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Richard von Hartwig – Toleranz     Zur Biographie


Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1884, 2. Band


20120501_Gustav Richter - Koenigin Luise)

Gustav Richter - Königin Luise


Toleranz.

O, träume nur von Seligkeit!
Von einem Glück – weil Dir's auf Erden
Verloren ging – in jener Welt!
Solch' Traum ist süß,
Ist werth geträumt zu werden. –


Doch eifre nicht, wenn and're zweifeln
An dem, was Dir Gewißheit scheint.
Der Zweifel ist der Wahrheitsliebe Kind!
Wer Wahrheit sucht, der zweifelt gern.
Wenn ach! wir wissen nichts vom Ding der Dinge,
Ach, nichts vom Wesen dieser Welt!
Stets wandelbar bleibt d'rum des Menschen Denken
Und räthselhaft Natur, die ihn umgiebt.
Sieh dort! nur unlängst spielten Sonnenlichter
Mit buntbeblümten Haidekraut,
Nun hüllt das alles unbestimmtes Grau;
Schon steigt der Nebel auf, der letzte Schimmer
Des Abendroths verglimmt am Horizont,
Und was so hell, so sonnenklar erschien,
Taucht sich in tiefgeheimnißvolle Nacht.
Vom Himmel aber blicken nieder
Viel zahllos gold'ne Räthselfragen,
In leuchtend gold'ner Hieroglyphenschrift
Steht dort auf azurblauem Grund geschrieben
Das ungelöste Räthsel dieser Welt.
Wie eine Sphynx blickt sie den Menschen an
Und stürzt ihn in des Grübelns Abgrund,
Davor es kein Erretten giebt,
Eh' nicht die Lösung sich gefunden. –


Doch will ich Dich in Deinem Traum nicht stören,
Nein! träume fort von Seligkeit,
Von einem Glück – weil Dir's auf Erden
Verloren ging – in jener Welt;
Solch' Traum ist süß,
Ist werth geträumt zu werden.







20121010_Richard von Hartwig – Toleranz