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Eduard Stucken – Balladen

Balladen

Eduard Stucken, Balladen, Erich Reiss Verlag, zweite veränderte Auflage, Berlin, 1920

Eingang

Stürmisch ist die See, es schwellen
gletschergrüne, lange Wogen,
schneegekrönte, und zerschellen
Schaum geworden weiss am Strand;
zartem Spitzenschleier gleichen
sie verebbend; und verbleichen,
vom nie satten gierigen Sand
eingeschlürft und aufgesogen.


Wellen stürmen hinter Wellen
Stunden gleich, die fortgezogen,
jugendschönen, wilden, hellen
Sendungen aus Märchenland,
voll Vertraun zum Hoffnungszeichen
im Gewölk – zum farbenreichen
Bogen, der doch immer schwand ...
(Immer schwand der Regenbogen!)


Wo sind sie, die toten Wellen?
Wo die Stunden, die verflogen?
Einen Kranz von Immortellen
liessen sie mir in der Hand.
Andre kommen wohl und weichen,
doch der Becher, den sie reichen,
ist nicht mehr gefüllt zum Rand; –
immer hat ihr Gruss getrogen ...


Blätter gilben, Schriften bleichen.
Schlummernd in verblassten Zeichen
leben hier, die Höllenbrand
blasser Liebe vorgezogen.




Die Hochzeit in Lestore




1.

Schrie's nicht? ... wie Glockenzungen, erzen?
Und saht ihr's fallen nicht, das Licht
vom Himmel, wie zwei grosse Kerzen?


Dringt Himmelslicht in Felsennester?
Jean d'Armignac, Duc de Nemours,
Comte de la Marche, liebt seine Schwester.


Er schleicht sich nächtens an ihr Lager –
»Sei mein, sonst suche ich den Tod!«
(O, liegt sie schön da! kindjung, hager ...)


Sie sieht ihn stehn im Kerzenscheine –
(Schutzengel, bist du fern?) Sie .spricht:
»Nur als dein Weib werd ich die Deine!«




2.

Feldschlangenmäuler brüllen erzen,
Steinkugeln speien sie und Licht,
die Mauern von Lestore zu schwärzen.


Des Königs Bruder weilt gefangen
im Schloss, weil er die Hand erbat
des Mädchens mit den blassen Wangen.


Das Heer des Königs stürmt die Mauern;
der Herzog lacht –: die Burg ist stark;
er fürchtet nur der Schwester Trauern.


Sie siecht; auch ihn hat Schlaf gemieden
seit jener Angstnacht ... Frei gibt er
des Königs Bruder und schliesst Frieden.




3.

Schrie's nicht? ... wie Glockenzungen, erzen?
Und saht ihr's fallen nicht, das Licht
vom Himmel, wie zwei grosse Kerzen?


Ambroise, der wegen schlechter Sitten
verfolgt ward in Cambray, ist jetzt
die rechte Hand Calixt des Dritten.


Ambroise hat – in des Herzogs Solde –
erwirkt, was nie vom heiligen Stuhl
sich kaufen liess mit Sündergolde:


der Papst, von ihm getäuscht, gewährte
dem Herzog, dass er zum Altar
die Schwester führe, die er entehrte.




4.

Schrie's nicht? ... Doch nein, – Gelach und Scherzen
tönt aus dem Felsenschloss Lestore,
aus hundert Fenstern flimmern Kerzen.


Die Sündenhochzeit wird gefeiert;
die Braut sitzt da, die Lippen blau,
die Augen wie vom Tod verschleiert.


Sie murmelt: »Gott, sei Du mein Rächer!«
»Gott, Schwester? Weisst du's nicht? Gott schenkt
mir deinen Leib! ...« (Er fasst den Becher.)


»Ward je ein Glück wie meins erschaut?«
Er ruft es gell, den Becher schwingend.
Da tönt ein Schrei ... Schrie so die Braut?




5.

So brüllen Glockenzungen erzen!
Vom Himmel nieder fiel ein Licht –
des Schlosses Türme werden Kerzen.


Das Königsheer (das vor den Wällen
noch lagerte) dringt in die Burg –
und tolle Hunde hört man bellen.


Jean d'Armignac und seine Gäste
stehn winselnd in der Fenster Glut,
zum Himmel lodernd mit der Feste.


Ihr Fleisch schmilzt wie das Wachs der Lichter. –
Da kniet und betet vor dem Schloss
ein junges Weib: »Gott, Du bist Richter!«


(1913)




Das Haar des Mondes

Blaues Licht tropft auf die schwarzen Locken
eines Mädchens, das mit scheuem Stocken
vor der Himmelsschwelle niederkniet,
überwältigt vom Gedröhn der Glocken
und der Sterneengel Jubellied.


Und die Schwelle spricht zur armen Blassen:
Niemals werd ich dich vorüberlassen,
denn dein Leib, so engelrein und weiss,
war Kotyto's Tempel. In den Gassen
gabst du deine Mädchenbrüste preis.


Deiner Augen kindlich holdes Winken
trieb die Männer an vom Gift zu trinken,
das dein Mund, nach Küssen lechzend, bot;
deine Augen maltest du mit Schminken
und dein Lippenpaar mit Schneckenrot.


Geil wie die Semiramis der Fabel,
Hurenblume, wuchsest du in Babel,
lagst auf einem Bett von Elfenbein,
perlgeschmückt, entblösst bis auf den Nabel,
triefend von Arabiens Spezerein.


Deine Locken unter den Smaragden
wurden Vipern, die das Herz zernagten,
wenn die Männer aller Schande bar
deiner Küsse Glut zu trinken wagten, –:
Höllengeister wohnten in dem Haar.


Aus der Wölbung deiner steifen Brüste
tropfte tödlich Drachenmilch, die Lüste
stachelte zu Liebesraserei.
Und ein Jüngling, der die Brust dir küsste,
biss hinein und starb mit einem Schrei.


Aber lachend schrittst du über Tote,
deine Seele eine Flamme lohte
glühblau wie dein Diadem-Saphir.
Und die Sinnenlust, die scharlachrote,
sättigte nicht deiner Lippen Gier.


Puppen, welche schönen Männern glichen,
formtest du aus Wachs, – mit Pinselstrichen
maltest du sie bleich und küssewund,
und ihr Herz, durchbohrt von Messerstichen,
warfst du in des Feuerengels Mund.


Du zermartertest dein Hirn nach Wonnen
teuflisch, wie sie nie ein Mensch ersonnen,
Unzucht namenlos und grauenhaft.
Solcher Sünden wegen sind sechs Sonnen
tot und sieben Sterne in der Haft.


An des Himmels Grenze hat die sieben
sandigen Sterne Gott mit Hammerhieben
festgenagelt, – doch dir Sündenkind
ward zum Lohn für dein verruchtes Lieben
Saba's Gold und Seidengarn aus Sind.


Noch besudelt vom Genuss des Raubes,
schleichst du ins Bereich des Weltbaumlaubes
zu Lichtkönigs Stuhl am Sternepol?
Du gehörst der Königin des Staubes!
Bade deine Sünden im Scheol


Als die Marmorschwelle so gesprochen,
war der Mädchenseele Herz gebrochen
leise klirrend wie zersprungnes Glas.
Auf den Knien kam sie hingekrochen
zu der Schwelle, nackt und tränennass.


Und sie schluchzt: Ich war die weisse Schlange,
schminkte meine bleichgeküsste Wange,
trug opalbereift die rosige Zeh,
und mein Stirnhaar unter goldner Spange
troff von Myrrhenöl und Aloe.


Doch obgleich ich Sünderin im Leben
meine weissen Hüften preisgegeben
im Quedeschendienst der Aschtaroth,
hat der gute Vater Mond soeben
mich geläutert von dem Sündentod.


Aus dem Leibe der gestorbnen Dirne
kroch ich, und zum Himmel der Gestirne
auf der Leiter stieg ich armer Geist.
Heulend Dunkel schlug an meine Stirne,
wo die Urnacht in Geburtswehn kreisst.


Als ich dann die Welt des Lichts erklommen,
hat der Mond mich auf den Schoss genommen,
und sein langes silbern Haargelock,
dessen Strähnen bis zur Erde kommen,
hüllte er um mich wie einen Rock.


Zum Geschenk gab ich ihm meine Tränen.
Und er rieb mit seinen Silbersträhnen
alle Flecken meines Leibes ab,
auch die Männerküsse all, mit denen
ich bedeckt war, als ich stieg ins Grab.


Und die Schwelle spricht: Tritt ein und künde
Gottes Preis, dass Er dein Herz entzünde, –
Freude sättigt Menschenherzen nicht
Durst nach Seligkeit war deine Sünde
Lösche deinen Durst im ewigen Licht


(1897)




Die Wasserjungfrau

War es der Wildschwan, der mich rief?
Mein Leid erwacht, so bang und weh,
mein Leid, das tot beim Mädchen schlief
versenkt im tiefen See.


Viel Wahn und Schnee zerschmolz, seit sie,
die mich geküsst, erstochen ward, –
fern war mein Leid und blutlos, wie
ein Leichnam aufgebahrt.


Hochsommer lohte; – Nacht für Nacht
ward von uns jungem Volk, beim Glanz
der Kerzen, im Gehöft durchwacht
mit Spiel, Gelach und Tanz.


Bis alle Lichter loschen, bis
gefeiert ward des Festes Schluss
mit Haschspiel in der Finsternis
und sündenvollem Kuss.


Stets lachte weinend wunderbar
das Mädchen, das mich nachts umfing.
Da wollt ich wissen, wer sie war,
die sich mit mir verging.


Ich folgte ihr, als Dämmer glomm;
sie schlich zum See, sie stieg hinein,
stand zögernd, nackt, durchleuchtet vom
goldgelben Morgenschein.


Fremd, nicht aus unserm Dorf war sie,
durchscheinend war sie, licht wie Eis;
solch rührend Antlitz sah ich nie,
nie einen Mund so weiss.


Bang riss ich sie vom Ufer fort,
doch sie entwand sich meinem Arm,
schwand bis zur Brust im See, und dort
sprach sie zu mir voll Harm:


»Ach, Lieb Dass du mir das getan!
Weil du mir folgtest, sterb ich jetzt!
Denn meine Nixenschwestern sahn
das Recht des Sees verletzt.


Nicht reut mich's: lechzend trank mein Mund!
mich schreckte nie des Glückes List, –
die Schlange auf des Bechers Grund, –
da Lieben Sterben ist!«


Ein Purpurstrahl, als sie versank,
quoll an des Weihers Binsenbord.
Da wusst ich: auf der Perlenbank
schlief sie, vom Dolch durchbohrt.


(1920)




Wundmale

Ich lag im Fieber auf dem Krankenbette.
Mein hämmernd Hirn durchtobten Phantasien,
von tollen Bildern eine lange Kette.


Den einen Traum vergess ich nicht. Mir schien,
es stünd ein fremdes Wesen mir zu Häupten, –
das war der Tod. Und ich erkannte ihn.


Verwittert, morsch der Schädel; die bestäubten
Brustrippen rasselten so nah, dass Schweiss
mir auf die Stirn trat, sich die Haare sträubten.


»Komm, folge mir!« vernahm ich sein Geheiss.
Wohl wusste ich – denn Knochenfinger krallten
sich um den Hals mir schon – mein Ende sei's!


Und meine Glieder fühlte ich erkalten.
Da seh ich, wie ich qualvoll um mich schau,
ein zweites Wesen bei mir Wache halten.


Ein Mädchen ist's von zartem Gliederbau.
Ihr holdes Haupt schmückt eine Schwesternhaube
auf glattem Haar. Ihr Kleid ist schlicht und grau.


So liebreich sieht sie auf mich, dass ich glaube,
mein Schutzgeist sei's, der Sorge um mich trägt
und kommt zu hindern, dass der Tod mich raube.


Sie legt mir auf mein Herz, das kaum noch schlägt,
die Hand. Da lockern sich die Knochenfinger ...
Und sie erkenn ich, sie, die mich gepflegt!


»Ich bin's« ruft's hinter mir, »der Sensenschwinger,
der Tod, dem auf der Welt nichts trotzen kann!
Und du willst trotzen? Mir, dem Weltbezwinger?«


»Ich trotze dir« spricht sie, »denn dieser Mann
ist mein. Ich habe ihn für mich gerettet,
als ich ihn dir mit Schmerzen abgewann!«


»Mit Schmerzen?« höhnt der Tod, »seit wann denn hättet
ihr Engel Schmerz? Mit deinem Angesicht
hast du sein zündbar Herz dir angekettet!«


Doch fest erwidert sie: »Das tat ich nicht!
Und liebt er mich, – nicht meine Schuld eracht ich's.
Mein Leben steht in andrer Ketten Pflicht.


Und dass du's weisst: Zu meinem Ziele macht ich's,
der Menschheit Weh zu steuern. Erdenleid
geh ich zu suchen, und zu lindern tracht ich's.


Verlassen hab ich alles, was ich seit
Kind auf geliebt, das Elternhaus, die Meinen,
der Jugend Freuden und Geselligkeit.


Verlassen, was mich mahnte an den Einen!
Dem ich trotz seiner Falschheit danken muss,
denn erst durch ihn hab ich gelernt zu weinen.


Verlassen hab ich Lebensüberfluss,
um Arbeit und Entsagung mir zu wählen
und zu vergessen eines Falschen Kuss.


Seit ich an mir erfuhr, wie Wunden quälen,
hab ich Verständnis für der andern Weh!
Mir ward kein Trost, – drum tröst ich andre Seelen!


Du weisst, mit Heil begabt ist meine Näh!
Der Himmel hört auf jede meiner Bitten.
Hier bist du machtlos, Tod Ich sag dir: Geh!


Denn er ist mein Ich hab ihn mir erstritten,
als ich das Kreuz der Menschheit nahm auf mich
und das Martyrium für ihn gelitten.


Blick her« rief sie. Sie hob den Arm, – da wich
der Tod von hinnen. Und auf ihre Hände
sah ich jetzt staunend: Blut gewahrte ich!


Ein Loch durchbohrte des Handtellers Wände,
drin je ein Eisennagel stak, – so tief,
dass man auf beiden Seiten sah ein Ende.


Und wie das Blut so rot herniederlief, –
ihr Blut, das für mein Leben sie vergossen, –
Bäumte ich mich wildstöhnend auf und rief:


»O hätte ich mein Leben doch beschlossen!
Zu teuer wurde ich erkauft damit,
dass junge Jahre freudenlos verflossen!


O könnt ich Rosen streun auf Schritt und Tritt
dir, die zum Opfer mir ihr Herzblut brachte
und die für mich den Tod des Kreuzes litt!«


Dann weinte ich so laut, dass ich erwachte.


(1890)




Ballade von Daphnis und Chloe

1.

Chloe

›Bück dich nicht so am Uferrand – gib acht!‹

Daphnis

»Sind's Wasserrosen, die im Teich sich wiegen?«

Chloe

›Dein Spiegelbild ist's, das im Wasser lacht!‹

Daphnis

»Wie froh die Wellen deinen Leib umschmiegen!«

Chloe

›Warum bist du zu mir ins Bad gestiegen?‹

Daphnis

»Weil eine, weisse Blume mir gefällt.«

Chloe

›Lass, Daphnis, lass Die Schafe sehn's und Ziegen!‹

Daphnis

»Blind, Chloe, macht die Liebe alle Welt.«

2.

Chloe

›Ich schlief so fest – wie bin ich nur erwacht?‹

Daphnis

»Der Schwalbe Flügel streifte dich beim Fliegen.«

Chloe

›Nein – einer küsste meine Stirne sacht.‹

Daphnis

»Ich sah ein Knie sich weiss im Grase biegen ...«

Chloe

›Fort, kleiner Satyr, lass mein Röckchen liegen!‹

Daphnis

»Die Sonne lacht, wenn Hemd und Röckchen fällt!«

Chloe

›O welch ein Ruhm, ein Mädchen zu besiegen!‹

Daphnis

»Blind, Chloe, macht die Liebe alle Welt!«

3.

Chloe

›Blick mich nicht an, – ich wollt, es wäre Nacht!‹

Daphnis

»Der Wald verrät's nicht – Bäume sind verschwiegen.«

Chloe

›Unglücklich, Daphnis, hast du mich gemacht!‹

Daphnis

»Nun wirst du, Chloe, bald ein Kindchen wiegen!«

Chloe

›Schau, wie in Fetzen meine Kleider liegen!‹

Daphnis

»Ein reiches Brautkleid ist für dich bestellt"«

Chloe

›Bleib hier – sonst wird mein Weinen nie versiegen!‹

Daphnis

»Blind, Chloe, macht die Liebe alle Welt!«

4.

Kurzlebig, Freunde, sind wie Eintagsfliegen
Glückstunden, die ein Strahl des Himmels hellt!
Lasst, eh erlischt, sich Wang an Wange schmiegen – die blinde Liebe ist das Licht der Welt.


(1912)




Crothild

Blitz auf Blitz, ein Donnern sinnverwirrend,
eine Nacht, als war's der Jüngste Tag.
An des Königsschlosses Scheiben klirrend
prasselt Sturmwind, Regen, Hagelschlag.
Vor dem Kruzifix
tränenfeuchten Blicks
kniet Crothild, die heut nicht schlafen mag.


Silbern schimmert ihre Greisenlocke,
wenn am Fenster blau die Blitze lohn.
Still Vom Turm schlug eben zwölf die Glocke,
und die Greisin lauscht: kam nicht ihr Sohn?
Horch Die Eule krächzt
und der Windhahn ächzt –
in der Wand hört sie des Heimchens Ton.


Warum kehrt er nicht zurück Er weiss ja,
wie um ihn der Mutter Herz sich sorgt.
Stiess ein Leid ihm zu? Auf ihr Geheiss ja
zog er fort ... Was regte sich? Sie horcht.
Nein, es war der Wind ...
Von drei Söhnen sind
zwei entzweit, nur er hat ihr gehorcht.


Sie zu rächen, zog er in die Schlachten;
hätte sie's nicht fordern sollen? ... Ach,
ihre andern beiden Söhne lachten,
als sie bat zu rächen alte Schmach.
Keiner half, nur er!
Wenn er stürbe ...! Wer
schützt sie, wenn man ihn im Kampf erstach?


Wie der Donner an den Scheiben rüttelt!
Stiess ein Kauz ans Fenster an im Flug?
Bleich schaut sich Crothild um, frostdurchschüttelt,
und sie hüllt um ihren Kopf ein Tuch.
Wenn sie schlafen könnt!
Ach, wär's ihr vergönnt,
ganz zu schlafen Litt sie doch genug


Vor der Tür – des Teppichvorhangs Fallen
blähn sich ... Hat der Wind sie aufgebauscht?
Ist's ihr doch, als ob dort Schritte hallten ...
Wie aufs Dach der Regen niederrauscht!
Nochmals regte sich's
nebenan – dann schlich's
geisterhaft am Vorhang hin ... Sie lauscht.


Sie vernimmt nur ihres Herzens Pochen.
Furcht durchrieselt nasskalt ihre Haut
Wenn er's wäre, der ihr Herz gebrochen –?!
Ist das eine Hand, was sie dort schaut?
In den Teppich gräbt
sich die Hand und hebt
fort den Vorhang. Und Crothild schreit laut.


Leichenblass, tief Atem holend blickt sie
in die Tür; denn vor sich sieht sie ... Wen?
Nicht ihr Liebling ist's! Und doch erschrickt sie,
dass zwei ihrer Söhne vor ihr stehn.
Childrich und Chlotar
ausgesöhnt! Was war
Unerhörtes über Nacht geschehn?


»Meine Söhne, ihr? Zu dieser Stunde?«
ruft Crothild, »Ihr auf Besuch? Weshalb ...?
Keine Antwort tönt aus beider Munde,
beide schaun verlegen, lächeln halb.
Durch des Vorhangs Schlitz
leuchtet grell ein Blitz,
und sie sieht ... Die Brust schnürt ihr ein Alp ...


»Ich beschwör euch, redet Euer Schweigen,
ich ertrag's nicht! Sagt es gradheraus,
was geschah Ich werde stark mich zeigen –
bin ich doch gewöhnt an Blut und Graus.
Ja, mein Herz ward Stein
durch die Seelenpein,
die ich litt im Merovingerhaus.


Dies Geschlecht verblutet, seit ein Ahne
uns geflucht. Auch ihr wart stets entzweit.
Furchtbar muss das eine sein, ich ahne,
da ihr drob vergessen euren Streit!
Nun so redet doch!
Was verschweigt ihr noch,
was ein jeder Stein der Mauer schreit!


Glaubt ihr denn, dass ich's nicht wüsste? Schwärzlich
auf der Schwelle hinterm Vorhang steht's!
Lasst mich dran Ich will ihn ja nur herzlich
auf die Lippen küssen – bleich für stets!
Schläft er tief? Wer weiss!
Beten will ich heiss,
er erwacht vielleicht kraft des Gebets!


Ihr versperrt mir ja den Weg! Was steht ihr
und gehorcht nicht? Eure Mutter spricht's!
O so lasst mich doch zu ihm! Denn, seht ihr,
nur ihn küssen will ich ... Fürchtet nichts!
Weiss ich doch zu gut,
wer im Sarg dort ruht –
totenschön, schneeweissen Angesichts!«


Sie zerteilt den Vorhang. Eine Bahre
schaut sie und darin den Liebling – ihn!
Und sie wirft sich, aufgelöst die Haare,
zu ihm nieder, wälzt sich auf den Knien.
Also das zu sehn
trug sie Mutterwehn?!
Lohnt's ein Kind zu lieben, grosszuziehn?


»Mutter,« fängt Chlotar jetzt an zu sprechen,
»spart für später Eure Klagen auf
Ihr ruft ihn nicht wach mit Tränenbächen,
ändern könnt Ihr nichts am Schicksalslauf!
Handeln müssen wir:
wo im Schlosse hier
halten sich des Toten Knaben auf?«


»Meine Enkel?!« – Wie wenn eine Schlange
sie gestochen, schnellt Crothild empor.
Auf Chlotar und Childrich starrt sie lange
und sie fühlt, wie ihr das Herz gefror.
Trotz des Dunkels trifft
sie der Blicke Gift –
Kinderspiel war, was sie litt zuvor.


»Meine Enkel? Nun, was ist mit denen?
Warum fragt ihr so danach? Erklärt!
Weckt ihr sie, so schlafen sie vor Tränen
nicht mehr ein. Drum lasst sie unversehrt.
Mit des Vaters Tod
hat es keine Not,
dass ein Kind zu spät davon erfährt!«


»Mutter, meint Ihr denn, ich wollt sie wecken?«
ruft Chlotar darauf mit kühlem Hohn.
»Hört mich an – doch dürft Ihr nicht erschrecken –
seht, es handelt sich um unsern Thron
Des Verstorbenen Reich
nahmen wir sogleich
in Besitz – vor seinem Hingang schon.


Aber um uns den Besitz zu wahren,
muss die junge Brut beseitigt sein;
sei's im Kloster mit verschnittnen Haaren
oder – wenn Ihr wollt – im Totenschrein.
Da – das Schwert! Seht Ihr?
Und die Schere hier
Nun entscheidet! Wählt eins von den zwein!«


Knatternd schlägt ein Blitz ein dicht beim Schlosse,
das Gemach durchflammend bläulich-fahl.
Und sie sieht: blank hält ihr Leibessprosse
Schwert und Schere vor sie hin zur Wahl.
Tageshell erblinkt's,
dann in Nacht versinkt's –
und brandschwarz ist wie zuvor der Saal.


»Satan!« spricht sie heiser, »meine Brüste
gaben Muttermilch dir einst zum Trank.
O, statt gleich dich zu erwürgen, küsste
ich den Todfeind Und ist das dein Dank?
Meine Milch trankst du, –
nimm den Fluch dazu:
Sei wie Pest! Dein Atem mache krank!


Bist mein Kind nicht – bist ein Tier geworden!
Trägst ja schon das Kainsmal auf der Stirn!
Und du Greul meinst, Kinder zu ermorden
sei dir unverwehrt? Du sollst dich irrn!
Nicht ein Haar vom Haupt
wird den zwei geraubt –
oder spalte mir zuerst das Hirn!


O du Schickung Gottes, Röte treibt mir
das ins Antlitz, dass ich dich gebar!
Fahren lass ich dich Ein Sohn noch bleibt mir,
der nie seiner Mutter Schande war!
Childrich, du – komm her!
Du bist nicht wie er!
Du stehst deiner Mutter bei! – nicht wahr?«


Aber Childrich rührt sich nicht vom Flecke.
»Beste Mutter, Ihr seid zu erregt!«
sagt er höflich-kalt. »Zu welchem Zwecke
flucht Ihr? Meint Ihr, dass uns das bewegt?
Besser wär's, Ihr kämt
zum Entschluss! Da nehmt!
Schere oder Schwert? Rasch – überlegt!«


»Childrich, du auch? Du! Ich bin am Ende!
Das ist Wehnnut! ... Gott, ich werde toll! ...
Ha ich wollte, mein Gedächtnis schwände,
denn einst liebte ich dich freudevoll!
Bitterleid ist dies!«
Jedes Stäubchen blies
ich vom Kleid dir, wenn dein Nachtschrei scholl.


O mir schwindelt Geh mir aus den Augen!
Geh zur Hölle! Werde blind und lahm!
Zehn Vampyre, dein Herzblut zu saugen,
send ich mit zehn Fingern dir zum Gram!
Und ich Närrin, ich
erniedrigte mich,
euch zu bitten Ich vergeh vor Scham!


Eure Gnade! Ist das nicht zum lachen?
Herrin bin ich noch an meinem Herd!
Gleich zur Stelle sind des Schlosses Wachen, –
und ihr beide seid des Todes wert!
»Mutter,« sagt Chlotar,
»meine Kriegerschar
ist im Schloss! Was wählt Ihr? Schere? Schwert?«


Und Crothild lässt schlaff die Arme sinken;
tief im Hals hat sie ein Schmerzgefühl;
ihre Zunge klebt; sie möchte trinken;
feucht wird ihr die Stirn; es drücken schwül
die vier Wände rings;
zur Altantür links
wankt sie; draussen ist es regenkühl.


Und sie steht auf dem Altan im Sturme,
kühlt im Nachtwind ihres Herzens Krampf.
Ohne Mitleid mit dem Menschenwurme
rast der Elemente Höllenkampf.
Wie das pfeift und stöhnt!
Am Altane dröhnt
Russes-Brandung, Gischt und Wasserdampf.


»Nun, was wählt Ihr?« ruft Chlotar von drinnen.
Jetzt tritt sie ins Zimmer, halbentblösst,
sturmzerfetzt; die nassen Kleider rinnen,
welke Locken flattern aufgelöst.
»Schwert!« ... haucht sie. »Schnell – tut's!
Jeder Tropfen Bluts
ruft den Rächer, der euch überböst!


Doch ihr Goldhaar lass ich nicht beschneiden!
Kurzes Haar tragt nur ein Froneknecht, –
und sie sind des Landes Herrn, die beiden!
Besser Tod als Schande dem Geschlecht!
Besser goldgekämmt
und im Totenhemd
als verknechtet ohne Fug und Recht!«


(1892)




Jehanne du Bois

Sie starb – so stirbt ein Schmetterling,
so fröstelnd matt und flügellahm.
Ihr staunt, dass ich sie wiedernahm,
nachdem sie heimlich von mir ging? ...
(In einem Wirtshaus sprach er dies
zu trunknen Gästen, während er
noch nüchtern schien; er war Notaire
im Chatelet der Stadt Paris.)


Ihr habt sie nicht gekannt. Doch ich
kannte ihr Herz und ich verzieh.
Ihr Leib war sündig, – aber sie
blieb rein, so stolz, so adelig.
Denn seht, sie war ein Bastardkind
und ihre Mutter Herzogin.
Unbändig ist ein Herz, wenn in
den Adern Blut der Grossen rinnt.


Sie sprach zu mir: Ich geh hinaus,
vors Tor hinaus, aufs Blumenfeld
und pflücke mir, was mir gefällt,
denn welk ward über Nacht mein Strauss.
Sie ging und kam nicht mehr zurück,
ein Jahr lang blieb mein Haus verwaist.
Von Burg zu Burg ist sie gereist,
Feldblumen pflückte sie und Glück.


In Wäldern trieb sie sich umher,
von Dorngestrüpp das Kleid zerfetzt,
die wirren Locken taubenetzt,
(Gold war ihr Haar, wie Feingold schwer)
Sie ass nur Kräuter und sie trank
aus Quellen, schöpfend mit der Hand.
Durch ihr zerschlissenes Gewand
weisste ihr Körper silberblank.


So kehrte sie nach Jahr und Tag
vom Tod gezeichnet in mein Haus.
Wie eine Kerze losch sie aus,
als sie daheim auf Linnen lag.
Mit Fingern fieberfeucht und schmal
hielt sie die meinen und sie sprach:
Der weissen Hindin schlich ich nach,
doch sie entlief mir jedesmal.


Ich ward, ich arme Wandrerin,
so wegemüd, so grambeschwert,
das edle Wild, das ich begehrt,
verhöhnte mich und floh dahin.
Das Glück, die weisse Hindin, lief
stets vor mir her, so greifbar nah,
doch weilte nie, wenn ich's ersah,
und immer schwand es, wenn ich's rief.


(1912)




Nut und Osiris

Bei Byblos wächst ein Erika-Baum,
der Äste streckt bis in Meeresschaum.
Im Schatten seines Türkislaubes wühlt
die Brandung, die ihm die Wurzeln kühlt;
Osiris' Sarg ward dort angespült.


Drei Tage ruhte der Holzsarg da,
dem Stamm des Erika-Baumes nah.
Doch als Frühdämmer dreimal gegraut
und Gras und Lilien glitzernd betaut,
kam aus dem Sarg bang ein Klagelaut.


Bang wie von Menschenlippen erscholl
die Schmerzglut, die aus dem Schreine quoll:
»In meinem Herzen ist Nacht und Brand,
o Mutter Nut, deine heilige Hand
reich mir, hüll mich in dein Blattgewand!«


Und mit der Lade Gedanken tauscht
der Baum, indem sein Türkislaub rauscht:
»Sohn, nimm im Mutterleib Aufenthalt,
bis dein Seelenleib wächst in Lotosgestalt
und Isis dich löst aus Set's Gewalt!«


Da flammen Blitze am Baum empor,
die Rinde spaltet sich. Und hervor
tritt sternbesät in grünflammender Glut
mit Schwingen unter der Lockenflut
die kuhhorn-bediademte Nut.


Sie kniet beim Holzsarg hin voll Harm,
küsst ihn und hebt ihn auf den Arm
und trägt den Sarg in den Baum hinein.
Drauf schliesst die Rinde sich über den zwein,
der Mutter und dem Totenschrein.


(1897)




Ballade von Abälard und Heloise

Verhüte Gott, dass Euch mein Brief verletze;
wohl ahne ich, Messire, was Euch vertrieb,
denn unsre Worte waren Schicksalsnetze ...
Nun trifft es meine Seele wie ein Hieb
Würd ich Euch nicht berauben wie ein Dieb,
Euch binden, Freund, wenn ich Euch Gunst erwiese?
Vergesst mich, rettet Eure Freiheit – schrieb
an Abälard, den Lehrer, Heloise.


Nicht Gattin, – stolz nenn ich mich deine Metze!
Ach, dass mir Süssres nicht zu schenken blieb!
Mehr schenktest du mir als Arabiens Schätze! ...
Vergebe Gott mir, was ich tat! Vergib
auch du, dass mir dein roter Mund so lieb!
Mehr Seligkeit ist nicht im Paradiese,
als wenn ich deine Küsse trinke! – schrieb
an Abälard, den Buhlen, Heloise.


Du wirfst mir Kaltheit vor, die dich verletze;
ich schloss der Minne Buch, mein armes Lieb,
ob heisser Regen auch mein Auge netze.
Vergiss, was war, – von Satan kam der Trieb, –
vergiss des Maien Blütezeit! Ergib
dich ins Geschick: Gott prüft uns hart durch diese
Bekümmernis, drum segne sie! – so schrieb
Mönch Abälard der Nonne Heloise.


Askese – (höhnt die Welt) – ist allen lieb,
die abgesperrt sind von des Himmels Wiese.
Manch einer liess sein Glück in Teufels Sieb
wie Abälard sein Liebchen Heloise.


(1911)




Demi-vierge

Tief in des Sessels Maroquin
den Kopf gedrückt, lauscht er versunken.
Sie spielt den Cis-Moll-Walzer von Chopin.
Durchsichtig milchweiss ist ihr Teint,
ihr Mund von Küssen bleichgetrunken.


Doch plötzlich bricht sie ab im Spiel;
und Droschkenrasseln, Tramwayklingeln
dringt durch die Plüsch-Portieren ein. Es fiel
das Dämmerlicht auf ihr Profil,
um das sich goldne Locken ringeln.


Sie schweigen lang. Das erste Wort
spricht er (ihm zittern matt die Lippen):
»Wir wollen Abschied nehmen! Lass mich fort!
Es ist ja deiner Seele Mord,
wenn wir so an der Sünde nippen!


Das ist kein Glück, das ist die Pein
für dich und mich! Wir kreuzigen kläglich
uns selbst, indem wir unser Fleisch kastein.
Wir blieben standhaft zwar, – allein
wir sterben in der Folter täglich.


Wir hatten nicht den Heldenmut,
der Sünde ins Gesicht zu blicken.
Und da in unsern Adern siedend Blut,
versuchten wir, die Höllenglut
in keuschen Küssen zu ersticken.


In Küssen voll geheimem Hass,
mit Lippen, die von TrÄnen rinnen –
verderbter als ein Sündenkuss war das!
Die Glut losch nicht im Tränennass,
die Flammen schlugen nur nach innen.


Die Sünde rächt sich, wenn mit ihr
gespielt wird, wie wir's tun, wir beiden:
sie wird zum Vampyr! Ich durchbleiche dir
den Mund mit meiner Lippen Gier.
Dein Fluch bin ich. Drum lass uns scheiden.«


Er schweigt. Sie starrt ihn trostlos an,
und, statt der Antwort, schweigend knüpft sie
das Kleid auf an der Brust so schnell sie kann,
auch das Korsett löst sie, und dann
das Hemd an ihren Brüsten lüpft sie.


Und zeigt die Brüste ihm. Und laut,
als ob ihn Wahnsinn packe, schreit er.
Zerfressen sind die Brüste, die er schaut,
zerfetzt von Krebs die weisse Haut,
das Spitzenhemd durchsickert Eiter.


»Begreifst du's nun, mein armes Lieb,«
spricht sie, »was ich gelitten habe?
Warum dein Werben unerwidert blieb?
Geh und vergiss mich und vergib, –
ich liege ja so bald im Grabe!«


(1897)




Des Kalmückenmädchens Höllenfahrt

Verwaist war sie, eines Taglöhners Tochter.
Ihr Liebreiz, den Drangsal nicht verdarb,
war – wie aus Sumpfboden weisse Narzissen –
aus Elend erblüht, als der Khan sie umwarb.
Doch der Khan erkrankte und schied aus dem Leben;
und das Mädchen erfuhr nicht, dass er starb.


Spät pochte einer an ihrer Hütte
(Nacht war es und schwül, und der Vollmond schien).
Mit verklärtem Antlitz lief sie zur Türe,
der Geliebte stand dort – sie erkannte ihn!
Sein Gewand war ihr fremd, doch nicht fremd sein Auge –
bald hätte sie laut vor Freude geschrien.


Er flüsterte: »Komm heraus, Geliebte!«
Und als sie zu ihm vor die Hütte trat,
sprach er: »Komm mit mir!« – Sie folgte der Lockung,
bis sie schweigend dem Königspalast genaht.
Aus dem Tor drang ein Dröhnen von Becken und Pauken,
und schwermütig scholl der Gebetmühlen Rad.


»Was bedeutet das?« rief sie. – »Mein Totenopfer
begehn sie. Hörst du des Klaggesangs Ton?«
»Dein Totenopfer? ... Der Khan – was geschah ihm?«
»Du weisst nicht? Er starb – vor drei Stunden schon!
Du aber bist schwanger vom Toten, Geliebte,
und wirst bald entbunden von einem Sohn.


Du sollst im Königspalaste gebären!
Meiner Mutter und dir unfreundlich gesinnt
ist mein Weib, – doch sie wird bald das Land verlassen.
Dann erzieh du mit meiner Mutter mein Kind
und leite das Reich, bis mein Kind heranwuchs.«
So raunte der Khan und entschwand im Wind.


Da fiel das Mädchen ohnmächtig nieder,
und als sie erwachte, schrie sie: »Khan, Khan! ...«
Die Zeit verstrich; zu der Khanin-Mutter
schlich das Mädchen; – sie fühlte Geburtswehn nahn.
Sie genas eines Knäbleins. Und was der Tote
beim Abschied geheischt, ward alles getan.


Seither kam der Khan, wenn voll der Mond war,
und blieb stets die Nacht in des Mädchens Gemach.
Und einst, als er kam, rief sie: »Bitter ist Scheiden!«
und brach in Tränen aus, als sie dies sprach.
»Uns könnte ein Wagnis für immer vereinen,«
sprach er, »doch dazu ist ein Weib zu schwach!«


Sie aber wirft sich vor ihm nieder,
umschlingt ihn und fleht: »Ein Weib ist stark,
wenn es liebt wie ich! Kann ich mit dir vereint sein,
gern opfere ich meiner Knochen Mark!«
Da belehrt er sie, wie sie handeln müsse,
um emporzuziehen, was die Totenwelt barg.


Sie prägt sich ein all seine Worte.
In die Südgegend schreitet sie und erschaut
ein schwarzes Haus, das mit Blut getüncht ist;
da weht eine Fahne aus Menschenhaut.
Gepanzerten reicht sie Hefekuchen,
Brot Höllendienern – so sehr ihr auch graut.


Dort hängen Herzen, auf seidenen Schnüren
aneinandergereiht wie Perlen dicht.
»Nimm mich Nimm mich!« – so rufen die Herzen,
und nur ein Herz ruft: »Nimm mich nicht!«
Dies Herz ergreift sie und flieht von dannen,
zurück zu den Menschen, zum Erdenlicht.


Doch sobald sie das Höllentor durchschritten,
hört sie hinter sich einen wütenden Schrei.
Ein Gespenst auf einem Gespensterpferd folgt ihr,
schon saust es näher und näher herbei.
Dort am Tor äst ein Hirsch; und auf seinen Rücken
schwingt das Mädchen sich, klammert sich an sein Geweih.


Und sie flieht auf dem Hirsch über Hügel und Triften,
über Bäche, silbernd im Mondenschein.
Wie ein Greif fliegt der Hirsch, kaum berührt er die Erde,
und der höllische Reiter folgt hart hinterdrein.
»Gib mir das Herz!« heult er immerfort schaurig,
und das tapfere Mädchen schreit immerfort: »Nein!«


Doch der Hirsch ermüdet – im Nacken schon spürt sie
den Gespensterhauch kalt wie Eiswinds Gesaus.
»Gib mir das Herz!« ... »Nein!« ruft sie dennoch.
Da spricht das Herz: »Reiss ein Auge dir aus
und wirf es ihm hin als Sühneopfer –
dann sind du und ich befreit von dem Graus!«


Über Felsen und Abgründe rasen die Hufe.
Umsonst – jetzt fühlt sie am Haar sich erfasst,
und sie reisst mit den Fingern sich aus ein Auge
und wirft es hin dem Höllengast.
Da entschwindet der Spuk. Und der Hirsch und das Mädchen
erreichen keuchend des Khans Palast.


Im Palast ertönen Becken und Pauken;
die Luft schwirrt und bebt von jauchzender Lust,
denn der Khan ist lebend dem Sarg entstiegen.
Doch er hat kein Herz in seiner Brust.
Sie tritt vor ihn hin. Er fragt: »Wer bist du?«
Und sie sagt erbleichend: »Einst hast du's gewusst!


Bei den Toten war ich, dein Herz dir zu bringen! ...«
»Nach dem Herzen habe ich kein Begehr!
Entstellt bist du, Maid, – du verlorst ein Auge?«
»Um dich, Khan, zu retten, gab ich es her!«
Er lächelt kalt: »Du bist hässlich geworden,
und ich liebe dich ohne das Auge nicht mehr!«


(1913)




Lotos

Es knospte empor aus Urnebelnacht, erglühte –
das Sternenall ward: die strahlende Lotosblüte.


Auch auf dem Altar im innersten Heiligtume
der Menschenbrust wuchs die Seele, die rote Blume.


Sie wuchs, bis ihr Kelch im All auseinanderklaffte:
die Sonnenwelt bist du, Seele, du knospenhafte.


(1920)




Königin Asa

Die Königin sass unter baumblut-Flocken,
o grausame Finger, schmal und klein!
ihr kämmten drei Mädchen die blauschwarzen Locken.
Wer bringt mir zurück die Seele mein?


Drei Königstöchter mit Kronen von Gold,
o grausame Finger, schmal und klein!
doch keine wie Königin Asa so hold.
Wer bringt mir zurück die Seele mein?


Ein Bote lief her vom Meeresriff:
o grausame Finger, schmal und klein!
»Dein Gemahl König Gudreyd liegt tot im Schiff!«
Wer bringt mir zurück die Seele mein?


Des ersten Mädchens Wimper ward nass,
o grausame Finger, schmal und klein!
die zweite sank bleich ins Blumengras.
Wer bringt mir zurück die Seele mein?


Ihr Haar zog die dritte übers Gesicht,
o grausame Finger, schmal und klein!
doch Schmerz zeigte Königin Asa nicht.
Wer bringt mir zurück die Seele mein?


»Und liegt mein Gemahl erschlagen im Boot,«
o grausame Finger, schmal und klein!
»so litt auch mein Vater den Flammentod!«
Wer bringt mir zurück die Seele mein?


»Und liegt mein Gemahl erschlagen im Boot,«
o grausame Finger, schmal und klein!
»sein Schwert war vom Blut meines Brüderchens rot!«
Wer bringt mir zurück die Seele mein?


»Sag, ob er im Schoss eines Mädchens wohl starb?«
o grausame Finger, schmal und klein!
»Ob ihn bei Schmausen der Met verdarb?«
Wer bringt mir zurück die Seele mein?


»Met trank er, den, Königin, du gebraut!«
o grausame Finger, schmal und klein!
»Nachts hörten wir schrein auf der Schiffsbrücke laut.«
Wer bringt mir zurück die Seele mein?


»Ihn traf eines Knaben tödlicher Streich,«
o grausame Finger, schmal und klein!
»wir andern, wir rächten den König sogleich!«
Wer bringt mir zurück die Seele mein?


Der Königin Mund ward weiss und sie sprach:
o grausame Finger, schmal und klein!
»Wer war der Knabe, der Gudreyd erstach?«
Wer bringt mir zurück die Seele mein?


»Wir erkannten ihn an der Goldflut des Haars,«
o grausame Finger, schmal und klein!
»eine Maid, deine Handmaid, o Königin, war's!«
Wer bringt mir zurück die Seele mein?


(1897)




Auf dem Bahnhof

Unrein das Licht und die Wände so kahl –
Stunden ziehn grau durch den Wartesaal.
Fleckig das Tischtuch; ums Tafelgeschirr
summendes Fliegengeschwirr.


Jahre fliehn Stunden gleich, unsichtbar; –
sichtbare Stunden sind lang wie ein Jahr.
Fee ist die Zeit, wenn sie schimmernd enteilt;
Hexe jedoch, wenn sie weilt.


Rund um des Kronleuchters Zinnfiligran
kreist eine Fliege auf eckiger Bahn,
endlos ... So fliegt ohne Müdigkeit
rastlos und sinnlos die Zeit.


Plötzlich verwandelt die Fliege sich, wächst,
gleitet herab, in ein Mädchen verhext,
setzt sich zu mir an den Gästetisch,
lächelt, spricht träumerisch:


»Warum ist dir meine zielvolle Hast
widerwärtig so sehr und verhasst?
Bliebe denn Glück, war mein Flügel lahm?
Schmerz nur bliebe und Gram!


Falten hab ich in dein Antlitz gekerbt;
licht ward dein Haar, das ich stahlgrau gefärbt.
Willst du, so schenk ich dir braunes Haar,
rufe zurück, was einst war.


Wenn du's verlangst, bring ich Stück für Stück
Jugend und Liebe und Leben zurück.
Aber ich warne dich: Trauer genug
trug ich hinweg auf dem Flug!«


»Bring mir mein Leben zurück,« bat ich wild,
»Jugend bring mir, die schäumt und quillt
Lass mich noch einmal am Blütensaum
träumen den Gaukeltraum!


Alterslohn – Ehren und Ruhm – nimm dahin,
wenn du die Sanduhr und ihr Gerinn
wenden kannst, dass in ihr einmal noch rinnt,
was ich gelitten als Kind;


was ich als Jüngling freundelos litt –
Einsamkeit, die wie ein Messer mich schnitt;
was ich erduldet als reifender Mann,
dem all sein Hoffen zerrann.


Lass mir's ein zweites Mal Läuterung sein –
doch auch die Stunde glückseliger Pein
bei einem Kinde, im Röckchen schneeblank,
fern, auf der Hügelbank ...«


Ernst sprach das Mädchen: »Wenn ich das tu, –
jammern wirst du Und nicht nur du!
Ruf ich das Einst, so erneuere ich
Leid, das erlöst ward durch mich.


Drangsal, Krieg, Mangel, Verlassenheit;
Wehgeschrei; Stummheit, die Gott fluchend schreit; –
wünschest du, dass der Myriaden Qual
hier sich erlebt noch einmal?


Leben ist Brand, der wie Scheitholz verkohlt, –
weh einer Welt, die sich selbst wiederholt
und nicht mitspinnt am Spinnennetz,
endend mein rastlos Gehetz!«
Gramverwirrt sass ich; auch sie schwieg und schwand,
kreiste als Fliege von Wand zu Wand
rings um des Kronleuchters Zinnfiligran
rastlos auf eckiger Bahn.




Frau Trude

»Grüss Gott, Frau Trude, was macht ihr?
Was schürt Ihr das Feuer und lacht Ihr?«


»Im Feuer brennt deines Vaters Scheit,
weil er mich geküsst hat vor langer Zeit.


Auch das deiner Mutter, denn sie nahm
mir den versprochnen Bräutigam.


Auch dein Holzscheit verbrennt im Nu,
denn deiner Eltern Freude bist du!«


»O nehmt das Scheit meines Vaters fort!«
Frau Trude lacht und tut es sofort.


»O nehmt auch das Scheit meiner Mutter heraus!«
Frau Trude lacht mehr und führt es aus.


»Ach, gute Frau Trude, rettet mich auch!«
Frau Trude hält sich vor Lachen den Bauch.


»Zwei liess ich am Leben, damit sie dich
beweinen sollen bitterlich!«


(1890)





Die Vampyrkatze

Von allen Frauen
in Japans Gauen,
die Wangen und Brauen
sich malen, war so
nie eine berückend,
die Männer entzückend
und jeden beglückend
wie Otojó.
Zehn Stunden im Bette,
zehn bei der Toilette,
mit Schminke, Palette
erstaunlich geschickt;
auf Ärmeln und Schösschen
und auf den Hös'chen
trug sie Rös'chen
in Seide gestickt.


Das holde Wunder
im bunten Plunder
entflammte wie Zunder
das Herz dem Schogun.
Und sang sie mit Scherzen
zur Laute in Terzen,
so sass er bei Kerzen
des Nachts, statt zu ruhn.
Ihr Flöten und Klimpern,
ihr Lispeln und Zimpern,
ihr Malen der Wimpern
verzauberte ihn.
So kam's zur allmählichen
Brautschaft: sie ehlichen
wollt er, dem schmählichen
Teehaus entziehn.


Ein Monat mocht seit
dem Tage der Hochzeit
entflohn sein ... »Wer pocht? Seid
ihr's, Schwestern mein?«
Sie sass grad beim Spiegel
mit Pinsel und Tiegel.
Nun schiebt sie den Riegel –
ein Kätzchen schlüpft ein.
Ein weisses Kätzlein
mit Sammettätzlein.
»Herein, mein Schätzlein,
mich störst du nicht!«
Und wieder nach Pinseln
und Schminkegerinnseln
greift sie, als ein Winseln
sie jach unterbricht.


Die Katze sitzt da
am Fenster verschmitzt da,
ihr Auge blitzt da
lichterloh.
Aus voller Lunge
faucht sie, zum Sprunge
bereit auf die junge
Otojó.
Ein Winseln quetscht ihr
Hals aus, sie fletscht ihr
vom Fensterbrett stier
die Zähnereih,
wild kreischend, sich reckend,
die Krallen vorstreckend ...
Otojó will, erschreckend,
an ihr vorbei.


Sie möchte von hinnen
und kann nicht entrinnen –
was soll sie beginnen
im Augenblick?
Da springt die Katze
mit einem Satze,
als wär's eine Ratze,
ihr ans Genick.
Aufgellend kreischt sie,
den Hals zerfleischt sie,
ihr Herzblut heischt sie
träufelnd so rot.
Sie saugt, diese Brut aus
der Hölle, ihr Blut aus
und lässt ihre Wut aus
an ihr, bis sie tot.


Drauf packt sie die Leiche
und trägt die Bleiche
hinaus zum Teiche
im Walde, und
Gestein, das sie findet,
nimmt sie und umbindet
den Leib, dass er schwindet
im Wellengrund.
Durch Zaubergewalt dann
nimmt sie die Gestalt an
Otojós. Aus dem Wald dann
tritt sie heraus.
Abwechselnd lächelnd,
mit Hofdamen hechelnd
und stets sich fächelnd
kehrt sie nach Haus.


Es stürzen mit fixen
Kratzfüssen und Knicksen
vor ihr augenblicks hin
die Bonzen aufs Knie.
Doch von dem Geschehnen,
vom Blut und den Tränen
weiss niemand. Sie wähnen,
die Herrin sei sie.
Der Fürst begrüsst sie,
er streichelt und küsst sie.
Sie tut, als müsst sie
vor Liebe vergehn.
Sie zeigt ihre Zähnchen
und lüpft ihre Strähnchen
und lässt ihr Mähnchen
im Winde sich blähn.


Sie flüstert ins Ohr dem
Gemahl; und der Tor, dem
sie schöner als vordem
erscheint, geht ins Garn.
Sie weiss ihn zu rühren
mit Liebesschwüren
und ganz zu verführen
den armen Narrn,
so dass er ihr Sklav wird,
im Wachen und Schlaf irrt,
wie Herden ein Schafhirt
ihr folgt fortab.
Und sie, die Vampyrin,
lockt ihn zur Tür hin
des Schlafgemachs, – für ihn
ein frühes Grab.


Sie lullt ihn in Schlummer
und küsst ihn darum mehr,
weil er von Kummer
nichts ahnt und Tod.
Kaum schläft er, so kreischt sie,
den Hals zerfleischt sie,
sein Herzblut heischt sie
träufelnd so rot.
Sie saugt, diese Brut aus
der Hölle, sein Blut aus
und lässt ihre Wut aus
an ihm jede Nacht;
doch sitzt sie lächelnd,
mit Hofdamen hechelnd,
im Bette, sich fächelnd,
sobald er erwacht.


Sein Teint wird blasser,
sein Auge voll Wasser,
bei Hof raunt man's, dass er
aschfahl im Gesicht.
Man ruft nach Ärzten;
die allergelehrt'sten
erraten den Schmerz, den
er leidet, nicht.
Doch forschen sie, fragen,
beraten sich, sagen:
Sein Wohlbehagen
gefährde ein Alp.
Nachdem sie die Sache
geprüft, wird die Wache
vor seinem Gemache
postiert deshalb.


Nun naht alle Nächte
mit offener Flechte
im Nachtkleid die Schlechte
gespensterhaft
und tritt fein lächelnd,
mit Hofdamen hechelnd
und stets sich fächelnd
zur Wachtmannschaft.
Sie hat einen Krug mit
mit Wein und genug mit,
um alle mit Lug, mit
Betrug zu beschrein;
sie lädt mit Winken
und Blinzeln zum Trinken,
und alle sie sinken
in Schlaf durch den Wein.


Ins Schlafzimmer schlüpft sie,
die Laken lüpft sie,
ins Bett zu ihm hüpft sie
wie liebedurchloht;
und gellend kreischt sie,
den Hals zerfleischt sie,
sein Herzblut heischt sie
träufelnd so rot.
Sie saugt, diese Brut aus
der Hölle, sein Blut aus
und lässt ihre Wut aus
an ihm jede Nacht;
doch flieht sie jetzt immer
beim Frühmorgenschimmer;
und leer ist das Zimmer
sobald er erwacht.


Die Kunde vom quälend
unheilbaren Elend,
das langsam entseelend
des Schoguns Herz bricht,
vernahm auch ein alter
Soldat, ein Schildhalter,
dem Reichsverwalter
ergeben und schlicht.
Dem lässt es nicht Ruhe,
er leert seine Truhe,
besohlt sich die Schuhe
und wandert zur Stadt.
Durch Freunde zettelt
er's an und erbettelt
sich Zutritt: am Bett hält
er Wacht früh und spat.


Er nimmt, um noch besser
zu wachen, ein Messer
und stösst sich's, indes er
dort wartet, ins Knie;
er wühlt und zerschindet
sein Fleisch und verwindet
den Schmerz, und ihm schwindet
Bewusstsein nie.
Im Dunkel der Nächte
mit offener Flechte
naht jetzt die Schlechte
gespensterhaft.
Sie tritt fein lächelnd,
mit Hofdamen hechelnd
und stets sich fächelnd
zur Wachtmannschaft.


Sie hat einen Krug mit
mit Wein und genug mit,
um alle mit Lug, mit
Betrug zu beschrein,
sie lädt mit Winken
und Blinzeln zum Trinken,
die andern sinken
in Schlaf durch den Wein.
Nur er, der eine,
verschluckt nichts vom Weine, –
das Messer im Beine
hält wach seinen Mut.
Den Trunkenen spielt er ...
Versteckt jedoch hielt er
ein Schwert; und schon zielt er
nach ihr voll Wut.


Zum Kranken schlüpft sie,
die Laken lüpft sie,
ins Bett hinein hüpft sie
von Liebe durchloht;
und gellend kreischt sie,
den Hals ihm zerfleischt sie,
sein Herzblut heischt sie
träufelnd so rot.
Sie saugt, diese Brut aus
der Hölle, sein Blut aus
und sieht doch so gut aus,
so sanft, – müd der Not ...
Ein Schwerthieb durchfliegt da
die Luft. Sie verfliegt da
als Spuk. Und es liegt da
ein Kätzchen tot.


(1894)




Pierrots Lehrgedicht

Schreckliche Träume hat Gott. In der Tiefe der Ozeane
nachtet ein schwarzes Höllenland (lichttrunken blaut
bergehoch drüber die Kimmung). Es hellen wilde Satane
jagend die Finsternis, teuflische Fratzen mit flimmernder Haut.
Fischgestaltete Teufel schufen sich, beutelüstern,
Meuchelmord planend, Leuchten: Laternen an langem Stiel;
sprachen: Es werde Licht Und es ward Licht – obgleich in die düstern
schwarzen Gewässer niemals ein Strahl des Erdenlichts fiel.
Sprachen: Es werde mein Leib Und es ist ihr Leib so geworden
wie die Begierden der Leuchtfische: Bauch und Rachen allein.
Gattungen sind Satane; und jeder Satan will morden,
ausrotten, was nicht er selbst ist, um Weltkönig, Allgott zu sein.
Oft möcht man glauben – (doziert Pierrot) –, die Lichtwelt hienieden,
sonnenbestrahlt zwar, sei schwarz wie die Tiefsee, ein Höllenreich;
Teufel sind wir und schaffen uns Wissen, wo Nacht uns beschieden
Teufel sind wir und schaffen den Leib uns, den Gierden gleich.
Schlingpflanzen packen den mächtigsten Eichbaum mit Raubtierkrallen,
drücken ihn, würgen ihn, bis er entseelt im Arm ihnen ruht;
Blumen, hungrig nach Fleisch, erfinden sich Mordwaffen, Fallen,
lauern wie Jäger aufs Wild, wie Spinnen saugen sie Blut.
Nicht die dämmernde Pflanze – nein, der Teufel der Gattung
lauert in ihr, wird belauert und mordend gemordet zumeist.
Totengräber, der Käfer, sorgt für der Leichen Bestattung,
seinen Larven zur Nahrung; er selbst wird von Milben verspeist.
Mensch – (so spricht Pierrot) –, auch in dir lebt einTeufel. Die Finger
schuf er als Mordwerkzeuge, erfand sich Sprache und Schrift.
Menschengeist ist an tödlicher Wirkung nicht geringer
als der Taranteln, Tausendfüsse, Skorpione und Schlangen Gift.
Teufel sind wir – was hilft es wider den Stachel zu löcken!"
Teufel sind wir und schwärmen für Eden – welch Höllenspott!
Engel nennen wir euch, Colombinen in kurzen Röcken,
aber die grosse Gemeinschaft der Teufel nennen wir Gott.


(1911)




Die Drachenblume




I.

Was hast du die Augen so aufgerissen?
Mein Junge, was streichelst du so das Kissen?«
»Ach nein, Mama, du darfst es nicht wissen!«


»Du bist so erregt, mein Kind, du hast Fieber ...
Komm, lass dich zudecken, schlafe lieber!«
»Nein, nein, nicht schlafen ... Ich streichle lieber!«
               (Er streichelt mich, weisse Königin,
               ich blühte empor aus dem Blut der Sterne!)


»Hier ist nur das Laken, mein Kind, und ein Streifen
Mondlicht – du kannst doch den Mond nicht greifen!«
»Und siehst du am Hals nicht den Silberreifen?«


»An wessen Hals ...?« »Mama, ist dir bange? ...
Du siehst nichts, weil so weiss die Wange,
o und der Silberreif gleicht einer Schlange!«


»Wenn ich den Arzt doch gerufen hätte! ...«
»Mama, es gibt nichts, das mich rette,
ich habe das Mädchen hier im Bette!«


»Er stirbt mir, Gott Vater im Himmelreiche! ...«
»Da schau, Mama, das seidenweiche
Haar der Krankheit, das ich streiche!«
               (Mein Haargelock, weisse Königin,
               perlenbesät vom Blut der Sterne)


»Barmherziger Himmel, er ist von Sinnen!«
»Du darfst sie nicht schrecken, sonst flieht sie von hinnen
sie wärmt ja mit ihrem Leib mein Linnen!«




II.

Jüngst ging das Kind nachts am Ufer im Rohre,
Glühwürmer glühten, Meteore
spiegelten sich fallend im Moore.


Dort wächst beim Tümpel der Wassermuhme
versteckt im Schwertgras eine Blume –
das ist die schwarze Drachenblume.


Und das Kind sah plötzlich, vom Mondstrahl getroffen,
des Blumenkelchs Blätter gierig offen
wie Lippen, die heisse Küsse erhoffen.


Ein Rabe flog vorüber krächzend,
und die Blumenlippen, nach Liebe lechzend,
öffneten sich und wimmerten ächzend.


Und sie schrie die Blume, die seelenwunde! ...
Nie kam' solch ein Angstschrei von Menschenmunde!
Im fernen Dorfe winselten Hunde.


Es war nur ein heiserer Aufschrei, hässlich,
unersättlich lüstern, grässlich –
und doch so traurig, so unvergesslich!!


Wer diesen Schrei hört, ist verdorben
und, ehe der Frühling kommt, gestorben,
denn um ihn hat die Blume geworben!


Die Blume wird nachts im Bett bei ihm liegen,
um ihre Brüste an ihn zu schmiegen,
um ihn in warmen Armen zu wiegen ...




III.

»Du darfst das Mädchen, Mama, nicht kränken!
Sie ist meine Braut, – du musst sie beschenken
und, dass sie mich lieb hat, ihr nicht verdenken!


Bald sterb ich, dann wacht sie an meiner Leiche!
Da sieh, Mama, das seidenweiche
Haar der Krankheit, das ich streiche!«
               (O dürstende weisse Königin,
               schmücke dein Haar mit dem Blut der Sterne)


(1897)




Azhi Dahaka

Als Azhi Dahaka nach Ländern und Kronen
noch nicht lüstern war, verliess Ahriman
in Gestalt eines Priesters das Reich der Dämonen,
um den König zu leiten auf blutiger Bahn.
Er hetzte ihn, Meere zu unterjochen
und den Erdkreis zu düngen mit bleichenden Knochen.
Da beschloss der König, dem Priester zu lohnen,
dass er ihm den Blutmantel umgetan.


»Was auch immer du wünschst, ich erfüll dein Verlangen!«
Doch Ahriman senkte demütig das Haupt:
»Nicht Schätze begehr ich, – nur dich zu umfangen,
dir den Nacken zu küssen, sei mir erlaubt!«
Und er küsste und biss in die Schulter ein Mal,
und er schwand wie in Sturmnacht ein flammender Strahl.
Aus der Bisswunde zischten empor zwei Schlangen;
und der König sank hin, der Sinne beraubt.


Mit den Schlangen zu kämpfen wagten Beherzte –
doch die Schwerter schmolzen, während wie Blei
sich der Sterbenden Fleisch im Gifthauch schwärzte.
Der König erwachte, geweckt vom Geschrei
der Schlangen, die in der Wunde wohnten,
ihm, sein Leben vergiftend, sein Leben schonten.
»Nur mit Menschenschädeln« – verkündeten Ärzte –
»wird gestillt der zwei Ottern. Raserei!«


Und, die Schlangen zu sättigen, zog durch die Welt
die Kriegsfackel. Von des Königs Horden
ward das Nachtfirmament tiefrot erhellt,
Blutmeere schienen den Mond zu umborden.
Es versanken die Völker der Erde zuhauf,
und Gebirge von Schädeln türmten sich auf.
Doch das schauende Sternenall ward stets durchgellt
von des Schlangenpaars Ruf: Wir hungern und morden!


Noch heute lebt Azhi Dahaka; – verstrichen
ist ein Weltjahr, seit er erkrankte; und nie
sind von der Wunde die Schlangen gewichen.
Kein Gebet kann sie bannen, nicht Zeit, nicht Magie;
sie werden mit Menschenschädeln gefüttert
noch heutigen Tags – wir erleben's erschüttert.
Die besten Kinder der Erde verblichen,
weil das hungrige Paar nach Atzung schrie.


(1920)




Simsons Mutter

Vernimm, mein Sohn, was geschah, bevor du geboren,
welch Gesicht deine Mutter sah und wie El dich erkoren
Als Manoah vom Stamm der Daniten mich – ein Kind noch fast – freite,
vermocht ich kein Glück ihm zu bieten an meiner Seite:
denn der Herr schuf mich unfruchtbar; mein Schoss war verschlossen;
mein Mutterleib gebar keinen Leibessprossen.
So lebten wir hin, Jahrzehnte. Auf Jahwe bauten wir;
doch er weigerte uns das Ersehnte. Und schon ergrauten wir.
Da geschah es in einer Nacht, dass ein Traum zu mir kam,
ein Traum von grausiger Pracht und wundersam.
Ich befand mich, ich weiss nicht wo im Himmelsraume,
von Sternen umringt. Mir war froh und ich lachte im Traume.
Ich hatte ein seltsam Gelüste nach Verbotnem. Mir schien,
dass der Mond mich sündhaft küsste, und ich küsste ihn
und ich lachte... Es knieten die Wächter der Gestirne nieder,
und ich störte durch mein Gelächter ihre hehren Lieder.
Und mir träumte, dass ich einen Stern aus dem Himmelsdach riss
und in seinen blauleuchtenden Kern mit den Zähnen biss;
und ich schluckte den Kern herunter, nach andern begehrend,
und vor Übermut jauchzte ich munter und lachte fortwährend.
Doch urplötzlich wurde ich still; – Posaunenklang dröhnte,
ein Ton schwarz, dumpf und schrill, dass der Weltkreis erstöhnte.
Und zitternd stand ich da, mit Angstschweiss am Leibe,
denn unweit, greifbar nah, auf des Mondes Scheibe
erschienen Buchstaben, – klar, wie mit Meisselhieben
in den Mond gehaun. Und dies war im Monde geschrieben:
Du sollst im Mutterschoss das Befreierkind bilden,
den Welthirten wundergross, den Löwen, den wilden.
Das Gewächs deines Leibes lenkt einst der Menschheit Geschicke;
nur das Weib, dem er Liebe schenkt, flicht ihm Todesstricke.
Dies las ich. Dann blich die Stätte, bis völlig Nacht war.
Und ich lag fröstelnd im Bette, als ich erwacht war.


Den folgenden Tag nun, – ich sass mit fiebernden Wangen
und nähte; Manoah war Gras zu mähen gegangen; –
allein im Hüttenraum, überdacht ich beim Nähen
den lästerlichen Traum, den ich nachts gesehen.
Da merkt ich ein knisternd Geflimmer. Und vor mir stand
ein Mann. Perlmutterschimmer war sein Gewand.
Ich wusste, als er zu meiner Begrüssung nickte,
er sei der Dienstengel einer, den Jahwe mir schickte.
Und dies sprach der Mann: Obzwar du unfruchtbar warst
und betetest Jahr für Jahr, doch ein Kind nicht gebarst,
sollst du nach dreimal drei Monden den Helden gebären,
dem die sieben Höllen frohnden, den die Himmel ehren,
Mit unbeschnittenen Locken als Gottgeweihter
wird er grossgesinnt, unerschrocken sein, hart wie kein zweiter.
Nur muss er auf Lebensgenuss und Glück verzichten,
sonst wird eines Weibes Kuss ihn verderben, vernichten!
Ich aber sank auf die Knie und rief mit Tränen:
Mann Gabriel! O, siehe! Du erfüllst ja mein Sehnen,
und ich preise den Höchsten und alle Ophanim darum!
Doch vermischt ist dein Balsam mit Galle! – Warum? O, warum?
Lieber nimm die Verheissung zurück, als dass der Herre
durch Zäune das Lebensglück meinem Kinde versperre!
Und es ballte, als ich dies gesprochen, Gewölk sich zusammen,
ein Nebel kam angekrochen mit zuckenden Flammen.
Und der Lichtgeist im schönen Kleide ergriff meine Hand;
und die Wolke trug uns beide; die Erde entschwand.
Und Eisfrost erstarrte uns, Hitze, Glühwind versengte uns,
der Lauf der Gestirne und Blitze trieb uns und drängte uns.
Und wir kamen zu einem Ort an des Himmels Ende,
und Entsetzliches sah ich dort: das Nichts ohne Ende.
Darunter nicht Erde, darüber nicht Himmel, – leer
ein Abgrund, ein heulender, trüber, entsetzlich und hehr.
Und ich sah tief im Höllenschosse, von Schwefel umhagelt,
fünf Engel, wie Berge grosse, an die Hölle genagelt.
Und mir schien, als ob sie mich flehten mit blutenden Blicken.
Und ich begann zu Gebeten mich anzuschicken
und ich fiel auf mein Angesicht und sprach mit Grauen:
Wie qualvoll dies Strafgericht! Wie furchtbar zu schauen!
Doch der Gottesmann sprach: Überlass sie ihrem Verhängnis!
Dieser Ort, voll Schrecken und Hass, ist der Engel Gefängnis!
Diese Lichtfürsten trugen zuvor sehr stolz ihr Haupt;
dem Himmelsheer standen sie vor; ihnen war erlaubt,
als Thronhüter und Trabanten zu jubilieren
vor dem Thron, dessen Lehnen demanten, dessen Spitze Saphiren.
Doch herab von des Himmelreichs Grenze sahn die Jahwesöhne
Töchter der Menschen, im Lenze der Jugend, gar schöne.
Und sie stiegen mit Frevelgedanken auf den Hermon nieder
und befleckten am Fleische der Schlanken ihr Cherubgefieder.
Darum nagelte Gott ihren Leib an Höllenschlünde.
Denn wer Gott dient, dient nicht dem Weib! Vom Weib kommt die Sünde!


(1904)




Der weisse Tod

Grünblau vereist,
von Schnee geweisst,
liegt die Fregatte im Polarmeer-Sund.
Gleich einer Geisterschlacht
erflammt am hohen Sternenrund
des Nordlichts Pracht.


Laternenschein
giesst gelb wie Wein
Licht in die Schiffskajüte; – fieberrot,
erschöpft, der Hoffnung bar
erwarten drei den weissen Tod
schon bald ein Jahr.


Da hallt, am Rumpf
des Schiffes, dumpf
ein schwerer Tritt ... Es wandert für und für,
kommt näher, zögernd noch...
Dann dröhnt an der Kajütentür
ein laut Gepoch.


Zwei hat Skorbut
geschwächt, – ihr Mut
versagt ... Nur einer hat zu gehn die Kraft.
Die Türe öffnet er ...
Dort reckt sich vor ihm riesenhaft
ein weisser Bär.


Und Tier und Mann
stehn, schaun sich an.
Es blitzt ein Breitbeil in des Mannes Faust –
verfunkelnd purpurhell
die Luft durchzischt es, und es saust
ins weisse Fell.


Der Bär entweicht ...
Kein Tag verstreicht,
und wieder an der Tür pocht er und will
Einlass. Er redet hehr
mit Menschenstimme, zauberstill.
So spricht der Bär:


»Seht mein Gestirn
am Himmel flirr'n.
Ich Grosser Bär war vor euch Menschen da.
Mein war die Erde, als
ich nichts auf ihr als Gletscher sah
im Glanz des Alls.


Ihr Menschen habt,
vernunftbegabt,
an euch gerissen, was ich einst besass.
Doch wieder kommt die Zeit,
dass hüllend über Baum und Gras
die Eisnacht schneit.«


Der Bär verstummt,
harrt schneevermummt
bei der Kajütentür dort Tag für Tag.
Bald kommt die Zeit, bald droht
nicht Menschenarm, nicht Beiles Schlag
dem weissen Tod.


(1920)




Tschuang-tses Traum

Tschuang-tse träumte sich als Schmetterling,
der bunt an Blumen hing,
mit andern bunten Faltern wirbelnd flog
und flatternd Nektar sog,
ein seliges, juwelenhaftes Ding.


Als er erwachte, war es offenbar,
dass er kein Falter war,
dass er im Schlaf auf seinem Bett geruht,
ein Mensch von Fleisch und Blut.
Klar schien's; doch seinem Geiste schien's nicht klar.


War es Tschuang-tse, der geträumt, dass er
ein froher Falter war?
War es der Schmetterling, der traumumspielt
sich für Tschuang-tse hielt?
Der Weise fand die Antwort nimmermehr.


(1890)