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Karl Hans Strobl – Gespenster im Sumpf

Ein phantastischer Wiener Roman

Karl Hans Strobl, Gespenster im Sumpf, Ein phantastischer Wiener Roman, L. Staakmann, Verlag, Leipzig, 1920



Du
Kind dieser Stadt,
ihr durch Enttäuschungen entfremdet
und doch in Treue zugewendet,
Du meine Frau und Freundin,
nimm dies Buch
in Liebe
zu eigen.




»Vielleicht sind Sie und ich, wir alle hier und alle diese Begebnisse nichts als der Traum eines sterbenden Hirnes, letztes Lichtfünkchen der verlöschenden Vernunft eines Bewohners dieser Stadt, der halbnackt und von Strolchen beraubt auf der Straße liegt.«



1. Der verschwundene Überrock.

»Aber, hören Sie, das ist ja gar nicht mein Überrock,« sagte Mister Phöbus A. Gulliver im letzten Augenblick vor dem Hineinfahren in den rechten Ärmel.

Der Kellner Jeremias Zantelmeyer, aus Budweis gebürtig, seit fünfundzwanzig Jahren in Amerika und seit elf Jahren im Splendid-Hotel zu den Eingeweihten gehörig, dieser Jeremias Zantelmeyer hielt den verleugneten Überrock in den ausgebreiteten Armen zum Einschlupf.

»Nicht Ihr Überrock, Mister Gulliver?«

Ein wenig ließ er die Arme sinken, drehte sich die Innenseite zu. Abgeschabte Stellen umrandeten die Achsellöcher, der Samtkragen hatte an der Rundung des Halses kahle Flecken. Jeremias machte die Wendung nach außen, riß das beschuldigte Kleidungsstück grimmig hoch. Fahler Glanz an Taschen und Knopflöchern. Unzweifelhafte Schäbigkeit troff von Überresten einstigen Wohlstandes.

»Nun?«

»Ja, ich verstehe nicht, Mister Gulliver . . . Sie wissen doch selbst, Mister Gulliver, daß durch diese Türe außer mir niemand anderer gekommen ist.« Herr Zantelmeyer wies auf die roten Vorhangfalten, die verschwiegen vor der Türe zum Sektzimmer, Mister Gullivers ein für allemal ihm vorbehaltenen Sektzimmerchen, niedersanken.

Ein Lachen gurrte hinter Mister Gulliver. Miß Philoxena Harrison lachte, daß die große Tüllmasche vor ihrer Kehle zitterte. Sie hob den Blaufuchsmuff an den Mund, und lachte hinein. Ihre Augen glänzten vergnügt über das Fell, sie sah aus wie das Titelbild einer Modezeitschrift. Der Muff sank vom Mund: »Oh, es gibt also auch unsichtbare Rockmarder.«

Herrn Zantelmeyers bedauerndes Achselzucken wurde zu einem Krampf. Der fremde Überrock hing jetzt schlaff in seinen Armen, wie der Leichnam eines Gehenkten, den er eben vom Galgen abgenommen hatte. »Entschuldigen Sie, Mister Gulliver . . .«

»Ich brauche Ihre Entschuldigung nicht . .« eine große Geste wies ihn zurück, »erklären Sie mir lieber . .«

Das Achselzucken vereinigte sich mit einem Schüttelfrost. Böse stierte der Kellner auf den schäbigen Rockfremdling in seinen Händen. Er würgte ihn am Halskragen, als wäre es der Leichnam seines Todfeindes, den er da eben vom Galgen geholt hatte. »Ich allein . . .« stammelte er . . »es kommt doch niemand sonst herein . . . und wenn ich nicht gerufen bin, sitze ich draußen im Gang vor der Tür auf meinem Sessel.«

In dieser mit Gewissenhaftigkeit durchtränkten Seele ging Schreckliches vor. Eine leuchtende Inschrift, über alle Niederungen hinweggespannt: »Üb' immer Treu und Redlichkeit« wurde von satanischem Finger langsam, Buchstabe um Buchstabe ausgelöscht.

»Unerhört!« sagte Mister Phöbus A. Gulliver.

Wenn Mister Gulliver die Brauen runzelte, zitterte der Stahltrust, wenn er den Finger hob, bebten die Vereinigten Staaten von San Franzisko bis New York, wenn er die Hände gegen den Schreibtisch stemmte und sich im Stuhl zurückbog, horchten auch die anderen Erdteile auf, wenn er die Hand zur Faust ballte, verlor sogar Mac Kinley das Grinsen um seinen Karpfenmund.

Unerhört, hatte er gesagt. Das war eine Art Todesurteil.

»Mister Gulliver glauben doch nicht . . ?« Geronnener Käse war Zantelmeyers Gesicht.

Da war der Ärger schon wieder von Gutmütigkeit und dem Sinn für die dreisten Heiterkeiten des Lebens besänftigt. »Reden Sie keinen Unsinn, alter Junge . . ., habe ich Sie nicht eigens zu meiner Bedienung erbeten? Vor wieviel Jahren schon?«

Miß Harrison lachte gurrend: »Ich sage es ja, der Rockmarder muß unsichtbar gewesen sein.«

»Na, und nun helfen Sie mir in Teufels Namen in dieses unglückselige Futteral.«

In Zantelmeyers Seelenlandschaft flammte das fast schon erloschen gewesene Transparent nordlichtgleich über den höchsten Bergspitzen. Er riß den fremden Überrock hoch, breitete ihn aus, half dem eingleitenden Arm mit weich nachgiebigem Schwung. Mister Phöbus A. Gulliver machte ein verdrießliches Gesicht. Das fremde Kleidungsstück saß ihm knapp, engte die Brust, der Atem pumpte beängstigt. »Ich verstehe nicht, wie man fremde Kleider tragen kann. Der Dunst anderer Leiber steckt in dem Gewebe, zwischen den Maschen und Fasern des Stoffes wimmelt ein unsauberes Allerlei.«

Er dachte den Gedanken noch weiter, als er schon unten mit Miß Philoxena im Kraftwagen saß. »Darum hat der Schauspieler keine Seele. Er muß allabendlich das Gewand wechseln, immer wieder in Kleider hinein, in denen schon vor ihm drei Dutzend andere gewesen sind. Muß er da nicht sein eigenes Selbst verlieren?«

Miß Philoxena sagte verwundert aus ihrer dunkeln Ecke: »Seit wann zerbrichst du dir den Kopf über die Schauspieler? Die Rockmarder denken anders, die kümmern sich weniger um das, was im Gewebe, als was etwa in den Taschen steckt. Hat er mit deinem Rock etwas mitgehen lassen?«

Gulliver schüttelte den Kopf, aber seine Hände tappten jetzt suchend das fremde Kleidungsstück ab. Ein Rascheln gab irgendwo knisternde Antwort. Aus der Innentasche zog Gulliver ein mehrfach zusammengefaltetes Papier, er drehte die Glühbirne an, ihr Licht sprang auf ein Gewirr von Rot und Weiß, mit einem blauen Band hindurch. Es war ein Stadtplan und als ihn Gulliver auf dem Knie geglättet hatte, sah er, daß es ein Plan von Wien war. An seiner Schulter fühlte er die Hand Philoxenas, die, Wange an Wange mit ihm, zärtlich teilnehmend das unbekannte Stück Welt betrachtete, das sich hier dargestellt fand. Von unten kamen die leichten Stöße des Wagens und machten den Plan zittern. Das nächtliche New York war draußen, ein dunkler brodelnder Orgelton mit manchmal einem schrill kreischenden Schrei darüber.

»Ist so ein Stadtplan nicht wie ein Durchschnitt durch ein Stück rohes Fleisch? Die roten Häuserzeilen, die Klumpen der Häuserblöcke sind die Muskelfasern, zwischen denen die weißen Nervenfäden der Straßen eingebettet sind. Sie vereinigen sich da und dort zu Ganglienknoten, den Plätzen, und hier fließt ein Strom hindurch, eine blaue Ader, die venöses Blut führt.«

Was für eine seltsame Betrachtungsweise war das? Dem Mister Phöbus A. Gulliver, dem Philoxena nun schon seit dem Tod seiner Frau, also seit fünf Jahren, Freundin war, hatte eine Stadt bisher nur als eine Anhäufung menschlicher Wohnungen gegolten. Ihre Bedeutung bemaß sich nach der verbauten Fläche, der Einwohnerzahl, der Industrie, dem Verkehr. Eine Stadt war eine Absatzmöglichkeit, ein Platz, wo man Geld gewann oder verlor, wo man etwas ins Leben rief oder etwas bekämpfte. Dieser unbedingte Bekenner rechnerischer Tatsachen hatte nun auf einmal die Ziffern von sich abgeschüttelt und sprach in Bildern. Wo war da der Bezug auf das Geschäft? Vorgebeugt in sein Gesicht sehend, nahm Philoxena Gullivers Hut ab. Seine Stirne war kalt und feucht, Schweißperlen leuchteten, aus unsichtbaren Poren aufgequollen.

»Nimmst du noch den Tee bei mir?« fragte Philoxena, als der Kraftwagen hielt. Hohes Gitter sprang auf, Kies knirschte, Bäume schritten schnurgerade einem nicht allzu fernen weißen Geschimmer zu. Philoxenas Königreich von Mister Gullivers Gnaden.

Während sie auf dem Rollwägelchen die blaue Flamme unter kupfernem Schwebekessel wachrief, hatte Gulliver den Stadtplan von Wien über den Tisch gebreitet. Die Ellenbogen stemmten ihn fest. Zwischen den an die Schläfe gelegten Händen wanderte der Blick die Straßen entlang, rund um den Ring, die Donauufer hin bis zum Prater. Ein feines Summen schien aus der Karte aufzusteigen, sehr verdünntes Geräusch, Straßenleben hinter vielen geschlossenen Türen.

»Vor dreißig Jahren bin ich zum letztenmal in Wien gewesen,« sagte Gulliver. »Damals war es so, als sei der Himmel hier höher als anderswo in der Welt, das Leben war Musik, die Luft trank sich wie Wein. Jetzt ist die Stadt ein Leichnam. Eine Ruinenstätte, die von Tag zu Tag mehr zerfällt, ein wüster Trümmerhaufen, nur von ein paar Hundert Bettlern und Räubern bewohnt. Man liest schauerliche Dinge. Es ist, als sei über sie der Stab gebrochen wie über Babylon und Ninive.«

Philoxena schob das Rollwägelchen heran, neigte den Schwebekessel, füllte durchsichtige Tassen. »Da verliert man die Lust zu weiteren Besuchen,« lachte sie im Vollgefühl behaglicher Geborgenheit.

Gulliver hob den Kopf: »Aber – ich muß doch!« sagte er.

Philoxenas Tasse sank vom Mund. »Davon hast du noch kein Wort gesagt.«

Seine Augen glommen irgendwie fanatisch. »Hab' ich nichts davon gesagt?« verwunderte er sich kopfschüttelnd: »Warum hab' ich dir noch nichts gesagt? Aber das ist doch schon . . . längst . . . beschlossen.«

Von plötzlichen Reisen erst im letzten Augenblick zu erfahren, war Philoxena gewohnt. Oft brachte ihr erst Telephonanruf aus fremder Stadt Nachricht. Amerika war Gullivers engeres Schlachtfeld, wie ein General in entscheidender Minute vom Kartentisch aufspringt und im Kraftwagen an die Front rast, so warf sich Gulliver oft in die Gefahr. Aber zwischen diesem Teezimmer und Wien lag immerhin ein mächtiges Stück Welt.

Zur Standhaftigkeit erzogen, fragte sie nichts als: »Und was hast du in Wien zu tun?«

»Ja . . das!« seine Augen suchten nach innen. Da stieg etwas auf wie Trübnis einer Wolke – oder war es Spiegelung von außen – verstumpfte den Glanz: »Das ist Geschäftsgeheimnis . . .«

»Auch für mich?«

»Auch für dich.«

Sie war keine Dalila, ihrem Simson sein Geheimnis zu entlocken. Sie schenkte die zweite Tasse ein, fragte hausfraulich nach Gullivers Wünschen, als ob sie es nicht von der ersten Tasse her und all den Abenden vorher wüßte, und entließ ihn mit einem Kuß auf die Stirne. – Daheim traf Gulliver noch seine Tochter Selina wach. Ein Schwarm junger Mädchen war dagewesen, bis Mitternacht durch alle Räume Selinas flatternd, der Ausschuß eines Wohltätigkeitsfestes mit den buntesten Hoffnungen und Entwürfen. Selina saß an ihrem Schreibtisch und prüfte Listen. Sie wickelte Namen mit roten und blauen Haken ein. Beim Eintreten ihres Vaters wandte sie sich flüchtig um und sah, ein wenig unmutig, daß er ihr etwas zu sagen habe.

»Störe ich?« fragte er.

»Durchaus nicht!«

Noch war der Raum voll von dem Atem der jungen Damen, von ihren Scherzen, ihrem Gelächter, von den Ausrufen der Entzückung, mit der sie Fred Gregors Skizzen für das Fest betrachtet hatten. Von dem üblichen Wesen ihrer Alters- und Standesgenossinnen unterschied sich Selina in einigem. Sie machte keine der Ungezogenheiten des Reichtums mit, hatte nicht den Ehrgeiz, neue Moden anzugeben, sie sammelte nicht, weder Bilder noch Porzellan noch Uniformknöpfe der europäischen Armeen, sie fiel auch nicht durch übertriebene Geistigkeit auf. Ihre Räume waren weder im Stil des Biedermeier noch in dem des Rokoko eingerichtet. Sie hatten nur den Ausdruck nüchterner Sachlichkeit. Trotzdem wäre es unrichtig gewesen, daraus den Schluß auf ein dürftiges und kahles Gemüt ziehen zu wollen. Selina Gulliver war nur ein Mensch, der auf das Wesen der Dinge ging und keiner Aufmachung bedurfte. Sie hatte auch nicht den Ehrgeiz, eine Rolle in der Gesellschaft spielen zu wollen, und wenn sie nun an der Spitze des Festausschusses stand, so war es nicht darum, weil sie die Tochter ihres Vaters war und weil sie sich dazu gedrängt hatte, sondern weil sie vor allem ihrer eigenen ruhig gelassenen Überlegenheit willen dazu berufen worden war. Einer ihrer Bewunderer sagte von ihr, sie sei kein unbeschriebenes Blatt, sondern ein fertig gedrucktes Buch, dessen Leser aber erst im Beginn des zweiten Kapitels wären.

Mister Phöbus A. Gulliver saß seiner Tochter gegenüber; das glatte Kinn war in den hohen Kragen gezogen. Er hatte ihr soeben eröffnet, daß sie unverzüglich die Reise nach Europa antreten und vor allem die Ruinen von Wien besuchen würden.

Selinas graue Augen strahlten Klugheit: »Geschäfte?«

Mister Gulliver rieb das Kinn am Kragenrand. Hier konnte er sich auf keinerlei Geheimnis berufen. »Große Sache!« gab er zögernd zu.

Selina trommelte leicht auf den rot und blau gewinkelten Listen. Sie hatte Einwände. Der große Zirkus Pidge war gemietet worden, zwölf Musikkapellen probten die Musik zu den lebenden Bildern, die von dreitausend Personen dargestellt werden sollten. Die Mechaniker bauten die Maschinen für das Ballett »Die Feen des Westens« das sich in der Luft über den Köpfen der Zuschauer abspielen würde.

»Umso besser,« meinte Mister Gulliver, »wenn die Vorbereitungen schon so weit sind, brauchen sie dich nicht mehr so dringend. Ich weiß es bestimmt, Miß Longfellow nimmt dir die letzten Mühen und die vollen Ehren ab. Sie ist ohnehin vor Eifersucht fast am Zerspringen. Reizt es dich nicht, Wien zu sehen, diese sterbende Stadt? Eine Stadt, die in den letzten Atemzügen liegt? In einem Jahr, in einem halben Jahr wird es zu spät sein, da ist sie dann ganz tot. Dann werden die letzten Menschen umgekommen sein. Dann ist Wien eine ganz gewöhnliche Ruinenstadt, wie jede andere auch. Es ist eine einzig dastehende Gelegenheit.«

Miß Selina lächelte. Verwundert hatte sie den Vater angehört, wie ungewöhnlich seine Sätze daherkamen, als hätten sie einen ganz andern Motor in sich, nicht das bekannte, ein wenig eintönige Klappern. Mit den letzten Worten hatte er wieder ganz zu sich zurückgefunden, zum Stil des Geschäftsmannes, der dem Kunden die außerordentliche »Okkasion« eindringlich empfiehlt.

»Du fährst ja nicht nach Wien, bloß um zu sehen, wie eine Stadt stirbt?« Selinas Frage hatte ein blankes stählernes Blau.

Wieder stieg die unbekannte Verlegenheit in Gullivers Blick. Er hatte das Kinn aus dem Kragen gehoben, jetzt senkte er es wieder hinein und scheuerte es am Rand. Sein Mund wollte ein Wort bilden, er unterließ es, dafür hob er die Arme und beschrieb zwei Halbkugeln um einen tüchtigen Klumpen Luft, als wolle er zeigen, wie groß die Sache sei, die es dort für ihn zu tun gab.

Es gehörte zu Selinas Eigenschaften, einen Plan schmerzlos gegen einen anderen eintauschen zu können. Schon beunruhigte eine Vorahnung von Außergewöhnlichem, ein Geruch von Abenteuern ihr Blut. Sie sah die Trümmer von Palästen starr gegen einen fahlen Himmel, verwesende Herrlichkeit, die Romantik der Vernichtung.

»Wann fahren wir?« fragte sie.

»Ich denke, ein Tag genügt für die Vorbereitungen.«

»Ist unser Dampfer verständigt?«

Schläue klomm aus Gullivers Mundwinkeln her in die Falten um die Augen. »Unser Dampfer? Nein, den lassen wir ruhig vor seinem Anker. Damit Mister Mac Kinley hinter unsere Absichten kommt? Der schlaue Bursche, der seine Aufpasser überall hat und mir immer auf den Fersen ist? Es fällt mir nicht ein, ihm meinen Tip zu überlassen. Was denkst du, was geschieht, wenn er erfährt, daß wir Reiseordre gegeben haben? Und das erfährt er womöglich noch früher, als unsere eigenen Leute. Er läßt gleichfalls heizen und fährt hinter uns drein. Dann haben wir seinen Krötenbauch und sein Grinsen immer hinter uns und er ist imstande, mir im letzten Augenblick hineinzupfuschen. Nein . . . wenn wir ihn los sein wollen, müssen wir uns verleugnen.« Er zog ein Heftchen aus der Brusttasche und legte es auf Selinas rot und blau angehakte Liste. Unter einen riesigen Regenbogen, der über eine zylindrisch ausgewalzte Erdkarte gespannt war, fuhr ein siebenstöckiger Dampfer. Von seinem Deck wehte die amerikanische Flagge. Auf seinem Bug stand: »Von Pol zu Pol.« In den vier Ecken sah man die Pyramiden von Gizeh, eine Tigerjagd im Dschungel, ein chinesisches Teehaus und die Vulkane Erebus und Terror über der Steilküste des Südpolarkontinents. Es war die Einladung des Reisebureaus Struggle, das seinerzeit Cook umgebracht und aufgefressen hatte. Die Freiheit in eigener Person, verkörpert durch die Statue des New Yorker Hafens, stand wie eine Pförtnerin auf der ersten Innenseite und wies auf das Folgende hin. Das Folgende galt einer Europareise, verbunden mit einem Besuch des gefangenen Kaisers Wilhelm, der, neunzigjährig, auf Foula, der westlichsten der Shetland-Inseln saß, mit einem Empfang bei König Pollak III. von Jerusalem, mit einer großen Parade der Bolschewiken-Veteranen von 1919 im Hippodrom zu Petersburg. Wien stand nicht auf dem Programm, aber Mister Gulliver meinte, es werde keiner Schwierigkeit unterliegen, die Firma zu dieser Ausdehnung der Fahrt zu bewegen.

Miß Selina sah nach dem Datum des Reisebeginnes.

»Übermorgen!« sagte sie. »Und du meinst, wenn wir mit Struggle fahren, so wirst du Mac Kinley entgehen.«

»Er wird nicht auf den Gedanken kommen,« nickte Gulliver vergnügt.

»Da ist aber noch etwas,« sagte Miß Selina zögernd, indem sie das Heft zuklappte: »Fred Gregor hat mich doch zu malen begonnen, und das Bild soll noch in die Ausstellung . . .«

»Die Ausstellung wird auch ohne sein Bild eröffnet werden.«

»Er ist ein Künstler, weißt du. Und wenn man ihm so zuhört, so meint man, das Heil der Welt hänge davon ab, daß dieses Bild fertig wird.«

»Er soll es fertig machen, wenn du zurückkommst.«

»Damit wird er nicht zufrieden sein.«

»Wir schreiben unseren Abschiedsgruß und die Entschuldigung auf einen Scheck.« –

Nachdem Mister Gulliver seine Tochter verlassen hatte, ging er, das Hirn voll langsam flutender Gedanken, in seine Schlafräume. Ein warmes Bad umfing ihn, vom Marmorgrund grüßten Goldornamente, die von schaukelnden Wellen schwankend belebt wurden. Aus Ventilen sprühte sommerlicher Salzduft des Meeres über ihn hin. Die kleine Mulattin rieb ihm die Glieder mit einem Tuch aus der Wolle des seltenen Wilsonschafes von den Schneefeldern der Kordilleren. Tom Jenkins stand säulenhaft schweigend neben dem Bett und reichte seinem Herrn die elektrisch geladenen Gürtel, die Gullivers fünfzig Jahren die Geschmeidigkeit eines Jünglings gaben. Über die Beine zog er, bis zu den Knien, die Strümpfe aus Menschenhaut. Dann lag der Herr der halben Erde auf stählern federnden Decken und dachte: »Was wollte ich noch?« Sein Blick traf ein Papier auf dem Nachttisch, der war schwarzweiß aus Ebenholz und Elfenbein, wie Träume sind. Es war der Plan der sterbenden Stadt Wien. Er erinnerte sich nicht, ihn hingelegt zu haben, aber dann dachte er: Das war es wohl, was ich wollte und entfaltete ihn. Zwischen den roten Muskelfasern lagen die weißen Strähne und Knoten der Nerven, blau zog sich die Ader des Stromes hindurch. Ein nicht ganz reizvolles Bild, wenn man es dahin weiterdachte, daß die Oberhaut der Stadt von Dächern geschuppt war, warzig und höckerig von den Kuppeln der Kirchen und überragt von den Fleischzapfen der Türme; und daß unterirdisch die Verdauung vor sich ging, Kanäle, in denen sich der Brei des Unrats dahinwälzte, der stinkende Abfall einer Stadt.

Der Stadtplan hüpfte in Gullivers Fingern von leichten Stößen, als werde er vom Rhythmus des Kraftwagens erschüttert, wie vorhin auf der Fahrt. Oder war dies das An- und Abschwellen des Blutes, war es der Puls fremden Lebens, ein matter, hinsterbender Puls, an dem seine Finger lagen?

Rot waren die Finger, die den Plan hielten, wie von Blut übergossen, feuchte Klebrigkeit haftete am Papier. Wie Drahtfedern schnellten die weißen Straßenbänder aus dem Muskelgebündel, lebendige Wurmfäden von Nerven, die sich um Gullivers Gelenke wanden. Wässrig zerflossen die Ganglienknoten der Plätze, tropften schwer auf den Teppich, durch die blaue Ader des Flusses ging taktmäßiges Krampfen und Dehnen.

Zermorschte Lider hob Gulliver, richtete einen mühevollen Blick gegen die Zimmermitte. Ein Paar fremder, körperloser Augen sahen ihn von dorther fragend und traurig an, es hing ein Gewucher unsäglicher Verzweiflung unter der Ampel des Schlafraumes, ein Geriesel von Winseln troff über die Lefzen einer tragisch erstarrten Maske. Plötzlich brach ein greller Schrei über Gulliver herein. Ein einziger langer, dünner, schriller Wurf mit Widerhaken. Gulliver verwunderte sich: wer schrie so in seinem Haus? Es war schon wieder still, der dünne Spieß in der Wunde abgebrochen, ein gärender Schmerz zurückgeblieben.

Lange dehnte sich diese Stille hin, auf deren Grund leise ein dumpf gärendes Brodeln kochte. Immer länger wurde die Stille, deren Ausdehnungsvermögen physikalisch genommen, doch bereits längst überschritten war.

Dann stand Gulliver auf einem weiten, öden Platz von beängstigender Fremdheit und wartete. Die Häuser, die den Platz umstanden, ins Auge zu fassen, war unmöglich. Vor dem scharf auf sie gerichteten Blick wichen sie sogleich zurück und verschwammen, wie wenn in einem Opernglas die richtige Sehschärfe nicht gefunden werden kann. Man mußte sie überlisten und so tun, als sehe man gar nicht hin. Mit vielen Menschen zusammen wartete Gulliver, fremden, verdrossenen, schweigsamen Menschen. Man wartete auf dem öden Platz, der von so ausnehmend tückischen Häusern umstanden war, auf einen Wagen der Straßenbahn.

»Wann kommt sie?« fragte Gulliver.

Niemand gab Antwort. Alle stierten stumpf und bösartig vor sich hin. Plötzlich mußte Gulliver lächeln, er wußte jetzt, daß das dumpfe Brodeln aus dem Grund des vorhergegangenen Schweigens die Elektrische war. Da sah er sie aus der Ferne kommen, einen großen, plumpen Kasten, der zusehends über die Köpfe der Menge emporwuchs. Aber während das Auge sein Näherkommen bestätigte, leugnete es das Ohr, denn das Brummen des Motors verstärkte sich nicht im gleichen Maß, sondern nahm ab, als entferne sich der Wagen. Während er in die wartende Menge eindrang, verlor sich sein Geräusch gleichzeitig in ein leises Summen. Schließlich blieb er doch unmittelbar vor Gulliver stehen, ein seltsames Gebäude, anders als sonst die Wagen der Straßenbahn sind, viel mehr hoch als breit und schwarz wie ein Sarg.

Gulliver stieg ein und fuhr. Vorstadtgassen zerbröckelten in einzelne baufällige Hütten, lehmige Felder krochen dem Schienenstrang zu, die Gegend wurde immer wüster und trostloser. »Wohin fahren wir?« fragte Gulliver.

Niemand gab Antwort. Gegen ein fahles Licht lief der Schienenstrang, sich aufbäumend, als sei dort eine Steile zu überwinden. Der Rand der Welt!, schluchzte es in den stier hingelagerten Feldern, in denen grün schillernde Tümpelaugen glotzten. Immer enger drängten die Tümpel zusammen, flossen ineinander, ein Sumpf zu beiden Seiten, nur von den endlosen Schienen durchschnitten. Seine Haut aus verwesten Dingen spannte sich unter der Last des schwarzen Wagens, wölbte sich rechts und links auf, zitterte wie erstarrender Schleim unter den Stößen der Fahrt. Man sah vorne in dem fahlen Licht am Himmelsrand eine Menge von Menschen, händeringend, zusammengekrampft, wehklagend, mit allen Gebärden fürchterlichsten Jammers. Fackeln fleckten rot Rücken, emporgeworfene Hände und Gesichter.

»Was ist geschehen?« fragte Gulliver.

Niemand gab Antwort. Immer mühsamer fuhr die Elektrische, kämpfte sich durch tiefen Schlamm. Ihre Schwere hatte den Schienenstrang in den Sumpf gedrückt, von beiden Seiten war die grünschillernde Gallertmasse vorgedrungen und hatte sich vor ihnen vereinigt. Eine ununterbrochene graugrüne Glasur hatte die Erde überzogen. Pfauchend und leise summend, vor Anstrengung zitternd, blieb der Wagen stecken, unfern der Gruppe der jammernden Menschen vor dem fahlen Himmel. Alles aussteigen, hieß es.

»Was ist geschehen?« fragte Gulliver.

»Sie werden seine Leiche gefunden haben,« antwortete einer neben Gulliver und wandte ihm ein Gesicht ohne Augen und Mund zu. Gulliver sah, wie die Leute, die ausgestiegen waren, dem fahlen Himmelsbrand zugingen und, wenn sie die weinenden und händeringenden Menschen erreicht hatten, selbst zu weinen und wehklagen begannen.

Jemand sagte: »Alles muß jetzt helfen!« und dann gingen auch sie dem fahlen Himmel zu und Gulliver mit ihnen. Da standen alle die Menschen vorne an einem steilen Felsabsturz und sahen in einen tiefen Abgrund hinab. Am Fuß der Felswand, am Ufer eines endlos wie ein Meer hingedehnten Sumpfes, lag ein Leichnam, greulich gedunsen mit zerschmettertem Kopf.

Jemand sagte wieder: »Alles muß jetzt helfen, ihn heraufzuziehen.« Niemand antwortete, unter diesem Himmel voll Unglück und auf dieser von Jammer erfüllten Erde waren die Menschen gegen einander von wortkarger Fremdheit und drohender Verschlossenheit. Niemand wußte, was zu tun sei. Sie konnten nur, jeder für sich, weinen, wehklagen und die Hände ringen.



2. Eine Begegnung auf See.

Was Fred Gregor anlangt, so war ihm die Mitteilung Selinas eine äußerst peinliche Überraschung. Weit gediehene, vor dem Letzten stehende Arbeit verlassen zu sollen, zerknirschte seine Seele mit Wut. Er zerbrach drei Pinsel und schleuderte sie gegen die Glaswand. Er zog sein Taschenmesser und zückte es gegen die Leinwand, als wollte er sie kreuzweis bilderstürmerisch zerstören oder zumindest aus dem Rahmen schneiden.

»Mäßigen Sie sich,« sagte Selina tadelnd, indem sie die gefahrdrohende Faust auffing.

Das Atelier, in dem Selina mit dem Maler saß, befand sich im siebzehnten Stockwerk des Glasturmes, der von Gullivers Palast aus in die Wolken stocherte. Es war die denkbar wünschenswerteste Werkstatt für einen Künstler. Denn alle atmosphärischen Kräfte verkehrten hier frei als Gäste. Man hatte die auserlesensten Sonnenauf- und -untergänge vor Augen, man bekam die fabelhaftesten Wolkenbildungen aus erster Hand, man war, wenn es regnete, in einen Mantel nasser Trostlosigkeit eingehüllt. Man hing solchermaßen jederzeit mitten in den Stimmungen der Luft und des Wetters, auf brüderlichem Fuß mit dem Licht und der Dunkelheit. Mit den himmlischen Naturereignissen wetteiferten die blinkenden Spiegelungen des Glases, die Rückblitze aus seinen Flächen, die Regenbogen, die aus seinen geschliffenen Kanten aufstiegen. Man war aber auch der Willkür des Lichtes nicht wehrlos preisgegeben; denn auf elektrischem Antrieb tätige Rolladen milderten allzu Grelles, lenkten aufdringliche Strahlen zur Seite oder schlossen sie gänzlich aus. Man konnte nach Belieben über gläsernen Boden schreiten, der dem Blick gestattete, durch sechzehn Stockwerke in einen Abgrund von Glas zu sinken. Es war wie ein Blick ins Meer, in dem man undeutliche Bewegung seltsamer Tiefenbewohner wahrnahm. Man konnte aber auch durch einen Druck auf einen der vielfarbigen Hebel einen undurchsichtigen Boden vorschieben, dessen Farbe zu den Tönen der Wolken und des Himmels paßte.

Trotz der Durchsichtigkeit dieser Behausung war auch ohne Rolladen keine unberufene Neugier zu fürchten. Dem siebzehnten Stockwerk des Gulliverschen Glasturmes war weit und breit keine Nachbarschaft gegeben. Nur vorwitzige Flugzeuge kamen manchmal herangeflattert und schatteten mit weitgespannten Flügeln vor dem freien Himmel.

Fred Gregor hatte auch das Messer weggeworfen und den Kopf in die Hände gestützt.

»Sie benehmen sich wie ein unartiges Kind,« sagte Selina. Er schleuderte Vorwürfe aus sich. Sie sei auch nicht anders wie die anderen, habe ebensowenig ein Herz für die Kunst. Sonst müßte sie verstehen, wie viel daran gelegen sei, ein solches Werk in einem Zug zu vollenden. Und jetzt, eben vor dem Abschluß, entziehe sie sich ihm.

»Vollenden Sie mich aus dem Gedächtnis,« riet Selina.

»Ich brauche Sie, ich brauche Sie,« schäumte Fred Gregor, »aus dem Gedächtnis wird nichts als eine zahme, armselige Ähnlichkeit. Ich muß das Modell vor mir haben, um zu wissen, wie ich es überwinden soll. Meine Kunst ist dramatisch, ich brauche den Kampf zwischen Ihnen und mir. Ich kann keinen süßen Kitsch nach der Natur malen. Ich bin ein Explosionsmotor.«

Er stieß die Hand wuchtig nach der Staffelei. Auf dem Bild, das dort stand, sah Selinas gefällige Naturgegebenheit in der Tat heftig überwunden aus. Inmitten einer Brandung geometrischer Formen, von Dreiecken, Prismen, Pyramiden, Kegelstumpfen, Würfeln stand sie: ein menschgewordenes Kristall. Langsam, wie Luftperlen in einem Glas aufsteigen, trieben zu ihren Füßen Häuser empor, Bruchstücke des Straßenlebens, Kraftwagen, Reiter, Menschenhälften. Über ihrem Kopf ging die geometrische Umgebung in einen Wirbel über, in dem eine unendliche Menge von Augen schwamm. Zwischen Himmel und Erde stand Selina, auf ihre Seele zurückgeführt, eine kristallinische Seele von gänzlich unirdischer Rechtwinkeligkeit und einer den Sphären entnommenen Farbenharmonie.

»Die Unerlöste!« sagte Fred Gregor zähneknirschend.

»Ich habe Sie verzogen und nun werden Sie anmaßend. Warten Sie doch ruhig bis ich zurückkomme. Nehmen Sie dann den Kampf mit mir wieder auf.«

Die gerungenen Hände stieß er zwischen seinen Knien gegen den Boden: »Wie Sie sprechen! Wie ein Akademieprofessor. Weiß ich denn, wie Sie wiederkommen? Weiß ich, was Ihnen in Europa begegnet, was, Ihr altes Ich zersetzend, auf Sie wirken wird? Weiß ich, wie sich inzwischen das meine wandelt? Und was sich bei dem neuen Zusammenprall zwischen Ihnen und mir an seelischen Ereignissen zutragen wird, die dieses hier gänzlich umwälzen? Es handelt sich um nichts weniger, als von neuem zu beginnen.«

Derb blendete Sonne unter veilchenfarbener Wolke her von links. Selina drückte mit spitzem Finger einen Taster, mit einem kurzen melodischen Tone sank links eine apfelgrüne Wand vor das Glas. Noch ruhte der Finger am Taster, Fred Gregor riß die Linie ihrer Haltung in sich und suchte ihre kürzeste geometrische Formel. »Wissen Sie, Fred Gregor,« sagte Selina, »am besten wäre es wohl, Sie kämen einfach mit nach Europa.«

Aber da er aus der Tiefe der Schatten sein heiß werdendes Gesicht hob, blitzte sie eisig darüber hin: »Ich meine es zum Vorteil der Kunst, da Sie nun schon einmal glauben, auf dem Weg zur Unsterblichkeit zu sein. Sie sollen Gelegenheit haben, in der Überwindung des Modells fortzufahren. Ich habe nichts dagegen, den inneren Kampf mit Ihnen fortzusetzen. Außerdem sehen Sie Wien . . . das ist auch etwas.«

»Romantischer Kitsch!« knurrte Fred Gregor verächtlich.

»Sie sind also einverstanden?« lächelte Selina mit ein ganz klein wenig sieghafter Überlegenheit.

Ehe Gregor noch antworten konnte, klinkte eine Türe und Mister Gulliver trat ein, rosig, heiter, in einer Säule von Sonnengold, Himmelsbläue auf beiden Schultern. Der Scheck! Der Scheck! fiel es Selina wie eine Lawine von Schrecken über das Herz. Verschüttet war ihre Geistesgegenwart, ihre Besonnenheit vergletschert. Gelähmt stand sie vor dem Unabwendbaren. Nun würde der Vater auf seine Weise die Angelegenheit beizulegen suchen, mit dem Scheckheft, das sie braun und länglich in seiner Hand sah; und dann würde Fred Gregor, der Explosionsmotor, unfehlbar zerspringen.

Das Scheckheft schwenkend, trat Gulliver auf den hartnäckigen Maler zu.

»Ich denke, es ist am besten so,« sagte er.

Nun hatte sich Selina bereits so weit gefaßt, daß sie die Hand aus der Starrnis zu lösen vermochte. Indem sie hinter Fred trat, versuchte sie durch heftiges Winken die Aufmerksamkeit ihres Vaters an sich zu reißen. Aber Gulliver schwenkte das Scheckheft unanständig nahe vor Fred Gregors Nase und wiederholte: »Ich denke, es ist am besten so.«

»Sie meinen?« Unsicher wankte Freds Frage auf dünnen Beinchen.

»Kalkuliere, es ist am besten, wenn Sie mitfahren.«

Da schnellte das verschüttete Herz Selinas mit jähem Ruck empor. »Du hast gehört . . .?«

»Konnte mir's denken. Habe nichts dagegen, wenn Mister Gregor mitkommt. Stoff zu großem Kolossalgemälde: ›Mister Gulliver auf den Ruinen von Wien.‹ Oder malerische Elegie: ›Miß Selina Gulliver im Schloßpark von Schönbrunn‹ . . . wissen Sie so, daß man die Vergänglichkeit alles Irdischen spürt . . . Schicksal, die historische Notwendigkeit! Oder wenigstens kleine Skizzen aus den Straßen. Verfallende Paläste . . .«

Fred Gregor kämpfte: »Wäre es da nicht besser, wenn Sie einen Photographen mitnähmen?«

Dünner Rauch erfüllte den Himmel über dem Glasturm. Wo die Sonne stand, sah es aus, als glimme das feurige Ende einer ungeheueren Zigarre hinter durchsichtigem Papier. Kopfschüttelnd meinte Gulliver: »Sie wollen doch vor allem das Modell überwinden? Oder nicht? Ich habe nichts dagegen. Man soll mir nicht nachsagen, ich habe die Kunst um ein Meisterwerk gebracht. Es handelt sich bloß darum, ob Sie fertig werden. Morgen fahren wir.«

»Oh, was das anbelangt,« sagte Fred Gregor eifrig. Er bückte sich, schloß über der Farbenwirrnis des Malkastens den Deckel, wandte den ganzen Kasten um und öffnete ihn wieder. Da sah man, daß es gar kein Malkasten war, sondern eigentlich ein kleiner Reisekoffer, in dessen flacher Tiefe Wäsche aufgestapelt war. »Sie sehen,« sagte der Maler stolz lächelnd: »allzeit bereit! Ein Dutzend Hemden, zwei Dutzend Taschentücher . . . und so weiter.«

»Nehmen Sie noch ein Dutzend Taschentücher mehr,« meinte Gulliver besorgt, »wenn Sie etwa den Schnupfen kriegen . . .«

Selina war über den Koffer gebeugt, staunte in seinen weißbeladenen Raum: »Sie überraschen mich!«

»Ich bin ein Explosionsmotor,« verbeugte sich Fred Gregor.

Nun war die Gefahr abgewendet. »Dann brauchen wir doch auch das Scheckheft nicht mehr,« wandte sich Selina an ihren Vater.

»Scheckheft?« verwunderte sich Mister Gulliver, indem er mit dem schmalen braunen Büchlein in die Hand klatschte: »Das ist doch das Fahrscheinheft für uns drei,« und er ließ die Blätter wie ein Kartenspiel durch seine Finger knattern.

Es gab also weiter keine Hindernisse mehr und am nächsten Morgen schritt Mister Gulliver mit seiner Tochter über die Laufbrücke an Bord des Dampfers »Liberty,« der Struggles Passagiere nach Europa bringen sollte. Er war so vorsichtig gewesen, das Gepäck schon tags vorher in einem gemieteten Kraftwagen zum Schiff zu senden und heute selbst auch nicht sein eigenes Gefährt zu benutzen. Menschen überwimmelten den Dampfer. Aus ihnen stach hochgereckt Fred Gregors Arm und gab frohlockende Signale. »Er wird uns noch die allgemeine Neugierde auf den Leib ziehen,« brummte Gulliver. Es waren aber rundum lauter unbekannte und gleichgültige Gesichter und zudem war jeder so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß Mister Gulliver im frohen Gefühl hindurchschritt, unbeachtet zu bleiben.

Der erste bekannte Mensch, den Mister Gulliver traf, unten in der Kajütte vor einer Flasche Portwein mit zwei Gläsern, war Mister Mac Kinley.

»Halloh, Mister Gulliver, da sind Sie ja,« sagte der Dicke, indem er das zweite Glas vollschenkte. »Setzen Sie sich. Ist ein verdammt anständiger Wein da. Neunzehnhundertsiebzehner! Sie wissen doch, die Jahre, in denen es viel Blut gegeben hat, waren immer die besten für den Wein.« Er schnaufte und stieß aus breiten Nüstern zwei mächtige Luftsäulen von sich.

»Auch nach Europa?« fragte Gulliver, von Wut geschüttelt, die Finger von einem Greifkrampf nach Mac Kinleys Hals verbogen.

»Gleiche Reise!« grinste Mac Kinley gemütlich. »Die Ruinen von Wien! Prima Reiseziel! Bin Ihnen dankbar für die Idee. Na . . . trinken Sie nur. Sie verstehen doch was von Portwein. Läßt sich nichts dagegen sagen.«

Mister Gulliver schmeckte das erste Glas wie des Lebens Bitternis mit Alaun gemischt. Das zweite Glas schwemmte seinen Inhalt schon weit annehmlicher gegen den Gaumen. Das dritte trank sich wie brauner Samt. Dieser Mac Kinley, dieser widerwärtige Patron, dieser Ausschnüffler und Ideenräuber, war, was Portwein anlangte, durchaus erste Nummer. Über den Köpfen der beiden Männer dröhnte Getöse der Abfahrt. Kisten stürzten donnernd auf die Planken, dicke Seilschlangen schabten sich davon, indem sie ihren Windungen entglitten, Füße trampelten vielfältigen Chorus dazu.

Als der Obersteward die zweite Flasche entkorkte, kam der Kapitän in den Speisesaal, lieh seinem Blick den Glanz ehrfurchtsvollen Erkennens und grüßte sich bescheiden an den Tisch hinan. »Mister Gulliver, wir möchten losgehen. Wir warten nur auf Sie. Da ist dieser Doktor Beatty . . .«

»Mein Arzt?« fragte Gulliver schulterüber.

»Ihr Arzt . . . Er sucht Sie. Er meint, er lasse Sie so ohne weiteres nicht abfahren . . .«

Da kollerte auch schon der dicke Doktor die Kajütentreppe herab und ruderte heftig in dem Speisesaal. »Hören Sie, Mister Gulliver, Sie machen mir schöne Geschichten. Wollen mir da ohne Umstände davonfahren, nach Europa, nach Wien . . .«

»Warum soll ich nicht fahren?« fragte Gulliver beklommen, mit einem Anhauch von Gewissensbissen; denn wenn er einem gegenüber nicht völlig Herr aller erdenklichen Lagen war, so war es dieser Doktor Beatty, dieser einäugige Erfinder des elektrischen Gesundheitsgürtels Fluidor, des Lebenselixiers Panidol und der Strümpfe aus Menschenhaut. Dieser Doktor Beatty legte seine rundliche Hand, an der die Fingerchen wie kurz abgebundene Bratwürstchen saßen, zwischen die beiden Gläser Portwein und zwinkerte mit seinem einen Auge nahe in Gullivers Gesicht. »Weil – Wien – eine – Lebensgefahr – ist,« maß er die Worte mit einem Pendelschlag von fabelhafter Bedeutsamkeit.

Ein wenig bog sich Gulliver im Stuhl zurück. Seine Schultern strammten sich.

»Eine Lebensgefahr,« wuchtete der dicke Doktor nach. »Haben Sie den morbus Viennensis völlig vergessen?«

Mac Kinley saß dabei mit wandernden Augen und einem Versuch, sein Karpfenmaul zu einem Pfeifen zu spitzen.

»Jawohl, der morbus Viennensis, mein Lieber! Der morbus Viennensis oder die Tuberkulose, verstanden. Das war . . . seinerzeit, vor Jahrzehnten . . . eine harmlose Krankheit, verglichen mit ihrer heutigen Form. Nichts weiter als eine kleine Großstadtunbequemlichkeit. Da ist ein solches Viehzeug, die Tuberkelbazillen, das wirbelt im Straßenstaub herum, hockt an den Wänden feuchter Wohnungen, treibt auf den Strömungen der Luft. Und so kommt es gelegentlich auch einmal in eine schöne, weiche, warme Lunge. Da ist es ihm dann zu Mut, wie der Motte im Pelz. Es frißt und vermehrt sich und frißt vermehrterweise weiter. Aber alles ganz gemütlich, wie gesagt. Das konnte jahrelang so dauern, ehe der Herr Wirt an seinen Gästen einging. Manchmal kam auch die ganze Geschichte zum Stillstand. Der Schaden konnte ausheilen, es gab eine Menge Leute, die mit einer halben Lunge herumliefen und Gott dankten, daß sie so viel hätten. Aber das ist jetzt anders geworden. Wie dann Wien anfing unterzugehen und der Hunger kam und die Kälte, und die Menschen nicht mehr die Widerstandskraft hatten, da ereignete sich etwas Wunderschönes. Ein prachtvolles Beispiel des Werdens einer Seuche, wie wir es sonst noch nicht beobachtet haben. Die harmlose Tuberkulose hat sich prächtig herausgemacht. Einzigartig. Fabelhaft! Ist eine ganz famose Seuche geworden. Erstklassig wie die Pest, der beste Ersatz für die Cholera, die ja leider ausgestorben ist. Von blitzartigem Verlauf und unbedingt letalem Ausgang. Wenn Sie den morbus Viennensis erst einmal haben, so gebe ich Ihnen keine vierundzwanzig Stunden mehr. Sie husten Ihre Lunge in ganzen Stücken aus, Sie erbrechen sie, wie andere einen überfüllten Magen, Sie lösen sich sozusagen binnen vierundzwanzig Stunden in einen grünen Schlamm auf . . .«

»Eine verdammt freundliche Krankheit,« sagte Mister Mac Kinley.

»Ja!« atmete Doktor Beatty hochbefriedigt, als hätte er selbst die Krankheit erfunden. »Und man darf sich nicht wundern, wenn die Regierung den Besuch Wiens verbietet und alle, die dort waren, für ein Jahr unter strenge Beobachtung stellt. Denn die Seuche hat die Liebenswürdigkeit, ihre Keime ein Jahr lang lebensfähig zu lassen. Die Regierung würde auch mit Ihnen keine Ausnahme machen, Mister Gulliver.«

In Mister Gullivers Augen kam der Widerschein heftiger Denkarbeit.

»Ich muß aber nach Wien,« sagte er.

»Es wäre unmöglich, wenn nicht –« Mit der Spannung seiner Hörerschaft konnte Doktor Beatty zufrieden sein, sie waren erstarrt, als wäre ihnen sein Gedankenstrich lähmend durch das Rückenmark gespießt. Doktor Beatty wölbte die Brust, sein kleiner kugelrunder, kahler Schädel leuchtete. ». . . wenn ich nicht mein unfehlbar wirkendes, einzig dastehendes, unübertreffliches, unnachahmliches Philanthropin erfunden hätte. Es ist die größte medizinische Tat seit Erfindung der Herznaht. Philanthropin, weil von reinster Menschenliebe eingegeben, und patentiert in allen Staaten. Nachahmung wird gerichtlich verfolgt. Nur echt mit dem Salamander im Feuerkreis und dem Namenszug des Doktor Beatty. Vor dem Gebrauch tüchtig schütteln. Die Regierung gestattet den Besuch Wiens nur bei vorheriger Impfung mit Doktor Beattys Philanthropin. Nur Doktor Beattys Philanthropin bietet vollkommen sicheren Schutz gegen die Ansteckungsgefahr durch morbus Viennensis. Übernehme jede Garantie für dreijährige Haltbarkeit. An der Grenze müssen Sie sich mit dem Impfzeugnis ausweisen.« Er rieb sich die Hände und ein Zwinkern tanzte um sein gesundes Auge, während die Höhle des toten eingefallen und wie ein kleiner Winkel für Kehricht und Verwesung in seinem Gesicht lag.

»So, meine Herren! Und nun fahren Sie nach Wien ohne Doktor Beattys Philanthropin!«

»Famoser alter Kerl!« brummte Mac Kinley, »da werden wir wohl die Impfung über uns ergehen lassen müssen.«

»Jawohl,« sagte Mister Gulliver, indem er beide Hände auf die Lehnen seines Stuhles niederschlug und sich mit einem Ruck erhob, »der Kapitän wartet ja nur darauf. Ich begreife nicht, wo Sie so lange geblieben sind.«

Doktor Beatty wölbte die Brust und man sah dabei, daß er das hatte, was man eine Hühnerbrust nennt, nämlich ein etwas scharfkantig vordringendes Brustbein. »Die Praxis, meine Herren!« entschuldigte er sich mit bescheidenem Stolz. »Die Praxis! Ich will Ihnen etwas sagen, meine Herren.« Er näherte sich Mister Gulliver, schob die Hand mit dem Rücken seitlich an den Mund und flüsterte an den kurz abgebundenen Bratwürstchen hin: »Meine Praxis ist – unendlich.« Er lächelte: »Ja!« Er beschrieb mit der Hand das Zeichen für unendlich in der Luft, die liegende Acht. »Aber, ich bitte, meine Herren . . . ich rechne auf Ihre Verschwiegenheit. Wegen der Steuerbehörde, nicht wahr.«

Ein dicker wolliger Negerschädel quoll zum Türspalt herein: »Fertig?« rief Doktor Beatty, und als der Schädel nickte: »Kommen Sie, meine Herren.«

In einem Nebenraum war schon alles bereit. Rosenfarbene Sublimatlösung schaukelte in einem Waschbecken. Feine stahlblaue Instrumente blitzten, eine kleine Glasspritze bog eine haardünne feine Spitze. In der Ecke stand der Neger und schüttelte aus Leibeskräften eine große Flasche Philanthropin. Miß Selina Gulliver und Fred Gregor waren schon da und Fred meinte, man könnte losen, weil es doch nicht eben angenehm sei, anzufangen, wo man doch nicht wisse, was einen bevorstehe.

»Was Ihnen bevorsteht?« lachte der kleine Doktor, der zwischen seinen Instrumenten herumsprang. »Ein winziger Stich ins Fleisch, ein kleiner flüchtiger, kaum wahrnehmbarer Schmerz, dem sogleich das wunderbarste Wohlgefühl folgt, wenn sich das Philanthropin im Blute verbreitet.«

Schon wich ein grünseidener Ärmel von pfirsichfarbener Haut zurück. Ein schlanker Arm streckte sich opferbereit. »Ich fange an,« sagte Miß Selina ruhigen Gesichts.

»Sehen Sie! Sehen Sie!« gluckste der Doktor. »Der Held dieser Zeit ist die Frau.« Er hatte den Arm ergriffen, tauchte einen Wattebausch in das Sublimat und rieb halben Weges zwischen Handgelenk und Ellenbogen die süß geschwungene Muskelschwellung. »Nur einen Augenblick . . . gleich sind wir fertig.« Er senkte die Glasspritze in den dunkeln Flaschenhals, dem weichenden Kolben drang eine veilchenfarbene Flüssigkeit nach. Dann sprang er schon auf den Arm zu, den Selina steif vor sich in die Luft hielt. Die Spitze bohrte sich in die pfirsichfarbene Haut, Druck des Kolbens zwang das veilchenfarbene Gefunkel in die Blutbahn. Unveränderten Gesichts stand Selina. Doktor Beatty richtete sein eines Auge gegen Himmel, während die leere Höhle des anderen in dunkelm Schatten lag. Seine Stimme war mit klebriger Feierlichkeit getränkt: »Dein Hals ist wie ein elfenbeinerner Turm. Deine Augen sind wie die Teiche zu Hesbon am Tor Bathrab-bims. Deine Nase ist wie der Turm auf dem Libanon, der gegen Damaskus siehet.«

Die Spitze fuhr zurück. Ein Pflaster verklebte den nadelfeinen Stich. »Na?« fragte er.

»Gar nichts,« sagte Selina, indem sie den grünseidenen Ärmel herabstreifte.

Fred Gregors Tapferkeit war entbrannt. Den Rock riß er im Schwung von den Schultern, reckte einen braunen Arm. »Jetzt ich!«

»Nur kein Gedränge,« kollerte Doktor Beatty vergnügt, »einer nach dem andern. Es kommen alle daran.«

Er schwang schon die wieder gefüllte Spitze, bohrte die Nadel ein, drückte den Kolben nieder und sprach feierlich: »Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.«

»Kriegen wir jeder einen Spruch?« fragte Mister Gulliver.

»Ei freilich, freilich: das muß sein, das ergänzt die Wirkung nach der moralischen Seite,« antwortete der Doktor. »Schüttele!« schrie er den Gehilfen an, dem die Flasche in den schwarzen Pfoten gesunken war.

»Hören Sie,« flüsterte Gulliver an Beattys Schulter, während die Spritze neuen Inhalt aus dem Flaschenhals sog, »haben Sie nicht irgend ein kleines Giftchen für diesen Mac Kinley. Wenigstens ein Schlafmittel für drei Monate oder so was ähnliches.«

Das eine Auge des kleinen Doktor schielte an Gulliver hinan: »Lassen Sie nur. Der gehört dazu . . .«

Dann stach er in Mister Gullivers Arm und troff salbungsvoll darüber hin: »Und ich will euch ein neu Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischern Herz geben.«

»Sehr schön,« sagte Mac Kinley und wischte eine Träne aus dem linken Auge fort.

»Sie kriegen auch etwas Schönes,« versprach Doktor Beatty und dann sagte er zur Entleerung der Spritze in Mac Kinley schwarz behaarten Affenarm: »Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab, und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab.«

»Sehr schön!« sagte Mac Kinley und nickte befriedigend vor sich hin, indem er den Hemdärmel zuknöpfte. Klirrend warf Beatty die Instrumente in eine Tasche, stopfte die Flasche mit Philanthropin in eine Lederhülse, die er dem Neger um den Hals hängte. »Und nun glückliche Reise und auf Wiedersehen nach vollbrachter Tat!« Verbeugungen zerknickten seine Rundlichkeit, von den Bratwurstfingerchen flatterten Kußhände nach allen Seiten, dann sprang er die Treppe hinan, der Neger stapfte mit schweren Schritten hinter ihm drein. Seine Waden waren noch auf den obersten Stufen sichtbar, als schon der Anker rasselnd hochzugehen begann. Der Kapitän schien nur auf den Abzug des Doktors gewartet zu haben. Ganz unten im Leib des Schiffes begann sich ein Ungetüm schnaubend zu rühren, machte tiefe Atemzüge, lag dann wieder still, bäumte sich abermals, verstummte, tat wieder einige Stöße, kam langsam in Takt, Rauschen drang empor, und als Fred Gregor und Selina an Deck kamen, glitten sie eben unter dem hochgereckten Arm der Freiheitsstatue aus dem Hafen.

Es war eine ruhige Überfahrt unter einem Himmel von vollkommen unveränderlichem, gleichmäßigem Grau. Er blieb wie ein faltenloses Tuch über den Ozean gespannt, nie verdichtete sich seine Farbe zu einer Wolkenschattung, nie erhellte sie sich zu einem Sonnenstecken. Und das Meer war ein Abbild des Himmels, seine Wiederholung in einem anderen, festeren Stoff, in den der Dampfer Liberty seine Furchen schnitt.

Fred Gregor und Selina eroberten das Schiff, machten sich ihm in allen seinen Teilen vertraut, maßen sich im Golfspiel mit den Reisegefährten, lagen in den Streckstühlen, von einer lauen Salzluft umgeben, in der die Gedanken leicht und üppig in Worte wuchsen, um plötzlich hinter geschlossenen Lidern und gekühlten Stirnen in Schläfrigkeit zu sinken. Mister Gulliver und Mister Mac Kinley rangen im Schachspiel miteinander und tranken Portwein dazu.

Am dritten Tag, als sie eben, ermüdet von einem hitzigen Gefecht auf schwarzweißer Walstatt, eine Flasche Lacrimae Christi anbrachen – der Abwechslung halber – kam der Kapitän: »Meine Herren, es wird Sie interessieren . . . wir haben ein Wrack vor uns . . zwei Striche Nordwest zu West . . . wenn Sie vielleicht an Deck kommen wollen.«

Alle Reisenden waren in dichten Schwärmen an Backbord versammelt. Mutmaßungen schwirrten, Wetten sprangen hinüber. Unweit der Liberty schwamm ein graues Schiff auf regungsloser See, ein Dampfer von derselben Größe wie die Liberty selbst, also ein ansehnlicher Kasten. Man konnte keinen Schaden an ihm wahrnehmen, die Masten und Schornsteine standen schiefwinklig nach hinten, der Aufbau war völlig unversehrt. Auf dem Promenadedeck sah man die Liegestühle in demselben Durcheinander wie auf dem des eigenen Schiffes. Man hätte meinen können, das eigene Schiff im Spiegelbild zu erfassen, so sehr ging die Ähnlichkeit bis ins einzelne, nur daß nirgends ein Mensch zu erblicken war. Ein toter Bruder, schwamm das fremde Schiff neben dem eigenen Kurs.

»Es muß ein Schiff sein,« sagte jemand neben Mister Gulliver, »das im großen Krieg versenkt worden ist.«

»Können Sie den Namen lesen?« fragte Gulliver.

»Es hat keinen Namen,« der Kapitän ließ das Fernglas von den Augen sinken. »Es ist namenlos.« Ein Boot war ausgeschwungen, sank an Tauen zum Wasser hinab. »Kommen Sie mit,« lud der Kapitän ein. Hinter ihm kletterte Gulliver über die Schiffstreppe, trat ins Schwanken des Bootes. Ruder klatschten Muskeltakt in den Spiegel der See.

»Das Leck sitzt unter der Wasserlinie,« sagte der Kapitän. »Das Torpedo hat ihm die ganze Flanke aufgerissen.«

»Meinen Sie?« Und dann, mit plötzlichem Mißtrauen: »Aber wie kann es dann schwimmen.«

Ein Notizbuch aus schwarzem Leder lag in des Kapitäns Hand, zwischen den Fingern wanden sich goldgepreßte Buchstaben: »Schiffsunfälle,« las Mister Gulliver.

»Sie wissen doch, Mister Gulliver, wie das mit den Leichen der Ertrunkenen ist. Die sinken, wenn sie mit Wasser gefüllt sind, auf den Grund und liegen dort zunächst einige Zeit vor Anker. Bis die Verwesung beginnt. Da entwickeln sich dann Gase in der Bauchhöhle, lüpfen den Leichnam, machen ihn schwanken, daß man glauben könnte, er krieche zwischen den Wasserpflanzen auf allen Vieren herum oder wälze sich sehr behaglich und vergnügt auf dem Rücken. Die Gase entwickeln sich weiter, blähen den Leib auf, dehnen ihn bis zum Zerspringen, geben ihm endlich einen Auftrieb, der ihn vom Grund befreit. Langsam schaukelnd steigt er auf, von Blasen umgeben, die ihn tragen, er kommt, er kommt, er durchbricht die Wasser, steigt zur Oberfläche. Wenn er seine Gase an die Luft ausgehaucht hat, so sinkt er wieder. Und diesmal für immer . . So ist es mit diesem Schiff.«

»Hm!« meinte Gulliver.

»Ja! dieses Schiff hat Jahrzehnte auf dem Meeresgrund gelegen, von Fischen beschnuppert, von Tiefseekrebsen überkrochen. Aber es hatte irgendwelche chemische Ladung im Leib, die sich langsam im Wasser zersetzt und Gase gebildet hat. Sie haben das Schiff gelüpft, gehoben, an die Oberfläche getragen, auf ihnen schwimmt es, trotz der fürchterlichen Wunde in seinem Leib.«

»Das ist möglich,« sagte Gulliver.

»Das ist gewiß,« sagte der Kapitän heftig.

Sie waren heran, strichen unter dem Heck hin. »Sehen Sie,« wies der Kapitän zur Höhe. Kein Wort stand da, wo sonst Heimat und Name des Schiffes verzeichnet sind, nur eine Tabakspfeife baumelte dort von der Rundung, eine große Pfeife mit bunten Quasten, wie man in den illustrierten Blättern aus alter Zeit die deutschen Studentenpfeifen abgebildet sah. »Vielleicht heißt das Schiff: ›die große Pfeife‹,« vermutete Mister Gulliver.

»Das ist möglich,« sagte jetzt der Kapitän zögernd.

»Das ist gewiß,« schrie Mister Gulliver heftig.

Gastlich hing die Schiffstreppe vom toten Bord, zum Besteigen ladend. Sie klommen empor, kein Zeichen wies, daß das Schiff so lange auf dem Grund der See gelegen hatte, kein Grind von Muscheln, kein Schorf von Algen, keine Wucherungen langer Bärte von Tang. Sauber und still lagen die Planken. Selina und Fred Gregor waren auch da. »Es ist seltsam,« sagten sie und sahen sich an. Es war nicht nötig, daß sie sich sagten, das Seltsame sei die Ähnlichkeit mit dem eigenen Schiff. Sie kannten dieses fremde Schiff, das sie zum erstenmal betraten, diesen Leichnam, den die Tiefe für einige Zeit freigegeben hatte. Da waren alle die großen und kleinen Züge, die sie erforscht hatten, das Verhältnis der Deckbauten, die besonderen Merkmale der Treppen, das Winkelwerk, die Plätze am Mast. Zwei Liegestühle standen enge benachbart, genau in gleicher Stellung zueinander, wie jene, aus denen sie sich soeben drüben erhoben hatten.

Über die Kajütentreppe, die von demselben roten Läufer überflutet war, wie die der Liberty, führte der Kapitän. Er stand, die Hand an der Klinke zum Salon, sah, ob alle hinter ihm waren, und nahm dann die Mütze ab. Strich durch das dünne Haar, zerbiß ein Grauen auf schmalen Lippen, und trat ein.

Der Raum war voll Menschen. Sie saßen auf vielen Reihen von Stühlen, die hintereinander gestaffelt waren. Zugewendet einem Mann, der ihnen gegenübersaß, an einem kleinen Tischchen, ein Papier in der Hand, auf das er erklärend zu deuten schien. Es war der Anblick eines Vortragssaales von den Stehplätzen hinter der letzten Sitzreihe aus, aufmerksame Zuhörerschaft, die an den Worten eines fesselnden Redners hängt. Man sah Nacken, gebräunte Männerhälse, Wirbelhaare, altertümliche Frauenfrisuren, Schultern. Nur das Gesicht des Mannes am Vortragstisch war den Eintretenden zugekehrt. Dort saß er in einem kostbaren Überrock, mit dem Halsabschluß eines breiten Pelzkragens, als ob ihn friere. Noch schwebte seine erklärende Geste über dem Papier, das eine Wirrnis von roten und weißen Flecken war, durchzogen von einem blauen Band.

Und alle diese Menschen waren tot.

Urplötzlich mußten alle diese Leben ausgelöscht worden sein, mit einer Schnelligkeit, die keinem von ihnen auch nur eine Ahnung der Vernichtung gab, keine Möglichkeit, mit einem letzten jähen Aufzucken des Rettungswillen den Versuch des Entrinnens zu machen . . .

Da ja doch nicht anzunehmen war, daß sie sich etwa nachträglich zu diesem Vortrag versammelt hätten!

Minutenlang atmete jetzt beklommenes Leben hinter der letzten Sitzreihe der Toten. Alle hatten die Hüte abgenommen. Der Kapitän hob die Hand, da schoben sie sich lautlos hinaus, die ganze Menge, die hinter ihm drängte, als letzter der Kapitän. Er schloß die Türe, lehnte sich mit dem Rücken gegen sie. Sein Notizbuch riß er aus der Tasche, mit zitternder Hand fetzte er ein Blatt heraus und drückte es gegen die Türe. Es haftete, als sei es vom Luftdruck festgehalten. Zwischen den Fingern des Kapitäns sah Fred Gregor Goldbuchstaben auf dem Einband des Notizbuches: »Schiffsunfälle« stand auf dem schwarzen Leder.

Gegen seine Schulter stieß die Hand des Kapitäns, treppauf: »Rasch! Rasch! Zurück.«

Sie stürmten in die Boote. Zäher schien das Wasser der Rückfahrt, als der Herfahrt, klumpenweise fiel es von den Rudern wie Teig. Die Ruderer ächzten. Gefühl der Befreiung kam erst, als sie das Fallreep hinauf an Bord des eigenen Schiffes kletterten. Mit beiden Händen umkrampfte Fred Gregor die Brüstung, seine Augen waren schmerzhaft an das Wrack festgesogen, das jetzt langsam hinter dem Kurs der Liberty zurückblieb.

Eine Hand rührte ihn an. Mister Gullivers von Grauen zerfressenes Gesicht starrte ihm über die Schulter, seine Stimme röchelte im Grunde des Halses: »Fred . . . Fred Gregor . . . hören Sie! Der Mann dort drüben, am Vorlesetisch . . . mit dem Plan . . . der Mann hat . . . meinen Überrock an.«

In diesem Augenblick lenkte eine Bewegung auf See Freds Kopf zur Seite. Das Wrack drüben hatte rasch und lautlos zu sinken begonnen, wie ein Schatten weicht, es tauchte in wenig mehr Zeit als Fred Gregor zu der Wendung seines Kopfes brauchte, in die See, die sich ohne Wirbel und Aufruhr über ihm zur Glätte schloß.



3. Die tote Stadt.

Zu Beginn der Nacht knatterten die Kraftwagen gegen die Stadtgrenze an, zerstießen fauchend die gehemmte Kraft ihrer Lungen. Die Straße war von einem breiten Graben beträchtlicher Tiefe aufgerissen. Geronnene Finsternis war schon auf seinem Grund gesammelt. Eine Brücke aus hölzernen Bohlen lag von Rand zu Rand. Aber gespreizte Eisengestelle standen quer und reckten drohende Spitzen aus einem Gewirr stacheligen Drahtes. Stacheldraht spann sich auch rechts und links von der Brücke jenseits der Straßenränder ins Dickicht hinein.

Über dem nackten Hügelrücken zur Rechten hing eine schmale Mondsichel, einem rundlichen Ballen von grauen Schatten angeklebt wie ein Embryo seiner Keimblase. Schatten hockten neben den leise von den Stößen des Motors erschütterten Strahlenkegeln, die aus den Laternen der Kraftwagen vorgeschleudert wurden. Das wegsuchende Licht schien vor Ungeduld über den Aufenthalt zu zittern.

Aus einer Bretterhütte am Straßenrand krochen Männer, ein Häuflein zerlumpter Gestalten, das neben den Wagen Stellung nahm, während einer von ihnen an das vorderste Gefährt herantrat. Ein besterntes und gestreiftes Tuch wimpelte ihm vom Kühler vor die Augen. Die Hand steilte sich ihm ehrfürchtig zum zerfransten Mützenrand: »Kommandant des Überwachungskommandos!«

Mister Davis rückte das Sammellicht der Wagenlampe auf das Gesicht des Mannes. Über dem fleckigen, zerschlissenen Grau einer alten Soldatenbluse hing die Wildnis eines rötlichen Bartes. Sie wucherte von zwei blaßblauen Augen herab, scheuen, hündischen, verprügelten Augen.

»Dies ist eine Strugglesche Reisegesellschaft,« sagte Mister Davis, »ich bin der Führer. Dies ist Mister Gulliver, Phöbus A. Gulliver. Und dies ist Miß Selina Gulliver.«

Der Kommandant der Grenzwache legte wieder die Hand an den Mützenrand und nickte aus der Blendung des Strahlenkegels links und rechts ins Dunkel. »Ich bitte gehorsamst um die Einreisebewilligung.«

Ein Bündel von Papieren quoll aus Mister Davis' schwarzer Aktentasche in seine Hand. Der Rotbart blätterte aufs Geratewohl. »Geimpft?« fragte er von dem gestempelten und gesiegelten Dokumentenhäuflein auf.

»Versteht sich!« lachte Mister Davis. »Wir haben keine Lust, uns Ihre prachtvolle Krankheit mitzubringen.«

Ein leichter Windstoß fuhr dem Rotbart ins Geblätter und riß eines der Papiere auf Selinas Schoß. Sie nahm es auf und reichte es ihm hinüber. Er sah die weiße, schlanke Frauenhand aus dem Dunkel kommen und starrte sie an wie ein Wunder. Da lief sie jenseits der Lichtgrenze in einen Arm weiter und dann kam eine runde Schulter, und das Wesen, das dort im Wagengrund ungewiß schattete, mit Staubmantel, Lederkappe und Reiseschleier, war ein Stück der Schöpfungsherrlichkeit Weib, ein unerreichbares.

»Die Leute, die hier Dienst machen, sind nicht zu beneiden,« flüsterte Mister Davis neben Miß Selina, »sie stehen zwischen den Verlorenen in den Ruinen Wiens und der bewohnbaren Welt. Sie gehören weder zu diesen, noch zu jenen. Es ist ein Zwischenreich. Sie haben die Kultur vor der Ansteckung durch den Verfall zu schützen, aber man fürchtet sie trotzdem, als seien sie jenem schon anheimgegeben. Man läßt sie nicht nach Europa zurück. Sie müssen sich zu fünfjährigem Dienst verpflichten, und während dieser Zeit sind sie auf diesen schmalen Überwachungsgürtel gebannt. Es sind Verlorene, Auswürflinge der Gesellschaft, die Verzweifelten der Menschheit.«

Über Miß Selinas Hand schwebte zaghaft die des Rotbartes, ein faltiges, horniges, verwittertes Gebilde. Zögernd nahm sie endlich das Blatt aus den lichtgeküßten Fingern.

»Verpflegung?« setzte der Mann stockend die vorschriftsmäßige Fragerei fort.

»Keine Sorge. Wir haben sechs Lastautomobile mit und reichen für drei Monate aus.«

Das Papierbündel knisterte zusammen und tauchte in die schwarze Aktentasche zurück. »Sie wissen, meine Herren, daß Sie vor Betreten des Stadtgebietes einen Revers unterzeichnen müssen. Sie unternehmen die Einreise nach Wien auf eigene Gefahr und begeben sich mit Unterschrift des Reverses aller Ersatzansprüche wegen allfälliger Schäden an Gesundheit, Leben oder Geld und Geldeswert. Sie verzichten auch auf jede Art politischer Weiterungen, die vielleicht aus unliebsamen Vorfällen . . .«

»Schon gut,« meinte Mister Davis, »es ist meine zwölfte Reise nach Wien.«

Aus der Finsternis des Straßengrabens war ein zweiter Mann neben den Rotbart gewachsen, der eine Mappe in den Lichtschein vorschob. Ohne zu lesen, warf Mister Davis einen pompösen Namenszug an das Ende der gedruckten Verschreibung.

»Passiert!« sagte der Rotbart mit einem letzten Versuch, das Dunkel des weiblichen Schattens zu durchdringen. Die Mannschaft war geschäftig, die spanischen Reiter von der Brücke zu entfernen. Einen schrillen Ruf stieß der vorderste Kraftwagen aus, schärfer richteten sich die Lichtkegel der Lampen auf den freigewordenen Weg, unter den Rädern donnerte das Poltern der hölzernen Brücke.

Im zweiten Wagen, Mac Kinley, hielt einen Witz bereit. Als sie an dem Haufen der zerlumpten Uniformen vorbeifuhren, die gedrängt am Straßenrand standen, hob er sich halb vom Sitz und öffnete die geballte Faust zum Wurf. Eine Handvoll blinkender Dollarstücke prasselte in den Straßenstaub, ein kleiner Regen von hartem Silber, eine Saat guten Geldes: im Gepräge von Münzen unermeßliche Möglichkeiten von Rausch.

Ein Klumpen von Leibern fiel darüber her, Wälzen im Staub, Zähne bissen in verkrampfte Finger, die sich nicht öffnen wollten, hornige Klauen fetzten Stoff entzwei, schlugen sich geierhaft in Hälse, Knie stießen gegen Bäuche, Fäuste hämmerten mit Steinen gegen Schienbeine. Das zerknäuelte in kämpfenden Wirbeln über die Straße hin, zwischen den großen, unaufhaltsam vorwärts pulsenden Kraftwagen, vor Gier blind gegen zermalmende Räder.

»Sehen Sie das,« sagte Mister Davis zu Selina rückgewendet. Über ihre Schultern schauerte Entsetzen.

Ein Schrei schrillte auf, spitz daher, mit einem Gezack von wimmerndem Kreischen hinterdrein. Dann ein hohes Heulen auf einem Ton wie eine Dampfpfeife.

»Es ist etwas geschehen,« bebte Selina.

»Vorwärts,« sagte Mister Davis, indem er sich wieder umwandte.

Die lange Reihe der Kraftwagen setzte den Weg fort, Wagen nach Wagen, einer im Licht des andern, buntglänzende, geschmeidig federnde Ungetüme, deren Farben auf Lichtstrahlen in Bündeln über die Straße sprühten. Zuletzt die donnernden, schwankenden Türme der Lastwagen, ungeheuerlich wie Kriegsmaschinen, Erinnerungen an Heersäulen, die ganze Länder zertrampelt und zerfurcht hatten. Sie zogen einer nach dem anderen an einem blutigen Klumpen vorüber, einem zuckenden, zermalmten Menschenleib, der mit dem Oberkörper in den Straßengraben gesunken war, während die zerquetschten Stumpfe der Beine himmelwärts ragten. Eine starre Faust schwamm drohend im seitwärts geschleuderten Widerschein.

Um einen Dollar gekrampft.

Die Wagen setzten ihren Weg fort, zwischen kahlen Hügelketten, die sich unter dem jugendlichen Mond hinschwangen. Die unfertige Himmelserscheinung sandte ein Geflimmer von Silber, ein gestricktes Netz, das der lange lärmende Wagenzug plump zerriß und das sich unaufhörlich vor ihm wieder von neuem zusammenspann. »Das war der Wiener Wald,« sagte Mister Davis mit einer aufhellenden Handbewegung nach den geduckten Hügeln hin. Schon bleichten Häuserreste links und rechts vom Wege, fahle Wangen von Mauern, dürre Rippen von Dächern; leere schwarze Löcher fleckten die Skelette von Villen. Man hatte ihre brauchbaren Bestandteile abgetragen, verschleppt, anderswo benützt, auf die Überbleibsel sank Verfall von oben herab, Unkraut überwucherte sie aus feuchtem Boden. In geborstenen Ziegelmauern hingen schiefe Gittertore, die Lichttrichter der Wagen sogen schmiedeeiserne Schnörkel, vergoldete Umklammerungen von Buchstaben, regenzerfressene Brunnenfiguren, gesunkene, von wildgewordenem Pflanzenleben erdrückte Zäune in ihre Wirbel ein, verschluckten sie, schleuderten sie wieder in wesenlose Schwärze hinter sich. Zwei Reihen niedriger Häuschen schwindelten vorbei. Man hatte den flüchtigen Eindruck zertrümmerter Haustore mit dunkeln Stollen dahinter, schreiender Fenster mit der festgebannten hilfeflehenden Geste grüner zerrissener Rolladen, vorgebeugter Balkone mit dem Gesicht von Selbstmördern, die zum Sprung ins Nichts bereit sind.

Der Leichnam der Stadt kam näher. Sie sahen ihn von einem rötlichen Glanz überglommen, als schwebe eine Wolke von Verwesungsdämpfen über ihm, der Dunst seiner verfaulenden Eingeweide und seiner zermürbenden Knochen. Ein großes Haus war plötzlich aus der Finsternis in den Strahlenkegel der Wagenlaterne vorgesprungen, ein aus vielen leeren Fensteraugen und einem breiten schwarzen Tormaul grinsendes Haus, dessen oberer Rand ausgenagt war, wie die Zinnenkrone einer Burg. Es drehte sich wirbelnd vorbei als ein irres Gelächter, während eine Schar lebendiger Schatten in seine Löcher zu flüchten schien. Schon war ein zweites Haus vorgesprungen, ebenso wirre Gebärden aufwerfend, und nun standen sie gereiht, kahl, greis und irr, zahnlos, eine Ruinengasse.

Schatten flogen vor dem ersten Wagen quer durch das einherfegende Licht, Tiere von der Größe von Hunden, spitze Schnauzen stießen voran, lange, kahle, feuchtglänzende Schwänze strichen hinterdrein. Schrilles Quieken wie von boshaften Ferkeln spritzte rings aus der Dunkelheit.

Stumm wies Selina auf die Erscheinung.

»Ratten!« sagte Mister Davis. »Die Ruinen wimmeln von Ratten und es ist eine recht ansehnliche Sorte von Ratten.«

»So groß wie Hunde,« schauerte Selina.

»Ja! Sie sind prächtig gediehen. Alle Arten von Ungeziefer sind hier ganz außerordentlich gediehen. Sie haben einen so üppigen Nährboden gefunden, wie sonst nirgends in der Welt. Und einige von ihnen sind so reißende Bestien geworden, daß man sich in acht nehmen muß. Sie können unter Umständen gefährlich werden. Ich möchte Sie deshalb bitten, Miß Gulliver, sich niemals ohne Begleitung vom Hotel zu entfernen.«

Miß Selina antwortete nicht, sie drückte sich enger in ihren Winkel. Ihr Gesicht war von dem rötlichen Schimmer überflossen, der hinter dem zackigen Umriß schwarzer Häuserhaufen aufstieg.

»Es brennt wohl irgendwo in den Ruinen,« erläuterte Mister Davis und gab dem Wagenlenker eine Anweisung zur Änderung der Fahrtrichtung.

Er hatte Recht, sie kamen immer tiefer in die rote Helle hinein und bei einer Wendung in eine lange Straße, sahen sie am anderen Ende die Glut. Zerklüftete Wände standen dort mit lodernden Fenstern, von Funken besternt. Die Wagen stoben auf die Flammen zu. Es war ein Brand, der zu Ende ging. Das Feuer sank schon, ermattet, satt, der eigenen Gefräßigkeit überdrüssig, in den Qualm schwarzer Schutthaufen zurück. Sie waren am Rande einer unübersehbaren Brandstätte, am Ufer eines feurigen Sees, auf dessen glühender Lava schwarze Schlacken trieben, der noch Säulen stinkenden Qualmes aufsteigen ließ. Auch hier war kein Mensch zu sehen, niemand war den Flammen entgegengetreten, sie hatten ein ganzes Stadtviertel gefressen, einen Bezirk mit Tausenden von Häusern, bis sie in sich selbst zusammengebrochen waren. Rote Glut säumte den Weg der Wagen, in Tiefen brodelten noch weißglühende Schmelzmassen, schwarzgebrannte Gerippe von Maschinen reckten sinnlose Verkrümmungen. Räder hingen an Mauerresten über Schutt. Ein standfester Kamin hielt einen kleinen Kranz von Wölkchen um seinen Gipfel unter einem versengt riechenden roten Himmel.

Nun war das Brandfeld durchquert, die Dunkelheit begann wieder und das Schnauben der Lichtkegel der Fahrt voran. Mister Davis hatte sich erhoben und wies dem Kutscher die Richtung, die jetzt oftmals zackig durchbrochen war. In eine breite Straße bogen sie, deren Ufer soweit in der Dunkelheit lagen, daß die großen, fahlen Häuserklumpen undeutlich blieben. Baumstümpfe schnitten die Fahrt ein, einmal war es links wie ein dreiteiliges, niedriges Tor.

»Gleich sind wir da,« sagte Mister Davis, wie um vielleicht aufsteigende Ungeduld zu sänftigen. Und wirklich, nach einer schwarzen Masse von Haus und dem dunkeln Schlund einer Straße von links, strömte Licht quer über ihren Weg. Der erste Kraftwagen gellte einen Hupengruß und blieb verschnatternd stehen. Hinter ihm stemmte sich die lange Reihe der anderen, ferne vergrollte der Donner der Lastautos. Aus einem breiten Tor brach ein Katarakt von Helligkeit, und an seinem Saum standen links und rechts Menschen. Die ersten Menschen seit dem Überschreiten der Stadtgrenze. Uniformen, Stahlhelme über jungen, kühnen Gesichtern, wehrhafte Mannschaft, ein Gruß der Heimat. Ein Herr im schwarzen Rock mit weißer Hemdbrust leuchtete auf der Schwelle. Hinter ihm ein Turm von Mensch in Blau und Gold hob einen majestätischen Stab. Da stürzte Musik herab, als sei die Schleuse vor einem Behälter von Tönen aufgestoßen. Grell und stolz herausfordernd die neue Hymne Allamerikas: Millionenstädte und Felsengebirge, Gebrüll des Niagara und Sonnenglosten der Prärien, Lagerfeuer von Pelzjägern und Sternwarten mit Grüßen nach dem Mars und den andern Brüdern im Raum, Brandung zweier Ozeane und Museen, angefüllt mit den ungeheuerlichen Gerippen ausgestorbener Tiere, Schlachthäuser mit Kesseln voll kochenden Fleisches und Dampfer in den Lagunen des Panamakanals . . . ein Volk, einig in Kraft und Ziel und Weg.

Durch den tongewordenen Raum schritt Mister Phöbus A. Gulliver, Miß Selina am Arm, teppichbelegte Stufen hinan, die Kühle blanken Messings in der leicht emporgleitenden linken Hand. Hier war Ruhe, Sauberkeit, Sicherheit und Ordnung, mitten in der Wildnis verfallender Ruinen ein Stück Amerikas, eine Scholle Heimat. Im breiten Flur des ersten Stockes stand die Musik, in zwei Gliedern. »Sie blasen auf den neuen Rüsseltrompeten,« sagte Mister Davis, der wegweisend zu Selinas Rechten ging. Das war neueste Errungenschaft amerikanischer Tonkunst, gelenkige Schläuche statt der früher gebräuchlichen starren Metallröhren. Jeder Ton stieß sie auf, dehnte sie, ließ sie anschwellen und trieb sie vor, mit weichendem Atem sanken sie, wurden schwach und rollten sich ein. Mister Gulliver schritt grüßend die Reihe entlang und so kunstvoll war der Marsch, den sie jetzt spielten, gefügt, daß eben da, wo er schritt, die Rüsseltrompeten eingerollt blieben, während sie vor ihm und hinter ihm zu voller Länge ausgestoßen waren. So begleitete das Gewoge der Instrumente seinen Gang, wie das Schwanken der Ähren den Weg eines Mannes durch das Kornfeld. Auf Mac Kinley hinter ihm war der Marsch nicht ebenso abgepaßt. Er mußte sich unter den vorschwellenden Tonröhren bücken und darunter durchschlüpfen, sonst hätte er das Ende des Musikstückes abwarten müssen. Ungewöhnlich lang war die Front der Musiker, das Abschreiten dauerte so lange, wie Mister Gulliver die ganze Überfahrt von Amerika nach Europa nicht gedauert hatte. Wenn ihn etwas mit der über Gebühr anstrengenden Ehrung aussöhnte, war es das Vergnügen, aufrecht dahinschreiten zu können, während Mac Kinley, aus dem Takt geworfen, synkopisch und gebückt hinter ihm einherschleichen mußte. Jenseits des Gewoges der an- und abschwellenden Rüsseltrompeten, ganz fern und klein, erblickte Gulliver eine schwarze Gestalt. Im Näherkommen wuchs sie sich zu einem ganz ansehnlichen Prediger aus, einem ehrwürdigen Herrn in langem Rock mit viereckigem Kopf und roten Händen, die er jetzt von der Schwelle der Mister Gulliver zugedachten Räume segnend erhob:

»Gesegnet sei dies Haus
Und alle, die hier gehen ein und aus.«

Eine ferne Orgel spielte ganz leise dazu.

»Ja,« sagte Mister Davis, indem er eine Träne mit einem Zipfel des Taschentuches aus dem Augenwinkel fischte, »ja . . . Gott hat uns sichtbarlich gesegnet!«

Als Selina ihr Zimmer betrat, lächelte ihr eine freundliche Überraschung entgegen. Das war nicht die kalte unpersönliche Allerweltsvornehmheit des großen Hotels, es war die von ihr geliebte warme, ichdurchdrungene Sachlichkeit. Wie ein Spiegelbild ihrer eigenen New Yorker Räume lagen diese Zimmer vor ihr. Aber da sie die Einrichtungsstücke betrachtete, da wies sich, daß sie nicht vor einem Spiegelbild stand, sondern vor dem Urbild selbst. Sie zog Laden auf, da ruhten die Dinge, die sie daheim in ihren Laden zurückgelassen zu haben glaubte. Sie warf einen Blick in den Ankleideraum, da standen die Büchsen und Fläschchen in derselben Ordnung wie daheim. Sie nahm das Buch vom Nachttisch, es war Prentice Mulfords »Unfug des Sterbens,« das Buch, das sie daheim bis an die Schwelle des Schlafes begleitet hatte, und das Lesezeichen lag genau am richtigen Ort. Es war eine allerzarteste Aufmerksamkeit, eine Huldigung; väterliche Fürsorge hatte den Rahmen ihres gewohnten Lebens daheim ausgehoben und hierher übertragen, mit solcher Eile, daß er noch vor ihrer Ankunft eingefügt worden war. Ob wohl Fred Gregor eine solche Phantasie der Liebe aufzubringen imstande wäre? War die sogenannte Pflicht gegen die innere Berufung, der Dienst im Tempel der Unsterblichkeit, nicht oft genug nur ein Mäntelchen für Selbstsucht und Trägheit des Herzens?

Selina ging im Zimmer umher, froher Dankbarkeit voll, sie griff nach den Kleinigkeiten des Alltags, deren man sich erst erinnert, wenn man sie vermißt. Sie feierte eine Reihe von kleinen Wiedersehensfreuden. Sie öffnete das Fenster. Da war es, als dringe eine feindliche, grimmige und von tückischem Haß erfüllte Welt gegen sie an. Es übersprühte ihr Gesicht wie feiner Regen. Sterne standen am Himmel, aus Wolken drang keine Feuchtigkeit. Dennoch näßte ihr ein feines Sprühen Haar, Stirne und Wangen. Ihr Handrücken strich über das Kinn, er blieb trocken, kein Schimmer von Tropfen haftete auf der Haut. Aber das Gefühl der Nässe dauerte fort, ein kühles, dünnes Prickeln, ein Geflirr und Geflimmer eisiger Nadelstiche. War das ein unsichtbarer Nebel von Flüchen, ein körperliches Gewölk von Jammer und Verzweiflung, das gegen sie andrang?

Vor den Fenstern des Hotels Bristol lag die stumme, tote Ringstraße, die Häuser gegenüber trugen das aus dem Hotel ausströmende Licht wie ein Gewucher von Schimmel aus verwitterndem Stoff, fremdes Leben, das den Rest des eigenen auffraß und zermürbte. Es war ein Geleucht von Moder, ein Gewimmel fahler, phosphoreszierender Pilze. Wo die Lichthülle des Hotels endete, brandete gleich die Dunkelheit mit tief ausholenden Stößen heran. Über Dächern irgendwo in Fernen glomm das zusammensinkende Düsterrot verschwellenden Brandes.

Menschen! Menschen!

Plötzlich hatte Selina einen wahnsinnigen, rasenden Schrei nach Menschen in sich. Lebten denn in diesen Ruinen, jenseits der behaglichen, kulturerfüllten lichten Heiterkeit des Hotels keine Menschen mehr? So laut war der Ruf in ihr, daß es ihr war, als dringe er von außen her, aus dem düsteren, tückischen Gewirr verfallender Straßen in ihr Ohr. Ein Gewieher folgte, ein Quieken von wilder, tierischer Lustigkeit. Breit und fest lag die Lichtbrücke vom offenen, wohl bewachten Hoteleingang quer über die Straße. Wo sie dem jenseitigen Ufer der Dunkelheit auflag, sah Selina ein hastiges Huschen geschäftiger Schatten. Die spitzen Schnauzen der Ratten, kahle, silbergraue Leiber und feuchtglänzende Schwänze zuckten durch die Helle. Ratten tummelten sich dort, die Unterirdischen, die den Kanälen entstiegen waren, und sich in den Labyrinthen der Verwesung zu kleinen Bestien emporgemästet hatten, feierten ihr Nachtfest. Plötzlich wurde das vergnügte Quieken schrille, durchdringende Angst. Ein anderer Schatten war in dem Getümmel aufgetaucht, ein mächtiger, sehniger Leib, auf hohen, schlanken Beinen, der in lautlosen Sätzen vorwärtsschnellte. Es ballte sich ein kleiner Knäuel von Kampf zusammen, von dem Flucht strahlenförmig nach allen Seiten in die Falten der Dunkelheit hastete. Erbitterung knirschte röchelnd, Krachen von Knochen brach trocken.

Aus der Toreinfahrt des Hotels warf sich der kurze Knall eines Schusses gegen den schnaufenden Schattenklumpen. Knurren rollte zurück, ein tiefes Bellen schwoll drohend an. Dann sprang das große Tier auf schlanken Beinen vom Kampfplatz fort, den quiekenden Leib einer Ratte im Rachen, zwei Sätze brachten es um die Ecke. Am jenseitigen Ende der Lichtbrücke zuckten verendend graue Felle. –

Gleich am nächsten Morgen nahm Mister Davis seine Führung durch Wien auf. Die ansehnliche Reisegesellschaft verstaute sich in drei großen gepanzerten Kraftwagen. Neben dem Lenker war ein Maschinengewehr angebracht, aus den Seiten starrten die Mundöffnungen von Flammenwerfern, jedem Wagen war seine Besatzung von Soldaten gegeben. Von den Sitzplätzen auf dem Oberdeck besahen die Reisenden die tote Stadt.

Die erste Ausfahrt galt nur einer vorläufigen Kenntnis und Einstellung. Donnernd umfuhren die schweren Wagen die Ringstraße und kreuzten die innere Stadt. Als sie wieder auf die Ringstraße zurückgekehrt waren, ließ Mister Davis vor einer Ruine von gewaltigen Ausmessungen halten, die mit Säulen und Giebel irgendwie an klassische Zeiten erinnern wollte. Den Dachrand säumten verwitterte Statuen, vor der Rampe hob sich aus den Trümmern eines Brunnens der Leib einer Göttin. Haupt und Arme waren ihr abgebrochen, der behelmte Kopf lag zu ihren Füßen auf formlos gewordenen Gesteinsbrocken.

Auf der Rampe sammelte Mister Davis seine Schar um sich, bestieg den Torso eines nackten Männerkörpers und schwenkte die grau und weiß karrierte Reisemütze.

»Ladies und Gentlemen,« begann er, »ich habe die Ehre, Sie in den Ruinen von Wien zu begrüßen. Ich glaube es nicht besser tun zu können, als indem ich Sie bitte, mit mir drei Hurras für Amerika auszubringen!«

Über die öde Ringstraße hin, in die Ruinen des Gebäudes hinein, schwollen drei Hurras für Amerika. In die kleine Stille nach dieser Huldigung polterte ein Stein, der sich irgendwo von seiner Mauer gelöst hatte.

»Ladies und Gentlemen,« fuhr der musterhafte Patriot Davis fort, »ich habe die Ehre, Ihnen die Ruinen von Wien zu erklären und Sie auf alle Merkwürdigkeiten aufmerksam zu machen. Sie haben aus unserer heutigen ersten Rundfahrt einen vorläufigen Eindruck gewonnen von einer Stadt der Zerstörung, der Einsamkeit und des Verfalles, von einer verlorenen und dem Untergang preisgegebenen Stadt. Und doch war diese Stadt vor noch nicht langer Zeit eine Millionenstadt, eine Stadt der Freude, des Vergnügens und des Leichtsinns, eine Stadt der Lieder, wie sie ein Dichter genannt hat.« Mister Davis' Gesicht trug Anzeichen aufrichtiger Betrübnis über die Hinfälligkeit aller irdischen Größe, verschärft durch ein besonderes Bedauern über den Untergang gerade dieser Stadt. »Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie es angefangen hat. Sie alle wissen noch gut aus Ihrer Jugend oder doch aus Büchern und Geschichten von dem großen Krieg, der hier seinen Anfang genommen hat. Und, wenn man aufhören wollte, christlich und menschlich zu denken, müßte man sagen, daß Gottes Gericht keinen Unschuldigen getroffen hat. Erstens, weil diese Stadt reif war für ein Strafgericht, denn sie war von Gott abgefallen und hat sich dem Götzendienst ergeben gehabt. Wie die alten Ägypter verehrt haben Ibisse, Krokodile, Katzen und heilige Stiere, so waren die alten Wiener verfallen in Tiergötzendienst, indem sie die Hühner verehrt haben, die gewöhnlichen Hühner, denen sie göttliche Eigenschaften beigelegt haben, sie Backhendel nennend. Aber, noch schlimmer als die alten Ägypter, haben sie diese Tiere nicht zu Mumien verarbeitet, sondern sogar aufgegessen, was geheißen hat: Backhendel mit Gurkensalat. Das war im Frieden. Daß sie aber den Krieg angefangen haben, haben sie selbst eingestanden, ergriffen von Entsetzen über ihre Ruchlosigkeit, und, wenn man es ihnen auch zuerst gar nicht hat glauben wollen, so haben sie es doch so lange selbst behauptet, bis man es ihnen überall geglaubt hat. Ja – und darum kann man sagen: ›Siehe, diejenigen, so es nicht verschuldet hatten, den Kelch zu trinken, müssen trinken; und du solltest ungestraft bleiben? Du solltest nicht ungestraft bleiben, sondern du mußt auch trinken.« Hoch aufgerichtet am festen Prophetenstab unwandelbarer Moral stand Mister Davis da, in sich selbst durch seine Sendung gewachsen. Er schwenkte die karrierte Mütze: »Ladies und Gentlemen! Wir hätten sie ruhig ihrem Schicksal überlassen können. Aber Amerika ist das Land der Menschenliebe und fragt nicht nach dem Grad der Sündhaftigkeit. Wir haben geholfen. Aber es war wie in der Geschichte von den Töchtern der Niobe, genannt die Niobiden, wie sie wollten Wasser schöpfen in ein Faß mit Löchern. Jedermann kann sehen, daß es unmöglich ist, ein solches Faß anzufüllen. Das war die Geschichte mit Wien. Wir haben geschöpft und es hat doch nicht geholfen. Und warum? Das will ich Ihnen sagen, Ladies und Gentlemen: weil niemand da war, die Löcher zu verstopfen. Weil an jedem Loch angesetzt war ein Schlauch mit einer Mündung in eine fremde Tasche.«

Ein Herr, der so dick war, daß sein nacktes Gesicht wie eine unanständige Entblößung aussah, umklammerte mit den Händen seinen Mund und schrie mit Hilfe der Schallverstärkung: »Bettelgesindel!«

Mister Davis setzte dem marmornen Apollo den Fuß auf die Schulter und schwenkte die karrierte Mütze, als fange er den Einwurf wie einen Ball auf. Er lächelte. Er verneigte sich: »Mister Nelson von der ›Wage der Gerechtigkeit‹ aus Chicago hat sehr recht. Die Einwohner dieser unglücklichen und bedauernswerten Stadt haben sich leider durch unsere Wohltätigkeit an das Betteln gewöhnt. Man hat sie unterstützt in ihrer Not, man hat gesammelt für sie, man hat ihnen gegeben Kleider und Nahrung und darüber haben sie eines vergessen, was nötig ist, zu tun: . .«

Ein schielender Herr mit eckigen Schultern und einem steil eingebundenen Hals umklammerte den Mund mit seinen Händen und rief in das Schallrohr: »Arbeiten.«

Mister Davis fing auch diesen Einwurf in der karrierten Mütze. Er lächelte, er verbeugte sich: »Mister Robinson von der Firma Robinson und Kompanie, Sprengölerzeugung in Springfield, hatte sehr recht. Arbeiten, das haben diese armen, bedauernswerten Menschen verlernt und vergessen. Da war die Regierung, die gesagt hat: gebt uns Arbeit, wir wollen arbeiten, aber ihr müßt es machen, daß wir arbeiten können. Aber da war das Volk, das vor der Arbeit Angst gehabt hat und zuletzt beleidigt war, wenn man ihm zugemutet hat, die Hände zu rühren. Es hat gehört auf die, die ihm gesagt haben: jetzt ist es aus mit der Sklaverei, der Mensch ist nicht da, um zu arbeiten. Allen gehört alles. So haben sie sich an das Betteln gewöhnt und sind immer nur dagestanden mit ausgestreckten, offenen Händen, daß wir etwas hineinlegen sollen. Oh, es sind damals viele Tränen geflossen in Amerika um das arme, unglückliche Wien und die armen, bedauernswerten Wiener.«

An dieser Stelle seiner Rede pflegte Mister Davis eine kleine Stille eintreten zu lassen, ein Sammelbecken für gerührte Empfindungen. Und wirklich träufelte hinten irgendwo ein leises Schluchzen und mitleidsfeuchtes Räuspern hinein.

Durch ein Schwenken der Mütze gab sich Mister Davis einen neuen Antrieb: »Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie es weiter gekommen ist, Ladies und Gentlemen! Manchmal hat es den Anschein gehabt, als ob es mit Wien wieder aufwärts ginge. Sie haben sich aufgerafft und eine Zeitlang war ein Aufschwung und eine Besserung zu sehen. Aber das war Täuschung. Immer wieder ist einer gekommen, der den Wienern irgendeinen Unsinn weisgemacht hat, den sie ihm geglaubt haben. Und so war der Wiener, daß er geglaubt hat, wenn ihm einer das Blaue vom Himmel versprochen hat. Dieses heute nahezu ausgestorbene Volk war voll Talent und Geschick und Herz, aber es war leichtgläubig, wie kein anderes. Es hat nach und nach allen Unsinn geglaubt, der im Verlauf der Weltgeschichte erfunden worden ist. Nur an eines hat es nicht zu glauben gelernt . . .«

Ein junger Mann in breitem Strohhut war in einen Marmorstuhl geklettert, wo er neben dem kümmerlichen Überrest einer sitzenden Männergestalt Platz gefunden hatte. Er schrie, indem er mit der linken Hand den Halsstumpf des dahingegangenen griechischen Weisen umklammerte und die Rechte mit gespreizten Fingern zum Himmel warf: ». . An sich.«

Mister Davis erstarrte in Mißbilligung. »Ich muß bitten, Mister Howe, wenn Sie sprechen wollen, die Hände an den Mund zu legen.«

Heiterkeit umstob diese wohlverdiente Zurechtweisung. Der junge Mann, der den Anstand so gröblich verletzt hatte, geriet in Verlegenheit. Er beeilte sich, die Hände um den Mund zu legen und tutete: ». . . An sich!« Da er aber dabei seine linke Hand vom Halsstumpf des Mister Thukidides hatte lösen müssen, verlor er seinen Halt auf der Lehne des Marmorstuhles und glitt sanft, aber unaufhaltsam zu der Menge herab. Die Heiterkeit qualmte abermals wie eine fröhliche Wolke auf, Gelächter kräuselte den kleinen Teich von Gesichtern. Drei Negergentlemen aus New-Orleans klatschten begeistert in die Hände.

Mister Davis zeichnete mit der karrierten Mütze einen Schnörkel in die Lust. »Mister Howe von der Firma Howe und Sohn, Hühneraugenpflasterfabrik in Utah, hat sehr recht. Dieses arme, bedauernswerte Volk hat an alles geglaubt, nur nicht an sich. So ist diese arme, beklagenswerte Stadt schon vor dem Krieg schwerkrank gewesen. Ich will Ihnen sagen, Ladies und Gentlemen, wie es nachher war mit ihr. Mister Rincoln, unser großer amerikanischer Dichter, hat sie verglichen mit dem Kopf eines Geköpften. Der Leib ist fort, aber der Kopf hat noch etwas Leben in sich, das Gehirn ist noch warm von Blut, die Augen können noch sehen, der Mund öffnet sich noch zu Worten, aber es fehlt schon die Lunge. So war der Todeskampf von Wien. Nur daß er länger gedauert hat als die letzten Augenblicke eines solchen abgeschlagenen Kopfes. Es war Wien eine Stadt, die lange hat nicht leben und nicht sterben können.«

Auch an dieser Stelle seiner Ansprache pflegte Mister Davis eine kleine Pause zu machen, um dem wohltätigen Grauen Zeit zum Verrieseln zu geben. Er schwenkte die Mütze und fuhr fort: »Ladies und Gentlemen, Sie wissen, wie es gekommen ist. Es war damals die ganze Welt befallen von einer Gehirnkrankheit. Wie der Mensch denkt durch die Zellen seines Gehirns, so denkt die Erde durch die Menschheit. Die Erde als ein lebendes Wesen hat ein Skelett von Gebirgen, Fleisch von Erdboden, Blut von Wasser, sie atmet durch ihre Haut, hat wie der Mensch eine Ausdünstung um sich, die Lufthülle, elektrische und magnetische Nervenkräfte strömen durch sie – und sie denkt durch die Menschheit. Dieses Gehirn der Erde war damals von Krankheit befallen. Aber die anderen Völker mit dem Glauben an sich sind wieder gesund geworden, nur in dieser armen, unglücklichen Stadt ohne Glauben an sich ist die Krankheit immer schlimmer geworden und hat eine furchtbare Zerstörung angerichtet. Sie wissen, wie es geschehen ist. Es ist Tobsucht daraus geworden, sie hat gegen sich selbst zu wüten angefangen, mit Raub und Plünderung, Mord und Gewalttat aller Art. Schreckliches ist hier geschehen, das ich Ihnen nicht zu erzählen brauche. Sie wissen es. Die ganze Krankheit der Erde hat sich zuletzt auf diesen einen Punkt gezogen und hier ausgetobt. Da ist es nötig geworden, damit nicht diese zweifache Krankheit, die leibliche Seuche, der morbus Viennensis, und die moralische, wieder über die ganze Erde sich ausbreiten, etwas zu tun. Um die Kultur zu retten, war es notwendig, die Stadt sich selbst zu überlassen, und wie der Arzt ein krankes Glied abschneidet oder eine brandige Stelle vom Leibe trennt, so hat man diese arme, unglückliche Stadt von der übrigen Menschheit abschneiden müssen, damit nicht die gesunden Teile an ihr angesteckt werden. Der morbus Viennensis wäre ja zu bekämpfen gewesen, aber die geistige Seuche war unheilbar. Man hat sie abgesperrt von der gesunden Menschheit und sich selbst überlassen. Oh, es sind auch deshalb damals in Amerika viele Tränen geflossen.«

Auch in die kleine Pause nach dieser Stelle tröpfelte einiges Schluchzen und gerührtes Schnupfen. Mister Davis stand auf der Höhe des Gefühles: »Es war ein Todesurteil, aber ein Todesurteil, das die ganze Menschheit hat sprechen müssen, um sich zu retten. Eine Pflicht gegen sich selbst hat diese Grausamkeit geboten. Aber, Ladies und Gentlemen, da war es wieder Amerika, das dieses Urteil gemildert hat. Die armen, bedauernswerten Menschen in dieser Stadt hätten, abgesperrt von der übrigen Welt, verhungern müssen. Wir haben dafür gesorgt, daß sie mit Lebensmitteln versehen werden. Es ist die Einrichtung getroffen, daß von der Stadtgrenze alle Wochen ein Floß mit Lebensmitteln abgelassen wird, das an einem langen Tau von der Donau bis vor die Stadt mitgenommen wird. Von da holen sich die Überlebenden ihre Nahrung, dann winden wir das Floß an dem Tau wieder zurück und lassen es nach acht Tagen wieder abgehen. Wie viele Menschen noch in diesen Ruinen leben, wissen wir nicht. Man bekommt selten einen von ihnen zu sehen . . . aber Amerika fährt fort, seine Pflicht der Menschlichkeit zu erfüllen, bis der letzte Wiener gestorben ist.«



4. Eine Auseinandersetzung.

Ehe noch Mister Davis so weit war, hatten sich Miß Selina Gulliver und Fred Gregor durch einen Wink verständigt und davongemacht. Sie schritten die Rampe hinab und wandten sich nach rechts. Die breite Ringstraße war durch Gräben aufgerissen, Verhaue von Baumstümpfen flochten wirres Wurzelwerk ineinander. Mitten auf dem Weg staken zwei Züge der elektrischen Straßenbahn in gegenseitiger Zertrümmerung. Der Motorwagen des einen hatte sich halb aufgebäumt und war dann über den anderen hergefallen. Glasscherben knirschten unter den Füßen der Schreitenden, Gestänge bog fragwürdige Formen durcheinander, durch aufgewühlte Flanken sah man Sitzbänke. Matt baumelten die losgerissenen Leitungsdräthe zu aufspringenden Schienen herab.

Hinter Selina und dem Maler schwoll ein dreifaches Hurra . .

Sie sahen, sich umwendend, Herabströmen der Reisegesellschaft von der Rampe zu den wartenden Kraftwagen. Rasch bogen sie auf einen weiten Platz zwischen zwei weitläufigen Gebäuden von gleichen Formen. Ein unförmiger Trümmerhaufen türmte Geröll gerade in der Mitte zwischen beiden. Einen Gesteinsbrocken hob Fred Gregor auf, ein Pferdehuf lag ihm in der Hand: »Hm,« sagte er, »das muß das Denkmal jener Kaiserin Maria Theresia gewesen sein, das sie mit Kanonenschüssen niedergelegt haben.« Er hob den Blick: »Dann sind das die beiden Museen,« und mit zwei ironisch vorstellenden Handbewegungen nach rechts und links: »Das naturhistorische und das kunsthistorische!«

»Sie wissen Bescheid! Ach ja, Ihre Familie stammt doch aus Wien.«

Darauf nun hielt Fred Gregor eine Antwort für unnötig. Er stolperte über die Maulwurfshaufen der blatternarbigen Wiese dem Gebäude zur Linken zu und zog Selina hinter sich her. Auf den Stufen hielt er an und ballte eine Faust zu den von Gewehrgeschossen zerhackten Säulen: »Ah . . diese Kunstfriedhöfe! Diese Rumpelkammern! Diese Selchkammern gemalter Schinken!« Die Finger krampfte er um etwas Unsichtbares vor seiner Brust, riß es fort und schleuderte es dem Weltall zu, übersprühte Selinas Gesicht mit einem Funkenregen von Augen: »Das lebendige . . . wissen Sie! Alles spüren, was durch die Welt pulst! Anteil haben an jedem Sekundenschlag der Uhr der Zeiten. Die nachtwandlerische unfehlbare Sicherheit des Gehens über Abgründe haben. Aus dem tiefsten Schlaf gerissen alle Träume sogleich mit dem Pinsel fortsetzen und beendigen können. Ah! . . . Aber das da: Arterienverkalkung der Kunst. Es ist nicht schade darum.«

Es war indes mit Fred Gregors innerem Menschen keineswegs so schreckbar tumultuarisch, wie man es nach seinem Gehaben hätte vermuten können. Seiner Künstlerschaft glaubte er gelegentlich Ekstasen und Worträusche schuldig zu sein, und daß Selina ihn durchschaute und lächelnde Duldung übte, machte seine Ausbrüche nur noch schäumender, als habe er ihr und sich seine Lebensverwegenheit zu beweisen. Als er aber in das Gebäude eingetreten war, duckte sich die wilde Umstürzlerei und eine Ehrfurcht zitterte wider Willen empor. Strohschütten waren über die Steinfließen des Vorraumes gezerrt, eingetrocknete Jauche und Haufen von Pferdemist wiesen: hier war in einem letzten der Kämpfe ein Stall gewesen. Eine umgestürzte Futterkrippe streckte die schief gekreuzten Beine von sich, an einem Haken an der Wand baumelte ein Halfter. Vor einer der stattlichen Säulen blieben Selina und Gregor stehen, in gleicher Bewegung der Seelen. »Stöcke und Schirme sind in der Garderobe abzugeben,« stand da auf einem gebräunten Blatt. Es war seltsam rührend zu lesen, weich schwingte sich das Papier der Säulenrundung an, hatte ein Gesicht, zwei ängstlich bittende Augen: zerreiß mich nicht!

Fred Gregor räusperte sich, stieg die breite Treppe hinan, immer zwei Stufen vor Selina, unartig. Auf dem Treppenabsatz wandte er sich: »Hier hat einmal auch so ein marmorner Unfug gestanden, ein Theseus mit dem Kentauren, eine klassische Philisterhaftigkeit in Überlebensgröße. Weg! Fort! Entführt, wie Ganymed vom Adler, stilvoll klassisch gesprochen.« Er strich mit der Hand durch die Luft, grinste: »Absolut unvorhanden!« Das war alles nur letzte Abwehr seines Gefühles, das ihm immer drängender aufstieg, namenlos noch, aber schon bedrohlich nahe.

Zögernd gingen sie weiter, die lichten Marmortafeln der Wandverkleidungen aus Scrancolin und Macchia vecchia waren von Hämmern und Beilen zerspalten, die Verzierungen von Goldbronze aus den Fugen gerissen. In eine dichte Schicht von Staub und Mörtel und abgefallenem Stuck zeichneten ihre Füße Spuren ein. An der Schwelle der langen Zimmerflucht zur Rechten des ersten Stockwerks zagten ihre Schritte. In Fred Gregor hatte das abscheuliche Gefühl einen Namen bekommen: was ihm da in der Brust flatterte und den Atem wegtrank, war Angst.

Er legte die Hand auf Selinas Arm: »Hören Sie nichts?«

Gespannt vorgeneigt wie über den Rand einer Schlucht hinaus: »Nichts!« sagte sie, mit einer Dämpfung über ihrer hellen, klaren Stimme. Sie tat den ersten Schritt hinein. Unter gläsernen Decken winkelte die Kahlheit der Räume. Hallend stießen die Wände einander den Schall der Tritte zu. Diese Wände, die mit allerlei Fratzen beschmiert waren, kindische Böswilligkeiten zerstörungssüchtigen Gesindels, mit Namen, derben Sinnsprüchen. In einem der großen Säle war eine ungeheuere große Zeichnung aus der sexuellen Geometrie hingemalt, der geschlitzte Rhombus mit dem Zylinder darin. Und darunter stand, ohne sonderlich deutlichen Bezug auf obige Kunstleistung: »Juden hinaus!«

Unheimlicher und gespenstischer als alles, was Fred Gregor bisher in der toten Stadt gesehen hatte, war diese Verkommenheit einer Schatzkammer der Kunst. Das Gefühl der Bedrohung sammelte sich um ihn wie eine schwarze Wolke. Die beschmutzten Wände flüsterten von Gefahr. Ein Raunen, ein leises Wehen von Stimmen äußerster Verdünnung floß aus einem Raum in den andern, strich als kühler Hauch aus all den offenen Türen. Es war wie ein Geflirr von gestorbenen Farben, von ausgeblasenen Hüllen, von Phantomen, die sich gierig aus dem Unsichtbaren über die Grenze der Wahrnehmbarkeit drängen wollen. Ein Gewoge gestorbener Geistigkeit. Freds Beine trugen seinen Körper wie durch zähen Schlamm, durch einen Sumpf, dessen aufsteigende Dünste von einem unfühlbaren Wind bewegt werden.

Ein plötzlicher Zorn stieß ihn auf Selina zu: »Gehen wir! Hier gibt es nichts zu sehen.«

Selina gab keine Antwort. Sie war von einer Neugierde vorwärts getrieben, der sie kein Ziel wußte. Die blödsinnigen und bösartigen Kritzeleien an den Wänden, die Schamlosigkeiten und Fratzen schienen ihr einen rätselhaften, noch unentdeckten Sinn zu haben. Es war eine Geheimschrift, deren Schlüssel sie zu finden hatte. Es war eine quälende Aufgabe, der sie sich nicht entziehen durfte und mit jedem Schritt schien ihr mehr, als wäre sie nur ihretwegen über den atlantischen Ozean gekommen.

Wieder hemmte Fred Gregors Hand ihren Gang: »Hören Sie doch!«

Ein dumpfer Laut war vor ihnen, ungefähr, als würde ein weicher Ball gegen eine Wand geschleudert. Ein überaus flüchtiges feines Klirren hing einen Augenblick über ihnen. Sie sahen sich an. In Selinas Augen stand Unverkennbares. Fred Gregor suchte hinter dem stählernen Spiegel ihres äußeren Seins. Wieder prallte der Ball gegen die gläsern klirrende Wand. Ein Funkeln in Selinas Augen, eine Sternschnuppe von Blick gab Befehl. Neben den großen Räumen liefen die kleinen Kabinette, denen sie sich zuwandten, einst Schreine der innig, zart hingepinselten oder freudig heiteren Kostbarkeiten. Durch drei oder vier der Kabinette hatten sie zu gehen, da flatterte es schwarz vor ihnen gegen das große Seitenfenster an, stieß gegen die Scheiben, fiel plump zu Boden. Ein verflogener Vogel, ein geängstigtes, matt gemartertes Tier auf der Suche nach Freiheit. Er lag auf der Seite, über stumpfschwarze Augenknöpfe waren hautige Lider halb herabgezogen, der lange Schnabel stand offen. Selina bückte sich zu ihm, nahm ihn zärtlich auf die Hand. Ihr Herz war rasendes Mitleid.

»Was für ein Vogel das ist?« sagte Fred Gregor, »ich kenne ihn nicht. Er ist so groß wie eine Amsel und ganz schwarz, aber was für eine seltsame weiße Maske hat sein Gesicht . . . wissen Sie . . .?«

Mit einem plötzlichen Ruck richtete sich das Tier auf, wischte aus Selinas Hand, und stieß mit voller Kraft des Fluges gegen die Scheiben. Man sah wie sie sich unter dem Anprall bogen, der Kopf des Vogels knickte ein, und dann lag er mit zuckenden Flügeln wieder vor Selinas Füßen. Sie hob ihn auf, zerfleischt von Erbarmen und den Tränen nahe.

»Was für ein Vogel das wohl ist?« sann Fred Gregor, »dieses System von weißen Flecken an seinem Kopf . . . diese Maske ist . . .«

»Helfen Sie doch,« sagte Selina erbittert, »anstatt naturgeschichtliche Betrachtungen anzustellen, machen Sie lieber die Fenster auf.«

Vergebens bemühte sich Fred Gregor, das Fenster zu öffnen. Die verquollenen Rahmen und rostigen Riegel trotzten aller Kraftentfaltung. Fred Gregor hämmerte mit Fäusten los, als wäre ihm darum zu tun, seine Muskeln zu bewähren. Diese niederträchtige Vorrichtung von Fenster blieb unbewegt.

»So schlagen Sie doch die Scheiben ein,« zürnte Selina, »darauf kommt's nicht mehr an.«

Fred Gregor blickte um sich. In einem Winkel lag das zerbrochene Eckstück eines Goldrahmens. Er schlug mit der Ecke ins Glas, daß es klirrend spritzte, hämmerte rasch die spitzen Splitter aus dem Kitt.

»Zu spät,« sagte Selina. Der Vogel auf ihrer Hand fiel aus der seitlichen Lage auf den Rücken, zog die Beine an und ließ die Flügel sinken. Aus dem Schnabel kroch ihm eine veilchenblaue spitzige Zunge wie ein Wurm hervor. Zitternd deckte Selina die andere Hand über die kleine Leiche und sah unsicher fragend zu Fred Gregor hin. Plötzlich schrie sie auf und riß die Hand fort. Das Tier hatte in einer letzten Regung in einem schon jenseitigen Kampf des Lebens seinen scharfen Schnabel in Selinas Daumen gebohrt und baumelte nun verbissen an der von Schrecken hochgeworfenen Hand.

»Werfen Sie ihn fort,« schrie Fred Gregor entsetzt, »werfen Sie ihn fort. Jetzt weiß ich es, es ist der Totenvogel. Sehen Sie die weiße Maske . . . es ist die Zeichnung eines Totenschädels . . .«

Heftiges Schlenkern suchte Selinas Hand zu befreien. Wie ein Klöppel in einer Glocke schwang die schwarze Vogelleiche hin und her. Fred Gregor stürzte auf Selina los, faßte das Handgelenk und schüttelte es verzweifelt. Im Bogen weggeschleudert, fiel der Kadaver dumpf klatschend zu Boden. Fred Gregor hielt Selinas Hand. »Es ist nichts zu sehen,« sagte er. Nur ein kleines Rot zeichnete die Stelle des Bisses.

Schon lächelte Selina wieder, während sie sich den großen Räumen zuwandten. Es war alles überaus seltsam verändert, nur hätte Selina durchaus nicht sagen können, in welcher Weise. Ein anderes Licht sank durch die Glasdächer herab, die Schmierereien an den Wänden folgten einander wie die sinnvollen Charaktere einer Schrift und sie fühlte, daß sie knapp vor ihrer Lösung stand.

»Und die Menschen,« sagte sie plötzlich, indem sie Fred Gregor mit einem Blick des Entsetzens ansah, »es sind doch Menschen hier in diesem Trümmerhaufen.«

»Ja,« brummte Fred Gregor nachdenklich, »einige Hundert werden es schon noch sein.«

»Verstehen Sie, Fred: Menschen!« Fassungslos schlug sie sich vor die Stirne.

Erstaunen schob ihn von Selina fort: »Nun, gut . . . da ist doch dieses Floß mit Lebensmitteln . . .«

»Und man gibt es zu, daß sie da verkommen und untergehen.«

»Hören Sie, Selina,« sagte Fred Gregor ärgerlich, »alles was recht ist. Aber haben es diese Menschen anders verdient? Wer ist denn an ihrem Untergang schuld, als sie selber? Es ist eine alte Wahrheit, Jeder ist seines Glückes Schmied. Aber auch seines Unglückes.«

»Eine selbstgefällige Weisheit ohne Herz!« sagte Selina, indem sie die Hände an die Wangen legte und neben Fred Gregor starr ins Weite sah.

»Warum haben sie sich den Lügnern und Betrügern ausgeliefert, diesen Menschen ohne Gewissen und Ehre, die alles Bestialische wachgerufen haben und alle guten Mächte: Ehrfurcht, Bescheidenheit, Pflichtgefühl mit Hohn überspien. Dieses Wien war nicht mehr wert, als daß es zugrunde ging.«

»Und so sprechen Sie, Fred Gregor, dessen Vater aus Wien eingewandert ist, und zur Hälfte noch mit seinem Herzen hier daheim war? Haben Sie nicht selbst erzählt, daß er ein Zimmer voll Erinnerungen an Wien hatte, mit denen er eine Art Gottesdienst trieb?«

»Ja – ich will Ihnen aber auch sagen, was mit diesen Erinnerungen geschehen ist. Zur Zeit, wo diese schändlichen Dinge hier vor sich gingen, las mein Vater die Zeitung nur unter Wutanfällen. Manchmal schlug er ein grimmiges Gelächter auf, ballte das Blatt zusammen, und warf es in den Winkel. Manchmal sank er darüber hin, der Kopf fiel ihm vornüber, die Schultern zuckten ihm und wir sahen große Tränen auf das raschelnde Papier fallen. Es kam auch oft vor, daß er tagelang an seinem Schreibtisch saß und gänzlich starr und teilnahmslos vor sich hin schaute. Dieser Zustand wurde häufiger und ich weiß noch, daß meine Mutter immer ängstlicher wurde, es könnte dem Vater etwas Ernstliches zustoßen. Aus meiner Jungenperspektive sah die Sache, die ich mir nicht erklären konnte, noch ganz besonders bedrohlich aus. Zuletzt dauerte ein solcher Zustand der Starrnis volle vierzehn Tage, und die Mutter brachte den Arzt ins Haus. Als der Mann den Vater mit seinem Salböl und psychologischen Windbalsam zuzusetzen begann, schien mein Vater zu erwachen und sah ihn lange an. Dann richtete er sich kerzengerade auf, daß er mir viel größer zu sein schien, als je vorher, und ging, ohne ein Wort zu sagen, in das Zimmer seiner Erinnerungen. Da waren viele alte Familienbilder, Schattenrisse in Goldrahmen, aus Haar geflochtene häusliche Szenen, Kleinmalereien auf Elfenbein, Steindrucke und Kupferstiche mit Stadtansichten, dann eine Unmasse von Tassen und Tellern mit mythologischen Figuren oder Vorgängen aus dem Alltag. Auch geschnittene und geschliffene Gläser, Bücher, Bänder, Münzen, uraltes Familienerbe, durch viele Geschlechter treu aufbewahrt. In dieses Zimmer sperrte sich mein Vater ein, und wir hörten, bang an der Türe lauschend, eine schreckliche Arbeit der Vernichtung beginnen. Glas und Porzellan klirrte zu Boden, Holz zerkrachte, Papier riß auseinander, Stoff knatterte in grimmigen Fäusten. Brandgeruch drang heraus und kündete Untergang. Nach Stunden kam der Vater zurück, seine Stirne und Augen waren voll bitteren Ernstes und tiefer Trauer. Er war von der Vernichtung errettet, aber um den Preis der Vernichtung eines Teiles seines Lebens. Er hat niemehr den Namen seiner Heimat über die Lippen gebracht, er hat auch niemehr lachen können. Sehen Sie, Miß Gulliver, er hat gründlich abgerechnet, und ich bin seiner Meinung, daß dieses Volk, das sein Bestes so würdelos preisgegeben hat, kein Mitleid verdient.«

Selina hatte die Finger ineinander geschlungen und die Hände vor das Gesicht gehoben: »Eben darum weil sie so dumm und vertrauensselig waren, verdienen sie unser Mitleid. Wer hatte denn darauf geachtet, daß sie die Würde ihrer selbst zu wahren wüßten? Wer hat sie denn zu geistiger Freiheit erzogen, zu kritischer Schärfe, um Gutes vom Bösen unterscheiden zu können? Wer hat ihnen denn rechtzeitig klargemacht, daß Freiheit nicht darin besteht, zügellos dem wilden Ichtrieb zu folgen, sondern uns vor die schwerste aller Aufgaben stellt, unser Recht gegen das der anderen abzuwägen?«

»Erziehung!« schnaubte Fred Gregor gröblich, »Erziehung! Erziehung hat niemals noch in einen Menschen oder ein Volk etwas hineinzutragen vermocht. Erziehung war immer nur imstande, herauszuholen, was in dem Zögling von vornherein darinnen lag, sie konnte nur den Keim entfalten, an's Licht treiben . . . Und dieses Volk war nicht zu erziehen. Kein Volk ist zu erziehen, weil sich in der Masse immer nur das Niederträchtige und Gemeine summiert, nie das Edle und Erhabene.«

Er hatte das heftig herausgeschmettert und sog die Wiederkehr seiner Worte im Echo wohlgefällig in sich ein, wie eine Bestätigung seiner Ansichten durch einen Dritten. Selina sah ihn zornig und erbittert an, schien mit einer Antwort zu ringen, aber sie beschied sich mit einem Kopfschütteln. Dann wandte sie sich und ging von ihm fort, ließ ihn einfach stehen. Schön, dachte er, als sie im nächsten Zimmer verschwand, da weiß sie es wenigstens gründlich. Sie trotzt. Mag sie trotzen.

Er horchte auf ihren leichten Schritt nebenan und blieb auf seinem Platz stehen, ohne sich zu rühren. Er wippte nur auf Zehen und Fersen und ließ ein leises Summen über lächelnde Lippen gleiten. Man muß ihr den Herren zeigen, dachte er, es ist nötig. Wie schön sie war in diesem Anbruch neuer Gedanken, es war ein Kampf gewesen, der in ihm fruchtbares Wunder gewirkt hatte. Er sah die Vielfältigkeit der Seele Selinas auf noch höheren Stufen, noch sphärischer durchleuchtet. Er sehnte sich nach Leinwand und Farben. Ihren Schritt zu malen, den Klang ihres Schreitens zu fassen . . .

Es war, als ersticke nebenan ein Ruf. Ein leichtes Geflatter von Geräuschen, dann war es ganz still. Er wollte lächelnd den Klang ihres Schreitens wieder einsaugen, regungslos lag der glasüberdachte Würfel Luft im Nebenraum. Fred Gregors Lächeln gerann. Er setzte mit drei Sprüngen zur Tür. Einsamkeit glotzte ihm entgegen, Leere sickerte durch den Äther. Er schrie auf: »Selina.« Er rannte plötzlich drauflos, die Flucht der Zimmer entlang, durch alle Untenräume, drehte sich im Kreise, gepeitscht von einem wahnsinnigen Entsetzen. Er brüllte aus berstenden Lungen: »Selina.« Torkelte weiter, griff nach Wänden, die vor ihm zurückwichen, brach zusammen, kauerte auf einer Schwelle. lallte vor sich hin: »Selina« . . .



5. Bundesgenossen.

Das Haus in der Seitenstettengasse gegenüber der Synagoge stand auf Römermauern. Man sah beim Blick aus den Hoffenstern Stücke davon, wuchtige Quadern einer Brüstung. Der Hof des Nachbarhauses lag beträchtlich tiefer, der Bauch eines Rundturmes versteckte sich dort hinter neuzeitlichem Ziegelwerk. Breite Treppen mit flachen Stufen, gewölbte Gänge mit vielen Türen zu kleinen Zimmern – eine klösterliche Bauweise. Das Stadthaus eines reichen Stiftes, einst Herberge und Einkehr für die Gäste des Ordens, dann zinstragender Umwandlung unterworfen, indem die Zellen zu Wohnungen zusammengezogen waren. Dem Geruch der Frömmigkeit war Küchengeruch und Wäschedunst gefolgt, jetzt erstickte alles in Moder und Staub.

Vinzenz Schembera und Leib Moische Seelenheil wohnten im fünften Stock. Man hätte eine Zone von Spinnengeweben zu durchschreiten gehabt, wenn man sie hätte besuchen wollen. Es war eine besondere Art von Spinnen, mächtige Spinnen von der Art der Kreuzspinnen, die hier an der Arbeit waren. So groß wie Kröten mit gedunsenen roten Leibern und langen blauen Beinen, Freßzangen vom Kaliber der Hunnenscheren. Weiß leuchtende Kreuze trugen sie auf den Rücken. Ihre Augen waren mit Lidern und Wimpern versehen wie Menschenaugen, zwinkernd spähten sie nach Raub. Sie spannen einen dichten haltbaren Faden und verwoben ihn zu Vorhängen, die teppichartig von der Decke bis zum Boden hingen. Ein fester Stoff schien es zu sein und seine Falten wehten derb im Zug, der durch die zerbrochenen Fensterscheiben strich. Fliegen und Mücken genügten den Spinnen nicht mehr, ihre Freßgier war auf reichlichere Nahrung gerichtet, sie drohte den Mäusen und selbst den hundegroßen Ratten mit ernstlichen Gefahren. Wenn eines der Tiere, unvorsichtig genug, die weißgrauen Gespinnstvorhänge durchschlüpfen wollte, dann ging ein plötzliches Glimmen durch das Gewebe, eine Phosphoreszenz, ein opalfarbenes Leuchten, die schwarzen Quasten, mit denen jeder Spinnenvorhang am unteren Ende gesäumt war, krümmten sich und sprangen das Tier an. Sie faßten es, hielten es fest. Es waren Saugnäpfe, die an hundert Stellen zugleich sich dem Körper anhefteten und seine Glieder lähmten. Aus einem Winkel an der Decke beobachtete die Spinne mit zwinkernden Menschenaugen den Kampf. Wenn das Opfer regungslos gefesselt war, turnte sie langsam an ihrem Gewebe herab und schlug ihm schmatzend die Freßzangen in den Leib.

Der Gang vor der Wohnung im fünften Stock war mit einer Menge solcher Spinnenvorhänge angefüllt, und wenn Leib Moische Seelenheil mit geducktem Rücken hindurchschlich, krümmten sich die schwarzen Quasten um seine Röhrenstiefel, während von überall her zwinkernde Augen voll Haß und Angst an ihm hingen.

Er schob die Gewebe mit einem speckigen Ärmel beiseite, setzte den Schlüssel in einen Buchstaben des Wortschlosses an der Wohnungstür. Die Polsterung drehte sich ihm entgegen, aus den Wunden grünen Tuches quoll Seegras und ein tiefes Stöhnen, das hinter der zweiten einfachen Tür eingeschlossen gewesen zu sein schien, rief einen dünnen Faden von Lächeln auf seine Lippen. Der erste Raum lag leer, im zweiten hob sich eine dichte Wolke von Röcheln aus der Brust eines Menschen. Er saß in einer Art von hochbeinigem Kindersessel. Ein weißer Fleck von Gesicht war starr zur Decke gedreht, von Dämmerung umronnen. Er blieb in seiner Lage, ohne sich dem Eintretenden zuzuwenden, als wage er den Blick nicht von einer Gefahr zu nehmen, die ihm von dort her zu drohen schien. Aber über einen Seufzer der Erleichterung wurde das Röcheln zum Flüstern.

»Moische,« sagte der Mensch, »dort oben . . .!«

An der Decke gerade über ihm saß eine der großen Spinnen. Auf dem roten Rücken glomm das weiße Kreuz. Eine Anzahl kürzerer und längerer Fäden hing über den Kopf des Mannes, und eben spann sie aus dem gedunsenen Hinterleib einen neuen hervor, der in Spiralen abwärts strebte, als werde er aus einer Tube gedrückt.

Leib Moische Seelenheil besah das Webegeschäft eine Weile mit Kopfschütteln. »Seh der an . .« brummte er, »Sachen! Sachen!« Er tappte im Dunkel den Wänden entlang, einen langstieligen Besen fand er hinter einem mürben Kasten. Er hob ihn mit den Borsten zur Decke und stocherte nach dem Spinnentier. »Weg da! Weg da!« Sein krummer Rücken zwang den Kopf schief zur Schulter herab und gestattete ihm keinen senkrechten Blick zur Decke. Er fegte mit den Borsten über die Tünche, Kalk rieselte mit trockenem Gekicher, das weiße Kreuz flüchtete vor der Waffe her, dem Kachelofen zu, hinter dem es in einem dunkeln Loch verschwand.

»Gehst! Gehst!« zeterte er hinter der Spinne her. Mit den knöchernen Fingern wickelte er die Spinnenfäden vom Borstwisch und warf sie hinter den Kasten. Dann rumorte er im Dunkeln weiter, öffnete und schloß Laden, warf klirrend einen Löffel zu Boden, bückte sich steif und hob ihn stöhnend auf. In einem kleinen Eisenöfchen, das vor den Kachelofen gesetzt war, flackerte Papier, knisternd singen Spähne, Glut schwamm rot über die schmutzigen, ausgetretenen Dielen. Dazwischen bröckelte ein Gekrächz von Singen über seine Lippen:

»Alter Jidele,
Kalter Jidele,
Kriech arop vun Ejwen!
Ich hob dir gebracht
Ich hob dir gebracht
A Hitel zu verkejfen!
Ich bin alt
Un ich bin kalt
Un ich wel dos nit kejfen.«

»Jaja!« brummte er in ein Gebrodel, das sich auf der Eisenplatte erhoben hatte.

»Licht,« sagte Schembera in seinem Kindersessel. »Moische, Licht!« Moische schob sich vom Ofen zum Tisch, zog eine Hängelampe an rasselnder Kette herab, und ein schmales Zucken von Licht lief um das Rund des Brenners. Die knöchernen Finger schraubten das Flämmchen zu einer blauen Spitze hoch, im Glasrund des Zylinders verstätigte es sich zu einem milden Leuchten. Moische kehrte zum Ofen und zu seinem Krächzen zurück.

»Alter Jidele,
Kalter Jidele,
Kriech arop vun Ejwen!
Ich hob dir gebracht
Ich hob dir gebracht
A Käpote zu verkejfen!
Ich bin alt
Un ich bin kalt
Un ich well dos nit kejfen.«

»Moische!« sagte der Mann im Kindersessel, »laß mich herunter.« Moische schlürfte vom Ofen zu ihm hin. Eine Glasplatte verband die Arme des Stuhles, Moische beugte sich über zwei Hände voll einer trockenen, körnigen Masse, die in einer Porzellanschale lag, von einer Glasscheibe gedeckt. »Wie stehts?« fragte er.

Das hübsche Gesicht des Menschen wurde eine Maske gefrorener Raserei, eine Eiswand mit Lava im Innern. »Ein Schwamm,« sagte er, »vollgesogen von mir. Diese hundert Gramm trockenen Menschenhirnes sind ein Sprengstoff, genug, um einen Erdteil in die Luft zu blasen. Sie sind von meinen Gedanken geladen, ein Funke entzündet sie und spritzt das Dasein von Hunderttausenden den Wolken zu. Mein Meisterstück, Moische! Es wird eine Rache sein, die den Thron Gottes wanken macht und gegen die alles, was uns hier gelungen ist, nur als ein kleiner Spaß angesehen werden kann. Man wird sein Brüllen bis in die untersten Höllenkreise und bis zu den letzten und obersten Stockwerken des Himmels hören. Es wird sich mit meinem Gelächter vereinigen und dann, Moische, dann ist es vollbracht.« Er schwieg. »Laß mich heraus!«

Moische schwang die Glasplatte des Stuhles um einen Zapfen herum. Die Schultern des Menschen im Stuhl zuckten, hinter seinem Rücken regte es sich, zwei stählerne Fächer entfalteten sich wie kurze Flügel an den Achseln. Sie schlugen die Luft, trieben sie vorwärts, schwirrten surrend in hastigem Flirren. Der Körper lüpfte sich im Sitz, hob sich und hüpfte plötzlich plump aus dem Stuhl auf die Diele.

Es war ein Körper ohne Beine und Arme, ein bloßer Rumpf ohne Gliedmaßen, das körperliche Bruchstück eines Menschenleibes. Die athletischen Schultern trieben zuckend den kunstvollen Mechanismus der beiden stählernen Flügel an. Um die Achseln stand das Flirren der Fächerschläge wie der Schein eines rasenden Schwungrades. Immer, wenn genug Kraft zu einem Antrieb gesammelt war, geschah ein plumper kleiner Sprung, ein Hüpfen wie von einem gelähmten Vogel. Schembera machte seinen Abendspaziergang um die vier Beine des Tisches.

Beim Ofen stand Moische und rührte mit dem Löffel in einem Blechgefäß. Seine dicken Lippen schmatzten kostend an der Höhlung.

»Moische, leck nicht immer den Löffel ab,« sagte Schembera. Sein Gesicht stand neben Moisches Knien. Moische sah giftig auf den Rumpf herab: »Du wirst es essen auch so,« sagte er. Dann rührte er weiter, sein Gesang krächzte ins Zischen und Brodeln:

»Alter Jidele,
Kalter Jidele,
Kriech arop vun Ejwen!
Ich hob dir gebracht
Ich hob dir gebracht
A Mejdele zu verkejfen!
Ich bin jung
Un ich tu a Sprung
Un ich wel dos kejfen!«

Schembera ruhte, ermattet gegen den Tischfuß gelehnt. »Moische . . . was Neues.«

»Amerikaner sind wieder gekommen. Mister Davis führt sie wieder herum, zeigt ihnen Wien und erklärt ihnen, wie es is geschehen, daß die Stadt so hat müssen zugrund gehen.« Er schob sein Gesicht dem Rumpf Schemberas zu, über dem einen Auge waren die Brauen hoch auf die Stirn gezogen, das andere lag zugekniffen in Falten. Durch den schwarzen Bart um Wangen und Mund lief Leben. Plötzlich brachen die Lippen zu einem Gelächter auseinander. Es kollerte über die schmutzigen Dielen hin und als es Schembera erreicht hatte, überschwemmte es ihn und riß ihn mit fort. Dröhnend fiel Schemberas Lachen ein, aus der gut gearbeiteten schmiedeeisernen Brust brach es mit wilder Lustigkeit hervor, erschütterte die Schultern, Wülste sprangen ihm aus der kantigen Stirne.

»Erklärt er ihnen . . . wie es is gekommen,« schrie Moische außer sich vor Vergnügen. »Erklärt er ihnen . . .« er quiekte laut, patschte in die Hände, stampfte mit den Beinen. Er tanzte einen alten Kriegstanz um das Eisenöfchen, das wie ein glühender Moloch anzusehen war, dem Menschenopfer dargebracht werden sollen. Moische riß den Löffel aus dem Blechtopf, daß der Inhalt prasselnd auf die Platte spritzte, er schwang ihn wie ein Schlachtbeil über den Kopf und schrie dazu: »Jaj, jaj!« Als er aus dem Tumult seiner Lustigkeit wieder zu sich kam, sah er Schemberas Rumpf unter dem Tisch auf den Rücken liegen. Die gewaltigen Stöße seines Lachens hatten den Tisch verschoben und seinen Leib der Stütze beraubt. Er lag still und wartete auf die Wiederkehr von Moisches Besinnung. Aus seinen Mundwinkeln rann Speichel.

»Moische!« sagte er matt, als der Kriegstanz zu Ende war, »heb mich in den Sessel.« Moische krümmte seinen Rücken unter den Tisch, schob Schemberas Rumpf hervor, hob ihn mit den hageren, sehnigen Armen auf und setzte den Klumpen Mensch in den Stuhl. Ächzend trottete er wieder zum Ofen, rührte den brodelnden Brei; aus dem Loch hinter dem Kachelofen war die Spinne wieder hervorgekrochen, auf blauen Beinen trug sie den roten Leib mit dem weißen Kreuz bis an den Lichtrand und sah mit zwinkernden Menschenaugen den Kochhantierungen zu. »Ssch! Ssch!« machte Moische und flügelte mit den Armen gegen sie, daß sie erschrocken in ihr Loch zurückfuhr.

»Vor dem Parlament hat er ihnen eine Red gehalten, der Mister Davis,« sagte Moische Seelenheil, »großartig is er auf der Rampe gestanden und hat es ihnen erklärt. Und sie haben ihm alle zugehört. Ich hab es gut sehen können, drüben aus einem Gebüsch im Volksgarten. Es waren a poor gute Leut darunter: der Mister Gulliver, der große Stahlmacher und sein scharfer Konkurrent, der Mac Kinley. Kann sein, daß sie sich Gedanken machen . . .«

»Über Wien . . .?« zischte eine Frage wie eine gefiederte Schlange aus dem Kindersessel in Moisches Rücken.

»Kann sein, daß sie sich Gedanken machen über Wien,« wiegte Moische den Kopf. »Amerikaner! Kann sein, daß sie sich einbilden, hier geht's wie in Amerika. Marschiert der Dollar auf, so is schon alles gemacht.«

Schembera lachte: »Kann sein, daß sie sich täuschen. Wir haben keine Angst vor dem Dollar.«

»Wir haben ka Angst.« Moisches Blick rutschte schief über seine Schulter nach hinten zu Schembera hinüber. Sie verstanden sich, ihre Bundesgenossenschaft, die zu Zeiten in ein Gesplitter gegenseitigen Hasses zu zerfallen drohte, fügte sich bei jeder Gefährdung ihres Werkes inniger zusammen. Sie waren plötzlich wieder wunderbar einig, fühlten Übereinstimmung der Welle von blutig schäumender Nervenkraft. Ihre Wünsche verschränkten sich, stützten einander, wurden ein Instrument von giftiger Schärfe, Klinge und Griff aus einem Stück, unüberwindlich. Der Dollar! Der Dollar! Sie gossen ein Hohngelächter darüber her, als wäre das ein dummdreister Witz. Moische fuhr mit den krummen Fingern in die Luft und riß einen Fetzen heraus. Er stampfte die unsichtbare Beute unter die Füße. In Schemberas Augen wiederholte sich die Geste, da ihm die Gliedmaßen fehlten, sie zu verdoppeln, in einem Gefunkel von Strahlen, das den Augapfel auseinander zu brechen schien. Sie stand ihm für eine geraume Weile in den Pupillen, ganz in der Tiefe, wo die Schwärze von den Flammen des Innern angeglüht ist.

Auf der Herdplatte zerzischte Überschaum des Topfes. Gebückt blies Moische in das Wallen, zog den Topf zurück und trug ihn an den Henkelohren zum Tisch. In Teller goß der geschnäbelte Schöpflöffel einen Brei von Gemüse und Fleisch. Vorsichtig nahm Moische die glasgedeckte Porzellanschale von der Platte des Kindersessels, auf weit vorgestreckten Händen schwebte sie ins Nebenzimmer. Er kam zurück, schob Schembera einen Teller hin, wühlte das Gemüse auf, daß der heiße Dampf emporstieg, zerkleinerte das Fleisch, Schemberas Augen sahen über den Tanz der schmutzigen Hände hinweg, wanddurchdringend in Fernen; grüne Praterbäume stießen ihre Wipfel gegen zackige Stücke von Himmelsblau, Blütenkerzen waren auf Kastanienbäume gesteckt, summend und kochend lag die Welt unter der Sommersonne. Ein Wagen prasselte in das Geflitter von goldgelbem Staub die Hauptallee heran. Und man schlug mit einem Rohrstöckchen gegen das rechte Bein in der Tennishose und sagte: »Schaut's, Kinder! Is das net die Tini? . . .« ›Was für eine Tine?‹ »Na, die vom Josefstädter Theater.« Und dann schossen Felsen zu einem schmalen Kamin zusammen, ein Gedränge und Gekröpfe von Stein, und man stemmte Rücken und Knie diesseits und jenseits in die Wände und schob sich, ein Seil um die Hüften, mit kleinen Rucken hartnäckig hinan. Oben dann, auf schmalem Band, an Felsen gelehnt, Jubel der Überwindung in den Muskeln, Trunkenheit seliger Schau besiegter Tiefen im Blick und Erwartung letzter und höchster Einsetzung aller Kräfte zum Endsturm auf die Höhe. Und dann ein Heimweg vom Theater in schneegesternter Winternacht, durch ein Gespüle von Licht über weißwollene Straßendecken hin, liebe Hausgesichter entlang bis zu einem Tor, das sich mild öffnete, Dunkelheit spendend, sacht lautlos wieder ins Schloß gedrückt, Schirm gegen die Fremdheit der Welt, zwei Lippen im Dunkel, duftende Fülle geliebten Lebens, hochgerissen auf starken Armen . . .

Ein jäher Dreizack schmerzlicher Brandmarkung wühlte sich in ihn. Es durchschrie ihn kummervoll mit allem Geheul der Verdammnis, aus den aufgerissenen Klüften qualmte ein Wirbel von Dämonen, Peitschen in den Händen, die sich über sein Fleisch stürzten. Er zuckte in seinen Fesseln, seine Hirnschale dröhnte unter Hieben.

»Mahlzeit!« sagte Moische und setzte sich an den Tisch.

Wie die Kulissen eines Theaters sanken die Bilder: das dunkle Tor erst, der Heimweg vom Theater, der Kamin in der Dachsteinwand, die Praterbäume. Sie sanken, der Stützen beraubt, auf formlose Häuschen zusammen, ein Wind blies, er wirbelte in den Falten, trieb sie auf, zerstäubte sie, fegte sie als Asche von dannen. Er sah sie in dünnen Säulchen wandern, wie Windhosen, zahllose um sich selbst gedrehte Gespenster der Vergangenheit.

Schembera sah auf der Tischplatte seines Sessels das Erzeugnis von Moisches Kochkunst vor sich stehen. Es roch nach alten Gassen, ungelüfteten Zimmern und Schweiß, das Kochen war nicht die rühmlichste von Moisches Künsten. Schembera senkte den Kopf auf den Teller und wühlte die Lippen in den Brei. Er schob die Bissen mit der Zunge den Zähnen zu, zerbiß das Fleisch nach Hundeart und würgte die heißen Brocken gierig hinunter. Als der Teller leer war, hob er die Stirn, Tunke umfloß seinen Mund, Fett gerann auf seinen Lippen, Fleischfasern waren auf die Wangen geklebt »Wisch mich ab, Moische!« sagte er.

Der Alte kramte im Kasten, siebenarmig fing ein Silberleuchter Licht, zerschellte die eine Flamme der Lampe in eine Menge kleiner Flämmchen. Ein Bündel Kerzen verteilte sich auf die sieben Leuchterarme. Jetzt trug der Tisch den Kerzenbaum, auf sieben Ästen wuchsen lanzenförmige Lichtblüten, hoch und steil.

»Wisch mich ab, Moische!« sagte Schembera mit einem Knurren in der Brust.

Vor dem Kerzenbaum stand Moische, den Kopf schief zur Achsel gezogen, das Licht rann ihm ätzend in die Augen. »Heute is der Tag, Schembera,« sagte er von einem anderen Ufer her. Der Kindersessel knackte, das gedämpfte Knurren schwoll selbst in Moisches Versunkenheit. Er schob den Blick über die Achsel, sah gefletschte Zähne, ein Raubtiergebiß zwischen besudelten Lippen. »Wisch mich ab, Moische!« sagte Schembera.

Ein rotgelbes, fleckiges Tuch, das über einer Sessellehne gehangen hatte, rieb rund um Schemberas Mund und nahm die Speisereste in sich. Über die wischenden Hände hin streuten Blicke einen fahlen tückischen Glanz. Plötzlich, als schon das Tuch sich von den Lippen hob, schnappte das Gebiß mit einem dumpfen Laut nach den zurückweichenden Fingern. Die Zähne bissen sich in einem Zipfel des Tuches und hielten es knirschend fest, tierische Wut rann aus den Augen.

»Ich sollt' dir geben an Backenstreich,« sagte Moische, »aber wir feiern heut Jahrzeit für Leib Moische Seelenheil.«

Er trat zurück, das schmutzige Tuch hing wie eine Fahne zwischen den Lippen, Moisches Blick war starr auf die Nasenwurzel Schemberas gerichtet. Gläsern wurden die Augen des Wütenden, ihr Schauen kroch in sich selbst zurück, seine Kinnladen lösten sich aus dem Krampf, begannen wie im Frost gegeneinander zu schnattern. Das Tuch fiel neben dem Kindersessel zu Boden, lag, ein schmutzig rotgelbes Häuflein, auf der verkrusteten Diele.

Vor der Menorah sank Moische in einen Stuhl, er umfing die sieben Flammen mit einem Blick. Zu einem Murmeln hob sich seine Stimme: »Sieben Sephiroth stehen um Thiphereth, Glanz in Händen und auf den Flügeln. Dieses ist die Geschichte von Leib Moische Seelenheil . . . Krieg hat gewollt zu werden, den Massikim und Schedim war alle Macht gegeben über den Menschen, Blut hat verwirrt die Herzen und Gewalt war über Städte ausgegossen. In Komorcze hat gelebt zu dieser Zeit Leib Moische Seelenheil, ein guter Mann, ein gerechter Mann. Er hat gehalten das Gesetz und war angesehen unter dem Volk als ein reicher Mann mit Herz und offenen Händen. Sein Wort hat gegolten in der Gemeinde, sein Schritt hat geklungen auf der Straße, er hat nicht müssen zu gehn an den Häusern hin, sondern können mitten auf den Weg. Die Gojim haben gegrüßt mit der Hand: ›Leib Moische Seelenheil, ich bedarf zu haben zwei Fuhren Kalk!‹ und Leib Moische Seelenheil hat geantwortet: ›Bedarfst du zu haben zwei Fuhren Kalk, so stehen sie morgen vor deiner Tür.‹ Oder: ›Leib Moische Seelenheil ich bedarf zu haben zwei Häut' Rindsleder!‹ und Leib Moische Seelenheil hat geantwortet: ›Bedarfst du zu haben zwen Häut' Rindsleder, so werden sie morgen in deiner Werkstatt hängen.‹ So is Leib Moische gekommen von Halkes und Groipes auf Roschinkes und Mandlen. Kein Unrecht ist von ihm geschehen, die Gemeinde hat geschaut auf ihn und gehört auf ihn. Neben ihm die Mame is als ein guter Maloch durch die Jahr gegangen, sie war der Stern im Haus und bei den armen Leuten und in den Krankenstuben das gute Wetter und die Hoffnung. Brilljanten und Antiken haben ihr Herz nicht können erquicken, aber Segen hat sie gesammelt vom Mund der Betrübten und Traurigen. In aller Heimlichkeit is sie gegangen, ohne Gered' unter die Leut zu bringen und wenn sie gehört hat das Wort Wohltat, so hat sie sich versteckt. Fünfmal hat sie an der Wiegen gesungen, zwei Jingeles und drei Mejdeles einzuschläfern. Aron Jankele den Trotzigen, Riwkele den Gescheiten, Rebekka mit die Lippelach wie Zucker süß, Vögele mit die Ejgelach wie schwarze Karschen, Gitl mit die Härelach wie gegroister Sammet. Gottes Segen war über Leib Moische Seelenheil und seinem Haus . . .

Hörst du mich, Schembera!

Der Krieg hat begonnen, der Jowon is über Komorcze gekommen. Die Kosaken sind hereingesprungen und haben sich um das Bethaus aufgestellt, denn es war Schabes und die Menorah hat gebrannt. Einer war da, der hat den Finger gehoben und gedeutet: ›Den und den und den . . .!‹ Die haben die Kosaken gegriffen und geschleppt, wie sie waren, in das Gefängnis. Und wie der Leib Moische Seelenheil unter das Tor gekommen ist zu treten, hat er gedeutet: ›Der da gehört unter die größten Ssejnim von die Russen und – Spaß! – is auch der reichste Mann in der Gemeinde'. Da haben ihn die Kosaken gegriffen und mit Peitschen getrieben zu den andern. Am nächsten Tag waren neun Juden drei Fuß hoch über der Erde an starke Balken gehängt mit lange Häls, und Leib Moische Seelenheil is gestanden vor dem Obersten: ›Is es wahr, Leib Moische Seelenheil, daß du bist einer von die größten Ssejnim von unserem Zaren?‹ ›Herr Oberst, wie soll ich sein a Feind von Euerem Zaren? Was is er und was bin ich? Wie kann die Ameise sein a Feind vom Elefanten?‹ – Da is der Leib Moische Seelenheil geworden weggeführt und auf ein Brett geschnallt und die Kosaken haben ihm mit Peitschen zugeredet, er soll bekennen, daß er is ein Feind von ihrem Zaren. Sie haben ihn aufgehängt mit die Füß nach oben und mit a schweren Stein am Kopf und auf die Fußsohlen haben sie ihm Pech angezündet. Wie er hat aufgehört zu schreien, haben sie ihn abgeschnitten und geworfen auf Schtrej, da is er gelegen wie tot. Der Dokter is gekommen: ›Sei' Leben hängt an an dünnen Faden, kann sein, daß er halt, kann sein, daß er reißt.‹ Da sind die Freind gegangen und haben geredet mit dem Obersten und haben ihm bewiesen mit zweitausend Rubel, daß Leib Moische nicht sein kann a Feind vom allmächtigen Zaren. So is er gekommen von Schtrej in sein Bett und von trocken Brejt auf a Krankenjaichele. Aber der Kopf is ihm geblieben schief auf die Achsel gezogen von dem schwerem Stein, der ihm angehängt war . . .

Hörst du mich, Schembera?

Der Krieg is weiter gegangen und der Kaiser hat Gewalt bekommen über den Zaren und hat ihn ausgetrieben aus dem Land und aus Komorcze. Der Jowon is gelaufen, aber nicht schnell genug, daß er nicht hat können mitnehmen, was ihm gefallen hat, in der Stadt. Und es hat ihm viel gefallen von dem, was Leib Moische Seelenheil gehabt hat in sein Haus. Der Oberst is gestanden mitten im Zimmer, die Reitpeitsche in der Hand und hat gezeigt dorthin und dahin, und wenn Leib Moische die Hände gehoben hat, hat er gesagt: ›Ruhig Leib Moische, sonst laß ich dich mitnehmen als Geisel, weil du gehörst zu die Ssejnim von unserem Zaren.‹ Und wie die Russen waren fort, hat Leib Moische gefragt: ›Mame, wo is Rebekka, Rebekka mit die Lippelach wie Zucker süß?‹ ›Wo werd sie sein? Sie wird sein in der Kammer.‹ Der Tate is gekommen aus der Kammer: ›Mame, in der Kammer sind Apfel und Birn, wo is Rebekka mit die Lippelach wie Zucker süß?‹ ›Wo werd sie sein? So werd sie sein auf dem Boden.‹ Der Tate is gekommen vom Boden: ›Mame, auf dem Boden sind Wäsch' und leere Flaschen, wo is Rebekka mit die Lippelach, wie Zucker süß?‹ ›Wo werd sie sein? So werd sie sein im Garten.‹ Der Tate is gekommen vom Garten: ›Mame, im Garten sind nix als Bäum' und Gras, wo is Rebekka mit die Lippelach, wie Zucker süß?‹ ›Wo werd sie sein? So werd sie sein am Bach zu waschen das neue Kleid!‹ Der Tate is gekommen vom Bach: ›Mame, im Bach is nix als Wasser und Stein, wo is Rebekka mit die Lippelach, wie Zucker süß?‹ Da is der Nachbar gekommen: ›Ich hab gesehen Rebekka, eier Mejdele, fahren in einem Wagen mit zwei weiße Pferd' hinter die Russen und sie hat gesungen:

›Brejt mit Salz well ich essen
Tate und Mame well ich vergessen –
Aby mit dir zusammen sein
Aby mit dir zusammen sein.‹

Da hat Leib Moische Seelenheil das Gewand zerrissen, Asche über den Kopf gestreut und sich mit der Mame und die Kinder auf den Boden gesetzt, weil Rebekka gestorben war.«

Leib Moische Seelenheil streckte die Hand nach der Menorah aus, griff in die Lichtblüte am äußersten linken Arm und zerdrückte sie zwischen den krummen knöchernen Fingern.

»Hörst du mich, Schembera?

Am anderen Tag war Gestampf vor der Tür von Soldaten, und sie sind hereingetreten zu Leib Moische Seelenheil und der Offizier hat gefragt: ›Wohnt hier Leib Moische Seelenheil?‹ Und der Feind war wieder da, hat gedeutet mit dem Finger auf mich: ›Dort steht er, und er hat gehalten mit die Russen und gehört zu die schlimmsten Ssejnim von unserem Kaiser zu Wien.‹ Da haben ihn die Soldaten mitgenommen und ins Gefängnis geworfen, wo er schon gewesen war als Feind vom Zaren und die Schtrej is nicht weicher geworden seitdem. Schwach wie er war, krank wie er noch war, is er wieder in die Krankheit gefallen und der Prozeß hat gedauert Monat auf Monat und war ka End' zu sehen. Da is der Doktor gekommen: ›Sei' Leben hängt an an dünnen Faden, kann sein, daß er halt, kann sein, daß er reißt.‹ Da sind die Freund gekommen und haben geredet mit dem Kommandanten, was ein Pole war, und haben Bürgschaft gegeben für Leib Moische Seelenheil. So is er wieder gekommen von Schtrej in sein Bett und is gelegen wie tot. Es is gewesen ein Abend, an dem Neschama schon ausgegangen war aus dem Leib, aber Ruach war noch in ihm und hat gesehen, was kommen wird und was nicht da ist. Schon haben die Mame und die Kinder das Wasser ausgegossen und die Spiegel umgedreht, da ist gekommen ein Soldat mit einem Brief vom Kommandanten, darin ist gestanden, was Ruach gesehen hat: daß die Anschuldigung war ohne Grund und Leib Moische Seelenheil freigesprochen. Da Ruach wieder Neschama zurückgezogen und Leib Moische Seelenheil hat die Massikim verjagt und sich aufgesetzt im Bett und die Besinnung war ihm gegeben zurück von der Pforte des Briah . . .

Hörst du mich, Schembera?

Der Krieg ist weiter gegangen und der Zar hat wieder Gewalt bekommen über den Kaiser zu Wien, und da hat Leib Moische Seelenheil zwei Pferde gespannt vor a Wägelche und Betten aufgeladen und die Mame und vier Kinder hinaufgesetzt. Wie sie sind gewesen eine halbe Stund vor der Stadt, hat Leib Moische den Wagen angehalten und is eruntergeklettert: ›Ihr sollt warten auf mich bis morgen früh drüben im Wald. Komm ich zurück, dann wollen wir zusammen fahren auf Lemberg, komm ich nicht zurück, dann werd ihr fahren allein und warten dort, bis ich komme.‹ Großes Weinen is angegangen: ›Was willst du zurück, siehst du nicht brennen Komorcze an zwei Stellen?‹ ›Laß brennen, ich muß zurück, zu sehen, ob nich Rebekka gekommen ist. Heißt es nicht:

›Wie es ist bitter, main liebe Mutter
A Stub ohn a Tür,
Asej is bitter, main liebe Mutter
Mir ohne dir.‹

Groß Gewein ist geblieben hinter Leib Moische Seelenheil, aber er is gegangen ohne Umsehen auf Komorcze. Sie haben gewartet bis zum Morgen, haben gewartet bis zum Abend, und sind dann gefahren auf Lemberg in die bittere Not. Bitter war die Not, trocken das Brejt, denn es is alles verblieben zu Komorcze. Mit Tränen war begossen jeder Tag, Tag und Tag, denn Leib Moische Seelenheil war geworden Geisel bei den Russen und weggeschleppt nach Sibirien.

Der Krieg ist weiter gegangen und zu End gegangen, sie haben angefangen, Frieden zu machen. Lemberg haben bekommen die Ukrainer und die Polen haben wieder Krieg angefangen um Lemberg. Sie haben Kanonen aufgefahren und haben ereingeschossen in die Stadt. Eine Bomben is geflogen durch die Luft in ein Haus, durch ein Dach, durch eine Deck in ein Zimmer und in dem Zimmer war die Mame und Riwkele, der Gescheite. Die Bombe hat gesungen, die Bombe is zersprungen, und die Mame und der Riwkele waren zerrissen in viele tausend Bröselach.«

Steil stand Leib Moische vor dem Leuchter, seine Hand hob sich, griff in die Flammen und löschte je ein Licht von links und rechts.

»Hörst du mich, Schembera?

Vögele is gekommen gelaufen mit Brejt, Jankele, der Trotzige, mit ihr. Sie sind gelaufen bei dem Krach, die Straß entlang, ins Haustor hinein, die Stiegen hinauf bis zu dem großen Loch, was gewesen war ihr Zimmer. Am Fenster is geklebt eine Hand von der Mame, Vögele mit die Ejgelach wie schwarze Karschen hat verloren den Verstand, hat angefangen zu lachen, hebt das Klejdel, tanzt am Fenster, tanzt hinunter auf die Straße, auf die Stein, die harten Stein. Jankele, sie zu fassen, springt zum Fenster, greift nach dem Klejdel, verliert den Gewicht – hinunter auf die Stein, die harten Stein . . . Leut sind zusammengelaufen, hoben zusammengelesen was da war, a Binkele Knochen und Fleisch und Kleider. Nach a paar Minuten is gestorben Vögele, Vögele mit die Ejgelach wie schwarze Karschen.«

Nach der zweiten Flamme von rechts griff Leib Moisches krumme Hand, zerdrückte sie in harten Fingern.

»Hörst du mich, Schembera?

Jankele mit die gebrochenen Füß ist gelegen im Spital und Gitl mit die Härelach wie gegroister Sammet is zu gute Leute gegangen. ›Aw horachamim, Jankele liegt im Spital mit gebrochene Füß, ich will ihm Essen tragen, daß werd er gesund.‹ Da haben gute Leut gegeben, und Gitl hat ihm Essen getragen. Und immer schießen die Polen mit Kanonen in die Stadt erein, zwischen die Bomben is sie gegangen mit dem Essen für Jankele. Da sind die Ukrainer aus Lemberg fort, und die Polen sind gekommen mit einem großen Zorn auf die Juden. Sie haben angefangen zu schießen und zu stechen, und wie Gitl kommt mit dem Essen für Jankele, schreit aner: ›Seh der an, was für Härelach hat das Mejdele, wie gegroister Sammet.‹ Und haben sie gezogen in a Haustor, und haben ihr Gewalt getan, und sie dann geschlagen zu Tod.«

Die dritte Flamme von links erlosch unter Leib Moisches hornigen Fingern.

»Hörst du mich, Schembera?«

Gewartet hat Jankele im Spital auf Gitl. Einen Tag, zwei Tag, am dritten Tag kommt der Doktor: ›Jankele du wirst warten umsonst, Gitl mit die Härelach wie gegroister Sammet liegt erschlagen auf der Straßen.‹ ›So will ich auch sterben,‹ sagt Jankele, ›ich hab niemand mehr, bei ihm zu bleiben.‹ Da is ein Mann getreten hinter dem Doktor hervor: ›Jankele hast du nicht die Mame, bei ihr zu bleiben?‹ ›Die Mame ist zerrissen von aner Kanon,‹ sagt Jankele. ›Jankele, hast du nicht Riwkele, bei ihm zu bleiben?‹ ›Der Riwkele is zerrissen mit der Mame von aner Kanon,‹ sagt Jankele. ›Jankele, hast du nicht Vögele, bei ihr zu bleiben?‹ ›Vögele is zerschlagen auf die harten Stein,‹ sagte Jankele. ›Jankele, so hast du dein Tate, bei ihm zu bleiben.‹ ›Tate,‹ sagt Jankele, ›ich kann bei dir nicht bleiben, meine Füß sind mir zerschlagen bis hinauf und es is der Brand gekommen und ich bin tot, eh die Sonne da ist.‹

Über die dritte Flamme von rechts senkte sich Moisches Hand schwer herab. Sie züngelte spitz und dünn zwischen seinen Fingern hindurch und zerfiel zu Dunkelheit. Nun brannte nur noch das Licht am Mittelast des siebenarmigen Leuchters. Es bebte scheu vor den Schatten, die unter ihm um den Stamm der Menorah tanzten.

Gesang gurgelte aus Moisches Kehle:

»Wo seid ihr, meine junge Johren,
Wo seid ihr ahingekummen?
Seid mit'n Faier verbrennt geworen,
Seid mit'n Wasser awekgeschwummen?

Hörst du mich, Schembera?

An dem Tag, an dem sie Jankele, den Trotzigen haben in die Erd' gesenkt, is gestorben Leib Moische Seelenheil.«

Die Hand schwebte über der letzten Flamme. Wehrend stach diese nach der Droherin, das Weiche der Fläche prasselte, schwärzte sich und roch nach versenktem Horn. Dann sank die Hand herab wie eine Steinplatte und malmte das letzte Licht aus.

Schweigen wölbte sich, am Rand zernagt von dem Knistern zusammensinkenden Feuers im Eisenöfchen. Aus dem Spinnenloch hinter dem Kachelofen zwinkerten zwei bewimperte listige, gierige Menschenaugen über roten Freßzangen.

Vom Tisch auf, schob sich Moische zum Kindersessel. Er hob die Lider von Schemberas Augen, sie lagen mit schiefen Achsen in den Höhlen, einwärts und nach oben gedreht, in der Verrenkung eines Krampfes. Schembera schlief nicht und war doch auch nicht hier, er war in einem Zwischenreich, auf eigenen Pfaden wandelnd, auf denen ihm niemand folgen konnte. Sein Leib zitterte unter der Berührung von Moisches Händen, mit leisem Zischen traten ihm Bläschen blutigen Schaumes in die Augenwinkel.

Leib Moische Seelenheil nickte, schob die Augenlider wieder herab und ging zu dem Bettgestell in der Ecke, auf dem ein Durcheinander von schmierigen Decken lag . . .



6. »D' letzten Weaner.«

Unter einem Stoß Akten keuchend kam Thaddäus Gratias den kahlen Gang entlang. Die Tür zum Referat XII stieß er mit dem Fuß auf, angelte hinterrücks mit dem Winkelhaken von Zehen und Fersen nach ihr und knallte sie ins Schloß. Die Last Akten warf er auf den Schreibtisch, daß es staubte.

Wie immer um diese Zeit saß Franz Stix auf dem Parteiensessel, Franz Stix, der Sarghändler. Wie immer fragte er, als die Staubsäule qualmend aufstieg: »Warum machst du dir eigentlich die Arbeit?« Und wie immer antwortete Thaddäus Gratias, der Steueroffizial, indem er den Aztekenschädel zurückwarf, mit einem Dichterwort:

»Arbeit ist des Bürgers Zierde,
Segen ist der Mühe Preis,
Ehrt den König seine Würde,
Ehret uns der Hände Fleiß.«

Und wie immer entgegnete Franz Stix, der Sarghändler, darauf: »Aber die Arbeit muß doch einen Sinn haben.«

Bis hierher waren Rede und Gegenrede im festgepflügten Geleise gegangen. Sie waren stehende Formeln, wie bei anderen Gruß und Gegengruß, wenn sie einander Guten Morgen oder Guten Abend sagen oder wenn sie sich gegenseitig nach dem Befinden erkundigen, ohne sonderlich neugierig darnach zu sein oder sich viel dabei zu denken. Heute ereignete sich Sonderliches. Thaddäus Gratias gab noch eine zweite Antwort: »Es tut not,« sagte er, »seiner Hände Werk zu schaffen ohne Aufhören und seines Geistes Wandel keinen Stillstand zu bereiten, daß uns der Tag nicht müßig treffe, an dem der Engel den Brunnen des Abgrundes auftut und aus seinem Rauch die Heuschrecken hervorgehen, die wie Rosse zum Krieg bereitet sind und ein Antlitz haben wie der Menschen Antlitz, Haare wie Weiberhaare und Zähne wie die der Löwen.«

Das war nun eine vollkommene Neuerung im herkömmlichen Ablauf. Franz Stix nahm sie mit würdevollem Staunen hin. »Jaja!« sagte er nachdenklich, »aber ich . . . wem soll ich Särge bauen? Mein Magazin ist voll. Ich habe 2307 Särge für Erwachsene und 5007 Kindersärge auf Lager. Ich bin hereingefallen, Thaddäus, ich habe mir einen Riesenvorrat angeschafft und nun wird allgemein sarglos gestorben.«

Thaddäus nickte: »Es steht geschrieben: . . . und ihre Leichname werden liegen auf der Gasse der großen Stadt, die da heißt geistlich ›Sodom und Ägypten‹ . . . und es werden etliche von den Völkern und Geschlechtern und Sprachen ihre Leichname sehen drei Tage und einen halben und werden ihre Leichname nicht lassen in Gräber legen.«

»So steht geschrieben?«

»Steht geschrieben.«

»Man sollte es drucken lassen und an alle Straßenecken kleben, aber es ist niemand da, es zu lesen. Es ist noch niemals und nirgends so kulturlos gestorben worden, wie jetzt hier. Bei den Indern werden die Leichen wenigstens verbrannt, die alten Chaldäer steckten sie, wenn schon nicht in Särge, so doch wenigstens in Tonkrüge, sogar die Parsen, die ja sonst die Leichen den Vögeln des Himmels zum Fraß überlassen, bringen sie doch auf Türme oder in einen ummauerten Raum, den man Dakhma nennt. Hier aber stirbt man drauf los, ohne Rücksicht, wo man sich eben befindet, ganz ohne irgend jemandem die Verantwortung für sich und seine Beseitigung auf die Seele zu binden. Man hat das Verhältnis zu den teueren Hinterbliebenen einfach aufgelöst, ohne für einen Ersatz zu sorgen. Das ist leider und bedauerlich!« Franz Stix besaß einen gewissen Überblick über die üblichen Leichenbestattungen aller Zeiten und Völker. Er hatte seinen Beruf einigermaßen verwissenschaftlicht und vergeistigt, indem er sich in den bezüglichen Kapiteln der Kulturgeschichte eifrig umgesehen hatte. So wenig er an den Gebräuchen der Taufe oder Hochzeit Anteil nahm, so genau wußte er Bescheid über alles Um und Auf des Sterbens und dessen, was nachher kam. Im Besitz solcher Kenntnisse, mußte er sich sagen, daß er seinen Beruf zu keiner ungünstigeren Zeit und an keinem ungastlicheren Orte hätte ausüben können. Und es war ja auch wirklich trostlos mit einem Lager von 7314, sage siebentausenddreihundertvierzehn Särgen (einschließlich der Kindersärge aller Größen) dazustehen, wenn das Begrabenwerden so gänzlich aus der Mode gekommen war.

Inzwischen hatte der Steueroffizial Gratias einen Akt vom Stoß genommen und den Umschlag aus grauem Kanzleipapier geöffnet. Dürre Blätter liefen ihm raschelnd durch die Hände. Er feuchtete die Spitze des rechten Zeigefingers mit den Lippen an und tupfte auf die Ecken der Blätter rechts unten, dort, wo bräunliche Schmutzspuren früheren Feuchtmachens und Tupfens die Stelle vorzeichneten.

Franz Stix beugte sich vor, sah Thaddäus Gratias eindringlich von unten ins Gesicht und legte die rechte Hand auf den Schreibtischrand. Sie trug einen unförmigen Verband aus alten Fetzen, zum Schutze einer Stichwunde, die er beim letzten Kampf ums Lebensmittelfloß von einem Plattenbruder erhalten hatte: »Ja, eine Zeitlang ist es sehr gut gegangen . . . damals nach der Republik Morgenstern, wie der erste große Schub vom morbus Viennensis gekommen ist. Aber dann, später, ist es zuviel geworden, wir haben den Bestellungen nicht nachkommen können, man hat sich das Begrabenwerden so allmählich abgewöhnt. Die Ratten haben das Geschäft übernommen. Sie sind die Totengräber geworden und zugleich die Särge. Särge, die auf vier Beinen herumlaufen. Sie und dann diese Hunde. Es ist nicht angenehm, ihnen zu begegnen, diesen Bestien . . .«

Thaddäus Gratias bearbeitete den Einkommensteuerakt des Herrn Alois Fertig, Inhaber der Herrenschneiderei Fertig und Nachmaß. Er schrieb auf halbbrüchig gefaltenem vergilbtem Konzeptpapier: »Euer Wohlgeboren werden im Sinne des P. E. St.-Gesetzes eingeladen, bekannt zu geben, auf welche Weise Sie das Durchschnittseinkommen der letztvergangenen drei Jahre ermittelt haben . . .« Die kurzen Zeilen reihten sich untereinander, ein Turm von Geschriebenheit wuchs auf der schmalen Bogenhälfte, nur anders als sonst Türme wachsen, nicht aufwärts, sondern von oben nach unten. Thaddäus Gratias hatte als Amtsperson keine Kenntnis davon genommen, daß Wien ausgestorben war. Obzwar er über den wirklichen Stand der Dinge keineswegs im Unklaren war, gab es in seinem Aztekenschädel einen Bezirk, in dem er die gegenwärtigen Verhältnisse einfach nicht anerkannte. Hinter der zurückfliehenden Stirn, unter dem spitz zulaufenden Gedankendach war ein Winkel, in dem die Vorstellung einer amtlich geregelten Welt unentwegt weiterbestand. Es war eine Welt, aufgebaut auf die bürgerlichen Grundlagen des Steuerzahlens, bei deren Leugnung ohne weiteren Verzug und Übergang das jüngste Gericht hätte einbrechen müssen. Der Selbsterhaltungstrieb des Herrn Thaddäus Gratias sträubte sich dagegen, die Urtatsachen des Daseins aufzugeben: die Personaleinkommensteuer, die Erwerbssteuer, die Hauszinssteuer, die Rentensteuer, die Grundbesitzsteuer, die Kriegsgewinnsteuer . . . Er saß da und hielt die Akte wenigstens seines Referates in Ordnung, erließ Verhaltungen, donnerte Dekrete an die Steuerträger hinaus, forderte Bekenntnisse ab, hielt Einkommensteuerkommissionssitzungen, bei denen er alle Rollen spielte, erstattete Referate, gab Gutachten und erließ endlich die Vorschreibungen nach dem mutmaßlichen Einkommen und dem Mietwerte. Auf einem zusammengebrochenen Gerümpel von Schreibmaschine klapperte er Reinschriften und brachte sie selbst den Steuerträgern, Konzepts-, Kanzleibeamter und Amtsdiener in einer Person. Längst verschollenen, vermoderten Steuerträgern stellte er die Zahlungsaufträge zu; heftete sie nach Art der heiligen Fehme an die Türen der letztbekannten Wohnungen. In einer Zeit, in der alles wankte und stürzte, hatte er sich Gleichmut und Seelenfrieden bewahrt, ohne Ansporn von oben, weder durch Lob noch durch Tadel, ohne Neujahrsremunerationen, ohne Beförderung in die nächsthöhere Rangklasse. Während er als Thaddäus Gratias, schlechthiniger Privatmann, davon überzeugt war, daß dieser Stadt nicht mehr zu helfen sei, setzte er als Steueroffizial durch fürchterliche Strenge eine ganze eingebildete Gemeinde von Steuerträgern in Schrecken. Da die Parteien sämtlich die Vorhaltungen unbeantwortet ließen, hätte Thaddäus Gratias nach den Steuergesetzen völlig freie Hand, das Einkommen, den Ertrag der Unternehmungen, die Mietzinse einzuschätzen; und er machte Gebrauch davon, indem er die Einkommen von Jahr zu Jahr lawinengleich anschwellen ließ und die entfallenden Steuersätze samt Zuschlägen mit heiterer Genugtuung ausrechnete. Es war ihm eine besondere Befriedigung, daß er in seinem Referat derzeit nicht weniger als zweihundertsiebzehn Personen mit einem Einkommen von mehr als einer Million ausweisen konnte. Von den ungeheueren Summen zu schweigen, die unter Fortwirkung der Kriegsgewinngesetze vorzuschreiben waren.

In der letzten Zeit hatte der Amtseifer überdies auch eine fromme Färbung bekommen. Ein amerikanischer Missionär, der, die Überreste Wiens am Worte Gottes aufzurichten, mit einer Last Bibeln durch die Ruinen gestolpert war, hatte eine von ihnen verloren. Thaddäus Gratias hatte sie am Eingang zur unterirdischen Bedürfnisanstalt an der Kreuzung der Mariahilferstraße und Neubaugasse gefunden, etwas durchweicht von vorhergegangenen Regengüssen, sonst aber noch brauchbar. Er hatte sie aufgelesen, heimgenommen, getrocknet und in einen Streifen zäher amerikanischer Speckschwarte neu gebunden. Sog viel Trost aus ihr. Legte sie zu den Steuergesetzbüchern auf seinen Schreibtisch. Bis ihm die Ratten einmal den halben Einband weggefressen hatten. Nun band er sie in Blech, das er einer verbogenen Dachrinne entnahm und in der Sargtischlerei des Franz Stix gerade klopfte. In dem jetzt den Rattenzähnen unangreifbaren Wort Gottes forschte und las er täglich. Insbesondere die Offenbarung Johannis gab ihm viel Winke über das bevorstehende Weltende, das ja schließlich trotz seiner eifrigen Tätigkeit im Steuerdienste unvermeidlich war. Aber hinausschieben ließ es sich wenigstens durch ihn; und wenn es kam und dieselben Engel die Schalen des göttlichen Zornes ausgossen, so wollte er zu jenen gehören, von denen die Stimme vom Himmel sagen würde: »Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach.«

Der Turm von Geschriebenheit an Herrn Alois Fertig wuchs nach unten weiter. Der Steueroffizial Thaddäus Gratias dampfte unsägliche fiskalische Feinheiten hinter der fliehenden Aztekenstirn aus. Indessen hatte Franz Stix die Hose abgezogen und füllte die Zeit mit einer Flickarbeit. Sie bestand, diese Hose, aus einem rot und weißgestreiften Leinen, dem Überrest eines Sonnensegels vor dem Ladenfenster der Kunststickerei Jenny Reitmeyr. Hinten, wo die Rundung in dünne Fäden zerschlissen war, paßte Franz Stix einen grünen Tuchfleck ein, der dem Billard eines Kaffeehauses in der Währingerstraße entnommen war. Den guten Reden, mit denen er den Fortgang der Arbeit begleitete, schenkte Gratias kein Gehör. Dem Schreibenden war die Zunge vor Eifer aus den Lippen gekrochen und lag ihm bläßlich im linken Mundwinkel. Franz Stix, der antwortlosen Gesprächsanknüpfungen überdrüssig, war zum Pfeifen übergegangen und schwang vor den kurzsichtigen Augen, die aus dem breiten, roten Gesicht blau vorstanden, die Nadel um die Ränder des grünen Fleckes.

Aus einem zerbrochenen Dachfenster gegenüber blitzte ein Strahl einer schiefstehenden Nachmittagssonne. Wenn dieser Widerschein in das Zimmer drang, war die Amtszeit beendet. Fast zu gleicher Zeit waren die Freunde fertig. Thaddäus Gratias setzte den Schlußstein, nämlich seinen deutlich lesbaren Namenszug, unter den Turm von Geschriebenem, in den Herr Alois Fertig jetzt unentrinnbar eingespundet war. Und Franz Stix hatte den Fleck an seinem Ort eingefügt, daß er wie eine grüne Wiese in einer rot und weißgestreiften Landschaft lag. Er lehnte sich gegen die Wand und fuhr in die Beine, erst in das eine, dann in das andere. Dann nahm er seinen Mantel vom Haken, den weißen Sommermantel, einen Bettüberzug, herrliche Beute aus dem zuletzt von einem Arbeiterrat bewohnten Palais Dietrichstein, wo man noch viele Dinge gefunden hatte, die anderswo nicht vorhanden waren. Er warf ihn um die Schultern, eine Brosche biß sich vorne am Hals in die Säume fest, ein ovales Ding aus Sprudelstein mit der Inschrift: »Erinnerung an Karlsbad«. Thaddäus Gratias war minder köstlich gekleidet, er fuhr mit dem Kopf durch das Loch inmitten eines abgetretenen Küchenteppichs, der ihm als ein richtiger Poncho vorne und hinten über ein etwas dürftiges Netzhemd fiel. Ein System dünner Fäden um eine Menge von Luftaugen gitterte sich ihm unter dem Teppich über Brust und Rücken. Die Arme blieben unbedeckt, und der etwas schmale Küchenponcho bot den Vorteil, daß sie seitwärts links und rechts unbehindert ausfahren konnten.

Zerbröckelnde Stiegen hinab mußten mit Vorsicht beschlichen werden, nach der zersprungenen Decke im Flur zur ebenen Erde schielte wie immer des Thaddäus Gratias täglich mehr berechtigtes Mißtrauen. Ein Tisch, ein Sofa und zwei grüngepolsterte Lehnsessel waren aus irgendeinem Heim vor ein Haustor gepflanzt, standen ratlos beieinander; gebrochenen Halses trübseligten einige Weinflaschen zwischen ihnen. Ein Herzaß, mit einem Taschenmesser an die Tischplatte geheftet, zermürbte unter freiem Himmel, im Rechteck um die rostende Klinge. Straßenecken drängten vor, wichen zurück, in einem aufgerissenen Geschäftsladen auf einem Gebirge von Schubladen und Schachteln lag etwas, menschlicher Formung, in Dunkel gehüllt. Aus einem Fenster baumelte ein Strick mit einem weißen Handschuh am freien Ende.

Hinter der großen Spiegelscheibe des Gasthauses »Zur Linde« nickte Cyrill Gamaufs weißer Franzosenkopf, als die Freunde auf der Straße erschienen.

»Ohne Z'spätkommen geht's halt amal net,« raunzte er in das Kreischen der Türe. Er schüttelte eine Blechbüchse, in der es hürnen, beinern und bleiern klang. Ehrliche Biedermannsentrüstung machte seinen Mund gries und gram. »Wenigstens heut hätt's doch zeitiger kommen können.« Er fuhr fort den Schütteltanz in der Blechbüchse springen zu lassen. Der Steueramtsoffizial Thaddäus Gratias sah ihm betrübt auf die Hände, fuhr sich dann aber – Ordnung muß sein – gehorsam längs der Lenden, die Hosennähte entlang hinab, dann seufzend rund um den Leib den Hosensaum hin. Ganz hinten am Rücken entdeckte er noch einen Knopf. Er kehrte stillschweigend dem rasselnden Spektakelmacher die Hinterfront zu, schwang die Ponchohälfte, die hinten herabhing, nach vorne. Cyrill Gamauf endigte sein Büchsengeklapper, schnappte ein Taschenmesser auf und trennte den Blechknopf vom letzten Faden. Er besah ihn etwas argwöhnisch, befand ihn aber für gut, ließ ihn durch den Schlitz der Blechbüchse zu den anderen Knöpfen gleiten und somit war die Ordnung nach den Statuten wieder hergestellt und das Zuspätkommen gesühnt. Denn nach dem Statut war alle Ordnungswidrigkeit mit einer Strafe von einem Knopf belegt und wie wichtig und unentbehrlich dieser unscheinbare Gegenstand war, ersah man erst nach der Einführung der neuen Knopfwährung. »Die kleinen Dinger werden groß werden, die großen aber klein,« sagte Gratias mit einem biblischen Anklang, als diese Zusammenhänge zum erstenmal klar geworden waren.

Während Gratias sich ordnungsgemäß von seiner Statutenverletzung löste, suchte Meister Stix vergebens nach einem Knopf. Seine rotweißgestreifte Sonnensegelhose mit dem neuen Wiesenfleck war rundrum nur mir Spagat an den Leib gebunden, der Sommerbettmantel mit einer Erinnerung an Karlsbad und zwei Hutklammern festgehalten. Der biedere Meister war außerstande, sein Statutenmäßiges zu leisten. Er saß auf seiner Blankheit an Knöpfen wie auf einem glühenden Rost. Cyrill Gamauf vernichtete ihn durch einen vorstandhaften Blick als Schuldenmacher und Windbeutel. Schließlich raffte sich Franz Stix zu einem Gegenstoß auf, um die verlorene Stellung wieder zu gewinnen. Er sah sich im Raume um, deutete ein Frösteln an und sagte: »Es zieht.« Wirklich, aus dem Loch im oberen Teil des Gassenfensters wehte ein scharfes Lüftchen quer durch den Raum an den Trümmern des einstigen Schanktisches vorbei und durch die geborstenen Wände des Hinterzimmers wieder hinaus. Wohl war dem Loch im Spiegelglas, das zackig in Strahlen auseinander lief wie ein platzender Komet, eine Haut aus altem Zeitungspapier überspannt. Aber ein heftiger Ansturm von Hagelwetter am vorigen Sonntag hatte diese Haut zertrommelt; sie hing in losen Fetzen um die Splitterung des Glases.

Meister Franz Stix erhob sich, löste die Erinnerung an Karlsbad und die zwei Hutklammern ab und stopfte seinen Sommermantel in das Zugloch. Damit war bekundet, daß auch Cyrill Gamauf, Obmann und Heimwart, dem die Pflicht der Instandhaltung der Vereinsräume oblag, keineswegs über jeden Vorwurf erhaben war. Der weiße Franzosenbart des Zurechtgerückten zitterte wohl ein wenig, die Erregung lief aber unterirdisch ab. Er wandte sich höheren und wichtigeren Dingen zu.

Die Tischtafel war heute nicht ohne Grund mit einem Gerank der Passionsblume umwunden, dem Wundergewächs, das, ein Kind fremder Zonen, in den Ruinen Wiens so heimisch geworden war wie Efeu oder wie Klematis und die Trümmer fröhlich überkletterte. Die großen Blüten, in deren Kelch die Werkzeuge der Peinigung Christi nachgebildet sind, nickten über ein Brettchen, das auf einem ehemaligen Leuchter befestigt war. Es stammte aus Meister Stixens Sargtischlerei. Auf der einen Seite stand mit roter Tinte: »Stammtisch! Vorbehalten!!«, auf der anderen: »Geselligkeitsverein ›D' letzten Weaner.‹« Das satzungsmäßige Ziel war ein gemütlicher Untergang, die satzungsmäßigen Mittel zur Erreichung dieses Zieles: Pflege von Freundschaft, Geselligkeit und Humor.

Gebietend und würdevoll stand Cyrill Gamauf da, der Obmann, Heimwart, Säckelwart und Schriftführer. Er hatte die Festkleidung angelegt, eine lichtblaue Generalshose mit zwei Finger breiten roten Streifen bis zu den Sandalen aus Pappendeckel. Oben dann die Flanellbluse, die blau mit dem schwarzen Tupfen, aus dem Nachlaß der verstorbenen Frau Gamauf. Um die Hüften lief der Gürtel aus einem Seehundsfellstreifen, den er unter dem Ladenpult eines Wintersportgeschäftes aufgestöbert hatte. Kriegerisch wie die Festkleidung unten mit der Generalshose begonnen hatte, schloß sie zuhöchst mit einem Sturmhelm aus Schützengrabenzeiten. Aber das Militaristische dieses Anblicks war gesänftigt, und zugleich der Helm geschmückt mit einer großen Anzahl von Briefmarken aus der Periode der Republik Morgenstern. Sie trugen alle, von drei Hellern bis zu einer Krone, das sanfte und doch kraftvolle Antlitz des Diktators Morgenstern in einer Umrahmung von Eichenlaub und Gurken.

Es handelte sich um den Rechenschaftsbericht. Er fand die Billigung der Vollversammlung. Sie nahm mit Beifall und Befriedigung zur Kenntnis, daß sich das Vereinsvermögen in der Büchse auf dreiundfünfzig Knöpfe verschiedener Gattungen belief. »Trotzdem ötliche Mütglüder mit ihre Verpflüchtungen im Rückstand blieben san,« konnte sich Cyrill Gamauf mit einem boshaften Seitenblick auf Meister Stix nicht enthalten beizufügen. Es konnte schon aus dem Vereinsvermögen eine Dividende von zehn Knöpfen an jedes Mitglied ausbezahlt werden, während der Rest als Reserve dem Säckel verblieb. Meister Stix seufzte erleichtert und fühlte eine frohe Spannung seiner Muskeln in der Vorfreude künftiger Beknopftheit seiner Kleidung und der Wiedergewähr einer wirtschaftlichen Grundlage.

Ferner handelte es sich um die Wahl des Ausschusses. Man berief Cyrill Gamauf wieder vertrauensvoll zum Obmann, Heimwart, Säckelwart und Schriftführer, Thaddäus Gratias zum Obmann - Stellvertreter und Meister Franz Stix, den Sarghändler, zum Bücherwart, Festwart und Sangwart. Die Wahl geschah einstimmig. Damit war der geschäftliche Teil der Versammlungsordnung erledigt und man begab sich unverweilt ins Gemütliche. Stix trat sein ihm wiederum anvertrautes Amt an, indem er in den Hintergrund des Raumes schlüpfte und eine geheimnisvolle Tätigkeit begann. Es klapperte von Blechplatten, dann kurbelte irgendein Uhrwerk Kräfte in sich. Am Stammtisch, die Zurückgebliebenen, überhörten geflissentlich die Vorbereitungen des Festwartes. Ein Schnarren hob an, ein Kratzen und Kreischen, dann brach aus dem Trompetenmaul eines Grammophons eine zitternde, wacklige, zwischen den Walzen zerbröckelnde Stimme:

»Kinder, hört's mi an: Weil heute Sonntag is',
Gehn mer alle mitsamm' auf d' Gaudee . .«

Ein längst verstorbenes Klaviergeklimper torkelte zwischen die Bruchstücke des Gesanges. Der Festwart, Meister Stix, trug ein glückliches Lächeln zum Stammtisch zurück. Sie hatten alle die Festmahlzeit aus den Taschen hervorgeholt: grau angehauchte Dauerwurst, einen leichenschänderisch anmutenden Speck und etwas Unsagbares aus Blechbüchsen, Beute vom letzten Lebensmittelfloß. Beim Kehrreim hörten sie zu kauen auf. Sie sahen sich an, feuchtglänzenden Auges, sangen mit:

»Ich muß wieder amal in Grinzing sein
Beim Wein, beim Wein, beim Wein,
Da siecht ma ja grad bis in'n Himmel, nein,
Beim Wein, beim Wein, beim Wein.«

Als das Grammophon sein Lied in ein leeres Schnarchen ausströmen ließ, legte Thaddäus Gratias Hand an ein Stück harten Schiffszwiebacks. Es widerstand seinen Fäusten, er hieb es gegen die Tischkante, es schlug eine Scharte ins Holz. Mit einem Ziegelstein, der von der Decke gebrochen war, zerhämmerte er es. Es zersplitterte mit einem trockenen Krachen in Brocken. Einen belud er mit einer Scheibe graugrüner Dauerwurst. Besah den Bissen, sagte: »Und er sprach zu mir: Nimm hin und verschling es! und es wird dich im Bauch grimmen; aber in deinem Munde wird's süß sein wie Honig.« Schob es in den Mund.

Cyrill Gamauf legte die Faust auf den Tisch, nahe dem Täfelchen mit dem Namen des Vereines. Sagte dann, innig versunken: »Wiener Schnitzel mit Erdäpfeln!«

Franz Stix würgte an einem Stück Speck, der seinem Gaumen einen Vorgeschmack von Verwesung gab. Er hob den Blick, sagte: »Saftgullasch mit Nockerln!«

Thaddäus Gratias, noch knirschenden Sand und ein wenig Ziegelstaub zwischen den Zähnen, sagte etwas apokalyptisch Ausschweifendes:

»Backhendel mit Gurkensalat!«

Sie sahen einander an, Verklärung sank herab, schwebte wieder empor, nahm sie mit. Franz Stix war wieder in den Hintergrund geschlichen. Aus der wollüstig ausladenden Trompetenblüte des Grammophons kam ein Lied aus Urtagen der Menschheit:

»Allweil flott und allweil munter,
Denn der Weaner geht net unter.«

Cyrill Gamaufs weißer Franzosenbart zitterte: »Um an's is schad. Um an's!« Die Freunde wußten um seinen Schmerz und ehrten ihn. »Das, wann die Welt erfahren hätt. Steinreich hätt i werden können. Aber bei uns is nie a Boden für's Schenie g'wesen. Nia net. Ka Verständnis für unsere großen Männer. In's Ausland haben s' gehn müssen, wann's was haben erreichen woll'n.« Bitternis des Erfinders umschattete seine Augen. Er war, ein Zuckerbäcker, auf Ungeheuerliches verfallen. Zurzeit, da Diebstahl grundlegende Bedingung alles Menschendaseins geworden zu sein schien, hatte er es ersonnen. Aus der Erfahrung seines Betriebes wurde ihm die Erleuchtung. Sie kamen die Kunden, drängten in Haufen um den Ladentisch, und während sie ein Ding kauften, stahlen sie zugleich ein halbes Dutzend anderer. Da fiel es ihm ein, seine Ware mit kleinen Glöckchen zu versehen, die, dem Auge des unredlichen Kunden verborgen, läuteten, wenn sie berührt wurden. Er war kein Argus, konnte die Blicke nicht überall haben. Aber nun, wenn der Dieb verstohlen nach dem Nußbeugel oder der Mandelschnitte griff, läutete Alarm, läutete seine Aufmerksamkeit an und Abwehr herbei. Das war die Glöckchenbäckerei, seine eigenste Erfindung. Eßbare, wohlschmeckende Glöckchen in allen Bäckereien, allen Bonbons, helles Geläut, ein Genuß dem ehrlichen Käufer, dem Dieb ein Schrecken und Grauen. Kein Diebstahl mehr! In's Große angewendet und auf den ganzen Handel und Wandel übertragen, Schutz des Eigentums und wirksamste Bekämpfung des Verbrechens. Aber ehe die Patente erworben, das Kapital zusammengebracht und die Welt von der Erfindung in Kenntnis gesetzt war, hatte sich diese Welt von der Stadt und ihren Bewohnern abgewendet, sie preisgegeben und eine unübersteigbare Grenze um sie gezogen.

Franz Stix hatte den Knoten des Verbandes an seiner rechten Hand mit den Zähnen und der Linken gefaßt und zog ihn fester an. Dann ließ er den schmutzigen Zipfel aus dem Mund gleiten und besah ihn nachdenklich: »Es wäre die Erlösung der Menschheit geworden und die Wiederherstellung der Moral!«

Aus dem Staub und dem Krümchen seines Schiffszwiebacks hatte der Steueroffizial Gratias eine gleichmäßige Schichte über die Tischplatte gestrichen, in die er mit dem Finger Runen aus den Steuergesetzen einzeichnete.

»Dös steht!« schlug Cyrill Gamauf mit der flachen Hand auf und meinte die Wiederherstellung der Moral durch seine Glöckchenbäckerei.

Einen tief eingesunkenen Blick hob Thaddäus Gratias zum Dach des gegenüberliegenden Hauses: »Es fragt sich, ob es nicht wirklich besser getan ist, die Verkommenheit auszuläuten, anstatt sie zu verdecken und zu verheimlichen. Deine Glöckchen, Cyrill . . .« Er schwieg. Man sah, daß Wichtiges in ihm vorging. »Was nützt die Arbeit eines einzelnen im Zusammenbruch einer Welt? Verzögerung der Wiederkehr des Lammes! Kam es nicht strafend einher, mit Schalen des Zornes und den Engeln der Plagen? Heißt es nicht: ›Bezahlet sie, wie sie bezahlt hat, und macht's ihr zwiefältig nach ihren Werken und in welchem Kelch sie eingeschenkt hat, schenket ihr zwiefältig ein? Wieviel sie sich herrlich gemacht und ihren Mutwillen gehabt hat, soviel schenket ihr Qual und Leid ein! Darum werden ihre Plagen auf einen Tag kommen: Tod, Leid und Hunger; mit Feuer wird sie verbrannt werden; denn stark ist Gott der Herr, der sie richten wird.«

Er stand groß und gebieterisch, die nackten Arme ragten zu beiden Seiten aus dem Teppichponcho wagrecht vor. Im Hintergrund schnarrte das Grammophon besänftigend:

»Ich weiß auf der Wieden ein kleines Hotel
In einem verschwiegenen Gäßchen . . .«

»Denn stark ist der Herr,« wiederholte Thaddäus Gratias, »nicht schwachmütig und leise kommt er einher, sondern mit Erdbeben und unter Donnern aus den Abgründen.« Es war ein satzungswidriges Benehmen für den Obmann-Stellvertreter eines Vereines, dessen Ziel ein gemütlicher Untergang ist.

Das Grammophon verschnarchte, Meister Stix wagte keine neue Platte einzulegen. Sie sahen Thaddäus Gratias zusammensinken wie eine Puppe, aus deren aufgeschlitztem Leib die Sägespähne rinnen. Er hing schlaff auf seinem Sessel.

In diesem Augenblick durchdrang ihr Bewußtsein von der Grenze des Wahrnehmbaren her ein jäh Neues. Es stieß sich vorwärts, ein Laut, eine Zerspaltung der Stille in Geräusch. Schritte trampelten im Takt der Straße, ein Häuflein Uniformen kam hinter einem jungen Menschen, der einen Revolver in der Hand trug.

»Menschen!« sagte Franz Stix.

»Amerikaner!« sagte Cyrill Gamauf.

Sie glotzten, drei verwunderte blasse Gesichter, durch die große Scheibe. Sie vergaßen das Gebot, sich zu verstecken, wenn Amerikaner kämen, waren außer sich beim Anblick gesunder, aufrechter Männlichkeit. Den Offizier draußen riß es erstaunt zurück, als er, durch Glas von der Straße getrennt, drei Einwohner der Ruinen sah. Die Mannschaft hinter ihm löste die Marschordnung, drängte sich zum Haufen. Ein Taschentuch flatterte aus der Hand des Offiziers, wand sich um die schwarze Mündung des Revolvers.

»Sie geben uns ein Zeichen,« flüsterte Meister Stix, »daß sie uns nichts tun wollen.«

»Es müßt a blaues Schneuztüchl sein,« flüsterte Gamauf zurück.

»Nein,« beharrte Stix, »nach der neuen Vorschrift geht es auch mit einem weißen Taschentuch.« Unter der Tür stand der Offizier, drei Mann hinter ihm. An der Scheibe quetschten die übrigen nebeneinander die Nasen platt, sechzehn weiße Tupfen zählte Stix nebeneinander an der von Dämmerung überronnenen Glaswand.

Der Offizier salutierte mit dem umwundenen Revolver wie mit einem Säbel. »Sie sind Einwohner von Wien?« fragte er in annehmbarem Deutsch.

Cyrill Gamauf, als Obmann zunächst auskunftspflichtig, legte die Hand an den mit den Morgensternschen Briefmarken beklebten Helmrand. »Wir sind der Geselligkeitsverein ›D' letzten Weaner'.«

Der Offizier salutierte abermals: »Eine Dame ist in Verlust geraten. Eine junge Dame unserer Reisegesellschaft. Eine Amerikanerin.«

»Das ist leider und bedauernswert,« sagte Franz Stix betrübt.

»Verlaufen?« meinte Cyrill Gamauf.

»Wir suchen sie. Wir hoffen, daß Sie uns Auskunft geben können. Wollen Sie uns freundlichst folgen.« Die verbundene Hand schob Franz Stix unter den Arm des Amerikaners, zog ihn vertraulich bei Seite: »Sagen Sie, bitte, sind das sechzehn Tupfen an der Glasscheibe?«

»Sechzehn, selbstverständlich sechzehn,« antwortete der Offizier.

»Gut, dann gehen wir,« entschied der Sarghändler. Sie nahmen den scheinbar gänzlich ausgeronnenen Thaddäus Gratias an den Armen, hoben ihn auf und schoben ihn zwischen sich zur Türe hinaus, in den Kraftwagen, der zitternd und schnaubend vor dem Eingang zur »Linde« stand.



7. Die Katakomben.

Der Zustand, in dem Fred Gregor nach Selinas Verschwinden allein geblieben war, hatte keine Vorläufer in irgend welchen früheren Erlebnissen. Fred Gregor, ein Amerikaner, mit viel Sport, viel Training, viel muskelhaftem Selbstgefühl, viel Sieghaftigkeit aus den Linien des Alltags, eine gute Kreuzung bester Rasseneigenschaften, war plötzlich gelähmt. Er glich eine Zeitlang einer jener Raupen, die von einem bösartigen Insekt durch einen Stich in eine ganz bestimmte Stelle ihrer Nervenstränge der Bewegung beraubt sind. Er lehnte an irgend einer Wand, die Einsamkeit durchdrang ihm die Kleider wie eine giftige Feuchtigkeit und ätzte seine Haut. Aber das war etwas, das ihn persönlich so wenig anzugehen schien, wie etwa die Weltraumkälte oder die Rückläufigkeit der Planeten.

Es dauerte lange, bis er eine allgemeine Vorstellung von alledem hatte. Da lehnte einer an einer Wand, mit eingeknickten Beinen, den Rücken irgendwie gegen etwas Festes geklebt, unbegreiflich aufrecht gehalten. Ein Lehmklotz, spröde, trockene Erde, geborsten, entzweigerissen, von einer giftigen Feuchtigkeit überrieselt, die aus der Einsamkeit schwitzte. Nach einer Ewigkeit von Verdammnis überbrückte sich das Außen zum Innen. Das Lehmende, Bröckelnde, giftig Befeuchtete war er, Fred Gregor.

Ich!

Das Ichgefühl strömte zurück, betäubend, wie aus plötzlich geöffneten Schleusen. Es warf sich in die Stränge wie ein aufspringendes Roß. Aber der Kutscher Vorsicht zügelte es, es war Gefahr, daß dieses Bröckelnde, Rissige, der Lehmklumpen Leib im Anriß zerbrach und in Trümmer fiel. Mit ungeheuerer Anstrengung dämmte ein kommandierendes Überbewußtsein die Wiederkehr des Lebensgefühles, leitete es in immer feiner verzweigte Kanäle, bis die von plötzlichem Entsetzen ausgedörrten Zellen sich füllten, schmeidigten und wieder anschwollen. Langsam sammelte sich Fred Gregor, empfand nun erst voll die Beziehung zwischen sich und der Welt. Jetzt erst tastete er zaghaft an die Erinnerung des Geschehenen. Es war nicht nötig, noch einmal zu suchen. Deutlich stand alles in einer unirdischen Helle, Selinas erzürnter Abgang, das leise Geflatter von Geräuschen nebenan und dann dieses Eindringen einer vollkommenen Leere, in der keine Spur von ihr zurückgeblieben war.

Fred Gregor ging durch viele kahle Zimmer. Es waren ihrer weit mehr, als vorher. Sie hatten sich vervielfältigt, durch Sprossung, durch Teilung, wie lebendige Zellen, sie waren zu einem endlosen Strang von Räumen angewachsen, der noch immer weiter wuchs. Diese Zimmerreihe gebar immer weitere Zimmer, von denen eines dem anderen glich. Fred Gregor hatte das Gefühl, als müßte dieser Schlauch von Räumen zu einer Spirale zusammengedreht sein, so groß, daß ihre Krümmung unmerkbar war und die Flucht, die man übersehen konnte, in gerader Richtung zu verlaufen schien.

Endlich fand er den Ausgang. Draußen stieß ein Wind um die Ecken und blies an den Scheiben zertrümmerter Fenster wie auf einer Mundharmonika. Er fegte über die breiten Flächen von Fred Gregors Stirn, gab ihm ein neues Gefühl von Wirklichkeit. Fred trug seine Nachricht ins Hotel Bristol. Im Nu bebte das Haus von ungeheuerer Erregung. Man hob die Tafel auf, Mister Gulliver erblaßte, seine Hand fuhr nach dem Scheckbuch, als sei dort ein Mittel zur Rettung zu finden.

Mister Davis war auf das Peinlichste berührt, aber er habe ja mit allem Nachdruck gewarnt. Seine Augen straften Fred Gregor als Unheilstifter. Der stand, nun wieder gefestigt, vor Gulliver als dem rechtmäßigen Richter. Aber in Gulliver war die Angst größer als irgendein anderes, er dachte nicht daran, Rechenschaft zu fordern. »Was kann mit ihr geschehen sein?« fragte er nur immer wieder. Die Mannschaft trat an, wurde in Gruppen geteilt, die nach verschiedenen Richtungen geschickt wurden. Freiwillige Scharen bildeten sich, ein Gerücht lief um, Gulliver habe dem Retter einen Scheck von fünfzigtausend Dollar ausgestellt. Als die Männer aufbrachen, klangen Blasinstrumente über ihren Köpfen. Auf dem Balkon standen die Leute der Hotelkapelle und bliesen auf jagdhornartig gewundenen Rüsseltrompeten eine Fanfare.

Alle Gruppen nahmen die Spur von dem Zimmer des Museums auf, wo Selina zuletzt gesehen worden war. Gulliver und Fred Gregor standen in der Türe, ließen die Jagdmannschaften einzeln ein und teilten jeder eine Nummer aus. Die Ausziehenden segnete der Hotelgeistliche mit dem viereckigen Kopf und den roten Händen.

Eine ferne Orgel spielte ganz leise dazu.

Dann als sich alles verlaufen hatte, standen Gulliver und Fred Gregor allein. »Hier ging sie von mir,« sagte Fred Gregor klagend, »wir hatten einen Wortwechsel gehabt, der sie erzürnte. Sie trat in das Zimmer dort. Ich ließ sie gehen . . . wartete eine Weile. Ein leises Geräusch entstand. Als ich ihr folgte, war sie fort. Verstehen Sie, daß mein Leben daran hängt, daß sie gefunden wird.«

Gulliver griff nach der Tasche, in der das Scheckbuch ruhte. Er zog aber nicht das Scheckbuch hervor, sondern einen Plan von Wien, den er entfaltete. »Halten Sie, bitte!« sagte er. Gulliver und Fred spannten das Blatt zwischen sich aus, über das Gewirr der Straßen liefen ihre zittern den Blicke hin. »Hier drinnen irgendwo . .« stammelte Fred, außer sich vor Erregung, daß ihm eine Eingebung werde. Es kam nichts, das Blatt blieb stumm.

»Die Naturwissenschaft behauptet, daß es Stoffe gibt, die mit so ungeheurer Energie zerfallen, daß ein einziges Gramm Welträume ausfüllt. Ich wollte, ich könnte so zerfallen und mich über diese Ruinenstadt verteilen, um sie zu finden.« Fred Gregor griff plötzlich in die Luft, nach einem Unsichtbaren, das vorbeizog, seine Hand öffnete gespreizte Finger . . . leer. Seufzend legte Gulliver den Plan zusammen und barg ihn in der Tasche.

»Wissen Sie, Fred Gregor,« sagte er, »seit wir hier sind, ist es mir, als ob etwas um uns wächst und wächst . . . zähe, elastische Schlingen, die sich immer enger um unsere Glieder legen. Es droht uns etwas, etwas Feindliches, das wir nicht fassen können, ein Grinsen hängt in der Luft . . . kennen Sie das?«

Fred Gregor nickte: »Ich bin mit Brighton in Afrika gewesen, dem berühmten Brighton, der die einfüßigen Menschen Herodots in Zentralafrika wiederentdeckt hat, die Schattenfüßler, wissen Sie, die auf den Händen gehen und den Fuß als Sonnenschirm über sich halten. Ich war als Zeichner bei seiner Expedition. Wir kamen an den Kalaluga, es war ein heißer Tag, ich warf die Kleider ab, sprang in das Wasser. Nachdem ich eine Weile geschwommen hatte, spürte ich ein Streicheln in den Beinen. Es waren Pflanzen, die vom Grund des Flusses wuchsen und unter dem Wasser mit leisem Geschaukel Ranken schwangen. Ich stieß kräftiger aus, mein Bein fing sich in einer Pflanzenschlinge. Ich riß daran, trat mit dem andern Bein heftig gegen das Gewucher, es wurde festgehalten. Ich strampelte, die Ranken krochen mir tastend über den Leib, umschlangen meinen Bauch, ich sah wie ein Beet von geschmeidigen Fühlern nach mir tappte, jeder Ruck überlieferte mich mehr dem Verderben . . . es gibt keine Angst, jener vergleichbar, bei vollem Bewußtsein einem Gewirr schlammiger, klebriger, Fühler ausgeliefert zu sein, die in die Tiefe ziehen . . Jene ausgenommen, die ich hier durchgemacht habe und die noch soweit über allen Ängsten steht, wie der Anhauch der Vernichtung über einem friedlichen Nachmittagsschlaf.«

Er hatte die letzten Worte seltsam gedehnt. Während er sie sprach, hatte er einen dunkeln Fleck an der Wand entdeckt, der seiner Aufmerksamkeit bisher entgangen war. Er schritt gebannten Blickes auf ihn zu, ein wenig stolpernd, betrachtete ihn, klopfte mit dem Knöchel an.

»Was haben Sie dort!« fragte Gulliver.

Fred Gregor antwortete nicht. Er klopfte noch immer an dem Fleck herum, brummte etwas und wiegte nachdenklich den Kopf. »Man müßte einen Hammer haben!« sagte er. An den Taschen tappte er herum, eine Schwellung in der Hosentasche gab ihm einen Gedanken ein. Das Messer, das er hervorzog, hatte einen Korkzieher, der in der Mitte der Schale eingefügt war. Indem er es bei dem stählernen Schraubengewinde faßte, hatte er ein Hämmerlein. Unter dem leichten Klopfen blätterte die Tünche von der Wand, farbig dunkelte ein tieferer Grund. Schichten fielen ab, zerstäubten unter Freds Sohlen. Er hämmerte immer heftiger, wandte sich keuchend zu Gulliver um: »Sehen Sie nur!« Gulliver sah über seine Schulter, ein Fleck ohne Form enthüllte sich, ein wenig Farbe, länglich hingestrichen.

»Sehen Sie,« atmete Gregor drangvoll, mit spitzen Lichtern in den Augen, »eine Hand. Es ist eine Hand, Selinas Hand.«

Gulliver sah nur einen dunkeln Fleck vor sich, über den Freds Finger tasteten.

»Selinas Hand! Ich kenne sie doch, habe ich sie nicht gemalt? Jede Linie, die Beugung der Finger, den Ansatz der Nägel, den Übergang in die Fläche, zum Gelenk . .«

»Fred Gregor, nehmen Sie Vernunft an . . .«

»Es ist Selinas Hand! Das sind die Farben ihrer Haut, die sanfte Schwellung der Knöchel, die Schlankheit der Verhältnisse . . .«

Gullivers Hand lag auf Freds Schulter: »Nehmen Sie Vernunft an! Wie käme ein Bild von Selinas Hand unter die Tünche? Hier haben die Maler Farben ausprobiert, irgend jemand hat einmal einen Klecks an die Wand gemalt . . .«

Die Lichter in Freds Augen zogen sich zusammen, wurden kleine Punkte, erloschen. »Die Tünche,« stammelte er. »Sie haben Recht, die Tünche.« Grau lag sein Gesicht. »Die Naturgesetze, verstehen Sie, lassen nicht mit sich spaßen, man darf nicht vergessen, daß es eine Logik gibt. Das wollen wir festhalten.« Der Schraubenzieher klappte in die Schale des Taschenmessers zurück. »Ein gutes Messer, nicht wahr?« Er stand mit hängenden Armen, irgend etwas wich aus ihm, wie Rauch, einen Augenblick war er von einer dünnen Schicht von Nebel umgeben. Dann umrissen sich seine Formen wieder in Festigkeit. »Aber wir werden sie finden,« sagte er mit einem Blick der Zuversicht in Gullivers Augen, der diesem selbst auf unerklärliche Weise Hoffnung gab.

Einige Tage indessen verliefen ohne Winke. Zähe suchten die Amerikaner, durchstöberten die Ruinen, krochen in alle Schlupfwinkel, zogen schließlich mit Musik um, spielten auf öffentlichen Plätzen, um Menschen anzulocken. Aber sie hatten ja selbst das Gebot erlassen, daß sich die Einwohner zurückziehen müßten, wenn sie kämen. Bis endlich eine der Patrouillen drei Wiener einbrachte, seltsame Gestalten, um die man sich staunend zusammenrottete. Sie wurden ins Verhör genommen, erwiesen vollendete Harmlosigkeit, hatten keine Ahnung. Die wenigen Menschen, die noch in der Ruinenstadt wohnten, bekamen einander nur zu Gesicht, wenn die Balgerei um das Lebensmittelfloß stattfand. Die Trümmer Wiens waren ausgedehnt genug, um Unterkünfte aller Arten zu gewähren und ein spurloses Verschwinden begreiflich zu machen.

Gulliver und Fred Gregor selbst hatten die drei Wiener im Schreibzimmer des Hoteldirektors ins Verhör genommen. Cyrill Gamauf und Franz Stix war hie und da ein zaghaftes Stottern als Antwort zu erpressen. Mit dem dritten war nichts anzufangen, der hing schlaff auf seinem Sessel, als habe ihn der Schlag gerührt. Fred Gregor, dem das Deutsche so leicht auf der Zunge lag wie das Englische, mußte Gullivers Fragen übersetzen.

Ob sie denn gar keine Erklärung wüßten, wohin Selina gekommen sein könnte?

Gamauf und Franz Stix schüttelten die Köpfe, sie fühlten sich in ihrem armseligen Restchen Dasein von dieser überwältigenden Macht der Fremden bedroht, sie waren wie vor den Kopf geschlagen, ihre Gedankengänge verwirrten sich. Mit einem stählernen Lineal, das Gulliver vom Schreibtisch des Direktors genommen hatte, klopfte er in die Fläche der Linken. Diese Bewegung brachte sie um alle Fassung, verschüchtert starrten sie auf die ungeduldigen Hände.

Wo denn außer ihnen noch Menschen wohnten?

Franz Stix hob einen scheuen Blick seitlich zum Gesicht des Herrn mit dem Lineal. »Wenn das Floß kommt . . . dann sind sie alle da . . .«

»Wann kommt das Floß wieder?«

Franz Stix hob die Hand, spreizte die Finger und zählte an ihnen ab: »Übermorgen.«

Es war nichts mehr aus ihnen zu holen. Gulliver verzichtete auf weitere Einvernahme, entließ sie und befahl, ihnen in einem Hinterzimmer ein ausgiebiges Essen vorzusetzen. Sie nahmen den ausgeronnenen Steueroffizial links und rechts unter den Arm und führten ihn fort. Plötzlich, unter der Türe, versteifte sich seine Haltung, das gekrümmte Rückgrat reckte sich, der Kopf, der an schlaffen Bändern auf die Brust gehangen hatte, hob sich empor. Es war, als komme des Thaddäus Gratias abhanden gewesenes Selbst wieder in ihm zurück und fülle die gewohnte Behausung aus. Er straffte sich mit seinem eigenen Inhalt wieder an, und Fred Gregor, dem selbst vor kurzem Ähnliches begegnet war, wußte sich diesem Vorgang zu tiefst verwandt. Mit einem kurzen Ruck der Arme befreite sich Gratias von seinen Führern, wandte sich um und sprach, glühenden Auges und mit starker Stimme: »Und so jemand nicht ward gefunden geschrieben in dem Buch des Lebens, der ward geworfen in den feurigen Pfuhl.«

»Was ist es mit dem Mann?« fragte Fred Gregor.

»Wir wissen es nicht!« Franz Stix zuckte die Achseln. »Es ist plötzlich über ihn gekommen . . .«

Draußen vor der Tür saß Mac Kinley tief im braunen weichen Leder des Klubsessels. Eine schwarze Zigarre stand ihm schief aus dem Mund.

»Was haben Sie da für einen merkwürdigen Helm?« fragte er, als die drei vorbeikamen. Cyrill Gamauf duckte sich und wollte weiterschleichen. »Warten Sie doch! Ich will Ihnen diesen Helm abkaufen.« Mit beiden Händen griff der Zuckerbäcker nach seiner Bedeckung, grinste verlegen und schob sich fort. Als aber der Amerikaner aufstand und ihm den Weg vertrat, blieb er zitternd stehen. All sein Mut und sein Erfinderstolz waren dahin, der Obmann des Geselligkeitsvereines »D' letzten Weaner« suchte ein Mauseloch. Er ließ es geschehen, daß ihm der Fremde den Helm abnahm und die Briefmarkensammlung aus der Republik Morgenstern eingehend betrachtete.

»Hundert Dollar,« sagte Mac Kinley, indem er die Zigarre wippen ließ, »na, alter Junge! Einverstanden? Was? Das ist ein anständiger Preis. Hundert Dollar . . . in Silber! Was?« Er rief den Geschäftsführer aus seinem Glasverschlag: »Geben Sie dem Mann da hundert Dollar in Silber.« Rundes Silber klang auf Marmor, seine reine Metallstimme klingelte durch den Raum. Jetzt erst verstand Cyrill Gamauf. Seine Hände zitterten über die Münzenreihen hin, rafften gierig zusammen, stopften zwei Fäuste voll in die Taschen der Generalshose. Taumelnd, halb betäubt folgte er mit dem andern dem glattrasierten Ober in das Hinterzimmer, wo Gullivers Tischleindeckdich bereitet war. –

Schwer stieg Fred Gregor die Treppe zu seinem Zimmer hinan. Aus dem Verhör der drei Wiener war ihm kein Trost geworden. Enger umdrängten ihn die fürchterlichen Fragen. Wo war Selina? Auf welche Weise war sie entschwunden, wo hielt sie sich auf? Etwas wollte in ihm aufbrechen, die gefährlichste aller Befürchtungen, die bis jetzt noch gewaltsam zurückgehalten war. Er fühlte sie kommen, wandte sich ab von ihr, sie hatte ein Antlitz voll Gräßlichkeit, versteinernd wie die Medusa.

In einer Ecke seines Zimmers stand das Bild. Er hob das Tuch ab, versuchte einen neuen Sinn aus Farben und Linien zu lesen. Unbelebt starrte es ihm entgegen, eine Maske, hohnvoll verzerrt, der Strom von aufgelösten Formen wirbelte in ihm. Seine Gedanken zu ordnen, griff er zu einem bisher noch unerprobten Mittel. Ein Buch mit leeren Blättern lag in seinem Reisekoffer, ein Tagebuch; er hatte sich mit dem Plan getragen, Erlebnisse und Eindrücke der Reise aufzuzeichnen, vielleicht, daß es mit Skizzen und Bildern nach der Rückkehr zu einem wirklichen Buch werden könnte, wert, der Öffentlichkeit übergeben zu werden. Noch lagen die Seiten weiß und jungfräulich im Schutz des Ledereinbandes.

Er holte es aus seiner Papphülle, schlug es auf, setzte sich davor. Rückte es zurecht, nahm die Füllfeder, schraubte die matte Goldspitze aus dem Rohr. Er starrte den sanften Glanz an, ob er die wilde Raserei seiner Gedanken hypnotisch sänftigen könnte. Fühlte, daß sie sich bäumten und schäumten, aufgepeitscht von einem Ungeheuer der Tiefe, einem Meerdrachen, der die Fesseln gesprengt hatte und zur Oberfläche wollte. Die Spitze der Feder senkte er auf das reine Weiß der Blätter. In diesem Augenblick quoll ein schwerer, schwarzer Klumpen Tinte aus dem Rohr, tropfte gewichtig nieder, blieb zitternd, mit einem gespannt glänzenden Häutchen auf dem Blatt.

Unwillig warf Fred Gregor das Buch zu. Feindliches stand rings um ihn, wehrte ihm rettende Handlung. Er schritt zum Fenster, öffnete es, sah die Jagd der Ratten auf der Straße. Schwoll da nicht ein Ruf über die Dächer, verzitternder Klang einer fernen Stimme? Fred Gregor warf das Fenster wieder zu, stand, die Zähne in den Lippen, die Nägel der Finger ins Fleisch getrieben.

Das Buch! Das Buch! Es lag auf dem Tisch, braunes Leder, sacht überronnen vom Licht der elektrischen Birne. Befahl: komm her! Zögernd folgte er, ließ die Finger den Rand entlang gleiten, unentschlossen, ob er öffnen solle. Zwang war in ihm, rätselhafte Anziehung, bannendes Grauen vor dem Buch, vor sich selbst, vor den Mächten dieser Stunde, der unentrinnbaren. Er fühlte ein Messer über sich schweben, eiskalt und scharf. Flimmernd ging eine giftige, bösartige Kraft von der Schneide aus, sie senkte sich, rührte seine Haut, zog einen runden Schnitt um den Kopf, von der Stirne bis in den Nacken, rund um den Schädel, dort wo der Ansatz der Haare war. Eine Hand zog ihm den Skalp langsam vom zuckenden Fleisch.

Ein Gesicht starrte ihm entgegen, ein wildes Gesicht, erzgetrieben und von Haß durchglutet. Augen von unbegreiflicher Bodenlosigkeit lohten ihm versengend ins Hirn, das unter einer zuckenden Wunde lag. Was wollte das Gesicht von ihm? Was war geschehen? Er sah an sich selbst herab, folgte dem Verlauf seines Armes, über die Beugung des Ellenbogens zur Hand, sah sie an der Kante des aufgeschlagenen Buches.

Der Tintenklecks, der ihm aus der Feder geflossen war, lag zerquetscht auf dem Blatt. Im Zerrinnen hatte er Gestalt gewonnen, hatte sich erweitert zum Bild eines Gesichtes, des wilden, haßerfüllten Gesichtes, das ihn anstarrte, lebendiger und gräßlicher, als er je eines gesehen. Ein schreckhaft Seltsames war dabei, das ihm plötzlich mit grausiger Klarheit eindrang: Daß dieser Tintenklecks nur die eine Seite des Buches befleckte und daß die gegenüberliegende leer und rein geblieben war . . . .

In seiner Seele war eine Bresche entstanden, eine Wand war eingerissen, ein Strom von Kälte drang ein, Zugluft aus Nächtlichem, das er bisher abgewehrt hatte, Geflatter hautiger Flügel, Zirpen dünn schrillender Stimmen. Ein Verhülltes wehte lang herein, dichtete sich, stand da, regungslos, die Frage aus den Tiefen.

Waren es Fred Gregors Lippen oder die des Gesichtes, die sie jetzt aussprachen: »Ob Selina noch am Leben ist?«

Es klopfte.

Fred Gregor schrak zusammen, warf das Buch zu.

Mister Gulliver trat ein, seine Stirne war voll Falten, um seinen Mund ein Gewürm von Sorgen.

»Haben Sie noch Hoffnung, Fred Gregor?«

Antwortlos wies Fred auf einen Stuhl. Seine Stimme lag wie Brei irgendwo tief im Schlund. »Wissen Sie, Fred Gregor . . . daß ich meinen Plan verloren habe?«

»Den Plan?«

»Den Plan von Wien. Er ist fort. Ich habe ihn bei mir getragen. Und es war mir, als sei Selina noch immer irgendwie in Sicherheit, solange ich ihn habe. Nun ist er fort und ich bin beunruhigt, sehr beunruhigt. Verstehen Sie das? Verstehen Sie, wie man an solchen Dingen hängen kann? Sie nehmen etwas von uns an, um es uns dann zurückzugeben, wenn wir in Not sind. Ein Plan, wissen Sie . . . das Wichtige daran war, daß er die Stelle enthält, an der sie sich befindet!«

Fred Gregor lehnte fern von Gulliver am Kamin, sprach langsam durch das Zimmer hin: »Glauben Sie nun auch, daß es Selinas Hand gewesen ist?«

»Es war Selinas Hand!«

»Auch unter der Tünche?«

»Auch unter der Tünche.«

»Warum sollte das Bild ihrer Hand nicht durch die Tünche gedrungen sein? Denken Sie an diese Strahlen, die durch Fleisch und Holz wandern können. Wir brauchen uns gar nicht einmal ins Unwahrscheinliche zu verlieren. Warum sollte unser Körper in Augenblicken großer seelischer Erregung nicht Strahlen aussenden, die Ähnliches vermögen? So ist ein Abbild ihrer Hand an der Stelle entstanden, die sie berührt hat . . . als sie . . . als sie uns entrissen wurde. Was wissen wir von der Natur . . . ganz vernünftig gesprochen? Wir stehen am Ufer, das Meer der Geheimnisse dehnt sich vor uns. Wir sammeln Steine und Muscheln, beschreiben sie und bewahren sie in Schaukästen auf. Wir haben noch kein Schiff gebaut, seetüchtig genug, das Meer zu befahren und zu erforschen, ob es ein jenseitiges Ufer gibt. Wir selbst sind dieses Meer, unser Bewußtes sammelt Steine und Muscheln, während sich im Unbewußten Stürme und Springfluten vorbereiten.« Fred Gregors Stimme sank herab. »Als Christus zum Kreuz geführt wurde und sein Gesicht von Schweiß und Blut überronnen war, trocknete eine der weinenden Frauen das heilige Antlitz mit ihrem Tuch. Es blieb ihr das Bild des Gottessohnes auf dem Leinen . . .«

Sie hatten einander nichts mehr zu sagen. Aber ihr Schweigen war so, daß der eine sich in der Seele des anderen fühlte. Die alte Uhr auf dem Kamin klinkte elf dünne Schläge.

Gulliver reichte Fred Gregor die Hand und ging. An der Tür hielt er an, sagte, halb zurückgewendet: »Ich hätte mir es denken können . . . Sie lieben meine Tochter.«

Und da keine Antwort kam: »In den Märchen ist es so . . . der Ritter, der die Königstochter befreit, bekommt ihre Hand und das halbe Königreich.«

Fred Gregor hörte die Tür ins Schloß schnappen, sah sich im Zimmer um, bekam einen Schimmer eines weißen Bettes aus dem Nebenzimmer und empfand plötzlich eine ungeheuere Müdigkeit wie nach einem erschöpfenden Kampf. Alle Denkarbeit war eingestellt, sein Kopf lag ihm schwer auf den Schultern. Er schritt ein wenig taumelnd ins Schlafzimmer, streifte traumhaft die Kleider ab. Als er den Hosenträger über die Schulter schwang, warf er das Wasserglas vom Nachttisch auf den dicken Teppich. Weiche Zotten empfingen es, es zerbrach nicht. Fred Gregor starrte einen glimmenden Punkt an, der spitz im Glas steckte. Der Lichtfunke bohrte sich einen haarfeinen Weg durch das Auge Freds in sein Hirn, wo eine dunkle Landschaft plötzlich hell beleuchtet stand . . .

Er zog den Hosenträger wieder zurück, knöpfte ihn neuerdings an, nahm die Kleidungsstücke, wie er sie abgelegt hatte, eines nach dem andern wieder auf und verließ sein Zimmer. Halben Weges auf der Treppe lehnte ein Mensch in einem gespenstisch weißen Mantel, Franz Stix, von Wein befeuert, von einem plötzlichen Einfall vorwärtsgeschoben, von Bedenken festgehalten. Er streckte die Hand nach Fred Gregors oberstem Westenknopf: »Wissen Sie . . . Herr Amerikaner . . . ich bin auf dem Wege zu Ihnen . . . ich habe jetzt . . .,« er spreizte die Finger empor und rechnete, »siebzehn Jahre keinen Wein getrunken. Die letzte Flasche habe ich gefu . . . gefunden«, heftiges Reiben der Stirne half dem Gedächtnis nach: ». . . auf dem . . . dem Hauptzollamt . . . in einem Verschlag . . . Sie haben uns da einen Wein geschickt . . . einen Wein . . .«

»Er hat Ihnen also geschmeckt,« sagte Fred, indem er ungeduldig eine Stufe hinabstieg.

»Geschmeckt?« lallte Franz Stix selig, indem sein rotes Gesicht Freds Schulter zustrebte. Die vortretenden blauen Augen standen von Begeisterung bewässert. »Der Thaddäus Gratias, der Steueroffizial . . . der hat schon genug . . . liegt in der Ecke und schnarcht . . . mir ist nur eingefallen, daß ich Ihnen was sagen muß . . .« Er schien es vergessen zu haben, rieb wieder die Stirne, fächerte mit der Hand die Schläfen, als wolle er aufsteigende Dünste verjagen.

Plötzlich gab es ihm einen Ruck: »Der Herr hat Gamaufs Helm gekauft . . . der sitzt jetzt da und zählt Dollars aus einer Hand in die andere . . . und singt . . . singt . . . der Nabob Juckjuck von Juchheirassassa . . .« Er drängt noch näher heran: »Herr Amerikaner ich habe ein Lager von 7324 Särgen, ein ganzes Magazin voll, in allen Gattungen, Herr, das bestassortierte Lager von Wien . . . allein 5007 Kindersärge . . .«

»Kein Bedarf! Schlafen Sie erst einmal aus,« sagte Fred, indem er die Treppe hinabstieg, »es wird Ihnen morgen schon wieder einfallen.«

Er war schon am Ende der Treppe, da rief es über ihm: »Hören Sie . . . Herr Amerikaner . . . hören Sie . . .!« Franz Stix kam nachgestolpert, faßte ihn am Rockkragen und zog Freds Gesicht zu seinem Mund heran: ». . . Es ist nämlich wegen . . . der Amerikanerin . . . es ist Ihnen doch eine Amerikanerin verloren gegangen, ja wegen der . . . also nämlich da gibt es irgendwo Menschen, die andere Menschen fangen und schlachten . . . da muß man sehr achtgeben . . . sie haben Schlingen . . .«

»Ich weiß,« sagte Fred Gregor vollkommen ruhig, »ich bin schon auf dem Weg. Ich danke Ihnen, gehen Sie nur zu Ihrem Wein . . .«

Fred Gregor ging still durch die Straßen, ganz seltsam zusammengeballt, alle seine Kräfte um sich geschlagen, daß er wie in einen Mantel gehüllt war. Er hatte an Straßenkreuzungen keinen Zweifel über seine Richtung, schlug vorgezeichnete Wege ein, die keine Überraschung brachten. Viele steinerne zerfallene Hausgesichter hingen über seinen Schritten, aufgerissene Haustore flüsterten hinter ihm her, Fenster runzelten Brauen von Balkonen über hohlen Blicken. Enger umstellten Wände seinen Weg, schmale Schläuche von Straßen sogen ihn ein, er durchglitt sie, kam in ein unentwirrbares Winkelwerk. Ein uraltes Kirchlein hockte in den Trümmern, greis und mürb, heiliger Zerfall. Unter zusammengebrochenen Torbogen wand er sich über Schutthaufen, stand vor einem Haus. Die Taschenlampe sandte einen hellen Strahl nach der Nummer über der Türe. Sie fand auf länglicher Tafel statt einer Zahl eine Gleichung: .

Etwas wie ein spitzer Vogelschnabel bohrte sich in Fred Gregor.

Hier bin ich schon einmal gewesen, dachte er. Vielleicht in Träumen, sann er weiter, man sollte meinen, daß das Irrationale formlos ist wie Nebel, aber nein, es ist spitz wie ein Vogelschnabel. Zugleich war ihm der Strahl der Taschenlampe auf den Boden zu seinen Füßen geglitten, hob ein weißes Viereck zusammengefalteten Papieres aus dem Pflaster. Fred Gregor bückte sich, nahm es auf, zog die knisternden Büge auseinander. »Es ist Mister Gullivers Plan von Wien,« sagte er laut vor sich hin und nickte der Finsternis zu.

Plötzlich fuhr ein greller Schrei auf ihn herab. Er kam irgendwo aus den Lüften über ihm, warf sich ihm würgend an die Kehle. Ein Gekreisch drang nach, unmenschlich gellend, Zerrissenheit einer zur Verzweiflung verdammten Seele. Fred Gregor hob den Blick. Lichtschimmer hing über ihm in der Nacht, aus einem Fenster ausströmend und auf der gegenüberliegenden Wand zerrinnend. Er war von einem klatschenden Geräusch erfüllt, wie von Schlägen und diesem unmenschlichen Gebrüll, das in Stößen quoll wie das Heulen eines erbohrten Brunnens.

Fred Gregor barg den Plan in der Brusttasche und trat in das Haus. Hier bin ich schon einmal gewesen, dachte er. Das Licht seiner Lampe lief suchend vor ihm. Ausgetretene Steinstufen, weite gewölbte Gänge, von deren Wänden der Bewurf abgebröckelt war. Er stieg mehrere Stockwerke hinan, in eine Lautlosigkeit hinein, die jenseits des verstummten Brüllens wie ein Meer von Tod und Vernichtung lag. Manchmal war es Fred, als sähen ihm viele Augen nach, aus dunkeln Winkeln von der Decke her, zwinkernde Augen auf der Lauer, die sich, wenn der Strahl der Lampe auf sie stieß, rasch schlossen.

Vor einem Gewebe aus grauen Fäden, das wie ein Vorhang vor dem weiteren Verlauf des Ganges herabhing, hielt er einen Augenblick an. Schon hob er den Arm, um es zu teilen, da schob es sich von innen beiseite. Ein Mann stand vor Fred, verkrümmt, den Kopf zur Seite auf die Schulter gezogen, in einem schmutzigen, langen Rock, der auf Röhrenstiefel herabfiel.

»Besuch,« grinste er nickend, »seh der an, Besuch is gekommen.«

»Ja,« sagte Fred Gregor, »es ist wegen Selina.«

Der Mann wischte über die geblendeten Augen: »Tun Sie die Lampen fort . . . in der Finsternis redet man sich besser.«

Fred Gregor leitete den Strahl zur Seite, er fiel auf den unteren Saum des Vorhangs, dessen Quasten sich baumelnd bewegten, als würden sie von Wind getrieben.

»Wegen Selina?« fuhr der Mann fort, »das is die amerikanische Dame, die verloren gegangen is. Hab ich doch gewußt, daß Sie werden kommen zu mir.«

»Ich bin schon einmal hier gewesen,« sagte Fred.

Er fühlte ein Lächeln aus der Dunkelheit: »Jonger Fraind, was erzählen Sie mir? Wir sind alle schon überall gewesen. Alle – überall! Verstehen Sie, das is ka Beweis. Aber sagen Sie, haben Sie nicht gefunden vor dem Tor a Papier . . . a Plan?«

Jäh durchzuckt von scharfem Stoß horchte Fred auf. Das ganze Haus hielt den Atem an, er wußte plötzlich, daß ein sonst Unhörbares vorging, Leben der Steine, Geflüster der Mauer, Puls der Dunkelheit – das war mit einem Mal gebannt, wartete auf seine Antwort. Bewußtsein fürchterlichster Verantwortung senkte sich wie eine Platte aus Granit auf ihn. Sie war auf der anderen Seite mit Zeichen beschrieben, die eine Lösung gaben, wenn er sie erblicken durfte. Er fühlte sie durch die ganze Dicke der Platte, wußte um sie und hatte kein Mittel, ihrer habhaft zu werden. Unter dem ungeheueren Druck der Platte und seinem Wissen um die Rätselschrift ihrer anderen Seite beugte er den Nacken.

Blind ertappte er eine Antwort: »Nein.«

»No ja!« sagte der Mann . . . »no ja. So a Stück Papier verliert sich leicht, leichter als a Mensch. Waas?« Fred Gregor sah im abwärts gelenkten Licht der Lampe, wie die baumelnden Quasten des Vorhanges nach ihm züngelten und schnappten, kleine dunkle Schlangenköpfe voll Gier und Tücke.

Er fühlte die Hand des Mannes auf seinem Arm: »Kommen Sie weiter weg,« sagte er. »No und . . .« fuhr der Mann fort, »no und glauben Se vielleicht, daß die amerikanische Dame is hier bei mir? Bin ich a Mädchenhändler?«

»Nein!«

»Sehen Sie. Also glauben Sie, daß Sie können finden die Miß Selina hier bei mir?«

Wieder kam dieses Nein aus Fred Gregor.

»Sehen Sie! Dann müssen Sie selbst wissen, wo sie zu suchen is, die Miß Selina. Was wollen Sie dann bei mir?« Er drängte Fred Gregor schrittweise zurück. »Geben Sie acht auf die Stimme, wenn ich Ihnen raten soll. Die Stimme . . . die weiß alles am besten. Die Stiege . . . das is die Stiege! Was gehen mich Ihre Sachen an. Fallen Sie nicht über die Stiege! Sie sind a hoffnungsvoller junger Mann. Suchen Sie nur, gehen Sie mit Gott.«

Fred Gregor schritt die Treppe hinab. »Mit Gott!« klang es ihm nach, wie eine Lästerung des heiligen Namens. Er richtete den Strahl der Lampe empor, über dem Stiegengeländer hing das Gesicht des Mannes, ein Phantom, umrahmt von Dunkelheit. Gelblich spülte ihm das Licht über die Züge, deren Ausdruck undeutbar war wie die Schrift aus der Granitplatte, von unten her gesehen.

Noch mit dem letzten Widerschein dieser Fratze eines Besessenen war Fred unten angekommen, wandte sich dem Haustor zu. Die Lampe zeigte ihm kahle Wände, wo er suchte. Er mußte sich geirrt haben, war wohl von links gekommen. Schritt den Weg bis zum Treppenende zurück, suchte nach der anderen Seite. Hier winkelte Mauerwerk, bis zur halben Höhe von Schimmel überpelzt. Über ein dunkles Fensterloch gitterten rostige Eisenstäbe. Fred sandte Licht in den Raum, sah eine alte Truhe, aus der der Zipfel eines Gewandes hing, ein Bild in geborstenem Rahmen. Zuletzt stand er wieder vor Mauern ohne Türen. Er wandte sich wieder um, suchte in der anderen Richtung. Nischen deuteten vermauerte Öffnungen an, an einem Treppenpfeiler hing eine Tafel mit vergilbten Visitkarten der einstigen Bewohner. Der Hausflur leitete über zerbrochene Steinplatten zu einer glatten Wand.

Plötzliche Einsicht kam ihm: das Haus hatte keinen Ausgang mehr.

Was nun? Zurückzukehren und den Mann im obersten Stockwerk zu befragen, schien ihm das Unmöglichste von allem. Die Treppe lag vor ihm wie der Aufstieg zu unermeßlichen Höhen, eisig wie der höchste Gipfel eines vergletscherten Gebirges, voll von Gefahren der Seele. Dessenungeachtet setzte er den Fuß auf die erste Stufe, er erlahmte ihm, trug ihn nicht.

Das Licht der Lampe ließ er umhergleiten, es kroch in das Dunkel unter dem Treppenende, erspähte dort eine gewundene Fortsetzung nach unten. Um feuchte Mauern bog Fred den glitschigen Stufen nach. Eine eisenbeschlagene Kellertüre bäumte sich ihm entgegen. Verlöschte Kreidezeichen las er ab: C+M+B, geisterbannende fromme Formel von einem Dreikönigstag her. Und darunter die Gleichung .

Fred Gregor drückte die Klinke nieder, kreischend schwang die Türe in den Angeln. Moder quoll süßlich, feuchter Hauch von Kellern. Fred Gregor stieg zwischen Wänden, die von Salpeterkristallen glitzerten, tiefer, tappte zwischen vermorschtem Hausrat hin, überflüssigem Gerümpel, dem Bodensatz all der einstigen menschlichen Wohnungen, der wie Schlamm auf den Grund des ganzen Hauses gesunken zu sein schien.

Länglich nach hinten gestreckt lag der Keller. Fred schritt ihn entlang, stand eine Weile vor glatt behauenen Quadern, las eingemeiselte Buchstaben: P.C. Saturninus L. XIII. Schief lief ein Gang vor ihm aus einer Dunkelheit in die andere. Ein zweiter Keller öffnete sich. Seitenräume mündeten mit Stürzen von Finsternis. Er hielt sich an etwas, das in ihm war und ihm zugleich vorausschritt. In einen dritten Keller und einen weiteren . . . und immer weiter in neue Dunkelheiten, die letzte schienen und dann immer irgendwo Fortsetzungen hatten. Es war eine zweite unterirdische Stadt, die er durchschritt, an der sich, während die obere zerfiel, nichts geändert hatte, eine verdorrte Mumie unter der, die an Tag verweste. Das Licht schob sich vor Fred her über die Grundfesten von Häusern, deren Stirnen zerspalten waren, deren Dächer klafften, in deren Zimmer Regen drang und Winde heulten.

Gewölbe taten sich auf, Holz zerknackte unter Freds Fuß, in morsches Holz, so weich wie Zunder, Trümmer von Särgen. Labyrinthisch verwirrten sich die Gänge. Grüngewordene Messingzieraten lagen auf Häuflein Moder, die aus schwarzen Fetzen zu bestehen schienen. Ein Schenkelknochen gleißte schal, die Spitze des Fußes traf einen fahlen Schädel, der grinsend eine Senkung hinabrollte. Häufiger wurden die Reste menschlicher Leiber, sie türmten sich zu Hügeln, lagen geschichtet in Nischen, traten zu Wänden zusammen, zwischen denen Fred dahinschritt. Aus dem Dunkel von Seitengängen reckten sich manchmal starre Knochenarme wie mit einem Griff nach dem Fremden, der Licht trug. Oder Skelette hockten im Strahl, herangelockt durch die Unterbrechung ewiger Nacht, neugieriges Wegelagerergesindel. Am Rand eines Abgrundes stand Fred plötzlich, der von einem Gewimmel unzusammenhängender Knochen erfüllt war, einem Schindanger, einer Kehrichtgrube des Todes.

In trockener Luft schritt der Wanderer. Hier war der Verfall eingedämmt, eingeschrumpftes Fleisch umschloß die Knochen, lag gedörrt um gefletschte Zähne. Hautige Beutel von Bäuchen hingen aus geplatzten Kleidern, eine Frauenleiche in einem Sarg, schlank und schön mit sanft gewölbten Brüsten, hatte ein Bein über den Sargrand geschlagen, als wollte sie sich erheben. Ein zusammengeschobener schwarzer Strumpf hing über der dürren Wade. Das Knie stand in spitzem Winkel hoch. Flüchtig hingemauertes Ziegelwerk, das einen Nebenraum der Katakomben abschloß, war eingestürzt, aus der Bresche waren die Särge gekollert und geborsten, die Toten umherstreuend. Sie lagen in den seltsamsten Verrenkungen herum, schienen sich zu Purzelbäumen anzuschicken, krochen auf allen Vieren oder streckten sich auf dem Bauch in einem Schwimmtempo. Etliche kauerten an den Wänden, wie Zuschauer auf den Trümmern ihrer Särge. Ein hagerer Leichnam in einem braunsamtenen Wams mit Kniehosen und langen Locken eines Wanderpredigers lehnte an der Wand und hatte die Hände zusammengelegt, wie um einer Vorführung Beifall zu klatschen. Aus der Bresche, aus dem Gedränge der bis zur Decke geschichteten Särge lugten Köpfe mit einem starren Zug von Aufmerksamkeit.

Fred Gregor durchschritt den Kreis, fühlte eine Wölbung unter den Sohlen. Auch die Totenstadt hatte ihre Stockwerke, Gott weiß, wie viele, in der Richtung nach unten. Gleich darauf war eine runde Öffnung da, ein Brunnenschacht, ein Schornstein zur Tiefe. Das Ende einer morschen Leiter lag in Griffnähe zum Einstieg lockend. Flüchtiger Hinabschwung des Lichtes zeigte einen Tümpel von Schwärze, der mit einem Gewimmel von Leichen angefüllt war. Ein Sprung trug Fred über die Öffnung, auf modrigem Grund glitt er aus, schlug gegen einen Sarg, leuchtete dem Bewohner in das ungehaltene Gesicht. Es war ein breiter, feister Mensch mit einem schwammig gedunsenen Leib, der wie Brei den ganzen Sarg ausgefüllt hatte und dann mit dem Eintrocknen von den verkrustet am Holz haftenden Rändern gegen die Mitte zu eingesunken war.

Fred murmelte dem weiland Wassersüchtigen eine Entschuldigung, erhob sich. Stand dann in der Mitte eines Sternes mit vielen Zacken, die in meterdickem Mauerwerk vorstießen. Er traf ohne Zögern seine Wahl, schritt geradeaus zwischen Zellen links und rechts, die mit dem Eintrag des Todes völlig angefüllt waren. Wieder hemmte ein Sarg seinen Schritt. Der Deckel war aufgebrochen, hing an Holzsplittern zur Seite. Eine Frau in schwarzem Seidenkleid lag darin, das Gesicht ein einziger erstarrter Schrei wahnsinnigen Entsetzens, das Kleid, von Krämpfen zerfetzt, entblößte ihre Schenkel und ihren Schoß, die Hände mit schwärzlichen zerrissenen Stumpfen von Fingern, die bis zum letzten Geflacker wiedererwachten Lebens gegen das hölzerne Gefängnis krallend gearbeitet hatten. Man hatte den Sarg geöffnet – zu spät, als der Kampf längst geendet war.

Von dem Gewölbe sang eine tiefe, erzene, verhüllte Stimme aus unsichtbarem Mund feierlichen Frieden. Fred horchte empor.

»Es sind die Katakomben von Sankt Stefan,« sagte er leise. Ein Nicken ringsum lebte in der Finsternis. Die Orgel sang mit gedämpftem Dröhnen, brach jetzt eine starke Jagd von Tönen ab und ließ ein hauchdünnes Goldgewirk ferner Engelchöre niedersinken, aus denen Schluchzen menschlicher Seelen wurde.

Hier hoben sich Treppenstufen, eine um die andere, ein Aufwärts aus Stein. Fred schritt hinan, die Wände glommen von Lichtfünkchen in Granit. Eine vermorschte Tür öffnete sich gegen einen Raum, der voll von allerlei Geräten war, brüchigen Seilen, zu Schlingen hingeworfen, Brettern und Stangen mit braunen Fäulnisflecken, Tragbahren, deren Gurte zerfasert zu Boden hingen. Eine andere Türe, schwer und eichen. Fred stieß sie mit Mühe auf. Wuchtig wulstete ein riesiger Schrank barocke Schnörkel an der Wand hin. Die Türen klafften, von Beilhieben zertrümmert, ein Kruzifixus aus geringwertigem Metall war vornüber auf einen Schutthügel gesunken. Dunkeln Ernst schattete ein unerkennbares Bildnis auf die Wand. Mitten auf den Fließen war eine verkohlte Feuerstätte, über der ein eiserner, rußiger Kessel an einem Dreifuß hing.

Die Orgel durchbrauste den Raum, stieß die Töne wie schwere Ballen von Tuch gegen die Wände. Im ermattenden Schein seiner Lampe tappte Fred der Tür in die Kirche zu. Trüb gebrochen rann das Licht vor ihm her, spülte nur mehr allerlei Unerkennbares mit. Fred sah der Lampe in das gläserne Auge. Der elektrische Draht lag nur wie ein rotglühendes Würmchen in der Kugel. Ganz nahe an der geschnitzten Füllung hin suchte er das Schloß, drückte die eisige, geschnäbelte Schnalle.

Stand im Dom.

Das rote Würmchen in der Lampe verlosch. Die Dunkelheit war ein Schacht von Tönen, durchwogt von einem Wind von Stimmen aller Reiche zwischen Höhe und Tiefe. In der einsamen, menschenleeren Kirche spielte die Orgel. Fred zog die Uhr. Das leuchtende Zifferblatt wies ihm eine Minute nach zwölf. In die Einsamkeit der Mitternacht baute die Orgel einen Wald von Riesenstämmen, mächtige, ebenholzschwarze Stämme, so hoch wie die Pfeiler des Domes, vom Boden bis zum Gewölbe. Dazwischen wob es bisweilen silbern hin, Gezweig von Melodien um die tragenden Bässe und hell an den Ästen Trauben von Gold.

Zuerst war Freds Blick so voll Finsternis, daß er nichts wahrnahm. Dann deuteten sich ihm Umrisse an, die Leiber der Pfeiler, das Gewirr der umgestürzten Bänke, Ziegelhaufen und der graue Schneeschimmer des Mörtels, ein steinerner Heiliger reckte bittend eine verstümmelte Hand vom Boden auf. Vorsichtig stieg Fred über die Trümmer. Ernster war der Gang der Orgel geworden, Grabgesang strömte aus dem Dickicht der Pfeifen, das Miserere schleppte ein schwarzes Gewand über die Verwüstung. Schluchzend stieg eine Klage in das Schiff.

Neben Fred wuchs krauses Steingerank, Türmchen und Schnörkel: die Kanzel.

Ganz vorne gleiste ein roter Punkt am Hochaltar, ein flüchtiger Rubin. War es das ewige Licht? Wer erhielt es, wer nährte es, wer gab ihm das Leben in dieser Halle des Todes? Fred wollte drauf losgehen, seine Füße waren im Stein festgeankert. Sein Wille sank zu einem Nichts, löste sich in dem dunkeln See von Tönen.

Plötzlich sah er am Hochaltar in dem dünnen, blutroten Lichtgewirk ein Gewimmel von Menschen. Hauchhaft erst eine Menge von Gestalten, in Massen geballt. Dann engere Besonderung von Formen, Mäntel, wallende Kleider altertümlichen Schnittes, blasse Flecken von Gesichtern. Stirnreifen blinkten matt, Geschmeide tropfte, Scheitel nickten, sie schritten und rückten, lautlos alles.

Vor ihnen, ein Hoher, stand regungslos im Schleierfall des Rubins.

Neben Fred quoll es langsam dahin, feierlich traurig hingeweht von dem düsteren Wind der Orgel. Ein Zug Unzähliger, durch die Mitte des Schiffes, Blicke starr geradeaus, auf Zehen über den Stein ohne Regung der Beine. Dunstiges Menschengewölk, Bekannte darunter, der Mann mit den langen Predigerlocken, die Frau mit den samtenen Brüsten, ein breiter Domherr in umfänglicher Zusammenballung, die Dame im schwarzen Seidenkleid, die gegen das Grab gekämpft hatte. Die ganze Kirche schwamm weißlich von diesem wallenden Schweben, aus den Wänden trieb es hervor, sank längs der Pfeiler herab, verneigte sich dem Zug. Und alles ergoß sich unaufhörlich in den Raum vor dem Hochaltar, ohne daß dieser erfüllt wurde. Es blieb in dem Anschwellen der Masse die Einzelheit raumhaft stehen, eine unbegreifliche Deutlichkeit von Spitzen, Mienen, Gewändern und Gebärden, lautlos alles. Nur die Stimme der Orgel sang.

Neben Fred Gregor flüsterte es: »Werter Herr, mit Gunst!« Fred blickte zur Seite. Ein Mann lehnte da unter der Kanzel mit halbem Leib aus steinernem Fenster. Er nickte Fred zu, ein trauriges Lächeln auf dem Gesicht. Da Fred zurückwich, schob er sich weiter heraus, schwang ein Bein über die Brüstung, zog das andere nach und glitt aus dem Fenster. Stand neben Fred, in Wams, Barett und Kniehosen, nickte noch einmal sein trauriges Lächeln und trat in den Zug. Leer klaffte das Fenster, der eine der steinernen Flügel klappte einmal lautlos um seine Angeln.

Am Altar war ein Mann auf die Stufen gesunken. Goldbrokat floß ihm um die Schultern, hinter ihm hielt einer ein Schwert auf samtenem Polster, ein anderer wog einen Apfel auf rotem Tuch. Der Hohe über dem Knieenden stand aufgerichtet, senkte blitzende Rundung eines Reifes auf den tiefgebeugten Scheitel.

Schneidend wie ein Tubenstoß gellte die Orgel. Von den Schultern des Knieenden sprang ein Ball, rollte über den Rücken herab, zwischen den zwei Reihen der Menge hin, den Mittelgang entlang auf Fred zu, endlosen Laufes wie aus einer ins Ungeheuere erstreckten Kegelbahn. Vor Freds Füßen verebbte der Schwung . . . ein Totenschädel lag da, mit leeren Augen, eine Krone um die knöcherne Stirne.

Licht floß auf einmal nieder, aus Freds Hand, aus der Taschenlampe, die plötzlich wieder aufflammte. Es rann über kahles, feuchtes Straßenpflaster. Fred hob den Strahl, er fiel in eine rund nach oben verlaufende Höhlung, zwischen deren Rippen zertrümmerte Figuren mühsam klebten. Ein Tor schloß sie nach hinten völlig ab. Fred stand vor dem Riesentor des Domes, über ihm war ein grauer Nachthimmel, aus dem dünner Regen troff.

Eine Gestalt in einem Mantel hob sich neben Fred aus dem Schatten, schob einen Zettel in seine Hand und war, ehe Fred an Fragen und Greifen denken konnte, verschwunden. Fred riß das Papier ins Licht.

Las: »Tue Ihnen kund und zu wissen, wenn Sie Miß Selina Gulliver wiederhaben wollen, so hinterlegen Sie binnen drei Tagen fünfhunderttausend Dollar beim Tegetthoff-Denkmal.

Die rote Hand.«



8. Der Weg in die Welt.

In grüner Parkwirrnis erstickte ein Haus fast unter dem Geranke der Passionsblumen. Längst schon war dem Villenort Hietzing seine Heiterkeit menschlichen Lächelns abhanden gekommen. Hereinbruch des Verhängnisses hatte seine lustigen Veranden verödet, das Glas in Splittern über die Kieswege gestreut, die Türmchen abgebrochen und die Wetterhähne und Windfahnen in die Disteln geworfen. Die Brunnenbecken waren ausgetrocknet, die Betonränder von Frost zernagt, der Knabe mit dem Fisch lag, von seinem Sockel gestoßen, auf einer Streu brauner, welkender Blätter.

Die großen Parkbäume waren zu Brennholz gefällt, auf den Stümpfen quollen nach Mainächten voll Mondschein die Tränen der Baumweiber. Umso üppiger wucherte Gras und Kraut. Buschwerk schoß hoch auf. Schlank standen die Gerten junger Bäumchen auf den Lichtungen, bereit, die Erbschaft gefallener Helden anzutreten. Keine Äxte drohten mehr. Langsam sank die Welt hier aus der Zucht des Menschen wieder in unverstellte Natur zurück, blühte einer neuen, reineren Schönheit zu.

Wo von der alten, durch Wildwuchs von Fliederbüschen verengten Straße ein noch viel schmälerer Fußweg gegen das Haus mit den Passionsblumen einbog, sperrte ein wüster Verhau von Ästen mit Stacheldrahtschlingen den Zugang. Weiter hinten beim Brunnenbecken, auf dessen Grund der Knabe mit dem Silberfisch lag, versteckten sich Fußangeln und Selbstschüsse. Vor dem Gewächshaus, dessen Eisengerippe freilich von keinem Glas mehr gedeckt war, dort wo der Pfad in die letzte Windung einlief, bohrte sich eine Wolfsgrube in den Boden.

Auf ihrem Grund stand Doktor Lachnit. Er hatte die trügerische Reisigdecke abgeworfen und brach die halbmannshohen spitzen Eisenstacheln aus.

»Sie sind nicht mehr nötig!« lächelte er zu der Frau hinan, die am Rand der Grube stand.

Die holde Gegenwärtigkeit ihres antwortenden Lächelns überrieselte ihn mit Glück. »Du Guter! Du hast Angst, daß jemand fällt und sich verletzt.«

Er brach die letzten Eisenspitzen mit dem Beil aus dem Grund. »Wir brauchen keine Waffen mehr.«

Es war der letzte Abend. Warm überquollen vom Himmel her, von der Erde ein violettes Gewölk von Duft aus Fliederbüschen. Gesang aus dem lauen Dunkel. Sie gingen miteinander dem Brunnenbecken zu. Der Doktor entlud die Selbstschüsse und riß die Fußangeln aus. Gundis warf sie auf das Blätterbett, auf dem der Knabe mit dem Fisch schlief. Sie bissen sich tückisch in die weiche Decke.

Umschlungen gingen sie der Göttin Flora zu, die in einer Nische von Efeu stand, noch zärtlicher waren sie als sonst. Die Göttin kam beschwingten Fußes, wie von einer Anhöhe herab, das lockere Gewand schlug im Schreiten faltig zurück, aus dem Korb warf sie mit weichem Schwung Blumen über die Welt, erhitzt und eifrig, obwohl sie bloß aus Terrakotta war.

»Es ist der letzte Abend!« sagte Gundis. Lachnits Arm lag an den Hüften der Göttin, es glitt ihm durch den Sinn, wie jung und geschmeidig die Glieder der Frau noch immer waren, trotz Not und Elend durch Jahrzehnte hin.

»Ja!« sagte er und krümmte den Knöchel, um an die Hüften der Göttin zu klopfen. Es klang nach Höhlung und Topf, denn schließlich war die frühlingshafte Olympierin doch nur aus Terrakotta. Sie lachten einander an, ein wenig wehmütig; sehr viele Erinnerungen flüsterten hier an der grünen Wand, schleierten süß gedämpft um die Göttin.

»Es wird dir schwer?« fragte sie, tief in seinem Blick. Er zog ihn zurück, ließ ihn auf den Sockel der Göttin gleiten, einen rauh umrindeten Baumstumpf. Eine Amsel raschelte im Laub, zwei Heerstraßen von Ameisen zogen über den Sand. Auf ihnen war wimmelnde Bewegung, aus der einen hin, auf der anderen zurück. Eine Verirrte oder Eigensinnige stieß links in entgegengesetzter Richtung vor, begegnete einer Großen, die sie ohne Umstände anpackte und mit den Fühlern betastete. Daraufhin wandte sich die Störerin und nahm den Weg zurück.

»Das ist ein Polizeimann,« sagte Doktor Lachnit, »der hat den unfolgsamen Ameiserich angehalten. Sie haben mit einander gesprochen. ›Sie, Herr,‹ hat der Polizeimann gesagt, ›wissen Sie nicht, daß Sie hier rechts gehen müssen. Es muß Ordnung sein im Ameisenstaat'!«

Beide dachten sie dasselbe: breite, erhellte Straßen, Glanz von Schaufenstern, rastlose Wanderung dicker, schwarzer Menschenströme, Wagen mit hingeworfenen Pferdeleibern, über alles hingestreut das Klingeln der elektrischen Straßenbahnen. Staubschichte von Jahrzehnten hatte sich wie durch Zauber auf einen Augenblick von verschütteten Bildern aus dem Buch des Einst gehoben. In einen schwarzgrünen Niederhang von Efeuzweigen schob sich der Arm des Mannes, raffte Gerank, sie schritten durch den schmalen Schlitz in den helleren Abend über den Gemüsebeeten. In sorgsam gezogenen Reihen standen auf dem lockeren Grund grüne Pflänzchen, saubere, gedrungene Maisstengel, freche Spitzen von Kohl, die sich zu kräuseln begannen, lichte Köpfchen Salat.

»Wer wird ernten?« fragte Gundis.

»Wer sollte ernten?« Der Mann hob die verbeulte Gießkanne auf, goß ein Restchen Wasser einem etwas vernachlässigten Spinatjüngling über den Hals. Sein Blick trank die Insel Arbeit mitten in der Wildnis in sich. Der Andrang der Büsche war durch einen breiten Streifen Gras von der Pflanzung abgewehrt. Sie gingen die schmalen Pfade zwischen den Gemüsebeeten, viele Mühe war hier in die Erde gegraben. Dahinter breitete Zwergobst seine Zweige leuchterförmig aus, an einer morschen Wand zog sich ein Pfirsichbaum Lattensprossen hinan. Lachnit las eine Raupe ab, die ruckweise vorwärtsgreifend wie ein lebendiges verkehrtes U über einen Ast kroch. Er hielt das Gezappel zu kurzer Betrachtung in der Hand, warf es dann über die Mauer: »Auch ein Leben! Und schadet nun niemanden mehr. Mag es seine Sache mit dem Pfirsichbaum ausmachen. Ich gebe dem Baum nur etwas vor – aus alter Freundschaft!« Es war ein Ausgleich zwischen Pflanze und Tier, schöpferhaft gerecht. Sie mochten von neuem beginnen, die beiden, wer stärker war.

Rein kam ein Klang geschwommen. »Sie spielt,« sagte Gundis. Der Mann lauschte in den Abend, dessen Süßigkeit im Tönen des Klavieres kristallen wurde. Die Schläfen der Frau zwischen den flachen Händen haltend, sagte der Doktor: »Wir sind grau! Aber sie . . .«

Aus dem Obstgarten an der Mauer hin bog der Weg zum Haus. Hühner scharrten im Sand, im Kaninchenstall schnupperten weiche Näschen am Drahtgitter, eine Ziege streckte meckernd ihr Teufelsantlitz mit grüngeschlitzten Augen über den Verschlag. Mütterlich bekümmert umfaßte Gundis dies alles mit einer Bewegung der Hand: »Und die hier . . .«

»Sie werden sich erinnern müssen, wie es war, ehe ihre Vorfahren die Freiheit preisgaben. Sie haben Instinkte. Haben sich die Menschen nicht auch so einzig schön zu den Instinkten zurückgefunden? Es ist die Freiheit, Gundis.«

»Und die Ratten?« sagte sie leise.

»Es ist auch der Kampf. Man gewöhnt sich ans Haus. Oder man bleibt beim Kampf: alle gegen alle.«

Aus dem Kelchgefunkel der Passionsblumen, dort wo Raum für das Fenster geschnitten war, sang eine Schubertsonate. Sie standen lauschend. »Nie hat sie diese moderne Musik gemocht,« sagte Gundis, »ich weiß noch, wie sie klein war, weinte sie immer schon bei Debussy und bei Fritz Blumenbach wurde sie ganz traurig.«

Lachnit hatte die Stalltüren geöffnet. Verdutztes Gehopfe weißer und grauer Felle in die Freiheit, Glotzen rötlicher Augen, die Ziege trat langsam unter die Hühner, zu dieser ungewohnten Abendstunde, rieb sich die Flanken an ihrem Verschlag. Lachnit hing die Gießkanne sorgsam an einen Nagel unter dem Stalldach, mit der Öffnung nach unten, wie es sich gehört.

Das Haus war voll Schubertsonne, sie traf sich mit dem Widerschein der anderen draußen an beglänzten Fenstern. Amata saß am Klavier, blickte auf und lächelte. Sie war schon wanderfertig, im Kleid aus grobem grauen Leinen, selbst genäht. Jetzt nahm sie noch Abschied von Schubert, vom Klavier.

»Du wirst ihn draußen wiederfinden!« sagte die Mutter, indem sie die reine Stirne küßte.

»Wird es derselbe sein, wie der unsere?« bangte Amata.

»Hast du Angst vor der Welt?«

Amata warf die Arme um die Mutter, schluchzte an ihr Herz hin. Sie hatte wirklich Angst, die Kleine; sechzehnjährig, hatte sie noch keinen anderen Menschen gesehen, als Vater und Mutter. Was draußen in den Ruinen vorging, erschloß sich ihr nicht. Sie wußte nur, daß der Vater manchmal von Gängen heimkam, mit schmutzigen und zerrissenen Kleidern, blutig und verwundet, mit allerlei Eßbarem im Rucksack, aber daß er da gar nicht froh und lustig war, sondern in Tage voll Trauer sank.

Es war der letzte Abend. Man hatte schon gepackt und aß zur Nacht, mit Schwere im Herzen, über die jeder dem andern zuliebe eine leichte frohe Miene zu setzen bestrebt war.

»Ja, es wird mir schwer,« sagte Lachnit später als Antwort auf eine schon ferne Frage, sein Verhohlenes plötzlich enthüllend, als sei er der Maske überdrüssig. Sie standen am Fenster, auf dem Hofe draußen kniete Amata vor der Ziege Amalthea und kraute ihr den Kopf. Die große silbergraue Häsin streckte sich hinter dem Mädchen mit zurückgelegten Ohren vor und beschnupperte die Sohlen der Sandalen. Alle Tiere waren im Einverständnis mit Amata, sie rief im Garten die Drosseln und die antworteten ihr, sogar die bösen Ratten zeigten Spuren eines schlechten Gewissens, wenn sie kam. Sie duckten sich zusammen und verschwanden, falls sie auf schlimmen Wegen angetroffen wurden.

»Du liebst Wien so sehr?«

»Ich liebe es,« Lachnit hob den Arm zum Fenstergitter, lehnte die Wange an die Hand, »ich liebe es auch noch in seiner Erniedrigung. Ich habe es geliebt in seinem Glanz und Glück. Aber liebe ich es jetzt nicht sogar noch tiefer? Diese Stadt ist durchtränkt von meiner Kindheit, am Stock im Eisen stand ich mit einigem Gruseln vor der Ehrwürdigkeit der Sage, dann wandte ich mich, sah die weißen Wolken über der Kreuzblume des Stefansturmes. Die Mutter sagte, das seien die Gardinen aus den blauen Himmelsfenstern und die Engel müßten sehr acht geben, daß sie nicht etwa an den Turmspitzen Löcher kriegten. Um die Weihnachtszeit war ein kleiner Wald von Bäumchen auf dem Platz am Hof gewachsen. Dazwischen marschierten Soldaten aus Blei, strampelten Hampelmänner, kletterten rote Eichhörnchen aus Holz mit buschigen Schweifen blitzschnell an Stangen hinan, blökten weiße Schafe um Weihnachtsställe, über denen Sterne hingen. Dann Seligkeit jugendlicher Empörung gegen Tyrannei der Professoren, Geheimsitzungen in rauchigen Hinterzimmern, endlich Farbenfreiheit, Rausch von Studententagen, auch das überwunden, Eintauchen in neue Geistigkeit, Hammerphilosophie gegen die Verbohrtheit, rötlicher Anhauch der Weltanschauung. Hindurch, hindurch: neue Überwindung, Synthese! Und dazwischen aller Überschwang der Jugend, Nächte voll Wein und Gesang bis zum Sonnenaufgang über blühenden Pfirsichbäumen. Oder tief unten im Urbanikeller, zwischen dicken Mauern bei allen guten Geistern der Vergangenheit, auf Du und Du mit dem lieben Augustin und Abraham a Sancta Clara. Heilige Liebe, heiliger Zorn, heilige Verrücktheit! Und auf schlankem Boot stille Donauarme hin, Anlegen am Ufer, Sommerstunden nackt im Gebüsch, wechselnd zwischen Sonne und Wasser. Wanderungen durch Weinland oder schmale kühne Klettersteige im Gewände der Rax. Wien! Wien! Damals kam ein Lächeln über Europa, wenn ein neuer Walzer in Wien aufklang. Aber es war auch Ehrfurcht und Tüchtigkeit der Arbeit in seiner Seele. Es war nicht immer Sonntag, wie man draußen glaubte, es war nur so, daß man dasselbe, was anderswo mit einer grimmigen und mürrischen Feierlichkeit behandelt wurde, mit einem G'spaß auf den Lippen und dem Dreivierteltakt im Herzen abtat. Viel Unfug geschah, Lässigkeit lag auch nicht fern, Hang zum Wohlleben und Geringschätzung des Geistigen, viel Südlichkeit im Wesen, aber man bemäntelte es nicht scheinheilig, sondern bekannte sich offen dazu. Und dies vor allem war Wien für die Welt: der erste Versuch einer Verschmelzung aller Eigenschaften verschiedenster Völker, erste Begegnung des Westens mit dem Osten, des Nordens mit dem Süden. Welches Genie der Völkerpsychologie könnte feststellen, wie viele Elemente hier gemischt worden sind? Von der Höhe geistiger Erhebung aus gesehen, war Wien das Herz Europas. Wie Berlin sein Kopf und Paris seine Gallenblase.«

Der Mann hatte sich rot und warm geredet. Amata lief mit den Kaninchen und Amalthea, der Ziege, hinter sich im Gemüsegarten, das große Verbot war aufgehoben. Blanke Zähne rauften das saftige junge Grün.

Lachnit fühlte die Frau hinter sich, ihr Leib war aus der Dämmerung gehoben, Wärme durchdrang ihn: »Du leidest um diese Stadt!«

»Die anderen Völker haben sie preisgegeben. Damit haben sie ihr Herz verraten. Jetzt verkümmern und verdorren sie, wundern sich darüber. Alle Eigenschaften wachsen ihrem Äußersten zu, die Bindung fehlt.«

»Die Stadt hat sich auch selbst preisgegeben,« wandte Gundis besänftigend ein, »sie hat gegen sich selbst gewütet.«

Wind strich über die Büsche vor dem Fenster und warf eine Welle von Fliederduft herein. Die Dunkelheit hatte sich in dicken Ballen über Haus und Garten geschoben. Dazwischen, hoch oben, gerann in spitzen Kristallen Licht von Sternen.

Lachnit ließ die Hand aus dem Fenster hängen, wie über den Rand eines Kahnes in laues Wasser. Er sagte langsam: ». . . Gegen sich selbst gewütet? . . . Sie ist vergiftet worden! Man hat ihr Gift beigebracht, Gundis! Es waren die Erscheinungen der Tollwut, der Hysterie, der Epilepsie, die Muskelkrämpfe der Strychninvergiftung, das Denken verwüstet, das Blut zersetzt, eine Jauche, die Scham ausgebrannt, die Ehrfurcht verätzt. Gift, Gundis! Gift! Es ist als ob ein böser Dämon ihr Rache geschworen hätte, ein satanisches Werk wie in alten Märchen, wenn einem Schlaf friedlichen Vertrauens Gift ins Ohr geträufelt wird.«

Nun hielt die Frau die Hand des Mannes, ihre Finger drangen zwischen die seinen: »Wir wollen bleiben!«

Seine freie Hand strich zärtlich über die dunkel verhüllten Formen der kleinen Welt. Sterne verstreuten sich: »Dies alles verlassen?! Selbstgeschaffenes?« Amatas Gestalt wehte über den Hof, trat auf die Stufen. Sie breitete die Arme aus, das sah man: »Es ist um sie,« sagte der Doktor, »wir müssen es wagen. Und dann, was bin ich hier? Ein Robinson, der alles von Grund auf neu beginnt. Vielleicht kann ich draußen helfen. Einen Brandschrei in die Welt schleudern. Sie aufheulen machen vor Gewissensbissen. Ihr die Eingeweide mit dem glimmenden Zunder der Reue füllen. Oder, wenn sie zu träg sein sollte, ihr einen heißen Stahl in die Kehle stoßen, die Mine in die Luft springen lassen. . .«

Sie betteten sich zu kurzem Schlaf. Vorher noch ging der Mann über den Hof und um das Haus, wie Gewohnheit und Vorsicht verlangten. Er sah einen lebendigen Schatten ins Dunkel weichen, sprang nach. Finsternis grinste leer, Büsche schlugen nach ihm, darinnen brach es wie von einem fliehenden Tier. Er wich zurück, lief in einem Bogen herum, es war nichts. Sternfunken hingen zwischen Zweigspitzen und baumelten im Wind. Aber er glaubte trotzdem Fremdes zu fühlen, tierhaft feindlichen Geruch witternd.

Als er zurückkehrte, war das Lager bereit, die Frau stand noch darüber gebeugt, glättete das über Stroh gebreitete Tuch. Er flüsterte an ihr Ohr, er glaube, es sei jemand dagewesen.

Ihr Erschrecken ließ ihn bedauern, seiner Besorgnis Laut gegeben zu haben. Mensch war immer dem Menschen feind in diesen Trümmern. Nun war es schon zu weit: besser zu sprechen als ausweichend zu schweigen. »Es war mir, als sei es der Jude gewesen . . . der . . .«

Schon erstarrte die Frau.

»Der alte Jude, mit dem – er sich zusammengetan hat!«

Er!

Es durchstieß sie von oben bis unten, ein glühender Strahl, der in der Kehle zu fühlen war und in den Beinen. Es blieb, als der Strahl sich zurückzog, eine haardünne Röhre, in der siedendes Öl auf und ab stieg.

»Immer ist uns Unheil begegnet, wenn er sich gezeigt hat,« sagte sie dann, »erinnere dich. Einmal brach nachher eine Horde Bestien ein, zerschlug uns alles, nahm mit, was geblieben war, band uns an die Türpfosten. Ratten mußten deine Stricke zernagen. Das andere Mal brach Feuer aus, vernichtete das Heim. Das drittemal wurde Amata krank, deine Wissenschaft war machtlos, ein Wunder mußte geschehen.«

Er streichelte die kalt gewordene Hand. »Ich muß mich getäuscht haben. Er kann es nicht gewesen sein. Wir haben die Spuren hinter uns verwischt, als wir hieher zogen.«

Sie schliefen, zwei Stunden lang. Andere Sterne standen über dem Dach, als sie aufbrachen, schwer drückten die Rucksäcke den Rücken. Beim Gewächshaus, wo man den letzten Blick hatte, standen sie alle drei noch stumm. Dann sang der Doktor halblaut, ein Lied aus den Tagen der blauen Kappe:

»Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein

Ade nun, ihr Lieben, geschieden muß sein . . .«

Gundis lächelte, sie konnte es wieder, der Schatten blieb ja zurück. Durch die Wildnis wußte Lachnit alle Pfade, sie leiteten auf Felder, die frei von Sternenkreisen umschwungen waren. Drüben war eine Ahnung tieferer, gedrungenerer Dunkelheiten, die Berge, an deren Kanten hie und da ein roter Punkt glomm, Lagerfeuer der Wächter. Nun gab es keine Wege mehr, sondern nur Richtung. Sie wanderten, ihre Stirnen troffen, er konnte die Frauen nicht vor Stürzen wahren, über Baumwurzeln und Balken von Brandstätten. Ich habe die Entfernung unterschätzt, dachte er und fühlte den Mangel an Vorsicht mit Vorwürfen gegen sich, der Tag ist hinter uns her. Ein Tal furchte vor den Bergen. Lehmig glitten rohe Stufen über den Hang, sie keuchten hinab und sahen hinter Trümmern eines Hauses einen Feuerschein, der Schattentänze an einer Ruinenwand gegenüber malte.

Der Doktor zog seine Frauen an der Hand ins Dunkel des Bodens hinein und hieß sie warten, während er selbst vorwärts kroch. Über dem Trümmerwerk eines Hauses hängend, im Gras festgekrallt, sah er unter sich schmutziges Gesindel am Feuer, Mütter, die ihre Kinder lausten, einen Burschen, der auf dem Bauche liegend ins Feuer starrte und ein dürres Schilfrohr qualmte. Ab und zu holte er einen Brand aus der Glut und half dem Rauchvergnügen nach. Ein alter Mann mit einer Mähne in Weiß saß stumpfsinnig da und scharrte mit einem Hölzchen trockene Lehmkrusten von den Zehen.

Unter Lachnit kam und ging es aus dem Hang und er merkte, daß er über der Öffnung einer Höhle lag, die in den Lehm gegraben war Kinder liefen mit Geschrei halbnackt umher, eine Frau fing eines von ihnen und bearbeitete die Rückseite mit der flachen Hand, daß es quiekte wie ein Ferkel. Sie schrien untereinander in einer Sprache, die noch von fern an Bekanntes klang, aber schon zur Hälfte unverständlich war. Nachdem Lachnit eine gute Weile im Gras gelegen hatte, trug eine alte Vettel mit hängenden Stirnzotteln eine Schüssel aus der Höhle. Beutel von Brüsten schlampten ihr um den gekerbten Rand der grünglasierten Schüssel. Etwas Bröckeliges, Lockeres, weißgrau Erdiges war darin gehäuft.

»Es sind die Erdesser,« wußte Lachnit, als hätte es ihm jemand gesagt.

Sie hockten rund um die grüne Schüssel, griffen mit den Händen zu, rissen Fäuste voll heraus und stopften sich die Mäuler voll. Sie schmatzten und kauten, schrien miteinander, Kinder, die verdrängt waren, greinten, zerrieben den Schmutz ihrer Nasen mit Tränen angefeuchtet über das ganze Gesicht. Die Mütter stürzten herbei, keiften auf die andern ein, schlugen um sich und erkämpften dem heulenden Sprößling seinen Platz an dem gemeinsamen grünglasierten Futternapf. In dem Mann über dem Höhlenmaul wühlte Qual, bittere Scham, gleicher Abkunft zu sein, stieß ihn fort, Mitleid mit vernichteter Gotteskindschaft trieb ihn zurück. In einem Blick, einer Bewegung, einem plötzlichen Aufklingen einer Stimme lag etwas, daß es unmöglich machte, sie völlig zur Tierheit zu rechnen, der sie zu neun Zehnteln angehörten. Dennoch: so durften die Menschen nicht aussehen, die zuerst Amata entgegentraten. Sie trug in sich eine köstliche Scheu banger Erwartung ersten Zusammentreffens, ein hoher Glanz stand für sie über ihrem Geschlecht. Wenn der Vater sich bemüht hatte, ihr allzu Überschwengliches auf bescheidene Maße zu führen, so lächelte sie bloß: Träume hatten ihr anderes gesagt. Irgendwo in nahen Zukünften stand ja schon Enttäuschung, aber in Verzerrung sollte ihr das Bild ihres Geschlechtes nicht zu allererst werden.

Doktor Lachnit lag in den grünen, dichten Grasbüscheln, die als Bart über dem Höhlenmaul standen, und wartete, bis die Horde unter Geschnatter aufbrach. Sie zogen einen Wagen unter einem Bretterdach hervor, beluden ihn mit Handbeilen, zwei Weiber wurden vorgespannt, zwei andere schoben hinterdrein, die Männer folgten ledig, qualmende Schilfstengel im Mund, indem sie herausfordernd mit den Händen fuchtelten. Am zusammensinkenden Feuer blieb der Alte, der seinen Spahn wieder aufgenommen hatte und stumpfsinnig seine Zehen weiter bearbeitete.

Doktor Lachnit kehrte zu seinen Frauen zurück, die vor Besorgnis beinahe weinten. »Ich habe warten müssen, bis sie weg sind,« sagte er.

»Menschen?« fragte Amata atemlos.

»Ja – aber sie sahen so . . . es waren noch nicht die richtigen Menschen,« wand er sich irgendwie um die Wahrheit. Und dann eilig: »Aber jetzt müssen wir fort. Wir haben Zeit verloren. Wir kommen gar nicht mehr bei Nacht zwischen den Posten durch.«

Nun nahmen sie schnellen Schritt, im weiten Bogen um die rotglimmende Feuerstätte mit der dunkeln gebückten Gestalt davor. Einen Hang hinan durch Gehölz, das aus alten Stümpfen schlug. Hinter ihnen spannte sich schon ein heller Bogen aus durchsichtigem Grün. Tag trieb sie vorwärts, Vögel warfen erste schluchzende Laute in den Morgen. Nun schwoll die Landschaft in vielen dunkeln Wellen hintereinander der Ferne zu, wo die Menschen waren. Die Menschen! Im Busch brach Wild aus, stäubte erschrocken und erschreckend hügelab. Sie keuchten empor, eine kahle Stelle, die oben in eine sumpfige Wiese verlief; ohne sich umzusehen, wußte man einen weiten, freien Horizont hinter sich. Geruch von Feuer zog durch den Morgen.

Amata, die einige Schritte zurückgeblieben war, bückte sich auf die Sandalen nieder und zog einen gelockerten Riemen fest. Der Gang durch die sumpfige Wiese hatte ihre bloßen Füße befeuchtet, sie empfand die kühle Frische aufquellenden Tages. Als sie sich aufrichtete, sank ihr Blick von der Höhe auf das Gebiet der Stadt. Wolken trieben ferne und fingen rosige Farben auf, mitten im fahlen Grün. Unendlicher Raum lag über die verlorene Stadt gestülpt. Aus der Wildnis der Nähe bleckte hie und da das Gerippe eines Hauses, weiterhin zackten zusammenhängende Trümmerhaufen, stumpfe Türme standen verloren da. Das war durch den Strang des Stromes mit allen Fernen verbunden und hatte Teil an der silbernen, frischen Morgenschönheit und war doch durch einen Zauber von allem geschieden und ausgestoßen. Unerkennbar irgendwo im taubeglänzten Grün ein verlassenes Heim.

Da kam ein Gefühl von Jungsein über Amata, ein Gedränge von nie noch Empfundenem, sie stieß von dem Boden ab, der sie bisher getragen hatte, nahm einen Schwung ganz ins Lichte. Sie reckte die Hand nach dem letzten Stern dort über dem veilchenfarbenen Berg. Die Erde wich unter ihr, sie schwamm in einer unbegreiflichen Glückseligkeit, eine Schubertmelodie war golden und purpurn, ging mit der Sonne auf. Ihre junge Brust straffte sich, aus den feuchten Füßen stieg Frische in ihren Leib, ihre Arme waren ausgespannt, bis in die Fingerspitzen von Sehnsucht gedehnt.

Plötzlich riß es ihren Blick zur Seite. Jemandes Umriß war dunkel in ihr Sehfeld gedrungen, vom Rande her, eines Fremden, der aus dem Gebüsch getreten war. Da stand er, in einer gestickten erdgrauen Kleidung, eine Schirmkappe auf dem Kopf, ein langes Messer hing ihm an einem Riemen um den Leib. Er schielte aus kleinen Augen unter einer engen, höckerigen Stirn nach dem Mädchen herüber, das silbern und rosig im Morgen stand. Seine Fäuste wurden schwer, zogen die Schultern herab. Er schnaufte heiß, lüstern troff ihm Gier aus den Augen, speichelte über die Beute hin, langsam schob er sich vorwärts.

Amata aber sah Gestalt und Antlitz ihres Geschlechtes, ein Bote war ihr gesandt, ein Mensch, jubelte es in ihr. Noch immer waren ihre Arme ausgespannt, sie wandte sich dem Fremden voll zu in blumenhafter Wendung zum Licht und zur Freude. Er war näher gekommen, geduckt, lauernd auf den ersten Sprung des Entweichens, eigentlich fassungslos, daß sie blieb, er war nur vom Trieb bewegt, der ihn dumpf anfüllte. Es wäre ihm lieber gewesen, sie wäre gelaufen, er hätte sie von hinten niederreißen können. Irgend etwas in der verzückten Regungslosigkeit war unerklärlich und unbehaglich. Er schnaufte laut durch die Nase, sein Unterkiefer schob sich knirschend vor, da durchstieß er die Hemmung, sprang sie an, umschlang sie, raffte die Röcke . .

Sie fühlte die fremde Faust an ihrem Schoß. Schrie!

Eine Hand zerquetschte ihren Mund, es flog in beginnende Ohnmacht ein Geruch von Feuerbränden und Speisen. Überlegene Gewalt bändigte ihr Strampeln, der Leib wurde ihr rückwärts gebogen, zur Erde gedrückt. Ehe sie gänzlich in Bewußtlosigkeit verdämmerte, ging über ihrem gesunkenen Leib ein Getümmel an, ein Zusammenprall zweier Mächte, heftige Schläge, die ihr wie ein Sturz von Welten ins Gehirn dröhnten. Der Griff an ihren Lenden und ihrer Kehle war gewichen, sie konnte atmen und Licht kam zurück. Auf den Ellenbogen aufgerichtet, sah sie den Vater und den Kerl Brust an Brust. Augenrollend und zähneknirschend rangen sie verkrampft, bis ein schneller Stoß ihres Vaters ihm Luft gab, den Gegner noch einmal und geschickter um die Hüften zu fassen. Nie hatte Amata ihren Vater so gesehen. Er schwang den Feind ein Stück vom Boden hoch, schüttelte ihn und warf ihn zu Boden, daß es krachte. Der Kerl lag einen Augenblick da, ein Häuflein Unordnung mit weggeschlenkerten Gliedmaßen, dann reckte er das Hinterteil, stand auf allen Vieren und zog sich endlich hoch.

Amata merkte kaum etwas davon, daß ihre Mutter neben ihr kniete und zärtliches Kosen über sie ergoß; sie sah nur den Vater, der siegreich dastand, noch immer mit geballten Fäusten. Er war auf einmal über sich selbst erhöht, die Morgenluft um ihn dünner und strahlender, floß ihm um hartgehämmerte Schläfen. Er war Wucht und Glanz in einem. Er wandte sich, Amata schrie heiß auf.

Der Kerl hinter ihm hatte plötzlich das Messer von der Seite gerissen und sprang ihm gegen den Rücken. Gewarnt vom Schrei, stieß Lachnit zum Sprung ab, der Stahl sauste vorbei. Beide Männer rissen sich herum, standen Aug in Aug, mit dumpfem Knurren zog der Kerl raubtierhaft die Sehnen zu neuem Satz zusammen.

Auf Knien starrte Amata, den zitternden Arm der Mutter um die Schultern, etwas wild Inbrünstiges im Herzen.

Der Kerl schnellte los. Aber da hatte Lachnit schon den Fuß gehoben und trat ihn vor den Leib. Er selbst taumelte, faßte wieder Boden, der andere war gestürzt, hielt sich wimmernd den Magen.

Lachnit riß den hingeschleuderten Rucksack an sich: »Rasch, rasch!«

Amata, die sich an seiner Hand hochgezogen hatte, schwankte ein wenig, ihre Beine waren ihr fremd. Der Morgen über ihr dröhnte wie eine stählerne Glocke bis in ihr Hirn hinein. Zwischen ihr und dem Handeln klaffte Grundloses. Es war, als müßte der erste Schritt aus Regungslosigkeit sie in einen Abgrund von Scham reißen. Hilflos sah sie zum Vater auf.

Es pfiff schrillend, wie ein in die Luft geworfener gefiederter Bohrer. Der Kerl hatte sich ermannt, lag auf den Knien und stieß zwischen den in den Mund gepfropften Fingern siedend schrillende Luft hervor. Lachnit stand verlegen mit ganz ausgeblaßten Augen unter einem Stirngewölb von Angst. Endlich verstand Amata, übersprang das Grundlose. Sie liefen. Der Berg schob Gestrüpp herab, verbogene, schmale Wege zwischen den Falten der Wasserfurchen. Noch immer schrillte das Pfeifen hinter ihnen, und hie und dort züngelte ihm Antwort zurück. Nun waren sie an einem verfallenen Jägerhaus vorbeigekommen, eine Wiese voll gelber Sternblumen sank in eine kleine Schlucht. Mit hohen Stengeln rührten die Blumen Amatas Knie. Wie sie bei den Büschen waren, die der Wiese als Saum um die Flanken liefen, schwankten Zweige, drei Männer sprangen vor und rissen die Gewehre von den Schultern in Anschlag.

»Haalt!«

Die Kette der Posten war erwacht, in einer Lehmgrube, deren zerrissener Rand scharf in den Kristall des Morgens fraß, standen zwei oder drei Männer. Drüben knackte Gezweig.

»Zurück. Auf drei wird geschossen. Eins! Zwei! . . .«

Lachnit hatte Worte auf der Zunge, das drei wäre ihm zuvorgekommen, denn die Männer sahen nicht danach aus, als ob sie viel Wert auf Verhandlungen und Erklärungen legen wollten. Einer, dem rote Haarbüschel an den Schläfen unter der Mütze vorquollen, zielte nach Amatas Leibesmitte.

Schwer trugen sich die Rucksäcke über die Wiese zurück, die Blumenstengel schlugen ihre gelben Sterne gegen ihre Schritte, blaue Glocken läuteten dazwischen an ihre Knie. Wie sie auf der Höhe waren, von der die überwucherte Trümmerstätte der Stadt zu übersehen war, bog Lachnit eine Bewegung der Hand groß über die Tiefe. Die Donau war keine Straße ins Weite, sie war eine Kette, die sich um die Stadt legte, die Berge waren der aufgewulstete Rand der Welt gegen den Kreis der Verdammnis.

»Unentrinnbar!« sagte der Mann und ließ die Hand sinken.

Schweigen hockte auf den Rucksäcken wie ein Alp und drückte jeden Tritt in den weichen Boden. Wenn Amata müde hinter den Eltern zurückblieb, trieb sie jäher Schrecken vorwärts. Vom Mauerer Berg wagte Amata einen scheuen, raschen Rückblick. Auf den Wulst des Menschenlandes prallte Vormittagssonne, die vielen Wasserfurchen, von ungehemmtem Regen in die preisgegebene Erde gerissen, brannten von rötlichem Lehm. Ein plötzlicher Anfall von Erinnerung füllte Amata mit Ekel und Brechreiz. Es stieg ihr bitter vom Magen auf, Würgen krampfte ihre Kehle; als der Vater den Laut hörte und, sich umwendend, ihre Not erblickte, sprang er hinzu. Seine Hand vor der Stirne, übergab sie sich. Noch den zähen Speichel und Speisereste im Mund, lächelte sie dankbar, die Augen unter Tränen.

Nun gab sie die Hand des Vaters nicht mehr frei; beglückt sah Gundis die neue innige Bindung.

Da sie heimkamen, ging es gegen Abend, im Hof fuhr ein Haufen verknäulter Schatten quiekend auseinander und in Löcher hinein. Ein graues Fell lag überblutet, zerrissen, noch ein wenig zuckend auf dem Boden, die große Silberhäsin, stumpfe Augen glotzten unter gesunkenen Lidern. Fetzen von Fell waren über den Hof verzerrt, Federn knäuelten da und dort, im Gemüsegarten zackte ein groteskes, großes, blutiges Gerippe über zertrampelte Beete, die Überreste der Ziege Amalthea. Die Ratten hatten sich zu Herren aufgeworfen, während man auf dem Wege ins Menschenland gewesen war. Man hörte ihr freches Pfeifen in den Büschen.

Lachnit nahm Amata den Rucksack von den schmalen, müden Schultern. Sie ließ es geschehen, es war ein Wogen von Bitternis um sie, das ihr irgendwie durch die Haut bis ins Innere des Lebens drang. Plötzlich warf sie den Kopf hintenüber, sah durch einen Ausbruch von Quellen zitterndes Geflimmer von Sternen über sich, das rasch in einen Wirbel von Nacht überging. Lachnit, der sie beobachtet hatte, fing sie auf, sie fand sich an seiner Brust wieder, schluchzend, die Hände um seinen Hals. Es zerstieß ihr von unten her ihr ganzes Wesen. Lange weinte sie so, bis die Erschütterungen sanfter verglitten. »Nun . . . nun,« sagte Lachnit, die Hand auf Amatas Scheitel, »wir drei! Wir drei! . . . Nicht wahr? . . .« Er führte sie ins Zimmer, setzte sie im Dunkeln zum Klavier. Während nebenan in der Küche hausfrauliches Gepolter anhob, saß sie vor den Tasten, die Hände im Schoß, trotz der samtenen Finsternis um ihre Augen.

Lachnit ging in sein Zimmer und entzündete die Kerze aus Baumharz über seinem Schreibtisch. Der Spiegel hinter der Flamme sammelte Licht und warf es auf die Platte. Zwischen Papieren und Schreibgeräten, neben dem Mikroskop stand eine Porzellanschale, die mit einer Glasscheibe zugedeckt war und zwei Hände eines trockenen, körnigen Pulvers barg. Lachnit schob die Glasscheibe weg, ein seltsamer fremdartiger Geruch stieg auf. Was ist das? dachte Lachnit, wie kommt das hieher? Er entsann sich nicht, dergleichen je in seinem Besitz gehabt zu haben. Erste Regung war, hinauszugehen und zu fragen, ob es etwa im Drang des Aufbruchs aus der Küche hieher verschlagen worden sei. Aber das unbekannte Ding sah nach nichts Küchenmäßigem aus, eher nach Herkunft aus der Werkstatt eines Chemikers oder Arztes.

Lachnit bog sich über die Schale, hob sie auf, sog prüfend den Geruch ein.

Wie kommt das hieher? fragte er sich noch einmal, aber mit gemindertem Widerstand. Es schien ihm plötzlich durchaus möglich, daß er selbst Schale und Pulver hieher gestellt hatte, freilich wußte er darum noch keineswegs Name und Bedeutung der Substanz.

Durch Wände, wie ein Hauch von Trost und Glück, kam eine Schubertmelodie. Amatas Hände hatten die Tasten gefunden.

Doktor Lachnit hörte nichts davon, er war über die Porzellanschale gebeugt, auf die er das volle Licht des Kerzenspiegels gerichtet hatte. »Ich darf ihnen nichts davon sagen,« murmelte er halblaut, »es geht mich allein an,« und fühlte dumpf, daß ihm etwas wie ein weißes Gewölk durchs Hirn quoll.



9. Die rote Hand.

Als Selina nach dem kleinen Gefecht mit Fred Gregor in den Nachbarraum getreten war, hatte sie den flüchtigen Eindruck eines Gesichtes, das sogleich verschwand. Es verschwand aber nicht auf einmal, sondern sozusagen strichweise, etwa so wie eine Zeichnung auf einer Tafel, die vom Schwamm verlöscht wird. Selina sagte sich sogleich, daß dies nur eine Augentäuschung gewesen sein könne, eine komische Vorführung eigener Erfindung, die groteske Erinnerung an einen einst gesehenen Film. Daß in diesem verfallenen Prachtbau weit und breit keine andere menschliche Seele sei als sie und Fred, stand ihr fest. Immerhin war sie neugierig genug, die Vorbedingungen der Täuschung kennen lernen zu wollen und ging auf den kleinen Nebenraum zu, in dessen Türe ihr das Gesicht erschienen war.

In dem Augenblick, in dem sie die Schwelle übertrat, sagte jemand neben ihr: »Gestatten!« und ganz an der Wurzel des ersten Lautes von Überraschung schlug ihr ein Pflaster auf den Mund, das, greulichen Geschmackes, aber von übernatürlicher Zähigkeit, ihre Lippen zu einer gediegenen Einheitlichkeit verband. Ehe sie noch ihre Blicke auf Kund- und Zeugenschaft hatte schicken können, fuhr ihr ein Stück wollene Nacht von oben her über das Gesicht bis unter das Kinn und schmiegte sich hier lichtdicht um den Hals. Geblendet und sprachberaubt rief sie nun Fred Gregor mit der ganzen Inbrunst der Seele zu Hilfe. Sie griff nach einem Halt, ertappte eine Wand, schlug die Nägel in die Tünche. Gewalt nahm ihr den kraftlosen Griff fort, zog die Hand nach hinten, fügte sie dort zu einer anderen, die sich bereits vorfand, und vereinigte sie miteinander mittels einer kühlen und sehr haltbaren Bindung. Zuletzt bekam sie ein Drehungsmoment um die Körpermitte, irgendwie hoben sich die Beine vom Boden und senkten sich die Schultern gleichzeitig herab, sie hing wie in Traggurten wagrecht in raumloser Finsternis mit höchst eingeschränkten Äußerungen ihrer auswendigen Menschlichkeit.

Es war eine Entführung in vier Takten, von einer Sauberkeit und Pünktlichkeit, die Übung und Verständnis bewies. Selina war zu sehr Amerikanerin, um nicht für diese Leistung Anerkennung und sogar Bewunderung zu haben, sie war auch zu sehr Mister Phöbus A. Gullivers Tochter, um in ihrem nach außen etwas stark herabgesetzten Innern das Bewußtsein einer Gefahr zu übertreiben. Fred Gregor tat ihr leid, der Zurückgebliebene. Während sie in einer schaukelnden Bewegung vorwärtswallte, irgendwohin, hatte sie eine Vorstellung davon, wie er durch die leeren Säle rasen würde, eine männliche Ariadne auf Naxos. Sie hatte nebenher auch eine Vorstellung davon, daß ihr eine Art schwarzer Nachtmütze oder ein Sack über den Kopf gezogen war, was sich keineswegs vorteilhaft ausnahm. Sie verhielt sich ruhig, weil sie weder an dieser Verdunkelung noch an dem Pechpflaster besonderen Gefallen fand und außerdem neugierig war, wohin dieses Abenteuer laufen würde.

Es ging kurze Zeit im Ebenen hin, dann senkten sich die Beine etwas, an ruckweisem Schwanken merkte Selina den Abstieg über Stufen. Das dauerte längere Zeit, steiler wurde die Senkung des Körpers vom Kopf zu den Füßen, gewundene Treppen ging es jetzt hinab, Ächzen umgab sie oben und unten. Mit einiger Schadenfreude dachte Selina daran, daß sie bei aller Schlankheit doch immerhin gediegen genug gebaut sei, um den diesbezüglichen Entführern zu tun zu geben. Zuletzt wurde die unbekannte Bahn so steil, daß man sie oben unter den Armen hielt und sich unten ihrem gleitenden Gewicht mit großem Kraftaufgebot gegenstemmte. Es muß wie eine Kreuzabnahme aussehen, dachte Selina und hatte in ihrer Verfinsterung das Bild einer Gewitterlandschaft mit einem schmalen, rot entzündeten Rand des Horizontes. Immerhin war diese Art Beförderung so wenig angenehm, daß es Selina nicht unwillkommen war, am Ende dieses Wegstückes auf ihre eigenen Beine gestellt zu werden.

»Gestatten,« sagte jemand neben ihr, die Stimme brodelte dumpf an der Umhüllung ihres Ohres. Sie fühlte sich sanft am Arm gefaßt und vorwärtsgezogen. Jetzt hörte sie auch Stimmen um sich, ihre Begleiter taten sich offenbar keinen Zwang mehr an. Nach längerer Wanderung hielt man an und zog ihr den Sack vom Kopf herab, und Selina sah und hörte. Es tat ihr nur leid, daß sie auch roch, denn was auf ihre Nase einstürmte, war von allen Eindrücken zunächst der peinlichste. Es war, als ginge man in einem mit giftigen Gasen angefüllten Raum, betäubend und beißend drang es auf sie ein, Geruch menschlicher Abfälle, mit einer Dominante von Aas und Ammoniak. Unter einem dunkel überkrusteten Gewölbe schritt man auf Steinquadern längs des Ufers eines höllischen Rinnsals von Schlamm und stockendem Kot, dem jener Qualm entwolkte. In Abständen kam man unter Eisenplatten hin, die in die Decke gefügt waren und von denen kurze Leitern zum Kai des Höllenflusses führten. Fünf oder sechs Herren umgaben Selina, in schwarzer Kleidung von verschiedenem Schnitt, ein wenig verknittert und abgeschoben, aber immerhin mit einem Schimmer ferner verflossener Schneiderherrlichkeit. Die Hüte verschiedener Form; die auf den Köpfen der Herren saßen, trugen sämtlich Kokarden in Weiß und Rot.

»Entschuldigen,« sagte der Herr in Kaiserrock und Schlapphut, der Selinas Arm gefaßt hielt: »Wir bedauern selbst sehr, keinen anderen Zugang bieten zu können, als diesen Weg längs des Pyriphlegeton . . . oder besser Kokythos . . . nicht wahr? Hehe!«

Selina hätte gern ein Wort höflichen Freispruches gesagt, aber es ging ihr mit dem Pechflaster auf den Lippen wie bei ihrem Zahnarzt in New- York, der auch mit ihr Gespräche begann, ohne die Hand aus ihrem Mund zu nehmen.

»Wir haben uns ja alle mögliche Mühe gegeben,« fuhr der Herr weiter fort, »man sollte es nicht glauben, der Übelstand läßt sich nicht beseitigen, seitdem die Wasserspülungen nicht mehr funktionieren –«

»Betätigt werden,« fiel einer der vorausschreitenden Männer ein, indem er sein Gesicht zurückwandte, so daß Selina zwei Augen zu sehen bekam, von denen eines weißlichgrau, das andere braun war.

Der Führer Selinas lüftete mit Dank den Schlapphut: ». . . betätigt werden! Diese privaten Wasserspülungen, wissen Sie! Das Ganze stockt und dickt im Laufe der Jahre immer mehr ein, wir können nichts dagegen tun . . . ein Herkules müßte kommen und diesen Stall des Augias . . . unsere Kanalisation, wissen Sie . . . das ist auch noch eine Erbschaft von den Habsburgern her, an der wir schwer zu tragen haben . . . Man könnte ja die Donau einleiten, die nimmt dann alles mit sich fort, aber da würden sich dann die Anrainer flußabwärts beschweren. Es liegt an den politischen Komplikationen . . .«

»Verhältnissen,« warf der Mann mit den ungleichen Augen zurück.

Mit dankbarer Lüftung des Schlapphutes sagte der Führer: »Verhältnissen, wissen Sie! An den politischen Verhältnissen, Miß Gulliver.«

Selina sah viel bedauerndes Achselzucken um sich. Sie wollte ihrer Verwunderung Ausdruck geben, daß man ihren Namen kannte, das Pechpflaster, noch hartnäckiger als der Zahnarzt, ließ es nur zu einem Brummen kommen.

»Wir könnten,« sagte ein junger Mann mit rundem Hut, schwarzes Feuer im Blick, heftige Hände, die das Wort gerne unterstützten, »wir könnten der Dame jetzt die Handfesseln abnehmen.«

Allgemeines Einverständnis war Zustimmung zum Vorschlag. Ein Schloß schnappte los, eine kurze Stahlkette schwang klirrend von den Gelenken, Selina konnte die Arme regen. Ihr Erstes war, daß sie nach dem Pflaster auf dem Mund deutete. Schließlich war sie doch eine Frau.

Allgemeines Lächeln drückte Verständnis aus, man begriff den Wunsch. Mit einem feinen Zug weltmännischer Gewandtheit meinte der Führer, ohne gerade nein zu sagen, nun wäre man ohnehin gleich am Ziele.

Wirklich fand sich nach wenigen hundert Schritten eine Eisenleiter vom Kokythos zu einer der Deckenplatten, ein Klopfen dagegen wirkte Öffnung nach oben, mit gerafften Röcken folgte Selina den Voransteigenden, während drei Herren am Fuß der Leiter eine Nachhut bildeten, die vergebens um eine Sicht über mehr als Kniehöhe bemüht waren. Verschlungen war der Pfad, an eingestürzten Decken und geborstenen Wänden merkte man die Rückkehr zum oberirdischen Wien, Tageslicht war da, die Herren löschten ihre Laternen, schritten jetzt ohne Ordnung im Schwarm um Selina. Gerümpel staute sich, sie kamen ins Freie, Selina sah einen von zackigen Wolken umrandeten Himmel über sich, ausgebrannte Lagerschupfen säumten den Weg, von denen Verladerampen zu einem Gewirr von Schienen liefen. Aus einem Personenwagen, der einsam auf der Strecke stand, glotzten Köpfe, schwanden auf einen Wink des Herrn im Schlapphut. Ein Blockhaus trug ein Dickicht von Hebeln und Rädern, auf einer Böschung lag eine Schnellzugsmaschine mit aufgerissenen Flanken, mausetot. Sie kamen in eine Halle von Eisen und Glas. Hoch über dem Gestänge war das gläserne Dach, mit einer dicken Schicht von Staub und Schmutz überlagert. Licht kam von dorther nur durch unzählige Schußlöcher, die zu einem Gewimmel von Sternbildern vereinigt waren, wie eine ungenaue Nachahmung des Firmaments.

Ein Bahnhof, dachte Selina, warum führt man mich hierher?

Sie mußten ein Gebirge von zerschlagenen Kisten übersteigen, zogen durch ein eingetrocknetes rotes Meer, das aus zertrümmerten Weinflaschen geflossen war. In der Wand des Bahnhofsgebäudes stak zur Hälfte eine Lokomotive, man sah durch eingestürzte Mauern das Innere von Amtsräumen mit Aktengestellen an den Wänden, einer schiefen Pendeluhr ohne Zeiger und einen Morseapparat, dem ein Kranz von Würsten umgeschlungen war.

»Natürlich Pappendeckel,« lächelte der Herr mit dem Schlapphut, »aber nicht wahr, sehr natürlich?« An einer Glastüre stand ein Mann. Er öffnete, rief etwas hinein, viele Geräusche schwollen zusammen. Die sechs Begleiter Selinas standen zu je dreien Spalier, Selina schritt hindurch, sah sich in einem geräumigen Saal. Gleich neben der Tür stand ein Herr, der auf einer Maultrommel die amerikanische Hymne spielte. Viele Menschen ließen Tücher wehen, es war eine überaus freundliche Begrüßung und echte Freudenkundgebung. Nur vier Herren, die an einem kleinen Tischchen Karten spielten, hatten sich nicht stören lassen und der allgemeinen Begeisterung nicht angeschlossen.

Ein breitschultriger Herr türmte sich vor Selina auf zwang sie inmitten des Gedränges zum Stillstand. Er schwang einen weitkrämpigen Strohhut, es wurde stille: »Gestatten Sie,« sagte er mit einer überaus wohlklingenden und mit sämtlichen möglichen Überzeugungen gesalbten Stimme, »gestatten Sie, verehrter Gast, daß ich Sie im Namen der Regierung herzlichst begrüße. Es ist uns eine Ehre und eine Auszeichnung, daß Sie sich hierher bemüht haben, und wir bitten die Versicherung innigster Freude über diesen Besuch entgegenzunehmen. Lange schon haben wir vergebens darauf gewartet, einen Vertreter Ihres großen Heimatlandes unter uns zu sehen, nun hat uns das Geschick nicht einen Vertreter, sondern eine so überaus liebenswürdige Vertreterin geschickt. Wir empfinden diese besondere Gunst des Schicksals mit tiefer Ergriffenheit und Dankbarkeit und wir bitten Sie nur, bei Ihrer Heimkehr Ihren Landsleuten zu sagen, wie herzlich Sie hier willkommen geheißen worden sind.«

Man stimmte in ein großes überzeugtes Hoch ein, das vom Dachstein bis zum Arlberg schallte, vom und zum gemalten nämlich, die sich nebst vielen anderen gemalten Naturschönheiten rundum an den Wänden befanden. Es waren außerordentlich vielversprechende Landschaften, teils lieblichen, teils majestätischen Charakters, Seen und Berge mit Waldmänteln und Schneegipfeln. Verheißungen aus einer Zeit, wo sie verlocken sollten, sich der Eisenbahn anzuvertrauen und von ihr zu den vorgespiegelten Gegenden entführen zu lassen. Letzte, krampfhafte Bemühungen um die Hebung des Fremdenverkehres. Jetzt freilich waren allerlei Haken und Nägel in die schönsten Gegenden eingeschlagen und längs des Dachsteins und des Pasterzengletschers hingen Überröcke und Mäntel herunter. Dem Gipfel des Traunsteines aber waren die Überreste eines braunen Samthutes aufgesetzt. So hallte das Hoch zwar im kleinen Raum, aber doch wenigstens bildlich von der Donau bis zum Karwendelgebirge.

Selina konnte daraus nichts anderes tun, als mit einem Lächeln im Kreise zu danken und dann wieder auf den Mund zu deuten. Es gab einen mächtigen Klatsch, so heftig schlug sich der Herr mit dem Strohhut vor die Stirne: »Aber . . . meine Herren, ich bitte Sie . . . ach, entschuldigen Sie nur, Miß Gulliver, daß wir im Drange der Geschäfte . . . und in der Freude, einen so überaus liebenswürdigen Gast . . . meine Herren! Meine Herren!!« Der vorwurfsvolle Ton brachte Bestürzung hervor. Die Herren, die Miß Gulliver gebracht hatten, machten sich gegenseitig Vorwürfe wegen ihrer Vergeßlichkeit. Sie schrien aufeinander los, beschimpften sich sogar allen Ernstes und warfen einer dem anderen die Verantwortung zu. Indessen stand Selina noch immer mit verklebtem Mund.

Endlich drang die Stimme des gemütlichen Herrn mit dem Schlapphut, ihres Führers an den Ufern des Kokythos, durch den Tumult: »Wasser! Die grüne Mizzi soll Wasser bringen . . .«

»Benzin!« rief der Mann mit den ungleichen Augen. Selina sah nun, da sie sein Gesicht nahe vor sich hatte, daß der weißgraue Schleier das Häutchen der Starblindheit war. »Benzin haben wir nämlich genug,« erklärte er höflich, »draußen beim Riesenrad lagern ganze Tanks. Es war unsere letzte große Finanzoperation; leider waren zu jener Zeit die Motoren, Maschinen und Kraftwagen bereits alle gepfändet. Das Benzin kam halt ein bisserl spät.«

Eine Waschschüssel stand vor Selina auf einem Stuhl. Auf dem Grunde des Wassers sah man die schöne Stadt Salzburg, die Perle der deutschen Alpen, es lag da, unter Wasser, wie das versunkene Vineta. Das Frauenzimmer, das die Schüssel gebracht hatte, stand daneben und sah mit frechen Hüften und herausfordernden Augen zu, wie Selina sich zu waschen begann. Es war eine hübsche Person mit guten Formen und feinem Gesicht, das nur arg mitgenommen und verwüstet war. Sie führte ihren Namen, die grüne Mizzi, mit vollem Recht, denn ihre Haare wiesen das Naturspiel einer völlig unbestreitbaren grünen Färbung. Ein schweres dunkles Seegrün lag ihr in einem vollen Knoten im Nacken, nilgrüne Löckchen kräuselten sich über den Ohren, grasgrüne Härchen hingen ihr in die Stirne und wichen von der Scheitellinie nach links und rechts auseinander. Auch ihre Augen, die ihr etwas schief nach außen aufwärts standen, hatten im Bernsteingelb der Iris einen grünlichen Schimmer.

Als sich Selina aufrichtete, sah sie noch, wie diese grünen Blicke an ihrer gebückten Haltung musternd mit unverstellter Geringschätzung entlanggeglitten waren. Es war ihr sogleich klar, daß hier eine unversöhnliche Gegnerin stand, Feindin von Urbeginn der Zeiten und aus den Wurzeln des Wesens. Spöttisches Lachen verhöhnte Selinas mißglückten Versuch. Es war ihr nicht gelungen, das Pflaster loszulösen, sie hob ihr Gesicht triefend aus dem Wasser, sah ein wenig ratlos um sich. Da traf sie das feindselige Höhnen der grünen Mizzi in empfindsamem Zustand. Selina wurde rot, schüttelte den Kopf, daß die Tropfen sprühten, gleich darauf aber bekam sie etwas so Drohendes in ihre Mienen, daß dem feindlichen Frauenzimmer das Lachen verging.

»Ja, das geht doch nicht,« sagte mit einmal der junge Mann mit dem gekrausten Haar und den beredten Händen, »Miß Gulliver kann doch nicht hier vor aller Welt Toilette machen . . .«

»Kleidung,« warf der Mann mit den ungleichen Augen ein.

». . . Toilette machen,« beharrte der andere mit Augenrollen, »müssen wir denn alle dabei zusehen? Ich bin dafür, der Dame im Nebenraum Gelegenheit zu geben, sich wieder zurechtzumachen.«

»Abstimmen!« murrte der Hintergrund und »Abstimmen!« gellte die grüne Mizzi.

Aber der junge Mann erwischte, ohne die Abstimmung abzuwarten, die Schüssel, rief dem Ungleichäugigen zu, den Sessel zu nehmen, und bahnte Selina den Weg durch die Menge. Es war eine Art Prozession, voran der junge Mann mit der Schüssel, dann der Zweite mit dem Sessel, als Dritter der Mann mit dem Schlapphut, der eine blaue Frauenschürze und das Benzinfläschchen trug, zuletzt Selina. Es nahm sich aus, als würden ihr die Gegenstände eines eigens für sie eingerichteten sakralen Kultes vorangetragen. Sie hörte, wie ihr das freche Gelächter der grünen Mizzi hinterrücks in den Nacken sprang.

In einer Holzkammer nebenan fand sich gerade Raum genug für den Sessel, Selina und ihre Assistenten. Auch hier hatte die Kunst gewaltet. Das Holz war vor den kahlen Felswänden der Rax aufgeschichtet, etwas ungeordnet und Einsturz drohend. Die herabgefallenen Scheiter wurden mit dem Fuß beiseite gestoßen oder wieder gegen die Wände der Rax geschleudert.

»Hier, bitte!« sagte der junge Mann, mit einer neptunischen Handbewegung, als habe er ein ganzes Meer zur Verfügung zu stellen.

Selina dankte einstweilen blickweise. Sie tauchte ihr Gesicht wieder ins Wasser, zog und zerrte an den Lappen, aber es war, als ob er mit den Lippen in Eins verwachsen sei. Ihr Mund schmerzte brennend. Sie hob den Kopf, sah auf den Gesichtern der drei Herrn das Widerspiel der eigenen Ratlosigkeit.

»Daß das gar so fest picken tut,« kopfschüttelte der mit den ungleichen Augen.

»Sonst ist es immer ganz leicht heruntergegangen,« bekräftigte der Schlapphut.

»Der Staatssekretär für Leimsiederei wird frischen Leim aufgestrichen haben,« besann sich der Erste. Der Schlapphut hielt es für nötig, über die Peinlichkeit der Lage durch einen Witz hinweg zu helfen: »Es ist bei alledem nur noch gut, daß die Dame keinen Schnurrbart hat.« Niemand fand, daß die Angelegenheit dadurch sonderlich entspannt wäre.

»Erlauben Sie,« sagte da der gekrauste junge Mann und hob seine Hände zu Selinas Mund. Er packte das Pflaster an beiden Enden und übte einen sanften, aber unwiderstehlichen Zug aus. Selina hatte das Empfinden, als würde ihr Gesicht in einen Rüssel verwandelt und wirklich folgten auch der Mund und die Wangen dem Zug des Pflasters, was für die Dauer des Vorgangs nicht eben hübsch anzusehen war. Aber der junge Mann ließ nicht nach, zog unerbittlich und zuletzt schnellten Wangen und Lippen wieder befreit an ihre richtige Stelle zurück.

»Pfui,« war Selinas erstes Wort.

»Wie meinen, bitte?« fragte der Schlapphut bestürzt.

»Ich meine Pfui!« bestätigte Selina.

»Meinen das im Allgemeinen oder im Besonderen?«

»Durchschnittlich! Im Besonderen aber ist der Geschmack Ihres Pflasters abscheulich.«

Der Schlapphut streckte beschwörend das Benzinfläschchen vor. Auf Selinas Lippen saßen braungelbe Spuren von des Pflasters Scheußlichkeit, sie betupfte ihr Taschentuch und rieb kräftig, von Bewunderung umgeben. Ungepflastert sah sie noch hübscher aus als man vermutet hatte. Dann endlich kam der Augenblick für die Stadt Salzburg aus dem Wassergrunde. Selina rieb, prustete ohne Umstände darauf los, nahm die blaue Schürze aus den Händen ihres dritten Beihelfers, trocknete sich ab.

»Ich stehe zur Verfügung!« sagte sie mit gewinnendstem Lächeln. Und dann zu dem Gekrausten: »Ich danke Ihnen!« Damit war er zum Ersten ausdrücklich ernannt, trat an ihre Seite und mit ihr in die Halle. Die Versammlung hatte sich niedergelassen, und nun, da die Leute nicht mehr standen, zeigte sich, daß längs der Wände in die alpinen Landschaften und Gletscherwelten eine Menge Feldbetten hineingestellt und Strohsäcke gelegt waren.

»Wer sind diese Menschen?« fragte Selina ihren Erretter vom Pechpflaster.

»Staatssekretäre! Lauter Staatssekretäre. Die Herren sind sämtlich Staatssekretäre, auch die Damen – bis auf die grüne Mizzi – sind Staatssekretäre. Sie sehen dort die Dame mit der großen Nadel im Haar, das ist die Staatssekretärin für weibliche Handarbeiten. Ihre Nachbarin, die mit dem schwarzen Schnurrbärtchen, die sich auf Carmen stilisiert, ist die Staatssekretärin für Topfentascherln. Sie dürfen aber nicht glauben, daß den Damen bloß die wesentlich früher sogenannten weiblichen Fächer zugewiesen werden. Die Dame dort mit dem Zwicker zum Beispiel ist die Staatssekretärin für Leichenverbrennung. Sie trägt, wie sie sehen, darum auch eine schwarzseidene Bluse, auf der in Perlenstickerei zu lesen ist, vorne: ›Friede deiner,‹ und hinten: ›Asche'.«

Der Gekrauste nahm an, daß Selina die Frauenfrage besonders nahe berühren werde. Sie staunte indes mehr über die Zahl der Leute als über das Verhältnis von Mann zu Weib.

»Lauter Staatssekretäre?« verwunderte sie sich.

»Alle. Wir sind nämlich die Regierung,« sagte er, doch ein wenig mehr Wind in den Segeln, so gelassen er das auch aussprach.

»Die Regierung?« staunte Selina noch mehr. ». . . Und das Volk?«

»Das Volk?« staunte der Gekrauste dagegen. Was für eine amerikanische Frage war das? Er hob die beiden Hände, daß sie einen Augenblick lang wie zwei Fragezeichen in der Luft standen: »Das Volk?«

»Die Stadt ist ausgestorben. Ich habe mich umgesehen, die Häuser stehen leer, in den Ringstraßenpalästen wohnen Schatten und Ratten. Wo ist das Volk?«

Der Gekrauste hatte schon wieder Luft: »Das Volk sind wir,« sagte er stolz, »das souveräne Volk regiert sich selbst.«

»Ja dann freilich,« meinte Selina nachdenklich, indem sie an dem Tisch der Kartenspieler stehen blieb. Noch immer saßen die vier inmitten der übrigen Regierung und zogen die bunten Blätter aus dem Fächer, um sie auf den Tisch zu klopfen. Sie waren so vertieft, daß sie nicht einmal etwas davon merkten, als der Gast bei ihnen stehen blieb. »Salzburg,« rief der eine, indem er ein Karo auswarf, »Steiermark,« der Zweite, der ein Pik zuzugeben hatte, »Tirol,« der Dritte, der ein Kreuz aufdeckte und »Oberösterreich« der Vierte, indem er mit einem Herz dreinschlug. Hierauf begannen sie zu streiten, wem der Stich gehöre. Sie einigten sich zu dritt gegen einen, dessen Widerspruch zu Protokoll genommen wurde. Das Spiel wurde fortgesetzt, um nach dem nächsten Stich an neuer Uneinigkeit hängen zu bleiben. Diesmal wollte der Besitzer eines Buben, den er Arbeiterrat nannte, durchaus nicht anerkennen, daß der König höher sei, indem er erklärte, daß alle Könige abgesetzt seien, also auch die Kartenkönige. Es wurde abgestimmt. Man entschied sich zu dritt gegen den König und wollte den Widerspruch seines Besitzers nicht einmal zu Protokoll nehmen.

»Was für ein Spiel ist das?« fragte Selina.

»Sie nennen es Länderspiel,« erläuterte der Gekrauste, »sie spielen es mit Begeisterung. Aber es ist erst im Werden. Sie sehen, die Spielregeln stehen noch nicht einmal fest.«

»Die Herren sind mit großem Eifer dabei.«

»Ja, wissen Sie, Miß Gulliver, wir haben versucht, uns als Fremdenstadt zu finanzieren . .«

»Wirtschaftlich aufzubessern . .« warf der Ungleiche ein.

». . . finanzieren!« beharrte der Gekrauste, schob die Hand vor und flüsterte dahinter, mit einem dem Ungleichen zugedachten Achselzucken. »Er glaubt nämlich, er ist Wotan . . . weil er nur ein Auge hat. Es geht ihm immer nicht germanisch genug zu. Wir werden ihn nächstens aus der Regierung hinauswerfen.« Er wartete auf eine Kundgebung seines Schützlings, aber Selina zuckte nicht, denn sie hatte sich vorgenommen, sich in Regierungsangelegenheiten nicht hineinzumischen.

»Also . . . wir haben versucht, uns als Fremdenstadt zu finanzieren. Wir wollten mit Monte Carlo und Monaco in . . . sagen wir: Wettbewerb – soll er auch einmal eine Freude haben! – treten. Wir wollten die ganze Stadt zu einer großen Spielhölle ausgestalten . . . mit allem, was dazu gehört, Bar und so weiter. Es ist mißlungen. Aber wir selbst haben eine nie dagewesene Vollendung und Ausdauer im Spielen erlangt, es gibt Leute, die vierundzwanzig Stunden lang ohne Unterbrechung am Kartentisch sitzen können. Bei unserem Staatssekretär für Kartenspiel werden täglich etwa zwanzig Patentanmeldungen für neuerfundene Hasardspiele eingebracht. Wir können freilich keine Staatssubventionen für geniale Spieler mehr geben, aber der Drang der Erfinder läßt sich, einmal geweckt, nicht mehr zügeln. Es geht ihnen um die Ehre, einander zu übertreffen.«

Eine Doppelflügeltür, die als Tischplatte über einigen Bänken lag, war von zwölf höchst feierlichen Herrn umsessen. Der Turm mit dem breitkrämpigen Strohhut nahm die Mitte ein und wuchs jetzt fast bedrohlich den Beisitzern über die Köpfe: »Hochansehnliche Versammlung,« rollte er über die kleine Welt zu seinen Füßen hin, »verehrte Zeit- und Schicksalsgenossen, noch einmal erlaube ich mir, unseren hochwillkommenen Gast, Miß Selina Gulliver, in unserer Mitte herzlichst zu begrüßen.«

Hinten schien sich ein gemischter Chor zusammengerottet zu haben. Es brauste in Selinas Rücken, Männer- und Frauenstimmen vereint:

»Dort, wo im Firnenglanz die reinen Berge stehn,
Der Gipfel Sonnenpracht sich malt in dunkeln Seen,
Dort wo der Andacht Geist auf Felsaltären thront . . .«

Irgendwo über einer Schulter hing das höhnische Grinsen der grünen Mizzi. Selina besah angelegentlich ihre rosigen Fingernägel und entsetzte sich über die Zerrüttung ihrer Wohlgepflegtheit. Der Glanz des Schliffes war abgestumpft, die kühle, parabolische Rundung der Ränder eingekerbt und zerrissen. Im Zusammenhang mit dem Grinsen der grünen Mizzi und dem gemischten Chor des Hintergrundes erzeugte das eine zornige Bewegung ihrer Seele. Selina trat vor, stützte sich mit der Hand leicht auf die Doppelflügeltür und sagte, dem Turm – etwas von untenher – gerade ins Gesicht:

»Sagen Sie mir jetzt, was stellt das alles eigentlich vor?«

Der Turm mit dem Strohhut ließ die Begeisterung entgleiten, eine trockene Geschäftsmiene tauchte auf: »Da Sie das durchaus wissen wollen, Miß Gulliver – es handelt sich nämlich um das Lösegeld . . .!«

»Endlich das erste vernünftige Wort,« sagte Selina.



10. Das Ungeheuer.

Aber es erhob sich sogleich ein Tumult an der doppelflügeltürigen Tafel. Eine ganze Anzahl von Beisitzern war aufgesprungen und focht durch- und gegeneinander. »Falsch! Falsch! Kein Lösegeld . . . es ist kein Lösegeld.«

»Es ist eine Vermögensabgabe!« donnerte ein Mann im blonden Umhängebart.

»Falsch! Es ist eine Lustbarkeitssteuer!« zwitscherte einer mit einem Vogelgesicht.

Der Mann mit dem Schlapphut schob einen der Schreier einfach beiseite und nahm seinen Platz ein: »Lächerlich,« rief er, indem er mit der Hand auf den Tisch schlug: »Lassen Sie sich nicht auslachen, meine Herren! Was fällt Ihnen ein: es ist ein Regiebeitrag, einfach ein Regiebeitrag, sonst nichts.«

Sie hatten aber jeder die besten Gründe für ihre Ansicht bereit, außerordentlich wirksame Auszüge aus der Volkswirtschaftslehre und Bevölkerungsstatistik und setzten sie mit Nachdruck einander entgegen. Es schien eine Art Sprachenverwirrung eingerissen zu sein, in der sie aneinander vorbeiredeten. Selina hörte zuerst zu, langweilte sich dann, besah ihre Nägel, gähnte ganz offenkundig einigemale, und schnitt dann mit scharfer Geste durch das Getöse. Es wurde still.

»Schließlich läuft es doch auf ein Lösegeld hinaus,« sagte Selina.

Der Turm lüftete den Strohhut, verneigte sich: »Ich freue mich sehr, daß Sie meine Ansicht zu der Ihren machen, Miß Gulliver.«

Sie blieb kühl: »Es bleibt eines zu bedenken! Es bedarf meiner Einwilligung. Zu einem Lösegeld müßte ich Ja sagen. Sie werden die Güte haben, abzuwarten, bis ich dieses Ja sage. Ich habe vorläufig noch nicht Lust, auf Ihre Gastfreundschaft so rasch wieder zu verzichten. Ich werde noch einige Tage von ihr Gebrauch machen und bitte Sie nur, meinen Vater zu verständigen, daß ich in Sicherheit bin.«

Man beteuerte, daß man sich über ihren Entschluß freue und daß man Mister Phöbus A. Gulliver verständigen werde.

»Aber Sie werden uns Ihr Ehrenwort geben, daß Sie sich nicht entfernen, ohne uns zu verständigen.« Der Turm legte eine breite, behaarte Pranke hin.

Selina schlug ein: »Einverstanden! Hingegen bitte ich Sie, meinetwegen durchaus weiter keine Umstände zu machen und sich nicht aus Ihrer Ordnung bringen zu lassen.«

Man war im reinen, Miß Gulliver sollte durch weitere Begeisterungen und Zuvorkommenheiten unbehelligt bleiben. Sie bekam einen Führer durch die Sitten und Gebräuche der Regierung, den Gekrausten, Doktor Ernst Neu, Staatssekretär für Höherentwicklung. Er geleitete sie durch die Welt des Bahnhofes, in dem die Regierung untergebracht war.

»Es ist der Nordbahnhof,« sagte er, als er sich überzeugt hatte, daß Selina von solcher Wissenschaft keinerlei feindseligen Gebrauch machen werde.

»Der Nordbahnhof? Der führt doch nach fremden, nordischen Ländern. Was sollen die prächtigen Gemälde südlicher Landschaften an den Wänden?«

Doktor Neu hob die beredten Hände: »Zauberischer Eindruck gleich bei der Ankunft! Verstehen Sie! Wenn die Fremden aus den Nachbarreichen eintrafen, sollte ihnen gleich auf dem Bahnhof der ganze Reiz und die Farbenpracht unseres Landes entgegenleuchten. Was tut man nicht alles für die Volkswohlfahrt? Es war die Einrichtung getroffen, daß die Ankömmlinge Lose bekamen, die wurden dann gleich am Eingang in eine Urne geworfen und ein Waisenknabe stand dabei, der eines von ihnen zog. Der Gewinner bekam dann eine freie Fahrt und vierzehn Tage freien Aufenthalt. Er konnte sich an den Wänden die Gegend gleich selbst aussuchen. Was tut man nicht alles –«

»Und umsonst?« fragte Selina.

»Die Fremden sind ausgeblieben. Der morbus Viennensis und . . und . .«

Manchmal schloß sich den Wanderungen auch Franz Niedergeseß an, der Mann mit dem Schlapphut, Staatssekretär für Allfälliges, und Udo Schmatlak, der Ungleiche, Staatssekretär für Hühneraugenbeseitigung. Aber der wurde von den anderen mit solcher Wucht beiseite liegen gelassen, daß er bald abbröckelte. Es war unangenehm, sich alle Augenblicke mit einem Fremdwortersatz zwischen die Zähne fahren zu lassen.

Selina sah, was es nur Sehenswürdiges zu sehen gab. Man zeigte ihr die große Uhr der Halle, auf der die letzte Stunde des Verkehrs festgehalten war, auch die Schienenstränge, über die der Eisenbahndiktator zur Zeit der Republik Morgenstern geschlagen hatte. Weit draußen auf dem Frachtenbahnhof, nahe einem großen, leeren Güterschuppen, machte sie Doktor Neu auf einen Obelisken aus betoniertem Kunstdünger aufmerksam. Er bezeichnete die ehrfurchtgebietende Stelle, wo man einen Güterwagen, der nicht im mindesten bestohlen war, seinem Empfänger übergeben hatte. Er hatte Feuchtigkeit im Organ, als er vor dem Denkmal stand und sagte: »Ich glaube an die Menschheit.«

Bisweilen sahen sie auf ihren Gängen plötzlich irgendwo die grüne Mizzi auftauchen. Sie schien gelauert zu haben, richtete sich, erwischt, auf und machte ihre frechen Hüften und ihr herausforderndes Gesicht.

»Wer ist das Frauenzimmer?« fragte Selina.

»Es ist die grüne Mizzi,« sagte der Doktor, ein wenig verlegen, denn auch seine Vergangenheit war nicht frei von ihr, »die grüne Mizzi, genannt ›der letzte Versuch'. Sie gehört nicht gerade zur Regierung . . nur sozusagen. Sie war zur Zeit unserer Bemühungen um den Fremdenverkehr als Lorelei engagiert. Wir hatten eigens für sie unterhalb des Kahlenberges einen Lurleifelsen erbaut. Aus Kunststein. Für die Reisenden auf dem Wasserweg. Da mußte sie nun sitzen und ihre Haare kämmen, grüne Haare selbstverständlich. Die goldenen Locken bei Heine sind ja Unsinn. Als Nixe muß sie grüne Haare haben . . . die Farbe ist ihr ja gleich dauernd geblieben. Sie war überaus stilvoll eingerichtet, nach den Entwürfen von Richard Teschner, der ist ja Spezialist für dämonische Mittelwesen. Also, wie gesagt, sie saß da, kämmte ihre grünen Locken und sang ein Lied dabei. Es war außerordentlich stimmungsvoll, aber vergeblich. Der letzte Versuch, wie gesagt. Mit der kapitalistischen Weltordnung war uns nicht mehr zu helfen.«

»Sie hat etwas Nixenhaftes behalten,« meinte Selina, »sie taucht immer auf, immer auf . . .«

»Bloß eine üble Gewohnheit,« entschuldigte Doktor Neu. »Aber sie denkt sich nichts Schlimmes dabei . . .«

»Ich merke: sie hat Gewalt über die Herzen!«

Es wurde nicht weiter über die grüne Mizzi gesprochen, Wichtigeres war zu erörtern. Doktor Neu, Staatssekretär für Höherentwicklung, stand mit einem Fuß in der Vergangenheit, mit dem anderen in der Zukunft. Zwischen seinen Beinen hatte er die Gegenwart, das Gewimmel nichtssagender Augenblicke, wie der Koloß von Rhodos die Durchfahrt der Schiffe. Er gab nichts auf den gegenwärtigen Zustand, der ihm nur ein Übergang ins Land der Verheißung war. Auf seiner erzenen Stirn lag das Morgenlicht einer neuen Zeit. Hinter ihm waren die Vergangenheiten abgebrannt, das bedeutungslose Jetzt übersah er. Schwärmerisch war er der neuen Menschheit zugewandt.

»Sie kommt, sie kommt heran,« sagte er, »gerade jetzt, wo es am allerwenigsten so aussieht, stehen wir an ihrer Schwelle. Schon beginnen die Völker, einander unbewußt, ihre Herzen der großen Gemeinsamkeit zuzuwenden. Es sieht aus, als haßten sie einander mehr als je, aber eben dies ist der letzte Augenblick vor dem Umschwung. Es wird keine Nationen mehr geben, keine Klassen, nur Brüder, die Diktatur des Proletariats, aber da alle Proletarier sein werden, werden alle herrschen. Noch kommt vorher Gewalt, denn nicht ohne Kampf wird das Abgelebte seine Stellung räumen wollen. Aber die Niederlage ist unvermeidlich, unser ist der Sieg.«

Er begeisterte sich, er schlug die Luft, er raffte Unsichtbares an sich. Selina bewunderte ihn, gleichgestimmt schwang sie dunkel mit. »Wie denken Sie sich das?« es war kaum mehr ein Zweifel, sondern ein Wunsch, seine prächtigen Gedanken allseitig zu sehen.

Es fiel ihm nicht schwer, stundenlang über sein Thema zu sprechen. Gewalt war ein beklagenswertes Mittel, aber es blieb kein anderes übrig, um die verblendete Welt zu retten.

Es war im Prater. Sie gingen verwachsene Wege, durch wucherndes Gestrüpp. Am Ende einer langen Allee von Baumstümpfen stand die Ruine eines Rundbaues. Eine verfallene Treppe stiegen sie hinan, standen in hohen Fensterbogen. Hitze fiel vom Himmel auf das krause, wollige Buschwerk. »Hier war einmal ein Wildpark, kaiserliche Jägerei, Tierhetzen, später dann Spaziergang der Philister, Ausfahrten der eleganten Welt, bestaunt von den submissest aus dem Weg Tretenden, stumpfsinniges Sonntagsvergnügen bei Bier und Ringelspiel, und für die, die mit ihrer Kraft nicht wußten wohin, der Watschenaff. Bäume standen da, uralt, hochmütig, einzeln oder in Gruppen von Versippten, grau von Moos, mit hängenden Bärten von Flechten.« Er wischte über die Landschaft. »Weg, alles weg, niedergeschlagen, ausgerottet. Und sehen Sie, wie frisch und grün und üppig und gleichmäßig vor allem das Buschwerk wächst.«

»Es muß schön gewesen sein,« sann Selina.

»Schön? Der neue Geist will eine andere Schönheit. Hier! Hier wird dieser neue Geist geboren. Noch ist er arm und blaß, aber er wird wachsen und seine Flügel ausbreiten über alle Länder der Erde.«

Manchmal sieht er wie ein Römer aus, dachte Selina vor seinem Profil. Sie lag auf der Luft ganz weich, und fühlte seine Worte wie Flügel unter sich. An stillen Wasserläufen gingen sie hin, bunte Enten übten auf den Spiegelbildern von Himmel und Gebüsch. Die Hitze dehnte Selinas Poren, ihre Haut lechzte nach Kühle. Sie warf Schuhe und Strümpfe ab, watete in den warmen Schlamm hinein, bis zu den Knien, mit gerafften Röcken. Doktor Neu stand lächelnd am Ufer und sah zu, wie Selina eine Ente fing. Das Tier war aus Holz, sehr natürlich und bunt bemalt.

»Auch nach einem Entwurf von Richard Teschner,« sagte er, »noch aus den Tagen des Fremdenverkehres. Die wirklichen sind natürlich schon längst abgeschossen und aufgegessen.«

Irgendwo tauchte die grüne Mizzi auf, der letzte Versuch, schnitt zwischen Zweigen eine höhnische Fratze. Doktor Neu, peinlich berührt, winkte mit der Hand, worauf sie verschwand.

»Sie macht mich nervös,« sagte Selina.

»Achten Sie nicht darauf . . .«

Während Selina am Uferrand wieder Schuh und Strümpfe anzog, ging der Gekrauste hinter ihrem Rücken hin und her. »Was uns hier anbelangt,« sagte er, »uns wird geholfen werden. Ich weiß noch nicht wie, aber ich weiß, daß uns geholfen werden wird. Wenn es sein muß, durch ein Wunder.«

Selina wandte ihm ihr Gesicht über die Schulter zu. »Inzwischen überfällt man Frauen und schleppt sie mit einem Pechpflaster auf dem Mund längs des Kokythos nach dem Nordbahnhof.«

Doktor Neu schwang eine Rute, die er vom Haselnußstrauch gebrochen hatte. »Es war die Regierung,« meinte er etwas kühl.

»Man könnte auch einfacher sagen: ›Räuberbande'.«

»Sie denken sehr altmodisch, Miß Gulliver,« er versetzte der hölzernen Ente einen Hieb mit der Rute, »wir sind die letzte Regierung, genannt die rote Hand. Alle Macht beim Volke.«

Jetzt stand Selina wieder in ihren festen Reiseschuhen auf dem Kies, sie stieß mit der Spitze eine kleine Garbe von Steinchen in das stille Wasser, daß es in kleinen Säulchen aufsprang und dann zitternde Kreise gegeneinander stieß und zerschnitt. Irgend etwas geschah groß im Unendlichen des Abends, das als undeutliches Gefühl herabsank.

Nahe dem Riesenrad, als es schon dämmerig wurde, roch die Luft nach Benzin. Die Trümmer von einstigen Volksbelustigungen standen im Dunkeln, was daran übrig war, konnte bei freiem Eintritt besichtigt werden, es saßen keine geschminkten Damen an den Kassen, keine Ausrufer lockten Publikum an. Sie krochen in das Gespensterschloß, wo man plötzlich in Gruben einsank, die wie mit Moder und Schlamm angefüllt waren. Weiße Geistergestalten erhoben sich aus den Tiefen der Schatten, Doktor Neu zog an einer Leine, da rasselte im Hungerturm ein abgezehrter Gefangener mit seinen Ketten. Auf ein bestimmtes Brett tretend, entfesselten sie ein höhnisches Gelächter unter und über sich.

Als sie aus der Bude kamen, klangen Schritte. Eine kleine Schar von Männern stolperte über losgerissene Bretter, fluchend, Bewaffnete, Amerikaner.

»Sie suchen mich,« flüsterte Selina und zog den Begleiter ins Lachkabinett. Viele Spiegel vervielfältigten hier zwei dämmerblasse Gesichter ins Unendliche, reihten sie hintereinander, daß es aussah, als käme ein Gewölk von gespannten Mienen, ein Gespinnst von Blicken aus einem bleigrauen Urgrund herangeschwebt. Jede Wendung verzerrte hier im Nahen das Bild, zerquetschte es, zog es in die Länge, schob es in lächerliche Rundungen. Jemand prallte gegen die Außenwand der Hütte, brummte wütend. Selina und der Doktor preßten den Atem zurück, sie fingen etwas und sperrten es in sich, das entfliehen wollte. Das Brummen zog weiter, ein Ruf schwoll auf und ab. Aus dem Bleigrau des Grundes starrte das Gewölk von Gesichtern. Da sie sich der Türe näherten, setzte sich die Masse von dämmernden Masken in Bewegung, schwebte auf sie zu, es war, als ob sie ihnen den Ausgang verlegen wollte. Selina brach hindurch und stand unter einem Himmel voll Smaragdgrün mit roten Flöckchen getupft, wie die Flanken eines ungeheuren Fisches, vielleicht des Leviathan, der auf Gottes Tafel kommt und sich immer wieder erneuert.

»Ich danke Ihnen,« sagte Doktor Neu, indem er Selinas Hand drückte.

Es kicherte und gluckste in der Nähe. Eine riesenhafte Gestalt ragte inmitten eines urweltlich großen Regenschirmgestelles, der Chinese des Calafatti, um den sich einst ein lustiges Ringelspiel gedreht hatte, hölzerne Pferde, kleine Elefanten, Wagen und im Zeichen der Zeit auch Luftschiffe und Flugzeuge. Trübselig zerfetzt hing ihm das Gewand vom Leibe, sein Gleichmut hatte dem Verlust seiner Stellung nicht standgehalten, trauervoll sank ihm der schwarze Schnurrbart über den Mund, die Zierde seines Hauptes, der Zopf, war an freche, räuberische Hände verloren gegangen. Das Gelächter aus seinem Innern war wie der erste Anfall von Wahnsinn, grundlos und peinvoll.

Doktor Neu sprang hin, hob die wetterzerschlissenen Falten seines Gewandes und zog die grüne Mizzi hervor. Sie sperrte sich gegen seinen Griff, schäumte: »Laß aus!«, streckte eine rote Zunge heraus. Losgelassen, lief sie ein Stück, brüllte Unflätiges und lachte dann wie ein Schakal, ehe sie sich in die Dunkelheit warf.

»Sie macht mich wirklich noch nervös,« sagte Selina.

Im Gespräch über die Zukunft des Menschengeschlechts gingen sie heim. Silberne Schuppen leuchteten von den Flanken des Himmelsfisches. Wo sie herabtropften, lagen blasse Gesichter im Dunkeln, ein Heer von Gesichtern, das Selina aus dem Lachkabinett gefolgt zu sein schien und sie in zwei stillen Zügen hinter ihr zu beiden Seiten des Weges geleitete.

Sie wünschte die Umgebung kennen zu lernen. Irgend etwas stand wartend, aber Doktor Neu wagte keine großen Kreise zu schlagen, er führte sie in die Gäßchen der Leopoldstadt, wo ein kleines schmutziges Leben gewuchert hatte. Noch war dieser Stadtteil nicht völlig ausgelüftet, immer noch schritt man durch Geruch von Armut und Verkommenheit. Haustore hingen schief, auf ausgetretenen Stufen lagen Kadaver von Katzen, von Ratten überwältigt und verächtlich liegen gelassen. Mit Unbehagen folgte der Doktor dem Gebot von Selinas Neugier.

»Was suchen Sie hier?«

Sie wußte es selbst nicht. Etwas zog sie an, daß sie die dunklen Gassen durchstöbern mußte und in Wohnungen eintrat, in denen ein letztes Stück armseliger Hausrat verloren in Einsamkeit zermorschte. Es war irgendein Vergangenes oder ein Künftiges, das in die Gegenwart hineinragte. Die Hitze hatte zugenommen und füllte die Straßen mit Lavamassen aus, das Winkelwerk kochte und brodelte von Miasmen. Die Glut fraß sich in die Steine und kroch gegen abend daraus hervor, die Scherben der Fensterscheiben hingen geschmolzen in den Rahmen. Träge lag das Wrack eines Dampfers im Donaukanal.

Wie Selina und Doktor Neu über die Brücke kamen, sahen sie einen großen Vogel über der Stadt. Sie liefen. Es war ein Flugzeug, das sich auf die Dächer herabsenkte und nach Selina spähte. Krumme Gäßchen rannten sie entlang, das Knattern des Motors hinter sich. Er warf sein trockenes Geräusch zwischen Himmel und Erde aus, drehte einen Wirbel davon um sich und verschleuderte das Kleingehackte wie Spreu. Die ganze Atmosphäre war voll davon, es sank wie Staub auf sie herab. Der Vogel stieß auf die Straßen, zerhackte fast die Häuser, ein scharfes, geflügeltes Auge. Er war so nahe, daß sie fast den Wind seines Propellers zu fühlen glaubten und sie waren bisher nur an verschlossenen Haustoren vorübergeflohen. Ein Firmenschild hing schief vor ihnen von der Wand auf die Straße, mit einem Ende noch am Haken über der Türe, mit dem anderen auf dem Pflaster. Sie lasen in schwarzen Buchstaben mit roten Rändern: »Behördl. konz. Ungeziefervertilgung der Betty Kaiseröl.« Ein Loch von Tür klaffte, sie schlüpften hinein. Über ihre Flucht brauste der große Vogel. Da waren sie wieder selbander ins Dunkel geschmiegt und hörten das Verschwirren und wieder Andröhnen der Kreise, die der Sucher umschrieb. Er wand Spiralen in die Unendlichkeit der Horizonte, von seiner Bahn bröckelte zersägte Luft.

Indessen standen Selina und Doktor Neu in Betty Kaiseröls Kellergewölbe, in dem es noch nach allerlei ungezieferfeindlichen Tränklein und Essenzen, nach Salben und Räucherwerk roch. Eine Zeit, die sonst mit allen brauchbaren Dingen gründlich aufgeräumt hatte, mit den Waffen gegen das Ungeziefer hatte sie nichts anzufangen gewußt und sie unangetastet gelassen.

»Auch die neue Menschheit braucht ihre Märchen und Sagen,« lächelte Doktor Neu, »wie aus der Kindheit der alten, vergangenen, die Geschichten von Riesen, Drachen und Lindwürmern stammen, vielleicht dunkle Erinnerungen an die Saurierzeiten, die Berichte von den Seeschlangen, Kraken und anderen Bestien, so hat die Phantasie der Menschheit von heute diese Ruinen mit allerlei wilden Gestalten bevölkert. Vorurteilsfrei, wie wir sind, bewegen wir uns eigentlich auf verrufenem Boden.«

Selina war ernst geblieben. »Schätzen Sie die Phantasie nicht zu gering ein. Sie bildet ihre Gestalten nicht ganz aus dem Nichts. Die Phantasie kommt aus dem Unbewußten, sie ergänzt die Natur, indem sie alles das frei erzeugt, was die sogenannte Wirklichkeit als unpraktisch, unmöglich, zwecklos verworfen hat. Die Natur setzt sich Zwecke und will ihre Mittel dazu. Sie ist durch das begrenzt, was auf unserem Erdballe Bedingung des Seins ist. Durch die Phantasie aber stehen wir mit allen Welten des Universums in Verbindung, sie trägt uns über diese Erde hinaus zu Flügen in das All, sie zeigt uns, wenn sie zurückkehrt, Bilder dessen, was auf fernen Sternen, unter anderen Bedingungen, sogenannte Wirklichkeit ist. Und vielleicht erscheinen den Wesen jener Sterne, wenn sie sich ihrer Phantasie hingeben, wieder die Bilder unserer Welt als Ausgeburten ihres Hirns: Häuser, Bäume und Menschen unserer Art als Unmöglichkeiten nach den Bedingungen ihrer Welt.«

»Sie glauben also an den fluidischen Rüssel des Fourier?« lächelte Doktor Neu.

»Den Rüssel des Fourier?«

»Nun ja, unseres Philosophen Fourier, der der fortgeschrittenen Menschheit, der höchstentwickelten, einen solchen Rüssel verspricht, nebst einem sehr schönen Schwanz mit einem Auge am Ende, also einen unsichtbaren Rüssel fluidischer Art, durch den wir mit den Bewohnern ferner Sterne in Verbindung treten werden. Nach Ihrer Ansicht hätten wir also einen solchen Rüssel seit jeher gehabt: die Phantasie. Wenn übrigens die Phantasiegeburt, die hieher versetzt wird, auf irgend einem Stern Wirklichkeit ist, so wünsche ich den bezüglichen Sternleuten Prost Mahlzeit dazu. Stellen Sie sich das Tier, von dem dieser Stadtteil hier, zur Zeit seiner Bewohntheit eine allzureichliche Menge besaß, in einer gigantischen Vergrößerung vor. Eine Wanze von den Dimensionen eines Büffels oder vielleicht noch größer, ein Ungeheuer von unausdenkbarer Scheußlichkeit, blutdürstig wie ein Tiger. Ein Tier, das, sonst von den Menschen gejagt, nun auf Menschen Jagd macht, die Rachgier von unzähligen verfolgten Geschlechtern in sich. Man will es hier gesehen haben. Man spricht von Opfern, die es schon gefordert hat. Es ist der Minotauros dieses neuen Labyrinthes.«

»Warum sollte es nicht irgendwie möglich sein,« sagte Selina.

»Ich danke! Kritisch betrachtet sieht die Sache so aus. Das unstreitbar üppige Wachstum unserer Ratten mag der Phantasie Anregung und Richtung gegeben haben. Warum sollte sich nicht auch anderes Ungeziefer so ins Riesenhafte entwickeln? Zweites Element: die Märchensymbolik. Der besondere Charakter dieses Stadtteils, seine Verwahrlosung, der Schmutz der einst hier zusammengequetschten Menschenmassen drängten nach bildhafter Verkörperung. Die Riesenwanze entstand und belebte diese Trümmer als Hausgeist, wie einst in feudalen Zeiten eine jede anständige Ritterburg ihre Ahnfrau haben mußte.«

Sie waren durch der Betty Kaiseröl Geschäftsräume geschritten, durch Lagerkeller, in deren Düsternis Wandgestelle mit unzähligen Tiegeln, Töpfen, Glasröhrchen und Schachteln unter Staub begraben waren. Manchmal phosphoreszierten unter der grauen Schichte Totenköpfe über gekreuzten Schenkelknochen, das Wort »Gift« warnte überdies. Ein letzter Keller ließ durch eine Bresche der Hinterwand das schmutzige Licht eines Hofes herein. Flaschen lagen an den Wänden in vielen Reihen übereinandergestapelt, sie trugen die Aufschrift: »Wanzentinktur.« Scherben knirschten unter den Schritten Selinas und des Doktors. Sie sahen einander an, ein unerträglicher Geruch fraß sich in die Lungen, etwas säuerlich Dumpfes wie schimmelig gewordene schmutzige Wäsche. Sie drängten rasch dem Loch ins Freie zu, aber da schmatzte, röchelte und schluckte etwas hinter ihnen. Irgend etwas lebte außer ihnen im Raum. Doktor Neu schlug die Hand um Selinas Gelenk, zog sie rascher der Bresche zu. Sie sträubte sich, sah sich um, da war irgendeine Regung an der Wand hinten. Ein flacher Schild hing an der Mauer herab, stark gekerbt, von drei Beinpaaren gehalten. Ein ungeheueres Tier klebte dort, den Kopf nach unten, ein rüsselförmiger Stechschnabel war in eine zerbrochene Flasche Wanzentinktur geschoben und sog gierig. Röchelnd ging das Pumpwerk im Innern des Rüssels, warf mit jedem Hub eine kleine Welle Flüssigkeit in den Leib des Tieres. Unter der durchsichtig dünnen Haut sah man eine dunkle Säule im Innern ansteigen.

»Sehen Sie nur,« flüsterte Selina, indem sie den Begleiter zurückhielt.

Er keuchte jetzt gänzlich ohne Vorurteilslosigkeit: »Fort! Fort!«

Zwei geschmeidig federnde Stahlruten tasteten über den Boden, zwei böse gagatschwarze Augen am Grunde des Stechschnabels ließen geile Blicke hinterdrein laufen. Der eine Fühler ertappte Selinas Schuh, schlug zitternd auf, wippte nieder, der andere spülte klebrig an Selinas Hüften empor.

Der Doktor Neu zog an Selinas Arm, die Finger, die er gefaßt hielt, waren nicht Fleisch und Blut, sondern lehmig schwer und plump. Das Tier an der Wand zog den Stachel aus der Flasche, stieß sie um, daß sie klirrend zerbrach. Mit einem Schnalzen klappte der Rüssel um, schnappte in eine Furche des Unterleibes. Die drei Beinpaare ließen den Halt an der Wand, klatschend fiel das Tier zu Boden, stand sogleich wieder auf den Beinen, ein dünner Schild auf sechs geknickten Trägern.

Doktor Neu sprang mit einem Satz zur Seite, durch die Bresche der Mauer in den Hof. Das Tier nahm ein widerstandsloses Opfer. Es tappte mit den Fühlern bis zu Selinas Hals, schob die Beine links und rechts vor über den Leib der Frau, die in die Knie gesunken war. Sie sah über sich die schlappe, in Ringe gefaltete Haut der Unterseite, hörte das Gurgeln der Säfte im Verdauungsgang, das Röcheln der leergehenden Pumpe im Schnabel. Verebbende Willenskraft schlug noch einmal hoch, sie riß einen kleinen silbernen Revolver aus dem Gürtel, drückte ab. Die Kugel schlug wie durch Papier, über die zerfetzten Wundränder quoll gelblicher Schleim, überspann das Loch sogleich mit zäher Masse. Giftig funkelte der polierte Gagat der Augen, aus der Furche der Brust schnellte der Stechschnabel, die borstige Spitze richtete sich nach dem Hals der Hingesunkenen. Selina hörte die Pumpe über sich, wußte im Hinschwinden der Sinne, daß diese schreckliche Maschine das Blut aus ihrem Leib aufsaugen und es mit zischenden Stößen in den Bauch des Untieres gießen würde, bis er dunkel anschwoll, sich zum Bersten füllte. Die Ringe würden sich ausdehnen, die schlappe Haut spannen und Platz machen für den Saft, der rubinfarben die Scheibe zu einer Kugel wandeln würde, auf deren platzender Oberfläche sich das Licht der Bresche spiegeln müßte.

Aber irgend jemand sagte: ›Nein.‹ Sagte: ›Nein!‹ Nahm sie bei der Hand und es war aufquellend tiefstes Vertrauen und Gläubigkeit zu diesem ›Nein‹ in ihr. Es waren fallende Dome, Schreiten in klingendem Glas, eine lange Zeit, frei von allen Ängsten, nichts als Güte und Reinheit. Wie ungeheuer einfach dies alles war, gut zu sein, das Selbstverständlichste von allem. Eine Säulenhalle mit unendlichem Blick in eine freie Landschaft, die aber nicht festlag, sondern langsam wallte. Sie gingen hindurch, kamen in einen Gang, an dessen Ende eine einfache weißgestrichene Türe war mit einem Messingschild, das anstatt des Namens eine Gleichung trug: .

Jemand öffnete die Türe. Jemand sagte etwas: zum Abschied. Sie trat hinaus, da war ein Kellergewölbe über ihr, eine Bresche in der Mauer nach einem Hof, jemand kniete neben ihr und hielt ihre Hand.

Ihre Augen verwunderten sich: »Wie kommen Sie zu Papas Überrock?«

»Wie?« fragte Doktor Neu.

Da sie genauer hinsah, war es gar nicht Papas Überrock, sondern – bei dieser Hitze! – der schwarze Lüsterrock, wie ihn Doktor Neu immer trug. Etwas fuhr auf sie zu und packte sie mit Greifzangen. Sie bäumte sich unter der Wiederkehr der Erinnerung auf, stützte sich auf den Ellenbogen. Das Untier lag da, zu ihren Füßen, in drei Stücken. Der stählerne Schnabel gut einen Meter lang, das Bruststück mit einem Beinpaar, der Hinterleib, ein schlaffer, zusammengeschobener Hautsack, aus dessen Falten die Wanzentinktur verrieselte. Stumpf, mit einem trüben Häutchen, quollen die Gagatkugeln der Augen. Im Hinterleib war noch ein letztes Regen, Beben lief durch die Falten, bisweilen wallte es wie Blasen auf, sank sogleich wieder zusammen.

Selina erhob sich, glättete das Kleid, sah auf die Spuren von Erde herab, die ihm anhafteten. Sie zögerte, die Augen aufzuschlagen. Endlich, da es drückend wurde, hob sie den Kopf. »Sankt Georg!« sagte sie im Ton des Parketts, darunter aber war tausendfältiges Jauchzen und Zittern.

Doktor Neu rang mit irgend etwas. Sie merkte es und schrieb es zu dem übrigen, das ihn hochtrug. Bescheidenheit des Helden. Als sie sich nach einer Waffe umsah, erblickte sie ein rostiges Stück Eisen, der Vergeistigte, Schmächtige hatte eine Arbeit des Herkules getan, mit dürftigstem Werkzeug ein Ungeheuer erlegt. Sie war verwirrt und ordnete sich hinter einem Lächeln. Er schwieg dazu und blieb im Schweigen, als sie nebeneinander das Kellergewölbe der Betty Kaiseröl verließen und in die Schatten des Abends traten.

Die Wahrheit wollte sich aus seiner Kehle würgen. Sollte er ihr Kundschaft von dem Unbegreiflichen geben, das geschehen war? Daß vor seinen Augen das Ungeheuer wie unter mächtigen Schlägen in drei Stücke geborsten stand. Diese Welt, die er so gründlich bis auf die letzten Bestandteile kennen gelernt zu haben glaubte, war tiefer als alle Sonden der Erkenntnis. Scheu glitten seine Blicke zu Selina hin, sie selbst war entrückt und verhüllt, glühte jetzt viel ferner. Unter wessen Schutz stand sie?

Sie hatte ihm den Silberglanz der Rüstung Sankt Georgs umgetan, darunter kochte sein Fleisch wie Gift. Aber er ließ es geschehen, biß die Lippen und flüsterte enge Befehle in sich hinein.

Als sie im Nordbahnhof ankamen, war eine große Spaltung in der Regierung eingetreten. Die eine Partei, sehr unabhängig mit ihren Meinungen, unter Führung des Staatssekretärs für Allfälliges, drängte darauf hin, daß das Wort Thron gänzlich aus dem deutschen Sprachschatz abzuschaffen sei. Sein Gebrauch in Wort und Schrift sollte bei Todesstrafe verboten sein. Die andere, unter Führung Udo Schmatlaks, des Ungleichen, war gemäßigter und verlangte bloß die Streichung des ›h' in Thron und thronen, damit man sehe, daß auch sie mit der alten Schreibweise nicht zufrieden sei.

Selina fischte sich den Turm mit dem Strohhut aus dem Kampfgetümmel, er ließ das gelbe Geflecht um die Spitze seines Spazierstockes kreiseln, während er sich wohlwollend zu Selina herabbeugte, um sie anzuhören.

»Ich möchte die Wäsche wechseln,« sagte sie.

Er verneigte sich. Die kahle, entblößte Turmkuppel bog sich gleißend gegen Selina. »Ich darf also die Aufforderung ergehen lassen – wegen des Lösegeldes . . .«

Franz Niedergeseß, der Schlapphut, war neben ihn getreten: »Es ist ein Regiebeitrag.«

Zwischen dem Turm und dem Schlapphut quetschte sich das tückische Grinsen der grünen Mizzi hindurch.

»Ich werde hier nervös gemacht,« sagte Selina.

»Also . . . ich glaube: fünfmalhunderttausend Dollar!« meinte der Turm mit nachdenksamer Andacht und schnalzte mit der Zunge.

Selina sah sich nach Doktor Neu um, dem Staatssekretär für Höherentwicklung. Er stand ein wenig fern von ihr, noch immer mit der Rüstung Sankt Georgs angetan, des Retters aus Drachennot.



11. Der Sarghändler.

Franz Stix verzehrte sein Frühstück, auf einem schwarzen Sarge sitzend, inmitten ungeheueren Magazines von 7324 Särgen, das in einem weitläufigen Gebäude untergebracht war, als Thaddäus Gratias eintrat. Der Sarghändler schob rasch den öltriefenden Sardinenschwanz in den Mund, tat, als schneuzte er sich und ließ dann das Taschentuch wie zufällig über die Sardinenbüchse fallen. Es war nicht nötig, sehen zu lassen, daß sich noch zwei Sardinen darin befanden.

»Jaja!« sagte er: »Morgenstunde hat Gold im Munde.« Und mußte sogleich herzlich lachen, weil er ja keineswegs Gold im Munde hatte, sondern einen Sardinenschwanz. »Aber ich bin ja auch nicht die Morgenstunde,« sagte er laut mit einiger Erleichterung.

Thaddäus Gratias war nicht geneigt, auf unverständliche Scherze einzugehen. Er war in ein großes und schweres Nachdenken ganz eingehüllt. Weißes Haar war ihm wirr um den steilen Aztekenschädel gewachsen und wehte in einem wilden Schopf von dessen Spitze. Auch die Haare auf den nackten Armen, die unter dem Küchenteppich hervorkamen, waren schneeweiß geworden, und Franz Stix stellte bei sich fest, daß Nachdenken die Haare bleiche.

Thaddäus Gratias setzte sich dem Freund gegenüber auf einen braunen Sarg mit schwarzen Zierleisten und zog die Bibel hervor, die er vor Zeiten am Eingang zu der unterirdischen Bedürfnisanstalt gefunden hatte.

»Ich sitze zum Frühstück immer auf einem schwarzen Sarg, zu Mittag auf einem gelben und zum Abendessen auf einem weißen Kindersarg mit Gold. Man schläft dann besser, es kommen sehr angenehme und liebliche Träume voll Unschuld und Heiterkeit.« Franz Stix trommelte mit den Absätzen gegen die Wand seines schwarzen Sitzes und sah den Steueroffizial erwartungsvoll an.

Inzwischen hatte Thaddäus Gratias das Buch geöffnet und darin zu blättern begonnen. Zwischen dem siebenzehnten und achtzehnten Kapitel des Buches Jeremia lag ein zusammengefaltetes Papier. Als es aufgebogen und mit dem Daumen über der Bibel geglättet war, erwies es sich zum Teil bedruckt und zum Teil beschrieben und war ein Steuerzahlungsauftrag an Herrn Franz Stix, Sarghändler in Wien. Der Empfänger legte die Hände auf den Rücken, er hatte plötzlich keine Greiforgane für die Entgegennahme. Da zog Thaddäus Gratias ein Schächtelchen mit Reißnägeln hervor und heftete den Zahlungsauftrag auf den Sargdeckel neben das Häuflein Taschentuch, unter dem die Sardinen versteckt waren.

»Aber es ist der letzte Zahlungsauftrag!« sagte Thaddäus Gratias.

Darüber verfiel Franz Stix in eine stürmische Verwunderung. Jetzt hatte er plötzlich wieder Hände, streckte sie dem Freund stürmisch entgegen. »Ist es wahr?« Sein Herz jubelte.

Thaddäus Gratias nickte ihm zu: »Es war der falsche Weg!«

»Ganz gewiß,« bekräftigte Franz Stix, »der falsche Weg.«

»Es steht geschrieben: ›Und die Kaufleute auf Erden werden weinen und Leid tragen über sie, weil ihre Ware niemand mehr kaufen wird.‹« Und weiter steht geschrieben: »Und ein starker Engel hob einen großen Stein auf wie einen Mühlstein, warf ihn ins Meer und sprach: ›Also wird mit einem Sturm verworfen die große Stadt Babylon und nicht mehr gefunden werden‹.«

»Jaja!« sagte Franz Stix, indem er nach dem Zahlungsauftrag schielte, der neben ihm an den Sargdeckel geheftet war.

»Wir aber haben, da das Urteil schon gesprochen war, geglaubt, wir könnten in unserem Leben verbleiben und am Urteil ändern, indem wir taten, als hätten wir es nicht gehört. Blendung hat uns verwirrt, daß wir meinten, Arbeit der Hände und des Geistes sei Rechtfertigung in der Stunde der Posaunen. Noch immer waren wir dem Irdischen zugewendet, blinden Glaubens, es werde dem Herrn wohlgefällig sein, wenn uns die Stunde des Gerichtes über unserem Werke treffe. Es ist eine Zeit, wo alle Arbeit unnütz wird und Verrat an unserer Seele, weil sie uns abzieht von dem, was einzig nottut. Es ist an dem, daß wir den schmutzigen Kittel abwerfen müssen und unserer Seele reine Gewänder anziehen, wenn wir eingehen wollen in den Saal des Herrn, wo die Tafel bereitet ist. Ich habe den Ruf vernommen, der Herr zieht aus zum Streit gegen Gog und Magog. Feierabend ist geworden, die Hände müssen ruhen, und darüber ward mir Erleuchtung.«

»Aha!« meinte der Sarghändler und wußte auf einmal auch ganz genau, wann: damals nämlich, als Thaddäus Gratias plötzlich mitten in einem Stiftungsfest ausgeronnen war und sich dann mit einem neuen und herberen Inhalt wieder gefüllt hatte.

»Gott findet uns überall!« bestätigte der Steueroffizial seine Gedanken.

»Jawohl!« sagte Franz Stix und schielte nach dem Zahlungsauftrag.

»Hast du auch die zwölf Rosse gesehen?« fragte Thaddäus.

»Nein,« gestand Franz Stix als reines Gefäß der Wahrheit.

»Zwölf Rosse von allen Enden der Welt. Drei schwarze von Norden, drei weiße von Süden, drei gelbe von Osten und drei rote von Westen. Die Erde war voll von ihrem Wiehern, ihre Mähnen flogen unter dem Himmel hin und aus ihren Nüstern brach Feuer. Wo ihre Hufe den Boden trafen, barst die Rinde der Erde und Säulen von Dampf stiegen auf. Sie stießen in der Mitte zusammen und stellten ihre Köpfe in einen Kreis und flüsterten eines dem andern das Wort des Geheimnisses in die Ohren. Ich habe es vernommen. Siehe hin!«

Thaddäus Gratias erhob sich groß, um seinen Aztekenschädel flatterte der weiße Schopf, er nahm Franz Stix an der Hand und führte ihn an den Wänden von Särgen hin. Durch viele Zimmer gingen sie, über den Sargwänden war die Decke in heiteren Farben ausgemalt, mit Liebesgöttern, allegorischen Frauenspersonen und Helden in Beinschienen, glänzenden Panzern und langwallenden Perücken. Das war ein über weißen Wolken hinwimmelndes glückhaftes Leben unter einem Himmel von der Farbe eines sonnigen Meeres. Die Helden waren kühn, die Frauen blühten liebenswürdig, und die Engel wanden Rosenketten um die Paare. Auch besiegte Feinde fehlten nicht, demütig gebeugte Nacken, Turbane und Haufen von erbeuteten Waffen. Dazwischen rankte Stuck in kühnen Umschlingungen der Farben, üppiges Wachstum als Rahmen göttlicher Unbekümmertheit. Es war das Belvedere, einst Schloß eines kriegerischen, sieghaften Prinzen, in dem das Sarglager Franz Stix untergebracht war.

Vom hohen Fenster sahen sie über absinkende Gartenterrassen hin. Der Vordergrund war für einen Sarghändler ein erfreuliches Blickfeld. Zwischen den zertrümmerten Sphinxen reihten sich viele Hügel mit Kreuzen hin, aus der Zeit, da man die Toten noch zu begraben pflegte. Manche von den Kreuzen staken schief im Boden, etliche waren ganz umgesunken, aus zerwühlten Hügeln reckten sich blanke Knochen. Über das Buckelland des Todes, durch Unkraut, schlich eine geduckte Gestalt.

»Da ist er wieder!« sagte Franz Stix. Er riß das Fenster auf, nicht das ganz hohe Bogenfenster, sondern nur eine kleine viereckige Scheibe im Gegitter. Auf zwei rasch in den Mund gestoßenen Fingern pfiff er gellend. Der Mensch sah auf, blaß stierte ein Gesicht, dann setzte er sich in einen seltsam humpelnden Galopp, ein speckglänzender Kaftan flog, Röhrenstiefel trampelten ins geile Unkraut.

Thaddäus Gratias nahm davon keine Kenntnis. Sein Finger zielte nach vorne, auf die Trümmer Wiens, die man von hier aus hingebreitet sah. Ein Schaft dunkeln Rauches stieg ferne auf, unten dick zusammengedreht, mit einem Kapitäl wirbelnder Ballen. »Siehe hin!« sagte Thaddäus Gratias. Der Rauch stand plötzlich still wie aus Blech geschnitten. Es ist eine Feuermauer, dachte Franz Stix, der Brand geht dahinter fort. »Es ist die Registratur,« erklärte Thaddäus, »meine Registratur. Ich habe sie angezündet, dem Herrn zu Ehren. Meine Hände feiern und mein Kopf. Meine Seele wäscht und salbt sich. Nichts mehr davon. Ich kann dir nicht sagen, wie gleichgültig dem Engel des Gerichtes die Personaleinkommensteuer ist.«

»Das glaube ich,« sagte Franz Stix mit Überzeugung.

»Dort drüben brennen meine Akten, Stöße, Türme; ich habe mit der Hauszinssteuer unterzündet, darüber die Erwerbssteuer getan, es sind die Bekenntnisse der Selcher dabei, die brennen wie Speck. Ich bin frei. Ich ziehe mich aus mich selbst zurück, werde Gefäß Gottes. Unsere Sinne sind Betrüger, sie fälschen die Wahrheit. Wer Gott in sich empfangen will, muß sie abtun von sich. Wissend werden ist der Welt absterben.«

Die ferne Rauchsäule, die aus Thaddäus Gratias Aktenbrand aufstieg, hatte sich verkürzt. Ein verbreitertes Kapitäl drückte den Schaft zusammen. Franz Stix sagte etwas wehmütig Passendes: »Alles ist eitel!« Seine Hand verwarf mit einer Bewegung des Überdrusses die ganze bunte Herrlichkeit der Deckengemälde und ließ nichts bestehen, als die Wände von Särgen.

»Auch das ist noch Eitelkeit,« warf Thaddäus Gratias ein, »wozu brauchen wir diese letzten hölzernen Häuser? Liegt nicht vielmehr Vernunft darin, unter freiem Himmel zu verwesen? Aber auch jetzt noch warten sie damit auf ihren Tod. Der Büßer wird ihm zuvorkommen, fromme Männer standen jahrelang auf einer Säule, die Vögel des Himmels nisteten in ihrem Haar, die Nägel wuchsen ihnen durch die Hände, ihre Beine wurden zu hölzernen Stöcken und ihre Augenlider zu Erde. Ich will es ihnen nachtun, soviel Zeit mir noch gegeben ist. Der Untergang ist nahe, ich will ihn künden. Ja, schon bereiten sich Himmel und Erde zum Letzten. Ist nicht der falsche Prophet erschienen, der das Angesicht des Herrn angenommen und die Zeichen getan hat, um die Völker zu verführen, daß sie dem wahren Lamm abtrünnig würden? Ist er nicht unter uns getreten, voll Milde und Hoheit, und hat er nicht gesprochen; der Mensch, der Mensch und immer wieder der Mensch, nur um uns zu betören, daß wir ihm nachfolgen? Hat er nicht von Brüderlichkeit gesprochen und von Frieden und Freiheit und war doch der Prophet des Tieres aus dem Abgrund, Prophet der Gewalt und Entfesselung von Gewalt? Denn es ist nichts Gleiches zwischen Mensch und Mensch, es sei denn, daß sie beide in Gottes Kindschaft stünden. Darum hat auch Christus, der Herr, gesprochen: ›Ich bin das Schwert‹ und hat die Geißel genommen, Geldwechsler und Händler aus dem Vorhof seines Tempels zu verjagen. Denn Mensch zu sein, ist nichts, was uns von Geburt aus gegeben ist, sondern etwas, was vor dem Angesicht Gottes erst muß erworben werden. Der aber Gottes Angesicht fälschte, der Lügenprophet, hat dem Menschen Hochmut und Übermut eingegossen und ihn gebrandmarkt mit dem Zeichen des Tieres. Er hat ihn erhoben über sich, um ihn zum Fall zu bringen. Und alle, die glauben an den Antichrist und daß sie schon darum Menschen seien, weil sie gehen auf zwei Beinen und sprechen mit menschlicher Stimme, und hätten nicht zu ringen um den Gott in sich Tag um Tag, alle werden verloren sein. Und darum heißt es von ihm und den Seinen: ›Und das Tier ward gegriffen und mit ihm der falsche Prophet, der die Zeichen tat vor ihm, durch welche er versuchte, die das Malzeichen des Tieres nahmen und die das Bild des Tieres anbeteten; lebendig wurden diese beiden in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brannte. Und die andern wurden erwürgt mit dem Schwert des, der auf dem Pferde saß, das aus seinem Munde ging; und alle Vögel wurden satt von ihrem Fleisch.‹«

»Jaja!« sagte Franz Stix und warf einen Zipfel seines Bettuchmantels malerisch über die linke Schulter: »Das ist leider und bedauerlich! Besonders für unsereinen.«

Thaddäus Gratias rüttelte an der großen Glastüre ins Freie, stieß sie endlich auf, trat hinaus und stand auf der obersten Terrasse mit einer weiten, über die Ruinenstadt hingereckten Gebärde der zornigen Verzweiflung.

»Wer seine Seele retten will, folge mir nach.«

Dann ging er, ohne umzusehen, davon, zwischen den Gräbern und Kreuzen hinab, der Stadt zu. In dem Maß, wie er sich entfernte und immer kleiner wurde, sank auch die Rauchsäule in sich zusammen; und als er zwischen den Passionsblumensträuchen am untern Ende des Belvederegartens verschwand, brach auch das letzte Stümpfchen des Schaftes ein. Nur ein hellerer Fleck über den Dächern zeigte, wie vom Rauch in die Luft gebeizt, die Stelle des Aktenbrandes.

Franz Stix schwang den malerischen Zipfel seines Mantels wieder in die gewöhnliche Lage und rieb die Augen. Langsam ging er zurück, mit zwei Gattungen von Blicken, einer für die gemalten Decken, der andere für die Sargstapel an den Wänden. Im Frühstückszimmer hob er zunächst einmal das Taschentuch von der Sardinenschachtel und verzehrte die beiden letzten Fischchen, mit einem Schielen nach dem Zahlungsauftrag. Dann warf er sich plötzlich auf das amtliche Schriftstück, riß es von den Nägeln los, wischte das Öl von seinen Fingern hinein, knetete es zwischen den Händen, und stopfte den Knäuel durch eine Spalte unter dem Deckel in den Sarg. Nachdem er den Deckel wieder zugekracht hatte, setzte er sich mit voller Wucht darauf, atmete tief und befriedigt. Er wischte den Schweiß ab und tauchte in ein Nachdenken. Er ging erst langsam und genießerisch um eine gewisse Vorstellung von außen herum, tat, als sähe er gar nicht hin. Schlenderte sozusagen wie ein Spaziergänger und harmloser Nichtstuer, der nichts anderes im Sinn hat, als die Zeit totzuschlagen. Manchmal drang ihn die Stimme seines Freundes an mit großen Worten vom Antichrist, der letzten Stunde und den Schalen des Zornes. Franz Stix verschloß sich gegen sie, wie gegen einen lästigen, klebrigen Bekannten, er machte »Ksch« und stieß mit dem Fuß aus, als wäre sie ein Köter, der gegen die Beine bellt. Setzte gefestigt seinen Weg fort, wieder harmlos genießerisch, ein Spaziergänger, aber in immer engeren Kreisen um die gewisse Vorstellung. Sammelte dabei Kraft und maß die Entfernung. Und plötzlich bei einer Wendung des Weges sprang er auf sie los, mit einem geschmeidigen Satz; und packte sie überraschend mit beiden Händen. Es war ein Haufen von Silberstücken, hundert runde Dollars. Er rang mit zwei anderen Händen, die sie nicht herausgeben wollten, schlug heftig auf die Finger, die sie umkrallten. Hatte sie endlich an sich gerissen und stopfte sich die Taschen damit voll.

Hundert Dollars! Das war die Freiheit, das Jenseits einer Welt, in der man einen anderen Himmel über sich hatte, nicht diesen drückenden Dunst, der aus den Ruinen stieg und selbst die strahlendste Sonne noch grau und trüb machte. Schien eigentlich hier die Sonne? Franz Stix entsann sich nicht, sie in den letzten Jahren je gesehen zu haben, was da am Himmel auf- und niederstieg, war ein Geschwür des Firmaments, ein Furunkel, eine Entzündung, aus der ein dünnflüssiger Eiter von Licht niedertropfte.

Die Stimme kam wieder, des Thaddäus Gratias Stimme, mit den Worten vom jüngsten Gericht und Untergang.

»Gut,« sagte Franz Stix, »dann ist auch nicht viel Zeit zu verlieren.«

Er erhob sich und strich an der Wand von Särgen hin, bog den Zeigefinger krumm und klopfte hie und da an einen von ihnen. Es hatte etwas zu geschehen, es war nur noch nicht ganz klar, was. Die Särge gaben dem Klopfen ihres Herrn mit dumpfen Stimmen Antwort. Sie lautete bei allen gleich. Der siebente Sarg der siebenten Reihe des siebenten Zimmers antwortete: Hier. Die Stimme eines Metalls war in das hohle Dröhnen gemischt. Franz Stix begann sogleich den Stoß abzubauen, stieg auf einer Pyramide von Särgen hinan, hob sechs Särge ab, öffnete den siebenten. Ein Messer lag darin, roh aus zugefeilter Klinge und hölzernem Griff, ein Mordmesser. Geschenk des nunmehr in Gott ruhenden Gerichtsoberoffizials Bohumil Prichistal aus der Sammlung von corpora delicti des Landesgerichtes. Ein Schlosserlehrling hatte damit den Meister erstochen. Franz Stix entsann sich des Lehrlings, eines jungen, schwachen Menschen mit einem Anflug von Buckel. Er steckte das Messer zu sich, hob die Särge wieder auf ihren Platz, sah sich um, hatte das Gefühl von Vollendung und Bereitsein.

»Ein Messer ist ein Argument,« sagte er, »ein stichhaltiger Grund, eine schneidige Beweisführung, der man sich nicht verschließen kann.«

Der Weg in den Zuckerbäckerladen des Cyrill Gamauf war Franz Stix wie ein Schritt. Er erinnerte sich keiner der dazwischenliegenden Straßen, obzwar zwischen dem Belvedere und der Steindlgasse immerhin ein tüchtiges Stück Stadt lag. Als Franz Stix eintrat, bimmelte es auf allen Seiten, die Glöckchenbäckerei gab Laut. Unter den Glasgewölben lag Backwerk aller Art, uralt, gehärtet, versteint, ungenießbar, nur die Stimmen des Innern rührten sich noch. Aus dem Wohnzimmer hinter dem Laden trat der Meister:

»Daß du dich amal wieder anschauen läßt.«

Sie saßen einander gegenüber, an einem Tisch, auf dem Karten in zwei Reihen aufgeschlagen waren, Päckchen links und rechts waren im Wachstum unterbrochen. »Der Karobub kommt mir immer eini, immer der Karobub,« klagte der Meister.

»Ja, der Karobub!« sagte Franz Stix, »das ist leider und bedauernswert.« Dann begann er plötzlich von Thaddäus Gratias zu erzählen, der wegen des bevorstehenden Unterganges ein Säulenheiliger werden wolle. Er merkte, daß auch ein bevorstehender Untergang ein Argument sein könnte, unter Umständen, bei günstiger Seelenstimmung, und wurde beredt über die Schrecken der Vernichtung und die Schalen des Zornes. Er erhob sich, schlug den Mantel zurück und bearbeitete Cyrill Gamaufs Gemüt und Gewissen. Daß es durchaus notwendig sei, sich endlich von allen diesseitigen Sorgen zu befreien, wie es Gratias mit seinen Akten getan habe. Man müsse trachten, ein Gefäß Gottes zu werden und seine Seele waschen und salben. Man könne augenblicklich nichts Gescheiteres tun, wo der Antichrist bereits dagewesen sei und der letzte Kampf bevorstehe.

Cyrill Gamauf spuckte auf den Boden: »Er war immer net recht im Kopf, der Thaddädl!«

Auch den weiteren Ausführungen des Freundes setzte er eine unentwegte Diesseitigkeit entgegen, er sei für einen gemütlichen Untergang, sagte er, eben dazu habe man ja den Verein »d' letzten Weaner« gegründet; und wenn Thaddäus Gratias dabei beharre, ein Säulenheiliger werden zu wollen, so werde er in der nächsten Sitzung seinen Ausschluß beantragen. Übrigens sei der Untergang nicht so zu verstehen, daß die ganze Welt auf einen Schlag umkommen solle, es handle sich nur um Wien, und anderswo habe es gar keine Not mit dem Untergehen.

»Das ist es eben,« meinte der Sarghändler und seine Finger schlossen sich um den Griff des Messers in seiner Tasche.

»Anderswo!« wiederholte der Zuckerbäcker. Er schob die Karten zusammen und schichtete sie auf einen Stoß, dann begann er zu mischen. »Spielen wir?« fragte er, aber Franz Stix lehnte ab, denn seine Hand lag am Messergriff, den er nicht loslassen durfte.

»Wieviel Stück Bäckerei hast du draußen?« erkundigte er sich nach einem kleinen Schweigen.

»Wieviel? Gradaus hundert.«

»Hundert? Merkwürdige Zahl? Nicht?« lachte Franz Stix. »Sehr rund. Und doch sehr teilbar, durch alles mögliche teilbar, durch zwei, durch vier, durch fünf, durch zehn, durch zwanzig . . . warum lernt man das Rechnen bei der Eins angefangen, warum nicht bei der Hundert? Und schon wie sie ausschaut: wie ein Messer und zwei Augen, was? Zwei tote Augen ohne Blick. Wenn man sie durch die Zwei teilt, die eine umgekehrte Fünf ist, kommt die Fünfzig heraus, eine Sichel und ein Auge. Da drückt die Hundert das andere Auge zu . . .« Er überhastete sich, sprudelte seine Zahlenweisheit heraus und schob dabei den Griff des Messers in der Tasche hin und her, um sich zu vergewissern, daß er es würde im rechten Augenblick herausreißen können, ohne am Futter hängenzubleiben. Es war nämlich irgendeine unvorhergesehene Wirrnis in der Tasche, ein wüstes Gerank und Gebaumel von Fetzen, die sich ihm um die Finger wickelten.

Der Zuckerbäckermeister mischte die Karten, schien auf Franz Stixens Zahlentheorie nicht das mindeste zu geben. Wenn er das Spiel zehnmal geschnitten hatte, riß er mit dem Daumen über die freie Schmalkante und ließ die Blätter klatschend gegeneinander schnellen. Er schlug eine Karte auf. Es war der Karobub, da hieb er ihm die Faust mitten in das Gesicht, daß der Tisch ächzte.

Die Glöckchenbäckerei draußen unter den gewölbten Glasstürzen klang leise, wie unter vorsichtigen Tritten.

»Er schaut ihm ähnlich, der Karobub,« sagte Franz Stix, eifrig bemüht, sein Messer den Umschlingungen der Fetzen in seiner Tasche zu entwinden.

»Wem?«

»Dem buckligen Lehrbuben, der den Meister erstochen hat.«

»Der Karobub hat aber keinen Buckel,« Cyrill Gamaufs weißer Franzosenbart klappte herab, Grinsen fletschte über entblößtes Gebiß. Er wandte die Karte um, auf der Rückseite war wirklich kein Buckel zu sehen.

»Erinnerst du dich nicht,« ereiferte sich Franz Stix, »wir sind beide damals auf der Geschworenenbank gesessen. Der bucklige, kleine Kerl, so ein schwaches Bürscherl, und der Meister, ein Lackel wie ein Baum. Und hat ihm doch den Hals abgeschnitten. Ein Waisenbub war's und der Meister hat ihn krumm geschlagen. Er hat ihn auch oft am Boden an die Balken gehängt, mit dem Kopf nach unten. Der Bub hat vor Gericht seinen Rücken gezeigt, man hat gesehen, wo ihm der Meister das Fleisch mit Zangen herausgerissen hat. Wenn der Meister weg war, hat der Bub sich selbst ein Messer gemacht. Wir haben gefragt, warum er kein fertiges genommen hat. Er hat den Kopf geschüttelt: es hat ein Messer sein müssen, das er selbst gemacht hat. Ein anderes taugt nicht dazu. Und dann hat er dem Meister den Hals abgeschnitten, im Schlaf hat er ihn umgebracht.«

Cyrill Gamauf schien sich zu erinnern: »Wir haben ihn freig'sprochen.«

»Ja! der Bub ist dann nachher Meister geworden, hat sich wieder einen Waisenbuben genommen und hat es mit ihm genau so gemacht, wie sein Meister mit ihm.«

»Wo is denn ›s Messer hin'kommen?« zwinkerte Meister Gamauf.

Eine hochgespannte Saite sprang schrill durch Franz Stixens Hirn. »Ja, solche Messer müssen gut verwahrt werden. Hinter Schloß und Riegel. Sie haben's in sich. Sie haben ein eigenes Leben, einen Durst nach Blut, man darf sie nicht frei herumlaufen lassen.« Er beugte sich ein wenig vor, flüsterte: »Ich will dir was sagen, Herr Obmann, ich glaube nämlich: nicht die Menschen töten, sondern die Dinge. Und wenn eines erst einmal getötet hat, so will's das immer wieder tun.«

»Schon möglich,« stimmte der Zuckerbäcker zu, grinste, fletschte die Zähne, bog sich im Stuhl zurück, legte die linke Hand flach auf das Gesicht des Karobuben.

Da bemerkte Franz Stix etwas Schreckliches. Merkte erst jetzt, daß Cyrill Gamauf längst nicht mehr Karten mischte, daß er die rechte Hand in die Tasche der Generalshose geschoben hatte, gleich ihm. Der Zuckerbäcker tat, als sähe er Franz Stix überhaupt nicht an, er hatte die Augenlider gesenkt, der Blick schien über den Tisch zu kriechen oder bisweilen durch die Glastür in den Laden hinauszuwandern. Aber er tat nur so, in Wirklichkeit sah er ihn unverwandt an, unter den Augenlidern hervor, durch die Augenlider hindurch, durchsichtige, glashelle Augenlider. Es war ein Blick, dem nichts entging. An ihm hing die Faust, die in der Tasche vergraben war, wie an einer gespannten, zum Abdrücken bereiten Feder.

Der Sarghändler merkte, daß Meister Gamauf alles wußte.

Alles wußte.

Es war dringend nötig, die eigene Faust aus der Tasche zu ziehen und Harmlosigkeit darzutun. Aber ein Krampf zwang ihm die Finger um den Messergriff, die Fetzen des Taschenfutters umwanden ihn unlösbar. Flucht in die Unbefangenheit war unmöglich.

»Ja . . . wann's so einfach wär',« sagte Gamauf breit und behaglich, »so wär i selber scho längst furt. Aber sie schiaßen, dö Hund, dö ölendigen, dö miserabeln.« Er sah Franz Stix nicht an und doch an, durch glashelle Augenlider hindurch, seine Hand verharrte, um irgendein Unbekanntes geschlossen, in der Tasche. Er hatte seine Flucht besonders schlau bewerkstelligen wollen. Da er wußte, daß der Ring um Wien festgeschlossen war und keine Lücke wies, hatte er sich entschlossen, auf dem Wasserwege zu entkommen. Er hatte die Ankunft des Lebensmittelfloßes abgewartet. Nachdem der Kampf der Hungrigen vorüber war, hatte er sich nachts auf das Floß geschlichen und sich platt auf die Balken gelegt, Säcke zur Deckung über sich. Sein Plan war, sich mit dem Floß die Donau hinauf zurückziehen zu lassen, und wenn er erst einmal über die Sperrlinie hinaus wäre, Gelegenheit zum Weiterkommen wahrzunehmen. Er hoffte, seine hundert Dollar in die Menschenwelt zurückzubringen, ohne einen von ihnen für seine Befreiung drangeben zu müssen. Rauschen des Wassers hatte er unter dem Leib, wenn er durch die Falten der Säcke blinzelte, sah er Wolken von Sternen über sich. Er war überzeugt davon, es könne nicht mißlingen. Lange lag er so. Endlich merkte er am Klirren der Ketten, daß sie sich spannten, schärferer Schnitt ins Rauschen verriet ihm Andrang gegen den Strom. Er lag, hingeworfen, unter Säcken, verleugnete alle menschliche Form, schmiegte sich platt an die Planken.

»Aber sö haben Scheinwerfer, dö Hund,« knurrte er ingrimmig.

Vom Ufer her hatte man den Lichtkegel über das Floß geworfen, daß es ihm grell in seine Verborgenheit gedrungen war. Und dann waren die Schüsse über ihn hingezischt, man hatte ihn in die Garben der Maschinengewehre gespannt. Eine Rakete warf Warnung in die Nacht: Achtung! Ein Verfehmter kommt, ein Aussätziger will fliehen! Zuletzt löste sich ein Boot vom Ufer, dunkel von Männern und Waffen. Er wußte, wenn sie ihn fanden, war es aus, und die hundert Dollars würden sie verteilen. Da kroch er rücklings unter den Säcken hervor und glitt vom hinteren Ende des Flosses ins Wasser. Er ließ sich treiben, schwamm mit dem Strom, landete endlich in einem Ufergebüsch. Da lag er neben Treibholz im Schlamm und rührte sich nicht, durchnäßt, aber mit hundert Dollars in den Taschen. Wie der Tag kam, hörte er Singen über sich, auf einem Felsen unter dem Kahlenberg saß ein Frauenzimmer mit grünen Haaren. Über den nackten Leib rann Licht, sie kämmte das grüne Haar und sang.

Meister Gamauf zog die Hand langsam aus der Tasche und sah Franz Stix voll an. »Weißt, wer's war, Franzl?«

Da konnte auch der Sarghändler die Hand aus der Tasche ziehen. Sie war weiß, blutleer vom Krampf. »Wer's war?«

»Deine Mizzi!«

Ein dunkler Vorhang zerriß von oben bis unten, ein selbstgewebter, hinter dem Vergangenheit verborgen war, grausame Helligkeit brach ein. Plötzlich wußte Franz Stix wieder um seinen Schmerz, um den Verlust seines Kindes. Wohltätige Vergessenheit, selbstgewollte, war zertrümmert, klirrte in Scherben um ihn. Er wußte jetzt plötzlich um die Grenze, an der er seine Gedanken jahrelang zur Umkehr gezwungen hatte, sah das Loch, dem Tiefverwurzeltes entrissen war, wußte um ihre Spiele, die ersten Schuhe, die seine Frau im Kasten aufbewahrt hatte, zärtliche Kinderarme an seinem Hals, das Heranwachsen in Wildheit und immer tollerem Andrang weiblicher Eitelkeiten, die Angst um sie, die Versuche, sie mit dem Geschick auszusöhnen, und den Tag der Flucht und des Verlustes . . .



12. Finanzoperationen.

Mister Davis hatte seinen Auftrag ausgeführt und das Lösegeld am Tegetthoffdenkmal niedergelegt. Er kam zurück voll Empörung über die Mißwirtschaft der Regierung, die ungeheuere Mengen von Benzin eingelagert hatte, ohne sich weiter darum zu kümmern. Die Tanks waren undicht geworden, das Benzin floß aus, die ganze Gegend war von Dämpfen erfüllt, ein Funke konnte schreckliches Unheil anrichten.

Der Hotelgeistliche meinte, es liege wohl nicht so viel daran, ob diese Trümmerstadt ein wenig mehr oder weniger in Trümmern liege.

Eine ferne Orgel spielte leise dazu.

Mister Davis sah die Sache von seinem Standpunkt. Er war der Meinung, die Ruinenhaftigkeit dürfe ein gewisses Maß nicht überschreiten, um noch fernerhin reizvoll und für Reisegesellschaften lohnend zu sein. Die Romantik sei eine gewisse, ganz bestimmte Zone zwischen Ordnung und Verfall, mit einem formlosen, geschwärzten Haufen von Brandruinen wüßten seine Landsleute nichts anzufangen. Er wisse sehr genau, daß für die amerikanische Seele nichts so anziehend sei, wie das Spiel der Möglichkeiten um solche Stätten der Zerstörung und das vielleicht im Unbewußten, mitschwingende rechnerische Problem, ob und mit welchen Kosten ein Wiederaufbau allenfalls möglich sei.

Der Hoteldirektor äußerte, es sei wohl am besten, das Benzin für die eigenen Kraftwagen zu verwenden und so nach und nach aufzubrauchen.

Dafür hatte Mister Davis nur ein geringschätziges Lächeln. Ob der Herr Direktor nicht wisse, daß Amerika selbst das Benzin geliefert habe und ob er nicht selbst der Ansicht sei, daß ihre eigenen Kraftwagen viel zu kostbare und feine Maschinen seien, um sich dieses Benzins zu bedienen?

Fred Gregor fing ihn ab. Ob er keine Spur von Selina gesehen habe und ob er nichts darüber sagen könne, warum gerade das Tegetthoffdenkmal als Ort der Niederlegung des Lösegeldes bestimmt worden sei. Vielleicht werde Selina irgendwo in der Nähe gefangen gehalten.

Dieser Vermutung widersprach Davis. Wenn die ›rote Hand‹ Selina in der Nähe gefangen hielte, so hätte sie wohl sicher nicht das Tegetthoffdenkmal als Ort der Niederlegung des Lösegeldes bestimmt. Das sei völlig gegen die Psychologie des Bandenwesens, der es vielmehr entspreche, die Aufmerksamkeit auf ganz andere Punkte als die richtigen zu lenken.

Fred Gregor trug seine Unruhe treppauf, treppab durch das ganze Hotel. Er fand auf dieser Wanderung eine Menge bisher noch unbekannter Winkel. Er entdeckte, daß das Hotel Bristol durch Breschen in den Wänden mit den Nachbarhäusern verbunden war, und daß diese wieder mit den nächsten Häusern ihre Zusammenhänge hatten. Er stieg bis unter das Dach und stand vor einer Eisentüre, hinter der ein Ticken durch einen Streifen von Stille rückte. Er öffnete, trat ein, ein uralter, eisgrauer Mann, der auf einem hohen Stuhl saß, wandte sich um. Klopfende Apparate bewegten sich um ihn, Hörmuscheln waren durch Metallbügel an sein Ohr gepreßt. An der Wand schwang ein ganz dünner Zeiger um ein Zifferblatt, wie ein Schatten huschte er einmal nach links, verharrte zitternd einen Augenblick über einer Zahl, schwang dann wieder rasch nach rechts, ließ seine Bewegung über einer anderen Zahl verzittern.

»Sie telegraphieren?« fragte Fred Gregor. »Drahtlos, nicht wahr?«

»Drahtlos!« nickte das Männlein.

»Kann man auch mit Amerika sprechen?«

»Mit der ganzen Welt!«

»Auch mit Gott?« Seltsamer Frage staunte Fred Gregor nach, selbst überrascht.

»Mit dem Teil Gottes, der in der Welt ist.«

»Und was ist das?« wies Fred Gregor nach dem Zifferblatt.

»Ein Manometer. Zur Messung des Blutdrucks.«

»Des Blutdrucks?«

»Glauben Sie, daß ein Haus wie dieses, voll von Menschen, Begierden, Leidenschaften, Sehnsüchten und Plänen keinen Blutdruck hat . . .«

»Es ist wahr,« sann Fred Gregor. »Sie sitzen hier oben wie . . . wie ein Gehirn.« Er lächelte.

Der alte Mann lächelte zurück. »Ich werde Sie schon zur rechten Zeit verständigen. Gehen Sie jetzt hinunter.«

Fred Gregor ging hinunter. Auf der teppichbelegten Haupttreppe traf er mit Mister Gulliver zusammen, der von unten kam. Sie sahen einander an, glückhafte Ahnung schlug plötzlich wie eine Flamme zwischen ihnen hoch. Wie zwei fremde Stoffe, deren Zusammenfließen Zündung ist, standen sie in Glut.

»Sie ist da,« keuchte Fred.

»Ja, sie ist da,« schrie Mister Gulliver fast, »woher wissen Sie es?«

Woher es Fred wußte? Woher wußte er es? Er hatte es vom Haus, vom Geflüster der Steine, vom Gleiten der Schatten über die Treppen, vom beschwingten Schall seiner Schritte, er fühlte Anprall und Tanz der Atome an seinem Schädelgewölbe. Er war plötzlich in eine bisher gleichgültige und feindselige Umwelt wieder hineingeschmiegt, liebevoll aufgenommen und antwortete mit dem Klingen eines Kristalls und dem Leuchten einer sterngebärenden Wolke.

Es jagte sie zusammen die Treppe hinauf. Als sie vor Selinas Zimmer standen, nun noch mit einem letzten Zögern vor der Erfüllung, ging die Tür auf und Selina trat heraus, in einem dunkeln Tuchkleid mit hohem Kragen.

»Tag, Pa'! Tag, Fred! Ich habe mich nur rasch umgezogen. Es war hohe Zeit.«

Mister Gulliver war bewegt. Er trat einen Schritt zurück, öffnete zugleich die Arme, ließ sie aber schon aus halbem Schwung wieder zurücksinken. Selina sah es, nahm seine Wangen zwischen ihre Handflächen und küßte ihn auf die Stirne. Fred Gregor bekam eine kühle, feste Hand.

»Ja, was für Gesichter macht ihr denn? Als ob ich aus einer Löwenhöhle käme oder bei Kannibalen gewesen wäre. Ich gebe euch mein Wort, daß ich noch immer gänzlich ungefressen bin.« Sie lachte, aber es klang dunkler als ihr früheres Lachen, man sah hindurch auf einen neuen Ernst, wie Wasser dunkler wird, wenn es über schwarzen, schweren Boden fließt.

»Wir waren in großer Sorge um Sie!« sagte Fred zusammengerafft. Sein glückhafter Aufschwung war gehemmt, erlahmte auf einem Flügel, fühlte Fremdes.

Selinas Hand lag auf der Schulter des Vaters, zwischen ihr und Fred trieb Gewölk. »In Sorgen? Ich habe euch doch Nachricht geschickt.«

Mister Gulliver machte verwunderte Augen: »Wir haben keine Nachricht erhalten. Ach . . . wenn wir Nachricht gehabt hätten . . .«

»Aber sogleich doch.« Selina verwirrte sich ein wenig, die jüngste Vergangenheit machte plötzlich ein rätselhaftes Gesicht; von Gewesenem verleugnet, fühlte sie sich unsicher und ereiferte sich: »Sogleich, kaum daß ich an Ort und Stelle war! Man hat mir die Versicherung gegeben, daß man euch benachrichtigen werde. Es war eine Bedingung meines Bleibens.«

Gulliver und Fred stimmten in einem Kopfschütteln überein: nichts, kein Wort.

»Man wird es vielleicht vergessen haben,« entschuldigte Selina, »sie haben so furchtbar viel zu tun. Vielleicht haben sie keinen Staatssekretär für Nachrichtenwesen. Es ist ein feiner, aber ungemein verwickelter Apparat.«

Ein Choral schwoll durch das Haus, die Abordnung kam schon die Stufen hinan, voran der Hoteldirektor, Mister Davis und der Geistliche, dahinter alle Bediensteten und die Wachmannschaft. Von der Musikkapelle sah man nichts, nur wenn man sich über das Stiegengeländer beugte, erriet man, daß sie unten in der Halle hinter einer Ecke stand. Um die scharfe Kante der Wand zuckten die Rüsseltrompeten wechselnd hervor und rollten sich wieder ein.

Die Glückwünschenden blieben vor Selina stehen, der Geistliche in der Mitte, der Direktor und Mister Davis als Flügelmänner. Mister Davis sprach eine längere Begrüßungsrede, dann legte der Hotelgeistliche die Hände segnend auf Selinas Haupt.

Eine ferne Orgel spielte leise dazu.

Sie lächelte freundlich, aber entfernt, es kam ihr sonderbar vor, eine Welt, die sie einmal verlassen und in die sie nicht mehr zurückkehren könnte. Ihr Wunsch ging nach Ruhe und Abklang der Zeremonie. Mister Gulliver winkte zum Abzug. Die ganze Prozession machte auf den Absätzen Kehrt und ging wieder die Stufen hinab, zuerst jetzt die Wachmannschaft, dann die Bediensteten, zuletzt die drei schwarzen Rücken des Direktors, des Geistlichen und des Mister Davis. Die Rüsseltrompeten stießen unten in der Halle alle zu einem letzten brausenden Akkord vor und schnellten zurück.

In ihrem Speisezimmer fanden sie eine gedeckte Tafel mit viel Blumen, Silber, geschliffenem Glas. Kostbare Dinge aus den Schätzen des Wien von Einst. Es waren vier Gedecke aufgelegt und Fred Gregor verwunderte sich darüber. Selina meinte, ein wenig verlegen, nun sei es schon einmal geschehen und so möge es dabei sein Bewenden haben. Ein Neger glitt ab und zu mit Silberschüsseln, deren Inhalt in Funkenschrift auf einer Tafel zwischen den beiden Fenstern leuchtend angegeben wurde.

Es ist dieser alte Telegraphist, dachte Fred, der es heruntertelegraphiert.

Selina war wieder heiter geworden, heller Kristall über dunklem Grund, sie stießen an mit Gumpoldskirchner Auslese 1917 und Selina neigte ihr Glas auch gegen den Rand jenes, das vor dem leeren vierten Platz stand. Das dünne Läuten ging um den ganzen Tisch.

»Man hat mich mit aller Auszeichnung behandelt,« sagte Selina, »es war keine Gefangenschaft, müßt ihr wissen. Ich hatte meine Freiheit und durfte die ganze Regierung kennen lernen. Einmal waren wir in einem Lachkabinett, als die Wache vorbeimarschierte. Einer rannte in der Dunkelheit an die Bude an, ohne Ahnung, daß ich darin saß. Ich bin nur etwas nervös geworden.«

»Das glaube ich,« stimmte Gulliver bei. Er ließ alle Augenblicke die Hände sinken und vergaß das Essen, um der Wiedergefundenen ins Gesicht zu schauen.

Fred Gregor aber sah an ihr vorbei, etwas krampfhaft, jedoch im Bewußtsein seines guten Rechtes. Seine Angst um Selina blieb ohne Würdigung, sein Verdienst ohne Anerkennung. »Warum hat man Sie dann eigentlich entführt?« fragte er plötzlich borstig. Er verhärtete sein Herz, schloß alles Weiche und Zärtliche ein, spielte das Rauhbein.

Ein Blick Selinas mißbilligte den Ton. »Entführt?« dehnte sie –, »es war eine Finanzoperation!«

Er war nicht so leicht einzuschüchtern: »Schöne Finanzoperation!« Aber er war dabei von einer unbegreiflichen Trauer so überwältigt, daß er am liebsten laut aufheulend den Kopf auf den Tisch gelegt hätte. Einen Augenblick kämpfte er sehr mit dem Verlangen, die kühlende Breite eines Messers quer über seine Stirne zu drücken, wie es seine Mutter zu tun pflegte, wenn er sich eine Beule geschlagen hatte. Ich bin kein Kind mehr, sagte er sich, und das half schließlich. Aber er wünschte sehr, eines zu sein, und von Selina nichts zu wissen. Dann wieder schwoll es plötzlich in ihm, rasendes Verlangen, Selina an sich zu reißen und mit ihr zu fliehen, in eine zusammengeballte Finsternis, die er ihr über den Kopf stülpen würde, um sie aller Welt unsichtbar zu machen.

»Schöne Finanzoperation!« murmelte er indessen noch einmal zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Er blieb antwortlos, Selina war schon viel weiter, mit jedem Wort ihrer Erzählung entfernte sie sich mehr. Sie sprach von gemischten Chören, die dort gesungen würden und von einem Herrn im Schlapphut. Der Neger brachte eine neue Schüssel und auf der Tafel zwischen den Fenstern erschienen in Funkenschrift drei Fragezeichen.

»Eine Aufmerksamkeit des Kochs,« lächelte Mister Gulliver, »es ist eine neue Speise, der du den Namen geben sollst.«

Über die Schüssel gebeugt, studierte Selina die Speise, dann warf sie sich zurück: »Es gibt wahrhaftig wichtigere Dinge.«

»Gut,« sagte Gulliver froh gelaunt, »nennen wir sie: wichtigere Dinge.«

Dafür hatte Selina ein flüchtiges Schimmern des Gesichtes, um den Vater nicht zu kränken. Sie stießen wieder an und Selina vergaß auch diesmal nicht, ihr Glas an das des leeren Platzes klingen zu lassen.

Fred Gregor rückte den Stuhl: »Man sollte doch dem alten Mann unter dem Dach auch eine Schüssel schicken. Der sitzt da oben und telegraphiert immerzu . .« Und griff schon, ohne Zustimmung abzuwarten, nach dem Klingelknopf unter der Tischplatte. Schrill zischte das Signal durch das ganze Haus. Aber der Neger, sonst ein unablässig gleitender schwarzer Schatten um den Tisch, kam nicht. Vergebens bog sich Fred den Finger am Klingelknopf krumm, es war, als würde die Kraft der elektrischen Batterie rasch erschöpft, immer schwächer wurde das Läutewerk, zuletzt war es nur ein dürftiges, trockenes Klappen, als würden Würfel in einem Becher geschüttelt. Fred Gregor, einmal in seinen Gedanken verrannt, war nicht gesonnen, nachzugeben, Selina sollte nicht glauben, daß er vor irgend etwas zurückscheute. »Ich will es ihm selber hinbringen,« sagte er, indem er seinen Stuhl zurückschob. Nahm die Schüssel mit der Speise, die den Namen: »wichtigere Dinge« erhalten hatte und trug sie zum Zimmer hinaus.

Als Mister Gulliver mit Selina allein war, legte er die Hand auf den Arm der Tochter: »Du hast mir etwas zu sagen.«

Sie hatte eines der Gläser vom Tisch gehoben und ließ Licht über seine geschliffenen Flächen spielen. »Ein schönes altes Glas!« sagte sie. Von funkelnden, lichtbrechenden Karten eingefaßt, zeigte ein Brustschild einen General mit Allongeperücke und Dreispitz zu Pferde, der mit dem Degen nach vorne wies. Er ritt mitten durch die Farben des Regenbogens. »Das ist der Prinz Eugen.«

Noch immer lag die fragende Hand des Vaters auf ihrem Arm. Plötzlich warf sie sich ihm entgegen mit gesammelter Kraft: »Ja, Vater!« Sie strich über das Glas, den Teller mit der gemalten Ansicht des Schlosses Schönbrunn, das Silberzeug aus der Zeit des Kaisers Franz Joseph: »Das . . . und das . . . und das . . . Aber das alles sind ja bloß Dinge. Doch es leben auch Menschen in diesen Trümmern, Vater, Menschen! Wir sitzen hier, essen von Silber und erfinden Namen für neue Speisen. Ich wundere mich, daß uns nicht jeder Bissen zu Gift wird. Es ist ein Verbrechen, Vater. Der Jammer von Millionen ist unsere Speise, der Schweiß von Millionen ist unser Trank. Nicht nur hier, aus der ganzen Welt. Ich kann nicht mehr.«

»Was willst du?« fragte Gulliver besorgt.

Gefaltete Hände hoben sich gegen ihn. »Sie erwarten das Wunder. Das Wunder des geöffneten Herzens. Es sind neue Gedanken in der Welt, die wir nicht erschlagen dürfen. Sie wehren sich, wenden sich zur Gewalt, und Gewalt macht dumm und schlecht. Wir müssen ihnen entgegengehen. An uns ist es. Wir müssen ihnen das wiedergeben, was wir ihnen genommen haben. Der Kommunismus muß mit dem Kapitalismus Hand in Hand gehen, um die Menschheit zu erlösen.«

»Kapitalismus – Kommunismus,« sagte Gulliver ein wenig geärgert, ungeachtet aller Liebe für Selina, »das sind Worte aus der Zeitung. Sie bringen einen nur aus der Stimmung.«

»Weg mit ihnen,« stimmte Selina ohne weiteres bei, »wir brauchen sie nicht. Sprechen wir von Menschentum und Eigentum. Das Eigentum ist das Gewordene, Starre, Tote, Menschentum ist das immer Werdende. Jetzt ist die Stunde gekommen, das Tote in den großen Schmelzofen der Zeit und des Gedankens zu werfen, daß es in der Lava des Geschehens dahinfließe. Sieh um dich: es ist Wildnis, die Vernichtung, die Verkommenheit; wir aber wollen das Leben.«

Nie hatte Gulliver seine Tochter so sprechen gehört, er erlag dem Ansturm. Noch trommelten seine Finger hart auf dem Tisch, aber wunderlich befangen von einem Gefühl der Unterlegenheit entwich ihr schon sein Blick. »Was willst du von mir?« fragte er eingeschüchtert.

»Sagt dir's nicht dein Herz? Diesen Jammer hier haben wir auf dem Gewissen. Wir und die draußen alle, die es so weit kommen ließen, die nicht aufschrien vor Empörung, als sie es sahen. Die glaubten, mit Almosen, mit Lumpen und Abfällen sei einer sterbenden Stadt, einer sterbenden Menschheit zu helfen. Was ich von dir will? Du bist reich, du bist unermeßlich reich, Vater. Du beherrschst die Eisenbahnen, die Hochöfen, die Fabriken, die Werften, die Börsen. Dein Beispiel gibt Richtung und wird die anderen nach sich ziehen. Ihre stumpfen Seelen werden sich beflügeln, du wirst ihnen Schwung geben.«

»Du stellst dir das so einfach vor,« sagte Gulliver. Er dachte an Mac Kinley, an einen Mac Kinley mit Schwung, und die Vorstellung hatte etwas grotesk Lächerliches.

»Es gibt nichts Einfacheres als gut zu sein und an die Menschen zu glauben. Es gibt nichts Hinreißenderes als Handlungen des Edelmutes und der Verneinung des Egoismus. Es würde sogleich ein Wettbewerb um die selbstloseste Tat eintreten. Die anständigen Gesinnungen würden nur so aus dem Boden schießen; wer sich von dem neuen Leben der Seele ausschließt, würde der allgemeinen Verachtung ausgeliefert sein. Eine neue Jugend wird über uns kommen, ein Menschheitsfrühling, Befreiung der Kräfte, die bisher gebunden waren.«

»Was willst du also von mir?« fragte Gulliver zum drittenmal, um endlich aus dem brausenden Allgemeinen ins leichter abschätzbare Besondere zu kommen.

Selina erhob sich und stand, groß wie eine Prophetin, vor ihrem Vater: »Du sollst dem Elend ein Ende machen. Du sollst Wien wieder aufbauen und den letzten Überlebenden ein menschenwürdiges Dasein schenken.«

Platt lagen Gullivers Hände auf dem Tischtuch, ein Sinnbild seines zu Boden geschmetterten Geistes: »Sonst nichts?«

»Das hat die alte absterbende Zeit aus dir gesprochen, Vater, dieses kalte, höhnische: Sonst nichts. Die absinkende Zeit, die Zweifelsucht, die dunkle Herzlosigkeit der Selbstsucht, die der Heiligkeit neuer Gedanken feindlich ist. Das ist der Ton der Unbarmherzigkeit, des Unglaubens, der Geringschätzung der Mitmenschen. Wir, die Menschen von morgen, schreiten über ihn hinweg, wir haben ihn erledigt, wir pochen an das Tor der Zukunft . . .«

Unter dem Anprall dieser Vorwürfe neigte Gulliver den Kopf, fühlte den kalten Guß der Worte im Nacken. »Ich meine ja nur . . .,« wand er zaghaft, »man muß doch . . .«

»Man muß zugreifen, wo immer die Möglichkeit sich bietet, jahrtausendalte Schuld an die Menschheit abzutragen.« Selina ließ nicht locker: »Du bist reich genug, um es tun zu können. Du sollst Wien wieder aufbauen, sollst es gesund und heiter machen und dann allen schenken. Es soll nicht mehr unter den Völkern der Erde dastehen, als sei es mit Aussatz geschlagen. Wenn du es aus dem Schutt gegraben hast und seinen Bewohnern zum Geschenk machst unter der Bedingung, daß allen alles gehören soll, so wird es als ein leuchtendes Signal von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit über die Erde strahlen und die anderen nach sich ziehen. Verzichtend werden sie der Größe der neuen Gedanken nachfolgen. Hier wo alles zusammengebrochen ist, wo der Mensch in den Urzustand zurückversetzt wurde, ist Gelegenheit zu einem neuen Anfang ohne die schrecklichen Irrtümer der Vergangenheit. Du wirst eine Welt ins Leben rufen, ohne Gier, ohne Hunger nach Macht, ohne Bosheit, Neid und Haß. Du stehst vor diesen Trümmern, wie Gott vor dem Chaos, an dir ist es, eine neue Schöpfung zu unternehmen, die Gottes Werk verbessert, eine Schöpfung ohne Makel, ohne Erbsünde und drohendes Schicksal, außer jenem, dem der Mensch dem Gang der Natur nach unterworfen ist. Wir werden arm geworden sein, aber wir werden die Menschheit erlöst haben.«

»Es ist nicht sehr angenehm, arm zu sein . . .,« sagte Gulliver mit einem letzten Versuch, zu entkommen. Aber Selina ließ ihn nicht. Sie hatte eine wunderbare Redegabe in sich, es sprach aus ihr, leicht und fließend, die prächtigsten Redewendungen und überzeugendsten Gründe kamen ihr von selbst zu. Ihr Gehirn spürte die Arbeit der Gedanken kaum, sie ließ die Worte einfach aus sich strömen, schwerelos und doch mit der Wucht lebendigen Falles. »Feurige Zungen,« dachte sie »feurige Zungen,« voll Dankbarkeit gegen den guten Geist, den sie als Beistand in sich fühlte. Er war ihrem ganzen Wesen eingeprägt, auf dem Hintergrund ihrer Seele empfand sie ihn als hellen Umriß eines römischen Profiles mit gekraustem Haar.

Auch Gulliver nahm die Worte nicht mehr vereinzelt nach ihrem gesonderten Sinn in sich auf. Es war ihm, als ströme Selinas Willen unmittelbar von ihr in ihn. Sprach sie überhaupt noch? Er sah nach ihrem Mund. Die Lippen waren geschlossen, es waren wohl die Augen, die gesprochen hatten. Da wußte er, daß sein Widerstand gebrochen war, ein Stärkeres hatte sich seiner bemächtigt und ihn unterworfen. Er erhob sich, überzeugt, daß ihm nichts anderes übrig blieb. Es war ein Gipfel erreicht, das Mögliche erfüllt, seine Aufgabe stand vor ihm.

»Gut!« sagte er, »ich werde es versuchen.«

Selinas Hände ertasteten seine Rechte zu festem Druck, ihre Augen lotsten unsagbares Glück, ein kleines Schluchzen erklang in ihrer Kehle. Dann beugte sie sich plötzlich, küßte seine Hand. Er wurde rot, verlegen, rettete sich in Väterliches. »Ja . . . du!« sagte er verwirrt, »du . . .«

Und ging. An der Türe verweilte er noch, zögerte um einen letzten Einwand herum, unterdrückte ihn und ging.

Auf dem roten Läufer der Treppe saß Fred Gregor mit der Silberplatte auf den Knien. Schwacher Duft stieg aus der neuen Speise, »wichtigere Dinge« geheißen.

»Ich habe ihn nicht gefunden,« sagte er betrübt, »ich finde das Zimmer nicht, in dem er telegraphiert.«

»Geben Sie die Schüssel dem Koch zurück,« rief Mister Gulliver.

»Es wäre eine Beleidigung für den Koch,« sann Fred. Als Gulliver an ihm vorüber wollte, fing er ihn am Hosenbein. »Und wie ist das jetzt mit dem Märchen?« sah er zu ihm auf.

»Mit welchem Märchen?«

»Mit dem Märchen von der Prinzessin, die verloren ging und gefunden wurde.«

Gulliver dachte ein wenig nach. »Man könnte einwenden, daß sie ja nicht von Ihnen gefunden wurde. Aber ich meine, Sie können es immerhin versuchen. Nur eins . . . es wird eine arme Prinzessin sein, um die Sie sich bewerben.«

Während Fred Gregor auf dem roten Treppenläufer sitzen blieb, die Silberschüssel mit »wichtigeren Dingen« auf den Knien, ein Häufchen nachdenksames Elend, trat Gulliver in sein Zimmer. Er stieß den Riegel vor, setzte sich an den Schreibtisch und holte den Plan von Wien hervor. Mit dem Bleistift fuhr er über die bloßgelegten Eingeweide der Stadt, verfolgte die Blutbahnen, die Nervenstränge, umriß die Ganglienknoten der Plätze. Er warf Zahlen auf ein Papier, die nicht viel Sinn hatten, versuchte seine Aufgabe als ein rechnerisches Problem aufzufassen. Es schlug ihm ein kalter Dampf von Unvernunft entgegen, das Wort Unmöglich reckte sich steil vor ihm auf, wie eine kahle Mauer. Aber eben das war Anreiz der Überwindung für Phöbus A. Gulliver.

»Es müßte nur eine eigene Mathematik dafür erfunden werden,« sagte er, »eine Art von Un –Wahrscheinlichkeitsrechnung.«

Da sah er auf. Mac Kinley saß in seinem Klubsessel, unweit des Schreibtisches, tief eingesunken, mit weggestreckten Beinen, einen rätselhaften Ausdruck auf dem sommersprossigen, glatten Gesicht. Auf einem kleinen Tischchen in Reichweite stand eine Flasche Portwein mit zwei Gläsern.

»Lassen Sie sich nicht stören,« sagte Mac Kinley. Seine mächtigen Kinnladen malmten die Worte. »Schwere Arbeit, das! Trinken Sie ein Glas Portwein. Verdammt anständiger Portwein hier, kann ich Ihnen sagen. Wieder Neunzehnhundertfünfzehner wie auf der Liberty.«

Er goß braunes Öl in das Gläschen, schob das Tischchen auf Rollbeinen vor sich her und zog den Klubsessel nach. Gulliver trank und überlegte, wie er den Besucher vor die Tür bringen könnte. Es war eine Unverschämtheit, hier nächtlings einzudringen und ihm Portwein aufzunötigen.

»Ja, die Flasche müssen Sie schon mit mir austrinken,« grinste Mac Kinley. Gulliver warf eine Zeitung über den Plan von Wien und über seine Berechnungen, nicht ohne daß Mac Kinley mit seinen Klotzaugen den Versuch einer Verheimlichung bei sich vermerkt hätte.

»Miß Selina muß wunderbare Dinge erlebt haben,« sagte er weltmännisch nebenher.

»Man hat sie durchaus mit Hochachtung behandelt,« erklärte Gulliver mit aller Bestimmtheit.

»Versteht sich!« nickte Mac Kinley, »versteht sich. Und es ist immer anregend, eine Welt kennen zu lernen, die der unseren fremd ist.« Er streckte den Arm aus, stieß seine dicke Zigarre in eine Aschenschale, in der sich der silberne Leib einer Meernixe aus gläserner Woge hob. »Sehen Sie,« sagte er, indem er das glühende Ende der Zigarre aufmerksam anstarrte, »sehen Sie, Mister Gulliver, ich weiß, warum Sie über den Atlantic gekommen sind.«

»Möchten Sie es mir vielleicht sagen?« fragte Mister Gulliver ein wenig höhnisch.

Mac Kinley war nicht aus der Fassung zu bringen. Er zog an seiner Zigarre, nippte an seinem Glas, schnaufte behaglich: »Sie sind gekommen, um Ihren Überrock wieder zu finden.«

»Es ist wahr,« sagte Gulliver kleinlaut, unfähig, zu leugnen.

Mac Kinley stemmte sich ein wenig an den Sessellehnen auf und sah Gulliver ins Gesicht. »Es gehört Mut dazu, Ihnen das zu sagen, ich weiß es. Aber ich bin Ihr Freund und nehme mir die Freiheiten heraus, die einem solchen zukommen. Sie müssen einsehen, daß es sich bei alledem um den Raum handelt.«

Jetzt stieg in Gulliver doch ein Groll empor, über diesen Menschen, der bei ihm eingedrungen war und einfach von ihm Besitz ergriff. »Mir handelt es sich um die Zeit. Ich habe nicht viel Zeit zu verlieren.«

»Wollen Sie nicht auch noch sagen, Zeit ist Geld, damit ich Ihnen glaube, daß Sie ein Amerikaner sind? Ich bitte Sie, um Gotteswillen, keine Redensarten. Wir haben uns genug damit geschadet, unsere Geschäfte gehen so gut, daß wir es uns leisten können, philosophische Köpfe zu züchten. Ich hätte Ihnen zugetraut, daß Sie wissen, was die Zeit ist. Die Zeit ist der auseinandergelegte Raum, sie ist dessen vierte Dimension, auf der er sich in einer geraden Linie weiterbewegt.«

»Ich muß sagen, daß ich erstaunt bin, Mister Mac Kinley, Sie so sprechen zu hören.«

»Sagen Sie es ruhig, lieber Freund, Sie haben mich für einen Dummkopf gehalten, nicht wahr? Für einen Geldmacher, nicht wahr, einen Liebhaber von Portwein? Man hat seine Tiefen, mein Bester, was nun den Raum anbelangt, so haben wir ihn erfunden, um unsere Freiheit nicht gänzlich zu verlieren. Hätten wir ihn nicht, so wäre unser Leben ein unablässiges Sterben, denn die Zeit hat ja nur eine Dimension.«

Niemals hätte Gulliver in Mac Kinley Gedanken vermutet und gar solche, deren Gängen nicht ganz leicht zu folgen war. Er stieß mit ihm an und sagte, selbst befeuert und in Schwingung versetzt: »Sie meinen, wir brauchen den Raum, damit unsere Gedanken Wirklichkeit werden können.«

Verächtliches Händeschütteln warf Überflüssiges ab. »Wirklichkeit! Ich bitte Sie. Ist die Null keine Wirklichkeit? Und was ist die Null? Nichts. Und wenn Sie von der Null hinabsteigen ins Reich der negativen Zahlen. Ein Reich ebenso unermeßlich groß, wie das über der Null. Ist minus eins, minus zwei keine Wirklichkeit? Aber haben Sie schon jemals eine Ansammlung von 213 negativen Menschen gesehen? Wirklichkeit wird immer erst durch Zeit. Wo sich Raum und Zeit begegnen, in der Mathematik, entstehen Doppelwesen, die zugleich wirklich sind und nicht. Das ist ja das Dämonische an der Zeit, daß sie nur eine Richtung hat und daß die geschehenen Dinge nicht umkehrbar sind. Die Zeit ist mächtiger als alle Götter, sie ist sogar mächtiger als Gott selbst. Nicht einmal Gott ist imstande, auch nur ein Pünktchen an dem Geschehenen zu ändern. Es sei denn, daß er der ganzen Menschheit mit einem Ruck das Gedächtnis nähme, in dem die Erinnerungen aufbewahrt sind. Aber auch das wäre eine halbe Sache, denn draußen, außerhalb des Menschenhirnes, sind die gegebenen Anstöße im All untilgbar. Was einmal geschehen ist, ist starr, unveränderlich tot, der Hand Gottes entzogen. Alles Werden mündet in ein Gewordensein, in ein Unwiderrufliches, in eine Wirklichkeit. Der Eintritt in die Wirklichkeit ist der Augenblick des Todes, der Atem der Zeit ist ein giftiger Hauch, der in dem Bruchteil von Sekunden versteint und tötet, in dem die Zukunft durch die enggeschlitzte Gegenwart in die Vergangenheit gleitet. Haben Sie keine Angst vor der Wirklichkeit? Vor der Wirklichkeit, mit der die Zeit die Freiheit umbringt? Lebendiges ist nur im Unwirklichen. Wodurch unterscheidet sich bloß Gedachtes von Wirklichem? Dadurch, daß Gedachtes im Raume liegt und Wirkliches in der Zeit. Frei sind wir nur im Raume, im noch Ungeschehenen. Wirklichkeit?

Vielleicht sind Sie und ich, wir alle hier und alle diese Begebnisse nichts als der Traum eines sterbenden Hirnes, letztes Lichtfünkchen der erlöschenden Vernunft eines Bewohners dieser Stadt, der halbnackt und von Strolchen beraubt auf der Straße liegt.«

In diesem Augenblick war es Gulliver, als würde sein ganzes Wesen aus den Wurzeln gerissen und in einen heulenden Sturm von Finsternissen geworfen. Eisnadeln peitschten sengend, prasselten in ein Klirren hinein, eine riesenhafte Pranke riß ihm die Brust auf und goß ihm einen wütenden Schmerz in den Leib, sein Gehirn drehte sich über einem Feuer, als würde es geröstet und zerbarst mit Zischen.

»Sind Sie gekommen, um mir das zu sagen?« fragte er zitternd.

Mac Kinley sog an seinem Portwein. »Nein,« sagte er milde, »eigentlich bin ich gekommen, um Ihnen zu sagen, daß Sie sich keine Mühe geben sollen. Mit dem da . . .?« Er zog die Zeitung von dem Plan weg und legte die Hand darauf, die behaarte, sommersprossige Pfote mit den kurzen Nägeln. Die andere hing ihm lang über den Polsterrand seines Sessels, fast bis zur Erde. Die Minute füllte sich mit einem Drang, der sie fast zersprengte. Dann nahm Mac Kinley langsam wieder seine Hände an sich, versenkte die Linke in die innere Rocktasche, zog ein Papier hervor, das er entfaltete. »Sehen Sie . . . Sie kommen zu spät. Ich habe bereits einen Vertrag mit der Regierung über den Wiederaufbau. Ich bin bereit dazu, unter gewissen Bedingungen und Umständen. Die Regierung ist an mich gebunden, ich habe freie Hand . . . aber wenn ich aufbaue, dann baue ich nach meinen Plänen und Gedanken.«



13. Das Gehirn.

Amata saß am Klavier, in der silberhellen Klarheit einer Schubertsonate. Aus dem Schwarz und Weiß der Tasten gewoben, kam eine leichte, heitere Frühlingsschaft in Farben, Sonne fiel darauf, blühende Kirschbäume schüttelten Bienengesumme, über der sacht geneigten Wiese, auf der jede Dotterblume mit Zärtlichkeit gemalt war, zog eine blaue Bergkette mit weißen Gipfeln im Schwung eines rastenden Tierkörpers, gefleckt aus Blau und Weiß. Aus den Trümmern der Stadt krochen seit Tagen häßliche, gelbe Nebel, über dem Haus verwehte sie der Hauch der Musik. Er war wie ein starker, frischer Luftzug, der gerade aufwärts strebte, dem Verwandten des Himmels zu, seinem reinen stählernen Blau, in das die Sonne spurenlose, wundervoll aufgesteilte Kurven schnitt.

Ein Strauß roter Rosen spiegelte sich im glänzenden Schwarz des Klavieres. Ihr Widerschein mochte auch in Amatas Finger geglitten sein, sie blühten rosig über Weiß und Schwarz dahin. Aus halb offenen Lippen kam kleines, hastiges Wehen von Luft, ihre junge Brust schwamm in Musik. Seligkeit war um sie, Gläubigkeit an die unüberwindliche Herrlichkeit des Lebens, Ekel eines ersten Zusammenstoßes mit der Welt war unter das Bewußtsein gesunken, lag wie Schlamm, gedeckt von einer heiligen Flut, die Bilder aller Schönheit empfing und trug. Sie war gespannt, entkörpert durch einen Zusammenhang mit aller Hoheit des Daseins, fühlte das Zimmer um sich als einen fröhlichen, grün durchsonnten Raum, das Haus, treu, stark und fest, mit Wänden und behütendem Dach, Gartenland im weiteren Umkreis mit regem sommerlichen Wachstum aus Erde zum Licht. Und zuletzt als äußerste Schale, weich ins Unendliche verfließend, die grenzenlose Güte der Schöpfung.

Die Mutter ging durchs Zimmer, hatte ein Lächeln in Tönen. Amata wünschte sich Allerzärtlichstes, um Liebe an ihr Schreiten zu schmiegen. Noch tiefer und reiner sang die Schubertsche Frühlingslandschaft. Auf Wolkenschäfchen saß Wind, die Glockenblumen hatten ein feines Läuten, ein Vogel stieß Schluchzen des Entzückens aus Fliederbüschen. In ihrem Mund lag Geruch von Erde, Geschmack von roten Beeren, sie löste sich gänzlich in Herrlichkeit und Glück . . .

Im Gebüsch der Vogel brach schrillend ab, wie von einem Feind erschreckt. Fauchend zerpflügte eisiger Wind die Wiese, sprang von den dunkel gewordenen Wolken in die Baumkronen und trieb Flocken von Blütenblättern fort. Wie er das Gras vor sich herstrich, wandelte es sich in Grau, eine struppige, sich sträubende Mähne. Die fernen Berge lagen tückisch und sprungbereit wie eine böse Bestie. Die Musik hatte keine Macht mehr über die gelben Nebel, von allen Seiten brachen sie ein, ballten sich zusammen, schluckten Sonne hinunter, so daß nur ein fahler Schein übrig blieb, ein krankes Rinnsal von Licht. Angst stieg aus allem, trüb und stumpf lagen die Wasser. Der Boden begann sich zu regen, geschäftiges Wühlen warf Haufen gelber Erde auf, aus Löchern züngelten Natternköpfe.

Vom Rosenstrauß klatschte eine Blüte, plötzlich entblättert.

Amatas Finger wurden starr und steif, fühlten die Tasten nicht mehr, die Töne fielen dumpf und verworren vom Klavier, sammelten sich dunkel zu ihren Füßen, schwunglos und gebrochen verkrochen sie sich in die Tasten. Irgend etwas hob sich drohend gegen Amata, schwoll gestaltlos düster am Horizont ihrer Welt. Es schob einen blassen Schein vor sich her, wölbte eine ungeheuere Stirne über die verödete Landschaft, wulstig von Gedanken, ließ ein Gewölk von Brauen folgen, und nun gingen zwei Augen darunter auf. Ihr Blick war sengend auf Amata gerichtet, ein fürchterlicher, lauernder, mörderischer Blick, der sie vereiste. Sie sah seine Bahn in der Luft stehen, eine Brücke von Wildheit und Unheil, aus der Ferne geradeswegs in ihr Herz.

Die Hände sanken ihr kraftlos von den Tasten. Im unberührten Klavier zerschrillte jäh aufschreiend eine Saite. Mit dem Schrei warf sich Amata herum.

Da stand der Vater in der Türe hinter ihr mit dem gleichen Blick wie das ungeheuere Haupt am Rande des Alls, dieser Brücke von Unheil geradeswegs in ihr Herz. Es war ihr, als müßte sie die Hände zum Schutz auf die Brust legen.

»Vater!« schrie die Angst aus ihr.

»Ja?« sagte er wie erwachend.

»Vater?« zitterte sie bang fragend, da sie den Blick aus seinen Augen weichen sah.

Er machte den Versuch eines Lächelns, es mißlang, er drehte sich auf den Fersen um, ging hinaus. Amata sah ihm nach, wie in eine Röhre hinein, die sich bis an den Horizont erstreckte, der jetzt leer war. Sie schloß das Klavier, nahm die entblätterten Rosen fort und warf sie aus dem Fenster. Mit noch immer bebenden Beinen ging sie zur Mutter, die in der Küche Rüben schnitt. Sie wollte nichts sagen, nahm ein Messer, um zu helfen. Plötzlich schnitt sie sich in den Finger, Blut strömte, und als die Mutter die Wunde verbinden wollte, lag ihr Amata weinend an der Brust. Die winzige Entlastung ihrer Adern hatte ihr die Fassung genommen. »Mutter, was ist mit dem Vater?«

Gundis nickte schmerzlich. »Ach . . . der Vater.«

»Ich fürchte mich vor ihm. Er ist so sonderbar.«

Einen Leinwandflecken wand Gundis um den verletzten Finger und senkte den Kopf über den Verband, der sich sogleich rosig durchnäßte: »Ich glaube, es geht ihm so nahe, daß wir Gefangene sind. Wir hatten gehofft, dich zu den Menschen bringen zu können. Wir wollten dir die Freiheit geben, du solltest in diesem Kerker nicht verkommen. Es gibt doch außer diesen Trümmern noch eine Welt, Städte, Dörfer im Grünen, große Flüsse, die in Meere münden, an deren Ufern Schiffe liegen. Die suchen fremde Küsten, an denen wieder Menschen sind. Es gibt soviel Großes draußen. Trotzdem! Dann dies: du wirst Frau, du hast, was man Bestimmung nennt, die Ergänzung durch einen Mann, den du liebst. Irgendwo draußen in der Welt ist jemand, der sucht dich und wird dich niemals finden. Er wird unruhig und verzweifelt durch das Leben gehen, wird andere Frauen nehmen, die ihn nicht glücklich machen. Und du wirst deine junge Schönheit hier im Elend dieses Kerkers unnütz welken sehen. Das alles ist es, was den Vater zerwühlt.«

Amata schüttelte den Kopf. »Ich will nichts von ihnen wissen. Und du – du hast den Vater doch auch hier gefunden.«

»Das war – damals,« sagte Gundis leise, »ehe die Tore zufielen.«

Amata lächelte wieder, aber sie ahnte anderes, Verborgenes, Drohendes. Der Vater hatte nicht jene strahlende Heiterkeit mehr, die so schöne Zuversicht gab. Er stand oft plötzlich auf und ging auf sein Zimmer, wo er sich einschloß. Sein Wesen war seltsam verändert. Seine Arbeit, die er immer freudig vor ihnen hingebreitet hatte, barg er hinter dunklen Mauern. Sie hörten ihn laut mit sich selber sprechen, in Nächten, in denen sie der Schlaf nicht erlöste. Manchmal verließ er das Haus und blieb tagelang fort, brachte nicht wie sonst erkämpfte Beute vom Floß heim. Seine Stirne war wulstig von Gedanken wie die des Hauptes, das über Amatas Horizont geblickt hatte. Manchmal wieder legte er geschraubte und gewundene fremdartige Ideengänge bloß, in denen sie sich nicht zurechtfanden, oder sprang im Zickzack durch einen Wirrwar von Unverständlichkeiten.

Jetzt sahen sie ihn draußen im Garten wütend mit dem Spaten die Erde bearbeiten, nicht in geordneten Furchenzügen, sondern scheinbar planlos, da und dort und mit einer Erbitterung als bekämpfe er einen Feind. Doktor Lachnits Kampf mit dem Boden geschah aber mit gutem Bedacht. Er hatte fremde Fußspuren der weichen Scholle eingedrückt gefunden und war darüber hergefallen, um sie auszutilgen. Jemand schlich ums Haus. Jemand beobachtete, was hier geschah, und da er selbst unsichtbar blieb, wandte sich Lachnits Zorn gegen die Zeichen seiner Anwesenheit. Er stürzte sich mit dem Spaten auf sie, wühlte sie um und um, zerschlug die Schollen und ebnete den Boden. Er verfolgte die Fußtritte ins Gebüsch und wo er Zweige geknickt fand, schnitt er ganze Äste fort, um die Pflanzenwesen von der feindlichen Berührung zu entsühnen.

Um Mittag war er mit seiner Arbeit zu Ende, stach den Spaten ein und besah seine Hände. »Zehn,« sagte er, indem er die Finger schlenkerte, »warum teilt man dann den Tag in zweimal zwölf Stunden? Was gehen uns die alten Babylonier an?«

Er trug den Gedanken mit sich zu Tisch, wurde gesprächig über ihn: »Die Uhren,« sagte er, »man muß sich nur vorstellen, wie das ist. In der ganzen Welt ringsum stehen Türme mit Uhren, die die Zeit messen. Kann man sich etwas Schrecklicheres denken? Es gibt ein Instrument, das uns die Augenblicke zumißt, die wir zu leben haben. Jeder Pendelschlag schneidet ein Stück unseres Daseins weg. Das ist ein großartiges und fürchterliches Einverständnis, eine Verschwörung der Uhren gegen die Menschen. Die Uhrtürme sind die Spione der Vernichtung. Sie sind in scheinbarer Harmlosigkeit in allen Ländern aufgestellt und rufen einander die Losungsworte zu. Und in allen Uhrmacherläden, hinter Glas, von elektrischem Licht beleuchtet, auf Samtstreifen, in Etuis von rotem Saffian, aus himmelblauer Seide gebettet liegt ein tickendes, geschwätziges Heer von Feinden, von Edelsteinen blitzend, in blanken Spiegeln vervielfältigt. Wir selbst haben sie geschmückt und mit kostbaren Gewändern angetan. Und sie sind zum Dank beständig auf dem Vormarsch gegen uns. Sie zeigen die Stunde unseres Todes mit genau derselben Ruhe an wie jede andere. Und dennoch tragen wir einen solchen Spion des Todes sogar mit uns herum, wir lassen ihn in der eigenen Tasche ticken, nahe an unserem Herzen. Ich will euch etwas sagen, ich glaube – die beiden Mäuse, die an den Wurzeln der Weltesche Yggdrasil nagen, waren zwei Uhren. Schließlich war es ja dann auch den Deutschen verhängt, die Uhren zu erfinden.«

Die Frauen ließen die Rede über sich ergehen, sahen sich nur manchmal rasch und verstohlen an. Amata suchte unter dem Tisch der Mutter Hand und drückte sie.

»Nur wir hier,« fuhr der Doktor fort, indem er eine Gabel mit dem stumpfen Ende vor sich auf den Tisch stemmte, »nur wir hier sind eine Insel der Zeitlosigkeit. Hier hat der Tod keine Spione. Unsere Uhrtürme sind zerfallen. Die Uhren stehen still, das Werk ist verrostet, die Krähen haben Stroh und Federn zwischen die Räder geschleppt und sich Nester gebaut. Kein Turm hat mehr eine Stimme, die Glocken hängen stumm in den Stühlen, kein Hammer regt sich mehr zum Schlag gegen den metallenen Bauch. Während sich alle Türme ringsum im Menschenland die Losung des Todes zurufen, verharren wir hier ruhig ohne Zeit. Wir brauchen sie nicht. Und wehe uns – wenn die Zeit hier einbricht.«

Er zog triumphierend an silberner Kette die Uhr aus der Westentasche, ließ sie einige Male Pendelschwingungen ausbaumeln: »Meinen Todesspion habe ich unschädlich gemacht!« Er ließ den Deckel springen, da hört er das geschäftige Ticken des Sekundenzeigers, eine Kaskade von Zeittropfen. Er sah, wie das winzige Pfeilchen um seinen Drehpunkt gleichmütig von Teilstrich zu Teilstrich rückte, kleine Sprünge, deren Gesamtheit den Minutenzeiger langsam hinter sich herzog. Etwas bäumte sich in Lachnit auf.

Die Uhr, die er vor Tagen schon hatte ablaufen lassen, ging wieder. Sie hatte sich von selbst in Gang gesetzt und wies die Zeit.

Der Doktor Lachnit hob den Kopf, richtete sich hoch auf und sagte mit lauter Stimme, als erstatte er eine Meldung: »Es ist genau ein Uhr.«

Unverständlich blieb dies alles den Frauen, nur stieg ein fahles Gespenst von Angst daraus und drängte sie näher zusammen zu gegenseitigem Schutz. Nachdem der Tisch abgedeckt war, nahm Gundis allen Mut zusammen und folgte Lachnit in den Garten. Überwand die Scheu, legte wieder wie einst den Arm in den des Mannes: »Nimm dir's nicht gar so sehr zu Herzen. Schau: noch ist sie jung, sie kennt ja nichts anderes als unser Leben hier, sie weiß nichts von dem, was draußen ist. Noch schlummert die Sehnsucht ihres Blutes. Sie hat die Enttäuschung verwunden, der erste Eindruck von der Welt war Grauen, sie verlangt noch gar nicht nach weiterem. Und vielleicht kommt Hilfe, ehe wir es denken. Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben.«

Unter einem Birnbaum blieb Lachnit stehen, bog einen Zweig, auf dem kleine, grüne Birnen saßen, zu Gundis herab. Sein Arm entglitt dem ihren, schmiegte sich zärtlich ihrer Hüfte an, unsägliche Güte schwang in seiner Kehle: »Die Hoffnung!« Er wies auf die kleinen, grünen, unentwickelten Früchte: »Du hast recht. Auch das ist ein Gesetz. Es wird einmal große, duftende, goldhelle Köstlichkeiten geben. Süßes Fleisch von wundervoll weicher, schmiegsamer Haut überspannt, unter dem ritzenden Nagel quillt Saft heraus. Nichts bleibt auf dem Weg. Wenn es dem Menschen verloren geht, sind immer noch die Bienen da. Das sind auch Gottes Geschöpfe.«

Von Glück überwältigt, beugte sich Gundis über den Zweig. Wie ihn Lachnit losließ, schnellte er in die lichte Krone zurück, rückte sich an seinen Platz unter den Brüdern. Lachnit sagte mit einer verdunkelten Stimme: »Es muß uns geholfen werden. Und es wird uns geholfen werden.«

Der Tag hatte eine Wendung zum Guten genommen. Die Frauen sahen Lachnit bis zum Abend im Garten zweckvoll tätig. Er band Rosen auf, las Raupen von den Bäumen, trug dem Gemüse in Kannen Wasser zu. Ein Lichtkreis von Treue und Sorgsamkeit war um ihn, das Leben der Pflanzen schwoll ihm vertrauensvoll entgegen. Amata und die Mutter hielten Rat, wie sie wieder zu Hühnern kommen könnten. Sie stünden nun vor der Frage, konnte Gundis scherzen, was früher gewesen wäre, das Ei oder die Henne, es sei eine Preisaufgabe, und der Preis sei dann das Ei oder die Henne selber, je nachdem. In der Dämmerung wagte sich Amata sogar wieder ans Klavier. Sie spielte noch gar nicht lange, als draußen aufgeregtes Gegacker aus der Nußbaumkrone flog. Auf einem Ast saß ein Huhn, das lichtgelbe, eiertüchtige, von Gott selbst ge sendet, und entschied die Preisaufgabe. Es mochte damals dem großen Massenmord durch die Ratten entkommen sein und kehrte nach langer abenteuerlicher Selbständigkeit in die Häuslichkeit zurück. Amata und Gundis stürzten aus dem Haus, lockten mit süßestem Laut und hingestreuten Körnern. Das Lichtgelbe maß und maß und konnte sich nicht entschließen. Endlich plumpste es mit Gekreisch und Flügelschlagen vom Baum mitten unter die Körner, die es mit Hunger anfiel.

»Gerade die beste Leghenne,« sagte Gundis beglückt. Es war Hoffnung vorhanden, daß sie den Hahn noch nicht allzulange hatte entbehren müssen.

Sie riefen den Vater, den sie dunkel im Obstgarten sahen. Er kam nicht, schritt vielmehr von ihnen fort. »Laß ihn nur, er findet sich schon zurecht,« sagte Gundis voll Zuversicht. Sie trieben das Huhn dem Stall zu, es folgte willig, schien sich des Gewesenen zu erinnern, stieg die Leitersprossen hinan und plusterte sich auf der Stange zu einem lichtgelben Federball auf.

Zum Abendessen erwarteten sie den Vater umsonst. Er trieb sich noch im Garten um, die Dunkelheit schliff um ihn mit glatten, feuchten Flächen. Sie wich vor ihm eben nur zu einem schmalen Spalt auseinander, zwei Wänden aus schwarzem Glas und schloß sich lückenlos hinter ihm. Der Befehl war ergangen, aber der Doktor widersetzte sich, dachte ernstlich an Flucht. Blut verzischte ihm rauschend in den Ohren, die Bäume hingen voll Fratzen, die ihn schreckten. Es waren Köpfe, die an den Haaren ins Gezweig gewirrt waren, er stolperte über glitschige Leichenteile. Grauen war seine Strafe für den Ungehorsam. Er faßte sich zusammen, riß sich hoch, wie ein Pferd, das vor dem Abgrund scheut, und ging weiter, immer vom Haus fort. Aber da stand er dann plötzlich vor dem Unüberwindlichen. Es war eine Mauer aus Nacht, so hoch, daß man ihre Zinnen nicht sah und von einem Ende der Welt zum anderen hingedehnt. Mit dünnen, haarfeinen Nähten saßen die Quadern aneinander. »Es sind Verwachsungen von Urgefühlen,« sagte Doktor Lachnit überlegsam. Hier gab es nur Auflösung allen Widerstandes und Umkehren. Eine Schlinge erreichte ihn, ein Wurf von hinten und zog ihn zurück. Als er sich wandte, war der Weg ein einziges Gleiten. Der Boden rollte von selbst unter ihm dahin, beschleunigte seine Geschwindigkeit; Lachnit bog um das Licht, das über den Hof floß, als er die Treppe hinanstieg, warf ihn eine Stufe der anderen zu.

Jetzt stand er in seinem Arbeitszimmer, über dem Tisch sammelte sich Helle. In ihrem Mittelpunkt häufte sich graue Substanz in der Porzellanschale unter Glas. Proben davon waren in Glasröhrchen chemischer Behandlung unterworfen worden, der Doktor rückte an dem Spiegelchen des Mikroskopes, das schleuderte Licht auf die Zellenhäuflein unter der Linse. Er beugte sich über das Glas, ließ seinen Blick in das Rohr hinab, wo er die verkrümmten, verschrumpften, trockenen Klümpchen Plasma traf, eingedorrtes Leben, das dennoch voll von geheimnisreichen Kräften war.

Es konnte kein Zweifel sein, jeder Irrtum war ausgeschlossen. Was er da bei seiner Rückkehr von der mißlungenen Flucht auf seinem Schreibtisch gefunden hatte, war ein auf irgendeine unbekannte Weise getrocknetes Menschenhirn. Seine Untersuchungen waren peinlich vollständig gewesen, er hatte nichts versäumt, um sich Gewißheit zu verschaffen. Ein Präparat schließlich, wie andere auch, dem Mediziner kein Gegenstand besonderer Fragestellung. Zweierlei freilich blieb rätselhaft. Woher ihm das Ding in sein Arbeitszimmer gekommen war. Und dann, welche Art von Strahlen es aussandte. Sie schickten sich zu keiner der bisher bekannten Gattungen, aber sie waren vorhanden, objektiv nachweisbar; sie drangen durch Holz, Stein und Metall, sie beeinflußten die lichtempfindliche Platte, sie hatten eine zersetzende Wirkung auf Platinzyanüt und sie veränderten organische Substanzen. Doktor Lachnit hatte ihnen kleine Tiere ausgesetzt, Maden, sogar größere Raupen, sie waren unter den Strahlen einer Art von Lähmung erlegen. Wasser, das von diesem Gehirn beeinflußt worden war, zeigte im Mikroskop, daß alle Infusorientierchen die Bewegungsfähigkeit eingebüßt hatten. Das Leben im Wassertropfen war erloschen. Es erholte sich, dem Einfluß der Substanz entzogen, nach einiger Zeit wieder, aber nur, indem es sich einer Wandlung unterwarf. Aus den Tierchen wurden Zellen, die nun selbst mit menschlichen Gehirnzellen größte Ähnlichkeit hatten.

Immer deutlicher war es dem Doktor Lachnit geworden, daß diese Handvoll trockenen menschlichen Hirnes mit irgendeiner Energie geladen war. Wie er so über das Mikroskop gebeugt stand, drang es wieder wie Flut an ihm hinan, die nächtliche Flut, der keine Abwehr standhielt. Er riß sich von dem Tisch loß, begann zu wandern, seine Hände umspielten ihn mit unruhigen Bewegungen. Im offenen Fenster wehten Gardinen, es schien, als schleuderten sie mit ihrem Geflatter den Wind ins Zimmer, der sich aufgemacht hatte. Lachnit, plötzlich ganz zornentbrannt, faßte mit beiden Fäusten in die Falten, sie mit einem Ruck von den Stangen zu reißen. Besinnung kam zurück, daß Ursache und Wirkung verwechselt seien, er wurde wieder sanfter, ein Fauchen des Windes machte ihn taumeln, er schloß das Fenster.

Und nun roch er plötzlich die Masse sehr stark. Sie hatte einen eigenen, gemischten Geruch, von versengtem Horn, Elektrizität und Schokolade, der angenehm und unangenehm zugleich war. Er legte sich klebrig an die Nasenschleimhäute und trocknete den Hals aus, eines wie das andere gleich stark.

Mitten im Zimmer blieb Doktor Lachnit stehen, sah scheu nach seinem Arbeitstisch. Eine fürchterliche Müdigkeit saß ihm in Gliedern und Hirn, er wünschte nichts sehnlicher, als sich ihr einfach zu ergeben. Wenn es nach ihm gegangen wäre, so hätte er gar kein Bett aufgesucht, sondern sich hier der Länge nach auf den Fußboden gestreckt. Aber diesem rasenden Verlangen jeder seiner Nervenfasern stand etwas entgegen, eine niederträchtige, unterirdische Macht, die den Schlaf nicht herankommen lassen wollte. Sein Gehirn sollte trotz aller Müdigkeit wach bleiben, als müsse eine Widerstandskraft gebrochen werden, die noch dort ihren Sitz hatte.

»Ich will schlafen gehen,« sagte er laut, mit mühsamen Soffittenfalten auf der Stirn.

»Du darfst nicht,« höhnte etwas dagegen.

Er schloß im Stehen die Augen, auf die Gefahr hin, zu Boden zu krachen, irgend etwas paukte von innen gegen sein Trommelfell. Er versuchte es, das Gehör auszuschalten, ein stechender Glanz kroch ihm unter die zugekniffenen Lider und jagte ihm Nadeln von Licht in die Pupille. Da beschloß er, das Aufrüttelnde, Weckende zu überlisten. Aus dem Bücherbrett, am rechten Flügel der Reihe, stand ein mächtiger Band, braunes Leder mit rotem Rückenschild, Klopstocks »Messiade«. Er langte darnach mit matten Händen, fühlte das Buch schwer wie einen Ziegel, schlug es aber auf und begann im Stehen zu lesen:

»Sing, unsterbliche Seele, der sündigen Menschheit Erlösung . . .«

Es durchzog ihn wohlige Zuversicht, daß er an irgendeinem Hexameter betäubt hinstürzen würde. Sie galoppierten im Gleichtakt hintereinander her, die rhythmischen Wortreihen, eine unübersehbare Herde von Pferden, je sechs in einer Reihe. Gleichmäßig wogende Rücken bis an den Horizont, nickende Köpfe, die Mähnen alle nach einer Seite wehend, der Leser spürte das Zittern der Prärie unter seinen Beinen, der Takt der Hufe durchstieß ihn selbst, löste ihm die Eingeweide von ihren Bändern und schaukelte sie in der Höhle seines Leibes hin und her. Er las und hatte das Gefühl, daß die Herde von Urbeginn aller Zeiten über die Ebene rase und keine Macht der Welt ihren Lauf hemmen könne. Ewigkeiten las er sich hindurch ohne Wechsel des Bildes, immer nur neue Wellen von Pferden, mit gleichmäßig wehenden Mähnen, aufgerissenen Nüstern und donnernden Hufen.

Plötzlich brach sich die lebendige Woge mitten im Gefild. Sie zerstürzte nach beiden Seiten, wie eine Scholle entzweibricht, das Donnern der Hufe bröckelte in Abgründe. Alles war im Nu weggefegt und in die hallende Stille hinein sagte Lachnit und eindringlich: »Es denkt.« Und wußte zugleich, daß er die ganze Zeit über, unter den Hufen der Herde von Hexametern, nichts anderes getan hatte, als diesen einen Gedanken bilden: »Es denkt.« Was er bisher in vielen wachen und wie heute in Kämpfen verbrachten Nächten mühsam und zaghaft ertastet hatte, war heute mit einemmal Gewißheit geworden: diese Substanz dort drüben auf seinem Tisch, dieses mit Energie geladene Häuflein von Gehirnzellen – dachte . . .

Blaugrünes Flimmern übersprühte seine Netzhaut, mit zusammengekrampften Pupillen rissen seine Augen ein Bild an sich. Die Handvoll trockenen Hirnes war aufgequollen, lag mit prallen Windungen und Blutadern dazwischen, ordentlich der Länge nach geteilt auf der Porzellanschale. Dieses Gehirn zuckte und zitterte, schwoll von innerer Lebendigkeit und Kraft, es war von einem blaugrünen Flimmern überdeckt, das in seinen Netzen aus den Windungen stieg. Wie Splitter von Licht glomm es über die beiden blutdurchlaufenen Hemisphären.

Und indem der Doktor die Erscheinung betrachtete, wußte er plötzlich, was zu geschehen hatte.

Das Einzige!

Er konnte es dem Gehirn, das da in seiner Porzellanschale lag, prall und frisch, von Blutäderchen durchzogen, ansehen, er konnte seine Gedanken unmittelbar wahrnehmen. Denn es waren seine eigenen Gedanken, deren Flimmern und Pulsen er sah, es war ja dieses Doktors Lachnit eigenes Gehirn, das vor ihm in der Schale lag. Der Klopstock krachte zu Boden, verbog ein Eck. Er beugte sich über die Masse, die Hände seitlich von der Porzellanschale gegen den Tisch gestemmt. Da war das Sprühen der Zellen, der Phosphorglanz der Atome wie aus dem Hintergrund seines Auges. Wunderlich ergriff es ihn, das Leben seiner Gedanken vor sich zu erblicken.

»Wo ist die Bindung?« flüsterte er, atemlos. Die Hände glitten ihm davon, seitlich die Tischkante entlang, bis sie zu den Ecken kamen. Hier hielten sie sich, indessen er in die Knie sank. Seine Schädeldecke war dünn wie Pergament, er konnte durch sie hindurch einen Nachthimmel gewahren, auf dem eine große Hand mit leuchtenden Ringen an den Fingern in den Schleier der Milchstraße faßte und ihn raffte, daß die Schwärze des Abgrunds dahinter sichtbar war. Es ist die Hand des Schicksals, sagte er sich. Er sah Amata am Klavier im grünen Licht vom Garten her. Er sah auch den Trümmerhaufen der Schottenkirche, auf dem einer der wilden Hunde eine halbverweste Leiche fraß. Er sah einen Kampf um das Floß, mit Messern und Zähnen. Alles das war in unlösbarem Zusammenhang, war eines ins andere gewebt, aber irgendwo war der Beginn des Fadens. Das Flimmern überspritzte Lachnit mit unzähligen gleichzeitigen Bildern, die er gierig einsog, während er mit ausgebreiteten Armen davorkniete, das Gesicht um nicht mehr als Handbreite über dem arbeitenden Gehirn.

Plötzlich sank ihm die Stirn gegen die Tischkante. Der pergamentdünne Knochen barst und durch die Bresche ergoß sich ein heißer, zäher Strom in seinen Kopf, füllte wie flüssige Lava alle Winkel aus, kittete sich an die Wände und Falten der Wölbung. Dunkelheit brach rasch ein, in der ein unheimlich düsterroter Schein eines metallischen Gusses verglomm.

Am Morgen fand er sich auf dem Boden seines Arbeitszimmers. Er wusch sich, trat hervor, trug ein alltägliches, gewöhnliches Lächeln. Auf dem Gesicht der Frauen saßen noch die Schrecken der Nacht, hingen grau unter den Lidern wie Fledermäuse im Licht. Sie hatten ihn lange laut sprechen gehört, im Takt eines Gedichtes, dann war plötzlich eine zweite Stimme dazugekommen, hart und befehlend, die Stimme des Vaters und doch die eines Fremden. Schreckliches Stöhnen machte die Frauen halb irrsinnig. Sie tobten gegen die Türe, deren innere Polsterung die Laute nicht klar hindurch ließ. Sie legten eine Leiter an die Außenwand, sie brach, als Amata auf der dritten Sprosse war, zusammen. Da schwang sie sich in den Nußbaum, um von weitem in die Fenster zu sehen. Sie hatte vergessen, daß die Scheiben aus Milchglas bestanden. Ein Ziegel rutschte vom Dachfirst, zersprang auf dem Pflaster des Hofes. Um Amatas Füße pfiffen Ratten, größer noch, als sie irgendwelche bisher gesehen, sie umdrängten sie unverschämt, hatten allen Gehorsam aufgesagt. Alles war voll Tücke und Bosheit, sie blieben ausgeschlossen vom Zimmer des Vaters, wußten nicht, was geschehen war, wühlten sich schlaflos aus einer Stunde in die andere bis zum Dämmern des Tages.

Mit dem Morgen war alle Wildheit der Nacht wieder besänftigt, das Haus sah aus wie sonst, dem Vater war nichts anzumerken. Ruhe umpanzerte ihn, fester Ernst machte ihn geschlossener, als er in den letzten Tagen gewesen war. »Wir wollen nicht fragen,« flüsterte Gundis, »wenn er nicht selber spricht.« Nach dem Frühstück ging er federnd durch die Zimmer, sagte beiläufig zur Tür der Küche hinein, wo Amata mit der Mutter Geschirr wusch, gestern Versäumtes nachzuholen: daß er einen Gang in die Stadt machen wolle und Amata zur Begleitung wünsche. »Geh mit ihm,« sagte Gundis, »jetzt ist er wieder auf dem Weg zu sich. Mit dir wird er sich ganz finden.«

Seltsames Begehren war das. Sonst war Amata von den Wanderungen durch die Ruinen ausgeschlossen gewesen, in Haus und Garten aufgewachsen, wußte sie von der Stadt nur, was ihr erzählt wurde. Wenn Gundis den Wunsch des Vaters erwog, so fand sie auf seinem Grunde, daß er sich in das Unvermeidliche ergeben hatte und Amata für reif genug hielt, die Erkenntnis der Lage auf sich zu nehmen.

Bang erregt ging Amata mit dem Vater. Es war eine Bewegung in ihm, die aus ihrem Herzen etwas herausriß und ihr wehe tat. Sie fühlte, daß es schmerzhafte Klarheiten gibt, aber sie war in eine morgendliche Tapferkeit getaucht und machte sich frei. War es ein Opfer, dann war es auch nötig, wenn er es so befand. Daß die Straßen leer und von Pflanzenwuchs überwuchert waren, verwunderte Amata nicht sonderlich. Erst, als sie weiter in das Innere der Stadt vordrangen, staunte sie die steilen Häuserfronten hinan, die enge Pässe zwischen sich gepreßt hielten: »Wie haben hier Menschen wohnen können?«

Lachnit sprach wenig. Hie und da wies die Hand, deutete ein Wort. Schienenstränge: Bahnen fuhren hier durch die Straßen. Bogenlampen: sie warfen nachts Licht auf Häuser und Menschen. Ein Theater: hier entäußerten sich Menschen ihres Seins und krochen in fremdes hinein. Manche Firmenschilder waren nicht ohne Schwierigkeiten zu erklären: Veteranenverein, Möbelversicherung. Manche Fragen wandten sich, kaum getan, wieder um und wollten zurück.

Einmal sahen sie ferne am Ende der Straße den raschen Schwung und Vorübersturz eines Wagens, von Geknatter umwirbelt. Lachnit riß Amata an die Wand in ein Tor.

»Menschen!« zitterte Amata.

»Sie helfen uns nicht. Wir müssen uns selber helfen.«

An einem langen, gelben, trostlos zerbröckelnden Gemäuer kamen sie vorüber, stiegen über rostig niedergebrochene Gitter in einen Hof. »Es ist das allgemeine Krankenhaus,« sagte Lachnit. Die Steine stießen Kälte aus, Amata sah in kahle Säle mit zertrümmerten, eisernen Bettgestellen und schmutzigen Haufen von Lumpen. Wie Schwämme hatten die Wände den Geruch der Desinfektionsmittel eingesogen, der Medizinen und scharfriechenden Salben, den Nachtschweiß der Patienten, sie waren noch nach so viel Jahren voll von dem Stöhnen und Röcheln der Sterbenden, von den Schreien der Verzweiflung. Und sie gaben all das jetzt wieder von sich, als Menschen kamen, umhüllten sie mit einem übelriechenden Dampf.

»So viele Zimmer!« staunte Amata. Kranksein war ihr wohl an sich selbst bekannt geworden, sie vermochte es nur nicht zu vervielfältigen.

»Es war immer zu wenig Raum,« sagte Lachnit, »der Andrang war zu groß.«

Immer neue Gänge und Zimmer. Höfe lagen um Krüppel von Bäumen, hielten noch ein Lächeln von Genesenden in weißen Kitteln. Lachnit öffnete die Türe zu einem Saal mit Stein, Glas und weißen Kacheln. Er lächelte, Amata fror an diesem Lächeln: »Hier habe ich operieren gelernt.«

»Du warst berühmt, Vater. Mutter hat mir erzählt, daß du die wunderbarsten Rettungen vollbracht hast. Menschen, die schon verloren schienen . .! Daß deine Kunst hier zugrunde gehen muß!« Sie flüchtete mit ihrer Angst vor ihm ins Wort.

Der Doktor ging um den Saal, witternd, wie auf den Fährten der Vergangenheit. »Wenn wir uns bis zum Äußersten gewagt hätten . . . Es war immer zuletzt ein: das darf man nicht. Hätten wir es damals gewagt, so wären wir jetzt nicht so zerstört und verkommen. Aber noch ist es nicht zu spät. Noch kann man helfen. Es müssen noch Hunderte von Menschen in den Trümmern leben. Sie sammeln und gesund machen!« Er hob die Brust, sie dröhnte unter seinen Fäusten: »Es ist nicht der morbus Viennensis! Das ist eine lächerliche Furcht. Der erlischt von selbst. Aber die Gehirne sind krank. Das ist das Fürchterliche, und hier muß die Rettung kommen. Es ist jemand da, der die Gehirne vergiftet hat. Eine Seuche hat die Menschen ergriffen, eine Art Zersetzung der Gedanken. Die Gedanken sind an mechanische Vorgänge in den Gehirnzellen geknüpft. Die Seuche hat diese mechanischen Vorgänge verändert, sie müssen wieder in Ordnung gebracht werden. Darüber stand das Verbot: Das darf man nicht. Das darf man nicht? O ja, man darf es, man muß es, wenn man ihnen helfen will.«

Er nahm Amata an der Hand, flüsterte: »Du wirst mich verstehen. Es handelt sich darum, in das Gehirn die Pole thermoelektrischer Elemente einzuführen und den Strom einwirken zu lassen. An Tieren hat man es gewagt, vor Menschen stand dieses: das darf man nicht. Aber dem Menschen kann nur durch den Menschen geholfen werden. Immer steht vor der Erlösung ein Opfertod.«

»Vater?« sagte Amata, gläsern in einer metallischen Schraube. Schon war sie willenlos, das Leben nur noch ein Funken von Angst ganz innen. Die Gerüche des Saales, Blut und Karbol umschlossen sie. Der Doktor ließ ihre Hand nicht mehr los, zog sie hinter sich her, öffnete die Türe zu einem kleineren Nebenraum: Stein, Glas und weiße Kacheln. »Ja! Hier!« sagte der Doktor. Auf einem Glasschränkchen jagten blanke Instrumente Lichtspitzen aus dem Stahl. Scheren, Messer, Spitzen und Schneiden und lange dünne Sonden. Ein länglichrunder Tisch mit einer Marmorplatte fing den ganzen Tagesschein des breiten Fensters.

»Man nimmt ein kreisrundes Stück des Schädeldaches heraus und setzt eine Glasscheibe ein, da kann man dann die Vorgänge im Gehirn genau beobachten. Die exakten Feststellungen sind unerläßlich . . .«

»Vater!« Amata schrie sich los, warf sich mit einem Sturz ans Fenster. Sie sah hinab. Es lag turmhoch über einem Hof mit Krüppelbäumen, die ganz klein schienen. Drei Menschen in weißen Kitteln gingen so zwischen den Bäumen herum, daß ihr Weg eine Acht beschrieb.

»Aber die liegende Acht ist das Zeichen für unendlich,« sagte Lachnit, in dem er den Schlüssel von der Tür abzog. Er trat an den Tisch, streckte die Hände weit von sich. Es sprach aus ihm, nicht mit seiner, sondern mit jener Stimme, die Amata nachts in seinem Zimmer gehört hatte: »Und er sprach: ›Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde'.« Schatten stand um ihn, hing ihm faltig von den Achseln, seine Zunge wälzte sich im Munde.

»Komm her!«

Ihre Füße gingen, vom Becken an sträubte sich ihr Leib, ihre Brüste waren voll fressenden Feuers, aber die Füße gingen. Jetzt war sie da, er schlug die Hände um ihre Schulterblätter und loderte den fürchterlichen Blick in ihre Augen: »Jeder Mensch trägt sein Schicksal in den Augen geschrieben. Der Iris sind geheimnisvolle Schriftzüge eingeprägt, aus Fasern und Streifen, Vertiefungen und Erhöhungen setzen sich Buchstaben zusammen, die das Rätsel seines Daseins künden. Es wäre vielleicht besser noch als die Fingerabdrücke Bertillons, wenn man diese wunderbare Schrift des Auges als Erkennungszeichen nehmen wollte. Der Chirurg Formius berichtet von einem jungen Mann, dessen linkes Auge die Inschrift trug: ›Loué soit Dieu', und zur Zeit Napoleons gab es eine Menge von Kindern in Frankreich, deren Augeninschrift lautete: ›Napoleon empereur‹ . . . Der Körper weiß um das Geschick der Seele früher als sie selbst und hat seine Runen . . .«

Amata fühlte ihre Sehkraft unter dem Blick des Vaters zerstört. »Was steht in meinen Augen?« stammelte sie, halb blind.

»In deinen Augen steht . . .: Post mortem!« Sein Lesen war wie ein schneidendes Messer im Augapfel.

»Was heißt das?« mühte sich noch eine Frage vom Rande des Dunkels.

»Das heißt . . .: nach dem Tode!«

Da fühlte Amata noch, wie ihr die Hände des Vaters den Leib mit unwiderstehlichem Zwang hintenüberbogen. Sie hatte noch die Kante des länglichrunden Tisches an den Hüften, jetzt drückte sie die Last eines Berges kopfüber in eine Nacht, in der nur die weißlichen Kittel dreier Menschen sichtbar waren, die in Achterform um zwei feste Punkte gingen. Zuletzt wußte Amata noch, daß die zwei festen Punkte ihre Hände waren und daß sich der Achter in zwei unzerreißbaren Schleifen um sie gelegt hatte und sie an etwas Hartes fesselte.



14. Der Mann, der in das Tagebuch schrieb.

Selina strich um Mac Kinley. Sie zeigte Denkerfalten und Geistigkeit, um Vertrauen zu ihrer Überlegenheit zu erwecken; sie sprach in der Nähe Mac Kinleys laut und sachlich von Geschäften – man sollte sehen, daß sie vor Geldangelegenheiten nicht zurückschreckte; sie schauspielerte Kätzchenhaftigkeit und schnurrte weich um ihn herum; vielleicht daß irgendwelche Reste von Gefühlen in ihm Antwort gaben und ihn ihr näherten. Sie war nicht wählerisch in ihren Mitteln. Mac Kinley saß da, väterlich wohlwollend, bei einer Flasche Portwein, spannte eine ungeheuere Zeitung vor das rote, sommersprossige Gesicht, scherzte bisweilen mit Selina. So beiläufig, wie man zum Spiel in lauem Wasser plätschert, ganz ohne Hintergründe.

»Ich muß wissen,« klagte sie dem Vater und Fred Gregor, »ich will wissen, was er im Schilde führt. Was kann von Mac Kinley Gutes kommen? Was beabsichtigt er anderes als immer nur seinen Vorteil. Kann man etwas Gutes, Großes von ihm erwarten, einen Anstieg, Handreichung zu einem Empor? Sehen Sie ihn nur an: dieser Umfang, die plumpen Hände, das Karpfenmaul, wie kann in einem solchen Körper ein Geist wohnen, der eines Aufschwunges fähig ist? Ich fürchte das Schlimmste, wenn er sich der Stadt bemächtigt.«

»Sie lassen ihn aber nichts davon merken, daß er Ihnen widerwärtig ist,« sagte Fred Gregor düster, »Sie umtanzen ihn wie einen Götzen . . .«

»Nehmen Sie Ihre Zunge besser in acht, Fred,« warnte Selina in jäh anschießendem Zorn.

Zwiespältig war Gulliver, äußerte sich bedenklich, in der Haltung eines Verteidigers: »Immerhin . . . er hat merkwürdige Gedanken in sich . . . die man ihm nicht zugetraut hätte. Man muß sagen . . .«

»Ich möchte sie kennen lernen, diese Gedanken,« warf sich Selina auf, gefechtsbereit, mit gespannten Schultern, »es würde mich freuen, sie zu hören. Und was für Bedingungen sind das, von denen er da spricht? Welche Umstände wartet er ab, um einzugreifen?«

Sie sprach fast von nichts anderem mehr als von Mac Kinley und seinen möglichen Plänen. Manchmal sah es aus, als wolle sie sich auf ihn stürzen, um ihm sein Geheimnis gewaltsam zu entreißen. Sie saß ihm bisweilen gegenüber, nur die Zeitung war wie ein Schutzschild zwischen ihm und ihr. Einmal begann, wie sie so saß, die Zeitung plötzlich an einer Stelle braun zu werden, zu qualmen, sich zu krümmen, jetzt brach Glut aus, fraß rasch ein kreisrundes Loch und glomm zuckend vom schwarzen Rand aus weiter. An einer zweiten Stelle geschah dasselbe, an einer dritten, vierten, fünften . . .

Es sah wirklich so aus, als hätten Selinas Blicke das Blatt in Brand gesetzt und Fred Gregor beugte sich über sie, um ihr zu sagen, sie möge sich in acht nehmen.

»Nein,« sagte Mac Kinley, »es war meine Zigarre.« Er hatte das Blatt sinken lassen, zwinkerte lächelnd über den oberen Rand. »Ich war im Begriff, Ihren Namen in die Zeitung zu brennen, Miß Gulliver. Aus Verehrung, aus reinster Verehrung! Sehen Sie nur!« Er wandte das Blatt um. Die fünf Brandlöcher saßen nebeneinander und ergaben in ihrer Verbindung wirklich den ersten Aufschwung eines S.

Selina war beschämt und gedemütigt durch diese zarte Aufmerksamkeit, zog sich auf ihr Zimmer zurück und war nahe daran zu weinen, sie war voll Hilfsbereitschaft, aber da nahm ihr jemand die schon ausgestreckten Hände vom Werk und verurteilte sie zu untätigem Warten, während sie doch wußte, daß keine Zeit zu verlieren sei.

Am siebenten Tage nach ihrer Rückkehr stand Gulliver mit Fred Gregor im Gespräch an einem Fenster, da senkte sich etwas von oben her vor ihre Stirnen nieder, eine kleine rote Pfefferbüchse, die an einer Schnur hing. Langsam schaukelte sie im Wind, entzog sich einige Male in plötzlichem Sprung ihren Händen, ließ sich aber endlich greifen. Im blechernen Bauch barg sich ein Schriftstück. Es wurde entrollt, geglättet, mit dem Aschenbecher beschwert, auf dem eine silberne Meerjungfrau in gläsernen Wogen schwamm.

Das Schreiben lautete: »P. P. 315426.137 ai 25 nach Morgenstern. Die Regierung beehrt sich, Mister Phöbus A. Gulliver mitzuteilen, daß Miß Selina Gulliver behufs Vornahme einer geplanten Finanzoperation einstweilen in Verwahrung genommen wurde. Die Regierung beehrt sich die republikanisch-revolutionäre Versicherung abzugeben, daß die persönliche Sicherheit der Genannten in keiner Weise gefährdet ist, daß sie vielmehr mit aller gebührenden Auszeichnung und Hochachtung in hiesigem Depot gehalten werden soll, bis die Finanzoperation zum gedeihlichen Abschluß gebracht ist. Im persönlichen Auftrag der Genannten beehrt man sich hinzuzufügen, daß sie sich vollständig gesund und wohlauf befindet und mit dem Studium der Verhältnisse beschäftigt ist. Weitere Nachrichten, die Finanzoperation anlangend, werden folgen. Der Depotschein liegt bei. Im Auftrage der Roten Hand: Der Staatskanzler Dr. Jeremias Laufer.«

Der Depotschein, der beilag, war eine alte Straßenbahnfahrkarte.

»Die Nachricht kommt etwas zu spät,« sagte Gulliver bedauernd.

»Sie haben wahrscheinlich einen etwas beschwerlichen Instanzenzug,« sann Fred Gregor, »manchmal ist der Verwaltungsapparat schlecht geölt.«

»Die Zustellung hat vielleicht Schwierigkeiten gemacht.« Gulliver wies auf die Pfefferbüchse an der Schnur, die eben mit einem plötzlichen Satz hinter dem oberen Fensterrahmen verschwand.

»Ob sie nicht erst den Telegraphisten bestechen mußten?« bedachte sich Fred.

Gulliver rieb die Hände: »Lassen wir das. Freuen wir uns, daß unsere Sorge von uns genommen ist und daß wir Selina wieder haben.«

Aus zuckenden Händen, die absanken, hob sich Freds zerwühltes Gesicht. »Ich fürchte, wir verlieren sie wieder. Es ist eine Unruhe in ihr. Bemerken Sie doch, wie sie diesen Mac Kinley umschleicht. Warum läßt sie ihn nicht tun, was er will? Warum ist dieser Plan ein Teil ihres Wesens geworden? Er stammt nicht aus ihrem Kopf, sondern aus ihrem Herzen. Irgend jemand steckt dahinter.« Er krampfte die Finger zu Klauen: »Ich muß ihn finden. Ich fühle ihn, ich reiße ihn aus ihr heraus.«

»Tun Sie es,« sagte Gulliver, »Sie haben Vollmacht.«

Fred Gregor fand wenig Trost bei Gulliver, merkte, daß der Vater sich nicht an seine Tochter wagte, voll Anbetung und Hingabe, wie er war. Er nahm ihren Willen schon wie ein Schicksal, Fred aber wollte sich nicht werfen lassen. Er lauerte ihr auf, wurde schlau, umgab sie mit sich, durchtränkte ihre Luft mit seinem Sein. Sie sollte überall auf ihn stoßen, ihn mit jedem Atemzug sich einverleiben. Sie aber schien ihn nicht zu merken, war unangreifbar, durch eine in ihren Adern rollende Macht unempfindlich gegen alles andere. Fred tat, als sei auch ihm nichts wichtiger, als hinter Mac Kinleys Vorhaben zu kommen. »Ja, man müßte es wissen, dieser Mensch ist gefährlich.« Während er aber den kühlen Rechner in sich pflegte, bemerkte er etwas Fürchterliches: seine Handlungen waren ohne Zusammenhang, seine Bewegungen verloren den Bezug auf ein Ich. Es entglitt irgendwohin. In den Nächten verbrannte sein Blut nach Selina. Er raste seine Sehnsucht nach ihr in die Polster hinein, er heulte die Wände an, lautlos, nur mit einem wilden Ansprung innerer Stimmen.

Eines Tages, während des Speisens, ging er zu dem Tischchen hinüber, an dem Mac Kinley über einem Rindsstück mit Madeiratunke schnaufte, und flüsterte ihm die Frage zu, was Mac Kinley vorziehe, eine Ohrfeige vor allen Leuten oder ein amerikanisches Duell mit ihm.

Mac Kinley unterbrach sich nicht einmal im Kauen und flüsterte zurück: »Junger Mann! Junger Mann! Ich bin's doch gar nicht.«

»Sie haben recht,« sagte Fred Gregor verstört und zog sich zurück.

Ein Stubenmädchen war da, das abends beim Aufbetten immer lange in Freds Schlafzimmer verweilte und sehr zärtlich über die Kissen strich, als wolle sie das Bett mit guten Träumen segnen. Sie hieß Lizzy, hatte Indianer unter ihren Ahnen, ihre Nüstern schwangen auf reizvolle und verheißende Art, hinter fruchtreifen Lippen lag Schnee von Zähnen. Die weiße Schürze über dem schwarzen Kleid schnitt süße Kurven. Fred Gregor merkte endlich ihre Gewogenheit, sein aufflammender Körper bog sich ihr entgegen. Er scherzte mit ihr auf den Gängen und Treppen, zog sie vor Selinas Tür, wollte sich durchaus mit ihr erwischen lassen. Einmal trat er wie unabsichtlich mit dem Absatz gegen das dröhnende Holz der Türe. Lizzy erschrak und flüchtete hinter einen Pfeiler, aber es kam niemand. Ihre Leidenschaft machte ihn heiß, endlich rückte das Unvermeidliche heran. Die Dämmerung zwang sie zueinander, er glühte über ihrem hingesunkenen Leib, sie kam ihm entgegen mit einem Geruch von Wäldern und Tieren der Prärie. Ihre Schultern leuchteten rund und gelblich.

Er flüsterte im Hinsturz: »Selina,« sie berichtigte sanft und hingegeben, selbst damit schon zufrieden: »Lizzy.« Da sah er unter seinen suchenden Lippen das Gesicht eines alten Indianerweibes, mit vorstehenden Backenknochen, über die lederfarbene Haut gespannt war, mit strähnigem, gesalbtem Haar, roch Fett und Ruß von Lagerfeuern und schlechtgegerbte Häute. Er warf sich zurück und stieß sie vor die Brust: »Geh.« Da sie, an der Schwelle noch verleugnet, zögerte, riß er sie hoch, trieb sie zur Tür. Sie stöhnte, wand sich wie ein zerstückter Regenwurm, er jagte sie hinaus.

In dieser Nacht lief er allein durch die Straßen, schoß aus seinem Revolver einen der großen, wilden Hunde, die mit den Ratten im Kampf standen. Müde saß er am Morgen auf einem Säulenstumpf der Ruine des Theseustempels im Volksgarten, eine letzte Patrone stak noch in seiner Waffe. Er feuerte sie gegen die Krähen ab, die rundum über den feuchten Rasen spazierten. Wie die schwarzen Vögel abstrichen, hatten sie eine Bewegung, die den Künstler in ihm erweckte.

Am Vormittag kam er zu Selina, die, mit dem Bleistift in der Hand, vor einem Gewimmel von Zahlen saß: »Es wäre Zeit, wieder an unser Bild zu denken.« Selina sah aus grauen Augen drein, erinnerte sich nur mühsam: »Ach ja! Es ist nicht so wichtig!«

»Ich bin doch eigentlich deshalb mitgekommen,« beharrte Fred. Er überredete sie zu einem Spaziergang nach dem Lunch, damit komme er am besten in die verlorene Stimmung zurück. Seufzend fügte sie sich. Als sie aufbrachen, regnete es. Das tagealte Grau des Himmels löste sich endlich in Getröpfel auf. Es stand ohne sichtbaren Fall zwischen den Wolken und der Erde, eigentlich weniger Regen als ein feuchter Ausschlag in der Luft. Wo sich am Boden Lachen bildeten, regte es sich sogleich von allerlei Getier, einer Art von gelblichen und blaßroten kleinen Würmern, die im Staub nur auf die Nässe gewartet zu haben schienen, um lebendig zu werden. Selina und Fred achteten nicht auf den Weg, sie gingen in einem Gespräch über vergangene Dinge, das Fred angezettelt hatte. Er kramte Familienerinnerungen aus, eine seiner Urgroßmütter hatte Beethoven gekannt, eine seiner Großmütter hatte in einem Festzug Makarts als Vindobona mitgewirkt, ein Bruder seines Vaters, der in England gelebt hatte, war auf der Überfahrt nach Amerika mit einem torpedierten Schiff untergegangen; just am selben Tage an dem Fred geboren worden war. Er lächelte: »So begegnen sich Geburt und Tod,« spähte dabei nach Selinas Anteil an all diesen Dingen.

Durch die sich in Feuchtigkeit zersetzende Luft spreizte sich Gestänge im Rund, ungeheure Speichen, die von einer dicken Nabe nach einem Ausschnitt des Himmels liefen. Schwere Wagen hingen von der Felge in das Gestänge: das Riesenrad. Selina merkte, daß sie geführt worden war, unbewußter Antrieb hatte sie dem Nordbahnhof näher gebracht.

Plötzlich fiel eine Stimme auf sie nieder, aus dem grauen Regen: »Darum aber spreche ich vom Antichrist, weil er das Angesicht Christi trägt und dennoch der Widersacher ist von Anbeginn.

Und darum heißt es auch in der Schrift: ›Kinder, es ist die letzte Stunde! Und wie ihr gehört habt, daß der Widerchrist kommt, so sind nun viele Widerchristen geworden; daher erkennen wir, daß es die letzte Stunde ist.‹«

Die steinernen Seeungeheuer am Fuße des Tegetthoffdenkmals, specktriefend schwarz von Nässe, glotzten. Am Schaft der Säule mit ihren Auswüchsen von antiken Schiffskörpern kletterten die Blicke hinan unter dem Dach der Hände, fingen sich an den gekrümmten Schnäbeln mit den Rammsporen und fanden endlich oben, undeutlich im Gespinnst des Regens, eine Gestalt. Regungslos. Doch Worte rannen herab über die Schiffsschnäbel bis auf die von Nässe speckig glänzenden Rücken der Seepferde. War der Held von Lissa wieder lebendig geworden und hatte seinen Platz eingenommen? Aber man hatte ihm wie allen anderen Heerführern, Staatsmännern, gekrönten Häuptern zu Zeiten des großen Bildersturmes ein Seil um den Nacken geworfen, ihn gestürzt und zwischen den Gebüschen des Praters kurz und klein geschlagen. War er als rachsüchtiger Geist wiedergekehrt um Furcht und Schrecken zu verbreiten?

»Eia,« polterte es aus der Höhe, »eia, ihre Mienen sind voll Gleisnerei, ihre Gebärden voll Sanftmut, sie tragen die Herzen auf den Händen und bieten sie auf den Straßen aus. Inwendig aber sind sie voll Geschwür von Bosheit und fälschen den Sinn von Christi Wort. Sie sprechen zu den Völkern: verbrüdert euch! und zu den Menschen: ihr seid alle gleich. Dabei aber denken sie an ihr Geschäft und wie sie könnten ihre Taschen füllen, wenn die andern die ihren ausleeren müssen um der Brüderlichkeit willen und der Gleichheit der Brüder. Sprach nicht der Herr selbst zu seinen Jüngern, da er auf dem Ölberge saß: ›Es werden falsche Christi kommen und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, daß verführt werden in den Irrtum auch die Auserwählten.'?«

»Ein Säulenheiliger!« sagte Fred Gregor. Es war lichter um die Gestalt in der Höhe geworden, sie sahen zwei knorrige Beine in wurzelhafter Nacktheit, darüber einen verschrumpften Leib von trockenem Leder, eine Höhlung der Bauch, die Knochen durchgedrückt, Reifen die Rippen, zwei Handgriffe die Schlüsselbeine. Vom steilen Gipfel des Kopfes quoll ein Schopf weißer Haare, im Urgestrüpp des Bartes glommen die Feuerstätten zweier Augen. Dürr hingen die Hände eingefallene Flanken hinab.

Aber der Eifer war groß: »Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in das Himmelreich eingeht. Und auch das will Christus, daß man Hab und Gut abtue von sich, sein Kreuz auflade und ihm nachfolge. So hat er gesprochen: und folge mir nach! Es ist nicht genug getan, arm zu sein, der Herr verlangt, daß man ihm folge, nicht im Scheine, sondern in der Wahrheit und jeder auf seinem Wege und nach seiner Art, nicht auf der Straße der Herden. Sie aber haben die Lüge als Maske vor das Angesicht gebunden, dahinter sind die Mäuler von Wölfen, Füchsen und Schakalen. Mit glatten Zungen haben sie uns das Innerste verkehrt, daß wir uns selbst nicht mehr kennen und meinen, die Gleichheit sei in den Gütern dieser Welt. Der Herr aber will, daß sie sei im Glauben. Den aber haben sie uns verpestet, sie haben unsere Heiligtümer betreten mit dem Schmutz ihrer Sohlen, haben die Altäre gestürzt, auf denen Gott wohnte, die Falten unserer Seelen haben sie zerrissen, daß wir bei jedem Blick in uns ihre falschen Fratzen sehen. ›Wir, wir, wir,‹ schreien sie, sich auf die Brust schlagend, ›wir verwalten das Gut, die echte Erbschaft Christi, die ihr verloren habt, weil ihr ihrer nicht würdig gewesen seid.‹ Im Namen der Gerechtigkeit haben sie die Gerechtigkeit erschlagen, die Ehrfurcht, die wahre Demut, die Scheu, die Andacht. Das Unsagbare haben sie mit ihrem Haß überschüttet und ausgetilgt und an seiner Stelle das Sagbare aufgerichtet, das Wort nach jedermanns Munde. Es sind die, über die der Herr sein Wehe gerufen hat, die Heuchler, die verzehenten die Minze, Dill und Kümmel, die Becher und Schüsseln auswendig rein halten, inwendig aber sind voll Raubes und Fraßes, die übertünchten Gräber, auswendig hübsch, inwendig aber voller Totenbeine und allen Unflats, die Frommen, die inwendig voller Heuchelei und Untugend sind. Es sind die, von denen es heißet: ›Ihr Schlangen, ihr Otterngezüchte! wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?‹«

Dichterer Regennebel hüllte den Donnerer aus der Säule.

»Kommen Sie!« sagte Selina, indem sie Fred Gregors Ellenbogen berührte, »wozu sollen wir diesen Unsinn länger anhören?«

Sie ging raschen Schrittes, um dem verhallenden Gepolter des Propheten zu entrinnen. An einem Pferdegerippe holte sie Fred Gregor ein. »Ein sonderbarer Heiliger,« sagte er, »ob er auch so weiter wettert, wenn er keine Hörer hat?« Er schleuderte mit der Spitze seines Stockes den Kadaver einer Katze aus dem Weg. »Und hat nicht so ganz unrecht. Denn der Mensch, was ist das: der Mensch? Was ist das Gemeinsame des Begriffes Menschheit? Welch erhabene Dummheit! Wir essen, trinken, verdauen, frieren und schwitzen, lachen und weinen, das ist das Gemeinsame. Aber schon in der Art, wie wir es tun, sind wir höchst verschieden. Und mit dem ersten Funken von Geistigem scheiden wir uns voneinander wie Nacht und Tag, wie Wasser und Feuer. Es gibt keine Menschheit, es gibt nur Völker. Es gibt kein Wir, es gibt nur Ich und Du. Was knüpft uns an einen Griechen aus der Zeit des Perikles, an einen Schüler des Kong-fu-tse, an einen General Montezumas, was, als daß wir alle geboren werden und sterben . . .«

»Schweigen Sie!« sagte Selina heftig. Er erschrak, entsann sich des Streites im Museum und blickte sich um, ob nicht wieder eine Gefahr herangeschlichen kam. Im nassen Nebel sah er Selina undeutlich werden, schob sich voll Angst zu ihr, fühlte den Zwang, sich ihrer irgendwie zu bemächtigen. Er wünschte, sich teilen zu können, sie von allen Seiten zu umgeben, da hätte er sie dann als seinen Kern in sich getragen. Ein Geräusch schwirrte ihnen nach, kam rasch näher, so rasch, daß Fred keine Zeit hatte zu überlegen, was zu tun sei. Ein Ungetüm schnob heran, ein grauer Körper mit einem Geflatter von Sternen und Streifen über dem Kühler. Aus dem Schlag bog sich Mister Gullivers Gesicht, beim Wagenlenker saß ein Bewaffneter: »Da finde ich euch. Mister Davis meint, ihr solltet nicht allein in den Straßen herumlaufen.«

Fred Gregor stand steif. Er hob das linke Handgelenk vor die Augen, im Lederarmband schoben sich die Zeiger der Uhr hintereinander her. Sie standen in einem spitzen Winkel. »Es ist zwei Uhr!« sagte er.

»Ja,« bestätigte Mister Gulliver, »trüb genug ist der Tag für diese Stunde.«

Dann bogen sie die Straßen in rascher Fahrt auseinander, wischten über eine Brücke, unter der graues Wasser schoß, blieben dann eine Zeitlang längs der Strömung, Häuser zur Linken, rechts das offene Rauschen. Trümmer von Barrikaden zwangen zur Bedachtsamkeit. Der Lenker wich zwei menschlichen Beinen aus, die unter einem Schutthaufen vorstanden, abgenagt bis auf die Knochen.

Stimmen prallten laut streitend gegeneinander. Im Winkel zwischen einem rostigen Gartengitter und einer geborstenen Wand türmte sich ein ungeheurer Stuhl aus Stein. Goethe war einst breit und behaglich darin gesessen, aber auch er war zu Zeiten des Bildersturmes gestürzt worden, verächtlich, als Diener eines Fürsten. Jetzt wand sich in dem weitläufigen Rund ein schmächtiges Männlein in langem, schwarzem Rock, der Hotelgeistliche. Er war ganz krebsrot im Gesicht und stieß die Arme verzweifelt gegen den Himmel. »Nein,« schrie er, »über allem ist Gott. Gott ist der allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde.«

Eine ferne Orgel spielte ganz leise dazu.

Ihm gegenüber, im Operationsstuhl eines Zahnarztes, ein beträchtliches tiefer, aber bequem zurückgelehnt, saß Mister Mac Kinley. Auf dem Straßenpflaster neben dem Stuhl, in Reichweite, stand eine Flasche Portwein. Das halbgefüllte Glas hielt Mac Kinley in der Hand, er nahm aus der Spuckschale kleine Eisstückchen, warf sie in das Glas, sog dann durch den Strohhalm den gekühlten Wein. Er ließ das Röhrchen entgleiten, breit standen die Zähne hinter den klaffenden Lippen. »Das wäre freilich einfach,« sagte er, »wenn es so wäre. Aber das ist Vordergrund, verstehen Sie. Erklären Sie mir das Übel.«

»Gottes Zulassung,« schrie der Geistliche.

»Und das Böse?«

Der geistliche Herr sprang im weiten Steinthron Goethes wie ein Gummiball: »Der Abfall von Gott.«

»Schön,« sagte Mac Kinley behaglich, »wie kommt es dann, daß Gott seiner nicht Herr wird? Der Mann, auf dessen Platz Sie sitzen, hat gemeint, der Teufel sei so eine Art Gegenspieler Gottes, dringend notwendig, damit aus der Welt ein Drama werde, eine göttliche Komödie. Der Herr gibt dem Satan die Macht, die Menschen zu verführen. Aber ich sage Ihnen, es bleibt Gott nichts anderes übrig, als es geschehen zu lassen, denn das Reich des Lichtes und das Reich der Finsternis sind beide von Ewigkeit an und gleich mächtig. Der König der Paradiese des Lichtes hat mit der Mutter des Lebens den Hibil ziwa gezeugt, den Urmenschen, um die Dämonen zu bekämpfen. Aber er unterlag der Finsternis, dieser Sohn Gottes. Und wenn auch ein Teil von ihm in die Sonne gerettet wurde, einen Teil seines Lichtes haben die Dämonen geraubt und mit der Materie vermischt, um die Welt zu bilden. Der Mensch ist eine Schöpfung der Dämonen, aus ein wenig gestohlenem Licht und viel dunklem Stoff.«

Neben Mac Kinleys zahnärztlichem Operationsstuhl klopfte der Kraftwagen. Gulliver beugte sich heraus: »Was treiben Sie hier?«

Mac Kinley zwinkerte vergnügt, seine Sommersprossen schienen in Scharen über die Haut zu wandern: »Es ist ein Religionsgespräch, eine Disputation über die höchsten Dinge.«

»Er vertritt den Aberglauben, schnöden Aberglauben, krassen, heidnischen Aberglauben,« brüllte der geistliche Herr aus dem steinernen Rund auf Mac Kinley nieder.

Eine ferne Orgel spielte ganz leise dazu.

Aus dem zahnärztlichen Operationsstuhl blinzelte Mac Kinley zu dem rotangelaufenen Gegner hinaus: »Es gibt Dümmeres als den Glauben, daß Gott und der Teufel gleich viel Macht haben. Ich bitte Sie, Verehrungswürdigster, doch einmal die Welt ohne Vorurteil zu betrachten. Nehmen Sie gefälligst die geistlichen Scheuklappen ab. Leugnen Sie dann, daß der Kampf der beiden Mächte unentschieden bleibt. Daß bald Gott und bald der Teufel obenauf ist! Die Herrschaft des Lichtes wechselt ab mit der Herrschaft der Finsternis. Und jetzt, Verehrungswürdigster, hat der Teufel das Heft in Händen.«

»Gräßlich! Grauenhaft! Warum tut sich kein Abgrund auf?«, in Zuckungen warf sich der geistliche Herr auf seinem Thron herum. »Sie sind ein Mandäer, ein Elkesait, ein Teufelsanbeter, ein Manichäer. Ist Gottes Sohn darum für uns gestorben? Er gab sich dahin, um uns das Leben und den rechten Glauben zu bringen.«

»Auch Mani ist gestorben, um uns den Glauben zu bringen.«

»Gottes Sohn ist gekreuzigt worden!« wütete der Geistliche nieder.

»Man hat Mani die Haut abgezogen, ausgestopft und in Gondi Schapur zur öffentlichen Besichtigung ausgestellt.«

»Fort,« sagte Selina, »da ist kein Ende abzusehen.« Der Kraftwagen sprang an und überblitzte das kurze Stück Weges zum Hotel Bristol. Im Aussteigen sahen sie, wie der Geistliche und Mac Kinley hinter ihnen drein kamen, den Operationsstuhl einträchtig vor sich herschiebend.

»Sie scheinen sich doch geeinigt zu haben,« meinte Mister Gulliver.

Erschöpft kam Fred Gregor auf sein Zimmer. Gelbes Zwielicht wogte zwischen den Möbelstücken, es machte den Spiegel blind und den Glanz des Holzes stumpf. Es füllte ihn selber aus, als trostlose Bitternis, in seinem Kopf schwammen Bruchstücke der Reden, die auf ihn niedergeprasselt waren, dazwischen war überall dieser Brei von Hoffnungslosigkeit und erdrückender Angst. Er nahm das Tuch von Selinas Bild, senkte sein verworrenes Leid in die Leinwand. »Wer ist es, wer ist es?« flüsterte er in die geometrische Farbenwildnis. Die eine, die rechte Hälfte von Selinas Gesicht, dodekaedrisch kristallisiert, im Schmelz des Regenbogens, höhnte. Die andere, abgerutschte und durch einen Spalt von jener getrennte, war in Kegelschnittkurven geklemmt und silbergrau gefleckt mit den Farben des Perlhuhns. Sie heuchelte Trauer. Fred Gregor starrte in den Spalt zwischen beiden Hälften, in dem eine Negerin auf einem Kirchendach eine grüne Kuh melkte. Er merkte, daß er von Selinas Seele kaum die Oberfläche geritzt hatte. »Die Relation des Gestalteten auf den Bestand vor der Gestaltung, auf den Urzustand, sei er nun fiktiv oder effektiv, ergibt immer wieder erst den Befund der künstlerischen Tat.« So murmelte Fred Gregor. Mit geballten Fäusten erwog er seine Unzulänglichkeit. Ein Bild, in dem Selinas Seele durch geheimnisvolles Hinströmen der eigenen erschlossen wäre, hätte ihm Antwort auf die Frage geben müssen: »Wer ist es?« Es hätte irgendwo stehen müssen, mit Hieroglyphen ins Dunkel des Hintergrundes oder mit absonderlichen Charakteren ins Spiel von Licht und Schatten geschrieben, die Stellung der Farbenflecke zueinander hätte sich nun als Buchstaben deuten lassen müssen. Jede Frage, die jemals auftauchen konnte, mußte aus einem Kunstwerk zu beantworten sein, das wesenhaft aus einer Seele geschöpft war. Eine Kunst, die solches zu leisten außerstande war, durfte der Vernichtung preisgegeben werden. Er fühlte sich zu einer edlen Anschauung von Kunst emporgetragen, zu höchsten Anforderungen an Durchdringung und Überwindung des Stofflichen, zu Gedanken, die ihn selbst ergriffen und rührten.

Ein Blinken durchfuhr ihn, ein Funke von Stahl. Er fing im Spiegel eine Bewegung von sich, sah sich mit gehobenem Taschenmesser vor der Staffelei stehen, wie schon einmal wieder bereit, das antwortlose Bild zu ermorden. Da besann er sich, noch war er nicht am Ende, warf das Messer hin. Den ganzen Nachmittag umschlich er das Bild, ob es nicht doch vielleicht in einem unbewachten Augenblick zu sprechen beginne. Gepeinigt von dem gelben Zwielicht, aus dem sich eine dicke pelzige Samtschicht von Staub auf die Gegenstände des Zimmers absonderte, fühlte er, als der Kampf mit seinem Werk ermattete, wieder jene Angst vor allem. Er ging nicht mehr aus, wanderte im Zimmer auf und ab, manchmal wandte er sich plötzlich um und sprang auf das Bild zu, um es zu überraschen: die linke Hälfte des Gesichts höhnte unentwegt und die rechte heuchelte Trauer.

Gegen Abend meldete sich Hunger, Fred Gregor legte sich Fasten auf. Er stand vor dem Spiegel, suchte sein Gesicht, sah es nur verschwommen unter der aus dem Licht gefallenen Staubschicht. Sein Tagebuch fiel ihm ein, er griff zur Notwehr gegen seine Gedanken, sie im Schreiben zu ordnen. Seit jenem ersten schweren Abend der Angst um Selina hatte es im Koffer geruht. Er holte es aus der Versenkung, schlug es auf, da war der Tintenklecks auf der dritten Seite, ein Klecks wie jeder andere. So sehr sich Fred in ihn vertiefte, es war kein Gesicht aus ihm zu lesen. Er schraubte wieder die Goldspitze aus der Füllfeder, verschloß sich nach außen, horchte nach innen. Er war wie in eine dröhnende Halle geschleudert, in der unbekannte Maschinen arbeiteten. Lärm und Stampfen war da, Schwung umlaufender Riemen, Griffe stählerner Arme, ruckweises Zucken von Zahnrädern. »Die Mechanik des Geisteslebens,« murmelte er, aber begriff nichts weiter davon, bebte plötzlich vor dem schrecklichen Gedanken zurück, daß alles dies sinnlos sein könnte. Mit aufgestütztem Kopf saß er da, als er ihn hob, war es gegen Mitternacht. Da stand er auf, ging in das Nebenzimmer, das Bett war ungemacht. Lizzy, das Stubenmädchen, hatte ihn verstoßen. Müde warf er die obere Decke zurück, schlug die untere auf. Auf dem Leintuch lag eine grüne Schlange, zur Spirale zusammengerollt, stach mit einem schwarzen, bösen Blick aus Knopfaugen nach ihm. Eine Stickerei in weißen Kreuzstichen lief über ihren Rücken.

Fred Gregor betrachtete das Tier eine Weile, ohne sonderliche Furcht. Da es sich nicht rührte, klatschte er in die Hände, in der Erwartung, daß es ihm nun Platz machen würde. Aber die grüne Spirale blieb regungslos, aus Knopfaugen funkelnd. Nun holte Fred seinen Spazierstock, ging ihr zu Leibe, stach mitten in die Windungen hinein und hob sie auf. Die Schlange wickelte sich auf, hing schlaff baumelnd von der Spitze des Stockes. Sie war eine künstliche Arbeit aus grünen und weißen Glasperlen, ein boshaft verächtlicher Witz Lizzys. Fred schleuderte sie in die Ecke und legte sich zu Bett. Er schlief sogleich ein und träumte von Wäsche. Er ging durch verlassene Ringstraßenpaläste, endlose Zimmerfluchten, die alle mit frisch gewaschener Wäsche angefüllt waren. Alle Arten von Hemden, Hosen, Taschentüchern männlichen und weiblichen Geschlechtes hingen an unzähligen Stricken kreuz und quer herab und trockneten in einem Strom heißer Luft, der über sie hinstrich. Man mußte sich dazwischen hindurchwinden, darunter wegkriechen, feuchtes Gefältel schlug unangenehm ins Gesicht, es dunstete peinlich. »Wem das gehören mag?« fragte sich Fred, »es ist wohl die Hotelwäsche.« Im Durchkriechen hob er da und dort einen Zipfel auf, suchte nach den Merken. Sie lauteten alle gleich: x+y-√-i. »Woher kenne ich dieses Monogramm?« sann Fred.

Plötzlich merkte er, daß er aufrecht in seinem Bett saß, völlig wach, nur mit dem Nachgefühl, durch eine ungeheuerliche Kraft aus seinem Traum geschleudert worden zu sein. Im Wohnzimmer nebenan brannte Licht, das er wohl abzudrehen vergessen hatte. Ein Mann in einem Überrock saß am Tisch und schrieb mit Freds Feder in Freds Tagebuch. Der Erwachte bemühte sich, das Gesicht des Mannes zu sehen, aber anstatt eines Kopfes stand dem Fremden nur ein grauer Ballen von Dunst über dem Rockkragen. »Vielleicht ist es Mister Gulliver,« sagte sich Fred, der Überrock kam ihm bekannt vor, er entsann sich dunkel, ihn einige Male schon gesehen zu haben. »Warum kommt er nicht zu besserer Zeit?« fragte er wieder, »warum sagt er mir nicht selbst, was er mir mitzuteilen hat?« Leise entstieg er dem Bett, schlich zur Tür, um Mister Gulliver zu überraschen. Mit einem Mal wußte er aber, daß es gar nicht Mister Gulliver war, und daß der Mensch auch gar nicht zum erstenmal dort saß und schrieb, sondern schon seit vielen Nächten. Das Gefühl seiner Nähe war in Fred vorhanden und ballte sich nun zur vollen Sicherheit zusammen. Er war immer dagewesen, so wie jetzt, über das Buch gebeugt, schreibend, und mit einem stillen Warten auf Fred.

In der Türe stehend, mit bloßen Füßen den kühlenden Boden empfindend, suchte Fred den Spiegel, der dem Tisch gegenüberhing. Vielleicht gab ihm das Glas das Bild des Mannes von vorne, damit Fred sich des Sonderbaren bemächtigen könnte. Im wieder kristallhell gewordenen Spiegel hing die elektrische Birne, stand der Tisch, glitt die Feder schreibend über das Papier – von sich selbst bewegt, ohne Hand, die sie führte. Für den Mann, der da saß, war das Glas blind. Fred Gregor zog den Blick aus dem Spiegel, warf ihn in die Wirklichkeit, der Mann war fort. In dieser winzigen Wendung Zeit hatte die Feder zu schreiben aufgehört, ruhte still neben dem Buch.

Fred tappte zum Tisch. Die letzten Zeilen waren noch naß, aber da Fred zu lesen versuchte, waren es Schriftzüge ohne Sinn, Geschnörkel ohne Buchstabenähnlichkeit, aber dennoch voll bannender Kraft. Fred blätterte um eine Seite zurück, auch hier schnörkelte nur Unverständliches. Er blätterte weiter zurück, viele Seiten. »Ich muß von vorne beginnen!« sagte er halblaut. Da war der Anfang, gleich hinter dem Tintenklecks, der nun wieder ein Gesicht war, aber nicht mehr haßzerrissen, qualverzerrt, wie damals, sondern voll edler und tiefer Trauer, wie zu einer höheren Daseinsform geläutert. Augen sangen wehmütig, ein schöner Mund bebte. »So ist es,« stammelte Fred, »diese Schrift ist nicht umkehrbar.«

Klar lag die Schrift vor ihm. Er konnte zu lesen beginnen. Er las.

»Das Reich des Lichtes und das Reich der Finsternis sind beide von Ewigkeit an und gleich mächtig. Ich habe Licht in mir getragen, die Finsternis ist dawider aufgestanden. Gott schuf die Urbilder der Dinge und der Seelen, der Baumeister der Welt schuf sie nach in Stoff, in seinem Stoff.

Ich lief durch Jugend, schwang an Sonnenstrahlen, Leben war ein Hinsturm seliger Raserei. Ich griff nach allem, alles kam mir nah, ließ sich greifen. Welt liebkoste mich, lachte unter mir. Wunderbar war mir das Gefühl sinnvoller Gliederung des menschlichen Körpers. Welch Meisterwerk, der Leib! Am Rumpf, in dem alles gebettet ist, was der Erhaltung des Ganzen dient, die herrliche Sehnigkeit schlanker Beine und die Arme, schwellend von Muskeln und in Finger auslaufend, die feinster, zärtlichster Bewegung fähig sind. Darüber der Kopf auf dem Hals, in dem das Blut durch Röhren läuft. Aufrecht alles, biegsam der Kopf bis in den Nacken, um Sterne zu sehen und Vögel auf äußersten Zweigspitzen, Berggipfel mit Schnee. Das empfand ich. Nahm Straßen zwischen die Beine, Verse klangen in mir, ruderte in abendrote Wasser hinaus, einmal stand ich bei Flößern, stieß mit langer Stange einen Bergfluß hinab, bis das Floß an Felsen barst. Lachend schwamm ich durch Gischt ans Ufer. Von einer Wand in den Bergen warf mich ein Block, ich lag wochenlang zerbrochen, die Glieder lahm. Erschrak: lieber nicht leben, als nicht mitten in den Dingen stehen, untrennbar in alles Bewegte verflochten.« Der Arzt kam. »Werde ich wieder wandern und ringen?« Ich schrie: »Töten Sie mich, wenn es nicht mehr ist.« Sie kam alle Tage, einen Strauß roter Rosen brachte sie. Als ich zum erstenmal wieder ihre Finger an meine Lippen nehmen konnte, wußte ich, daß ich gerettet war. Dann konnte ich aufstehen, schwankend im Zimmer. Sie führte mich. Ich saß am Fenster in der Sonne, ihre Nähe war Wein heiligsten Abendmahles. Meine Hände konnten wieder greifen, meine Füße trugen, meine Hüften bogen sich. Zu dritt gingen wir meinen ersten Gang. Vor der Stadt unter Linden an hölzernen Tischen lachten Menschen, Wein vor sich. Mit irdenen Krügen lief der Wirt zum Keller. Musik hob Flügel, blau, zart bereift, wie Glockenblumen im Tau. Wir hörten die Seele, nicht das gröbere Getön. Gott war gut und die Welt schön. Die Linden legten Schatten in den Mond. Wir gingen, die Landschaft roch nach Äpfeln und Scholle. Mein Arm wurde kühn, ihr Leib brach aus dem Unbewußten. Der Freund wich ins Dunkel. Damals entschied es sich zwischen ihm und mir. So glaubte ich. Ich warf mich in die Welt, trank jeden Augenblick, vergaß darüber nicht mein Ziel. Mein Streben hämmerte ich fest: Schöpfer sein, die Farben ergaben sich mir, Form entschleierte ihren Sinn. Nur über ein Kleines, um das Stück Boden zu gewinnen, das man braucht. Nun starb ein ferner Onkel, hinterließ mir ein ländliches Erbe, das kleine Haus, Garten mit Obstbäumen, Felder. Ich erschrak vor dem Glück. Nun war es da: das Lichte. Mühe in die Erde hinein, fester Schritt über Eigenes, aus dem das Wunder des Werdens quillt, dann, heilig durch allen Umkreis des Sein, der Pinsel. Ich stand vor der Türe, reckte schon die Hand.

Da kam Krieg. Man warf mein Ich zu den Massen, es litt, aber war gläubig an das große Muß. Auch in Tod und Leiden lagen Wunder des Menschen. Das Vaterland wurde unsagbar herrlich in der Not. Für mich gab es nur zweierlei: so sein wie ich war oder nicht mehr sein. Viele staubige Straßen marschierte ich, stampfte durch zähen Kot, lag dann im Elend des Schützengrabens. In mir blieb es hell. Schlachten brausten über mich hin. Einmal sah ich einen, dem war das Gesicht zerschmettert, ein Bein blutiger Brei. ›Barmherzigkeit,‹ wimmerte er. Ich schoß ihm eine Kugel durch den Kopf. Konnte es tiefere Barmherzigkeit geben? Sie lobten meine Tapferkeit, schmückten mich. Ich trug ihre Briefe an der Brust, war meines Schicksals gewiß. Meine Stunde kam. Ein Höllenschlund brüllte unter mir auf, schleuderte mich zu den Wolken, sog mich wieder ein. Unter Trümmern zogen sie mich hervor. Ich sah auf mich herab, aus schrecklich klarer Erkenntnis meiner Zukunft. Barmherzigkeit, bat ich. Sie wandten sich stumm von mir. Mir fehlte die Hand, es selbst zu tun. Der eine Arm lag ein Stück neben mir, der andere rann mir aus dem Ärmel. Sie waren barmherzig auf ihre Art, schleppten mich von Bett zu Bett, immer weiter der Heimat zu. Da lag ich zuletzt daheim in bester Hut, meine Braut wechselte die Verbände, mein Freund war ein kühner und geschickter Meister des Messers geworden. Sie sprachen miteinander über mich, ich sah von ferne, wie das Mädchen gegen die Wand taumelte, weiß wie sie. Zögernd umschlich mich der Freund, andere Ärzte kamen, mit denen er beriet. Tagelang sah ich die Augen meiner Braut nicht, ihre Blicke zuckten fort, wenn sie die meinen trafen. Immer enger umspann mich mein Freund mit seiner Sorgfalt und seinen Bedenken, rang mit der Entscheidung. Endlich sagte er, es sei keine Zeit mehr zu verlieren, das Messer müßte walten, wenn wenigstens der Rumpf gerettet sein solle. Ich lag eine Stunde lang mit klappernden Zähnen. Jedes Wort, das über die Zunge wollte, zerstießen sie. Es schleuderte mich im Bett herum, daß sie die Gurte bringen mußten. Dann kam jene Mitternachtsstunde. Ich bat das Ohr meines Freundes zu meinem Mund herab. Mit aller Inbrunst, aller Angst, allem Entsetzen und aller Sehnsucht, deren eine Seele fähig ist, bat ich um Gnade. Bat um meinen Tod. Meinen Jammer sandte ich aus, schüttete ihn in den Freund, daß er ihn überschwemme. Am dunkeln Tor sah ich den Engel stehen, blassen und gütigen Gesichtes; ich rief ihn, mich innerlich zerfleischend. Er kam nicht. Mein Freund schüttelte den Kopf. Er dürfe nicht. Müsse seine Pflicht tun. Leben sei ein Heiliges, sei bis zum äußersten zu erhalten. Ich bäumte mich auf gegen Grausamkeit, bat bei allen Gemeinsamkeiten unserer Jugend, zuletzt bei der innigsten und tiefsten unserer Herzen. Er war nicht fühllos, aber verjagte den Menschen durch den Arzt. Sein Letztes war, mit dem er alles wegschob und abschloß: die Pflicht. Er legte die Hand auf meine Stirn, ich biß nach ihr, brüllte, wand mich in den Gurten. Er antwortete, es müsse sein, sogleich, bis zum Morgen sei es vielleicht zu spät. Ich spie ihm Hohn ins Gesicht, er habe Angst vor der Gefahr, ein Feigling; heulte, es freue ihn, die Geschicklichkeit seines Messers zu weisen, er wolle Kunststücke machen. Irgend etwas, ein Pulver, eine kleine Spitze unter die Haut: der Engel warte ja nur darauf! Winselte: ›Barmherzigkeit!‹ Sah ihn schluchzen, sich abwenden. Er sammelte sich zum Entgültigen. Blasen quollen mir aus dem Mund. ›Professor will er werden,‹ kreischte ich, ›Professor an meinem verstümmelten Leib!‹ Mein Speichel spritzte nach ihm. ›Du wirst leben,‹ sagte er, ›ich muß dich retten.‹ Wozu? Zu einem Klumpen Fleisch, der denkt? Zu einem Hirn, das über eine Verdauung gesetzt ist? Eine Vorstellung einer runden, kleinen, schwarzen Pistolenmündung erfüllte mich mit wildem Verlangen, der kalte Kuß auf die Stirn, dann unsägliche Wohltat zerkrachenden Schädels. Ich schwor ihm Dankbarkeit aus dem Jenseits, Wiederkehr und sorgsame Behütung aller seiner Schritte. Ich würde ihm Schutzengel sein. Dann wütete ich Beschimpfungen gegen ihn. ›Meine Pflicht,‹ sagte er dumpf.

Das Zimmer füllte sich mit weißen Kitteln. Ein roter Professorenbart trat neben den Freund. Sie nickten und verstanden sich über das Opfer. Eine Maske sank auf mich, ich schwand aus mir. Tänze waren um mich, die mich hochzogen und mitschwangen, leichte Reigen hoben mich auf. Ich lief über Wiesen, schwamm in duftenden Wassern, sprang mit weiten Schritten, als wäre ich auf dem Mond. Dann blaßte alles aus, ich schrumpfte in mich zurück zu stumpfer Bewußtheit. Plötzlicher Jubel durchfuhr mich, ich spürte Schmerz meiner Glieder. Sie waren da. Mein Kopf bäumte sich. Da sah ich unter weißem Tuch den Rumpf: armlos, beinlos, den denkenden Klumpen Fleisch, ein Hirn und eine Verdauung. Die Braut stand da, meine Hände sehnten sich den ihren zu, sie waren aus der Körperwelt geschwunden. Etwas weiter zurück der Freund, den Stolz des Gelingens hinter Mitleid verbergend und auch dies mit Verlegenheit umgeben. Und auch der rote Professorenbart irgendwo – und alle, Braut, Freund und die anderen, aufrecht auf zwei Beinen, Arme an den Schultern, mit dem wunderbar vielfältigen Werkzeug der Hände an jedem von ihnen . . . Die Unverstümmelten! Sie umstanden mich. Alle ihre Blicke tasteten über die Glätte des Tuches, das über mich gebreitet war. Sie zogen im Geist den Umriß der Glieder nach, die mir fehlten. Schauerten vor dem Rest Mensch, der übriggeblieben war, den sie unerbittlich dem Leben ausgeliefert hatten. Meine Schreie um Barmherzigkeit und Gnade standen unsichtbar um mich, Sicheln und vergiftete Dolche in den Händen, jetzt Geschöpfe meiner Rache. Alle meine vergeblichen Bitten hatten sich aus dem Äther zwischen mir und ihnen verleiblicht, mit verwandelten Seelen warteten sie auf mein Gebot.

Alles Licht war aus mir gewichen, die Dämonen flüsterten in meinem Hirn und grüßten mich im Reich der Finsternis . . . . Die Stunde meiner zweiten Geburt durch den Geist der Dunkelheit . . .

»Daß diese Stadt zugrunde ging, ist mein Werk –«



15. Das Buch ohne Ende.

Regen und Nebel hielten an, die Ruinen Wiens versanken in gelbem Schlamm, die Dächer und Mauern lösten sich im Gebrodel von Dünsten auf. Ein Teil der Amerikaner reiste ab, die anderen sahen auf Gulliver und Mac Kinley, bis von diesen das Zeichen käme, daß es genug sei. Gulliver wanderte durch das Hotel, klopfte bei Selina an und fand sie über Zahlen. Sie war jetzt immer beschäftigt, er brauchte nicht zu fragen, womit, drückte sich wieder still hinaus.

Hinter ihrem Rücken machte er einen Angriff auf Mac Kinley, sprach von Auflösung seines Vertrages mit der Regierung. Mac Kinley lobte den Portwein, schenkte ein und versteckte sich wieder hinter seiner Zeitung.

Mister Davis fuhr einer neuen Reisegesellschaft entgegen, empfing sie draußen vor der Sperre und brachte sie ein, im Triumph, mit knatternden Automobilen, Fahnen auf den Kühlern. Die Wachmannschaft stand Spalier, die Musikkapelle blies auf den Rüsseltrompeten, der Geistliche sprach die Begrüßung. Eine ferne Orgel spielte ganz leise dazu. Das Hotel wurde voll, viele neue Blicke hingen an Mister Gulliver und Mac Kinley, wenn Selina in den Speisesaal trat, watete sie durch Bewunderung. Sie hatte es durchgesetzt, daß Mac Kinley nun an ihrem Tische mitaß, mit Pa und Fred. Unter den neuen Gästen war ein Telepath, er veranstaltete Sitzungen von Auserwählten und behauptete, Selina sei ein ausgezeichnetes Medium. Sie ließ sich in den Sessel setzen, anstarren und mit den Fingerspitzen bestreichen. Gab ihr Handgelenk zu Versuchen her, der andere Arm des Telepathen lag auf ihrer Schulter, Fred Gregor knirschte mit den Zähnen und bohrte dem Magier von hinten böse Wünsche in den Nacken. Nachdem der Telepath mit Selinas Hilfe einige versteckte Börsen gefunden und verschlossene Briefe gelesen hatte, nahm sie ihn zur Seite: »Ich möchte, daß Sie die Gedanken dieses Herrn dort lesen.« Ihr Kinn stieß gegen Mac Kinley vor. Der Telepath verbeugte sich lächelnd und selbstbewußt. »Sie sollen selbst lesen,« sagte er, indem er sie zu dem behaglich Dasitzenden führte. Seine Rechte hielt ihr Handgelenk, seine Linke umfaßte das Mac Kinleys, er selbst war nur eine Brücke von ihm zu ihr, eine Leitung, eine Bahn der Gedanken. Selina schloß die Augen, biß die Lippen zusammen, hinter ihrer Stirn wühlte es. Alles hielt den Atem an, während Mac Kinley dasaß wie die Offenheit in Person, bereit, sich bis auf den Grund des Wesens hemmungslos ausforschen zu lassen.

Es war so still, daß Fred Gregor das Ticken des Telegraphisten aus dem obersten Stockwerk hörte. Die Stille dehnte sich, schwoll fürchterlich, drängte sich zwischen die Nerven und spannte sie bis zum Zerreißen. Plötzlich brach Selina ihr Handgelenk los. »Sie sind ein Schwindler,« sagte sie laut und hart über alle die Köpfe hin.

Der Telepath taumelte zurück, erblaßte. »Ich verstehe nicht,« stammelte er.

»Ich sehe Börsenkurse, Portweinflaschen, eine kleine Tänzerin aus dem Varieté einen Kraftwagen . . .«

»Es ist richtig,« zwinkerte Mac Kinley vergnügt zu Selina auf, »vollkommen richtig. Woran sollte ich sonst denken?«

»Suchen Sie sich ein anderes Medium,« sagte Selina.

Parteiung trat ein. Die Mehrzahl entschied sich gegen den Telepathen, weil alles, was aus der Gegend Gulliver kam, unbedingte Geltung hatte. Eine kleinere Gruppe sammelte sich um ihn, der anfangs verschüchtert und in seiner Sicherheit erschüttert, erst aus dem Gelingen einiger gewagter Versuche neuerdings Zuversicht und Vertrauen gewann. Fred Gregor freute sich zuerst über die Niederlage, dann kam ihm plötzlich eine Erleuchtung. »Sie haben ihn sehr gekränkt,« sagte er, »es ist wirklich nichts weiter in Mac Kinley als Börsenkurse und kleine Tänzerinnen. Sie sollten den Meister versöhnen.« Er dachte daran, irgendwo mit Hilfe dieses Menschen in Selinas eigene Gedanken zu dringen und das Geschehene abzulesen. Seine Bemühungen waren umsonst, Selina blieb dem Meister fern, der vergebens demütig der Annäherung harrte. Die Anwesenheit dieses Überwinders der dritten Dimension schien übrigens allerlei Unerklärliches mit sich zu bringen. Man hörte oft ein Klopfen in den Wänden, sah sich Dinge von selbst bewegen, begegnete Schatten, die niemand warf. Der Meister leugnete, seine Hände dabei im Spiel zu haben, es verbreitete sich indessen die Meinung, daß es doch nur seine Veranstaltungen seien, die keinen anderen Zweck hätten, als die abtrünnige Selina zurückzugewinnen.

Eines Abends kamen einige Damen in großer Aufregung von einer Fahrt durch die Ruinen zurück. Sie hatten in der ehemaligen Hofburg ein wanderndes Licht gesehen und waren von einem Spuk überzeugt. Die Besonnenen behaupteten, daß da wohl Diebe am Werk gewesen seien, aber Mister Davis widersprach sogleich. Die Burg war vollkommen ausgeräumt und bot auch dem genügsamsten Dieb keine Anziehung mehr. Überdies war sie unzugänglich und von der Schutztruppe ehrenhalber bei Tag und Nacht bewacht. Man brach auf um die Erscheinung zu besichtigen. An allen Türen der Burg standen die Posten in Stahlhelmen. Sie hatten niemanden gesehen. Dennoch zuckte oben ein wanderndes Licht an den Fenstern vorbei.

»Es sind die kaiserlichen Wohnzimmer,« flüsterte Mister Davis geheimnisvoll. Der Telepath, um seine Meinung gefragt, zuckte die Achsel und sprach von Transsubstantiation.

Es wurde ein Programmpunkt, nach dem Abendessen zur Burg zu fahren und dort abzuwarten, bis das Licht hinter den Fenstern zu wandern begann. Der Spuk wurde ungemein beliebt und man fing an bereits zu erörtern, welcher der verflossenen Kaiser dort oben in die Burg seiner Väter zurückgekehrt sei. Mac Kinley machte endlich den Vorschlag, einmal selbst nachzusehen. Dagegen verwahrte sich Mister Davis mit allen Gründen, deren er nur habhaft werden konnte, man müsse zufrieden sein, die Erscheinung vom Hof aus zu betrachten, die Burg zu betreten sei durch ein internationales Übereinkommen verboten, Amerika habe nur die Bewachung übernommen. Er wurde überstimmt, indem man die Verpflichtung Amerikas dahin auslegte, sich auch darum zu kümmern, daß die Burg nicht etwa durch unvorsichtige Hantierung eines Geistes mit Licht Schaden nehme.

»Ich habe den Schlüssel nicht bei mir,« wich Mister Davis zuletzt zurück.

»Sie haben ihn,« sagte der Telepath, indem er ihn aus Davis' Tasche zog: »Hier ist er!«

Man öffnete und ging, am Posten vorbei, eine breite Treppe hinan. Trägerfiguren stemmten geschwollene Nacken gegen staubiges Gebälk, es roch nach Zeremonien und einstigen Prunk, zerschlagene Fenster klapperten irgendwo im Zugwind. Weite Räume glotzten, Schatten wanderten verzerrt über Wände und Decken. Nach jedem Dutzend Schritte beschwor Mister Davis, man solle umkehren.

»Fürchten Sie die Geisterwelt?« fragte Mac Kinley.

»Nein, die diplomatischen Verwicklungen,« keuchte Mister Davis.

Während sie durch einen hallenden Prunksaal schritten, warf die Finsternis vor ihnen einen plötzlichen Schrei aus sich, so grauenhaft, daß es alle einen Schritt zurücktrieb. Es klang wie zerspringendes Leben, das unter einem Biß Finsternis zerbirst. Was bisher Neugierde gewesen war, wurde mit einemmal Not. Einige Damen, Lehrerinnen aus Connecticut, blickten sich nach hinten um. Der Rückweg sah um nichts einladender aus. Der Geistliche, der dabei war, murmelte etwas, man solle Gott nicht versuchen. Die Finsternis schlug Wellen um sie, höhnte mit schwarzen Zungen, schnob feucht mit einem Geruch von verblichener Pracht. Der Boden schien sich zu heben und stampfte wie ein Schiff. Dann erstarrte alles eisig, in fürchterlich abweisender Feindseligkeit.

Am schwersten war Mister Davis mitgenommen. Er schwankte um eine schlotternde Achse, knickte in den Knien ein, schob ein blödsinnig fragendes Grinsen über sein Gesicht. Zitternd tappten seine Hände die Taschen ab, auf sinnloser Suche nach irgend etwas. Feiner Sand füllte die Augen, eisig kalt, man spürte einen Wurf von Wind. »Wa – was ist?« stotterte Mister Davis.

»Das wollen wir sehen,« sagte Mac Kinley, »vorwärts.«

Sie folgten ihm, aneinandergedrängt, die letzten mit einem peinlichen Grauen im Nacken, als könnte die Finsternis, die dahinten wieder zusammenschlug, plötzlich Klauen in ihr Fleisch versenken. Niemand wollte zurückbleiben, um nicht abgeschnitten zu werden.

Mister Davis warf die Arme auf: »Umkehren! Umkehren!«

Sie zögerten, wagten nicht weiter zu dringen, Fred Gregor und Mac Kinley rangen Davis' Gefuchtel nieder. »Schweigen Sie!« Selina war schon zwei Schritte voraus. Sie fühlte, dies hier war ohne Bezug auf sie, sie durfte ihm entgegen gehen. Nun waren sie an einer Tür, deren Bodenspalt Licht entquoll. Hoch und schmal schwang sich der Flügel um seine Angeln, mit einem Knirschen von Rost. Ein kleines Kabinett hatte Fetzen von Ledertapeten an den Wänden hängen. Auf dem Boden stand eine brennende Kerze. Dann sahen sie ein Bündel von Kleidern in einer Ecke. Ein Mensch lag da, als sei er von einer überlegenen Gewalt ausgenommen und hingeschleudert, der Rock war ihm über den Kopf gezogen. Sie wandten ihn um, glasig gebrochene Augen spiegelten das Licht wie Scherben, der Mund stand offen, halb angefüllt von schwärzlich aufgequollener Zunge. Sie erkannten ihn alle: es war Mister Flunder, Davis' Sekretär und rechte Hand, ein stiller und gelassener Mensch, dem Willen seines Herrn blind ergeben.

»Man soll Gott nicht versuchen,« sagte der Hotelgeistliche.

Mac Kinley flüsterte neben Selina: »Es war eine Veranstaltung dieses Mister Davis. Sie hat ein schlimmes Ende genommen!« Selina verstand. Davis hatte, allzeit entgegenkommend und bemüht, den Wünschen seiner Reisenden Rechnung zu tragen, die neue Strömung auf seine Mühlen leiten wollen. Er hatte auch das Geheimnis in den Dienst Mister Struggles gestellt und die kaiserliche Burg durch ein Gespenst stimmungsvoll belebt. Das Gespenst lag nun in der Ecke, das wandernde Licht war am Ende der Wanderung angekommen. Wind stieß durch die zerschlagenen Fensterscheiben und hob flatternde Tapetenfetzen. Einen Augenblick war es Selina, als sei sie tief unter Tag, in Nacht eingesunken wie in den Schoß des Meeres und die seltsame Regsamkeit an den Wänden war das leise Heben und Senken von Flossen, Geschöpfe der Tiefsee schwammen langsam und lichtscheu in fratzenhafter Seltsamkeit.

»Wir müssen ihn fortschaffen!« sagte Fred und bückte sich nach dem Erloschenen in der Ecke. Da warf Mister Gulliver die Hand nach der Decke. »Fort! Schnell fort!« Sie sahen von einer Ecke des Raumes einen Riß ausgehen, der rasch nach der gegenüberliegenden Wand lief. Bewurf blätterte ab, Kalk rieselte, Ziegel bröckelten nach. Vor ihren Augen verbreiterte sich der Sprung, das alte Gemäuer rührte sich, zog sich auseinander, es knackte in ihm, schon handbreit klaffte der Spalt in zackiger Schwärze. Der Raum bekam einen Ausdruck leidenschaftlicher Hingegebenheit an die Zerstörung, plötzlichen Entschlusses zur Auflösung seiner geometrischen Bedingtheit. Irgendwie verschoben sich seine Achsen windschief gegeneinander, wie ein Würfel aus Papier, den eine Hand zerdrückt.

Sie flohen, die drei Lehrerinnen aus Connecticut voran. Selina ging angstlos, sie wußte, dies hatte mit ihrem Schicksal nichts zu tun, aber Fred und Gulliver zogen sie an den Armen, beschleunigten ihren Schritt. Wie sie am Ende der Zimmerflucht an die große Stiege kamen, sank die Treppe vor ihnen in die Tiefe. Sie standen am Rande eines Abgrundes, in dem sich noch Trümmer regten. Klirrend stieß Freds Faust ein Fenster ein: »Springen Sie!« schrie er.

Selina zögerte. Er riß sie auf die Fensterbrüstung, stieß sie hinab. Sie fiel und hatte ein ungemein angenehmes Gefühl dabei. Das habe ich mir immer schon gewünscht, empfand sie. Die Luft war so dicht, daß sie ohne Angst und mit voller Bewußtheit von einer Schicht in die andere glitt, von jeder freundlich empfangen und der nächsten übergeben. Es ging so langsam, daß sie auch die anderen neben sich springen sah. Fred als nächsten Nachbarn, dann weiterhin Pa und Mac Kinley. Aus jedem Fenster der ganzen langen Front sprang jemand: die drei Lehrerinnen aus Connecticut, der Geistliche mit den Schößen seines Rockes hinter sich, ausgebreitet wie das Schwanzsteuer eines großen schwarzen Vogels, auch Mister Davis, der sogar Zeit hatte, seine Taschen abzutasten, ob ihm nicht sein Notizbuch verloren gegangen sei. Sie kamen gleichzeitig unten an, ballten sich sogleich wieder zu einem Häuflein zusammen.

Noch standen die Wachposten ahnungslos allenthalben an den Toren der Burg.

Aus einer großen Bootsmannspfeife trillerte Mac Kinley das Sammelzeichen.

Im Laufschritt kam die Mannschaft von allen Seiten herbeigerannt. Ehe sie noch alle heran waren, ging ein Wanken durch den Teil der Burg, den sie eben verlassen hatten, sie verschob ihre Mauern gegeneinander, die Simse begannen lebendig zu werden, die Fensterrahmen drückten sich in schiefe Winkel, bauchig schwangen die Pilaster aus der Senkrechten, wie Klumpen Lehm entformten sich die muskelstarken Riesen an den Toren. Dann sank der ganze Bau langsam und völlig lautlos in sich zusammen.

Der Tag kam, siegte mit einem hinwehen den Schwarm hell rosenfarbener Wölkchen über die Dunkelheit. Dahinter war ein See von Grün und Gelb. Nachdem Selina eine Weile in den Himmel gesehen hatte, wandte sie sich um, überzeugt davon, alles in seinem richtigen Bestand zu finden. Aber auch unter dem erhellten Firmament blieb der Einsturz eines Teiles der Burg unzweifelhafte Wirklichkeit, das Licht spülte über einen ungeheuren Berg von Schutt, in dem keine Form mehr erhalten war. Als sie ins Hotel kamen, fanden sie an den Frühstückstischen schon die Hotelzeitung mit einem ausführlichen Bericht über das Ereignis, verbunden mit einem warmen Nachruf für Mister Flunder, der als ein Opfer seiner Pflicht umgekommen war.

Selina ging auf ihr Zimmer, um ein wenig zu ruhen. Das Gefühl des Sprunges aus dem Fenster verließ sie nicht, in ihren Gliedern war noch immer das Gleiten von einer Luftschicht zur anderen. So glitt sie nun auch in einem Entschluß, zwanglos, ganz einfach, wie dieses Springen gewesen war und überraschend angenehm in seiner Selbstverständlichkeit.

Als sie so weit war, suchte sie Mister Mac Kinley, fand ihn vor dem Hotel, am Kraftwagen stehend, die Hand am Schlag. »Nach den Ereignissen dieser Nacht,« sagte sie, »nach diesen Ereignissen werden Sie einsehen, daß jetzt rasch geholfen werden muß, wenn überhaupt geholfen werden soll.«

»Ja, diese Ereignisse, wissen Sie . . .,« antwortete er mit ganz verhülltem Gesicht.

Sie empfand, daß er eine Maske trug, hohl und starr, so daß man daran klopfen konnte. Sie ließ nicht nach.

»Wollen Sie mir nicht endlich Ihre Bedingungen sagen . . . die gewissen Bedingungen . . .?«

»Ja, diese Bedingungen, wissen Sie, Miß Gulliver . . .« Um ein weniges verschob sich die Maske, Selina tauchte in ein noch tiefer Rätselhaftes, vor dem selbst ihre Kühnheit bebte. Worte durchschwangen sie an silbernen Fäden, scharfe Sicheln, mondartig blitzend. Sie zerschnitten irgendwie ihr Inneres, aus den Wunden aber rann Klarheit. Sie wußte nun plötzlich um alles. Trat ins Haus zurück, Mac Kinleys Wagen sprang schon die Straße an.

Etwas später klingelte das Telephon in Fred Gregors Zimmer. Selina rief an und bat ihn zu sich. Er stürmte über den Gang und traf sie an ihrer Türe, bereit zu einer Wanderung.

»Ich will Ihnen etwas zeigen,« sagte er, »Sie wissen vielleicht noch nicht, daß dieses Hotel mit den Nachbarhäusern in Zusammenhang steht.« Er führte sie an die durchbrochene Wand, sie stiegen durch die Bresche in die kahle Fremdheit der Ringstraßenpaläste.

»Was gibt es hier zu sehen?« fragte Selina.

»Warten Sie nur.« Er zog eine grüne Schlange aus der Tasche, Perlenstickerei mit einem Band von Weiß über den Rücken, wand sie um sein Gelenk. »Sehen Sie . . . .«

»Eine künstliche Kreuzotter,« lächelte Selina.

»Es ist eine Kreuz- und Querotter, genau genommen,« ereiferte er sich, »sehen Sie nur die weiße Zeichnung und Sie werden mir recht geben. Ich finde sie alle Abende in meinem Bett. Man macht sich einen Scherz mit mir. Ich kann sie verstecken, wo ich will und finde sie doch abends wieder in meinem Bett.«

»Vielleicht ist es immer wieder eine andere.«

»Vielleicht,« sagte er nachdenklich, »aber ich glaube es nicht. Es hätte keinen Sinn, wenn es immer wieder eine andere wäre.«

Drei helle Schläge von dünnem Silber zirpten durch ein einstiges Schlafzimmer, in dem auf veilchenfarbigem Tapetengrund fremdartige Orchideengestalten von Bernsteingelb wuchsen. Auf einem Marmorkamin stand eine alte Uhr. Greifen stützten das Zifferblatt mit ihren in Ranken verästelten Schwänzen, ein vergoldeter Adler horstete oben, ein Bündel von Blitzen in den Fängen. Inmitten der Einsamkeit der kahlen Räume lebte einzig diese Uhr.

»Sehen Sie: das wollte ich Ihnen zeigen,« sagte Fred, indem er den Blick gespannt in die Ferne richtete, »es ist drei Uhr!« Er nahm sich aus der Ferne zurück, blinzelte schlau zu Selina hinüber: »Hier verstecke ich heute die Schlange.« Mit dem Messer zerstemmte er die Hinterwand des Uhrgehäuses, hob die hölzerne Verschalung ab, Messingrädchen bissen ruckweise ihre Zähne ineinander, eine Feder schwang geschäftig zitternd. Fred stopfte die grüne Schlange hinein, schlang sie um die Räder und fügte die Wand an ihre Stelle. Es knirschte ein wenig durch das Werk, dann verstummte es, die Zeiger standen.

»Wissen Sie,« fragte Selina plötzlich, »was Mac Kinleys Bedingung ist?«

Fred Gregor bog eine Schleife um sie, tat als ginge es ihn wenig an. Dabei zitterte er vor Neugier. »Nun?« fragte er obenhin, »was ist also seine Bedingung?«

»Ich!«

Sie sah sein Gesicht plötzlich dem ihren entgegenwachsen, sein Atem warf sich über sie, seine Fäuste fühlte sie gekrampft, merkte es an dem Schwellen seiner Schultern. »Man muß sagen, daß Sie nichts getan haben, um ihm diese Bedingung von vornherein als unmöglich erscheinen zu lassen.«

»Ich?« Sie sah ihn von Zorn gezeichnet, verhaltenen Ansprung tief in sich, erkannte sie mit einemmal die Wildheit seiner Sehnsucht.

»Ja: Sie! Sind Sie nicht um ihn gestrichen, um ihn aus sich heraus zu locken? Sie haben Ihre Weibheit vor ihn gebreitet, als brauche er bloß die Hand darnach zu strecken. Haben Sie ihn nicht behandelt, als wollten Sie ihn gewinnen?«

»Ich habe nur die natürlichen Waffen meines Geschlechtes gebraucht. Nichts hat ihm ein Recht gegeben, zu glauben, daß ich ihm aus dem Allgemeinen ins Besondere folgen würde.«

»Wo sollen wir die Grenze wissen? Wer sagt uns, bis wohin euer Lächeln reicht?«

»Fred – Sie werden wieder ungezogen! Sie mißbrauchen mein Vertrauen. Dürfen wir nicht liebenswürdig sein, ohne befürchten zu müssen, daß man uns mißversteht?«

Er schleuderte eine Anklage aus verzerrtem Mund: »Man macht uns rasend, dann erklärt man, mißverstanden worden zu sein. Es geht nicht um diesen Mac Kinley. Ich glaube es Ihnen, daß er Ihnen gleichgültig ist. Aber dann möchte ich wissen, wer dahinter steht, in wessen Befehl Sie handeln. Es ist jemand da, dem Sie gehorchen, dessen Auftrag Sie ausführen.«

»Ich habe keinen Auftrag!«

»Dann handeln Sie also ohne Auftrag, aber in seinem Sinn, ihm zu gefallen, mit dem Wunsch, seine Zufriedenheit zu erringen. Sie spielen Wohltäterin der Menschheit, weil er Ihnen diese Rolle eingegeben hat. Sie schrecken sogar vor dem Karpfenmaul Mac Kinleys nicht zurück, wenn Sie meinen, Ihre Pläne durch ihn fördern zu können. Aber in dem haben Sie sich verrechnet, der geht nicht auf den Leim freundlicher Mienen und liebenswürdiger Blicke, der ist ein geriebener Geschäftsmann. Er weiß seinen Vorteil wahrzunehmen, und Sie werden bar zahlen müssen, wenn Sie etwas von ihm wollen. Das bringt Sie nun in Verlegenheit: der gute Mac Kinley stellt eine Bedingung, die jenem andern doch wieder nicht passen kann, und Ihre Diplomatie ist auf eine Sandbank aufgefahren. Jetzt wissen Sie nicht, wie Sie loskommen sollen, schauen nach Hilfe um . . .«

Er schraubte ihr Handgelenk in einen Griff von Eisen, sie sah sich – nicht ohne Lustgefühl – von einer Welle jugendlich tosender Leidenschaft überspült, die sie aufhob und schwanken machte. Es war ihr, als antworte in ihr selbst ein leichtes Aufschäumen von Blut dem Brandungsschlag. Irgend etwas, vielleicht eine Erinnerung an flüchtige Gemeinsamkeit, strich über sie hin, strebte ihm entgegen, sie stemmte sie zurück, machte sich fremd: »Was für Unsinn reden Sie da? Ich verstehe Sie nicht, Fred. Von einem Befehl, dem ich gehorche . . .? Genügt Ihnen nicht das Elend, das Sie sehen? Menschen, die sich vor ihresgleichen verkriechen müssen. Die in diesen Trümmern leben müssen, immer so knapp am Hungertod hin. Denken Sie an heute Nacht. Erklären Sie mir diese Dinge. Fühlen Sie nicht, wie sich Finsternis zusammenzieht, wie ein ungeheures Schicksal heranschattet, wie Schrecknisse aufstehen wider diese Stadt . . .?«

Aber Fred Gregor, von seinen Gedanken in einer Richtung vorwärtsgetrieben, hörte sie kaum. Wie von Fackeln gebrannt, von glühenden Pfeilen getroffen, taumelte er unter seiner Erregung. Auch das andere Handgelenk fing er, drückte die Knochen: »Ich will wissen, wer es ist. Es ist jemand da, der dich entzündet hat. Wem gehorchst du? In wessen Diensten stehst du?«

Der Schmerz ihres Körpers warf sie in den Trotz der Wahrheit: »Gut . . da Sie es wissen wollen. Es ist jemand da, der mich erweckt hat. Ich bin ihm dankbar, seine Worte leben in mir, sie sind die Musik meines Wesens. Die Augen sind mir durch ihn aufgetan . . .«

Sie konnte nicht vollenden. Mit einem schrecklichen Knirschen preßten sich seine Zähne aufeinander, ein Röcheln quoll ihm in den Schlund. Bläuliches Licht stand auf seiner Stirn. Ein Schrei: »Ich lasse dich ihm nicht.« Dann überfiel er sie, losgebunden, mit einem tierischen Sprung. Den Kopf riß er ihr hintenüber, beide Hände gegen ihre Schläfen schlagend, warf seinen Mund auf den ihren, brach ihre Lippen und Zähne auf, wühlte seine Zunge ein. Stählern federte sein Körper an dem ihren, die Hände glitten von den Schläfen fort, die eine preßte die Mitte ihres Leibes seinem Aufbäumen entgegen, die andere riß das Kleid von ihrer Schulter. Das wütende Spiel seiner Muskeln überschwemmte sie, sein Biß grub sich in das Fleisch der Brust. Langsam wich ihr Bewußtsein zurück und war im Begriff, unter seinem Ansturm zu erliegen. Aber dieses Versinken dauerte vielleicht nur einen Herzschlag lang, dann regte sich Wehrhaftigkeit. Das Glühende versengte sie nicht mehr, sie sammelte Kraft in sich, sportgeübte Sehnen spannten sich, die Erinnerung an die Arena daheim war plötzlich da, an die Schule des Ringens. Mit einem schnellen Ruck lockerte sie seinen Griff, schlüpfte in den gewonnenen Raum, tauchte unter seinen Armen weg und stand frei. Letzter Stoß schleuderte seinen Körper gegen den Marmorkamin, daß die Uhr metallisch aufklang.

Er stand wie erwachend mit verschobener Weste und aufgerissenem Hemdkragen. Sein Hirn dröhnte dumpf, als hätte ihm ein Gummiknüttel die Schädelnähte gesprengt. Die Erschütterung hatte die Hinterwand der Uhr aufgestoßen, die grüne Schlange war herausgeglitten und hing halb über seine Schulter. Das Werk setzte sich, von der Hemmung befreit, wieder in Gang, tickte an seiner Schläfe gemessen in den stürzenden Wirbel von Blut durch die hautnahen Adern.

»War es das, was Sie mir zeigen wollten?« sagte Selina. Jetzt, da sie in Sicherheit war, vernichtete ihn die Kälte des Tones. Zwischen ihr und ihm dehnte sich die Feindseligkeit des Raumes, Vernichtung strich vorbei, er spannte, um nicht zu fallen, die Arme hinter sich längs der Marmorkante. Regungslos sah er, wie sie ihm in einem rasch niederstürzenden Grau entwich.

Selina ging auf ihr Zimmer, entglitt dem Kleid, das sie getragen hatte und legte das schwarze an, das sich so ernsthaft um ihren Hals schloß. Das Abendessen nahm sie mit dem Vater allein ein. Weder Fred Gregor noch Mac Kinley wurden sichtbar. Der Telepath, inmitten des Kreises bewundernder Jüngerinnen, schmachtete nach ihr hinüber, einmal schien es ihm, als käme ihm eine nachdenklich zögernde Antwort aus grauen Augen. Über des Vaters gerunzelte Hand schmeichelten ihre Finger mit weicher Zärtlichkeit, daß er bange zu ihr aufsah. Dann, als die Musik im Nebensaal den Pacmactanz begann, sprach Selina von Kopfschmerz und ging, mit einem seltsamen Blick auf das gelichtete Haar des Vaters.

ine Viertelstunde später kam sie im dunkeln Kapuzenmantel aus ihrer Türe, spähte verschwörermäßig den Flur entlang und drückte sich an der Wand hin, den Weg, den sie heute von Fred kennen gelernt hatte, durch die Bresche ins Nachbarhaus. Der Marmorkamin sandte ein fahles Licht aus, die Uhr schritt gemessen durchs Dunkel. Es war die letzte Deutlichkeit der Außenwelt, die nächste waren schon die runden Rücken der Seepferde am Praterstern, als sei es von dort nach hier ein einziges Heben und Senken des Fußes gewesen. Der Schaft der Säule stieg auf, oben im Dunkel stand schweigend der Heilige. Sie schüttelte Gelebtes ab, ging ihrem Schicksal zu, das sie hier vor sich wußte. Dunkel lagen die Ruinen des Nordbahnhofes, sie hoffte auf Menschen, die sie kannten und geleiten würden. Aber alles lag stumm und in Öde, und wie Selina sich stolpernd vorwärtstappte, verlor sie immer mehr ihre Sicherheit. In ihren Gedanken lag dies alles in voller Klarheit, die Wirklichkeit war völlig anders, gespenstisch unheimlich mit glucksender und schmatzender Finsternis. Irgend etwas war verändert, sie glaubte Stimmen hinter sich zu hören, die sie zurückriefen, nur ihr starker Wille trieb sie vorwärts.

Sie wußte plötzlich ganz genau, daß dies nur ein Traum war und sehnte sich nach erlösendem Wachsein, das diese Qual von ihr nehmen würde. Sie hatte auch ganz tief ein Gefühl davon, daß sie die Kraft dazu in sich trage, aber sie vermied es, sie anzuwenden. »Manche Dinge müssen wie im Traum geschehen,« flüsterte sie, »wie im Traum, sonst geschehen sie nie.« Irgend etwas hatte sich hier verändert. Sie schärfte ihren Geist, das Rätselhafte zu durchdringen, es schob sich vor ihrem Angriff fort, verhüllte sich nur noch tiefer. »Vielleicht haben sie dieses Gemäuer verlassen,« dachte sie, »und sich anderswo angesiedelt.« Aber dann fühlte sie, daß die Trümmer belebt waren, daß ihr ein Atem aus ihnen entgegenschlug, daß Anwesenheit von Menschen dunstete. Manchmal kam es ihr vor, als lasse man sie absichtlich im Finstern, damit sie nicht sehen solle, wie Feindliches tückisch in den Winkeln zu Haufen zusammengeduckt war, aus denen Hunderte von Augen ihrem Schritt böse Blicke nachkriechen ließen.

Eine schmale Klinge vom Licht blitzte vor Selina. Sie griff nach ihr, es war eine Türschnalle. Sie legte das Ohr an das Holz und obzwar sie keinen Laut hören konnte, wußte sie doch: dahinter war ein Mensch. In diesem Augenblick fiel ein Grauen über sie, von so gestaltloser Gräßlichkeit, daß sie fast zusammensank.

Wenn ich diese Türe öffne . . .!

Leise versuchte sie ihre Hand von der Klinke zu lösen, ihre Finger umschlossen, von einem Krampf zusammengezogen, das Metall. Nicht ihrem Druck folgend, ganz von selbst senkte sich die Schnalle, zog ihre Hand nach.

Wenn ich diese Türe öffne . . .!

Auf der anderen Seite der Türe war jemand, der das leise Geräusch gehört hatte und sie jetzt mit seinem Blick festhielt. Wer konnte es sein?

Wenn ich diese Türe öffne . . .!

Schatten hatten sich herangedrängt, umringten sie und versperrten den Rückweg. Eine Wand aus Finsternis war hinter ihr aufgemauert, sie fühlte, wie sie gegen die Türe gepreßt wurde. Mit einem hellen Schnalzen sprang das Schloß auf, Selina taumelte in den Raum. Sie sah Aktenschränke an den Wänden, einen Tisch mit einem Morseapparat, eine Lampe mit rußendem Docht. Eine Hängematte zog ihr Netz quer über eine Ecke. In ihr saß, halb aufgerichtet, die Beine links und rechts auf den Boden gestemmt, ein Buch in der Hand, Doktor Neu. Er sah sie so voll Schrecken an, daß alle jäh aufjauchzende Freudigkeit sogleich erstickt zurücksank. Das Buch aus seinen Händen fiel zu Boden, der Schlag schien verhallend weit durch das Gemäuer zu dröhnen. Mit einem Satze sprang er aus der Hängematte, die heftig schaukelnd hinter ihm ihr Netz schwang, und stürzte auf Selina zu.

»Um Himmelswillen . . . warum kommen Sie hieher?«

Der absonderlichen Begrüßung versuchte Selina entgegenzulächeln: »Habe ich nicht eine Aufgabe übernommen?«

Er packte sie am Arm: »Sie müssen fort . . . sogleich fort.«

»Warum? Ich bin gekommen, weil ich Ihnen sagen muß, daß ich alles versucht habe, um Ihren großen und kühnen Gedanken die Wirklichkeit zu gewinnen. Mein Vater war bereit dazu. Er war einverstanden, den Versuch zu machen, die Wiedergeburt der Menschheit von hier ausgehen zu lassen. Warum haben Sie sich mit diesem Mac Kinley eingelassen? Er wird ein Geschäft daraus machen, er wird Ihre Gedanken schänden und verderben. Sie kennen ihn nicht. Sie wissen nicht, was Sie von ihm zu erwarten haben. Sie werden dabei den kürzeren ziehen. Ich halte ihn für fähig, Ihnen scheinbar zu helfen, nur um zu beweisen, daß Ihnen nicht zu helfen ist.«

»Und darum kommen Sie noch einmal? Darum wagen Sie sich hieher?«

Selina richtete ihren Stolz auf: »Das mußte ich Ihnen sagen. Sie sollen nicht von mir glauben, daß ich Ihre wunderbaren, glühenden Phantasien nicht verstanden hätte. Daß ich kalt geblieben sei, wenn Sie vom Glück einer zukünftigen Menschheit träumten. Sie haben mein Leben gerettet, ich will das Reich Ihrer Gedanken retten. Vielleicht ist es noch nicht zu spät dazu. Sie müssen den Vertrag mit Mac Kinley rückgängig machen, Sie müssen einen Vorwand finden, ihn ungültig zu erklären. Sie dürfen nicht ihm Ihre Pläne ausliefern. Verstehen Sie mich doch, lieber Freund, es geht um die größten Dinge der Menschheit, da müssen reine Hände ans Werk.«

Sein Erstaunen ermutigte sie. Sie sah sich von seiner Bewunderung umfaßt und hatte ein herrliches Gefühl des Verstandenwerdens. Schmerzliches verzerrte seinen Mund, tief fühlend erlitt sie eine unbekannte Bangnis seiner Seele mit. Er deckte die linke Hand über die Augen, alle Muskeln seines Gesichtes zuckten.

Selina bückte sich nach dem Buch, das mit zerknickten Ecken am Boden lag, und hob es auf, als wolle sie sich hier heimisch machen.

»Was lesen Sie?«

Seine Hand sank über Mund und Kinn herab, streckte sich nach dem Buch. Unerklärliches war in seinem Gesicht:

»Geben Sie das fort.«

»Was ist das?« beharrte sie, froh, bleiben zu dürfen, bemüht, sogleich möglichst viele Fäden zwischen ihm und sich zu knüpfen.

»Es ist ein Buch, ein Roman: ›Gespenster im Sumpf‹ von einem Karl Hans Strobl. Und, denken Sie: das Sonderbare ist, daß darin ein Doktor Neu und eine Miß Selina Gulliver vorkommen, die alles das erleben, was wir miteinander erlebt haben. Und ich lese eben jene Stelle, in der dieser Doktor Neu zu seinem Schrecken Miß Gulliver eintreten sieht. Er liest ein Buch und auf ihre Frage, was das sei, antwortet er, daß es ein Roman ›Gespenster im Sumpf‹ sei, in dem ein Doktor Neu und eine Miß Selina Gulliver vorkommen, die eben dasselbe erleben. Also daß sie, bei ihm eintretend, ihn über einem Buch findet, in dem sich genau dasselbe zuträgt, immer wieder dasselbe; immer liest, da Miß Selina eintritt, dieser Doktor Neu ein Buch, in dem sich der Vorgang spiegelt, immer kleiner, immer winziger . .«

»Das geht so in die Unendlichkeit hinein?« fragte Selina mit einem Schwindelgefühl. Sie dachte im Vorbeistreifen an das Lachkabinett im Prater, in dem ein Spiegel dem andern die Bilder zuwarf.

»Ja,« sagte Doktor Neu, »es ist eine Reihe, die sich ständig dem Grenzwert Null nähert, ohne ihn je zu erreichen. Es hängt alles davon ab, ob man sie differentiieren könnte.«

Zitternd vor Erregung griff Selina wieder nach dem Buch: »Und was weiter? Was steht weiter darin . . .? Wie setzt sich die Geschichte dieses Doktors Neu und der Selina in Ihrem Buch fort . . .?«

Doktor Neu schob das Buch in die Tasche: »Sie würden vergebens suchen. Das Buch reicht jetzt nicht weiter als gerade bis zu jener Szene. Es reicht nur eben so weit, als die Wirklichkeit. Seine Fortsetzung haben wir selbst zu erwecken, sie wird im Fortschreiten des Geschehens auf den noch leeren Blättern erscheinen . . .«

Über des Doktors Arm hin bebte Selinas Hand: »Sind noch viele leere Blätter da?«

Ein dunkler Gongschlag rollte dumpf aus der Ferne heran und über sie hin. Irgendwo in den Tiefen des Gemäuers kreischten Frauenstimmen, Gelächter klatschte fächernd, Pauken höhlten mit runden Stößen den Raum aus, spitz zwirbelten Flöten ein Schnörkelwerk darüber. Ein bacchantisches Getöse näherte sich, das Doktor Neu wieder in seine Angst zu werfen schien.

»Sie müssen fort!« stammelte er, »sogleich.«

»Warum? Ich begreife nicht,« widersetzte sich Selina, »was ist hier geschehen?«

»Was hier geschehen ist? Ein neuer Umsturz . . . eine Umwälzung. Die Regierung ist abgesetzt worden. Die Frauen haben sich der Gewalt bemächtigt. Fräulein Festina Lente, die Staatssekretärin für Verkehrswesen, ist an die Spitze der Regierung getreten. Sie übt eine Schreckensherrschaft aus, zusammen mit diesem Fräulein Doktor Pofel, der Staatssekretärin für Handel und Gewerbe, und der grünen Mizzi, genannt der letzte Versuch. Den Unbeliebten ergeht es schlecht, die reine Vernunft ist erledigt, Gefühl ist alles. Verstehen Sie, daß Sie verloren sind, wenn man Sie hier findet?«

»Ich lasse es darauf ankommen,« sagte Selina trotzig, »ich bin doch da, um zu helfen.«

Beschwörend hob er die Hände: »Nein! Nein! Sie ahnen nicht, was Sie erwartet.«

Mit einiger Verwunderung sah sie den Kleinmut des Helden aus dem Gewölbe der Betty Kaiseröl. War das der Sankt Georg, der das Untier erlegt hatte? Das Zittern seiner Stimme fachte ihren Mut nur noch mehr an: »Ich denke nicht daran zu fliehen.« In diesem Augenblick aber spürte sie, wie etwas schaurig Widriges auf sie eindrang. Ihre Haut empfing ein Gefühl von heißem Gift, eine ätzende Säure, die ihre Poren aufriß und sich in ihr Blut einfraß, daß es wie gärender Geifer durch die Adern stürzte. Sie war nicht mehr mit Doktor Neu allein. Jemand dritter war hinzugekommen, und indem ihre Augen verwirrt durch das Zimmer wanderten, sah sie, daß mit der Pendeluhr über dem Waschtisch eine seltsame Veränderung vorgegangen war. Im Rund des Zifferblattes war ein menschliches Gesicht erschienen, eine Maske der Medusa, starr von kaltem Haß und Hohn. Selina erkannte die regungslosen Züge der grünen Mizzi.

»Sie sind rings von Feinden umgeben,« flüsterte Doktor Neu.

Selina nickte, sie verstand, daß dieses Zifferblatt der Pendeluhr eine Klappe war, durch die man die Vorgänge in diesem Raum beobachten konnte. Ihre Nägel zerfleischten die Handflächen, alle Gefahr kam ihr von dieser Feindin.

Das Getöse, das an Paukenschlägen einherbaumelnde Kreischen taumelte näher. Doktor Neu stieß einen Aktenschrank auf, drängte Selina hinein: »Laufen Sie . . . laufen Sie!« Die Hinterwand des Schrankes war eine Türe in noch tiefere Finsternis. Eine feuchte, schmale Treppe glitt hinab, Selina spreizte die Hände zu beiden Seiten gegen pelzig überschleimte Wände, tappte sich von Stufe zu Stufe. Gewölbe von Dunkelheit waren über ihr, eine Tonne von Nacht umschloß sie, dann leitete ein Gang geradeaus, von einem Streifen Schimmer durchflossen. Selina war am Ufer des unterirdischen Stromes, des Kokythos, wie man ihn genannt hatte, als man sie zur Finanzoperation brachte. Wenn sie ihm folgte, so mußte sie wohl irgendwo wieder ins Freie kommen. Aber ihre Beine waren so träge und plump geworden, als schleppe sie schwere Klötze nach. Sie konnte nur ganz kleine Schritte machen, und nun kam das Getöse und Gelächter hinter ihr drein, brauste wie ein Strom von Schall durch die enge Röhre.

»Ich werde verfolgt,« dachte Selina und strengte sich an, zu laufen. Die Lähmung griff weiter um sich, reichte bis an die Hüften, mit dem Aufgebot aller Kraft brachte sie die klumpigen Füße nur in kleinen Rucken vorwärts. Da warf sie den Mantel ab, von dem sie sich gehindert glaubte. Es wurde um nichts besser, sie erlahmte immer mehr, mußte sich an die Wand lehnen, um sich zu wenigen Schritten sammeln zu können, während sich der Lärm der Verfolgung unaufhaltsam näherte. Schon sah sie einen Vorstoß von Licht, der Klang des Gongs, der in gleichmäßigem Takt vorwärtshieb, rundete sich immer mehr und füllte die Gewölbe aus. Jetzt unterschied sie das Laufen vieler Menschen, zurückblickend gewahrte sie den Haufen der Feinde. Eine Nische schwang zur Seite einen Bogen tieferer Dunkelheit, Selina wankte hinein, kauerte sich zusammen, das Gesicht auf den emporgezogenen Knien. Und da waren auch schon die Verfolger, ein Trupp von Weibern, Fackeln zuckten vorüber, schleuderten ihr Rot auf die schwarzen Steine, ließen Streifen sprühender Funken zurück. Allen voran jagte die grüne Mizzi, mit gierig vorgestreckten Händen, deren Finger wie Klauen gekrümmt waren.

Aufatmend hörte Selina den Schwall in der Ferne verklingen. Sie stemmte die Hände gegen den Boden, zog sich hoch und schritt tastend tiefer in den Seitengang hinein, den die Nischenmuschel aussandte. Ab und zu brachte ihr das Gemäuer an Wendungen den Widerhall der Verfolgung, die noch immer das Labyrinth durchtobte. Ihre Füße verwirrten sich in ein Stück wollige Dunkelheit, sie schlug lang hin, spürte ihr Blut an den Lippen, als sie nach dem Ding tappte, das um ihre Beine geschlungen war, klirrte ein Schlüsselbund. Sie fand eine Tasche, ihre Finger fühlten Vertrautes von Stoff und Schnitt, sie merkte, daß sie über den Mantel gefallen war, den sie auf der Flucht abgeworfen hatte.

Sie war im Kreise gegangen, neben ihr floß das Phosphorband des Kokythos.

Und als hätte diese Erkenntnis die Verfolgerinnen wieder auf Selinas Spur gesetzt, so hetzte jetzt der Lärm der Megären neuerdings hinter ihr her. Er trieb sie den Gang entlang, aus jedem Zusammensinken mit jähem Grauen wieder empor. Zuletzt stand Selina zwischen geschlossenen Wänden, eine hölzerne Treppe mit steilen Stufen hob sich vor ihr zu einer Falltüre. Ihre Schultern stemmten sich gegen das schwere Gebälk, warfen es mit letzter Zusammenballung allen Willens zurück, Helligkeit fiel auf sie herab.

Stumpf entrang sie sich dem Ausschnitt im hölzernen Boden einer Bühne, der Bühne eines Theaters. Die Tiefe, der sie entstiegen kam, war eine Versenkung. Die gemalte Leinwand eines Hintergrundes war das erste, was sie sah: eine Straßenflucht mit vorgeschobenen Häusern. Über ihr streckte sich ein abgeschobener, geflickter Rundhimmel aus Leinwand. Zur Seite standen Häuser aus Pappe und über Holzrahmen gespanntem, bemaltem Leinen.

Die Verfolgerinnen, die Selina hinter sich geglaubt hatte, waren alle schon vor ihr da, in Gruppen zu dreien oder vieren über die Bühne verteilt. Ein großes Frauenzimmer mit Männerstiefeln und einem schwarzen Schnurrbart über den Lippen, Fräulein Festina Lente, trat auf sie zu: »Wir wußten ja, daß Sie kommen würden . . . da können wir gleich mit der Probe beginnen.«

»Haben Sie die Regie?« fragte Selina völlig erschöpften Geistes.

»Regie und Regierung, jawohl!« sagte das Frauenzimmer und nahm Selina an der Hand. Als sie bei einem der gemalten Häuser vorbeigeführt wurde, öffnete sich die Türe zu einem schmalen Spalt. Eine Männerstimme flüsterte, ganz nahe an ihrem Ohr: »Mut, Miß Gulliver . . . wir werden Sie retten.«



16. Die Grenze.

Sturm stieß gegen die Stadt, schlug die Dächer mit breiten Pranken, fegte Schauer von Ziegeln herab.

Es wiederholte sich, was an einem Teil der Hofburg geschehen war: daß Häuser einsanken, ganze Straßenseiten, lautlos und ohne anderen äußeren Anlaß, als ein stärkeres Hinfauchen des Sturmes; als wären sie es müde dazustehen.

Leib Moische Seelenheil strich an den verwitternden Trümmern hin, stand versteckt, wenn er die Amerikaner vorbeifahren sah, und lachte, wenn ihre Kraftwagen die Bahn durch neue Trümmerhaufen verlegt fanden und umkehren mußten.

Händereibend erstattete er Bericht: »Es wird sich nicht rentieren, das Geschäft.«

»Ist es bald soweit?« fragte Schembera.

»Sie wehren sich noch.«

»Wirst du dein Versprechen halten?«

Er würde es halten, aber noch sei es nicht soweit, die Menschen seien zäher, als man gedacht hätte. Schemberas Gesicht verklärte sich, wenn er an den Tod dachte, der ihm von Seelenheil versprochen war. »Mein Tod darf kein Zufall sein, kein Ungefähr, er muß auf meinen Ruf kommen, Seelenheil. Nur gerufen führt mich der Tod wieder zu mir selbst; wenn mein Werk vollendet ist, darf ich ihn begrüßen, er gibt mir dann, was mir das Leben genommen hat.«

»Dein Werk?« schielte Seelenheil über die Schulter, »ich glaub, es ist unser Werk.« Vom Tod hörte er ungern, er war ihm ein unwillkommener Abbruch, er wünschte sich Unsterblichkeit, um seine Rache, die noch immer ungesättigt war, gründlich zu vollenden. Er hätte die Ewigkeit vergiften und die Himmel mit aller menschlichen Niederträchtigkeit durchseuchen mögen, damit das Jenseits dem Diesseits gleiche und kein Entkommen sei. Er schwankte zwischen dem Wunsch, daß dieses Leben das einzige sei, damit der Qual keine Erlösung folge, und dem anderen, daß sich drüben der Jammer und die Pein des hiesigen Daseins fortsetze. Den Seelen wünschte er eine endlose Wanderung mit unzähligen Verkörperungen, aber in umgekehrter Richtung, nicht zu einer Läuterung empor, sondern nur immer tiefer ins Leid hinein.

Von seiner Rache besessen, rannte er durch die Straßen und freute sich über jede Spur des Verfalles, gleichzeitig voll Bekümmernis, daß dies alles doch einmal ein Ende nehmen müßte, wenn die völlige Auflösung da war. Mißtrauisch betrachtete er Schembera, der sich ein Ziel gesetzt hatte und sich nach seiner Erreichung zu sehnen schien. Irgendein ihm Unverständliches war im Wesen Schemberas, das sich bisweilen nachdenklich von ihm entfernte, wenn er es fassen wollte.

An diesem Sturmtag verließ Seelenheil den Genossen, wütend über diese unbegreifliche schwachmütige Sehnsucht nach einem Ende. Er trat eine seiner ruhelosen Wanderungen an, auf denen er nach den Resten des Lebens schnüffelte, sich in den Kadaver der Stadt wühlte, ob auch die Male der Verwesung bereits deutlicher würden.

Schembera war allein und hilflos in seinem Stuhl zurückgeblieben, zur Strafe ohne Buch, seinen Gedanken preisgegeben. Ein Lesepult konnte sonst an dem Sessel angebracht werden, die Blätter wendete Schembera mit der Zunge um. Seelenheils Unzufriedenheit und üble Laune waren grausam genug gewesen, das Buch, nach dem Schembera lechzte, auf geschlagen vor ihn auf den Tisch zu legen, gerade dorthin, wo die Sehschärfe zu versagen begann. Es war ein Buch von Adel und Aufschwung, von edlerem Menschentum, von neuer Sittlichkeit und Pflicht gegen sich selbst, das alle Kräfte zur Überwindung der Natur durch den Geist zusammenfaßte. Es trug den Namen des persischen Weisen Zarathustra, war aber vor langen Jahren in Deutschland ausgegangen, hatte eine Mode entfesselt und war vergessen worden. An ihm las sich Schembera neue Glut des Hasses, wenn die Kraft seiner Leidenschaft zu erlahmen drohte. An dem Übermenschen, der darin vorgespiegelt war, maß Schembera die ganze Gräßlichkeit seines Elends; er hielt sich die Idealgestalt vor Augen, diese lichte Schöpfung menschlicher Sehnsucht, um die Tiefe des eigenen Jammers voll zu empfinden. Aus dieser Höhle schlugen Flammen, die Schemberas Fleisch versengten und sein Hirn rösteten, daß es Dämonen des Hasses gebar.

Daß dieses Buch zur Spannung der Kräfte Schemberas nötig war, verstand Seelenheil nicht. Er hatte seine Nase in die Blätter gesteckt und darin Wohlklang von Worten, Glanz von Gedanken, hohes Hinwegschreiten über die Niedrigkeiten gefunden. Er mißtraute ihm, hielt Schemberas Beschäftigung mit ihm für Verrat an der gemeinsamen Aufgabe. Er war überzeugt davon, daß ihn dieses Buch verweichliche und die Macht seiner Rachegefühle zerrütte. Darum maß er ihm das Lesen spärlich zu, als karge Belohnung, wenn er mit Schembera zufrieden war, entzog es ihm, wenn er ihn strafen wollte.

Schembera reckte den Hals, um eine Zeile zu lesen, eine Zeile. Er sehnte sich nach dem feinen Geschmeide der Worte, um sie in seinem Innern zu zerstören, umzuschmelzen auf seinem Herd und zu Werkzeugen seiner gierigen Wut zu machen. Er zertrümmerte sie in ihre Atome, und bereitete Sprengmittel aus ihnen, ein feines Gift, mit dem er seine Gedanken lud. Das Buch lag vor ihm, aber so fern, daß seine Worte unlesbar blieben.

Die Gedanken Schemberas liefen leer, ihre Mühle blieb ohne Nahrung. Es war nicht gut für Seelenheil, daß er Schembera das Buch verwehrt hatte. Die Gedanken, die sonst zu Waffen gegen die Menschheit gehärtet worden wären, kamen nun hinter Seelenheil selber drein, schlichen sich in seinem Rücken, Schembera sandte sie ihm nach, reißende Schemen mit blutunterlaufenen Augen, die sich an jeder Bewegung und dem Umriß des Körpers mit grimmigem Haß vollsogen. Zwischen Schembera und Seelenheil zerschlug sich das Einvernehmen oft in gräßlichen Zwistigkeiten. Hilflos war Schembera dem Mann preisgegeben, der ihm seine Glieder lieh. Eine schmutzige Herrschaft übte Seelenheil aus, eine launenhafte, oft fanatische und willkürliche Tyrannei, der Schembera nur mit Worten und Blicken entgegentreten konnte. Seelenheil fand Vergnügen daran, Schembera zu quälen, ihm grundlos Wünsche zu versagen, er ließ ihn oft tagelang in seinem Unrat, tat, als sei er plötzlich taub geworden und drohte dann wieder, ihn zu verlassen. Es kam zu wüsten Beschimpfungen, die sie einander ins Gesicht spien, sinnlos vor Wut griff Seelenheil dann nach einem dünnen Rohr, nach dem eisernen Schürhaken und züchtigte den wehrlosen Rumpf Schemberas. Dennoch waren sie unlösbar verknüpft und die Gemeinsamkeit eines noch größeren allgemeinen Hasses ließ sie ihren nächsten vergessen: den gegeneinander. Oft, wenn Seelenheil lange ausblieb, stürzte Schembera in eine Hölle von Angst, der Genosse könnte irgendeinen Unfall erleiden und überhaupt nicht wiederkommen. Noch war sein Werk nicht vollendet, das Letzte fehlte, die Krönung des Ganzen. Es war eingeleitet und angebahnt, noch wußte Schembera nicht Ausgang und Erfolg. Seelenheil, auf Kundschaft ausgesandt, brachte halbe und widersprechende Nachrichten, es war nicht ausgeschlossen, daß er Schembera betrog, um ihn festzuhalten und weiter gefügig zu machen.

Der Sturm hatte den Himmel aufgerissen, ein Glanz von Sonne stieß gegen die Wand vor Schemberas Fenstern. Die schwere, knotige Stirne, die ihm von Gedanken gegen die Brust gezogen war, hob sich. Er sah den Schatten des Blitzableiters auf seinem Haus als dünnen, schwarzen Stab über die Dachrinne des Hauses gegenübergelegt. Das war Schemberas Sonnenuhr, durch Beobachtung vieler Jahre für alle Folgen der Jahreszeiten festgestellt. Er sah den Schatten von seinem Stuhl aus wandern, von einem Rahmen der Fenster zum andern, kannte seine Wendepunkte und alle Winkel, die er mit den Fensterkreuzen schnitt, wußte um alle Stundenzeichen an der Dachrinne, den Gesimsen, den Bodenlucken, dem First gegenüber.

»Es ist vier Uhr!« murmelte Schembera vor sich hin.

Das Haus ächzte auf, eine feine Welle von Erschütterung durchlief das Gemäuer, die Treppe rief mit einer leisen Stimme eine undeutliche Meldung hinan. Jemand hatte das Haus betreten, kam herauf. Kehrte Seelenheil schon wieder zurück? Kam ein Fremder? Schemberas Augen versuchten die Wände zu zerreißen, sein Gehör warf sich dem Ton entgegen. Das Fremde zögerte über den Flur hin, durchschritt den Vorhang der Polypenspinnen, der regungslos blieb, näherte sich der Tür. In diesem Augenblick aber schrie eine unsagbare Wonne in Schembera auf, ein Triumph heulte durch ihn, der ihn fast betäubte. Er fühlte sich plötzlich im Besitz einer Kraft, die ihn zersprengte, er hatte diesen armseligen, verstümmelten Körper mit wildem Aufsprung vergessen.

Er wußte, wer da kam!

Es war Gundis, die jetzt in der Türe stand. Nicht ein Gebilde rachsüchtiger Wünsche, wie oft in Nächten, sondern leibhafte Wirklichkeit.

»Komm nur!« sagte er.

Sie trat über die Schwelle, sein Anblick ergriff sie so, daß sie, unfähig, einen Schritt weiter zu machen, den Rücken gegen die Wand lehnte.

»Komm nur!« sagte er, ganz bebend vor Sieg und Erfüllung.

Er sah ihr graues Haar, Runzeln um die Augen, Falten auf der Stirne, schlaffe Wangen und vor allem die wunderbare, erquickende, ihn beseligende Qual auf dem Grund ihres Blickes. Das war seine Beute, seine köstlichste, ersehnteste, strahlendste Beute, Preis seines Sieges, Krone seiner Rache. Er wühlte sich in sie ein, wälzte sich in ihr, schwamm wie in Wassern, küßte diese Qual, schluckte sie wie neues Leben in jedem Nerv.

»Du kommst also zu mir?« keuchte er, und die Knoten seiner Stirne schwollen ihm über der Glut seiner Augen. »Also doch! Also doch!«

Gundis löste sich von der Wand, wagte einen Schritt, stand wieder, inmitten eines Entsetzens, das sie stumm machte.

»Ich habe dich lange erwartet,« jagte er seine Worte, »lange! Jahrzehntelang sitze ich hier an diesem Tisch und warte auf diese Stunde. Es ist schwer, zu warten, wenn man keine Arme und Beine hat. Bewegung verkürzt die Zeit, ich habe mich mit der geistigen Bewegung begnügen müssen. Ich habe mir einen Zeitvertreib ersonnen, einen recht netten Zeitvertreib. Einen angemessenen Zeitvertreib für einen Menschen, für ein Bruchstück von Mensch, das nur aus einem Hirn und einer Verdauung besteht. Ein richtiger, ein ganzer Mensch findet freilich verschiedene andere Beschäftigungen, Lieben, Heiraten, Kinder zeugen oder gebären, in ihnen die eigene Jugend noch einmal erleben . . . Ganz schön, ganz schön, aber vielleicht ist mein Zeitvertreib doch feiner, vergeistigter, dem Tierischen überlegener. Man glaubt nicht, wie sich der Mensch vergeistigt und dem Tierischen entfremdet, wenn er keine Arme und Beine hat.«

Fast vergaß Gundis der eigenen Not, da sie in die verzerrte Seele des Mannes sah. »Du Armer,« sagte sie tief mit der Stimme, wie sie ein dunkles Meer in Sommernächten hat.

Haß flammte ihr jäh entgegen und warf sie wieder einen Schritt zurück: »Oh, Bedauern! Mitleid! Ich danke ergebenst. Nicht nötig, durchaus nicht nötig! Es ist bisher ganz gut auch ohne das gegangen. Nein, meine Liebe, ich brauche kein Bedauern. Ahnst du etwas von der Genugtuung und der Köstlichkeit, die Spiele des Gehirnes in Wirklichkeit zu übersetzen, seine Gedanken lebendig zu machen und bewaffnet auszusenden, zu Eroberungen . . . ja zu Eroberungen, gegen die alle Goldküsten Bettlerkram sind? Ich freue mich, dich bei mir zu sehen, aber ich erkläre hiermit feierlich, daß ich auf dein Bedauern verzichte. Ich bin entschädigt, reichlich entschädigt.«

Dennoch ließ Gundis ihr Mitleid nicht. Sie nahm ihren gütigen Blick nicht von dem Krüppel, versuchte das Grauen, das ihr dieser Rumpf einflößte, zu verbergen. So zerwühlt von eigenem Leid sie war, es schien ihr, daß sie es zurückdrängen müßte, bis diesem da ein wenig Linderung geworden wäre.

Aber da begann Schembera selbst, mit einem wüsten Spiel von Hohn um seinen Mund: »Ich glaube annehmen zu dürfen, daß ich das Vergnügen deines Besuches irgend einem ganz besonderen Umstand zuzuschreiben habe. Ohne triftigen Grund dürftest du dich wohl nicht dem immerhin peinlichen Anblick meiner Wenigkeit – was ich wortwörtlich zu nehmen bitte – ausgesetzt haben.«

Gundis brach auf einen Stuhl zusammen, ihr Blick wich von Schembera fort, irgendwohin in Fernen, die mit einem Zug schrecklicher Bilder einherschritten. »Ja,« stöhnte sie, »ja. Es ist etwas Furchtbares geschehen.«

Er bohrte sich ganz in sie hinein, zitterte vor Wollust, ihr das zu entreißen, stückweise, was sie an Schmerz in sich trug, das körperlichen Klang werden zu hören, was er als seinen rasenden Triumphgesang durch das Weltall strömen fühlte. »Etwas Furchtbares? Ja – was ist denn da geschehen? Was ist denn so Furchtbares geschehen?«

Sein Hohn berührte sie nicht. Aus der Ferne, in der die grauenhaften Bilder schritten, die alles Nähere überdüsterten, sprach sie zurückgewandt: »Alfred ist . . mein . . Mann hat . .«

Schembera trank Blut aus ihr: »Ach es ist etwas mit deinem . . . Mann?«

»Ja . . . und mit Amata . . .«

»Ein hübscher Name. Bedeutet: die Geliebte. Das ist wohl euer Töchterlein? Und ihr liebt es sehr.«

Der Sturm hatte wieder Wolken geballt, durch die Scheiben kroch Finsternis, in der Heulen des Abgrundes über die Stadt hingellte. Ein Sturz von Ziegeln prallte schmetternd gegen die Hauswand jenseits der Straße. Getroffene Fenster kreischten auf. Gundis schrak in die Gegenwart zurück. Ihre Worte hasteten. »Mein Mann . . . ich weiß nicht, was mit ihm vorgegangen ist. Wir machten einen Versuch zu fliehen. Er mißlang, an der Stadtgrenze mußten wir umkehren. Seitdem änderte sich sein Wesen auf seltsame Art. Er wurde scheu, verstört, wich uns tagelang aus, sprach verworrene Dinge, verschwand oft auf lange Zeit. Ich glaubte, daß er es schwer zu empfinden begann, lebenslänglich in diese verlorene Stadt eingekerkert zu sein. ›Es ist, als ob man an einen verwesenden Leichnam angekettet wäre,‹ sagte er. Er, der diese Stadt so liebt. Er war früher voll Heiterkeit gewesen . .«

»Erlaube,« unterbrach Schembera, »voll Heiterkeit, sagst du? Er hat sich also seine sonnige Frohnatur . . . so sagt man doch . . . hat sie bewahrt? Oh, er war ja immer voll Heiterkeit.«

Mit ängstlichem Staunen sah Gundis in sein Gesicht: »Er verstand es, sich sein klares Gemüt zu retten. Er war immer zuversichtlich. Da kam dann diese Wandlung, die immer schlimmer wurde. Manchmal war er voll Schwermut und Hoffnungslosigkeit, gänzlich zusammengebrochen unter einer Last, die er bis dahin mit starken Schultern getragen hatte. Dann sprach er wieder dunkel von Rettungsplänen . . . die Stadt müßte entgiftet werden . . .«

»Entgiftet, sagte er . . .«

»Er sprach von dem vergifteten Gehirn der Stadt . . . ich glaube, er hat im Ernst wissenschaftliche Versuche angestellt, um den Dingen auf den Grund zu kommen. Er sprach sonst mit mir über alle seine Arbeiten. Über diese breitete er Schweigen, versteckte sie vor mir. Ich erriet sie bloß aus beiläufigen Andeutungen, wenn er seine erregten Phantasien vorbrachte.«

Wie ein blanker Dolch glitzerten Schemberas Worte, ein mörderischer Glanz hüpfte darüber: »Gewiß hat er irgendeinen Weg gefunden. Er wird schon gewußt haben, was er will. Ein Mann der Wissenschaft wie er. Der tüchtigste Arzt Wiens, was er angriff, glückte ihm. Die schwierigsten Operationen! Er schneidet den Menschen alle Glieder ab und sie bleiben am Leben. Ein königlicher Held des Messers . . . ich bin überzeugt, er wird schon gewußt haben . . . er hatte eine Spur . . . sicher . . . du wirst sehen . . .«

Nun war Gundis wieder so ganz von ihrem Leid überronnen, daß sie von dem grausamen Hohn Schemberas nichts merkte: »Ich weiß nicht . . . ich kann es mir nicht erklären . . . was geschehen ist. Er ging mit Amata fort, ich ließ sie beruhigt gehen, erhoffte mir Günstiges von der gemeinsamen Wanderung. Am Abend kam er heim . . . allein . . . ohne das Mädchen. Ich stand schon vor dem Haus, sah ihn kommen. ›Wo ist das Kind?‹ –›Welches Kind?‹ fragte er. – ›Amata!‹ – Er schüttelte den Kopf, als verstünde er nicht. ›Amata?', als hätte er den Namen niemals gehört. – Ich rüttelte ihn, legte die Hände auf seine Schultern, wandte ihn zum Licht: ich sah in das Gesicht eines Fremden. Er war es und doch nicht er. Aus meinem Entsetzen muß ich in eine Ohnmacht gesunken sein. Als ich zu mir kam, lag ich auf meinem Bett, er umgab mich mit zärtlichster Sorgfalt. ›Amata?‹ schrie ich. Verwundert sah er mich an, der Name unseres Kindes war fort, die Erinnerung ausgelöscht. Er kannte nur mehr mich, wußte nicht mehr davon, daß ein süßes, reines Leben zwischen uns aufgewachsen war. Eine Leere war da, wo sein Herz sonst Amata umschlossen hatte. Ich wies ihm die Spielsachen Amatas, ihre Puppen, die ich aufbewahrt hatte. Ich öffnete den Schrank, in dem ihre lichten Mädchenkleider dufteten. Zum Klavier führte ich ihn, auf dem noch Schubert aufgeschlagen lag. Er sah dies alles mit Erstaunen, verstand mich nicht, wußte nichts mehr von Amata . . .«

»Wußte nichts mehr von Amata,« sagte Schembera mit geschlossenen Augen, neidisch gegen das Licht, das Köstliche dieser Stunde ganz nach innen schlürfend.

Rauschen von Kleidern war, durch schmalen Schlitz blinzelte Schembera auf die zuckenden Schultern der schlanken Frau, die vor seinen Stuhl hingeworfen lag. »Wo ist sie? . . . Was ist mit ihr geschehen? . . . Er gibt mir keine Antwort auf meine Fragen, es scheint, als wisse er es wirklich nicht. Manchmal verschwindet er, ich frage, wo er gewesen ist, er spricht verwirrte Dinge. Oft höre ich ihn nachts aus dem Bett steigen, mir ist, als müßte ich ihn zurückhalten, aber ich kann es nicht. Er geht fort, kommt im Morgengrauen wieder, mit einem Geruch von Karbol an Kleidern und Händen. Was für ein fürchterliches Geheimnis steckt hinter alle dem?«

»Bist du gekommen, mich das zu fragen?«

Ihre gefalteten Hände rangen sich zu ihm empor. »Es ist mir, als könntest du mir helfen . . . als müßtest du um alle diese Dinge wissen . . .«

»Ich – der Rumpf, hier in meinem Sessel? Was weiß ich davon?«

»Träume haben mir den Weg gezeigt. Ein Leuchten war, in dem ich dich sah, wie in alten Tagen, unversehrt, Güte auf deinem Gesicht. Dies Traumbild hat mir Mut gemacht. Ich weiß wohl, du hast uns Übles zugedacht . . .«

Sein Kopf fiel gegen die Lehne zurück, er sah starr zur Decke: »Ah . . . habe ich das . . . habe ich das?«

»Wenn dein Genosse uns umschlich, dieser fürchterliche Mensch, mit dem du dich zusammengetan hast, kam uns immer ein Unglück. Unheil fiel über uns her, wenn er sich zeigte. Ehe dies geschah, sahen wir ihn wieder. Und dann strich er immer um unser Haus. Da habe ich ihn aufgelauert, bin ihm gefolgt, sein Weg zeigte mir den Weg zu dir. Du mußt helfen, du kannst es . . .«

»Ah, du setzest großes Vertrauen in mich.«

»Es ist mein Kind! Mein Kind . . . verstehst du. Ich ginge in die Unterwelt, um es zu retten. Ich weiß, daß uns dein Zorn verfolgt. Aber dieses Äußerste, Gräßlichste kann nicht dein Werk sein . . .«

»Kann nicht . . .? Kann nicht . . .?«

Die Hände der Frau waren von ihm abgeglitten, sie kauerte auf dem Boden, unter dem verwirrten Haar feuchtete sich das Gesicht von Tränen der Angst: »Du hast uns nur schrecken wollen. Du strafst mich mit einigen Tagen der Besorgnis für Geschehenes. Mein Traum kennt dich besser. Du wirst es genug sein lassen, du wirst mir sagen, wo ich sie finde. Du hast uns nur schrecken wollen, du willst nicht unsere Vernichtung und läßt unser Kind nicht leiden, du bist kein Teufel, der sich an unserer Qual ergötzt . . .«

Schemberas Kopf sank gegen die Schulter der Frau, sein zerrissener Mund, ein Spalt von Blut, zischte an ihrem Ohr hin: »Und wenn es doch so wäre . . wenn es so wäre . .?«

Ihre Tränen versiegten plötzlich, sie strich die Haare aus der Stirne, sie sammelte sich zu einem wortlosen Nein.

»Und wenn ich mir doch so etwas ausgedacht hätte? Eine kleine Entschädigung für mich. Verstehst du, man hat solche Gelüste, man kommt auf solche Gedanken, wenn man keine Arme und Beine hat. Wenn ich mir eine sehr sinnreiche Geschichte ausgedacht hätte, die darauf hinausläuft, daß dein Mann den Leib seiner Tochter unter sein Messer nimmt, um seiner Wissenschaft einen Dienst zu erweisen. Auf demselben Operationstisch, auf dem er damals meine Glieder von meinem Rumpf getrennt hat. Wäre das nicht ein vortrefflicher, äußerst geistreicher Witz, eine sehr sinnvolle Veranstaltung?«

Noch kauerte Gundis auf dem Boden, sie kroch auf Knien von Schembera fort, umklammerte ein Bein des Tisches, Zuflucht beim Leblosen suchend. Poltern dröhnte durch die Wand, Sturm hatte den Schornstein gestürzt, schleuderte seine Trümmer in den Schacht.

»Ist er nicht ein Meister des Messers?« sagte Schembera, »oh, er wird gewiß die Wissenschaft um Außerordentliches bereichern. Man darf sich darauf gefaßt machen, daß er dem Rätsel der menschlichen Natur um ein tüchtiges Stück näher kommt. Man wird ihm Dank wissen – wenn man es erfährt, man wird ihn einen Wohltäter der Menschheit nennen.«

Jetzt hatte sich Gundis mit Hilfe des Tisches aufgerichtet, obwohl wankend, stand sie, ihre Stimme war grell: »Nein! . . das bist nicht du!«

»Oh doch,« sein Lachen stieß wie eisiger Sturmwind in der Todesnacht des Pols, »noch immer bin ich es. Wiewohl um einiges gekürzt. Gibt es eine fürchterlichere Grausamkeit, als zum Leben zu zwingen, wenn man den Tod erbettelt? Es ist eine Kette, die sich von damals bis zu dieser Stunde spannt. Das Damals und das Heute gehörten eng zusammen. Fast könnte ich vergessen, was alles dazwischen liegt? Die Zeit ist weggewischt. Damals geschah es schon, nicht erst jetzt. Als er das Meisterstück seines Messers an mir machte, als er die großartige Gebärde seiner Pflicht annahm, um mich in Stücke zu schneiden. Und da sah ich schon, was geschehen müßte. Sah ich nicht, wie es sich zwischen euch anspann, den bewunderten Arzt, dem Heiland des Operationssaales und der sanften, stillen, geräuschlosen Pflegerin? Oh – jede deiner Bewegungen von mir zu ihm ist mir eingeätzt, jede deiner Mienen brennt in mir. Du hattest einen Augenaufschlag zu ihm, der schon völlige Hingabe war. Und weiß ich: ob seine Pflicht nicht darum so unerbittlich war, weil sie mich von dir trennte? Mein Tod hätte dich in ein sanftes Weinen versenkt, in eine zärtliche Traurigkeit, die mein Gedächtnis bewahrt hätte. Mein Leben wurde zum Abgrund zwischen uns.«

Gläsern sagte sie: »Hast du mich damals nicht freigegeben?«

Er schrie auf: »Ja! Und erwartete, du würdest sagen, ich will meine Freiheit nicht. Würdest sagen, ich liebe dein Unsterbliches, ich will um dich bleiben, auch wenn dich die Messer zerfleischt haben. Aber du nahmst es an, du nahmst dem Krüppel sein Allerletztes aus dem Herzen, es blieb nur die grenzenlose Bitternis, die Ohnmacht meiner Raserei, der unstillbare Durst nach Tod. Das! Das !! Da habe ich meine Gedanken zu Werkzeugen meiner Rache gemacht. Ich bin es, durch den diese Stadt, die ihr so sehr geliebt habt, zugrunde gegangen ist. Er hat recht, der große Meister der Wissenschaft, vergiftet habe ich die Hirne, ich habe Menschenhirn mit allem Bösen durchtränkt, das ich nur ersinnen konnte und habe es ausstreuen lassen. Die Keime des Irrsinns und der Entmenschung schwebten überall in der Luft, jeder Tritt hat sie aus dem Staub aufgewirbelt; wo Menschen beisammen waren, schwärmten die giftgeladenen, ansteckenden Atome des Wahnsinns aus den Mauern, sie qualmten aus den Fugen der Bretter, alle Wasser waren voll von ihnen, mit jedem Atemzug mußten sie eingesogen werden. Sie glaubten ihren Geschäften nachzulaufen und besorgten die meinen, sie glaubten ihre eigenen Gedanken zu denken und dachten die meinen. Ich habe sie betäubt, entkräftet, zerstört. Als meine Geschöpfe wüteten sie gegen sich und gegen die Stadt. Sie alle, die Gesunden, die Ganzen, die Beweglichen waren vergiftet von mir. Der Sieger bin ich. Ich, der Rumpf ohne Glieder, der nur Hirn und Verdauung ist, ich habe eine ganze Stadt mir selbst zum Opfer gebracht. Das Köstlichste aber blieb mir bis zum Schluß. Euch bewahrte ich mir auf, als Zeugen des allgemeinen Sterbens, wie man die Hinrichtung des schwersten Verbrechers zuletzt vornimmt. Ihr solltet erst sehen, wie eins nach dem andern zusammenbrach, ihr solltet alle Stufen der Fäulnis miterleben, das Versinken, den Untergang, die Auflösung aller menschlichen Würde und Schönheit, um zuletzt, zuallerletzt selbst euer Schicksal zu erfüllen, als mein letzter, feinster und höchster Triumph.«

Schlank und aufrecht stand Gundis, die Hände hatte sie über der Brust gekreuzt, wie eine der Grabfiguren in alten Domen, sagte mit tiefer, milder Sanftheit: »Das ist nicht wahr! Du bist doch auch ein Mensch.«

Er raste mit seinem Leib gegen die Sessellehne: »Ein Mensch!«, gellte verzweifelt: »ein Mensch!«

»Ich glaubte an das Gute in dir,« sagte Gundis.

»Das Reich des Lichtes und das Reich der Finsternis sind beide von Ewigkeit an und gleich mächtig. Und die Klippoth sind dem Menschen allezeit näher als die Sephiroth.«

Als spräche das Licht selbst, so kam es von Gundis hergeweht: »Jeder Mensch steht in jedem Augenblick seines Lebens an der Grenze zwischen den beiden Reichen und hat sich immer wieder für eines von beiden zu entscheiden.«

Da war es Schembera, als werde eine Dunsthülle, die ihn umgeben hatte, weggeblasen, die Fittiche seiner Sieghaftigkeit, die ihn getragen hatten, schrumpften ein, er war in seine armselige Körperlichkeit zurückgeworfen, in diesen unbehilflichen Rumpf, der ihn eng umschloß. Kurze Betäubung fiel wie ein Deckel über ihn. Als er die Augen wieder aufschlug, war Gundis fort.

Hatte sie ihn so ohne letztes Wort verlassen?

War sie überhaupt dagewesen?

Vielleicht war sie nur, ein Geschöpf seines eigenen Innern, aus ihm herausgetreten, um sich mit dem Stoff zu bekleiden, der im Raume auf Formen wartet?

Aber seine Brust fühlte noch den Druck ihrer gerungenen Hände.

Es war ein Schmerz in ihm, Wehen, bange Bedrängnis einer Geburt. Helligkeit brannte still unter Schleiern; er hatte ein Gefühl von Gestalten, die in einem halbdunkeln Tempelraum unter einer hohen Kuppel im Kreise standen und ihn aus großen Augen stumm ansahen. Sturmwind stieß gegen die Glasfenster des Tempels, die verschleierte Helle floß über ein Mosaik von vielen Farben. Die eherne Unbeweglichkeit der Gestalten ergriff ihn und zwang ihn zur Andacht. Vielleicht waren es Worte, die er einmal gehört hatte und die er hätte deuten sollen. Wie er von ihnen fort den Blick zur Kuppel hob, sah er diese sich wölben, als werde sie von einer Kraft des Reifens geschwellt und dem Himmel nähergeschoben. Immer höher stieg sie an und der Stein wurde ein leuchtendes Strahlen . . .

»Die Wasser des Himmels,« sagte jemand.

Außer sich vor Sehnsucht hob Schembera seine Arme der in Klarheit aufgelösten Kuppel nach, er hatte Arme, sie waren ihm aus dem Rumpf gewachsen, er fühlte die Kraft und Geschmeidigkeit von Beinen unter sich, er stand im Kreise der erzenen Gestalten, die auf ihn zu warten schienen.

Plötzlich war die Helligkeit der Schleierhülle ledig geworden, sie lief vor ihm her, er merkte, daß sie von seiner eigenen Brust ausging. Ein wunderbar überirdischer Glanz war dort erwacht, Licht von Sternen in einem göttlichen Wort. Er las es in den Augen der erzenen Wesen, die ihn umstanden, Augen, die es wie Spiegel auffingen und noch herrlicher ausstrahlen machten. Er sah sich mit diesen Augen von allen Seiten zugleich, mitten im Kreise stehend und zugleich in jedem dieser Wesen, deren Sinn ihm mit einmal in unsäglicher Wonne klar ward. Er umstand sich selbst in einem Kreise, dessen Mittelpunkt er zugleich war . . .

Und wußte, daß dieses nicht zum erstenmal so geschah, sondern seinesgleichen schon vorher hatte.

Er trug und las zugleich das strahlende Wort auf seiner Brust.

Es war das Wort: »Am,« das ist Ja.

»Da du unter Menschen gehst . . .,« sagte jemand und reichte seinen Schultern ein dunkles Kleidungsstück. Es umhüllte ihn und barg das irdischen Augen unerträgliche Wort: Am.



17. Der gläserne Sarg.

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte Mac Kinley. »Wie können Sie mir die Schuld zuschreiben, daß Miß Gulliver abermals verschwunden ist? Ich könnte eine persönliche Gehässigkeit gegen mich darin erblicken, wenn ich nicht wüßte, daß Ihr Urteil in allem, was Miß Selina anlangt, getrübt ist. Liebe ist . .«

Da Fred Gregor eine abwehrende Bewegung machte, wiederholte Mac Kinley mit verschärfter Bestimmtheit: »Liebe ist der Feind alles Scharfsinnes. Sie ist ein Spiegel, der absonderlich genug ist, einen Teil der Strahlen einzuschlucken und einen anderen nach ganz unphysikalischen Brechungsgesetzen zurückzuwerfen. Sie fälscht das Weltbild, verschiebt Ursache und Wirkung, schaltet Unsinn in den Zusammenhang des Sinnes. Liebe ist ein Scherz der Metaphysik, den wir so ernst nehmen, daß wir das Gelächter der Sphären überhören.«

Sie waren nach ermüdendem Flug über Wien auf dem flachen Dach der Urania gelandet, standen gegen den schlanken Aluminiumleib des Ruthford-Rennfliegers gelehnt und rauchten ihre Erholungszigaretten.

»Ich sage nicht, daß Sie die unmittelbare Schuld tragen,« gab Fred Gregor nach, »aber Ihre Weigerung, Miß Selina in Ihre Pläne Einsicht nehmen zu lassen, hat sie fortgetrieben. Sie sah ihre eigenen Wünsche durch die Ihren in Gefahr. Sie fürchtete, daß Sie ihr entgegentreten könnten, in einer Weise, die der ihren vollkommen widersprochen hätte. Sie wollte Ihnen zuvorkommen. Ihre Bedingungen waren für sie unannehmbar . . .«

Mac Kinley drückte seine Zigarette gegen den silbern geäderten, glasklaren Flügel, warf den zerquetschten, schwarzen Stumpf über den Rand des Daches in die Tiefe. »Meine Bedingungen . . . ich erinnere mich nicht, Miß Gulliver meine Bedingungen mitgeteilt zu haben.«

»Miß Gulliver hat sie erraten!« sagte Fred Gregor, düster wie ein schwarzer Ritter, der für seine Dame in die Schranken reitet.

Über Mac Kinleys Gesicht traten die Sommersprossen eine vergnügte Wanderung an, sein Karpfenmund wölbte sich wunderlich. »Was Sie nicht sagen! Erraten hat sie es?«

»Nun ja,« stritt Fred, »Frauen haben in ihren Nerven ein Empfangsorgan für die Sendungen unseres Unterbewußtseins. Sie sind wie jene mit chemischen Stoffen überzogenen Schirme, die aufleuchten, wenn sie von unsichtbaren Strahlen getroffen werden.«

»Sie täuschen sich manchmal,« sagte Mac Kinley mit dem blauen Rauch einer zweiten Zigarette aus Mund und Nüstern. »Täuschen sich, mein Lieber! Sie bilden Gedanken aus dem Nichts, senden sie aus und empfangen sie wieder, als fremde Gedankengespenster, sehr verwundert über diese verruchte Welt, in der sie leben. Ich will Ihnen sagen, was meine Bedingungen sind und Sie werden mir recht geben, daß sie nichts mit Miß Selina zu tun haben. Meine Bedingungen, oder vielmehr meine Bedingung, denn es ist nur eine, lautet: daß mir niemand in die Dinge dreinredet, die ich vorhabe. Daß mir niemand seinen guten Rat aufdrängt, daß mir niemand meine Zirkel stört, daß man die Redensarten, die soviel Unheil angerichtet haben, einsperrt und aufhängt. Redensarten sind ein Luxus, den man sich erlauben kann, wenn sonst alles in Ordnung ist. Sie sind gut für Zeitungen, Versammlungen, Kanzeln, Tribünen, Bücher. Der Tat sind sie nur im Weg. Taten haben sich nie nach Mehrheiten gerichtet, nach Freiheiten und Selbstbestimmungsrechten. Was an großen Dingen geschah, war Werk eines Willens, nicht zusammengeronnener Massen. Ich hoffe, Sie sehen ein, daß das alles mit Miß Gulliver keinen Zusammenhang hat.«

Ob Mac Kinley die Wahrheit sprach? Sein Gesicht war unfaßbar rätselhaft, trug redlichste Offenheit und schattete im nächsten Augenblick unter Unbegreiflichem, die Haut seiner Wangen und seiner Stirn, jetzt ein altes Pergament, schied eine Sekunde später Glanz praller Gespanntheit aus. »Warum haben Sie das Miß Gulliver nicht gesagt?« fragte Fred.

»Weil sie noch nicht so weit war, zu verstehen, daß man, was man über sich selbst erhöhen will, erst in sich völlig überwunden haben muß.«

Fred wurde wieder streitbar: »Miß Gulliver ist fähig, alles zu verstehen.«

Mit seltsam zerrinnendem Lächeln sah Mac Kinley den jungen Menschen an: »Wie Sie mich an Ihren Oheim erinnern.«

»An wen?« verwunderte sich Fred.

»An Ihren Oheim Theodor Gregor.«

»Haben Sie ihn gekannt?«

»Ob ich ihn gekannt habe? So gut, daß ich ihn in jeder Ihrer Bewegungen wiederfinde, in Ihren Mienen, in dem Klang Ihrer Stimme. Es gibt nicht zwei Menschen, die einander ähnlicher sehen. Es ist, als seien Sie in ihm wiedergekehrt. Hat Ihnen das Ihr Vater niemals gesagt?«

»Man hat bei uns daheim von Onkel Theodor ungern gesprochen.«

Mac Kinley nickte: »Ich verstehe. Der Schandfleck der Familie! Sagen Sie, Mister Gregor, haben Sie, wenn Sie durch diese Stadt gingen, nicht das Gefühl gehabt, als seien Sie hier schon einmal gewesen?« Aufmerksamkeit spannte sich wie ein straffes Band zwischen Mac Kinley und Fred.

»Ja, ja,« bestätigte Fred atemlos.

»Sie sind Straßen gegangen, deren Häuser sie wie alte Bekannte ansahen. Sie sind in ein Zimmer getreten, wo Sie noch niemals waren, und wußten mit völliger Sicherheit, was Sie im nächsten Raum finden würden. Sie haben ein Ding in die Hand genommen, das Sie noch niemals berührt hatten, erkannten es und wußten um seine geheimen Eigenschaften. Nicht wahr?«

Über Freds Rücken lief eine Welle von Kälte: »Ja! Ja!«

»Sehen Sie,« fuhr Mac Kinley gelassen fort: »Dieses Gefühl hatten Sie, wenn Sie den Gedanken Ihres Oheims begegneten, wenn diese an Ihre Seite traten und in Sie eingingen. Unsere Gedanken leben fort, sie sind um die Dinge, die sie geliebt haben, und so streifen die Gedanken Ihres Oheims noch in dieser Stadt umher. Ich weiß, daß Sie empört sind über das, was hier geschehen ist, daß Sie die Stadt und die Menschen hier verurteilen, mit dem wütenden Schmerz Ihres Vaters, dessen Liebe sich in Zorn gewandelt hat, dessen Enttäuschung ihm sein Lachen getötet hat. Und dennoch lieben Sie die Stadt auch mit der Fülle von Hingabe und Sehnsucht jenes Mannes, der am selben Tag, vielleicht um dieselbe Stunde im Atlantic ertrank, an dem Sie geboren wurden. Ist es nicht so? Ich war mit ihm auf jenem Schiff, als es im großen Krieg torpediert wurde. Ich bin der einzige Überlebende jener Katastrophe.«

Fred faßte ins Gestänge der Flugmaschine, er mußte an Körperliches rühren. Die Kuppel der Sternwarte vor ihm rieselte nach allen Seiten hinab, schien sein Bewußtsein mit sich zu reißen, er hielt sich fest.

»Sie sind ein Gläubiger wie er,« fuhr Mister Mac Kinley fort. »Der Glaube, wissen Sie, ist die gewaltigste Bindung, eine Kraft, die Irrtum und Wahrheit mit gleicher Inbrunst umklammert. Es handelt sich darum, ihm seine Richtung zu geben. Auch der irrende Ritter von der Mancha war ein Gläubiger. Oh, ich kenne Ihren Oheim von seinen Anfängen her. Weiß, wie er zum Schandfleck wurde. War da nicht diese kleine Choristin vom Theater an der Wien, Besitzerin der schönstgeformten, schlanken Beine und eines unsauberen Herzens? Aber Theodor schloß von den Beinen auf das Herz – und glaubte. Da verlor er den Weg. Die braven Gärtnersleute im Schönbrunner Park wandten sich an ihren Gott, daß er den Sohn bewahre. Die blonde Hella vom Theater an der Wien wollte lachen, sie tanzte, wenn die Nacht bunt wurde, auf den Tischen und dazu brauchte sie lange schwarze Seidenstrümpfe und Höschen mit Spitzen. An demselben Tag, an dem die Mutter aus Mariazell zurückkehrte, wo sie ein wächsernes Herz geopfert hatte, lag der Sohn vor ihr auf den Knien und gestand. Die städtische Sparkasse hatte Verluste zu beklagen. In England trafen wir uns, als wir beide von unten begannen: er und ich. Waren Bettgeher im gleichen Schlafraum, übernachteten im Hyde-Park, lasen in den Markthallen Gemüseabfall auf, halfen im Hafen, zählten Pennys, kratzten Schillinge zusammen. Wir wetteiferten, dann wuchsen wir getrennt weiter, ich drüben, er in der Oxford-Street. Ich wußte um ihn, wie er nur ein halbes Leben lebte, wie sein Bestes daheim geblieben war, die unauslöschliche Liebe zur Heimat sein Dunkel in der Fremde besonnte, wie ihn Sehnsucht einem Ziel entgegentrieb. Als er so weit war, wie er sich gesetzt hatte: heimzukehren, Sühne zu tun, seinen Reichtum über die geliebte Stadt auszuschütten, riegelte ihm der Krieg die Heimat ab. Er sann nichts anderes, als wie zu helfen wäre, berief mich. Wir berieten Großes, traten die Fahrt über den Ozean an, ein albernes Torpedo kam dazwischen . . .«

Von allen diesen Dingen hatte Fred nichs gewußt, Schamhaftigkeit hatte den Bruder seines Vaters stumm gemacht bis in den Tod.

»Wir wollten Millionen in Bewegung setzen. Und dann: er war auf dem Weg zu Ihrem Vater. Ein albernes Torpedo kam dazwischen. Aber Sie wurden am gleichen Tag geboren. Sein Vermögen nahm der Staat. England erinnerte sich, daß er ein feindlicher Ausländer war. Wenn ich meine Hand nach diesem Trümmerhaufen ausstrecke, Mister Gregor, so ist das eine Art Erbschaft meines Freundes. Aber ich trete sie auf meine Weise an, verstehen Sie.«

Fred stand betäubt, konnte seinen Blick nicht von der Kuppel der Sternwarte nehmen, die noch immer langsam und ohne Aufhalten hinabzurieseln schien. Sein Scheitel war heiß, auch sein Schädel war so ein Gewölbe fliehender, abstürzender Kurven, die aus dem unendlichen Raum herausgeschnitten waren. Durch den Aluminiumteil der Maschine ging ein Rühren, eine Hand drückte Freds Schulter.

»Wollen wir nicht weiterfliegen?«

Fred entriß sich seinen Gedanken, ein wenig verwundert, sich auf dem Dach der Urania zu befinden. Mac Kinley schwang schon die kurzen Beine über den Rand des Sitzes. Es war Fred, als gelte es Versäumtes nachzuholen, er kletterte zu Mac Kinley, riß die Hebel an. Mit zwei kurzen, steilen Schlägen der glasklaren Flügel hob sich die Libelle vom Dach, stieg gerade auf, mit einem feinen Gesang, einem seligen Summen der Bewegung, wie ein großes Insekt. Sie schwebte eine Weile langsam höher, begann dann zu kreisen, ein Wundergeschöpf des Äthers, den ersten plumpen Versuchen der Bezwingung der Luft so überlegen wie der Flug einer Schwalbe dem eines Haushuhnes. Schleifen wandten sich über die Dächer, knüpften die Luft zu Knoten, zogen sich an ihnen hinan, wandten sich dem trüben, einförmigen Himmel zu. Mit einem seltsam innigen Gefühl sah Fred auf die verlorene Stadt, mit einer fast unerträglich traurigen Bitternis über ein Schicksal, das ihm mit einemmal völlig unverdient schien, als schaue er es jetzt durch die Liebe seines Oheims. Wenn diese Ruinen Selina nicht herausgeben wollten, so lag es nicht daran, daß sie tückische Feindseligkeit gegen das Mädchen im Schild führten, sondern an Selinas Willen, der sich mit geheimen Kräften der Stadt verbündete.

Alles Suchen war ins Leere gelaufen. Man hatte die Ruinen des Nordbahnhofes durchstreift. Wie eine Erleuchtung war es über Fred gekommen, ein Nachhall des Empfindens, von Selina dorthin geführt worden zu sein, den Weg eines Wunsches mit ihr gemacht zu haben, damals, als sie noch einander näher gewesen waren. Man hatte in den Trümmern Spuren früherer Bewohntheit gefunden, einstige Anwesenheit von Menschen hatte Schichten zurückgelassen, aber nun lag alles leer und wüst. Der Telepath war eingeladen worden, seine Kunst aufzubieten. Er hatte sein jetziges Medium, eine der drei Lehrerinnen aus Connecticut, hellseherisch entzündet, aber was sie geoffenbart hatte, war sinnloses Gewäsch ohne Hand und Fuß gewesen. Schweißtriefend hatte der Magier seine völlige Ratlosigkeit eingestehen müssen und sich damit entschuldigt, daß Miß Gulliver offenbar aus ihrem Willen einen Damm gebaut habe, der auch durch ihn nicht zu durchdringen sei. »Es gibt Menschen,« sagte er, mit einem Versuch, ein wissenschaftliches Gesetz für sich sprechen zu lassen, »die den Rapport durch Querschwingungen vereiteln können.«

Über eine Brandstätte hin glitt lautlos die Libelle. »Es ist der Stadtteil, der niedergebrannt ist, als wir einfuhren,« sagte Mac Kinley. Und Fred war es, als liege dies nicht um Wochen, sondern Jahrzehnte zurück. Schwarz starrten Gerippe von Häusern, zerbröckelnde Mauern zeigten die Zähne, zerfressenen, verkrusteten Fensterhöhlen enttroff grüner Schleim. Aus der Flughöhe der Libelle gesehen, lag die Stätte wie eine brandige Wunde im Leib der Stadt. Weiß leuchtete ihnen eine Zeichnung entgegen, auf kohlschwarzer, langgedehnter Wand, die noch unzertrümmert stand. Über einem riesenhaften Dreieck hing ein zweites, umgekehrt, mit der Grundlinie nach oben und der Spitze nach unten, so daß sie die entgegengereckte der unteren berührte und mit ihr verschmolz.

Die fliegende Libelle wich, als scheute sie vor dem Gebilde, zur Seite und überflog es mit einem furchtsamen Schwirren der Flügel in hohem Bogen.

»Seltsam,« sagte Fred Gregor zu Mac Kinley gewendet, indem er die Schalldämpfung einschaltete, durch die das Geknatter der Flügel unhörbar wurde, »es sieht wie ein Niederschlag irgendeiner Substanz aus dem Feuer aus. Haben Sie das fahle Glitzern der Kristalle bemerkt? Kalisalze? Alaun? Ist das möglich . . .? Woran erinnert nur die Gestalt?«

»An eine Sanduhr,« sagte Mac Kinley.

»Ja – an eine Sanduhr,« stimmte Fred zu, ein Zittern wie das der Libellenflügel in sich erdrückend.

Sie zogen ein Netz von Flugbahnen über die Vorstädte, gitterten knatternd den Luftraum über Währing, Hernals, den Alsergrund, der Josefstadt. Die Gürtellinie rollte sich unter ihnen ab, über den kreidebleichen, zerfallenen Pyramiden der Votivkirchentürme bohrten sie eine Spirale in den Himmel, zu einem Überblick über das Ganze, einer Vogelschau. Deutlich sahen sie, wie die Stadt mit der Doppelkette, der äußeren des Gürtels und der inneren der Ringstraße, an den Donauarm gefesselt war, ein Geschmeide, einst in kostbarster Fassung, ein Edelstein, eine Perle, jetzt von einer rätselhaften Krankheit von innen heraus in Fäulnis gelegt. In Mac Kinleys Hand tickte der Fernfilmer, der in der Sekunde tausend Aufnahmen machte und jede leiseste Regung von Leben auffing, die sonst dem Auge unbemerkbar geblieben wäre. Sie nahmen den Kurs der inneren Linie, überschnitten den verwitterten Bauklumpen der Universität mit seinen sieben Höfen, senkten sich im Sturzfluge auf die Trümmer der kaiserlichen Burg, strichen über die Bresche im Dache der Oper hin, durch die man in einen Abgrund voll Gerümpel sah. Zwischen den Säulen der Karlskirche stießen sie hindurch, setzten mit einem Sprung fast bis in das wildverwachsene Gestrüpp des Parkes davor, verführt durch einen flüchtigen Schimmer der Bewegung eines Lebendigen. Es war nur irgendein Tier gewesen, einer der wilden Hunde, der sich jetzt, zitternd vor dem daherrasenden Flügelwesen, ins Dickicht verkroch. Zweigspitzen kitzelten den Bauch der Libelle. Sie bäumte die kräftig gedrungene gleißende Brust aus Metall über dem Schwarzenberg-Palais empor, stand steil auf dem federnden Hinterleib, mit den durchsichtigen Flügeln aus Seidenglas die Luft unter sich wirbelnd. Stürmte längs des Bettes aus Beton, in dem die Wien über die Trümmer der Markthalle und die riesigen Blöcke des gesprengten Kriegsministeriums schäumte. An der Urania schloß sich das Rund der Flugbahn, schwirrend schoß die Libelle darüber hinaus in neue Kurven, querte den von Brückenruinen zerstückten Donaukanal.

Fred Gregor sah dies alles mit neuen Augen. Mit einer bangen, eben erst erschlossenen scheuen Zärtlichkeit, ein Stück seiner eigenen Vergangenheit, dessen Wurmfraß und Verwesung, im Überblick noch offenbarer als im nahen Durchschreiten, ihm das Herz antrieb und das Bewußtsein verdünnte, als wäre er in unermeßliche, unatembare Höhen geworfen, Blicke voll Sehnsucht verwurzelten sich an dieser und jener Einzelheit von Wundern, wurden vom vorwärtsstürzenden Flug los gerissen, schleiften nach wie die herabhängenden Ankerseile eines Fesselballons. Er spürte, daß er die Last eines Heimwehs trug, das ihm von einem anderen Leben in das seine geflossen war.

Weiter stieß die brausende metallische Brust der Libelle, das Riesenrad spreizte sein Gestänge, vor dem Grau des Himmels hingen die Waggons, Spielzeug von Gigantenkindern. Man roch das schlechte Benzin, das aus der Rotunde dunstete, die, mit Blech ausgeschlagen, zum Tank umgewandelt worden war. Sie trotzten der Gefahr der Zündung, schwangen einen Bogen zum Tegetthoffdenkmal.

Im Fernfilmer löste sich ein feines, schrilles Läuten aus, selbsttätige Registrierung der Anwesenheit von Menschen. Vor dem Nordbahnhof sahen sie Gewehrpyramiden, Stahlhelme, die amerikanische Wache sprang von den Feldsesseln auf, zwei Tennisspieler ließen das Racket sinken, ein letzter Ball verflog sich. Alle wandten das Gesicht dem blitzenden Insekt zu. Die Ruinen des Bahnhofs waren nun militärisch besetzt. Der Leutnant grüßte die Flieger. Heftiger schrillte das Läutewerk Menschennähe aus. Fred Gregor ließ die Maschine um die Säule schleifen, hielt sich dem Heiligen in einiger Entfernung gegenüber. Thaddäus Gratias stand da, wie aus Holz, verwittert, mit verbeulten Gliedern, mit Rissen in der Haut, die ihm grindig wie Korke um die Knochen lag, eine Büßergestalt aus den grausamsten Zeiten junger Kunst, fast schon gänzlich abgetöteten Leibes. Klumpen filzigen Haares klebten an seiner Nacktheit, er hatte es erreicht, daß die Spatzen auf seinem Kopf nisteten, Federn und Stroh waren ihm in den Gipfel des spitzen Aztekenkopfes geflochten, auf seinen Schultern lagen Rinden weißen Unrates von Vögeln.

Mac Kinley setzte das Megaphon an: »Haben Sie keine Dame gesehen . . . im schwarzen Kleid mit einem Wettermantel?«

Eine schreckliche Stimme, rauh wie zerkrachendes Holz, antwortete, und ein Schwarm von Vögeln stob entsetzt aus dem Gestrüpp der Haare: »Die für sich selbst sprechen: Aug um Aug und Zahn um Zahn, uns haben sie die Lieblichkeit der Milde und der Barmherzigkeit entwendet und sich aufgeworfen als Erben Christi . . .«

»Ein Narr des jüngsten Gerichtes!« sagte Mac Kinley ärgerlich und stieß das Megaphon zusammen. Sie wandten den Flug so nahe im Winkel, daß der Wind der Flügel den Säulenheiligen schwanken machte. Die Libelle stieg aus dem Qualm des Benzins, nahm neue Richtung, bohrte die Brust der Stadt entgegen.

Rasch wuchs, eine zackige Korallenklippe, vor ihnen der Stefansturm, sie fegten über die Schneide des Daches, vor dem nach beiden Seiten das farbige Brodeln der bunten Ziegel hinabfloß. Wie sie um den steinernen Himmelsturm bogen, die Gebete von Türmchen, die Inbrunst der gegiebelten Fenster, die schlanke Gläubigkeit an gottgewollte Ordnung der Zahl, sahen sie unten im wuchernden Maßwerk ein ruckweises Klimmen. Ein Mensch zog sich da im Gerank von Blume zu Blume hinan. Die Füße stemmte er gegen die Märtyrerkrone eines verbogenen Nischenheiligen, mit der einen Hand griff er in den aufgesperrten Rachen eines vorspringenden Fabeltieres, halb Hund, halb Greif, in der anderen flatterte ihm eine kleine weiße Fahne.

»Das scheint eine altwienerische Leidenschaft zu sein, das Turmkraxeln,« sagte Mac Kinley, die Hand auf dem Schalldämpfer.

»Vielleicht ist es dieser Professor Lammertrollon,« meinte Fred Gregor, »der hier im Auftrag der Harward-Universität eine Architektur-Vermessung vornimmt.«

Es war aber nicht der Professor Lammertrollon, sondern ein Unbekannter. Er saß jetzt rittlings auf den Hundegreif, ließ in der einen Hand die weiße Fahne flattern und hatte mit der anderen eine Uhr aus der Westentasche gezogen, die er den Fliegern entgegenhielt. Sie konnten das Zifferblatt nicht lesen, aber sie hörten fünf dünne, helle Schläge im Werk.

»Es ist fünf Uhr,« sagte Mac Kinley ernst.

Schon waren sie vom Flug weitergerissen, über Dächer geschleudert, neuen Räumen zu. Fünf helle, dünne Schläge klangen in Fred Gregor nach.

Er floh aus der Stadt, umriß sie mit größeren Kreisen. Als sie von der Anhöhe des Schönbrunner Parkes über nachgeahmte Ruinen glitten, begann der Fernfilmer wieder zu läuten, Menschen anzeigend. Gebückt ging unten jemand im Gebüsch, legte einen Augenblick den Kopf hinten über, erschrak vor dem Tier im Himmel und war fort. Sie landeten auf dem freien Platz vor dem Schloß, und Fred Gregor bat Mac Kinley, die Libelle heimzuführen. Er wolle doch einmal nachsehen, ob der Mensch zu stellen und zu befragen wäre.

Mac Kinley nickte ihm sein Einverständnis zu, Fred sah, wie die Maschine mit zwei kurzen Flügelschlägen den Boden verließ und in steiler Schräge stadtwärts zog. Als er sich dem Schloß zuwandte, überwältigte ihn neuerdings dieses unbedingte Gefühl des Wiedererkennens. Die lange gelbe Front stand vor ihm, von Trauerschleiern befreit, bündig in ihrer vornehmen Geschlossenheit, so wie er sie in sich trug. Er durchschritt die Einfahrt, am Fuß der Freitreppe leitete es ihn nach rechts. Schon begann die Wildnis des Parks, die einst streng beschnittenen Hecken hatten die Form überwunden und vergessen und ihre Zweige frei ineinander geflochten. Üppig verknoteten sich die Passionsblumen zu Teppichen von Blüten. Schmal getretene Wege schlüpften durch das in Zwanglosigkeit zurückgesunkene Wachstum. Ein verstümmelter Gott versteckte sich hinter Zweigen, über eine antike Leier aus Stein hob sich Freds Fuß.

Er folgte einem der Pfade. »Hier . . . hier muß es sein,« sagte er halblaut, es bebte in ihm einem Beglückenden entgegen. Nun kommt eine Mauer mit einer Türe und dahinter ein kleiner Teich, wußte er. Das Gewucher verdünnte sich, gelbes Licht drang vor. Da war die Mauer, die Fred erwartet hatte, aber sie sperrte lückenlos den Pfad, der nun im Bogen an sie herankam und an ihr weiterschlürfte. Fred sah sich um, ein kleines Stück Feld war ins Gehölz geschnitten, über das ein Mensch gebückt stand. Mit einer unbegreiflichen Rührung sah Fred die gebrechliche Haltung des alten Mannes, die Form des Kopfes, die mürben Greisenschultern, das Arbeitsgerät, das welke Hände in den ewig jungen Boden stießen. Andächtig vor innerer Erschütterung, eine heilige Flamme in sich, wagte er nicht laut zu werden, sogar den Atem sog er ein. Da wandte der Alte ein tief verrunzeltes zerschlissenes Gesicht voll unendlicher Güte. Er stieß den Spaten in die Scholle, kreuzte die Hände über dem Griff und sagte, ohne Verwunderung und ohne Erschrecken: »Sind Sie es, der vorhin über den Park geflogen ist?«

»Ja! Sie brauchen nicht zu erschrecken. Ich komme bloß, um zu fragen . .« Aber da wußte es Fred nicht mehr, was er zu fragen gekommen war.

Der Alte schüttelte den Kopf. »Wissen Sie, wir haben einmal geglaubt, der Mensch würde besser werden, wenn er fliegen kann. Aber er hätte doch die Erde nicht verlassen sollen.«

Nun wußte Fred doch, weshalb er eigentlich gekommen war. »Sagen Sie, bitte, liegt hinter dieser Mauer nicht ein kleiner Teich?«

Der Alte nahm die Hände vom Spaten und rieb sie an den Hosen ab: »Der Teich ist ausgetrocknet. Jetzt wächst mein Mohn darin. Sind Sie denn schon früher einmal hier gewesen?«

»Und war in dieser Mauer nicht einmal eine Türe? Es müßte eine Türe hier sein.«

In den Pupillen der klaren blauen Greisenaugen war gütiges Erstaunen: »Woher wissen Sie das? Das ist so lange her, daß ich mich selbst kaum daran erinnern kann. Ja, es war einmal eine Türe da. Aber sie wurde vermauert, auf Wunsch . . . ich weiß nicht einmal mehr, auf wessen Wunsch . . . aber sie wurde vermauert. Das war vor vielen Jahren.« Der Alte riß den Spaten aus der Erde, hob ihn sich über die Schulter: »Wenn Sie meinen Mohn sehen wollen . .?«

Längs der Mauer schritt er Fred voran, dem wieder Rührung in der Kehle zitterte, als er den Alten vor sich sah, langsamen Ganges, mit geducktem Kopf, dessen Form er unzählige Male gesehen zu haben glaubte. Sie kamen nach einigen hundert Schritten zu einer Bresche, der Alte bog Brombeerranken zurück, stieg über Ziegelbrocken voran. An der Mauer hin brandete ein Jubel von Weiß, Rot und Blau, Fülle von Glück des Wachstums . . . Ja, so mußte es sein, dachte Fred, da nun der Teich einmal ausgetrocknet war, so und nicht anders.

»Dort wohnen wir,« sagte der Alte, indem er nach einem niedrigen Häuschen wies, vom selben Gelb wie das Schloß, mit grünen Fensterladen.

»Sind noch immer die Schwalbennester über dem Haustor?« fragte Fred.

Antwort gab eine Schwalbe selbst, die zwitschernd mit langem, schrägem Strich gespitzter Flügel aus dem Dunkel des Tores vorschnellte. Der Gang war kühl und sammelte einiges Licht auf weißer Tünche. Nun kommt ein Kreuz, wußte Fred. Der Gang schlug einen Haken nach links, da hing ein großes Kruzifix an der Wand, dem Heiland war der Kopf gegen die Brust gesunken, aus den Nagelwunden an Händen und Füßen tropften dicke schwärzliche Trauben von Blut. Der Weihbrunn! . . . Auch der Weihbrunn aus Zinn war da, neben der Türe, die der Alte jetzt öffnete, um den Gast voranzulassen. Freundlich empfing ein vertrautes Zimmer, von aller Güte eines ganzen Menschendaseins warm durchstrahlt. Der Bord mit den blauen Krügen, den springenden Hirschen, den großen, roten Klatschrosen auf den glänzenden Bäuchen. Das Glasgemälde mit dem heiligen Abendmahl in verschrobener Perspektive, die treuen Jünger zum Heiland drängend, während der rothaarige Judas den Beutel mit den Silberlingen unter dem Tisch zu bergen sucht! Der Glasschrank mit bemalten Ostereiern! Über der Kommode aus Nußbaumholz zwei alte farbige Öldrucke, ein General in weißem Waffenrock und Backenbart zu beiden Seiten eines freien Kinns und eine jugendlich schöne Frau mit einem Hermelinmantel an bloßen Schultern!

Und im Fensterplatz, zwischen weißen Gardinen, die alte Frau, den unsterblichen blauen Strickstrumpf in den verschrumpften Händen . . .!

»Das ist ja der Theodor!« sagte sie, und es klang wie die dünne Stimme einer alten Spieldose.

»Mein Gott! Der Theodor,« das Männlein hob die dürren Arme und zitterte am ganzen Leib. »Wo hab' ich denn meine Augen gehabt? . . . Wahrhaftig, der Theodor.«

Freds Herz war ein offener Schrein. Zwischen den beiden alten Leuten stehend, reichte er seine Hände nach beiden Seiten: »Nein! Nein! Ich bin doch der Fred.«

Zwei kühle Runzelhände lagen an seinen Wangen, ein Blick hell wie Wasser, greise Klarheit, bereit von der Vielfalt der Erscheinungen dieser Welt, schloß sein Tiefstes auf: »So so . . . der Fred! Der Fred!« Fred bückte sich nach dem blauen Strickstrumpf, der der Großmutter entglitten war, hob ihn auf ihren Schoß zurück: »Ich habe geglaubt, ihr seid schon längst gestorben.« Sie hatten daheim die Todesnachricht erhalten, hatten die Großeltern beweint, Trauer um sie angelegt, ihr Gedächtnis heilig gesprochen.

Ein Lächeln schwamm in der Durchsichtigkeit der Augen, Spiel von Licht auf Wassern. »Ein Irrtum! Es ist vieles totgesagt und lebt noch.«

»Denk dir nur,« schwatzte der Alte eifrig, »da kommt er her, fragt nach dem Teich und der Tür in der Mauer, die schon vor vielen Jahren vermauert worden ist.«

»Ich hab' dich eigentlich sofort erkannt, Großvater,« besann sich Fred, »nach der Ähnlichkeit mit dem Vater. Und er hat mir so viel von euch erzählt . . .«

»Du siehst aber dem Theodor viel ähnlicher als deinem Vater,« sagte das alte Weiblein.

Im verschrumpften Gesicht des Greises regte sich Aufmerksamkeit: »Ist es auch ganz bestimmt nicht Theodor?«

»Nein, es ist Fred,« versicherte die alte Frau, indem sie Freds Hand drückte. »Es ist Fred.«

Fred sah sich in dem Zimmer um: »Hier ist noch alles so, wie es damals war. Sogar das Kaffeegeschirr mit den griechischen Göttern, das ihr von der Markgräfin Pallavicini bekommen habt.« Viele Stücke waren da, von denen er sich zu erinnern glaubte, daß sie damals in seines Vaters Zornanfall zu Scherben geworden waren.

»Wenn es Fred ist,« schmunzelte der Alte, »dann müssen wir ihm aber auch zeigen, was wir Neues haben.«

Die Küche war das alte, liebe, rauchige Dunkel, dann das Bubenschlafzimmer mit zwei Betten, dem braungestrichenen Kasten, Grillparzers verstaubtem Gipskopf, dann die weiße Kammer mit den leeren Blumentöpfen und den grünen Gestellen für die Kakteensammlung. Die vierte Wand war Glas und dahinter die Wedel von tropischen Farnen, Sichelbüschel an schuppigen Stämmen, Palmen, zärtlich einander zugebogen, mit großen handförmigen Blättern einander streichelnd, das grüne Geheimnis des Gewächshauses, das hier gleich an die Gärtnerwohnung schloß. Vorsichtig öffnete der Alte die eisengerahmte Türe der gläsernen Wand, warnte mit einem Blick vor rauhem Geräusch. Feuchte Wärme ergoß sich in die Poren der Haut, grüne Bündel fächerten, seltsame Pflanzengestalten spähten vorgebeugt. Unter einem großen Busch, mit weißen, fremd duftenden Riesenkelchen lag jemand. Ein Mensch. Ein Mädchen. Es schimmerte in demselben Weiß wie die Blüten des Strauches, man wußte nicht zu sagen, wo Leib und wo Kleider waren, beide aus Einem gewoben, aus einer Art von Strahlen, die untrennbar ineinander flossen. Seine regungslose, lieblich reine Schönheit war durchsichtig zart, eine nur mit einem Hauch dünner Stofflichkeit bekleidete Seele, ein Duft von Körperlichkeit. Ein Märchen lag da, schlaftief entrückt, überirdisch traumhaft weltentlegen. Die schlanken Hände hielten die Finger in leichter Krümmung an den unsagbar süßen Schenkeln, über die Stirne und an den Schläfen hin kamen dünne, feine, rote Schnitte aus dem Haar, blutfarben, wie junge Narben, und bogen sich zurück, als wären sie nur die Teile eines Kreises, der sich im Haare wieder schloß.

Glasplatten waren auf allen Seiten um das Mädchen gefügt, ein durchsichtiger Sarg. »Wer ist das?« fragte Fred mit einer Erschütterung seines Wesens, die es von allem Bisherigen löste.

»Die Prinzessin! Wir fanden sie eines Morgens im Mohn. Weiß, Rot und Blau schwangen die Blüten über sie.«

»Schneewittchen,« flüsterte Fred, »Schneewittchen. Vielleicht steckt noch der vergiftete Apfel in ihrer Kehle. Ob sie erwachen wird?«

Der Alte hob warnend den Blick. Freds Hand strich zärtlich über den gläsernen Sarg, der unter der Berührung ganz leise zu singen begann.



18. Der Prophet.

Den Erdfressern war ein Prophet erstanden. Eines Tages war er an ihr Lagerfeuer getreten, in einem weißen Mantel, der im Wind flatterte und hatte zu sprechen begonnen. Sie verstanden ihn zuerst nicht, und da sie gegen alles Fremde feindlich gesinnt waren, schlichen sich zwei junge Burschen mit ihren Steinhämmern von hinten an, um ihn niederzuschlagen. Aber der Fremde erriet aus dem Aufkreischen einer Frau die Gefahr, sprang zurück und sandte aus einem kurzen schwarzen Rohr in seiner Faust einen Blitz zwischen die beiden Feinde, dem ein Donnerschlag folgte, so daß alles vor ihn hinstürzte. Jetzt entsannen sich die alten Männer einer Stammessage, daß die Menschen einst über Blitz und Donner geboten hätten und sahen in dem Mann einen Sendboten jener Zeit, der gekommen war, um ihnen die alte Herrlichkeit wieder zu bringen. Vor ihm im Staub kriechend, erkannten sie seine Göttlichkeit.

Franz Stix nahm die Gelegenheit wahr und sprang auf einen Baumstumpf, donnerte über die gekrümmten Rücken: »Ja, ich will euch zurückführen, woher ihr gekommen seid. Ihr sollt aufhören, euch wie die Würmer von Erde zu nähren, ihr sollt wieder Menschen werden. Jene anderen, die sich zu euren Führern aufschwangen, haben euch alles abgenommen, um euch in die Tierheit zu verstoßen. Es ist Zeit, daß ihr sie verjagt, sie, die euch enterbt haben. Noch immer ist nicht alles verloren . . . dort drüben,« er schwang eine große Geberde der Stadt zu, »dort drüben ist noch immer ein Rest dessen, was ihr einst besessen habt. Wollt ihr ihn den anderen überlassen, wollt ihr ihn preisgeben? Nein, erhebt eure Ansprüche, reißt an euch, was euch gebührt. Ich werde euch führen.«

Es war, als ob Blitz und Knall mit der Erinnerung an die Vergangenheit etwas von dem Verständnis der einstigen Sprache losgebrochen hätten. Sie begannen zu schnattern und gröhlen. Ein Alter kam auf Franz Stix zu, blieb vor ihm stehen, die Hand an der Schläfe, hüllte ihn trotz aller Ehrfurcht in einen stinkenden Atem: »Do miasma brotten.« Es mochte heißen: »Da müssen wir beraten.« Sie setzten sich in Kreise zusammen; von allen Errungenschaften der Vergangenheit war ihnen in ihren gegenwärtigen Zustand wenig mehr als die eine gefolgt, daß alles in der Welt nur durch Räte erledigt werden könne. Sie hatten auch den alten Glauben an Gott abgetan und nach einer Zwischenzeit völliger Glaubenslosigkeit den Himmel durch einen Betriebsrat wieder bevölkert. Ihre eigenen Angelegenheiten wurden nach diesem Vorbild erledigt. So saßen sie nun zum Altenrat, Männerrat, Jugendrat und Frauenrat zusammen und berieten zunächst gesondert und dann alle miteinander.

Der Alte, der ihr Wortführer vor Franz Stix gewesen war, wurde jetzt der seine vor ihnen. Er übersetzte seine Rede ins Erdfresserische: »Wüllauns zruckfirn, woherma kummasan, sockta, hotaxockt. Netmer irdnfressn, zeitis dasmase furtjauka, sockta, hotaxockt, dosmauns nemma wosse fria gnummaham, hotaxockt.«

Bedenken erhoben sich, ob es möglich sei. Es war ihnen eine Angst vor ihren Herren geblieben, eine Last von dauerhaftem Gehorsam, der nichts kannte als die Losung, die man ihm gab und sich aller eigenen Gedanken entledigte. Was man den Alten damals eingeprägt hatte, war in der Dumpfheit ihres jetzigen Seins von den Geschlechtern der Heutigen übernommen worden; sie glaubten sich von der besten aller Regierungen beglückt und hielten jeden Umsturz für ausgeschlossen.

Franz Stix sah ein, daß es galt zu warten und langsam vorzubereiten. Er verschwand, ließ sein Wort reifen, kam wieder, sprach dasselbe, weil er bemerkt hatte, daß beständige Wiederholung für diese armen Menschen alle wirkliche Begründung ersetzte. Er näherte seine Sprache der ihren, gewöhnte sie besser an die seine. Versuchte ihre Gebräuche auszuforschen, ob er nicht da oder dort an etwas anknüpfen könnte, das ihrem Geist Brücke zu seinen Plänen wäre. Spürte ihren Geheimnissen nach, die sich, wie man vorlängst in der Stadt erzählt hatte, um Menschenopfer und Menschenfresserei drehten. Fand aber nichts dergleichen oder hielt es auch vor sich für zu wohl versteckt. Endlich kam er dahinter, wie das Gerücht entstanden sein mochte.

Es begab sich, daß sich die Höhle, in der die eßbare Erde eingeschlossen war, erschöpfte. Die Erdfresser hatten, mit dem Leichtsinn aller unbedachten Naturstämme, der Höhlung ihre Nahrung entnommen, ohne sich beizeiten nach einem Ersatz umzusehen. Nun als die letzten Hände voll ausgeschaufelt wurden, erhob sich Jammern und Wehklagen. Der ganze Stamm lief durcheinander wie ein gestörter Ameisenhaufen, jeder ging aufs Geratewohl und eigene Faust da und dort auf die Suche. Sie wühlten sich in die Erde ein und tobten, wenn sie enttäuscht wurden. Glaubten sich vom himmlischen Betriebsrat verlassen und verstoßen und spien giftige Flüche hinauf. Einige junge Burschen banden Stangen aneinander und befestigten an der obersten ein Büschel brennendes Heu, um dem Himmel Löcher einzusengen. Andere glaubten, ihre Ruhe besser ins Werk zu setzen, indem sie brennende Pfeile gegen die Wolken schossen. Wieder andere hockten tückisch auf dem Boden und murmelten zwischen die emporgezogenen Knie mit Beziehung auf den unerbittlichen himmlischen Betriebsrat die ärgste aller erdfresserischen Beschimpfungen: »Burschua!« Da diese Bedrohungen des Schicksals nichts helfen wollten, versuchte man ihm auf andere Weise beizukommen. Der Alte, der Franz Stixens Sendung zuerst erläutert hatte, der Zauberer des Stammes, beantragte im Kreisrat, daß der Hungersnot durch den »Großen Pflanz« zu begegnen sei. Man entschloß sich dazu, den Antrag anzunehmen.

Aus dem letzten Häuflein eßbaren Lehms und dem Grassamen, den sie ihren Mahlzeiten beizumengen pflegten, aus trockenem Huflattich und wilden Dillkräutern kneteten die Frauen des Stammes eine menschenähnliche Gestalt, ein Kindlein mit gespreizten Beinen und Armen, das über leichtem Feuer ein weniges geröstet wurde. Seiner Brust und seinem Rücken wurden von einer kunstbeflissenen Jungfrau die heiligen Buchstaben W. W. eingeritzt, von denen die Überlieferung erzählte, daß durch sie Wiener Erzeugnisse besonders wohlschmeckend würden. Die jungen Männer hatten indessen aus Brettern einen kleinen Sarg verfertigt, in den das Lehmkindlein gebettet wurde. Dann trat alles zum großen Trauerzug an. Vier nackte junge Mädchen trugen den Sarg, ihnen folgten zwölf ältere Mädchen, die in ihr aufgelöstes Haar Dornen geflochten hatten und auf zerbrochenem Geschirr Musik machten. Es kamen die Alten, die Frauen, die wehrfähige Mannschaft, zuletzt die Kinder. Zwölfmal umzogen sie unter Geheul und Gejammer die leergegessene Lehmstätte, dann warfen die Mädchen das Geschirr zu Boden und zerstampften die Scherben unter ihren Fersen.

Franz Stix, der als Ehrengast der Feierlichkeit beiwohnte und ja von Berufs wegen mit den Trauerbräuchen aller Völker und Zeiten vertraut war, erinnerte sich der Klagegesänge der syrischen Frauen um Adonis und der Ägypterinnen um Osiris.

Nachdem die letzten Scherben zu Staub zerknirscht waren, saßen alle Trauernden im Kreise nieder und zerstückelten den kleinen Leichnam aus Lehm. Jedem wurde ein Bissen zugeteilt, ein Stück Arm oder Bein oder ein Happen Rippengegend oder Schädeldecke. Schmatzend und unter reichlichen Tränen aßen sie die letzte Mahlzeit.

Im Leben jedes Propheten kommt ein Augenblick der Erleuchtung. Hier hatte Franz Stix den seinigen. Er begriff mit einemmal, wie die Sage von der Menschenfresserei dieses Stammes entstanden war, und daß wohl irgendein Beobachter dieses Brauches ihn mißverständlich ausgelegt hatte. Der gleiche Augenblick aber zeigte ihm auch, was zu tun sei, um sich der verkümmerten Hirne dieser Menschen zu bemächtigen.

Auf dem Grunde jedes Sinnbildes liegt eine uneingestandene Sehnsucht. Franz Stix, der Kenner aller Zeremonien des Sterbens und Begrabenwerdens, wußte um seltsame Verhüllungen solcher unzeitlicher Sehnsüchte. Er dachte an die Puppen, die von russischen Bauern auf die Felder hinausgetragen und feierlich verbrannt oder in dem Acker vergraben werden. Anderswo wurde ein Korngott aus Brotteig von den Festteilnehmern aufgegessen, wie es die Erdfresser mit ihrem Kind aus eßbarem Ton getan hatten. Und die alten Mexikaner, die ihren großen Gott Huitzilopochtli aus Teig nachbildeten und in festlichen Gewändern feierlich herumschleppten, um ihn zuletzt zu brechen und an das Volk auszuteilen! Sie waren überzeugt davon, daß sie das Fleisch und die Gebeine ihres Gottes sich einverleibten, und wenn das eine Kümmernis war, so war es doch auch eine Freude, so seiner teilhaftig zu werden. Und die Lebzeltmänner auf den Jahrmärkten von dazumal, die Wickelkinder und Herzen und Reiter in den Buden des Wurstelpraters, diese letzten Schatten alter Opferungen! Und gab es schließlich nicht auch einen Gott, der seine Opferung selbst zum ständigen Gedächtnis eingesetzt hatte: »Nehmet hin und esset, dieses ist mein Fleisch, nehmet hin und trinket, dieses ist mein Blut.«

Was lag in der Tiefe solcher Gebräuche, welche unauslöschlichen Erinnerungen regten sich in ihnen an die schauerliche Heiligkeit mystischer Mahlzeiten? Die alten Mexikaner bekannten sich auf der Höhe ihrer Kultur am unumwundesten dazu; neben ihrem harmlosen Huitzilopochtli aus Brotteig hatten sie noch einen anderen, einen leibhaftigen Gott aus Fleisch und Blut, einen Menschen, den sie fütterten und als Körperwerdung des großen Gottes innig verehrten. Wenn er ein Jahr lang gemästet und ehrfürchtig angebetet worden war, wurde er geschlachtet und verzehrt. Gehörte es nicht zum guten Ton der alten Irländer, die Leichen ihrer Verwandten feierlich aufzufressen, als Zeichen einer Liebe bis über das Grab hinaus? Und die alten Issedonen und Massageten, die sich mit dem Nierenfett ihrer teueren Toten den Körper salbten und die besten Bissen zum freundlichen Gedenken auf die Tafel setzten!

Im Stamm der Erdfresser, der den menschheitlichen Ursprüngen um so viel näher gekommen war, glomm ein Funke, der nur entfacht zu werden brauchte. Wenn man den ihm selbst unbekannten Sinn seiner Bräuche deutete –?

Das hölzerne Särglein war in die leere Lehmgrube versenkt und diese mit Steinen verschüttet worden. Trauernd saß der Stamm umher, die jungen Männer bereiteten sich zur Rattenjagd, Kinder bohrten im Gras nach Regenwürmern, schlürften Schnecken aus ihren Gehäusen. Gelben Gesichtes zwängte sich der Mond zwischen der Hügellehne und einer dicken Wolkenplatte hervor. Wo die Grabhügel verstorbener Erdfresser am Rand einer Hecke wilder Rosen den Rasen buckelten, fand Franz Stix den Meister Appelthaler, den Stammeszauberer. Er saß in der Stellung tiefen Nachdenkens, die Stirn auf die hochgereckten dürren Knie gezogen. Mondlicht rann ihm über den kahlen Schädel.

Der Berührung seiner Schulter hob der Alte den triefäugigen Blick entgegen.

»Die Indianer haben eine Sage,« sprach ihn Franz Stix an, »in der ihr Held seinen Feind Mondarmin besiegt und tötet. Wo er ihn begräbt, wächst zum erstenmal der Mais, der darum auch das Indianerkorn genannt wird. Verstehen Sie, Meister Appelthaler?«

Der Zauberer glotzte an Franz Stix vorbei trübe in den Mond. Der Tröster schwang einen Wurf seiner Hand über den üppigen Grasbestand um die Gräber und auf den kleinen Hügeln. »Sehen Sie,« sagte er, »wie hoch das Gras hier steht, wie es da dicht und schön wächst, wo die Toten unter ihm in der Erde liegen. Immer nährt der Tod das Leben. Ohne den Tod kein Leben, jawohl. Ihr mischt diesen Grassamen in euere Speise, so eßt ihr doch von eueren Toten. Wieviel verwitterte Tote sind in jedem Klumpen Lehm. Am nahrhaftesten aber ist Gleiches dem Gleichen. Was der Mensch braucht, findet er am besten im Menschen, fertig zum Gebrauch. Wozu wollt ihr erst den Umweg über Grab und Verwesung machen?«

»Do miasma brotten?« sagte der Alte und schien den Kopf wieder auf die Knie sinken lassen zu wollen. Franz Stix aber riß ihn durch einen kräftigen Schlag auf die knochige Schulter aus seiner Teilnahmslosigkeit, er trieb ihn mit dem Stachel seiner Worte.

»Wozu wollt ihr hungern? Jetzt werdet ihr euch mit Schnecken, Wurzeln und Würmern helfen, ein Rattenbraten wird euch ein Festschmaus sein. Schließlich werdet ihr wieder eine Lehmgrube finden und euch die Mägen mit Erde füllen. Habt ihr gar nichts Höheres im Sinn? Strebt ihr keine Wandlung zum Besseren an? Ihr braucht Fleisch und Blut, um zu Kräften zu kommen. Und drüben in den Ruinen laufen euresgleichen herum, Braten auf zwei Beinen, knusprige Mahlzeiten, sie haben sich von dem genährt, was euch allen zugemessen war, sie haben euch vorenthalten, was auch ihr bekommen solltet. Mögen sie es euch wiedergeben. Nehmt es euch, macht keine Umstände, ihr habt einen Anspruch darauf, es von ihnen zu verlangen.«

Mondlicht zersplitterte in den Pupillen des Alten zu spitzen Scherben. Verständnis erhellte die urzeitlichen Dunkelheiten. Die dürren Glieder reckten sich, auf krummen, wadenlosen Beinen stand der Zauberer: »Do miasma brotten!« sagte er über die Gräber hin und ging sogleich, um den großen Kreisrat zu berufen.

Erst dämmerte es den Stammesgenossen nur dumpf. Drei Tage dauerte die Beratung. Dann zog in jeden der Köpfe mit der Ahnung des Neuen ein Schwall von Begeisterung. Sie klatschten in die Hände, trillerten auf den gespitzten Lippen. Neben Meister Appelthaler stand Franz Stix im Kreis und bemühte sich, die Flamme immer höher aufschlagen zu machen. Die ganze Ernährung müßte auf eine andere Grundlage gestellt werden! Jetzt wäre der Zahltag! Man müßte sich endlich aufraffen, die Diktatur der Erdfresser auszurufen und zugleich ein für allemal dem unwürdigen Zustand der Erdfresserei ein Ende zu machen!

Die junge Mannschaft grub das Kriegsbeil aus, Meister Appelthaler stimmte krächzend einen vergessenen Schlachtgesang an, der nur eine einzige, immer wiederholte Zeile hatte: »Menschen, Menschen san mer alle.« Man hob Franz Stix auf einen alten Kistendeckel und ernannte ihn zum Führer im heiligen Krieg.

Voll von seinen Erfolgen und im Bewußtsein der Macht, die er hinter sich hatte, kam er abends in Cyrill Gamaufs Zuckerbäckerladen in der Steindlgasse. Trübselig bimmelte die Glöckchenbäckerei ihm entgegen, die Türe in das Wohnzimmer knarrte widrig. Aus der Dunkelheit des Bettwinkels stöhnte eine Stimme: »Wer is?«

Franz Stix nannte seinen Namen, zerstieß das Knie an einem Stuhl. »Warum liegst du im Finstern?« Zwischen Kissen und hochgezogener Decke sahen über dem französischen Bart kranke Augen her.

»Mit mir is aus!« sagte Cyrill Gamauf wimmernd. Schreckliches war geschehen, ein Unfall von lächerlicher Schauerlichkeit. Mühsam, die Brust von Qual zerrissen, berichtete Meister Gamauf.

»Der Teufel macht sein' G'spaß mit uns.« Er hatte auf einem seiner Gänge durch die leeren Häuser unter Gerumpel ein Paar ganz neuer Socken entdeckt. Längst schon hatte er für zerlumpte, faulende Fußfetzen einen Ersatz ersehnt, nun griff er frohlockend nach dem Fund, voll Dankbarkeit gegen das Geschick, das ihm die Erfüllung seines dringendsten Wunsches gewährt hatte. Eine feierliche Fußwaschung ging der Einkleidung vorher, Cyrill Gamauf hatte sich vor sich selbst erhöht, viel Ingrimm war von ihm abgefallen, es schien ein Wink, der bessere Zukunft ankündigte. »Wenn net der Teufel, wer sonst hat mir die Socken in den Weg g'legt.« Sein Gesicht verfiel, seine Wangen höhlten sich, die Mundwinkel zogen sich dem weißen Kinnbart zu. Nachdem der Schmerzanfall vorbei war, fuhr er fort. Drei Tage hatte er sich an seinem Fund freuen dürfen. Gestern war er beim Kochen seines Abendessens in Socken über den Fußboden geschritten, da war das Türchen des eisernen Ofens aufgegangen und ein brennender Span auf den Boden geglitten. Unbesonnen, in plötzlicher Vergessenheit, daß er nicht feste Holzsohlen unter den Füßen hatte, sondern weiches Baumwollengewebe, hatte er den Funken austreten wollen. Da hatte es einen fürchterlichen Schlag getan. Feuer war unter ihm aus dem Boden geschossen, es hatte ihn fünf Schritte weit gegen die Wand geworfen. An seinen Füßen die Socken, bis auf ein paar verkohlte Fetzen wie weggeblasen, die Beine verbrannt bis zu den Knien. Glimmend hatte er die Kleider vom Leibe gerissen, die Flammen mit den Händen erdrückt.

Über einen Stuhl hingeworfen, sah Franz Stix die Generalshosen, die untere Hälfte schwarzer Zunder, die andere von Brandlöchern gesiebt.

»Verstehst d' den G'spaß?« sagte Cyrill Gamauf, »die Baumwoll' von die Socken is a Schießbaumwoll' g'wesen. Jetzt is aus. I lieg wie im Feuer. Die Welt wird nia nix mehr von meiner Glöckchenbäckerei erfahren. Aus is, mei Erfindung kann i mir sauer eimachen.«

Einen Kübel Wasser trug Franz Stix herbei, tränkte die Verbände mit Kühlung, erneuerte sie über dem armen verbrannten Fleisch, von dem die Haut in großen Fetzen hing. »Es müssen auch a paar Rippen brochen sein,« klagte Gamauf und schrie, als ihn Franz Stix anfaßte. »I hab ka Hoffnung mehr.«

»Unsinn!« widersprach der Freund mit der Rauheit, die er hier für angemessen hielt, um den Eindruck ehrlicher Überzeugung zu verstärken. »Die Hoffnung soll man niemals aufgeben. Jetzt, wo sich große Dinge vorbereiten, wo eine Umwälzung bevorsteht, die alles auf den Kopf stellt. Ich bin bei den Erdfressern Prophet geworden, ich habe sie aufgewiegelt, sie werden einen Kriegszug unternehmen und die Regierung stürzen.« Und er begann von seinen Erfolgen zu erzählen, wie es ihm gelungen sei, den Stamm aus seiner Verkommenheit aufzurütteln und seinen Willen zu beleben.

Abgewandten Gesichtes lag der Kranke. »Du bist verrückt,« sagte er müde, ohne Franz Stix anzusehen.

»Nein, mein Plan steht auf festen Beinen.«

»Dös hat uns grad noch g'fehlt, daß ›s Menschenfressen a öffentliche Einrichtung wird.«

»Mittel zum Zweck, mein Lieber, Mittel zum Zweck. Du glaubst doch nicht, daß ich es dazu kommen lasse. Anders aber wären die Leute nicht für meine Pläne zu haben gewesen. Wenn man solches Volk in Bewegung setzen will, so muß man es bei seinen Urinstinkten und Grundtrieben fassen. Und der Urinstinkt des Menschen ist nun einmal das Menschenfressen.«

Mühsam schob Gamauf den Kopf über das Kissen: »Und was für Pläne sein denn das? Was geht denn dich die Regierung an? Glaubst, daß was damit g'macht is, wenn du sie zum Teufel jagst? Kommt halt a andere, a menschenfresserische.«

»Du hast Recht,« sagte Franz Stix langsam, starren Blick in die Wand über dem Bett gebohrt, »was geht mich die Regierung an? Sie geht mich nichts an. Und ich weiß auch nicht, ob es besser wird. Aber es ist ein Mensch da, der befreit werden muß.« Er griff nach Cyrill Gamaufs Hand, drückte die fieberheißen Finger, daß dem Kranken ein Stöhnen entquoll. Betroffen, wie selbst verwundet, ließ er sie fahren.

»Ich versteh' . . . deine Mizzi.«

»Ich kann nicht länger mehr allein sein,« schrie Franz Stix, »ich kann nicht mehr. Alle Tage kriecht es mir näher, das Graue, Gräßliche . . .«

»Wie mir!« sagte Cyrill Gamauf mit zitterndem Bart.

»Was soll ich tun, wenn es mich überfällt; ich bin nicht mehr weit davon. Es hat mich schon gestreift. Zwei Tage lang bin ich dagelegen und habe mich nicht rühren können. Wenn es wiederkommt, wenn es wiederkommt . . .! Dann liege ich wieder da . . .«

»Wie ich,« sagte Cyrill Gamauf.

»Ich will nicht mehr allein sein. Da ist doch jemand, der zu mir gehört, mein Kind, mein Fleisch, mein Blut. Jemand muß mir den Schweiß von der Stirn wischen, wenn ich es nicht mehr selbst tun kann. Alles ist hier zerrissen und ausgerottet worden, aber zwischen Vater und Kind muß doch etwas übriggeblieben sein. Das darf doch nicht auch zerrissen werden. Aber sie will ja nicht, sie will nicht. Sie ist so in diese Bande verstrickt, kann nicht fort. Sie hat ihr Leben von mir abgelöst und dort hineingeschlungen. Die grüne Mizzi, genannt der letzte Versuch . . . das ist jetzt ihr Um und Auf. Ich habe mich eingeschlichen, mit Lebensgefahr, zu ihr . . . es war, als hätten wir uns gestern gesehen, sie hat mich kaum angehört. Wie ich sage, sie soll doch um Gotteswillen fliehen, zu mir kommen, wird sie ganz steif . . . und ihre Augen, oh fürchterlich, zwei Abgründe voll loderndem Eis. Es ist eine Art von Besessenheit. Sie kann nicht fort. Man sagt sonst: die Stimme des Blutes . . . nicht wahr? Aber irgend etwas ist stärker, als ich, irgend etwas hält sie dort fest. Es ist eine Gesellschaft rasender Weiber und sie mitten darunter . . . sie haben eine Amerikanerin gefangen . . . man könnte verrückt werden.« Jetzt pumpte Franz Stix die Brust mit Luft an, der Himmel war voll von einem schmutzigen Abendrot, von dem rann eine matte Welle über Franz Stixens verzerrtes Gesicht: »Ich muß ihr diese Welt zerschlagen, damit sie frei wird. Damit sie mir meine Schuld vergibt.«

In der Pein flammender Glieder wand sich Cyrill Gamauf, Fackeln stießen gegen seine Lenden, seine Brust schien sich mit geronnenem Blut zu füllen. »Du Franzl . . .« sagte er heißer, brach wieder ab.

Die Tage wurden schon kürzer, sommerliche Höhe war überschritten, Schatten klebten an den Wänden, dicke Finsternis lag schon als Klumpen unter dem Bett, streckte schwarze Ausläufer nach Franz Stixens Beinen. Schwer wälzte er die Zunge gegen die Zähne: »Wenn das wiederkommt! Wenn das wiederkommt! Ein Schlaganfall! Ein Starrkrampf! Das Bewußtsein war da, aber mein Leib wie Blei, unbeweglich. Das Gehirn drehte sich im Kreise, sah aus wie ein weißer Wurm. Eine Vorstellung: ich könnte mich wieder regen und alles wäre in Ordnung, wenn ich mein Gehirn von hinten sehen könnte. Darum diese wahnsinnige Drehkrankheit, um mich selbst von hinten zu erblicken. Aber dieselbe Kurve, die hinter mir dreinbog, schnellte vorne von mir weg. Und noch etwas,« er beugte sich vor, flüsterte über Gamaufs eingesunkene Brust, »noch etwas . . . ich habe Angst vor meinen Särgen. Es sind: 2317 Särge für Erwachsene und 5007 Kindersärge auf Lager. Wenn die sich aufrichten und an mir vorbei zur Tür hinausgehen, durch die Stadt . . . ein Zug von Särgen . . . Wie soll ich sie einfangen und zurückbringen . . .?« Wie an einem Angelhaken herausgerissen, fuhr ihm ein Schrei aus der Kehle: »Ich kann nicht mehr allein sein . . . wenn es wiederkommt.«

Nie war ihm dies alles so klar geworden, wie jetzt, da er zu Cyrill Gamauf davon sprach. Ja, es schien ihm, als hätte er überhaupt erst jetzt einen Teil des Erzählten scharf in sein Blickfeld einstellen können, als wäre es vielleicht in eben dieser Sekunde in aller seiner Gräßlichkeit erlebt. Dies: von dem drehenden Gehirn und dem Aufbruch der Särge war ganz gewiß eine Geburt des letzten Herzschlags. Verstört starrte er diesen Gedanken nach, hörte tief unten eine Stimme, röchelnd: »Du, Franzl . . .«

Dann pochte etwas mehrere Male hintereinander irgendwo.

»Hörst du das?« murmelte Cyrill Gamauf.

Ein Knöchel schien gegen das Holz der Fußwand des Bettes zu klopfen. Etwas, das unberührt in Franz Stixens Bewußtsein verharrte, ein Unzersetztes und Unangreifbares, zählte mit. Sechs Schläge klangen im Holz. »Es ist sechs Uhr,« sagte er, indem er sich aufrichtete.

»Ja, die Tage werden kurz,« fügte jemand hinzu.

Plötzlich sah Franz Stix eine Hand in der blassen Helligkeit des Fleisches, sie grub sich mühsam unter das Kopfkissen, wühlte suchend unter den Polstern, warf das Bettzeug auf und kam wieder hervor. Franz Stix bemerkte, daß Cyrill Gamauf aufrecht saß und ihm etwas hinhielt. Einen alten, verknitterten Tabaksbeutel aus einer Schweinsblase. Mit schwacher Hand schüttelte ihn der Kranke, Metall klang, eine gedämpfte Silberstimme sprang daraus hervor: »Da!«

Franz Stix, viel zu sehr in Eigenes verloren, fragte nicht.

»Da! Da!« drängte der Meister, »Geld! Die Dollars! Geld! Versteht d', Franzl? Das ist dein . . . nachher. Verstehst d'? Dein! Wenn's vorbei is. Aber du mußt mit der Mizzi bei mir bleiben. Du wirst fliehen mit dem Geld. Du wirst's g'schickter machen, als ich. Die Mizzi wird schon was wissen . . . die Mizzi . . . die Frauenzimmer sind immer g'scheiter. Aber ihr zieht's her zu mir. Ihr dürft's mich net allein lassen . . . net allein la –«

Der Oberkörper war ihm zurückgesunken, aus schlaffen Fingern löste sich der Beutel, öffnete seinen Mund, ein runder Dollar zögerte hervor, blieb am Bettrand blinkend liegen. Höllenbrand wütete gegen Gamaufs Fleisch, fraß die Schwären, trieb blaue Stichflammen durch den ganzen Leib hinauf bis unter die Schädeldecke. Nichts wußte er als dieses Geloder von Schmerz, diese Dornenhecke von Pein, in der er lag.

Verwundert betrachtete Franz Stix den Dollar. Was für ein rundes Ding war das doch? Es ging ihn nichts mehr an, die Erinnerung verleugnete sich, anerkannte keinen Bezug mehr.

»Weißt du,« flüsterte er eifrig, »sie hat eine Waffe gegen mich. Sie weigert sich. Sie beruft sich auf meine Schuld. Sie hat sie beschworen und nun ist sie lebendig geworden und zeugt gegen mich.« Er preßte die Fäuste gegen die Brust: »Weißt du, wie das war? Ich habe es vergessen, sie hat es wieder lebendig gemacht. Weißt du, wie es war? Ich habe es selbst nicht mehr gewußt, aber es ist auferstanden von den Toten gegen mich. Du: Beichten ist das tiefste aller Geheimnisse der Seelen. Ein Wunder! Einen andern mitwissend machen. Die Schuld wird Wort, und Worte sind alter Zauber. So war es . . . so war es. Die Kinder zerrissen den Leib meiner Frau. Drei kamen, jedes mußte mit Instrumenten aus ihrem Schoß geholt werden. Mit jedem Kind ging's ums Leben. Nach jedem Kind kam die Angst vor mir. An ihrem zerfleischten Körper schwor ich den Sinnen ab. Die Kinder starben immer, die Frau genas, vergaß den Tanz mit dem Tod, ich vergaß den Schwur. Vielleicht war es auch die tiefe Sehnsucht der Mütterlichkeit in ihr, die sie immer wieder meinem Willen unterwarf. Unersättliches liegt im Schoß der Frau, auch wenn der Tod den Taumel der Wollust geigt. Immer wieder kam die Nacht des Verlangens und des Versinkens im Rausch. Zum viertenmal reifte der Leib der Frau, überschattet von der Gefahr der Vernichtung. Sie trug ein Kind, der Tod grinste über ihre Schulter. Er stand dabei, als man Mizzi aus ihr hob, griff grausamer zu, als je vorher. Es war die schwerste aller Geburten, ihr Leib zerfiel fast, ihr Geist umdüsterte sich. Mizzi blieb am Leben, nach langem Siechtum genas die Frau. Aber sie war allzuweit jenseits der Grenzen gewesen, um noch einmal dem Tod zu trotzen. Nun weigerte sie sich mir; wir rangen. Eine Nacht bog sich herab, in der ich sie fast vergewaltigt hätte – meine Frau. Sie sah mein Brennen, das sie nicht stillen konnte. Mitleid machte sie krank, aber wenn sie daran war, sich zu opfern, stieß sie die Angst zurück. Da ersann ihr großes, gütiges Herz Linderung. Ein Dienstmädchen war im Haus, Nana, aus der mährischen Ebene. Sie duftete nach Scholle und Kattun, ganz ferne wehte noch der süßliche Hauch der Ställe und der Düngergrube. Jung, frisch, unverbraucht, gesund, urtümlich in allem Triebmäßigen. Steife Röcke wehten um gerade, volle Beine. Meine Frau sandte sie selbst zu mir, überließ mich ihr. Seltsam verschob sich die Ehe. Nana rückte aus der Küche an unseren Tisch, nahm Rechte der Hausfrau an sich. Die Frau duldete schweigend, hatte nie ein böses Wort über sie. Indem wuchs ein Kind heran, Mizzi, mit großen Augen, die zu fragen begannen. Als sie wissend wurden, traf mich Vorwurf, gegen Nana stachelte sich Feindliches. Sie wollte sie in die Küche zurückjagen, Nana heulte los, hieb Türen zu, schmetterte Gerät zu Boden. Die Mutter stand dem Mädchen bei, nahm Partei gegen ihr Kind, sanften Verweises wohl, aber ohne Schwanken. Da trat Verwirrung in die Augen des Kindes. Es wurde tückisch, lauerte, bereitete Nana boshaft feindseligen Hinterhalt. Das Haus wurde ein Kampfplatz, unter dem Minen lagen. Nana schrie, kündigte, zog fort, die Frau holte sie zurück. Ich ließ es geschehen, verkroch mich vor Scham, verbarg meine Stirne, aber ließ es geschehen. Immer heißer schäumte Gift in meinem Kind. Es ging die Magd mit Nägeln und Zähnen an, goß ihr eines Tages kochendes Wasser über die Arme. Es empfing schwere Strafe, abends saß Nana siegreich mit uns zu Tisch, während Mizzi in ihrer dunkeln Kammer weinte. Dann, in einer Dämmerung, muß die Frau mit dem Kind gesprochen haben. Ich kam heim, sie saßen im Fenster, weinten beide. Ich weiß nicht, was ihr die Mutter gesagt hat. Von da an war ihr Wesen in seinen Wurzeln geändert. Sie nahm die Dinge an, wie sie waren, hatte aber ein anderes Lachen, ein leichtfertiges, tanzte an dem Häßlichen hin, das sie sah. Es war eben die Zeit, da das Kindliche wich und Weibhaftes sich erhellte. Sie blieb abends aus, kam erst um Mitternacht, trällernd, mit einem Geruch von Wein. Als ich sie zurechtweisen wollte, sah sie mich an, daß ich zurückwich und verstummte. Ich war zum Schweigen verurteilt, mußte es geschehen lassen, was sich bereitete. Rasch durchlief sie die ersten Stufen: Tanzstunde, Klavierlehrer, Leutnant, jugendlichen Liebhaber des Volkstheaters. Ein Strahl Liebe traf sie, ein junger Beamter. Ich weiß nicht, ob er es war, der sie als erster genommen hat. Er verließ sie bald, spann sich in eine Ehe ein. Nun warf sie ihr Herz auf die Gasse, verfiel, fand sich wieder in einer höhnischen Überlegenheit über alles. Es war damals der Anfang des Endes dieser Stadt, einer der Betrüger, der mit Banknoten warf, fing sie ein. Noch einmal hob ich die Hand, ihr Auge spie Verachtung, ich verkroch mich. Am nächsten Tag war sie aus dem Haus gelaufen . . . Seitdem . . . seitdem . . .« Die Stimme, die zuletzt ganz klein und dünn geworden war, dehnte sich wieder aus, schwoll an: »Meine Schuld . . . meine Schuld . . . meine eigene Schuld!«

Antwort kam nicht.

»Nun steht das alles da. Vergessenes sprang mich an, krallte sich in mich. Alles Geschehene rollt sich wieder ab. Wird mir meine Schuld vergeben werden?«

Antwort kam nicht.

Hingeschleudert von einem Stampfen in seiner Brust, schluchzte der Sarghändler auf, ertappte die Hand neben dem Tabaksbeutel. Sie war kalt und wie ausgeronnen, die vier Stränge der Knochen fühlten sich unter einem welken Lappen an. Franz Stix stieß sein Gesicht gegen das des Freundes: es schwamm undeutlich im Dunkeln auf dem Polster; ein blasser Fleck um die dunkle Höhle eines weit offenen Mundes, aus dem ein eisiger Hauch zu strömen schien. Cyrill Gamauf schlief, hatte den Freund allein gelassen.



19. Das Kino.

Leib Moische Seelenheils Kino war gegen unberufene Besucher vortrefflich geschützt. Niemand hätte es an dem Orte vermutet, an dem es sich befand; in den Kellerräumen der ehemaligen österreichisch- ungarischen Bank. Blut hatten dort die Steine getrunken, die Quadern der Wände waren von Geschossen zernarbt, die Gewölbe von Handgranaten zerrissen.

Zwei Scharen von Plünderern, von zwei Seiten her zugleich eindringend, waren einander in diesen Räumen begegnet und hatten sie zum Kampfplatz gemacht. Andere hatten sich mühsam durch unterirdische Gänge zu den Schätzen durchgewühlt, Maulwürfe nach Gold. Die Überlebenden des Kampfes ebenso wie die Maulwürfe waren bitter enttäuscht worden: die eisernen Schränke, die in die Wände eingemauerten Stahlkassen waren mit nichts als altem Zeitungspapiere angefüllt gewesen. Die elektrischen Bohrer, die Gasgebläsesägen erschlossen nichts als ungeheuere Massen gedruckter Tageslügen. Das Gold und Silber, das die Habgier hier immerhin noch vermutet hatte, war nur im guten Glauben der noch immer nicht Gewitzigten vorhanden. Wütend rissen die Stürmer und Wühler die Papiere aus den Safes heraus und schichteten sie zum großen Scheiterhaufen, den sie entzündeten. Schwarzer dicker Rauch qualmte unter den Gewölben hin, viele Menschen erstickten, die sich in den labyrinthischen Seitengängen verirrt hatten, andere wurden auf den Treppen im Gedränge zertreten und erdrückt. Man fand später ganze Klumpen verkohlter Leichen in irgendeinem Winkel, wohin sie vor dem Rauch geflohen waren, anderen übereinanderliegenden Haufen sah man die Spuren des letzten Kampfes an. Einige, die sich gerettet hatten, überfielen den letzten Direktor der Bank und erpreßten ihm durch eine Art Streckfolter das Geständnis, daß die Kellerräume schon seit Jahren leer seien. Schon zu Zeiten der Republik Morgenstern seien die letzten geringen Metallbestände von dem Diktator heimlich nach der Schweiz gebracht worden.

Mit Grauen wurden die Kellergewölbe betreten und die Leichen geborgen, zwei der Arbeiter wurden darüber wahnsinnig, im Gedächtnis der sterbenden Stadt verschmolz die Erinnerung an die Katastrophe in den Bankgewölben mit der an eine weit frühere, an den Brand eines Theaters auf der Ringstraße. Keine Wache stand seither vor den gesprengten Eisentüren zu der Schatzkammer, selbst die mutigsten Einbrecher, Mitglieder des Volkswehrbataillons »Schwere Jungen«, ließen die Keller der Bank unbesucht. Auch wenn man goldgefüllte Stahlkassen unten gewußt hätte, hätte man es nicht gewagt, sie anzugehen. Drückend gespenstisch war die Leere, ein tollkühner Jüngling, Neffe des berühmten Volkshelden Breitwieser, der gewettet hatte, seinen Namen auf die hinterste Wand der Gewölbe zu schreiben, war nach einer Viertelstunde wieder herausgestürzt, mit irren Augen und gesträubtem Haar. Er schwor, in der Tiefe einen fahlen Lichtschimmer wahrgenommen und ein gräßliches, schwirrendes Geräusch gehört zu haben.

Nicht einmal bis zu Seelenheils Drehtüren war er vorgedrungen. Diese Türen behüteten sein Geheimnis für den Fall, daß es jemand doch gewagt hätte, sich einzuschleichen. Fremde Arbeiter, die nichts von der Katastrophe wußten, hatten sie nach seinen Angaben hergestellt, die Bauhandwerker, die im Auftrag einer feindlichen Regierung eine Anzahl kunstvoller älterer Häuser abzutragen und wegzuschaffen hatten. Sie waren nach Beendigung ihrer Aufgabe verschollen wie die Männer, die Alarichs Grab im Busento und das Attilas gruben. Das System der Drehtüren Seelenheils, das er einem genialen, aber völlig herabgekommenen Ingenieur abgekauft hatte, bestand darin, daß sie, anders als die gewöhnlichen, sanft schließenden und windmachenden Drehtüren, mit eiserner Festigkeit ineinandergriffen. Eine war hinter der anderen so angebracht, daß ihre Flügel den einmal Hineingeratenen erfaßten und einander zuschoben. Mit unwiderstehlicher Gewalt schwangen sie ihn weiter, drückten ihn in immer neue Drehungen, wirbelten ihn herum, Dutzende von Türen, eine schreckliche Mühle, die das Gehirn betäubte, auf und ab, die ganze Reihe entlang, immer wieder. Der unvorsichtige Eindringling konnte froh sein, wenn er, taumelnd, entkräftet, mit verglasten Augen wieder zum Eingang befördert und ausgespien wurde.

Für Leib Moische Seelenheil standen sie durch einen Druck auf verborgenem Knopf still, harmlose Wände, durch die man im Zickzack ins verschlossene Innere gelangte. Er durchschritt sie, kam in den Hauptraum, ein längliches Gewölbe, an dessen Ende der Samtvorhang vor der Lichtbühne seine Falten niederließ. Der Kopf hing ihm auf die Schulter, seine Beine stapften träg in den Röhrenstiefeln, schlaff hing der fettige Kaftan. Die Finger tappten über Schalter an der Wand, da begann ein rundes Lichtauge an der Decke aus milchigem Glas zu glotzen, je drei kleinere Lämpchen erwachten links und rechts über den Stahlschränken.

Leib Moische Seelenheil rieb die Stirne, es war nötig, die Kraft seiner Gedanken zu erwecken. Die Bilder! Die Bilder! Die belebenden Bilder!

In einem der Stahlschränke, dem eine vergitterte Glasscheibe als Vorderwand eingefügt war, begann ein Grunzen zu rumoren. Der Stecher schob sich ins Schloß, schwer drehte sich der stählerne Rahmen um seine Angeln. Ein mißgestaltiges Wesen kroch aus dem Schrank tierisch auf allen Vieren hervor zu Seelenheils Füßen, kauerte bucklig verwachsen vor ihm. Borstig hob sich sein Kopf, blinzelte zu Seelenheil empor, über die Lippen rann Speichel herab.

»Nun?« fragte Seelenheil, »wie geht's, Acher? Was tut sich?«

Es rasselte in der Brust des Geschöpfes, knarrend rührte sich die Stimme: »Ich will hinauf.«

»Was willst du? Was willst du hinaus? Sitzt du nicht auf Gold?« Seelenheil wies nach dem Schrank, eine Streu aus Goldstücken war in den engen Käfig gebreitet.

»Will hinauf!« beharrte das Wesen, den borstigen Kopf schüttelnd.

»Du wirst hinauf, bis alles vorbei ist. Jetzt geh, mach Bilder.«

Vom Boden hob sich der mißwachsene Zwerg, auf die Knie zuerst, dann mit den langen Affenarmen sich stemmend auf die platten, großen Füße. Der borstige Kopf wackelte auf dünnem Hals.

»Keine Bilder mehr! Hinauf!«

»Du hast dich verschrieben, Acher,« sagte Seelenheil in strengem Ton, »Bilder zu machen, so lang ich will. Ich brauch die Bilder. Es wird etwas tot in mir, das darf nicht einschlafen. Noch bin ich nicht fertig. Geh!« Er kehrte dem Kleinen den Rücken und schritt auf den Sessel zu, der mitten im Raum stand, der Bühne gegenüber. Ehe er ihn noch erreicht hatte, fühlte er das Rückenmark entlang ein seltsames Ziehen, eine Kälte, als gleite dort ein nacktes Eisen herab. Eine Eingebung riß ihn zur Seite, der Schwung eines Armes flog knapp vorbei, ein dem Rücken zugedachter Stoß. Seelenheil fing ein Handgelenk mit einem Messer, der bucklige Wasserkopf brach ins Knie, wimmerte.

»Wie kommst du zu dem Messer?«

Der Acher wand sich: »Ich hab' mir's gedacht.«

»Und hast gedacht, mich zu erstechen? Mich? Du . . . du . . .,« er schleuderte den Zwerg von sich, daß er zu Boden stürzte.

»Es sind zweiunddreißig Wege zur Erschaffung der Welt,« winselte der Kleine in die Steine, »die zehn Zahlen und die zweiundzwanzig Buchstaben.«

Aus den langen, dünnen Fingern des Hingeworfenen wand Seelenheil das Messer, schob es in die Kaftantasche: »Vorwärts! Mach Bilder!«

»Ich will nicht mehr,« kreischte der Acher, »hinauf, hinauf, hinauf!« Heulte immer höher.

»Und ich will meine Bilder haben. Hab ich dich darum auf das Gold gesetzt, Acher, damit du mir jetzt sagst, ich will keine Bilder machen?« Er keuchte, zerrte den wimmernden Zwerg an der Schulter empor und schob ihn vor sich her, die Stufen zur hölzernen Galerie hinauf, die den Apparat trug. Der Acher machte sich schwer, ließ sich schleppen und knurrte unaufhörlich: »Bilder machen! Bilder machen!« Als sie auf der Galerie angekommen waren, riß er sich los, ballte die kraftlosen Fäuste. Und schrie mit Schaum vor den Lippen, drohend: »Wie oft noch.«

Seelenheil stieß ihn zurück: »So oft!«

Auf dem Gestell stand ein seltsamer Projektionsapparat, das Objektiv in einem blanken Totenschädel eingebaut. In den leeren Augenhöhlen saßen die geschliffenen Linsen, deren Strahlen ein Stück Weges getrennt verliefen und sich dann erst zu einem dicken Lichtbalken bündelten, in dem die Ätheratome des Filmbildes tanzend zur Leinwand hingerissen wurden. Auf der Stirne standen Buchstaben, schwarz hingepinselt ein Name: Oberst Michael Michaelowitsch Aksakow. Seelenheil legte die Hand auf den gebeulten Scheitel, der unter seinen klebrigen Fingern zu erzittern schien, als sei noch die beinerne Schädelkapsel für eine Berührung empfindlich. »Schöne Bilder!« murmelte er, »schöne Bilder! Oberst Aksakow! Was macht die Rebekka mit die Lippelach wie Zucker süß? Die dir nachgefahren is in an Wagen mit zwei weiße Pferd? Hab ich dich nicht gefunden, wenn du dich auch hast versteckt vor mir in die Erd'? Vor mir hilft ka Verstecken, Herr Oberst Aksakow, Michael Michaelowitsch, Hochwohlgeboren. Ich bin da, ich hab mei Stund'. Ich hab' mir genommen, was ich brauch. Häuser, Menschen, Geld, Leben, alles. Viel hab' ich hergeben müssen, so hab' ich mir auch viel genommen. Warum hast du mir nicht geantwortet auf mei Doresch ha Methim? Hab' ich nicht übernachtet auf deinem Grab und meinen Samen abgelassen in die Erd' über dir? Hab ich nicht deinen Schädel eingeräuchert mit Bilsenkraut und Weißdorn? Warum hast du mir nicht geantwortet auf mei Fragen? So mußt du mir jetzt Bilder machen, Herr Oberst . . .«

Das Licht zischte im Apparat auf, die zwei Lichtkegel brachen aus den schrägachsigen Augenlinsen des Totenschädels, trafen sich auf einem Punkt des Raumes und stießen vereinigt auf den schwarzen Samtvorhang der Bühne.

»Herr Oberst Michael Michaelowitsch Aksakow, Hochwohlgeboren,« verneigte sich Leib Moische Seelenheil. Aus dem schwarzen Kaftan hob der Acher die erste Filmrolle. Über die Holzstiege schritt Seelenheil hinab, die Stufen knirschten. Hinter ihm drein schnatterte der mißgewachsene Operateur: »Wie oft noch? Wie oft noch? So oft! So oft, wie ich will . . . wie ich will, der Acher! Gescheit wie du bist, Leib Moische Seelenheil, so gescheit bist du nicht. Was du alles kannst Leib Moische Seelenheil! Alles kannst du nicht. Ich will dir Bilder machen, du sollst Bilder zu sehen bekommen . . . oi! Sie werden dir schon gefallen . . .«

Der Herr des Kinos kümmerte sich nicht um das Geschwätz des Zwerges, zog an der Schnur des Samtvorhangs, daß er Falten von der Leinwand zur Seite raffte. Ein großer Kreis zitternde Helligkeit, Geflimmer sprühenden Lichtes, durch den Schädel des Obersten geglitten, wirbelte vor ihm, als er die Decken- und Wandbeleuchtung ausgetan hatte. Er saß mitten im Raum, die Füße mit den Röhrenstiefeln vorgestreckt, die Arme über die Lehnen des Stuhles baumelnd. Er stieß Luft durch die Nase, sein Gesicht brandete mit einem gelblichen Lächeln gegen die Dunkelheit. Einziger Zuschauer seiner Bilder war er, hinter ihm schwirrte die Maschine. Er spitzte die Lippen, ein Singsang überquoll sie summend:

»Alter Jidele, kalter Jidele
Kriech arop vun Eiwen!«

In das Rund des flimmernden Kreises war ein Bild geglitten: die Ringstraße an einem sonnigen Tag. Menschenmassen wogten, ein Auto brach ein, wurde umringt, angehalten. Die Männer wurden zum Aussteigen gezwungen, Aufregung der Menge bedrohte sie. Gewühl und Flucht vor irgendeiner Gefahr. Polizei kam im Laufschritt, befreite drei schon halb Erschlagene. Da war der Graben, Plünderung von Geschäften, man zog jemanden an einem Strick in den ersten Stock eines Hauses, ließ ihn am Fensterkreuz hängen. Ein Straßenkampf in Ottakring mit dem entscheidenden Übergang der Regierungstruppen. Der Sturz aus den Fenstern des Rathauses an jenem bösen 21. Mai. Die Bilder folgten einander in rasender Eile: die öffentliche Hinrichtung der Dreizehn auf dem Michaelerplatz, die Versammlung auf dem Karlsplatz, die Geburtsstunde der Republik Morgenstern, ungeheuere Keile von Menschen durch die Gassen geschoben, die Niedermetzelung des Bürgerrates von Sechshaus, Brandfackeln über der Stadt, Rauchfahnen als Zeichen des Sieges, die Bombenexplosion in der großen Zentralratssitzung, die Aufbahrung der Leiche des Doktor Siegfried Nagel, die Pilgerschaft der Hunderttausende zu seinem Leichnam, ein Bankett des Diktators Morgenstern, asiatischer Prunk, getürmt auf dem Hungerelend der Gassen, Musterung und Fahneneid des Frauenregimentes »Penthesilea,« der Sturm auf das Landesgericht und die Befreiung der Gefangenen, eine Orgie in der Rossauer Kaserne, das Volkswehrbataillon »Schwere Jungen« an der Arbeit im Westbahnhof, die Beschießung des Denkmals der Kaiserin Maria Theresia mit 40-cm-Geschützen, der Bildersturm und Sturz des Goethedenkmals.

Das unablässige Schwirren des Motors schien ein Bild nach dem anderen zu gebären. Es jagte die Lichtwellen durch den Schädel des Obersten Aksakow, Hochwohlgeboren, entriß dem von Schläfe zu Schläfe abschnurrenden Filmband die Beweglichkeit des Lebens und trieb sie durch die Linsen der Augen auf die Leinwand. Schräg über Seelenheils kahlem Scheitel lag der unhörbar brausende Lichtbalken im dunkeln Raum. Seelenheils Filmoperateure schienen überall gewesen zu sein, sie hatten sich mitten in den wildesten Straßenschlachten befunden, sie hatten jeder Gefahr getrotzt; dieser schäbige Flüchtling aus dem Osten, dieser armselige Schnorrer in Kaftan und Röhrenstiefeln hatte sie durch märchenhafte Belohnungen dazu vermocht, sich in wütende Volksmassen zu mengen, sich Beschießungen mit Maschinengewehren auszusetzen, in Flugzeugen über Bränden und Explosionen zu schweben, sich zu geheimen Sitzungen und allergeheimsten Gelagen einzuschleichen, wo die Entdeckung unfehlbar den Tod gebracht hätte.

Was unter dem Surren des Motors der tanzende Lichtätherstrom an die Leinwand malte, war die tausendbildrige Geschichte der letzten Jahre Wiens. Es war ein vollständiges lebendes Album seines Zusammenbruches, seiner Zerrüttung, seines Wahnsinns. Über dem Scheitel Seelenheils hin sprühte der Strom die Zuckungen und Krämpfe der Stadt, ihre Zerfleischungen und Selbstverstümmelungen.

Seelenheil saß in seinem Stuhl, straffer als bei Beginn, aufgerissener durch die Wucht der schrecklichen Begebenheiten, deren flimmernde Wiedergeburt die Leinwand stürmte. Wie hatte es der Aufnehmende möglich gemacht, dabei zu sein, als der Diktator Morgenstern von einer gewissen Rosa Krapfenbauer ermordet wurde, im Bade, wie weiland Marat von Charlotte Corday? Hingeschleudert sah er sie, von Volksmassen aus dem Dianabad geschleift, an das Geländer der Brücke gebunden. Von der Wache befreit, ordentlichem Verhör überwiesen, stolz vor Gericht. Ihr Bild drehte sich, Großaufnahme in der Filmsprache, vor dem Beschauer, lächelte nicht ohne Verführungskunst auch im Kittel der Verurteilten. Im Morgendämmern dann der Gang zur Hinrichtung auf dem Neuen Markt. Plötzlicher Hereinbruch der verspäteten Befreier und Kampf um ihren Leichnam. Die Bilder überstürzten sich, brachen aus den Augen des weiland Obersten Aksakow, Hochwohlgeboren, hervor, jagten im Flimmerkreis dahin mit flatternden Gebärden, wildem Hüpfen jedes Schrittes, unheimlich durch die Schnelligkeit des Ablaufes.

»Nicht a so schnell,« schrie Seelenheil.

Er genoß. Genoß mit allen Wonnen, nährte seine Wurzeln, die unersättlich durstigen, dunkeln Versunkenheiten seines Seins mit diesen peitschenden Erinnerungen, die das Licht für ihn aufgezeichnet hatte. Der Ablauf verlangsamte sich, zog gemäßigter dahin, gestattete Eindringen in die Betrachtung der Einzelheiten.

»Is es recht so?« fragte der Acher von der Galeriebrüstung her. Die Raserei der Stadt ermattete vor Seelenheil, sie wich in den Zustand der Lähmung, der Gleichgültigkeit, der Hoffnungslosigkeit. Die fremden Missionen traten auf, die Rettungsexpeditionen, die wohltätigen Gesellschaften, ausgesendet vom schlechten Gewissen der Menschheit. Deutlich wurde das fürchterliche Zuspät. Noch einmal bäumten sich Hungerprozessionen und Demonstrationen gegen das Schicksal auf. Man sah die Gruppen Sterbender, das Annagen der Bäume, die welken Kinder, die das Gras des Stadtparkes ausrupften und in den Mund stopften. Die ersten Fälle der neuen Epidemie in den verödenden Straßen, plötzliches Taumeln und Hinstürzen eben noch gesund Schreitender. Das Gespenst des morbus Viennensis richtete sich häuslich ein. Hastige Abreise der fremden Missionen, die ungeregelte Flucht der Wohltäter, die machtlos geworden waren. Massenhafter Auszug der Einwohnerschaft und ihr Abprallen an den inzwischen bereits errichteten Kerkerschranken.

So war es gewesen! So war es gewesen! Jedes Bild bestätigte Seelenheil mit einem Kopfnicken. Nicht bloß mit den Augen genoß er sein Werk, alle Poren seiner Haut schienen sich auszudehnen und an den Bildern zu saugen, hunderttausend kleine offene Münder, die schmatzten und schluckten, an der Süßigkeit einer Rache schleckten, die gegen alles Menschliche gerichtet war. Aufgedunsen saß er da, seine schlaffe Hülle schwoll an, in einer Art Veitstanz zuckten ihm die Glieder durcheinander, rot glühte sein kahler Scheitel unter dem Lichtbalken. Sein Werk riß ihn selbst fort. Die Mitwirkung Schemberas war ausgeschaltet und vergessen, alles, was geschehen war, rechnete er nur sich selbst zu. Das Gelingen des ungeheueren Planes, die übermenschlichunmenschlich ausgedachte strafende Grausamkeit war ihm gerechte Vergeltung.

»Vergiftete Gehirne?« kicherte er, »vergiftete Gehirne? Beim Geld muß ma sie nehmen. Das Geld, das Geld, Jankele! Dos muß ma unter sich bringen. Das Gehirn is ka Macht, aber die Valuta is a Macht. Nischmath Chajim weiß keinen Namen von ihm, aber ich weiß den Schemoth vom ersten der Satanim, vom obersten. Meinem Kischuph ist er gefolgt. Verstehst, Riwkele! – Schau, wie sie sich drehen, wie sie hinfallen, Riwkele, wie du . . . wie die Bombe hat gesungen, wie die Bombe is gesprungen. – Siehst, d' Vögele, Vögele mit die Ejgelach wie schwarze Karschen, wie die Kinder müssen Rinden essen von die Bäum', wie die Mütter nicht haben was zu geben für sie. – Gitl! Gitl mit die Härelach wie gegroister Sammet, sie stechen sich mit Messern um a Brejt, um a Stickl schimmelig Brejt, siehst du dos? – Rebekka, Rebekka mit Lippelach wie Zucker süß, du bist mir gelaufen aus dem Haus, hinter dem Jowon, dir haben sie den Kopf verdreht und Tate und Mame vergessen lassen, schau, auch für dich geschieht, daß die Menschen aufreißen den Pflaster und die Händ' aufheben gegeneinand' . .«

Ein letzter Verzweiflungskampf tobte seine lautlose Blutrünstigkeit auf der Leinwand, alles Dröhnen, Schreien, Aufheulen, Wimmern war in einer riesigen Maschine zerhackt, zerstückelt, zerkleinert, in seine letzten, winzigsten Bestandteile zerlegt, in die Atome von Geräusch, und in einen Motor gestopft, der das Gemenge von Lärm als gleichmäßig schwirrendes Surren aus sich herausstieß. Seelenheil streckte den Arm, die Hand tauchte in den strömenden Balken Licht über seinem Scheitel, da sprang ihr Schatten, fünffach gekrallt, ungeheuerlich in das Bild, reckte sich über das ganze Rund des flirrenden Gewühles, als wolle dieser Griff die Menschenwoge packen und gleich einem weichen Lappen, einer faulenden Frucht zerpressen.

»Leib Moische Seelenheil!« schrillte die Stimme des Acher über die Galeriebrüstung, »Leib Moische Seelenheil: es is sieben Uhr. Neue Bilder kommen!«

Unter der Schattenhand zerliefen die Menschengestalten, die Häuser und Baumstrünke, Zahlen tauchten im Rund auf, gliederten den Rand in gleichen Abständen, Zahlen von Eins bis Zwölf, und als Seelenheil die Hand sinken ließ, war ein Zifferblatt zitternd über den Kreis gespannt, in den zwei Zeiger in flachem Winkel zueinander standen: der große steil aufgerichtet zur Zwölf, der kleine stach einige Teilstriche weiter über den jenseitigen Pol hinaus die gekrümmte Hacke der Sieben an.

»Was is?« fragte Seelenheil unwillig.

Das Zifferblatt entwich, die Leere der Leinwand schwirrte, Bild eines fernen, unbekannten Sternes ohne geformtes Leben, nur angefüllt mit einem Häcksel von Ton, das aus dem Motor strömte. Schon wollte sich Seelenheil umwenden, um den säumigen Operateur zu mahnen. Da schwammen Umrisse im Fleck zusammen, ein Werden vollzog sich, kein fertiges Aufspringen von Bildern aus gekurbelten Streifen, sondern so wie Gestalt in der Dunkelkammer aus belichteter Platte kriecht. Rätselhaft: was wird daraus? Spannung vor der Aufnahme eines Fremden, belastet mit einem Gefühl dunstiger Schwere im Hirn. Jetzt wurden Kanten, Flächen, ein Ofen, ein Tisch, Rahmenviereck eines Fensters: »Das Zimmer,« murmelte Seelenheil, »unser Zimmer?«

Und plötzlich, mit einem Ruck aus dem Nichts gerissen, saß auch Schembera da, auf seinem hohen Kinderstuhl, mit denkender Stirn, deren Arbeit Lichtsäulen vor sich herzutreiben schien. Nichts Gutes ging in diesem Kopf vor, selbst im Flimmerbild ahnte Seelenheil dumpf feindselige Bereitung hinter dieser gebeulten Wölbung. Unklare Besorgnis von Widerständen schob sich in Seelenheils sieghaftes Rächertum. Daß das Bild so vor seinen Augen aus der Leinwand kroch, dieses augenblickliche Geschehen deckte völlig die Frage, wie es hatte auf den Film gebannt werden können. Alles Woher und Wieso blieb stumm und regungslos. Jetzt wuchs zu Schembera eine Frau, traurig, Hülle eines Leibes über todwunder Seele. Sie stand da, sprach, Schembera lachte mit zurückgedehntem Nacken.

Seelenheil kannte die Frau, die Feindin, die Verfolgte, jetzt selbst vor ihrem Verfolger stehend.

Was wollte sie? Wie kam sie in das Haus? Was sprach sie? Ihre Lippen bewegten sich, bildeten Worte, die unhörbar im Licht dahinschwammen. Geballte Fäuste schüttelte Seelenheil gegen das Tonlose dort vor ihm, dieses nur dem Auge sich Offenbarende, gegen diese Halbheit von Leben, die er jetzt in ihrem ganzen Grauen erkannte.

»Was red't sie?« kreischte er. »Was red't sie?«

Schembera sprach und unerbittlicher Haß sah aus seinem Gesicht, das der Knieenden abgewendet blieb. Seine Worte keulten auf die Schultern der Frau, er schlug sie mit Worten, das Zucken ihres Leibes verriet Seelenheil etwas von dem, was auf sie niederstürzte. Jetzt schien Schembera zu Ende zu sein, die Frau hatte sich erhoben, die Hände über der Brust gekreuzt, wie eine der Grabfiguren in alten Domen. Unerträgliche Hoheit blendete Seelenheils vorgetriebene Blicke. Für einen Pulsschlag deckte er die Hand über die Augen. Wiederkehrendes Schauen fand Schembera allein, zusammengekauert, krampfig in sich gezogen. Der Kopf war ihm in die Schultern eingesunken, stählern kapselte die Stirn Gedanken ein. Da ging durch den Schatten um ihn ein Regen von Helligkeit, hinschwankend stieß etwas an ihn, drang in ihn ein, ein Rieseln wie von Flügelschlägen. Und quoll nun neuerdings aus ihm, höhere Helle mit sich tragend, entschattend die Stirn; blau umfließender Schein säumte den Kopf, ging den Rumpf entlang, wuchs zu einem Strahlen von Gliedern. Unter dem blauen Geleucht war noch der dunkle, plumpe, schwere Rumpf wahrnehmbar wie unter duftig zartem flüssig hingehauchtem Glas. Und jetzt löste sich der leuchtende Mensch von seinem regungslosen Kern, stand hoch und frei, nur mit unsäglich trauriger Zärtlichkeit eines Blickes für den Klumpen Lehm, dem er entwachsen war. Der Raum wich um ihn zurück, verdünnte sich zu Fernen. Ein Brennen brach aus der Brust der Gestalt, sternhaft, eine Blüte, ein Herz, ein heiliges Wort.

Das Wort »Am«, das ist: Ja.

»Was is?« schrie Seelenheil »waas is?« Die Gestalt schritt aus dem Bild, zurück blieb ein Gebrodel zerfetzter Formen, Bekanntes in Unbekanntes gewirrt. Jetzt fiel erst fressende Sehnsucht des Fragens über Seelenheil, er stieß sich vom Stuhl, rannte die Treppe zur Galerie hinauf. Sonderbar kniete der Acher am Apparat, die langen Affenarme auf den Boden hängend, die Stirne gegen die Hinterwand gestützt, die vom Schwirren des Motors erschüttert war. Eine dunkle Lache zögerte träg im Staub des Bodens. Dem heftigen Griff Seelenheils an seine Schulter widerstand er nicht, sank zusammen, knickte zur Seite, mit klaffendem Hals. Zwischen seinen dünnen Fingern klebte in blutiger Kruste das Messer.

Da Seelenheil an seine Tasche fuhr, fand er sie leer. »Hat er es zu sich zurückgedacht?« murmelte er verstört. Die Gewölbe rückten von allen Seiten an, wurden drückend enge, preßten mit gequadertem Stein gegen Seelenheils Schläfen. Violblau qualmten ihm Schleier in Augengründen. Er sah sich von Unerklärlichem umringt, von bösartig gegen ihn Verschworenem, dieser Zwerg, Knecht, Sklave, Werkzeug hatte es angezettelt, Schembera befreite sich aus seiner Verstümmelung, entstieg seinem Rumpf, ging wohin? Wie kam die zitternde Lichtkunde auf die Leinwand? Wer hatte dem Unsichtbaren sein Geheimnis entrissen und es in den Äther gebannt, zu flimmerndem Vorüberflug? Hatte es der Acher – gedacht und durch den Apparat hindurch in die Lichtbahn geworfen?

Hatte der Schädel des Obersten Michael Michaelowitsch Aksakow, Hochwohlgeboren, nicht ein höhnisch zähnefletschendes Grinsen um die nackten Kinnladen? Genugtuung! Schadenfreude! Nach all den Bildern von Seelenheils triumphierender Rache jetzt diese Nachrichten von Niederlagen, die unter der Schädelkapsel des Feindes dahinschwangen, ihm ein Frohlocken. Seelenheil stierte dem Schädel in die Augenhöhlen. Noch immer schwirrte der Motor, leere Lichtstrahlen fuhren sengend aus den geschliffenen Linsen, zerstachen Seelenheils Netzhaut. Seelenheil taumelte zurück, in eine blinde, fassungslose Wut hinein, die ihn wieder vorschleuderte. Beide Fäuste drosch er dem Schädel gegen die beinerne Stirne, daß es dröhnte: »Du! . . . Du! . . . Freust du dich? Waas? Freust du dich?« Die Leere hinter der geschlagenen Stirne antwortete mit dem gleichmütigen Schnurren des Motors, um die Zahnreihen stand unentwegt das schadenfrohe Grinsen.

Vornüberhängend, Ungewisses in sich, ließ Seelenheil die Augen wandern. Da lag der Acher, weggesunken, mit zerschnittener Kehle, aus der letztes Blut quoll, befreit, gelöst von aller Verschreibung. Empörung, Aufruhr, Verrat! Schembera? Schembera verließ sich selbst . . Was bereitete sich? Was war im Werke?

Wer gab Antwort in diesen plötzlich tückisch geduckten Gewölben, die alle schmeichlerische Unterwürfigkeit von sich ab streiften, Sprungbereites in sich bargen, einen zerfleischenden Augenblick, der sich auf Seelenheil stürzen würde? Angesichts des toten Acher, der mit seinem letzten Haß die vernichtenden Bilder belebt hatte, dieses grinsenden Schädels, der sie wollüstig nachzugenießen schien?

Wer gab Antwort?

Leises Geflüster stieg an Seelenheils Brust auf, quoll ihm aus dem fettigen Kragen des Kaftans. Eine Stimme regte sich nahe an Seelenheils Herzen, verließ den Beutel aus Mumienleder, wollte zu seinem Ohr. Der Stein! Der Stein! Schaudernd tappte Seelenheil nach dem Stein an seiner Brust, der an seiner Schnur aus Haaren von sieben toten Frauen um seinen Hals hing.

Es war ein Ophites, ein sprechender Stein, besessen von einem Elementardämon der untersten Stufe. Mit Hilfe eines solchen Ophites hatte Helenus den Untergang Trojas vorherverkündet, Eusebius hatte von ihm Orakel sprechen lassen. Im Krönungsthron zu Westminster, dem Thron der englischen Könige, war dieser Ophites eingeschlossen gewesen, Liafail genannt, der sich jeweils gemeldet hatte, um den Mann zu nennen, der erwählt und gekrönt werden sollte. Seelenheil hatte ihn an sich gebracht, diesen Schlangenstein, von dem schon Sanchuriathon und Philo Byblus gesprochen hatten. Es war einer der Ruchim der untersten Stufe, einst Eigentum Bileams, des Zauberers, erzeugt durch Claim, durch die widernatürliche geschlechtliche Vermischung von Menschen mit Tieren, Pflanzen und Steinen, ein Nephesch, beseelt von einem Wesen der Tiefe, der Grenze des Abgrundes. Seelenheil hatte ihm seinen Tisch bereitet, mit Speisen und Getränken, hatte ihn mit dem Dunst von Räucherwerk genährt. Oft hatte er ihn, von Grauen gepackt, weggeworfen, aber da hatte der Stein mit der Stimme eines weinenden Kindes nach ihm geschrien, und er hatte ihn wieder an sich nehmen müssen. Mondmilch hatte ihn baden, Schlangenfett salben müssen. Nun hatte Seelenheil eine Frage an ihn gerichtet, er wußte, daß ihn die Maase Schedim, jede Forderung an den Dämon des Steines, von Reschima, der geistigen Welt, weiter entfernte.

Jetzt meldete sich der Ophites an seiner Brust, wurde lebendig, mahnte ihn an sich. Gefahr war da, bedrohte das Werk.

Mit zitternden Fingern holte Seelenheil den Beutel hervor, nahm den Stein aus den Falten. Er lag ihm auf der Handfläche, rauh zerrissen, wie von wirr eingegrabenen Buchstaben, hart, schwer und schwarz. Er lag stumm, der Frage gewärtig, die an ihn gestellt würde. Über zitternde Lippen rann es Seelenheil: »Der du nicht bist Feuriges allein, der der du nicht bist Feuer und Luft, der du nicht bist Feuer, Luft und Wasser allein, der du bist Feuriges, Wehendes, Fließendes und Erde, sage mir: ist es Wahrheit, was ich hier gesehen habe?«

Der Stein erhob eine dünne, hohe, pfeifende Stimme, wie ein kalter Hauch, der durch eine enge Ritze bläst: »Ja!«

»Wenn es wahr ist,« fuhr Seelenheil wankend fort, »warum verläßt er sich? Warum geht er aus sich? Was will er?«

Und die dünne, hohe Stimme, pfeifender Wind aus dünner Spalte, antwortete: »Erlösung!«



20. Konkurrenz.

Fred Gregor nahm weiter am Suchen nach Selina teil, aber die zitternde Angst war von ihm gehoben. Sein Herz lag ruhig, erfüllte Pflicht, nichts Eigenstes mehr.

Seit er vor dem gläsernen Sarg des unbekannten Mädchens gestanden hatte, war Wandlung geschehen, die Welt schwang irgendwie anders, Zuversicht blähte weiße Segel vor blaustrahlenden Horizonten. Ein neues Schwerpunktsgefühl war eingedrungen, an entlegener Küste lag die Sorge um Selina, bedrückte nicht mehr dumpf, war Randgebiet. In ihm wuchs Lichtes froh empor, Frömmigkeit im Anschauen des lieblichen Todes, der höchstes Leben war. Sein Abendgebet war das Gärtnerhaus, die warmen Stimmen der Großeltern und dann Sinken der Schatten in das Dunkeln des Glases um die Liegende. Wer sie war? Die Frage stand grau, dürr und nüchtern. Was sie war? Darin blühten und jauchzten tausend beglückende Antworten. Was in Fred Gregor an Jugend lag, erstand in neuer Fröhlichkeit. Um Selina lag ihm manchmal ein Dunstkreis von Gier, von Bedingtheit, mit Scham empfunden. Vor dem gläsernen Sarg sog er sich ins Unbedingte und gänzlich Zeitlose, entwich dem Schicksal und erhob sich über seinen ehernen Gang. Darin lag wahre Freiheit des Seins, und er stritt für sie gegen Mac Kinley, der sich mit ihm in Gefechte einließ, in denen er behauptete, Freiheit sei im Raum allein. Raum war ihm zum Tod geworden, Zeit zum Schicksal, zum nur scheinbar Unentrinnbaren, dem man sich kühnen Geistes durch einen Schritt entwindet. Im Raum lag das Gewordene, das Werdende in der Zeit, über beides hinaus schwang sich der zur Ewigkeit erhobene Augenblick.

Neues Bekenntnis wollte zur Kunst. Selinas Bild war in die Ecke gestellt, unbemalte Leinwand spannte sich über den Rahmen und empfing Form und Farbe vor dem gläsernen Sarg. Quallos war der Weg vom Auge durch das Herz zur Hand, unbekannte Mühelosigkeit flügelte die Arbeit. Geführt, nicht gewollt, fand sich das Abbild mit dem Gedanken zur Einheit. Oft war schon die Nacht gesunken, ehe es Fred merkte, daß er im Finstern malte, nur von dem Widerschein seines Innern erhellt. Es müßte, wenn es fertig war, die Herrlichkeit des dritten Reiches sein, jenseits von Raum und Zeit. Man müßte, wenn es fertig war, das Unsagbare ablesen können, nein, nicht ablesen: allzu grobes Wort für die unfaßbare Zartheit der neuen Welt. Ahnung! Hingeschmolzenheit! Philosophie hämmerte irgend wo grobe Klötze mit groben Keilen, Mac Kinley drehte knarrende Handmühlen, hier war Unmittelbares, Einheit, Hineingerücktheit in den Mittelpunkt.

Oft war schon die Nacht gesunken –

Der Großvater kam, sagte: »Theodor! . . .«

»Nein,« schalt die Großmutter, »es ist nicht Theodor, es ist Fred.«

»Ja, es ist Fred,« sagte der Großvater. Freds Hand rührte den Sarg an, Klingen sang aus dem Glas, sang eine Schubertmelodie, fern und leise, aus großen Höhen.

Oft war schon die Nacht gesunken –

Oder bloß einmal, zeitloser, Ewigkeit gewordener Augenblick . . . Aufrecht im Bett saß Fred Gregor. Die Schlange, die er am Abend vorher wieder in seinem Bett gefunden hatte, lag weggeschleudert auf dem Boden. »Die Kreuz- und Querotter,« lächelte er. Dann fiel ihm auf, daß im Nebenzimmer Licht brannte, gegen seine Erinnerung, die ihm vom Erlöschen berichtete. Das Tagebuch lag drüben auf dem Tisch aufgeschlagen, gebückt saß der Mann im Überrock und schrieb.

Schrieb wieder.

Schrecklos sah es Fred Gregor, erhob sich, nahm die Kleider und schritt durch die Tür. Die Feder sank neben das Buch, die Gestalt verlor den Umriß, löste sich. Als sich Fred über die Seite beugte, las er unter dem jüngst Geschriebenen nur drei neue Worte: »Folgen Sie mir!«

Vor ihm öffnete sich die Türe, als Fred hinaustrat, stieß er gegen Mister Gulliver, der eben den Gang entlang kam. Mit verlegenem Lächeln rieb sich Gulliver die Stirne: »Entschuldigen Sie . . . ich wollte Sie etwas fragen. Ich weiß jetzt nicht . . . es war mir, als ob.«

»Wie spät ist es?« fragte Gregor.

»Es geht erst gegen acht Uhr.«

»Ich war schon zu Bett. Ich muß sehr müde gewesen sein . . .«

Sie sahen einander unschlüssig an. Vorne, am goldgeleisteten Pfeiler des Stiegenhauses schien ein Schatten zu zögern. Fred ergriff Gullivers Arm: »Kommen Sie.«

Noch hallte das Hotel. Eßgeräusche schwirrten aus dem Speisesaal, Kellner liefen, surrend glitt der Aufzug durch die Stockwerke. Der Betrieb blieb zurück, ein Summen von Insekten, sie waren in engen Gassen. An einer Straßenlaterne flatterte Weißes, ein Tuch. Fred hob den Zipfel, im Getröpfel des Lichtes las er die rote Marke:

»Sehen Sie,« sagte er, »es ist ein Zigeunerzeichen. Wir sind auf dem richtigen Weg.«

Über einem klaffenden Haustor spie im Türsturz der Walfisch den Jonas aus. Sie traten ein, eine weite, getünchte Halle spannte Bogen über sie, an eisernen Haken hing eine alte Feuerleiter, breiter wurde der Flur, flache Treppen schoben sich langsam höher. Jetzt verliefen sich die Stufen völlig, die Treppe war eine schiefe Ebene geworden, eine ansteigende Brücke, geländerlos über einem mit Stacheln von Finsternis bewehrten Schlund.

Fred fühlte sich erfaßt, im Schreiten gehemmt: »Sehen Sie . .« flüsterte Gulliver hastig, »dort geht er.«

Ein Mann ging vor ihnen langsam die geneigte Brücke hinan. Ohne umzusehen wanderte er durch die quellenlose Halbdämmerung, aber sie wußten, daß er sie hinter sich wußte und hinter sich herzog. »Es ist der Mann, der meinen Überrock trägt,« sagte Mister Gulliver. Er stieß an ein zerbrochenes Glas, das am Rand der hölzernen Brücke stand. Es fiel ins Dunkel. Sie standen, angehaltenen Atems, lauschten auf Fall und Schall. Stumm lag die Tiefe, von dem Sturz des Glases lautlos durchschnitten. Schon glaubten sie, daß es ganz ins Bodenlose gehe, als schwach und klein das Klirren vom Grund heraufkam. Sie empfingen es fast freudig wie einen Gruß aus dem Reich der Ursachen und Wirkungen, stellten mit Genugtuung fest, daß der grauenhafte Abgrund unter ihrer Brücke doch irgendwo sein Ende nahm.

Noch immer ging der Mann in derselben Entfernung von ihnen, wie, da sie ihn zuerst erblickt hatten. »Ja, es ist der Mann, der Ihren Überrock trägt,« sagte Fred, als habe es der Bestätigung durch das fallende Glas bedurft, »wir werden Selina finden.«

»Glauben Sie?« hing sich Gulliver ihm hoffend an.

»Wenn sie selbst es nicht anders will . .«

Sie folgten dem Mann in Gullivers Überrock, der vor ihnen die Schräge der Brücke hinanschritt, immer im gleichen Abstand. Ihr Hasten schien auch ihn zu rascherem Schritt anzutreiben, ihr Zögern glich er durch eigenes Langsamerwerden aus. Manchmal schaukelten die Bretter unter ihnen, dünne Planken über einem Abgrund. In Astlöchern saßen dicke Pfropfen, aus Finsternis zusammengedreht. Fred meinte, man müsse sich hüten, sie herauszuziehen, weil dann die Dunkelheit wie ein angebohrter unterweltlicher See hervorsprudeln und sie überschwemmen mußte.

»Wohin kommen wir da?« fragte Gulliver nach einer endlosen Wanderung.

Achselzuckend deutete Fred auf den Führer: solange der voranging . .!

Ein Mann trat dem Führer entgegen, landsknechtmäßig die Beine grätschend, eine Partisane hielt er quer in den Weg, als wolle er den Zugang verwehren. Da der Mann im Überrock mit überlegener Sicherheit die Hand gegen ihn hob, zog der Landsknecht die Partisane ein, ehrfürchtig eine Berechtigung anerkennend. Als Fred und Gulliver heran waren, sahen sie, daß der Wächter wirklich in die Tracht eines Landsknechts gekleidet war, ein Söldner des sechzehnten Jahrhunderts mit zerschlitzten Pluderhosen, einem zweifarbigen Wams und einem Barett mit Hängeschnüren. An einen der beiden Knechte des Landvogts erinnerte er, Frießhart und Leuthold, die Geßlers Hut zu bewachen hatten. Er grüßte die Vorüberschreitenden auch, aber etwas obenhin, mit beiläufiger, lächelnder Vertrautheit. »Gehen Sie nur weiter,« sagte er gnädig und gönnerhaft, »die Prinzessin ist schon oben.«

»Es handelt sich nicht um die Prinzessin,« entgegnete Fred, geärgert durch die Mienen des Wächters, »hier ist die Prinzessin nicht. Hier ist Miß Selina Gulliver.«

Der Landsknecht lächelte besserwisserisch: »Gehen Sie nur! Ich kenne mich hier aus. Ich stehe schon lange genug da. Dies ist die hohle Gasse.«

Fred machte einige Schritte weiter, kehrte um: »Wenn Sie etwa wegen Geßlers Hut hiehergestellt sind, so muß ich Ihnen sagen, daß Ihr Kostüm nicht stimmt. Sie tragen sechzehntes Jahrhundert, und der sagenhafte Geßler fällt in den Anfang des vierzehnten. Damit Sie's nur wissen.«

»Wirklich?« sagte der Mann bestürzt.

Seinen Triumph trug Fred nicht lange in sich, der Weg nahm seine Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch. Die Brücke war schadhaft geworden, morsche Bretter brachen unter dem Fuß ein, zwischen den Planken mehrten sich die schwarz verstopften Löcher und Spalten. Springend erreichten sie den Dachboden, der wie eine Scheune starke Balken schräg emporstreben ließ und hoch über ihnen zum First vereinigte. Allerlei Kisten standen umher, verstaubte Gewandstücke waren herausgezerrt, Krönungsmäntel, Ritterstiefeln und Samtkleider mit langen Schleppen. Vor ihnen schlüpfte der Mann mit dem Überrock durch eine eiserne Tür, und als sie ihm folgten, sahen sie, daß sie gar nicht so hoch gestiegen waren, wie sie geglaubt hatten. Ihre ganze lange Wanderung hatte sie bloß auf die letzte Galerie eines großen Theaterhauses geführt. Zusammengeknüllte Zettel lagen umher, Apfelschalen ringelten sich über den Boden, als seien sie in dem vergeblichen Bemühen, Buchstaben zu bilden und sich verständlich zu machen, in Krämpfen erstarrt. »Begreifen Sie nun,« flüsterte Fred nicht ohne Genugtuung, »warum der Mann im Kostüm unten steht? Wir sind in einem Theater. Unser Führer ist fort. Das bedeutet, daß wir am Ziel sind.«

Vor ihnen bog sich ein eisernes Gitter über die Galeriebrüstung empor, um die andrängenden Zuschauermengen vor Sturz und Zerschmetterung zu bewahren. Eine mit Stimmengewirr durchwobene Helle dampfte aus der Tiefe. Sie stolperten hölzerne Stufen hinab, bis an die Brüstung. Abfall der Galerien lag vor ihnen, unten die leeren Sesselreihen, faul, des Dienstes entwöhnt, Menschen zu tragen. In einer Loge saß der Herr in Gullivers Überrock. Lichtüberstrahlt trug die Bühne den Ausblick auf den Platz einer Stadt, überwimmelt von Frauen, und in der Mitte, von einem Kreis schreiender Weiber umgeben, regungslos, gesenkten Kopfes, eine Verurteilte, stand Selina . . .

Das Labyrinth der kleinen Garderobezimmerchen war Selinas Gefängnis. Sie durchwanderte es ruhelos, von einer Spannung getrieben, die jeder nächsten Stunde alle Möglichkeiten zumutete. Noch lag der dumpfe Geruch des Puders und der Schminke in den Zellen, Selina nahm jedes einzelne der Büchschen und Schächtelchen auf, die vor staubblinden Spiegeln lagen, mit einer von Zweifel benagten Hoffnung, daß sie irgendeine gute Nachricht darin finden würde. Eine halbverbrannte Perücke strudelte in einer Ecke, und sie mußte sich vorstellen, wie dieser Siegfried oder Walter Stolzing sie entsetzt vom Schädel gerissen hatte, als sie durch einen ärgerlichen Zufall in Flammen geraten war. Wie er da aus dem geklebten und geschminkten Heldentum rasch in seine gewöhnliche wehleidige Sterblichkeit zurückgefahren sein mochte! »Hinter den Kulissen . . .,« sagte sie ein wenig geringschätzig, »hinter den Kulissen . . .!« Sie erhob sich über diese Welt, deren Hinterfront man ihr zum Aufenthalt angewiesen hatte, im Bewußtsein ihres ungebrochenen Menschentums.

Ein Wort trug sie in sich, das ihre Haltung stärkte, ein Flüstern durch einen Türspalt: »Wir werden Sie retten.« Eine unerkennbare Stimme, aber wer anders konnte es gewesen sein, als Doktor Neu, der die Gefahr, in der sie schwebte, von ihr abzuwenden entschlossen war. Sie wartete seiner. Eine alte Garderobefrau brachte ihr Essen, bediente sie stumm. Selina versuchte sie in ein Gespräch zu ziehen, das Weib ging an ihren geschicktesten und antwortlockendsten Fragen vorüber. Selina ließ eine porzellanene Puderdose neben ihr plötzlich zu Boden fallen, ohne daß sie ein Aufzucken der Alten wahrnahm.

Sie war auch taub, wie es schien.

Wie beruhigend muß es sein, dachte sie, zwischen vier Wänden gefangen zu sitzen, weiß gestrichenen Wänden mit Flecken von Nässe und einem vergitterten Fenster hoch oben, das Sehnsucht bedeutet. Dort sammelt sich der Geist, vertieft sich in sich selbst, entdeckt vielleicht neues Land. Hier in dieser Theaterwelt, in der eine Zelle verschlissener Schäbigkeit an der anderen hängt, spürt man nur einen Zerfall, man verliert sich, gibt sich preis, empfängt sich von nichts zurück. Ist die Kunst, die aus diesen Waben strömt, nicht ein ungeheurer Schwindel, ein Betrug an der Menschheit? Wie kann sie eine höhere und reinere Wahrheit darstellen wollen, eine Offenbarung bedeutenderen Seins, wenn sie aus solchen Löchern kommt, aus diesen Zellen voll Schminke und Puder, behängt mit den Gespinnsten kleinlicher Eigensüchteleien?

Sie verstand, daß man sie mit dem Scharfsinn der Bosheit hier eingeschlossen hatte, um ihr eine besondere, verfeinerte, geistige Qual zu bereiten. Sie begann sich mit allem Echten und Wahrhaften, das in ihr war, zur Wehr zu setzen. Sie bedurfte ihrer Kraft, als sie die Entdeckung machte, daß man ihre Standhaftigkeit auf eine schreckliche Probe stellen wollte. Es war ihr bisher nicht aufgefallen, daß über jeder Tür ein Wort hingemalt war, mit großen, schwarzen, ungefügen Buchstaben: das Wort »Konkurrenz«.

Was für ein gräßliches Wort, dachte sie, als sie es zum erstenmal las. Sie verließ den Raum, ging in den nächsten, auch in dem stand über beiden Türen das Wort: Konkurrenz. Als sie auch aus diesem floh, kam sie nur wieder in einen andern, über dessen Türen dasselbe stand. Jede Tür spie ihr dasselbe Wort entgegen, sie wollte gebeugten Hauptes über die Schwellen gehen, aber es riß ihr den Kopf hoch, zwang sie zu lesen: Konkurrenz. Nun wurde ihre Wanderung zur Flucht, das Wort peitschte sie, züngelte nach ihr, ätzte sich ihr wie eine Wunde ein, in die jeder Augenblick neues Gift träufelte. Es war ein Zauberwort, das sie zerfleischte, seine Häßlichkeit schrie auf sie ein, nagte sich ihr bis auf die Knochen, ein Geschwür, dessen Eiter sie erstickte. Und während sie voll Abscheu ihm zu entgehen suchte, die Augen schloß, die von seinem beständigen Ansprung versengten Lider zudrückte, murmelten ihre Lippen voll Ekel unaufhörlich: »Konkurrenz! Konkurrenz!« Sie drückte sich in eine Ecke, deckte die Arme über das Gesicht, aber das Wort war bereits so tief in sie eingedrungen, daß es ihr aus ihren eigenen Gründen gellend entgegenspritzte: Konkurrenz.

Es wurde ihr klar, daß man sie töten wollte, daß ihr Urteil längst gesprochen war und daß man es in langsamer und grausamer Weise vollziehen würde, wenn nicht bald Rettung kam.

Plötzlich stand sie der grünen Mizzi gegenüber. Das junge Weib trug um seine noch immer reizvolle Nacktheit das fließende Gewand der Lorelei und auf dem Kopf einen Kranz von grünen Wasserrosenblättern.

»Wie gefällt es Ihnen bei uns?« fragte die grüne Mizzi, und ihr Blick überflammte Selina mit Haß und Hohn.

Jäh kam Selina angesichts der Feindin Gefaßtheit und Ruhe: »Warum halten Sie mich eigentlich hier fest?«

Mit einem Kohlestift, den die grüne Mizzi vom Spiegelsims nahm, zog sie den Schwung der Brauen nach. Sie tat erstaunt: »Ja . . . warum sind Sie denn zu uns gekommen, wenn nicht, um bei uns zu bleiben?«

»Doch nicht, um über allen Türen das Wort Konkurrenz zu lesen. Ich nehme an, Sie beabsichtigen, mich irrsinnig zu machen.«

Mizzi trat näher, als wolle sie den Arm voll schwesterlicher Zärtlichkeit um Selinas Schultern legen, aber Selina wich der Berührung aus: »Ich muß Ihnen sagen, daß Sie einen warmen Fürsprecher haben. Herr Doktor Neu bemüht sich sehr darum, daß Ihnen ein anderer Aufenthaltsort zugewiesen würde. Aber Sie wissen wohl, daß die Herren jetzt wenig dreinzureden haben. Wir haben die Regierung in die Hand genommen und üben sie nach unseren Grundsätzen aus. Fräulein Festina Lente, die ehemalige Staatssekretärin für Verkehrswesen, die jetzt an unserer Spitze steht, ist durchaus selbständig und gibt wenig auf die Verwendung sonst noch so wohlgelittener Persönlichkeiten.«

Durch Selina stieß ein Regen von Funken, einer Spitze zu, die sich stählte und der Feindin entgegenbohrte. Es ging um den Besitz des Mannes, den diese Frau mit dem Recht des Weibchens behaupten wollte, alles Geistige leugnend, nur Lenden, Brunst und Unersättliches des Schoßes. Sie wollte ihn nicht herausgeben, in sein festes Fleisch verbissen, getränkt von Vergangenheit und Anrecht aus wilden Liebeskämpfen. Wie anders liebte ihn Selina, verächtlich sah sie herab, sehr stark in der Überlegenheit dieses Augenblickes, in dem sie vor sich selbst alles verhüllte, was anderes von ihm wollte, als Gemeinsamkeit des Anstieges.

»Es wird Ihnen nicht gelingen, mich verrückt zu machen,« sagte sie. Die grüne Mizzi lachte. »Da kommen schon die Gäste . . .« Wirklich drängten sich schon eine Menge Frauen in den kleinen Zellen der Schminke, paarweise überschritten sie die Schwelle, mit einem höflich-liebenswürdigen Lächeln, das dünn und falsch ihren Lippen angeklebt war. Es war das mühsame Lächeln von Choristinnen, denen vom Regisseur befohlen worden ist, freundliche Gesichter zu machen. Sie nickten einander zu, neigten die Köpfe in gezwungener Anmut, süßten ihre Blicke auf, unter der beständigen Aufsicht eines gestrengen Spielleiters und unter den Augen eines unsichtbaren Publikums, denen sie preisgegeben schienen. Im Vorüberkommen an Selina wurde das Grinsen ihrer Freundlichkeit geradezu widerwärtig. Gemurmel erhob sich, dickte sich zu einer Wolke über den Köpfen, die aus den Lippen unaufhörlich gespeist wurde. Selina bemerkte jetzt, daß die Wolke von Gemurmel nichts anderes als das in der Luft schwebende Wort Konkurrenz war. Wenn die Frauen unter eine Tür traten, so verhielten sie den Schritt, hoben den Blick zu der schwarzen Aufschrift Konkurrenz und lasen sie halblaut ab. Die vielen Stimmen, das unablässige Einherströmen des einen Wortes, vereinigten sich zu diesem Qualm von Geräusch, dieser gleichmäßigen Decke, die sich über ihnen ausbreitete und immer schwerer wurde, da das einmal gesprochene Wort nicht wieder verhallte, sondern in der Luft einen Rückstand, einen zähen Rest zu lassen schien.

Diese Erkenntnis befreite Selina von der Furcht vor völliger Sinnlosigkeit. Sie erfaßte plötzlich, daß diese Räume unter einem strengen Gesetz standen, unter dem Gebot, daß jeder, der durch diese Türen ging, die Aufschrift laut abzulesen hatte.

Fräulein Festina Lente in Männerstiefeln und Schnurrbart türmte sich neben Selina auf, triefend von Zuvorkommenheit: »Ich freue mich sehr, zu sehen, daß Sie unseren Einrichtungen und Gebräuchen schon Interesse entgegenbringen.«

»Oh,« sagte Selina herb und selbstbewußt, »geben Sie sich keine Mühe. Den Verstand kann man nur verlieren, so lange man noch nicht die Gesetzmäßigkeit durchschaut hat. Wenn man erst einmal hinter diese gedrungen ist, hat man Waffen.«

»Um so besser,« flötete Fräulein Doktor Pofel, Staatssekretärin für Handel und Industrie, ein spitzes, dürftiges Persönchen mit entzündeten Augen, das aussah wie Ausschußware: »Um so besser, wenn Sie alles recht vernünftig nehmen.«

Durch den kahlen Gang, in dem unter verstaubtem Glas zwei trübsinnige Gaslampen brannten, kamen sie auf die Bühne, sahen die Armseligkeit der Hinterseiten, Leinwand über Holzrahmen, die Verstrebungen und Stützen, die mit großen Bohrern in das Holz des Bretterbodens geschraubt waren. Von vorne besehen, war es wieder der malerische Platz der altertümlichen Stadt, den Selina schon kannte. Aber man hatte ein Gerüst aufgerichtet, das quer über die ganze Breite des Hintergrundes eine ungeheuere Tafel trug. Es dauerte eine ganze Weile, bevor sich Selinas Blick die riesenhaften Buchstaben entlang getastet und sie in eins zusammengefaßt hatte. Es war wieder jenes abscheuliche Wort Konkurrenz, das sie halblaut abzulesen gezwungen war.

»Ja, um was für eine Art Konkurrenz handelt es sich eigentlich?« fragte Selina so gleichmütig als möglich. Innen war sie voll Abwehr und Behutsamkeit.

Fräulein Doktor Pofel zwinkerte mit entzündeten Lidern: »Diesmal handelt es sich um eine wirkliche Konkurrenz. Sehen Sie nur, es hat bereits begonnen.«

Ein Gewimmel stieg die Pfosten hinan, die das Schild trugen. Links kroch ein Zug von Würmern, weißliche fette Maden, die sich ruckweise in geschlossener Masse vorwärtsbewegten, rechts hastete es schwärzlich in überstürzt beweglicher Lebendigkeit, ein Heer von Ameisen. Links ein bedächtig sich anschiebender Zug, rechts eine Masse von hitzigen Stürmern, die an der Spitze und den Rändern ungeduldige Tropfen verspritzte. Ein breites weißes Band, ein zäher Brei von Gliedern näherte sich von links dem Beginn des Wortes Konkurrenz, ein siedender Bach von Fühlern, gekerbten Leibern und winklig geknickten Beinen von rechts seinem Ende. Von beiden Seiten ergossen sich die Heerhaufen in die von den Buchstaben gebildeten Formen, die Maden rannen dick und schwer in die Räume des K, das Rund des O, die Bechergestalt des U, im Nachbarbuchstaben des R sprühte schon der Ameisenzug so heftig, daß aus der Reibung der harten Leiber ein leises Geschwirr auf stieg. Die aufgeregten Tiere konnten sich nicht beruhigen, sie häuften sich übereinander, liefen über die Umrisse des Buchstabens hinaus, kehrten um und drängten sich wieder in ihn zurück, indem sie die Genossen wegzuzerren suchten.

»Die kleinen Agenten der Verwesung, nicht wahr?« flüsterte Mizzi dicht an Selinas Ohr. »Die Entscheidung liegt nun bei Ihnen.«

In den ersten fünf Buchstuben glänzten die Maden, feist in einem gelblichen Licht, ein leises Gewoge schmatzender Leiber, das genau den Formen angepaßt war und sie prall erfüllte, in den fünf Buchstaben der zweiten Hälfte spritzten und wogten die Klumpen der Ameisen, verzogen sich schon durch die eigene Schwere über die Grenzen hinaus. »Wenn ich mich entscheiden soll,« sagte Selina bedächtig, »so möchte ich sagen, daß die Ameisen gewonnen haben. Das Wort Konku bedeutet gar nichts, es bleibt leer, wenn es auch noch so gut ausgefüllt ist. Das Wort Renz aber hat immerhin einen Sinn. Es hat in Wien einmal einen Zirkus Renz gegeben, wenn er sich auch bloß mit einem R geschrieben hat.«

Geheul brach auf allen Seiten los, Selina sah in eine Brandung von Gelächter, die Weiber gebärdeten sich wie toll, schlugen die Hände zusammen, drehten sich in plötzlich ausgebrochener Verzückung. Festina Lente brüllte in den Lärm: »Gerichtet!«

Die Sturmflut von Weibern johlte: »Gerichtet!«

In eine Falle gegangen! Unverständliches hatte sich plötzlich als ein Fangeisen in Selinas Fleisch gekrallt, sie war im Dunkeln tappend abgestürzt, lag in einer Wolfsgrube, spitze Pfähle richteten sich gegen sie auf. Auf welche Weise sie sich ihren Feindinnen ausgeliefert hatte, konnte sie auch nicht entfernt ahnen, aber, unter unbekannten Notwendigkeiten stehend, empfand sie sich überrumpelt und preisgegeben. Man hatte sie vor eine Entscheidung geführt, die sie auf alle Fälle dem Haß auslieferte. Die Zusammenhänge waren noch nicht zu übersehen. Dies wußte sie nun, daß alles eine wohlbereitete Komödie war, veranstaltet von der grünen Mizzi, mit dem Endzweck ihrer Vernichtung und Beseitigung.

Der Platz, der sie mit Häusern aus Pappe und Leinwand umgab, war ein Richtplatz. Schon saßen die drei Richterinnen an einem schwarz verhängten Tischchen über ihr: Festina Lente, Fräulein Doktor Pofel und die grüne Mizzi, genannt der letzte Versuch. In den großen Händen der Vorsitzenden bog sich ein weißes Stäbchen. »So frage ich denn noch vor dem Spruch des Urteils nach unserem Brauch Rechtens: ist jemand da, der für Miß Selina Gulliver eintritt und sie dem Gesetz entnimmt?«

Der Zustand, in dem sich Selina befand, war eine Art verdünnter Wirklichkeit. Scharfsichtiger als je stand sie über allem, was sie unmittelbar anging, daß ihr Gräßliches bevorstand, wußte sie, diese unbarmherzigen Feindinnen waren ihrer grausamen Rache gewiß. Aber sie fühlte sich mit einer zähen Schicht umgeben, sie war im Schutz einer undurchdringlichen Rinde, einer Form, die sie bewohnte und die sie erst im äußersten verlassen würde. Sie hörte die tückische Salbung in den Worten der Richterin. Wie mittelalterlich dieser Spruch klang. Sie sah die Beisitzerinnen, die Geschworenen dieser Urteilskomödie in einer Doppelschleife auf der Bühne aufgestellt, einem Achter. Es ist acht Uhr, verstand sie. Es ist das Zeichen für Unendlich, sagte etwas in ihr. Es ist eine Sanduhr, sprach es ergänzend, über deren Hals kaum noch eine Handvoll Sand steht.

Jenseits dieser Doppelschleife sah Selina dann auch eine zusammengedrängte Gruppe von Männern. Sie standen verschüchtert und gedrückt, geängstigt durch eine Fuchtel, die über ihnen schwebte. Bekannte Gesichter starrten Selina an; der große Herr im Strohhut, einstiger Staatskanzler, Franz Niedergeseß, der Mann mit dem Schlapphut, Staatssekretär für Allfälliges und Udo Schmatlak, der mit den ungleichen Augen. Sie heuchelten Fremdheit, Selinas Hellsichtigkeit aber wußte, was darunter brannte, Wünsche nach ihr, die von Furcht erstickt waren. Die Frage der Richterin war eine Form, niemand hätte es gewagt, vorzutreten. Den einen, der es gewagt hätte, den Fürsprecher, suchte Selina vergebens. Sie war entfernt davon, Vorwürfe zusammenzuballen, sie zerbrach ihre Bitterkeit sogleich. Vielleicht wirkte er im Verborgenen für sie.

Gerade als dieser Gedanke sich festigen wollte, sah sie ihn. Neben Franz Niedergeseß stand er, im Schatten des Schlapphutes, nur eine Hälfte seines Kopfes war sichtbar, es war, als verstecke er sich. Es riß ihr die Brust nach beiden Seiten auseinander, ein stummer Schrei flog zu ihm. Sie sah, wie er, von diesem Ruf getroffen, erbebte und sich tiefer in den Schatten des Schlapphutes barg.

Zum zweitenmal richtete Festina Lente ihre förmliche Frage an die Menge.

Leises Regen und Raunen lief durch den Haufen, gebändigt wichen sie zurück, keine Kraft entrang sich der Lähmung. Selina glühte ihre ganze Seele hinüber, es war, als müsse die Luft, schwarz angesengt, verbrannt in Stücke reißen. Ist er nicht Sankt Georg, dachte sie, Sankt Georg, der Drachentöter, Held von Gottes Gnaden, Schwanenritter, Befreier der Bedrängten, Vorkämpfer des Rechtes gegen das Unrecht? Auf dieser Bühne der Oper, auf der sich so oft Elsas Errettung vollzogen hatte, die getränkt war von der mystischen Feierlichkeit unzähliger Gottesurteile, die überall noch die zauberhaften Melodien überirdischer Entrücktheit bewahrt hatte, hier würde sich noch einmal das große Wunder vollziehen.

Zum drittenmal fragte Festina Lente, Orchester wogte unter ihr, aus der Erinnerung des Gehöres brach die breite Flut strahlend zuversichtlicher kosmischer Musik.

In der Gruppe der Männer stieß eine Bewegung vor, Doktor Neus Gesicht erschien zwischen den Schultern seiner Nachbarn, sein Mund öffnete sich, als wolle er rufen. Neben Selina hob sich die grüne Mizzi halb aus dem Korbstuhl, in dem sie saß, Ansprung, der ganze Körper ein gekrampfter Muskel zum Wurf nach vorne. Flüchtig am Rande von Selinas Blick lag die Verzerrung von Mizzis Gesicht. Knisterte das grüne Haar? Stoben kleine Schlänglein aus? Zischte die Luft von dem Flug tödlicher Leidenschaft?

Auf Doktor Neus Gesicht sah Selina den Peitschenschlag, zwischen die Augen hinein. Wie ein Beil brach ihm der Bannstrahl Mizzis die Stirne entzwei. Ein plötzliches Erschlaffen veränderte seine Züge, er taumelte. Selina streckte die Hände aus, Unbewußtes zersprengte ihr die Adern, wollte zu ihm. Wenn er nicht half . . .? Sie sammelte alle Kraft, stieß alles Bisherige hinter sich, wollte nur vorwärts, zu ihm. Nimm mich, nimm mich, wand sich ihr Innerstes. Sie rang um ihn, entblößte die letzte Wahrheit: was ging sie die Menschheit an, sie wollte ihn, die Menschheit war nichts als ein Weg zu ihm. Weißt du das nicht? flehten ihre Augen, das mußt du doch wissen. Etwas Absonderliches geschah. Sie schrie ein Gebet zu Gott, hatte mit einmal den sonst leeren Himmel mit waltenden Mächten bevölkert, von denen sie Gerechtigkeit für sich verlangte. Jahrelang nicht Geübtes drängte sich in dieser Sekunde zu, Kinderglaube, Märchenhaftigkeit des Seins, viele wunderliche Verknüpfungen zwischen Mensch und Gott. Es war, als käme sie in verschlossen gewesene Gedankenräume, in denen sich erstarrte Gestalten belebten. Gott mußte herabzuzwingen sein, wie eine Seilschlinge warf sie ihr Gebet um sein großes Haupt. Die Erschütterung war so schwer, daß sie glaubte, nun käme Sterben und Erlöschen.

Da sah sie Neus Wanken und Hinducken. Verängstigt wich er vor den unsichtbaren Hieben, die er empfing, scheu rann sein Blick aus dem ihren fort, als würde Unvereinbares aus einer Mischung wieder ausgeschieden. Er verkroch sich, tauchte ganz in den Schatten des Schlapphutes.

Selina, die früher einmal stürzend mit dem Flugzeug aus Wolkenhöhen gesaust war, erlebte es zum zweitenmal: den ziehenden Krampf im Unterleib, das Herz an dünnen Strängen im Leeren baumelnd. Aus! Ihrem Sein war das Zentrum ausgerissen, ein schwerpunktloses System zerschlug im Zusammenbruch dunkle Sphären, fern von Gottes Hand.

Über ihrem Kopf zerknackte das weiße Stäbchen.

»Da niemand Miß Selina Gulliver dem Gesetz entnimmt,« sagte Festina Lente langsam und bedächtig, »ist sie ihm nach unserem Brauch Rechtens verfallen und ist verurteilt durch das Opfer der schwarzen Messe zu den Dienerinnen aufgenommen zu werden.«

Die schwarze Messe, dachte Selina, ist es möglich, daß diese Scheußlichkeit verkommener Zeiten hier noch lebt und Gesetz ist. Sie entsann sich, von lasterhaften Geheimbünden gelesen zu haben, von den wüsten Ausschweifungen ruchloser Lästerer, die über dem nackten Leib einer Frau Messen zu Ehren des Satans gelesen hatten. War es möglich, daß die Orgie des Hasses solche Verhöhnung des Heiligsten erneuerte, Gebräuche besudelte, die, wenn auch verstaubt, doch ehrwürdig waren?

Um einen mit Papierrosen bekränzten Altar aus Brettern und Pappe, deren Bemalung Marmor vortäuschte, standen die drei Richterinnen, jetzt Priesterinnen der schwarzen Messe. Die Frauen waren zurückgewichen, hatten einen Kreis um die Opferstätte gemauert. Zwischen Festina Lente und Fräulein Doktor Pofel stand ein Mensch, ein Greuel von Mann. Sein Schädel war von einem Grind überzogen, Eiter stand ihm in den Augenwinkeln, Geschwüre hatten ihm die Nase zerfressen, daß man die von wulstigen Wundrändern umrahmten Höhlen sah. An den Händen der beiden Frauen hielt sich das klapprige Gestell mühsam aufrecht, dennoch brach aus dem ausgemergelten Körper durch die Augen ein Hunger nach Frauenfleisch, eine unstillbare Gier nach Wollust und dem Stöhnen gemarterter Glieder.

»Der Opferpriesier!« sagte Festina Lente.

Die grüne Mizzi schob den Mund an Selinas Ohr, träufelte Gift ein: »Der Bräutigam!«

Da erhob sich eine Stimme aus dem Männerhaufen, ein Strohhut schwang über den Köpfen: »Ich warne Sie vor diplomatischen Verwicklungen mit Amerika!«

»Schweigen Sie!« donnerte Fräulein Festina Lente, ohne aus ihrer langsamen Ruhe zu kommen. In diesem Augenblick, da alle Aufmerksamkeit von Selina ab- und dem kühnen Zwischenrufer zugewendet war, griff eine Hand nach Selinas Arm und zog sie hinter den Altar. »Rasch! Rasch!« flüsterte der Mann. Sie liefen auf den gemalten Hintergrund zu, zwischen Gruppen aufgeregter Frauen hindurch, die sie nicht zu sehen schienen. »Mein Gott, da können wir nicht weiter,« stöhnte Selina. Es war ja nur eine Dekoration, grob hingestrichene Perspektive von Häusern, eine Straßenflucht, die eine herabhängende Leinwand hinanlief. Aber als Selina eben an das schmiegsame Hindernis anzurennen glaubte, wichen die Häuser zu beiden Seiten zurück, die Straße lag vor ihr, eine Wirklichkeit, nächtlich unter Sternenbildern, die zwischen Dächern zitterten.

Der Vater und Fred Gregor liefen neben Selina.

Hinter ihnen brauste Lärm. Man hatte Selinas Flucht bemerkt und setzte ihr nach. »Ich kann nicht,« röchelte Selina.

»Nur noch ein kleines Stück!« rief Mister Gulliver.

Da kam auch Getöse aus der Tiefe vor ihnen, der sie entgegenrannten. »Wir sind umgangen!« keuchte Selina.

Fred Gregor hatte sich der Länge nach auf das Pflaster geworfen, lauschte nach Indianerart, das Ohr gegen den Stein pressend. »Nein,« sagte er, indem er aufschnellte, »ich höre kriegerische Musik. Es müssen die Erdfresser sein, die ihren Kriegszug angetreten haben. Wir sind gerettet.«

Sie bogen in eine Seitenstraße und hörten schon nach einigen hundert Schritten am Eingang der Trümmerschlucht hinter sich den Lärm des ersten Zusammenpralles zwischen den Erdfressern und Selinas Verfolgern.



21. Erwachen.

»Wir wollen sie ruhig schlafen lassen,« sagte Doktor Lachnit, indem er sich aufrichtete und das Stethoskop von der Brust Selinas nahm. »Ich glaube, sie wird nach einigen Stunden von selbst erwachen.«

Doktor Beatty grunzte Unzufriedenheit. Er war mit der letzten Reisegesellschaft eingetroffen, um allenfalls den morbus Viennensis an Ort und Stelle zu studieren. Nun traf es sich, daß er gleich seine Hilfe hätte Miß Gulliver angedeihen lassen können, wenn ihm nicht am Krankenbette dieser Doktor Lachnit entgegengetreten wäre, der behauptete, gleichfalls von Mister Gulliver berufen worden zu sein.

Doktor Beatty hielt dafür, daß man es bei Selinas tiefer Bewußtlosigkeit mit einer bisher noch unbekannten Form der Wiener Krankheit zu tun habe. Wenn er auch davon überzeugt war, daß in der Regel eine einmalige Impfung mit seinem Philanthropin genüge, um den Keimen Widerstand entgegensetzen zu können, so verschloß er sich doch nicht der Möglichkeit, daß unter gewissen Umständen, zum Beispiel bei einer durch Gemütserregung gesteigerten besonderen Empfänglichkeit, noch eine zweite Injektion notwendig werden könnte.

Er war dazu bereit, sie sogleich vorzunehmen. In der Ecke stand der Neger und schüttelte aus Leibeskräften die große Flasche mit Philanthropin. Auf dem Tisch lagen Instrumente um die Becken hingebreitet. Aber Doktor Lachnit erhob Einsprache. Er verwarf jede Injektion, behauptete mit großer ärztlicher Sicherheit, die ihm Doktor Beatty als anmaßende Frechheit auslegte, daß von morbus Viennensis keine Rede sei und daß man die Kranke mit Einspritzungen verschonen müsse.

Es war nahe daran, daß am Krankenbett Selinas ein Streit der beiden Ärzte entbrannt wäre. Übellaunig zog Beatty Mister Phöbus A. Gulliver ans Fenster und fragte ihn vorwurfsvoll, was ihm eingefallen sei, diesen Wiener Kurpfuscher zu berufen, dessen Anwesenheit geradezu eine Beleidigung für ihn sei. Gulliver rechtfertigte sich mit dem guten Gewissen der Wahrheit, daß ihm das Erscheinen des fremden Arztes unverständlich sei, denn er habe von seinem Dasein überhaupt keine Ahnung gehabt, viel weniger einen Ruf an ihn ergehen lassen. Nun trat Beatty noch selbstbewußter auf, stampfte den festen Boden, den er unter sich fühlte, und bestand immer unentwegter auf der Impfung.

Vielleicht hätte er schließlich doch noch über den Eindringling den Sieg davongetragen, wenn nicht schließlich Selina wirklich selbst aus ihrer tiefen Bewußtlosigkeit erwacht wäre.

Ihr Blick war klar, ihr Puls fieberfrei, sie sah mit einiger Verwunderung den Vater mit ängstlicher Spannung an ihrem Bett, die beiden Ärzte, den bekannten, mit der Spritze bewaffnet, den unbekannten, in Abwehr gegen den Angriff des Philanthropins.

»Was ist mit mir geschehen?« fragte sie, nachdem sie die Umgebung vergebens zu enträtseln gesucht hatte.

Zärtlich setzte sich der Vater auf den Bettrand, nahm ihre Hand, streichelte die Finger. »Du bist krank gewesen. Hast einen Anfall von morbus Viennensis gehabt, meint Doktor Beatty.«

Selina schüttelte den Kopf, nicht darum ging es. Was vorher geschehen war? Hilfesuchend schaute Mister Gulliver nach Doktor Beatty aus, aber der war von dem fremden Arzt beiseite genommen worden und stritt mit ihm über die Wirkungen des Philanthropins. »Du bist uns wieder fortgegangen,« sagte der Vater endlich, indem er sich bemühte, auch die leisesten Nebentöne eines Vorwurfs zu unterdrücken. »Wir haben dich lange suchen müssen. Wenn wir nicht zuletzt eine Nachricht bekommen hätten . . .«

»Wo war ich?«

»Du bist zur roten Hand zurückgekehrt. Ich verstehe . . .« warf er rasch ein, als er sah, daß Selina sich waffnete, »dein gutes Herz . . . Es hat dich nicht gelitten, Mac Kinley alles überlassen zu sollen.«

»Und . .?«

»Du hast dich in den Dienst deiner Ideen gestellt. Du bist während der Generalprobe zu einer Wohltätigkeitsvorstellung plötzlich ohnmächtig geworden. Es war ein Komitee von Frauen zusammengetreten, die eine Oper aufführen wollten. Du hattest auch eine Rolle übernommen. Sie waren in der größten Verlegenheit, als du ihnen bewußtlos wurdest. Sie wußten nicht, was sie tun sollten, denn du hattest ihnen strengstens aufgetragen, dich nicht an uns zu verraten. Und sie wußten doch auch nicht, was dir geschehen sei und ob sie die Verantwortung tragen könnten.«

Mit geschlossenen Augen lag Selina da, die Worte strichen leicht und flüchtig über sie hin, ein Schwarm wunderlicher Vögel. Vom Rand des Erlebens her drängte sich ihr etwas zu: »Und die Erdfresser?« fragte sie.

»Die Erdfresser? Woher weißt du davon? Ja – es scheinen wieder einmal in Wien neue innerpolitische Wirren ausgebrochen zu sein. Sie haben noch immer nicht genug davon. Wir hüten uns davor, einzugreifen, wir können nichts tun, als zusehen, wie sie ihre Streitigkeiten ausfechten und ihre Umwälzungen machen. Wir dürfen uns in ihre Angelegenheiten nicht einmischen. Die anderen Schutzstaaten würden uns jeden Eingriff als unlautere Konkurrenz . . .«

»Nein,« schrie Selina auf, indem sie ihre Ohren zuhielt, »nicht dieses Wort . . .«

Der Vater verwunderte sich abermals, aber Lachnit hatte jetzt den amerikanischen Kollegen für eine Weile matt gesetzt, trat heran, den väterlichen Einfluß zu verstärken.

»Wie fühlen Sie sich?«

Selina lächelte dankbar. Unendliche Beruhigung strömte aus diesem Mann, sie quoll aus einer Überfülle von Güte auf dem Grund seines Wesens. Er schien die Macht eines Wundertäters zu besitzen, der durch Handauflegen und die Weichheit eines Anrufes heilen konnte. Er war traurig, trug wohl selbst Schmerz, aber anderen gab er Kraft. Hellseherisch, wie das aus Unbekanntem rückkehrende Bewußtsein ist, durchschaute ihn Selina so, wie der Blick in klares Wasser sinkt. Nur ein Bezirk seiner Seele war verschlossen, hier stand sie vor Undurchdringlichem. Sie versuchte auch hier zaghaft, rüttelte an Riegeln, es stieß sie eisig zurück.

»Bleiben Sie ruhig im Bett. Morgen stehen Sie dann auf wie sonst. Medizin verschreibe ich nicht.« Lachnit erhob die Stimme gegen Doktor Beatty hin, der mürrisch den abgesetzten Günstling spielte, ganz leise zuckte es gutmütig spöttisch um Lachnits Lippen: »Die Nachbehandlung übernimmt schon der Herr Kollege allein.« Es war ein ritterlicher Rückzug.

»Sie kommen nicht mehr?« fragte Selina etwas enttäuscht.

»Entschuldigen Sie mich, bitte. Meine Frau ist schwerkrank. Sie braucht mich dringend.«

Selina sah, wie sich Trauer in ihm ausbreitete, als er nur davon sprach; da wich sie mit ihren Wünschen zurück. Doktor Beatty zögerte dem Bett zu, gewann behutsam wieder den verlorenen Boden.

Fred Gregor ließ fragen, ob Miß Gulliver zu sprechen sei. Das Stubenmädchen, Lizzy mit dem Indianerblut, schwenkte schnippisch die Röcke, als sie ihm die Türe öffnete. Es war ein Krankenbesuch, dessen Förmlichkeit Selina nicht verkennen konnte. Fred freute sich der Rettung und Besserung wie ein guter Bekannter. Irgend etwas war geschehen, in dessen mächtigerem Atem die Flammen seiner Leidenschaft völlig erloschen waren, die sie bei einem letzten Beisammensein – wie lange war das her? – bedroht hatten. Noch wagte sie nicht, sich ihrer eigenen Wunde zuzuwenden, sie wußte, daß sie dann erkennen müßte, in wie bittere Einsamkeit sie gestoßen war.

Doktor Lachnit griff nach dem Hut.

»Sehe ich Sie nicht mehr?«

»Ich schaue schon wieder einmal nach Ihnen. Sie machen mir keine Sorgen mehr.«

Mit Fred ging er über die Treppe. Der Kraftwagen des Hotels stand auf der Straße. »Sie sind frei?« fragte Fred, und als der Mann bejahte: »Darf ich Sie nach Hause bringen, Herr Doktor?«

Sie rückten sich zurecht. »Wo wohnen Sie?«

Doktor Lachnit wohnte in Hietzing und so hatte er sogar einen Weg mit Fred. Heftiger hämmerte Lachnits Puls, als der Kraftwagen losfuhr.

»Wissen Sie,« sagte er mit einem zaghaften und wehmütigen Lächeln, »auch körperliche Gefühle haben ihr Erinnerungsvermögen. Wie viele Jahre ist es nun her, daß ich im Auto gefahren bin. Man mag sagen, was man will: die Dinge der Kultur sind in gewissem Umfang Bestandteile unseres eigenen Ich geworden. Wir haben ein Stück unseres eigenen Wesens verloren, als sie uns genommen wurden. Lachen Sie mich aus, wenn Sie wollen; es ergreift mich, wieder einmal Auto zu fahren.«

»Sind Sie die ganze Zeit über hier gewesen? Niemals fort aus diesen Trümmern?«

»Ich habe alles mitgemacht, den ganzen Zusammenbruch. Es ist mir nichts erspart worden.«

Als sie die Mariahilfer Straße hinan fuhren, am kahlen Klotz der Stiftskaserne, der einstigen Trutzburg von Morgensterns Garden, sahen sie, wie die Erschütterung einen Spalt im Gemäuer aufriß. Er lief wie ein zackiger Blitz vom Pflaster bis zum Dachsims, und gleich darauf neigte sich die Wand vornüber, wankte und fiel lautlos in sich zusammen. Eine ungeheure Säule von Staub stand über dem rieselnden Schutt.

»Sehen Sie, es ist, als ob die Trümmer müde geworden seien,« sagte Lachnit. Sein Gesicht wandte sich aus dem fortschleudernden Wagen halb nach rückwärts.

Heimlich sah ihn Fred von der Seite an. Wangen und Kinn hatten eine Linie, die in Fred innigste Zärtlichkeit erweckte, es war ungeheuer wichtig, zu enträtseln, was eine dunkel verworrene Ahnung in ihm flüsterte. Warum hing er mit so unendlicher Hingabe an diesem fremden Menschen, welches geheime Band war seit seinem ersten Anblick zwischen ihnen gewoben?

»Und jetzt?« fragte Fred, »können wir Ihnen nicht irgendwie behilflich sein? Mister Gulliver hat großen Einfluß. Es ist nicht unmöglich, daß er Sie von hier fortbringt.«

»Jetzt ist es zu spät,« sagte Lachnit mit dünnen, bitteren Lippen und düsterer Stirn, »jetzt ist es zu spät. Meine Frau ist schwer krank. Tapfer hat sie all die Jahre die schreckliche Einsamkeit mit mir getragen. Jetzt aber hat sich ein seltsamer Wahn in ihrem Kopf eingenistet. Sie bildet sich ein . . . der Gedanke hat sich in ihr festgesetzt, daß wir – ein Kind gehabt hätten, das uns auf unerklärliche Weise verloren gegangen ist. Diesem Schemen trauert sie nach. Ihr ganzes Denken ist davon verwirrt. Sie spricht von nichts anderem mehr. Sie beschuldigt mich, als hätte ich das Kind geraubt oder getötet. Darüber ist sie krank geworden, siecht dahin, von der Seele aus zerstört sich ihr Körper selbst. Und ich, der Gatte und Arzt, stehe machtlos, sehe ihr Leben zerrinnen, ohne helfen zu können.«

Ein Abgrund von Not war aufgetan, der Fred verstummen machte. Worte kamen an das Leid des Mannes nicht heran.

»Die Einsamkeit hat ihre Gespenster,« sagte Lachnit nach einer Weile, »sie brütet Dämonen aus. Es ist etwas anderes, die Welt freiwillig zu verlassen und sich vor ihr zurückzuziehen, mit dem Bewußtsein, jederzeit wieder in sie eintreten zu können; und wieder etwas anderes, zu einer Einsamkeit verurteilt zu sein, die dadurch entstanden ist, daß sich die Welt vor uns zurückzieht und verschließt.«

Fred fühlte sich zu eng, um das alles zu fassen. Es rann nur tropfenweise in ihn. Auch wehrte sich der Sonnenglanz in ihm gegen schmerzliche Trübung. Plötzlich überfiel es ihn: wie wäre es, diesen Mann an den gläsernen Sarg zu rufen? Vielleicht wußte er den Weg zum Leben? Aber dann stieß er den Gedanken zurück wie eine Versuchung: nein, nichts Fremdes zwischen ihr und ihm, keine tastende Hand an dem unsäglich zarten, unwirklichen Gebilde, das sein war im Anschauen durch Gottes Gnade. Sie mußte erwachen wie im Märchen, indem der vergiftete Apfel ihrer Kehle entsprang. Ganz sein eigenes Geschöpf, erweckt durch die Sehnsucht und die unbenannten Kräfte der Tiefe.

Sie hielten in der Wildnis vor einem rostigen, hingesunkenen Gartengitter: »Hier wohne ich,« sagte Lachnit, indem er ausstieg, »ich danke Ihnen . . . für die Fahrt . . .«

Fred verlängerte den Händedruck in plötzlich wieder warm wallender Herzlichkeit: »Überlegen Sie sich meinen Vorschlag. Warum sollen Sie hier bleiben? Wenn Ihre Frau in andere Umgebung kommt, so wird sie vielleicht wieder gesund. Es wäre Ihre Pflicht . . . Mister Gulliver ist Ihnen sehr verbunden, Ihre Sicherheit hat vom ersten Augenblick an beruhigend auf ihn gewirkt.« Seine Gedanken nahmen eine andere Richtung: »Wie kamen Sie übrigens ins Hotel? Wieso waren Sie so rasch zur Stelle? Sie begegneten uns ja schon auf der Treppe, als wir Miß Gulliver brachten.«

Lachnit stand nachdenklich, hörte ohne Verständnis: »Sie haben mir ja einen Boten geschickt.«

»Wie? Einen Boten?«

»Warten Sie,« besann er sich, »im Morgengrauen klopfte es. Ein Mann stand da, ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Ich möchte sogleich ins Hotel Bristol kommen. Ich verwunderte mich selbst genug darüber, daß Sie von mir wußten . . .«

Fred zog seine Hand zurück: »Nun dann . . . auf Wieder sehen! Nicht wahr? Und überlegen Sie sich's. Sie haben die Pflicht, sich und Ihre Gattin zu retten.«

Der Wagen fuhr eine Kurve, wandte sich, fuhr Fred zu seinem Märchen im gläsernen Sarg. Zur selben Zeit, da er vor dem Park von Schönbrunn halten ließ und bedächtig, glückerfüllt dem gelben Haus mit den grünen Fensterladen zuschritt, trat Doktor Lachnit in das Zimmer zu Gundis. Sie lag in einem Strecksessel, fröstelnd unter vielen Decken. Ihre Augen starrten groß und angstvoll: »Warst du bei ihr?«

»Man hat mich zu einer Amerikanerin ins Hotel Bristol gerufen,« sagte er, mit einem Lächeln über Gundis gebeugt, das aus einer Welt kam, die sie beide fast schon vergessen hatten. »Ich bin im Auto gefahren. Weißt du noch, wie das ist? Alle Muskeln zittern vor Schnelligkeit, es ist ein beseligender Flug in die Tiefen des Raumes.«

Gundis schloß die Augen, bog sich zurück, von leisem Grauen durchbebt: »Geh weg von mir,« hauchte sie, als atme sie Beklemmendes.

Er wich schmerzlich zurück, ohne Groll, wußte, ihr Hirn schwang wieder um den zerstörenden Wahn. Dennoch reizte es ihn, von Dingen zu sprechen, deren Einfluß Ablenkung sein mochte: »Nein . . . ich bilde mir das nicht nur ein. Du darfst nicht glauben, daß ich phantasiere. Der Bote war doch da. Und . . . hörst du, Gundis: wenn du wolltest, so könnten wir von hier fort. Man hat uns Hoffnung gemacht . . . die Amerikaner können alles, was sie wollen. Sie setzen auch unsere Befreiung durch. Unser Kerker öffnet sich, wir sind keine Gefangenen mehr. Die wenigen Jahre, die wir noch haben, leben wir wieder unter Menschen wie wir. Es gibt wieder Freundliches von einem zum andern, Güte, Hilfsbereitschaft, wir reihen uns wieder in den Zusammenhang alles Lebendigen ein, sind nicht mehr Aussätze auf einer wüsten Insel . . .«

Entsetzen hatte Gundis' Lider aufgerissen, ihre Hände flackerten zu den Schläfen empor: »Und unser Kind! Unser Kind!«

Die hellen Zukunftsbilder sanken mit einem Schlag zusammen. Wie hatte er glauben können, daß er die Geliebte diesem Boden entreißen könnte, der ihre Schatten gebar? »Ja, unser Kind!« murmelte er, indem er sich ihren Wahngedanken untertänig machte. Er hoffte so auf rasche Beruhigung.

»Und du wolltest unser Kind preisgeben!« schrie sie. Die Decken fortwühlend, wollte sie den Stuhl verlassen, zu einer Tat, irgend einem rettenden Handeln. Wie ein Wolf hatte es sie angesprungen, zerfleischte ihre Kehle. »Amata! Amata!« gellte sie. Ihre Schwäche warf sie zurück, Lachnits Hand rührte vorsichtig ihre Stirne, ihre Schulter, zog wieder die Decken hoch.

»Beruhige dich nur, nein . . . nein . . . es ist keine Rede davon. Wir bleiben schon hier. Du sollst nicht in die Welt zurück. Wir fänden uns auch gar nicht mehr zurecht.« Seine ganze große Liebe schmolz über sie hin, begrub sie unter schüchternen Liebkosungen. Etwas, das vor jähen Hoffnungen verblichen war, etwas Vergessenes meldete sich mahnend und vorwurfsvoll: »Und ich kann ja auch gar nicht fort,« murmelte er, »ich muß meine Aufgabe erfüllen. Ich muß doch die Gehirne in Ordnung bringen . . .«

Regungslos lag Gundis, aber ihre Aufregung tobte innerlich weiter, mit einer Hexenjagd von Ängsten, die sie ausbrannten. Leise ging Lachnit hinaus, stellte sich an den Herd, bereitete das Essen. Hier, hier durch dieses Haus lief die Grenze seines Lebens, es war der Meridian seines Schicksals, ein Stahlreifen, der es zusammenhielt und der unüberschreitbar war. Gewisse Versuche, die jemand vornahm, mußten erst zum nahen Abschluß kommen, und dann würde er die Gehirne wieder zurechtrücken. Wie hatte er das vergessen können? War es nicht Verrat an seinem Eigensten, den Vorschlag des Amerikaners auch nur mit flüchtigsten Gedanken weitergedacht zu haben?

Als er mit dem Kochen zu Ende war, brachte er den gefüllten Teller an Gundis Stuhl. Sie schüttelte den Kopf ohne die Augen zu öffnen, schon der Geruch der Speisen zog ihr den Magen in Krämpfen zusammen, schlang einen Knoten in ihre Kehle.

»Du mußt essen,« beharrte Lachnit, »das geht nicht so weiter. Seit Tagen machst du mir es so, du kommst mir ganz von Kräften. Ich werde dich zwangsweise füttern müssen.«

Sie hörte ihn nicht. Auf der Innenseite ihrer Lider zogen Bilder dahin, liebliche Idyllen heller Vergangenheit, Amata am Klavier, Amata träumerisch im Mondschein am Fenster, Amata anmutig im Garten über Veilchen gebückt, Amata übermütig mit den Hühnern scherzend. Dann rissen Klüfte auf, dampfend ballten sich Schreckensszenen, Amata unter dem Messer des Vaters, das in ihrem zuckenden Leib wühlte, Amata stöhnend in den Fängen unausdenkbar grauenhafter Qual, ihr lichtes Kind von Martern der Hölle zerstückt, mit verrenkten Gliedern und blutigen Lenden.

Wahrhaftig Schemberas Rache konnte nicht vollkommener sein!

Und dennoch wogte unter der kreischenden Finsternis des Unmittelbaren ein ungewisser Widerschein ferner, aufgerissener Horizonte. Sie umklammerte einen Glauben an das Gute in ihrem Feind, sein einstiges Sein, das nicht ganz erstorben sein konnte.

Lachnit war in den Garten gegangen, kam in der Abenddämmerung mit späten Rosen zurück, die er in Gundis' Hände legen wollte. Im Stuhl lag ein Knäuel Decken, ein langgestreckter Schattenklumpen auf dem Boden mitten im Zimmer war Gundis. Lachnit warf sich neben sie, Gundis war bei Bewußtsein, lächelte mühselig. Sie hatte aufzustehen versucht, war hingesunken. Während er ihr seine Arme unter schob, sie aufhob und ins Bett trug, schalt er liebevoll auf sie ein. Welcher Unsinn, sich plötzlich Kraftleistungen zuzumuten, wenn man schon tagelang gefastet hatte. Aber nun würde er hingehen und das lichtgelbe Huhn schlachten, das ohnehin nicht zum Eierlegen aus sich selbst heraus zu bewegen sei, so müßte es jetzt sein Leben lassen zu einer Hühnersuppe, damit Gundis wieder zu Kräften käme. Dabei aber wußte er es anders.

Er wußte, daß dieses Leben erschöpft war. Sein Herz lag in einem Schraubstock, festgedreht, eine stählerne Feile knirschte rasselnd darüber hin, blutüberströmt. Aber er hielt sich tapfer, sprach von Herbst und den Obstbäumen, an den Weinstöcken hinten am Haus kochten die Trauben im Sonnengold in prallen Beeren.

Gundis' Mund fiel ein, die Augenhöhlen wurden bläuliche Tiefen, gelb standen die Wangenknochen wie Riffe von Sandstein. Sie flüsterte, hob die Lider auf, murmelte: »Du willst fort . . .« zögernd kroch ihre Hand über die Decke der seinen zu, krampfte sich zusammen, ehe sie die Finger erreicht hatte, die das Messer hielten . . .

»Nein, nein,« sagte er eifrig, »ich denke nicht mehr daran. Es war doch nur so ein Einfall des Amerikaners. Gut gemeint, nicht wahr? Aber wir bleiben nun schon hier . . .«

Durch die Nacht brüllten Stimmen, rauhes Getöse, wilde Musik johlte und überschlug sich taumelnd in der Finsternis. Aufgestützt lauschte Gundis, zwischen dünnen Sehnenbändern des Halses glitt die Kehle krampfig schluckend: »Was ist das?«

»Es werden die Erdfresser sein,« sagte Lachnit, »der Stamm ist in Aufruhr geraten. Sie ziehen in der Stadt herum und machen Jagd auf die Regierung. Es geht uns nichts an. Du brauchst dich nicht zu ängstigen.«

Ein heiliger Sommermorgen war aufgestanden, Gundis sah in ihn hinein, wie jung und voll Hoffnung auf Rettung er gewesen war. In ihre weit offenen Augen waren Lachnits Blicke eingesenkt, daß es Gundis fast schmerzhaft empfand. Sie zog ihr Schauen aus der Ferne zurück, verkürzte es auf das Gesicht des Mannes über ihr.

»In den Augen mancher Menschen,« antwortete er zögernd unter dem Zwang ihrer stummen Frage, »in den Augen mancher Menschen stehen Zeichen . . . Buchstaben, Hieroglyphen ihres Wesens . . . die spiegelglänzende Iris trägt Inschriften, die Fäserchen und Streifen ordnen sich zu Gestalten. .«

»Was siehst du in meinen Augen?«

»Ich sehe«. . . er keuchte schwer, die Worte wurden ihm von einer Gewalt über ihm abgerungen, »sehe Zahlen . . . das Zifferblatt einer Uhr. Die Zeiger stehen im rechten Winkel, auf neun Uhr. Ja, es ist neun Uhr. Das vollendet das dritte Viertel des Kreises.«

Der kriegerische Lärm der Erdfresser war von der Nacht eingeschluckt, ab und zu noch prallte der dumpfe Schlag einer Holztrommel aus der Ferne heran. Über Gundis' wieder in sich geschlossenes Gesicht schien die Spur eines Lächelns, seliges Hinhören auf andere Töne. »Hörst du?« flüsterte sie.

»Was denn?«

»Klavier. Es wird Klavier gespielt . . . hörst du es nicht?«

Seine Stimme zitterte tief! »Wer sollte spielen?«

Mit geneigtem Kopf lauschte Gundis nach dem Nebenzimmer: »Sie spielt! . . . Sie spielt wieder! Hörst du es denn nicht?«

»Ja, ja, ich höre es,« log seine Liebe.

»Wie schön sie spielt. Noch viel tiefer und inniger als je. Alles Leid und alles Glück der Welt spielt sie. Die Töne kommen aus dem Herzen Gottes, es ist sein Schmerz um die Menschen darin.«

Langsam gingen ihre Augen wieder auf, lagen wie durchsichtige Steine zwischen den Wimpern. Heiligster Ernst war in ihrem gesammelten Blick, der nach dem Fußende des Bettes gerichtet war: »Siehst du ihn?«

»Wen?«

»Dort steht er. Am Bett. Sein Gesicht ist mild und gütig, überstrahlt von dem Licht anderer Welt. Er hat den dunkeln Mantel abgeworfen, seine Brust ist voll Glanz. Unerträglicher Glanz, der noch blendet! Ein Wort . . . ein Wort dringt auf mich ein . . . du Armer, du . . . und du . . . ihr beide. Oh, warum ist die Welt so wirr? Sterne heben ihr Haupt . . . sie lösen sich aus Himmeln los . . . Vergebung ist das Wort . . . das Wort Am.«

Über ihren Mund geneigt, trank der Mann den letzten leise schwebenden Hauch: »Unser Kind. . . Liebster. . . unser Kind!«

Er zog die Decke bis an ihr Kinn, schlang die Hände zu frommer Gebärde ineinander, drückte die Lider über die erloschenen Steine. Dann durchwanderte er das Haus, hob Dinge auf, die sie einst berührt hatte, streichelte sie und legte sie wieder hin auf dieselbe Stelle, von der er sie genommen hatte. Die Schatten ihrer Bewegungen strichen um ihn hin, vom Tod unbezwungen. Irgendwo mußte noch die Kostbarkeit ihres Lächelns sein, ein Sonnenfleck mitten in der Nacht. Schmerz glühte ihm von beiden Schläfen durch den Kopf hin und traf unter dem Scheitel zusammen. Auf beiden Ästen lebte ein Wort, das ihn nicht verlassen wollte: »Unser Kind! . . . Unser Kind!« Vor dem Klavier stehend, hob er den Deckel von den Tasten, sie lagen schwarz und weiß nebeneinander wie Tage und Nächte. Er entsann sich der Spur von Tränen, die unter den Lidern hervorgequollen waren, als die Sterbende die Stimme des Flügels gehört hatte. Geballt fiel die Faust herab, ein vierstimmiger Mißklang brüllte kurz auf, traf ihn, es ächzte im Leib des Instrumentes.

Da war etwas. War da nicht jemand, der die Aufgabe hatte, den Rest Menschheit in diesen Trümmern zu retten? War nicht ein Experiment im Gang, von dessen Erfolg alles abhing?

Lachnit verließ das Haus, er war irgendwohin vorgeladen, wo man auf ihn wartete. Brandröte war in die Straßen gegossen, am fernsten Umkreis seines Daseins hämmerten Trommeln, kreischten Stimmen. Es blieb durch endlose Weiten von ihm getrennt. Die Straßen liefen mit ihm, jetzt schritt er durch kahle Gänge, kahle Säle, öffnete eine Türe.

Auf länglichrundem Tisch, durch Stahlklammern gefesselt, lag ein nackter Menschenleib. Runder, junger Gliederschwung eines Mädchens, lange, schlanke Beine, leichte Wölbung der Hüften, die wunderbare Doppelknospe der Brüste in regungsloser Starrheit, die nur von kaum merkbarer Atmung durchzittert wurde. Von dem Schaltwerk eines großen thermoelektrischen Elementes liefen Drähte zu den Schläfen des Mädchens, deren Ende durch den durchbohrten Knochen in das Gehirn gesenkt waren. Selen und Wismut ließen die erregten Wellen ihrer Ströme ausfließen und sandten sie in die lebenden Zellen dieses Hirns zu geheimnisvoller Hochzeit ein. Auch der Scheitel war durchbohrt, dort fingen haardünne, feine Drähtchen die Schwingungen der Zellen auf und schickten sie über eine Wheatstonesche Brücke zu einem selbsttätigen Registrierapparat, der die leisesten Schwankungen verzeichnete.

Hatte nicht jemand gesagt, dies sei der wissenschaftliche Versuch, von dem alles abhänge? Man hatte mit Kaninchen, Hühnern und Hunden begonnen, es galt festzustellen, wie die Nervenarbeit im Gehirn vor sich ging. »Ja, meine Herren,« sagte Doktor Lachnit an einen Saal voll unsichtbarer Zuhörer gewendet, indem er die Hand mit gespreizten Fingern leicht gegen den Schädel der Gefesselten stemmte, »diese Versuche des Professors Moritz Schiff, dem noch andere mit verfeinerten Methoden nachfolgten, waren sehr verdienstlich. Man hat mittels des Galvanometers die Dauer und Stärken der Sinnesreizungen gemessen. Bei Reizungen der allgemeinen Sensibilität bemerkte man eine sehr schnelle Ablenkung des Spiegels um vier bis zwölf Teilstriche nach der einen oder der anderen Richtung. Man hat auch die Reizungen einzelner Sinne sehr exakt beobachtet und gemessen, wenn man einen gefesselten Hund ein Stück eines in Papier gewickelten gebratenen Speckes vor die Nase hielt, betrug die Abweichung des Spiegels fünf bis acht Grade; wenn man den Strahl eines Heliostaten auf die Augen des Tieres richtete, so wich der Spiegel um dieselbe Größe ab, auch Schallreize konnten so beobachtet und gemessen werden. Dies, meine Herren, sind die Grundlagen unserer Versuche, die von mir wesentlich erweitert und verbessert wurden. Nicht mehr handelt es sich um gewöhnliche Reizungen der äußeren Sinne, sondern um gewisse, den Menschen eigene Veränderungen der Gehirnzellen, krankhafte Entartungen zumeist, welche die Ursachen der Verbrechen, der Demoralisation, der geistigen Epidemien ganzer Völker sind. Jeder solche Reiz, auch der rein psychische Reiz, ist, wie Sie wissen, von molekularen und chemischen Bewegungen der Gehirnzellen getragen. Wenn wir nun die Bedingungen, unter denen er zustande kommt, erforschen und klarstellen, so können wir hoffen, auch die Wege zu finden, wie den angeführten psychischen Störungen durch Rückbildung zur normalen Funktion begegnet werden kann. Freilich genügt hierzu das Tierexperiment nicht mehr, die dem Menschen eigentümlichen Störungen können nur an diesem selbst beobachtet werden. Ich habe zu diesem Zwecke das Gehirn meines Versuchsobjektes in den Stromkreis eines Thermoelementes eingeschaltet und mit einem Bolometer verbunden, der uns die Schwankungen anzeigt. Ich habe ferner aus der Schädeldecke meines Versuchsobjektes ein kreisrundes Stück trepaniert und eine Glasscheibe eingefügt, die uns die Vorgänge im Gehirn direkter Beobachtung zugänglich macht.«

Welche Stimme, welche Stimme quoll da in ihm empor?

Ein Ruf aus den Untergründen seines Lebens, ein fürchterliches Heranjagen eines Rufes, noch unkenntlich in seiner Hülle von schwefelgelbem Dampf mitgerissener Tiefen.

Wankend, von einem Wirbel ergriffen, neigte sich Lachnit über die Glasscheibe in der Schädeldecke, dieses Guckloch zwischen Stirn und Scheitel, unter dem die Gehirnwindungen bloßlagen . . . »zugänglich macht,« wiederholt er, geistesabwesend und stammelnd.

In diesem Augenblick war der Ruf heran, hatte ihn erfaßt, riß ihn herum, aber da er nun ganz in ihn eingedrungen war und ihn erfüllte, war er kein Schrei mehr, sondern nur ein hinschwebender Hauch, das Geflüster einer Sterbenden: »Unser Kind . . . Liebster . . . unser Kind.«

Der Mann sah das Zucken des Hirnes unter der Glasscheibe, die leisen Wallungen des Blutes, das aus dem zwischen Tod und Leben gehaltenen Herzen emporgetrieben wurde. Sein Blick glitt herab, über die weiße Stirn in das Gesicht der Gefesselten . . .

Da riß sich ein Brüllen aus ihm los: »Amata! Amata!«

Die Blendung war plötzlich gewichen, er erkannte sein Kind, sah es vor sich, an den Operationstisch gefesselt, mit zersägten Schädelwänden und einem Glasfenster in der Stirn. Aufheulend warf er sich über den Leib Amatas, riß an den Stahlklammern, aber da war es, als erlösche mit einmal der letzte Funke Leben in dem Körper, unter seinen Armen erstarrte das Fleisch. Wie ein Gebilde aus Lehm lag das Mädchen da. Und als der Mann es vom Tisch heben wollte, zerbröckelte es ihm unter den Händen, zerfiel in seiner Berührung wie ausgedorrte Erde, sank zu einem Häuflein Staub zusammen.

Neben dem Operationstisch stürzte der Arzt auf den Boden hin, rollte zur Seite, zog die Beine an, seine Hände tappten über den Boden wie blinde Bettler, es war ein Schwarm schwarzer Vögel, der auf seine Augen stieß, ein Regenbogen wuchs aus seinem Herzen, wölbte sich zum Zenith, senkte sich der Glorie des Unendlichen zu. Händebreiten war um ihn und Flügelregen; da wich die Angst vor den schwarzen Vögeln aus ihm und still stieg er den Regenbogen hinan . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Im selben Augenblick, in dem die Lehmkruste, die Amatas Körper gewesen war, in der Umarmung ihres Vaters zu Staub zerfiel, sprang ein seltsames Klingen in die Stirn Fred Gregors. Er lag vor dem gläsernen Sarg auf den Knien, fühlte die kühle Glätte über seinen Augenbrauen, die Spannungsströme einer Oberfläche, die ihn unerbittlich von dem fernhielt, was er als sein letztes Unerlöstes schmerzhaft sehnsüchtig vor sich wußte: lichtes Jenseits seiner eigenen Seele.

Da sprang dieses seltsame Klingen in seine Stirne. Weißer Blitz in der Dunkelheit des Gewächshauses. Kam es aus ihm, eine losgerissene Saite seines Innern, die aufschnellend ihren letzten Ton singt? Da sah er, als er die Stirne von der glatten Sargwand hob, den Sprung, berstendes Glas klirrte in einer wunderbaren Melodie zu Boden, zersplitterte mit Harfentönen silbern. Das Geschimmer vor ihm belebte sich, regte körperhafte Glieder.

Von Ehrfurcht durchströmt, knieend vor dem Wunder, sah Fred ein Erwachen. Augen strahlten Sternenglanz.

»Prinzessin!« stammelte er, »Prinzessin, ist dir der vergiftete Apfel aus der Kehle gesprungen?« Sie saß aufrecht, ohne Verwundern, ein Lächeln Gottes, Gewand floß an ihr herab, die Arme hoben sich ihm zu . . .



22. Zwei Rächer.

Wie ein krankes Tier kroch Leib Moische Seelenheil durch die Trümmer und Schutthaufen Wiens. Er verbarg sich, wenn Flucht und Verfolgung vorüberbrauste, die Regierung auf der Flucht, von den Erdfressern verfolgt, die sich mit absonderlichen Fangwerkzeugen ausgerüstet hatten, ähnlich denen der Menschenjäger auf Borneo. Langen Stäben, die vorne, jenseits eines Querholzes, zu runden Schleifen umgebogen waren, in denen eine scharfe Eisenspitze nach innen und rückwärts gerichtet saß. Mit diesen Waffen setzten sie hinter den Fliehenden her, warfen ihnen die Schleifen um die Köpfe und mit scharfem Zurückreißen trieben sie die Spitzen in die Stirnen.

Die Menschenfängerei wäre Seelenheil sonst ein erquickendes Schauspiel gewesen, jetzt genoß er sie nicht mit vollem Genügen. Er sah sich durch den Abfall des Genossen um die Vollendung seines Werkes gebracht, wußte Entgegenstrebendes, das ihm den Weg verlegen wollte. Er schluckte Grimm, trank Zorn, seine Nahrung war in diesen Tagen Galle und Verzweiflung. Alle alten schrecklichen und mörderischen Flüche seines Volkes standen in ihm auf, jene Urworte, die wie Erdbeben alles Geschaffene erschüttern und vernichten möchten.

An seiner Brust flüsterte der Ophites. Er holte den schwarzen Stein hervor, unterredete sich mit ihm und empfing von ihm dunkle Weisungen und Ratschläge. Obzwar er wußte, daß ihn jede Frage an den Stein von Reschima, der geistigen Welt, immer abgründiger schied, gab er sich ihm hin. Er hatte sich selbst verworfen um der Vollkommenheit seiner Rache willen und erwartete keine Gnade mehr vom Engel des Gerichtes. Jetzt erst war sein Wille mit der äußersten Zähigkeit darauf gerichtet, daß in dieser Stadt, die er dazu ersehen hatte, für alles, was ihm geschehen war, zu büßen, kein Stein auf dem andern bleibe und der letzte Hauch menschlichen Lebens aus ihr verfliege. Wie Sodom und Gomorrha sollte sie gemieden sein unter den Stätten der Erde, Pech und Schwefel wünschte er über sie herabzustürzen oder die Gewässer der Tiefe herabzuwühlen aus den Eingeweiden der Erde und über sie auszugießen. Da er nicht die ganze Menschheit vernichten konnte, sollte sein Strafgericht wenigstens an dieser einen Stelle ohne Rest zu Ende gedeihen. –

Am fünften Tage seiner Wanderung kehrte er heim. Die Fransen des Spinnenvorhangs bäumten sich gierig nach seinen Beinen, sprangen ihn an, verleugneten den Herrn und Meister. Er scheuchte die Tiere von sich, trieb sie in ihre Löcher und trat ein. Schlaff saß der Rumpf Schemberas in seinem hohen Stuhl, umzingelt von den Saugarmen eines Kreises von Spinnen. Die Bewohnerin der Höhle hinter dem Ofen war hervorgekommen, mit einer ganzen Schar von Genossinnen hatte sie sich über den hilflosen Leib hergemacht. Schon hatten die Saugnäpfe das Fleisch des Gesichtes und des Halses gepackt, waren straff von dem Blut, das in ihnen hinanstieg.

Leib Moische Seelenheil schleuderte den Besen zwischen die strotzenden Schläuche. Sie schnellten zurück, wo sie sich losgerissen hatten, blieben offene, blutige Wunden. Aus den roten Leibern, die oben an der Decke kleben blieben, glotzten über den Freßzangen die tückisch bewimperten Menschenaugen in scheuer Frechheit. Leib Moische Seelenheil schlug Feuer, fachte Reisig im Ofen an, und als die Holzscheiter glommen, schlenderte er die Brände gegen das ungehorsame Getier an der Decke. Ein Gewimmel von blauen Beinen trug die roten Leiber mit baumelnden Saugarmen flüchtend in das Ofenloch zurück. Weiße Rückenkreuze stießen sich.

»Bist du wieder gekommen?« sagte Schembera mühsam.

Noch war Seelenheils Gesicht verhüllt. Aber der andere spürte den Dunst, den die Seele des Mannes aussandte, den Geruch des Hasses, Jahrzehnte hindurch genährt und unerschöpft, bei jedem Nachlassen immer wieder frisch aufgestachelt und hochgepeitscht. In ihm selbst lag dies alles auf rätselhafte Weise erschöpft, kraftlos, nicht bloß durch fünf Tage Hunger, sondern irgendwie von innen her zermürbt, ausgehölt, zerfallen. Nur Müdigkeit war noch da, wo sonst die helle Flamme gebrannt hatte.

Plötzlich sah er zwei Fäuste vor sich, Wut überschäumte Seelenheils Mund: »Bist du zu den Feinden gegangen? Ich schrei über dich Verrat und Abfall.«

Noch schlug dies alles fremd in Schemberas Hirn. Besessenheit sträubte sich ihm entgegen, giftig aufgerichtete Stacheln schnellten los und trafen zischend. »Was redest du?«

»Haben wir nicht unser Leid zusammengeworfen und unsere Rache bis zum Ende. Bist du schon satt? Ich hab' noch nicht genug davon. Ich nicht. Ich will mich noch mästen mit Seufzern und Tränen und den Flüchen der Letzten. Ich will sehen, wie sie unter den Steinen werden begraben, wie sie anfressen einand', wie sie die Finger strecken zum Himmel, der leer ist für sie, weil Gott auf mich gehört hat.«

»Ich habe dir geholfen,« sagte Schembera langsam, »was geschehen ist, ist mein zum größeren Teil.«

»Dein?« kreischte Seelenheil, »ersticken sollst du, an dieser Lug! Dein? Wer hat ihnen wichtig gemacht das Geld, wichtiger als alles andere, als Gott, Seele, Ehre, Weib und Kind? Wer hat sie hineingeführt in den Rausch von Verdienen und Verschleudern? Wer hat seine Hände gehabt auf allen Märkten, allen Börsen, in allen Regierungen und allen Hinterkammern, wer hat sie erdrosselt mit Valuta, zugeschnürt ihre Gurgel mit Kursschwankungen und mörderischen Krediten, wer hat ausgesonnen die Steuern, die sie ausgesogen haben, wie dich die Spinnen? Wer hat gemacht, daß ihre Musik war das Gelächter der Banknoten, daß ihre Kunst war Wucher, ihre Wissenschaft is geworden zur Hure auf den Straßen? Ich! Ich! Ich!«

Fäuste hieben die schmale Brust fast entzwei, die Glieder tanzten in Raserei.

»Und ich! Und ich!« schrie Schembera, »was wärest du ohne mich? Nie wärest du zum Herrn geworden, wenn ich dir nicht die Hirne bereitet hätte. Ich habe die Keime ausgestreut, meinen Groll, mein Elend, meinen Zorn, meine Verzweiflung vertausendfältigt und ihre Gehirne damit getränkt, vergiftet, geladen, übersättigt, bis sie platzend voll davon waren. Da hast dann du deine Künste spielen lassen können, hast sie beschmutzen dürfen, weil kein Widerstand mehr war, kein Glaube mehr, kein Bescheiden und Einsehen; ich habe ihnen die Engel getötet, die am Weg der Menschheit stehen, die Ehrfurcht und die Hoffnung. Von mir erschüttert, ist die Menschheit gestürzt, du hast ihr nur den letzten Stoß gegeben. So bin ich der Herr und du neben mir, unter mir, der Zweite, der Kleinere.«

Auf seiner Stirne waren Beulen aufgequollen, blutrünstig von den Wundmalen der Spinnen. Grün und geifernd starrte ihn Seelenheil an. Im Ofen zerkrachte ein Scheit, spritzte Glut auf den Boden. Man hörte die schmatzenden Laute der Spinnen in ihrem Loch. Die Nacht erstickte vor den Fenstern.

»So,« sagte Seelenheil und warf sich plötzlich aus dem Dunkel gegen Schembera, umspannte mit den schmutzigen Klauen seinen Hals. »So? Bist du der Herr? Bist du's? Warum tust du das dann? A Abtrünniger, a Lügner, a . .«

Sein Würgen erschütterte den wehrlosen Rumpf Schemberas. Plötzlich fielen Seelenheils Hände von dem Hals ab, den sie umklammert hielten: »Naa,« grinste er, »naa –!«

Durch mühseliges Ächzen zwangen sich Worte aus der zerschnürten Gurgel Schemberas: »Was willst du?«

»Was ich will? Er fragt, was ich will? Ich will, was du nicht willst, und du willst, was ich nicht will. Es ist mir gezeigt und gesagt, wie du ausgehst aus dir selbst, ihnen zu helfen.«

»Ausgehst aus dir selbst . . .,« stammelte Schembera, indem seine Augen weit wurden. Und plötzlich, mit einem leisen Jammerlaut, überflutet von einem tödlich ätzenden Wehegefühl, sagte er ganz leise: »Oh Gott!« So voll schmerzlichster Bangigkeit war dieser Ton, Aufbruch einer Wunde, jähe Erkenntnis eines Wirbels, dem man preisgegeben war, daß es selbst Seelenheils haßverzehrte Seele für eines Gedankens Kürze erschütterte. Plötzlich war Schemberas Stirne von kaltem Schweiß überronnen, die Hand der Vernichtung lag auf seinem Scheitel. »Ausgehst aus dir selbst?« wiederholte er, während seine Zähne laut aneinanderschlugen. Sein Rückenmark vereiste, er brach in sich selbst mitten auseinander. Die Augen umfingen anderes als vor den Pupillen stand, waren gebannt durch die matte Helligkeit eines ungeheueren Spiegels, der wie eine Wand vor ihm aufgerichtet war. Er sah sich selbst aus diesem elenden Kadaver hervorgehen, ihn verlassen wie ein unreines Gefäß und Wege antreten, deren Verschlungenheiten sich auf dem dunkeln, ins Ungewisse vergleitenden Spiegelgrund wie rätselhafte Buchstaben ausnahmen. Sie gruben sich ins Schicksal ein, wirkten an Menschenlosen mit, und ihr Sinn war Güte und Hilfsbereitschaft. Ohne daß er diesen Pfaden zu folgen vermochte, wußte Schembera, daß sie dahinführten, wo er seines eigenen Dämons Feind werden mußte.

Indem er eine Welt in die Umarmung der Bosheit zu reißen wähnte, durchdrang er sie zugleich mit Göttlichem.

Eine Stimme sprach: »Jeder Mensch steht in jedem Augenblick seines Lebens an der Grenze zwischen den beiden Reichen und hat sich immer wieder für eines von beiden zu entscheiden.«

Der kalte Schweiß seiner Stirn versickerte in den Brauen. Seine Züge strahlten von einer Schönheit, die Seelenheil noch tiefer erbitterte. Er hörte das Geflüster des Ophites von seiner Brust aufsteigen, zog ihn an der Schnur herauf, öffnete den Beutel aus Mumienleder. Grau und unscheinbar lag ihm der Schlangenstein in der Hand, ein übler Geruch entstieg ihm zugleich mit einem dünnen Wimmern: »Mich dürstet. Es ist meine Stunde.«

»Was soll ich tun mit dir?« fragte Seelenheil ängstlich.

»Gib mir zu trinken. Es ist zehn Uhr.« Ein Puls klopfte im Stein, zehn nadelfeine Stiche in Seelenheils Hand, die ihn trug.

»Zehn Engel tragen Gottes Thron, zehn Gefäße sind mit ihm angefüllt, dem Einen,« wie ein Hymnus der Verzücktheit schwang Schemberas Stimme: »Das eine Feuer des urewigen Mittelpunktes der Welt erglänzt durch sie, in jedes Gefäßes Farbe anders und immer dasselbe: die Krone, die Weisheit, die höchste Vernunft, die Barmherzigkeit, die Gerechtigkeit, die Schönheit, der Sieg, die Pracht, das Fundament und das Reich.«

Dichter quoll der Gestank aus dem wimmernden Stein, seine Stimme bohrte sich bösartig drohend in Seelenheils Herz: »Gib mir zu trinken!«

Da riß er ihn an sich, ballte die Faust um ihn und schlug ihn gegen das Handgelenk der Linken, so daß er mit scharfer Kante das Fleisch zerschnitt. Blut zögerte aus der Wunde, Seelenheil hielt das Gelenk über den Stein, gab ihm zu trinken. Es dampfte zischend aus dem schwarzen Geäder, als sei Feuchtigkeit auf glühendes Eisen ausgegossen, der üble Gestank wandelte sich in Wohlgeruch, der in kleinen gedrehten Säulchen aufstieg.

»Des Menschen Hand, die schlug, desselben Menschen Hand kann heilen,« sagte Schembera, »Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Der Himmel umschließt die Form der Ähnlichkeit des Menschen, welcher der Abdruck des göttlichen Siegels aufgeprägt ist. Gottes Bild empfängt uns bei der Ankunft auf der Erde, es geht uns auf der Erde voraus und erwartet unsere Ankunft, es ist das innere Gewand der Seele, in dem sie vor dem Herrn, dem Schöpfer steht, ehe sie den Himmel verläßt, um hinzugehen, wo sie in der irdischen Vereinigung von der Liebe des Mannes zum Weib gerufen wird. Sinnliches an sich ist kein Licht, sein Leben bereitet dem Haus der Seele die Nahrung und weist den Knechten das Tagwerk an. Werktagskleid ist der Körper, Feiertagskleid die von Gott ausgesandte Form der Seele, Herrscher ist der Geist. So mag Feindschaft und Zwietracht entstehen zwischen dem Leib und dem Bild Gottes. Oder es mag jenen verlassen, preisgeben den zerstörenden Mächten.«

Aus der Spiegelwand wuchs Schembera ein gläserner Sarg entgegen, der zerfallend die Auferstehung eines Menschenwesens gebar, überirdisch in durchsichtiger Zartheit der Glieder und Glanz des Antlitzes.

»Amata!« flüsterte Schembera, »Amata! Gundis – deine Wiederkehr.«

Die Spiegelwand zerbrach vor Seelenheils dunkler Gestalt: »So hast du sie gerettet. . . die du selbst vernichten wolltest.«

»Gerettet!« atmete der erschöpfte Rumpf. »Und auch dies . .« begann er nach einem Schweigen, das von einem schrecklichen Knirschen der Kinnladen Seelenheils durchwühlt war. »Auch dies sollst du wissen. Ich habe Nachricht gegeben von uns. Dem, der sie liebt, ich habe ihm offenbart, daß nur in unserer Vernichtung ihre Sicherheit zu finden ist. Sie werden kommen . . . und die anderen, sie heulen nach unserem Blut. Das Ende ist nahe, Leib Moische Seelenheil! Mach dich bereit. Sie werden uns fangen, die Lunten brennen an den Minen, sie werden aufspringen und uns zerrissen gegen Himmel schleudern. Offenbar ist ihnen, daß Jammer, Elend und Untergang unser Werk sind. Unseren Händen ist die Rache entwunden und an sie übergegangen. Sie tragen jetzt das Schwert und seine Schärfe ist gegen uns gezückt. Wir werden fallen unter ihm, mein Blut wird Sühne sein . . Erlösung! Geheiligt, o Herr, sei dein Name.«

Seelenheils Glieder waren vom Veitstanz verrenkt, sie flogen unbeherrscht auf und ab, wölbten und krümmten sich mit krachenden Gelenken und berstenden Muskeln, sein Gesicht durchfuhr Brandgewölk, dreizackig zerspalten riß es auseinander, ein Gewitter von Wut und Haß. Er taumelte auf den Kindersessel los, riß Schemberas Rumpf herab, auf den Boden, rollte ihn mit Fußstößen hin und her, trat ihm die Absätze in die Weichen, ins Gesicht, in die Zähne, daß die Lippen ein blutiger Brei wurden. Er hielt inne, spie ihm grünlichen Speichel zwischen die Augen. »Hund! Du Hund!«

Schemberas Blick funkelte Hoffnung zu dem Mann empor, der ihn mißhandelte: »Töte mich.«

Außer sich schwang Seelenheil den schwarzen Stein in seiner Faust hoch, schrie ihn an: »Was soll ich tun an ihm?« Die dünne Stimme zischte auf ihn herab: »Rufe den Namen. Den Namen des Herrn der sieben höllischen Tabernakel!«

Grauen schlug Seelenheils Zunge mit Lahmheit. Dann bäumte er sich auf und rief den Namen des Engels des Giftes und des Todes, des Herrn der sieben Abgründe: »Samael!«

Und der Engel des Giftes und des Todes antwortete aus dem Stein mit einer menschlichen Stimme: »Er soll leben.«

Aber da warf schon die Nacht Geschrei ans offene Fenster empor. Über die Gasse gebeugt, sah Seelenheil zerlumpte Kerle laufen, einen Trupp Erdfresser mit ihren langen Fanglanzen, in denen die Dolchspitzen saßen, suchende Fackeln stießen Licht gegen die Haustore vor. »Do missanse wona,« schrie einer gerade unter Seelenheil. Verflogener Fackelschein traf ein Gesicht in der Höhe. Da kreischten sie auf und begannen das Haustor mit Beilen zu stürmen.

Seelenheil fuhr zurück, beugte sich über Schemberas Rumpf und lud ihn sich auf den Rücken.

»Du sollst leben! Leben sollst du! Und wenn ich hier das letzte Leben ausgelöscht habe, so sollst du immer noch leben. Ich wer' dich pflegen, als wärst du Jankele, der Trotzige oder Gitl mit die Härelach wie gegroister Sammet. Wenn du nix essen wülst, so wer' ich dir die Zähn' aufbrechen und dir einflößen. Hundert Jahr sollst du alt werden, hundert Jahr, denn so alt will ich werden . . . ich auch! Komm!«

Schon war das Haustor eingeschlagen, Gebrüll raste die Stiegen empor, die Fackeln quirlten ihren Rauch in den Schacht der Treppe. Die Flucht vor dem Feind ging hinan, den Dächern zu. Vom letzten Absatz vor der eisernen Bodentür sah Seelenheil die Stürmer schon im Kampf mit den Polypenspinnen. In dem Augenblick, indem die Erdfresser den herab hängenden Vorhang vor Seelenheils Wohnung durchdringen wollten, waren die Saugnäpfe emporgeschnellt und hatten sich den Männern um den Leib geschlungen. Die Angreifer schrien auf und schlugen mit ihren Steinmessern gegen die geschmeidigen Schläuche, wie Schlangen ringelten sich die zerstückten Polypenarme auf dem Boden, versuchten noch mit kraftlosen Mäulern sich an die Beine der Feinde zu heften. In den Knäuel, der sich im engen Gang wand, in die Verstrickung von Mensch und Tier sanken immer neue Fangarme von der Decke herab. Fackeln stießen gegen die glatten feuchten Tierglieder, zerstoben zu Funken, Klingen blitzten kurz und grell, mit den Fanglanzen rissen sie die roten Leiber von der Decke herab, schlugen mit Keulen in die drohend schnappenden Hummerscheren, zerstampften die Spinnen unter den Fersen. Aus zerplatzenden Bäuchen spritzte Unrat, ein Gestank nach Moschus und Verwesung schwebte als Wolke über dem infernalischen Getümmel. Ein Mensch, dem sich ein gefräßiger Saugnapf ins Gesicht gesenkt hatte und schmatzend das Auge aus der Höhlung schlürfte, schrie in langgezogenen gellenden Tönen . . .

Ehe noch die Erdfresser der Spinnen Herr geworden waren, hatte Seelenheil schon das Dach erreicht. Er war aus einem Bodenfenster geklettert und schritt nun in der Dachrinne dahin. Nachtwandlerisch sicher, ohne Schwindel ging er am Rand der Tiefe; als hinter ihm ein zerfressenes Stück des Bleches klirrend in den Hof stürzte, wandte er sich nicht einmal um. Mit der Kraft des Wahnsinns hielt er Schemberas Rumpf auf seinem Rücken fest, half sich trotz der Last zu einem First empor, um Ausschau zu halten.

Der Mond war von einem ungeheueren bleichen Dunstkreis umgeben, der fast den ganzen Himmel umfaßte. Nur ein schmaler Kranz von Dunkelheit war um diese unerträglich krankhafte Helle geschlungen.

Seelenheil sah die Flucht von Dächern, dichtgedrängt in der Nähe, dann den Spalt des Flusses, jenseits wieder zackige Ruinenmauern, dürre Rippen von Balken und dann am unteren Rand des ungeheueren Mondhofes, scharf hineingezeichnet in die fahle Himmelsblässe, das rundgeschwungene Gitterwerk mit den hängenden Wagen: das Riesenrad.

Den First zwischen den Beinen, spornte Seelenheil das Dach wie ein Reittier. Dorthin! Dorthin! Nun wußte er das Ziel der Flucht. Dort in einem der Wagen zwischen dem Gitterwerk des Rades war Sicherheit. Dort würde sie niemand suchen, ihn und den Klumpen Mensch auf seinem Rücken. Dort würde er seine Zeit abwarten, um sich dann mit letzter Kraft auf die Stadt zu stürzen und sie vollends zu erwürgen.



23. Die Ratten.

Als Fred Gregor am anderen Morgen mit seiner Freischar, die er geworben hatte, ankam, fanden sie nur die Spuren des Kampfes zwischen den Erdfressern und den Polypenspinnen. Die zermalmten Kadaver der Tiere klebten auf den Fliesen und den Wänden, aus den zerquetschten Leibern quollen die Eingeweide, scheußliche Knäuel abgeschnittener Saugarme schienen sich noch in den letzten Zuckungen zu winden. Die weißen Rückenkreuze der Spinnen waren zertreten, blutbefleckt, schlampten über Fetzen von leeren Häuten hin wie geschändete Flaggen. Aber auch einige Menschenleichen lagen in den Klumpen hineingeflochten. Der einen hing etwa ein halbes Dutzend der blauen Hummerscheren am Hals, dessen Adern durchschnitten waren. Die andere war von so vielen Saugschläuchen umwunden, daß nur die Beine hervorsahen.

Wie die Männer behutsam das Gerinnsel von Blut, den Brei schlüpfriger Gedärme durchwateten, flüchteten einige verwundete Spinnen, die das Gemetzel überlebt hatten und sich nun an seinen Überbleibseln mästeten.

Die Wohnung Schemberas und Seelenheils fanden sie leer und verwüstet, aber ohne alle Anzeichen blutiger Gewalttat. Die jungen Leute waren dem Ruf Fred Gregors, den sie liebten, gefolgt, ohne sich daran zu kehren, daß ein Eingreifen amerikanischer Soldaten diplomatische Verwicklungen nach sich ziehen könnte. Sie hatten wohl die Uniformen abgetan und sich ins Bürgerliche verkleidet, aber das würde nichts gerechtfertigt und nicht entschuldigt haben, daß sie eigenmächtig sich in eine Angelegenheit eingemengt hatten, die sie nicht einmal klar übersehen konnten. Es hatte ihrem ritterlichen Sinn und ihrem durch beständige vorsichtige Zurückhaltung aufgestachelten Tatendurst genügt, daß sie Fred zu dem Kriegszug mit dem Bedeuten aufgefordert hatte, es handle sich um Wohl und Wehe eines Menschen, an den sein eigenes Sein oder Nichtsein geknüpft sei.

Ein gewisser Teddy Whitehead aus Frisco, der einige Jahre lang Goldwäscher in Alaska gewesen war, hatte schließlich den Ausschlag gegeben, indem er sagte: »Kalkuliere, Jungens, daß eines Amerikaners Sein oder Nichtsein von so einem verdammten Wiener nicht abhängen soll. Wir wollen hingehen und Ordnung machen.«

Nun waren sie da, um Ordnung zu machen, und sahen, daß man ihnen zuvorgekommen war. Die Wut, mit der alles in den Zimmern kurz und klein geschlagen worden war, schien darauf zu deuten, daß auch die ersten Besucher schon zu spät gekommen waren. Teddy Whitehead, der gerne den gewiegten Westmann spielte und Fährten las wie ein mit allen Kniffen ausgerüsteter neuer Lederstrumpf, untersuchte alles genau und entschied: »Kalkuliere, Jungens, daß die Vögel entkommen sind. Kann nirgends etwas finden, daß man sie festgenommen und weggeschleppt hat. Da sind die Kerle dann ganz sinnlos vor Zorn geworden und haben die ganze Herrlichkeit hier krumm und kaput gewichst.«

»Haben Sie eine Vermutung,« fragte Fred, »wohin die zwei geflohen sein können?«

»Sie haben sich aus dem Staub gemacht,« zuckte Teddy die Achseln, »so viel ist klar. Aber wer soll das wissen, wo sie in diesem verdammten Trümmerhaufen untergekrochen sind. Es gibt genug Löcher, in denen sie sich verstecken können. Wir haben ja auch Miß Gulliver lange genug nicht finden können.«

Beunruhigt durch diesen Ausgang der Unternehmung kehrte Fred Gregor mit seiner Freischar zurück. Schembera und Seelenheil waren entkommen, lauerten irgendwo, eine beständige Gefahr für die Auferstandene des gläsernen Sarges. Es war ihm peinlich, daß er an Gullivers Tisch gerufen wurde, als er in die Halle des Hotels kam.

»Nun, was sagen Sie dazu, Fred Gregor,« fragte Mac Kinley, »daß Mister Gulliver heimfahren will?« Er trug seine Portweinmaske, saß faul in den Klubsessel hineingedunsen, einen zerknitterten Zeitungsberg neben sich.

»Sie wollen reisen?« Es ging Fred kaum etwas an, ein Schnitt war zwischen seinen Entschlüssen und denen Gullivers, seinen Wegen und denen Selinas.

Mit einem unsicheren Blick auf Selina meinte Gulliver: »Nun ja, . . . ich denke doch. Wir sind hier fertig.«

Mac Kinley zog einen schiefen Mund, schlürfte eisgekühlten Portwein durch den Strohhalm: »Fertig? Ich verstehe Sie nicht: wann ist man jemals fertig? Das sind doch alles nur Beistriche, kein Punkt. Wissen Sie, warum man von Perioden der Geschichte spricht? Es sind eben Perioden, nicht wahr, Glied an Glied, eines ins andere geschachtelt, daß man oft genug Subjekt und Prädikat nicht zusammenfindet, das Ganze ein einziger Satz, der sich immer mehr verlängert und dessen Sinn immer unklarer wird. Und Sie, Miß Gulliver . .?«

Selina blieb still, ihr müdes Gesicht gab keine Auskunft.

»Und Sie?« lenkte Mister Gulliver ab, »Sie, Mac Kinley? Was gedenken Sie zu tun?«

»Abwarten!«

»Nun ja, Sie haben ja Ihren Vertrag mit der Regierung.«

»Mit welcher Regierung,« lachte Mac Kinley, »wer ist die Regierung? Die verflossene oder die jetzige? Die gestrige, die heutige oder die morgige? Ach gehen Sie mir mit Verträgen und Regierungen.« Er paffte schnaufend, ein Mensch der Wirklichkeiten, der Überlegsamkeit scheinbar, rätselhafter nur durch diese Eingestelltheit auf Zuträgliches und Erreichbares. »Sehen Sie, nun geht es ja doch bald zu Ende. Wenn das Stück gut ist, so geht man nicht vor dem letzten Akt aus dem Theater. Ist das Stück etwa nicht gut? Ward je auf der Bühne der Menschheit eine solche Komödie gespielt?«

Theater und Bühne machten Selina erblassen, sie zog die Augenbrauen zusammen, Fred sah einen sekundenkurzen Wink darin stehen. Als sie sich erhob, folgte er ihr.

»Nun?« fragte sie auf dem roten Läuferteppich der Treppe.

»Nichts. Es war umsonst. Sie sind schon vor uns entführt worden oder entkommen. Eine Horde dieses wilden Stammes hat das Haus überfallen.«

»In gleicher Absicht wie Sie und Ihre Freischar?«

»Es scheint so!«

Sie wußte um Freds Pläne. Zwang zu sprechen, hatte ihn die alten Wege seiner Freundschaft getrieben. Selinas trauriges Lächeln des Verstehens war ein Hafen für alle schrecklichen Ungewißheiten, die ihn ängstigten, für die Verworrenheiten, die sich um ihn zusammenballten. Es war nötig, diese Dunkelheiten zu erhellen, dieses schwer Tragbare erträglicher zu machen. Auf halbem Wege hielt ein Treppenabsatz einen Blumenstock von Manneshöhe, zwischen dunkelgrün glänzenden handförmigen Blättern hoben sich seltsame weiße Kelche. Selina blieb stehen, bog einen Zweig zu sich herab, sog den Duft ein. Dann begann sie die Blüten abzupflücken, warf eine nach der andern über das Stiegengeländer in den Schacht. Wie sie fielen, klang ein feines Läuten.

»Warum verfolgen Sie diese beiden Männer, Fred, was fürchten Sie von ihnen?«

Fred strich über die Stirn, seine Kinnbacken wurden eckig vom Zusammenbiß der Zähne. »Diese Männer?«

Seine Hände faßten das Stiegengeländer, daß es bebte. »Ich habe . . . ich habe Mitteilungen erhalten. Sie würden es sonderbar finden, wenn ich Ihnen sagen wollte, auf welchem Weg. Nur so viel, ich hatte keinen Anlaß zu zweifeln. Es ist, als ob ein guter Geist oder Schutzengel oder nennen Sie es, wie Sie wollen . . . es ist jemand da, der mir nachts seinen Rat gibt. Ich habe mich überzeugen können, daß es immer die Wahrheit ist, was ich geschrieben finde. Sie glauben mir nicht . . .?«

Sie glaubte es. Sie nickte. Blüten fielen in die Tiefe, läutend wie feine Glocken.

»Ich las,« flüsterte er erregt, »ich las: ›Wenn Sie Ihr Liebstes retten wollen, so vernichten Sie Schembera und Seelenheil.‹ Dies las ich. Und sogleich wußte ich, mit jener Gewißheit, die unmittelbar aus dem Herzen des Weltalls kommt, daß dies die Wahrheit sei, mir von meinem Schützer geoffenbart. Welche Gefahr konnte ihr drohen? Es war umso gräßlicher, als ich ganz im dunkeln stand. Habe ich sie denn? Besitze ich sie wirklich? Rätselhaft wie ihr Erwachen war, kann eines Tages wieder ein Verschwinden kommen. Wie diese beiden Männer Schuld daran tragen könnten, weiß ich nicht. Mein Herz schreit, daß ich so lange fürchten muß, als diese beiden Macht raffen können. Denn dies weiß ich aus meinem Buch, daß alles Unheil, was hier geschehen ist, von ihnen kam, von diesen zwei Männern. Sie sind der Alp dieser ganzen Stadt, ihr Untergang ist Anbruch neuer Zeiten. Und meine Liebe zu der Erwachten und zu dieser armen, verratenen Stadt gehen jetzt den gleichen Weg.«

Er schwieg, gänzlich erschöpft, verstörten Blickes.

Blüten sanken, läuteten sacht, Selina fragte: »Was wollen Sie tun?« Nie hatte sie sich ihm so gegeben, da er um sie warb.

»Ich möchte fliehen,« sagte er gesammelt, »aber ich fürchte, diese beiden Männer haben Kräfte, die den Raum überwinden, Gedanken, die in den entlegensten Fernen jeden Punkt treffen, den sie wollen. Ich kann erst fort, bis dieser Kampf beendet ist. In den Felsengebirgen, auf einer Insel im Hudson, in einem Palmenhaus der Südsee wäre ich nicht sicher, so lange diese zwei bösen Augenpaare ihre vergifteten Blicke aussenden können.«

Es überkam ihn plötzlich, daß er so ganz um einen anderen Pol schwang und die Frau neben ihm hinweggeschoben war. Nichts anders mehr als Zeugin, Vertraute, Trösterin. Die Erkenntnis seiner Selbstsucht machte ihn verlegen, verwirrte ihn, die Vergangenheit rückte Erinnerung in Gegenwärtiges. Er murmelte, halb mitleidsvoll, um Anteilnahme zu zeigen, wiederholte Mac Kinleys Frage: »Und Sie?«

»Ich kehre heim.«

»Und Ihre Pläne?«

»Pläne? Sehen Sie, Fred, ich glaube, gewisse Erkenntnisse bleiben uns nicht erspart. Ein jeder Mensch ist an sich mehr gut als böse, aber wenn sie sich zur Masse zusammenrotten, so summiert sich nur das Böse. Ich weiß nicht, wer es einmal gesagt hat, daß der Mensch nur insofern gerechtfertigt sei, als er Gefäß der unaussprechlichen Mächte des geläuterten Seins wird. Nicht an sich das Höchste, sondern nur Träger eines noch Höheren. Das Wunderbarste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen. Die ihm die glatte Selbstverständlichkeit und Selbstgenügsamkeit nehmen und ihm dafür das Erstaunen geben, sind seine wahren Wohltäter.«

Fred erkannte sein Eigenes, einst von ihr Befehdetes, aber er triumphierte nicht, Recht zu haben schien ihm auf einmal peinvoll und ungerecht.

Der letzte Kelch fiel in die Tiefe, nun war Selinas Hand, schlank und weiß zwischen dem harten Glanz der Blätter, die einzige Blüte. »Führen Sie mich zu ihr!« sagte Selina.

»Zu ihr?«

»Nun ja . . . zu ihr,« lächelte Selina wehmütig, »ich möchte sie sehen.«

Das Auto stob gegen Westen, verzögerndem Tagesende entgegen. Herbst warf gelbes Geblätter von den Sträuchern des Schönbrunner Parkes, schon hieben kahle Ruten in den anspringenden Wind. Es zog ein Geruch von Feuern her, aus großer Ferne, blaue Rücken duckten sich um die Stadt, braun-, gelb- und rotgefleckt. Über umgebrochener Scholle wischte der Großvater den Schweiß von der Stirn: »Der Theodor!« sagte er.

»Nein: der Fred!« widersprach Fred und dann mit zärtlicher Hand auf der Schulter des Alten: »Wo ist sie?«

Schon sah man Geschimmer eines weißen Kleides, Büsche bogen sich auseinander, rauschten hinter dem Schritt, ein buntes Kielwasser von Blättern. Sie kam heran, Äste mit weißen Beeren schaukelten, eine Amsel raschelte fort. Weh zerschluchzte in Selina, als sie das Glück sah, das über Freds Gesicht gebreitet war.

Nun stand das Mädchen vor ihnen. An ihrer Brust war das hohe Violett eines Sträußchens von Herbstzeitlosen, ein Büschel derselben Blüten umschlossen die Finger. Ihre Augen waren sehr hell und warfen die Bilder der Dinge zurück, ohne sie tiefer eindringen zu lassen, hinter ihrer blanken Stirne lag Ruhe, ein unbewölkter, heiterer aber unbelebter Himmel. Als sie Fred Gregor erblickte, beglänzte sich auch ihr Gesicht durch freudiges Erkennen, und als ihr Fred seine Hand hinreichte, legte sie die ihre hinein, indem sie die Herbstzeitlosen, die sie umklammert hielt, einfach fallen ließ. Wie ein Kind, das der Vielfältigkeit seiner Bewegung noch unbewußt, sich ein Spielzeug entgleiten läßt, um ein anderes, noch lieberes, zu ergreifen.

»Wie heißt sie?« fragte Selina.

»Sie weiß es nicht,« sagte Fred. »Es scheint, daß der Schlaf, in den sie versenkt war, ihr alle Erinnerung an ihr früheres Sein genommen hat. Sie ist erwacht ohne irgendeine Spur ihrer Vergangenheit, als sei sie in dem Augenblick geboren, in dem der gläserne Sarg zersprang. Sie hat das Gemüt und den Geist eines Kindes. Alles das, was wir in der Schule der Sinne gelernt haben, hatte sie vergessen, mußte von vorne beginnen. Sie konnte die Entfernungen nicht messen, ihr Gehen war von kindlicher Unsicherheit, sie streckte die Hände nach weit entlegenen Dingen, fürchtete dort anzustoßen, wo die Kante keine Gefahr war. Sie lächelte die Blumen an, jauchzte über bunte Steine, kniete vor glitzernden Käfern. Es ist der Ursprung einer Welt aus dem Nichts, ich erlebe an ihr das Werden des menschlichen Geistes, die Anmut des Erblühens unserer Vorstellungen aus der Dunkelheit. Sie ist ein Wunder: sie weiß nicht von wannen sie kommt und wie sie heißt.«

Schwesterlich war Selinas Arm um des Mädchens Schulter gelegt. Es duldete den zärtlichen Druck, schmiegte sich an und lehnte die Wange an die Selinas. »Wie heißt du?« fragte Selina, als hätte vielleicht ihre Frage größere Macht, Vergangenheiten aufzuschließen. Als Antwort zerrann nur ein blumenhaftes Lächeln an ihrer Wange.

»Sie hat auch erst wieder begonnen, sprechen zu lernen,« sagte Fred. »Es macht ihr Mühe, eine Art Scham verschließt ihr den Mund vor anderen als mir. Ihre Zunge ist ein wenig ungelenk, das macht sie scheu. Ich wundere mich, daß sie so zutraulich ist, bedenken Sie, sie hat in ihrem neuen Leben keinen anderen Menschen gesehen als mich und die beiden alten Leute dort drinnen.«

Unter einem hellen Himmel schritten sie dem Haus zu, noch lärmte ein ganzer Busch voll Spatzen um ihre Schlafstellen. »Sie haben ihr doch wohl schon einen Namen gegeben?« sann Selina.

»Ja,« zögerte Fred, »ich habe sie Amata genannt. Welcher andere Name könnte besser passen? Es ist der Name der Reinheit, der Unberührtheit von Welt und Menschen.«

»Er bedeutet: die Geliebte, nicht wahr?« Selinas Arm sank von Amatas Schultern zu ihrer Hüfte herab. »Ja, Sie haben das Recht, sie zu nennen, wie es Ihnen beliebt,« sagte sie ein wenig hart, »Sie sind Herr über dieses Leben.«

Fred fühlte, wie Selina sich wand, Verlorenem schmerzlich nachstarrte, aber dies war nun schon ein Stück abgetanen Lebens für ihn, Freundschaft hätte er sich gerne gerettet, mehr nicht. »Ich will mich nicht zum Herrn setzen über sie. Als sie erwachte, war ich das Erste, was sie sah. Sie streckte mir die Arme entgegen, mit einem Lächeln, als habe sie mich erkannt, als sei ich der einzige Schimmer von Erinnerung an ihr Einst. Es mag etwas Wahres an dem sein, was die Philosophen sagen, daß die Urbilder aller Menschen in einem Himmel wohnen und daß manchmal ihre Begegnungen auf Erden nur ein Wiedererkennen sind.«

»Sie ist ein unbeschriebenes Blatt. Wachs in Ihren Händen. Sie können sie bilden nach Ihrem Gefallen. Sie wird Ihnen das sein, was Sie aus ihr machen, sie wird Ihnen das zurückgeben, was Sie in ihr Inneres gelegt haben. Keine Abgründe, keine Überraschungen, keine plötzlichen Wendungen, keine Fremdheiten. Es wird ein ganz anderes Einssein werden als sonst zwischen Mann und Weib, die fast völlig fertig sind, wenn sie einander entgegentreten. Und dann manchmal voreinander stehen, kalt vor dem Unüberbrückbaren zwischen Mensch und Mensch.«

Im friedlichen Behagen der Lampe saßen die beiden alten Leute, der Großvater über einem vergilbten Jahrgang eines verschollenen Witzblattes, die Großmutter mit dem unsterblichen Strickstrumpf. Selina empfand, ein wenig spöttisch, ein wenig überlegen und ein wenig wehmütig: Trautes Heim! Und: die gute, alte Zeit. Aber sie fügte sich in den Kreis mit einem kaum eingestandenen Wohlgefühl, als Freundin Freds vorgestellt und von den beiden Alten warm zugelassen. Amata holte ein Spiel, lächelte Selina zu und schob bunte Legetäfelchen hin und her, bis ein Reigen von Rot, Grün und Blau zackig in ein Viereck gebettet war.

Wie sie sich im Lampenlicht über den Tisch beugte, sah Selina die haarfeinen, blutroten Kreise um Schläfen und Stirnhöhe. Sie nahm Amatas Kopf zwischen ihre Hände und wandte ihn sich zu: »Sehen Sie nur, was für seltsame Narben das sind. Hier scheint sich die Vergangenheit eingezeichnet zu haben.«

Mit einem leichten Schauder legte Fred die Hand in die Beuge von Selinas Arm, zog ihre Finger mit sanftem Druck von Amatas Schläfe fort: »Ja . . . es ist seltsam . . . es ist, als ob dieselbe gütige Hand, die ich über meinem Schicksal fühle, auch über dieses Kind gewacht hätte. Es war vielleicht Güte, die über seine Vergangenheit dieses undurchdringliche Dunkel gesenkt hat.«

Die späte Stunde rief den Schlaf für Amata. Müde wie ein Kind, das mit Sonnenuntergang seine Kräfte aufgebraucht hat, gähnte sie, ließ schwere Lider sinken.

Selina und Fred gingen durch das Gartendunkel, das im raschelnden Laub als schwarzer Teppich lag, um Zweigspitzen in dünneren Flören zog.

»Hören Sie, Fred,« sagte Selina, schon nahe dem wartenden Kraftwagen, »ich habe eine Bitte an Sie.«

Sein Schweigen war ein Gefäß voll Bereitschaft, alle Wünsche aufzunehmen.

»Wenn Sie Amata von hier fortführen, so übertragen Sie mir die Sorge um sie. Ich will sie bei mir aufnehmen, ich will über sie wachen.« Und da Fred noch einen Herzschlag lang schwieg, setzte sie hinzu:

»Fürchten Sie, ich könnte Fremdes zwischen Sie und Amata legen?«

»Nein,« sagte Fred, indem er Selinas Hand zu festem Druck ergriff.

Dann, als sie im Wagen saßen, sagte er, wie zum Dank für das Große, das ihm von Selina geschehen war: »Es ist mir, als sei sie . . .« er öffnete das Heiligtum, seines Herzens Allerinnerstes: ». . . als sei sie die Seele, die Seele meiner geliebten Stadt . . . dieser Stadt voller Narben, voller Spuren an ihr verübter Verbrechen. Vielleicht gibt einmal die Güte des Schicksals, daß sie erwacht wie Amata, ohne Vergangenheit, ohne Erinnerung, ein unbeschriebenes Blatt, das in Reinheit die Schrift eines neuen Lebens empfängt.«

Aber die Gegenwart dieser Stadt war freilich noch voller Gischt und Empörung und Wildheit. Sie warf dem Kraftwagen eine schmutzige Menschenwoge von Erdfressern in den Weg, heulende Massen, die die Straße verstopften und Fanglanzen über den Köpfen schwangen. Sie brüllten dem Wagen entgegen, stemmten eine Mauer von Leibern, und als der Fahrer sie durchbrechen wollte, wich sie zur Bresche auseinander und fiel dabei zugleich seitlich über das Auto her. Ans Trittbrett geklammert, langten die Wilden mit gierigen Armen nach Selina und Fred, zwei Kerle fochten den Fahrern mit Steinmessern vor der Kehle.

Ein Mann im flatternden Römermantel war aufgesprungen, schwang einen geknoteten Strick an kurzem Stiel über die Köpfe der Angreifer: »Zurück! Zurück . . Ihr Tiere! Ihr Narren! Das ist niemand von der Regierung. Das sind Amerikaner! Wollt ihr euch diplomatische Verwicklungen zuziehen?«

Sie taumelten vom Kraftwagen in den Kot, auf die Köpfe und Hände sauste die Knute, sie brüllten geblendet von Blut und Wut, die Klumpen fielen ab, frei sauste das Auto hindurch. »Do miasme brotten,« schrie einer, aber ehe sie zum Rat zusammengetreten waren, nahm das Auto die Kurve zum Ring, wo die Straße schon durch amerikanische Wachen gesperrt war.

Franz Stix, Prophet und Heerführer des kriegerischen Stammes der Erdfresser, hatte die Zügel der Herrschaft verloren. Sie waren enttäuscht, daß er ihnen entgegentrat, als sie mit dem Menschenfressen Ernst machen wollten, er hatte sie mit trügerischen Versprechungen auf den Kriegspfad gelockt, nun wollte er nicht dulden, daß sie den Kampfpreis an sich rissen. Franz Stix sah mit Entsetzen, daß das Unmögliche geschah. Er hatte gehofft, daß ein Rest von Kultur die bestialischen Urtriebe reißender Tierheit in den Massen niederhalten würde. Was ihm Mittel zum Zweck gewesen war, galt aber diesen entarteten Horden als Zweck selbst. Er scheuchte sie mit Peitsche und prophetischer Überlegenheit von ihren Opfern zurück, aber er konnte nicht überall zugleich sein und so geschah es, daß hinter seinem Rücken an verborgenen Lagerfeuern Gefangene gebracht und verzehrt wurden. Eine der ersten war Fräulein Festina Lente, die einstige Staatssekretärin für Verkehrswesen und letzte Präsidentin der Republik. Es blieben von ihr nur die Kleider, die Männerstiefel und die Oberlippe mit dem stacheligen Schnurrbart. Die wohlgenährte Dame, die einst Staatssekretärin für Leichenverbrennung gewesen war, fand ein äußerst stilvolles Ende. Sie war bereits geschlachtet, stak am Spieß über dem Feuer, als plötzlicher Alarm die Köche abberief. Kurzen Gedächtnisses, wie alle Naturmenschen, vergaßen sie den bereits zugerichteten Braten und so verkohlte die Dame einsam und für sich allein an ihrem Spieß. Als man sich ihrer wieder entsann, war sie bereits ungenießbar geworden, ein Häuflein übelriechenden Staubes, getreu ihrem auf Vorder- und Rückseite verteilten Wahlspruch: »Friede ihrer – Asche!«

Franz Stix konnte sich nicht verhehlen, daß er durch seinen Widerstand gegen den menschenfresserischen Appetit seiner Krieger in kurzer Zeit äußerst unbeliebt geworden war. Man rieb es ihm unter die Nase, daß er sie durch die köstlichsten Aussichten auf leibliche Genüsse von ihren friedlichen Lehmlöchern weggelockt hatte und nun über jene, die das Recht des Sieges wirklich in Anspruch nahmen, die Peitsche schwang. Die Abwehr des Überfalles auf das amerikanische Auto machte dem letzten Rest seiner Beliebtheit ein Ende. Sie traten zum großen Kriegsrat zusammen und beschlossen die Absetzung des Propheten. Bar jeder Scheu vor diplomatischen Verwicklungen, bezichtigten sie ihren Propheten des Verrates. Er tanzte vor den Feuern, warf den Mantelzipfel bald auf die linke, bald auf die rechte Schulter, schrie auf sie ein. Es war umsonst, sein Ansehen verwirkt und nicht mehr wiederherzustellen, ein gewisser Potwora, ein unentwegter Vertreter des Grundsatzes der Menschenfresserei, riß die Führung an sich.

»Oh Mensch!« sprach Franz Stix in Anbetracht dessen, daß er es gewesen war, der diese Gesellschaft aus ihrer Verkommenheit aufgerüttelt und unter Anwendung von einiger Völkerpsychologie auf den Trab gebracht hatte. Nun empörte sich das Werkzeug, machte sich selbständig, ohne seinen Zweck erfüllt zu haben. Denn noch immer war Mizzi nicht gefunden, zu ihres Vaters Beunruhigung und Freude zugleich. Er schlug sich zuweilen die Brust, trommelte die Fäuste gegen die Stirne, zerbiß die Lippen vor Reue und Angst. Da hatte er eine Umwälzung gebrütet und ins Werk gesetzt, hatte eine Regierung gestürzt, Menschen an den Bratspieß geliefert, und das Eigentlichste, der Sinn dieser ganzen Veranstaltung war nicht erreicht. Hatte man sein Kind vielleicht inzwischen schon irgendwo heimlich abgefangen und im Verborgenen getötet und verzehrt? Hatte sich Mizzi vor den grausamen Verfolgern geflüchtet und in einem Winkel versteckt, wo sie in Sicherheit war? Dann war sie aber auch ihm ferner und unerreichbarer als je zuvor. Es konnte auch sein – kalt überlief es ihn dabei – daß sie auf ihrer Flucht in eine grauenhafte Klemme geraten war, in ein Wirrwarr von Gängen, in denen sie sich verirrt hatte, daß sie in einem unterirdischen Raum verschüttet war, zerquetschten Leibes unter Schutt wimmernd, dem Verhungern preisgegeben.

Es stand wieder der fürchterliche Mond der letzten Nächte am Himmel, dieses Gespenst in seinem fahlen Leichenmantel von Dünsten über den ganzen Himmel hin mit ein paar vor Schrecken erblaßten und zitternden Sternen am äußersten Rand. In den Ruinen regte sich Leben von Nachttieren, unruhiges Quieken der Ratten durchpfiff das Gemäuer, es schrillte wie von Signalen der Warnung. Vor Franz Stix zog der kriegerische Haufe der Abtrünnigen, unter Anführung jenes Potwora, der Franz Stixens Prophetentum umgebracht und sein eigenes an dessen Stelle aufgerichtet hatte. Funken stoben von Fackeln hoch und zogen Bahnen über die Köpfe. Franz Stix kam hinterdrein, einsam und verlassen, niemand kümmerte sich um ihn. Er, der Vater der ganzen Bewegung, war gänzlich vergessen und wie ein Blutegel sog an ihm der Vorwurf gegen sich selbst, sich am Ende seiner Tage auf Politik eingelassen zu haben. Was war damit erreicht? Nichts. Sein Kind war ihm dadurch nicht zurückgewonnen und nur Undank durchtränkte seine Seele mit Bitternis.

Der Abstand zwischen ihm und dem Haufen war größer geworden.

Schon waren die Erdfresser über die Trümmer der Marienbrücke auf das jenseitige Ufer des Donaukanales gezogen, während Franz Stix noch auf dem diesseitigen dahinschritt. Da, eben als er die Mündung der Rotenturmstraße erreicht hatte, quoll tausendfältiges Pfeifen aus der Dunkelheit heran. Es wimmelte schwärzlich aus der Gassentiefe, ein dunkler Strom von Tieren, kniehoch, Leib an Leib gepreßt, schob sich schnüffelnd mit spitzen Schnauzen und dünnen langen Nacktschwänzen in das Spülicht des verwesenden Mondes. Blanke Augen glänzten in tückischer Scheu.

Franz Stix sprang zurück, schwang sich auf das Brückengeländer. »Die Ratten!« stammelte er, »die Ratten!«

Sie schnüffelten der Brücke zu, wandten sich in scharfem Winkel zur Seite und zogen an Franz Stix vorbei den Donaukai entlang, ein wanderndes Volk, von Angst aus seinen Löchern gejagt, unbekannten Hintergründen der Nacht entgegengetrieben. Die ganze Brut war auf dem Marsch, verzichtete auf die gewohnten Jagdgründe, um sich in Sicherheit zu bringen.

»Die Ratten,« stöhnte Franz Stix, »die Ratten . . . sie verlassen die Stadt.«

Der Zug nahm kein Ende, unübersehbar flossen die Scharen der Tiere unter dem fahlen Mond dahin, die Mündung der Rotenturmstraße spie unablässig das höllische, pfeifende Getümmel aus, das hier seinen Weg in die Ferne nahm. Das Grauen zwang Franz Stix von dem Auszug der Ratten den Blick zum Himmel zu. Alte menschliche Gewohnheit, den Greueln der Erde zu entgehen, indem man zum Himmel seine Zuflucht nimmt.

Da sah er, daß der fahle, seine Umrisse überfließende Mond kein Himmelskörper war, sondern das ungeheuere Zifferblatt einer Uhr, deren Zeiger, um ein weniges voneinander getrennt, in spitzem Winkel nach oben wiesen. Es war elf Uhr.

»In elfter Stunde,« murmelte Franz Stix, ». . . in elfter Stunde.« . . . Er sprang herab, lief über die Brücke, turnte über die zerfallenen, löcherigen Notstege von Pfeiler zu Pfeiler, gewann das andere Ufer und rannte keuchend den Erdfressern nach. Er erreichte sie aber erst, als sie schon auf dem Praterstern einrückten. Hier, zu Füßen des Tegetthoffdenkmals, war das Heerlager des wildgewordenen Stammes, die Feuer brannten, umschnattert von aufgeregten Kriegern. Jener Potwora, aufgeblasen von der Wichtigkeit seines neuen Amtes, war von Männern umringt, die verlangten, daß er seine Schilderhebung durch den Zentralkriegsrat bestätigen lasse. Franz Stix schlug sich durch die Gruppen, schwang sich auf den Rücken eines der Wasserrösser. Wie der sagen hafte Sänger Arion auf einem Delphin saß er rittlings da. »In elfter Stunde!« schrie er, indes sein Arm steil nach der Mondscheibe stieß, »hört mich an . . . in elfter Stunde . . . das Zeichen! Das Zeichen . . .«

Niemand kümmerte sich um ihn.

Gejohle kam aus der Praterwildnis, ein Trupp Erdfresser brach aus den Büschen, der zwei Gefangene mit sich zerrte. Die Stammesgenossen liefen ihnen entgegen, umringten sie, das Johlen wurde kreischendes Triumphgeheul. Die neue Herrschaft Potworas ließ sich gut an, festigte sich durch den prächtigen Zufall dieses Erfolges. Sie hatten die zwei Menschen, Mann und Weib, im Innern des Chinesen entdeckt, um den sich einst Kalafattis Ringelspiel gedreht hatte, zwei zusammengekauerte, von Hunger entkräftete Flüchtlinge. Magere Braten, aber Braten unter allen Umständen, entschied Potwora.

Von seinem Sitz auf dem Rücken des Wasserrosses sah Franz Stix auf das Getümmel nieder. Wie dünner Käse zerrann das Mondlicht auf dem Gesicht der Frau.

»Mizzi!« schrie er auf, »Mizzi!«

Sie war es, die Gesuchte, jetzt Gefangene des von ihm abgefallenen Stammes, verurteilt zum schreckensvollen Tod. Ihr Blick, durch seinen Ruf emporgerissen, flog ihm rasch zu, erkannte ihn, wurde fremd und glitt wieder ab, kehrte voll inniger Zugehörigkeit zu dem Mann an ihrer Seite zurück.

Doktor Neu hatte nach vielen Anfällen von Kleinmut und Schwachmut vor dem Feind eine Heldentümlichkeit und Römergröße in sich vorhanden gefunden, durch die er selbst ungemein überrascht war. Es war, als hätte diese heroische Eigenschaft nur auf den äußersten und letzten Anlaß gewartet, um hervorzutreten. Nach den bangen Dunkelheiten im Innern des Kalafattischen Chinesen, nach diesen unablässigen Schwankungen der Seele zwischen Hoffnung und Verzweiflung, nach all diesen Erschütterungen der Angst, hatte er nun ein einziges, aufrechtes und unerschütterliches Gefühl von Tapferkeit. Er trug das hohe Vorbild einer Frau in sich, ihr Lächeln schwebte vor ihm, ihre Gelassenheit fühlte er beruhigend über das Gewühl seiner Nerven ausgegossen. Der Gedanke einer Sühne hatte sich seiner bemächtigt und gab ihm Haltung. Sein römisches Profil trug er kühn und unbewegt vor sich her, inmitten der gezückten Steinmesser und Beile, die scheußlichen Fanglanzen über dem Kopf, blieb er in seinem starken Gang. Mizzi neben ihm, die in der engen Bedrängnis gemeinsamen Versteckes und im steten Beben vor dem nächsten Augenblick alle krause Wildheit abgetan hatte, bezog ahnungslos die Erneuerung und Steigerung seines Wesens auf sich. Im Alleinbesitz des Geliebten war sie schmiegsam weibhaft geworden, wühlte sich ihm an, empfand die Fesselung von Leib zu Leib als Glück. Ein Rausch trug sie, es klopfte in ihr wunderlich beglückend: gemeinsam in den Tod! Die unendliche Sicherheit ihres Gefährten überstrahlte auch sie, verbreitete Heiterkeit, sein Mund bog sich zu ihr: »Sei ruhig, wir gehen aus dem Traum in die Helligkeit des Erwachens. Der Augenblick des Todes hier ist neue Geburt.«

Aber noch war ein schwerer Anprall zu überwinden. Sie wurden plötzlich in einen Wirbel gerissen, in ein Gedränge von Angriff und Abwehr, aus dem schließlich ein Mann hervorstieß, Franz Stix, im zerrissenen Mantel, mit wirrem Haar und flatternden Gebärden: »Mein Kind! Mein Kind! Mizzi! Kehre zurück! Alles vergeben.«

Tiefes Mitleid machte sie weich, aber sogleich kam das Größere, Entscheidende, Unüberwindliche, das Urgefühl ihres Seins zurück. Sie lehnte die Wange an die Schulter des Geliebten: »Gemeinsam in den Tod.« Ihr Blut rauschte dumpf, trug auf seinen Wogen die Schauer des Wortes, den beglückend besänftigenden Aufruhr seines Klanges bis an die entlegensten Küsten ihres Innern.

Der Vater rang ihr die Hände entgegen: »Ich befreie dich . . . ich habe Anspruch auf Beute, ich bin bisher leer ausgegangen . . . du bist mein. In elfter Stunde . . .«

»Entschuldigen Sie,« warf Doktor Neu mit der heldentümlichen Besonnenheit ein, die jetzt seine ganze Person durchtränkte, »entschuldigen Sie, die Redensart lautet für gewöhnlich: in zwölfter Stunde.«

Die Hand des Sarghändlers krallte sich in die Mondscheibe ein, die jetzt wie ein weicher Brei den halben Himmel überrann: »Es stimmt . . . es stimmt. Sieh dorthin! Willst du deinen alten Vater einsam sterben lassen? Mein Kind . . . komm zu mir, vergib mir, laß mich deine Hand halten, wenn ich erlösche . . . Alles vergeben . . .«

»Alles vergebens,« sagte Mizzi traurig aber bestimmt. Auf der letzten Strecke ihres Weges war keine Umkehr mehr möglich, der Sinn ihres Lebens nicht mehr zu wandeln.

Franz Stix' gegen den Mond gerissene Arme wurden herabgezwungen und an seine Hüften gepreßt. »Sie gehört mir,« schrie er jenem Potwora ins Gesicht, »ich will es nicht umsonst getan haben.«

Jener Potwora grinste nur.

Schwärze stülpte sich über Franz Stix, umschloß ihm den Kopf, rann ihm bis auf die Schultern. Ein Trichter? Ein Sack, so dicht, daß er für den Lärm undurchdringlich war? Hinter einem dichten Gewebe von Finsternis beschwichtigte sich alles Geräusch, lief in eine große Stille hinein. Er fühlte Trockenheit seiner Lippen, Erdgeschmack, seine Zähne hielten ein Büschel Gras.

Da er den Kopf hob, fand er sich kniend zwischen Hügeln mit versunkenen, schiefen Kreuzen. »Schon ins Gras gebissen!« murmelte er, indem er die Halme mit der Zunge aus dem Munde stieß. Er betastete sich, wankte auf, hielt sich an einem Kreuz, das heilige Schweigen des Totenackers war um ihn gebreitet. Vor ihm, unter dem zerrinnenden Mond lag die lange Mauerfront des Belvedere, ein Bau voll trostlosester Verlassenheit. »Gewisse Buchstaben sollten ausgerottet werden,« murmelte er ingrimmig, »ich habe es immer gefühlt, daß das S mein Feind ist, seit jeher. Das lange s, diese Sense, das gekrümmte, tückisch geschwungene Schluß-s, eine scharfe Sichel, die eigens dazu ersonnen scheinen, um letzte Hoffnungen zu mähen. Dem Wort der Vergebung hat sie ein S angefügt und es zum Wort der Verzweiflung gemacht, aus vergeben ein vergebens. Wir sollten uns gegen die Worte empören, die es mit den Buchstaben halten und das Gefühl immer und allzeit verraten.« Zwischen den Gräbern schritt er hinan, und als er die Terrasse betrat, sah er, daß die große Glastüre mit beiden Flügeln weit offen stand.

»Jemand hat sich eingeschlichen,« überschauerte es ihn. Unter den wesenlosen Freudigkeiten gemalter Götter und Helden ging er hin, trat auf farbigen Staub, der von der Decke gerieselt war, auf Asche von Gewändern, Überreste von Lächeln, von kühnen Herausforderungen des Schicksals, von Winken zur Liebe. Wer mochte eingedrungen sein? Eiskalt wehte Einsamkeit.

Die Särge bauten Mauern links und rechts. Franz Stix versuchte, sich ihrer Zahl zu entsinnen, aber sein Gedächtnis trieb nur formlose Dunkelheiten wie ein Fluß der Unterwelt. Der Knöchel klopfte im Schreiten bald links, bald rechts an die Sargwände. »Wer ist da?« Leere dröhnte, hohl antworteten die Särge. Niemand! Niemand! Und doch war jemand da, dies zwang Franz Stix zum Wandern zwischen seinen Särgen. Er ging die schmalen Gassen entlang, mit fragendem Knöchel, sein Klopfen fiel in die Einsamkeit, je drei dürre, trockene Schläge an jeder Sargwand.

Wie lange ging er so und wie oftmal hatte er schon diesen fragenden Dreitakt in die mondzerfressene Nacht geworfen? Von Anbeginn der Zeiten war der Weg des Menschen ein Wandern zwischen Särgen und ein Fragen nach ihrem Inhalt. Er fühlte, daß er etwas tat, was ihn nicht allein anging, sondern in dem die Angst von Millionen zitterte, die gelebt hatten, um zu sterben.

Einen Sarg hatte er bisher unangetastet gelassen, einen weißen Sarg, schön mit himmelblauen Leisten und Kanten geziert, eines Stoßes dritten Sarg von oben. Jetzt zwang sich ihm der gekrümmte Knöchel zu, klopfte gegen das Holz. »Ja!« antwortete der Sarg, er umschloß Inhalt.

»Hier hat sich jemand eingeschlichen!« murmelte Franz Stix. Er hob die beiden obersten Särge ab, da er den dritten auf die Arme nehmen wollte, neigte sich der Stoß, stürzte krachend im Bogen. Vor Franz Stix schlug der weiße Sarg auf, unter dem aufspringenden Deckel lag friedlich gebettet in reiche Wallung grünen Haares eine Frau.

Auf Knien lag der Alte, eine der Hände der Toten ruhte in der Höhlung der seinen wie ein Vogel im Nest. »Bist du heimgekehrt?« murmelte er, »mein Kind! Endlich heimgekehrt . . . heimgekehrt.«

Der schwarze Strom der Unterwelt nahm das Wort und trug es auf seinen formlosen Dunkelheiten dahin wie einen Kahn.



24. Die zwölfte Stunde.

Als Doktor Neu nach der anderen Seite abgeführt wurde, erhob sich über ihm in den Lüften eine schreckliche Stimme, die sprach: »Schon stehen die Engel der Winde bereit an den vier Weltenden, wenn sie die Hand heben, werden die Stürme erbrausen und ihre Wut wird die Erde umstürzen, schwarz wie ein Roßhaarsack wird der Himmel werden und die Sterne fallen lassen wie der Feigenbaum die Feigen, die Donau wird umkehren ihren Lauf und aufwärts fließen, Blut führend anstatt Wasser . . .«

Über das Lager der Erdfresser donnerte Thaddäus Gratias seine Verkündigungen des Jüngsten Gerichtes. Längst schon waren den Kriegern die feurigen Reden des Säulenheiligen zu stumpfer Gewohnheit geworden. Nachdem sie den ersten abergläubischen Schrecken über den wortgewaltigen Zürner überwunden hatten, maßen sie dem Sturzregen von Schrecknissen, der von der Säule auf sie niederprasselte, keine Bedeutung mehr bei. Sie hoben kaum den Kopf, ließen ihn oben toben, Doktor Neu aber verhielt den Schritt, sein junges Heldentum, Bewußtsein heroischer Notwendigkeiten, zwang ihn zu erwidern. Er war nicht gesonnen, vor jeder Art von menschlicher Dummheit zurückzuweichen. Er trat ein wenig zurück, legte den Kopf in den Nacken und schrie hinauf: »Was reden Sie da für Unsinn? Hören Sie mir auf mit der Apokalypse. Wissen Sie nicht, daß ein gewisser Nikolai Morosow die Offenbarung Johannis vollkommen aufgeklärt hat. Daß sie nichts anderes ist als die Beschreibung eines Gewittersturmes mit Erdbeben. Eines Gewitters mit Erdbeben samt Anhang, das sich am 30. September 395 über der Insel Patmos entladen hat. Und wenn Sie dies noch nicht gewußt haben sollten: sein Verfasser ist weder der heilige Johannes noch der große Unbekannte, der Presbyter Johannes, sondern der berühmte byzantinische Patriarch Johannes Chrysostomus.«

Stolz darauf, noch auf seinem Todesgang für Aufklärung, gesunden Menschenverstand und kritische Forschung eingetreten zu sein, erhob Doktor Neu seine Hand zu einer Gebärde, die alle Dünste menschlichen Irrtums hinwegfegte. Aber der Heilige auf der Säule, ohnehin schwer gereizt durch die Wirkungslosigkeit seiner prophetischen Ereiferungen auf das Feldlager der Erdfresser, steigerte sein apokalyptisches Donnerwetter und kreischte gewaltig dawider: »Gegen die Kinder Gottes aber züngelt der Drache der ewigen Finsternis, angetan mit dem Kleide falscher Erleuchtung und Weisheit, auf daß er von ihnen angebetet werde. Christi Angesicht hat er entwendet und bedient sich seiner zu Irrtum und Verderben. Er hat Götzen aufgerichtet: den Verstand und einen anderen: die Nützlichkeit und spricht zu ihnen: ›Diese betet an, auf daß es euch wohlergehe auf Erden.«

Doktor Neu hob die gefesselten Hände zum Schallrohr an den Mund und stieß seinen Widerspruch mit Macht in die Nacht hinaus: »Unsinn: Unsinn! Ihr Antichrist ist im besten Fall ein Geschöpf der Angst unter den alten Christen. Das große Tier, die Zahl 666, ist nichts als, in Buchstaben gedeutet, der Name des Nero, dessen Wiederkehr die Christen gefürchtet haben. Ein armseliger Sklave, der Neros gedunsenes Gesicht hatte und etwas Kithara spielen und singen konnte, dieser falsche Nero, hat sie in Schrecken gesetzt. Ein Rummel in Asien, die Dummheiten eines Betrügers . . . das ist euer Antichrist . . .«

Von der Bedeutsamkeit dieser Zwiesprache zwischen dem Säulenheiligen und dem Helden der kritischen Betrachtung verstanden die Erdfresser nichts. Sie wurden ungeduldig und stießen den Gefangenen vorwärts. Thaddäus Gratias aber war oben auf seinem Säulenkapitäl völlig außer Rand und Band gebracht. Seine heilige Starrheit war gebrochen, der Bann gelöst, seine knorrigen Beine zog er wie Wurzeln aus der Säule. Er tanzte vor Wut, stampfte mit den steifen Knochen, beugte sich vor und spuckte im weiten Bogen nach dem Zweifler. Ein Wort polterte hinterdrein, ein zentnerschweres Ungetüm von Wort: . . . .

»Schmock!«

Doktor Paul Neu zuckte zusammen.

Hierauf wurde er zum Tod geführt.

Mit Genugtuung sah Thaddäus Gratias von seinem hohen Stand die Abschlachtung des Feindes und die Einleitung des weiteren diesbezüglichen Verfahrens gegen seinen Leichnam. Er war aber nicht damit zufrieden; die Pfeile der kalten Vernünftigkeit, die der Held auf seinem Todesgang gegen ihn geschleudert hatte, saßen mit Widerhaken in ihm. Gift rollte von den Wunden aus in sein Blut, Schwären zerfraßen ihm das Gemüt, er sah sich in seiner Sendung angezweifelt. Der Zorn hatte ihm die heilige Steifheit genommen, ihn der Unmittelbarkeit des Erlebens entrückt. Die Notwendigkeit der Abwehr hatte seinen Sinn aus der hohen Fürchterlichkeit apokalyptischer Begebnisse wieder den kleinlichen Machenschaften des Alltags zugeführt.

»Ja ja!« murmelte er ingrimmig, »hier stehe ich, ein Künder des heiligen Willens und Wortes. Mein Haar ist eine Wildnis, in der Vögel nisten, meine Beine sind wie die Wurzeln der Bäume, meine Lenden sind ausgetrocknet, meine Rippen eine Harfe, auf der der Wind spielt. Nur meine Zunge lebt, da das andere abgestorben ist, sie ist deine Glocke, oh Herr, die deine Ankunft verkündet, das Schwert, das dir vorangetragen wird. Schon sind Gog und Magog aufgestanden, ziehen hin und wieder, aber sie erkennen dich noch nicht. Schon verkehrt sich ihre Natur, daß sie übereinander herfallen und der Mensch dem Menschen zu Speise dient, aber sie erkennen dich noch nicht. Die Dinge vergessen die Gesetze, unter denen sie stehen, der Mond fließt über seine Grenzen, aber sie erkennen dich noch nicht. Gib ihnen das Zeichen, das die Dumpfheit von ihren Seelen reißt und sie vor der Wahrheit aufschreien macht. Laß Feuer fallen, zerreiße den Bauch der Erde, daß sich ihre Herzen zu dir wenden, ehe das Gericht vollends über sie hereinbricht und sie dahinrafft im Schlafe des Unglaubens.«

Kälte stieg ihm von den Beinen in den Leib. Eisig blies es aus der Nacht hinein, es war, als sei im Weltraum eine Tür geöffnet, hinter der alte und grausame Winter wohnten. Die Niedrigkeiten des Körpers meldeten sich, kaum daß der Glanz der Entrücktheit gewichen war. Der Heilige war auf seine schon überwundenen Erbärmlichkeiten, die Notdürfte des Menschenwesens zurückgeschleudert, umsonst der Anstieg, der Kampf, der Sieg. Thaddäus Gratias erschrak. Wahrhaftig: sie waren imstande, die letzten Schrecken ihrer Wunder zu berauben, der schon drohenden Zermalmung mit dem Grinsen des Unglaubens zu begegnen, stumpf der Vernichtung entgegenzutrotten oder die Herrlichkeit des Gerichtes durch die Künste des Verstandes zu verkleinern und zu leugnen. Immer wieder versuchten sie es, den Menschen über Gott zu erheben, auch jetzt noch, in diesen Stunden vor dem Ende.

Das Zeichen! Das Zeichen!

Das ihre Selbstgefälligkeit hinwarf, sie erschütterte, die Binde von ihren Augen riß. »Bin ich nicht Gottes Wort und Gottes Hand?« sagte Thaddäus Gratias plötzlich, von jähem Licht durchdrungen. Freudige Gewißheit zerschlug mit Donnern die letzten Düsternisse: »So gibt Gott also sein Zeichen durch mich.«

Er ließ sich auf die Knie nieder, legte sich auf den Bauch und suchte mit den Beinen den Schaft der Säule. Sein Leib war rauh und haarig, klebrig von Schmutz, die Nägel der Hände und Füße waren zu Sicheln geworden, sie umfingen die Säule wie einst die stählernen Halbmonde der Arbeiter, die Telephonstangen erstiegen hatten. Der Heilige ließ den Schaft in seiner Umklammerung langsam nach aufwärts gleiten, die Erde zerrte an ihm. Er hatte seine heilige Zurückgezogenheit verlassen, stand plump und mit schweren Gliedern auf dem Boden. Klein brannten die Lagerfeuer, in Klumpen schnarchten die Erdfresser. Der eisige Wind stieß in die Glut, Funken sprangen in Garben über die Schläfer hin. Mühsam, mit klappernden Sichelklauen schlich Thaddäus Gratias zum letzten der Feuer, nahm ein brennendes Scheit aus dem Herd.

»Epimetheus,« murmelte er, »steht Feuer am Anbeginn der Geschichte der Menschheit, so steht Feuer auch in ihrem Ende.«

Ins Buschwerk trug er seinen Brand, schwang ihn im Kreis, wenn die Flammen schwächer wurden, und fachte ihn an. Durchdringend wurde der Benzingeruch, die Dunkelheit war getränkt von Gasen, die Sträucher waren erstickt, standen mit dürren Zweigen. Fast betäubt kam der Säulenheilige zu dem ungeheueren massigen Rund der Rotunde. Nach links und rechts drehte sich die Wand aus dem roten Geflacker der Fackel wieder in die Nacht, lief fort, um irgendwo in der Finsternis sich zu finden und zum Kreis zu schließen. Aus schadhaftem Mauerwerk rieselte der Feuerstoff, troff über zerbröckelnde Ziegel, versickerte im Rasen. Der Dunst spannte sich wie flüchtige Essenz von tausend Gewittern, die dampfende Energie geborstener Weltgasmassen über den Ort. Er trug die Glut zerspritzender Kometen in sich, roch nach Katastrophen und einstürzenden Unendlichkeiten.

Thaddäus Gratias vergingen die Sinne. Er hockte vor das Loch nieder. »Dies ist Gottes Hand,« stammelte er, schon halb bewußtlos, indem er den Brand dem dünnen Rinnsal näherte. Aber ehe er die Öffnung erreicht hatte, verschlang ihn eine weißglühende Feuerwoge und warf ihn auf einem Schaum von Licht in einen Himmel voll zerkrachender Sterne.

Und er sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen und das Meer war nicht mehr. Und er sah einen Engel in der Sonne stehen; und er schrie mit großer Stimme und sprach zu allen Vögeln, die unter dem Himmel fliegen: »Kommt und versammelt euch zu dem Abendmahl des großen Gottes.« Und er sah einen großen, weißen Stuhl und den, der darauf saß. Und hörte die große Stimme dessen, der darauf saß: »Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen . . .«

Die lange Reihe der Kraftwagen hielt vor dem Hotel Bristol, zitternd vor gebändigter Kraft. Die Hotelkapelle spielte auf den Rüsseltrompeten zum Abschied den Gulliver-Marsch. Die geschmeidigen Schläuche schnellten aus und zurück, rollten sich ein und stießen vor, und Mister Gulliver winkte gerührt mit der Hand.

Dann trat der Hotelgeistliche neben den Direktor und erhob die Stimme und die Hände zum Segen gegen Mister Gullivers Auto.

Eine ferne Orgel spielte ganz leise dazu.

Mac Kinley beugte sich breit aus seinem Wagen, mit einem Portweingrinsen auf den Lippen: »Die Herrschaft des Lichtes wechselt ab mit der Herrschaft der Finsternis.«

Mitten aus dem Segen sprang der ehrwürdige Herr mit gleichen Beinen in die Höhe: »Aberglaube, schnöder Aberglaube, krasser, heidnischer Aberglaube.«

Schon schnob der erste Wagen los, die Reihe schwankte, auf den Türmen der Lastautos schrie die Wachmannschaft den Zurückbleibenden Abschiedsgrüße zu.

Amata lachte an Freds Schulter, beglückt über das noch Unerlebte, ursachlose Schnelligkeit, die laufenden Straßen, das wunderlich erregende Gefühl ebenmäßiger Erschütterung des Leibes. Er zog sorgsam die Decke über sie, Schutz vor dem Gifthauch eisigen Nachtwindes. Die seltsame Helle des über den ganzen Himmel ergossenen Mondes schien diese Kälte auszusenden, sie wandelte sich im Herabströmen zur Erde in Eiskristalle.

»Nun verlassen wir deine Heimat, Amata,« sagte Selina, indem sie unter der Decke die Hand des Mädchens suchte, »wir fahren fort. Vielleicht kommen wir nie mehr wieder. Und wenn du wiederkommst, wie wirst du sie finden?«

»Ich fürchte . . .« Mister Gulliver sprach nicht aus, was er fürchtete. Er war kleinlaut bei dem Gedanken, daß seine Aufgabe ungelöst geblieben, und daß er einen Rückzug antrat, der eines Mister Gulliver unwürdig war. Diese ungelöste Aufgabe bedrückte ihn. Wenn er sich aber klarzumachen versuchte, welche Aufgabe dies sei, so verschwamm alles vor seinem Blick zur Undeutlichkeit. Es ging ihm wie einem Kurzsichtigen, dem die Brillen genommen wurden und dem alle Dinge von Nebel umsäumt sind. »Dieser Mister Davis,« fuhr er fort, »hat uns ja zuletzt geradezu hinausgedrängt. Was heißt das: Er könne keine Verantwortung mehr übernehmen? Es gehen ja wohl wirklich schreckliche Dinge vor. Dieser letzte Kampf um das Lebensmittelfloß soll fürchterlich gewesen sein. Und was diese Erdfresser anstellen, ist unerhört. Es scheint etwas Wahres daran zu sein, daß sie die reinen Kannibalen sind. Man müßte also eigentlich im Namen der Menschlichkeit einschreiten. Wir Amerikaner wären am ersten dazu verpflichtet. Wenn nicht die diplomatischen Verwicklungen . . .« Er betäubte sein Schuldbewußtsein, dieses peinliche Gefühl unter dem Zwerchfell, verwandt mit Angst vor etwas Unbestimmtem. »Ganz verstört war er, dieser Mister Davis . . . ich weiß gar nicht . . . als ob er uns je eher, je lieber draußen hätte, weil er noch etwas besonders Unangenehmes erwartet.«

Ein Papier knisterte in Gullivers Rocktasche. Er zog es heraus und breitete es auf die Knie. Es war der Plan von Wien, durch die roten Muskelbündel zogen sich die weißen Nervenfäden der Straßen, der Donaukanal führte blaues Blut, die Plätze knoteten sich wie Ganglien zusammen. Gulliver starrte den Plan an und versuchte vergebens, sich zu entsinnen, was er versäumt haben könnte.

»Haben Sie den Telegraphisten nicht mehr gesprochen,« fragte er mit plötzlicher Wendung zu Fred. Fred verneinte kopfschüttelnd, er hatte das Dachzimmerchen des Alten nicht mehr gefunden, trotzdem er unzählige Male die Treppe hinangestiegen war. Mit Amatas Erwachen waren neue Dinge wichtig geworden, Freds Wesen hatte sich geschlossen, um seine Liebe vereinigt und abgetan, was nicht unmittelbar ihr anhing.

Er sah Amatas holdselig klares Gesicht der Nacht zugewandt, dem Rasen der Scheinwerferkegel über die Trümmer, die geborstenen Mauern, ihr Körper entsandte Wärme. Sein Schmerz, die liebe verlorene Stadt verlassen zu müssen, die tiefe Herzlichkeit des engen Lebens der Großeltern nicht mehr zu fühlen, die Schicksale der Heimat ins Ungewisse sinken zu sehen, dies alles war nicht peinigend, sondern milde Wehmut.

Wie Luftblasen im Wasser zur Oberfläche drängen, so stiegen ihm Gedanken aus der Tiefe in die Schicht der lauten Worte: »Ihr Kostbarstes nehmen wir doch mit uns . . .«

Große, klagende Augen ihm gegenüber: Selina. Dann, rasch verdrängt durch Tapferkeit: »Sie haben recht, Fred. Alles erneuert sich doch immer wieder nur vom Menschen aus.« Sie rückte unruhig, wünschte, sie möchten die Einschließungslinie der Stadt hinter sich haben, diesem Boden entronnen sein, der sie mit Unwillen zu tragen schien. Sie hatte ein Gefühl von Unheil in letzter Minute, das sie vor den anderen verbarg. Ihr, als der eigentlich Entscheidenden und Maßgebenden, hatte Mister Davis Andeutungen gemacht, ein verworrenes Gerede vom Ablauf einer Frist, nicht klar genug, um verstanden zu werden, aber geheimnisvoll genug, um Besorgnisse einzuflößen.

Der Telegraphist sei dagewesen, hatte Davis aufgeregt geflüstert: die Amerikaner möchten Wien so rasch als möglich verlassen.

Sie waren auf dem Praterstern angelangt, um verkohlende Lagerfeuer lagen Menschenhaufen. Die rasselnde Kraftwagenschlange begann sich vorsichtig zu winden, der Lärm zertrümmerte dumpfen Schlaf, der aus gesättigten Bäuchen dunstete. Die Wilden wälzten sich herum und glotzten. Auf dem Panzerauto, das an der Spitze fuhr, standen die Mannschaften an den Maschinengewehren, die Bewaffneten neben den Fahrern fasten die Gewehre fester.

»Es sind die Erdfresser,« sagte Mister Gulliver, »die euch schon einmal angefallen haben. Sie machen sich nichts aus diplomatischen Verwicklungen.«

Selina hing anderen Gedanken nach, die von Erdfressern und diplomatischen Verwicklungen weit abgelegen waren. »Wie ist das eigentlich mit dem Telegraphisten . .?«

»Er sendet Funksprüche aus,« sagte Fred, »aber . . .,« sein Blick war die Tegetthoffsäule hinangeklettert: »Sehen Sie nur,« unterbrach er sich, »der Heilige ist fort, er hat seinen Platz verlassen.«

Selina schnellte auf, das dunkle Gefühl der Angst war in ihr geplatzt, zerriß sie fast, siedete in ihrer Kehle: »Rasch! Rasch! Um Gotteswillen . . . rasch .!«

Ein Schuß fiel. Das erste Auto hatte einen Posten, der aus dem Dunkel vorgesprungen war, in scharfer Kurve angefahren und zurückgeschleudert. Ein Steinbeil krachte gegen die Panzerwand und ein warnender Schuß antwortete. Aus dem Dunkel stieg steil auf parabolischem Ast ein Bumerang und schnurrte nahe an Amatas Kopf vorüber. Fred warf sich schützend über sie.

Aber ehe es zum Kampf kommen konnte, zerriß die Nacht plötzlich zu einem Feuerschlund, aus dem ein glühender, brüllender Atem fegte. Wenn Thaddäus Gratias nicht im selben Augenblick bereits in seine Bestandteile aufgelöst gewesen wäre, so hätte er wirklich an den Einsturz des Himmels und den Beginn des jüngsten Gerichtes glauben dürfen. Aus einem heulenden Krater wurde ein dunkles, ungeheures Etwas emporgeschleudert, das kegelförmige Dach der Rotunde, und kam als ein Regen von Steinen, Balken und Glassplittern nieder. Spiralen von Flammen sprangen gegen den zu Dampf zerstiebenden Himmel über der Erde, Fackeln von johlenden Gasen taumelten über den Büschen und den Trümmern des Nordbahnhofes. Eine Windhose von kochenden Dämpfen stürmte einher, man sah einen Wirbel von verrenkten Menschenleibern, den sie einsog und mit sich trug. Breit fächerten Sturmstöße hinter ihr, die wie die Hand eines Riesen alles hinwegfegten. Die umgestürzten Wagen schütteten ihren Inhalt zu zappelnden, schreienden Häuflein über den Boden. Aus den berstenden Mauern der Rotunde kamen Ströme von Glut, in denen alles Brennbare aufflog und zerflammte. Und plötzlich sah man inmitten des Feuermeeres das schwarze Gestänge des Riesenrades lebendig werden. Seine toten Maschinen setzten sich in Bewegung, ein Stoß erschütterte das Eisengerüst, langsame Drehung begann, schaukelnd gingen die hängenden Wagen in die Flammen ein und tauchten auf der anderen Seite wieder brennend empor.

Aus tiefem Schlaf der Erschöpfung war Leib Moische Seelenheil durch den Stoß gegen die Wand des Wagens, in dem sie wohnten, geworfen worden. Er erhob sich mit schmerzenden Knochen und blutendem Gesicht, auf allen Vieren liegend, sah er den Tanz verfliegender Protuberanzen vor den Fenstern. Auf dem Boden lag der Rumpf Schemberas und spiegelte die Flammenschrift in seinen Augen.

»Waas is?« fragte Seelenheil fassungslos.

»Das Ende!« sagte Schembera.

Sie befanden sich im obersten Wagen des Riesenrades, den Seelenheil mit der Last auf seinem Rücken im verspreizten Gestänge erklettert hatte. Von den Fenstern sah er den feuerspeienden Krater der Rotunde unter sich, der von Lava überfloß, und unaufhörlich Bomben glühender Gase ausschleuderte, er sah den Reigen der Flammengespenster mit wehenden, zündenden Schleppen über die Trümmer der Stadt rasen. Die Geburt der Welt aus dem Urfeuer schien sich zu wiederholen, ein Zusammenstoß von Himmelskörpern das Chaos erneuert zu haben. Seelenheils Gehirn lag steinern in seinem Schädel, das Blut war trocken und wollig wie Watte, aller Willen durch den Schrecken zu Brei zerquetscht.

»Das Ende!« sagte Schembera mit einem hellen, siegreichen Klang.

In diesem Augenblick belebten sich die toten Maschinen und begannen die Drehung des Rades. Der Wagen sank und die Flammen wuchsen ihm entgegen. Sie hatten einen tiefen, dröhnenden Gesang in sich, ein elementares Lied des Triumphes. Unerträgliche Glut scheuchte Seelenheil vom Fenster zurück, er kauerte sich auf den Boden, sein Auge war von der weißen Woge geblendet, in die sie eintauchten. Fauchende Flammenfäuste zertrümmerten die Glasscheiben, blaue Stichflammen schnoben spitz hinein, zersplitterten im Anprall zu Funken. Der Wagen schwebte langsam durch eine Hölle von Geheul und Geprassel, aber er schwebte auf der anderen Seite wieder empor mit glühenden Eisenteilen und rauchendem Holz, über das kleine Flammen liefen. Seelenheils Haut war geröstet, sein Haar versengt, er erhob sich, sein Gehirn arbeitete wieder, arbeitete der Rettung zu.

Rettung?

Ein Sprung aus dem Wagen, wenn er wieder unten angekommen wäre, mitten ins Feuer und rasche Flucht. Nichts anderes blieb übrig, um dem unerbittlichen Kreisen des Rades zu entgehen, dem Gebratenwerden in dieser fürchterlichen Maschinerie des Satans.

Der Wagen hatte den höchsten Punkt erreicht und schaukelte in den Niedergang hinüber. Seelenheil stürzte auf Schembera zu und lud ihn sich auf den Rücken.

»Laß mich,« keuchte Schembera an seinem Nacken, »laß mich . . . spring allein.«

»Nicht ohne dich!« röchelte Seelenheil aus gedörrter Kehle.

Das Rad hatte seinen Gang beschleunigt, die ächzenden Maschinen drehten sie einer neuen Höllenfahrt zu, Glut stand wieder auf, donnerte wie mit Kanonenschüssen in dem brüllenden Abgrund unter ihnen.

»Laß mich . . . laß mich,« knirschte Schembera, »das Ende!«

Es schien, als würde der Feuerschleier dünner, als sänken die Flammen ein wenig zusammen. Seelenheil stand an der Tür, bereit zum Sprung. Jetzt waren sie in der Tiefe . . .

Er riß die Türe auf . . . .

Da zerknirschte ihm ein wütender Schmerz den Hals, schlug ihm schwarz betäubend in das Hirn.

Schembera hatte sich mit aller Kraft scharfer Zähne, seiner einzigen Waffe, in Seelenheils Nacken verbissen. Taumelnd fiel Seelenheil zurück, wälzte sich mit seinem Feind über den Boden hin. Er versuchte die Last abzuschütteln, aber der schwere Rumpf hing an ihm, ließ ihn nicht, ein Krampf von Wildheit drückte Schemberas Zähne in die knackende Wirbelsäule . . .

Breit lachend stürmte Feuer in den Wagen . . .

Als lodernde Fackel schwebte er auf der anderen Seite wieder zur Höhe . . .

Gegen den Trichter siedender Luft drang von allen Seiten Weltraumkälte, Eis und Feuer schienen ihren alten Streit von neuem begonnen zu haben. Aus dem Haufen, in den sie hingefegt worden waren, entwirrt, bebten die Menschen zwischen den Elementen, die Gesichter heiß überstrahlt, die Rücken von der Kälte gepeitscht. Zwei Stürme bliesen gegeneinander.

Eine Hand rührte Mister Gullivers Arm. Ein Mensch stand da und hielt ihm stumm ein Kleidungsstück hin. »Sie bringen mir meinen Überrock zurück?« sagte Gulliver mit einem Gefühl von Beglücktheit und Gelöstheit. Nun war seine Aufgabe zu Ende gediehen. »Hier haben Sie Ihren Plan,« er fuhr in die Tasche und reichte dem Mann den Plan von Wien. Kopfschütteln lehnte ab, und da Gulliver dem Menschen ins Gesicht blickte, sah er, daß es ein Gesicht ohne Augen und Mund war, das Gesicht des Mannes aus seinem Traum . . .

Dem Traum vor tausend Jahren . . .

An Fred, der die zitternde Amata in seinen Armen hielt, drang eine Stimme aus weiter Ferne hinan. Selinas Augen mit einer Jagd von Angst in den Tiefen: »Fort!«

»Es ist zu spät,« sagte der Telegraphist, das alte, eisgraue Männlein, das Fred umsonst gesucht hatte.

»Sie sind es?« staunte Fred. ». . . Sie? Ja . . . jetzt weiß ich es. Sind Sie mir nicht auf dem Stefansturm begegnet, eine weiße Fahne in den Händen. Jetzt verstehe ich, warum der Fernfilmer nicht geläutet hat, als Sie im steinernen Rankenwerk hingen, auf dem Hundegreif reitend und wir über Sie hinwegflogen. Der Fernfilmer hat einfach nicht geläutet, weil Sie ja selbst der Telegraphist sind . . .« Fred Gregor fühlte sich durch diese Feststellung ungemein erleichtert, und sah das Männlein mit dem tiefen Wohlwollen an, das man einem Geschöpf gegenüber hat, an dem man einigermaßen selbst beteiligt ist.

»Es ist zu spät . . .« sagte das Männlein, »Sie werden schon sehen . .«

»Eigentlich . . .« meinte Fred nachdenklich und voll Weichheit ». . Sie haben keinen Sinn! Eigentlich sind Sie bloß ein Schnörkel.«

Das Männlein lächelte gütig: »Auch Schnörkel haben ihren Sinn.«

»Sie haben Recht,« sagte Fred nachgiebig, denn es kam ihm auf solche Dinge nicht mehr an.

Vorne wütete die Feuersbrunst, in den Rücken blies Weltraumkälte. Eis und Flammen rangen miteinander und ganz sachte stellte sich etwas Neues ein, die Empfindung eines Gleitens nach abwärts. Die ganze Welt war wie eine Falltüre, die in einen Schacht versinkt, gleichmäßig und unaufhaltsam. Die Häuser haben das schon lange vorher gewußt, dachte Fred ohne jeden Schrecken.

Noch einmal tauchten Selinas Augen in seinen Blick, ihre schluchzende Angst: »Fort!«

Der Telegraphist schüttelte den Kopf: »Zu spät!« Aus dem dunkeln, eisigen Weltraum wehte es weich schattend über sie hin. Plötzlich sagte Amata mit einer Stimme wie von Gottes Thron her, der Stimme des Lebens, und es war kein Lallen eines Kindes mehr, sondern Klang von Frauenglück und heller, heiliger Bewußtheit: »Schau, Liebster, die Sterne fallen vom Himmel!« Sie hob die schmale Hand, über ihrem blauen, zarten Geäder lag ein feiner Schneestern mit vielen Zacken und einer unergründlich sinnvollen Beziehung alles Einzelnen zum Ganzen, ein ergreifendes Kunstwerk Gottes.

Langsam zerging das Wunder auf dem warmen Fleisch. Ein glitzernder Tropfen blieb, der das Geloder der wüsten Flammen zu einem einzigen Funken band. Dicht und weich fiel Schnee aus der Dunkelheit, trieb leise und glückhaft ins Feuer.

Eng war Amata an Freds Herzen. »Es ist nie zu spät,« sagte Fred strahlend und ungebeugt.

»Ich bin nur gekommen, um Ihnen zu sagen, daß es zwölf Uhr ist,« sagte der Telegraphist, indem er einen Vorhang von Schnee zusammenraffte und verschwand.

Da erhoben die alten, verschollenen, verrosteten und toten Turmuhren Wiens ihre gespenstischen Stimmen zum Stundenschlag. Hinter den Schneewehen, hinter der Wand aus Flammen, erhoben sie ihren Klang, fern und nah, bedächtige Zungen der Zeit und alle sagten dasselbe: schlugen zwölf.

Über der abwärts gleitenden Welt schoben sich die Ränder des Schachtes empor, in den sie versank, ummauerten schwarz den Horizont, an allen Seiten zugleich. Alles fiel in Dämmerung, Schatten spülten aus der großen, wachsenden Dämmerung heran, die viel tiefer war als die Nacht selbst.

»Bleib bei mir . .« flehte Fred.

»In dir!« klang Amata hell wie eine Harfe mit silbernen Saiten.

Da sah er plötzlich den Stefansturm vor sich, riesenhaft über den sinkenden Trümmern der Stadt und aus den Wolken her hing ein zweiter Turm auf ihn nieder wie ein umgekehrtes Spiegelbild, so daß die Spitzen sich berührten. Aus schmalem Hals streckte sich das Gebilde nach der Höhe und Tiefe ins Breite, zerging mit den beiden Grundflächen in der weichenden Erde und in den Wolken: eine ungeheuerliche Sanduhr . . . .

Und in diesem Augenblick rann das letzte Körnchen Sand durch den Hals der Sanduhr . . .