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27. Oktober 2008

Viktor Hadwiger – Mord.     Zur Biographie


aus: Deutsche Arbeit, Monatschrift für das geistige Leben der Deutschen in Böhmen, II. Jahrgang, Oktober 1902 bis September 1903, Verlag von D. W. Callwey, München und Prag, 1903, S. 799 f.


Mord.

Mit unsern stummen, unsichtbaren, kleinen,
Weltfernen Tränen werden dann wir beiden
Die nächtelangen, tagebangen, großen Leiden
In einen fremden Tag hinüberweinen,
In einen fernen, fremden Hochzeitstag. –
Du hast so rücksichtslos, unschuldig-schlaue,
So sorgenlose, stille, blaue,
Unsäglich kranke Augen arme Kleine.
Ein großes Fragen ist um deine
Verglühten Lippen,
Und wie ein Reh an den verwaisten Krippen
Vergibst du meiner Seele bleiches Schweigen,
Wenn meine Rätsel sich zu dir hierniederneigen. –


Der Docht ist schon verglüht und grüne Wellen schlagen,
Ein müder Ausklang hier in unsern Hafen.
Hier träumen wir von uns – die Kleinen schlafen
Und böse Engel sind um sie und fragen
Nach einem fernen, fernen Hochzeitstag.
Sie haben einen großen Wunsch in ihren Augen,
Und ihre kleinen, feuchten Lippen saugen
Den Frieden aus der Stille unsrer Nacht,
Denn eine böse Stunde hat sie uns gebracht.
Sie frieren – schlag die Tücher um die Wiege
Und mehr – und mehr – und ob sie hungern mögen?!
Sie hungern – träumen heiße Weltensiege,
Und einer Freiheit wollen sie entgegen.
Wie sie mit gleicher Gier ins Leben staunen,
Und sieh nur, wie die kleinen, weißen Hände
Sich fest verketten. – Hörst du nicht die Wände
Von Freispruch und Vergebung raunen;
Und einem fernen, fernen Hochzeitstag?! –


Und laß die Tücher, laß sie niederfallen! –
Siehst du den einen seine Fäustchen ballen? – –
Ich hör ihn nicht mehr atmen, nicht mehr weinen,
Ich glaub ihn tot den einen. –
An einem fernen, fernen Hochzeitstag
Kauf ich dir Seide weich und reich und rot.
Nur noch den andern armen – kleinen – braven –
Und wieg ihn, wieg ihn, wieg ihn tot,
Und sing ihn ein – und laß ihn schlafen.





20081027_Viktor Hadwiger - Mord.

20081027_Viktor Hadwiger - Mord.