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Eduard Stucken – Romanzen und Elegien

Romanzen und Elegien

Eduard Stucken, Romanzen und Elegien, Erich Reiss Verlag, Berlin W62, 1911

TRIUMPH DES TODES




I

Prinz, Abt und Maid durchpirschten Forst und Berge
In Seidenkleidern, die Gerank umflocht;
Der Narr ritt hinterdrein. Drei offne Särge
Sahn sie am Weg, drin Leichen, schwarzverknocht,
Gewürmbenagt, die Augen tiefdurchlocht.
Der Abt hielt sich die Nase zu: O! grässlich,
Rief er, dass dies der Schänder Tod vermocht!
Schön ist das Leben, doch der Tod ist hässlich!


Die Hand am Kinn, sann nach die Maid: Sind Särge
Euch fremd? Erblasst ihr, weil ihr Moder rocht?
Ins Land des Friedens rudert uns der Ferge;
Ich habe den Gedanken stets gemocht;
Ich weiss, dass Er an meine Tür einst pocht, –
Dann folg' ich ihm zu Freuden unermesslich.
Die Flamme lischt und schwarz verkohlt der Docht;
Schön flieht die Flamme – nur der Docht wird hässlich.


Nachdenklich sprach der Prinz: Wen schrecken Särge!
Solang noch Jugendblut in Adern kocht,
Solang ich Liebesglut im Herzen berge,
Hat über mich der Erzfeind nichts vermocht.
Wenn Mädchenhand dem Streiter Kränze flocht –
Was sind ihm Todeswunden! Unvergesslich
Lebt er im Liede, der für Frauen focht.
Ruhmloses Leben, – nicht der Tod ist hässlich.


Trüb sprach der Narr: Wer, Prinz, auf Nachruhm pocht,
Vergisst zu leben. Prinz, sei nicht vergesslich!
Bald lischt ein Menschenauge wie ein Docht,
Und das Hernach ist weder schön noch hässlich.




II

Bei den Fontänen, die Schneewasser spenden,
Sind Edelfraun zum Minnehof vereint;
Die einen tragen Früchte in den Händen,
Die andern Blumen. Eine Bratsche weint
Süsstraurig wie ein Kind, das sich zerpeint;
Ein Fräulein kündet holdverruchte Schwanke;
Da fragt die Liebeskönigin: Was scheint
Euch für die Maid das reichste der Geschenke?


Der Streit der Richterinnen will nicht enden,
Da jede eine andre Gabe meint;
Die Eine, Bleiche, wünscht sich Blumenspenden;
Die Rosenrote – Spangen buntgesteint;
Die Dunkle – Rauschwein, der die Seele reint.
Das schönste Kind jedoch tut kund: Ich denke,
Die süsse Glut, die Mund mit Mund vereint,
Ist für die Maid das reichste der Geschenke.


Da schwebt, mit Hadern an den dürren Lenden,
Herbei ein Scheusal, das ein Altweib scheint;
Verfilzt das Haar; der Mund grinst; in den Händen
Trägt es die Sense; und sein Blick versteint.
Doch sehn die Edelmaide nicht den Feind.
Aufs schönste Kind senkt er die ungelenke
Mordsense; und dann, Mund mit Mund vereint,
Gibt er der Maid das reichste der Geschenke.


Der Zauber, Prinz, der Mund mit Mund vereint,
Ist höchstes Glück und tiefstes Weh. Bedenke: –
Schwebt unsichtbar auch über uns der Feind, –
Das Leben ist das reichste der Geschenke.




III

Was ist der Sinn, wenn in der Hand
Wir Blütenzweig und Früchte halten?
Ist's, weil die Seele sich verwandt
Den Blüten fühlt und Fruchtgestalten,
Und Zauberblätter will entfalten
Duftschwer vor Glück, – vor Glück, das schwand,
Wie Duft entschwand und Abendrot,
Wie Lieder, die zu früh verhallten?
Denn morgen ist die Blume tot.


Was ist der Sinn, wenn in der Hand
Die Bräute Hyazinthen halten,
Die Stirnen mit dem Myrtenband
Umkränzt – die Stirnen ohne Falten?
Ist's, weil die Liebe bald erkalten
Und frieren wird, vom Sturm bedroht,
Wenn Wolken sich zusammenballten?
Denn morgen ist die Blume tot.


Wie sich Persephone im Land
Der Nacht schmückt mit Narzissen, halten
Wir weisse Blumen in der Hand
An einem Grab, zu dem wir wallten.
Der Toten Liebe will nicht alten
Und wächst empor aus Gräbern, rot
Wie Rosenglut, trotz Nachtgewalten.
Doch morgen ist die Blume tot.


Drum lass uns, Prinz, in Freude schalten
Und tanzen, küssen, weindurchloht,
In Armen Rosenmädchen halten, –
Denn morgen ist die Blume tot.




IV

Wie anders kommt es doch im Leben! ...
Du sprachst es und ein Lächeln glitt
Auf Deine Lippen, sanft, ergeben.
(O, wie es mir das Herz zerschnitt!)
Mehr sagen wolltest du, – doch litt
Es nicht der schwarze Fürst der Zeit.
Du nahmst das Ungesprochne mit
Durchs Erztor der Vergessenheit.


Wie anders kommt es doch im Leben!
Am Pfad ein Kreuz, – was stockt mein Schritt?
Nach Ruhmeskränzen ging das Streben
Des Jünglings, der für Freiheit stritt.
Verdorrt der Kranz; das Schwert entglitt
Zu früh der Hand; Blut, ruhmgeweiht,
Ward Rosenblut. Er aber ritt
Durchs Erztor der Vergessenheit.


Am Traumgespinst des Daseins weben
Gramstille, weisse Fraun selbdritt;
Die schönste sah ich vor mir schweben,
Sah, wie sie Fäden band, durchschnitt.
Sie sprach: Was mühst du dich? Damit
Im Werk du fortlebst? Mensch, nichts feit
Vor Rost! Dein Werk – wie bald durchschritt
Es Tore der Vergessenheit!


Bedenk es, Prinz, und freu' dich mit
Der Schenkin – sie hält Wein bereit –
Eh Frohsinn wie ein Schatten glitt
Durchs Erztor der Vergessenheit.




V

Der Abt Albertus lud den Kaiser ein,
Im Klostergarten mit des Reichs Vasallen
Bei einem Prunkgelag sein Gast zu sein.
Doch als der Hofstaat kam, war Schnee gefallen;
Schnee lag auf den gedeckten Tafeln allen,
Schnee lag auf Gras, auf winterkahlen Bäumen.
Ein Traum, ein Zauberwerk erschien es allen –
Wer unterscheidet Wirklichkeit von Träumen?


Das Fest begann, – da liess es nach zu schnein;
Die Zweige grünten; aus des Klosters Hallen
Trat eine Schar von schönen Mädchen ein,
Und bunt Gevögel sah man niederfallen.
Von Liedern schien der ganze Ort zu hallen,
Es knospten Blumen, Blutschnee auf den Bäumen,
In Rosenbüschen schnalzten Nachtigallen –
Wer unterscheidet Wirklichkeit von Träumen?


Doch nach dem Mahl gefror im Glas der Wein,
Die Bäume wurden silbrige Korallen ...
Der Kaiser staunte bass: was war hier Schein?
War Neuschnee oder Blütenschnee gefallen?
Was war hier Zauber? War's der Nachtigallen
Locklied? War es der Schneereif auf den Bäumen?
Ist kein Verlass auf Sinne? Sind sie Fallen? ...
Wer unterscheidet Wirklichkeit von Träumen?


Ein Zauberspiel ist, Prinz, das Erdenwallen;
Maulwürfe sind wir, blind in dunklen Räumen,
Und trinken Zaubertrank aus Kelchkrystallen –
Wer unterscheidet Wirklichkeit von Träumen?




VI

Im Spätrot glomm am Himmelsrand
Der Abendstern und scharf umrissen
Ein Wölkchen in so grellem Brand,
Als war' das Himmelsdach zerrissen
Und Himmelsglast voll Zaubernissen,
Des Goldthrons Abglanz, strahle drin.
O sage, Wolke, lass mich's wissen,
Wo kommst du her? Wo gehst du hin?


Ich sah ein Judenkind, das stand
Am Kreuzweg und schien nicht zu wissen,
Wohin sich wenden; in der Hand
Ein Bündel, barfuss und zerschlissen,
Doch rein der Blick wie das Gewissen.
Sprich, junge, ewige Wandrerin:
Was gibt dir Mut, ein Heim zu missen?
Wo kommst du her? Wo willst du hin ?


Die Wolke schwand, – warum sie schwand,
Gleich Glück entschwand und Bitternissen,
Weisst du es, wenn des Todes Hand
Den dunklen Vorhang aufgerissen?
Und liegst du auf dem Sterbekissen,
Und kommt die Frage dir in Sinn,
Wirst du dann bald die Antwort wissen?
Wo kommst du her? Wo gehst du hin?


Goldrosen, Prinz, und Goldnarzissen
Sind schön wie ihre Trägerin.
Wenn sie mich küsst, will ich nicht wissen:
Wo kommst du her? Wo gehst du hin?




VIII

Ein Gastwirt, der mit Muskateller
Sein Gut und fremdes Gut verprasst,
Starb, doch sein Geist ging um im Keller,
Den Erben ein unlieber Gast.
Er ward auf einen Lindenast
Gebannt und sass hoch im Gezweige
Am Waldsee draussen, am Morast,
Und traurig spielte er die Geige.


Man hörte sommers ihn, in heller
Waldnacht, und winters auf dem Ast;
Und immer schneller ward, je schneller
Schneeflocken stöberten, die Hast
Des Fiedelbogens ohne Rast.
Gesang der Wipfel war's und Zweige,
Das Sturmlied in der Rinde Bast –
Man sprach: Der böse Wirt spielt Geige.


Wie Waldes Sturmlied klingt – nur greller
Ins Ohr ein Ton, wenn Alters Last
Die innern Sinne schärft, wenn schneller
Die Stunden fliehn und Glück verblasst.
Wer ist dann Wirt – und wer der Gast?
Es ist, wie wenn sich einer neige
Still über unsre Schulter ... Fast
Willkommen ist er mit der Geige.


Verblasst ist bald Morgans Palast.
Drum, Prinz, geniesse bis zur Neige.
Wie lange noch – und du auch hast
Den Ton gehört, des Wirtes Geige.




VIII

Wem strahst du, Frühling? Ohne Grenze
Blaut Äther, spiegelt sich in Seen;
Schmelzfalter schweifen, Schwalbenschwänze;
Levkoien glühn und Azaleen;
In Farben schwelgt die Welt – für wen?
Die Marschall Niel, die fehlerlose,
Kann sie ihr eignes Antlitz sehn?
Für wen blühst du so prachtvoll, Rose?


Du schönes Kind, kaum siebzehn Lenze
Hast du und keinen Gram gesehn;
Blumen im Haar, im Sinne Tänze,
Schmückst du dich, Feste zu begehn.
Wird er dein Rätselherz verstehn,
Der dich zur Mutter macht? Wird lose
Kelchblätter Sturmwind nicht verwehn?
Für wen blühst du so prachtvoll, Rose?


Gramvoller Winter weicht dem Lenze;
Wenn Jugend kommt, muss Alter gehn.
Mein Sterbezimmer seh ich, Kränze
Und Freunde flüsternd kommen, gehn;
Eine, die Blumen trägt ... für wen?
Er dort im Sarg hört kein Gekose
Und kann die Blumenpracht nicht sehn ...
Für wen blühst du so prangend, Rose?


Geh, Prinz, in schattigen Alleen,
Derweil's im Herzen lenzt. Dem Lose
Kann Herz und Blume nicht entgehn: –
Für sich – nur einmal – blüht die Rose!




IX

Raimundus Lullus, krank vor Liebesgram,
Bat heimlich oft die schönste der Prinzessen
Um Minnelohn. Sie schwieg, wenn sie's vernahm, –
Nicht Groll, nur Schmerz schien ihr den Mund zu blässen.
Da hofft' er – war sein Sehnen auch vermessen –
Sie einzudämmern, harrend teuflisch klug,
Bis sie die Seine würde ehrvergessen:
Des Herzens Wunden heilt nur, wer sie schlug.


In ihre Kemenate bat sie ihn. Er kam.
Ihr Mieder, überstickt mit goldnen Tressen,
Knüpfte sie auf und lachte wundersam;
Und Tränen sah er ihre Wangen nässen.
Da schrie er wild, – die Brust war krebszerfressen!
Er floh, da er den Anblick nicht ertrug,
Und auch der Teufel floh, der ihn besessen –
Des Herzens Wunden heilt nur, wer sie schlug.


Er ging in sich, gehetzt von Reu und Scham,
Verliess als Mönch die Burg des Königs, dessen
Hofalchimist er war, und Abschied nahm
Er von der Welt. Was er an Gold besessen,
Verschenkte er und suchte das Vergessen:
Entknechtung von der Erdenschönheit Lug
Erflehte er von Gott in brünst'gen Messen; –
Des Herzens Wunden heilt nur, wer sie schlug.


Ein süsses Mädchen, Prinz, ans Herz zu pressen,
Verwehrt ist's Mönchen. Wir selbst, oft genug,
Verdüstern uns die Seelen, gramzerfressen –
Des Herzens Wunden heilt nur, wer sie schlug.




X

Schön kommt der Herbst im bunten Kleide,
Sein Haupt mit goldnem Band bereift.
Doch mit uns lächeln Wald und Heide
Wehmütig, wenn er sie durchstreift.
Was ist es, was uns so ergreift,
Da froh die Winzerlieder schallen,
Da purpurfarb die Rebe reift
Und Äpfel dumpf zur Erde fallen?


Am Spinnrad träumt in weisser Seide
Die Braut, und auf der Haspel weift
Sie Garn, – den spinnen junge Maide
Im Frühjahr, wenn die Amsel pfeift.
Nun kommt der Herbst; und sie begreift
Ihr hohes Glück kaum, hehr vor allen,
Dass eine Frucht im Schoss ihr reift
Wie Früchte, die zur Erde fallen.


Im Herbst, wenn Leib und Seele, beide,
Müd sind und welk, das Haar bereift,
Das Lebenswerk und manches Leide
Uns altert und die Glieder steift,
Bleibt nur die Sehnsucht jung und schweift
Zurück? voraus? ... Da hört sie's hallen,
Wie wenn ein Mäher Sensen schleift
Und Früchte dumpf zur Erde fallen.


Die Herbstglut, Prinz, die Reben reift,
Glüht auch im Mädchen, in uns allen.
Drum, Freunde, küsst die Mädchen, greift
Nach Früchten, die zur Erde fallen.




XI

Tiffanges heisst die Ruine. Sieh,
Hier sündigte Gilles de Laval,
Sire de Rouci, Montmorency,
Craon et Raiz. An Belial
Schrieb er den Blutbrief, gab im Saal
Die Orgien an, die schauderhaften,
Sah kleiner Kinder Todesqual,
Das Herz verzehrt von Leidenschaften.


Für Zauberei, Mord, Sodomie
Ward er verbrannt, – Gilles de Laval,
Sire de Rouci, Montmorency,
Craon et Raiz und Maréchal
De France ... Er lachte kalt und fahl,
Als sie um ihn Brandreiser rafften:
Nun frisst die Glut zum letzten Mal
Mein Herz, verzehrt von Leidenschaften!


Vom Henker kauften ihn, sowie
Beendet war des Feuers Mahl,
Fünf schöne Edelfräulein, die
Die Asche – Knochen schwarz und kahl –
In Tüchlein legten und ins Tal
Fromm singend zur Abtei ihn schafften, –
Ihn, dem sie angehört einstmal,
Das Herz verzehrt von Leidenschaften.


Schön ist die Tugend, Prinz, doch schal;
Und heller brennt im zauberhaften
Verwesungslicht wie ein Fanal
Ein Herz, verzehrt von Leidenschaften.




XII

Es dämmert. Rote Nebel schwellen
Und quellen in das Morgengrau.
Sanft rauscht das Gras; wie Silberschellen
Schwirrt Lerchensang durchs fahle Blau.
Die Primel, glitzrig nass vom Tau,
Schliesst ihren Kelch auf, steinverziert.
Sie jubeln, weil die Himmelsfrau
Das Sonnenkind zur Welt gebiert.


Es dämmert. Auf Gefels erhellen
Sich Schlosseszinnen altersgrau.
Vom Tal tönt Hämmern, Bäumefällen ...
Doch grabstill ist's im morschen Bau.
Blut stirbt wie Wein. Geschick traf rauh
Den Greis, der dort ins Feuer stiert
Und weiss, dass seine welke Frau
Ihm keinen andern Sohn gebiert.


Es dämmert, sagt ihr? Weil ihr Zellen
Erforschtet und den Himmelsbau?
Hobt ihr den Schleier? Wird sich's hellen,
Das Dunkel? ... In der Ferne schau
Ich Zeiten, wo in jedem Gau
Recht über Unrecht triumphiert;
Wann wird das sein? – Wenn Unsre Frau
Noch einen zweiten Sohn gebiert.


Wir dämmern, Prinz. Die Welt ist grau ...
Schweig, Narr! Das Frühlicht flammt und ziert
Den Horizont – bis Unsre Frau
Zum andern Mal ein Kind gebiert.




ROMANZEN




HJANG-YÜ

Zum Kampf stürmte Fürst Hjang-Yü, und vor ihm
am Sattelknopf
Hing blutlos ein seltsam schöner, perLweisser Frauenkopf.
Denn Yu-Ki, die Königin von Hu-Kwang, entleibte sich,
Weil er, ihr Gemahl, umringt vom Feind, nimmer von ihr wich.
Sie schnitt sich die Kehle durch, weil um ihres Mundes Lied
Fürst Hjang-Yü, vom Feind umringt, sie herzend, das Blachfeld mied.
Zur Schlacht ritt nun Fürst Hjang-Yü und hatte am Sattelknopf
Befestigt den seltsam schönen, perlweissen Frauenkopf.
Im Kampf oftmals küsste er den Mund ihr, das schwarze Haar;
Sein Ruhm wuchs, doch mehr wuchs noch sein Mut, weil sie nah ihm war.
Einst auf einem Rückzug musst' er über den Wu-Kiang,
Da blieb jach sein Schlachtross stehn am Flussufer, wiehernd bang.
Sein Ross sah, sich spiegelnd tief im Flusskies: am Sattelknopf
Gespenstisch den seltsam schönen, perlweissen Menschenkopf.
Umsonst spornt' er's, hochauf bäumte sich's, schaumbedeckt vor Qual,
Doch wich nicht. Da küsst' er stumm den Schneemund zum letztenmal
Und schnitt sich die Kehle durch, damit ihr perlweisses Haupt
Der Feind ihm nicht raube, das der Tod selbst ihm nicht geraubt.




IM HOCHGEBIRGE

Der Wind, der mir Schläfen und Stirne
Hier auf weissen Bergen umweht,
Ist so rein wie der Schnee der Firne –
Und geläutert ist, wer hier geht.
Lichthell sind die Gletscherzacken,
Durchsichtig wie Edelgestein;
Und die Lüge fällt ab wie Schlacken
Vom Gold, und das Herz wird rein.


Ersteige mit mir die kalten
Schneewehen und lass uns zwei,
O Seele, Zwiesprach halten
In vereister Wüstenei.
Nur lautlose Adlerschwingen
Gleiten durchs Wolkenmeer,
In das Reich der Alpenfee dringen
Lärmrufe der Menschen nicht her.


War ich dir treu, meine Seele?
Du schweigst und verhüllst dein Gesicht?
Ja, ich brach dir die Treue, – ich hehle
Meine Versündigung nicht
Ich bin erdenschwer, erdegeboren,
Wie die Erdenpilger sind,
Und du kamst aus Edens Toren,
Ein verirrtes Himmelskind.


Ungleich ist der Himmlischen Ehe
Mit Sterblichen und verleiht
Ungemessenes Glück und Wehe,
Qualvolle Seligkeit.
Bald entflohn sind des Glückes Tage,
Wie ein Traumbild zerrinnt und verblasst
Ein unbedacht Wort, eine Frage
Vertreibt den Himmelsgast.


Der Pakt, den beide geschlossen,
Wird gebrochen durch ein Wort,
Und den Sternengleichen Genossen
Treibt ein Zeichen des Zweifelmuts fort.
Auch deine Tränen fielen,
Und du hast dich von mir gewandt,
Als ich forschte nach deinen Gespielen
Und deinem Heimatland.




DIE SONNE

Im Osten Grönlands lebte einst ein Mann,
Dem war die Heimat über alles lieb.
Und wenn der Sommer Kajakmänner trieb,
Hinauszuziehn an ferne Küsten, blieb
Er heim und betete die Sonne an.


Denn keine Freude schien ihm auf der Welt
Der einen gleich: zu schaun, wie Nacht zerstob
Und aus dem Meer die Sonne sich erhob;
Er sah's allmorgendlich und sang ihr Lob
Auf einem Hügelzug vor seinem Zelt


Doch als sein Sohn heranwuchs, zog es ihn,
Wie andre junge Kajakmänner, nach
Dem Westland, trotz Gefahr und Ungemach;
Er bat den Vater drängend. Da versprach
Der Alte, mit ihm aus dem Land zu ziehn.


Sie kamen bis zum Vorgebirge. Bleich
Hob sich die Sonne aus Gefels und Sand,
Nicht rot aus Meerflut wie im Heimatland.
Und weil er eine fremde Sonne fand,
Beschloss der Alte, umzukehren gleich.


Daheim verliess er früh sein Zelt, das Nahn
Zu sehn der Sonne – seiner – goldenrot.
Genossen suchten ihn; man fand ihn tot;
Glückselig lächelte sein Mund, umloht
Vom Feuerball im roten Ozean.




PHAON

Prüfen will die herrliche Aphrodite
Menschenherzen, wägen auf schwanker Wage;
Und sie legt die zuckenden Herzen auf die
Eine der Schalen,


Auf die andre legt sie ihr Halsgeschmeide,
Schwere Gemmenketten; nur wenig Herzen
Haben mehr Gewicht, weil sie Gold sind: Gold wiegt
Schwerer als Steine.


Phaon war ein Ferge in Mytilene,
Graubehaart, gebleicht auf azurner Meerflut,
Treu, gerecht, ein Wunder in Lesbos. Niemals
Nahm er von Armen


Lohn, wenn er sie über den dunkelblauen
Golf gesegelt, nahm nur von Reichen. Einstmals
Stieg ein altes Mütterchen in sein Boot ein,
Ärmlich gewandet,


Reichte ihm, nachdem er die Bucht durchsegelt,
Kupfermünzen, – lächelnd verwies ihr's Phaon.
Ihre Kleider streifte sie ab, und vor ihm
Stand Aphrodite


Alabasterweiss, wie sie Meerschaum, auf der
Muschel, von Delphinen umspielt, entblüht war;
An den Rosenfüssen Sandalen und am
Nacken Geschmeide.


Phaon, sprach die goldene Aphrodite,
Kennst du nicht die Göttin? Schau her, ich bin es:
Kypris; – bin's, die Untreue ahndet. Doch du,
Phaon, bist treu. Stets


Hattest du nur eine Geliebte. Schön zwar
Ist dein Lieb, das silberne Meer; doch schön auch
Flimmern Mädchenglieder, und süsser schmeckt ein
Kuss meiner Mädchen


Als der Meerflut salzige Küsse. Werde
Jung, denn perlenjung sind ja meine Mädchen.
So sprach Kypris, und ihn berührend gab sie
Knabengestalt ihm;


Phaon aber schritt durch smaragdne Fluren
Mytilenes, Frühling im Herzen, ahnend
Mädchenglieder, schön wie das Meer, und Sapphos
Glutende Küsse.




INDIANISCHE FABEL

Komm, lass uns (sagte zur Hindin der Rabe)
Die toten Verwandten beweinen im Grabe.


Drauf sprach sie: Ich habe zu weinen nicht Grund,
Denn meine Verwandten sind alle gesund.


Der Rabe versetzte: Wir können ja deinen
Und meinen Urgrossvater beweinen.


Die Hindin willigte ein. Und sie gingen
Zu Klippen, die steil über Abgründen hingen.


Wir wollen uns, sagte der Rabe, so setzen,
Dass unsere Tränen die Tiefe benetzen.


Da rückten sie nah an den Klippenrand.
O weh! rief der Rabe hinaus in das Land,


Mein Urgrossvater, du schwandest dahin,
Ach! lange bevor ich geboren bin!


Nun weinte die Hindin auch, ganz verstört,
Doch schwieg sie. – Du weinst nicht, wie sich's gehört,


(Belehrte der Rabe), – schliessen musst du
Die Augen! – Die Hindin machte die Augen zu.


Da stiess er sie in den Abgrund. Darauf
Flog er hinunter und frass sie auf.




CONNLA

Durchscheinend milchig Wange, Hals und Hand;
Bestickt mit Veilchen ihr Brokatgewand;
Das schwere Haar, das auf die Brüste fiel,
So goldrot wie die Goldschnur, die's umwand;


Wildfeuer in den Augen, blaugestahlt;
Der Mund von Lächeln müd und weh umstrahlt;
Ihr glockig Kleid gebauscht, des Windes Spiel,
Der durch den Goldstoff ihre Schlankheit malt;


Kein Staub der Erde auf dem Riemenschuh;
Wie schwebend schritt sie auf den Jüngling zu.
Er sah ihr flimmernd Lächeln, und er sprach:
Wer bist du, Mädchen, und woher kommst du?


Ich komme aus dem Land der Seligkeit,
Sprach sie; – wer dort weilt, ist vor Tod gefeit;
Wer dort weilt, weiss von Sünde nicht und Schmach,
Gramlos und wunschlos, dämmernd allezeit.


Kein lauter Ton dringt in das stille Reich;
Wie grosse Falter, stumm und freudenreich,
Umschlingen schlanke Mädchen sich beim Tanz
Und spiegeln sich im Wasserrosenteich;


Und knien auf Wiesen hin; und manche bückt
Sich tief ins Gras, wo sie Narzissen pflückt
Und Purpurmohn, – draus windet sie den Kranz,
Mit dem sie bleicher Knaben Schläfen schmückt.


Sie schneiden Ähren – aber nicht fürs Mahl;
Ihr stiller Kuss weiss nichts von Liebesqual;
Der Jüngling, der des Mädchens Zöpfe flicht,
Fährt sie im Nachen auf dem Schilfkanal, –


Doch glättet sich im Wasser bald der Streif.
Das Einhorn lebt mit ihnen und der Greif.
Nur Sommer kennen sie und Winter nicht:
Goldäpfel, die dort glühn, sind immer reif.


So sprach, auf Usnas Hügel, wunderbar
Die Maid zu Gonnla mit dem schönen Haar.
Zum König auch drang hold der Stimme Ton,
Doch stellte sich die Maid nur Gonnla dar.


Der alte Fürst, der hundert Schlachten schlug,
Vernahm das Zwiegespräch, – war's Sinnentrug?
Er fragte Gonnla: Mit wem sprichst du, Sohn?
Und seine Frage klang besorgt genug.


Er spricht mit einem Mädchen, seltsam schön,
Versetzte sie, – das stieg auf Usnas Höhn
Aus Avelun, wo es nicht Tränen gibt;
Dort weint und seufzt der Geigen süss Getön.


Nur Harfenklang erstirbt dort, sinkt, zerschellt
Dumpf, wie ein Tropfen in der Grotte fällt.
Und weil mein Herz den jungen Gonnla liebt,
Lock ich ihn fort zur ewig grünen Welt;


Zur Blumeninsel, wo die Goldfrucht schwillt,
Aus Quarzgefels der Trank der Jugend quillt.
Denn wer mein Traumgestade je berühr,
Hat immerdar des Sehnens Durst gestillt.


O Gonnla mit dem schönen Haar, komm mit
Ins stille Land, das nie der Tod betritt,
Und brich dir Blüten auf der sel'gen Flur,
Eh Jugend dir wie Sand durch Finger glitt.


Komm, komm, bevor die Jugend Abschied nimmt
Die Feenkrone ist für dich bestimmt;
Noch strahlt in deinen Wangen Jugendblut,
Wie Morgenhimmel rötlich zart entglimmt.


Wenn du dort mir zur Seite lebst, gekrönt,
Bleicht nie der Jugendglanz, der dich verschönt,
Nie meiner Küsse Morgenrosen-Glut, –
Bis des Gerichtes Erzdrommete tönt.


Als sie so redete, schrak wundersam
Der alte Fürst, und in sein Herz schlich Gram.
Nach Coran, dem Druiden, sandte er
Und rief ihn an um Beistand, als er kam.


O Coran, der du Zaubersänge kennst
Und grosse Wunderkunst dein eigen nennst,
O steh mir bei, – nichts schreckte mich so sehr,
Seit mich der Kronreif schmückt, wie dies Gespenst.


Dies Mädchen, das wie Wind unsichtbar ist,
Spricht Worte, die kein Jünglingsherz vergisst.
Wenn du mir bald nicht deine Hilfe leihst,
Wird mir mein Sohn geraubt durch Feenlist.


Nun stimmte Coran an das Lied der Nacht,
Das blumenhaft erblüht in dunkler Pracht.
Da blich das schöne Mädchen wie ein Geist
Aus Connlas Blick durch des Druiden Macht.


Doch gab sie, eh sie ganz entblichen war,
Ihm einen goldnen Apfel wunderbar.
Nichts ass und trank er seit dem Tag, als nur
Die Frucht, die sich erneute immerdar


Und nachwuchs, heil allzeit, soviel er ass.
Ein Mond verging, – sein krankes Herz genas
Nie mehr, die Sehnsucht wurde übergross,
Die Sehnsucht, die wie Gift sein Mark zerfrass.


Schneeflocken gleich sah er die Tage fliehn.
Ein Mond verging, – am Strand von Arcomin
Mit seinem Vater stand er, und er sah
Sie wieder, blendend, wie sie einst erschien.


Sie grüsste ihn und sprach: So hochgestellt
Und ohnegleichen in der Menschenwelt
Ist Connla, dass er nicht erwägt, wie nah
Der Tag ist, wo sein Todeswürfel fallt.


Ach, bald entblümt ist Jugendlust und Glück,
Sinkt hin wie Rosenblätter Stück für Stück.
Und eine Locke, die der Lenz verlor,
Bringt Herbst und Alter nimmermehr zurück.


Doch Blumen Aveluns, die heller glühn
Als Erdenblumen, können nicht verblühn.
Wer zu uns kommt, tritt durch des Traumes Tor
Ein ins Gefild des Frühlings, immergrün.


Trug ist die bunte Welt, in der du lebst;
Ein bald verwahrlost Grab, wonach du strebst;
Dich grinst der Totenschädel an des Nichts,
Wenn du die Hülle von den Dingen hebst.


Rings grauer Tod, – erscheint er dir auch blank;
Auch Menschenglück und Sprosserlied sind krank;
Ein Steinlein lebt im Strahl des Sonnenlichts
Und stirbt, geschwärzt, sowie die Sonne sank.


Durch die fünf Sinne lebt und stirbt der Schein;
Und keiner fand bisher der Weisen Stein.
Das Tiefste noch, was Menschengeist erforscht,
War, dass das Werden Trug ist wie das Sein.


Und was ist Ruhm? Du gibst dein Blut dahin, –
Ein Lied, ein Steindenkmal wird dein Gewinn;
Das Lied verhallt, das Denkmal sinkt zermorscht, –
Und schnell vergisst der Erde Wankelsinn.


Und schnell vergisst ein Herz, das Liebe gehrt,
Wie heiss das Feuer war, das es versehrt.
Dein schönes Haar, wie bald ist es ergraut; –
Nur Jugendträume sind zu leben wert.


Wir, wir sind Träume – und doch wahrer weit
Als eure Gaukelwelt der Wirklichkeit.
Wir rufen dich; – wer unsre Schönheit schaut,
Ist immerdar von Rost und Wurm befreit.


So sprach sie. Und der König, schreckensbleich,
Rief seinen Mannen zu: Ruft Coran gleich!
Ruft den Druiden, denn mich dünkt, sie spricht
Machtvoller heute, wenn auch sanft und weich.


Das Mädchen lachte still: Wie sehr ihr eilt,
Es ist zu spät, da Coran ferne weilt.
Und käme er, – an meinem Zauber bricht
Sein Zauber sich, der nimmer Sehnsucht heilt.


Die Sehnsucht ist das unsichtbare Band,
Das stets Natur und Geisterwelt verband.
Sie, die in Steinen schläft, in Pflanzen träumt,
Im Menschen aufwacht und entglimmt zum Brand.


Wen sie erfasst, wie Feuerflocke fasst,
Der ist im Reich des Scheins ein fremder Gast,
Kurzlebig wie das Gold, das Wolken säumt,
Und wie die weisse Pracht am Kirschenast.


Die Sehnsucht ist es, die im dunkeln Laub
Mit Schönheit Blüten schminkt, des Todes Raub;
Im Spätrot stirbt ein Abglanz ihrer Welt;
Auf Falterflügel streut sie goldnen Staub.


Ins Jünglingsherz streut sie des Bösen Saat,
Denn schöner flammt ein Herz, wenn Fährnis naht.
Das heisse Langen, das die Brust ihm schwellt,
Lischt erst, wenn er der Sehnsucht Land betrat.


Ihn liebe ich. Und auch sein Herz ist krank,
Seitdem sein Blick in meinen Blick versank.
Doch Heilung wird ihm werden, wenn er dort
Wein, Kuss und Rausch von meinen Lippen trank.


Sie schwieg. Auch er schwieg, bis der Fürst gefragt:
Sohn, ist es Wahrheit, was das Mädchen sagt,
Dass du sie mehr liebst als dein Volk und mich?
Log sie, so straf sie Lügen unverzagt.


Doch Connla sah den Vater traurig an
Und schüttelte sein Lockenhaar, und dann
Sprach er: Mein Volk lieb ich und, Vater, dich
So sehr, wie man auf Erden lieben kann.


Sie aber ist von Erden nicht. Gesang
Ist ihre Rede und macht froh und bang.
Mich fasst ein Sehnen, nie gekannt bisher,
Bei ihrer wundersüssen Stimme Klang.


Das Mädchen hörte es und sprach darauf:
So reissend ist nicht eines Wildbachs Lauf,
Wie Sehnsucht ist; und selbst das Weltenmeer
Wühlt nicht im Sturm so hohe Wellen auf.


Siehst du mein Boot, das dort am Ufer liegt?
Krystallen ist mein Nachen, und er wiegt
Sich still im Wasser jetzt; doch wenn er fährt,
Jagt er dahin, schnell, wie ein Vogel fliegt.


Steig mit mir in den Nachen von Krystall;
Schon sinkt ins Meer der Sonne Glutenball;
Fern ist mein Eiland, doch du hörst verklärt,
Eh Nacht kam, unsrer Sänge Harfenschall.


Eh Nacht kam, bist du dort und bist erwacht
Vom Traum und Alpdruck dieser Erdennacht.
Des Traumes Traurigkeit wirst du gewahr,
Wenn du die Freude siehst, die dorten lacht.


Und wirst gewahr, was Erdenschönheit ist:
Ein Kleid des Todes und der Sinne List.
Doch wen ich band mit meinem schweren Haar,
Wer meiner Küsse Wein trinkt, der vergisst.


Des Jünglings Antlitz wurde weiss und rot;
Wildherzig tat er, was sein Wunsch gebot.
Er eilte fort, bis er ans Ufer kam,
Und stieg mit ihr in das krystallne Boot.


Der König und die Mannen sahn vom Strand,
Wie über Meer das Boot entglitt, entschwand.
Dem Blick entschwand es; und kein Ohr vernahm
Jemals, ob es den Weg zum Traumland fand.




SATINIG

Am Fluss Gur hat Ardaschés gelagert Armeniens Heer,
Und jenseit des Gur stehn bang Iberer im offnen Feld;
Ihr König ist kampfmüd, denn sein Sohn ward gefangen; er
Schickt Botschaft an Ardaschés mit kostbarstem Lösegeld.
Doch weigert's ihm Ardaschés. Da naht weiss wie Schneegeflock
Dem Flussufer Satinig, die Schwester des Königssohns,
Behelmt, kühn den Brandfuchs tummelnd, traumschön im Panzerrock,
Und über den Fluss dringt laut der Schall ihres stolzen Drohns:
Mit mir kämpfe, Ardaschés, und färbe mein Mädchenkleid
Mit Blut, – oder ich zahl' dir, dich tötend, das Lösegeld;
Doch kühn wahrlich wär's, gäbst du der schönen Iberermaid
Ihr Blut frei; – aus Rachsucht knechten soll Fürsten nie ein Held!
Die Maid ruft's, und Ardaschés am Flussufer hört den Ruf
Und schaut sie, schaut Satinig, so traumschön, behelmt, ein Kind;
Von Sehnsucht erfasst, lenkt er ins Flussbett des Rappen Huf.
Sein Fangseil ausTigerhaut, an dem goldne Glöckchen sind,
Sein Fangseil aus Tigerhaut, er schwingt's – und aufs Mädchen fällt
Das Seil, wie ein Stossaar auf ein Lamm schwirrend niederstösst.
Die Brust schnürt das Fangseil ihr; er schleppt sie ins Purpurzelt
Und löst ihr den Bruder für das Gurtband, das er ihr löst.




TEIRESIAS

Am Schilfteich, nachts, hinter Zypressenstämmen
Versteckt, sah auf der Jagd Teiresias
Ein Mädchen, schild- und speerbewaffnet, das
Den Goldhelm abnahm, sich das Haar zu kämmen.


Und zittrig wie die Fohlen in den Schwemmen
Glitt sie ins Wasser, nackend, silbrig blass.
Dann schrie sie bang auf, denn sie fühlte, dass
Im Dickicht Augen funkelten gleich Gemmen.


Und wer Athene nackt sieht, muss erblinden.
Doch gab sie, weil er schön war, was sie nahm:
Der Seher wurde er, der Auserkorne.


Wir schaun, was kommend stirbt, wir sehend Blinden;
Der Blinde aber sah, was noch nicht kam:
Im Kindersee das Kind, das Ungeborne.




LA DAME VERTE

I saw their starved lips in the gloom,
With horrid warning gaped wide,
And I awoke and found me here,
On the cold hill side.
John Keats.


Euch wundert, dass mein Antlitz grau,
Dass ich so früh gealtert bin?
Ich traf im Tann die grüne Frau,
Und wer sie trifft, muss bald dahin.
Sie zündete ein Feuer an
Beim Eichbaum, wo sie sang und schrie.
(Im Tal war's von Salins, im Tann
Von Andelot bei Pont d'Hery.)


Sie hob empor den grünen Rock
Am Strumpfband knüpfend – (Lilien glich
Ihr Knie, es fiel ihr Haargelock
Wie Gold aufs Bein); – da grüsste ich
Sie höflich, bot ihr Hilfe an.
Ich band das Strumpfband um das Knie.
(Im Tal war's von Salins, im Tann
Von Andelot bei Pont d'Hery.)


Sie strich mein Haar und sprach, ich sei
Ihr Freund, für den ihr Herze loh.
In ihre Grotte nahebei
Lud sie mich ein, – ich folgte froh.
Wir stiegen in ein Moosbett dann;
Und dann, – doch wie beschreib ich's? Wie?
(Im Tal war's von Salins, im Tann
Von Andelot bei Pont d'Hery.)


Entküsst, entloschen schlief ich ein.
Allein, von Tageslicht bestrahlt,
Erwacht ich – und doch nicht allein:
Denn an die Grottenwand gemalt
War eine Männerschar; Blut rann
Aus Jünglingsbrust, versiegte nie.
(Im Tal war's von Salins, im Tann
Von Andelot bei Pont d'Hery.)


Gesichter, welk und gramverzerrt,
Entflort durch fluchvollen Genuss,
Die Jünglinge, die la Dame verte
Verdorben hat durch ihren Kuss.
Sie alle sahn mich qualsam an,
Zu spät, ach! riefen sie mir: Flieh!
(Im Tal war's von Salins, im Tann
Von Andelot bei Pont d'Hery.)




DER WANDERER

Nacht brach ein. Der König hebt den Weinpokal aus Schmelzglas blau,
Trinkt auf Christus, der am Kreuzholz starb und stieg zur Himmelsau,
Auf den neuen Himmelsherrn trinkt er und auf die Himmelsfrau.
Ungemeldet in den Prunksaal tritt ein Fremder, alt und grau.


Lang sein Bart; des Hutes Breitrand deckt ein Auge; schwebend fast
Geht er, – so gehn junge Krieger, nicht gebeugt von Alters Last.
König Olaf winkt den Fremden an den Hochsitz; Staunen fasst
Bald den König und den Hofstaat – wunderweise spricht der Gast.


Finster aber sitzt der Bischof zu des Königs rechter Hand,
Ungern hört er's, der die Asenheiligtümer aus dem Land
Fortgetilgt, mit scharfer Axt geweihte Bäume schlug und Brand
Legte an Waldtempel und der Götterbilder Goldgewand.


Demutsvoll sagt er zum König: Schlafenszeit ist's. Sieh, es brach
Dämmrung an, die Sterne blichen, während hier der Fremde sprach.
Olaf nickt, verlässt den Prunksaal, Fackeln löschen nach und nach,
Traum sinkt auf die Burg; der König geht zur Ruh ins Schlafgemach.


Aber als er schon entkleidet in dem Purpurbette ruht,
Geht die Tür still auf, der alte Wandrer mit dem breiten Hut
Tritt herein, setzt sich ans Bett auf einen Schemel, trübgemut,
Und in Olafs Auge senkt sich seines Auges Trauerglut.


Lang mit Olaf sprach der Wandrer, als der Bischof unterbrach,
Einlass heischend an der Tür; – sein lautes Pochen liess nicht nach;
Es sei Zeit, zu schlafen, rief er. Olaf schwieg und widersprach
Nicht dem Bischof. Still entfernte sich der Gast aus dem Gemach.




LADY HOWARD

Peters des Grossen junge Maitresse,
Lady Jane Howard, stand tränenlos
Auf dem Schafott. Voll kühler Noblesse
Deckte sie Hals und Nacken bloss.
Durchscheinend war ihres Mundes Blässe.


Glockenläuten. Des Henkers Klinge
Blitzte. (Der Lady Hals war so schmal!)
Blutende Locken, aschblonde Ringe
Rollten im Staub. Der Zar befahl,
Dass man ihren Kopf ihm bringe.


Auf einer kupfernen Schüssel brachten
Pagen ihm den bestäubten Kopf
In den Saal, den Strelitzen bewachten.
Peter fasste den blonden Schopf,
Hob ihn empor, das Gesicht zu betrachten.


Und so flüsterte er mit dem Haupte:
Jetzt bist du mein, mein immerdar.
Was mir dein Leben an Seligkeit raubte,
Schenkt mir dein Tod; und wundersam wahr
Ist nun dein Lächeln, dem ich nie glaubte.


Nicht weil ich dich im liebeswarmen
Bette des Buhlen, des Pagen, gesehn,
Weckte ich dich mit Henkersarmen.
Untreue hätt' ich vergeben, Jane, –
Aber kanntest du Erbarmen?


Goldeingefasst wie Kronjuwele
Zierte ich deine Traumgestalt.
Fremd, ein Pilgrim, blieb deine Seele;
Und deine Küsse waren kalt
Wie dein Körper ohne Fehle.


Kanntest du Erbarmen? Voll Wunden,
Hat mein Herz nur Marter verspürt,
Seit ich ein adliges Mädchen gefunden
Auf dem fremden Schoner, entführt
Vom Kapitän, an den Mast gebunden,


Das ich mit Tränen Ärmste taufte –
Denn du warst es, Lady Jane,
Die dort ihr seidenes Haar zerraufte,
Warst es, die ich vom Kapitän
Bebend vor Liebe für Goldmünzen kaufte.


Wie hast du's gedankt? Mit Hassen.
Als ich dich ins Zarenbett nahm,
Sah ich dein Lippenpaar blauschwarz erblassen.
Totenstarr hast du, voll Grauen und Scham,
Wie eine Tote dich küssen lassen.


Wahnsinn wurde mein Lieben. Wie Schlangen
Würgten mich deine Locken. Gefühl
Sucht ich und fand ich nicht. So umfangen
Leichen sich im Grab, – so kühl
War der Schnee auf deinen Wangen.


Wenn du so dalagst, schlich der Gedanke
Sich in mein Herz: dein Tod allein
Heilt die Verzweiflung, an der ich kranke.
Nur der Tod reisst Mauern ein
Zwischen den Seelen, er kennt keine Schranke.


Oft, wie oft, vor Qual und Verdrüssen
Schluchzend und lachend, hab ich gedroht:
Arme Jane, du wirst sterben müssen,
Um mir ganz zu gehören. Im Tod
Kannst du nicht schaudern bei meinen Küssen.




ELEGIEN




I

Maskenball; Dandys im Frack und Dämchen in grellen Kostümen
Walzen und wirbeln und wogen und sitzen laut lachend beim Sekt.
Fremd steh ich unter Fremden, umtost von der ungestümen
Scheinlustigkeit, die Kümmernis hinter der Maske versteckt.
Süss und schmachtend das Geigenspiel der Zigeunerkapelle;
Salomes, Babys, Beardsleygestalten; – da taucht aus dem Schwarm
Eine Gestalt auf, dunkel und zierlich wie eine Libelle,
Ein hochschlanker Page, und fasst mich unter den Arm.
Zwitterhaft, Mädchen und Knabe; schwarze atlassne Hosen,
Zierdegen, Escarpins und als Schärpe ein rotseidner Schal;
Unter dem Dreimaster blondes Haar und im Haarknoten Rosen;
Unter der Spitzenlarve leuchtend der Mund, ein Fanal.
Frage mich nicht, wer ich bin, spricht mit mir tanzend der Knabe;
(Hold klingt die Stimme und fern, weither wie aus Kinderzeit!)
Frage nicht, wer, mit dir zu tanzen, entstieg dem Grabe;
Fremd sind wir uns, Verblichene; Dust, dem Vergessen geweiht.
Uns sind wir Schattenbilder, schwankend im Hauche des Windes,
Blasse Miniaturen in einem vergilbten Buch.
Zöpfe und kurzen Rock trug ich damals; das Bild eines Kindes
Geistert in deinem Herzen, ist Wonne dir, Bangnis und Fluch.
Fortscheuchen willst du dies Kindergespenst, der Erinnerung fluchend.
Kannst du die Tote töten? Du weckst sie, indem du sie fliehst.
Jedem halbwüchsigen Mädchen folgt dein Blick wie suchend,
Ob du das Kindergesicht von einstmals nicht wiedersiehst.
Alle tragen wir Masken, des Herzens Scham zu verbergen;
Auch dein Gesicht ist zur Maske erstarrt und scheint ohne Arg.
Frage nicht, wer ich bin; fern bei den sieben Zwergen
Weilt dein totes Schneewittchen in einem gläsernen Sarg.




II

Wieder, Schattenbild, kamst du nachts, hold grüssend und lachend,
Kamst und blichst und zerrannst, wie die Welle am Ufer zerschäumt.
Traum und Tote und Schwester nannte ich dich erwachend,
Ich, dein Bruder, ein Toter, ein Traum nur, wie du geträumt.
Ja, wir sind verschwistert, – du, die in Luft zerronnen,
Ich, der ich Luft einatme, in der dein Traumkörper schwand.
Wesenlos sind lebende Wesen, Atome und Sonnen,
Wesenlos, schöner jedoch, bist du und dein Totenland.
Prächtiger als eine Elfenbeinharfe mit goldenen Saiten
Ist ja ein Harfenklang, der rot wie aus Wundmalen fliesst.
Schöner als einer schneeigen Lilie Herrlichkeiten
Ist ihrer Seele Blut, das aus dem Kelch sich ergiesst.
Können wir Harfenklang greifen? Können wir Lilienduft fangen?
Wesenlos sind sie und leben wie Mädchen, die ernst und bleich
Kränze winden, mit Goldbällen spielen und Knaben umfangen,
Deine stillen Gefährtinnen, Schwester, im Totenreich.
Leben sie minder als wir? O sag es mir, Traum eines Traumes,
Die du als Knaben mich küsstest, – wo weilt mein einstiges Ich?
Zu Asche verbrannt auf dem Scheiterhaufen der Zeit und des Raumes,
Stirbt jeden Augenblick, was im Augenblick Lebendem glich.
Schwarz, ein Graun, ist das Morgen; schwarz, ein Weh, ist das Gestern;
Trügerisch bunt ist das Heute, ein Irrlicht auf schwarzem Moor.
Nur was nie lebte, lebt; nur du und die bleichen Schwestern,
Ihr schreitet unwandelbar schön, unvergänglich durch Traumes Tor.




III

Sehnsucht verbrannte mein Herz (als es jung war!) wie loderndes Feuer.
Hochgemut zog ich aus, ein fahrender Ritter und Held,
Zauberschlösser zu suchen und Minne und Abenteuer;
Meines Drachenboots Segel waren sturmgeschwellt.
Blinkend mein Schwert und die Brünne funkelnd, von blauschwarzem Stahle;
Auf meinem Helme thronte ein goldgeflügelter Greif;
Blitzend der Lanze geschliffene Spitze im Morgenstrahle;
Stickwerk mein Mantel, schillernd und bunt wie ein Pfauenschweif.
Sturmvögel sangen und Schiffer; ich lauschte am Vordersteven,
Bis ich das Wunschland aufschimmern sah und das Morgenrot.
Hinter mir lagen der Wirklichkeit graue Küsten und Häfen,
Vor mir lag Zukunft, Frauenliebe und prangender Tod.
Purpurblau bluteten Wogen, vom Kiel wie Leiber zerschnitten,
Schreiend riss sich die Windsbrut am Mast das Gefieder aus.
Als wir geankert, war ich alsbald ins Land geritten;
Aber die Sehnsucht ritt meinem schnaubenden Rosse voraus.
Meine Sehnsucht ritt voraus zu den Schlössern, in denen
Licht durch farbige Scheiben auf Jaspisfliesen fällt;
Unter den Kreuzgewölben plätschern schläfrig Fontänen;
Blass auf bemalten Wänden sind Heilige dargestellt;
Ritter fuhren den Reigen in kerzenerhellten Nächten;
Harfenklang tönt, eine Bratsche schluchzt und jubiliert;
Mädchen im Samtkleid, mit hängenden Ärmeln und duftenden Flechten,
Schreiten und lächeln, verbeugen sich schlank und ein wenig geziert.
Meine Sehnsucht trat ein und mischte sich unter die Gäste,
Schlürfte berauschende Becher der Sinnenlust und des Weins.
Eine, die schönste der Maide im schönsten der Marmorpaläste,
Lockte aus Kerzenglanz in den Zauber des Mondenscheins;
Lockte mein Sehnen hinaus in den Park, wo der Nachtigallen
Lied wie ein Götzen geopfertes Menschenherz zuckt und bebt;
Glühwürmer flirrten im Rasen; – sie liess die Gewände fallen,
Weissbrüstig stand sie, durchsichtig nackt, wie aus Dunst gewebt.
Venus entstieg so dem Meerschaum, wehmütig lächelnd, bange,
Scheu und verwirrt ob einer Welt, die ihr Lächeln verwirrt.
Selig sterben die Blumen, die sie zertritt; eine Spange
Klirrt am Handgelenk, wenn sie schreitet, von Tauben umschwirrt.
Ihr lächelnder, trauernder Mund hat die Schönheit des reichsten Kleinodes,
Aber den Fluch der Kleinodien auch, der Männerblut heischt.
Venus, die Göttin der Liebe, ist auch die Göttin des Todes,
Und für ihr schüchternes Grüssen hat Volk um Volk sich zerfleischt.
Berückend wie Venus und süss war das nackte Mädchen, die Lenden
Elfenbein und unter dem Nabel ein goldenes Vlies.
Tanzend winkte sie meiner Sehnsucht mit Lotoshänden,
Eilte voraus ins Gebüsch zu einem Turmverlies,
Kerkerlich finster, das öffnete sie, und auf ihr Verlangen
Trat meine Sehnsucht hinein; das Mädchen aber schloss,
Schloss von draussen das Tor. Und Nachtigallen sangen
Brünstig im Garten, und eine Bratsche schluchzte im Schloss.
Ich aber war derweil durch einsame Landschaft geritten
Sonnenwärts und immer auf meiner Sehnsucht Spur.
Freudig hätt ich mit Drachen und frommen Rittern gestritten –
Aber Totenschädel im Sande gewahrte ich nur.
Wo Paläste geprangt, erblickt ich verfallne Ruinen;
Wo jüngst Bäume zum Dom sich gewölbt, lag Moor und Sumpf;
Knochen weissten, wo Mädchen Schneekindern gleich geschienen;
Brandschwarze Kolkraben flogen auf und krächzten dumpf.
Müde ward mein Ross, und müde ward meine Seele;
Rasten musst ich und weinen auf Trümmern und Schutt und Gras.
Wimmernd erklang's aus der Tiefe, wie wenn sich ein Sterbender quäle ...
Ach, meiner Seele Hungerturm war's, wo ich Einsamer sass.
Ein Schreckensbild starrte mich an, als ich vom Kerker den Riegel
Fortschob. Und meine verlechzende sterbende Sehnsucht sprach:
Ich bin du; mich betörte Maja; sieh dich im Spiegel!
Also sprach meine Sehnsucht zu mir, und ihr Auge brach.




IV

Vom Paradiesvogel las ich in einem vergessenen Buche,
Dass ihm die Gottheit, die ihm das strahlendste Glanzkleid verlieh,
Fasse nicht schuf; von Blütenduft nähre er sich und suche,
Immerzu flatternd, nach Blumen und ruhe auf Irdischem nie.
Anderer Welten Abglanz sei seiner Spiralkiele Glimmer,
Lyraförmig, karminrot und grasgrün wie flüssig Metall.
Fernab erbaut er sein Nest auf der seligen Insel, die immer
Menschen ein feuriger Schwertengel wehrt seit dem Sündenfall.
Dieses Märchens musst ich gedenken, als ich dich einsten
Schweben durchs Leben sah, und kein Scheinglück dich rasten liess,
Fleischgewordene Seele: die schönsten Augen und reinsten
Wussten vom Sündenfall nichts, doch viel vom Paradies.
Blumenduft war deine Nahrung, du Erdenfremde;
Irdisches hast du nie mit den Fingern der Seele berührt.
Anderer Welten Widerschein warst du; – im Totenhemde
Hat dich zum Nest auf den seligen Inseln das Heimweh entfuhrt.




V

Stuhlreihen und Kandelaber schlummern im finstern Parkette;
Geisterhaft flutet der Dämmer; vom Rathausturm schlug es vier.
Einem halboffenen Kasten entsteigt eine Marionette,
Winkt, und zwei andere Marionetten gesellen sich ihr.
Einknickend, schwankend treten die drei auf die Puppenbühne,
Spielen ihr trauriges Spiel voll Scheinglut und Ziererei.
Morgenschimmer sinkt durch ein Fenster herab auf die grüne
Gartenkulisse und beleuchtet gespenstisch die drei.
Taxushecken, gestutzt, im Rokokogeschmacke,
Satyrhermen blinzeln verschmitzt auf die Spieler herab.
Pantalone hüpft im blaugelb gestreiften Fracke,
Grüne Strümpfe zeigt Colombine, trägt Reifrock und Stab.
Selig unselig starrt Pierrot nach dem holden Geschöpfe,
Schwermütig scherzt er, indes Colombine mit dem Freund ihn betrügt.
Mehlweiss ist sein Gesicht wie sein Wams und die grossen Knöpfe,
Schwarz seine Kappe, schwarz wie sein Herz, das sich selbst belügt.
Wundersam! Du, Pierrot, siehst meinem Jugendbild ähnlich;
Einer, die längst mir gestorben ist, gleichst du, Colombine.
Arme Puppenherzen erwachen und suchen sich sehnlich,
Bis Marionettendrähte sie hierhin und dorthin ziehn.
Droben in Wolkenkulissen, den armen Verliebten zum Kummer,
Ist es der Bruder des Todes, der Traum, der die Fäden hält.
Zuschauer sind nur leere Parkettreihn und einer im Schlummer:
Gott, dem der Traum ein Puppenspiel vorspielt – die Welt.




GRABSCHRIFT

Aus dem Griechischen übersetzt

Wandrer, ich heisse ... – Warum das! – Mein Vaterland war ... – Und wozu das! –
Bin aus edlem Geschlecht ... – Und wenn aus elendestem? –
Ohne Makel lebt ich und starb ich ... – Und wenn mit Makel? –
Nunmehr ruhe ich hier ... – Wer sprichst du so und zu wem! –