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5. Oktober 2008

Fräulein von Crailsheim – Der Ungetreue.     Zur Biographie


aus: Die zehnte Muse, Dichtungen vom Brettl und fürs Brettl, herausgegeben von Maximilian Bern, Verlag Otto Eisner, Berlin, 12. Tsd. 1904, S. 62.


Der Ungetreue.

Du sprichst, ich sei dir ungetreu,
Mein Engel, glaub' es nicht,
Ich lieb' dich ohne Heuchelei,
Bis mir das Herze bricht;
Und wenn ich gleich zum Zeitvertreib
Bei einer andern stehen bleib',
So glaub', mein Engel, glaube mir:
Mich dünkt, ich steh' bei dir.


Sprichst du, das wäre leidlich noch,
Wenn's nur nicht weiter käm',
Allein, mein Kind, bedenke doch
Und dich nicht ferner gräm';
Und wenn ich gleich zum Possenspiel
Ein ander Mädchen küssen will,
So glaub', mein Engel, glaube mir:
Mich dünkt, ich tät' es dir.


Drum stelle nur dein Eifern ein,
Schlag' alles aus dem Sinn,
Es kann dir nicht nachteilig sein,
Dass ich nicht bei dir bin;
Und wenn es endlich so weit käm,
Dass sie mich mit zu Bette nähm',
So glaub', mein Engel' glaube mir:
Mich dünkt, ich schlief bei dir.


Mich dünkt, ich fühle deinen Schoss,
Wenn ich die Flamme kühl',
Es giebt sich unsere Liebe bloss,
Wenn ich mit andern spiel;
Und wenn ich auch nach Jahreszeit
Mit einem Kindchen werd' erfreut,
So glaub', mein Engel, glaube mir:
Mich dünkt, es wär' von dir!





20081005_Fräulein von Crailsheim - Der Ungetreue.