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6. April 2008

Else Galen-Gube – Meerhexe.     Zur Biographie


aus: Else Galen-Gube, Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes, Verlag von Hermann Seemann Nachfolger, Leipzig, 1903, S. 38-45.


Meerhexe.

»Leb wohl, mein Weib, bald kehr ich wieder,
mich ruft das Meer und günstger Wind.
Sing unsrem Kleinen Schlummerlieder
und sorg mir gut für unser Kind.


Behüt euch Gott! Jetzt muß ich scheiden,
die Schiffer harren schon am Strand;
drei volle Tage soll ich meiden
dich, die ein Engel mir gesandt.«


Ein lieb Umfangen, trautes Winken
und Tücherschwenken, hier und dort;
ein letzter Gruß beim Sternenblinken,
still und verlassen liegt der Ort.


Der alte Klaus im flinken Schiffe,
er fährt voran, hinaus ins Meer,
er kennt die Klippen, kennt die Riffe
wie keiner hier zu Lande mehr.


Ein würdger Mann ists, der vor Jahren –
so sagt man – einst bei Nacht und Graus
gar Schlimmes auf dem Meer erfahren –
Nie fuhr er freudig seither aus.


Zwar hat aus seinem Mund vernommen
kein Nachbar je davon ein Wort,
doch heißts, er sei vorbeigekommen
beim Meerweib fern am Klippenport.


Seit jener Nacht flieht er die Stelle,
bekannt von allen ihm allein,
das Felsentor, die Wasserfälle,
die Zauberin vom Schwanenstein.


Der volle Mond ist aufgegeangen,
sein fahles Licht erhellt die Nacht,
den Alten faßt ein heimlich Bangen,
denn starker West ist aufgewacht.


Er kennt ihn wohl, kennt die Gefahren,
er treibt nach jenem grausen Ort.
Davor will er die Schiffer wahren;
doch einer segelt achtlos fort.


Des Alten Schiff folgt hart dem Nachen,
er warnt den Jungen, daß er bleibt!
Jedoch voll Uebermut und Lachen
ruft der: »Ohn Angst, ich bin beweibt!


Die Liebe schlägt die Himmelsbrücken,
mein Weib daheim, das ist mein Schutz,
mich schrecken nicht die Hexe Tücken.
Was gilts? Ich biet der Zaubrin Trutz.«


Tief senken sich die Nebelwände,
der Kahn entschwindet; Angst und Not
beschleicht den Klaus. Er ringt die Hände:
»Weh ihm! Er geht in sichern Tod!«


* * *

Es branden und brausen die Wellen,
erschüttern den Felsengrund,
ein kochendes Brodeln und Schwellen
aus gähnender Tiefe Schlund.
Sie sind gar unhold und schaurig,
die Klippen vom Schwanenstein,
ihr kahles Geklüfte ragt traurig,
verlassen ins Meer hinein.
Allein mit der Wildnis Scheuern
entschwindet der kecke Mut.
Gern wich aus den starrenden Mauern
der Fischer hinaus in die Flut.


* * *

Doch horch! Da tönt ein süßes Singen
vom Schwanenstein, so sehnsuchtsbang.
Es lähmt die Hand das leise Klingen,
die fluchtberreit das Ruder schwang.


Der Nebel weicht. In klarer Helle
erscheint der Klippen Zauberkreis.
Zum Murmeln wird das Spiel der Welle,
die Wogen schimmern silberweiß.


Und droben thront gleich einem Bilde
die Fee, umkost vom Mondenlicht –
»Sind hier der Seligen Gefilde?
Ein solches Weib sah ich noch nicht.«


Sie blickt nicht hin. Zum Felsen nieder
streckt sie den marmorweißen Leib
und küßt die schöngeformten Glieder.
Da ruft er: »Hör mich, wonnig Weib!


Rothaarige Hexe, was sitzt du allein,
vom Meere umbraust auf dem Schwanenstein?
Im Winde flattert dein wirres Haar,
Sag an, du Zaubrin, sag an, ists wahr,
wer sich dir naht im schwankenden Boot,
der ist dir verfallen im Leben und Tod?
Du Unholdin, du teuflisches Weib,
Dein Antlitz ist süß und noch süßer dein Leib.
Rothaarige Hexe – sei verflucht – – –
Wenn sich an mir deine Kunst versucht.«


Es schaun die dunklen, süßen Augen
den Schiffer an, so rätselvoll,
als wollten sie sein Herzblut saugen,
so sinnberückend, liebestoll.


Da lodern in dem jungen Leben
die Leidenschaften stürmisch auf.
Die straken Glieder packt ein Beben,
wild lockt es ihn zum Fels hinauf.


Das Wolkenheer am Himmelsbogen
am Monde grau vorüberzieht,
und nieder zu den Meereswogen
ertönt ein traurig süßes Lied:


»Uns Nixen ist Unsterblichkeit verliehn.
Wir Nixen müssen alle Zeit die Liebe fliehn.
Wir Nixen kennen Jammer nicht noch Not!
O, brächt uns doch ein liebend Herz Glück – und den Tod!


Da springt er aus schützndem Schiffe
verblendet zur Höhe empor.
Hinauf über Klippen und Riffe,
ein armer, verlorener Tor.


Doch plötzlich, tönt nicht ein Weinen?
Ein banges Flehen: »O, bleib – –«
Und traumhaft sieht er die Seinen
in Tränen, sein Kind und sein Weib.


Schon zaudert sein Fuß, da umfassen
ihn sehnend zwei Arme rund.
»Nun werd ich dich nimmermehr lassen – –
Komm, küsse mich auf den Mund!«


Da gibts kein Dämmen und kein Halten,
sie hat verstört ihm Herz und Sinn;
mit Sehnsucht und mit Glutgewalten
ziehts zu dem Zauberweib ihn hin.
»O, ahntest du, wie jetzt durchfluten
die Flammenwünsche meine Brust,
laß mich nicht sterben in den Gluten,
des höchsten Glückes unbewußt.«
Schon will er wild den Leib umschlingen
und wähnt, sein Eigen will sie sein,
als ihn zwei Arme niederzwingen
und eine Stimme flüstert: »Nein!
Weil ich dich liebe darf ich nimmer
als Weib zu dir in Wolust gehn,
war ich erst dein – dann ists für immer
Um dich, geliebter Mann geschehn.«
Da schwört er knieend: »Selbst das Sterben
bringt Wonne noch an deiner Brust,
und gilts das ewige Verderben,
so hab ich doch vom Glück gewußt.«
Er springt empor. Ein wild umschlingen,
sie kämpft, ermattet, seufzt – und dann,
erhitzt vom liebestollen Ringen
erglüht das Meerweib für den Mann.
Und zügellos stürmt ihr Verlangen,
es lechzt unstillbar ihr Begehr,
am Goldpokal die Lippen hangen,
auf einen Zug trinkt sieihn leer.
Und füllt ihn wieder, immer wieder,
in Lust erschäumend, bis zum Rand,.
und singt ihm trunkne Liebeslieder
und reißt vom Körper das Gewand.
Auf ihrem Pfühl von Schilfe neigen
sich Wasserrosen, blühend Moos.
Dort ruht in wonnetrunknem Schweigen
der buhle träumend ihr im Schoß.
»Liebst du mich«, fragt er leis und wieder,
entflammt sein Blick in frischer Glut.
Sie lächelt nur und dehnt die Glieder:
»Hättst du wohl sonst bei mir geruht?« – –


Die Sonne naht, im Osten stieben
die Funken auf, des Tages Schein.
Aus ist das Glück, ist Lust und Lieben –
»Steh auf, du mußt dem Tod dich weihn!«
Erstarren packt ihn im Genusse,
den Schrei erstickt der Nixe Mund,
sie küßt mit endlos giergem Kusse
das Herz ihm aus des Busens Grund.
– – – – – – – – – – – – –
Ihr Lachen klingt wie Sieggeläute,
es ruft der Felsen Echo wach …
Und in dem Arm die Menschenbeute
taucht sie ins grause Brautgemach.





20080406_Else Galen-Gube - Meerhexe.
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