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Alexander von Sternberg – Berühmte Frauen des achtzehnten Jahrhunderts

Biographien

Alexander von Sternberg, Berühmte Frauen des achtzehnten Jahrhunderts, Erster Theil, Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig, 1848


Erster Theil.


Vorwort.

Keine Biographien sollen diese Darstellungen sein, keine historischen Aufsätze in strengem und belehrendem Styl, sondern Bildnisse an die bunte Teppichwand des Jahrhunderts geheftet, in einem Rahmen, wie er dem jedesmaligen Portrait zukommt, bald barock, bald zierlich, bald ein einfacher Goldleisten, immer aber im Zusammenhange mit den Ornamenten des Saals, mit dem Schmuck des Amöblements, mit dem Muster des Teppichs. Das Jahrhundert bleibe dem Beschauer immer gegenwärtig: neben den einzelnen Gestalten laufe noch immer die Arabeske der Zeit fort, ja die einzelnen Gestalten seien nur Ausläufe und Endknospen der Arabeske. So hat's der Autor mit diesen Bildnissen gemeint. Wir besitzen, obgleich nicht sehr zahlreich, Biographien über die meisten dieser Frauen, es wäre die Aufgabe des Historikers, diese mangelhaften Aufsätze zu ergänzen, kritisch das Gegebene zu beleuchten, das Fehlende zu ergänzen; aber diesen Zweck hatte der Sammler und Aufsteller dieser Bilder nicht vor Augen; ihm lag es daran, neben der gewissenhaften Zusammenstellung der Facta auch die Blüthenfrische des ehemaligen Lebens wieder herzustellen. Eine Biographie darf kalt, trocken, selbst gewissermaßen geistlos sein, und erfüllt dennoch ihre Aufgabe; ein Portrait muß neben der materiellen Wahrheit, durch ursprüngliches Leben, durch vibrirenden Reiz, durch Süße und Lieblichkeit des Ausdrucks fesseln, interessiren, erfreuen. Thut es das nicht, so ist's mißlungen. Ein Biograph braucht kein Bildnißmaler zu sein, ein Bildnißmaler muß aber nothwendig zugleich Biograph sein, wenn auch kein schulgerechter, strengkritischer. Ihm ist die Lebendigkeit seines Bildes die Hauptsache, jenem die Treue; ihm sind tausend Dinge wichtig, die zur Verstärkung des Ausdrucks, zur Förderung der größern Lebendigkeit dienen, er geht mit Liebe auf Nebendinge ein und schildert tausend kleine Details der Zeit, immer im Streben, seinem Hauptbilde frischeren Reiz zu verleihen; dem wissenschaftlichen Biograph ist's nur ums Factum zu thun, um die Feststellung eines Datums, die Beseitigung eines historischen Zweifels. Nicht die geschwungene Linie der Schönheit, sondern die gerade mathematische Linie, die am schnellsten und sichersten zum Zielpunkte führt, ist ihm die liebste. Um sprechend ähnliche und belebte Bildnisse zu malen, muß man etwas vom Dichter in sich haben, um gute Biographien zu schreiben gehört's nur, daß man ein gebildeter und gewissenhafter Kritiker und Sammler sei. Aus diesen Erörterungen folgt, daß dieses Buch nicht bestimmt ist in die Hände der Gelehrten vom Fach zu gelangen, sondern der Gunst des größern gebildeten Publikums anempfohlen wird, besonders den Frauen, die sich an den Gestalten der berühmten ihres Geschlechts erfreuen mögen, bald lächelnd über diesen oder jenen seltsamen Zug, der heutzutage eher Spott als Ruhm zur Folge haben würde, bald wahrhaft angeregt und zur Nachfolge begeistert durch große Tugenden und liebenswürdige Eigenschaften einer mit vollem Recht Berühmten. Hier und da sind die Bildnisse so aufgefaßt, daß auch die kokette Tracht, die seltsame Mode des Jahrhunderts, ein Blumenbouquet, ein schief aufgesetztes Hütchen, eine gepuderte Locke und ein Schönpflästerchen gerade sichtbar genug werden, um unseren schönen oder berühmten Zeitgenossinnen ein Lächeln über ihre Schwestern aus dem achtzehnten Jahrhundert zu entlocken: auch dies gehört zu dem, was wir früher über die Lebendigkeit eines Portraits sagten. Es ist die malice blanche des Portraitmalers, die das Recht jedes selbständigen Malers ausmacht, wenn er sie nur gehörig versteckt zu üben versteht, so daß man ihm nicht offener Bosheit anklagen kann. Befriedigt wird der Sammler und Aufsteller dieser Bildnisse sein, wenn dem Beschauer ein treffendes, wenn auch flüchtiges Bild des ganzen achtzehnten Jahrhunderts, dieses Jahrhunderts voll Glanz und Frivolität, voll Geist und Schönheit, aufgeht. Dahin ist hingearbeitet worden. Wir haben keine Memoirensammlungen, wie die Franzosen und Engländer, wir haben keinen St. Simon und keinen Chesterfield, der mit uns den Gang durch die Säle des glänzenden Jahrhunderts machte, um so mehr ist's Pflicht desjenigen, der die Glanzpunkte jener Tage darzustellen sich bemüht, der die beliebtesten und gefeiertsten Schauspielerinnen jener Zauberbühnen neu belebt und vorführt, daß er alle Mittel anwende, um nicht allein die einzelne Gestalt, sondern auch ihre ganze Umgebung dem Auge des Lesers mit jener Lebendigkeit vorzuführen, die ihn den Mangel an geistvollen und lebensfrischen Memoiren nicht fühlen läßt. Es wäre eine Thorheit, das Leben der Markgräfin von Baireuth, Friedrich des Einzigen Schwester, zu schildern, denn sie hat es selbst schon gethan, und zwar mit der größten Frische und Lebendigkeit der Auffassung; hätten wir über unsere anderen berühmten Frauen ähnliche Memoiren, so wäre ein solches Buch, wie das vorliegende, nicht allein überflüssig, sondern es könnte nur schädlich wirken, indem es schlecht wiederholte, was sehr gut im Original schon vorhanden ist, und vom Genuß der Quelle abhielte.



Gräfin Aurora Königsmark.

Um das Bild dieser berühmten Geliebten Königs August des Starken, die Voltaire die merkwürdigste Frau zweier Jahrhunderte nennt, dem Beschauer in das rechte Licht zu stellen, ist es unumgänglich nöthig einige von ihren Ahnen vorher flüchtig zu skizziren. Es sind interessante Gestalten darunter, Gestalten, welche die geschichtlichen Costüme zweier Jahrhunderte auf anziehende und für die Forscher belehrende Weise tragen; sie bilden einen Zug, der von der Grenze des dreißigjährigen Kriegs bis zu der des siebenjährigen herüberschreitet. Wahrlich, einen Verlust für deutsches Wissen kann man's nennen, daß wir so wenig Familiengeschichten besitzen. Hier ist eine, die, wenn auch flüchtig, bald aus diesem, bald aus jenem Archiv zusammengetragen, dennoch den vollen Reiz solcher Urkunden besitzt und Blicke in das innerste Leben der Zeit thun läßt. Wir sehen ein stolzes, reiches Geschlecht mit großem Geräusch über die Bühne der Welt gehen; die Männer entweder Helden oder Abenteurer, die Frauen entweder keusche Vestalinnen, treffliche Matronen, oder reizende Verführerinnen, anmuthig herumirrende Unheilstifterinnen. Ewig Tumult, ewig Intriguen, Prozesse und Geldnoth; stets befindet sich eine ganze Abtheilung der Familie auf Reisen, man kommt nie zur Ruhe, aber das ist's gerade, was diese seltsame Sippschaft interessant macht. Wir lernen durch sie fast das ganze damalige Europa kennen, sogar etwas von Asien und Afrika; der Türkenkrieg, die polnische Revolution, die deutschen Zwistigkeiten, alles findet seinen Platz; der Luxus und die Sittenzerrüttung der kleinen und großen Höfe wird lebendig vor unseren Augen, und tausend lustige Scenen, ärgerliche Klatschereien, in welchen irgend ein Glied der ewig beweglichen Familie verwickelt ist, lärmen und rauschen vor unseren Ohren. Aber auch das Entsetzen, der geheime Mord, die teuflische Intrigue, die unter parfümirten Manschetten versteckte blutige Mörderhand auch sie kommen zum Vorschein und füllen die Blätter unserer Familienchronik.

Der alte Marschall Königsmark ist der Ahnherr des Hauses, der Schöpfer des Reichthums und der Macht der Familie. Dieser alte Herr besteht vor dem Richterstuhl der Moral sehr schlecht. Er war im Kriege ein unermüdlicher Plünderer, ein nie rastender Beutemacher, ein schlauer und brutaler Degenknopf. Von Freiheit und Poesie, von dem chevaleresken Parfüm der Sitten, wodurch sich das Geschlecht auszeichnete, trifft man bei diesem alten Unheilstifter noch keine Spur. Es ist merkwürdig und zugleich betrübend zu sehen, wie er mit seinen zahllosen Feinden fertig wird. Er kommt nie zur Ruhe, und wenn auch die Fürsten, denen er dient, Frieden schließen, er fängt auf eigene Faust Krieg an.

Wir sehen ihn im Tumult des dreißigjährigen Kriegs sich herumtreiben. Welch ein Schauplatz für einen kecken und wenig scrupulösen Soldaten! Unter den berühmten schwedischen Helden, neben Horn, Wrangel, Banner und Torstensohn, nimmt er auch einen Platz ein, der Himmel weiß mit welchem Rechte; denn die Weisheit und Größe dieser Männer war ihm nicht zu Theil geworden, nur die soldateske Tapferkeit scheint er in hohem Grade besessen zu haben.

Im Jahre 1600 auf einem Familiengute in der Mark geboren, nimmt er noch in jungen Jahren kaiserliche Dienste unter dem Herzog Albrecht von Sachsen-Lauenburg, den das Gerücht den Mörder Gustav Adolphs nennt. Als dieser heldenmüthige König 1630 in Deutschland erscheint, verläßt Königsmark die kaiserlichen Dienste und geht zu den Schweden über. Hier fängt er nun an, seine Talente zu entwickeln. Mit selbstgeworbenen Heerhaufen durchzieht er Niederdeutschland, Böhmen und Schlesien, dergestalt plündernd, mordend und sengend, daß er den schwedischen Namen zum Schrecken der Welt macht. Böhmen blieb aber sein vorzüglicher Tummelplatz.

Der Abschluß des westphälischen Friedens kümmerte ihn wenig. So zog er vor die Reichsstadt Bremen und belagerte sie förmlich. Alle Welt schrie darüber, die Kabinette Frankreichs und Schwedens erhoben Klagen auf Klagen, und zu gleicher Zeit luden der Senat von Stockholm und das Reichskammergericht den Unruhstifter vor ihre Schranken. Er kam nicht. Der Uebermuth eines glücklichen Soldaten gegenüber den rechtlichen Einrichtungen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, diese bitterste Frucht, die uns die Kriege bringen, machte sich in seiner ganzen Schärfe schon bei unserm Helden geltend. Endlich begab er sich nach Stockholm und stimmte durch passende Geschenke, einen kleinen Theil seines Raubes, die Königin Christine zu seinen Gunsten um. 1650 wohnte er der Krönung dieser Fürstin bei, und sie machte ihn zum Statthalter des Fürstenthums Verden und des Herzogthums Bremen. Als Fürststatthalter schlug er seinen Sitz in Stade auf und baute ein prächtiges Schloß daselbst, das er zu Ehren seiner Gemahlin, eines deutschen Fräuleins, Agathenburg nannte.

Alles dieses misfiel am Hofe zu Stockholm sehr. Die schwedischen Großen konnten so viel Gunst und Glück einem Ausländer nicht vergeben, sie zettelten unaufhörlich Kabalen an, aber der alte Haudegen war der rechte Mann, um über Hofintriguen zu siegen. Er gab Geld her, wo er käufliche Naturen fand, er schlug zu, wenn er Schwächlinge vor sich sah, und so abwechselnd mit Degen und Ducaten schaffte er sich an dem gelehrten Hofe Christinens Platz und galt zuletzt, was das Befremdendste ist, sogar für einen Beschützer der Wissenschaften. Er, der die herrlichen Kirchen Prags mit wahrhaft vandalischer Wuth geplündert hatte, dessen Soldaten zerschlagen und zertrümmern mußten, was sie nicht fortführen oder verkaufen konnten, er saß in der Akademie zu Stockholm und vertheilte gnädig fürstliche Preise für Künstler und Gelehrte und sprach in den kleinen Abendgesellschaften Christinens ein Wort mit, wenn über die Verse Tibulls gestritten, oder ein alter classischer Autor citirt wurde.

Dergleichen wiederholt sich auch wohl jetzt, aber doch nicht mit dieser naiven Unverschämtheit. Die Wissenschaft, die sich damals noch nicht emancipirt hatte, bettelte an den Thüren der Großen um Gunst, und so kam es denn auch, daß rohe Krieger ihre Protectoren wurden und sich mit academischen Titeln schmücken durften. Dadurch suchten sich diese bedrängten Vereine vor Gewaltthätigkeiten zu schützen. Sie erreichten nicht immer ihren Zweck. Wenn ein brutaler Krieger Lust spürte, sich oder Anderen ein besonderes Schauspiel zu bereiten, so mußten jene armen Pedanten herhalten, und mehr als einmal geschah es in jenen Zeiten, daß gelehrte Männer, wenn sie wissenschaftliche Reisen antraten, von einem der kleinen Höfe eingefangen wurden, um an demselben als Hofnarren zu figuriren. Nur mit Zittern traten die gefährdeten Männer ihre Wanderungen an; immer mußten sie fürchten, daß die Locken ihrer majestätischen Perücken sich in Schellen verwandeln könnten. Sie riefen daher den Charlatanismus zu Hülfe, und versuchten es, durch einen erborgten Nimbus von übernatürlichen Kräften die rohe und spottsüchtige Gewalt im Zügel zu halten. Jetzt kam die Reihe, die Rolle der Narren zu spielen, an die Fürsten; Goldmacher und Sterndeuter betrogen sie und rächten die verfolgten Collegen.

In diesem Kriege, den die materielle Gewalt mit der Intelligenz führte, spielte unser alter Marschall ebenfalls eine Rolle, und er war schlau genug, es mit keiner dieser Mächte zu verderben. Die fruchtbringende Gesellschaft nahm ihn in ihren Schoos auf und er führt in ihren Registern den Namen des »Streitenden.«

So ging denn dieser alte Knabe mit Ruhm bedeckt zu Grabe. Er hinterließ der Familie ein jährliches Einkommen von 130,000 Thalern, ein colossales Vermögen für die damalige Zeit, er übergab ihr Landgüter und Schlösser und den Grafentitel. Das hieß nicht umsonst gelebt haben. Die Flüche, die an diesen zusammengeplünderten Schätzen hafteten, verhallten in die Luft, nur die Ehre, der Ruhm und das marmorne Denkmal blieben. Bei meinem Aufenthalte in Stockholm zeigte man mir sein Bild, und ich fand, daß es lebhaft an Peter den Großen erinnert. Ein kostbares Werk mit vielen Bildern und Documenten, das die Thaten dieses Mannes beschreibt und die Mythologie plündert, um Bezeichnungen und Vorbilder zu seinem Helden zu finden, erhielt sich noch lange in der Familie. Prag bewahrt ein anderes Denkmal; es bestand in Trümmerhaufen und Blutspuren. Man schreckte die Kinder mit dem Namen Königsmark wie in Deutschland mit dem Knecht Ruprecht. Das schwedische Document und das prager ergänzen einander.

Graf Karl Johann folgt jetzt, ein Enkel des Vorigen. Der alte Marschall hinterließ drei Söhne, von denen der jüngste, Otto Wilhelm, bei der Belagerung von Negroponte, der mittlere, Johann Christoph, in noch jungen Jahren durch einen Sturz vom Pferde, und der älteste, Curt Christoph, der Vater Karl Johanns, Philipp Christophs und der beiden Schwestern Aurora und Emilie, bei der Belagerung von Bonn starb. Die Familie hatte unterdeß ihr Ansehen noch erweitert. Dieser Vater Karl Johanns und unserer berühmten Aurora war mit Christina Wrangel vermählt, einer Tochter des Marschalls Hermann Wrangel, der seinerseits wieder eine Prinzessin von der Pfalz geheirathet hatte. Hierdurch war die Familie mütterlicher Seits mit Fürstenhäusern in Deutschland, väterlicher Seits fast mit dem ganzen Adel Schwedens verbündet. Man sieht, wie glänzend die Laufbahn sich geebnet zeigte, die diesem jungen Geschlecht beim Beginn seiner Lebenswanderung vom Schicksal vorgezeichnet war. Leider sollte jedoch von den Kindern Curt Christophs kein einziges das Ziel eines glücklichen und späten Alters erreichen, und es war bestimmt, daß der Stamm mit diesem so günstig Ausgestatteten aussterben sollte. Wir fassen für's Erste Karl Johann in's Auge.

War der alte Marschall nicht viel mehr als ein braver Soldat, ein kecker Beutemacher, so war sein Enkel schon mit der Poesie seines Standes bekleidet; er war ein vollkommener Ritter des siebzehnten Jahrhunderts, ein moderner Roland, unerschöpflich thätig in Liebes- und Waffenabenteuern, jung, schön, tapfer, verführerisch und ein übermüthiger Aristocrat. Der schwedische Hof, der sich damals in einer Krisis befand, an welchem sich die Parteien zankten und der Reichstag endlose Reden hielt, gab dem jungen Wildfang, der sehr früh den Schulbänken der Ritteracademie zu Stade entflohen war, wenig Aussicht zu glänzenden Thaten. Er ging nach Paris und dort, wo er seinen Oheim Otto Wilhelm fand, stürzten sich Oheim und Neffe in die galanten und gefährlichen Abenteuer der Hauptstadt. Der Oheim wurde dieses Lebens nicht überdrüssig, wol aber der Neffe. Ein kühner Geist waltete in dem jungen Körper, ein Ideal von Ruhm und Thatenglanz stand unverrückt vor seiner Seele.

So sehen wir denn den kaum achtzehnjährigen Jüngling nach Malta übersegeln, um seine Dienste dem Ordensmeister gegen die Barbaresken anzubieten. Auf einer der Ordensgaleeren zeigt er eine so verwegene Tapferkeit, einen so glänzenden Muth, daß der Orden, bestürzt und erfreut, sich bereit erklärt, ihn in seine Mitte aufzunehmen. Aber Graf Karl Johann ist Protestant, er zeigt auch nicht die geringste Bereitwilligkeit, dem Glauben seiner Väter zu entsagen, noch weniger ist bei ihm irgend eine Neigung sichtbar, das Gelübde der Keuschheit abzulegen. Dennoch erhält er das Ordenskreuz, und Raphael Cotonerus, der Ordensmeister, umarmt den jungen Helden öffentlich vor dem versammelten Capitel der Ritter. Jenes Kreuz und diese Umarmung sind Ehrenbezeugungen, die die Welt staunen machen, da sie von einem streng katholischen Orden einem Ketzer erwiesen worden. Welchen Glanz mußte diese Auszeichnung dem jungen Schweden verleihen! Unsere Zeit hat Mittel gefunden, jeden Orden frivol und fast alle werthlos zu machen. Nur eine bewegte Zeit der Thaten kann diesen kleinen Zeichen, die sonst wie eine Ironie der Fürstenlaune aussehen, einen bleibenden Werth verleihen.

Unser ritterlicher Abenteurer ging nunmehr von Malta nach Rom, nach Florenz, und der alten Stätte verliebter und gefährlicher Intermezzos, nach Venedig. Dieser Stadt der Masken und der Dolche, wo Melpomene, vereint mit Arlequin, die Säulenhallen durchzieht, trug auch der junge Schwede den Zoll der Jugend und des Muthes ab. Hier war es, wo er eine junge Gräfin Southampton kennen lernte, die sich entschloß, ihre Reichthümer und ihre Familie im Stich zu lassen, und ihm in Pagenkleidern überall hin zu folgen. In den Briefen Charlottens von der Pfalz, der Mutter des Regenten, Herzogs von Orleans, wird dieser romantischen Liebschaft gedacht, und zwar in jener anstößigen derben Weise, wie es die Herzogin liebte.

Die Stelle lautet: »Ma chére princesse (Karoline von Wales, geborene Markgräfin von Anspach), ich will Ihnen etwas auch in aparter Manier schreiben. Ich habe einen Grafen Königsmark gekannt, dem war eine junge englische Dame in Pagenhosen nachgelaufen. Er hatte sie bei sich zu Chambor, und weil kein Platz für ihn im Schlosse war, hatte er ein Zelt im Walde aufschlagen lassen und logirte darinnen. Auf der Jagd erzählte er mir seine Aventüre. Ich hatte Curiosität, den Pagen zu sehen, und ritt zu seinem Zelte; er rief den Pagen und präsentirte ihn mir. Ich habe in meinem Leben nichts Artigeres, als das Mädchen in Pagenkleidung war, gesehen; sie hatte schöne große braune Augen, ein artiges Näschen, einen schönen Mund voller schönen Zähne, denn sie lachte wie sie mich sah; sie merkte wohl, daß der Graf mir alles erzählt hatte. Sie hatte ihre eigenen Haare, braune mit großen Bouklen. Wie er von Chambor wegzog und nach Italien reiste, kam die Wirthin in einem Wirthshause gelaufen und schrie: Monsieur, courez vite lá-haut, votre Page accouche! – Sie bekam ein Töchterchen. Man steckte Mutter und Tochter in ein Kloster zu Paris. So lange der Graf gelebt, hat er wohl für sie gesorgt; er starb aber in Morca und der Page hat ihn nicht lange überlebt; sie ist wie eine Heilige gestorben. Das Töchterchen hat ein Freund vom Grafen, Madame de Montespans Neveu, versorgt; nach dessen Tode hat der König dem armen Mensch eine Pension gegeben. Ich glaube, sie ist noch im Kloster.«

So weit die alte originelle Dame, die mitten in der verfeinerten Hofsphäre Ludwigs XIV. nicht müde wurde, ihr deutsches Sauerkraut zu speisen und in Manieren und Sprache die deutsche Hausmutter zu spielen. – Der Graf ging von Venedig nach Madrid, dann hielt er sich in Holland einige Zeit auf, auch in Hamburg, kam dann an den Hof zu Stockholm, wo er mit den Anerbietungen, die man ihm machte, nicht zufrieden war, dennoch aber, wieder durch Fraueneinfluß, sich bestimmen ließ, eine diplomatische Sendung nach Windsor an den König Jacob II. zu übernehmen.

In England stellten ihm die Verwandten der Gräfin Southampton nach, verwickelten ihn in Zweikämpfe, und selbst der Gefahr einer Vergiftung war er ausgesetzt. Auf den Rath des Königs, der sich väterlich für ihn interessirte, verließ er Englands Boden, um sich auf der Flotte einzuschiffen, die nach Afrika bestimmt war, um Tanger zu belagern. Die Schiffe wurden durch widrige Winde zurückgehalten, und der ungeduldige junge Held nahm durch Frankreich und Spanien seinen Weg, um rasch vor Tanger anzulangen. Hier erntete er wieder Ruhm und Waffenehre. Die darauf folgenden Jahre werden in beständigen Kriegszügen hingebracht. Dreimal kehrt er nach Afrika zurück, wir finden ihn auf der britischen Flotte vor Algier, dann in Madrid, dann in Holland, in England, in Deutschland.

An der Spitze eines selbstgeworbenen französischen Regiments sehen wir ihn Courtrai belagern, wo er verwundet wird, aber dennoch bald darauf in rapidem Marsch nach Catalonien eilt, um das französische Heer mit dem Ruhm seiner Waffen zu unterstützen. In venetianische Dienste eingetreten, nimmt er unter dem Oberbefehl seines Oheims, Otto von Königsmark, an der Belagerung von Navarin und Modon Theil, und die gefahrvolle Unternehmung bei Argos zählt ihn mit unter die heldenmüthigsten Krieger.

Hier war jedoch seiner Laufbahn ein Ziel gesetzt. Nicht dem Schlachtentode fiel er zum Opfer, sondern einer Seuche, die ihn nach kurzem Schmerzenslager im Monat August 1686 in Morea dahinraffte. Er hatte noch nicht sein siebenundzwanzigstes Jahr vollendet. Seine sterblichen Ueberreste, mit denen seines Oheims, der bald nach ihm ebenfalls den bösen Einflüssen des Klimas unterlag, wurden in die Familiengruft nach Stade gebracht. So war dieses Epos beschlossen, dessen Held so viel Gefahr, Liebe und ritterliche Tugend der Welt gezeigt hatte. Das damalige Europa hatte auf seinem Welttheater einen hübschen Schauspieler weniger, die Paläste und Fürsten sahen aus ihren Räumen eine elegante Figur verschwinden, die Putzgemächer und Schlafkabinette der Frauen verloren ihren kecksten und siegreichsten Eindringling. Auch mit den Musen hatte er sich abgegeben, und zwar nicht auf eine so gezwungene und zweifelhafte Weise wie der alte Marschall, sein Großvater.

Welche Thränen und Seufzer mögen dem Sarge gefolgt sein, der seine Reise von Morea nach Stade antrat! Wie manches junge Herz in der Klosterzelle, im Palast und in der Hütte mag bei der Trauerbotschaft schmerzlich und krampfhaft sich zusammengezogen haben! Wir haben hierüber keine Nachrichten, und ohne die plauderhafte Feder der alten Prinzessin von Orleans wüßten wir nicht einmal die anmuthigen Details von dem Pagen. Auf diesen Pagen zurückzukommen, so starb er – oder sie – wie eine Heilige; so sagt uns nämlich unsere Berichterstatterin. Die Tochter, die ebenfalls im Kloster erzogen wurde, verlor ihre Pension, als Ludwig XIV. starb, und unter dem Namen einer Mademoiselle d'Holland trat sie in die Welt, vermählte sich mit einem gewissen Chevalier de Cavado, der ihr eine Rente von 40,000 Livres zusicherte, und hatte später die Undankbarkeit, die Schwestern ihres Vaters, Aurora und Emilie, in einen Proceß über die Nachlassenschaft des Grafen Königsmark, ihres Vaters, zu verwickeln. Der Proceß schlug nicht zu ihren Gunsten aus; dennoch verstieß Aurora, in angeborener Milde, dieses Kind der Liebe ihres Bruders nicht; sie that für dasselbe was nur in ihren Kräften stand.

Philipp Christoph war ein Bruder Karl Johanns, und ihm in sehr vielen Charaktereigenschaften ähnlich, an körperlichen Vorzügen ihn jedoch übertreffend. Wenn wir einem Portrait Glauben schenken wollen, das aus der Nachlassenschaft Aurora's stammt und sich jetzt im Privatbesitz in Dresden befindet, so glich er seiner schönen Schwester und vereinigte in seinen Gesichtszügen denselben Liebreiz mit demselben Adel und Geist. Die gewinnende Anmuth der Schwester war auch ihm eigen, aber sein Scherz war nicht so unschuldig, seine Spöttereien nicht so harmlos; er war muthwillig und boshaft, und da seine Keckheit sich keine Grenzen setzte, so ist ein großer Theil seines Misgeschicks dieser gefährlichen Gabe, die die Welt liebt, aber zugleich verfolgt, beizumessen. Er wich hierin von seinem Bruder ab, der auch darin das wahre Bild des chevalier sans peur et sans reproche war, daß er nie über Frauen oder zarte Verhältnisse spottete, was Philipp gern that, wenn es galt, einen schläfrigen Hofcirkel zu beleben und die Fürsten lachen zu machen.

Das Schicksal dieses jungen Mannes, der als der letzte seines Stammes fiel, ist ein wundersam schauerliches; es tauchen in demselben alle dunkelen Schrecken der Mordlust des Mittelalters auf, um sich mit dem feinen Gifthauch der modernen Intrigue des achtzehnten Jahrhunderts zu vereinigen. Noch weiß man nicht gewiß, wo und wie diese glänzende Erscheinung sich verlor, auf welche Weise ein junger Mann endete, der reich, übermüthig, angesehen, von den Fürsten geliebt, dem mächtigsten Adel entsprossen, seine Laufbahn begann. Sein Grab ist mit grausenhaftem Dunkel umhüllt. Tausende haben darnach geforscht und es nicht finden können. Seine unglückliche Schwester setzte ganz Europa in Bewegung, um das Geheimniß dieses Verschwindens aufzuklären; umsonst. Noch jetzt ist die Gruft, in welcher Philipp Christoph von Königsmark verschwand, eine von jenen mysteriösen Grabstätten, deren die Geschichte mehre zählt, ein Grab, das weder Mitwelt noch Nachwelt zu bezeichnen weiß, auf das keine Thräne der Andacht, kein Gebet des Gläubigen niedersank. Es steht ein altes Schloß in Deutschland; es geht eine Sage, daß man dort vor einem Jahrhundert zurück unter dem Parketboden eines Schlafgemachs ein männliches Skelet gefunden habe. (Reminiscences d'Horace Walpole. Paris 1826) Dies, behauptet man, waren die Ueberreste jenes Unglücklichen, aber historisch gewiß ist es keineswegs.

Nichts charakterisirt die Höfe des siebzehnten Jahrhunderts und des Anfangs des achtzehnten Jahrhunderts mehr als Thatsachen, wie wir jetzt eine berichten wollen. Welch ein Drama, abwechselnd Trauerspiel und Posse! Welch ein Durcheinander von Leidenschaften! Wie hört man an alle Thüren den Finger der Intrigue klopfen, wie schleicht die langen halbdunkeln Corridore entlang der verlarvte Amor, eine in parfümirte Spitzen und blutige Flore gehüllte Muse hinter sich schleppend! Wie rauscht im Saale der Tanz, wie fliegen auf silbernen Sohlen die berauschten Tänzer, wie tummelt sich der Maskenzug, indeß im einsamen Gemach die Sorge sitzt und der fahle Liebeskummer! Diese alten Schlösser mit ihren goldbrokatenen Wänden, ihren heimlichen Tapetenthüren, ihrem summenden Schwarm von Gästen, wie wunderlich stehen sie da, wenn wir sie aus der Ferne unsers kalten, geregelten, anständigen Jahrhunderts betrachten! Welche Glut schimmert aus diesen verhüllten Fenstern, die auf dunkle rauschende Bäume des Parks niederschauen, rothe Lichter auf die weißen Schultern und Hüften der Statuen werfend! Still! die Mandolinen girren, die Flöten kosen, durch die Taxusgänge des Parks flattert verbuhlte Seide, koketter Flor. Das schamhafte Blut der jungen Rose leuchtet im Dunkeln heller auf am Busen einer trunkenen Nymphe, die sich taumelnd in die Nacht einer Laube verliert. Seht jene Schaar junger Schäfer! Ihre kleinen Hüte, ihre Stäbe verwickeln sich jeden Augenblick in die Hecken, sie lallen Lieder, von denen Theokrit nichts weiß, sie führen Tänze auf, von deren Verschlingungen sich die keusche Terpsichore unwillig abwendet. Und jene Nymphe ist eine Nonne und diese Tänzer sind junge Priester. Wie gefällt euch das? Heißt das nicht das Leben genießen? Heißt das nicht alle Forderungen erfüllen, die ein leichtsinniges Jahrhundert an seine leichtsinnigen Kinder stellt? Ihr schüttelt das Haupt, ihr wollt von diesem Frevel nichts wissen, und doch – ich könnte euch ein Jahrhundert nennen, das diese bunten Sünden, diesen bacchantischen Wahnsinn des Genießens nicht kennt, ein Jahrhundert, ernst, prüde, pedantisch und kalt, ein Jahrhundert, das mit seiner Tugend und seinem Ernste prahlt, und das, in geheimen Lastern der Selbstsucht und der Habgier schwelgend, nicht gerade sehr hoch über jener Zeit steht.

Von dem frühern Leben unsers jungen Helden ist wenig zu sagen. Die Geschichte, die wir erzählen wollen, füllt eigentlich sein ganzes Leben aus. Er kämpfte auf dem Felde der Liebe und starb auf demselben mit eben dem düstern Ruhm, wie man auf dem Felde der Ehre zu sterben pflegt. Die arme Mutter, nachdem sie schon zwei ihrer Söhne verloren hatte, entließ mit großem Kummer diesen dritten, jetzt einzigen. Auch er ging auf Reisen, auch er fand sich bald in Venedig, welches das damalige Paris war, mit den jungen Fürstensöhnen Deutschlands zusammen. Hier lernte er den damaligen Kurprinzen, nachmaligen König August von Polen und Kurfürsten von Sachsen kennen. Beide fanden ihre größte Lust in Liebesabenteuern. August entwickelte schon hier jene Virtuosität, die ihn in der Folge berüchtigt machte und die späteren Genealogen bei Abfassung der Stammtafeln der sächsischen und polnischen Familien so oft in Verlegenheit setzte. Einzelne, aber nur sehr flüchtige Kriegsunternehmungen in Ungarn wider die Türken bildeten Episoden im vergnügensreichen Leben des jungen Königsmark. Um Kriegsruhm war es ihm nicht zu thun, wie seinem Bruder. Mit dem Kurprinzen heimgekehrt, trat er als sehr junger Obrist in die Dienste seines fürstlichen Freundes und ließ sich's wohl sein im Glanze und im Luxus des dresdener Hofes. Aber zwei so renommirte Liebesritter konnten nicht lange auf einem und demselben Felde friedlich neben einander Lorbern ernten. Der Graf entfernte sich und räumte dem Fürsten das Feld. August war unterdessen zur Krone gelangt, und nun begann der Pomp und der Tumult der Feste, die fast ein halbes Jahrhundert hindurch das kleine Sachsen zum Schauplatz alles Glanzes und aller Intriguen Deutschlands machten und die Blicke von ganz Europa auf einen Fürsten lenkten, der mit chevaleresker Anmuth sich auf einem schwankenden Königsthrone hielt und, von einem Serail schöner Frauen umgeben, es wagte, den großen Ludwig Frankreichs zu imitiren. Das größere und hellere Strahlen werfende Gestirn des preußischen Friedrich verdunkelte später diesen schönen, leichtsinnigen Fürsten, der mit dem Scepter spielte, als wäre es eine brillantene Busennadel.

Mit der Entfernung Königsmarks von Dresden und seinem Eintritt in die Dienste des Herzogs von Braunschweig zu Hanover entschied sich das tragische Loos unsers Helden. Um jedoch diese Katastrophe unseren Lesern klar vorführen zu können, müssen wir ein Blatt aus der Geschichte Hanovers aufschlagen. – Zwei Brüder herrschten in großer Nähe neben einander. Der kleine Hof zu Braunschweig-Lüneburg-Celle war der Sitz des ältern Bruders, des regierenden Herzogs Georg Wilhelm, die glänzendere und bei weitem mächtigere Hofhaltung in Hanover hatte Ernst August, Anfangs Herzog, später Kurfürsten von Braunschweig - Calenberg-Göttingen, an der Spitze. Georg Wilhelm hatte sich mit einer Französin, einer Mademoiselle d'Albreuse, vermählt, Ernst Augusts Gemahlin war die Tochter Friedrichs V. von der Pfalz, Sophie, jene berühmte Freundin Leibnitzens, jene Enkeltochter König Jacobs I., durch welche Verwandtschaft das Haus Braunschweig-Hanover auf den Thron Englands gelangte. Die beiden Brüder führten ziemlich offen mit einander Krieg. Georg kam von seinem Schloß zu Celle nie nach Hannover herüber, wenn es dort Feste gab; er mochte das Weib seiner Wahl, die Tochter, die sie ihm geboren, nicht dem Gespött der Schranzen am Hofe seines Bruders aussetzen; dagegen gab Ernst August deutlich zu verstehen, daß er auf das Erlöschen des Celleschen Stammes warte, um das Erbe, das eigentlich nie hatte getheilt werden sollen, wieder beisammen zu haben. Die diplomatischen Noten über diesen Gegenstand wurden eben nicht mit sehr großer Feinheit gewechselt. Der alte Georg Wilhelm fing nun seinerseits auch an zu cabalisiren und verrannte dem Bruder die Wege zur Erlangung der Kurwürde für das Haus Hanover. Als aber die Kurwürde dem Bewerber dennoch zu Theil ward, setzte er beim Kaiser durch, daß seine unebenbürtige Gemahlin in den Reichsfürstenstand und die Tochter zur Prinzessin erhoben wurden. Somit war der Allodialbesitz seiner Linie gesichert, und Ernst August sah seine Pläne auf die Cellesche Erbschaft scheitern. Es mußten nun andere Mittel in Anwendung gebracht werden, um zum Ziel zu gelangen. Da machte sich denn die Kurfürstin Sophie auf den Weg. Sie verließ auf einige Zeit ihre Bücher, ihre gelehrten Apparate, ihre Erdgloben und Himmelskarten, ertheilte gnädig ihrem berühmten Freunde die Erlaubniß, einstweilen nach Berlin zu gehen, wo eine andere fürstliche Schülerin, Sophie Charlotte, die erste Königin von Preußen, seiner wartete, und erschien am Hofe zu Celle, um ihren eigensinnigen Schwager zu bearbeiten. Es gelang. Georg Wilhelm gab sein Kleinod, den Glanz und den Ruhm seiner alten Tage, sein schönes, kluges, unschuldiges Mädchen, seine einzige Tochter hin und willigte in ihre Vermählung mit Georg Ludwig, dem ältesten Sohne des Kurfürsten. Sophie, glücklich, ihrem etwas verwilderten, rohen Sohne eine hübsche, tugendhafte Frau, und ihrem ländersüchtigen Gemahl die Cellesche Erbschaft überbringen zu können, kehrte im Triumph nach Hannover zurück, nach sich schleppend das arme Opfer, die unglückliche Sophie Dorothea, die hiermit den Dämonen jeglichen Misgeschicks, das ein fürstliches Haupt treffen kann, übergeben wurde.

Der Hof von Hanover im Jahre 1682 ist nur einer jener Schauplätze phantastisch lasterhafter Gruppirungen, wie wir sie oben leichthin skizzirt. Zwei Schwestern von dunkler Herkunft erschienen eines schönen Tages am Horizont dieses Hofes. Ernst August, ein Fürst, der die Schönheit suchte und den Geist nicht fürchtete, kam den Abenteuerinnen entgegen und nahm sie huldvoll auf. Die ältere wurde dem Hofmarschall Grafen Platen vermählt; die jüngere wählte einen Kammerherrn. Beide Schwestern blieben dabei ihren ursprünglichen Missionen treu, die ältere als Freundin des Kurfürsten, die jüngere als die seines Sohnes. Der Hofmarschall und der Kammerherr waren demnach Figuren, wie es deren an den Höfen damals zu hunderten gab. Die Gräfin Platen – denn an ihr Portrait müssen wir schon einige Pinselzüge mehr verwenden – war eine Frau, die mit der kleinen Kattunschürze der Putzmacherin anfing und mit dem Hermelinmantel aufhörte. Mit allen Leidenschaften einer Medea ausgerüstet, mit der Schönheit einer Helena und der wilden Gluth einer Phädra, verließ sie die dunkle, enge Hütte, um mit sicherm Schritt den Marmorboden der Paläste zu betreten.

Diese Gräfin Platen ist eine Frau, wie deren das achtzehnte Jahrhundert manche aufzuweisen hat, eine Frau, deren Schritte nichts zu hemmen im Stande ist und die jeden Weg, auch den durch die furchtbarsten Schrecken bezeichneten, sicher wandeln, um nachher am Ziele die Bewunderung der Mitwelt in Empfang zu nehmen. Gegen eine solche Gestalt voll unheimlicher Schrecken konnte sich die blühende, kindliche Unschuld nicht halten. Geknickt, gebrochen mußte die Blume dahinsinken.

Als die Prinzessin Sophie Dorothea zu Hanover erschien, fand sie bereits alle Gemüther gegen sich eingenommen. Der Kurfürst ließ es seine Schwiegertochter empfinden, daß er so lange und mit so großer Mühe nach ihrem Erbe getrachtet, und daß sie die Tochter des Mannes war, der es gewagt hatte, sich seiner Gelangung zur Kurwürde zu widersetzen. Ihr Gemahl, ein ewiger Jäger und Herumtreiber, nahm sie, als eine ihm Aufgedrungene, kalt auf und gab willig den Einflüsterungen seiner Geliebten, der Kammerherrin, Gehör, die Gründe genug hatte, den Einfluß der Prinzessin zu schmälern. Die Kurfürstin endlich, die die Partie gemacht und von der man hätte glauben sollen, daß sie der wirksamste Schutz der Schwiegertochter sein würde, gab, in ihre gelehrten Studien vertieft, wenig auf das Acht, was am Hofe vorging. So war, durch eine seltsame Verkettung von Umständen, Anfangs gerade diejenige, die später ihre erbittertste Feindin werden sollte, ihre erste wohlwollende, theilnehmende Gesellschafterin und Beschützerin – die Gräfin Platen. Unumschränkt am Hofe herrschend, fürchtete diese stolze Frau die scheue, schüchterne Prinzessin nicht, die von Niemanden geliebt, von Niemanden in ihren Rechten und ihrer Stellung geschützt wurde.

Die Lage der Verhältnisse wurde jedoch anders, als Königsmark am Hofe zu Hanover erschien. Wir haben schon bemerkt, daß er Dresden verließ, weil seine Triumphe dem gleichfalls triumphirenden fürstlichen Freunde auf die Länge beschwerlich fielen. Er benutzte eine genaue Bekanntschaft mit einem jüngern Sohne des Kurfürsten und kam nach Hanover, um als Gardeobrist in die dortigen Dienste zu treten. Das eigentliche Motiv seines Kommens war indeß wohl die Prinzessin, die seine Jugendgespielin gewesen, und zwar zu einer Zeit, wo die d'Albreuse noch nicht als rechtmäßige Gemahlin des Herzogs von Braunschweig -Lüneburg-Celle anerkannt war. Wie grausam war es nun von den Feinden der armen Prinzessin, wenn sie in der Freude, die sie empfand, den Gespielen ihrer glücklichen Kindheit wiederzusehen, in ihm endlich ein Herz zu finden, das sich mit der ganzen süßen Leidenschaftlichkeit gewohnter und früh geübter Freundschaftsrechte ihr zuwandte, einen Verrath an den Pflichten der Ehefrau und Fürstentochter erblickten! Freilich trat Sophie Dorothea mit dem vollen Stolz der Tugend auf; sie hielt es für unmöglich, daß ein Schatten des Verdachts auf sie fallen könne, und darum nahm sie die Weise edler Frauen an, die sich zwanglos und offen viel vor der Welt erlauben, weil sie sich im Geheim nichts erlauben.

Jetzt, da der Freund ihr zur Seite war, erschien sie wieder im Kreise der Genüsse; man sah sie auf Bällen und Maskeraden. Ihr munterer Geist, seine Flügel wieder regend, erfand Scherze, leitete kleine Ueberraschungen, erlaubte sich in heiterer Rede jene rosenfarbene Bosheit, die eine schöne Frau so gut kleidet. Sie wurde liebenswürdig, und sogar – wie abscheulich klingt dieses Wort! – ihrem Gemahl gefährlich. Da griff die Kammerherrin zu den Waffen; sie lief zu ihrer Schwester und machte diese auf die Gefahr aufmerksam. Zum ersten Mal in ihrem Leben hörte aber die Gräfin nicht auf Politik; sie dachte an etwas Anderes. Ihr Herz, oder vielmehr ihre Sinne waren eingenommen, sie liebte den schönen Königsmark, und alle Kurfürsten und Kurprinzen der Welt gingen sie in diesem Augenblick nichts an. Sie vernachlässigte ihre eigene Mission, wie hätte sie die der Schwester beachten sollen!

Die Kammerherrin, eine gemeine Natur, bemerkte kaum den Gemüthszustand der Schwester, als sie schnell nach einer andern Richtung hinlenkte, wo derselbe Erfolg durch andere Mittel erreicht wurde. Sie gab ihr zu verstehen, daß Königsmark ihrer Leidenschaft Hohn spreche, daß er schon seit lange der erklärte Geliebte der Kurprinzessin sei. Die stolze Schwester, gewohnt, überall zu siegen, hatte einen solchen Verrath für unmöglich gehalten, da der schlaue Königsmark, um seinerseits den Ruf der Prinzessin zu wahren, die zu rücksichtslos auftrat, sich vor der Welt die Miene gab, ein Verehrer der Hofmarschallin zu sein. Aufmerksam gemacht durch die arglistige Schwester, blickte jetzt das Auge der von Leidenschaft Berauschten schärfer, und nun beleidigten sie zu gleicher Zeit der sichere Stolz der Vertraulichkeit von Seiten der Prinzessin und die glatte, zweideutige Natur des jungen Ritters. Sie spähte, lauschte und war immerwährend auf der Hut.

Diese Espionnage langweilte den edeln Grafen; er wurde gegen die mächtige Schöne öffentlich kaltsinnig und abstoßend. Mit der Vertrauten seiner Jugend erlaubte er sich über die kühnen Verfolgungen der Gräfin zu spotten. Damals war man an den Höfen nicht so zart wie heutzutage, die Anspielungen, die Scherze, die Kritik der Sitte, Alles trug den Stempel der Moliereschen Lustspielmanier; die kleinen scandalösen Verse, die damals keusche, ja sogar strenge Frauen machten, würde heut zutage kaum ein von der Moral aufgegebener Dichter zu machen wagen. In welchem Styl und Geschmack sind die Briefe der Herzogin von Orleans geschrieben! Feinheit und Discretion waren zudem ganz und gar nicht Königsmarks Sache, der nach Dresden zum Carneval reiste und dort bei Hofe die scabrösen Anekdötchen zum Besten gab, die in Hanover auf Kosten der Gräfin in Umlauf waren.

Ein beim Weinglase plaudernder Cavalier, angefeuert durch einen lauschenden und Beifall klatschenden Damenchor, ist eben so wenig in den Grenzen zu halten, als der beutemachende glückliche Krieger auf dem Schlachtfelde. Die Anekdoten wurden immer schwunghafter, die Geschichtchen immer brillanter, und – die Gräfin in Hanover erfuhr Alles. Jetzt kam ihre Medeanatur an den Tag. Das Lustspiel ist aus, die Tragödie fängt an. Der Prinzessin und des Grafen Untergang war beschlossen. Wenn man die Briefe liest, die von dem Vorfall handeln, den wir jetzt in wenigen Worten erzählen wollen, und welche die unglückliche Aurora gesammelt und aufbewahrt hat, so starrt man wie vor einem Medusenhaupt zurück vor der wilden, raffinirten Rache, die die Beleidigte nahm. Es kommen Ausdrücke in diesen Briefen vor, die das Herz erbeben machen, und nicht Worte allein, Thaten, ekelhafte, empörende Grausamkeiten finden sich, wie sie der Kannibale gegen seine Opfer nicht scheußlicher auszuüben vermag, und jene Worte und diese Thaten spricht und vollbringt ein Weib!

Eines Abends schreibt der Secretär des jungen Grafen an Aurora und meldet ihr bestürzt und bekümmert, daß dies nun schon die dritte Nacht sei, die herankomme, ohne daß er Nachrichten von seinem jungen Gebieter habe, der ausgegangen sei und nicht zurückkehre. Er habe einen Gang in's Schloß machen wollen und sei nicht heimgekommen. Jetzt folgen Briefe auf Briefe, die immer dasselbe sagen. Der Graf kommt nicht zurück, er ist nirgends gesehen worden, er ist verschwunden, wie in die Erde gesunken, Niemand weiß von ihm. Die Hoflakaien haben ihn in einen Corridor gehen sehen; Einer will ihn in einem hellen Mantel auf dem Wege zu den Zimmern der Prinzessin gesehen haben. Zwischen jenem Corridor und diesen Gemächern liegt eine alte Halle, die früher zur Aufbewahrung von Waffen gedient; aus diesem düstern Raume hat man ihn nicht wiederkommen sehen. Nach anderen Nachrichten, die ein zur Nachtzeit über den Hof eilender Page mitgetheilt, ist auf den oberen Galerien in später Stunde ein Mann in hellem Mantel von zwei bewaffneten Häschern mit Blendlaternen in den östlichen Thurm geführt worden. Wieder andere Stimmen versichern flüsternd, der Graf habe nach der Oper einen Besuch bei der Prinzessin abgestattet und sei, auf dem Ruhebette derselben sitzend, von fünf Vermummten ergriffen, geknebelt und fortgeschleppt worden, während die Damen der Prinzessin und diese selbst in Ohnmacht gefallen. Von alle dem ist nichts als sicher ermittelt worden.

Lange Zeit glaubten auch die Zeitgenossen nicht an den Mord. Hier und da tauchte ein Graf Königsmark auf, bald in der zerlumpten Kleidung eines verfolgten Flüchtlings, bald in fremder Uniform; ja sogar in der Türkei, im Dienste des Sultans, wollte man jenen Unglücklichen wiedergefunden haben, der auf so räthselhafte Weise verschwunden war. Die armen Schwestern litten dabei sehr, wie man sich denken kann. Immer wieder hoffend, wurden sie immer wieder getäuscht. Oft drangen Betrüger sogar in ihre Vorzimmer und erpreßten Geld, indem sie die edelsten Schwestergefühle brandschatzten. Endlich schließt Aurora, müde dieser ewigen Täuschungen, ihre geheimen Acten.

Aus allen Beweisen, die sie sorgfältig gesammelt, geht nun ziemlich als Gewißheit hervor, daß auf Anstiften der Gräfin Platen der Graf Königsmark in jener Nacht meuchlings und unter Martern in einem Gewölbe des Schlosses gemordet und daselbst auch begraben worden. Der zum Tode Getroffene hat noch um einen Priester gebeten, den man ihm verweigerte. Zu Vollstreckern des Mordes, den ein eifersüchtiges, wüthendes Weib ganz allein veranlaßte, wurden die Vertrauten und Diener des Kurprinzen gebraucht, der gegen seine Gemahlin den Verdacht des Ehebruchs aussprechen mußte. Der Kurprinz selbst hat nie diese schmähliche Anklage veröffentlicht, auch für sich selbst schwerlich jenen Verdacht gehegt; er war aber indifferent und kalt gegen die Prinzessin, und ließ geschehen, was er weder verhindern wollte noch konnte.

Nächst dem kläglichen Schicksal des armen Königsmark nimmt das der Prinzessin Sophie Dorothea das Mitgefühl auf's Lebhafteste in Anspruch. Sie wurde auf das Schloß Ahlen verbannt und dort gefangen gehalten. Ihre Hofdamen unterwarf man einem grausamen, arglistig verfänglichen Verhör, das in den Papieren Aurora's sich ebenfalls noch aufgezeichnet gefunden hat.1 In dieser Gefangenschaft befand sie sich noch, als ihr Gemahl als Georg I. den Thron von Großbritannien bestieg; sie wollte ihren Kerker nicht verlassen, er war ihr lieb geworden. Ihr edles Gemüth, durch Poesie und Musik gehoben, durch einen großen Schmerz geheiligt, von einem rührenden und schuldlosen Liebesangedenken erfüllt, sah in der Nacht des Kerkers keine Nacht, in der Einsamkeit keine trostlose Oede. Die Perfidie der Welt, der uralte Treubruch, die ewig siegende Gemeinheit, die vergoldete Kette der Sclaverei hatten mit allzuheftigen Eindrücken ihre reine Seele gefoltert; sie wollte in die Gemächer nicht mehr zurück, die von Gold gleißen und an denen Blutflecke haften. Königsmark verdiente nicht durch seinen Leichtsinn, wohl aber durch seinen sühnenden, alle Schuld tilgenden, schreckenvollen Tod, in einem solchen Herzen zu wohnen.

Nächst dem tragischen Ausgange dieses Dramas fesseln uns auch anmuthige Episoden desselben. Die Aufsätze, die sich im Nachlaß Aurora's finden, sind theils von ungenannten Berichterstattern, denn es war sicherlich gar gefährlich, über diese Dinge im damaligen Deutschland laut zu sprechen, theils von Aurora's Hand geschrieben. So erfahren wir, daß Watteau in seinen berühmten Gemälden nur die Natur copirte, denn es werden hier ländliche Feste geschildert, wo im Garten oder auf der Wiese junge Männer und Frauen im Schäfercostüm Tänze aufführen und Spiele spielen, gerade wie Watteau sie gemalt hat. Aurora schreibt: »Wenn sie (nämlich die Gräfin Platen) mit ihm (mit Königsmark) zufrieden war, wußte sie nicht, wie freundlich sie mit ihm sein sollte. Einesmals zu Linzburg (ein kurfürstliches Jagdschloß) aßen der Kurprinz, die Kurprinzessin, Gräfin Knesebeck und Andere das Frühstück im Holze. Da war sie so contente, daß sie ihre Hautbois blasen ließ, den Grafen Königsmark bei der Hand nahm, eine gute Viertelstunde mit ihm herumtanzte, ihn immer in ihre Arme laufen ließ und sich so ridicülement dabei anstellte, daß die Kurprinzessin sich todt lachen wollte.«– Ein anderes Document, eine Aussage, von fremder Hand geschrieben, enthält das Bekenntniß eines Künstlers, der in Wachs modellirte, eine Kunst, die die Prinzessin lernen wollte, wie damals viele vornehme Damen. Dieser junge Mann erzählte, er sei gerade in dem Moment, als der Graf von den Vermummten überfallen und gebunden worden, im Zimmer der Prinzessin beschäftigt gewesen und habe sich beim Tumult hinter einen Fenstervorhang versteckt. Dieser selbe Zeuge will denn auch die Mordscene unten im Gewölbe mit angesehen haben, und zwar beschreibt er zugleich, wie man den Leichnam in einer Grube im Gewölbe verscharrt. Dieser Aussage widersprechen jedoch, wie wir schon oben bemerkt, andere Berichte. Ein unbestreitbares Factum bleibt, daß man die Leiche nicht fand, und daß trotz aller Reclamationen von Seiten des sächsischen Hofes, an dem damals Aurora allmächtig war, vom Kurfürsten keine gerichtliche Untersuchung und Bestrafung der Thäter zu erhalten war.

So starb der letzte der Grafen Königsmark; ein gräßliches Ende bei einem so stralenden Anfang. Sein Wappen und sein Schwert haben nicht, wie es beim Aussterben einer Familie gebräuchlich war, über seiner Gruft zerbrochen werden können. Er büßte für den Hochmuth und die Eitelkeit seiner Vorfahren.

Wir gehen jetzt zu dem Hauptgegenstande unserer Aufmerksamkeit über, zu dem Bilde Aurora's von Königsmark. Auf die Schwelle der geöffneten Pforten des achtzehnten Jahrhunderts, dieses Jahrhunderts voll Glanz und Frivolität, tritt sie als eine Gestalt, die unsere Blicke sogleich auf sich zieht, denn mit ihrer Schönheit kann keine wetteifern, ihre Anmuth hat nicht ihres Gleichen, und was ihren Geist betrifft, so ist er von jener köstlichen Frische und jener süßen, duftenden Fülle, wie er unter den Frauen aller Jahrhunderte nur in seltenen Beispielen vorkommt; vor allem aber war er in jener Zeit eine wundersame Erscheinung, wo noch die Nachstürme der barbarischen Sittenzerstörung des dreißigjährigen Krieges über das civilisirte Europa hinwehten. Wenn man diese junge Frau betrachtet, so erscheint sie wie eine Blume, mild und anmuthig, und dann wieder wie der Diamant scharf und blitzend. Das damalige Deutschland war nicht reif für ein Weib dieser Art, für einen eminenten schöpferischen Geist, den die Natur, wie im absichtlichen Contrast, in die weichste, schönste, weiblichste Körperform gekleidet hatte. Frankreich hätte diese Tochter des Genies und der Schönheit besser zu stellen, ihre Eigenschaften besser zu nützen gewußt. Friedrich August sah in ihr nichts als eine reizende Geliebte, während er in ihr einen Freund, einen Minister hätte sehen sollen. Er suchte bei ihr nur das Weib, während er bei ihr den Mann, den rettenden und kühnen Geist, den Genius seiner Krone hätte finden können. Dies Alles konnte Aurora sein; daß sie es nicht war, daß auch sie unter dem Fluche litt, der auf einem feigen und schwankenden Scepter ruhte, darf ihr nicht zur Last fallen. Dieser Satz darf jedoch nicht misverstanden werden. Wir wollen keineswegs einem Weiberregiment dieser Gattung das Wort reden, indem wir Aurora's Stellung als ihrer nicht würdig bezeichnen.

Ein Weib zu bewundern, blos weil es schön ist, kann in manchen Fällen zur Beleidigung werden. Immer nur die Eigenschaften des Geschlechts mit Bewunderung herauszuheben, wo der Geist nach Anerkennung dürstet, kann einer Frau so seltener Art wie Aurora eine fast tödtliche Kränkung bereiten. Sie hat Worte der Weisheit auf den Lippen, und man verlangt von diesen Lippen – nur einen Kuß; der Geist leuchtet aus ihrem dunkeln, sinnenden Auge, und man verlangt von diesem Auge nichts, als daß es Liebe blinzle. Gemeine Künste, alltägliche Plauderei der Liebe, zärtliche Gemeinplätze des Boudoirs, das Schmollen einer Grisette, Affensprünge der Koketterie, kurz der ganze Apparat eines Tete - a -Tete, wie sie der gewöhnliche Mann beim gewöhnlichen Weibe sucht, alles das dünkt der ungewöhnlichen Frau Verrath an sich selbst und der Liebe. Aurora war eine solche ungewöhnliche Frau, Friedrich August aber war ein solcher gewöhnlicher Mann, und trotz seines affectirten Ritterthums nie im Stande, der wahre Ritter einer edlen Frau zu sein. Aurora litt am meisten darunter, denn sie mochte wol gehofft haben, in Sachsen zu herrschen, so zu herrschen, wie das Genie immer herrscht, das heißt, Alles veredelnd, vergrößernd, verschönernd. Aber obgleich sie sich in ihrem innersten Wesen verkannt fühlte, hat sich doch nie Bitterkeit in Aurora's Gemüth festgesetzt; sie blieb anmuthig, heiter bis zu ihren letzten Augenblicken, die sie unter zänkischen alten Stiftsdamen verbrachte, in weicher Liebenswürdigkeit um die Neigung und das Wohlwollen ihrer Umgebung werbend. Sie wußte nicht, was Haß, was Neid, was Rachsucht war. In ihren guten Tagen war sie allerdings eitel und hochmüthig, aber sie war es wie ein Kind, harmlos, mit Muthwillen, über sich selbst scherzend. Diese wunderbare Frau hat keine eigentlichen Feinde gehabt; es ist dies ein Beweis, wie kindlich sie war, wie alle ihre großen Eigenschaften auch darin den Stempel des Genies trugen, daß das Feuer nie verbrannte, nur leuchtete und wärmte. Wie großer Kummer ihr Herz traf, wie die verlassene Geliebte weinte, wie die gebeugte Mutter heimlich mit ihrem Schmerze rang, da tauchten Stimmen auf, die nach Aurora von Königsmark fragten, und diese Stimmen gehörten den Frauen und Männern an, die einst von der allmächtigen Gebieterin vom Platze gestoßen worden, die also nach dem Lauf der Welt ihre erbittertsten Feinde und hocherfreut über ihr Unglück hätten sein müssen, wenn Aurora eine Maintenon oder Pompadour gewesen wäre. Aber gerade diese Stimmen legten ehrenvoll Zeugniß für sie ab. Unter den gemeinen Geliebten Augusts, die er sich überall zusammenlas, selbst da, wo der Fuß eines Königs nie hindringen sollte, steht sie da mit der höchsten Würde des Edelsinns bekleidet. Voltaire, der die Frauen eben nicht hoch stellte, sieht in ihr das Ideal eines Weibes, die merkwürdigste Frau zweier Jahrhunderte. – Wir wollen jetzt etwas näher auf ihr Schicksal und ihren Charakter eingehen.

Von ihren Brüdern glich sie am meisten dem ritterlichen Karl Johann, der auch ihr Lieblingsbruder war; an körperlichen Vorzügen kam ihr der jüngste Bruder am nächsten, der auch die Kunst, die Herzen zu gewinnen und den Geist durch Anmuth und Frohsinn zu beleben, mit ihr gemein hatte. Die schöpferische Intelligenz, die selbstständige kühne und kluge Lebensansicht war jedoch ihr allein eigen, hierin erreichte sie keine Frau, kein Mann ihrer Familie. – Es zeugt nicht eben von gutem Geschmack und ist für die Phantasie nicht sehr erbaulich, die Reize eines schönen Gesichts herzuerzählen; dennoch müssen wir bemerken, daß ihr Auge von einem in Deutschland und im Norden überhaupt seltenen Schnitt, lang und ziemlich weit gespalten, das Email vom reinsten, schönsten Weiß war, und der Stern in jenem braunen Lichte schimmerte, das am meisten geeignet ist, die Süßigkeiten einer zärtlichen Seele in sich aufzunehmen, ohne dabei dem Stral des Geistes Eintrag zu thun. Wenn sie lächelte, so hob sich das untere Augenlied und gab dem Auge einen sanften, schimmernden Glanz, durch den das Feuer des Geistes wie durch einen Schleier blickte. Die Nase war schön geformt, der Mund graziös und unendlich beredt, in jeder Wendung durch neue Reize überraschend. Es war ein Uebelstand, daß sie nach damaliger Mode Roth auflegte; dadurch wurden die natürlichen Rosen ihrer Wangen in ihrem Farbenspiel gehemmt. Ihr Gang war stolz, ihre Gestalt biegsam, ihre Schultern, ihr Rücken von einer Reinheit der Form und Schönheit der Färbung, wie sie überall unter den Frauen der verschiedensten Nationen zu den Seltenheiten gehören. Ihr Haar war von einem gewissen Blond, das man lange nach ihr »schwedisch Blond« nannte, obgleich gerade in Schweden diese Farbe selten vorkommt und eher im südlichen Deutschland, so wie in den mittleren Grafschaften Englands zu Hause ist. Aber was sind alle diese Details, die wir aus den verschiedenen Urtheilen der Zeitgenossen zusammentragen, wenn es uns nicht gelingt, die Anmuth der ganzen Erscheinung vor das Auge des Lesers zu zaubern? Das kann aber nur geschehen, wenn wir sie mit aufmerksamem Blick im Leben selbst verfolgen.

Ihre Kindheit brachte Aurora in Stade zu, wohin sich ihre Mutter, die verwittwete Gräfin, eine geborene Wrangel, zurückgezogen hatte. Ganz in der Nähe war der kleine Hof von Celle, und da war es, wo Aurora und ihre Geschwister mit der Tochter des Herzogs und der Mademoiselle d'Albreuse, der nachmaligen Prinzessin von Braunschweig-Lüneburg-Celle, deren Schicksal wir im vorigen Abschnitt beschrieben haben, zusammen spielten. Aurora führte die Rechnungsbücher für ihre Mutter, wenn diese sich auf Besuchsreisen in Stockholm und Kopenhagen befand. Diese Rechnungsbücher sind noch aufbewahrt; die schöne Frau, die einst fast alle Fürsten Europas entzücken sollte, hat es in diesen bescheidenen Registern mit Kälbern, Schafen, mit Butter und Pöckelfleisch zu thun. Dabei theilt sie auch Almosen aus, aber gerade so viel, nicht einen Pfennig mehr, als die Mutter ihr vorgeschrieben. Dann geht sie auf die Kindermaskerade und stellt mit großem Glück den Knecht Ruprecht vor. Nicht lange darauf sehen wir sie wieder rechnen und mit der Mutter correspondiren. Endlich, als Mädchen von funfzehn Jahren tritt sie in die große Welt ein. Sie und ihre Schwester Emilie, nachmals vermählte Gräfin Löwenhaupt besuchen mit der Mutter die Höfe Deutschlands und Schwedens. Die Erziehung Aurora's ist vollendet; wir erfahren, daß sie vortrefflich deutsch, französisch, englisch, italienisch spricht, daß sie Geschichte und sogar Astronomie inne hat, daß sie reizend die Theorbe spielt, dazu singt mit einer Stimme, die voll Schalkheit den Geist einnimmt und fesselt, während er ihn nur angenehm zu unterhalten scheint, und endlich daß sie Verse niederschreibt, die voll Zartheit und Schwung sind. Mit einer solchen Tochter kann man Wunder thun, und die alte Gräfin ist ganz entzückt über den Beifall, den die Welt ihrem Liebling spendet. Von Emilie wird berichtet, sie sei auf beleidigende Weise stolz und stoße eben so viele Herzen von sich, als ihre Schwester anziehe; dabei hat sie eine rothe Nasenspitze. Da sie aber eine prachtvolle Mitgift erhält, so zweifelt Niemand, daß sie eine sehr anständige Partie machen werde, die sie auch macht und sich dadurch bürgerlich glücklicher stellt, als die schöne und ausgezeichnete Schwester.

Das tragische Verschwinden des jungen Grafen Königsmark brachte Aurora zuerst dahin, daß sie selbstständig und eigenen Entschlüssen folgend sich in das Gewühl der großen Welt stürzte. Schon hier zeigt sich ihr energischer, männlicher Geist. Sie wechselt zuerst Briefe mit den deutschen Fürsten und ruft sie zu Rächern der Unthat auf. Als aber diese sich unter allerlei Vorwänden vorsichtig zurückziehen, geht das achtzehnjährige schöne Mädchen selbst in die Schranken, um mit Arglist, Tyrannei und Lüge zu kämpfen. Nie hatte die Gerechtigkeit eine reizendere Ambassadrice.

Unter den Fürsten, die Aurora aufruft, befindet sich auch der Herzog von Mecklenburg - Schwerin, dessen Antwort folgendermaßen lautet: »Madame, gleich jetzund empfange ich Ihr angenehmes Schreiben, und beklage von Herzen, daß Dero lieber Bruder so unglücklich gewesen. Ich habe die gute Hoffnung, er wird sich wol noch wiederfinden. Die Ursach ist hier gar nicht bekannt, doch kann man sich es wol denken. Die liebe Venus macht Manchen unglücklich, und kostet ihm wol gar sein Leben; doch schadet es nicht, wenn es noch der Mühe werth ist. Ich bleibe lebenslang Dero ergebenster Diener Friedrich Wilhelm. – Schwerin, den 18. Juli 1694. Nachschrift: Dem Schneider können Sie wol trauen. Adieu, mon cher ange!« Solche Briefe konnten nun freilich die arme Schwester nicht trösten.

Herr von Pollnitz, ein galanter Kammerherr, der es mit der Etikette des Hofes sehr genau und mit der Wahrheit gar nicht genau nimmt, hat in seinem Buche la Saxe galante die Ankunft von drei Schwestern Königsmark in Dresden angegeben. Von diesen existirte die eine gar nicht und die andere blieb in Hamburg zurück, als Aurora die Reise allein antrat. Es läßt sich aber annehmen, daß eine ältere Cousine Aurora's, eine Gräfin Steenbock, sie begleitete, und aus dieser Cousine hat Herr von Pöllnitz eine Schwester gemacht. Auch kam Aurora nicht, wie die Saxe galante sagt, um einen Hamburger Bankier der Unterschlagung ihm anvertrauter Gelder anzuklagen, sondern lediglich um einen mächtigen Beschützer gegen mächtige Uebelthäter in Anspruch zu nehmen. Friedrich August hatte eben damals den Thron bestiegen, und die Träume eines jungen Herrschers, der die Welt zu seinen Füßen sieht, umspielten in den rosigsten Gebilden das Haupt dieses schönen Fürsten, der den Frauen gefallen hätte, auch wenn er keine Krone getragen. Aurora, die wahrlich keine gewöhnliche Frau war, entging diesem Zauber nicht.

Aurora setzte lange den Stolz ihrer Geburt und ihrer Tugend gegen den Achillesglanz männlicher Schönheit und Verführungskunst. Sie unterlag, aber sie unterlag wie große Seelen der Erde anheimfallen, selbst im Staub noch den Glauben an die Unsterblichkeit der Liebe und Ehre festhaltend. Als sie die erklärte Geliebte eines Fürsten ward, sie, die freie Tochter freier Stämme, sie selbst fürstlichem Geblüt entsprossen, trug sie diesen entweihten und entweihenden Kranz mit dem Stolz einer Königin. Ihr Geist, stark und edel, trug sie empor und ließ die kleine Misere des gefallenen Weibes vor dem sieghaften Bewußtsein einer großen Lebensaufgabe verschwinden. August, so schwach er war, so wenig Verständniß für Geistiges er immerdar gezeigt, empfand doch, daß er durch seinen fürstlichen Muthwillen hier ein weibliches Wesen momentan beleidigt, nicht aber gebeugt hatte. Sein Treubruch war das Signal zu Aurorens geistiger Herrschaft über ihn.

August, als er Aurora kennen lernte, hatte eben ein gefallsüchtiges, zudringliches und gewöhnliches Weib mit vieler Mühe bei Seite geschafft, indem er sie einem seiner auswärtigen Gesandten zur Frau gegeben; es hatte dabei furchtbare Auftritte zwischen ihm und seiner Mutter und seiner Gemahlin gegeben, und der junge gekrönte Wildfang war entschlossen, wenigstens auf einige Zeit sich nicht mehr in weibliche Fesseln zu begeben. Da kommt ihm Aurora entgegen, in zitternder Hand die Bittschrift haltend, sich als Hülfeflehende auf die Stufen seines Thrones niederwerfend, und seine stoische Laune ist rasch in den Wind verflogen. »O Himmel, wie schön ist sie, diese junge Schwedin!« ruft er seiner Mutter zu, und diese tugendhafte Prinzessin, die zu ihrem Jammer den leichtsinnigsten aller Söhne den ihrigen nennt, schüttelt von Neuem kummervoll das Haupt und die junge Kurfürstin bricht von Neuem in Thränen aus. Die Angelegenheit mit dem verschwundenen Bruder wird nun bald bei Seite geschoben, die Liebe nimmt allen Platz ein. Der junge Fürst berauscht sich wie ein Gott; es ist für ihn eine poetische Zeit voll Blüthe und Frucht. Heimliche Gespräche, Briefe, süße Launen, Neckerei der Liebe, kleine Störungen, Gedichte, Seufzer, tiefes Schmachten, Lauschen hinter Fenstervorhängen, dann siegreiches Prunken mit Macht und Glanz. Schon ist der Wagen bespannt, der Aurora und die Tugend zurück nach Schweden bringen soll, schon ist das Abschiedsbillet gesiegelt, da sendet der Geliebte Boten auf Boten; er kommt selbst, und blaß wie der Tod liegt er zu ihren Füßen. Da wird ein Wort ausgesprochen, womit in dieser besten aller Welten der schändlichste Misbrauch getrieben wird: »ewige Treue!« Wenn dieses magische Wort erklingt, diese purpurrothe Lüge, diese Frucht des Teufels, die den süßesten, berauschendsten Saft in sich birgt, – welche weibliche Seele kann dann noch widerstehen? Der Bund ist geschlossen.

Wir wollen einen der Tage schildern, die im kleinen Lustschloß Moritzburg gefeiert wurden, und die in den Annalen der Liebe einen eben so bedeutenden Platz einnehmen würden, als jene berühmten Stunden, die einst im Schatten des Quells von Vaucluse besungen wurden, wenn nur der Liebende mit Krone und Scepter etwas bedeutender gewesen wäre. An einem schönen Morgen fährt die ganze Gesellschaft nach Schloß Moritzburg hinaus. Den beiden larmoyanten Kurfürstinnen wird natürlich kein Wort gesagt. Als die Wagen in den schönen Gehölzen, die das Lustschloß umgeben, anlangen, kommt den Damen ein wundersamer Zug entgegen; es ist Diana mit ihren Nymphen, die die Damen einladen, in's Schloß einzutreten, das zu ihrem Empfange bereit ist. Aurora wird von Dianen als ihre Schwester begrüßt, als die Göttin der Morgenröthe; die Allegorie liegt nahe, aber sie ist auch passend. Von diesem Moment an ist Aurora eine Göttin. Man geht in das Schloß, und hier, auf einen Wink Dianens, öffnet sich der Fußboden und eine reich besetzte Tafel steigt empor. Nicht lange, so hört man einen wilden Lärm von Pauken, Zimbeln und Castagnetten. – Pan erscheint und in seinem Gefolge Satyrn, Faunen, Waldgötter. Großer Schrecken unter den Damen; aber Pan ist die Galanterie selbst, diese Satyrn sind Kammerherren, diese Faunen sind Pagen. Es regnet Gedichte, Diana und ihre Nymphen bitten selbst für die Zudringlichen, und man vergibt ihnen. Das Mahl wird fortgesetzt. An den Wänden des Saals sind in effektvollen Gemälden die Schicksale und Abenteuer der Göttin dargestellt und Pan erklärt dieselben. Nach der Mahlzeit erschallt Hörnerruf und Jagdgetöse. Die Gesellschaft eilt an die Fenster und sieht einen Hirsch vorbeijagen, dem eine Koppel Hunde und ein Trupp schöngeputzter Jäger folgen. Sogleich entschließt man sich, der Jagd zu folgen. Es finden sich Pferde und offene Phaetons bereit, die beiden Göttinnen nehmen in einem Wagen Platz, und in fliegender Eile geht's nun der Jagd nach. Die erfinderische Grausamkeit hat Mittel gefunden, den armen Hirsch zu zwingen, sich von einer abschüssigen Höhe in einen Waldsee zu stürzen; mit entsetzlichem Plätschern und Brausen stürzen die Hunde ihm nach. Die Damen besteigen in der Eile Gondeln, und unter den Fanfaren der Hörner schließen die bunten Fahrzeuge eine Runde um den sterbenden Hirsch.

Hierauf landet man an einer köstlich geschmückten kleinen Insel, auf der es wundersame dunkle Gebüsche und amaranthfarbene Zelte gibt. In einem dieser Zelte ist ein türkischer Haushalt eingerichtet; man liegt daselbst auf Ottomanen, und dieselben Kavaliere, die die Satyrn und Faunen dargestellt, rauschen jetzt in Turban und Kaftan herein und alle Wohlgerüche Arabiens erfüllen die weiche, warme Sommerluft. Da erscheint der Sultan selbst. Die Pracht, mit der dieser Herr auftritt, überrascht und blendet; er ist ganz mit Diamanten übersäet, und diese kostbare, blitzende Figur nähert sich langsam dem Zelte der Damen und wirft ihr Taschentuch der Schönsten, das heißt Auroren zu.

Jetzt tritt einige Hofetikette ein. Aurora und der Kurfürst sitzen allein auf einem Divan, die anderen Kavaliere und Damen müssen auf Tabourets Platz nehmen. Tänzerinnen erscheinen und führen ein Ballet á la turque auf; dann besteigt man wieder die Gondeln und kehrt zum Schloß zurück. Hier angelangt, führt der Fürst seine Schöne in ein mit wundersamer Pracht ausgestattetes Gemach, das in rosenfarbener Seide mit Silber decorirt ist und dessen Hauptmöbel ein Bett ist, oder vielmehr ein Thron, dessen Draperien durch Liebesgötter emporgehalten werden. »Hier sind Sie Herrscherin!« sagt der Kurfürst, und die schöne Aurora antwortet naiv: »Wo ich auch immer sei, ich werde doch immer nur Ihnen angehören, Monseigneur!« Die Toiletten werden gewechselt und die Abendtafel beginnt. Auf ihrem Teller findet Aurora ein prachtvolles Bouquet von Blumen, aus Edelsteinen aller Farben und Arten gebildet, ein verschwenderisches Geschenk. Nach der Tafel Ball. Als Alle noch im Tanz begriffen sind, verschwindet der Herr des Schlosses mit seiner Dame; die Gäste wissen, was sie zu thun haben, sie tanzen eifrig fort und bemerken dieses Verschwinden nicht. So gut dressirt waren damals die Höfe. – Dies ist nur die Schilderung eines Tages; es folgen ihrer vierzehn nach einander; immer neue Feste, immer neue Geschenke, immer neue Triumphe für die Königin des Tages.

Indessen haben sich in Dresden die beiden Kurfürstinnen schwer geärgert; sie überschütten den zurückkehrenden Fürsten mit Vorwürfen, und hier tritt nun gleich Aurora in ihrer edlen, hochherzigen Weise auf. Weit entfernt, den Geliebten von seiner Familie trennen zu wollen und darin ihr eigenes Heil zu suchen, ist sie es, die ihn auf die bitteren Kränkungen aufmerksam macht, die er durch ein wildes, rücksichtsloses Betragen seiner Mutter und seiner Gemahlin bereitet. Der Engel des Friedens hat ihre verführerische Gestalt geborgt um diese armen Frauen zu trösten, mit ihrem Schicksal auszusöhnen. Aurora ist zuletzt vielmehr die Freundin der Mutter und der Frau, als die Geliebte des Sohns und Gemahls. Der Kurfürst sieht das ein, er lobt dieses edle Betragen, aber es stimmt ihn kühl; eine gewöhnliche Buhlerin wäre ihm lieber gewesen. Er hat es ganz gerne, wenn die Frauen um ihn her sich zanken; er kennt und liebt das Geschlecht nur von seiner gemeinen Seite.

Aurora's Illusionen, was die Liebe betrifft scheinen bald verflogen zu sein. Sie sah sich nun nach einem ehrenvollen Rückzuge um, nach einer Stellung im Leben, die ihr die Würde und den Adel des Charakters, zwei Schätze, die sie um keinen Preis der Welt verlieren wollte, sicherte. Ihr Auge fiel auf die alte Abtei zu Quedlinburg.

Dieses ehemalige Kloster und nunmehrige protestantische Stift hatte bisher immer nur Prinzessinnen zu Aebtissinnen gehabt. Aurora fand es ganz angenehm und passend, die Erste zu sein, die sich, ohne die Fürstenkrone zu tragen, dieser illustren Schaar anschloß. Es war dieses aber nicht leicht in's Werk zu setzen. Die Stiftsdamen schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, als sie erfuhren, daß eine Maitresse darauf ausgehe, den Stuhl der heiligen Diemot einzunehmen. Die derzeitige Aebtissin, Anna Dorothea, eine Prinzessin von Sachsen - Weimar, eine alte respectable Dame, leistete Anfangs lebhaften Widerstand und ließ sich erst durch langes Schmeicheln Aurora's bewegen, sie in ihren Schutz zu nehmen. Es wurde ihr demnach die Würde einer Pröbstin zuerkannt, und beim Tode der Prinzessin die Nachfolge in deren Amt. Unterdessen wurde aber Quedlinburg, sammt der Aebtissin und allen Stiftsfrauen, von Friedrich August an Preußen verkauft. Aurora benutzte diesen Aufruhr im Stift, um sich dem neuen Herrscher verbindlich zu bezeigen, und es gelang ihr auch, am preußischen Hofe Freunde und Beschützer zu erwerben. Mit welcher Klugheit mußte aber die schöne Frau hin und her laviren, um zum Ziel zu gelangen! denn ihr bereits treuloser Geliebter – es war noch kein Jahr vergangen – unterstützte sie nur äußerst lau, sowol mit Geld, wie mit gutem Willen. Er hatte bald wieder eine gemeine Frau gefunden, der er sein Gold und seine Diamanten in den Schoos schüttete. So sehen wir denn Aurora jetzt ihr wanderndes Leben beginnen. Jetzt ist sie im Stift, jetzt in Berlin, dann in Dresden, um irgend ein albernes Hoffest arrangiren zu helfen, nebenbei aber die Thränen der Kurfürstin zu trocknen, bald in Hamburg, um das zerrüttete Familienvermögen zu sichern, bald in Stockholm, bald hier, bald dort. Dazu kamen Mutterpflichten, Muttersorgen. Sie war im October des Jahres 1696 Mutter eines Sohnes geworden, und an diesen band sie ihr ganzes Herz, ihre volle Seele. Als sie ihren Einzug in Quedlinburg hielt, konnte sie ihn natürlich nicht mitnehmen; er wurde im Haag erzogen, und die zärtliche Mutter führte eine anhaltende Correspondenz mit seinen Erziehern.

Das Vermögen der Königsmark, Anfangs so bedeutend, war durch schlechte Verwaltung sehr herabgekommen. Sämmtliche Söhne waren arge Verschwender, besonders Philipp Christoph, der noch dazu auf das empörendste von seinen Dienern bestohlen wurde. Bei seinem Verschwinden verschwand auch ein großer Theil des Familienerbes. Graf Löwenhaupt, Aurora's Schwager, trug ebenfalls zum Ruin des Vermögens bei, indem er es durch seine Dienste in Sachsen dahin brachte, daß in Schweden seine Güter confiscirt wurden. Aurora scheint ebenfalls verschwendet zu haben, wenigstens führte sie thörichte Prozesse, die sie verlor. Man bestahl sie, ihr Sohn forderte fortwährend Geld, alte Gläubiger des Bruders meldeten sich, sie mußte nach allen Seiten mit vollen Händen Geld ausstreuen und gerieth zuletzt selbst in die drückendste Verlegenheit. Der Briefwechsel meldet, zu welchen Hülfsmitteln sie sowol als ihr Schwager greifen mußten. Silberzeug wurde versetzt, große Wucherzinsen für kleine Summen bezahlt, groben und rücksichtslosen Gläubigern schmeichelte man und Aurora's geistreiche Feder schrieb zierliche Briefe an Leute, die man unter anderen Verhältnissen durch den Diener aus der Antichambre hätte hinausweisen lassen. Es ist rührend zu lesen, wie sie in diesen Verlegenheiten sich zaghaft an ihren königlichen treulosen Freund wendet, wie sie heiter und scherzend das zertretene blutende Herz versteckt, den edlen Stolz demüthigt, um eine kleine Summe für den Sohn zu erbitten, die sie doch nicht erhält.

Aber Friedrich August empfand damals auch hart die Mislaune des Glücks. Er war König geworden ohne Königreich; er wurde gezwungen, ein Scepter wieder herauszugeben, das er eben erst mit großer Freude empfangen hatte. Karl XII. von Schweden verfuhr mit ihm, wie man einen leichtfertigen Glücksjäger behandelt; seinen Stolz, seinen Uebermuth mußte August ertragen, denn er hatte kein Geld und keine Soldaten, um seinen Thron zu schützen. Karl verachtete ihn auch persönlich, und das war das Schlimmste; die öffentliche Meinung fing an, durch den Mund eines Königs sich auszusprechen; Augusts Glanz und Ruhm war dahin. Nun trat Aurora auf. Die Ehre des Geliebten zu retten, seinen Namen vor Schande zu bewahren, ihn so rein und groß wie nur immer möglich der Nachwelt zu überliefern, daran lag der großen Frau Alles. Sie kam nach Dresden und verließ ihn nicht in den Stunden der Prüfung. Sie bemühte sich, ihm das Gefühl der Ehre, den Muth zu großen Entschlüssen einzuflößen. Es fanden wieder einsame Tete-á-tete's statt, aber diesmal flüsterte nicht die scheue Liebe hinter den Vorhängen, ein edles, starkes Weib redete zu dem Manne, der der Ehre untreu zu werden Miene machte. Wie damals lag sie auch jetzt an seinem Busen, aber nicht um frivole Schwüre, die diese Stunde gibt und die nächste bricht, von ihm zu empfangen, sondern um dem Wankelmüthigen den Ruhm seiner Ahnen, die Größe seines Fürstenhauses, den Richterspruch künftiger Geschlechter in die Seele zu rufen. Eine Geliebte seltener Art! Hätte nur August in dieser Liebe ebenso zu schwelgen verstanden, wie in der sinnlichen! Aber hier war er der »Ritter mit Furcht und mit Tadel.« Aurora redete sich müde und kam nicht weiter mit ihm. Am Ende entschloß sie sich selbst zum Handeln; sie ließ sich von ihm Briefe geben, eine geheime Mission, und reiste mitten im Winter in das schwedische Lager von Narva, um Karl unter seinen Soldaten aufzusuchen.

Karl empfing sie mit einer Impertinenz, wie sie vielleicht noch nie im Verkehr der gesitteten Stände von einem Manne gegen eine Frau geübt worden. Er ließ die zarte, schöne Frau lange in den Schneefeldern herumirren, unter den lärmenden Bivouaks des Lagers herumfragen, und endlich, als sie ihn glücklich irgendwo überrascht und aus ihrer Kutsche steigt, um ihn anzureden, läßt er sie am Wege stehen, grüßt sie flüchtig und beantwortet ihre Anrede nicht. Dieser nordische Jugurtha konnte nicht ungezogener sein; er, der Verächter der Frauen, setzte einen jämmerlichen Stolz darein, gerade seine schönste und liebenswürdigste Zeitgenossin zu demüthigen. Die Mission verunglückte.

Aurora's diplomatische Verhandlungen und Reisen kamen ausführlich an's Licht in einer eigenen kleinen Druckschrift eines Zeitgenossen, die den Titel führt: »Denkwürdigkeiten eines polnischen Edelmanns.« Man sieht hieraus, daß Aurora mit großer Energie ihre Pläne zur Rettung ihres gekrönten Freundes verfolgte, daß aber ihr Heroismus mit den ungünstigsten Verhältnissen zu kämpfen hatte. Außer dem von uns angeführten Versuch machte Aurora noch einen zweiten, sich Karl XII. zu nähern, und zwar bei jener merkwürdigen Zusammenkunft bei Leipzig zwischen August und Karl. Aber auch dieser letzte Versuch scheiterte. Schon hatte Karl, obwol unwillig, dem ewig bittenden Grafen Piper die Erlaubniß gegeben, die Gräfin einladen zu dürfen zu einem Feste, bei dem er selbst zu erscheinen versprochen, als die Etikette und Rangordnung wieder alle Hoffnungen vernichtete. Aurora machte auf den Rang einer Reichsfürstin Anspruch und somit auf einen besondern Platz an der Abendtafel; Karl befahl seinem Minister, sie unter alle übrigen Damen zu setzen. Erstaunt fragte Piper um den Grund dieser Demüthigung. »Weil sie eine Maitresse ist,« erwiderte der König. »Aber, Sire, die Maitresse eines Königs!« – »Tut nichts zur Sache, ob eines Königs oder eines Bauern; genug, sie gehört nicht an den Platz, wo meine Schwedinnen sitzen.« – Aurora blieb vom Feste weg; sie scherzte selbst über jene Antwort und machte ein boshaftes Epigramm auf Karl, das dieser natürlich nicht las. Karls rauhe Tugend, die an's Plumpe streifte, hatte, da er im Kampfe mit Geist und Schönheit unterlag, die öffentliche Stimme nicht für sich. Wäre Aurora ein gewöhnliches Weib gewesen, so hätte sie dieser Keulenschlag des hyperboräischen Jupiters ohne Zweifel vernichtet, aber sie war ein ungewöhnliches, ein in allen Jahrhunderten und zu allen Zeiten seltenes Weib, auf sie war nicht anwendbar, was für tausend Andere Strafe oder Belohnung war.

Mit der eminenten Klugheit, die die großen Geister auf ihren Bahnen leitet, vermied sie es, dem Fürsten, dessen Sache sie führte, bis zu jener Grenze zu vertrauen, wo die Rathlosigkeit eines Großen die Existenz des Kleinen gefährdet, und wo fürstliche Perfidie mit jedem gegebenen Versprechen, mit allen Freundschafts- und Liebesversicherungen zu spielen beginnt. Das Schicksal Patkuls, das vor ihren Augen seine blutige Katastrophe abspielte, gab ihr Belehrung und Warnung. Sie floh, erschreckt von dem jammervollen Fall des Freundes, denn sie ehrte und schätzte Palkul, in ihr Kloster zurück, und war nur schwer zu bewegen, sich wieder in den Strudel der Welt zu stürzen. Als sie es dennoch that und wieder am Hofe zu Dresden erschien, war es nicht, um frivole Freuden zu suchen, um einem Fürsten Weihrauch zu streuen, der ihrem Herzen und Geiste immer fremder wurde; sie kam um ihres Sohnes willen, für den sie vom ewig zögernden Vater endlich die Würde eines Reichsgrafen und den Titel eines Grafen von Sachsen erhielt. Dies war aber auch so ziemlich Alles, denn Geld vermochte August ihm nicht zu geben, er hatte keines mehr. Ein Heer von plündernden Maitressen zog ihm überall nach, und in Warschau, wo er wieder als König einzog, hefteten sich gerade die verächtlichsten und gierigsten Geschöpfe dieser Art an seine Fersen. Die Galanterie der Polinnen feierte Triumphe, über die man in Sachsen auf das Lebhafteste erstaunte. Immer gab es kleine niedliche Feste, immer Maskenbälle, die Millionen kosteten, und dabei liefen die Soldaten weg, weil sie keinen Sold bekamen. Die ganze Umgebung des Königs war käuflich, Alles stahl und raubte. Die Männer tranken ungeheuer, die Frauen waren furchtbar unsittlich, alle Laster traten in bisher unerhörtem Maaßstabe auf. Die libertinen dresdener Frauen waren, wenn sie nach Warschau kamen, noch Tugendmuster, die sächsischen Trinker waren noch Schulknaben gegen die polnischen; und all dieses wüste Schwärmen, dieser tumultuarische Leichtsinn, diese taumelnden Haufen wogten fortwährend zwischen den Höfen von Dresden und Warschau auf und ab, der König wie ein alternder Bacchus immer an ihrer Spitze. Zuletzt verlor die Ausschweifung allen Glanz, das Laster alle Anmuth; die Schönheit, der Geist und der Adel zogen sich zurück und die gemeine Orgie blieb. Der König war so weit gekommen, daß er nur die Frau noch liebenswürdig fand, die im Stande war, mit ihm eine Flasche zu leeren.

Es ist ein herbes Loos, das der armen Aurora gefallen war, daß sie immer wieder gezwungen wurde, den Treulosen, Entwürdigten an gewisse Erinnerungen zu mahnen. Empörend ist es, die kalten Antworten zu lesen, die August ihr zusendet. Er hat keine Liebe, kein Geld, er hat nichts mehr für sie. Nur Scheu empfindet er vor ihr, denn ein geheimes, unbehagliches Gefühl sagt ihm, daß er sie achten müsse, die arme, von ihm so brutal zertretene Frau. Sie bittet ihn zuletzt, eine kostbare Perle einzulösen, die sie in ihrer größten Geldnoth bei einem sächsischen Juden versetzt hat; er thut es nicht. Sie bittet nochmals und erinnert ihn, bei welcher Gelegenheit sie einst diese Perle von ihm empfing; er antwortet ihr nicht mehr. Diese Briefe schneiden in's Herz. Das ist also das Spiel der Welt, so treibt sie's mit dem Herzen, das sich ihr hingibt! Aber Aurora bleibt stark und fest, sie bleibt sogar heiter und scherzend. Sie schreibt anmuthige Briefe an ihre alten Verehrer, die nicht müde werden, ihr Heirathsvorschläge zu machen. Ihren Kummer verbirgt sie in der stillen Klosterzelle. Wenn die laute Weltstimme sie ruft, erscheint sie immer, und die schöne Frau bezaubert noch immer alle Welt. So gibt sie dem Sohn Peters des Großen, jenem unglücklichen Prinzen Alexei, der sich mit einer deutschen Prinzessin vermählt, ein Fest in Quedlinburg, bei dem sie Verkleidungen, poetische Spiele und Ueberraschungen anbringt. Sie dichtet ein Bewillkommnungslied und spricht es selbst, in das Gewand einer antiken Muse gekleidet, anmuthig sich hin und her bewegend und sich keusch in ihre Draperien hüllend. Der Sohn des Zaaren ist entzückt, die Stiftsschwestern klatschen Beifall und die alte Aebtissin, die nicht mehr gut sieht und hört, begrüßt die antike Muse als heilige Therese und hält den Gesang Amors und der Grazien für den ambrosianischen Lobgesang. Aurora läßt die alte Dame bei diesem Irrthum, und bis spät in die Nacht schmaust und spielt man in den Klostermauern. Bald darauf erhält Aurora den Besuch benachbarter deutscher Fürsten, dann wohnt lange Zeit ihre Schwiegertochter bei ihr und macht durch ihre scandalösen Intriguen das Stift und die ganze Nachbarschaft aufrührerisch. Diese Gemahlin des Grafen von Sachsen, von der er sich scheiden ließ, spielt überhaupt in dem Register der Klagen und Sorgen Aurora's eine große Rolle. Es scheint eine junge Frau von zügelloser Herrschsucht und von sehr schlechten Sitten gewesen zu sein, die lediglich weil sie sehr reich war, dem jungen Grafen angetraut wurde, der sie gleich Anfangs nicht haben wollte und nur dem Befehl seines Vaters, des Königs, Folge leistete. Wir würden auf sie zurückkommen, wenn es uns erlaubt wäre, in unserer kleinen Gemäldesammlung auch das Bild des Grafen von Sachsen zu betrachten.

Was ihre quedlinburger Angelegenheiten betraf, so gelangte Aurora trotz ihrer Klugheit und ihrer zur rechten Zeit angewandten Schmeichelkünste nicht zum gewünschten Ziel; sie wurde nicht Aebtissin und somit nicht wirkliche Reichsfürstin, welcher Titel mit dieser Stelle von selbst verknüpft war. Als die Prinzessin von Sachsen-Weimar starb, wählte man nach langem Zögern eine Prinzessin von Holstein-Gottorp. Aurora hatte es gleich Anfangs darin versehen, daß sie wenig Lust bezeigte, wie ihre alte Freundin, die Prinzessin von Sachsen-Weimar, es verlangte, im Stift zu wohnen und ein stilles, erbauliches Leben zu führen. Sie war fortwährend auf Reisen, und wenn sie zufällig einmal im Stifte ihre Wohnung aufschlug, so zog sie durch ihre Anwesenheit einen Schwarm Weltleute in die stille Behausung, womit den frommen Damen ebenfalls nichts gedient war. Der neue Schutzherr, der König von Preußen, schrieb ihr öfters: »Madame, begeben Sie sich wieder auf Ihren Posten, reisen Sie in Ihr Stift zurück. Ich höre, daß dort vielfältige Zänkereien ausgebrochen sind, bringen Sie durch Ihr Ansehen die Parteien zur Ruhe!« Aber solchen Aufforderungen leistete Aurora nie Folge; sie kam, wenn es ihr beliebte und sie sonst nirgends anderswo die Zeit angenehmer zuzubringen wußte, in's Stift zurück. Die alten Damen waren außer sich und thaten ein Gelübde, eine so ausgelassene Weltdame um keinen Preis zur Oberin zu wählen. Besonders zeichnen sich in dieser Opposition die von uns bereits erwähnten zwei Gräfinnen Schwarzburg aus, die einen eigenen Geschäftsträger am wiener Hofe besoldeten, um die Bemühungen Aurora's zu hintertreiben. Aurora blieb also bis an ihr Lebensende Pröbstin.

Um die Heiterkeit ihres Geistes, den anmuthigen Scherz, womit sie die Langeweile der Höfe verscheuchte und sich zur Königin der geselligen Kreise machte, zu bezeichnen, mögen hier ein paar Briefe eingeschaltet werden, die sie im Sommer 1698 aus Toplitz schrieb. Die Originale sind französisch. – »Meine Damen, am ersten Tage nach unserer Ankunft die Badeberichte zu beginnen, werden Sie sicherlich für zu zeitig halten; da wir aber bereits gerne wieder nach Hause gingen, sind sie es in der That nicht. Und es sind uns schon merkwürdige Dinge begegnet, die sich zur Mittheilung eignen. Große Berge zu erklettern ist keine leichte Sache. Als wir am Rande der Abgründe anlangten, sahen wir mit unbeschreiblichem Entsetzen, wohin wir gelangt waren. Die Furchtsamen unter uns drängten zur Umkehr, allein wir Anderen fanden, dem Himmel sei Dank! noch so viel Muth in unseren Herzen, daß wir diesem Rathe nicht folgten und uns in Lehnstühle setzten, um uns in die Tiefe hinabtragen zu lassen. Wir riefen die Dämonen des Gebirges an. Ich dachte einen Moment daran, ob das Schicksal wol beabsichtige, mir hier den Hals zu brechen, gleich darauf fielen mir bei dem ruckweisen Schwanken des Tragsessels die Verse der Frau von Houliére ein – ab hic et hoc! und ich mußte lachen. Als ich meine Blicke in die Höhe richtete, sah ich am äußersten Gipfel des Gebirges eine Burg hängen, die aussah, als wollte sie jeden Augenblick auf mein Haupt niederstürzen. Meine Führer versicherten mich, es sei dies eine Zauberburg, und ein gewisser König Marcus habe sie in grauer Vorzeit erbaut. Nie hatte ich noch von einem König Marcus gehört, ich suchte bei meinen Trägern Belehrung, und diese erwiederten mir, König Marcus sei ein König von Schweden gewesen. Nun hatte ich's. Es war der weise und erhabene Monarch, von dem ich abzustammen die Ehre habe. Sogleich war ich entschlossen, mein Geheimniß nicht zu verrathen, denn, sagte ich bei mir selbst, erfahren diese guten Leute, daß du die Enkelin dieses verwünschten Königs bist, der ein so arger Zauberer war, so sind sie im Stande und werfen dich ohne weitern Prozeß sogleich in den Abgrund. Nein, trotz der Ehre, von einem Könige abzustammen, will ich doch hier lieber die Sicherheit meines Halses wahren. – Kaum waren wir einige Schritte weiter, so erschien diesmal ein wahrhafter Zauberer, nämlich der Mai, der seine größten Schönheiten in dieses einsame Gebirge verstreuete. Wohin geht dein Lauf, schöner Gott? rief ich ihm zu. Warte einen Augenblick und sage mir, ob ich in Töplitz gute Gesellschaft finden werde. Der junge Gott trocknete sich die erhitzte Stirn und erwiederte keuchend: »Nein, Madame, Sie kommen zu früh und finden dort noch Niemand!« – Ach, er hatte wahr gesprochen! Wir sitzen hier in der drückendsten Einsamkeit. Ich sehe in der That Niemand, wenn ich einige Kranke ausnehme, die im Schlafrock und in Pantoffeln an unseren Fenstern vorüberpilgern.«

Ein zweiter Brief lautet: »Meine Damen, Ihre geistvollen Antworten machen mich fürchten, daß ich nur schlecht dazu tauge, mit Ihnen in Verkehr zu stehen; ich müßte denn den Herrn von Seiverditz bitten, mir einen Pegasus zu borgen, um einige Cavalcaden vor Ihnen auszuführen. Wenn jedoch die geringfügigen Details unserer hiesigen Abenteuer Sie interessiren, so will ich nicht zögern, sie Ihnen zu berichten. Die Gesellschaft vermehrt sich merklich; einige Grafen aus Prag, deren Ankunft vom Thurme herab durch die Trompete verkündet wurde, langten in diesen Tagen an. Sie errathen, wie unsere Koketten sich sogleich in Angriffszustand versetzten. Wir haben mehre Partien unternommen, die immer mit Regen endeten; dann wurden Gastmahle gegeben, bei denen man einschlief. Doch sind das Alles keine Mittel, Lähmungen zu heilen. Neulich veranstalteten unsere Damen ein Bad, in das wir mit Blumen geschmückt, wie Nymphen der Diana, gingen. Diana wurde durch das Loos gewählt; Frau von Reisewitz wurde es. Ueber dem Badebassin war ein Zelt ausgespannt, und wir gingen Alle paarweise in's Bad. Kaum vertrauten die Schönen, welche ihre Reize nur von dünnen Schleiern verhüllen ließen, sich dem kühlen Elemente an, als man im Hintergrunde des Bades eine fremde Nymphe bemerkte, die ein blödes und dummes Ansehen hatte und sich furchtsam in den Schatten drückte. Mit Schrecken gewahrten wir, daß diese alte Nymphe einen Bart hatte, und als Diana Lärm schlug, sprang jene heraus und wir erkannten den alten Grafen Trautmannsdorf, der sich diesen Spas erlaubt hatte, um recht viele Schönheiten im Bade zu sehen und nebenbei Frau von Reisewitz einen tödtlichen Schreck einzujagen. Gleich darauf zeigte sich der Graf Isterle als Aktäon in einem Schlafrocke, mit Stiefeln und einer Bärenfellmütze. Wir spritzten ihm Wasser an den Kopf und sogleich wurde ein hohes Hirschgeweih sichtbar. Unsere alte Nymphe sprang aus dem Wasser und setzte Aktäon nach, und bei der Gelegenheit konnten wir sehen, daß der gute Graf Trautmannsdorf, obgleich er sechszig Jahre alt ist und durch die Gicht krumm und lahm, dennoch sich wacker zu tummeln wußte. Er gab dem Aktäon einen tüchtigen Schlag auf's Haupt, den dieser jedoch sehr geschickt mit seinem Geweih auffing. »Glück auf zu deinen Hörnern!« rief Graf Tautmannsdorf und setzte gleich darauf hinzu: »Geh zu allen Teufeln nach Polen, du alter gehörnter Windbeutel!« Während dieses Streites gewann Diana mit ihren Nymphen den Ausgang, doch wurden sie von einem neuen Ruhestörer, dem jungen Grafen Zwirbi, erschreckt, der sich ihnen in den Weg stellte und tausend Possen trieb. Bei der Gelegenheit sang man ein deutsches Lied, dessen Anfang lautet: »Geduld, mein lieber Florian! Sieht doch die Katz den Kaiser an« u. s. w.  Ich schließe meinen Bericht mit der Bitte, ihn nicht für eine Fabel zu halten und Glauben zu schenken Ihren – gehorsamsten und treuesten Nymphen.«

Von Aurora's französischen Versen theilen wir dem Leser keine mit, weil sie in der Thal nicht geeignet sind, ihren Ruhm zu vermehren. Es ist jene incorrecte französische Prosa, metrisch gegliedert, die man damals allgemein Poesie nannte. In dieser Weise konnte gewiß jede gebildete Dame dichten. Aurora verfaßte auch eine Grabschrift auf ihre Mutter, aber auch von dieser müssen wir leider sagen, daß sie nichtssagend und frostig ist; das schon erwähnte Epigramm auf Karl XII. ist das beste ihrer Gedichte, weil darin persönlicher Unwille den Kern hergibt. Sie war eine Frau der That, des raschen gesprochenen Wortes, nicht der Reflexion, der in der Stille gekünstelten Empfindung.

Unzählig sind die Gedichte, die auf sie von den Zeitgenossen und auch später gemacht worden; wir haben jedoch unter allen, die uns zu Gesicht gekommen, kein einziges werthvolles finden können. Am zierlichsten sind die Verse, die sich einst, von unbekannter Hand geschrieben, auf einem Blättchen Papier unter ihrem Bilde in der Moritzburg fanden. Ein bis zum Possenhaften philisteriöser Autor, Namens Paullin, hat in seinem Werke »Hoch- und Wohlgelahrtes deutsches Frauenzimmer, Frankfurt und Leipzig 1722« Gedichte von Auroren mitgetheilt, selbst geistliche, und dann einige aus dem Lateinischen übersetzte. In allen diesen Dingen besteht aber durchaus nicht der Werth und der Glanz unserer Heldin. Als Beweis, wie wenig sie von ihrer eigenen Poesie erwärmt wurde, dienen die ganz heterogenen Bemerkungen, die auf denselben Papierschnitzeln neben den Versen stehen, besonders kleine Fragmente aus den Orakeln der Punktirkunst, der sie sehr ergeben war. Dagegen ist ihre französische Briefprosa so graziös und von so anmuthig frischem Lebenshauch durchzogen, daß man auch jetzt noch diese Briefe mit Vergnügen liest.

Ob sie in der Malerei irgend Bedeutendes geleistet, bleibt ungewiß, da die Bilder in ihrem Nachlaß, Landschaften und Porträts, die ihr zugeschrieben wurden, nachmals bei genauerer Prüfung einen andern Ursprung verriethen. In der Musik war sie Meisterin, sie componirte reizend und trug mit der blühendsten Lebendigkeit vor. Mehre kleine Opernmotive, ein paar Liebeslieder und zwei oder drei Cantaten sind von ihr erhalten. Im Tanz war sie die Grazie selbst, sie hörte aber früh damit auf. Wie sie aus Schweden kam, jung, blühend, voll Hoffnung und Lebenslust, war sie in jedem heitern Spiel der Jugend geübt; ihr Frohsinn war der eines Kindes, muthwillig, fast lärmend. Sie tanzte auf Wiesen und führte im Mondschein den Reigen an, der sich um die Linde des Dorfes herumbewegte; dazu sang sie schwedische Volkslieder. Am Hofe liebte sie später die Verkleidungen. In Erfindung allegorischer Maskenspiele war sie unerschöpflich. In den damals gebräuchlichen »Wirthschaften« war sie bald eine nordische Druide, bald eine dalekarlische Bäuerin. Einmal lief sie als Atalanta zum großen Ergötzen des ganzen Hofes mit dem alten Herzog von Holstein - Beck um die Wette, und die Attitüde, mit der sie den goldenen Apfel auf den Weg warf, war so voll Schalkheit und Lieblichkeit, daß der Beifall kein Ende nahm. Nachdem sie Mutter geworden, sah man sie nie wieder tanzen und auch nur seriöse Maskenspiele mitmachen.

Wir haben jetzt das Erlöschen jener schönen Sonne zu melden. Die letzten Lebensjahre Aurorens waren mit Kummer und Bitterkeit erfüllt. Sie sah, trotz aller Geldopfer, die die nunmehr arme Frau brachte, den Sohn dennoch nicht den Thron Kurlands besteigen. Das war für die ehrgeizige Weltdame, für die zärtlich liebende Mutter ein empfindlicher Schmerz. Die Vermögensverhältnisse der Familie waren auf's Aeußerste zerrüttet, überall Prozesse, in Liefland, in Schweden, in Hamburg und Braunschweig. Nirgends gab man die Königsmarkschen Besitzungen frei. Das Jahr 1727 war ein Krankheitsjahr für Aurora; es ging in böser Stimmung und unter gefahrdrohenden Anzeichen hin. Die eigensinnige, bis zuletzt lebhafte und leidenschaftliche Frau nahm die Medicamente nach eigener Laune, und sehr wenig auf die Vorschriften ihres Arztes hörend, nachlässig ein. Hatte sie müssige Stunden, so fiel sie über ihre kleine Apotheke her und schwelgte in Arzneimitteln, wobei sie zugleich allerlei Toiletten- und Schönheitsdecocte, zum großen Verdruß des Arztes, anwandte. War sie mit anderen Dingen beschäftigt, so vergaß sie Arzt, Krankheit und Medicin und wollte um keinen Preis gestört sein. Dann stritt sie sich mit ihrem Arzte um den lateinischen Namen ihrer Krankheit. Als diese endlich sehr ernst wurde, machte sie sich, mit Beseitigung alles Irdischen, auf den Tod gefaßt. Hier trat wieder die Größe und Festigkeit ihres Geistes an den Tag. Sie legte das schimmernde Gewand der Eitelkeit mit fester Hand bei Seite, und nur das, was den Inhalt ihres Lebens ausgemacht, der Trieb, groß, wahr und gut zu sein, erfüllte ihre Seele, die von den herannahenden Schrecken des Todes nicht gebeugt wurde. In der Nacht vom 15. auf den 16. Februar 1728 starb sie. Es begann sogleich das vierwöchentliche Trauergeläute, welches ihrem Range gebührte. Ein Testament wurde gefunden, aber es verschwand nachher unbegreiflicherweise. Der Sohn schickte sehr unzarterweise einen besondern Agenten, der sich erkundigen mußte, ob keine Pretiosen gefunden worden; man antwortete ihm, der ganze Nachlaß der Mutter habe in 52 Thalern 10 Groschen 8 Pfennigen bestanden. Nur der Umschlag mit der eigenhändigen Aufschrift: »Dieses ist mein letzter Wille wegen meiner hiesigen Angelegenheit. Maria Aurora Königsmark« ist von dem Testament übrig und findet sich in den Acten des Archivs der Provinz Sachsen zu Magdeburg.



Fürstin Amélie Galitzin.

Unter den interessanten, wenn auch nicht unter den berühmten deutschen Frauen des achtzehnten Jahrhunderts gebührt der Fürstin Amélie Galitzin gewiß eine der ersten Stellen. An ihrem Bildungswege läßt sich der Charakter der zweiten Hälfte des Jahrhunderts übersehen, dieses Jahrhunderts, das in seinen schönen wie in seinen schlimmen Eigenschaften sehr oft durch Frauen repräsentirt wird. Wir sehen Frauen als die Trägerinnen der Unsitte und der Frivolität erscheinen, wie sie aus den philosophischen Laboratorien berühmter und berüchtigter Adepten, eines Voltaire und Diderot, hervorgingen. Das unächte Gold, das aus jenen Schmelztiegeln erstand, finden wir zu kunstreichen Diademen und Lorbeerkränzen verarbeitet, die die Stirn herrschender Frauen zierten. Wir sehen die goldenen Saiten der Lyra ebenfalls von jenem Metall gefertigt, und daher ihr falscher Klang, ihre unreinen Accorde. Dann sehen wir aber auch Frauen, die die Ehre tiefer Demuth und Zerknirschung aufnehmen und Priesterinnen eines von der Welt weit abgewendeten Dienstes werden. Die Fürstin ging beide Wege, versah beiderlei Dienst.

Zwei Frauen gingen aus den Brennpunkten der Bildung und der Sittenströmung in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hervor, beide reich begabt, beide prangend in Glanz und Schönheit, und beide endend im phantastischen Dunkel einer ascetischen Einsiedlerklause. Die Eine war jene berühmte und viel besprochene Esther Stanhope, die Nichte Pitts, die, überdrüssig des Glanzes und der Ueppigkeit, der Gesellschaftskreise, in denen sie als Königin herrschte, eine seltsame Pilgerreise in den fernen Orient unternahm, und auf dem Gipfel des Libanon hinter den Draperien eines morgenländischen Zeltes verschwand, mystische Gesänge der Drusen hinter sich erklingen lassend. Während diese seltsame Frau ihre bleichen Züge, die müden, von der Welt gesättigten Augen von einem Turban beschatten ließ, ging Amélie Galitzin, ebenfalls der Welt überdrüssig, in eine stille Buß- und Betkammer in der Stadt Münster, die im Schatten ihrer Mauern stets ein strenges Kirchenthum zu bewahren gewußt hat. Von beiden Frauen sprach die Welt viel und lange, bis sie endlich von ihnen gänzlich schwieg und die einsame Frau auf dem Libanon und die einsame Frau in Münster in gleicher Weise vergessen wurden. Wir wollen mit wenigen Zeilen das Andenken der letzteren erneuern.

Dem Generalfeldmarschall Grafen von Schmettau wurde in Berlin im Jahre 1748 diese Tochter geboren. Der General war protestantisch, die Mutter, eine Baronin Ruffert, katholisch; dem zu Folge wurden die Söhne im Bekenntnisse des Vaters, die Töchter in dem der Mutter erzogen. Amélie kam nach Breslau in eine Pensionsanstalt. Der Unterricht in allen Dingen, auch in der Religion, war dürftig. Der Ausbruch des siebenjährigen Kriegs scheint auch die stillen Erziehungshäuser in Breskau erschüttert zu haben, wenigstens ergriffen einige Lehrerinnen die Flucht, andere blieben da und gaben zerstreut und leichtfertig ihre Lectionen. Die Schülerinnen geriethen in politische Aufregung, ein Theil zählte sich zu der österreichischen Partei, der andere zu der preußischen; unsere Kleine stand an der Spitze der letzteren. »Ich bin die Tochter eines preußischen Feldmarschalls, « rief sie; »wie sollte ich also anders als gut preußisch sein?« Eine Gräfin Trautmannsdorf, die die kleinen Oesterreicherinnen befehligte, erklärte, die Pension habe weit bessere Milch zum Kaffee erhalten, so lange sie österreichisch war, und dieses politische Argument siegte; die ganze Classe ging zu den Oesterreichern über.

Die kleinen Mädchen lernten übrigens Nichts. Als die Pension sich auflöste und die Gräfin nach Berlin zu ihren Eltern kam, beging sie tausend lächerliche Ungeschicklichkeiten. So promenirte einmal die Gesellschaft durch den Thiergarten, der damals mit einer großen Menge Statuen geschmückt war, und die Eltern hatten den Schrecken, die Tochter sich vor der Bildsäule der mediceischen Venus mit großer Ehrfurcht bücken zu sehen. Die arme Kleine hatte die Venus für die heilige Jungfrau gehalten, Apoll daneben für den heiligen Nepomuk. Dergleichen war schwer zu ertragen. Diese Naivetät mußte rasch und mit der Wurzel ausgerissen werden.

Ein Franzose, Premonval, ein Schüler und Freund La Mettrie's, hatte im damaligen Berlin eine Erziehungsanstalt gegründet, in der die Kinder hochgestellter Familien in den frivolen und schädlichen Kunststücken unterrichtet wurden, die die Weltbildung jener Tage ausmachten. Vor Allem brachte man der kleinen Gräfin die Mythologie bei, und sie wußte nun bald sehr wohl einen heiligen Nepomuk von einem Apoll zu unterscheiden. Dann lernte sie tanzen, singen und die Predigten Bourdaloue's lesen, eine für das unglückliche Mädchen unbeschreiblich langweilige Lectüre. Der Besuch der Kirchen, wie sie ihn schildert und wie er damals gebräuchlich war, ist ein interessanter Beitrag zur Sittengeschichte des großen Jahrhunderts Friedrichs.

Die Gesellschaft, die sich fast täglich bei Hofe und in den Salons sah, kam auch in der Kirche zusammen, und zwar in kleinen Logen oder Cabinetten, die geschlossen waren, Schaufenster nach dem Altar und der Kanzel hin hatten, im Uebrigen aber immer so eingerichtet waren, daß man, unbemerkt von der unten versammelten Gemeinde, plaudern, sich putzen, Besuche abstatten, Bücher lesen und mitunter auch recht sanft und ungestört schlummern konnte. Die Loge der Gräfin war immer mit Besuchen gefüllt, so daß die Tochter, die gerne andächtig und gesammelt gewesen wäre, es durchaus nicht sein konnte und zuletzt auch mehr Achtung auf die Schönpflästerchen und Schminke ihrer Nachbarinnen hatte, als auf das Wort von der Kanzel her. Zuweilen war auch dieses Wort inhaltlos und langweilig. Die Prediger gaben eine Topographie des Landes Judäa, statt sich mit ihrer Gemeinde in Berlin zu beschäftigen. Der lebhafte Geist der jungen Dame, die jetzt schon siebzehn Jahre alt war, trieb sie zur Vervielfältigung der geistigen Interessen. Sie kam auf den Einfall, Bücher zu lesen. Eine benachbarte Buchhandlung, in die die Gräfin verstohlen schlüpfte, erklärte sich willig, die Leserin mit Büchern zu versorgen, allein man wollte dafür bezahlt sein und die Gräfin hatte kein Geld. Sie bekam nur welches, wenn sie Abends ihre Partie machte, und weil sie schlecht spielte, verlor sie jedesmal das mitgegebene Geld. Um aber nun zu ihrem Zweck zu gelangen, nahm sie sich vor, aufmerksam und gut zu spielen, und siehe da, sie verlor nicht nur nicht mehr, sondern sie gewann so viel, daß der Bücherverleiher und selbst der Bote bezahlt werden konnte. Wer war nun glücklicher, als unsere junge Schöne, die sich jetzt mit Wuth in die Romane stürzte und mit einer brausenden Phantasie die Schöpfungen umkleidete, die aus einer sehr dürftigen, wenn auch gerade nicht vergifteten Geistesquelle strömten. Sie las und las immerfort. »Zuletzt wurden meine Begriffe confus,« erzählt sie; »ich warf all die tausend jammervollen und glänzenden Situationen durch einander, und nichts blieb, als ein gewisses Ideal unermeßlicher Vollkommenheit, dem ich nun im Leben zu begegnen strebte. Ich fand es nicht.«

Unterdessen wurde das äußere Leben der jungen Dame immer prachtvoller; sie war in die große Welt eingetreten, sie besuchte Schauspiele, Concerte, Assembleen, – überall dieselbe Langeweile. Da die Mutter kränklich war, oder es sein wollte, ging die schöne Tochter oft allein in Gesellschaft, und da sie unbeschreiblich ungezwungen war, verkehrte sie mit aller Welt sehr frei. Aber diese Kühnheit und Offenheit trug das Gepräge der Reinheit und hatte darum etwas Gebietendes; sie blieb unangetastet und auch die leiseste üble Nachrede wagte sich nicht an sie. Ueberall suchte sie Geist, Offenheit, Wahrheit; sie wollte gebessert, belehrt, erleuchtet sein. Es war eine junge, stürmende Seele, die die Tugend suchte. Dieser feurige Impuls, den die Welt nie versteht, machte sie zu einer Erscheinung, die man bewunderte, aber nicht nachahmte.

Mitten in ihren weltlichen Genüssen befiel sie die Furcht vor der Hölle. Eines Abends fuhr sie mit ihrer Mutter in's königliche Schloß zu einem Hofball. Geschmückt mit Diamanten und Blumen und in einen köstlichen Schleier gehüllt, steigt sie aus dem Wagen und ist eben noch beschäftigt, die flatternden Draperien ihres umfangreichen Reifrocks von einem kleinen Hemmniß loszumachen, als eine Alte, scheinbar eine Bettlerin, sich dicht an sie herandrängt und ihr im platten Dialekt der Berliner Höckerinnen zuruft: »Ja, mein Frölken, wenn nur man keene Hölle wär'!« Mit dieser Aeußerung hinkt die Alte fort, aber Amélie ist erstarrt über das Ereigniß. Sie kann, in den erleuchteten Sälen oben angelangt und umgeben von der Schaar ihrer Bewunderer, das häßliche alte Gesicht, in dem Spott und Hohn und der Himmel weiß welch ein seltsamer Ausdruck noch die Runzeln verzogen, nicht wieder los werden. Es schwebt ihr immer vor dem Blicke, sie sieht immer die magere Hand wie eine Teufelskralle nach ihrem Leibe ausgestreckt und hört immer die Worte: »Wenn nur keine Hölle wär'!«

Wie sie nach Hause kam, warf sie ihren Schmuck von sich und weinte bittere Thränen. Man suchte ihr das ganze Begegniß als ganz geringfügig und höchst natürlich zu erklären. Die Alte war im Schloßhofe bekannt, es war eine Blödsinnige, die man frei gehen ließ, weil sie Niemandem schadete. Aber diese Erklärungen nützen nichts. Der über alle Lebensgestaltungen und jeden Stimmungswechsel gebietende Geist hatte einmal seine Richtung hierhin genommen, und unsere junge Weltdame hatte schon damals einen Anfall von düsterer Melancholie. Die Furcht vor Hölle und Teufel bildete sich zu einer peinigenden Allgewalt aus. Da Niemand der armen Suchenden bis jetzt einen Weg gezeigt, der sie durch das Dunkel hätte führen können, so stürzte sie sich jetzt selbst auf's Gerathewohl in's Dickicht. In rascher Folge hatte sie, ihrer Ansicht nach, alle sittlichen Lebenslagen durchgemacht. Die Romane hatten ihr ein Ideal von Tugend und Schönheit aufgestellt, das sie zu erstreben versucht, das sie aber nie, weder bei sich noch bei Anderen erreicht gefunden hatte; einen andern Ausweg zu Licht und Befriedigung, zu der Größe und der Höhe, die sie suchte, hatte man ihr nicht angeben können, sie gab sich also verloren, jener dunkeln Macht anheimgefallen, die da eingesetzt ist, um jede unnütz oder lasterhaft verbrachte Existenz zu züchtigen. Sie wollte vergehen beim Gedanken, daß ihr eine ewige Strafe zugetheilt sein könnte. Gott legte auf die zarte Seele alle Schrecken der Gewissensangst, wol nur, um die Fülle und Biegsamkeit ihrer jugendlichen Kraft zu prüfen. Nach und nach wurde die Binde von ihren Augen genommen; diese fingen an, sich wieder dem Licht zu öffnen. Sie war ja jung, die Welt schön, Liebe und Freundschaft umgaben die Erbebende; war es da wol möglich, daß sie immerdar in diesen ascetischen Grübeleien verharrte? Aber was sie durch diese dunklen Stunden erkauft hatte, blieb ihr, die Macht und Gewalt der geistigen Welt, in die sie zuerst einen furchtsamen, aber doch sichern Blick gethan.

Das Jahr 1768 führte sie als Hofdame der Prinzessin Ferdinand nach Spaa. Hier war sie in eine ganz andere Sphäre gerückt. Nun erst sollte aller Glanz und alle Fülle des Weltlebens sie umbrausen. Die Bäder von Spaa und Aachen waren damals die Zusammenkunftsorte der europäischen Gesellschaft. Engländer, Franzosen, Deutsche, Italiener, Russen, selbst Türken und Griechen kamen hieher, um zu zeigen, was Sitte, Cultur und Reichthum über die Nationen, deren Repräsentanten sie waren, vermochten. Mitten in diesem Strudel schwamm Frankreich obenan. Die große Epoche Voltaires hatte eben begonnen und sein Gestirn warf die feurigsten Stralen. Die Fürsten beugten sich vor ihm, und die frivole Muse, die die Pucelle und den Candide geschaffen, betrat mit koketter Frechheit den Parketboden der Paläste. Diderot war eben aus Rußland heimgekehrt, von wo er Reichthümer mitbrachte, aber auch ein kleines boshaftes Witzwort Catharinens, die den großen Philosophen für unfähig erklärte, ihr für ihre »kleine Wirthschaft« guten Rath zu geben. Catharina hatte ihm den Abschied gegeben, er hatte ihr zu viel vorgeschwatzt, ihr zu wenig praktisch genützt; sie entließ ihn, indem sie ihm eine goldene Brücke zurück nach Frankreich baute.

Als Diderot in Spaa ankam, war er sehr übel gelaunt; dies verhinderte jedoch nicht, daß er unsere junge Gräfin sogleich aus der Masse vornehmer und schöner Frauen herausbemerkte und auszeichnete. Für solche Erscheinungen hatte Diderot ein Auge. Er brachte ihr eines schönen Morgens den ganzen hübschen Kram des Atheismus. Da waren die niedlichen Sächelchen darunter von dem Menschen, der eine Pflanze ist, von dem Menschen, der keinen Gott, keine Fortdauer nach dem Tode, aber dafür einen sehr guten Magen, eine hübsche junge Frau und ein Landgut hat, von dem Menschen endlich, der keinen Gott nöthig hat, weil er selbst einer ist. Die Gräfin erschrack nicht, denn sie hatte dergleichen schon in Berlin gehört, nur lange nicht so geistreich und mit so sprudelnder Lebendigkeit, mit einem solchen Feuer der Ueberzeugung vorgetragen. Aber sie nickte nicht unbedingt Beifall; so weit hatten jene dunklen Stunden, von denen wir gesprochen, sie doch schon gebracht, so viel Raum hatte sie doch schon im Tempel gewonnen, wo der Geist der Geister angebetet wird im Geist und in der Wahrheit. Diderot sprach sich heiser, bekam das Fieber und reiste ab. Aber er verlor seine Schülerin nicht aus den Augen; später kam er nochmals wieder, und da gelang es ihm mit seiner Kühnheit und Zudringlichkeit, die Gräfin zu einem raschen Entschluß zu bringen. Wir dürfen hier aber anderen Begebenheiten nicht vorgreifen.

Unter den reichen Ausländern in Spaa befand sich auch der Fürst Galitzin, ein Russe, modern gebildet, von den feinsten Sitten, ein Kenner und Beförderer der Genußkünste, ein Sybarit des achtzehnten Jahrhunderts, dabei ein Freund Voltaire's und Diderots, mit denen er in Briefwechsel stand. Diese Erscheinung war zu bedeutend, als daß der Salon der Prinzessin ihr sich nicht sofort geöffnet hätte. Der Fürst sollte eigentlich Bilder kaufen für die neuerrichtete Galerie in Zarskoje-Selo, er sollte mit Aufträgen schnell nach Petersburg zurück, aber er blieb und gab Feste, ohne daß die müssige und plaudernde große Welt eigentlich begriff, weshalb er blieb. Der Grund kam an den Tag. Er bewarb sich um die Hand der jungen Gräfin Schmettau. Sie wurde ihm von den Eigenthümern, von den Eltern und der Prinzessin, bewilligt. Die junge Philosophin ging mit leichtem Schritt den so gefährlichen Weg zum Altar. Mit den Rosen der Hoffnung und des Glücks geschmückt, glaubte sie sich jetzt in sicherm Schutze. Sie täuschte sich; die Ehe mit ihren abgenützten Formen, mit den wenig begeisterten Lebens- und Sittenansichten unter denen sie damals, besonders unter den höheren Ständen, geschlossen wurde, sollte ihr nicht genügen. Jenseits dieses Zieles, das für die meisten Frauen das Ende alles ihres Wirkens und Hoffens ist, fing erst die Lebensaufgabe unserer rüstigen Streiterin an.

Gesellschaften geben, umständliche Toilette machen, kokette Fallen aufstellen und selbst sich in solchen fangen lassen, abwechselnd Bosheit und Langeweile ertragen und verbreiten, – nein, dazu fühlte sie sich nicht geschaffen. Mit dem klaren Auge, der stolzen hellen Stirn, der wild übermüthigen und entschiedenen Rede, der gebietenden Haltung in Miene und Geberde, war sie unter den Frauen der damaligen Salons, was ein schwarzer Schwan unter lauter weißen. Man fand sie seltsam, auffallend, ihre große, kühne Natur wurde nicht anerkannt, oder von vornherein geleugnet. Die Welt hat tausend Mittel, ihre Opposition gegen das Ungewöhnliche und Bedeutende laut werden zu lassen. Wenn man diese Umstände bedenkt, so erscheint der Entschluß, den die Fürstin faßte, gar nicht so unvorbereitet, dennoch aber immer auffallend genug.

Der Fürst war mittlerweile Gesandter im Haag geworden; er machte ein großes Haus, sah viele Fremde bei sich und unterhielt Verbindungen mit Paris, London, Turin und Wien. Ueber ihn schreibt die Fürstin in ihrem Tagebuche: »Mein Herz bedurfte nicht, was man in der Welt Liebe nennt, aber die Neigung, welche den geliebten Gegenstand zu vervollkommnen strebt und wovon das Ideal die tiefsten Wurzeln in meinem Gemüth geschlagen hatte, war mir höchstes Bedürfniß geworden, und dieses Ideal war unabhängig von der Gestalt. Ich fühlte, daß der Fürst Alles für mich werden konnte, wenn er diese Gesinnungen mit mir zu theilen fähig war.« – Aber er war es nicht. Französisch gebildet, etwas geckenhaft, wiewol in leidlicher und sehr gemäßigter Weise, ein ewig plaudernder Kunstbewunderer, ein flacher Philosoph; der um die Ehre buhlte, von Voltaire einen Brief vorzeigen zu können, ein Weltmann, in steter Beflissenheit, den Fürsten zu Gefallen zu leben, zu Zeiten Dienstpedant und sein untergebenes Personal tyrannisirend, dann sogenannt genial, das heißt Alles darüber und darunter gehen lassend. Er flog der Fürstin voran, um ihr eine Thüre zu öffnen, er nahm ihr graziös die Tasse und die Mantille ab, aber er erschien nicht, wenn sie kummervoll in ihrem Kabinette saß und mit ihm über das Lebensglück ihrer Kinder sprechen wollte. Er schenkte ihr Putzsachen statt einer Ansicht, sie wünschte seinen theilnehmenden Rath, und er gab ihr Diamanten. Jede andere Frau hätte sich vielleicht bei diesem Tausche glücklich gefühlt, aber die Fürstin sah sich innerlich immer ärmer und ärmer werden, je glänzender es um sie her sich gestaltete.

Da trat Diderot zum zweiten Mal in ihren Lebenskreis. Der Philosoph hatte seine Beute keinen Augenblick aus den Augen gelassen. In dieser Zeit, wo ihr Weltüberdruß auf den höchsten Gipfel gestiegen war, schrieb sie in ihr Tagebuch: »In dem Gefühl meiner dumpfen Leerheit wird mir Alles, was mich umgibt, zur Qual. Vergebens werfe ich mich noch mehr als jemals in die Arme der großen Welt mit ihren Zerstreuungen; ich bringe aus diesem ewigen Kreis von Spielen und Besuchen und Schauspielen und Tänzen und Nichtigkeiten Abends immer nur ein gesteigertes vergebliches Streben nach etwas Besserem nach Hause. Selten schlafe ich ohne Thränen ein. Mir ist wie jenen Schauspielern, die auf der Bühne Andere belustigen, indeß sie selber bittere Thränen vergießen.« Kann man wol wahrer und ergreifender das Ringen einer Seele ausdrücken, die sich belastet fühlt und sich frei machen will?

Diderot gab ihr den Rath, sich ganz den Wissenschaften zu widmen. Die Fürstin antwortete ihm, sie sei fünfundzwanzig Jahre alt, sie fürchte demnach, nicht mehr im Stande zu sein, nachzuholen, was früher versäumt worden. Der Philosoph beharrte bei seiner Ansicht, und es wurde nun der Plan gemacht, gänzlich aus der Welt auszuscheiden. Die Erziehung der Kinder sollte vor der Welt das Motiv dieser Ausscheidung abgeben. Der Fürst wurde von Diderot bearbeitet. Er wollte seine Gemahlin natürlich nicht ziehen lassen; das große Gesandtschaftshotel im Haag bedurfte der schönen und geistvollen Ambassadrice, und dann bedurfte auch der Vater der Mutter seiner Kinder. Die Fürstin wurde schwankend, es gab sentimentale und aufregende Scenen, aber Diderot ließ nicht nach. Endlich ertheilte der Fürst die Erlaubniß, und nun fiel unter barbarischer Scheere das schöne Haar der Weltdame. Sie setzte eine kleine runde Perrücke auf, die sie äußerst übel kleidete, dann legte sie nonnenhafte graue Gewänder an, und auf immer wurden der Reifrock, die Diamanten, Perlen und Federn bei Seite gelegt.

Wie eine bescheidene Magd ging sie aus dem Hause des Glanzes und der Pracht, um dessen Stufen nie wieder zu betreten. Der Fürst gab ihr seufzend das Geleit und ging dann wieder zurück, um in Gesellschaft seiner etrurischen Vasen, seiner Guido Reni's und Annibale Carracci's, seiner antiken Bronzen und porzellanenen Pagoden zu verbleiben. Die Fürstin bezog ein kleines Haus auf der Straße nach Scheveningen, und über die Thür dieses Hauses ließ sie die Worte setzen: »Nithuyß,« das heißt: »Nicht zu Hause.« Damit waren denn alle frech zudringenden Besuche einmal für allemal, und ohne dabei die Dienste eines Portiers in Anspruch zu nehmen, abgewiesen. Sie schrieb über ihren neuen Aufenthalt: »Ich fand bald eine solche Seligkeit in diesem Leben, in dem Umgange mit meinen Kindern, in dem allmälig fortschreitenden Zuwachs an Kenntnissen und in der Ruhe der Seele, womit ich jeden Abend zu Bette ging, daß nun höhere Bedürfnisse sich zu äußern anfingen. Gott und meine Seele wurden die gewöhnlichen Gegenstände meiner Betrachtungen und Forschungen.«

Mit Diderot, dessen Leichtfertigkeit ihr gar nicht zusagte, den sie ihrerseits wieder durch ein ewiges Fragen und Bekritteln langweilte, gerieth sie in Zerwürfniß; sie wählte Hemsterhuys zu ihrem Umgange. Dieser Gelehrte machte sie mit der griechischen Literatur und der platonischen Philosophie bekannt. Katerkamp, der eine Biographie der Fürstin geschrieben hat, macht bei dieser Gelegenheit die Bemerkung, daß die Fürstin, ähnlich dem heiligen Augustinus, durch die heidnische Philosophie zum Christenthum geführt worden sei.

Nach einem fünfjährigen Aufenthalt, von 1774 bis 1779, in der Nähe vom Haag faßte die Fürstin den Entschluß, nach Genf zu gehen, wo sie ein Landhaus angekauft hatte. Sie glaubte ihren Kindern schuldig zu sein, sie mit einer schönen Natur bekannt zu machen. Der Fürst gab auch zu dieser Reise, obwol ungern, seine Einwilligung. Ganz im Vorbeigehen sollte Münster besucht werden, um den Freiherrn von Fürstenberg, dessen Wirksamkeit damals in Münster und der Umgegend die weiteste Ausdehnung gewonnen, kennen zu lernen.

Aus diesem vorübergehenden Aufenthalt wurde ein bleibender. Sie bezog das Aschebergsche Haus und im Sommer wohnte sie bei dem Pächter des Hauses Angelmodde.

Damit beginnt nun das etwas seltsame Auftreten der Fürstin als Philosophin vom Fach. Sie führte unter dem Namen Diotima mit Diokles (Hemsterhuys) Dialoge über die höchsten und tiefsten Gegenstände des Forschens. Von einem Buch, das Hemsterhuys herausgab und das den Titel: »Simon, ou sur les facultés de Fáme« führt, gehört ihr der größere Theil an. Die Vorrede lautet: »Diokles und Diotima haben am Eingang der Akademie diesen Dialog neben dem Altar der Freundschaft gemeinschaftlich gefunden. Diokles fand den Inhalt desselben so genau übereinstimmend mit der Philosophie der Diotima, daß es ihm schien, der Geist der Lehrerin des Sokrates sei auf diese übergegangen. Diotima, die Jüngere, gab dem Diokles den Auftrag, den gefundenen Dialog zu ergänzen mit Rücksicht auf das, was durch die Zeit an ihm könnte verletzt worden sein, und nachdem er diesen Auftrag erfüllt, fand er es billig, diese Arbeit seiner Freundin zu widmen.« Man sieht, daß hier auf eine für uns nicht sehr ansprechende Weise mit den geschichtlichen Erinnerungen der großen philosophischen Epoche der Griechen modern-sentimental gespielt wird. Die Fürstin ist von einer gewissen Koketterie mit dem Geiste nicht freizusprechen, allein dies Urtheil muß vorsichtig gefällt werden; denn jene Zeit trug allgemein die Färbung der Unnatur auf der einen, und der Hypernatur auf der andern Seite. Die Fürstin mit all ihrem genialen Wahrheitsstreben mußte eben auch ihren Zoll der Zeit bezahlen.

Die vergötterte Diotima ging jetzt fortwährend mit ihren Freunden am Ufer der Werra spazieren; man verlor sich in Haine, opferte an Altaren und las sich gegenseitig endlose Dialoge vor. Wir werden uns wol hüten, das philosophisch - ethische System, das sich Diotima an der Seite ihres Diokles ausdachte, den Lesern zu entwickeln.

Ehe wir jedoch daran gehen, die zweite Verwandlung der Fürstin Galitzin, nämlich von einer philosophischen Träumerin in eine christliche Ascetin, genauer zu betrachten, müssen wir die Gestalten zweier Männer vor uns vorübergehen lassen, die bestimmt waren, ihr als Führer zu dienen, und die sie ihre »Seelenfreunde« nannte.

Einer dieser Männer ist der Minister Baron Fürstenberg, der in Münster residirte und fast unumschränkte Gewalt ausübte. Er gehört zu den philanthropisch philosophischen Aufklärern und Volksfreunden des vorigen Jahrhunderts, die eine sehr milde und verblaßte Farbe tragen, gegen Männer dieser Richtung heutzutage gehalten, dennoch aber selbst heute noch oft als Muster und Meister dastehen können. Justus Möser, ein deutscher Mann, der Liebe und Achtung der besten deutschen Männer werth, gehörte auch zu jenen denkenden Köpfen, die aus beschränktem äußern Wirken hervor nach weiter Ferne Licht, Wärme und Leben im Geiste über die deutschen Gauen verbreiteten. – Die Fürstin war nicht im Stande, oder hatte wenigstens weder Zeit noch Willen, den Mann, der sich ihr näherte, in seiner ganzen Bedeutung als Staatsmann, als Lichtspender und Hoffnungsträger zu beachten; sie sah in ihm nur den Pädagogen und hoffte, ihren Sohn der verbesserten Lehrmethode, die Fürstenberg dem Lande geschenkt hatte, theilhaftig werden zu lassen. Diese Hoffnung konnte nur sehr einseitig in Erfüllung gehen. Die Fürstin schrieb Abhandlungen über Erziehung, aber der Sohn blieb unerzogen oder wurde falsch erzogen. In keinem Zeitraum unserer gebildeten Epoche wurde in dem, was man Erziehung nennt, so falsch experimentirt, als im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts. Die Adepten der Schulstube schienen allesammt die Köpfe verloren zu haben; der Tumult brach aus, ein System jagte das andere und man sah die seltsamsten philosophischen und moralischen Carrikaturen an der Tagesordnung. Rousseau mit seinem »Emil« hatte den Brand geschleudert.

Es ist hier nicht der Ort, diese Krisis des socialen Lebens jener Tage näher zu besprechen, wir berühren sie nur, weil Männer wie Justus Möser und Fürstenberg in ihren staatsökonomischen und philosophischen Schriften auf jener neuen Educationsgrundlage bauten und alle Welt über diese Gegenstände damals sprach und schrieb. Fürstenbergs Ansicht von Erziehung ging dahin, dem jungen Staatsbürger vor allen Dingen Ordnung, Enthaltsamkeit und Gehorsam zu predigen. Die neuen stürmenden Ideen, die über den Rhein kamen, machten die edlen Männer Deutschlands wenn auch nicht furchtsam, doch vorsichtig. Man lese die Kapitel nach, die Justus Möser über die Garanticen schrieb, die der freie Bürger gegenüber der verjährten Gewalt, sie möge Namen tragen, welche sie wolle, für sein Recht und Eigenthum zu fordern habe, und man wird finden, daß kaum Besseres und Stärkeres gesagt wurde und gesagt werden kann; aber es ist mit jener Weisheit und vermittelnden Vorsicht gesagt, die der Charakter deutscher Intelligenz von jeher gewesen. Es gab deutsche Männer, wie Georg Forster, die untergingen, indem sie sich berauschten im Schwelgertrank der neuen Freiheit; es gab aber auch andere, die ihren Weg gingen, mitten durch die taumelnden Haufen, ernst, groß und still, und nur wählend von der Fülle des Dargebotenen, was ihren Mitbürgern Heil und Förderung brachte. Ein solcher Mann war Fürstenberg. Wir nehmen hier nur, was uns zwischen zwei streitenden Ansichten als Wahrheit in der Mitte zu liegen scheint; denn die streng katholische Partei hat noch zu viel Weltliches, die weltliche Partei zu viel vom verdunkelnden Mysticismus Neigendes in diesem Minister entdecken wollen. Die Fürstin, dies läßt sich durch alle ihre zarten, umhüllten, äußerst schonenden und vorsichtigen Aeußerungen hindurch fühlen, gehört zu der erstern Partei, darum wurde auch ihr Verhältniß zu Fürstenberg nie ein sehr enges und inniges. Sie ging früh zu dem zweiten »Freunde« über, zu Overberg. Von diesem nun auch ein paar Worte.

Als die Fürstin nach Münster kam, stand als Katechet an der Klosterschule der lotharingischen Chorjungfern zu Münster ein Freund und Günstling Fürstenbergs, der Priester Bernhard Overberg. Der überall seine selbstgegründeten Seminarien und Dorfschulen bereisende Minister hatte auf einer dieser Inspectionsreisen einen jungen Hülfsgeistlichen in der Dorfgemeine zu Everswinkel entdeckt, und dessen christlichen Vortrag mit Bewunderung angehört. Er machte sofort demselben Vorschläge, in einen höhern Wirkungskreis einzutreten; aber Overberg, das Bild der Demuth und Genügsamkeit, wollte sein Dorf nicht verlassen, und der Minister mußte endlich als sein geistlicher Oberer befehlen, wo seine Bitten nicht mächtig genug waren. Er folgte nun seinem Gönner nach Münster und nahm die oben bezeichnete Stelle an, nachdem er vortheilhaftere Bedingungen hartnäckig ausgeschlagen hatte. Dieser Mann konnte der Fürstin, die jetzt eifrig einen geistlichen Führer und Freund suchte, nicht verborgen bleiben. Sie schrieb an ihn einen Brief, in welchem sie sich ihm anträgt. Man muß diesen »geistlichen Liebesbrief« im Original lesen, um ganz zu begreifen, was in der Seele einer Frau vorgegangen sein muß, bis sie sich, die alle Frivolitäten und alle Genüsse der Welt, die Koketterien der Seele wie des Körpers kennen gelernt hatte, zu einem solchen Briefe entschloß.

Dieses schöne Dokument ist über jeden Spott erhaben; man kann die darin aufgestellten Sätze wol unverständlich, dunkel, seltsam, aber man darf sie nicht lächerlich finden. Eine nach Wahrheit und Licht suchende Seele ist immer eine göttliche Erscheinung, und als solche selbst dem Spötter ehrwürdig. Die Fürstin sagt in diesem Briefe, unter allen heiligen Nacheiferern Christi sei ihrem Herzen keiner so theuer geworden, als der »seraphische« Franz von Sales. Sie las seinen Philotheos, und der liebeglühende Gehorsam dieses Helden des Glaubens macht sie erschrecken und ängstlich für ihr eigenes, noch so weltliches Herz. Aus dieser Aengstlichkeit wird nun das Verlangen geboren, einen geistlichen Freund und Vater zu finden. »Ich bin überzeugt,« sagt sie, »daß Gehorsam und Unterwerfung meiner Einsichten der einzige Weg der Beruhigung und Heiligung für meinen wankelmüthigen, oft so unsichern Geist ist; ich bedarf daher, wie Franz von Sales es meint, eines Freundes und Vaters, dem ich nicht allein meine Sünden beichten, sondern auch mein ganzes Herz öffnen, das Gute sowol als das Böse darin zur Beurtheilung und Aufsicht auszuheben geben kann, und der mich ungeachtet meiner »Unliebenswürdigkeit« dennoch genug lieben könne, um auch außer der Beichte und unaufgefordert, wie Väter mit ihren Kindern zu thun pflegen, mich zu beobachten, zu prüfen, zu strafen, zu trösten, zu ermahnen – kurz, für meine Seele wie für die seinige zu sorgen.« – Weiter sagt sie: bei dieser Freundschaft solle kein Unterschied des Ranges beobachtet werden, sie wolle nicht als Fürstin titulirt sein, überhaupt nicht als Frau von Stande. Dies waren Forderungen, die zu erfüllen dem einfachen, in ländlicher Sitte und Gewöhnung aufgewachsenen Overberg sicherlich sehr schwer fiel; aber die Fürstin ließ nicht nach, und so kam denn dieser intime Seelen- und Herzensbund zu Stande. Sie schrieb ihre Briefe in denen sie sich unterzeichnet: »Ewig Ihre ehrfurchtsvolle Freundin und so Gott will stets gehorsames Kind Amalia.«

Neben den Bildern dieser zwei Männer, die jetzt in den Vorgrund gestellt sind, verblassen die anderen Gestalten, die bis hierher geleitet und geführt haben. Hemsterhuys bekommt den Abschied. Zwar bleibt er immer Freund, geistreicher Correspondent, was Weltsachen und Weltfragen betrifft, aber er ist kein Führer, kein Vertrauter mehr. Die philosophischen Liebesbriefe, die Episteln Diotima's an Sokrates nehmen ein Ende. Vor ihrer Reise nach Münster erscheint der Fürstin im Traume Sokrates, das heißt der ächte griechische Sokrates, und nimmt von ihr Abschied. »Bis hierher habe ich dich führen können,« sagt er, »jetzt reiche deine Hand einem andern Führer.«

Die enge Verbindung mit Overberg gab nun der Welt die neue Erscheinung der Fürstin in den festesten Umrissen; Niemand konnte jetzt mehr zweifeln, was sie sein wollte und wie man sie zu nehmen habe. Die Geistreichen einerseits, die weltlich Vornehmen andererseits waren abgewiesen. Die Philosophie, die Poesie, die Grazie des Salons wurden verscheucht. Ein Briefwechsel, den Goethe, Herder, Lavater antrugen, wurde abgelehnt, als zu weltlich verführerisch und der frommen Meditation die Zeit raubend. Hamann starb zur rechten Zeit und erlebte nicht, daß die Freundin auch für ihn erkaltete. Sie wollte nichts gewinnen, nichts erringen, als die demüthige Stellung, den »Säuglingen Gottes« anzugehören, und zwar unter Overbergs Leitung. Die Frommen waren entzückt, sie sahen in dem Verhältniß der Fürstin zu dem Priester jenen alten Liebesbund gottbefruchteter Herzen neu erstehen, wie er einst zwischen Vincenz von Paula und der Frau von Gondi, zwischen Fénelon und der Frau von Guyon bestanden, ja wie die heilige Therese mit Johannes a Cruce ihn einst geknüpft; selbst der heilige Hieronymus in seiner Hinneigung zu der heiligen Marcella konnte als leuchtendes Vorbild den verbundenen Herzen vorschweben.

Die Welt aber nahm ein lebhaftes Aergerniß daran. In Pempelfort, wo der philosophische Jacobi mit seinen Freunden weilte, wurde viel gestritten, hin und her gefragt und mitunter sogar gespöttelt. Der Fürst Galitzin und Hemsterhuys kamen öfters nach Münster, um sich die Dinge in der Nähe zu besehen; die Fürstin ging ihnen freundlich entgegen, aber in ihre neuen Geheimnisse blicken ließ sie die Profanen nicht. Man suchte sie aus ihrer Umgebung herauszulocken und zu Reisen zu verleiten. Sie ging nach Holstein, wo sie den Grafen Stolberg aufsuchte und in ihm Keime lebhafter Sympathie weckte, die später, im Jahre 1800, wo Stolberg in Münster zur römischen Kirche übertrat, in Blüthe kamen. Auch nach Pempelfort ging sie, um sich ihrem Gemahl gefällig zu bezeigen, allein die fromme Pilgerin fand an nichts mehr Gefällen, was sie sonst erfreut hatte. Still, gesenkten Hauptes sah man sie durch die hohen Taxusgänge des Pempelforter Parks wandeln, und das Heer der Freunde folgte ihr in scheuer Ferne, keiner wagte sie, die Allen wie eine Sybille in ihre göttlichen Phantasien versenkt erschien, durch modische Tändeleien aufzuschrecken. Georg Jacobi, der Dichter der kleinen nackten Amoretten, dieser faden Wesen, aus gemaltem Morgenroth und schlechten Versen zusammensetzt, las ihr vergeblich seine Poesieen vor; empfindlich klagte der eitle Dichter seine Noth dem Bruder, dem Philosophen; doch auch dieser war empfindlich, er fühlte sich zurückgesetzt. Im Briefwechsel F. H. Jacobi's kommt eine Stelle vor, die ein scharfes Licht auf die beiden Brüder und jene Pempelforter Periode wirft. Jacobi lobt die Fürstin Anfangs in pomphaften Ausdrücken, wenige Seiten später gießt er eine hämische, klatschhafte Satire über sie aus, die sie als eine eitle, hochmüthige und ewig Recht haben wollende Person hinstellt; auch sei sie nicht mehr schön, nicht mehr graziös, kurz, für ihre Freunde eher lästig als angenehm. Vielleicht liegt zwischen diesen zwei Stellen, die sich auf eine auffallende, gar nicht philosophische Weise widersprechen, irgend ein interessantes Factum, das wir leider jetzt nicht mehr mit Gewißheit ausmitteln können. Vielleicht hatte die Fürstin inzwischen den Woldemar, jenen berühmten philosophischen Roman Jacobi's, gelesen, der ganz Berlin in Entzücken versetzte, und er hatte sie nicht in Entzücken versetzt. Flugs schrieb der beleidigte Autor jenen Brief, in welchem er Alles widerrief, was ein früherer behauptet hatte. Große Philosophen haben das manchesmal in ihrer Art.

Wenn wir übrigens das Bild jener Tage uns vergegenwärtigen, die damals in Pempelfort gefeiert wurden, und wie die reichlich aufbewahrten Briefe sie uns schildern, so kann man kaum der Fürstin Unrecht geben, wenn ihre früheren Freunde und das ganze Treiben der damaligen Geister ihr eben nicht sehr gefielen. Durch Goethe's lebendige Schilderung wissen wir, wie es an dem gastlichen Tische Jacobi's herging; aber Goethe, mit großem, freiem Blicke die Gesellschaft überschauend, und in Jugendfülle sich über sie erhebend, hat sicherlich die vielen Albernheiten nicht bemerkt oder nicht bemerken wollen, die in jenem Kreise gleichsam zu Hause waren. Es war unendlich viel Prüderie, Affectation, lächerliche Geniesucht und alter abgestandener, neumodisch gewordener Pedantismus dort zu Hause. Die Dichtkunst, oder eigentlicher die Versekunst hatte zwei fatale Repräsentanten dorthin gesendet. Der eine war jener schon besprochene Bruder des Hausherrn, der andere der langweilige »Vater Gleim.« Dieser Kanonikus von Halberstadt und Allerweltsfreund hatte eine glückliche, aber sehr kurze Periode, wo er in der That Etwas leistete und wirkte. Diese Periode war kurz nach Beginn des siebenjährigen Krieges, wo er Kriegslieder dichtete, die die Zeitstimmung nicht allein glücklich aussprachen, sondern sie auch hoben. Die deutsche poetische Literatur bewahrt einige Lieder aus der Feder dieses Mannes, die einen eigenthümlichen Zauber und ein äußerst frisches Kolorit haben. Dies hinderte aber nicht, daß derselbe Dichter zuletzt ein trauriger Reimschmied und Manierist wurde, als die Zeitereignisse ihn nicht mehr trugen. Was ihm an poetischer Kraft abging, suchte er nun durch eine unermeßliche Schreibseligkeit zu ersetzen. Er korrespondirte mit alter Welt, und das Brieffelleisen aus Halberstadt war immer zur Hälfte angefüllt mit Briefen des Kanonikus, die er an seine Freunde nach Ost, Süd, Nord und West sandte. Die Literaturgeschichte hat einen großen Stoß dieser Briefe aufbewahrt; sie alle aufzubewahren, wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.

Dieser alte Vater Gleim nun war der Rathgeber, der Freund, der Apostel aller dichtenden Talente jener Tage, und unter diesen Talenten finden sich auch einige wahrhaft große Männer, aber der alte Gleim, der gar keine Kritik besaß, nannte alle seine Freunde groß. Die beiden Stolberg, die beiden Jacobi, Voß, Gerstenberg, Wieland, Goethe, Herder, der ältere Kleist und unzählige Andere korrespondirten mit Gleim oder wohnten bei ihm in seinem Musentempel zu Halberstadt. Unter den Narrheiten, die der Alte beging, war auch seine Tändelei mit der Freundschaft, sein Bekränzen mit Rosen, seine Gaukeleien mit den Grazien und Amor, seine Apostrophen an Bacchus. Dieses Spiel wurde über alle Grenzen hinaus getrieben. In Pempelfort erreichte der Muthwille die Spitze. Es gab da Abende, wo alte und junge Männer sich berauschten, sich mit Rosen bekränzten und schlechte Uebersetzungen des Anakreon und Catull absangen. Die Zärtlichkeit Gleims wurde lächerlich gemacht, man warf sich in seine Arme, um ihn hinterrücks mit Wasser zu begießen und Possen aller Art zu treiben.

Das war nun durchaus nicht geistreich. Eine Frau wie die Fürstin Galitzin konnte dies unmöglich amüsant finden. Dann aber freilich gab es wieder Abende, wo man wieder sehr geistreich schwatzte und sehr tiefsinnig plauderte. Dieses kleine Schloß Pempelfort war das deutsche Haus Rambouillet. So wie damals in diesem Hotel zu Paris eine buntscheckige, abenteuerlich componirte, geistreiche Gesellschaft sich in Thorheit und Weisheit zusammenfand, so auch hier. Die Fürstin sagt in einer Stelle ihres Tagebuchs über diese Zeit: »Unter all den abwechselnden Scenen auf der Reise nach Düsseldorf, wo wir bei Jacobi mancherlei berühmte Personen fanden und in einem Strudel von Reizungen zur Eitelkeit lebten, blieb meine Seele zwar nie gleichgültig, aber doch stille. Der Geist der christlichen Religion schwebte mir so habituell vor Augen, daß bei jedem Anlaß zum Aergerniß, zur Empfindlichkeit und Reizbarkeit mir zu Muthe ward, als sagte ich zu den Anlässen: stille, stille! stört mich nicht in meiner Achtsamkeit auf das Bessere.«

Die jetzt folgenden Jahre, wo die merkwürdige Frau sich ganz in ascetisch christliche Anschauungen versenkte, wo sie sich in die dunkle mystische Tiefe einer Betkapelle schweigend und mit feierlichem Schritte zurückzog, gehören nur ihrem geringern Bestandtheile nach in diese Auffassung. Wer hierüber Ausführlicheres lesen will, sehe das schon erwähnte Katerkampsche Buch nach, das, aus katholischem Standpunkt aufgefaßt, am liebsten und am längsten bei dieser Lebensperiode der Fürstin verweilt. Wir wollen hier nur einige Stellen des Tagebuchs anführen.

Nachdem sie nunmehr jedes Band, das sie mit der Welt verknüpfte, zerrissen hatte, schrieb sie an ihren Führer und Freund Overberg: »Gott hat Sie zum Beschützer unter die Unmündigen und Säuglinge seiner Kirche gesetzt. Halleluja! Lieber, Einziger, vergessen Sie es nie, vergessen Sie es nie: Gott hat mich unter diese gesetzt und zu Ihrem Säugling mich gemacht!« – An einer anderen Stelle sagt sie, ebenfalls in Bezug auf Overberg: »Das größte und sicherste Kriterium wahrer Freundschaft ist, wenn Zwei in ihrem innersten Herzensgebete zu Gott immer ohne Anstand und Zweifel, ohne Bedenken und Einschränkung sagen dürfen: »Wir.« – Diese Hingebung an den Führer ging so weit, daß sie sich bei der Frage, ob dieses oder jenes geschehen solle, unbedingt seinem Ausspruch unterwarf; »denn,« schreibt sie, »wenn ich meiner Neigung folge, so bin ich ohne Gnade.«

Was die frommen poetischen Ergüsse der Feder der Fürstin in dieser Periode betrifft, so kranken sie an dem Uebel, das fast alle frommen Liederdichter heimsucht, nämlich der gute Wille muß für die That gelten: als Poesien sind sie schlecht, als Gebete gut. Nichts ist wundersamer, aber auch nichts seltener, als die ächte göttliche Ausströmung in ächter poetischer Gestaltung. Gott hat ohne Zweifel gewollt, daß diese Gattung der Poesie nie entweiht werden sollte; darum hat er sie so selten zur Erscheinung kommen lassen, hat sie vielleicht in einem Jahrtausend nur Einem Manne oder Einer Frau in's Herz gesenkt. Jener feurige Sturm, der durch die goldenen Saiten von Davids Harfe brauste, der heroische Gesang, dem die Völker aller Zeiten lauschen, er wäre auch zu gewaltig, wenn er öfter und bei minder wichtigen Anlässen sich erhöbe; die Welt ertrüge ihn nicht. Die großen Schmerzen, diese Goldgruben der Poesie, hütet der Genius mit der unerbittlichsten Strenge, und welcher Schmerz wäre größer, als der, den die Creatur empfindet, die in brennender Sehnsucht ihrem Gotte nachfliegt, ihn nicht erreichend. Wir schreiben daher von den Gedichten der Fürstin nichts ab, weil wir sie lange nicht so finden, wie wir sie haben möchten.

Ein Hymnus auf die Liebe ist frostig, er hat den alten Leierklang eines Gesangbuchliedes; aber sehr wahr und rührend empfunden sind Betrachtungen, die überschrieben sind: »Ueber meine schlaflosen Nächte.« Hier sagt sie, im Dunkel ihrer peinvollen Nachtstunden seien süße Geheimnisse an ihre Seele herangetreten und Stimmen, deren Klang nichts Irdisches verrathen, haben mit ihr von einem Bilde kommender Glückseligkeit gesprochen.

»Auf deinen Fittigen getragen, o Nacht,«, ruft sie aus, »erhob ich mich oft zum Thron des Ewigen, und betete an den mir sonst oft so dunklen, schauervollen Rathschluß. Seid mir darum gegrüßt, ihr meine schlaflosen Nächte, Geschenke der wachenden Liebe! Ungeahnte Thränen verwandeln in eurem Schooße sich in köstliches Manna, zur Nahrung der schmachtenden Seele!«

Merkwürdig ist ihre Hinneigung zu den von der neueren Kirche abbestellten kirchlichen Kasteiungen. Sie sagt darüber: »Wer den Keim der Seligkeit hienieden in sich sprossen fühlt, der wird es auch erfahren, welch ein Unterschied darin liegt, sich aus Liebe, oder blos statt der Liebe zu mortisiciren, zu kasteien auf alle Art. Ich bin überzeugt, daß Mangel an heller Einsicht dieses Unterschieds die doch so nützlichen Abtödtungen aus der Mode gebracht hat. Menschen, die sie statt der Liebe üben, werden stolz darauf, die sie jedoch aus Liebe üben, betrachten sie als etwas Kleines, Unbeträchtliches, das weit unter allen Tugenden des Christen, wie Demuth, Gehorsam, Geduld, steht. Ein solcher übt die Kasteiungen nicht als Stellvertreter, sondern als eine Thätigkeit seiner Liebe, die den Drang fühlt, äußerlich hervorzutreten. Wer hat je geliebt und kennt die, ich möchte fast sagen kindische Unruhe des Herzens nicht, das immer geben, gehorchen, dienen will für den Geliebten, indem jeder dieser Akte ihm so zu sagen seine eigene Liebe doppelt zu genießen gibt, einmal in sich und einmal im Andern!« Für ihren ehemaligen philosophischen Führer Hemsterhuys fallen bei der Gelegenheit schlimme Brocken ab; sie sagt: »daß die Philosophie vor und nach Christus uns nie einen festen Weg führte, wird aus der Uneinigkeit deutlich, in welcher alle Philosophen von jeher bis auf den heutigen Tag unter einander gelebt haben. Das höchste Resultat, das die Philosophie erzielt, beweist, daß sie nur Verhältnisse, nicht das Wesen auffinden kann. Es ist die in Armuth gerathene, verkommene Vernunft, die zum Graben weder Fuß noch Hand hat und sich schämt zu betteln.« Das klingt nun freilich anders, als damals, als »Diotima« an »Sokrates« schrieb. Es ist ferner auffallend, daß die Fürstin, wenn ihre religiösen und mystischen Betrachtungen auf eine gewisse Höhe gelangen, anfängt, lateinisch zu schreiben. Sie, die ein sehr elegantes Französisch sprach, als sie noch eine Weltdame war, spricht jetzt, da sie alle Weltformen abgelegt, schlechtes Mönchslatein. Gewiß liegt hierin auch ein charakteristischer Zug.

Wieder in die Welt hineingezogen wurde die tiefsinnige Fromme, als es nun an der Zeit war, daß ihr Sohn sich eine Lebensstellung erwerben sollte. Nun wurde der alte Fürst, der immer noch im Haag residirte, nun wurden die Freunde in Berlin und Petersburg von Neuem rebellisch, und als es bekannt wurde, daß der junge Prinz, in Amerika angelangt, sich daselbst zum Missionär ausbilde, donnerte und tobte die ganze Verwandtschaft. Die Kaiserin Katharina wurde ersucht, einen Befehl zu erlassen, der den jungen Russen nach Petersburg an den Hof rief, um ihn zum Offizier in der Garde zu machen. Ein Missionär und ein Gardeoffizier! Welch ein grausamer Scherz des Schicksals! Welch ein bittrer Leideskelch für die Mutter, die hier thätig einwirken und entscheiden sollte! Heimlich, in der Stille ihrer Betkammer, hatte sie Gott schon inbrünstig gedankt für die Gnade, die er ihrem Sohne hatte zukommen lassen, indem er ihn der Welt entzog; öffentlich mußte sie nun, um eine Schaar weltlicher und stolzer Verwandten zu beschwichtigen, Briefe wechseln, Beweise ausstellen, daß sie ihren Sohn nie geleitet habe bei der Wahl einer Lebensstellung. Sie führt sogar in der Angst ihres Herzens den Fechtmeister namhaft an, den sie ihm gehalten, um ihn in den Waffen üben zu lassen. Man glaubte ihr nicht; man gab ihr Schuld, sie habe ihren Sohn absichtlich zum »Pfaffen« erzogen. Sie rang die Hände, sie weinte mit Overberg, und der ganze Schatz religiöser Trostgründe wurde erschöpft, um Beider Herzen fest und ruhig zu machen.

Der General Graf Schmettau in Berlin, ihr Bruder, zeigte sich besonders ungeberdig. Er schrieb seinem Neffen Drohworte nach Amerika, und dieser antwortete mit Citaten aus der Bibel und den Kirchenvätern. Darauf wußte freilich der General nichts zu erwidern. Der Missionär blieb Missionär. Die Mutter siegte und brachte es sogar noch dahin, daß der heftig erzürnte Vater endlich dem Sohn noch seinen Segen ertheilte. Das war aber ein harter Schlag für den alten Gesandten und Höfling; erst eine unter die Frommen gegangene Gemahlin, und dann ein Sohn, der Missionär wurde! Der Fürst überlebte dieses Desappointement aller seiner Wünsche und Hoffnungen nicht lange. Er zog mit seinen schönen Gemälden, mit seinen Vasen, seinen kostbaren kleinen Nippes nach Petersburg, und starb dann auf einer diplomatischen Mission in Braunschweig im Jahr 1803. Beim Tode des Fürsten kam der alte Groll der Verwandten wieder lebhaft an's Tageslicht; man entzog der Fürstin die Einkünfte ihrer Güter und wollte sie dadurch zwingen, nach Rußland zurückzukehren; aber Kaiser Alexander, an den sie sich wandte, gab einen Befehl, der diese Machinationen vernichtete. Neue Verlegenheiten zeigten sich, als der Sohn aus Amerika herbeikommen sollte, um in Person die Güter in Rußland anzutreten: er wollte nicht. Die Mission war ihm wichtiger, als Erlangung und Sicherstellung irdischer Besitzthümer. Die Mutter gab ihm Recht. Die Zeiten, wo die Christen arm und verfolgt waren, seien das goldene Zeitalter der Kirche gewesen, schrieb er der Mutter; er sei demnach auf den Fall gerüstet, gänzlich zu verarmen. Die Mutter ihrerseits sagte zu Overberg: »Derjenige, der die Lilien auf dem Felde kleidet, wird auch mich und meine Tochter kleiden, wenn man uns unsere Schätze nimmt.« Es kam aber nicht so weit. Vermittelnde Wege wurden eingeschlagen; der Besitz blieb den Verfolgten so ziemlich ungeschmälert.

Bald nach diesen Kämpfen nahte sich die Pilgerin dem Ziele ihres Lebens. Eine Reise, die sie zu ihrer Freundin, der Aebtissin von Vreden, Gräfin von Truchseß, machte, erschöpfte ihre körperlichen Kräfte; ein gichtiges Uebel, das sie schon seit Jahren gequält hatte, nahm eine gefährliche Gestaltung an, und ein schmerzhaftes Krankenlager führte die arme Leidende endlich am 27. April 1806 dem Tode in die Arme. Ihr Freund Overberg hielt an ihrem Krankenbette feierliche Messe. Beim Empfang der Sakramente und in den Armen ihrer Tochter, der Prinzessin Marianne, und ihres Arztes, Rath Druffel, starb sie. Ihre sterblichen Reste ruhen in der Kirche zu Angelmodde, wo ein einfaches Denkmal die Stätte bezeichnet, wo sie hingebettet wurde. Alles, was der Hingang eines Frommen Erschütterndes haben kann, war an diesem Sterbelager vereinigt. Die Gestalt Overbergs wirkt, wenn man die Beschreibung dieser letzten Lebensmomente liest, wie eine außerirdische Erscheinung. Der Priester, der Freund, der Lehrer, der Genosse in Glück und Leid – alles dieses, und noch etwas, was keine sterbliche Zunge zu nennen und zu bezeichnen weiß, war in dem Priester vereinigt. Er empfand diesen Verlust, wie nur eine solche Seele empfindet.



Anna Louise Karsch.

Das Leben dieser, gewöhnlich unter dem Namen »die Karschin« angeführten Dichterin gibt ein auffallendes Bild von Naivetät und Affektation, von Sitteneinfalt und Sittenüberfeinerung, von wahrer Demuth und dem lächerlichsten Dünkel. Das achtzehnte Jahrhundert in Deutschland legt seine am meisten charakteristischen Züge in das Leben dieser Frau nieder, die als Bäuerin aufwuchs und als gekrönte und gefeierte Dichterin starb. Aechtes Elend und falscher Glanz verbinden sich seltsam in dieser abenteuerlichen Erscheinung. Während ihre Biographie Seiten darbietet, die Schilderungen enthalten, die uns Thränen des innigsten Mitgefühls entlocken, treffen wir gleich darauf auf Stellen, die dem Geißel der Satire nicht geeigneter könnten dargeboten werden, und wo Personen und Verhältnisse, ohne daß es im entferntesten beabsichtigt wurde, die lebhafteste Spottlust in uns wecken.

Es mag nicht unpassend erscheinen, hier gleich beim Beginn unsers Aufsatzes das Urtheil einer Augenzeugin zu geben, die damals, es war im Sommer des Jahres 1790, die Karschin noch in ihrer Glanzperiode sah. Es liegt uns ein Brief vor, den eine junge Gräfin Steenbock damals aus Berlin nach Reval an eine ihrer dortigen Verwandten schrieb und in welchem folgende Schilderung vorkommt:

»Wir saßen noch bei Tafel, als eine Kutsche vorfuhr, in der die berühmte Karschin saß. Mein Vetter und ich gingen, oder vielmehr wir flogen an's Fenster, um sie aussteigen zu sehen. Es dauerte lange, ehe sie mit ihren vielen Röcken, von denen einige einen ungeheuren Umfang hatten und durch Fischbeinreifen ausgespannt wurden, fertig wurde und endlich ein Bein aus der Kutsche strecken konnte, das das Bein einer Bäuerin war, trotz dessen daß ein seidener Strumpf es umspannte. Nie sah ich einen häßlichern Fuß. Sie zwang sich, diesen Fuß zierlich und in einer Tänzerstellung hinzusetzen, allein jeder Versuch scheiterte an dem ursprünglich derben Bau des widerspenstigen Gliedes und an seinen ländlichen, ihm früh beigebrachten Posituren. Als sie endlich mit den Füßen draußen war, blieb sie noch mit ihrem Kopfputz hängen, und der Kutscher verließ seinen Sitz, um seine unglückliche Patronin frei zu machen. Dies bewirkte er, indem er eine Welle gepuderten Haars nahm und mit derber Faust nach hinten schob, wodurch die Frisur – ich glaube es war eine coeffure á la reine – bedeutend abgeplattet wurde. So bekamen wir denn etwas beschädigt und zugerichtet unsere berühmte Frau in den Saal. Sie stieg die Treppe hinauf mit dem Pomp und dem Siegeslächeln einer Göttin. Oben empfing sie mein Oheim und erwiederte ihre drei tiefen Verbeugungen mit einem respektvollen Gruße. Sie hatte einen hochgelben Reifrock an mit Bouquets von Feuerlilien übersäet, an der Brust hatte sie etwas, das wie ein Ordensstern aussah, es war jedoch nur eine galante Spielerei, die der Herzog von Gotha ihr gegeben, ein kleines, ziemlich skabröses Gemälde: Leda, die den Besuch des Schwans empfängt. Niemand anders als die Karschin würde gewagt haben, ein so anstößiges Geschenk so offen zur Schau zu tragen. Allein sie ist so eitel und hat so wenig Geschmack, daß sie alles, was man ihr schenkt, an ihren Körper hängt, ohne zu bedenken, ob es auch passend sei. Wie eine Wilde liebt sie blitzende Gegenstände und trägt sie zur Schau. Sie ist eine magere Person, mit einem langen, dünnen Halse, auf dem ein Kopf sitzt, der, von ferne gesehen, fast wie ein Todtenschädel aussieht, ein Todtenschädel in Puderwolken, Blonden, Zitternadeln und gefärbte Federn gehüllt. Wenn man sie näher betrachtet und mit ihr in Gespräch kommt, so bemerkt man, wie gut, fromm und wohlwollend diese Züge im Ausdruck sein können. Ihre Stimme ist, wie es bei alten Frauen eine Seltenheit, reich und wohllautend, und die Verse, die sie sogleich macht und herspricht, nachdem man ihr ein beliebiges Thema aufgegeben, sind vielleicht weniger gut, als sie gut klingen und das Ohr bestechen, ehe sie noch Zeit fanden, den Verstand und das Gefühl für sich zu gewinnen. Sie schied von uns als unsere gute Freundin, und Francois begleitete ihre Kutsche noch eine Strecke zu Pferde, als wir sie nach Berlin zurückfahren ließen. Diesen Ehrendienst vergalt sie durch ein kleines Gedicht, das sie aus dem Kutschenfenster heraus ihm zudeklamirte, und worin mein Vetter mit dem Merkur verglichen wird, der eine vom Parnaß eschappirte Muse wieder zurück führt. Ich sende Euch eine Abschrift dieses Poems. – –«

In einer Meierei unweit der schlesischen Grenze und in der Nachbarschaft des Städtchens Schwiebus wurde 1722 am ersten December Anna Louise Dürbach geboren. Die Mutter war Kammermädchen bei einem Fräulein von Mose, und scheint sich auf dem herrschaftlichen Schlosse eine ziemlich emanzipirte Stellung gegen ihre Gebieterin errungen zu haben, wenigstens geht aus den Mitteilungen der Tochter hervor, daß man es ungehörig fand, eine so liebenswürdige Person, wie die Jungfer Kuchel, an einen Schenkwirth verheirathet zu sehen. Meister Dürbach war Schenkwirth und Pächter, und kümmerte sich wenig um die Talente seiner Frau, die schön tanzte und trefflich sang, er hielt sie zu sorgsamer Beschickung des Haushalts an. Die empfindsame und tugendhafte Schenkwirthin, die auf dem Schlosse mit dem sentimentalen Fräulein geschwärmt hatte, der von den schlesischen Junkern der Hof gemacht worden, fand sich nur schwer in die herbe Nothwendigkeit, innerhalb einer baufälligen Hütte die Pflichten ihres neuen Amtes auszuüben. Am widrigsten waren ihr die Scherze der rohen Handwerksburschen, die in der kleinen Grenzschenke einsprachen; auch trank ihr Mann eine gar zu große Quantität seines eigen fabrizirten Bieres.

Unsere Dichterin sagt von sich selbst, daß sie ein unbeschreiblich häßliches Kind gewesen sei, und es ist rührend zu lesen, wie demüthig sie von ihrem Eintritt in die Welt spricht. Mein Körper, sagt sie, war eben so gelb und schrumpfig, als meine Gesichtshaut, die runzlige Stirnhaut hing mir über die Augen hin, und diese lagen tief und finster im Kopfe: mein magres, kleines Gesicht hatte eine widerwärtige Ernsthaftigkeit. – Ihre Tochter setzt hinzu: »Indeß ist anzubemerken, daß die Dichterin nachher nichts weniger als häßlich aufwuchs, und hätte sie ihren Körper und ihr Mienenspiel in der Gewalt gehabt, so würde sie bis zu ihrem Tode beinahe für schön haben gelten können. Sie hatte einen wohlgeordneten, feinen Wuchs mittlerer Größe, schöne und dauernde Gesichtsfarbe, hellbraunes Haar, die schönste Stirn, welche jemals gesehen worden, auf welcher ganz das Licht ihres großen Geistes ausgebreitet lag, die strahlenvollsten, hellsten, sprechendsten blauen Augen, beständig rothe Lippen, und bei guter Laune herzlichen Frohsinn in den Mienen. Allein wenn sie ihren »Forschblick« hatte, welcher die meiste Zeit in ihrem Gesichte herrschte, so war sie schwer auszuhalten, und man würde nicht haben mit ihr Umgang pflegen können, wenn ihre Gedanken und ihr Thun nicht leicht wären abzulenken gewesen durch Zerstreuung, welche oft den Augenblick wirkte. Die Augenlider zogen sich bei solchem Blicke zusammen, das Auge wurde kleiner, und seine Strahlen schossen, gleichsam wie die Sonne in einem Brennpunkte auf seinen Gegenstand zusammen. Es war ein verzehrender Blick; lenkte der Gedanke ihn ab, so sah er seitwärts und ging in eine lächelnde Bewegung des Mundes über, welche nicht weniger Scheidewasser als der Blick selbst hatte. Die Dichterin, welche nichts von diesem Mienenspiele wußte, hat sich unzählige Verdrießlichkeiten dadurch zugezogen, und eigentlich kann man es die Grundlage aller ihrer Unglücksfälle nennen.«

Diese Schilderung, die die Tochter von der Mutter macht, ist merkwürdig, besonders wenn man sie gegen andere beschreibende Portraits hält, die die Zeitgenossen gegeben haben; zum Beispiel das obige der Gräfin Steenbock. Die Tochter will nicht sagen, daß die Mutter unangenehm häßlich gewesen, sie gibt daher allerlei seltsame Umschreibungen; wir wissen aber durch Andere, daß die Karschin in der That so abschreckend von Gestalt und Mienen war, daß sie zu Zeiten so unleidliche Grimassen schnitt, daß es ihr nie gelang, ihr, die so zärtlich fühlte, auch auf den tolerantesten Mann Eindruck zu machen.

In ihrem sechsten Jahre nahm ihr Großvater sie zu sich. Dieser, von dem mit großem Rühmen gesagt wird, daß er ein »studirter« Amtmann gewesen, lehrte die Kleine, die ihm gefiel, Lesen, Schreiben, die Anfangsgründe der Wissenschaften und endlich sogar Latein. Die Mutter und die Großmutter waren außer sich; beide bestürmten den »studirten« Amtmann, seine verderblichen Bestrebungen einzustellen. Die Großmutter rief ihm zu: Du lehrst das Mädchen schreiben, und zu welchem Gebrauch wird sie die Feder führen? Um Liebesbriefe zu schreiben. Die Mutter rief: Ein Mädchen, das Latein versteht, hat sich dem Teufel verschrieben! Der Amtmann mußte seinen Liebling wieder hergeben, und Frau Durbach, die unterdessen ihren Namen gewechselt hatte und nach dem Tode ihres Mannes den Jäger Hempel geheirathet hatte, nahm ihre nunmehr zehnjährige Tochter zu sich. Sehr rührend war der Abschied der Enkelin vom Großvater: sie war so glücklich gewesen bei dem alten freundlichen Manne, der so viele gelehrte Bücher hatte und ihr so schöne Dinge vorsprach. Ihre Kindheit zählte nur diese drei glückliche Jahre, und dieses Paradies schloß sich ihr jetzt für immer. Der Großpapa mit seinen lateinischen Büchern verschwand, und die arme Kleine kam wieder in's Dorf, in die lärmende Schenkstube, zu ihrer Mutter, die unterdeß kränklich und übelgelaunt worden war, und der die zweite Ehe keinen Segen brachte.

An der Wiege ihres Stiefbruders fand sie ihre bleibende Stätte: sie wuchs als Kindermagd auf; dann, als diese Thätigkeit der arbeitsamen Mutter noch nicht genügend schien, schickte sie das Mädchen als Hüterin einer kleinen Heerde auf Feld und Flur. Hier begann die eigenthümlich poetische Ausbildung Anna's. Die junge schlesische Hirtin sog in der Fülle und Freiheit der Natur und Einsamkeit dieselben Quellen dichterischer Schöpferfülle ein, an denen ihre Genossen, die Schüler und Meister der schlesischen Dichterschule, groß wuchsen, und die die süße und bezaubernde Begabung ihres Landsmannes, des armen und unglücklichen Günther, der Beachtung und Bewunderung so würdig machten. Deutschlands Dichtergarten ist Schlesien; jenes Ländchen, in welchem eine weiche, geschmeidige Natur dem träumenden Genie die Farben und Formenfülle des Südens gibt, während der Norden die Stätigkeit und Schärfe des Gedankens hinzufügt. Tiefer südlich und höher nördlich fallen die Elemente, die sich hier lieblich einigen, schroff auseinander: die kalte Skepsis Berlins, die genußsüchtige Trägheit Wiens.

Anna war Schäferin. Sie hatte den weiten Himmel über sich, die rauschenden Gebüsche, die Quellen, die Ebenen, über die der Westwind blies, den Thauwind, der die Wolken treibt, »trüb und feucht, wie wenn der Wolf die Heerde scheucht,« dann den ewigen Sternendom, die volle und dann sich wieder leerende Mondschale, das Gebirge im Nebel der Ferne; kurz, die ganze herrliche Welt, wie sie schon die Patriarchen sahen, diese Könige und Hirten, umgab das Mädchen, dem Gott eine dichtende, träumende Seele gegeben. Das Eigenthümliche und Besondere an der ganzen Erscheinung Anna Louise Karsch ist eben ihre Schäfer- und Dorfnatur: das Ursprüngliche, das Naturvollendete, das Einfachgläubige in ihrem Wesen. Rammler verstand sie wenig, als er ihre Verse in künstliche Maaße theilte, und die schlesische Hirtin zwang, sich Sapho zu nennen. Wohl der Dichterin, daß ihre ursprüngliche Natur so stark war, daß sie nicht ganz dem Einflusse des gelehrten Kritikers unterlag: wir würden dann nichts von ihr zu berichten haben; sie wäre unter der Masse überkünstelter und schwacher Talente der damaligen Tage spurlos untergegangen und hätte allenfalls neben der pretiösen Figur eines Gottsched ihren Platz gefunden, nicht im Gedächtniß ihres Volkes, sondern in der Literaturgeschichte. Sie selbst war von dieser Ueberzeugung durchdrungen, denn sie singt irgendwo:


Der Tugend Freund, der Wahrheit Redner, du
Lobst mein Talent, schreibst der Natur es zu:
Sie ist es werth, und ihr gebührt die Ehre,
Ihr danke ich Einfall, Ausdruck, Geist und Schwung:
Mir gab die Kunst niemals Bereicherung,
Und nie nahm ich von einem Meister Lehre.


Der letzte Satz ist, wie wir bemerkt haben, leider nicht ganz wahr: sie nahm allerdings Lehre an, von Rammler, von Gleim, von Sulzer, von fast allen ihren gelehrten Zeitgenossen; allein diese gelehrte Schule kam zu spät, um zu verderben. Eine anmuthige Episode in ihrem Jugendleben bildet ihre Bekanntschaft mit einem jungen Hirten, der wie sie eine kleine Heerde auf die Triften trieb und der wie sie sich nach Gesellschaft bei seinem einsamen Tagewerke sehnte. Diesen Hirten muß man sich nicht als einen poetischen, schönen Jüngling vorstellen, er war klein, verwachsen und strickte an einem großen blauwollenen Strumpfe, wie die Schäfer in Sachsen es noch jetzt thun. Aber er strickte nicht immer, er las auch manchesmal, und unsere nach Büchern gierige Dichterin machte diese Entdeckung mit großer Freude; sie stürzte sich über die Bücher her, und der Schäfer las mit ihr die Melusina, die asiatische Banise, den Robinson. Das Pärchen saß beisammen unter dem Schatten einer breitlaubigen Ulme, und jene zaubervollen Begebenheiten, die die Seiten der genannten Bücher füllten, nahmen die jugendlichen Geister gefangen und gossen ein feuriges Leben in die noch ungeschwächte Phantasie. Der Sommer war kurz, diese Freuden hätten ewig dauern sollen; die Heerden wurden in die Ställe getrieben, der Winter trennte die beiden Genossen; allein der erwachende Frühling führte sie wieder zusammen. Drei glückliche Jahre wurden so hingebracht. Anna zählte funfzehn Jahre. Die Mutter und die Großmutter fanden, daß das Mädchen verwildere, und man beschloß, sie zu einer nah wohnenden Müllerin zu geben, die eine Geschicklichkeit besaß, feine Näharbeiten zu fertigen. Auch in der Mühle fand Anna ein eigenthümliches poetisches Leben. Die Müllerin unterhielt ein Liebesverhältniß mit einem Husarenrittmeister, der in der Gegend in Garnison stand, Anna wurde gebraucht, um Wache zu stehen, damit die Liebenden nicht überrascht würden. So wenig moralisch und zu empfehlen ein solches Amt sein mag, so dienlich ist's unstreitig, die Phantasie zu wecken und poetische Träumereien zu festen Gestalten zu formen. Die Welt der Schatten, die das Mädchen aus den Büchern ihres Freundes und aus dessen Erzählungen kennen gelernt, verkörperte sich vor ihren Augen in greifbare Formen, in verständliche Situationen. Ein hübscher Husar erklettert vor ihren Augen eine gefährlich hohe Mauer, die den innern Hof der Mühle einschließt, sein Pferd bleibt im Schatten des Wäldchens zurück, er winkt dem Mädchen lächelnd zu, er droht ihr scherzhaft mit dem Finger, er ist über die Mauer weg verschwunden; nach einer Weile erscheint er wieder, seine rothen Wangen sind gebleicht, der feurige Blick gesenkt, es wird ihm etwas schwer, die Mauer zu erklettern, die er wenige Minuten früher spielend übersprang; er holt sein Pferd ein und ist in der Nacht des Wäldchens verschwunden, nachdem er dem wachestehenden Mädchen ein paar Kupfermünzen in die Schürze geworfen hat. Sie steht und sinnt und lächelt; das Mühlrad rauscht, die Gipfel des Waldes lispeln vernehmlich, der Storch auf dem Giebel der Mühle klappert, es ist ein heißer, stiller, duftdurchzogener Abend; noch von ferne hört sie den Hufschlag des davoneilenden Räubers, der hier, der Himmel weiß was, gestohlen hat. Endlich öffnet die schöne Müllerin leise den Laden im untern Geschoß; sie lehnt sich hinaus, wirft spähende Blicke umher, und da sie nichts Drohendes erblickt, athmet sie die Kühle des Waldbaches ein, der den Gischt seiner durchs Mühlrad emporgewirbelten Wellen auf ihre glühenden Wangen, ihren heißen Busen spritzt. Niemand ahnet in dieser stillen Einsamkeit, daß ein Dichterauge wach ist, daß ein Dichterohr lauscht, und daß die Geheimnisse der Liebe, wenn sie sich auch in die Tiefe einer Waldmühle verstecken, doch nicht sicher sind, wenn der Dichter um ihr Dasein weiß. Zwar plauderte Anna nicht aus; o nein! dazu waren ihr die kleinen Mysterien in ihrer Nähe gar zu interessant, als daß sie sie hätte stören wollen, allein sie gab bald beiden Theilen zu verstehen, daß sie die einfältige Dirne nicht war, für die man sie hielt. Dies misfiel der Müllerin; sie behandelte Anna schlecht, und diese versäumte dafür ihre übernommen Pflichten: der Liebeshandel wurde entdeckt, und der Müller sperrte sein ungetreues Weib in einen sichern Gewahrsam; der Rittmeister wurde seinerseits von seiner ihm nachspähenden Frau aufgesucht und bewogen, die Gegend zu verlassen. Die Mühle hatte ihre Romantik und somit ihr Interesse für Anna verloren. Sie fing an, sich zu langweilen und schlecht zu nähen. Die Mutter nahm sie fort. Das Dorfmädchen wurde nun nach üblicher Sitte, von einem Prediger unterrichtet und zur Kommunion zugelassen: damit war nach der Weise des Landvolkes für ein Mädchen das Signal gegeben, an Heirath und eigenen Hausstand zu denken. Anna dachte schon lange daran. Ihre Phantasieen, durch die poetischen Genüsse im Hirtenstande, sowie durch die interessanten Beschäftigungen in der Mühle erregt, hatten sich schon lange um den Mittelpunkt der Frauenexistenz, um Liebe und Ehe bewegt. Sie liebte, aber man liebte sie nicht. Den jungen Schäfer hatte sie geliebt, aber er hatte ihre Liebe nicht erwidert, den Rittmeister hatte sie geliebt, aber er hatte sich um sie nicht im mindesten gekümmert; dann liebte sie einen jungen Nachbar, aber der wollte vollends nichts von ihr wissen, da er hörte, daß sie Verse mache. Endlich, durch Vermittelung der Mutter, kam eine Heirath zu Stande. Anna reichte ihre Hand einem Tuchhändler aus Schwiebus, Namens Hirsekorn. Er überraschte sie zur Hochzeit mit einem selbstgewirkten Tuchleibchen, und sie ihn mit einem Gedichte. In der Sammlung ihrer Poesieen ist dieses Gedicht abgedruckt, es ist aber so unbedeutend, daß wir seiner nicht weiter erwähnen wollen. Anna war entzückt, sie war nun Braut, sie hatte einen ziemlich hübsch gewachsenen Mann, sie ging an seiner Seite durchs Dorf, sie tanzte mit ihm unter der großen Dorflinde, sie verlor sich mit ihm in die Gebüsche, und »Küsse rauschten.« Die Mutter und die Großmutter machten, daß nur schnell die Hochzeit gefeiert wurde. Die Freiin von Klenke, die die Biographie geschrieben, kann sich hierbei nicht versagen, den Brautstaat ihrer Mutter zu schildern: sie erzählt uns, daß Anna an diesem ewig denkwürdigen Tage ein Kamisölchen von schwarzer Searge getragen habe, einen Brautrock von demselben Stoffe, daß ihr Haupt von einer kleinen Fontange von Spitzen beschattet worden, und daß ihre Füße mit goldgestickten Pantoffeln und hochrothen Strümpfen mit bunten Zwickeln bekleidet gewesen seien, und endlich, daß sie einen Zobelmuff getragen habe.

Die Ehe war sehr unglücklich. Der Mann war geizig, roh, er behandelte sein Weib schlecht, oft sogar empörend grausam. Sie litt, denn die Heiligkeit des Instituts der Ehe war unantastbar: Frevel der leiseste Versuch, ein Band lösen zu wollen, das Gott geknüpft. Als sie noch nicht völlig siebzehn Jahre alt war, brachte sie ihren Erstgeborenen zur Welt. Thränen fielen auf das Bette dieses Kindes, die glühenden, den Himmel anklagenden Thränen eines armen, gemißhandelten Weibes, einer bis in den Tod gebeugten Mutter. Da war es, wo die Dichterin den ersten Schritt in die dunklen, eisigen Gemächer des Leidens that. Sie seufzte, sie weinte, und – dichtete. Eine Poesie, die sich in solcher Situation meldet, ist wahrlich die ächte, denn sie erscheint, nicht hervorgelockt durch die Stimme des Müßiggangs und des Luxus, sondern gerufen von einem brechenden Herzen als Helferin, Trösterin, liebkosende Genossin. Anna war Dichterin, denn sie dichtete am Schmerzenslager ihres Kindes, gepeinigt durch Körperqualen, die die brutale Hand ihres Mannes der schwächlichen Frau geschaffen, gepeinigt durch Hunger und Durst, gepeinigt durch Verlassensein und Hülflosigkeit. Die Grundlage des sittlichen Werthes eines achtbaren Charakters wurde hier gelegt. Der Mann verbot ihr das Lesen, er verbot ihr auch das Weinen – weil sie dann häßlich aussah. Anna las heimlich und weinte heimlich. Er nahm ihr Feder, Dinte und Papier weg, sie kritzelte mit ihrer Haarnadel Verse auf einen Zinnteller.

Meister Hirsekorn gab endlich seiner Frau so deutlich zu verstehen, daß er sie los sein wolle, daß sie gleichsam von ihm flüchtete; aber Niemand nahm die Unglückliche auf. Eine Frau, die sich von ihrem Manne getrennt, war ein Gegenstand des Schreckens für alle anderen Weiber, selbst ihre Mutter wagte es nicht, sie bei sich aufzunehmen. Anna floh in der Irre umher. Einige kleine Charakter- und Sittenzüge aus jener Zeit mögen hier eingeschaltet stehen. Vor dem Rathhause zu Glogau, wo ihre Scheidungsangelegenheit betrieben wurde, langte sie einst allein an und sah sich in dem trostlosen Zustande, den die Qual dieser Ereignisse und Auftritte ihr bereitete, unfähig, die Rathhaustreppe zu ersteigen. Sie lehnte an einem der Steinpfeiler und weinte. Ein junger schlesischer Bauer, vielleicht auch ein Dichter, hielt als Soldat Wache vor dem Rathhause; er sieht die Trauernde, bringt langsam aus seiner Westentasche ein Stück Kreide und schreibt an die Wand seines Schilderhäuschens den Vers: »Geduld, Vernunft und Zeit, das sind gar schöne Sachen; die, was unmöglich scheint, doch möglich können machen! »Weiter wird zwischen dem jungen Tröster und der jungen Trostbedürftigen kein Wort gesprochen. Still wandelt der Soldat seinen Gang weiter; er hat das Seinige gethan, er hat den Trostspruch, den wichtigsten, den er kennt, ihr vor Augen gebracht; will sie sich nicht trösten lassen, seine Schuld ist es dann weiter nicht. Es ist dies ein unendlich rührender Zug menschlicher Theilnahme an menschlichen Leiden; viel großartiger und rührender, als alle Beileidsbezeugungen, die wir in unserm erkünstelten Zusammenleben, inmitten einer perfiden und unwahren Gesellschaft gegen einander austauschen. Die Dichterin wurde für den Augenblick auch getröstet, sie stieg die Treppe hinauf und fand den nöthigen Muth, sich einem grausamen Verhör zu unterwerfen, das zu gleicher Zeit ihr Schamgefühl und ihr rechtliches Bewußtsein beleidigte. Man ging mit den Bäuerinnen nicht zart um, und welcher dieser bepuderten, steifen Herren mochte ahnen, daß eine feine, geistig hochstehende Intelligenz hier in unscheinbarer Hülle vor den Schranken des Tribunals stand. Anna begriff nicht, daß ein Weib sich auch vertheidigen könne gegen den Mann, sie fand es so natürlich, daß er in Allem Recht hatte und Recht behielt, so daß es ihr nicht in den Sinn kam, einen Anwalt für sich zu wählen, und sie sich ruhig verstoßen ließ, dem Räuber ihrer Ehre, ihrer Ruhe, ihres Glücks noch das Wenige hingebend, was sie als Mitgebrachtes hätte beanspruchen können. Sie floh wie Hagar in die Wüste: erschreckt, gedemüthigt, die Hand, die sie verstieß, noch küssend.

In einer Schenke findet sie nothdürftig Unterkommen. Hier im Elend gebiert sie einen Sohn. In dunkler Kammer liegt sie, Lumpen sind ihre Bekleidung. Als ihr gestattet ist, das Bette zu verlassen, schleppt sie sich in die benachbarten Dörfer, und gibt's irgendwo ein ländliches Fest, eine Hochzeit, eine Kindtaufe, da tritt die bleiche Frau ein und singt ein Lied. Auf den Edelhöfen erscheint sie und improvisirt Verse, und erhält dafür bald ein Stück Tuch zu einem neuen Mieder, bald etwas Geld, bald Speise und Trank für sich und den Säugling. Während dieser Tage ihres Exils lernte sie den Schneidermeister Karsch kennen. Er zieht herum, kauft alte Kleider auf, richtet schadhafte wieder her und fertigt jene wunderherrlichen rothen, langen Westen, die das Entzücken und die Bewunderung der Dorfjugend sind, wenn ihr Scharlach die Rundung des respektirlichen Bauches des Amtmanns oder des Schulzen deckt. Anna liebt den Karsch nicht, allein sie heirathet ihn, da er sie aus der Schmach eines verstoßenen und geschiedenen Weibes rettet, ihr einen neuen Namen gibt, indem der alte für sie und Andere so übel lautet. Noch einmal geht die Dichterin zum Altar, nochmals knüpft sie ein Bündniß, das Elend und Unfrieden ihr bringt. Karsch war ein Säufer, dabei ein sehr mittelmäßiger Schneider; er nahm wenig ein, und verschwendete das Wenige in der Schenke. Die Schilderung der Dürftigkeit, in die jetzt unsere arme Dulderin versank, ist wahrhaft erschütternd zu lesen; sie hatte oft nichts, um ihren Hunger, ihren Durst zu stillen; dazu kam ein neues Wochenbette: Noth, Kummer, Verzweiflung nach allen Seiten hin. In der Kirche erschien sie nur Morgens, wenn es noch dunkel war, und stellte sich hinter einen Pfeiler am Altar, weil ihre Kleidung anstoßerregend mangelhaft war. Die mit Aufmerksamkeit angehörte Predigt brachte sie zu Hause in Verse. Eine solche Bearbeitung überreichte sie einst schüchtern dem Herrn Pastor, und dieser las, freute sich und machte seinerseits die Dichterin bekannt. Jetzt wanderte sie wieder herum und recitirte Verse. 1755 geht sie mit ihrem Manne und drei Kindern nach Groß - Glogau, und hier sammelt sie endlich vornehme und reiche Gönner um sich her. Es sind nicht mehr Bauern, denen sie ihre Lieder singt, es sind Geheime Finanzräthe, Kriegsräthe, Hofprediger und Kommandanten; bebänderte und geputzte Herren, die aus goldenen Tabacksdosen feierliche Prisen nehmen, während die arme Bäuerin vor ihnen steht und zitternd ihr Lob singt. Hier in diesem Kreise lernt sie sich fühlen, und der Hochmuth der Poeten kommt über sie. Zum ersten Male wählt sie ihre Vergleiche aus der Mythologie, und eine dunkle Ahnung geht in ihrem Geiste von der vornehmen Eleganz der griechischen Götterwelt auf. Ihre bäuerlichen Vorurtheile werden abgelegt; sie erschrickt nicht mehr vor der Nacktheit der Venus und wagt es, eine angesehene Gönnerin mit dieser Göttin zu vergleichen, sie wagt es gleichfalls, ihre Phantasie zu zwingen, an den wollüstigen Tanz der Grazien zu denken, und es fällt ihr dabei nicht mehr die kleine, dunkle Dorfkirche ihres Geburtsortes ein, und der scheltende Pfarrer auf der engen, kleinen Kanzel, der solches heidnisches Gräuelwesen verflucht. Sie ist über die Schwelle der glänzenden, frivolen Welt getreten; sie hat diese vornehme und blitzende Gesellschaft erschaut, die ewig lächelt, der nichts ehrwürdig und heilig ist, und die als ihre Götter den Genuß und die Weltlust anbetet. Der Rücktritt in ihr Dorf, in die dunklen und ärmlichen Verhältnisse ist jetzt nicht mehr möglich.

Die jungen Offiziere der Glogauer Garnison bestellten bei der poetischen Schneidersfrau Gedichte auf ihre Schönen. Anna dichtete im frivolen Genre. Die Offiziere saßen Tagelang auf den Schneidertisch hingelehnt und unterrichteten sie in der Mythologie, erzählten der jungen, aufhorchenden Frau lachend die skandalösen Händel der alten Aristokraten des Olymps. Man kann sich denken, wie willkürlich diese Erklärer mit ihrem Text verfuhren. Der Schneider saß unterdeß in der Schenke und trank. Anna machte hier Gedichte, die aus der Sammlung später weggelassen werden mußten; wahrlich schade darum, denn es waren sicherlich ihre besten Verse: es sprudelte in ihnen der erste kecke Stral des sinnlichen, poetischen Lebensgenusses auf. Hier war es auch, wo Friedrichs Thaten sie begeisterten und sie zum ersten Male den Krieg und den Ehrgeiz der Herrscher besang. Sie lieferte eine Uebersetzung der Oden und Episteln des großen Königs. Das militärische Glogau jauchzte ihr Beifall zu; aber das häusliche Elend dauerte fort. Die Frau erwarb, der Mann verschwendete. Die hochmüthige Dichterin wollte jetzt nicht mehr dulden, sie machte ihrem unverbesserlichen Gefährten Vorwürfe, sie sprach zuerst von Trennung. Ihre vornehmen Freunde bestärkten sie in ihren Vorsätzen, und einer dieser Freunde, der Baron von Kottwitz, entführte seinen Schützling nach Berlin. Jetzt war sie auf ihrer Lebens- und Ruhmeshöhe angelangt. Sie zog in die Thore der Hauptstadt ein: die deutsche Sapho in das deutsche Athen. Auf der Schwelle des Tempels des Ruhms kam ihr Rammler entgegen, parfümirt und gepudert; er bot ihr die Fingerspitzen der rechten Hand, um sie hinaufzuführen. Gleim, Sulzer, Hagedorn, Mendelssohn, Lessing umgaben sie. Sie zog in die deutsche Literatur ein, so hoffärtig und rauschend, wie nur je ein Emporkömmling in goldene Säle einzog. Von jetzt an war sie eitel und selbstsüchtig, obgleich sie dabei nicht aufhörte, das ehrliche Herz der Bäuerin zu bewahren. Einzelne Charakterzüge beweisen, daß sie mitten in ihrem Glanze doch die Demuth einer wahrhaft großen Seele sich zu erhalten gewußt hatte. Dies söhnt uns aus mit der lächerlichen Erscheinung, die sie, die ohne Sitte und Geschmack war, und doch die Prätension zeigte, beides zu besitzen, in den Gemächern der vornehmen Welt zeigte.

Der Baron Kottwitz ließ sie in seinem Hause wohnen, seine Kutsche brachte sie in die vornehmen Gesellschaften, auf seine Kosten wählten Kammerfrauen und Putzmacherinnen kostbare Gewänder aus, in die sie die Günstlingin des Glücks hüllten. Da sie aber mit dem, was sie erhielt, nicht Haus zu halten verstand, so war sie trotz der Fülle der Gaben, die ihr ein günstiges Geschick in den Schooß warf, doch öfters von dem Nothwendigsten entblöst, und immer wieder mußte sie poetische Bettelbriefe schreiben und in der Form der Dichtung ihren Zuhörern sich, ihre Tochter und den zerrütteten Haushalt empfehlen. Der plötzliche Tod des Baron Kottwitz brachte sie um die schöne Wohnung, um den guten Mittagtisch; sie zog mit ihrem Stiefbruder in ein Mansardenstübchen und hatte es wieder recht kümmerlich. In diese Zeit, etwa 1761 oder 1762, fällt ihr Besuch in Halberstadt, wo sie den Kanonikus Gleim kennen lernte, der von seinen dichtenden Zeitgenossen Anakreon-Gleim genannt wird. Dieser Anakreon und diese Sapho paßten vortrefflich zusammen. Sie sagten sich einander die schönsten Dinge in Versen, und Gleim wurde so unvorsichtig zärtlich, daß die Dichterin sogleich einen Plan faßte, ihn zu heirathen. Der Schreck des Kanonikus, als er diese Absicht gewahrt, ist wahrhaft possirlich, und seine zahlreichen Freunde necken ihn darüber. Doch wird Verdruß und Schreck in Versen weggeschwemmt; die zärtliche Dichterin begnügt sich, daß ihr Freund ihr Bildniß in seinem kleinen Pantheon in Halberstadt aufhängt, ihr Kränze windet und ihre Briefe küßt. Aber er thut noch mehr, er besorgt eine Subscription zu einer Gedichtsammlung seiner Freundin, und durch thätige Bemühungen kommt die Summe von zweitausend Thalern ein, deren jährliche Zinsen der gefeierten Frau zu gute kommen. Zu gleicher Zeit bietet ihr auf edelzartsinnige Weise der Dom­dechant Baron Spiegel ein sogenanntes Taschengeld an, das, jährlich wiederholt, ausgezahlt wird. Andere Gönner sorgen dafür, daß ihr Stiefsohn studiren kann und einen Freitisch erhält, daß die Tochter in eine Pension gethan wird. So arbeitet alle Welt, die bedrängte Sapho aus ihren Nöthen zu befreien; allein sie braucht immer noch mehr, als sie verlangt. Einen großen Triumph feiert sie, als es ihr gelingt, vor dem König, den sie so sehr schwärmerisch besungen und so überschwänglich gelobt hatte, zu erscheinen. Allein Friedrich der Große, ermüdet von den eben geschlagenen Schlachten des siebenjährigen Krieges, suchte seine Zerstreuungen anderswo, als in einem Gespräche mit einer deutschen Dichterin. Er ließ die Karschin, die ihm obenein durch ihre Häßlichkeit widrig auffiel, die Verachtung fühlen, die er gegen die gesammte deutsche Literatur öfters aussprach. Wir wollen die Schilderung in Versen, die die Dichterin von dieser Unterredung entwarf, hier beisetzen: man kann freilich aus ihr den wahren Hergang der Sache nicht erkennen, noch weniger die eigentliche Meinung des Königs über die Vorgestellte; die vom Glanz der Majestät und der Zaubernähe des gefeierten Helden des Jahrhunderts geblendete Frau übertreibt, ohne es zu wollen, und macht sich willentlich blind gegen die offen dargelegte Kälte und den Hohn des Königs. Das Gedicht lautet:


Geschichte der Unterredung mit dem Philosophen zu Sanssouci.

Freund, wenn mir vor dem Schritt zum Leben,
Nicht von der gütigen Natur
Schon ein Befehl zur Demuth ward gegeben,
Dann würd ich kleine Creatur
Stolz mich hoch erheben
Und dir erzählen, daß in Friedrichs Marmor-Saal
Mein faltig Antlitz sich bespiegelt,
Und aus der Brust das Herz beflügelt
Auf meine Lippen trat, und meiner Worte Wahl
Und den Accent geregelt hätte,
in dem der König mit mir red'te,
Der größre Redekunst besitzt,
Als Marc Anton, der vor dem Volke
Des Cäsars Mörder bald verklaget, bald beschützt.
Er kam, und über ihm, in goldner Wolke
Sah ich den schwebenden Apoll.
Er sprach, und in mein Ohr erscholl
Mit seiner schnell gesprochnen Frage
Der Donner Jupiters, und seines Auges Blick
War wie der Blitz am Erndtetage:
Doch, Freund, ich schreckte nicht zurück.
Ich sagte, welch ein Mann mich zeugte,
Und welcher Staub mich wieder beugte:
Wie mein Genie heraufgestrebt,
In welchem Dunkel ich der Jugend Zeit verlebt,
Und daß ich nicht der Kunst geschriebne Regeln wüßte,
Und daß mein Liebling, der Plutarch,
Oft einen finstern Blick von mir ertragen müßte,
Denn in ihm fänd' ich nie den Sieger, den Monarch,
Den Mensch und Philosoph vereinet,
Ob Alexander gleich gesieget und geweinet,
Und Cäsar selbst zufrieden schien,
Wenn er jedweden Tag bezeichnet mit Verschonen,
Und einem Brutus selbst verziehn,
Der mit dem Dolch ihm sollte lohnen;
Doch fänd' ich auf
der Griechen Thronen,
Und auf der Römer Kampfplatz nichts
Vergleichendes mit dem, der seines Angesichts
In Winterlüften nicht geschonet,
Und wenn der Lenz geblüht das Kriegszelt bewohnet,
Von Freuden und dem Throne fern,
Und mehr den Vater, als den Herrn
Zurückgebracht aus so viel Schlachten.
Er frug: Wer lehrte dich Gesang?
Wer unterwies dich in Apollens Saitenzwang?
Held! sprach ich, die Natur und deine Siege machten
Mich ohne Kunst zur Dichterin.
Er lächelte und wollte wissen,
Woher ich Nahrung nähm; da sagt' ich: Freunde müssen
Mich nähren, täglich geh ich hin
Zum niemals stolzen Stahl2, der stets mich gerne siehet
Und eine zweite Sängerin
In meiner Tochter dir erziehet.
Ich sprach's, und Friedrichs Blick schien meinen Freund zu loben.
Nach meiner Wohnung frug er mich.
Monarch! sprach ich: die Sterne grenzen nachbarlich
Mit meinem Winkel unterm Dache hoch erhoben.
Wenn du nicht zürntest, würd ich dich
Kniebeugend bitten, daß du meine Kammer dächtest,
Wie einen Winkel der Bastille zu Paris,
In welche Ludwig viele Menschen bringen ließ,
Die du als Krieger brauchen möchtest,
Weil sie oft tapfer sind und treu.
Der König lachte laut, und ich, beherzt und frei
Wie eine Römerin, ich zog der Stirne Falten
Sanft auseinander, lachte so
Wie Einer, den ein Brett hat in dem Meer erhalten
Und jetzt die Sonne sieht. –
Des Vaterlandes Vater sprach
Zuletzt: Er würde mir das Leben sorglos machen,
Und alle Musen sprachen's nach:
Und Grazien sah ich in seinem Munde lachen.
Ich ging zurück, o Freund! nun glühte Purpurroth
Auf meiner sonst so blassen Wange,
Mich grüßte Lentulus, und ihm
Hab' ich verwirrt gedankt; ich taumelte, ich schien
Den trunknen Menschen gleich im Reden und im Gange. –


Man kann sich, abgesehen von dieser Beschreibung, die Situation denken. Der König anfangs kalt und übellaunig, dann spottend die geputzte Gestalt vor sich betrachtend und mit halbem Ohr auf ihre Schmeichelworte, die er geschmacklos und lästig findet, hinhörend. In einiger Entfernung Voltaire an einer Säule des Eingangs lehnend und, halb Faun, halb Dämon, mit einem teuflischen Lächeln bald den König, der als Beschützer der deutschen Muse zum ersten Male vor ihm sich zeigt, bald die Repräsentantin dieser deutschen Muse selbst betrachtend, dreht die goldene Dose zwischen den dünnen Fingern und sinnt auf eine pikante Wendung, wie er diese Scene in einem Briefe der Marquise du Chatelet mittheilen soll. Im Zimmer vertheilt die Generale, die derben Haudegen des siebenjährigen Krieges, immer zu plumpem Scherz geneigt, wenn sie ihren König den Mund spottend verziehen sehen. Inmitten dieses Kreises die alte Dichterin, nichts von dem versteckten Spiel um sie her ahnend, nur immer bemüht, ihre schweren Klagen um bessere Wohnung und Kost in eine von Hyperbeln überfließende, poetische Prosa zu kleiden.

Es ist ein tröstliches und erquickendes Bild.

Das Resultat dieser Unterredung war ebenfalls nicht tröstlich und nicht erquickend. Es folgte darauf jenes berüchtigte »magere« Geschenk, das die Dichterin dem Geber zurückschickte, mit den bekannten Worten:


Zwei Thaler gibt kein großer König;
Ein solch Geschenk vergrößert nicht mein Glück,
Nein, es erniedrigt mich ein wenig,
Drum geb' ich es zurück.


Sie fuhr aber bei allem dem fort, den großen König, ihren bewunderten Helden, zu preisen. Daraus sieht man die Größe ihrer eigenen Gesinnung: ihre Seele war von Rachsucht und hämischem Groll frei. Der Herzog Friedrich von Braunschweig, Neffe des Königs, gab der Bittenden, was der Oheim verweigerte, doch war es nur ein sehr geringes Jahrgehalt.

Bei der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm II. wurde die obige Unbill wieder gutgemacht: der König gab den Befehl, daß man ihr eine neue Wohnung bauen solle, räumlich und mit den Emblemen der neun Musen verziert. Die arme, alte Anna war außer sich; ihre Dankbarkeit kannte keine Grenzen: sie lief in Berlin von Haus zu Haus und forderte Jedermann auf, den König zu preisen, ihr Glück zu bewundern. Das Haus wurde zwar sofort zu bauen angefangen, aber es wurde statt eines Palastes, wie seine Eigenthümerin geträumt hatte, nur eine sehr bescheidene, zweistöckige Wohnung, die Ecke eines Marktplatzes in Berlin bildend, wo man sich's jetzt noch zeigt. Die allegorischen Gemälde blieben weg, und die Dichterin, die nicht die Zeit abwarten konnte, innerhalb ihrer eigenen vier Wände zu athmen, bezog das Haus, als es noch nicht völlig ausgebaut und ausgetrocknet war. Die Folge von diesem Leichtsinn war, daß die alte Frau krank wurde und wenig frohe Stunden in ihrer neuen Wohnung hatte. Es war im Sommer des Jahres 1789. Ihr letztes Lebensjahr war mit Ehren überhäuft. Der Hof des Prinzen Ferdinand, der sich bei jeder Gelegenheit, wo Festlichkeiten anzubringen waren, auszeichnete, zog auch die in Mode gekommene Dichterin in seine Nähe. Sie erhielt eine Einladung an der fürstlichen Tafel zu speisen, und der Platz neben der Fürstin war ihr aufbehalten. Da saß nun die Bäuerin, in rauschendem Gewande, mit Federn und Blumen geschmückt, hoffärtig mit dem Fächer spielend, – sie, die einst die Heerde geweidet, die in der Schenke rohen Gesellen aufgewartet, die durch Glogau's Gassen noch in Lumpen gewandelt und dürre Reiser sich auflas, um davon ihr spärliches Mittagssüppchen zu kochen. Hier saß sie. Es umrauschten sie die Chöre der Tafelmusik, sie hob in zierlichem, funkelndem Glase kostbaren Wein zu ihren Lippen, sie glaubte sich unter die Seligen versetzt.

Wie sie immer hinfälliger und schwächer wurde, konnte sie den Einladungen, die an sie ergingen, nicht mehr Folge leisten. Da gab es einsame Tage und Abende, wo der Greisin ihr Enkel aus dem Plutarch vorlas, oder ihr ein Lied von Gleim zum Klaviere vorsang. Den 12. October 1791 starb sie. Sie hinterließ zwei Kinder, zwei Enkelkinder, zwei Brüder und eine Schwester. Ihre Tochter wurde an einen Herrn von Klenke verheirathet, und deren Tochter an einen Herrn von Chezy. Beide Frauen wurden Schriftstellerinnen; von der Ersteren haben wir eine lebensvoll geschriebene Biographie der Mutter, von der Anderen dramatische und lyrische Poesien in Menge.

Was den dichterischen Werth der Frau betrifft, deren Leben wir hier vor uns aufgeschlagen haben, so müssen wir nothwendig ein wenig auf die Principien der Dichtkunst überhaupt zurückgehen. Die romantische Schule verdammte jede und alle Productionen unserer Dichterin. Diese Schule, die die poesie par excellence zu üben vorgab, höhnte darüber, daß die Karschin einen versifizirten Dank an die Oberbaukommission in Berlin, indem diese ihr in strenger Winterzeit einen eisernen Ofen hatte setzen lassen, zu Tage förderte, und daß sie es wagte, diese klägliche Epistel Poesie zu nennen. Noch ärger höhnte jene Schule, als sie die Verse las, die unsere Dichterin im sogenannten Saphischen Maße hingeschrieben hatte, verleitet von ihren gelehrten Freunden und Gönnern. Freilich, wir wollen weder jene Hymne an die Baukommission, noch diese einfältige Nachahmung klassischer Formen in Schutz nehmen, allein darum bleibt die Schneidersfrau Anna Louise Karsch doch eine Dichterin; es muß sich nur der Kenner der Herzen und der Verse die Mühe nehmen, auf die Quelle der Erscheinungen zurückzugehen und die Stärke der Strömungen dort zu messen, wo sie ihrer Heimathstätte, dem schöpferischen Gemüth, unmittelbar entfließen. Wir haben bereits angedeutet, und die Dichterin hat es auch selbst gethan, daß sie in dem unmittelbaren Verkehr mit der Natur ihre Kraft sich offenbaren und wachsen fühlte; was später die Bildung ihrer Zeit hinzuthat, war gleich dem Werk der Scheere, die eine schöne Hecke in eine gerade Taxuswand verschneidet. Man liebte damals Taxuswände, sowie man dreißig Jahre später englische Parks liebte, und so wie man wieder dreißig Jahre später nochmals Taxuswände lieben wird. Inzwischen bleibt die Natur Natur und Baum Baum. Nachdem die romantische Schule das Wesen der Poesie in ihr selbst fand, findet man heutzutage, daß sie an Gegenständen haftet. Wir kehren zu der materiellen Anschauung zurück, nachdem wir lange in der rein idealen und transcendentalen geschwelgt haben. Die romantische Schule besang die blauen Blumen als ein mystisches Symbol, wir besingen die Hobelbank und den Schusterleisten und knüpfen an diese, nichts weniger als mystischen Symbole, alle poetischen Fragen der heutigen Welt. Die Poesie war früher alles, nur nicht nützlich, jetzt soll sie nichts als nützlich sein. Aber ihr irrt euch; sie wird nicht, wie ihr es wollt, bald Eins und bald das Andere sein, sie ist, wie es ihre göttliche Natur mitbringt, immer Beides zusammen gewesen, nur haben wir es nicht so nachweisen können, wie es sich denn überhaupt nicht nachweisen läßt.

Beim Beginn ihrer Laufbahn brachte ein guter Genius sie sogleich an eine günstige Stätte, wenn sie nur da hätte bleiben dürfen, nämlich bei dem Großvater. Dort hatte sie einen milden, väterlichen Geist, der liebend ihr Schutz und Anleitung zukommen ließ, dort hatte sie Freiheit und nur, dort hatte sie endlich die Bibel, dieses Buch, das Meister und Schüler immer und immer wieder mit gleichem Vortheil aufschlagen. Hätte die arme Kleine hier ruhig lesen und bewundern, lieben und nachahmen können! Sie versuchte es: mit ganzer, durstiger Seele hing sie an der Gestaltenfülle, die den entrollten Gedichten dieses Buches aller Bücher entquollen. Besonders war es die thränen- und liebereiche Geschichte der Makkabäer, diese durch süße, göttliche Wunder leuchtende Legende, die dem dichtenden Kinde einen Schauer des Entzückens abrang. Wäre sie hier in Einsamkeit aufgewachsen, genährt und gekräftigt durch solche Speise, sie wäre aus den stillen Wäldern Schlesiens als eine der größten Dichterinnen nicht allein ihrer Zeit, sondern vielleicht aller Zeiten hervorgegangen; so aber nahm sie eine gekünstelte Gesellschaft und eine unwahre Dichterschule auf; beide erzogen sie nicht, sondern verzogen sie. Was sie trotz dieser misgünstigen Verhältnisse doch noch leistete, ist der Anerkennung der Nation werth, wenn es auch nicht zu ihrer Ehre und Zierde gereicht.

Die Sucht nach Pomp und Glanz trieb das achtzehnte Jahrhundert, sich die großen Dichternamen der antiken Welt anzueignen und mit ihnen ein recht unwürdiges Spiel zu treiben. Frankreich ging voran. Einen französischen Horaz gab es früher, ehe es einen deutschen gab, einen französischen Euripides, einen französischen Plutarch, einen französischen Aesop früher, als es deutsche gab. Als die Karschin in den Saal des Ruhms eintrat, war die alberne Rollenvertheilung schon vor sich gegangen. Rammler war Horaz, Gleim bald Pindar, bald Anakreon, Wieland Aristipp, Jacobi Tibull, Gessner Theokrit, was war natürlicher, daß die Karschin – Sapho wurde? Sie wurde es; ob der Name paßte, wer fragte danach? Sie machte Verse, Sapho hatte auch Verse gemacht, also war sie die deutsche Sapho. Die schlesische Hirtin nahm sich die schöne und hochmüthige Bürgerin von Mitylene zum Vorbild . und coeffirte ihren Geist nach dem stümperhaften Bilde, das ihr der Kritikaster Sulzer von jener unglücklichen, stolzen Liebessängerin vorhielt. Daß diese Toilette unglücklich ausfallen mußte, verstand sich von selbst. Die saphischen Oden der Karschin sind darum auch äußerst verfehlt, und wir wollen ihrer gar nicht weiter erwähnen. Die patriotischen Hymnen sind jedoch erwähnungs- und sogar lobenswerth. Wir wollen eine hier beifügen, die zu ihrer Zeit sich großen Ruhms erfreute.


Dem Vater des Vaterlandes
Friedrich dem Großen
bei triumphirender Zurückkunft den 30. März 1763
gesungen im Namen seiner Bürger.


Der du den Tempel deines neuen Freundschaftsbandes
Mit diamantnem Bogen wölbst;
O König, Vater! Schutzgott des beglückten Landes!
Uns gegenwärtig bist du selbst.
 
Dich, mit vermehrten Siegeskränzen ausgeschmückter,
Empfängt der jüngste Frühlingswind
Erfüllt mit Jauchzen deiner Bürger, die entzückter
Jetzt fühlen, daß sie Menschen sind.
 
Zu lange suchten dich beflügelte Gedanken
Und Seufzer deines Volkes dort,
Wo um das Schlachtfeld sich die Helden standhaft zanken,
Und Kriegesdonner ist ihr Wort.
 
Zu lange bliebest du, versteckt in schwarzen Wettern,
Rund um dich werfend deinen Blitz,
Wir aber wankten, gleich verwelkten Lindenblättern,
Um deinen wüsten goldnen Sitz.
 
Vor unsers nebelvollen Geistes Blicke schliefen
die Schöpfung selbst und die Natur:
Wir fühlten nicht den Reiz der besten Welt; wir riefen
Dich, aller Welten Wunder, nur.
 
Das Klaggeschrei, die Tränenströme rauschten mächtig
Bis an den Himmel und zu dir;
Du kommst, und dein Triumph ist mehr als römisch prächtig:
Nicht über Sklaven jauchzen wir,
 
Nicht über nachgeführte, fremde Königsschätze
Und Kronen, die der Sieger nahm;
Nein, über dich, Monarch, in welchem der Gesetze
Beschützer glorreich wiederkam.
 
In deinen Augen ging aus tausend Mitternächten
Ein uns geschaffnes Sonnenlicht
Hervor, und stralet nun so lieblich deinen Knechten
Als deines Gottes Angesicht.
 
Das über dir daher geleuchtet und gelächelt
In undurchdringlicher Gefahr,
Wenn oft das Vaterland wie Sterbende geröchelt
und zitternd für dein Leben war.
 
O laß dein in der Schlacht nie wankend Knie umfassen,
Du Ueberwinder! und versprich
Nicht mehr dein bittend Land verwaiset zu verlassen;
Und fordern neue Feinde dich,
 
Dann gib uns Waffen; laß dein Volk zu Felde ziehen,
Du aber, unsre Wollust! bleib
In Sans-Souci; und wer von uns wird schimpflich fliehen,
Den tödte sein beherztes Weib! –


Man wird gestehen, daß dies würdige Gefühle sind, in einer dichterisch erhöhten Sprache ausgesprochen. Hier und da ist der Ausdruck veraltet, aber ein unvergängliches Feuer hält bis auf den heutigen Tag den poetischen Gedanken warm. Man kann sich denken, wie die Situation damals das Gedicht getragen hat: der aus blutigen Siegen zurückkehrende, allgeliebte und bewunderte König, das Ende der Kriegsnoth, das Entzücken und die Hoffnung des Friedens, alles wirkte zusammen, um einem mittelmäßigen Lobgedicht Geltung zu verschaffen, wie viel mehr einem wirklich ausgezeichneten. Nachher besang die Dichterin noch andere fürstliche Personen, die sie theils aus wirklich gutem Herzen lobenswürdig fand, theils weil sie von ihnen eine Pension, oder auch nur ein Geschenk, denn sie war stets begehrlich, zu erlangen strebte. Diese Verse sind ohne Werth; es sind banale, und dazu noch schlecht ausgedrückte Lobphrasen. Es mahnen uns überhaupt diese Gedichte an die gemalten Plafonds in den Sälen aus der damaligen Zeit, wo ein Olymp in höchster Höhe in Wolken schwebend dargestellt ist, und wir von den hinauffliegenden Göttern und Helden nur die Hinterteile und Fersen sehen. Richtige Verhältnisse und eine große, ungezwungene Körperstellung ist bei diesen Gemälden nicht zu erwarten: alles übertrieben, in lächerlicher Verrenkung. Für das Liebeslied war die Karschin ungewöhnlich begabt; sie hatte von der Natur die gesund pulsirende Ader der Sinnlichkeit erhalten; dabei haftete ihr noch aus ihrem Bauerleben die derbe Naivetät an, die sie glücklich vor der zuckersüßen Verweichlichung und dem affektirten Bilderspiel der Anakreons jener Zeit schützte. Manche dieser Lieder sind mit der graziösen Gewandtheit und dem naturlieblichen Mienenspiel der Goethe'schen Muse gegeben: zu dem Besten, was die poetische Literatur der Nation besitzt, können sich dreist diese artigen sinnlichen Scherze beigesellen. Wir wollen hier ein paar ausheben.


An Leda.

Von dem Olympus zogest du ihn nieder,
O Leda! Deinetwegen trägt
Der Donnergott ein lilienweiß Gefieder,
Der sonst mit Keulen um sich schlägt.

Er theilt die Wolken, seine Flügel trennen
Den Aether und den Sonnenstral;
Er kommt, und deines Auges Blicke brennen,
Dein Antlitz blühet wie das Thal.

Dein Busen schwillt, wie kleine Flocken-Hügel,
wenn Boreas durch Fluren bläst,
Und jeder Bach verwandelt wird zum Spiegel,
Und das gestorbne Laub verwest.

Du lächelst mit der feingeschnitzten Lippe
Dem Schwane, der den Hals erhebt
Und nach der weißen Alabasterklippe
Wollüstig mit dem Schnabel strebt.

Sein maulbeerfarbnes Auge redet Liebe,
Die ganze Macht der Buhlerei,
Den innern Aufruhr schlau versteckter Triebe
Verräth der Schwan durch Schmeichelei.

Er will dich küssen, sterbliche Beglückte!
Beneidenswerthe Leda! Dich
umfaßt mit beiden Flügeln der entzückte,
Beflammte Gott, und wünschet sich

Den süßen Rausch der Küssenden auf Erden,
Und fühlet Amors stärksten Pfeil,
Und trinket mit süßlachenden Geberden
des Liebesnektars letzten Theil.



An eine Dichterin
welche das Klavier spielte.


Des Jovis, der Latona Sohn
Hat mir ein Saitenspiel gegeben;
Du aber kannst im süßen Ton
Dit Stimme zum Gesang erheben.

Dein Finger hüpfet wie der West,
Der an dem schönsten Tag des Mayen
In jugendliche Blumen bläst,
Die Deines Lieblings Blick erfreuen.

Hör' auf, geliebte Zauberin!
Hör' auf zu singen und zu spielen;
Ich brenne, da ich weiblich bin,
Was wird nicht dieser Jüngling fühlen,

Der über deine Schulter sieht,
Bald deinen weißen Hals betrachtet,
Bald dieses Auge, welches glüht
und redet und im Sprechen schmachtet?

Hör' auf, o Mädchen! jeder Schlag
Dringt tiefer in des Jünglings Busen,
Und das, was dein Klavier vermag,
Vermag kaum eine von den Musen.


Von ähnlicher Einfachheit und Naturwahrheit gibt die Sammlung noch viele Proben; wir verweisen den Leser auf sie, wenn er unsere Dichterin in ihrer ansprechendsten Laune will genau kennen lernen. Trotz dieses Lobes, das wir gerne ertheilen, müssen wir jedoch immer wieder bemerken, daß der große dichterische Styl der ihr eigens zugetheilte gewesen zu sein scheint; hätte sie ihn nur ausbilden können! Wäre sie, wie wir oben angezeigt, in der Einsamkeit und fern der falschen Bildung ihres Jahrhunderts aufgewachsen, so hätte sie das Ziel erreicht, das offenbar ihrer Laufbahn gesteckt war. Die schlesischen Dichter haben immer Ungunst vom Geschick erfahren; man denke nur an den armen Günther, diesen so reich begabten Genius, der traurig verkümmerte und unterging, weil er sich den Götzen des Tages nicht zu fügen verstand, wie es die Karschin erlernte.

Zusammenhängend hiermit und wol eine Folge dieser Ungunst des Geschicks ist, daß unsere Dichterin Stoffe nicht zu behandeln weiß, die recht eigentlich aus der Sphäre ihrer Anschauungen und Erfahrungen geschöpft scheinen, so die ländlichen, dörflichen Idyllen und Vorgänge. Sie verlor, je weiter sie in modischer Bildung vordrang, den Blick und das Bewußtsein an Natur und Sitte des Landlebens. Auffallend ist, wie linkisch und frostig sie die Bilder des Dorfverkehrs auffaßt, wie sie fast ängstlich strebt, Gegenstände mit vornehmer Spottsucht und schlechtem Witz zu umkleiden, die sie in ihrer ursprünglichen Natur liebgewonnen hat. Der Kern der Volksnatur, ihre Sitte und ihr Leben gehen spurlos an ihrem Sinne vorüber; sie greift häßlich fehl, wenn sie irgend einen charakteristischen Zug von daher erzählen will. So beschreibt sie irgendwo ein wirklich Geschehenes, das Stoff zu einer fast grausigen Ballade gäbe, wenn man's auffaßte, wie es aufgefaßt sein muß, mit einer so unglücklichen, einfältigen Spaßhaftigkeit, daß der große, kühne Gedanke, das leidenschaftliche Bild unter ihren Fingern kläglich zerbricht. Die Begebenheit ist folgende: Ein Bauer, der sein junges Weib innig liebt, findet sich von dieser betrogen; welche Strafe sinnt er aus, welche Rache nimmt er? Er greift nach dem Beile; schon fürchtet man, er werde die Treulose zusammt dem Genossen ihres Verbrechens mit einem Streiche niederschlagen: vielleicht war dies auch in dem ersten erschütternden Zornes- und Schmerzensanfall seine Absicht, allein er besinnt sich eines Andern. Nicht mit dem Tode, mit ewiger Schande will er die einst so Geliebte strafen: er schlägt von dem Herde, der geweihten Stätte des Hausgottes, eine Ecke in Trümmer. Diese That ist entsetzlich! nicht größer und zugleich nicht edler kann die gekränkte Liebe, der beleidigte Stolz strafen, und zugleich drückt sich in diesem scharfen Charakterzuge das Bild ehrwürdiger Sitte, unverfälschter, ursprünglicher Natur ab. Ewig wird nun die Treulose durch die fehlende Ecke des Herdes an ihren Fehltritt erinnert werden, an die Großmuth dessen, den sie beleidigte, an den Schandfleck, der durch sie dem Hause zugefügt ward, in dem sie und ihr Geschlecht lebt und aufwächst. Die Familie eines Bauern ist immerdar um den Herd versammelt, die Nachbarn finden sich daselbst ein, wenn der Feierabend Ruhe und fröhliches Geplauder zuläßt, mit welchem bittern Gefühl wird die Verbrecherin an dem Herde sitzen; werden ihre Blicke nicht immer starr auf jene fehlende Ecke gerichtet sein, und wenn sie selbst hinzusehen vermeidet, muß sie nicht fürchten, daß die Blicke der Anderen auf diesem ominösen Mal haften? Und wie wird sie die Fragen der Kinder beantworten mögen, die den Grund jener Beschädigung von ihr wissen wollen? O tausendmal lieber den Tod, als diese ewige bittre Qual und Schande! Das einmal geschändete Haus birgt keine Tugend mehr, so fürchtet sie, deine Töchter wachsen zu gleicher Schande auf! Wenn du es wagst, ihnen Lehren der Tugend zu geben, werden sie nicht höhnend auf jenes Mal zeigen und deine Thränen, deine Seufzer verlachen? So denkt sie, und ihre Qual ist verdoppelt und verdreifacht. Armes Weib; es ist die Rache eines Bauern! Der Gegenstand ist erhaben und hätte in unseren Tagen, wo das lebendige Gefühl für die Einfalt und die Größe der Sitten im Volk so rege geworden, von der Feder unsers Auerbach bearbeitet, eine Meisterschöpfung werden können. Anna Louise Karsch, die im Volke lebte, die in ihrer Nähe die That sah, ihre Wirkungen erfuhr, sie wußte nichts aus einem so wundersamen Stoffe zu machen, als jene elende Ballade, die wir Seite 210 (Gedichte: Ausgabe Berlin 1792) unter dem Titel »Duldmanns Rache« finden. Nach diesem einen Beispiele mögen uns die anderen erlassen werden. Bei dem Gedichte »Die Wassernoth bei Frankfurt an der Oder im April 1785« geht sie von der Schilderung jener Scenen, die sie ebenfalls aus örtlichen Anschauungen trefflich hätte malen können, auf das Lob des Prinzen Leopold über, von dem sie gerade damals ein Gnadengeschenk erwartete. So sehen wir sie denn immer und immer wieder dem Weltgeiste hingegeben. Ihre Eitelkeit zeigt sich bis zu einem gehässigen Grade gesteigert in dem Liede »An Phillis,« wo die Verse vorkommen:


Mehr als ein Schäfer wirft sich vor ihr nieder;
Ein reicher Graf umfaßt ihr Knie
Und schmeichelt ihr und bittet wieder
Wie sonst um Zärtlichkeit, um Gegenliebe sie.

An ihrem andern ausgestreckten Fuße
Liegt Deutschlands größte Sängerin,
Und singet von dem sanften Kusse,
Den ihre Phillis gibt, ein zärtlich Lied dahin.


Diesen Uebermuth, sich Deutschlands größte Sängerin zu nennen, hatten ihr thörichterweise Gleim und Rammler beigebracht. Doch fehlte es nicht an nachdenklichen und demüthigen Stimmungen, wo sie, weit entfernt, sich groß und gewaltig zu wähnen, recht bescheiden von sich dachte, und wo sie selbst die Ueberzeugung ausspricht, daß, wenn ihr Geschick sie sorgenfrei im Schoose der Natur und Einsamkeit hätte sich emporbilden lassen, ihr Genius seine Mission erfüllt hätte. Ein kleines Gedicht, auf dem Sterbebette gesungen, spricht diesen Gedanken rührend aus. Wir können nicht anders, als die Wahrheit dieses poetischen Selbstbewußtseins bestätigen und ihn zum Schlußgedanken unserer Lebensschilderung machen.



Angelika Kaufmann.

Ein schwächliches Talent, allein eine liebenswerthe Erscheinung. Ihr Ruf ist mehr ein Salons- und Coterien Ruf, als ein nationaler, und mehr die Eitelkeit des Jahrhunderts, dem sie angehörte, als ihr Verdienst gab ihr den bedeutenden Namen. Von England ging besonders das Rühmen und Preisen ihrer Schöpfungen aus, und man weiß, daß über Gegenstände der Kunst diese Insel nie ein entscheidendes Urtheil gehabt hat. Es sind andere Nationen, die den Ruf eines Malers, eines Bildners nachhaltig und auf Jahrhunderte hinaus bestimmen. England ist für Gemälde und Bildwerke ein modernes Pompeji; die Asche, die auf den angesammelten Schätzen ruht, ist die Kälte, der Egoismus, der Indifferentismus einer von der Natur nicht kunstbegabten Nation, die nur sammelt, um zu besitzen, nicht um der Welt das Schöne mitzutheilen, am Erhabenen sich und Andere zu gleicher Schöpfungskraft zu entzünden. Ein feuriger und eitler Franzose stellt ein erkauftes schönes Gemälde so auf, daß die Bewohner aller fünf Welttheile und wo möglich noch die eines sechsten, noch unentdeckten, es sehen können. Er ist entzückt, daß alle Welt das schöne Gemälde bewundert und daß alle Welt es bei ihm bewundert; der Deutsche ziert mit dem Kunstwerke sein Arbeitszimmer; er ist glücklich, daß es für ihn und einen kleinen Kreis seiner Freunde da ist; sein Auge weilt, wie der Blick des Liebhabers auf dem geliebten Mädchen, auf seinem Schatze: in stiller Freude vergießt er vor dem Bilde Thränen. Der Italiener, der ächte Jünger der Kunst, stellt das erworbene Meisterstück im Atelier auf, versammelt Schüler um dasselbe und ruht nicht eher, als bis er eine große Anzahl an dem Meisterwerke zu Meistern herangebildet hat; ihm ist die vollendete Schönheit Gegenstand der Anbetung. Der Engländer verschließt das herrliche Bild in seine Museen, stellt einen verdrießlichen Wächter davor, sieht es selbst nicht an und läßt es Niemanden sehen. Er ist der glückliche Kaufmann, der Geld genug gehabt hat, ein »sehr theures« Bild zu kaufen. Damit ist er zufrieden; damit ist alles abgethan.

In einem kleinen Orte, unfern des Sees von Constanz, lebte gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts Johann Joseph Kaufmann, ein mittelmäßiger Maler, der auf Bestellungen des Bischofs von Chur Gemälde anfertigte. Von ihm ist nichts zu sagen. Er besaß die Eitelkeit und rastlose Beweglichkeit jener Väter, die Wunderkinder haben und sie mit sich herumführen. Die kleine Angelika (den 30. October 1741 geboren) war ein solches Wunderkind. Im sechsten Jahre machte sie Entwürfe zu Cartons um die südliche Wand des Hauses mit einem allegorischen Gemälde, die vier Jahreszeiten vorstellend, zu versehen, die der Vater mit einem Stück Kohle hinzeichnete, und darüber einen von der ganzen Familie gepflegten Weinstock ausroden ließ. Im neunten Jahre fertigte sie äußerst zierliche Porträts in Pastell. Man sah die kleine Künstlerin ihre Morgenwanderung am Ufer des Sees täglich antreten, um mit ihrer Mappe unterm Arm die Villen in der Nachbarschaft zu besuchen, wo schöne Frauen, hübsche Kinder, greise Männer dem wundersamen Kinde gern zum Bilde saßen. Sie war dabei ein so liebliches Kind; man schmeichelte ihr, man liebkoste sie, man gab ihr für ein hübsches Bild eine Schachtel voll Konfekt.

Der alte Kaufmann zog mit seinem Kinde nach Como, von da nach Mailand, wo Angelika im Jahre 1754 in den öffentlichen und Privatgalerien arbeitete, und die großen Meister der lombardischen Schule ein mächtiges Licht in ihrer Erkenntniß entzündeten. Die junge Künstlerin schwärmte, und jene süße Trunkenheit, die das Gewahrwerden der schöpferischen Gestaltungskraft in dem Busen des Talents zu begleiten pflegt, wurde auch in ihr rege. Sie träumte, kaum vierzehn Jahre alt, schon von den Kränzen des Ruhms. Sie war unermüdlich thätig. Der Vater ging herum und erzählte von seinem Wunderkinde, er brachte es dahin, daß der Gouverneur von Mailand, der Herzog von Modena, das gepriesene Mädchen an den Hof beschied, sich und seine Gemahlin malen ließ. Dies war die erste Staffel, die die eitle Angelika in dem Salonsruf erklimmte. Hätte dieses schmeichelhafte Hervorstellen nicht stattgefunden, wäre unsere kleine Künstlerin in der Stille ihrer väterlichen Arbeitsstube geblieben, es wäre ihr dienlicher gewesen. Die Freunde des Vaters mochten diese vernünftige Ansicht ihm einleuchtend gemacht haben, er entschloß sich in der That, die Kleine auf einige Zeit aus der Hofatmosphäre hinwegzunehmen und sie der Einsamkeit und den Studien zu übergeben. Er ging mit ihr nach Schwarzenberg, ihrem Geburtsorte, und fing dort mit ihr zusammen an, die Patochialkirche mit Gemälden zu schmücken. Dazu war ihm der Auftrag geworden. Jetzt saßen Vater und Tochter beisammen in der düstern, alterthümlichen, einsamen Kirche, er oben, um den Plafond zu malen, sie unten, um die Kirchenwände mit den Figuren der heiligen Apostel zu zieren, die sie al fresco malte. Das war ein recht eigenthümliches und gemüthliches Zusammenwirken und Schaffen. Wie oft muß die stille Landkirche von dem Gespräch der Beiden wiedergetönt, wie oft die fragende Stimme des Vaters von oben, die antwortende der Tochter von unten bald Gegenstände des gewöhnlichen Lebens, bald die hohen Interessen der Kunst gegen einander ausgetauscht haben. Farben und Pinsel machten abwechselnd die Wanderung von oben nach unten und umgekehrt. Der Vater malte oben das leichte, rosige Gewand eines Engels, die Tochter unten die funkelnde, schwere Toga eines Priesters. Der Alte erging sich in Scherz, in Sonnenstralen, in pausbackigen Knabengesichtern, das junge Mädchen unten malte endlose Prophetenbärte, düstre Greisesblicke, magre und gefurchte Priesterstirnen. So ist es in der Ordnung: das Alter fühlt sich zur Jugend gezogen, die Jugend zum Alter. Bei der Gelegenheit lernte Angelika etwas richtiger zeichnen und strenger Contour und Farbe auffassen. Sie war allein, sie hatte Niemanden, der ihr schmeichelte, sie mußte ernst schaffen, ernst nachdenken; das war ihr äußerst dienlich. Leider dauerte die Arbeit nicht lange. Eines schönen Tages trat der Graf von Montfort in die Kirche, sah Angelika und gab sich sogleich als leidenschaftlichen Bewunderer ihres Talents zu erkennen. Auf seine Bitten kamen Vater und Tochter nach Montfort und wohnten daselbst auf dem gräflichen Schlosse. Jetzt fing wieder ein sehr frivoles Leben an. Der Bischof von Constanz kam nach Montfort, mit ihm viele geistliche und weltliche, gelehrte und ungelehrte Herren, die es alle sehr ersprieslich fanden, mit dem siebzehnjährigen, schönen Mädchen über die Kunst zu plaudern. Der alte Vater, der diesem Treiben hätte Einhalt thun sollen, war schwach und eitel. Gemalt wurde wenig, und das Wenige gerieth nicht sonderlich; was fragten jedoch die eleganten Herren nach Kunstwerken, es genügte ihnen die Künstlerin. Wollte diese Studien zu historischen Bildern machen, so verschwand rasch ein junger Abt und erschien nun im Kostüm Franz des Ersten, um zum Gemälde zu sitzen, ein Ritter des heiligen Geistordens spannte die prallen Glieder, die die Prälatentafel mit schöner Fülle versehen, in Tricot, warf die Zither über die Schulter und stand dem jungen Malerkinde als Troubadour mit sehr beredten Blicken gegenüber. Ueberall historische Musterbilder. Welche Menge Eginhardts, Egmonts, Konradins, – sie traten aus jedem Saal, aus jedem Kabinet hervor: man hatte unter ihnen die Wahl. Aber auch Apostel, Märtyrer, wundersam ausgedörrte Anachoreten erschienen: Engel mit Palmzweigen und in Lilienkronen. Das alte Schloß zu Montfort wurde ein Kunstfigurenkabinet eigener Art. Es wimmelte darin von berühmten Verstorbenen, durch alle Kammern liefen Visionen, und an den Wänden hin spielten christliche Ascetik und heidnische Mythologie durcheinander.

Die Biographen unserer Künstlerin sagen einstimmig, daß sie in dieser Periode ihrer Jugend und eben erblühten Schönheit mancherlei Anfechtungen zu überstehen und zu bekämpfen gehabt habe. Der bessere Geist in ihr zeigte ihr jedoch unablässig den Weg, den sie zu wandeln habe, und so setzte sie es denn endlich bei dem schwachen Vater durch, daß er mit ihr eine ernstlich gemeinte und ernstlich durchgeführte Reise nach Italien antrat. Das Paar verließ das Zauberschloß des Grafen und begab sich auf die Wanderung. Kaum war Angelika wieder unter Künstlern und Gemälden, als ihr alter Drang, Großes hervorzubringen, neu in ihr erwachte und sie unablässig wieder zum Schaffen antrieb. Sie war jetzt in Florenz und malte fleißig. Die Einladungen und Verlockungen in die Gesellschaftskreise wurden abgewiesen. In diese Zeit fällt auch ihre leidenschaftlich geförderte Ausbildung in der Musik. Immer hatte diese Schwestermuse großen Einfluß auf die Seele unserer Künstlerin ausgeübt, aber mit weisem Zusammen halten der Kräfte war ihrem Andringen eine Schranke gesetzt worden, jetzt durfte sie die einsamen Stunden, die die fehlenden Zerstreuungen der großen Welt leer ließen, ausfüllen. Angelika erhob ihre Stimme zum Gesange und hauchte eine überraschende Süße und Lieblichkeit in ihre Akkorde. Die Harmonieen, einmal schon an die Mischungen ihrer Pallette gefesselt, wurden ihr zum zweitenmal dienstbar, wenn ihre Hand die Tasten des Klaviers oder die Saiten der Zither berührte. Sie sang mit einem solchen Wohllaut und verkettete so artig Melodieen ineinander, daß die Freunde des Hauses ihr den unvorsichtigen Rath gaben, der Malerei zu entsagen und dafür die Musik zu erwählen. Angelika schwankte einen Augenblick und litt dabei unsägliche Qual. Der, der ihr diesen Rath gab, war ein junger Musiker, der sie heimlich liebte; zu der Musik übergehen, hieß zugleich, für den Freund sich entscheiden: eine zwiefache Wahl fürs ganze Leben. Doch überwand sie die Verführung und kehrte zu ihrer Staffelei zurück. Der junge Mann, untröstlich über diese Entscheidung, verließ sie, und nie hat sie ihn später wieder gesehen, noch von ihm gehört. Sie bewahrte jedoch sein Andenken. In dem Gemälde von ihrer Hand, das Orpheus darstellt, der Eurydice dem Orkus entführt, eine in lieblicher Gestaltung treffliche Composition, trägt der tragische Sänger die Züge jenes Freundes, der auf ihren Lebensweg gestellt zu sein schien, um ihr eine bittre Stunde in der Gegenwart, und tausend süße in der Erinnerung zu schaffen. Der Genius der Musik verkörperte sich und nahm die Gestalt jenes sanften, trauernden Verwiesenen an; sie sang und klagte, um ihre Seele mit der seinigen zu vereinen.

Diese Erlebnisse bezeichneten ihren Aufenthalt in Florenz; im Januar des Jahres 1763 ging sie nach Rom, und hier war es, wo in ihrem Leben ein Wendepunkt eintrat, wo sie mit einem der erhabensten und edelsten Geister des Jahrhunderts zusammengeführt wurde. Diese Begegnung entschied für ihr ganzes Leben; denn dem Genie begegnet das Talent nie ohne Wirkung; entweder es wird niedergedonnert und für alle Zeiten unglücklich gemacht, oder es wird mit einem Adel und Glanz umgeben, der es folgenden Jahrhunderten empfiehlt. Das letztere fand bei Angelika statt.

Hoch im Norden, in der Altmark Preußens, war einem armen Schullehrer, einem Menschen, der hart und streng angespannt war in dem Joche des Lebens, die süße Zauberwelt Griechenlands aufgegangen. Einem preußischen Dorfschullehrer träumte von dem jonischen Himmel, und seine Seele, zusammengescheucht von den Eisstürmen des Nordens und den Qualen einer dürftigen Existenz fast erliegend, ward plötzlich überschüttet von dem Blütenregen, den einst Dichter, Philosophen und Künstler über die schöne Erde von Hellas hingossen. Ein Wunder geschah. Griechenland wählte sich einen Gesandten, die Schönheit einen Bevollmächtigten, die Kunst einen Missionär, und sie wählten sich ihn nicht in dem heißen Italien, dem Lande der Kunst, nicht in dem geistvollen und sonnenhellen Frankreich, dem Lande der Poesie, nicht in dem melancholischen England, dem Lande des Reichthums, nein, sie wählten sich ihn an dem nächtlichen, öden, verlassenen Gestade des baltischen Meeres. Dort riefen sie einem armen, blassen Jüngling die alten, heiligen Märchen, die die Welt entzückten, ins Ohr, dort sangen die neun Schwestern ihre wundersamen Chöre und vermischten die Strophen der Sapho und des Pindar mit dem melancholischen, dumpfen Klange der Wogen der nordischen Meeresbucht. Amor und die Grazien, diese verwöhnten Lieblinge des Olymps, diese Zärtlinge unter den Göttern, um deren Gunst die Harfen der Poeten aller Jahrhunderte in Harmonieen gebuhlt, sie treten die weite Reise nach dem Norden an, und in einem Städtchen der Altmark machen sie Halt und treten in das enge Häuschen des Konrektors, und während der sausende Schneesturm an das kleine Fenster heult, singen sie die Lieder Homers und die kleinen bukolischen Hymnen Anakreons, führen sie Tänze auf, die im Saale der Aspasia einst die Jugend Griechenlands bis zum Wahnsinn entzückten. Hingestreckt auf sein elendes Lager, noch umgeben von den Vokabelbüchern und Schulexercitien der Dorfknaben, sann der arme Konrektor dem Opfer der Iphigenia nach, und sah vor sich die olympische Schönheit Apolls erstehen. Welche Mühen, welche Kämpfe mußten überstanden werden, ehe es dem Dürftigen, Schutzlosen gelang, das Land seiner Verheißung zu erreichen. Aber er erreichte es. Im Herbst des Jahres 1755 wanderte Johann Joachim Winckelmann in Rom ein.

Winckelmann kam nach Rom.

Er kam arm und dürftig, mit einem Gnadengehalt von 200 Thalern in Rom an, aber er brachte eine Feuerseele mit, eine Seele, die nach dem Vollgenuß der Schönheit schmachtete, wie der Wanderer in der Wüste nach einem Trunke aus der Quelle. Dies war nöthig. Die Kunst lag darnieder. Die erste Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts macht sich bemerkenswerth durch ihre Verirrungen im Gebiete der künstlerischen Produktion und des Geschmacks. Mit Bernini und seinen Nachahmern war die Skulptur von der grandiosen Gedankenerzeugung eines Michael Angelo in Verzerrung und Verkrüppelung übergegangen. Von Bernini abwärts ging der Verfall rasch; die Malerei ebenso von den schon manierirten Caracci's niedersteigend, konnte ihrem gänzlichen Verfall nur entgehen, indem sie das Gebiet der heiligen Geschichte, des ernsten Styls, verließ und sich als Boudoir- und Portraitmalerei begrenzte. Mit Winckelmanns Erscheinen in Italien datirt sich eine neue Aera der Kunst. Es bedurfte der ganzen Macht seines Genius, des unermüdlichen Dranges, der ihn beherrschte, um eine in ihren Irrthümern sich gefallende Zeit dem Lichte zuzuführen. Auf seinem Wege wandelte Lessing in Deutschland, Diderot in Frankreich weiter; aus den Goldklumpen, die er zu Tage förderte, fügten edle Bildner, wie Goethe, Herder, Kant, ihre unsterblichen Gebilde zusammen. Er erschloß eine unbegrenzte Welt der Heiterkeit und der freien Schönheit. Man lese in seiner Kunstgeschichte die feurige Dithyrambe, die er vor der Bildsäule des Apollo im Belvedere hält. So mußte gefühlt, so geschrieben werden, um eine Generation, die in Geschmacksapathie versunken war, zum Erkennen und Nachempfinden aufzurütteln. Es war sein gütiges Geschick, das ihm in der Person Raphael Mengs' einen Maler zur Seite gab, der praktisch das ausführte und der Welt in Farben und Formen darstellte, was Winckelmann in ewiger Begeisterung theoretisch als Lehre gab. Nicht so glücklich war er im Auffinden eines plastischen Genies, das unmittelbar in seiner Nähe erblüht wäre. Der spätere Canova führte schon wieder abwärts, und unter seinem Meißel ging wieder viel von der Errungenschaft Winckelmanns verloren. Der mächtige Schöpfergeist Thorwaldsens kam zwar früh genug, um noch das Erbe beisammenzufinden, aber viel zu spät, um mit dem Erringer der Schätze selbst zu kämpfen und zu siegen. Winckelmann ging aus der Welt, wie die großen Geister zu scheiden pflegen, rasch nach Vollendung ihrer Mission. Ein feiger, gräßlicher Meuchelmord nahm ihn weg, aber die Nachwelt hat keine seiner kostbaren, ihm so wenige zugemessenen Lebensstunden verloren. Ein ungemeines Feuer, ein Enthusiasmus für Kunst und Kunstgeschichte, für Alterthum und die griechische Welt insbesondere, erwachte und heftete sich unmittelbar an die Fußstapfen des dahingegangenen Meisters.

Es ist wol gerade hier am Orte nicht unpassend, über das Griechenthum in der Kunst zu sprechen, das durch Winckelmann hervorgerufen wurde und das bis weit in unser Jahrhundert hineingereicht hat. Es darf dabei nicht gefürchtet werden, daß diese Betrachtung von dem eigentlichen Gegenstande, den wir den Blicken unserer Leser ausgesetzt haben, ablenke. Die Künstlerin, deren Bild wir geben, hat nicht wenig dazu beigetragen, Winckelmanns Theorien bekannt zu machen, nicht sowol im Verstehen derselben, als vielmehr im Mißverstehen. Winckelmann stellte den Satz auf, daß das Ideale in der Kunst das Erste und Einzige sei, nach dem der Künstler streben müsse: er fand dies Ideale in der griechischen Götter- und Bildnerwelt auf das vollkommenste ausgedrückt. Ueberall war von der menschlichen Natur und Bildung dasjenige abgestreift, was ihr als Merkmal individueller Existenz und geselligen Beisammenwohnens anhaftete. Die Idiome der Körperform verschwanden, und nur eine und überall geltende Formensprache der Schönheit galt. Nicht den Menschen, den Klima, Sitte, Konvenienz, Rationalität in tausend abirrende Linien geknickt, gebogen, umgestaltet haben, sondern den, der einen in blühender Entfaltung göttlich glatten, gepflegten, von keinem Aeußerlichen angetasteten Leib zeigt, strebte die Kunst zu verewigen. So stand Apoll da, so die Götter Griechenlands. Der Haß gegen das Charakteristische ging sogar so weit, daß man nicht einmal Mann von Weib geschieden, sondern beide Bildungen in demselben Umriß der Schönheit verschwommen sehen wollte. So entstanden jene männlichen Portraitfiguren mit weiblichem Kopfputz, und Frauen, die den Apolloknoten trugen. Aus der Vorrathskammer der griechischen Verirrungen in Marmor zog man jene Gestalten hervor, die in hermaphroditischer Bildung die Reize des Weibes mit denen des Mannes vereinigten. Diese besang man, diese ahmte man nach; alles andere hieß gothische, barbarische Unform. Die größten Geister waren in diesem System der charakterlosen Schönheit befangen, und unumwunden huldigte ihr Goethe, wie wir aus allen seinen Kunsturtheilen sehen. Winckelmann hatte dies nicht gewollt, Lessing hatte in seinem Laokoon sogar gleich beim Beginn der neuen Lehre gegen ihren naheliegenden Abweg gewarnt; doch die Zeit, die zum Weichlichen in Kunst und Wissen, in Leben und Sitte neigte, ließ eine so willkommene Brücke ihrer Thorheit nicht wieder fahren. Wir haben gesehen, bis zu welcher Karrikatur in Frankreich, zur Zeit des Konsulats und Kaiserthums, diese Lehre ausgebildet war, wie widerwärtig sie uns in den Gemälden des deutschen Malers Tischbein und des Franzosen David entgegentritt: kaum wird es uns möglich, aus diesen Fratzen den ersten, ursprünglichen Ernst und die Würde der Winckelmannschen Doktrin wiederzuerkennen. Wir haben gesehen, wie der weichliche Canova, ein zweiter und noch schlimmerer Bernini, sich bestrebte, gerade die Unnatur, aus der die Kunstreformatoren ihre Zeit gerettet hätten, geschwind wieder, aber in anderer Weise, herbeizuführen. Es konnte nicht fehlen, daß die Reaktion eintrat, und sie brachte uns die »Verehrung,« ja »Anbetung« des Charakteristischen im Gegensatz zum Idealen. Jedermann weiß, welche arge Versündigungen diese heftige Gegenlehre in der Welt unserer Kunst und Poesie hervorgerufen hat; wie vor wenigen Jahrzehenten noch das Charakteristische nicht mehr genügte, sondern das Zerrbild, die Grimasse, das absolut Häßliche und Widrige als der edelste und höchste Gegenstand für die nachbildende Kunst gepriesen wurde. Dem Himmel sei Dank, diese Zeit ist auch vorüber, wir haben wie bei vorbeigezogener Cholera nur noch unsere Krankensäle (Akademische Kunstausstellungen) gefüllt mit Schwächlingen und Halbgenesenen. Es wäre an der Zeit, daß Winckelmanns Geist jetzt wieder sich in unserer Mitte zeigte, daß er seine anfangs mißverstandene Lehre von Neuem predigte, und er unsere Kunst, die unter dem Scepter des Materiellen, Irdischen und Gemeinen düster, trocken, kalt, häßlich, gemein geworden ist, wieder in die helle, lichte Sonne der ewigen Schönheit stellte. Der Abweg ist jetzt nicht mehr zu fürchten: Griechenland kann einem so scharfkritischen und selbständigen Jahrhunderte, wie das unsrige, nicht mehr gefährlich werden. Ist die Basis unserer Existenz, an der man jetzt baut, geordnet und gesichert, so kann man wahrlich nichts Besseres thun, als die griechische Sonne, dieses heitre und warme Licht, unsere Akademien und Gesellschaftssäle bescheinen zu lassen. Thöricht wäre es, das Grubenlicht des Mittelalters zu diesem Zwecke wieder heraufzubeschwören.

Um auf Angelika wieder zurückzukommen, so lernte sie Winckelmann in Rom kennen, wo er als Bibliothekar des Kardinals Albani lebte und eben seine »Anmerkungen über die Baukunst der Alten« herausgegeben hatte, eine kleine, aber inhaltreiche Schrift, die zuerst die Blicke seiner Landsleute auf ihn lenkte. Leider genoß die junge Künstlerin den belebenden Unterricht des genialen Lehrers nicht lange: sie wurde überredet, eine Kunstreise nach England zu unternehmen. Dort sollte Geld und Ruhm ihrer warten. Sie empfing auch beides; allein ihre Kunst nahm den Todeskeim in sich auf. Wäre sie in Italien, in Winckelmanns und Mengs' Nähe geblieben, hätte sie die strengen Studien fortgesetzt, zu denen ein besserer Entschluß sie trieb, nie wäre sie ein schöpferisches Genie, aber ein sehr beachtenswerthes Talent geworden, fähig, der Träger der neuen Ideen zu sein. In England gerieth sie jedoch in dieselben frivolen Kreise, denen sie schon einmal in der Schweiz und in Florenz entschlüpft war, nur mit dem Unterschied, daß das aristokratische England im Stande war, weit einflußreichere Verführungsmittel anzuwenden, als die kleine, beschränkte Adels- und Fürstenwelt Oberitaliens und der Schweizerkantone. Der Ruf, der plötzlich über Nacht entsteht, hat etwas so Blendendes, die allgemeine Zustimmung, die man sich wie durch ein Wunder erwirbt, übt Zauberkräfte über uns aus; dürfen wir darum unsere junge Künstlerin verdammen, wenn sie sich, sowie sie Englands Boden betrat, als eine vollendete Meisterin betrachtete? Der Weihrauch, der ihr gestreut wurde, überraschte sie durch seine verschwenderische Fülle. Der Hof, der Adel, die reichen Lords des Unterhauses, die Besitzer von Sammlungen und die Gebieter im Reiche der Mode – Alle huldigten ihr, verlangten von ihr Bilder, wünschten sie zu sehen, ihre Schönheit und ihr Talent zu bewundern. Der berühmte Reinolds näherte sich ihr und zollte ihren Schöpfungen Beifall. Angelika traute diesem Lobe, das immer zweideutig bleibt im Munde eines mitstrebenden Künstlers. Reinolds war das Orakel der Kunstwelt gewesen, bevor Angelika kam, er sah sich durch sie verdrängt – dennoch lobte und bewunderte er sie. Der harmlose und sanfte Charakter der Künstlerin, das junge Mädchen, das die Welt nicht kannte, beide Eigenschaften ließen Vorsicht und Klugheit nicht aufkommen. Zum ersten Male, wo sie dem Rathe ihres Vaters hätte entschieden folgen sollen, that sie es nicht. Der alte Kaufmann wußte, wie es mit der Bewunderung und dem Lobe eines Künstlers beschaffen ist, der sich durch den Gegenstand dieses Lobes verdrängt sieht. Er warnte Angelika vor Reinolds, aber seine Worte waren in den Wind geredet. Mitten in ihrem Ruhme überraschte sie ein sehr widriges Ereigniß, an das sich eine Kette von Kummer und betrübenden Erfahrungen aller Art knüpften. Wir wollen diese finstre Episode jetzt noch nicht berühren, sondern fortfahren, über die Kunstschöpfungen Angelika's zu sprechen. Wie schon bemerkt, hatte Winckelmann das reine Ideal gepredigt, und dabei auf die griechische Kunst verwiesen, wie sie in ihrer schönsten Blüthe in dem Perikleischen Zeitalter sich entfaltet hatte. Er war der Erste, der die Kunst als ein Lebendiges, ein organisch sich Entwickelndes und innerlich Fortlebendes betrachtete: man sieht, daß in diesem Satze schon vor der spätern Verirrung entschieden gewarnt wurde. War die Kunst ein Lebendiges, so war sie aus dem Leben der Völker hervorgegangen und konnte auch nur in diesem organisch sich weiter bilden; es war demnach Irrthum, zu glauben, die Griechen und nur diese hätten für alle Zeiten die Aufgabe der Kunst gelöst. Winckelmanns Ansicht konnte nur sein, indem er auf jenes Licht- und Schönheiterfüllte Volk wies, auf die heilsamen Institutionen, die Freiheit der Gesittung, den glücklichen Charakter der Kulturstufe aufmerksam zu machen, die zusammen den Boden bildeten, aus dem sich die prächtige Blume der Kunst emporhob. Nimmermehr konnte, was die Griechen in Bildwerk und Gemälde leisteten, für uns, die wir die Erben einer anderen Erde sind, als Gesetz gelten. Es heißt das Dasein der Keime von Frucht und Blüte leugnen, die jede Zeit in ihrem Schoose hegt, wenn irgend einem Jahrhunderte, selbst dem scheinbar barbarischsten, das als Norm aufgezwungen werden soll, was einmal als Höchstes und Schönstes galt. Winckelmann fühlte die große Aufgabe in sich, seiner Zeit die Ideen »wie eine Kunst entsteht« zu zeigen, ihre Göttlichkeit und Unentbehrlichkeit für alle Zeiten: man verkannte ihn und nahm ihn für einen gewissenhaften Präceptor, der die Nutzlosigkeit und Schädlichkeit der früheren Musterbilder und Vorlegeblätter erkannt hatte und bessere erwies. Angelika hatte das »reine Ideal« auf ihre Weise aufgefaßt, sie sah es in der ununterbrochenen Monotonie der Linien, in einem süßen und zugleich faden Farbenschmelz, in einer inkorrekten, aber das Auge durch Weichheit und Flüssigkeit bestechenden Gewandung. Von der Antike nahm sie das edle, sich immer gleich bleibende Profil, die starre und schöne Rundung der Schultern, die Melodie der Bewegung und die graziöse, aber für unsere Zeit völlig unwahre Drappirung; von dem Charakter ihrer eigenen Zeit behielt sie das ganz moderne Element der Sentimentalität, ein Element, das sich durchaus nicht, auf keine Weise, in keiner Manier mit der großartigen Naivetät der Antike verschmelzen läßt. Es war demnach zu erwarten, daß verfehlte Schöpfungen entstehen würden. Sie entstanden auch. Sie malte Griechinnen, ohne eine entfernte Ahnung zu haben von der weiblichen griechischen Welt, sie malte Ritter des Mittelalters, und wußte eben so wenig Bescheid um das Jahrhundert eines Götz von Berlichingen, sie kannte nur ihre eigene kokette, süßliche, weichliche Zeit, die Zeit des Siegwarts, der Pamela und der sentimentalen Reisen. In England war die Schaubühne für jegliche Produktionen der Art. Das innerlich entsittlichte, aber äußerlich prüde England mußte seiner Natur nach einer Geschmacksrichtung huldigen, die mit großen Gegenständen prunkte, und diese doch mit all den kleinen gesellschaftlichen Rücksichten und scheinheiligen Vorurtheilen darzustellen wußte, die dem Stolz schmeichelte und dabei doch die Konvenienz nicht beleidigte, die von den großen Thaten einer großen Vorzeit nur das nahm, was eine anständige Gesellschaft im Salon betrachten konnte, ohne daß es die Herzen höher schlagen, die prüden Blicke senken machte. Weit entfernt, ein Erzeugniß der Nationalbildung zu sein, war die Kunst nur ein Toiletten- und Luxusartikel der Reichen und Vornehmen, und es galt daher, sie zum Spielwerke der Eitelkeit auf das passendste zuzustutzen. Angelika verstand dies, und sie lernte es in England immer mehr. Wir wollen nur einige ihrer Bilder hier anführen, die als Beleg dieser Ansicht gelten können, und die die Bewunderung von ganz England sich erwarben, und die der Kunstfreund jetzt nur noch mit Widerstreben ansehen mag. Die Mutter der Gracchen, ihre Kinder der stolzen Römerin, die ihre Juwelen vor ihr hinschüttet, vorstellend. Dieses Blatt, über das Goethe sogar schwärmt, ist nichtsdestoweniger ein frostiges und unwahres Bild, mit moderner Sentimentalität und dem Salonsgefühl vornehmer Anstandsdamen aufgefaßt. Die Mutter der Gracchen hat eine auffallende Aehnlichkeit mit Lady Juliane Veertort, der Freundin und Protektrice unserer Künstlerin, und ihre Kinder sind die Söhne des Herzogs von York, zufällig ohne Puder und Gallabeinkleider, aber doch dabei frisirt und in anmuthig drappirte Togen gehüllt. Die Lady mit den Juwelen, die sich nachlässig an die jonische Säule lehnt, ist frappant die Großschatzmeisterin der Königin, hier zufällig eine Römerin. Der Schauplatz scheint ein Park in Regentstreet zu sein. Dann Messalina Sacrifice, ein Bild, das Burke in Kupferstich herausgegeben, zeigt die Gestalt Messalinens in einer zwar charakteristischen, doch auch ganz modernen Haltung. Es ist dies Gemälde bei weitem gelungener, als das vorige. In memory of General Stanwick's doughther who was lost in her passage from Ireland (von Wynne gestochen) stellt sie moderne Zeit dar, und darum scheinbar mehr den Anforderungen der Kritik gerecht, obgleich in dieser Komposition so recht das Marklose und Weichliche von Angelika's Pinsel in Gestalt und Gruppirung hervortritt. Dieses Bild ist der Ahnherr einer unendlichen Reihe blasser, schottischer Mondschein- und Heldenbilder geworden, wo unbeschreiblich zarte, langlockige Jungfrauen sich liebend auf die Schulter schmalbeiniger, mädchenhafter Helden stützen, die malerisch den Plaid tragen und mit der schottischen Bärenmütze feine aristokratische Gesichter beschatten. Alles ist Nebel, alles Duft, alles rosiger Schein im Bilde. Auf den Wolken sind die Geister Ossians gelagert, und der Mond sieht auf die romantischen Partieen eines englischen Parks nieder. Man kann nicht frostiger und prüde anständiger komponiren: es ist das Widrigste, was ein gesunder Sinn nur irgend erschauen mag. Diese Bilder aber waren das Entzücken Englands. Die schale, wasserdünne und wasserfarbige Romantik beherrschte lange Zeit alle Ateliers und Sammlungen, und bürgerte sich auch in Deutschland ein, wo sie einerseits mit der teutonischen Bardenpoesie Klopstocks, und andererseits mit der Gleim -Jacobi'schen Amoretten- und Anakreonständelei zusammentraf. Auch die erwachende Bewunderung für Shakespeare mußte ihr Kontingent stellen, und man sah blasse Ophelien sich in nebelhaften Landschaften auf abgebrochene Baumstämme lehnen und in den Fluß niederschauen. Es wurde nirgends mehr ein kräftiger Strich, eine markige Linie, eine derbe und charakteristische Farbe sichtbar. Um wieder zu den Bildern unserer Künstlerin zurückzukehren, so müssen wir noch eines Blattes Erwähnung thun, das, von Ryland in sogenannter Schwarzkunst in Kupfer gestochen, ein ungemeines Aufsehen machte und Angelika's Ruhm in England bis auf den Gipfel brachte, es ist dies das pretiöse und für unsern Geschmack unerfreuliche Bild: The interview between Edgar and Elfrida after her mariage with Athelwold. Da der Kupferstich sich in jeder irgend reichhaltigen Sammlung findet, so enthalten wir uns jeder genaueren Beschreibung. Kunstkenner finden in diesem Blatt eine korrekte Zeichnung, wenigstens eine korrektere als auf den anderen Bildern Angelika's; auch ist die Gruppirung nicht eine von denen, die schon hundert mal dagewesen, obgleich auch hier keine Spur zu finden ist von einer durch die Individualisirung der Personen herbeigeführten charakteristischen Zusammenstellung.

Den Beschauer beschleicht auch hier das Gefühl von Kälte und Mattigkeit. Man sieht schöne Gestalten, aber man vermißt das Menschliche an ihnen: es sind Schattenbilder. Auch im Allegorisiren war Angelika nicht stark. Gemeinschaftlich mit ihrem nachmaligen Gemahl, dem Maler Zucchi, arbeitete sie ein umfangreiches Bild aus, das die Unschuld, die Tugend und die Verführung darstellte. Um die letzteren Eigenschaften zu personifiziren, hatte sie die Gestalten der Muse Urania und der Nymphe Kalypso gewählt. Zu einem englischen Roman machte sie ein Bild Unna und Abra, dann schenkte sie Klopstock ein Gemälde Samma an Benonni's Grab, ein sentimentales Bild, das ungemein gefiel. Wirklichen Werth in zarter Auffassung eines für sich lieblich schönen Gedankens, hatte ihr Amor, dem Psyche mit ihren Haaren die Thränen trocknet. Diesen Gegenstand arbeitete später Canova zu einem Basrelief aus, wo dann die ursprüngliche Schönheit der Gruppirung, die Angelika's Verdienst war, lebendiger als auf dem Bilde hervortrat. Die Künstlerin selbst legte auf diese Schöpfung, seltsamer Weise, wenig Werth; sie glaubte sich zum großen, historischen Styl berufen, und Niemand unter allen Künstlern ihrer Zeit war gewiß weniger als gerade sie zum Historienmaler berufen. Ihr ging der Sinn für Geschichte überhaupt ab, sowie ihrem Landsmann Gessner der Sinn für die ächte, wahre Naivetät und Natur, obgleich er Idyllen dichtete.

Nachdem wir diesen Ueberblick über die Kunstleistungen Angelika's, besonders während ihres Aufenthalts in England, gegeben, kommen wir zu den schon oben angeregten traurigen Ereignissen zurück, die die junge, gefeierte Schöne trafen. Der manuel des curieux et des amateurs des beaux arts verbreitet sich über ein Komplott, das gegen die Künstlerin in London gesponnen, er nennt Namen, die wir hier nicht wiederholen wollen, da die Quelle trüb ist, und Angelika selbst in den öffentlichen Blättern gegen den Verfasser jenes ›manuel‹ aufgetreten ist und ihn der Verläumdung und der Lüge beschuldigt. Aus anderen Nachrichten geht jedoch hervor, daß in der niedrigen Mystifikation, zu deren Gegenstand man die Künstlerin gemacht, Reinolds eine Hand im Spiele gehabt. War er es nun selbst, oder war es ein befreundeter Künstler, der Angelika Heirathsvorschläge gemacht und von ihr zurückgewiesen worden war, genug, dieses beleidigte Individuum faßte den Entschluß, sich auf eine eben so planvoll angelegte, als empörende Weise zu rächen. Es erschien in den vornehmen Zirkeln Londons ein Mann, der sich Graf Horn nannte und vorgab, von der bekannten, angesehenen schwedischen Familie dieses Namens abzustammen.

Er trat mit Glanz auf, spielte den begeisterten Kunstfreund, und gab beträchtliche Summen hin im Ankauf von Gemälden. Die Künstler stritten sich um die Ehre seines Besuchs: er erwählte Angelika; aus ihrem Atelier wich er nicht. Ein schöner Mann, ein reicher Mann, ein Graf – Angelika blieb nicht unempfindlich. Er bewunderte ihre Gemälde, und sie, die für Lob schon ziemlich gleichgültig war, hörte das seinige doch mit Entzücken. Dabei hatte der schöne Graf doch etwas auffällige Manieren: er liebte zu Zeiten das Derbe; er ließ sich Verstöße gegen die gute Sitte zu Schulden kommen, er betrog im Spiel. Angelika entschuldigte das Erstere und glaubte das Andere nicht. Der alte Kaufmann lief in den Vorstadt-Weinstuben und kleinen Spielhöhlen herum und sammelte Nachrichten über den Grafen Horn, und hier erzählte man ihm schreckliche Dinge, die er mit klopfendem Herzen und weinendem Auge Angelika wiederberichtete. Allein die Tochter wollte nicht hören. »Du willst ihn nicht, weil er ein Graf ist, antwortete sie ihm; Dein Wunsch ist, daß ich einen Künstler heirathe; aber wo findet sich einer, der mir gefällt? Ich liebe den Grafen.« – »Aber so höre doch nur auf die Warnungen eines Vaters!« – »Der Neid, die Verfolgungssucht der Künstler hat sie Dir eingeflüstert: man will nicht, daß ich reich und vornehm werden soll!« – »Kind, Du bist es durch Dein Talent mehr, als eine Grafenkrone Dich dazu machen kann.« – »Nun denn, so werde ich es sein, die meinem Erwählten Glanz und Reichthümer zuführt. Um so besser. Die Liebe kennt nächst dem Empfangen nichts schöneres, als das Geben. Ich heirathe den Grafen!« – Und so geschah es. Um nun eines Theils die Bemühungen ihres Vaters und ihrer Freunde zu vereiteln, die ihre Entschlüsse hintertreiben wollten, andererseits um den Geliebten einer Verfolgung zu entziehen, als deren Gegenstand dieser sich ihr geschildert, willigte sie in eine heimliche Trauung, und willigte endlich auch in eine eben so heimliche Abreise. Welch ein Tumult muß in dem Busen der armen Angelika gewüthet haben, daß sie, eine sonst so gehorsame Tochter, eine so prüde Anstandsdame, die überall Rücksichten und Konvenienz über sich walten ließ, eine so fleißige und Ruhe und eifriges, stilles Schaffen liebende Künstlerin, plötzlich eine sichere Stellung, eine geschützte und gewohnte Existenz verließ, um mit einem abenteuernden Manne in die Fremde zu ziehen. Glücklicherweise kam es mit dem ihr bereiteten Elend nicht zum Aeußersten. Als der Abenteurer ihr Vermögen und ihre Person nunmehr in seiner Gewalt glaubte, wollte er sie brutal zu seinem Zwecke benutzen. Sie sollte ihm sofort ihr ganzes Besitzthum verschreiben: sie weigerte sich; sie sollte mit ihm London verlassen: sie wollte nicht, wenigstens nicht ohne ihren Vater reisen. Die Freunde traten sofort zwischen das Opfer und seinen Peiniger. Der vermeintliche Graf wies sich als Betrüger aus, den man für die elende Rolle, die er gespielt, gekauft und gut bezahlt hatte. Der Verdacht dieser grausenerregenden That fiel auf Reinolds. Er hat sich später von dieser Anklage gereinigt, und Angelika selbst hat ihm eine Art Ehrenerklärung gegeben; nichtsdestoweniger lastet doch noch immer der Verdacht auf ihm. Die unwürdige Ehe wurde aufgelöst, Angelika gab einen Theil ihres Vermögens hin, um eine Fessel zu lösen, die sie zu Tode gedrückt, wenn sie sie hätte tragen sollen. Die harmlose, edle, sanfte Angelika war unbeschreiblich niedergebeugt durch dieses Ereigniß; ihr Muth war gebrochen, ihre schöne Freudigkeit dahin, ihre Hoffnung getrübt. Es war der Bosheit und der Gemeinheit gelungen, in das Heiligthum eines wahrhaft reinen und schönen Herzens verheerend zu dringen. Nicht die Künstlerin – das arme Weib litt. Der Quell ihres Lebens und Empfindens war getrübt. Sie hatte geliebt, zum ersten Mal geliebt und war getäuscht worden. Das waren Schmerzen, die mit denen, die sie auf ihrer Staffelei darstellte, nichts gemein hatten: es waren wahre, ächte, wirkliche Schmerzen, die anderen waren komponirte, gemalte, gespreizte, bleiche, der Natur auch nicht bis in den fernsten Schatten nahe kommende Schmerzen. So hängt das Weib immer nur durch das Herz mit der Kunst und der Natur zusammen; der Mann durch den Gedanken.

Nach einem funfzehnjährigen Aufenthalt in England suchte Angelika mit ihrem Vater wieder Italien auf. Des Letztern Gesundheit wurde schwankend und erregte ernstliche Besorgnisse, als das Künstlerpaar in Venedig anlangte. Die gehorsame Tochter hatte sich den Wünschen des Vaters gefügt: sie hatte ihre Hand am Altare dem Maler Antonio Zucchi gegeben, einem Künstler von geringem Verdienste, aber von achtungswerthem Charakter. In Venedig machte Angelika die Bekanntschaft des Comte du Nord, nachmaligen Kaisers Paul des Ersten. Der junge Fürst und seine Gemahlin überhäuften die berühmte Künstlerin mit Ehrenbezeugungen und Geschenken. Nach dem Tode des Vaters eilte Angelika mit ihrem Gemahl nach Neapel. Hier erhielt sie von der Königin schmeichelhafte Aufträge, und man versuchte, sie an den Hof zu fesseln. Doch die Freiheitliebende entfloh. Selbst den Unterricht bei den beiden Prinzessinnen hielt sie nicht aus, sie zeigte sich launig, kränklich, und ihr sanfter Charakter wandelte sich bei dem fortgesetzten Zwange und der Etikette des Hofes fast in sein Gegentheil: sie bat auch hier um ihre Entlassung, und sie wurde ihr gewährt. Jetzt siedelte sie nach Rom über und fand hier den ersehnten Ruheort. Hier in Rom findet sie Goethe, der in seiner zweiten italienischen Reise von ihr spricht und viele Details ihres häuslichen und geselligen Lebens anführt. Ein Kreis von Gelehrten und Künstlern versammelte sich in ihrem gastlichen Hause; sie machte mit ihren Freunden Landparthien und wirkte wohlthätig auf die Existenz und die Beschäftigungen der kunststrebenden Jünger um sie her. Ein weiches, warmes, sonnenbeschienenes Alter war ihr beschieden. Einigen kleinen Zänkereien mit Künstlern entging sie jedoch nicht. Der berühmte Raphael Morghen, ein seltenes Kupferstechertalent, nahm sich heraus, in den Blättern, die er nach Gemälden Angelika's in Kupfer stach, Einiges zu ändern, oder nach seiner Ansicht zu verbessern. In einem Portraitgemälde ging er sogar so weit, eine ganze Figur hinzuzufügen, so daß Angelika, völlig außer sich über diese Dreistigkeit, unter den Kupferstich mit zürnendem Griffel schrieb: »Non é di – Angelika Kaufmann».

Das achtzehnte Jahrhundert neigte sich seinem Ende zu: ein neues Jahrhundert, sich gänzlich verschieden von seinem Vorgänger ankündend, gewann die Herrschaft. Die Kanonen von Toulon hatten der erstaunten Welt schon Napoleons Namen genannt. Jetzt folgten Siege auf Siege: Trompeten schmetterten, Trommeln wirbelten, entrollte Fahnen wallten durch die Lüfte; eine Welt von Soldaten füllte Landstraßen und Märkte. Wo blieb das seidene Volk der kleinen Götter? Die alternde Angelika saß in ihrem Atelier und malte den Tanz der Grazien. Da brauste es über die Alpen herüber: tausend Stimmen riefen Krieg! Canova floh und nahm mit sich die drei schönen nackten Schwestern, den kleinen frierenden Amor, und die arme gebundene Psyche – alle seine lieben Kinder, seine ganze marmorne Familie rettete er vor dem Tumult der Waffen. Statuen wandelten, Bilder fingen an zu reisen. Die medicäische Venus reiste nach Paris und begrüßte mit der schamhaften Körperbeugung, dem Lächeln des kleinen griechischen Mundes den modernen Alexander des neunzehnten Jahrhunderts. Unter denen, die die neue Zeit nicht begriffen, nicht begreifen wollten, gehörte auch Angelika. Was kümmerte sie der Sieger von Marengo, sie sah in ihm nur den jungen, impertinenten Soldaten, der ihre Staffelei umstürzte und ihre Kapitalien in der Bank zu England bedrohte. Die arme Angelika – sie fürchtete wirklich, daß sie durch Napoleon zur Bettlerin werden würde; es plagten sie auf ihre alten Tage der Kummer und die Sorge, obgleich ihre Freunde das Möglichste thaten, sie von dem Ungrunde ihrer Befürchtungen zu überzeugen. Die Jahre 1803, 1804 und selbst noch 1805 wurden noch in leidlich angestrengter Thätigkeit vollbracht; dann aber nahm die Schwäche des Körpers in raschem Vorschreiten zu, und ein Brustübel gestaltete sich zu einer todbringenden Krankheit. Immer von ihren Freunden, Anhängern und Bewunderern umgeben, hatte sie das Glück, von der Außenwelt so wenig als möglich berührt zu werden. Dies war in der That ein großes Glück. Ist irgendwo die Verhätschelung der Freunde an ihrer Stelle, so ist's bei dem Alter. Das Alter will geliebkost sein, und besonders der alternde Künstler, der alternde Dichter. Angelika hatte gezeigt, wie sehr sie sich über die neue Gestaltung der Welt entsetzte, was war also natürlicher, als daß man ihr gar nichts mehr von den Außendingen sagte. Alte, zurückgelegte Bestellungen wurden ihr mit dem frommen Betrug, den die Pietät sich so gerne erlaubt, vorgelegt, als wären sie eben erst aus England, aus Frankreich gekommen, und noch auf dem Krankenbette griff die Künstlerin seufzend zum Pinsel, indem sie sich mit schalkhaftem Lächeln beklagte, daß man sie ewig in Anspruch nähme, daß man sie nicht einmal ruhig sterben lasse. »Gibt es denn keine andere Maler außer mir?« fragte sie, und der Chor der Freunde rief: »Nein, es gibt keine! Du bist die Einzige; stirbst Du, so ist die Kunst verwaist!« Angelika glaubte diesen Worten und malte, selig in der Ueberzeugung, daß sie der Welt noch bis auf ihren letzten Athemzug nütze. O Himmel! hätte sie gewußt, geahnet, wie Niemand mehr ihren Namen nannte, wie ihre Zeit, ihre Freunde, ihre Genossen, wie Alle, Alle spurlos vergessen waren von dem jungen Geschlecht, das unter dem Donner der Schlachten großwuchs! Aber diese Ueberzeugung hätte der eitlen Frau den Tod früher gegeben, als ihn ihr die Natur bestimmt hatte. So starb sie in völliger Ruhe und in Frieden. Bei einer Ode von Gellert entschlummerte sie; es war am fünften November des Jahres 1807. Ueber ihre Bilder, ihre Kapitalien entschied sie in Vermächtnissen. Sie starb kinderlos; einige Jahre früher war ihr Mann Zucchi gestorben. Ihre sterbliche Hülle fand in der Kirche S. Andrea delle Fratte Ruhe.

Ihr Bildniß, von ihr selbst gemalt, das das Museum zu Berlin aufbewahrt, zeigt sie in einem idealischen Putz, halb Muse halb Bacchantin, den Lockenkopf mit Weinlaub bekränzt, ein Gewand von Flor und goldgewirkter Gürtel und Armbänder. Der Zug von Schalkhaftigkeit und Grazie, obgleich etwas affektirt, steht dem jugendlichen Gesichte gut, die Färbung geht stark ins Bräunliche und Rothe und erinnert, aber im Schwachen, an Mengs' Kolorit. Nach diesem Bilde zu urtheilen, muß die Künstlerin keine regelmäßige Schönheit gewesen sein, allein mit Jugendfrische und mit dem gewinnenden Ausdruck der Sanftmuth, Zärtlichkeit und Anmuth begabt. Wir fassen unser Urtheil nochmals in wenigen Worten zusammen: Sie war eine liebliche Erscheinung, ein schwaches Talent, ein achtbarer Charakter. Ihr Ruhm war übertrieben als sie lebte, jetzt möchte man ihr, eben so ungerecht, jedes, auch das kleinste Verdienst absprechen.

Als geistvolle, unterhaltende Dame, wie Goethe sie öfters darstellt, als belesene, urtheilende Frau ist sie erst in ihren späteren Jahren bekannt geworden, und zwar hauptsächlich durch Goethe, der sie der Herzogin Amalia von Weimar zuführte. Eine Stelle in dem »zweiten römischen Aufenthalte« läßt sich über Angelika folgendermaßen vernehmen: »Sonntags kam ich zu Angelika und legte ihr die Frage vor (über Egmont, ob Kürzungen und Aenderungen an dem Stücke vorgenommen werden sollten oder nicht.) Sie hat das Stück studirt und besitzt eine Abschrift davon. Möchtest Du doch gegenwärtig gewesen sein, wie weiblich zart sie alles auseinanderlegte, und es darauf hinausging: daß das, was Ihr noch mündlich von dem Helden erklärt wünschtet, in der Erzählung implicite enthalten sei. Angelika sagte: da die Erscheinung nur vorstelle, was im Gemüthe des schlafenden Helden vorgehe, so könne er mit keinen Worten stärker ausdrücken, wie sehr er sie liebe und schätze, als es dieser Traum thue, der das liebenswürdige Geschöpf nicht zu ihm herauf, sondern über ihn hinauf hebe. Ja es wolle ihr wohl gefallen, daß der, welcher durch sein ganzes Leben gleichsam wachend geträumt, daß dieser zuletzt noch gleichsam träumend wache, und uns still gesagt werde, wie tief die Geliebte in seinem Herzen wohne und welche vornehme und hohe Stelle sie darin einnehme.« Aus diesem freien und geistreichen Urtheile geht allerdings ihre Befähigung hervor, mit dem großen Dichter zu dessen Zufriedenstellung über seine Werke zu sprechen. Dann aber sehen wir, daß sie zu diesem selben Egmont, über den sie so bedeutend sprach, ein ganz verfehltes Titelkupfer entwarf. Das Verständniß war bei ihr noch nicht so tief eingedrungen, daß es hätte eine wahrhafte, nicht blos eine schattenhafte, träumerische Gestaltung annehmen können. Und so war es mit allen ihren Bildern. Immer eine poetische Anregung, ein wirklich richtig gedachter Gedanke, den in Blut und Gestalt zu verwandeln die Schöpferkraft zu unmächtig war.



Elisabeth Mara.

Im Mercure de France vom Jahre 1780 stand folgender Aufsatz, der von den meisten Lesern des Mercure als unverbrüchliche Wahrheit angesehen wurde: »Wir haben der civilisirten Welt ein trauriges Ereigniß zu melden: der König von Preußen hat wiederum die Anwendung der Tortur in seinen Staaten anbefohlen. Dieses grausame Marterinstrument, das wir in die alte Rüstkammer des Mittelalters auf immer verbannt wähnten, ist neu erstanden. Und gegen wen hat dieser weise und so sehr beliebte König die Zwangmaschine angewendet? Etwa gegen einen trotzigen und aufrührerischen Vasallen, gegen einen unbändigen und die Justiz zur Verzweiflung bringenden Verbrecher? Nein: gegen eine junge, schöne Frau von zwanzig Jahren, gegen eine beliebte Künstlerin, gegen eine Sängerin seiner Privatkapelle. Es ist betrübend, daß wir melden müssen, wie ein Fürst, der einige Monate vorher über zweimalhunderttausend Oestreicher Herr wurde, jetzt sich nicht entblödet, angesichts Europas, dieselben Mittel anzuwenden, um über ein schwaches Geschöpf zu siegen, das keine andere Vertheidigungsmittel besitzt, als eine rührende, die Herzen (jedoch nicht die Herzen tyrannischer Sieger) fesselnde Stimme. Madame Mara heißt diese Sängerin: jedem Franzosen bald ein teurer Name, denn wir werden sie bei uns sehen; die arme Verfolgte wird ihrem Unterdrücker entfliehen, und Frankreich wird, wie immer, die Schwächen und Mißgriffe anderer Regierungen wieder gutmachen, indem es die Opfer bei sich aufnimmt und ihre Wunden heilt. Das Faktum ist dieses: Madame Mara kann nicht singen, weil Madame Mara krank ist; der König befiehlt, sie soll singen. Demnach wird sie, die auf ihrem Schmerzenslager liegend, schon die heiligen Sterbesakramente erwartet, von den Armen roher Soldaten in die Höhe gerafft, in einen Wagen geworfen, der gewöhnlich gebraucht wird, um Missethäter zur Gerichtsstätte zu schleppen und an dessen Wänden noch die Spuren von Blut kleben, und in das Opernhaus mehr hingeschleift als hingefahren. Dort angelangt, begrüßt sie ein Offizier mit sechs Mann Dragonern, und nachdem er sie aus den Händen des Gensd'armenunteroffiziers, der den Wagen eskortirt hat, empfangen, geleitet er sie in die Garderobezimmer und stellt sich an die Thür als Wache hin, um zu sehen, ob die unglückliche Cantatrice pflichtmäßig ihre Toilette als Königin Semiramis mache oder nicht. Man denke sich die Barbarei. Eine junge Frau, schamhaft, und in ihrem Stolz als Weib ebenso, wie in ihrem Hochgefühl als Künstlerin beleidigt, den Blicken eines zuschauenden Dragonerlieutenants ausgesetzt! Doch nicht genug: als sie die Bühne betritt, stellen sich ihr zur Seite zwei Grenadiere auf, jene berüchtigten Riesen der Potsdamer Garde, die immerdar das kostbare Spielwerk des Ehrgeizes der preußischen Könige gewesen, und bewachen jeden Ton, der der Sängerin aus der Kehle dringt, gleich bereit, im Fall sie schwiege, mit ihren Bajonetten sie niederzustechen. Und während diese mittelalterlichen Gräuel auf der Bühne vorgehen, sitzt das gelehrte und philosophische Berlin ruhig im Parterre, und ergötzt sich, seinen weisen König mit einem nordischen Prinzen, der gerade zum Besuch sich eingefunden, plaudern und lachen zu sehen. Wir würden diesem Berichte keinen Glauben beimessen, wenn er uns nicht aus achtbarer Quelle zugeflossen wäre. « –

Der Styl dieser polemischen Annonce ist, von ihrer Unwahrheit und Uebertreibung abgesehen, ein Zeichen der damaligen Mißstimmung gegen Preußen. Der Name der Sängerin wurde dadurch der gebildeten Welt bekannt gemacht, noch bevor sie selbst dahin wirken konnte, ihn bekannt zu machen. Sie erschien überall als ein Opfer der Tyrannei und des geringen Kunstgeschmacks eines großen Königs, und vielleicht hat unter allen Bewunderern des Talents der Mara Niemand aufrichtiger ihr gehuldigt, als gerade dieser König, der große Opfer brachte, um sie an seinen Hof zu fesseln, der selbst für ihr persönliches Wohlergehen sorgte, indem er es zu verhindern suchte, daß sie eine thörichte Heirath schloß. Wir wollen das Leben dieser Künstlerin, die eine Deutsche ist, näher verfolgen.

Einem armen Musiklehrer in Kassel wurde noch als späte Frucht seiner Ehe eine Tochter geboren, ein kränkliches Kind, dem kein langes Leben prophezeit wurde. Es war dies unsere Elisabeth, ihr Familienname war Schmähling, nicht zu verwechseln mit einem in Preußen ansässigen adeligen Geschlecht, das mit weniger Veränderung in der Schreibart denselben Namen führt. Das Jahr 1749 – bekanntlich auch Goethe's Geburthsjahr – war auch das Elisabeths. Die größte Dürftigkeit, das traurigste Elend war im elterlichen Hause herrschend. Der Vater, der wenig mit Unterrichtstunden verdiente, fügte diesem Erwerb noch den kleinen Beitrag hinzu, den ihm das Ausbessern von Instrumenten, namentlich beschädigter Geigen, gewährte. Wenn er sein Haus verließ – es scheint, daß die Mutter frühe starb – wurde das schwache Kind in einen verschlossenen Sitz gesperrt und auf diese Weise stundenlang allein gelassen. In der Zeit dieser erzwungenen Einsamkeit hatte einst die Kleine nach einer, nicht weit von ihrem Gefangenenplatz liegenden Geige gelangt und den Saiten derselben Töne entlockt. Diese Töne waren eine rein intonirte Skala, die der Vater mit Erstaunen erlauschte. Die Vorwürfe, die das Kind treffen sollten, verwandelten sich in Lobsprüche. Jetzt erhielt sie die alte Geige zum Geschenk, und dies war der erste Segen, der auf das Haupt der kleinen Verlassenen gelangte, das erste milde Geschenk, das die Muse der Tonkunst ihrer dereinstigen Priesterin machte. Das Kind saß auf seinem Stühlchen nun ruhig: es hatte seine Geige. Der Vater, der sonst mürrisch polternd in die Stube getreten war, schlich sich jetzt herbei, blieb lauschend vor der Thüre stehen, und gab entweder Zeichen des Beifalls, oder murmelte einen leisen Vorwurf hin, je nachdem er seine Erwartungen von den Fortschritten, die er von der Tochter erwartete, befriedigt oder getäuscht sah. Bald begann er die Kleine zu unterrichten, und welche Freude für den alten Mann war es, mit seinem Kinde ein Duett spielen zu können. Man denke sich das kranke Kind, Kopf und Leib mit Tüchern umwickelt, eingezwängt in den hohen Kinderstuhl, eine für die kleine Hand kolossale Geige an die blasse Wange haltend, und mit dem rechten Aermchen weit ausholend, um den Bogen führen zu können. Der Alte, auf dem einzigen Stuhl im Kämmerlein sitzend, den er dicht an den seines Kindes herangerückt hat, vorgebeugt den Tönen lauschend, die der Geige der Kleinen entquollen, und nun auf der seinigen einfallend, derbe, kräftige Baßtöne angebend, und dann lächelnd den Bogen wieder sinken lassend, um das Solo der Tochter zu erwarten, das leis und kreischend anhebt, unsicher weiterzittert, und endlich, weil der schwache, kleine Arm ermüdet, in einem schrillenden Mißton endet. Gezänk und Zürnen – Thränen des Kindes – dann Liebkosungen des Alten – die Geige wird wieder vorgenommen, das Stück noch einmal gespielt. Das Kind zittert, als es an die schwereren Stellen gelangt, allein diesmal dringt es siegreich durch. Vielleicht hat ihm das schalkhafte, gutmüthige Auge des Vaters, das ihm zuwinkt, vielleicht aber auch der rothbäckige Apfel Muth gemacht, den der alte Musiker aus der Tasche hervorgezogen und auf das Tischchen nebenbei gelegt hat. Wie schwer ist's, in den Tempel der eigensinnigen Musen zu dringen; wie mancher Apfel muß uns lockend hingestellt werden, damit wir die Schwierigkeiten auf dem Wege überwinden; wie manches Auge muß uns liebend zuwinken, damit unser verschüchtert Herz wieder neuen Muth fasse! Die Duette in der heimischen Bodenkammer verwandelten sich bald in kleine Konzerte beim Nachbar, dem Küster, und beim Gevatter, dem Schneider. Elisabeth wurde sammt ihrem Stuhl, den sie nicht verlassen konnte, weil ihren rhachitischen Gliedern die Kraft, sich selbständig zu bewegen, fehlte, zu den Leuten hinübergetragen, die sie hören wollten. Ein ganzer kleiner Transport setzte sich in Bewegung: die wohlverpackte und sorgsam getragene Virtuosin, der große Geigenkasten, denn der Vater hielt große Stücke auf seine Geige, die ihm ein damals berühmter, durchreisender Virtuos aus, der Himmel weiß welchem, Anlaß von Freundschafts- und Dankbarkeitsgefühl verehrt hatte; dann die Magd, die den Geigenkasten trug, der Vater, der seine Tochter trug, endlich der Haushund, der nie daheimblieb, wenn die Familie ausrückte, und dem man ein Körbchen ins Maul gab, in welchem ein lederner Beutel, gefüllt mit Saiten und Kolophoniumstücken und anderen kleinen Bedürfnissen der konzertirenden Familie, lag. So ging denn die Sippschaft ziemlich weit, oft ins Dorf hinaus, und langte schwitzend und rothglühend an, immer aber bereit, Musik zu machen, für welches Auditorium es auch immer sein mochte. Wenn man Gesang forderte, so mischte die Magd ihre Stimme in das Duett der Geigen und trug die Strophen einer wehmüthigen oder schalkhaften Ballade vor. Der Vater Schmähling liebte aber die Stimme der Magd nicht, er zog unter den Häusern, in die man ihm zu kommen erlaubte, diejenigen vor, wo man auf das Geigenspiel seiner Tochter besonders achtete und wo seine Kenner sich versammelten, nicht rohe und tumultuarische Balladenliebhaber. Es gelang ihm, sich ein gewählteres Publikum zu erwerben: die Wohnungen der reicheren Bürger öffneten sich ihm nach und nach, und endlich war ihm das Glück so günstig, daß ein zur Frankfurter Messe reisender, begüterter Kaufmann das »Wunderkind« mitzunehmen sich erbot, natürlich nicht ohne den Vater, der von seinem Sprößling unzertrennlich war. So zogen Vater und Kind der großen Welt entgegen. Es ist rührend zu betrachten, wie das Talent seinen ersten Einzug in die Welt hält. So sehen wir hier die gefeierte Sängerin, den Liebling des achtzehnten Jahrhunderts, so sehen wir sie auf einem ärmlichen Leiterwagen ihrem Ruhme und ihrem Glücke entgegenfahren. Noch zucken schmerzhaft ihre kleinen Glieder, ihr in dürftige Kleidungsstücke gehüllter Körper friert, die Hand, die kostbare Hand, die Hand, die den Bogen führt, hält der Vater und haucht sie an und erwärmt sie unter seinem Rocke, an seinem Herzen. Die Kleine liegt, das Haupt an seine Schulter gelehnt, von den Stößen des Wagens gefoltert – aber wie ist jeglicher Schmerz aus ihrem Antlitz verschwunden, wie glänzen die Augen, wie richtet sie das Haupt empor, als der Vater ihr die Thürme Frankfurts zeigt, der ersten großen, fremden Stadt, der Meß- und Handelsstadt, wo ein wundersames Gewühl von Fremden sie erwartet, wo sie zum ersten Mal vor einer staunenden Menge reicher und vornehmer Männer und Frauen spielen soll. Wie zittert die Erwartung des Ruhms, dieses mächtigsten Dämons, der über das Herz der armen Sterblichen gebietet, durch ihre enge Kinderbrust! Glückliches Mädchen, dir erfüllt die Welt deine Hoffnungen, aber wie mancher deiner Mitschwestern, eben so begabt wie du, eben so liebend und hoffend der Welt entgegenlauschend wie du – zertritt sie sie, und gibt statt der Lorberkränze – schmachvolle Fesseln, ein früh gebrochenes Herz, eine jammervolle Existenz!

Auch war Elisabeths Jugend noch lange nicht glänzend und genußvoll: erst später erreichte sie die goldenen Preise. In Frankfurt verlebten Vater und Tochter zwei Jahre. Sie gaben kleine Konzerte und nahmen Geld ein. Diese Erfolge gaben dem alten Schmähling Muth, seinen Wanderstab weiter zu setzen, und zu sehen, wo ihm auch noch anderswo das Glück blühe. Elisabeths Gesundheit besserte sich ein wenig, sie konnte gehen, obgleich nicht weit und nicht anhaltend. Als neunjähriges Mädchen kam sie nach Wien, wo sie Konzerte gab, in ihrem zehnten Jahre erschien sie in London. Die Empfehlungsbriefe, die der englische Botschafter am östreichischen Kaiserhofe den Reisenden mitgegeben, verfehlten ihre Wirkung nicht, sie durfte in den Häusern einiger Vornehmen spielen, und wurde selbst der Königin vorgeführt. Aber hier machte sie einen üblen Eindruck. Die Königin liebte Kinder nicht, und vor Allem – was man ihr auch nicht gerade verdenken kann – nicht häßliche Kinder. Die kleine Elisabeth war ein häßliches Kind: sie machte Grimassen, wenn sie spielte, und wenn sie vor vornehmem Auditorium spielte, machte sie doppelt arge Grimassen, so daß die Königin über das kleine, blasse, häßliche Wesen, das einen Theil seines Gesichts an dem Geigenkörper vergrub und mit großen, starren Augen darüber hinweglauschte, und das mit langen, dünnen Armen, wie eine Art Insekt, in der Luft umherwüthete, heftig erschrak und es gar nicht mehr sehen wollte. Die Kleine durfte daher nicht mehr erscheinen, und in den Häusern der Hofleute, wo man dem Hofe nachahmte, war ebenfalls ihres Bleibens nicht länger. Die Geldspenden, die dem Vater so willkommen und so überraschend zugeflossen waren, nahmen ein Ende. Das Auffallende der Erscheinung eines »Wunderkindes« hatte sich ebenfalls bald abgenutzt – kurz, man gab dem Alten von allen Seiten her den Rath, London, in welchem der Aufenthalt so theuer, so bald als möglich wieder zu verlassen. Noch einen andern Rath gab man ihm: man rieth ihm, seine Tochter ausschließlich zum Gesang zu erziehen, und sie das Geigenspiel einstellen zu lassen. Dieser Rath war vortrefflich: er begründete den einstigen Ruhm unserer Künstlerin, denn wenn eine solche Stimme nicht erschollen wäre, so hätte bei dem Eigensinne des Vaters die Tochter wol gar beim Geigenspiel beharren müssen. Jetzt dachte man daran, einen andern Weg einzuschlagen. Sie sollte singen und nichts als singen. Elisabeth war damit gleichfalls einverstanden: wenn sie sang, war sie, das fühlte sie wol, nicht so sehr den Spöttereien ausgesetzt; da gab es keinen Geigenbogen, keine schwerfällige Armbewegung; unsere kleine Virtuosin hätte kein Mädchen sein müssen, wenn diese Gründe nicht auf ihren Entschluß hätten Einfluß ausüben sollen. Nun gingen der Vater und die vornehmen Gönner ernstlich ans Werk; man sah nach einem tüchtigen Gesanglehrer aus, und die Wahl fiel auf einen damals nicht unberühmten Sänger, Paradisi. Signor Paradisi gehörte zu einer jetzt untergegangenen Art seltsamer Erscheinungen, er war Kastrat. Die Gesangschulen Italiens hatten von der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts an Europa mit diesen Abnormitäten, die ihren Sieg als Künstler durch ihre Niederlage als Mensch erkaufen mußten, versorgt. An allen Höfen zwitscherten diese unglücklichen Geschöpfe ihre Arien, sangen Liebeslieder, die in ihrem Munde zu Spottliedern wurden, sangen Dankhymnen, die, von diesen Lippen tönend, zu schweren Anklagen gegen ihre Mitgeschöpfe, zu tiefen Schmerzensseufzern und drohenden Zornlauten wurden, endlich spielten diese jammervollen Figuren Helden der alten Sage, prächtige Heroengestalten, die das Entzücken und die Bewunderung der Welt gewesen waren, und die nun durch diese winselnden Karrikaturen zum Spott wurden. Ein nach und nach auftauchender, besserer Geschmack verdrängte die Jammervollen von der Bühne, aber noch lange blieben sie auf dem Kirchenchore und in der Kammerkapelle. Auch von dort sind sie verschwunden. Das Jahrhundert, großmüthig und freisinnig, überall die Natur und die Wahrheit bevorzugend, hat dieses Spielwerk, das auf Kosten der Humanität errungen wurde, verschmäht und läßt sich, was es an kunstvollen Trillern weniger hört, an Dankpsalmen der Menschheit erstatten. Allerdings war es eine Art Sklavenhandel. Die schöne Stimme, diese hübsche Sklavin, wurde auf den Markt gebracht, und in ihren Fesseln einer Schaar wühlerischer und grausamer Lüstlinge zur Schau gestellt, die, sich nicht kümmernd um die Qual der Gemarterten, nur die Süßigkeit ihrer Reize kosteten. Es ist wahr, der Gesang erhielt durch diese Kehlen, die über die Messerklinge des Chirurgen den Salto mortale springen mußten, einen eigenthümlichen Reiz: man muß diese wie nicht von der Erde kommenden Klänge gehört haben, wie sie wie Lichtstralen aus dem dunkelfarbigen Bouquet der anderen Stimmen hervorschossen, wie sie gleich flatternden Engelkindern an den hohen Gewölben der alten Dome hinspielten, um zu begreifen, was ein so wollüstig fein fühlendes Jahrhundert, ein so kokett mit dem Sinnenreiz spielendes, an diesen seinen Lieblingen hatte. Der Gesang der Kastraten in den Oratorien der katholischen Kirche zu Dresden ist noch vielen Mitlebenden in dem frischesten Gedächtniß. Man muß hierbei den Enthusiasmus Heinse's erklärlich finden.3 Es war ein Zauber, eine Gewalt, die selbst die Seelen hinriß, die in der Ausübung des religiösen Kultus wenig mehr als eine verständige Betrachtung über die Moralgesetze sahen. Tausendmal konnte man sich sagen, durch unwürdige Mittel ist diese Wirkung hervorgebracht, aber diese Wirkung ist eben doch da, und wer träumen, wer sich in erhabenen, schwärmenden Gefühlen über alles Irdische hingetragen fühlen wollte, der untersuchte überhaupt nicht, der fragte nicht nach, der ließ alles irdische Forschen, und war dankbar, daß ihm das Glück einer solchen Beseligung zu Theil wurde. Die Kirche – natürlich die katholische – verdankt einen nicht geringen Theil ihrer Kraft über die Gemüther den himmlischen Gesängen, die sie in ihrem Schooß wahrt, und diese Gesänge stützten sich in ihrem eigenthümlichsten Zauber auf die Leistungen der Kastraten. Dies ist ein Satz, den kein Musikverständiger leugnen wird: doch, wie gesagt, unser Jahrhundert hat diesen Sklavenhandel, zugleich mit dem andern, bekämpft und abzuschaffen gesucht, und wir müssen ihm danken.

Unsere kleine Sängerin kam zu einem der fettesten und häßlichsten Geschöpfe dieser Art in die Schule. Signor Paradisi hatte außer seinem schönen Namen nichts, was an ihm hätte reizen oder bezaubern können. Es war eine plumpe Tonnenfigur, mit einem feisten, glänzenden, wie mit Oel übergossenen Gesichte; dabei hefteten tausend üble Angewohnheiten ihm an; er übte eine schmuzige Zärtlichkeit aus, und machte seine Schülerinnen zum Gegenstande einer burlesken, tragikomischen Leidenschaftlichkeit. Beständig fuhren seine dicken, mit Schwielen bedeckten Hände über die Wangen der Mädchen hin, und wenn sie ihre Aufgaben wohl gelöst, so reichte er ihnen zum Dank ein Zuckerplätzchen – an dem er selbst gesogen, das er aus seinen wulstigen Lippen hervorzog, um es zwischen die ihrigen zu stecken. Eine äußerst graziöse Liebkosung und ein sehr aufmunternder Schulpreis. Elisabeth wurde aufrührerisch, sie wollte die kunstgerechten und geregelten Solfeggien des Meisters, aber nicht seine Bonbons. Sie beklagte sich über die klatschenden Backenschläge, über das unters Kinn Fassen und über das Augenzwinkern des alten Sängers, und setzte diese Klagen so lange und so heftig fort, bis ihr Vater sich entschloß, sie von dem Sänger Paradisi zu erlösen.

Der Vater ging mit ihr nach Kassel zurück. Sie konnte nun schon als eine recht tüchtige Sängerin gelten, allein der Landgraf gab ihr dennoch keinen Platz an seiner Hofbühne. Die Kabale der daselbst angestellten italienischen Truppe hielt jedes deutsche Talent fern. Der siebenjährige Krieg, der eben seine Stürme hatte auswüthen lassen, hatte eine Ebbe in den Kassen der sonst begüterten Familien des Landes und der Hauptstadt zurückgelassen, es war nirgends Geld, und Elisabeths Vater, der eben von den vollen Fleischtöpfen Londons zurückgekehrt war, empfand den Mangel in seiner Heimatstadt doppelt. Lange Zeit hoffte er noch, der Landgraf werde der jungen Sängerin Zutritt zu einem Kammerkonzerte gestatten, es wurden zu diesem Zwecke aus London mitgebrachte Empfehlungen vorgezeigt, allein da alles dies nichts fruchtete, begab sich das Paar weiter auf die Wanderschaft. Zu der Ostermesse 1766 trafen sie in Leipzig ein.

Leipzig, das schon längst angefangen hatte, ein klein Paris zu sein, das die benachbarten Fürsten zu jährlichen Meßreisen an sich zog, wo Geselligkeit von galanten, gefälligen Frauen auf eine anmuthige Weise geübt wurde, besaß, was den Kultus der höhern Musik betraf, an dem Kapellmeister Hiller einen einflußreichen und kunstgeübten Direktor. Dieser, für seine Kunst unermüdlich thätige Mann hatte mit großer Anstrengung und mit nicht geringen Opfern wöchentliche Vereinigungen der musikalischen Kräfte Leipzigs und der Umgegend zu Stande gebracht. Es waren dies die sogenannten Winterkonzerte, und Hiller stand diesen Konzerten als oberster Leiter vor. Wenn man die Biographie dieses Künstlers liest, so ist's Einem, als schaute man in ein ächt deutsches, ehrliches Antlitz, voll Kummerfalten, mit der Schlafmütze über die Ohren gezogen, mit der grünen, in Tomback gefaßten Brille vor den Augen, die, wenn diese häßliche Brille zurückgeschoben wird, so treu, so lieb, so innig und geistig schauend uns ansehen. Wir verstehen wohl, wie ein solches Menschenkind, trotz des Philisterhaften, das ihm anhaftet, doch die lieblichsten und reinsten Gaben des Genius in sich aufgenommen haben kann. Es ist nichts in diesem trocknen und ernsthaften Gesichte, was die Poesie ausschlösse: allein was die Muse Reizvolles hat, die Begeisterung Trunkenes, die geheime Empfindung Süßes, die Kunstschöpfung Großes – ist alles wie unter einem düstern Schleier, oft recht absichtlich, vor den Augen der Menge verborgen. Das ist nun eben ein deutsches Gesicht. Der Vater Hiller, wie er genannt wurde, genoß einer fast abgöttischen Verehrung von seinen Freunden und Schülern, trotz dessen, daß er ewig polterte und nie zufrieden war, trotz dessen, daß er seine Schülerinnen tyrannisirte und ihren Kehlen das fast Unmögliche zumuthete. Er blieb aber immer Vater Hiller; und wenn er es recht arg gemacht hatte an zänkischem Hofmeistern und zornigem Schelten, dann brach wieder, wie ein heimlich Licht aus einer bestäubten, verdüsterten Laterne, ein gar so süßes, himmlisches Verständniß der ersten und größten Segnungen der heiligen Kunst, eine solche glühende Liebe für die erhabenen Meister, die über die Erde gegangen waren, Perlen und Edelsteine des Gesanges hinstreuend, wie der Säemann Saat, daß alle Unbill vergessen war und Vater Hiller vor seinen dankbaren Schülerinnen sich nicht zu retten wußte. Er wurde auch Elisabeths Freund und Berather: ein ganz anderer, als der alte Signor Paradisi; er nahm sie in seinem Hause auf, um ihre Kehle, wie er sagte, unter täglicher Besorgung zu haben. Wirklich pflegte er diese Kehle, wie ein Gärtner seine kostbarste Lieblingspflanze; er gab ihr Sonnenschein zum Gedeihen. Er entfernte Elisabeth vom Vater, der als beschränkter und eigensinniger Haustyrann ihr lästig fiel und immer nur den materiellen Nutzen vor Augen hatte. Der Alte wurde durch eine Pension zufriedengestellt, die die Tochter von ihren jährlichen Einnahmen ihm kontraktlich zusicherte. Diese jährliche Einnahme gewann sie, indem Vater Hiller sie als erste Sängerin bei seinen wöchentlichen Winterkonzerten anstellte. Dieses erste feste Gehalt war nicht groß, doch es genügte den bescheidenen Bedürfnissen von Vater und Tochter.

Um einen Beweis zu geben, wie Vater Hiller mit seinen jungen Zöglingen verkehrte, zu ihrem künftigen Berufe sie vorbereitete, diene die Weise, wie er Elisabeth nicht eben sehr zart, aber dabei sehr geeignet, ihr wahres Glück zu befördern, auf ihre Häßlichkeit und ihren übel geformten Wuchs aufmerksam machte. Mein Kind, sagte er ihr, Du wirst auf dem Theater kein Glück machen; da verlangt man nicht allein Jugend, sondern auch Schönheit und einen gewandten, zum künstlerischen Geberdenspiel geeigneten Körper. Du hast weder die eine, noch den andern. Ich rathe Dir, Dich mit dem Ruhm einer Konzert- oder Kammersängerin zu begnügen. Da mußt Du aber auch Deine ganze Kraft und Geschicklichkeit lediglich dem Gesange zuwenden. Du trittst vor ein Publikum, das durch keine Aeußerlichkeiten, durch keinen Glanz und Schimmer der Bühne und Aktion geblendet und in seiner Achtsamkeit behindert wird, das also ganz andere und größere Anforderungen macht, und dies mit Recht – die Kunst des Gesanges in ihrer schönsten Fülle und Reinheit zu vernehmen. Die Zuhörer, die Du hier vor Dir hast, kannst Du nicht hoffen, durch irgend ein Blendwerk zu betrügen; sie horchen zu leise auf, sie geben zu gut acht; wenn Du sie aber dann befriedigst, so werden sie Deines Lobes um so mehr voll sein, da sie keinen Theil davon an andere Personen neben Dir zu geben brauchen, sondern Dir allein alles zukommen lassen können. Ich möchte also aus Dir eine vollendete Konzertsängerin machen. Willst Du es? Der Preis ist hoch, aber mit tüchtigem Willen und redlicher Mühe erreichst Du ihn. Ruhm und Ehre sind dann Dein, und die Geldsäcke der Reichen und Vornehmen thun sich Dir auf. Willst Du? – Elisabeth erwiederte, daß sie wolle, und nun ging der Unterricht an. Es war eine schwere Zeit: von Morgen früh bis Abend spät wurde unablässig geübt, Skala gesungen, Unterricht im Klavierspiel genommen, größere Werke durchlesen und deren Sinn erklärt, die Lehre von der Harmonie und Tonsetzung studirt, am Abend repetirt, und oft tief in die Nacht hinein noch eine oder die andere schwierige Passage der Kehle angezwungen. Elisabeth war die fleißigste, die gelehrigste Schülerin; aber nur was Musik betraf. Kam man ihr mit anderen Dingen, die man ihrem Fassungsvermögen beibringen wollte, so setzte sie sich störrig einem solchen Ansinnen entgegen, so wollte sie kein Französisch lernen, auch nicht italienisch, auch nicht Tanzen, auch nicht Geographie und Geschichte. Laßt mich! rief sie – ich begehre von Allem dem nichts! Nur eine Sängerin will ich sein; hört es: nur eine Sängerin! Man mußte sich zufrieden geben, und Vater Hiller war nur froh, daß sie endlich so viel Italienisch lernte, als der Oratorientext und die Arienworte in den Opern verlangten. Trotz dessen sang sie ein Italienisch, das Niemand verstand: es kam aber gerade nicht sehr aufs Verstehen an: nur bei den Messen der alten Meister, wo die Worte aus der heiligen Schrift genommen sind und groß und in ihrer Einfachheit erhaben dastehen, drang Hiller durch, daß sie das Lateinische Jedermann verständlich vortrug. In Hillers Hause, in den Jahren 1766– 1771, lernte sie einen großen Theil der großen Musikwerke der älteren italienischen Schule kennen, auch ältere und neuere Deutsche, von den ersteren Palästrina, von den anderen Jomelli, Pergolesi, Sachini, Durante, Hasse, Graun, Benda. Hasse's großes Genie machte den lebhaftesten Eindruck auf das jugendliche Verständniß und Empfindungsvermögen.

Wir finden hier an dieser Stelle, bei der Erwähnung von Hasse's Kompositionen, von einem der Biographen unserer Künstlerin bezeichnet, daß sie liebte, eigene Improvisationen und Ausschmückungen gleichsam zwischen die Zeilen der Hasse'schen Kompositionen einzuschieben, daß sie diesen Meister besonders deshalb verehrte, weil er in den einfachen und großartigen Kontouren seiner Darstellungsweise Raum für den Sänger übrig ließ, selbständig seine Kunst zu bethätigen. So sang sie eine und dieselbe Arie von Hasse auf eine zwölffach verschiedene Weise, wobei sie jedoch sich nie von dem eigenthümlichen Charakter und dem Styl der Komposition des Meisters entfernte. Dieses besondere Merkmal der Kunstselbständigkeit unserer Virtuosin muß besonders, als ihr eigenthümlich, und von den Zeitgenossen hoch geschätzt, angeführt werden. Vater Hiller gestattete ihr es, aber auch nur ihr allein; denn bei anderen Sängern, wo er dergleichen hörte, nannte er es in den zornigsten Ausdrücken ein Entstellen des Textes, ein räuberisches Hineinpfuschen in das Gebiet des Genius. Der tüchtige Musikkenner mußte also wol frühzeitig bei seiner bevorzugten Schülerin die eigene schöpferische Größe erkannt haben, um ihr ein Beginnen zu verzeihen, ja sie sogar dazu aufzufordern, das er bei Anderen so unerbittlich streng strafte. In der That dürfte es auch ein schwer zu bestimmendes Gesetz sein, wie weit es dem ausübenden Künstler gestattet sei, in den einmal festen Rahmen eines Kunstwerkes noch dieses oder jenes an eigener Schöpfung einzuzwängen; gewiß aber ist's, daß die großen Sänger und Sängerinnen aller Zeiten sich immer dergleichen erlaubt und darin einen Ruhm und eine Ehre gesucht haben.

Jeder Musikverständige wird uns Recht geben, wenn wir behaupten, daß kein Umstand in dem Entwickelungsgange einer großen Sängerin so wichtig ist, als der Moment, wo sie ihre Schule durchmacht, das heißt, den Grund legt zu der späteren Kunstweise, in der sie groß und bedeutend geworden. In der Biographie eines Malers würde eine große Lücke entstehen, wenn wir nicht den Meister angeführt sähen, nach dessen Anweisung der Jünger seine jugendlichen Kräfte weckte und regelte, bei einem Tonkünstler ist dieses Bedingniß zur Vervollständigung der Schilderung seiner künstlerischen Erziehung noch unerläßlicher. Wir wollen demnach bei diesem eben berührten Zeitpunkt noch länger verweilen und uns die Gestalt des Vater Hiller und seine Methode noch lebhafter vergegenwärtigen. Aus Gerbers Tonkünstlerlexikon und aus Hillers eigenen Aufzeichnungen geht hervor, daß er 1728 in einem Dorfe der Oberlausitz als der Sohn eines armen Schulmeisters geboren wurde, daß er in großer Armuth seine Jugend verlebte, und daß er bei dem Kantor des Dorfes nothdürftig das Klavier und die Geige zu spielen erlernte. Um die Universität beziehen zu können, nahm er Schreiberdienste, und da diese ihn ebenfalls nicht förderten, bemühte er sich um ein kleines Lehreramt an der Kreuzschule zu Dresden. Damals war es, wo schon Hasse's Geist auf den jungen Mann einen gewaltigen Eindruck machte; er hörte die Kompositionen dieses Meisters in der katholischen Kirche zu Dresden. Die große Zeit der dresdener Glanzperiode zeigte noch ihre volle Herrschaft, obgleich ihr Gründer, König August der Starke, nicht mehr lebte. Der dresdener Hof war im Ruf eines schwelgerischen und alle Künste befördernden. Ganze Schaaren von Sängern und Schauspielern befanden sich fortwährend auf der Wanderschaft nach dem Elb-Athen. Der arme Lehrer an der Kreuzschule benutzte redlich, was er seiner Stellung nach von diesen Schätzen sich aneignen durfte; er richtete seinen Körper zu Grunde und trübte seine Sehkraft, indem er die langen Winternächte durch Hasse'sche und Graunsche Opernpartituren und Kirchenmusiken sauber abschrieb. Aecht deutscher Fleiß. Als es ihm endlich gelang, die Universität zu Leipzig zu beziehen, langte er dort krank und in der schwermüthigsten Stimmung an. Zweifelnd an seinem Beruf zum Tonschöpfer und ausübenden Musiker, übte und verfolgte er mancherlei Wissensstudien, und schloß sich an Gellert, Gottsched und Jöcher an. Durch den ersten erhielt er eine Stelle als Erzieher bei einem jungen Grafen Brühl. In dem Hause der Eltern dieses Grafen in Dresden wurde viele Pflege der Musik zugewendet, und fast wider seinen Willen nahm die Muse Hillern in ihren Dienst. Er komponirte Kirchenkantaten und Lieder. Die Kränklichkeit, mit ihr die Hypochondrie nahm jedoch überhand, und müde des Lebens, ohne Hoffnung für die Kunst, sank auch er mit so vielen anderen Hoffnungslosen, die die Stürme des siebenjährigen Krieges damals hart berührten, nieder. Er gab seine Stelle auf, schlug die Pension aus, die der Graf ihm bewilligte, und flüchtete nach Leipzig zu seinem alten Jugendfreunde. Hier wurde für ihn gesorgt: jene Winterkonzerte, von denen wir schon gesprochen, kamen zu Stande, und Hiller, endlich einmal sich ganz und völlig für die Musik entscheidend, wirkte segensreich und erntete Dank. Er ist als Komponist nie bedeutend gewesen, wohl aber als gründlicher Theoretiker und Kunstkritiker. Als solcher stand er bei seinen Zeitgenossen in größtem Ansehen, und seine Methode und Gesangschule waren schon im besten Rufe, ehe noch Gesangtalente, wie die der Mara und Corona Schröter ihm europäische Anerkennung verschafften.

Die Konzerte, die er dirigirte, waren keine frivolen Versammlungen, es waren wahre Kunstandachten. Man brachte ein gesammeltes Gemüth, eine Ehrfurcht für die großen Meister und ein feinlauschendes Ohr mit. Der Ernst, mit dem Musik geübt wurde, die Fülle der Liebe und Hingebung, die die Zuhörer mitbrachten, die Lieblichkeit, mit der die Gabe dargereicht wurde – alles dies zusammen machte, daß der ausübende und zuhörende Theil in ein Ganzes von hohem Kunstgenuß und gereinigter Kunstschöpfung verschmolz. Aeltere Leute, die sich noch auf den Nachhall jener Genüsse besinnen können, sprechen von dieser Zeit wie von einer Zeit der Weihe, der Erhebung, des Trostes. Es scheint, daß große Drangsale große Trostquellen nöthig machen, und daß nach einer Zeit voll trüber Ereignisse die Kunst eine besonders würdige und herrliche Gestalt annimmt, daß neben der Schönheit sich allemal auch die moralische Erhebung zeigt. Die Musik und die Schauspielkunst in dem letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts geben Beweise für die Richtigkeit dieses Ausspruchs. Tonkunst und Bühne erwachten zu geheiligter Blüte dicht hinter den Drangsalen des siebenjährigen Krieges. Erschöpft waren die materiellen Mittel, aber reich versehen waren die Herzen: es war ein Hunger da nach Größe und Schönheit, und die Kunst kam und sättigte.

Nachdem wir Hillers Leben näher beleuchtet, ihn selbst als einen mühsam Ringenden und Strebenden hingestellt, wollen wir ihn nun auch als einen solchen zeigen, der die Früchte, wie er sie gesammelt, mit derselben prüfenden Sorgfalt und strengen Bedachtsamkeit an Hülfsbedürftige austheilt. Es ist wichtig, ihn als Gründer seiner Schule kennen zu lernen, und wir wählen aus den hinterlassenen Papieren der Mara einen Aufsatz, in welchem sie die Repetition, wie er sie fast wöchentlich, nach jedem großen Musikstücke mit ihr hielt, aufgeschrieben. Es scheint, daß Vater Hiller mit seinen Schülerinnen eine Reise nach Dresden gemacht, um der Darstellung der Gluckschen Alceste, damals einer großen Neuigkeit, beizuwohnen. Hier die rückerinnernde Besprechung: Geschichtliches: Euripides behandelt die Fabel; es ist dieselbe aus der griechischen Heroen- und Götterwelt genommen. Alceste, Tochter des Pelias und Gemalin Admets. Ein Spruch des Orakels gibt an, daß der erkrankte Admet nicht anders zu heilen sei, als durch den Tod eines sich freiwillig ihm Opfernden. Alceste vollbringt dies Opfer. Sie stirbt, und Admet, der die Götter beschwört, ihm die Verlorene wiederzugeben, erhält sie durch Hercules zurück, der sie aus der Unterwelt wieder hinaufführt. (Bemerkung des Vater Hiller: Es ist eine ganz hübsche Moral in dem Stück, wie man sie gar wohl von einem Poeten erwarten kann, der ein Freund des Sokrates war.) Musikalisches: Durch die Symphonie wird eine große und wichtige Begebenheit angekündigt und die Theilnahme für dieselbe wach gerufen. Am Anfang erscheint ein Chor und der Herold. Der Herold hat in einem Recitativ von zwanzig Takten sechs volle Takte verkleinerter Septimen anzugeben. Der Chor der zweiten Scene »Misero Admeto! povera Alceste!« ist dem Gehör auffällig. Die verkleinerte Septime kommt häufiger in Anwendung. Das Recitativ der Alceste ist vortrefflich, ebenso die Arie »Jo non chiedo« mit dem Duett der Kinder. Die Recitative sind ohne alle Begleitung: sie müssen vortrefflich deklamirt werden.

Der Marsch der Priester des Apollo –

Der Ruf des Hohenpriesters »Dilegna il nero turbine, che freme al trono intorno!« mit Fagotten, Hörnern und Posaunen im C dur Akkord. –

Des Oberpriesters Gebet für den König »A te nume del giorno, a te del cielo ornamento e splendor« – in As dur angefangen und in Es dur geendet – ist göttlich!

Der Priester kündigt die Ankunft der Königin an.

Alceste's Gebet »Nume eterno, immortal« in E dur angefangen –

Der Oberpriester »I tuoi prieghi, o Regina, i domi tuoi propizio oltre l'usato Apollo accoglie.« Dieses Recitativ nebst dem Orakel gehört zum Erhabensten im ganzen Bereiche der Musik. Mit dem Chor darauf »Che annunzio funesto!« bildet es ein Ganzes. Darauf das Recitativ der Alceste. »Ombre, lawe, compagne di morte« – vortrefflich! Zum Schluß des Aktes: ein Chor des Volkes.

Den zweiten Akt eröffnet ein kurzes Vorspiel von Geigen mit einem unbegleiteten Recitativ zwischen Ismene und Alceste; darauf folgt die kurze Arie der Ismene und dann die herrliche Scene, wo Alceste im Walde allein sich dem Tode weiht. Das Recitativ ist vortrefflich mit der Oboe, dem Fagott und mit Schalmeien begleitet, ganz neu, und meisterhaft zur Deklamation. In nächtlicher Stille tönt das »che chiedi Alceste?« schauerlich. Es herrscht der Akkord der verkleinerten Septime vor.

Die Arie der Alceste und hierauf der Chor der unterirdischen Gottheiten »E vuvi morire o misera!« mit Geigen und Posaunen und Hörnern in Oktaven. Hierin liegt ein großer Zug von Glucks Genie. Die Melodie besteht aus einem Tone, und macht den Baß ganz neu und fruchtbar in seiner Wirkung.

Alceste fährt in einem vortrefflich begleiteten Recitative fort; die verkleinerte Septime wird wieder vorherrschend. Der Chor der Dämonen unterbricht sie.

Die Baßarie »Dunque vieni« des unterirdischen Gottes, in Begleitung von Oboen, Hörnern, Fagotten und Posaunen macht einen herrlichen Kontrast mit der schönen Weiblichkeit. Das Recitativ darauf ist schön, und die Arie »Non vi turbate, no, pietose Dei« gehört unter Glucks Meisterwerke: die Melodie originell und ein Kleinod deutscher Musik – – u. s. w.

Wir beabsichtigen nicht, diesen Aufsatz in seiner ganzen Ausdehnung wiederzugeben, indem er doch nur für Musikkenner in nächster Beziehung Bedeutung erhalten dürfte, wir haben ihn nur auszugsweise gegeben, um die strenge und geregelte Lehrmethode Hillers durch ein Beispiel zu erörtern. Auf diese selbe Weise ging er mit seinen Schülerinnen die bedeutendsten Musikschöpfungen der ernsteren Art durch, so Oratorien und Messen. Bei den letzteren ging er noch ausführlicher ins Detail der musikalischen Kritik, und ließ, weil er seiner eigenen Autorität nicht unbedingt wollte vertraut sehen, auch aus Büchern dahin bezügliche Stellen von den jungen Mädchen abschreiben. Auf diese Weise sammelte Elisabeth einen großen Schatz werthvoller Manuskripte, die sie häufig, besonders in den Tagen ihres Alters, wieder durchlas und den Freunden daraus mittheilte. Diese kleine vorliegende Skizze kann ihrem Zwecke nach, keine genügende Darstellung für den Musiker von Fach sein, soll eine solche noch zusammengestellt werden, so wird sich passendes Material in Menge finden; denn obgleich bei dem Brande ihres Hauses in Moskau die Künstlerin unter anderm mannigfachem Eigenthum auch eine große Anzahl ihrer musikalisch-kritischen Aufzeichnungen verlor, so hat sich doch noch Vieles und Werthvolles erhalten.

Wir gehen jetzt zum Verfolg der Darstellung ihrer äußeren Schicksale über. Während Hiller darauf drang und die Sängerin selbst sich bereits entschieden hatte, ihre ganze Thätigkeit der Konzertmusik zu widmen, fehlte es doch nicht an Veranlassungen, die Bühne zu betreten. Nicht immer konnte die bescheidene und ihrer äußeren Unschönheit bewußte Elisabeth diesen Aufforderungen entgehen; so war es ihr zum Beispiel unmöglich, eine abschlägliche Antwort einem Rufe des Direktors der kurfürstlichen Hofbühne zu Dresden zu geben. Die verwittwete Kurfürstin Marie Antonie hatte von ihr gehört und wünschte sie persönlich kennen zu lernen. Eine große Hasse'sche Oper wurde einstudiert, und die Titelrolle der schüchternen Elisabeth übergeben. Zum ersten Male sollte sie nun in Gold und Perlen geschmückt, mit Purpur angethan, als eine Königin aus den Coulissen hervorrauschen. Vater Hiller war unbeschreiblich besorgt um sein Pflegkind. Wie wird es gehen – wie wird es gehen! rief er einmal ums andere; du kannst ja keine Königin vorstellen, Kind, du kannst's nicht! – Elisabeth widersprach nicht, sie ließ geschehen, was sie nicht hindern konnte. Als sie in Dresden ankam und dort ihr Bekenntniß ablegte, daß sie noch nie die Bretter betreten, ging man nach damaliger Weise roh und befehlend mit ihr zu Werke; man ließ sie Proben machen, sie mußte gehen, sitzen, aufstehen, die Hände bewegen, den Kopf zurückwerfen – alles wie man glaubte, daß eine Königin es thäte. Elisabeth ließ sich alles gefallen. Am Abend selbst, erzählt sie, hielt ich »mein Fratz'« geduldig hin und ließ darauf auftragen Schminke, roth, weiß, fingerdick. Die anderen Komödiantinnen schminkten sich selbst, ich dachte nicht daran, dies Recht in Anspruch zu nehmen, ich war froh, daß andere Hände so gütig waren, sich für mich zu bemühen. Als meine Wangen hübsch ziegelroth übertüncht waren, fragte mich der Perückenmeister, ob ich auch ein Schönpflästerchen aufgeklebt haben wolle. Meinetwegen, rief ich, auf die Nasenspitze, wenn es sein muß. Alle, die in dem Zimmer waren, lachten, und der Direktor, der durch die Thürspalte hineinsah, lachte mit und rief: Ist die Leipzigerin noch nicht fertig? Sie soll in den kleinen Vorsaal treten, die Frau Kurfürstin will sie sich erst ansehen, ehe sie auf die Bühne kommt. Alles fuhr auf diese Rede auseinander. Der Perückenmacher warf noch schnell eine große Kanonenlocke mir ans linke Ohr, die mit ihrem Mehl und Kleister hart mir an die Wange schlug, fast wie eine Maulschelle, und ich nahm meinen Purpurmantel sammt Schleppe untern Arm und folgte dem Herrn Direktor durch viele dunkle Gänge in ein kleines, mit rothem Sammet ausgeschlagenes Kabinetchen. Da stand die Frau Kurfürstin an der Thür ihrer Loge, und über ihre Schulter herüber sahen ein paar neugierige, blutjunge Hofdamen und kicherten, als sie mich in meinem Glanze so stehen sahen, wie eine Puppe unterm Weihnachtsbaum. Ich hielt meine Arme, die ich nicht zeigen wollte, weil sie roth angelaufen waren, mit dem Szepter auf dem Rücken. Was hat Sie da? rief die gnädige Dame, was verbirgt Sie da hinterm Rücken? – Ew. kurfürstliche Gnaden entschuldigen, rief ich, es ist das Szepter. Nun kam ich damit hervor und berührte sehr ungeschickt damit fast die Nase des dicht neben mir stehenden Direktors, der entsetzt zurückfuhr. Das Szepter gehört nicht dahin, sagte die Frau Kurfürstin mit einem ganz eigenen Tone; Sie muß es vor sich hintragen, und am besten, Sie legt's ganz bei Seite, denn es ist nicht nöthig, daß eine Königin immer mit dem Szepter in der Hand erscheint. Ich hörte diese Verbesserung mit einem unterwürfigen Lächeln an, und entfernte mich schnell, als man mir die Erlaubniß gab, zu gehen. Wie ich nun endlich auf die Bühne gelangte? – ich weiß es selbst nicht. Ich glaube, man stieß mich mit guter Manier hinaus, und als ich einmal vor den Lampen stand, da strichen die Instrumente gleich darauflos, und ich mußte mit meinem Recitative einfallen, da hatte ich keine Zeit, an irgend etwas anderes als an die Musik zu denken. So wie ich sang, war ich geborgen. Nun wußte ich, was ich zu thun hatte, und der Teufel der Blödigkeit verließ mich zur Stelle. Ich dachte nicht mehr an den Szepter, den ich auf den Tisch hingelegt hatte, nicht an meine Perrücke, auf deren oberster Spitze die güldene Krone saß, nicht mehr an meinen ungeheuren Reifrock und meine rothsammtene Schleppe – ich sang eben, und that nichts als singen. Es ging gut, wenigstens riefen die Leute, jenseits der Lichter, lauten Beifall. Ich bleibe aber dabei, daß ich glaube, die Königin Semiramis hat im Leben ganz anders ausgesehen, gesprochen und Mienen gemacht, als ich es that, ihr elendes Abbild. In den Scenen, wo ich von meinem todten Gemahl zu sprechen hatte, dem in Gott ruhenden Ninus, sollte ich ein schmerzvolles Gesicht ziehen und einen entsprechenden Gestus machen, doch in dem Augenblick fühlte ich, daß die verwünschte Krone auf meiner Perrücke zu wackeln anfing und sah den Perückenmeister, wie er vor Furcht, ich möchte das Kleinod verlieren, gleich einer Elster hinter der Coulisse umhersprang und mir Zeichen machte. Da fehlte denn wenig, daß ich in Lachen ausgebrochen wäre, ich hielt mich aber mit großer Gewalt, rückte so wenig als möglich mit dem Kopfe – durch das mir anbefohlene Zurückwerfen desselben war ja das ganze Unglück entstanden – und so ging ich denn, ohne daß mir etwas passirt wäre, mit meinen sechs Priestern in den Tempel, nachdem ich noch meine schwierige Arie in F dur zur allgemeinen Zufriedenheit gesungen hatte.«

Der erste Versuch, die Bühne zu betreten, machte jedoch – obgleich er nicht nach der obigen Schilderung, mit der sie oft und gern ihre Freunde unterhielt – ein mißglückter zu nennen war, sie nicht lüstern, ihn zu wiederholen. Der große Ruhm, den ihre Zeitgenossinnen, die Todi und Gabrieli, gerade als dramatische Gesangkünstlerinnen einernteten, ließ sie verzweifeln, jemals die Palme diesen glänzenden Genieen auf der Bretterwelt streitig machen zu können. Vater Hiller blieb bei seiner Behauptung, daß der Konzertsaal der ihr bestimmte Schauplatz der Wirksamkeit sei, und sie stimmte ihm bei.

Jetzt kommen wir zu der Periode ihres Lebens, die der Beginn dieses Aufsatzes berührt, zu ihrer Bekanntschaft mit dem Helden des Jahrhunderts, mit Friedrich dem Großen. Es ist dies ohne Zweifel die Periode ihres Glanzes, wenn auch nicht die genußreichste und angenehmste Zeit ihres Lebens. Denn welches Talent auch mit Friedrich zusammenkam, es konnte darauf rechnen, Bedeutsamkeit und Ruhm zu ernten, nicht aber Freude und Genuß; denn die große Heldenpersönlichkeit des Königs, sein gewaltsames Anordnen und Ueberwachen jeder fremden Persönlichkeit, das oft empörend Willkürliche in seinem Umgang mit den Geistern machte, daß diese ihm zwar dienten, aber nicht mit Liebe, nicht mit Ruhm, nicht mit jener friedlichen und liebevollen Hingebung, die die Macht mit dem Genie dauernd verbindet, indem es beide mit einander versöhnt. Denn das Genie ist ein König, die Macht ist ein König – um diese beiden Herrscher zum Besten der Welt in Eintracht und gemeinsamer, wohlthätiger Wirksamkeit zu erhalten, gehört, daß die Humanität den Bund einsegnet. Friedrich war aber nicht human; er wußte nur anzuerkennen, nicht zu lieben, nicht zu bewundern, und machte dem Genie nie Zugeständnisse, die dieses berechtigt hätten, neben seinem Thron auch einen Thron für sich einzunehmen. Darum das beleidigende, kalte Zurücktreten der zeitgenössischen großen Geister, darum Voltaire's Bosheit, darum d'Alemberts scheues Zurückhalten, die Furcht der Mara. Alle waren froh, wenn sie das Parket des kleinen Saals zu Sanssouci nicht mehr zu betreten brauchten, wenn sie das Rollen des bekannten Lehnsessels in der Kaminecke nicht mehr hörten, und den trocknen, ungeduldigen Husten – obgleich sie, einmal aus Potsdam entfernt, doch immer wieder Heimweh fühlten, dahin zurückzukommen, denn es herrschte dort der Große, der Gewaltige, der sie zwar drückte und tyrannisirte, aber doch dabei, unter allen Machthabern und Königen, der einzige war, der sie verstand und anerkannte. Elisabeth hatte reichlich ihr Theil zu tragen an diesem Mangel Friedrichs an Humanität; sie sah in ihm, in der letzten Zeit besonders, nur den Zwingherrn, nie mehr den Bewunderer und Beförderer. Sie verlebte am preußischen Hofe äußerst kummervolle Tage, trotz des Glanzes, der sie umgab, und trotz der für damals enormen Gage von achttausend Thaler und mehr, die sie bezog.

Friedrich der Große hatte längst aufgehört, Flöte zu blasen; er hatte einen Kampfplatz, auf dem er nicht, wie auf dem andern, immer Sieger war, verlassen, und Musik und Musiker interessirten ihn nur noch wenig. Da sprach man ihm von der deutschen jungen Sängerin; er gab Befehl, daß man sie ihm vorführe. Es geschah. Jener berühmte kleine Konzertsaal im Palais zu Sanssouci, in dessen Räumen, die mit den Bildsäulen Apolls und der Musen geziert waren, die einst so sehr bewunderten Flötenkonzerte stattgefunden hatten, an demselben Klavier, an welchem die schöne Aebtissin von Quedlinburg, die von ihrem königlichen Bruder so arg tyrannisirte Prinzessin Amelie, die kunstfertigen Sonaten Benda's vorgetragen hatte, in der Nähe desselben Notenpultes, an dem der Erbprinz von Strelitz immer wieder dieselben Fehler in Takt und Melodie beging, und dadurch die Zornblicke Friedrichs und das heimliche Lachen der Hofdamen sich zuzog, stand nun die junge Elisabeth Schmähling, bereit, irgend ein Gesangstück, das der König auswählen würde, vorzutragen. Sie stand da, unbefangen und ruhig; der König lag im Lehnsessel, zusammengekrümmt und übler Laune, die durchdringenden Blicke auf die neue Erscheinung gerichtet. Auf seinen Wink wurde sie näher zu ihm herangeführt und er fragte mit hohlem Tone: »Sie will mir was vorsingen?« – »Wenn Ew. Majestät befehlen.«– »Na, so sing' Sie!« – Es wurde etwas ausgewählt, und als zur Zufriedenheit des Königs die Piece beendet war, suchte er unter einem Stoß Noten ein Blatt hervor, das eine schwierige Bravourarie enthielt, von Grauns Komposition, die, wie er wol wußte, der Sängerin völlig neu war. »Kann Sie mir das vom Blatt weg singen?« fragte er wieder. Elisabeth that einen flüchtigen Blick in die Noten, und antwortete dann mit großer Zuversicht: »Ja.« – »So sing' Sie!« erscholl es wieder. Sie löste auch diese Aufgabe zu völliger Zufriedenheit des erlauchten Zuhörers: »Ja, Sie kann singen!« rief er, und hiermit war Elisabeths Schicksal entschieden. Es wurde ihr der Antrag gemacht, in die Dienste des Königs überzutreten, sie nahm ihn an und erhielt ein Jahrgehalt von dreitausend Thalern auf Lebenszeit zugesichert. Ihr einziger Wunsch, den sie bei Abschluß dieser Verbindlichkeiten zu äußern wagte, war, daß ihr vergönnt sei, eine Reise nach Italien zu machen, um sich dort in ihrer Kunst zu vervollkommnen, allein sie erhielt den trocknen Bescheid: »Sie soll hier bleiben, dort wird Sie jetzt auch nichts mehr lernen. « Diese Verweigerung eines, wie es der Künstlerin schien, so gerechten Wunsches legte das erste Mißtrauen und die erste Bitterkeit in ihren Charakter, dem Könige gegenüber. Es war nur ein Wölkchen, das am Horizont aufstieg, aber sie ahnte, daß aus diesem sich ein Sturm für ihre künftigen Tage entwickeln werde. Und so war es auch.

Die Freunde riefen ihr von allen Seiten Glückwünsche zu; man sagte ihr, daß ihre Zukunft nun gesichert sei, daß sie in einer ehrenvollen und einträglichen Stellung sich befinde, und daß sie für die Vortheile, deren sie genieße, im Ganzen wenig zu leisten habe und genug Zeit übrig behalte, um an ihrer Ausbildung fördernd zu arbeiten. Elisabeth erkannte im Ganzen die Wahrheit dieser Aussprüche an, sie konnte es aber nicht über sich gewinnen, das Zunichtewerden ihrer liebsten Hoffnungen, nämlich jener Reisen, mit Ruhe zu ertragen. Sie schrieb an ihre Freunde in Leipzig: »Berlin ist eine schöne Stadt, allein es scheint, als wenn sie von lauter Tambouren bewohnt würde, so hört man vom Morgen früh bis Abends spät nichts als Trommelschlag in den Straßen. Von den Gesellschaften wähle ich nur solche aus, wo man mich nicht zu singen zwingt, denn da ich meine Stimme dem König von Preußen verkauft habe, ist sie nicht mehr mein, und ich kann über sie nicht schalten, wie ich wol möchte. Nach Potsdam werde ich alle vierzehn Tage einmal, auch wol zweimal hinbeordert, wo ich denn im kleinen Konzertsaal gemeiniglich Graunsche Musik, von der der König ein großer Liebhaber ist, vortragen muß. Hier und da werde ich auch in das Palais der Prinzessin gerufen, Schwester des Königs, aber noch nicht ist mir die Ehre zu Theil geworden, vor der Königin zu singen. Ich erhalte viel Zettel und Briefe von hiesigen Dichtern und Schriftstellern, französisch und deutsch, gestern bekam ich auch ein Schreiben von dem Herrn Kanonikus Gleim in Halberstadt, das in einem gar kindischen und verliebten Stylum abgefaßt ist und mich bedünket, eines Mannes, der einen geistlichen Titel führt, gar unwerth. Auch Heirathsanträge bekomme ich, kürzlich sogar von einem alten Generalen, der sieben Kugeln im Leibe hat, die ihm nach und nach, wahrscheinlich im Verlauf unserer Ehe, sollen herausgeschnitten werden; ich habe gedankt, und die anderen Briefe werfe ich ins Feuer. Es sollte mir just fehlen, daß ich noch heirathe, damit ich dann noch einen zweiten Willen eines Mannes über mich zu erkennen habe. Ich armes Ding, das schon gar zu sehr in Knechtschaft gerathen ist! Mein Verdruß ist, daß ich bisweilen mit den Herren Porporino, Neri und Concialini singen muß, die alle drei in einer mir widerstrebenden Manier ihr Wesen treiben, und mich zwingen, Adagio zu singen, was ich nicht mag. – –«

Das Wohlwollen und die Gunst, die der König ihr zuwandte, steigerte sich bald so sehr, daß ihr Gehalt um das Doppelte erhöht wurde. Die Freunde waren wieder über diese neue Gunstbezeugung außer sich. Als diese Nachricht sich verbreitet hatte und sie darauf öffentlich erschien, gab ihr das berliner Publikum laut Beweise seiner frohen Theilnahme. Elisabeth war dafür nicht unempfänglich, und Berlin fing an, ihr schon besser zu gefallen. Sie änderte ihre Wohnung und zog aus der geräuschvollen Königsstadt in die ruhige Behrenstraße, wo sie das Haus des Künstlers Chodowiecky nahe hatte, das sie öfters besuchte. Hier versammelte sich ein gemüthvoller Freundekreis in bürgerlich gesicherter Wohlhabigkeit und künstlerischer Weihe. Hier trat oft in der Dämmerstunde, wenn der fleißige Künstler seinen Grabstichel niedergelegt hatte, Elisabeth ein wie ein freundlicher Hausgeist, und ließ ihre wundervolle Zauberstimme erschallen, indem sie die einfachen Gesänge ihres väterlichen Freundes und Meisters, die Lieder Hillers, voll Tiefe und Innigkeit vortrug. Rammler, der von diesen Besuchen gehört hatte, suchte sie zu gleichem Zwecke in sein Haus zu locken, und schickte ihr eine in saphischem Versmaaß gedichtete Ode, allein Elisabeth, die den Mann nicht mochte und sein Gedicht nicht verstand, ging nicht hin, und so blieb sie diesem Kreise fremd. Lessing erinnerte sie sich nicht gesehen zu haben; Goethe jedoch lernte sie in Leipzig kennen, wo er mit dem Herzog von Weimar hingekommen war. Er besang sie zu ihrem Geburtstage, und diese Verse bewahrte sie wie ein Heiligthum sorgsam auf. Die Jahre 1772 und 1773 hätten als sehr glückliche im Leben unserer Künstlerin bezeichnet werden können, weil ihre äußeren Verhältnisse sich gerade in diesem Zeitpunkte am günstigsten gestalteten, wenn nicht ein Leiden besonderer Art die Arme heimgesucht hätte: dieses Leiden war »Liebe und Hochzeit.« In der That, was Anderen ein Sonnenstral im Leben, war der unglücklichen Elisabeth eine Verfinsterung, ein trübes und jammervolles Elend. Sie lernte den Violoncellisten Mara kennen, der bei der Hofkapelle des Prinzen Heinrich von Preußen angestellt war, und diesem gelang es, die bisher so spröde – auch nicht mehr so ganz junge – Künstlerin »in Liebe zu entzünden.« Gleim schrieb an Jacobi: »Die Schmähling heirathet – und, o ihr Götter, sie heirathet nicht meinen Jacobi, nein, Amor leitet die Strauchelnde und Irrende in einen Busch, aus dem wüstes Tönen hervorschallt, und in dessen Schatten ein Faun halb trunken und von allen Grazien und Musen geflohen, rohe Gesänge stammelt. Unsere Schmähling heirathet einen Trunkenbold. Friedrichs Sängerin heirathet einen Trunkenbold. Als ich diese Nachricht erhielt, ging ich vor Apolls Büste und weinte, weinte glühende Thränen, und bat den Gott im Namen der Charitinnen, seiner liebsten Priesterin diese Sünde zu verzeihen.«

Das schlimme Zeugniß, das hier der Kanonikus dem Musiker ausstellt, scheint in seiner vollen Bedeutung auf den Getadelten Anwendung gefunden zu haben, wenigstens war ganz Berlin, der König an der Spitze, entrüstet, als man den unklugen Schritt des gefeierten Lieblings vernahm. Sie erhielt anonyme Briefe, in welchen man ihr die vielfachen Schwächen und Untugenden ihres Erkorenen auf das genaueste schilderte, in welchen man ihr die früheren Liebschaften des Wankelmüthigen mittheilte, allein Elisabeth, einmal besiegt von der gewinnenden Macht des jungen Musikers, gab allen wohlmeinenden Rathschlägen kein Gehör. Mara selbst scheint sein Möglichstes gethan zu haben, um immer wieder die schlimmen Einwirkungen fremder Rathschläge durch sein Schmeicheln und seine lockende Rede zu entkräften. An ihrem vierundzwanzigsten Geburtstage, im Jahre 1773, kam sie beim König mit ihrem Heirathsgesuch ein. Friedrich antwortete übellaunig: »Sie ist eine Närrin, und soll zur Raison gebracht werden. Mag Sie aus dem Kerl machen was Ihr beliebt, nur nicht Ihren Ehemann.« – Nach einer kleinen Frist ward die Bitte wiederholt. Neuer Zorn des Königs, aufs Neue abschlägliche Antwort. Ein halbes Jahr verging, und die Bitte kam zum dritten Male. Nun gewährte der König, aber in den ungnädigsten Ausdrücken und eben so beleidigend für die Braut, wie für den Bräutigam.

Wenn wir diesen Liebesbund betrachten, so sehen wir wieder den Erfahrungssatz bestätigt, daß ausgezeichnete Frauen durchaus nicht, wie man glauben sollte, sich zu einem solchen Bunde wieder ausgezeichnete Männer auswählen, sie nehmen im Gegentheil oft den Unbedeutendsten, noch öfter den Rohesten, nicht selten sogar mit Absicht den Verworfensten seines Geschlechts. Es ist dies ein Geheimniß in der Geschichte der Verbindungen; für den Psychologen von dem eigenthümlichsten Reize. Wir fürchten, die Basis dieses Geheimnisses zu niedrig anzugeben, wenn wir sie in dem Stolze finden, den eine Frau fühlt, ihre eigene Natur so erhaben gestellt zu sehen, daß sie des Bundes mit dem geistig ebenbürtigen Manne nicht bedarf, wir wollen sie lieber in der Liebebedürftigkeit des Weibes überhaupt suchen, die nicht die frostige Größe ohne die warmblütige zärtliche Erniedrigung dulden mag. Sie will erniedrigt, sie will gedemüthigt sein, sie kann und will es nicht ertragen, überall zu siegen, und sie duldet willig dicht neben den Krönungsfesten des Geistes die Geißelungen des Herzens. Es ist dies die Nemesis, die neben der weiblichen Größe steht, sowie die Selbstsucht als eine eben so gefährliche Feindin der männlichen Größe zur Begleiterin gegeben ist. Wir sehen von Sapho an alle Sängerinnen und Dichterinnen den Weg dieser unwürdigen Liebe gehen: es ist beschämend für das Geschlecht, Namen zu nennen, aber blättern wir in den Biographieen berühmter Frauen, so finden wir immer dies kleine, kurze, ärgerliche Kapitel ihrer Niederlage neben dem langen, pomphaften Abschnitte ihrer Siege und Triumphe. Und merkwürdig ist es, daß gerade jenes kleine Kapitel, nicht von den Männern, denn dies wäre in der Ordnung, sondern gerade von den Frauen mit großem Interesse gelesen wird. Man sollte denken, dies könne unmöglich der Fall sein, die Frauen müßten sich sträuben, die Bekenntnisse der Schwäche bei einer Großen und Größten ihres Geschlechts zu lesen, allein sie betrachten mit heimlichem Gerechtigkeitsgefühl dieses kleine ärgerliche Zeichen auf dem Schild der kämpfenden Amazone als ein Merkmal, daß dies Heraustreten aus der zugewiesenen Schranke sich immer irgendwie bestrafe.

Die Ehe Elisabeths ließ sich gleich sehr übel an. Mara setzte sich in Besitz ihrer Geldmittel, die bei der sparsamen Sängerin sich angehäuft hatten, und verschwendete maaßlos. Nicht allein, daß er kostbare Feste gab, die nicht selten mit einer Schlägerei des Gastgebers mit seinen Gästen endeten, er warf auch Summen im Spiel hin und unterhielt, ohne daß seine ihm sklavisch ergebene Frau etwas ahnete, eine Tänzerin, die er aus dem Ballet entfernt hatte. Durch ihn wurde Elisabeth mit den Jämmerlichkeiten, den Intriguen und Kabalen der Theaterwelt bekannt, er übernahm es, das edle Geschöpf in eine Sphäre einzuweihen, in der er sich von frühester Jugend an bewegt hatte. Er hatte als ein Vagabond die Bretter betreten, und als Vagabond lebte er auf ihnen. Elisabeth wurde jetzt in die Streitigkeiten der einzelnen Orchester mit dem Theaterpersonal verwickelt, und mußte die Zänkereien und Klägereien mitanhören, die die Mitglieder der königlichen Kapelle denen der prinzlichen bereiteten. Welch eine tumultuarische Ehe! Sie suchte unablässig Streitigkeiten zu schlichten, ausbrechende Kämpfe gefahrlos abzuleiten, es gelang zuweilen, nicht immer. Kam sie dann erschöpft nach Hause, so wartete der Wagen auf sie, um sie nach Potsdam zu bringen; sie warf sich übereilt in festliche Kleider, sang zerstreut, befriedigte weder sich noch Andere, und zitterte, die Schwelle ihres eigenen Hauses wieder zu betreten, weil sie oft auf derselben einen schlafenden Wüstling, ihren Mann, ausgestreckt liegen fand. Die Scenen, die sich hier bereiteten, waren rührend. In tiefer Mitternacht, noch bekleidet mit dem schwerstoffenen, gelbseidenen Reifrocke, wie sie aus den königlichen Gemächern kam, hob sie mit Hülfe des Kutschers, dessen Verschwiegenheit sie erkaufte, den schlummernden Mara vom Boden, und trug ihn die ziemlich hohe Treppe mit großer Anstrengung hinan, bis in ihre Gemächer, wo sie ihn auf ein Sopha niederlegte. Alles dies in verschwiegener Stille, damit Niemand das Märtyrerthum ihrer Ehe gewahre. Im Theater erschreckte er sie durch sein lautes Applaudiren, und dieses unziemende Betragen hatte schon die tadelnde Aufmerksamkeit des Königs erreicht. Sie sang oft minder gut, als sie pflegte, nur um das Klatschen und Klopfen des Mannes, der irgendwo in einer versteckten Loge ihr Spiel beobachtete, zu verhindern. Bei diesen fortgesetzten Spannungen und Aufregungen litt ihre Gesundheit. Mara wüthete, denn weit entfernt, sich selbst als den Grund dieses Gemüthsleidens anzusehen, schob er die Schuld auf den König, auf das Publikum, auf die rivalisirenden Sänger und Sängerinnen. Wenn jedoch, müde dieser selbstgeschaffenen Täuschungen, Elisabeth ihm merken ließ, daß er und Niemand anders an ihrem Unwohlsein schuld sei, so konnte er, diese gefährliche Gabe besaß er, eine vollständige Komödie vor ihr aufspielen. Er zerfloß in Thränen, er machte ihr die zärtlichsten und betäubendsten Vorwürfe, er rief ihr ins Gedächtniß, daß bei ihrem neulichen Gesange in der Kirche er es gewesen war, der bei dem himmlischen Solo, das von ihren Lippen getönt, ohnmächtig aus der Menge getragen worden, daß sie ihn durch ihre Stimme zu einem andern Menschen gemacht, zu einem bekehrten und reumüthigen Sünder, den die Fülle seiner Thorheiten und Gebrechen in das tiefste Elend versenkt. Elisabeth glaubte ihm; sie nahm ihre Anklage schnell zurück und tröstete nun ihrerseits den Heuchler. Nach einer solchen Scene griff Mara dann doppelt tief in die Geldkassette und entfloh lachend mit einer Geldrolle. Er war so leichtsinnig, daß er im Hause nebenbei den versammelten Freunden die eben durchgespielten Auftritte mit seiner Frau wiederholte, und spottend die zärtlichen Klagen und das Mimenspiel der armen Sängerin nachahmte.

Die Willfährigkeit seiner Frau verleitete Mara, immer größere Opfer von ihr zu verlangen; so drang er denn auch endlich in sie, Berlin zu verlassen, weil er ihr vorstellte, daß sie überall anderswo reichere Ernten halten könnten. Dies war eine Ansicht, in der Elisabeth mit ihm völlig einer Meinung war. Schon vor ihrer Heirath hatte sie daran gedacht, Preußen zu verlassen; die fortgesetzten beleidigenden Weigerungen des Königs, ihrem Heirathsgesuch zu willfahren, hatten den Plan noch mehr zur Reife gebracht, jetzt endlich, da Hof und Publikum, wegen ihrer Ehe und deren ärgerlichen Folgen, kälter gegen sie gestimmt wurden, kam das Verlangen, ihre Verbindungen zu lösen, so lebhaft und dringend in ihre Seele, daß es Mara's Vorstellungen und Bitten nicht einmal bedurft hätte, um sie zur Realisirung dieser heimlich gehegten Wünsche zu bewegen. Es wurde nun sofort ein Gesuch an den König aufgesetzt, in welchem das Paar um Urlaub zu einer Künstlerreise bat. Der König schrieb an den Rand der Bittschrift: »Er kann gehen, Sie aber soll bleiben!« Damit war nun freilich nichts gewonnen. Natürlich weigerte er sich, ohne sie zu gehen; der König seinerseits erreichte seinen Zweck, die Ehe mit guter Art zu trennen, auch nicht: die Sache blieb beim Alten. Elisabeth war äußerst verstimmt; Mara wüthete auf eine brutale Weise. Um das Paar vollends in die übelste Laune zu versetzen, kamen gerade jetzt aus London heimlich Anträge, in denen ihr für drei Konzerte sechzehnhundert Thaler garantirt wurden, nebst Reisegeld von zweihundert Thalern. Jetzt bestand Mara darauf, daß sie um ihren Abschied einkommen sollte; die schüchterne Elisabeth hatte schon fast keinen eigenen Willen mehr; sie that was von ihr gefordert wurde. Vergebens; der König verweigerte den Abschied. Im Hause selbst häufte sich Kummer auf Kummer. Elisabeth, der der Arzt schon eine sehr schwere Zeit vorhergesagt hatte, litt unsägliche Schmerzen im Kindbett und kam mit einem todten Kinde nieder. Sie äußerte gegen einen Freund: Ich bin nicht geschaffen, wie andere Frauen in der Liebe und Ehe glücklich zu sein; ich hätte nie heirathen sollen. Der König ließ ihr bei Gelegenheit der Nachricht von ihrer Krankheit und ihrem Mißgeschick ein kleines Geschenk überreichen; Mara hatte die Dreistigkeit, es zurückzuschicken, doch erfuhr der König nichts von dieser Ungezogenheit, er würde sie sonst schwer geahndet haben, da der Mann ihm verhaßt war, und er, wie die Folge zeigen wird, gern die Gelegenheit ergriff, ihn zu strafen, wenn er die Frau nicht strafen wollte oder konnte. Als Elisabeth von ihrem Krankenlager erstand, bat sie um die Erlaubniß, die böhmischen Bäder benutzen zu dürfen; der König ließ ihr sagen, daß das einheimische Bad Freyenwalde die nämlichen Dienste leisten werde. Man sah deutlich aus dieser Antwort, daß er sie nicht über die Grenze lassen wolle, weil er fürchtete, sie dann nicht wiederzubekommen. Auch die nochmalige Bitte, nach Italien reisen zu dürfen, wurde zwar zugestanden, doch jetzt wieder mit der Bedingung, daß sie reisen könne und er solle bleiben. So blieben nun beide wieder. Wer mag unter diesen Verhältnissen es unserer Sängerin verargen, daß ihr zuletzt die frohe Laune, die Zuversicht auf Glück und Freude schwand, und sie in die äußerste, peinvollste Stimmung versank? Sie befand sich in einem Zustande, der wahrhaft beklagenswerth war; sie sprach es öfters aus: es könne so nicht bleiben, sie müsse untergehen. Sie könne nicht ertragen, daß der König ihr zürne, daß das Publikum gegen sie erkalte. Mara trug nur immer Oel in die Flamme. Er erhob überall ein lautes Klagen, ein zänkisches Lärmen, er behauptete, man tyrannisire seine Frau, man bringe sie um. Er schrieb in öffentliche Blätter anonym die lächerlichsten und übertriebensten Anschuldigungen gegen Hof und Stadt.

In diese Periode fällt nun der beim Beginn dieser Schilderung angeführte Theaterabend und dessen böswillige Besprechung in den französischen Journalen. Der Großfürst Paul von Rußland, der Bewunderer von Friedrichs Heldengröße, war nach Berlin gekommen, und zu den Festlichkeiten, die man für ihn in Bereitschaft hielt, gehörte auch eine große Oper, die Armide von Jomelli, in der die Mara die Titelrolle, mithin eine sehr anstrengende Partie zu singen hatte. Am Morgen des Tages der Darstellung meldete sie sich krank. Der König sendete in ihre Wohnung und ließ ihr sagen, daß er wünschte, sie möchte gesund sein. Sie ließ erwiedern, sie sei in Wahrheit und ernstlich krank. Ganz Berlin war in Aufregung, wie es mit der Armida bleiben werde. Es bereitete sich, allem Anschein nach, ein großer Kampf vor, den der König mit seiner ersten Sängerin halten sollte; würde er auch hier Sieger sein? Eine unruhige Menge umgab das Haus der Mara, man lief hin und her, es war ein wichtiger Tag, ein Theaterskandal des achtzehnten Jahrhunderts. Der Hof verhielt sich ruhig; es wurde kein anderes Fest für den Abend angesagt, der König hatte den Gesang der Mara anbefohlen, wer hätte wol gewagt, zu zweifeln, ob sie auch singen werde. Mittlerweile kamen die Abendstunden heran. Der Direktor der großen Oper warf sich in volles Hofkostüm und langte im Vorsaal des Palastes an, mit der Meldung, daß die Mara noch immer krank sei und zwar darauf beharre, krank zu bleiben. Sie liege im Bett, sie wolle nicht aufstehen, man hätte schon vergebens alle Mittel angewendet, Bitten, Vorstellungen, Drohungen. Der König ertheilte einen gemessenen Befehl, und eine halbe Stunde darauf hielt ein Wagen vor dem Hause der Sängerin, von acht Dragonern umgeben, und der Offizier hatte die Ordre, die Erkrankte, und wenn es nicht anders sein sollte, mit dem Bette aufs Theater zu bringen. In der Beschreibung dieses denkwürdigen Abends war die Matrone in ihren späteren Jahren sehr redselig. »Ich stand auf, erzählte sie einem Freundekreise in Reval, ich schmückte mich, aber der Himmel weiß, welche Zorn- und Rachegedanken damals mein Herz erfüllten. Ich hätte diesem Könige, der mich bis aufs Blut peinigte, in diesem Moment, wo ich aufs grausamste seine tyrannische Willkür empfand, kaltblütig den Dolch, den ich als Armide in meinen Gürtel steckte, in die Brust bohren können. Ich zitterte, ich bebte, als ich meine goldgestickten Gewänder umwarf und ein Diadem durch meine Locken wand, das, als höhnendes Zeichen meiner Unmacht, wie geschmolzen Blei auf meine Stirn preßte, und meinen armen, von einem tobenden Kopfschmerz gepeinigten Schädel zu zerdrücken drohte. Ja, rief ich bei mir, indem ich meine Zähne zusammenbiß und meinen fiebernden Pulsen Ruhe gebot, ich will singen, aber ich will singen, wie Jemand singt, den man dazu mit der Peitsche treibt. Ich will singen, aber weit entfernt, daß meine Stimme sein Ohr kitzle, soll sie ihn erschrecken, und er soll in ihr den empörenden Vorwurf hören, den ich in Worte ihm gegenüber nicht zu kleiden wagen darf. Ich haßte in diesem Augenblick den König; ich haßte ihn tief und unaussprechbar. Er war in meinem Augen offenkundig der Barbar, der er gleich anfangs und immer war, den nur erkauftes Lob vor dem verblendeten Europa lügnerisch ausgeschminkt hatte, er war der Dämon meines Lebens, der jeden Wunsch meiner Seele mir versagt, der mir tausend und aber tausend Stunden des bittersten Kummers hohnlachend bereitet hatte. Ich bebte vor Wuth.«

»In dieser Stimmung fuhr ich ins Opernhaus. Das Volk lief zusammen, als es meine Leibwache von Dragonern sah und mein weinend Antlitz hinter den Scheiben des Kutschenfensters gewahrte. Einige machten einen Versuch, hinter meinen Wagen aufzuspringen, man ließ Niemand in meine Nähe. Mara war schon an der Treppe, um mich zu empfangen; auch ihn ließ man nicht an mich heran. Der Offizier hatte Ordre, mich geradezu bis in die erste Coulisse zu begleiten und dort stehen zu bleiben, bis meine Arie anfing und ich vor die Lampen trat. So stand ich mit ihm hinter der ersten Coulisse, und meine Arme flogen hin und her, meine Kniee zitterten, ich zerbrach meinen Fächer und klapperte so heftig im Frost, daß die Absätze meiner Schuhe, da ich mich einen Augenblick gesetzt hatte, den Takt zu der Symphonie schlugen, die den Beginn der Oper ausmacht. Der König ließ fragen, ob ich da sei; als man dies bejahte, war er zufrieden. Die Prinzessin Amalie schickte ihren kleinen Kammerpagen, und dieser Knabe, der schön wie ein Amor war, übergab mir eine kleine Dose mit krampfstillenden Zuckerkügelchen. Ich nahm einige davon und warf die Schachtel hin, denn meine Hände konnten sie nicht halten. Mein Arzt zeigte sich in einiger Entfernung, er sah bleich aus, und ihm bangte für mich. Meine feste Ueberzeugung war auch, daß dies der letzte Abend meines Lebens sei. Ich sah auf die Bühne, und wie im Traum schwebten die tanzenden Mädchen mir vor, die den Rinaldo umgeben; ich sah sie für Gespenster an, die auf meinem Grabe tanzten. Jetzt mußte ich heraus. Ich sang die Bravourarie matt und stockend – der erste Akt ging vorüber; es that mir schon leid, daß ich so schlecht singen sollte: der Ehrgeiz erwachte in mir, der Zorn und die Erbitterung schwanden. In die Arie im zweiten Akte »Misera me!« legte ich mein trauriges, tiefgebeugtes Herz, ich hätte meinem Peiniger zurufen mögen: »Nun, da hast du es! Da stehe ich und singe – aber ist es dir eine Freude, Tyrann?« Es war alles still wie in einer Todtengruft, als ich so elend meine sterbenden Töne dahinhauchte, die vielen Lichter, die vielen Orden, die geschmückten Damen! Alles still wie bei einer Exekution. Ich blickte in die Loge der Prinzessin – sie war nicht da; vielleicht hatte sie gefürchtet, mich meiner Qual erliegen zu sehen, und war, um nicht Zeuge eines so beklagenswerthen Sturzes zu sein, nicht erschienen. Mara stand im Orchester, sein Gesicht glühte, er machte heftige Gestikulationen, ein Polizeioffizier stand dicht hinter ihm. Ich konnte bei meinem Entschlusse nicht beharren, ich fühlte die Krankheit weichen, je tiefer ich in das Bad des Gesanges stieg, je brausender die Tonwellen um meine Brust spielten. Auch die Eitelkeit erhob ihre Stimme. Wie, rief ich bei mir selbst, soll der fremde Prinz, der aus so großer Ferne kommt, nicht Gelegenheit finden, deinen großen Ruf aus eigener Wahrnehmung zu bewahrheiten? Willst du, daß er überall, wo er noch hinkommen wird, sagen soll, die Mara ist keineswegs die treffliche Sängerin, für die sie gilt? Und so kam nun das prachtvolle Duett heran, wo ich zu Rinaldo zu singen habe »dove corri o Rinaldo?« und nun erhob ich meine Stimme, doch noch immer nicht zu ihrer größten Stärke; erst später, als ich die stammenden Worte rufe: »Vivi felice? – Indegno, perfido, traditore« – gelangte ich, gleichsam wie eine fliehende Königin, mit nachflatterndem Purpurmantel auf den Gipfel meiner Stimme und versetzte Alles in Entzücken. Ich sah, wie der Großfürst sich weit aus der Loge hervorlehnte und mir Beifall zuwinkte, ich sah und hörte ein unruhiges Bewegen und Flüstern in den Logen, wie solches der Enthusiasmus zu bewirken pflegt; eine für den Sänger so willkommene Regsamkeit. Ich verließ das Theater und war nun mehre Tage bis zum Sterben krank. – So begann und so verging dieser merkwürdige Abend!«

Nach dieser Erzählung kann man nun jenen Zeitungsaufsatz berichtigen. Das Verfahren des Königs war in der That schlimm genug, es brauchte wahrlich nicht noch durch Verläumdung verschlimmert zu werden. Elisabeth konnte es nach dieser Scene nicht mehr in Berlin aushalten. Es fielen gerade in dieser Zeit mehre militärische Exekutionen und Verhaftungen, an Künstlern und Sängern vollzogen, vor, und zudem erhielt die obere Leitung über das Opernpersonal ein früherer General, ein alter Degenknopf von den brutalsten Sitten und den niedrigsten Kunstansichten und Kunstkenntnissen; Grund genug also, um jedes edlere Gemüth, jede feiner organisirte Natur zittern zu machen. »Wird er mich nicht nächstens nach Spandau schicken?« rief sie oftmals; »werde ich nicht in die Kasematten irgend einer Festung wandern müssen?«

Mara trat jetzt hervor mit seinem Plan zur Flucht. Mit Gewalt ließ sich keine Befreiung erreichen, also durch List. Man wollte fliehen. Elisabeth war immer noch leidend, aber die Hoffnung, ihrer Fesseln ledig zu werden, machte sie gesund und stark. Eine französische Schauspielerin, eine Mademoiselle Clarichon, ein leichtfertiges, aber keckes und unternehmendes Mädchen, hatte sich eng an Elisabeth angeschlossen, und dieser vertraute das Künstlerpaar einen großen Theil an der Lenkung der heimlichen Fluchtanstalten. Mademoiselle Clarichon sollte, als Mann verkleidet, voraneilen, die Postpferde besorgen, auf der ersten Station vor der Grenze auf der Lauer liegen, um, wenn Gefahr drohte, den Wagen der Flüchtlinge rasch anderswohin zu lenken. In dem Falle war eine Wohnung im Walde, die einem befreundeten Forstinspektor gehörte, ausersehen, um die Verfolgten zu bergen. Am Abend vor dem Tage der Flucht sang Elisabeth noch ein Requiem in der Domkirche zur Todtenfeier eines Prinzen, der mit dem königlichen Hause verwandt war. Sie empfahl Gott mit gerührtem Herzen sich und den geliebten Mann bei einem so gefahrvollen Unternehmen. Als sie in ihren schwarzen Gewändern, mit dem langen Kreppschleier die Treppe zum Chor niederstieg, blieb der Schleier oben haften, und, von bangem Vorgefühl gepeinigt, sah sie darin ein übles Omen.

Die Flucht mißlang. Mademoiselle Clarichon hatte einen Liebhaber unter den Offizieren eines in Potsdam stehenden Husarenregiments. Dieser kam nach Berlin; suchte seine Schöne auf, fand sie nicht und setzte Alles im Hause derselben in Bewegung, um zu ermitteln, wo die Verschwundene geblieben. Endlich erfuhr er, daß sie in Männerkleidung maskirt sich aus der Stadt entfernt habe. Von Eifersucht entflammt, wirft sich der junge Husar auf sein Pferd und sprengt mit verhängtem Zügel der Entflohenen nach. Er trifft sie auf der bezeichneten Station, und jetzt entspinnt sich eine tragische Scene, die damit endigt, daß die Französin mit ihrem Liebhaber nach Berlin zurückkehrt, unbekümmert um das Schicksal des Künstlerpaars, das unterdessen schon auf dem Wege ist. Der Husar hat nichts Eiligeres zu thun, als Anzeige von der Flucht der Beiden zu machen, und nun werden rasch geeignete Maaßregeln getroffen, um ihrer habhaft zu werden. Dicht vor der Grenze wird ihr Wagen angehalten, und die Unglücklichen werden unter militärischer Eskorte in die Hauptstadt zurückgeführt, wo man sie in engen Gewahrsam bringt. Jedermann prophezeite jetzt in Wahrheit der armen Elisabeth eine Kammer in Spandau, sie selbst machte sich darauf gefaßt. Das Zerwürfniß mit dem Fürsten war auf das äußerste gekommen, noch schlimmer konnte es sich nicht gestalten; allein Friedrich, vielleicht weil er fühlte, daß er an jenem Abende doch wol zu weit gegangen, vielleicht weil er sich die Sängerin erhalten wollte, sprach ein mildes Urtheil über sie aus. Er wollte sie als eine Verführte angesehen wissen, und die volle Schwere der Strafe wurde dem Manne diktirt; dieser kam unter die Soldaten. Er wurde Trommelschläger bei einem Füsilierregiment in Küstrin. Der Kapellvirtuos, der Künstler – jetzt Trommelschläger! Es war hart. Elisabeth verfügte sich augenblicklich nach Potsdam, um dem Könige zu Füßen zu fallen; er ließ sie jedoch nicht vor, sondern schickte ihr höhnend ein Heft Noten, indem er ihr sagen ließ: »Sie soll studiren und ihren nichtsnutzigen Mann vergessen; das wird das Beste sein.«

Der König hatte kein Glück, wenn er sich in Liebesangelegenheiten mischte, sowol wenn er eine Ehe schließen, als auch wenn er eine trennen wollte; beides gelang ihm nicht. Davon gibt es viele Beispiele in seiner Geschichte. So war denn auch Elisabeth, weit entfernt, den erniedrigten und gedemüthigten Mara aufzugeben, erst recht an ihn gefesselt. Er schrieb ihr aus Küstrin Briefe im Styl des Brutus, flammende und unsinnige Episteln, die seine Angelegenheit nur noch verschlimmerten. Elisabeth mußte ihn warnen und beschwichtigen. Der unglückliche Trommelschläger war nicht zu beruhigen. Endlich kam die geplagte Frau bei dem Könige mit der Bitte ein, sie wolle, wenn man ihren Mann wieder frei gäbe, auf die Hälfte ihres, seit längerer Zeit schon verdoppelten, Gehalts verzichten, und hierauf ging Friedrich, der damals leidenschaftlich dem Sparsystem anhing, ein, und Mara kehrte nach Berlin zurück. Die Hauptstadt war über diese Aufopferung einer zärtlichen Gattin entzückt, und in der kleinen Oper, in der sie zuerst nach diesen Vorfällen auftrat, »der Galeerensklave,« wurden ihr, trotz des bestehenden Verbots, Kränze auf die Bühne geworfen bei der Scene, wo sie, dem Galeerensklaven die Ketten lösend, von diesem die Worte hört: »Ame tendre et généreuse, tu brisas mes fers.« – Ihr alter Freund Chodowiecki machte eine Zeichnung nach dieser Scene und ließ sie unter seiner Leitung in Kupfer stechen. Dieses Blatt bewahrte die Künstlerin noch bis in ihr spätestes Alter; allerdings war es auch eine hübsche Trophäe aus ihrer Künstler- und Ehelaufbahn.

Obgleich nun die Kälte des Publikums gegen die Sängerin verschwand, obgleich der König sich in etwas milderer Laune gegen sie zeigte, so fühlte sie doch, daß ihres Bleibens in Berlin nicht länger sei. Ihre Gesundheit hatte ernstlich gelitten, ihr Charakter sogar sich ungünstig umgestaltet, es war eine Bitterkeit, eine Aufgeregtheit, ein Mißtrauen in ihre Seele gekommen, von denen früher in ihrer glücklichen Gemüthsstimmung keine Spur zu finden gewesen. Sie ward wortkarg, mißlaunig, zerstreut. Ihre besten und ergebensten Freunde sahen sie selten, sie kam nirgends hin, und wenn sie irgendwo erschien, so mußte man beinahe wünschen, daß sie bald wieder ginge, denn sie saß ganze Stunden in finstre Träumereien versunken, theilnahmlos im Kreise der Fröhlichen. Selbst die Ausübung ihres Talents machte ihr keine Freude mehr, sie sang selten und nur wenn sie mußte. Mara, der doch sonst kein feines Gefühl für die Seelenstimmungen seiner Frau hatte, empfand diesen Zustand aufs lebhafteste mit. Er hatte nur einen Trostgrund, und den brachte er immer wieder an: »Wir müssen fliehen!« Elisabeth hörte ihm mit trübem Lächeln zu, sie hatte den Muth und die Hoffnung, daß eine abermalige Flucht glücken werde, verloren. Aber der Gedanke an die Erlösung und Freiheit war doch zu süß, zu erhebend, als daß sie ihn nicht, trotz des Mangels aller Hoffnung, hätte heimlich nähren sollen. Man gab ihr den Rath, nochmals um ihren Abschied bittend einzukommen, allein sie war schon so oft abgewiesen worden, daß sie auf diesem Wege kein Heil erwartete. Alles gestaltete sich um sie her trübe. Freunde starben. Vater Hiller kam aus Leipzig herüber, aber auch er, statt die Leidende zu trösten, vermehrte noch ihren Kummer, indem er behauptete, sie habe von der guten Manier, in der er sie unterwiesen, nachgelassen, und singe einige Partieen nicht mehr so trefflich, wie sie es früher gethan. Nicht leicht konnte der für ihren zweiten Vater, für ihren Meister und Lehrer schwärmenden Elisabeth etwas Kränkenderes gesagt werden. Sie ging Tage lang in dumpfes Sinnen versenkt und dachte dem Ausspruch nach. »So bin ich denn an mein Ende angelangt!« rief sie, »Muth, Jugend, Freudigkeit, Gesang – Alles ist hin!«

In dieser Stimmung und unter dem Druck dieser Verhältnisse kam denn der zweite Fluchtversuch zu Stande. Er gelang. Man fing es jedoch auch klüger an, es wurden keine Mitwissende des Geheimnisses gewählt, dann suchte Elisabeth allein, und Mara auch allein über die Grenze zu kommen; in Dresden wollte man sich treffen. Aber kaum angelangt in Dresden, erschien im Gasthofe, in dem die Flüchtlinge abgestiegen waren, ein Beamter, der seitens der preußischen Gesandtschaft Beschlag auf ihre Person und Papiere legte. Der Gesandte ließ ihnen sagen, daß er sie nicht früher weiter reisen lassen dürfe, als bis er Instruktionen von seinem Könige erhalten haben würde. Schon gaben die Unglücklichen ihre Sache abermals verloren, als wider Erwarten der Befehl aus Berlin anlangte, daß man sie ziehen lassen solle. So flogen sie denn, wie der Vogel aus dem Käfig, jubelnd in die freie, offene Welt. Als Grund der jetzigen Nachgibigkeit des Königs kann wol angenommen werden, daß er des ewigen Streites überdrüssig war, daß er in seinem Alter kein Interesse mehr für die Musik und nicht mehr den Ehrgeiz besaß, eine große Sängerin an seinen Hof zu fesseln. Er soll in Betreff der Anhänglichkeit der Frau an ihren unwürdigen Mann geäußert haben: »Ein Weib, daß sich einem Manne ganz ergibt, ist wie ein Jagdhund; je öfter mit Füßen getreten, desto anhänglicher.«

Im Frühjahr 1779 gelangte Elisabeth zur Freiheit, und 1780 war sie schon in Wien, nachdem sie vorher einige Residenzen Deutschlands durchreist hatte. In Wien nahm man sie nicht so glänzend auf, wie es hätte von dieser »harmonieentönenden« Stadt, wie ein alter Dichter Wien nennt, erwartet werden können. Der Kaiser Joseph protegirte eine Italienerin, Signora Staroce, und Maria Theresia, schon alt und von der Welt sich zurückziehend, hörte nur soviel weltliche Musik, als ihr Beichtvater es ihr erlaubte. Ohne Zweifel hätte auch sie die Sängerin sehr wenig beachtet, wenn nicht ein Ereigniß, in welchem die Mara eine Hauptrolle spielte, und das für die kaiserliche Fromme eine Art rührendes Interesse hatte, ihre Aufmerksamkeit auf sie gelenkt hätte. Wir wollen diese Anekdote hier hersetzen. Ein Graf S–, ein reicher ungrischer Magnat, hatte durch einen plötzlichen und von erschütternden Nebenumständen begleiteten Tod sein einziges Kind, ein bildschönes Mädchen, verloren. Der traurige, beklagenswerthe Fall war der Kaiserin kund geworden, und sie hatte dem Vater ihr Beileid bezeigen lassen. Durch den Boten, den sie an ihn auf sein Stammschloß in Ungarn abgesendet, erfuhr sie, daß der Graf von dem Moment an, wo er die Leiche der Tochter zum letzten Mal gesehen, in stillen Wahnsinn verfallen, daß die Familie kein Mittel unversucht gelassen, diese gefährliche Melancholie zu verscheuchen, daß aber das Uebel, statt sich zu lindern, sich dergestalt gesteigert habe, daß die Aerzte an einer Wiedergenesung gänzlich verzweifelten. Die Kaiserin vernahm diese Berichte mit kummervoller Theilnahme, der ganze Kreis der Bekannten und Verwandten des Grafen zeigte sich erschüttert und ohne Fassung. Das Unglück, das hier einige Privatpersonen betroffen, schien sich durch das Mitgefühl, welches die allbeliebte, die von ihrem Volke angebetete Fürstin äußerte, in ein öffentliches verwandelt zu haben. Zwei Jahre schon hatte der qualvolle Zustand des Trauernden angehalten, nicht die kleinste Besserung oder auch nur Aenderung war sichtbar geworden. Da erschien die gefeierte Mara in Wien. Ein Mitglied der Familie hatte sie singen gehört, und brachte ein Heilmittel in Vorschlag, das zwar als seltsam, aber doch nicht als völlig unstatthaft und keine Hoffnung gewährend, beansprucht werden konnte. Es war dies die Aufgabe, durch Gesang auf die zerrüttete Seele zu wirken. Der Vorschlag fand Beachtung; er wurde der Mara mitgetheilt. Sie, die für jedes menschliche Leid ein empfängliches Herz hatte, erklärte sich gern bereit, ihre Mitwirkung bei dem Heilversuch in Anwendung zu bringen. Da der Erkrankte nicht zu bewegen war, das Zimmer zu verlassen, so mußte dieses zum Empfang der Sängerin bereitet werden. Sie durfte sich nicht zeigen, nur ihre Stimme sollte gehört werden. Ein Vorsaal wurde zu diesem Zweck eingerichtet, eine verborgene Galerie angebracht, auf der ein volles Musikchor, wie es zur Aufführung eines großen Oratoriums gefordert wird, Platz fand; die Mara allein hatte Raum, einige Schritte vorzutreten, so daß sie hoch über dem Lager, auf dem der Graf ruhte, stehen konnte, ohne von diesem gesehen zu werden. Im Gemach schwamm ein bläuliches Dämmerlicht, das nur seitwärts an der ersten Fensternische durch einen gelblichen Schein unterbrochen wurde, der von einer kleinen Lampe ausfloß, die ein Muttergottesbild beleuchtete. Nachdem die gewöhnliche Hausandacht, die die Familie stets in der Nähe des Krankengemachs feierte, beendet war und die oft gehörten Klänge durch die Stille dahintönten, schlossen sich an sie die Harmonieen der neuen, fremden Musik. Elisabeth hatte Händels Messias gewählt. Sie hatte ihren Platz eingenommen, und ein wundersames Gefühl von Bangigkeit und doch wieder Freude drang durch ihre Seele. Sie bedachte in diesem Augenblick, daß Gott eine Seele ihrer schwachen Kraft überantwortet habe, daß sie in diesem Moment gleichsam ein Apostel- und Märtyreramt übernommen habe. Sie sandte einen schüchternen Blick hinab auf die Lagerstätte des Leidenden, und es war ihr, als sähe sie die bleichen Züge durch die Dämmerung ihr zugewendet, wie der Gequälte das Auge einer himmlischen Erscheinung zuwenden würde, die plötzlich die Wände seines Gemachs durchbricht, um sich ihm in überirdischer Klarheit zu zeigen. Dieser Anblick erschütterte sie, gab ihr aber zugleich Muth. Sie fühlte, daß etwas Großes von ihr verlangt werde, es galt, das kummergebeugte Herz eines Vaters wieder aufzurichten, eine zusammengepreßte Brust wieder in himmlischer Frühlingsluft auszudehnen, und sie erhob ihre Stimme und sang: »Nacht bedecket das Erdreich –« Diese Worte sind wundersam in ihrer Wirkung; Händel hat in der musikalischen Belebung dieser wenigen Worte Großes geleistet. Man sieht vor sich das weite, dunkle Feld, das endlos in Nacht und Nebel gehüllt ist; die Bilder der Kindheit steigen in uns auf, wo wir in später Wanderung einst auf offener Haide irrten, um uns das geheimnißvolle Nachtleben, das Rauschen der nahen Gebüsche, das ferne Herüberklingen von Tönen, über Alles hin die Nacht, die Einsamkeit, die Grabesruhe. So, das empfanden wir oft, so muß es auch in jener wundersamen Nacht gewesen sein, die den Stern der Erlösung aus ihrem Schoose emporsteigen sah. »Hirten waren beisammen auf dem Felde – und die Klarheit des Herrn umleuchtete sie!« Wie süß, wie wunderheilig, wie andachthauchend! Nun erhebt sich, wie der Mond im Gebirge, der liebreizende Wechselgesang: »Er weidet seine Heerde.« Nun öffnet das göttliche Geheimniß seine Blüthenkrone, nun spielt und gaukelt der Hauch eines glühenden Andachthimmels um die sich lösenden Blumenschleier: »Und der Ewige legte auf ihn unser Aller Missethat!« Wie erschütternd – »Die Schmach bricht ihm das Herz!« Wir hören dieses fürchterliche Wort, und der Schmerz spaltet unsere Brust. Um uns, um uns! leidet er. Und nun wieder der himmlische Aufschwung: »Er regieret ewig! Hallelujah!« –

Bei der Stelle: »Schau hin und sieh, wer kennet solche Qualen!« legte die Sängerin ihre eigene, mitfühlende Seele in diese Worte, und nie sang wol ein edles Herz sein Erbarmen mit zärtlicherer Rührung aus; doch sollte auch schöner Lohn ihr werden. Ein Schmerzenshauch, ein Ton, der die mitempfindende Brust beben machte, entwand sich der Brust des Kranken. Dieser Seufzer sprengte gleichsam die ehernen Pforten der Brust, die der Wahnsinn geschlossen hielt, und Licht und Hoffnung drangen in den Raum ein, den sie jetzt nicht wieder verließen. Hoch aufgerichtet, das Lager verlassend, stand der Kranke da, und dem Gesange lauschend faltete er die Hände, und zum erstenmal netzten wieder Thränen seine Wangen. Seine wankenden Schritte waren dem Muttergottesbilde zugewendet, vor dem er in lautem Dankgebet niedersank. Das brausende Hallelujah, das vom Chor niederschallte, fand ein Echo in seiner festen und volltönenden Stimme. Frohe Herzen lauschten hinter der Thür, doch wagte Niemand, den feierlichen Moment zu unterbrechen; das erste Wort, das über die Lippen des Genesenen kam, gehörte Gott. – Der Graf genas völlig; die Familie sagte, ein Engel habe ihn gerettet: dieser Engel hieß Elisabeth Mara.

Dieses Ereigniß, wie schon bemerkt, verschaffte unserer Künstlerin die besondere Theilnahme der Kaiserin, die, als jene den Wunsch aussprach, nach Paris gehen zu wollen, ihr huldvoll ein Schreiben an Marie Antoinette mitzugeben versprach.

Im Jahre l782 kam sie nach Paris.

Hier war die Todi gegenwärtig. Dies schadete der Mara; denn wenn sie es auch vermochte, als Gesangskünstlerin mit der berühmten Nebenbuhlerin siegreich zu wetteifern, sie vermochte es nicht, wenn jene ihre Vorzüge als glänzende Erscheinung auf der Bühne, als üppige und blendende Salonsdame geltend machte. Elisabeth empfand nie so bitter, daß sie unschön war, daß ihr die glatte Weltbildung abging, als hier in dem frivolen Paris. Ihr eigener Mann war so wenig zartfühlend, ihr dies öfters zu sagen; durch ihn verleitet, legte sie seltsam überladenen Schmuck an, und hüllte ihre mageren Schultern, ihre eingesunkene Brust in brüsseler Kanten, die die fehlenden Reize nicht ersetzten. Schon in Berlin hatte die Todi ihr Eifersucht und Ränke entgegengesetzt, hier in Paris verdoppelten sich diese feindlichen Begegnisse. An der Königin hatte Elisabeth einen Schutz, doch keinen besonders nachhaltigen, denn Marie Antoinette hatte gerade damals angefangen, sich lebhaft mit Politik zu beschäftigen, und lebte überdies in einem Strudel von Zerstreuungen, der es ihr unmöglich machte, einem Gegenstande der Kunst eine anhaltende und die ihm angemessene Aufmerksamkeit zu widmen. Ueberdies war sie schon in dem Streite der Gluckisten und Piccinisten übermäßig thätig gewesen, und glaubte für die Interessen der vaterländischen Musik ihr Möglichstes gethan zu haben, indem sie ihrem Landsmann Gluck momentan den Sieg verschafft und die Aufführung seiner Opern auf dem ersten Theater der Hauptstadt bewirkt hatte. Des artigen Wortspiels muß hier Erwähnung geschehen, das einer der französischen Bonmotisten zu Tage förderte, als die Königin ihn fragte, welcher der beiden Sängerinnen er den Vorzug gäbe. Nachdem sein Nebenmann ausgerufen hatte: »C'est Mara!« erwiderte er rasch: »C'est bientôt dit« (c'est bien Todi.) Die Franzosen fanden die Befriedigung einer eitlen Laune darin, die deutsche Sängerin gut aufzunehmen, da sie dem König von Preußen entflohen und sich gleichsam nach Paris geflüchtet hatte, in Wahrheit jedoch galten ihre Beifallsbezeigungen nur diesen äußeren Verhältnissen der Künstlerin; ihre Kunst zu würdigen, die Art und Ausbildung ihres Gesanges zu beurtheilen, waren sie kaum im Stande. Der ernste Genre, dem Elisabeth huldigte, und in welchem sie Großes leistete, die Musik der Oratorien und Messen fand wol gelehrte Bewunderer, aber keine hingebende und dem Verständniß erschlossene Freunde. Paris war nicht die für sie bereitete Stätte des Ruhms; allem Anschein nach wäre es Italien gewesen, allein dahin führte ihr Genius sie nicht; die Protestantin hätte dort vielleicht auch in anderer Hinsicht Hemmnisse und Schwierigkeiten gefunden, so erschien denn allerdings, nächst ihrem Vaterlande, England der für sie geeignetste Boden, die Früchte der Anerkennung zu ernten. Sie entschloß sich, nachdem sie zwei Jahre in Paris sich aufgehalten und den Titel einer Konzertsängerin der Königin erhalten, nach London zu gehen.

So betrat sie denn wieder – als eine berühmte Frau – das Land, wo man sie als Kind anfangs geliebkost, dann bemitleidet und endlich verspottet hatte. Damals aus einer kleinen deutschen Residenz kommend, ein krankes, furchtsames und scheues Kind – jetzt aus dem Sammelplatz der Mode und der Berühmtheiten im Triumph und von tausend Stimmen des Neides und der Bewunderung gefolgt, als eine Gefeierte und Lorberbekränzte erscheinend. In London war ihr Empfang wahrhaft glänzend. Mehre Umstände kamen hinzu, um diesen Triumph zu erhöhen. Der Prinz von Wales, nachmaliger König Georg IV., dieser interessante Frauenliebling, dieser Virtuos im Schuldenmachen und in der Anordnung sinnreicher Feste, dieser Beau von England, war kurz vor der Ankunft der Mara in Paris gewesen, und hatte in einer Anwandlung von übler Laune und um seinen Widerspruchsgeist zu üben, die von den Franzosen vergötterte Todi, dieses anmuthige und schöne Weib, unausstehlich gefunden. Ihre Grazie war ihm als Uebertreibung, ihre Bemühung, das Französische richtig zu sprechen, als eine gemeine Schmeichelkunst, ihre Gefälligkeit endlich gegen ihre Freunde als die verwerfliche Hingebung einer Hetäre erschienen. Die vornehmen Franzosen waren über diese Impertinenz des schönen Engländers außer sich, und eine Menge Epigramme waren ihm über den Kanal nachgeflogen, als er nach England heimkehrte. Jetzt erschien die Mara an dem Hofe seines Vaters, und der Prinz ließ seine ehrgeizigen Pläne, seine Anfeindung Pitts auf einen Augenblick fallen, um die Hauptstadt und den Hof in Bewegung zu setzen, der Nebenbuhlerin der Todi Huldigungen zu bringen. Er selbst veranstaltete in seinem Feenpalaste zu Carltonhouse große Musikfeste, zu denen er sich die Mitwirkung Elisabeths sicherte. Georg III., öfters von seinen das ganze Land beunruhigenden und das Parlament in Bestürzung versetzenden Krankheitsanfällen geplagt, richtete Sinn und Gemüth frommem Ernste zu, und ihm war die große Kunstsphäre, aus der heraus die Schöpfungen eines Händel und Graun zum Leben gelangten, die ihm gerade besonders zusagende. Er hörte Elisabeth mit Bewunderung in mehreren Oratorien, und war zugegen, als sie bei dem jährlich wiederkehrenden Ehrenfeste zum Gedächtniß Händels in der Westminsterabtei ihre mächtig schallenden Hymnen anstimmte. Groß und überwältigend müssen diese Feste gewesen sein, ihre Wirkung mächtig. Was wir von den Zeitgenossen wissen, die damals mit dem Schauer des Entzückens diesen »Donner der Harmonieen« an ihrem Ohr hinrauschen hörten, so ist, was unsere Zeit bietet, nur ärmlich und nüchtern dagegen. Die wahren Musikkenner, die Anbeter jener keuschen und erhabenen Muse, die, weit entfernt, frivolem Sinnengenuß zu dienen, die großen Prophetenstimmen, die Geschichte und Offenbarung, über die Jahrhunderte hinwegtönen lassen, in Wohllaut hüllt und sie so dem Sinne der Sterblichen unauslöschlich einprägt, die Anbeter dieser keuschen Muse finden keine Worte, um das Große und Preiswürdige zu schildern, das vom achtzehnten Jahrhunderte in der Musik erreicht wurde, und namentlich in jenen Oratorien in der Westminsterabtei. Freilich mußte ein solches Wirken mit Andacht aufgenommen werden, es mußte, wie die Verkündigung des Genius in der Malerei, als ein Heiligthum gelten, bei dessen Ausströmung die gesunde Kraft sich festigte, die hinsiechende erstarkte. Unsere Freundin, wenn sie von ihren Triumphen in London sprach, von jenen ewig denkwürdigen Erinnerungsfesten der großen Meister, pflegte mit tiefer Rührung und dem innigsten Danke das große Gnadengeschenk des Himmels, das ihr geworden, zu preisen. Ich kam mir selbst heilig vor, sagte sie, indem ich das Heilige und Große, für alle Zeiten Geltende, in der ganzen Fülle meiner Seele ausströmen durfte über eine gläubige und mitempfindende Schaar still lauschender Zuhörer. Wer nie der Musik ihre höchste und innigste Weise abgelauscht hat, der darf von ihrem Kultus nicht sprechen, dem ist die Göttliche nie in dem vollen Glanze ihres himmlischen Ursprungs erschienen; er hat nur ihres Kleides Saum berührt, nie ihr Antlitz geschaut. Wenn ich so, reich geschmückt, im Tempel stand, die Melodieen um mich rauschten, die ewigen Klänge an dem Gewölbe wiederhallten, und ich nun über das bewegte Meer der Harmonieen herüber meine Stimme erheben durfte, ich allein singend – Alles um mich lauschend, so fühlte ich, daß ich mit einer Kraft, die mir die Brust hätte zersprengen mögen, mein innerstes Wesen und Empfinden aussprach. Heiliges und Irdisches, Schmach, Liebkosung und Sünde, Größe, Verfall und tiefe Zerknirschung, Hölle und Himmel – jedes Letztes und Aeußerstes fand in dem Klange Raum, der sich, ein glänzender Lichtleib, um die Worte und Begriffe schmiegte. Ich begriff nicht, wie man diese hohen Lehren, diese heilbringenden Wahrheiten anders als im Gesange der Menschheit vortragen könne. Jeder Stachel wurde gestumpft, jede Bitterkeit gemildert, und jede Süßigkeit unendlich gesteigert, wenn sich der strenge Tadel, die herrliche Verheißung in Musik hüllte. – –

Man muß gestehen, daß eine solche Auffassung der Musik eine Sängerin ehrt, daß sie es ist, die über ein großes Talent den Adel ausspricht, der die technische Kunstfertigkeit und die intelligente Uebung zu einer Schöpfung durchseelter Kraft macht. Elisabeth – und dies machte sie zu der großen Künstlerin – besaß diesen Adel. Sie hat »den Besten ihrer Zeit genug gethan, und darum gelebt für alle Zeiten.«

Wir wollen das reiche Leben, das sie in London führte, wo sie, abwechselnd gleichsam, in Carltonhouse der Welt, in der Westminsterabtei dem Himmel diente, nicht genau zergliedern; wir wollen nur bemerken, daß ihr bei diesem genußvollen und geweihten Wirken auch der ganz prosaische Kummer und der alltägliche Verdruß nicht fern blieben. Herr Mara übernahm es, wie er dies schon oft und mit großem Erfolg übernommen hatte, für Kummer und Verdruß zu sorgen. Er wurde nun nach und nach ganz unleidlich. Es gehörte nicht mehr allein Geduld dazu, ihn zu ertragen, sondern schon ein Beruf zum Märtyrerthum. Er trank, er verschwendete, er spielte, er liebelte, und zu dem allem wurde er häßlich, verlor die Zähne, und sein Gesicht wurde von einer fleckigen Röthe bedeckt. Elisabeth sah einen raschen Verfall, und in London zum ersten mal dachte sie daran, sich auf immer von ihm zu trennen. Aber Mara wollte nicht. Eine Frau, die in zwei Wochen funfzehntausend Thaler einnimmt, ist ein zu kostbares Besitzthum, als daß ein ewig bedürftiger Verschwender sich so rasch entschließen sollte, sich von ihr zu trennen. Er sagte nein, und sagte immer wieder nein, wenn ihm seine berühmte Frau von einer friedlichen Scheidung sprach. – »Glaubst du, daß ich ohne dich leben kann?« – »Aber glaubst du, daß ich noch länger mit dir leben kann?«– Das war die zärtliche Doppelfrage, die jetzt zwischen den Eheleuten öfters ausgetauscht wurde. Es ist betrübend, zu sagen, daß es von Zänkereien sogar zu thätlichen Mißhandlungen kam; diese machten das Maaß des Leidens voll, und Elisabeth mußte und wollte sich von dem brutalen Wüstling trennen. Auf Veranlassung einer hochgestellten Dame, die die Sängerin in ihren besondern Schutz nahm, mußten die Gerichte sich einmischen, und die Trennung kam zu Stande, freilich mit einem nicht geringen Geldopfer von der Seite der Frau, die einen Theil ihres Einkommens dem Manne als lebenslängliche Rente verschreiben mußte, allein dies Entbehrniß war gering zu nennen gegen die Qualen und den Kummer, auch selbst gegen die finanziellen Verluste, die sie bisher hatte erdulden müssen. Mara zog jetzt mit seinem Violoncell in die weite Welt. Die Nachrichten über ihn fehlen, es ist daran auch wahrlich nicht viel verloren; so viel weiß man, daß er ohne den Nimbus, den seine berühmte Frau um ihn verbreitete, und ohne den Schlüssel zu ihrer stets gefüllten Geldkassette, überall wo er erschien eine laue Aufnahme fand, daß seine Konzerte kein Glück fanden, und daß er endlich in Elend unterging.

Der Aufenthalt in England war der Kulminationspunkt der Leistungen unserer Künstlerin; als sie London verließ und auf ihren späteren Kunstfahrten ebenfalls Ruhm und Auszeichnung einerntete, zeigte sie sich schon im Niedersteigen von ihrer Lebens- und Künstlerhöhe.

Man hat von dem Eigensinn und dem hochfahrenden Wesen her Mad. Mara gesprochen, jedenfalls waren diese Charakterfehler, wenn sie sie auch besaß, nicht groß, lange nicht so bedeutend und dem Publikum lästig fallend, als bei der späteren Catalani, und die Prätensionen heutiger Sängerinnen sind ohne Zweifel noch viel überwiegender. Wie dem aber auch sei, es mag hier eines Vorfalls Erwähnung geschehen, der ihr in England den Ruf des Eigensinns und der mangelnden Ehrerbietung vor dem Publikum zuzog. Wir gestehen offen, daß wir in diesem Ereigniß nur die weltbekannte Anmaaßung und Impertinenz des englischen Publikums gegenüber den großen Heroen seiner Bühne und Konzertsäle sehen. Weit entfernt, Mad. Mara anzuklagen, finden wir, daß sie vollkommen recht gehandelt und richtig sich betragen hat. Der Vorfall ist folgender: Das Theater zu Oxford bewirbt sich um eine Kunstleistung der in der Hauptstadt so hoch gefeierten Sängerin; auf seine wiederholte Aufforderung kommt sie, und tritt in einer sehr angreifenden Partie auf, namentlich singt sie eine Arie, die sowol im Vortrag, als in der Länge und Künstlichkeit ihrer Passagen zu den eminentesten, aber zugleich schwierigsten Leistungen ihrer Stimme gehörte. Dies weiß man – und zwar schon von London weiß man, daß die Sängerin Musikstücke dieser Art nicht wiederholt, weil dies allzu angreifend wäre. Trotz dessen geht, als sie geendet, der Ruf »da capo!« an. Sie steht mit erstaunter Miene da, – man lärmt und tobt; sie will sich entschuldigen, man läßt sie nicht zu Worte kommen; endlich geht sie, und zwar im Unwillen und in der Aufregung vergißt sie, daß man dem Publikum nicht den Rücken kehren darf, sondern sich mit einiger Geschicklichkeit seitabwärts in die Coulisse schieben muß. Neuer Lärm, neues Pochen! Als sie im zweiten Akte auftritt, will man sie nicht zum Vortrage kommen lassen, endlich bricht ihre Stimme sich Bahn, und als sie gesungen – man denke sich für eine Mara! – pfeift John Bull. Das war zu viel, zitternd vor Wuth und fast ohnmächtig fällt sie auf einen Stuhl hin. Eine neue, empörende Unschicklichkeit: eine Schauspielerin darf nicht sitzen auf der Bühne, wenn ihre Rolle dies nicht erfordert. Unter lauten Zornworten und pfeifendem Geschrille fällt der Vorhang. Am andern Tage veröffentlicht die Oxforder Zeitung eine Annonce, in der der Kanzler der Universität, mit voller Autorität seiner Stellung, der Sängerin verbietet, jemals wieder die Stadt mit ihrer Gegenwart zu behelligen. Der Aufsatz schließt mit den Worten: »Die Ungezogenheit der Mad. Mara hat schon hin und wieder Klagen erregt, da aber die Oxforder ihre Lehrer geworden sind, so ist sie jetzt auf dem Punkte, an ihre Erziehung die letzte Hand zu legen.« Mad. Mara ließ dagegen einrücken: »Ein Anfall von Pleuresie, der mich bereits in Berlin betroffen, verbietet mir wie anhaltendes Singen so langes Stehen. Und da mir noch nie eine positive Verordnung über das Stehen und Sitzen zu Gesicht gekommen, so glaube ich, eine eben so rücksichtslose als ungerechte Behandlung, wie ich sie hier erfahren, nicht verdient zu haben. Dem Herrn Doktor Chapman (jener Kanzler) bleibt mein Mitleid.«

Nach einem Aufenthalt von vier Jahren in England ging sie nun endlich nach Italien. Im Jahre 1788 sang sie in Turin im Karneval, im folgenden Jahre in Venedig, wo man ihr eine glänzende Aufnahme bereitete. Hier hatte sie jedoch von der tückischen Natur der italienischen Primadonnen zu leiden. Diese glatten, perfiden Schönheiten wußten der arglosen Deutschen Fallen aller Art zu stellen. Sie verlor an Geld, an Ruf, an Gunst. 1790 ging sie nach London zurück. Eingegangene Verpflichtungen brachten sie in dem darauf folgenden Jahre nach Venedig zurück. Als sie wieder London aufsuchte, nahm sie diesmal ihren Weg über Paris und gerieth hier – im schicksalsschwangern Jahre 1792 – mitten in die tobenden Volkshaufen. Ein Wagen, von einer Eskorte tobender Jakobiner eingeschlossen, fuhr an dem ihrigen dicht vorüber. Sie fragte, wer darin säße, und man antwortete ihr mit einem frechen Gelächter: Die Königin von Frankreich! Wir bringen sie in den Tempel! So sah denn Elisabeth die schöne, stolze Frau, den Abgott des ehemaligen Frankreichs, jetzt auf dem Wege der tiefsten Schmach und Erniedrigung. Der Eindruck, den dieser Vorgang auf das lebhafte Gemüth der Sängerin machte, war ein so schneidender, daß sie in die Polster ihres Wagens zurücksank und laut zu weinen anhub. Ihre eigene Sicherheit, die gefährdet war, bewegte sie nicht, sie sah und empfand nichts als das Unglück dieser Fürstin, die sich ihr noch zuletzt, als sie sie umgeben von einem glänzenden Hof geschaut, so liebreizend und huldvoll gezeigt hatte.

Wir können uns jetzt, was den Verlauf des Lebens und des Wirkens unserer Gefeierten betrifft, kurz fassen. Sie blieb zehn Jahre unausgesetzt in England, feierte Triumphe, und nahm, die Abnahme ihrer Kräfte selbst fühlend, die minder an Geld und Ruhm ergiebigen Jahre geduldig hin. Auch darin war sie ehrenwerth, daß sie es verschmähte, auf dem Grabe ihrer Kunst Bajaderentänze zu halten, so wie manche gefeierte Sängerin heutigen Tages. Sie blieb immer groß, ernst und würdig, immer ihrem Genius und der Weihe der Kunst getreu. Nie sah man sie in possenhaften Rollen die Bühne betreten, um unter Grimassen, die den Pöbel sinnlich aufzuregen bestimmt sind, über verwelkte Lippen eine verwelkte Stimme kreischend ausströmen zu lassen. Wir haben den ekelerregenden Anblick in unseren Tagen gesehen, wo eine alte Sängerin das Wamms und die engen Beinkleider Romeo's anlegt, um in grotesken Liebessprüngen eine prüde Julia zu umhüpfen.

Elisabeth war so klug, daß sie beschloß, dem Publikum zuvorzukommen, und es eher zu verlassen, als dasselbe sie verließ. Ihr letztes Konzert in London, mit dem sie Abschied nahm, brachte ihr siebentausend Thaler ein. Sie ging nach Paris, aber diese Stadt, die nur zu oft, wie Saturn seine eigenen Kinder aufzehrt, so die selbst geschaffenen Berühmtheiten selbst wieder vernichtet, übte auch am Ruhm der Mad. Mara das Henkeramt. Die boshafte Feder Geoffroy's verkündete zuerst der Welt die sinkende Stimme der Berühmten. Sie sang in der großen Oper, und Geoffroy berichtete: »Madame Mara hat vortrefflich gesungen; kein Zweifel, nur hat kein Mensch was gehört.« Ein Pariser Bonmot, über den Rhein geschleudert, hat die Kraft und Wirksamkeit eines matten, aber vergifteten Pfeils; es macht nur flüchtige Streifwunden, aber doch tödtet es. »Die Mara ist mit ihrer Stimme fertig« hieß es jetzt in Deutschland.

In Leipzig kam sie 1803 an; dort lernte Friedrich Rochlitz sie kennen, der über sie einen interessanten biographischen Aufsatz veröffentlicht hat. Derselbe Herr erzählt uns auch der Sängerin Zusammentreffen mit ihrem alten Lehrer und Meister Hiller. Vater Hiller eilte sogleich in den Gasthof, in welchem seine geliebte Schülerin, die ihm so große Ehre gebracht, abgestiegen war, aber – o wie betrübend! – Elisabeth kannte den alten Mann nicht wieder. Nicht, daß sie hochmüthig oder kindisch eitel geworden wäre, nein sie kannte ihn eben nicht mehr, weil er in der That nicht mehr zu erkennen war, so hatten Alter und Hypochondrie ihn gebeugt. Trudel! rief Vater Hiller, Trudel! kennst Du mich nicht mehr? – Vater Hiller! – Hilf Gott, was sind wir Beide alt geworden! – Und garstig dazu!« fügte Elisabeth bei. Man sieht aus diesem Empfange, daß von Koketterie und Prüdethun, von Stolz und Hoffart hier nicht die Rede war. Elisabeths Charakter war ehrlich, gutmüthig, offen – so zeigte er sich immer. Herr Friedrich Rochlitz gesteht, daß er sich an den gemeinen Ausdrücken und dem rohen Wesen der Künstlerin gestoßen habe, der Aufzeichner dieser Skizze, der Mad. Mara 1830 in Reval kennen lernte, hat hiervon nichts entdecken können. Sie erschien ihm grad, einfach, allerdings nicht wählerisch in Worten und Gebehrden, aber die letzteren zeigten immer an, was sie meinte, und die ersteren waren immer mit der natürlichen Höflichkeit des Herzens umgeben, einer Höflichkeit, die so unendlich großen Werth in einer Welt hat, die gewöhnlich nur die angelernte des Kopfes kennt. Herr Rochlitz sagt ferner, daß sie ihm erschienen wie eine ehrliche Pachtersfrau aus Thüringen, diesem muß nach unseren Wahrnehmungen ebenfalls widersprochen werden. Mad. Mara hatte, trotz ihres Alters, als wir sie sahen, einen Wuchs und eine Haltung, die der Würde nicht entbehrte, und eine gewisse poetische Schönheit – so zum Beispiel ihre langen, silbergrauen Locken – nicht ausschloß. Von dem prosaisch gehäbigen und rührigen Wesen einer Pachtersfrau zeigte sich durchaus nichts bei ihr, eher glich sie einer altgewordenen englischen Gouvernante, die in Mienen und Geberden etwas Strenges und Unbewegliches zeigte. Ihr Lächeln war äußerst lieb und mild, aber freilich lächelte sie selten. Der Blick, mit dem sie eine neue Bekanntschaft ansah, war durchbohrend und auf eine beängstigende Weise forschend. Dies mochte sie sich in den Vorfällen und Situationen ihres langen, wechselvollen Lebens, das sie mit den verschiedenartigsten Menschen in bald freundliche, bald feindliche Berührung brachte, angewöhnt haben. Störend war an ihr die Liebhaberei für Flitter und Putz, sie hing sich gerne ein blitzendes Kleinod an, oder flocht ein hellfarbiges Band durch ihre Locken, aber wie wenig Schonung muß einer Kritik inne wohnen, die diese kargen Blüthenflocken aus einem einst so bunt und reichlich prangenden Blumenlager herübergeweht, der Matrone auf ihrem grauen Gewande mißgönnt. Niemand von ihren Freunden nahm daran Anstoß, nur den Fremden fiel dergleichen störend auf. Aus Deutschland kam sie nach Esthland. Das Jahr 1804 sah sie in Petersburg, das folgende in Moskau. Es kann seltsam erscheinen, daß sie den Plan faßte, ihre Lebenstage in der fremden Zaarenstadt zu beschließen, doch veranlaßten diesen Entschluß sehr werthe Bekanntschaften, die sie in Moskau knüpfte. Von ihren Ersparnissen kaufte sie sich ein Haus und ein Landgut in der Nähe. Doch die Fackel des Krieges leuchtete und sengte nah und näher heran. Moskau's Brand vertrieb die alte, wandermüde Künstlerin – sie kam nach Esthland zurück und lebte theils in Reval, theils auf dem Lande auf den Schlössern des Adels. Um Madame Catalani zu hören, machte sie noch in spätem Alter eine Reise nach Deutschland, doch kehrte sie krank und unbefriedigt heim. Der Ruhm des neuen Gestirns hatte ihr – da sie urtheilte, dieser Ruhm sei nicht mit Gerechtigkeit erworben – ein Gefühl von Bitterkeit und Kränkung erregt. Von jetzt an brachte sie ohne Unterbrechung in ländlicher Einsamkeit und in der Nähe des Fräuleinstiftes Finn in Esthland, auf dem Landgute des esthländischen Barons Kaulbars lebend, an dessen liebenswürdiger und talentvoller Tochter sie eine ihrer vorzüglichsten Schülerinnen erzog, glückliche, sorgenfreie Tage hin, von einem Kreise edler Menschen umschlossen, die an ihr das in den deutschen Provinzen Rußlands rühmlich bekannte und so wohlwollend und reichlich gespendete Gastrecht, in der weitesten und humansten Beziehung übten. Zu Reval, den 23. Februar 1831, feierte sie ihren dreiundachtzigsten Geburtstag, wo sie ein paar Verse von Goethe's Hand erhielt, die wir hier beisetzen wollen:


An Madame Mara
zum frohen Jahresfest.

(Weimar 1831.)

Sangreich war Dein Ehrenweg,
Jede Brust erweiternd;
Sang auch ich auf Pfad und Steg,
Müh' und Schritt' erheiternd.
Nah dem Ziele denk ich heut
Jener Zeit, der süßen;
Fühle mit, wie mich's erfreut,
Segnend Dich zu grüßen. –


Sechzig Jahre früher an demselben Tage hatte der junge Student Goethe in Leipzig Mademoiselle Schmähling besungen. Allerdings ein interessantes Zeichen wohlwollender Ausdauer edler Freundschaftsgefühle. Wie verschieden und doch wie gleich waren diese sechzig Jahre über die Häupter dieser beiden Berühmten hingegangen. Gleich insofern, weil Beiden reichlich für ihr irdisch Thun und Wirken der Beifall der Welt zu Theil geworden war.

Den 20. Januar 1833 starb Mad. Mara.

Um noch in wenigen Worten über eigenthümliche Art ihres Vortrages, über Umfang und Fülle ihrer Stimme Etwas nachholend zu sagen, fügen wir das Urtheil bei, das ein Kunstverständiger unter ihren Zeitgenossen über sie aussprach: »Sie war keine musikalische Begabung, die bei dem ersten Erscheinen für sich einnahm; sie wirkte nachhaltig, und erst durch öfteres Hören kamen Vortrag und Stimme in ihre vollste Würdigung. Der außerordentliche Umfang ihrer Stimme erstreckte sich vom ungestrichenen G bis zum dreigestrichenen F, und diese Tonreihe besaß sie in vollkommener Reinheit und Kraft beieinander. Ihr Sopran war der vollendetste, den man hören konnte, und dies befähigte sie besonders, Händelsche Meisterwerke, die dem Sopran die erste Stelle anweisen, vorzutragen. Sie war gewaltig im großen, ernsten Styl, – für die Oper hatte sie nur schwaches Talent. Ihr Vortrag war darin ausgezeichnet, indem sie sich, durch eine gute Schule dazu angehalten, angelegen sein ließ, die Worte auf das deutlichste auszusprechen und sogar zu betonen, unbeschadet der Leichtigkeit und Flüssigkeit des Gesanges.«



Frau von Krüdener.

Es gibt eine gewisse Gattung transparenter Gemälde, die mit einer geheim gehaltenen Künstlichkeit gefertigt sind, so daß sie, jenachdem man das Licht wirken läßt, dem Beschauer ein sich langsam verwandelndes Tableau zeigen, wo ein Bild in sein Gegenbild übergeht, eine sonnige Landschaft mitten im Frühling in ein Schneegefilde, eine üppige Schöne, mit Rosen bekränzt und den Becher in der Hand, in eine abgemagerte und von düsteren Lumpen umhüllte Bettlerin; fast so will es uns bedünken, als wandle sich das Bild jener berühmten Frau, der diese Zeilen gewidmet sind, unter unseren Händen, jenachdem die Geschichte das Licht dazu hält, von einem Aeußersten zum andern übergehend, in die wunderlichsten und seltsamsten Kontraste. Es bleiben immer die Lineamente und die hervorstechenden Farben des ersten Bildes, allein sie werden anders verwandt, wirken anders und machen gerade den entgegengesetzten Eindruck von dem, den sie früher hervorriefen.

Wir sehen hier eine Frau, die mit dem Wechsel des Jahrhunderts zugleich den Wendepunkt ihrer äußeren Erscheinung auf das überraschendste darstellte. In das achtzehnte Jahrhundert gehört die Weltdame, die junge, kokette Schöne, die eitle und genußsüchtige Schriftstellerin, die Frau des Salons, die in tausend Liebesnetzen Verstrickte, ins neunzehnte gehört die Fromme, die Mutter des Volkes, die bleiche und abgehärmte Gestalt, die zu den Füßen des Kreuzes niedergegossen liegt, die Predigerin, die Wallfahrerin, die Märtyrerin, die Frau im grauen Ueberrock mit dem unscheinbaren weißen Häubchen über dem schlichtgescheitelten Haar. Sollte man glauben, wenn man diese beiden Gestalten zusammenhält, daß sie die Bildnisse einer und derselben Frau sind? Und doch, wie gesagt, die Lineamente sind dieselben, die Hauptfarben sind geblieben, aber sie wirken anders; was früher entzückte, erschreckt jetzt, was früher erschreckte, macht jetzt einen wohlthuenden Eindruck. Es sei unsere, nicht leichte, Aufgabe, zu zeigen, wie das Werk der magischen Beleuchtung das Bild umformt, wir wollen nachweisen, wie das Weiß der Rosen, die die schöne, gewölbte Stirn der siebzehnjährigen, jungen Frau schmücken, dasselbe ist, das bei der Umwandlung das dürftige Schleierhäubchen bildet, wie der goldgestickte Fächer, mit einem Gemälde nach Watteau, sich langsam erst in ein schwarzes Stäbchen, dann in ein Kreuz verwandelt, wie die Brillantrose am Busen sich anfangs in einen Lichtfleck verwandelt, dann in einen Strahl ausschießt, der, vom Himmel kommend, das Herz der Beterin trifft. Mit einem Worte: wir haben die Aufgabe, die Frau von Krüdener des achtzehnten Jahrhunderts mit der des neunzehnten zusammenzuführen.

Es war im Herbst des Jahres 1786, als an einem dunkeln Abende zwei Männer, in Mäntel gehüllt, aus dem Portal der großen Karthause zu Grenoble traten. Von diesen Beiden war der Eine mehr klein als groß, schlank, von zierlichem Wuchse und von einer unbeschreiblich rührenden Schönheit im Ausdruck und in den Zügen des Gesichts. Er wurde von seinem Begleiter, als Beide die Stufen niederstiegen, mit großer Zartheit und Vorsorge umfaßt und herabgeleitet. Dieser ältere Mann zeigte eine kräftige, stolze Gestalt, mit einem Ausdruck von Festigkeit und Ruhe in den schönen Gesichtsformen. Beide Wanderer lenkten ihre Schritte einem Wagen zu, der sie aufnahm und in den entfernten Gasthof der Stadt brachte. Als sie hier anlangten, warf sich der jüngere erschöpft in ein Sopha und löste ein Haarnetz, das die reiche Fülle der schönsten dunkelfarbigen Locken gefangen hielt. Der ältere Mann blieb vor seinem Gefährten stehen, betrachtete ihn mit dem innigen Blick der Zärtlichkeit und Vorsorge, erfaßte dann seine Hand und sagte in einem Tone, der halb Vorwurf, halb Verwunderung ausdrückte: Wahrhaftig, Julie, ich glaube, Du bist das erste Weib auf diesem Boden, das ein solches Vorhaben ausgeführt. Nun, was hast Du gefunden? Können wir uns zu dem Erfolg unsers Abenteuers Glück wünschen? Werden unsere Freunde in Paris nicht triumphiren, indem sie uns unbefriedigt von unserer Wanderung zurückkehren sehen? Du weißt, alle Welt rieth uns ab von dieser Reise. Nun, sprich mein Kind. –

Statt der Antwort erhob sich die zierliche Gestalt, und mit der ganzen Inbrunst des erschütterten Gefühls warf sie sich dem Manne, der vor ihr stand, in die Arme. Mein Vater, rief sie, laß uns Nichts in Paris von dieser Reise sprechen! Gib mir Dein Wort, daß Du mit keiner Sylbe alle jene müßigen Fragen, die auf uns einstürmen werden, beantworten willst. Willst Du das? Willst Du mir Dein Wort geben? – Aber weshalb, mein Kind? – Frage nicht, gib mir Dein Wort. – Du bist so erschüttert? – Ich bins. Ich kann nicht athmen, nicht leben mehr! Es ist als wenn dieses Dunkel, das wir so eben verlassen, fortan auf meinem Leben sich lagern werde. Wundersame Stimmen rauschen an meiner Seele vorüber, die sich erschreckt niederbeugt, erzittert, und sich am liebsten verstecken möchte, um das Entsetzliche nicht zu sehen, nicht zu hören. O mein Vater, mein Vater! Was ist's um unser Leben! Welche Abgründe, welche Tiefen sind zu unseren Füßen ausgebreitet, während wir im Uebermuth dahinfliehen! Welch ein grauenvolles Räthsel ist es um eine Existenz, von der wir vielleicht jede Minute mit unsäglichen, nie endenden Qualen bezahlen müssen. Wer ist es, der uns diese Qualen auferlegt? Können wir ihn nicht zur Rechenschaft fordern, weshalb er sich erkühnt, mit uns so grausam zu spielen? Wir wollen seine so großmüthig geschenkten Freuden nicht, wir wollen aber auch nicht seine so tyrannisch und willkürlich uns aufgebürdeten Qualen. Nichts, Nichts wollen wir von ihm, der es für gut findet, sich ewig vor uns zu verschleiern und mit seinen Geheimnissen uns zu necken.

Der Vater schloß sein Kind in die Arme, das krampfhaft schluchzte und sich in Schmerzen an dem väterlichen Herzen wand. Du bist mein Vater, rief sie, Dich erkenne ich an. Ich sah Dich leiden, wenn ich Thränen vergoß, ich sehe aus Deinem lieben Gesicht, von dem jeder einzelne Zug die ganze Geschichte meines erwachenden und in Dich sich versenkenden Herzens schildert, die Fülle von Liebe ausgegossen, die mein ganzes Dasein trägt und hebt. Du verhüllst Dich nicht, und machst nicht Deine väterliche Vorsorge zu einem seltsamen, dunkeln Räthselspiel, an dessen einstige, beseligende Resultate Du mir gebieterisch zu glauben befiehlst, während ich doch nichts von seinem Inhalt hienieden begreife. Nein, Vater, Dein Auge gibt mir die Versicherung der Liebe gleich, offen, hell, treu, ich brauche keinen Dritten zu fragen, der mir Dein Antlitz deutete und Deine Mienen mir erklärte. So stellt sich ein Vater zu seinem Kinde. Ja, Dir bleibe ich treu, an diesem Herzen will ich ruhen, mit diesem kostbaren Herzen soll das meine zusammen in Staub sinken. Wir wollen Beide die Unsterblichkeit nicht. Nicht wahr, Du schlägst mit mir ein Geschenk aus, dessen Geber Dir unbekannt ist, von dem Du nicht weißt, ob er Dich höhnt oder Dich liebt, indem er Dich beschenkt?

Meine Tochter, Dein aufgereiztes Gefühl läßt Dich die Worte nicht erwägen, die Du aussprichst. Es sind frevelhafte darunter. Ueberstehe diese Aufwallung, komme zur Ruhe, gib Deinem Geist die Klarheit wieder, die sein ihm zustehendes Gut ist, und die ihm auf Augenblicke der Taumel Deiner Phantasie geraubt hat.

Du denkst, daß es nur dieses Kloster, diese Stunde ist, die in mir wirken, sagte die Tochter; ich sage Dir aber, schon lange – lange arbeitet und bewegt sich dergleichen in mir herum. Schon lange –

Dieses Gespräch deutet die Stimmung an, in der sich Frau von Krüdener befand, als sie in Begleitung ihres Vaters die grande chartreuse zu Grenoble besuchte. Sie war damals zwanzig Jahre alt, und seit fünf Jahren an den Baron von Krüdener verheirathet.

Man hat immer geglaubt, die Sinnesänderung dieser merkwürdigen Frau sei plötzlich gekommen; wenn man ihr Leben genauer betrachtet, findet man, daß dies keineswegs der Fall ist. Ihr erster und zweiter Aufenthalt in Paris, die Zeit ihres Glanzes, ihrer weltlichen Triumphe zeigt nichtsdestoweniger Spuren von dem Andringen religiöser Stimmungen. Sie hatte mitten im Strudel der Weltfreuden Momente, wie den obigen, wo sie sich gedrungen fühlte, gegen ihre nächsten Angehörigen die schmerzlichen Regungen der Zweifel auszusprechen, die ihre Brust bewegten. Es waren aber auch nur Momente. Die junge Frau, lebhaft und genußsüchtig, stets von einem Kreise von Bewunderern eingeschlossen, überzeugte sich bald selbst, daß jene melancholischen Stimmungen, wie sie sie nannte, nur Einflüsse ihrer nordischen Natur, vielleicht unbewußte Erinnerungen aus der Kindheit waren. Sie gab sich gleich nach einem solchen Gemüthsanfall desto lebhafter den Zerstreuungen hin, sie gefiel sich im Umgang mit den Spottgeistern des damaligen Paris, mit den Männern, die aus Voltaire's und Diderots Schule hervorgegangen waren. Die Encyklopädisten feierten damals ihre letzten Orgieen, ihre Tische stürzten um, ihre Lichter erloschen, zwei riesige, blutige Hände, die Hände der Revolution tasteten schon nach den zierlich gelockten Häuptern der Schwelger im Salon des Barons Holbach. Der unterminirte Boden der Gesellschaft drohte zu brechen. Das damalige Paris wimmelte von Schwärmern, Geistersehern und Phantasten. Mesmer hatte sich mit dem mysteriösen Apparat seiner Magnete und galvanischen Ketten etablirt, St. Germain und Cagliostro ließen Geister erscheinen, von denen einige grausenvolle Prophezeiungen ausstießen. Alles war in Bewegung. Dies war der Zeitpunkt, wo Frau von Krüdener Paris kennen lernte. Wir wollen jetzt auf die früheren Umstände ihres Lebens zurückgehen.

Julie, Baronesse von Vietinghoff, war 1766 bei Riga geboren. Ihr Vater, der früher Aemter am kaiserlichen Hofe bekleidet hatte, lebte seit einiger Zeit der Muße und seinen Vergnügungen auf seinem alten Feudalschloß in Kurland. Man muß diese Landsitze des reichen Adels in den baltischen Provinzen kennen, um zu wissen, welche Bilder von Einsamkeit und Größe sich der Phantasie eines Kindes, das in diesen Räumen auferzogen wurde, einprägen können. Lange, weithingedehnte Länderstrecken, nur dürftig hier und da von einer ärmlichen Niederlassung deutscher Handwerker und den mehr den Höhlen, als menschlichen Wohnsitzen gleichenden Hütten der eingeborenen Bauern unterbrochen, umgeben, so weit das Auge trägt, den Herrschersitz des Gutsherrn, der in der That souveräner Gebieter ist oder vielmehr war, denn ihm stand die Verfügung über das Eigenthum und die Freiheit, selbst über das Leben seiner leibeigenen Untergebenen zu. Dieser Herrschersitz ist von einer imposanten Größe und oft sogar von einer verschwenderischen Pracht. Unter der Regierung der Kaiserin Catharina, schon unter der Elisabeths, kamen italienische und französische Baukünstler in den Norden, und führten Prachtbaue auf in Gegenden, die die Einsamkeit der Haide mit dem Grauen einer Wüste vereinigten. Mitten in dem Dunkel sturmdurchtoster Fichtenwälder, nur mühsam gelichtet, erhob sich der schlanke Tempelbau italienischer Villen, und die zierliche Säule Joniens ragte in den nordischen Himmel hinein, der die zarte Fremdlingin ungalant mit dem rauhen Flügelschlag seiner Schneestürme peitschte. Der Wanderer, der eben mit halbthierischen Geschöpfen verkehrt hatte, der sich in eine Eskimaurhütte mit allem Ungemach, den die Barbarei und der Schmutz mit sich führen, versetzt glaubte, sieht plötzlich, da er die Waldung durchbricht, ein Feenschloß vor sich, dessen Zinnen in der Morgensonne wie Gold schimmern, dessen Fenster eine unabsehbare Reihe von Gemächern zeigen, in dessen Nähe ein prachtvoller Kunstgarten seine Statuen und vergoldeten Gitter zeigt. Welch ein Kontrast! Die Kunst der Mediceer neben dem Schmutz der Samojeden! Der glänzende Ballsaal, in dem sich eine Schaar junger Nymphen, in Gaze und parfümirte Spitzen gehüllt, am Arm ihrer Tänzer wiegt, und wenige Schritte weiter ein Rudel hungriger und zähnefletschender Wölfe, die mit ihrem grausenvollen, monotonen Geheul die Nacht der nordischen Wälder erfüllen. Oben im Saal die zarte Schöne, die eine Melodie von Lulli oder Pachiarotti mit allem Schmelz einer italienischen Kehle bezaubernd vorträgt, unten im Dorf das Geschrei des armen kurischen Weibes, das von ihrem betrunkenen Manne fast zu Tode geprügelt wird.

Doch nicht das äußere Leben allein, auch das innere, das Geistesleben dieser kurischen Dynasten jener Tage war an eigenthümlichen Kontrasten reich. Ein grand seigneur zur Zeit der Kaiserin Anna, deren Gemahl Herzog von Kurland war, trat mit dem Stolz und der Ungebundenheit eines Herrschers auf, und er war es auch, so lange er es vermied, in die Atmosphäre des Hofes in Petersburg zu kommen. Dort war seine Macht gebrochen. Die höhere Intelligenz des deutschen Adels konnte damals noch nicht den materiellen Machtäußerungen der russischen Großen die Stange halten: Erst einem spätern Jahrhundert war es vorbehalten, den Triumph des Geistes über die rohe Materie zu feiern. Der baltische Adel vermied es deshalb, an den Hof zu gehen; wir finden keinen Träger alter, berühmter Familiennamen in dem Kaisersitz an der Newa damals gegenwärtig. Selbst als Anna den Thron bestieg, als diese kunstliebende und gelehrte Prinzessin ihren Hof mit den Erinnerungen ihrer Jugendjahre zu umgeben wünschte, folgten ihrem Rufe nur sehr Wenige von den stolzen Söhnen des einst freien, selbständigen Bodens. Während der Regierung Elisabeths hielt der Adel sich ebenfalls fern, und nur als die Prinzessin von Anhalt-Zerbst den goldenen Stuhl Peters bestieg, als Kunst, Leben und Wissenschaft sich um den Thron der nordischen Semiramis schaarten, da sah man auch die edlen Geschlechter Kur-, Esth- und Lieflands in der Residenz erscheinen und Aemter beim Throne annehmen. Dies geschah doch auch jetzt immer mit einer gewissen Zurückhaltung. Die Souveränetät ist so süß, und die kurländischen Großen waren Souveräne auf ihren Schlössern. Hier bildeten sich nun aber jene geistigen Kontraste, von denen wir oben gesprochen, aus. Eine Familie hielt sich isolirt auf ihrem »Schlosse.« Dieses Schloß stand in einer Einöde; viele Meilen, oft Tagereisen weit in der Runde war kein Geschöpf, dem man Rede und Antwort abgewinnen konnte, denn mit dem Leibeigenen sprach man nicht, man winkte ihm nur Befehle zu, man sprach mit ihm durch die Reitgerte, durch den Spazierstock; wie also den Schatz der Bildung, die angehäufte Summe der Kenntnisse, die kleinen Kostbarkeiten modischer Eleganz in Cours bringen? Denn nur durch fortwährenden Austausch gedeiht die luxuriöse Saat der socialen Intelligenz. Man brachte sich zwar aus der Residenz einen Hofmeister mit, eine Gouvernante aus Paris oder wenigstens aus Genf wurde mit in das einsame Feenschloß eingesperrt, allein diese exotischen Geschöpfe waren bald eben so isolirt wie ihre Gönner. Obgleich der Hofmeister deutsche gelehrte Bildung gar nicht übel repräsentirte, obgleich die Gouvernante für sich in Klatschhaftigkeit und Medisance ein Paris in Miniatur war, so waren doch die Hülfsquellen, die sie boten, bald erschöpft. Man machte Promenaden um die Kornfelder und erzählte sich Anekdoten von dem duc de Chartres, man fuhr über die nordischen Seen meilenweit im Schlitten, und unter dem Pelz hielt man die kleine Ausgabe des Candide, die man sich gegenseitig vorlas. Dann kam man nach Hause und dann – o ein Abend, der gar kein Ende nahm. Welch ein fürchterliches Ding ist ein langer, nordischer Winterabend innerhalb eines einsamen, kurischen Landschlosses! Da kann es denn geschehen, daß die Verzweiflung so stark anwächst, daß der gnädige Herr mitten in der Partie Tarock, die er mit dem Pfarrer spielt, einschläft, und die Dame des Hauses sich in die unteren Räume, in die Spinnstube verliert, um dem Geplauder der Mägde ein Stündchen hindurch zuzuhören. Dergleichen ist dann entsetzlich, und wo die Familie dies inne wird, läßt man schnell den Reisewagen anspannen und fährt nach Paris, um einen Winter hindurch wieder so viel Leben, Tumult und Lichterglanz einzusaugen, als es bedarf, um die Einöde wieder zu vertragen. –

Diese Lage der Verhältnisse muß man beachten, wenn man die Jugenderziehung Julianens von Vietinghoff in Erwägung ziehen will. Welche Eindrücke mußten auf ein phantasievolles Kind jene Widersprüche des rauschendsten, glänzendsten Lebens und der tiefsten Einöde machen. Der Aufzeichner dieses weiß aus seiner eigenen Jugend, wie wundersam diese Kontraste wirken können, wie sie der einsamen, schwärmerischen Richtung Vorschub, dem Feuer der Phantasie Nahrung, dem sich entwickelnden Geiste Stoff zum Nachdenken geben. Wer immerdar im Schoß großer Städte gelebt, wer gewohnt ist, die Strömungen des Lebens immer dicht an seinem Ohr rauschen zu hören, hat nicht die feine Seelenempfindung, die Spürkraft der intelligenten Saugewerkzeuge sich bewahrt, die nothwendig sind, um aus dem Leben große Resultate zu gewinnen. Wäre Juliane als Pariserin geboren, sie hätte nicht ihre bedeutsame Rolle spielen können. Die nordischen Nächte, die Einöde am baltischen Meere waren der Entwicklung ihrer Seele nothwendig.

Eines Umstandes aus den Kinderjahren Julianens muß hier noch Erwähnung geschehen, weil er eigenthümlich phantastischer Art ist und zugleich ein Bild gibt von den Verhältnissen des dortigen Familienlebens. Eine Urgroßmutter Julianens, eine Greisin, die von ihrer Umgebung vergöttert wurde, war das Orakel und gleichsam das personifizirte Familienschicksal. Sie wußte um Alles was die Familie betraf, ihr Gedächtniß leistete Wunder, wenn es darauf ankam, irgend einen, von allen anderen alten Leuten vergessenen Umstand zu erörtern und festzustellen. Fragte man sie über ein Ereigniß, das in den letzten Regierungsjahren Peter des Großen, den sie noch gesehen, vorgefallen und zu dem auf irgend eine Weise die Familie in Beziehung getreten, sie wußte es auf Tag und Stunde anzugeben, mit allen kleinen Nebenumständen und den unwichtigen Anhängseln einer wichtigen Begebenheit. Aber immer nur wenn die Familie sich betheiligt zeigte; war dieses nicht der Fall, so konnte sich ereignet haben was da wollte, die Alte hatte sich nicht darum gekümmert, oder hatte es vergessen. Man kann sich denken, wie sie ihre Söhne, wie sie die Söhne dieser Söhne und wie sie endlich ihre Urenkel liebte. Eine Flut von Namen wogte ewig in ihrem Gedächtnisse, und ihr Kalender zeigte roth angestrichen eine Anzahl von Geburtstagen, die kein Ende nahm. Diese Frau fühlte sich nun ihrem Tode nahe. Ueber ihre Habe hatte sie schon verfügt. Peter bekam dieses Gut, Johann Kasimir jenes, Burchard erhielt Kapitalien, Anton Leberecht erbte Diamanten, aber wem sollte sie den von den vier Söhnen am meisten gesuchten Schatz, sich selbst, vermachen, nämlich ihre Leiche? Wer sollte die Ehre und das Glück haben, daß die theure Mutter bei ihm ruhte? Alle Vier strebten nach dieser Auszeichnung: die Alte merkte, wie alle Vier heimlich gegen einander kabalisirten, und ihr Herz blutete, denn sie konnte sich doch nur Einem geben. Was sollte sie thun? Je näher ihre letzte Stunde kam, desto ängstlicher und im Herzen betrübter wurde die Greisin. Johann Kasimir hatte eine neue Familiengruft bauen lassen, was war natürlicher, als daß er wünschte, die Mutter möchte sich ihm schenken, aber Peter hatte auch eine Familiengruft, und Burchard und Anton Leberecht hatten zwar keine Familiengruft, aber sie versprachen dafür, der theuren Leiche in ihren eigenen Schlössern eine Ruhestätte zu bereiten. Die Mutter bringt Glück, riefen sie, wo sie ruht, da wird das Haus seinen Halt und Stützpunkt finden. Es war ein heimliches Treiben, es wurde geflüstert und gewinkt, die Alte sollte nichts merken, aber sie merkte es doch und ließ den Schlitten wieder anspannen, um mitten in der Winterkälte und halb sterbend doch auf das nächste Gut zu reisen, damit es nicht hieße, sie sterbe absichtlich bei Johann Kasimir der neuen Familiengruft wegen. Bei Peter kam sie an, der sie triumphirend aufnahm, doch während sich Sohn und Mutter in den Armen lagen und die Alte schon geseufzt hatte: Peter, hast Du ein Bette für mich? konspirirte sie heimlich mit Anton Leberecht und dessen Frau und Tochter, und ehe sichs Peter versah, war schon wieder der Schlitten vor der Thür und Anton Leberecht entführte im Triumph die Mutter; aber war er schlau, so war noch schlauer Burchard, der die Entführte nochmals entführte. So fuhr während eines ganzen Winters der wundersame Schlitten immerdar über die Eisfelder und durch die Schneestürme, das Herz einer Mutter mit sich führend, das halb schon ersterbend, doch noch seine matten Pulse durch die lebendigste Liebe immer neu wieder heben mochte. Endlich erhielt doch irgend einer der Söhne das Kleinod, und unter einer unabsehbaren Schaar von Kindern, Kindeskindern und Enkeln ging die Alte zur Ruhe ein. Juliane erwähnt dieses Familienereignisses, und es übte eine große Gewalt auf ihre Phantasie und ihr Herz aus. Sie ruft später, sich an dieses Beispiel erinnernd, aus: Wenn ich nur auch mein Herz der ganzen Menschheit, und besonders dem leidenden Theile derselben schenken könnte, wie jene Alte es ihrer Sippschaft schenkte. Wenn sich die Armen also einst um meine Leiche stritten und Jeder trachtete, mich als die Seine in der Nähe seiner Hütte zu beerdigen! Welch ein seliger Schlaf dann! –

Um wieder den Punkt zu treffen, von dem wir ausgingen, so sei es bemerkt, daß der Baron von Vietinghoff gerade zu denjenigen Landbesitzern gehörte, die es am wenigsten lange in ihren einsamen Schlössern aushielten. Er war für jene Zeit ungewöhnlich gebildet und kenntnißreich, und so sehr auch Lektüre und Studien ihn in Zeiten der Zurückgezogenheit thätig und regsam erhielten, so bedurfte doch sein weltmännischer Sinn, sein Streben, in die Tagesereignisse wirkend einzugreifen, eine Veränderung des Aufenthalts, und es zog ihn vorzugsweise nach Paris. Bei der ersten Ausflucht dahin war Juliane noch Kind, bei der zweiten schon fast erwachsenes Mädchen. Im Hause des Barons erschienen Buffon, d'Alembert, Marmontel, Grimm und der Baron Holbach. Das muntre, liebenswürdige Mädchen fand allgemein Beifall. Den Vater erfreute dies. Er mußte aber bald bemerken, daß seine Tochter die Kühnheit hatte, ihren eigenen Weg gehen zu wollen. Sie wurde träumerisch, nachdenkend. Sie erinnerte an die Heimkehr, sie sehnte sich in die nordische Einöde zurück, sie hatte Visionen, Träume. Es waren immer nur Anfälle, aber sie traten nach und nach häufiger hervor. So trieb sie den Vater oft zu Excursionen, bald in die Schweiz, bald nach Deutschland, bald ins südliche Frankreich. Sie war unbeschreiblich lebendig auf diesen Reisen. Sie flog wie eine Feder im Winde dahin, man hätte sie für ein glückliches Kind halten können, das nichts dachte und nichts wollte, als die Freude des Moments haschen, dann aber saß sie plötzlich in ihren Schleier gehüllt, eine grübelnde Sibylle, auf einer Felsspitze und träumte ganze Tage lang, und wenn der Vater sie fragte, warf sie sich ihm weinend um den Hals und Gespräche, wie wir sie oben beschrieben, fanden statt. Der Baron Vietinghoff war, was die Religion betraf, ein Weltmann nach der damaligen Art, jedoch nicht ganz von der schlimmen Sorte, er war kein Schwärmer, aber auch kein Spötter: er ließ die Dinge auf sich beruhen und mochte nichts weniger leiden, als jene religiöse Extase, die den Heiligen ein süßes Labsal, den Kindern der Welt aber eine ärgerliche Thorheit ist. Nun hatte er das Leidwesen, in seinem eigenen Kinde Elemente jener mystischen Neigungen, die ihm unbequem und unverständlich waren, zu entdecken. Sie besuchte gern Klöster und verlor sich dort in den dunklen Kreuzgängen, sie dachte über das Leben der Mönche nach, und der Vater hätte sie gern über die einzelnen Artikel der Encyklopädie nachdenken machen. Er erlebte aber auch, wenn er die bösen Stunden ruhig hinnahm, die Freude, Juliane eine ausgelassene Weltdame spielen zu sehen, aber dann wieder so excentrisch, mit einem so frivolen Muthwillen, daß selbst die am wenigsten scrupulösen Damen der damaligen Gesellschaft über sie erschracken. Immer in Extremen sich bewegend, war sie immer neu, immer liebenswürdig, ein Kind des Phantasus und der Grazie. Sie muß nach allen Nachrichten der Zeitgenossen ein ganz seltenes, verführerisches Wesen gewesen sein. Die Gabe, die Herzen an sich zu fesseln, war ihr in einem bewundernswürdigen Grade gegeben. Den Baron Krüdener scheint sie geheirathet zu haben mehr auf Wunsch ihrer Angehörigen, als aus dem Motiv der Neigung. Erst als junge Frau begann ihr ganz wildes und ausschweifendes Leben. Sie ging mit ihrem Manne nach Venedig, wo dieser russischer Gesandter war. Sie kam wieder nach Paris zurück, und eine innere Unruhe peinigte sie. Mit der äußeren Welt trat sie immer mehr in Opposition. Der Mann verstand sie nicht, sie liebte ihn nicht: ihre Ehe war ihr gleichgültig, manchmal lästig: der Vater kam ihr alt und unduldsam vor, der Geliebte, der Sänger Garat, erschien ihr als ein Geschöpf ohne Seele. Sie dürstete, Widerspruch, Reiz, Aufstachelung zu finden: sie wollte der Sünde huldigen, aber die Sünde mußte ihr dafür auch Etwas gewähren: Beruhigung, oder Taumel, oder Sieg, oder Schmerz, oder Wahnsinn – kurz zu irgend einem Zwecke mußte sie kommen. Sie mußte fühlen, daß entweder der Himmel oder die Erde um ihre Existenz wußten, sich entschieden um sie kümmerten. Wie Millionen Andere ruhig fortleben, artig und bescheiden sündigen, liebreich getröstet werden und dann versöhnt sterben, das mochte sie nicht. Eine höllische Qual war es ihr, zu denken, daß Liebe und Haß, Ruhm und Schande ihr nur in den kleinen Portionen zugemessen sein konnten, wie sie alle Welt um sie her verschluckte. Sehr viele Frauen in Paris wurden damals von diesem Heißhunger nach Oeffentlichkeit gepeinigt, aber gewiß Keine heftiger, als Frau von Krüdener. Eines Abends sah sie die alternde Madame Genlis die Harfe spielen. Man sagte ihr, diese Frau sei berühmt geworden, indem sie die Erste sei, die in Frankreich die Harfe gespielt. In der That, entgegnete Frau von Krüdener, wird man in Frankreich berühmt, wenn man sich lächerlich macht? Wohl, ich werde die Harfe spielen lernen. Sie lernte sie nicht spielen, aber sie schrieb ein Buch und sagte zu der Dame, mit der sie das obige Gespräch geführt: Ich habe von den zwei Thorheiten, durch die Madame Genlis sich lächerlich und berühmt gemacht hat, die für mich leichtere ergriffen: ich habe ein Buch geschrieben. Wir wollen sehen, ob ich meinen Zweck erreiche.

Der Roman Valérie machte, was die Verfasserin wünschte, großes Aufsehen, weit größeres, als das Buch, das zwar bedeutend, doch nicht als Kunstwerk ist, verdiente. Nur in einem Urtheil täuschte man sich nicht, man fand eine junge, feurige, schwärmerische Seele darin, und die lebte in der That darin. Nicht zum Schluß kommend mit ihren religiösen Scrupeln, hatte sich die Zweiflerin entschlossen, diese auf das Gebiet der Dichtung überzutragen und das Herz zum Träger der dunklen Geheimnisse des Gewissens zu machen. Der Roman erschien 1804 in Paris, nachdem die Verfasserin nach der Trennung ihrer Ehe 1792 einen Aufenthalt in Riga und in Leipzig gemacht. Es wird nöthig sein, mit diesem Buche sich etwas näher zu beschäftigen.

Es führt den Titel: »Valérie, ou lettres de Gustave de Linar á Ernest de G–. 2 Vol.« (Eine treffliche deutsche Uebersetzung von Müller erschien in demselben Jahre; auch Frau von Chezy, wie sie selbst erzählt, veranstaltete mit Dorothee Schlegel zusammen eine Uebertragung 1804 in Paris, unmittelbar nach dem Manuscript der Verfasserin.) Gustav ist ein gefühlszarter, etwas weichlicher und an den Goethe'schen Werther erinnernder Jüngling, der sich in einer unglücklichen Liebe zu der Frau seines Pflegevaters verzehrt. Diese junge und schöne Frau, Valérie, ist, wie die Zeitgenossen behaupten, ein wohlgetroffenes Porträt der Dichterin, auch Gustav soll nach dem Leben gezeichnet sein, und das Verhältniß der Herzen, die hier in Kampf und Entsagung miteinander leiden, trägt in der Schilderung jene Wahrheit an sich, die erlebt, nicht nur erdichtet sein will. Es ist ein Tagebuch der Liebe, und bekanntlich schreiben Frauenhände solche Tagebücher am zartesten, wahrsten und innigsten. Die damaligen ästhetischen und kritischen Besprechungen des Buches haben es mit der feurigen Liebespoesie des Werther, andere es mit dem sentimental - Rousseauschen Roman la nouvelle Héloise verglichen: es gleicht beiden nicht; es schafft sich eine neue Bahn, die gleich darauf Frau von Stael so siegreich mit ihrer Delphine und Corinne betrat, den ästhetisch schildernden Roman. Es wurde durch die Valérie Mode, Landschaft- und Städtebeschreibungen ins Gebiet der Liebesgeschichte zu ziehen und den Helden oder die Heldin auf Reisen zu schicken, um an die äußeren Erscheinungen der Reise die Betrachtungen über die Seelenzustände des Menschen überhaupt, des Helden des Romans insbesondere anzuknüpfen. Die Form der Briefe ist dabei besonders geeignet, den Schilderungen eine ursprüngliche Naturwahrheit, aber leider auch, wenn das Talent des Dichters nicht reif oder nicht kräftig genug ist, ihm das gehörige Maß zu lehren, ihnen eine lästige und langweilige Ausdehnung zu geben. Bei der Valérie ist dieser Uebelstand noch vermieden, auch die Delphine und Corinne tragen ihn nicht zur Schau, wohl aber die zahllosen, besonders die deutschen späteren Nachahmungen dieser Gattung Romane. Die Briefe Gustavs, die das Erwachen seiner Leidenschaft schildern, sind meisterhaft zart und wie von einer keuschen Glut angehaucht. Valérie selbst hat Momente, wo sie uns kalt, andere, wo sie uns gezwungen erscheint. Man sieht der Dichterin das Schwanken an, wie sie sich einerseits fürchtet, zu viel zu verrathen von den eigenen Erlebnissen eines zu heftig erschütterten jugendlichen Herzens, andererseits durch eine allzu konvenzionelle und kühle Darstellung die Aufmerksamkeit des Lesers zurückzuschrecken wähnt, und deshalb wärmere und leuchtendere Farben nimmt, die sie jedoch mit unsichrer Hand vertheilt und nicht an die gehörige Stelle bringt. Gustav, muß man bekennen, ist völlig wahr, Valérie nur halb wahr. Der Brief, der seinem jammervollen Scheiden vorangeht, ist mit einer herzzerreißenden Gewalt des Schmerzes und der Leidenschaft geschrieben. Schade, daß der Roman französisch verfaßt ist, hier wäre die kühne und tiefe deutsche Sprache an ihrem Orte. Die Dichterin verräth fast in jeder Zeile der leidenschaftlichen und schwärmerischen Stellen ihres Buches ihre deutsche Abstammung. Man halte dagegen die Romane der Stael, die auch mit Leidenschaft, aber mit französischer, gedichtet hat, und man wird die Tochter des Nordens von der des Südens leicht unterscheiden können, auch der flüchtigste Beobachter wird es können; dem aufmerksamen entgeht übrigens schon aus diesem Buche nicht die ganze Fülle und Richtung einer gewaltigen, nach dem Innern sich hineinwühlenden Phantasie. Manche Stellen sind mit einer dunkelglühenden Mystik geschrieben und streifen dicht an die Geheimnisse des Glaubens. Man hat daher auch angenommen, jedoch fälschlich, daß der berühmte Mystiker und Philosoph St. Martin Theil an der Schöpfung des Romans genommen. Er war zwar mit Frau von Krüdener bekannt, übte jedoch keinen Einfluß auf sie, wie sie selbst gesteht, da sie damals zu sehr noch Weltdame war, und doch schon zugleich auch zu großes Mißtrauen gegen die gepriesene Weisheit der pariser Philosophen hegte, um sich mit einem Manne von einem so seltsamen Aeußern und einem Rufe von so bizarrer Wunderlichkeit einzulassen. Wer ihr nicht den ganzen und vollen tiefsinnig poetischen Inhalt des Romans zuschreibt, der kennt Frau von Krüdener in ihrem eigensten Wesen nicht. Sie war recht eigentlich Dichterin, und die Glut und die Macht ihrer Phantasie hielt mit dem erregtesten und empfindendsten Herzen gleiches Maß. Hätte sie denn auch sonst ohne diese intensiven Eigenschaften in dem Grade auf die Menge wirken können? Sie »bezauberte« völlig ihre Umgebung, selbst die sprödesten und kältesten ihrer Beobachter; war dies wol anders möglich, als durch die Kraft großer und tiefer Innerlichkeit? Und diese Innerlichkeit, dieses »Heranziehen« des fremden Gemüthes und Geistes in unsern Gefühls- und Denkkreis macht ja auch den Dichter. Frau von Krüdener nahm in die Seiten ihres Buches die Schilderungen der Gegenstände und der durch dieselben in ihr erregten Ansichten und Betrachtungen auf, die ihr auf ihren Reisen zugekommen. So finden wir in der Valérie eine poetische und wahre Beschreibung der grande chartreuse zu Grenoble, die sie vor vielen Jahren zurück, wie wir erwähnt haben, mit ihrem Vater, in der Verkleidung als Mann, da keine Frauen den Umkreis der heiligen Mauern überschreiten durften, besucht hatte. Man sieht aus diesem einen Beispiele, wie innig der Gegenstand des Romans mit dem Seelenleben seiner Schöpferin zusammenhängt. Die Stelle möge hier einen Platz finden. Gustav schreibt: Je viens de lire la vie d'un saint que j'ai trouvé dans une des ar­moires de ma chambre. Ce saint avait é t é homme, il é tait rest é homme: il avait souffert, il avait jet é loin de lui les d é sirs de ce monde, apr è s les avoir combattus avec courage. Il avait exil é de ses pens é es toutes les images de sa jeunesse, et é lev é le repentir entre elles et ses ann é es de solitude. Il travallait tous les jours à son tombeau, en pensant avec joie qu'il ne l é guerait à la terre que sa poussi è re; et il esp é rait, mais en tremblant, que son â me irait dans le ciel. Il vivait dans sa chartreuse en 1715; il mourut, ou plu­t ô t il disparut, tant sa mort fut douce. – L à vivent des hommes qu'on nomme exalt é s; mais qui font du bien tous les jours à d'autres hommes. Quelle id é e sublime et touchante que celle de trois cents char­treux, vivant de la vie la plus sainte, remplissant ces clo î tres si vastes, ne levant leurs m é lancoliques regards que pour b é nir ceux qu'ils rencontrent, peig à ant dans tous leurs mouvemens le calme le plus profond, disant avec leurs traits, avec leurs voix que l'agitation ne frappe jamais, qu'ils ne vivent que pour ce Dieu si grand, oubli é dans le monde, ador é dans leur d é sert!


Wer sieht nicht in diesen letzten Worten schon die Krüdener von 1814 vor sich stehen? Ein Dichter ist immer auch zugleich Prophet, und er prophezeit sich selbst oft, ohne es zu wissen und zu wollen, seine Zukunft. Hier ist eine solche Stelle. Sie hatte selbst später sich als berufen angesehen, diesen Gott, den die Welt vergißt und nicht achtet, der in der Einsamkeit und Wüste verehrt und angebetet wird, zu verkündigen. Wie sehr irrt man daher, wenn man annimmt, wie wir schon am Anfange dieses Lebensbildnisses berührt haben, daß die Sinnesänderung dieser berühmten Frau so plötzlich vor sich gegangen; in den obigen Zeilen steht deutlich die nahe Verwandtschaft aufgezeichnet, in der die junge Weltdame, die gepriesene Schriftstellerin mit der ascetischen Missionärin steht. Mehre Stellen enthalten die Schilderung bekannter Städte und Gegenden, so Venedigs unter anderen, wo man an ähnliche Bilder der Georges Sand erinnert wird, dann Urtheile über Kunstgegenstände, Gemälde, Sculpturen. Diese Besprechungen sind ohne Pedanterie und im Style des guten Geschmacks gehalten; sie ermüden nicht, sondern zerstreuen anmuthig den durch die Darstellungen des Liebeskummers niedergebeugten Geist des empfindenden Lesers. Der Roman bleibt immer die Hauptsache und wird nicht, wie bei der Corinna, eine lyrisch-rhetorische Zuthat für das geistreiche Raisonnement.

Unter den Urtheilen, die damals über diesen Roman laut wurden, zeichnet sich eins aus, das auf die Dichterin der Valérie einen tiefen Eindruck gemacht zu haben scheint; es ist nach ihren Mittheilungen von Hrn. Empeytas, ihrem Begleiter und Anhänger, aufgezeichnet worden, und enthält die Unterredung, die die Verfasserin mit einer Frau aus der Sekte der Quäker gehalten. Es mag in verkürzter Gestalt hier seinen Platz finden.

Frau von Krüdener. Was wünschen Sie von mir, liebe Miß Sara Asherby?

Sara. Ich möchte Dich zur Rede stellen, liebe Schwester, wegen des Buches, das Du vor kurzem veröffentlicht hast.

Frau von Krüdener. Mißfällt es Ihnen?

Sara. Mir nicht; doch hat es Einigen meiner Schwestern und Brüder Anstoß gegeben.

Frau von Krüdener. Es soll mir dies leid thun, doch habe ich beabsichtigt, durch dieses unbedeutende Werk Niemanden zu beleidigen, vielmehr Viele zu erfreuen. Mein Wunsch ging sogar dahin, durch dasselbe die Sitten zu verbessern.

Sara (ihr die Hand küssend). Ich danke Dir.

Frau von Krüdener (erstaunt). Wofür?

Sara. Du hast mir eine ersprießliche Lehre gegeben, nämlich die, daß man selbst an den Personen, die uns misfallen, Eigenschaften finden kann, die uns, die wir uns für besser als jene Personen hielten, beschämen. Ich stehe beschämt vor Dir.

Frau von Krüdener. Sie sind sehr demüthig, Miß.

Sara. Ich sollte es sein.

Frau von Krüdener. Nun aber, der Zweck Ihres Besuches – darf ich ihn nicht erfahren?

Sara. War der, Dich im Namen Gottes zu bitten, keine solche Bücher mehr zu schreiben. Aber ich weiß nicht, ob ich noch das Recht habe, diese Bitte zu thun.

Frau von Krüdener. Nur frei heraus mit der Sprache.

Sara. Ich habe das Buch gelesen – und ich will es nur gestehen, bei einzelnen Stellen desselben hab' ich Thränen vergossen. Meine thörichten Tage standen wieder vor mir; ich sah mich selbst wieder jung und wider das Gebot des Herrn sündigend.

Frau von Krüdener Sie lebten einst in der Welt, Miß?

Sara . Was ich einst war, kann Niemand kümmern; genug, daß ich bekenne, sündhaft und eitel gewesen zu sein.

Frau von Krüdener . Aber auch schön sind Sie gewesen, Miß.

Sara (mit unwilligem Erröthen). Schweig! Will ein schwaches Weib dem andern schmeicheln?

Frau von Krüdener. Nun denn, zur Sache! Also Sie kennen die Welt, Miß, und finden, daß ich sie geschildert habe wie sie ist.

Sara. Ja, aber Du bedachtest nicht, daß schwache Herzen Dein Buch lesen. Was sollen diese Armen, denen Gott noch nicht geistliche Aufseher beigegeben hat, von den Schilderungen einer sündigen Leidenschaft denken, die Du mit so meisterhafter Feder hingezeichnet hast? Für jedes Herzklopfen, für jeden düstern Traum dieser Lämmer, die der Hirte noch frei herumirren läßt, wirst Du verantwortlich sein. Hast Du das bedacht, eitles Weib?

Frau von Krüdener (nach einer Pause). Sie sind eine Fromme, Miß, – wir werden uns gegenseitig nicht verstehen.

Sara . Ich bin ein Weib, das die Wahrheit liebt, und das nebenbei ein Herz hat für den Kummer und die Leiden seiner Mitgeschöpfe.

Frau von Krüdener. Beides bin ich stolz auch von mir sagen zu können.

Sara . Du liebst die Wahrheit und kleidest die Lüge in Gold und Purpur, Du hast ein Herz für Deine Mitgeschöpfe und – tödtest sie! Schwester, Du lügst.

Frau von Krüdener. Sie sind nicht fähig, Miß, die Wahrheit in meinem Buche zu erkennen. Sie gestehen selbst, daß Sie die Welt, in der ich lebe, verachten. Was man verachtet, sucht man nicht kennen zu lernen.

Sara. Ich verachte Niemanden, sowie ich Niemanden achte. Alle Ehre geb' ich dem, der sie geben und nehmen kann. Ich hasse die Sünde, und der Haß weiß sehr genau um seinen Grund.

Frau von Krüdener. Ich hasse die Sünde ebenfalls.

Sara Nein, Du liebst sie, und Du liebst sie in dem Grade, daß Du sie in jedes Herz pflanzen möchtest, selbst in die unschuldigsten, wo sie ihre Stätte früher noch nicht hat finden können.

Frau von Krüdener Sie nennen Sünde was ich Leidenschaft nenne.

Sara. Ich weiß nur von einem Gebot und nur von einer Uebertretung. Du sollst Gott lieben heißt das Gebot, du liebst Gott nicht heißt die Uebertretung.

Frau von Krüdener. Man kann diesen Satz vielfach auslegen.

Sara Ja, wenn man nicht ehrlich ist. Der Ehrliche hat nur die eine einfältige Auslegung, die der Gehorsam und die Demuth ihm eingeben.

Frau von Krüdener. Und was verlangen Sie demnach von mir, Miß?

Sara. Daß Du an die Armen und Schuldlosen denkest, die Deine Brüder und Schwestern sind, Deine Kinder, wenn Du es lieber hören willst, wenn Du wieder die Feder ergreifst, um ein Buch zu schreiben, durch das Du »die Sitten bessern willst.« Stelle dem Auge Deines Geistes nicht die eitlen Frauen und Männer vor, die Dich in den Prunkgemächern der Welt umgeben und deren hochmüthiges und siegreiches Lächeln Dir im Voraus den Dank spendet; sondern führe Deinem Geiste die Gestalten aus der Niedrigkeit und Einsamkeit vor, die in ihren kummervollen Stunden noch nicht wissen, ob sie Gott oder der Welt angehören sollen. Denke daran, daß ein Senfkorn Schwere die Wage Gottes bei diesen mühseligen, stillen Wanderern, die des Weges unkundig sind, fallen machen kann, und daß Du es bist, die dies Senfkorn in die Wagschaale wirft. Es kann im weiten Umkreis der Schöpfung kaum etwas Peinvolleres geben, als diesen Gedanken. Wenn Du diesem Bilde nachgehst, wird Deine Seele ganz und vollständig empfinden, was damit gemeint ist, wenn es heißt: Du sollst kein Aergerniß geben.

Frau von Krüdener. Wenn Sie die Wahrheit sprächen, Miß, so wäre ich alsdann durch mein Buch verdammt.

Sara. Verdammt nicht; aber Du hast unbeschreiblich den betrübt, der Dich zuerst geliebt hat und der trotz Deiner Sünde Dich nie aufhören wird zu lieben. Kann ein kleiner weltlicher Triumph Werth genug für uns haben, um uns seinetwegen mit unserm Geliebten zu entzweien?

Frau von Krüdener (nach einer Pause des Nachdenkens). Ich bin Ihnen dankbar, Miß, für die Aeußerung Ihrer aufrichtigen Meinung. Ihren Rath kann ich jedoch nicht brauchen, denn der Standpunkt, auf welchem Sie stehen, scheint mir ein zu niedriger, um von ihm aus die menschlichen Dinge so zu beurtheilen, wie sie beurtheilt sein wollen.

Sara. Ob mein Standpunkt ein so niedriger sei, wie Du behauptest, mögest Du in der Folgezeit aus dem Eintreffen einer Prophezeiung ermessen, die ich Dir jetzt mittheilen will. Wir haben in diesen Tagen gesehen, daß in den materiellen Geschicken der Menschen die Niedrigen sich über die Hohen gesetzt haben, es wird aber auch noch dazu kommen, daß die Unmündigen im Volke und die Einfachen im Geiste über die Weisheit der Klugen den Sieg davon tragen werden.

Frau von Krüdener Genug, Miß. Was wir einander sagen können haben wir, so dünkt mich, Beide schon ausgesprochen.

Sara Leb' wohl. Gott hat Dich und mich in seinem Schutz. – –

(Zusatz von späterer Hand.) »Was in diesem Gespräch auffällig wurde, war das Eintreffen jener Prophezeiung, und zwar war Frau von Krüdener selbst ausersehen, die Bewahrheitung herbeizuführen. Sie ging zu den Unmündigen im Volke und zu den Einfachen im Geiste, um ihnen das Evangelium zu predigen. Unter ihren Augen und gleichsam mit dem Anschein täglichen und stündlichen Erfolgs erstarkten diese Unmündigen und diese Einfachen nahmen Speise des göttlichen Wortes zu sich. Keine Prophetin zu irgend einer Zeit hat es so innig mit dem Volke gehalten und hat so wahrhaft Erbarmen mit den Schwachen gezeigt als die Erwählte, die Gott berief, in einer Zeit, die von Blut triefte und von Unglauben strotzte, das Wort vom guten Hirten zu predigen.«

In dieser Zeit (1804) war es auch, wo Frau von Krüdener öfters mit Frau von Stael verkehrte und diese berühmte Verbannte in Coppet besuchte. Diese beiden Frauen, damals beide auf dem Kulminationspunkt ihres weltlichen Glanzes, beide gefeierte Schriftstellerinnen und von einer Schaar Bewunderer umgeben, entschieden sich für die Mission, die sie bei den großen Aufgaben der Zeit über sich nehmen wollten. Bei Beiden bildeten die Jahre 1802 bis 1806 die entscheidende Krisis. Frau von Stael, mit dem Machthaber zerfallen, entschied sich, den Weg der politischen Märtyrerin zu gehen, Frau von Krüdener wählte die religiöse Märtyrerkrone. Beide Frauen waren beseelt von dem großen Entschluß, die Gemüther und die Geister ihrer Zeitgenossen lenken zu wollen. Man hat Beiden als Motiv die Eitelkeit untergeschoben: sei es, eine Eitelkeit, die zu solchem Wirken anspornt, ist die Mutter der Größe. Allein wir bleiben fest bei unserer Behauptung: bei der Krüdener war Eitelkeit nicht das Motiv; sie war nie und zu keiner Zeit Heuchlerin und Gauklerin; eine spätere, frostige Zeit, die die Glut und die Größe der Freiheitskämpfe vergaß, hat auch über sie, wie über manche andere großartige Erscheinung, den Stab gebrochen und für Lüge erklärt, was nicht Lüge war. Unsere Zeit jedoch, mit ihrem erwachenden Humanitätsgefühl, mit ihren Sympathieen für die Bedürfnisse und die Wünsche des Volkes, hat an dieser Frau Gerechtigkeit zu üben.

Mit dem Jahre 1804, mit dem Erscheinen der Valérie und deren glänzender Aufnahme hatte die Weltfrau mit der Welt abgeschlossen. 1806 in Königsberg, wo Frau von Krüdener mit der Königin Louise von Preußen zusammentraf, traten zuerst die Allen kenntlichen und sichtbaren Zeichen ihrer Sinnesänderung hervor. Wenige Jahre vorher hatte man sie noch in dem Salon Recamier gesehen, in griechischem Kostüm, die Arme und der Busen entblößt, jetzt sah man sie in einem einfachen, bis oben zugeschlossenen Kleide, glattem Haar und ohne Goldschmuck an Hals und Händen. Vor ihren Aufenthalt in Königsberg fällt ihr Zusammentreffen mit Professor Krug in Leipzig, der ein Gespräch das er mit ihr führte, zusammt einem das er später mit ihr zu führen Gelegenheit hatte, veröffentlichte. Hierher nach Leipzig folgte ihr G–, einer ihrer weltlichen Freunde, von dem sich zu trennen sie für ihre Pflicht ansah, aber es dennoch nicht vermochte. Sie liebte von allen ihren Verehrern und Freunden, deren Zahl nicht klein war, diesen wahrhaft, und es war ihr unendlich betrübend, daß er auf dem Wege, den sie jetzt zu wandeln beschloß, ihr nicht folgen wollte. Sie entschloß sich, arm und verfolgt zu sein, der Freund wollte reich und angesehen bleiben, sie wollte in die Hütten gehen und dem Volke dienen, er wollte in den Palästen bleiben und sein glänzendes Talent, die Gewandtheit seiner Feder unbehindert anwenden, die weltliche Macht und Klugheit zu verherrlichen. Eine Stelle in einem ihrer Briefe, die sich offenbar auf diese Zeit in Leipzig und auf den besprochenen Abschied von ihrem Freunde bezieht, lautet: »Ich trug Gott im Gebete vor, ob er mir gestatten wolle, den G – zu dem Werke, das ich vorhabe, als Mitarbeiter zu werben, in dem Falle bat ich um die Gabe der Ueberredung, der er nicht würde widerstehen können. Ich erhielt diese Ueberredungsgabe nicht. Meine Worte fielen, ich kann wol sagen, zum erstenmale in meinem Leben trocken und kalt aus, und ich konnte deutlich aus diesem Umstande sehen, daß Gott beabsichtigte, mich allein den Weg gehen zu lassen, den er mich schickte. Was wäre es auch um meine Kraft und meinen Entschluß, wenn ich den Arm der Liebe als Führer nicht missen könnte! Ich werde allein gehen.« An einer anderen Stelle heißt es: »G – ist von mir gegangen, und ich bin allein. Allein? guter Gott, wie kam dieses Wort in meine Feder? Ich, allein? die das Weben und Leben des ewigen Geistes in sich fühlt? ich allein?« –

Sie war so niedergeschlagen, daß sie mehre Tage krank in Leipzig darniederlag, und als sie sich erholt hatte, schnell Leipzig verließ, um nur nicht in Versuchung zu gerathen, dem Freunde, der auf ihren Widerruf in der Nähe harrte, ein Zeichen ihres Wankelmuths und ihrer Schwäche wider ihren Willen zukommen zu lassen. Sie floh gleichsam vor dem letzten, aber zugleich gefährlichsten Abgesandten der Welt. Erst als sie ihn nicht mehr sah, den Ton seiner Stimme nicht mehr hörte, glaubte sie sich für immer getrennt von den Eitelkeiten und Schwächen ihres frühern Lebens.

Es muß hier eingeschaltet werden, daß mittlerweile Herr von Krüdener, von dem sie gesetzlich getrennt war, 1802 in Berlin als russischer Gesandter gestorben war. Frau von Krüdener war 1806 vierzig Jahre alt. Die, die sie damals sahen, beschrieben sie als eher klein wie groß von Wuchs, mit einem bleichen Antlitz, dessen regelmäßige Züge Ruhe, Sanftmuth und Freundlichkeit ausdrückten. Gerieth ihr Geist in Extase und wurde ihr Herz glühend, so umleuchtete diese blasse Gestalt ein Feuer, das rasch entzündete und entweder beseligte oder zerstörte. Lange Zeit ruhte auf dem grauseidenen Kleide ihres Ueberrocks ein kleines goldenes Kreuz, doch auch dieses verschwand später und verbarg sich hinter den Falten des Gewandes; so sehr war sie ängstlich, in den Flitterstaat und den weltlichen Prunk ihrer früheren Jahre wieder zurückzufallen. Sie hatte sehr schöne Hände, die Fülle und zierliche Form zeigten; diese konnte sie nicht verstecken, im Gegentheil, sie mußte sie, da sie lebhaft sprechend viel Gesten mit ihnen ausführte, offen der Beachtung hinhalten. Sie hatte von diesen Händen eine Anzahl Ringe gestreift, die jeder einzelne sie an ein Bündniß mahnte, das sie eingegangen war und das sie versprochen hatte nie zu brechen. Sie opferte diese kleinen irdischen Gelöbnisse dem großen himmlischen. Nicht einen Augenblick zauderte sie, dieses Werk der Selbstentäußerung mit freudigem Herzen zu vollführen. Wenn sie ging, hatte sie früher einen lebhaften Schritt, in ihrer Jugend liebte sie rasch dahinzufliegen, jetzt ging sie fest und langsam, wie Jemand der einem gewissen Ziele zuschreitet. Sie lehnte sich früher gerne an; eine Kaminsäule, ein Möbel mußte ihr zur Stütze dienen, um in anmuthiger Stellung halb ruhend dem Gespräche zuzuhören, jetzt gewöhnte sie sich, inmitten eines Zimmers aufrecht zu stehen, immer bereit, sich nach allen Seiten hinzuwenden und jeden Einzelnen ihrer Zuhörer scharf ins Auge zu fassen. Eine große Anzahl konvenzioneller und gesellschaftlicher Formen legte sie ab. Sie machte keine Verbeugungen mehr, sondern winkte gleichsam nur mit einem sehr freundlichen Blick der Augen; über die Straße ging sie allein, da sie doch früher gewohnt war, entweder zu fahren oder ihre wenigen Spaziergänge begleitet von einem reich galonirten Diener zu machen. Sie ließ sich nirgends anmelden, sondern trat ein, entweder nach vorhergegangenem leisen Klopfen an die Thüre oder auch ohne ein solches. Auf diese Weise verkehrte sie selbst mit Fürsten. Einen Platz, der sie ihrem Stande nach in der Gesellschaft hätte ehren sollen, nahm sie nie an, sondern blieb entweder stehen, oder wählte sich einen bescheidenen Sessel. Daß man sie gnädige Frau oder Baronin nannte, duldete sie zwar, allein sie hörte es nicht gerne; sie selbst vermied alle Titulaturen und wandte überall, wo es nur irgend ging, das einfache »Sie« an. Dabei machte die Innigkeit, die sie in Blick und Wort legte, die Kälte und scheinbare Verletzung der Artigkeit wieder gut. Gegen die Fürsten und gegen ihre Standesgenossen war sie zurückhaltend, gegen das Volk und gegen die Armen hingebend und so freudig herzlich, wie man sich's kaum vorstellen mag. Es war der Accent der ächten, wahren Liebe, den sie jedem ihrer Worte, das sie gegen die Nothleidenden und Armen aussprach, aufprägte. In der ersten Zeit besonders war das Feuer der Apostel und Bekenner sichtlich über sie ausgegossen. Wer sie in den Jahren 1813 und 1814 gesehen, kann ihre Erscheinung nie und nimmer vergessen. Der Aufzeichner dieser Zeilen sah sie viel später, fast am Ende ihrer wundersamen Laufbahn, und doch ist ihre Gestalt ihm lebhaft erinnerlich und Mienen und Geberden sind, als aus dem innersten Born des bewegten Geistes quellend, noch jetzt in dem späten Andenken auf ihn einwirkend.

In dieser gänzlich veränderten Gestalt erschien sie nun 1810 wieder in Paris und hielt hier in ihren Gemächern – Betstunden.

Die Umwandlung der Frau von Krüdener, die wir psychologisch aus ihrem eigenen Gefühls- und Gedankenleben glauben erklärt zu haben, wird nun auch durch die Geschicke und den Umschwung der Ideen und Ansichten, die diese hervorbrachten, hinlänglich gedeutet. Wir haben unter unseren Bildnissen schon eine Fromme, allein die Frömmigkeit der Fürstin Galitzin ist völlig verschieden von der der Frau von Krüdener. Jene Geprüfte verlor sich, ebenfalls von der falschen Größe und der glänzenden Thorheit der Welt überzeugt, in das Dunkel einer katholischen Betkapelle, nur sich selbst und ihr Seelenheil bedenkend, indeß Frau von Krüdener der Strömung ihrer Zeit folgend, als Fromme gerade recht ins öffentliche Leben trat und zur Verkündigerin der Glaubensmeinungen ihrer Mitwelt wurde. Jene sonderte sich ab, diese theilte sich mit; jene schloß sich ein, diese ging auf den Markt. Keiner der Mitlebenden jener großen Tage, wo man die Throne stürzen und die Fürsten und Gewaltigen gebeugt sah, kann sich rühmen, an sich und seinem innersten Wesen keine Umwandlung erfahren zu haben. Der Tumult und die Zerstörung waren zu gewaltsam, die Großthaten zu blendend, die Kontraste zu überwältigend, die grausamen und erhabenen Lehren, die der Himmel über die Menschheit hinstreute, zu donnernd, als daß ein der Empfindung und des Nachdenkens irgend fähiges Gemüth nicht sich dem allgemeinen Hin- und Herdrängen der Geister angeschlossen hätte. Das gewöhnliche Leben schien ganz seine Bedeutung verloren zu haben, Jedermann athmete nur in einer Atmosphäre von Größe und Erschütterung. Wie mächtig muß der Sturm gebraust haben, daß wir, die weit entfernt Stehenden, noch zittern beim Anblick der noch nicht ganz weggetilgten Zerstörungen jener Trümmer und Leichenfelder, und Jene, die Gott mit dem Geschenk einer so sündenblutigen und siegestrunkenen Zeit begnadigte, Jene, die die großen und ewigen Geschicke vor ihren Augen vorsichgehen sahen, Jene sollen nicht gebebt, sollen nicht gezittert haben? Ja, sie haben es: die Stummen erhielten Sprache, die Trägen Feuer, die Schwachen Stärke. Man lese die Zeugnisse, die uns in Büchern erhalten sind, und man halte die Thränen zurück, man mäßige das Klopfen des Herzens. Es war eine Zeit, guter Gott, die wieder einmal Ewiges auf Erden darstellte; wann wird wieder eine solche Zeit kommen? Frau von Krüdener war nicht die Einzige, die bei diesem großen politischen Pfingstfeste eine flammende Zunge erhielt, sie erscheint uns nur auffallender, weil ihr Wirken einen besondern Charakter annahm, weil sie als Einzelwesen aus der Gruppe der Begeisterten hervortrat und sich den Blicken der Menge auf einem Piedestal zeigte.

Bei einem Vorfalle in Venedig merkte Frau von Krüdener zuerst, daß ihr die Gabe gegeben war, zu einer versammelten Menge zu sprechen und auf diese augenscheinlich zu wirken. Eine Bettlerin sollte in Haft geschleppt werden, das Volk lief zusammen und wollte die Gefesselte befreien. Es kam zu einem Streite mit der bewaffneten Macht. Die Gondel, in der Frau von Krüdener mit ihrer Gesellschaft saß, hielt an dem Platze, wo der Tumult vorfiel; der fremden Dame machte man Platz, und die Bettlerin stürzte händeringend zu ihren Füßen. Frau von Krüdener erkannte die Alte, diese hatte eine Zeit lang in ihren Diensten gestanden, sie übernahm in wenigen Worten ihre Vertheidigung und befreite glücklich die Verzweifelnde. Das Volk umgab jetzt die Helferin mit lauten Beifallsbezeugungen, trotz ihres Widerstrebens erhob ein kräftiger Mann sie auf seine Arme, und sie den Umstehenden zeigend rief er: »Seht, das ist die schöne junge Dame, die sich des Volkes annimmt, die nicht leiden will, daß ihm Unrecht geschehe. Begrüßt sie, bittet um ihren Segen!« – Diese Scene war schnell vorübergehend und gab Anlaß zu Scherzen in der Umgebung der schönen Gesandtenfrau, allein auf diese selbst hatte sie Eindruck gemacht. Von diesem Augenblick an war es ihr nicht gleichgültig, ob sie von den niederen Klassen des Stadttheils, in dem sie wohnte, bei ihrem Erscheinen bemerkt wurde oder nicht. Es geschah regelmäßig. Die Gondelführer stritten sich an ihrem Palaste um die Ehre sie zu fahren; es setzte sogar Messerstiche. Wenn sie in die Kirche sich begab, rief man ihr Segenssprüche nach. Wer hätte jemals ein weibliches Herz beobachtet und erriethe nicht sogleich, daß zu dem künftigen Gemälde hier schon einzelne Skizzirungen und Farbentöne zusammengetragen wurden? Frau von Krüdener wußte, daß sie Macht über die Geister einer versammelten Menge hatte, es kostete nur den Entschluß, diese Macht anzuwenden, und zu diesem Entschluß brachte sie rasch der Sturmdrang der Zeit und die gereifte Frömmigkeit ihres Innern.

Nach der Schlacht von Jena schrieb sie ihren Angehörigen: »Wir gehen großen Geschicken entgegen. Gebet Acht, meine Lieben, es wird der der die Herzen prüft sichtbarlich und auch den Blödesten verständlich, an die Brust der Könige und der Völker greifen.«

Während Napoleons raschem Vordringen, wo »die Ernte zu ganzen Garben niederfiel und nicht Zeit genug war Alles vom Felde zu räumen« hielt sie sich in Genf auf, wo sie die Bekanntschaft des jungen Empeytas machte, eines Geistlichen der reformirten Kirche, eines schwärmerischen und feurigen Jünglings, der in seiner Person bei Frau von Krüdener den Uebergang bildete von einem weltlichen Geliebten und Verehrer zu einem geistlichen Freunde und Missionsgehülfen. Er war Beides. Er liebte die noch schöne Frau und betete die werdende Heilige an.

Fortwährend schrieb sie in dieser Zeit Briefe an die Ihrigen. Von den zwei Kindern, die sie geboren, behielt sie die Tochter bei sich und sendete den Sohn nach Liefland. Sie wollte auf das Schicksal des Letztern, der sich für die diplomatische Laufbahn entschieden hatte, nicht hemmend einwirken.

In Heidelberg ging sie in das Gefängniß der Verbrecher und saß da den Mördern und Dieben predigend. Der Krieg hatte eine große Anzahl des verderbtesten Gesindels in einzelnen Städten gehäuft: die Entsittlichung und die Verwilderung dieser Rotten war so groß, daß selbst die Exekutoren der Gerechtigkeit und die Wächter der öffentlichen Sittlichkeit sich scheueten, mit diesen extravaganten Vagabunden sich einzulassen. Eine schwache Frau ging, allein mit einem Predigtbuche bewaffnet, mitten unter sie. Als sie zum ersten Male einen solchen Besuch abgestattet hatte, schrieb sie an Empeytas: »Mein Freund, wenn ich Dir sagen sollte, was ich gehört und geschaut in dieser kurzen Viertelstunde, die es mir möglich war in einer so entsetzenvollen Umgebung auszuharren, Du würdest Dein Antlitz verhüllen und mit Zittern mich Gott empfehlen. O mein Geliebter, was ist der Mensch! zu welchem Schreckbilde kann das ursprünglich so reizende Original verkehrt werden, wenn satanische Hände darüber kommen und mit den dunklen Schatten der Hölle die reinen Farben zudecken! Ich habe unter Verbrechern gesessen, ich habe ihren Hohn über mich und über den, in dessen Namen ich kam, ausgießen hören müssen, einen Hohn, der die Sprache eines bis zur tiefsten Verderbheit gesunkenen Pöbels führte. Es herrschte in manchen dieser Aeußerungen, wie soll ich sagen, ein Luxus des Lasters, und doch – o Bruder – war, was diese unreine Zunge sagte, nur oft das was ein Herz gefühlt, ein Geist gedacht, der in ganz anderer Hülle, unter Purpur und Seide sich verborgen. Ich erkannte in den Tiefgefallenen nicht allein meine Brüder, sondern auch die Genossen meiner eigenen Sünde und Thorheit. Das war es was mich niederschmetterte, als ich den Kerker verließ, in den ich so hochmüthig und mit so großer Selbstzufriedenheit eingetreten war. Wie diese demüthigende Ueberzeugung mich befiel, verlor ich dergestalt den Muth, daß ich eilig auf den Rückzug dachte, und von den zwei Stunden, die ich dazubleiben mir vorgenommen hatte und zu denen ich die Erlaubniß von der Behörde erhalten, nur eine Viertelstunde wirklich blieb. Als ich nach Hause gekommen war, schalt ich mich und sagte mir mit Verdruß, daß ich allzufrüh fortgeeilt sei, daß ich tapfer hätte Stand halten sollen dem Anblick nicht allein der fremden, sondern der eigenen Verwüstung. Morgen geh' ich demnach wieder hin. Es sitzt Einer darunter, den ich in Paris gekannt, mit ihm getanzt, mit ihm gespielt habe, er war ein schöner Mann. Er hat mich nicht erkannt, ich aber sogleich ihn. Gute Frau, sagte er mir, als ich mich zitternd zu ihm wandte, gebt Euch keine Mühe mich zu bekehren. Eine Welt, die vor dem sich beugt, der sich nicht damit abgibt, die Kassette eines Krämers zu stehlen, sondern gleich die Krone eines Fürsten raubt, zeigt, daß nur der Glückliche Recht hat und der Unglückliche bestimmt ist, zertreten zu werden! – Diese grausame Verirrung brachte ich nicht aus seinem Kopfe und seinem Herzen heraus. Er sehnte sich nach Vernichtung und der Tod war ihm Labsal. Ein Anderer entriß mir mein Buch und gab mir damit einen Schlag an den Kopf und rief: Geh, Närrin, als Du noch jünger und hübscher warest, wirst Du ebenfalls nicht an Gott geglaubt haben, das sind Einfälle Deiner alten Tage und Deiner morschen Glieder. Ich wagte kein Wort zu erwiedern. – Ich zitterte sichtlich.«

Dieses Besuchen der Gefängnisse machte zuerst die Regierungen auf die seltsame pilgernde Frau aufmerksam, die die Länder durchzog und ein öffentliches Werk der Barmherzigkeit zu predigen und zu üben begann. Aber der noch immer fortdauernde Krieg ließ die Aufmerksamkeit nicht an isolirten Einzelheiten in der tumultuarisch bewegten Masse haften, man lenkte, wenn man den Blick dahin gerichtet, ihn bald wieder ab. Das brennende Moskau nahm alle Geister in Anspruch: eine große Pause der spannenden Erwartung erfüllte ganz Europa. Alles lauschte nach dem Norden hin, die Völker hielten den Athem an, um keinen, auch nicht den schwächsten Laut von dort her zu verlieren, bis endlich aus der Schneenacht hervor der kleine Schlitten, der den fliehenden Kaiser nach Deutschland brachte, das Signal gab zu dem Waffengerassel und dem wilden Stimmenhalloh der erwachenden Völkermassen. Die geschlagene Armee, einst die ewig siegreiche, bedeckte mit ihren blutenden Krüppeln, ihren zu Gerippen ausgehungerten Schattenbildern die Fluren Deutschlands. Das Volk stand auf, in die Paläste der Fürsten kehrte das Lächeln und die Hoffnung wieder.

Frau von Krüdener war damals in Genf; sie flog nach Leipzig und wollte nach Berlin eilen; doch die sich zusammenziehenden Truppenmärsche versperrten ihr den Weg; sie ging in die Schweiz zurück, schaute von ihrem ruhigen Asyl aus den Bewegungen zu und erfuhr mit einem Entzücken, das an Wahnsinn grenzte, so sehr und so innig war diese seltene Frau Patriotin, die Erfolge der Völkerschlacht in den Ebenen Leipzigs. Deutschland war frei – jetzt galt es, das Volk, dem sie in der Trübsal Muth und Ergebung gepredigt, Demuth im Glück, Gehorsam im Frieden, Dankbarkeit im Siege zu lehren. Sie fühlte sich berufen, dies zu thun. Die Sache des wiedererweckten und wiederbefestigten Glaubens erschien ihr jetzt als die Erste und Wichtigste. Danket Gott! Danket Gott, Fürsten, Völker! daß er Euch errettet hat. Ihr habt nur dies Eine zu thun, aber dieses Eine ist unerläßlich! Danket Gott! –

Als die russischen Heere das Dankfest in den Ebenen von Chalons feierten, war sie den Armeen gefolgt und gab eine Beschreibung dieses Festes heraus. (Le camp de Vertus. A Paris chez le Normant.) Wir heben hier einige Stellen aus dieser Dithyrambe: »Wir sind Zeuge eines jener großen Schauspiele gewesen, die die Erde wieder an den Himmel knüpfen und die die Nachwelt als eines von den erhabenen und großen Kapiteln der Geschichte aufstellen wird, in welchem die Jahrhunderte sich offenbaren!«

»Wer könnte es wagen, die Geschichte unserer Tage zu schreiben! Wo ist der kühne Tacitus, der diese Ereignisse, die, ähnlich der fabelhaften Sphinx, Alle verschlingen, die das große Räthsel nicht verstehen, zu berühren wagte? Bedeutungslos gehen diese Ereignisse an denen vorüber, die den lebendigen Gott nicht kennen, daß er sie ihnen erklärte, und die ewig vereinzelt und ohne Ruhe dastehen werden, wenn sie nicht Glieder der großen Kette sind, deren letztes Glied der Ewige selber hält. Ja, wenn mitten in der allgemeinen Sündfluth, wo Jeder nur auf den Schiffbruch des Andern rechnete ohne seinen eignen zu sehen, Leidenschaften und Verbrechen die Nacht der Zerstörung auf die Völker geworfen haben, so gab es doch nur eine Quelle des Lasters, den Willen, sich vom lebendigen Gotte zu trennen. Auf diesem Willen der Trennung ruht die uralte dunkle Lehre vom Sturz der Engel, hierin wurzelt auch die Sünde der ersten Menschen. Der Stolz riß die Wankenden von der unendlichen Liebe los, und siehe da, die menschlichen Schwächen erzeugten sich aus dieser Quelle.«

»Aber mitten unter diesem Geschlechte verstoßener Sterblichen lebte ein Volk, das der Ewige liebte; ein großer Gedanke, hervorgegangen aus dem Herzen der Allmacht und in irdische Form verkörpert. Diesem Volke gab er den Sieg!«

»Ich spreche zu Euch und meine Stimme tönet durch Euer Herz! Sagt selbst, waren wir nicht noch vor wenig Monden Alle in der Hoffnung einig, daß eine Umwandlung stattfinden müsse? Sie ist erfolgt. Auf den Feldern und Ebenen, die einst Attila's Sturz sahen, stürzte der Koloß in Trümmer: ein zweiter Attila, eine noch grausamere Geißel Gottes. Er ist nicht mehr. Von seinem Sturze widerhallen die Wüsten Asiens. Der Ewige hat ihn geschlagen. Wie ein Nebel im Gebirge, der am Morgen vor dem Blicke des Wanderers hinzieht und beim Steigen der Sonne schwindet, so schwand er. Sein Gang war furchtbar; er schritt durch Leichen wie die Schnitter durch Saatgarben. Wen wählte Gott, um den Sieger zu besiegen? Fragt Ihr mich, so sag' ich Euch: er wählte ein Volk, einfach und schlicht in seinen Sitten und Gebräuchen; ein Volk, noch nicht angesteckt von dem giftigen Hauch einer Alles ergrübelnden und unterwühlenden Zweifellehre; ein Volk, das noch nicht aus dem Becher aller Ausschweifungen getrunken; ein Volk, das von seinem Heile noch nicht verlassen worden: dieses Volk wählte Gott. An ihrer Spitze ging ein Held hoher Bestimmung daher, ein Mann, auf dessen Haupt der uralte Segen Jehovah's niederträufelte. Dieser jugendliche Held verbindet mit der Stärke Alexanders und Cäsars die Demuth und die Kindlichkeit der Apostel. Solcher Art sind die Männer, die Gott auserwählt, die in Verwirrung treibende Welt in die rechte Bahn zurückzuleiten!«

»Ich nenne Euch diesen Helden – es ist Alexander. Der Ewige rief Alexander und der Erwählte hörte die Stimme. Freudig wie ein Held zum Siege flog er seine Bahn. Die Sonne der Freiheit leuchtete ihm voran und ewiges Morgenroth krönte seine Schritte.«

»O großer Fürst! Wie fühltest Du mit Freudebeben, daß die Gelübde Deines edlen Herzens in Erfüllung gingen, als Du opfernd und Gott dankend auf jenem Felde standest, das einst das Blut von hunderttausend Schlachtopfern trank, hingewürgt von einem tyrannischen Könige, und Du – hunderttausende Deines Volkes auf dieses selbe Feld zum Dank, zur Buße, zur Religion der Liebe hinführend! Wie süß mußten Dir die Psalmen klingen, die diese Getreuen sangen, wie lieblich – auf diesem einst so blutigen Felde – die Saat des Friedens Dir entgegenwogen. Friedensfürst – Völkerliebling! Sanfter Held, Trostbringer und Schmerzenstilger! Ehe Du aus Deines Vaters Hause gingest, so hattest Du daselbst schon das Bitterste gefühlt, aber Du hattest ihm männlich widerstanden. Der Eroberer hatte auch Dir mit schmachvollen Fesseln gedroht, doch als schon Dein ungeheures Reich zitterte, Du zittertest nicht, Du schlossest keinen unwürdigen Frieden, sondern Du gabst der Hoffnung Raum, Gott werde Dich schützen. Er hat Dich geschützt, Völkerliebling!«

»Was fühlst Du, Mann des Jahrhunderts, wenn Du Deine Völker beten siehst? Wenn Du diese hunderttausend Stimmen, alle mit einem Klange, den Namen Gottes anrufen hörst? Und Du, ihr Fürst, hast sie hierher geleitet! Süßer und lieblicher Held, nicht wahr, nun trocknen die Thränen, die Du weintest, als Du des Trübsals Zeuge warest? Nun ist vergessen Dein banger Schmerz, der Dir das Herz zerwühlte beim Brande des Hauses Deiner Ahnen. Das Evangelium der Liebe und Versöhnung ist zwischen Moskau und Frankreich verherrlicht.«

»Und Du, Frankreich! schönes und eitles Land, empfinde jetzt, wie Deine Thorheit und Dein Stolz Dich ins Verderben gestürzt! Deine Kinder haben gesündigt, die Thore Deiner Städte haben den Verrath und die Lieblosigkeit einziehen lassen. Bekenne und büße! Sieh, hier auf diesen Feldern haben sich Europa's Fürsten, Europa's Völker versammelt, um auch für Dich, Du tief Gefallene, zu beten. Der Sturm ihrer Psalmen trägt auch Deinen Namen zum Himmel empor, und Deine uralten Sünden, auf die reinen Fittige des Gebets der Gerechten genommen, werden in diesem Augenblick dem Allmächtigen vorgelegt, daß er den Blick der Gnade auf sie hefte. Frankreich, bekenne, büße und hülle Dich in Staub und Asche! Willst Du, daß Deine Triumphbögen und Städte nochmals in den Staub geworfen werden sollen, daß Deine Könige nochmals auf dem Blutgerüste endigen, daß Deine Gerichtsstühle nochmals von dem Fuß der Grausamkeit und Ungerechtigkeit bestiegen werden sollen? Der Zorn des Herrn ist furchtbar, wenn er die schon Bestraften nochmals straft! Darum sündige nicht wieder. Die staunenden Völker haben es geschaut, wie Du durch Deinen eigenen Ruhm gezüchtigt worden. Nun geh' in Dich – Tochter des heiligen Ludwig, Blume des Ritterthums, Land der Gesänge – lerne Demuth, daß Deine Könige neu erblühen, Deine Palme erneute Zweige treibt.«

»Es stehen sieben Altäre bereitet, darauf fließt der Völker Blut. Es sind sieben Opferzeugen geladen, die da Zeugniß ablegen sollen, wie das priesterliche Werk vollbracht wird. Frankreichs Altar war umgestürzt, allein es ist wieder erhöhet worden und die Gesänge tönen wieder um die einst zertrümmerten Stufen. Man sieht Frankreich hervorgehen, demüthig wie eine Magd, gebeugt wie eine Wittwe und von ihren Lippen tönt der Name ›Jesus Christus!‹«

»Seht, Völker, seht das gedemüthigte, das gebesserte, das wieder betende Frankreich! Macht ihm Platz, daß sie durch Eure Reihen wandle – die büßende Gekrönte! die Völkergedemüthigte, die von Liebesschmerz um Christo Verzehrte!« –

Dieser Gesang, denn anders kann man diese Ergüsse einer feurigen Seele nicht nennen, machte große Wirkung als er erschien. Es war dies erklärlich. Die Welt war enthusiastisch eingenommen für die Erscheinung Alexanders, man sah in ihm in der That einen zweiten St. Georg, einen jugendlichen Ueberwinder. An seine glänzende und prangende Gestalt schlossen sich der König von Preußen und der Kaiser von Oestreich als minder bevorzugte Persönlichkeiten an. Diese drei Monarchen, gefolgt von dem unabsehbaren Zuge ihrer vereinten Völker, bildeten – darin sind alle Nachrichten übereinstimmend – eine imposante Gruppe, die wol die entfesselte Begeisterung zu einem Lobgesange, wie wir ihn eben gelesen, entstammen konnte. Unsere Zeit, die kühl und sarkastisch ist, hat hierüber kein Urtheil. Frau von Krüdener erlebte hier gleichsam ihre religiöse Glanzepoche. Sie stand noch nicht als seltsame Heilige isolirt da, sie war mit Volk und Zeit eng verbunden, sie sprach nur aus, was die Gesammtheit dachte und fühlte. Wer auch nicht mit ihr schwärmte und träumte, konnte doch mit ihr glauben und anbeten. Denn ihr Glaube war noch gesund, ihr Gebet noch rein. Es klingt hart, wenn wir dieses aussprechen, allein wenn wir überhaupt in diesen Dingen uns ein Urtheil anmaßen dürfen, so erscheint uns die fromme Glut der Frau von Krüdener, so wie sie sich nach den Befreiungskriegen, namentlich von 1814 an, zeigte, als ein sehr verkümmertes, theilweise sogar entstelltes Bild, gehalten gegen die schöne und frische Erscheinung, die sie in dieser Periode des Kampfes und Sieges darstellte. Nach einem menschlichen Urtheil hätte sie hier sterben müssen, alsdann wäre sie der Nachwelt als eine heilige Prophetin, als eine schwärmerische und begeisterte Patriotin erschienen. Jetzt mischt sich in ihr Andenken das Bild einer alten Betschwester und dies ist gar schlimm. Die Menschen mögen so ungern sich zum »Bewundern« verstehen, sie haschen mit Gier nach irgend einem verdunkelnden und lächerlich machenden Zug an einem trefflichen Bilde, und hier ist dieser Zug leider bald gefunden. Es gehört der ganze Ernst und die Strenge des Sittenmalers dazu, um dieser frivolen Menge das Bild nicht zum Raube zu geben. Wir wollen diesem Ernste treu bleiben und unsere abwärts steigende Heldin schonend niedergeleiten. Die Zeit, die jetzt kam, war selbst eine enge, dürftige; scheltet darum nicht, daß in solcher Atmosphäre auch der moralische Athemzug der Heldin ein hektischer wurde.

Jetzt fangen die Reisen der Frau von Krüdener an, die sie unternahm, zwei Gensd'armen zu beiden Seiten des Wagens und in demselben von einem Polizeikommissär bewacht. Das waren traurige Triumphzüge, und doch waren es Triumphzüge, denn das Volk schaarte sich zu ganzen Massen dem kleinen Postwagen zu, in dem die Verbannte saß. So ging's von einer Grenze zur andern: kein deutscher Staat wollte sie aufnehmen, nirgends wollte man ihr ein Asyl gestatten. Auf jeder Gasthoftreppe stand schon ein Diener der öffentlichen Wachsamkeit mit dem Abweisungsschreiben in der Hand. Die arme Frau war oft krank, sie war todtmüde, und doch nöthigte man sie, wieder einzusteigen und aufs Neue in die Irre zu fahren. Es ging ihr das Geld aus und sie darbte. Hatte sie wieder etwas, so speiste sie die Armen und predigte. Ein Brief, den sie in dieser Bedrängniß an den Freiherrn von Bergheim, badischen Minister, schrieb, ist bezeichnend für ihre Lage und Stimmung. Wir wollen Einiges daraus mittheilen:

»Mein Herr, da ich öffentlich des Ungehorsams gegen die Behörden bezüchtigt worden bin, was mit dem Geiste des Friedens und der Sanftmuth, den ich Jedem empfehle und der die Grundlage meines Benehmens sein muß, im Widerspruch stände, so sehe ich mich genöthigt, zum ersten Male das Stillschweigen zu brechen, das ich mitten unter allen Ungerechtigkeiten, Unbilden und Verfolgungen, deren Ziel ich bin und die mich die Gnade des Herrn mit Geduld und oft mit Freude ertragen ließ, stets beobachtet habe. Ich erkläre also, daß ich auf keine Weise mich den Behörden widersetzen wollte, insofern ihre Maßregeln nicht den Geboten, die, weil sie von Gott kommen, ich höher achten und für die ich mit Freuden mein Leben lassen muß, widerstreiten. Ich konnte also ungeachtet des amtlichen Verbots, Niemand, wer es auch sei, weder bei mir noch in den Zimmern, die ich in der Nähe meines Hauses gemiethet hatte und in denen man mir in der ersten Zeit meines Aufenthalts Gastfreundschaft zu üben gestattet hat, aufzunehmen, diesen Maßregeln nicht gehorchen, ohne in so vielen Fällen ein Verbrechen zu begehen.

Wenn Sie den Umfang des Elendes kennten, unter dem die Gegend, in der ich mich gegenwärtig befinde, (in der Schweiz, Grenzacher-Horn) leidet, so würden Sie meine Lage leicht begreifen. Urtheilen Sie selbst, ob in diesen Zeiten der Trübsal, wo Tausende ohne Arbeit und Unterhalt umherirren, wo ich von Hunger und Qual erschöpfte Mütter mir nahen sah, die mir ihre Kinder zu Füßen legten, mir die Anreizungen zur Sünde gestehend, denen sie ausgesetzt gewesen und noch sind. Durfte ich diesen Bekümmerten eine Freistatt versagen? Ein anderes Mal sind es Kranke, die, die heftigsten Schmerzen leidend, hier ankommen, weil sie wissen, daß sie im Gebet und im Namen Jesu Christi geheilt werden würden. Ich weiß, daß man in Ihrem Lande Niemand beherbergen darf, ohne sich der Gefahr auszusetzen, eine namhafte Strafe zu zahlen: ich hätte zweifelsohne um jene Erlaubniß nachgesucht, wenn nicht wegen der weiten Entfernung hierdurch Verzögerungen herbeigeführt worden wären, die jede gute Frucht der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zunichte gemacht. Ich sage es wiederholt: ich brauche mich nicht zu vertheidigen. Ungescheut durchwandre ich die Wüste unserer Kultur, um gegen Gesetze zu kämpfen, die durch das Gesetzbuch, welches ich einzig anerkenne, durch das Gesetzbuch des allmächtigen Gottes verworfen sind. Ich kann Ihnen Beweise vorlegen, daß ich nicht anders handeln konnte, wie ich gethan, wenn ich nicht die Religion, in der ich erzogen bin und die ich ausübe, verleugnen wollte.

Eine andere Beschwerde Ihrer Regierung ist, daß ich diejenigen nicht zurückgewiesen habe, die da kamen, mir ihre schwerbelasteten Herzen aufzudecken und mich baten, für sie Gott anzuflehen: ich hätte sie ihren Seelsorgern zurücksenden sollen. Allein oft kamen sie aus weiter Ferne, aus fremden Ländern, oft waren es gerade die Seelsorger selbst, die sie mir zugesendet hatten. Sie waren in ihre Sünden vertieft, der Verzweiflung nahe. Zuweilen waren es Leute, die keine Seelsorger hatten und in keine Kirche gingen, die Einen weil sie nicht bekehrt, die Anderen weil sie zu arm waren und in ihrer Kleidung sich dort sehen zu lassen nicht wagten; ein Fall, der sich in protestantischen Gemeinden öfters ereignet. Oft waren es auch Juden, gerührt und ergriffen von der Schönheit des Evangeliums, und endlich oft auch Priester und Seelsorger selbst, mit denen ich betete.

Der heilige Chrysostomus sagt: »Jedes Kind Gottes ist Prediger, aber nicht jeder Prediger ist ein Kind Gottes.« Das ganze Leben derer, die sich diesem erhabenen Dienste weihen, muß reden; sie haben nicht nöthig, die Kanzel zu besteigen, sie beten und dulden, und Alles wird ihnen zu Theil. Sie leben nur um zu lieben und ihren anbetungswürdigen Meister zu verherrlichen. Sie haben kein Vaterland, oft keinen Zufluchtsort, sie entsagen irdischer Lust; allein ihrer ist eine andere Glückseligkeit, sie genießen die Freude des Himmels und das Herz ihres Gottes ist ihr Zufluchtsort, ihre feste Burg. Warum auf Verfolgungen achten? Sie schlummern unter den Steinen, die auf sie geschleudert werden, ein, ähnlich dem heiligen Stephanus.«

»Dies ist die Kirche, die sich bilden muß und sich bildete, während das Gebäude der gesellschaftlichen Ordnung, durch die Kunstgriffe der Finsterniß seinem Einsturz nahe gebracht, nur noch ein Asyl von Ungerechtigkeit und Lüge darbietet. Wer das Herz des Menschen schuf, weiß was der menschlichen Gesellschaft zuträglich ist. Seine ewigen Gesetze heißen: Heiligung des Lebens, Liebe im Herzen. Jesaias sagt: Brich mit den Hungrigen dein Brod und die, so im Elend irren, führe in dein Haus.«

»Zu den Füßen des Kreuzes habe ich gelernt an meine Brust schlagen und ihn zu lieben. Ich hörte seine Stimme; wie hätte ich widerstehen können! Mag man denn Aergerniß daran nehmen, daß der Herr große Thaten durch ein Weib verrichtet, mag man einen unendlichen Haß auf dieses Weib werfen: dieses Weib bittet für die, die sie hassen. Der große Gott bedurfte dieses Weibes, das, gedemüthigt durch ihre Sünden und Verirrungen, bekannte, wie sie Sklavin und Betrogene der Eitelkeit dieser Welt gewesen. Er bedurfte einer muthvollen Kämpferin, die, nachdem sie auf dieser Erde erlangt hatte, nach dessen Besitz das Herz trachtet, selbst den Königen sagen konnte, wie Alles eitel und nichtig sei. Diese arme Verblendete wollte einst durch ein wenig Talent und das was die Welt Geist nennt, glänzen; sie hat den Muth, zu bekennen, daß auf diese Bestrebungen sie jetzt mit Erröthen niedersieht.«

»Warum hält man mich zurück? Catharina von Siena, mit der mich zu vergleichen ich wahrlich nicht die Kühnheit habe, predigte ganzen Klöstern, sie sah eine große Anzahl Bedrängter um sich, für die und mit denen sie betete, und Niemand wehrte ihr.«

»Allem Gesagten zufolge werden Sie, wie ich denke, nicht zweifeln, daß ich bei dem Aufenthalte in Ihrem Lande weder irgend einen Plan, noch eine menschliche Absicht habe. Sie werden einsehen, daß man mir weder etwas geben noch nehmen, daß man mich nur verfolgen kann, und diese Verfolgung ist dem Bekenner ein Labsal. Die heiligen Schriften werden Ihnen sagen, daß der Herr allezeit Frauen dazu wählte, wenn es um die Befreiung des Volkes zu thun war.«

»Noch hab' ich Ihnen zu bemerken, mein Herr, daß es eine schändliche Lüge der öffentlichen Blätter ist, in einer Zeit von Müssiggängern zu reden, wo Niemand Arbeit hat, wo Tausende seufzend darum bitten, wo in Folge von Züchtigungen, welche die Habsucht und den Egoismus treffen, alle Manufakturen stocken; wo es Pflicht ist, dem darbenden Arbeitsmann zu lehren Trost und Hülfe im festen Vertrauen zu Gott zu suchen. Nein, mein Herr, weit entfernt, den Müssiggang zu begünstigen, habe ich vielmehr Basel, dieser Stadt die Millionen besitzt, vorgeworfen, daß man nicht besser für die Armen sorge, daß man, statt ihnen Beschäftigung zu geben, die Handarbeit vermindere. Aber man läßt daselbst die Armen für die Armen sorgen, während die Reichen an den Reichen festhalten.« –

Man sieht aus diesem Briefe, wie rege ihre Theilnahme war an dem Elend der Zeit und dem Bedürfniß der Armen. Diejenigen, die diese Frau ewig der Eitelkeit und der Heuchelei bezüchtigen, haben keinen Begriff von dem wirklichen Märtyrerthum, das in einem Leben, wie sie es führte, voll steter Anfechtung, plumper Anklage und roher Verfolgung liegt. Es kümmerte sie wahrhaft im Herzen die Lage des verlassenen und preisgegebenen Volkes, um das sich Niemand kümmerte, als die Reichen und Machthaber sich und die Ihrigen aus dem Schiffbruch gerettet hatten. Diesen von der perfiden Civilisation verrathenen Schaaren, diesen Unglücklichen, die keine Heimath, keinen Gott, keinen Herrn hatten, die die Gauen Deutschlands überfluteten, überall Hülfe suchend und nirgend findend, diese Jammervollen fanden Trost und Unterstützung bei einer Frau, die selbst verfolgt und elend, ihr Brod mit ihnen brach und, vor ihren oft blutigen Lumpen nicht zurückbebend, an einem Tische mit ihnen saß, zu einem gemeinschaftlichen Gebet ihre Stimme mit der ihrigen mischte. Solche Werke sind nicht die einer Heuchlerin, sie sind zu allen Zeiten eines wahren Christen würdig und der Bewunderung und des Preises der wahrhaft Frommen theilhaftig gewesen.

Aber es ist dem menschlichen Willen nicht gegeben, sich immer auf einer gewissen Höhe zu erhalten; auch Frau von Krüdener lenkte, wie wir schon angedeutet haben, von dieser Höhe niederwärts. Schon vor dem Jahre 1814, wo sie in Karlsruhe den nähern Umgang mit dem bekannten thörichten Schwärmer und Mystiker Jung - Stilling suchte, gerieth in ihre, schon an und für sich so leicht entzündbare, Phantasie der Brennstoff einer unheilbringenden Geheimlehre, die den redlichen Willen ihres Herzens schwächte und ihren Kopf mit Schattenbildern füllte. Die Mission, die ihr vorgezeichnet war, bestand darin, sich eng an die Bewegung der Gegenwart anzuschließen und die Bedürfnisse des Volkes zu beachten; zur grübelnden Untersucherin und Betrachterin religiöser Mysterien war sie nicht gemacht; ihr Verstand hatte weder die Klarheit, noch ihr Prüfungstalent die gehörige Schärfe, um auf diesem Felde, zu dessen Bearbeitung der ewige Wille Geister ganz anderer Art beruft, auch nur das geringste Verdienstliche zu leisten. Sie wußte das auch, und doch ließ sie sich von dem Schwärmer berücken, mit ihm über seine seltsamen Systeme und phantastischen Theorien zu grübeln. Es ist nöthig, ein paar Worte über diesen Geisterschauer, der leider auch einen nicht geringen Einfluß auf seine Zeit geübt, anzubringen.

Jung, der sich in seiner Selbstbiographie Stillign nannte, war der Sohn eines Bauern, der ihn das Schneiderhandwerk lernen ließ. Goethe hatte den damals in der Irre herumwandernden jungen Mann kennen gelernt und von ihm, von seiner wohlwollenden und geistvollen Empfehlung, die er ins Publikum brachte, schreibt sich die erste Vorliebe der Zeitgenossen für den Schwärmer her. Er muß allerdings einige Anziehungskraft auf die Gemüther besessen haben, jedenfalls ist jene oben angeführte Selbstbiographie ein sehr eigenthümliches, liebliches Sittengemälde, und diese war es auch, die Goethe für den Autor dauernd einnahm. Aber Jung blieb nicht dabei stehen, ein einfacher Dorfschneider zu sein, er wurde Arzt, und zwar ein durch mystische Mittel, durch geheimnißvolle Einwirkungen seine Kuren vollendender. So wie er als Schneider seine schlecht gearbeiteten Röcke mit Gebet anfing, so begann er auch seine ärztlichen Kuren, die besonders Augenkrankheiten betrafen, mit Gebet. Kenntnisse hatte er nicht und suchte sie auch nicht. Manche von den operirten Patienten erhielten ihre Sehkraft wieder, andere blieben blind, und diese, so schloß Herr Jung, waren bestimmt, blind zu bleiben. Der sonderbare Mann wurde nun auch Professor, und noch dazu seltsamer Weise der Kameralwissenschaften, gerade in dem Fache, von dem er, der nichts von der wirklichen Welt und dem was ihr noth that begriff, auch nicht die mindeste Kenntniß hatte. Es war ihm zum Glück gerade damals, als er sein Katheder bestieg, eine Zeit, wo Aller Aufmerksamkeit auf das große Drama der Weltgeschichte gerichtet war und es Niemandem einfiel, auf einen übel besetzten Lehrstuhl an irgend einer kleinen Universität Deutschlands die Blicke zu richten. So trug denn Herr Jung seine Kameralwissenschaft vor. Nebenbei schrieb er eine Menge schwülstiger und geistesarmer Romane, die die Phantasie eines Schneiders mit der Geschmacklosigkeit eines für den Sold schreibenden Büchermachers vereinigten. Selbst der Literarhistoriker vermag es kaum, diese Romane zu durchblättern, so gemein und niedrig sind ihre Kompositionen. Und ein solcher Geist unternahm es, den Himmel auszumöbliren und in Gemächer abzutheilen. Er schrieb, als er merkte, daß seine Romane keinen so rapiden Abgang fanden als er wünschte, mystische Schriften in dem grassesten Genre. So gab er eine Theorie der Geisterkunde heraus, dann eine mystische Zeitschrift »der graue Mann« und endlich sogar »Scenen aus dem Geisterreiche.« Diese Scenen sind wahre Beleidigungen des gesunden Menschenverstandes: es treibt in diesem Buche die Pöbelphantasie mit den ehrwürdigsten Gegenständen, mit den größten und heiligsten Aufgaben der Poesie und Geschichte ihr frevelhaftes Spiel. Die mystischen Bücher der Bibel sind dabei commentirt, wie ein Stubensitzer und Duckmäuser, in dessen verdumpften Schädel nie ein Strahl von dem ewigen Leben Gottes in der Geschichte und in der Natur gefallen, dergleichen commentiren kann. Alles Hohe schrumpft zu kleinen, jämmerlichen, übelduftenden Zerrbildern zusammen, und diese Mißgestalten üben noch, wie die Sage von der Alraunwurzel berichtet, eine Art Zauber auf ihre Beschauer aus: man ekelt sich vor ihnen, aber muß sie doch beschauen. Um nur Eins aus diesem Buche anzuführen, so erinnern wir an das Schicksal des Malers und Baukünstlers, den Herr Jung in den Himmel kommen läßt. Was findet er dort? Man gibt ihm eine Stadt zu bauen und trägt ihm auf, die Räumlichkeiten mit Bildern zu schmücken. Der Baukünstler und Maler baut und malt, und zwar leistet er das Beste, was seine Kunst vermag. Als er fertig ist, erscheint ein Engel, einer von den Engeln, die so langweilig und altklug sprechen, als wären sie aus der frühern Schneiderwerkstatt des Herrn Jung hervorgegangen, und beleuchtet mit einer Lampe mit himmlischem Oel das vollendete Werk –; es erscheint miserabel. Die Thürme drohen einzustürzen, die Paläste sind nicht rechtwinklig, die Bilder vollends zeigen schlimm zusammengesetzte Farben und Linien, wenn der Strahl der Lampe auf sie fällt. Der Künstler ist niedergedonnert und der Engel spricht: »Du siehst jetzt, daß Du nichts zu schaffen verstehst, daß alle menschliche Herrlichkeit Kinderspott ist, daß der Mensch nicht dazu da ist, Paläste zu bauen und schöne Bilder zu malen, und daß Gott keinen Wohlgefallen an dem Betrieb irgend einer eitlen und irdischen Kunst hat. Fahr' zur Hölle!« – Mit diesen Worten wirft der Engel die kleine Stadt mit den mißrathenen Modellen zusammen, wie des Knaben Hand Kartenhäuser niederschlägt, und entschwebt, um irgend eine andere Besserungsanstalt im Himmel zu besichtigen. Man sieht aus diesem einen Beispiele, wie Herr Jung über die Entwicklung des Menschengeistes denkt und welche Begriffe er von der ewigen Weltordnung hat. Mit diesem Manne beschränkten Geistes traf nun unsere Fromme zusammen. Es kam unter ihnen das unerschöpfliche Thema der Geistererscheinungen zur Sprache und die aufmerksame Schülerin ließ sich von dem aberwitzigen Meister die Einrichtung des tausendjährigen Reiches erklären. Es wurde gebetet und Geister wurden citirt. Wir haben keinen Grund, anzunehmen, daß Herr Jung ein Betrüger war, aber um den schwachen Mann, der die Eitelkeit und den geistlichen Hochmuth hatte, zu glauben, daß er in unmittelbarem Verkehr mit Gott stände, sammelten sich die falschen Propheten und die mystischen Wundermänner jener Zeit. Die Schweiz, der Elsaß, Franken und Baiern boten den Schauplatz für die Bestrebungen einer besondern Propaganda, die mit den Wundern und dem mystischen Wesen oder Unwesen Wucher trieb. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Frau von Krüdener, sich in dem Zweck und den Mitteln, ihre Aufgabe zu erreichen, auf eine kurze Zeit irrend, diesem Treiben sich anschloß und namentlich in Paris bei einigen, damals großes Aufsehen machenden Gaukelspielen unwissentlich wirksam war; allein eine böswillige Verläumdung ists, wenn das Buch: »Zwei Jahre in Petersburg; aus den Papieren eines alten Diplomaten« ausspricht, daß sie an die Person Kaiser Alexanders sich gedrängt habe, um diesen Fürsten, der damals in düstren Seelenzuständen befangen war, durch Ueberredungskünste und frommen Betrug in ihre Gewalt zu bringen. Es gehört so wenig dazu, die Welt das Verwerfliche und Schlimme glauben zu machen: Frau von Krüdener zählte viele Feinde; ihr öffentliches Wirken war allen Regierungen verhaßt und ganz besonders stand ihr jene Partei der sogenannten freisinnigen Männer entgegen, die, noch vom alten Stamm der Aufgeklärten des achtzehnten Jahrhunderts sich herzählend, die Religion verachteten und jede Bestrebung, die Völker zum Glauben und zum religiösen Halt zu führen, als ein Mittel ansahen, verjährten Aberglauben zum Nutzen despotischer Fürsten und Priesterherrschaft wieder einzuführen. Diese selben Männer waren es jedoch, die in der Zeit der Verdächtigungen ihre Proklamationen schnell versteckten und gern bei der Verfolgung der freisinnigen Richtungen, die sie selbst gepredigt, die Frommen zu Hülfe riefen, damit diese die Massen wieder zügelten. Daß diese sogenannten Frommen, denn die meisten waren ebensowenig wahrhaft fromm, wie Jene wahrhaft aufgeklärt sich nennen durften, den Kleinmuth ihrer früheren Sieger benutzten und nun ihrerseits der Zeit eine für ihr persönliches Interesse nützliche Richtung geben wollten, ist rein menschlich und darf den Beobachter des Ganges der Geschichte nicht Wunder nehmen. In diesem Kampf der Meinungen und Interessen darf man den einzelnen Charakteren nicht Unrecht thun und ihnen aufbürden, was freilich sehr bequem, da man's hier nur mit einem Namen zu thun hat, was die um dieses Einzelwesen gruppirte Menge in Verfolgung ihrer verschiedensten Interessen sündigte. Frau von Krüdener war vielleicht nie wahrer und von Eitelkeit freier, als in ihrem Verhältniß zu dem Kaiser. Sie sah in ihm das Ideal eines Fürsten und Menschen; sie knüpfte an seine Erscheinung alle die tiefglühenden Hoffnungen ihrer edlen Seele, sie ging ihm entgegen mit dem freudigen Zittern und der schrankenlosen Zuversicht einer Gläubigen, die den Freund gefunden hat, den sie gesucht, den Genossen, der mit ihr die Siegespreise der ewigen Liebe zu erringen trachtet und der da kommt, um das, was sie der Welt zu geben zu schwach sich fühlt, den Frieden, ihr zu geben. Welch eine Seele, die Großes bedenkt, die Ewiges hofft, die Unvergängliches erstrebt, fühlte nicht dieselben Entzückungen bei ähnlichem Anlaß, wie sie Frau von Krüdener empfand, als sie dem mächtigsten Herrscher Europas entgegenging und ihn bat, den Völkern das Glück und den Segen wiederzugeben, die ihnen geraubt worden. Mögen wir, die wir aus der Entfernung jene Thaten ansehen, immerhin finden, daß Vieles, was damals als unmittelbar vom Himmel gefallene und für alle Zeiten und Völkerzustände passende Wahrheit galt, wenig mehr als ein schöner Irrthum, eine vergängliche, schwärmende Idee war; nur unbillig dürfen wir nicht sein, den persönlichen Edelsinn nicht antasten, die gottdurchglühte Seele nicht beleidigen, eine schöne That nicht schlimm nennen, weil ihre Erfolge dem prahlerischen Anlauf nicht entsprechen.

Wir haben die Mißgriffe und falschen Richtungen, die Frau von Krüdener beging und einschlug, schon angedeutet, sie wurden durch den Verkehr mit den oben bezeichneten Mystikern hervorgerufen. Ihre Versammlungen und Betstunden nahmen von 1819 einen Charakter an, der von dem freien Impuls, der zehn Jahre früher die Geister und Gemüther um sie einte, sehr verschieden war. Sie bekamen den Anstrich pietistischer Konventikel, da sie früher den Charakter religiöser Volksversammlungen, patriotischer Zusammenkünfte gehabt hatten. Es schlossen sich Begleiter an sie an, die, ähnlich wie jene Genossen des schon alternden Grafen Zinzendorff, die Bewegung der Gemüther unter Formeln und Aeußerlichkeiten bannten. Es wurde nicht mehr der Inhalt des Gebets, es wurde die Art, wie man äußerlich sich dabei benehmen solle, beachtet. Ein Theil betete hinter verschlossenen Thüren, nach dem Ausdruck der Schrift »im Kämmerlein,« Andere öffentlich bei Herumreichung von einer Art Liebesmahl. Die Frauen gingen in eigenthümlichen Kleidertrachten einher, die Männer, besonders der Schweizer Lachenal, spielten die deutschen Quäker, und der letztere wurde anstößig, indem er gewisse Einfachheiten in der Umgangsweise einführte und sogenannte Bruder- und Schwesterküsse als christliche Sitte geltend machen wollte. Da die fromme Gesellschaft immer auf der Wanderung war, beständig im Krieg mit der Polizei, so kam sie fast nie dazu, eine nöthige Ordnung und ein folgerechtes Ziel zu erstreben. Gauner und Abenteurer von der schlimmsten Art schlossen sich an und brachten die Missionäre in Mißkredit. Frau von Krüdener erfuhr wenig von diesen Mißgeschicken, sie wurde, je näher sie der Hinfälligkeit und den Beschwerden des Alters kam, desto abgeschlossener für die Außenwelt. Es schmerzte sie tief ihre schwindende Macht auf die Menge fühlen zu müssen; sie trat nur selten noch öffentlich auf, und dann konnte ein einzelner Blick aus der sie umstehenden Zuhörerschaar, der kalt oder gar spottend auf ihr ruhte, sie aus der Fassung bringen, und sie klagte dann unter Thränen ihren Angehörigen, daß Gott das Feuer ihrer Seele von ihr genommen, daß er sie erniedrigt habe vor dem Volk und hinfort nicht mehr seinen ewigen Namen von ihr verherrlicht wissen wollte. Diese Stimmungen der äußersten Zerknirschung dauerten zwar nicht anhaltend, allein sie kamen oft wieder und der Kummer den sie dabei empfand nahm immer mehr Gewalt über sie an. Sie schrieb in dieser Zeit aus Riga (1820) an Empeytas, der sich in der Schweiz befand: »Gott läßt seine Gerechten müde werden, damit sie wahrnehmen mögen, wie gering ihre Kraft und ihr Ruhm vor ihm so äußerst klein ist. Auch mir, die ich lange nicht die süßen Palmen der Streiter Gottes den Muth haben darf, in die Hand zu nehmen, auch mir hat er in diesen Tagen gezeigt, daß er meiner Dienste nicht fürder bedarf. Mein Haupt senkt sich auf die Brust, mein Arm sinkt ermattet nieder und mein Gang, der ehemals ein »Fliegen zum Ziele« war, ist schleichend. O mein Freund, wenn die Stunde kommt, die mich abruft, wie werde ich zitternd ihrem Gebote Folge leisten! Ueber die Erde hinverstreut liegen meine guten und bösen Tage, ich sammle sie, und siehe, es ist taube Frucht darunter. Ich war ein Weib, das eitel und gefallsüchtig begann und nach kurzem Lobgesang kleinmüthig und klagend endet. Weg mit diesem Weibe! – Aber die Barmherzigkeit Gottes läßt mich dann wieder hoffen und ich lebe neu. Wir wollen ruhig zuschauen, wie lang' ich's noch treiben darf.« –

Sie gab jetzt ihr öffentliches Predigtamt auf und lebte mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohne, dem Baron von Berkheim, in der Nähe von Riga. Dort hatte der Aufzeichner dieser Zeilen Gelegenheit sie zu sehen; es sei ihm vergönnt, zur Beendigung dieser Charakterskizze noch die paar Contouren hinzuzufügen, die eigne Anschauung ihm vorzeichnet. Es war ein Sommerabend, als ich, am Flusse spazierengehend, einen Wagen herankommen sah, in welchem ich neben einem jungen Manne eine ältliche Dame in grauseidenem Gewande sitzen sah. Ohne zu wissen, daß es Frau von Krüdener war, machte die Erscheinung dieser Frau, die Ungewöhnliches in Mienen und Geberden zeigte, einen mächtigen Eindruck auf mich. Ich blieb in einiger Entfernung stehen, als ich den Wagen halten und am Arm ihres Begleiters die Dame aussteigen sah. Die Veranlassung, der zufolge sie den Wagen verließ, war eine besondere. Sie hatte am Ufer des Flusses Mägde mit einer Wäsche beschäftigt gesehen. Sogleich war das Bedürfniß zu predigen in ihr rege geworden. Sie näherte sich den, in dummem Staunen aufschauenden Dirnen, bestieg einen Uferstein und so in erhabener, Allen sichtbarer, freier Stellung hielt sie eine Rede, deren Anfang und Hauptinhalt mir nur erinnerlich geblieben ist. In geläufiger Sprachweise des Landvolkes jener Gegenden und mit tönender Stimme begann sie mit der Frage: Was thut Ihr da? Die Mägde sahen sich mit blödem Lächeln unter einander an und antworteten dann stockend, daß sie ihre linnenen Kleidungsstücke reinigten. »Wohl! rief Frau von Krüdener, Ihr reinigt Euer irdisches Kleid, aber habt Ihr auch bedacht, daß Euer himmlisches Gewand, Eure Seele, ebenfalls Flecken haben mag, Flecken, die Euch in große Scham versetzen werden, wenn Ihr einst in so unehrerbietigem Aufzuge vor Gott zu erscheinen gezwungen werdet? Ihr schaut mich verwundert an und scheint zu fragen, wie ich es wissen könne, daß Eure himmlischen Kleider unrein seien; glaubet mir: ich weiß es sicher. Unserer Aller Seelen sind in demselben Falle; auch die edelsten und besten sind nicht ohne Fleck; aber dafür ist das Gebot an uns gelangt, unablässig für ihre Reinigung zu sorgen, so wie Ihr in diesem Augenblick für die Tilgung der Flecken in Euren Kleidern sorget. Gott wird Euch strafen, wenn Ihr das Eine unterließet, so wie Euch Euer Herr strafen würde, wäret Ihr träge in der Förderung des andern. Gottes Strafe ist aber um so viel furchtbarer als die menschliche, als der Himmel höher ist denn die Erde!« – Die Rede ging in diesem Sinne weiter, immer das Motiv von den nächsten Umgebungen hernehmend und die einfachsten Metaphern ungeschmückt und dem natürlichen Verstande nahe legend. Die Wirkung, als Frau von Krüdener eine halbe Stunde ungefähr gesprochen, war überraschend. Die Mägde, von dem insipiden Staunen und geistlosen Aufhorchen zum Erkennen und Verstehen übergehend, verließen ihre Arbeit und warfen sich Thränenströme vergießend der Frau, die immer noch auf dem Steine stand und liebevoll niederlächelte, zu Füßen. Sie legte segnend ihre Hände auf die Häupter der Mägde. Die Stille, der wolkenlose Abendhimmel, die eben vernommene begeisterte Rede, deren Worte noch auf den Schwingen der Abendlüfte sich zu wiegen schienen, Alles zusammen ließ das Bild dieses ungewöhnlichen Auftritts als ein bleibendes in dem Gedächtniß des Zuschauers. Später, wenn ich von Frau von Krüdener hörte, schwebte mir immer diese Abendscene vor dem geistigen Auge. Von Neuem erregte sie Anstoß, als sie sich, nach Petersburg kommend, für die Angelegenheit der griechischen Freiheitskämpfe erklärte. Man gab ihr den Rath, die Hauptstadt zu verlassen, und sie ging in Gesellschaft ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes in die Krimm, wo sie von dem daselbst herrschenden Fieber befallen wurde und den 13. December 1824 in Karasubasar starb. Sie war lebensmüde und verstand die Zeit nicht mehr, wie die Zeit auch sie nicht mehr beachtete.

Von den Urtheilen der Zeitgenossen über sie wollen wir nur eins noch ausheben, nämlich die Stimme, die in dem »schweizerischen Wegweiser« laut wurde. Es erscheint uns diese Besprechung ihres Thuns und Wirkens, wenn auch nicht in geistiger Hingebung aufgefaßt, wie, unserer Ansicht nach, eine Natur wie die der Frau von Krüdener genommen sein will, doch mit Milde und Einsicht sowie mit Verständniß dessen, was zu erreichen war und erreicht ist, hingestellt. Es heißt daselbst: »Zwei ihrer vorzüglichsten Bemühungen scheinen uns höchst zeitgemäß und beifallswerth, nämlich ihr Versuch, die in Glaubens- und Sittenlehren entzweiten Christen auf dem Wege der Duldung und christlichen Liebe einander zu nähern und zu Einer Kirche vorzubereiten, dann die Menschen in sich zu versöhnen dadurch, daß sie den Reichthum für die Armuth in Anspruch nahm. Zwar dürften nicht alle ihre Ansichten und Maßnahmen zu diesem Behufe unbedingt zu billigen sein, allein wenn ihr Grund sie auch nicht heiligt, sollte er doch vor Verunglimpfung und Verfolgung schützen. Sicherer würde sie aber auch dem entgehen, wenn sie nicht in Auswahl und Sendung ihrer Jünger mit wahrhaft frommem Leichtsinn und blindem Eifer zu Werke ginge. Einem großen Theile unserer Geistlichen thut sie es übrigens nicht nur im Geist, Vortrag und werkthätigen Eifer zuvor, sondern auch besonders darin, daß sie nicht um der Religion willen Aberglauben unterhält und einführt: betet, arbeitet, verlasset euch nicht auf die Menschen, sondern auf Gott! sagt sie den Meisten aus dem Volke!« – Diese Worte erhalten als Zeugniß noch besonderes Gewicht, wenn man bedenkt, daß sie gerade in der Periode der wildesten Verfolgung und zwar in der Schweiz ausgesprochen wurden, in einem Lande, das immerdar stolz gewesen ist auf die orthodoxe Lehre und den Eifer seiner Geistlichen.

Fassen wir obige Resultate unserer Beobachtungen an diesem interessanten Bilde in einem Endurtheil zusammen, so erscheint uns Frau von Krüdener als eine Frau von lebhaftem Geiste, produzirender Phantasie und einem warmen Herzen. Weit entfernt, in ihr eine verschmitzte Betrügerin zu sehen, lieben und bewundern wir in ihr das Bild der Wahrheit, freilich das durch innere Gemüthswallungen und durch äußere Einwirkungen getrübte Bild, jedoch immer das Bild der Wahrheit. Sie dachte groß von den Menschen und fühlte warm für sie, der Tribut, den ihre weibliche Eitelkeit forderte, war zwar nicht gering, aber er tastete nirgends den moralischen Gehalt ihrer Handlungen an. Ihre Schwächen hatten zur Unterlage immerdar die Idee von Aufopferung und Buße, und Schwächen dieser Art sind verzeihlich, nur die, welche den unwandelbaren Egoismus als Beweggrund mit sich führen, sind arglistige Feinde des Individuums sowol als auch der Menschheit.



Caroline Neuber.

Nicht als eine berühmte Frau, die sie nicht war, nehmen wir diese Schauspielerdirektrice in unsere Zusammenstellung mit auf, sondern als eine interessante Erscheinung, die an die Literaturzustände des vorigen Jahrhunderts sich anschließt und literarischen Notabilitäten nahe tritt. Wir haben bei den übrigen Frauen, deren Leben und Wirken unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, die Gelegenheit vermißt, über Theater und dramatische Literatur ein Wort einfügen zu dürfen, hier wird uns dieser Stoff geboten. Zwar haben wir keine berühmte Schauspielerin zu besprechen, so wie die Franzosen ihre Clairon, ihre Lecouvreur haben, eine solche suchen wir in Deutschland damals vergebens und erst spät zu Ende des Jahrhunderts, von dem hier die Rede ist, treten die gefeierten Heroinen der Bühne, die glänzenden und schönen Gestalten einer Unzelmann, einer Schröder auf, zu spät und zu weit mit ihrer Wirksamkeit ins neunzehnte Jahrhundert herüberragend, als daß wir sie als Eigenthum unserer Schilderungen betrachten dürften. Es bleibt uns also, um dieses so reiche und interessante Feld für Frauentalent und Fraueneinfluß zu bearbeiten, nichts als das Bild einer, wenn auch gleich tüchtigen, doch rohen und beschränkten Natur, die in den Gauen Deutschlands sich umtrieb und nach einer kurzen Periode des Glanzes in dem Tumult und dem Gedränge des siebenjährigen Krieges unterging, mit Tausenden von Talenten und Kräften, die mit ihr untergingen, mit ihr verdarben, an denen sicherlich mehr verloren ging als an ihr.

Um die Gestalt dieser Frau aus dem Volke heraufzubeschwören, müssen wir zugleich aus den Nebeln der Vergessenheit das gelockte Haupt des großen Pedanten, des berüchtigten Gottsched, emporsteigen lassen. Dieses edle Paar gehört zusammen und von ihm gehen die diktatorischen Gesetze aus, die das Theater der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts beherrschen. Die Neuberin und Gottsched; aber noch ein Dritter war dabei, ein anfangs gehätschelter Freund, dann ein gescholtener, zudringlicher, endlich ein verbannter und verstoßener Sohn, es war dies der deutsche Hanswurst. Als der Pedant und die Direktrice den Thron bestiegen, lebte Hanswurst in noch blühender Lebendigkeit und Gesundheit. Dieser ehrliche Knabe hatte das Volk der Deutschen durch alle Perioden seiner Geschichte begleitet, immer Kurzweil treibend, immer Possen reißend, immer das Entzücken und den Stolz deutscher Jugend ausmachend. Der große, majestätische Festtanz, den die deutsche Geschichte aufführt, voran die ehrwürdigen Häupter der Friedriche, die kräftigen Gestalten der Berlichingen und Hutten, die Luther und Melanchthon – dieser Festtanz hatte zum Schluß immer die kapriolenmachende und grimacenschneidende Figur Hanswursts. Hanswurst war überall; er stand hinter dem Stuhl des Kaisers, er nahm sich die Freiheit, an der Tafel der Prälaten zu erscheinen, in die Klöster der frommen Schleierträgerinnen drang er ein und sogar mußte Holbein ihn in die Schilderung seines Todtentanzes aufnehmen. Immer Hanswurst und immer Hanswurst. Dieser Liebling hatte schon längst, schon zu den Zeiten, als die Nonne Roswitha ihre absurden Komödien schrieb, Platz auf der deutschen Bühne genommen, er war dort gleichsam zu Hause, seine Wiege hatte da gestanden, er war auf den Brettern groß geworden; unzähligemal hatte man ihn daselbst geboren werden, aus dem Ei steigen sehen, an seiner Hand waren die griechischen Schwestern Thalia und Melpomene erschienen; Niemand hatte an dieser sonderbaren Protektion und an diesem sonderbaren Protektor Anstoß genommen. Jetzt plötzlich fuhren Blitze auf sein Haupt, Blitze, die die dürre Hand des Pedanten und die feiste, derbe Faust Caroline Neubers sendeten – durfte Hanswurst dies dulden? Sollte er, der so kühn gewesen war, in Basel mit dem Tode zu tanzen, sollte er jetzt vor einem leipziger Professor und dessen Verbündeten zurückbeben? Nein, Hanswurst hielt sich brav; er führte einen hartnäckigen Kampf, er focht mit Armen und Beinen und nahm noch als drittes Bein seine Pritsche zu Hülfe, er verlor manchen bunten Lappen von seinem kostbaren Gewande – allein es half doch Alles nichts, das fürchterliche Paar, die entflammte Primadonna und der wüthende Pedant wurden Sieger über den armen Spaßmacher, er stürzte zu Boden, aber indem er unterlag, griff seine Hand noch einmal in die Perrücke seines Gegners und eine dichte, ungeheure Wolke Staubes wirbelte empor und verdeckte wie ein Berg von Nebel die Scene des Kampfes, so daß das deutsche Volk bis auf diese Stunde nicht weiß, ob sein geliebter Hanswurst wirklich zu Grunde ging, oder ob er nicht doch Mittel fand, sich zu retten und in Sicherheit zu bringen.

Die Biographie Caroline Neubers angehend, so ist wenig von ihr bekannt geworden. Sie soll selbst den Entschluß gefaßt haben, ihr Leben zu schreiben; es wäre eine Bambocciade eigener Art geworden, und eine solche Autobiographie wäre vielleicht viel amüsanter geworden, als so manche, die wir von sehr gelehrten und sehr langweiligen deutschen Professoren und Künstlern haben. Allein Frauen dieser Art sind selten gute Schriftstellerinnen, es wäre darum die Frage, ob Caroline eine gewesen: sobald dergleichen Abenteurerinnen die Feder ergreifen, geräth ein Geist der Anständigkeit über sie, der ihnen vorhält, wie sie schwerlich aufs Papier bringen dürfen, was so belustigend zu erleben war, und da fallen gerade die, deren Leben am buntesten war, in die jämmerlichste Misere und Trockenheit, wenn sie ein Buch machen. Da sie nun selbst nichts aufgezeichnet hat, so müssen wir uns an die dürftigen Notizen halten, die ihre Zeitgenossen über sie hinterlassen. Namentlich werden Lessings Worte über sie von großem Gewicht sein. Er kannte sie und seine Jugend fällt in die Zeit, wo die Neuberin ihre Glanzperiode hatte.

Im Jahre 1692, nach Anderen 1700, wurde sie als Tochter eines Advokaten, Namens Weissenborn, zu Reichenbach im sächsischen Voigtlande geboren. Ihr Vater hielt sie streng und sie nahm Gelegenheit, ihm zu entschlüpfen. Mit einem Schüler entlief sie; dieser Herr Neuber, der seinen Vokalbüchern untreu wurde, erhielt später die Hand seiner Dame. Das Paar organisirte eine wandernde Schauspielertruppe und gab in Weissenfels Darstellungen. Madame Neuber, schon früh ihren wahren Beruf erkennend, setzte sich an die Spitze der Truppe, gab Gesetze, erließ Verordnungen und hielt das hergelaufene Gesindel in strenger Zucht. Ihr erster Schritt zu Glanz und Bedeutung war die Erlangung eines Privilegiums am Hofe Augusts in Dresden; demzufolge ihr erlaubt war, in Leipzig und in der Hauptstadt zu spielen. Sie zog es vor, an dem erstern Orte ein bleibendes Etablissement zu gründen, da sie keine Concurrenz mit den italienischen und französischen Histrionen, die damals in Dresden ihr Wesen trieben, aushalten konnte.

Hier in Leipzig gab sie nun (1727) Stücke noch nach altem Zuschnitt und Geschmack, so z. B. die Tragödie: »Der von Istrien nach Hyperboreen gebrachte goldne Apfel« oder: »Der Königin Octavia Liebschaft, Fall und Ende« oder: »Des Herculis zwölf gräuliche Arbeiten.« Zu diesen Piecen kamen noch die großen »Haupt- und Staatsaktionen,« die das Publikum liebte und die die Schauspieler gerne gaben, weil sie sich darin in einer gewaltigen Perücke und in steifen Röcken zeigen konnten, ein Nero mit dem Galanteriedegen und den Schuhen mit rothen Absätzen, die Sophonisbe in einem Reifrock und mit Fächer und Mouschen. Auch Ballets, in denen der vorerwähnte Hanswurst seine geeignetste Stelle fand, waren auf dem Repertoir eine erwünschte Gabe.

So fand Gottsched die deutsche Bühne, als er seine kritische Wirksamkeit begann. Es war keine geringe Sache, daß ein Mann in so bedeutender Stellung, ein Gelehrter, ein Poet, ein Mann des Staats und des Wissens, sich zu einer Schauspielerdirektrice herabließ. Die Neuberin mußte sich geschmeichelt und geachtet fühlen, und aus diesem Motiv erklärt sich auch ihre ungemeine Bereitwilligkeit, die Gesetze ihres Protektors anzunehmen und seine Produktionen darstellen zu lassen. Es ist interessant, hier die Anfangsstadien der deutschen Bühne zu beobachten, eines Instituts, das bestimmt war, wenige Jahrzehnte später von so großer Wichtigkeit zu werden und die besten Köpfe der Nation zu beschäftigen. Wie klein, wie unscheinbar sehen wir es hier beginnen. Die deutsche Bühne hat später noch oft das Unglück gehabt, einem Pedanten in die Hände zu gerathen, hier stand gleich einer schon an ihrer Wiege. Wir müssen in der Vereinigung der Neuberin mit Herrn Gottsched unbedingt der erstern das geniale, das schöpferische und bildende Element zuschreiben; Herr Gottsched gab nur seinen Namen her, seine gelehrte Autorität (bei den Deutschen immer so wichtig), seine Kenntnisse und seinen Schulstaub. Doch waren gerade dies sehr wichtige und fordernde Dinge bei einer Anstalt, die, wie die damalige Bühnenkunst, unter dem Banner der öffentlichen Verachtung stand. Komödianten, Diebe und Landstreicher finden wir oft in einem Satze hingestellt, nur durch ein schwaches Komma geschieden. Als eine Ingredienz der komischen Romane brauchten die Poeten die damaligen Schauspieler um die Kapitel ihrer Erzählungen mit gefährlichen und anstößigen Situationen zu füllen. Man lese nur Scarrons Sittenschilderungen, den Gil- Blas und eine große Anzahl Anderer, und Deutschland wird seine wandernden Thespiskarren -Inhaber nicht glimpflicher behandelt haben. Der Neuberin, als einer klugen Frau, mußte also gar sehr daran gelegen sein, ihr Völkchen in bessere und minder verachtete Stellung gegenüber dem Publikum zu bringen, wie mochte sie jedoch diesen Zweck schneller erreichen, als wenn Männer wie Gottsched, später Lessing und Weisse, sich mit ihr verbanden. Es war dann ihre Aufgabe, der Autoreitelkeit jener Männer zu schmeicheln und ihre Phantasiegestalten durch Bühnendarstellung zu verkörpern.

Es mag auch, was die Einrichtung der damaligen Bühne, das Verhältniß der Schauspieler zu den Zuschauern betraf, eine arge Anarchie und eine rohe Willkür der Sitte geherrscht haben. Wir sehen Voltaire zu seiner Zeit mit der französischen Bühne, die doch Moliére schon sehr gesäubert hinterlassen hatte, ähnliche Reformen vornehmen. Wie schwer wurde es dem Dichter der Alzire, den Schauspielerraum frei zu erhalten für die Darsteller und die großen Herren, die daselbst ihre Plätze wählten, ins Parterre zu verweisen. Weil Alles auf der Bühne sitzen wollte, fanden die, die eigentlich dahin gehörten, keinen Platz daselbst. Auf dem deutschen Theater mag es noch schlimmer hergegangen sein. Gottsched wird das Amt Voltaire's auf der leipziger Bühne übernommen haben, und dieses Amt war nicht leicht durchzuführen. Dies galt jedoch nur den äußeren Dingen und Verhältnissen, allein auch in den ästhetischen wird er der Unternehmerin von Nutzen gewesen sein. Wir haben vorhin scherzhaft von der Vertreibung des Harlekins gesprochen; allein wenn wir mit Ernst diesen kritischen Feldzug betrachten, so müssen wir gestehen, daß auch hier der so sehr verschrieene Pedant in seinem Rechte war, wenngleich wir einräumen, daß er dieses Recht nicht in geeigneter Weise geltend zu machen verstand. Dem Deutschen ists gegeben, in seiner niederen Komik unendlich platt, roh und haarsträubend unflätig zu sein. Der Franzose ist bei solchem Anlaß immer noch zierlich, der Engländer humoristisch, der Deutsche aber – es ist betrübend zu gestehen – immer nur gemein. Es liegt in seinen Späßen dieser niedrigsten Art ein so abscheulicher Qualm schlechten Tabacks, ein so völlig hoffnungsloses Darniederliegen alles Geistes und Witzes, ein so unelastischer und widerstandloser Sinnenschmutz, daß selbst die schlechteste Gesellschaft anderer Nationen noch immer glaubt bei dem deutschen Pöbel in schlechter Gesellschaft zu sein. Dabei ist die Nation durchaus nicht so verderbt wie ihre Nachbarn, stünde sie sittlich tiefer, wäre sie vielleicht ästhetisch amüsanter. Nur eine Nation übertrifft in ihrer Volkskomik die deutsche noch an Unfläterei und zugleich Langweiligkeit, das ist die holländische. Hier ist dies jammervolle Element sogar in die Kunst übergegangen und macht sich auf freche Weise breit. Der Deutsche hält wenigstens seine Gemeinheit wie ein Veilchen verborgen, der Niederländer läßt sie wie eine Tulpe, ekle Düfte hauchend, aus seinen Sümpfen und Niederungen erblühen.

Es gab eine Zeit, wo die Deutschthümler und Mittelaltler in der Poesie und Kunst gerade mit Vorliebe jene Volksspäße und Volksunflätereien aufsuchten und sie für naive Poesie, für einen süßen, unendlich lieblichen Naturlaut ausgaben. Diese Verehrung des Niedrigen und Trivialen fing an mit der Schaustellung des Nürnberger Schusters Hans Sachs. Goethe wies auf ihn hin, und sogleich stürzten von allen Gegenden Deutschlands die Verehrer zu Füßen des neuen Götzen. Es hieße die Poesie in ihrem innersten und lebendigsten Pulsschlage verkennen, wenn man die Schöpfungen jener tüchtigen, gestaltenquellenden und bildertreibenden Zeit, aus der der alte Meistersänger stammt, verwürfe; allein in den Späßen Hans Sachsens und nun gar in denen seiner Nachahmer das Höchste und Feinste der graziösen Laune, des lieblichen Scherzes zu feiern, ist eine Versündigung an dem Adel der komischen Muse. Ebenso gibt es eine Komik der Ueberkultur, eine schwächliche, süßliche, ungesunde und sittenlose Komik, die ebenfalls vor der Kritik des guten Geschmacks und des offnen Sinnes nicht besteht, als ihre Repräsentanten können die Franzosen gelten; zwischen diesen Extremen muß die ächte, wahre Volkskomik gesucht werden, ebenso sich vom Unflätigen des Pöbels, wie von dem Erkünstelten der gebildeten Stände fern haltend. Es ist demnach Herrn Gottsched nicht zu verargen, wenn er einem so ungezogenen Geschöpfe, als der deutsche Hanswurst war, den Zutritt auf der Bühne anfangs erschwerte, zuletzt ganz verweigerte. Wir sind in der That dadurch eine tüchtige Portion Rohheit und Gemeinheit losgeworden; wenigstens offenkundig darf sie sich nicht zeigen; versteckt unter anderer Kleidung tritt Hanswurst leider wol noch heute auf. Wenn wir den Kritiker entschuldigen, entschuldigen wir ihn jedoch nicht darin, worin er sich als Pedant zeigte, nämlich in dem wenigen Sinn und Geschmack, den er für deutsche Bildung und deutsche Kunst überhaupt bewies. Er war selbst nicht Dichter, um zu wissen, was die Bühne fordert und verträgt, um ein Volk zur Kunst poetisch zu erziehen, er schlug die eine pöbelhafte komische Figur todt und ließ die andere pöbelhafte ernste Figur stehen. Die lohensteinschen Helden und Kaiser waren nicht minder geschmacklose Popanze, als Hanswurst ein geschmackloser Lustigmacher war. Herr Gottsched verbot den Deutschen die Komik und den Humor, da er ihnen doch nur das unpassende und unzeitgemäße Organ derselben hätte verbieten sollen. Alles in den neuen Dramen sollte ernsthaft, erhaben, tragisch sein – das war eine Albernheit, und dieser elenden, hölzernen Kritik wegen, nicht wegen der Verbannung des Hanswurst, nennt die Nachwelt Herrn Gottsched mit Recht einen Pedanten.

Welchen Werth die Deutschen auf ihren Hanswurst legen, beweist auch Goethe, der sich bemühte, den vertriebenen Spaßmacher unter anständigen Formen wieder auf die Bühne zu bringen. Im achtzehnten Buche seiner Autobiographie findet sich eine Stelle, wo er sich sehr weitläufig mit der Exposition und der Sceneneintheilung eines burlesken Volksdramas beschäftigt, das er »Hanswursts Hochzeit« betitelt; es ist ziemlich trocken und ohne Spaß, wie denn Goethe's erhabenem und durchdringendem Geiste eine Gabe durchaus versagt war, die Gabe witzig und komisch zu sein. In keiner seiner Produktionen hat er, so oft er auch gewollt hat, auch nur im entferntesten diese Seite anzuschlagen vermocht. Das Schema dieser projektirten Piece war folgendes: »Hanswurst, ein reicher, elternloser Bauerssohn, welcher so eben mündig geworden, will ein reiches Mädchen, Namens Ursel Blandine, heirathen. Sein Vormund Kilian Brustfleck und ihre Mutter Ursel sind es höchlich zufrieden. Ihr vieljähriger Plan, ihre höchsten Wünsche werden dadurch endlich erreicht und erfüllt. Hier findet sich nicht das mindeste Hinderniß und das Ganze beruht eigentlich nur darauf, daß das Verlangen der jungen Leute, sich zu besitzen, durch die Anstalten der Hochzeit und die dabei vorwaltenden unerläßlichen Umständlichkeiten hingehalten wird. Als Prologus tritt der Hochzeitbitter auf, hält seine herkömmliche banale Rede und endigt mit dem Reime: »Bei dem Wirth zur goldnen Laus, da wird sein der Hochzeitschmaus.« Der Scherz, auf den es hier abgesehen ist, bemerkt Goethe ferner, bestand darin, daß das sämmtliche Personal des Schauspiels aus lauter deutsch-herkömmlichen Schimpf- und Ekelnamen bestand, so Vetter Schuft, Vetter Schurke u. s. w.

Man sieht aus diesem Entwurf, daß Goethe Hans Sachs kopirt, aber nicht mit Glück; denn bei dem derben Nürnberger Schuster war das Natur, was bei dem großen Poeten der Neuzeit nur Produkt einer zwar genialen, allein doch nur erkünstelten Laune war, die, fern davon, im Gemüth und Sinne des Volkes zu wurzeln, nur gestaltend an seinen Zuständen herumtappte und sich auf einsamer Stube ausdachte, was wol in diesem Genre zu machen sei und was allenfalls Wirkung haben könne. Glücklicher in der Kopie des Hans Sachs war Tieck beim Erschaffen seiner komischen Figur (Hornwilla) im Drama »Octavian.« Doch ist es ebenfalls ein viel zu absichtlich spaßhafter Narr und die Ursprünglichkeit und Treuherzigkeit des Hans Sachsischen Hanswurst wohnt ihm nicht bei.

Wir kommen auf unsere Schauspielerdirektrice zurück. Sie führte also ihre Komödien in Leipzig auf und hatte nicht geringen Zulauf. Der Tod König Augusts machte ihrem Treiben ein Ende; sie ging (1733) nach Hamburg, wo sie sich auf eine Zeitlang niederließ. Während ihrer Abwesenheit raubte ihr ein früheres, undankbares Mitglied ihrer Gesellschaft ihr Theaterlokal in Leipzig, und als sie wieder dahin zurückkehrte, sah sie sich genöthigt, in einer elenden Bude vor dem Grimma'schen Thore zu spielen. Durch fortwährendes Gezänk mit ihrem Nebenbuhler ward ihr Leipzig verleidet, und sie zog mit ihrer Truppe in Deutschland herum. Im Jahre 1737 sehen wir sie nach Leipzig zurückgekehrt, und in dieses Jahr findet die obige, in der Geschichte des deutschen Theaters Epoche machende Vertreibung des Hanswurst statt. Die Fabel des Stücks war ziemlich sinnreich erfunden und könnte selbst heute noch einen ganz leidlichen Balletstoff abgeben. Der Titel war: »Der Sieg der Vernunft.« Hanswurst, nach einem Leben voll der gröbsten Versündigungen gegen die Gesetze des Anstandes, der edlen Sitte, des gebildeten Geschmacks, reizt durch eine pöbelhafte Aeußerung, die ihm in der Gesellschaft der Musen, zu der er geladen worden, entfährt, den Zorn Thalia's, die sich gegen den ungezogenen Gast mit der ganzen Macht ihrer beleidigten göttlichen Natur waffnet und ihm einen Kampf auf Leben und Tod anbietet. Hanswurst ist so unvorsichtig, diese Herausforderung anzunehmen. Er verläßt sich auf die Gelenkigkeit seiner Glieder, auf seine Gabe Sprünge zu machen und seinem Gegner unterm Arme zu entschlüpfen, und endlich verläßt er sich auch auf seinen Narrenkolben. Der Kampf beginnt, die übrigen Musen stellen sich im Kreise herum und Thalia, die von Minerva Helm und Spies geborgt hat, geht im antiken Sturmschritt auf ihren elenden, schon vor Feigheit zitternden Gegner los. Das Ende ist, daß Hanswurst unterliegt. Die Musen stimmen einen Festgesang an. Jetzt wird sein feierliches Begräbniß angeordnet. Es kommen phantastische, leidtragende Personen, der Teufel erscheint, der Nachtwächter, eine sonderbare Figur, die den Traum bedeutet, eine andere, die Frau Venus darstellt, dann eine Anzahl schlechter Poeten und Sänger. Wie Hanswurst übers Theater getragen wird, wendet er sich auf der Bühne um und zeigt, gleichsam um zu beweisen, daß er selbst im Tode seine alten, bösen Angewöhnungen nicht läßt, dem Publikum einen gewissen Theil des Körpers. Bei seinem Grabe erscheint der König David und spielt zur Harfe, während die Muse der Dichtkunst eine lange, schwülstige und triumphirende Rede hält. Zuletzt ruft der Chor: Hanswurst ist todt, Es gibt keinen Hanswurst mehr!

Man wird gestehen, daß in dieser Posse eben so viel wahrhaft komische Laune ist, als in den besten Moliéreschen Stücken dieser Art. Wenn es gewiß ausgemacht wäre, daß Madame Neuber die Verfasserin gewesen, so gebührte ihr, was Erfindung und Ausführung betrifft, ein großes Lob, und die Aufmerksamkeit, die ein Lessing ihr zuwendete, erscheint hiernach vollkommen erklärt. Leider ist ihre Autorschaft nicht zu ermitteln, sie machte es, wie alle Theaterunternehmer jener Zeit, sie ließ sich von Allen und Jedem helfen, und kam ihr nur irgend ein brauchbarer Einfall zugesendet, so fragte sie nicht lange nach dessen Ursprung, sondern eignete sich ihn für ihre Bühne an. Nach dem, was zuversichtlich ihr zugeschrieben wird, ist kaum anzunehmen, daß sie den »Tod Hanswursts« gedichtet habe; die Prologe, die von ihr in Hamburg gedruckt erschienen, sind schwache und armselige Produktionen. Es ist glaubhaft, daß unter den vielen jungen, feurigen Köpfen, die das damalige Leipzig beherbergte, sich ein witzsprudelndes Talent gefunden, welches, unbekümmert um den Ruhm bei der Nachwelt, jene für alle Zeiten, wo von deutscher Kunst und deutscher Bühne die Rede ist, denkwürdige Posse gedichtet hat. Wie dem aber auch sei, gewiß ist es, daß die Neuberin das Verdienst hatte, eine solche echte Schöpfung der komischen Muse auf ihr Theater zu bringen.

Ihr Ruf breitete sich immer weiter aus. Sie erhielt eine Aufforderung, nach Kurland zu kommen, wo 1740 der Herzog Biron, der Begünstigte der Kaiserin Anna, regierte. Sie ging, aber sie machte daselbst schlechte Geschäfte. In Petersburg traf sie ein, als gerade der Tod der Kaiserin das Reich und die Hauptstadt in Trauer und Aufregung versetzte und Niemand Lust hatte, die deutsche Thespiskarrenlenkerin zu protegiren. Sie kehrte nach Leipzig zurück, fand aber auch dort die Gemüther ihr abgewendet und das Land durch die dunklen Wolken beschattet, die der zweite schlesische Krieg über dasselbe hinjagte. Auch war sie so unglücklich, ihren Gönner Gottsched gegen sich aufzubringen, der Himmel weiß wodurch. Der berühmte Professor gab seine Tragödien einer anderen Schauspielergesellschaft und kränkte dadurch seine alte ehemalige Freundin aufs bitterste. Madame Neuber rächte sich, und die Rache, die ein beleidigter Schauspieler nimmt, der zugleich Bühnendichter ist, gehört unter die gefährlichsten Züchtigungsmittel, denen ein Autor ausgesetzt werden kann. Es wurden jetzt Gottschedsche Stücke aufgeführt, aber nicht um sie zu verherrlichen, sondern um sie lächerlich zu machen. Dieser Zweck scheint nicht schwierig zu erreichen gewesen zu sein; man brauchte in der That nur den ohnedies schon übertriebenen Ernst und den Schwulst der Tiraden noch mehr auf die Spitze zu stellen, so mußte nothwendig die komische Wirkung von selbst erscheinen. Die Neuberin ging noch weiter, sie brachte, und dies war allerdings eine große Kühnheit, den Professor selbst aufs Theater und ließ ihn unter der Maske eines Mannes im Sternenmantel mit Fledermausflügeln und einer Blendlaterne erscheinen. Auch diese burleske und wie es scheint sehr gut erfundene Farce hat die Frau wol nicht selbst hervorgebracht, auch bei dieser ist ihr geholfen worden, was um so denkbarer ist, da es hier darauf ankam, dem anmaßlichen und stolzen Kritiker, der überall in Deutschland Feinde hatte, einen derben Backenschlag zu versetzen, ohne daß der Schlagende erkannt und bestraft werden konnte. Der Neuberin selbst so viel literarischen Sinn und kritischen Takt zuzutrauen, um sie ein so gerechtes Strafurtheil fällen zu lassen, hieße wol sie zu hoch stellen. Eine so emporragende Persönlichkeit war sie nicht. Sie wußte nur das, was in ihre Nähe kam, geschickt zu benutzen und sich willig zum Organ der Zeitstimmungen herzugeben, darin liegt aber schon ein nicht geringes Verdienst, und dies müssen wir ihr in vollem Maße vindiciren.

Die thätige und rüstige Frau sah ihren Untergang voraus, ohne etwas zu ihrer Rettung thun zu können. Die Zeiten wurden so drohend und finster, daß mit allem Talent, sich zu schmiegen und zu fügen, doch die Verarmung und das Elend unvermeidlich, selbst für den betriebsamsten und geschicktesten Künstler in diesem Fache, wurden. Sie mußte ihre Schauspieler entlassen und zog von Dorf zu Dorf, deklamirend und singend. Zuletzt gelang es ihr noch, in Zerbst ein bescheidenes Glück zu finden, das aber auch schnell wieder schwand. In Dresden wurde sie von einem Menschenfreunde beherbergt und gegen Noth geschützt; bei der Belagerung 1760 mußte sie jedoch auch dieses Asyl verlassen und zog nach dem Dorfe Laubegast, wo sie in tiefem Elend in einer Bauernwohnung starb (1760). Der Bewohner dieser Hütte – dies ist charakteristisch für die damalige Zeit – weigerte sich anfangs, als er hörte, daß die arme, alte, kranke Frau, die zu ihm ziehen wollte, eine »Komödiantin« sei, sie aufzunehmen. Er fürchtete, seine enge Zelle werde entweiht, wenn ein Geschöpf, das vor Gott und Menschen so wenig Achtung und Ruhm habe, sie mit ihm theile. Aber die arme Alte bat so dringend, sie war so kläglich in ihren Lumpen anzusehen, daß der Bauer sie dennoch aufnahm, trotz seiner religiösen und sittlichen Skrupel. Sie blieb ihm nicht lange zur Last. Eines Morgens fand der gastfreie Wirth die Leiche seiner Hausgenossin in dem ärmlichen Dachkämmerlein, darin sie gewohnt. Die erste namhafte deutsche Schauspielerin wurde auf eine sehr wenig würdige Weise zur Erde bestattet. Der Bauer legte die Leiche auf einen Karren, schob sie in dunkler Nachtzeit zum Dorfe hinaus und brachte sie an die Kirchhofmauer, wo der Küster »ohne Klang und Sang« ein Grab grub und den todten Leib hineinsenkte. Dies war »das Grab der Komödiantin.« Als eine aus der Gesellschaft guter Christen Verstoßene, als eine durch ihren Beruf Geächtete durfte sie nicht im Schoß der geweihten Erde ruhen, sie mußte an der Mauer hingebettet werden, wo die Verbrecher und diejenigen, die Hand an sich selbst gelegt, ihre Ruhestätte fanden. So sank das Haupt in die Nacht, das einst in frivoler Lust geschwärmt, das Kronen getragen und mit der Glorie vergänglichen Ruhms sich umwunden sah. Viele Jahre später errichteten ihre Freunde ihr ein Denkmal in Laubegast, mit der Inschrift: »Dem verdienten Andenken einer Frau voll männlichen Geistes, der berühmtesten Schauspielerin ihrer Zeit, der Urheberin des guten Geschmacks auf der deutschen Bühne.«

Lessings Worte über sie lauten: »Man müßte sehr unbillig sein, wenn man dieser berühmten Schauspielerin eine vollkommene Kenntniß ihrer Kunst absprechen wollte. Sie hat männliche Ansichten; nur in einer Hinsicht verräth sie ihr Geschlecht: sie tändelt ungemein gern auf dem Theater. Alle Schauspiele von ihrer Erfindung sind voller Putz, voller Verkleidung, voller Festlichkeiten, wunderbar und schimmernd.«




1 Neuerdings sind die eigenhändig geschriebenen Memoiren dieser unglücklichen Prinzessin in England erschienen, und die monatlichen Ergänzungsblätter zur »Allgemeinen Zeitung« haben in ihrem Dezemberhefte vom Jahre 1845 einen Auszug aus denselben gegeben, auf den wir hiermit verweisen.

2 Vorsteher der Pensionsanstalt, in welcher ihre Tochter sich befand.

3 In seinem Roman »Ardinghello.«