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11. August 2009

Eduard Stucken – Das Märchen von der Treue.     Zur Biographie


aus: Eduard Stucken, Das Buch der Träume, Erich Reiß Verlag, Berlin, 1916, S. 14 f.


20090811_Odilon Redon - Crying Spider

Odilon Redon – Crying Spider


Es war einmal eine Maid,
       gar stolz und fein,
die trug unter goldnem Kleid
       ein Herz aus Stein.


Und war so lieblich und schlank
       und gliederzart,
daß, wer sie erblickte, krank
       vor Liebe ward.


Doch aller Freier Lohn
       war Spott und Schand.
Und ein junger Königssohn
       kam einst in ihr Land;


und traf sie von ungefähr
       und blickte sie an
und sagte ihr, wie sehr
       er sie lieb gewann;


und ihn küssen solle ihr Mund,
       denn ihr Mund sei kalt, –
doch sein Herz sei siedend und wund
       und verblute bald.


Drauf sprach das schöne Kind
       mit grausamem Scherz:
So zeig' es mir doch geschwind,
       dein siedendes Herz!


Ich möchte sehn, wie es dampft
       und purpurn tropft
und sich zusammenkrampft
       und zuckt und klopft!


Blaßlächelnd sprach sie's und schien
       neugierig sehr.
Nur erproben wollte sie ihn –
       doch er tat ihr Begehr,


schnitt sein Herz aus der Brust ... Und ihr Leid
       sah er noch und verblich.
Und das Herz sprach: Weine nicht, Maid,
       denn glücklich bin ich!





20090811_Eduard Stucken – Das Märchen von der Treue.

20090811_Eduard Stucken – Das Märchen von der Treue.