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8. November 2008

Rachele Botti-Binda – Die Amme.     Zur Biographie


aus: Deutsche Dichtung, Herausgegeben von Karl Emil Franzos, 21. Band, Oktober 1896 bis März 1897, Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Berlin, 1897, S. 18


Die Amme

Übertragen von Paul Heyse.

I.

Du hast mein Kind gesäugt, mit dem Beding,
Zu Hause deins zu lassen bei den Alten,
Und betetest, Madonna möchte walten,
Daß rascher doch die Trennungszeit verging.


Sah ich dich weinen – immer doch empfing
Ich einen Stich in's Herz –, zogst du die Falten
Des Kleides vor's Gesicht; mir vorenthalten
Wollt'st du dein sündhaft Heimweh, armes Ding!


In blinder Selbstsucht für den eignen Sohn
Heischt ich von dir den Nährquell der Natur,
Der trotz der Armut dir noch nicht geschwunden.


Zu lindern dacht' ich dir mit hohem Lohn
Dein Weh. Doch eine finst're Höhle nur
Schien dir mein Haus in trostlos trüben Stunden.


II.

Die reichen Bänder, die Korallenschnur
Womit ich liebevoll dich wollte schmücken,
Schlecht paßten sie zu deinen finstern Blicken,
Der Haut, gebräunt auf deiner Heimatflur.


Manchmal in all dem Putz – verstohlen nur –
Schlangst du dein grobes Tuch dir um den Rücken,
Besorgt, ich möchte dich darin erblicken,
Als ob ich dann, wie's um dich stand, erfuhr.


Dir mocht' ich die beglückteste Mutter scheinen,
Du ahntest nicht die eifersücht'ge Pein,
Die heimlich mir entpreßt so bitt're Zähren,


Wie dir die Sehnsucht nach dem fernen Kleinen.
Du ahntest nicht: hart kann das Schicksal sein
Dem Herrn, wie denen, die des Brots entbehren.





20081108_Rachele Botti-Binda - Die Amme.