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Maria Waser – Wir Narren von gestern

Roman

Maria Waser, Wir Narren von gestern, Bekenntnisse eines Einsamen, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und Berlin, 1922
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



Erstes Buch

Der goldene Saal

Als ich den Hügel bestieg, war der Himmel über mir groß, wolkenlos, erloschen. Aber im Westen versprühte er wohl sein letztes Gold; denn die Erde vor mir lag in warmem Schimmer, jede Bodenwelle sanft umsäumt, und hie und da war es gar, als ob die schlimme Ahnung meines armen Schattens mir voranzöge. Doch als ich oben stand, war das Abendgold in Silber zerflossen. Der Himmel regungslos um und um. Nur die Erde lebte noch. Weithin lag sie, grenzenlos und unendlich ruhevoll wie atmende Menschenbrüste. Gebreitet, gebreitet, ewig verläßlich und trostreich. Nichts Strebendes sah man mehr von hier aus. Häuser duckten sich weit unten, die gelben Bäume verlohten als zarte Opferflammen, und auch die fernen Gebirge, still leuchtend wie vom eigenen Licht, waren ohne Steilheit, kostbar hingelegt, das Diadem der großen Mutter.

Wo seid ihr nun, Städte, mühsam aufgeschichtet, Häuser, über gähnenden Gassen aufgetürmt, getürmte Kirchen, aufstarrend ins Blau, Paläste, Kuppeln, qualvoll emporgerissen? Und ihr, junge Menschen, gebäumte, aufstürmende Kinder, die leeren Hände steil emporgeworfen, emporgeworfen die heißen, vorzeitigen Gesichter, die schreienden Münder aufgewölbt, wo bist du, beraubte, entwurzelte Jugend mit der großen, rührenden Gebärde ins Leere hinein? Klein, klein und ausgelöscht, aufgesogen vom ewigen Willen der großen Mutter.

Aber als der Himmel anfing, sein nächtliches Geschmeide umzuhängen, verschwanden auch Opferflamme und Diadem. Völlig schmucklos lag nun die Erde da, ganz eingefangen in die urweltliche Form ihrer ruhenden Gestalt. Dunkel, demütig, königlich als eine, die warten kann.

So habe ich den Sternenhimmel lange nicht mehr gesehn, so ganz, ringsum unbeengt. Und so lebendig: jedes Sternenauge von besonderer Glut, von eigener Farbe jedes, aber alle funkelnd und tauig verklärt. Das macht wohl der Herbst, der die Luft läutert und doch die zitternde Feuchte in sie legt, und das macht der nahe Winter, der schon mit dem Prunk seiner Nächte die vorgerückte Stunde zeichnet. Darauf wartete ich, auf eines dieser winterlichen Gestirne. Nicht auf die prächtigen, die triumphierend heraufziehn, vom Osten her gewaltig ihren Bogen nach der Höhe spannend, ich wartete auf jenen seltenen Stern, der in diesen Herbstnächten unsern Himmel streift über dem südlichen Rande, in flüchtiger Bahn nur, der Erde nahe und doch seltsam fern, wie abgewandt, ob er gleich tiefer brennt als die tausend andern.

Und wie er dann erschien, langsam aus dem dunstigen Rand in die klare Tiefe tauchend mit dem geheimnisvollen Wechsel seiner Glut: blaues Feuer von rotem Brand immer wieder verschlungen, da fühlte ich, wie mit ihm meine ferne Zeit heraufbrach und sich mir öffnete, Blick um Blick . . .

Lange bevor seine tiefe Bahn sich neigte, erschien der späte Mond, und dessen breites Licht löschte Glut und Ferne und alle schmerzhafte Lust des Vergangenen. Auf einmal war die Erde wieder da. Nicht mehr gesammelte, ungeheure Form, sondern mit den tausend Einzelheiten ihres triebsamen Lebens. Gräser funkelten im Tau, die Ackerfurche tat sich tiefatmend auf, durch den Hügeleinschnitt floß das matte Gold eines herbstlichen Waldes, und mit schimmernden Kanten zogen die fernen Hügelwellen, zart umwoben, ein silbern aufrauschendes Meer, von Unendlichkeit zu Unendlichkeit. Die Erde lächelte: Ist es nun nicht gekommen? Warten, warten, bis der Himmel zu uns niederfließt.

Talwärts über den weißen Weg lief mir mein Schatten voraus. Scharf zeichnete sich seine Ungestalt; aber ich konnte ihn gelassen betrachten, durchaus ohne Bitternis, fast liebevoll wie einen alten Freund.

Nun sitze ich hier in der stillen, braunen Kammer, die dem Stadtmüden so oft schon Ruhe gab. Mein Fenster sieht nach dem Teichlein im Garten drüben; denn die Tannen, die damals dieses Pächterhaus vom Herrengut trennten, haben sie niedergelegt. Deutlich sehe ich seinen monderhellten Spiegel. Und wie ich nun so hineinzublicken vermag, wie in ein vertrautes Auge, weiß ich, daß die Zeit gekommen ist, wo ich deine Geschichte schreiben kann, Rehlein, wo ich deine Geschichte schreiben muß.

Aber wenn dein Weg auch kurz beschlossen war, er war doch weit, weit wie die Bahn des südlichen Sternes, der zwar nur flüchtig erscheint über unserer Erde aber unendlich wandert vom Geheimnisvollen ins Unergründliche.

Deine Geschichte, Rehlein, ist die Geschichte deiner Augen. Und wenn sie auch dir allein zu gehören schienen, diese seltsamen Augen, weil man ähnliche nirgends sah, sie waren doch wie alles was wir haben und sind, Lehen, auf kurze Zeit uns anvertraut, von andern übernommen, andern zubestimmt. Und so sollte ich denn eigentlich zuerst von jenen erzählen, denen du dieses Lehen verdanktest. Aber nun ist mir so, daß ich zuallererst von ihr reden muß, von der unser beider Leben den Ursprung nahm, von unserer Mutter.

An meine Mutter denken ist wie der tiefe Atemzug eines Frühsommertages. Die Luft ist durchsichtig und selig durchwärmt und der Himmel klar und ganz sicher; wem würde es einfallen, an Regen zu denken? Und wenn auch alle Wiesen im Blust stehn, man weiß, daß morgen tausend neue Blüten aufgehn, und die Tage werden immer noch länger, und immer früher beginnt des Morgens der Gesang der Vögel. Zuverlässig ist alles, und alles hat Bestand, hat Sinn und ist erfüllt vom Glück der Dauer. So ist mir, wenn ich an meine Mutter denke.

Aber dies ist nur ein Bild, vielleicht mir allein verständlich, weil ich dahinter Unsägliches fühle, was andern verborgen bleiben mag; denn Bilder sind vieldeutig und unzulänglich, und so kann es wohl sein, daß das ungefähre Wort eines einfachen Mannes Zutreffenderes sagt als mein aus zitternder Brust zaghaft heraufgeholtes Bild. Das war der Meister Buchbinder von nebenan in der Steilen Gasse. Er war ein großer Gartenfreund und Blumenzüchter; aber als Mutter ihm einmal unser Klostergärtlein wies und er den Flor sah allenthalben, an der Laube, den Mauern nach und zwischen den verschlungenen Weglein, da schüttelte er fast zornig das große Haupt: »Ihr, wenn Ihr einen alten Regenschirm in die Erde stecktet, weiß Gott, er bekeimte sich und trieb Blumen, solche Hände habt Ihr, Frau Tellenbach.«

Ja, solche Hände hatte meine Mutter: was sie berührte, mußte irgendwie zum Blühen kommen, und wen sie ansah mit ihren warmen Augen, dem wurde wohl und zuversichtlich, daß er an sich glaubte, und wenn sie einem etwas zeigte, so sah man, daß es schön war.

Ob sie wohl von Anfang an so gewesen? Fast könnte man es glauben, da diese Art in ihrer Körperlichkeit begründet schien, an der alles Ebenmaß war, alles Ordnung und reinster Zusammenklang. Nie sah man an meiner Mutter eine Bewegung, die nicht Eigenes aussprach und nicht schön war. Die Heiterkeit der Seele war in ihr wie ein Licht, das allenthalben durchscheint. Und sie ging auch so leicht auf ihren schlanken Füßen; aber die Stimme war tief und goldbraun wie ihre Augen. Und doch hätte vielleicht das alles nur genügt, um eine schöne und gütige Frau zu sein; damit solch ein Meisterwerk von einem Menschen aus ihr wurde, war es wohl nötig, daß der allmächtige Schmerz an ihr formte. Manchmal denke ich, wenn du ihn auch so hättest kennen lernen, den harten Meister, vielleicht wäre doch alles anders geworden, trotz deinen Augen. Und so muß ich wohl auch annehmen, daß das Schicksal vornehmlich mich brauchte, um sie so groß zu machen. An mir lernte sie jene Tapferkeit, die die Welt erlösen würde, wenn wir alle sie besäßen: die Kraft, die Dinge zu sehn, wie sie sind, und sie so zu lieben.

Zwar das gehörte wohl auch dazu, daß sie ihre Mutter früh verlor. Sie war noch so jung und doch schon in dem Alter, wo uns die Werte des Daseins bewußt werden. Und ihre Mutter war lieblich und voller heiterer Jugend neben dem steifen ältern Vater. Als dann alles dahin war und ausgelöscht, das Haus unheimlich, ein ungeheurer Sarg, der Garten tot, meinte sie, nicht mehr leben zu können. Aber eines Morgens beim Erwachen fand sie ihr kleines Schwesterchen neben sich, das hatte beide Ärmchen in ihre langen Zöpfe verstrickt: »Daß du mir nicht davongehst wie das Mütterlein.« Da hat meine Mutter ihr Herz zusammengenommen und die jungen Füße fest auf die Erde gestellt, und die wurden da fürder nicht mehr unsicher. Dem Schwesterlein ward sie zur Mutter, dem Hause eine kindliche Herrin, und der Vater ließ sie gewähren und wurde mehr und mehr zum Großvater seiner eigenen Kinder. Wie sie aber so als Kind schon Mutter wurde, so blieb sie auch als Mutter immer noch Kind, auch dann noch, als sie den strengen, verantwortungsvollen Beruf auf sich genommen hatte. Und das war vielleicht das Wunderbarste an dieser Frau, wie sich bei ihr die große Mütterlichkeit, die alles Lebendige einbezog, verband mit einem wahrhaft kindlichen Gemüt und wie sie sich diese außerordentliche Vereinigung zu erhalten wußte bis zuletzt. Bis zuletzt besaß sie die Fähigkeit, sich über Kleinstes zu freuen, und nie verlor sie den Glauben an das Wunder des kommenden Tages. Sie hatte auch so gar nichts Feierliches an sich, und alles Gewollte und Absichtsvolle war unvereinbar mit ihr; denn ihre lautere Natur vermochte es, sich zu zeigen, wie sie war.

Wenn nun aber einer im Sinne eines falsch verstandenen Griechentums annehmen wollte, daß meiner Mutter als einer schönen und guten Natur, die der Moral nicht bedarf, alles sich von selbst ergab, so täuschte er sich. Das Leben hat an sie dieselbe Aufgabe gestellt wie an uns alle, ein köstliches Erbe sich zu erringen und rein zu schaffen, und den Weg von der Unbefangenheit zur Freiheit, von der Jugendlust zur Heiterkeit mußte sie sich erobern wie jeder von uns. Aber meine Mutter war so, daß sie nichts Schwerem aus dem Wege ging und keine Abscheu kannte und daß kein Bedürfnis größer in ihr war als dasjenige nach Aufrichtigkeit und Klarheit. Und sie besaß den innigen Willen zum Verständnis und die schier unbegrenzte Kraft des Einfühlens. Daher kam es wohl, daß, ob sie gleich mit den Elendesten verkehrte und obschon keiner sich vor ihrem klaren Blick verbergen konnte, sie im Leben doch keinen schlechten Menschen sah: denn sie hatte es an sich, daß sie an jedem das Gute herauszog, und so zeigte es sich, daß keiner befunden wird, der nicht irgendwo seinen Schatz an menschlicher Güte besitzt. Und vielleicht galt die Liebe, die meine Mutter allenthalben erntete, weniger ihr selbst – unsere Empfindungen für andere sind so flüchtig, so sehr an Gegenwart und Austausch geknüpft – als der tröstlichen und hebenden Erinnerung eigenen Wertes, dessen sich jeder vor ihr bewußt wurde.

Man redet heute so viel von Liebe. Nachdem die Reiche dieser Welt in Haß untergegangen sucht jeder nach dem verlorenen Kleinod, jeder jagt nach einer andern Seite, und was er findet, bringt er heim, laut verkündend, daß es das Wahre sei. Und da liegen sie nun nebeneinander, schreiend in ihren Farben und voller Glanz, aber kein einziges Kleinod, Glassteine bloß, Schein, Schein! Ein aufgepeitschter, angstgepeitschter Sucherwille, ja, aber die Kraft des Findens fehlt; denn finden heißt: Geduld haben, warten können, über der innigen Anschauung sich selbst vergessen. Aber wie könnte ein Kranker seiner vergessen? Die Welt ist krank, die Kraft, die sie heilen wird muß die Kraft der Gesundheit sein, der Klarheit und des Verstehens.

Meine Mutter hat das große Wort selten gebraucht. Und doch, wenn ich sie so vor mir sehe und sollte ihr ganzes Wesen in ein Wort fassen, dann müßte ich sagen: Liebe. Aber sie hätte es nicht gelten lassen. Ihr war dieser Begriff so groß, so heilig, nimmer hätte sie ihn Empfindungen geliehen, die an diese Größe, diese Heiligkeit nicht reichten. Wenn sie ihr Herz trieb, andern zu helfen, sich ihnen hinzugeben, sich für sie aufzuopfern, dann nannte sie das eine Forderung der Nützlichkeit erfüllen. Aber wenn sie ihren sanften Arm um meinen elenden Körper legte und mir so zart über die heißen Wangen strich: »Mein lieber Bub,« dann ging es durch und durch, und man konnte lange Zeit nicht mehr sprechen. Und so komme ich denn wieder zurück zu mir, dem armen Werkzeug des großen Meisters, der ihre Seele formte.

Als ich dich zum ersten Male sah, Rehlein, es war am Tage deiner Geburt in der weißen Stube nach dem Gärtchen hin; man hatte Mutters gelbe Vorhänge gegen die helle Märzensonne gezogen, und nun war das Zimmer von goldenem Licht ganz voll. Auch gelbe Primeln waren da, die ersten des Jahres mit ihrem durchsichtigen kühlen Geruch, und alles schien mir über die Maßen festlich und froh. Du lagst neben der Mutter, fest gewickelt; aber durch das dicke Tuch hindurch spürte man dein klares, gerades Körperlein. Und wie ich nun auf dem Gesicht der Mutter, das mir fremd und wie in Glanz verwandelt erschien, das große Glück las, kam es mir auf einmal zum Bewußtsein – vordem hatte ich mein Unglück nur für mich selbst empfunden – was sie damals gelitten haben mußte, als sie zuerst meinen verwachsenen Leib sah. Ach, sie, die im Leben sonst alles gut und glücklich vollbrachte und die nichts Unschönes um sich litt! Ein Schmerz mußte das für sie sein, neben dem alles andere Leid nichts mehr bedeutete, das mit dem Vater und auch der äußere große Wandel in ihrem Leben – nichts; denn es war der Schmerz, der jeden neuen Morgen mit ihr aufstand und kein Ende nahm und der mit den Jahren wuchs. Mit der ganzen Grausamkeit, wie aus dem Hinterhalt, fiel mich diese Erkenntnis an, und so mußte es sein, daß der feierlichste Augenblick meines Lebens mir das größte Weh brachte.

Indes streckte meine Mutter die Hand nach mir aus und lächelte mich an, daß ihr warmer Blick mich durchleuchtete und ganz einhüllte: »Siehst du, das gehört nun uns, und gelt, wir wollen es lieb haben und ihm Sorge tragen, daß ein gutes und glückliches Menschlein aus ihm wird!« Und mit meinen zitternden Fingern strich sie über dein dunkles Samtköpflein. Ihr lieber Arm hielt mich so sicher, ich fühlte deinen warmen Hauch in mir, und da standest du auf einmal nimmer zwischen uns, sondern mir war, als ob wir dich auf gemeinsamen Händen trugen, meine Mutter und ich, und da war auch die heftige Freude und das Gefühl, daß nun das Allerschönste in unser Dasein gekommen sei und mein Leben eine Aufgabe erhalten habe. Wie schön hätte alles werden können, Rehlein!

Aber die Freude konnte mich doch nicht daran hindern, daß ich von nun an mein Unglück unter einem andern Gesicht sah, daß ich mit argwöhnischem Spürsinn mein vierzehnjähriges Leben durchsuchte und das Verhalten der Mutter gegen ihre ungleichen Kinder zerpflückte. Das waren häßliche, verworrene Zeiten, wo ich Weltverachtung lernen wollte und doch nur mich selbst verachten mußte; denn ich fühlte wohl, daß es die gemeine Eifersucht war, die in mir bohrte, und wie ich daran ging, der Mutter zu dem unverschuldeten nun noch den selbstgewollten Kummer zu häufen. Aber meine Mutter, die in die Tiefe jedes Schmerzes sah und es so wohl verstand, das Unbewußte unter seiner Decke zu lassen, wo es not tat, vermochte es auch diesmal, meine arme Seele zu erlösen, ohne ein Wort, ohne eine einzige hindeutende Gebärde, bloß dadurch, daß sie unverändert in ihrem lautern Wesen verharrte und all meinen unausgesprochenen Fragen standhielt. Und da ich so bei allem trotzigen Forschen und dem schlimmsten Willen am Bild der Mutter keinen Zug entdecken konnte, darin nicht ihre Liebe zu mir zu erkennen war und diese Heiterkeit, die mit Lustigsein weniger zu tun hatte als mit dem ausgesöhnten Herzen, verlor sich nach und nach alle Bitterkeit, die jene Erkenntnis in mir aufgescheucht hatte, und das junge Herz fand seinen alten Glauben.

Peter Grüning sagte es einmal: »Was mußt du für eine Mutter gehabt haben, daß du so unverbittert und ohne Mißtrauen deinen Buckel durch die Welt trägst und dir diesen Menschenglauben erhältst, den keiner von uns gradgewachsenen Seelenkrüppeln aufbringt? Eine große, eine ganze Frau muß das gewesen sein!« Um dieses einen Wortes willen hätte ich den Menschen lieben müssen bis ans Ende. Aber von Peter Grüning zu sprechen ist hier noch nicht der Ort.

Dafür will ich versuchen, von jenen Zeiten zu erzählen, da du noch nicht da warst, Rehlein; denn auch das, was vorausging, gehört zu uns, und der Weg, der uns als einige Gestalt im Bewußtsein über die Erde führt, ist nur der kleinste Teil unseres Wandels.

Und laß mich dir so erzählen, wie ich es heute vermag, Ereignisse, Menschen, Gespräche so wiedergeben, wie sie in mir lebendig sind, durch ein langes Leben nicht verwaschen, sondern in unendlich viel wühlender, grübelnder, deutender Einsamkeit vertieft, bereichert, blutwarm gemacht, von allen entfernenden Nebeln erlöst. Laß mich dir das Vergangene als Wahrheit geben, meine Wahrheit, wie sie heiß und dringlich in mir redet, und wenn diese Wahrheit der Wirklichkeit nicht immer entsprechen, wenn es vorkommen sollte, daß Bilder in mir leuchten, die der harte Tag nie geschaut, Worte in mir klingen, die so niemals gesprochen wurden gewiß: Kein Bild wird erstehen, welches nicht im tiefsten Grund des Wirklichen wurzelt, kein Wort auf diese Blätter fallen, dessen Sinn nicht aus dem Lebendigen floß. Und so darf ich wohl sagen, daß meine Wahrheit auch Wirklichkeit ist, Wirklichkeit in einem höhern, aus der Kenntnis innerer Zusammenhänge geschöpften Verstand.



Meine frühe Zeit zerfällt in zwei gesonderte Reiche, die in meiner Erinnerung so weit auseinander liegen wie Sonne und Mond. Das dritte Reich aber begann mit dir, Rehlein.

Da waren die acht ersten Jahre, wo meine Eltern noch hier beim Großvater wohnten auf dem Ruwenberg und mein Vater noch Lehrer war unten im Städtchen, und dann die andere Zeit, nachdem wir in die Stadt gezogen waren, in das Haus an der Steilen Gasse mit seinem ummauerten Gärtchen, und wo mein Vater seinen Beruf verlor und die Mutter ihren schweren auf sich nahm. Aber wenn nun einer glaubte, daß sich darnach meine Kindheit in Licht und Dunkel teilte, der irrte sich. In Wahrheit ist es so, daß meine innigsten und liebsten Erinnerungen doch an dem Stadthaus und seinem Klostergärtlein hangen, wenn mich nun auch das Alter immer häufiger da hinaustreibt in die erste Heimat; denn ich glaube, daß dieses Bedürfnis weniger dem Drang der armen Seele nach dem verlorenen Paradies entspricht als einem geheimen Gesetz, das uns zwingt, unsere Bahn, wenn sie ihrem Ende naht, wieder in ihre Anfänge zurückzubiegen.

Es hat sich hier gar manches geändert seit meiner Kindheit, und wenn ich heute von diesem Stübchen aus, das der gute Pächter mir zu einem Unterschlupf eingerichtet hat, nach dem Herrschaftsgut und den Gärten hinüberblicke, ist an diesem Bilde gar wenig mehr, was meine frühen Erinnerungen hervorzöge.

Als nach dem Tode des Großvaters der reiche Vetter den Ruwenberg übernahm, lächelte meine Mutter ein wenig schmerzlich und ein wenig spaßhaft: »Es sind brave Menschen, denen man das liebe alte Gut wohl gönnen darf; aber etwas zu reich sind sie. Du wirst sehen, die lieben Pflaumenbäume vor dem Haus werden nun verschwinden. Es ist wahr, die Stämme sind verkrümmt und rissig vor Alter, aber im Frühling, wenn der weiße Blust aus den schwarzen Ästen drang, und gar im Herbst, wenn die Früchte dran hingen, golden durchglänzt von der Sonne wie große, leuchtende Honigtropfen, das ging einem doch ans Herz. Und nun werden sie dafür fürchterliche blaue Tannen hinsetzen, und eine Palme muß wohl auch her – ach, sie dauern einen immer so mit den zerschlissenen Blättern, die armen, kranken zerlumpten Fürstlichkeiten – und englischen Rasen wird es geben mit Begonienrondells, langweilig, ausgemessen, und das liebe kleine Teichlein werden sie wohl zu einem Weiher erweitern oder gar eine Grotte daraus machen. Ich weiß ja schon, es ist zu klein, dieses Teichlein, lächerlich winzig in dem großen Garten drin; aber, wenn ich denke, wieviel Freude wir hatten, wenn wir die jungen Entlein, die grade aus dem Ei gekommen, drauf setzen durften! Wie goldgelbe Seidenbälle schwammen sie herum und machten einen süßen kleinen Lärm wie aus einer Wiege. Später wurden sie dann nach dem Pächterhaus verbracht, in die allgemeine Glungge. Übrigens hatte man ja auch das Teichlein mit Absicht so klein gemacht, daß es weniger gefährlich war; in dem niedrigen Wasser konnte so leicht nicht eines ertrinken.

So wird denn vorn heraus nach der Straße alles vornehm und geschmückt werden, und dennoch wird der Vetter mehr Nutzen aus dem Land ziehen als wir; denn Großvaters Wäldchen und die Blumenbeete hinter dem Gemüsegarten, wo keiner sie sieht, werden bald nicht mehr da sein. Der Vetter hat ja auch keine lieben Gräber auf dem Friedhof, die das ganze Jahr blühen wollen, und er weiß nicht, daß jede Stube und jedes Sälchen auf dem Ruwenberg seine eigenen Blumen haben muß, ohne die es nicht leben kann. Und das weiß er erst recht nicht, wieviel Dahlien und Astern das braucht im Herbst für das Jugendfest. Ach, wenn am frühen Morgen die Mädchen mit ihren Moos- und Efeureifen kamen: sie hatten die Haare noch aufgesteckt in winzigen Zöpfchen und waren noch im Alltagsröcklein – denn die weißen Kleidchen hingen daheim stramm und faltenlos über den Stühlen. Da mußte man den bunten Flor in großen Körben herbeischleppen, und es brauchte so viele hurtige Hände, selbst die alte Mäde setzte sich dazu mit den verkrummten, ungelenken Fingern, und ihr gutes Gesicht lachte aus tausend Runzeln. Ja, das wird nun nicht mehr sein. Auch die Weinstöcke werden nicht lange mehr leben; denn sie sind tragmüde geworden und geben zu viel Arbeit. Dafür werden die Händler die Frucht mit Wagen abholen können, und schließlich ist es auch gut so. Wer wohlhabend werden will, der muß sein Augenmerk auf das richten, was Ertrag bringt, und wenn einer nur auf das sieht, was schön ist und dem Herzen wohl tut, so darf er füglich nicht darüber klagen, wenn ihm der irdische Gewinn zwischen den Fingern zerrinnt.«

So sprach damals meine Mutter und hat sich nach ihrer Weise dermaßen über ein Ereignis hinweggelächelt, das ihr gröber ans Herz griff, als wir alle ahnten. Erst viel später kam es mir zum Bewußtsein, wie schmerzvoll eng sie mit ihrer Heimat verwachsen war, erst dann, als sie zu mir den Wunsch äußerte, auf dem alten Friedhof des Städtchens begraben zu werden, bei ihren Eltern. Sie sah dabei schüchtern und verlegen aus wie ein ertapptes Kind; denn eigentlich paßte dieser Wunsch nicht ganz zu ihrem tapfern Leben, das mit Gefühlen nie ein Aufhebens gemacht hatte und sich um das Nachher des Körperlichen wenig kümmerte.

Aber was den Ruwenberg betraf, da behielt meine Mutter recht. Die blauen Tannen und die Palme und die Begonienbeetchen, alles stimmte, und die Blumen hinter dem Gemüsegarten, Wäldchen und Rebberge, sie waren gar bald verschwunden. Jedoch die Wirtschaft gedieh, und der reiche Vetter konnte Schätze sammeln auf dem Boden, wo sich meinem guten Großvater nur Schulden häuften. Bloß in einem behielt die Mutter nicht recht, das Teichlein blieb, wie es war. Ja, Rehlein, das blieb, wie es war.

Wenn ich nun aber heute das Bild des alten Ruwenberges sehen will, dann darf ich nicht hinüberschauen nach dem saubern Gärtnerwerk. Denn meine Erinnerung zeigt mir das alles so anders. Vielleicht ja ist sie nicht genau; denn die kindliche Vorstellung trügt wohl, aber sie hat am Ende doch recht. In einem tieferen Sinne recht.

In meiner Vorstellung liegt der Ruwenberg meiner Kindheit wie etwas Jenseitiges, das mit meinem eigentlichen Leben wenig zu tun hat. Wie eine Welt, die ein hartnäckiger Traum uns immer wieder vorkehrt, bis wir glauben, in ihr ein früheres Leben zu erkennen, das sich wunderbar in das Gegenwärtige hineinschiebt.

Dieses Bild aber zeigt sich nicht etwa durchaus hold und freundlich, wenn auch alles daran recht märchenhaft ist. Besonders das Haus, das große weitläufige Herrenhaus barg so manchen ängstlichen Winkel. Nicht zu reden von dem ungeheuren Estrich und den verstauten Bodenkammern, wo alles braun, dunkel, unabmeßbar und undurchdringlich war. Dorthin ging ich ja doch nie ohne die Mutter, und an ihrer Hand oder gar auf ihrem Arm zerschmolz jedes Grauen in einen wohlig erregenden Schauer. Aber da waren die langen Korridore, die hallten auch unter dem schwächsten Schritt, und ich konnte nie begreifen, wie man so ruhig mitten durchzuschreiten vermochte wie meine Mutter, mit diesen schlanken, freien Schritten. Ich drückte mich immer der Wand entlang, froh, wenn ich die bergende Türe erreicht hatte. Und oft kam es mir vor, als ob auch der Großvater sich nicht so recht und weitschreitend mittendurch traute. Ich meine, daß ich ihn immer den Wänden nach gleiten sah, dunkel, hoch und fast geräuschlos, und das war mir eigentlich grauenhaft. Er glich dann sich selber weniger als dem Bild des Urgroßvaters mit dem schattigen Gesicht und dem steifen Zöpflein über dem hohen Kragen. Und doch hatte mein Großvater im Leben nie eine Cadenette getragen und erschien auf seinem Jugendbild sogar als ein recht lebenslustiger Herr mit dem schönen aufgezwirbten Schnurrbart und der eingestützten Hand in der schlanken Taille. Nun aber ging er streng und ragend wie ein Schatten. Das Schlimmste jedoch war, wenn er auf seinem Weg unversehens auf mich traf; denn dann wurden seine Schritte plötzlich klein und trippelnd und es war, als ob er in sich zusammenschrumpfte, und dann kam auch jenes dünne, weite Lächeln auf sein Gesicht, das mir immer den Hals zusammenpreßte.

Lange habe ich nicht gewußt, warum das so weh tat, dieses Lächeln. Der Großvater war doch ein liebevoller und gütiger Mann, und wenn er vom Garten her kam, den flachen Fruchtkorb voller samtner Pfirsiche, und sie dann sorgsam, eine neben die andere, auf den weißen Kamin legte, da war er geradezu angenehm und durchaus vertrauenerweckend. Ich glaube, ich hätte ihn sogar sehr lieb haben können, wenn dieses Lächeln nicht gewesen wäre; aber das war wie eine weiche, feuchte Schlinge um den Hals und war furchtbarer als des Vaters harter Griff nach dem Herzen.

Und doch tat auch dieses weh: Wenn der Vater aus der Schule heimkam, schon von weitem hörte man das Lachen der Kinder, die ihn begleiteten; aber wenn ich ihm entgegenlief unter das Gartentor, weil es mich gelüstete, auch teilzuhaben an dem Jubel und seinen lustigen Sprüchen, dann war er auf einmal so verändert. Das Lachen schwieg, sein lässiger Körper richtete sich hoch, und die Brust wurde ganz breit. Er nahm mich dann wohl bei der Hand und sagte gute Worte zu mir; aber das nützte alles nichts mehr. Ich sah doch nur mehr den steilen Rücken und die breite, breite Brust und wie das Gesicht auf einmal nicht mehr lustig war.

Solches gehörte wohl zu den schlimmsten Dingen, die mir damals begegneten. Die alte Mäde, die der Großvater noch von seinen Eltern übernommen hatte und die damals auf dem Ruwenberg das Gnadenbrot erhielt (aber kein Mensch dachte an dieses häßliche Wort und sie am allerwenigsten; sie fühlte sich weit mehr als Herrin denn als Geduldete), die alte Mäde tat mir mit ihrem kuriosen Gebaren nicht halb so weh. Denn wenn sie auch mitleidig und kopfschüttelnd über meinen verkrümmten Rücken fuhr, ihre Hände waren nicht minder verkrümmt, und sie hatte dann immer so merkwürdige Worte, in denen doch irgendwie ein Trost lag: von der graden Seele, die nirgends besser gedeihe als im krummen Leib und daß sie auch einen gar schnellen Weg hätte in den Himmel; denn das wisse man, bei den Buckligen sitze die Seele im Kopf, und wenn ich dann einmal so weit sei, so werde ich zum Lohn auch der allergeradeste, allerschönste Engel. Sie freue sich auch schon lange auf ihre gesunden glatten Beine und auf die graden Finger, und weil doch so Krüppelein durchweg nicht alt würden, müßte ich gewiß nicht lange darauf warten, und wer weiß, am Ende könnten wir die Reise grad zusammen machen. Das alles erschreckte mich nicht; denn die Alte hatte so eine zweifellose Art, es wurde einem ganz zuversichtlich dabei.

Und schließlich war das mit dem Großvater und dem Vater vielleicht auch nötig und gehörte wohl zur Vorschule meines Lebens.

Der scharfe, spöttische Geist der Buckligen, die Menschen würden sich minder darüber wundern, wenn sie wüßten, was für einen sichern Schlüssel für die Gemütsart der andern wir in unserm Gebrechen besitzen und daß unsereiner auf einem einzigen Gang durch die Stadt mehr Einblicke tun kann in die Seelengründe seines Nächsten als mancher Wohlgestaltete, Angenehme auf seiner ganzen runden Lebensfahrt. Denn wo wäre der, der nicht vor dem menschlichen Zerrbild, dem unverlarvten Leiden, das sich ihm unversehens in den Weg stellt, die sorgsam vorgehaltene Maske sinken ließe? Für einen Augenblick wenigstens, der aber genügt, um die unbewachte Seele zu entblößen. Und so sind wir vielleicht die einzigen, denen es gegeben ist, die Welt ohne Maske zu schauen.

Aber wie vielgestaltig sich mir solcherweise die Art der Menschen auch zeigte, gemessen am untrüglichen Maßstab ihres Verhaltens gegen fremdes Leid – was alles wäre zu erzählen von den Ruchlosen, den Peinlichen, den Neugierigen und Feigen, von denen, die einen verfolgen, und denen, die einen fliehen, von den harmlos Plumpen und den plump Raffinierten und, ach, die schönen Frauen, die mit betonter Huld uns so grausam herauszerren aus dem natürlichen Verband der Gesellschaft – mir ist doch, als ob ich an den drei Menschen, die meine erste Kindheit betreuten, die vornehmlichen Beispiele bereits hatte kennen lernen, auf die alle andern letzten Endes zurückgehn: die zartfühlend Schwächlichen, die vor dem fremden Unglück sich selber klein machen und durch Mitleid wehtun, die Selbstsüchtigen, denen fremde Schwäche das Bewußtsein eigener Kraft stärkt und die durch Roheit wehtun, und dann die Aufrichtigen, innerlich Freien, die den Mut besitzen, fremdem Leid sein Recht zu geben und ihm seine Würde zu lassen, die nichts vertuschen und nichts unterstreichen, die den Armen weder verstoßen noch ihm seine Märtyrerkrone nehmen, sondern ihn gelten lassen für sich und neben ihnen – sie sind unsere Erlöser. Aber es gibt deren gar wenige. Die Mutter, du, Rehlein, Peter Grüning und – doch, wozu Namen nennen, die noch nicht hierher gehören?

Nun kommt aber für uns Krüppel in weit höherem Maße noch als für die Gesunden alles darauf an, welcher Art die Mutter ist, ob sie es vermag, uns in eine Einsamkeit zu führen, die Höhe bedeutet, Freiheit und Weitblick, oder ob sie uns in den abgeschlossenen Winkel verbannt; denn so oder so, Einsamkeit wird unser Ziel sein allerorts.

Meine Mutter aber hat es verstanden, von Anfang an eine Heiterkeit um mich zu breiten, die mir für alle Zeit den schärfsten Stachel des Leids nahm, die Furcht, durch das eigene Unglück fremdes Glück zu stören. Niemals habe ich von meiner Mutter eine Klage über meinen Zustand gehört, und jammern hat sie nie gekonnt – daß es doch gelänge, die Jammersucht zu brandmarken als blutige Todsünde gegen den heiligen Geist des Lebens und der Freiheit! – Und doch hat sie mich von früh auf gelehrt, tapfer und ehrlich mit meinem Übel zu rechnen und in stillem Verzicht dem Schicksal seinen Tribut zu zahlen. Aber keine Freude, die mir zukam, ließ sie mich entbehren, und deren waren es genug, um in mir die Meinung festzusetzen, daß auch ich zum Glück geschaffen sei und befähigt, andere zu erfreuen. Deshalb verstand ich des Großvaters Lächeln nicht und auch nicht des Vaters schmerzlich-zornige Kraftgebärde, und als mir später für beides und für so vieles andere noch das Verständnis aufging, zeigte es sich, daß jene Meinung schon zu tief Wurzel gefaßt hatte, als daß man sie mir hätte entreißen können.

So meine ich denn heute auch, daß der alte Ruwenbergergarten nur sonnige Tage erlebt habe. So ganz erfüllt von goldenem Sommerleben steht er in meiner Vorstellung. Und überall das frohe Aufleuchten des hellen Gewandes.

Mutters weißes Sonntagskleid. Wenn ich später, nachdem sie die dunkle Berufstracht auf sich genommen hatte, daran zurückdachte, es war wie der Blick durch die Ritze im verschlossenen Himmelstor. Aber auch diese strenge Tracht ward mir lieb, und das helle Gesicht erschien vielleicht noch heller über dem ernsten Schwarz, und der freie Nacken: fein, stolz und doch mit dieser leisen rührenden Biegung, in der so viel Demut lag, so unsäglich viel Güte und verwundenes Weh.

Damals, als Mutter weiße Kleider trug, war sie noch sehr jung. Manchmal ließ sie gar die braunen Zöpfe hangen, die waren so lang, daß ich mich daran halten konnte, und dann war sie mein Pferd, und wir trabten über die weißen Kieswege, daß der rote Flox mir ums Gesicht fuhr. Oder wir saßen in der dunkeln Weinlaube ganz verborgen mit der allergrößten Traube und jagten uns die schönsten Beeren ab, jedes, um sie dem andern in den Mund zu stecken. Da waren wir zwei Kinder.

Aber wenn mich die Mutter auf den Arm nahm und über die breiten Wege trug und durch die verwachsenen in Großvaters Wäldlein und schließlich über den Rebberg hinauf, dann war sie groß und stark wie eine Göttin; denn ich war dann so hoch oben, daß ich den Rosen auf den schlanken Stämmen ins Herz blicken konnte und den kleinen Amseln im Tannendickicht in die gelben Schreischnäbel. Und oben beim Rebhäuschen war ich gewaltig wie ein Turm und sah weithin über die türkisfarbenen Weinstöcke in ein grenzenloses Reich hinaus. Als wir einmal so dort oben standen, nahm mich das Glück der Weite dermaßen, daß ich überlaut jubeln mußte: »Groß, groß! O Mutter, ich möchte groß werden, noch viel größer als du und größer als der Vater; da oben ist die Welt so schön!« Und ich preßte vor starker Empfindung ihren weichen Hals ganz fest mit meinen dünnen Ärmchen und drückte das liebe Gesicht nah zu dem meinen empor; aber da sah ich, wie durch ihre leuchtenden Augen etwas Dunkles ging, und wie wir abstiegen, war meine Mutter merkwürdig still. Wir saßen dann zusammen unten auf der Lindenbank, von wo der Blick zwischen Bäumen einen Ausweg hatte ins weite Land, mit der Straße dem Fluß zu, und da war ihr Gesicht wieder so heiter wie zuvor. Sie hielt meine Hand ganz ruhig, und ihre Stimme war warm und klar wie immer:

 »Weißt du, Simeli, das mit dem Großwerden, das kann nun wohl nicht sein; denn das gelingt nur den Menschen mit den steilen Rücken, und dann müssen sie erst noch sehr lange Beine haben, was man hierzulande gar nicht oft findet. Und die Italiener, weißt du, die lustigen Menschen mit den schwarzen Augen, die die schöne Musik machten im Frühling, nun, die sind meistens recht klein und haben kurze Beine, und wenn sie einem begegnen, der einen hohen Rücken hat, dann haben sie eine Freude an ihm und grüßen ihn und machen ihm Geschenke; denn sie glauben, daß er ihnen Glück bringe. Aber die Japaner, das sind die allerkleinsten, und die sind so vergnügt, die lächeln überhaupt den ganzen Tag. So mußt du nun nicht meinen, daß man groß sein müsse, um die Welt recht zu sehen und lustig zu sein. Im Gegenteil. Ich weiß da ein Geheimnis, und ich möchte es dir sagen, wenn ich denken dürfte, daß du das schon verstehen kannst.«

Dann zeigte sie mir den Ausblick ins flache Land, zuerst vom niedern Bänklein aus, und hob mich dann langsam über sich selbst empor und stieg mit mir auf die Bank, bis mein Scheitel die Lindenblätter berührte, und ließ es mich sehen, wie mit mir das Land rings sich hob und Weg und Fluß und gebreitete Felder sich langsam aufrichteten. Hierauf ging sie mit mir ins Haus und zeigte mir zwei Bilder, das eine mit hochgerücktem Horizont und drohlich aufgereckten Flächen, das andere, niedrig begrenzt, mit der befreienden Tiefe alter Meister. Und ich war stolz, daß ich es begreifen konnte, wie schön und heiter es war, in dieses tiefe Land zu blicken, und daß man darüber einen leichten, weiten Atem bekam, und wie bedrückend die steilen Flächen waren und wie sie sich einem auf die Brust legten. Und ich glaubte es meiner Mutter aufs Haar, daß die großen Leute nur deshalb meinten, die Welt sei in ihrer Kindheit schöner gewesen, weil sie damals noch tief und froh in sie hineingeblickt hatten und nicht so klotzig hoch auf sie herunter. Und wenn wir von nun an zusammen durch die Felder gingen, dann mußte ich meiner Mutter immer wieder erzählen, wie schön alles war bei mir unten, und oft kauerte sie sich neben mich, oder wir legten uns gar ins Gras und schauten durch die gebogenen Arme wie durch ein Guckloch, und alles war über die Maßen herrlich. Aber das Allerschönste, daß dies unser Geheimnis war und daß ich, wenn die unverständigen Leute über meine Zwerghaftigkeit jammerten, ganz innerlich lächeln konnte: »Wenn ihr wüßtet!«

Allein, meine Mutter spielte nicht nur mit mir. Das waren sogar die seltenen Augenblicke, deshalb haben sie sich mir auch so festlich eingeprägt. Meist war sie an der Arbeit. Sie hatte viel zu tun in Haus und Garten und Feld, da ja alles Wichtige auf ihr lag; denn der gute Großvater war doch mehr nur wie der Inspektor oder Verwaltungsrat oder sonst eine würdige Direktionsperson: er kritisiert und regt an, aber die Arbeit tun die andern. Im Garten war er den Sommer durch wie ein Schmetterling, der durch Blumen schwärmt; denn da waren so viele Liebhabereien, die ihn einsogen: Vogelhecke, Rosenzucht und Bienenhaus. Seine hohe Zeit kam im Herbst, wenn die Früchte reiften und der Wein gekeltert wurde. Da ward er bedeutungsvoll, ging stolz und stattlich durch sein Reich wie Gottvater am siebenten Tag und legte selber Hand an; denn niemand verstand es wie er, Früchte zu pflücken. Es war eine Lust, ihm zuzusehn, so behutsam und feinfingerig ging er dabei zu Werk. Und wie er das Sortieren verstand! Da begriff man, weshalb er früher als Amtsrichter in solcher Schätzung gestanden; denn das war wohl vor allem nötig für diesen schweren Beruf: behutsame Finger, der untrügliche Blick und der Mut, einzuteilen, abzuwägen und auszumerzen.

Meine Mutter aber war allezeit und überall voran bei der Arbeit, und ihre selbstverständliche, sichere Art hatte etwas Zwingendes. Man konnte nicht müßig sein, wenn man sie sah. Auch ich durfte ihr oftmals helfen, und nie wurde sie ungeduldig, wenn ich sie durch meine Unbeholfenheit hinderte. So lernte ich früh verstehen, daß Arbeit Freude ist.

Später war denn auch noch die junge Tante Gritli da, nachdem sie so lang im Welschland gewesen. Die hätte wohl auch helfen mögen; aber sie war ohne Stetigkeit wie ein Schwälblein, das hin und her schießt. Als du sie kanntest, Rehlein, war sie schon eine müde ernüchterte Frau, deren Leiblichkeit stark ins Gewicht fiel; aber damals: ein zierliches helles Ding mit krausem Haar und muntern Eichhörnchenaugen. Meiner Mutter glich sie in nichts, und ihre Lustigkeit hatte etwas Beängstigendes wie ein Kanarienvogel, der den ganzen Tag singt, es tat einem beinahe weh. Zuletzt brachte sie einen Herrn mit nach Hause, und es hieß, daß dies mein neuer Onkel werde.

Diesem aber verdanke ich meine ersten feindseligen Regungen. Nicht, daß er unfreundlich gegen mich war, im Gegenteil! Er begrüßte mich immer sehr munter und vor allen andern und war höchst aufgeräumt; aber eben diese Aufgeräumtheit hatte so etwas Peinliches für mich. Er nannte mich: »Kleiner Mann«, »Meister Simon« oder gar »Herr von Simon und Judä« und gab mir einen lauten Handschlag, daß mich die Wirbel davon schmerzten. Aber nachher machte er seinen Rücken ganz hohl und hob den Kopf so hoch, daß ich in den Boden hinein versank. Dabei war er selber nicht groß, und wenn er neben meinem blonden Vater ging, war er wie der Pinscher neben dem Bernhardiner. Wenn er sprach, und das tat er fast immer, lachten die andern viel; aber es kam mir vor, als ob sie das nicht ganz von Herzen täten. Als ihm der Großvater dann die Stelle beim Amtsgericht vermittelt hatte, zog er ins Städtchen, und nach der Hochzeit sollte er ganz auf den Ruwenberg übersiedeln Aber es fügte sich, daß wir noch vorher wegzogen.

Oft frage ich mich, wie es wohl zu erklären sei, daß ich, an die Ruwenbergerzeit zurückdenkend, von keinem Augenblicke weiß, wo ich ohne die Mutter war. Denn wenn ich auch annehmen darf, daß sie mich selten genug verließ und ich bestimmt weiß, wie sie mich weder in gesunden noch kranken Tagen je fremder Pflege anheimstellte oh, die Erinnerung der Stunden, wo sie bei mir am Krankenbettchen saß und mir von jenen Geschichten erzählte, über die man so herzlich lachen konnte und die einem nachher doch viel zu denken gaben, weil immer ganz zu innerst etwas Stilles, Tiefes, Wehmütiges lag! – Aber meine Mutter hatte doch gewiß auch Gänge und Besorgungen, bei denen ich nicht zugegen sein konnte. Und so glaube ich denn, daß es wohl dieses starke Gefühl unserer innern Verbundenheit war, was mich mit dem Bewußtsein ihrer Allgegenwart erfüllte; denn ich erinnere mich, wie ich, auch wenn sie ganz am Werk war, meinte, daß sie dennoch immer an mich denke. Und oft geschah es, daß sie mitten aus gesammeltester Arbeit aufblickte und mir eine Frage beantwortete, die ich eben zu stellen im Begriff war, oder mir bei meinem kindlichen Werk zurechthalf, noch ehe ich sie darum bat.

Hingegen war es bei meinem Vater, auch wenn er sich mit mir abgab und mit mir lustig zu sein versuchte, immer, als ob seine Gedanken zwischendurch entschlüpften und weit weg gingen. Und der Großvater war vor mir wie ein Mensch, der seinen eigenen Worten nicht recht traut, daß er, aus Furcht, das Falsche zu fassen, über seine Gedanken stolpert. Wenn ich aber daran denke, sehe ich, welchen Schmerz der alte Mann um mich gelitten haben muß, weil darob die schöne Sicherheit seines Zartgefühls so völlig in die Brüche ging.

Es gab jedoch Augenblicke, wo das innige Band zwischen Mutter und mir uns alle Vier zu umfassen schien. Das waren die Abende im goldenen Saal.

Ich habe vorher die Annahme, der Ruwenberg spiele in meinem Leben die Rolle des verlorenen Paradieses, abgelehnt. Nun muß ich gestehen: Wenn das Paradies der Ort ist, wo das Beisammensein zum Wohlklang wird und Wohlklang alleinige Freude und Freude letzter Sinn, dann war der stille, hohe Saal, auf dessen verblichenen Polstern eine verstohlene Sonne träumte, mein irdisches Himmelreich.

Nicht deshalb, weil er so fein und festlich aussah mit den mattgelben Wänden, dem flimmernden Kristalleuchter und den goldenen Konsolen oder weil die vielen ehrfürchtigen und kuriosen Bildnisse da hingen, unter ihnen, wie der Sonntag zwischen den Wochen, die junge Großmutter mit dem Gesicht einer fröhlichen Heiligen. Aber da stand Großmutters blondes, geschweiftes Klavier und darauf, in honiggelbem Kasten, die dunkle Geige meiner Mutter.

Da ist nun das Wort »Fest«. Jeder denkt sich etwas anderes dabei, und hierzulande wird es wohl den meisten zunächst den fahlen Geruch von rotem Fahnentuch aufrüren und den würzigen von harzblutendem Tannenreis, und sie werden an flatternde Bänder denken und bunte Kränze, an Sonne auf gelbem Trompetenblech, an musizierende Schiffe und besonders an viele, viele Menschen. Für mich aber hat das Wort diesen Begriff: Großvaters goldener Saal. Der Leuchter mit den vielen Kristalltropfen schimmert wie tausend durcheinander geworfene Regenbogenfetzchen, und doch ist sein Licht sanft wie ein Septembermorgen. Die alten Möbel sind nun wie feines gefrorenes Gold und die Bilder haben sich tief hinter ihre goldenen Rahmen zurückgezogen. Nur das Weiß der Perücken wird deutlich und das Weiß der Augen und hier und da eine weiße Hand oder ein helles Frauengesicht. Die Großmutter allein strahlt wie das liebe Christkind. Und so viele Rosen sind da; denn es ist Mutters Geburtstag. Ganz früh am Morgen schon hat der Großvater im Garten die schönsten zusammengesucht, und dann hat die Sonne geschienen den ganzen Tag. Aber hier herauf brachte man die gelben Rosen von Doktor Clemens. Es waren so viele, er konnte sie fast nicht tragen – wie merkwürdig das aussah, der steife, große Mann mit den vielen, vielen Rosen – die tiefe Schale konnte man damit füllen und beide Kelche, und nun ist die Luft schon ganz voll von dem Duft, und es ist ein wenig wie im Herbst, wenn der Wein kommt, aber so kühl.

Vater sitzt am Klavier. Sein Gesicht ist heute anders als sonst. Er hat gar nichts Lautes an sich, nichts Großartiges. Er scheint auf irgend etwas zu lauschen, das von weit her kommt. Die Augen sind nimmer so blaublitzend, es ist, als ob sie tiefer innen lägen und dunkler wären. Auch die Brust ist nicht so breit. Er sitzt ein wenig vorgebeugt, wie wartend, und dabei wird er schmächtiger. Aber die Locken über der Stirn sind heller denn je, und in dem breiten Bart flimmern die goldenen Fäden. Er ist sehr schön mein Vater, und man denkt gar nicht daran, daß er oft so laut tun kann, in der Lustigkeit und im Zorn, und man hat ihn auf einmal sehr lieb.

Aber neben ihm die Mutter. Sie ist fast groß heute und so warm; man meint, daß alles an ihr lächle, selbst die lieben gebräunten Arme, die die Geige halten, haben etwas Frohes, das an Sonne über reifen Feldern gemahnt. Nur die Stirn zwischen den dunkeln Haarschnecken ist weiß; denn dort läßt der breite Gartenhut die Sonne nicht zu, und die Augen schimmern, als ob Tau drin läge.

Ich sehe das alles sehr gut, denn ich darf in dem großen Stuhl ihnen gegenübersitzen. Der ist so tief, wie gebettet bin ich; die goldenen Polster schlagen fast über mir zusammen, und der Rücken schmerzt mich gar nicht. Nur die Hand strecke ich heraus aus meinem goldenen Nest; denn ich muß irgend etwas fassen können, wenn dann das Große anfängt und man zuerst nicht atmen kann vor Glück.

Der Großvater hat mich verstanden; er nimmt meine suchende Hand und setzt sich dicht zu mir und hält sie fest zwischen seinen trockenen Fingern. Und nun ist auch er so lieb und sein Lächeln klar und herzlich. Und wie er nun zum Bildnis der Großmutter emporschaut und seine Augen glänzend werden, sieht man auf einmal, wie er seinem Jugendbild gleicht. Der Urgroßvater mit dem steifen Zöpflein und dem grauen Gesicht ist doch ein ganz anderer.

Und nun kommt es. Ich weiß ja schon, das ist Mutters Geige, die so singt; ich sehe ja den Bogen, wie er mit der gehobenen Hand darübergeht. Und die andern, die läutenden Töne, oft knapp und einzeln, oft rauschend oder aneinander gereiht wie Perlen, die kommen aus dem langen, blonden Kasten, und Vaters Hände rufen ihnen, aber wenn ich nun so da bin und es dermaßen über mich hingeht, kann ich doch nicht daran glauben. O nein, das kann man nicht auseinanderlesen, das gehört alles zusammen, und das kommt nicht von dem einen Orte her, sondern von überall, und Vater und Mutter sind nur die Zauberer, die das Schweigen lösen. Denn man fühlt es doch genau: die ganze Luft singt, nicht nur die herinnen, auch die Nacht im Garten nun hat sich sicherlich die große Linde bewegt, ganz leise unter den Sternen, und nun singen gar die goldenen Wände. Oder ist vielleicht alles in meiner Brust? Es bebt doch so sehr da drinnen, und ich spüre es, wie all die Töne mir aus dem Herzen tropfen und die Finger in Großvaters Hand zittern, daß er sie mächtig drücken muß.

Wenn ich aber die Augen schließe, dann geschieht etwas sehr Wunderbares: Nun kann keiner mehr glauben, daß die beiden Kasten dran schuld sind, der kleine braune und der große blonde; denn nun sehe ich genau, woher das alles kommt. Oh, wie die Bilder jagen! Die Sonne ist gelb hinter dem See, alles Gold, Gold! Aber auf einmal kommen weiße Pferde, so viele weiße Pferde mitten durch das goldene Wasser, daß es schäumt und weiß wird und ist auf einmal ein Wasserfall und himmelhohe Felsen. Wenn man hinaufblickt, bekommt man Angst, aber zu oberst der blaue Himmel. Und so ist es nun: wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich, wie das alles von weit her kommt, aus einer Welt, die ich niemals sah; aber wenn ich sie öffne, dann sind es wieder die lieben Wände, die singen, und die gelben Rosen drüben und meine schwer atmende Brust, und wir sind sehr nahe.

Aber einmal – es tönt ganz rund und lieblich – entdecke ich, daß es das schmiedeiserne Gitter ist draußen am Balkon. Die Flügeltüre steht offen; ich sitze so tief, daß sich dessen reichgeschlungene Schnörkel vor dem mondhellen Himmel abzeichnen wie schwarzer Filigran. Aber dann sind es doch nicht mehr die lustigen Eisenkränzlein, dann ist es der dunkle Mann dort draußen. Er sitzt tief zusammengekauert, das Gesicht in den Händen, und ist auch so schwarz vor dem silbernen Himmel, und wenn man nun denkt, wie hoch und feierlich er sonst durch die Straße geht, so ist da etwas, das einem ans Herz greift.

Ich mache meine Hand frei aus Großvaters Umklammerung, gleite aus den Polstern und eile zu ihm hinaus. Was ist es nur, das mich am besten tröstet, wenn mir etwas weh tut? »Heile, heile Segen« – ich nehme die Hand des Mannes streichle sie – »Drei Tag Regen, drei Tag Schnee, jetzt tut's dem lieben Doktor Clemens gar nicht mehr weh.«

Und wie er mich nun mit beiden Armen umfaßt und an sich drückt, muß ich immer denken, wie das nur möglich ist, daß man ein so heißes Gesicht haben kann und so kalte, kalte Hände.

Aber als wir zusammen in den Saal zurückgehen und drinnen alles still geworden ist, sieht er doch aus wie immer, und wie er dem Vater dankt, mit stolpernden Worten, und mit einer ungelenken Verbeugung der Mutter, da ist er halt doch der gewöhnliche Doktor Clemens mit den unsichern Händen und dem entlegenen Lächeln in dem kleinen rostroten Bart und mit den überzwerchen Augen.

Als ich im Bett liege und Mutter sich über mich beugt, bekomme ich ihre linke Hand zu fassen: »Oh, deine Finger sind heiß und vorn ganz rot, und Doktor Clemens hat so kalte Hände!«

Sie lächelt: »Das kommt bei mir vom Geigen, Kind du meinst natürlich, das gehe nur so sanft über die Saiten dahin; aber es ist halt immer dasselbe: wenn man etwas recht machen will, so muß man tüchtig zugreifen, auch wenn es ein wenig weh tut. Doktor Clemens weiß das vielleicht nicht so recht.«

Ich denke nach: »Mutter, wenn die Frau Gerichtsschreiber schielt, dann ist es häßlich, und man bekommt Angst; aber wenn Doktor Clemens schielt, dann ist das sehr kurios, und man hat ihn lieb.«

Mutter sieht mich lange an: »Ich glaube, mit seinem andern Auge schaut er eine ferne, sehr schöne Welt; aber die Frau Gerichtsschreiber, die hat gewiß viel Häßliches gesehen mit diesem andern Auge, und nun sucht sie überall darnach und ganz in der Nähe.«

Dann bin ich allein. Und wieder Musik. Dringt sie vom goldenen Saal herauf? Ist sie in mir? Ich weiß es nicht. Aber da sind auf einmal wieder die vielen Pferde. Weiße und schwarze. Und dann werden sie funkelgrün und sind Eidechsen mit so vielen funkelgrünen Schwänzen. Und dann Haare, die flatternden grünen Haare wunderzierlicher kleiner Mädchen. Sie haben soviel rote Rosen in den Händen, soviel rote Rosen, und alle werfen sie über mich . . .

Dies war gewiß nicht das einzige Mal, daß meine Eltern im goldenen Saal musizierten. Ich weiß von Winterabenden, wo das Feuer im Kamin brannte, und einmal war auch Tante Gritli dabei und sang mit ihrer frischen, angenehmen Stimme. Aber wenn ich an das »Fest« denke, dann meine ich jenen Abend, wo die gelben Rosen da waren und auf dem Balkon der stille schwarze Mann vor dem silbernen Himmel.

Es scheint übrigens, daß ich nicht der einzige Mensch war, der in Großvaters goldenem Saal sein schönstes Fest feierte. Früher, als die Großmutter noch lebte und der Ruwenberg noch seine gastlichen Tore hatte und den spendefreudigen Keller, da hat der Saal mit dem blonden Klavier gar manchem zu seiner Freude verholfen. Der Großvater war damals in seinen blühenden Jahren. Verhältnismäßig spät und märchenhaft wie das Geschenk einer Fee war ihm durch das Testament eines kinderlosen Vetters der Ruwenberg zugefallen. Aber das Erbe hatte, wie jedes richtige Feengeschenk, seinen heillosen Haken. Der schrullenhafte Alte hatte nämlich den andern, klingenden Teil des Vermögens seiner liebsten Nichte vermacht mit der Absicht, dadurch meinen Großvater zur Heirat jenes Mädchens zu bestimmen; denn der Ruwenberg, zu klein zum ersprießlichen landwirtschaftlichen Betrieb, zum bloßen Wohnsitz zu groß, konnte ohne beträchtliches Betriebskapital nicht bestehen; aber da der Großvater dem Wunsch des Erbvetters nicht nachkam, sondern vielmehr, seiner Neigung folgend, die feine und reizende, aber unbemittelte Enkelin des Arztes im Städtchen heimführte und überdies sein durch ergiebige Studien- und Wanderjahre arg zusammengeschmolzenes väterliches Erbe und die Amtsrichterbesoldung nicht stark ins Gewicht fielen, lag das anspruchsvolle Gut auf ihm wie eine gefährliche Empuse. Um so gefährlicher, als er selbst anfänglich die Verhältnisse verkannte. Da er sich so plötzlich in seinen vorgerückten Dreißigern im Besitz des herrlichen Gutes seiner Vorfahren sah, das der eigenen Linie lange verloren gegangen war, und da er gleichzeitig die lieblichste Frau heimführen konnte, sah er zunächst seine vornehmste Aufgabe darin, ein froher, arbeitsamer, glücklicher Mann zu sein und den Verpflichtungen seines Glückes nachzukommen. Zu diesen schien ihm vor allem die Wiedererweckung des Genius loci zu gehören, der während der Herrschaft des mürrischen Vetters Jahrzehnte lang geschlafen hatte. Er entdeckte ihn hinter den verschlossenen Läden des goldenen Saales.

Dieser Saal war ursprünglich das Werk eines Ahnherrn, der, gewillt seinem einspännigen Lebtag einen schönen Sonnenuntergang zu schaffen, aus französischen Diensten eine gar wunderschöne Dame und mit den nötigen Mitteln den Sinn für gedämpften Prunk und weniger gedämpfte gesellschaftliche Freuden mitgebracht hatte. Als nun der Großvater für seine junge Frau das neumodische geschweifte Klavier zwischen den Zeugen einer glänzenderen Vergangenheit aufstellen ließ, war er bereits entschlossen, den lockenden Stimmen nachzugeben und den goldenen Saal wieder in seine Rechte einzusetzen. Als aber dessen hohe Türen sich erst einmal geöffnet hatten, brauchte man nach Gästen nicht zu suchen. Sie kamen, scharenweise, durchaus mit der Absicht, sich nach Maßgabe ihres zwar bürgerlich temperierten, aber doch der Freude gar nicht verschlossenen Wesens zu vergnügen. Und wenn der verflossene Pariser, dessen tief eingedunkeltes Bildnis just über dem Klavier hing, schon an andere Freuden gewohnt gewesen war, als die Bewohner des Städtchens und des Großvaters zugereiste Freunde kannten, zum Gähnen hatte er jedenfalls keinen Grund, da es immerhin recht munter zuging und auch stets viel schöne Jugend dabei war.

Besonders der Anblick der jungen Frau konnte auch den erfahrungsreichsten Junggesellen zum Tiefsinn verleiten. Die Großmutter war der liebliche Mittelpunkt all dieser Gastereien; denn der Großvater konnte sich bei den besten Vorsätzen zu einem vergnüglichen Dasein aus einer gewissen schüchternen Steifheit selten ganz herausschälen. Dies gelang ihm allein, wenn er sang. Er hatte eine große und strahlende Stimme, wie sie bei seiner hochaufgeschossenen Gestalt keiner erwartet hätte, und er hatte das feinste Gefühl für das, was er sang. Und da auch die Großmutter ihr Instrument nicht allein mit geläufigen Fingern, sondern mit Zartsinn behandelte es ging die Sage, unsere Großeltern seien sich über einer gewissen Mozartschen Kadenz zum ersten Male in die Arme gefallen –, so gelangten die Konzerte auf dem Ruwenberg bald zu einer gewissen Berühmtheit.

Das alles nahm nach dem frühen Tod der Großmutter ein Ende. Es kamen die andern Zeiten, wo man es mit dem Sparen versuchte, mit dem Rechnen und Werken, und der Großteil hievon kam auf unsere Mutter zu liegen. Aber der Niedsichlauf der Dinge, der mit den festlichen Stunden im goldenen Saal begonnen hatte, ließ sich nimmer aufhalten. Langsam zehrte der schöne Drache sich selber auf. Daran änderte auch des Großvaters Entschluß, sein Amt niederzulegen, um ganz der Bewirtschaftung des fast abgöttisch geliebten Gutes leben zu können, nichts. Im Gegenteil. In wirtschaftlichen Dingen hatte er keine glückliche Hand, und zu eingreifenden Veränderungen in der Landwirtschaft, zur bessern Ausbeute des Bodens konnte er sich so wenig entschließen wie zur Vermietung eines Teils des halbleeren Herrenhauses. Dieses war freilich auch wenig geeignet dazu. Der goldene Saal, der die Stockwerke durchbrach, wehrte sich dagegen.

So kamen denn die Zeiten, die ich kannte, mit den vielen einsamen Stuben und wo die weiten Korridore aus jedem scheuen Kinderschritt ein prahlendes Wesen machten.

Des Großvaters schöne Stimme habe ich nicht mehr gekannt. Wohl habe ich ihn einmal singen hören, aber da war keine Freude mehr dabei. Wir lebten damals schon lange in der Stadt, und der Ruwenberg war für mich bereits zu einem fernen, wenig wirklichen Traum geworden. Da eines Tages – es war im Frühling vor deiner Geburt, Rehlein – kam es die Mutter an, daß sie mit mir in ihre Heimat reiste. Niemand wußte recht, weshalb sie diesen plötzlichen Entschluß faßte; aber der Großvater ist dann bald nachher gestorben, noch ehe du da warst, Rehlein.

Da uns auf dem Ruwenberg niemand erwartete, konnte es geschehen, daß wir unbemerkt in Großvaters Stube gelangten. Das Bild werde ich niemals vergessen: so ein blütenweißer Frühlingsmorgen; die Pflaumenbäume hängten ihre schäumenden Äste fast zum Fenster herein, und auf dem weißsonnigen Tannenboden lag der lustigste Teppich aus blumigen Schatten und mitten drin in den schaukelnden Sonnenmustern Großvater an der alten Schaukelwiege mit Tante Gritlis kleinem Mädchen. Er hatte sich dem Kinde zugewandt, und seine tauben Ohren sagten ihm nichts von unserm Erscheinen. Ganz weiß war er geworden, und auch Gesicht und Hände waren farblos, wie durchsichtig in der weißen Luft.

Ob sich wohl die Kleine geregt hatte? Auf einmal kam die Wiege in heftige Bewegung, und zugleich hub der Großvater an zu singen. Oh, diese Töne ohne Verhältnis und Zusammenhang, diese arme, dünne, erlöschende Stimme der Hilflosigkeit! Ich glaubte, daß mir jemand die Brust zusammendrückte, und auf einmal war die Mutter nicht mehr da.

Draußen auf dem Lindenbänklein fand ich sie. Sie hatte das Gesicht in beide Hände gepreßt, und durch ihre Schultern ging ein stoßweises Zittern. Dieser gänzlich ungewohnte Anblick versetzte mir den schärfsten Schmerz. Ich wußte mir nicht anders zu helfen, als daß ich mich neben die Mutter warf und ebenfalls in Schluchzen ausbrach. Aber sie ließ mich nicht lange gewähren. Rasch wischte sie sich die Augen trocken und versuchte es mit einem Lächeln. Einem so lieben, ein wenig verlegenen Lächeln, fast schüchtern, wie um Entschuldigung bittend: »So ist man nun, da meint man schon lange eine weise Frau zu sein und sich damit abgefunden zu haben, daß nun einmal nach dem Gipfel der Abstieg kommt und daß der nicht in die Sonne führt; aber wenn man es an den Eigenen erlebt, ist es immer wieder eine neue Wahrheit, und das tut dann sehr weh.« Und nach einem tiefen Atemzug: »Wenn du ihn früher gehört hättest, Simon, solch eine Stimme hatte dein Großvater, und was das für Zeiten waren!« Aber als sie sich erhob, war ihr Gesicht wieder hell und Hand in Hand gingen wir nach dem Hause zurück, zwei gewappnete Menschen.

Diesmal machte uns der Großvater das Wiedersehen nicht schwer. Er hatte uns vom Fenster aus bemerkt und kam uns schon unter der Haustüre entgegen. Die Überraschung hatte ihm das spärliche Blut in die Wangen getrieben, sein Gesicht glänzte vor Freude, und als er uns an sich drückte, geschah dies mit der größten Herzlichkeit und mit mehr Kraft, als man seinen dünnen Händen zugetraut hätte; aber seine Lippen waren kalt und krümelig wie feuchte Erde.

Er führte uns in seine Kammer und schloß behutsam die Türe gegen das schlafende Kind mit einem feinen, fast pfiffigen Lächeln: »Gelt, Elisabeth, das hättest du nun auch nicht geglaubt, daß meine Kunst mir in meinen alten Tagen noch nützen könnte? Aber ich sage dir: Das Hexlein dort drüben, sobald ich dem zu singen anfange, hält es sich ruhig und schläft ein.«

Da seine armen verschlossenen Ohren mit unserm Reden wenig mehr anzufangen wußten, war er es, der fast immer sprach. So kam denn viel Seltsames, Wehmütiges und Ergötzliches aus der Vergangenheit herauf, und der Tag wurde schließlich noch ein recht heiterer. Der Onkel war zufälligerweise abwesend.

Dennoch behält dieser Besuch in meiner Erinnerung eine schmerzliche Farbe; denn ich hatte vordem meine Mutter nie so weinen gesehen, so offen am Tage. Wohl hatte es Zeiten gegeben, wo es vorkam daß mir am Morgen ihre lieben Augen verändert erschienen, mit schweren geröteten Lidern, und einmal war es geschehen, daß ihr Schluchzen mich aus dem Schlaf weckte; allein das war bei Nacht gewesen, in jener grauenvollen Nacht –

Doch, ich bin daran, zu weit vorzugreifen in meiner Geschichte. Daß es uns Heutigen so schwer fällt, die Ereignisse schlicht und getreu in ihrer zeitlichen Folge aufzuzählen! Wir sind allzusehr in die Sklaverei der selbsterdachten Zusammenhänge geraten; darüber ist uns der Sinn für das beruhigende Glück natürlicher Reihenfolge verloren gegangen. Und dann: wer der eigenen Vergangenheit ins Antlitz schaut, dem gelingt es nicht leicht, sich der Übermacht des dunkeln Auges zu entziehen.



Es gibt wohl hie und da im Leben einen Tag, der in der Erinnerung mehr Raum beansprucht als Jahre, soviel Erlebnis vermag sich einzuspannen in den engen Kreis zwischen Morgen und Abend. Dermaßen umfänglich und voll von Ereignis erscheint mir jener Oktobersamstag, der uns vom kleinen Landstädtchen in die große Stadt, vom weiten Ruwenberg in die enge Gasse führte.

Gar manches war diesem Tag vorausgegangen. Mehr eifriges Hin- und Herreden, als man sonst auf dem Ruwenberg zu hören gewohnt war. Viel schwere, prophetisch beladene Aussprüche des Großvaters, der es nicht begreifen konnte, daß einer eine schöne, ersprießliche Stelle im Staatsdienst mit dem unsichern Posten an einer Privatanstalt vertauschen konnte und den herrlichen Ruwenberg mit einer Stadtwohnung und der die Stadt überhaupt ansah als ein Gefäß voller Gefahr, Verführung und Verderben. Aber noch mehr Worte des Vaters, große, erwartungweckende, die die Stadt als das Paradies hochstrebender Geister darstellten, als den Garten der wahren Freiheit. Und manche ernste und kluge Erörterung der Mutter. Darüber war es oft ungemütlich, oft gar laut und heftig zugegangen; aber eines Tages legte meine Mutter ihre beiden Arme dem Großvater um den Hals und lächelte ihm lieb und nah in die Augen:

»Sieh, Vater, es muß nun halt sein, auch um Simons willen, der später doch in die Stadt müßte. Dir wird es nicht schlimm gehen, da ja das Gritli bleibt und die junge Familie dir hoffentlich bald liebes gesundes Leben ins Haus bringt. Was aber uns betrifft, daß deine Befürchtungen sich nicht erfüllen und uns die Not nicht erreiche, da möge Gott vor sein und unsere vier wackern Hände.«

Und der Großvater hatte mit einem wehmütigen Lächeln Mutters Hände zwischen die seinen genommen und sie gestreichelt: »Ja, ja, wackere Hände, wenn dir nur darüber die deinen nicht zu müde werden, meine tapfere Elisabeth, mein gutes Kind.« Dabei waren ihm Tränen gekommen, daß die Mutter ganz verlegen wurde und der Vater sich unwirsch abwandte.

Als ich dann zwei Wochen mit dem Großvater allein war, derweil die Eltern die Stadtwohnung herrichteten, sah ich oft an ihm ein schweres und bekümmertes Wesen, das auch mir vor den Atem kam, obschon er so zärtlich war wie nie zuvor und mich bei seinen Gängen durch den Garten nicht von der Hand ließ. Aber just diese Gänge waren beängstigend wie ein ausgedehntes Abschiednehmen und machten mich wehleidiger als der Abschied selbst.

Ja, dieser glich eigentlich eher einem Fest als einer betrüblichen Begebenheit. Meine Mutter war gewöhnt, jegliches Ereignis so genau vorzubereiten, daß die entscheidende Stunde jeweils alles durchweg bereit fand. Daher kam es, daß man an ihr nie ein überstürztes oder hastiges Wesen sah, und ich muß wohl annehmen, daß sie auch für das Schicksal eine derartige Bereitschaft hatte. Nur, wer jeglichen Schmerz bereits erkannt und vorahnend durchgelitten hat, vermag dem plötzlich hereinbrechenden Unglück standzuhalten, wie meine Mutter es vermochte, und nur dem wird es gelingen, daß er die Heiterkeit der Seele im Leben nicht einbüßt.

Auch jener Abschiedsmorgen fand meine Mutter in heiterster Ruhe. Wenn der Vater immer wieder das aufgeladene Gepäck überzählte und der Großvater unstet in allen Stuben nach Vergessenem fahndete, lächelte sie bloß: »So glaubt mir doch, es ist alles in Ordnung.«

Dann nahm sie mich bei der Hand und stieg mit mir noch einmal die lieben Wege empor, so gelassen, als ob uns der ganze lange Tag für diesen letzten Gang zur Verfügung gestanden hätte. Sie schritt auch so sicher, nur daß es mir vorkam, als ob sie meine Hand fester umfaßte als sonst. Sie sprach wenig, und hie und da glitt ihre Linke mit einer besondern Bewegung über einen Busch hin oder hob das runde Gesichtlein einer Dahlie zärtlich empor.

Oben auf dem Rebberg ließ sie meine Hand gehen. Sie stand auf der Kante des Hügels, merkwürdig hoch in dem langen Reisekleid. Und die schlanken Weinstöcke rings wie streng gescharte Wächter. Ihr Kleid war graues Silber in der dunstigen Luft, aber ihr Gesicht stand warm vor der Helle des blassen Morgenhimmels. Sie hielt die engverschränkten Hände gegen die Brust gedrückt, und die Augen gingen mit einem großen Blick rings über die weithin gedehnten Hügel.

Ich hatte plötzlich das Gefühl, als ob meine Mutter fern von mir wäre, und diese fremde, wehe Empfindung ist vielleicht schuld daran, daß sich mir das Bild unverrückbar eingeprägt hat. Durch alle Zeiten konnte ich meine Mutter so vor mir sehen; aber jedesmal, wenn dieses Bild auftaucht, fühle ich mit neuer Wehmut, wie ganz meine Mutter in das Land hineingehörte, wo sie geboren war, in dieses großgezogene, früchtreiche Land mit dem weiten Himmel und daß sie eigentlich in die Begrenztheit ihrer spätern Heimat, wo meine winklige Person sich so wohl aufgehoben fühlte, nie recht hineinpaßte. Wenn sie sich dennoch gut in die Enge fand, so war das nur deshalb möglich, weil sie beim Verlassen ihrer Jugendheimat sich innerlich schon so weit und groß gebaut hatte, daß keine äußere Beschränktheit ihr fürder etwas anhaben konnte.

Wenn ich aber dich ansehe, Rehlein, und an dein Schicksal denke, ist mir immer, als ob du in einem besondern Sinn das Kind jener Mutter wärest, wie sie damals vor mir stand, an dem stillsonnigen Herbstmorgen, die verschränkten Hände vor die Brust gedrückt und die großen heißen Augen nach der Weite gerichtet, und die mir auf einmal so fern war.

Gewiß dauerte ihre Versunkenheit nur Augenblicke, aber mir schien es so lange, daß ich sie ängstlich am Kleide zog. Da hob sie mich auch schon in ihre Arme: »Ach, du bist mir doch so viel wichtiger als das alles, Simeli, und denk«, wenn ich jetzt hier bliebe und dann gingest du eines Tages in die Stadt, um dort so viel Schönes zu lernen, da müßten wir uns ja trennen. Stell' dir vor, daß ich dich ganz allein fortziehen ließe! Gelt, so etwas gibt es doch nicht?«

Und ich nickte mächtig und fand es höchst angebracht, daß mich die Mutter nun kurzweg auf den Arm nahm und den gestuften Weg hinuntertrug. Dabei erzählte sie mir von der Stadt. Das sei nun freilich etwas anderes als der Ruwenberg, und wenn man so lustige Wiesen und Weinberge sehen wolle wie hier, müsse man schon recht weit laufen, und das könne man nicht jeden Tag. Die Stadt aber sei fast wie ein Gebirge mit hohen Wänden und Felsspalten, nur daß die steinernen Berge die Menschen selber gebaut hätten, und in den Abgründen seien lustige Gassen, in denen man sehr wohl wandeln könne; denn überall wartete irgendeine merkwürdige Überraschung hinter großen Fensterscheiben. Es seien da auch viele Menschen, so viele, daß man sich gar nicht mehr um jeden kümmern könne, sondern ganz schnell und ohne zu grüßen aneinander vorbeigehe. Deshalb denke man doch nicht unfreundlich voneinander. Im Gegenteil, weil man sich an alle Sorten Menschen gewöhnt sei, wundere man sich über keinen.

Oft aber seien die Gassen zwischen den hohen Steinwänden auch fast leer: so an einem stillen, nebligen Herbstmorgen etwa, und da habe denn die Stadt auch etwas vom Wald an sich. Da seien auch so lange geheimnisvolle Gänge, die einen einziehen, und irgend in der Ferne ein Turm oder ein paar spitze Türme und Giebel wie Bäume in der zarten dunstigen Luft.

Zwischen den Gassen aber liegen die Plätze, rings umschlossen, mit bunten Brunnen und glänzendem Taubengeschwader, recht wie heitere Säle, darin die Kinder spielen. Überhaupt habe die Stadt so etwas Beschützendes. Besonders im Winter, wenn auf dem freien Land alles unwirtlich sei und die schlimmen Stürme weit herumfegen, sei man in der Stadt geborgen wie in einer freundlichen Stube, in der abends schöne Lichter brennen. Allein das Schönste seien doch vielleicht die Gärten. Die wären ganz versteckt hinter Mauern, daß keiner was davon ahne, und komme man dann durch irgendein graues ernstes Stadthaus hindurch und trete auf der andern Seite aus dem dunkeln Gang, da stehe man auf einmal mitten unter Bäumen und Blumen, und die Sonne scheine aus einem wunderigen blauen Himmelsstück hernieder. Und wenn die Bäume gewiß auch nicht anders seien und die Blumen als draußen auf dem Land, nur ein wenig vorgerückt im Keimen, Blühen und Reifen, der geschützten Lage wegen, es scheine doch alles so viel wunderbarer. Ja, eigentlich sei es ein rechter Zauber, so ein Garten mitten zwischen Mauern und vielleicht überhaupt der einzige richtige Garten. Denn draußen sei es einfach ein Stück des allgemeinen Landes, ein besonders buntes, besonders geordnetes vielleicht, aber doch kaum herauszulösen aus dem ganzen grünen Wesen. Hier aber sei der Garten wie eine Wunderinsel, etwas für sich allein, etwas, das einem ganz gehöre, etwas, um darin geborgen und glücklich zu sein, und der grüne Aufbruch einer ganzen Welt könne einen nicht froher machen als das erste grüne oder rosenrote Zweiglein, das eines Morgens an der Sonnenmauer des Stadtgärtchens erscheine. Und da sei es denn auch ganz gleich, ob der Garten groß sei oder klein. Daß man so einen grünen Winkel habe und den blauen Himmel darüber, zwischen lauter Stein, das sei das Wunderbare, nie Auszulernende.

Ein solches Gärtlein nun, ganz heimlich hinter Mauern geborgen, gehöre auch dem Haus »Zum kleinen Schwanen« oben an der Steilen Gasse, wo wir fortan wohnen werden. Ein altes merkwürdiges Haus, das schon meinen Urgroßeltern gehört habe und dann auf meinen Vater übergegangen sei. Aber das Schwanengärtlein besitze noch etwas ganz Besonderes, das man sonst nirgends treffe, und davon wolle sie mir nun absichtlich nichts sagen, das sei dann die Überraschung dieses Tages.

Solchermaßen erzählte mir die Mutter, als sie mich zum letzten Male auf dem geliebten Weg durch den Weinberg hinuntertrug, und mich ergriff die heiße Ungeduld nach der neuen Heimat, daß ich nichts mehr gewahrte von dem herbstlich übergoldeten Lande rings, an dessen Anblick ihre Augen immer noch hingen, immer noch mit derselben fremden und schmerzlichen Glut. Aber merkwürdigerweise war in der ganzen Erzählung nichts, das mich sonderbarer berührte als das Wort »geborgen«, das meine Mutter mehrere Male gebrauchte, das ich nicht verstand und darunter ich mir etwas Wundervolles denken mußte, etwas Stilles, Weiches, Wohliges, mit einer großen Freude mitten drin.

Auch der Weg durchs Städtchen nach dem Bahnhöflein glich weniger einer Trübsal als einem Fest; denn überall von Fenstern und Türen flogen einem soviel freundliche Wünsche nach, daß man sich sehr ausgezeichnet vorkam. Und dann liefen aus allen Häusern die großen Kinder meinem Vater zu, und wenn auch manches der Mädchen weinte, sie brachten alle Blumen mit, sodaß es fast ein wenig aussah wie am Jugendfest und wir im Eisenbahnwagen kaum Platz fanden für den buntfarbigen Maien. Und der kräftige Asterngeruch vertrieb bald den säuerlich faden des Kohlenrußes, daß wir saßen wie mitten in Wald und Garten. Ehe der Zug abfuhr, fingen die Kinder noch zu singen an, und mein Vater stand so breit vor dem Fenster, daß Mutter und mir nur eine kleine Lücke blieb, um nach dem Großvater zu blicken, der mit unbedecktem Haupt, sehr aufrecht, zwischen der strahlenden Tante Gritli und ihrem hutschwenkenden Bräutigam stand.

Dann auf einmal flog alles zurück, und das laute Stampfen begann, daß ich mich entsetzt an die Mutter klammerte und die Augen schloß. Als ich mich wieder zurecht fand, war das Städtchen bereits verschwunden, und draußen zogen fremde Welten vorüber.

Ich saß auf dem Schoß meiner Mutter und hielt den Kopf an ihre Brust gelehnt, und ich erinnere mich, daß ich das Klopfen ihres Herzens ganz deutlich vernahm, so laut und hastig war es; aber mir wurde unendlich wohl dabei. Ich fand es über die Maßen herrlich, von diesem holden Platz aus in die fliegende Fremde zu blicken. Auf die Reden meines Vaters, der fortwährend laut und lustig sprach, achtete ich kaum; aber einmal nahm er mich ans Fenster und ließ mich ein Waldtal sehen, das sich dunkel und vielversprechend mit einem behenden Flüßlein nach der Tiefe zog. Und er erzählte mir, daß dort hinten unter Tannen die Säge seines Vaters gestanden habe. Dann lachte er: »Wie mein Großvater als junger Pfarrer da hinauszog, hat er es auch nicht gedacht, daß er erst in seinem Enkel wieder in die Vaterstadt zurückkehren werde. Aber es war dem alten Geschlecht nicht von Schaden, daß es den Umweg durch die Säge und das frische Blut der Sägemüllerin machte, und wenn das Unglück mit meinen Eltern nicht passiert wäre, so säße ich nun wohl noch dort hinten und könnte Sägemehl fabrizieren; denn mein Vater hätte seinen Einzigen bei Lebzeiten nicht von der Säge gelassen.«

So etwa sprach mein Vater, und er lachte dabei, und sein Gesicht war ein wenig selbstgefällig. Ich aber sah ihn auf einmal vor mir, wie er groß und breit unter den schwarzen Tannen durchging, und Sonnenflecke rannen ihm durch den goldenen Bart, und sah ihn, wie er half, die entrindeten harzglänzenden Baumstämme der pochenden Säge ins Maul schieben, und da hatte ich plötzlich das Gefühl, daß er ausnehmend gut dorthin gepaßt hätte. Wie ein Waldkönig wäre er gewesen, und sein helles Lachen hätte sich dort so viel besser vertan als zwischen engen Wänden. Nur seine flinken Augen und die unsteten Finger, mit denen er so gern gegen die Scheiben klopfte, hätten wohl nicht recht hineingepaßt in die Größe des Waldes; die waren es wohl auch, die ihn in die wimmelnde Stadt zurückzogen.

Einmal, als der Zug hielt, rief mein Vater, der bei jeder Station aufsprang und den Kopf aus dem Fenster streckte, mit lautem Grüßen jemanden herbei. Ein einfacher Mann stieg zu uns ein, der meine Eltern aufs herzlichste begrüßte und sich alsbald zu uns setzte. Er sah aus wie ein Bauer und sagte, er sei sonst nicht gewohnt, auf Polstern zu fahren, aber der außerordentlichen Gelegenheit zuliebe könne er es heute schon wagen. Er sprach wenig und hörte meinem Vater zu, der ihm mit übersprudelnder Freude von seinen Plänen erzählte. Er hatte um die Augen so freundliche Fältchen wie Strahlen um ein Licht, und es war, als ob er damit immer ein wenig lache. Aber als er beim Abschied meinem Vater die Hand auf die Schulter legte, machte er ein ernstes Gesicht. Mit wenig behutsamen Worten suchte er den Direktor der Libertasschule, an der nun mein Vater wirken wollte, zu zeichnen. Er sei ein heller und kluger Kopf, aber etwas gar schnell zu Wohlhabenheit gelangt, und es falle auf, daß es so viel Lehrerwechsel gebe an seiner Anstalt.« Kurz und gut, wenn ich dir raten darf, Tellenbach, sieh die Sache mal als einen Versuch an – wer ein eigenes Haus hat und sonst nicht übel daran ist, darf sich das Experimentieren ja erlauben; aber behalte die Augen offen, und wenn sich irgendwo in den Stadtschulen eine annehmbare Stelle zeigt – item, ich wäre kein Kostverächter.«

Mein Vater schien erst etwas bestürzt, dann aber höhnte er: »Lehrerwechsel! Das glaub' ich schon, daß dort nicht jeder hinpaßt. Aber der Direktor und ich, das ist wie ein Kopf!«

 »Dann ist es gut,« nickte der Mann und verließ freundlich grüßend den Wagen. Aber als der Zug aus der kleinen Station fuhr, brummte der Vater unwirsch vor sich hin: »Neidhammel!« – und wies auf die vorübergleitende Ortschaft »Man muß es ihm verzeihen, wenn einer in einem solchen Nest Schulmeister ist.«

Ich aber sah draußen ein schönes sauberes Dörflein, glänzend unter der schönsten Nachmittagssonne, und Mutter wehrte: »Nein, Felix, du tust ihm unrecht. Er scheint ein besinnter und gewahrsamer Mann, dabei wohlmeinend. Wir wollen uns seine Worte lieber merken.«

In der Tat habe ich diese Worte späterhin mehr als einmal wiederholen hören; deshalb wohl sind sie mir unvergessen geblieben.

Der große Bahnhof, dem unser Zug uns schließlich auslieferte, erschien mir wie das bare Entsetzen, ungeheuer und doch erstickend eng mit seinem drückenden Dach, ein schwarzer Riesenrachen, aus dem es kein Entrinnen gab. Und all die Menschen, die um uns her schwammen, und der Lärm! Mein Vater trug mich auf sicherem Arm, und ich hätte am liebsten mein Gesicht mit geschlossenen Augen in seinen Bart verborgen; aber ich vermochte es nicht, aus Angst, daß mich dann das Grauenhafte meuchlings von hinten packe. Denn so hatte ich es von jeher, dem Gräßlichen muß ich entgegenschauen, und ich weiß bis heute nicht, ist dies Tapferkeit oder Furcht. Damals aber meinte ich, daß wir gradeswegs in die Hölle gerieten.

Statt dessen gelangten wir unter einem dunkeln Bogen hervor auf einen mächtigen Platz, den die pralle Sonne glänzend machte. Und plötzlich stand auch das Vreneli vor mir, das Bauernmädchen von daheim, das uns vorangegangen war; das lachte mit dem ganzen Gesicht.

An einem sichern Ort zwischen hohen Pfeilern stellte mein Vater mich auf den Boden, und während er mit einem Mann unterhandelte, der ein goldenes Blech auf der Mütze trug, und während Mutter das Vreneli begrüßte und ihm einiges Gepäck einhändigte, sah ich auf diesen hellen Platz hinüber, der nun wohl die Stadt war und der so ganz anders aussah als das Bild, das Mutters Erzählung mir gezeigt hatte. Diese Häuser waren gar keine Gebirge, die glichen eher ungeheuren Pappschachteln mit buntem Papier beklebt, und es sah auch aus, als ob man sie nur so hingestellt hätte auf den flachen Boden und sie gar nicht hierher gehörten. Sie waren steil und heimtückisch, wie wenn sie sich jeden Augenblick auf einen hätten stürzen wollen. Und es war auch, als ob die Menschen so etwas fürchteten, sonst wären sie nicht alle so durcheinander gerannt. Von allen Seiten her liefen sie über den Platz wie Hunde, die den Herrn suchen, und das war doch gewiß gefährlich; denn da waren auch so viele Fuhrwerke, die von überallher aufeinander losstürzten. Aber merkwürdigerweise stießen sie nie zusammen, sondern kamen immer aneinander vorbei, die Menschen und die Fuhrwerke, und wenn man länger zusah, bemerkte man, daß die meisten jener Straße zuflossen, über die eben eine ganze kleine Remise voll lauter Menschen von vier Pferden herangezogen wurde. Und nun bemerkte ich auch, daß jene überfüllte Straße eine Brücke sein mußte, aber von mir aus konnte man den Fluß nicht sehen.

Es kam eine große Angst über mich, wie ich mir vorstellte, daß auch ich gleicherweise zwischen den Menschen durchrennen müsse; aber da gewahrte ich zwei schwarzgekleidete Herren, die etwas wie einen Knaben zwischen sich führten und die so ruhig daherkamen, als ob sie daheim über den Ruwenberg spazierten. Es war auch, als ob die andern Menschen ihnen Platz machten, und immer wieder sah man das Schwenken von grüßenden Hüten.

Sie kamen geradeswegs auf uns zu, und plötzlich gewahrte ich, daß der zwischen ihnen kein Knabe war, sondern ein Mann mit Bart und Brille, aber sein Kopf hing zwischen hohen Schultern und das vorgeschobene Kinn lag tief auf der spitzen Brust. Es war der erste Bucklige, den ich sah, und sein Anblick war mir so, daß ich mich an den kalten Pfeiler neben mir klammern mußte; denn die drei Schritte bis zu meiner Mutter hätte ich nimmer zu tun vermocht. Oh, das war furchtbar wie ein fremdes Tier, das falsch auf seinen Beinen stand, oder wie eine häßliche Puppe, die man zerbrochen hatte und dann falsch zusammengesetzt.

Indes kamen die Herren nahe heran, und plötzlich griffen alle drei nach den Hüten, um meinem Vater zu antworten, der tief und ehrerbietig grüßte; aber während die beiden Großen nach dem Vater blickten, sah der Bucklige mich an. Und wie ich nun in seine stillen, braunen, von den Brillengläsern merkwürdig vergrößerten Augen sah, stieg etwas Warmes in mir auf, das alle Starrheit löste. War es der tiefe gütige Blick, war es das leise lächelnde Zunicken? Irgend etwas war da, das mich ganz nahe anging, das mir bis ins Herz langte und das mir wohltat wie die Hand der Mutter über der fiebernden Schläfe.

Mein Vater machte sich mit eifrigem Flüstern an die Mutter: »Ist das nicht wunderbar und glückverheißend, der erste Gruß in der neuen Heimat von einem Buckligen?« Und dann gegen mich: »Siehst du, Simon, daß man auch so gestaltet ein bedeutender Mann werden kann! Der Herr ist ein großer Gelehrter und Professor, der hat mehr kluge und feine Dinge gedacht und geschrieben als zehntausend Gradgewachsene zusammen. Ja, er ist wahrhaftig ein berühmter Mann.«

Ich hörte begierig zu. Besonders das Wort »berühmt« ergriff mich. Es war so festlich gerundet mit einem seltsamen matten Glanz. Wie Goldspitzen über violetter Seide. Vielleicht war auch roter Samt dabei, aber ganz dunkler mit purpurschwarzen Tiefen. Auf jeden Fall war es etwas aus der Maßen Fremdes und Feierliches.

Dem mußte ich nachstaunen, als ich nun zwischen Mutter und Vater über den Platz ging, der mir auf einmal gar keine Angst mehr machte. Ich konnte sogar ganz ruhig die Vorüberhastenden betrachten, und dabei dachte ich, freudig erregt, wie wenig nun alle diese graden großen Leute besagten mit ihren kalten verschnürten Gesichtern neben jenem einzigen Buckligen, dessen Augen einem bis ins Herz gingen. Und der Spruch der alten Mäde fiel mir ein: Die Buckligen haben ihre Seele im Kopf.

Jenseits des Platzes, als mein Vater sich der Brücke zuwenden wollte, zögerte die Mutter: »Tu mir den Gefallen, Felix, geh einmal voran mit dem Vreneli; ich möchte mit Simon über den Lindenberg gehen, damit er die Vaterstadt von Anfang an im rechten Lichte sieht.«

Er nickte, gut gelaunt: »Gewiß, das machst du am besten.«

Dann war ich mit meiner Mutter auf einem steilen Weg zwischen Mauern, über die Haselnußbäume tief herunterhingen. Wir waren allein wie in unserem Weinberg daheim, und auf einmal standen wir am Rande eines großen Platzes, dem das durchsonnte Geäst der herbstlichen Linden ein reichverwobenes Dach aus Gold und Himmelblau schuf. Auch auf dem Boden lagen viele gelbe Blätter, und ein Rudel Kinder lief lustig raschelnd darin herum. Als sie mich gewahrten, kamen sie, eins nach dem andern, langsam auf mich zu mit jenen neugierigen Augen, die ich von den Kindern des Städtchens her so wohl kannte, aber da stand auch schon eine große graue Frau mit einer weißen Haube. Die klatschte laut in die Hände, und alsobald liefen die Kinder zu ihr, formten einen großen Kreis und fingen, sich leise drehend, ein langgezogenes Lied zu singen an.

Meine Mutter führte mich an die Mauer, die vorn den Platz abschloß, und stellte mich auf deren breites Gesimse, daß ich bequem hinüber- und hinunterblicken konnte. Und ich sah über einen wilden, von Herbstlaub und Vogelbeeren bunten Abhang hinab in einen großen Fluß, der mit grünen und weißen Wellen daherzog. Aber was sich auf der andern Seite, jenseits des hellen Uferbandes auftürmte, das war die Stadt, wie Mutter sie mir beschrieben, nur viel, viel größer, als ich es mir hatte denken können. Ja, das war wie ein Gebirge, all die gewaltig steilen Dächer, hoch, hoch übereinandergeschichtet mit den dunkeln, gerölligen Ziegelraupen, die spitzen Heime und stolz aufgereckten Türme. Und dazwischen die scharfen, schwarzen Abgründe. Man sah genau, wie die bunten Menschen aus ihnen hervorschlüpften, auf die sonnige Uferstraße heraus, wo die herrlichen Häuser mit den mächtig vielen Fenstern standen. Und Kinder bemerkte ich, die vom hellen Flußufer in jene schwarzen Spalten hineinsprangen, als ob es in den Wald ginge.

Aber wenn man dem Fluß aufwärts folgte, dann wurde er auf einmal weit und still und blauschimmernd, und weiße und gelbe Riesenvögel trieben darauf herum. Meine Mutter erklärte mir, daß dies der See sei mit seinen weißen und gelben Segelschiffen und daß ich den nun alle Tage sehen und vielleicht gar darauf herumfahren dürfte. Dann zeigte sie mir noch eine Stelle im Häusergebirge, wo zwischen den graubraunen Giebeln buschige und schlanke Baumwipfel hervorbrachen. Dort liege die Steile Gasse und ganz zu oberst das Haus »Zum kleinen Schwanen«, wo wir nun hinwollten.

Vom Lindenberg niederwärts führte uns eine gäche Gasse, die so dunkel war, daß das Auge sich erst daran gewöhnen mußte, und da sah ich denn gleich, daß wir bereits im rechten Häusergebirge drin waren. Die hohen fensterreichen Mauern standen nicht hart und gradkantig auf dem Boden wie beim Bahnhof drüben, sondern sie stiegen bucklig oder mit sanft geschweiften Flächen aus dem Grund wie gewachsene Bäume oder wie Felsen. Aber weiter unten kamen Häuser mit großen Fenstern, dahinter bunte, merkwürdige und appetitliche Dinge lagen. Irgendwo sah ich sogar einen großen schwarzen Neger mit weißblitzenden Augen und weißblitzenden Zähnen, der ein rotes Samttuch über den Arm gehängt hatte. Das schien mir nun doch das Wunderbarste von allem, und als meine Mutter behauptete, derlei könne man fast in jeder Gasse sehen, dachte ich, die Stadt müsse wohl das wahre Märchen sein.

Die Brücke, die uns über den Fluß führte, war weniger begangen als die erste. Dafür gab es da eine Reihe von Marktständen, die mit den buntesten Blumen bis oben hinaus umsteckt waren, daß es laut flammte in der klaren Sonne. Alte Frauen saßen daneben, die uns freundlich zunickten und zum Mitnehmen einluden. Aber meine Mutter lächelte, indem sie auf den großen Maien aus Astern und Dahlien in ihrem Arm hinwies, und die andern nickten ebenfalls lächelnd zurück. Mir aber schien die stumme Unterhaltung etwas besonders Liebes und Freundliches.

Auf einmal standen wir vor der Steilen Gasse. Sie war breiter als manche andere, sodaß die Sonne weit hinunterzulangen vermochte, und sie war ganz gerade und sehr stotzig; aber das Merkwürdigste, sie ging nicht glatt oder holperig wie andere Straßen, sondern führte mit niedrigen, sehr breiten Tritten empor wie eine Treppe.

Meine Mutter nahm mich fester bei der Hand: »Nun wollen wir einmal im Takt gehen, dann kannst du sehen, wie schnell und lustig man da hinaufkommt.« Und sie zählte leise: »Links, rechts, links, rechts,« und paßte ihre Schritte den meinen an, immer drei von einer Stufe zur andern, und unsere Hände schwangen leise mit, und die Schritte tönten munter und genau, immer der vierte etwas lauter, daß wir heraufkamen wie im Tanz so ring und vergnügt. Dann standen wir vor der grünen Türe mit dem goldigglänzenden Löwenkopf darauf und dem steinernen Schwan darüber; aber ehe wir den Klopfer in Bewegung setzen oder am strahlenden Glockenzug ziehen konnten, ging die Türe auf, und der Vater stand vor uns, lachend und hemdärmlig, als ob er schon immer da gewohnt hätte.

Der tiefe Flur, der uns aufnahm, wurde von dem Gitterfensterchen neben dem Eingang nur wenig erhellt. Aber auf einmal öffnete sich im Hintergrund eine Türe: rote Fliesen leuchteten auf, die lange Reihe der Nußbaumschränke und die dunkle Treppenwand bekamen einen Glanz, die grüngoldene Herrlichkeit brach herein. Ich stürzte ihr entgegen: »Der Garten!«

Ja, das war nun wieder so, wie die Mutter gesagt hatte, und wann etwas ein rechter Garten sein wollte, dann mußten gewiß solche hohe Mauern ringsherum gehen, über die das dunkle Efeu und die roten Reben dicht und lang herunterhangen konnten. Und solche gewundene Weglein mußte es geben, daß man lange darauf wandeln konnte und daß man zu jeder Blume Zugang fand. Es gehörte aber gewiß auch ein solches lichtes Bäumchen vorne vor die Fenster mit dem silbernen Stamm und den goldenen Blättern, die sich nie ruhig halten konnten. Aber vor allem mußte dieser gewaltige Baum da sein, ganz zuhinterst, wo der Garten dunkel und geheimnisvoll wurde. Er war tiefgefärbt, mit roten, violetten und kupfernen Blättern, und dunkel zwischen den Büschen der Zweige, daß ich an das Wort »berühmt« denken mußte: aber da meine Mutter ihn eine Blutbuche nannte, schien mir auch dieser Name äußerst edel und reich, wenn auch ein wenig bedrückend. Jedenfalls konnte man nicht zu jeder Stunde sich auf das Bänklein setzen, das vor dem dicken Stamm herlief, und es war schon gut, daß hinter der Blutbuche links und rechts diese beiden, hell auflodernden Saarbäume standen. Die zogen den Blick mächtig ins Himmelblau empor, so daß man sich leicht hätte vorstellen können, man werde eines Tages einfach dort hinauffliegen. Und so sah man denn, daß gewiß auch solche Saarbäume in einen rechten Garten hinein mußten, damit man spüren konnte, wie auch die Luft zu einem gehörte, der klare Himmel und alles, was dort oben segelte, glänzte und glomm.

Die Mutter rührte mich leise an der Hand: »Die Überraschung, hast du die vergessen?« und sie wandte sich mit mir dem Hause zu. Jetzt erst sah ich, daß neben der Tür eine breite Laube in den Garten hinausgebaut war, von dichten Ranken völlig überkränzt. In diese führte mich die Mutter, und das war die Überraschung: Dem Eingang gegenüber, wo die Laube an die Gartenmauer lehnte, war ein Fenster herausgebrochen, breit, überwölbt und von den grünen Ranken ganz umkleidet. Durch dieses Fenster aber sah man wie durch einen Zauberspiegel auf die ferne Bucht des Sees mit dem Berg, und so wunderbar fügte es sich, daß kein Baum der anstoßenden Gärten, kein Schornstein oder Dachgiebel der tieferliegenden Häuser in dieses Bild hereinragte. Gänzlich klar lag es da, unwahrscheinlich, allen Zusammenhängen entrückt und wie um seiner selbst willen.

Mein Vater strich sich stolz den Bart: »Das ist mein Claude Lorrain.« Das Wort klang wie ganz helles Gold und in der Tat war auch in diesem Augenblick das Bild im Fenster wie in lichtes Gold gebadet, so hell leuchtete der See herauf und die Segel zogen mit den sonnigsten Schwingen darüber hin; aber der herbstlich flammende Berg stand in silbernen Dämpfen.

Ich biß meine Mutter in die Hand, so heftig, daß sie leise aufschrie; aber als ich dann bestürzt das rote Mal rieb, lachte sie. Sie wußte ja, daß ich solches nur tat, weil ich mir vor lauter Glück nicht mehr helfen konnte.

Und doch ahnte ich damals noch nicht, was dieser versteckte dunkle Winkel mit dem Ausblick in die heitere Welt mir bedeuten würde. Heute, da ich auf alles zurückblicken kann als einer, der dem Ziele nicht mehr fern ist, meine ich, daß ich im Leben nichts Großes und Wunderliches erfahren habe, was ich nicht schon in meiner frühen Zeit vor diesem seligen, ewig wechselnden Bild irgendwie vorausgenommen hatte, und so manches, was dem Krüppel draußen ewig unfaßbar blieb, wurde mir hier in der Stille der Anschauung zur Wirklichkeit. Ja, oft kommt es mir vor, als ob mein ganzes Dasein jenen einsamen Stunden in der verborgenen Laube glich: ich saß im Dunkel, aber ich hatte die Gnade, daß ich ins Helle schauen konnte.

Du aber, Rehlein, warst du nicht wie ein Wesen, das im Licht wandelt, aber sein Blick sucht das Dunkle?

Die schattige Ecke liebtest du nicht: »Das macht mir bang, die Welt zu sehen wie ein Bild im Rahmen!« Und dann schwangst du dich auf die sonnige Mauer und schautest hinab ins Dächergewirr und wolltest See und Berg und Himmel soviel lieber in der Buntheit des ungeordneten Lebens fassen als in gemessener Umschlossenheit.

Wie du dort oben saßest! Die langen Beine hingen über die Mauer hernieder, und dein straffes Haar lag um dich wie eine Mähne und war kaum dunkler als dein braunes Gesichtchen. Aber deine Augen, die in die Tiefe blickten, waren von den schwarzen Wimpern verdeckt.

Mit dem Claude Lorrain hatte dieser von Wundern volle Tag seinen Abschluß noch nicht gefunden. Nun kam erst das Haus daran. Neben der Laube die große Gartenstube mit den glänzenden Nußbaumtüren auf grünlichweißem Getäfer, mit den tiefen Winkeln und breiten Fenstern, die nach beiden Seiten in den Garten hinaussahen; denn dieser umfaßte das Haus mit einem schlanken Arm auch auf der Südseite, da der Kleine Schwanen die Häuserreihe der Steilen Gasse schloß. Und dann die Gartenkammer mit den samtbraunen Wänden und die heitere Küche mit dem hellen Fenster nach dem Garten und dem vergitterten nach der Gasse hin. Aber das geräumige Wohnzimmer im ersten Stock hatte über drei Stufen einen lustigen Erker, aus dem man die ganze Gasse überblicken konnte. Sonst sah es eher feierlich aus; denn es hatte viele dunkle Augen im glänzend braunen Getäfer, und ein schwarzer Kasten stand darin, der in gar nichts Großmutters blondem Flügel glich und doch ein Klavier sein sollte. Und dann gleich daneben Vaters Arbeitszimmer mit den vielen Büchern, und zwischen diesem und dem großen weißen Schlafzimmer der Eltern die kleine grüne Kammer, die mir allein gehörte. Überall sah ich viel alte bekannte Dinge vom Ruwenberg; aber auch Unbekanntes war da, und es schien alles zusammenzupassen bis auf das schwarze glänzende Klavier. Das war sehr steif und fremdartig, und man konnte sich nicht denken, daß da so viel wunderschöne Musik darin stecke.

Dann aber saßen wir unten in der Gartenstube, die in der freundlichen Jahreszeit als Eßzimmer diente, um den großen Tisch bei Milch und Butterbrot und Honig, und das war eigentlich merkwürdig genug; denn man konnte sich gar nicht denken, wo sie nur in der Stadt die vielen Kühe unterbrachten und wo diese ihr Futter fanden. Und doch war es gewiß die beste Milch, die ich je getrunken; denn ich hatte einen gewaltigen Hunger, und dann saßen Mutter und Vater mit solch zufriedenen Gesichtern neben mir, und durch das offene Fenster schien die Sonne.

Es gehörte zu der ganzen Freude, daß auf einmal der lieblichste Vogelsang ertönte. Er war hell und emsig, wie ich es noch nie gehört, und das kam mir um so wunderbarer vor, als die Vögel daheim schon längst aufgehört hatten mit ihrem Singen. Nur so ein schüchternes Piepen hatte man etwa noch vernommen, und bisweilen versuchte eine Amsel oder ein Waldrötelein ihr Gesätzchen; aber das klang dann ganz schwach und versiegte immer gleich wieder. Dieser Vogel jedoch sang laut und atemlos, als ob der Blust an den Bäumen gehangen hätte und nicht das Herbstlaub.

Meine Mutter lächelte: »Ja, auch das sollst du heute noch kennen lernen.« Und als ich völlig satt war, nahm sie mich bei der Hand: »Nun gehen wir noch zu den Schwestern Eßlinger hinauf, die wohnen auch mit uns im Haus und sind gar liebe alte Fräulein.«

Diesmal ging es über zwei Treppen empor, und das Zimmer oben war so hell, daß man es fast nicht glauben konnte; denn nicht allein das Getäfer und die weiten Vorhänge waren weiß, auch die Polster trugen weiße Anzüge, und weißes Zeug lag beiden Frauen zwischen den Händen und bauschte sich auf dem breiten Fenstergesimse. Der Vogel aber hing in einem weißen Käfig an der Decke und war so gelb wie das lautere Gold.

Ich atmete hoch auf: »Oh, das ist gut, daß es ein goldener Vogel ist,« und als sie mich verwundert ansahen, suchte ich zu erklären: »Sonst hätte er gar nicht gepaßt zu seinem Gesang, und dann, alles Schönste ist doch goldig: Großvaters Saal und das Bild in der Laube und die Sterne, und wenn die Sonne scheint und die Bäume auf dem Lindenberg, alles . . .«

So sagte ich damals und hatte doch das tiefste, wundersamste Gold noch nicht gesehen; denn damals wußte ich noch nicht um deine Augen, Rehlein.

Das eine der beiden Frauenzimmer strich mir freundlich über das Haar: »Ja, wenn man jung ist, liebt man wohl das Gold am meisten; aber ich halte es schon eher mit dem Silber.«

Da sah ich, daß ihr Haar unter dem schwarzen Spitzenhäubchen in der Tat silbrig war, und sie trug auch einen graugestreiften Rock, der weit wie eine Blume um sie stand. Die andere holte mir den Vogel von der niedern Decke herunter. Einmal sei eine Katze hereingekommen, seither hätten sie ihn da hinaufgehängt, der Sicherheit wegen. Freilich sang er nun nicht mehr. Aber ich konnte ihn dafür ganz nahe betrachten, und dann waren es jetzt die Schwestern, die sprachen, was auch ein wenig wie Gezwitscher tönte; denn sie hatten beide feine, sehr hohe Stimmen, wie man sie nur an jungen Mädchen gewohnt war.

Sie glichen sich sehr. Beide hatten freundliche blaue Augen und feine rote Äderchen auf den hochgestellten Wangen, und beiden gingen die Haare um die Ohren. Nur daß es bei der einen, größern, noch fast braun war. Sie waren so vertraut mit mir, als ob sie nichts Besonderes an mir gesehen hätten und ich ein Bub gewesen wäre wie alle andern. Und sie wußten zierlich zu erzählen, wie sie schon mit meiner Urgroßmutter da zusammengewohnt hätten, mit der Frau Pfarrerswitwe, und dann noch lange mit dem Fräulein Tellenbach, meiner seligen Großtante, und wenn ja auch seit deren allzufrühen Tod rechte Leute im Haus geweilt hätten, der Kleine Schwan sei doch nur ganz beisammen, wenn ein Tellenbach darin sitze.

Mit besonderer Freundlichkeit aber sprachen sie von meinem Vater: wie er als lustiger Bub zu seiner Großmutter in die Ferien gekommen sei und später, wie er nach seiner plötzlichen Verwaisung hier bei der Tante wohnte. Aus ihrer Erzählung löste sich die Gestalt des Vaters neu heraus, mit einem gewissen Glanz, und er bekam im Zusammenhang mit seiner eigenen Familie eine andere Bedeutung. Ich glaube, daß es mir hier zum ersten Male zum Bewußtsein kam, daß ich ein Tellenbach war. Vorher hatte ich mich immer kurzweg den Geisern vom Ruwenberg zugezählt.

Als ich nachher den Vater beobachtete, wie er vergnügt und aufgeregt durch alle Zimmer lief und gar nichts Großartiges mehr an sich hatte und wie er der Mutter die Hand streichelte: »Ach, Elisabeth, mir ist, wie wenn es heute erst recht anfinge,« da hatte ich selbst das Gefühl, als ob er auf dem Ruwenberg wie ein Gast gewesen wäre. Hier aber gehörte er hinein und wir zu ihm.

Es war ein neues, unbekanntes Gefühl naher Zusammengehörigkeit, als wir zu dritt durch die schmalen Gartenweglein zogen, die Eltern mit eng verschränkten Armen. Freilich, auch ein wenig weh wurde mir dabei, ich wußte selbst nicht, weshalb, und es wäre mir lieber gewesen, wenn die Mutter mich allein zu Bett gebracht hätte wie sonst. Aber als sie sich dann beide über mich beugten, beide mit denselben glücklichen Augen, wurde mir doch sehr warm, daß ich die Mutter zu mir herunterzog und ihr ins Ohr flüsterte: »Nun weiß ich, was das ist: geborgen; das ist einfach: heimelig. Und nun wollen wir hier nie mehr fortgehen.« Und alsobald schlief ich unter den heitersten Bildern ein.

Was nun begann, war die Zeit, die ich »das glückhafte Jahr« nennen möchte. Alles war wie die folgerichtige Fortsetzung des ersten schönen Tages, und kein Versprechen schien der Kleine Schwan zu machen, das er nicht auch ehrlich zu halten vermochte.

Ich fühlte mich hier bald so vertraut, wie ich auf dem Ruwenberg nie gewesen war. Die heimelige Geborgenheit mitten in der bewegten Stadt sagte meinem schüchternen und neugierigen Wesen so viel besser zu als die weitläufige Einsamkeit des Ruwenberges. Es gab wundervolle Herbsttage, da ich mit den Eltern das heitere Land um den See kennen lernte, und herrliche Winterwochen, wo wir uns in den obern Zimmern zusammenließen und ich vom Erker aus dem lustigen Treiben in der Steilen Gasse und auf dem Plätzlein oberhalb zusehen konnte. Besonders dort oben war es ein emsiges Hin und Her, und als der Schnee lag, versuchten es die Kinder sogar mit dem Schlitten, die Gasse hinunter trotz den Stufen, und überall war ich mit dabei und keiner sah mich in meinem Lugaus.

Die Mutter, die nun nicht mehr so viel zu tun hatte wie früher, war immer bei mir, und sie erzählte mir nun oft Geschichten, auch wenn ich nicht krank war. Den Vater aber lernte ich erst jetzt eigentlich kennen, obschon er mehr Arbeit hatte als vordem und öfter abwesend war. Aber er hatte jetzt mit meinem Unterricht, den er früher meiner Schwächlichkeit wegen noch unterlassen hatte, begonnen, damit ich im Frühjahr gleich in eine höhere Klasse eintreten könnte, und man mußte meinen Vater als Lehrer erfahren, um zu wissen, wer er war. Was sonst an ihm unruhig und oft fast zerfahren erschien, wurde hier in einer frischen wohltuenden Lebendigkeit gesammelt. Alles wußte er auf eine unerwartete Weise anzupacken, daß es einem unvermerkt einging, und man glaubte sich zu unterhalten, wenn man lernte. Und während er vordem im Umgang mit mir flüchtig und zerstreut gewesen, war er jetzt voller Aufmerksamkeit. Sehr oft sah ich nun an ihm das Gesicht, das ich vom goldenen Saal her kannte; aber er war nun auch mit mir oft so, wie ich ihn vom Garten aus gesehen, wenn er heimkehrte mitten unter den frohen Kindern und er meiner noch nicht ansichtig geworden war. Er kargte auch nicht mit dem Lob und behauptete, es werde mir nicht schwer fallen, alle andern zu überflügeln, und es würde ihn nicht wundern, wenn ich einmal etwas ganz Rechtes würde. Ich aber dachte an den buckligen Professor mit den Augen, die einem ins Herz gingen, und das Wort »berühmt« ging mir heiß und feierlich durch den Kopf.

Überhaupt herrschte in jenem Winter ein seltsam gehobenes Wesen in unserem Hause. Mein Vater war wie berauscht von dem neuen Leben, und nichts wollte er sich entgehen lassen, wovon sein Geist Nahrung und Anregung erhoffte. So kam es, daß er häufig abends ausging, oft mit der Mutter, und wenn das früher auch nie vorgekommen war, daß sie mich nachts verließ, ich litt doch nicht darunter; denn die Furcht vor dem Alleinsein, die mich auf dem Ruwenberg quälte, hatte mich hier verlassen. Es war traulich im Bett zu liegen, während droben die emsigen Mäuseschrittchen der Schwestern Eßlinger vernehmlich wurden und nebenan das Klirren von Vrenelis Stricknadeln. Ich konnte mich dann so schön auf die Mutter freuen, bis sie auf einmal ganz behutsam hereinhuschte in ihrem vornehmen hellen Kleid und mit dem frohen Gesicht und mir zuflüsterte, daß es für morgen wieder eine Menge zu erzählen gebe. Was das dann für ein Einschlafen war mit diesem Versprechen!

Aber auch wann der Vater zu Hause blieb, mußte es immerwie groß und tönend zugehn. Oft las er der Mutter vor bis tief in die Nacht. Wenn sie dann nach einiger Zeit leise hereinschlich, um nach mir zu sehn, ob mich der Lärm nicht störe, stellte ich mich stets schlafend, aus Angst, sie könnte meinetwegen den Vater geschweigen; denn es war für mich eine eigene prickelnde Freude, dieser Stimme zu lauschen, die in mächtigem Auf und Nieder zu mir herüberflutete – damals las der Vater meist Verse – und oft rollte irgendein rundes Wort zu mir herein, das ich dann begierig auffing, um es ins Großartige, Spaßige oder Geheimnisvolle auszuspinnen. So schuf ich mir eine rare und bunte Welt bis in die Träume hinein, und gar manches Wort hat für mich die Färbung, die kindliches Mißverstehen und Phantasterei ihm damals verliehen, nie mehr ganz verloren.

Ah, die Träume aus Goldgespinst und leuchtendem Amethyst, die der Name »Brabant« entfesselte, und der Abgrund voll Grauen und Glut, den das Wort »Purpur« aufriß! Aber eines Nachts geschah es, daß aus einer Faustvorlesung der » Übermensch« plötzlich zu mir hereinsprang. Sofort sah ich vor mir jenen Mann namens Übersax, der so krumme Beine hatte, daß bei jedem Schritt die Füße übereinandersegelten, und diese Vorstellung des Überzwerchen und Erzwungenen wollte nie mehr ganz von dem Worte weichen, auch dann nicht, als der große Denker es in einem besonderen Sinn ausgab und die Jugend es mit soviel Begeisterung herumbot.

Oft hielt es der Vater auch einfach mit der Fröhlichkeit. Er nahm mich dann etwa auf die Schulter und lief pfeifend mit mir im Zimmer herum, oder er tanzte mit der Mutter rings den Wänden entlang. Dieses aber tat mir immer merkwürdig weh. Ich war dann auf einmal so klein und arm und verkrüppelt. Meine Mutter fühlte das gewiß; denn sie wehrte sich jedesmal dagegen, obschon sie doch sonst so gern und leicht treppauf und nieder lief.

Sehr oft auch wurde musiziert, und das war das Schönste, wenn auch auf einmal alles anders geworden war als in Großvaters goldenem Saal. Jetzt zweifelte ich nimmer, woher die Töne kamen; denn hier klang alles nah und deutlich, und die Stimme des schwarzen Klaviers glich in keiner Weise dem blonden verschleierten Gesang von Großmutters Flügel. Oft auch spielte nun der Vater allein, und dann waren es ganz andere Dinge, als man im goldenen Saal zu hören bekam, heiße und laute, daß man es fast lieber im hintern Zimmer mitanhörte als unmittelbar daneben. Wenn er aber allein spielte und diese leidenschaftlichen Stücke, hatte er auch nicht mehr das gesammelte Gesicht. Er warf dann den Kopf weit zurück, und die Augen wurden furchtbar blau. Auch biß er dann oft die Zähne so merkwürdig zusammen, daß der Bart unschön herausstand. Überhaupt war es der Vater, der das ganze Haus erfüllte. Aber da sein lautes Wesen nicht länger von der stillen Art des Großvaters abstach, sondern sich hier sozusagen heimisch fühlte, verletzte es auch nicht mehr; es wirkte zunächst erfrischend und stark.

Ich glaube aber heute, daß der Überschwang jener Zeit im Grund nichts anderes war als der ungestüme Gegenschlag gegen den Ruwenbergergeist. In dem Hause, wo ein anderer gebot und die behutsame, gemäßigte Art herrschte, hatte des Vaters selbstherrliche und ungemessene Natur mehr gelitten, als er selber wußte. Nun, da er sich seiner Unabhängigkeit bewußt wurde, war er wie ein Pferd auf der Weide oder ein Kind, das man zu lange im Zimmer behalten, und das nun, endlich im Freien, weder um Weg noch Zaun sich schert. Doch wer des Weges nicht mehr achtet, ist es wunderlich, wenn er Richtung und Ziel verliert?

Die Libertasschule kam des Vaters Art entgegen. Deren Direktor war von kühnen Ideen erfüllt, die der Vater leidenschaftlich aufnahm und verwegen ausbaute. Zunächst handelte es sich allein um Schulfragen, die schließlich ohne große Tragweite blieben; denn damals wie zu jeder Zeit war es so, daß Schulmänner gern sich mit Theorien und Methoden beschäftigen und ein großes Gerede um Neuerungen machen; sieht man aber näher zu, so bleibt die Sache doch ziemlich im Alten, da letzten Endes die Schule nicht von der Methode lebt, sondern von Schulmeisters Gnaden. Weil mein Vater aber das war, was man den geborenen Lehrer nennt, seinem eigenen Meinen und Wollen zum Trotz, vermochten all die neuen Gedanken sein sicheres Gefühl nicht zu stören. In der Schule blieb er, wie er immer gewesen: vernehmlich und lebendig, einer, der die Geister zu wecken und wach zu erhalten verstand und der zum Herzen drang.

Und da er überdies auch etwas Tüchtiges wußte und beim Erlernten nicht stehen blieb, war damit alles getan, und die neuen Schüler liebten ihn nicht minder als die frühern, obschon es eine sprödere Masse war in der Privatanstalt mit ihrer fragwürdigen Auslese, als sie der natürliche Zusammenwuchs der Volksschule bot.

Aber, da ihn das reformerische Wesen einmal ergriffen hatte, riß es ihn weiter über seine Schule und über sich selber hinaus. Es war damals die Zeit, da die Theoretiker und Idealisten des Materialismus sich allenthalben regten und man daran ging, mit Glanz und Glorie den Freiheitstempel zu bauen, der unserer Welt zu einem so schlimmen Gefängnis werden sollte. Zunächst freilich lag alles noch im Doktrinären und Uferlosen. Unreifes, nicht zu Ende Gedachtes suchte man in Tat umzusetzen, kühn Vermutetes zu Naturgesetzen zu stempeln, jeglichen Wert des Überkommenen zu leugnen und die eigene Unzulänglichkeit zur Autorität zu erheben. Und das alles nannte man den neuen Geist der Wahrheit und Freiheit. Es war wie ein Taumel, und mein Vater verfiel ihm um so kritikloser, als der Druck der Ruwenbergerjahre seine Selbstherrlichkeit und Freiheitsgelüste ins Maßlose gesteigert hatte.

Irgendeine Schrift, die der Direktor ihm gegeben, hatte meinen Vater in den Strudel gezogen; denn während jener als kluger und behutsamer Mann die neuen Ideen mehr zu einem interessanten, aber ungefährlichen Schmuckstück seiner Person verwendete, fing mein Vater gleich Feuer und verbohrte sich mit einer eigensinnigen Hitze in das lockende Fremde.

Schon im Frühling hatten die abendlichen Vorlesungen daheim ein Ende. Die alten Herren hätten eigentlich längst Ruhe verdient, meinte er, und stellte die Bücher, aus denen er kurz vorher noch mit so viel Emphase vorgelesen hatte, auf die Seite. Dafür saß er nun bis tief in die Nacht über allerneuesten Schriften, die er sich aus dem Ausland kommen ließ, und wenn er abends ausging, nahm er die Mutter selten mehr mit. Aber bei alledem blieb er voller Freude und voll sprühenden Lebens, und da der Sommer sonst ein wichtig schöner war, verursachte das neue Wesen zunächst noch keine Trübung.

Der Frühling hatte meinen Eintritt in die Schule gebracht, und das hätte unter andern Umständen für mich wohl eine Leidenszeit werden können; aber da ich in die Anstalt ging, wo mein Vater lehrte, und an seiner Hand und da die Lehrerin ein verständiges und gütiges Wesen war, das mich unauffällig gegen die natürliche Grausamkeit der Kinder zu schützen wußte, ging alles leidlich, und es dauerte nicht lange, bis ich mir durch meine Leistungen einen stattlichen Platz in der Klasse erobert hatte. So wurde es denn eine gute Zeit; denn jeder Tag brachte ein Fest, die Heimkehr zur Mutter.

Schon von weitem sah ich im Erker ihr helles Gesicht, und wenn das Wetter schön war, stand sie am offenen Tor, das den schmalen Gartenstreif oberhalb des Hauses mit der Gasse verband; denn bei gutem Wetter lebten wir fast ganz im Garten. Der zeigte schon im ersten Sommer den schönsten Flor. Meine Mutter hatte nicht umsonst im Herbst und Frühjahr sich mit Säen und Pflanzen soviel Mühe gegeben. Nun war es von den ersten Krokus, die die kleine Wiese unter der Birke gelb überstreuten, und den bunten Primeln, die in dicken Bändern die Mauerbeetchen säumten, ein ununterbrochenes Blühen bis zu den letzten weißen und rostroten Astern.

Das Glück, wenn das Gartentor sich hinter uns schloß und ich mit der Mutter allein und ungesehen zwischen unsern blühenden Mauern wandelte oder bei ihr saß und ihr alles erzählen konnte, was der Morgen mir gebracht, bis kein Schiefes und Dunkles mehr daran war! Denn wo hätte es etwas gegeben, das Mutter nicht gradzurichten oder aufzuhellen vermochte? Und dann die langen Nachmittage, wo wir mit kleinen Verrichtungen und kleinen Gesprächen beisammensaßen! Im Frühling auf der breiten spangrünen Bank unter dem rosenroten Pfirsichspalier und dann später unter der Blutbuche oder in der Geißblattlaube. Im Mai duftete sie so stark, daß es einem fast die Brust zersprengte. Ja, ich glaube, der ganze Zauber Italiens hat mich später nicht tiefer ergriffen als diese Abende in der blühenden Laube mit dem Blick auf den sonnenroten See. Wenn die hundert Knospen mit leisem Knall aufsprangen und ihr süßer Atem die Schmetterlinge herbeilockte, die seltsam flirrenden, die man nie recht sehen konnte, weil sie waren wie ein Schimmer über den tiefen Kelchen – und sanft, mit singenden Flügeln zogen die fernen Segel durch goldene und blasse Gewässer, und der Himmel darüber, Flamme erst und dann durchsichtig wie grünes Glas – war da nicht schon alles darin? Und brachte jene Nacht auf dem Meer zwischen dem glühenden Sonnenuntergang Neapels und dem rosigen Aufgang Siziliens eine einzige Saite in mir zum Schwingen, die nicht schon irgend einmal geklungen hätte, an einem dieser Abende mit den wispernden Knospen und den wispernden Schmetterlingen im schweren Duft?

Ja, das waren die Sommernachmittage im Garten. Wir waren so allein. Nur die Schwe­stern Eßlinger nickten uns bisweilen von oben her zu, aber sie kamen nicht herunter. Sie hatten sich vor die Fenster lange Blumenkästchen gehängt mit Rosmarin und Geranien, und sie behaupteten, daß die ihnen alles gäben und daß sie im größten Park nicht mehr Freude zu erleben vermöchten als im Anblick und Geruch dieser lieben Blumen. Und dann behielten sie trockene Füße dabei, und ihre Arbeiten könnten sie doch auch nicht in den Garten mitnehmen, man denke sich, all das feine weiße Zeug unter die Unsicherheit der Bäume. So blieben sie denn oben, die freundlichen Gesichter über ihre Sticheleien gebeugt, und zwitscherten mit dem gelben Hänsi um die Wette. Und wenn man auch kein Wort vernahm, man wußte dennoch, wovon sie sprachen, und daß all ihr Reden um jenen Punkt sich drehte, der ihres Daseins Mitte darstellte, um den Menschen, dessen lebhaft blickendes Bild alle Kommoden und Etageren schmückte und der ihr Bruder war: denn wenn er nun auch ein großer Mann geworden, war das Verhältnis zwischen ihnen anders als zu der Zeit, wo er, ein verwaistes Nachwieselein, in der Sorge der ältern Schwestern stand? Und wenn er in die Ferien kam – sein Zimmer war immer für ihn bereit und wurde täglich gelüftet und gestäubt, obschon kein Mensch es benutzte in den übrigen elf Monaten des Jahres, und es war ein rechter Jammer, daß er just in diesem Sommer wegbleiben mußte, der großen Reise wegen; aber wenn er kam, merkte man ihm etwas davon an, daß er in der fremden Stadt eine so wichtige Stellung einnahm als ein Direktor über hundert andere, dem es jeden Augenblick passieren konnte, daß er Könige in seinem Museum herumführen mußte? Wenn er so auf einmal in die Stube trat – man wußte nie vorher genau wann, und so war denn die Erwartungsfreude weit gespannt – und einem um den Hals fiel und sich dann in Vaters Stuhl warf und nach dem Essen fragte, war es nicht, als ob er just hungrig vom Gymnasium herüberliefe? Oder wenn er so feine und gelehrte Besuche mitbrachte, hatte man je etwas davon gespürt, daß er sich der alten Schwestern schämte, die für fremde Leute nähten?

Übrigens, was das Nähen betraf, das hätte man ja im Grund gar nicht mehr nötig. Der Bruder hatte ja so für einen gesorgt! Jeden Tag könnte man sich hinsetzen und zu seinen Kunden sagen: »Sehen Sie, es tut uns leid, aber, Sie verstehen, unser Bruder, kurz, Sie müssen sich nun halt doch an jemanden anderes wenden. Wir haben genug gestichelt, wir können es uns nun leisten. Unser Bruder, der Herr Direktor Sie wissen doch, daß er den Ehrendoktor erhalten hat? also der Herr Direktor und so weiter . . .« Und wann dann die Kundschaft die Hände über dem Kopf zusammenschlüge und jammerte, daß man es ohne die Schwestern Eßlinger nie und nimmer machen könne, nun, da könnte man ja noch so eine Kleinigkeit annehmen, aus Gnade sozusagen und zum Abgewöhnen.

Aber natürlich tat man so etwas nicht. Hätte man denn leben können ohne Arbeit? Und einfach so dasitzen, wenn der Bruder doch so mächtig viel schaffte?

Und überhaupt, waren es nicht diese lieben flinken Nadeln, denen man alles verdankte? Hätte er ohne sie vielleicht studieren können? Und dann die großen Reisen, die doch dazu nötig waren, daß er ein so großer Mann wurde? Nein, nein, diese lieben Nadeln konnte man nicht einfach weglegen. Solch eine Schnödigkeit, eine solche Undankbarkeit brachte man nicht über sich! Und mit neuer Freude stichelten sie weiter, und ihr Glück ging wie ein sanfter Strom von ihnen aus, daß man es auch im Garten unten zu spüren vermeinte und der Anblick der beiden stillen Gesichter einen noch glücklicher machte, als man schon war.

Oft auch weilte der Vater bei uns, und dann gab es viel zu lachen und manches mitanzuhören. Aber seine eigentlichen Gespräche verlegte er doch ins Zimmer, da außen war es ihm zu bunt und zu zerstreuend, um seine großen Gedanken vorzubringen. Er hatte die Gewohnheit, seine innern, seelischen und geistigen Vorgänge laut zu vollziehen in einer Art von Gesprächen, die aber mehr Vorträge waren, da er dabei sich eher Zuhörer als Mitsprechende zu wünschen schien. Nachdem einmal die neuen Gedanken in ihm zu rumoren begonnen hatten, nahmen diese Gespräche oft – nach Ausdehnung und Wucht – fast beängstigende Form an. Stundenlang konnte er, im Zimmer auf und ab schreitend oder mit lebhafter Gestikulation sich vor die Mutter hinpflanzend, sprechen, so laut und gewaltig, als ob er zu einem Volke redete. Ich saß dann zusammengekauert in irgendeiner verschüchterten Ecke und schämte mich – aber nicht für meine Person. Mutter war so fein und er so laut. Er aber verlangte unsere Anwesenheit. Wenigstens die Mutter durfte nie fehlen, und er duldete es nicht, daß sie etwa mit einer Handarbeit die müßigen Hände beschäftigte.

Sie saß dann ganz still. Oft mit einem herzlichen Staunen: »Wie jung du noch bist, Felix, und wie du glühst!« Öfter und immer mehr mit leisem Stutzen oder einem heimlichen Lächeln und kaum merklichen Kopfschütteln. Sie sprach selten und dann meist in einer gelinde hingelegten Frage: »Glaubst du denn nicht, daß die Freiheit, ähnlich wie das Glück, weit mehr eine Angelegenheit des Charakters ist als der äußern Verhältnisse?« Oder ein andermal: »Die unerhörten neuen Ideen! Sie werden die doch nicht backen können? Die werden auch wachsen müssen, und wenn sie erst einmal ausgewachsen sind, ob es sich dann nicht zeigt, daß sie doch auch Eltern haben? Denn ehe es die Entwicklungsjahre hinter sich hat, weiß man nie bestimmt, wem das Kind nachschlägt.« Und einmal, als er im Anschluß an eine umstürzlerische wissenschaftliche Hypothese Religion und Glauben in die Ecke wies und das alleinseligmachende Evangelium des Wissens verkündigte: »Meinst du wirklich, daß die Neugeburten spitzfindiger Köpfe mehr Bestand haben als die tausendjährigen Erfahrungen des Herzens?« Aber mein Vater liebte solche Einwürfe nicht. Sie machten ihn stutzig, und er behauptete dann gereizt, Mutter störe ihn in den fruchtbarsten Gedankengängen.

Als ich mich einmal bei Mutter über des Vaters Art wunderte, meinte sie mit einem allerliebsten Lächeln, es sei dies gemeinhin so bei den Männern, daß sie sich zwar gerne selber hörten, aber doch nichts so sehr wünschten als von andern angehört und verstanden zu werden. Dabei meinen sie mit dem Verständnis freilich meist Zustimmung, und wenn auch noch ein Stück Bewunderung dabei sei, so störe sie das nicht weiter. Dagegen sei es Frauenart, alles daran zu setzen, um in die andern hineinsehen und sie verstehen zu können, und wenn in jüngster Zeit nun auch bei den Frauen der Schrei nach Verstandensein laut werde, so sei das jedenfalls eine neue Erfindung und zeige ihr bloß, daß die Frau daran sei, ihre geheimste Weisheit und innigste Macht zu verlieren.

In meinem spätern mitteilungsarmen Leben habe ich oft an der Richtigkeit dieses Ausspruchs gezweifelt; aber wie dürfte sich ein einsamer Krüppel so ganzhin den Männern zuzählen? Und schließlich, gebe ich Mutter nicht am Ende meines Lebens doch noch recht, wenn ich es nun unternehme, diese harmlosen Blätter mit den Verschwiegenheiten meiner Einsamkeit zu füllen?

Allein, wenn ich mich recht besinne, war der Sommer doch schon dahin, als des Vaters laute Auseinandersetzungen mit jener Welt begannen, deren Sklave er mehr und mehr wurde; denn ich erinnere mich, daß wir uns damals schon meist im Zimmer aufhielten. Das aber war der Herbst, der das glückhafte Jahr endgültig schloß, um das andere zu öffnen, und eigentlich begann dieses mit meinem ersten Schultag nach den Ferien.



Ein verfrühter Novembertag mitten im Oktober. Die Blätter der Kastanienallee hingen wie verbrauchte Waschlumpen über meinem Weg. Die Welt war kahl, und kein barmherziger Nebel sank nieder, um ihre Blöße zu verhüllen. An solchen Tagen taten die Blicke der Vorübergehenden dreifach weh.

Ich klammerte mich an die Hand meines Vaters und spürte doch keinen Halt davon; denn in mir war eine große Angst. Ich wußte, daß wir heute eine neue Lehrerin bekommen würden, und die alte war gut und zartfühlend gewesen, und ich hatte sie gern gehabt.

Die andern Kinder hatten keine Angst. Sie waren gespannt und freuten sich auf die Neue. Aber als sie dann plötzlich ins Zimmer trat mit ihrem starken Schritt, ich glaube, daß da manchem die Freude verging. Freilich, das Schlimmste mußten sie ja nicht erfahren, diesen raschen, zornigen Blick der übermäßig blauen Augen. Wie ein Hieb traf er mich, daß ich mich noch enger zusammendrückte; denn es lag Unsägliches darin: nicht bloß Schreck – daran war ich mich ja gewöhnt – nein, da war auch Haß und Abscheu und Ekel, alle sieben Schwerter! Und doch war es nur ein einziger Blick gewesen. Die ganze übrige Zeit sah sie mich nicht mehr an.

Und zu der sollte ich nun gehen, Tag für Tag, unendliche Jahre, und ich konnte es der Mutter nicht einmal sagen. Es war so, daß man nicht davon sprechen konnte, und dann: es hätte ihr zu weh getan, und sie konnte doch nicht helfen; denn die war nun da, und eigentlich war sie groß und schön, mit sehr hellem Haar, das sich weit herumbauschte, und mit fremdartigen, auffallenden Kleidern. Und gewiß war sie auch mächtig; denn sie ging sehr großartig im Haus herum, und die Kinder sagten, das Fräulein Held sei eine Freundin des Herrn Direktors, deshalb hätte die frühere Lehrerin weggehen müssen. Ach, und die war doch so viel lieber! Die anderen sahen das nun auch ein, aber nützte das etwas? Oder half es etwa mir, daß ich mir so sehr Mühe gab im Lernen? Sie fragte mich doch nie, und wenn sie es notgedrungen tun mußte, weil kein anderer sich meldete, dann war es, als ob sie mir deshalb doppelt zürnte. Aber das Schlimmste, auch die Kinder waren gegen mich anders als früher. Sie fingen an, mich zu quälen, erst versteckt und dann unverhüllter, und niemand war, der es ihnen verbot.

In den Pausen war ich nun so allein. Ich drückte mich in einen Winkel und wartete mit Herzklopfen, bis es läutete. Einmal, als mich die Quälgeister auch hier nicht in Ruhe ließen, kam es über mich, daß ich die Treppe hinauffloh, nach dem obern Gang, wo die Lehrer sich aufhielten, und vielleicht war es recht, daß mein Vater gerade bei dem Fräulein Held stand und mit ihr lachte. Sie hatte ja in diesem Augenblick ein ganz anderes Gesicht; wer weiß, vielleicht sprachen sie just von mir, und Vater sagte etwas Liebes, und dann würde sie mich fürder nicht mehr so anblicken.

Er kehrte mir den Rücken zu. Ich rief leise nach ihm. Oh, er konnte mir helfen! Aber, wie er sich brüsk nach mir umwandte – war ich nun wieder unter dem Gartentor im Ruwenberg? Das Lachen war fort und der gereckte Rücken und die breite, breite Brust! Auf einmal verstand ich sein verändertes Gesicht. Die Deutung lag in den erstaunten scharfen Augen des Fräuleins: »Ja, ist das Ihr Kind, Herr Tellenbach?«

Was half es, daß sie mich auf einmal ganz anders ansah, mit einer seltsamen, fast lauernden Freundlichkeit? Und was half es, daß der Vater gar mit mir herunterkam und die andern zurechtwies? Ja, sie ließen mich fortan in Ruhe. So völlig, daß ich wie abgetrennt war, wie eingehüllt in eine kalte feindliche Luft. Auch das Fräulein war gewiß jetzt anders gegen mich; aber es lag etwas in ihrer Freundlichkeit, das nicht minder wehtat als die frühere Härte, und dann was besagte das alles neben der furchtbaren Erkenntnis jenes Augenblickes, der mir Vaters Gesicht verriet?

Mutter sah mich nun oft mit besorgten traurigen Augen an. Auch das tat weh, denn ich konnte ja doch nichts erzählen. Vater sprach mit einer solchen Bewunderung von meiner Lehrerin, und er tat es so oft, was konnte ich da noch sagen? Als meine Mutter einmal einen Einwurf wagte, es komme ihr vor, als ob diesem Fräulein Held die rechte Liebe zu den Kindern abgehe, da lachte er nur: »Das mag sein, daß sie keine rechte Schulmeisterin ist; das ist ihr auch nicht an der Wiege gesungen worden, daß sie sich einmal mit Abcschützen herumquälen müsse!« Und dann erzählte er, sie sei die Tochter eines hohen Offiziers und könnte es daheim im vornehmen Vaterhaus herrlich haben, aber sie trage nicht umsonst ihren Namen. Sie und ihr Bruder, das seien wahre Heldenmenschen; denn aus einem reichen, angenehmen Leben hätten sie sich losgerissen und vorgezogen, in der Fremde ihr Brot zu verdienen, nur um unabhängig ihren großen Ideen leben zu können. Er hätte sogar eine glänzend begonnene militärische Laufbahn abgebrochen und lebe nun hier in der Fremde stellenlos in einiger Bedrängnis; aber solches seien die wahren Pioniere der neuen Welt, und es sei eine wahre Gnade für ihn und wundervolle Fügung, daß er mit ihnen zusammentreffe, just in dem Augenblick, wo auch an ihn der Ruf ergangen sei.

Ich verstand das alles wohl damals nicht ganz; aber was ich verstand, war, daß der junge elegante Herr, den ich oft nach der Schule mit dem Vater und meiner Lehrerin zusammen heimwandern sah, ihr Bruder war. Ich hielt mich dann jeweils hinter einem der Kastanienbäume versteckt, bis sie an mir vorbeigegangen waren, und dann sah ich ihnen nach. Das Fräulein ging in der Mitte und sprach viel, und mein Vater hörte aufmerksam zu, ganz gegen seine Gewohnheit; aber der Bruder glich ihr wenig, er war auch zarter gebaut, ja, er schien überhaupt keine Knochen zu haben.

Mutter nahm Vaters begeisterte Berichte mit einem merkwürdigen, ein wenig ungläubigen Lächeln auf. Aber eines Abends, als er voller Entzücken erzählte, welches Verständnis diese Geschwister für ihn hätten, daß sie seine Ideen großartig fänden und meinten, er müßte sie durchaus der Öffentlichkeit zugänglich machen, da brach sie plötzlich in das herzlichste Lachen aus:

 »Und Engel sitzen um mich her, die meine Verse loben!« küßte Vater mitten auf den Mund und lachte immer noch: »Mein Sankt Felix, wie jung du bist und wie du blühst!« Und schließlich lachte er mit, und dann setzte er sich ans Klavier und spielte. Zuerst ganz wild, daß es auch beinahe zum Lachen war; aber nachher wurde er gemäßigter, und die Mutter nahm ihre Geige hervor, und es war noch einmal ein schöner Abend.

Dann waren die Geschwister Held bei uns eingeladen. Mutter hatte alles ganz festlich gemacht. Weil es auf Weihnachten ging, hatte sie Christrosen in die grünen Schalen gestellt, und Tannenzweiglein lagen auf dem weißen Tuch, und alles Silberne glänzte. Ich wartete im Erker, bis sie von Vaters Bücherzimmer herüberkamen; aber da hatte der Herr meine Mutter am Arm, und Vater führte die Lehrerin, und das tat sehr weh.

Am Tisch wurde furchtbar viel gesprochen und so mächtig, ich konnte nichts mehr verstehen. Aber als Mutter mich ins Bett gebracht hatte, legte sie ihr Gesicht auf meine Wange: »Ach, Simeli, wenn ich bei dir bleiben könnte! Was die alles schwätzen!« Das Sprechen drang bis zu mir herüber und das laute Lachen, und später fing Vater an zu spielen, und das Fräulein sang – mit einer so unheimlich hohen Stimme, ich bekam Halsweh vom bloßen Anhören; aber die Geige vernahm man nicht.

Der andere Tag war ein Sonntag. Der Vater stand sehr spät auf; denn er hatte die Geschwister noch heimbegleitet, auf einem Umweg, weil sie doch alle so angeregt waren, und darüber war es fast Morgen geworden. Als die Mutter aus der Kirche heimkam, saß er just beim Frühstück. Er sah sie sehr stolz, sehr erwartungsvoll an: »Und was sagst du nun zu diesen Menschen? Das nennt man geistreich sein, nicht wahr?«

Mutter schüttelte fast bekümmert den Kopf: »Ach, Felix, wenn nur soviel Geist da wäre wie Worte und soviel Tüchtigkeit wie Geist.«

Er fuhr auf: »Um den Geist zu spüren, muß man ihn selber in sich haben!« und dann einlenkend: »Du hast gewiß viel Lebensklugheit, Elisabeth, das will ich dir nicht abstreiten: doch deine Art Weisheit sieht nur das Gemeinsame, das Genie aber liegt im Besondern. Es sind geniale Menschen. Das kannst du eben nicht begreifen.«

Sie sah erstaunt auf und sehr ernst: »Aber eins habe ich begriffen: Bei dem Journal, das der Herr Held gründen will, sollst du jedenfalls wacker mithelfen, und ich glaube, nicht allein mit deinem Geist, Felix. Den brauchten sie kaum, wenn sie doch selbst soviel davon haben.«

Er lachte gereizt: »Das ist es eben! Was mein Geist bedeutet, das wirst du nie erfassen! Aber im übrigen: wenn es auch so wäre, wenn ich mit meinem Vermögelein die große Sache fördern könnte, gäbe es etwas Schöneres? Aber auch das verstehst du nicht. Du denkst natürlich nur an die Batzen. Nun, da kann ich dich beruhigen, das ist gesichert, im schlimmsten Fall auf das Ableben des alten Held hin.«

Das war das erste Mal, daß mein Vater häßliche Worte gegen meine Mutter brauchte, und daran war dieses Heldsche Unternehmen schuld, das so folgenschwer für uns werden sollte. Vater konnte bald von nichts anderem mehr sprechen als von der geplanten Zeitung. Sie sollte den stolzen Namen »Die Leuchte« tragen. Hineinzünden sollte sie in den Schlamm des Daseins, den Philistern ihre stumpfe Sattheit aufdecken und die dumpfe Not des Volkes beleuchten. Wecken sollte sie die Unterdrückten und die Bedrücker brandmarken und den Geist befreien von allen Fesseln der Pfaffen- und Despotenmacht.

Vater war ganz Begeisterung, ganz Wortrausch; aber die Mutter verbarg ihre Bedenken nicht. Es habe ihr einmal ein alter Bauer gestanden, er würde es seiner Treu nicht wagen, in einem andern Kanton einem Bauerngewerbe vorzustehen, ohne vorher ein paar Jahre darin gewerkt zu haben; denn wenn man schon so obenhin meinen könnte, Kuh sei Kuh und Acker Acker, ein ehrlicher Kerl wisse genau, daß es nicht dasselbe sei, ob man Braunvieh unter der Hand habe oder Fleckvieh und ob das Land steinig sei oder tengg; wenn aber einer ein braves Gewissen habe, rede er nirgends drein, wo er nicht heimisch sei. Die Erinnerung an diese Worte komme ihr wieder, wenn sie nun sehe, wie diese jungen Leute sich anmaßen, Aufklärung in ein Land zu tragen, das sie erst gestern betraten, und zwar aus einem Staate kommend, den noch Zustände beherrschen, die unser Volk vor sechshundert Jahren schon abgetan habe.

Aber der Vater spöttelte nur: es handle sich jetzt nicht um Kühe, und die Mutter könnte das Wort des Bauern auf sich beziehen in der Meinung, daß einer Ruwenbergerin das Verständnis für die Not des Proletariats abgehe; dieses aber sei auf der ganzen Welt dasselbe.

Meine Mutter unterdrückte jede weitere Entgegnung. Sie bemerkte nur noch, wenn ihnen wirklich daran gelegen sei, den Armen zu helfen – man wisse aber nie recht, was sie eigentlich meinen; denn bald reden sie von der Befreiung des Einzelmenschen, bald von der Gleichmachung aller, was ihr so ziemlich das Gegenteil zu sein scheine – um helfen zu können, bedürfe es vor allem der Liebe. Sie finde aber bei diesen Menschen nichts von Liebe für die Leidenden, bloß Haß gegen die Gutgestellten, und ob er nicht einsehe, daß man mit dem Schüren dieses Hasses und dem Erwecken des Neides den Armen ihr Bestes nehme? Denn äußere Armut sei immer noch ein kleines Leid, gemessen an der Not einer in Neid und Mißgunst verarmten Seele.

Es waren so liebe Worte, die Mutter sprach. Ihr Gesicht war dabei rührend, von einer innigen Besorgtheit bewegt, aber mein Vater schien das alles nicht zu spüren. Es war, als ob er durch eine geheime Macht von ihr weg und in das andere hineingetrieben würde. Und so kam es, daß meine Mutter nichts mehr sagte, und die Dinge nahmen ihren Lauf.

Auch mein Vater sprach sich wenig mehr aus. Seine Vorträge hatten ein Ende. Statt dessen saß er nun in seinem Zimmer und schrieb. Und da ihn bei dieser wichtigen Arbeit jedes Geräusch störte, durften wir im Wohnzimmer nebenan nicht mucksen. So saßen wir denn in stummer Trübseligkeit über unsern Arbeiten, und der Sommer mit dem frohen Zusammensein schien himmelfern.

Vater tat sehr geheimnisvoll mit seiner Schrift; aber als er sie nach vielen Wochen der Mutter vorlas, war ich verwundert, wie schnell das getan war. Auch meine Mutter staunte, jedoch mit einem erleichterten Aufatmen: »Das ist ja so nüchtern gedacht und ruhig ausgesprochen, fast meine ich, du könntest hie und da ein wenig mehr Blut hineinbringen und einige Lichter, damit es mehr leuchtet.« Und sie machte ein paar Verschläge, die der Vater nach einigem Aufbrausen und Widersprechen dann doch annahm.

Nachdem er halb unwirsch, halb großartig abgezogen war, lächelte sie: »So ist es nun, die Worte so leicht und die Feder so schwer. Gottlob! Die wird kaum den Sprung über allzu hohe Schranken wagen.« Ich erinnere mich aber, daß die Arbeit von Volksbildung handelte, und es standen gewiß gute und tüchtige Dinge darin, wenn auch nicht allzu neue.

In der ersten Nummer der »Leuchte« erschien sie. Und als Vater das Blatt heimbrachte und es mit aufgeregtem Stolz vorwies, konnte ich wiederum nicht verstehen, daß nun all das Wesen den ganzen Winter durch, das ewige Hin und Her der Geschwister Held, des Vaters Abwesenheit bis in die tiefe Nacht hinein, nichts weiter hervorgebracht hatte als diese paar dünnen Seiten in dem roten Umschlag. Und anderseits, daß diese wiederum genügten, um der Mutter solchen Schmerz zu schaffen. Aber da stand des Vaters Name groß auf dem roten Deckel, und als Mutter dies sah, wurde sie ganz weiß im Gesicht, daß sie sich setzen mußte: »Das ist doch nicht wahr, du bist doch nicht der Herausgeber, da sollte doch der Held stehen!«

Mein Vater lachte: »Im Grund, ja; aber der Verleger meint, mein Name klinge besser hierzuland, und dann man muß den Mut haben zu seiner Meinung!«

Mutter ließ sich nicht beschwichtigen: »Weshalb haben denn die andern den Mut nicht? Die Herren mit den Kreuz- und Pfeil- und Pseudonymunterschriften? Aber natürlich, du bist gut, du nimmst das ganze Geschmäus auf deinen ehrlichen Rücken!«

Während sie hastig die Zeilen durchlief, verschwand ihre Blässe; plötzlich sprang sie auf, und ihr Gesicht glühte: »Eine Leuchte? Nicht einmal eine Stallaterne ist das! Geschwätz und Gedankengroßhanserei und gemeine Schnüffelei! Deine Arbeit ist das einzige, was taugt. Und das alles soll dein braver Name decken, unser Name? O Felix, du verblendetes großes Kind!« Sie atmete hoch, und plötzlich riß sie das Heft mitten durch, warf es auf den Tisch, und dann schloß sich die Türe hinter ihren hastigen Schritten.

Es war das einzige Mal in meinem Leben, daß ich meine Mutter in solcher Heftigkeit sah, und ich glaube, daß es nicht gut war, weil es nicht zu ihr paßte; denn mir scheint, daß das eigentliche Unglück erst hier begann. Aber vielleicht täusche ich mich, und es wäre doch alles so gekommen, wie es kam.



Unser Zusammenleben war von da an wie gebrochen. Den Vater sah man fast nur mehr bei den Mahlzeiten, und da war er aufgeregt, hastig und seltsam abwesend, und niemals mehr ging er mit mir zur Schule. Dort war ich elender denn je. Das Fräulein hatte wieder die bösen Augen von früher, obschon sie nun so oft mit meinem Vater war. Stets gingen sie nach der Schule zusammen und häufig auf dem Weg, der vom Schulhaus wegführte, dem Berg zu. Auch die Quälerei der Kinder hatte neu begonnen, und niemand wehrte es ihnen.

Aber eines Tages beim Essen wandte sich der Vater plötzlich an mich: »Du kannst dann von Morgen an in die Volksschule!« Und als Mutter ihn groß ansah: »Der Herr Direktor, kurz, ich habe ihm den Plunder vor die Füße geworfen.«

Mutter seufzte kaum hörbar: »Und nun?«

»Und nun?« Er lachte gereizt. »Natürlich, so fragst du; andere aber gibt es, die wünschen mir Glück dazu daß ich den Mut fand, die Fessel abzuwerfen, daß ich nun meine Schwingen frei entfalten kann.«

Daraufhin schwieg die Mutter; aber sie kündete noch am selben Tage dem Vreneli, und dann suchte sie meinen neuen Lehrer auf, und am andern Morgen führte sie mich in die Volksschule.

Das große, graue Haus mit dem ummauerten lärmenden Hof und den unglaublich vielen Kindern hatte mir immer Angst gemacht – unsere Privatschule war klein, hell und sauber und stand im schönsten Garten drin – und als ich nun über die breiten Steintreppen emporstieg und mir der fremde schartige Geruch entgegenschlug, wurde mir zum Weinen bang. Aber der Lehrer war ein älterer Herr mit den gütigsten Augen hinter seinen Brillengläsern und mit einer ruhigen, fast leisen Stimme.

Er begrüßte meine Mutter auf so liebe Weise, daß ich gar nimmer an meine Gestalt dachte, bloß stolz darauf war, mit einer so feinen und schönen Mutter mich zeigen zu dürfen. Und als er dann ganz heiter zu den Kindern sprach, das sei nun der Simon und wer wohl neben mir sitzen wolle, konnte ich nur auslesen; denn alle meldeten sich. Ich ging aber zu einem stillen großen Knaben; der hatte ein abgetragenes Kleidchen mit Flicken darauf, und sein Gesicht war fest und klug und die Augen sehr hell. Als der Lehrer das sah, nickte er freundlich; der Knabe aber ward mir ein guter Kamerad, und wenn in der Pause die Kinder der andern Klassen mich plagen wollten, setzte er sich zur Wehr.

Mein Leben hätte nun wohl anders werden können; denn was mir früher Qual bedeutete, wurde mir nun zur Freude unter den Augen dieses verstandsamen und feinen Mannes und im Verkehr mit einfachen guten Kindern; aber da war der schwere Druck daheim, der jeden freien Atemzug niederhielt. Der Sommer war wieder da, unser Gartenleben fand keine Erneuerung. Meine Mutter hatte wenig freie Zeit, seitdem sie nach Vrenelis Weggang alles allein besorgte, und wenn sie auch lieb mit mir war wie immer, ihre Heiterkeit war dahin und ihr Wesen wie ein Christbaum ohne Lichter. Der Vater und sie schienen wieder mehr miteinander zu sprechen; aber wenn sie es taten, wurde ich immer weggeschickt. Und da saß ich denn allein. Nur hie und da klang ein Wort durch die Türen; es ging nicht heftig zu, aber eine Angst war in mir, eine Angst!

Und dann, mitten in den Ferien, erschien jene Grauensnacht, wo ich der erstickten Verzweiflung meiner Mutter auf die Spur kam.

Irgendeine Bangnis weckte mich auf. Es ging schon gegen Morgen, ein erstes Dämmerfahl enthüllte die Gegenstände. Da war mir, als ob ich irgendwoher seltsam herzbeklemmende Laute vernähme. Es hätte im Gärtlein unten sein können, hinter der Mauer oder vielleicht sogar auf der andern Seite des Hauses, in der Gasse. Nur hie und da hatte ich die grauenvolle Empfindung, als ob es ganz in meiner Nähe vor sich ginge. Das Entsetzen jagte mich nach der Kammer der Eltern. Da sah ich das Bett der Mutter fremd, tot, scheinbar unbewohnt, doch durch die weiße Decke ging ein leises Beben und dieses fürchterliche erstickte Weinen. Aber das Bett des Vaters war unberührt.

Wie das zuging, daß ich die Türe geräuschlos wieder schloß und in mein Bett zurückschlich, daß ich nicht laut aufschrie in meinem Jammer und mich am Boden wälzte vor Verzweiflung, das habe ich später nie verstehen können; denn ich war längst ein Mann, als mich die bloße Vorstellung jener Nacht in Raserei versetzte, und noch heute, da ich mich doch schon still und abgeschlossen wähne wie einen Jenseitigen, kann ich dieses nicht niederschreiben, ohne daß mir der stockende Atem das Herz in die Eingeweide zu pressen droht.

Aber es war wohl das kindliche Schamgefühl, das mich still machte. Ach, meine Mutter, meine heitere, freie, stolze Mutter und nun elend verkrümmt, unter ihrem Deckbett verkrochen, um dort die Qual zu ersticken, die das Herz nimmer bewahren konnte! Und ich war eingedrungen in ihr armes Geheimnis!

Am Morgen sah die Mutter kaum anders aus als sonst. Daß sie blaß war und mit diesem dunkeln Schatten um die Augen, daran hatte man sich schon gewöhnt; aber als sie mir über die Stirne fuhr, spürte ich, wie ihre Hand zitterte, und als sie zu lächeln versuchte, mußte ich mich krümmen unter dem Schmerz mitten durch.

Aber ihre Stimme war ganz ruhig: »Was meinst du, Simon, nun gehen wir vielleicht doch wieder zum Großvater, du und ich, freut es dich?« Und ich sah auf einmal den blauen Rebberg, und wie sie zu oberst stand mit den großen glänzenden Augen, und sie war so froh, daß sie weiße Kleider trug und durch die Wege lief zwischen dem roten Flox. Auch die großen bangen Korridore erschienen einen Augenblick, aber nur flüchtig; denn es blieb das eine Gefühl: Mit Mutter allein, ohne ihn! In dieser Nacht hatte ich den Vater hassen gelernt.

Ich schlug meine Arme um sie und drückte das Gesicht in ihr Kleid, daß sie nicht sehen konnte, wie mir die Tränen hervorstürzten: »Ja, ja, Mutter, wir wollen gehen, heute noch!«

Dann fing sie an, die Schränke zu öffnen, und Schubladen zog sie heraus, darin sie kramte; aber plötzlich sank sie auf einen Stuhl und schlug die Hände vors Gesicht: »Ich kann nicht, weiß Gott, es ist, als ob ich nicht dürfte.« Und dann schickte sie mich zu den Schwestern Eßlinger hinauf, damit sie Ruhe habe zum Nachdenken.

Die Schwestern fand ich in großer Aufregung. Ihr Zimmer schien weißer denn je, und der Hänsi zitterte vor Jubel. Ich solle nur denken, der Bruder komme; da sei der Brief, und in den nächsten drei Wochen könne man ihn nun jeden Tag erwarten. Und sie lachten und steckten mir die Hände voller Hüppen und merkten nicht, daß ich das zarte Gebäck still neben mich legte auf die Ofenbank. Ja, sie wurden es wohl in ihrem Glück nicht einmal inne, daß ich leise wieder verschwand; denn mir war wie einem, der mit kranken Augen in die Sonne blicken muß.

Auch an der Schlafzimmertür schlich ich vorbei. Ich sah, wie meine Mutter dort immer noch so dasaß, so trostlos zwischen all dem Kram, daß sie mich nicht spürte.

Unten in der kleinen verborgenen Ecke hinter dem weißen Ofen des Gartenzimmers verkroch ich mich. Es war da so dunkel, keiner konnte mich sehen; aber ein kleines Gitter gab mir den Ausblick durch das weite Ofenloch ins Zimmer.

Ich war noch nicht lange dort, als die Mutter hereinkam. Leise, fast geschäftig ging sie nach der Kammer hinüber, und da ich hörte, wie sie dort das Bett in Ordnung brachte, begriff ich, daß mein Vater hier geschlafen hatte die vergangene Nacht. Das war so unheimlich! Aber auch das andere, daß Mutter oben von ungetaner Arbeit weglief, um sich hier zu schaffen zu machen. Dieses rastlose Hin und Her gehörte nicht zu ihr, die sonst alles in klarer Ordnung vollbrachte.

Und dann kamen die schweren fremden Schritte. Von der Haustüre weg durch den ganzen langen Flur diese beängstigenden, unvertrauten Schritte. Als die Türe aufging, war es mein Vater; aber sein Gesicht schien so fremd wie der Schritt. Grau und schlaff und die Haare verwirrt und dunkel.

Auf der Bank hinter dem Tisch, just meinem Ausblick gegenüber, brach er zusammen, und wie er nun die Ellenbogen auf den Tisch stützte und, die Stirn gegen die großen Fäuste gepreßt, dumpf und unmenschlich stöhnte, war es nicht mehr Haß in mir, sondern namenloses Grauen.

Plötzlich warf er den Kopf zurück und lachte kurz und widerlich, und doch tat es weh, und ein großes Mitleid kam über einen.

Nun war wohl die Mutter über die Schwelle getreten; denn er blickte nach der Kammertür, als er so lachte: "So, du bist also noch da, Elisabeth, nun, dann kannst du jetzt triumphieren; denn höre: Ich bin verschmäht. Sie will mich nicht mehr. Auf einmal nicht mehr, nachdem ich ihr alles gegeben, Beruf, Familie – alles. Und nun will sie nicht mehr! Eine alte Liebe – plötzlich erinnerte sie sich daran, jetzt, nach dem allem und nun kann ich gehen. Verstehst du, Elisabeth? Nun kann ich gehen.«

Mutter stand neben ihm. Ihre Hand tastete zögernd nach seiner Schulter: »Armer.«

Aber er sprang auf: »Nein, das ertrage ich nicht! Wenn du nun höhntest und schimpftest, das wäre zu ertragen, aber das nicht, nicht dieses Mitleid! Dann bin ich gänzlich abgetan, ganz erledigt.«

Es wurde still. Mutter lehnte jetzt gegen die Wand. Ihr Gesicht war, wie es all die Zeit gewesen, weiß, mit diesen schwarzen Schatten; aber die Hände hielt sie so ineinander geschlungen, als ob die Finger hätten brechen sollen.

Der Vater saß wieder an der alten Stelle. Er staunte vor sich hin, und es war gräßlich, wie er so an meiner Mutter vorbeisah, da er doch zu ihr redete: »Du warst immer sehr weise, Elisabeth. Sag nun, was kann man einem Menschen raten, der die Brücken hinter sich abgebrochen hat, aber nun brennt das ganze Land, darin er wohnen wollte, Wald und Feld und alles bis ans Ufer. Nicht wahr, da bleibt ihm nur mehr der Fluß?«

»Vielleicht findet er den Weg zum alten Ufer, und einer ist da, der ihm die Hand reicht.« Es klang ganz leise; aber dann nahm Mutter ihre Stimme zusammen: »Da hilft wohl nichts. Wir müssen wieder anfangen und tapfer sein. Es liegt nun alles in Trümmern; aber auch Trümmer lassen sich oft wieder zu einem Ganzen fügen.«

Nun sah er sie doch an: »Wie, soll das etwa heißen, daß du bei mir bleiben willst, Elisabeth?«

Sie versuchte zu lächeln: »Deine Frau ist wohl schon lange fortgegangen; aber da ist dein Kamerad, und der bleibt.«

»Und du könntest verzeihen? Denn ohne Verzeihung ist doch alles nichts.«

Sie schüttelte den Kopf: »Verzeihen? Ich weiß nicht, was das ist. Entweder man versteht einen und spürt, daß man doch bei ihm bleiben muß, oder man kann es eben nicht. Alles andere ist Almosen und ist falsch.«

Er nickte vor sich hin und redete wie einer, der nachspricht, ohne zu wissen, was er sagt, oder wie ein Träumender: »Alles andere ist falsch. Ich wollte stark werden und groß. Ein starkes großes Geschlecht; aber auf einmal will sie nicht mehr, auf einmal will sie nicht mehr.«

Da neigte meine Mutter ihren Nacken und ging still aus dem Zimmer. Aber plötzlich sprang der Vater auf, wie ein Erwachender, und wie er nun den Namen meiner Mutter rief, war ein großer Schmerz darin. Und dann lief er ihr nach, treppauf in den obern Stock.

Das war der Augenblick wo ich mein fürchterliches Gefängnis verlassen konnte.

Draußen drückte ich mich in den tiefsten Winkel meiner Geißblattlaube. Und nun legte auch ich die Arme auf den Tisch, und das Weinen kam. Das Elend der Nacht und der vergangenen Stunde und die fürchterlichen Worte, die sich mir alle eingebrannt hatten und um so schlimmer waren, als ich sie nicht völlig verstand, das alles konnte ich nun ausschütten. Später fand Mutter mich in tiefem Schlaf, und wären die nassen Ärmel nicht gewesen, man hätte glauben können, die Augen seien vom unbequemen Liegen so rot geworden und die Lider so dick. Von alledem hast du nie etwas gewußt, Rehlein. Als du kamst, stand wieder ein heiterer Himmel über dem Kleinen Schwanen, und wenn man in der Geißblattlaube saß, geschah es, um den süßen Duft zu spüren oder um in dem lebendigen Bild im Fenster unendliche Verheißungen zu lesen. Und doch, wenn ich deine Geschichte schreiben soll, muß das alles dastehn; denn alles ist irgendwie auch durch dich gegangen und hat seine Spur gelassen in deinen Augen, die von nichts wußten und doch wie Wissende waren.

Es folgte aber diesem schlimmsten Tage eine schlimme Zeit, wo wir nebeneinander gingen wie Menschen, die sich nicht in die Augen sehen dürfen. Und mein Vater war wie ein Kranker, von dem man keine Stunde weiß, wie er in der nächsten sein wird, und dessen Schritte man behüten muß. Oft konnte er ganz weich sein und dann auf einmal wieder voller Grausamkeit und voller harter höhnischer Worte; aber am meisten wütete er gegen sein Schicksal.

Dann gab es einen Tag, der fast so schlimm war wie jener andere. Als er zum erstenmal wieder ausging, weil man ihm berichtete vom Verlag der »Leuchte«. Da zeigte es sich, daß der Herr Held plötzlich und endgültig verreist war. Der Verleger tat sehr aufgeregt. Die Auslagen seien ungeheuer groß, man hätte so etwas gar nicht voraussehen können, und nun sei er fort, und da bleibe eben nur Vaters Bürgschaft. Denn von dem alten Held sei nichts zu erwarten. Jetzt erst vernehme man, daß er den Sohn verstoßen habe, eines Deliktes wegen, der dessen schmählichen Abgang aus dem Militär verursacht habe. Überhaupt wäre auch dort nichts zu holen; denn das glänzende Haus sei doch nur eine taube Nuß, auch der Alte sei verschuldet. Das Geld für die Reise aber hätte dem jungen Held dessen zukünftiger Schwager gegeben gegen das Versprechen, nicht mehr zurückzukommen. Denn der Direktor der Libertasschule habe sich nun entschlossen, der langen Schlepperei ein Ende zu machen und die Held endlich zu heiraten. Um diesen lange ergatterten Preis habe sie auch die Liebe zu ihrem einst vergötterten Bruder dahingegeben.

In einem solchen Zustande kam mein Vater heim, daß er all diese Dinge vor mir erzählte, und dann brach er los: »Verstehst du nun, wozu man mich brauchte? Und man trieb es so weit, bis seine Eifersucht groß genug war, um zur Heirat zu führen. Ich war in alledem nur der Strohmann, die Beize, der Narr! Daß ich darüber zugrunde gehe, was macht es ihnen aus? Denn das wird nun auch deine Weisheit einsehen, Elisabeth, daß ich ein ruinierter Mann bin und mir nichts anderes mehr bleibt als den Plunder hier zu verkaufen und wegzuziehn!«

Da wurde meine Mutter auf einmal streng, und ihre Worte waren wie ein kräftiger Griff, mit dem man einen Aufgeregten bändigt oder einen Schwankenden hält. Sie stellte ihm vor, daß es seine Pflicht sei, bei der Sache zu bleiben. Vielleicht daß es ihm noch gelingen könnte, aus der »Leuchte« ein anständiges Blatt zu machen und seinen Namen nachträglich zu reinigen. Aber ein Mensch, der geflohen, sei wie ein gefallenes Pferd: im Leben taugen sie nichts mehr. Das Haus zu verkaufen, dazu habe er vollends kein Recht. Wie er es von den Vorfahren übernommen, so habe er es den Nachkommen weiterzugeben; denn nur das besitze man mit dem Rechte freier Verfügung, was man sich aus eigener Kraft selbst erworben habe. Solches werde er nicht auf sich laden wollen, daß man einmal sagen könne, wie der gesunde Vater dem schwachen Kind das Vaterhaus vertan habe.

Es war, als ob diese ungewohnt harten Worte dem Vater guttäten. Er wurde auf einmal still, und später redete er mit der Mutter von allem, und es tönte fast wieder wie früher. Er versuchte es auch mit der »Leuchte« aber es zeigte sich bald, daß nichts mehr zu retten war und daß es just der gewisse gemeine Ton, den Mutter so entrüstete, gewesen, der dem Blatte Leser gewonnen hatte. Als der wegfiel, fehlten auch diese, und es blieb nichts anderes als rascheste Auflösung.

»So säße ich nun also da als ein Abgebrannter, und ich könnte nun wieder Ausschau halten nach einer Schulstelle, wenn ich nicht zum voraus wüßte, daß dies verlorene Liebesmüh wäre. Um den Redaktor der »Leuchte« wird man sich kaum reißen! Aber ich könnte es auch nimmer – das eine wenigstens will ich aus dem Zusammenbruch retten, die Erkenntnis meiner höhern Berufung und eigentlichen Bestimmung.«

Es war wieder etwas von dem alten Selbstbewußtsein an ihm, als er so sprach, und deshalb wohl ließ ihn die Mutter gewähren, obschon ihr diese Worte wenig gefallen konnten. Denn ihr fehlte der Glaube an das, was er seine Berufung nannte, und daran, daß er mit der Feder sich Bedeutung schaffen oder auch nur sich durchbringen könnte. Aber sie mochte ihn ansehen wie einen Kranken, dem man einen Wahn nicht ausreden kann, dem man Zeit geben muß, um sich selber davon zu befreien. Sie ließ ihn ruhig gewähren, wenn er nun in vielen Worten seine Pläne darlegte; denn dabei kam hie und da wieder etwas von der alten jugendlichen Freudigkeit in seine unsteten Augen.

Es hatte eine Zeit gegeben, wo die Buben unserer Stadt hinter einem großen Mann mit scharfem und leuchtendem Gesicht herliefen und im Chor sangen: »Der will teilen! Der will teilen!« Inzwischen hatte sich dieser Volksbeglücker freilich beruhigt und saß nun in der Regierung und auf dem Katheder. Aber seine Ideen wirkten weiter und fanden von außen her neue Nahrung: Viel schlechte, wühlende Elemente führte sie zu uns herein, aber auch Männer, die es ernsthaft meinten und die über das Geflunker hinaus zur Sache kamen. Mit ihnen hatte sich mein Vater zusammengetan und sich aus dem trüben Gedankengekröse der »Leuchte« zu einer klaren Anschauung durchgefunden und einer gewissen zielhaften Sachlichkeit. Er fühlte in sich die Kraft, zum Volke zu reden durch die demokratischen Blätter wie in offener Versammlung; er hatte aber auch ein großes Werk vor, vielleicht einen Roman, vielleicht eine mehr methodische Darstellung – er war sich darüber noch nicht klar – darin er den neuen Ideen Gestalt geben und den Enterbten wie den Gewalthabern des Glückes die Augen öffnen wollte. Besonders dieses Werk lag ihm am Herzen; aber um es schreiben zu können, bedurfte er der Zeit und einer Daseinsmöglichkeit, die er seit den großen Verlusten an der »Leuchte« nicht mehr besaß, und so brachte er denn neuerdings die Frage des Hausverkaufes auf: er habe sich erkundigt, wenn man den Garten als Bauplatz rechne, lasse sich so viel erübrigen, daß man auf Jahre hin ohne Sorge leben könne. Und ob Mutter denn nicht verstehe, wie schlecht es sich mache, daß einer, der gegen den Besitz kämpfe, im eigenen stattlichen Bürgerhaus wohne?

Aber meine Mutter blieb fest: auf jeden Fall stehe es einem solchen besser an, im Hause seiner Väter zu wohnen als von unwürdig ergattertem Geld zu leben. Just dem Berufslosen tue der sichere Boden not, und sie meine, daß die Volksbeglücker mit all ihren Neuerungen nichts Besseres erreichen könnten, als daß einmal jeder Mensch zu seinem eigenen Fleckchen Erde käme. Denn im eigenen Grund liege die Kraft der Beständigkeit und in dieser der Großteil menschlicher Würde und menschlichen Glückes. Von seinen großen Plänen müsse er dennoch nicht abstehen. Auch sie hätte sich etwas ausgedacht, und er brauche ihr nur zuzustimmen, damit alles gut werden könne.

Als meine Mutter so sprach, wurde sie auf einmal seltsam bewegt. Ihr Gesicht war rosig, alls ob sie sich schämte, und ihre Finger hatten keine Ruhe. Aber plötzlich trat sie vor den Vater und sah ihm hell in die Augen: »Bin ich nicht noch jung, Felix, und stark und gibt es nicht so viele Frauen, die ihren Männern helfen und die Familie durchbringen? Ich habe einen Entschluß gefaßt, ich will einen Beruf lernen, einen wackern – Nothelferin der armen Frauen, junges Leben schützen – ich werde Hebamme.«

Es wurde ganz still. Das Wort hatte mich getroffen wie ein Schlag ins Gesicht. Ich sah die unheimliche alte Frau vor mir, die diesen Namen trug, und die einen sagten von ihr, daß sie eine Hexe sei, aber die andern lachten und stießen sich an, wenn man das Wort nannte, als ob man von etwas Unerlaubtem spräche, von etwas Geschämigem, nicht ganz Sauberem. Was hatte nun das mit meiner Mutter zu tun! Vater schien gleich zu denken wie ich. Er wurde auf einmal zornrot: »Willst du mich verhöhnen? Oh, nun kommt die Rache doch noch, natürlich! Wie gäbe es auch einen Engel unter den Weibern! So also rächst du dich! Wenn sie dann schwatzen daheim: Die stolze Elisabeth vom Ruwenberg und nun Hebamme in der Altstadt! Oh, der hat sie weit gebracht, dieser Nichtsnutz, dieser Schuft von Tellenbach! Ja, dann hast du deine Rache und den Märtyrer-Heiligenschein noch obendrein!«

Mutter war wieder blaß wie zuvor: »Werden wir uns nie mehr verstehn, Felix? Die Leute, was geht mich das an? Ich will doch nur helfen, meinen Schwestern, dir, uns allen.«

Aber der Vater ließ das nicht gelten; ob es denn just dieser Beruf sein müsse, ob sie nicht andere Möglichkeiten hätte? Sie könne doch so schön sticken und Porzellan malen, und Geigenstunden geben könnte sie am Ende auch.

Mutter warf den Kopf fast hochmütig zurück: »Nein, unnützen Frauen ihr unnützes Leben schmücken helfen? Dazu bin ich nun zu stolz! Und mein bißchen Musik will ich mir rein erhalten, das darf nicht mißbraucht werden zum Broterwerb. Wenn ich arbeiten will, dann soll es etwas Tüchtiges sein und etwas, das nützt. Du willst den Enterbten helfen. Soll ich dasselbe nicht auch tun dürfen? Auch ich sehe Enterbte. Allenthalben. Aber ich sehe sie nicht dort, wo das Geld fehlt und wo die Arbeit ist, nein, bei dem meisten Geld findet man sie am häufigsten. All die Ärmsten, das sind die Enterbten der Liebe. Man braucht so wenig, wenn man diese hat; doch aller Reichtum der Welt macht nicht glücklich, wenn die Liebe fehlt. Das scheint ja selbstverständlich, man schämt sich fast, es auszusprechen. Und doch, wie wenige sind, die wahrhaft darum wissen und wissen, daß Liebe nicht erkämpft werden kann, daß sie Geschenk ist? Aber die Fähigkeit zu lieben ist Gnade, das Geschenk der ersten Stunde, und die ersten Jahre machen sie fest, daß sie für ein Leben vorhält.

So liegt denn alles bei der Mutter, und wenn ich das Elend sehe allenthalben, dann spüre ich: Unsere Mütter haben die rechte Liebe nicht mehr. Dieses Geschwisterpaar – als sie mir erzählten, wie hochfahrend und kalt ihre Mutter gewesen und daß sie ihre Kinder von der ersten Stunde an Fremden überlassen hätte, da habe ich alles verstanden. Hätten sie auch sonst das Unglück über uns gebracht? Und deshalb möchte ich diesen Beruf wählen. Oh, ich werde ihnen keine Lehren erteilen, den werdenden und jungen Müttern, ich werde einfach bei ihnen sein in der schwersten und in der schönsten Stunde. Und da braucht es gar keine Worte, um sie spüren zu machen, daß es das Höchste ist, ein Leben anvertraut zu bekommen, und daß nichts ist, was diesem zu Kraft und Dauer hilft als Hingabe und Verständnis, und das eben ist die Liebe.

Siehst du, Felix, so ist der Beruf, den ich gewählt habe. Er scheint dir gering, aber für mich ist er groß. Daß es viele gibt, die ihm Unehre machen, ist für mich ein Grund mehr ihn zu wählen. Es muß Menschen geben, die der Versuchung zu widerstehen vermögen, die jede Berufsart birgt. Und wer mit Leidenden und Geängstigten zu tun hat, dem liegt es nahe, daß er sein Helferamt ausnützt und sich zum quälenden Erlöser aufwirft. Oh, diese heimtückischen Retter, die sich kostbar machen und zu Tyrannen der leidenden Menschheit werden! Sie sind unsere schlimmste Krankheit, und wie viele gibt es ihrer unter denen, die sich irgend mit der Sorge des Leibes oder der Seele befassen! Wenn man aber einem helfen will, so darf man ihn weder ängstigen noch ihm schmeicheln, man muß neben ihn treten, wacker, ruhig, selbstverständlich und das Nötige ohne Aufhebens tun, doch so, daß es dem andern frei wird dabei . . . So möchte ich helfen können, und es soll nicht dein Schade sein. Ich denke, man wird dem Volksmann nicht weniger Glauben schenken, wenn seine Frau eine schlichte, ernsthafte Arbeiterin ist.«

Dermaßen ungefähr sprach meine Mutter, lang und eindringlich, wie man es selten von ihr hörte, und obschon sie sich an den Vater richtete und mich dabei nicht ansah, ich fühlte dennoch, daß die Worte auch an mich gingen und daß sie wußte, wie es auch bei mir einen Widerstand zu brechen galt. Dessen schämte ich mich, und ich hätte zu ihr hinlaufen mögen und mich an sie drücken; allein, ich verkroch mich nur noch tiefer in meine Ecke. Aber da war es der Vater, der plötzlich ihre beiden Hände ergriff, sie gegen seine Stirne preßte und dann scheu küßte, und weil ich solches noch nie gesehen hatte, schämte ich mich noch mehr, daß ich die Augen schließen mußte. Aber nachher war es doch, als ob wir auf einmal alle von einem Druck befreit wären. Denn plötzlich spürte man an der Mutter wieder etwas von der alten Heiterkeit. Sie ging ganz leicht, und ihre Augen leuchteten wieder, und als der Vater neue Besorgnis äußerte und was wohl der Großvater dazu sagen werde, lächelte sie zuversichtlich: »Wir Geiser haben die Arbeit nie verachtet, und auf dem Ruwenberg pflegte man höflich zu sein gegen das Schicksal; mein Vater aber wird es begreifen, daß da ein Schicksal darin ist. Noch heute schreibe ich ihm.«

Wenige Tage darauf fuhr ich mit meiner Mutter dem Heimatstädtchen zu; denn es sollte gleich gehandelt werden, und während der Zeit ihrer Abwesenheit sollte ich beim Großvater weilen. Vater könnte sich doch nicht mit mir befassen, und die Schwestern Eßlinger hatten ihren großen Besuch. Und dann hätte ich auch Landluft wieder einmal nötig. Ich sei so zart geworden in dieser letzten Zeit.

Mutter sah mich während der Reise oft mit Besorgnis an. Mir war sehr elend. Ich durfte gar nicht daran denken, wie es damals gewesen, als wir zu drei in diesem Zuge saßen, sonst hätte ich das Weinen doch nicht mehr zurückhalten können, und das durfte nicht sein. Mutter saß so lieb neben mir, und immerzu hielt sie meine Hand, als ob sie mich hätte stark machen wollen, und dabei ermutigte sie mich: ich sei ja nun schon ein großer Junge und so verständig, und diese Trennung, das sei nun eben das Opfer, das wir bringen müßten, wir beide, damit es wieder besser werde bei uns und beinahe so wie früher. Und auf dem Ruwenberg werde ich auch manches Liebe erfahren und das freie Leben in der schönen weiten Welt, darüber vergehe die Zeit wie ein Schwick, und eines Tages seien wir wieder beisammen. Wie früher; denn, da müsse ich nicht etwa Angst haben, so werde es nicht sein mit ihrem Beruf, daß sie nicht immer noch Zeit finde für ihren Simon. Allein, wenn ich mir Mühe gab, heiter zu scheinen, dann geschah es doch nicht dieser tröstlichen Worte wegen, sondern weit mehr, weil ich spürte, wie schwer es Mutter auf einmal geworden war und daß ich ihr diesen Gang und die Trennung und alles nicht noch beschweren durfte.

Es war Tante Gritlis Mann, der uns am Bahnhof erwartete. Sie hätten die Zugsankunft mit Absicht dem Großvater verschwiegen, damit er sich nicht stören lasse in seinem Mittagsschläfchen, erzählte er und war mit Mutters Vorschlag, den Weg um das Städtchen herum zu nehmen, höchst einverstanden. So kamen wir auf einem Seitenpfad in den Garten, und merkwürdigerweise führte uns der Onkel durch die hintere Türe direkt in den goldenen Saal hinauf.

Meine Mutter lächelte erstaunt: »So feierlich, was kommt dich an?« Doch er ging nicht ein auf ihren Ton, sondern bat sie sich zu setzen, er hätte noch mit ihr zu sprechen.

Er aber setzte sich nicht. Mit auf dem Rücken verschränkten Händen lief er vor ihr auf und ab und streckte den Kopf gradaus, daß er sie beim Sprechen nicht ansehen mußte. Mich schien er überhaupt nicht zu bemerken. Ich stellte mich aber fest hinter Mutters Stuhl und sah ihn immerzu an; denn mir war, als ob ich etwas für Mutter hätte tun sollen und mich wehren gegen jenen Menschen. Sie saß so still da, so preisgegeben, und die zarten Löckchen über dem Nacken zitterten ein wenig; er aber bohrte den spitzen Bart in die Luft, und die Worte klirrten vor Kälte: Er hätte von Mutters Plan gehört, er müsse gestehen, mit einiger Entrüstung. Nicht genug, daß der Schwager die Familie schon in ein so fatales Licht gebracht, nun gehe sie hin und wolle sie noch völlig herunterziehn. Er müsse ihr nun aber eröffnen, daß er im Sinn habe, sich später in der Stadt niederzulassen.

Ja, er hätte bestimmte und ehrenvolle Aussichten und da solle sie sich nun vorstellen, wie das sich ausmachte, wenn die Schwägerin des Herrn Oberrichters als Hebamme in der Altstadt wirkte. Wenn es denn schon so weit mit ihr gekommen, daß sie Geld verdienen müsse, es gebe denn doch noch standesgemäßere und sozusagen reinlichere Berufe. Überhaupt, daß der Ruwenberg nicht viel mehr sei als ein glänzender Schuldenturm, das habe er nun so ziemlich heraus, und man müsse eines Tages schon einen sehr guten Käufer finden, wenn man überhaupt etwas erübrigen wolle dabei, und daß er jetzt schon die Augen nach einem solchen ausschicke, das könnten sie ihm danken; dafür aber hätten die Ruwenberger auch die Pflicht, wenigstens seine Ehre blank zu halten.

Meine Mutter erhob sich plötzlich. Sie stellte sich groß vor ihn und erklärte in wenigen, ruhigen Worten, sie habe keineswegs im Sinn, sich mit ihm über den Ehrbegriff auseinanderzusetzen, und bei ihrem Entschluß bleibe sie. Aber als sie sich der Türe zuwandte, vertrat er diese. Er war auf einmal lächerlich klein und zappelig vor der aufrechten Mutter, und es half ihm nichts, ihren Blick mußte er nun doch aushalten. Da machte er seine Stimme noch schärfer als zuvor: Wenn sie nun also nicht abzubringen sei von ihrem verrückten Plan, werde sie wohl auch am andern festhalten wollen, mich hier in Versatz zu lassen. Er müsse gestehen, auch dies hätte ihn höchlichst erstaunt. Sie wisse doch, wie es um Gritli stehe und wie sie es denn verantworten könne, seine Frau meinem Anblick auszusetzen. Diesmal hoffe er bestimmt auf einen Sohn, und er werde es nie und nimmer zugeben, daß dieser in so ruchloser Weise der Gefahr einer Verkrüppelung ausgesetzt werde.

Nun schien Mutter doch die Fassung zu verlieren. Sie wurde weiß, und ihre Hand, die die nächste Stuhllehne umklammerte, zitterte. Und wie wir so dastanden – keines sprach ein Wort, und der Saal lag halb verdunkelt, trostlos und öde – fuhr es mir durch den Sinn, wie da einmal mein Fest gewesen: aus regenbogenfarbenem Licht rann goldene Musik und vor dem silbernen Himmel der dunkle Mann – »Doktor Clemens!« ich griff heftig nach Mutters Hand: »Wir wollen zu Doktor Clemens, Mutter!«

Sie sah mich erstaunt an: »Wie kommst du darauf, Kind?« Aber dann leuchtete etwas durch ihre Augen: »Ja, Simon, komm!«

Es war, als ob Mutter den Onkel weggewischt hätte mit ihrem Blick. Auf einmal hüpfte er zur Seite, und sie ging klar und mit stolzem Nacken an ihm vorbei. Aber auf der Schwelle wandte sie sich zurück so über die schön gehobene Schulter hinweg: »Das Gritli sollst du grüßen, und ich wünsche ihr alles Gute, aber nichts mehr als dieses: daß ihr Knabe ein so lauteres und warmes Herz bekomme wie mein Simon. Nun gehen wir zum Vater.«

Der Großvater sprang bestürzt von seiner Zeitung auf: »Und ich hatte geglaubt, daß ihr erst in einer Stunde kämet, und wußte nicht, wie die Zeit zubringen vor lauter Ungeduld.« Mit rötlich erhitzten Wangen küßte er die Mutter und beugte sich zu mir nieder: »Du bist groß geworden, dich nimmt man nicht länger auf den Arm, und immer mehr bekommt er deine Augen, Elisabeth.« Nun küßte er auch mich, und seine Worte machten mir das Herz warm.

Dann bestellte er den Kaffee: »Gleich hier, es ist doch am heimeligsten bei mir, und die andern könnt ihr immer noch sehen nachher.« Und er machte sich geschäftig und sprach mehr und anderes, als er wohl wollte.

Es war ein fremdes Mädchen, das auftrug. Er lächelte wehmütig: »Ja, es ist auch hier manches anders geworden, Elisabeth!« Und dann ergriff er plötzlich der Mutter beide Hände: »So Großes hast du also vor, Kind? Zuerst hat es mir schon zu denken gegeben; aber schließlich, du weißt es doch am besten, und noch nichts hast du begonnen, was dir nicht gelang. Vor allem aber: Dein Mann, wenn ihn etwas auf den sichern Boden zurückstellen kann, dann dieses tapfere Beispiel der Selbstverleugnung und treuen Pflichterfüllung.«

Meine Mutter drückte seine Hände, und auf einmal waren ihre Augen naß: »Wie du mich verstehst, Vater.« Und lächelnd streichelte er ihre Wangen: »Ja, Kind, du hast viel durchgemacht; ich ahne, daß es mehr ist als wir wissen, und du bist wohl noch nicht am Ende. Der Felix, er ist jetzt in keinem guten Trom. Aber sieh, ich habe viel nachdenken müssen, wie das alles gekommen. Er war wohl noch etwas jung, als er heiratete; denn er gehört zu denen, die lange unreif bleiben mit seinem raschen Blut und dem hitzigen Kopf. Und dann war es wohl auch nicht gut, daß er so lange hier neben mir war. Er hat sich zu sehr dem Hause eingefügt, darüber ist er inwendig uneins geworden und bockig. Das mußte nachher heraus. Ich sehe es jetzt an dem andern. Sackerlot, der weiß sich anders zu behaupten, das Herrlein! Fragst du noch, wer Meister ist auf dem Ruwenberg? Ich aber sitze hier im Altersstübchen. Und doch hat es das Gritli nicht besser getroffen. Der Felix, er hat immerhin ein warmes Herz, und das Maß wird sich noch finden; aber der andere! Mich nimmt wunder, daß das Gritli nicht erfriert neben dieser Rechenmaschine! Ein Glück, daß ich nun den Simon eine Zeitlang um mich haben werde und er mich ansieht mit deinen guten Augen.«

Meine Mutter ging sehr schonsam vor, als sie es ihm beibrachte, wie man uns zu verstehen gegeben, daß meine Anwesenheit jetzt nicht erwünscht sei, und sie versuchte, selbst die Begründung in ein freundlicheres Licht zu setzen; aber der Großvater erboste sich gewaltig: »Das ist mehr als Kälte, das ist unmenschlich!« Und nur schwer ließ er sich zu unserem Plan bekehren.

Schließlich gab er nach: »Schöner wird es der Simon dort sicherlich haben, und der Doktor wird sich freuen, ihm auch den Unterricht zu geben. Was warst du ihm doch eine liebe Schülerin, Elisabeth! Aber bitter ist es schon, wenn man dem eigenen Enkel nicht mehr Platz hat in seinem Haus. Ja, ja, man kann viel lernen, wenn man alt genug wird.«

Während Mutter doch noch zu Tante Gritli hinüberging, führte er mich durch den Garten. Er lächelte wieder sein schmerzliches Lächeln: »Du siehst, Simon, die Vogelhecke ist weg; statt dessen haben sie nun Tomaten und Spargeln gepflanzt. Das ist freilich einträglicher, und der Herr Schwiegersohn kommt so zu seinen Leckerbissen. Aber was das für eine Freude war, als noch das lustige Völklein hier hauste! Erinnerst du dich? Wie gesagt, man lernt viel, wenn man alt wird.«

Vor dem Hause von Doktor Clemens nahm mich der Großvater bei der Hand: »Nun gehe ich mit dem Simon noch ein Weglein aus; du kannst dann einstweilen alles besprechen, Elisabeth.«

Und wir gingen selbander an den Fluß hinunter und sahen von dort aus nach dem alten Hause empor, das über einem gächen Garten auf der Stadtmauer stand und darin ich nun eine Zeitlang wohnen sollte. Ich glaube, daß es ein schöner Tag war; denn ich erinnere mich, daß der wilde Wein an der Mauer rot glänzte in der Sonne; aber ich spürte nichts davon.

In Doktor Clemens' großer brauner Stube bekam ich zum erstenmal an diesem Tag ein Gefühl von Geborgenheit. Es waren so viele Bücher an den Wänden, und während der Doktor nah und freundlich lächelte, lagen seine lieben überzwerchen Augen in allen Fernen, daß einem sehr erwartungsvoll wurde. Und dann war da seine Schwester, das Fräulein Mathilde mit dem runden Gesicht auf dem steifen weißen Kragen, und man mußte fast immer lachen, wenn sie etwas sagte. Auch Mutter lachte, wie ich es schon lange nicht mehr von ihr gehört hatte, und darüber wurde mir wohl.

Als dann die ersten schlimmen Heimwehtage vorüber waren und jene Nächte, wo ich den Kopf über die Bettstatt hinausbog, damit Fräulein Mathilde am Morgen ein trockenes Kissen finde und das war nicht leicht, denn das Bettchen hatte ein Holzgitter, und der Rücken wehrte sich, wenn ich mich so hinauslehnen mußte – als diese verzweifelten Tage ein Ende hatten, begann für mich die reiche Zeit. Wenn ich hier von meinem Leben berichten wollte, dann müßte ich dem Aufenthalte bei Doktor Clemens ein großes Stück widmen. Nun ist es aber deine Geschichte, die ich erzählen soll, Rehlein, und als die Saat, die in diesen seltsamen Wochen in mich gelegt wurde, aufging, warst du längst nicht mehr bei mir. Aber daß die Frucht jener Zeit für mich so kostbar wurde, das lag doch auch an dir und deinem Schicksal; denn hätte ich sonst der Weisheit des Einsamen so bitter bedurft? Doch wenn ich heute mit meinem Schicksal zusammensitze, wie mit einem Freunde, den man nicht missen kann, und alle seine Gaben gleichermaßen schätze, Liebes und Leides, weil ich weiß, daß beides gleichermaßen die Fülle des Innern schafft, so habe ich nichts getan als endlich den Weg gewonnen, auf den jener seltsame Mensch mich wies, jener Asket, der ein großer Genießer mit dem Herzen war, der Mann mit dem kargen Äußern und der wollüstigen Seele.

Wenn er abends in seiner Bücherkammer so lange vor mir sprach – es lag wohl nicht allein an seinen fernen Augen, daß mir immer war, als ob er nicht zu mir redete, sondern zu irgend etwas Unfaßlichem, das ebensogut himmelweit weg sein konnte wie ganz nahe, und das vielleicht er selber war – wenn seine stolpernden Reden so in die Nacht hinein wuchsen, dann geschah es wohl, daß Fräulein Mathilde unwirsch dazwischen fuhr: ob das eine Gattung habe und ob er denn meine, ich hätte einen Kopf für seine Weisheiten und er könne aus einem zehnjährigen Kind einen Philosophen machen? Aber dann wurde auch er heftig: »Zehnjährig, natürlich! Zehnjährig! Kind! Wie könntet ihr das wissen, ihr gradknochigen, gradäugigen Normalsimpel? Normalnull, gerade wie bei den Bahnhöfen: Schwellenhöhe normal null, so seid ihr!

Aber der Simon, der hat kein solches Seelengewürm in sich, in dem war von Anfang an der Schmetterling, jawohl! Und der Kopf? Ich sage dir, der faßt mehr als ein ganzes Regiment Normalkrüppel: Vorwärts marsch! Rechtsum kehrt! Halt!« Mathilde nannte ihn lachend ein pädagogisches Rhinozeros und riß mich so resolut mit sich fort, daß es kein Mensch geglaubt hätte, mit welch sanften Händen sie mir nachher das Kissen unter den Rücken schob, daß ich in meinem Bett wie in Engelsarmen lag und so schön nachdenken konnte über des Doktors Worte, bis sie rund geschlossen und fest verkapselt irgendwo in mir untergebracht waren.

Allein, in der Bücherkammer, das war noch nicht das Schönste. So gradwegs von innen heraus und in den Himmel hinein, so durchaus unverhalten, ohne Bezug und Rücksicht redete er nirgend wie in jener menschenfernen Waldblütte, die er den »Temenos« nannte. Von den tiefen Wäldern rings drang der müde modrige Geruch zu uns herüber; aber wir saßen in der mildesten Herbstsonne, und über uns war der Himmel tiefblau zwischen den safranenen Buchen. Doktor Clemens saß an eine hohe astarme Eiche gelehnt, und die langen Gliedmaßen standen von ihm weg wie beim Regenmann in Großvaters Wetterhäuschen; ich aber kauerte so still auf meinem Baumstrunk wie die Pilze jenseits der Blütte, die sich regungslos vom gelben Blätterfall begraben ließen. Jedoch nicht ebenmäßig und hold wie ein Goldregen flossen des Doktors Worte. Sie gingen hastig und leise, ruckweise und aufregend, und immer mußte man sich auf etwas Unerwartetes gefaßt machen, ein plötzliches Aufblitzen, einen unvermuteten Rank, und erst nachher oder ganz am Schluß merkte man, daß doch alles zusammengehört hatte.

Oft auch brach er plötzlich ab unter einem leisen Lachen oder verlegenen Hüsteln. Er drückte dann den kleinen roten Bart auf die Brust und schien seine blassen Fingernägel zu betrachten, und dann fragte er plötzlich: »Nun, Simon, Koböldchen, was meinst du, ist es genug?«

Aber ich antwortete immer dasselbe: »O nein! Hören Sie nicht auf! Hören Sie nicht auf!« Denn ich saß da von den seligsten Schauern überrieselt, glühend vor Wonne und Erregung, wie wenn man irgendwo eine herrliche Musik vernimmt und das Herz einem zittert aus Angst, sie könnte unvermutet stocken. Es war aber nicht der Klang der Worte, der mich berauschte, sondern deren Gehalt. Der strömte in mich über, ohne daß ein Tröpflein verloren ging, obschon gar manches da einem spätern Verständnis aufgehoben blieb. So vieles ist, das ich heute noch hören kann, Wort für Wort und mit jeglichem Klang der Stimme, und dann ist mir auch, als ob ich die sanfte Herbstsonne spürte und den müden Geruch des sterbenden Waldes . . .

 »Wissenschaft. Es gibt Menschen, die zu nichts anderem taugen. Und wenn einer ein Krüppel ist und hat einen Kopf, dann gehört er zu ihnen. Auch ich bin ein Krüppel. Hoher Rücken, Vogelbrust? Nichts, bloße Schönheitsfehler! Man hat dabei große klare Augen, und schaut da einer hinein und ist selbst kein Seelenkrüppel, dann ist es nichts mehr mit dem hohen Rücken. Dann sind zwei Seelen beisammen, und das Fest beginnt. Aber das andere: Man ist zwar ganz wohl ausstaffiert inwendig mit Seele und Herz und allem, was dazu gehört; allein, nun liegen die Herrschaften hinter einem Gitter, fest verschlossen, keine Möglichkeit, sie heraus zu lassen. Zwar da ist die Türe; aber könnte einer seine Seele zum Munde herauslassen? Mit Worten besudeln? Ausgeschlossen! Bleibt nur das andere, die Fenster. Ja, wenn man große, warme, grade Augen hat, aus denen man es strömen lassen kann! Aber wenn ich nun vor eine schöne Frau trete und ein Paar schielende Augen zielen an ihr vorbei, was dann? Verschlossen, alles verschlossen! Schlimmer als blind, weil unsinnig, weil lächerlich! Hörst du? Nicht einmal Mitleid, nicht einmal Bedauern, nur Spott!

Und man verneigt sich vor dem, was da gefangen sitzt und sich Seele nennt: Du siehst, meine Liebe, heraus kannst du nicht, also drinnen bleiben! Was, ein weinerliches Gesicht? Bist du etwa nicht gut aufgehoben da drinnen? Also! Man kann dich ja auch ignorieren, warum nicht? Man kann auch denken, daß du gar nicht vorhanden seist. Wer könnte es beweisen? Einige sagen, du seist eine bloße Funktion des Körpers. Also sei bescheiden! Wenn der Körper auf einmal nicht mehr wollte, was wärst du dann? Es gibt auch solche, die meinen, daß du es seist, die den Körper baut. Angenommen! Weshalb gabst du denn dem Haus keine anständigen Fenster? Also, alles deine Schuld! Übrigens: Du hast eine üble Eigenschaft, du bist ein Vagant, man weiß nie, wo du hingehörst. Aber im Kopf kann ich dich nicht brauchen. Verstanden? Bleibt dir das Herz. Gut! Mach es dir bequem, amüsiere dich, langweile dich. Einerlei! Ich kümmere mich nicht um dich. Du kannst zufrieden sein, du hast deine Reservation, und nun adieu und abgeschlossen! Und den Schlüssel nehme ich in die Tasche.

Bleibt mir der Kopf. Also Wissenschaft. Etwa Theologie? Unmöglich! Es steigt einer auf die Kanzel. Wohlverstanden: er steigt, er sieht auf die andern herab, das ist schon falsch. Er soll unter ihnen stehen, mit ihnen sprechen, nicht auf sie herunter. Was aber sagt er? Etwa: Sei anständig gegen deinen Nächsten. Schade ihm möglichst wenig, und wenn es sich machen läßt, hilf ihm? Nein, das sagt er nicht, das wäre verständig und ehrlich; aber er sagt: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« Als ob er sagte: »Liebe den, den du nicht gern hast.« Unsinn! Lüge! Und was weiter? Heuchelei! Armer Pfarrer!

Rechtswissenschaft? Eine Gerechtigkeit für alle? Wer spannt eine Schwalbe an einen Pflug und steckt den Ochsen ins Bienenhaus? Aber das tun sie. Weg damit!

Bleibt Medizin. Der Dame Natur auf die Finger sehn und ihr das Pfuschwerk verbessern? Das ist etwas. Das läßt sich hören. Und ich werfe mich hinein. Es ist wirklich etwas. Man sieht viel, man kommt hinter manches Geheimnis, man kann helfen! Aber eines Tages, da ist einer und schaut nach Opfern aus: Ich schneide für mein Leben gern! Und ein anderer: Mixturen? Wenn sie auch nichts nützen, mundus vult decipi. Meinetwegen mixtura coeca. wenn's nur bezahlt wird! Und wieder einer: Man muß den Fall nur schwer darstellen, dann ist man nachher der Retter! Und sie nehmen tiefe behutsame Stimmen an und väterliche Gebärden. Pfui Teufel! Da wirft man den Plunder weg!

Nun weiß man: Die Wissenschaft ist gut, aber die Menschen besudeln sie. Also reine Wissenschaft. Und man nimmt eins nach dem andern. Man geht den vergangenen Zeiten nach, dem, was die Menschen waren, dem, was sie taten. Unendliche Gebiete! Aber unterwegs soviel Bauwerk, soviel Schauwerk, Gedankengebäude, Studierstubengewächs! Wenn man zugreift, so stürzt es um und verdorrt. Man will das Reine, Tatsächliche, Untrügliche. Bausteine schleppen? Das gibt keinen Namen! Gewiß nicht, natürlich nicht, auch kein Geld; aber vielleicht später einmal ein Fundament.

Und eines Tages stehe ich hinter Retorten: Zurück über das Gewordene, Gefügte zum Ursprünglichen, zu den Elementen. Die Materie und ich, sonst nichts auf der Welt und nur noch ein Gesetz: Vorurteilslosigkeit. Ich suche die Löslichkeit eines Stoffes. Jahrelang. Ergebnis: er ist unlöslich. Bin ich nun etwa enttäuscht? Auch Unlöslichkeit ist etwas. Vielleicht das Wertvollere. Fangen wir damit an! Und da ist die Erfindung! Sie bewährt sich, sie ist brauchbar, und eines Tages hat man einen Namen und hat Geld. Die Leute scharwenzeln: Genialität, Intuition! Nein, Verehrteste, bloße Vorurteilslosigkeit, bloße Geduld. Aber den Schlüssel muß man abnehmen und vorher auch den Herrn Glauben mit dem Vaganten Seele einschließen; denn hier darf nicht geglaubt werden, hier heißt es: Schauen, Verstehen, Wissen! Überhaupt, Glauben: annehmen, was unglaublich ist, was der eigenen Erfahrung, den beobachteten Gesetzen widerspricht? Eine ungesunde Einrichtung! Vertrauen, ja, das ist es: den Kräften trauen, die uns treiben, nicht von der Erfahrung weg, sondern ihr entgegen! Das ist tapfer, das macht stark, das reißt die Augen auf, und eines Tages ist man – ein Wissender wohl nicht, aber ein Weiser vielleicht. Und ehrlich allezeit. Ehrlich allezeit, so ist das Vertrauen.

Aber, was heißt das nun, einen Namen haben? Die Ruhe ist futsch. Die Leute kommen, die Unternehmer kommen, Neues soll herausgepreßt werden. Ist man vielleicht eine Erfindungsmaschine? Profitiergesindel! Und man packt zusammen, und da ist das kleine Nest und das alte Haus auf der Stadtmauer. So, da sitzt man, und nun kann einem die Welt im Mondschein begegnen.

Aber eines Tages kommt ein Mann. Er bittet nicht, er fordert: Meine Tochter, sie möchte manches lernen; aber ich kann sie daheim nicht missen. Ihr seid ein vielgelehrter Mann, unterrichtet sie! Auch das noch! Bin ich etwa ein Schulmeister? Aber er hat ein ehrliches Gesicht, und er blickt mir gradwegs in die Augen, als ob da nichts anderes daran wäre. Also angenommen! Und nun kommt sie.

Es sollte nicht erlaubt sein: Ein Gehirn wie ein Mann. Was, wie ein Mann? Wenn alle Männer so eines hätten! Solch ein Gehirn und dazu Augen wie Sterne, samtene, strahlende Aurikelaugen. Und die Schultern stolz, aber im Nacken alle Demut. Das sollte nicht erlaubt sein! Das stellt das Gesetz auf den Kopf. Und eines Nachts ist der Rumor da: Das Gefängnis offen und der Vagant frei. Und der Schlüssel? Wer findet mir den Schlüssel? Und der Vagant ist ein rosenroter Musikant. Das ganze Haus voll Musik. Hast du so etwas gehört? Man ist ein Festsaal, ein Frühlingswald, alle sieben Seligkeiten auf Einem Thron! Und das musiziert immerzu! Plötzlich steht auch der andere da: ›Meine Reverenz, ich bin der Glaube.‹ War ich höflich mit ihm? ›Mein Herr, Sie sind mir verdächtig.‹ Nennt man das höflich sein? Aber er macht ein einfältiges Gesicht: ›Haben Sie ihr Lächeln gesehen?‹ ›Ja, habe ich!‹ ›War es unfreundlich, abweisend, spöttisch? ‹ ›Das Gegenteil!‹ ›Nun also!‹ Sein Gesicht ist doch nicht einfältig, eher treuherzig, man gewinnt Vertrauen ›Und der demütige Nacken?‹ ›Ja, der demütige Nacken.‹ Und wenn sie hereinkommt, wie sieht sie aus? ›Betrübt, Gleichgültig? Gelangweilt?‹ ›Sie strahlt‹ Nun also!«

Direkt klug sieht er aus, das muß man ihm lassen. Er setzt sich. ›Habe ich Sie dazu aufgefordert?‹ Er tut, als ob er nichts höre: ›Nahm Desdemona nicht einen Mohren?‹ ›Schweigen Sie von Desdemona!‹ ›Und Aphrodite den hinkenden Hephäst?‹ ›Wollen Sie mich verhöhnen? Und Ares?‹ ›Lag an der besonderen Veranlagung der Dame. Athena wäre ihm treu geblieben!‹ ›Glauben Sie?‹ Der Glaube spöttelt: ›Glauben? Ich weiß es!‹ ›Und Titania? Und der arme Heinrich?‹ ›Gut, gut, sprechen wir von etwas anderem!«

Später duzen wir uns. Er ist nun mein Freund, mein Berater: ›Wird sie mir die Hand lassen? Ein wenig länger als sonst?‹ Er nickt. Er behält recht. Ganz ruhig läßt sie mir ihre Hand und sieht mich groß und fragend an aus den Aurikelaugen. Und der Vagant ist nicht mehr allein, ein ganzes Orchester von lauter jubelnden Geigen! ›Wird sie die gelben Rosen von mir annehmen?‹ Sie nimmt sie an, sie drückt das Gesicht hinein. Der Duzfreund triumphiert: ›War es nicht auf einmal rosenrot, das helle Gesicht?‹ Zu den Geigen sind Schalmeien gekommen. Der Vagant schlägt einen Purzelbaum, und der Duzfreund wirft sich in die Brust. Er tut den Mund groß auf, er will eine Rede halten. Aber der Kiefer bleibt stehen. Plötzlich ist Schluß.

Schluß und Zeugnisausteilung! Genau wie auf dem Schulprogramm: Schluß und Zeugnisausteilung. Und der andere ist jung und schön mit graden hellen Augen. Der andere bekommt Note 1 und ich? 3, 4, 5 – durchgefallen!

Der Vagant hat ein chlorgelbes Kleid und sitzt an einer Eisenfeile. Die Feile schreit Tag und Nacht. Tag und Nacht. Dann ist es ein Schleifstein. Und wenn das Messer scharf ist, braucht er es. Zunächst dem Duzfreund den Hals abgeschnitten. Recht so! Nun liegt er in der Ecke und fault. Aber es sind immer mehr Messer; wenn sie scharf sind, wirft er sie von sich. Irgendwo bleiben sie stecken mit lang nachzitternder Klinge. Und aus den Wänden rinnt Blut. So viele Messer! Der Vagant ist rot über und über, und der Schleifstein erstickt im Blut. Nun ist es still. Der Vagant kein Vagant mehr – liegt er irgendwo bei dem faulenden Duzfreund? – Nur mehr die große schwarze Leere und das stockende Blut. Und die kreischende Feile und die zuckenden Messer möchte man lieber als diese purpurne Leere. Sie verschlingt einen, sie saugt einen auf . . .

Dieses aber ist die Weisheit der kahlen Wände: Der Mann war so alt, alles um ihn tot bis auf den einen Sohn; aber sein Gesicht immer noch hell, denn er liebte das Schöne. Das ganze Leben durch hatte er Kunstwerke gesammelt. Sie deckten alle Wände. Wenn er in seinen Stuben saß, rann die Schönheit über ihm zusammen. So blieb sein Gesicht jung. Aber der Sohn hatte eine alte Stirne. Er murrte:

›Was soll ich mit dem Kram? Ist das ein Erbe? Davon wird man nicht satt!‹

Da ging der Alte und trug alle seine Schätze zusammen in ein fremdes Haus. Viele Leute kamen und rissen sich ihr Stück weg, und der Mann mit dem Hammer eiferte. Drei Wochen lang. Der Alte blieb dabei und sah zu, wie man ihm seine Schönheit zerfetzte. Ging zwischen den sich mindernden Schätzen hin und her, mit übelgelauntem zänkischem Gesicht, sah zu, bis alles weg war. Dann trug er den Erlös auf die Bank. Für den Sohn, für nachher. Er wollte keinen Rappen von dem Blutgeld – und ging heim. Die Leute sahen ihm nach, wie er in sein Haus trat: ›Die nackten Wände, das erträgt er nicht! Daran stirbt er!‹

Die Stube ist hell von Kahlheit. Er setzt sich müde in seinen Stuhl, betrachtet die nackten Wände. Aber auf dem weißen Grund steht die vergilbte Hinterlassenschaft der versteigerten Bilder: Geilbe Flächen, große und kleine, viereckige und runde. Wie Gespenster stehen sie auf der Wand. Da fängt er an, sie heimzuweisen, jedes an seinen frühern Besitzer. Und diese erscheinen, eins ums andere, mit den feinsten Einzelheiten und mit der Kraft des Ganzen. Unverhüllt, bis ins Letzte erkannt.

Er erhebt sich, die Hand auf dem lauten Herzen. Geht nach dem Alkoven hinüber. Ja, der Winkel ist leer. Auch die Säule ist nicht mehr da, die die Amphora trug. Vor ihr begann er jeden Tag. Sie war sein Sonnenaufgang. Sieht er sie nun nicht mehr? Oh, die Unvergleichliche, die Strahlende! Leuchtend der Grund wie gelbe Felswand im Abendglühen. Und vom Fuß die dunkeln Blätter aufschießend. Wie Strahlen aufschießend: empor über den herrlichen, den gewaltig sprießenden, den schlanken und wuchtigen Leib, mit flirrenden Punkten und jauchzenden Linien empor zur Vollendung der mattglänzenden Spitze. Oh, die Strahlende, die Unvergleichliche! Und mitten drin in der Pracht der Form, weinschwer unter blühenden Ranken, der Gott, selig taumelnd zwischen schlanken Mänaden. Die schlanken weißen Mänaden: lange weiße Hände, sehnsüchtig verbogene Hände, schmale, weiße, fliegende Füße unter Kleidern, schimmernd von blumiger Zier! Sieht er sie nun nicht mehr? Der Alte schließt die Augen, öffnet sie wieder: Sie leuchtet wie nie zuvor. Und nun lacht er, wie ein Junge lacht er. Ein wenig übermütig, ein wenig listig; aber das heißt: Wer ist nun der Besitzer meiner Schätze? Ihr, die ihr sie in eure Häuser schleppt? – Ach, ich sah es euch an, mit stumpfen Augen und stumpfen Herzen werdet ihr daran vorbeigehn – Oder ich? Habt ihr nicht gesehn? Gespenster habt ihr gekauft! Mit schwerem Geld die Larve gekauft. Aber die Seelen habt ihr mir gelassen. Wer ist nun der wahre Besitzer? Und so weilt er jeden Tag vor den kahlen lebendigen Wänden. Läßt die Schönheit über sich zusammenrinnen. Und die Fenster, die früher sorgsam verschleierten, reißt er auf, daß Sonne die gelben Flecken deutlich macht. Aber die Sonne frißt die gelben Schatten. Eines Tages sind sie weg. Weiße fleckenlose Wände.

Er geht in den Garten. Hat er den früher je gesehn? Es ist alles verwildert. Viel Regen fiel über Nacht; aber nun kommt der Wind aus Osten. So war es wohl noch nie! Ist das Luft, dieses Unbeschreibliche, das tief leuchtend die Gegenstände trennt und verbindet? Wie lauteres Glas ist es, daß die Schatten grün und durchsichtig werden davon. Und die Malven funkelnder Rubin und funkelnder Saphir der Himmel! Alles hat eine Gewalt wie Orgeln. Die Brust weit offen. Und die Augen? Die eigenen Augen allumfassend wie die Welt. Hat er früher so etwas gespürt? Und das alles trägt er in seine kahle Kammer, den saphirnen Himmel, die tief funkelnde Luft. Und von den weißen Wänden braust Orgel.

Aber am andern Tag weht Wind aus Westen. Kein stolzer weitbeflügelter, nur so ein heimtückischer Bodenstreicher. Er zerwühlt das Gras, kehrt das Untere der Blätter hervor. Alles ist weißlich beschmiert. Milchglas über dem Himmel.

Der Alte flieht aus dem Garten, an den See. Der Wind wühlt opalene Wellenhügel empor, weiß bekrönt, und darüber die silbernen Möwen. Und silbern der Weidengang hart am Ufer. Er setzt sich auf eine Bank unter die Weiden. Zitternder Silberfiligran vor blaßblauem Himmel, auf dem glatten Weg zitternde Schattengitter. Mandoline, Gitarre und die süßen Stimmen.

Aber da kommt das Weib. Zusammengefaltet vor Alter und Not, die Augen im mühsam erhobenen Gesicht rot unterlaufen. Rot unterlaufene tote Fischaugen. Er wendet sich ab, Ekel im Hals.

Von der andern Seite naht ein junges Paar, engverschlungen unter den zarten Schattengittern, helle Kleider und helle Locken im Winde und innige Gesichter. Sie gehen an ihm vorbei, engverschlungen, mit diesen innigen Gesichtern. Er sieht ihnen nach; aber die Alte ist auf einmal nicht mehr da. Spurlos verschwunden. Es wird ihm unbehaglich. Er sucht nach ihr. Hinter den Uferbüschen verborgen findet er sie, die alten Füße im Schlamm. Sie schämt sich vor ihm, lächelt verlegen und zeigt auf das junge Paar: »Sie sind so glücklich; ein altes Weib auf dem Weg – das ist nicht gut. Und sie sind so glücklich.«

Auf einmal sind es keine toten Fischaugen mehr. Er wendet sich, rennt heim. Und ist nun etwas in seiner Schatzkammer, was dem Strahl dieser toten Augen gliche?

Von nun an geht er auf die Suche mit jedem neuen Morgen, und es kommen die lebendigen Tage. Die Leute sehen seinen Wanderhunger. Das Mitleid wird rege: ›Es ist wohl schwer, die ausgeraubten Stuben?‹

›Ich habe eine neue Sammlung begonnen, eine weit wertvollere.‹ Er lächelt verschmitzt in erstaunte Gesichter.

Zwischen den nackten Wänden lebt eine Welt. Da ist die junge Frau, die dem fremden Kind zulächelt, und das eigene hat sie begraben. Und da ist der kleine Junge. Er war so stolz auf das silberne Band im Haar, daß er sich damit auf die Straße wagte; aber die andern Buben verlachten ihn und warfen Steine nach ihm. Da floh er heim und weinte und streichelte das silberne Band mit den weichen Händchen: ›Liebes, Liebes, ich hab' es ja nicht gewußt' und wickelt es in das schöne Seidentüchlein und verbirgt es.

Und die junge Seminaristin ist da. Sie soll sich einen Hut kaufen, weiß mit märzgrünen Bändern und Maiglöckchen. Schön wird sie sein unter dem weißen Hut mit ihrem blonden Haar! Sie kann nichts anderes mehr denken. Auch in der Schule kann sie nichts anderes denken. Die Aufgabe versteht sie nicht, und so schreibt sie der Nachbarin ab. Ganz einfach ab. Der Lehrer merkt es, und weil sie doch sonst die beste Schülerin ist, macht er der andern den Vorwurf und sie findet nicht den Mut, sich anzuklagen. Und nun soll sie den Hut kaufen. Weiß mit Maiglöckchen, und sie würde so schön sein. Aber sie nimmt den andern, den grauen mit dem stumpfvioletten Band. Gelb scheint sie darunter, verschienen und häßlich. Sie trägt ihn den ganzen Sommer. Immer diesen einen häßlichen Hut, und keine mag sie ansehn, so gelb ist sie. Aber ihre Augen werden groß und glänzend, und wenn sie nun doch einer ansieht, ist es um dieser Augen willen.

Aber da ist auch der alte Bauer. Seine Frau bekommt die furchtbare Krankheit, die das Fleisch zerfrißt und die Luft verpestet. Die Mägde laufen weg. Keine hält es mehr aus. Da sagt er zu der Frau: ›Ich habe die Magd weggeschickt keiner gönne ich deine Pflege. Und tut alles allein. Die Frau hat ein banges Gesicht: ›Ist da nicht etwas an mir, das dir Ekel machen könnte?‹ Er lächelt, hebt sie aus dem einsamen Krankenlager, trägt sie ins breite Ehebett und schläft neben ihr wie in jungen Tagen. Und die Krankheit frißt ihr ins Gesicht. Nun verlangt sie den Spiegel. Unter der Tür stolpert er und fällt, daß der Spiegel zersplittert. Er tröstet sie: ›Was tut's!‹ und holt die alte Photographie, wo sie noch jung sind beide, hält sie ihr vor: ›Nun schau, wie ich mich verändert habe. So auch du, wie es die Jahre wollen; aber für mich bist du immer dieselbe. Auch die Tote besorgt er allein und legt ihr das weiße Tüchlein um das zerstörte Kinn, daß sie aussieht wie eine Nonne. Und dann die vielen Blumen. Wie die Leute kommen, merken sie nichts von dem Elend; denn die Stube ist voller Frühlingsluft, und ist es nicht wie ein Lächeln auf dem Totengesicht?

Ach, und so viele andere noch sind hier, zwischen den reichen kahlen Wänden, all die Unbesieglichen, denen weder Ungerechtigkeit noch Schmerz, weder Glück noch Schuld das zarte Herz verhärten konnte. Es ist eine neue Schönheit, welche die stillen Stuben füllt; die strahlt nicht, doch ein Leuchten geht von ihr aus, ein Leuchten . . .

Aber eines Morgens, als der Alte erwacht, ist es dunkel um ihn. Er versteht: die Augen, sie haben so viel geleistet, nun sind sie ihm vorausgestorben. Er legt sich leise schaudernd zurück ins Kissen, wartet, bis das Herz ruhig wird, und denkt nach. Aber auf einmal ist das Dunkel hell, und Schönheit rinnt über ihm zusammen, und nun weiß er es: So lange schon hat er mit dem innern Auge gelebt!

Er wandert nun nicht mehr. Aber sie kommen zu ihm. Die Nahen und die Fernen. Aus der fernsten Jugend kommen sie, als ob sie von heute wären.

Und eines Tages ist es die Frau mit den Aurikelaugen. Sie setzt sich neben ihn, und da sind die stolzen Schultern und der Nacken voller Demut. Sie lächelt: ›Weißt du die gelben Rosen? Das ist sehr lange her, und das Leben war so reich. Hundert Müttern habe ich ihr Kind in die Arme gelegt. Soviel Schmerz habe ich gesehen, soviel Glück habe ich gesehen und soviel Liebe. Nun bin ich still geworden. Nun bleibe ich bei dir. Ganz. Und er fühlt ihre Hand, die warm ist von Arbeit und Liebe, und die Wärme fließt über bis ins Herz.

An einem stillen Morgen finden sie den Mann tot. Auf dem Tisch ein Fetzen. Wirre, ungeordnete Züge einer Blindenhand bedecken ihn. Und das war seine Todesanzeige:

Allen, die von mir wissen, teile ich mit, daß ich heute Nacht gestorben bin. Man soll mich rasch und geräuschlos in die Erde legen. Ihr andern aber freut euch des Daseins und laßt es euch von dem Neunzigjährigen sagen: ›Das Leben ist schön; aber sein tiefstes Glück beginnt mit der Weisheit der kahlen Wände.‹

Doktor Clemens sprang auf. Er riß mich in seine Arme: »Koböldchen, so viel schwatze ich, so viel Unsinn, was nicht für dich. Aber das sollst du nicht vergessen: Die Weisheit der kahlen Wände. Das wirst du brauchen können. Später. Wann es kommt mit der Einsamkeit. Mit der Stille. Vorher aber mußt du noch viel erleben. Und viel leiden – viel leiden.«

Und er küßte mich auf die Augen, immer auf die Augen. Als er aufhörte und ich wieder klar blicken konnte, sah ich, daß auch seine Augen hinter einem Flor waren, und der kleine Bart zitterte. Aber als wir selbander durchs Städtchen gingen, schritt Doktor Clemens so aufrecht, steif und feierlich, als ob sieben ausgewachsene Schulmeister in ihm steckten.



Es war schon Winter, und die Laternen in der Steilen Gasse trugen bereits die weißen Mützen eines voreiligen Schneeinfalls, als ich heimkehrte. Doktor Clemens brachte mich zurück; aber nachdem er mich am Bahnhof den Eltern eingehändigt hatte, war er unter einem hastigen Gruß plötzlich verschwunden. Meine Mutter lächelte: »Schön und stolz wie ein edles Pferd, so war er immer.« Ich aber fühlte ihre Hand um die meine, und es war, als ob in mir plötzlich etwas zerschmölze, daß ich gewaltig schlucken mußte. Wie in Traum und Bann hatte ich gelebt. Nun aber war es wieder Gegenwart, und die Türen taten sich auf.

Als Mutter daheim den Mantel ablegte, sah ich sie zum erstenmal in dem dunkeln Berufskleid mit dem harten weißen Umlegkragen um den freien Hals. Auch den Geruch nahm ich jetzt wahr. Von unserm Arzte her kannte ich ihn: er war süß und lind und ging doch wie Messer durch und durch; denn als etwas Fremdes stand er zwischen uns und weckte die Scheu. Später habe ich mich daran gewöhnt, und wenn er mir jetzt unvermutet vorkommt, so ist mir allemal wie einem Kinde, das mitten im Sommer plötzlich den Duft von brennenden Kerzen und Tannengrün erlebt.

Die Geborgenheit des Kleinen Schwanen nahm mich wieder auf und die Schule, die mir auf einmal merkwürdig einfach und kindlich erschien nach den Stunden bei Doktor Clemens. Aber es war mir wohl dabei. Ich hatte ja nun so viel zu denken, da war es gut, daß man wenig von mir wollte. Zum Denken aber hatte ich mehr Zeit als früher. Mutter war viele Stunden des Tages abwesend. Oft wurde sie mitten in der Nacht weggeholt. Es war auch wohl um dieser Störungen willen, daß Vater sein Lager in der Gartenkammer, das er in jener Nacht zum erstenmal aufgesucht hatte, behielt. Aber wenn ich ihr rief, kam sie immer noch schnell zu mir herüber, bevor sie ging. Sie trug dann einen weiten Mantel und einen geheimnisvollen Kasten in der Hand. Ich mußte immer an die gute Gräfin denken in meinem alten Märchenbuch, wie sie des Nachts zu der sterbenden Zwergenkönigin eilt. So ehrwürdig erschien mir dann die Mutter, so schön und eigentlich zaubervoll. Aber wenn meine Gedanken sie begleiten wollten, wurde mir bang und verwirrt. Sah ich sie jedoch zurückkommen, blaß, sehr müde oft, aber mit diesem heitern Licht in den Augen, das an die schönsten Ruwenbergertage erinnerte, dachte ich, daß es etwas Großes sein müsse, was Mutter in diesen geheimnisvollen Stunden tue, und mir wurde andächtig wie nie zuvor.

Überhaupt, wenn nun auch manches anders zu werden schien an Mutters Wesen, dieses andere war nicht unvertraut, sondern wies vielmehr auf die Zeit ihrer reichen Tätigkeit im Vaterhaus zurück, und wenn wir jetzt abends beisammen saßen, so hatten diese kargbemessenen Stunden den starken, köstlich lebendigen Atem jener frühern, rasch erhaschten gemeinsamen Spiele zwischen Haus und Hofstatt.

Aber die Wonne des geruhsamen Beisammenseins war dahin. Auch der Sommergarten sah uns selten mehr allein. Da waren so viele junge Frauen, die Mutter aufsuchten. Stolze, strahlende, die mit den Kinderwagen ankehrten, und stille, verschüchterte, die noch keinen bei sich hatten. Schöne, blühende Frauen und müde, abgearbeitete, denen man kein Alter geben konnte; die hatten meist größere Kinder bei sich.

Wenn Mutter noch nicht da war, setzten sie sich in den Garten und warteten. Dann sprachen sie zusammen, die blühenden und die verhärmten, mit leisen Stimmen und sehr angelegentlich, bis Mutter kam. Heiter und herzlich war sie unter ihnen wie eine Freundin, und die mit den Kinderwagen wurden noch strahlender und die andern, die keinen hatten, und die mit den größern Kindern an der Hand fingen an, jenen zu gleichen, so froh und zuversichtlich wurden ihre Gesichter. Und ich glaube, deshalb kamen sie so oft, um sich das zuversichtliche Gesicht zu holen. Das mochte ich ihnen auch gönnen, wenngleich ich ihnen die Mutter nicht immer leichten Herzens überließ.

Auch der Vater hatte nun oft Besuche, andere, als man früher bei uns sah. Schlichte Männer, die mit schweren, aber behutsamen Schritten die Treppe heraufpolterten, und aufgeregte, die mit ungeputzten Schuhen und lauten Türen ins Zimmer fielen. Aber es waren vor allem zwei, die mir in Erinnerung geblieben sind und von denen der Vater mit einer gewissen, nicht ganz neidlosen Bewunderung sprach: der kleine breite Buchbinder mit den treuklaren Hans Sachs-Augen und dann der junge Webergeselle. Er war schlank und flink, hatte einen sprühenden Blick und eine Lockenflamme über der Stirn wie Alexander der Große, und wenn er sprach, war es wie Jodel und Schalmei. Da mein Vater der Partei gewisse Schreiberdienste leistete, waren diese unterschiedenen Gestalten bald heimisch bei uns. Mutter benannte sie nach ihrem äußern Gehaben »Kernbeißer« und »Wiedehopf«, womit sie durchaus nichts Nachteiliges meinte; denn sie liebte die Tiere, und es war immer ein Zeichen von Zuneigung, wenn sie Menschen mit solchen verglich. In Wahrheit schätzte sie beide, den Mann und den Jüngling: »Sie haben einen Boden und ein Ziel, sie werden etwas erreichen,« meinte sie. Und Vater seufzte dann etwa: »Die können schon, denen ist es leicht gemacht; von Anfang an sind sie dabei, und da ist kein alter Name und Bürgerhaus, die ihnen im Wege stehen.«

Aber Mutter ließ das nicht gelten: »Was? Gleichheit predigen und Vorurteile pflegen? Oder sollte es am Ende nur ein Machtwechsel sein, was sie wollen? Klassenherrschaft in anderem Sinn? Dann wäret ihr mir, weiß Gott, betrübte Befreier, und Republikaner schon gar nicht mehr!«

Es kam vor, daß mein Vater auf derlei Bemerkungen keine Entgegnung hatte, bloß ein unruhiges und sorgenvolles Gesicht. Überhaupt war er gedämpfter in seinem Wesen, und die frühere Sicherheit schien ihn mehr und mehr zu verlassen. Und doch arbeitete er viel, ging häufig aus, reiste bisweilen und schien in einem rechten Betrieb zu sein. Er schrieb in Angelegenheiten der Genossenschaft, die demokratischen Blätter veröffentlichten etwa Arbeiten von ihm, und er hielt auch ab und zu Vorträge. Diese wurden von den Zuhörern mit Begeisterung aufgenommen – denn er hatte die Macht des Wortes und die mitreißende Gebärde – aber sie fanden in den Blättern nur ein mattes Echo, während es jedesmal ernsthafte Erörterungen absetzte, wenn Kernbeißer oder Wiedehopf irgendwo in der Partei sprachen. Das schien den Vater zu wurmen. Immer öfter beklagte er sich darüber, daß man sich im Kleinen und Persönlichen vergrabe und darüber die großen Ideen aus dem Auge verliere, daß man, in seine Grenzpfähle verbannt, dem internationalen Geist der Bewegung abtrünnig werde und Maulwurfshügel aufwerfe statt Berge zu wälzen. Mutter schien nicht seiner Meinung: »Die großen Ideen!« Sie seufzte ein wenig. »Ob das nicht ein Luxusartikel ist für den kleinen Mann und ob sie nicht im Recht sind, wenn sie sich an Handgreifliches halten? Und gar das Internationale, das scheint mir erst recht gefährlich. Man wird doch einem neugepflanzten Baum die Wurzel begießen und nicht die Krone!«

Art meisten aber beklagte sich mein Vater darüber, daß er ob der Vereinstätigkeit nicht zur Förderung seines Werkes komme. Und es solle nun doch ein Roman werden; denn in der Gestalt erst bekomme die Idee Leben, und so etwas wie »Lienhard und Gertrud« schwebe ihm vor, in einem neuen und kühnern Sinn natürlich. Meine Mutter hatte ein sehr erschrecktes Gesicht, als er so sprach, doch äußerte sie sich nicht. Als wir aber einmal in Vaters Abwesenheit sein Zimmer betraten und sie dort das Manuskript, das er sonst immer ängstlich verschlossen hielt, offen liegen sah, seufzte sie nach einem kurzen Blick auf die ungleich beschriebenen, mit viel Streichungen und den sinnlosen Schnörkeln einer müßigen, gequälten Hand verunzierten Blätter tief bekümmert: »Der arme Felix.«

Es war ein merkwürdig stumpfes, fahriges Wesen um den Vater, das einen bedrückte, und man sah nicht, wie es von innen heraus sich klären sollte. Da kamen plötzlich, mitten im Sommer, die großen Ereignisse und brachten den Entscheid von außen her.

Das war der Krieg zwischen den beiden Nachbarstaaten. Wie immer hatte man den ersten Gerüchten nicht geglaubt wie könnte das friedliche Herz Grauenhaftes fassen? –, bis dann die grausame Tatsache einen anfiel. Mich packte sie auf dem Heimweg von der Schule. Unterwegs schon beunruhigte mich das seltsame Gebaren der Menschen, das Zusammenstehen und laute, aufgeregte Reden. Aber als ich den kleinen Platz oberhalb der Steilen Gasse betrat und zumitts den Schneider Werfeli sah und die Leute um ihn herum, machte ich mich auf Ungeheures gefaßt; denn wer hatte es jemals erlebt, daß dieser verdrückte Mensch sein Häuschen »Zur hinteren Geduld » anders als scheugeduckt auf mauernahen Wegen schattenhalb verließ? Man erzählte sich, daß er in seiner Jugend Schlimmes erfahren habe von einem Mädchen, und seither spinne er und scheue sich vor Licht und Leuten. Nun aber stand er mitten in der prallen Sonne, gespreizt die krummen Schneiderbeine, mit flatternden Händen. Seine nackten Wangen waren fast rosig, und die sonst verdeckten Augen standen weit offen: »Ein Krieg wird es sein, ein Krieg, wie man noch nie erlebt! Sie haben Höllenmaschinen, ich sage euch, Höllenmaschinen! Man drückt, und Tausende liegen im Blut. Ein einziger Druck und tausend zuckende Menschenleiber! Hat die Welt schon so was gesehn?« Er atmete tief und wollüstig. Sein Gesicht funkelte geradezu: »Und Kanonen sage ich euch: von Zürich bis Basel fliegen die Kugeln! Und Bomben: man entzündet eine Schnur, Brücken fliegen in die Luft, ganze Brücken dick voll Soldaten. Und das alles werden wir nun erleben, wir! Denn der Krieg wird nicht draußen bleiben! Verlaßt euch darauf, er kommt! Er kommt!«

Die Frauen fingen an zu weinen und liefen weg, aber auch die Männer verzogen sich knurrend. Da stürzte er sich auf mich, faßte mich an beiden Armen und sprach auf einmal ganz leise, geheimnisvoll und fast zärtlich: »Simon, kleiner, siehst du, das werden wir nun erleben. Da war der arme Schneider in der Hintern Geduld und der bucklige Simönli im Kleinen Schwanen, hat sie jemand angeschaut? Hat das Leben sie angeschaut? Nein, großartig und frech ging es an ihnen vorbei! Alles für die andern, ihnen nichts! Aber nun auf einmal kommt es. Dinge werden wir erleben! Aber- und abertausend Jahre sind vergangen, und Millionen Menschen sind vergangen, nie wurde so etwas erlebt. So lange mußte es warten, bis wir es sehen konnten, der arme Schneider in der Hintern Geduld und der bucklige Simönli im Kleinen Schwanen. Und soviel Blut! All das unendliche Blut!«

Ich riß mich los, mir graute vor den nahe schimmernden Augen. Ich rannte heimzu, hinter das schützende Gartentor. Krachend schmetterte es ins Schloß.

Im Garten traf ich die Mutter. An dem Seil über der kleinen Wiese hatte sie Vaters Montur aufgehängt, und Sonnenstäubchen dampften hinter ihrer Bürste hervor. Sie war sehr blaß; aber sie beschwichtigte meine Angst: nicht in den Krieg, bloß zur Grenzwacht, und so Gott wolle, werde es bald an uns vorübergehn. Aber das Vaterland schützen, das sei nun erstes Gebot.

Dann kam der Vater. Ich sah ihn mit andern Augen als sonst. Es war ehrfürchtig zu denken, daß er nun auszog, um das Vaterland zu bewachen, und furchtbar, daß er in wenigen Stunden schon an der Grenze sein würde, Aug' in Auge mit dem Krieg. Vater war auch sehr erregt; aber diese Erregung schien nicht banger Art. Im Gegenteil, wie einer, der etwas Wunderbares vor sich hat, sah er aus, und der die Ungeduld nicht mehr bändigen kann. Hemdärmlig lief er herum, sein Gesicht war gerötet, und die Augen lachten wie seit langem nicht mehr. Er stand unter der Laubentüre und sah nach dem Garten hinüber, und auf einmal reckte er die Arme weit von sich, mit krachenden Gelenken, und dehnte die Brust, daß sie sich hoch wölbte: »Ah, einmal heraus aus dem Kloster! Ein Strich unter alles und das weiße Blatt, Herrgott, das tut gut!«

Ich sah ihn erschreckt an und doch auch voller Bewunderung. Wie er dastand, so ganz ohne Furcht! Ich mußte an die Säge denken mitten im Walde, so gewaltig würde er stehn zwischen den gefällten Riesen! Und doch war etwas in dem Wort, das mir weh tat, und wie ich nun die Mutter mit der Montur herüberkommen sah, blaß und still in dem schwarzen Kleid wie eine feine Klosterfrau, gab es mir einen Stich, daß ich Ehrfurcht und Bewunderung darüber vergaß.

Aber beim Abschied war er wieder ein anderer. Er sah stattlich und nobel aus in seinem Offiziersrock, und sein Gesicht war nun auf einmal ernst und nach innen gekehrt. Das Gesicht vom goldenen Saal, wenn er mit Mutter spielte wie lange hatte ich es nicht mehr gesehen! Und er machte es kurz mit dem Lebewohl: zuerst küßte er mich, rasch und heftig, und dann die Mutter, heftig und rasch, als ob er sich scheute, und er sprach nur dieses eine Wort: »Denk' im Guten an mich, Elisabeth!« Und dann war er fort. Es war aber das Merkwürdigste, daß Vater einen so großen Augenblick vorübergehen ließ ohne irgendeine große Gebärde. Mutter setzte sich an den Tisch, legte das Gesicht in beide Hände und schluchzte lautlos in sich hinein.

Indes kamen von der Grenze bald beruhigende Nachrichten, während die Kunde vom fernen Kriegsschauplatz Blut und Flamme in alle Herzen warf. Aber zwischen uns stillen Menschen wurde wenig vom Krieg gesprochen. Mutter ging ihrer Pflicht nach wie immer, und da meine Ferien angebrochen waren, reichte es nun wieder zu mancher heimeligen Nachmittagsstunde im Garten.

Wir saßen fast so froh zusammen wie in jenem ersten glückhaften Sommer; denn es war lange her, seit wir ungestört und ungetrennt uns angehört hatten, und vom Vater kamen gute Berichte: Gefahr gebe es für ihn keine; aber das starke, frische Leben tue ihm gut.



Es war an einem dieser traulichen Gartennachmittage, als wir plötzlich an den Fenstern des obern Stockes, die immer noch dieselbe freundliche Garnitur der zwei schwesterlichen Häupter trugen, ein absonderliches Wesen wahrnahmen. Die beiden hatten ihre Plätze verlassen und rannten aufgeregt durchs Zimmer, mit lauten erregten Stimmen und hohen Rufen. Der Hänsi aber schwieg erwartungsvoll. Und dann warf sich die ältere, Dorothea, über die Fensterbrüstung, strahlend und mit lebhaft winkenden Händen: »Frau Tellenbach, denken Sie nur, ein Telegramm! Er kommt! Heute noch kommt der Konrad! So etwas! So etwas!« Und dann war sie wieder weg. Mutter aber legte die Arbeit in den Schoß, und während sie lächelnd zu den leeren Fenstern empor nickte, zog eine leise Röte über ihr Gesicht: »Wie glücklich Sie sind! Das muß schön sein, sich so freuen können auf jemanden.« Dann blieb sie still, ein wenig verträumt, wie man es selten an ihr sah, derweil der Betrieb im obern Stock mit Rennen, Lachen, Tischrücken und Fensteröffnen sich fortsetzte, bis der laute Ruf der Hausglocke auch diesem ein Ende machte. Wir hörten die Haustüre gehen, den kräftigen Hall rascher Schritte über Flur und Treppen und dann oben dreistimmiges Getöse.

Meine Mutter erhob sich plötzlich. Fast ein wenig verwirrt, wie mir schien: »Ich glaube, Simon, wir sollten uns zurückziehn, daß sie sich ganz frei, ganz unbeobachtet fühlen dort oben.«

Aber da standen die drei schon am Fenster, und der Herr, der schlank und groß schien neben den Schwestern, grüßte mit einem Bückling, der sich, so von unten herauf, sehr komisch ausnahm. Das mußte er selbst fühlen; denn er lachte, daß man seine starken Zähne blitzen sah.

Mutter setzte sich wieder: »Nun müssen wir doch bleiben, es sähe ja fast aus wie Flucht.« Und sie erzählte mir von Doktor Eßlinger, den sie im vorigen Herbst, vor ihrem Eintritt ins Spital, hätte kennen lernen, und spendete ihm ein Lob, das mich seltsam berührte: »Er ist ein außerordentlicher Mann; ich erinnere mich nicht, im Leben einen ähnlichen gesehn zu haben. Die große Intelligenz und das Wissen sind es nicht allein; aber daß einer ein so zartes Gemüt haben kann und dabei diese unbezwingliche Energie.«

Die Worte weckten eine eifersüchtige Regung: »Auch du hast eine solche Willenskraft, Mutter, wie wenige Männer, sagte Doktor Clemens, und dabei ein noch hundertmal zarteres Herz.«

Sie sah mich überrascht an: »Du entwickelst dich, Simon! Komplimente? Der eigenen Mutter Komplimente? Wer hätte so etwas gedacht!« Und sie lachte, nicht allein mit der Stimme, sondern mit ihrem ganzen Wesen, daß es wie Sonnenschein über mich ging. So froh war uns seit langem nicht mehr zumute gewesen.

Später kam Doktor Eßlinger zu uns herunter. Mit schnellen Schritten lief er über den Gartenweg, als ob er es sehr eilig hätte. Aber als er sich einmal niedergelassen hatte, saß er da wie ein Mensch, der nicht mehr ans Aufstehen denken mag: »Daß ich Sie just in der ersten Stunde treffe und eben in diesem lieben Winkel! Und die Schwestern sind am Auspacken, die können mich jetzt nicht brauchen.«

Er saß Mutter gegenüber und schien nur für sie da zu sein. So hatte ich Muße, ihn genau zu betrachten. Die hohe buchtige Stirn kannte ich von den Photographien her und den knappen Schnurrbart; aber daß über dem dichten dunkelblonden Haar schon ein zarter Reif lag, hatte ich nicht gewußt, und niemals hätte ich geglaubt, daß man unter so wilden Brauen hervor und aus so tief liegenden grauen Augen so warm und froh blicken konnte. Den Schwe­stern glich er gar nicht. Bloß die schmal­rückige Nase und die langen schlanken Hände erinnerten an sie.

»Eigentlich sollte ich mich schämen, so glücklich dazusitzen, da nun rings in der Welt all der Jammer und Greuel. Aber gerade dieser wahnsinnige Kampf um Dinge, die doch im letzten Grunde belanglos sind, läßt einem das wahrhaft Wertvolle bewußt werden. Macht? Politische Grenzen – immer wanderten sie, immer werden sie wandern. – Was hat das mit der Heimat zu tun? Das Stücklein Erde, darin wir wurzeln, und die paar Menschen, die uns wirklich nahe sind und uns verstehen, das ist es. Da liegt Ausgang, Kraft und Ziel, und das allein ist es auch, was dauert. Wenn ich draußen an dieses Klostergärtlein dachte und die Blutbuche mit dem Plätzlein darunter – ach, und nun bin ich wieder da, und ich weiß, daß es so etwas Wundervolles noch gibt und daß man sich verstehen kann!«

Es war seltsam, wie die Freude dieses starke und eigenwillige Gesicht durchleuchtete. Dabei erzählte er wenig, zu meiner Enttäuschung auch nichts von der Reise, die ihn doch aus seinem friedlichen Land ein Stückweit durch Kriegsgebiet geführt hatte, sondern war bald mit meiner Mutter in einem losen traulichen Gespräch, als ob sie einen gestern abgebrochenen Faden eben wieder aufgenommen hätten.

Später sah ich, wie oben an den Fenstern die Schwestern auftauchten und erwartungsvoll herunterblickten. Auch Mutter schien es zu bemerken. Sie erhob sich plötzlich unter dem Vorwand, sie müsse bald zu ihren Kranken und vorher sei noch allerhand zu besorgen.

Mit einem kleinen Seufzer folgte er, griff wie selbstverständlich nach Mutters Arbeitskörbchen, um es hineinzutragen, und Mutter ließ es geschehen. Dann schritten sie nebeneinander dem Hause zu, und während ich hinter ihnen nachging, fiel es mir auf, wie ihre Bewegungen übereinstimmten; denn der Doktor hatte denselben leichten sichern Gang wie meine Mutter, und er war auch so schlank und beweglich, wie man es seiner harten Stirn und dem angegrauten Haar niemals geglaubt hätte. Vielleicht war es diese Beobachtung, die mir den Mann vom ersten Tag an so bedeutsam machte, daß mir jede seiner Bewegungen und jedes seiner Worte wertvoll schienen, um innerlich aufbewahrt zu werden für alle Zeit.

Übrigens merkte ich bald, daß sie nicht allein in ihrem Gang, daß sie noch in so manchem andern sich glichen; denn sie mochten reden, wovon sie wollten, immer fanden sich ihre Ansichten, daß der Doktor oft in helle Verwunderung geriet: »Und ich hatte geglaubt, daß dies meine Privatmeinung sei, die keiner teile, und nun sind Sie für sich und ganz allein auf dasselbe gekommen. Ach, Frau Elisabeth, daß es so etwas gibt!«

Aber auch ich fand mich mit ihm bald so vertraut, wie kaum mit einem andern Menschen. Er hatte eine aufmerksame und ernsthafte Art gegen mich, als ob er mich schon für voll nähme, sodaß ich mich ungehemmt mit meiner Meinung hervorwagen durfte, und das war wohl Schuld daran, daß er der erste Mensch war, dessen Anwesenheit bei der Mutter ich nicht als Störung empfand. Im Gegenteil, es lag nun eine solche heitere Traulichkeit über unserem Leben, wie man es nach den schlimmen und zerrissenen Zeiten nicht mehr für möglich gehalten hätte.

Er kam täglich zu uns. Immer öfter des Abends, wenn Mutter von ihren Gängen zurück war und die Schwestern Eßlinger sich mit allerlei abendlichen Zurüstungen beschäftigten. Wir saßen dann unten in der Gartenstube. Die Fenster standen offen, und von draußen drang der starke Geruch von Mutters Blumen herein, hie und da schon vermischt mit den ersten Herbstdüften. Lange saßen wir ohne Licht; denn die Tage hatten noch viel Kraft, und es war so besonders traulich, wenn zarte Abendschatten durch die vielfensterige Stube schwammen. Oft versuchte Mutter auch die Schwestern zu uns herab zu bewegen; aber die erklärten, sie kämen doch nicht recht nach bei den hohen Gesprächen und es genüge ihnen durchaus, den Bruder glücklich zu wissen. Übrigens brachen wir abends immer zeitig auf, daß ihnen wohl noch eine Stunde blieb. Mutter bedurfte der frühen Ruhe. Der Beruf zehrte an ihr. Sie sah oft müde aus, auch in diesen schönen Zeiten, ja, vielleicht just in diesen Zeiten.

Das fiel auch dem Doktor auf. Als wir eines Abends das Licht anzündeten und Mutters Gesicht auf einmal so blaß aus der dunkeln Ecke, wo sie den Abend durch stiller als sonst gesessen, hervorschien, brach er auf einmal los. Mit einer Heftigkeit, die ich nie an ihm gesehen und die mich so sehr erschreckte wie seine Worte:

 »Das kann ich nicht mehr mit ansehn, Frau Elisabeth! So blaß, so müde! Sie überarbeiten, sie ruinieren sich! Ach, dieser Beruf! Auf Händen tragen sollte man Sie, jeden Tag segnen, dem Sie erscheinen! Statt dessen müssen Sie sich quälen, für all diese Menschen aufopfern, und man soll zusehen, wie das Köstlichste sich verbraucht!«

Mutter wehrte ihm mit einem Lächeln: »Wie entsetzlich: auf Händen tragen! Da kennen Sie mich schlecht und meine Füße, die nichts so sehr lieben wie den festen Boden und lieber über einen Stein hinübergehn als drum herum.« Und sie sprach mit Wärme von ihrem Beruf.

Aber er schüttelte leidenschaftlich den Kopf: »So sind sie, die guten Frauen, lassen sich ans Kreuz schlagen und lächeln dazu. Meine Mutter, was hat sie gelitten, stumm, mit diesem freundlichen Gesicht, und immer ein Wort der Entschuldigung für die andern und ein Lob ihrer schweren Lage. Aber eines Tages lag sie auf dem Totenbett. Und da war dieses Lächeln, dieses fast schelmische und so herzzerreißende Lächeln: ›Nun hat es ein Ende, seht, die Qual hat ein Ende; wer kann mir jetzt noch etwas tun.‹ Das hat sich mir eingegraben für das ganze Leben, so jung ich damals noch war. Aber das soll nicht ein zweites Mal vorkommen. Sie müssen es aufgeben, liebe Frau, Sie müssen wieder sich selbst gehören und denen – denen, die zu Ihnen gehören.«

Meine Mutter erhob sich mit einem großen erschreckten Blick und das Lächeln gelang ihr nimmer: »Für einen müden Menschen ist nichts besser als schlafen gehen.«

Und sie verließ das Zimmer, ohne sich weiter um uns zu kümmern. Der Doktor sah ihr ratlos nach und griff dann nach meiner Hand: »Geh zu ihr, Simon, ich war so heftig! Sag ihr etwas Liebes von mir. Oder auch nicht von mir, nur so, daß sie sich wieder freuen kann.«

Aber es wollte mir nicht recht gelingen mit der Fürsprache. Sie strich mir wehmütig über das Haar: »Siehst du, Kind, so ist es nun. Irgend einmal kommt der Augenblick, wo man sich weh tun muß.« In der Frühe wurde sie weggeholt, und als sie abends zurückkehrte, schickte sie mich hinauf mit der Bitte, der Doktor möchte heute seinen Besuch unterlassen. Aber die Schwestern erzählten, er sei eben verreist zu einem Fährtlein über Land und werde wohl einige Tage wegbleiben.

Wenn ich mein Leben nach seinen glücklichsten Augenblicken durchsuche – ach, Rehlein, du weißt, wie vielgestaltig das Glück ist, daß es dunkel sein kann und leuchtend wie der tiefe Wald unter der Sonne oder jauchzend wie wilder Mohn auf gelbem Felsgestein oder rätselhaft wie der kühle türkisfarbene Himmel über der satten Erde – aber wenn ich nach jenen Stunden suche, wo das Glück einen in Armen hält und mit innigem Behagen umhüllt wie ein goldsummender Sommertag, so sehe ich mich mit meiner Mutter in der Gartenstube des Kleinen Schwanen. Regen oder Sturm oder der kalte Atem des Winters halten die Fenster geschlossen, und das matte Licht vermag nimmer, die tiefen Winkel völlig zu erhellen. Wir sitzen einander gegenüber. Zwischen uns der breite Tisch, der unsere Arbeit stützt. Mutter irgend mit Nadeln beschäftigt, mit der kleinen flink huschenden oder den langen streitbaren, die in leise klirrenden Rhythmus wandern, aber immer mit solch beruhigenden, schön bewegten Händen, daß es Mut braucht, sich von deren Anblick loszureißen. Denn auch ich habe mein Werk. Art liebsten eine brave Schreinerarbeit, weil die so ehrlich ist und sauber, und keinen kleinsten Fehler im einzelnen darf man machen, wenn das Ganze stimmen soll.

Und Mutter nickte über den Tisch herüber: »Wie haben wir es nun, Simon?« »Heimelig,« sage ich, und das Wort will fast nicht hindurch, durch den zusammengepreßten Jubel. Das aber ist erst die Ouvertüre, und dann kommen die Stunden, von köstlichem Schweigen und köstlicherem Reden und allem innigsten Zusammenhang randvoll. Eine solche Glückstunde hätten wir wohl auch an jenem Frühnachmittag verleben können. Draußen balgte ein toller föhniger Wind mit blitzenden Sommerwolken und vorzeitigen Herbstblättern. Mutter strickte an einem Paar Strümpfe mit endlos langen Rohren; denn Vater hatte geschrieben, daß er sich für einen weitern Dienst zur Verfügung gestellt habe und also mit unsern Truppen noch nicht heimkehren werde, und in den Juratälern fing der Sommer schon an ein rechtes Herbstgesicht zu schneiden. Ich aber war mit meinem Büchergestell beschäftigt. Die einzelnen Teile waren fertig, und alles paßte genau, und nun wollte ich noch auf dem äußern Seitenbrett unser Wappen einschnitzen. Schon war alles sauber vorgezeichnet: Flußband und Adler und die drei Sterne darüber, konnte es also eine schönere Arbeit geben? Und doch war es allen guten Geistern zum Trutz, als ob keine Freudigkeit aufkommen wollte. Umsonst wartete ich auf Mutters heitere Frage. Sie saß still, in sich gekehrt, die Nadeln liefen so schnell, als ob sie sich von selbst bewegten, und jedes mühsam aufgenommene Gespräch verlief sich alsobald wieder, wie ein Käfer, den man eifrig aus der Erde hervorlotst und der verschwunden ist, ehe man ihn gepackt. Schließlich schwiegen wir ganz; ich aber geriet immer mehr unter die herzbeklemmende Erinnerung jenes furchtbaren Morgens, da ich von dem verborgenen Ofenwinkel aus das Elend dieser Stube erlebte. Die Brust wurde mir so eng, daß ich das Brett weglegen mußte; Fluß, Adler und die drei Sterne, auf einmal war es mir wie Hohn.

Da öffnete sich die Türe. Der Sturm war wohl schuld daran, daß wir das Pochen überhörten; denn war es denkbar, daß Doktor Eßlinger bei uns eindrang, ohne sich zu melden? Nun aber stand er vor uns wie eine Erscheinung. Und es zeigte sich, daß es seines bloßen Auftauchens bedurfte, um alle schlimmen Gespenster zu verjagen.

Er sah ziemlich sturmzerzaust aus und war selbst ein wenig wie der Wind, der mit würzigem Fauch in die Stuben fährt. Es duftete auf einmal nach Herbst, Erde und Sonne, und das begriff man, als er unter der langen Pelerine einen riesigen Strauß großblumiger Frühastern hervorzog. Ohne ein Wort zu sagen, legte er die Blumen vor die Mutter hin; sie aber drückte die leuchtenden Sterne wider ihr Gesicht, in dem Freude und wehmütiger Schreck mit jähem Rot emporschossen: »Ich kenne sie! Ich kenne sie! Ist das möglich!«

Doktor Eßlinger nickte, glücklich wie ein belobtes Kind: Ja, das sei so, im Ruwenbergergarten habe er sie geholt. Und dann setzte er sich zu uns und erzählte, wie er alles gefunden dort, und er sei eingedrungen als ein rechter Frechling und habe sich alles zeigen lassen. Sogar die Wiege habe er gesehn, in der meine Mutter einmal gelegen, und so gütig sei der alte Herr zu ihm gewesen, als ob sie sich längst gekannt hätten. Er habe auch im Städtchen übernachtet und sich alles angesehn, das Schulhaus, wo Mutter hingegangen sei, und rings herum alle Wege und Stege. Ja, selbst zu Doktor Clemens hinauf habe er sich gewagt; aber der sei ziemlich einsilbig geblieben und habe sich bald empfohlen und ihn der unkompliziertern und redseligern Schwester überlassen. (Oh, wie mußte ich innerlich lachen, als er von dem Wortkargen sprach und ich an den Temenos dachte und all die langen wundersamen Reden!) Nun aber sei ihm zumute, als ob er meine Mutter vom ersten Tag an gekannt hätte und als ob er den Schlüssel zum Verständnis ihres eigenen Wesens besäße: Dieses Land mit den weiten wallenden Horizonten, mit dem mächtigen Himmel, den goldenen Hügeln und den gewaltig überdachten Häusern, die, dunkel wie schicksalsschwere Pyramiden, in leuchtenden Ebenen stehen, dieses weite, große, dieses gewaltige und helle Land gehöre zu ihr wie der blaue Himmel zur Sonne.

Meine Mutter hatte den Strickstrumpf weggelegt. Und während der Doktor all die vertrauten Bilder vor ihr aufrollte und beleuchtete, saß sie, die warmen Hände um den kühlen braunen Topf gelegt, darin die Astern Platz gefunden hatten, still lauschend da. Ihre Augen streichelten die tiefen Blumensterne, und ihr Gesicht war so entrückt, so innig und jung, daß mir plötzlich ihr weißes Sonntagskleid einfiel; aber die Vorstellung ging mir mit einem heißen Schmerz durch die Brust, ich wußte nicht, weshalb. Denn es war ja doch auf einmal so hell geworden in unserer Stube, wie ein Fest, daß man es nicht begriff, wie schnell die Stunde da war, wo Mutter gehen mußte.

Als sie aufbrach, nahm sie die Hälfte der Blumen aus dem Krug: »Sie haben doch nichts dagegen, Herr Doktor? Es ist da so eine tapfere junge Frau; aber ihr Zimmer hat keine Sonne, und ich hatte nun doch eine so herzliche Stunde.«

Er nickte und bat sie, auch ihm eine Blume zu schenken. Doch als sie ihm einen großen veilchenblauen Stern gab mit einem goldenen Herzen, sah er sie enttäuscht an: »Violett?« Sie lachte scherzhaft:

 »Die Farbe hoher Würden!« Aber er schüttelte den Kopf und sah auf einmal ganz traurig aus: »Die Farbe der Einsamkeit, Frau Elisabeth.«

Der Föhn hatte den Regen gebracht. Still und eindringlich ging er nieder und überzog die Scheiben mit einem dünnen, unablässigen Gerinnsel, als wir das nächste Mal beisammen saßen. Beide mit Büchern; denn es war Sonntag, und zwar einer von den seltenen, an denen Mutter nach dem Morgenausgang zu Hause bleiben konnte. Ruhe und Behagen spannen fühlbar im traulichen Zimmer: heimelig, heimelig!

Es war deshalb doppelt schmerzlich, daß Doktor Eßlinger mit einem so erregten und fast verstörten Gesicht in unsern Frieden brach und mit der betrübten Kunde, daß er auf einen dringenden Brief hin in wenig Tagen verreisen müsse.

Er setzte sich gar nicht. Er lief im Zimmer auf und ab, und plötzlich ergriff er mich bei den Schultern und sah mir gerade in die Augen: »Simon, möchtest du nicht ein wenig an die frische Luft? So Stubenhockerei, das ist nichts!« Doch als er meinen ratlosen Blick nach den überströmten Regenfenstern auffing, entschuldigte er sich: »Wie dumm! Aber meine Schwestern würden sich über dich freuen, sie sind allein und traurig, weil ich nun gehen muß.«

Unter der Tür erhaschte ich just noch Mutters Blick. Es lag etwas darin, daß ich mich ohne die geringsten Gewissensbisse auf halber Treppe wenden und auf unhörbaren Füßen durch die Flurtüre in die Gartenkammer stehlen konnte: Nein, nicht als gemeiner Horcher stand ich da, als ein Wächter, getrieben von einer unerklärlichen Angst.

Zunächst vernahm ich weiter nichts als die leise hastige Stimme des Doktors, die ohne klare Worte wie ein Strom dahinzog. Wahrscheinlich saß er mit dem Rücken gegen mich oder hatte sich an den Ofen gestellt, der mächtig gegen die Kammer stand. Aber die Stimme meiner Mutter, die der Kammertüre gegenübersaß, hatte offene Wege. Wie eine schmerzliche Klage tönte ihr erstes Wort: »Mein kleiner toter Bruder! Ich hatte solches Heimweh nach ihm, mein Leben lang. Nun träumte ich von einer Wiederkehr, doch jetzt ist alles aus!« Aber als sie das nächste Mal sprach, waren ihre Worte klar und still. Es war seltsam ergreifend, wie sie so zu mir herüberdrangen, durch die blinde Türe wie etwas Losgelöstes, Unbedingtes, wie aus dem Raume geboren. Noch heute höre ich sie, und immer habe ich dabei die sanfte Vorstellung von mattschimmernden Kugeln, die langsam aus stiller Luft herniederschweben, kühle, milde Kugeln aus klarem Gold.

 »Nein, die Frauenlüge vom erfüllten Glück nehme ich nicht auf mich. Ich weiß es, unser Leben ist ein kalter Strauß geworden; aber es ist noch kein toter Strauß, und solange ein Spürlein Leben daran ist, werde ich ihn pflegen. Es war doch einmal die ganze Liebe; die verdient ein ganzes Leben. Zwei Wege haben nicht Platz in dem einen Dasein. Stückwerk – arme zerbrochene Wegstücke, zu früh geschlossen das eine, zu spät begonnen das andere – und Stückwerk ist sinnlos. Ich möchte einst auf einen vollen Weg zurückblicken. Klar und ruhig und untrüglich möchte ich dastehn wie ein Baum am Abend. Ob es dann Regen war oder Sonne, was ihn ganz werden ließ, was liegt daran?«

Es blieb dann alles still. Und später tönte die Stimme meiner Mutter so weich, so tröstlich, so rührend als ob ich es gewesen wäre, der drüben bei ihr weilte mit einem meiner großen Schmerzen. Und plötzlich war mir, als ob die Wand vor meinen Blicken sich verflüchtigte, und ich sah den Mann, wie er vor der Mutter kniete, zusammengebrochen, und sein Gesicht lag in ihrem Schoß. Sie aber strich mit sanften mütterlichen Händen über sein bereiftes Haar. Und zitterte nicht. Da faßte mich ein Grauen davor, daß Wände vor mir nicht bestanden, und ich lief hinaus wie ein Dieb.

Daß der Regen bis auf mein Laubenplätzlein hereinsprühte, tat mir wohl. Es war wie eine Beschwichtigung, die die Brust wieder ruhiger werden ließ und den Kopf still. Aber das Bild im Fenster schien ausgelöscht von der bleichen Regenhand. Der Berg war eingegangen in das unendliche Grau des Himmels, und der See, von keinem Segel belebt, lag klagend wie ein totes Auge.

Doktor Eßlinger kam doch noch, um Abschied zu nehmen. Ich erschrak über seinen Anblick. Die Augen paßten jetzt unheimlich zu den wilden Brauen. Er erriet meine Blicke und lachte bitter: »Gell, Simon, das hast du noch nicht gewußt, daß der Mensch sich ändern kann? Aber da habe ich einmal etwas erlebt.« Und er setzte sich zu mir, und ohne meine Mutter weiter anzublicken, hub er unverzüglich an, jene Geschichte von dem Mönche zu erzählen. Heute höre ich sie so: »Da ist die Stadt im Süden. Jeder, den das Schicksal schwer nimmt, sollte sie kennen; denn mit dunkeln Toren und schattenschweren Mauern steht sie gewaltig auf ihrem Felsen. Und in den engen, den überwölbten, den drohenden Gassen liegt es wie der Geruch vom Blut, das so oft in den Jahrhunderten bachweis durch sie hinschoß. Doch rings die Landschaft: kahle, kühle Hügel, Dome aus Kristall, durchsichtig aufgelöst in der Morgenluft; aber gewaltig gelagert, wundervoll gelagerte Gigantenleiber unter dem Schatten der Nacht. Und die Täler grün und andächtig mit Bäumen wie feinaderiges Goldschmiedwerk vor der tiefen Luft und grün und heilig der junge Fluß. Wenn der Abend rot wird, dann hat er vor sich den unendlichen Himmel, das sanfttönende Gebirge, die glänzenden Täler und die dunkle Stadt. Und alles überflutet er; aber mit glühenden Fingern greift er zwischen die dunkeln Türme und den Torbogen in den schwarzen Rachen, daß alles sich auflöst in Purpur und Gold und man nicht weiß, ob es das alte Blut ist, was wieder aufbricht, oder ob der alte Fluch sich lösen will in der Verklärung des letzten Tages.

Aber das Klösterlein am Fuß der Felsen weiß nichts von der Süßigkeit und der Gewalt der Landschaft. Eukalyptusbäume stehen rings herum wie Wächter. Schauerliche Wächter, gewaltig aufgereckte Gespenster, Riesengerippe mit bleichendem Gebein von bleichen Fetzen umflattert. Und unter den Bäumen hohe Mauern, die die Welt verschließen.

Dort fand ich den Mönch. Er sang leise vor sich hin, seine Wangen blühten, und seine Augen waren Sterne. Da ich mich verwunderte, zeigte er mir die Urhabe seines Glückes: Auf flüsternden Sohlen führte er mich in den stillen Saal. Das Licht der blinden Scheiben war farbiges Silber. Und das Madonnenbild blühte wie der Garten Gottes. Madonna und Engel, alle mit denselben holdgeschweiften Rosenkränzlein und deren sanfte Spitze tief hinuntergedrückt in die kindlich hohe, kindlich schüchterne Stirn. Der Mönch lächelte geheimnisvoll: ›Ist das nicht tausendmal mehr als alle Wunder der Welt? Denn die Wunder des Himmels sind dabei, und die ewige Seligkeit hat die Erde erreicht!

Die Seligkeit war dahin, als ich das Bild nach Jahren wiedersah. Elend, verlassen unter der Menge, fröstelnd wie ein verlaufenes Kind auf dem fremden Bahnhof, hing es in trostloser Museumsverbannung. Und geschändet; denn ein häßlicher Riß lief quer über Engelsaugen und Madonnenhände. Der Kustos schimpfte: ob der Staat etwa kein Recht habe, solche seltenen Werke den stumpfsinnigen Mönchen wegzunehmen, wann diese sie hinter Mauern verbergen, wo keiner sie sehe? Aber frech seien sie geworden, und einer habe sich gewehrt wie ein Toller, dabei seien beide zu Schaden gekommen, das Bild und der Mönch.

Ich hätte ihn nimmer wieder erkannt. Die rote Narbe auf der Stirn war es nicht, auch nicht die verhärmten Wangen; aber wer hätte in den verödeten Höhlen die Augen gesucht, die einst Sterne waren? Er jedoch kannte mich gleich. Er führte mich wiederum nach dem Saal. Und da war die leere, die tote, die zerschundene Wand. Er nickte verstört: ›Nicht allein sie, alles haben sie mir genommen. Beten kann ich nimmer; denn der Rosenkranz ist mir in der Hand wie glühende Tropfen oder wie eine kalte Schlange. Jetzt kann ich nicht mehr beten!«»

Doktor Eßlinger wandte sich mit einem Ruck gegen mich: »Was meinst du, Simon, welchen Trost konnte ich nun wohl erfinden vor diesen verödeten Augen?«

Ich richtete mich auf. Die Brust war mir so eng, ich mußte Atem schöpfen, ehe ich das große Wort wagte: »Die Weisheit der kahlen Wände.«

Der Doktor war wie erwacht. Auch Mutter sah erstaunt herüber: »Was soll das heißen?« Und da ward mir auf einmal froh, als ob ich etwas tun könnte, für sie, für beide, auch für den armen Mönch. Und ich begann tapfer: »Der Mann hatte so wunderschöne Bilder. Alle Wände waren voll davon, und eines Tages mußte er sie weggeben.« Aber des Doktors Augen zerrten an mir, daß ich mich verwirrte und meine Geschichte unter der Macht seiner durstigen Blicke plötzlich umbog: »Die Wände waren ganz weiß und leer. Darüber wurden seine Augen hungerig, und als er nun hinausging, sah er alles das Schöne, das er vordem nie gesehen hatte mit den überfütterten Augen. Und das war so viel mehr als die vielen Bilder. Und er sah immer Neues und dann auch mit den innern Augen, und es machte nichts mehr, als er blind wurde; denn nun war alles in ihm, und er konnte es inwendig schauen.«

Plötzlich fühlte ich mich emporgerissen, und er küßte mich auf die Augen, gerade wie Doktor Clemens es damals getan, nur viel heftiger noch, daß mir schwindlig wurde. Als ich mich wieder zurechtgefunden hatte und die gemarterten Augen klar waren, hatte er bereits das Zimmer verlassen.

Meine Mutter legte den Arm um mich: »So viel hast du schon erlebt. Deine Kindheit, ach, die großen schweren Leute haben deine Kindheit verbraucht. Nun bist du mein Freund, wo du noch ein Spielkind sein dürftest. Aber was wollte ich auch ohne dich?« Und sie wandte sich mit mir ans Fenster. Lange sahen wir hinaus, Hand in Hand. Mit ihren tiefsten Schatten stand die Blutbuche da, und die Saarbäume wiesen in reinste Höhen. Mutter nickte: »Die Birke fängt schon an gelb zu werden. Ich fürchte, es wird ein früher Herbst und ein langer Winter.«



Vor Weihnachten kam der Vater plötzlich heim. Als er unvermutet in die Stube trat, fühlte ich nun doch etwas freudig in mir aufzucken, und ich wunderte mich darüber und schämte mich zugleich, daß mir wunderlich schien, was selbstverständlich hätte sein sollen.

Er harte sich stark verändert. Die lederbraune Haut und der kurzgeschorene Kopf machten ihn älter und sozusagen knapper, und dennoch sah er fast verlegen aus, wie er so in der Türe stehen blieb: »Komme ich immer noch zu früh?«

Später erzählte er. Von der Qual des Grenzsoldaten, der da harren und warten müsse wie der Schneider in der ›Hintern Geduld‹, als ob er kein Herz, kein Blut und keine Meinung hätte. Mancher hätte Gott gedankt, wenn er aus der stillen Trübsal in den lauten Kampf sich hätte hineinstürzen dürfen, und sehnsüchtig auf die fernen Kanonen gelauscht. Aber schließlich habe es sich gezeigt, daß dieses Stillhalten und Festbleiben eine mächtige Schule für den innern Menschen abgab. Da sei einen das Nachdenken angekommen, und man habe Zeit gehabt, tief einzudringen und gründlich zu erlesen, und die Verblendungen seien aufgegangen, eine nach der andern, und die Seifenblasen zerplatzt, eine nach der andern, und man habe schließlich gesehen, daß da sehr wenig blieb, was Bestand hatte. Das Vaterland, ja, das sei auf einmal etwas anderes geworden als angelernter Begriff, etwas Haltbares, Unvergleichliches – und das man lieb habe, nicht aus Grundsatz, sondern ganz einfach von innen heraus. Und dann die engste Heimat: So ein Haus an steiler Gasse mit dem Klostergärtlein dahinter. Und dann vor allem und über allem – er brach plötzlich ab und griff nach Mutters Hand, und da wurde mir seltsam, daß ich mich leise hinausschlich. Und ich saß nicht traurig in meiner dunkeln Kammer, sondern mit einem heiligen Schauer wie am Christabend.

Der Christabend selber brachte dagegen wenig Freude; denn eben als Mutter die Lichter angezündet hatte und mit dem holdesten Schein der schwere Duft sich vom Erker her durch das Zimmer verbreitete – das Klavier stand schon offen, und die Geige war neu besaitet – ging die Hausglocke, und Mutter wurde weggeholt. Noch heute sehe ich den wehmütigen Blick, den sie unter der Türe nach mir zurückwarf.

Wir blieben dann recht trostlos beieinander. Der Vater lief aufgeregt im Zimmer hin und her, daß die Flämmchen flatterten und die Kerzen lange Wachsbärte bekamen, und murmelte vor sich hin: »Das ist nicht recht. So dürfte es nicht sein, da stimmt etwas nicht.« Und warf sich schließlich stumm und schwermütig in einen Stuhl. Ich aber sah den Kerzen zu, wie sie langsam, langsam herunterbrannten, und es war etwas wie eine krankhafte und schmerzliche Lust in mir, den sterbenden Flämmchen zuzusehen, und trieb die Selbstquälerei so weit, daß ich mir die Kerzchen als liebste Menschen denken mußte. So wurde jedes blau aufzuckende Verlöschen zu tödlicher Seelenpein. Und es war so unsinnig, daß wir nicht daran gedacht hatten, die Lichter einfach zu löschen und die Feier auf den andern Tag zu verschieben.

Aber am andern Tag mußte sich Mutter von einer schweren Nacht ausruhen. Wir waren wieder allein. Vater hatte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, und ich hörte durch die halb geschlossene Türe, wie er in Papieren blätterte und hie und da gepreßt seufzte. Ich saß neben dem toten Christbaum. Nicht mit einem der verlockenden Bücher, die mir der Vorabend beschert hatte; denn diese wollte ich für eine frohe Stunde aufsparen, wenn Mutter bei mir war. Dafür las ich nun mit einer schmerzlichen Neugier in der alten Handschrift, die ich oben im Estrich in einem vergessenen Kästlein gefunden hatte. Sie trug außen unser Wappen und war so etwas wie eine kurze Familienchronik der Tellenbach. Einige Stellen darin hatte ich mit Rotstift selbstquälerisch angestrichen.

Auf einmal hörte ich, wie der Vater von seinem Stuhl aufsprang und den Schreibtischdeckel polternd zuwarf. Mit rotem Kopf kam er zu mir herüber, griff unvermittelt nach meinem Büchlein: »Was hast du da?« Und ich sah mit einigem Schreck, daß er den von mir unterstrichenen Stellen nachging. Sie lauteten aber so:

 »Tellenbach, Konrad, genannt der Bucklig, war ausgestoßen und klein als ein Zwerg. Wurd mit Gottsgnad erlöst in seinem zehnten Jahr.

Tellenbach, Regula, hatte einen Buckel, einenweg geheiratet und drei Kinder zur Welt geboren. Jedennoch an der Geburt des dritten gestorben.

Tellenbach, Felix, war verwachsen, mit spitzer Brust, blieb ledig und bei guter Gesundheit bis in sein vierundsechzigstes Jahr. War gut auf der Federn und von großer Gelehrte, professor logicae an der höheren Schul.«

Vater war auf einmal blaß geworden: »Wo hast du das her?« und als ich es ihm erschreckt und mit schlechtem Gewissen erzählte, wie ich es aufgestöbert hatte in dem Kistlein, brach er los: »Warum kenne ich das nicht? Warum hat man mir das nicht längst gezeigt?«

Ich war ratlos. Aber da erschien Mutter. Vater streckte ihr ohne weiteres das Büchlein entgegen: »Da lies!« und wies auf jene drei Stellen hin. Sie las ganz ruhig . Nur bei der dritten Notiz ging ein Leuchten über ihr Gesicht: »Gesund bis in sein vierundsechzigstes Jahr!« Sie lachte den Vater an.

Er jedoch schien ganz verblüfft: Ja, ob sie denn nicht begreife, was dies heiße? Daß allso er schuld sei, er und seine Sippe trotz der Säge im Wald und seinen starken Gliedern? Wann er das aber früher gewußt hätte, all das Unglück wäre nicht gekommen; denn das sei es, was an ihm gefressen habe, lange vorher, und geholfen habe, ihn in die Verblendung zu treiben. Wie hätte er sich denn etwas anderes denken können? Die Ruwenberger, so ein altes versiegendes Geschlecht.

Meine Mutter lächelte, schmerzlich zuerst und abwehrend, aber dann mehr scherzhaft: so seien die Männer, wahre Verantwortungsprotzen, und immer wollen sie eine Schuld herausgrübeln, wo doch das liebe Schicksal ganz allein die Hände im Spiel habe.

Dann legte sie das Heft resolut beiseite und schnitt das Gespräch ab. Aber es war, wie wenn der Vater von da an anders zu mir stünde. Eine gewisse ernstnehmende Aufmerksamkeit, als ob ich auf einmal etwas Wichtigeres geworden wäre, machte sich geltend. Er fand plötzlich viel Lobenswertes an mir, erinnerte sich der Zeiten, da er mich unterrichtet hatte und daß er mich damals begabt gefunden. Nun aber habe sich das in ungeahnter Weise entfaltet. Es geriet hinter meine Tagebücher, darin ich mir alles, was mich an Gehörtem und Gelesenem irgend traf, sei es, weil ich es gar nicht, oder weil ich es besonders gut verstand, aufschrieb. Viel Worte der Mutter standen da, und die Reden von Doktor Clemens; aber nun auch das, was der Vater am ersten Abend erzählt hatte vom Grenzdienst und vom Vaterland. Und damit hatte er zum erstenmal Einzug gehalten in diesen Blättern.

Es war mir zunächst entsetzlich, als ich mein Geheimnis so entdeckt sah. Denn von diesen Aufzeichnungen hatte ich keinem etwas verraten, nicht einmal der Mutter. In meinen vielen einsamen Stunden – mit Kindern hatte ich außerhalb der Schule ja keinen Verkehr – war dieses Bedürfnis nach einer Art Selbstgespräch erwacht. Erlebnisse schrieb ich jedoch keine auf; ich konnte mir nicht vorstellen, daß man jemals vergessen würde, was man an Leib und Seele erfahren. Und auch von Aussprüchen und Gedanken bloß Allgemeines. Eine gewisse Schamhaftigkeit verunmöglichte es mir, Persönliches festzunageln; aber diese Aufzeichnungen waren mir wichtig und eigentlich heilig, und wenn ich bis heute das sichere Gedächtnis für das gesprochene Wort behalten habe, so hat gewiß jene jugendliche Übung nicht wenig dazu beigetragen. Freilich wird auch sie wiederum einer durch besondere Naturanlage begründeten Neigung entsprochen haben.

Allein, mein Vater wühlte nicht zu tief in meinen Schätzen, sondern hielt sich hauptsächlich an das Neueste, und da ich sah, wie herzlich er sich über die Wiedergabe seiner eigenen Worte freute, war ich bald versöhnt. Ich führte jedoch von nun an ein zweites Büchlein, das ich auf mir trug und dem ich dasjenige anvertraute, was ich keinem andern zeigen mochte. Es kam dann so, daß die Eintragungen im andern immer spärlicher wurden, während dieses sich rasch füllte.



Es war Mitte Jänner. Vater hatte den Anschluß an das frühere Leben noch nicht gefunden, als eines Morgens der Generalmarsch durchs ganze Ländchen erklang und unsere Truppen neuerdings sammelte. Der rasche Zug in den verschneiten Jura bei bitterster Kälte war nicht verlockend; aber mein Vater zeigte sich nicht weniger tapfer als das erste Mal. Nur ruhiger war er, und als er mich beim Abschied umarmte, fühlte ich an ihm eine Herzlichkeit, die mir früher nie vorgekommen war. Auf einmal hatte ich Angst um ihn.

Er war bei den ersten, die auszogen, und er war dabei, als die armen Trümmer einer zu Tode gehetzten Armee unmündiger und untauglicher Soldaten zu uns hereinflohen und unserem Volke Gelegenheit gaben, jene Tapferkeit zu üben, die ihm zukommt. Die aber besteht nicht darin, Wunden zu schlagen, sondern Wunden, die andere schlugen, zu heilen. Die Kunst, andere zu töten und sich für andere und deren unverstandene Ideen und unerkannte Gelüste töten zu lassen, darin die alten Eidgenossen einst Meister waren, haben sie in vier Jahrhunderten der Selbstbesinnung und Selbstbescheidung verlernt, das ganze schlimme und ruchlose Handwerk verwunden wie eine Kinderkrankheit. Aber wenn fremde Not an die Türe klopft, dann wird diese geöffnet und standhaft offen gehalten, auch wenn mit der Not Seuche und eigene Gefahr eindringen. Es ist nicht mehr der Mut der Tapfern von St. Jakob, es ist der Mut des Barfüßers, der den aussätzigen Bruder küßte.

Wie eine heilige Flamme erstand der Opfermut damals in allen Herzen, als das breite Elend zu uns hereinflutete. Keine Hand, die müßig war und unbereit, zu geben und zu helfen, wo es nottat. Es war eine erhebende Zeit, und doch erscheint sie heute nur wie Vorübung für die Jahre des großen Krieges – die Friedenslüge hat sie noch nicht hinter uns gelegt – die uns Gelegenheit gaben, zur Meisterschaft zu bringen, was damals geprobt wurde.

Es liegt aber bei diesem Helferberuf, daß er nicht allein das Herz auftut für fremde Not, sondern auch den Blick schärft für Ungerechtigkeit und daß es den, der sich ihm ergibt, unwiderstehlich dorthin treibt, wo Unrecht erlitten wird, vom Sieger weg zum Besiegten.

Mit Diplomatie hat solches nichts zu tun, mit Menschlichkeit alles. Und mag es nun mit dieser zerbrochenen Welt gehen, wie es will, eines ist gewiß: Erlösung liegt für sie bei dieser allein. Starke, ehrliche, unverblendete Menschlichkeit, Gedanken, die aus dem Herzen stammen und die der prüfende Verstand zur klaren Tat werden läßt.



Der Krokus brach schon in leuchtenden und blassen Kränzen aus dem fahlen Winterwieslein unseres Gartens, als der Vater zurückkehrte.

Ich merkte bald, daß er seine neue Gesinnung gegen mich nicht verändert hatte. Er war gütiger denn je, aber wenig fröhlich, wie ein Mensch, der einen Weg verlassen hat und nun des neuen nicht gewiß ist. Etwas Unsicheres und Trübes war um ihn, was mich zu ihm hinzog und unsere neue Freundschaft rascher festigte, als Fröhlichkeit es vermocht hätte.

Überhaupt war damals die Welt wie unter einer Glocke von Milchglas: ohne Helligkeit, ohne Glanz, ohne Luft. Die fremden Soldaten hatten die Stadt verlassen; aber vorher war es noch zu einem Zusammenstoß feindlicher Ausländer in unsern Mauern gekommen, an dem der Pöbel sich beteiligt hatte. So erhielt die Zeit erhebenden Opferwillens einen schalen, häßlichen, einen gemeinen Abschluß. Eine Atmosphäre der Ernüchterung, Mißstimmung und Beschämung lastete auf der plötzlich still gewordenen Stadt, und als ich einst am Häuschen zur Hintern Geduld vorbeiging – wie schüchtern verbarg es sich hinter dem stattlichen Bürgerhaus zur Vordern Geduld! sah ich den Schneider Werfeli mit den trübsten Augen über seiner Arbeit sitzen. Er winkte mich eifrig ans offene Fenster der Butike: »Und nun, Simönli, wo ist unser Erlebnis? Die roten Hosen etwa? Oder das Blatternspital? Oder die paar abgefressenen Pferdeschwänze? Nichts ist es gewesen! Nichts für uns und so wird es nun immer sein, merk es dir: Alles für die andern; aber der arme Schneider zur Hintern Geduld und der bucklige Simönli, an denen geht das Leben vorbei.«

Dann stichelte er weiter, als ob ich nicht mehr da wäre, und sein bleicher Kopf schwebte trostlos über dem schittern Kreuz seiner Schneiderbeine.

Das Wort des Narren ließ mich nicht unberührt. Ich war damals in einer Stimmung, die solchen Gedanken Boden gab. Eine neue Schule hatte mich aufgenommen, das Gymnasium, und wenn auch der höhere Geist dieser Anstalt mich mächtig anzog und daß ich nun so manches lernen konnte, was mir vorher verschlossen geblieben war – der schöne natürliche Zusammenschluß der Volksschule fehlte mir zwischen dieser ausgewählteren Schar. Und wenn sie auch nicht unfreundlich gegen mich waren, ich fühlte mich doch als außenstehend. Ganz hinein bin ich ja auch nie gekommen. Aber später war es die Ausgehobenheit des besten Schülers, und die tat nicht mehr weh. Im Anfang jedoch wußte ich nicht, galt es meiner Gestalt, wenn die andern so flink an mir vorbei und über mich hinweg sich fanden, oder war es der Sohn der Hebamme, der ihnen nicht paßte. Diese Vorstellung peinigte mich maßlos. Mochten sie über meinen Buckel lachen, so viel sie wollten! Aber meine Mutter – der bloße Gedanke, daß einer ein unehrerbietiges Wort über sie sagen könnte, warf mich in einen Zustand innerer Raserei, der oft in einen jener Krämpfe mündete, die mich in diesen Zeiten hie und da überfielen. Zum erstenmal war es am Abend jenes verunglückten Weihnachtstages gekommen, der Vater die Entdeckung von der Herkunft meines Gebrechens gebracht hatte. Mit einem seltsamen frostiglähmenden Anhauch im Nacken begann es, den ich, in merkwürdiger Vertauschung der Sinneseindrücke, als gelb empfand. Der Hals wurde breit, der Kopf nach vorne gedrückt, das Gesicht unbeweglich wie eine Maske, und der Atem flatterte in der Brust wie ein Vogel, der sich an den Wänden schlägt. Aber nicht nur das Gesicht, auch Hände und Füße starr und schweißkalt, und zwischen den Kiefern ein Stück Gummi, ein zäher Klotz, ach, ein haushoher, ungeheurer Block zwischen meinen armen Zähnen! Alle Wärme, alle Bewegung, alles Blut saß im Schädel. Dort rauschte, dort schrie, dort klopfte es mit hundert scharfen Hämmern, jeder Hammerschlag ein glühender Schmerz. Ich lag da wie ein Stück Holz, von der einen Vorstellung beherrscht, die sich in die unablässig peitschenden Worte verwandelte: »Ein Beil mitten durch den Kopf, ein Beil mitten durch den Kopf, ein Beil . . .« als ob das Blut selbst es schrie, lüstern nach einem Weg ins Freie.

Die Augen in erstarrten Tränen begraben, schwammen im Nebel. Vaters Gesicht war zerrissen. Er lief aufgeregt hin und her – jeder Schritt ein feuriges Schwert durch den Kopf – seine Finger tanzten auf der Bettstatt – jeder Aufschlag eine glühende Nadel. Aber dann war er weg, und Mutter saß geräuschlos neben mir. Etwas Heißes legte sich um meine froststarren Füße. Ihre warmen Hände umschlossen die meinen, ihr Gesicht, fern und still wie der Frühmond hing tröstlich über mir. Und ihre Hände waren so stark: langsam zogen sie alle Qual an sich, die Starrheit, den Schmerz, die Angst. Nur das zwischen den Kiefern war noch da und viel gelbe Punkte in der Luft; dann aber kamen die weichen goldenen Nebel. Rings herum weicher gelber Flaum, und ich sank, sank . . .

Als ich am Morgen erwachte, war mein Kopf leicht wie eine Wolke, ich aber schwach und rührselig wie nach langer Krankheit. Und ganz beherrscht von der quälenden Einbildung, es sei mein elend verbogener Rücken, der dem Blut die natürlichen Wege abschneide; das von gestern sei nur der Anfang, und es würde kommen, daß die Glieder sterben und der Kopf berste. Ach, es war so schreckhaft! Und auch das Wort der alten Mäde meldete sich wieder. War das am Ende schon die Seele, die sich herauskämpfen wollte aus ihrem Gefängnis?

Mutter verstand es, das Geständnis dieser Ängstigungen aus mir herauszulocken, es ruhig und mit einem belustigten Lächeln aufzunehmen und die Angstvorstellungen durch ein Märlein zu ersetzen, das, fast possierlich und doch tiefsinnig wie alle ihre Geschichten, mich abzulenken und angenehm zu beschäftigen vermochte.

Nein, mit meinem Rücken hätte diese Geschichte gar nichts zu tun gehabt; denn solches komme bei den geradesten Leuten vor, und es sei auch weder etwas Gefährliches noch etwas, das immer wiederkehren müsse. Schuld daran sei einzig und allein mein Kopf und all das Gedankengesindel, das ich dort offenbar aufgespeichert habe. Mit dem Kopf aber habe es seine eigene Bewandtnis, und das von der Mäde sei allerdings nur eine Vorstellung; aber hinter den Bildern, die das Volk sich mache, stecke immer etwas Bedeutungsvolles und es sei nicht unwert, sie sich anzuschauen und zwar gründlich, rund herum.

Da sei nun die Seele. Zu allen Zeiten habe das Volk ihr irgendeine Gestalt verliehen, aber keine lieber als die des Schmetterlings. Natürlich dächte ich nun gleich an einen rechten, weitflügligen Falter mit nadeldünnem Leib und allen Himmelsfarben auf dem Gefieder. Aber da täuschte ich mich. Die alten Griechen und das sei das tiefsinnigste aller Völker gewesen; denn, da es seine Reife sozusagen in der Jugend erreichte, habe sich bei ihm das frische Blut mit der Weisheit des Herzens verbunden, was nachher in der Welt nicht mehr vorgekommen sei – diese merkwürdigen Griechen, die nichts anrühren konnten, ohne daß es lebendig wurde, und nichts Natürliches betrachten, ohne dessen Tiefsinn zu verstehn, hätten den Seelenschmetterling als einen kleinen schwerfälligen Nachtfalter gebildet, der eher einem geflügelten Wurm glich als einem himmlisch leichten Schweberlein. Was aber könnte dies anderes heißen, als daß die Seele eben ein Doppelwesen war und daß es an ihrer Auffütterung und Verpflegung lag, ob sie mehr das eine werde oder das andere, mehr Wurm oder mehr Vogel? Und ferner: Wenn einer in ein Haus ziehe, sei es ihm wohl nicht zu verargen, daß er sich jenes Gemach auslese, wo man es ihm am behaglichsten mache, und da könne es wohl nicht anders sein, als daß bei einem wohlgestalteten, seiner Wohlgestalt sich freuenden und sie pflegenden Menschen die gute Stube mehr in den untern Stockwerken, in der Nähe des Magens sich finde; bei den andern aber, denen der Körper nicht so viel bedeute – sei es, weil das Gebäude nicht sonderlich gelungen, oder weil die Vorstellung von dessen Vergänglichkeit sich ihnen allzusehr eingeprägt habe – bei ihnen finde sich der bestausgestattete Raum im Oberstübchen. Und so komme es denn, daß bei den einen der Schmetterling unten sitzen bleibe in wohligem Vielfraß wie ein blind wühlender Apfelwurm und eines Tages auch wie ein solcher hervorkrieche, farblos, täppisch und blind; bei den andern aber sitze er oben hinter den Augensternen. Wenn einer aber erst einmal hinter Fenstern sitze, brauche es nicht viel, damit ihm Flügel wüchsen; denn nichts gebe es auf der Welt, was so die Sehnsucht triebe wie der Blick durch verschlossene Fenster. Da er nun aber vertragsgemäß den lebendigen Menschenleib nicht verlassen dürfe, sei er auf einen ersprießlichen Ausweg geraten: er schaffe sich Kinder, flügge, wegfrische Kinder, die nicht allein als schimmernde Traumboten ihm Kunde zurückbringen, sondern als echte Blutskinder einen Teil von ihm selbst hinaustragen, befreien und die Welt damit bevölkern.

Diese Seelenkinder aber seien die Gedanken, und wenn man nun solch einem Menschen von außen in die Augen schaue, so sehe man es ganz deutlich, wie sie zum Fenster herausschlüpften, mit einem kleinen Blitzen, einem Leuchten oder auch scharenweise in großem stillem Strom; bei den andern jedoch säßen die Augen als harte, farbige, bewegliche Glaskugeln im Kopf. So sei es denn auch nicht verwunderlich, daß die einen daheim sitzen, und doch um die ganze Welt wissen können, während andere stumpf und blicklos in aller Welt herumkutschieren und stumpf und besitzlos heimkehren. Und es sei vielleicht gar kein so erfreuliches Zeichen, daß man immer neue Beförderungsmittel erfinde: wer sich selbst mit seiner ganzen Körperlichkeit herumführen müsse, der verfüge offenbar nicht über ein allzu reiches oder allzu flügges Gedankengeschwader. Auch dies hätten übrigens die Griechen gewußt; denn wenn sie in ihrer Kunst vor allem zwei Dinge dargestellt hätten, die kraftstrotzende Körperlichkeit des Menschen und die diesen leiblich nachgebildeten Götter, so hätten sie eben darein den großen Unterschied gelegt, daß sie ihre Sportsjünglinge mit festen, kleinen, wenig belebten und offenbar auch wenig bewohnten Köpfen und blitzlos blickenden Augen bildeten, die Götter aber mit diesen schauenden, diesen strömenden, diesen milden, allmächtigen, das Unendliche umfassenden Gottesaugen.

Was nun aber die Seelenkinder selbst betreffe, so sei das eine merkwürdige Geschichte. Die hielten es nämlich nicht anders als jeder wohlanständige Europäer, der unbekleidet nicht ausgehen dürfe, und so werde denn ein Gedanke nicht eher wegbereit, als bis er sein ihm passendes Gewand gefunden habe. Und da liege nun mein Verhängnis: Mit der Zeit habe sich bei mir eine ganze Schar solcher Kinder angesammelt, aber da ich noch zu jung und unerfahren sei, um ihnen das richtige Gewändlein zu schaffen, liegen sie nun alle wirr und nackt durcheinander, gänzlich unpassend auch für den kleinsten Ausflug, und das sei ihnen gestern nun offenbar einmal zu dumm geworden, und sie hätten es versucht mit diesem abscheulichen Rumor. Das sei auch gewiß nicht angenehm, sondern eine rechte Qual; aber ich müsse nur denken, daß eine volle Kinderstube einer Mutter auch manche Molesten bringe, und doch würde sie um alle Welt nicht mit der Kinderlosen tauschen. Allein, wenn sie eine vernünftige Mutter sei und sehe, daß sie die Kinder nicht mehr zu kleiden und recht aufzuziehen vermöge, dann bitte sie den lieben Gott, daß er etwas innehalte mit dem Segen.

Dies alles aber heiße auf mich angewendet und praktisch ausgedeutet nichts anderes, als daß ich einmal mit dem vielen Lesen aufhören solle. In der Schule bekomme ich, weiß Gott, just genug von dem Gemüse. Und auch mit dem Klostergärtlein sei nicht alles getan, das bedeute eine gar zu starke Verlockung zum Spintisieren. Aber hinaus in die freie Natur sollte ich; denn da sei nichts, was die aufgeregte Bande so beruhige wie die liebe Gotteswelt, und nirgends auch finden sich passendere und solidere Gewändlein für jene als draußen. Ich solle aber nur getrost sein, wenn ich einmal so weit gekommen sei und meine Gedanken Klärung, Form und die Kraft zum Auszug besäßen, dann würden sie mir nicht länger Qual bereiten, sondern ich werde es dann erfahren, was für ein munteres Leben das werde und was für eine weite köstliche Einkehr in alle Wunder der Welt. Dann wäre ich allenthalben daheim, und wie ich mich in meinem eigenen Körpergehäuse etwa fühle, das spiele dann eine geringe Rolle; denn mein Leib sei alsdann die Welt.

Wenn Mutter damit sagen wollte, daß ich dereinst ein großer, schöpferischer Denker werden würde, so hat sie sich getäuscht. Ein stiller, emsiger Arbeiter im kleinen, nicht mehr. Ein Kärrner, ein Steinschlepper am großen Gebäude des Wissens, und wenn der eine oder andere Stein im Fundament Verwendung fand, war das mein Verdienst? Aber in einem hat sie recht behalten: Dem Gefängnis meines Körpers bin ich entflohen, so weit als es menschenmöglich ist, sich von jenem Teil zu befreien, der sie an die Erde bindet.

Jedenfalls aber machte jene kuriose Schmetterlingsgeschichte auf mich einen großen Eindruck. Es war wie damals, als Mutter mir von der beglückenden Weltschau der Kleinen gesprochen hatte: ein stilles und stolzes Geheimnis trug ich in mir von einem großen Zukunftsglauben erfüllt, und der hat mich nie mehr ganz verlassen. Bis heute nicht, wo ich, ein alter Mensch auf seinen letzten Stufen, in eine zerstörte Welt hineinblicke. Und das ist das Geschenk meiner Mutter.

Wäre da einer, der es der ganzen Welt zu geben vermöchte, nimmer könnte sie zugrunde gehen! Denn allem Zerstörungswillen, allem Haß, der Hölle selbst ist die Kraft der wackern Jugend gewachsen. Und was heißt jung sein anderes, als Vertrauen haben auf die Zukunft?

Auch meiner Krankheit hat die Mutter damals den Stachel ausgebrochen. Wohl kamen die Krämpfe wieder; aber da die Atemnot sich nicht mehr einstellte, war schon die eine Hälfte der Teufeleien weg, und die andere konnte ich unter der neuen Vorstellung wohl ertragen, mit einem gewissen Stolz sogar, wie ein kleiner Held. Am schlimmsten packte es mich zu jenen Zeiten, wo du zu uns gekommen warst, Rehlein, und Eifersucht mein Wesen spaltete. Aber als du größer wurdest und dein Glanz sich auszubreiten begann, da verzog sich das Unwesen immer mehr, immer mehr. Schließlich nur ein paarmal noch, jene Male, als das Schicksal die drei großen Risse durch mein Leben zog.

Übrigens blieb meine Mutter nicht bei Theorie und Rat stehn – das tat sie im Leben nie – sondern sie sorgte dafür, daß ich wirklich auch ins Freie kam, sobald die Jahreszeit günstiger wurde, jeden Tag, bei Regen und Sonne, wenn es auch nur für kurze Zeit war; aber öfter langte es zu rechten tüchtigen Wegen, und der Frühling war mir hold, wie er es gegen jeden ist, der ihn sucht: alle Türen tat er auf und füllte alle Blicke mit den Zierlichkeiten seiner herzleichten hüpfenden Welt.

Auf den größern Gängen war mein Vater mit mir. Mutter hatte dazu keine Zeit mehr. Ihre Arbeit wuchs in beängstigender Weise. Jedermann rief nach ihr. Nicht allein, weil sie tüchtig war und weil man sie liebte und verehrte, wo der Fuß sie hintrug, auch der Aberglaube hatte sich an sie gehängt. Es hieß, daß sie eine gesegnete Hand habe oder eine Zauberhand. Schmerzen könne sie lindern, Angst beschwichtigen, und die Kinder, die sie berührte, blühten auf und hätten einen eigenen Segen wie die Blumen, die sie pflanzte. »Habt ihr das Gärtlein gesehn hinter den Mauern? Und hat man je Ähnliches erlebt hierzuland?« Wenn bei uns die Veilchen im Herbst wieder zu blühen anfingen, daß es weitherum duftete, dann machten die jungen Frauen vielsagende Augen, oder wenn meine Mutter ihnen ums Neujahr Primelsträußchen aufs Bett legte.

Es waren aber auch solche, die behaupteten, es habe eine besondere Bewandtnis mit Mutters Beruf und sie hätte ihn gewählt als Sühne für die Mißgestalt ihres einzigen Kindes, darin ein alter Fluch vom Vorfahren her zum Austrag gekommen sei. So zogen sie einen geheimnisvollen Schein um die heitere Gestalt, weil die Menschen soviel leichter an das trübe Wunder des Übernatürlichen glauben als an das brunnenklare reiner Natur und ungelähmter Herzensgüte. Und als du dann zur Welt kamst, Rehlein, fein und besonders, wie ein Himmelskind, und so gesund, trotz der Zartheit deiner Glieder, und Mutter bald nachher ihren Beruf aufgab, war das nun nicht wie die klare Bestätigung jenes Sühnegeschwätzes?

Wunderbar hätte man es auch finden können, daß diese weniger robuste als feine Frau den sich stets steigenden Anforderungen gewachsen blieb. Es schien beinahe, als ob die Kräfte zunähmen mit der Arbeit, immer seltener sah man an ihr jenen müden Zug, der Doktor Eßlinger einst erschreckt hatte, und immer fühlbarer wurde wieder die helle jugendliche Sicherheit der Ruwenberger Tage.

Dagegen hatte mein Vater keine gute Zeit. Sein Schreiberamt hatte er wieder aufgenommen, das Parteigetriebe ihn. Er wurde sogar von den Genossen für den Großen Stadtrat in Vorschlag gebracht. Doch die Wahl kam nicht zustande, nicht zuletzt der Zwiespältigkeit in der eigenen Partei wegen. Seinen Offiziersrock nahm man dem Vater übel und den freiwillig verlängerten Militärdienst, und auch die Gedanken, welche die Zeit der Vaterlandsverteidigung in ihm ausgereift hatte, waren ihren Ohren nicht angenehm. Der verunglückte Wahlgang wurmte ihn. Nicht bloß weil es seine Eitelkeit kränkte – Mutter wußte Trost und meinte, daß sie froh sei um dieses Versagen der Parteigunst; denn alle Würden der Welt nähme sie nicht um den übeln Schein, eine Partei als Staffel benutzt zu haben zum politischen Aufstieg – aber zu fühlen, wie er auf seinem eigenen Boden unsicher wurde, das drückte ihn.

Die Kriegszeit hatte hart in sein Gedankengebäude gegriffen. Wie auf der ganzen Welt, so hatten auch in ihm die internationalen Illusionen Schiffbruch erlitten. Die Vaterlandsliebe, das Gefühl einer lange begründeten, von innen herausgewordenen Zusammengehörigkeit war wieder erstarkt und das Gefühl der Pflicht dieser Einheit gegenüber. Aber in der Partei war es so, daß man von Pflicht nur dann hören wollte, wann es andere anging. Für sich nahm man bloß Rechte in Anspruch, und ein Zusammengehörigkeitsgefühl gab es nur innerhalb der eigenen Klasse; von der großen innern Einheit des Volkes, die allein dessen Kraft und Bedeutung bestimmt und dessen Dauer sichert, wollten sie so wenig wissen wie ihre äußersten Gegner, die Geldhäufer, Kriegsmacher und Kriegsausbeuter. Immer mehr ging es meinem Vater auf, wie weit seine eigenen, hochgreifenden Ideale ablagen von den engherzigen Klasseninteressen der Partei und anderseits, wie arg er selber sich verrannt hatte, in Höhen, die mit der Wirklichkeit wenig Zusammenhang mehr hatten. Sein Manuskript hielt er im Schreibtisch vergraben. Er mochte fühlen, daß die Zeit keinen Raum hatte für papierene Weisheiten, daß sie nach Taten schrie. Vielleicht auch war ihm über dem ehrlichen Werk an der Grenze das Bewußtsein seiner Selbsttäuschung aufgegangen. Solche Gedanken fraßen an ihm, und er benutzte es deshalb gern, wenn sich ihm Gelegenheit bot, diesen Leiden zu entfliehn. Die Wanderungen mit mir gaben ihm erwünschten Vorwand.

Auf unsern Gängen merkte man wenig von seiner Trübsal. Wann wir erst einmal im Wald waren und die grüne Herrlichkeit rings, wurde er jung und bis weilen fast übermütig und immer freundschaftlich gegen mich wie gegen einen jüngern Bruder. Am meisten und liebsten jedoch sprach er mit mir von der Schule. Wir hatten damals einen Geschichtslehrer, trocken wie ein Sandkäfer; die Zunge wurde einem hart, wenn man ihm eine Stunde lang zuhörte. Was dieser arme Mann unter dem Staub seiner Langeweile begraben hatte, zog nun der Vater neu ans Licht, und nie wurde Geschichte lebendiger und eindrücklicher gelehrt als auf diesen Wanderungen durchs grüne Land und nie begeisterter aufgenommen. Aber wenn ich dann etwa im Anlauf der Freude ausrief: »Ach, Vater, wenn du unser Lehrer wärest!« konnte er plötzlich einsilbig werden, nachdenklich und düster, fast als ob er zürnte.

Auf einem solchen Spaziergang kamen wir einmal über einen großen Zimmerplatz mit mächtig schaffender Dampfsäge. Er lag unten am See. Baumstämme waren zu Bergen gehäuft, und das ausbrechende Harz kochte an der Sonne, daß der tiefe Geruch als ein sanfter Mantel um einen lag.

»Tannenholz!« Vater atmete auf. »Da ist doch nichts in der Welt, was einem so ans Herz greift, wie der Geruch der ersten Heimat.« Mit prüfenden, zärtlichen Augen schritt er zwischen den gefällten Riesen und mit dem glücklichsten Gesicht. Der Platz war merkwürdig unbelebt, trotzdem es nicht Imbißzeit war. Stämme lagen zum Zersägen bereit auf den Böcken; aber die Sägen daneben feierten. Hätte man nicht das Pulsen der Maschine am andern Ende des Platzes vernommen, man hätte geglaubt, es sei Sonntag. Nur ein paar Kinder stiegen auf neugelagerten Stämmen herum und suchten mit langen Spaten die Rinde vom Holz zu trennen.

Vater nahm einem Knaben, der sich mit viel Anstrengung und wenig Erfolg abmühte, sein Werkzeug aus der Hand und zeigte ihm mit freundlichen Worten, wie man es anstellen müsse, damit die Rinde sich leicht und in breiten, langen Riemen löse. Da erschien hinter den Stämmen ein grinsendes Männergesicht, dem bald ein paar andere folgten: »Was, so etwas versteht Ihr auch, Tellenbach? Ich hab' gemeint, Ihr könnt's bloß mit dem Maul und der Feder und allenfalls mit dem Offizierssäbel!«

Der Arbeiter lachte breit, es war wohl mehr scherzhaft gemeint; aber mein Vater wurde rot bis in die Haarwurzeln. »Und ich hab' gemeint, Ihr könnt's mit den Händen; nun seh' ich, daß Ihr mitten im Tag Feierabend macht!«

Der andere spuckte aus: »Für den Hungerlohn, da müßte einer ein ganzer Löhl sein, wenn er sich abrackerte, damit der andere im Geld ersaufen kann!« Und wie zur Bekräftigung setzte er die Flasche an den Mund. Aber im selben Augenblick riß er sie erschreckt wieder weg, und im Handumdrehen stand er mit einem andern Arbeiter an der Blattsäge, die kreischend durch den bereitgelegten Stamm fuhr.

Der kleine, kaum hörbare Pfiff vom Lugaus über einem Balkenturm her mußte das Wunder bewirkt haben; denn auf einmal war es rings lebendig geworden: mit lautem »Ho-ah!« lotsten zwei Männer eine entrindete Tanne vom Holzberg herunter, und auch über dem Ladenhaufen waren Köpfe sichtbar und emsige Hände, die helleuchtende neue Bretter auf die regengrauen alten beigten. Da gewahrten auch wir den beleibten Herrn, der von der Straße her mit eifrigen Aufsehergebärden dem Platze zustrebte.

Vater nahm mich heftig bei der Hand: »Gemeine Sklaven!« und eilte mit mir davon, dunkeln Gesichtes, wortlos und ohne der Grüße der Arbeiter oder der Mühsal meiner schwächern Beine zu achten.

Der Mutter schüttete er daheim seinen Kummer aus, rückhaltslos, wie er es lange nicht mehr getan. Und sie stimmte ihm bei: »Ja, das sei in der Tat das Schlimme und Verkehrte an der Sache, daß der Arbeiter, statt sein Werk ernst zu nehmen und dadurch diesem und sich selbst Bedeutung zu verleihen, es vernachlässige, heruntermache und entwerte. Wie könne denn einer verlangen, daß man wichtig nehme und schätze, was er selbst verachte? Wenn es aber ernst werden solle mit der Erneuerung der gesellschaftlichen Ordnung und wo wäre ein einsichtiger Mensch, der nicht alles daran setzte, um die großen und schändlichen Ungerechtigkeiten unserer Einrichtungen abzustellen? dann müßte man hier einsetzen, beim Heiligtum der Arbeit. Die Schaffenslust und das stolze Kraft- und Kunstbewußtsein der alten Handwerker müßte wieder erwachen und der Fabrikler verstehn, daß seine Arbeit nicht minder wertvoll sei als die des Handwerkers, und schließlich müßte man soweit kommen, um zu begreifen, daß Arbeit nicht nach ihrer besondern Art zu schätzen sei, sondern nach dem Maß von Kraft und Liebe, die einer daran wende, daß jegliche Arbeit ehrenwert, ehrlos nur der, der nicht arbeiten wolle. Hierin allein wurzle die natürliche Erneuerung, jene Befreiung, die nicht bloß ein Freimachen von außen her sei (denn dadurch, daß man ihm seine Fesseln abnehme, werde aus einem Sklaven noch kein freier Mann) und eine Gleichheit, die es in Wahrheit wäre, nicht nur ein Machttausch, der zur Folge hätte, daß jene sich zu Ordnern des komplizierten Staatshaushaltes aufwürfen, die sich nicht einmal den einfachen Pflichten des Hausvaters gewachsen gezeigt hätten. Aber solche Erneuerung brauche Zeit. Bei den Kindern müßte man anfangen, denen ja, solange man sie unverhetzt und unverängstigt gewähren lasse, Lust und Liebe zum Werk nie fehle und auch nicht das gesunde Selbstbewußtsein des Tüchtigen. Und wenn dann die Kindeskinder dieser Kinder so weit wären, dann möchte es geschehn. Nicht als Umsturz – denn Umsturz schaffe doch nur Trümmerhaufen, die dem armen Boden die letzte Keimkraft ersticken – mit sorgfältiger Hand abtragen müßte man die alten Gebäude und keinen Stein verwerfen, der irgendwie dem neuen Baue dienen könnte.

In solchem Sinne sprachen meine Eltern zusammen. Und Vater nickte immer wieder: »Ja, ja, du hast recht, bei den Jungen anfangen – die Alten, das ist verdorbene Ware: Sklavenseelen mit Empörergebärden, Befreierphrasen im Munde des Machtgierigen – nein, da ist nichts mehr zu wollen.« Noch lange saß er nachdenklich da, und ich glaube, an jenem Abend hat er auch seinen Plan gefaßt. Es war wenigstens nicht lange nachher, daß er es mir auf einem unserer Gänge anvertraute, als Geheimnis, wohl zu verwahren vor der Mutter, er habe sich um eine Lehrerstelle an einer Sekundarschule des Industriequartiers beworben. Wie schwer es war, dieses Große der Mutter zu verbergen! Aber das Geheimnis band uns zusammen, Vater und mich, und je näher der Tag der Entscheidung kam, desto häufiger und länger wurden unsere Wanderungen.

Mutter und ich saßen in der Geißblattlaube, als Vater uns die Nachricht brachte. Wir hatten vorher wenig zusammen gesprochen, das Bild im Fenster hatte uns gefangen gehalten. Es war so voller Gold wie am allerersten Abend. Mutters Augen schienen fern: »Bei uns daheim ist es nun so feierlich, der Jura eine schwarzblaue Welle vor dem Glanz, die Wiesen tiefgrün und die gewaltigen Dächer geheimnisvoll, Pyramiden aus dunkelm Achat; aber hier macht der Abend alles selig und hell.« Sie lächelte und schien dabei doch wehmütig.

Da erschien der Vater. Sein Gesicht glänzte im abendlichen Widerschein, und doch hatte er etwas beinahe Schüchternes an sich. Wie ein Knabe, der das Schulzeugnis heimbringt: er meinte, daß es sehr gut sei; aber auf einmal ist er nicht mehr so sicher. Seine Stimme klang jedoch sehr froh, als er seine Wahl mitteilte. Und plötzlich hing Mutter ihm am Hals und weinte, und das war etwas so Unerhörtes, daß wir beide, Vater und ich, in größter Verlegenheit standen. Aber Mutter lachte aus den Tränen heraus und schalt sich kindisch und wurde auch wirklich rot wie ein Kind. »Es hat mich so übernommen. Ach, nun wird ja alles wieder gut! Und alles Schlimme, das gewesen, ist nicht mehr schlimm; denn wenn einer die Arbeit hat, die zu ihm paßt, dann wird ihm jede Erfahrung zum Nutzen, auch die üble.«

Wir blieben dann noch lange zusammen unter den lebhaftesten Gesprächen, und das goldene Bild im Fenster, sein heißes Aufglühn, sein sanftes silbernes Verblassen war nicht allein schuld daran, daß mich alles an das heimliche, erwartungsvolle Glück des ersten Abends gemahnte. –

Mutter behielt recht. Es wurde wieder gut bei uns. Schon nach den Ferien trat der Vater das neue Amt an. Er ging mit Feuereifer dahinter. Die Zeit der eigenen Ziellosigkeit und die Wochen strenger Pflichterfüllung an der Grenze und wohl auch ohne daß er es recht wußte – Mutters Beispiel hatten ihm ein neues Ideal zugeführt, das der Lebenstüchtigkeit. Tüchtige, selbstvertrauende Arbeitsmenschen, das brauche die Welt; sie würden sich einst über alle Klassenschranken hinweg die Hand reichen und, in Erkenntnis und Einsicht vereint, die neue Welt der gerechten Ordnung und Gleichheit aufbauen. So glaubte er, und auf einmal schien ihm nichts wichtiger als Volksbildung, Volksaufklärung in einem andern, weitern Sinn, als die Parteiinteressen es verlangten. Er gründete Abendklassen für die der Schule entwachsene Jungmannschaft, und auch der Gedanke an Volkslehrkurse tauchte bereits auf, und so fand er sich denn vom Herbst an gleich in einem Strom von Arbeit.

Natürlich blieb seinem Feuereifer Enttäuschung nicht erspart, und zwar zeigte es sich bald, daß er keinen schlimmern Feind besaß als das Gift der Unzufriedenheit, des Neides, des Mißtrauens und der Arbeitsscheu, das die Parteihetze schon in so viele junge Herzen gegossen hatte. Aber das beste Gegengift besaß mein Vater in seiner frischen, hinreißenden Art, und nichts freute ihn mehr, als wenn es ihm gelang, diese verhetzten, verbitterten und stumpfen Menschlein an sich zu ziehn und ihnen die Schule zu einem befreienden Ort zu machen, sodaß sie wenigstens in seiner Nähe und unter seinem Einfluß lebendig wurden und hell wie die Kinder einsichtiger, guter Eltern.

Die viele Arbeit und das bedeutende Ziel brachten rasch den Wandel in Vaters Wesen. Seine frühere Fröhlichkeit kehrte zurück; aber sie hatte sozusagen mehr Gewicht, wie der Blick der Augen steter geworden war und die Locken über der Stirn knapper. Und wenn sein lautes Wesen wieder mehr das Haus beherrschte, seine Reden waren jetzt so, daß Mutter sich darüber freute; denn sie fuhren nicht mehr in der Luft herum, sondern folgten einem sichern Faden. Und wenn seine sich ausbreitende Persönlichkeit uns wieder mehr in die Ecke drückte, es tat nicht mehr weh.

Zwar erschrak ich zuerst, als er erklärte, mein lautes Lernen nebenan störe ihn und es sei besser, wenn ich mein Bett mit ihm tausche und mich unten in der Gartenkammer niederlasse; aber es zeigte sich bald, daß diese Änderung nicht zu meinen Ungunsten war. Die Nacht freilich, da ich zum ersten Mal im Leben allein auf einem Boden schlief, war eine arge Qual und der Anblick des perlenbestickten Glockenzuges, der mich mit der Mutter verband, mein einziger Trost. Allein, ich fühlte mich bald heimisch in dem stillen Zimmer, und wenn ich heute an die Stunden inniger Zufriedenheit zurückdenke, die ich dort verlebte, und wie es mich überrieselte, wenn ich mich an frühen Winterabenden mit meinen Büchern einnistete unter meiner eigenen kleinen Lampe oder im Frühling, wenn ich am eigenen Fenster lernte, ungesehen und doch mit den rosenroten Pfirsichzweigen und dem Vogelgesang aufs lieblichste mit der Welt verbunden, dann weiß ich, daß ich damals schon die erste Schule der Einsamkeit durchgemacht und in Freuden bestanden habe.

So emsig ging es in unserem Hause zu in jenem Winter. Mutter wollte nichts davon wissen, nun, da Vater wieder ein festes Einkommen hatte, ihren Beruf aufzugeben. Solange sie es vermöge und keiner von uns benachteiligt werde dadurch, werde sie ihm treubleiben. Und da ich immer tiefer in die Gymnasiastenweisheit hineingedieh, waren auch meine Stunden voll. Fast nur noch bei den Mahlzeiten trafen wir zusammen, an Sonntagen und hie und da abends vor dem Zubettegehen, aber immer als zufriedene, einige Menschen. Man konnte sich nichts Besseres wünschen. Allein, der Sommer war noch schöner.

Jener Sommer! Wenn ich heute daran zurückdenke, ich sehe seine Einzelheiten nicht mehr. Er erscheint mir wie ein einziger klarlauterer Sonnentag mit einem tauigen Morgen, einem selig stimmenden Mittag und einem Abend voll Duft und Sternenschein und Herzensfreude.

Besonders die Abende, wenn wir zusammen in der Laube saßen. Vater erzählte von seiner Schule. Wie er nun soviel Unterricht ins Freie verlegt habe, wie er mit den Buben bade und ihnen den Wald zeige und vom Berg aus das liebe nahe Vaterland; denn wenn sie auch einstweilen noch warten müßten, bis eine weisere Weltordnung den Kindern der Not die Sonne in die Stube schicke, er wolle ihnen doch wenigstens zeigen, wo man sie draußen finde und wieviel Schönes die Welt auch den Armen geben könne.

Mutter freute sich seiner Worte: »Ach ja, die Augen öffnen all den Armen, wer das könnte! Den Armen in den Häusern der Not und den oft noch Ärmeren in den Häusern des Reichtums.« Und dann erzählte sie so merkwürdige und herzbewegende Dinge aus ihrem Berufsleben. Von dem Elend der Kinder reicher Leute, denen man die Hände füllte und das Herz leer ließ und deren Augen von falschem Glanz abgestumpft, keine feine und innige Schönheit mehr zu fassen vermöchten. Da standen sie an hohen geschmiedeten Gartenpforten in Kleidern die nicht beschmutzt werden durften, das scheltende Kindermädchen hinter sich. Der eiserne Zierat des Gitters preßte die bleichen Stirnen, während die Augen nach den Kindern der Gasse langten, den frohen, schmutzigen, den vor Wildheit und Sonne heißen. Abends mußten sie früh zu Bett, wenn draußen alles erwartungsvoll, tieffarbig und heimlich wurde; denn der Schlaf sollte ihr dünnes Blut kräftigen. Und dann lagen sie in kühlen Bettchen, allein. Von der Straße kam der Lärm der Kinder, rauschte auf und verklang, und dann, von den Gesellschaftsräumen herüber, der feinere Lärm der Gäste, Stimmengesumm, ein wenig Musik und hie und da ein flackerndes Frauenlachen – und man konnte immer noch nicht schlafen, und alles um einen war schwarz, undurchdringlich und auf der Brust die kalte Faust. Aber das Mädchen zürnte, wenn man es rief, und so blieb man denn allein, starr, grauenvoll, kalt. War das nun das dünne Blut? Mond und Sterne sah man zuerst im Theater – was Wunder, daß man zeitlebens unter fadenscheinigem Kulissenhimmel wandelte? Und was Leben sei und Liebe vernahm man zuerst aus verlogenen Büchern – was Wunder, daß man in der erlogenen Welt der Spielzeuge selbst zum Spielzeug wurde? Aber das Schicksal hat keine Kinderhändchen, und seine Riesentatzen zerdrücken das Spielzeughafte.

Und dann die junge Mutter: Diamantenschmuck lohnte sie für die Geburt des ersten Kindes – so lächerlich, so gemein, diamantener Sold für das lebendige Wunder! Aber nun liegt sie mit verschnürter Brust: zwei, drei Tage rasender Schmerzen, dann ist es vorüber, der lebendige Quell versiegt, die Schönheit der jungen Frau ist gerettet und ihre Freiheit. Aber in der Wiege das welke Geschöpflein, schreckhaft fahl vor der rosenroten Seide. Es ist gut, daß man reich ist und ihm nichts mangeln wird, wenn es später nicht recht gehen will mit dem Aufwuchs. Der Winter am Meer – ist es nicht größer geworden? Und ganz braun und gesundfarben kehrt es vom Bergsommer zurück. Aber eines Tages wird das alte Übel doch Meister, das heimtückische vom Großvater her, und da liegt es in seinen Schmerzen und ruft nach der Kinderfrau – Mamas Hände sind kalt, nervös, unvertraut – und in den guten alten Armen beschwichtigt es sich und schläft ein mit einem Lächeln in die braven alten Augen. Und die Mutter daneben schön, nutzlos, elend wie eine gesprungene Vase, darin die Blumen verdorren.

Aber dann die Waschfrau in der Finstergasse. Als junge Dienstmagd kam sie vom Land herein, und sie hörte nicht auf die Warnung der Herrschaft, sondern heiratete den Fuhrmann. Zuerst hielt er sich auch; aber als dann die Kinder kamen, eins ums andere, war es ihm zu ungemütlich daheim, und es fing wieder an mit dem Trinken. So mußte sie alle allein durchbringen mit ihrer Wäscherei. Das war nicht leicht: fünf Kinder, und so im Wasser stehen mit dem schweren Leib und den erstarrten Beinen, bis zuletzt. Und dann nachher gleich wieder. Wenn sie abends heimkehrte, mußte sie die Arme weit abstrecken von den vollen, schmerzgespannten Brüsten, und daheim das Kind schrie vor Hunger. Das waren Qualen! Noch nach Jahren läuft ihr die Gänsehaut über das magere Sommersprossengesicht, wenn sie daran denkt; aber dann kam das Unglück mit dem Mann, das ihnen zum Glück wurde, der Sturz des Berauschten, die gebrochene Hand und die Umkehr. Seither trank er nicht mehr. Und nun waren auch die Kinder schon größer, und man durfte es wagen mit der Wohnung in der Finstergasse. Zwar der Zugang ist nicht schön, vier schwarze übelriechende Treppen – es ist gut, daß der Mann nicht mehr trinkt, sonst gäb's jeden Tag ein Unglück – aber zu oberst drei gemütliche Zimmer, fast geräumig und dem Himmel nahe, wenn auch ohne Aussicht; denn das Dach gegenüber ist noch höher. Allein, das Haus hat noch eine andere Seite. Die Frau wird ein wenig rot, wenn sie die schmale Tür öffnet; es ist ja nicht der Ort, wo man Gäste hinführt, es riecht auch nicht gar gut, trotz dem vielen Fegen, denn eine Wasserspülung gibt es hier noch nicht. Aber davon merkt man nichts mehr, sobald man auf dem Stühlchen steht und den Kopf durchs kleine Fenster hinausstreckt. Und dort ist es nun: ihr Fest, ihre Predigt, ihr Glück!

Am Sonntagnachmittag, wenn der Vater ausgezogen ist mit den Kindern – sie kann nicht wohl mit; bis sie fertig ist mit dem Flicken der Werktagskleider, wird es schon fast zu spät, und dann: zu einem Sonntagshut hat es doch noch nicht gelangt, und überhaupt, sie wäre ein wenig zu müde – aber, wenn alles still ist im Haus, dann stellt sie sich auf dieses Stühlchen, den Kopf im Fenster, und dann kommt es: das ganze, große Stück Himmel und so viele blaue und weiße Berge, wohl meterlang, und der Seewinkel und dann der Hügel mit dem Bauernhaus. Es ist so fern, und doch sieht man alles genau. Das große Feld: einmal ist es dunkelgrün, dann weiß man, daß sie Klee gesät haben, und sie meint, den süßen Honiggeruch zu riechen; ein andermal ist es das hellgrüne Korn, dem sieht sie zu den ganzen Sommer, bis es fahl wird und gelb und leuchtend, und wenn es fällt, freut sie sich über die Garben, die sie nicht sehen kann, und in Gedanken sitzt sie vor dem Haus, in dessen Scheiben die tiefe Sonne glänzt, frei, ruhig, von allen guten Lüften umwebt. Wenn sie am Abend heimkommen, der Mann und die Kinder, voll Sommerduft und mit welkenden Blumen, dann ist sie so frisch und ausgeruht wie keiner von den Sonntagswanderern, und die ganze Woche trägt sie nun wieder mit hellem Kopf und hellen Herzens. Solch ein Segen liegt in dem einzigen kleinen Fenster mit dem Blick auf ein Stück grüner Gotteswelt zwischen schwarzen Schornsteinen.

Allein, es braucht nicht einmal solch ein Stück Himmelswelt. Da ist der junge Sohn des Schuhmachers. Im dritten Jahr sind ihm die Beine gestorben, und nun liegen sie neben ihm auf der Bank, verzwergt, unbeweglich, zwei nutzlose Gegenstände. Aber die Hände sind wacker geblieben und verstehen das Klopfen des Leders, als ob sie nicht dünn und langfingerig wären wie Zitterspinnen. Die Butike liegt drei Tritte unter der Erde, sodaß es nicht einmal der turmhohen Häuserreihe gegenüber bedürfte, um alles Himmelsblau auf ewig daraus zu vertreiben.

Aber es gibt da ein Wunder: zwischen zwei Häusern eine schmale Spalte. Sie reicht nicht bis zum Boden, sondern versiegt unterwegs auf einem Vordächlein, doch dazu langt es just, daß die Sonne zur Zeit ihres höhern Standes mit einem langen glänzenden Finger da hineinreckt, bis in die Butike des Schuhmachers und zeitweise bis an deren hintere Wand. Eine ganze Viertelstunde lang läuft der goldene Zeiger durch das dunkle Gemach. Dann schweigt das Klopfen unter den dünnen Händen des Knaben, und der Vater wehrt es ihm nicht, wenn er eine ganze Viertelstunde lang feiert und mit angehaltenem Atem und glänzenden Augen dem wandernden Sonnenstrahl folgt und dem Tanz der tausend farbigen Stäublein.

Eine Nachbarin versucht einmal zu hetzen: »Armer Bub, mit deinem einzigen blöden Lichtfetzen, und die Reichen hocken mit allen breiten Fenstern, mit Terrassen und Gärten an der prallen Sonne!«

Er aber lächelt, und das soll heißen: »Die breite, allgemeine Sonne, die ist für die andern, und ich würde daran vielleicht sterben, an soviel Glanz; aber dieser eine Strahl, der ist für mich, und er kommt da herein ganz allein für mich!«

Doch er spricht es nicht aus, die Worte gelingen seiner Schüchternheit nicht leicht. Nur seine Augen reden; wer aber die versteht – da ist der heilige Franz mit seinem gelobten Hymnus an die Sonne, ach, jener Hymnus! Wortwerk, Poetenstücklein neben dem welttiefen Gesang dieser stillen Knabenaugen.

Solche Geschichten erzählte die Mutter an jenen merkwürdigen Sommerabenden, und das war doppelt seltsam; denn nie zuvor hatte sie von ihrem Beruf gesprochen. In ihrer tapfern, innerlichen Art machte sie alles mit sich selbst ab, und nichts von dem Schweren, Aufregenden, Großen und Furchtbaren, nichts von Kämpfen und Erfolgen drang sonst zu uns heraus.

Es war aber auch seltsam, daß der Vater so zuhörte. Das war man an ihm nicht gewöhnt und auch das nicht, daß er stumm dasitzen konnte, ohne zu grollen, einfach dasitzen und schweigen, wie Mutter und ich es so gerne taten. Und dabei hatte er das Gesicht vom goldenen Saal, das stille, heitersinnende, und ich glaube, daß dieses im letzten Grund sein wahres Gesicht war.

Oft auch wandelten meine Eltern durch den Garten, Arm in Arm, unter leisen Gesprächen, und setzten sich schließlich unter die Blutbuche mit verschränkten Händen. Ich sah ihnen dann zu von meinem dunkeln Winkel aus, und dann wurde mir wie nie zuvor, weh und andächtig. Sie saßen so still und eng unter dem dunkeln Baum, und in den schwarzen Ästen hing der Sternenhimmel. Die Nachtgrille war lauter als ihre Stimmen, und wenn der Mond schien und die weißen Schleier in die Luft hängte, waren sie fern und gänzlich von mir abgerückt.

Aber ich war nicht traurig. Wunderbare Geschichten gingen mir durch den Kopf, alte, längst vergessene Märchen, flimmernde Träume und der Rausch meiner neuen Wissenschaften, göttliche Strophen, goldene Tropfen halb erahnter Weisheit, ein süßer, inniger Zauber, der mich mir und meiner Gegenwart entrückte.

Das ist wohl der Grund, weshalb mir die Einzelheiten jener Jahre aus dem Gedächtnis fielen. Die Zeit der Träume begann. Das scharfe Äußere, das dem Kind sich so klar einprägt, entschwindet, wenn die Schauer und süßen Qualen des Selbsterwachens anheben und unsere Sinne vom Nahen und Gegenständlichen wegziehn in unerkannte Fernen oder ins Unerfaßte wunderreiche Innerste.

Vielleicht auch war es etwas anderes. Wenn ich an jenen Sommer denke, die Tage voll summender Glut, die Abende voll milder leuchtender Rätsel, meine ich, daß dein Wesen schon über uns war, Rehlein, ob wir auch alle noch nicht um dich wußten. Wenn ich nachts unter meinem Fenster saß – um mich lag der Duft aus den Büschen der gelben Rose, und von den Sternen sanken die sanften Flöre, durchsichtig und doch fühlbar bis ins Innerste wie Wimpernhauch geliebter Augen – war da nicht schon das Weben deiner Hände, der süße unerklärliche Gruß deines Wesens, wie ich ihn heute noch verspüre in jeder dieser innigen Herbstnächte, wenn ich die müde Feder weglege und du plötzlich an mir vorbeigehst, unsäglich fern und doch herznahe, daß ich es allem Wissen, Glauben und Verstand zum Trutz bis heute nicht fassen kann, daß du tot bist?

Und doch hatte auch jener Sommer seine äußern Ereignisse. Im Frühling die flüchtige, aufwühlende Reise zum Großvater, den wir so alt, so zerbrochen fanden mit dem herzzerreißenden Gesang an der Wiege des kleinen Mädchens, und dann im Hochsommer der Besuch von Doktor Eßlinger, als er seine junge Frau brachte.

Im Vorjahr war er weggeblieben, einer Reise wegen, und dann im Frühling kam die Nachricht von seiner Vermählung. Die Schwestern waren so aufgeregt, den ganzen Sommer lebten sie in Vorbereitungen. Und eines Tages stand das Paar da. Sie war sehr schön; aber wenn sie lachte, zogen sich die Mundwinkel in einen harten, grausamen Bogen. Und sie lachte so viel: über die weißen Anzüge auf den alten Polstern der Schwägerinnen, über deren glockig weite Röcke, über den fürchterlichen Lampenschirm mit den gepreßten Blumen zwischen Ölpapier und überhaupt, daß man sich in einem alten Häuserwinkel begraben konnte, wenn tausend Schritte weiter das fröhliche, elegante Leben durch bunte Straßen floß. Und sie lachte auch über ihren Mann: Wie in einem Museum habe es ausgesehen bei ihm; aber nun sei es anders geworden, smaragdgrün das Möbel des Salons mit veilchenblauem Lampenschirm, und ihr Boudoir: Couleur Capucines, des Nachts sei man darin wie in einem ägyptischen Sonnenuntergang; denn so müsse sie es haben, etwas Glühendes, Aufreizendes! In dünnen und schweren Farben halte sie es nicht aus, und alles könne sie ertragen, nur nicht die Langeweile. Der Doktor sprach nicht viel. Er war still und erregt und schien nur Augen für sie zu haben. Nach drei Tagen reisten sie weg. Die alten Schwestern hatten rote Augen, und Mutter suchte zu trösten: »Sie ist noch so jung, manches kann anders werden mit der Reife.« Aber sie hatte doch einen bekümmerten und schmerzlichen Zug, sobald sie von Doktor Eßlinger sprach.

Wie ein aufregender Wirbel war der Besuch der fremden Frau und des neuen, fremden Doktor Eßlinger durch das Haus gegangen, und man hätte es nachher begraben können wie einen ängstlichen Traum, wäre nicht der Lampenschirm gewesen. Den hatte die junge Frau an Stelle des ölpapierenen den Schwestern verehrt. Er war groß, weit ausladend und frech geschürzt wie eine Balleteuse, und seine feuerrote Seide überschrie alle milde Heiterkeit des weißen Zimmers. Des Nachts warf er einen drohend heißen Schein, daß die beiden stillen Fenster blutrot über uns standen. Zwei rote Fenster, blutende Herzen, über den süßen Rätselnächten, die deinen Gruß schon spürten, Rehlein. Und doch wußte noch keiner um dich.

Aber die Zeit kam, wo wir von dir wußten. Mutter verstand es mir so zu sagen, daß ich nichts spürte als eine heiliggroße Freude. Der ganze Winter war erfüllt vom holdesten Adventzauber. Mutter hatte sich eine Stellvertretung geschaffen in ihrem Beruf; sie ging nur selten mehr aus. Unsere Abende waren wieder voller Musik, und nie habe ich ihre Geige seliger singen hören als in jenen Monaten. Wie ein geheimes verschwiegenes Fest war es um uns, und diese selige Stimmung wurde nicht zerrissen, bloß wehmütig vertieft, als mit dem neuen Jahr die Nachricht von Großvaters Tod eintraf. Mutter hielt sich so wie in allen Fällen des Lebens, wenn ein Schlag in erster Linie sie traf: sie machte es im stillen mit sich selber ab; äußerlich sah man ihr wenig an, nur eine gewisse Weichheit, die aber niemals Weichlichkeit wurde.

Du warst schon so nahe, Rehlein, daß sie nicht mehr an die Beerdigung reisen durfte. Der Vater ging allein, und wir blieben zusammen. Sie erzählte mir vom Großvater, unverziert und doch so, daß ich seine Bedeutung und menschliche Tiefe innig erfaßte. Und sie lächelte oft, wenn sie besonders feine und rührende Züge beibrachte; aber ich sah keine Träne an ihr. Mir jedoch war es, daß ich eine seltsam erhebende Befriedigung empfand, wenn ich mir den feinen Mann dachte, wie er nun stolz ausgestreckt dalag, noch einmal Herr in dem Hause, darin er lange nur mehr als Schatten gewandelt war. Und daß der gütige Mund geschlossen blieb und er nie mehr singen mußte mit dieser armen zerbrochenen Stimme.

Dann kam der Tag, der das dritte Reich meines Daseins öffnete, wo Märzsonne durch gelbe Vorhänge schien und der Anblick deiner heiligen Zartheit so nahe am mütterlichen Herzen, dem ich bislang am nächsten gestanden hatte, das höchste Glück und den grausamsten Schmerz aufriß.

Allein das Glück siegte; denn der Schmerz war niederer Art, und Mutter ließ nichts Niederes neben sich bestehn. Daß es ihr jedoch gelang, den bösen Stachel so bald und so gründlich zu entfernen, daran mag ein Besonderes schuld sein.

Und nun ist die Stunde da, wo ich von deinen Augen reden muß, Rehlein.



Als du so dalagst, feingedrechselt, hold und gewissermaßen vornehm mit den langen schmalen Händchen, wie ein Christkind des Fra Angelico, und Vater, voll jungenhafter Freude und Stolz in alle Höhen gerissen, erklärte, du müßtest den Namen Regina tragen, lächelte die Mutter ein wenig über die Königin des Sozialdemokraten. Allein er wehrte sich: Könige müsse es immer geben, aber nicht solche der Macht und des Reichtums, sondern Könige der Schönheit, des Geistes und des Herzens. Und großartig machte er sich auf den Weg nach dem Zivilstandsamt. Unterwegs jedoch mochte sein neues Ideal der schlichten Tüchtigkeit den Rückfall in den alten Persönlichkeitstaumel getadelt und seinen Seelenhopser gekühlt haben; denn er kehrte still und ein wenig betreten mit einer nüchternen »Regula« vom Ziviler zurück.

Mutter erschrak beinahe: »Ob die heilige Richtschnur zu meinem Kinde paßt? Ich fürchte, es wird sich wenig daran kehren, ach, mit diesen Augen!« Aber dann streichelte sie dein langgeschwungenes Köpfchen und lächelte: »So oder so, ob Regina oder Regula, für mich bist du doch das Rehlein.«

Der Name blieb dir, und wer dich später sah, feingliedrig und leichtfüßig, mit dem hellbraunen schlichten Haar und der bräunlichen Haut über den schmalen Gelenken, der konnte es sich nicht anders vorstellen, als daß dieser Name zu dir gehörte, der Name des zutraulichen, scheuen, des feinen und flüchtigen Wildes.

Was aber mochte Mutter meinen mit jener Bemerkung über deine Augen? Ich sann daran herum und fragte sie schließlich, als wir zum erstenmal mit dir im Garten weilten. Da zog sie den grünen Vorhang vom Wagenkorb zurück und stellte sich schützend vor die helle Sonne, daß du unbeschadet die dunkelbewimperten Lider heben konntest. Und wie ich nun ganz nahe in diese rätselhaften Sterne hineinblickte, ging mir ein Schauer durch und durch wie einem, der zum erstenmal die goldene Kirche des heiligen Markus betritt: die schrägen Strahlen einer schüchternen Morgensonne zittern über die tausend Steinchen des Mosaiks, mattschimmernd in tausend zartgüldenen Tönen die lichtgestreiften Wände, aber die Wölbungen schwer vom tiefen goldenen Geheimnis und dunkel wie erlöschende Glut.

Etwas schnürte mir das Herz zusammen: »Ich, ich habe das noch nie gesehn, goldene Augen.«

Mutter nickte ernsthaft, und als du wieder geborgen lagst hinter dem sanften Grün des Vorhangs, legte sie ihren Arm um meine Schultern und zog mich neben sich auf die sonnige Frühlingsbank vor meiner Kammer. Rings um uns summten die Bienen im Pfirsichblust, und der Märzhimmel war zart und seidig und unendlich hoch.

Sie sah lange nachdenklich vor sich hin. Dann nickte sie wieder: »Das glaube ich, daß du solche Augen nie gesehn, und ich weiß nicht, ob unser Rehlein an ihnen nicht ein schwereres Angebinde hat als du an deinem armen Rücken; denn sie sind wohl kein zufälliges Spiel der Natur, sondern ein schicksalsmäßiges Erbteil von Vorfahren her.« Und sie erzählte mir, daß aus der Sippe ihrer Mutter Kunde gehe von den goldenen Augen. Hie und da durch zwei Jahrhunderte hin seien sie aufgetaucht, und immer sei das Schicksal derer, denen sie gehörten, ein wunderliches gewesen; aber alle die verschiedenen Menschen mit ihren verschiedenen Geschicken hätten sich in einem geglichen: in der Gemeinschaft der andern wurden sie nie ganz heimisch, und ihr Herz schien einer fremden, unerklärlichen Macht anheimgegeben; trat die eines Tages hervor, so mußte es ihr folgen, und es gab kein Zurück.

In der Stille unseres Gärtchens, unter den summenden Pfirsichkränzen und später im jungen Schatten der Blutbuche erzählte Mutter mir die Geschichte jener Vorfahren. Du lagst vor uns, zuerst still wie ein Geheimnis und später lebendig, mit tanzenden Händchen und zwitschernd wie ein Waldrötelein. Deine Augen lagen ahnungslos im dunkeln Strahlenkranz der Wimpern, und man wußte nicht, war es das sanfte Gold der jungen durchsonnten Buchenblätter, das sich darin spiegelte, oder drang es aus dem Innern, dieses unergründliche Licht mit den milden und sprühenden Feuerlein. Es waren aber die Geschichten deiner Augen, Rehlein, die Mutter mir erzählte. Du hast sie niemals vernommen, deshalb sollen sie jetzt hier stehn.

Allein, wie könnte ich es wagen, Mutters Erzählungen wiederzugeben? Was sie berührte, lebte, ihr Wort war Lebenshauch und ihre Gestalten Gegenwart; doch meine Sprache ist plump und hart. Nicht wiedererzählen werde ich Mutters seltsame Geschichten, nur die Menschen aufführen, die auf geheimnisvolle Weise deinem Schicksal verbunden sind. Derjenige, der die verhängnisvolle Mitgift in die Sippe unserer Mutter brachte, war ein fremder Kriegsmann, allem nach einer von den Schwedischen, die der große Krieg über unsere Grenze spülte. Holzhauer fanden in einem Jurakrachen den todsiechen Mann und schleppten ihn ins Städtchen, das hoch und schmal gesiedelt an einer Jurawand klebt. Bei der Siechenkapelle luden sie ihn ab. Da mußte es sein, daß just die junge Kronenwirtin vorbeiging, daß sie sich ein Kleines verweilte über dem jammervollen Anblick und daß der Mann unter ihren mitleidigen Augen die seinen aufschlug. Da verlangte sie kurzweg, daß man ihn zu ihr in die Krone schaffe. Und die junge Witwe, die schön war wie eine Sonnenblume und stolz wie eine solche und die keinem Mann einen warmen Blick gönnte seit dem Tode des Kronenwirtes, geschweige denn eine herzliche Hand, sie pflegte diesen verflatterten Kriegsvogel eigenhändig, allen erstaunten Gesichtern zum Trutz, brachte ihn gesund, allen Todespropheten zum Trutz, und heiratete ihn eines Tages, dem ganzen aufgebrachten Städtchen zum Trutz. Doch als sie zur Kirche gingen, zeigte es sich, daß sie ein schönes Paar zusammenstellten; denn er war schlank, wohlgebaut und jung, und die Mädchen und Weiber, die unversehens unter seinen Blick gerieten, spotteten nimmer über die Kronenwirtin.

Die aber ließ seinen fremden unaussprechlichen Namen in einen wohlverständlichen heimischen umwandeln und nannte ihn in Erinnerung an den Ort, wo sie ihn zuerst gesehn, Kapelmann. Während sie ihm in sieben Jahren fünf junge Kapelmännlein schenkte – alle mit den hellen Haaren, den blauen Augen und frischen Farben der Mutter wurde sie zur behäbigen Frau und beliebtesten Wirtin weit herum; denn die Zufriedenheit lag um sie wie ein freundliches Hauskleid.

Er hingegen kümmerte sich wenig um das Geschäft, desto mehr um die Kinder, mit denen er narren konnte wie einer ihresgleichen. Dann trieb er auch sonst allerlei merkwürdige und kunstreiche Hantierung, nicht zum Verdienst, sondern allein zu Kurzweil und eigenem Ergötzen. Vornehmlich war es eine Spieluhr, an der er lange und ernsthaft arbeitete. Vielerlei Holz, wenig Leder, etwas Metall, allerlei Farben und gottlos viel Zeit brauchte er zu dem Werk. Aber als es eines Abends fertig dastand, zeigte es sich, daß es das bare Wunder war: ein Zeithaus, ausgemalt und verscharmiert wie ein Tabernakel, ein Zifferblatt, köstlich mit Rosen und güldenen Zahlen wie ein Paradiesgärtlein, und darüber, wie diesem Garten entsprungen, zwei Vögel, kleine, buntbemalte Wundervögel; denn wenn man an einem verborgenen Schnürlein zog, fingen sie sich langsam zu drehen an, und eine Musik ging los, so fremd klaghaft und herzbewegend, daß einem das Augenwasser kam.

Auch der Kronenwirtin wurden die Augen naß, als sie dies zum erstenmal vernahm, und es legte sich ihr wie ein Mühlstein aufs Herz, daß ihr Mann, den sie sich nun sieben Jahre warm und nahe gehalten hatte, derlei fremdes, fernlangendes Zeug ersinnen konnte, und dabei fiel es ihr ein, daß sein Wesen in letzter Zeit anders geworden, daß er oft verblasen und vergattert dreinsah, gerade als ob seine Frau und die fünf Kinder nicht frisch und leibhaftig neben ihm ständen, sondern irgendwo hinter eine Jurawand verweht wären. Deshalb weinte sie, während die Vögel musizierten; er aber hatte große strahlende Augen, küßte sie ein paarmal wie schon lange nicht mehr: »Die hab' ich für dich gemacht, daß du mich nimmer vergißt,« und am andern Morgen war er fort und verschwunden für alle Zeit.

Die Kronenwirtin tat ihr freundliches Hauskleid von sich ab, wurde stolz und verschlossen wie ehedem und streng und kalt obendrein. Ihre fünf Kinder erzog sie mit fester Hand zu tüchtigen Menschen; aber es war wenig Liebe dabei, und man hätte glauben müssen, ihr Herz sei von dem Schlag völlig verhärtet, wäre es nicht über dem Anblick eines Urenkels noch einmal aufgebrochen. Der hatte des Verschollenen goldene Augen, und darüber wurde die harte steinalte Frau weich und jung, und sie verzärtelte den Kleinen bis an ihren Tod, der sie in ihrem neunten Jahrzehnt fand, dermaßen, daß die Leute jenem eine böse Zukunft prophezeiten.

Man hat nie gewußt, ob diese Prophezeiung sich erfüllte; aber es wird wohl so gewesen sein. Er wurde ein schöner langer Kerl, dem jedermann zugetan war; aber er war wenig nütz neben seinen angriffigen Brüdern. Oder kann man einen in Gewerb und Wirtschaft brauchen, der mit der Hand am Pflug den Wolken nachschaut? Der in der Mühle das Korn nachzuschütten vergißt und nicht einmal den grausamen Schrei der leerlaufenden vernimmt? Einen, der vergißt, den Gästen die Zeche abzunehmen und vom guten Wein denen gibt, die ihn nicht bezahlen können? Aber wenn fremde Reisende im Wirtshaus einkehrten, dann war er zu brauchen. Er liebte die Pferde, er liebte die schönen fürnehmen Kaleschen, und er liebte es, den Herrschaften die Wagentüre zu öffnen und im Vorübergehn ein Fetzlein Geruch aus einer Welt zu erhaschen, von der ihm nur sein närrischer Kopf erzählte. Und einmal kam eine vergüldete Kutsche, und als die schöne junge Dame ausstieg, gab sie dem Pförtner einen langen samtigen Blick. Diesen wiederholte sie, als sie den Wagen neuerdings bestieg, und da der junge Mensch rot und zitternd dastand mit Augen wie Sterne, nickte sie ihm zu, als ob sie ihn rufen wollte.

Am andern Tag war er weg und das schönste Pferd mit ihm, und nie mehr hat man von ihm etwas gesehn. Es geschah aber ab und zu, daß Leute, die aus welschen Landen kamen, eine blasse, halb glaubwürdige Kunde brachten. Die einen sagten, er habe in den Marställen des großen Königs eine ansehnliche Stellung gefunden, und andere meinten, er sei im Gefängnis zugrunde gegangen. Einer aber behauptete, der Gatte jener Dame habe ihn kurzerhand erhängt. Und diese Ungewißheit über seinen Ausgang hat den Flüchtigen im Andenken der Menschen niemals zu Ruhe und Tod gelangen lassen.

Der Nächste, bei dem das Erbe sich zeigte, war ein Pfarrer. Der hatte ein mächtiges Wort, und die Gemeinde hing an ihm. Auch ein junges Weib hatte er und zwei Kinder. Aber eines Tages lief er glatt von der Kanzel weg in die Welt hinaus und gab vor, der Herr habe ihm bedeutet, daß er ihn fürder nimmer im Gotteshaus verkünden dürfe – denn dort säßen die Satten, die Verhärteten, die Verstockten – sondern, wo die Ärmsten und Elendesten weilten, in den Schlupfwinkeln des Lasters. So zog er den großen Städten nach und den wüstesten Orten und fand denn auch einmal in irgendeiner Spelunke ein jämmerliches Ende. Und die einen sagten von ihm, er sei ein Heiliger gewesen, und die andern nannten ihn einen Narren.

Aber das nächste Mal tauchten die goldenen Augen in dem lieblichsten Gesicht eines Mädchens auf. Sie war die Tochter eines Schulmeisters und die Enkelin jenes verunglückten Prädikanten, und keiner konnte ihr nachreden, daß sie nicht so sanft, freundlich und bescheiden gewesen wäre, wie man es nur von einem Schulmeisterstöchterlein verlangen kann. Nur, daß sie schöner war, als man es sich gemeinhin gewohnt, das mußte man zugeben, und daß ihre Stimme und Lautenspiel auch für eine Schulmeisterstochter außerordentlich waren und eigentlich wunderbar, das konnte keiner bezweifeln, der sie je gehört hatte; denn das Herz schmolz einem darüber. Merkwürdig war es auch, daß dieses schöne und sanfte Kind in sein zwanzigstes Jahr geriet, ohne je einem der zahlreichen Verehrer Gehör geschenkt zu haben, ja, sie ließ es bei jenen gar nicht einmal zu einer Erklärung kommen, so entschieden wußte sie bei aller Freundlichkeit von Anfang an abzuwinken.

Aber kurz nach ihrem zwanzigsten Geburtstag erschien sie eines Morgens vor der versammelten Familie mit einem fremdartigen Gesicht und ungewohnten Gehaben. Die Laute am grünen Band hing ihr um die Schulter, auf dem Kopf hatte sie ihren großen Bergérehut und in der Hand ein Bündelein. Ihre Augen aber waren wie Lichter, und sie erklärte, daß sie am selben Morgen noch ausziehen müsse, da ein Gesicht der Nacht es ihr geboten habe, und erzählte, wie sie eine wundervolle Stadt geschaut mit weißen Palästen über dem blauen Meer, und Einer sei ihr entgegengekommen und habe sie angeblickt: »Wann kommst du? Ich warte!« und da habe sie ihm versprochen: »Heute noch!« Und nun müsse sie das Gelübde erfüllen. Als sie so gesprochen hatte, lachte die jüngere Schwester, und die ältere schimpfte; die Mutter aber weinte. Nur der Vater blieb ernst und ruhig: »Hat Amalie je etwas getan, was nicht recht war? Hat sie je etwas gewünscht, was nicht gut war?« Und als die andern beschämt schwiegen: »Nun also! Sollen wir sie hindern, wenn eine höhere Stimme ruft?« Und er holte Hut und Stock und gab ihr das Geleite bis zur Höhe, wo der Weg nach der großen Straße niederrann.

Mutter und Schwestern liefen ihnen nach, und oben auf dem Hügel gab es mit Schelten, mit Betteln und Weinen noch einmal einen Auftritt. Aber Amalie, die sanfte, blieb fest, und nach herzlichem Abschied ging sie eilig davon, als ob sie einer triebe. Während die Zurückgebliebenen ihr nachblickten, wie sie ins blauduftige Frühlingsland hineintauchte, spottete die ältere Schwester: »Die wird bald umkehren!« Und die jüngere staunte: »Ach, könnte ich mit!« Die Mutter jedoch hängte sich verzweiflungsvoll an den Schulmeister: »Wenn ihm nun etwas zustößt, dem armen Kind!« Er aber streichelte ihren ergebungsvollen Scheitel: »Ein reines Mädchen geht ungeschoren durch die Hölle.« Und seine Blicke folgten der schlanken eiligen Gestalt, bis ein Buchenforst sie mitsamt der silbernen Straße verschlungen hatte. In seinen Augen aber glitzerte es seltsam. Waren das die Feuerchen, die sein Vater ihm ins Blut gegossen?

Der Schulmeister behielt recht: rein und unbehelligt wie ein Sommerwindchen ging Amalie durch die Lande. Ihre Laute verschaffte ihr überall Eingang, Nahrung und Herberge, und ihr reines Gesicht schuf allenthalben reine Luft. Und diesseits der Alpen bewunderte man sie als ein tapferes Mädchen, und im welschen Land verehrte man sie als eine Santa; denn es lag etwas um sie, eine unsichtbare Mandorla, jeder üble Gedanke, jeder häßliche Blick wurde daran zuschanden. Sie aber ging ihren Weg ohne Zaudern und Zweifeln so sicher, als ob einer sie an der Hand führte, und als eines Tages die Stadt zu ihren Füßen lag: weiße Paläste, perlmutterfarbene Dächer wie eine schimmernde Riesenmuschel um die wunderblaue Bucht gewölbt und darüber das unabsehbar gedehnte Meer, da lächelte sie nur leise, als ob dies die selbstverständlichste Sache von der Welt wäre und sie nicht Wochen strenger Wanderung hinter sich hätte. Sie blieb auch ruhig, als keiner ihr entgegentrat unter dem Stadttor, und ihr eiligschlanker Fuß zauderte nicht, als er sie durch die engen, lärmenden, wilden und durch die breiten, prunkenden Gassen trug; aber als sie unversehens in ein großes Geschäftshaus trat und Er da lächelnd hinter dem Ladentisch stand, versagten ihre Kräfte. In seinen Armen kam sie wieder zum Bewußtsein, und es ging alles so schnell und selbstverständlich, daß sie in wenig Tagen schon ein glückliches Paar waren.

So wurde Amalie die Frau eines reichen Genueser Seidenherrn und die Mutter zweier Söhne, von denen der jüngere später in die alte Heimat zurückkehrte, um dort dem väterlichen Geschäft neuen Boden zu gewinnen. Von Amalie aber heißt es, daß sie sich zu einer stattlichen, köstlich geputzten Frau ausrundete; ihre Augen aber hätten mit der Zeit das Goldene mehr und mehr verloren und sich zu guten, braunen Matronenaugen beruhigt. Dennoch hat sie ihr Erbe weitergegeben, und dies geschah durch ihren jüngern Sohn. Der hatte eines Tages genug vom Geschäft, kaufte ein Landgut unweit jenem Jurastädtchen, wo sie einst den halbtoten Schweden der Kronenwirtin zu Füßen gelegt hatten, und nahm sich, ein schon etwas angeschimmelter Junggeselle, ein stilles junges Weib. Diese späte Ehe brachte nur eine Frucht; aber, wie es etwa jenem Bäumlein geschah, dem der Frost alle Blüten tötete bis auf die eine verspätete, aus der dafür eine Birne wurde, die an Größe, Schönheit und Gehalt drei andere aufwog, so war es mit der einzigen Tochter dieses überzeitigen Freiers: Violanda hatte die Tugenden, Fähigkeiten und die Schönheit von drei andern begabten, tugendsamen und schönen Mädchen zusammen; aber ihr Stolz wie ihr Reichtum wogen den von zehn andern Mädchen auf, und überdies hatte sie die goldenen Augen.

Auch sie wurde zwanzig, ohne einen der vielen Freier zu erhören, nur daß sie es ganz gern bis zur Erklärung kommen ließ, um dann mit einer stolzen und kühlen Bewegung ihrer schlanken Hand, einem stolzen und kühlen Zurückwerfen des schlanken Nackens und einem hochmütigen Strahl aus den goldenen Augen das lächelnde »Nein« zu verschenken. Nur einen hatte sie hingehalten und sozusagen aufs Eis gelegt, zu allfälliger späteter Verwendung. Das war der junge Besitzer der Rotfarbe hinter dem Städtchen; denn er war ein schöner, ehrenwerter Mann, akkurat und ohne Tadel und den Eltern äußerst genehm.

So stolz, so kühl, so akkurat war die junge Violanda, daß die jungen Mädchen sich vor ihr schämten, wenn sie erlesen gekleidet und immer wie aus dem Trücklein daherging, mit diesen freien Bewegungen und mit ihrem blanken, freien Herzen. Und die Mägde des Hofes fürchteten sie; denn wenn sie eine im Gespräch mit einem Knecht antraf und der war just ein wenig zutunlich, wurden ihre Blicke wie Pfeile, und dann war auch bald ein hartes, verächtliches Wort zur Stelle. Niemand wußte etwas von der andern Violanda; denn niemand sah sie, wenn sie oben über dem Wald an dem einsamen Plätzlein unter der Eiche saß, mitten im zirpenden Riedgras. Dann ließ sie sich die Sonne über den braunen Scheitel gehn, Sonne durch die gesenkten dunkeln Wimpern zittern, daß es über ihre Wangen strich wie mit weichen Fingern, und das Gesicht wurde davon warm und weich. War nun noch etwas von Stolz an dem sanften schmerzlichen Mund? Aber über die nackten Schultern liefen die süßesten Schauer unter den zärtlichen, den glühenden Sonnenküssen.

So saß sie auch einmal an einem Sommermorgen und blinzelte zwischen den sonnenwarmen Wimpern nach dem väterlichen Gut hinunter, das man in einer Astgabel just wahrnahm, spielzeugartig und doch so klar, daß sie deutlich den jungen Rotfärber erkannte, wie er mit dem Vater ums Haus ging und Ausschau hielt.

Sie schauerte wohlig in sich zusammen: hier fand sie keiner! Und sie ging mit geschlossenen Augen dem Traum der Nacht nach, der sie so früh und heimlich da hinauf getrieben hatte. Einer war gekommen; sie hatte ihn nicht gesehen, und dennoch hatte sie gewußt, daß er es war, hatte es in allen jauchzenden Nerven gespürt, und dazu erklang eine Stimme, irgendwoher und durchaus rätselhaft: »Und es wird über dich kommen wie der Schatten der Nacht!« Dem dachte sie nach, während sie Hals und Wangen und die schauernden Arme den warmen Händen der Sonne überließ.

Auf einmal eine seltsame Kühle, und wie sie aufblickt, steht einer vor ihr und wirft seinen langen Schatten just über sie hin und ist ein großer, blasser Mensch mit dunkeln, verwirrten Haaren und im staubigen Reisekleid; aber die schwarzen Augen lachen. Und spürt sie nun nicht den Jubel in allen Fasern?

Es stellt sich heraus, daß er ein Reisender ist, und – wunderbar! der Sohn eines alten Geschäftsfreundes ihres Vaters und herrlich! just auf der Suche nach diesem, vom Weg abgeirrt.

Er ist kein gewöhnlicher Geschäftsreisender, das hat sie bald heraus, sondern einer, der den Mirabilien der Natur nachzieht. In den Alpen war er, und nun will er auch noch den großen Rheinfall sehen; aber unterwegs ist er in Mißlichkeit geraten, deshalb sieht er so abgerissen aus.

Sie gehn die gäche Hohle hinunter. Hat sie je gewußt, daß es so lieblich ist, sich von starken Armen stützen zu lassen? Und wie sie in den breiten Weg einbiegen unter den Buchen, hat sie das vormals je gesehen? Ein unendlicher grüner Dom ist ja dieser Wald, ach, ein Festsaal, eine fröhliche, heilige Kirche! Und der blühende Liguster: Brautkränze, so viel festlichweiße Brautkränze!

Aber das ist der Waldrand, und unten liegt Vaters Gut. Auf einmal wurde ihr bang: »Wenn Sie vorangingen, allein? Und sagen Sie lieber nicht, daß Sie mich schon trafen. Als ob wir uns zum erstenmal sehen, so werden wir dann tun.«

Hätte sie dies nicht sagen sollen? Ihre Wangen brennen, er sieht sie erstaunt an. Aber, weshalb nicht? War er es denn nicht? Oh, du wunderbarer, du herrlicher, du wahrhaftiger Traum: »Es wird über mich kommen wie der Schatten der Nacht.«

Drei Tage blieb der Fremde zu Gaste. Am ersten Abend war er keinem mehr ein Fremder. Und Violanda? Selig durchwachte Nächte, selig durchträumte Tage. Ach, ihre Augen sind wie Sonnen und der stolze Nacken so weich. Aber dann der dritte Abend. Sie saßen beisammen in der Laube. Sie schwiegen. Ihr Herz war so laut, sie dachte: Wenn er mich jetzt berührt, dann zerspringt es. Aber das war doch nicht so; denn als er plötzlich ihre Hand ergriff und dann das völlig Unglaubliche erzählte, daß er daheim eine Braut habe, ein stilles, bescheidenes Mädchen, aber sie seien sich zugetan von Kindheit an und nun warte sie auf ihn – da war sie durchaus ruhig. Hätte jemand sagen können, daß etwas in ihr zersprang? Und durchaus ruhig ging sie später mit ihm ins Haus, und sehr akkurat nahm sie Abschied von ihm an diesem Abend, weil er morgens zu früh verreiste, als daß sie sich hätte bemühen mögen.

Wenige Wochen nachher heiratete sie den Rotfärber. Sie wurde eine stolze, tüchtige Frau. Nie hat man ein Paar gesehen, das so gut zusammenpaßte. So akkurat, so untadelig und so kühl – lieber Himmel so kühl! Sieben Söhne schenkte sie ihm, alle untadelig, und alle machten ihren Weg so gerade und zielrecht, als ob jeder Kompaß und Meßschnur im Leib getragen hätte. Nur der Jüngste hatte ein anderes Wesen. Er trug auch seltsamerweise den Namen Adalbert, während die sechs andern alle währschaft heimatlich benannt waren. Niemand wußte, daß es der Name jenes Fremdlings war; denn Violandas Eltern, die sich darauf hätten besinnen können, waren nicht mehr da, als der Jüngste zur Welt kam. Violanda führte ein strenges Regiment: Viel Verstand, viel Gerechtigkeit, aber Liebe war wenig dabei. Kein Wunder, daß darüber ihre Augen alle tiefen Töne verloren, und schließlich waren sie keine wahren Goldaugen mehr, sondern hell und scharf wie Bernstein.

Aber als es mit ihr zum Sterben ging und der Gatte und alle sieben Söhne sich um sie versammelten zu einem würdevollen Abschied, da geschah das Unerhörte. Auf einmal bog sich die Sterbende auf von ihrem Lager; das Gesicht zwischen dem gelösten grauen Haar war fremd, die Augen flammten von einem fremden, nie gesehenen Feuer, und mit einer fremden, nie erhörten Stimme rief sie den Namen ihres Jüngsten.

Wie aber der herantrat, schüttelte sie heftig den Kopf: »O nein, du bist es nicht! Ihr alle seid es nicht. Wißt ihr das denn nicht? Larven, dürre, ausgehöhlte Puppen, ihr und ich! Ja, denn nie war ich bei euch. Nur eine Hülle war ich; aber meine Seele war bei ihm, und nun gehe ich zu ihm. Hört ihr! Und ihr bleibt zurück, Hülsen, Schalen, armselige Larven, von einer Larve erzeugt!« Und sie brach in ein irres, schauriges Lachen aus, und es war mitten in diesem entsetzlichen Lachen, daß ihr Lebensfaden riß.

Ach, Rehlein, von Mutter solltest du diese Geschichte hören, dann sähest du, wie grauenvoll das ist: All die steifen, korrekten Menschen, und auf einmal wissen sie, daß alles Lüge gewesen, sie selbst, ihr Leben, ihr vermeintliches Glück, ihre Ehre Lügen! Und wie sie stirbt unter diesem fürchterlich irren Gelächter, während die Augen noch einmal leuchten.

Wurde wohl jemals am Grab einer Mutter so geschluchzt, so verzweiflungsvoll, so trostlos wie von dem jungen Adalbert? Du weißt es, er ist keine Larve geblieben. Du kennst die Miniatur von Mutters Urgroßvater: dieses warme, stattliche Gesicht, wie ein Bernerbauernhaus so offen, so verläßlich und so traut. Er war Arzt in unserem Städtchen, und als er starb, hieß es, seine Asche hätte man über alle Männer ausstreuen sollen, daß jeder ein Teil von ihm abbekommen hätte; denn kein anderer Mann habe solch ein Herz für die Frauen gehabt, für die armen, unterdrückten, geplagten Frauen wie er, und den Bauern habe er es beigebracht, daß, wenn die Frau und die Kuh gleichzeitig krank würden, man zuerst für die Frau sorgen müsse, und so etwas sei doch vordem keinem Doktor gelungen.

Bei diesem ihrem Großvater ist ja auch unsere Großmutter aufgewachsen, zusammen mit einer Stiefschwester; denn ihr Vater kümmerte sich um keine von beiden. Dieser Vater aber, Mutters Großvater, war der letzte, der vor dir das Erbe des Urahns besaß, und wenn man nun seine Geschichte erzählt und sagt, daß er von drei Frauen fünf Töchter besaß, die alle Elisabeth hießen, weil er einmal in seiner Jugend einem schönen fremden Mädchen begegnet war, das diesen Namen trug, so wird man in ihm eher einen schrullenhaften Narren als eine tragische Figur vermuten. Vernimmt man dann aber, daß er, der mit jeder Frau auch den Beruf wechselte, in Amerika, wo er schließlich mit der dritten Gattin und ihren drei Elisen als weitberühmter Wunderarzt wirkte, eines Tages plötzlich und selbstherrlich das Leben von sich abtat mit Hinterlassen des einzigen Wunsches, daß man auf seinen Grabstein statt eines Spruches den Namen »Elisabeth« setze, so ahnt man, daß auch über diesem wunderlichen Schicksal die geheimnisvolle Macht stand.

Dies sind die Schicksale derer, die dir vorangingen, Rehlein, Mutters Geschichten, wie sie in mir stehen blieben. Heute weiß ich nicht einmal mehr, ob ich sie alle in jenen träumerischen Sommertagen vernommen, über denen dein süßes Gezwitscher lag. Die eine oder andere mochte später nachgeflossen sein, manches mag sich auch erst in mir ausgewachsen haben; aber dies ist gewiß, daß mir die Mutter damals mit ihren Geschichten der Vergangenheit den verfluchten Schmerz, die Qualen einer häßlichen Regung aus der Seele zog. Wunderbar und rührend wurdest du mir im Schatten des Geschickes, das am Geheimnis deiner Augen hing und das dich schwesterlich nahe an mein eigenes gezeichnetes Dasein knüpfte. Du kamst mir so preisgegeben vor mit deiner unheimischen, vielleicht verzauberten Seele, so bedürftig aller Liebe und jeglichen Schutzes. Und so hatte die mütterliche Weisheit mit der bangenden Teilnahme meine Verantwortung geweckt, der Beschützer in mir stand auf, und wie hätte vor diesem ernsthaften Gesellen der gemeine Wurm der Eifersucht bestehn können? Es war wie ein stilles Bündnis zwischen Mutter und mir, daß wir über dir wachen wollten und über deine Augen und dem Rätsel deines Geschickes, das sie hüteten.

Indes schien deine junge Leiblichkeit alle trübe gefärbten Ahnungen verspotten zu wollen. Aus dem zierlich-zarten, ernsthaften Traumgeschöpfchen der ersten Zeit hatte sich bald das hellste Menschlein entwickelt strahlend gesund, trillernd und samtweich, als ob Mutters heitere Art und Vaters Fröhlichkeit in eins verschmölzen und die ganze Sonnenlust jenes glücklichen Sommers in dich eingegangen wäre. Man hätte in deinen Augen mit dem besten Willen nichts anderes mehr sehen können als ein paar süßer Honigtropfen oder zwei lustige Sönnlein, wären nicht jene Augenblicke vor dem Einschlafen gewesen, wo auf einmal wieder das ernsthafte Geheimnis der ersten Zeit um dich war und die Seele, die ewige, die unveränderliche, die kein Alter kennt, aus deinen Augen zu blicken schien.

Doch, wer wußte etwas um dieses Geheimnis außer Mutter und mir? Niemand kam zu uns, der dich nicht als das heiterste Kind pries und unsern Eltern von dir alle Freuden und irdische Glückseligkeit prophezeite. Daß man in deiner Vollkommenheit einen gerechten Schicksalsausgleich meiner kläglichen Person sah, begriff ich bald; doch lernte ich auch diesen bitteren Tropfen schlucken. Denn das Glück, das du ausstrahltest, wärmte ja auch mich. Und wenn nun Mutter den ganzen Frühsommer durch daheim blieb, ein helles, loses Gewand trug und so merkwürdig jung war und von der innigsten Zufriedenheit durchleuchtet, war das alles nicht dein Verdienst?

Freilich, dem verflossenen Sommer glich dieser doch nicht. Es ging auf einmal recht lebhaft zu in unserem Klostergärtlein. Solange Mutter ihren beruflichen Pflichten nicht nachgehen konnte, wurde sie um so mehr zu Hause aufgesucht. Denn sie war diesen Frauen nicht bloß Helferin in ihren leiblichen Nöten geworden, sondern Beichtiger, Gewissensrat, Seelentrost in allen Wirrnissen des Daseins. Und da man sie nun unbehelligt daheim wußte, zusammen mit diesem meisterhaften Kindlein, dessen Anblick jedem Mutterherzen wohlbekam, gab es kein Hemmnis dem Zug nach dem Kleinen Schwanen, und er erwies sich als ausgiebig beharrlich und unversiegbar.

Aber auch sonst schienet ihr in eurem glücklichen Verein, Mutter und du, alles Lebendige anzuziehen, wie die offene Rose die Bienen, so daß Vater scherzte, er warte nur mehr auf die heiligen drei Könige. Sogar die Schwestern Eßlinger verließen nun an warmen Sommertagen öfter ihr Geranienfenster und setzten sich, zwei freundlich wehmütige Nornen, an deinen Wagen. Freilich mochte das Verlangen, sich von deinem Anblick erwärmen zu lassen, nicht der einzige Grund dieser neuen Gepflogenheit sein. Es stimmte wohl nicht mehr so ganz mit der Traulichkeit der weißen Stube. Viel seltener vernahmen wir jetzt das Plätschern der ungealterten Mädchenstimmen. Auch der Hänsi war karger in seinem Gesang, sei es, daß er die Anregung des schwesterlichen Duettes vermißte, sei es, daß die beiden allzuviel der ziellos gewordenen Fürsorge an ihn wandten und ihn mit Hanf überfütterten: er wurde rund, asthmatisch, setzte sich mit Vorliebe ins kühlende Bad, und es sollte schließlich so kommen, daß sein Gesang karg, trüb, erstickt wurde, ein betrübtes Herz, das die Freude sucht und nimmer findet.

Wenn die Schwestern bei uns saßen, klagten sie immer häufiger darüber, daß es nicht mehr so recht gehen wolle mit der Arbeit. Ach, und das Leben, wenn das einmal aufhörte, man würde gewiß nicht klagen, sondern denken, man habe nun genug gesorgt, genäht, gekocht und abgestaubt, und würde sich mit einem dankbaren Seufzer hinlegen. Nur dies möchte man noch erleben: So ein Kindlein, wenn der Bruder so ein Kindlein bekäme! Das Glück! Dann könnte ja alles wieder anders werden, und wenn seine Frau es nicht recht verstünde mit der Kinderpflege – überhaupt, dort draußen sei es doch nicht das rechte, ein Kind gehöre doch in die Heimat, nicht wahr? Kurzum, dann nehme man es einfach zu sich in das weiße Zimmer, ach Gott, so ein Glück! Aber den roten Lampenschirm von der Schwägerin müßte man dann doch wegnehmen der zarten Äuglein wegen, meine Mutter würde das gewiß bestätigen? Und dann wäre wieder der alte ölpapierne da. Er liege wohlverwahrt in der Kommode, und wenn die gepreßten Blumen daran auch etwas vertrocknet seien und ohne Farbe, ach, wenn einer wüßte, was für liebe Erinnerungen an ihnen hingen, an jeder einzelnen!

So phantasierten sie aus dem Weh ihres enttäuschten, sorghaften alten Herzens heraus, und Mutter hörte sie getreulich ab und suchte sie zu ermuntern: Gewiß werde eines Tages ein Kindlein erscheinen, und was so Tanten, wenn sie liebevoll seien und vernünftig, für einen Segen bedeuten, das sei nicht auszudenken; was aber den rotseidenen Lampenschirm betreffe, mit dem würde sie nicht so lange warten, sondern ihn jetzt schon herunternehmen; der schade nicht nur jungen Augen.

Allein über diesen Rat entsetzten sich die beiden: Was Mutter auch denke, ein so kostbares Geschenk! Gewiß nähme es die Schwägerin sehr übel. Nein, nein, so etwas tue man nicht; denn wenn der Bruder auch nichts vom Kommen schreibe, man kenne das, eines Tages ständen sie doch vor der Tür. Er schreibe ja jetzt überhaupt so selten, wer weiß, da sei er vielleicht schneller da als die Post. Und sie bekamen rote Backen und konnten auf einmal nicht mehr stillsitzen unter der Blutbuche, sondern enteilten nach oben.

Aber der Bruder kam nicht, und als die Birke ihre letzten Blättchen fallen ließ, nahmen sie eines Tages den roten Schirm doch weg. Resolut und schier trotzig, und eine Zeitlang ging es wie ein Aufatmen durch das weiße Zimmer mit seinem freundlichen Ölpapierlicht. Aber nur eine Zeitlang.

Niemand jedoch bezeigte die Freude an dir mächtiger, lauter, unbändiger als der Vater. Kaum, daß du ein wenig hantlich geworden warst, riß er dich jeden Augenblick aus dem Bettlein, um dich mit seinen Zärtlichkeiten zu überhäufen, und im Spätsommer, als du schon ordentlich sitzen konntest, trug er dich mit einem Stolz und einer erhabenen Sorgfalt im Garten herum, als ob er der leibhaftige Christophorus gewesen wäre. Vor Weihnachten schon riefst du nach ihm mit deinem Musizierstimmchen; aber im neuen Frühling, als du auf eigenen Füßchen gehen konntest und – mit den lebhaft sprießenden hellen Härchen – rund und drollig durch den Garten summtest, wie eine honigschwere Erdhummel, da fing es erst recht an mit dem Spielen. Er setzte dich auf Schultern und Kopf, rannte mit dir durch den Garten und warf dich sogar wie einen Ball in die Luft, daß einem das Herz stillstand beim Zusehen. Du aber jauchztest vor Vergnügen, und Vater konnte es nicht genug verkünden, wie so ganz und gar du Blut von seinem Blute seiest und im Grund ein Wunderkind durch und durch.

Wenn ihr euch aber dermaßen vergnügtet, saßen Mutter und ich stillglücklich dabei wie zwei weise, alte Leute. Und sie lächelte wohl vor sich hin: »Siehst du, wie jung dein Vater noch ist? Ich glaube, man tut ihm allemal unrecht, wenn man vergißt, was für ein Kind in dem starken Manne steckt.« Und sie sann weiter: »Vielleicht ist es überhaupt so, nicht allein bei ihm, bei allen rechten Männern, daß sie im letzten Grund Kinder sind; denn da ist kein Alter, das sie vor Ausgelassenheit schützte, keines, dem Torheiten der Jugend nicht irgend zu Gesichte stünden, und keines, das der mütterlichen Sorge ganz entraten könnte. Bei uns ist es so anders. Ja, wenn wir jung sind und unbehelligt! Eine Welt könnte man vergolden mit der Freude eines einzigen klargewachsenen Mädchenherzens. Aber dann kommt das Leben, und wir müssen zeitig lernen, das Herz in die Hände zu nehmen und nichts merken zu lassen. Vielleicht ist es so vorbestimmt, weil die Natur uns zu Müttern haben will. Vielleicht ist auch das viele Leiden daran schuld, das wir so viel früher, so viel gründlicher kennen lernen. Auf einmal kommt es, daß man abgeklärt ist und sich in der Gewalt hat. Dann wird einem wohl still und heiter; aber oft meint man, daß es das Ende sei.«

Sie streichelte meine Hände: »Du bist auch früh unter die Bürde gekommen, Simon. Die Bubenausgelassenheit wirst du nimmer lernen; aber wenn das Leben an dich tritt, dann hast du das Schlimmste schon vorweg genommen. Und vergiß nicht, das gebändigte Herz ist es, aus dem die fruchtbaren Gedanken kommen; nur wer sich selber besteht, entrinnt der Gewalt des Zufalls und wird ein ersprießlicher Mensch: klar, warm und gütig. Die ungehemmte Kraft, das ist wie die Flamme im Wind, hinreißend schön, aber sinnlos zerflatternd oder wahllos zerstörend; doch gebändigte Glut hält unsere Erde lebendig und unser aller Dasein mit ihr.«

Auch Mutters Worte streichelten mich wie ihre linden Hände. Mein frühflügger Geist dürstete nach solcher klarer Weisheit, und das unerweckte Blut brachte keinen Widerspruch. Noch stand ich diesseits. Der Weg zur Höhe schien hell und übersichtlich über die Stufen gelegt; ich wußte noch nichts von den Abgründen, die Berg von Berg trennen, und ahnte noch nichts von der zerstörenden Gewalt gefesselter Glut, die ihr Gefängnis brechen will.

Es war ein besonders inniges Band, das meine unangefochtene jugendliche Verständigkeit der reifen mütterlichen Weisheit verknüpfte. Ich fühlte mich ihr nie näher als in solchen Stunden, und nie war ich glücklicher, als wenn wir so zusammen saßen und unsere Augen sich in deinem Anblick fanden.

Es fiel mir nicht ein, darüber nachzugrübeln, weshalb die Mutter, die früher so kindlich froh mit mir spielen konnte, nun still beiseite blieb, wenn Vater und du sich freuten. Wohl tauchte bei euren tollen Spielen die Erinnerung an jene lustigen Jagden auf, wenn ich hinter Mutters weißem Kleid herrannte, ihre Zöpfe lagen als kühlseidenes Leitseil in meinen heißen Händchen, und der rote Phlox fuhr mir ums Gesicht; aber ich dankte es der Mutter, daß sie solches nicht mehr tat. Mir war, als ob ich das nicht hätte ertragen können, wenn ich allein hätte zusehen müssen, wie ihr andern euch freutet; denn unmöglich schien es mir, daß ich hätte mittun können. Ich war in das Alter gekommen, wo man anfängt, seine eigene Person von außen zu betrachten. Meine Ungestalt eurer Wohlgestalt zugesellt und in der heftigen Bewegung des Spiels verhäßlicht – ich hätte es nicht über mich gebracht.

So war ich durchaus gewillt, Mutters stilles Wesen auf ein Zartgefühl zurückzuführen, das mir wohltat. Daran, daß der Grund ein anderer sein könnte, und körperlicher Art, dachte ich nicht. Krankheit war ein Posten, den unsere Mutter nicht in ihre persönliche Lebensrechnung schien aufgenommen zu haben. Und als im Frühjahr nach deiner Geburt eine schlimme Erkältung, die sie sich auf einem nächtlichen Berufegang zugezogen hatte, sie zum erstenmal ernstlich aufs Krankenbett legte, wußte sie uns über die Tragweite ihrer Krankheit zu täuschen. Zwar hätte es einen stutzig machen sollen, daß sie der Forderung des Arztes so widerstandslos folgte und ihren Beruf nachher gänzlich aufgab; denn wir wußten ja, daß der Grund, den Fernerstehende ihrem Rücktritt unterlegten, nicht der richtige war. Freilich hatte uns das Erbe des Großvaters der äußeren Not enthoben; denn da der Vetter, der mit dem blanken Reichtum, aber ohne allen Ballast des häuslichen Lebens, aus der Neuen Welt heimgekehrt war, den Ruwenberg in Bausch und Bogen mitsamt Gerät, Hausrat und Ahnenbildern, übernommen hatte und da der Onkel keineswegs darauf ausging, die großzügige Art des Amerikaners unsern Begriffen anzupassen, war der Kauf über alles Erwarten günstig ausgefallen. Zwar war die Summe, die Tante Gritlis Mann für seine Verkaufsbemühungen und die von der Mutter herausverlangten großelterlichen Bildnisse in Abrechnung brachte, nicht gering; aber was uns blieb, konnte immerhin noch als ansehnliches kleines Vermögen gelten, das meine Mutter auf alle Zeit von jeglicher Erwerbsnötigung befreite. Das hatte der Vater auch gleich geltend gemacht; aber Mutter war nicht darauf eingegangen: Wenn es auch ursprünglich die äußere Not gewesen sei, die sie ihrem Beruf zugeführt hätte, jetzt sei ihr ihre Aufgabe zu einer inneren Verpflichtung geworden, die sie nicht aufzugeben gedenke, solange uns kein wesentlicher Schaden daraus erwüchse. Bloß zu einer Einschränkung ihres Berufskreises hatte sie sich entschlossen und lediglich deinetwegen, Rehlein. Daß sie nach ihrer Krankheit diesem bestimmten Willen ohne ein Wort der Widerrede entsagte, verursachte uns keine schweren Gedanken, weil wir alle darin einen Grund zur Freude sahen.

Mutter schien sich auch so gut zu erholen. Zwar der Husten wollte nicht recht weichen; aber er tönte nicht rauh und beängstigend, bloß so ein leises, trockenes Hüsteln, unauffällig und so regelmäßig, daß man sich bald daran gewöhnte und es kaum mehr beachtete. Äußerlich aber schien sie jünger und blühender als vordem, mit einem wärmern Rot auf den Wangen, als man sonst an ihr gewöhnt war, und oft hatten ihre Augen einen Glanz, wie man es früher nicht gesehen. Aber das mochte von dir kommen, Rehlein; denn, wenn ihre Blicke dich umfaßten, war es wohl, als ob ihr ein Lächeln durch alle warmen Glieder ginge.

Die erste hellrosige Rundlichkeit hattest du verloren, sobald du auf deinen Füßchen selbständig geworden warest, und bald begann alles an dir schlanker und brauner zu werden, und wenn du dich einem plötzlich und heiß an den Hals warfst, war es, als ob das Gesicht von warmer Seide umhüllt würde; aber deine Liebkosungen waren so kurz wie heftig, und kaum daß man dich recht auf den Knien zu halten glaubte, flogst du schon wieder davon, neuen, heftig begehrten Zielen zu. Du trugst nicht die hellen weiten Flatterkleidchen, die kleinen Kindern das Ansehen von süßen Wiesenblümchen geben; aus weichem, goldfarbenem Leinentuch schnitt Mutter deine knappen Röcklein, die die nackten Ärmchen und Beinchen der Sonne und jede Bewegung deines klaren Körperchens den Blicken schenkten. Das war vielleicht schuld daran, daß dein Anblick einem die Vorstellung von Blumen weniger nahe brachte als irgendeines warmen, goldpelzigen behenden Tierchens. An Hummelchen und Haselmäuschen dachte man oder auch an goldfarbene Schmetterlinge, wenn du in der hellen Sonne über das Wieslein gaukeltest und an keiner Blume vorbei konntest, ohne daran zu riechen; aber wer dein unermüdliches Trillerstimmchen hörte, dachte wohl zumeist an einen Vogel, und da war keiner näher als das Rotkehlchen mit den großen zutraulichen Augen und den leisen Füßchen und diesem zartesten Gesang, der einem allemal das Herz aufreißt und mit allen wehen und holden Ahnungen füllt, ob man ihn nun am trüben Novembermorgen vernimmt oder am lauterfunkelnden Maiabend, ob im Waldesdunkel oder in der nackten Helligkeit eines staubdünstenden Werkplatzes.

Die helle Melodie zu Mutters dunkeln Akkorden nannte Doktor Eßlinger dein Stimmchen, als er dich zum erstenmal recht sah. Das war an einem Julitag deines vierten Lebenssommers. Lange hatten die Schwestern den angekündigten Besuch des Ehepaars erwartet. Der rote Lampenschirm brannte wieder in die Sommernacht, und alle Zimmer waren festlich bereit; aber schließlich kam er doch allein – die Frau hatte den direkten Weg vorgezogen und war ihm vorangegangen ins Berghotel – und er blieb nur zwei Tage. Wir saßen in der Geißblattlaube, als er plötzlich erschien. Er war sorgfältig, fast zu elegant gekleidet, aber sein Gesicht wie in Unordnung. Und in den Augen eine Unrast, die einem wehtat. Wir waren so überrascht, Mutter hatte auf einmal ganz heiße Wangen, und ich flüchtete vor meiner Scheu in den Garten und schleppte ungeheißen dich herbei, die du eben helltönend der Rosenmauer entlang flattertest. Mutter nahm dich vor sich auf den Schoß, und das Merkwürdige geschah, daß du die längste Zeit dort ruhig verweiltest, unverwandt den fremden Mann betrachtend. Ob wohl schon damals in deinem Unbewußten die Kraft sich regte, die später solche Bedeutung in dir gewann, dein Mitleid, Rehlein, dein tapferes, ach, so verhängnisvolles Mitleid?

Er streichelte dein seidenes Köpfchen und nannte dich ein Märchenkind, wie es einem nicht alle hundert Jahre begegne, und du duldetest seine Liebkosung mit einem Lächeln, das weich und goldig durch die langen Wimpern strich; aber seine Hand zitterte. Als er ging, hielt er Mutters Hände lange fest: »Ich wollte mich an Ihren Augen klären. Nun habe ich das Kind gesehen. Es wird mir manches ertragen helfen. Ich denke, solch ein Geschöpflein ist schon ein Schicksal wert oder auch ein paar gewöhnliche Menschenschicksale.« Dann ging er rasch hinein. Von seiner Frau hatte niemand gesprochen. Aber Mutter schien nicht froh von seinem Besuch. Als wir am Abend in der Gartenstube beisammen saßen und Vater nach seiner Art hemdärmlig und munter erzählte, saß sie unbeschäftigt in der Fensterecke, und ich sah wohl, wie ihre Augen immer wieder auf dem Kiesweg draußen das Lichtviereck des Eßlingerschen Fensters suchten. Breit und rot lag es da, ununterbrochen von einem hastigen Schatten durchflattert. Es war aber völlig ungewohnt, die Mutter so dasitzen zu sehen, mit müßigen Händen und ohne Aufmerksamkeit für den Vater. Und doch sprach er nicht von gleichgültigen Dingen, sondern von solchen, die ihn mächtig erregten. Das Parteiwesen hatte ihn wieder kräftiger eingesogen. Neue Möglichkeiten einer politischen Laufbahn taten sich auf. Davon sprach er: »Ja, das werden sie schließlich doch einsehen lernen, daß der Tellenbach mehr ist als ein simpler Schulmeister!« Und er lachte breit und befriedigt vor sich hin.

Andern Morgens verreiste der Doktor. Ohne Abschied. Und wenige Tage darauf geschah das Unglaubliche, daß die Schwestern uns ihre Wohnung kündigten. Mit der Arbeit gehe es nimmer, und das Zimmer für den Bruder, ach, wegen der paar Stunden alle paar Jahre einmal und so hätten sie sich nun doch entschlossen ins Altersasyl zu ziehen. Sie sahen so elend aus, die beiden Alten, so ausgelöscht und gebrochen; aber sie hielten sich aufrecht, und Mutter kam ihrer Tapferkeit entgegen, ließ nichts merken von ihrem eigenen Schmerz und machte keinerlei Versuch, ihnen einen Entschluß auszureden, den schlimme Ereignisse gezeitigt haben mußten, sondern suchte, ihnen den neuen Weg lieb zu machen.



Der Auszug der Schwestern Eßlinger war wie ein Leidgang. Ein Leidgang freilich bei starken und vernünftigen Menschen: man beißt die Zähne zusammen und tut seine Pflicht; aber einmal gibt es doch einen Augenblick – wenn die schweren Schritte kommen oder die Türe zum letztenmal stöhnt in den Angeln – da werden die Augen plötzlich groß und grauenvoll, und einen Atemzug lang erscheint das Schreckensgesicht, das verwahrte, uneingestandene, das nun herrschen soll, verwahrt und uneingestanden immer, aber unabsehbar. Unabsehbar.

Ich sehe euch noch, wie ihr das Haus verließet. Vater, der all die Zeit für die Schwestern geschafft hatte mit der Lust und Sachkenntnis eines Wertmannes, trug die schwere Tasche, Mutter den Vogelkäfig mit dem asthmatischen Hänsi, und du tänzeltest voran, beide Ärmchen mit allen bunten Astern gefüllt, damit den beiden die heitere Freude über die neue Schwelle voranzöge. Sie aber zwischen den Eltern in ihren grauen Schals, steif und schier feierlich; doch den dünnen Hälsen unter den Strohkapöttchen sah man es an, wie sie sich gewaltsam versteiften, damit kein Zug nach rückwärts Macht über sie gewänne, und es gelang den beiden auch, hinter der Wölbung des Platzes zu verschwinden, ohne ein einziges Mal zurückzusehn.

Mir war dabei elend zumute. Nicht wegen der Trennung von den alten Hausgenossen, sondern weil ich diesen Auszug im Innersten als eine Befreiung empfand. Dessen schämte ich mich und suchte durch tausend liebe Erinnerungen an die weiße Stube meine Empfindsamkeit zu erregen; aber es half nichts: am Ende stand immer die Vorstellung der geleerten Wohnung, und das war wie ein Aufatmen.

Ich war damals in einer seltsamen Verfassung. Ein eigentlicher Hunger nach Erlebnis hatte mich gepackt, mehr noch: eine heiße Angst, irgend etwas zu versäumen, was mir das Leben an Köstlichem zu bieten hatte, ein trotziges Verlangen, alles Störende wegzuräumen, abzuschütteln, was sich von Fremdem an das Eigene, was aus dem Vergangenen sich ans Gegenwärtige hängte. Eine übermäßig reizbare Feinfühligkeit war damit verbunden. Sie ließ es mich von weitem ahnen, wo Trübes drohte, und ließ mich durch alle Dielen hindurch die Tragödie der weißen Stube schmerzhaft miterleben. Wie eine schwarze Wolke hatte das Geschick der enttäuschten, vereinsamten, um allen Mut gebrachten Schwestern über mir gestanden und mir den Atem benommen.

Nun war die Luft rein. Ah, ein Strich unter das Vergangene und ungepflügtes Land, wie das wohltat! Neue Menschen würden kommen, unbekannte, Leute, deren Familienname mir erschien wie das Symbol alles dessen, was mein pietätsmüdes, stürmisches Herz am meisten verlangte, Merzlufft. Übrigens war es ein altes, kinderloses Ehepaar. Die Frau eher still und ein wenig languissant unter ihrem Damenhäubchen. Aber der Mann: fest, kurzbeinig, gedrungen, der Kopf mächtig mit prachtvollen Stirnbuckeln unter dem weißen Haarschopf, und wenn man ihm in die hellblauen Augen schaute, meinte man, die Wahrhaftigkeit an der Wurzel zu fassen. Er hatte eine tiefe, grollende Stimme wie eine Baßgeige, und den kurzfingerigen Händen sah man das Handwerk des Feinmechanikers nicht an. Es hieß auch, daß er seine Sache mehr mit dem erfindungsreichen Kopf gefördert habe. Nun aber wollte er sich zur Ruhe setzen, und die goldene Kette über dem Samtbäuchlein zeigte, daß er es mit Würde tun konnte. Wenn er ging, trug er Schirm oder Stock geschultert wie ein Gewehr, und vor den jungen Leuten lüpfte er den Hut, aber vor den Alten ließ er es bei einem Krempenmüpfer bewenden; denn er sagte, bei jenen könne man nicht wissen, was noch aus ihnen werde, bei diesen sei es gewiß, daß nichts geworden sei.

Wollte man ihm aber auf seine geheimen Sünden kommen, so mußte man bei den Kindern der Hintergassen nachfragen. Die wußten von der Unerschöpflichkeit seiner tiefen Taschen und daß kein anständig Grüßendes unbeschenkt von ihm ging. Nur wenn die Frau Merzlufft mit ihm war, dann mußte man still vorbei und durfte nichts merken lassen von den gegenseitigen Beziehungen; denn die Kinderlose war empfindlich gegen des Gatten Passion, und kränken wollte er sie um keinen Preis.

Er hielt sie für ein schwaches und fürnehmes Geschöpf, das man auf Händen tragen mußte. Das tat er auch nach seiner Weise: mit einer knurrigen, ein wenig derben Ritterlichkeit. Wenn er die auf einem Fuße Lahme die Treppe hinabgeleitete, fluchte er bisweilen, aber seine Feinmechanikerhände griffen aufs sanfteste zu, und sein Fluchen klang so selbstverständlich, persönlich und ermunternd, daß es schon erbaulich anzuhören war.

Um seiner Frau willen hatte er sich hier in ihrer Vaterstadt zur Ruhe gesetzt und auf seine alten Tage hin sein Städtchen im Herzen des großen Kantons, mit dem er von Kindesbeinen an verwachsen war, verlassen. Als die Leute ihn vor diesem bedenklichen Schritt gewarnt hatten und genugsam den Spruch hervorgekehrt, daß man alte Bäume nicht versetzen sollte, hatte er sie bloß ausgelacht: Menschen seien eben keine Bäume, sondern gehören sozusagen zur fahrenden Habe. Auch sei er keine Katze, die am Hause klebe, sondern eher nach der Natur des Hundes geartet, der mit dem Herrn ziehe, und in seinem Falle heiße das: mit Frau Rosalie. Unbegrenzt aber war seine Dankbarkeit gegen den Mann, der der erste Bräutigam seiner Frau gewesen und sie ihm seinerzeit um einer Reicheren willen überlassen hatte. Ihm galt, seitdem sie in derselben Stadt weilten, an jedem Neujahrsmorgen der erste feierliche Besuch.

All diese Einzelheiten seines Wesens kannte ich damals noch nicht, als die Schwestern Eßlinger unser Haus verließen; aber ich ahnte sie aus des Mannes herzerquickendem Anblick. Als er die Wohnung zum erstenmal besah und die Eltern so rasch einig wurden mit ihm, machte die Frau ein ängstlich besorgtes Gesicht. Andern Tags erschien sie dann mit ihrer Kümmernis: es stimme da leider etwas noch nicht ganz, und sie müsse erst noch ein Geständnis machen. Mit ihrem Manne hätte es leider einen Haken, er sei nämlich dem Singen so unterworfen, und da könne sie sich wohl denken, daß das dem Hausherrn unlieb sein könnte. Es sei ja auch für sie nicht immer leicht, man denke, so ein allzeit singlustiger Mann! Man habe doch auch seine betrübten, nachdenklichen, schweren Stunden, wo es einem nicht ums Singen sei. Aber Mutter lachte: Er möge nur singen, soviel er wolle, der gute Papa Merzlufft, dann wisse man doch auch, daß es ihm wohl sei im Kleinen Schwanen.

Nun freute ich mich auf dieses Singen, das wohl ein herzstärkendes kräftiges Gebrumm sein mußte; denn nicht allein nach eigener Freude, nach Freude überhaupt gelüstete es mich maßlos. Alles hätte ich hell um mich haben wollen und lebendig. Lebendig vor allem! Springende Knospen und rauschende Vogelzüge, Wellen, die im Sturme brüllen, und du, Rehlein, wie du durch den Garten flogst, das dunkle Gesichtlein von den schon langen Haaren gepeitscht! Aber auch gleißende Wolkenflüge, feinbewegte Wipfel im Blau und die Mutter, wenn sie im andächtigen grünen Kleid daherging, schlank aufgerichtet mit dem Nacken voll Demut und Stolz und jede Bewegung Gesang.

Ach, Schönheit und das große brausende Leben! Alles riß an mir, und ich wußte nicht, woher mir der Sturm und Wandel kam.

Vielleicht waren die alten Griechen schuld daran, diese ewig Lebendigen. Wie der pfeiltragende Gott, der vom Olympos niederfährt, grauenvoll, herrlich, niederschmetternd und erlösend, so war Hellas über mich hereingebrochen, und während meine Kameraden sich noch mit Sprachkram, mit Regeln und Vokabular quälten, hatte ich mich schon mit jedem Blutstropfen dahingegeben an Erscheinung und Geist, und es schien mir der Geist des urewig zeugenden Lebens und der urewig zeugenden Freude. Diese Olympier, wie sie mit inbrünstiger Lust sich dem irdischen Leben ans Herz warfen. Unendliche Erscheinung, pflanzenhaft aufsprießend die Glieder, sonnenblumenhaft dem Lichte zugewendet. Die Lippen leicht geöffnet, um fein und kostbar den lebendigen Odem einzusaugen, die Augen weit, das Unendliche fassend. Und diese homerischen Helden, die Tod und Leben mit gleich starken Armen umschließen, jenen, um ihn zu zwingen, dieses, um es auszukosten, und in denen die unbändige Freude aufrauscht ob jedem gewonnenen Erdentag. Achill, der das Todesahnen vergißt über dem Sonnenglanz seines göttlichen Gewaffens und der den toten Freund mit den jauchzenden Spielen der Lebenskraft ehrt. Jauchzende Festschmäuse über frischen Gräbern und zwischen todbringenden Tagen. Aber dann, aus der todesschwangern Dunkelheit des Aias Aufschrei zu Zeus: »Schaff' uns klare Luft, gib, daß wir sehen können, nur im Lichte verderb uns, wenn es nun einmal so sein muß!«

Ποιησον δαιθρην! Wie der flammende Riß war dieser erschütternde Schrei nach dem Licht durch mein gedämpftes, in Verständigkeit gekühltes Leben gegangen. Ich vernahm aus diesem stolz demütigen Gebet des Geschöpfes an seinen Schöpfer die heiße Anklage der Kreatur gegen den, der sie aus dem Dunkel ins Licht geschleudert, um sie in neues Dunkel versinken zu lassen. Und den peitschenden Antrieb nahm ich daraus, diesen hellen Erdentag auszukosten mit jeder Faser. Ja, mir schien damals, daß die wunderliche Wandlung in mir ihren Ursprung aus diesen zwei herrlichen, in allen fanfarenhaften Glanz menschlicher Laute gekleideten Versen genommen habe.

Und doch war es wahrscheinlich nicht so. Der Wandel lag im eigenen Wesen, und dieses Neue war es, was mich zwang, die Dinge nach seinem Willen anzusehn; denn wie anders ist der Sinn, den diese beiden Verse heute dem reifen, dem abschließenden Menschen offenbaren! Aber wer vermöchte es, Ursache und Wirkung klar auseinanderzulegen? Vielleicht warst du schuld daran, Rehlein, du Geschöpflein voll Leben und Licht. Dein Anblick machte einem die Freude so wert, daß man nimmer von ihr lassen mochte. Oder es lag wohl in den unermeßlich geheimnisvollen Gängen meines Blutes.

Mit der Zeit der unangefochtenen Verständigkeit war es vorbei. Das Diesseits der kindlichen Weisheit schwand zurück, die jenseitige Welt tat sich auf und ihre brausenden Ströme. Nicht nur Freude war es, was diese Zeit des Glückshungers mir bot. Ich weiß von Nächten, wo ich aus dem Dunkel der unbegriffenen Qualen eines heißen, schamvollen Lagers tausendmal mit des Aias Worten nach Erlösung schrie und wo alle Wünsche und Geschöpfe des drangvollen Herzens mich in der Krüppelgestalt meines eigenen Leibes verhöhnten. Aber dasselbe Fieber, das die Qual der Nächte entfesselte, gebar auch die tausend Seligkeiten des Tages.

Jetzt erst tat die schöne Welt ihre Brust vor mir auf und zog mein zitterndes Herz in sich hinein. Vogelsang wurde zur eigenen Seelenstimme, in den winddurchbrausten Tannen orgelte mein Blut, und meine innigen süßen Qualen waren es, die die Abendwolke erglühend durch den Himmel jagten, daß ihr gelbroter Schein wie ein Sturmbrand über die Erde lief und in alle lichtabgewandten Schattenstuben zündete. Wenn ich früher dem Strom jungen Lebens, das die Mädchenschule jeden Mittag über meinen Weg ergoß, scheu ausgewichen war, so wagte ich mich nun mit den andern Jünglingen kühn mitten hindurch. Voll Trotz und Lust: Mochten sie mich bemitleiden, mochten sie mich verlachen, einerlei! Wenn ich nur diese süßen Wellen um mich fühlte, diese prickelnde Liebkosung des Lebendigen. Und wenn dann meine Blicke warmen und gütigen Augen begegneten oder gar einem ernsthaft errötenden Gesichtchen, ging es wie Föhnwind über mich, daß die Haut brannte und die Zunge trocken wurde. Aber in den Augen wie Tau. Auch daheim, wenn du mir an den Hals flogst, Rehlein, und die warme Seide deines Wesens mich umhüllte, blieb wohl das Föhnige in mir, aber ohne Zittern und ohne Durst, hell und lind wie das offene Entzücken. Und dann kam Mutter, und alles wurde heilig wie der Frühsommertag: hoher Himmel, Wärme ohne Glut und die ziehenden Wolken.

Mutter und du. Wenn ich in meiner Kammer über den Büchern saß, die mir nun schon treueste Freunde waren, und ich irgendwo das Läuten eurer Stimmen hörte, konnte es über mich kommen, daß ich an mich halten mußte, um nicht hinauszustürmen und mich, schreiend vor Glück, vor euch niederzuwerfen. Doch tat ich in Wirklichkeit solches nie. Mochte das Ungestüm mächtig werden, wie es wollte, so weit brachte es mich nicht, um mich die Verpflichtung meines armen Körpers vergessen zu machen Der war um mich wie ein Panzer und ließ mich kühl und klug erscheinen vor allen. Ich glaube, selbst die Mutter wußte nicht so recht, wie es um mich stand in jenen Zeiten; denn wer denkt daran, daß es hinter Eispanzern brennen könnte, und wie viele sind es, die wissen, daß kalte Hände ein heißes Herz verraten?

Und doch, wenn ich heute mit Kenntnis des Gewesenen an jene Zeiten zurückdenke, meine ich, daß dies alles dennoch nicht der wahre Grund war. Denn ging ich nicht nachher mit demselben erweckten Herzen still und einwärts gekehrt durch erloschene Welten? Und was hatte das erwachende Blut zu schaffen mit jenem angstgepeitschten Lebenshunger, jener greisenhaften Hast, die dem Ablebenden geziemt, aber nicht dem, der an den Toren des Lebens steht?

Heute meine ich, daß es doch zu allermeist das Vorgefühl der großen Wende war, das mich dermaßen zum Genuß eines Daseins aufpeitschte, dessen Ende ich, wenn auch im Unbewußten oder doch Uneingestandenen, vorfühlte. Die kaum merkliche, aber leise fortschreitende Änderung in Mutters Zustand konnte mir nicht völlig entgehn, wenn auch die schlanke Gewandtheit ihres Körpers und die Lebhaftigkeit ihres kraftspendenden Geistes immer wieder darüber hinwegtäuschten. Ich weiß doch von Merkmalen, die sich mir tief einbrannten und nachträglich meine Ahnungslosigkeit Lüge strafen. Vielleicht war es weniger der kleine heimtückische Husten. Man hatte sich daran gewöhnt, und der Vater machte seine Witze darüber: das seien so Frauenzimmergewohnheiten und wer lang huste, werde alt. Aber war es mir nicht mehr als einmal aufgefallen, wie sie mit ihren Liebkosungen kargte und wie sie dich, Rehlein, immer nur flüchtig küßte und niemals auf den Mund? Und damals, als ich sie oben an der Treppe beobachtete: sie hielt die Hand auf die Brust gepreßt mit einem solch hilflosen Ausdruck und wie um Verzeihung bittend. Als sie mich sah, lächelte sie freilich und hatte ein munteres Wort. Aber der Eindruck blieb doch an mir hangen, und viele Wochen fiel er nicht ab.

Und jenes Mal, als Papa Merzlufft mit seiner drolligen Derbheit zu uns in den Garten stolperte – Mutter hatte wieder einmal viele Besuche gehabt; denn wenn es nun auch schon Jahre her waren, seit sie den Beruf aufgab, der Beruf wollte sie nicht aufgeben. Es zeigte sich wieder einmal, was für eine Seltenheit ein wahrhaft gütiger und einfühlend kluger Mensch sein muß, daß sich alle, die Mutter jemals nahe gekommen, dermaßen an sie kletteten und daß sie ohne ihren Rat und ihre Hilfe nimmer auszukommen vermeinten. Nun saß sie müde und etwas blaß unter der Blutbuche und sah lächelnd auf ihren neuen Besuch, der sich fest und spreizbeinig vor sie hinsetzte, seinen Stock in die dunkle Gartenerde stieß und den weißen Hut darauf stülpte. Aber wie er sie nun mit seiner gutmütig grollenden Stimme anfuhr: »Ich habe eben Euer Epitaph verfaßt, Frau Tellenbach,« sah ich, wie ihr Lächeln plötzlich einem schreckhaften Ausdruck wich, der mir an Mutter unbekannt war. Als Papa Merzlufft dann freilich seinen Vers vorbrachte:


 »Sie hat über andern sich selbst vergessen

Und wurd' von den andern aufgefressen«


lachte sie belustigt; aber ich konnte jenen bangen Wandel auf ihrem Gesicht nicht vergessen, und was unser Freund weiter vorbrachte, war nicht geeignet, mir das Herz leichter zu machen.

 »Saker Strahl,« donnerte er »,daß man das mit ansehen muß! Fortjagen möchte ich die ganze Bande. Sind die nicht alt genug, um selber zu denken? Muß denn alles durch Euern Kopf gehen? Profitierkatzen sind es, Schmarotzer, die Eure schöne Kraft aufbrauchen, und unterdessen werdet Ihr eine zarte Frau!«

Mutter wehrte sich: ob man denn schließlich viel Besseres tun könne als andern helfen und bange Herzen erleichtern? Und sie wußte von ihren Besucherinnen viel Liebes und Rühmendes zu sagen; aber er ließ es nicht gelten:

»Was, andern helfen! Euch selber helfen sollt Ihr; denn damit ist mehr getan als wenn Ihr sieben Dutzend Klönweibern über den Bach helft. Und was Ihr da Gutes von ihnen behauptet – Heiliger Sadrach, man weiß, wie Ihr die Leute anschaut, und wenn alle so wären, wie Ihr sie seht, da müßte einem ja angst werden, daß man einmal keinen Platz mehr fände im oberen Stockwerk, und müßte dem Petrus dankbar sein, wenn er beschiede: Zündet dem Mann abhin! Denn lieber in einer geräumigen Hölle als im überfüllten Paradies! Daß man so klug sein kann und doch die Menschen dermaßen überschätzen und sich an sie vergeuden! Wer weiß, nächstens haben wir vielleicht gar die Freude, unsere neue Nachbarin da zu sehen. Das wäre noch grad so ein Möhrlein zum Weißwaschen, die Marschwanderin!«

Mutter wurde ernst. Das viele häßliche Geschwätz, das über die neuen Besitzer des Hauses zum Blumengeschirr umging, war ihr in der Seele zuwider. Auch jetzt schnitt sie das Wort ab: »Ich kenne die Frau Marschwander nicht, Herr Merzlufft; aber wenn man alt genug wird, um zu wissen, daß es jedesmal nachher falsch war, wenn man jemandem Böses nachredete, so lernt man seine Zunge hüten, oder besser noch: man tut die Augen auf!«

Rehlein, so geschah es, daß Mutter der Marschwanderin das Wort redete.

Der Alte wurde plötzlich weich, wie immer, wenn Mutter einen ernsten Ton anschlug: »Gut, gut, liebe Frau, so fahret halt in Gottes Namen fort mit Euerer Negerwäsch; das geht mich ja alles zusammen nichts an. Aber, was auch mich alten Knochen angeht, das ist, daß Ihr Euch nicht krank macht. Der vertrackte Husten! Im Dienste der andern habt Ihr Euch den geholt. Eine zarte Frau seid Ihr allbereits. Wenn man es erleben müßte, daß Ihr eine kranke Frau würdet – heiliger Sadrach, so denkt doch endlich an Euch!«

Mutter eine zarte Frau, eine kranke Frau! Wie der Strahl traf mich dieses Wort. Ja, war sie denn nicht schöner, lebendiger, jünger als alle andern Frauen ihres Alters und zehrten wir nicht alle von der Überfülle ihrer Kraft? Und doch, hatten wir früher etwas gewußt von dieser bedrückenden Winterangst? Und das erleichterte Aufatmen, wenn der März vorüber war ohne eigentliches Krankenlager und wenn die hartnäckigen Katarrhe sich endlich unter der warmen Sonne lösten! Oder hatte man es früher erlebt, daß Mutter an so milden Sommerabenden ein Tuch um die Schultern legte? Stolz und warm hatte sie ihren freien Nacken durch alle kalten Wintertage getragen.

So saß mir denn plötzlich die Angst im Blut; aber ich suchte ihr einen Ausweg zu geben nach der Richtung, die Papa Merzlufft eingeschlagen hatte. Diese Besuche, ja, die waren schuld, wenn Mutter sich übermäßig ermüdete und herunterbrachte. Und mein Widerwille gegen alle, die auf Mutter Anspruch machten, steigerte sich zum Haß. Aber war es nicht auch dieser Haß, der verriet, wie ich im Innersten ahnte, daß es Unwiederbringliches war, was die fremden Menschen uns wegnahmen?

Mutter jedoch lächelte über Papa Merzluffts Eifer: »Wenn er wüßte, wie viele der andern Besucher mir dasselbe sagen? Aber so sind die Menschen: jeder warnt mich vor den, Andern« und erzürnt sich über sie, und keinem fällt es ein, zu denken, daß er für jene und vielleicht für mich auch bloß ein, Anderer' sei. Und wenn das gewiß von unserem lieben Hausgenossen nicht gilt, sein Besuch war an dem ermüdenden Nachmittag doch das dickste Ende. Ach, mir ist das alles ja auch nicht immer lieb; aber das Schlimmste, was mich und mein Gewissen wahrhaft bedrückt, daß alle diese Menschen meine Teilnahme für Liebe nehmen. Ich schäme mich so. Wie ein Heuchler komme ich mir vor und bringe es doch nicht über mich, ihnen die Wahrheit zu sagen: daß ich zwar alle gern habe, gerade genug, um ihnen das Beste zu wünschen und auch dafür zu tun, was in meinen Kräften steht. Aber lieben? Wie wenige Menschen gab es im Leben, die ich wirklich lieben konnte! Das würden sie auch nicht verstehn. Je älter ich werde, desto mehr sehe ich, was für ein ungeheuer vielgestaltiges Gefühl und Gedankending die Liebe sein kann, wie selten aber sie das ist, was ich darunter verstehe. Weißt du, so etwas wie zwischen dir und mir, Simon.« Sie legte ihre Hände auf die meinen, und ihr Blick umfaßte mich so, daß ich mich vor ihr hätte niederwerfen mögen. Ich blieb aber regungslos, wie erstarrt, und ich weiß nicht, ob sie es fühlte, wie sie mit ihren Worten einen größten Schmerz von mir nahm. Denn nichts war meinem selbstischen Herzen unerträglicher als der Gedanke, daß in ihrer allgemeinen Menschenliebe sich etwas von dem verzettelte, was nur uns gehörte, mir und dir, Rehlein. An den Vater dachte ich nicht.

Indes erschien ein Sommer, der tat, als ob er alle aufkeimende Sorge um Mutters Gesundheit zunichte machen wollte. Er begann vielversprechend, entfaltete sich früh, herrschte mit Heiterkeit, Glanz und wohlverteilter Wärme und glich brüderlich jenem andern, der dein Leben entfachte, Rehlein.

Mutter suchte die Sonne auf, wo sie sie fand, und es war, als ob sie Sonne in sich aufsöge. Nie habe ich sie wärmer, leuchtender, bewegter gesehen als in diesem Sommer, sodaß ich oft meinte, auch sie spüre etwas von dem Lebensdurst und der heißen Unrast, die mich insgeheim erfüllten. Ihre Augen waren so voller Glanz, auf ihren Wangen lag schon am frühen Morgen ein wunderliches Rot, und wäre das Hüsteln nicht gewesen, man hätte glauben können, daß sie aus einer völligen Genesung eine neue Jugend gewänne. Auch ihr Geist war so lebendig, daß ihre Heiterkeit oft aus dem früheren sanft erhellenden Licht zu einem rechten sprühenden Feuer wurde.

Freilich, bisweilen schien sie auch zu träumen, was man vordem nie an ihr gekannt hatte. Sie saß dann still und unbeschäftigt da mit großen, abwesenden Augen oder auch versunken in den Anblick irgendeiner Erscheinung, deren Schönheit sie anrührte. Oft wunderte sie sich selbst darüber: »Ich weiß nicht, ob ich auf meine alten Tage noch empfindsam werden soll? Das Schöne liebte ich doch von je; aber jetzt kann es mir vorkommen, daß mir der unerwartete Anblick einer Blume das Herz stellt und hätten meine Augen das Weinen nicht früh verlernt, weiß Gott, ein entgleitender Schwalbenschrei, ein Wölklein, das im Blau zergeht, oder auch nur ein einziges still niederschwebendes Blatt könnten mich zu Tränen rühren. Es ist mir oft, als ob die Welt noch nie so schön gewesen sei oder noch nie auf diese besondere Weise schön.«

Der Vater meinte: »Das kommt davon, daß du dir endlich einmal ein wenig Zeit gönnst. Überhaupt, das solltet ihr Frauen bei uns Männern lernen, die Fähigkeit, sich Zeit zu lassen und in die Dinge sich zu versenken. Aber es liegt euch im Blut; immer müßt ihr etwas sorgen und einen Betrieb machen. Solche Fegnester seid ihr!«

Mutter lächelte wehmütig dazu. Die Antwort lag zu nahe, als daß sie sie hätte aussprechen mögen. Aber Vater hatte in einem recht, das war es wohl wirklich: Mutter nahm sich Zeit. Zum erstenmal in ihrem Leben. Es war wundervoll, aber oft fast unnatürlich. Wie eine Feiernde kam sie mir bisweilen vor oder gar wie eine Wartende. Daran aber war nicht nur ihr eigener Wille zur Gesundheit schuld, der sie bewog, eine bessere Hilfe ins Haus zu nehmen, um sich zu entlasten, auch nicht die Tatsache allein, daß du nun schon ein fünfjähriges Mädchen warst, Rehlein, und das hieß: eine ganze selbständige kleine Persönlichkeit. Denn niemals konnte man dich an deinen Jahren messen. Man dachte auch kaum, darnach zu fragen, wie man später nicht daran dachte, dich auf die gewöhnlichen Entwicklungsstufen Schulkind, Backfisch, junges Mädchen abzustellen. Du warst einfach das Rehlein, zu aller Zeit, und das meinte etwas für sich, etwas, das sich an nichts und niemand messen ließ. Mit fünf Jahren warst du schon ganz du selber. Ein unvergleichbares Geschöpflein mit langen Beinen und langem straffem Haar, das, von keinem Band gehalten, wie ein glatter Mantel um dich hing. Wild, heiß wie ein Junge, wie ein Vogel leicht und lustig und wieder stillbesorgt und vernünftig wie ein Mütterlein. Mit einem Herzchen für alle und doch der andern weit weniger bedürfend als sie deiner; denn im letzten geheimsten Grund warst du unzugänglich, rätselhaft und unentwirrbar wie deine Augen.

Allein auch deine gesunde Selbständigkeit, die Mutter der Sorge um dich enthob, hatte nicht genügt, um ihr Leben so frei zu machen, wäre nicht dem guten Papa Merzlufft gelungen, was Mutters allzu gütige Art nimmer vermocht hätte, den Strom der Besucher abzuschneiden. Dabei ging er auf seine Weise vor, nämlich geradeaus und unverhohlen:

 »Solange Ihr die Paradiespforte unbewacht läßt, wie wollt Ihr's hindern, daß das Volk hereinläuft? Nun, mit dem Engel Gabriel will ich mich nicht vergleichen; aber wenn an einem Hause steht: ›Achtung, beißender Hund!‹, dann machen die Leute auch einen Bogen. Zu dem Renommee kann ich dem Kleinen Schwanen allenfalls verhelfen.« Und das tat er wirklich. Der schöne Sommer, der unser Gärtchen wieder zur liebsten Wohn- und Besuchsstube machte, kam ihm dabei zustatten; denn da lag sein Wirkungsfeld offen vor seinem Fenster und jeglichem Angriff preisgegeben. Er hatte verschiedene Verfahren. Das einfachste bestand darin, daß er sich, sobald ein Besuch im Garten eintraf, breitbeinig unter das Fenster stellte und sich den Fall eingehend betrachtete. Nach der ersten Viertelstunde begann er singend im Zimmer auf und ab zu gehn, wobei er es nicht unterließ, allerlei Abschiedslieder einzuflechten. Nach der zweiten Viertelstunde aber nahm er unter dem Fenster Posto und hub an den Zapfenstreich zu pfeifen, so eindringlich und andauernd, daß den Besuchern nicht mehr geheuer war und sie sich schier unwillkürlich zurückzogen. Allein, dies wirkte nur bei den Empfindlicheren. Für andere wußte er kräftigere Mittel. Einmal erschien er mit einer Schere unten im Garten: »Ich habe gedacht, Ihr wollet Eurem Besuch gewiß ein paar Blumen zum Abschied geben, Frau Tellenbach. Ich will Euch gerade einige abschneiden, damit Ihr sitzen bleiben könnt. Es kommt mir nämlich vor, Ihr hättet Ruhe nötig.«

Ein andermal setzte er sich gradwegs zu den Besuchern, erhob sich aber nach kurzer Zeit angelegentlichst: »Ich will gehen, damit ich Euere Gäste nicht am Aufbruch hindere.«

Und wieder einmal stürzte er mit dem allerwichtigsten Gesicht herein: »Frau Tellenbach, ich habe eben eine große Erfindung gemacht, das müßt Ihr zuerst wissen!« Und während die Anwesende, eine tüchtige Wundernase, gespannt aufhorchte, entwickelte er mit größtem Ernst den Plan zu einer Visitenuhr: Sobald der Besuch erscheine, werde sie in Tätigkeit gesetzt, um ihr helles »Guten Tag!« zu rufen. Nach der ersten Viertelstunde folge ein dreimaliges »Mach's kurz!«, nach der zweiten ein sechsmaliges »Die Zeit ist um!« und nach der dritten schreie sie so lange »Adieu!« bis die Türe sich hinter dem Besucher schließe. Dieser Gedanke begeisterte ihn übrigens so, daß er einige Zeit ernstlich an dessen Verwirklichung dachte.

Mutter waren ja diese Eingriffe gewiß nicht immer angenehm; aber der Erfolg war überraschend und befreiend, und übrigens bewies Papa Merzlufft eine feine Witterung für die Art der Besucher und Mutters Verhältnis zu ihnen, daß er sich in seinem Verfahren nie vergriff, und als einmal die Schwestern Eßlinger einen ganzen Nachmittag bei uns im Garten saßen, erschien er kein einziges Mal unter dem Fenster.

 »Die Frauenzimmer kann ich nie ohne böses Gewissen anschauen,« meinte er nachher; »als ob ich sie bei lebendigem Leib beerbt hätte, so komme ich mir vor, akkurat so profitierlich und gemein. Wenn ich denke, wie sie es hatten in der schönen Wohnung und so nahe bei Euch, liebe Frau, und nun in zwei Spittelstuben unter all dem klönenden alten Volk, saker Strahl, es kommt mir vor den Magen! Sie sehen auch so aus, hundert Schritte von hinten sieht man ihnen das Heimweh an, den armen heiligen Kümmernissen.«

Mutter lächelte beziehungsreich und äußerte sich nachher zu mir, nun wisse sie doch, wo der getreue Eckart stecke, der den Schwestern ihr einsames Dasein zu versüßen suche. Ganz erregt und fast errötend hätten sie von den geheimnisvollen Sendungen gesprochen: jeden Monat ein Kistchen mit Leckerbissen, lauter Dinge, die man im Spittel niemals vor Augen bekomme. Und sie warnte mich: »Aber geheim muß es bleiben; du weißt, wenn man schwatzt, versiegt der Wein in den Krügen!«

Übrigens hatte sich das Wesen der Schwestern um etwas geändert. Dem entsprach es auch, daß sie den Weg in den Kleinen Schwanen nach langer Zeit wieder fanden. Sie waren sozusagen anfechtiger geworden, resoluter gegen Schicksal und Menschen und sprachen auf einmal unverhohlen über die Schwägerin und daß sie das Unglück ihres Bruders sei.

Mutter sah dies nicht ungern: »Sie scheinen die Lösung dieser unseligen Ehe vorauszusehen; denn von einer, die sie noch als zu ihnen gehörig betrachteten, würden sie nicht solchermaßen reden. Und in diesem Fall ist Trennung das einzige.«

Papa Merzlufft brauchte seine Visitenuhr nicht auszuführen. Seine bärbeißige Anwesenheit hatte geholfen. Unser Gartenleben war gereinigt und gerettet, und das empfand niemand froher als ich, dem dieser Sommer so über alles kostbar schien. Zwar stand ich vor meinem Maturitätsexamen; aber da ich seit langem gewohnt war, nicht für die Schule, sondern für mich zu arbeiten, lag mir diese Sache nicht schwer auf. Im Gegenteil. Die Nötigung zum Rekapitulieren, zu einem mehr sprunghaften, raschen als bohrenden und intensiven Denken entsprach meiner damaligen Verfassung, und die verkleinerte Stundenzahl der letzten Klasse bekam meinem Freiheitsgelüste wohl. In der Geißblattlaube hatte ich mir eine Art Sommerstudierstube eingerichtet, und es hatte für mich geradezu etwas Prickelndes, mit meinem scharfen Gedächtnis in den ansehnlichen Gefilden des Erlernten herumzusprengen Was für aufregende Bilderreihen, welch rasende Vorstellungsjagden! Welch unerhörter, kinomäßiger Nerven- und Sinnenreiz! Und dann aus diesen glühenden Gedankenritten plötzlich der schwindelnde Sprung in die weich aufschwellenden Tiefen der Empfindung, widerstandsloses Sichausströmen in alle beseligenden Nähen und Fernen des Sommertages: das Bild im Fenster, das Bild unter der Blutbuche, flimmernder Himmel und flimmernder See und ihr beiden liebsten Menschen froh beisammen, ich selbst allen unbekannten Wonnen hingegeben, selbst flimmernd, weich und zerfließend wie der Sommertag.

Mit einer wahren Leidenschaft übte ich dieses reizvolle Spiel des betörenden Wechsels zwischen den Ekstasen des Gehirns und den Ekstasen des Herzens. Und doch gab es auch Tage, wo mich die Geißblattlaube nicht zu halten vermochte, wo es mich wegtrieb aus allen Mauern hinaus ins Freie. Aber lange blieb ich nie fern; gar bald merkte ich, daß doch ihr beiden, Mutter und du, Rehlein, das Endziel all meiner Unrast waret, und da konnte mir denn nichts Schlimmeres passieren, als wenn ich bei meiner hastigen Rückkehr euch nicht daheim traf. Und das kam immer häufiger vor; denn immer mehr schien Mutter das Bedürfnis zu fühlen, mit dir auszugehn. An das Wasser hinunter; der Anblick der stillziehenden Wellen tue ihr merkwürdig wohl, und dann habe sie am See einen Winkel entdeckt mit einem weiten Blick über gleitende Hügel, der sie wunderlich an den Ruwenberg erinnere.



Jenes mal war es im Spätsommer. Der Tag schien noch voller Sommerschönheit; aber als ich mich in meiner Geißblattlaube eingenistet hatte, bemerkte ich zum erstenmal, daß die Blätter unter dem Rankendach müd und modrig waren und daß sie auch so rochen. Das war wie ein Griff nach dem Herzen. Mein Sommer wollte gehn! Dieser volle große Sommer, der so gar nichts dazu getan hatte, einen herbstliche Entsagung zu lehren. Nun sah ich auch, wie das tiefe Blut der Buche in violetten und grünlichen Tönen langsam erstickte und daß in den untern Ästen der Birke etwas von goldenen Schimmern sich einschlich. Ich hielt es nicht aus. Ohne Abschied rannte ich davon, in den Berg hinauf.

Da lag nun das glitzernde Land in der Sonne und oben der weite blaue Himmel. Aber im Wald alles unheimlich still. Kein einziger Vogeltriller, bloß das Rascheln meiner hastigen Schritte und, wenn ich stillstand, ein Krachen irgendwo oder das Wispern eines niederrieselnden Blattes. Die Bäume regungslos und atemlos die Luft, alles ein großes beängstigendes Warten. Sinnlos rannte ich zwischen den Stämmen durch. An einer Waldecke traf ich auf ein Liebespärchen. Sie hielten sich in einer Art umschlungen, daß es mir die Kehle würgte. Sie war ein schlankes braunes Mädchen. Irgend etwas an ihr, was mich ganz von fern an dich erinnerte, Rehlein. Da faßte mich ein Zorn, daß ich die Haselgerte in meinen Händen zu Streu zerfetzte. Und dann wie verrückt heimzu.

Aber auch der Garten war einsam und totenstill. Der Schatten unter der Blutbuche undurchdringlich wie violetter Samt. Und mitten drin, ganz verlassen, dein Leiterwägelein. Du pflegtest die welkenden Blumen darin zu sammeln; wenn du es hinter dir herzogst, sangen die winzigen Räder. Nun war es von entblätternden Rosen überdeckt, ein kleiner, schmaler Rosenhügel, und darüber das weiße Kreuz der aufgestellten Deichsel. Wie ein Grab, dachte ich, ein kleines rührendes Kindergrab, und der Schweiß, den der rasche Lauf mir ausgepreßt hatte, war um mich wie eine eisige Haut.

Vom Mädchen vernahm ich, daß ihr erst kürzlich weggegangen waret und daß vom Lindenberg die Rede gewesen sei. Ich lief gaßab, dem Fluß zu. Als ich beim Simsonbrunnen aus dem Häusergefängnis trat, kamt ihr eben, vom Lindenberg her, den Fluß herauf.

Ihr schrittet auf mich zu; aber da euere Augen den Wellen folgten, saht ihr mich nicht. Ihr gingt leicht und heiter, und zum erstenmal fiel es mir auf, daß es dieselbe Melodie war, die euere Gestalten bewegte, die dunkle, schlanke der Mutter und deine goldene Zierlichkeit. Davon mochte es wohl am meisten kommen, daß euer Anblick einen so streichelte und daß die Vorübergehenden euch mit soviel Wohlgefallen betrachteten. Und plötzlich fiel mir ein, wie ganz anderer Art die Blicke waren, die Mutter erntete, wann sie mit mir ausging, und wie oft das klebrige Mitleid der Straße einen stolzen und harten Zug in ihr liebes Gesicht gebracht hatte. Jetzt aber strahlte es vor tiefer Freude.

Ich trat einen Schritt zurück, in den Schutz des Brunnens: O nein! Ich wollte euer Glück nicht stören.

Bewundernde Blicke, was gab es, das einer Frau mehr zusagte? Und auch Mutter war eine Frau; wer weiß, ob sie nicht deshalb so gern ausging, wenn ich nicht mit dabei war!

Kalt und häßlich dachte ich dieses; aber es bohrte in mir, daß ich mich am Brunnen halten mußte. Der Schatten des Riesen auf dem Brunnenstock deckte mich zu, der starke Mann, der den Löwen würgt. Ja, der starke Mann, das war es! Der starke Mann und die schöne Frau. Hatte die Welt noch für andere Platz? Für einen Schwächling, für einen Krüppel? Was er in Herz und Kopf trug, was hatte es zu bedeuten? Der gerade Leib und die gewaltigen Hände, darauf kam es an!

Ihr waret an mir vorbeigegangen, ohne mich zu sehen. Meine Augen zerrten an euch, im nächsten Augenblick mußtet ihr hinter der Häuserecke verschwinden.

Da bliebst du plötzlich stehn, wandtest dich herum und flogest mit flatternden Haaren freudeschreiend gradwegs an meinen Hals.

Noch heute weiß ich nicht, wie das zuging, daß du mich plötzlich spürtest. Aber deine Sinne waren so fein, hundertmal hätte ein Wundersüchtiger an dir einen sechsten Sinn feststellen können.

Nun kam auch Mutter auf mich zu, weniger stürmisch, aber mit nicht minder frohem Gesicht: »Wie schön, daß du da bist, Simon, grad haben wir dich hergewünscht.«

Du ließest meine Linke nicht mehr los, und so setzte ich den Weg in euerer Mitte fort. Was gingen mich nun die Blicke der Vorübergehenden an? Blieb ihnen anderes als der helle Neid, da sie sahen, wie nah zusammen wir gehörten? Ganz geräumig war auf einmal mein Herz. Und um mich noch immer der große goldene Sommer.

Der Himmel war gewaltig blau; aber über dem See lag ein feiner Dunst, der die Wellen perlmutterig färbte. Wir sahen den Schiffchen nach, die an uns vorbeiglitten in die schimmernde Ferne hinein, und auf einmal hatten wir alle drei denselben Wunsch: Hinaus aufs Wasser! Der war so stark, daß wir nicht mehr davon lassen mochten, auch als es sich zeigte, daß kein Fährmann da war. Da lag doch das Schiffchen mit drei Plätzen, wie geschaffen für uns, und du batest so leidenschaftlich, Rehlein! Warum sollte ich es nicht können? Mutter hatte zwar Bedenken; aber ich lachte sie aus. Ich fühlte mich ja so kräftig, eine Welt hätte ich aus den Angeln heben mögen in diesem Augenblick. Der starke Mann, ob doch nicht mehr von ihm in mir war, als ihr alle glaubtet?

Fast zu leicht gingen die Ruder durch die glattgestrichenen Wasser. Ich hätte eigentlich eine rechte Last treiben wollen, um das Glück dieser Stunde verdienen und austoben zu können, und ich legte mich mächtig ein, daß unser Schifflein pfeilrecht davon schoß und die Stadt bald in ihre sanften Schleier zurücksank. Erst draußen vor der großen Bucht, wo der See seine Weite auftut, ließ ich die Ruder ruhen.

Hier gab es keine andern Schiffe. Die zarten Dünste hatten die Ufer entfernt. Wundervoll einsam lagen wir in dem sömmerlichen Geflimmer. Mutter war von der milden Sonne ganz übergossen. Sie trug einen großen hellen Hut mit einem dunkeln Band ums Kinn. Ihr Gesicht war jung und rührend. Du aber lagst quer über die Bank gestreckt mit leuchtenden Gliedern wie ein Nixlein.

»Mutter, weißt du, wie wir auf dem Ruwenberg durch den Garten liefen?«

Sie nickte: »Ich glaube, wir haben eben ungefähr dasselbe gedacht. Und nun bist du schon mein großer Sohn, der die ganze Familie über Wasser hält.« Wir lachten. Dann schwiegen wir.

Wenn ich einmal im Leben gewußt habe, was es heißt, wunschlos glücklich sein und dieses Glück empfinden mit jeder Faser wie etwas Greifbares, Körperliches, Wesenhaftes, etwas, das uns von innen durchdringt und von außen umhüllt, so war es in jener Stunde. Ich glaube, auch ihr empfandet ähnlich, und doch blieb euch der tiefste Grund meiner Freude verborgen.

Einmal atmete Mutter beglückt auf: »Das sollten wir eigentlich häufiger tun, die feuchte Seeluft ist wie ein Bad in der Brust.«

Erst als die Dünste sich gelb färbten, dachten wir an die Rückkehr. Aber wie ich mit raschem Ruck den Kahn wenden wollte, fühlte ich plötzlich den messerscharfen Stich im Rücken. Mir stand das Herz still; ich wußte, was das bedeutete und daß ich nun das Boot nicht mehr führen konnte. Wohl machte ich noch ein paar verzweifelte Versuche; aber jedesmal wiederholte sich der Schmerz mit solcher Wut, daß den gelähmten Fingern die Ruder entglitten.

Mutter erblaßte. Ihre Erfahrung mit mir ließ sie den Zustand sofort begreifen, und sie schalt sich: »Wie kindisch das von mir war, unserem Gelüsten so nachzugeben!« Aber dann raffte sie sich auf: »Armer Bub, dann werde ich es eben versuchen müssen. Warum sollte ich nicht? Mir geht es doch so gut gegenwärtig; federleicht war mir heute den ganzen Tag, und meine Arme werde ich doch noch brauchen dürfen.« Und ohne auf meine Bangnis zu hören, nahm sie die Ruder an sich.

Ich verlor auch bald die Angst. Sie sah so frisch und jung aus, wie sie mit kräftigen Armen den Kahn vor sich brachte. Ihre Wangen blühten, und in den Augen glänzte es wie Triumph. Mir aber fuhr bei jedem Ruderschlag eine glühende Nadel durch den Rücken, daß ich unwillkürlich die Augen schloß, um so den Schmerz besser zu verbeißen.

Als ich einmal wieder aufsah, erschreckte mich die Veränderung in ihrem Gesicht. Die Augen hatten den Glanz verloren und um den Mund ein gequälter Zug.

 »Um Gottes willen, Mutter, laß es sein, und wenn wir bis morgen hier warten müßten!«

Sie gehorchte mir augenblicklich, ließ die Ruder stehn und drückte die Hand auf die Brust, einem hastigen harten Husten entgegen.

Wir sahen uns nach Hilfe um, aber nirgends war ein Schiff zu entdecken, und die Sonne glitt schon hinter den Bergrücken. Auf einmal war es mit dem Sommertag vorbei. Die dünnen Dünste wurden dichter, dampfiger, und rasch ging das helle Abendgold in Rot über.

Da faßte mich die Angst, Mutter könnte sich in ihrem leichten Kleid ohne Umtuch nach der Anstrengung erkälten, und ich wehrte mich deshalb nicht, als sie neuerdings nach den Rudern griff. Viel schneller als das erste Mal mußte sie innehalten. Der Husten wurde quälender, und auf den Wangen verdichtete sich das schöne Rot zu dunkeln Flecken. Die Angst schüttelte mich; aber meine eigenen Anstrengungen blieben ohne Erfolg. Die Hände waren kraftlos wie Lumpen. Und wieder versuchte sie es, immer in kürzern Abständen, bis sie sich schließlich mit einem erschöpften Lächeln ergab: »Lieber Gott, ich kann nicht mehr!«

In diesem Augenblick entdeckte ich einen Nachen, der vom andern Ufer her langsam auf uns zuglitt. Es war einer der mächtigen Lastkähne, der seine letzte Ladung in die Bucht führen wollte. Groß und dunkel zog er durch die rote Flut heran, und die Männer an ihren Stehrudern schwarz und unheimlich hoch vor dem leuchtenden Wasser.

Mit deiner Hilfe, Rehlein, dessen helles Stimmchen fremdartig über den See klang, gelang es uns, ihre Aufmerksamkeit zu erwecken. Ohne viele Worte nahmen sie uns ins Schlepptau.

Und so zogen wir heim, so gebrochen hinter dem schwarzen Boote her. Keiner der dunkeln Fergen sah nach uns zurück. Ihre gleichmäßig bewegten Gestalten folgten dem einen Willen, und schwer fiel der streng bemessene Ruderschlag ins Wasser. Unablässig, unwiderruflich. Aber der See war eine gewaltige Lache aus Blut . . .



Erst als ich tief verstaut in meinem Kissengebirge lag, feierte das Messer in meinem Rücken; aber der Leib war wie gelähmt, keiner Bewegung fähig. Ich lauschte durch die Decke empor, ob Mutter ihrem Versprechen, sich ebenfalls gleich niederzulegen, nachkam, und als oben alles still geworden, wurde auch ich ruhiger. Durch das Fenster drang der kühle Abend und Papa Merzluffts tief beruhigender Baß:

»D' Rosinli, die sy süeßi u d' Nägeli, die sy räß!«

Später holte die Magd dein Leiterwägelchen herein; ich hörte das leise Singen der winzigen Räder. Ein Kindergrab, dachte ich, ein rührendes kleines Kindergrab. Und plötzlich rannen mir die Tränen aus den Augen, den Wangen nach ins Kissen, und ich ließ ihnen den Lauf und fühlte, wie sich mein Gesicht langsam und höhnisch zur Grimasse verhärtete, der ganze Mensch eine höhnische Grimasse: Starker Mann!

Ein Peitschenhieb riß mich aus dem Schlaf. Zuckende gelbe Funken und im Gehirn die hundert glühenden Hämmer. Ich wollte nach der Mutter schreien; aber die Kiefer sperrte der ungeheure zähe Klotz. Meine schweißkalten Hände schrien nach der Mutter; aber die Hände blieben leer, und das Leere warf sich über mich wie das Grauen.

Das Tosen in den Schläfen wurde zum Lärm. War wie Dielenkrachen, wie Treppenlaufen und Türgeschletz. War wie ein Schrei und einmal wie ein Wimmern von dir, Rehlein. Ich wollte mich aufwerfen, um den Kopf aus den brausenden Kissen zu reißen und nach außen zu lauschen; aber der Hals blieb starr wie Eisen. Wie Eisen unbeweglich der ganze Mensch. Und die hundert glühenden Hämmer dröhnten. Nun hörte ich nur mehr sie. Sie sprangen von Schläfe zu Schläfe und klopften ihr grausenhaftes Lied: »Ein Beil mitten durch den Kopf . . . Ein Beil mitten durch den Kopf . . . Ein Beil . . .«

Als der Sturm sich endlich legte und die gelben Nebel niedersanken, brach schon ein erster Tagesschimmer herein, und der Flaum, der meinen sinkenden Leib auffing, war kühl wie Morgenschauer. Als ich erwachte, stand der Vater an meinem Bett: Mutter lasse sich nach mir erkundigen, und ich soll mich nicht ängsten, falls ich etwas gehört habe diese Nacht, es gehe nun wieder gut. Sein zerstörtes Gesicht strafte Mutters schonenden Auftrag Lügen.

Mein Rücken wollte noch immer nicht. Was ging mich das an? Ich kam doch in meine Kleider und die Treppe hinauf, und endlich stand ich in Mutters Gemach.

Niemand hatte mir von dem Blutsturz der Nacht gesagt; alle Spuren waren getilgt, und Mutter streckte mir die Hand entgegen und lächelte wie immer; aber als ich sie so daliegen sah mit den dunkeln Augen und dem fremden scharfen Zug, wußte ich alles. Auch ich lächelte und hatte sogar ein Scherzwort; aber dabei war mir, als ob eine unsichtbare Macht mich in die Erde hineinschlüge. Und als ich an Mutters Bett mich setzte, immer noch lächelnd, wußte ich, daß das dunkle Tal mich aufgenommen hatte, und die schöne Welt war dahin.

Wenn ich dir sage, Rehlein, daß es erst die Zeiten unserer Zweisamkeit waren, die mich daraus emporführten, dann weißt du, wie lange ich in dem dunkeln Tal verweilte. Wer aber im Schatten wandelt, dessen Augen gewöhnen sich an das Dunkle, daß sie empfindlich werden für jeden geringsten Lichtschimmer, und ein Fetzchen Heiterkeit kann ihnen zur Freude werden. Und vielleicht vergißt er, daß es dort oben eine leuchtende Welt gibt, und viel später erst, wenn das Licht ihn wieder aufgenommen hat, weiß er, wie tief das Dunkel, darin er lebte, und er kann nicht mehr begreifen, daß solches auszuhalten war. Und doch mag es bisweilen vorkommen, daß das lichtgeblendete Auge sich leise nach den Tagen zurücksehnt, wo ein Fetzchen Heiterkeit zur Freude genügte.

Aber keinen Schrecken barg für mich das dunkle Tal, den ich nicht irgendwie gewußt hätte in jenem Augenblick, als ich lächelnd zu Mutters Bett hinüberschritt.

Ihr andern saht es nicht wie ich. Auch die Mutter nicht, und als die bessern Tage kamen und sie wieder am sonnigen Fenster sitzen durfte, lebten alle der Hoffnung. Mutter mit einer scheuen, fast kindlichen Freude, Vater mit lauter, weithin sichtbarer Zuversichtlichkeit, und das war mir vielleicht das Furchtbarste: euere Hoffnung sehen und nicht daran glauben können.

Du wußtest wohl von nichts, Rehlein. Langsam wurde dir die Mutter entzogen, nach und nach, ins Krankenzimmer, aufs Lager, ins Unfaßbare, und die andern waren so eifrig, dich nichts merken zu lassen.

 »Das Kind muß seine Freude haben,« meinte der Vater und wußte nicht, daß es zumeist die eigene Freude war, die er bei dir suchte, bei euern Spielen, auf euern Ausflügen, den Fahrten über See und Schlittbahn. Auch Papa Merzlufft sprach so und holte dich zu sich, wann er dich erwischen konnte, und bloß wenn du bei ihm warst, wagten sich seine Lieder hervor, in die du bald einstimmen lerntest. Wie oft lauschten wir euerem seltsamen Zwiegesang, Mutter und ich! Dann lächelte sie wohl wehmütig: »Oh, dieses Stimmchen! Ob es einmal die Stimme findet, die zu ihm paßt?«

Mir aber zählten die Tage nur mehr nach den Stunden, wo ich bei ihr sein konnte. Alles andere war nicht mehr. Ich ging durch mein Examen und war erstaunt, daß ich es mit Auszeichnung bestand, und erfreut erst, als ich Mutters Freude darüber sah. Ich siedelte an die Hochschule über und war nicht einmal erstaunt, hier die Dinge nicht wesentlich anders zu finden als vordem; denn was sie mir bot, war wiederum nichts anderes als Anregung zum eigenen Schaffen. Wo aber war mein erwecktes Herz und das durstige Blut? Mein Dasein war zurückgesunken in das Leben der Mutter, und dieses löste sich langsam von seinen Quellen.

Nach erneuten Blutstürzen hatte Mutter den Platz am Fenster endgültig aufgegeben, und das schmale Gesicht in den Kissen verlor nach und nach den letzten zagen Hoffnungsschein.

Nur der Vater gab seinen Glauben nicht auf. Je stiller es um ihn wurde, desto lauter äußerte er seine Zuversicht. Die Worte des Arztes wußte er nach seinem Willen zu biegen, und von den guten Folgen einer Sommerkur sprach er mit einer Sicherheit, die ins Herz schnitt. Frau Rosalie Merzlufft, die es sich zur Pflicht zu machen schien, ihn auf Unabänderliches vorzubereiten, brüskierte er, daß die Empfindliche sich beleidigt zurückzog; aber auch Mutters leise Andeutungen wollte er nicht verstehn, sondern begegnete ihnen mit einer gezwungenen, humorlosen Munterkeit, die schmerzte.

Und doch spürte man, daß dies alles nichts anderes war als der Selbstbetrug dessen, der nicht den Mut besitzt zu seinem Schicksal; denn gegen die Sicherheit seiner Worte zeugte genügsam sein unstetes Wesen. Es war, als ob er es weder in Mutters Nähe noch fern von ihr aushielte, und seine Rastlosigkeit ging wie Luftzug und Wirbel durch die Stille der Krankenstube.

Mutter sah ihm oft traurig nach: »Es gibt Menschen, die Krankenluft nicht vertragen. Vielleicht sind es die ganz Gesunden oder die unbewußt Kranken oder die Verwöhnten, die dem Anblick nicht gewachsen sind. Aber bei deinem Vater ist es wohl am meisten die Gesundheit, die sich dagegen stemmt. Mit Lieblosigkeit hat dies nichts zu tun; aber es gibt eine Art Tapferkeit, die er nie gekannt hat.«

Auch jetzt noch hatte er das Bedürfnis, allen Kleinkram seines persönlichen Lebens vor Mutter auszuschütten. Da mochte ihm bisweilen irgendein Zug des Leidensgesichtes zum Bewußtsein bringen, daß es eigentlich noch Wesentlicheres zu besprechen gäbe, und solche Wahrnehmungen waren es wohl, die ihn dann unvermittelt aus dem Zimmer trieben.

Als er einmal so mitten aus dem Gespräch davonlief, griff Mutter mit plötzlicher Hast nach meiner Hand: »Du siehst, wie er ist, daß man mit seinem Ungestüm nicht reden kann. So vergeht die Zeit. Ach, er ist ein großes Kind. Oft meine ich, sein wahres Leben werde erst kommen, und ich weiß nicht, ob das dann die Wege sind, die für euch taugen, für dich und für das Rehlein. Siehst du, und da bist du nun mein ganzer Trost. Armer Bub, mir ist, als ob du ihm alles werdest sein müssen dem Kinde, nicht bloß Bruder, sondern Mutter und Vater – alles.«

Es war das erste Mal, daß sie mit mir von dem Nachher redete. Wie hatte ich gezittert vor diesem Augenblick! Nun war auch das über mich gegangen, und ich hatte es getragen, ohne zu zucken. Von nun an aber redeten wir immer davon, immer von dir, Rehlein, und das waren wohl Stunden, wo das stille Leuchten in meine Dunkelheit brach. Wenn du aber selber hereinkamst und mit dem ahnungslosen Stimmchen um Mutters Bett dein »Mumedi« sangst, dann konnte es fast hell um uns werden, und doch fiel es einem nie schwerer, den Schmerz zu bezwingen.

Einmal kam Tante Gritli zur Mutter. Da des Onkels Aussichten auf die Oberrichterstelle in unserer Stadt zunichte geworden und sie in eine andere Stadt gezogen waren, hatte man sich lange nicht mehr gesehen. Die Tante war eine volle schöne Frau geworden, aber mit einem müden verschlossenen Zug. Es war, als ob das Leben alles an ihr zugedreht hätte, während es bei Mutter alles so herrlich erschlossen hatte, sodaß selbst das erlöschende Gesicht lebendiger erschien als das gesundfarbige der jüngern Schwester. Sie waren so verschieden, nur die Ruwenberger Erinnerungen zogen manches Gemeinsame hervor. Tante versuchte heiter zu sein; aber dann mußte es ihr vorkommen, daß sie daran erinnerte, wie sie als kleines Mädchen des Nachts sich in die Zöpfe der größern Schwester verstrickt hatte, damit sie ihr nicht davongehe wie die tote Mutter, und plötzlich brachen sie beide in Tränen aus.

Mutter schalt sich: »So kindisch wird man, wenn die Kraft schwindet; aber ich mußte an das Rehlein denken, du warst damals nicht viel jünger als das Kind.«

Ach Rehlein, so vieles hatte sie auf dem Herzen deinetwegen.

 »Nun wird das Kind zwischen Männern aufwachsen, ihr aber wißt so wenig von uns. Der Mann kennt nur seine eigene Natur, die gewaltsame, die heiße, die herrische oder die zerrissene, aufgewühlte, dunkle, und nach deren Wünschen formt er unser Bild. Und eine Art von Mädchen gibt es, die hat noch kein Mann erkannt. Das Rehlein gehört zu ihnen.

Wohl sieht er die einzelnen Züge, und darnach teilt er uns ein und sagt: Artemis, Aphrodite, Demeter. Daß aber alles in einem sein kann, in eine Flamme verschmolzen, das weiß er nicht, und daß es Flammen gibt, hell leuchtend, allerwärmend und rein wie der brennende Morgen auf weißem Firn, das glaubt er nicht; denn Flamme heißt ihm Glut und schwelender Brand und verzehrendes Feuer.

Nun sollst du aber wissen, du, mein Kind und Bruder meines Rehleins: Artemis, Aphrodite, Demeter, sie sind nicht unterschiedene Gestalten, sie sind die Stufen unseres Daseins, und welche sie alle erreichen dürfte, unbehindert, in freiem Gewähren, sie wäre die Frau, wie die Natur sie will, geschaffen, die Menschen zu erlösen.

Aber ihr laßt uns nicht gewähren. Zwar redet ihr von Reinheit und daß man sie schützen müsse – als ob des Schutzes bedürfte, was selber die große Kraft ist! – doch wenn euch Reinheit begegnet, dann erkennt ihr sie nicht und redet von Kälte und Unnatur als ob es nicht eben die Weisheit der Natur wäre, daß sie jenes Blut am längsten kühl erhält, das berufen ist zur großen Liebe und zur großen Tat.

Aber wie manchen gibt es, der um die große Liebe weiß? Was er so nennt, sind Leidenschaften, und was weiß der triebhaft Gebundene von der Freiheit des Ungefesselten, was der vom eigenen engen Hunger nach Glück Getriebene von jener Freude, die allgemein ist wie das Himmelslicht?

Dieses aber ist Artemis: von den heißen, erdhaften Strömen noch nicht erreicht, hell, klar, allem Hohen, Fernen zugewandt, die reine Kraft, die ganze Freiheit und die große Freude. Aber kein Mann hat Artemis je erkannt, und keiner weiß um das Geheimnis des starken, unbeschwerten, aller hohen Freude offenen Mädchenherzens. Die er begreift, das sind die seiner Art Verwandten, die Gebundenen, zu früh Erweckten und früh Verkümmerten, die aus unkindlich zielhaften Mädchen zu kindisch ziellosen Frauen werden. An ihnen mißt er die andern und weiß nicht, daß es allein die große Liebe ist, die die hellen, die freien, die starken Mädchen zu Frauen macht und daß die große Liebe nicht erjagt und nicht erzwungen wird, daß sie wachsen muß und aufblühen wie jedes Wunder Gottes.

Aber wann hätte ein Mann je warten können? Wenn seine Leidenschaft nicht Liebe findet, so ruft er das Mitleid an und weckt Demeter, ehe Aphrodite erwacht.

So werden aus den starken freien Mädchen die müden stillen Frauen. Und die Freude geht aus der Welt. Ach, Simon, werdet ihr mein Rehlein verstehn? Sein mitleidiges Herzchen, wenn man diesem zu früh Gewalt antäte! Oh, ihr sollt es gewähren lassen: soviel Freiheit und Licht und Freude, das alles muß sich ausströmen, ehe es Raum gibt für die große Liebe. Durch sie aber muß es, da dürft ihr euch nicht täuschen lassen. Du kennst die Geschichte seiner Augen. Das Rehlein wird nicht zur stillen Frau verkümmern. Ihm ist der Weg vorgezeigt. Den müßt ihr ihm lassen, wohin er auch führe. Denn die der großen Liebe Vorbestimmten haben nur den einen Weg; wenn man ihnen diesen verlegt – weißt du die Sage vom Totenvolk? – was dessen Zug hemmt, wird in Trümmer geschlagen.«

Alle vertraute Weichheit verschwand, während Mutter so sprach. Ihre Stimme war fern wie die einer Entrückten und ihre Züge fremd und feierlich wie im letzten Gesicht.

Ich legte meinen Kopf auf ihre Hände, und da geschah es, daß ich meinen Schmerz nimmer bezwingen konnte.

Auf einmal war sie mir wieder nahe: »Armer Bub, soviel lege ich auf dich, und du bist noch so jung. Aber sieh, Vater würde mich niemals verstehen. Du bist ein Teil von mir. Dein Herz wird dich leiten, wo dein Männerverstand den Weg nicht sieht.«

Mein Herz? Ach, Rehlein, was ist nun das Herz!

Mutters Geige sehn und wissen, daß sie nie mehr darauf spielen wird. Und nächtens in seinem Bett liegen und wissen, wie nun Stunde um Stunde das liebste Leben verrinnt. Und sehn, wie im Garten die gelben Primeln aus der Erde schlüpfen und der grüne Schimmer kommt, und wissen, daß nun die Bank unter der Blutbuche leer bleiben wird – den ganzen aufgehenden Sommer, jeden Sommer, alle die unabsehbar vielen Sommer, leer – glaubst du, daß das nun immer noch das alte Herz ist?

Als ihre Hand in der meinen kalt geworden war und Vater sich in unbändigem Schmerz über ihr Lager warf, ging ich hinunter in den Garten. An der Efeumauer sah ich die gewaltigen Blätter, die das vergangene Jahr getrieben hatte. Riesenmäßig standen sie neben den andern. Ich dachte: Die werden nun immer von dem großen Sommer erzählen, immer von diesem letzten Sommer. Und ich erschrak; denn da fühlte ich, daß ich noch lebte. Und war doch mit ihr gestorben.

Hand in Hand waren wir den letzten Weg gegangen. Oh, der Aufstieg voll Qual und dann das Gleiten von Traumwelt zu Traumwelt – goldener Himmel über dem Ruwenberg – und der letzte furchtbare Entschluß und grenzenloses Versinken im Ungeheuren . . . Aber nun saß ich unter der Efeumauer, und der kleine Wind ging mir um die Stirne wie etwas Liebes, das wohltat. Sag, Rehlein, war das nun noch das alte Herz, das sich freute über den kleinen Wind um die Stirne? Versunken, im Ungeheuren versunken. Was da blieb, wie hätte es Wegweiser werden können, untrüglicher Leiter, als das große trügerische Leben kam? Rehlein, auf diesem armen, auf diesem vertauschten Herzen stand dein Geschick.

Wie der Sturm den Baum packt, der bislang am Schermen gestanden, nun aber haben sie den Wald niedergelegt, der ihn schützte, so brach der Schmerz über den Vater herein. Es war furchtbar, den starken Mann so leiden zu sehn, so überwältigt von einem Schicksal, für das er keine Bereitschaft gehabt hatte.

Das Mitleid sammelte sich um ihn, und das Erbarmen suchte ihn abzudrängen vom schlimmsten Anblick. So kam es, daß ich am offenen Grab allein blieb. Ich fühlte den weiten Ruwenberger Himmel über mir, und ich konnte nur eines denken: »Mutter, nun bist du daheim,« und war ohne Träne. Aber als ich dann plötzlich die heiße, hastige Hand an der meinen spürte, brach es doch über mir zusammen.

Doktor Clemens zog mich neben sich auf die Bank an der Kirchhofmauer, und er, der einst zu dem Kinde gesprochen hatte wie zu einem Mann, behandelte nun den Jüngling wie ein Kind, und während seine unsicheren Hände über meine Wangen strichen, liefen ihm die Tränen durch den angegrauten Bart.

Er stotterte: »Simon, lieber, die Weisheit der kahlen Wände, für dich ist das noch zu früh. Das Leben wird dir noch manches Bild aufhängen. Aber ich, du weißt: der blinde Mann, und eines Tages kam sie, die Frau mit den Aurikelaugen. Ich werde ihr immer Blumen bringen, so viele gelbe Rosen. Und im Frühling Vergißmeinnicht und Aurikeln, so hell und warm! Du aber, du brauchst sie nicht aufzusuchen, du hast sie in dir. Das wirst du nun erleben, daß eine Mutter niemals sterben kann, das wirst du nun erleben! Und das Leben ist noch reich und die Weisheit der kahlen Wände weit.«

Als wir im Zug saßen, war Vaters Schmerz bereits beschwichtigter. Er hatte schon etwas um sich von der Wichtigkeit der Witwerwürde. Ich aber war wieder in meiner Starrheit, gefesselt von diesem einen Gedanken: Nun ist noch das leere Haus zu bestehn.

Allein, das Haus war nicht leer, wie ich glaubte. Wenn ich nachts in meiner Kammer saß, alles war still um mich, die Bücher schwiegen. Nur mehr der traute nahe Schein. Und dann war sie da. Nicht mehr mit diesen großen überwachen Augen und den fiebrigen Händen, jung und licht wie in den Ruwenbergertagen und stark und aufrecht wie in den Zeiten, da sie das dunkle Kleid trug, und sanft und verträumt wie in den großen Sommern. Ihre Stimme war um mich. Ihre Hand lag in der meinen, jeder Wimperhauch ihres Wesens war in mir.

Und am Tage, wenn du zu mir hereinschlüpftest, Rehlein. Du legtest dein Köpflein auf meine Knie. Das Seidentuch deiner Haare bedeckte meine Hände, und deine Augen zogen mich in ihre Tiefe. Dann sprachen wir von ihr. Du wolltest vom Himmel hören, und ich erzählte: »Weite, weite Hügel und dunkle Wälder in ihren Tälern, aber das Gewölbe voller Glanz. Und ein wunderschöner Garten: große rote Büsche blühen dort; wenn du vorüberfliegst, fahren dir die roten Blumen ums Gesicht. Aber zuletzt der goldene Saal. Mutter steht mitten darin. Mit der Geige. Siehst du, wie sie lächelt? Und ihre Geige singt, und die goldenen Wände singen und der große Mond und alle nahen Sterne, alle, weil Mutter lächelt.«

Und der Himmel schien dir glaubhaft und vertraut, wie wenn man von der Heimat redet, und deine Augen lachten. Alles Schreckhafte hatte man dir erspart, Rehlein. Erst am zweiten Tag, als ihr Gesicht milder und traulicher geworden war, führte ich dich zu ihr. Von den Kränzen hatte ich weggetragen, was stark und beängstigend roch, und alle Primeln aus dem Garten heraufgeholt, und als dann die Märzsonne durch die gelben Vorhänge das goldene Licht hereinbrachte, war es heiter und feierlich, fast wie am Tage deiner Geburt; denn Vater hatte sich mit seinem Schmerz zurückgezogen.

Als die Männer kamen und der Wagen, da warst du bei Papa Merzlufft oben. Der hatte ein wundervolles Buch entdeckt, das er dir zeigen mußte. Frau Rosalie schüttelte zwar den Kopf: das sei nicht recht, der Schmerz habe auch seine Aufgabe und gehöre zum Leben, und ein Kind müsse dabei sein, wenn man die Mutter wegtrage. Aber da war er wild geworden: einen Hochschein habe sie von einem Rehlein und was so ein Herzchen ertragen könne. Und dann hatte er dir sein Buch gezeigt und dich bei sich behalten, den ganzen Tag.

Weil Mutter, die nichts Schwarzes an dir denken mochte, es so gewünscht, gingst du in den lieben hellen Kleidchen, die sie dir genäht hatte; und du sprachst von ihr, wie von einer Lebenden, und das, Rehlein, war in diesen Tagen die trostreiche Hand.

Aber Vater trug das breite schwarze Band um den Arm, und wenn er von der Mutter redete, war es wie Vergangenheit, und hie und da sagte er nun schon »meine Frau selig«. Das aber war wie der scharfe Schnitt, daß ich es nicht mehr aushielt in seiner Nähe. Auf einmal stand die Kluft offen, und es kam über mich wie in jener Nacht, als die eiskalten Hände nach der Mutter schrien und die Leere sich über mich warf wie das Grauen.

Vater sprach viel von ihr. Meist mit schwerer Klage und wilder Anklage gegen das Schicksal. Oft mit seltsamen, erschütternden Erzählungen, aber immer so, daß es wehtat. Auf dem Schreibtisch hatte er ihre Bilder aufgestellt, alle die lieben, vertrauten Bildchen. Nun standen sie am hellen Tageslicht, und jeder konnte sie betrachten. Da mochte ich nicht mehr in seine Stube. Ich hatte nur ein einziges Bildnis. Es lag in einem verschlossenen Kästchen, und nur einmal des Tages schloß ich auf und nur, wenn alles um mich still und heilig war und keiner in der Nähe.

Einen Tröster in seinem Leid hatte er gefunden in dem Menschen, dem er vorher aus dem Wege gegangen war, in Frau Rosalie. Sie war empfindsam bei robustem Verstand und hatte viel weltläufige Lebensweisheit auf der Zunge. Das aber war, was ihm nottat, die teigge Hand und der bequeme Unabänderlichkeitsglauben. Sie wußte erbaulich darzutun, wie alles im Willen des Schicksals liege und jedem seine Stunde bestimmt und daß dies auch just die rechte Stunde sei. Auch bei Mutter hätte es so kommen müssen. Ihre beste Zeit habe sie gehabt. Sie habe ja noch so jung geschienen, nicht zu glauben; aber eben dies habe ihr nicht gefallen: Gegen die Fünfzig rücken und dabei aussehen wie eine Dreißigerin, das sei unnatürlich, das deute auf einen bösen Umschlag und ein schlimmes Alter. Nun, dem sei sie jetzt enthoben. Und sie legte die dickste Mitleidsqualle um Vaters Witwenschmerz, daß er sich wohlig umhüllt fühlte und ihr gläubig lauschte.

Aber Papa Merzlufft wurde unwirsch: »Vorbestimmt, rechte Stunde? Saker Strahl, wenn man das Rehlein anschaut! Ein schöner Trost, daß das Schicksal grad so stumpfsinnig sei wie die Menschen!« Und er nahm mich auf die Seite und hatte eine gute väterliche Art, meine Hand zu fassen. »Das Rehlein, seht, jetzt weiß es ja von nichts, und Ihr tragt hundertmal schwerer daran. In Eurem Alter, wenn es da einschlägt, man meint völlig am schlimmen Rank zu stehn. Ich weiß, mich traf es auch just in den Jahren. Nun, meine Mutter war nicht ein schöner und feiner Engel wie die Eure, sondern eine karge Frau, die das Leben hart gemacht hatte; aber sie war meine Mutter. Und selbmal, als ich in schlechte Gesellschaft geriet und auf liederliche Wege, da hielt sie keine lange Predigt, aber hatte einen küstigen Text. An der Aare unten zeigte sie mir den Strudel: ›Schau, mit drei Jahren bist du da hineingefallen. Daß der Bello dich herauszog, war wie ein Wunder. Drei Nächt hab' ich dem lieben Gott dafür gedankt; denn ich war eine arme Witfrau und du mein einziger Trost. Aber heute, wenn du auf dem Weg fortfahren willst, wo du jetzt stehst, besser wär's, der Bello hätte dich damalen nicht erwischt!« Das hat geholfen und mich auf den geraden Weg zurückgestellt; daß ich aber darauf blieb, mein Leben lang, da war auch wieder nur sie schuld. Vielleicht die Tote mehr als die Lebige; denn das weiß keiner, der's nicht erlebt, wie gewaltig die tote Mutter in einem ist, wenn man alt genug werden konnte, um sie zu verstehn. Um sie inwendig zu begreifen. Soweit seid Ihr, Simon. Dankt dem Herrgott dafür. Aber das Rehlein? Was weiß es von ihr? Zu denken, was es nun verliert jeden lieben Erdentag. Da müssen halt wir andern ein wenig aufkommen. Was in meinen schwachen Kräften steht, Ihr kennt mich, Simon. Aber vor allem Ihr. Ihr seid ein Teil von ihr, Ihr habt sie in Euch, und dann, es wird auch der beste Trost für Euch sein.«

Als Mutter eingesehen hatte, welchen Weg es mit ihr ging, und ihre Krankheit eine Hilfe nötig machte, war sie darauf bedacht gewesen, einen Menschen zu gewinnen, dem sie die Sorge überlassen konnte. Auch für nachher. So ist Luise in unser Haus gekommen, die jüngste Tochter des frühern Pächters vom Ruwenberg, die sich in auswärtigen Diensten Erfahrung und Übung erworben hatte. Ein stiller, unbestimmbarer Mensch, der die große Eigenschaft besaß, da zu sein, wenn man ihn brauchte, und zu verschwinden, wenn man seiner nicht bedurfte. Sie hatte ein Gesicht, das man sich nicht merken konnte und das sozusagen kein Gesicht war. Dafür war ich ihr dankbar und daß sie, wenn ihr unter der Blutbuche waret, so dasaß in ihrer Unscheinbarkeit, als ob niemand dort wäre. Und dankbar, daß sie in deiner äußern Gestaltung sich so genau an Mutters Gewohnheiten hielt und dir weiter diese knappen, kurzen Kleidchen nähte und dir die freie, bandlose Mähne beließ, über die Frau Rosalie ihren Kopf mißbilligend schüttelte.

Aber Papa Merzlufft war sehr zufrieden: »Tragt ihr Sorge, der Luise, das ist eine rechte Person. Ich hab' sie beobachtet, als sie's nicht wußte. Sie ist gut mit dem Kind, sie sorgt für das Äußere und läßt es im Innern gewähren.«

Mit dem Frühling hatte Vater deinen Unterricht begonnen. Niemand hatte daran gedacht, man könnte dich in die öffentliche Schule schicken, und als Frau Rosalie diese Frage aufbrachte mit Betonung ihrer Anschauung, daß es nicht gut sei, ein Kind anders zu behandeln als andere, und daß jedes Ausnahmewesen vom Übel, waren Vater und Papa Merzlufft einmal einig gegangen in der resoluten Festsetzung, daß man einen Wunderkind nicht den Schlepptrog einer stumpfsinnigen Schulklasse anhängen dürfe.

Somit warst du auch äußerlich eingetreten in die abseitige Welt des Besondern, die Welt, darin es keine Schulbänke gab, keine kleinlich verzierten Mädchenkleider, keine ängstlich geflochtenen Zöpfe, aber auch kein unbekümmertes Eintauchen in die frische allgemeine Welle, kein frohes Sichfügen jenem Willen, der Jugend an Jugend bindet. Und vielleicht mußte es so sein, weil es in deiner Art begründet schien und deine Art zur Blüte brachte, und vielleicht war es dein Verhängnis, Rehlein.

Zunächst freilich war dieser Unterricht wohl ein Glück für Vater und dich. Er riß ihn heraus aus seiner empfindsamen Beschäftigung mit seinem Leid und gab deinem Leben neue Wege. Mich aber drängte eure gemeinsame, mit eigentlicher Leidenschaft betriebene Arbeit tiefer in die Stille meiner Studierstube. Die Stunden, wo du zu mir kamst, wurden seltener und kürzer, und wenn du auch immer lieb und herzlich mit mir umgingst, es war doch ein anderes, wann Vater heimkam und du ihm mit allem Ungestüm und tausend Zärtlichkeiten an den Hals flogst. Du aber warst ihm nicht bloß Kind und Schülerin. Sein Mitteilungsdrang trieb den Verwaisten, dich zur Vertrauten zu machen in so vielen Dingen, die weit über deinem Köpflein lagen; aber du hattest ein offenes Herzchen für alles, was von ihm kam.

So ging der Sommer dahin. In meine Kammer schaute er nicht hinein; denn meine Kammer war blind geworden, und das Licht, von dem sie lebte, kam nicht von außen. Nur dein Stimmlein, das wieder in allen Liedern durch den Garten schweifte, drang zu mir und streichelte mich; doch wenn sich mit dem steigenden Sommer hie und da auch Vaters Pfeifen ihm zugesellte, dann tat es weh. Hingegen war es fast unheimlich, daß Papa Merzluffts Baß so völlig verstummt war.

 »Das Rehlein, ja, das soll singen,« meinte er »,das ist wie die Vögel; es wäre nicht gut sonst. Aber unsereiner? Wenn auf dem Bauernhof der Meister stirbt oder die Meisterin, dann ziehen die Kühe ohne Treicheln auf die Weide. Vor den Kühen schämen müßte ich mich mit meiner Baßgeige.« Und er schwieg beharrlich. Daß es ihm aber nicht leicht wurde, das bewiesen die vorweltlichen Laute, die hie und da des Nachts aus seinem offenen Kammerfenster unheimlich in die Stille hinausquollen, vom Traum erweckte, vom Schlaf erstickte Liedfetzen, in denen das unterdrückte Sängerherz sich Luft machte.

Gewiß war es auch seine vergewaltigte Natur, die ihn so oft aus dem Hause trieb, und da er selten ohne dich ausging, half auch er mit, dich mir zu entziehen.

Indessen litt ich nicht darunter. Immer mehr hatte ich mich eingesponnen in meine vorgestellte Welt und das Gewesene zur allmächtigen Gegenwart gemacht, und immer mehr versank, was um mich war, ins Unwesentliche. Während ich aber in meiner Versenkung mich von der Qual befreite, suchte der Vater in der Zerstreuung die Leere zu vergessen. Die Entwicklung der Dinge bot ihm dazu Gelegenheit. Seine Kandidatur für den Stadtrat war wieder aufgelegt. Das brachte ihm zu Arbeit, Spannung und Aufregung erwünschten Anlaß. Anlaß zur Abkehr von jenen Gedanken, die ihm Schmerz brachten.

Ich fühlte diese Atmosphäre der Abkehr, sobald ich aus meiner verschwiegenen Kammer in eure lautern Stuben kam. Mir war zumute wie einem Schweißbedeckten, den man zwischen zwei offene Türen stellt das Frösteln ging mir ins Mark und war wie ein scharfer Schmerz. Vaters angeregte Erfülltheit zog die Öde grausam ans Licht. Je mehr Leben von außen hereindrang, desto verlassener erschien mir das Haus. Auf einmal sah ich nur mehr die leere Fensterecke, den leeren Platz am Tisch, das starr eingedeckte Bett, und oft war es um mich wie der Geruch von Totenblumen. Auch deine Heiterkeit, Rehlein, die sich an Vaters Aufschwung nährte, tat mir nicht immer wohl. Und als dann der Vater seine Wahl in den Rat bei einem kleinen Mahl mit Freunden feierte und dabei in gefühlvoller Rede beklagte, daß Mutter diesen Tag nicht habe erleben dürfen, schlich ich mich vom Tisch, und während sie oben auf den neuen Stadtrat toasteten, empfing mich in meiner Kammer Mutters feines, schmerzliches Lächeln. An jenem Abend faßte ich den Entschluß zur Reise.

Vater ging mit Lebhaftigkeit auf meinen Plan ein. Ein paar auswärtige Semester, das habe noch keinem geschadet, und da ich mich nun einmal den unheimischen Fächern der alten Sprache und Kunst verschrieben habe, werde mir wohl nicht viel anderes bleiben als das Wandern.

Wenig Tage nachher reiste ich. Es war kein Sichlosreißen, es war eine Flucht, und die Fremde war nicht das Unvertraute; denn sie gab mir, was die Heimat nicht mehr gewährte, die ungestörte Gemeinsamkeit mit der innern Welt.

Das war nun die große glänzende Stadt und dieses bunte Leben. Hundert heischende Arme streckt es nach einem aus und verschmäht keinen; denn es will nur den bunten Strom, ob Gestalt oder Ungestalt, darnach fragt es nicht. Und ich bin nicht immer vorbeigegangen an dem Strudel, Rehlein. Es gab Zeiten, wo ich es herrlich fand, aus der Einzelhaft meines Daseins herauszutreten und unterzutauchen im allgemeinen Strom, und wo mir solches Leben wichtiges, aufschließendes Erlebnis schien. Aber wenn ich heute jene Semester betrachte, weiß ich, daß es darin doch nur zwei Dinge von Wichtigkeit gab: die Stunden, wo ich über der Anschauung der großen Kunst mich selbst vergaß und Ewiges ahnte, und jene, wo ich im eigenen Werk mich selber fand. All diese Stunden aber fühlten die Nähe der Mutter.

Auch jene Liebe, in der sich damals meine schweifenden Empfindungen und die erregte Sehnsucht sammelten und die mir übermächtig schien, zählte daneben kaum, wäre es nicht die erste Liebe gewesen und wäre sie nicht in Enttäuschung und Beschämung grausam zu Ende gegangen. So aber riß sie mich aus meinen Zusammenhängen, machte mir die schon vertraute Stadt fremd und erregte das Heimweh, daß meine Gedanken immer häufiger in die stille Kammer am Klostergärtlein zurückkehrten und ich auf der Straße mit lautem Herzen jedem langhaarigen Mägdlein nachblickte, das irgend deines Alters sein konnte, Rehlein.

Die Nachrichten von daheim waren nicht emsig geflossen. Vater schrieb selten, und es stand nicht sonderlich viel in seinen wortreichen Briefen. Später kamen die Zettelchen von dir, und wenn sie auch noch kurz und unbeholfen waren, in der Art, wie deine unfertigen Buchstaben über das Papier gingen, langhälsig und mit schlanken, feinen Beinchen, war etwas, das mir inwendig heiter machte.

Vater übermittelte sie mir mit dem ungezähmten Lob seiner kleinen Schülerin, die ihm das Schulmeistern bei den großen Dummköpfen schier verleide. Aber dann kam jenes Brieflein, dem Papa Merzlufft die Adresse geschrieben hatte:

 »Lieber Simon. Ich habe eine große Burg gebaut. Aus Bauhölzer; aber der Saal ist ganz goldig. Papa Merzlufft hat mir das Papier gegeben, es glänzt so. Wenn es dann Frühling ist, will ich viele Blumen zwischen die Hölzer tun. Das ist dann wie ein Garten und wunderschön, wenn Goldener kommt. Es ist nun schon bald Frühling. Bei der Mauer kommen die grünen Spitzlein hervor. Aber Guido und Emil haben sie zertreten und nur gelacht, als ich weinte. Sie sind sehr böse. Der Vater glaubt es nicht, aber Papa Merzlufft glaubt es, und du mußt es auch glauben. Ich küsse dich. Dein Rehlein.«

Bei den mir unbekannten Knabennamen stand ein Vermerk von Papa Merzlufft: »Das sind die Buben der Marschwanderin. Lieber Herr Simon, es wäre nun schon gut, wenn Ihr dann heimkämet.«

Das wirkte wie der Riß in der Nebelwand. Auf einmal sah ich meine Seelenlandschaft in schärfster Beleuchtung, und ich erkannte, wie ich in lauter Selbstsucht gelebt hatte. Fortgestohlen hatte ich mich, als es daheim anfing, leer zu werden, das Bild der Mutter hatte ich mitgenommen und eifersüchtig bewahrt, und alle Erlebnisse, die äußern und die innern, waren mir zu Bausteinen geworden an das kostbare, grenzenlos selbstische Gebäude meiner Einsamkeit:. Indessen kamen die bösen Buben, zertraten deine Schneeglöckchen und lachten, wann du weintest, und Vater glaubte nicht, daß sie schlimm seien. Du aber gingest hin und bautest Burgen für einen, der kommen sollte, um dir zu helfen, und war ein goldener Märchenprinz.

Und war da nicht ihre herzzerreißende Stimme: »Ach, Simon, werdet ihr mein Rehlein verstehn!«

Ich antwortete nicht mehr auf deinen Brief. Mein Plan, das neue Semester an einer neuen Universität zu verbringen, war augenblicklich dahin. Als mein Zug aus dem Bahnhof fuhr, wandte ich nicht einmal den Kopf nach der Stadt zurück in der ich so lange geweilt hatte, stark und innerlich, als ein Abgewandter und doch lebendig und heiß.




Zweites Buch

Die weiße Treppe

Ein stürmischer Tag sprang schon der Nacht in die Arme, als ich in meiner Vaterstadt eintraf. Niemand wußte von meiner Ankunft, und keiner erwartete mich am Bahnhof. Nur der märzliche Föhn warf mir den heißen Gruß ins Gesicht, und der Fluß toste urvertraut um die Pfeiler der Holzbrücke; aber in den abendlichen Gassen erschien kein bekanntes Gesicht.

Als Luise mir öffnete, ging durch ihr Staunen ein erleichtertes Aufatmen, und ungemeldet ließ sie mich ein.

Rehlein, es sind so wunderbare Bilder, die mir dich zeigen: Wie du vor Papa Merzluffts Lager standest, innig gebogen auf deine Geige wie einer der Cherubim, deine Augen ganz offen und voll vom unbegreiflichen Glanze jenes Liedes, darüber der Alte lächelnd von hinnen ging – und als Peter Grüning kam und du in den Flur tratest durch die sonnige Türe, und alle Helligkeit schien von dir zu kommen – und dann droben auf diesen Hügeln, ach, so getaucht in Freude wie eine schlank auflodernde Flamme unter dem fiebernden Abendhimmel . . . Aber nie sah ich dich rührender als an jenem Abend, da ich unbeachtet das Zimmer betrat.

Du lagst lang ausgestreckt auf dem nackten Boden und dein winterblasses Gesichtchen schimmerte über dem dunkeln Teppich deiner Haare. Du sahst mich zunächst nicht; denn deine Augen hingen an deiner Burg. Sie füllte den Erker, und in dem goldpapiernen Saal brannten ein paar winzige Kerzchen. Das gab ein wunderliches Leuchten, deine Augen schienen dunkel davon und übergroß und du andächtig wie eine kleine Katakombenheilige. Herzergreifend fremd war dieser Anblick; doch wie du mir dann am Hals hingest und dein heißes Ungestüm um mich war, wußte ich, daß es für mich noch eine lebendige Heimat gab. Aber nur diese allein.

Vaters Überraschung gebärdete sich sehr freudig und laut; aber die Herzlichkeit geriet nicht ganz. Irgendein Unbehagen schien zwischen uns zu stehn. Es fiel mir gleich auf, daß seine Locken sich wieder höher bauschten über der Stirn und daß er ungewöhnlich sorgfältig gekleidet war, und wenn ich dies auch mit einem Lächeln der stadträtlichen Würde zuschob, ich empfand es doch als etwas Fremdes und Peinliches. Seine jugendliche Aufgeräumtheit stimmte nicht zu dem Bild, das ich von ihm bewahrte, und rief schlimmsten Erinnerungen. Ich war mir auch seit langem nicht mehr so klein und verwachsen vorgekommen wie unter seinen hastig zugreifenden Blicken.

Über meine Wanderjahre ging er mit ein paar lebhaften Fragen hinweg, die ausholenden Antworten keinen Raum gaben. Dann, als wir bei Tisch saßen, erzählte er von sich, von seiner politischen Laufbahn. Der Stadtrat, das sei nur ein erster bescheidener Anfang. Es werde anders und besser kommen, und den Schulmeister werde er bald endgültig an den Nagel hängen können.

Er lachte vergnügt: »Siehst du, darin hat deine Mutter mich nie verstanden. Sie glaubte mich partout auf die Schulmeisterei zurückschrauben zu müssen, als ob ich mit dem Bakel zur Welt gekommen wäre. Das Gegenteil ist wahr: Ich bin dazu geschaffen, ins Große und Allgemeine zu wirken. Aber sie gehörte nicht zu den Frauen, die Männerkraft zu ermessen vermögen. Schade, daß sie davon nun nichts mehr weiß.«

Ich bog meinen Kopf tief über den Teller, damit man nicht gewahrte, wie es mir ins Gesicht stieg. Zu irgendeiner Antwort hatte ich weder Stimme noch Beherrschung. Es ging durch mich wie ein Frost, und doch war ich ihm dankbar, daß er »deine Mutter« gesagt hatte. Dadurch erschien sie wie von ihm losgetrennt.

Dann kam er auf dich zu sprechen, Rehlein, und die Lobsprüche seiner Briefe erhielten Erneuerung und Zuwachs, und immer wieder frohlockte er: »Es ist nicht zu glauben, wie das Kind mir gleicht!« Ich aber betrachtete dein feines Köpfchen mit den abgründigen, goldig durchleuchteten Augen unter dem tiefen Wimperschatten und das helle blaue Geflacker in seinem offenen Gesicht und wie bei dir alles still und wunderlich aus unerklärlichen Tiefen zu kommen schien, bei ihm aber lag es laut ausgebreitet am Tage.

Nach dem Essen setzte er sich ans Klavier, und während seine Hände in heißen, überstürzenden Akkorden wühlten, warf er den Kopf weit zurück mit vorgeschobenem Kinn, daß der Bart unschön herausstand. Dann wandte er sich mit einem plötzlichen Ruck nach mir:

»Nun sollst du sehn, was das Hexlein alles kann!« Aber Luise stellte sich mit ruhiger Bestimmtheit dazwischen. Sie möchte nur an Frau Merzlufft erinnern und daß sie nun wohl Ruhe haben sollte.

Sofort schloß er das Klavier: »Daß ich das vergessen konnte!« und erklärte mir, die arme Frau sei krank; zwar werde es nicht so schlimm sein, denn bei ihr krächle es ja schon immer; aber der Alte sei nun so, daß er sie schon im Sarge sehe. Jammerschade sei es nur, daß das Rehlein mir nun nicht etwas vorsingen, vortanzen und vorspielen könne.

Aber du legtest dein seidenes Gesichtchen auf meine Hände: »Ich will nicht spielen jetzt. Jetzt will ich bei Simon sein.«

Da sprang der Vater lebhaft auf: »Das ist recht, und ich will euch dabei nicht stören. Ich muß ohnedies noch ausgehen diesen Abend.«

Es fiel mir auf, wie er das sagte, leichthin, wie die natürlichste Sache, und doch lag dabei ein merkwürdiges Lachen in seinen Augen, und eine Röte stieg ihm in die Stirne. Bald darauf kam er mit schön gebürstetem Bart aus dem Schlafzimmer und verließ leise pfeifend das Haus.

Später setzte ich mich noch an dein Bettchen. Du hattest die Haare in feste Zöpfe geflochten. Das machte dich andern kleinen Mädchen ähnlicher, bezähmter, aber auch ein wenig bemitleidungswürdig. Dein Gesichtchen war auf einmal so nackt und preisgegeben.

Ich streichelte deine bloße Wange: »Rehlein, hast du auch etwa Heimweh nach mir gehabt?«

Du wurdest ein wenig verlegen: »Früher nicht gerade. Weißt du, es war so lustig mit dem Vater. Und auch mit Papa Merzlufft; aber mit Vater am meisten. Oh, du weißt nicht, wie lieb er ist. Bei dir hat er immer gleich so einen steifen Hals und schwere Worte; aber wenn wir zusammen hinausgingen, in den Wald und ganz hoch hinauf in den Berg! Früher, als ich noch klein war, hat er mich oft heimgetragen, hoch auf der Achsel oder auf dem Kopf – es war furchtbar schön, und am Abend, wenn ich schlafen mußte, spielte er mir so schöne Sachen auf dem Klavier. Gerade wie im Himmel. Aber seit er nicht mehr viel Zeit für mich hat und am Abend immer fortgeht, da habe ich oft gedacht, wenn du jetzt nur kämest. Und weißt, Luise ist ja schon bei mir, bis ich schlafe; aber wenn ich später wieder erwache, weiß ich doch, daß sie nun in der Mansarde oben ist, und dann muß ich immer an die vielen schwarzen Stuben denken, die alle ganz leer sind. Bis Vater kommt; aber das geht oft so lange!«

Ich suchte dich zu beschwichtigen: »Fürchten wird sich doch so ein tapferes Rehlein nicht!«

Da schütteltest du lebhaft den Kopf und wurdest ein wenig rot: »Nein, grad fürchten nicht. Ich denke dann an Goldener und daß es doch viel schlimmer ist, so allein in dem großen, großen Wald, und oft wird es so, daß ich ihn sehen kann, und das ist dann so schön, und ich denke gar nicht mehr an die schwarzen Stuben.«

Deine Augen standen weit offen. Die Wimpern wie Strahlen ausgebreitet, und alles Gold trat zutage. Ich faßte deine schmalen Hände: »Ja, und von nun an weißt du, daß da unten, just unter deiner Kammer, dein großer Bruder ist, und du brauchst nur mit dem Stuhl ein wenig den Boden zu klopfen, dann hört er's und kommt schnurstracks zu seinem Rehlein.«

Du preßtest mir heftig die Hand, und dann lauschten wir dem Föhn, der laut schreiend um die Mauern fuhr. Du leuchtetest: »Das ist fast so schön wie Vaters Musik.«

Dann schwiegen wir. Ich dachte an die Zeiten, da auch ich in diesem Bettlein lag, und wie ich mit Herzklopfen wartete, bis Mutter heimkehrte, schön und strahlend im festlichen Kleid, und später, wenn Vaters Stimme durch die Wände drang und Mutter von Zeit zu Zeit herüberkam, um zu sehen, ob ich schlafe. Sie beugte sich über mich, und ich fühlte ihren warmen Atem und mußte die Fäuste zusammenkrallen, um nicht zu verraten, daß ich noch immer wachte und ihren Gesprächen lauschte. Und weiter – weiter, wenn die Nachtglocke schrillte und sie noch schnell zu mir herüberhuschte, ernst und geheimnisvoll in dem dunkeln Mantel. Immer war ihre Liebe um mich gewesen; du aber lagst nun einsam da, nichts als Luisens unbestimmtes Gesicht und diese Träume, die ich dir nicht nehmen wollte und die mich doch mit Unbehagen erfüllten.

Ich streichelte deine Hände, bis du unter einem glücklichen Lächeln eingeschlafen warst. Und nun glichest du wieder irgendeinem lieben kleinen Mädchen mit diesen festen Zöpfen und den entblößten Wangen.

Ich verließ deine Kammer nach der Seite von Vaters Studierstube. Es war mir an diesem Abend nicht möglich, das Zimmer zu betreten, wo nun der Vater allein schlief neben dem starr eingedeckten Bett und sich schön machte und leise pfiff, wenn er den Bart bürstete.

Auf seinem Schreibtisch standen Mutters Bilder immer noch in derselben Folge. Nur das liebe Daguerreotyp war von dem Aschenbecher schief nach hinten geschoben. Ich zog es hervor hinter diesem gemeinen Räucheraltar, darin ein halbverqualmter Zigarrenstummel übelriechend lag, und brachte es unter die Lampe, daß das halbverhüllte Bildnis klar aus dem sanften Silbergrund hervortrat.

Es zeigte Mutter als junges Mädchen. Mit hangenden Zöpfen und im hellen Kleid. Und mit solchen Augen! Wie hatte sie doch einst gesagt? »Eine Welt könnte man vergolden mit der Freude eines einzigen klargewachsenen Mädchenherzens –« Ja, so waren diese Augen und so auch der liebliche Mund und der schlanke Hals zwischen den dunkeln Zöpfen, alles geschaffen, um der Welt zu schenken, was ihr am meisten nottat.

Ich drückte das kalte Glas an meine heiße Wange; doch als ich es wieder dem Lichte näherte, war mir einen Augenblick lang, als ob es dein Bild wäre, Rehlein, das dem matten Silber enttauchte. Nur einen Augenblick lang; aber ich erschrak im Innersten, wie über einem Wunder: Ja, ihr waret eins im letzten Sinn, und in diesem Augenblick legte Mutter dich mir neu ans Herz.

Ich fühlte es wie Offenbarung, und der Kuß, den ich auf das wunderbare Bildnis drückte, war Gelübde. Und nun hätte ich es wieder hinter den übelriechenden Aschenbecher stellen sollen? Rasch entschlossen nahm ich es an mich. »Deine Mutter« hatte Vater heute gesagt. Wer also hatte das erste Recht darauf? Mochte es zum Streit kommen! Ich wappnete mich mit Trotz. Aber ich konnte diesen für anderes aufsparen. Nie hat Vater nach dem Bildnis gefragt.

Der Föhn, der mir des Nachts mit grausamem Gebrüll, mit wimmernden Klagen, mit höhnischem Gelächter und qualvollem Aufschrei den Schlaf verscheucht hatte, brauste am Morgen wie ein Jubellied durch die Kammer, als gelber Sonnenschein und tiefstes Himmelblau mein offenes Fenster füllten. Und als ich dann an deiner Hand durch den Garten lief, war mir zum erstenmal seligwehmütig wie einem Menschen, der die Heimat wiederfindet.

Die zertretenen Schneeglöcklein an der Mauer suchten sich wieder aufzurichten, andere standen im vollen Blust und dem Wieslein entsprangen die gelben Krokusflämmchen. Die Geißblattlaube zeigte schon lange Triebe und lustig aufstrebende Blättchen; aber das Bild im Fenster war von zornigem Blau ganz erfüllt, denn der grollende See hatte den heißen Himmel eingesogen.

Du ließest dich mit ausgebreiteten Armen und flatternder Mähne vom Sturme treiben wie ein losgelöstes Blatt und tanztest um mich, golden und flink wie ein Eichhörnchen um den armseligen Weidenstrunk. Aber als der Sturm einen Augenblick aussetzte und ich plötzlich von oben her Papa Merzluffts Baß vernahm, da überließ ich dich deinem Taumel und lief unverzüglich treppauf.

Unter der Türe traf ich mit dem Alten zusammen. Ich lachte: »Da muß man nicht lange fragen, wie es der Frau geht, wenn Sie wieder singen mögen!« Er brummte etwas von Besserung, aber tat dann einen mächtigen Schneuzer und wandte sich ein wenig, daß ich es nicht sehen sollte, wie er mit dem geblümten Tuch noch etwas höher fuhr, über die Augen hin. Dann begrüßte er mich laut und herzlich und nahm mich in die Stube und wußte allerlei lustige Schnurren über mein magistrales dunkles Kleid und das Backenbärtchen und daß ich den Schnurrbart nicht wachsen ließ.

Aber dann zog er mich an das Fenster, das vom Schlafzimmer am weitesten entfernt war, und versuchte seinen Baß zum Flüstern zu dämpfen: »Das mit dem Singen, lieber Herr Simon, das stimmt jetzt halt nicht; aber wenn ich auf einmal aufhörte, merkte sie etwas. Seht, es ist nicht gut; denn nun gilt es dem Herzen. Doch wenn ich es nur dazu bringe, daß sie keine Angst haben muß. Was nachher ist, das habe dann ich zu verwerken; aber vorher, wenn sie nur bei Hoffnung bleibt. Und nun sing' ich halt.«

Ich fand keine Antwort. Ich sah, wie ein rötlicher Schleier über den sonst so klaren Augen lag und wie das gute Gesicht fahl war zwischen der weißen Wildnis von Bart und Haaren. Doch als wir uns die Hände drückten, wußte ich einen Augenblick, wie es sein mußte, wenn man einen Vater hatte, zu dem man gehörte, und diese Empfindung voll Schreck und Freude übertönte schier das Mitleid.

Dann sprachen wir wieder laut und von allgemeinen Dingen.

Auf einmal wies er mit heftiger Gebärde nach dem Garten: »Seht, da sind sie wieder, die Sackerloter!« Sein Gesicht wurde zornrot.

Ich sah unten zwei Buben, wie sie mit fliegenden roten Schlipsen und fliegenden schwarzen Locken durch die Weglein rannten. Sie waren schlank gewachsen und hübsch, daß ich über Papa Merzluffts Eifer lachen mußte.

Er aber machte das ernsteste Gesicht: »Was Kinder angeht, ich versteh' mich auf den Artikel, und glaubt mir, das ist übles Gezücht, und es brauchte noch lange kein so rares Persönchen wie das Rehlein, damit es hundertmal zu gut wäre, um mit denen zu spielen. Aber das sieht nun Euer Vater nicht ein.« Er räusperte sich und legte dann beide Hände auf meine Schultern: »Das wißt Ihr nun vielleicht noch gar nicht einmal, der Marschwander ist tot, schon bald seit einem Jahr. Schade war es gewiß nicht um ihn; denn er war ein rechter Unflat. Und kurios war es auch, wie sich der starke Kerl eines Tages hinlegte und tot war. Einenweg, den bösen Lärm über die Frau will ich nicht nachsprechen; aber verdammt gelegen ist er ihr gestorben, das glaub' auch ich, allen meterlangen Witwenschleiern zum Trutz. Item, mehr mag ich heut nicht sagen. Ich muß nun zu meiner Frau; aber daß Ihr gekommen seid, Herr Simon, das ist recht. Und nun tut in Gottes Namen die Augen auf.«

Schwer bedrückt schlich ich die Treppe hinunter, und es war mir fast wie Erlösung, als ich im Flur auf die Männer traf, die meine Bücherkisten hereinbrachten. Das gab willkommene Arbeit! Treue, liebe, verläßliche Freunde in all der Bedrängnis und dem fremden Wesen und den alten guten Geist in meine ausgeraubte Bude! Ich mochte es kaum erwarten, bis ich aus den geöffneten Kisten Buch um Buch herausnehmen und die gähnenden Regale füttern konnte. Mit jedem Lupf wurde mir heimischer und sicherer zumute; langsam baute sich die Welt um mich, die meine eigene war.

Da stürztest du herein. Nie vorher hatte ich dich so gesehn, Rehlein. Dein Gesichtchen grünweiß, die Augen schreckzerrissen, die Hände flatterten, und als ich dich in den Armen hielt, spürte ich, wie dein ganzer Körper in Zuckung war, und die Schluchzer, die dann hervorbrachen, hatten nicht deine Stimme. Endlich erriet ich soviel, daß es draußen im Garten war und mit den Buben zusammenhing. Ich legte dich, die mir in einem Weinen sich langsam zu beschwichtigen schien, auf mein Bett und ging in den Garten.

Hinter der Blutbuche traf ich sie. Sie waren beschäftigt und so vertieft in ihr Werk, daß sie mich nicht gewahrten. Über einen Holzklotz hatten sie ein Brett gelegt, wie eine Schaukel. Eben warfen sie einen großen Stein auf dessen freischwebendes Ende, und das aufschnellende schleuderte etwas Dunkles in die Luft. Als dieses auf die Erde niedersauste, zeigte es sich, daß es eine große Kröte war. Halb geborsten, mit elend ausgebreiteten Gliedern lag sie da. Aus welchem Kellerloch mochten sie das winterschläfige Tier hervorgeholt haben, um es dermaßen zu Tode zu martern! Nun warfen sie sich triumphbrüllend darüber, um es neuerdings auf die Sprenge zu legen. Mich aber erfaßte ein solcher Zorn, daß ich mit beiden Händen in die schwarzen Bubenlocken griff und die zwei Köpfe unsanft zusammenstieß.

Heulend fuhren sie auf. Allein mein Anblick brachte sie sofort zum Schweigen. Sie betrachteten mich neugierig und spöttisch; aber sie waren doch soweit eingeschüchtert, daß sie unverzüglich den Garten verließen und versprachen, das verendende Tier sofort in den Fluß zu werfen. Als ich jedoch das Gartentörlein hinter ihnen schloß, hörte ich ein Kichern und dann eine verstellte Fistelstimme:


»Wenn i i myn Garte goh,

Lauft mir d's Buggelimannli noh!«


und erneutes, andauerndes Gelächter.

Nach dem Essen brachte ich die Sache vor den Vater. Ich glaubte, durch diese Geschichte ihn endgültig von seiner Verblendung zu heilen; denn er war jedem feind, der dir etwas zuleide tat, Rehlein, und die Erschütterung hatte sich bei dir noch nicht völlig gelegt und hatte deutliche Spuren zurückgelassen auf deinem bleichen Gesichtlein. Zudem war er ein leidenschaftlicher Tierschützler. Nun aber schien er aus meiner Erzählung nur das eine zu hören, daß ich die Buben gestraft und fortgejagt hatte. Darüber geriet er in unbemeisterten Zorn: Ob ich mir denn einbilde, ich hätte zu entscheiden, wer in seinem Hause verkehren dürfe und wer nicht? Ob das nun am ersten Morgen schon wieder anfangen müsse mit dem zimpferlichen Wesen, da er doch geglaubt habe, dem Rehlein den weichlichen Ruwenbergergeist endgültig ausgetrieben zu haben? Lächerlich, ein solches Getue wegen einer derartigen Lappalie! Das Krötensprengen sei doch von jeher von den Buben geübt worden, Kinder seien nun einmal grausam, und das sei ihm immer noch lieber als so waschlappige Sänftlinge. Überhaupt, der Wahrheit zuliebe müsse es einmal gesagt sein: Mit ihrer seelischen Verzärtelung habe Mutter uns wenig genützt. Das blaue Blut habe sie eben nie verleugnen können. Nun sei es aber das warme rote Blut, dessen der Mensch bedürfe, und solch rotblutige, robuste Kerle seien die beiden Marschwander, und wenn vielleicht auch der südliche Zuschuß vom Großvater her etwas Wildheit in sie gebracht habe, bei richtiger Behandlung werde die schon zur Tapferkeit sich läutern; im übrigen seien es ja wahre Prachtsjungen, rassig und schön, daß man seine Freude an ihnen haben müsse. Und kurz und gut, wir sollen es uns nur merken, wer denen etwas zuleide tue, habe es mit ihm zu schaffen.

Ist es nun verwunderlich, wenn ein Mensch, den man hinten mit einer Keule über den Kopf schlägt, sich zu wehren vergißt, weil Überraschung und Schmerz ihn lähmen? Vaters Worte waren schlimmer als solch ein Keulenschlag; denn sie trafen nicht nur mich, sondern, was mir das Heiligste war, Mutters Andenken. Und da war der Abgrund, in dem das Entsetzen saß.

Mein Schweigen schien Vater noch mehr zu reizen. Er sprang auf und stellte sich mit erregt klimpernden Fingern ans Fenster. Und plötzlich riß er dieses auf, beugte sich hinaus und rief mit munterer Stimme die Namen der Marschwanderbuben in die Gasse. Er lud sie ein, heraufzukommen, und beschwichtigte die Zögernden mit der lachenden Versicherung, es werde ihnen nichts geschehen.

Vorsichtig streckten sie die Köpfe zur Türe herein; aber der Größere hatte die Sachlage gleich erfaßt. Nach einem triumphierenden Blick auf mich wandte er sich mit spitzbübischer Höflichkeit an den Vater. Der Kleinere aber griff mit gierigen Augen nach deiner goldenen Burg, Rehlein, und während sich der Große von Vater eine förmliche Entschuldigung für mein Vorgehen und dann eine väterlich belehrende Predigt über den Unfug der Tierquälerei und den Nutzen der Kröten gefallen ließ, schlich jener sich nach dem Erker. Abwehrend, mit ausgebreiteten Armen stelltest du dich vor dein Kunstwerk; aber Vater verwies dir dies mit solcher Entschiedenheit, daß du dich verletzt zurückzogest.

Noch heute sehe ich dich, wie du am Erkerpfeiler standest, still und wild, und, die Fäustchen an die Seiten gepreßt, die Augen zornsprühend, jede Bewegung des Knaben verfolgtest.

An allem fingerte er herum, zupfte an den grünen Gräsern, die du wie zierliche Palmen zwischen Hölzchen geordnet hattest, und fuhr mit tapsigen Händen über die Wände deines goldenen Saales. Dann erhob er sich spöttisch lachend: »Ah, das ist ja bloß Goldpapier, das könnte ich auch!« Und auf den goldenen Wänden blieb seine klebrige Fingerspur.

Da warfest du dich mit beiden harten Fäustchen auf deine Burg, daß sie unter lautem Gepolter zusammenstürzte.

Einen Augenblick blieb alles still. Dann brach Vater in ein mächtiges Lachen aus, riß dich, die du mit zurückgeworfener Mähne, sprühend vor Zorn, Stolz und Befriedigung dastandest, in seine Arme und küßte dich leidenschaftlich:

 »Seht einmal die kleine Furie! Soviel Rasse und solides rotes Blut! Und das sollte sich mit den wilden Jungen nicht vertragen? Unsinn! Fast zu ähnlich sind sie sich, wenn sie das erst einmal verstanden haben!«

Du aber befreitest dich aus seinen Armen und flüchtetest zu mir. Da hatte er auch für mich ein joviales Achselklopfen: »Sieh mal, Herr Student, deine Theorien wirst du in Zukunft besser für dich behalten; denn sie sind es nicht, die im Leben entscheiden, sondern die gesunden Instinkte.«

Dann entließ er die Buben gutgelaunt und zog sich mit großartig gesteiftem Rücken in sein Studierzimmer zurück und wußte nicht, wie er selbst es war, der, in Vorurteil und Theorie befangen, die sichern Instinkte seiner Kinder verkannte.

Weißt du noch, Rehlein, wie wir dann die Bauhölzer sammelten und in meine Bude hinuntertrugen? In der stillen Ecke zwischen Fenster und Stubentüre hast du deine goldene Burg wieder aufgebaut, schöner und phantastischer als vordem. Und ihr folgten mit der Zeit andere seltsame, ungeschaute Gebilde, die deine begnadeten Händchen fügten und deine unerschöpfliche Vorstellung belebte.

Was waren das für Stunden, wenn wir später so stillwirkend beisammen saßen, jedes in seiner Welt befangen und doch eins vom andern wissend! Aus den Geschöpfen deiner unbewußt schaffenden Wünsche aber lernte ich erkennen, wie Wurzel und Wesen jeglicher Kunst in der kindlichen Seele begründet liegt und wie in der Welt noch kein Kunstwerk zur Reife kam, das nicht irgendein kindlicher Traum vorausgenommen hatte. Ja, ich glaube, daß Kunst letzten Endes nichts anderes ist als die Gestaltung und Veräußerung dessen, was die Seele in den wunschgeborenen Träumen der Kindheit erschaute.

Was Papa Merzlufft angedeutet hatte, war mir durch Vaters Gebaren klar geworden, daß uns von diesen unheimlichen fremden Menschen her irgendeine Gefahr drohte. Und als ich gegen Abend das Haus verließ, um mich ein wenig in der Vaterstadt umzusehen, geschah es wohl unter dem Zwang dieser Vorstellung, daß meine Schritte mich, fast gegen meinen Willen, nach dem Marschwanderschen Hause führten.

Der Sturm war verstummt, aber der Himmel immer noch föhnflackernd, und die Pfützen, die ein vorüberprasselnder Regenschauer auf dem Platze zurückgelassen hatte, lagen wie soviel zornige blaue Augen da. Während ich das heißatmige Gäßchen durchschritt, das am andern Ende des Häuserblockes zwischen dem Marschwanderschen Hause und der Vordern Geduld in die Freiheit eines terrassenmäßigen Platzes mündete, stellte ich mir die Frau vor, wie ich sie früher oft gesehen, groß, üppig, in lautfarbigen Kleidern, mit fleischigen Händen und raumverdrängenden Bewegungen, mit schwarzem Haar und heißen schwarzen Augen, aber einem weichen, fast lieblichen Frauenmund, und ich dachte, daß sie in schwarzen Kleidern unheimlich aussehen mußte.

Unwillkürlich verlangsamte ich meine Schritte vor dem Haus Zum Blumengeschirr, um zu sehen, ob es nicht in seinem Äußern etwas vom Wesen der Herrin verrate; aber ich gewahrte nichts als die freundliche Außenseite eines alten Bürgerhauses. Nur die Reihen roter Hyazinthen, die wie steigende Flämmchen zwischen den Doppelfenstern aufloderten, hatten etwas Fremdartiges und gaben eine bange Vorstellung von den bedrückenden Düften, die diese Zimmer, deren innere Fenster offen standen, erfüllen mußten.

Mein eigener Name, mit einer quiekenden Stimme in die Gasse gerufen, riß mich aus meiner Betrachtung. Es war der Schneider Werfeli, der mich mit allen Zeichen freudiger Überraschung in seine Butike hereinwinkte.

Er fiel mir beinahe um den Hals, als ich diese betrat, drückte mich auf seinen besten Stuhl und schloß die Türe so kräftig, als ob er mich zu längster Aussprache aufbewahren wollte. Er selber kam freilich zunächst nicht zum Sitzen. Die freudige Aufregung sprengte ihn im ganzen Raum herum mitsamt seiner überstürzten Rede.

 »Ach, Herr Simon, Herr Simon! Endlich zurück und so fein gekleidet! Ein gereister, studierter Herr! Und am Ende schon Doktor? Noch nicht? Dann wird es bald kommen. Alles kommt eines Tages, alles kommt! Das muß ich Ihnen jetzt sagen. Schon lange habe ich darauf gewartet, um Ihnen das zu sagen; denn was ich da früher behauptete, das gilt nicht. Hören Sie, das gilt nicht mehr! Wie habe ich damals gesagt? Der arme Schneider in der Hintern Geduld und der bucklige Simönli alles für die andern, nichts für uns. Ich habe gelogen, ich habe gelogen! Auch für uns, hören Sie, und vielleicht das Allerschönste! Hätte ich den Namen meines Häuschens besser angeschaut, da steht alles darin! Zur Geduld, zur hintern Geduld! Sehen Sie, Geduld muß der Mensch haben, vielleicht die hinterste Geduld, und dann kommt es eines Tages! Schauen Sie auf! Sehen Sie nicht die große Wandlung, die mit mir vorgegangen?«

Er sah mich erwartungsvoll an aus seinen verzückten Äuglein. In der Tat, er war ganz lebendig im Gesicht, mit einer Farbe, die man bemerkte trotz dem roten Schlips unter dem genau rasierten Kinn. Ich gab ihm zu, daß er viel jünger geworden sei, und war selbst überrascht durch die Wahrnehmung, daß er keine Fünfzig zählen mochte. Mein Urteil machte ihn noch rosiger. Nun setzte er sich neben mich, umklammerte meine Hände mit seinen dünnen Fingern, deren Wärme mich in Staunen setzte, und während er auf mich einredete, wurde seine Stimme zum Flüstern:

»Sehen Sie, Herr Simon, einem Menschen muß ich es sagen, sonst halte ich es nicht mehr aus. Und Sie sind der Mensch; denn wenn Sie nun schon hoch hinaufkommen, in einem gehören wir doch zusammen, » und er strich zärtlich über meinen Buckel und wies dann wehmütig auf seine krummen, wadenlosen Schneiderbeine: »Sehen Sie, um derentwillen hat mich einmal ein Mädchen verlassen. Da hab' ich gewußt, daß man mit einem solchen Gestell nicht freien kann. Darüber bin ich fast stiefelsinnig geworden. Nun aber weiß ich, es gibt noch anderes als Mädchen freien,« und er kicherte selig und verschämt in sich hinein. Und dann kam das Geständnis.

Zuerst habe er geglaubt, sie sei eine Göttin und er habe vor ihr im Staube gelegen; aber dann habe er gesehen, daß es ein armes Weib war, vom eigenen Mann mißhandelt, und das habe ihn fast verrückt gemacht. Er habe nicht mehr arbeiten können. Den ganzen Tag habe er nach dem Haus Zum Blumengeschirr hinüberschauen müssen, und dieses sei ihm schließlich geworden wie eine Laterne, daß er alles gewußt habe, was darin vorging. Und oft habe sie getobt wie eine Hyäne gegen den Mann, und das sei so aufregend gewesen und sie so grausam schön, daß er ganze Nächte nicht habe schlafen können vor heißen Krämpfen. Wenn sie aber vom Fenster aus oder so im Vorübergehn ihm einen Gruß gab, dann hätte er oft geheult wie ein Knabe. Und dann sei jener Abend erschienen. Sobald er bemerkt hatte, daß der Marschwander wieder einmal im Zorn heimgekommen sei, habe er sich schleunigst in sein Dachstübchen gemacht, von wo aus man genau in die große Stube sehe. Und richtig, da habe es wieder angefangen. Alles Fürchterliche habe der Unhold ihr gesagt; aber sie sei ihm auch nichts schuldig geblieben. Herrgott, wie sie vor ihm stand, die weißen Zähne und die Augen glühend und die weißen Fäuste so vor seinem roten Gesicht. Aber auf einmal habe jener sich gebückt, und gleich nachher sei der schwergenagelte Schuh durchs Fenster hindurch und neben seinem Guckloch an die Hausmauer geflogen, und hätte sie sich nicht so behende gewandt, den Kopf hätte der Mann ihr zerschmettert; denn sogar an der Hintern Geduld sei noch ein Stück Mörtel von der Mauer gefallen, mit solcher Gewalt habe der Schuh eingeschlagen. Daraufhin habe sie dermaßen ausgesehen, daß er nur eins habe denken können: Jetzt tötet sie ihn, jetzt tötet sie ihn! Und die Beine seien ihm schwach geworden. Aber nichts sei geschehen. Plötzlich habe sie dem Manne den Rücken gewendet und sei aus der Stube gelaufen, und dann habe sie ihm den Weinkrug in der Laube zurechtgestellt wie jeden Abend.

Aber auf einmal sei sie unten in der Gasse gewesen, mit beiden Buben. Er habe gedacht, sie komme um den Schuh, statt dessen jedoch sei sie gradwegs auf seine Butike zugesteuert. Der Knieschlotter, als er die Glocke hörte! Und dann sei er doch fast die Treppe hinabgeflogen, aus Angst, sie könnte umkehren, ehe er an der Türe war.

Und da habe sie vor ihm gestanden, und man hätte ihr gar nichts angesehen von allem, was vorgefallen, wenn sie nicht so weiß gewesen wäre im Gesicht. Dann hätte er den Buben Kleider anmessen müssen, und als er fertig gewesen sei – und das habe lange gedauert; denn seine Finger hätten ihm gezittert wie espiges Laub, und die Zahlen seien ihm immer wieder aus dem Kopf gesprungen – da sei sie erst noch nicht aufgebrochen. Ganz ruhig sei sie auf der Bank sitzen geblieben mit dem Rücken gegen das Fenster, und habe ihn nach allem Möglichen gefragt, so freundlich, als ob sie seinesgleichen gewesen, und wie gewiß noch keiner mit ihm gesprochen habe. Darüber habe sich ihm das Herz aufgetan, und er habe ihr alles gesagt, wie es ihm ergangen mit jenem Mädchen, und sie habe ihn getröstet, daß ihm das Augenwasser gekommen sei. Aber dann plötzlich, aus allem heraus: »Guido, hat der Vater den Wein getrunken?« und aus ihrer Stimme und daraus, daß sie nicht einmal den Kopf nach dem Mann herumdrehen mochte, habe er gemerkt, wie es in ihr aussah. Und als dann der Knabe sagte: »Ja, und die Läden im Schlafzimmer hat er schon zugemacht,« sei sie ganz rot geworden, als ob sie sich entschuldigen müßte: der Mann sei eben im Wald gewesen zum Holzankauf für seine Fabrik, da komme er immer so unwirsch heim, und dann tue er gern einen langen Schlaf. Hierauf sei sie aufgestanden, fast schwerfällig, als ob sie selbst müde wäre; aber bevor sie hinausging, habe sie sich nach ihm umgedreht: »Nicht wahr, Herr Werfeli, wir sind gute Nachbarn?« Und dabei habe ihm die schöne Frau ihre Hände auf beide Schultern gelegt. Da sei es über ihn gekommen: ein Feuerstrom, der von ihren Händen aus durch seinen ganzen Menschen brauste! Die lange Nacht sei er in Glut und Geißel gelegen und feurig umwallt; aber am Morgen habe er gespürt, wie alle Schwäche aus ihm gewichen und die große Kraft in ihn gefahren sei. Da sei er aufgestanden wie die Jünger am Pfingsttag und habe seine Kammer mit Lobpreisen gefüllt. Aber plötzlich habe die Hausglocke gelärmt, und wie er heruntergekommen, hätte ihn fast der Schlag gerührt; denn da habe die Marschwanderin mit wilden Zöpfen und halbbekleidet in der dämmerigen Straße gestanden und geschrien, er soll um Gottes willen herüberkommen und sehen was mit dem Manne sei, und unterwegs habe er vernommen wie sie jenen gestern abend ruhig schlafend vorgefunden; aber nun sei er auf einmal so anders. Er aber habe es gleich gesehen, daß es fertig gemacht hatte mit dem Marschwander, und als er es ihr sagte, sei sie zusammengebrochen: »Nun ist er im Streit gegangen!« und hätte geschrien wie eine Verzweifelte. Niemals aber habe er einen so grausigen Toten gesehn, die Augen glotzend und der Mund häßlich auseinandergerissen.

Der Schneider sprang plötzlich auf. Seine Hände flackerten vor meinem Gesicht, und seine armen Narrenaugen flackerten über mir: »Herr Simon, einen solchen Toten muß man gesehen haben, wenn man wissen will, wie Gott einen straft. Oh, man hätte katholisch werden mögen, so spürte man den Leibhaftigen zentum. Und dann die Frau daneben in ihren Tränen, wie das heilige Verbärmst, und es war doch keine zwölf Stunden, daß er den Schuh nach ihr geworfen. Aber sehen Sie, so sind die Leute: den Teufel spüren sie nicht, und das Heilige spüren sie nicht, und weil man von dem Streit gehört und weil der Marschwander so plötzlich starb, legten sie der Frau den Tod auf. Der Doktor sagte, daß es ein Herzschlag war, aber er konnte sie nicht reinwaschen. Und sehet, da ist meine Stimme gekommen!« Er richtete sich auf und breitete die Arme nach Prophetenart: »Darum sage ich, Geduld, die hinterste Geduld, und dann kommt es. Und der arme Schneider zog aus und verkündete von Haus zu Haus: Siehe, das Weib ist rein, rein wie der Schnee auf dem Libanon! Und erzählte, wie sie bei mir gewesen an jenem Abend der Buben wegen und wie der Mann schon schlief, als sie hinüberging. So habe ich getan und sie reingewaschen vor allem Volk. Sie aber weiß es, Herr Simon, und sie dankt mir jeden Tag, und wenn die Kraft von mir weichen will, dann legt sie mir ihre Hände auf, und ich spüre den Strom ihrer Arme, und es kommt über mich.«

Mir wurde übel unter seinen gierigen Augen; aber er drückte mich nieder, als ich aufstehen wollte, und da hatte ich neuerdings seine fiebrigen Hände um die meinen:

 »Sehen Sie, es gibt Menschen, die müssen ein Faß Sauser saufen, um zu wissen, wie der neue Wein schmeckt; aber ich wenn sie im Herbst mit den Fuhren durch die Gassen ziehen und es kommt nur ein Düftlein da herein, dann lieg ich drei Tage im Rausch. Und ich schwöre: Keiner von den Schwelgern, die zwanzig Nächte lang durch alle Gassen grölen, hat Kraft und Süßigkeit des jungen Weines so gespürt wie ich von diesem einen verzogenen Düftlein. Und wenn sie nun durch diese Butike gegangen ist und mein armer Kopf hat ihre Hand gespürt, glaubt Ihr nun, daß der Vreneberg mit allen drei schönen Jungfrauen mehr ist als die Hintere Geduld?« Er kicherte widerlich verzückt: »Ja ja, wann einer dreißig Jahre allein saß, da braucht er nicht mehr herumzuziehen als ein wundriger Mann, das Wunder kommt dann zu ihm. Ich war auch dumm und meinte, es sei draußen. Nun weiß ich: Alles ist in uns. Wir sind die große Orgel. Es muß nur einer kommen und die Finger auf die Tasten legen, dann tönt's, dann tönt's!«

Plötzlich waren meine Hände frei. Er legte die seinen ekstatisch über die Brust und hob an, das alte Tannhuserlied zu singen. Entsetzlich, wie sich die tiefen, wunderlichen Klänge in seiner Stimme verzerrten. Der Ekel schüttelte mich, und ich fühlte, wie dir am Morgen zumute gewesen sein mußte, Rehlein, als klebrige Finger über deine goldenen Wände tasteten. Da war auch einer, der mit klebrigen Händen in ein Heiligtum griff, der Gift mischte in die trostreiche Weisheit der Einsamen, da er die reinen Wände beschmierte mit den verfluchten Wunschbildern seiner unterdrückten, verstauten Leidenschaften.

Ich sprang auf: »Das alles mag ich nicht hören, Werfeli, behaltet das für Euch!«

Aber ehe ich die Türe erreichte, hatte er mich schon wieder erfaßt. Auf einmal war sein Gesicht klein und bekümmert, das alte ängstliche Schneidergesicht: »Herr Simon, bester, lieber Herr, Sie müssen mir helfen! Sie wissen nun alles, mein geheimes Glück und meine Kraft und daß ich nun ohne das nicht mehr sein könnte. Nicht wahr, das wissen Sie nun? Und Sie wollen mir helfen, daß es so bleibt? Daß sie zu mir kommen und mich stärken kann, auch nachher?«

Ich glaubte, daß er vollends verrückt geworden. Das sah er mir an; er lächelte verlegen und wurde deutlicher: »Sehen Sie, ich gönne sie ihm ja. Oh, ein mächtiges Paar wird das sein, Simson und Judith haben sich gefunden! Er aber wird alles haben, und der reiche Mann wird nicht ärmer um die Brösemli, die dem armen Lazarus ins Maul fallen. Aber der arme Lazarus stirbt, wenn man ihm die Brösemli nimmt.«

Eine Ahnung klaffte in mir auf: »Simson, Judith! Herrgott, von wem redet Ihr denn eigentlich?«

Da hatte er ein blasses Spitzbubenlächeln und eine krächzende Stimme: »Aber doch von ihm, dem Herrn Stadtrat, von Ihrem Vater! Ich sagte es doch, wie eine Laterne ist vor mir dieses Haus, und der Herr Tellenbach ist nicht so einer, daß er eine Frau besucht, wenn es dunkel wird, und sie dann nicht heiratet. Das Witwenjahr ist jetzt dann um.«

Ich weiß nicht, was ich sprach oder tat. Plötzlich strich er mir über die Arme mit dem allerbesorgtesten Gesicht: »Aber Simönli, das ist doch nichts Schlimmes! Ein mächtiges Paar wird das sein, ich sage es! Und sieh: Deine Mutter, ja, es hieß, daß sie mit ihrer bloßen Hand Kranke gesund machen konnte; diese Frau aber, die macht die Toten lebendig und aus einem ausgebrannten Krater einen feuerspeienden Berg.«

Ich weiß nicht mehr, wie ich in die Gasse kam und an den See. Aber es waren da so viele schwarze Bläßhühnchen, eng geschart wie eine kleine schwimmende schwarze Insel; wenn die zornigen Wellen sie auftrieben, blitzten die weißen Male an den winzigen Stirnen. Und dann ein paar nachtscheue Möwenschreie und zuletzt die Sterne hinter Schleiern und jagenden Wolkenballen, bös und mißtreu wie böse schielende Augen. Und dann lag ich in meinem Bett mit den hundert Hämmern im Kopf und war froh, daß die tausend Qualen meine Gedanken zerstampften.

Am andern Morgen sprach ich mit dem Vater. Das Leiden der Nacht hatte mich ausgehöhlt, mich dünn und fahl gemacht, daß die Erlebnisse des Vorabends schon alt und überdacht erschienen. So konnte ich ruhig sprechen wie ein verständiger, beinahe wie ein unbeteiligter Mensch. Aber es wurde keine Aussprache, Rehlein. Der starke Mann erklärte dem Krüppel, was das ist, wenn einen das Leben ruft, und daß der kein Recht hat, dreinzureden, den das Leben ausschaubte. Als wir uns trennten, wußte ich, daß nichts mehr zu retten war und daß es für mich nur noch eines gab, den Kampf um dich. Denn daß du in Vaters neues Leben nicht hineingezogen werden durftest, das stand bei mir fest. Er aber, der mich aufatmend ziehen ließ, wollte dich auf keine Weise entbehren.

Wochenlang führten wir diesen gräßlichen Kampf. In sachten Besprechungen, wo keine Klugheit unbenutzt blieb, in wilden Auseinandersetzungen, wo keine Schonung mehr waltete, und dann im Verborgenen durch die Bemühungen um deine Gunst.

Du wußtest nichts von allem, du fühltest wohl bloß die verstärkte Sorge um dich und sonntest dich an unserer werbenden Liebe. Wenn du morgens, während der Vater in der Schule war, neben mir spieltest und ich meine Bücher liegen ließ, um dir zu helfen, schienst du der glücklichste Mensch; aber wenn am Mittag Vaters Schritt auf dem Flur laut wurde, dann liefest du aus aller köstlichsten Unterhaltung weg, und ich hörte deinen jubelnden Gruß und euer fröhliches Lachen treppauf.

Einmal stürztest du zu mir herein, und dein erblaßtes Gesichtlein zeigte alle Spuren der Entrüstung: »Das darf sie nicht!« riefst du und stampftest den Boden und hattest zwei zornige Fäustchen. »Das darf sie nie mehr tun, die Frau Marschwander! So hat sie mich am Haar genommen und mir Hals und Rücken getätschelt, mit solch einer heißen Hand. Oh, das war abscheulich, und ich schäme mich so!«

Du hattest Zornestränen in den Augen, und dann stobst du davon, hinauf ins Schlafzimmer. Als du nach geraumer Zeit wiederkamst, hattest du ein anderes Kleid angezogen, und dein Hälschen war rot vom heftigen Waschen.

Aber, was vermochte das alles, mein Wille und deine Instinkte gegen den Willen und die Instinkte dessen, der die Macht besaß? Eines Tages nach dem Essen – du warst schon in den Garten gelaufen, einer angstschreienden Amsel zu Hilfe – wandte sich der Vater an Luise, so obenhin über die Zeitung weg, als ob er die gleichgültigste Sache sagte: »Nächsten Sonntag werden Sie uns ein gutes Mahl auftischen, Luise. Ich erwarte Gäste. Auch ein ordentliches Dessert, es sind Kinder dabei. Und festlich soll es aussehen, im ganzen Haus. Ich möchte der Frau Marschwander einmal den Kleinen Schwanen zeigen.«

Luisens Gesicht war auf einmal verändert, noch nackter als sonst, speckig und wie verblasen, und als sie den Mund zum Sprechen öffnete, kam kein Ton heraus. Dann ging sie.

Ich aber rief ihr durch die Türe nach: »Auf mich werden Sie nicht rechnen müssen, Luise, für diese Gäste bin ich nicht da!« und der ohnmächtige Zorn quetschte mir die Kehle.

Vater war aufgesprungen. Mit glühender Stirn stand er vor mir: »Gut, du kannst es halten, wie du willst; aber das sage ich dir: Wenn du am Sonntag nicht zu Tisch erscheinst, kannst du dir deine Bude anderswo suchen. Ich hätte dich nicht fortgeschickt; aber nun ist allerdings kein Platz mehr für dich unter einem Dach mit Katharina.« Dann rannte er hinaus. Später hörte ich im Garten euer Lachen.

Da fühlte ich, wie ich in mich zusammensank, zu einem kleinen häßlichen Menschenhaufen zusammenschrumpfte, fühlte mich so klein wie damals, wo ich dort in der Ofenecke Schmach und Qual meiner Eltern erfuhr, wie damals, als Doktor Eßlinger hier vor Mutter lag, das Gesicht auf ihren Händen, und ihre Worte waren rund und klar wie Goldkugeln, die niedertropfen aus dem Unermeßlichen. Ja, es war mancher Stein auf mich gefallen. Nun war es der größte.

Ich hatte bis jetzt nur für dich gesorgt, Rehlein, und wie ich es anstellen könnte, um dich bei mir zu behalten, wenn Vater von uns ging. Niemals hatte ich daran gedacht, daß er die Frau hierhernehmen könnte; es war mir so selbstverständlich erschienen, daß er zu ihr ziehen, daß er am neuen Ort dieses neue Leben beginnen würde, das uns nichts mehr anging.

Die neuen, nie gedachten Bilder zerschmetterten mich. Da war diese große fürchterliche Frau mit den schwarzen Augen. Als sie dem Mann den Wein eingeschenkt hatte mit ihren weißen Händen, ging sie hinunter zu dem armen Narren, und nun zog er seine geheimen Lüste aus diesen Händen – und die würde nun dasitzen, an diesem Tisch, und ihre laute Stimme würde durch die stillen Stuben gehn, ihre laute Stimme, ihre laute Gestalt überall, im Garten, unter der Blutbuche, vor dem Bild in der Laube – und oben. Herrgott, da hingen doch die Bildnisse der Großeltern und Mutters Bilder, Mutters Geige, ihr Tischchen, daran sie schrieb und weiter weiter, das starr zugedeckte Bett . . .

Die Tage, die folgten, waren eine Hölle von wahnsinnigen Plänen: Mit dir entfliehen, Rehlein, nach dem Ruwenberg, zu Doktor Clemens – aber wie dich von Vater wegbringen? Das Haus anstecken! Oh, wie es loderte! Die alten lieben Zimmer, die Bilder, Mutters Bett in lauter hellen herrlichen Flammen verklärt, zerflattert, vernichtet! Aber da war die arme Frau Merzlufft auf ihrem Krankenlager, davon sie sich nicht heben könnte . . . Oder zum Richter laufen, es ihm ins Gesicht sagen: Im Wein, in dem roten Wein, den sie einschenkte mit ihren fleischigen Händen, dort war es. Schaut nur nach. Das war ein starkes Gift, noch heute lebt seine Spur . . . Alles, alles wollte ich tun, um diesen Besuch, an dem mir ein Schicksal zu hangen schien, zu verhindern; aber hinter jedem meiner Pläne saß höhnend meine Ohnmacht. Da kam mir ein anderer zu Hilfe.

Man hatte sich dermaßen an Frau Rosaliens Kranksein gewöhnt und daran, daß Papa Merzlufft, der kaum von ihrem Lager wich, fast unsichtbar geworden war, daß man über der eigenen Sorge beinahe die Nachfrage vergaß. Und durch des Alten Gesang ließen auch wir uns täuschen. Da, zwei Tage vor jenem Sonntag, erschien er plötzlich in meiner Bude mit der Bitte, einen Gang zum Doktor für ihn zu besorgen, da er nicht weg könne. Sein Gesicht erschreckte mich nicht weniger als das Wort, er glaube, seine Frau sei am Rande des Lebens angelangt.

Ich suchte es ihm auszureden; aber er schüttelte den Kopf: »So etwas spürt man, und dann, ich habe da so ein Liedlein, item, es steht was von einem Mädchen drin; wenn ich das sang, wurde sie allemal falsch, und dann schimpfte sie so nett. Aber als ich es gestern wieder einmal vorbrachte, hat sie mich nur so angeschaut und nichts gesagt. Seht, da wußte ich es. Aber sie weiß nichts, gottlob! Noch eben sprach sie davon, daß sie zu ihrem Geburtstag aufstehn möchte, und ich sagte: Perse, und einen Türkenbund laß ich dir backen, so groß, daß alle siebenundsechzig Kerzlein drauf Platz haben. Da mochte sie schier lachen.« Er fuhr sich mit dem Handrücken durch die Augen. »Seht, so ein Gefäßlein ist nun der Mensch.« Und dann ging er.

In der Nacht schon vollzog es sich mit ihr. Luise brachte die Kunde, als wir beim Frühstück saßen, und fügte gleich bei, mit der Veranstaltung für morgen werde man es nun wohl bleiben lassen. Dann ließ sie uns allein.

Vater biß sich die Lippen: »Wenn sie das nur nicht als schlechte Vorbedeutung nimmt.« Aber dann ermunterte er sich: »Mit dem Künden hat es nun dann keine Schwierigkeit mehr; der Alte wird ohnedies in seine Heimat zurückkehren wollen.«

Ich konnte es ihm nicht verargen, daß er die Nachricht so selbstisch wog; auch ich sah ja in diesem Tod zunächst nichts anderes als die helfende Hand des Schicksals und fühlte im ersten Augenblick nur das Glück der Erlösung. Du aber sahst mich ernsthaft an:

 »Gelt, im Himmel muß sie nun nicht mehr hinken? Und schimpfen darf sie gewiß auch nicht, wenn die Engel soviel singen!« Frau Rosalie war eine angenehme Tote. Der große Offenbarer hatte an ihr wenig zu enträtseln gefunden. Ihr letztes Gesicht blieb ohne Wunder und ohne Geheimnisse, unverklärt, aber von einer gewissen irdischen Sonntäglichkeit erhellt. Und feiertäglich erschien das Lager, das ihr Gatte mit eigenen Händen geschmückt hatte. Auch die Tote hätschelte er, wie er die Lebende verwöhnt hatte. Klagen vernahm man keine. Aber wenn man in seine Augen schaute, schwieg man; denn man fühlte, daß man nichts zu sagen hatte, was vor diesem mehr war als Phrase.

So war es dennoch ein trauriger Sonntag. Der bittere und süßliche Geruch der Totenblumen lag in allen Winkeln und namenlos schmerzhafte Bilder in ihm. Luise machte ein unheilvolles Gesicht: »Das sieht man nicht gern, wenn ein Totes über den Sonntag im Haus liegt. Es ziehe bald ein anderes nach, heißt es.«

Da schoß Vater einen raschen Blick nach mir hinüber, und mir war, als ob dieser sich an der Hinfälligkeit meiner durch die Qualen der vergangenen Tage übel mitgenommenen Person stärkte. Er ging mir scharf durch; aber er tat nicht weh. Vielleicht war es der Trotz, der dagegen stand. Vielleicht die Ahnung, daß dieser Blick mir noch zu Trost und Absolution werden sollte.

Es kam dann alles ganz schnell. Am Tag nach der Beerdigung brachte Vater schon die Aufregung heim. Ich sehe noch, wie er hereintrat, den Hut von der nassen Stirne riß, ihn auf den Tisch warf und fluchte: »Herrgott, so etwas mußte mir passieren!« und dann stürmisch berichtete, wie es einem der Buben schlecht geworden sei in der Schule, daß er ihn heimbringen mußte, dann dort diese Ordnung, diese fürchterliche Luft! Die Mutter im Bett, blaurot, in hohen Delirien, und nur ein Mädchen zur Hilfe, von Arzt keine Spur. Nach dem habe er gleich geschickt. Aber den Buben habe er zu Bett bringen und auf den Arzt warten müssen – die ganze Zeit in dieser fürchterlichen Krankenluft – und als der kam, habe es sich herausgestellt: Typhus! Ich meinte, wie es doch schön sei, daß er den armen Leuten habe helfen können; aber er fuhr mich entrüstet an:

»Und die Ansteckung? Daran denkst du natürlich nicht! Die ganze Zeit war ich doch in dem Loch, und angerührt habe ich sie und den Knaben halb getragen. Und nun ausgerechnet diese Krankheit. Ein solches Grausen habe ich davor. Wenn man es mit angesehen hat, wie es meine Eltern packte, so mächtig gesunde Menschen und innert wenig Tagen auf dem Totenbett, beide nebeneinander, die großen prächtigen Gestalten auf dem Totenbett. Und nun muß mir das passieren!«

Er zog die Schultern fröstelnd zusammen und war grau im Gesicht, und in allen kommenden Tagen schien es mir, als ob fortwährend so ein graues Frösteln an ihm wäre.

Mich aber riß es aus mir selbst heraus, daß ich auf einmal neben mir stand, und da war der andere, der kleine bucklige Kerl, dem folgte ich Schritt auf Tritt. Und war der nicht grausam und teuflisch wie alle Buckligen und Narren? Tückisch wie alle Gezeichneten? Die lauernden Blicke hinter dem Vater her und hinter den Blicken der teuflische Wunsch.

Gibt es nun etwas Teuflischeres als einen Buckligen? Alles Grade verkrümmt, zurückgeworfen die Stirn, die klar und königlich herrschen sollte, das Kinn, gemein und grausam hervorgezerrt, die Zähne ausgebreitet wie im Munde des höllischen Ungeheuers. Und das Herz? In dem fürchterlich übertürmten Kasten verrenkt, verschoben, zerdrückt. Es gab Augenblicke, wo ich diesen Kerl haßte, wo mir vor ihm graute, aber auch solche, wo mich das große Mitleid nahm: So ausgeworfen, so von Versündung umlagert, und was wollte er denn anderes als retten, was ihm das Kostbarste war auf der Welt, Mutters Vermächtnis und dich, Rehlein! Und was auch unmenschlich und teuflisch in ihm wühlen mochte, war er nicht zum voraus freigesprochen durch den einzigen scharfharten Blick des Vaters, der sich an der Elendsgestalt stärkte, damals, als die knöcherne Hand zum erstenmal gedroht hatte?

Eines Abends warf es ihn aufs Lager. Es packte ihn gleich von Anfang an gewaltig, und die Krankheit stieg mit dem Widerstand, den seine lebenshungrige Natur ihr entgegensetzte. Der Bucklige saß an seinen Bett, tat Handleistung, lauschte, lauerte, wartete – und ich daneben, ausgeschlossen, zerwühlt, beiden gleich fern, dem wildkämpfenden Kranken und den ihm still dienenden Wärter. Und ich sah, wie der Kleine zusammenschrumpfte, eng und fürchterlich wurde, wenn der Kranke in seinen heißen Phantasien hundertmal nach dem Weibe rief und nach jenen Freuden, die er vom Leben forderte.

Aber als er eines Morgens still, gebrochen dalag und mit einer neuen Stimme den Namen der Mutter nannte, da war mit einem Mal mein Gespenst verschwunden und ich wieder in mir und eins und war der arme bucklige Simon, der um den schwerkranken Vater litt. Und als dieser mich verwundert ansah, mit einem Gesicht, das so fern war wie die Zeiten des goldenen Saales, und mich fragte, ob ich denn keine Furcht kenne vor Ansteckung, konnte ich ihm antworten, daß es mir gleich sei, alle Schmerzen mit ihm zu teilen und jeden Weg mit ihm zu gehen. Und das Gespenst in mir hatte keinen Einspruch.

So in mir selbst geeint stand ich auch an seinem Totenbett. Das Letzte hatte ihn fein und groß gemacht. Sein Gesicht, von aller Leidenschaft befreit, war ins Ungemeine entrückt, alles Flackernde ausgelöscht, die Augenlider mild gewölbt und um den Mund ein Zug von Entschlossenheit, den man im Leben nie an ihm gesehen hatte. Ich konnte nur eines denken: Gerettet, gerettet, alle dunkeln Pfade abgebrochen für immer. Und die Dankbarkeit weitete meinen Atem.

Aber da waren seine Hände, die mächtigen, einst so lebendigen Hände. Nach allem hatten sie gehascht, weniges erfaßt, nichts behalten. Nun lagen sie trostlos übereinander zusammengebrochen.

Und da ging es mir auf, wie grausam es mit uns gespielt hatte, daß ich dankend stehn mußte, wo einer gebrochen lag, edel und erbarmungswürdig hingestreckt wie ein gefällter Baum, und war mein Vater. Und die Verzweiflung, die am Totenbett der Mutter keine Macht über mich gehabt hatte, packte mich und warf mich nieder, daß ich nichts mehr war als der letzte Fetzen Lebendigkeit, elend und verworfen vor der Größe des Toten.

Es war der heiße Anhauch des Lebens, der mich aus meiner Zerstörung weckte. Ich weiß nicht, wie es zugegangen. Plötzlich stand sie mitten im Zimmer. Ihr Gesicht war schreckensweiß über dem schwarzen Gewand, und doch war es, als ob alles an ihr loderte. Und als sie sich mit dieser unerhörten Klage über ihn warf, war es wie Flammen und Glutsturm um ein Steinbild. Meine Verzweiflung schämte sich und erlosch kläglich wie der letzte Schrei eines erwürgten Hündleins.

Es war eine furchtbare, ruchlose Totenklage, und ich meinte, diese wilden Hände von dem friedlichen Gesicht, diesen schweren, schmerzdröhnenden Leib von dem veredelten Totenbild wegreißen zu müssen. Aber wenn ich regungslos blieb, war es nicht allein Widerwillen oder Ohnmacht, was mich starr machte, sondern die Scheu vor einer Macht, die mir fremd war. Und als das Weib in wahnsinniger Selbstanklage das Geheimnis von ihrem Leben riß und ihre Schuld auf einmal nackt und fast prahlend vor mir lag, war es nicht das Entsetzen vor der Mörderin, was mich erschütterte, sondern das Grauen vor der Gewalt der Leidenschaft und fast etwas wie Ehrfurcht vor dem Mut zu unmenschlicher Tat und Bekenntnis.

Auf einmal stand Luise im Zimmer, grau und scharf, und riß das Weib an der Schulter: »Frau Marschwander, so lärmt man nicht an einem Totenbett!«

Diese fuhr auf wie eine Tigerin, packte das dürftige Mädchen und lachte höhnisch: »Leise, leise! Ja, immer leise, so waret ihr um ihn, und damit habt ihr mir ihn umgebracht. Erstickt ist er in diesem Treibhaus, in diesem Gespensterhaus. Oh, den Sturm hatte er nötig, die große Sonne, wild, heiß, schön! Aber hier? Gespenster, Schatten, dünne Luft und Wasser in den Adern. Nun wäre sein Leben erst gekommen. Was für ein Mann wäre er geworden! Aber die Gespenster haben ihn mir erwürgt.«

Luise war entflohen. Da wandte sie sich mir zu: »Du bist also auch da, Buckliger? Weißt du, daß du sein schlimmstes Gespenst warst? Deinen Anblick, das hat er nie ertragen. Das schleudere ich dir ins Gesicht, wenn ich schon weiß, daß du mich hassest, und nun hast du das vorhin gehört und kannst gehn und mich verklagen. Aber das ist mir nun alles gleich. Mehr als mich einsperren können sie nicht. Mir aber wäre das Liebste der Strick! Doch bevor du gehst und mich verklagst: Sag, wolltest du, daß der da wieder aufstünde und würde glücklich mit mir und unsere Freude ginge durchs Haus, bis alle Gespenster geflohen? Gelt, du schweigst! Nun, so wisse: Wenn einer am Totenbett eines andern erleichtert aufatmet, dann ist er ein Mörder, tausendmal ein Mörder! Denn ob er es mit Wünschen getan hat oder mit Händen – das ist alles eins!«

Ich ging hinaus. Von Vaters Schreibtisch nahm ich ein Bild der Mutter, drückte das kalte Glas an die Wange und küßte es: »Gerettet, gerettet« – aber der Friede kam nicht über mich.

Da flüchtete ich mich zu dir, Rehlein. Wir hatten dich zu Papa Merzlufft gebracht. Aber diesmal gab es keine tröstlichen Bücher für dich. Du kauertest am Boden, in dich zusammengekrümmt, das Gesicht auf den Knien und die Haare nach vorn niederfallend. Wie ein Haselmäuslein im Winterschlaf warst du in deinen Haaren, und Papa Merzlufft saß neben dir mit dem allerhilflosesten Gesicht und streichelte dich und gab dir zärtliche Namen.

Er streckte mir betrübt die Hände entgegen: »Das Kind, das Kind, seht, so hat's es nun gepackt!« Ich beugte mich zu dir nieder und strich dir die Haare zurück. Da schnelltest du auf, warfst dich mir an den Hals, und das Zucken deiner heißen Glieder ging durch mich. Und ich streichelte dein fieberndes Gesichtchen und suchte dich zu beschwichtigen mit dem alten lieben Märchen vom goldenen Himmelssaal.

Aber du löstest dich heftig von mir, mit solchen Augen: »Nein, nein, er soll nicht so weit fort. Dann kommt er nie mehr zurück, und er will auch nicht dort sein, viel zu still ist es dort für ihn und zu ernst.« Und brachst in leidenschaftliches Schluchzen aus: »Oh, warum habt ihr mich nicht zu ihm gelassen? Ich hätte ihn so gebeten, sicher, er wäre geblieben. Aber ich weiß schon, wie du bist, Simon: ganz still saßest du, nichts gesagt, einfach gehn lassen, und nun ist er fort und liegt ganz schlimm und sagt nichts mehr zu mir.«

Jetzt hielt dich Papa Merzlufft in den Armen, und als ich sah, wie du unter seinem brummenden Trost dich mählich beruhigtest, ging ich hinaus; aber die Treppe unter meinen Füßen war haltlos wie Watte. Die Nacht saß ich an seinem Bett. Ich betrachtete sein Gesicht, das unveränderlich schien und dennoch am Morgen anders war als am Vorabend, starr, und doch in einem seltsamen sanften Wandel, unwiederbringlich in jedem Augenblick, in jedem Augenblick das letzte. Und immer mehr wurde es das Gesicht, das ich vom goldenen Saal her kannte, das stille, gesammelte, edle, und ich fühlte, wie dieses das wahre gewesen, Vaters eigentliches Gesicht. Aber die Hände hatten nicht dazu gepaßt. Nun lagen sie gebrochen, schmerzvoll gebogen, ein Aufschrei gegen die lebenszerstörende Gewalt.

Ich streichelte diese armen Hände, und meine Augen hingen an dem Antlitz, das immer mehr in sein eigenes Sein zurücktauchte. Und zum erstenmal nach so langem wurde mir wieder still und rein zumute. Alle guten Bilder tauchten auf, und Mutter war bei mir, und noch einmal wie in fernen, seltenen Zeiten waren wir zusammen, drei, die sich gehörten. Und nun war es doch die Rettung: »Wie sie um dich trauern, Vater! So geliebt wirst du . . . Wolltest du mit mir tauschen? Grau, ohne Liebe und ohne Aufschwung geht nun mein Weg.« Und meine Ausgestoßenheit sank auf mich wie ein kühlender Trost, der die Selbstanklage löscht.

Wie vielspurig Vaters Wirken gewesen war, zeigte sich noch einmal an seiner Bestattung, wo die Zeugen seiner verschiedenen Lebensperioden sich zu einem außergewöhnlich stattlichen Trauergeleite sammelten. Selten hatte man so viele und große Kränze gesehen, und aus den zahlreichen Reden stieg Vaters Bild reich und mit weitem Glanze hervor.

Aber als am Grabe die Schüler sangen und Stimme um Stimme im Schluchzen zusammenbrach, bis schließlich das Lied unvollendet in herzerschütterndem Weinen versank, da fühlte ich, welch einen mächtigen Ring von Liebe dieser Mann um sich gelegt hatte und daß ich niemals darin gestanden. Und ich sah ihn wieder, wie er auf den Ruwenbergergarten zuschritt, heiter und warm unter den Kindern, und dann auf einmal die breite Brust und das harte, kalte Gesicht.

Ich schlich mich weg, an den schwarzen Wagen vorbei als einer, der nicht dazu gehörte.

Dann kam das Leben in dem Hause, das nun wirklich leer war; denn nicht allein mein eigenes verwüstetes Ich, auch den Weg zu dir, Rehlein, mußte ich neu bauen. Du weißt, es ging nicht leicht und nicht schnell, und wäre Papa Merzlufft nicht gewesen, wer weiß, die Öde wäre Meister über uns geworden.

Aber der stand nun da, unumstößlich auf seinen festen kurzen Beinen, mit diesen grundklaren Augen und den Händen, die alles konnten, streicheln und packen, aber nichts besser als einrenken, was verstaucht, und lösen, was verwirrt war.

Als ich ihn fragte, er werde nun wohl in die alte Heimat zurückkehren wollen dabei war mir wie einem Hungernden, der den letzten Bissen weggeben soll da hatte er mich so von unten angeschaut, mit gerollten Augen; aber alle Lidfältchen lächelten: »Allweg werde ich das, saker Strahl, wann das Rehlein mich doch brauchen kann! Und überhaupt, Heimat! Wenn man alt wird und die Frau ist von einem gegangen, dann macht man sich seinen besondern Begriff davon, und ich zum Beispiel meine nun, ich gehöre dahin, wo sie zuletzt war. Schon um der Ordnung willen: wann sie herunterschaut, daß sie alles beisammen findet, das Grab und den Mann. Dem Vagieren hat sie nie viel nachgefragt, und eben, sie soll's auch dort oben bequem haben und übersichtlich.«

Dann studierte er unsere Verhältnisse. Zuerst die äußern. Er machte ein paar nachdenkliche Runzeln: »Hm, solang Ihr noch nicht verdienen könnt, Herr Simon, grad langen tut's nicht. Der Kleine Schwanen sollte mehr abtragen. Noch ein Stockwerk vermieten? Kann's mir nicht. Das Haus ist nicht dazu eingerichtet, Umbauten sind köstlich und dann die Möbel. Alte Möbel soll man nicht verschleudern; die sind erprobt, da ist Seele drin und Segen. Das Rehlein kann die einmal brauchen. Da müssen wir was anderes herausdividieren.«

Er hatte das andere bald gefunden, und es war eine herrliche Lösung, wenn er sie schon mit einem seltsamen Knurren vorbrachte: »Seht, der Magen, bei so einem alten Sumpfknochen wie ich wird der Saker z'vollem Regent. Man weiß das zwar nicht immer und meint dann, es sei das Gemüt und dergleichen, wenn es einen so inwendig guselt. Aber es ist doch immer nur der Magen. Und darrim muß man ihm borgen, und Euere Luise, das ist eine, die das versieht, man sieht es ihr an der Nase an. Kurz und gut, Ihr müßt mich an den Tisch nehmen. Aber etwas Rechtes will ich zwischen die Zähne, sakerlott, das darf ich mir schon etwas kosten lassen! Und dann ist die Stube von Eurem Vater. Die hat so ein paßliches Nordfenster; die müßt Ihr mir geben, daß ich mein Werkzeug darin aufstellen kann. So etwas bäscheln hie und da, ohne das geht's doch nicht. Nur die Kammer oben will ich behalten. Von wegen, wenn sie mich dann einmal unversehens holen will, daß sie doch gleich weiß, wo Orts. Aber die beiden großen Zimmer, die räume ich. Mit der Küche gibt es dann noch ein artiges Logislein für zwei stille Leutchen. Perse, die müssen dann nach meinem Geschmack sein, wenn ich mit ihnen auf einem Boden schlafen soll, und drum will ich sie mir auch selber aussuchen. Meine überflüssigen Möbel stellt man dann in die leeren Kammern zusammen. Die Luise muß jetzt doch unten schlafen bei dem Rehlein, und meine Anna brauche ich jetzt nicht mehr, und was etwa nicht Platz findet, das nimmt das Mädchen dann schon mit; sie hat ohnedies das Heiraten im Kopf. Und kurzum, wenn man das alles zusammenrechnet, die Mietzinse und meine Pension zu pressieren braucht Ihr dann nicht mit dem Examen, Herr Simon, und so zu einem Reis'lein ab und zu sollte es euch noch langen.«

Kaum hatte er den Plan gefaßt, so wurde er auch verwirklicht. Es war mir seltsam wohltätig, als Vaters Studierstube, die von soviel phantastischen und unheimlichen Plänen durchwölkt war, sich zur nüchternen Werkstatt verwandelte. Und wenn nun bei unsern Mahlzeiten Papa Merzlufft zugegen war und seine kurzen, knurrigen Reden oder gar bisweilen sein herzstärkendes Lachen über den Tisch rollte, war mir wie einem, der aus dumpfen Träumen zum hellen Werktag erwacht. Des Alten Augen waren klarer und schärfer als irgendwelche auf der Welt, und doch waren es die einzigen, denen mein verwundetes Gewissen standhielt.

Als ich am Beerdigungstag heimgekehrt war, spät, einsam, zu Fuß, und mich in meine Kammer verkrochen hatte, war er auf einmal zu mir hereingetreten. Er hatte einen festen Händedruck wie zwischen Männern, die sich verstehen, und erzählte dann von dir, wie du nun endlich eingeschlafen seiest, und suchte mich zu beruhigen, daß ich mich nicht zu sehr ängstigte deinetwegen. »Wunden, die stark bluten, bleiben gesund und heilen bald. Man glaubt nicht, was für ein Balsam das ist, der heftige Schmerz und die aufrichtige Trauer. Die Salbe fehlt Euch jetzt halt, Herr Simon, drum seid Ihr der Bedauernswertere. Aber schließlich, auch was Materie zieht, kann heilen; denn der Eiter will doch nichts anderes als das Gift herausschaffen. Nur dauert's länger. Immerhin, Ihr sollt's auch nicht zu lang schwären lassen. Ein Schnitt tut oft gut, und Ehrlichkeit ist wie ein braves, scharfes Messer; so sage ich Euch denn unverblümt: Es ist schon bitter, gehn zu müssen, wenn man noch mitten im Leben steht, aber einenweg, es legt sich einer ringer aufs Totenbett als in ein verfluchtes Ehebett; denn das wäre es doch gewesen. Und darin, das Rehlein, auf irgendeine Weise wäre es dann zugrunde gegangen, das schwör' ich. Es aber geht über alles; denn – Euern Vater in Ehren seht, ich hab da im Keller ein paar Flaschen Vierunddreißiger. Nun, eher daß ich eine von denen weggebe, will ich zwanzig andere verbrauchen, und wenn auch ein paar Fünfundsechziger drunter sind. Das Rehlein aber, akkurat wie ein gutes Weinjahr ist so ein Persönchen. Alle Jahrhundert eins. Und was Euch angeht, es ist schon recht, daß man putzt inwendig und mit sich ins klare kommt; aber schließlich kann einer doch nichts anderes und nichts Besseres als die Dinge nehmen, wie sie kommen, und sich selbst, wie man ist.«

Seither vermeinte ich, nicht mehr bestehen zu können ohne Papa Merzluffts verstandsamen Blick. Auch vor dir mußte er mir helfen; denn seit Vaters Tod war eine seltsame Scheu zwischen uns. Deinen Schmerz, der sich immer noch bisweilen in wilden Ausbrüchen Luft machte, und dein verändertes, verstocktes Gesichtlein empfand ich wie einen Vorwurf. Ich schämte mich vor dir meiner tränenlosen Stumpfheit, und das Gefühl meiner innern Entwertung war zu stark, als daß ich den harmlosen Ton dir gegenüber hätte finden können, und so trieb ich dich von mir weg. Papa Merzlufft fühlte unsere Ratlosigkeit und fand auch hier den Rank. Ganz behutsam ging er zu Werk und ohne sich irgend etwas merken zu lassen. Er ließ uns gewähren, jedes in seiner Verkrampftheit; aber er schuf um uns eine Atmosphäre von Natürlichkeit und Vertrauen, darin die Fremdheit nicht bestehen konnte. Und eines Abends nach dem Essen, als der rot überwölbte Garten alle frühsommerlichen Betörungen zum offenen Fenster hereinwarf, zog er plötzlich seinen Fahrplan hervor: »Nun, wann wollt ihr eigentlich verreisen morgen?« und als wir ihn überrascht anblickten: »Natürlich müßt ihr doch morgen über Land! Sünd und Schande ist es, an solchen Tagen daheim zu versauern. Und direkt eine Beleidigung gegen den Herrgott, wenn er doch die Welt so schön herausputzt, sie sich nicht einmal anzusehn!«

Er brachte ein artiges Plänchen vor zu einer Tagesfahrt: frühmorgens mit dem Schiff den See hinauf, mit dem Zug abends heim und zwischendurch der Weg durch das blühende Land und Rast im alten Städtchen mitten im Blust. Die Sache war abgemacht, doch unsere Bitte, er möchte mit uns kommen, blieb unerfüllt. Ein andermal ja, aber jetzt müsse erst das mit der Wohnung im reinen sein, und das hoffe er an diesem Tag zu vollbringen. Am Morgen waren Annas Möbel abgeholt worden. Mit fröhlichem Peitschenknallen hatte der Bräutigam des Mädchens die stattliche Fuhre weggeführt, und nun roch es im ganzen Haus nach Seife, und die Fenster im obern Stock standen offen und blitzten.

Weißt du noch, wie wir an jenem Morgen den See hinauffuhren? Die ganze Welt war himmelblau, alles Ferne silbern umrissen, die nahen Ufer vom letzten Apfelblust überwölkt; aber du standest am Schiffsgeländer und blicktest unverwandt auf die schaffenden Räder und in den aufspritzenden Wellenschaum. Du trugst das Trauerkleidchen, das man dir auf deinen Wunsch hatte machen lassen. Dessen stumpfes Schwarz löschte alle deine Farben. Wie bestaubt standest du da, schmal zusammengebogen, und deine Augen flohen die Welt.

Ich ließ dich gewähren. Ich wußte, wie das ist, wenn einem die Schönheit wehtut nach Mutters Tod hatte ich es erfahren – wie die Pflugschar in lockerer Gartenerde, tief, tief hinein. Nun aber war ich der steinige Acker, in den keine Schaufel dringt. Wie Spürhunde liefen meine Augen durch die Welt, sie sahen alles, sie stellten ein Übermaß von Schönheit fest; aber das alles blieb ohne Beziehung zu mir. Die feinen Brücken, die das Äußere in die Empfindung leiten, schienen abgebrochen.

Ich streichelte dein unbedecktes Köpfchen, und dein sonnenwarmes Haar tat meinen kalten Händen wohl; aber ich fand kein Wort, das uns zusammenfügte.

So stumm gingen wir auch durch die gelben Hahnenfußwiesen dem Städtchen zu. Du liefest voran wie ein folgsames Hündlein, das gesenkte Gesicht im Schatten deiner vorfallenden Mähne. Ich ließ mich liebkosen vom Anblick deines feinbewegten Ebenmaßes, und ich haßte dein schwarzes Kleid.

Als wir uns in einem Wirtshausgarten des Städtchens niederließen, wußte ich, daß wir einen langen und heißen Weg hinter uns hatten. Erschöpft und ein wenig gebrochen saßen wir beide da.

Der Garten war kühl, dunkel, von dicht verschränkten Platanenkronen überdeckt, von einer hohen grünen Hecke umschlossen. Nur der Ausgang nach dem einsamen Gäßchen hin gab dem Blick einen Weg, doch nicht weiter als bis zu der hohen Mauer jenseits. Diese war glatt und blendend wie die staubweiße Straße, doch oben von einem Streifen Sommerhimmel begrenzt. Nichts als die weiße Straße, die weiße Mauer und das tiefblaue Himmelsband. Wenn Menschen vorbei gingen, die Häupter gesenkt der Blendung wegen, die Schritte gedämpft durch den dicken Staub, unkörperlich, aufgelöst von der Übergewalt des Lichtes, so war es, als ob Schemen vorbeiglitten, stille, wesenlose Gestalten, einsame, losgelöste Wandler im Unwirklichen. Der Anblick bedrängte mir den Atem und sog doch die Blicke grausam fest. Ich saß wie gelähmt, ohne mir das seltsame Grauen erklären zu können.

Da griffest du nach meiner Hand: »Simon,« und deutetest nach der Mauer hinüber, »das dort, ich weiß nicht, das ist schrecklich, das macht mir solche Angst!«

Ich fühlte mich erschüttert. »Spürst du das auch, Rehlein, kleines?« Und dann führte ich dich an einen andern Tisch. Nun saßen wir mit dem Rücken gegen die Straße und blickten in das bunte Leben des Gartens hinein, in die wohlig erwärmten Gesichter der andern Gäste, die sich vergnügt von der Helle des Ausgangs bescheinen ließen und über sich leerende Platten hinweg neugierig in die Straße äugten.

»Siehst du, die sehen es alle nicht!« Du nicktest ernsthaft, und ich fühlte, wie dir ein Schauer durch den Rücken lief. Als wir später hinter dem Städtchen nach dem kleinen Tobel hinunterstiegen, gingen wir nebeneinander, Hand in Hand. Du legtest dein Köpfchen an meinen Arm: »Warum haben die andern es nicht gemerkt? Warum nur ich und du?«

 »Weil wir zusammengehören, Rehlein; denn sieh, wenn ich nun schon so ein armer Krüppel bin und du das geradeste Tännlein, inwendig, da muß doch manches sich gleichen.«

Du drücktest meine Hand heftig gegen deine heiße Wange: »Du darfst nicht so sagen von dir, Simon. Dein Rücken, das sehe ich gar nicht, und dann hast du ja so liebe Augen, und wenn du sprichst, niemand hat eine Stimme wie du, Simon.«

Wenn du geahnt hättest, wie dieses Wort meinen zerstörten Menschen segnete!

Dann saßen wir unten am Bächlein, eng aneinander geschmiegt, und es kam ganz natürlich, daß ich von den Ruwenbergerzeiten erzählte, so viele, so liebe Geschichten; aber dann auch von der fremden Stadt, darin ich einsam gelebt hatte, und wie ich schließlich Heimweh bekommen nach meinem kleinen Schwesterlein, daß ich es nirgends mehr aushielt.

Du warst ganz still und hörtest nur immer zu; aber als wir uns endlich erhoben, lagst du mir plötzlich am Hals und küßtest mich, wie schon lange nicht mehr: »Gelt, Simon, nun gehen wir nie, nie mehr voneinander!«

Ich fand keine Worte. Mir wurde das Herz groß wie damals, als du mich aus dem Schatten des Simsonbrunnens hervorzogest, und wie wir nun unter der tiefstehenden Sonne nach der Bahnstation hinüberwanderten, sah ich, welch eine Herrlichkeit das ist, wenn schräge Strahlen durch die Frühlingswiese streichen und Gold und Smaragd durch tausend feine, schlanke Schatten leuchten. Und ich sah es nicht allein mit Augen.

Auf der Eisenbahn freilich, da war der gemeine säuerliche Kohlengeruch und Menschen zwischen uns mit untersuchenden Augen und unguten Gesichtern, und das Haus eilte einem entgegen mit den stillen, von wehen und bangen Bildern erfüllten Stuben, und da war eine, die hatte es ein Gespensterhaus genannt.

Aber als wir mit müden Füßen die Steile Gasse erklommen, erblickten wir oben vor der Haustüre Papa Merzlufft. Er unterhandelte mit einem Mann, der im Begriffe stand, einen Wagen mit leeren Kisten wegzuführen. Mit muntern Schritten und dem aufgeräumtesten Gesicht kam er uns entgegen, nahm dich behutsam an den Arm wie eine kleine Dame und zog uns mit einer lustigen Begrüßung ins Haus hinein.

Auf dem Flur sah es nicht wirtlich aus. Die roten Fliesen waren mit Stroh und Holzwolle überstreut. Er lachte: »Nämlich, da ist heute der neue Mieter eingezogen. Ja, ein Glück hattet Ihr schon, daß Ihr just um den struben Tag herumgekommen seid. Immerhin, begrüßen solltet Ihr nun doch Eure neuen Hausgenossen. Ihr seid doch sozusagen der Hausherr, Simon.«

Lebhaft stieg er mit dir treppauf. Ich folgte mißstimmt. Ich war nicht gewohnt, den Kleinen Schwanen als Miethaus anzusehen. Bis jetzt hatten wir mit Freunden zusammengewohnt, und ich war nicht eben dazu aufgelegt, fremden Menschen fade Worte zu sagen.

Weißt du noch, Rehlein, wie dir damals zumute war, als die Türe aufging und wir plötzlich mitten drin standen in der weißen Stube der Schwestern Eßlinger?

Als Kind hatte ich einmal im Frühjahr viele Wochen lang krank gelegen. Als ich zum ersten Male wieder ans Fenster durfte, stand der Ruwenberg, den ich zuletzt im nackten März gesehen, im Blust. Da war es so durch mich gegangen wie das leibhaftige Wunder. Und doch war dieses weit wunderbarer. Die Vergangenheit, die versunkene, stand plötzlich wieder da, und Totes war lebendig geworden. So gewaltig war der Ansturm, daß ich ganz steif wurde davon, unfähig zu andern als den allergewöhnlichsten, allgemeinsten Redensarten, und die Schwestern standen auch so da, so eingefroren in ihrer Befangenheit: Ja, ja, das habe nun der Herr Merzlufft so gewollt, und eben erst seien sie mit den Vorhängen fertig geworden, just in dem Augenblick, und da sei gewiß manches, das noch nicht stimme. Aber da ging eine Türe, und auf einmal wirbelte der hellste Vogelgesang herein, und das war nicht anders, als ob der tote Hänsi auferstanden wäre.

Da hatte es ein Ende mit unserer Befangenheit. Die beiden Schwestern fielen auf ihre Stühle und schlugen die Hände vors Gesicht, und ich saß auch plötzlich in der lieben alten Ofenecke und konnte es nicht hindern, daß mir die nassen Schleier über die Augen gingen.

Aber Papa Merzlufft, der aus der Stube herübergekommen war, das grüne Tuch noch in der Hand, damit er vorher den Käfig bedeckt gehalten, donnerte uns anders zusammen: »Sacker Strahl, nun heult es wahrhaftig, das Frauenzimmer! Eine Freude habe ich euch doch machen wollen!« und lief zurück, holte den Käfig mit dem verstummten, etwas aufgeregten Vögelchen und hängte ihn kurzerhand an den alten Nagel: »So, da soll der jetzt bleiben und singen, aber ohne feuchte Begleitung.«

Da sprangst du plötzlich aus deiner Ecke hervor, wo du bislang verschüchtert gestanden hattest: »Oh, der goldene Vogel! Nun ist er wieder da und ist ganz gesund und lustig!« Und das war dein altes Jubelstimmchen, und schwangst dich auf den Tisch mit einem einzigen langbeinigen Satz und stecktest dein Näschen zwischen das Gitter, und das Vögelchen tat zutraulich und erregt, und als es sich gar aufplusterte wie ein verliebter Täuberich, brachst du in das hellste Lachen aus, wie man es so lange nicht mehr gehört hatte.

Auf einmal war die Stube voller Fröhlichkeit, daß wir andern mitlachten. Nur Papa Merzlufft machte ein kurioses Gesicht, mit hochgezogenen Brauen, und wandte sich unwirsch: »Verdammte Heulpastete!« und verschwand in seine Kammer, von wo man bald ein paar kategorische Schneuzer vernahm.

Später am Abend, als du bereits die Anstrengungen des Tages verschliefest, saßen wir noch zusammen unter der alten Lampe mit dem Ölpapierschirm. Papa Merzlufft hatte eine ganz gute Flasche heraufgeholt, und die Schwestern, die festlich und rosig aussahen, hielten nicht länger zurück mit ihrer Empfindung. Ach, daß so etwas möglich, menschenmöglich war! Sie müßten sich immer wieder von Zeit zu Zeit in den Arm kneifen, um sich zu versichern, daß es wirklich kein Traum sei. Wenn man halt etwas hundertmal geträumt und dann immer zuletzt das schlimme Erwachen in der Spittelstube – nicht zum Glauben sei das. Und überhaupt, daß in so alten Menschen noch eine solche Freude Platz habe.

Papa Merzlufft winkte ab: sie sollen da noch nicht zu unerkannt rühmen, sie wissen dann noch nicht, was ihnen etwa von ihrem neuen Hausgenossen warte, das sei gar ein verzwackter Kerl. Immerhin, er habe sich bereits eine Kammer bei uns gesichert. Wenn sie sich dann gegenseitig ertäuben sollten oder auch sonst, ein Hintertürlein sei immer wertvoll. Und so habe er es denn sozusagen komfortabel wie ein Eichhorn oder wie der selige Cromwell: jede Nacht in einem andern Bett, wenn er wolle, und noch sogar in einem andern Stockwerk.

Wann aber vollends der Herr Doktor Eßlinger erscheine, nehme er sowieso Reißaus. So gelehrte Herren und Ehrendoktoren da sei's ihm dann schon wohler bei dem Rehlein unten.

Hierauf sprach man von Doktor Eßlinger, und die Schwestern wurden ganz verklärt: zu denken, daß man den Bruder wieder bei sich haben könne – hier im Kleinen Schwanen! Und wenn es schon hart über ihn gegangen sei, die Trennung von der Frau und all das schlimme häßliche Zeug vorher, so hart, daß er nun wieder eine große Reise plane, um sich den Sprung zu erleichtern, vorher komme er ja noch zu ihnen, und wenn sie ihn nur wieder hätten, hier bei sich in den alten Stuben – ach, auf einmal habe man den Glauben wieder und meine, daß alles gut werden könne.

Als ich unten in meiner Kammer lag, war mir, daß ich durch alle Dielen hindurch den Frieden der weißen Stube fühlte. Wie ein Licht stand sie über mir, und Licht ist Hoffnung, ist Weg und Zuversicht ins Künftige.



Wenn ich heute jene Zeiten überblicke, dann erscheint mir der Tag mit unserer stillen wunderlichen Wanderung und der lieblichen Überraschung des Abende wie der Eingang in eine andere Welt. Wohl waren damit die Zeiten der Qual und der Selbstentfremdung noch nicht abgeschlossen. Es dauerte noch, bis du deine Erschütterung überwunden und dein früheres Wesen wiedergefunden hattest. Und vielleicht bist du nie mehr so ganz in deine alte sonnenhelle Fröhlichkeit zurückgetaucht, wenn du auch unter den andern immer noch warst wie die Birke im Tannenwald. Aber dein Jubelstimmchen klang doch wieder durch alle Räume. Von den Ausflügen mit Papa Merzlufft kamst du heiß und glücklich nach Hause, von euern gemeinsamen Gängen auf den Exerzierplatz der Allmend mit allerlei strategischem Wissen und viel bubenhafter Soldatenbegeisterung, und mit der Armbrust, die dein alter Freund dir verehrte, und den Künsten, die er dir damit beibrachte, machtest du als wildhaarige kleine Diana unsern Garten unsicher. Und wieder wie vordem tanztest du zwischen den Blumen und klettertest auf alle Bäume, und wenn du Kinder von der Straße hereinholtest, dann warst du die Wildeste unter den Wilden. Aber oft mitten aus dem fröhlichsten Spiel konntest du davonlaufen. Dann flüchtetest du zu mir herein in meine stille Arbeitsstube, und während sie draußen weiter tollten, saßest du da, unbeschäftigt, mit diesem neuen, unerklärlichen Gesicht: die Augen dunkel, die Wangen schmal und um den Mund einen Zug von weher Lieblichkeit, der einem ins Herz schnitt.

Diesen Ausdruck hatte ich früher nie an dir gesehn. Er war mit fremd, unbegreiflich, rührend, daß ich mich vor dir scheute und dich nicht anzufassen wagte, weder mit Worten noch mit Blicken.

Rehlein, dieses Gesicht, was waren es für Stunden, da ich es an dir sah! Und dann noch ganz zuletzt. Dein letztes Gesicht.

Auch ich war nach jenem erlösenden Tag noch kein Erlöster. Noch immer gab es Gespenster um mich. Eines hat mich nie ganz verlassen. Heute noch begibt es sich zuweilen, daß ich es plötzlich vor mir sehe, fürchterlich losgelöst und doch fürchterlich klar und nahe: der schöne große Mann auf dem Lager, wie er nach dem Leben schreit, die Hände so ausgestreckt und leidenschaftlich zurückgeworfen den blonden Tellenkopf und daneben, häßlich, eng, zusammengekauert der andere und späht nach dem Tod.

Aber den Krampf der Ratlosigkeit und Entfremdung hatte jener Tag doch von uns genommen. Wir hatten uns neu gefunden, und mit den Schwestern Eßlinger, deren Köpfe nun wieder freundlich über den Rosmarinkästchen erschienen mit der weißen Stube und dem Hänsigesang war etwas von der heitern Ruhe einer fernen, unsäglich fernen Zeit zurückgekehrt. Mutters Gegenwart, die die Erlebnisse mit dem Vater so grausam zerrissen hatten, formte sich wieder. Und dann kam es ja, daß ich deinen Unterricht übernahm; der band uns fester zusammen als alles andere.

Wohl hatte man daran gedacht, nach Vaters Tod dich in die öffentliche Schule zu schicken; aber es zeigte sich, daß es keinen Anschluß für dich gab. Deinen Altersgenossinnen warst du weit voraus, und eine höhere Klasse verschloß dir das Gesetz. Denn damals wie heute war es in unserer Demokratie so bestellt, daß man zwar für die Schwachen, die Zurückgebliebenen, die geistig Enterbten väterlich sorgt; für die Begnadeten aber, die über das gewöhnliche Maß hinausragen, hat man keinen Platz, und weil das Gesetz sie verneint, glaubt man überhaupt nicht an ihr Vorhandensein. Papa Merzlufft war wütend. In seinem Kanton waren die Einrichtungen anders: da konnte eines ungehindert so weit springen, als die Füße es ihm erlaubten, da gab es keinen vorgeschriebenen Normalschritt. Er schimpfte: »Akkurat wie jener alte griechische Kerl machen sie es, wie hieß er doch? der die großen Leute in ein kurzes Bett legte und ihnen die Füße abschnitt. Aber dem Rehlein sollen sie die Füßchen nicht abschneiden, heiliger Strahl, die vogelflinken Füßlein! Solch eine Dummheit! Die Finger schlecken hätten sie sich sollen nach so einer Schülerin. Nun haben sie es gehabt. Nun kann uns die ganze Regierung gestohlen werden. Nun wird es eben von Euch unterrichtet, Simon, und dann können sie sehen, was für einen Mordskerl das gibt aus unserem Kind!«

Im Anfang, ich weiß, littest du wohl sehr. Nach Vaters hinreißender Art meine stille Gründlichkeit. Aber du gabst dir soviel Mühe, es mich nicht merken zu lassen. Und dann kamen die großen Gegenstände an die Reihe, die selber reden, und da waren deine Augen, und das Feuer ging auf mich über, daß ich meine Schüchternheit verlor Rehlein, was wurden das später für Stunden!

Es war eine emsige Zeit für mich. In den Kollegien nahm ich soviel Weisheit auf, als das Gehirn faßte, ich saß auf Bibliotheken, ich schrieb in die Nächte hinein, soviel die Augen ertrugen; aber ich weiß heute, daß es weit weniger die herannahenden Examen waren, was meinen mit Leidenschaft betriebenen Studien Aufschwung, Richtung und Ziel gab, als die Augen meiner kleinen Schülerin, vor denen kein schiefer Gedanke, keine Verworrenheit, nichts Verschleiertes Bestand hatte. Und das Aufleuchten, wenn Schönes sich enthüllte! Dieses Aufleuchten, Rehlein, das nicht allein in deinen Augen lag, das durch den ganzen Menschen ging, war es, was mich immer mehr von der allgemeinen Wissenschaft weg zur Kunst hinüberzog und mich schließlich dort Boden fassen ließ, wo die Schönheit ihr urtümliches Heimatrecht besitzt, im alten Hellas. Hier stehe ich heute noch, heute noch als ein Suchender, und heute noch sind es deine Augen, Rehlein, die mich leiten auf diesen wunderklaren und doch tief rätselhaften Wegen. Und wenn der tastende Fuß irgendeine neue Stufe gewann, dann ist es dieses Aufleuchten, das mir sagt, ich sei nicht fehlgegangen.

Und so gibt es denn für den Lehrenden nichts Größeres als den Schüler, dessen Geist so beschaffen ist, daß er das Bedeutende an sich zieht und ihm aus dem Äußern die Wege öffnet ins Innere. Und wenn ich heute vor meinen Studenten stehe und sehe die gespitzte Aufmerksamkeit in den uneröffneten Gesichtern und sehe, wie sie mit emsigen Schreibfingern jeden Examenkram festhalten, aber immer dort unbeteiligt und blicklos werden, wo in deine Augen das Leuchten käme, weil sich ein Türlein öffnet aus der stumpfen Allgültigkeit ins lebendige Wunder des Besondern, aus der Belanglosigkeit des Einzelnen in die ewigen Gründe der Gemeinsamkeit, und wo das flache Wissen aufbricht und die Tiefen der Erkenntnis sich öffnen, dann ergreift mich der Schmerz über unser Tun, die wir verdammt sind, an Hunderte zu verschütten, was nur wenige aufzunehmen vermögen, weil zwar die meisten zum Wissen geschaffen sind, viele zum Ausgeben, zur Erkenntnis aber, die Wissen und Wort erst zu Leben macht, nur die Wenigen. Deshalb ist alles Reden und Kämpfen um Lehrart und Schule Vergeudung; denn für den Gebenden liegt Entscheidung und Gnade bei dem, der empfängt. Empfangen aber kann allein, der offenen Geistes ist und weiß, daß das Große oft in den kleinen Dingen liegen kann, aber so selten in den großen Worten.

Es war wohl ein wunderlich ungängiger Lehrgang, den wir befolgten. Dinge, die allem Schulmäßigen himmelfern lagen, zogen uns in ihre Fesseln; aber daß auch das gewöhnliche Schulgut in dir Platz gefunden, das bestätigte uns alljährlich der gesetzlich verschriebene Inspektor.

Weißt du noch, wann er kam, es war immer ein Freudelein für uns. Der nette alte Herr mit den zierlichen Männerchörler-Löcklein am Kopf und mit der gutmütig gesenkten Nase, und wie er jeder deiner Antworten ein beifälliges »Ganzgut« zunickte! Deshalb nannten wir ihn auch den Herrn Ganzgut. Du saßest fein und ernsthaft da und doch mit dem lieblichsten Lächeln in den Augen, ich daneben nicht ohne Stolz; aber Papa Merzlufft: Glorios mit der großartig hinweisenden Gebärde der Gracchenmutter.

Am Schluß gab es dann zu Luisens goldgelben Eieröhrlein Wein aus dem Merzlufftschen Keller, eine Lobrede auf die Schülerin und eine Ermahnungsrede an mich, daß ich dich nicht zu sehr überhetze. Das kam mir so komisch vor, du und überhetzen!

Es gibt Menschen, sie gehn durchs Leben wie ein Eisenbahnzug, der mit Fauchen und Rattern weithin vernehmlich von seiner Arbeit Mühsal erzählt: »Ich kann fast nicht und muß doch gäng, ich kann fast nicht und muß doch gäng . . .« Andere sind wie Gäule, sie trotten still und wacker ihre Straße; aber da ist nichts an ihnen vom gesenkten Kopf bis zu den geduldigen Flanken, das nicht von Pflichterfüllung redete, von unbedingter Gefolgschaft im Willen ihres Herrn. Und es gibt solche, sie sind wie Segelschiffe. Wer, der sie frei dahinziehen sieht, dächte daran, daß ihr glänzender Zug einer fremden Macht folgt? Durchaus ungehemmt und selbstherrlich scheint ihr heiterer Wandel und dessen Trieb Freude. So war unsere Mutter. Niemand hätte glauben mögen, wie begrenzt, wie von mannigfaltigen Pflichten beherrscht ihr Dasein war. All ihr Tun schien aus heiterem Willen zu stammen und irgend der Freude zu dienen. Du aber warst wie das Wölklein am Himmel. Ob es rosig umsäumt durch den Morgen segelt, ob es goldjauchzend in den Abend zieht, ob es sich zu silbernen Gebirgen ins Mittagsblau türmt, ob es langhälsig flackerhaft durch die Weite jagt oder leise lächelnd ins Unendliche zergeht – immer scheint es losgelöst, ziellos selig, durch nichts bedingt als durch die eigene Natur. Deren Sinn aber ist Leben und Vielgestalt.

Es war undenkbar, daß man dich hetzen oder zu irgend etwas hätte drängen können, dem dich dein eigener Drang nicht zutrieb. Wenn man dich an der Arbeit oder über deinen Büchern sah, dann warst du ganz in dir, verkappt und unzugänglich, und wenn du gleich nachher durch den Garten stobest mit Ball oder Armbrust, fühlte man, wie alles Wissen, das dich über dein Alter hinausführte, deiner Kindlichkeit keinen Schaden tat. Du warst ja soviel kindlicher als alle deine Altersgenossinnen, und zu einer Zeit, wo jene schon anfingen, mit engen Damenschritten einherzustelzen, und ihre Flechten zu kleinen Kronen türmten, setztest du noch langbeinig über alle Hecken, und die Zöpfe, die Luise dir am Morgen flocht, erlebten selten den Mittag. Wie hat sich Papa Merzlufft jedesmal gefreut, wenn du dich mit gelöster Mähne zu Tisch setztest, und wie oft trug er von euern Spaziergängen deine abgefallenen Haarschleifen in der Rocktasche heim! Und er schmunzelte: »Das ist jetzt halt so, unser Rehlein läßt sich nicht binden.«

Ja, durchaus ungebunden schienst du und deiner Bestimmung froh. Und dennoch: heute weiß ich, wenn Mutter noch gelebt hätte, gewisse Dinge, die wir alle nicht zu sehen oder gar zu deuten verstanden, ihr wären sie nicht entgangen.

Doch, das ist töricht gesprochen! Wenn Mutter gelebt hätte, dann wäre ja alles anders gewesen. Ich sehe euch noch, wie ihr den Fluß entlang schrittet, und es war dieselbe Melodie, die euere Gestalten bewegte. In Mutter hätte deine Besonderheit ihren Grund gefunden, gefesteten Bestand und die sanfte Ausleitung in die Heiterkeit des Allgemeinen. Nun warst du einsam in dir und in der kleinen brückenlosen Welt, die unsere Liebe um dich schloß. Wir freuten uns an deiner Außergewöhnlichkeit; keiner dachte daran, welch ein Joch es für den jungen Menschen ist, eine Ausnahme zu sein. Wir wärmten uns an deinem Wesen und wußten nicht, daß, wer so zu geben vermag, nicht in die Umschlossenheit gehört, sondern unter die Freiheit des offenen Himmels.

Und vielleicht habe ich es doch gewußt. Ich war jung, und wenn ich auch durch siebentausend Qualen hindurch mir wieder einmal die Ruhe der Geborgenheit im Geist errungen hatte, ich wußte doch ganz genau, wohin das junge Blut will, daß Jugend zu Jugend muß und daß ihre Kraft und Unsicherheit gleichermaßen zum selben Ziele treiben, zur Gemeinsamkeit. Und wenn nun die Schwestern Eßlinger auch zart und liebevoll waren wie das sanfteste Zwillingsgroßmütterchen und Papa Merzlufft frischer als hundert Junge, es war doch so, daß du zwischen drei Alten und einem früh angereiften Krüppel lebtest, Herrgott, in einem so dicken Ring von Fürsorge, Belehrung, eifersüchtiger Liebe und verpflichtender Bewunderung. So schwer ummauert das freie goldene Vögelein. Gab es da andern Ausweg als in die Sterne?

Weil ich heute ganz ehrlich sein darf: es gab Zeichen, und ich hätte sie sehen müssen. Wenn du auf unserer Mauer saßest, mit vorgestrecktem Hälschen, dem tiefern Garten des Buchbinders zugekehrt, wo dessen fünf Kinder werkten und lärmten – ich genoß deine feine sehnsüchtige Silhouette; aber war ich nicht im geheimen froh, daß dein abgewandtes Gesichtchen es mir verbarg was in deinen Augen vorging? Und weiter: Wir kamen heim von einem Gang durch sonntägliche Dörfer. Allenthalben war es laut und gesellig zugegangen, unter der Dorflinde, beim Feuerweiher, vor der Kirche, und im Wald waren uns so viele Mädchen begegnet. Sie trugen Efeukränze im Haar und gingen verschränkt in Reihen, daß wir uns ganz schmal machen mußten am Wegrand, und deine Hand wurde feucht in der meinen. Daheim, als wir die Steile Gasse erklommen, hängtest du dich schwer an meinen Arm: »In der Stadt gehört man gar nicht zusammen, und alles ist sehr alt.« War da nicht etwas, das in mir aufsprang wie ein winziges rotes Zeigerlein? Gib acht, Simon, da hat etwas getroffen!

Aber ich machte mich taub und lachte: »Gehören wir denn nicht zusammen, Rehlein? Und bin ich ein Greis? Und unser Gärtlein mit den tausend Frühlingsblumen?«

Und triumphierte inwendig, als du dich enger an mich schmiegtest und schwiegst. Und triumphierte inwendig, wenn du mitten aus dem tollen Wildeln mit den Kindern der Gasse zu mir herein flohest, und setzte dein schmerzliches, dein verstörtes Gesicht jenen aufs Kerbholz. Triumphierte innerlich, als du an den fremden Ferienkindern beim Apotheker über dem Platz die Enttäuschung erlebtest; denn daß du es nur weißt: ich hatte gelitten unter deiner Vergötterung der hübschen, belanglosen Dinger. Dich am Gartentor stehen sehn und sehnsüchtig warten, bis sie geruhten, zu dir herüber zu flattern, und zuschauen, wie du still und ehrfürchtig wurdest vor ihrer Sicherheit! Du warst wie verzaubert: »Sie sind so schön, wie Engel sind sie!« (Meine Häßlichkeit schrie auf über solchem Lob.) Dein knappes braunes Kleidchen schien sich zu schämen vor ihren bunten Bauschigkeiten: »Oh, solch eine breite seidene Schärpe um den Leib! Es ist so schön, daß Augusta eine rosenrote trägt zu ihren sanften Locken und Emilie Mohnrot zu ihren Krauseln; ich aber möchte lieber die rote.«

Ich spottete: »Was, so einen feuerroten Tätsch und Geflatter und Geknitter an meinem stolzen braunen Rehlein? Und überhaupt: Augustas Locken sind gedreht, und Emilie bekommt nächstens ein Tonsürlein, so windig ist es um ihre Krauseln bestellt.«

Da stampftest du auf den Boden und liefst davon, zornglühend wie damals, als ich dir deine Puppe entwertet hatte. Du hattest so zärtlich mit ihr getan, das ärgerte mich: »Ein Porzellanscherben und Flachs darum, und so etwas kannst du lieben?« Da flohst du auch so davon, den Tolken noch inniger ans Herz gedrückt; aber nach ein paar Tagen war er verschwunden. Sehr, sehr viel später erst habe ich die Puppe wieder gefunden. In der Bodenkammer, in einer kleinen Kiste versargt, mit Überbleibseln längst verdorrter Blumen. Porzellan und Flachs, ja, aber der Anblick hat mir dann doch fast das Herz abgedrückt. Du warst schon so weit, ich konnte dir den Mord nimmer abbitten.

Aber damals, als ich deine Freundinnen verspottete, wußte ich noch nicht um das verborgene Särglein. Sonst hätte ich es vielleicht unterlassen und meine Eifersucht gebändigt, die es nicht mitansehen wollte, wie du ihretwegen mich vernachlässigtest und liefst mit den Frätzlein Arm in Arm und leuchtetest abends, als ob dir das Christkind begegnet wäre. Am Tag ihrer Abreise schon schriebst du den großen Brief. Ich trug ihn zur Post, stillwütend. Was mochte da alles drin stehn. Tiefes, Absonderliches, Glut und Jubel, was jene Mondscheinchen niemals verstehen würden! Die Antwort blieb lange aus. Als der rosenrote Fetzen kam, flohst du damit ins Läublein. Dort fand ich dich, ganz zusammengekauert, und dann liefen mir deine Tränen über die Finger, als ich dich streichelte.

»O mein Brief, sie weiß gar nichts davon und – und Schweiz schreibt sie mit einem tz.«

Ich hätte nicht triumphieren dürfen über deine Enttäuschung, Rehlein, und der herzklopfenden Freude hätte ich mich schämen müssen, als du dich schließlich nach meinen vielen spöttischen und stolzen Worten an mich schmiegtest: »Simon, ich habe nur dich«; denn du sagtest es still und matt, und deine zuckenden Hände lagen kalt in den meinen. Mutter hätte es nicht getan, ich weiß es ja, sie hätte ein liebes Wort gefunden, das die Unbeholfenheit der Briefschreiberin entschuldigte. Sie hätte dich ausgelacht mit deinem pedantischen tz und so wäre dir dein Göttlein erhalten geblieben, und ein Faden hätte sich vielleicht angesponnen, aus dem einst die Brücke geworden wäre, auf der du hättest einziehen können ins große, ins grausam süße allgemeine Leben.

Und er hatte doch recht, jener Bettelmönch. Im dunkeln Dome lag er, hingekrümmt an den Fuß des gewaltigen Kruzifixes und winselte: »Herr, Herr, was ist es? Woher die Sünde und Qual und Verderbnis? Wessen die Schuld? Wessen die Schuld?« Und antwortete mit der Donnerstimme eines Gottes: »Superbia! Superbia! Überhebung, Eigensucht, Neid! Ihrer die Schuld!«

Damals lief ich weg aus dem dämmerigen Dom, angeekelt von dem Theater und Widerwart. Aber heute, da die Welt die furchtbare Lehre empfangen hat, wer wagte es zu zweifeln an den Worten jenes florentinischen Barfüßers? Und wenn ich nun in meine eigene Brust greife und schaue dein Schicksal an, dann weiß ich, daß auch mir das Wort gilt: »Superbia, Eifersucht und Stolz!«

Ich fragte dich nach Goldener: »Was macht dein Märchenprinz?«

Da wurdest du rot und lächeltest tief verlegen: »Kein Märchenprinz, o nein, aber so hell, so frei, so lieb. Wenn er lacht, ist es ein wenig wie beim Vater. Früher habe ich geglaubt, daß ich ihn wirklich gesehen hätte. Nun denke ich, es sei vielleicht nur ein Traum gewesen. Ich träume sehr oft von ihm. Immer dasselbe. Wir halten uns bei den Händen, und dann laufen wir eine lange weiße Treppe hinunter. Und alles glänzt so. Oh, du weißt nicht, wie das ist, so Hand in Hand über eine Treppe springen, immer im selben Schritt; es gibt nichts, was so lieb und lustig wäre! Vielleicht bin ich ihm doch einmal begegnet, oder einmal begegne ich ihm. Aber hie und da ist es, dann bricht die Treppe plötzlich ab. Und das ist entsetzlich! Ich erwache und fühle, daß ich wirklich stürzte und hoch aufschlug.«

Ich lachte – man wird immer lustig, wenn man die andern von einem schweren Gedanken abbringen will – und belehrte dich – man wird immer belehrend, sachlich, wenn man andere umstimmen will zum eigenen Frommen – daß das ein ganz bekannter und allgemeiner Traumtypus sei, mir auch vertraut, nur meine ich dann jeweils, in einem Korb an einem Turm emporgezogen zu werden, und plötzlich reiße des Seil, daß ich hoch auffahrend erwache. Und sprach leichthin und etwas verächtlich von Traum und Schaum, verwaschene, verbrauchte Worte, die dir deine Gesichte hätten verwässern sollen .

Aber das Bild der weißen Treppe verfolgte mich. Nicht weil sie unten in Sturz und Abgrund versiegte, sondern weil dieser schlanke helle Junge mit dir lief, ach, gradauf und heiter und glänzend, und es gab nichts Lieberes für dich. War das nun anderes als die gemeine Eifersucht?

Ich hörte dir zu, wann du die Geige spieltest. Nach Vaters Tod hattest du das Klavier nicht mehr berühren wollen, und dann flüchtetest du dich zu Mutters verlassenem Instrument, und wir fanden einen guten Lehrer, der dich das Handwerkliche lehrte und dich im Seelischen gewähren ließ. Oft spieltest du Mutters Stücke; aber dann war es ganz anders als bei ihr. Ihr Bogen war so sanft dahin geglitten, davon war alles klar und strahlend geworden. Du aber rissest ihn bisweilen heiß und schnell über die Saiten, es war ein Zittern in deinen Tönen, und du gingst bald aus den klaren Meisterweisen in deine eigenen seltsamen Phantasien über. Wer aber diese hörte, der konnte nicht begreifen, daß es die Hände eines halbwüchsigen Mädchens waren, die Stimmen erweckten, welche solchermaßen klagen konnten und aufjauchzen und rufen, rufen!

Papa Merzlufft wurde darüber unbehaglich: »Saker Strahl, wie reimt sich das: ein Menschlein, wie aus Sonnenstrahlen gemacht, wie von den Tauben zusammengelesen, und nun dieses begehrliche und aufreißende Zeug!« Und rief durchs offene Fenster hinein:

 »Es tut's jetzt, Rehlein, es tut's für einmal! Nun noch das vom Gluck du weißt!« Und wenn du gleich gehorchtest und uns sanft und lieblich in die elysischen Gefilde hineinsangst, dann fuhr er sich glücklich über die Augen: »Gold und Himmelblau und die geheimen Feuerchen – ja, das ist das wahre Rehlein, das ist es.«

Ich aber hörte auf deine Geige wie ein Wollüstiger, innerlich entzündet, mit verschämten Schauern – dein Spiel war das Land, darin wir uns fanden, deine begnadete und meine gezeichnete Person, wo wir geschwisterlich nahe beisammen waren und ineinander schmolzen. Ich fühlte es: So würde ich gespielt haben, wenn mich die Scheu nicht vor der Ausübung einer Kunst ferngehalten hätte, die ich nur den Wohlgestalteten zugestand. Und ich wußte, das Land, wo wir uns trafen, war einsam, uns beiden allein zugebilligt, und es war nicht Fläche, sondern Gipfel, und die Luft, die diesen umgab, dünn und herb.

Wenn ich mich aber solchermaßen labte am Gefühl unserer Ausgehobenheit, war das anderes als Stolz? Die superbe Lust, mich einem auserlesenen Geschöpflein so nahe und dieses meiner Macht und Leitung anheimgegeben zu wissen? Einsamkeitsdünkel, Auserlesenheitsdünkel, Superbia!

Ich hätte mich nicht freuen sollen, Rehlein, ich hätte verstehen müssen, daß der Ruf des Unbewußten, den dein Spiel verriet, über meine Welt hinauslangte und daß es nicht die dünne und herbe Gipfelluft war, darin dein Wesen gedeihen konnte.

Freilich, das Schicksal machte einem das Verständnis deines Wesens schwer. Es hätte dich nicht so ausstatten sollen, wenn es deiner verborgenen Not Helfer schaffen wollte. Deren Zeichen waren vereinzelt und wie die dunkeln Schatten deiner Augensterne, die das Gold noch wärmer aufleuchten ließen. Wer dich sah, dachte Freude; denn daß einer Freude geben kann, der Freude und doch im Innern Schmerzen dulden, wer wüßte es, den nicht die Weisheit der Mutterliebe hellsichtig gemacht hätte? Wer, der eine Morgenwiese funkeln sieht – Herrgott, durchleuchtetes Grün und Blau und Gold, feuchter Glanz und die tausend Diamanten! – wer dächte daran, daß es die Tränen der Nacht sind, darin das junge Licht sein Sprühwesen verführt? Und schwer war es für andere zu erkennen, was dir selber verborgen blieb. Denn hättest du darum gewußt, früher darum gewußt, wohin dein Herz dich zog, hätte nicht alles anders werden müssen?

So sind wir: Sklaven, Opfer einer Macht, die unter unserem Erkennen liegt. Daß uns einer die Augen darüber auftäte, zur rechten Zeit! Aber solches vermag nur die Weisheit der selbstlosen Liebe. Ach, Rehlein, wenn Mutter uns nicht verlassen hätte! Und daß das Schicksal eins mit allen Zeichen des Besondern begaben, es folgerichtig und hartnäckig aus der Gewöhnlichkeit herauszerren und ihm dennoch den Weg der schlichten Allgemeinheit zudenken könnte, wie hätte ich das ahnen sollen, der ich, jung, ausgeschlossen, erpicht auf das Seltene und Wundervolle, nicht wissen konnte, daß der Weg der Auserlesenen durch die Allgebundenheit des Gewöhnlichen gehen muß, wenn ihre Kraft nicht ins Ungemeine verlodern, sondern fruchtbar werden, wenn das Besondere nicht zur Absonderlichkeit verkümmern soll, sondern in Schöpfertum sich sammeln. Denn wie könnte einer zum Deuter werden in der Verworrenheit des Daseins, zum Erlöser aus der Begrenztheit der Dinge, wenn er Verwirrung und Enge nicht an sich selbst erfahren hätte und in den kleinen, gewöhnlichen Nöten den mächtigen Trost der Allbedingtheit erlebt? Es ist so leicht, sich abzusondern, äußerlich aus der Gemeinschaft herauszutreten und den Schein des Ungewöhnlichen um sich zu legen, es ist so grenzenlos schwer, in seiner Art verweilend, deren beste Kräfte in sich zu sammeln und über sie hinaus zu wachsen. Denn zum ersten bedarf es nur der Unterscheidungssucht, der Lust aufzufallen, der jeder Schneider dienen kann und die sich mit der seichtesten Unbedeutendheit verträgt, zum andern aber bedarf es der Größe.

Rehlein, daß es in dir eine Kraft gab, die dich aller Eigenart deines Wesens zum Trutz der heitern Allgemeinheit, dem schlichten Alltag zutrieb, daß du, deiner Besonderheit unbewußt, weniger nach Auszeichnung trachtetest als nach Einfügung, sagt mir heute, wie du zum Großen bestimmt warst. Aber damals konnte ich es nicht so sehen. Damals ging ich über die Erde wie ein verblendeter, höhensüchtiger Bergfex: Er sieht nur die weißen Gipfel, er träumt nur Verwegenheit, und das Steile, Getürmte ist ihm Sinnbild und Siegel höchster Kraft. Freie, zum Glanz aufstrebende Himmelsträger sind es ihm; er sieht nicht die Qual ihrer zerrissenen Häupter, wie es Sturm, Sturz, Zusammenbruch war, was ihre gebäumten Gestalten formte, und sie arme gebrochene Himmelsstürmer, zur Unfruchtbarkeit verdammt, lebendig nur im Sehnsuchtsschrei ihrer Bäche, die dem Tal zustürmen. Er fühlt nicht die stille Gewalt der blühend gebreiteten Erde, die göttliche Kraft ihres ruhenden, unendlich zeugenden Leibes und ihre Größe, unermeßlich gedehnt vom Anfang zum Niedergang.

So war ich damals, Rehlein, und alles, was in dir zum Außergewöhnlichen strebte, war mir köstlich, und was dich dem Gewöhnlichen zutrieb, Ärgernis. Und das Verhängnis wollte es, daß alle um mich demselben Wahne dienten. Nicht allein Papa Merzlufft, der in dir so etwas wie Austrag und Verkörperung seines durch ein schlichtes Arbeitsleben beschwichtigten Absonderlichkeitstriebes erlebte. Auch die Schwestern Eßlinger waren dem nicht entgegen. Wohl mochten sie im Innersten ihrer durch das Regelmaß des Daseins geregelten Seelen deine regellose und unverknüpfte Kindheit mißbilligen. Aber da war ein Wort ihres Bruders, das ihnen jegliche Rüge verbot, denn das Wort hatte die Heiligkeit eines Vermächtnisses.

Er hatte es ausgesprochen am letzten Abend vor der großen Reise. Wir saßen so still und bedrückt beisammen, die drei und ich, mit spärlicher Rede. Da prägte jeder Ausspruch sich ein. Und als dann auf jener Reise sein Schicksal sich erfüllte und wir wußten, daß wir seine Stimme nie mehr hören würden, da standen alle jene Worte wieder auf und gewannen die Bedeutung eines letzten Willens. Er hatte auch seltsam ausgesehn an jenem Abend. Man konnte sich nachher leicht einbilden, er habe alles voraus gewußt. Und doch war es ein kindisch blöder Zufall, ein Mißtritt, der den Vielgereisten stürzen ließ auf der Brücke zum Schiff, das ihn der Heimat wiederbringen sollte.

Sehr schweigsam war er an jenem Abend und merkwürdig alt und dann, ganz am Schluß, auf einmal lustig und fast ausgelassen wie ein Junger. Er faßte mich bei den Schultern und lachte und hatte einen unvertrauten Zug um den Mund: »Und nun, mein lieber Simon, Sie waren ja einmal ungeheuer klug. Wissen Sie noch: Die Weisheit der kahlen Wände? Also, damit ist es leider nichts. Der Mönch von Perugia, erinnern Sie sich? Gut! Ich habe ihn wiedergefunden, das heißt nicht ihn selber, bloß das Plätzlein, wo er liegt. Draußen unter den zerschlissenen Eukalypten; denn grad in ihre geweihte Mönchserde ihn aufzunehmen, das vermochten die Brüder nicht. Einen, von dem man nicht weiß, wie er von hinnen ging. Einen, der närrisch geworden eines Bildes wegen, das man ihm nahm, und närrischer um eines andern willen, das er an dessen Stelle gehängt. Einen, der einen armen falschen Öldruck anbetete und den man eines Morgens tot vor dem zerrissenen Helgen fand. Und er lag auf dem Rücken, die Augen stier und den Rosenkranz um den Hals.«

Mir wurde schlimm unter Doktor Eßlingers leisen, höhnischgrimmigen Worten, und ich wehrte mich: »Das hätte er eben nicht tun sollen, das falsche Bild aufhängen!«

Da lächelte er traurig: »Weisheit, du sprichst wie eine Taube« – und drückte mir die Hand und ging aus der Stube. Mit einem letzten leisen Lachen.

Aber vorher, als er von dir sprach, da war er ernst und ruhig, und er lachte nicht: »Es ist das Kind von Frau Elisabeth. Ich glaube, keiner weiß, wie ganz ihr Kind es ist; denn das Äußere zeigt es nicht, weil das Rehlein noch funkelt wie der tauige Morgen, sie aber hatte die Gelassenheit des hohen Tages. Und dann: Wer hat Frau Elisabeth ganz erfaßt? Ich verstand sie erst, als ich ihre Heimat sah: Gedehnte Hügel, einsame Wälder, fruchtschwere Erde, alle Linien ins Große geschwungen und der unendliche Himmel. Ihr Leben hätte dieser Landschaft gleichen sollen; aber es drückte sie in den engen Winkel. Und dann dieser Beruf: Sie, die Große, Unvergleichliche, und nun die Dienerin von all den kleinen Frauen, Handlangerin in der stumpfen, sinnlosen Menschenfabrik! Es war nicht Zufall, daß sie in diesem Beruf sich den Tod holte, sondern tiefster Sinn, Sinnbild, die Rache der vergeudeten Größe. Aber das Rehlein soll nicht der Gewöhnlichkeit anheimfallen. So blind wird keiner sein, um zu verkennen, daß das Kind nicht dem gewöhnlichen Weiberschicksal zubestimmt ist. An diese Tatsache müssen wir unsere Alltagsseelen früh gewöhnen. Sonst gibt es ein Unglück.«

Ich fühlte mich von des Doktors Worten seltsam erregt: Zuvorderst ein Triumphgefühl deinetwegen; doch tiefer ein dumpfer Schmerz um Mutters Schicksal und irgendwo, halbverhüllt, aber aufstachelnd, der Einspruch der Wahrheit. Ich sah Mutter, wie sie nachts an mein Bett trat, ehe sie das Haus verließ, in der dunkeln Tracht und mit dem stillen, entschlossenen Gesicht. Ich wußte, nie hatte ich sie größer, nie inniger beruhend in sich selbst gesehn. Und ein Zweifel sprang auf an unserem Verstand von dem, was groß ist und bedeutend, und an der Richtigkeit von Doktor Eßlingers Worten. Aber da waren seine flammenden Augen, die umfaßten seine jüngere Schwester mit schier drohenden Blicken. Diese hatte zuvor gegen deine offenen Haare und kurzen Kleidchen gesprochen und sich ein wenig ereifert, weil ich dich in die alten Sprachen einführen wollte. Nun neigte Jungfer Kleophea tief errötend ihr Gesicht. Damit tat sie Abbitte und ein Gelübde für alle Zeit.

Fürder ließen die Schwestern uns gewähren. Sie begnügten sich damit, dich mit aller nachdrücklichen Sorgfalt in fraulichen Künsten zu unterrichten. Sie waren stolz darauf, daß du sticken und nähen konntest wie ein Nönnlein, und verziehen dir deshalb, wenn du unwirsch wurdest über dem Strickstrumpf. Sie regten sich auch nimmer auf daß du, deiner rasch aufsprießenden Körperlichkeit zum Trotz, immer noch über Mauern sprangst und mit der Armbrust fochtest wie ein Junge. Und wenn du aus der dunkeln Krone der Blutbuche zu ihren Fenstern herübergrüßtest nickten sie dir freundlich zu, als ob es die natürlichste Sache gewesen wäre, daß ein so großes Mädchen, vor dem man auf der Straße bereits den Hut zu ziehen begann, immer noch auf Bäume kletterte. Sie ließen es stillschweigend geschehen, wenn ich dir nach und nach alle Gymnasiastenweisheit beibrachte, die damals noch keinem Mädchen zugänglich war, und mehr als ein sanft warnendes Wort wagten sie nicht einmal gegen deine einsamen Spaziergänge, obschon es damals durchaus nicht der Brauch war, daß Mädchen allein ins Land hinauswanderten und im einsamen Kahn auf dem See herumruderten. Doch was blieb dir und deinem Freiluftbedürfnis anderes, nach Papa Merzluffts Tod? Mich hatte nahe hinter meinem Examen die Bibliothekarstelle eingezogen, und Kameradinnen hattest du ja keine.

Papa Merzluffts Tod. Das schreibe ich nun so hin, als ob es irgendein Datum wäre, und doch nenne ich damit ein Ereignis, das wohl nicht zu den schmerzlichsten, sicherlich aber zu den wehmütigsten meines Lebens gehört und vielleicht zu den schönsten; denn gibt es Schöneres als zu sehn, wie einer seine unerschrockene Ehrlichkeit behält bis zuletzt?

Da ist nun das Dichterwort von dem völlig vollendeten Greis, und wenn ich ihn mir denke, wie er auf dem Totenbett lag, so wundervoll ruhig das gute Gesicht zwischen den weißen Haaren und die heiter geschwungenen Linien auf der breiten Stirn, dann stimmt dieses Bild wohl zu der Vorstellung des Dichters. Allein, in Wahrheit war es nicht so und der Tod des Einundachtzigjährigen kein Münden, sondern Abbruch. Daran war wohl nicht einmal schuld, daß er das Opfer eines Unfalls wurde; denn, da dieser nicht direkt zum Tode führte, sondern die langwierigen Folgen der dadurch hervorgerufenen Operation, kam doch Ansehen und Dauer einer Alterskrankheit zustande. Nein, der Grund, weshalb man seinen Tod als einen Eingriff mitten ins Lebendige empfand, lag nicht in der Art, wie der alte Mann starb, sondern wie er gelebt hatte.

Weißt du noch, wie schwer es einem fiel, sich an das verstummte Haus zu gewöhnen? Wie lange es dauerte, bis man es verlernt hatte, aufzuhorchen, wenn oben ein Fensterladen ging, ob nun nicht die liebe Baßstimme ertönen werde? Die Trostlosigkeit unserer einsamen Mahlzeiten in Luisens farbloser Anwesenheit und der schmerzhafte Stich jedesmal, wenn eine Frage in einem aufstand, die nur er hätte beantworten können? Und wie lange währte er, bis man die Schönheit der Welt wieder genießen konnte, ohne das wehe Bedauern, daß er es nicht mehr sah! Und als die Schwalben im Frühling nach seinem Tode zum erstenmal bei uns nisteten, ausgerechnet in dem Dachwinkel über seinem Fenster, da haßte ich beinahe die unzeitigen Tiere; denn wie würde er sich über sie gefreut haben! Wenn die Schwestern Eßlinger so lange klaghaft blieben, trostloser schier als nach dem Tode ihres Bruders, den sie mit einer Art Heroismus getragen hatten wie ein großes Schicksal, so war das nicht deshalb, weil sie sich quälten, daß der alte Freund bei ihnen und ihretwegen verunglückt war; denn schließlich war es durchaus gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen geschehen, als er in ihrer Abwesenheit ihnen die Vorhänge aufmachte. Sie hätten das nie zugegeben oder ihm dann wenigstens den festen Dreitritt hingestellt statt dieses lützeln Steges, der so leicht ausglitt. Und man konnte ja auch nicht wissen, ob es ohne die Operation, die der Arzt der innern Verletzung wegen meinte vornehmen zu müssen, überhaupt so weit gekommen wäre. Nein, Selbstvorwürfe waren es wohl nicht, was den Schwestern so lange die Augen rötete; sie waren zu erfahren und zu ergeben, als daß sie sich noch soviel Verantwortung angemaßt hätten. Aber das Gefühl der Vereinsamung: »Man ist auf einmal so alt geworden. Es ist nicht zu sagen, wie jung er war, darüber vergaß man seine eigenen Jahre. Nun ist es, als ob einer mitten aus dem Leben gegangen wäre, und unser Weg scheint so leer.«

Das war es: als ob einer mitten aus dem Leben gegangen wäre, und das lag doch wohl an des Mannes gegenwärtiger, allem Jungen zugetaner, allem Lebendigen verknüpfter Art.

Oder ist es am Ende überhaupt nichts mit dem vollendenden Tode? Ist es vielleicht bloß eine Erfindung unserer Wunsch- und Wahnseele, und Tod heißt Abbruch, wann er auch komme? Denn sie, die die Wahrheit darüber sagen könnten, reden nicht mehr, und die davon reden, haben das Letzte nicht gesehn. Aber ein schöner Wunsch ist eine Gewalt, und nur die ganz Ehrlichen, die völlig Unvoreingenommenen vermögen sich ihr zu entziehen. Papa Merzlufft gehörte zu diesen, und wenn er auch von Todesfurcht nichts wußte, niemals, auch nach dem Tode seiner Frau nicht, tat er so, als ob ihm am Leben nichts mehr gelegen wäre. Erinnerst du dich noch? An der letzten Weihnachten vor seinem Tode, als ihr mit euern Gesängen auf das Lied vom kühlen Grunde kamt und der letzte Vers verklungen war ach, Jungfer Kleophea gab ihm einen so sanften Bogen: »Ich möcht' am liebsten sterben, dann stünd's auf einmal still« – wie er da aufsprang mit lustig gerollten Augen: »Ich nehme meine Worte zurück! Sater Hagel, ich nehme meine Worte zurück!« Und hob sein Glas, als ob er das Leben grüßte!

Als der Arzt erklärte, daß die Narkose seinem alten Herzen verhängnisvoll werden könnte, ließ er die Operation ungelindert über sich ergehn. Und er brüllte zwar unter dem Messer wie ein ergrimmter Löwe, aber hielt still wie ein Fakir, und als sie ihn aus dem Operationssaal hinaustrugen, sang er schon wieder: »Nur langsam voran, nur langsam voran!«

Die Wärter, die so etwas noch nie erlebt hatten, wußten nicht, ob sie erschrecken sollten oder lachen; aber schließlich gab es doch ein großes allgemeines Gelächter, in das auch der Patient einstimmte, sobald er geborgen in seinem Bette lag.

Er lächelte auch, als sie ihn aus dem Spital mit verdächtiger Eile heimbrachten »zum Ausheilen«. Aber sein Lächeln war nicht froh: »Aus ja, das stimmt, aber heilen? Nein!«

Ich wollte ihm widersprechen, er jedoch schüttelte sein großes Haupt zwischen den dicken Kissen: »Firlefanz, so etwas spürt man. Ihr werdet sehn, der Papa Merzlufft ist einer von den berühmten Fällen: Operation gelungen, Patient gestorben. In Gottes Namen; aber das Schwitzbad hätten sie mir doch ersparen können. Nun, ich will hoffen, daß es mir angerechnet wird als eine Anzahlung ans Fegfeuer. Aber wenn es nun eins trifft, das ein Fegfeuer gar nicht nötig hat? So ein wasserhelles Seelchen? Saker Strahl! Hoffentlich werden die Ärzte bald einmal so weit kommen, daß sie sich nicht mehr fragen, ob man operieren kann, sondern ob operiert werden muß. Dann wird mancher eine ringere Abfahrt haben, und manchem wird sie noch auf ein Weilchen erspart bleiben.«

Wir sahen bald, daß er recht hatte. Ich ging nicht mehr von seinem Lager, und in den langen Stunden gab es Anlaß zu seltsamen Gesprächen; denn das Fieber machte ihn beredt, während die Kräfte schwanden. Da redete er unerschrocken von allem, aber mit dem heitersten Gesicht, und seine Stimme wurde wohl schwächer, aber verlor nicht ihr grundtiefes Rollen und das Scherzen ließ er nicht bis zuletzt.

»Soli, so, so, nun würd' es sich wohl für mich schicken, daß ich mich aufs Ende freute; denn das sieht man gern an so einem alten Knochen. Es gibt einen würdigen Abgang und verrät einen soliden Glauben. Der Meinung war auch dem Zwygart-Christeli seine Beth. Als es mit dem Alten Matthäi am letzten war, wollte sie ihm noch so ein Geständnis abdringen. Perse, es macht sich gut, wenn man es nachher dem Pfarrer sagen und bei der Gräbt herumbieten kann: ›Er ist gern gestorben, er hat es selber gesagt – und dann jedesmal ein paar ganz dicke Tränen. Item, zwischen dem Christeli und seiner Beth hat es folgenden Diskurs abgesetzt: ›Gelt, Christeli, du stirbst gern? ›Oh, was weiß ich! ›Wohl, wohl, du stirbst gern!‹ ›He nu so denn!‹

Bei mir ist jetzt keine Beth, die müdet, und so kann ich mir das schäbige ›He nu so denn‹ sparen. Denn das Leben, Summa summarum, es ist halt doch eine gefreute Einrichtung, solange es noch Wälder gibt und grüne Matten und Beine, mit denen man hindurchtrotten kann. Und Kinderhände, heiliger Strahl! Und ein Rehlein, so ein Rehlein . . .

Aber nun das mit den achtzig Jahren. Gewiß, wenn man von unten schaut, da scheint der Weg gewaltig lang; aber von oben? Herrje, wie da alles zusammenschrumpft! Es ist akkurat wie auf einem gächen Gipfel: man sieht das vor den Füßen und unten das Tal, aber vom Weg, der dazwischen liegt, weiß man nichts. Die Achtzig grad über der Zwanzig, und man versteht, daß es eigentlich nur ein Wegstück gab von Betracht, so die ersten zwanzig Jahre. Die sind stattlich; denn im Grund ist da der ganze Haufen darin, das, was vorausging und was folgt. Und drum, ob einer mit Zwanzig stirbt oder mit Achtzig, da ist kein so großer Unterschied. Das Wichtige hat er alles schon gehabt, wenn auch nur in Vorahnung. Was nachher kommt, ist eigentlich bloß Quittanz. Aber man muß nicht meinen, daß bei einem Achtzigjährigen alle Rechnungen eingezogen seien. Im Gegenteil, man meint, daß noch fast soviel ausstehe wie ein halbes Jahrhundert früher. Und wenn ich mir nun auch denken kann, wie das Rehlein etwa wird, wenn es ein ausgewachsenes Jüngferlein ist, in heiliges Verding, so eins, daß der Herrgott nasse Augen bekommt von dem Anblick, sehen hätte man es halt doch noch mögen.

Anderseits, soviel hat man denn doch gelernt, um sich zu bescheiden. Es fängt schon früh an, daß man so tun muß, als ob man inwendig ganz ruhig wäre und ein Herz hätte wie ein Stallkühlein. Das ist auch nötig wegen der Jungen, daß die nicht aus dem Gleichgewicht kommen. Das gäb sonst eine schöne Pendelei, wenn wir Alten nicht die Senkrechten vorstellten! Und so kann man denn schließlich auch ganz aufhören, wenn es sein muß. Nur ist es mir lieber, wenn man es mit einem ehrlichen Pfnächzer tut wie der Zwygart-Christeli als so mit einer goldpapierigen Verklärung. Nur keine Sterbebettheiligen! Letzte Worte! Saker Strahl, wenn einem im Leben nichts Kluges einfiel, zuletzt wird er wohl keine Weisheiten mehr verzapfen. Die werden ja auch meist zurechtgemacht hintennach, wie die Leichenreden und die Leichthüte. Überhaupt der ganze schwarze Rummel: Trauerhaus, Schauerhaus! Ja, bei uns daheim so eine Bauerngräbt, das laß ich mir gefallen: Bei der Suppe noch ein paar Geschichtlein aus dem Leben des Toten. Wo möglich ein wenig saftige, die einen daran erinnern, daß er das Leben auch am rechten Zipfel anfaßte, und die einem den Übergang erleichtern, daß man dem Schinken herzhaft zusprechen darf und sich nicht zu schämen braucht, wenn über der Nidel die eigene Lebensfreude wieder obenauf kommt und beim Schwarzen auch etwa ein lustiges Liedlein. Aber hierzuland: Schwarz verhängte Wände, Palmenschwänze, lange Gesichter und klebrige Händedrücke das kann's – mir nicht. Wenn dann meine Verwandten kommen, den Bauernschinken dürft ihr nicht vergessen, auch nicht den Sauerkabis und Nidel zum Schluß. Und ein paar gute Flaschen, perse. Nur beileibe keine Vierunddreißiger, die müssen hier bleiben. An dem Rehlein seiner Hochzeit sollen die aufmarschieren. Dafür sind sie dann grad gut genug.«

Später sprach er wenig mehr und Unzusammenhängendes. Aus der Kindheit, von seiner Mutter und viel von Änneli, seiner ersten, früh verstorbenen Frau, und wie sie so schön habe singen können; aber dann ging sie, und das kleine Mädchen nahm sie mit. »Ja, ja das Margineli nahm sie mit.«

Aber am dritten Morgen, nachdem er lange still dagelegen, tat er plötzlich die Augen auf: »Nun holt mir das Rehlein, und es soll mir das noch einmal spielen: Gold und Himmelblau und die sanften Feuerlein.«

Noch heute ist es mir wunderbar, daß du so zu spielen vermochtest. So ruhig so klar, so herzergreifend. Ich habe Glucks seligste Weise fürder nie mehr so gehört. Dein Gesichtlein, tief über die Geige gebeugt, war ohne Farbe; aber die Hände zitterten nicht. Und deine Augen voll des unbegreiflichen Glanzes, auch dann, als er dir die Hand nahm wie zum Abschied: »Das war nun das Schönste, Rehlein, das Allerschönste.«

Nachdem du uns verlassen hattest blickte er noch lange nach der Türe. Dann streckte er sich aus: »So, nun sollt ihr das Kind nicht mehr hereinlassen. Was jetzt kommt, ist nicht schön und hat mit mir nichts mehr zu tun. Nur mit dem andern.«

Dann mußten wir das Bett rücken, daß er nach der Wanduhr hinüberblicken konnte. Die ließ er nicht mehr aus den Augen. Als ich ihm die Lider schloß, starrten die toten Sterne immer noch nach den leise wandernden Zeigern.

Jene Uhr habe ich behalten. Seine Verwandten ließen sie mir gern. »Ihr waret gut mit dem Vetter. Ihr verdient wohl ein Andenken.« Denn sie mochten es zu schätzen wissen, daß unsere Freundschaft in keiner Weise auf das Testament abgefärbt hatte. Noch heute hängt sie in meiner Stube daheim, mit diesem großen klaren Zifferblatt, ihrem raschen Puls und eifrigen Stundenschlag. Und es gab Zeiten, wo mich dieses emsige Ticken ängstigte, und solche, wo es mir tröstlich war, an ihm den raschen Fluß der Vergänglichkeit zu spüren. Aber heute habe ich mich an sie gewöhnt wie an den eigenen Herzschlag.

Ich habe mich oft gefragt, wie es kam, daß du den Tod deines alten Freundes so still trugest; denn niemandem hatte er nähergestanden als dir, und keines hatte herzlicher an ihm gehangen, und welcher Leidenschaft dein Schmerz fähig war, das wußte ich von Vaters Tod her. Aber vielleicht waren es just jene furchtbaren Eindrücke, die dich gegen alle spätern still machten. Du besaßest wohl bereits die fad tröstliche Erkenntnis, daß der Mensch auch über die schwersten Verluste hinweg und aus den heftigsten Schmerzen wieder zur Lebensfreude genesen kann, und so schämtest du dich denn, ein Leid laut werden zu lassen, von dem du wußtest, daß es sich eines Tages beschwichtigen würde. So wenigstens erklärte ich es mir damals. Heute aber glaube ich, daß noch etwas anderes mitwirkte. Der junge Lebensdrang in dir mochte wohl den Jammer nicht zulassen, da nun in deine warme Umhegung die große Bresche gerissen war; denn durch die Lücke brach Morgenwind. Zwar war ja Papa Merzlufft der treuste Wächter deiner Ungebundenheit gewesen; aber daß bewundernde Liebe und deren hohe Forderungen zum Gefängnis werden können für die junge Seele, das wußte dieser Abgeklärte so wenig wie ich, der ich selbst noch in der Bedrängnis des Werdens stand. Und du warst so gefügig, Rehlein, so unfähig, wehzutun. Was in deinem Innern vorging, daß wußten wir ja doch alle zusammen nicht – bis zum letzten furchtbaren Geständnis nicht.

Nun, nachdem die Augen aufgegangen, ist es leicht zu sagen, daß deine, dem lichten, unbekümmerten Wandel im allgemeinen zustrebende Seele etwas wie Befreiung fühlen mußte, als Papa Merzlufft seine Eckarthände von dir nahm. Mit Liebe hat dies nichts zu tun. Liebe soll man nicht am Schmerz um die Verlorenen messen, sondern an deren lebendiger Fortdauer in der Vorstellung. Und wenn je einem Menschen die Gnade der Unsterblichkeit im Herzen der andern zuteil geworden, dann diesem urkräftigen Lebensbejaher, für den der Tod war wie die Türe des Schlafgemaches, die man am Morgen wieder öffnet zu neuem tüchtigem Tageswandel. Glaubst du, daß fürder ein Tag in unserm Leben war, da sein Name nicht genannt wurde und da uns nicht auf allen nahen Pfaden seine herzstärkende Erscheinung entgegentrat? Oder hat unser Ohr seinen grundtiefen Baß je verloren?

Aber wenn ich nun klar zusehe: Jene Zeit, die ich vor mir die Makarie nenne, weil sie, wie eine der Seligen Inseln hell und innig umleuchtet den purpurnen und grauen Gewässern meines Lebens entsteigt, sie begann erst nach dem Tode unseres Freundes; denn der letzten, engverbundenen Geschwisterlichkeit stand dessen irdische Gegenwart doch in manchem entgegen. Diese ungestörte Zusammengehörigkeit aber oder, wenn ich mir die harte Wahrheit abtrotze, meine unbedingte Bestimmung über dich, Rehlein, war der Sinn der Makarie.



Ich kann jene Zeit nicht mehr in ihren Einzelheiten aufreihen. Die letzten Ereignisse haben sie zur Einheit gesammelt. Nun liegt sie vor mir wie ein rund geschlossenes Land, mit einem Blicke umfaßbar, und da sind nur gewisse Stationen, die mir sagen, daß es doch ein Weg war und Nacheinander.

Ich weiß nicht einmal mehr, wo es begann, daß du kein Kind mehr warst, nicht mehr meine Schülerin, sondern mein Kamerad, mein Mitarbeiter, mein Helfer und Tröster und Mütterlein; denn dieses warst du doch zu jeder Zeit gleichermaßen: meine tiefste Herzensfreude.

Eines Tages geschah es, daß die Sonne deinen schlanken Nacken bräunen konnte, weil deine Mähne als feste Zöpfe das runde Köpfchen umschloß, und der Kleidersaum reichte auf einmal so weit, daß nur mehr die feinen Knöchel über den schlanken Füßen sichtbar waren; aber es gab bei dir kein Gesetz und keine festen Stufen, und so konnte es geschehen, daß du plötzlich an irgendeinem betörenden Sommerabend wieder in den kürzesten Kleidchen durch den Garten tanztest und dein Haar als wilde Fahne aus den Ästen der Blutbuche flatterte.

Wenn wir selbander durch die Straßen gingen, dann sah ich, daß die Blicke der Vorübergehenden anders wurden und über dem Wohlgefallen an dir das Wundern über mich vergaßen. Oft war ich stolz darauf, und öfter wurde mir bang. Wenn ich jedoch, zu dir aufblickend, gewahrte, wie deine Augen unberührt und unwissend über alle Bewunderung hinausstrahlten, dann tröstete ich mich. Gab es denn noch zwei Menschen auf der Welt, die inniger zusammengehörten? Und wenn das Schicksal sich nun anschickte, uns nach soviel verworrenen Tagen das Glück der engsten, ungestörten Gemeinschaft zu schenken, tat es anderes als seine Schuldigkeit? So öffnete ich mich zuversichtlich und schwelgerisch einem Glück, auf das ich mir ein Recht anmaßte. Und so empfing mich die Makarie.

Freilich, auch unselige Ereignisse fielen in die selige Zeit; aber, seltsam, sie schienen nur da zu sein, um unserm engern Zusammenschluß zu dienen und trieben dich unentrinnbar in mein Geschick.

So geschah es mit dem Konfirmandenunterricht. Es war mir schwer gefallen, an dessen Notwendigkeit zu glauben. In biblischen Dingen warst du wohl unterrichtet; denn ich hatte auch hier meine Aufgabe ernst genommen. Es war mir eine besondere Wonne gewesen, dir die urgewaltigen Geschichten, die grausamen, wilden, herrlichen zu erschließen und die stillen, tiefen, ewigen. Die Schwestern Eßlinger hatten mit der schönsten Spruchweisheit und den innigsten Kirchenliedern ergänzend eingegriffen, und auch Papa Merzlufft war nicht ohne Beteiligung geblieben. Das hatte er freilich auf seine Art getan. Weißt du noch, wie er dir die Geschichte vom Linsengericht erzählte und dann seinen Schluß zog: »So ist es geblieben bis heute: das Volk des Esau ist klein, unbekannt verborgen irgendwo in den Bergen; denn der war ein Kerl: grad, ehrlich, großmütig. Aber die Jaköber, die Schlauen mit den glatten Händen, die regieren die Welt. Und sind zahlreich wie Sand am Meer. Der einzige Trost, daß es keinen so Schlauen gibt, dem nicht ein noch Schlauerer über wäre, und daß auch der Jakob sieben Jahre die Lea gaumen mußte, ehe er die Rahel bekam.«

Und ein andermal nahm er die Bibel und wog sie in der Hand: »Das ist ein kräftiges Buch und mehr Weisheit darin, als einer ertragen kann; aber alle zusammen könnte man sich schenken, wenn man das eine Wort ganz begriffen hätte: Werdet wie die Kinder.«

Dabei übernahm es ihn, daß er plötzlich aus der Stube lief.

Ich wußte aus eigener Erfahrung, daß der vorgeschriebene Unterricht dich weniger bereichern würde, vor dem Katechismus aber, diesem gräßlichen Frag- und Antwortspiel zwischen lederner Pfaffenweisheit und der lebendigen Seele, fürchtete ich mich geradezu und ebenso vor dem Geist dessen, der ihn dir vermitteln sollte; denn der Pfarrer war jung, zelotisch, von aller Weiblichkeit angeschwärmt und somit allen Männern widerwärtig. Es war mir schier unerträglich, dich unter dessen Einfluß zu wissen, und die freudige Erregung, die du aus seinen Stunden heimbrachtest beargwöhnte ich.

Indessen bemerkte ich bald, daß diese weder dem Lehrer noch dem Unterricht zuzuschreiben war, sondern einfach dem Zusammensein mit Altersgenossinnen. Dieses unbekannte Glück des jungen Verkehrs war es, das die frische Belebung in dein Wesen brachte und diese aufblühende Herzlichkeit. Aber, muß ich es gestehn? Wenn die Freundinnen dich bisweilen besuchten und das junge laute Leben durch unsere stillen Stuben ging, daß da einer in seiner Kammer elend saß, verbissen, einsam, in scheuer Verborgenheit? Und daß eure Freude ihn schmerzte?

Es kam ja dann anders. Die Freude nahm ab; du wurdest still, nachdenklich, verschlossen, bis jener Abend erschien, der mich aus der Qual der Ungewißheit über dein verändertes Wesen befreite.

Ich hatte in solcher Aufregung auf dich gewartet, stillwütend denn die Stunde des Unterrichts war längst vorüber; aber als du dann kamst mit diesem ergriffenen Gesicht, war zum voraus alles verziehen. Du hattest etwas seltsam Entschlossenes und bebtest doch vor Erregung, während du sprachst.

»Nun habe ich ihm alles gesagt, daß ich nicht so glauben kann wie die andern, nicht so, wie er es verlangt. Es war schrecklich, aber nun ist es vorbei. Alles ist vorbei, er will mich ausschließen von Konfirmation und Abendmahl.«

Ich war so überrascht, so empört, daß ich keine Worte fand; nur deine fliegenden Hände suchte ich zu beruhigen. Doch du entzogst sie mir, nahmst dich zusammen und strengtest dich an, um ordnungsgemäß zu erzählen:

»Damals hat es angefangen. Er sagte: ›Die Bibel ist die höchste Offenbarung.' Aber ich dachte an all die furchtbaren Geschichten, was von Betrug und Hinterlist, von Mord und Gewalt darin steht, und wieder, wie so manches nicht paßt und sich widerspricht, und ich dachte, daß die Natur und unser Herz doch die untrüglichere Offenbarung sei; denn diese brauche keine Worte und sei nicht durch Menschenschrift gegangen. Aber nun die Auferstehung. Ach, Simon, ich fühle das ja so – als Vater tot war, wie er mit mir ging und heute noch weiß ich oft plötzlich, daß er ganz nahe bei mir ist, ich brauchte nur aufzublicken. Und so kann ich es auch sehn: Emmaus. Wie er still und tröstlich mit den Jüngern geht, und sie möchten ihn bei sich behalten, da die Ängste des Abends kommen. Und die Frauen am Grab: Sie wissen auf einmal, daß es keinen Tod gibt, und da ist Glanz und Verklärung. Aber dann Pfingsten: Sie waren so zerbrochen, so verlassen und leer. Da plötzlich kommt es über sie, daß das Herz groß wird, und sie müssen hinaus, aller Welt verkünden. Du weißt nicht, wie ich das spüre! Aber die Himmelfahrt: ›Er wird aufgehoben gen Himmel und sitzt zur rechten Hand Gottes.' Oh, dieser Schmerz! Auf einmal die Erde tot, verlassen, grenzenlos allein, und er oben, weit, menschenfern, stolz thronend, kein liebender Heiland mehr, ein fremder, unbeteiligter Gott. Aber Matthäus weiß nichts davon, er hat nur das eine trostreiche Wort: ›Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende! Darum liebe ich Matthäus am meisten; aber Markus ist hart und eng wie sein Name.

Und das härteste Markuswort hat er mir zugeschleudert: ›Wer da glaubet, der wird selig werden, wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden.' So hat er gesagt und er war ganz außer sich; denn ich bekannte es ihm, das mit der leiblichen Auferstehung, daß ich das nicht verstehen kann. Es heißt doch: ›Gott ist Geist', und nun dieser Wandel mit irdischem Leib, Fleisch und Blut und gewobenen Gewändern und – ach, spürbare Wundmale! Ich finde das so roh, ich kann nicht! Wie er zornig war! Und nun will er mich ausschließen, wenn ich mich nicht bekehre. Wie aber könnte ich das? Sag, Simon, kann ich denn anderes glauben, als was ich inwendig spüre? Und überhaupt, die ganze Konfirmation, kann ich denn heute ein Gelübde tun für das ganze Leben, da ich dieses Leben noch nicht kenne? So ist es nun vorbei.«

Ich schloß dich in meine Arme, und mein eifersüchtiges, mein stolzes Herz jubelte: »Rehlein, du tapferes, starkes Rehlein!«

Aber du entwandest dich mir: »Nein, nein, nicht stark!« und brachst plötzlich in leidenschaftliches Schluchzen aus: »Wenn du wüßtest! Ich hatte es mir ja so schön gedacht: Wir sind alle wie Schwestern, ein Gewand, ein Glaube, ein Glück und so treten wir an den Tisch des Herrn und für alle nur ein Kelch. Nichts, was uns sondert. Einmal so ganz zusammengehören. Nun ist das vorbei. Ach, die andern haben es so leicht, sie sind sicher und unverwirrt.«

Es dauerte lange, bis du an diesem Abend zur Ruhe kamst; aber nachher warst du doch wie befreit: »Du weißt nicht, wie ich gelitten habe und gekämpft inwendig. Nun ist alles klar in mir, seit ich mit dir darüber sprechen kann.«

So warst du wieder einmal ganz zurückgekehrt, ein Weg versiegt, der dich von mir wegleiten konnte, ein Weg, der dich ins junge, ins breite Leben führen wollte. Inniger denn je warst du meiner Einsamkeit eingeschlossen. Ah, wie freute sich mein selbstisches, mein närrisches Herz! Und wie ich mich mühte, um dich unverlierbarer an mich zu schließen! Niemals erfuhrst du von meiner Unterredung mit dem Pfarrer, welche Anstrengungen er gemacht, welches Entgegenkommen er gezeigt, um dich zurückzugewinnen, und wie mir die Wahrnehmung, daß seine Teilnahme an dir über die des Lehrers an der Schülerin hinausging, die Kraft zur schroffen und endgültigen Zurückweisung gab.

Freilich tat ich mein Mögliches, um dir das Verlorene zu ersetzen. Nächtelang saß ich über dem ewigen Buche und forschte, und ich durchforschte den unvergänglichen Schatz an Weisheit, Güte und Menschlichkeit, den die Erinnerung von meiner Mutter bewahrte, und überließ mich ihrem Geiste, wenn du mit deinen Fragen zu mir kamst. Darüber wurdest du ruhig und heiter. Ich aber frohlockte; denn ich wußte ja nicht, welcher Art der Verlust war, der dich betroffen. Der gegenwärtige Schein genügte mir. Das Zukünftige zu ermessen vermag kein selbstisches Herz.

Als der Karfreitag kam, ein später in einem frühen Frühling, und wir mit dem rosigen Morgen aufbrachen in die Freiheit der weiten Gotteswelt, waren wir da nicht wie zwei glückliche Kinder, die dem großen Fest entgegenziehn?

Oben am Berg: lichter Wald, von den ersten grünen Schleiern sanft durchflort, weiß besternter Anemonenteppich, zitternde Lichter über nackten Stämmen und der Gesang der Vögel, vieltönend, unermeßlich, das große Preislied. Und dann von unten der dunkle, reichgestufte Ruf der Glocken.

Du ließest mich allein auf meiner Bank am Waldsaum und schrittest in den Wald, aufrecht zwischen den schlanken Stämmen, aber mit innig verschränkten Händen. Als du später zurückkamst, lag dein Gesicht in Helligkeit.

Du setztest dich neben mich, mit einem tiefen Erröten: »Simon, nun bekommen sie dort unten ihren Spruch. Gib mir auch einen Spruch.«

Ich sah zu dir auf. Etwas lag in deinem Gesicht, was mich an die Mutter erinnerte, wie sie dort auf dem letzten Hügel stand, den brennenden Blick ins Unendliche gerichtet, und war mir so fern – und in deinen Augen erwachten auf einmal all die Geschichten deiner rätselhaften Ahnen. Da faßte mich eine Angst, daß ich dich fest neben mich zog. Und da war auch der Spruch: »Sei getreu bis an den Tod, und ich will dir die Krone des Lebens geben.«

Du legtest dein heißes Gesicht auf meine Hände: »Das will ich halten, heilig und fest bis in den Tod.«

Ich erschrak vom Ton deiner Stimme: »Nicht so, Rehlein, du wolltest doch keinen Schwur tun heute!«

Aber du sahst mich ernsthaft an: »Dieses kann ich schwören, dies muß man schwören können.«

Ich höre noch jedes deiner Worte; denn ihr feiner Klang war wie geboren aus der großen Karfreitagsheiligkeit, die rings die erwachende Welt erfüllte. Rehlein, war nun wohl noch eins von denen dort unten unter den brummenden Glocken, das die Bedeutung der Stunde so erfaßte wie du?

Aber wir sprachen nicht von den andern, damit der selige Tag keine Trübung erfahre; allein das Schicksal mochte uns dies nicht gönnen. So verhängte es jene Begegnung über uns, hinterlistig und unentrinnbar, an einem scharfen Gassenknick ohne Ausweg. Plötzlich stand das schwarze Züglein vor uns: Feierliche Gestältchen in schwarze Fransenschals gewickelt, beklemmend, unbeholfen, wie verunglückte hölzerne Venezianerinnen. Und darüber all die unbedeckten nackten Mädchengesichter.

Soviel nackte, neugierige Mädchenaugen. Und Getuschel, zur Seite Blicken, hochgezogene Brauen und gepreßte Schultern. Nur das blonde Lenchen wurde dunkelrot – wie schwärmerisch hatte es an dir gehangen, wie oft bei dir im Garten verweilt aber dann wandte es das Gesicht nach der andern Seite.

Soviel nackte, kindischjunge Mädchengesichter und kein einziges grüßendes Augenpaar.

Ich wagte nicht, dich anzusehn. Ich hielt dein Händchen fest, dessen Zucken aussprach, was du deinem Munde nicht anvertrauen mochtest, und ich versuchte es mit einer ruhigen Stimme: »Kein Einziges unter der ganzen Schar, das deinen Spruch verdiente, Rehlein.«

Aus deinem Schweigen erriet ich dein Gesicht; ich wußte, es war das fremde, schmale mit den dunkeln Augen und der wehen Lieblichkeit um den Mund, und mein Zorn wehrte sich gegen den Schmerz: »Sei doch froh, daß du nicht zu ihnen gehörst, mein goldiges Rehlein, unter die schwarze Herde.«

Da entrissest du mir deine Hand, und als ich nun doch aufblickte, war dein Gesicht von aller Kindlichkeit verlassen, ernst und reif, daß ich mich vor dir schämte und vor deinen Worten:

»Herde! So sagst du immer, als ob es etwas Verächtliches wäre; aber das ist nicht recht. So ein Baum: daß alle Blätter sich gleichen, ist das nicht das schönste Wunder? Und der Wald! Wie gäbe es einen Wald, wenn jeder Baum allein sein wollte, stolz und protzig und Sonne ringsum? Und ein Kornfeld, ach, alle die tausend und tausend Ähren von dem einen Wind gebogen wie ein Meer. Und hast du niemals den Bauern zugeschaut? Wenn sie in langer Reihe stehn, die Hauen springen, die Sensen rauschen, die Arbeit geordnet wie Gesang. Und man gehört zusammen und ganz hinein in die gemeinsame Welt. Und der Sternenhimmel? Ist seine goldene Herde nicht schöner als diese einzige, große, einsam prahlende Sonne?«

Ich suchte dich zu widerlegen: »Und doch hat ein gewisses Rehlein unter allen dreitausend Sternen sich just den ausgesucht, der sich nach Schein und Gebaren am meisten unterscheidet und der den absonderlichsten Namen trägt.«

Du wurdest ein wenig verlegen, und ich war froh; denn das war wieder dein Rehlein-Gesicht, als du dich schüchtern verteidigtest: »Oh, der absonderliche Name ist es gewiß nicht. Es tönt auch gar nicht schön »Fomalhaut', aber ich weiß nicht, als ich ihn zum ersten Male sah, es hat mich so ergriffen. Und dann, daß er just dort ist, wo man am liebsten hinschaut, wegen der weißen Berge und weil dahinter der Süden ist und alles das, daran man immer denken muß. Und daß er nur so kurze Zeit da ist, und so viele Monate, wo man das Heimweh nach ihm hat.«



Ich wußte es ja, mit jener schlimmen Begegnung war es nicht getan. Das war nur ein Beispiel davon, was fürder deiner wartete von denen, die ich, ungeachtet deiner heißen Widerrede, innerlich die Herde nannte. Deine Ausgeschlossenheit war nun offen abgestempelt. Das machte sich fühlbar, wo wir hinkamen, in zudringlichen und abweisenden Blicken, und anfänglich war es gar, als ob die Spaltung ins eigene Haus dränge. Die Schwestern Eßlinger, wenn sie auch ihrem Vorsatz und Versprechen getreu mit Tadel und Klage hintanhielten es war doch eine Zeitlang so, daß ihre betrübten Gesichter Papa Merzluffts Wort von den heiligen Kümmernissen aufweckten und dem herzlichen Einvernehmen im Weg standen.

Einzig Luise blieb unverändert in ihrem Wesen; ja, es schien sogar, als ob in ihr Verhältnis zu dir ein leiser Zug von Schwesterlichkeit käme, von der man nicht recht wußte, ob ihr Ursprung Mitleid war oder Achtung. Aber diese Wahrnehmung machte mich zum ersten Male unsicher in meinem Urteil über das alte Mädchen. Ich hatte ihrer Farblosigkeit weder Meinung noch Anteil zugetraut; ich war noch jung genug, um zu glauben, daß es Menschen ohne Persönlichkeit und Eigenleben gebe, Reflexnaturen, Maschinenwesen, nur dazu da, anderer Dasein zu spiegeln und im Antrieb fremder Mächte andern zu dienen. Die Ereignisse befreiten mich von diesem Irrtum.

Es traf die Todesnachricht von Luisens Schwester ein. Ich sprach der Überraschten mein Beileid aus in den verbrauchtesten Worten; denn ich mutete ihr keinen Schmerz zu. Hatte sie je von jener Schwester gesprochen oder sie in all den Jahren ein einziges Mal aufgesucht? Und doch hatte jene als die Frau des jungen Ruwenberger Lehenmannes in Luisens Heimat und Vaterhaus gewohnt. Dennoch sagte ich, lügenhaft wie man es immer ist, wenn die gewisse Vorstellung und Anteil fehlen: »Es wird ein großer Schmerz für Sie sein, Luise.«

Da richtete sich die ergebene Gestalt plötzlich vor mir auf, und ihre Wangen hatten rote Flecke und ihre Augen Blicke: »Nein, Herr Doktor! Sehen Sie, ich will nicht besser scheinen, als ich bin, aber mich durch eine Lüge auch nicht schlechter machen!« Und dann in hastigen, kargen Worten das Geständnis, eine Geschichte, alt wie die Welt und doch wunderbar, da sie diesen Menschen anging:

Zwei Schwestern, die ältere hinfällig, aber die junge voller Lebenskraft. Während diese in der Fremde weilt, heiratet die andere. Dann kommt die Krankheit, und man ruft die Junge heim zur Hilfe. Und nun leben sie zusammen, die beiden Lebenstüchtigen und die Gebrochene. Und das Leben ruft, und Leben zündet. »Als wir es wußten und wir uns nicht mehr helfen konnten, bin ich fortgegangen, ehe die Schwester es merkte. Aber ich ging nicht, um zu vergessen, sondern um zu warten, und ich habe nicht gewußt, daß es so lange dauern würde. Wir haben uns niemals wieder gesehn. Ich gehe auch jetzt nicht an die Beerdigung. Selbst der Toten will ich das nicht antun; aber nachher, wenn die ersten Trauermonate vorbei sind, dann gehe ich. Wir haben nun keine Zeit mehr zu verlieren.«

Ich war erschüttert, beschämt. So viele Jahre hatte ich mich täuschen lassen und nichts gespürt von dem, was dieses stille Geschöpf hinter seiner Alltäglichkeitsmaske wortlos litt: Sehnsucht, Gewissensqual, Angst des Alterns und die mordenden Wünsche. Ich schaute sie an. Ihr Äußeres war unwesentlich wie immer, nur die Augen lebten. Oder war es, weil ich zum ersten Mal wahrhaft in sie hineinblickte?

Und so wußte ich denn, daß es wohl Menschen geben kann ohne Gesicht, aber keinen ohne Schicksal und Leidenschaft.

Ich erschrak auch darüber, daß Luise uns verlassen wollte. Aber später erkannte ich, wie auch dieses nötig war, damit die Makarie voll wurde.

Seit Ostern hatte mich oft der Gedanke gequält, und die Schwestern Eßlinger gaben ihm fleißig Nahrung, daß man dir nach dem schweren Erlebnis mit deinen Unterweisungsfreundinnen eine neue Umgebung und andern jungen Verkehr gönnen sollte. Aber da alle Pläne eine Ortsveränderung und Trennung verlangten, fand ich nicht den Mut zum Entschluß. Nun befreite mich Luisens Angebot, dich vor ihrem Weggang noch in die Hausgeschäfte einzuführen, von dieser Qual; denn zu meiner Überraschung gingst du voll Freuden darauf ein. Und du tatest deine neue Pflicht, wie alles im Leben, mit ganzer Hingabe. Darüber verlorst du dein nachdenkliches Wesen, deine alte Fröhlichkeit kehrte zurück, und es erblühte eine Lieblichkeit um dich, die neuer Art war. Ich hätte kein Mann sein müssen, um mich nicht von der holden Hausfraulichkeit, die jetzt in dir vernehmlich wurde, gerührt und entzückt zu fühlen. Und als im Frühjahr Luise uns verließ und du mit einer jungen Hilfe Herrin im Hause wurdest, da schickte sich der Kleine Schwanen wieder einmal zu einem vollen seligen Sommer an. Der war, wie alles Glück, so reich, daß die Tage Wochen faßten, und doch in seiner Gesamtheit kurz wie ein einziger wohlgerundeter Tag.

Haus und Garten erhielten in deiner Pflege ein anderes Gesicht. Unter Luise war alles recht und sauber gewesen. Nun aber hielten Schönheit und Traulichkeit wieder Einzug wie zu Mutters Zeiten. Wenn ich mittags heimkam und du mit reizender Wichtigkeit das Essen auftrugst, das du selbst bereitet hattest, und wir saßen zu zwei, und Blumen standen auf dem Tisch, war das nicht alle Tage ein neues Fest?

Aber abends ließest du das Mädchen gewähren, und ich weiß nicht, was dann schöner war, unser stilles Zusammensein im Garten mit so viel wundervollen Gesprächen und Träumen bis in die Nacht hinein oder wenn wir zusammen auszogen, dem lieben hellen See entlang über das heitere Land oder in die tiefen Wälder. Die Erinnerungen, die mir von jenen Stunden blieben, sind die Sterne meines Lebens geworden.

Niemals waren wir uns so innig nah wie in diesem Jahr, so aufeinander angewiesen und beruhigt in sich selbst. Das Schicksal hatte nicht nur alles weggefegt, was zwischen uns gestanden, es hatte auch rings um uns leeren Raum geschaffen.

Ich war, in Beruf und Studium vergraben, immer mehr aus einer kargen Geselligkeit ausgeschieden, du hattest durch dein tapferes Bekenntnis die deine verscheucht. Nun waren wir wahrhaftige Inselmenschen, und es band uns nicht allein Liebe und Einsamkeit, sondern auch der Einklang unserer Neigung.

Meine Liebe zur Antike hatte ich längst in zielvolle Arbeit umgesetzt. Ihr gehörte, was die Bibliothek mir an Kräften übrig ließ, und es waren meine besten. Aus der Schülerin aber warst du zur Mitarbeiterin geworden. Unbewußt; denn nach Männerart blieb ich der Belehrende, der Empfangenden gegenüber. Aber du warst es doch, die die Lichtlein ansteckte, denn dein feines, unbeschwertes Gefühl drang so viel tiefer in alle Wissenschaft. Du warst wie der Künstler, der das Unsichtbare fühlt und das Unbeweisbare weiß. Ja, besonders seitdem du, vom Zwang vielfältigen Unterrichts befreit, dein Leben zwischen Hausarbeit und künstlerischer Betätigung nützlich und freudvoll verbrachtest, schien diese Fähigkeit oft ins Übernatürliche gesteigert, daß man den sechsten Sinn in dir hätte vermuten können.

Und doch war nichts Übernatürliches dabei und diese Gabe wohl aufs innigste verknüpft mit einer andern: deiner unbegrenzten Mitleidsfähigkeit, die wohl letzten Endes ein Geschenk meiner krüppelhaften Person war; denn wer den Häßlichen zu lieben vermag, wo hätte dessen Mitgefühl eine Grenze?

Das deine ging über die Menschen hinaus, gehörte der ganzen Welt, der lebendigen und der unbeseelten.

Wenn Mutter die Blumen in den Vasen neu ordnete, war es jedesmal ein herzhaftes, rasches Gericht; was nicht mehr ganz frisch war, wurde ohne Bedenken verworfen.

Du aber littest um jede absterbende Blume, machtest dir eine seltsame Theorie über die Schönheit des Welkens, und immer stand in deinem Zimmer solch ein müder Strauß erlöschender, zu einem letzten Tag begnadeter Blümchen. Als der stolze Glockenkaktus bei einem Sturz vom Blumensteg alle seine begehrlichen Arme brach und dann sommerlang elend ohne Blumen stand, wandtest du dem Krüppel eine Liebe zu, die du in seiner Glanzzeit niemals für ihn übrig gehabt hattest; denn das fleischige, stachliche Pflanzentier war dir im Grunde zuwider. So verursachte dir denn auch Christi Verfluchung des früchteleeren Feigenbaumes mehr Schmerzen als andern die ganze Passionsgeschichte.

Aber selbst vor den toten Dingen machte dein Mitleid nicht Halt. Ich weiß genau, wenn du an einem besonders lieblichen Tage plötzlich in einem alten, verwachsenen oder abgetragenen Gewändlein erschienest, so geschah dies nur, weil du dem abgelegten noch einmal eine Freude machen und ihm die Illusion schaffen wolltest, als ob es immer noch im Leben stünde. Wie haben wir deinetwegen gelacht, wenn du als Kind beim Anziehen der Schuhe so genau zwischen Rechts und Links abwechseltest, damit keiner sich durch langes Warten zurückgesetzt fühle! Und als ich dir an jenem Karfreitag Mutters Mädchenring schenkte und mich wunderte, daß du ihn gegen alle Gepflogenheit an die rechte Hand stecktest, wie du da errötend gestandest, du möchtest die Rechte dafür entschädigen, daß du die Linke, weil zu allem delikatern und lieblicheren Werk aufgespart und deshalb auch feiner geraten, mehr liebtest!

Es war deshalb nicht wunderbar, daß du mit diesem einfühlungsreichen Herzen tiefer in alles Menschliche drangest als ich mit meinem Mannesverstand und daß du auch die Kunst inniger erfaßtest. Denn es ist das Wesen aller hohen Kunst, daß sie im Tiefsten menschlich ist.

Es war unsäglich herrlich und aufschlußreich, mit dir durch die große Dichtung zu gehn; aber nachdem ich es erlebt hatte, daß die euripideische Medea dich bis zum Kranksein erschütterte, mied ich eine Zeitlang die Gewaltigen des Wortes. Ich glaubte, daß der Sturm durch den Dichter von außen in dich hineingeworfen worden sei, ich wußte noch nicht, daß Gedanken und Empfindungen nicht gegeben, daß sie nur befreit werden können. Ich wußte nicht, daß du deinen Schmerz nicht von der Dichtung empfangen, sondern in sie hineingelegt hattest. Wenn du Medeas Klage über das trauervolle Los der zum Außergewöhnlichen Bestimmten so tief erfaßtest: »Ach, sie wollte sein wie die gute Natur, dem Herzen folgen, nicht der Klugheit, fortziehn mit jenem hellen Jüngling in eine heitere Welt, untertauchen in das breite, warme Leben und sein wie jede andere Frau: hilfreich herzlich und liebend. Aber man ließ es nicht zu. Es ist so furchtbar, man möchte das natürliche Gute schaffen; aber die andern lassen es nicht zu, und nun muß man das unnatürliche Schlechte tun!« Wenn du aus deiner Erschütterung solches sprachst, wußte ich nicht, daß deine Worte nicht Deutung waren, sondern Bekenntnis. Ich wollte nicht glauben, daß unter deinem spiegelklaren Wesen sich Dunkelheiten bargen und daß unsere glückselige Zeit dir nicht dasselbe schenkte wie mir, volles Begnügen. Ich meinte, es sei alles getan, wenn ich fürder des Euripides aufwühlende Dichtung und überhaupt die großen erschütternden Gedanken mied und mich mit dir ganz der Welt der heitern Anschauung zuwandte; denn wo die reine Kunst, wo Form und Rhythmus herrschten, da war dein wahres Wesen daheim.

Man redet heute so viel von Tanz, von Ausdruck, von den Mysterien der Eurhythmie, und eine ganze Zeit hat sich unter das Schlagwort des Expressionismus gestellt. Man braucht nicht um die alte Philisterweisheit zu wissen, daß Menschen am meisten von dem sprechen, was ihnen fehlt, man braucht nur die Augen aufzutun, um es schmerzhaft zu erfahren, daß es nicht Ausdruck, sondern Gebärde, die trostlose leere Gebärde ist, die Herrscherin geworden in einer Welt ohne Inhalte.

Dich mußte man sehn, Rehlein, um zu wissen, was Ausdruck sein kann und wie es ist, wenn Seele ungehemmt in Erscheinung tritt. Schon bei Mutter war ja daß Äußere der unverstellte Spiegel des Innern, und weil sie inwendig so herrlich gebildet war, konnte es geschehen, daß man im Leben nie eine unschöne Bewegung an ihr sah. Aber bei dir kam noch etwas anderes dazu. Ich glaube, die Welt sprach durch Rhythmen zu dir, daher der seltsame Drang, deren starke Eindrücke rhythmisch auszugeben.

Es war damals eine Zeit, die vom eigentlichen Wesen des Tanzes nichts mehr wußte. Man kannte nur den gesellschaftlichen Rundtanz, und den verachtetest du; aber wenn Erlebnis und Anschauung den Wirbel der Gefühle in dir aufjagten, dann warfst du wohl das Gesicht in deine Hände: »Oh, Simon, das ist so herrlich, das kann man nur tanzen!« Und waren wir allein und keiner, der uns sah, dann ermunterte ich dich: »So tanz doch, Schwesterlein!« und hielt mich still und erlebte eine der sieben Seligkeiten.

Der sanfte Sommermorgen am Wiesensaum, den deine durchsonnten Glieder mir sangen – und jener Sturm im sterbenden Wald, warst du nicht selber eines der goldenen Blätter, hingerissen in den letzten jauchzenden Lebenstaumel? Und wie alle deine schlanken Linien groß und fließend wurden und deine Augen tief rätselvoll unter ihren goldenen Schleiern im Anblick jenes Götterhauptes, das unsere Zeit dem Namen Phidias verbindet! Aber daß du vor des Leonardo Anbetungsbild zur wilden, wundervollen Flamme wurdest, gleißend, glühend und kühl in betörendem Wirbel, das war für mich das erste Licht in die Dämonenseele dieses geheimnisvollsten unter allen Menschen.

So wurde vor dem Werk der bildenden Kunst dein Wesen zur Offenbarung. Wie bei dir Empfindung rhythmische Form schuf, so erkanntest du aus der Form unmittelbar die Seele dessen, der sie geschaffen. Als ich diese Gabe zum ersten Mal an dir gewahr wurde, glaubte ich an ein Wunder, obschon ich ja längst die Feinhörigkeit deines Wesens kannte.

Es war über einem Bilde, das man damals, zur Zeit der Präraffaelitenbegeisterung, noch dem Botticelli zuschrieb. Du sahst es lange betrübt an: »Oh, das ist ein armes Bild, alles daran ist nicht wahr,« und suchtest dich zu erklären: »Sie halten die Hände so gebogen und die Köpfe tief auf die Schultern geneigt; aber die Bewegung kommt nicht von innen. Es hat sie jemand zurechtgestellt, und nun ist alles wie verrenkt. Und die Kleider, die Haare, das alles ist ganz steif und macht nicht mit, und so ist es wie eine Lüge und tut weh.«

Ich verstand dich nicht. Auch ich hielt das Bild für ein Werk des Meisters. Nun fürchtete ich, daß dessen fremdartige Weise dir nicht zugänglich sei, und ich holte eine Wiedergabe seiner Geburt der Venus herbei. Wie du da leuchtetest: »Oh, das ist herrlich! Es rauscht und reißt und sprüht, und alles von innen heraus, keine Bewegung, die nicht das Herz aufrührte. Und alles, Kleider, Haare, Wellen, Wolken, Bäume, alle sagen nicht weniger als die Menschen und alle dasselbe: ›Empor, empor, Jubel und Sturm; aber unten harrt das Verderben!‹ Es ist süß und furchtbar, schnell, schnell die Seligkeit erstürmen; denn morgen bist du tot.«

Du schienst so ergriffen, daß es auch mich packte, und ich ahnte, daß deine gestammelten Worte mehr Weisheit enthielten als ganze Bände ästhetischen Geschwätzes. Und als ich nun weitere Kunstwerke mit dir betrachtete, entdeckte ich gar bald, daß da etwas in dir war, ein untrüglicher Weiser, der dich Echtes vom Falschen unterscheiden hieß, und das erschien mir wie eine übernatürliche Kraft.

Aber du lachtest mich aus: »Das ist doch so selbstverständlich und ganz leicht; du mußt es bloß nachmachen mit Bewegungen oder auch nur innerlich, indem du die Bewegungen dir ganz stark vorstellst. Wenn du kalt bleibst dabei und inwendig unerregt, dann ist es bloß Gebärde, außen angeklebt, und ist erlogen; aber wenn es nach innen rinnt und reißt alles auf, dann ist es Ausdruck und ist wahr. Dann merkt man auch bald, es liegt nicht allein in den dargestellten Gestalten, in allen Gegenständen, ja in jeder Linie und im kleinsten Strichlein, und das alles zusammen wirkt so mächtig, als ob man eine große Musik in sich hätte, und auf einmal weiß man ganz genau, wie es dem Künstler zumute war, als er das Werk schuf, und überhaupt, was für ein Mensch das war; aber es gibt wohl nur sehr wenige, die so groß sind, daß sie alles mit ihrem Herzen stimmen können.«

Aufgeklebte Gebärden! Rehlein, wenn du heute unter uns weiltest und sähest dich um in dieser armen, suchenden Welt, wie viel hättest du zu leiden! Aber damals: wir gingen den großen Meistern nach, und wenn wir auch nur mit kleinen Wiedergaben ihrer Werke uns begnügen mußten, du erlebtest Seligkeit über Seligkeit und ich Wunder über Wunder.

Das Seltsamste war aber doch, als Peter Grüning dir den geschnittenen Stein zeigte. Er hatte ihn aus Mykene mitgebracht. Zwei winzige, rätselhaft bewegte Gestalten waren sichtbar darauf, ein paar Zweiglein und ein Gegenstand, unverständlich in seinen abenteuerlichen Linien. Wir hielten es für ein Werk primitiver Griechenkunst. Von Kreta wußte man damals noch nichts.

Ich sehe dich noch, wie du am Fenster des Gartenzimmers standest, den Stein zwischen den schmalen Fingern. Das feuchtlautere Licht des Gewitterabends umglastete deine helle Gestalt. Das war so lieblich, wir wurden stumm über dem Anblick; aber Peter Grünings Augen verstanden das Schweigen nicht.

Auf einmal lachtest du: »Oh, was müssen das für lebige, genußlustige Menschen sein! So hell, so unbekümmert, nur Freude und Spiel und Tanz und das Herz leicht, zum Fliegen leicht!«

Peter schüttelte ernsthaft den Kopf: »Flimmernder Himmel, dürstendes Land und gewaltige Burgen. Düstere Burg, grausam lauernd, Gräber, unheimlich in Kreise gelegt, Gräber, für die Ewigkeit geschaffen. Über purpurne Stufen steigt der todgeweihte Fürst, und oben, unter dunkler Halle, Klytaimestra mit dem gleißenden Wort. Und Kassandras Klagen und Wehgeschrei und Todesröcheln – das ist Mykene; aber keine Lust, kein Spiel, keine leichten fliegenden Herzen.«

Allein, du ließest dich nicht beirren: »Dann ist der Stein eben nicht aus Mykene, dann hat ihn einer hergetragen irgend aus einen frohen, unbedrohten Land. Vielleicht von der Phäakeninsel her.«

Und du wiesest auf die Figürchen: »Fliegende Füße, lange Beine, schmale Hüften, die Arme hoch eingestützt, die Brust vom Atmen gedehnt und hochgeworfen das Gesicht: Muß da nicht der Himmel tiefblau sein und Blumen, die den Atem füllen, und vom Meer die feine Brise, die die Glieder frischt? Und solche Linien, sie flattern und fliehen sich und suchen die Weite – alles Tanz, Genuß, Freude ohne Festigkeit und Ziel, Lust nur, um lustig zu sein. Ach, eine so weite, glänzende festliche Welt ohne Mauer und Turm und Gefahr!«

Und du hobest die Arme und schrittest durch die Stube hin in einem seltsamen fremden Tanz, ohne Leidenschaft und Wirbel, und dein gelbes Kleid war um dich wie ein Freudentag und deine Hände wie Schmetterlinge. Alles an dir, von den halbgeschlossenen flimmernden Augen bis zu den feinen, in fremdartigen Zierlichkeiten bewegten Füßen, Jubel, Heiterkeit genießende Lust.

So schenktest du uns einen Augenblick lang die Erdenseligkeit jener unbeschwerten festlichen Menschen, die vor Jahrtausenden diesen kleinen Stein aus ihrer blühenden Insel nach dem kargen, bepanzerten Festland gesandt hatten. Dies aber war das erste Mal, daß du vor ihm tanztest, vor Peter Grüning.

Und nun habe ich den Namen genannt, und mir ist wie einem, dem plötzlich der letzte Gipfel erscheint: Lange währte der Weg, und der Wald hat den Anblick verwehrt, auf einmal aber steht er da. Man spürt seine gewaltige Nähe und wagt doch kaum, die Augen zu heben; denn noch gilt es nicht Lust und Qual des letzten Aufstieges, vorher ist noch diese Kluft zu bestehn, und in ihrer Tiefe liegt das kalte Dunkel.

Auch deine Geschichte, Rehlein, muß ich nun durch ein wüstes Tal führen, wenn alles so dastehn soll, wie es war.

Ich weiß nicht mehr, wie jener Sommer entschwand. Eines Tages führten unsere Wege durch goldene Wälder, und die leuchtenden Tage ließen es uns vergessen, daß die glänzenden dahin waren; aber auch der Blätterfall brachte kaum Wehmut. Wir standen so im Reichtum, wir brauchten nicht zu kargen mit unserer Zeit. Und als der Winter die holde Geborgenheit der wannen Stuben, die deine Sorge lieblich machte, heraufführte, da fragte man sich, ob das vielleicht nicht noch schöner war als der Sommer mit seinem heißen Glanz und der sehnsüchtigen Weite.

Abends saßen wir unter der gemeinsamen Lampe, innig vereint in der Anschauung großer Kunst oder auch in Gesprächen, die oft an die letzten Dinge rührten. Häufig aber war es auch nur die sanfte Stille, die uns verband, wenn häusliche Arbeit dich aus meinen Kreisen zog. Du saßest dann versunken, und deine emsig bewegten Hände machten mir die Erinnerung an jene Stunden mit Mutter, die wir die »heimeligen« nannten, so lebendig, daß ich unwillkürlich zu dir hinüber fragte: »Wie haben wir es nun, Rehlein?«

Du aber hattest nicht dieselbe Antwort wie ich einstmals. Du fuhrest ein wenig zusammen wie eine Erwachende, und die Augen unter den halbgehobenen Lidern hatten einen fernträumenden Blick, doch die Stimme alle Innigkeit, wenn du unter einem kleinen Seufzer zu mir hinüberlächeltest: »Schön.«

Aber einmal stieg dabei ein leises Rot in dein Gesicht: »Mir ist nun oft auch im Wachen, als ob wir über die weiße Treppe flögen.«

Du sagtest es mit einem lieben, verlorenen Lächeln und ahntest wohl nicht, daß dein Wort mir die Ruhe der Nacht raubte. Immer sah ich dich über der glänzenden Treppe, an einer fremden Hand, neben einem, den ich nicht kannte, und er war schön und hell wie der Tag. Meine Häßlichkeit kam über mich, und jene Stimme, die die Geißel meines Daseins war, machte sich auf: »Eines Tages wirst du sie verlieren.«

Allein, da war der alte Trost deiner Unvergleichlichkeit. Wo wäre einer, der zu dir paßte? Und würdest du einem dich verbinden, der deiner nicht wert war? Ich dachte an dein Verhalten gegen deinen Lehrer, den Pfarrer, dessen Gefühle nicht den kleinsten Widerhall bei dir geweckt hatten. Ich beobachtete deine unbekümmerte Jugend, wie du im seltenen Verkehr mit Jünglingen die heiterste Unbefangenheit bewahrtest und eigentlich freier erschienst, als wenn man dich mit Mädchen zusammensah, und wie du gänzlich unzugänglich warst für Bewunderung, Anbetung, Schmeichelei und all die Dinge, die andere Mädchen bewegen, und daraus folgerte mein törichtes Herz, daß du zu Höherem aufgehoben seiest als für irgendeine gewöhnliche, zielgesegnete Liebe. Mutters Wort von der unentrinnbaren scheuchte ich weg.

Dann kam jener kalte Februar mit dem Taumel der Seegefrörne. Als du Lust zeigtest, dich, eine meisterhafte Schlittschuhläuferin, wie du warst, unter die frohe Jugend zu mischen, freute ich mich darüber; denn das bewies mir, daß unser glückhaftes Jahr dich endgültig von der Scheu befreit hatte, die aus dem schlimmen Karfreitagserlebnis aufgegangen war. Ich freute mich, wie ich vom Ufer aus ein Weilchen das fröhliche Treiben gesunder froher Menschen betrachtete, und blieb ohne Eifersucht, als unser junger Nachbar aus der Apotheke sich sogleich deiner Schlittschuhe bemächtigte, dich mit eifervollem Anstand bediente wie ein Page und dann mit dir in die weiße Ferne glitt. Ich ließ mich sogar von einer gönnerhaften Großmutsanwandlung heben: Mochte der gute Junge, dem die schüchterne Verliebtheit aus allen Poren sah, für eine Stunde ein Quentchen jenes Glückes genießen, das mir in vollem Maße zukam, alle Stunden und jeden Tag! Und ich trug das Bild eurer strahlenden jungen Gesichter mit mir nach der dunkeln Bibliothekstube hinüber.

Als ich dich am Abend zu Hause wieder fand, war nichts Strahlendes mehr an dir. Du saßest in dich zusammengeschmiegt auf der Erkertreppe wie als Kind, und deine Augen waren so, daß ich unwillkürlich neben dich kniete, deine Hände an mich nahm und sie streichelte: »Rehlein, kleines, was ist jetzt mit dir?«

Aber du entrissest dich mir und sahst mir mit schier drohenden Blicken so genau in die Augen, als ob du mein Innerstes durchdringen wolltest: »Simon, sag mir die Wahrheit! Der Vater, ist es wahr, daß er die Frau Marschwander heiraten wollte?«

Ich erschrak und suchte mir Zeit zur Überlegung zu schaffen, indem ich mich darnach erkundigte, wer dir dies beigebracht, aber du drangest, ohne meine Gegenfrage zu beachten, so heftig auf Antwort, daß mir nichts anderes blieb. Ich tat es so schonsam als möglich, die Wirkung meiner vorsichtigen Worte war dennoch erschreckend.

 »Oh, nun ist alles dahin, alles zerstört und häßlich, und ich kann gar nicht mehr an ihn denken!« Und du bargest dein Gesicht auf deinen Knien mit dieser trostlosen Gebärde, wie ich sie nur bei Vaters Tod an dir gesehn und seither nicht mehr.

Es wurde spät in der Nacht, bis ich mit tröstenden und entschuldigenden Worten und der Versicherung, kein Mensch wisse, ob es wirklich so weit gekommen wäre, und Vater hätte es vielleicht doch nicht getan, wenn er deinen Schmerz gesehen, da du ihm über alles gegangen, dich soweit beruhigt hatte, daß du endlich den Hergang berichten konntest.

Da vernahm ich denn, daß es die Brüder Marschwander selber waren, die dir, nachdem sie dich deinem freundlichen Begleiter auf dem Eise entführt hatten, dieses Wissen beibrachten. Du klagtest: »Zuerst waren sie ganz höflich; aber dann wollte mich jeder dem andern wegnehmen, und sie kamen so nahe und hielten meine Hände so fest. Da mußte ich an meine goldene Burg denken, an die verschmierte Wand und an das mit der Kröte, und es schüttelte mich, und ich sagte es ihnen heraus, daß ich nicht mit ihnen fahren wolle; aber sie lachten nur und meinten, das nütze mir nichts, und im Grunde gehörten wir doch zusammen, und dann kam es. Ich weiß nicht mehr, wie ich mich schließlich von ihnen losgemacht habe. Ich war wie in einer Klammer.«

Die Vorstellung war mir unerträglich. Aus wilden, heimtückischen Buben waren die Brüder zu wilden draufgängerischen Jünglingen geworden. Sie waren von einer aufdringlichen Schönheit und hatten sich bei ihrer studentischen Jugend schon einen schlimmen Ruf geschaffen. Deine helle Gestalt zwischen diesen beiden dunkeln Menschen, das war ein Bild, das mir wohl noch lange zu schaffen gab; aber schlimmer noch war die Sorge um dich und dein verändertes Wesen. Zwar sprachst du nicht mehr von der Sache, und ich scheute mich, es zu tun; denn ich fühlte mich nicht berufen, Vaters Bild vor dir zu klären. Du gabst dir auch Mühe, deine Gedanken zu verbergen; aber es war doch eine Zeitlang, als ob der gute Hausgeist uns verlassen hätte, und wenn ich von meinem Bibliothekfenster aus in der glänzenden Ferne das lustige Ameisengegramsel auf dem See sah und dachte, wie du nun still und traurig in der Stube saßest mit diesen bohrenden Gedanken, kam eine Wut über mich, und ich war froh, als eines Tages der Föhn dem festlichen Treiben ein Ende machte.

Das war ein gewaltig heißer Föhn, Glut aus dem Lande, wo die Menschen das Glück der Stunde mit allen gierigen Händen packten. Durch offene Fenster fuhr er herein, fegte die träge Beschaulichkeit aus den Winterstuben, und auf einmal stand der Frühling im Garten.

Es war der Monat, der dich uns gebracht, mir der liebste von allen; aber niemals war er stürmischer erschienen, und sein heißer Puls weckte auch dein achtzehnjähriges Herz wieder zur Freude. Freilich, auch eine Unrast war in dir; aber wie wäre das anders möglich, wenn die Winterstuben aufspringen und die Winterkleider zu schwer werden?

An jenem Tag waren Sturm und unnatürliche Wärme so stark, daß es einem den Atem benahm. Die Pfirsichwand war plötzlich rosenrot geworden, die Schneeglöckchen langstielig und zerflattert, daß sie ihrem sanften Namen nicht mehr glichen, sondern mit aufgebogenen Blättern und gespreizten Kelchen wie kleine, wilde Tänzerinnen aussahen. Im Fenster der schon übergrünten Geißblattlaube sah man den Aufruhr des Sees.

Es fing bereits an zu dämmern, und ein wilder Prasselregen war schon niedergegangen, als du plötzlich zu mir ins Zimmer stürmtest: »Simon, ich halte es nicht mehr aus, ich muß an den See! Unten bei den Sandhaufen ist es jetzt wie am Meer. Ich lade dich ein zu einer Fahrt in die Dünen! Wenn du aber lieber bei deinen Paperassen bleibst, geh' ich allein!«

In deiner grauen Pelerine sahst du aus wie ein aufgestengeltes Heinzelmännchen. Dein Gesichtchen unter der großen Kapuze war kaum erkennbar; die Stimme war es, die deine Erregung verriet.

Ich hatte das Gefühl, daß ich dich begleiten sollte; aber ich saß über den Korrekturbogen meiner Platonstudie, und die Arbeit schien mir sehr wichtig. So ließ ich dich allein gehn, und mein kleines Unbehagen versank bald in der Freude am eigenen Werk. Wieder erfaßte mich die Größe und Tragik des Mannes, der ein Dichter war und dennoch glaubte, die Dichtung aus dem Staate verbannen zu müssen, weil ihm ehrbare Bürgertüchtigkeit zu heilig war, um sie durch die Schöpfungen der Phantasie verwirren zu lassen, und Dichtung zu göttlich, um sie erzieherischen Zwecken zu unterstellen. Und meine Arbeit, die mir längere Zeit nicht mehr vor Augen gewesen, schien mir gut, des großen Vorwurfs nicht unwürdig, und ich verfiel neuerdings der Betörung der eigenen Worte, daß ich keine Zeit fand, mich um deine Heimkehr zu sorgen.

Erst als die Haustüre mit solcher Gewalt zufiel und deine fluchtartigen Schritte vernehmlich wurden, sah ich, daß es draußen Nacht war, und als du vor mir standest, atemlos, gehetzt, mit hangenden Zöpfen, das Gesicht weiß wie ein Lilachen, überfiel mich die Erkenntnis eines Unglücks.

Es dauerte so lange, bis ich Klarheit hatte. Entsetzen, Scham und der zerflatterte Atem benahmen dir die Sprache, und diese ganze Zeit die fürchterlich unbestimmte Vorstellung von etwas Grauenhaftem, das geschehn, von etwas nie wieder gut zu Machendem.

Als ich endlich alles wußte, war ich beinahe befreit; denn die Wirklichkeit schien harmloser als die Furcht. Zwar war es schlimm genug. In der Einsamkeit des dunkeln Ufers hatte dich dieser Mensch überrascht, dieser Guido Marschwander, hatte dich mit heißen Worten bestürmt und, als du ihm kein Gehör gabest, mit Gewalt deine Zärtlichkeit erzwingen wollen. Aber die Eifersucht des jüngern Bruders, die ihn zum Spion am ältern machte, war dazwischengekommen, und der Streit der Brüder hatte dir Raum gegeben zur Flucht. Und nun warst du ja bei mir geborgen, und ich hielt deine zitternden Hände, und ich würde dafür sorgen, daß nie, nie mehr etwas Ähnliches vorkam. Der Gedanke, daß du in Todesangst gegen den Menschen gekämpft, daß dich der Unhold in seinen Armen gehalten und sein verruchter Atem dein reines Gesicht berührt harte, war wohl zum Rasendwerden. Aber ich verbarg meine eigene Erregung und suchte dich zu trösten: das sei im Grund nicht anders, als wenn ein Hund einen angriffe; man müsse froh sein, daß man ohne Biß davongekommen, müsse die Sache so schnell als möglich vergessen und das Ungeheuer künftig meiden.

Allein, du ließest den Vergleich nicht gelten. So etwas könne man nie und nimmer vergessen. Oh, diese Hände, diese fürchterlichen Hände, ewig werdest du sie an dir fühlen und diese glühenden Lippen am Ohr. Das sei eine Beschmutzung, die sich nie mehr abwaschen lasse. Du warst ganz in Verzweiflung. Ich schrieb es der Erschütterung der Stunde zu und hoffte auf die heilende Zeit; denn ich wußte damals noch nicht, was für eine Kraft in der Unberührtheit liegt und welch ein heilig zartes Ding die Seele, die in deren Schutz steht. Ich wußte nicht, daß in Wahrheit etwas geschehen, was nicht mehr gut zu machen war, und meinte, das Wichtigste zu tun, wenn ich dich von der Furcht befreite.

Deshalb wagte ich am andern Tag den Weg nach dem Marschwanderschen Hause. Die Übereinstimmung der Jahreszeit, der Anblick des flackernden Himmels und der föhnblauen Pfützen machten die Erinnerung an meinen ersten Gang nach dem verhängnisvollen Hause peinvoll lebendig.

Den erstickenden Duft der Stube hatte ich vorausgeahnt; denn wiederum flämmelten Hyazinthen auf allen Fenstergesimsen. Aber daß ich auf der rot bespannten Wand das lebensgroße Bildnis meines Vaters treffen würde, hatte ich nicht erwartet. Ein dicker grüner Lorbeerkranz ging rings um den Rahmen. Die Frau wies ihn mit Stolz: »Der ist nie dürr geworden in all den Jahren!«

Ich wandte mich vom Bilde weg, dessen Anblick mir das Innerste aufwühlte, ihr zu. Sie trug eine weite schwarze Schürze, rot verbändelt. Wie ein Talar hing sie um die stattliche Gestalt aber wie das Kleid einer Zauberin. Sie hatte nicht gealtert in den Jahren, die Haut glatt und hell, schwarz glänzend das lebendige Haar, das Weiße der Augen bläulich schimmernd.

In knappesten Worten erzählte ich ihr den Hergang. Urteil, Beding und alle weitern Ausführungen versparte ich auf die Entgegnung. Ich hatte eine solche nicht nötig. Die erwartete Verteidigung blieb aus. Wohl flammte ihr Gesicht auf; aber der Zorn galt nicht mir, sondern dem eigenen Sohn:

»Also auch das noch, das arme Kind erschrecken, der unsöde Mensch!« Und als sie mein Staunen über ihr Verhalten erriet: »Sie meinen natürlich, daß eine unglückliche Mutter auch eine verblendete Mutter sein müsse! Nun, ich kann Ihnen sagen, ich bin nicht blind und mit meinen Herren Söhnen habe ich abgerechnet. Als ich darüber kam, daß das mit dem Studium nichts war als bunte Mützen, Schulden und das liederliche Leben, machte ich kurzen Prozeß. Weg mit meinen stolzen Plänen! In fünf Wochen gehn wir übers Wasser. Ein Verwandter drüben hat eine Farm für mich empfangen. Mit viel ungerodetem Land. Da gibt es dann Arbeit! Und ich mit dabei, vom Morgen bis zum Abend; auch ich will vorn anfangen. Wenn ich sie wieder in den Händen habe wie als kleine Buben und dazu die harte Arbeit – ich will sehen, ob dann das Gute an ihnen nicht auch noch herauszubringen ist. Sie haben schließlich nicht nur den Vater in sich. Auch ich bin drin und meine braven Eltern. Also, Sie können ruhig sein. Die Marschwander sind Sie bald los und für immer, und daß inzwischen dem Rehlein nichts passiert dafür stehe ich. Soviel vermag ich noch über die Schlingel. Und dann, ich habe es ihm geschworen, das Kind liebzuhaben wie eine Mutter, und es wäre mir nicht schwer gefallen; denn es war sein Augenstern. Mein Versprechen habe ich nicht lösen können, sonst wäre das arme Mädchen nicht aufgewachsen wie eine Nonne.«

Sie fühlte meinen Widerwillen gegen dieses Wort und suchte sich zu verteidigen: »Ich rede nicht von der Reinheit; von seiner Einsamkeit und Unvertrautheit rede ich. Sie müssen nicht meinen, auch ich weiß, was das heißt, wenn man noch rein ist und daß das vielleicht unsere einzige glückliche Zeit. Ich war auch einmal so, daß ich glaubte, das Leben sei eine helle Straße, die aufwärts führe. Als der Marsch­wander zum ersten Mal kam, haßte ich ihn beinahe; aber dann hat er es doch über mich vermocht, und wenn man einmal aus dem Paradies verjagt ist, dann geht's nicht mehr weit bis zur Hölle.«

Ich erhob mich. Ich wußte genug, und das Flimmern ihrer Augen war mir peinlich. Sie blieb ruhig sitzen und sah mir gradaus ins Gesicht:

 »So, Herr Doktor, nun will ich Sie noch etwas fragen. Es sind jetzt neun Jahre her, seit Sie es wissen. Nie in der ganzen Zeit haben Sie einem Menschen etwas verraten. Nicht, daß ich Ihnen dafür danken möchte. Ich hätte es im Zuchthaus nicht schlimmer gehabt als hier, und die Buben, wer weiß, es wäre besser gekommen mit ihnen, wenn sie in fremden Händen aufgewachsen wären und unter dem Druck der Schande. Aber wissen will ich: Weshalb haben Sie geschwiegen? War es, um das Andenken Ihres Vaters zu schonen?«

Ihre Blicke rissen an den meinen, und ihre Ehrlichkeit forderte meinen Mut: »Sie sagten es damals: Wer am Totenbett eines andern erleichtert aufatmet, ist ein Mörder. Ich gestand mir nicht das Recht zu, den Stein gegen Sie zu erheben.«

Einen Augenblick war es ganz still. Dann warf sie die Hände vors Gesicht und brach in ein Weinen aus, wie ich es im Leben nie gesehn. Die Tränen strömten, fluteten. Sie liefen zwischen den gedrungenen Fingern hindurch, den weißen Armen entlang, verschloffen sich in die Ärmel, rollten über die schwarze Schürze herunter, zerliefen und verzogen sich endlich im lockern Gewebe, daß es Ekel erregte. Und dann fing sie leise und hastig zu sprechen an. Wie sie mich gehaßt habe, nicht nur weil ich ihr Widersacher gewesen bei meinem Vater, sondern einfach, weil sie von jeher alles Schiefgewachsene verabscheute. Und sie habe gemeint, so ein Krüppel müsse von Haß und Bitternis dermaßen angefüllt sein, daß er im Leben auf nichts anderes sinne, als wie er sich am Schicksal und an jedem Gradgewachsenen rächen könne. Nun aber sei es so: Wenn sie heute ihre schönen Söhne in meine Gestalt stecken könnte, aber ihnen zugleich mein Herz geben, weiß Gott, sie täte es. Jeden Augenblick täte sie es.

Ich stand immer noch nahe vor der Sitzenden. Ratlos und beschämt. Da warf sie plötzlich ihre Arme um mich, drückte ihr Gesicht an meine Schulter und flüsterte leidenschaftlich in mich hinein. »Und nun muß ich Ihnen doch danken. Sie wissen ja nicht, was Sie an mir getan. Niemals können Sie das ahnen; aber Sie haben wieder den Menschen aus mir geholt. Nun kann ich es vollbringen. Nun kann ich noch rechte Männer aus ihnen machen.« Und weiter, ein seltsames Durcheinander von Selbstanklage, von Jubel, von stolzem Geständnis und demütiger Unterwerfung. Alles in dieser leisen hastigen Stimme, und dabei lagen ihre Arme an den meinen, und ihr heißer Hauch ging in meine Brust. Ich war wie in einer glühenden Umklammerung, der zu entfliehn ich weder die Macht noch den Willen besaß; denn die Glut ging durch und durch, lähmend, berauschend wie der Duft der Hyazinthen, und die Folter war jammervoll süß.

Als ich später die Treppe hinunterging, hatte ich die Schritte eines Betrunkenen, und am Hause zur Hintern Geduld drückte ich mich vorbei wie ein Verbrecher am Fenster des andern, der um seine Schande weiß.

Von da an war meine schöne Freiheit dahin und ich wieder ein armer, geknechteter Mensch. Und vielleicht mußte es sein, damit ich meinem Vater verzeihen und alle Selbstgerechtigkeit von mir ablegen lernte in dieser Zeit, wo ich elend, den gemeinen Mächten versklavt, gierig und unerlöst durch die Hölle der Selbstverachtung watete, und vielleicht geschah auch dieses, um dem Verhängnis zu dienen; denn es war wohl nicht vom Guten, daß ich just in dieser Zeit, da auch du Uneingestandenes und vielleicht Unverstandenes littest, kraftlos und scheu vor dir erschien und deines Anblickes unwürdig. Es waren nur wenige Wochen; aber wenn ich heute auf sie zurückblicke, sehe ich sie wie eine lange fürchterliche Irrfahrt im Dunkeln und uns als zwei scheue Schatten, die sich fliehn.

Das Ende dieser Elendszeit brachte der Besuch von Meister Werfeli. Eines Tages stand der Schneider unvermutet in meiner Stube. Er war lächerlich heil gekleidet, mit hochkopfigem Strohhut und glich einem gehobelten Kabisstorzen oder einer Triumphsäule, wenn man die stolzgrindigen Augen und den bolzgeraden Rücken in acht nahm und der krummen Beine vergaß.

Er hatte einen gönnerhaft langgereckten Arm, als er mir die Hand drückte: »Sehen Sie, Herr Doktor, das hätte ich nun nicht über mich gebracht, fortzugehn, ohne Sie zu behüten. Bei den andern? Fällt mir nicht ein! Das Geschmäus lasse ich ohne Abschied liegen wie den Gehüderhaufen im Höflein. Den kann dann mein Nachfolger wegputzen. Er hat mir ohnehin nicht zu viel bezahlt für mein Haus. Schon der Name allein, ich sage Ihnen, die ganze Weisheit, alle zehn Gebote und das Evangelium stehn in diesem Wort: Zur hintern Geduld! Aber immerhin, man macht sich nicht krautig. Man ist großzügig; denn nun geht es in die weite Welt. Haben Sie das jemals geglaubt, Doktor Simönli? Der arme Schneider und übers Meer? In die Neue Welt, und mit wem? Mit der schönsten Frau und mit diesen feinen jungen Herren! Nun machen Sie Augen, Herr Doktor! Ja, Sie müssen sich schon tummeln, wenn Sie es so weit bringen wollen wie der Werfeli. Aber vergessen Sie nur nie: Zur hintern Geduld! Die hinterhinterste Geduld! Den andern, denen sagt man halt, ich gehe, um den jungen Herren drüben die Kleider zu machen. Wer wollte es auch sonst in dem unmenschlich fernen Land? Aber Sie wissen, es ist noch etwas anderes!« Er verdrehte die Augen und lachte widerlich verzückt und pfiffig zugleich. »Damals, ich sagte es Ihnen ja, die heilige Kraft! Das ist nicht anders geworden, bei Gott, das ist nicht anders geworden in den Jahren.«

Ich stand auf. Ich verabschiedete ihn rasch, eine dringende Arbeit vorschützend und als er verblüfft und gekränkt abgezogen war, da fand ich endlich die Kraft, die weichliche Erstickung der vergangenen Wochen von mir zu reißen. Das Bild des Narren hatte mir mit einem Schlag die Augen geöffnet. Denn so heilsam ist nichts, wie Erkenntnis der eigenen Lächerlichkeit. Zwar ihre Peitschenschläge gehn bis aufs Blut, aber sie verjagen die Dumpfheit, gegen die Einsicht und Tugend machtlos sind.

Seither aber weiß ich, daß es eine Gewalt gibt von Leib zu Leib, die mit Liebe nichts zu tun hat und doch ihr Gesicht trägt, und daß es Menschen gibt, hemmungslose mit den starken erdhaften Instinkten, denen diese Macht dient. Dieses Wissen hat mich milde gemacht vor dem Narrentanz des Lebens.



An einem hellen Maiabend wagte ich den Weg nach dem Haus Zum Blumengeschirr: hinter blanken Scheiben schneeweiße Vorhänglein, goldklares Messing an Tür und Geländer, auf der grünen Bank vor dem sauber gekehrten Höflein strickend und plaudernd zwei blonde Mädchen und in Meister Werfelis Butike ein alter Schuster mit einem freundlichen Rahmenbart – alles hell und friedlich wie der durchsichtige Frühlingsabend. Und ich sah plötzlich Mutter vor mir, wie sie mit einer schönen, fröhlichen Gebärde die Hände ausstreckte wie einer, der einen schweren Mantel von sich abwirft: »Reine Luft! Gottlob, reine Luft!« Das war aber damals, als ich ihr die Nachricht brachte, daß der Rektor der Libertasschule mit seiner Frau unsere Stadt endgültig verlassen habe, um nach dem Kriege seinen Anteil am Aufschwung des Vaterlandes zu ergattern.

Auch mir war wie einem Schmetterling, der die häßliche Haut von sich abgestreift hat, und ich eilte heimzu, um dich zu erfreuen mit der Kunde und fand auch bei dir ein befreites Aufatmen, das mich alles Gute hoffen ließ.

Aber als wir ein paar Tage später zusammen oben am Waldrand saßen, es war noch morgendlich kühl, und Stadt und See zu unsern Füßen und der gewundene Fluß glänzten in aller sonntäglichen Herrlichkeit, daß mich die Sommerfreude packte: »Rehlein, wird nun nicht wieder alles schön wie zuvor?« Da schütteltest du den Kopf und wurdest traurig und verwirrt und wagtest nicht, mich anzusehn während deines Geständnisses: »Goldener, seit jenem Abend habe ich ihn nie mehr gesehn. Nie mehr träume ich nun von ihm und der weißen Treppe. Ich weiß schon, man muß ganz rein sein, kein kleinstes Flecklein, wenn man über die weiße Treppe fliegt. Und jener hatte so fürchterliche Hände; das geht nimmer weg, wenn er nun auch über dem Meer ist.«

Du sprachst ganz einfach, wie man von einer unveränderlichen Sache redet: aber deine Stimme erschütterte mich, und einen Augenblick sprang mich der mörderische Gedanke an, die Frau habe ihre verruchte Macht dem Sohne vererbt. Unter dieser Vorstellung gewann deine Erschütterung einen neuen Sinn; aber ich warf den Gedanken himmelweit von mir, denn er hätte mich umgebracht, und ich suchte dich herauszureißen:

»Goldener, die weiße Treppe, das waren Träume, Rehlein, ihre Zeit ist vorbei. Nun kommt das Leben an die Reihe, und du bist klug und stark.«

Da horchtest du auf, als ob ich ein erlösendes Wort gesprochen hätte, und blicktest dann dem Flusse nach und den sanft wandelnden Höhen, wie sie hinausstrebten in die dunstige Ferne, und griffest heftig nach meiner Hand: »Ja, Simon, ich will stark sein. Das Leben, das warme Leben und die weite Welt!«

Von nun an waren wir wie Wartende, die an der Zeit schieben und die Gegenwart verlieren, und wenn wir auch nicht unempfindlich waren für die Schönheit des aufgehenden Sommers, sein heiterer Bestand hatte keine Gewalt über uns, unsere Gemeinsamkeit war voller Unruhe, und alle unsere Gedanken suchten im Kommenden. So war es, als das wüste Land hinter uns lag.


Das gab ein Stürmlein in unserer Stadt, als Peter Grüning an die hohe Schule berufen wurde. Ein Mensch, der seine Vaterstadt vor Zeiten auf den ungängigsten Pfaden verlassen hatte und nun auf dem graden, ehrenvollen Weg wieder heimkehren sollte! Die Bedenklichen hatten ihr gewichtigstes Kopfschütteln: Ob so einer das rechte Vorbild war für die Jugend? So ein Undisziplinierter, der immer das getan, was man am wenigsten von ihm erwartete, der dreimal umgesattelt und der ein halbes Leben auf der Fahrt gewesen, niemand wußte recht, wo, und von dem man überhaupt nichts vernommen hätte, wenn seine Bücher nicht gewesen wären? Und die Eifersüchtigen spöttelten: Theologiestudent, Architekt, Altertumsforscher, Dichter – wenn ihm das Professorenröcklein etwa nicht sitzen sollte, könnte er es ja immerhin noch mit dem Predigen versuchen oder Häuser bauen oder Komödien schreiben, das mit dem Szenenwechsel verstünde doch keiner besser als er. Aber die Frauen? Berühmt, weitgereist, geheimnisvoll, in guten Verhältnissen und unverheiratet – es war schon zum Sichaufregen! Die Jugend jedoch jubelte: Einmal ein Lebendiger, einer, der nicht bloß Gelehrter war, sondern ein großer, kühner Mensch und ein Dichter, ein ganz und gar Auserkorener, einer, dem keiner glich!

Mich packte die Nachricht mit dem unmittelbaren, unerklärlichen Gefühl, als ob sie mir im besondern Sinn zugedacht sei. Nicht allein deshalb weil ich ihm seit langem geheime Gefolgschaft gegeben – denn seine Bücher waren mir Wegweiser, Erlöser, erhabenes Ziel in meiner Wissenschaft geworden – sondern weil mich sein Name menschlich anrührte wie das Schicksal.

Als wir seine Gedichte zusammen lasen, da waren wir wie vom Sturme geschüttelt. Ich aufgepeitscht, selig: »Welch ein Mensch, welch ein Gewaltiger, Glühender!« Du aber tief ergriffen: »Wieviel hat er gelitten, und diese Einsamkeit, rings um ihn alles leergefegt. Oh, man möchte zu ihm und ihm Freude bringen!«

Nun war mein Glück übermächtig; denn ich wußte, daß es auch dir gehörte. Weißt du, als ich dir die Nachricht brachte? Auf einmal hatte unsere Unruhe einen Grund und wir waren wie Verliebte, die nur von dem einen sprechen können.

Du weißt es, in der kleinen Weinstube im Rabengäßlein habe ich ihn zum ersten Male gesehn an jenem Sonntag. Ich hatte vernommen, daß er abends dort Gast sei, und war deshalb gegen meine Gewohnheit hingegangen.

Noch sehe ich ihn in der tiefen Fensternische hinter dem runden Tisch. Ein paar Herren von der Literatur hatten sich an ihn gemacht. Er saß breit, umständlich, heftig rauchend und schwieg, während die andern sich überkrähten. Nichts schien zu leben in dem mächtigen, rauhbärtigen Haupte als die zwei steilen Falten über der Nasenwurzel, die das Gespräch der Herren mit seltsamem Zucken begleiteten, und dann seine lebhaften dunkeln Augen. Plötzlich richteten sich diese auf mich, und einen Atemzug lang umfaßte mich ihr scharf beobachtender Blick wie eine warm zugreifende Hand. Dann erhob er sich unvermittelt, rückte den Tisch mitsamt den daransitzenden Herren unter einem Knurren zurück und kam, sein Glas in der Hand, gradwegs zu mir herüber.

Ich war erstaunt, den Aufrechten von kleinerer Statur zu finden, als Haupt und Schultern vermuten ließen, und diese Wahrnehmung gab mir Mut. Aber als sein gewaltiger Kopf unmittelbar über mir stand und er meinen Namen nannte, war ich doch so befangen, daß ich mir kaum zu helfen wußte.

Er lachte herzlich: »Hätten wir uns erst einander vorstellen lassen müssen? Ich habe Ihre Platonstudie gelesen, und einer hat mir gesagt, daß Sie bucklig seien. Die beiden Merkmale genügen.« Dann setzte er sich kurzerhand zu mir und fing gleich von meiner Arbeit zu reden an: »Sie hat mich ehrlich gefreut. Nicht daß ich mit allem einverstanden wäre, nein; aber die Hauptsache: Sie haben dem Platon nicht eine Theorie aninterpretiert, Sie sind in den Kerl hineingegangen und sprechen aus ihm heraus. Das können die wenigsten; denn dazu bedarf es mehr als Gelehrtenspitzfindigkeit. Dazu muß man schon ein ganzer demütiger Mensch sein und vielleicht noch etwas mehr. Sie wissen, φυσει τινι και ενδουσιαζων natürliche Veranlagung und der Gott in der Brust, sonst gibt es keine Erkenntnis des Großen. Sie haben den Großen im menschlichen Kern erfaßt, nur im Nebenwerk scheint mir manches schief.« Und dann ging er zur scharfen Kritik über. Seine taktvolle Schonungslosigkeit, die mich anfaßte wie jeden vollkräftigen normalen Menschen, tat mir so wohl und stärkte mein Selbstbewußtsein dermaßen, daß ich mich ungeachtet aller Verehrung zur mutigen Verteidigung und Widerlegung herauswagte, und so gerieten wir rasch in das lebhafteste Wortgefecht.

Auf einmal erhob er sich mit lautem Stuhlrücken: »Aber hören Sie, mit Ihnen kann man ja reden! Das ist ja ein Fund! Nur hier ist nicht der Ort dazu! Kommen Sie!« Und er warf ein Geldstück auf den Tisch, riß den Hut vom Nagel und lief mit mir zur Türe hinaus, ohne weiter der Herren zu achten, die uns die ganze Zeit mit scheeläugiger Neugier betrachtet hatten. Unten in der Gasse lachte er grimmig vor sich hin: »Nun werden sie oben lästern, das freut mich. Hoffentlich lassen sie mich fortan in Ruhe. Daß ich meine menschliche Seele mit Druckerschwärze beschmutzte, das gibt dem Geschmeiß doch, weiß Gott, noch nicht das Recht, mich in ihren Literatentümpel zu ziehn!«

Die kühle Nacht verlockte zum Draußenbleiben und Wandern. Ich bemerkte bald mit Staunen, daß unsere Schritte sich trefflich zusammenfügten, und doch bot der Doppelschatten, den das Laternenlicht vor uns hinschob, den grotesken Anblick aus neuen Vorstadtquartieren, wo das alte baufällige Dorfhäuschen neben dem stolzen Neubau stehen blieb. Es war aber doch so, daß seine untenhin etwas zu kurz geratene Stattlichkeit und meine langbeinige Zwerggestalt demselben Rhythmus gehorchen mußten.

Wir schritten durch Gassen und Gäßlein der Altstadt, dem Fluß entlang auf und ab und gelangten schließlich über die Brücke unvermutet, vielleicht unbewußt einem innern Drange oder dem weitherum bemerkbaren Duft des Lindenblustes folgend, auf den Lindenberg. Die Laternen waren hier bereits ausgelöscht. Unter dem dichten Blätterdach war die Dunkelheit so groß, daß wir uns nicht mehr sahen, und während wir uns behutsam über den Platz hinweg nach der vordern Mauer tasteten, genoß ich eine Welle das Glück meiner ausgelöschten Körperlichkeit.

Vorn an der Mauer aber entzog uns der sanfte Widerschein der erleuchteten Stadt dem Wesenlosen. Ich sah wieder den Umriß seiner massigen Gestalt und das weiße Blitzen der Augen. Er zeigte hinunter nach der Stadt. Über den Zunfthäusern am Ufer, deren leuchtende Fensterreihen goldene Schlangen in den Fluß warfen, bergan baute sich ihre gezackte Silhouette gewaltig in den Sternenhimmel empor wie ein vielgipfliges Gebirge; denn oben waren die Lichter selten geworden, und aus den tiefen Gassenspalten drang der Laternenschein nur schüchtern herauf.

Seine Stimme hatte einen neuen Ton, als ob sie nicht ganz aus der Kehle wollte: »Sehen Sie, da kann man nun herumwandern ein halbes Leben – Herrgott, alle menschliche und unmenschliche Schönheit, daneben wir hier arme Lazarüsser sind – kann sich in hundert Winkeln heimisch fühlen, es nützt alles nichts. So etwas zieht einen immer wieder heim.«

Ich dachte an den Tag, da ich zum erstenmal hier oben gestanden mit meiner Mutter, und das Glück dieser Nacht weckte die Empfindung jener fernen glücklichen Stunde und machte Vergangenes so lebendig, daß ich davon sprechen mußte. Nur wenige Worte von ihr; aber wir wurden beide schweigsam darüber.

Dann kehrten wir nach der Tiefe des Platzes zurück und ließen uns auf einer der breiten Steinbänke nieder. Wiederum waren wir aufgelöst im Dunkel, nicht Körper mehr, nur noch Stimme und Empfindung. Und er sprach von sich: »Das ist die wahre Gnade, seine Mutter so lange behalten, bis sie innerlich erkannt und unverlierbar ist. Ich habe die meine früh verloren. Nur ein ferner, sehr sanfter Schimmer ist mir geblieben; aber der hat genügt, um mir durch die ganze Kindheit das Wiedersehn mit ihr als einzigen Lebenszweck erscheinen zu lassen. Darüber bin ich zum Theologen geworden; aber die Theologie führte mich zu den Menschen, und ich sah das Elend und ihre Erbärmlichkeit, und es kam über mich, daß ich sie retten wollte. Eines Tages lief ich durch eins unserer neuen Quartiere. Die Häßlichkeit und Verlogenheit seiner Häuser warf sich auf mich, und alles Predigen schien mir nutzlos und alle Liebe ohne Kraft vor der Fürchterlichkeit dieser äußern Lebensgestaltung. Es war wie eine Offenbarung: Das Äußere mußte man ummodeln, an der verlogenen Form mußte der Inhalt verderben! Einfache, wahre, in ihrer Schlichtheit schöne Häuser, einfache wahre Kleidung, einfache wahre Lebensweise, das schienen mir die Stationen auf dem Wege zur Volksgesundung und wahren Seligkeit. Ich wollte beim ersten, Wichtigsten anfangen. Ich wurde Architekt.

Als ich das Handwerkliche in mir hatte, wagte ich mich mit meinen Gedanken heraus. Damals begann es hier mit dem Bauwahnsinn. Freilich bloß erste, schüchterne Anfänge, Kindersünden, gemessen an den spätern Untaten, die diese würdige, feine Stadt zum Großstadtkarikatürchen verhunzten. Aber ich spürte den schlimmen Geist. Ich wehrte mich dagegen, ich wetterte, ich wütete, in Vorträgen, in der Zeitung – natürlich mit keinem andern Erfolg, als daß ich mir einen übeln Abgang schuf aus der Vaterstadt.

Dann kamen die Reisen. Seit dem Tode meines Vaters war ich völlig freizügig. Ich merkte bald, daß es allenthalben war wie daheim, das edle Alte vom gemeinen Neuen erstickt. Aber ich war immer schwerfällig in meiner Entwicklung; was die andern von außen her rasch sich aneignen, muß ich erst selbst entdecken. Als mir die Selbstverständlichkeit aufgegangen war, daß es nicht Torheit des einzelnen, was die Welt verpfuscht, sondern der Geist aller, daß die Baumeister jeglicher Art nicht die Gestalter des äußern Lebens sind, sondern Spürhunde des Zeitgeister, erfaßte mich Verzweiflung über meinen Beruf. Ich warf ihn weg. Ich ging auf die Suche nach dem reinen, unverhunzten Menschengeist.

In Rom glaubte ich mich ihm nahe. Wir sind so lange her gewohnt, die Ewige Stadt als die Wiege unserer Kultur zu betrachten, ich verfiel der Betörung der großen Form. Aber dann kam das Unbehagen. So etwas wie das schwindlige Gefühl einer kleinen, uneingestandenen Unehrlichkeit, einer vergoldeten Lüge. Das guselt und zwackt und auf einmal ist es ein großer Schmerz. In der gewaltigen Form fühlte ich das Leere, das Gebärdenhafte, das Nachgeahmte und Übersteigerte. Wie wenn man zu lange Wagner gehört hat, auf einmal kommt die Sehnsucht nach den Ursprünglichen, Erfüllten, und man flüchtet sich zu Beethoven, Mozart, Bach.

So kam ich nach Griechenland. Es war wie Heimkehr. Keine Betörung, kein Aufruhr, bloß das tief beruhigende Gefühl, zu sich selbst zu kommen. Auf einmal hatten alle Dinge einen Sinn. Ursprung, Weg, Ziel, alles nahe zusammen, klar übersehbar. Alles in Selbstverständlichkeit erlöst, wunderbar nur durch das ewige Mysterium, das Geheimnis der spürbaren Schöpferkraft. Sie durchdringt alles, sie bringt Leben in den Stein, macht jeden Gegenstand zum Ereignis. Und Kunst wird wie die Natur, die nichts Gewordenes kennt, nur das Werdende.

So eine dorische Säule: sie wurzelt, sie reckt sich auf, sie läßt die Kräfte schwellen, indem sie sich emporstemmt, sie sammelt sie zum tüchtigen Werk des Tragens. Alles ist Leistung, alles Leben, Tat. Und doch alles Ruhe und Besonnenheit, zielvoller, kürzester Weg.

Als ich zum ersten Mal auf der Akropolis stand, war der Eindruck der mich überwältigte, nicht Schönheit, sondern Ehrlichkeit. In der Erschütterung jenes Augenblicks wurde mir dieses Wort zum Begriff: der Himmel, von keinem allzu tiefen Blau versüßt, schimmernde Quelle des Lichts; die Erde, in der durchsichtigen Luft bis in die letzten Schwingungen ihrer fernsten Hügel verständlich, Urgrund der zeugenden Kraft, und alles, was Menschenhand auf ihr geschaffen, ihrem Sinne dienstbar, ihre Form verdeutlichend, der Erde entsprossen, an die Erde gebunden. Kein trügerischer Himmelssturm, kein verführerisches Auftürmen ins Unfaßbare, sondern in jedem Aufschwung das Bewußtsein der unentrinnbaren Macht des mütterlichen Grundes. Daher mein Gefühl der Heimatlichkeit. Ich entdeckte, daß dieser Parthenon in meiner Seelenlandschaft weit nachbarlicher einem Berner Bauernhof stand, der in all seinen Teilen das ehrliche Bekenntnis zu Ursprung und Bestimmung darstellt, als dem Marmorgewimmel der einstigen Foren Roms; denn mit ihrem geborgten Griechentum taten sie dem heimatlichen Boden Gewalt an.

Nach diesem ersten Gang auf die Akropolis gab es für mich nur noch einen Weg, das Rätseln am Wunder Hellas. Dieses habe ich so lange getrieben, bis es sich mir, wie jedes wahre Wunder, als Natur erwies. Es ging nicht schnell; denn wie immer war der Weg von der Ahnung zur Erkenntnis weit. Es gibt zu viele überkommene Vorstellungen, die einem ins Blut gedrungen sind, Schlagwörter, die sich nicht wollen totschlagen lassen: Göttliches Volk, begnadetes Volk, junge unverbrauchte Kraft, naive Ursprünglichkeit! Den Wall der Göttlichkeit und Unvergleichbarkeit mußte ich durchbrechen, den Dunst der Ursprünglichkeit zerteilte ich, und dann erst standen Menschen vor mir, fehlend, leidend und froh, frisch und verbraucht wie wir, wunderbar nur durch die Vollkommenheit ihrer Werke. Aber dieses tief Tröstliche! Ihre Höhe erreichten sie zur Zeit der großen Einfachheit, der Ehrlichkeit, der unverrenkten Natur. Und diese Einfachheit war nicht angeboren, sondern errungen, nicht Gnade, sondern Erkenntnis. Daß man sich dies einmal klar machte: Jede Aufwärtsentwicklung führt vom Komplizierten zum Schlichten, nicht umgekehrt; vielteilig ist die Blüte, einfach die Frucht. Diese athenischen Jungfrauen der großen Zeit: ihr Gewand ein Stück Tuch, ungenäht, bloß von Gürtel und Spange gehalten, in jeder Falte dem Willen des Körpers folgend, die Haare knapp um den Kopf, die unbehinderten Glieder stolz und frei bewegt; aber deren Großmütter hatten Falbelgewand und Mieder getragen, Bänder und Perlen im gekräuselten, verkünstelten Haar und waren geziert und duftend einhergetrippelt wie Rokokodämchen. Homer freut sich der Ränke seines lügnerischen Helden und der Schlauheit seiner hinterlistigen Götter; aber Sophokles zerbricht den Mythos und setzt an Stelle des zermalmenden Schicksals menschliche Verblendung. Verblendung als Ursprung des Übels! Ist es je auszudenken, wieviel Weisheit und milde Gerechtigkeit in diesem Urteil liegt, aber auch welch stolzes Bekenntnis zu Menschentum und Persönlichkeit! Und hier liegt es, das Geheimnis ihrer Größe: sie hatten den Mut zu sich selbst und zu ihrer Menschlichkeit. Diese demütigste Weisheit: ganz Mensch sein, sich dessen nicht schämen, was uns an die Natur bindet und mit der Kreatur vereint, und das im Bewußtsein haben, was uns von ihr trennt! Diese stolzeste Weisheit: sich und andern nichts vormachen, im Leid nicht und nicht im Glück, nicht verschämt sein und nicht überhebend, durchaus erfüllt vom Glauben an die Notwendigkeit und Berechtigung dessen, was ist!

So entstand das Wunder: Sie haben die Wirklichkeit so treu erfaßt, daß sich ihnen deren Sinn enthüllte, die Wahrheit. Und was ist höchste Kunst anderes als Form gewordener Sinn des Wirklichen?

Ob es für das Wunder eine Erklärung gibt? Ein kleiner zusammengesetzter Volksstaat, klein genug, um überblickt zu werden, geteilt genug, damit jedes Völklein seine Eigenart behielt, und die Landschaft, herb mit großen ruhevoll gleitenden Linien, ihre Luft klar, jede fernste Form deutlich. Als das kleine Volk im großen aufging und die Kunst auswanderte in die Länder der Üppigkeit und des Dunstes, fand auch sie die übersteigerte Gebärde, Qual, Sturm, Zerrissenheit und Prunk der Schmerzen; aber selbst die gigantische Form blieb noch erfüllt. So weit langte die Kraft des Mutterbodens.

Die Verlogenheit des Äußern hat mich einst aus der Vaterstadt vertrieben. Der Glaube an die innere Ehrlichkeit, deren höchster Ausdruck mich vor Verzweiflung rettete, führt mich heim.«

Als Peter Grüning schwieg, war mir, als ob die Dunkelheit um uns leuchtete. Seine Stimme hatte alles Rauhe und Knurrige verloren, war tief und innig wie die Stimme eines Dichters, der mit sich selber spricht. Und ich wagte nicht zu antworten, sondern verharrte in meiner stummen Körperlosigkeit; denn vielleicht wußte er nicht einmal mehr, daß ich da war.

Aber auf einmal faßte er meine Hand, als ob seine Augen das Dunkle durchbrächen, und erhob sich: »Nun müssen Sie mir erklären, lieber Doktor, wie das zugeht, daß ich Ihnen am ersten Abend mehr vorschwatze als zehn andern in langen Jahren. Sind Sie am Ende ein verkappter Beichtvater?«

Nachdem ich mich vor seinem Gasthof von ihm verabschiedet hatte, lief er mir plötzlich wieder nach: »Ich komme noch mit Ihnen, ich muß genau wissen, wo Sie wohnen!« Und als wir unser Haus erreichten: »Steile Gasse, Kleiner Schwanen, das scheint mir irgend zu Ihnen zu passen! Ich will Ihnen etwas sagen: Ich bin absichtlich während der Ferien hergereist, ich wollte mir die Geschichte erst einmal ansehn. Dieser Tage gelüstete es mich, das Bündel niederzulegen, ehe ich es mir aufgeladen. Nun bleibe ich, und mir ist als ob ich hier oft ein- und ausgehn werde; denn – machen Sie sich gefaßt! – wenn ich einmal den Fuß über eine Schwelle setze, da kann es leicht geschehen, daß mein Schuh zwischen Tür und Angel stecken bleibt!«

Ich weiß nicht, wie ich den Rest der Nacht verbrachte; aber das weiß ich gewiß, daß in meine unbändige Freude nicht der leiseste Schatten einer Ahnung fiel. Das Schicksalshafte der Stunde schien mir nur Gutes zu verheißen. Ich war in einem wahren Taumel. Mir die Finger zerbeißen hätte ich mögen, wie als Kind, wenn mich die Freude übermannte: Jetzt zu Mutter flüchten können, meinen Kopf in ihren Schoß legen und heulen vor Glück! Ich mußte an mich halten, um nicht in dein Zimmer hinauf zu stürmen und mit meinem Jubel deinen Schlaf zu verjagen.

Aber am andern Morgen schien mir alles so unglaublich, daß ich mich schämte, meinen Erlebnissen und Gefühlen Ausdruck zu geben. So war ich gewiß ein recht spärlicher Erzähler. Und ich ließ dich allein im Gärtchen und ging in Vaters Studierzimmer, das ja jetzt das meine geworden war, wie zu ernster Arbeit. Allein, ich saß nicht am Schreibtisch, sondern stand am Fenster mit ungeduldigen Füßen und ungeduldigen Pulsen und spähte auf den sonntäglich stillen Platz hinaus. Und wie Peter Grüning dann wirklich erschien, lebhaften Schrittes quer herüber, rannte ich so schnell die Treppe hinunter, daß ich die Türe öffnen konnte, noch ehe die Glocke rief.

Er schien keineswegs erstaunt über den voreiligen Türöffner, sondern grüßte laut und lustig und sah sich dann neugierig im schwach erhellten Flur um: »Dunkel, winklig, geheimnisvoll und vielversprechend – so gehört sich's für Sie!«

In diesem Augenblick öffnete sich die Türe nach dem Garten. Es ist ja immer ein Wunder, wenn ein dunkler Raum sich plötzlich auftut und die Helligkeit der grünen Welt bricht herein. Nun aber standest du mitten in der lichten Bahn, und Grün und Gold des sonnigen Gartens hingen um dich und umflimmerten alle deine holden Umrisse.

Das Plötzliche und Märchenhafte der Erscheinung und die Bedeutung des Augenblicks, da ich ihm mein Liebstes zeigen sollte, überwältigten mich so, daß ich zur gegenseitigen Vorstellung nur die allerblödesten Worte fand. Es geschah sogar, daß ich dich Regula nannte. Und Peter Grüning antwortete mit einer allerkorrektesten Verbeugung, wie ich sie ihm niemals zugetraut hätte. So wurdest auch du befangen, und ein flüchtiges Rot jagte über dein Gesicht; aber durch deine Augen, die der Widerschein der besonnten Fliesen mit dem unwahrscheinlichsten Gold füllte, ging ein schalkhaftes Lächeln.

Während du drinnen den Wein holtest, blieben wir allein. Er schwieg, und seine Wortlosigkeit traf mich wie eine Enttäuschung. Wie konnte einer mein Rehlein zum ersten Mal sehn und stumm bleiben!

Wir schritten selbander durch den Garten. Der hatte eben seine seltsamen Tage, wo der Sommer nach dem ersten Blühen der Rosen den großen Atemzug tut. Die jungen Triebe, die allenthalben hellgrün und rötlich durchschimmert hervordrangen, und Gelb und Blau von Königskerze und Rittersporn dichteten einen kleinen Frühling zwischen die dunkel verwachsenen Mauern; aber die violette Feierlichkeit der Blutbuche und ein paar erste aufglühende Astern riefen herbstlichen Ahnungen. So schmolzen Sehnsucht des erwachenden und Schwermut des sterbenden Jahres ineinander, und hätten die kleinen Knospen an den Rosenbäumen nicht von einem zweiten Blust erzählt, man hätte vor der Wehmut dieser Stunde vergessen können, daß noch ein großes, glänzendes Sommerstück vor einem lag.

Auch die verschwiegene Schönheit unseres Gärtchens brachte Peter Grüning nicht zu Worten, und als ich ihn in die Laube führte, mußte ich es sogar erleben, daß er des Bildes im Fenster nicht gewahr wurde, und doch schimmerte es mit allen goldenen Verklärungen des Sommermorgens herein.

Er ließ sich schwer auf die Bank fallen, zog eine dicke Rauchwolke aus seiner endlosen Zigarre und blitzte mich fast zornig an: »Warum haben Sie mir davon nichts gesagt? Und nennt man so etwas bei euch Regula?«

Ich verstand ihn zuerst kaum, mußte dann herzlich lachen, nannte deinen lieben Rehlein-Namen und verteidigte mich, ich hätte ihm doch erzählt, daß ich mit meiner Schwester zusammen hause.

Er schüttelte grimmig den Kopf: »Schwester, meinetwegen, das kann ja etwas ganz Annehmbares sein; aber so im allgemeinen kurz und gut, wer konnte unter dieser Bezeichnung zu einer solchen Vorstellung kommen?« Und er beugte sich über den Tisch herüber zu mir: »Sagen Sie mir nur eines: Wo nimmt dieses junge Geschöpf die Freiheit und den Mut her zu seiner Gewandung? Unsere Frauen von heute: alles an ihnen bauschig, aufgewölbt und eingekerbt, Weichtiere und Panzertiere zugleich und alles am falschen Ort, daß es einem übel macht. Aber dieses Kind geht wie eine Tanagräerin. Nur die Augen – ich glaube, solche Augen hatten auch die Tanagräerinnen nicht.«

Ich brachte meine alte Erklärung: »Das Rehlein war von Anfang an anders als die andern.«

Er lachte grimmig: »Ein gutes Zeugnis für die andern! Was sagte ich nun gestern von der Entwicklung zur Einfachheit? Sehen Sie, dieses Kind, das ist ein Ziel. Das wäre das Ziel. Wenn einmal die andern ihr glichen, dann könnten sich sämtliche Unheilspropheten ruhig aufhängen. Denn der Tag des Heils wäre nahe.«

Wie oft muß ich heute an dieses Wort Peter Grünings zurückdenken, wenn ich einem unserer helltapfern jungen Mädchen begegne, von den Jüngsten unter den Jungen, die ja von Jahr zu Jahr besser zu geraten scheinen: Schlichte, lose Kleider, freies Schreiten und knabenhaft knapp die unbedeckten Köpfe – ist es nicht, als ob jenes Ziel herankäme? Und wenn auch ihre derben Glieder wenig wissen von der süßen Melodie deines Ganges und wenn auch ihre klaren, offenen Augen frei sind von den goldenen Schleiern deiner Rätselblicke: ach, die Zeit der holden Anmut und goldenen Mysterien ist vorbei! Aber wenn die Trostlosigkeit und Verzweiflung dieser Zeit auch mich überwältigen will, dann denke ich an ihre schlichten tapfern Gestalten, und aus ihnen nehme ich den Glauben an den aufgehenden Tag. Dessen Sinn aber ist jene Freiheit, Schlichtheit und Natur, die einst dein Wesen von den andern ausnahm, und ist jene nüchterne Klarheit und rücksichtslose Lebenskraft, von der deine goldenen Augen nichts wußten, Rehlein.

Als du uns den Wein in die Laube brachtest, war alle Befangenheit von dir abgefallen, und es war nicht mehr das heftige Rot der Verlegenheit, das dein Gesicht erwärmte, sondern die sanfte Farbe der Gesundheit. Und als du die Unbeholfenheit des Gastes wahrnahmst, der breitspurig und unhöflich rauchend dasaß und sich beim Anstoßen gar den hellen Wein über die Finger goß, fandest du eine allerliebste hausfrauliche Überlegenheit, die uns Männern bald die Ruhe wiedergab. Du verstandest es, mit geschickten Fragen Peter Grüning zum Erzählen zu bringen, und deine Augen zogen alle herrlichsten Geschichten aus ihm heraus, daß die Zigarre erkaltete und sein bedeutendes Gesicht im Widerschein seiner flammenden Blicke schier schön wurde.

Als er endlich ging, wußtest du ihm fein und lieblich zu danken. Mir aber war, als ob der Sonntag meines Lebens begonnen hätte, so glücklich waren wir beide, du und ich, und so stark fühlten wir das Glück des andern. Und es war kein kleinster Schatten in unserer Freude. Wie aber könnte ich, der ich die ungetrübte Seligkeit jenes Morgens erlebte, je noch an Ahnungen glauben? Denn damals hatte das Schicksal bereits gesprochen.

Von den Wochen, die nun folgten, hat sich mir jede Einzelheit so genau eingeprägt, daß ich heute noch alle Stunden ausbreiten könnte. Aber wozu Erlebnisse aufreihen, die zuletzt doch von dem einen verschlungen wurden?

Aber es war nun so, daß unsere Tage nichts anderes mehr bedeuteten als die Erwartung des Abends, wo Peter Grüning zu uns kam. Wenn ich von meinem Bibliothekfenster aus in den Fluß hinunter blickte, freute ich mich über jede eilig zerrinnende Welle wie ein ungeduldiger Schulbub, der auf die Glocke wartet, über den rückenden Uhrzeiger. Und wenn wir beim Mittagstisch zusammensaßen, du und ich, dann redeten wir nur von ihm. Du leuchtetest: »Er ist so mächtig, alles an ihm groß und wichtig, und über alles hat er nachgedacht. Oft freilich kommt es mir auch vor, als ob er eine Gewalt habe, daß er jegliches erzwingen könnte, und dann erscheint er mir fast unheimlich, und mir wird ein wenig bang. Er kann aber auch so einsam und hilfsbedürftig sein. Ich weiß nicht, unbeholfen wie ein Bub kann er sein, und dann muß man ihn sehr lieb haben.«

Ich aber widersprach: »Lieb haben muß man ihn immer und um so mehr, je gewaltiger und gewaltsamer er erscheint; dann ist er selbst wie einer der Olympier!« Und das war der Punkt, wo wir auseinandergingen und um den herum wir uns besonders gern neckten.

Abends jedoch waren unsere Mahlzeiten meist flüchtig und stumm; denn dann lauschten wir beide nach dem Flur hinaus auf seine Schritte. Es kam ja vor, daß ihn die Ungeduld hertrieb, noch ehe der Tisch abgeräumt war.

Das waren unsere Sommerabende. Und es gab Nächte, kühl und weiß von Mondschein, und solche, wo die Glut des Tages nie ganz erlöschen wollte. Fledermäuse pfiffen um unsere Mauern, die zweiten Rosen dufteten, und die Büsche der Goldrute fingen jeden verlorenen Lichtschimmer und leuchteten im Dunkeln. Es war, als ob wir auch körperlich in jene fernen Länder entrückt wären, von denen er erzählte. Seine sonst knappe Rede wurde befeuert und farbenschwer und du wie ein Flämmlein, das im Windhauch zittert. Du preßtest meine Hände: »O Simon, das möchte ich, in die Welt hinaus, diese weite, reiche Welt!«

Dann wurden seine starken Blicke weich und strahlend: »Gewiß, das soll es, das Rehlein, in die Welt hinaus, und wir gehen mit ihm, gelt, Simon? Wir drei. Das wird ein Leben!« Und wir wurden aufgeregt wie Kinder unter der unerhörten Kühnheit unserer Pläne, und wir konnten sie ausmalen mit aller Üppigkeit; denn im Grunde glaubten wir doch nicht daran, wenigstens du und ich nicht.

Gab es wohl jemals so herzlich verbundene drei Menschen? Du warst ihm das Rehlein wie mir, unser Kind, unser Mütterchen, je nach dem, und wir deine Väter oder deine Buben, die sich von dir verwöhnen ließen oder zurechtweisen, wenn feindliche und mißtreue Männergedanken obenaufkamen, oder auch auslachen, wenn wir uns zu tief und schwerfällig ins Dunkle, Unerquickliche hineinspekulierten. Ja, das taten wir vielleicht am liebsten, uns von dir auslachen lassen. Dann wurde es noch einmal so hell in unserer Sommerlaube; denn dein Necken und lieber Spott und helles Lachen waren wie das lustige Lichtlein, daß selbst Peter Grüning, der Schwere, Gewaltige, übermütig werden konnte. Dann ließ er wohl unversehens dein Händchen zwischen seinen schweren Tatzen verschwinden:


»Rehlein, Feelein, Teufelein,

Höllenbrätchen, Sonnenschein,

Wer das weise Alter neckt,

Hexlein, der wird eingesteckt!«


und ließ dich nicht eher frei, als bis du dich mit einem Liedchen losgekauft hattest. Du aber rächtest dich, indem du mit einer dünnen, ziehenden Schulmädchenstimme irgendeinen schwachsinnigen Schulmeisterreim so drollig herleiertest, daß Peters Lachen weithin die Nacht erfüllte.

Harmlos herzlich, so war alles zwischen uns drei ungleichen glücklichen Menschen. Aber wenn du nachts uns verlassen hattest und wir noch lange allein zusammen blieben, oft bis in den dämmernden Morgen hinein, kam es immer häufiger vor, daß wir unsere ernsthaften Fachgespräche verließen, um von dir zu reden. Ich erzählte, und alle Tage deines jungen reichen, rührend einsamen Lebens wurden lebendig; er aber schwieg und lauschte, und ich glaube, unser Sommergarten hat keine andächtigeren Stunden gesehn.

Einmal fuhren wir auf den abendlichen See hinaus. Peter führte das Ruder mit überschießender Kraft, daß wir dahin jagten und unversehens in die Weite gelangten. Die freie, lustige Hantierung machte ihn, der sonst älter schien als seine vierzig Jahre, jung. Aber als wir weit draußen unser Boot ruhen ließen und er unvermutet auf jene düstern Geschichten kam, war sein Gesicht im Flackerschein der Schiffslampe alt, zerrissen und unheimlich wie eine Gebirgslandschaft.

Ich weiß nicht, war es durch die längst entwöhnte Ruderarbeit mächtig erweckte Jugenderinnerung oder die Feierlichkeit von Ort und Stunde – samtdunkler See, der unendlich gewölbte Sternenhimmel und vom fernen Ufer her klagender Unkenruf – was ihn trieb, sein Schicksal in solch dunkle, bittere Worte zu kleiden. Alles Große, Herrliche, davon er mir an jenem ersten Abend auf dem Lindenberg erzählt hatte, schien vergessen. Wir vernahmen nur von den Verzweiflungen des Mutterlosen, von den Martern eines gehässigen Zusammenlebens mit dem innerlich fremden Vater, von Verfolgung, Unverstehen und Feindschaft, von Enttäuschung und Widerwart und von Einsamkeit, unsäglicher, trostloser Einsamkeit.

Du fandest keines der lieben tröstlichen Worte, mit denen du ihn so oft der Düsterheit entzogest, sondern saßest ängstlich und eng an mich geschmiegt, daß ich dein erregtes Herzklopfen spürte. Aber als wir uns allein zu Hause fanden – ungewohnterweise hatte er uns vor der Türe mit kurzem Gruß fluchtartig verlassen – brachst du schmerzlich zusammen: »Oh, der arme, arme Mann! Soviel Leiden und Bitterkeit und Alleinsein. Und keiner hat ihm geholfen!«

Ich streichelte dein erschüttertes Gesichtchen: »Wer weiß, du und ich, vielleicht können wir ihm doch ein wenig helfen.« Da ging das Leuchten durch dich: »Wenn wir solches vermöchten, der liebe arme Mann!«

Und dann der Abend, wo er den Inselstein brachte, und du dessen seltsame Rätselzeichen uns vortanztest. Ein leidenschaftlicher Gewitterregen hatte uns in die Stube getrieben. Aber als wir drinnen waren, stachen die schrägen Abendstrahlen schon wieder durch die Wolken und brannten, durch alle funkelnden Tropfen verklärt, magisch ins Fenster. Und als du nun bei deinem wunderlich stillen Tanz aus den dunkeln Winkeln in den rotlautern Schein tauchtest, war es jedesmal, als ob ein kühles Seelchen plötzlich zum warmen Leben erwachte, und dein schlanker Nacken und die weich gehobenen Arme blühten.

Ich war so von deinem Anblick befangen, ich hatte nicht auf Peter Grüning geachtet. Aber als du zu Ende warst und er plötzlich aus seiner schwarzen Ecke in die Helligkeit des Fensters trat, erschrak ich über sein Gesicht, das trotz dem Abendrot grau erschien. Und seine Stimme wie verwürgt: »Hat dich schon jemand so tanzen sehn, Rehlein?«

Du lächeltest: »Simon und Papa Merzlufft; vor den Schwestern Eßlinger wage ich es nicht, die fänden es gewiß furchtbar kindisch.«

Da griff er heftig nach deinen beiden Händen, als ob er dich hätte an sich ziehen wollen: »Gelt, das tust du vor keinem andern?« Und ich weiß nicht, was er mit deinen Händen gemacht hat; denn du zogst sie jäh zurück und auf einmal warst du weiß im Gesicht.

Ich glaube, im Grund war es von jenem Abend her, daß etwas anders wurde zwischen uns; Peters Wesen sprunghaft, von der lauten Lustigkeit oft in stummen Trübsinn umschlagend, und es fiel mir auf, daß du dich abends früher zurückzogest als vordem und uns häufiger allein ließest, und wenn du bei uns warst, hörte man seltener dein fröhliches Lachen, und die harmlosen Neckereien vergaßest du.

Dabei schien Peter mehr denn je an deiner Anwesenheit gelegen, und nie verließest du uns, ohne daß er mich mit einem scharfen und grollenden Blick quälte: »Warum geht es jetzt schon wieder? Hat das Kind etwas gegen mich?« Da bat ich dich, bei uns zu bleiben, und du gehorchtest, und er wurde wieder traulicher und ruhiger. Wenigstens schien es mir so; aber es war nur Schein, denn ich weiß, all die Zeit schon trug er das goldene Kettlein mit sich herum.

Damals war es ein emsig rauschender Sommerregen, der uns ins Zimmer verbannte. Die Wolken hingen tief, im Garten war alles schwer und dunkel vor Feuchtigkeit, daß man zu ungewohnter Stunde die Lampe anzünden mußte. Aber draußen in Regen und Dunkel und der reifen Jahreszeit zum Trutz sang eine Amsel, und da gibt es nun nichts, was mein Herz also beklemmte wie dieser verspätete Gesang. Liegt es an uns, daß er trostlos geworden ist und ohne Inhalt? Man hat ihn so lange gehört, vom ersten schneeschmelzenden Föhnsturm bis in den heitern Sommer hinein; darüber hat sich der süße Zauber verbraucht, und es bedarf wohl wieder des härtenden Winters, damit das Herz die Kraft finde zum holden Rausch. Vielleicht auch liegt es am Gesang selbst, und der kleine Vogel, satt von den Lüsten und Sorgen des Sommers, sucht umsonst nach der Stimme der Sehnsucht, und deshalb tönt es so herzbeklemmend, daß es ist wie der Abschied zwischen Menschen, die sich fremd geworden, und während ihre Hände fühllos ineinander liegen, spüren sie, daß kein Schmerz so bitter wie schmerzloses Auseinandergehn derer, die sich einst geliebt.

Auch Peter Grüning schien die Vogelstimme zu bewegen, wenn vielleicht auch in anderer Weise. Aber während er so mit klopfenden Fingern am Fenster stand, das Gesicht ins Dunkle gewendet, den Kopf vorgebeugt, daß der mächtige Nacken sich im Lampenlicht breit wölbte, fühlte man die tiefe Erregung seiner unbewegten Gestalt.

Als die Amsel plötzlich abbrach und unter schrillem Warnruf davonschetterte, wandte er sich wieder uns zu. Der seltsame Ausdruck seines Gesichtes traf mich, und während er sich an den Ofen stellte, die Hände am Rücken gegen die kühlenden Kacheln gestemmt, war mir, als ob etwas Mächtiges in ihm vorginge.

Du aber schienst von allem nichts zu bemerken, weder vom Amsellied noch von dem, was es in uns erregte. Du ordnetest Rosen, die du vor dem Regen geflüchtet, in die klare Schale. Jene, die ich am meisten liebte, von dem alten Stock unter meinem Kammerfenster, der sich nun schon groß wölbte wie eine Kuppel, mit grauem, rissigem Stamm, aber dessen Blumen so zart waren, daß sie keinen Regen überdauerten; der Schmelz der Kelche widerstand nicht dem nassen Griff. Sie waren zartgelb mit rötlichem Schimmer, einige hell wie Teerosen, andere warm gefärbt wie reifes Korn, und es gab solche, sie waren tiefleuchtend wie lauteres Gold. Während du die Blumen mit behutsamen Fingern einstelltest, schien alles an dir so ruhevoll und traulich, wie das Licht der Lampe über dir, das dich aus dem dämmerigen Raum herausnahm, ein Bild, in dem alles zusammengehörte, du und die Blumen, denen du glichest in dem ährenfarbenen Kleid, mit deinem warmen Gesicht und den sanft gebräunten Gliedern.

Peter Grüning verfolgte jede deiner Bewegungen mit der Andacht eines Gläubigen, der der Messe beiwohnt. Er hatte die Zigarre weggelegt; er schien feierlich. Du aber achtetest seiner nicht, du sahst nur deine Rosen: »Die zweiten sind eigentlich schöner als die ersten; aber die allerschönsten kommen im Herbst, dann sind sie nicht mehr so hinfällig und tiefer gefärbt, es gibt dann solche, sie sind wie Flammen.«

 »Und wenn der Reif kommt, bevor sie aufgegangen sind?« Peter trat einen Schritt vom Ofen weg gegen dich, seine Blicke rissen an dir, als ob deine Antwort Orakel wäre. Aber du lächeltest harmlos: »Ich rette sie vorher. Im Zimmer gehen die Knospen auf, fast alle, nur hier und da gibt es eine, die stirbt, ohne sich zu öffnen, weil sie allzu spät kam. Das ist dann traurig.«

Er lachte bitter: »Zu spät! So, Rehlein, weißt du das auch schon, wie traurig das ist?« Nun war seine Stimme so, daß auch du aufmerktest. Er lehnte wieder am Ofen, die Blicke über sich im Leeren. Und dann kam jene Erzählung. Ich weiß nicht, was sie dir sagte, Rehlein; ich aber hörte sie so:

 »Dies ist die Geschichte meiner Mutter. Die einzige, die sie mir erzählte. Dafür ist sie haften geblieben. Denn meine Mutter war eine schweigsame Frau. Ihr Mann wollte reich werden, sie mußte ihm dabei helfen; darüber ist sie still geworden, innerlich und äußerlich. Sie war klug und umsichtig; deshalb setzte sie mein Vater in das Kontor, ihm blieb dann Zeit zum Reisen, zum Werken, zum Aufpassen. Ich sah sie nur bei den Mahlzeiten, abends und am Sonntag. Ihr Gesicht war blaß; wenn sie mir über den Kopf strich, zitterten oft ihre Hände. Am Sonntag aber legte sie sich häufig ins Bett.

Eines Tages mußte der Arzt kommen, und nun hatte es den Vater plötzlich mit der Angst. Auf einmal sollte alles für sie geschehen. Er schickte sie ans Meer; da sie erklärte, nicht ohne mich gehen zu wollen, gab er widerwillig nach.

Dort unten in der fremden wundervollen Welt sah ich meine Mutter zum erstenmal, wie sie wirklich war: Augen, die das Schöne suchten, ein Herz, das sich freuen wollte, und nun konnte sie ja lachen und war auf einmal jung. Und wir so glücklich zusammen! Wir liefen dem Ufer nach, und wenn es irgendwo ganz einsam war und am allerschönsten: ein abenteuerlicher Fels mitten in den Wellen, ein verlorener Turm, zerrissene Oliven und vor uns die blaue Ewigkeit, dann setzten wir uns, und sie nahm ein Büchlein hervor und zeichnete alles, den Fels, den Turm, die zerschlissenen Ölbäume. Sie machte es sehr fein und zierlich, daß ich vor Bewunderung zitterte.

Aber dann durften wir auf einmal nicht mehr herumlaufen. Sie mußte im Garten liegen bleiben unter der großen Palme. Später fuhren wir im Krankenwagen heim, und das war ihr letzter Frühling gewesen.

Dort unter der Palme hat sie mir die Geschichte erzählt:

›Es war einmal ein Mann, der fing sich eine junge Nachtigall, vom Neste weg, und des Tags hielt er sie am grellen Licht und fütterte sie mit allen Leckerbissen, am Abend aber brachte er sie zu einem Teich, wo man nichts anderes vernahm als die unablässigen Rufe der Unken. So kam es, daß der satte tagmüde Vogel seine Natur vertauschte und statt des Gesangs den Unkenruf lernte. Und der Herr freute sich unmäßig; denn er war der Meinung, daß es keinen gebe, den man nicht von seiner Sehnsucht heilen könne, wenn man ihn nur ordentlich füttere, und so war er nun stolz, seinen Gästen diesen lebenden Beweis seiner gemeinen Anschauung zu zeigen.

Aber auf einmal kam eine junge Frau, die war so schön und konnte so lieblich bitten, daß er ihr den Vogel schenkte. Sie nahm den Käfig und hängte ihn in ihre Jasminlaube. Dort war es am Tage grün und kühl; aber des Nachts drang der Mond durch die feinen Äste und es duftete schwer. In der ersten Nacht waren es noch die Unkenrufe, aber ohne Regelmaß, unsicher und wie zerflattert. In der zweiten Nacht blieb der Vogel stumm; aber als es zum dritten Male dunkel wurde, erwachte seine Stimme. Zuerst zart und heimlich, dann immer lauter, heißer, wundervoller, und er sang so, daß die schöne Frau die seidenen Decken von sich warf und lief in den Garten hinaus und drückte ihr Gesicht ins nachtfeuchte Gras und weinte; denn ihr schönes junges Leben schien ihr auf einmal schlimm und ganz verödet.

Als sie am Morgen in die Laube trat, lag der Vogel tot in seinem Käfig.‹

Mutters Geschichte versetzte mich in zornigsten Schmerz; ich stampfte mit den Füßen, schlug mit Fäusten um mich und weinte: ›Nein, nein, der Vogel darf nicht sterben, jetzt kommt ja das Schöne erst!«

Da streichelte Mutter besänftigend meine glühenden Wangen, und sie lächelte, als ob mein Zorn sie freute: »Merk dir's, Peterlein, das Glück muß man fassen, solange man stark ist. Es kann sein, es kommt zu spät, und dann stirbt man daran.«

Peter hatte immerzu ins Leere gesprochen. Aber ich fühlte, daß dies alles dir galt; ich kam mir vor wie ausgeschlossen.

Nun wandte er sich wirklich an dich: »Sag, Rehlein, wie weiß jetzt so ein armer Kerl, wann es für ihn noch Zeit ist zum Glück und wann es zu spät?«

Ich weiß nicht, welche Eingebung es war, daß du eine der Rosen nahmst und sie ihm anstecktest mit dem Worte: »Für den Dichter ist es immer die rechte Zeit.« Aber du schienst mehr verlegen als ergriffen, mehr schalkhaft als feierlich, während du so tatest; denn deine Augen waren, wie die Hände, mit dem Anstecken der Rose beschäftigt. Und als du ihn anblicktest, hatte sein Gesicht jenen leidenschaftlichen Zug schon verloren; er sah fast schüchtern aus während er das Schächtelchen aus der Tasche holte und vor dir auskramte:

»Sieh, das habe ich von meiner Mutter. Auch das ist eine Geschichte; aber sie ist noch nicht zu Ende.« Du bewundertest das Goldkettlein nicht ohne Verwirrung: »Oh, es ist wunderschön, gar keine Kette, wie ein gelbes Schlänglein so glatt und geschmeidig.«

Dann nahm er es, und es war rührend und ein wenig komisch, wie seine schweren Hände das zarte Ding hielten: »Ich habe es immer aufgehoben. Keine schien dessen würdig; aber nun ist das Rehlein gekommen.« Und dann legte er es dir um den Hals. Seine Finger waren so ungeschickt, und ich weiß nicht, war es die Bestürzung über das große Geschenk oder weil du seine zitternden Hände an deinem Nacken fühltest, daß du in eine solche Verwirrung gerietest. Dunkelrot standest du da, wie ein gescholtenes kleines Mädchen, und fandest den Dank nicht und stürztest plötzlich aus dem Zimmer.

Peter horchte deinen flüchtigen Schritten nach, bis sich oben deine Kammertür schloß. Seine Hände zitterten immer noch. Dann brach er am Tisch zusammen. Es war das zweite Mal, daß ich an dieser Stelle einen Mann schluchzen sah. Das Bild meines Vaters stand mit jammervoller Deutlichkeit vor mir. Auf einmal wußte ich, welche Macht es war, die diesen Starken erschütterte, und das Entsetzen lähmte mich und war stärker als mein Mitleid

Er schien dies zu fühlen. Plötzlich warf er den Kopf hoch, starrte mich an: »Ja, Simon, so steht es nun um mich. Der alte Esel! Nun weißt du es. Sieh, ein Leben lang habe ich es zurückgedämmt. Nun ist das Rehlein gekommen. Im ersten Augenblick habe ich es gewußt. Dann habe ich mich betrogen: Vaterliebe, Freundschaft. Aber nun muß es aus sein mit der Heuchelei. Ja, ich liebe das Kind. Ich liebe es so, ich, ich kann nicht mehr anders, und du, du mußt mir helfen.«

Ich war wie zerschmettert: »Das Rehlein, es ist noch ein Kind!«

Er zürnte: »Und gestern sagtest du, es sei reifer als wir beide zusammen, und hundertmal: Es ist anders als die andern! Warum soll es nicht auch da anders denken als die jungen dummen Lämmer, die den reifen Mann nicht verstehn?«

 »Es ist noch unerweckt, es weiß nichts von Liebe.« Mutters Worte meldeten sich. Ich sprach davon und wie es Sünde sei, in solchen Dingen etwas erzwingen zu wollen.

Er wurde stiller, eindringlich: »Ich will ja nichts erzwingen, ich will warten. Oh, ich kann mich beherrschen! Sanft und ruhig will ich sein, warten, bis es wach wird, und wenn es Jahre dauerte. Wenn ich nur weiß, daß es keinem andern gehört, daß es eines Tages zu mir kommen wird. Aber das muß ich wissen, sonst –«

Er biß sich auf die Lippen, sein Gesicht war schreckhaft. Ich fühlte die Qual des geliebten Menschen wie eigenen Schmerz; aber die Angst um dich machte mich grausam: »Und wenn es nicht will, was dann?«

Er brauste auf: »Was nachher kommt, geht keinen etwas an. Vielleicht finde ich den Rank. Ich bin keine schwachherzige Nachtigall. Aber Klarheit muß ich haben. So halte ich es nicht mehr aus. Das bringt mich um!«

Ich schwieg. Die Gedanken jagten durch meinen Kopf. Hoffnung, Angst, Schmerz, welches würde siegen? Da vernahmen wir deine zaghaften Tritte auf der Treppe.

Er fuhr auf: »Jetzt kann ich es nicht sehn. Morgen gib mir Antwort!« und dann mit einem gewaltigen Sprung zum offenen Fenster hinaus, und das Gartentörchen sprang zu, ehe du das Zimmer betratest.

Da standest du, die ich plötzlich mit andern Augen sah, und nie warst du mir kindlicher erschienen als in diesem Augenblick da du, bestürzt über Peters Verschwinden, dich in verwirrten Worten entschuldigen wolltest:

»Es kam so plötzlich, ein so mächtiges Geschenk, und – ich habe mich so geschämt. Auf einmal trieb es mich davon. Und nun ist er traurig, es war sein Liebstes, und ich habe so schlecht gedankt!«

Ich suchte dich zu beschwichtigen, fand eine Ausrede für Peters Fortgehn; aber ich fand nicht den Mut, an diesem Abend mit dir zu sprechen.

Und hätte es doch tun sollen; denn nun kam das Gedankenwerk der Nacht, wurde zum Stützwerk aller geheimen Wünsche, und als der Morgen erschien, war es klügelndem Verstande wieder einmal gelungen, die sichere feine Stimme des Instinktes zum Schweigen zu bringen. Ich war mir dessen nicht bewußt. Ich war überzeugt, daß Gerechtigkeit, Einsicht und die sorgende Liebe es waren, die mich vor dir zum Anwalt von Peters Wünschen machten. War er nicht der prächtigste Mensch? Und du? Konnte man es sich ausdenken, daß du dich irgendeinem Unbedeutenden verbinden würdest? Jugend? Ich dachte an Mutter. Doktor Clemens, den feinen, bedeutenden Menschen hatte sie unbeachtet gelassen und den schönen, hellen Jüngling erwählt. War das nun etwa ein Glück gewesen? Und deine Verehrung für Peter Grüning war so groß, blieb da der Weg noch weit bis zur Liebe? Und dann: einen solchen Menschen glücklich machen, das Geschick eines solchen Menschen aus dunkler Einsamkeit ans Licht ziehn – was für eine Aufgabe! Gab es nun etwa ein höheres Glück? Wenn du ihn aber zurückwiesest, dann ging er uns allen verloren.

Mir, dir, unserer Stadt. Für ihn käme wieder Einsamkeit und Düsternis und vielleicht Schlimmeres noch. Aber neben dir, wie herrlich und froh müßte alles werden! Und wie stark er deinen Weg führen würde! Ach, solch ein außerordentlicher Weg, fern von allem Gewöhnlichen, hoch hinauf gebaut ins Kühne, Ungemeine; aber seine gewaltige Liebe hielte dich auf jeder schwindelnden Höhe.

Das waren meine offenbaren Gründe. Dahinter aber verbargen sich die stillen, uneingestandenen, die ja doch immer die mächtigsten sind. Und es waren lauter Wünsche des eigenen selbstischen Herzens: Wenn es möglich wäre, dann würde ich mein Rehlein nimmer verlieren. Kein Fremder, Unwürdiger drängte sich zwischen uns, und die liebsten Menschen blieben mir verbunden auf immer. Der glückhafte Zustand dieser letzten Wochen würde Dauer. Die Weisheit der kahlen Wände könnte ich dann andern überlassen. Mir bliebe das Glück des vollen Tages.

Und ob nicht vielleicht schon, ganz tief verborgen, dem Unbewußten näher als dem Bewußten, jene süß quälende neue Regung mitsprach? Damals war Martha Balmoos bereits in mein Leben getreten. Freilich zunächst nur erst flüchtig, wie ein holder Schein. Aber von dem Augenblick an, wo der Direktor der Bibliothek mir die junge Gehilfin vorgestellt hatte, war etwas in mir anders geworden. Mit der verhockten Ruhe meines Fensterplatzes war es vorbei: die schmale Wendeltreppe führte so nah an meinem Stuhl herunter – wenn das hellblaue Kleid niederflatterte, meinte ich immer, rücken zu müssen, damit es mich nicht berührte. Geschah es, daß ich dabei in ihre Augen sah, dann blieb deren warmer Blick noch lange zwischen mir und meinen Büchern. Es war etwas darin, was mich im Innersten ergriff. Nicht allein mit jener süßen Beklemmung, die mir längst nichts Neues mehr war, sondern mit einem ungewohnten, beglückenden Gefühl der Selbsterhebung und dabei, ganz von fern, ein leiser Zweifel an der Notwendigkeit meines Verzichtes auf das natürliche Lebensziel. Und wann es nun geschehen konnte, daß mein Rehlein über Alter und äußere Erscheinung hinweg der Seele des Mannes sich zuwandte, erhielt da mein Zweifel nicht einen stichhaltigen Grund? Das aber ist der Gedanke, dessen Geständnis mir heute noch die Scham in die Wangen treibt.

Ich hatte mir alles so fein zurechtgelegt während der Nacht, daß ich am Morgen voller Zuversicht war. Aber als ich dann deine Erschütterung sah, wie Angst und Mitleid, der Kampf zwischen deiner freien Natur und deinem erbarmungsreichen Herzen dich ganz darniederwarfen, begriff ich, daß wir noch weit vom Ziele waren und man dir Zeit und Ruhe lassen mußte.

So kam ich auf den Plan unserer Reise. Peter Grüning verständigte ich – es war kein Leichtes, den Ungestümen zur Geduld zu verweisen – und über zwei Tage waren wir unterwegs nach jenem Ländchen, dem unsere Wünsche schon lange zugeflogen waren.



Wie oft hatten wir uns diese Sommerreise nach dem mächtigsten Tal der Schweiz ausgemalt! Nun eilte der Zug durch alle Herrlichkeiten der Heimat, durch innig vertrautes Gebiet, durch nie geschautes. Gewaltige Anblicke, die das Herz mit heißem Griff aufrissen, und stille, die leise, unentrinnbar ins Innerste rinnen. Aber wir saßen stumm einander gegenüber, als ob wir die Sprache des Lebendigen nimmer verstünden.

Und dann nach bunter Fahrt jene Strecke durch trübes, flaches, wortloses Land, dessen fruchtbare Einförmigkeit sich einem um die Brust legt, wie gepolsterte Klammern. Als wir in dem Tunnel fuhren, atmetest du auf: »Lieber stockfinstere Nacht als diese breite Wesenlosigkeit!«

Aber auf der andern Seite des Tunnels wartete das bare Himmelswunder: Als das Tor sich öffnete, sprangst du mit einem Jubelschrei auf und rissest mich vom rückwärtigen Platz zu dir hinüber ans offene Fenster. Und der Zug glitt nieder, langsam, wie von Andacht gehemmt, und dieser blaueste See der Welt hob sich uns entgegen, unabsehbar bis in den tiefen Himmel hinein. Unendliche Farbe, Sehnsucht, Überschwang, Seligkeit und süßeste Qual! Goldene Ufer, sanft gebuchtet, und darüber, blau umdünstet und silbern überkrönt, die Gewalt der Berge.

Deine Hand zitterte an meiner Schulter, und deine Augen glitzerten: »Simon, so sollte das Leben sein: frei, weit, hell, und der Weg immer näher zur warmen Erde.«

Da stach es mich, daß ich es sagen mußte: »So könnte Peter Grünings Weg aus dem Dunkel gehn.«

Aber nachher tat das Wort mir leid; denn deine Freude war plötzlich erloschen, und wir hatten gut, dem blauen Wunder ans Herz fahren, dein liebes Gesicht verlor nicht mehr seinen schmerzlichen Zug. Das weckte mein Gewissen und Mutters Warnung, daß ich mir gelobte, nicht mehr von Peter Grüning zu sprechen.

Erst der Anblick des wild sich öffnenden Tales belebte deine Augen; aber du wurdest nicht froh: »Oh, das ist ungeheuer, und vielleicht ist es ungeheuer schön; aber es gibt eine Größe, die weh tut. Das Wilde zerreißt, und das Steile erdrückt. Ich glaube, ich könnte nicht leben ohne den weiten Blick. Das hier ist doch ein Gefängnis.«

Dann kam der Abend im alten Städtchen. Wie wir da hinaufstiegen unter dem nächtlich flackernden Himmel in die Einsamkeit der Burghügel!

Rehlein, ich habe ein beträchtliches Stück Welt kennen gelernt seither; denn es ging mir wie andern: Wen das Glück verstößt, der lernt das Reisen. Aber nirgendwo auf der reichen Erde habe ich einen Eindruck empfangen, der von überwältigenderer Fremdartigkeit gewesen wäre als dieser Abend über dem alten Städtchen unserer Heimat. Jede Vorstellung von Urwuchs, Gewalt und Gestaltung wurde hier Begriff, jede Ahnung von dem Zusammenhang zwischen Naturkraft und Menschenwille Gewißheit. Auf diesem Burgberg, der so unvermittelt, felshart und nackt aus dem breiten Tal aufspringt und so selbstverständlich in Burg und Kirche sich vollendet, als ob der Schöpfer in letzter Stunde sein Werk in Menschenhand gelegt hätte: »Vollbring's!«

Der getigerte Gewitterhimmel warf Schein und Schatten über die nahe Form – starre, grausam wilde, grausam getürmte Form – und darüber, im gigantischen Chor der nächtlich gesammelten Berge, deren unendliche, unendlich gesteigerte Wiederholung Mir war, wie wenn gewaltige Musik uns ergreift, alles Körperliche zertrümmert und die Seele, eine helle Flamme, ins Grenzenlose schleudert. Ich ergriff deine Hände; aber deine Hände waren kühl und unbelebt. Du schmiegtest dich an mich wie in Furcht:

 »Es ist alles so riesenhaft; man ist ganz ausgeliefert, wie zerschmolzen, ausgetilgt. Peter Grüning – diese ganze Welt, groß, einsam und gewaltsam wie er.«

In der Traulichkeit der lampenerhellten Gasthausstube unten im Städtchen wurdest du wieder warm. Und dann brachte die Wirtin Kunde von dem Berghäuschen, das diesen Sommer leer stünde, jeden Tag könnten wir es beziehen. So schien sich alles für unsern Aufenthalt aufs lieblichste zu büscheln.

Dann der frühe Aufstieg an der schattigen Berghalde. Der Weg war so steil, jeder Schritt eine Stufe höher, und ich spürte, wie schwer es deinen leichten Füßen fiel, sich meiner bedrängten Brust anzupassen. Mit jeder Treppe bergan wurdest du freier, heiterer, mehr du.

Wir blickten zurück; die Vogelperspektive drückte den Burgfelsen ganz in die glastige Talsohle hinein. Du jubeltest: »Siehst du deine Riesen! Maulwufshügel, Kinderspielzeug! Aber wir, je höher, desto heller und lieblicher die Welt!«

Eine Schar Häuser trat uns in den Weg, hochgestellt, schmal, dunkelbraun auf weißem Unterbau. Dazwischen Weglein wie Bachbetten und ein mächtiges Kruzifix. Du wurdest kleinlaut: »Was für Häuser! Man hat kein gutes Gewissen, wenn man sie anschaut, man schämt sich beinahe. Sie sehen so von oben herunter, so unheimlich mit gereckten Hälsen, so unvertraut, als ob die Welt hier von vorn anfinge.«

Aber dann erschienen die Lärchen: Heiteres Grün und zarte, fein bewegte Zweige im Blau. Und grüne Weiden kamen mit den lustigen kleinen Kühen: goldbraun, dunkel und schwarz. Und goldbraun, dunkel und schwarz wie die Kühe die ziervollen Sommerhäuschen der Städter. Der Lärchenwald wurde zusammenhängend, allgemein, die Wege geglättet, eben. Lichtes Grün, Himmelblau und, etwas abgerückt, in angenehmer, atemspendender Entfernung weiße Gipfel, alles leichtherzig, hold, frühlingshaft wie der liebliche Name dieser Maienberge. Und dieses Glück: unser Häuschen nicht an die Halde geklebt mit einseitigem, ewig gleichem Gegenüber, sondern auf der höchsten, freiesten Kante mit dem Blick ringsum, über die schmalen höllentiefen Quertäler hinweg in Berghelle und Himmelsweite. Aber auch ins gebreitete Haupttal mit seiner tiefen mächtigen Mündung im Abendgold.

Du umarmtest und küßtest mich, wurdest ganz ausgelassen: »Keine Wände, keine erdrückenden Riesen mehr! Freie Gipfel und freier Himmel! Oh, gibt es nun noch irgendwo eine Stadt? Verknüllte Luft, verknüllte Gassen, verknüllte Menschen und Gärten, so klein – wenn Peter Grüning lacht, dann zittern die Äste.«

Ich dachte an den einsamen Mann. Deine Worte taten mir weh. Du fühltest es und wurdest ernst: »Denk nicht, daß ich herzlos sei; aber sieh, ich muß wieder einmal frei werden, mir selbst gehören. Losgelöst, ganz losgelöst, sonst finde ich niemals den Weg.«

Ich ließ dich die Losgelöstheit genießen, die mir nicht gelang. Ich war zu stark gebunden: Peter Grüning, was mochte er leiden in seiner Ungewißheit? Und dann mein Plätzchen am Bibliothekfenster – Saß nun wohl ein anderer dort? Und dann flatterte das blaue Kleid über die Treppe nieder.

Aber wenn wir selbander durch die herzbeglückende Welt zogen, wurde die Freude bisweilen stark genug, daß sie auch mich losknüpfte, und dann gehörten wir so innig zusammen wie vordem, als unsere Welt in uns beiden anfing und endete.

Einmal necktest du mich: »Schulmeister, was hast du mir nun beigebracht von der Kargheit, Not und Härte dieses Volkes? Strotzende Kornfelder auf einer Höhe, wo man sonst Alpenrosen pflückt, blühende Wiesen, stolzes Gemüse und reife Kirschen und von Tal herauf jeden Tag Körbe voller Aprikosen und Pfirsiche: Der Garten Gottes ist dieses Land, Herr Lehrer!« Und als ich dir erklärte, daß all diese Fruchtbarkeit nicht bestünde, daß die blühenden Weiden dürre dürstende Steppe wären ohne das Werk dieser keine furchtbarsten Mühen, keine Todesgefahr scheuenden Menschen, frohlocktest du: »Wie herrlich, so schaffen! Mitarbeiter in der Werkstatt Gottes! Was für stolze, heitere Menschen müssen das sein!« Und du batest mich, mit dir in eins der Dörfer hinabzusteigen, die überall wie zusammengedrängte, schutzsuchende Herden an den Berglehnen klebten. Dunkelbraun, mit dem großen hellen Fleck der Kirche dazwischen. Denn da oben auf dem hellen Maienberg lernte man die Bauern nicht kennen. In den Sommerhäuschen saßen die Städterinnen und verlebten in dieser paradiesischen Freiheit ohne Zaun und Grenzpfahl mit ihren Kindern köstlich unbekümmerte Wochen und etwas turbulente Sonntage, wenn aus dem Städtchen die Eheherren heraufkamen, talmüde, berghungrig, anspruchsvoll oder auch gönnerhaft und übellaunig, wie Männer nun einmal sind, wenn sie sehn, daß es den Frauen wohl ist ohne sie. Und dann waren da die Pächter der freien Weiden, die sich den Städtern in manchem angepaßt hatten, und dann der stille Mann, der an den Wassern wachte. Der aber war dunkel, streng, unzugänglich, wie es nicht anders zu erwarten von einem Menschen, der Tag und Nacht das kostbarste Gut bewachen und weise und gerecht damit schalten muß; denn die künstlichen Wasserläufe, mühsam und gefahrvoll von weither geleitet, sind ja Speise, Lebensbedingung, Dasein dieser Alpen.

Von einem Gipfel aus hatten wir das große Dorf an der morgendlichen Halde des wilden Seitentales entdeckt. Es lag so samtbraun zwischen dem Grün und Gelb der Felder, und wir erfuhren, daß es sich seiner Größe wegen den Namen einer Stadt beigelegt hatte. Dorthin zog uns nun unsere Neugierde.

Der Morgen war glanzvoll wie alle andern unter diesem unerhört heitern Himmel, unser Pfad, zunächst der scharfen Bergkante entlangstreichend, so schmal, daß wir hintereinander gehen mußten. Ich ließ dich voran, um die Schönheit der Welt ganz zu genießen; denn du gehörtest zum Bild dieses strahlenden Morgens. Deine melodisch bewegte, leuchtende Erscheinung war wie Kern und Sinn seiner weithin ausgegossenen Heiterkeit.

Einmal, als der Weg ebenhin durch einen gelben Kornstreifen lief, war es, als ob du auf einer schmalen goldenen Furt unmittelbar in den Himmel hineinschwebtest; denn ihr, du und die Ähren, hattet keinen andern Hintergrund als das unendliche Blau und links und rechts, wie zwei Engelsflügel, die weißen Spitzen ferner Berge. Der Anblick war herzergreifend. Letzte, reinste, verklärte Töne eines selig feierlichen Chorus mysticus. Und als ich plötzlich Peter Grünings massige Gestalt mir neben deiner Lichterscheinung denken mußte, fuhr der kalte Schreck durch mich.

Wir hatten in diesen Zeiten kaum von ihm gesprochen; aber wenn wir nach den frohen Tagen abends auf der braunen Laube unseres Häuschens saßen unter dem weiten Sternenhimmel und du still, in dich gekehrt wurdest, weich oder auch schmerzlich, dann wußte ich, wohin deine Gedanken gingen, und ich flehte inwendig, daß sie den Weg finden möchten, der mir der gute und glückbringende schien. Nun aber brachte dein Anblick jähe Verwirrung in meinen Glauben. Die Vision der weißen Treppe erstand, und da war einer, froh, hell und jung wie du!

Hatte ich irgend etwas gesagt? Du wandtest dich nach mir um: »Nein, Simon, die weiße Treppe, das ist vorbei. Nie mehr habe ich sie gesehen seither« – und dein Gesicht paßte auf einmal nicht mehr zu dem strahlenden Morgen.

Dann bog der Weg niedsich, steil, stufenweise. Die Blicke fielen in schwindelnden Abgrund zerrissener Grat, überhangender Fels und schattendunkle Taltiefen. Aber unsere Berglehne stand im Sonnenlicht, und roter Mohn tropfte zwischen den Felssteinen hervor und sammelte sich unten vor der braunen Stadt in breiten brennenden Lachen. Auf den Geröllwegen hatte der Fuß schlechten Stand. Nur langsam wuchs die braune Stadt uns entgegen, schien fern, den Blicken undurchdringlich und verschwand wieder. Plötzlich, nach einem scharfen Buck sank unser Weg mitten in ihr Herz.

Wenn es mir möglich wäre, die Empfindung klarzulegen und in Worte zu bringen, von der wir überwältigt wurden, als wir so unvermittelt aus der Bergheiterkeit in das dumpfe, erstickende Geheimnis eintauchten, dann müßte es mir auch ein Leichtes sein, alles Folgende aufzuklären, Ursprung und Ziel zu nennen deines rätselvollen Weges, Rehlein. Aber es gibt Dinge, über die Begriff und Wort keine Macht haben.

Da könnte man nun sagen: »Schwarzbraune Häuser, hochgereckt, mit dunkeluntermauerten oder schwarz unterhöhlten Füßen, schwarze Türlöcher über Leitern oder schief hangenden Treppen, kleine blitzlose Fenster, geborstene Laden und Haus und Speicher, Speicher und Haus, alles eng aneinandergelehnt, übereinander gestellt, ineinander gekeilt, undurchdringbar, unentrinnbar in immer neuer Wiederholung. Gäßlein, breit genug, um das Maultier durchzulassen, winklig genug, um dem Schneesturm zu trotzen, aber deren Grund vom Abwurf und Fuß des Tieres überhäuft, zerwühlt, dickschichtiger Kot. Und die Luft zwischen den Häusern eine unsichtbare glühende Mauer, Brand in den Augen und im Hals die erstickende Faust.« Aber wer das hörte, der dächte sich eine schmutzige Siedelung alter, eng zusammengepferchter Holzhäuser, der ahnte nichts von der Majestät und erschütternden Tragik des Ortes, die einen niederwirft wie das nie gelöste Rätsel der Ursprünge, nichts von der herzbeklemmenden Fremdartigkeit seiner Bewohner, die all unser Wissen vom Menschen verspottet, uns unbarmherzig zurückschleudert in die armen Grenzen unserer Erkenntnis und den Glauben an die Allgültigkeit seelischer Erfahrung zerstört.

In strenger Tracht, ernst und edel, reiten die Frauen auf ihren Maultieren durch den Kot ihrer Straße, und die Gesichter unter den steifen Hütchen sind weiß, und keines zuckte, und keines verriet sich vor meiner Ungestalt. Aber die Mädchen vom ersten Schritt an schon in der Tracht ihrer Mütter und Großmütter, wunderbar sauber in all der Schmutzigkeit und ernst, blaß, fein wie ihre Mütter. Niemanden sahen wir lachen als den alten Kretin auf dem Dorfplätzchen, das kotig und holperig war, wie ein schlecht aufgeführter Misthaufen und kaum größer als ein solcher. Der Kretin aber war der einzige Mann im Dorf, alle andern auf den Alpen im mühsamen Kampf um die kostbare Ernte.

Man konnte sich nicht denken, daß je ein Luftzug in dieses dunkelbraune Häuserdickicht dringen würde. Aber das Innere der großen Kirche war wie vom Sturm durchfegt, so gewaltig flatterten die fünf mächtigen vergoldeten Bischöfe über dem Hochaltar mit ihren Gewändern, und sie standen schief und ungebärdig wie auf dem Bug eines Schiffes, wenn die Wellen hochgehn, und davon wurde einem unheimlich, als ob die ganze große, gähnende Kirche ein schwankendes Schiff wäre; denn auch das Kruzifix stand schief, und kläglich lehnten die Standarten der Prozession gegen die hellgetünchte, beschmutzte Wand.

Aber um die Kirche lag der Friedhof. Kein Gräberfeld, keine trübsinnige Begräbnisstelle, sondern – der wahre Gottesacker – ein Garten der Freude und Schönheit. Dunkelrote Rosenbüsche hingen über die umschließende Felsenbrüstung hernieder, und der Grund eine einzige buntleuchtende Blumenwildnis, aus der die kleinen blauen und bunten Kreuzlein bescheiden hervorragten.

Auf der kleinen Mohnwiese über der braunen Stadt hielten wir Rast und ließen uns den frischen Berghauch durch die bedrängte Brust gehn. Ich sah in dein blasses, verändertes Gesicht: »Hast du es nun erfahren, daß es kein so heiteres Ding ist um die Arbeit in der Werkstatt Gottes?«

Da preßtest du meine Hände gegen deine heißen Augen: »Ich habe mich so geschämt! Wenn du wüßtest, wie ich mich schäme vor diesen schweigsamen Frauen und vor dem kleinsten der ernsten kleinen Mädchen! So still sitzen sie da, das Strickzeug zwischen den dünnen Händchen und das noch kleinere Brüderchen unter den Augen. Und keines hat gelacht. Wie ein Sommervogel, ein bunter, unnützer Sommervogel, kam ich mir vor unter ihnen.«

Ich suchte dich zu beschwichtigen: »Psyche im Reich der Schatten, so sah ich dich.«

Aber du wolltest nicht hören: »Hast du die Kreuzchen gesehn auf dem Friedhof? Sie tragen keine Namen, bloß die Initialen und irgend einen kurzen, zutraulichen Spruch. So gering achten sie ihre Person. Schaffen, aushalten, einander helfen! Daß die Alp grünt und der Segen Gottes den Kindern erhalten bleibt, darauf kommt es an. Das andere zählt nicht. Haben sie je daran gedacht, dem braunen Gefängnis zu entfliehn? Und doch zeigt ihnen jeder Blick die große Welt und jedes Bächlein den Weg ins Freie. Hier sind sie geboren, hier heiraten sie eines Tages – was mag das für ein stilles, ernstes, tapferes Sichfinden sein – hier ziehen sie ihre Kinder zum gleichen schweren Los, und wenn es genug ist, tauchen sie still und namenlos unter die summende Blumendecke, die allen gleichermaßen gehört. Die blauen Kreuzlein sind wie ein erlöstes Lächeln. Und über ihnen grünt die Alp.«

Du warst so erschüttert; ich suchte dich zu beruhigen durch die Behauptung, daß diese Menschen ihr Leben ganz anders empfänden als wir, doch du schütteltest heftig den Kopf: »Natürlich, so sagen wir, um unsere Schande von uns abzuwälzen; denn wir wollen ja doch nur ein frohes, lustiges Leben, viel Lachen und möglichst viel Sonnenschein, und wenn einer unsere Hilfe möchte, dann fragen wir zuerst, ob es uns angenehm ist, so selbstsüchtig sind wir! Und einer steht im Dunkel, findet den Weg nicht ins Helle und schreit nach uns; aber wir wollen nicht in seine Dunkelheit treten und ihn herausholen, nein, unsern eigenen heitern Weg mit andern Heitern gehn, das wollen wir und jenen lassen wir im Dunkel verschmachten, und er ist doch hundertmal mehr wert als wir, all die Heitern zusammen. Siehst du, so sind wir! Aber die dort unten: Werkzeuge in der Hand Gottes! Sich selbst vergessen, dem großen Willen dienen, dulden, tragen, helfen. Und die Frauen haben stille, stolze Gesichter wie Königinnen.«

Du warst verändert, wie von einem heiligen Feuer durchglüht. Das Ungewohnte und Heftige deiner Worte erschreckte mich beinahe, und ich suchte nicht zu widersprechen. Ich tat mein Mögliches, um dich aus dem Bereich und Anblick des unheimlichen Ortes zu bringen, und versprach mir alles von der Heiterkeit des Maienberges. Allein, die Erschütterung schien tiefer zu gehn, als ich annahm. Den ganzen Tag kamst du nicht über dein schweres Nachsinnen hinaus, und abends wolltest du dich nicht wie sonst mit mir auf die freie Laube setzen, als ob du dir das Glück des weiten Sternenhimmels selbstquälerisch mißgönntest.

So verbrachten wir zum erstenmal den Abend in der tiefen braunen Stube; aber es wollte mir nicht recht gelingen mit dem Lesen. Unsere Lampe gab kein helles Licht, und ich mußte immer wieder zu dir hinüberblicken. Wortlos saßest du da, in dich zusammengeschmiegt, mit den Augen eines Menschen, der in die Ferne lauscht. Als schwere Älplerschritte sich dem Hause näherten, richtetest du dich hoch mit einem Ausdruck, der mir unerklärlich war, und du standest auf den Füßen, noch ehe die Türe sich auftat, und da vor der Dunkelheit Peter Grüning erschien, plötzlich wie ein Gespenst und unheimlich mit seinem scheuen, wilden Gesicht, gingst du ihm mit ausgestreckten Händen entgegen.

Ich hörte dein helles, tapferes »Ja« und seinen rauhen Jubelschrei, der nichts Menschliches an sich hatte, und sah, wie deine leichte Gestalt in seinen Bärenarmen zerschmolz. Dann verließ ich die Stube.

Ich lief über die nackte Wiese hinweg und wußte nicht, ob es bloße Überraschung, ob Schreck ob Schmerz war, was mir das Herz durch die Brust jagte, oder die große Freude. Aber da war die mächtige Beschwichtigung des gestirnten Himmels. Ich suchte den Stern meiner Mutter, und da ich ihn stillstrahlend fand zwischen dem erregten Geflimmer der andern, nahm ich es für ein gutes Zeichen und ließ den Sturm des Innern als Freude gelten. Die gehätschelten Wünsche zog ich hervor und betrachtete sie, bis sie Glanz und Wärme zurückgewannen, und ich sah in eine helle Zukunft, die liebsten Menschen vereint, und war da nicht auch das Flattern des blauen Gewandes und Augen, deren warmer Blick mich über mich selber hob?

Als ich zu euch zurückkehrte, fiel es mir nicht mehr schwer, in das Glück einzustimmen, das aus Peter Grünings Augen brach und auch auf dein Gesichtchen den holden Widerschein warf.

Es waren doch wahrhaft frohe Tage, die nun folgten. Zu sehn, wie das Glück diesen Menschen veränderte, verschönte, daß er jung und hell wurde und alles Rauhe und Bittere sich in einem funkelnden Übermut löste! Wenn er am frühen Morgen von seinem Gasthaus hinter dem Wald herüberkam, liefest du ihm entgegen, und wenn ihr dann selbander anrücktet, Hand in Hand wie glückliche Kinder, wer hätte da nicht das Ungleiche der Erscheinung vergessen mögen über der Einhelligkeit der frohen Gesichter? Und wenn er uns am Abend verlassen hatte, wie oft legtest du dein heißes Gesichtchen auf meine Hände: »Simon, es ist doch das Allerbeste, einen glücklich machen!« Nach dem Glücklichsein vergaß ich zu fragen. Oder hatte ich nicht den Mut dazu?

Der Abschied von dem seligen Berg fiel euch beiden nicht leicht, und Peter fand es der Stimmung durchaus angemessen, daß uns ein feiner Regen bergab das Geleit gab. Mich aber zog es mächtig heimzu.

Als wir unten im Städtchen ankamen, brach die Sonne sich einen schimmernden Weg durch den Regenschleier und löste ihn schließlich ganz auf. Du wünschtest, noch einmal die Burgfelsen zu besteigen; aber als wir hinaufkamen, da wies es sich, daß diese Felsen nicht nackt und schroff waren, wie das Dunkel der Nacht sie uns gezeigt, sondern von dem holdesten Teppich fremder, zartfarbiger Pflänzchen ganz übersponnen. Perlmuttrig schimmerten die Mauern und Schroffen unter dem feuchten, sanft gefärbten Licht, und das kleine Hochtal zwischen den Hügeln erwies sich als ein wahrer Märchengarten, so üppig gediehen darin die Pflanzen des Südens, Pfirsich und Feige, Mais und Wein und die geheimnisvolle Glut der Granatäpfel. Die Berge rings, von Dünsten umhüllt, wichen weit zurück; einsam wie eine Wunderinsel schwamm unser Burgberg in der sonnigen Brandung.

Du eiltest wie in Bezauberung schnellfüßig über die schmalen Felsenpfade hinan, während wir mit schweren, behutsamen Schritten folgten. Dann verschwandest du hinter Gestein und Gemäuer und erschienst schließlich zuhöchst über dem Abgrund, klein und fern wie ein Grattier. Ich lachte: »Es ist doch allezeit das alte Rehlein!« Aber Peter stand der Angstschweiß auf der Stirn: »Das kann ich nicht sehn! Und überhaupt, wenn es so davonflattert, auf einmal ist es, als ob es einem nicht mehr gehöre. Das ertrage ich jetzt nimmer!«

Ich erschrak: Ja, konnte das Rehlein denn überhaupt einem ganz angehören? Und ich dachte an Mutters Wort: »So frei, so leicht, o, laßt dem Kind seine Freiheit!« Und es war mir, als ob ich ihm davon sprechen sollte; aber noch ehe ich es zustande brachte, eiltest du uns wieder entgegen. Du jubeltest: »Siehst du, wie lieblich der Riese wird, wenn ihm die Sonne scheint?« Und Peter begriff wohl nicht, weshalb wir uns vielsagend anlachten. Aber mein Herz war wieder besänftigt.

Noch einmal, als der Zug über dem großen See gegen den Tunnel emporklomm und wir zum Abschied das blaue Wunder grüßten, hattest du ein solch frohes, verstohlenes Lachen. Aber hinter dem Berg nahm uns die Stille des einförmigen Landes auf, und dessen Schwermut unter dem stumpfen Himmel war so bedrückend, daß auch unsere Freude ihr nicht gewachsen war.

Wenn man ein so langes Stück Weges hinter sich gebracht hat wie ich heute und es hundertfach erfahren hat, wie jedes Ereignis seine Notwendigkeit in sich trägt, sollte man es fuglich verlernt haben, am Schicksal herumzupochen. Aber so stark ist wohl keiner, daß er das Forschen lassen könnte, und würde ich denn in dieser Beichte noch einmal alles Vergangene durchwandern, wenn es nicht in der Hoffnung geschähe, Ursache und Grund des Geschehenen aufzudecken? Denn nichts drückt so schwer wie das ungelöste Rätsel, und keine Hoffnung ist verführerischer als diese: in der Erkenntnis des Gesetzes sich von eigener Schuld zu befreien. Und wenn ich mich heute zum hundertsten Mal frage, ob nicht alles anders geworden wäre, wenn ich dich damals nicht in jenes Land entführt hätte, dessen gewaltige Sprache dein Herz erschütterte, oder wenn Peter Grüning meiner Bitte gefolgt wäre und uns allein gelassen hätte dort oben, so gibt mir die Erinnerung der folgenden Zeiten eine tröstliche Antwort. Jene in heiterer Gemeinschaft verlebten Herbstwochen daheim waren wohl wesentlich genug, um sich aus sich selbst zu rechtfertigen. Unser Zusammensein war nicht viel anders als vordem. Peter Grüning hielt sein Wort und es war rührend und erregte Bewunderung, wie dieser heiße Mensch sich beherrschen konnte. Er sprach selten von der Zukunft und nur ganz allgemein, wohl, um nicht den Anschein zu erwecken, als ob er die Ereignisse beschleunigen und dich irgendwie drängen wollte, und seine Zärtlichkeit blieb in so zarten Grenzen, als ob es sich bei ihm um eine unbewußte, wehrlose Jugendliebe gehandelt hätte und nicht um die ungeduldige, zielvoll wehrhafte des reifen Mannes. Du aber empfingst seine scheue Liebkosung mit der natürlichen Herzlichkeit eines Kindes.

Überhaupt warst du mir nie kindlicher erschienen als in dieser Zeit, wo Peter Grünings neues Wesen wie eine glückhafte Sonne über uns stand, und wenn wir zusammen durch die herbstlichen Wälder wanderten, ganz eins mit der milden, goldenen, erwartungsreichen Welt, und du vor uns herliefst den späten Blumen nach, da kamen wir uns oft vor wie zwei glückliche, verantwortungsvolle Väter, die ihr Liebstes hüteten. Und du bliebst willfährig jeglicher Fürsorge. Nur Peters fruchtlose Bemühungen, sich für den Winter schon von seinen Verpflichtungen im Ausland loszumachen, und die Aussicht auf die Trennung bis im Frühjahr brachten ein paar Stürme und Schatten in diese warme Zeit.

Ich sehe dich vor mir, wie du damals warst und ich fühle aufs neue, daß ich mich nicht täuschte, wenn ich dich für glücklich hielt; nur war es wohl ein anderes Glück, als deine Natur dir vorbestimmt hatte. Aber wer könnte das so genau wissen, ehe er es erfahren hat? Du sahst so zufrieden aus. Wenn Peter da war, saßest du oft neben ihm, die Hand in der seinen, und deine Augen waren die leuchtende Begleitung seiner leuchtenden Worte. Und wenn er nicht da war, hörte man nicht allenthalben dein leises frohes Singen? Wenn du die Geige spieltest, war es mir oft, als ob ich Mutter hörte, so ruhevoll und erfüllt klang es. Freilich ließest du sie dann mehr und mehr ruhn und nahmst das lange unterbrochene Klavierspiel wieder auf, seltsamerweise. Wie du dich freutest über die kleinen, unbeholfenen Geschenke, die Peter dir brachte! Blumen, die schon halb abgeblüht, Süßigkeiten in komischen, verzierten Schächtelchen. Wenn es sich nachher zeigte, daß jene alt und ungenießbar waren, weil er sie in irgendeinem unglaublichen Lädchen gekramt hatte, konntest du so herzlich lachen, und du triumphiertest: »Siehst du, wie er Hilfe nötig hat und eine vernünftige Frau, der liebe, große, ungeschickte Mann!« Und necktest mich: »Ich glaube, alle großen Männer sind ungeschickt, und das ist vielleicht das Liebenswerteste an ihnen.«

Oder war das nicht Glück, wenn du später dem Postboten jeden Morgen entgegenliefest, um eigenhändig Peters Briefe in Empfang zu nehmen, und wenn du über diesen Briefen warm und rosig wurdest und heiß und verwirrt über seinen heißen, gedrängten Versen? Wenn wir abends in unserer lieben Feierstunde nur von ihm sprachen, aus seinen Büchern lasen, seine Briefe immer wieder vornahmen, war das nicht Glück was aus dir strömte, und war es nicht Liebe, die dich hieß, Peters Bildnis zu bekränzen wie ein Heiligenbild? Nur daß es sein Jugendbild war mit den nackten Wangen und dem kühnen Lockentschupp, das du aufstelltest, wunderte mich; denn der kurzhaarige, bärtige Mann glich ihm wenig mehr. Aber du begründetest es damit, daß diese Aufnahme zeige, was für einen guten und sanften Mund er hätte, wenn nicht dieser Bart wäre. Und dieser weiche Mund passe zu den Briefen weit besser als der rauhbärtige, zu der feinen Handschrift sowohl wie zu deren Inhalt.

Ja, vielleicht war die Zeit nach Peters Abreise die allerschönste, wie schlimm auch der Abschied gewesen war, der mich zum erstenmal ahnen ließ, wieviel Kraft der Leidenschaftliche an seine Selbstbeherrschung verbrauchte. Es lag über diesem Winter eine holde Heimlichkeit, die ihn jenem andern verwandt machte, der deiner Geburt vorausgegangen war, Rehlein. Zu dieser Traulichkeit gehörte es, daß die guten Schwestern Eßlinger so lebendigen Anteil an unserm Geheimnis nahmen; denn das machte, daß das ganze Haus sozusagen von derselben wohligen Wärme durchströmt wurde. An der Art, wie die beiden die Neuigkeit, die noch nicht für die Welt war, auffaßten, erkannten wir nicht allein ihre wahrhaft mütterliche Liebe zu dir, sondern ihre Freude über das Ereignis wurde zugleich zu dessen wohltuender Rechtfertigung. Freilich war ihr Verhalten verschieden. Kleophea brach in helle Freudentränen aus: »Habe ich es nicht immer gesagt, daß du ein Glückskind seiest? Solch ein Mann, solch ein bedeutender Mann! Wenn er lacht, ist es oft beinahe wie bei Papa Merzlufft selig, und wenn er spricht und es blitzt so in seinen Augen, ja, ich darf es sagen, es gibt Momente wo er mich direkt an den seligen Bruder erinnert. Und nun hat er unser Rehlein erwählt, ach, unser Rehlein!«

Die ältere Dorothea hatte auch nasse Augen, aber ich glaube, das kam von einer Rührung anderer Art; denn während sie leise über deine Wange strich, bekam ihr kleines Gesicht einen seltsam besorgten Ausdruck, und sie nickte: »Du liebes, liebes Kind, ja, so war deine Mutter auch, die höchste Aufgabe war ihr grad recht.«

Erst als sie auf die Aussteuer zu sprechen kamen, fanden sich die Beiden in derselben freudigen Erregung. Du erschrakst zunächst ein wenig: »Ja, muß man davon schon sprechen?« Aber Kleophea lachte: »Du Kind, meinst du, der Herr Professor wolle sieben Jahre warten wie Vater Jakob?« Und Dorothea beschwichtigte: »Das Rehlein hat noch Zeit, so jung wie es ist; aber eine Aussteuer braucht auch Zeit, besonders, wenn die Finger der Näherinnen schon gstabig und die Augen alt geworden sind; denn das soll mir nicht vorkommen, daß ein einziges Stück in deinen Haushalt wandert, das gleichgültige Hände geschaffen haben. Jeder Stich ein Wunsch für dein Glück, Kind, so soll es sein.«

So saßest du nun an so vielen weißen Wintertagen oben bei den Schwestern, und das weiße Zeug bauschte sich wieder wie vordem unter emsigen Händen, und es war eine Stimmung in dem weißen Zimmer, daß man hätte glauben können, es gebe auf dieser armen Erde eine Wiederkehr des Vergangenen.

Aber dieser heimliche Winter barg noch ein anderes stilles Glück, das war so heimlich, daß niemand von euch darum wußte; denn auch vor dir, Rehlein, machte mich meine Scheu stumm.

Martha Balmoos war mir mehr geworden als eine flüchtige, erregende Erscheinung im Alltag. Seitdem sie mir als Gehilfin bei meinem Katalogwerk beigeordnet war, arbeiteten wir viele Stunden des Tages zusammen. Es zeigte sich, daß sie dieselbe Liebe zum genauen, saubern Kleinwerk besaß wie ich. Diese Wahrnehmung tat mir merkwürdig wohl. Vor Peter und dir, den Großzügigen, Genialen, mußte ich mich dieser kleinen Leidenschaft immer ein wenig schämen. Nun, da ich sah, daß ich sie mit dem schönen und klugen Geschöpf teilte, erschien sie mir nicht länger verächtlich, und ich stieg in meiner eigenen Schätzung. Aber das war es nicht allein. Es lag an ihrer ganzen warmen und klaren Art, daß mir in ihrer Nähe unsäglich wohl wurde. Es war keine Leidenschaft, sondern ein großes, ruhevolles Glücksgefühl, ein stilles Licht in der Brust, das alles Wirre auflöst und das Dunkle zerstreut.

Da wir abends zusammen die Bibliothek verließen, hatte es sich ganz natürlich gemacht, daß wir auch den Weg selbander gingen. Zunächst, solange er gemeinsam lief; aber dann hatte ich mich bald daran gewöhnt, sie heimzubegleiten bis an das Gartentörlein des kleinen bäuerischen Vorstadthauses, wo sie ihr bescheidenes Zimmer hatte. Denn ich spürte, daß meine Begleitung ihr nicht unlieb war, und ich wußte, daß mich kein Gefühl vor ihr täuschte. Ihre Klarheit ließ nicht einmal den Gedanken an ein Mißverständnis aufkommen. Daher kam wohl diese beglückende Ruhe. Man konnte vor ihr ganz sich selber sein; denn auch sie besaß die Offenheit eines Menschen, der nichts zu verbergen hat. Es ging nicht lange, bis ich ihr junges tapferes Leben ganz kannte: Die Tochter eines kinderreichen kleinen Beamten, von früh auf in allen Sorgen bewandert, aber unbeirrt, über alle Hindernisse hinweg dem Ziele zustrebend, das ihr natürliche Begabung und der Drang nach Wissen und Selbständigkeit wiesen. Nun, da sie dieses Ziel beinahe erreicht hatte, fühlte sie ihr Glück so stark, daß sie sich dessen schier schämte vor den Schwestern, denen es nach ihrer Ansicht nicht so gut ging wie ihr selbst. Sie schien gar nicht daran zu denken, mit welchen Opfern sie sich ihr Glück erkauft hatte; denn Entbehrung und Arbeit waren ihr etwas Selbstverständliches. Ich aber bewahrte mir das Bild des jungen Mädchens, das halbe Nächte über feinen Stickereien saß, um sich am Tag das Wissen aneignen zu können, darnach ihr Herz verlangte, als eine über die Maßen rührende Vorstellung.

Das Sträßlein, das zu ihrer Wohnung führte, lief einsam freundlich zwischen baumreichen Vorgärten hin und stammte noch aus der Zeit, da dieser Stadtteil Dorf war. Es gab hier wundervolle Winterabende. Hartklare, mit feierlich funkelnden Sternen über schwarzen Baumkronen, wo der starre Boden unsere einsamen Schritte vernehmlich machte, und weiße, tiefverschneite Abende, wo der Weg, silbern überwölbt von schneebeschwerten Ästen, andächtig wie ein Kreuzgang sich hinzog, und die spärlichen Laternen warfen Rosenkränze ins flimmernde Gewölbe, und rosenrote Inseln lagen auf unserm daunenweichen Pfad. Aber als der Frühling kam, wandelte sich das Sträßchen zu einem kleinen Wunderland; denn es ist nicht zu sagen, was alles der kleine Garten kleiner Leute zu fassen vermag, denen jeder Zoll Erde wertvoll und Arbeit lieb ist. Diesmal erschien der Frühling nicht im Sturmschritt des Föhns; er entwickelte sich von der Schneeschmelze bis zum Baumblust sozusagen ordnungsgemäß, brachte keine stürmischen Überraschungen, aber auch keine schlimmen Enttäuschungen, sondern erfüllte jegliche Erwartung zu ihrer Zeit, sodaß einen schon von den ersten Märztagen an die schöne Ruhe sommerlicher Beständigkeit erfüllte. Nun waren unsere abendlichen Gänge schon nicht mehr von Nacht bedeckt, und eines Tages sang die erste Amsel, und das Bänklein vor Marthas Fenster stand unter einem Goldregen offener Haselnußkätzchen. Sie zeigte es mir mit Stolz: »Und denken Sie, auf dieser Bank darf ich sitzen, so oft es mir gefällt, die Hausmeisterin hat es mir erlaubt. Ich habe so viel Glück und immer treffe ich es zu guten Menschen.«

Und andern Morgens erschien der erste wahrhafte Frühlingstag, und weil es ein Sonntag war und ich es im engen Gärtchen nicht aushielt, entfloh ich mit dir in den Berg.

Ich richtete es ein, daß wir an Marthas Häuschen vorbeikamen, in der geheimen Hoffnung, ihr zu begegnen, so unauffällig eure Bekanntschaft vermitteln zu können und vielleicht – ach, der Wonne! – einen gemeinsamen Ausflug ins Werk zu setzen. Aber als sie sich nirgends sehen ließ, war ich schon wieder wie erleichtert. Eine solche Scheu hatte ich vor euerm ersten Zusammentreffen, solche Angst, ihr könntet euch irgendwie nicht verstehn; denn diese Möglichkeit erschien mir als großes Unglück. Der bloße Anblick ihres lieben Fensters und der Bank, wo sie nun bisweilen sitzen würde, hatte mich aber schon so erfreut, daß es mich dünkte, der Buchfinkenschlag, den uns die blanken Vögel allerorts mit soviel Stolz zuwarfen, könnte eigentlich ebensogut meine Erfindung sein.

Dann kam es, daß wir wieder auf demselben Bänklein landeten wie an jenem Karfreitagmorgen. Unwillkürlich verglich ich dich mit dem Bild, das ich von dir aus jener Stunde bewahrt hatte, und da wurde mir eine Veränderung an deinem Äußern, die ich in den letzten Zeiten mehr geahnt als wahrgenommen hatte, zur plötzlichen Gewißheit. Es war schwer zu sagen, woran es lag; vielleicht eine gewisse Weichheit ums Kinn, das früher eher spitz gewesen, eine kaum merkliche Wandlung der Schulterlinie, die vordem herber war, und dann dieses Merkwürdige, Süße, ein wenig Verwirrende um die Augen ich wußte auf einmal: Mein Rehlein ist kein Kind mehr. Diese Tatsache erschütterte mich, und mein lenzlich erregtes Herz fand dafür nur die eine Erklärung.

Ich streichelte deine Hände: »Kleine Braut, nun geht es nicht mehr lange, bis er kommt. Freust du dich?«

Du sahst mich schier erschrocken an und wurdest rot: »Ja, gewiß, natürlich, aber die Briefe, sieh, das war so schön, und ich war froh und zufrieden dabei. Die grade unverstellte Verbindung mit seiner großen Seele sind sie. Es ist so dumm zu sagen, aber früher kam es mir oft vor, als ob seine äußere Person sich dazwischen stellte, zwischen ihn und mich. Davor fürchte ich mich nun fast ein wenig.«

Ich suchte dich nach meinem Verstand zu trösten: »Damals war mein Rehlein doch vielleicht noch ein wenig kindisch, da mochte dich die Macht seiner Persönlichkeit beinahe erschrecken. Aber weißt du, daß du in diesem Winter anders geworden bist? Ich glaube, nun bist du ihm gewachsen.«

Du sahst mich ängstlich an: »Anders geworden? Die Schwestern Eßlinger sagen mir es auch immer; aber ich fürchte, daß ihr das falsch deutet. Ihr meint, ich sei reifer geworden. Ich kann dir sagen, noch nie kam ich mir so kindisch vor. Es ist mir oft als ob ich einen frühern Zustand, über den man mich hinweggehoben, nun nachholen müßte. Wenn es heute jener Karfreitag wäre, ich glaube nicht, daß ich noch die Kraft zum Austritt fände. Ich hätte irgendeine beschwichtigende Auffassung gefunden, und nun ginge ich dort unten mit in der Schar der schwarzgekleideten Schäfchen, und ich glaube, mir wäre seelenwohl dabei. Siehst du, so bin ich jetzt. Und wenn ich an eure hohen Gespräche denke, wird mir fast bang, als ob dies alles mich nichts mehr anginge. Aber wenn ich diesen Frauen zusehe: Sie stechen ihr Frühlingsgärtchen um, und neben ihnen am sonnigsten Plätzchen im verdeckten Wagen zwitschert ihr Jüngstes. Sie sitzen am Fenster und nähen die großen Flicke auf altes Zeug, und wenn abends der Mann heimkommt, dann streicht der Kaffeegeruch aus dem offenen Küchenfenster, und die arbeitgeröteten Augen lachen. Siehst du, das alles scheint mir so unendlich wichtig, es greift mir ans Herz. Und wenn du mir von Mutter erzählst: ich sehe sie mit der Geige im goldenen Saal oder wie ihr weißes Kleid durch den Garten schimmert oder wie sie des Nachts zu den Kranken geht, geheimnisvoll und edel in dem weiten dunkeln Mantel immer wie ein wundervolles, andächtiges Bild, erhaben, anbetungswürdig und fern. Aber wenn Jungfer Dorothea so nebenhin sagt: »Deine Mutter legte die Tischtücher dreifach zusammen; sie liebte es, daß eine glatte Bahn zwischen gleichgelegten Falten mitten über den Tisch lief« – dann sehe ich sie plötzlich in all den kleinen lieben Verrichtungen des Tages, und sie ist mir auf einmal so nahe, daß ich meine, den Kopf in ihren Schoß legen zu können und mich auszuweinen unter ihren sanften Händen.«

Ich glaubte, daß dies Geständnis der unbewußte Ausdruck deines erwachten Frauentums sei, und deutete es dir an: »Das ist die Hausfrau, die sich in dir meldet.«

Aber du schütteltest den Kopf: »Nein, ich glaube nicht; denn wenn ich nun auch selbst alle diese Dinge tun würde – du weißt, Peter ließe es nicht zu – ich weiß nicht, ob die rechte Freude dabei wäre; daran aber liegt es, Freude! Sie tun die einfachen Pflichten des Tages, und darüber werden sie froh. Hast du gesehn, wie sie abends vor den Häuschen sitzen? Sie haben es nicht einmal nötig, zusammen zu sprechen, so ganz ist es in ihnen. Wir aber wollen das Große, Ungewöhnliche, letzte Rätsel, erhabene Pflichten so wichtig nehmen wir uns, und darüber verlieren wir die rechte Freude.«

Ich staunte: »Solches spricht unser Sonnenscheinchen?«

Aber du bliebest hartnäckig: »Darauf kommt es nicht an, daß es nach außen glänzt. Die Freude, die ich meine, lacht nicht, sie sitzt ganz inwendig, sie macht nur gut und ruhig und macht, daß man das Leben liebt. Aber oft habe ich einen furchtbaren Gedanken: Jene Frauen in der braunen Stadt, wenn sie eines Tages auszögen, den eiligen Bächen nach, hinab in das breitgewellte grüne Land, und ihre Alpen ließen sie der Sonne und Dürre, in die der Herrgott sie gelegt und die steifen Kleider würfen sie weg und legten loses Arbeitsgewand an, und ihre Häuser stünden frei in freier Luft – Mann und Frau blieben vereint beim ersprießlichen Werk und die Kinder frisch und rosig, und der Totenhof wäre nicht länger die schönste Wohnung.«

Du machtest eine heftige Gebärde, als ob du etwas verscheuchen wolltest, sprangest auf und lachtest: »Simon, was bin ich für ein dummes Geschöpf! Das ist doch alles Unsinn! Glaubst du, daß diese Menschen sich des gesegneten Landes freuen könnten? Immer sähen sie doch die sterbende Alp vor sich, und darüber bräche ihnen das Herz.«

Dann stiegen wir stumm bergab. Deine wirren und erregten Worte bedrückten mich. Ich dachte an Martha: Hatte sie nicht die Freude, von der du sprachst? »Ich habe so viel Glück, und immer treffe ich es zu guten Menschen.« Ja, sie hatte die Art derer, die das Leben früh zur Bescheidenheit erzog, sie forderte wenig, und was sie tat, geschah mit Freude. Ihr warmer Blick, wie leicht mußte es sein, mit so klaren stillen Augen durchs Leben zu gehn! Aber in deinen goldenen Augen lagen alle Rätsel und machten sie hold und unheimlich. Ich wünschte Peters Kommen mit aller Macht herbei.

Eines Tages zu unerwarteter Stunde stand er plötzlich in unserer Stube – »genau wie der selige Bruder so überraschend,« sagte Jungfer Kleophea gerührt – und an der Art, wie er dich in die Arme schloß spürte ich, daß die Trennungsqualen seine Selbstbeherrschung aufgefressen hatten. Ich war deshalb nicht erstaunt, daß er bald den Vorschlag machte, die Hochzeit, die eigentlich in den großen Ferien hätte stattfinden sollen, auf den Frühling anzusetzen; aber was mich überraschte, war, daß du ohne weiteres einverstanden warst. Nur die Schwestern Eßlinger machten praktische Gründe dagegen geltend: vor dem Mai lasse es sich keineswegs richten, man denke, da sei doch der große Bücherumzug, wenn ich mein Studierzimmer nach unten verlege und der Herr Professor mit seiner Bibliothek einziehe, und dann sei noch manches zu erneuern in der Wohnung, und mit der Aussteuer klappe es auch noch nicht kurz, vor Mitte Mai sei nicht daran zu denken. Dann aber stehe der Herr Professor schon im Semester, und da gäbe es ja keine Zeit mehr, weder für ein ordentliches Fest noch für die Reise.

Aber Peter Grüning lachte: Die Reise könne man in den großen Ferien nachholen, von einem eigentlichen Fest wolle er überhaupt nichts wissen; was aber das Semester angehe, so werde dies ihn keineswegs hindern, glücklich zu sein, die Arbeit werde von seinem Glück nur gewinnen. Bloß das unmenschliche Warten schade ihr.

So wurde denn ein Samstag im Mai festgesetzt. Als du das Datum hörtest, war es mir, als ob du erschräkest: »Ach, dann steht noch alles im Blust. Eigentlich sollte man im Herbst heiraten, wenn die Welt still wird und alle Türen sich schließen.« Aber ich verstand nicht, wie du es meintest.

Dann kamen jene stürmischen Tage des Umzugs. Mit meinen paar Büchergestellen war ich bald im Gartenzimmer eingenistet, und ich freute mich wie ein Schneekönig, da ich nun mein kleines Reich, Kammer und Arbeitsstube, so nahe beisammen hatte im traulichsten Winkel des Hauses; denn in Vaters Studierzimmer war ich doch nie heimisch geworden. Als dann aber Peters Bücherkisten eintrafen, gab es bei euch Frauen eine gelinde Verzweiflung. Den ganzen Flur füllten sie, hochgebeigt, und es zeigte sich bald, daß die mächtigen Regale nicht allein alle Wände von Vaters großer Stube deckten, auch die ehemalige Kinderkammer daneben mußte dafür in Beschlag genommen werden.

Ich war selig über den Schatz, der da in unser Haus strömte. Aber als die Männer die langen Kisten herauftrugen, sah ich dich mit blassen Lippen oben an der Treppe stehn, und du hieltest dich am Geländer, als ob dir nicht gut wäre. Doch du zerstreutest meine Besorgnis mit einem Lächeln: »Ich hatte einen Augenblick so eine gräßliche Vorstellung, als ob es lauter Särge wären; aber nun ist es vorbei.«

Ich nahm meine Bibliotheksferien jetzt gleich, um euch beim Einräumen der Bücher zu helfen und es war dann eigentlich ein recht frohes Zusammenarbeiten. Hie und da hatte ich freilich das deutliche Gefühl, daß Peter meine Anwesenheit nicht so erwünscht war wie vordem; aber ich trug meine Elefantenrolle mit einem erhebenden Märtyrerbewußtsein, ahntet ihr doch nicht, welches Opfer ich euch brachte, da ich nun all die Tage Martha Balmoos nicht sehen konnte.

Das Opfer war größer, als ich selbst gewußt hatte. Denn, da ich nach Vollendung unserer Arbeit wieder einmal in der Bibliothek nachsah, fand ich Martha in großer Niedergeschlagenheit. Sie teilte mir mit, daß sie plötzlich nach Hause gerufen worden sei. In ihrer Vaterstadt sei eine Unterbibliothekarstelle frei geworden. Man habe sie dafür ausersehn, nur müsse sie sich sofort zur Verfügung stellen. Der Direktor hier sei ihr entgegengekommen, auf nächste Woche habe sie ihre Entlassung. Am Sonntag früh müsse sie reisen.

Ich war so niedergeschmettert, daß ich keine Worte fand und während ich scheinbar arbeitend an meinem Pulte saß, dachte ich mir hundert Dinge aus, die ich ihr auf dem Heimwege sagen wollte. Aber als wir die Bibliothek verließen, trostlos wie zwei Verurteilte, stand unter der Vorhalle Peter Grüning, der mich nach seiner gewaltsamen Art gleich in Beschlag nahm. Es blieb mir noch gerade Zeit, Martha, einer raschen Eingebung folgend, auf den andern Abend zu uns einzuladen, zum Abschied.

Peter zog mich mit sich fort, ohne weiter auf das Mädchen zu achten: »Du, ich komme zu euch zum Nachtessen. Den ganzen Nachmittag habe ich das Rehlein nicht gesehn. So etwas ertrag ich jetzt nicht mehr. Weißt du, daß in drei Wochen die Hochzeit ist. Es lag soviel Leidenschaft und Glück und Ungeduld in seinen Worten. Mein Unglück erschien mir riesengroß.

Ich weiß nicht, ob die nüchternen Worte, mit denen ich dir unsern Gast ankündigte, dir etwas verrieten. Du tatest nicht dergleichen; aber am andern Abend war im Erkerzimmer oben alles festlich hergerichtet, und Martha begrüßtest du mit der größten Herzlichkeit. Da wußte ich, daß du mein Herzklopfen verstanden hattest.

Wie war das eine liebe Tafelrunde! Martha behielt auch vor euch ihre schöne natürliche Sicherheit, und Peter war in so froher Laune, daß meine Schweigsamkeit nicht auffallen konnte. Nach dem Essen zogest du dich mit Martha in den Erker zurück, und es war für mich das beglückendste Bild, wie ihr da so schwesterlich beisammen saßet unter der kleinen Ampel. Martha sah wohl etwas steif und vierschrötig aus neben dir; aber wo war das Mädchen, das dir nicht irgendwie zur Folie gedient hätte? Für sich genommen, war sie doch ein schönes Geschöpf, und das war nötig; ich hatte mein Leben lang zu schwer an der eigenen Häßlichkeit geschleppt, als daß ich Unschönheit an einem geliebten Menschen hätte ertragen können.

Man fühlte bald, daß euch eine lebhafte Neigung zusammenzog; ihr waret ganz in eure leisen Gespräche versunken, und darüber wurde mir das Herz warm. Peter hingegen schien durchaus nicht erbaut von deinem augenscheinlichen Wohlgefallen an der Fremden. Einsilbig saß er da, paffte erregt vor sich hin und ließ mit keinem Blick von dir ab. Und diese Blicke wurden immer heißer, erregter.

Denn so war er nun, daß er dich keinem andern Wesen mehr gönnte. Es ärgerte ihn, wenn du zu lange bei den Schwestern Eßlinger saßest. Das weiße Zeug, dem du soviel Liebe und Arbeit zuwandtest, haßte er beinahe. Die neugierigen, bewundernden Blicke, die dir auf der Straße überall folgten, besonders, seit eure Verlobung bekannt geworden, waren ihm so zuwider, daß er kaum mehr mit dir ausgehen wollte. Ja, oft spürte ich auch, daß er auf mich eifersüchtig war, und als du einmal Jungfer Kleopheas graue Katze seiner Meinung nach zu lange und zu zärtlich auf dem Schoße hieltest, kam er in solche Erregung, daß er dir das Tier kurzerhand entriß und es zum Fenster hinauswarf. Darüber wäre es beinahe zum Streit gekommen zwischen uns.

Martha brach zeitig auf. Zum Vorwand brauchte sie ihre frühe Abreise am andern Tag; aber ich glaube, daß Peters Ungeduld sie vertrieb.

Da standen wir nun selbander in der einsamen Straße. Der wachsende Mond webte Silber in die Frühlingsnacht und warf betörende Schleier über alle aufbrechenden Blustbäume der Vorstadtgärtchen. Aber dieser selbe Mond zeichnete auch mit grausamer Schärfe unsere ungleichen Schatten vor uns auf der weißen Straße. Dieser elende Anblick erstickte meinen Mut und erwürgte alle die schüchternen Hoffnungen, die der Abend geboren hatte beim Anblick eurer schwesterlichen Vertrautheit.

Als wir uns am Gartentörchen Lebewohl sagen sollten, bat ich sie, um den Abschied zu verzögern, mir noch ihr Bänklein zu zeigen: »Ich habe mich so darauf gefreut, Sie bisweilen hier anzutreffen; nun möchte ich Sie wenigstens einmal hier gesehen haben, damit der Ort mir nachher etwas zu sagen hat.«

Die kleine Bank lag jetzt im Schatten des schon belaubten Haselbusches. Nur ihr eines Ende stand im Mondlicht. Dorthin setzte sich Martha, gehorsam wie ein Kind. Und wie ich nun ihr liebes Gesicht hell beschienen und klar vor mir sah, kam der ganze Jammer über mich, daß mir dieser Trost genommen wurde. Ich beugte mich nahe zu ihr hin: »Werden Sie nun nie mehr zu mir kommen?«

Eine tiefe Röte ging über sie: »Wann Sie mich rufen, jederzeit.« Und auf einmal fanden sich unsere Hände, und der süße, glühende Strom, der uns durchschauerte bis ins Herz, deckte den Sinn ihrer Worte auf.

So kam es, Rehlein, daß ich auf jener kleinen Bank meine seligste Stunde erlebte.

Als ich endlich heimging, war ich wie ein Berauschter und doch so klar, daß ich meinte, mein Leben zum erstenmal in der wahren Beleuchtung zu sehn. War es denn nicht gewesen wie jenes Land vor dem Tunnel? Stumpf, eintönig, trüb, ein ewiges, heuchlerisches Sichvorbeiwinden an Schmerz und Verzweiflung, ein ewig heuchlerisches Getue, als ob man abgeklärt sei, erhaben und glücklich im Geist? Nun aber war das Tor aufgegangen, und die blaue Seligkeit war da. Ich wußte, es gab einen Menschen, der mich liebte um meiner selbst willen, trotz meinem Gebrechen und mit meinem Gebrechen. Mochte nun der elendeste Schatten hinter mir herkriechen, was ging es mich an?

»Wenn du der schönste, geradeste Mann wärest und hättest nicht deine Augen, ich könnte dich nicht lieben!« Was also ging mich jener Schatten an?

Ich hätte diesen nächtlichen Gang ins Unendliche dehnen mögen mit meinem musizierenden Herzen; aber anderseits trieb es mich heim. Mein Glück mußte ich vor euch beiden ausschütten, sonst zerbrach es mich.

Ich spüre es noch, wie ich die Treppe hinaufrannte: Was würde mein Rehlein sagen? Aber ich fand dich nicht. Peter war allein in der Stube. Es stand an die Erkersäule gelehnt, mit glühendem Kopf und fuhr mich gleich unwirsch an:

 »Was fällt dir ein, uns so lange allein zu lassen! Du weißt doch, wie es nachgerade um mich steht, und dann, nach diesem blödsinnigen Abend! Du mußtest fühlen, wie erregt ich war. Nun ist es geschehen, ich habe das Kind erschreckt. Ich habe ihm ja wahrhaftig nichts zuleide getan, aber, ich weiß nicht, vielleicht, meine Leidenschaft ich bin in Gottes Namen kein sanfter, schüchterner Jüngling mehr! Auf einmal ist es entflohn. Und die Türe hat es geschlossen. Nun stehe ich so da, so wie ein gemeiner, roher Kerl, und du kommst nie! Und ich habe doch bei Gott nichts Unrechtes getan!«

Der Umschlag aus meiner Glückseligkeit war zu groß. Ich blieb verständnislos, ohne Antwort. Da wurde er wütend: »Natürlich, du kühle, kalte edle Schnecke, du unfreiwilliger Tugendbold, so etwas verstehst du nicht!« Allein die häßlichen Worte beleidigten mich nicht, denn ich fühlte daraus, wie der Schmerz in dem armen Menschen hauste. Ich wollte zu dir hinübergehn. In diesem Augenblick öffnete sich die Türe, und du erschienst.

Ewig sehe ich dich, wie du die paar Schritte durch die Stube tatest, an mir vorbei zu ihm. Eine Hingabe, eine Demut war in jeder deiner Bewegungen, wie ich sie meinem Rehlein niemals zugetraut hätte. Du legtest beide schlanken Arme um seine Schultern und dein Gesicht gegen seine Brust: »Verzeih mir, Peter,« und da war etwas, das mir ins Herz schnitt.

Peter liefen die Tränen über das rauhe Gesicht. Er stöhnte und zog dich an sich, als ob er dich nie mehr lassen wollte, und du ließest es willig geschehn; doch als du dich aus seiner Umarmung löstest, war dein Gesicht weiß wie damals, da er deine Hände an sich genommen hatte, weil er dich zum ersten Mal tanzen gesehn. Da ich aber also fühlte, wie du still und freudlos von seinem Herzen kamst, während mir noch der Pulsschlag meines Mädchens durch alle Adern rauschte, ergriff mich ein heißer Schmerz.

Zunächst ein häßlicher Verdacht: War es am Ende doch so, wie dein Unterweisungslehrer damals in seiner Verzweiflung sagte, daß du innerlich kalt seiest, ein kühles, goldäugiges Nixlein? Aber den Verdacht deckte das weit größere Erbarmen mit dir. Ich fühlte den mächtigen Wunsch, dich wieder einmal allein, ganz für mich zu haben, und dieser Wunsch zeitigte unmittelbar, ohne Hilfe der Überlegung einen Plan, den ich euch sofort vorlegte.

Nachdem wir den Ruwenbergern deine Verlobung mitgeteilt hatten, war von dem alten Vetter eine so freundliche Einladung, von Luise eine so dringende Bitte eingetroffen, das Rehlein möchte ihnen einmal seinen Bräutigam zeigen, daß wir uns vorgenommen hatten, dem Rufe zu folgen. Auch Peter hatte schließlich nachgegeben. Er lehnte zwar sonst alle Besuche ab; aber das war doch schließlich des Rehleins ursprüngliche Heimat. Und da war auch das Grab der Mutter. Nun suchte ich euch klarzumachen, daß dir nach den arbeitsvollen Wochen und vor der Hochzeit ein paar Tage auf dem Lande wohltäten, daß auch Peter etwas Ruhe zum Semesterbeginn brauchen könnte, und ihr gabet schließlich zu, daß ich unsere Ankunft auf Anfang der Woche dem Vetter meldete. Am Sonntag sollte uns dann Peter zurückholen.

Von meinem Glück aber sprach ich an diesem Abend nicht mehr, auch nicht an den folgenden Tagen, die ich euch und euern erregten, der Beschwichtigung und des Trostes bedürftigen Gemütern lassen mußte. Ich verschob es auf eine stille Stunde in der alten Heimat.



Als der Zug aus der Halle fuhr, sah ich Peter Grüning lange noch einsam stehn, unbeweglich wie ein Turm, während dein Tüchlein so beredt gegen ihn zurückflatterte. Schließlich setztest du dich mit einem Seufzer: »Ich hätte es doch nicht tun sollen, ihn allein lassen in dieser bewegten Zeit. Siehst du, nun ist er traurig, und das ist etwas, das ich nicht ertragen kann.«

Dann durchflogen wir das blühende Land. Wir sprachen kaum, wir sahen in die festliche Welt hinein. Die Bäume standen im ersten Rausch. Die einen noch herb mit feinen roten Knösplein, die andern mit strahlenden Brautkränzen behängt; aber von den Kirschbäumen zitterten schon die weißen Blätter nieder. Und allenthalben goldgesprenkelte Wiesen. Da erfuhr ich, was der Anblick des Blustes in uns anrichten kann, wenn das Herz bereit ist, und ich ließ mich von den seligsten Schauern durchrieseln.

Die Landschaft änderte sich langsam, verlor das Zierliche, Abwechslungsreiche, Zerstreute und sammelte sich nach und nach in den großen freien Formen meiner alten Heimat. Die süßen Schauer versanken in einer stillen Andacht; aber auch das war Glück, wie wenn einer heimeilt, um sein erfülltes Geschick vor dem mütterlichen Herzen auszubreiten.

Auch du hattest ein andächtiges Gesicht: »Ich habe nicht gewußt, wie groß diese Gegend ist. Früher war ich wohl noch zu klein. Kinder sehen nur das Nahe und Einzelne. Hier aber liegt der Sinn im Ganzen. Der Frühling ist eigentlich zu zierlich für diese Größe: weißgesträußte Bäume, getüpfelte Wiesen, hell und dunkel panaschierter Wald – irgend etwas paßt da nicht. Ich möchte hier sein, wenn die Wälder dunkel sind und wenn das Korn reif ist. Was für ein frohes, mächtig heiliges Land muß es dann sein!«

Ich staunte; gewiß, auch Mutter hatte immer gesagt, wer unser Land nicht zur Zeit der goldenen Abende und gelben Kornfelder gesehn, der wisse nichts von ihm. Aber es wunderte mich doch, daß die Frühlingsseligkeit, die meine arme Brust durchschauerte, deinem bräutlichen Herzen so wenig sagte. Allein, die Hauptsache war schließlich, daß über dem Anblick deine Augen sich mit Freude füllten, und der Empfang auf dem heimatlichen Bahnhof schien wahrhaftig der vielversprechende Auftakt zu einer Reihe glücklicher Tage.

Glatt vom Trittbrett weg nahm dich der Vetter in seine ritterlichen Onkelarme. An seiner äußern Gestaltung war immer noch irgend ein Stich ins Amerikanische fühlbar; aber sein gutes Gesicht unter dem weißen Haar blühte in schönster Schweizerfarbe. Dann flog uns dessen junge Großnichte, Susanne, an den Hals, dir mit den zärtlichsten Küssen, mir wenigstens mit dem vertraulichen »Du«, das sie schlankweg auf unsere höchst entfernte Vetternschaft stellte. Das letzte Mal hatten wir sie hier als kleines Ding gesehn. Der Vetter hatte sie kurz vorher adoptiert nach dem Tode ihrer Eltern, und sie war damals noch unzugänglich und scheu wie ein Wildfang gewesen. Nun war sie eine große schöne Jungfrau geworden, stattlich und glückberechtigt, wo ihre blühende Haut sie berührte. Nur den großen, etwas vorquellenden Kirschaugen traute man noch einige Wildheit zu; aber anderseits hatten diese Augen just durch ihre unbeschützte Größe etwas Kindliches.

Erst nachdem diese stürmische Begrüßung vorüber war, erschien auch Luise, links und rechts wie Trophäen ihre Laubfleckenzwillinge an den Händen, und hinter ihr, unseres Gepäckes gewärtig, ihr strammer rotbärtiger Mann. Luise war in die Breite gegangen. Ihr Gesicht hatte Farbe bekommen und damit offenbar die Eigenschaft, Empfindungen auszudrücken. Wahrhaftig, es glänzte vor Freude! Das aber war so unerwartet und rührend, daß es einem den Hals zusammenschnürte; denn daneben war es halt doch noch die alte, mit allen tiefen und aufrührenden Erinnerungen behängte Gestalt.

Wie im Triumph zogen wir durchs Städtchen, du mit Blumen beladen, Susanne an deinem Arm. Sie sprach laut und unbekümmert, als ob nicht alle Bänke vor den Häusern mit Neugierigen besetzt und hinter allen lustigen Blumenfenstern Gesichter fühlbar gewesen wären, auf dich ein: Wie furchtbar interessant das sei, so eine Braut, drei Wochen vor der Hochzeit! Nein, nun gehe es ja bloß noch zwei und eine halbe Woche, herrje! Und dann ein so berühmter Bräutigam! Es gebe hier jemanden im Städtchen, sie wolle jetzt nichts verraten, aber der schwärme geradezu für Peter Grünings Gedichte. Und sie zwinkerte vielsagend mit ihren mächtigen Kirschenaugen und wurde rot wie eine Monatsrose.

Die Frau des Vetters erwartete uns am Gartentor. Sie hatte auch auf die letzte amerikanische Reminiszenz verzichtet. Sie war eine durchaus hiesige Matrone geworden mit ihrem befriedigten lautlosen Gesicht und kam uns mit aller Herzlichkeit entgegen. Eine Woge von Freude und Freundschaft trug uns in das liebe Haus und verbot der Erinnerung alle wehen Töne.

Übrigens war in den Jahren gar vieles geschehen, was dem Genins des Ortes ein anderes Gesicht gab; denn jetzt herrschte hier die Fülle. Als wir abends bei reichlicher Bewirtung und viel Fröhlichkeit im neu eingebauten Gartensälchen saßen, fiel mir die Vorstellung schwer, daß ich in den Ruwenberger Mauern weilte.

Der Vetter erzählte mir vergnügt von seinen Neuerungen. Nun wäre endlich alles gründlich durchgesiebt. Bis auf den goldenen Saal. Da habe er seinerzeit die Dummheit gemacht, daß er einen altertumsnärrischen Architekten um Rat fragte, und der habe es verstanden, der Frau einen solchen Respekt vor dem alten Zeug beizubringen, daß es ihm bis auf den Tag nicht gelungen sei, dagegen aufzukommen. Das heiße, die Möbel und Bilder seien ihm natürlich recht; aber verschiedene Stoffe, verblichene Wände, erblindendes Gold nein, er müsse schon sagen, man sei dann schließlich doch kein verlumpter Edelmann. Aber er tröste sich: wenn die Suse erst ein paar kräftige Buben auf die Welt gestellt habe, die würden dem alten Zeug dann weidlich zur Seligkeit verhelfen.

Dann kamen wir auf Tante Gritli zu sprechen, die ich seit der Beerdigung ihres Mannes vor zwei Jahren nicht mehr gesehn hatte. Der Vetter erzählte, daß sie gewaltig getrauert habe um den Mann, dabei aber sichtlich aufgeblüht sei, und das brachte ihn auf allerlei Witwenwitze. Es habe einmal eine, die man nach dem Tod ihres Mannes über ihr Befinden fragte, geantwortet, sie wisse nicht recht, aber es dünke sie, der Gram schlage ihr besser an als vorher der Kummer, und eine andere habe es gerade herausgesagt, der schönste Stand für die Frau sei halt doch der Witwenstand. Allein des Vetters Frau wollte solche Worte nicht gelten lassen und suchte sich zu rächen, indem sie von jenem Witwer erzählte, der gesagt haben sollte, der Tod der Frau sei für einen gerade, wie wenn man das Hexenbeinlein anschlage: ein heftiger Schmerz, aber bald versurret. Einen Augenblick hatte es beinahe den Anschein, als ob die beiden Alten in Streit geraten würden; aber unversehens fielen sie sich darüber in die Arme und küßten sich so zärtlich wie Hochzeitsleute.

Susanne sprang auf: »Seht, so verliebt sind die heute noch, und da soll es eins daneben aushalten in seiner Einsamkeit!« Und sie rannte zur Türe hinaus mit flammenden Augen, daß man auf einmal an das kleine wilde Mädchen von einstmals zurückdenken mußte. Du aber saßest ganz still in deiner Ecke, und keiner wußte, wohin deine Augen gingen.

Erst als ich in meiner Kammer allein war, gewann die Vergangenheit ihre Sprache zurück, und die fernen Gespenster, die holden und die wehen, standen auf. Im Teichlein unter meinem Fenster lag das weiße Gesicht des Mondes, und hinter dem zarten Geäst der Frühlingsbäume ahnte man die silbern umdunstete Flußweite und die stille Gewalt der fernhinwandernden Hügel. Unter meinen Füßen aber wußte ich das Geheimnis des goldenen Saales. Spät kam ich zur Ruhe, und doch lag ich schon eine Weile im Bett, als ich hörte, daß du im Zimmer nebenan deine Fensterladen schlossest. –

Der Vetter hatte es gut mit uns vor. Als er mir am Morgen in seiner praktischen Art das Wochenprogramm vorlegte, erschrak ich über dessen Reichtum: Ausflüge, Ausfahrten nach allen Himmelsrichtungen und am Samstag gar ein Hoffest bei Anlaß von Susannes achtzehntem Geburtstag. Ich suchte ihm verständlich zu machen, daß wir eigentlich zum Ruhen hergekommen seien; aber er lachte mich nur aus: »Was, Jugend und Ruhe? Seid doch lebendig, solange ihr könnt! Später kommt die Ruhe von selbst.«

Erst als ich ihm unsere eigenen Pläne entgegenstellte: Doktor Clemens, Friedhof, Luise, gab er insofern nach, als er uns diesen ersten Tag überließ. Und er wies auch Susanne, die sich gleich mit aller Lebhaftigkeit deiner bemächtigt hatte, an, uns heute allein zu lassen. Sie fügte sich mit einem gekränkten Schmollgesicht, das ihr indessen ganz hübsch anstand.

So gehörte uns noch dieser eine Tag.

Der kleine Pfad dem Bächlein entlang. Es wuchs da soviel junggrünes Erlengebüsch. Die Zweige hingen feuchtglänzend über unsern Köpfen, und unsere Schuhe waren naß vom Tau. Es fiel mir auf einmal nicht mehr leicht, dir mein Herz zu öffnen. Die Tage, die mich vom Ereignis trennten, hatten alten Zweifeln wieder Raum geschaffen. Du hattest ein so feines Gefühl für Würde, wie mochtest du die Verliebtheit des Krüppels ertragen? Ich hielt ein Buchszweiglein in der Hand vom Garten her. Während ich sprach, verrieb ich all die kleinen Blätter zwischen meinen Fingern. Ach, Rehlein, wie du meine Beichte aufnahmst! Wenn mir seither irgendwo unvermutet der bittere Geruch jungen Buchses vorkommt, ist mir jedesmal einen Atemzug lang, als ob mir das blutte Glück ins Herz führe. Und andere sagen, Buchs gemahne sie an Totenkränze.

Hand in Hand stiegen wir die Kirchtreppe empor. Dein Gesicht leuchtete, als ob auch in dir das Glück alle Lichter angezündet hätte. Als wir an Mutters Grab standen, konnte ich nur eins denken: »Siehst du, so glücklich sind nun deine Kinder!«

Die Trauerweide hatte sich schon zu einem großen Baume ausgewachsen. Ihre sanften Zweige bedeckten auch Großvaters Stein zur Rechten und den leeren Platz auf der linken Seite, und es war, als ob all ihre silberfeinen, zitternden Blättchen lächelten. Das Beetlein war tiefblau von neuerblühten Vergißmeinnicht, und ringsherum der ernste Kranz samtdunkler Aurikeln. Es war, als ob etwas von Mutters Wesen in dieses kleine blühende Stück Erde übergegangen wäre, und der Tod schien auf einmal eine wunderbar milde Einrichtung.

Plötzlich griffst du heftig nach meiner Hand: ›Für wen wurde jenes dort bestimmt?« und wiesest auf die leere Stelle zur Linken von Mutters Grab.

Ich erschrak nie wäre mir das Geständnis schwerer gefallen als in dieser heiligen Stunde; aber ihre Weihe ließ keine Lüge zu: »Vater hatte es für sich bestimmt; aber dann – ich fand, daß er doch besser auf den Stadtfriedhof paßte. Es wäre so schrecklich gewesen, wenn sie hieher gekommen wäre und hätte ihre Kränze neben Mutters Grab gelegt.«

Du schwiegst. Deine Hand in der meinen wurde kraftlos, und als wir nach der Stadtmauer hinüber wanderten, dem Clemensschen Hause zu, fühlten wir, wie die dunkle Wolke über unsern Frühlingstag ging.

Doktor Clemens fand ich wunderbar unverändert. Das war noch derselbe steife Rücken, dasselbe zerstreute Lächeln und derselbe ferne Blick der lieben überzwerchen Augen. Und durch das graue Bärtchen lief noch mancher rostrote Faden. Dich begrüßte er mit derselben unbeholfenen Feierlichkeit wie einst die Mutter, und seine Hände zitterten noch wie damals, wenn eine Empfindung stärker war als er.

Die große braune Stube hatte sich nicht im geringsten verändert und Fräulein Mathilde war wohl behäbiger geworden; aber aus ihrem runden Gesicht lachte noch die alte Munterkeit, und ihre Hände schienen so derb und mild wie damals. Lautlos schien die Zeit durch dieses Haus gegangen zu sein. Mir wurde darüber das Herz groß; denn der alte Zustand machte die Erinnerungen übermächtig. So kam ich schwer zu Worten, und da auch du unter des Doktors unerklärlichen Blicken etwas verschüchtert wurdest, saßen wir zunächst ziemlich steif herum.

In meiner Verlegenheit trat ich ans Fenster, um dir den Ausblick zu zeigen. Da traf mich die erste Enttäuschung. Auf der andern Seite des Flusses, der unten den gäch niedersteigenden Garten bestrich, mitten im grünen Land, lag eine Fabrik mit rosigen Dächern, und mächtige Kamine durchbohrten die blaue Luft. Ich klagte: »Wie schade um das herrliche Bild!«

Aber Doktor Clemens verhöhnte mich: »So seid ihr, ihr Großstädter! An allen Tiegeln der Zivilisation hockt ihr; aber wir andern sollen uns beileibe nicht den Dornröschenschlaf aus den Augen reiben. Da werdet ihr gleich sentimental. Ist das da unten wirklich so häßlich? Geh nach Ravenna. Nicht vom Land her – die alte Zauberstadt ist mit allen Scheußlichkeiten an die Bahn geknüpft – aber vom Meer, von der Pineta her. Da liegt die rötliche Ebene hinter dem schwarzen Wald. Ungeheuer weit, einsam, beklemmend, modriges Ried und gelbe Wasserlilien auf trüben Sümpfen. Aber auf einmal ein Trüpplein abendroter Türme, runde, rötliche Backsteintürme. Einer dick und gleichmäßig, die andern schlanker, aber alle mit einem trostreichen Aufschwung aus dem Sumpf ins Himmelblaue. Wenn du nahe bist, erkennst du es: der eine, dickere, das ist der Glockenturm der alten berühmten Kirche. Die Kaiserin Theodora hat noch in ihr gebetet, das Meer, das heute stundenweit zurückliegt, hat sie damals noch angerührt. Aber das andere? Kamine einer modernen Fabrik! Nun, wenn man das erlebt hat, alles so geschwisterlich beisammen, denkt man anders von Fabrikschloten. Aber um Ästhetik handelt es sich da gar nicht. Die Hauptsache: Da unten läuft etwas. Der frische Stundenschlag in die Kleinstadtschlamperei. Wenn am Morgen die Signalpfeife geht und das Schaffen dort unten beginnt, schäme ich mich, wenn ich noch nicht an der Arbeit bin. Wahrhaftig, die dort unten sind schuld, wenn ich wieder ein paar anständige Erfindungen gemacht habe!«

Ich wies auf den Mißstand der abstumpfenden Maschinenarbeit hin. Er spottete: »Auch so eine Theorie. Die Maschine an sich ist nicht schlimm, bloß das Spezialistentum verblödet; aber das treibt man ja heutzutag allerorts. Auch ohne Maschinen, und gerade ihr Wissenschaftler! Aber der Fabrikherr da unten, der alte Hofer, ist ein vernünftiger Mensch, der sagt sich: Wenn ich den Leuten Abwechslung verschaffe in ihrer Arbeit, so werden sie zwar minder flink, aber behalten Lust am Werk und bleiben frisch, und das ist wichtiger. So gibt es denn hier keine Einzelarbeiter. Jeder schafft im Ganzen, und das ist nötig für einen ganzen Menschen. Und der junge Hofer, der ist noch etwas mehr als bloß vernünftig, der sagt: Wenn die Arbeiter nicht mit Freuden dabei sind, dann freut auch mich die ganze Sache nicht. Er ist schuld an den Arbeiterhäuschen. Die müßt ihr euch nachher ansehn Am Waldrand – damit die Leute nicht immer die Fabrik vor Augen haben – und so freundlich! Kurz, ihr werdet ja sehn. Und wißt ihr nun, was da unten geschieht? Suppen! Ja, tatsächlich, Suppen und noch einiges andere; aber die Suppen sind mir die Hauptsache. Denkt einmal: Was da ringsherum wächst in der Gotteswelt, wird gedörrt, zusammengepreßt, die Chemie sagt auch noch ein Wort dazu, und dann wandert's in kleinen Päcklein in die Stadt. Und wenn dann so eine schattige Stadtfrau ihr Päcklein in die Pfanne schüttet, auf einmal duftet ihr diese ganze Herrgottswelt durch die dunkle Hofküche. Nun, ist das nicht mehr wert als Hallers Alpen?«

Wir lachten über diesen kühnen Vergleich; aber Doktor Clemens blieb ernst und behauptete, er sei eben selbst daran, eine neue Suppe herauszustudieren; wenn's ihm gelinge, freue sie ihn mehr als alle frühern Taten. Über diesen Ausführungen aber waren wir lebendig geworden, und herzlich erwärmt gingen wir später auseinander.

Während du mit Fräulein Mathilde die Treppe hinunterstiegst hielt er mich einen Augenblick zurück: »Deine Schwester – es hat mich zuerst so übernommen! Ach, daß ich nun das noch erlebe!« Und dann faßte er mich am Kinn wie einst und lächelte mich an: »Koböldchen, Koböldchen, mir ist, als ob du die Weisheit der kahlen Wände nimmer brauchtest. Ja, die graden Augen! Habe ich es dir nicht gesagt? Das ist mehr wert als der geradeste Rücken! Immerhin, sollte es doch noch einmal anders kommen, ich sage dir heute: die Weisheit der kahlen Wände – ja, gewiß, aber grüne Suppen für die Armen, Bodenkraft und Sonne in die gottverlassenen Stadthäuser – item, du verstehst mich.«

Wir gehorchten Doktor Clemens und wanderten zu den Arbeiterhäuschen hinüber. Dicht am Waldrand eine stattliche Kolonie, reizende kleine Häuser, keins dem andern gleich, aber alle übereinstimmend und der Bauart gemäß, die dieser Boden heischte. Kleine geblümte Vorhänge hinter klaren Scheiben, Spalier an allen sonnigen Wänden, Gärtchen, aus denen liebevolle Hände so viel Nahrhaftes und Schönes zogen, kleine Hühnerställe, aber das Federvieh mit den gesunden Kindern im lichten Vorwald sich tummelnd. Du warst ganz entzückt. An jedem Gärtlein bliebst du stehn und wärest am liebsten in die saubern Häuschen hineingelaufen. Und während wir den Heimweg durch den Wald nahmen, schwärmtest du: »Ach, so ein Häuschen! Weißt du, die schönen Villen in den großen Gärten, da habe ich niemals Lust danach. Ich weiß nicht, wie man das kann, in prunkvollen Häusern sitzen und über englischen Rasen tändeln – ach, all die warme gute Erde, nur um solch einen grünen Pelz hervorzubringen! – und dabei wissen, wie nun die Leute draußen mit neidischen Blicken vorbeigehn. Sie wären so dankbar um ein paar sonnige Fenster und ein paar Fuß Erde; aber die da haben alles haufenweise, die Sonne, die Erde, und sie wissen nichts damit anzufangen, und im Sommer lassen sie wochenlang die ganze Herrlichkeit stehn und laufen in die Berge. Die Sonne bettelt umsonst vor geschlossenen Läden, man läßt sie nicht ein. Und das kann man sich nun ansehn von der Straße her, die verlassenen Gärten kein Mensch nützt ihren Schatten und die verschlossenen Häuser und dann heimgehn in seine muffige Stadtwohnung! Wie ist da die Armut auf einmal schwer, und man höhnt: Da heißt es, er lasse die Sonne aufgehn über Gute und Böse; aber über Reiche und Arme scheinen läßt er sie nicht! Ach, es muß schwer sein, in reichen Häusern leben!

Aber so ein bescheidenes Häuschen! Die Leute, die vorbeigehn, fangen an zu rechnen: Das Gärtlein, so und soviel Gemüse gibt das im Jahr, und da sind die Hühner, die Eier sind nun schon so teuer, und die Kaninchen, was das für ein gutes Fleisch gibt! Das Gras für sie aber holt man am Straßenbord umsonst. Und wenn man nun noch ein wenig mehr sparte: Am Sonntag könnte man auch in den Wald statt in die Gartenwirtschaft das macht jede Woche ein paar Franken. Und die Feste? Ein dummer Kopf und der leere Geldbeutel, mehr hat man eigentlich nicht davon. Und der Abendschoppen? Damit ist's auch nicht besser; aber daheim könnte man ganz gut noch ein wenig arbeiten, so eine Kleinigkeit im Akkord, das brächte wieder etwas ein und weiter, und weiter auf einmal glimmt eine Hoffnung auf, und mit einem gesunden Sparen fängt es an, mit einem fröhlichen Schaffen geht's weiter, und bei so einem lieben Häuschen endet es. Simon, in solchem Häuschen möchte ich leben, und ich säße in Gärtchen an den Sonntagen und nickte allen Vorübergehenden zu: Ja, ja, versucht's nur, es lohnt sich. Und hier, nehmt vorläufig einmal diese Blume mit. Riecht daran, was für eine Himmelsluft drin ist!«

So phantasiertest du, und ich neckte dich: »Weißt du was, wenn Peter Grüning das Rauchen aufgäbe, das wäre immerhin schon beträchtlich, und wenn es Mode würde, daß man auch wissenschaftliche Arbeiten bezahlte, wer weiß, dann langt es vielleicht zu solch einem Häuschen hier draußen, und in den Ferien ziehen wir da hinaus alle Vier.«

 »Aber eines Tages schicken wir euch Mannsvolk über die Berge, Martha und ich, und bleiben eine Zeit lang ganz allein mit –« Du errötetest und ich vollendete tapfer:

 »Mit den Kindern!« Und da fielen wir uns in die Arme und küßten uns wie Verrückte.

Wir waren nun mitten in der grünen Waldstille, nur vorn mit der Wegmündung ging der Blick in die Weite über die grünen Hügelwellen bis zum blauen Bergzug. Du strecktest die Arme aus: »So übermütig wird man in diesem Wunderland; man glaubt auf einmal, daß das Leben eine herrliche Sache sein könnte!«

Ich schimpfte: »Mit deinen ekelhaften Konditionalen, sein könnte! Ist, Rehlein, eine herrliche Sache ist!« Aber da sah ich, wie etwas dich überschauerte, und du hattest jenen wehen Ausdruck, der mich so schmerzte. Und es war etwas wie Zorn in mir: wie oft hattest du mir die Freude verdorben mit diesen Augen! Daran, daß man sie früher nie an dir gesehn, dachte ich nicht.

Weißt du noch, wie friedlich wir am Nachmittag mit Luise zusammensaßen? Wer hätte jemals gedacht, daß dieses kärgliche Wesen mit so feinen Fühlern unser Leben durchspürt hatte und daß bei ihr die Erinnerung einen so satten Boden fand? Nun tischte sie uns alles Freundliche aus der Vergangenheit auf, und Rehlein, das Singvögelchen, das Sonnenscheinchen, Rehlein, der lustige Wildfang war überall im ersten Grund. Ich glaube, auch du wurdest wehmütig vor solchen Erinnerungen.

Aber Luise sprach auch von sich. Sie lächelte dir mütterlich zu: »Für uns Frauen beginnt das wahre Leben doch erst mit der Hochzeit.« Und wir mußten ihr ganzes, liebevoll gepflegtes, braves Heimen betrachten. Als wir hier heraufkamen in die Giebelstube, wo ich jetzt über diesen Blättern sitze, meinte sie, die ließe sich ganz wohl vermieten, sie bedürften ihrer nicht; aber bis jetzt hätten sich noch keine Fremden in das Städtchen verirrt.

Du blicktest nachdenklich durchs offene Fenster in die dunkle, mit smaragdgrünen Trieben übersäte Wand des Tannengürtels, der damals noch das Pächterhaus vom Herrschaftsgarten trennte: »Hier sollte man wohnen können, wenn man ganz glücklich ist oder sehr unglücklich, so, daß man es bei den Menschen nicht mehr aushält.«

Und du strichest zärtlich über die leere, samtbraune Holzwand. Ja, Rehlein, diese verschwiegene braune Wand hier hat deine Hand gesegnet. Die Stunde bei Luise war unser letztes rühiges Zusammensein auf dem Ruwenberg. Wie ein beutegieriges Raubtierchen lauerte Susanne uns auf, und als wir herüberkamen, stürzte sie sich mit Triumphgeschrei auf dich: »Nun ist es vorbei mit der Gnadenfrist, und heute abend gehört ihr ganz mir! Der Onkel geht zum Dienstagsjaß ins Städtchen, und der Tante habe ich es schon beigebracht, daß die Antiken nicht immer dabei zu hocken brauchen, wenn Jugend beisammen ist.«

So kam jener Abend selbdritt im Gartensälchen. Susannes Erregtheit verriet uns bald, daß sie Besonderes im Schild führte. Als der Mond aufgegangen war und mit vollem Gesicht ins Fenster sah, löschte sie plötzlich die Lichter: »So, Simon, nun setze dich dort in die dunkle Ecke. Ich muß vergessen, daß du da bist, und doch sollst du wissen, was ich dem Rehlein zu sagen habe, damit du uns helfen kannst.«

Und in meiner verborgenen Ecke vernahm ich jenes seltsame, kindische und leidenschaftliche Geständnis einer Liebe, von der das arme Ding nicht wußte, ob sie Erwiderung fand oder nicht. Und dann die wunderliche Bitte, wir möchten ihr zur Gewißheit verhelfen oder – für den Fall, daß der Geliebte selbst noch nicht in klaren sein sollte – ihn auf den rechten Weg bringen. »Denn, daß er keine andere liebt, das weiß ich genau!«

Ihr Plan entsprach ihrer naiven Vorstellung: An ihrem Geburtstagsfest, zu dem auch er mit andern jungen Leuten eingeladen wurde – oder eigentlich die andern jungen Leute zu seiner Maskierung – solltest du bei der kleinen Landpartie seine Dame sein. Das machte sich ganz natürlich; denn er war ein großer Verehrer von Peter Grünings Gedichten und freute sich, dessen Braut kennen zu lernen. Bei diesem Anlaß hättest du die schönste Gelegenheit, ihn auf seine Gefühle auszuforschen – für eine Braut mußte das doch ein Leichtes sein! – oder auch, ihn leise auf sie hinzuweisen. »Und wenn er es merkt, daß ich ihn lieb habe, das ist mir ganz gleich. Im Gegenteil, ich möchte, daß er es wüßte, wie grenzenlos ich ihn liebe, und nähme er mich schließlich aus Mitleid, ach, Rehlein, wenn er mich nur nimmt! Ich will ihm dann schon das Leben so schön machen, daß er mich lieben lernt. Denn nie mehr kann ich einen lieben wie ihn!«

Es war mir unendlich peinlich, Zeuge dieses Geständnisses zu sein, dessen Hemmungslosigkeit mir unnatürlich erschien. Ich stellte mir vor, daß dein feiner weiblicher Stolz sich dadurch verletzt fühlen mußte, und war deshalb erstaunt zu sehn, mit welcher Güte du auf alles eingingst und versprachst, in der Sache dein Mögliches zu tun. Mit aller Zartheit wolltest du ihn aushorchen und von Susanne soviel Liebes sagen, als irgend anginge. Inzwischen sollte ich Susannes Begleiter sein; sie wünschte es so, denn sie wolle mit keinem andern jungen Manne gehn als mit ihm. Wenn dann der rechte Augenblick gekommen, würde sich der Wechsel ja ganz natürlich machen.

Du lächeltest beinahe gerührt: »Ach, Susi, liebes Kind, du wirst sehn, alles kommt gut!« Und küßtest das beglückte Mädchen, das vor dir am Boden kniete wie eine Büßerin, auf die glühenden Wangen. Da sprang sie auf und riß dich in ihre Arme und küßte dich dermaßen leidenschaftlich, daß es aussah, als ob Artemis einer Bacchantin in die Hände geraten wäre. So fein und kühl erschienst du neben ihrem glühenden Ungestüm. Und der Mondschein rann über dein schmales Gesicht und ihren breiten, weit entblößten Nacken.

Als wir nachher noch allein in deinem Zimmer waren, konnte ich dir einen Vorwurf nicht ersparen: »Hast du ihr nicht zu viel Hoffnung gemacht?« Aber du sahst mich erstaunt an: »Was müßte das für ein Mann sein, der gleichgültig bliebe vor diesem schönen, blühenden Geschöpf?« Und du lachtest: »Nun weiß ich ja wahrhaftig noch nicht einmal, wie der Auserwählte heißt! Das muß ich allerdings vorher erfahren, damit ich nicht an den Falschen gerate!«

Seit diesem Abend hängte Susanne sich mit ganzer Inbrunst an dich. Sie bekannte: »Früher, wenn Luise dich mir immer zum Muster gab, habe ich dich eigentlich gehaßt aber jetzt ginge ich für dich durchs Feuer!«

Es war seltsam, wie sie, die wenig Jüngere und soviel Stattlichere, dich vergötterte. Anderseits war es augenscheinlich, daß du in Verkehr mit diesem lebensfrohen Mädchen selbst von Tag zu Tag froher, sorgloser wurdest. Oft konntet ihr geradezu ausgelassen sein. Dann wurde der Vetter wehmütig: »Solche Kindsköpfe! Ja, ja, auch das Rehlein, trotz allem, ein liebes herziges Kind, und in zwei Wochen soll das eine Frau Professor sein. Es ist schon ein wenig zum Heulen. Aber was will man da? Mir ist auch, als ob wir heuer mit der Suse den letzten ledigen Geburtstag feierten; drum soll's noch einmal lustig zugehn. Weiß der Himmel, aber das Mädchen kommt mir vor wie so ein junger Vogel, der sich die Flügel strählt. Da kann man drauf zählen, daß er in der nächsten Stunde flügge ist.«

Ich aber wurde unter solchen Bemerkungen jeweils wie ein Mensch, der ein schlechtes Gewissen hat. Im übrigen jedoch waren auch für mich diese Tage voller Freude. Unter deiner Inanspruchnahme durch Susanne litt ich kaum; denn ich hatte meinen Gedanken eine so angenehme Weide, daß ich gern mit mir war, und dann waren ja diese täglichen Ausfahrten in des Vetters feudaler Kutsche, die mich die geliebte Jugendheimat zum ersten Male wirklich kennen lehrten. Da der Vetter als Ziel einer jeglichen Fahrt irgend ein beliebtes Bauernbädlein wählte, das durch Forellen, Schinken, Nidel und Küchlein besonders gesegnet war, kamen wir so recht ins Bauernland hinein: zu den stattlichen Höfen, wo unter vielhundertjährigen gewaltigen Dächern der alte Bauernadel sitzt, den stillen grünen Tälern ins Herz und auf die weithinblickenden sonnigen Hügel. Und die größere Vertrautheit erschloß uns immer mehr die Schönheit dieses begnadeten Landes.

Du warst ganz ergriffen: »Bei uns daheim ist es eigentlich gar kein rechtes, einheitliches Land, bloß eine Zusammensetzung von Landschäftchen. Und im Gebirge: Alle Linien gebrochen, zerrissen. Gewaltig wohl, aber ohne Fortklang, in Stücken. Hier jedoch ist es ein einziges Land, alles zusammengehörig, alles aufeinander bezogen und die Linien ohne Abbruch und so groß, daß man das Unendliche spürt.«

Aber der Vetter lachte: »Was für gewichtige Worte macht unser Rehlein! Daß es hier schön ist, das kommt doch nur daher, weil jedes Plätzlein Erde weiß, was es zu tun hat, und weil jedem Stäudelein seine Bestimmung zukommt, und so sind diese grünen Wiesen zum Beispiel dazu da, um schließlich als eine solche schöne dicke Nidel jungen Mädchen die allzuweisen Mäulchen zu stopfen.«

Und er schob dir einen Teller hin, darauf die Sahne herrlich getürmt saß wie eine glänzende Sommerwolke, und es war ja schon so, daß dir nichts auf der Welt besser schmeckte als Rahm. Du lachtest demnach vergnügt: »Gewiß, das gehört auch zu diesem Land, daß alles zuletzt in irgend eine nahrhafte Freude mündet!« Und du wurdest so lustig, daß der Vetter zärtlich wehmütige Anwandlungen bekam.

Aber zu mir sagtest du später, als wir vor dem Zubettegehn noch einen Augenblick in meiner Kammer beisammen saßen: »Es war halt doch ein Unglück, daß unsere Eltern dieses Land verließen. Ich glaube, jetzt weiß ich, was es ist, das mich oft so überfällt: Wir haben keinen rechten Boden mehr, wie Verstiegene sind wir; aber hier wäre es so leicht, heiter und ehrlich zu sein, und niemals würde man zweifeln, welchen Weg man gehen soll. Das spürte man in sich; denn in diesem ganzen und hellen Land, könnte man anders sein als ganz und hell?«

Als du aber so sprachest war alle Fröhlichkeit dieser Tage gänzlich dahin, und deine Worte taten mir weh. Das fühltest du wohl und wolltest mich ablenken; denn plötzlich ändertest du deinen Ton: »Weißt du übrigens, wer Suses Auserwählter ist? Der junge Fabrikherr, der Mann mit den reizenden Häuschen! Und Hansheinrich heißt er, Hansheinrich Hofer. Die Sache bekommt entschieden einen Stich ins Balladenhafte: Es gilt uns heut zu rühren des Suppenjünglings Herz!«

Dann küßtest du mich flüchtig, und während du die Türe zu deiner Kammer schlossest, klingelte dein feines Lachen zu mir herüber und tönte so unbekümmert wie am Nachmittag über dem Bauernteller, und die Nidel saß darauf wie eine Sommerwolke. Das aber war am Abend vor Susannes Geburtstag. . .

Niemals mehr soll mir jemand von Ahnungen reden und sichern Schicksalszeichen; denn hat je ein Tag heiterer begonnen und glückverheißender als jener Maisamstag?

Schon das Erwachen war Entzücken: Mendelssohns Frühlingslied, von deinen Händen Großmutters sanftem Klavier entlockt, und nie zuvor hatte ich gewußt, daß die Seligkeit von tausend jungen Herzen aus diesem Liede jauchzt, und nie zuvor, daß deine Hände so jubeln konnten.

Selig ungeduldig wie ein Hochzeiter fuhr ich in die Kleider, riß die Fenster der hellen Sonne auf, und als ich die Treppe hinunterlief, geriet ich just dem Geburtstagskind in die Arme. Suse frohlockte: »Der erste, den ich treffe, ein Mann und ein Buckliger, nun kann es mir nicht fehlen!« und riß mich unversehens an ihr grünseidenes Herz, daß ihre junge Wärme mir den Atem benahm und süßeste Erinnerungen aufwirbelte.

Dann standen wir alle am Geburtstagstisch. Wir waren ganz benommen: Ja, gab es denn so etwas bei gewöhnlichen Sterblichen, bei Sterblichen überhaupt? Man glaubte sich bei einer Märchenprinzessin, so häuften und drängten sich die Geschenke, und einen Geburtstagskuchen erhielt das große Kind auch noch. Die achtzehn Kerzchen flämmelten in den hellen Morgen hinein wie so viele Freudenfeuerchen. Suse war ganz außer sich vor Vergnügen. Wie ein junger Hund durchstöberte sie die Geschenke, zerriß voll Ungeduld die rosenroten Bändchen der Pakete, warf Papier und Schachteln achtlos zu Boden und umarmte von Zeit zu Zeit unter einem Jauchzer die beiden Alten, die mit rührungsfeuchten Augen das Glück ihrer Pflegetochter betrachteten. Und sie war noch nicht fertig mit Auspacken, als die Glocke ging und ein weißschürziges Mädchen einen mächtigen Blumenkorb aus dem Städtchen heraufbrachte. Suse erklärte: »Von einem der Eingeladenen von heute nachmittag. Die andern werden nicht ausbleiben.« Und sie zwinkerte uns verheißungsvoll zu.

Dann kam eine um die andere der prunkvollen Blumenspenden. Jedesmal fuhr Suse der Überbringerin voll Ungeduld entgegen, jedesmal schien sie enttäuscht, und während der Vetter die Zöfchen nicht allein mit freundlichen Worten belohnte, flüsterte sie uns zu: »Noch immer nicht der Rechte!«

Ein märchenhafter Strauß dunkler Rosen rief aller Aufmerksamkeit auf sich. Suse wurde fast so rot wie die Blumen: »Die sind aus der Stadt, solche bekommt man hier nicht!« und sie wollte hastig nach der angehängten Karte greifen. Aber der Vetter streckte den Strauß hoch: »Errat, Kind!« und als sie zögerte, hielt er den Finger auf: »Suse, nimm dich in acht, der schwarze Knabe fängt an, mir fürchterlich zu werden!«

Sie wandte sich entrüstet weg: »Ach, von dem? Der Amtsrichter kann mir gestohlen werden!« Und ließ Rosen und Vetter stehn.

Der machte ein höchst verblüfftes Gesicht: »Da soll sich nun einer auskennen!«

Elf Sträuße prunkten schon nebeneinander und suchten sich gegenseitig zu überstrahlen, als das kleine blonde Mädchen mit seiner Gabe erschien: ein dunkelbraunes Weidenkörbchen, mit Himmelsschlüsselchen und Frauenschuh gefüllt, und um den Henkel ein Kranz gelber Weidenkätzchen. Die Kleine streckte Susanne den Korb mit beiden Händen entgegen: »Vom Herrn Hofer, und er läßt gar vielmal wünschen, und auf den Nachmittag freue er sich!« Und während Suse die Blumen entgegennahm, flüsterte das Kind errötend: »Wir haben sie im Berg geholt, weil sie hier schon verblüht sind, und Herr Hofer hat uns selbst geholfen!« Dann stob sie davon, und kein Rufen und Locken brachte die Flüchtige zurück.

Der Vetter besah sich das Körbchen: »Pompös ist das gerade nicht! Aber eben, er ist für's Bodenständige. Übrigens bin ich sicher, daß er dafür nicht weniger ausgab als der Amtsrichter für seine Rosen, bloß daß er es lieber den Kindern zuhielt als dem Stadtgärtner. Zu meiner Zeit dachte man mehr an die, die man beschenken wollte, als an den, dem man zu verdienen gab. Aber, was wollt ihr? So kurios ist nun scheint's die Jugend.«

Suse stand ganz verdattert da: »Gelb, man schenkt doch nicht gelbe Blumen, das ist ja die Farbe des Hasses!« Es war, als ob sie gegen die Tränen kämpfte. Aber du lachtest sie aus:

 »Gelb? Die Farbe der Freude, die Farbe des Frühlings, des Lebens und der Sonne! Ach, seht doch das wundervolle goldene Frühlingskörblein! Mir ist es das Liebste von allen!« Und du nahmst es ihr aus der Hand und strecktest es über dich, dem Licht entgegen, und es war, als ob Sonne aus den goldbewimperten Weidenkätzchen und all den zahllosen zarten und tiefgelben Blumensternen hervorbräche und über dich und dein goldfarbenes Kleid niederränne. So standest du da, in einer Mandorla goldenen Lichtes, du selber fein, hell, leuchtend wie ein Engel des Fra Angelico.

Der Vetter schmunzelte: »Ja freilich, wenn ihn das Reh so hält, dann gewinnt der gelbe Korb ein Ansehen; aber vorher, auf Suses grünem Kleid, nehmt mir's nicht übel, präzis wie der Eiertätsch im Salat.«

Wir lachten, und Suse tat mit, und da du ihr das Körblein mit beziehungsreichem Blick zurückgabst:


 »Himmelsschlüsselchen und Frauenschuh –

Was soll das bedeuten? Rate du!«


Da glänzten wieder alle achtzehn Geburtstagsfeuerchen auf ihren Wangen. Sie fiel dir lachend um den Hals, und während sie mit dir durchs Zimmer tanzte, war es lustig, wie das sanfte Gold und prunkhafte Grün eurer Kleider sich vermischten und wie Suses solide Füße und deine flüggen Schühlein durcheinander wirbelten.

Dann trugen wir die Blumen in den Gartensaal, der mit diesem reichen Schmuck bald das festlichste Aussehen gewann. Du halfest dem Vetter, des Amtsrichters rote Rosen an sichtbarster Stelle über dem Kamin anzubringen. Er nickte dir zu:

»Da hast du nun ein Vorgeschmäcklein von dem, was du heute in zwei Wochen erleben wirst.«

Aber du schütteltest verlegen den Kopf. »Nein, so lustig wird es bei uns nicht sein. Es wird überhaupt kein eigentliches Fest geben, bloß die Schwestern Eßlinger und wir im Erkerzimmer, und dann ich habe keine Freundinnen und Freunde, die mir Blumen schickten.« Du lächeltest; aber das Herz zog sich einem zusammen über diesem Lächeln.

Der Vetter machte eine so heftige Wendung, daß die kostbaren Blumen beinahe heruntergepurzelt wären.

 »Was,« rief er entrüstet, »kein Fest? Was soll jetzt das wieder bedeuten!«

Du suchtest ihn zu beschwichtigen: »Mein Bräutigam liebt Feste nicht.«

Und ich in meiner Verlegenheit fügte meine alte Phrase bei: »Das Rehlein ist eben anders als die andern.«

Aber da kam ich schlecht an: »Anders als die andern! Was heißt jetzt das! Weil es ein Wunderkind ist und so fein, daß alle andern Mädchen neben ihm sind wie nun halt eben wie die lieben Kälblein neben dem Reh – deshalb soll nun das Kind keine Freude haben? Glaub mir, Herr Doktor: Jung, das ist ein Begriff und schön ein anderer und Freude der dritte; aber die drei gehören zusammen. Und wenn nun so ein liebes Kind den großen Weg antritt, mit Blumen überhäufen, mit Freude überkränzen seinen ersten Schritt, etwas anderes gibt es nicht! Und wenn ihr euch nicht eines andern besinnt – den Herrn Bräutigam und Professor will ich morgen noch diesbezüglich in die Kur nehmen – weiß Gott, ich spanne selbst an in zwei Wochen, und zwar das große Break, und die Suse lade ich auf und sonst noch einen Büschel junges Volk und eine Tanzmusik ebenfalls, und damit fahre ich direkt vor den Kleinen Schwanen. Vernünftiger wäre es freilich, wenn ihr grad hierher kämet, damit ich euch zeigen könnte, wie man so einem Rehlein die Hochzeit richtet.«

Während Suse voller Begeisterung über diesen Plan ihrem Pflegevater wieder einmal an den Hals flog, verließest du leise den Saal. Sobald es anging, folgte ich dir nach; aber ich suchte dich lange vergebens. Endlich fand ich dich auf dem alten Bänklein unter der Linde, wo ich mit Mutter so oft und in so wichtigen Augenblicken gesessen.

Du strecktest mir Peters Morgenbrief entgegen: »Sieh, wiederum ein so herrlicher Brief. Und doch, es ist mir, als ob er von ganz fern her zu mir spräche. Weißt du, ich glaube, es ist gut, daß er morgen kommt, und dann reisen wir heim, und alles ist vorüber.«

Ich setzte mich neben dich und griff nach deiner Hand; aber da sprangst du auf: »Nein, Simon, jetzt wollen wir keine tiefen Gespräche führen, nicht wahr? Heute, heute soll es noch einmal so ganz hell und unbekümmert sein!« Und dann flohst du nach dem Haus hinüber, wo Suses grünes Kleid zwischen den Bäumen aufleuchtete, und ließest mich allein mit Peters Brief.

Ich las diesen Briet, der stark und glühend war wie Griechenwein, und es lag eine große Sehnsucht darin und die gewaltige Freude, aber kein Tropfen Heiterkeit. Und da ich mir so überflüssig vorkam und innerlich uneins war, flüchtete ich mich zu Doktor Clemens. Ich glaube, wir sprachen nur von euch, von dir und Peter Grüning, und während ich dem alten Freunde so recht das Bild dieses herrlichen Menschen vor Augen zu stellen suchte, wurde ich selber warm und gehoben, und die Freude gewann wieder die Oberhand.

So brauchte ich mir keine Gewalt anzutun, als ich mich zu euch an den Mittagstisch setzte; meine Stimmung paßte zu eurer Fröhlichkeit. Auch dein Gesichtlein war wieder voller Sonne, und so saßen wir noch einmal froh beieinander. Und dann erwartete man die Gäste.



Soll ich nun gewissenhaft und aufmerksam auch durch die kommenden Stunden gehn? Mein armes Herz drängt mich, sie in flüchtigen Schritten zu durcheilen; aber ich muß über dieses unweise alte Herz Meister werden. Noch einmal. Und die Augen scharf und klar machen, daß sie es sehen, alles untrüglich, wie es war. Dann mögen sich auch diese Stunden zu all den andern legen, die mein Bekenntnis zur Ruhe gebracht hat.

Alles untrüglich, wie es war.

Ich stehe mit dem Vetter im Gartensaal und warte auf die Gäste, derweil ihr Mädchen euch noch zum Ausgang rüstet. Es ist ein alter Trick von mir, daß ich als erster auf dem Plan erscheine. Ich habe es längst heraus: meine Person wird von den Einzelnen leichter verdaut, als wenn ich so als Überraschung und Schlußeffekt vor der Gesellschaft erscheine. Aber heute geschieht es wohl ohne Absicht. Ich trage gegenwärtig nicht schwer an meiner Bürde, und im Städtchen ist man unterrichtet über meine Person.

Bald kommt auch Suse. Sie möchte nichts versäumen. Sie trägt ein Rosenhütchen zum grünen Kleid und strahlt vor Erwartung. Und dann die Gäste: einzeln, als Pärchen und in Gruppen. Es zeigt sich, daß der junge Amtsrichter in der Tat ein bildschöner Mensch ist mit schwarzem Lockenkopf und prachtvollen Zähnen. Die Augen sprühen, wenn er das Geburtstagskind beglückwünscht. Auch ein Student ist dabei. Die Mütze ist zwar hier nicht am Ort; aber ihr festliches Weiß paßt in den jungen Flor. Die Mädchen fast alle in Seide, sehr herausgeputzt, sehr nach der Mode, wie es in kleinen Städten der Fall, wo man, aus Angst, zurückzubleiben, den Großstädterinnen immer ein paar Schritte vorausspringt. So wirkt dann alles ein wenig unverstanden, unangepaßt und auffallend.

Ich werde ungeduldig auf deinen Anblick – wie die Feuerlilie unter Klapperrosen wirst du zwischen ihnen sein – und ich stelle mich so, daß ich dich gleich sehe, wenn du vom Eßzimmer über die drei Tritte niedersteigst. Ich stehe mit dem Rücken gegen den Eingang vom Garten her. Dessen helle Türe zeigt sich just in dem großen, leise geneigten Spiegel neben der Eßzimmertüre.

Und dann erscheinst du im dunkeln Türrahmen. Du trägst den großen Florentinerhut, das lange, goldbraune Band nach dem Nacken zurückgestrichen. Einen Augenblick zögerst du lächelnd über der obersten Stufe. Alle wenden sich dir zu, und mein Herz jubelt: »Seht, ihr buntes Papageienvölklein, das ist mein Reh!«

Aber da geschieht etwas Unerklärliches: Dein Lächeln erlöscht, deine Augen werden groß und voller Gold, und du bist nicht allein. Neben dir steht einer, seltsam entrückt und doch, als ob er zu dir gehörte, und mit ebensolchen wunderlich großen Augen wie du. Es ist nur eines Atems Länge, wie eine Vision, dann drängt sich Suses grünschillernder Rücken vor jenen andern, und du gleitest leise, als ob nichts geschehen wäre, über das Trepplein nieder. Mir aber ist, als ob eine gewaltige Faust mein Herz träfe.

Es wird dann doch alles erklärlich: Das war nichts anderes als das Spiegelbild des jungen Hofer, der gleichzeitig mit dir, vom Garten her, eintrat. Ich betrachte ihn: ein hübscher, herzlicher Junge, blond, blauäugig, schlank nichts mehr, und ich atme erleichtert auf. Aber wie er mich begrüßt, fühle ich, daß er doch noch etwas mehr ist; denn er gehört zu den Wenigen, den Feinen und Gütigen, die meinem Anblick gewachsen sind.

Dann geht alles verabredungsgemäß vor sich. Suse bringt euch geschickt zusammen und nimmt mich schleunigst an ihren Arm, ehe der Amtsrichter zuvorkommt. So formieren sich die Pärchen, und so geht es hinter dem Pächterhaus durch über den Hügel nach dem Wald. Alle die Pärchen Arm in Arm. Nur ihr beide, du und der junge Hofer, bleibt getrennt.

Suse hält mich zurück: »Wir wollen ihnen nicht zu nahe folgen, sonst geniert sich am Ende das Rehlein. Ob es wohl jetzt gleich zu sprechen anfängt?«

So gehen wir in angemessener Entfernung hinter euch her. Ihr scheint wenig zu sprechen. Dann nimmt er dir das Beutelchen vom Arm und trägt es. Eine Erinnerung zuckt auf: So bin ich schon einmal hinter zwei Menschen hergegangen, und dann nahm Doktor Eßlinger Mutters Arbeitskörbchen und trug es ihr, und ich spürte, wie ihre Schritte zusammenpaßten. Da sitzt mir abermals die harte Faust im Herzen.

Später entzieht der Wald euch unsern Blicken, und wie auch wir in die grüne Dämmerung eintreten, schwebt dein heller Hut schon weit vorne. Dein Begleiter hat den seinen abgenommen; das blonde Haupt leuchtet, wenn wo ein Sonnenstrahl zwischen dem Buchengrün niederflockt. Dann frißt euch die Wegbiegung.

Der Amtsrichter macht sich an uns heran. Er führt ein zartes, ein wenig zimperliches Fräuleinchen, Typus Blaustrumpf mit Kneifer. Er ist sehr aufgeräumt und hat so viele drollige und schmeichelhafte Komplimente für Suse, daß sie schließlich doch auch Vergnügen daran findet.

Der Weg windet sich in sanften Serpentinen bergan. Da entdeckt der Amtsrichter eine Abkürzung: »Ach was, dieser sittsame Rückenmärterweg ist doch nicht für uns Junge, gehen wir doch da hinauf!«

Ich merke schon, er möchte mich von der Suse wegbringen. Sie hakt sich fest ein: »Zum Trotz nicht!«

Aber ich kombiniere: die Abkürzung führt uns euch nach, und ich wage es. Es geht ganz gut, und bald schlagen sich auch die andern auf unsern Pfad.

Allein, meine Berechnung war falsch, der Weg führt nicht über die Serpentinen hinauf, sondern verfährt selbständig. Es ist überhaupt kein richtiger Weg. Wir kommen in heikle Lagen. Die Mädchen in ihren kostbaren Kleidern sind etwas erbost, die Jünglinge entzückt; denn sie müssen überall nachhelfen, und ich kann schließlich nichts mehr denken, als wie ich meinen elenden Adam an ein gutes Ziel bringe.

Schließlich kommen wir doch alle heil beim Wirtshaus auf der Höhe an. Im Freien unter blühenden Bäumen sind die Tische gedeckt; doch die Wirtin gerät in Verzweiflung: So früh habe sie die Herrschaften nicht erwartet, durch diesen unflätigen Weg komme doch sonst kein anständiges Weibervolk. Nun müßte man eben noch warten.

Man wartet, man macht Spiele, man ist wild und vergnügt wie Kinder. Der Amtsrichter hat nun die Suse doch erwischt und jagt sich mit ihr um die Bäume. Ich bin plötzlich allein und weiß nicht, ob mein Herzklopfen von dem schlimmen Aufstieg kommt oder von dem andern: Ihr beide, die ihr auf dem langen Weg bliebet, seid immer noch nicht da. Ihr allein.

Man setzt sich zu Tisch. Suse hat sich wieder zu mir gefunden. Der Amtsrichter macht sich an ihre andere Seite. Gegenüber wird der Platz für euch freigehalten.

Endlich erscheint ihr. Vom Waldrand her quer über die Wiese. Ganz langsam und frei kommt ihr daher. Als ob niemand auf euch wartete, mit diesen schönen schlanken Schritten. Und ringsum Blust und Blumen und junges Grün. Ach, wie hast du heute morgen Mendelssohns Frühlingslied gespielt!

Die andern lachen euch aus: »Oh, ihr Verspäteten, ihr Silvester, so geht es, wenn man den Pfad der Tugend wandelt!« Aber der Amtsrichter spitzelt halblaut gegen Suse: »Heute war der Tugendpfad jedenfalls der Einsamere.«

Ich möchte den schwarzen Kerl ins Gesicht schlagen. Du nimmst deinen Hut ab, der junge Hofer legt ihn behutsam neben den seinen ins Gras. Das macht mich wild, die beiden Hüte so nebeneinander zu sehn, so selbstverständlich vertraut! Ihr nehmt uns gegenüber Platz. Die Sonnenstrahlen, vom weißen Blust nur wenig gemildert glänzen auf seinem blonden Haar und vergolden auch deinen braunen Scheitel. Wie ein kleiner Heiligenschein flimmern die jungen ungefesselten Härchen um deine Stirn.

Suse flüstert mir verstohlen zu: »Siehst du, was für ein Gesicht das Rehlein macht; so selig würde es gewiß nicht aussehn, wenn es schief ginge.« Und sie gibt mir unter dem Tisch einen frohlockenden Tritt mit ihrem soliden Fuß, daß mich die Zehen schmerzen.

Du lachst in die weißen Kronen über dir: »Oh, die wundervollen Blustbäume!« Ja, dein Gesicht ist selig. Und deine Augen – habe ich deine Augen jemals so gesehn? Die Zunge wird mir trocken: »So, nun findest du den Frühling scheint's doch nicht mehr zu kleinlich für diese Gegend!« Es tönt ganz giftig, Ich weiß, daß ich es nicht hätte sagen sollen. Du siehst mich groß und verwundert an, und dann strahlst du nicht mehr wie vorher. Auch der junge Hofer hat einen fragenden Blick. Wenn er so dreinschaut, ist er entschieden mehr als bloß ein hübscher herzlicher Junge.

Indes wird es immer lauter um den Tisch. Es wird unendlich aufgetragen und mächtig gegessen. Der Amtsrichter springt auf und hält eine glühende, glänzende Rede auf das Geburtstagskind, und Wein wird eingeschenkt zum Anstoßen. Den hat der Vetter aus seinem Keller heraufschaffen lassen durch Luisens Mann. Nun klingt und läutet es rings um den Tisch. Suse stößt mit jedem an. Als ihr Glas an dasjenige des jungen Hofer gerät, läuft ihr der rote Wein über die Finger, und ihr Gesicht wird rot wie ihre Hand.

Später erhebt sich Hansheinrich Hofer und spricht jene paar schlichten merkwürdigen Sätze, die keine Lobeshymne auf das Geburtstagskind sein wollen und nicht den natürlichen Empfindungen des Glückwunsches unnötige Worte leihen, sondern nur der Dank für diesen einen herrlichen Tag. Aber aus den wenigen Worten und dem beredten Gesicht bricht das Glück des Maientages so mächtig hervor, daß auf einmal jeder weiß: Den werden wir nie vergessen, der wird in unserm Lebensbuche bei den seltenen, hohen Festen stehn.

Es wird kein Hoch ausgebracht, sondern ein Lied angestimmt. Und wer das noch nie vernommen hat, von jungen Kehlen gesungen unter den blühenden Bäumen, der weiß nicht, was Jugendseligkeit ist:



 »Noch ist die blühende, goldene Zeit,

O du schöne Welt, wie bist du so weit . . .

Noch sind die Tage der Rosen.«


Wie junger Wald sprießen die Töne empor. Aber da gibt es zwei Stimmen, des Amtsrichters strahlenden Tenor und Hansheinrich Hofers leuchtenden Baß, die sind der grüne Dom über dem niedern Gesträuch, und in dem Dom schwingt ein Glöcklein, oder ist es die Sonne zwischen jungem Buchengrün? Wie aus Gold und Waldgrün gesponnen ist deine Stimme, Rehlein.

Ich halte mich still. Das Singen würde mir übel anstehn. Wie eine Beleidigung müßte es all den schönen jungen Menschen erscheinen; denn weiß nun einer von diesen schönen jungen Menschen, daß auch ein Krüppel jung sein kann und begierig nach Glück? Irgendwo steht ein Bänklein unter dem Haselbusch, und der Mond scheint. Ich schaue zu dir hinüber, du allein weißt es; aber deine Augen sehen mich nicht. Die sind voller Gold und Lachen und himmelfern, und ich sehe dich durch unser Klostergärtlein jagen, jauchzend, mit peitschendem Haar, und Mutter streichelt mir sanft die heißen Hände: »Mir ist, das Rehlein habe uns weit weniger nötig, als daß wir seiner bedürfen.«

Dann will auch der Student zur Geltung kommen. Der Freundschaftskantus steigt. Zuerst mächtig und trutzig froh mit der Stimmenfülle und dem heitern Glockenspiel der Gläser: »Lebe! Liebe! Trinke! Schwärme!« Aber der Kreis ist zu groß, das Lied, unendlich wiederholt, wird zur Obsession, zur Säge, zum schmerzhaften Hammer in den Schläfen, wird durch das langsame Abnehmen der Stimmen kläglich, beklemmend wie ein langhingezogenes Sterben. Man atmet auf, als es beim letzten Paar versiegt. Der Zufall hat Hansheinrich Hofer und Susanne zur letzten Runde zusammengespannt. Suse glüht, während ihr Glas unablässig mit dem andern zusammenklingelt, und leert es zum Schluß mit einem einzigen andächtigen Zug.

Ihr Partner schaut ihr verwundert zu und vergißt darüber, Bescheid zu tun. Daraus macht der Amtsrichter einen Skandal: »Das ist eine Beleidigung Ihrer Dame!«

Der andere errötet ein wenig, hebt dann sein Glas rühig: »Dem Engel des Tages!« Dabei weiß man nicht, wohin er schaut. Suse gibt mir einen seligen Fußtritt, aber zugleich sehe ich, wie auch deine Wangen sich leise röten, Rehlein, und deine Augen werden dunkel.

Der Amtsrichter läßt es nicht gelten: »Zu spät! Das Recht, Ihre Dame heimzuführen, haben Sie verwirkt!« Und während er mir sein Jüngferchen zuschiebt: »Das arme Fräulein hat so schwer gelitten an meinem Banausentum, trösten Sie sie, Herr Doktor!« bietet er Susanne den Arm. Sie sträubt sich; aber da sie sieht, daß der junge Hofer sich bereits wieder dir zugewendet hat und sich eben mit Hut und Täschlein beladet, bleibt ihr nichts anderes, als dem Amtsrichter zu folgen; der strebt mit ihr lebhaften Schrittes dem Walde zu.

Diesmal nimmt die Gesellschaft den gemächlichen Serpentinenweg. Ich richte es ein, daß ich mit meiner Dame am Schluß bin. Direkt hinter euch. Meine Partnerin erfaßt meinen Arm mit einer Gebärde, als ob dies eine Wohltat für mich wäre. Dabei ist sie wißbegierig zum Schreien. Fortwährend stellt sie Fragen, und während ich zähneknirschend antworte, laufen meine Augen und Ohren hinter euch her. Ihr sprecht so leise, mein Blaustrümpfchen so laut, ich verstehe kein Wort von euch. Weshalb gebt ihr euch nicht den Arm wie alle andern? Fürchtet ihr die Berührung? Ich betrachte die beiden ungleichen Hände, die so nahe beisammen zwischen euch hangen. Sie scheinen ganz leblos. Oder sind sie bloß gebändigt, und in ihnen zuckt es: sich berühren, sich greifen, nur ein einziges Mal?

Mein Dämchen ist von beleidigender Sorgfalt. Wie einen Greis führt sie mich; dabei vergrößert sich der Abstand zwischen euch und mir zusehends. Nun steht sie sogar still, wird ganz schämig: »Denken Sie, Herr Doktor, am liebsten wäre ich Malerin geworden. Die Kunst ist meine große Liebe; aber die Eltern geben es nicht zu.«

Ich betrachte ihren steifen Nacken und die nichtssagenden Hände: »Ja, ja, die Eltern!« und stöhne ein wenig. Dann geht sie weiter in ihrer Beichte und gesteht, daß sie nun Philosophie studiere. »Natürlich,« stimme ich bei »,weshalb nicht Philosophie?« und ich denke: »Du hast die nötige Oberflächlichkeit dazu,« und überdem seid ihr in der Wegwindung verschwunden. Als ihr das nächste Mal auftaucht, liegt schon ein beträchtliches Stück zwischen uns, und mein Dämchen macht immer noch Bekenntnisse.

Nach und nach kommt eine seltsame Feierlichkeit über den Wald. Die goldenen Lichter sind verschwunden, der Boden wird tieffarbig und warm. Kein helles Lachen und Jauchzen mehr. Die Paare scheinen enger geschmiegt. Nur meine Partnerin schwatzt mit andachtsloser Stimme weiter. Und ihr beide seid immer noch getrennt, vielleicht weiter auseinander als vordem.

Aus dem tiefen Wald zielt unser Weg direkt in den gelben Abendhimmel hinein; aber der seltsame Glast, der den grünen Hügel vor uns überbrandet, kommt nicht vom Sonnenuntergang, sondern von der mächtigen Wolke, die rotglänzend über uns hängt. Unwillkürlich bleiben alle stehn, die beschienenen Gesichter dieser Wolke zugewendet, und einen Augenblick lang sieht die bunte junge Gesellschaft aus wie eine Gemeinschaft verklärt Betender. Nur einen Augenblick; dann jagen sie, dem Beispiel des Amtsrichters folgend, jeder den Arm um die Schulter seiner Dame, den gestuften Weg hinunter dem Ruwenberg zu.

Nur ihr bleibt allein auf der Höhe. Du stehst, die eng verschränkten Hände gegen die Brust gedrückt, vom flammenden Himmel beschienen, selbst schlank aufstrebend und leuchtend wie eine Flamme. Dein Gesicht ist mir abgewandt; aber ich weiß, daß du jetzt dieselben großen brennenden Augen hast wie damals meine Mutter, als sie von diesem Hügel aus ihre Heimat zum letzten Mal grüßte.

Plötzlich wendest du dich mir zu, als ob du die ganze Zeit an mich gedacht hättest: »Simon, warum haben wir dieses Land verlassen?« Und es sind wirklich Mutters brennende Augen.

Aber dann fassen sich eure Hände wie auf Befehl, und ohne dich weiter um mich zu kümmern, steigst du Hand in Hand mit ihm den Pfad hinunter. Ihr jagt nicht wie die andern. Leicht und leise schreitet ihr nieder, im innigsten Gleichtakt, und nach und nach schneller, daß es schließlich ist, als ob ihr schwebtet.

Und da weiß ich's: Es ist kein Märchenprinz und keine glänzende Marmortreppe; aber das ist dein Traum, Rehlein. Goldener, und du lächeltest: »Es gibt nichts, was so lieb und lustig wäre!«

Ich fasse meine Parmerin an ihrem harten Handgelenk, ich muß euch nach, ich bin ganz verrückt vor Angst. Aber sie hält mich zurück sieht mich zurechtweisend an: »Das geht doch nicht, Herr Doktor?« und ihre Augen übertreiben meinen Buckel ins Riesenmäßige. Da steige ich still und gebrochen den Weg hinab. Ich kann nicht mehr denken. Durch meine Schläfen zuckt es schmerzhaft: »Nun ist es geschehn, nun ist es geschehn!« Und dann sehe ich Peter Grüning, wie er am Bahnhof steht, einsam und ganz bewegungslos wie ein Turm.

Als wir unten ankommen, sitzt das junge Volk schon wieder an Tischen im Gartensaal. Der Vetter und seine Frau sind jetzt dabei. Er hat dafür gesorgt, daß Suse mit dem Amtsrichter just unter die roten Rosen zu sitzen kommt. Wir geraten als letzte an ein Tischchen hinter deinem Rücken. Aber ich sehe dein Gesicht im Spiegel, in diesem unheimlichen, verräterischen Spiegel! Allein, ich sehe nicht, was in deinen Augen vorgeht, das Licht der Deckenbeleuchtung legt sie in den tiefen Wimperschatten. Doch deine Wangen brennen.

Diesmal hält man es nicht lange aus bei Tisch. Suse drängt zum Tanzen; aber es zeigt sich, daß die Musikanten mit dem Essen nicht so rasch zu Ende kommen wie das wohlgefütterte, tanzlustige Jungvolk, und der Vetter will, daß die wackern Leute nicht verkürzt werden. Da verfällt er auf den Gedanken, du sollest inzwischen der Gesellschaft etwas vorspielen: »So was Frühlingsmäßiges wie heute morgen, das hat mir für den ganzen Tag das Herz an die Sonnenseite gedreht.«

Und so steigen wir alle hinauf in den goldnen Saal. Ja, es ist noch alles unverändert. Nur die Bilder der Großeltern sind ersetzt durch die Porträte des Vetters und seiner Frau. Deren goldstrotzende Rahmen dämpfen alle andern Töne. Neben ihnen bekommt der verblichene Raum etwas Unwirkliches, Entrücktes, und wie nun das Papageienvölklein auf den mattgoldenen Sesseln Platz nimmt, den verblaßten Wänden entlang, muß ich dem Vetter recht geben: es paßt nicht mehr, es ist etwas Schmerzliches in dem Gegensatz zwischen der lauten Gegenwart und der Vergangenheit, die ihre Stimme verloren hat.

Aber da setzest du dich ans Klavier. Großmutters blonder Flügel (»Ich habe ihn neu beledern lassen, nun tönt er wieder ganz nobel,« flüstert mir der Vetter zu), und auch du bist jung und blühend; doch, wie du so dasitzest in deinem matten Kleid unter dem zartfarbigen Licht des Kronleuchters, gibt es nun noch einen Gegensatz zwischen einst und jetzt? Sind nicht auf einmal alle holden Genien erwacht aus jenen Zeiten, wo der goldne Saal seine Feste feierte?

Du blickst fragend auf. »Das Frühlingslied!« ruft Suse, und du lächelst: »Ja, Frühling.« Aber wie ich dabei in deine Augen sehe, weiß ich, daß du nicht dasselbe spielen kannst wie am Morgen. Deine Brauen sind so zusammengezogen wie von einem scharfen Schmerz – oder von einer großen Seligkeit? Man kann das nicht entscheiden. Dann legst du die Hände auf die Tasten:

Ein Schimmer zartester Töne. Silbernes Gitterwerk. Aus kühlen, flimmernden Eisblumen das feine Gitter. Und nun ganz fernher ein warmer, weicher Hauch, eine sehnsüchtige Frage. Blutet da nicht ein Schmerz? Einen Augenblick nur, dann ist es wieder der feine weiche Hauch und Sehnsucht und bange Frage.

Das kühle Gitter zerschmilzt. Der warme Hauch ist da, ist heißer Atem, ist föhnglühender Atem, ist Sturm, jauchzender, heulender Föhnsturm und Weckruf und Schrei!

Die Eisblumen zerschmolzen, die Sehnsucht ist wach, ihre Frage, vom heißen Herzschlag durchpulst pocht, pocht und heischt, wird Klage, wird Anklage – Oh, hat man je solche Anklage gehört? – Das Gitter zerschmolz, die weiße Wolke zerreißt, der Himmel bricht auf: Nun antworte! Siehe, die Sehnsucht schreit auf zu dir . . .

Ist das nun Antwort? Ferne flimmernde Stimme, weicher Tropfenfall, unsäglich wehes Verklingen? Ist das Antwort dem lebendigen Sehnsuchtsschrei? Hast du keinen Trost dem brennenden Herzen als Erlöschen und Tod? . . .

Niemand rührt sich, da du zu Ende bist. Sie sitzen alle da, als ob sie frören. Zusammengeklappt, ausgehöhlt die schönen, jungen Menschen. Keiner von ihnen kennt den nordischen Meister. Unendlich fremd ist er ihnen und feindlich ihren wohlerzogenen Herzen. Nur der Amtsrichter steht wie in Flammen, und seine Blicke umfassen Suses junge Gestalt wie mit glühenden Klammern. Sie merkt es nicht, sie hat die ratlosen rührenden Augen eines Kindes, das unverdient Tadel empfängt. Und der Vetter neben mir stöhnt: »Das hab' ich nicht gemeint; das ist ja, als ob . . .« Er findet keine Worte.

Ich wage es kaum, dich anzusehn. Dein Gesicht ist entfärbt, von deinen Augen schmerzhaft beleuchtet. Du scheinst nicht von uns zu wissen. Ganz fern bist du.

Da tritt der andere zu dir. Er lächelt. Wie ist es nun möglich, daß ein junger Mensch so lächeln kann? Wie wenn eine Mutter ihr Kind aus angstvollem Schlaf aufweckt und ihm mit sanfter Hand den Traum verscheucht, so ist dieses Lächeln. Oder nein, eine starke junge Hand, die das zitternde Händchen umfaßt und still macht, und nun sind es zwei starke junge Hände, die sich fassen – solch ein Lächeln ist es. Und auf einmal bist du wieder da, dein Gesicht wird warm, und da fangen auch rings die jungen Menschen sich zu roden an, und es wird lebendig, und plötzlich auch ganz laut wie in Dornröschens Schloß, als der Prinz den Zauber brach. Und da erscheinen auch die Musikanten.

Ich führe dich nach dem Balkon hinüber, von den andern weg; aber er kommt mit. Da nehme ich sein helles, freies Gesicht scharf in die Augen: »Ich höre, daß Sie ein Verehrer von Peter Grünings Gedichten sind, Herr Hofer?«

Er hält meinen Blick aus, aber ein wenig blasser wird er dabei: »Ich darf mir wohl kein Urteil anmaßen; aber für mich gibt es zweierlei Poeten, solche, denen man glaubt, und solche, denen man nicht glaubt. Peter Grüning glaubt man seine Einsamkeit, und man glaubt, daß Einsamkeit etwas Großes sein kann. Zuzeiten aber tut es gut, daran glauben zu können »

Nun bin ich es, der seinen Augen ausweicht. Da sich die Musikanten zum Spiel rüsten, verweise ich ihn auf sie: »Den ersten Tanz mit der Tochter das Hauses werden Sie sich nicht entgehen lassen, Herr Hofer?«

Er verbeugt sich errötend und geht gehorsam zu Suse hinüber. Auf einmal ist er nicht mehr als ein schüchterner, netter Junge.

Wir beide bleiben allein auf dem Balkon. Nur Zuschauer noch vor dem bunten Leben. Du stehst mit dem Rücken gegen das schmiedeiserne Geländer gelehnt; ein matter Lichtstreifen vom Saal her löst dich aus dem nächtlichen Dunkel.

 »Für uns wird es nun wohl Zeit, uns zurückzuziehn, Rehlein. Das dort geht uns nichts mehr an.«

Du nickst, ohne mich anzusehn: »Nein, Simon, das geht uns wohl nichts mehr an.«

Ich atme erleichtert auf: »Also, gehen wir?«

 »Der Tag ist noch nicht zu Ende.«

 »Morgen kommt Peter Grüning.« Da fassest du mit beiden Händen links und rechts das Balkongitter hinter dir und legst den Kopf zurück, daß ich dein Gesicht nicht sehn kann: »Ja, morgen kommt Peter Grüning!«

In diesem Augenblick setzt die Tanzmusik ein. Es geht laut zu: Geigen, Klarinett und Klavier. Man versteht sein Wort nicht mehr. Wir blicken beide nach dem Saal.

Der junge Hofer ist ein guter Tänzer; aber es ist, als ob er nicht dabei wäre, wie eine geschickte Puppe, so beinahe sieht er aus. Suse hingegen ist ganz Hingabe und selig.

Nach dem Tanz bleibt er neben ihrem Stuhle stehn. Sie redet lebhaft und er tut, als ob er zuhörte; aber seine Augen suchen dich. So kann es ihm leicht passieren, daß der Amtsrichter ihm beim nächsten Anlaß die Dame wegschnappt. Nun bleibt er dort stehn, einen Tanz um den andern, immer so, daß seine Blicke den Weg zu uns frei haben. Wieder suche ich, dich zum Aufbrechen zu bewegen, aber du bleibst hartnäckig ohne viele Worte.

Einmal, zwischen zwei Tänzen, wischt die Suse zu uns herein. Sie ist so aufgeregt, daß sie dir gleich um den Hals fällt und dich küßt: »Oh, es ist himmlisch, mit ihm zu tanzen! Und hast du gesehn? Mit keiner andern tanzt er mehr! Aber er ist zu bescheiden, so dumm zurückhaltend! Warum tanzt er nicht einfach mit mir? Jeden Tanz? Kannst du ihm das nicht beibringen, Rehlein? Man muß doch den Mut haben zu seiner Liebe!«

Du lösest dich aus ihren Armen: »Ja, Suse, man soll den Mut haben.« Sie versteht den Ausdruck deines Gesichtes nicht, lacht vergnügt und folgt mit einem ermunternden Augenzwinkern gegen dich dem Tänzer, der sie von uns fordert.

Da kommt der Vetter mit Hansheinrich Hofer zu uns herüber. Er schnauzt uns lustig an: »Der da tanzt nicht, ihr da tanzt nicht, was soll das heißen?« Ich gehe auf seinen Ton ein: »Mich wirst du hoffentlich keiner Tänzerin zumuten, und von einer Braut wirst du auch nicht verlangen, daß sie tanzt, wenn der Bräutigam nicht dabei ist.«

Er sieht dich erstaunt an: »Ja, tanzt denn der Herr Professor so gern, daß er dich keinem andern gönnt?«

 »Er tanzt überhaupt nicht.«

»Was zum Teufel, und da verlangt er, daß dies junge Blut ebenfalls auf das schönste Vergnügen verzichte?«

Mir wird heiß. Wenn du dich überreden ließest! Herrgott, aber das kann ja nicht sein, du hast es ihm ja gelobt! Und in meiner Angst platze ich damit heraus: »Sie hat es ihm versprochen.«

Der Vetter dreht sich aufgebracht nach mir herum: »Was, das auch noch? Ein förmliches Gelübde? Heiliger Strohsack! Aber ich sage es ja immer: jeder Europäer sollte drüben einen Ehekurs durchmachen, bevor man ihm das Heiraten gestattet, damit er wüßte, was man den lieben Frauen schuldet. Ihr seid doch samt und sonders Tyrannen! Aber heute ist das Reh bei mir, und ich sage, es soll tanzen, auf meine Verantwortung. Dem Herrn Bräutigam will ich das morgen schon beibringen. Das gibt dann grad die gute Einleitung zu dem Speach, den ich sowieso vorhabe.«

Ich weiß nicht, ob du des Vetters Worte erfaßt hast und ob du nach seinem Wunsche handelst; ich glaube, daß es eher auf innern Befehl geschieht, wie oben auf dem Hügel, wenn sich eure Hände plötzlich finden und ihr eng verbunden den Saal betretet.

Es kommt so plötzlich, ich bin wie betäubt. Aber es darf ja nicht sein! Weißt du denn nicht, was du tust? Du hast es ihm doch gelobt! Treubruch! Weißt du nicht, was das heißt? Ach, Rehlein, du mein reines, heiliges Kind! Aber du vernimmst meinen stummen Ruf nicht. Hell von unbekümmerter Freude gehst du an seiner Seite. Sein Gesicht ist wie Sonnenschein.

Und nun Musik. Ein langsamer Walzer. Er nimmt dich in die Arme – ganz sanft und locker hält ihr euch, während die andern Paare sich eng zusammenschmiegen – und nun tanzt ihr.

Weißt du denn nicht, was das heißt, dich tanzen sehn, Rehlein? Weißt du nichts mehr von jenem Abend? Nachher faßte Peter Grüning deine Hände, und du wurdest weiß im Gesicht, so hat er deine Hände gefaßt, als er dich tanzen sah. Weißt du nicht, daß jede Bewegung zum Verräter wird? Daß dein sanft gebogener Nacken, dein heiß zurückgeworfener Nacken, daß das Schweben deiner schmalen Füße, das Jauchzen deiner schreitenden Füße, daß die ganze holde, heiße, ach, so betörende Musik deiner schlanken Glieder zum Künder jenes Geheimnisses wird, das nur einem gehören soll?

Aus allen deinen wundervoll bewegten Gliedern strömt das Geheimnis deiner Seele, Rehlein. Und aller Augen hangen an dir. Und einer ist, der hält dich im Arm, seine Augen so nah an den deinen, und seine Hand hält dein Händchen umfaßt, dein bebendes, tanzendes Händchen, Rehlein! Und fühlst du nicht, wie deine Seele zu ihm hinüberströmt? Oh, der ist keine geschickte Puppe mehr! Ist nun deine Seele zu ihm hinübergegangen, daß seine Bewegungen so zu dir gehören, als ob es ein einziges Herz wäre, das euch beherrscht?

Der Vetter neben mir ist ganz Rührung: »So etwas will man verbieten, so etwas wollen die verbieten!« und fährt sich immer wieder mit der Hand über den Schnurrbart. Die andern aber haben längst vom Tanzen abgelassen. Sie stehn den Wänden nach mit verdutzten, mit beschämten Gesichtern: Und wir glaubten zu tanzen? Schritte machen, hopsen, sich drehen, aber das alles war doch kein Tanz! Wie sind auf einmal ihre Körper so plump! Und ihre Seelen? Ein buntes Wundersäcklein, nicht mehr. Von außen meint man, was alles drin stecke; aber wenn man es öffnet: ein paar Zuckerzeltlein, ein Bündel Zahnstocher, ein Blechtrompetlein, das nicht tönt – man ist sehr klug, wenn man das Wundersäcklein verschlossen läßt.

Suses mächtige Kirschenaugen sind schmal geworden, mit einem seltsamen Schimmer in den Winkeln. Der Amtsrichter flüstert ihr etwas zu. Sie wird dunkelrot und dann gleich nachher weiß. Ach, was für ein lautes grünschillerndes Kleid trägt heute die Suse!

Ihr aber wißt von allem nichts. So tanzt ihr dahin, als ob ihr allein wäret auf der Welt.

Als die Musik schweigt erhebe ich mich mühsam. Ich muß dich holen. Retten, was noch zu retten ist. Aber ihr steht am andern Ende des Saales. Wenn ich zu euch gehe, muß ich den ganzen langen Saal durchschreiten. Seht ihr das, wie er daherschleicht, der kleine bucklige Spion? Sie stehen so hell zusammen, so unbekümmert in ihrer Freude. Wie zwei Königskinder; aber nun kommt der kleine bucklige Satan und reißt sie auseinander. Mein Fuß zögert. Da ist auch wieder der glühende Hammer in den Schläfen. Ich stehe wie betäubt, und indes fällt die Musik neuerdings ein.

Sind das noch die alten Musikanten? Hat auch sie der Rausch ergriffen? »Ja, wenn man für solche Tänzer spielt,« sagt die Geige und ist keine gewöhnliche Musikantengeige mehr. Niemand hat gewußt, daß sie so singen kann und jauchzen und schluchzen, herzbewegend schluchzen! Nachtigallengesang über den mondhellen Büschen des kleinen Baches, an dem Dante auf und nieder wandelte, während die Vita nuova in seinem Herzen sang, und Fra Angelico wusch seine Pinsel in den kleinen schnellen Wellen dieses Bächleins. Und in Großmutters Flügel sind die alten betörenden Stimmen noch einmal erwacht. Aber der Pariser in seinem verblichenen Rahmen just über dem Flügel: keiner hat die Liebe gekannt wie er, und keiner hat die Freude gekannt wie er, und der Freude und Liebe hat er einst diesen Saal erbaut. Nun aber ist sein Gesicht wie ein Abgrund, wie eine offene Wunde ist sein Gesicht – das Allerschönste hat er doch versäumt!

Ihr tanzt. Ist das nun nicht das Rehlein im kurzen Kleidchen und Flattermähne? Kleine jauchzende Diana, Rotkehlchen, kleiner goldener Vogel zwischen Mutters gelben Rosenbüschen! Weiß jemand, was Freude ist, was Jugend ist und Reinheit, der dich nicht sah, jauchzend, mit fliegender Mähne zwischen Mutters Rosenbüschen?

Aber nun ist es nicht mehr das kleine Rehlein. Wie schimmernd liegen deine Augen unter den Wimpern, wie weich dein Nacken; aber deine Füße jauchzen, deine Hände jauchzen, und auf einmal ist es wie ein Sturm. Alle die Paare an den Wänden werden lebendig, als ob der Föhn über sie führe, springen auf, vergessen ihre schweren Füße und schließen sich an. Wie ein Rausch geht es durch den Saal, wie ein Brand; aber die leuchtende Flamme, die zündende Flamme bist du!

Ich werfe das Gesicht in meine Hände, ich kann nimmer zusehn. Und so sitze ich in mich verkrümmt, während durch den Saal das Fest der Jugend hinbraust.

Aber meine Hände sind nicht kalt, wie Doktor Clemens' Hände waren, als er so dasaß, in sich zusammengekrümmt auf dem dunkeln Balkon, und drinnen im festlichen Saal sang Mutters Geige. Meine Hände fiebern: »Peter Grüning, lieber, herrlicher Mensch, Peter Grüning, heißer, wilder Mensch, weißt du es? Dein Rehlein, unser Rehlein – gab es etwas Treueres, etwas Reineres auf der Welt? Nun jauchzt seine Hand in der Hand eines andern. Peter Grüning, armer, einsamer Mann, gibt es nun wo einen Glauben an Treue? Und da ist ein Bänklein unter dem Haselbusch, und der Mond geht darüber ach, alles Trug und Lüge, alles dahin . . .

Ich springe auf. Die Hämmer in meinem Kopf jagen mich. Was schiert mich der lange Saal und alle die Augen? Ich hole dich, ich rette dich, Rehlein, ich weiß ein Wort das muß dich retten. Herausreißen mitten aus dem tollen Reigen muß ich dich.

Ich dränge mich in den Saal zwischen die fliegenden Paare. Ich werde gestoßen, zur Seite geschleudert von den rasenden Tänzern, falle beinahe und taumle gegen die Wand; denn meine gemarterten Augen müssen sich erst an das Licht gewöhnen. Wie ich sehend geworden bin, gewahre ich, daß ihr nicht mehr da seid.

Den Wänden nach, hinter den Tanzenden her, schleiche ich mich hinaus. Der Erfrischungsraum neben dem Saal ist leer, der Gang, der weite hallende Gang ist leer, leer die breite, gebogene Treppe. Und da ist der Garten. Herrgott, wie viele dunkle Büsche der hat, wie viele verborgene Plätzlein! Und oben steht der Mond. Sein abnehmendes Gesicht ist schief vor Falschheit und Hohn. Oh, du Verführer, du alter gemeiner Galeotto!

Merkwürdig, wie leise man auf diesem feinen Kies gehen kann! Kein Mensch hört es. Zu meiner Zeit waren da starke ehrliche Kiesel, die knirschten unter den Füßen. Aber jetzt: kein Mensch kann es hören, wie ich den dunkeln Büschen nachschleiche. Ein schwarzer hochbuckliger Kater mit glühenden Augen, so schleiche ich über den feinen Kies. Sollen meine Augen etwa nicht glühen? Alle dunkeln, verlogenen Winkel müssen sie ja erhellen. Sollen diese Augen nicht glühen? Da ist doch der glühende Hammer in meinem Gehirn, und jeder Gedanke brennt; denn jeder Gedanke ist eine Beschmutzung des Reinsten, was ich auf Erden besaß.

So schleiche ich von Dunkelheit zu Dunkelheit. Von der Pfeifenstrauchlaube zum Holunderbusch. Weiter zum Jasmingloriettchen – wie leichtfertig es dasteht, und der Mond lästert durch alle schwanken Zweige – und dann zur Linde hinüber. Oh, ihr, nehmt euch in acht! Hier ist heiliger Boden! Hier saß ich mit meiner Mutter, und heute morgen las ich hier Peter Grünings Brief; wenn ich über die Brust streiche, schreit er leise zwischen den Falten . . .

Das Bänklein unter der Linde ist leer, und ich suche weiter von Dunkelheit zu Dunkelheit.

Hinter der schwarzen verräterischen Tannenwand glänzt der weiße Weg auf. Er ist wie ein Lockruf, er saugt mich an. So folge ich dem weißen Weg hinter dem Pächterhaus empor nach der Höhe.

Und das ist der Hügel, wo einstens die Reben standen, als ich mit Mutter zum letzten Mal da hinaufging. Nun ist er nackt und dunkel vom jungen Weizen; aber der kleine Nachtwind schauert silberne Wellchen über den dunkeln Bühl. Und in der Mitte der weiße gestufte Weg.

Ich folge ihm. Mein Schritt ist nicht mehr lautlos; denn da liegen die harten Steine über jeder Stufe. Auf jeder Stufe ein rauher, heller Stein. Die Dunkelheiten des Gartens sinken zurück und langsam heben sich ringsum die unendlichen Hügel. Sanfte, silbern überschäumte Hügel, ernste schwarzüberwaldete Hügel, unermeßliche Form, trostreich gebreitete Form, weithin gelagert bis in die silberne Brandung des Unendlichen.

Alles rein und kühl und offenbar.

Ist das nun noch der alte Verführer? Wie eine klare Ampel hängt der Mond über mir, fern und still. Sein Licht ist wie eine kühle Hand, und diese weiße Hand zeigt mir die beiden kleinen dunkeln Gestalten. Ganz oben auf meinem Hügel stehen sie. Weithin sichtbar; denn da ist nirgends ein bergendes Dunkel, und der weiße Weg weist zu ihnen hinauf, als ob er sie jedem zeigen sollte. Und sie stehen so still wie zwei Bäumchen, und wie zwei Bäumchen getrennt stehen sie.

Ich dränge mich in den Schatten des Busches, der hier am Wege steht. Es ist mir auf einmal, als ob dieses klare Licht, das eure beiden Gestalten so merklich zeichnet, mich nicht dulden wollte. Und so vom Dunkel aus sehe ich euch kommen, Hand in Hand über den gestuften Weg. Und nun ist es doch die weiße Treppe, Rehlein, deine weiße glänzende Treppe; aber nicht leicht und heiter eilt ihr hernieder. Eure Schritte sind feierlich und die beschienenen Gesichter der Ferne zugewandt. Nur die Hände berühren sich, aber so, daß man weiß: es gibt eine Liebe, die ist so rein, der zarte Druck der Hand ist ihr genug, und es gibt eine Liebe, die ist so groß, ein leises Grüßen von Hand zu Hand genügt, um alle Seligkeit zu öffnen. So schreitet ihr an mir vorbei.

Du scheinst mich nicht zu sehn, mit diesen Augen, die das Unendliche suchen; aber während eure Füße in den Schatten meines Busches tauchen, vernehme ich deine Stimme, ganz leise, aber so klar, daß ich sie hören werde bis ans Ende meiner Tage: »Ja, Simon, nun ist der Tag zu Ende.«

Ich folge euch in kleinem Abstand. Ich habe nur einen Gedanken: euch schützen vor den schlimmen Augen und den schlimmen Zungen dort unten. Wenn ich zugleich mit euch eintrete, so in harmlosem Gespräch, kann dann einer etwas sagen? Ein Spaziergang selbdritt, denkt doch, der Buckel war dabei! Hat da die Frühlingsnacht noch Gewalt, wenn der dabei ist?

So folge ich euch nach, in kleinem Abstand, mein Fuß berührt beinahe eure langhinschlagenden Schatten. Kein Wort fällt zwischen euch. Nur die Hände, die beiden innig verschlungenen Hände, reden.

Was ist es, daß ich da plötzlich das furchtbarste Bild vor mir sehe? Wir liegen in dem kleinen Kahn, elend gebrochen in dem kleinen Kahn, und langsam zieht uns das große dunkle Boot dem Ufer zu. Keiner der stummen Fergen sieht nach uns zurück; aber der See ist eine gewaltige Lache aus Blut . . .

Selbdritt treten wir ins Haus. Ich zu deiner Rechten, just so, als ob ich dein Beschützer wäre. Auf der Treppe eilt der Amtsrichter an uns vorüber, treppab, mit kurzem Gruß und langem hämischem Blick. Man hört keine Musik und doch sieht es nicht nach Tanzpause aus. In kleinen aufgeregten Gruppen stehn sie im Korridor, unter der Saaltüre. Ein Mädchen hat bereits den Hut auf dem Kopf. Mein Blaustrümpfchen stößt auf uns zu: »Die Suse, denken Sie nur, es war ganz schrecklich! Sie hat so rasend getanzt, und auf einmal fiel sie hin. Aber es war wohl keine rechte Ohnmacht, sie schrie ganz laut wie außer sich. Ihren Namen hat sie oft gerufen!« Man weiß nicht recht, wen sie damit meint; die Kneifergläser blenden ihren Blick ab. Welcher Art dieser Blick ist, zeigen die scharf gezogenen Mundwinkel.

Was für ein harter, hämischer Mund! »Philosophie,« sage ich. »Ja gewiß, Philosophie sollen Sie studieren, liebes Fräulein!« und lache und drehe mich um und denke: Nun meint sie, ich sei verrückt und das tut mir seltsam wohl.

Da erscheint am andern Ende des Korridors der Vetter. Er winkt mir, ich eile zu ihm. Er hat ein ganz fremdes undurchdringliches Gesicht. Mit diesem Gesicht ist er drüben reich geworden, denke ich, alle Güte ist weggespült.

Er faßt mich mit einer hastigen Hand am Arm: »Du, Doktor, tu mir den Gefallen, mache den Hauswirt und sorge, daß die Leute heimgehn. Und zwar so schnell als möglich.«

Ich will mich nach Suse erkundigen. »Eine ganz verrückte Geschichte!« braust er auf.

»Darf das Rehlein nach ihr sehn?«

»Ums Himmels willen nicht!« Sein Gesicht ist nicht mehr undurchdringlich. Brüsk wendet er sich von mir ab und verschwindet in Suses Zimmer.

Ich tue meine Pflicht. Bei euch fange ich an. Ihr steht immer noch so da, als ob die Welt versunken wäre, und doch sind dort drüben alle die Augen.

»Herr Hofer, mein Vetter trägt mir auf, die Gesellschaft zu entlassen.« Er fährt zusammen wie ein Erwachender, wird rot, verbeugt sich vor mir. Dann gebt ihr euch die Hände, und ich sehe deinen Blick. Rehlein, hätte ich nur diesen Blick nicht gesehn. Auf einmal ist es kein bloßer glühender Hammer mehr in meinem Kopf. Das ganze Gehirn steht in Flammen.

»Geh hinauf,« flüstere ich »,und warte oben in meinem Zimmer.«

Du gehorchst wie ein Kind, steigst schweigend die Treppe hinauf, während er schweigend treppab geht. Nun wird sie ihm vom Fenster aus nachsehn, vom Fenster aus werden sie sich grüßen! Ich bin wütend über mich.

Ich gehe in den Saal, verabschiede die Gäste, finde beruhigende Worte, muntere, liebenswürdige Gastgeberworte, Scherze sogar. Mache meine Bücklinge an der Saaltüre, oben an der Treppe wie ein Oberkellner. Dabei schnürt es mir den Hals zusammen, und zwischen die Zähne drängt sich hie und da bereits der berghohe Klotz.

Endlich sind sie weg. Zuletzt die Musikanten – ihr Armen, deren Instrumente heute einmal ihre Seele entdeckten, und nun zieht ihr so still und unbedankt in die Nacht hinaus! Nur noch die Dienstboten stehen unschlüssig da: »Der Saal, dürfen wir den nicht noch in Ordnung bringen? Es ist nicht spät!«

Da steht auf einmal der Vetter vor uns: »Was, jetzt noch aufräumen? Den Teufel sollt ihr! Marsch ins Bett!«

 »Morgen ist Sonntag,« wagt eine einzuwenden.

 »Morgen wird hier nicht geräumt. Dazu ist ein ander Mal Zeit. Der da drin hat gute Weile. So bald wecke ich den nicht wieder!« Und er löscht die Lichter und dreht den Schlüssel der hohen weißen Türe. Auch die Haustüre unten schließt er mit eigener Hand, während die Dienstboten sich verdattert davonmachen.

Mich scheint er nicht mehr zu beachten. Das ist recht; denn habe ich nicht Flammen im Gehirn, fühle ich nicht bereits die Starre im Kiefer? Und doch wartet meiner noch die schwerste Aufgabe.

Mitten in meiner Stube stehst du, mit hangenden Armen, und der Mond hinter dir umkost mit hellen Händen alle deine holden Linien.

Ich drehe das Licht an, daß es hart dein geblendetes Gesicht trifft.

 »Es soll hier hell sein. Ich muß wissen, wie eine Braut aussieht, die zwei Wochen vor der Hochzeit den Bräutigam verrät.«

Du zuckst zusammen: »Simon!«

Ich höhne: »Nicht wahr, das ist ein neuer Ton, den hast du noch nicht vernommen, Schwesterlein?« und schiebe dir den Stuhl zu: »Setze dich.«

Du gehorchst, sitzest ganz klein da, mit vorgebeugtem Nacken, und während ich vor dir auf und ab gehe, fährt es mir durch den Kopf: Richtig, das hat Tante Gritlis Mann auch getan, als er Mutter demütigen wollte, er hieß sie sich setzen, damit er nicht zu erbärmlich war vor ihrer Größe. Aber mein Kopf brennt, und zwischen den Zähnen – ich muß eilen, solange ich noch sprechen, denken kann.

Da hebst du leise das Gesicht: »Simon, wenn du mich nun verläßt, wohin soll ich gehen?«

Da ist ein Ton in deiner Stimme – aber nur jetzt nicht weich werden! »Hast du Peter Grüning nicht verlassen? Hast du ihn nicht betrogen?«

Du siehst mich groß an: »Nein, Simon, ich habe ihn nicht betrogen.«

 »Hast du ihm nicht gelobt, vor keinem andern zu tanzen?«

»Mit jenem habe ich tausendmal getanzt, ehe ich Peter Grüning kannte.«

Ich stampfe auf den Boden; ich fühle, wie hundert warme Hände nach meinem Herzen langen: »Laß mich mit deinen verfluchten Träumen; jetzt geht es um Wirklichkeiten, um die furchtbare Wirklichkeit zum Beispiel, daß ein paar Stunden Zusammensein mit einem fremden Menschen genügen, um den Bräutigam zu verraten.«

Du zitterst: »Ich habe Peter nicht verraten, nichts habe ich ihm genommen von dem, was er besaß.«

 »Das heißt also wohl, daß er dein Bestes nie besessen, du wackeres Bräutlein!«

 »Jenes gehörte von jeher einem andern.«

 »Oh, das ist bequem, sich hinter Träume verbergen, wenn da einer kommt und ist schön und jung und lustig; da macht man einfach aus dem netten gewöhnlichen Jüngling einen Traumhelden!«

Du richtest dich langsam auf: »Heute weiß ich, daß Träume wahrer sind als die Wirklichkeit; aber auch, wenn du das nicht glauben kannst – jung und schön und nett und gewöhnlich . . . ach, Simon, so wichtig war meine Welt, so klug, so alt, so fürchterlich ungewöhnlich! Hohe Gedanken, große Worte, erhabene Pflichten, Ausnahme, anders als die andern – ein hoher enger Turm meine Welt! Gewiß, er blickt hoch hinauf und weit herum, man sieht viel Sonne und Himmel und Erde; aber man spürt sie nicht, verstehst du? Das rauscht vorbei; denn die Türen sind verschlossen und rings schützende Mauern und oben das schattende Dach. So ist es in dem Turm. Und nun stand ich auf einmal draußen. Ah, der lebendige Boden unter den Füßen und Sonne rundum und rundum Menschen und diese liebe, warme Hand – alles ist in ihr, die Sonne, die Erde, der Himmel! So kam es, Simon. Einmal war ich dabei, einmal nicht bloß Zuschauer, und wenn ich dann wieder in meinem Turm sitze und sehe zu, da weiß ich doch, wie es dort ist; denn einmal war ich jung, und das Leben nahm mich bei der Hand.«

Du sprichst ganz leise, als ob du nicht die furchtbarste Anklage gegen mich schleudertest. Weiß Gott, eine unverdiente Anklage! Sieh doch mich an im Gefängnis meines armen Leibes, und dann wage es, zu klagen, du Begnadete, du Helle, Freie! Mir flimmert es vor den Augen, ja, habe auch ich dich verloren, so lange schon? Und ich klammere mich an das Letzte, jenes Wort das dich aufschrecken muß aus deinem Wahn, dich retten oder verurteilen.

Ich stelle mich vor dich hin, versuche ruhig zu sein: »Kennst du noch den Spruch, den ich dir gab an jenem Karfreitag, und du sprachst: ›Diesen kann ich beschwören, diesen muß man beschwören können?«

Du legst die Hände zusammen wie eine Konfirmandin: »Sei getreu bis in den Tod.« Und auf einmal wird dein Gesicht warm, du springst auf, stehst groß und leuchtend vor mir: »Ja, Simon, das kann man schwören, und den Schwur muß man halten! Als ich fehlte, wußte ich es nicht. Ich hatte die goldene Burg für ihn erbaut; aber einer hat die goldene Wand beschmiert, und dann ist sie zusammengebrochen, und alles schien zerstört. Oh, ich hätte nicht kleinmütig werden sollen, ich hätte an ihn glauben sollen, auch als er nicht mehr da war. Aber ich war so sicher, daß ich ihn verscherzt hatte, für alle Zeit, und dann gab ich dem Erbarmen nach, dem Wunsch, glücklich zu machen. Das aber sollte man nicht. Niemals sollte man das! Denn es ist Lüge: Niemals kann einer glücklich machen, der nicht selber glücklich ist. Allein, wie konnte ich sicher gehn, da ich blind war? Heute aber bin ich sehend geworden.«

Ich verstehe deine Worte kaum. Du stehst so groß da, ich bin so erbärmlich neben dir. Ich bettle: »Rehlein, Peter Grüning, könntest du ihm den furchtbaren Schmerz antun? Dein Wort brechen?«

»Nein, das kann ich nicht. Was ich versprach, will ich halten: getreu bis in den Tod.«

 »Und er, wir können wieder an dich glauben? Rehlein, das Reinste, das Heiligste auf der Welt warst du uns!«

Du lächelst schmerzlich: »Ja, Simon, ihr sollt an mich glauben,« streichst über meine Stirn und siehst mich erschreckt an: »Du fieberst, Armer! Ich habe dir so weh getan, und doch war mir keiner näher als du. Aber Martha liebt dich. Jetzt erst weiß ich, wie dieses Mädchen dich liebt. Ihr werdet so glücklich sein. Und nun sollst du schlafen.«

Es ist ein Schimmern in deinem Gesicht. Oder scheint es nur so meinen schmerzenden, halbgelähmten Augen? Aber langsam fällt die Angst von mir ab. Du gehst zum Fenster, um meinen Laden zu schließen. Plötzlich schauderst du zusammen. Das Gesicht, das du mir zuwendest, ist wie verzerrt, oder kommt es nur von meinen halbgelähmten Augen? Auch deine Stimme ist ganz fremd, so steht es schon um mich.

 »Simon, man hat die Läden offen gelassen. Im goldenen Saal und auch im Erdgeschoß stehn alle Laden offen.«

 »Hier wohnt man nicht unter Dieben, und unten sind die Fenster vergittert, also, laß das nur.«

Du schüttelst heftig den Kopf: »Nein, das kann ich nicht, das ist furchtbar, alle die unverhüllten Fenster. Wie so viele offene Augen ist das!« Und wendest dich hastig nach der Türe. Auf der Schwelle siehst du noch zurück: »Nun sollst du ruhen, Simon, und verzeih mir alles.«

Das ist deine weichste Stimme, und das ist auch dieses Gesicht, ach, dessen wehe Lieblichkeit mir das Herz zerreißt. Ich will zu dir hinstürzen: »Rehlein, was geht uns das alles an, Peter Grüning, der andere, Martha, alle, wenn wir zwei uns nur haben!«

Aber da hat sich schon die Türe hinter deinen geräuschlosen Füßen geschlossen. Ich höre die Schlüssel gehn und dann das leise, hastige Zuschlagen der Fensterladen. Zuerst unten und dann im goldenen Saal und dann schließlich auch nebenan in deiner Kammer.

Jedesmal, wenn ein Laden zuschnappt, fährt mir der glühende Hammer durchs Gehirn. Und wie ich im Bett liege und es schon längst still geworden ist in deiner Kammer, meine ich immer noch dieses Zuschlagen zu hören, dieses leise, hastige Zuschlagen. Und mein armer Kopf vertausendfältigt es, das ist kein bloßes Zuschlagen mehr, ein furchtbares Schmettern. Riesenladen vom Sturm geschletzt, und der Sturm braust um die Welt, alle offenen Türen wirft er zu, die nahen und die fernen, immer noch eine, immer noch eine – und zuletzt auch die allerallerfernste.

Als die gelben Nebel schwanden und ich erwachte, war mein Kopf leicht wie eine Wolke, das Gehirn dünn und fahl, mit dünnen, fahlen Gedanken. Aber die Glieder nicht gelöst wie sonst, und auf der Brust die schwere Last. Das kam wohl von meinem Traum: Wir saßen beisammen in jenem Wirtshausgarten. dunkle Baumschatten ringsum und vorn die weiße, glastende Wand. Menschen glitten daran vorüber, stumm, körperlos, mit abgewandten Gesichtern, ihre weißen und dunkeln Nacken glänzten zu uns herüber. Du schmiegtest dich an mich: »Oh, das dort, das ist furchtbar, sie haben keine Gesichter –« und deine langen Haare hingen schwer um meine Brust.

Ist es nun seltsam, daß man mit stockendem Herzen aufwacht aus solchem Traum? Doch vielleicht kommt es von der Luft im Zimmer. Die ist beängstigend, leer, und doch wie gefüllt von Grauen. Durch die Ritzen der Fensterladen dringt fahler Schein. Ist das der schwindende Mond oder schon Morgenlicht?

Ich eile ans Fenster, reiße die Laden auf, der weißlichen Dämmerung, und da sehe ich es.

Es war so wenig Wasser im Teichlein; du hast dich über deinen Arm gelegt, das Gesicht nach unten wie die heilige Cäcilie. Dein Nacken leuchtet herauf. »Mutters Nacken,« denke ich »,so voller Demut und Stolz, Mutters Nacken« . . . Dann weiß ich nichts mehr. –

Sie haben dich heraufgetragen in das weiße Zimmer, wo ich einst mit Mutter schlief. Sie haben dich weiß gekleidet und die dunkeln Zöpfe über deine Schultern gelegt. Fein und lang lagest du da, mit den schmalen Händen und mit dem sanften Gesicht eines schlafenden Kindes. Und Suse brachte Hansheinrichs Frühlingskorb. Himmelsschlüsselchen und Frauenschuh haben wir um dein Lager gelegt, ein lichter goldener Kranz rings um dein weißes Lager.

So fand dich Peter Grüning. Erst stand er bewegungslos, wie ein Turm. Dann war es, als ob der Sturm ihn durchfegte: »Simon, siehst du nicht? Ein Kind, ein kleines Mädchen ist es noch, und ich, wir beiden Alten haben es gemordet!« Und warf sich vor deinem Lager nieder, so wütete der Sturm in dem starken Manne. Dann stürzte er hinaus.

Wir legten die Weidenkätzchen dorthin, wo sein Haupt den goldenen Kranz zerdrückt hatte, strahlende Weidenkätzchen mit zarten goldenen Wimpern. Aber Peter Grüning kam nicht zurück. Er war nicht dabei, als wir dich in die Erde legten. Er hat den kleinen Hügel nicht gesehn, der feucht und dunkel unter den Kränzen lag. Aber auf Mutters Grab strahlten alle die kleinen Vergißmeinnicht. Die Erdkrumen, die unachtsame Schaufeln auf die Aurikeln geworfen, las ich weg, bis all die Blumenaugen wieder klar und blank wurden. Rings herum um das blaue Beetchen all die dunkeln und goldenen, die weichen, die leuchtenden Blumenaugen.

Und Mutters Weide breitete ihre Arme aus, weich, schützend über alle drei Gräber, und wenn ein kleiner Wind durch die Zweige ging, dann lächelten die tausend feinen silbernen Blättchen von Mutters Trauerweide. . .

Ich habe Peter Grüning niemals wiedergesehn.

Einmal ein kurzer Brief aus fernem Land: »Simon, du bist vielleicht der Ärmste von uns; aber wir zwei taugen nicht mehr für einander. Mit meinen Büchern magst du tun, was dir gefällt. Ich brauche keine Bücher mehr. Worte? Lügen! Süße, gewaltige, verführerische, verbrecherische Lügen! Ich will keine Bücher mehr. Ich habe zum letzten Mal umgesattelt. Ich habe Pickel und Spaten zur Hand genommen und die ehrliche Schaufel. Auf dieser Insel, die unser Kind aus jenem verhängnisvollen Stein erahnte, grabe ich nach den Zeugen der Zeit, die das Rehlein tanzte an jenem Abend. Eine Hütte zwischen Steinen und Gestrüpp – eine einsame Hütte auf dem Boden, wo einstmals blühende Jugend dem gierigen Ungeheuer geopfert wurde – ein paar schweigsame Arbeiter und mein ehrliches Werkzeug, das ist alles. Einmal habe ich vergessen, daß ich zur Einsamkeit geboren bin, das war meine große Sünde, schlimmer: mein großer Fehler war es. An diesem Fehler zerbrach das Glück der besten Menschen. Dafür büße ich jetzt. Keine Worte mehr, Einsamkeit, das harte Werkzeug und die stumme, die heilige Materie.«

Peter Grüning ist seinem Willen treu geblieben. Worte, geschriebene Worte hat er uns keine mehr hinterlassen; aber Peter Grüning war ein begnadeter Mensch. Unter seinen stummen Händen ist die stumme Materie lebendig geworden, hat Sprache gewonnen. Andere haben es zu Ende geführt, andere haben es ausgesprochen, was seine klugen Hände begannen, was seine scharfen Augen sahen. Eine ganze Welt ist dem stummen Boden entstiegen, eine so fremde, unverbundene, so lebendige, genußfrohe, vogelleichte Welt, die Welt, die du uns tanztest Rehlein, an jenem Abend. Und diese Welt, fremd, gleißend, heiß und unendlich lebendig mitten zwischen dem gleißenden, ruhenden Osten und unserer heißen, zuckenden abendlichen Welt birgt den Schlüssel für die Rätsel unseres Daseins. Lange wird es dauern, bis einer diesen Schlüssel zu handhaben versteht; aber Peter Grüning war der erste, der ihn erkannte. Und als das Fieber ihn aus seiner selbstgewählten in die letzte Einsamkeit entrückte, wußte man, daß ein Großer von uns gegangen, einer, der über der Tat die Worte vergaß.

Ich brauchte nicht auf die ferne Insel zu ziehn, um Einsamkeit zu finden. Eine nannte einmal unser Haus ein Gespensterhaus. Den Sinn dieses Wortes habe ich kennen gelernt, habe ihn ausgekostet bis zur letzten, bittersten Neige. Martha? Hätte ich die klare, die warme Jugend an das Gespensterhaus fesseln sollen? Junges, warmes Leben einsperren sollen in den Turm ohne Türe? Und überhaupt, nachdem du von mir gegangen, Rehlein, glaubst du, daß es noch etwas auf der Welt gab von Belang für mich? Gibt es noch etwas, das Bedeutung hätte, in einer Welt ohne Licht? Finsternis ist gestaltlos, ist ohne Ausgang, ohne Weg und Ziel.

Als Mutter ging, war es, wie wenn sie durch ein dunkles Tor getreten wäre, um nachher inniger, strahlender, befreit in mich zurückzukehren. Du aber gingst von dannen wie einer, der auf eine weite Reise geht. Immer hofft man auf seine Rückkehr. War da nicht ein Pochen an der Tür? Steht da nicht einer hinter meinem Stuhl? Fiel nicht ein Schatten über den Weg? Aber wenn du nachsiehst mit aufklopfendem Herzen: vor der Tür, hinter dem Stuhl, über dem Weg – immer ist es nichts und der Ferne erdenfern. So ist es mit dir, Rehlein. Niemals habe ich deinen Tod begriffen, immer warte ich auf dich, immer spüre ich deine Gegenwart, und in der Gegenwart die unendliche Trennung.

Aber Mutter blieb in mir. Sie hat mich stark gemacht, sie hat mich die Einsamkeit lieben gelehrt, die Gespenster hat sie vertrieben mit ihrer warmen Hand, die Finsternis hat sie erhellt mit ihrem milden Licht. Meinem Geist sind keine mächtigen Schwingen gewachsen. Ich bin ein stiller, emsiger Arbeiter geblieben. Auch als man mir die Stelle anvertraute, die einst Peter Grüning, der Gewaltige, der Ungestüme, im selben Augenblick übernommen und von sich geschleudert hatte. Bausteine schaffen zum großen Werk der Wissenschaft, das scheint mir genug, und wenn ein Eckstein darunter ist und hie und da einer seinen Platz im Fundament findet, so sind das Sonntage meines Lebens. Mögen andere die kühnen Wölbungen bauen, ihren Namen, ihre Persönlichkeit in die hohen Gewölbe schmettern: es kommt der Tag, dem kein Gewölbe standhält; aber lange dauert das Fundament, und Bausteine retten sich aus Sturz und Zusammenbruch.

Ein stiller, kleiner Arbeiter am großen Bau. Wenige nennen meinen Namen; wenn ich ausgelöscht sein werde – wenige werden es bemerken – dann wird mein stilles Werk namenlos weiterwirken, aber es wird nicht völlig vergehn; denn es ist ehrliches Werk, geboren aus der Überzeugung, daß wir Diener an der Wissenschaft zwar ewig irren, die Wissenschaft selbst aber nie. Und aus diesem stillen, ehrlichen Werk kam nach und nach die Ruhe über meine Tage.

Nach dem Tode der Schwestern Eßlinger bin ich in deren Giebelwohnung übergezogen, und in jenen hellen Räumen, die das Verblühen der sanftesten Herzen gesehn, die Papa Merzluffts urkräftiges Singen und seine letzten wackern Worte vernommen, in diesen hochgehängten stillen Stuben zwischen Baumwipfeln, Wolken und Himmelblau habe ich die Weisheit der kahlen Wände erlernt. Es ist eine gute Weisheit; die Heiterkeit geht von ihr aus, diese stete, stille, unverbrüchliche Freude, die nur der gewinnt, der nichts mehr zu verlieren hat. Wie jenes sterbensalte Weiblein, das ganz verlassen lebte in seiner einsamen Hütte, und einer ängstete: »Sollte nicht jemand zu dir ziehn, wenn es etwas gäbe in den langen Nächten? Da lächelte sie: »Was könnte mir Schlimmeres passieren als etwa der Tod? Den fürchte ich doch nicht!« So beschaffen ist die Heiterkeit meiner stillen Stuben.

Ich habe auch den Weg in die alte Heimat wiedergefunden. Ich habe Suses Kinder gesehn, Kinder mit großen, dunkeln, etwas vorquellenden Kirschenaugen und solche mit Hansheinrichs blauem, strahlendem Blick. Ich sah sie tollen zwischen dem roten Phlox und spielen am armen Teichlein, ich sah sie groß werden, ein starkes, blühendes Geschlecht, und ich habe mein Herz still gemacht gegen alle bittern Fragen.

Vielleicht mußte es so sein: kecke, trotzige, dunkle Augen, helle, offene blaue Augen – deine Augen, deine goldenen Rätselaugen passen nicht mehr in diese Welt. Wenn ich heute von den Fenstern meiner Giebelwohnung aus in unser Klostergärtlein blicke: Blumenwieslein, Rosen und blühender Flor sind dahin. Denn die Leute, die die untern Stockwerke bewohnen, haben anderes gepflanzt, Kohl und Kartoffeln, wo das Wieslein war, nahrhaftes Gemüse den entkleideten Mauern entlang. Und in der Geißblattlaube hat der große Junge seine Schreinerwerkstatt eingerichtet. Warum nicht? Das Bild im Fenster ist dahin, seit der junge Buchbinder unten ein neues Stockwerk auf sein altes Haus stellte, um nutzlosen Luftaum in nützliche Wohnungen umzusetzen.

Es ist eine andere Zeit erschienen, Rehlein. Die Welt ist ernst geworden, arm an Brot, arm an Freude, und Schönheit heißt heute Verschwendung. Der große Zorn ist wieder einmal über uns gekommen; denn das Maß war voll. Das Maß der Selbstsucht, der Weltsucht, der Machtsucht. Die Großen der Erde haben es gefüllt, und wir haben mit blinden Augen zugeschaut, wir Träumer, wir Phantasten, wir ewig Suchenden, ewig Hoffenden, niemals Sehenden, wir Narren von gestern!

Es war kein gewöhnlicher Sturm, Rehlein, Weltuntergangssturm war es. Alles Wesen hat er durchwühlt, zerbrochen, zerschellt die ruhende Form, durcheinander geschleudert, was weise Entwicklung in geordnete Schichten legte. Auf Trümmerfeldern steht unsere Jugend, hascht gierig nach den Scherben, die ihr der Sturm zu Füßen geschmettert, die er emporgeschleudert aus Chaos und Dunkel, will Zukunft bauen aus den armen Fetzen der Vergangenheit, neue Weisheit aus Fetzen und Chaos durchwühlter Gräber. Nur, wenn wo ein Stück des Grundes ganz blieb, Boden, auf dem ihre Väter stehn, so verfluchen sie es.

Junge aufstürmende Menschen, beraubte, zürnende, entwurzelte Kinder, die verzweifelten, taumelnden, glühenden, die Heil verkündenden, Erlösung ausschreienden, die rührenden Narren von heute.

Wann wird der Schmerz, dieser Allerweltsdiener des Lebendigen, sein Werk vollendet haben? Wann wird neue Erde das Trümmerfeld überwachsen, Zerrissenes sich in Ganzheit sammeln? Wann werden die durch Not Geläuterten, in Armut Erstarkten erscheinen? Die Schlichten, Stäten, Klaren, die Sehenden, die Weisen von morgen?



Heute habe ich zum letzten Male den Hügel bestiegen; denn morgen kehre ich zurück in meine stillen Stuben und vielleicht – trügt mich mein Herz? – bald in die letzte, stillste.

Die Herbsttage, die silberblauen, die rotleuchtenden, die goldig verdämmernden, sind lange dahin. Sturm hat die Erde nackt gefegt. Nackt stehn die Bäume, ihre starren Arme zum Himmel erhoben. Die Luft ist sonnenlos, aber durchsichtig bis in die letzten Fernen.

Und so, in diesem nüchternen Licht ohne Schein und Schimmer, so entblößt, allen Schmuckes bar, so untrüglich habe ich heute mein Land gesehn, und heute, an diesem letzten Tag, haben mir die Hügel meiner Heimat ihre Weisheit anvertraut. Und ihre Weisheit ist Weissagung:

»Wir sind die Stillen, die Demütigen, die Königlichen, die warten können.

Nichts Steiles ist an uns, nicht Aufsturm noch Absturz, nicht Verwegenheit und nicht Verzagtheit. Wir sind die Ruhenden, unendlich Zeugenden. Kein Stücklein Erde, das nicht wüßte, was es zu tun hat. Wir sind die Fruchtbaren, die ewig Schaffenden; aber unsere Tat ist nicht Gewalt, sondern Gewährung. Wir sind die Großen; denn unsere Form ist unendlich. Wir sind die Ganzen; denn alle unsere Form ist eins. Wir sind die Bleibenden; denn unser Dasein ist ewige Erneuerung.

Ihr aber, die ewig Wandernden, ewig sich Wandelnden, ihr geht über uns hin, ihr spürt den schwermütig entschlossenen Geruch der Scholle, ihr hört das unablässige Rieseln in unsern Adern, ihr seht im Glanz des blühenden Tages unser triebsames Leben und in der Klarheit des entblößten Tages unsere nackte, gesammelte, unsere brüderlich verbundene Form und versteht dennoch unsere Sprache nicht! Ihr Armen, Zerrissenen! Ihr Blinden!

Einst hattet ihr die Ganzheit gekannt. Wie Blöcke waret ihr, einfach, ungeteilt. Nun sind die Blöcke auseinandergefallen, zerstückelt, zerstoben, die kleine Ganzheit dahin. Wir aber lehren euch die große Ganzheit.

Klein mußtet ihr werden, in Atome mußtet ihr zerfallen, um die Kraft zu erkennen, die das einzelne Ganze zum großen allgemeinen Ganzen eint. Haß mußte kommen, zwischen Bruder und Bruder der qualvolle Riß, Mord und Verzweiflung, damit ihr den Sinn der großen Brüderlichkeit erkennt, Zerstörung und Umsturz, damit ihr bauen lernt.

Aber der heftige Wille schafft es nicht, sondern allein das starke stete Wollen, nicht stürmisches Tun, sondern allein das wackere Werk.

Dem Zerrissenen fällt es nicht zu, sondern allein dem Gesammelten, dem Begehrlichen nicht, sondern nur dem, der begierig ist nach Erkenntnis, nicht dem Verblendeten, sondern dem, der sieht.

Und so müßt ihr lernen, Leib und Seele ineinanderfalten, alles Wollen und Wünschen zusammenpressen in demütige Bitte, ihr müßt wieder beten lernen. Aber euer Gebet soll sein:

›Vater, schaff uns Licht, gib, daß wir sehend werden!‹

Sehend mit den Augen, sehend im Geiste, sehend mit dem Herzen; dann werdet ihr sein wie wir, die Demütigen, die Fruchtbaren, die Bleibenden, und werdet sein beides in einem: heilige Materie und schaffende Kraft, formendes Leben und lebendige Form, Leib und Seele, Gott und Welt in einem.«


Rehlein, solches ist die Botschaft unserer Heimat, die Weisheit der Mutter, die uns zu früh verließ.