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Eduard Stucken – Hine-Moa

Neuseeländische Sage in Versen

Eduard Stucken, Hine-Moa, Neuseeländische Sage in Versen, Verlegt von Breslauer & Meyer in Berlin, 1901

Ein Heiligtum ist dieser Ort.

Blick um Dich, lausche meinem Wort.

Rings ist das Ufer felsumrandet,

Tief unten schäumt das Meer und brandet:

Hier, wo wir stehn, am roten Riff,

Ist Hinemoa einst gelandet.

Als sie bei Nacht und ohne Schiff

Die tiefe Meeresbucht durchschwommen.

Sie schläft hier; – Ruhe ihrer Seele!

Doch Du hast nie von ihr vernommen; –

So höre zu, was ich erzähle.




Die Mutter von Tutanekai

Hiess Rangi-Uru. Diese war

Whakaue's Weib. Im vierten Jahr

Der Ehe, und nachdem sie drei

Adlige Söhne ihm geboren,

Lief sie dem Gatten fort, – verschwand.

Von ihr war jede Spur verloren.

Sie weilte lang in fremdem Land.

Mit einem Mann war sie geflohn

Der Wharetoa hiess. Ein Sohn

Ward dieser Liebe Angebind:

Tutanekai, das Bastardkind.




Nach Jahren kehrte sie zurück

In ihre Heimat; – aber wie!

Die Kleidung hing ihr Stück für Stück

Zerfetzt am Leib. Krank sah sie aus ...

Und eines Morgens klopfte sie

An ihres ersten Gatten Haus.

Erstaunt trat er zu ihr hinaus.

Da stand sie vor ihm wie ein Schatten

Bleich, elend und im Bettelkleid

Und hob die Arme nach dem Gatten; –

Und ihm zerschmolz das Herz vor Leid.

Vergessen war der alte Groll.

Er führte in das Haus die Scheue

Mit ihrem Kind. Und liebevoll

Hiess er sie schweigen von der Reue ...


Und Glück zog in sein Haus auf's Neue.




Die Leute auf der Insel hier

Erstaunten, als sie sahn, dass ihr

Whakaue alle Schuld verziehn.

Und mehr noch wuchs ihr Staunen dann.

Als er, der sonst so finster schien,

Den Bastardknaben liebgewann.

Der Häuptling war vordem ein müder

Durch schweres Leid gebeugter Mann: –

Sein neues Glück verjüngte ihn.

So wuchsen sie denn hier heran

Tutanekai und seine Brüder

Und traten, als die Zeit verrann,

In's Mannesalter. Und man sprach

Im Volk den Brüdern Gutes nach.




Siehst Du der weissen Möve Flügel

Wo sich das Festland hebt im Osten?

Hoch, eingebaut im Felsenhügel,

Umzäunt von bunt geschnitzten Pfosten,

Liegt dort Owhata. Und es scheint,

Wenn über's Meer die Blicke schweifen,

So nah zu liegen, dass man meint,

Man könnt, es mit den Händen greifen,

Doch brauchst Du nach dem Küstenstreifen

Im Boot, falls Wind die Segel streicht,

Zwei Stunden oder mehr vielleicht.




Nun – damals langten über's Meer

Zum ersten Mal Gerüchte her

Von Hinemoa. Fischer, die

Weit auf der See umhergefahren,

Auf Tonga, auf Samoa waren,

Berichteten, sie hätten nie

In Ozeaniens Insel-Reichen

Ein Kind gesehn ihr zu vergleichen.

Das Mädchen sei von Häuptlings-Rang,

Noch Jungfrau, fünfzehn Jahre alt,

So schön von Antlitz, von Gestalt.

So schön ihr Haar, ihr Blick, ihr Gang,

Dass alle, welche ihr begegnen,

Ihr nachschaun müssten und sie segnen.

Von ihrer Sippe ward erzählt.

Dass sie die eben erst Erblühte

Im Dorf Owhata streng behüte,

Und dass man sie noch nicht vermählt,

Weil sich kein Häuptlingssohn im Land

An Rang ihr ebenbürtig fand.


Als damals auch Whakaue's Söhnen

Die Kunde von dem wunderschönen

Berühmten Kind zu Ohren kam,

Da schwiegen sie; – doch jeder nahm

Sich heimlich vor, darauf zu sinnen,

Wie dieses Märchen zu gewinnen.




Und kurze Zeit danach erbaute

Tutanekai ein Holzgerüst

Auf dem Kaiwcka-Fels und schaute

Nach Osten, wo das Meer sich blaute,

Wo sein verschwiegenes Gelüst

Die Maid war, die noch nie Geschaute,

Die er in Träumen nur geküsst.

Er hatte einen Freundschafts-Bund

Mit einem seiner Spielgenossen

Im Dorf, der Tiki hiess, geschlossen;

Der sah ihm auf der Seele Grund.

Sie hatten sich als Knaben schon

Gefunden, da sie zu Gesängen

Der Priester und zu Liederklängen

Aus Heldenzeit, die längst entflohn,

Die gleiche Liebe hatten, viel

Zusammen sangen, wenn im Kiel

Sie schaukelte der Wellen Spiel.

Die altehrwürdigen Schöpfungslieder

Erlernten sie mit heiliger Glut

Und wenn sie sangen, stiegen nieder

Aus Himmeln, wo sie längst geruht,

Die Geister der berühmten Helden

Und lauschten, wie vor Zeiten, wieder

Gedichten, die der Götter Lob

Und die der Welt Entstehen melden:

Wie durch das Licht die Nacht zerstob,

Wie Ao aus dem Po sich hob;

Wie Suchensdrang noch vor dem Licht

Die Dämmerung zog aus dem Nochnicht;

Wie der Gedanke, das All durchblitzend,

Den Leib der Dämmerung blutig zerschlitzend,

Begann in endlosen Schöpfungsnächten

Die Herrschaft der Trägheit anzufechten;

Bis Licht-Gedanke die Nacht überwand,

Und Rangi, der Himmelsgott, entstand,

Der seine Arme um Pápa wand,

Sich ehlich mit Pápa, der Erde, verband.

Wie Tane dann Rangi und Pápa geschieden

Und wie er dem Vater das Sternegewand

Als Kleidung gab, und wie er hienieden

Mit Pflanzen umgab seine Mutter, das Land.

Wie Rongo, finster und unzufrieden,

Weil Tane's Reich seine Macht verkürzt,

Mit Tu sich verband und zum Aufruhr hetzte,

Als Fürst der Rebellen den Himmel besetzte;

Bis Tane den Frechen in's Po gestürzt,

Wo ihn nun deckt der Höllen letzte.

Wie Rupe, als Vogel, mit windschnellem Flug

Weit über's Meer seine Schwester trug.

Und wie Tawhaki den Himmel erklommen,

Der blinden Whaitiri Nahrung genommen,

Die Augen der Greisin mit Sprüchen heilte,

Bei rasselnden Knochen der Väter verweilte.

Wie Rata dreimal den Baum gefällt,

Der sich von selbst erhob drei Mal.

Wie Maui aus der Unterwelt

Von Mahu-i-ka das Feuer stahl

Und aus dem Weltmeer sich Länder fischte,

Die Sonne in einer Schlinge erwischte,

Und wie er an seinem Todestage

Durch einer Riesin Lippen kroch, –

Das kündigt und viel anderes noch

Der Polynesier Heilige Sage.




Oft sang Tutanekai bei Nacht

Auf der Bastion, die er errichtet,

Mit Tiki, bis der Sterne Pracht

Im Morgengrauen sich gelichtet.

Mit ihnen sangen um die Wette

Die Wellen, die den Fels entlang

Sich brachen, und mit ihnen sang

Das Echo auf der Hügelkette.

Und war zu laut der Brandung Zorn

Und überdonnerte das Singen,

So liessen sie ein Muschelhorn

Hinaus in Nacht und Meer erklingen.

Zuweilen, wenn von Westen lind

Die Brise wehte, trug der Wind

Die Töne über Wellenkamme

Hinüber an die Palmenstamme

Des Festlands, wo von Fels umragt

Das Dorf Owhata liegt am Strand

Und wo die Häuptlings-Hütte stand

Der jungen, wunderschönen Magd.

Wenn dann des Mädchens Augenlid

In schwüler Nacht der Schlummer mied,

Stand sie vom Lager auf und lauschte

Und sprach, sobald der Westwind rauschte:

Tutanekai singt mir ein Lied.

Denn was Tutanekai so oft

Gefürchtet hatte und gehofft,

Das war zuguterletzt geschehn:

Er hatte sie, – sie ihn gesehn.

Bei einem jener Feste war es,

An denen, zu Beginn des Jahres,

Das Volk der Küste, Freund und Feind,

Zum grossen Opfer sich vereint,

Da war die Häuptlingstochter auch

Erschienen, wie des Landes Brauch

Es heischte; denn dem Kindesalter

War nun entflohn der schöne Falter.

Sie stand in einer Mädchenschaar,

Wand einen Kranz um den Altar

Und legte stumm und träumerisch

Fruchtgaben auf den Opfertisch.

Dann schlug sie ihre Augen auf, –

Sie sah die Jünglinge zuhauf

Im Kreise stehen, glutverzehrt

Dem holden Wunder zugekehrt,

Gleichgültig glitt ihr Blick vorbei;

Da traf ihr Blick Tutanekai.

Und sie erschrak, Sie wusste nicht

Was Ihr gefiel an dem Gesicht.

Auch ahnte sie noch nicht den Grund

Der Traurigkeit auf seinem Mund.

Und doch erschrak sie. Angstbeklemmt,

Ihr Atem und ihr Blut gehemmt

Durch ein Gefühl ihr neu und fremd,

Liess sie ganz unwillkürlich nun

Ihr Auge lang auf seinem ruhn.

Und auch der Jüngling schrak zusammen

Versengt von ihres Auges Flammen.




Seit jener Stunde trafen sie

Sich oft. Jedoch sie sprachen nie,

Sie mieden sich und litten Qual

Wenn heimlich Blick zu Blick sich stahl.

Gefeiert ward zwei Wochen lang

Mit Tanz und Spielen und Gesang

Das Opferfest. Und täglich sahn

Sie sich und wagten nicht zu nahn

Und nicht des andern Hand zu drücken,

Am Widerdruck sich zu entzücken.

Tutanekai sprach jeden Tag

Zu sich: »Wer weiss, ob sie mich mag!«

Und Hinemoa spracht »Am Ende,

Wenn ich ihm eine Botin sende,

So findet er vielleicht, ich sei

Aufdringlich gegen ihn, zu frei,

Und mich verabscheun wird er dann!«


So dachten sie und Zeit verrann.




Doch endlich, – als am Schluss der Feste

Sich viele rüsteten der Gäste

In ihre Heimat aufzubrechen, –

Beschloss Tutanekai zu sprechen.

Und einen seiner Sklaven hiess

Er zu dem Mädchen gehn und liess

Ihr künden seinen Liebesgram,

Sie aber lachte wundersam

Als sie des Boten Spruch vernahm,

»Eh-hu!« sprach sie verträumt und weich.

»Wir also liebten uns ganz gleich?«

Und bald darauf, – (die Pilgerschaar

War schon zerstoben, und es war

Tutanekai mit seiner Sippe

Von Rotorua's Felsenklippe

Auf diese Insel heimgekehrt), –

Da sassen abends um den Herd

Whakaue's Söhne: und es ging

Im Kreis die Frage: »Wer empfing

Ein Liebeszeichen, – sei's ein Schmuck

Sei es ein Kuss, ein Händedruck, –

Ein Zeichen, welches Aufschluss giebt,

Wen von uns Hinemoa liebt?«

Der Älteste, Tawake, rief:

»Mir sah sie in die Augen tief!«

Doch Raranui höhnte: »Dir?

Mir gab sie diese Feder hier!«

Teaiti aber sprach: »Ihr seid

Bescheiden, und Ihr thut mir leid,

Wenn Euch ein Blick und eitler Tand

Beglückt! Mir drückte sie die Hand!«

Tutanekai sass gleichfalls dort,

Er lächelte und sprach kein Wort,

Sein Schweigen fiel den Brüdern auf.

Und Raranui sprach darauf:

»Tutanckai, was lachst Du so?

Welch ein Gedanke macht Dich froh?«

Und einfach sprach Tutanekai:

»Froh macht mich Eure Prahlerei!

Und darum bin ich so vergnügt,

Weil ich gewiss weiss, dass Ihr lügt!

Weil ich gewiss weiss: meine Braut

Hat nie Tawake angeschaut,

Hat Raranui nie geschmückt

Und nie Teaiti's Hand gedrückt!

Und dass ich Euer Luggebäude

Einreissen kann, das macht mir Freude!

Denn hab' ich nicht zum Lachen Grund?

Mich küsste Hinemoa's Mund!«


Teaiti aber sprang empor

Hassbebend, und er stiess hervor:

»Als ob Dir, Bastard, einer glaubt,

Dass sie Dich ansah überhaupt!

Vergiss nicht Deine Herkunft. Narr!«

Tutanekai's Blick wurde starr

Wie er dies hörte, und er sprach,

Die Stimme rauh vor Schmerz und Schmach:

»Dank' es dem Leib, der uns umschloss,

Aus dem Blut durch uns beide floss,

Wenn ich heut Nacht kein Blut verschütte!«


Er sprach es und verliess die Hütte.




Den nächsten Morgen aber trat

Er vor Whakaue hin und bat

Um ein Gespräch den Vater. Der

Gewährte freundlich sein Begehr,

Tutanekai erzählte nun

Dem Greis sein Leiden und sein Thun:

Wie er gezögert wochenlang

Aus Scheu vor Hinemoa's Rang;

Wie ihn das Häuptlingskind erblickt;

Wie er ihr Botschaft hingeschickt;

Wie sie an Rotorua's Küsten

Sich heimlich trafen und sich küssten;

Und wie mit Thränen und mit Schwüren

Er ihr gelobt, sie zu entführen.

Das Mädchen halte sich bereit

Von Haus zu fliehn in naher Zeit,

Und habe mit ihm ausgemacht:

Wenn in der nächsten Vollmondnacht

Sein Horn erklingt, sei das ein Zeichen

Für sie, zum Strand hinabzuschleichen,

Ihr Boot vom Riff in's Meer zu ziehn

Und rudernd zu ihm herzufliehn.


Ernst hörte ihm Whakaue zu

Und sprach, als er beendet, –: »Du

Bist lieb mir wie mein eigen Blut!

Und was Du thatest, heiss ich gut.


Doch sei vor Neidern auf der Hut!«




Und heller färbte Mondesschimmer

Die Abende. – Nun stiegen immer

Um Mitternacht Tutanekai

Und Tiki auf die Felsbastei

Und gaben von der hohen Warte

Das Zeichen, drauf das Mädchen harrte.

Und Hinemoa, bleich und mager

Vor Gram, lag schlaflos auf dem Lager

Und horchte auf das Meer hinaus.

Und sie vernahm in dem Gebraus

Von See und Wind, des Hornes Klang;

Sie wollte fliehn, – doch es misslang.

Verwandte, welche ihr nicht trauten

Und ihre Absicht halb durchschauten,

Vereitelten die nächt'ge Flucht:

Sie hatten aus der Meeresbucht

Die Boote alle fortgeschafft

Und ihr allein gebrach's an Kraft

Ihr Boot vom Dorf zum Strand zu tragen.


So musste sie dem Glück entsagen

Und weinte jede Nacht vor Gram,

Wenn ihr vom Meer der Lockruf kam.

Und vier, fünf Nächte gingen hin.

Und aussichtslos wie im Beginn

War jeder Fluchtversuch. Da fing

Wohl einzusehn das arme Ding,

Dass ohne Zweifel die Verwandten

Den Plan, den sie geschmiedet, kannten.

Und dass ihr keine Hoffnung blieb

Im Ruderboot zu nahn dem Lieb.




Doch eine Nacht, – es war wohl schon

Die fünfte, seit der leise Ton

Ihr Ohr zum ersten Mal getroffen, –

Lag sie, die müden Augen offen,

Verweint, die Hände an der Stirn.

Und marterte ihr armes Hirn

Nach einem Ausweg ... Da, ganz sacht

Erklang es wieder durch die Nacht,

Und wie gestreift von Blitzes Strahl

Erzitterte sie dieses Mal;

Als hätt' auf speiendem Vulkan

Ein Erdstoss. oder ein Orkan

Den zarten Mädchenleib geschüttelt,

An ihrem Innersten gerüttelt,

So bebte sie bis in das Mark

Und ward erst schwach und ward dann stark.

Und sie stand auf verstohlnerweise,

Schlich an der Wand zur Thüre leise,

Vorbei an ihrer Mutter Bette

Und ihrer Brüder Lagerstätte.

Dann blieb sie stehn ... Der Kessel brummte

Noch auf dem Herd ... Ein Käfer summte ...

Sie lauschte ... Ein Seevogel rief

Vom Strand. Sonst nichts. Und alles schlief.

Und leis wie sie der Thür genaht,

So öffnete sie leis und trat

Hinaus in's Freie. Und dann lief

Sie durch das Dorf, geblendet ganz

Vom tageshellen Mondesglanz.

Im Schlummer lag das Dorf, verlassen;

Sie huschte durch die leeren Gassen.

Geräuschlos über Steine glitt

Ihr Fuss, wie eines Irrlichts Schritt,

Das hüpfend über Moorgrund schwebt

Aus Dunst und Mondeslicht gewebt.

Bald hatte sie das Dorf durcheilt,

Und wo das Tafelland sich teilt,

Schritt sie hinab die Felsenstiegen

Zur Bucht, wo sonst die Boote liegen,

Und blieb erst stehen, müdgehetzt,

Als ihr das Meer den Fuss genetzt.

Und zur Besinnung kam sie jetzt.

Was wollte sie? Was trieb sie her?

Es lag ja rings kein Boot am Meer!

Vergass sie das? Sie wusst, es doch!

Und stand doch hier und hoffte noch?

Was thun? Was thun? Dem Schicksal weichen?

Verzichten, scheu nachhause schleichen?

Nein! Ihre Liebe war zu gross!

Sie nahm den Kampf auf mit dem Loos!

Sie mass mit unerschrocknem Blick

Den Feind, ihr grausam Missgeschick;

Sie mass das Meer, das schwarz und böse –

Ein schlafend Raubtier – mit Getöse

Zu schnarchen schien, sich hob und streckte,

Ihr Bein mit weissen Zungen leckte.

»Vielleicht kann ich auch ohne Boot

Mein Ziel erreichen, und dem Tod

Trotz bieten und dem Meer, dem grimmen!

Vielleicht kann ich hinüberschwimmen!«




Und gleich vollführte sie den raschen

Entschluss. Sechs leere Kürbissflaschen,

Die sie zufällig dort im Sand

Gefunden hatte, nahm sie, wand

Aus Gräsern einen Strick und band

Sie wie ein Floss zusammen, – je

Drei Kürbisse an jedem Ende

Des Strickes, – um auf offner See

Mit diesem Schwimmgurt ihre Lende

Zu stützen, falls die Kraft ihr schwände.


Dann zog sie ihre Kleider aus,

Und völlig nackt schritt sie gradaus

In's silberschwarze Meer hinein.

Ihr Körper schien Krystall zu sein,

Durchsichtig ganz im Mondgeflimmer,

Blau glimmend wie Perlmutterschimmer.

Stolz-schüchtern schritt sie ihren Weg

Gradaus. Das Ufer dort sinkt schräg

Und seicht in's Meer. Bald hüllte sie

Die finstre Flut bis über's Knie,

Noch stand sie aufrecht. Kecke Lüfte

Umhaschten lüstern ihre Hüfte,

Des Mondes Strahlen-Hände fassten

Nach ihr und wollten sie betasten.

Des Meerschaums Silbertropfen küssten

Am Nabel sie und an den Brüsten.

Ihr schauderte und ihr war kalt.

Doch blieb sie, zwang sich mit Gewalt,

Aus ihrer Kehle kam ein Schrei,

Der wie ein Vogel durch die Bai

Fortflog und am Gefels zerschellte.

Und während noch ihr Angstschrei gellte,

Lachte sie auf mit wildem Mut

Und warf sich schwimmend in die Flut.




Und sie schwamm lang und sie schwamm gut.

Denn stark war sie und jugendfrisch,

Behend im Wasser wie ein Fisch.

Ihr hatte Liebe Kraft verliehn;

Und unermüdlich, wie es schien,

Schwamm sie, ein rosiger Delphin.

Aufleuchtend tauchten aus den Wogen

Das Schulterblatt, des Rückens Bogen,

Das Haupt, die Zöpfe (am Genick

Nass klebend), – um im Augenblick

Traumgleich wie sie emporgetaucht

Zu schwinden, gleichsam fortgehaucht.

Dann wieder aus dem Wellenschlund

Hob sich buntglitzernd, zart und rund

Ein Ellenbogen, dann der Nacken,

Dann wieder eines Fusses Hacken,

Bald schwand sie ganz, bald war sie oben;

Und wenn die Wellen sie erhoben,

So perlten Tropfen, – Edelsteinen

Vergleichbar, – von jungfräulich-reinen

Und wunderschlanken Mädchenbeinen.




Wie lang sie schwamm, – sie wusst, es nicht,

Sie sah nur, wie des Mondes Licht,

Das erst sich hoch am Himmel zeigte,

Allmählich sich hernieder neigte

Zum Horizont. Und als zuletzt

Sie todesmatt, doch unverletzt,

Nach tollem, stundenlangem Ringen,

Als schon die Sinne ihr vergingen,

Land unter ihren Füssen fühlte;

Als sie das Meer, das sturmdurchwühlte,

Auf Sand wie eine Perle spülte;

Als sie am Ziel lag, glückestrunken, –

Da war des letzten Mondstrahls Funken

Vom Horizont hinabgesunken.




Der Platz, wo sie gelandet war,

Heisst Waikimihia. Eine Schaar

Von Wasservögeln nistet dort;

Wüst ist sonst, unbewohnt der Ort.

Die Vögel flogen schwirrend fort

Und kehrten scheu, neugierig wieder

Und kreisten um die Mädchenglieder,

Mit lautem Flügelschlage flatternd,

Geärgert krächzend, gackernd, schnatternd,

Als sähen sie im Sande liegen

Ein Ungeheuer, meerentstiegen,

Ein Tier, das nicht aufs Land gehörte

Und frevelnd die Einöde störte.




Nachdem sie etwas ausgeruht

Sah sie sich suchend um. Ihr Blut

War ihr erstarrt in kalter Flut.

Die Zähne schlugen laut zusammen;

Kaum rühren konnte sie die klammen

Gelenke. Und der Nachtwind pfiff

Stossweise winselnd um das Riff.

Sie starb so ohne Kleid und Hemd –

Doch wohin gehn? Sie war hier fremd,

Sie kannte dies Gestade nicht,

Sie sah kein Haus, kein fernes Licht.

Bang irrte sie am Strand umher.


Ein kleiner Holm springt dort in's Meer,

Ein riffumzäunter Landeszipfel,

Hohl wie ein Krater. Schwarze Wipfel

Uralten Hains, vom Felsgeheg

Umschlossen, rauschen dort. Ein Steg

Aus Blöcken bildet eine Brücke

Zum Inselstrand. Zu ihrem Glücke

Ging Hinemoa diesen Weg.

Sie überschritt den schmalen Pfad

Und fröstelnd, aber stolz und grad,

Wie sehr ihr Herz auch klopfte, trat

Sie in die Felsenschlucht hinein

Und in den toten, schwarzen Hain.

Kein Laut als nur der Äste Rauschen

Im Wind ... Und sie blieb stehn, zu lauschen ...

Horch! Regte sich's im nahen Fels?

Es klang wie Plätschern eines Quells ...

Sie folgte zögernd dem Geräusche,

Erst glaubend, dass ihr Ohr sie täusche.

Jedoch, sich nähernd, sah sie bald,

Dass wirklich aus dem Felsenspalt

Ein Springquell silbrig perlend floss

Und sich in ein Bassin ergoss,

In eine Steincisterne, rund

Gemauert dort im Felsengrund.

Sie kniete hin am Rand und bog

Sich über den gefüllten Trog

Und sah das Blinzeln blasser Sterne

Im schwarzen Spiegel der Cisterne.

Und als sie eingetaucht den Arm,

Empfand sie, dass das Wasser warm

Im Brunnen war und heiss am Quell.

Da schlüpfte sie hinunter schnell

In das Bassin; und stand darin

Aufrecht. Und ihre Augen schloss sie

Und das Gefühl des Seins genoss sie.

Das Wasser ging ihr bis an's Kinn,

So dass ihr Körper ganz versteckt war

Und nur ihr Antlitz nicht bedeckt war.

Das that sie, um sich zu erwärmen;

Vielleicht ein wenig auch aus Scham,

Um nicht so nackt umherzuschwärmen,

Falls zu ihr der Geliebte kam.

Nun traf es sich zufällig grade,

Dass während sie im lauen Bade

Ausruhte und die Glieder wärmte,

Tutanekai sich um sie härmte.

Und da er nicht die Nacht geschlafen,

Empfand er Durst. Und seinem Sklaven

Befahl er Wasser herzuholen.

(Tutanekai's Dorf lag nicht ferne

Vom Meeresstrand). Zu der Cisterne

Lief hin der Sklave, wo verstohlen

Das Mädchen in den Fluten stand.

Der Sklave füllte bis zum Rand

Ein hölzernes Gefäss mit Wasser

Und hatte keine Ahnung, dass er

Mit seiner Hand beim Wasserschöpfen

Geweilt an eines Mädchens Zöpfen.

Und Hinemoa war erschrocken,

Als fremde Hände ihre Locken

Berührten. Und sie rief ihn an

Mit tiefer Stimme wie ein Mann:

»Für wen schöpfst Du das Wasser da,?«

Der Sklave, der nicht deutlich sah

Und glaubte, dass ein Mann dort sei,

Versetzte: »Für Tutanekai««

Drauf sprach sie: »Gieb die Schale her.«

Er gab sie und sie trank sie leer.

Und als sie ausgetrunken hatte,

Warf sie sie an die Felsenplatte,

So dass das Holzgefäss zersprang.

Dem Sklaven wurde angst und bang

Und bebend fragte er warum

Sie das gethan? Doch sie blieb stumm

Und gab nicht Antwort mehr. Der Sklav

Lief heim, Und als sein Herr ihn traf.

Verhörte er ihn ärgerlich:

»Wo ist das Wasser denn, das ich

Dich herzubringen hiess?« Bekümmert

Sprach der: »Die Schale ward zertrümmert.«

Tutanekai war sehr erstaunt

Und fragte weiter schlecht gelaunt:

»Wer war's. der das Gefäss zerbrach?«

Der junge Sklave darauf sprach:

»Ein Mann, der in dem Bade sitzt.«


Wild war das Auge aufgeblitzt

Tutanekai's. »Zum zweiten Male

Geh hin, nimm eine andre Schale

Und bring mir Wasser her!« So rief

Er finster. Und der Sklave lief.




Der Sklave kam zurück zur Stelle,

Wo Hinemoa in der Welle

Noch immer ihre Glieder hüllte.

Und als er eine Schale füllte,

Da stellte sie an ihn die Frage

Von neuem, wem er Wasser trage?

Kaum sprach er: »Für Tutanckai«,

Schlug sie ihm das Gefäss entzwei.

Und als er andre Schalen brachte,

That sie es ebenso und lachte.

Und so geschah es viele Male,

Und übrig blieb nicht eine Schale.




Der Sklave kehrte wieder um.

Da fragte ihn sein Herr: »Warum

Thust Du nicht, was ich Dir befohlen?

Du solltest mir doch Wasser holen!«

Der Sklave aber sprach verdrossen:

»Das Wasser, Herr, ist ausgeflossen;

Die Schalen sind zerbrochen.« »Wer

Hat das gethan?« »Ich sagte schon vorher,

Dass dort ein Mann im Bade sässe;

Nun, der zerschlug mir die Gefässe.«

Tutanekai fuhr fort zu fragen:

»Wie heisst der Mensch ?« »Wie kann ich's sagen?

Er ist ein Fremder.« »Offenbar

Wusst, er, für wen das Wasser war!

Und hatte das zu thun den Mut?

Oh! Oh! Ich sterbe ja vor Wut!«




Tutanekai zog eilig dann

Den Flaum-verbrämten Mantel an,

Die Kriegerkeule nahm er mit

Und nahte sich mit schnellem Schritt

Dem heissen Quell, Und laut rief er:

»Wo ist der freche Bube, der

Mir meine Schalen brach? Tritt her

Zum Kampf, dass ich Dich niederstrecke!«

Und Hinemoa im Verstecke

Erkannte des Geliebten Stimme

Und freute sich an seinem Grimme;

Und lächelte voll Übermut

Und stieg ganz leise aus der Flut

Und kroch vom Mündungsloch des Quells

Auf Knien und Händen längs dem Fels,

Der dort aufs Wasser niederhängt,

Und hockte drunter, eingezwängt,

So dass ihr, wenn sie sich nicht bückte,

Die Felswand auf den Rücken drückte.

Sie wollte dort nicht ganz versteckt sein,

Sie wollte nur nicht gleich entdeckt sein.

Sie wollte des Geliebten Seele

Im Zorn sehn: wie er sich erst quäle,

Ein wenig tobe, auf sie schmäle,

Und sie recht lange suchen müsse,

Eh' er sie finde und sie küsse.

Hierhin und dorthin lief er hastend,

Am Rand des schwarzen Wassers tastend

Im Dämmerschein des Morgenlichts

Und fand In der Cisterne nichts.

Und griff in's Leere mit den Händen

Und tastete an Felsenwänden,

Derweil sie neben ihm ganz nah

Auf Knien lag und ihn suchen sah.

Sie fand sein Suchen so ergötzlich

Und lachte immerzu. Doch plötzlich

Ergriff er eine Hand und schrie:

»Wer ist das?« Darauf sagte sie:

»Ich bin's, Tutanekai!« »Schnell, sprich,«

Rief er, »wer bist Du? Wer ist – Ich?«

»Ich bin's! Bin Hinemoa!« »Was?

Sprach er, »Du? Du? Kein Traum ist das?

Kann solche Wirklichkeit geschehn?

Du willst in meine Hütte gehn?«

Sie nickte mit dem Kopfe bloss,

Erhob sich und stand hüllenlos

Berückend da, liebatmend, sehnlich,

Dem wilden weissen Kranich ähnlich.

Er nahm sie bei der Hand. Und stumm

Warf er ihr seinen Mantel um;

Fürsorglich, liebevoll. Dann gingen

Sie in sein Dorf. Und eben fingen

Die ersten Vögel an zu singen.

Der Glanz der Sterne war verblichen,

Dem Frührot war die Nacht gewichen.

Der Sonnenkugel Morgengold

Kam aus dem Meer empor gerollt;

Und ihrer Strahlen Feuerglimmer

Verbrämte wie mit Purpurschimmer

Der Liebenden Gestalten. Keusch

Durch's stille Dorf hinschritten sie.

Noch schlief das Dorf. Und kein Geräusch

Vernahm man. Nur ein Käuzchen schrie.

An einem Hause in der Mitte

Des Dorfes hemmten sie die Schritte

Und traten ein und schliefen dann;

Und waren, nach der alten Sitte

Des Landes, Mann und Weib fortan.




Doch als die Sonne höher stand,

Erwachte alles Volk und fand

Auf freiem Platze sich zusammen

Und zündete dort Reisigflammen,

Um über knisternden Holzscheiten

In Kesseln Frühstück zu bereiten.

Es war Tutanekai jedoch

Nicht mit dabei und säumte noch.

Da sprach Whakaue: »Wo nur steckt

Tutanekai? Geht hin und weckt

Ihn auf. So lang zu schlafen gleicht

Ihm sonst nicht. Er ist krank vielleicht?«

Und auf Whakaue's Wunsch erhob

Ein Mann sich und ging hin sofort

Zum Haus Tutanekai's und schob

Das Holzstab-Gitter leise fort

Vom Fenster. Und er sah hinein.

Erst war er blind im Dämmerschein;

Dann schien es ihm, als säh' er da

Vier Füsse liegen. Was er sah

Kam ihm unglaublich vor. Doch lief

Er zu Whakaue gleich und rief:

»Du wirst's nicht glauben! Aber höre!

Vier Füsse liegen dort! Ich schwöre.

Ich sah es selbst!« Whakaue sprach:

»Wer mag der Andere nur sein?

Lauf wieder hin und schaue nach!«

Der Mann lief hin und sah hinein

Und sah – und nun erst ward ihm klar,

Dass dort die Häuptlingstochter war.

Und durch das Dorf erscholl sein Schrei:

»Kommt her! heda! Kommt schnell herbei!

Im Hause von Tutanekai

Ist Hinemoa!« Und der Schrei

Pflanzte sich fort; und auch die drei

Whakauesöhne hörten ihn

Und glaubten nicht was alle schrien

Und standen abseits und verdriesslich

Und mussten doch begreifen schliesslich,

Dass es sich wirklich so verhielt

Und dass ihr Liebesglück verspielt,

Als laut umjauchzt vom frohen Volke.

Wie Mond und Venus aus der Wolke,

Zwei Menschen aus der Hütte traten

Und um Whakaue's Segen baten.



ENDE.