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14. Januar 2010

Bertha Nölting – An eine Traurige.     Zur Biographie


aus: Baltische Dichtungen, Herausgegeben von Freifrau von Stael-Holstein, Verlag von L. Hoerschelmann, Riga, 1896, S. 407f.


20100114_Frederic Leighton - Pavonia

Frederic Leighton – Pavonia


Dein Auge trüb und thränenschwer!
Dein treues Herz zerrissen!
Du fühlst, der Jugend schönstes Glück,
Auf ewig mußt Du's missen.


Und wüßtest Du, was jetzt mein Herz
Zu Deinem möchte sprechen,
Mit herbem Lächeln hauchtest Du:
Zu hoffen ist Verbrechen! –


Doch glaube nur, das Herz ist stark
Und kann das Schwerste tragen!
In Todeskrankheit darf es noch
Ganz zu genesen wagen!


Wenn es den Kreis des eig'nen Leids,
Den engenden und festen
Durchbrechen kann und sich erhebt
Zum Ewigen und Besten!


Das ist ein strahlend weiter Kreis,
Ein Himmel voller Sterne!
Das ist ein lieblich grünes Thal
Mit Berg und Hügelferne!


O wüßtest Du, wie rein und reich
Des höchsten Lebens Quellen
Den Suchenden, den Dürstenden
In diesem Thal umschwellen!


O wüßtest Du, wie jeder Trunk
Genesung mählich spendet! –
O wüßtest Du, wie all' Dein Leid
In heil'gem Frieden endet! –


Wie Deine Seele sich erhebt
Mit starken Adlerschwingen,
Das Glück, das Dir die Erde wehrt,
Vom Himmel zu erzwingen!


Wie in der Menschenliebe Flut
Du selig darfst versinken,
Um aus dem klaren, frischen Strom
Gottähnlichkeit zu trinken!


Und wähnst Du heute Dich so arm,
Daß ewig nichts Dir bliebe –
Doch wandeln hehr auf Deinem Pfad
Kunst, Religion und Liebe!




20091214_Bertha Nölting - An eine Traurige.

20091214_Bertha Nölting - An eine Traurige.