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Julie Burow – Eine Emancipirte     Zur Biographie


aus: Dichterstimmen der Gegenwart, Eine Sammlung vom Felde der deutschen Lyrik seit 1850, Herausgegeben von Karl Weller, Heinrich Hübner Verlag, Leipzig, 1856, S. 51-54



Eine Emancipirte

Ich saß im Hain, in junger Birken Schatten,
Der Sonnenstrahl durchhuschte leicht den Flor
Und lockte aus den knospenreichen Matten
Der Blumen Pracht mit leisem Kuß hervor.
Der Käfer surrt um mich in braunem Kleide,
Es sang die Nachtigall so sanft und klar.
Und dort am Bach taucht eine schlanke Weide
In kühle Flut ihr grünes Seidenhaar.


Die Thräne sank von meiner Wimper nieder
Und hing wie Thau an baldgebroch'nem Strauß,
Mir schlug das Herz in alter Sehnsucht wieder,
Mir rief der Mai den alten Schmerz heraus:
Ich fühlte mich allein, allein auf Erden,
So stützenlos und aller Liebe baar.
Ich flehte: »Gott, o laß mich fester werden,
Da Einsamkeit für mich dein Wille war!«


Und sieh, da stand vor mit mir Hut und Schleier
Ein junges Weib, schön wie der Sonne Strahl:
Ein seltsam Bild! im Auge lodernd Feuer
Und um den Mund begrab'ner Schmerzen Qual.
Ein Wölkchen schien sie duftig zu umschweben,
Doch war's kein Weihrauch und kein Heil'genschein,
Sie raucht! und der Havannah Dämpfe weben
Ihr zart Gesicht in leichte Nebel ein.


Sie grüßte mich nach Amazonenweise,
Nahm dann den Sitz, den ich ihr freundlich gab.
Und das Gespräch verließ gebahnte Gleise
Und schweifte kühn auf weite Fährten ab:
Von Blüth' und Vogel auf zu Stern und Sonne
Schwang sich Gedanke leicht und rasches Wort,
Von Freiheit sprachen wir, von Liebeswonne,
Vom Leid der Erde, von des Grabes Port.


O weh! Was heilig stets mein Wort gehalten,
Dem widersprach sie fest, mit kühnem Mund,
Sie leugnete der Gottheit Liebeswalten
Sie leugnete der Herzen ew'gen Bund.
»Freiheit!« ihr Losungswort, das meine »Liebe!«
Naturgesetz wob ihr der Schöpfung Pracht,
Und nach des Lebens wirrem Angstgetriebe
Wollt' sie versinken in die ew'ge Nacht.


Ich wies ihr still der Knospen feste Hülle,
Die vor dem Frost das junge Grün bewahrt.
Und zeigte ihr wie weise Liebesfülle
In jedem Blüthenkelch sich offenbart.
Ich fragte: ob in des Geliebten Blicken
Sie nie der Liebe Ewigkeit erschaut,
Ob bei der Mutterliebe Hochentzücken
Sie nie auf Gottes Vaterhuld vertraut.


Nichts! Nichts! Ihr führt, der Sterne gold'ne Heere
In festen Banden durch den Lauf der Zeit
Das eiserne Naturgesetz der Schwere,
Ihr sind die Himmel nicht des Höchsten Kleid.
Sie kennt die Hoffnung nicht und nicht den Glauben,
Die Liebe ist ihr nur ein flücht'ger Rausch,
Sie ließ sich alles Glück des Herzens rauben
Und nahm die eigne Kraft dafür in Tausch.


Die eigne Kraft! Sie reichte mir beim Scheiden
Ihr Händchen hin, so zart, so kinderhaft,
Gewappnet nennt sie sich für alle Leiden,
Gewappnet fest durch diese eigne Kraft.
Ich blieb allein und blickte still nach oben,
Die Wolke sah ich ziehn mit gold'nem Saum,
Ich fühlte nicht mehr meines Schmerzes Toben,
Ich dachte meiner eignen Thränen kaum.


An sie nur dacht' ich, die den Schmelz vom Leben
Mit keckem Finger vorschnell abgestreift!
Die Erde hat ja Liebe nur zu geben
Und Glaub' und Hoffnung in den Himmel greift.
Die warf sie weg, der Wahrheit nachzueilen,
Der falschen Freiheit in vielödem Raum,
Doch kann im Wahn, im Schein nicht Wahrheit weilen
Und Weibes Freiheit ist der Liebe Traum.

So wird es sein, so lang die dunkle Erde
Noch um die gold'ne Sonne liebend kreis't;
Dem Dunkel ward ein leuchtender Gefährte:
Das Herz dem Weib, dem Mann gehört der Geist.
In nied'rer Hütte und am Fürstentbrone
Baut Wechsellieb' des Daseins einz'ges Glück,
Die Sitte ist des Weibes Ehrenkrone,
Die Hoffnung schmückt mit Blumen sein Geschick.


Unglücklich Weib! Wär's wahr, was man dich lehrte,
Weh dir und mir, und weh der armen Welt!
Der dich zu seinem Glauben einst bekehrte,
Hat dich auf kahlen Gipfel hingestellt.
Wohl bin ich einsam doch in meinem Sehnen
Fühl ich mich neben dir ein grüner Zweig,
Verstumm' o Klag', versiegt ihr heißen Thränen!
Ich lieb', ich hoffe, – o dies Herz ist reich!






20071217_Eine Emancipirte

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