ngiyaw-eBooks Home

Agathe Suhr – Des Meisters Schatten.

Ein Phantasiestück

Aus: Berlinische Blätter für deutsche Frauen, Band 5-6, Hrsg. von Friedrich de la Motte Fouqué, Kraus Reprint, New York




1.

Das Genie ist an keinen Stand gebunden, ist an kein Alter gebunden, Frau Getrud; Frei und fessellos ist es, wie ein Götterkind sein muß – So kreischte der Magister Brodlos mit dünner heiserer Stimme, und sauste, die dürren Hände mit krampfhafter Heftigkeit reibend, das Zimmer auf und ab. Die Angeredete aber, eine wohlbeleibte Bürgerfrau der freien Reichsstadt Frankfurt, saß keck und angerührt von des Magisters Exclamationen an ihrem Spinnrade, und drehte mit geschickter Hand die schloßweiße Wolle in wundervollen Ebenheit heraus. Genie hin, Genie her – herrschte sie den Magister an, und that dem schnurrenden Rade plötzlichen Einhalt, ihren Worten um so besseren Eingang in sein Ohr zu schaffen. Ich will mein Kind nicht in alle den modischen Firlefanz hinein heben, und damit gut. Sie ist die Tochter eines ehrsamen Doppelbierbrauers der freien Reichsstadt Frankfurt, und soll so Gott will nicht in die Narrethei der vornehmen Welt hineinfallen. Aber liebste beste Frau! – stöhnte der Magister, seine Knochenhände gegen die Redende faltend –Ihr solltet Euch ja selig preisen ob der Musen Gunst, die es nicht verschmähn, mit Biertonnen und Malzsacken unter ein und demselben Dache zu wohnen. Wie gesagt, sie kümmern sich nicht um Stand und Namen, Eure Cäcilie Euterpe wird – – die Frau eines rechtlichen Bürgers ihrer Vaterstadt – ergänzte Frau Gertraud, – und keine Sängerinn. Sie mag ihr Stimmchen meines Gepolters zu geistlichen Liedern brauchen, und Sonntags andächtig mit der versammelten Gemeinde singen, aber von der Operndudelei will ich nichts wissen; das ist vermaledeites Zeug, und verdirbt das Herz und die Sitten, wie Zuckerbrod den Magen.

Am Fenster saß Cäcilie, ein schönes Kind von siebzehn Jahren mit begeisterten Augen und hochgewachsener elastischer Gestalt. Laßt es gut sein, lieber Herr Magister – fiel sie mit Flötenton in den Zwiesprach hinein. Wir bekehren sie doch nicht, und es entheiligt meinen Genius, wenn er gar zu fleißig von Menschenzungen besprochen wird.



2.

Allerdings hatte der Magister Recht, wenn er Cäcieliens Beruf zur Kunst gegen die Brauerwittwe in Prosa vertheidigte. Nicht leicht legte Mutter Natur so süßen Wohllaut in eine weibliche Kehle, als die ihrige ihn barg. Ihr Gehör war scharf und rein, ihre Fingergeschmeidigkeit für das Pianospiel ausgezeichnet, ihr Tackt felsenfest (bei Frauen wohl als das achte Wunder der Welt zu betrachten).

Brodlos, dem seine Huldigungen der schönen Künste, die ihm aber nichts einbrachten, unter den spitzen geldstolzen Frankfurter Bürgern diesen, eine trübe Bedeutung in sich tragenden Namen erworben hatte, nahm, seit er Einwohner der Stadt Frankfurt war, sein Doppelbier, welches ihm von den Aerzten als Stärkung seiner dürftigen Erdenhülle empfohlen war, bei der Wittwe Gertraud, und hatte, als er sich einst zur Bezahlung seiner Jahresrechnung dort eingefunden, Cäcielien an einem jämmerlichen alten Claviere überrascht, dem sie freilich, wie er behauptete, treffliche Töne entlockte. Er machte der Frau Gertraud anfangs Vorstellungen, dem Kinde doch ein besseres Instrument zu geben. Als diese ihm aber gerade ins Gesicht lachte, und den Schwur leistete sich lieber einen Finger abzuschneiden, als solch eine Narrheit zu begehn, da eilte er traurig in die Abgeschiedenheit seines Dachstübchens, und ergoß sich hier in bitteren Klagen über seine Armuth, die ihm jeden großmüthigen Wunsch untersage.



3.

Er brachte es endlich bei seiner Gönnerinn der Räthinn Sentenza, die gleich ihm den armen Erdenschauplatz nur zu gerne verließ, um in höheren Sphären mit Göttern, Musen und Grazien zu verkehren, dahin: der schönen Cäcielie ein Piano und Musikalien, wie auch einen tüchtigen Lehrer zu schaffen. Die Räthinn, der ein gefüllter Geldkasten offen stand, und die sich obendrein darin gefiel, die Beschützerinn der schönen Künste zu machen, ließ, um ihrer Handlung noch mehr eclat zu geben, einen Flügel aus Wien kommen, dem sie die beste und ausgesuchte Musik älterer und neuerer Zeit hinzufügte.

Cäcielien ging eine neue Welt, ein schöneres Leben auf, und trotz der Mutter Schelten und Pochen, trotz allen den Hindernissen einer beschränkten Wirklichkeit, die jeden Aufschwung zu hemmen strebte, entfaltete sich ihr Genius in kühnem Flügelschlag. Am Tage mußte sie arbeiten, und oft recht schwer, wozu Frau Gertraud das zartgebaute Kind mit vieler Härte anhielt. Aber wenn Abends zehn Uhr nach alt-bürgerlicher Sitte alles im Hause zur Ruhe gegangen war, dann öffnete Cäcielie den Flügel, um im heiteren Reich der Töne die Mühen eines arbeitvollen Tages zu vergessen. Bleich und mager ward das schöne Musekind von der Tagesarbeit und dem nächtlichen Wachen, aber es nahm ihrer Schönheit nur Glanz und verlieh ihr dagegen jenes rührende Interesse, dem man so schwer widersteht.



4.

Das kömmt davon – donnerte die Brauerwittwe, und hob die gigantische Rechte mit drohender Gebährde gegen Cäcieliens todtbleiches Antlitz auf. Warum bleibst du nicht in deinen Schranken? warum laßt du dich gegen das Muttergebot in die vornehmen Konzerte schleppen, in die du nun einmal nicht gehörst? Die Spreu wird nicht geduldet unter dem Waizen; Hochmuth kommt vor den Fall; das ist nun ein Mal gewiß, und du mußt es auch erfahren.

Cäcielie starrte wie ein Marmorbild vor sich hin, und nur in den Augen glühte düsteres Leben. O warum verließest du mich, mein Schutzgeist, warum verließest du mich, da ich deiner am meisten bedurfte? So hauchte sie dumpf heraus, und faltete still die zitternden Hände.

Mit wem redest du? – fuhr Frau Gertraud heraus, und hob der Tochter niedergesunkenes Haupt ziemlich unsanft in die Höhe. Ich glaube gar, du hast mit dem Widersacher einen Bund geschlossen. Aber Gott soll mich verlassen in meinem letzten Stündlein, wenn ich dich nicht so unter der Scheere halten will, daß dir zur Nachtzeit wohl die Alfanzereien vergehen sollen.

Der Magister Brodlos rauschte athemlos ins Zimmer. Cäcilie grüßte ihn freundlich; Frau Gertraud aber wendete sich unwillig ab, ohne den Verhaßten eines Blickes gewürdigt zu haben, der, wie sie sich einbildete, den Grundstein zum Verderben ihrer Tochter gelegt hatte.

Sie waren gestern beim Präsidenten Antoni? so redete der Magister Cäcilien an, welche stumm bejahte. Sie sangen aus der Cosa rara, Sie sangen aus: la Clemenza di Tito, aus Don Giovanni? Cäcilie nickte mit dem Kopf. Und warfen in der Introduktion als Donna Anna um? – –

Cäcilie sprang auf, und das starre Marmorbild durchzuckte schmerzliches Leben. Ich warf um – so drängte es sich in krampfhaft-zitternden Tönen aus ihrer Brust hervor. Ich kam aus Takt und Ton ganz und gar, wurde das Gespött kalter neidischer Menschen, die mir meinen früheren Triumph mißgönnten, aber sich weideten an meiner Schmach. Brodlos starrte Cäcilien unverwandt an, und es überraschte ihn: das stille sinnige Kind plötzlich in den Flammen des leidenschaftlichsten Ehrgeizes zu sehn. Herzliebes Geschöpf – flüsterte er in einem Ton, den man füglich morondo benahmen konnte, und senkte seine Lippen auf Cäciliens fieberhaft-zitternde Hand – trösten Sie sich, beruhigen Sie Ihr zerstörtes Gemüth, besänftigen Sie den Sturm der Leidenschaften, heitern Sie das Innere im Bewußtsein Ihrer Größe. Es ist nun ein Mal das Loos des wahren Verdienstes, erkannt, verbannt, verschmäht, verstoßen durchs Leben zu gehn. Aber es giebt ein Jenseits, wo jeglicher Tugend der Lohn, jeglichem Genie der Siegeskranz wird. Ich lasse noch heute ein Gedicht im hinkenden Boten einrücken, eine Elegie in Jambem die Ihr gestriges Mißgeschick bejammert, und Ihr unverdientes Leiden zu seiner Art Märtyrerthum der Kunst erhebt. Ich hoffe – fuhr er Händereibend und Schweißtrocknend fort – es wird Effeckt machen.

Ach! lassen Sie doch das bleiben, lieber Herr Magister! – bat Cäcilie, die plötzlich eine namenlose Angst überfiel, um noch als Zielscheibe des reifen und unreifen Witzes im hinkenden Boten dazustehn. Die Sache wird vom Publikum am ehesten vergessen, wenn ich sie zu verschmerzen scheine.



5.

Sie setzte steh heilte Abend indeß trüber und muthloser, als je, an den Flügel, und schlug fast mechanisch den Don Giovanni auf. O du hochgelobter Schöpfer dieses Meisterwerks – so drängte es sich in leisen Tönen aus ihrer Brust hervor – du mein Liebling unter den Künstlern, kannst du mirs vergeben, daß ich die reine himmlische Harmonie deiner Töne gestört, daß ichs gewagt, mit meinem armen Stimmlein die mächtigen Klänge deiner Schöpfung nachzulallen? O mein Meister, verlaß mich drum nicht, denn dir, und nur dir sind doch für immerdar die schönsten Gefühle meiner Seele geweiht.

Nun griff sie in die Clavis, und noch nie hatten sie ihr so rein getönt. Wie süßes Liebesgeflüster säuselten die Klänge durchs Zimmer hin, schwollen an zu mächtigem Sturmgebraus, schwanden hin in leise, sterbende Echos, und ohne, daß sie einen der Auszüge benutzt hätte.

Sie sang ihre Stimme in der Introduction durch. So hatte sie noch niemahls gesungen; es wohnte heute Abend übernatürlicher Zauber in ihrer Kehle. Leicht voll und metallreich entströmten ihr die Laute, und wie gleich gereihte Perlenschnüre rollten die Töne in der Coleratur aus derselben hervor.

Wie grauenvoll ward ihr aber, als sie das erste Duett beginnend plötzlich hinter ihrem Stuhl eine leise sonore Männerstimme zu vernehmen glaubte, die die Parthie des Don Octavio übernahm. Entsetzt sprang sie auf, durchsuchte das Zimmer, setzte sich dann mit heroischem Muth, den ein leises Zittern der Glieder freilich ein wenig schwächte, an den Flügel, und schlug den Othello von Rossini auf, dessen Ouvertüre sie zu spielen anfing. Doch kaum hatte sie begonnen, als die Thür, die auf den Hausflur führte, plötzlich aufsprang (ob durch die Gewalt des Sturmes, der draußen heulte, ob durch andere Macht? es ist nicht auszumitteln gewesen) ein pfeifender gellender Laut durchs Zimmer drang, und die Lichter, wie angehaucht vom Athemzug eines Riesen plötzlich erloschen.



6.

In ihrem Bette, dessen Vorhänge herabgelassen waren, fand Cäcilie sich wieder, und ein leises Geflüster von Menschenstimmen ging durchs Zimmer hin.

Es kann nicht anders sein – sie hörte sie die Mutter sagen – das Kind muß sich am Ende aufreiben durch all den Singsang und das Tralaren. Ich versichere Sie Herr Doctor! das geht Nacht und Tag so durch. Böse ist sie eben nicht; da müßte ich eine große Lüge sagen, wollte ich das behaupten. Aber wir sind so zart, so fein, so vornehm, kriegen Kopfweh von Torfdunst, kriegen Augenschmerz vom Schornsteinrauch, dürfen der Stimme wegen nicht Salz noch Schmalz essen, wollen bis Mitternacht singen, und bis Mittag schlafen. O Herr Doctor! es ist ein wahres Unglück mit so einem Genie von Kinde! Gott im Himmel mag wissen, wie ich dazu gekommen bin.

Nun, nun Frau Gertraud! – ertönte eine rauhe Männerstimme: – das wird sich schon geben. Wenn erst Mann und Kinder kommen, dann vergehn derlei Thorheiten und die Opernlieder verwandeln sich in Wiegengesang. Aber ich müßte den Puls wohl noch ein Mal berühren, während der Ohnmacht wollte es freilich nicht gehn.

Bei diesen Worten flogen die Vorhänge auseinander, und eine Riesengestalt in dunklem Gewande beugte sich, Cäciliens Hand fassend über sie hin.

Fieber – Krampfhaftigkeit – erhöhter Nervenreiz – gesteigerter moralischer Lebensprozeß durch zu scharfes Fixiren einer Lieblingsidee – so hörte sie den Doctor leise murmeln, und er kam ihr vor, wie ein Zauberer, der den Krankheitsdämon durch seine Formeln zur Ruhe sprechen wollte. Aber die Arzeneigläser, die bald darauf an ihrem Bette erschienen, bewiesen es nur zu sehr, daß er auch die Kräfte anderer Reiche in Anspruch genommen.



7.

Die Räthinn Sentenza, eine Frau in der Mitte der Vierziger, der die Götter zwar keine ewige Jugend verliehen, wohl aber den regen Wunsch, sie festzuhalten durch Kunst, lag in der nachläßig-reizenden Stellung einer Leidenden auf dem orientalisch-geformten Ruhebette, das ein Aromaduft der köstlichsten blühenden Gewächse umschwebte. Es stand im Endkabinett einer langen Zimmerreihe, die alles vereinigten, was Luxus und Mode forderten.

Ein langes Mullgewand wallte faltenreich um die hagere Gestalt der Räthinn. Ueber dasselbe lag nachläßig hingegossen eine Art Tunika von purpurrothem Atlas mit Gold verbrämt. In den noch immer schönen blonden Haaren glänzte ein Diadem von Diamanten, Saphiren, Smaragden und Rubinen. Unschuld, Treue, Hoffnung und Liebe allegorisch darstellend, und ein langer Schleier, der seiner Feine und Durchsichtigkeit nach füglich das Haupt einer Sylphide hätte zieren können, war hinten am reichen Korallenkamm befestigt, und vollendete durch sein geheimnißvolles Nebelwallen das Theatralische des Aufzugs.

An den Stufen des Ruhebettes knieten zwischen Blumen und Laub zwei weißgekleidete Mädchen, die eine Hygea, die andere Euterpe vorstellend. Wenn sie nun erscheint – flüsterte die Räthinn – schlingt Ihr sie in die Rosenketten. Du Hygea kannst die Schlange in den Kelch legen, um die rechte Hand frei zu haben, und du Euterpe hast ja überdies nur ein Atribut.

Der Magister Brodlos im reichsten Gallaanzuge, das freudestrahlende Antlitz vom Pudernimbus umflossen, die spindeldürre Gestalt in einen lauchgrünen Rock im Hofschnitt des sechszehnten Jahrhunderts geknöpft, sammt veilchenblauer, silberverbrämter Weste, Cha-peau-bas und Degen, eilte mit geflügelten Schritten ins Cabinett. Darf ichs betreten mit gemeinen Erdenfüßen dies Heiligthum der Kunst? – fragte er, entzückt um sich herschauend. O welch ein Tableau! Wie soll ich sie benahmen, meine Gnädigste? Sind Sie vom Olymp herabgestiegen, oder kommen Sie direckte aus Mahomeds Paradies? Um die Lippen der Räthinn spielte ein Lächeln eitler Selbstzufriedenheit. »Der goldene Reif erhebt den Edelstein«, declamirte sie mit Pathos, und drappirte Schleier und Gewand, um die beringten Hände ins gehörige Licht zu bringen. Ich habe nur die Furcht – hub sie von Neuem an, – daß der Lichtschimmer meiner Salons dem kaum genesenen Kinde schaden möge, und zwar eben sowohl geistig, als körperlich. So ein Kontrast zwischen den dumpfen beräucherten Stuben einer Bierbrauerwohnung, und den hellen heiteren Klima meiner Umgebung, muß ja nothwendig – – – In die Thür trat Cäcilie das erwählte Musenkind, bleicher und rührender, als je. Sie war ohne Schmuck und Putz, deren sie nicht bedurfte. Was konnte man wohl Schöneres und Edleres sehn, als diese hohe zarte Gestalt« diesen schlanken feingeformten Hals, diese Marmorstirn über den begeisterten Blicken?

Muse und Göttinn beeilten sich, ihre Lieblinginn zu bekränzen. Ein leichtes, fast ironisches Lächeln schwebte um Cäciliens wunderschönem Mund, als die Sentenza jetzt mit vieler Emphase eine blumenreiche Rede anhub, und der Magister von Zeit zu Zeit die Kommentare dazu gab.



8.

Cäcilie lebte nach ihrer Genesung das Dasein zwischen schwerer Tagesarbeit und stillem Kunstgenuß fort, und ergab sich dem letzteren mit immer wachsender Liebe. Denn es war ihr in den Krankheitsphantasien klar geworden, daß des Meisters Schatten sie umschwebe, und daß der ihr inwohnende seltene Genius ihn von seinen Himmeln herabgezogen. Du gehörst der Erde nicht an – so hatte er zu ihr geredet – und darum ist dein Loos so trübe – beschränkt in den Gränzen der Endlichkeit. Denn je reiner der göttliche Geist sich in uns regt, desto drückender hemmen ihn irrdische Bande. Des Himmels Schrift steht in deinen Augen geschrieben, aber die Menschen um dich her verstehen sie nicht. Doch ich habe dich verstanden; ich will dich hier auf Erden schon verklären in seltener Kunstvollendung, und dann sollst du mein sein dort oben, und deine Stimme mischen in das ewige Hallelujah.

So hatte er geredet, und sie hatte ihn verstanden, ihr tiefstes Innere hatte sein geheimes Weben und Walten auch ohne Erdenworte gefaßt. Oft säuselte es Abends, wenn sie am Flügel saß, wie Geisteswehn durchs Gemach, aber es störte sie nicht. Ein Mal schien es ihr sogar, als stehe ein kleiner bleicher Mann hinter ihrem Stuhl, und sie glaubte dieselbe Gestalt zuweilen an Sopha lehnen zu sehn, aufmerksam ihren Gesang horchend. Ihr Lehrer aber konnte sich kaum finden, in die wunderbaren Schritte, die sie seit ihrer Krankheit gemacht, und bemerkte mehrere Male: das ginge wohl bald zu Ende, denn dergleichen pflege Treibhausfurcht einer krankhaften, natürlichen Hitze zu sein, und sich in sich selbst zu verzehren.



9.

Frau Gertraud konnte bei dem Gebräu des Kornsaftes ihre Nahrung nicht mehr finden.

Der Luxus stieg immer höher. Wer sich sonst mit einer Kanne Doppelbier hatte genügen lassen, der mußte nun Franzwein trinken, und eine Kundschaft nach der andern fiel von ihr ab.

Sie entschloß sich demnach nicht ohne grosses Herzeleid, die von ihren Vätern so lange mit dem glücklichsten Erfolg geführte Handthierung an den Nagel zu hängen, und einen Gasthof zu halten.

Schon prangte ein brennend farbiges Aushängeschild, einen Schwan in der Mitte, über der Thür, und satyrische Menschen machten die Bemerkung: er segele in Bierwellen. Frau Gertraud war in ihrem Element, und fühlte als Gastwirthinn zum segelnden Schwan große Veneration vor sich selbst, die sie gegen ihre Umgebung eine Art von Ton annehmen ließ; Cäcilie aber weinte im Stillen bittere Thränen über des Hauses Wandlung, die ihre einzigen ungestörten Lebensstunden nun auch in das prosaische Erdengetreibe begrub.



10.

Es war ein regnichter Novemberabend. Frau Gertraud saß im Zwielicht am Fenster, und sah mißmuthig den aus Süden kommenden Postwagen nach, die mit Pasagieren reich beladen, alle ihrem segelnden Schwan vorüber fuhren, und ihren Weg nach dem Gasthofe zur goldenen Gans nahmen, der am Ende der Straße lag.

Der Schwan singt am Ende noch das Schwanenlied unseres Wohlstandes – bemerkte Cäcilie, und legte die flache Hand an die, von heftigem Kopfweh glühende Stirn. Ich glaube kaum, daß bei der Wirthschaft etwas heraus kömmt.

Gäste! Gäste! ein Landauer Wagen mit Vieren – Mit diesen Worten riß der Marquer die Stubenthür auf, und schlug sie auch eben so schnell wieder zu. Frau Gertraud erschöpfte sich in Ausrufungen des Erstaunens, daß sie, hart am Fenster sitzend, von diesem hochwichtigen Ereigniß nichts bemerkt habe.

Als die Thüren des Gastzimmers sich zum zweiten Male unter den flinken Händen eines Dieners öffneten, und Frau Gertraud mitten in der Stube stehend, mit vor Neugier starrem Antlitz gerade auf dieselbe hinblickte, weil sie nichts geringeres, als einen englischen Lord sammt Gemahlinn, Kindern und Hunden hineinrauschen zu sehn vermeinte, trat statt dessen ein kleiner, in einen langen hellfarbigen Mantel gehüllter Mann in das Zimmer, der geräuschlos, und sogar sprachlos die gewöhnlichen Begrüßungen machte, dann eben so schweigend die Regentropfen von dem Mantel schüttelte, und sein spanisch geformtes Barett abnahm.

Ich bitte um eine Flasche Tokayer – so redete nun das geisterbleiche Wesen mit schöner, wohlklingender Stimme und hakte den Mantel auf, um ihn von sich zu werfen.

Frau Gertraud, nach diesem Begehr auf große Vornehmheit des Gastes schließend, flog trotz Gicht und Korpulenz, mit jugendlicher Eile in die Souterains, um das flüssige Rebengold zu holen. Sie fand den Fremden am Tische stehend, und mit den kreideweißen feingeformten Händchen sich in den schwierigsten Läufen und Capricen eines geübten Pianospielers versuchend, wobei er Cäcilien, die ihm gegen über saß, unverwandt anstarrte. Frau Gertraud schenkte das Glas voll, und der Fremde zog es mit hastiger Eile bis auf den letzten Tropfen aus. So – rief er dann, es hart auf den Tisch niedersetzend – das giebt Lebensmuth. Tokayergold, Burgundergranat, und Champagnerrubin sind wohl ein schönes Dreiblatt zu nennen. Das klare Wasser möchte doch wohl der Diamant der Getränke sein, in so fern es das Reinste, Natürlichste und Unschuldigste ist – fiel Cäcilie schüchtern ein, und sah zu dem Fremden auf. Er fuhr sich mit der Hand über die freie schöne Stirn, und erwiederte ernst: Ihr seid ja selbst der Diamant unter den Weibern, hohe Jungfrau, wie sollte denn nicht Gleiches das Gleiche locken?

Frau Gertraud brannte vor Neugier, den Stand, Namen, nebst Titulatur des Unbekannten zu wissen, und wagte einige leise Vorfragen unter dem Pretext, selbige zum Einrücken in die öffentlichen Blätter fortsenden zu müssen. Es schien Cäcilien, als ob des Fremden Gesicht einige Verlegenheit verrieth, doch schnell sich fassend, sagte er: Idomeneo, ein reisender Musiker aus Neapel kommend. Ein leises Ach! entfuhr Cäciliens Lippen, als der Fremde, der ihr ohnehin so traut und wohlbekannt vorkam, sich nun benamte, wie der Held aus der Lieblingsschöpfung ihres Meisters.

Sie sind Musiker – rief sie leise – ach! dann verehren Sie doch auch zweifelsohne den Mozart vor allen anderen Componisten? Ein wehmüthiges Lächeln überflog wie trüber Mondesstral Idomeneos Züge. Er hat gethan, wie er nicht anders konnte hier auf Erden – entgegnete der Musiker; – er hat geschüttet aus dem Füllhorn, das die liebende Allmacht ihm bereitete; er hat gesungen, was Musengunst ihm einflüsterte, und sein Verdienst möchte so groß nicht sein. Den Meister aller Meister aber preiset und lobet meine hohe Jungfrau: denn er ist der Geber aller guten Gaben.

Und damit stand er auf, schob den Stuhl leise zur Seite, und empfahl sich, gefolgt von Frau Gertrauds erstaunten Blicken, der drei Räthsel zu lösen geworden: wie nämlich erstens ein Mantel, der durch den Schutz eines Landauer Wagens vor aller Unbill des Wetters hätte bewahrt werden müssen, voll Regentropfen sein könne: wie zweitens ein Musiker Tokayer zu bezahlen im Stande sei: und warum drittens ein Mensch, der Tokayer bezahlen könne, ohne Bedienung reise.



11.

Eine seltsame Begebenheit, meine Gnädigste – sprach der Magister Brodlos zu seiner Gönnerinn der Räthinn Sentenza – aber gerade darum anziehend und aufregend. Sie schließt das Reich der Ahnungen auf; sie läßt Blicke thun in die Geisterwelt; sie hat sogar etwas Magnetisches an sich durch den Rapport, in dem dieser Fremde sich augenblicklich mit Cäcilien zu setzen vermochte.

Die Räthinn hörte diese Bemerkungen mit der nachlässigen Halbheit der großen Welt an, weil sie sie eigentlich nicht hören mochte. Denn es war sowohl ihrer Neugier, als Eitelkeit sehr unzusagend, daß ein aus Italien kommender Künstler schon acht Tage in Frankfurt zugebracht, ohne sich ihr vorstellen zu lassen, da sie doch als Beschützerinn der schönen Künste die gerechtesten Ansprüche darauf zu haben glaubte.

Sie würden es sich schwerlich vorstellen, Verehrteste! – hob Brodlos von Neuem a, welch' eine ganz andere Singmanier er Cäcilien schon beigebracht hat. Wir glaubten früher, es sei etwas mit ihr, aber jetzt sollten Sie sie hören. So muß Moses Schwester (ich kann mich ihres Namens nicht entsinnen) gesungen haben, als sie den Gang durchs rothe Meer mit ihrer Kehle verherrlichte.

Sie könnte, eine Orphea, unvernünftige Thiere mit dein Funken der Vernunft belehren, und fühllose Steine in weiche Herzen verwandeln. Der bleiche Schatten sitzt dann neben ihr, und sieht recht überirdisch aus. Ich glaube am Ende auch, er ist ein Verklärter, oder der Doppelgänger irgend eines großen Komponisten. Mir hat die Geschichte meine fünf, gesunden Sinne verwirrt, so viel weiß ich, und das Haus der Frau Gertraud noch obendrein verleidet. Denn Höflichkeit scheint nicht im Reiche der Geister zu Hause, zum wenigsten hat dieser Bewohner desselben eine tüchtige Portion Grobheit mit auf die Erde gebracht. Die Räthinn, die gar zu gern den Stab Wehe über ihre Mitmenschen schwang, und der der kühne nie gedachte Gedanke: Geister zu beklatschen, sehr amüsant vorkam, horchte mit gespanntem Gesicht, und setzte sich förmlich zurecht, um zu hören, worin denn die Unbill bestehe, die der neapolitanische Schatten dem frankfurter Magister zugefügt.

Denken Sie um Gotteswillen, Gnädigste –fuhr Brodlos athemringend fort – er will uns Allen hier die Musik, die Manier, sogar den Takt absprechen. Nicht mit diesen albernen Musikpüpplein – so hörte ich ihn, halb versteckt von einem Schirm, hinter dem ich unbemerkt in die Thür getreten war, Cäcilien anreden – nicht mit diesen klanglosen Automaten, die keine Idee haben von dem wahren, ewigen Gottesgeist, vereinige sich meine Cäcilie. Sie ist soweit über jene erhaben, wie der mächtige Vesuv über dem kleinen Maulwurfshaufen, und ich kann es nur mit tiefem Schmerz denken, daß sie ihre Himmelstöne mit dem Gekrächze dieser hungrigen Raben, die nur um Brod schreien, vermengen sollte.

Wüthend ward ich, Gnädigste! sprang hinterm Schirm hervor, vergessend alles Decorum, alle Dehors, vergessend mich selbst und meine Menschen: – meine Künstlerwürde, die es mir allerdings hätte verbieten müssen, in so niedrige Zornesflammen auszubrechen.

Ich ein hungriger Rabe? – schrie ich meiner nicht mächtig und wollte dem Idomeneo oder Doppelgänger, oder Schatten an die Gurgel. Er aber lächelte kalt und spöttisch auf mich herab, und sagte mit einer Ruhe, die mir die Galle vollends ins Blut jagte: Ein Magisterlein sonder Takt und Gefühl seid Ihr, das sich billig schämen sollte, in Gegenwart einer Dame so aufzufackeln.

Dann rauschte er mit einer Fingergeläufigkeit, die mir bis dahin noch nicht vorgekommen, ein Pot-Pourri, durch den Cäcilie bis in den dritten Himmel verzückt, horchte, und ich ward ungefähr behandelt, wie Einer, der gar nicht da ist.



12.

Der Meister Idomeneo, wie Cäcilie ihn zu nennen pflegte, war eines Morgens plötzlich verschwunden. Aus seinem Zimmer, wohin sie zum Ausräumen von der Mutter geschickt ward, lag eine sehr fein geschriebene Sopranstimme aus Mozarts Requiem, mit folgendem Zettel dabei: Am Charfreitage des nächsten Jahres soll das Requiem des Meisters, den Ihr so hoch verehrt, in der Kapelle des Klosters St. Laurentius gegeben werden. Studiert fleißig die beigefügte Stimme, meine hohe Jungfrau: und erwartet mich am Nachtmahlstage spät Abends.

Cäciliens Herz klopfte hörbar. Es kam ihr so eigen-friedlich vor, was sie gelesen, und die Aussicht am heiligen Ort, zur Todtenfeier des Welterlösers sogar herrliches zu singen, trug Lust und Bangen in ihre Brust.

Sie theilte der Mutter alles mit, und es ging allerdings nicht ohne Kämpfe, Bitten und Thränen ab, sie bejahend zu stimmen. Endlich erhielt Cäcilie die Einwilligung, und mit ihr war auch die stille Woche schon da, sammt dem Meister Idomeneo, der bleicher und ernster sah, denn je.

Er setzte sich bald nach seiner Ankunft an den Flügel, um Cäciliens Stimme mit ihr durch zu gehn. Wehmüthig, aber wunderbar verheißend, sahen seine Blicke sie an, und es tagte wie dunkles Ahnen in ihr auf: Idomeneo sei gekommen aus fernem Land, das aber auf Erden nicht zu finden.

Das Schwanenlied geht gut – hauchte der Meister leise vor sich hin, als Cäciliens letzte Töne nun ausgeklungen, und sie dastand ein schönes stilles Bild, fast erstarrt von dem Entzücken über diese einzig-seelenvolle Schöpfung.

Euer Meister konnte die Töne wohl fügen – fuhr er wehmüthig heiter fort – aber auch nur solchen Kehlen, als die Eurige es ist, gelingt seine Verherrlichung so. Es legte sich bei den letzten Worten ein Lächeln der Verklärung auf Idomeneos Züge; Cäcilien aber wards wunderbar – geheimnißvoll, und es war ihr, als müßte sie es Idomeneo sagen: wie er ihr hochgeliebter Meister sei, der das himmlische Reich der Klänge offenbart habe, wie Keiner Erden, und für den sie immerdar so hohe Verehrung getragen.



13.

Cäcilie saß am Charfreitage gegen acht Uhr Abends, die zarte Gestalt schwarz umhüllt, wie es der schmerzensreichen Feier des Tages geziemte, und erwartete den Meister, der sie, der Entfernung des Klosters wegen, in einem Wagen abzuholen versprochen hatte. Endlich, da es vom Thurme des nahen Doms schon ein Viertel auf zehn geschlagen hatte, und sie sich da das Concert mit dem Schlage Zehn beginnen sollte, schon ächt-weiblichen Besorgnissen überlassen, hielt ein Fuhrwerk vor der Hausthür, und Idomeneo schwarz und festlich gekleidet, erschien mit einem leisen: Wenns nun gefällig wäre; es ist alles bereit.

Angestrahlt von der bleichen Mondessichel, die wie ein wunderbarer Buchstabe aus dem Alphabet anderer Sprachen am Winterhimmel stand, gewahrte Cäcilie einen eben so prächtigen als seltsamen Wagen. Er hatte die muschelartige Form eines Phaetons, und war mit Silber reich verziert, das im Mondschein funkelnd blitzte.

Die vier weißen Rosse davor stampften ungedultig den hart gefrornen Boden. Der Führer derselben war hellfarbig gekleidet, und das Ganze hatte ein so wunderliches fast gespenstisches Ansehn, daß Cäcilie nicht ohne Grauen einstieg.

Im sausenden Galopp gings vorwärts, als halte jener schreckliche Reiter aus Bürgers Leonore die Zügel, und die Thurmuhr des Klosters ließ zehn Schläge durch die klare Winterluft hallen, als die Pferde schäumend und dampfend an den Pforten der Kapelle still standen.

Weihrauchduft und Kerzenlicht wallte ihnen entgegen; durch die gotischen Wölbungen schwebten leise einweihende Orgelklänge hin; umhüllt waren die Bilder von hohen Musterhänden, und auch vom Chor herab wallten schwarze Trauerfahnen. Das heilige Todenfest bewegte Cäciliens Herz zu nie empfundener Wehmuth, und an des Meisters Arm betrat sie leis-bebend den ihr bestimmten Platz.

Das Requiem begann. Bleicher, als Cäcilie ihn je zuvor gesehn, aber umflossen von himmlischem Glanz, stand der Meister in Mitten des Chors, und dirigirte mit grossen Schwebungen der Arme das göttliche Tongemälde, das sich kühn und frei unter seiner Leitung entfaltete.

Wie mit wunderbaren Farben malte der Componist hier das Große und Erhabene; wie auf mächtigen Adlerschwingen stiegen die Klänge hinauf, wo sie hergenommen. Leis verhallend erstarb der letzte Ton in der hohen Wölbung.

Cäcilie erwachte wie aus stolzen Träumen. Sie war ja im Himmel gewesen; die Seeligen hatten ihr gelächelt, was sollte sie zur Erde rückkehren? So dachte sie fast trübe, und sah zum Meister hin, der sich ihr mit verklärtem Antlitz näherte. Kunstreicher habt Ihr gesungen, Cäcilie! sagte er in leisem feierlichem Ton, aber so wahrhaft schön noch nie. Es ist der heutige Abend die Sonnenhöhe Eures irdischen Ruhms, und Ihr werdet fortan nur in Engelchören singen.

Es schlug Mitternacht vom Thurme der Kapelle; des Meisters Züge erstarrten bei jedem Schlage mehr, und als der letzte verhallt, war er verschwunden, Cäcilie wußte nicht wie. –



14.

Es war schon Frühling worden, und Lerchentöne zogen durch die blauen Lüfte. Da sah man eines Morgens in stiller Frühe sich einen Leichenzug dem Kirchhofe ausser der Stadt Frankfurt zu bewegen. Es lag eine blühende Rosenkrone auf dem Sarge mit Cypressen durchflochten, welches Jugend und Tod gar sinnreich deutete.

Ein eben ankommender Fremder, wehmüthig ergriffen von dieser ersten ernsten Begegnung, fragte einen kleinen hageren Mann, der dicht hinterm Sarge ging, wen man denn hier begrabe? Ein Kind der Musen – entgegnete der Gefragte mit bewegter Stimme – dem die Erde nicht Heimath werden konnte, und das der Schatten des ersten Komponisten Europas in einer Nebelwolke von Klängen und Tönen derselben entführte.

Der Fremde wurde nicht wenig überrascht von dieser halb wahnsinnigen Antwort, die ihm, vereinigt mit der wahren tiefgefühlten Trauer des so eben Redenden, noch unverständlicher schien.

In Frankfurt angekommen, erfuhr er bald Cäciliens Geschichte. Sie war nach dem Charfreitage erkrankt, und auch nicht wieder genesen. Ein makelloser Schwan hatte sie sich in ihrem letzten Gesange am reinsten verklärt, und war dann heimgegangen ins Urland alles Schönen.