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Carmen Sylva – Schiffbruch.     Zur Biographie


aus: Carmen Sylva, Stürme, Verlag von Emil Strauß, Bonn, 1889, S. 165ff.


20100413_Willem van Aelst - Stillleben mit Jagdgeräten und toten Vögeln

Willem van Aelst – Stillleben mit Jagdgeräten und toten Vögeln



I.

Es fällt ein Strahl der Frühlingssonne heiß
In alten Schlosses ausgestorb'nes Zimmer,
Durch trübe, regenbogenfarb'ge Scheiben.
Der mattgrüne Damast wird gelb, am Bett
Die goldnen Engel lächeln, die den Vorhang,
Den halb zerriss'nen halten, eine Arbeit,
Die schöner Frauenhand entglitten scheint,
Liegt auf der Erde; Schaaren grauer Motten
Entflieh'n von dort, aus langgezog'nen Straßen,
Und tanzen lautlos geisterhafte Tänze,
Als wollten sie ob der Zerstörung jauchzen,
Die sie vollbracht, wenn sie nur Stimmen hätten.
Sie tanzen von dem Fenster nach dem Bette,
Das ganz zerwühlt und hie und dort befleckt,
Und das Parquet zeigt ebensolche Flecke,
Darüber schweben, wie Gedanken, Motten.
Im weißen, reichvergoldeten Getäfel
Pickt unablässig, wie die Uhr, der Holzwurm,
Und kündet die Secunden, die verrannen,
Seit dort die große Uhr der dunkle Scherben
Getroffen, daß auf drei sie schweigend stillsteht.
Er pickt im gleichen Ton die ew'ge Weise,
Als hielt' ein Zauberbann die kleine Zunge,
Die gern verkünden möchte, was hier einst
Der Leidenschaften wilder Sturm vernichtet,
Von dem nur Moderduft zurück geblieben,
Den nie das Gaisblatt draußen noch verscheucht,
Und Todtenstille, während in dem Urwald
Des mächt'gen Parks die Nachtigallen schlagen,
Und aus dem grünbedeckten Weiher traurig
Die Unke klagt. Man sagt, daß Nachts ein weißes
Gespenst dem Wasser dort entsteige, jammernd
Und Hände ringend zum Gemache eile,
Den Vorhand schüttle, in dem Bette suche,
Vor Tagesgrau'n im Weiher untertauche.
Kein Kind wagt im verruf'nen Garten Rosen
Zu brechen, die dort üppig wuchern, nie
Erklingt ein Schritt im geisterhaften Schlosse.

II.

Der Gutsherr war häßlich, gefürchtet im Streit,
Doch hat er ein herrliches Mägdlein gefreit,
Mit schwellenden Lippen und Augen voll Gluth,
Braunschattig ihr Goldhaar und schelmisch ihr Muth,
Mit Grübchen im Kinne und Brauen so fein,
Und Zähnen wie Perlen, in schimmernden Reih'n.
Sie spielte und dichtete, malte und sang,
Die Hände durchsichtig und schwebend ihr Gang,
Ihr Lachen wie Glocken und biegsam der Leib,
So vornehm die Gräfin, so reizend das Weib.
Wie hat er die Göttin zu freien gewagt?
Wie hatte Aglaia sich ihm nicht versagt?
So frugen die Leute, als Einzug sie hielt,
Als Lächeln und Liebreiz sie sonnig umspielt,
Und er doch so drohend und finster geblickt,
Als hätt' er im Pflücken die Blume geknickt.
Dann war sie verschwunden im großen Portal,
Durchschritt die Gemächer, den hallenden Saal,
Rings strahlte in Spiegeln die hohe Gestalt,
Sie ist in des furchtbaren Hugo Gewalt.
Doch scheint eine Fee sie, den Hugo wird mild,
Er schilt nicht, er straft nicht, er blickt nicht so wild,
Bald klingt aus dem düstern, verrufenen Haus
Ihr liebliches Spielen und Singen heraus,
Zeigt Falten sein Antlitz, sie zaubert es glatt,
Ihn labet ihr Anblick, er schaut sich nicht satt,
Oft fragt er sie ängstlich, ob glücklich sie sei,
Dann lacht sie und schaut ihm wie sinnend vorbei,
Und fliegt durch die Saiten mit kundiger Hand,
Er küßt leis das Haar ihr und ordnet's Gewand,
Und will sie ins Freie, er läßt sie nicht fort,
Er hütet in Ängsten das Kleinod, den Hort,
Er liest einen Wunsch ihr im Auge, sogleich
Ist erfüllt er, dann dankt sie ihm schwesterlich weich,
Und wenn sie »so gütig« ihn nennt, wird ihm bang,
Er will ja gehorchen dem süßesten Zwang,
Er will ihr ja dienen, wenn nur sie vergißt,
Daß mürrisch und häßlich und alt er schon ist.

III.

Der Wind singt so traurig,
Das Land wird so roth,
Der Uhu klagt schaurig,
Die Welt ist so todt.

Es sind keine Schmerzen,
Und doch thut es weh,
Wie ich, unter Scherzen,
Vor Sehnen vergeh'.

Er trägt mit auf Händen,
Mit Liebesgewalt.
Und doch möcht' ich enden,
Mir ist es so kalt.

Die Mutter die sagte:
Die Liebe wacht auf!
Ach: wenn sie doch tagte!
Noch harre ich drauf!

Noch dringt mir die Liebe
In's Herz nicht hinein –
Wenn's ewig so bliebe
Wie todt würd' es sein!

Du Nebel, wie liegst du
Vor'm Auge so dicht,
Was legst du, was schmiegst du
Um's Herze dich nicht?

Was hüllst du es stille
Und schmerzlos nicht ein?
Mein Streben, mein Wille
Ist matt wie ein Stein.

Die Mutter, die meinte:
Die Liebe kommt bald:
Ich bebte und weinte,
Mir war es so kalt!

Du Lied, mein Erretter,
Lehr' lieben mich ihn, –
Wie fallen die Blätter,
Wie heult's im Kamin!

IV.

»Willst du mit mir Schlitten fahren?
Sieh' wie hell die Sonne scheint,
Muß vor Blässe dich bewahren,
Kind – du hast doch nicht geweint?«

»Nein, ich bin nur müde, weiß nicht
Was ich habe, theurer Mann,
Daß ich eben laut noch leis' nicht
Deine Lieder singen kann.

«Mußt nicht schelten, mußt nicht necken,
Mußt auf Niemand böse sein,
Kann nicht singen dann, vor Schrecken,
Fühle Frost in Mark und Bein.«

»Nimmer soll mein Lieb erblassen,
Wie die Diener schelten nicht,
Ruf' zurück, den ich entlassen,
Daß dein Auge wieder licht.

«Mußt die Hände, bin ich böse,
Auf den Arm mir legen leis!
Daß der Zorn in mir sich löse,
Eh' ich dich erschrocken weiß.

»Aber ach! die lieben Hände
Sind so klein, so schmal und weiß,
Dacht' ich daß ich kalt sie fände,
Und nun sind sie glühend heiß.

Und in deinen goldnen Haaren
Glänzt ein weißer Faden, Kind! –
Komm', wir wollen Schlitten fahren,
Farben holen, ganz geschwind!«

Und da fliegt mit Glockenschalle
Hin der prächt'gen Rosse Paar,
»Wie sie strahlte!« sprachen Alle,
»Und wie er so häßlich war!«

V.

Frühlingsregen, Nachtigallen,
Fliederblüh'n.
Wie aus Blumenkelchen allen
Dufte sprüh'n,
Wie die Tropfen, noch im Fallen,
Glitzern, glüh'n.

Wer wird krank sein, wenn im Freien
Alles lacht,
Wenn die Bäum' und Nester schneien
Flocken sacht,
Und die Welt vor Vogelschreien
Aufgewacht?

Wer wird krank sein! Alle Wetter!
Aufgerafft,
Ist der Doctor Lebensretter
So erschlafft,
Daß er gaffend steht, als hätt' er
Nichts geschafft?

Laßt die armen Leute sehen,
Daß gesund
Ihre Gräfin, daß sie gehen
Kann und rund
Grübchen dann und wann umwehen
Kinn und Mund.

Lustig heißt die Losung heute;
Frei und recht
Sind wir jung, wie junge Leute! –
Gar nicht schlecht
Ist es Frühlings duft'ge Beute;
Frisch gezecht!

Nur wer in den Stuben sitzet
Weiß von Harm,
Seht wie tanzt und spielt und blitzet
Mückenschwarm!
Wie die Gräfin, stark sich stützet, –
Fest mein Arm!

VI.

Der Graf einen herrlichen Bruder hat,
Seit der Hochzeit war er auf Reisen,
Doch ward man von ihm zu erzählen nicht satt,
Bei Arm und bei Reich, auf dem Land, in der Stadt,
Da war es ein Rühmen, ein Preisen.

Denn Mainrad war schön und von hoher Gestalt
Und reich an Talenten und Gaben,
Es waren die Frauen in seiner Gewalt,
Derweil sie von Hugo sich wandten kalt,
Von jeher – schon da sie noch Knaben.

Und Hugo der hatte dann Nichts gesagt,
Doch hatt' er es bitter empfunden,
Wie Armuth hatt' es an ihm genagt,
Er hat geflucht, gewüthet, geklagt,
Geblutet aus brennenden Wunden.

Doch endlich, da wurde das Höchste sein;
Die schönste Braut und die beste,
Er war der Älteste, er konnte frei'n;
»Nun, nun bin ich Sieger, du Bruder mein!«
So dachte er höhnend beim Feste.

Graf Mainrad der ging auf die Wanderschaft,
Doch dacht' er in fernen Landen
Des herrlichen Vogels in strenger Haft,
Des schlimmen Hugo's dämon'scher Kraft,
Des Schweigens, der Ängsten, der Banden.

Nun war er gekommen, nun schaut' er sie an,
O Himmel, was ist hier geschehen?
Wie doch ein Mäglein sich wandeln kann!
Wie zart ist sie worden, noch denket er dran,
Wie stolz er sie damals gesehen!

O Bruder, mein Bruder! die herrlichste Maid
Blickt traurig, die Augen sind dunkel,
Sie scheinen so groß und sie öffnen sich weit,
Sie reden von Kämpfen und Schmerzen und Leid –
Wo blieb denn ihr schelmisch Gefunkel?

Und vor seinen Blicken die ganze Nacht
Da brannten die Augen so düster,
Ihn schmerzt es im Herzen so oft er erwacht,
Aglaia hat bebend gewacht, gedacht,
Im säuselnden Frühlingsgeflüster.

VII.

Wie geht er leicht und wie spricht er schön,
Der mit dem Frühling gekommen,
Mich lockt's wie Blumen, wie Sanggetön –
O Mutter, die Liebe ist kommen!

Ich weiß es ja, daß es sündhaft ist,
Was mir im Herzen entglommen,
Doch bin ich glücklich die kleine Frist –
O Mutter! die Liebe ist kommen!

Sein erstes Wort und sein erster Blick
Hat alle Ruh' mir genommen,
Mich hat durchschaut er, mein ganz Geschick,
O Mutter! die Liebe ist kommen!

Ich möchte jauchzen, ich athme frei,
Und doch ist mir bang und beklommen,
Ich schmücke mich gern, daß ich schöner sei, –
O Mutter! die Liebe ist kommen!

Ich hatt' ihn ein einziges Mal geseh'n,
Schon war sein Bild mir verschwommen,
Doch wollte es nimmer verweh'n, vergeh'n,
O Mutter! die Liebe ist kommen!

O wär' ich drunten in Wassers Grund,
Es wäre Allen zum Frommen,
Verdorr', mein Herz, sei stumm, mein MUnd,
O Mutter! die Liebe ist kommen!

O weh' mir, daß ich ihn je geschaut,
Und seine Stimme vernommen,
O wär' ich Jungfrau und seine Braut –
O Mutter – die Liebe ist kommen!

VIII.

Wenn ich nicht so häßlich wäre
Und nicht also schön mein Bruder
Und mein junges Weib nicht heit'rer,
Seit er hier ist, wollte leicht ich
Jenen Wurm zertreten, der mir
In den Eingeweiden wühlt. Doch
Wo wir auf der Wahlstatt standen,
Er und ich, da war er Sieger.
Nur die Erstgeburt, der Reichthum
Siegten einmal, und ich sehe
Mir die Beute sacht entwenden,
Durch den Kriecher, durch den Schmeichler
Mit der schönen Fratze: Bube!
Wenn mein schönes Weib du ansiehst,
Das bisher ich so gehütet –
Was dem Tod ich abgerungen,
Werd ich dir entwinden können!
Hüte dich! mein Aug' ist offen,
Hier bin ich der Herr und Meister,
Bin ich häßlich und auch unwirsch,
Wärest du Adonis selber,
Sprächst du auch mit Engelzungen,
Hüte dich, die Rache lauert,
Und nicht eher werd' ich ruhen,
Bis im Sande du verröchelt;
Dann werd' ich dahin sie führen,
Und mit lautem Hohngelächter
Ihr so schöne Namen geben,
Daß sie, wie ein Wurm sich krümmend,
Mich um Gnade fleht, Erbarmen,
Dankbar, daß wie eine Magd sie
Mir noch dienen darf. Zerbrechen
Soll sie, wie ein Rohr, – doch nein! ich
Rede irre! sie, der Reinheit
Ebenbild, die Unschuld selber!
Ach! verzeih' mir, holder Engel,
Daß ich mit zerriss'nem Herzen,
Teuflisch dich verdächt'gen konnte!

IX.

Bald jagen zu Roß durch die Haide sie hin,
Bald singen sie Lieder im Saal,
Bald liegen im Wald sie und baden in Luft,
In dem zitternden, spielenden Strahl.

Graf Hugo wird heiter, gesprächig, galant,
Sein Blick nur irrt ruhlos umher,
Entzücket Graf Mainrad Aglaia's Gesang.
So preist ihr Gemahl sie noch mehr.

Sie lesen, sie scherzen, Aglaia erblüht
Zu Schönheit, die Keiner geahnt,
Am Abend des heiteren Tages wird gleich
Für Morgen Vergnügen geplant.

»Wie schade, wie schade, daß die nicht ein Paar:«
So sagen die Leute sich leis!
»Graf Hugo der könnte ihr Vater auch sein!«
Und rümpfen die Nasen: »Wer weiß!«

Oft scherzet Graf Hugo so sonderbar,
Und lacht dann so heiser und laut,
Daß Mainrad erstaunt und erschrocken blickt
Und daß Aglaia es graut.

Sie schmiegt, wie zum Schutze, an Hugo sich an,
Doch Mainrad wird dann so bleich
Und wendet sich um und murmelt ein Wort,
Verläßt das Zimmer sogleich.

Die Leute die reden und reden so viel,
Und schütteln die Häupter, und leis'
Beklagen Aglaia sie, tadeln sie scharf –
B'hüt Gott sie, wenn Hugo es weiß!

X.

Im grünen Zimmer ist's still und gut,
Wenn draußen Neben wallen,
Im grünen Zimmer weiß man nicht
Daß draußen Blätter fallen.

Im grünen Zimmer weiß man nicht,
Daß hinter eisernen Pforten,
Der Graf allein Chemie studirt,
Bei dampfenden Retorten.

Wohl kam er ein-, zweimal herein,
Nachdem er drauß gelauschet,
Nachdem er Stimmen drin gehört
Und dann ein Kleid gerauschet.

Doch fand den Bruder stets allein
Er, schien auch nimmer
Von Mißtrauen beherrscht, er sprach
Von Wissenschaften immer.

Wer war stets heiter, ruhig, kühl,
Nur schien er zu probiren,
Wie sehr sein Weib gehorsam sei,
Mit ew'gem Commandiren.

Und mit erschrock'nen Augen that
Sie dienend seinen Willen,
Zähnknirschend sah dann Mainrad zu
Und wüthete im Stillen.

Der Stirne Ader schwoll ihm auf,
Die Augen sprühten Funken,
Dann drückte Hugo sie an's Herz
Und küßte sie wie trunken.

Und herrschte laut ihr wieder zu,
Wie einer Magd und meinte,
Sie rede nie ein wahres Wort
Und lachte, wenn sie weinte.

O! ob des Winters langer Qual
Und Liebeslust und Schrecken,
Warum kann Schnee, der Alles deckt,
Verlor'ne nicht bedecken?

Warum kann nicht die Leidenschaft,
Wie Laub vom Baume fallen?
Warum muß sie nur tiefer noch
Sich in die Herzen krallen?

Der Märzensturm umheult das Schloß,
Der Graf mit grauen Haaren
Braut Tabaksblätter fort und fort
Mit kundigem Verfahren.

Dann schlägt er laut die Bücher zu,
Hebt's Glas und schaut und zischet
Hohngrinsend nach dem Licht empor:
»Hab' Nicotin gemischet!«

XI.

Ich kann es nicht tragen, Aglaia,
Daß Hugo dich herzt,
Daß er dich schilt und strafet,
Und dann mit dir scherzt.

Ich will es nicht sehen, Aglaia,
Denn du bist mein,
Kannst du nicht stolzer, kälter,
Und abweisend sein?

Ich harre so lange, Aglaia,
Dann kommst du nicht,
Und wartest in Angst, unterthänig,
Auf ihn, den Wicht.

O, liebtest du micht, Aglaia,
Du hättest Muth,
Selbst deinem Hugo zu trotzen
Und seiner Wuth.

Ich durste nach dir, Aglaia,
Wie's welke Blatt,
Dann nimmt er dich in die Arme
Und küßt sich satt.

Ich bin ein Sünder, Aglaia,
Bring' mich in Wuth,
So könnt' ich mich noch beflecken
Mit Bruders Blut.

Jetzt weine nicht so, Aglaia
Das bricht mir's Herz,
Ich möchte mich schier verbluten
An deinem Schmerz.

Und sage mir nicht, Aglaia,
Wie du's gethan,
Wenn ich vor Eifersucht sterbe –:
Er ist mein Mann!

XII.

Die Nacht ist schwarz, es tobt der Sturm
Er wüthet und ächzt in den Bäumen;
Die Weide bricht in der Mitte ab,
Sie kracht und stürzt in den Weiher hinab,
Die modrigen Wasser die schäumen.

Die Schiefer saufen vom Dach, es klirrt
Von Scheiben, die prasselnd zerschmettert,
Die Geister umheulen im Schlote sich,
Die Wolken senken zur Erde sich,
Es drühnt und brauset und wettert.

Und wie die Katze, so leise schlecht
Durch all das Gestöhn und Gewimmer
Hinauf, mit dem Glas in der Hand, der Graf,
Den Bruder zur morden, im tiefen Schlaf,
Dort oben, im grünen Zimmer.

Doch wie er das Glas an den Mund ihm drückt,
Erwacht Graf Mainrad und wehret
Sich gegen den Mörder, den er nicht sieht,
Der keuchend und stumm auf der Brust ihm kniet,
Sein Stoß hat das Glas fast geleeret.

Ein gräßliches Ringen, ein furchtbarer Kampf,
Da endlich klinget im Düstern
Graf Hugo's Stimme, in heiserem Ton:
»Trink', Elender, du kommst nicht davon!«
Und endet in zischendem Flüstern:

»Wenn du in dieser Stunde nicht stirbst,
Bringst Tod du dem treulosen Weibe,
Ich jage hinaus dich, ich bring' ihr den Trank,
Sie nimmt ihn ganz stille, mit freundlichem Dank!«
»Bleib!« schrie Graf Mainrad, – »o bleibe«!

Er setzt an die Lippen das Glas und trinkt aus,
Ihm entringt sich ein einziges Stöhnen,
Dann steckt er die Glieder, wird steif und kalt,
Doch durch das Zimmer ein Lachen hallt,
In schrillen, in gellenden Tönen.

Und wie Graf Hugo die Augen hebt,
Da steht im Linnengewande
Die Gräfin mit einem Licht in der Hand
Und kichert und zeigt auf ihn unverwandt:
»Die Schande! die Schande! die Schande.«

Der Graf der schleudert das Glas nach ihr,
Doch hat sie die Nacht schon verschlungen,
Der klirrende Scherben zerbricht die Uhr,
Doch von der Gräfin ist keine Spur,
Im Sturm ist ihr Lachen verklungen.

XIII.

Graf Hugo schließt die Thüre ab
Er trägt die Leiche hinaus,
Mit seiner Last steigt er treppab,
In Nacht und Sturm und Graus.

Der Bruder hält den Bruder gut
In Armen wie ein Kind,
Und blickt sich um, in scheuer Hut
Und wandelt so geschwind.

Der Sturm reißt ihn zu Boden fast,
Die Leiche ist so schwer,
Es sägt der Baum, es kreischt der Ast
Wehklagend rings umher.

Es scheint ihm in der Dunkelheit,
Hier muß der Weiher sein,
Es wirft ein kleines Steinchen weit,
Und plätschernd fällt's hinein.

Mit Steinen füllt den Mantel er,
Hüllt drein den Bruder fest,
Bis er ihn von dem Ufer her
In's Tiefe sinken läßt.

Fast zog die Last ihn selber mit,
Er springt tief athmend auf,
Da hört er einen leichten Schritt
Und gellend Lachen drauf.

Doch eh' sie seine Hand erreicht,
Ist schon die Gräfin fort,
Er möchte eilen, doch er schleicht,
Schon graut der Morgen dort.

Was krallt sich an die Kleider schwer?
Was lähmt so seinen Schritt,
Als zög' er etwas hinterher,
Als schleppt' er Steine mit?

Verwüstet ist der Park, es liegt
Manch' stolzen Baumes Kron',
Die sich so frei im Wind gewiegt,
Im Sand gebettet schon.

XIV.

Das Unglück hab' ihn schwer getroffen,
Daß heute Nacht die arme Gräfin
Wohl einen Wahnsinnsanfall hatte,
Graf Mainrad sei zur Stadt gelaufen,
Um Arzt und Wärt'rin schnell zu holen.
Doch da bis jetzt noch keine Nachricht,
So sei ihm bang, auch seinem Bruder
Sei ganz gewiß etwas begegnet,
Da so entsetzlich es gewüthet,
Wer weiß, wie hoch der Fluß geschwollen.
Es wurden Reiter abgesendet
Und Leute, die mit Stangen suchten,
Doch keine Spur vom Grafen fanden.
Und Hugo folgt' Aglaia's Schritten,
Aufhorchend, mit gesträubten Haaren,
Ob nicht sie plötzlich ihn verrathe.
Doch wich sie allen Menschen aus und
Mit heftigen Geberden wehrte
Sie Jedem, ihr zu nahen. Immer
Umkreiste sie den Weiher, zeigte
Betrübt die abgebroch'ne Weide,
Und schüttelte das Haupt und langte
Nach all' den zarten Blüthen, die noch,
Geknickt, emporsah'n aus dem Wasser.
Das Grausen, das Graf Hugo schüttelt'
War ew'ge Folterqual. Er wollte
Einsperren oft die Kranke, aber
Es wehrte es der Arzt; denn heiter,
Mit Blumen, frischer Luft und Vögeln
So soll man sie umgeben, meint' er.
So ging der Sommer hin und Hugo
Begann, ein wenig aufzuathmen,
Da meldeten erschreckt die Diener,
Es spuke in dem grünen Zimmer;
»So laßt die Thür vermauern!« rief er.
Doch trotz der dichten Mauer spukt' es
Noch fort, nur ihm ward es verschwiegen.

XV.

Die Lieb' ist gekommen,
Im Frühling entglommen,
Da stand sie in duftigen Blüthen,
Der Sturm hat zerknickt sie,
Der Sturm hat zerpflückt sie,
Mit Schütteln und Würgen und Wüthen

O konntest vor Leide
Nicht hüten dich, Weide,
Was mußtest die Liebe du trinken?
Es würgte im Schlaf dich
Der Böse, der traf dich,
Du mußtest versinken, versinken.

Ich wollte dich halten
Mit Liebesgewalten,
Nun bist du vom Sturme zerbrochen,
Doch halte ich Wache,
Bist einst ich die Sache
Geflüstert, verkündet, besprochen!

XVI.

Das Eis schmilzt auf dem Weiher,
Der Schnee tropft von dem Baum,
Es weckt zur Frühlingsfeier
Der Sturm die Welt im Traum.

Und aus dem Wasser ragen
Die Weidenzweige noch,
Sie sind zerknickt, zerschlagen
Und wollen grünen doch.

Doch wie der Sturm entfachet,
Da springt die Gräfin auf,
Als wär' ein Funk' erwachet
Im todten Aschenhauf.

Sie stürmt durch's Schloß und: Mainrad!
Ruft sie zum ersten Mal,
Auf Treppen tönt es: Mainrad!
Mainrad! im Ahnensaal.

Verzweifelt, händeringend
Umkreist den Weiher sie
Und klagt und schreit durchdringend:
»Trink nicht! 's ist Gift! entflieh!«

Ihr Haar das steht im winde,
Sie rast ins Dorf: »Herbei,
Ihr Leute! kommt geschwinde
Mit Stangen, macht ihn frei!

«Der Graf ist in dem Wasser!
Im Wasser ist der Graf,
Er wurde blaß und blasser,
Weckt ihn, weckt ihn vom Schlaf!«

Man thut der armen Kranken
Ja stets nach ihrem Sinn,
Drum zieht, mit Stangen, Planken,
Man nun zum Teiche hin.

Sie zeigt auf eine Stelle,
»Setzt an, setzt an mit Hast,
Er ist sehr schwer, hebt schnelle,
Ihn hält der Steine Last!«

Und ihre Haken setzen
Sie tief ins Wasser drauf
Und zieh'n, an Kleiderfetzen,
Schwer ein Geripp' herauf.

Der Männer Schaar entringet
Sich laut ein Schreckensschrei, –
Die Kranke aber singet,
Kommt neugierig herbei.

Sie droht ihm mit dem Finger
Und schüttelt's Haupt und lacht:
»Ob man dem Wiederbringer
So garst'ge Fratzen macht?«

XVII.

In dem Schloß ist Polizei,
Wühlt und sucht an allen Orten,
Oeffnet die geheimsten Pforten,
Ob die Spur zu finden sei.

Immer geht die Gräfin mit,
Flüstert im Vorüberstreichen:
»Wer wird denn so sehr erbleichen,
Hugo, warum wankt dein Schritt?«

In der Werkstatt ist es leer,
Keine Scherben, nur die Bretter
Tragen ein'ge Tabaksblätter,
Braune Flecken rings umher.

»Doch wir sah'n bis jetzt noch nicht,
Wo der Graf gewohnet immer,
Ist vorhanden noch das Zimmer,
Gäb' es Aufschluß uns und Licht.«

»Da der Graf durch Lärm gestört
In dem ersten, tiefen Trauern,
Mußten wir es ganz vermauern,
Haben's trotzdem noch gehört.«

Doch die Gräfin lacht und legt
Ihren Finger auf die Lippen:
»Still! der muß vom Glase nippen,
Der an jener Statt sich regt.

Leise, leise geht mir nacht,
Dürft mit Euren plumpen Tatzen
Tappen nicht und auch nicht kratzen,
Sonst wird Hugo wieder wach.«

Und im Keller schiebt sie fort
Ein klein Pförtchen. In der Mauer
Windet sich ein Treppchen. Schauer
Weh'n um Hugo's Sinne dort.

Endlich kratzt sie leis und lauscht,
Drückt versteckt ein kleines Knöpfchen:
»Sei nicht bange, bück' dein Köpfchen,
Daß dein Kleidchen nur nicht rauscht!«

Offen ist das Zimmer, schon
Lehnt der Graf an Sessels Rande,
Da schreit auf sie: »Mörder! Schande!
Gift! o helft!« und ist entfloh'n.

XVIII.

Hoch ragt das Schaffott und die Menge steht
In athemlosem Gedränge,
Die Sonne lacht und Westwind weht
Bei dem tödtlichen Schaugepränge.

Und der dort oben ist geisterbleich,
Doch vornehm und unerschrocken,
Es schmeichelt spielend der Lufthauch weich
In seinen silbernen Locken.

Noch einmal schaut er zur Sonne auf,
»Aglaia!« flüstert er leise,
Dann kniet vor'm Block er, legt's Haupt darauf,
So müde – zur dunkelsten Reise.

In seinem Garten da spielt derweil
Aglaia mit Blumen und Steinen,
Da hört sie läuten, springt auf, in Eil',
Und beginnt dann, bitter zu weinen.

Dann läuft sie schwebend dem Wasser zu,
Beschaut sich, mit Lächeln und Leide:
»Ich komme! ich komme, Geliebtester du!
Wir Beide da unten, wir Beide!«

Dann breitet sie zärtlich die Arme weit,
Und gleitet still in die Wogen,
Die sind, beim Sterbeglockengeläut,
Zum andern Ufer gezogen.

XIX.

Der Frühlingssonnenstrahl in ödem Schlosse
Weckt keine Liebe mehr und keine Sünde,
Nicht Rache wohnet hier, noch Wahnwitz,
Nicht Schönheit mehr, noch süße Lieder,
Noch Furcht, noch Hoffnung, noch Verzweiflung;
Hier schlafen Reue und Gewissen,
Nur unablässig tickt der Holzwurm
Die ewig rollenden Secunden,
Die Unke lockt vom modergrünen Weiher,
Und in dem Lichtstrahl tanzen stumm die Motten.