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9. September 2008

Clemens Brentano – Mägdlein, schlag die Augen nieder!     Zur Biographie


aus: Clemens Brentanos Gesammelte Schriften, Herausgegeben von Christian Brentano, Zweiter Band - Weltliche Gedichte, J. D. Sauerländer's Verlag, Frankfurt am Main, 1852, S. 145f.


Mägdlein, schlag die Augen nieder!

Mägdlein, schlag die Augen nieder,
Blicke, die zu heftig steigen,
Plaudern alles fälschlich wieder,
Was die Lippen zart verschweigen.


Mägdlein, woll die Augen senken
Nach den Schlüssel an der Erde,
Sie wird ihn der Demuth schenken,
Daß der Himmel offen werde.


Mägdlein, lass’ die Wimper sinken;
Wenn die Blumen aufwärts sehen,
Deinem Blick herab zu winken,
Wolle nicht vorüber gehen.


Mägdlein, nicht die Augen hebe,
Allzuoft und wild und schnelle,
Daß dein Blick den Himmel gebe
Einem nur an rechter Stelle.


Mägdlein, wer hernieder blicket,
Der hat wohl sein Herz erbauet,
Der hat schon sein Haus beschicket,
Eh er sich der Welt vertrauet.


Mägdlein, hast du keinen Spiegel,
Der dich in dich selber scheinet,
Deine Augen sind zwei Siegel,
Denen ganz dein Heil versteinet.


Mägdlein, senktest du die Augen,
Den Endymion zu wecken,
Würdest du zu lieben taugen,
Und nun taugst du nur zum Necken.


Mägdlein, woll zur Erde sehen,
Lasse deine Augen weiden,
Und sie werden auferstehen
Und dich wie zwei Sterne kleiden.


Mägdlein, diese Augensterne
Magst du dann dem Himmel weihen;
Daß die Erde lieben lerne,
Mußt du ihr die Augen leihen!





20080909_Clemens Brentano - Mägdlein, schlag die Augen nieder!

20080909_Clemens Brentano - Mägdlein, schlag die Augen nieder!