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Theodor Däubler – Der unheimliche Graf; Der Werwolf; Die fliegenden Lichter

Novellen

Verlag Banas & Dette, Hannover, 1921


DER UNHEIMLICHE GRAF

Ich saß einmal vor vielen Jahren in Wien beim Nachmittagskonzert in einem Vorstadtgarten. In dieser recht gutbürgerlichen Umgebung hatte ich wahrlich nichts besonders Romanisches erwartet. Doch eine der unerhörlichsten Begebenheiten in meinem ganzen Leben sollte sich dort einfädeln. Zur Sache: die Militärkapelle hatte soeben ein Potpourri aus Verdiopern zu Ende gespielt, als sich eine Hand, ich merkte gleich, es war eine Frauenhand, auf meine Schultern legte. Als ich mich umsah und zugleich aufgestanden war, erkannte ich sofort die blonde Dame, die sich mir so vertraulich genähert hatte. Ich wußte aber auch im Nu, seit vielen Jahren hatte ich sie nicht gesehn: als sie mich, etwas trüblächelnd-anredend, an unsre Bekanntschaft erinnern wollte, war mir auch schon ihr Name eingefallen. »Frau von Carpegna, wie geht es Ihnen?«, sprach ich sie auf deutsch an; sie war nämlich geborne Wienerin, Gattin eines italienischen Edelmannes. »Ich danke, Herr Däubler; es freut mich, daß Sie sich noch auf mich besinnen können, mir geht es schlecht!« War ihre Antwort. Wir sahen uns einen Augenblick lang, so zwischen scharf und zögernd, an. Frau von Carpegna dürfte damals eine Vierzigerin gewesen sein; ihr Haar glänzte noch hochblond, sie hatte immer zu einer gewissen Korpulenz geneigt; vielleicht war sie damals etwas magrer, als ich ihre Erscheinung in der Erinnerung herumtrug. Schön ist sie niemals gewesen, auch nicht besonders elegant; nun stand sie, eine ehemalige Sängerin und Schwester einer sogar sehr berühmten Sängerin, ziemlich dürftig gekleidet, vor mir. »Mein Mann ist tot: wußten Sie es?« Unterbrach sie das kurze Schweigen. »Nein!« Antwortete ich, wirklich schmerzlich berührt. Unsre Familien waren früher in Triest recht befreundet gewesen. »Bedauern Sie mich nicht aus diesem Grunde!« Setzte sie ihre Rede etwas gewaltsam hart fort: »Er taugte nicht viel. Sie werden sagen, er war begabt, meinetwegen. Aber es reichte bei ihm zu nichts aus. Mich, seine Kinder, hat er ins Elend gebracht. Nun reden Bekannte und Verwandte über uns alle sehr schlecht: meine einzige Sünde ist aber gewesen, daß ich die Frau eines leichtsinnigen Mannes war. Kommen Sie an unsern Tisch, meine älteste Tochter Rita und meine Mutter sitzen dort, in der hintern Allee, auf einer Bank beisammen. Ich habe Sie sofort wiedererkannt. Bedauern Sie erst Niemanden: wir sind nun schon seit drei Jahren Witwe und Waise.« Ich folgte der Dame. Als wir an die andern Frauen herantraten, stand Fräulein Rita auf und machte einen Knix. Ich war darüber sehr verwundert, denn sie mochte wohl über zwanzig Jahre und somit nur ein paar Jahre jünger, als ich gewesen sein. Sie schien mir ganz hübsch, etwas zu aufgeschossen, ähnelte weder ihrer Mutter, noch dem Vater: bald merkte ich, daß sie leicht hysterisch sein mußte. Sie zitierte und schnitt beim Sprechen Grimassen. Übrigens kein Wunder: wir sollten im Gespräch auf gar ernste Dinge kommen! Und durfte sie damals die Wahrheit sagen? Erst viel später sollte ich mir die Frage stellen. Fräulein von Carpegna hatte ein gutes Gedächtnis; sie fing mir sofort von unsern Spielen, vor mehr als zehn Jahren, an zu reden. Gewiß, wir hatten uns zum letztenmal in Triest auf dem Bahnhof gesehn, als wir eine Tante der Carpegnas, die von Görz ankommen sollte, abholten. Der Zug hatte eine größere Verspätung, und wir veranstalteten damals ein recht lustiges Blindekuhspiel zur Ergötzung der andern Wartenden ebenso wie zum eignen Zeitvertreib. Wir wußten es noch beide ganz genau! Die Mutter der Frau Carpegna hatte uns niemals recht gefallen. Es hieß schon dereinst in Triest, sie sei als Zimmervermieterin nicht einwandfrei, man hätte oft Pärchen bemerkt, die zu ihr geklettert wären. Meine Mutter allerdings war ganz entschieden gegen solche Vermutungen: sie behauptete, man sollte über die verarmte Dame kein so böses Gerede verbreiten! Und dabei blieb es: unsre Familien verkehrten freundschaftlich bis zur Übersiedlung der Carpegnas nach Wien. Dann trat allerdings sehr bald Entfremdung ein. Der Grund war ein peinlicher Vorfall, der sich auf den Straßen des vierten Bezirks abgespielt hatte, und in den man auch meine Großmutter mütterlicherseits, die ebenfalls seit einigen Jahren in Wien lebte, irgendwie hineinzog. Und dieses auffallende Ereignis wurde eigentlich sogleich von uns vieren besprochen, denn ich bin nicht ohne Absicht zu den drei Damen gerufen worden! Man wollte sich nicht nur vor mir rechtfertigen, sondern forderte schließlich, im Namen einer viel jährigen Familienverbundenheit, meine Dienste in einer ganz unglaublichen Geschichte! Frau von Carpegna erzählte folgendes, ohne sich im Beisein von Mutter und Tochter ein Blatt vor den Mund zu nehmen: »Als Folco« – so hieß der verstorbne Herr von Carpegna – »ganz unfähig wurde, seine Familie zu ernähren, entschloß ich mich, zusammen mit meiner Mutter, für uns und die Kinder zu sorgen, sogar für ihn: aber wir konnten das nicht im kleinen Triest zustandebringen, wo man uns auch als wohlhabende Menschen gekannt hatte, und zogen daher nach Wien. Ich gebe nun hier seit Jahren Gesangsstunden, die Mutter vermietet weiter Zimmer. Mein Mann litt an Rückenmarksdarre, kein Wunder: er hatte einen ausschweifenden Lebenswandel geführt. Ich habe ihn dereinst geliebt, trotz aller Warnungen geheiratet: das ist mein Leichtsinn, mein Vergehn! Hier in Wien wurde er brutal; er peinigte mich, war mit nichts zufrieden, schlug die Kinder. Nun, das wissen Sie ja. Sie kennen auch Folcos Mutter, die als Witwe den reichen Marchese Albano-Cariati in Bologna geheiratet hat. Als auch ihr zweiter Mann starb, brachte sie ihr Erbteil großenteils durch. Immerhin besaß sie noch viel Geld bis zu ihrem Tod, der erst vor einem Jahre erfolgt ist: jedenfalls mehr, als ich! Nun, wir wandten uns in größter Not an meine Schwiegermutter. Sie antwortete: Folco und mindestens die beiden kleinem Kinder Amedeo und Marcella sollten zu ihr nach Bologna kommen, sie würde für sie sorgen. Mich und meine Mutter aber konnte die Frau Marchesa nicht leiden; ich sollte mich von zwei Kindern trennen und mit Rita in Wien bleiben. In Italien ist die Ehescheidung noch nicht eingeführt. Was tun? Ich sträubte mich mit Händen und Füßen dagegen; einen Richterspruch gab es für uns nicht, und mein bösartiger Mann quälte mich unsagbar. Er wurde immer kränker und bekam nichts aus Italien. Man wollte mich durch Hunger zwingen; sagte, ich wäre leichtsinnig gewesen, beschimpfte meine Mutter, und schließlich brach ich jeden brieflichen Verkehr mit Bologna ab. Mein Mann konnte kaum noch gehn: oder verstellte er sich bloß? Selten schlich er sich aus dem Haus, wohl zur Post, um postlagernde Briefe seiner Mutter abzuholen. Bei uns war die Hölle los, endlich gab mein Mann nach: er verließ uns und fuhr nach Bologna. Monatelang blieben wir ohne Nachricht. Eines Tages ereignete sich das Furchtbare: die Marchesa fing die zwei Kleinen, als sie von der Schule nach Hause gingen, auf der Straße ab. Rita entkam. Amedeo und Marcella schrien schrecklich, wehrten sich gegen die Großmutter. Es half nichts. Der Vater wartete in einem Wagen; man entführte mir meine Kinder! Seitdem sind sie in Bologna. Sie wissen doch, Herr Däubler, daß ich hilfesuchend zu ihrer Großmutter lief, wir eilten zur Polizei, man verwies uns aufs italienische Konsulat. Dort war man schon vorbereitet. Folco und die Marchesa hatten mich und meine Mutter verleumdet, man machte uns zu leichtsinnigen Weibern, die ihre Kinder nicht erziehen können. Überdies sollten Amedeo und Marcella italienisch erzogen werden, für Rita wäre es allerdings zu spät, sie dürfte bei der Mutter bleiben, wenn sie wollte; mich aufzunehmen weigerte sich die Marchesa ganz entschieden! Übrigens ist nicht meine Schwiegermutter die böseste Person in der Familie, sondern meine Schwägerin Eletta, die Gräfin von San Zanipolo in Livorno. Seit dem Tode der Marchesa sind die Kinder bei ihr. Diese Sippe muß allerhand über mich gelogen haben, denn nunmehr hat sich sogar Ihre Großmutter, Herr Däubler, von mir zurückgezogen. Ich schwöre Ihnen, alles, was man gegen uns unglückliche Frauen sagt, ist erlogen. Herr Däubler, helfen sie mir, wieder zu meinen Kindern zu kommen!« Ich war natürlicherweise tief bewegt. Vom Kinderraub in der Karolinengasse hatte ich allerdings bereits gehört: Näheres wußte ich aber nicht darüber. Ich drückte der Frau von Carpegna herzlichst die Hand. »Wie immer es auch mit der Schuld Ihres Mannes sein mag, Ihr Schicksal ist schrecklich, arme Mutter!« Sagte ich ihr. Allen drei Frauen traten die Tränen in die Augen. Fräulein Rita fand zuerst wieder Worte: »Es verhält sich wirklich so, wie Mutter es erzählt hat. Ich will bei ihr bleiben, habe etwas gelernt, hoffe mich als Beamtin durchs Leben bringen zu können. Meinem Vater habe ich nach seinem Tode verziehn, auch der Marchesa; die Hauptschuld trifft Tante Eletta, die im Verborgenen alles angestiftet hat.« Ich erinnerte mich, daß sogar die Marchesa einmal von ihrer Tochter zu meiner Mutter gesagt hatte: »Eletta ist eine kleine Schlange.« Dies behielt ich jedoch für mich. Ich wandte mich aber, durch die Erinnrung ermutigt, nochmals ans Fräulein von Carpegna, blickte ihr klar in die Augen und fragte ganz bestimmt: »Also, gnädiges Fräulein, Sie schwören, daß alles, was ich hörte, wahr ist?« »Lautre Wahrheit!« war ihre Antwort. Sie zuckte mit keiner Wimper. Frau von Carpegnas Mutter wurde aber blutrot. Sie hoffte zuerst, ich hätte ihre tiefe Verlegenheit nicht bemerkt und faßte sich auch schnell, obschon ich sie scharf anblickte. Sie hatte sich verraten! Aber, was konnte hinter alledem stecken? Weder Frau von Carpegna, noch Rita ahnten, daß ich die alte Dame ertappt hatte. Ich fand damals nicht den Mut, die Entschlossenheit, ihr das Geheimnis durch Fragen abzuringen. Späterhin fehlte mir dazu die Gelegenheit, denn ich habe keine der drei Frauen bisher wieder gesehn, wahrscheinlich ist die alte Dame bereits tot. So kann ich noch heute nicht in der geheimnisvollen Geschichte, die ich hier erzähle, ganz genau sehn. »Helfen Sie mir!« Sagte nochmals Frau von Carpegna: »Fahren Sie nach Italien, mich hat man nicht empfangen, mit Gefängnis wurde ich bedroht, da man mich als Gattin eines Italieners nicht aus dem Lande weisen konnte; ich bin ja in Livorno und Bologna wiederholt gewesen. Sie kann man nicht zurückweisen, wenigstens Nachricht über meine Kinder geben Sie mir.« Da antwortete ich: »Gnädige Frau, meine Mittel erlauben mir keine Reise nach Italien, ich bin Pariser Bohême, nur hier in Wien, nach vielen Jahren, kurz auf Besuch; ich muß zurück ins Quartier latin, wo ich zur Not mein Leben friste. Könnte nicht Fräulein Rita nach Livorno fahren?« »Ach, fahren Sie, Rita ist erst jetzt mündig geworden, man hätte sie nicht zurückgelassen, jetzt aber geht es nicht; Rita ist zu nervös. Sehn sie selbst, wie sie zittert!« Bat mich die Unglückliche immer noch. Ich blickte Fräulein Rita abermals sehr fragend an. »Meine Mutter hat nicht gelogen, Herr Däubler!« Erfuhr ich von ihr. Sonst nichts. Da entschloß ich mich aufzubrechen, besonders in Anbetracht meiner Unmöglichkeit, den Leuten sofort zu helfen. Ich stand auf und sagte: »Leben Sie wohl, meine Damen, ich fahre morgen nach Paris, hier meine Adresse, geben Sie mir Ihre; sowie es mir möglich sein sollte, nach Italien zu reisen, will ich dort tun, was irgend möglich.« Wir teilten uns die Wohnungen mit, dann empfahl ich mich, nicht ohne Herzlichkeit. Meine Großmutter fragte ich noch am selben Tag um ihre Meinung. »Ich versteh nicht, liebes Kind,« versicherte sie mir: »Wie sich alles verhält; die Auskünfte über Frau von Carpegna und ihre Mutter sind auf der Polizei nicht grade schlecht, auf dem Konsulat hingegen abscheulich. Eletta halte ich für eine grundanständige Frau, die Marchesa war meine gute Freundin, ich hätte für sie die Hand ins Feuer gelegt. Der Frau von Carpegna hingegen traue ich nicht, ihrer Mutter schon gar nicht.« Also, ich konnte beim besten Willen vorläufig nicht eingreifen: ich hatte vor allem keine Möglichkeit, nach Livorno zu fahren. Ich sann hin und her, denn mächtig hatte mich der Auftritt im Garten bewegt.

Als Knabe ging ich stets sehr gern zur befreundeten Familie. Folco von Carpegna sprach ein so schönes Italienisch, es gelang ihm, seine Kinder vor der verwahrlosten Triester Mundart zu behüten. Besonders seinen Sohn Amedeo schien er innigst zu lieben. Zum letztenmal hatte ich Vater und Sohn an einem Faschingsdienstag nachts, sehr spät, im »Café degli specchi« gesehn. Etwa zwölf Jahre vor dem soeben erlebten Zusammentreffen mit Folcos Familie beim Militärkonzert in Wien! Der kleine, ungefähr fünf Jahre alte Amedeo war ein ganz herrliches Kind. Er hatte die dunklen Glutaugen des Vaters und die goldblonden Haare der Mutter. Er stand auf einem Marmortisch; der stolze Folco zeigte ihm die Masken und vielleicht noch mehr: ihn den Masken und allen Vorüberwirbelnden. Folco liebte große Festlichkeiten, er soll sehr freizügig gelebt haben; als sein Vermögen zusammengeschrumpft war, begnügte er sich mit dem Fasching auf der Straße und im Café. Die Carpegnas stammten aus der Gegend von Bologna, lebten aber seit langem in Triest, ohne Österreicher geworden zu sein. Folcos Großmutter war mütterlicherseits eine Norddeutsche; er sprach auch vollkommen deutsch, soll einige Zeit deutscher Schauspieler gewesen sein; seine Mutter hingegen, die Marchesa, obschon die Tochter einer Deutschen, verstand kein Wort deutsch. Mit Politik hat sich die Familie damals nicht befaßt, das festzustellen ist, wegen spätrer Ereignisse, die hier berichtet werden sollen, nicht ganz unwichtig! Nach vielen fehlgeschlagnen Versuchen, sein Leben mannigfaltig zu gestalten, war Folco in das große Holzgeschäft eines Onkels eingetreten. Zuerst ging es dort ganz gut; er konnte sogar heiraten, einen Hausstand anständig gründen; eigentlich brachte erst der Tod dieses Onkels eine Verändrung in die Lage der unglücklichen Familie. Mit dem Teilhaber des Hauses vertrug sich Folco gar nicht. Er sollte ausbezahlt werden, man einigte sich nicht über den Abfindungsbetrag; schließlich kam es zu langwierigen Gerichtshändeln. Der Kampf wurde sehr hartnäckig von beiden Seiten geführt. Zum Schluß blieb für beide Teile fast nichts übrig. Das Geschäft war übrigens auch gleich nach dem Ableben von Folcos Onkel viel schlechter geworden. Die Carpegnas hatten bereits in Triest sehr unter bittrer Not zu leiden: Folco wollte keine Stellung mehr annehmen, konnte es vielleicht auch nicht: er war rückenmarkleidend. Einigemal flüchtete die Familie zur Marchesa nach Bologna, der ging es aber auch nicht besonders gut, sie war von einer wahren Bauwut ergriffen und hatte sich dabei schon beträchtig in ihren Unternehmungen verrechnet. Überdies vertrug sich Folco mit den Verwandten nur sehr schlecht, seine Frau aber mit der Schwiegermutter gar nicht. So pendelte die Familie zwischen Bologna und Triest hin und her, bis die Übersiedlung nach Wien beschlossen wurde. Wie bereits früher gesagt, wir hatten die Menschen sehr gern, bei uns gingen sie viel ein und aus. Die Bologneser Verwandten besuchten uns ebenfalls immer wieder. Der kleine Graf San Zanipolo Franceschino war, obschon mehrere Jahre jünger als ich, dereinst mein bester Spielgefährte gewesen. In der letzten Zeit geriet man aber, wie auch schon angeführt, besonders nach der aufregenden Begebenheit mit den entführten Kindern, in die auch meine Großmutter verwickelt wurde, ganz außer jeden Zusammenhang. Es ist so schwer, sich bei Familienzwisten für einen Teil zu entscheiden! Folco war leichtsinnig, vernachlässigte seine Frau, das stand fest. Aber auch sie schien tiefe Schuld, wenigstens den Kindern gegenüber, zu treffen. Diese Aussprache mit den drei Frauen hatte mich zutiefst erregt, viele Erinnrungen aufgewühlt; ich konnte aber nicht helfen, ich mußte mir es immer wieder sagen und vor mir selbst bestätigen.

Nach einigen Tagen schon fuhr ich zurück nach Paris. Oft dachte ich an die unglücklichen Carpegnas, befragte auch Italiener, mit denen ich zusammenkam, nach den San Zanipolos, aber niemand konnte mir eine Auskunft geben. Es ist selbstverständlich, daß ich niemals nach Wien an die Leute schrieb; froh war ich, daß man mir nicht mehr zusetzte. Nach etwa einem Jahr bekam ich jedoch folgendes lange Telegramm in deutscher Sprache: »Eine Spur von Amedeo! Im Corriere della sera fand ich folgende Ankündigung: Der junge Geigenspieler Amedeo von Carpegna aus Bologna hatte bei seinem Auftreten in Vercelli großen Erfolg, er wird am 26. Mai in Belfort, dann in Pontarlier und Grenoble auftreten. Fahren Sie nach Belfort, helfen Sie der unglücklichsten Mutter. Ihre Ada von Carpegna.« Es war mir ganz unmöglich, nach Belfort zu fahren: meine Tasche war niemals leerer, als gerade damals. So entschuldigte ich mich denn in einem höflichen, aber kurzen Brief und versprach, mich in Italien einmal um die Angelegenheit kümmern zu wollen. Ich stellte auch meine Übersiedlung dorthin für den nächsten Herbst in Aussicht. Nun, was ich so sehnlich hoffte, gelang mir viel später; erst nach einigen Jahren konnte ich mich in Florenz niederlassen! In der ganzen dazwischenliegenden Zeit erfuhr ich, ermittelte ich nichts von Ereignissen der einstmals mit uns so eng befreundet gewesnen Familie.

Auch in Florenz gelang es mir dann nicht gleich, etwas über die Carpegnakinder zu erfahren. Ich mußte immer wieder meine Absicht, nach Livorno zu fahren und mich bei den San Zanipolos vorzustellen, verschieben. Jemanden, der mir etwas über diese Livorneser Familie hätte mitteilen können, fand ich nicht. Endlich einmal ergab sich aber ganz plötzlich die Gelegenheit, allerhand über das Familiengeheimnis zu wissen, ja beinahe selbsthandelnd in das Trauerspiel verwickelt zu werden. Übrigens war das vorauszusehn, ich sollte, wollte nach Möglichkeit eingreifen, um einer Mutter, die ihre Kinder verloren hatte, endlich beizustehn!

Das kam so: ich stand mit dem Vorstand einer zu Geheimlehren neigenden Bücherei, einem Grafen Costanova in freundschaftlichem Verkehr. Nur selten wohnte ich allerdings den theosophischen, oft geheimbündlerischen Abenden in dieser Gesellschaft bei; einmal aber interessierte mich sehr ein angekündigter Vortrag über die »Kabala« von einem gelehrten Juden in Livorno. Ich wußte, dort gibt, es eine Kabalistenschule und ging hin. Die Ausführungen des Redners waren für mich wichtig; als er zu Ende gesprochen hatte, trat ich an ihn heran und befragte ihn noch über einige Sätze, die mir unklar geblieben waren. Plötzlich fiel mir die große Familiensache ein. »Sagen Sie Herr Atala,« sprang ich von einem Gegenstand zum andern über: »Kennen Sie in Livorno die Grafen San Zanipolo!« »Allerdings!« Gab er mir zur Antwort: »Hier im Saal ist der junge Graf Francesco sogar anwesend!« Ich war hocherfreut! »Bringen Sie uns wieder zusammen,« bat ich: »Wir sind in Triest Spielgefährten gewesen!« – Nach ein paar Sekunden redete mich ein mittelgroßer, rotblonder junger Herr, in Begleitung des Herrn Atala an: »Guten Tag, Herr Däubler, nach so vielen, vielen Jahren treffen wir uns wieder!« »Herr Graf, Sie können sich unmöglich an mich erinnern, Sie waren um mehrere Jahre jünger als ich, höchstens dreijährig, als wir uns zum letztenmal sahn; unsre Familien waren freilich recht befreundet. Sie werden von mir gehört haben!« Gab ich ihm zur Antwort. Er lächelte und versicherte mir: »Ich habe allerdings von Ihnen gehört; ich entsinne mich aber auch unsrer Spiele, besonders in der Villa Ihrer Eltern. Eine Schwester, sie stand ungefähr in meinem Alter, dann eine noch kindliche Tante von Ihnen und die Tochter einer Amme in der Familie, die mitspielen durfte, waren meistens auch dabei.« »Sie haben ein unglaubliches Gedächtnis!« Warf ich ein: »Diese Kinderjahre waren wirklich heiter.« »Ja!« Meinte er und blickte scharf auf mich: »Dann kam es aber ganz anders, sowohl bei Ihnen, als auch bei uns; Sie wollen mich in unsern Familiensachen befragen, ich gestatte es Ihnen, Sie tun es im Auftrag einer unseligen Mutter.« Herr Atala entfernte sich. »Wir sind allein, Herr Graf!« Unterbrach ich ein augenblickliches, peinlichstes Schweigen: »Ich gesteh, daß mich Frau von Carpegna vor mehreren Jahren in Wien bat, mich um ihre zwei Kinder Amedeo und Marcella umzusehn. Was immer vorgekommen sein mag, das Schicksal der Mutter ist höchst beklagenswert.« »Gewiß, das der Kinder wäre es aber in allerhöchstem Maß geworden, wenn sich nicht unsre Großmutter, die Marchesa Albano-Cariati, rechtzeitig ihrer angenommen hätte. Folco, mein armer Onkel, todkrank, übrigens auch er ein Springinsfeld, konnte kaum seiner Mutter beistehn. Es ist keine Kleinigkeit, wenn einem die Kinder auf der Straße geraubt werden!« »Allerdings!« Fiel ich ihm in die Rede: »Man war in Wien sehr erstaunt, daß die Marchesa zu so einem Gewaltmittel griff!« »Die Marchesa«, meinte er: »Mußte zu den gleichen Mitteln wie die Mutter greifen: warum hatte die damit angefangen, indem sie die Kinder in Bologna beim Heimgang aus der Schule abfing und dann wegschleppte.« »Die Mutter zuerst?« Fragte ich. »Gewiß, die Mutter zuerst!« Bestätigte der Graf: »Sie versuchte es dann nochmals, aber die Kinder selbst weigerten sich, ihr zu folgen, sie wurde als Fremde festgestellt, und die Menge verhinderte sie, die Kinder zum Bahnhof zu bringen.« »Das hätte ich von der phlegmatischen Frau niemals erwartet!« Beteuerte ich. »Und doch ist es so!« Sagte der Graf sehr nachdrücklich: »Amedeo selbst wird es Ihnen bestätigen. In drei Wochen gibt er hier ein Konzert; wir haben ihn gewähren lassen, er durfte Geiger werden: sein Vater hatte bereits Lust dazu! Sie bekommen rechtzeitig Karten für den Abend, dann können Sie mit Amedeo, so lange Sie wollen, sprechen, ich will ihn für die Unterredung vorbereiten; sagen Sie ihm alles ganz genau, ich bitte Sie darum.« »Ich bin bestürzt, kann Ihnen nur für Ihr Entgegenkommen danken!« Erwiderte ich: »Warum mag mir aber Rita nichts davon gesagt, den Vortrag ihrer Mutter gar nicht ergänzt haben – sollte sie von ihr beeinflußt sein?« »Arme Rita!« Meinte der Graf: »Sie hätte auch in Italien erzogen werden können, und zwar ohne so schwere Dinge an sich und in ihrer Umgebung erleben zu müssen. Ihrer Schwester Marcellas Ausbildung ist noch nicht abgeschlossen. Sie soll in die Schweiz geschickt werden. Amedeo hat das Institut Guerino da Feltre, wie Sie wissen, das beste von ganz Italien, besucht; wir haben aber mit allen seinen künstlerischen Neigungen gerechnet, Sie werden Ihre Freude dran haben, zu hören, wie gut er geigt. Auch die deutsche Sprache hat er, auf seines Vaters besondern Wunsch hin, weitergepflegt. Sie, als deutscher Dichter, werden das am besten beurteilen können.« Ich sah nun, daß ich mich noch drei Wochen lang bescheiden mußte. Der Graf schien wohl etwas vorzuhaben, erkundigte sich jedoch noch rasch nach allen meinen Verwandten; ich war abermals mehr als erstaunt über sein Gedächtnis. Zum Schluß richtete ich noch die Frage an ihn: »Sie sind doch seit ihrem fünften Jahr nicht mehr in Triest gewesen: Ihre Kenntnisse der Stadt und Menschen dort verblüffen mich.« »Seit meinem vierten Jahr nicht mehr!« War die Antwort. Nun verabschiedeten wir uns. Der junge Graf hatte mir beim Weggehn nochmals versprochen: »Sie werden mit Amedeo ganz allein reden können.«

»Sagen Sie mir,« wandte ich mich gleich darauf an den Grafen Costanova: »Wie weiß San Zanipolo, daß ich Dichter bin? Ich habe noch nichts veröffentlicht, unsre Familien sind seit vielen Jahren ohne jeden Zusammenhang, hier hat es ihm wohl niemand gesagt. Überdies hat er es erst gegen Ende unsrer Unterhaltung mit einer gewissen Absichtlichkeit ausgesprochen, überhaupt ein unheimlicher Mensch; so ein Gedächtnis habe ich noch niemals erlebt.« »Das wundert mich alles nicht!« Meinte Costanova: »San Zanipolo dürfe alles auf medianem Weg von Ihnen selbst erfahren haben. Für ihn gibt es überhaupt keine Geheimnisse. Viele Theosophen halten ihn für einen der größten Zauberer unsrer Zeit. Dabei ist er noch so jung und niemals im Morgenland gewesen. Hier in Florenz besucht er allerdings oft einen Weisen, vielleicht seinen Lehrer, einen Herrn Bastiani, den müssen Sie auch kennen lernen; der behauptet nun, San Zanipolo habe sich von ihm freigemacht, um sich der schwarzen Wissenschaft ganz hingeben zu können. Er werde, so sieht Bastiani voraus, noch ziemlich bald eines seltsamen Todes sterben, dies werde auch noch rechtzeitig, zu San Zanipolos Vorteil, geschehn, nämlich noch bevor er seine Seele ganz verkauft haben wird. Tatsache, mein Lieber, wo man ihn nicht braucht, taucht er, oft auf seinem Kraftrad, auf.« »Nun, ich danke!« Sagte ich nicht wenig bestürzt: »Das kann ja ein hübscher Kampf für mich werden. Ich soll da einem Familiengeheimnis auf den Grund sehn, gegebenenfalls gegen die San Zanipolos allerhand zugunsten einer Dame, die in die Familie geheiratet hat, unternehmen! Kinderraub auf offner Straße hat sich ja schon abgespielt.« »Allerdings, von so etwas läßt man lieber seine Finger weg!« Meinte Costanova: »Aber ich kann Ihnen vielleicht helfen: vor allem müssen Sie nun Bastiani kennen lernen; er wird Ihnen raten. Gehn wir morgen hin; um vier Uhr treffen wir uns hier vor der Bücherei. Sagen Sie es keiner Seele, San Zanipolo darf nichts wissen.« Ich ließ mir das gesagt sein, dann trennten wir uns.

Am nächsten Tage waren wir beide pünktlichst an der vereinbarten Stelle. Als wir uns anschicken wollten, fort, und zwar zu Bastiani, zu gehn, schoß sein Kraftrad an uns vorbei: San Zanipolo! »Das fängt ja hübsch an!« Meinte ich. Costanova sagte: »Mich wundert das nicht, nur hätte ich mirs für heute doch nicht erwartet, San Zanipolo sagte mir, allerdings noch bevor ich Euch bekannt gemacht hatte, er müßte in wichtiger Angelegenheit in Livorno sein! Nun ein paar Worte über Bastiani und seine Frau. Dieses Ehepaar ist eigentlich immer drüben, ich meine auf einer höhern Ebne. Sie leben beide tatsächlich von Luft und Liebe; und zwar nicht einmal von kirchlich genehmigter ehelicher, sondern bloß von himmlischer Liebe! Eigentlich liegen sie ihr ganzes Leben in einem Zustand von Halbschlummer; diesem Umstand verdanken sie aber ihre Seherkraft; sie werden auch Ihnen sagen können, was für Sie das beste sein wird, zu tun oder zu lassen.« Meine Gespanntheit kann man sich wohl vorstellen. Bald waren wir zur Stelle. Im ältesten Florenz. Wir mußten erst in den letzten, wohl fünften Stock, hinaufklimmen. »Hier wohnen die Bastianis seit jeher, sie sollen in diesem Haus geboren sein!« Sagte noch auf der dunklen Stiege Costanova. »Beide?« Fragte ich: »Oder bloß er oder sie?« Costanova lächelte. Oben angekommen mußten wir noch recht lange pochen. Mein Begleiter verlor nicht den Mut. »Man muß sie erst aus dem Schlummer wecken!« War sein Bescheid. Endlich öffnete eine alte Frau, ganz einfach gekleidet, die Tür. »Guten Abend Herr Graf!« Hauchte sie: »Willkommen, treten Sie ein!« Wandte sie sich an mich. »Frau Bastiani, ich bringe Ihnen einen deutschen Dichter!« Führte mich Costanova ein. »Das freut mich sehr, mein Mann wird es schon wissen; er sagte mir heute früh: Giulia, wir bekommen Besuch: ich fühle es, San Zanipolo bedroht jemanden; der Betreffende wird mich aufsuchen, damit ich ihn beschütze.« Ich sah Costanova fragend und argwöhnisch an. »Ich schwöre Ihnen, daß ich Bastianis nicht benachrichtigt habe!« Sagte er bestimmt. Wir traten ein. Die Wohnung blieb dunkel; wie ich später erfahren sollte, verträgt das hellsehende Ehepaar kein Sonnenlicht. Ich wurde an ein Bett geführt, drinnen lag, hinter Mullbehängen, wie soll ich mich ausdrücken: eine sprechende Leiche. »Hilf mir, damit ich dem fremden Herrn helfen kann, leg dich neben mich, Giulia!« Hauchte er. »Ja, Rodolfo!« Lispelte sie. Dann kroch sie zu ihrer Ehehälfte, damit zwei sprechende Leichen nebeneinander, hinter den Mullbehängen, liegen sollten. Beide waren sogleich wie erstarrt. Nach ein paar Minuten begann sie: »Rodolfo, ich sehe drei Lämmer.« »Zwei eulenartige Vögel, groß wie schwarze Sturmwolken, hadern um sie.« Ergänzte er noch: »Was siehst du noch, Giulia?« »Die Lämmer versuchen zu entfliehn, sie sind arg verängstigt.« Gab die Frau kaum hörbar zur Antwort. Und Rodolfo fiel ein: »Zweien gelingt es zu entkommen. Eines wird von den andern beiden getrennt. Wie schrecklich, die armen Wesen! Sie schrein alle drei nach uns. Es geht ihnen schlecht, Giulia was siehst du?« »Gefahr, sehe ich, Gefahr!« Lispelte die Frau: »Kein Blitz, kein rächendes Schwert stürzt vom Himmel herab, aber eine feurige Schlange ringelt sich vom Boden empor: wie ein Blitz von unten.« »Sie meint San Zanipolo!« Flüsterte mir Costanova zu. »Die Schlange hat die beiden Lämmer, die beieinander blieben, angefaucht. Sie sind in ihrer Gewalt. Die armen Lämmer.« Dies sah und berichtete Rodolfo. »Das dritte Lamm ist verschwunden, vielleicht in einen Abgrund gestürzt.« Das wußte wieder Giulia zu erzählen. »Hüte dich vor der Schlange, vor der roten Schlange! Es wird dir nichts geschehn, ich werde wachen.« Nach diesen Worten Herrn Bastianis, sagte mir Costanova: »Das galt Ihnen, seien Sie ruhig, wir haben gewonnenes Spiel. Bastianis werden nun ein paar Tage lang im Starrkrampf liegen bleiben, bis sie in der Astralebne alles für Sie geordnet haben werden. Nur dieses Ehepaar besitzt noch einige Gewalt über San Zanipolo, gehn wir.« Wir brachen auf.

Mir war gar unheimlich zu Mut: zuerst schlenderten wir durch die Straßen, dann blieben wir auf dem Ponte delle Grazie stehn. »Graf, was ist das mit dem San Zanipolo?« Unterbrach ich endlich das Schweigen. »Ich sagte Ihnen doch gestern, daß er ein Hexenmeister zu sein scheint. Bastiani, der ihn früher leitete, hat es doch heute wieder bestätigt; vielleicht wußte er nicht einmal, um wen es sich handelte; im Laufe der nächsten Stunden wird er es aber wissen: die rote Schlange ist San Zanipolo!« »Haben Sie wirklich Beweise für seine geheimnisvollen Kräfte?« fragte ich. »Gewiß!« Sagte Costanova: »Hören Sie was mir als zweifellos wahr erzählt worden ist. Graf Francesco San Zanipolo ist zuerst Fähnrich gewesen. Bei einem Liebesmahl, in Anwesenheit seines höchsten Vorgesetzten, wurde man überhaupt erst auf seine wuchtigen medianischen Eigenschaften aufmerksam. Denken Sie sich, die Tafelrunde war vollzählig beisammen, es wurde Wein, es wurden vorzügliche Speisen aufgetischt, man sprach ungemein angeregt miteinander, San Zanipolo liebenswürdig wie immer; auf einmal, inmitten eines harmlosen Gesprächs war er nicht mehr da.« »Verschwunden?« Fragte ich. »Ja, verschwunden!« Lautete die Antwort: »Die beiden Offiziere zu seiner Rechten und zu seiner Linken blickten sich sprachlos an: der Fähnrich zwischen ihnen war einfach weg. Alle Anwesenden, vom Obersten bis hinunter zum jüngsten Fähnrich packte Entsetzen. Wohin konnte der Graf gekommen sein? Sämtliche Türen verschlossen! Endlich öffnete man eine, machte Licht im Nebenzimmer, da lag der Fähnrich Graf Francesco San Zanipolo, auf dem Lehnstuhl hingestreckt. Er befand sich in einem Zustand vollständiger Besinnungslosigkeit. Ich muß hinzufügen, weder er, noch sonst einer der Herrn Offiziere war an jenem Abende bezecht. Es verstand sich von selbst, daß so ein Wesen aus der vierten Ebne, das ganz einfach durch Mauern verschwinden kann, unmöglich länger Fähnrich bleiben durfte. San Zanipolo wurde es, als er endlich erwachte, nahegelegt, seinen Abschied zu nehmen. Das tat er, nun studiert er noch immer Arzneikunde.« Diese rätselhafte Geschichte hörte ich auf der Brücke an. Nun lief mirs ganz kalt über den Rücken. »Graf Costanova,« sagte ich: »Gehn wir zurück in die Stadt.« Als wir unter die Säulengänge der Uffizien traten, trafen wir Atala. Er war noch in Florenz! »Atala!« Redete ihn Costanova an: »Herr Däubler liegt in überirdischer Fehde mit San Zanipolo. Wir waren vor einer Stunde bei Bastianis; sie werden ihm helfen, sonst würde es ihm wohl übel ergehn!« »Allerdings!« Fiel uns Atala in die Rede, und zu mir gewandt, fuhr er fort: »Nur Bastianis können Sie schützen; seitdem San Zanipolo verheiratet ist und Arzneikunde und, sagen wir, Apothekenkram büffelt, ich drücke mich sehr milde aus, kann er höchst gefährlich werden! Aber gegen die Bastianis kommt er nicht auf.« In diesem Augenblick sauste ein Kraftrad an uns vorüber, der rothaarige Graf saß drauf. Wir erschraken alle drei; besonders da an dieser Stelle unter den Uffizien das Kraftradfahren eigentlich verboten ist.

Nach ein paar Minuten hatten wir uns wieder erholt, mußten sogar lächeln; Atala sprach abermals als erster: »Ich will Ihnen die rätselhafteste Geschichte von den Bastianis und San Zanipolo erzählen. Kurz nach seinem Abenteuer an der Offizierstafel, ich weiß nicht ob Sie das kennen, ereignete sich folgende rätselhafte Geschichte.« Wir nickten beide. Costanova warf rasch ein: »Ich habe die Sache soeben erzählt.« »Desto besser!« Meinte Atala und begann seinen Bericht: »Bastiani brauchte San Zanipolo oft, um seine Entwicklung lenken zu können. Einmal fühlte er genau, daß Francescos Anwesenheit in Florenz nötig war. Er ließ ihm drahten: Fahren Sie heute mit dem Abendzug nach Florenz, erwarte Sie dringend, Bastiani. Damals waren nämlich die hellsehenden Eheleute auch noch nicht so sehr im Besitz ihrer magischen Kräfte, um bloß durch die Ferne wirkend, ihnen anheimgefallne Medien herbeirufen zu können! Heute wäre dies vielleicht anders: nur benützen die Bastianis ihr geheimes Vermögen über andre Menschen niemals, es müßte sich denn um eine Entscheidung, eine Lebensfrage handeln! Kehren wir zu San Zanipolo zurück. Er schwankte nicht einen Augenblick. Der Zug fuhr oder fährt auch jetzt um acht Uhr abends von Livorno ab, ist ungefähr um elf Uhr in Florenz. Als ihm das Telegramm ausgehändigt wurde, war es beinah halb acht; also hieß es fort! Er setzte sich auf sein Fahrrad, damals besaß er noch kein Kraftrad wie jetzt, und sauste, nachdem er kurz Abschied von der Familie genommen hatte, blitzschnell davon. Als er sich dem Bahnhof näherte, merkte er, daß es erst in zwanzig Minuten acht Uhr war. ›Was‹, schoß es ihm durch den Kopf, ›ich werde nicht so lange warten, sondern lossausen.‹ Im Nu merkte er sich auf der Landstraße nach Florenz, im nächsten Augenblick fühlte er sich aber schon nicht mehr; wenigstens kaum auf einer Straße, bloß in der Richtung. Herrlich ist es, zu fliegen, dieses Gefühl, so heißt es, verdeutlichte sich in ihm. Da wirbelte ihm eine Doppelreihe von Lichtern entgegen, er spürte einen Fluß unter sich, eigentlich unter und zugleich neben sich: also Pisa! Francesco eilte weiter; es war bestimmt die berühmte untre Arnostadt, denn er hatte sogar einige Gebäude wahrgenommen, genau geschaut. Dann schwand ihm das Bewußtsein vollständig. Er erwachte auf einem Diwan in der Wohnung Bastianis. Rodolfo und Giulia bemühten sich um ihn. ›Es ist schon wieder gut, es war ein Wunder, danken Sie Ihrem Schutzgeist;‹ diese Worte waren die ersten, die Francesco wieder vernahm. Rasch hatte er sich erholt. Nun erfuhr er aus Bastianis Mund was sich mit ihm ereignet hatte. Rodolfo war nachdenklich an seinem Schreibtisch gewesen, und er berechnete, nicht ohne Nervosität, ob Francesco das Telegramm rechtzeitig bekommen haben konnte oder nicht: er hatte Wichtiges vor! Da merkte er plötzlich, wie sich das Fenster auftat: hereinflog der schlafende Graf. Bastiani war nicht so bestürzt, wie es wohl jeder andre Mensch gewesen wäre, aber er hatte auch alle Mühe, sich aufrecht zu halten, Herr der Lage zu bleiben. Francesco huschte federleicht gradeaus auf das Sofa zu, auf dem er bis zu seinem Wiederwachwerden ausgestreckt lag. Gleich darauf ein geringes Klirren, leichtes Blinken: das Rad fuhr auch durchs Fenster herein, in der Richtung auf die Lagerstätte seines Besitzers, und dort legte sichs, wie ein treuer Hund, an das Sofa gelehnt, zu des Grafen Füßen. Rodolfo holte zuerst nicht einmal Giulia herbei. Erst als man zweimal heftig schellte, und niemand die Tür öffnete, ging Rodolfo aus der Stube, um den späten Gast einzulassen. Draußen stand eine Wache, sie war mit einem Nachschlüssel ins Haus gedrungen und sagte: ›Herr Bastiani, soeben sind Diebe übers Dach bei Ihnen eingebrochen.‹ ›Nicht die Spur davon!‹ Lächelte Rodolfo, der sich wieder ganz gefaßt hatte: ›Ein Traumwandler ist bei mir eingekehrt.‹ ›Unmöglich,‹ meinte der Wachmann: ›einer von den Kerlen hat ein Rad gestohlen und es dann übers Dach laufend, bei Ihnen eingeschmuggelt.‹ ›Nein, es ist kein Kerl, sondern der Graf San Zanipolo; sein Rad ist ihm durch die Luft gefolgt, wollen sie sich überzeugen?‹ ›Danke bestens!‹ Rief der Wachmann und stürzte über die Treppe dem Ausgang zu; es war, als fürchtete er, der Graf aus Livorno käme hintendrein. Noch bevor Rodolfo zum Grafen zurückkonnte, begegnete ihm auf dem Flur seine Giulia. ›Ich war in tiefsten Schlaf verfallen, Francesco muß mich gebraucht haben, ich fühlte es genau, weiß es jetzt ganz klar!‹ So redete sie ihn an. ›Nun komm nur in mein Zimmer, da liegt er schon wohlbehalten ausgestreckt,‹ sagte fast sieghaft lächelnd Herr Bastiani. Als der Graf diesen Bericht über sich, ziemlich gefaßt, angehört hatte, griff er nach seiner Uhr: ›Acht Uhr fünfzehn Minuten!‹ Waren seine ersten Worte nach dem haarsträubenden Abenteuer. Bastiani schmunzelte: ›Ich habe festgestellt, daß Sie mir um punkt acht Uhr zugeflogen kamen; unsre Uhren gehen beide genau.‹ ›Folglich habe ich zwanzig Minuten von Livorno bis Florenz gebraucht,‹ meinte, nicht ohne Stolz, San Zanipolo. ›Ein Beweis dafür, daß Sie getragen wurden; nicht aber durch die vierte Ebne, wie Sie damals beim Offiziersessen, befördert wurden; sonst hätten Sie keine Sekunde für die Zurücklegung der hundert Kilometer gebraucht. Vielleicht sind Sie entmaterialisiert und wieder materialisiert worden!‹ Dies war der Bescheid Bastianis.«– Ich kann nicht leugnen, daß mich diese unglaubliche Erzählung des Herrn Atala aufgeregt hatte. Es ist keine Kleinigkeit, gegen einen solchen Grafen kämpfen zu müssen; übrigens ich habe ihm, meinen Spielgefährten, doch nicht Fehde angesagt! Wie käme ich dazu? Costanova aber behauptete, wir hätten einander aufs Korn genommen. Bastianis und er selbst wären meine Bundesgenossen; ich sollte mutig den Strauß für die drei unglücklichen Kinder ausfechten. Atala verließ uns; er mußte zurück nach Livorno, hatte mir übrigens auch keine Hilfe spontan angeboten; ich aber war vielleicht zu ungeschickt, ihn darum zu bitten. Ich hatte drei Wochen bis zu meinem Bekanntwerden mit Amedeo vor mir. Ich schneide nicht auf, wenn ich feststelle, daß ich sie bei Tag und Nacht ganz ruhig verlebte. Costanova war darüber sehr erstaunt; er sagte aber schließlich sich und mir: »Sie dürfen auch ruhig sein, höhere Gewalten beschützen Sie.« Einen Tag vor dem angesagten Konzert des jungen Triestiners Amedeo de Carpegna bekam ich mehrere Eintrittsscheine für mich und meine Freunde, wie vereinbart und versprochen, zugestellt. Der Saal war voll besetzt. San Zanipolos Frau, die einem Florentiner Geschlecht entstammte, hatte für bestes, gutgewilltes Publikum gesorgt. Der junge Mann, den ich seit so langer Zeit nicht gesehn hatte, erschien. Fort war die auffallende Schönheit des Kindes! Er sah nicht bedeutend, aber auch nicht unangenehm aus. Seine Haare waren immer noch hellblond, wie die seiner Mutter, die Augen ebenfalls glutvoll, wie dereinst. Eigentlich wäre er ganz hübsch gewesen, nur verunstalteten ihn ein paar Schnitte am Hals und über den Backenknochen: Amedeo war skrofulös. Er spielte wirklich gut, nicht hervorragend, aber er berechtigte zu schönen Hoffnungen. Sein Programm zeugte von Geschmack; man wagte es, dem an leichteste Kost gewöhnten Florentiner eine Folge von Stücken wie für die ernsten Kunststädte Bologna, Turin, Mailand zu bieten. – Amedeo brachte Scarlatti, Corelli, Leonardo Leo.

Nach den Vorführungen, als der brausende Beifall verrauscht war, wurde mir vom Grafen San Zanipolo sein Vetter vorgestellt. Ich wollte ihn vor allem beglückwünschen; er hatte mir aber strahlend die Hände entgegengestreckt: »Ein Landsmann, ein Triestiner!« Das war seine Begrüßung. Wir sprachen nur ein paar Worte über Politik, dann bat ich ihn mit mir, wie verabredet, in ein stilles Café gehn zu wollen. Er stimmte zu, und wir setzten uns bald in einen ganz leeren Raum, wo uns keine Seele belauschen konnte.

»Amedeo, ich darf Sie wohl so nennen,« begann ich: »Ich kannte Sie und Ihre Familie in Triest sehr gut; ich weiß, Sie haben viel durchgemacht.« »Gewiß, mein armer Vater ist mir gestorben, das war das allerschwerste!« Antwortete er. »Und Ihre unglückliche Mutter, denken Sie nie an Mutter und Schwester?« Warf ich ein. »Meine Mutter ist eine häßliche Österreicherin, ein böses Weib; die Wiener Großmutter eine Kupplerin, und um Rita bleibt es schade, daß sie dort verderben muß.« Diese Antwort Amedeos war schroff. »Wissen Sie das ganz genau?« Fragte ich weiter. »Um es kurz zu sagen: Ja! Hören Sie!« Erzählte er nun wild erregt: »Rita und ich, Marcella war noch zu klein, wurden zuerst ausgeschickt, Streichhölzer zu verkaufen. Wenn wir wenig verdienten, schlug uns die Mutter. Später, als wir heranwuchsen, griff man zu noch abscheulichem Mitteln, um durch uns etwas Geld zu verdienen; Rita und ich wurden mit Ansichtskarten von Triest, Miramar, Abbazia, zu Kavalieren in die Wohnung geschickt. Wir mußten einen Brief vorzeigen, drin stand ungefähr: ›Hochgeborner Herr, ich bin die mißhandelte Gattin eines Edelmannes; ich weiß nicht wie ich meine schönen Kinder ernähren soll, helfen Sie mir, nehmen Sie sich ihrer auch ein wenig, wenn Sie Liebe zu Kindern haben, an. Hochachtungsvollst, dankbarst Ada von Carpegna.‹ Finden Sie das nicht schauderhaft?« »Amedeo, Ihre Schwester Rita hat mir nichts davon gesagt, sie behauptete, das Verhalten Ihrer Mutter sei einwandfrei gewesen; Sie oder Ihre Schwester, einer von Euch muß gelogen haben.« Auf diesen Angriff antwortete Amedeo: »Ich habe die Wahrheit gesprochen. Rita steht unterm Einfluß von Mutter und Großmutter, die eine Hexe ist.« »Und Sie, wissen Sie bestimmt, daß Sie ganz frei urteilen, verurteilen? Fluchen Sie nicht; vielleicht ist die Mutter doch schuldloser als Sie denken.« So setzte ich ihm zu, vorläufig ohne Erfolg. Er griff zu folgendem Beweismittel: »Wir gingen ruhig in Bologna zur Schule, plötzlich kommt die Mutter, schafft uns in einen Wagen, entführt uns nach Wien; wer so etwas zu tun imstande ist, muß verrückt sein, besonders wenn er einem statt einer guten Erziehung nur Elend und Verworfenheit zu bieten hat.« »Nein, Amedeo,« warf ich ein: »Es steht mindestens fest, daß auch die Großmutter, die Marchesa Albano-Cariati, zu diesem Gewaltmittel gegriffen hat; sie hat Euch, Marcella und Sie, in Wien geraubt.« »Eine Lüge!« Rief der wilderregte Junge. »Keine Lüge!« Erwiderte ich sicher: »Ihr Vetter gibt zu, daß ein Raub in Wien, ebenso wie in Bologna, ausgeführt wurde, überdies ist der Vorfall polizeilich, und auch auf dem italienischen Konsulat in Wien, festgestellt worden, Amedeo, Sie sind beeinflußt, schwer beeinflußt. Sie lügen vielleicht nicht bewußt; sollte man ganze Strecken Ihres Leben aus Ihrem Gedächtnis forthypnotisiert haben? Hat man Ihnen die bösen Dinge, die Sie erzählten, nicht vielleicht auch eingeredet?« Amedeo war verblüfft, er seufzte, dachte angestrengt nach, sagte dann: »Unmöglich, man hat mich nie zu beeinflussen gesucht, und wozu? Wenn die Mutter anständig gewesen wäre, so hätte sie zu uns nach Bologna kommen können.« »Das denken Sie, Ihre Eltern waren verzankt, sie begannen sich zu hassen und überdies – mir fiel eine List, als ich so sprach, ein – sie sind vielleicht nicht unvermögend! Ihr Vater muß aus Triest noch Geld bezogen haben.« Amedeo sah mich sprachlos an; er hatte im Nu zu mir Vertraun gewonnen: »So lang der Vater lebte, kamen allmonatlich Beträge an; seitdem nichts. Ich fragte einmal danach, Tante Eletta schien mir besonders verlegen, und Francesco sagte: diese kleinen Beträge schickte ein Freund Deinem Vater; seitdem er tot ist, hat er die Sendungen eingestellt.« »Es mag sich wohl um wenig gehandelt haben,« erwiderte ich: »Immerhin können Sie mir einen andern Anhaltspunkt geben, es schwebten noch Prozesse; es kann so oder so gewesen sein?« »Einmal sah ich den Namen des Absenders: J. Carpeles!« Ergänzte Amedeo. »Stimmt, Herr Carpeles aus Prag war der Prokurist des großen Holzgeschäfts ihres Großonkels, ich kannte ihn wohl. Vielleicht erinnern Sie sich auch noch an ihn. Als Sie einmal, in schlimmster Not, von Triest nach Bologna zur Marchesa fahren mußten, besaß Ihr Vater bloß das Reisegeld bis zur Grenzstadt Udine. Er hatte nach Bologna telegraphiert; erhielt keine Antwort, wollte eben die Polizei auffordern, Euch alle auf dem Dienstweg weiter zu befördern, da trat zufällig dieser Herr Carpeles in den Wartesaal. Er gab Euch gleich das nötige Reisegeld!« »Ein kleiner, dicker Herr mit schwarzem Bart?« Forschte Amedeo. »So sah er aus! Soll ichs versuchen, mich an ihn zu wenden? Sie müssen mir aber versprechen, alles zu tun, um über Ihre Mutter gerechter zu urteilen. Wahrscheinlich ist sie viel unschuldiger als man Ihnen über sie zu denken beigebracht hat.« Während ich Amedeo so zusetzte, schien ich vorläufig gewonnenes Spiel zu haben; ich fühlte, daß er mir bereits zu glauben begann, mir ein Versprechen geben wollte, als die Tür des verlassnen Cafés aufgerissen wurde. Herein stürmte der Graf San Zanipolo. »Unerhört!« Brüllte er: »Solche Mittel sind schamlos, so war es nicht gemeint. Sie verleumden uns, Sie wollen den Jungen auf falsche Wege bringen!« Alles hätte ich eher erwartet, als das Hereinstürmen dieses fürchterlichen Menschen. Ich war wie gelähmt. Amedeo stand wortlos auf, griff beinahe mechanisch nach Hut und Mantel, machte sich zum Weggehn bereit, folgte widerstandslos seinem Vetter, der ihn süßlich anlächelte und hinaus, ohne ein Wort des Abschieds, von mir fortführte.

So endete mein Versuch, ins Geschick einer schwerbelasteten Familie einzugreifen; ich sah, da war für mich keine Möglichkeit, etwas zu erreichen. Ich unternahm nichts mehr in dieser verzwickten Geschichte. Costanova sagte mir, Amedeo sei noch am selben Abend mit seinem Vetter abgereist, die Bastianis wären glücklich, daß wenigstens mir nichts geschehen sei. Amedeo und Marcella würden sie versuchen, von der Astralebne aus, frei zu machen. In dieser höhern Welt hoffte das Ehepaar auch Rita aufspüren zu können, um ihr seelisch behilflich zu sein. Den Grafen hielten sie für verloren, der schwarzen Hexerei verfallen.

Ich habe über die ganze Sippschaft nur noch eines erfahren: etwa ein Jahr später, ist bei einem Eisenbahnunglück, zwischen Treviglio und Mailand, der Graf Francesco San Zanipolo, als einziges Opfer, ums Leben gekommen.



DER WERWOLF

Es kam einmal so, daß ich von Paris aufbrechen und mich nach Florenz begeben mußte. Geld besaß ich sehr wenig und Aussichten, bald einiges zu bekommen, waren nicht vorhanden. Ich hatte daher eine wirkliche und wichtige Sorge: in Florenz billige Unterkunft zu finden. Durch einen Bekannten wurde ich einem Wirt im Mittelpunkt der Stadt empfohlen, und der gab mir auch sofort eine Auskunft. In einem alten Palast aus dem vierzehnten Jahrhundert sollte ich Wohnung finden. Ich ging sogleich hin; eine sauber gekleidete Frau von etwa fünfzig Jahren empfing mich ausnehmend freundlich: »Also Sie sind der Herr aus Paris, der zu mir ziehen möchte? Das Zimmer ist sehr billig!« Ich trat ein. Die Stube war etwas dunkel, schien mir aber behaglich eingerichtet und sauber gehalten zu sein; man hatte mir bereits in der Kneipe gesagt, daß bestimmt kein Ungeziefer, weder in den Wänden noch in den Betten sein dürfte. Es fiel mir allerdings auf, daß der Hausfrau sehr viel daran lag, das Zimmer zu vermieten; sie erwähnte immer wieder, es sei sehr billig; aber auch mir war es nicht weniger wichtig unterzukommen, und so nahm ich denn die Stube für fünfzehn Franken im Monat, Frühstück miteinbegriffen.

Ich fühlte mich gleich sehr behaglich. Die Wirtin trug Fürsorge für allerhand, behandelte mich besser als es jemals eine Zimmervermieterin getan hatte; ihr Mann, ein recht wohlbeleibter Fünfziger, etwas schweratmig, wie ich aus seinen Gesprächen vernahm pensionierter Polizeibeamter, mißfiel mir auch nicht. Oft wollte er allerhand aus seinem bewegten Leben erzählen, die Frau war aber immer anwesend, und es gelang ihr, längere Gespräche zu vermeiden. Sie hieß Ermenegilda, er Marcantonio mit dem Familiennamen Braccioletti.

Eines Morgens, als die Frau mit dem Kaffee zu mir in die Stube trat, fragte sie, ob ich mich bei ihr wohl fühlte. Auf meine Versicherung, daß dies der Fall, strahlte sie und sagte: »Das Zimmer ist sehr billig.« Dann ging sie wieder.

Ich hatte ungefähr zwei Wochen dort gewohnt, da ereignete sich folgendes: ich kam ziemlich spät nach Haus und wunderte mich, daß ich bellen hörte. Meine Wirtsleute schienen also seit jenem Tag einen Hund zu besitzen! Anscheinend mußte er recht groß und etwas heiser sein. Ich schloß die Tür auf und merkte, das Gebell kam aus der Schlafstube; also im Vorzimmer brauchte ich mich nicht zu fürchten, etwa als Unbekannter angefallen zu werden. Signora Ermenegildas Anwesenheit bemerkte ich auch, sie stöhnte. Der Köter schien ihr vorläufig keine ungetrübte Freude zu bereiten. Nun, ich trat in meine Stube. Vielleicht hatte das Vieh mich kommen gehört, nun würde sichs jedenfalls beruhigen! Doch nichts davon, das Bellen ging weiter, aber das Ächzen der Frau, das zuerst zugenommen hatte, ließ schließlich nach. Übrigens war ich sehr müde und schlief ein.

Am nächsten Morgen kam mirs wunderlich vor, daß ich den Kaffee so lange nicht, wie üblich, ans Bett bekam. Löffel- und Tellergeklapper hörte ich wohl draußen, aber die gute Frau erschien nicht. Ich hatte den Eindruck, sie könne sich nicht entschließen, bei mir einzutreten. Endlich, wohl nach einer Stunde, tat sie es doch. Etwas ängstlich. Auch guten Morgen wünschte sie mir, wie soll ich sagen: schuldbewußt. Statt Brot und Butter gab es Rosinenkuchen. Ich dankte schön.

Die Frau wußte nicht recht, sollte sie schnell verschwinden oder gezwungen lächelnd ein Gespräch beginnen. Da entschloß ich mich dazu, etwas zu sagen; der Hund fiel mir ein. Kaum hatte ich ihn genannt, als dem armen Weib die Hände in den Schoß sanken. Gut, daß der Kaffee schon auf dem Tisch stand. Sie schien fassungslos: »Hat Sie das Bellen sehr gestört?« Brachte sie hervor. »Er wird sich ans Haus gewöhnen und dann still bleiben!« Gab ich zur Antwort. Sie aber schlich hinaus.

Ich habe Hunde sehr gern und freute mich, das Tier zu sehn. Als ich aufgestanden war, suchte ich es, fand aber keine Spur von ihm. Auch die Frau war fort. Spät abends kam ich nach Haus; ich hörte, genau wie in der vorhergegangnen Nacht, Bellen; als ich aufgeschlossen hatte, auch Stöhnen, dann nochmals Bellen, bis ich eingeschlafen war. Es kam mir aber etwas weniger laut vor, und so dachte ich mir: Das Biest wird sich schon gewöhnen. Am nächsten Morgen pünktlich, in aller Eile, Kaffee mit Kuchen und obendrein Obst. Dazu sehr freundliches Gutenmorgen. Doch die Frau, die zum Ausfliegen bereits angezogen, eingetreten war, raste sogleich davon. Mir gings durch den Kopf: die will nicht befragt sein! Übrigens fühlte ich, daß ich zwei Nächte weniger geschlafen hatte und entschloß mich, am Abend früher nach Haus zu gehn. Schon auf der Treppe hörte ich stärkstes Bellen, aber es klang eigentümlich heiser. Das war doch kein Hund! Ich blieb stehn und lauschte: diesmal stöhnte die Frau nicht mit. Ich schloß auf. Gleich darauf wurde in der Tür der Wirtsleute der Schlüssel umgedreht. Man hatte mich also gehört. Seufzen folgte diesmal nicht. Das Gebell blieb aber bis in die Morgenstunden so stark und unheimlich, daß ich beschloß, am nächsten Tage ein Verhör vorzunehmen. Endlich muß ich doch eingeschlafen sein; als ich aber erwachte, war es spät, fast Mittag. Nichts rührte sich, kein Kaffee stand bei meinem Bett, die Wirtin war fort, der Herr Braccioletti ebenfalls. Alles leer. Man wich einer Begegnung mit mir aus. Etwas Geheimnisvolles lag vor, aber was?

In der folgenden Nacht alles still. Kein Bellen, kein Stöhnen, in der Früh der Kaffee im Zimmer bereits kalt geworden. Man hatte ihn ganz leise, als ich wohl noch schlief, neben das Bett gesetzt; Auch in den nächsten Nächten kein Bellen, in der Früh vier Tage lang Kaffee mit Kuchen, dann aber wie ausbedungen, Kaffee mit Buttersemmel. Die Frau war sehr freundlich, und ich fragte um nichts. So ging es mindestens einen Monat lang.

Eines Tages wieder sehr freundlich Guten Morgen. Dazu plötzliches Auftauchen von Rosinenkuchen. Mir gings gleich durch den Kopf: wird das Gebell wieder losgehen?

Zwei Tage darauf, als ich spät nach Haus kam, hörte ich es tatsächlich schon auf der Treppe. Es war die ganze Nacht über so laut, daß ich mich oft versucht fühlte, aufzustehn und nachzufragen. Ich tat es aber doch nicht. Gegen Morgen hörte das Bellen auf. Ich schlief jedoch nicht mehr ein und rief nach der Wirtin. Sie kam ganz verweint herein und fragte: »Sie haben wohl die ganze Nacht nicht schlafen können?« Worauf ich nickte und: »Allerdings!« Sehr entschlossen aussprach. »Entschuldigen Sie,« erwiderte Frau Ermenegilda: »Ich selbst bin das Opfer eines Betruges und wäre ich nicht eine strenge Katholikin, so hätte ich meinen Mann längst verlassen, freilich, auch er ist kreuzunglücklich!« Nun weinte sie und schluchzte wie besessen. »Beruhigen Sie sich,« sagte ich ihr: »Und dann erzählen Sie mir!« Gleich war sie ruhiger. »Nicht wahr, Sie verlassen mich nicht? Das Zimmer ist ja sauber und sehr billig, und er bellt nur selten; noch zwei Nächte, dann ist die Krise vorüber.« »Ich werde bleiben,« sagte ich: »Aber Sie müssen mir alles erzählen?« »Ja,« sagte sie: »Es wird mich auch erleichtern. Er schläft ja fest. Also hören Sie: mein Mann ist pensionierter Polizist. Eines Tages lief er einem Dieb bis in den vierten Stock eines Wohnhauses nach. Oben angelangt, sah der Dieb, da gibt es kein Entkommen, es sei denn, er überwältigte seinen Verfolger. Und so drehte er sich rasch um, packte meinen Mann an der Gurgel und warf ihn die Treppe hinunter. Der Dieb entkam. Mein Mann blieb bewußtlos liegen. Erst im Krankenhaus, viele Stunden später, erwachte er wieder zum Bewußtsein. Die Verletzungen waren schwer, aber nicht unheilbar. In einer Nacht fing er aber plötzlich an zu bellen, furchtbar zu bellen, wie es heißt, viel schlimmer als jetzt.« Frau Ermenegilda weinte wieder laut und rief: »Der Unglückliche, aber er hätte es mir auch sagen müssen! Ich bin erst seit ein paar Jahren mit ihm verheiratet und schon viel länger ist er ein Werwolf.« Die Frau konnte nicht weiter. Sie mußte aus dem Zimmer. Sie schloß sich ab, und erst drei Tage später, nachdem in der Nacht von Herrn Braccioletti ganz wild gebellt wurde, bat ich sie, die Erzählung fortzusetzen. Nun tat sie es viel stiller und gefaßter: »Mein Mann wurde aus dem Hospital entlassen, man stellte ihn abermals als Wache ein. Oft aber bellte er wieder des Nachts. In der Wachtstube entsetzte man sich darüber, niemand konnte schlafen. Mein Mann wußte am Morgen nichts davon. Man fing an, ihn für einen Schwindler zu halten. Er kam zurück ins Lazarett. Da er nur bei raschen Witterungsumschlägen und jedes Mal zur Tag- und Nachtgleiche bellt, so entließ man ihn. Er kam zurück in seinen Beruf; nachdem er weiter bellte, wieder ins Lazarett; schließlich ergab es sich, daß er auch dort bellte. Es war wie diesmal um den einundzwanzigsten März.« (Als mir Frau Braccioletti dieses erzählte, schrieben wir tatsächlich den 24. März.) »In keinem Buch der Wissenschaft weiß man etwas vom Werwolf. Trotzdem behaupteten viele, die ihn bellen hörten, er sei davon besessen. Die Ärzte aber hielten ihn für einen Simulanten. Schließlich wurde der Arme ohne Pension entlassen. In keiner Stellung konnte er jedoch verbleiben. Zwei Jahre lang lebte er in ärgster Not. Einmal, zu einer Parade, die der Graf von Turin auf dem Marsfelde abnahm, übergab er eine Bittschrift dem hohen Herrn. Er wurde von den Umstehenden zurückgestoßen. Nach ein paar Tagen aber wurde auf allerhöchsten Befehl das Verfahren wieder aufgenommen. Es wurde festgestellt, daß er kein Simulant war. Er bekam eine Pension, und das machte ihn übermütig. Beinahe sechzigjährig, wollte er heiraten. Er lernte mich kennen, und ich nahm ihn. Er hatte mir früher nichts gesagt. Denken Sie, wie er mich entsetzt hat, als er zum erstenmal anfing zu bellen und zu schrein. Hörten Sie nicht, wie er durch das Gebell immer wieder den Ruf ›sicuro‹ hervorstößt?« Ich tröstete die aufgeregte Frau, so gut ich konnte und versprach ihr auf ihre Bitte vorläufig bei ihr bleiben zu wollen, worauf sie mir die Hände küssen wollte und herzlich dankte. »Sie sehen,« fügte sie hinzu: »Ich überlasse Ihnen das Zimmer sehr billig und verpflege Sie so gut ich nur kann.«

Ich hielt es auch beim Ehepaar Braccioletti jahrelang aus. Allmählich gewöhnte ich mich an das Bellen, Stöhnen und Rufen, sprach schließlich auch mit Herrn Braccioletti selbst. Er versicherte mir, er sähe seinen Fehler vollkommen ein; nie hätte er heiraten sollen, ohne vorher seiner Frau eine Bellvorstellung bei stürmischer Nacht gegeben zu haben. Tatsächlich bellte er auch nur bei Witterungsumschlag oder, wie Frau Ermenegilda sagte, um Tag- und Nachtgleiche und jedesmal um die Sonnenwenden.

Einmal, kurz vor Weihnachten, war es recht arg. Ich konnte tatsächlich nächtelang nicht schlafen, überlegte mir, ob ich nicht doch ausziehen sollte, dann kamen aber die Feiertage, und alles wurde wieder gut. Ein paar Tage nachher, noch vor Neujahr, ereignete sich das furchtbare Erdbeben zu Messina. Viele meiner Bekannten, darunter auch zwei Mediziner und ein Geologe, fuhren auf den Schauplatz der Weltkatastrophe. Ungefähr vierzehn Tage später schrieben sie, sie kämen zurück, wir sollten sie erwarten. In unserm Stammlokal fanden wir uns vollzählig ein, und was wir da erfuhren, war selbstverständlicherweise grauenerregend. Schließlich fragten wir, ob man in Gegenden, die Erdbeben besonders ausgesetzt sind, nicht doch dazu bestimmte Signale anbringen könnte, die das Eintreten des Ereignisses irgendwie melden. Die Antwort war einstimmig, daß man über Erdbeben nichts vorher wissen kann, zumal der Geologe blieb ganz skeptisch, auch was ein diesbezügliches Verfahren für die Zukunft anging. Die Mediziner meinten, die Bevölkerung behaupte vielfach, Irrsinnige hätten vom Untergang gefaselt. Auch eine Dame der Gesellschaft in Rom hätte das Erdbeben für den 8., 18., oder 28. Dezember vorausgesehn und den König angefleht, Messina zu räumen. Die Ärzte taten aber das gleiche, was in Rom geschehen war. Niemand maß diesen Warnungen eine Bedeutung zu. Das Erdbeben war wohl am 28. Dezember eingetreten, aber man erfuhr von der Voraussage erst später und glaubte daher nicht daran. Einer der Herren, die bei der Rettungsreise dabei gewesen, meinte allerdings, ein Mittel gäbe es: Tiere, zumal Hunde würden ein paar Minuten vor dem Eintreten der Stöße unruhig. Vielleicht handele es sich nicht um Minuten, sondern nur um Sekunden. Immerhin auch Sekunden können nützen. Lange und aufgeregt sprachen wir über die Schrecken von Messina und Calabrien. Ganz spät erst gingen wir heim.

Als ich in meine Haustür trat, hörte ich bellen. Schon wieder, dachte ich mir, und noch dazu so stark. Wie ich über die Treppe hinaufstieg, merkte ich immer mehr, daß es stärker war als jemals. Grauenhaft war dieses Bellen, ein unnachahmbares Wau Wau, unterbrochen vom Ruf »sicuro« Trotzdem ich nun doch schon gewöhnt war, stundenlanges Gebell zu hören, so war ich doch an dem Tag geradezu bestürzt über dieses neue Gebrause von Wau Wau. Nur weil es eisig kalt war, entschloß ich mich doch, in mein Zimmer zu treten, sonst wäre ich die Nacht herumgerannt. Frau Braccioletti mußte mein Kommen trotz des Wau Wau bemerkt haben; sie klopfte gleich an die Tür und kam, schwer verhüllt, weinend und schluchzend zu mir und bat mich um Hilfe. »Wollen wir nicht zusammen beten?« Fragte sie: »Mein Mann muß in der Vorhölle sein. Das ist ein Höllenhund, kein Werwolf mehr. Hören Sie nur, wie er bellt und heult; er ist bewußtlos und macht beim Wau Wau furchtbare Sätze mit seinem schweren Leibe im Bett.« Ich tröstete nur sehr schwer Frau Braccioletti. Es war ihr aber schon eine Beruhigung, bei mir, und nicht im Zimmer des Unglücklichen zu sein. Sie wimmerte immer wieder: »Madonna, wie danke ich dir, eine menschliche Seele!«

Das Wau Wau steigerte sich rastlos. Fast rhythmisierend, aufsteigend. Mir schwebte der Vergleich mit den Soffioni in den Maremmen vor den Sinnen. So eine Art Geyser von Au- und Waulauten betäubte uns geradezu. Wie konnte ein menschlicher Körper das aushalten? Auf einmal stieg sein Schreien in die schrillste Stimmlage, deren ein solches Gebell, mit äußerster Heftigkeit, nur fähig sein kann! Noch erschrak Frau Ermenegilda. Mitschreiend klammerte sie sich an mich. Ihr Ruf »aiuto!« mischte sich in das Wau Wau Wau ihres Mannes. Ich selbst schien mir schmerzhaft von Schreien, Bellen und Umklammertsein von der Verängstigten emporgerissen, nicht herabgezerrt? Wie kam das? Das Gebell klapperte, schrillte und zerrte an den Möbeln, der Spiegel klirrte: Wau! Äußerstes Wau, riß Möbel, Frau Braccioletti und mich schräg aus dem Gleichgewicht. Es klapperte: Erdbeben fühlte ich, Erdbeben, dachte ich, Erdbeben wußte und schrie ich zugleich. Das Gebell hatte aufgehört. Das Zimmer kam wieder wie in Pendelschwingungen zur Ruhe. Frau Braccioletti war ohnmächtig. Stille. Hilferufe. Kein Licht auf der Straße. Rufe: Erdbeben! Ein zweiter Stoß. Frau Braccioletti wie tod. Ich und die Möbel in einen Schwindel-Wirbel hineingerissen. Kein Gebell. Höchst verwunderlich. Man stürzte auf die Straße. Der Lärm von der Gasse wurde unheimlich. Immer angsterfüllter. Erdbeben! Erdbeben! Der Beller im Nebenzimmer hatte das Erdbeben in seinen Wau Wau-Rufen vorhergespürt, in meinem Gefühl mit hervorgerufen. Nun war der Werwolf stumm. Auf der Straße schrie man die ganze Nacht.





DIE FLIEGENDEN LICHTER

In einer sehr schwer verwickelten Angelegenheit wurde ich von meinen Eltern nach Wien berufen. Sofort brach ich von Neapel auf; wurde aber dann durch ein sehr großes Unglück sechs Wochen in Rom festgehalten: unterdessen ereignete sich, was ich in Wien hätte ablenken sollen, vielleicht können. Jedenfalls stand meine Familie gerade damals unter einem Unheilsstern. Nie mehr gelang es uns seitdem, und es sind mehr als zwanzig Jahre vergangen, – was damals zusammenbrach, wieder aufzurichten. Eines Abends hatte ich endlich vollkommene Sicherheit, abfahren zu können. Sofort kaufte ich mir einen Fahrschein von Rom bis an die Grenzstation Pontafel. Die Reise brachte ich in so großer Nervosität zu, daß ich beschloß, irgendwo zu übernachten. Zuerst sollte es Venedig sein, dann dachte ich an Pontafel, schließlich fiel mir Villach in Kärnten ein; endlich entschloß ich mich zu einem Abstecher zu Verwandten und zwar von Villach aus. In der kleinen Stadt Völkermarkt in Unterkärnten lebte eine Schwester meiner Mutter; sie war mit einem Beamten verheiratet. Ich hing sehr an dieser Frau, hatte ihren Mann gern, und war ganz glücklich über den Einfall, vor Wien erst dorthin zu fahren. Kaum hatte ich diesen Entschluß fassen können, als sich schon meine Erregtheit anfing zu legen. Frohgemut setzte ich nunmehr meine Reise fort, es dürfte von Udine an gewesen sein.

Ich blieb zwei Tage bei Tante und Onkel! Dann mußte ich mit einem Schnellzug, der von Villach über Marburg a. D. nach Wien fährt, abreisen. Er kam gegen ein Uhr nachts in Völkermarkt durch. Der Bahnhof liegt vom Städtchen mehrere Kilometer entfernt: ich sollte ihn im Wagen erreichen. Etwa eine Viertelstunde vor Mitternacht gings ab. Ich hatte sehr herzlich Abschied genommen! In einer großen Schleife fuhr ich nun durchs Dunkel, um Völkermarkt herum, talwärts. Es war eine kühle Frühlingsnacht: der Wind rauschte in den Pappeln, tief unten brauste hörbar die Drau. Wir mußten über die hinweg, auf der andern Seite wiederum in einer Schleife empor, dem Bahnhof zu. Keine zehn Minuten Einsamkeit, liebe Stille im Wagen mochte ich gekostet haben, als der Kutscher mir plötzlich in seiner angenehmen Kärntner Mundart zurief, ich sollte mich umdrehn und sehn, was da kommt! Er schlug recht stark aufs Pferd ein: ich sah, wie uns ein Licht nachjagte.

»Das ist ein Landauer!« Meinte ich. »Gott gäbs!« Antwortete der Kutscher: »Es wird aber wohl anders sein.« Ich blieb umgewendet. Eine zweite, eine dritte, eine vierte, fünfte, sogar eine sechste, schließlich eine siebente, wie ich meinte, Laterne folgten uns. Nun, die werden uns gleich eingeholt haben, dachte ich: wir waren unterdessen zu einer Biegung gekommen und fuhren nun auch sehr schnell, in neuer Richtung, der Drau zu. Etwa fünfhundert Meter Pappelallee mochten es noch bis zur Brücke sein. »Merken Sie nicht, daß die Lichter in verschiedner Höhe dahergefahren kommen? Übrigens ist keines auf der Landstraße, und andre Wege gibt es dort nicht!« Sagte der Kutscher. Das stimmte: mir begann unheimlich zu werden. Trotzdem folgten die Lichter irgendwo der Landstraße; sie waren ganz naturgemäß, einen Augenblick lang alle sieben mit der Straßeneinbuchtung, durch die wir vor ein paar Minuten gefahren waren, verschwunden. Plötzlich stand ein tanzendes Siebengestirn über der Straße; einige hundert Meter hinter uns, ungefähr dort, von wo aus der Kutscher das erste Licht erblickt hatte. Dieses rhythmisch bewegte Sternbild überragte in seinen höchsten Lichtern beträchtlich Wald und Hügel. Es war eine herrliche Erscheinung. Wie verzückt blickte ich hin, der Kutscher ebenfalls, ganz starr, obschon er bloß aufs Pferd hätte achten sollen. Wir waren vor der Brücke angelangt: sie mußte erst geöffnet werden. Ein kleines Mädchen huschte aus dem Brückenwächterhäuschen und ließ die Schranke hochgehn. »Blicken Sie dorthin!« Rief der Kutscher. »Hilfe!« Schrie das erschreckte Kind und stürzte ins Haus zurück.

Unser Wagen holperte über die Holzbrücke: unter uns ging die Drau hoch. Die Nacht war sternlos. Wir blickten auf das prachtvolle und rätselhafte Lichtspiel. Mit ausgereckten Hälsen, jeder auf seinem Sitz umgewendet. Das Pferd fuhr uns ahnungslos und sicher über Bretter, dann geräuschloser auf der Landstraße dem Bahnhof zu. Plötzlich schossen die sieben Lichter in eines zusammen und hetzten als solches riesengroß der Drau entlang. Gleich darauf war der Spuk verschwunden. Ich hoffte, wir würden uns nun erholen. Der Wagen fuhr langsam die Schleife bergan. »Das bedeutet was! Nichts Gutes, vermute ich.« Begann der Kutscher zu erzählen: »Vor etwa zwei Jahren ist mir etwas Ähnliches geschehn! Damals holte ich eine Dame aus Völkermarkt, die in Klagenfurt Einkäufe gemacht hatte, zum gleichen Zug ab. Als wir schon über der Brücke, durch die Pappelallee, durch waren, sahen wir, es dürfte kurz vor ein Uhr gewesen sein, – uns ein Licht entgegenkommen. Gleich darauf ein zweites. Mir mochte es wohl aufgefallen sein, daß die Lichter in verschiednen, nicht der Landstraße entsprechenden Höhen erschienen waren; dachte mir aber nichts dabei. Die Dame auch nicht. Als wir etwas später durch die innre Schleife hinauffuhren, meinte sie: ›Nun müßten wir aber den Wagen begegnen, man sieht sie gar nicht, wo mögen sie hin sein?‹ Auch ich war erstaunt, da doch kein Fahrweg irgendwo dort von der Landstraße abbiegt. ›Sie werden umgekehrt sein!‹ Vermutete und antwortete ich. Ein paar Minuten später leuchtete es knapp vor mir, etwa einen Meter über meinem Kopfe, ganz hell auf. Das Pferd bäumte sich furchtbar erschreckt. Die Frau und ich schrien vor Entsetzen. Eine Hand ohne Arm, mit einer Landauerlaterne flog über uns, neben uns her. Vielleicht so lang, bis man von zwanzig bis dreißig zählen kann: etwa zehn Sekunden. Dann löschte sie aus. Alles finster!« Nach dem, was ich soeben erlebt hatte, konnte ich fürwahr nicht ungläubig sein. »Und dann?« fragte ich atemlos. »Das Licht war weg; ich hab auch bis heute keins mehr gesehen, nur der Brückenwärter und seine kleine Tochter haben, auch einmal so eine ähnliche Lichtjagd erlebt. Ein paar Tage darauf ist ihnen ein Verwandter gestorben. Nun, und mir, als ich damals nach Hause kam, lag meine Mutter zu Bett. Während ich zur Bahn war, hat sie der Schlag gerührt. Zwei Tage darauf ist sie verschieden. Der Frau, mit der ich die Laterne gesehn habe, ist der Mann bald darnach auf einer Hochtour in den Karawanken verunglückt: also auch dort ein Todesfall!« Von da an schwiegen wir beide. Zuerst gings ein Weilchen langsam bergan, dann noch eine Strecke, ganz leicht und schnell dem Bahnhof zu. »Grüßen Sie in Völkermarkt, kommen Sie gut nach Hause!« Verabschiedete ich mit Händedruck den Kutscher. Am nächsten Morgen war ich in Wien.

Nach etwa einem Jahr kam ich wiederum in Völkermarkt an. Bei Tag. Am Bahnhof erwartete mich ein Wagen: der gleiche Kutscher. Ich erkannte ihn sofort, obschon ich ihn erst damals bei Sonnenlicht genau besehn konnte. Er war noch sehr jung, hochaufgeschossen, nervös: das Auge verriet Geisterseherei. Sofort gab ich ihm die Hand. Er blickte mich sehr wehmütig an. »Ihre Frau Tante!« Lispelte er. Mir wurde dabei ein Zusammenhang, den ich früher nicht beachtet hatte, klar. Meine Tante war, nach jenem gespenstischen Erlebnis gestorben. Da ich krank zu Bett lag, konnte ich nicht zu ihrer Beerdigung. Erst damals war es mir möglich geworden, ihr Grab zu besuchen. »Ja, meine arme Tante!« Gab ich zur Antwort und blickte ihn fest an. Eine Träne stand in jedem seiner merkwürdigen Augen und er schluchzte, brachte nur atemlos hervor: »Noch eine Woche, bevor Ihre Frau Tante von uns gegangen ist, habe ich meine einzige Schwester verloren!«