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27. November 2009

Carmen Sylva – An die Weite.     Zur Biographie


aus: Carmen Sylva, Meerlieder, Verlag von Emil Strauß, Bonn, 1891, S.1ff.


20091127_Victor Binet - Weite Landschaft

Victor Binet – Weite Landschaft


Schlage mich ein in deinen klangreichen Fittig,
Weite, laß mich von deinem Odem umrauschen,
Laß mich durchströmen von wogenden Werdegewalten,
Wandergewalten, Schauens Gestalten. Laß mich
Jauchzend in dein Geglänze taumelnd mich stürzen,
Und mich berauschen an unmeßlicher Flugkraft.
Glaubs nur, ich bin dir verwandt, aus thürmenden Schlünden
Bin ich entronnen, wo Trauer und Kraft auflehnend
Sündigten, darum zur Erdenhölle verurtheilt,
Thränenlos, männlich, dem Unerhörten Ertragen
Schweigend geweiht. Ich grüße dich, Weite, begrüße
Deinen ergreifenden Lockruf, dem ich die Seele
Schrankenlos sende, verachteter Hüllen entkleidet.
Komm’ mir entgegen, und sauge mich auf, wie die Wolke,
Mächtige Weite! Denn ich erreiche dich nicht,
Leihst du mir nicht deinen strömenden Willen,
Deines Erkennens unendliche Ruhe, wie deiner
Kraft unbegrenzte Verwandlung. Trage von dannen
All die Verzweiflung, nutzlosen Ringens Gewalt,
Nutzlosen Stürmens ohnmächtige Gleichheit! Trage
All die verzehrenden Thränen, feuerverwandelt,
Zu den Verzweifelten, daß sie die Reinheit den heißen,
Abgerungenen Thränen verdanken. Breite dich,
Wie des Gedankens ungezwungene
Größe hinaus, verhöhne das Kleine in mir,
Laß es am Ufer zertreten, verschüttet im Flugsand,
Ewig versunken, vergessen, vernichtet! – Woge nicht
Ohne mich weiter! Abenteurer wie du,
Will ich in Nächte mich stürzen, bis sie nicht Nächte mehr
Sind, bis sie tagestrunkenen Glanz mir zu Füßen
Breiten, wie dir, der es Nächte nicht giebt, du Hehre!
Schlage mich ein in den wehenden Mantel, und laß mich
Ruhen an deinem gewaltigen Herzen, die Schläge
Zeitloser Ewigkeit mir in des Blutes Gekreise
Saugend, und sündlos, fühllos, Alles erreiche,
Was ich geahnt, bevor ich zur Erde geboren.
Traurige Kraft ist mein Theil. Du heitere Weite!
Zieh mich schwächer empor, wie Kinder, die lächeln,
Weil sie vom Arme geboren, der selbst sie erschaffen.
Sei du, Weite, mir Heimath, Erkenntniß, und laß mich
Einmal verstanden mich fühlen, einmal ergründet,
Abenteurer, von dir, du nahende Weite!




20091127_Carmen Sylva - An die Weite.

20091127_Carmen Sylva - An die Weite.

20091127_Carmen Sylva - An die Weite.