.
Zur Hürde zieht gesenkten Haupts die Herde,
Und Tityros treibt treu die Rinder all.
Doch hie und da ruft er mit Angstgeberde
Des Freundes Namen. Und – kein Widerhall.
Der Regen rauscht, und an den schwarzen Bäumen
Hängen die Nebel gleich verscheuchten Träumen.


Melpomene.

In alten Zeiten schon sang die Kamöne
Vom großen Götterkampf um Welt und Macht:
Als Gäa waffnete die Riesensöhne
Und sie den Ossa stürzten in der Schlacht
Um den Olympos, als vom Kampfgedröhne
Die Welt erscholl und dunkle Todesnacht
Der Gäa stolze Kinder jäh verschlang,
Als Zeus den Siegesblitz vom Himmel schwang.

Da griff Kronion einen jener Riesen,
Enkelados, und warf ihn tief ins Meer.
Und seiner Wut den Rückweg zu verschließen,
Stürzt er zumal den Aetna drüber her.
Und er erlag. Allnächtlich aber schießen
Noch Feuergarben auf, so rüttelt er
Am Wurzelstock des Berges, ihn zu stürzen
Und grimmig sich zu neuem Kampf zu schürzen.

Doch ob am Tag des Rauches Wolke walle,
Ein Funkenschwarm die stille Nacht durchirrt,
Die Quellen rauschen dort in sanftem Falle,
Und auf der grünen Weide treibt der Hirt.
Pans Flöte singt im Wald mit süßem Schalle.
Von Lenz zu Lenz ein Blütenregen flirrt.
Die Feige schwillt, Granaten blühn und Mandeln,
Und holde Nymphen gehn auf goldnen Sandeln.

Sie bergen sich in den gewölbten Grotten,
Im Uferschilf, im grünen Wipfellaub;
Breithufige Kentauren aber trotten
Durch Gras und Hain und schwarzen Lavastaub.
Die Satyrn kämmen sich die rauhen Zotten
Und planen lüstern einer Nymphe Raub,
Und Daphnis liebt die schlanke Oreade
Und wandelt sorglos die gewohnten Pfade.

Nicht Wind noch Wolke. Grelle Sonnenglut
Zerfrißt den Schnee der wild zerrißnen Firnen.
Die Luft erzittert und des Meeres Flut
Liegt träg und tot. Von den gebräunten Stirnen
Der Rudrer rinnt der Schweiß. Das Segel ruht
Und welkt am Mast. Herbstfäden neu zu zwirnen
Vergaß der Horen leichtgeschürzte Schar,
Der Aetna dampft: ein riesiger Altar.

Unruhig nur sind auf dem grünen Anger
Die Herden ringsumher, als drohte Pan
Im Wald mit seinem Schrecken. Bang und banger
Erhebt der Stier das Haupt und stampft den Plan
Und brüllt laut auf, als fühlt' er unheilschwanger
Ein Wetter in der tiefen Stille nahn.
Die Fernsicht ist im Sonnendunst versunken,
Die Bienen schwärmen wild wie honigtrunken.

Im bunten Laub, am Rand der Felsenkluft,
Liegt Daphnis in der Nymphe Schooß gebettet.
Goldgelber Blütenstaub spielt in der Luft.
In Rosenbanden ist der Hirt gekettet.
Glückselig atmet er den Blumenduft.
Nichts hat er als den Hirtenstab gerettet.
Ihn kümmert nicht, wo seine Herde bleibt,
Und ob sie Tityros zur Quelle treibt.

Die Nymphe lehnt sich an die Epheuwand.
Die spendet ihr des Schattens kühle Labe.
Sie aber hält die Leier in der Hand
Und rührt sie leicht und leise mit dem Stabe.
Die Saiten tönen in den Sonnenbrand,
Und lächelnd lauscht der vielgeliebte Knabe.
Zuweilen nur küßt er das holde Weib
Und schmiegt sich dichter an den weißen Leib.

Dann heuchelt sie, als gält' es bösen Zorn,
Und schlägt ihm mit dem Plektron auf die Hände.
Er bittet ab, und ihrer Liebe Born
Schenkt unerschöpflich der Verzeihung Spende.
So oft sie aber auch beginnt von vorn,
Sie bringt das kurze Liedchen nicht zu Ende –
Bis sie mit Küssen Ruhe sich erkauft,
Im Liebesspiel die Rosen all' zerrauft.

Es ist geglückt. Er stört sie fürder nicht,
Und Echenais kann die Saiten rühren.
Libellen gaukeln froh im Sonnenlicht,
Den Nymphen gleich ein Tänzlein aufzuführen.
Ein buntes Blatt, dem es an Kraft gebricht,
Löst sich vom Ast und eilt sich zu erküren
Als Ruhestatt der Göttin dunkles Haar
Und glänzt dort wie ein Tropfen Blut so klar.

*

Als zum Bienenstock einmal
Eros sich geschlichen,
Honig aus dem Korbe stahl,
Scheuchte jäh der Immenschwarm
Ihn mit scharfen Stichen.

Seine Finger waren wund;
Denn ihn recht zu büßen,
Hatten sie sie all' durchbohrt.
Und er trat den grünen Grund
Zornig mit den Füßen.

Blies die rosigen Fingerlein,
Lief zu Aphrodite,
Klagte, daß ein Tier so klein
Wunden schlage und sogar
Ueber ihn gebiete.

Weinend wies er Stich für Stich,
Der die Finger schwellte.
Doch die holde Kypris sprach,
Und ihr Antlitz mütterlich
Lächelnd sich erhellte:

»Sieh' nur zu, wie du erträgst
Deine Schmerzenstunden.
Bist ja auch so klein und schlägst,
Gleich dem Bienlein, Bösewicht,
Tiefe, tiefe Wunden!«

*

So sang die Nymphe, und die Lyra glitt
Ins Eppichgrün, wo auch der Schleier lag.
Selbst die Zikade schwieg. Gespenstisch stritt
Mit blassem Dämmerdunst der helle Tag.
In Brodem schwer der Sonnenwagen schritt.
Aus Wolken blitzt des Phoebus Geißelschlag. –
Doch Daphnis hat die Augen sanft geschlossen,
Von Echenais' Ringelhaar umflossen.

Sie beugt sich nieder, küßt ihn auf den Mund.
Ein Echslein rauscht durchs Laub, die Grotte fliehend,
Als würd' ihm dort ein plötzlich Unheil kund.
Zwei Rehe gehn, zur nahen Tränke ziehend,
Im Wiesenthal . . . Da bäumt sich jäh der Grund,
Das Thal, der Berg, als höb' der Riese knieend
Die Welt empor. Mit donnerndem Getöse
Erbricht der Aetna würgend sein Gekröse.

Erloschen Licht und Tag. Glutsäulen schießen
Ins Wolkenmeer. Und heiße Asche flirrt
Im Wirbel, den der Atemzug des Riesen
Emportreibt aus der Kraterkluft. Schon schwirrt
Ein Funkenschwarm im Urwald. Schaurig fließen
Vom Gipfel Purpurströme und es klirrt
Der Felsenkern, im Innersten gespalten;
Stichflammen zucken wild aus seinen Falten.

Ein Stein schlug auf. Die Leier schrill zersprang.
Und Daphnis hält die Nymphe blaß umfangen,
Gebete stammelnd. Dämmerung verschlang
Das stille Thal. Gehetzte Ziegen sprangen
Von Fels zu Fels. Und Echenais rang
Die Arme, ruft zu Zeus im Todesbangen.
Der heilige Quell tanzt in die leere Luft
Und stürzt in eine jäh gerißne Kluft.

Und wildes Schrei'n, Gebrüll und Hufgestampf!
Vorüber jagen Mann und Weib und Roß,
Kentauren, Satyrn, Nymphen. Dunst und Dampf
Und Feuerschein die flüchtige Schar umfloß.
Zuletzt kommt Pan. Ein Nymphlein, das der Krampf
Befiel, das trägt er huckepack im Troß.
Da reißt sich Echenais aus dem Arm
Des Hirten und entschwebt im Götterschwarm.

Er sieht sie schwinden, einer Taube gleich,
Gen Himmel scheint sie im Gewölk zu steigen.
Er rafft sich auf und flieht das Schreckensreich,
Stürmt thalwärts und sieht in der Eiche Zweigen,
Im Hüttendach die Flammen. Totenbleich,
Erstickt vom Schwefeldampf, vom Feuerreigen
Umtollt – fort! fort! – daß ihn nicht überrasche
Der Lavastrom! – Und hinter ihm nur Asche!
 

Terpsichore.

Noch einmal hat die Herbstpracht sich enthüllt,
Als wollt' sie alle Schrecken überblühen.
Noch einmal stehn die Rosen frisch gefüllt,
Und sonnbeglänzt des Aetna Gipfel glühen.
Am Ufer, wo die Brandung laut gebrüllt,
Spielt nun die Flut mit zärtlichem Bemühen,
Schwillt an und senkt sich, atmet friedevoll,
Trägt Schiff und Schwimmer ohne Kampf und Groll.

Und an der Küste und im Hügelland
Ist froh das Volk zum Reigen angesprungen.
Daß gestern noch gebebt der Heimatstrand,
Ist einer alten Fabel gleich verklungen.
Doch dräuend rauchen noch am Kraterrand
Im Tod erstarrt der Lava Feuerzungen.
Die Weiden schimmern fahl, vom Brand gerötet.
Und Hirt und Herde liegen dort getötet.

Vorbei! – Die Zeit ist reif, die Frucht geschwellt.
Demeter eilt das Volk im Tanz zu feiern,
Im Lusthain sind Altäre aufgestellt,
Und schöne Mädchen ziehn in weißen Schleiern,
Die Blumenopfer tragend, über Feld.
Ein Knabenchor folgt mit bekränzten Leiern.
Bunt ist die Straße von geschmücktem Volke,
Und gelber Staub ballt sich zu einer Wolke.

Vom Meeresstrand, wo weiß die Mauern ragen,
Die Griechenstadt auf Marmorsäulen steht,
Ziehn sie den grünen Hügeln zu und tragen
Mit sich den heitern Sinn und ihr Gebet.
Die Augen glühn, die Herzen höher schlagen:
Wie sich so leicht im Licht der Sonne geht!
Heilrufe, Flötenspiel und Frauenstimmen
Im Wechselklang durchs Blau der Lüfte schwimmen.

Die Führerinnen in der Jungfrau'n Schar
Sind Myrrha und Kallisto, zwei Gespielen.
Wie unter Veilchenblust ein Rosenpaar,
So strahlen sie im schönen Kreis der vielen
Anmutigen Mädchen, die zum Herbstaltar
Der Göttin gehn. Zwei Rosen an zwei Stielen –
Doch aufgeblüht an einem einzigen Strauch,
Beide gereift von einem Zephyrhauch.

So schreiten sie, die Holdesten der Holden,
Den Grazien gleich, im leichtgeschürzten Kleid.
Kallistos Locken leuchten feuergolden,
Doch Myrrhas Haar glänzt wie zur Erntezeit
Das reife Korn. Und blaue Blütendolden
Sind in die blonde Fülle eingereiht.
Des Eros Lächeln auf den Lippen wandeln
Sie leicht dahin auf goldverbrämten Sandeln.

Zuweilen tauchen sie in ihr Gewand,
Das sie gefällig mit der Linken halten
Zum Bausch geschürzt, die schlanke rechte Hand
Und streuen Rosen, die sich bunt entfalten.
Und mancher bückt sich nach dem Blumenpfand,
Als kam' es ihm von himmlischen Gewalten,
Als hab' die Göttin selbst es ihm gespendet,
Eh' noch der Tag im Opferhain vollendet.

Schon winkt der Wald mit sanfter Schattenkühle,
Und Myrrha hebt das kranzgeschmückte Haupt.
Vergessen ist des Erntetages Schwüle.
Des Herbstes Bäume prangen buntbelaubt.
Da taucht ein Wandrer auf im Volksgewühle,
Vom Hirtenvließ umhüllt und wegbestaubt.
Am Stein des Hermes steht er, wo die Wege
Sich kreuzen im geheiligten Gehege.

Der Lava und der Aschensaat entronnen,
Stieg vom Gebirg herab der junge Hirt.
Er sieht die Jugend sich im Purpur sonnen
Und Säumer, die in eitel Gold geschirrt.
Und dort – das sind Najaden, die den Bronnen
Enttaucht sind und zu Menschen sich verirrt!
So hat sie Pan nicht zum Olymp getragen,
Wie er gesehn, geträumt vor wenig Tagen?

Er stellt und staunt. Das rauhe Hirtenfell
Ist von der braunen Schulter ihm gesunken.
Er beugt sich vor, sein Auge leuchtet hell.
Ein flüchtiger Sonnenstrahl hascht goldne Funken
Aus seinem Haar. Sein Mund ist rot und schwell,
Als hab' er Kypris Küsse schon getrunken.
Er steht gebannt und sieht den Mädchenreihn
Vorüberschweben im Orangenhain.

Kallistos Augen schweifen in die Ferne,
Wo zum Altar die schwarzen Lämmer gehn.
Doch Myrrhas sanfte Blicke weilen gerne
Auf all den Menschen, die am Wege stehn.
Da treffen ihre braunen Augensterne
Den jungen Hirten – und es ist geschehn.
Sie zaudert, bebt und fühlt in ihrem Herzen
Des Eros Pfeil mit seinen süßen Schmerzen.

Sie sah den Schützen nicht, sah nicht den Pfeil,
Der schneller fliegt als die beschwingten Blitze
Sie ging im Traum und hatte keinen Teil
An Eros' Schmerz. Da schnitt die goldne Spitze
Ihr jäh ins Herz und schuf ihr plötzlich Heil.
Doch Eros thront auf rosigem Wolkensitze.
Durch der Orangenbäume dunkles Laub
Entfloh er flügelschnell im Sonnenstaub.

Und Myrrha lächelt, taucht in ihr Gewand,
Das sie gefällig mit der Linken hält
Zum Bausch geschürzt, die schlanke rechte Hand
Und wirft die letzte Rose, duftgeschwellt,
Dem Hirten zu, der noch in Träumen stand.
Der Aphrodite Blume fliegt und fällt.
Fällt und verfängt sich im Gewand und ruht
An Daphnis' Brust in heißer Purpurglut.

Und Daphnis hält den Rosengruß umfangen
Und sucht die Spenderin. Doch Myrrha schlug
Die Augen nieder und in ihren Wangen
Entbrennt die Scham. Vorüber drängt der Zug.
Der Jüngling folgt und seine Blicke hangen
Am Kränzlein, das sie auf dem Scheitel trug.
Bis im Gedränge sie dem Aug' entschwindet
Und er die blonden Locken nicht mehr findet.

Da schmückt er sich in ungestümem Triebe
Mit einem Eppichkranz das blonde Haar.
Und wie der Schwimmer sich in das Gestiebe
Der Brandung wirft, so teilt er keck die Schar
Der Eilenden, das Herz voll junger Liebe.
Er neigt sich betend vor dem Fruchtaltar,
Und daß sie ihm den Flüchtling wieder sende,
Hebt zu Demeter flehend er die Hände.

Um die Altäre ziehn mit hellem Sang
Die Knaben und die Mädchen ihre Reigen.
Der Opferrauch sich hoch gen Himmel schwang.
Der kurze Tag begann sich schon zu neigen.
Ein frischer Wind strich kühl das Thal entlang
Und wisperte gar zärtlich in den Zweigen,
Als herzte dort Demeter mütterlich
Ihr holdes Kind, eh' es zum Hades wich.

Und zu der gütigen Göttin, die im Hoffen
Die Winternacht verbringt, erhob zumal
Sein kleines Herz ein Griechenkind; daß offen
Es vor ihr lag. In jäher Liebesqual
Ist es entbrannt, von Eros' Pfeil getroffen.
Und Myrrha fleht zu ihr im Abendstrahl:
Daß ihr die Göttliche den wiedersende,
Den sie gesehn an ihres Weges Wende.
 

Erato.

Dem Meer entstieg, gehüllt in schwarze Schleier,
Die holde Nacht, und Stern um Stern erschloß
Sein goldnes Aug'. Der Windhauch spielte freier
Im Wipfellaub und Fackelglut ergoß
Ihr rotes Licht. Helltönig klang die Leier
Und laute Flöten jubelten im Troß.
Das welke Laub schwoll unter leichten Tritten,
Wenn scheue Pärlein in das Dunkel glitten.

Im Dunkel priesen sie Demeters Fest
Und tauchten dann mit heißumhauchten Wangen
Zurück ins Fackellicht. Der Jüngling läßt
Sein Mädchen frei. In ihren Haaren hangen
Sieht er ein buntes Blatt, das wohl der West
Vom Zweig gepflückt, als sie ins Dickicht drangen.
Der Reigen schwenkt sich, purpurn strömt der Wein,
Und einsam ragt Demeters Opferstein.

Ein letztes Flämmlein rötet ihn und irrt
Verzagt umher, um plötzlich zu vergehen.
Doch sieh' – ein Mädchen kauert schmerzverwirrt
Am Fuß des Steins, ein Glück sich zu erflehen.
Ringsum so still. Vom Rain herüber schwirrt
Der frohe Lärm, wo sie im Tanz sich drehen.
Da taucht Selene ob dem Wald empor,
Und Busch und Baum hüllt sich in Silberflor.

Der Marmor glänzt, der Jungfrau Angesicht
Strahlt lieblich in des Mondes sanftem Schimmer.
Und Myrrha hebt zu seinem stillen Licht
Die Augen auf und flüstert heimlich immer
Und immer wieder: »O verlaßt mich nicht,
Ihr guten Götter! Ach, ich seh' ihn nimmer!
Er trug wohl Flügel an den Hirtenschuh'n
Und lächelte bei meinem kindischen Thun.«

Sie neigt sich tief und schlingt die weißen Arme
Um der Demeter heiligen Altar.
Ihr Herz schlägt laut: »Allgütige, erbarme
Dich meiner Not! Er ist kein Hirt. Fürwahr,
Gott Hermes sah ich in der Gaffer Schwarme
Am Wege stehn. Goldfarben schien sein Haar.
Sein Antlitz trug der Gottheit Adelszeichen,
Kein Sterblicher kann so den Göttern gleichen.

Sie schloß die Augen, sah im Geist sein Bild;
Ein Kummer lag um ihren Mund gebettet.
Da rauscht's im Hain, wie wenn ein flüchtig Wild
Sich heimlich vor des Jägers Pfeilen rettet.
Sie aber hört es nicht, und ins Gefild
Tritt Daphnis, staunt und steht wie angekettet.
Ist's der Demeter Kind, das hier sich neigt
Und weint, eh' es in Charons Nachen steigt?

Da schlägt die Jungfrau scheu die Augen auf
Und sieht den Jüngling reglos vor sich stehn.
Wie Silber glänzt des Hirtensteckens Knauf –
Ein Gott nur naht so leis' und ungesehn, –
Sie bebt, schreckt auf und flieht in raschem Lauf
Dem Anger zu, wo sie im Tanz sich drehn.
Doch keine Flucht kann sie vor Schwäche schützen,
Und Daphnis eilt, die Schwankende zu stützen.

Sie lehnt am Stein, von seinem Arm umfangen.
Vom Himmel taut des Mondes heller Glanz.
Wie Schnee so weiß sind Myrrhas weiche Wangen.
Schon welkt in ihrem Haar der Veilchenkranz.
Sie atmet kaum und senkt in Angst und Bangen
Die sanftgebognen Wimpern, – doch nicht ganz.
Verstohlen blinzelt sie zu dem empor.
Der sie umfängt wie keiner noch zuvor.

Ans Knie gelehnt, die Linke unterm Haupt,
So hält er sie und flüstert süße Worte.
Er wähnt sie ihrer Sinne wohl beraubt
Und hält sie fest, als ob des Hades Pforte
Sich vor ihr öffnete. Sie horcht und glaubt
Sich weltentrückt an einem seligen Orte.
Der Rose gleich, mit der zu Tode wund
Sie Daphnis traf, erglüht ihr roter Mund.

Nicht Gott noch Göttin – nur zwei Menschenkinder
Sind hier vereint, von Liebesglück bethört.
»Ich hab' dich wieder,« ruft der frohe Finder;
»Du warfst die Rose, die mich aufgestört
Aus Trug und Traum.« Er neigt sich, küßt geschwinder
Als Mond und Wind den Mund, der sich empört
Und eine zage, schwache Abwehr stammelt,
Bis ihn der Liebe Siegel heiß verrammelt.

Dann aber schwillt ihr neu die junge Kraft,
Und sie erhebt sich, purpurrot erglühend,
Und löst sich aus des Jünglings holder Haft,
Mit Blicken, Worten, Küssen sanft sich mühend.
Schon hat sie das Gewand zur Flucht gerafft,
Da hascht er ihren Arm, der lilienblühend
Den Busen schirmt, und spricht in Hast: »Vergib,
Und zürn' mir nicht, denn ich – ich hab' dich lieb!«

Sie zögert, und ein zärtlich Licht erwacht
In ihren braunen Augen. Hand in Hand
Stehn sie am Opferstein in stiller Nacht.
Und flattert auch im Tanz dort manch Gewand
Und sprühen auch die Fakeln wild entfacht,
Sie sind allein wie auf dem seligen Strand –
Wo goldner Nektar alle Quellen süßt,
Der Kypris Bild aus Rosenwäldern grüßt.

Sie wissen keine Worte mehr zu tauschen,
Der Nachtwind in den Bäumen spricht für sie.
Sie lehnen Brust an Brust, ihm still zu lauschen,
Als ob er ihrem Glücke Worte lieh'.
Da ruht der Reigen und ins Wipfelrauschen
Klingt voller Inbrunst eine Melodie.
Und von Kallistos stolzem Mund gesungen
Spricht sie zu ihnen wie mit Feuerzungen.

*

»O Göttin auf dem Blumenthron,
Dem Schaum der Flut entstiegen,
Erhöre mich aus Qual und Frohn
Und laß mich nicht erliegen!

O neige dich mir huldreich zu,
Wenn je dein Ohr vernommen
Mein heißes Flehn, wenn jemals du
Zu mir herabgekommen!

Da trug der Tauben Goldgespann
Dich mit verhängtem Zügel,
Und auf die Erde niederrann
Der Schatten ihrer Flügel.

So flogst du blitzgleich erdenwärts
Und lächeltest und fragtest:
›Was für ein Gram verzehrt dein Herz,
Daß du mich riefst und klagtest?


Wer schlug dich so in Bann und Pein?
Wen soll ich dir verführen?
Wer kehrt sich ab und spottet dein
Und läßt sein Herz nicht rühren?

Fürwahr, er soll, ob er auch floh,
Auf deinen Spuren gehen,
Für dich entbrennen lichterloh –
Und du wirst ihn verschmähen.‹

So komm denn, Holde, komm auch heut,
Um meinen Gram zu stillen,
Und gib mir, was mein Herz gebeut,
Komm, komm, sei mir zu Willen!«

*
           
Als nun der Aphrodite Lied verklungen,
Da fielen laut die hellen Flöten ein.
Zum Himmel loderten die Fackelzungen,
Und heimkehrfroh entwirrte sich der Reihn.
Von Aller Lippen klang das Lied gesungen
Sehnsüchtig durch Demeters Opferhain.
Und Myrrha bebte. Daphnis aber schlang
Den Arm um sie in Liebesüberschwang.

Doch schämig hat die Jungfrau sich entwunden
Und eilt beschwingten Laufs dem Festzug nach;
Schon hat sie der Gespielen Schar gefunden.
Und ob ihr schier das Herz darüber brach,
Sie that, als sei der Jüngling längst entschwunden,
Als plötzlich eine leise Stimme sprach:
»O flieh mich nicht, gib mir ein letztes Zeichen;
Wo find' ich dich, wenn Mond und Sterne bleichen?«

Und Myrrha hob den Blick zu jenen Sternen,
Die weit verstreut den dunklen Himmel schmückten,
Sah selig lächelnd in verträumte Fernen,
Wo goldne Wetter tausend Blitze zückten.
Sie schaut und schweigt, muß erst die Worte lernen,
Die sie von Daphnis' Lippen so beglückten.
Und ob er zärtlich auch noch einmal fragt,
Sie blickt nicht zu ihm auf und bebt und zagt.

Schon weht der Wind den Ton der Brandung her
Schneeweiße Tempel ragen in die Lüfte.
Im Feuerglanze strahlt das weite Meer
Und aus den Gärten schwellen Blumendüfte.
Dort brennen Kypris' Rosen purpurschwer.
Da rührt der Hirt an Myrrhas schlanke Hüfte
Und flüstert flehend; »O erhöre mich,
Sonst straft die holde Aphrodite dich.«

Und »morgen« lispelt sie in süßem Schrecken.
»Wo aber?« fragt er. »An dem Uferstrand,
Wo Kypris' Bildnis steht in Rosenhecken,«
Erwidert sie. Und ihrer Wangen Brand
Dem Licht der Fakelträger zu verstecken,
Verhüllt sie das Gesicht mit dem Gewand.
Schon hat der Zug den heiligen Weg verlassen
Und geht auf blumenüberstreuten Gassen.

Ein letzter Blick, ein letztes Liebeswort,
Und sie entschwindet ihm im Volksgedränge.
Er aber sucht nach einem Ruheort,
Wo er, entflohn der lauten, fremden Menge,
Die Nacht verträumen kann. Und fort und fort
Umtönen ihn des Liebesliedes Klänge.
Vor ihm im Purpurrauch der Aetna steht,
Doch nur zu Kypris. flüchtet sein Gebet.

*



Polyhymnia.

Am Meeresufer, wo die Wellen kosen,
Und der Tritonen Muschelhorn erschallt,
Steht rings umblüht von dunklen Lorbeerrosen
Der Aphrodite schimmernde Gestalt.
Und ob im Sturm die Wogen drohn und tosen,
Ob friedevoll des Windes Atem wallt,
Das Bild der Göttin strahlt in heiterm Glanze
Aufs Meer hinaus vom grünen Uferkranze.

Dem Bad entstiegen steht sie wie im Traum,
Ein Florgewand verhüllt die rosigen Lenden.
Ernst ist ihr Blick, die Lippe lächelt kaum,
Und dennoch scheint sie eitel Glück zu spenden.
Der Schiffer, der der Heimat Küstensaum
Versinken sieht, fleht mit erhobnen Händen
Zu ihr um Glück und gute Fahrt, und wer
Den Hafen sucht, grüßt sie vom hohen Meer.

Doch auch den Liebenden als Zuflucht steht
Am Meeresstrand ihr Bildnis aufgerichtet.
Schon manches junge Herz hat dort gefleht,
Schon mancher Liebesgram ward dort geschlichtet.
Laut jubelnd klang schon manches Dankgebet
Von rotem Mund, zu ihrem Preis gedichtet.
Und Blumenopfer liegen stets erneut
Zu ihren Füßen duftig hingestreut.

Auch heute liegt ein Kranz von frischen Veilchen
Blau leuchtend auf dem blanken Marmorstein,
Ein Mädchen betet – hebt nach einem Weilchen
Das blonde Haupt und flüstert zärtlich: »Nein,
In meinem Herzen ist kein einzig Teilchen,
Das ihn nicht liebt, seit dieser Nacht im Hain.
Mit Freudenthränen netz' ich deine Füße,
O Kypris, spende mir der Liebe Süße.

Du hast das Meer in Purpur ausgegossen,
Den Sonnenwagen führtest du herauf,
Du ließest heut' die blauen Veilchen sprossen
Und wecktest mich in heiliger Frühe auf.
Des Hauses Pforte hast du mir erschlossen
Und bargst im Morgennebel meinen Lauf,
Bis ich dein Bildnis sah im Frührot glänzen
Und vor dir niedersank, dich zu bekränzen.

Ist er ein Gott? Ich weiß es nicht zu sagen.
Ist er ein Hirt? Das gilt mir wahrlich gleich.
Entführt er mich auf deinem Muschelwagen
Von diesem Strand in dein geheiligt Reich,
Soll ich den Hirtenstab in Händen tragen
Und für ihn zittern bang und todesbleich,
Wenn aufgewühlt des Aetna Höhen beben –
Ich folg' und leg' in seine Hand mein Leben!«

Und horch – und sieh! Kaum pflückt des Windes Hauch
Das tapfre Wort von ihren roten Lippen,
So raschelt es im dunklen Lorbeerstrauch
Und Daphnis schwingt sich von den Uferklippen.
Ein Schrei, ein Fluchtversuch, wie es so Brauch,
Dann eilen sie, der Liebe Trank zu nippen.
Und Kypris, die das Küssen einst gelehrt,
Sieht, wie das Pärchen ihre Gaben ehrt.

So spielten sie der Liebe lächelnd Spiel
Und nützten froh die kurze, goldne Stunde.
Vom Ufersaum flog schweifend ohne Ziel
Ihr Blick aufs Meer hinaus und in die Runde.
Fern zog im Segeldrang ein rascher Kiel,
Delphine tauchten aus dem blauen Grunde.
Das Liebespärchen sah die kecken Wellen
Zu Perlen fein am Felsgestad zerschellen.

Da griff der Hirt, der Liebling der Kamönen,
Zur Syrinx, die er treu am Halse trug,
Er blies ein Hirtenlied in hellen Tönen,
Und Wind und Vögel hemmten ihren Flug.
Die Jungfrau ging mit Blumen ihn zu krönen,
Um die ein Falter seine Schwingen schlug.
Und Myrrha sah die Flügel farbig schillern,
Dann stieg er aufwärts mit den Flötentrillern.

Und als der Syrinx Vorspiel nun verklungen,
Hub Daphnis frohen Muts zu singen an,
Den Arm um Myrrhas schlanken Leib geschlungen.
Von Polyphemos' hartem Liebesbann
Und seiner Herzensnot hat er gesungen,
Und wie der Tollpatsch Ruhe sich gewann.
Ein Nymphlein wollt' sich der Cyklop erringen
Und fiel kopfüber in der Liebe Schlingen.

Als ihn der Liebe rauhes Netz umstrickte,
War er ein Jüngling noch und glatt sein Kinn.
Doch als er Galatheen da erblickte,
Da trat er nicht mit Rosen vor sie hin.
Er warf ihr keine Aepfel zu und schickte
Ihr keine Locken. Seinen wilden Sinn
Schien Weh und Wahnwitz plötzlich zu entflammen,
Und über ihm schlug rot die Glut zusammen.

Die weißen Lämmer kehrten oft allein
Zur Hürde heim am Abend von der Weide.
Er aber saß auf einem Uferstein
Von Morgens früh, wenn sich im Rosenkleide
Die Eos nahte, bis zum Dämmerschein
Und sang von seinem grimmen Herzeleide,
Sang auf das Meer hinaus, zu Tode wund
Von Kypris' Pfeil, und also sprach sein Mund:

*

»O du holde Nereide,
Du mein Lämmlein, weiß wie Schnee,
Aus der Flut kommst du gegangen,
Wenn ich schlummre traumbefangen.
Doch entraff' ich mich dem Schlafe,
Dann entfliehst du, Galathee.

Flüchtest, furchtsam gleich dem Schafe,
Das des Wolfes Wittrung spürt.
Und doch lieb' ich dich ohn' Ende,
Seit im blumigen Gelände,
Wo du Hyacinthen pflücktest,
Ich dich treulich einst geführt.

Ach, an jenem Tag berücktest
Du mein Herz, und ich verzehr'
Schmachtend mich nach dir und geize
Nur nach deines Anblicks Reize.
Aber wehe mir, ich schaue
Wohl dein Antlitz nimmermehr!

Ach, ich weiß, dich schreckt die Braue,
Die mein Angesicht entstellt.
Aber zum Geliebten tauge
Ich doch auch mit einem Auge,
Wenn auch meine Nase knollig
Auf die breiten Lippen fällt.

Tausend Schafe silberwollig
Nenn' ich mein im grünen Hag,
Und es füllen Milch und Käse
Ueberquellend die Gefäße.
All den Reichtum aber böte
Dir ich, Holde, Tag für Tag.

Und ich blase gar die Flöte
Wie kein andrer. Dich und mich
Will ich froh im Liede preisen,
Wenn die stillen Sterne kreisen.
Selbst elf Hirsche und vier Bären
Pfleg' und füttre ich für dich.

Komm, ach komm, ich will dich nähren
Mit der Liehe süßem Wein,
Komm und laß die Meeresfluten
An den Klippen sich verbluten,
Heut' noch wiegen sanfte Träume
Dich auf meinem Lager ein.

Pinien stehn und Lorbeerbäume
Vor der Grotte schlank und schön;
Epheu schlingt die dunklen Ranken,
Rote Trauben siehst du schwanken,
Und versteckt klingt einer Quelle
Silberstimmiges Getön.

Laß des Meeres salzige Welle!
Komm, o komm, und dünk' ich dir
Gar zu häßlich – hier ist Feuer,
Nimm den Pfahl, das Aug' so teuer
Brenn' mir aus, ich geb's verloren. –
Eins nur bitt' ich: folge mir!

War' ich doch als Fisch geboren,
Selig taucht' ich auf den Grund,
Blumen, die im Licht entspringen,
Lilien dir und Mohn zu bringen.
Und dann küßt' ich dir die Hände,
Wenn du mir entzögst den Mund.

Aber Mohn und Lilien fände
Ich wohl blühend nicht zugleich.
Ei, so tauch' ich in die Gründe,
Stürz' mich in die Wasserschlünde.
Ach, ich will nur einmal sehen
Galatheas glücklich Reich.

Komm, o komm, erhör' mein Flehen,
Komm und bleib, vergiß die Flut,
Weid' mit mir auf dieser Erde
Meiner Lämmer sanfte Herde,
Schmause mit mir Milch und Butter
Und vertrau' dich meiner Hut.

Traun, ich zürne meiner Mutter;
Niemals bat sie dich für mich.
Und sie sieht doch, wie ich kranke
Und geschwächt durchs Leben schwanke.
Soll ich mich zu Tode härmen?
Mütterchen, erbarme dich!

O Cyklop, was frommt das Schwärmen,
Sieh, wie dort das Lämmlein hüpft!
Lach' der blonden Nereiden,
Iß und trink und schlaf in Frieden,
Und zerreiß das Liebesfädchen,
Das dich an die Arge knüpft.
 
Gibt es doch noch andre Mädchen,
Wohl auch schön're Galatheen.
Und die freien mich im Tanze
Nächtlich bei des Mondes Glanze.
Heisa! Wie im Ringelreihen
Sie um Polyphem sich drehn!«

*

Ein Flötentriller – und verklungen war
Der letzte Liebesseufzer des Cyklopen.
Und Myrrha lachte, und auf Daphnis' Haar
Drückt sie das Kränzlein, das sie flink gewoben
Aus dunklem Lorbeer. Selig saß das Paar
Am Uferhang. Der Nebel war zerstoben.
Und purpurblau lag weit hinaus das Meer,
Ein frischer Windhauch kam von Osten her.

Und Myrrha läßt sich liebeskühn umfassen.
Verwegne Worte klingen an ihr Ohr.
Da sieht der Jüngling plötzlich sie erblassen.
Mit einem Angstruf fährt sie jäh empor.
»Sieh dort die Nymphen! Sieh nur, sie verlassen
Ihr feuchtes Reich! Dort treten sie hervor!
Im Gischt der Brandung glänzen ihre Brüste,
Und auf den Wellen schweben sie zur Küste.«

»Du träumst, mein Lieb; es ist die Brandung nur,
Die weiß zum Ufer schäumt, vom Wind getrieben.«
»Nein, nein, die Nymphen sind's, die im Azur
Sich aus den Wogen heben. Perlen stieben
Aus ihrem Lockenhaar. Siehst du die Spur,
Die silbern dort sie in das Blau geschrieben?
Schon breiten sie die weißen Arme aus,
Zu locken uns in ihr krystallnes Haus!«

Sie klammert sich an ihn. Ein kalter Schauer
Durchirrt ihr Blut, und jählings reißt sie bang
In wilder Hast ihn von der Felsenmauer,
An der empor die kecke Welle sprang.
Doch horch – wer liegt im Dickicht auf der Lauer?
Wer schleicht im Laub auf scheuem Spähergang?
Sind's Satyrn, die herab vom Aetna kamen?
Horch – rief nicht eine Stimme Daphnis' Namen?

Vergebens spricht ihr Daphnis liebreich zu.
Sie wendet sich, zur Stadt zurückzukehren.
»Leb' wohl, mein Hirt, und find' ich wieder Ruh',
So will ich morgen Kypris' Bild verehren,
Wie heut' ich that. – Wer weiß, vielleicht bist du
Dennoch ein Gott, der über fernen Meeren
Dann schon geflügelt schwebt und der vergessen,
Daß heut' er Myrrhas junges Herz besessen.«

Und eh' er noch ein Wort der Abwehr fand.
Enteilt sie flüchtig wie ein scheues Wild.
Schon flattert fern ihr blaues Nackenband.
In bunten Farben schimmert das Gefild.
Die letzten Rosen stehn in Duft und Brand,
Und eine heitre Sonne leuchtet mild. –
Noch einmal glänzt es weiß vom fernen Hügel:
War's ein Gewand? War's einer Taube Flügel? . . .


Urania.

Hoch stellt der Tag. Die blanken Wellen gleißen,
Auf Moos und Tang verstreute Perlen sprühn.
Des Aetna braune Feuerwolken kreisen,
Und schimmernd schlängelt sich durchs Wiesengrün
Ein weißer Weg. Spätflügge Bienen speisen
Aus Blumenkelchen, die in Purpur glühn.
Und Aphroditens heilig Marmorbildnis.
Steht kalt und schön in einer Rosenwildnis.

Das feuchte Gras, das Myrrhas leichter Tritt
Im Flug gebeugt, erhob sich noch nicht wieder.
Das scheue Kind, das Daphnis' Arm entglitt,
Regt wohl noch fern im Lauf die schlanken Glieder.
Das Abschiedsweh, das Daphnis liebend litt,
Verbrannte noch des Jünglings Augenlider,
Nicht eine einzige Stunde ist verflossen,
Seit er sein Liebchen heiß ans Herz geschlossen.

Er stützt sich auf des Hirtensteckens Knauf,
Und seine Augen wandern in die Ferne
Und schauen still zum hohen Himmel auf,
Als suchten sie am hellen Tag die Sterne.
»Beflügle, Phoebus, deiner Rosse Lauf
Und ruf' der Nacht, daß ich verträumen lerne
Die Stunden, bis mir Eos wieder winkt
Und neu mein Mund der Liebe Küsse trinkt!«

»Der Liebe Küsse!« – War's ein Widerhall?
War's Echos Stimme, die voll Sehnsucht rief?
Stieg Galathea aus dem Wogenschwall?
Erwachte Kypris, die in Rosen schlief? –
Und plötzlich stürzte ihn in jähem Fall
Ein Grauen, das ihn schaudernd überlief.
Er brach aufs Knie, und eine Stimme sprach
Und Wind und Welle rief es brausend nach:

»An einem Quell, da gab dir jüngst Gehör
Ein Götterkind und schenkte dir Vertrauen
Und sprach: ›Ich liebe dich, du aber schwör',
Kein ander Weib verlangend anzuschauen
Noch zu begehren. Wenn ich dich verlör',
Wenn treulos du genössest andrer Frauen,
Ging' ich um Rache mich vor Zeus zu neigen. –
Ich lieb' dich, schwör' mir und ich bin dein eigen.‹

Du hast geschworen, und in rosiger Grotte
Genossest du der Liebe Seligkeit.
Heut' aber lag zu aller Götter Spotte
An deiner Brust, von dir im Sturm gefreit,
Ein sterblich Weib. Entrännst du jetzt dem Gotte,
Der Blitz und Wolken zückt im Wolkenstreit
Und Eid und Treuschwur hütet, traun, versiegen
Müßt' Quell und Strom, so weit die Wolken fliegen!«

Ein wilder Schrei. Der Jüngling schlägt die Hände
Erbebend vor das blasse Angesicht.
Auftauchen sieht er plötzlich das Gelände,
Wo hell der Quell aus heiligen Felsen bricht,
Wo hoch die Myrte steht und bunt die Wände
Der Ginster schmückt im heitern Sonnenlicht.
Er sieht den Ort, er sieht die Göttin wieder
Und hüllenlos die wonniglichen Glieder.

Und ihre Stimme war's, es war ihr Zorn,
Der wild ihn aufgeschreckt aus süßen Träumen.
So furchtbar klingt nicht der Tritonen Horn,
Wenn sich im Sturm Poseidons Rosse bäumen.
Und sieh' – am Hügelrand, wo kühl ein Born
Zum Meere strebt, umdrängt von Wiesensäumen –
Dort sieht er sie, vom Schleier weiß umflogen,
Und über ihr der Iris bunten Bogen.

Dann aber ist's, als ob ihr Bild zerflösse.
Der Schleier schwillt und schimmert nebelfahl.
Als ob der Iris Bogen sich ergösse,
Entbrennt in Farben bunt der Sonnenstrahl.
Und plötzlich deckt, als ob sich neu erschlösse
Des Aetna Schlund, tiefdunkle Nacht das Thal.
Und Daphnis schaut und schaut und kann nicht sehen –
Erloschen Licht und Tag im Windes wehen.

Er atmet schwer, er fährt empor, er lauscht.
Und horch – die Vögel zwitschern noch im Hag.
Er fühlt's: die Sonne wärmt. Die Welle rauscht.
Ein Bienlein summt vorbei. Es ist noch Tag.
So ist's ein Trug, nur sein Gesicht vertauscht?
Da trifft's ihn jählings wie ein Wetterschlag.
Er tastet, fühlt und greift, im Fieber sind
Die feuchten Hände – und jetzt schreit er: »Blind!«

Und dann nichts mehr . . . Die blanken Wellen gleißen.
Auf Tang und Moos verstreute Perlen sprühn.
Des Aetna braune Feuerwolken kreisen
Und schimmernd schlängelt sich durch Wiesengrün
Ein weißer Weg. Spätflügge Bienen speisen
Aus Blumenkelchen, die in Purpur glühn.
Und Aphroditens heilig Marmorbildnis
Steht kalt und schön in einer Rosenwildnis.

Der Sonnenwagen flog dem Weltmeer zu.
Die blassen Sterne sind heraufgekommen.
In sanften Gluten glänzten Fels und Fluh,
Dann ward es Nacht. Selene war erglommen.
Ihr Stiergespann schritt in gemeßner Ruh'
Die goldne Bahn. Ein Schluchzen ward vernommen
In dunkler Nacht und dann ein irres Tasten,
Ein Stöhnen, Straucheln und ein Weiterhasten.

Und als zum andern Mal der Morgen tagte,
Da saß auf öder Flur im rauhen Wind,
Wo schneebedeckt des Aetna Gipfel ragte,
Ein junger Hirt, ein welkend Kranzgebind
Im blonden Haar. Er lauschte. Manchmal fragte
Er laut: »Ist niemand hier?« – denn er war blind.
Zu seinen Füßen floß ein heller Sprudel.
Am Wald hin zog der Rehe scheues Rudel.

Zuweilen flog ein unterirdisch Zittern
Durch das Gestein. Die Rehe stoben fort.
Des Jünglings Scheitel ward von Aschenflittern
Mit Staub bestreut. – Kein Satyr hauste dort,
Kein Nymphlein wohnte hinter Epheugittern
Im Felsengrund an dem verwaisten Ort.
Nur aus der Ferne klang die sanfte Flöte
Des großen Pan im Glanz der Morgenröte,

Der Jüngling bückte sich und zu der Welle
Sich neigend netzt' er still die heißen Lippen.
Und leise sprach er zu der muntern Quelle:
»Noch einmal laß mich, o Najade, nippen
Von deinem Trank, eh' ich die dunkle Schwelle
Betrete, wenn durch schwarzbemooste Klippen
Mich Charon steuerte in jenes Land,
Wo alle Sehnsucht noch ihr Ende fand.«


So sprach er lächelnd und erhob das Haupt.
Und aufrecht stand er. Wie die Brust sich weitet
Im Heimatwind! Noch flammen buntbelaubt
Die hohen Wälder rings. Im Purpur breitet
Das Meer sich aus und flimmert goldbestaubt,
Wo fern ein Schiff im Takt die Ruder spreitet.
Er ahnt, er fühlt die Welt, ob auch die Augen
Geblendet und zum Sehen nicht mehr taugen.

Auch kam er nicht, um Thränen zu vergießen,
Wo Eros' Pfeil ihm schlug die erste Wunde,
Wo er ein Hirte war auf Blumenwiesen,
Als noch die Nymphen tanzten in der Runde.
Er hört die Quelle sprudelnd thalwärts fließen,
Und seine Syrinx führt er still zum Munde:
Noch einmal soll die Hirtenflöte klingen,
Noch einmal will er sich den Preis ersingen.

*

Lebt wohl, ihr Wälder, ewiglich,
Ich werd' euch nicht mehr sehen!
Die Herden müssen ohne mich
Fortan zur Weide gehen.

Lebt wohl, ihr Quellen ringsumher,
Ihr werdet einsam fließen,
Lebt wohl – ach, Daphnis sieht nicht mehr
Die Wellen sich ergießen!

Zu dir, o Pan, zu dir allein
Will ich noch einmal rufen:
O komm herab aus deinem Hain
Die grünen Felsenstufen.

Die Syrinx, die so süß mir klang,
Empfang' als letzte Gabe;
Noch heut' führt mich den letzten Gang
Der Kypris holder Knabe.

So mög' denn auf dem Brombeerstrauch
Fortan das Veilchen blühen
Und im Wachholder duftend auch
Jetzt die Narzisse glühen.

So mög' die rauhe Pinie jetzt
Die zarten Birnen bringen,
Die Eule lerne frohergetzt
Mit Nachtigallen singen.

Und von der Meute mög' den Mut
Die scheue Hindin erben –
Vertauscht sei alles, Gut und Blut,
Denn Daphnis muß jetzt sterben.

*

Das Lied verklang sehnsüchtig in den Hainen.
Dann stieg der Hirt den steilen Hang empor.
Und auf den Höhen all die Quellen weinen.
Im Wind zerstob der letzte Blütenflor.
Und niemand mehr sah Daphnis je erscheinen,
Am Kraterrand sich seine Spur verlor.
Wehklagend sucht ihn Pan, denn keine Flöte
Klingt mehr so süß im Glanz der Abendröte.