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Erich Wulffen – Die Kraft des Michael Argobast

Roman

Erich Wulffen, Die Kraft des Michael Argobast, Verlag von Carl Reissner, Dresden, 1917


Erstes Kapitel

Der Amtsrichter Schierenberg saß in seinem Dienstzimmer im alten Amtsgerichtsgebäude und bereitete sich auf die Schöffengerichtsverhandlung des nächsten Tages vor.

Rechts von seinem wurmstichigen Schreibtische hatte Referendar Barbian Platz genommen, der dem Richter zur Ausbildung überwiesen war. Er hatte einzelne Aktenstücke studieren müssen und entwickelte nun nach bestem Wissen seine Meinung.

Der Gerichtsdiener, ein alter Mann mit weißem Schnurrbarte in dem mürrischen Gesicht, trat, ohne anzuklopfen, herein und überreichte einen Brief. »Von Herrn Argobast soeben für Herrn Amtsrichter abgegeben.«

»Argobast? Kenne ich nicht!« sagte der blonde Amtsrichter mit dem nach hinten gekämmten Haar, der äußerlich eher den Eindruck eines Philologen als eines Juristen machte. Dabei überlas er flüchtig die Aufschrift des Schreibens.

Während der Diener sich mit schleppendem Gange wieder entfernte und die Zimmertüre hinter sich ins klirrende Schloß warf, öffnete Schierenberg mit etwas empfindlicher Miene den Umschlag und nahm vom Inhalte des Briefes Kenntnis. Je weiter er las, desto unruhiger hielt er das Papier.

»Bitte, suchen Sie die Akten Blessinger heraus, die wir vorhin besprochen haben!« rief er dem Jüngeren nicht ohne Schärfe zu.

Referendar Barbian, ein eleganter junger Mann, stürzte den Aktenstoß ein, der auf einem schmalen Tische zwischen ihm und dem Amtsrichter aufgetürmt war, und überreichte das gewünschte Aktenheft.

»Und nun lesen Sie dieses Schreiben«, sagte der Richter nervös, »lesen Sie es laut vor! Es gehört zur Instruktion.«

Referendar Barbian las.

»Sehr geehrter Herr Amtsrichter! Sie wollen entschuldigen, wenn ich mich auf ausdrücklichen Wunsch eines Dritten in dessen zu Ihrer Zuständigkeit gehörigen Angelegenheit bittend an Sie wende – «

»Eine ganz neue Art – das muß ich sagen – « bemerkte der Amtsrichter.

»Der Buchhalter Blessinger bei der hiesigen angesehenen Firma Jenel und Düß hat sich morgen vor dem Schöffengerichte unter Ihrem Vorsitze wegen Vergehens gegen § 327 des Strafgesetzbuchs zu verantworten. Er hat – «

Das Amtszimmer lag im Erdgeschoß nach dem Garten des Gerichtsvorstandes hinaus. Durch das offene Fenster duftete der Flieder, von einem säuselnden Lüftchen getragen, herein, ein Fink schlug lustig in den Zweigen – unwillkürlich sah der jüngere Rechtsbeflissene auf.

»Er hat«, wiederholte er fortfahrend, »während der herrschenden Hundesperre seinen kleinen Hund auf einer unbelebten Promenade ein Stück ohne Maulkorb und Leine laufen lassen.«

»Darüber werden wir gleich sprechen.«

»Herr Blessinger hat nun das Unglück gehabt – «

Weiter kam der Referendar nicht, weil seine Stimme von den Fanfaren der Militärkapelle, die um die Ecke schwenkte und mit ihren hellen Trompeten schmetternd einsetzte, übertönt wurde.

Wie auf Verabredung, wiewohl Schierenberg etwas zögernd, erhoben sich die Juristen von ihren gelben Kirschbaumstühlen und traten an das Fenster. Über den Garten hinweg konnte man die schmucken blauen Reiter mit ihren wehenden Fähnlein unter Führung eines schneidigen Offiziers vorüberziehen sehen.

»Von Raupach – der tolle Rittmeister – « erklärte Barbian, der den Husarenoffizier zu kennen schien. Schierenberg sagte nichts und lächelte nur.

Erst als der letzte Mann und das letzte Roß in der blühenden Kastanienallee ihren Blicken entschwanden, entsannen sich die Juristen auf ihren »Fall« und zogen sich vom Fenster zurück.

Der Paragraphenlehrling las weiter.

»Blessinger hat nun das Unglück gehabt, vor zehn Jahren einen Fehltritt zu begehen. Er ist wegen Unterschlagung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden, die er bis auf einen in Gnaden erlassenen Rest verbüßt hat.«

»Das ist richtig.«

»Danach hat er sich durch Fleiß und Begabung von untergeordneten Posten zu seiner verantwortungsvollen und gutbezahlten Stelle emporgearbeitet. Weder seine Prinzipale noch seine Frau wissen von seiner Vorstrafe. Er hegt nun die Furcht, daß die übliche Verlesung des Auszugs aus seinem Strafregister – «

»Hier ist er!« Der Richter klopfte mit der Hand auf die Akten.

»Seine frühere Verurteilung in weiteren Kreisen der Stadt bekannt macht und nicht nur sein Familienleben trübt, sondern auch seine Stellung im Geschäfte, das auf einen tadellosen Ruf peinlich hält, gefährdet, ja erschüttert. Er bittet deshalb inständig – «

»Er bittet – lesen Sie langsam, Herr Kollege.«

Der Referendar hemmte seinen Redefluß »Von solcher Verlesung seiner mit der neueren Anklage in gar keinem Zusammenhang stehenden Vorstrafe in öffentlicher Verhandlung abzusehen. Ich schließe mich – «

»Also Herr Argobast – «

»Seiner Bitte, die auch dem neueren Rechtsempfinden des Volkes Rechnung trägt, ergebenst an. Daß Blessinger sich nicht selber unmittelbar an den Herrn Amtsrichter wendet, sondern seinen Wunsch durch mich vorträgt, bitte ich mit seiner begreiflichen Befangenheit und meinen in hiesigen Kreisen bekannten – «

»Mir unbekannten – «

»Jahrelangen Bemühungen zu erklären, würdigen Vorbestraften ihr Fortkommen zu erleichtern. Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung ergebenst Michael Argobast.«

Der Referendar hatte ausdrucksvoll und mit steigender Wärme gelesen, er gab den Brief seinem Vorgesetzten zurück.

Schierenberg schwieg einen Augenblick und schien von dem Inhalte doch einen anderen Eindruck als beim ersten Überlesen empfangen zu haben.

»Wie würden Sie sich als Schöffenrichter zu diesem Ansinnen stellen?« fragte er dann.

Barbian zögerte etwas mit der Antwort. »Ich würde, glaube ich, die Vorstrafe nicht verlesen.«

Der Richter schien diese offene Antwort nicht erwartet zu haben; er runzelte, kaum merklich, die Stirn.

»Handelte ich da völlig unbeeinflußt als unparteiischer Richter?« fragte er den überraschten Referendar. »Wenn Herr Argobast, den ich nicht kenne, von dem ich gar nichts weiß – «

»Er nimmt in der Gesellschaft eine sehr angesehene Stellung ein – «

»Mag sein – ich bin erst seit einem Jahre hier – wenn Herr Argobast nicht geschrieben hätte, versetzen Sie sich ganz in diese Lage, würden Sie von selbst den Entschluß gefaßt haben, die Vorstrafe nicht zu verlesen?«

»Ich persönlich? Vielleicht – « Das klang freimütig und offen.

»Aber von mir selber, der ich seit Jahren in der Praxis stehe, könnte ich das kaum versichern« sagte Schierenberg etwas empfindlich. »Wie kämen Sie zum Beispiel zu Ihrem freiwilligen Entschlusse?«

Barbian errötete sichtlich, als er sagte: »Die öffentliche Meinung und die Presse kämpfen schon lange gegen die öffentliche Verlesung der Vorstrafen an.«

»Die Straftat, deren Blessinger jetzt angeklagt ist, Herr Kollege, hat der Gesetzgeber nur mit Gefängnisstrafe bedroht.«

»Auch hier fordert das Rechtsbewußtsein des Volkes bereits die wahlweise Geldstrafe.«

»Wollen Sie Verteidiger werden, weil Sie so stark in Reformen arbeiten?« fragte der Richter etwas kühl.

»Ich hätte dazu eine ausgesprochene Neigung.«

Dabei hafteten Barbians Augen an dem vergilbten Bilde eines längst verstorbenen Justizministers, das hier in dem veralteten Inventar aus Pietät oder Gewohnheit noch nicht von der geblümten Tapete über dem zerrissenen Ledersofa genommen worden war.

»Der Schutzmann versichert, daß Blessinger dem Hunde, der übrigens so klein nicht zu sein scheint – wir können ihn uns ja ansehen! – den Maulkorb gelöst und ihn die Leine hat nachschleifen lassen, obwohl er den Beamten hinter sich hergehen sah.«

Der Amtsrichter blätterte in den Akten und fuhr fort: »Kommt da nicht ein recht offensichtlicher Wille des Angeklagten zum Ausdrucke, sich nicht an das Gesetz zu binden? Geschah nicht bei seinen früheren Unterschlagungen dasselbe? Wird dadurch nicht ein gewisser Zusammenhang hergestellt?«

Er bestätigte sich durch wiederholtes Kopfnicken selbst.

»Kann man nicht die Frage aufwerfen«, endete er, indem er mit der flachen Hand auf den Schreibtisch schlug, »wie ein durch seine Vorstrafe so ernstlich gewarnter Mann das Gesetz und seinen amtlichen Vertreter so über die Achseln anzusehen vermag?«

Der Referendar machte ein ernstes Gesicht. Auf ein so strenges Sittengericht schien er in dieser Angelegenheit nicht vorbereitet zu sein.

»Verstehen Sie mich nicht falsch!« lenkte Schierenberg, der Sohn eines Schnittwarenhändlers aus Völklingen, ein. »Ich bin ein nur dem Gesetze und meinem Gewissen unterworfener Richter. Das klingt sehr schön und ist, wie Sie am Beispiele sehen, manchmal recht schwer erfüllt. Wir üben solche Verlesung der Vorstrafen unbedenklich seit Jahr und Tag.«

»Aber eine neue Übung kann sich Bahn brechen!« sagte Barbian ungefragt mit hellen Augen.

»Gewiß kann sie das! Aber käme sie diesmal aus meiner völlig unbeeinflußten richterlichen Überzeugung? Verstehen Sie, was ich sagen will, Herr Kollege? Darf ich abweichen, weil Herr Argobast, gerade ein Herr Argobast, mir schreibt und mich bittet?«

Der Amtsrichter war lebhaft aufgestanden und schloß für heute die Instruktionsstunde.

Man sah ihm an, daß er sich durch den eigentümlichen Inhalt des Briefes tatsächlich im Innersten beunruhigt fühlte. In seinen Augen hatte er einen zerstreuten Blick und rückte seinen Stuhl unsanft beiseite.

Herbert Barbian, der Sohn eines Großindustriellen aus Düsseldorf, war still geworden. In der Beurteilung seines Amtsrichters, dem er in Gedanken wiederholt den Vorwurf der Kleinlichkeit gemacht hatte, trat eine leichte Verschiebung ein.

Zwar trugen nach seiner Meinung Schierenbergs heutige Bedenken eigentlich auch einen kleinlichen Charakter. Aber sie waren Kundgebungen eines sich peinlich – allzu peinlich! – richtenden Gewissens, eines unbestechlichen deutschen richterlichen Gewissens, das nur den Begriff solcher Unbestechlichkeit und richterlichen Unabhängigkeit ein wenig überspannte.

Aber für ein solches, heute erlebtes Ereignis hatte der junge, hochbegabte Jurist ebenfalls ein empfängliches Gemüt.

Er verstand seinen Amtsrichter dahin, daß ihm die Anregung, die ihm Argobast gab, neu war, gänzlich neu, und daß er erst einer Einfühlung in den fremden Gedankenkreis bedurfte, ehe aus ihr die gewandelte richterliche Überzeugung geboren werden konnte. Freilich war für den bedauernswerten Blessinger von Bedeutung, ob diese Wandlung binnen vierundzwanzig Stunden sich vollziehen würde!

Wärmer als sonst erwiderte Barbian in diesem Sinn bei der Verabschiedung den Druck der ihm gebotenen Hand des Richters und verließ, um wertvolle Anregungen bereichert, das Dienstzimmer, dessen Türe auch Schierenberg alsbald hinter sich schloß.

Die warme Morgensonne lachte tiefer in den gemütlichen, einem Familienwohnzimmer ähnlichen Raum herein und flimmerte, von der Fensterscheibe zurückgeworfen, um Mund und Nase des vergilbten toten Justizministers.

Einsam aber in der verlassenen Stube schwebte noch immer der köstliche Fliederduft lautlos über den Akten.


Zweites Kapitel

»Wer ist Argobast? Kennen Sie Michael Argobast?« Mit diesen Worten trat Schierenberg etwas atemlos in das Zimmer des Kollegen Doktor Bretting, der ihn aus einer blauen Rauchwolke, die sein schneeweißes Haupt wie der Nebel einen Gebirgsgipfel umschwebte, willkommen hieß.

»Michael Argobast? Den Mann kennen Sie nicht?« gab der Gefragte etwas erstaunt, fast vorwurfsvoll zurück.

Der Jüngere setzte den Sachverhalt kurz auseinander und las einige Sätze aus dem Briefe vor. »Ist der Mann ernst zu nehmen?« fragte er dann.

Der Ältere sah ihn mit seinen klaren Augen an. »Ernst zu nehmen? Wenn einer ernst zu nehmen ist, Herr Kollege, dann sicher Michael Argobast.«

»Wahrhaftig?« fragte Schierenberg, sichtlich enttäuscht.

»Haben Sie wirklich noch nichts von ihm gehört? Er ist unser Vertreter im Abgeordnetenhause! Sie sind doch ein volles Jahr bei uns. Er hat draußen in Ellerau den ersten Hochofen gebaut und soll als armer Schlosser angefangen haben. Heute ist er ein reicher Mann. Sind Sie noch nicht an seiner Villa vorübergekommen?«

»Wo liegt sie?«

»Wenn Sie vom Stuttgarter Platz kommen, an der Endsdorfer Straße rechter Hand. Der Baustil muß Ihnen sofort aufgefallen sein.«

»Der düstere Turmbau mit der hohen Umfassungsmauer?«

»Dahinter dehnt sich ein weiter Park.«

»Wie kommt der Mann zu solchen Briefen?«

»Wir hatten ihn früher als Schöffen« erzählte Doktor Bretting, indem er mit der Kunst eines Virtuosen eine lückenlose Kette blauer Rauchringe aus seinem Munde hervorzauberte. »Ich bin oft erstaunt gewesen über die Fragen, die er an Angeklagte und Zeugen stellte. Er brachte Licht in die dunkelsten Verhältnisse. Seine Menschen- und Seelenkenntnis hatte zuweilen etwas Verblüffendes. Dabei hat er einen großen Blick für das Leben.«

Der kleine, allzu kleine und dazu beleibte Bretting mit seinem weißen Haar und den blauen blitzenden Augen hatte seine Amtslaufbahn seit zwanzig Jahren auf die Abteilungen des Amtsgerichts beschränkt. Nun saß er seit einem Jahrzehnt als Amtsgerichtsrat in der Grundbuchabteilung mit den Riesenfolianten und den verstaubten Akten, zwar vergessen, aber doch mit seinem Schicksal zufrieden.

»Menschen«, pflegte er zu sagen, »habe ich in den anderen Abteilungen viele an mir vorübergehen sehen. Jetzt bin ich mit Soliderem befaßt. Mutter Erde hat dauernden Bestand.«

Er liebte es, seine Erinnerungen aufzufrischen, und ließ sich nicht gern eine Gelegenheit entgehen.

»Seit einigen Jahren ist er Geschworener«, plauderte er über Argobast weiter, »fast regelmäßig Obmann. Die Staatsanwälte fürchten ihn bei schwachen Anklagen. Das Gericht kann für seine Mitarbeit gar nicht dankbar genug sein.«

»Und erfreut sich dieser Wundermann allgemeiner Beliebtheit?« fragte der Jüngere ungläubig.

»Eigentlich ja. Das ist das Merkwürdige, das Erfreuliche. Im stillen hegt vielleicht mancher eine kleine Gegnerschaft, aber wirklich nur ganz im stillen. Wem bliebe das erspart! Im übrigen hat aber selten einer die unbestochene Meinung so für sich gehabt. Das soll ihm jemand nachmachen! Aufrecht und selbstlos, grundehrlich und ohne Anmaßung.«

»Er mischt sich aber, wie es scheint, auch in Strafsachen, wenn er nicht als Laienrichter berufen ist.«

»Das hängt mit seiner Fürsorgetätigkeit zusammen. Er spielt eine große, spielt die wichtigste Rolle im Verein für entlassene Strafgefangene. Er ist in der Stadt, ist im Bezirke und darüber hinaus als sozialpolitischer Wohltäter bekannt – wer in Verlegenheit gerät, wendet sich an ihn – so kommt er zu Ihrem Falle Blessinger.«

Amtsrichter Schierenberg wurde etwas nachdenklich.

»Man kann nicht sobald aufhören, wenn man von Argobast zu sprechen anfängt« fuhr Doktor Bretting, seine Redseligkeit gewissermaßen entschuldigend, fort. »Daß wir hier am Orte ein Zuchthaus haben, hat natürlich seine Bestrebungen begünstigt. Direktor Muskalla wird stark von ihm beeinflußt; aber zweifellos günstig. Sie müssen nicht glauben, Herr Kollege, daß Argobast sozusagen von Humanität trieft. Das ist gerade das Merkwürdige an diesem Manne, das sich mit Worten kaum beschreiben läßt, daß er in seinem Innersten einen schier untrüglichen Wertmesser für Schuld und Sühne zu tragen scheint.«

Schierenberg sah dem alten Herrn etwas zweifelhaft ins Gesicht, erwiderte aber nichts.

»Mit Hilfe des Direktors hat Argobast manche erfreuliche Neuerung im Zuchthaus durchgesetzt. Vor allem will er die Freude auch im Strafhause zur Miterzieherin machen. So hat sich unter den Züchtlingen neuerdings eine Art Gesangverein, ja eine Art Orchesterverein gebildet.«

»Entlehnt aus Amerika!« rief der kluge Richter.

»Mag sein. Im Ministerium wollen sie, glaube ich, auch nicht viel davon wissen, drücken aber ein Auge zu, weil die guten Wirkungen nicht abzuleugnen sind.«

»Aber Ihr Mann bringt damit einen Zwiespalt zwischen Oberbehörde und Unterbehörde.«

»Sicherlich vollständig unbewußt. Ich wiederhole Ihnen, der Mann ist ohne jede Anmaßung. Sprechen Sie mit ihm, und Sie werden sagen, er ist bescheiden, ist zu bescheiden. Jede Kritik liegt ihm fern. Man hat ihn gegen unsere Strafjustiz und unseren Strafvollzug noch keinen Tadel aussprechen hören. Er handelt nur, er ist verbessernd tätig, unermüdlich, mit einer rührenden Aufopferung. Lesen Sie den Brief, den er Ihnen heute geschrieben hat, prüfen Sie Wort für Wort. Können Sie eine Schärfe, einen Tadel, auch nur einen Vorwurf heraushören? Das fiel mir sofort auf. Setzen Sie sich einmal hin, Herr Kollege, und drücken Sie einen solchen doch gewiß nicht alltäglichen Wunsch so verbindlich aus – wir beide vermöchten's nicht.«

Der Schöffenrichter sah überrascht in den Brief, las einzelne Stellen nochmals ganz langsam und sagte dann: »Da haben Sie tatsächlich recht!«

»Schließlich müssen Sie auch von seinen persönlichen Opfern wissen, um ihn ganz zu beurteilen!« erklärte der warmgewordene Bretting. »Hunderte und Tausende gibt er jährlich dem Fürsorgeverband. Der Jugendlichen nimmt er sich besonders an. Auch persönliche Besserungsversuche sind ihm mehr oder weniger geglückt. In seinem großen Betriebe kann er manchen schon verlorengegebenen Mann unauffällig unterbringen. Das tut er alles ganz im stillen, ohne ein Aufhebens davon zu machen. Nie läßt er sich öffentlich nennen – ich weiß zufällig von einem Falle Döll, einem schwer vorbestraften Einbrecher, der dieses eine Mal – wohl mit Recht – freigesprochen worden war – «

Der kleine Grundbuchrichter, der in seiner Lebhaftigkeit aufgestanden war, ging mit tänzelnden Schritten, an denen man ihn im Freien schon aus der Ferne erkennen konnte, im Zimmer auf und ab.

Es war rührend, zu sehen, wie er, der auf die Dauerhaftigkeit der Mutter Erde schwur, sich doch aus seiner früheren Tätigkeit her für den flüchtigen Menschen ein so warmes Herz bewahrt hatte.

»Ich hatte später Gelegenheit«, plauderte der Ältere, ohne Schierenberg zu Worte kommen zu lassen, weiter, »durch Eingeweihte den genauen Hergang zu erfahren und einen Einblick in Argobasts Gedankenkreis zu gewinnen. Er wollte diesem Döll das Bewußtsein geben, daß Menschen an seine Besserung und guten Vorsätze, die er äußerte, glaubten. Er sollte etwas erfahren, was er noch nicht erlebt und vielleicht auch nicht für möglich gehalten hätte.«

»Wirklich?«

»Sein Innerstes sollte in eine solche Stimmung versetzt werden«, erzählte Bretting wie ein schwärmender Jüngling, »daß der Wunsch zur Besserung für alle Zeiten gefestigt und unauslöschlich eingeschrieben würde. An solche Wirkungen glaubt Argobast. Seine Handlungsweise war gewissermaßen ein kriminalpsychologisches Experiment, wie es noch kein Professor im kriminalistischen Seminar vorgeführt hat.«

Amtsrichter Schierenberg wußte nicht, was er dazu sagen sollte, hier in der verstaubten Hypothekenstube, wo seiner Meinung nach alle Gefühle aufhörten, eine so stimmungsvolle Seelenschilderung zu hören.

»Daß ich kurz bin«, fuhr Bretting, seinen schönen weißen Kopf etwas zurückwerfend, fort, »Weihnachten war vor der Tür, und Argobast bescherte in seiner Villa dem Freigesprochenen mit seiner eigenen Familie unter demselben Christbaum.«

»Ist das möglich?« erstarrte der Richter mit dem Philologengesicht.

»Frau und Fräulein Argobast – sehr hübsche liebenswürdige Damen! – mit einigen Verwandten sowie die Dienstboten waren eingeweiht. Von Anfang an, vom gemeinsamen Gesange ›Stille Nacht, heilige Nacht‹ an hat Döll der Bescherung beigewohnt. Er wurde mit nützlichen Sachen, mit Geld und einigen Genußmitteln reichlich beschenkt. Er benahm sich sehr nett, so daß die Anwesenden gar nicht glauben wollten, einen gefährlichen Einbrecher vor sich zu haben. Nur die Dienstboten blickten manchmal verstohlen nach ihrem aufgezählten Silbergelde.«

»Ist das auch alles verbürgt, Herr Amtsgerichtsrat?« nörgelte der Zweifler, der sich von seiner Überraschung etwas erholt hatte.

»Sie können sich darauf verlassen, ich erzähle Ihnen keine Märchen. Ich habe alles aus bester Quelle. Unsere Frauen treffen sich gelegentlich im Cäcilienverein. Beim Heringssalat und Bier, womit er zum Schluß beköstigt wurde, gestand Döll unter Tränen, daß er noch nie ein wahres Weihnachtsfest gehabt habe. Er erzählte von seiner freudlosen, harten Jugend und seiner armen alten Mutter in Schlesien. Alle gaben ihm zum Abschied die Hände – er schien tatsächlich den Eindruck zu haben, daß ihm eine größere, rein menschliche Teilnahme nicht bezeigt werden konnte.«

»Und hat dieser Eindruck dauernde Früchte getragen?«

»Eigentlich nicht, wenigstens nicht in dem erwarteten Umfange« erklärte Bretting, selber etwas enttäuscht. »Nach einigen Monaten gab Döll unvermittelt und ohne ersichtlichen Anlaß die gutbezahlte Arbeitsstelle, die ihm Argobast gleichzeitig in seinem Betriebe gegeben hatte, heimlich auf, verschwand eine Zeitlang nach Berlin – «

»Sehen Sie! Sehen Sie!«

»Und kam dann wieder hierher zurück. Wegen Diebstahls soll er nicht wieder zur Anzeige gekommen sein, aber wegen Bettelns ist er wiederholt bestraft worden.«

»Die ganze Bescherung war also umsonst?« fragte der Schöffenrichter, als wolle er durchaus jede Illusion zerstören.

»Was aber Argobasts Glauben an seine Sache nicht erschüttert hat! Wir wollen froh sein, daß ein solcher Mann in unsern Mauern wohnt. Ich verhehle Ihnen nicht, Herr Kollege, daß ich eine heimliche Verehrung für ihn habe, und bedauere nur, daß er sich nicht in einer hohen amtlichen Stellung befindet, um alles, was er sonst über diese Dinge bei sich empfinden und denken mag, in allgemeingültige Taten umzusetzen.«

»Nun muß ich aber gestehen, daß Sie mich auf Ihren Propheten Argobast neugierig machen!« erklärte Schierenberg mit etwas gesuchter Lebhaftigkeit. »Wo kann man den Mann kennenlernen? Wie sieht er aus? Ich stelle ihn mir nach Ihrer Beschreibung schon äußerlich merkwürdig vor.«

»Wo Sie ihn kennenlernen können? Er läuft niemandem nach, er drängt sich nicht auf, er bleibt gern im Hintergrunde. Deshalb schrieb er an Sie und kam nicht selber. Verstehen Sie?«

Schierenberg zuckte die Achseln.

»Wie er aussieht? Sie können recht haben! Keine große Erscheinung – aber übermittel – nicht besonders kräftig – ein braunes Gesicht mit schönem dunklen Vollbart – noch schwarzes Haar – geistige Stirn – dunkle Augen, aber voller Glanz – können Sie sich ein Bild machen?«

»Eigentlich noch nicht – «

»Ich will Ihnen etwas vorschlagen, Herr Kollege, verlieben Sie sich in seine Tochter – Ottilie Argobast – ein entzückendes Mädel – etwas wild – schwarzer Lockenkopf, ist noch zu haben.«

Der Amtsrichter lachte, indem er sich eiligst verabschiedete. »Er würde sich, glaube ich, für solchen Schwiegersohn bedanken!«

»Aber den Registerauszug verlesen Sie mir nicht!« rief ihm der kleine Rat zwischen Türe und Angel in den hallenden gewölbten Gang nach. »Das bitte ich mir aus!«

Einen Augenblick blieb er in seinem Zimmer stehen und überlegte. Dann öffnete er die Seitentüre und rief in die Hypothekenstube hinein: »Grundbuchakten Blatt 123 für Wittersheim!«


Drittes Kapitel

Während er drüben im alten, dem Abbruche entgegensehenden Amtsgericht einen so warmen Fürsprecher seiner sozialen Lebensarbeit fand, hatte Michael Argobast selbst das etwas entfernt gelegene Landgericht, einen schönen deutschen Renaissancebau, betreten.

Einen flüchtigen Blick hatte er hinaufgeworfen, wo die zum Himmel gerichtete Schwurhand den Turm krönte, und in höchster Höhe über dem Hause die Gestalt der Wahrheit schwebte.

Wie immer, so oft er hereintrat, weitete ihm die hohe und breite Eintrittshalle, von einem hellen Oberlichte durchflutet, Herz und Sinn. Jeder mußte es günstig deuten, daß die Gerechtigkeit in diesem neuen Hause gleich dem Eintretenden eine solche innere Befreiung gewährte.

Ein Staatsbaumeister, der künstlerische Kraft mit tiefem Gefühle für deutsche Rechtsbildung vereinigte, hatte einem bureaukratischen Widerstand zum Trotze der heimischen Justiz diese weit über die Landesgrenzen berühmte Stätte bereitet.

Nur ungern unterließ Argobast, wenn er Zeit hatte, einen kurzen Rundgang durch die Halle zu machen, deren künstlerische Ausschmückung einen ganz neuen Geist atmete.

Skulptur und Plastik, die bisher nur an der Außenarchitektur der Gerichtsgebäude in den bekannten steinernen Löwen oder im Standbilde der Themis mit verbundenen Augen und mit der Wage zur Geltung kamen, waren in künstlerischer Folgerichtigkeit nun auch in das Innere des Gerichtshauses hineingetragen worden.

Da stand an der Ostseite eine schöne Skulpturarbeit, Adam und Eva, und rief die Erinnerung an den ersten Sündenfall, der sich in jedem Menschen erneuert, wach.

Ein Moses mit den Gesetzestafeln, dieser Grundlage allen Strafrechtes, trat machtvoll hervor.

Zwischen beiden Gruppen glänzte die lichte Gestalt eines lehrenden Christus, zu seinen Füßen in Stein die Worte: »Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.«

Konnte die Verinnerlichung des Strafgesetzes sinnvoller zum Ausdrucke gebracht werden?

Gegenüber auf der Westseite zeigte, in Anerkennung der Dichter als der wahren Erzieher des Volkes, die den Kampf zwischen Gut und Böse besonders tief empfunden haben, ein Relief den Kopf Friedrich Schillers; darunter las man seine geflügelten Worte:

»Wehe, wehe, dem Mörder, wehe,

Der sich gesät die tödliche Saat!

Ein andres Antlitz, ehe sie geschehen,

Ein anderes zeigt die vollbrachte Tat.«

Michael Argobast ging langsam, als genieße er im Aufwärtssteigen, die helle und breite Treppe zur Halle des oberen Stockwerkes empor und freute sich der symbolisch lichtvollen Klarheit, Übersichtlichkeit und Einfachheit, die dieses neue Gerichtsgebäude, der kommenden Rechtsschöpfung gleichsam ein Vorbild, überall zeigte.

Oben trat er in den Vorraum der Staatsanwaltschaft, der ein abwechslungsreiches Bild darbot.

Im Anmelderaum fertigte ein Gerichtsdiener Ladungen aus; ein anderer verschnürte Akten und siegelte sie ein. Der scharfe Geruch von brennendem Siegellack machte sich bemerkbar. An allen diesen Blättern und Schriftstücken hing eine Schuld, hing ungesühnte Menschenschuld.

In einer anderen Abteilung harrten die geladenen Zeugen und Zeuginnen ihres Aufrufes. Hier sah man an Tischen, auf Bänken geheimnisvoll flüsternde Gesichter, Personen verschiedenen Standes – Verkäuferinnen in auffallenden Sommerkleidern, Frauen aus dem Volke, zwölfjährige, frühentwickelte Mädchen mit sinnlichen Gesichtern –

Im letzten, am meisten zurückliegenden Raume, den man nicht ohne weiteres übersehen konnte, saßen die vorgeladenen Beschuldigten mit nachdenklichen, sorgenvollen oder dreisten Gesichtern, beiderlei Geschlechts, fast alle den unteren Volksklassen angehörend, nur ein besser gekleideter Mann, ein Volksschullehrer, fiel auf, jeder gesondert für sich, mit eigener Schuld und eigenem Schicksale beschäftigt.

Der Aufsichtsbeamte der Gerichtsdiener, ein großer und breiter Mann mit militärischer Haltung, dessen volles gesundes Gesicht ein sorgfältig gepflegter brauner Vollbart umrahmte, hatte, von seinem Pulte aufsehend, kaum den neuen Ankömmling bemerkt, als er aufstand und ihm mit der Frage: »Womit kann ich dienen, Herr Argobast?« höflich entgegentrat.

»Ich möchte den Herrn Ersten Staatsanwalt sprechen.«

Der Beamte nickte. »Ich führe Sie gleich zu ihm, er ist augenblicklich frei.«

Die beiden verschwanden in einem langen, in leuchtendem Gelb gemalten Gange.

»Sehr erfreut, Herr Argobast! Was führt Sie zu mir?« rief der Erste Staatsanwalt Treuß, ein stattlicher Fünfziger mit gewandten Umgangsformen, sich vom Schreibtische erhebend, dem Besucher, vielleicht in etwas geschäftsmäßigem Tone, entgegen.

Der Empfangsraum des Staatsanwalts war ein schönes Eckzimmer mit einer geschmackvollen Verkleidung der zahlreichen Fenster, die das helle Tageslicht bis in die äußersten Ecken einströmen ließen.

An den Wänden in mattem Blau zeugten einige feingestimmte Aquarelle – Landschaften und Studienköpfe – sowie wertvolle Radierungen von dem Kunstsinne ihres Besitzers. Man hätte vielleicht glauben können, im Nebenraum einer Gemäldeausstellung zu weilen.

Vor dem Fenster erhob sich ein stufenartiger Aufbau von ausgewählten Blattpflanzen und Blumen. Helles und dunkles Grün, Weiß und Dunkelrot leuchteten in der Sonne, eine zierliche Gießkanne und blinkende Blumenspritze vervollständigten das freundliche Stilleben.

»In der Hoffnung, Sie nicht von Wichtigerem abzuhalten«, begann Argobast in seiner etwas langsamen, schweren Sprechweise, »bin ich gekommen, Sie um einen guten Rat zu bitten.«

Treuß lud höflich zum Sitzen ein.

»Sie hatten wiederholt die Güte, mit mir über meine sozialen Bestrebungen Rücksprache zu nehmen. Ich habe also nicht nötig, Ihnen die Gründe für mein neueres Vorhaben, von dem ich sprechen möchte, auseinanderzusetzen.«

Der Staatsanwalt bejahte. »Ich bin vollständig im Bilde.«

»Ich brauche auch nicht zu begründen«, fügte der Hüttenbesitzer nachdenklich hinzu, »daß der zielbewußte Mensch auch bei vereinzelten Mißerfolgen in seinen Ansichten verharrt, ja in ihnen gewissermaßen mit seinem höheren Zwecke wächst.«

Treuß machte eine verbindliche Handbewegung.

»Mir ist der Gedanke gekommen«, setzte Argobast etwas zögernd auseinander, »mein Rettungswerk, wie ich es, ohne unbescheiden sein zu wollen, vielleicht nennen darf, an einem besonders schwierigen Objekt zu versuchen.«

Der Staatsanwalt sah ihm mit Spannung ins Gesicht.

»Ich weiß selbst nicht, wie mich der Einfall packen konnte – kurzum, er läßt mich nicht los. Bisher habe ich die Personen, denen ich meine Fürsorge zuwendete, fast wahllos aus der Hand der Behörden entgegengenommen. Jetzt möchte ich selbst einmal die Versuchsperson bezeichnen.«

»Ich bitte, mich nur zu unterrichten, wen Sie meinen, Herr Argobast. Es soll alles geschehen, was möglich ist.«

»Eine bestimmte Person habe ich nicht im Auge, aber einen bestimmten Charakter. Ich will mich deutlicher erklären. Als Kriminalist werden Sie begreifen, daß es mich reizen kann, mich an einer Natur zu versuchen, der gegenüber von vornherein ein Erfolg aussichtslos erscheint.«

Der Staatsanwalt machte ein Gesicht, als ob er an die Erfolglosigkeit früherer Fälle dachte.

»Also an einem Verbrecher«, fuhr der Hüttenbesitzer unbeirrt fort, »der für durchaus besserungsunfähig gehalten wird, an einem, wenn wir so sagen wollen, verworfenen und aufgegebenen Charakter, an einer von Grund aus, wie die Ausdrucksweise lautet, wirklich bösartigen Menschennatur.«

»Dazu gehört Mut, das muß ich gestehen!« äußerte Treuß.

»Ich weiß das nicht einmal, Herr Erster Staatsanwalt! Leider bin ich kein Psychologe von Beruf und kein Schriftsteller. Sonst würde ich versuchen, Ihnen meine Gedanken von der Bösartigkeit der Menschen zu entwickeln. Ich zweifle nämlich an einer absoluten Bosheit des Menschen. Ich glaube, selbst in pathologischen Fällen wird höchstens die Grenze annähernd erreicht.«

»Ja, außerhalb dieser Mauern mögen Sie zu einer solchen Auffassung kommen.«

»Erwägen Sie, bitte, einmal die ungezählten Gelegenheiten und Möglichkeiten, die sich im täglichen Verkehr der Menschen zur Verübung von Schädigungen an Eigentum, Ehre und Leben bieten, und wie verhältnismäßig selten geschieht es.«

»Mir genügen die Ziffern der Statistiken, Herr Argobast!«

»Sie wissen besser als ich, Herr Erster Staatsanwalt, daß sie im Bereiche der unbegrenzten Möglichkeiten verschwinden! Wären die Menschen wirklich so schlecht, sie hätten die Gelegenheiten längst erschöpft und sich gegenseitig mit Stumpf und Stiel vernichtet. Daß wir eine Kultur haben, beweist, daß im Menschen ein absolut Gutes, kein radikal Böses lebt – straucheln sie, so liegen die Umstände besonders ungünstig.«

Der Staatsanwalt sah etwas merkwürdig drein, als er zum erstenmal in seinem Dienstzimmer dieses eigenartige Problem berühren hörte.

»Ich möchte also auf meine Weise praktisch gewissermaßen die Probe auf das Exempel machen!« wiederholte der andere. »Ich denke, es ist ein Unternehmen, das sich auf jeden Fall lohnt, selbst wenn das Ergebnis mich nicht bestätigen sollte.«

Der Staatsanwalt konnte im Innersten dem sonderbaren Schwärmer, wie er ihn im stillen nannte, seine Hochachtung nicht versagen. Dabei war der Gedanke eigentlich neu und sogar eines Philosophen würdig.

»Und nun komme ich zu Ihnen, Herr Erster Staatsanwalt, weil ja bei der langen Untersuchung, die schwere Fälle erheischen die Staatsanwaltschaft schließlich am besten Gelegenheit hat, die Gemütsart eines Verbrechers kennenzulernen, und weil bei Ihnen alle Fäden zusammenlaufen.«

»Mit anderen Worten, ich soll Ihnen ein Ungeheuer, wie Sie es suchen und wünschen, empfehlen?« fragte Treuß lächelnd. »Das ist eine kitzliche Geschichte. In dieser Lage bin ich wirklich noch nicht gewesen. Natürlich soll es ein männliches Individuum sein? Annehmbar möchten Sie mit Ihrem Experimente auch möglichst bald beginnen?«

»Daran habe ich allerdings gedacht.«

»Wer hat die Namen und Charaktere alle im Kopfe?« Der Staatsanwalt sann nach und schlug eine Liste auf, die er seinem Schreibtisch entnahm. »Ich muß mich um Jahre rückwärts versetzen. Wieviel Hunderte von Kreaturen, glauben Sie, sind schon an mir vorübergegangen? Einen Mörder haben wir ja natürlich gar nicht zu vergeben – sehen Sie, da machen Sie schon selbst Vorbehalte!« lachte Treuß freundlich. »Da hätte ich einen, wie Sie ihn vielleicht im Auge haben. Bruno Holste, der mit einem Genossen den Beamten einer Lebensversicherung vergiftete, dann die Leiche im Koffer verpackte und in einem gemieteten Schuppen begrub! Das war ein Kakodämon, wie er im Buche steht.«

»Es scheint so.«

»Wenn er am Grundstück mit dem Schuppen vorüberging, pflegte er zu sagen: »Da drüben ist unser Kirchhof!« Sie wollten nämlich das einträgliche Geschäft fortsetzen und noch mehrere Versicherungsbeamte beiseite bringen. Ein auf dem Hofe vor dem Schuppen brennendes Licht nannte er die »ewige Lampe«.«

Der Hüttenbesitzer nickte nachdenklich. »Eine ähnliche Gemütsart möchte es vielleicht sein.«

»Holste wurde wegen seiner Jugend zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. An Entlassung ist gar nicht zu denken. Wählen wir also einen anderen! Bitte, einen Augenblick.«

Treuß überlegte.

»Wie wäre es mit Erkelenz?« fragte er in einer plötzlichen Eingebung. »Wenn ich die Zeit einigermaßen im Kopf habe, kommt er bald zur Entlassung – Robert Erkelenz – kennen Sie seinen Fall?«

Treuß hatte sofort auf den Knopf der elektrischen Klingel gedrückt und erklärte dem hereintretenden Gerichtsdiener: »Die Akten gegen Erkelenz aus meiner Registrande! Sind erst neulich vom Justizministerium zurückgekommen.«

»Ich mache Ihnen leider Umstände – ich kenne den Fall nicht.«

»Das wundert mich eigentlich. Sie werden sich schon erinnern. Erscheint also bei unserem Kommerzienrat Bernheim ein junger Mann mit verkniffenem, diabolischem Antlitz, eine Aktenmappe unterm Arm. Ich sage Ihnen, ein Kerl, kohlrabenschwarz mit dunkelbrauner Haut, der reine Mohr – das Signalement ist vielversprechend – nicht?«

»Ich bin schon im Bilde, Herr Erster Staatsanwalt.«

»Schickt seine Visitenkarte herein. Dr. jur. Schwarz – selbstredend Schwarz – geheimer Kriminalkommissar des Königlichen Polizeipräsidiums Berlin. Ausgesucht Berlin! Er eröffnet dem Kommerzienrat in Gemütsruhe, an der russischen Grenze sei ein umfangreicher Getreideschmuggel entdeckt worden, einer der Hauptschmuggler habe Bernheim als Anstifter schwer belastet.«

»Jetzt entsinne ich mich dunkel.«

»Sehen Sie! Nun geben Sie acht! Als Bernheim versichert, nach der Ostgrenze Getreide überhaupt nicht geliefert zu haben, verzieht der Schurke keine Miene, nimmt aus seiner Mappe einen mit plumper Hand selbst geschriebenen Haftbefehl auf rotem Formular und erklärt, er sei von Berlin entsandt worden, den Kommerzienrat zu verhaften. Halten Sie das für möglich? Nun kommt der Humor – «

Argobast lächelte.

»Bernheims Bureau wird angerufen, ein Kontorist meldet, Kriminalkommissar Schwarz werde nach Erledigung seines Auftrages vom Justizminister erwartet. Angesichts dieser ernsten Lage erbietet sich der Kommerzienrat eindringlich zur Sicherheitsleistung, die in Höhe von zwanzigtausend Mark – selbstverständlich zögernd – angenommen wird. Bernheim öffnet seinen Kassenschrank und weist nach, daß kaum tausend Mark bares Geld vorhanden sind. Man besteigt gemeinsam – «

Der Gerichtsdiener trat herein und legte das dicke Aktenstück auf den Schreibtisch.

»Bei Herrn Staatsanwalt Custodies lagen die Akten.«

Treuß ließ den Diener abtreten.

»Man bestieg also gemeinsam – zwei seltsame Fahrgäste – eine Droschke zur Fahrt nach dem Bankhause, wo Bernheim die Zwanzigtausend glücklich erhebt und dann während der Fahrt zum Justizminister, bei dem seltsamerweise die Haftentlassung stattfinden soll, dem Kommissar glatt aushändigen muß, der plötzlich in vollem Trabe mit kühnem Satze aus dem Wagen springt – «

»Um aber – ich entsinne mich – nach einigen Tagen mit einem Teile des Geldes wieder ergriffen zu werden« fiel der Hüttenbesitzer lebhaft ein.

»Unter uns gesagt«, plauderte Treuß etwas offenherzig, »psychologisch wird mir der Fall nur verständlich, wenn ich, vermutungsweise, also ohne Unterlagen, verstehen Sie? – annehmen dürfte, daß Bernheim ein schlechtes Gewissen hatte.«

»Das kann ich mir eigentlich nicht denken – «

»Aber die Hauptsache bleibt doch die Persönlichkeit von Erkelenz! Damit komme ich zur Sache. Er hatte etwas Faszinierendes, Dämonisches in seinem Gesicht und in seinem ganzen Wesen. Oh, ich entsinne mich seiner deutlich! Wäre der Mann nach Ihrem Geschmack?«

Es war interessant zu hören, wie der Staatsanwalt auf die bloße Anregung des Hüttenbesitzers sich in den zurückliegenden Fall vertiefte und ihn in seiner lebhaften Weise veranschaulichte.

»Wenn ich noch etwas über seine Gemütsart wissen könnte?«

»Seien Sie unbesorgt! Es liegt etwas Lauerndes, Unheimliches, Brütendes in ihm. Es kommt ihm zwar in erster Linie auf das Geld an, er hat aber auch seine geheime Lust an der Art, wie er sich's verschafft. Er handelt mit Bosheit, er legt es darauf an, seine Opfer zu quälen, er ist kalt – er kennt, möchte ich behaupten, keine besseren Gefühlsregungen – was wünschen Sie mehr?«

»Könnten Sie aus den Akten feststellen, wann er zur Entlassung kommt?« fragte der Hüttenbesitzer nach kurzem Nachdenken.

Treuß hatte das Aktenstück aufgeschlagen und blätterte. »Ich müßte mich sehr irren«, erklärte er, von seiner eigenen Schilderung angeregt, »wenn die fünf Jahre Zuchthaus nicht bald abgelaufen wären – fünf Jahre! – So lebhaft steht mir der Mensch noch vor den Augen. Sie können sich einen Begriff machen.«

Er berechnete die Strafzeit unter Anrechnung der Untersuchungshaft und stellte den Strafantritt fest. »Was habe ich Ihnen gesagt? In zwei Wochen, genau am dritten Juni, öffnen sich ihm die Tore des Zuchthauses – Sie haben also gerade noch Zeit, alle Vorbereitungen zu seinem würdigen Empfange zu treffen.«

»Dann sage ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank, Herr Erster Staatsanwalt, ich werde mit Direktor Muskalla und mit Erkelenz selbst das weitere besprechen« erklärte Argobast aufbrechend.

»Vielleicht erfahre ich gelegentlich, wie er Ihren Antrag aufgenommen hat« fuhr Treuß fort, den Besucher noch einen Augenblick festhaltend. »Stellen Sie sich die Sache mit ihm nicht so einfach vor, Herr Argobast. Er ist das, was man eine komplizierte Natur nennt. Er ist stolz, ja trotzig. Almosen nimmt er schwerlich an. Vielleicht stören Sie ihn durch Ihre Einladung auch in wohlerwogenen Plänen.«

Argobast sah den Staatsanwalt fragend an.

»Glauben Sie, daß sein unruhiger Geist in den Gefängnismauern müßig geblieben ist? Ich stelle mir vor, daß ein Mensch wie er in den fünf Jahren eine Menge grandiose und sensationelle Dinge ausgeheckt und – im Geiste – schon ausgeführt hat, die er nun teilweise in die Wirklichkeit zu übertragen einen Kitzel spüren wird.«

»Daran habe ich allerdings nicht gedacht.«

»Um so besser, Herr Argobast, wenn Sie ihn davon abhalten und seine Mitmenschen vor ihm schützen können – nur in diesem Sinne kann ich meine Empfehlung eigentlich verantworten – leider sehe ich aber das Erfolglose Ihres Unternehmens – Sie verzeihen – schon im voraus – es ist ja undenkbar – «

»Bei Gott ist kein Ding unmöglich, Herr Erster Staatsanwalt!« sagte Argobast einfach und ruhig.

»Glauben Sie wirklich, daß der liebe Gott sich an dieser Sache beteiligt?« ließ sich Treuß unvorsichtig entschlüpfen und fuhr schnell auf den seltsamen Blick Argobasts gutmütig fort: »Seien Sie mir nicht böse – wir sind hier nur Juristen – äußerst nüchtern – ich gebe zu – entsetzlich nüchtern – ich will Ihrer Arbeit keinesfalls zu nahe treten – nein, ganz gewiß nicht – obwohl ich Grund hätte, mit Ihnen zu hadern.«

»Mit mir?« fragte Argobast verwundert.

»Seien wir doch ganz offen – wir Männer unter uns – Ihre Rettungsarbeit, wie Sie sie selbst nennen, ist für unsere Justiz eigentlich ein stiller Vorwurf.«

»Aber ich bitte!« verwahrte sich der andere.

»Ganz ohne, ja gegen Ihren Willen – selbstverständlich – aber denken Sie mal an den Fall Döll. Sie haben den Mann, den wir in diesem einen Ausnahmefalle vielleicht zu hart angefaßt haben, gestreichelt!«

Ein leichter Schatten flog über Argobasts Gesicht.

»Ich nehme aber gleichwohl ein menschliches Interesse an Ihnen und fühle mich auch verpflichtet, Sie zu warnen« versicherte Treuß ernsthaft. »Sprechen Sie doch, bitte, mit Herrn Staatsanwalt Custodies, der seinerzeit als Assessor unter meiner Leitung den Fall Erkelenz bearbeitet hat. Er wird Ihnen bestätigen, daß auf Erkelenz mancher schwere Verdacht ruhte und eigentlich noch ruht.«

»Das ist mir natürlich von Interesse.«

»Ich will Sie mit Einzelheiten nicht ermüden. Aber verhehlen darf ich Ihnen nicht, daß ich Erkelenz noch ganz anderer Dinge für fähig halte. Seien Sie überzeugt, der Mann, in dem ein böser Dämon schlummert, schreckt vor dem Schlimmsten nicht zurück. Er hat auf mich immer den Eindruck eines heimlichen und unheimlichen Mörders gemacht.«

»Glauben Sie wirklich?«

»Ja – ja – wenn Sie Ihr Leben liebhaben, seien Sie vorsichtig! Ich glaube nicht, daß Sie mit einem solchen Gesellen zu tun haben wollen. Möchten Sie nicht ein paar Worte mit dem Kollegen Custodies sprechen? Ich lasse Sie zu ihm führen.«

»Aber ich glaube wirklich, von Ihnen bestens unterrichtet zu sein, Herr Erster Staatsanwalt« sagte Argobast ablehnend und im Begriffe, sich endgültig zu verabschieden.

»Also dann reden Sie mit Direktor Muskalla. Vielleicht ist er hoffnungsvoller. Aber neugierig bin ich wirklich und möchte es mit ansehen, wie Sie sich mit dieser Verbrecherseele abfinden werden – immer gern zu Ihren Diensten, Herr Argobast – meine besten Wünsche für Ihr Vorhaben – das versteht sich – auf Wiedersehen – meine Empfehlung an Frau Gemahlin!«


Viertes Kapitel

Die Sonntagsglocken läuteten den Ausgang des Gottesdienstes; Argobasts kamen aus der Katharinenkirche nach Hause.

Ein schöner sonniger Maientag lockte hinaus ins Freie. Die ganze Woche war nasses, kühles Wetter gewesen, Argobast hatte bei seiner vielen Arbeit kaum Zeit zu einem kurzen Spaziergang gefunden.

Heute wollte er mit Frau und Tochter das Versäumte nachholen; da man erst um drei Uhr zu Mittag speiste, hatte man zu einem Ausflug vier Stunden Zeit.

Er schlug als Ziel den stimmungsvollen Kranichsee vor, der in einer grünen, von Fichtenwaldung besetzten Hügellandschaft schöne Uferspaziergänge bot und mit einer Nebenbahn in fünfundzwanzig Minuten zu erreichen war.

Allein Ottilie, die sonst den See so liebte, hatte ihn heute »langweilig« genannt und war nach dem zweiten Frühstück unauffällig in den Garten hinuntergegangen.

Auch Frau Hildegard traf merkwürdigerweise nicht die geringsten Anstalten zur Ausfahrt und schien sich auf der von blaßblauen Glyzinen umrankten Veranda in ihren neuen Roman, den sie gestern begonnen hatte, vertiefen zu wollen.

Argobast, die Friedfertigkeit selbst und ein Gegner aller häuslichen Auseinandersetzungen, war zwar etwas enttäuscht, daß sein Wunsch keinen Beifall fand. Er war aber, wie immer, im Innersten zu sehr mit seinen Gedanken und Plänen beschäftigt, als daß er ernstlich den Grund zu wissen begehrt hätte, der seinen Ausflug verhinderte.

Da er Sonntags immer mit seiner Familie, die ihn in der Woche zuweilen entbehren mußte, zusammen zu sein wünschte, dachte er auch gar nicht daran, etwa allein den See aufzusuchen, sondern begab sich schließlich ebenfalls in den Garten.

Villa »Hildburg« – so hatte Argobast als aufmerksamer Gatte seinen schönen Grundbesitz nach seiner Frau genannt – lag, von der Straße etwas zurück gerückt, in einem prächtigen großen Parke, der sich nach Osten zu bis an den breiten Bach erstreckte, der dort die Stadtgrenze bildete.

Das Haus berührte in seiner Bauart manchen vielleicht etwas zu abgeschlossen und ernst. In deutschem Renaissancestil nach des Besitzers eigenen Plänen vor etwa fünf Jahren errichtet, suchte es den Charakter einer häuslichen Burg in allen Einzelheiten zu wahren. Die schwere Eingangspforte befand sich in einem schon von Efeu umrankten Turme, darin auch die äußeren Treppen nach den oberen Stockwerken liefen, die Fenster waren klein und gewölbt, die Austritte söllerartig.

Auch die zahlreichen Innenräume, wiewohl geschmackvoll und behaglich, ahmten das Burgähnliche nach und zerfielen in größere Säle und kleine Kemenaten. Der Schmuck war gediegen, aber nicht prunkvoll.

Wer die Ritterlichkeit des Besitzers gegen seine hübsche Frau und, seit sie herangewachsen war, auch gegen seine Tochter kannte, fand in der ernsten Architektur aus der Ritterzeit doch eine freundliche Symbolik.

Um das ganze große Grundstück lief eine hohe, solide Umfassungsmauer von Sandstein, die viele Tausende gekostet hatte.

Wer auf der Straße vorüberging, sah vom inneren Grundstücke gar nichts. Selbst die Eingangstüren in der Umfassungsmauer waren massiv und nicht in durchsichtigem Gitter gearbeitet. Von der anderen Straßenseite konnte man die oberen Stockwerke des Wohnhauses sehen.

Vater und Tochter begegneten sich in den Stiefmütterchenbeeten, die hinter dem Hause lagen und alljährlich mit sorgfältiger Gärtnerkunst erneuert wurden.

Er wollte eigentlich doch fragen, weshalb seine Damen heute so häuslich waren. Allein er unterließ es, als Ottilie, ein schlankes, hochgewachsenes Mädchen, ohne ein Wort zu sagen, ihren Arm in den seinigen legte.

Sie gingen Schritt für Schritt und betrachteten die ungezählten Stiefmütterchen in ihren verschiedenen Arten und Färbungen von Weiß, Gelb, Violett, Blaßblau, Braun und Schwarz. Eine Schar von lieblichen und ernsten Blumengesichtern – wie Engelsgesichter auf Gemälden der Gottesmutter – regte allerlei Gedanken in ihnen an.

Als er ihr ein wunderschönes Exemplar einer weißgesäumten Marginata zeigte, fühlte er den Druck ihres Armes besonders warm auf dem seinigen, so daß er ihr unwillkürlich in das rosige Gesicht blickte. Ihre von seidenen, dunklen Wimpern beschatteten schönen blauen Augen unter den tiefschwarzen, dichten Brauen sahen ihn mit seltsamem Ernst an.

Er kannte seine oft so wilde, launenhafte, ja trotzige Ottilie, die gelegentlich mit dem Füßchen stampfen und aus den Himmelsaugen Blitze schleudern konnte, nicht wieder.

Vielleicht hätte er über ihren etwas veränderten Seelenzustand nachdenken sollen. Allein, immer mit seinen besonderen Ideen befaßt, trat in diesem Augenblicke die Gestalt des Erkelenz, wie er sich ihn, den er noch nicht gesehen hatte, nach der Beschreibung des Ersten Staatsanwalts etwa vorstellte, vor sein inneres Gesicht.

Zur gleichen Zeit zeigte sich auch der Störenfried in dem Stiefmütterchenidyll. Das Stubenmädchen Franziska erschien an der Hausecke zum Zeichen, daß Besuch gekommen war.

Vater Argobast, der seine gesellschaftlichen Pflichten durchaus ernst nahm und ein sehr gastliches Haus führte, seufzte in diesem Augenblicke doch unwillkürlich, daß man an diesem herrlichen Maientag nur darum zu Hause geblieben war, um Besuch zu empfangen.

Ottilie machte sich nach einigen unschlüssigen Schritten, die der Vater mit ihr tat, aus seinem Arme plötzlich frei und eilte, ihr hellgrünfarbenes Kleid festhaltend, geflügelten Schrittes nach dem Hause voraus.

Argobast sah ihrer wie über eine Wasserfläche vor dem Winde herflatternden biegsamen Gestalt – war er in Gedanken am Kranichsee? – versonnen nach und beschleunigte endlich auch seine eigenen Schritte, um den Salon ebenfalls aufzusuchen.

Oben sagte ihm auf Befragen Moritz, der Diener, daß Herr Staatsanwalt Doktor Custodies seine Karte abgegeben habe.

Der Hüttenbesitzer hatte einen Augenblick ein Gefühl der Befremdung, das er aber schnell überwand.

Um etwa den Fall Erkelenz mit ihm zu besprechen, dazu würde der Jurist ihn schwerlich Sonntags in der Wohnung aufsuchen. Er hatte ihn ja auch um seine Ansicht über diesen Charakter oder um sonstige Mitteilungen gar nicht gebeten.

Doktor Custodies hatte vor etwa einem Jahre seinen ersten Besuch gemacht. Im Kasino gehörte er zu den flottesten Tänzern Ottiliens. Letzten Winter hatte man ihn einmal zu Tisch gebeten, auch zu einer musikalischen Veranstaltung, wie sie Frau Hildegard liebte, war er geladen gewesen.

Was führte den jungen Mann heute her? Argobast machte sich ernstlich Gedanken. Ottiliens Wesen war etwas seltsam gewesen. Er schüttelte mehrmals den Kopf und betrat nach einigem Zögern den Salon.

Der junge Staatsanwalt, der schon bei den Damen Platz genommen hatte, erhob sich, kam etwas feierlich dem Hausherrn einige Schritte entgegen und machte, als dieser ihm langsam die Hand zum Willkommen reichte, eine tadellose Verbeugung.

Während die Herren unter Austausch allgemeiner gesellschaftlicher Begrüßungsworte sich setzten, blickte Ottilie bald ihren Vater, bald den Juristen verstohlen an und sagte nichts.

Frau Hildegard, eine stattliche Blondine in geschmackvollster Toilette, bestritt einen Augenblick die Kosten der Unterhaltung und erzählte mit großer Lebhaftigkeit, daß Herr Staatsanwalt Doktor Custodies – hierbei verneigte er sich – die Liebenswürdigkeit habe, Ottilie zu dem in vierzehn Tagen im Kasino stattfindenden Rosenfeste einzuladen, das in großartiger, noch nie dagewesener Weise geplant werde.

Der Hausherr dankte zwar erfreut, aber doch mit einer für den oberflächlichen Beobachter freilich kaum bemerklichen Zurückhaltung im Namen seiner Tochter und nahm die Einladung mit Zustimmung von Mama an.

»Darf man die Einzelheiten der Festlichkeit wissen?« fragte er. »Oder sind sie noch Geheimnisse des Vergnügungsvorstandes?«

»Überraschungen sind vorgesehen, über die ich als zufällig Eingeweihter nicht plaudern möchte« erklärte der Jurist etwas befangen. »Aber andererseits darf ich Ihnen doch eine Überraschung nicht vorenthalten, Herr Argobast – «

Der Hausherr sah ihn mit fragenden Augen an. »Da bin ich selber begierig – « Die Worte klangen etwas konventionell.

Mutter und Tochter wechselten unauffällig einen Blick.

»Ich bin heute gekommen, Herr Argobast, nicht nur, um Ihre Fräulein Tochter zum Sommerfest einzuladen«, sagte der junge sympathische Mann, sich im Lehnstuhle kerzengerade richtend, mit seiner angenehmen freimütigen Stimme, »ich habe Ihnen noch eine andere Bitte vorzutragen.«

Über Argobasts Antlitz flog ein Zug der Überraschung, der einen Augenblick einem Schatten nicht unähnlich war.

Niemand schien ihn zu bemerken, so war jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Und nun erzählte der junge Staatsanwalt bewegt, wie Ottilie und er im letzten Winter sich im Kasino, im gastlichen Elternhause, auf der Eisbahn und schon im Sommer zuvor und wieder in diesem Frühjahr auf dem Tennisplatz näher kennengelernt hatten, wie ihre Charaktere und Wünsche zu ihrer freudigen Entdeckung so schön zusammenstimmten, daß seine alte Mutter, die Fräulein Ottilie allerdings bisher nur aus seiner Schilderung kenne, seinen Schritt mit ihren herzlichsten Wünschen begleite und sich freuen werde, sie liebevoll in ihre Arme zu schließen.

»Mein verstorbener Vater«, so fuhr er ernst fort, »das darf ich versichern, würde meine Wahl gleichfalls von ganzem Herzen begrüßen.«

Argobast neigte ein wenig seinen Charakterkopf. Der alte Custodies war, wie er wußte, Geheimer Kriegsrat gewesen.

Der junge Mann endete seine einfachen, aber aus dem Herzen kommenden Worte, indem er in aller Form bei den Eltern um die Hand Ottiliens anhielt, die ihn, wie er nicht weiter zu versichern brauche, unendlich glücklich machen werde.

Er hatte sich erhoben und stand in seiner hohen stattlichen Erscheinung vor den Eltern der Erwählten. Sein freies, männliches Gesicht mit treuen Augen flößte lebhaftes Vertrauen ein.

Argobast, der bei den letzten Worten unwillkürlich ebenfalls aufgestanden war, konnte sich diesem Eindrucke nicht verschließen.

Gleichwohl kämpfte in seinem Innersten einen Augenblick eine Unentschiedenheit. Es schien, als wollte er sich seine Entschließung vorbehalten. Er war ernster, als man es bei solchem Anlaß erwarten möchte. Eine tiefgehende Bewegung wurde erkennbar. Man wußte, daß er für Ottilie eine große Vorliebe hatte. Man konnte sich rührende Züge seiner Vaterliebe erzählen. Sie war noch so jung, vor kurzem achtzehn gewesen, dabei zart und verwöhnt.

Sie war das einzige Kind, einen Sohn hatte ihm das Schicksal versagt. Sein großes Hüttenwerk hinterließ er keinem Leibeserben. Vielleicht hatte er im stillen gehofft, daß sein Schwiegersohn die angesehene, weltbekannte Firma weiterführen werde. Daran war bei Custodies nicht zu denken; er war eine ausgeprägte glückliche Beamtennatur, die man nicht aus ihrem Gleise leiten durfte.

Deshalb war es erklärlich, daß die Wichtigkeit des Augenblickes den Vater ergriff und zögern ließ. Einen Staatsanwalt hatte er als Schwiegersohn vielleicht nicht erwartet. Ein gewisser Gegensatz dieses Amtscharakters mit seinen eigenen sozialen Bestrebungen war nicht zu leugnen. Das Schicksal bringt zuweilen seltsame Fügungen.

Was ihm besonders an der Persönlichkeit von Custodies wohlgefiel, war der warme, natürliche und zugleich feste Ton seiner Sprache. Eine ruhige Kraft lag trotz seiner Jugend – er war zweiunddreißig Jahre alt – in seinem ganzen Wesen. Diesen Eindruck, dessen erinnerte sich jetzt Argobast, hatte er schon früher gelegentlich kurzer Unterhaltungen gewonnen. Gleichwohl fehlte ihm noch der Entschluß, diesem Manne seine Tochter zu geben.

Ottilie hatte sich vom Sofa erhoben und stand, ein liebliches lebendes Bild, neben Custodies. Sie sowohl wie der Freier schienen die innere Hemmung in Argobast, obwohl sie deren Ursache kaum abschätzten, zu bemerken. Ihre eigenen Züge wurden angesichts des ernsten Vaters einen Augenblick unruhig und blaß. Nur Frau Hildegard lehnte sich in ihrer gemessenen Haltung anmutig zurück und erhob ihren schönen Kopf mit freundlich bittenden, siegreichen Augen zu ihrem Manne.

»Nun muß ich gestehen«, antwortete dieser, von ihren Blicken getroffen, zögernd und bewegt, »Sie haben mich tatsächlich überrascht, Herr Doktor! Noch vor einer Stunde, als wir in der Kirche waren, und ich in meinem Gebet das Glück der Meinigen einschloß, ahnte ich nicht, daß ich so schnell vor einer Entscheidung stehen werde – «

Er machte eine Pause; die innere Hemmung kehrte wieder.

»Ihr seliger Herr Vater«, begann er von neuem, »war mir leider nur dem Namen nach als hochverdienter Beamter bekannt. Ihre verehrte Frau Mutter – kennenzulernen – wird uns – zur Ehre gereichen – «

Über Ottiliens Gesicht flog ein Strahl der Freude, der ihre schönen Linien verklärte.

Frau Hildegard sah den Freier verheißend an.

»Ich lese meiner Ottilie in den Augen«, fuhr der Hausherr immer noch sichtlich bewegt fort, »daß sie ihre Wahl längst ohne uns getroffen hat!« Und fast wehmütig lächelnd fügte er mit einem Blicke auf Hildegard hinzu: »Auch die Frau Mama haben Sie schon gewonnen, wie ich überhaupt erkenne, daß alle Ihre Schritte nach der Art eines gewissenhaften Staatsanwalts wohlvorbereitet sind.«

Ottilie kicherte leise; auch Frau Hildegard lachte, als der Brautvater humoristisch wurde.

»Ich sehe nun auch vollkommen ein«, sagte Argobast mit immer noch zögernden Worten, »weshalb ich heute auf den Ausflug nach dem Kranichsee mit Recht verzichten mußte, und bin auch darüber völlig beruhigt, daß der Vergnügungsvorstand des Kasinos mit seinen kühnsten Sommernachtsüberraschungen mein Gleichgewicht nicht mehr erschüttern wird.«

Frau Hildegard liebte es besonders, wenn sie ihren sonst meist ernsten Mann so launig sah.

»So heiße ich Sie, zugleich im Namen meiner Frau«, schloß er, tief Atem holend, »als unsern Schwiegersohn herzlich willkommen – möchten Sie für Ottilie der beglückende und glückliche Begleiter ihres Lebens sein!«

Damit gab der Vater dem Bräutigam langsam – als könnte er immer noch zögern – die Hand, die in herzhaftem männlichen Drucke unter Dankesworten einen Augenblick festgehalten wurde.

Dann küßte Ottokar Custodies der noch jugendlichen Schwiegermama die Hand, um endlich hinter dem großen Konzertflügel die Liebste in seine Arme zu schließen und das Verlöbnis mit innigen Küssen zu besiegeln.

Selbstverständlich wurde der Bräutigam gleich zu Tische gebeten, und es ergab sich, wie Argobast in seinem Trinkspruche bemerkte, daß auch Küche und Keller auf das Ereignis besser vorbereitet waren, als der Hausherr selber. Ja, auch Franziska und Moritz hatten heute morgen, wie ihm nun erst auffiel, etwas geheimnisvolle Gesichter gezeigt, während sie jetzt recht heiter dreinschauten.

Im Verlaufe der reichen Tafel wurde Argobast immer angeregter, feierte in dem Rufnamen der Braut und des Bräutigams die symbolische Bedeutung der »beiden Ottonen« und flocht in den Ausklang seiner Rede willkürlich oder unwillkürlich einige glücklich gereimte Zeilen.

In einem Augenblicke, da er nach dem Essen mit Hildegard allein war, küßte er ihr bewegt die Hand. Die beiden, die in einer glücklichen, zärtlichen Ehe lebten, sahen sich lange in die Augen, als suchten sie einander in der Seele zu lesen.

Sie schien ihn, ohne daß er etwas sagte, zu verstehen und drückte ihm ebenfalls wortlos innig die Hand. Er strich ihr mit seiner nervigen Rechten über ihr schönes helles Haar und fügte ernst hinzu: »Ich will dir offen gestehen, daß ich mir einen Staatsanwalt als Schwiegersohn nicht geträumt und eigentlich auch nie in Gegenwart von Custodies das Gefühl gehabt habe, wir würden uns einmal nähertreten – «

»Ich glaube manchmal gesehen zu haben daß du ihm im Kasino auswichst. Einmal lasest du kopfschüttelnd sein Plädoyer in der Zeitung – «

»Hast du das so beobachtet?«

»Ja – er hat vielleicht manche andere Ansicht als du.«

»Gewiß – er hat sie.«

»Du mußt bedenken, er ist in der Rolle des Anklägers – das gibt seiner Auffassung, wie du oft selbst gesagt hast, eine andere Richtung.«

»Ob ich das weiß! Es läßt sich nicht das geringste gegen seine Amtsauffassung sagen. Im Gegenteil, er ist kein Draufgänger, er ist besonnen, zwar streng, aber menschlich. Beruhige dich nur. Mich hat das alles nur überrascht, davon habe ich gar nichts kommen sehen. Wir werden sehr gut zusammen auskommen. Diese Verschiedenheit der Meinungen darf Ottiliens Glück nicht hinderlich sein! Um so weniger, als ich glaube, er bietet für ihren zuweilen, wie wir erlebten, unruhigen Geist – «

Hildegard nickte. »In seinem beruhigenden, natürlichen Wesen ein wohltuendes Gegengewicht – und deshalb müssen wir vielleicht sogar dankbar sein, daß ein Mann wie er in unser Haus tritt.«

Als die Herren nach dem Kaffee Argobasts in dunklem Ebenholz und braunem Leder stimmungsvoll gehaltenes Zimmer aufgesucht hatten und bei einer Havannazigarre – wie unwillkürlich zusammengeführt – einige Minuten allein saßen, fragte der Hausherr flüchtig, ob der Erste Staatsanwalt eine Andeutung wegen des Falles Erkelenz gemacht hatte.

Custodies bejahte, und Argobast fuhr ablenkend fort: »Wir wollen uns ein andermal darüber unter halten. Ich werde Gelegenheit haben, in dieser Sache Ihre Meinung kennenzulernen. Zu unsern Damen wollen Sie, bitte, über diesen Fall vorläufig nicht sprechen«

Ottokar nickte sein Einverständnis.

»Ich bin mit Mitteilungen über meine Fürsorgetätigkeit hier zu Hause sehr sparsam geworden. Reifere Frauen denken über solche Dinge ganz unberechenbar, und Ottilie ist erst achtzehn gewesen: Sie werden an den Fall Döll erinnern, der in vieler Munde war. Aber damals war Ottilie noch ein Kind.«

»Ich stimme vollkommen mit Ihnen überein, Herr Argobast«, versicherte der Schwiegersohn treuherzig, »und bin auch der Meinung, daß eine junge Frau nicht in die Abgründe blicken soll, die ein Kriminalist oder ein Arzt in ihrem Berufe sehen – die neuere Auffassung, nichts Menschliches solle uns allen fremd sein, hat sich doch schließlich als eine nervöse oder sensationelle Übertreibung erwiesen.«

Argobast schwieg einen Augenblick und blies blaue Rauchwolken vor sich hin. Dann sagte er etwas zögernd: »Ich glaube Ihre Auffassungen aus einigen gelegentlichen Äußerungen und aus Ihren Plädoyers, die ich selber hörte oder in der Zeitung las, einigermaßen zu kennen.«

»Sie sind wahrhaftig nicht verwickelt und mit drei Worten gesagt.«

Man merkte dem Hüttenbesitzer an, daß er eigentlich auf näheres nicht eingehen wollte.

»Verbrechen ist Schwäche – « fügte Custodies hinzu, vielleicht doch durch einen fragenden Blick seines künftigen Schwiegervaters veranlaßt.

Dieser strich sich mit der Hand mehrere Male den Bart. »Friedrich Schiller«, sagte er dann bedächtig, »bemerkt irgendwo: ›In jedem großen Verbrechen war eine verhältnismäßig große Kraft in Bewegung‹ – «

»Da meinte er Karl Moor, Wallenstein und ähnliche«, erwiderte Custodies, sichtlich überrascht, den Hüttenbesitzer einen Dichter ins Feld führen zu hören. »Aber auf unser bürgerliches Verbrechen kann dieses Wort meiner Ansicht nach nicht angewendet werden – «

»Und unsere Versuche, durch soziale Maßnahmen den Verbrecher auf bessere Wege zu bringen – ?«

»Stehen auf einem anderen Blatte, Herr Argobast! Es war immer so, daß private Fürsorge der öffentlichen vorauseilt.«

»Das freut mich! Sehen Sie, das freut mich, von Ihnen zu hören, Herr Doktor – « sagte Argobast sichtlich erleichtert.

»Nur der Übertreibung, der Sensation kann ich nicht folgen. Wir sollen den Verbrecher nicht hätscheln. Schwäche kann nicht zur Kraft, nicht zur Größe gemacht werden. Der bürgerliche Verbrecher ist klein, ist schwach. Gesunde Kraft kann immer das Verbrechen meiden – kann immer anders wollen – nur Schwäche, Krankhaftes kann es nicht, das kann ich verstehen, bedauern – «

Der junge Mann hielt einen Augenblick inne, als wolle er erst um Erlaubnis bitten, sich weiter aussprechen zu dürfen.

Der Hüttenbesitzer lud ihn weder dazu ein, noch wehrte er ab.

»Ich muß wahrhaftig lächeln«, fuhr Custodies mit steigender Wärme fort, »wenn der Psychiater die feine Linie entdeckt haben will, die den freien Willen vom unfreien scheidet. Ich wünsche keinen Krieg, Herr Argobast! Aber lassen Sie ihn einmal, wie er seit Jahren als Weltkrieg droht, über Europa und Deutschland kommen, dann wird er, hoff' ich, all dieses Schwächliche hinwegfegen das sich bei uns nach und nach angesammelt hat. Da werden wir, so Gott will, erleben, was Kraft und Wille Großes vermag, und uns in unserer heutigen Kleingläubigkeit recht beklagenswert vorkommen – ! ›Aber der Krieg läßt die Kraft erscheinen!‹ Das sagt auch Schiller.«

Die Türe des Nebenzimmers hatte sich leise geöffnet, und Ottilie, strahlend in ihrem jungen Glücke, legte den Arm auf Ottokars Schulter, der sich schnell, dem Schwiegervater freundlich zulächelnd, erhob und das schlanke Mädchen umfaßte.

So gingen sie, die Türe hinter sich offen lassend, innig umschlungen langsam durch den langen, anstoßenden Speisesaal.

Argobast, ihnen nachblickend, glaubte zu sehen, wie sein Kind schon an diesem ersten Tage an dem aufrechten Manne zu wachsen und sich zu befestigen schien.

Hierüber vergaß er gern, daß zwischen ihm und dem Jüngeren, der sich so offen ausgesprochen hatte, tatsächlich eine tiefgehende Meinungsverschiedenheit bestand. Sie betraf auch die Bestrebungen, die Argobast als seine andere Lebensarbeit bezeichnete.

Das war nun mit einem Male ganz klargestellt. Custodies hatte schon recht gehabt; er hatte es in merkwürdiger Kürze mit wenigen Worten gesagt. Er selbst hätte diese Aussprache gern hingezögert und konnte sie doch nicht verhindern. Aber vielleicht war es ganz gut so. Man wußte beiderseits, woran man war. Der Jüngere hatte sicher in seiner Offenheit das Bedürfnis empfunden, sofort bei seinem ersten Eintritt in diesen neuen Kreis aus seinen Anschauungen keinen Hehl zu machen.

Ein eigenartiges Gefühl kam in Gegenwart Ottokars auch über Argobast selbst. Es ging von seinem Wesen, dessen Zauber dieselbe schöne Kraft zu sein schien, der er so lebhaft das Wort geredet hatte, eine geheime Wirkung auf seine Umgebung, auf ihn selber über.

Das war ihm überraschend, war ihm wirklich seltsam, so mit einem Male durch Berührung mit einem Fremden in einen ganz neuen Kreis von Gefühlen zu treten. Nun mußte er sich auf sich selbst besinnen und prüfen, was nach seinen eigenen Erfahrungen, die älter waren, hiervon für ihn annehmbar werden konnte.

Am Spätnachmittag kam Ilse Bugger, die vielumschwärmte Tochter des Direktors der Farbwerke, Ottiliens beste Freundin, zufällig auf einen Sprung zu Besuch.

Sie kannte den Staatsanwalt von den Kasinobällen her, wo Leutnant von Raupach und Referendar Barbian ihre aufmerksamsten Verehrer waren.

Die Überraschung schien groß zu sein, als sie Custodies hier anwesend fand und aus Tillis gelegentlichen früheren Andeutungen sofort die heutige Situation erriet.

Ihre Glückwünsche und Umarmungen, mit denen sie die Freundin liebkoste, wollten kein Ende nehmen, so innigen Anteil nahm dieses stattliche und schöne Mädchen am Glücke Ottiliens.

Es war, als zitterte in ihrer Mitfreude, die auch Tilli mit sich fortriß, die Ahnung eigenen kommenden Liebesglückes vor, als drücke sie in der Freundin schon den künftigen Geliebten zärtlich an ihr Herz.

So lieblich war dieser Anblick, daß ihre Glückwünsche, die sie auch Ottokar darbrachte, daß ihr helles Lachen und Jubeln in seiner Gegenwart, als sei er ihr ebenfalls schon lange wohlbekannt, zwar nicht frei von unschuldiger Koketterie erschienen, und doch im Grunde nur den Eindruck einer überraschten, anmutigen Mädchenhaftigkeit machten.


Fünftes Kapitel

Das alte Landeszuchthaus lag am Schloßgraben; in den kleinen südlichen Vorgärten der Anstaltsbeamten, die sich von den Gebäudemauern bis zur Promenade erstreckten, blühten die ersten Rosen und Vergißmeinnicht.

Der Schloßgrabenweg führte am ehemaligen wirklichen Graben, der, die alte Stadt umschließend, längst ausgefüllt worden war, entlang, und die Anstaltsgebäude bildeten das frühere, auf einer leichten Anhöhe stehende Schloß mit seinen Wirtschaftshäusern, unter denen ein mächtiges, mit hohem Ziegeldache gedecktes Giebelgebäude auffiel.

Das Schloß hatte einst einer alten, jetzt ausgestorbenen Adelsfamilie gehört, deren Geschichte in vergilbten, der Stadtbibliothek einverleibten Büchern zu lesen war, die außer einem gelegentlichen Quellenforscher freilich kaum jemand in die Hand nahm.

Ein wildes Geschlecht hatte da oben Jahrhunderte gehaust, Räubereien, Mordtaten und andere Frevel meldeten die alten Chroniken; in Entartung war der letzte Sprößling der langen Linie schließlich untergegangen. Das Besitztum fiel an den Staat, der es zu seinen öffentlichen Zwecken umgestaltete.

Michael Argobast klingelte an dem mächtigen Eingangstor, das noch aus alter Zeit erhalten war, und passierte, als ihn der Pförtner erkannt hatte, ungehindert den tiefen Torweg, an dessen Ende er rechts in einen Gang trat, wo ihm ein Anstaltsbeamter die eiserne Tür aufgeschlossen hatte.

Der Besitzer der Eisenhütte in Ellerau war in der Anstalt eine wohlbekannte Persönlichkeit, da er aus Gefälligkeit für die Verwaltung und um den Züchtlingen angemessene Arbeit und Verdienst zu geben, in der Anstaltsschmiede für seinen Betrieb arbeiten ließ.

Er kam häufig selber, um die Arbeiten zu kontrollieren und abzunehmen, und hielt sich oft stundenlang im Anstaltsbereiche auf.

Durch seine rege Fürsorge für entlassene Strafgefangene war er mit dem Zuchthausdirektor Muskalla näher bekannt geworden, dem er manche neue und nützliche Anregung gab und gern Mittel für besondere Zwecke zur Verfügung stellte. Auch den Anstaltsgeistlichen, denen der Verkehr mit den Familien der Züchtlinge und deren Zurückführung in geordnete Lebensverhältnisse oblag, ging er hilfreich zur Hand.

Nur eine Stimme herrschte über den angenehmen dienstlichen Verkehr mit Argobast, der lediglich sich selbst für die gute Sache zur Verfügung stellte und dabei alles tat, um seine Verdienste nicht auffällig erscheinen zu lassen. Er gab manchen guten Rat, mischte sich aber nie in Sachen der Verwaltung, die mit anderen, weniger rücksichtsvollen Unternehmern – so mit dem Zigarrenfabrikanten Serbe – zuweilen Verdruß hatte.

Direktor Muskalla, ein wohlbeleibter Herr, war Artilleriehauptmann gewesen und hatte den Abschied genommen, um seine Jugendliebe, ein armes, aber schönes Mädchen, zu heiraten.

Im Strafanstaltsdienste hatte er sich ohne besondere theoretische Kenntnisse, aber durch einen gesunden, praktischen Blick und ein warmes Herz für den düsteren Beruf rasch emporgearbeitet. Er vereinigte in seltener Weise einen schönen Idealismus mit nützlichem Realismus.

Persönlich war er lebenslustig, liebte einen guten Tropfen und hatte schon einmal zur Tilgung aufgelaufener Schulden die Mithilfe des Ministeriums in Anspruch nehmen müssen.

So bestätigte sich auch hier, daß ein vortrefflicher Erzieher und amtlicher Organisator seiner persönlichen Angelegenheiten zuweilen nicht Herr zu werden vermag.

Im Dienste war er nüchtern, fleißig und zuverlässig. Wenn sich Juristen mit ihm über die Abschreckungs- und Besserungstheorien im Strafensystem unterhalten wollten, lachte er. Er bedurfte deren nicht und regierte seine tausendsiebenhundert Züchtlinge aus seiner glücklichen persönlichen Veranlagung heraus mit seltenem Erfolge.

Praktisch neigte er sich als geborener Optimist in der Ausgestaltung des Strafzweckes zu den neueren, aus Amerika und England nach Deutschland übernommenen Anschauungen. Aber Überspannungen und theoretischen Erwägungen war er abgeneigt. Deshalb stimmte er mit dem gleichgesinnten Argobast, in dem er vor allem den Selbsterzieher, der er gleichfalls war, mit Genugtuung erblickte, so sehr überein und hatte sich an eine gewisse gemeinsame praktische Arbeit mit ihm gewöhnt.

Argobast war in das im Erdgeschoß gelegene Direktorialzimmer getreten, von dem aus man durch vergitterte Fenster eine grüne, mit Bäumen bepflanzte Rasenfläche erblickte.

Die Räumlichkeit war ihm von seinen gelegentlichen Besuchen wohlbekannt. Da hingen an den Wänden in schmalen Rahmen die Grundrisse des gesamten Anstaltsbereiches, sowie der einzelnen Abteilungen und Gebäude. Zeichnerische Darstellungen zeigten das Steigen der Verbrechen in den letzten zehn Jahren und den Gefangenenbestand der Anstalt an. Ein Teil der Amtsbibliothek stand in den Schränken.

In kurzen Zügen hatte er Muskalla, dem er immer willkommen war, seine Absichten mit dem vor der Entlassung stehenden Züchtling Erkelenz vorgetragen.

Der Direktor hörte aufmerksam zu und nickte wiederholt mit dem Kopfe. Er schien also dem Experimente wohlwollend gegenüberzustehen.

Argobast wünschte in erster Linie zu wissen, ob ihm der Erste Staatsanwalt tatsächlich den geeigneten Charakter, wie er ihn gerade suchte, empfohlen hatte.

Muskalla lächelte etwas in seiner gutmütigen Weise und sagte: »Jawohl, Herr Argobast, den hat Ihnen der Teufel selber vorbehalten!«

Von seinem vorzüglichen Personengedächtnis unterstützt, erzählte er dann aus der Erinnerung einige auffallende Züge aus der Führung des Züchtlings, die seine Beurteilung mehr als rechtfertigten.

Hierauf wurden die inzwischen herbeigeschafften Personalakten eingesehen.

Es ergab sich, daß Erkelenz im achtunddreißigsten Lebensjahre stand. »Bekanntlich schließt nach unseren Statistiken die Besserungsfähigkeit in der Regel im Anfang der Dreißiger ab« bemerkte Muskalla, indem er auf eine der graphischen Darstellungen an der Wand zeigte. »Das ist keine graue Theorie, sondern leider Erfahrungstatsache.«

Aus seinem Lebensgange war zu entnehmen, daß Erkelenz ursprünglich Mechaniker gewesen war, dann aber mehrere Jahre in der Kanzlei eines Rechtsanwalts als Schreiber und Expedient gearbeitet hatte. »Hier wird er, nachdem er zuvor von der Spitzbubentechnik etwas erhascht hatte, seine zweifelhaften Gesetzeskenntnisse erworben und seine kriminalistischen Neigungen entwickelt haben.«

Argobast, der in die Akten mit einsah, verwies auf eine Anmerkung »Er wollte auch Musiker werden und will eine Musikschule besucht haben.«

»Das können wir ihm glauben« sagte Muskalla. »Sie haben ihn ja neulich selber im Orchesterverein gesehen und gehört, den ich auf Ihre Anregung gegründet habe.«

»Der schwarze, blasse Mensch, der die Geige spielte?« fragte Argobast überrascht. »Wahrhaftig?«

»War's nicht das Stück von Bach-Gounod?«

»Nein, von Brahms. Das ist merkwürdig. Wissen Sie, was ich damals bei mir gedacht habe? Ich hatte das Gefühl, daß dieser Mann seinen Dämon, wenn Sie wollen, sein Böses, gedachte Verbrechen oder was weiß ich, mit einer gewissen künstlerischen Kraft sich von der Seele herunterspielte.«

»Da hätte er sich Ihnen ja musikalisch herrlich offenbart! Jawohl, das ist unser Robert Erkelenz. Für Ihren Versuch also wie geschaffen.«

Unwillkürlich sah der Hüttenbesitzer durch die Fenster in den Schloßhof, wo auf den zwischen Rasenbeeten hinführenden schmalen Wegen unter den dürftigen Bäumen einige Hundert gleichmäßig in graue Drillhose und schwarze Jacke gekleidete Gestalten sich bewegten.

In abgemessenen Abständen, die sich nicht um ein Geringstes zu verändern schienen, immer dieselbe Richtung haltend und denselben Weg wiederkehrend, wanderten die Männer lautlos hintereinander her. Selbst die Gesichter schienen durch das kurz geschorene Haar und den bartlosen Mund, sowie durch eine bleiche Farbe sich alle, kaum unterscheidbar, zu ähneln.

Die scheuen Blicke waren meist zur Erde gerichtet, nur vorübergehend betrachtete der einzelne den grünenden Baum vor seinen Augen, in dessen Zweigen sich Sperlinge zankten, oder sah einen Augenblick nach den Wolken, die über den Schloßhof zogen. Gemeinsam war allen die entehrende Strafe und der Verlust der Freiheit, aber jeder trug eine andere Seele und ein besonderes Schicksal in der Brust, dem er träumend nachhing, bis er, aufgeschreckt durch den scharfen Kommandoruf des Aufsehers, in die rauhe Wirklichkeit zurückkehrte.

»Sie meinen, ob er draußen an der Bewegung beteiligt ist?« fragte Muskalla, trat ans Fenster und warf einen scharfen Blick hinaus. »Tut mir leid, Ihr Schützling ist nicht dabei!« sagte er dann, als er im Augenblicke die Schar überflogen hatte.

In den Personalakten waren die Vorstrafen und die zugrunde liegenden Vorgänge kurz angegeben. Erkelenz war schon zweimal mit Gefängnis bestraft; auch im Zuchthause saß er zum zweiten Male.

Mit neunzehn Jahren hatte er als verwegener Einbrecher debütiert. Mit einem Genossen räumte er einer ganzen Familie, die um Mitternacht von einem Ball heimgekehrt war und im tiefsten Schlafe lag, sämtliche Wertgegenstände, mochten sie frei daliegen, in Kommoden verwahrt sein oder in Schränken hängen, ebenso alle Wäsche aus. Die Familienglieder – Männlein und Weiblein – mußten am Morgen im Bette liegen bleiben, weil sie buchstäblich nichts, aber auch gar nichts anzuziehen hatten.

»Einbrecher ist er also auch!« sagte Argobast nachdenklich.

»Aus der ausbaldowerten Wohnung eines Schutzmanns«, berichtete der Direktor aus den Akten weiter, »stiehlt er beim nächsten Auftreten die gute Uniform und nimmt in ihrem Schmucke bei einem ehrsamen Seilermeister eine Durchsuchung nach angeblich falschem Silbergelde vor, das natürlich in überraschender Fülle vorhanden war und von ihm auftragsgemäß beschlagnahmt wurde.«

»Hier zeigt sich bereits seine Neigung zum Vorgeben polizeilicher Diensthandlungen – im Charakter hat alles Zusammenhang.«

»Vielleicht wäre er ein gerissener Geheimpolizist geworden« lachte Muskalla.

Der Vorgang der dritten Verurteilung war etwas unheimlicher Art.

Ein Beamter des Zentralviehhofes hatte häufig Nachtdienst. Eines Abends gegen einhalb elf Uhr wurde plötzlich seine Wohnungsglocke gezogen. Als seine Frau infolge der späten Stunde zögerte, die Vorsaaltüre zu öffnen, wurde von draußen gerufen: »Hier ist der Freund von Ihrem Manne, Wilhelm Jörps! Machen Sie schnell auf! Wir bringen Ihren Mann, er ist überfahren worden und schwer verletzt!« Als die Frau erschrocken öffnete, drängten sich zwei maskierte Männer in die Wohnung und bedrohten sie, falls sie einen Laut von sich gebe.

»Sie müssen doch anerkennen, daß unsere Akten eine sorgfältige Charakterisierung geben!« warf Muskalla dazwischen, während er die Einzelheiten vortrug.

Dann räumten die Gesellen die Wohnung aus. Von den Betten nahmen sie die Decken, die Kissen und Wäsche, selbst die Vorhänge steckten sie von den Fenstern ab. Was an Geld und Wertsachen vorhanden war, eigneten sie sich an. Aus ihren Kästchen nahmen sie die silbernen Messer, Gabeln und Löffel. Schwere Gegenstände warfen sie zum Fenster hinaus, um sie später aus dem Vorgarten zu holen.

»Daß ihm eine gewisse Gründlichkeit abginge, wird kaum jemand behaupten können!« meinte der Direktor.

Einer der Räuber legte sich ganz gemütlich nieder und hielt ein kurzes Schläfchen, während der Genosse – das war Erkelenz – die Frau bewachte und mit ihr sogar liebenswürdig zu »plaudern« versuchte. Erst gegen vier Uhr morgens verabschiedeten sich die Masken, denen die Frau sogar die Treppe hinunterleuchten und die Türe aufschließen mußte.

»Die Brutalität ist bei diesen Leuten immer mit Humor gemischt« illustrierte Muskalla abermals. »Das ist ein winziges Fünkchen Hoffnung.«

Als der Ehemann gegen sieben Uhr morgens vom Dienste heimkehrte, so schloß der Bericht, fand er seine Frau, die zufolge ihrer großen Aufregung nicht imstande gewesen war, um Hilfe zu rufen, ohnmächtig in der Stube liegen.

Argobast räusperte sich und sagte, als der Direktor geendet hatte, nichts.

»Die Vorkommnisse der neuesten Verurteilung kennen Sie? Sie wissen auch, daß der verwegene Riesenschwindel zum Nachteile der Kreditbank in Darmstadt und vielleicht mancher andere Fall aus der weiteren Nachbarschaft auf ihm lastet?«

Der Hüttenbesitzer bejahte.

»Dann können wir uns also ein Bild machen. Verwegen bis zur Lebensgefährdung – könnte man vielleicht kurz sagen. Ich weiß nicht, ob Sie noch Mut haben? Furcht kennen Sie ja freilich nicht, und ich rate einem Manne wie Ihnen auch gewiß nicht ab.«

»Wenn ich alles zusammenfasse«, begann Argobast, sein langes Schweigen brechend, »so fällt mir auf, daß aus seinen Handlungen eine gewisse Tatkraft spricht, die mir einem starken Betätigungsdrange zu entspringen scheint. Vielleicht ist er bei ihm nie auf soziale Ziele gelenkt worden – meinen Sie nicht auch, Herr Direktor, daß in manchem Verbrecher eine irregeleitete Kraft – aber doch eine Kraft – eine große Kraft zuweilen – liegen kann?«

Muskalla bestätigte.

»Es wollte mich kürzlich jemand glauben machen«, fuhr Argobast sinnend fort, »in unserem bürgerlichen Verbrecher stecke nur Schwäche – niemals Kraft.«

»Wenn ich die wirklichen menschlichen Kräfte, die in diesem Unglückshause feiern, in geordnete Bahnen zwingen könnte, eine soziale Welle ginge über unser Land!«

Als er das sagte, lag in Muskallas Gesicht etwas unendlich Geistiges. Man erkannte mit Staunen, was in diesem Manne schlummerte, was er unter anderen Umständen auf seinem Gebiete zu leisten vermocht hätte.

Selber Argobast, der ihn doch auch von dieser Seite einigermaßen kannte, war überrascht.

Muskalla war von seinem hohen Fluge schon wieder zurückgekehrt. »Und was seine Gemütsart anlangt«, fügte er mit Bezug auf Erkelenz ruhiger hinzu, »so sehe ich, wie schon gesagt, in verschiedenen kleinen Zügen des trüben Bildes doch einen gewissen Humor, der immer mit dem Menschentume zusammenhängt.«

»Die Schwierigkeit liegt darin, daß man solchen Charakteren zum mindesten im Anfange nicht eine Stellung übertragen kann, die ihrem kräftigen Selbstbetätigungsdrange genügt.«

»Möchten wir nicht der Vollständigkeit halber noch unsere Führungsbeurteilungen lesen?«

»Darum wollte ich schon bitten.«

Der Direktor las: »Erkelenz ist bisher ohne Einsicht in das Verwerfliche seiner Handlungsweise geblieben; Vorsätze zur Besserung fehlen.« Das war vor vier Jahren, als er das erste Strafjahr hinter sich hatte.«

Argobast nickte, als hätte er nichts anderes erwartet.

»Zur alten Einsichtslosigkeit hat sich eine Gemütsverhärtung gesellt, die jeden Zuspruch schroff ablehnt. So ist dem Manne weder im Guten noch im Strengen irgend beizukommen.«

»In diesem zweiten Strafjahre ist das Erzieherische des Strafvollzugs an ihm verlorengegangen – ich möchte nach meinen Erfahrungen sagen: nicht durch seine eigene Schuld allein.«

»Mag sein – menschliche Einrichtungen und Menschen sind nicht vollkommen.«

»Womit haben Sie den Mann beschäftigt?«

Muskalla blätterte. »In der Schmiede und Schlosserei – vorübergehend auch in der Schreibstube.«

»Ihre Betriebe sind immer noch zu klein, zu handwerksmäßig – dabei kommt der Gefangene über die Kleinarbeit nicht hinaus. Im ethischen Wert der Arbeit liegt das Erzieherische. Produktive Arbeit! Sie verstehen mich? Nur das Bewußtsein, wirklich produktive Arbeit zu leisten, kann die Willensenergie des Gefangenen fördern. Solche Naturen wollen anders in Anspruch genommen sein.«

»Seine Arbeitsbefähigung wird immer als günstig geschildert – er gilt als geschickt« lenkte Muskalla ab.

»Und sein Fleiß?«

»Auch fleißig kann er sein, wenn er will! Das dritte Strafjahr: ›Erkelenz ist hinsichtlich der Besserungsmöglichkeit hoffnungsloser als je. Seine Verhärtung ist zum Trotz, zur Verstocktheit geworden. Frivolität und Brutalität zeigten sich, daher sein wiederholter Ungehorsam, seine Bosheiten, seine Verhetzung der Mitgefangenen, seine schweren Disziplinarstrafen‹.«

»Das war sein kritisches Jahr! Seine Entwicklung im Strafhause ist ganz folgerichtig. Ich muß Ihnen gestehen, der Mann interessiert mich. Der Fall erscheint mir doch nicht ganz hoffnungslos.«

Muskalla wendete zwei Blätter. »›Erkelenz ist in Stumpfheit verfallen. Seine Bosheiten und Widerharigkeiten haben nachgelassen, unflätig und zynisch ist er geblieben. Er ist träge und ohne Teilnahme‹.«

»Vielleicht war das seiner Natur, die sich sonst erschöpft hätte, zum Heile! Wenn noch etwas Brauchbares in ihm steckt, hat er's auf diese Weise am sichersten geschont.«

»Es werden doch zu wenige Menschen an ihre Stelle gesetzt« sagte Muskalla vor sich hin, der Argobasts treffende Urteile immer gern anerkannte.

»Wie ist nun das letzte Strafjahr verlaufen?«

Der Direktor ließ den Abteilungsinspektor Prehm kommen, dem Erkelenz unterstand. »Zur vorläufigen Entlassung konnten wir ihn selbstverständlich nicht vorschlagen« meinte Muskalla inzwischen etwas ironisch.

»Ja, diese vorläufige Entlassung!« erwiderte Argobast. »Ich habe erst neulich im Abgeordnetenhause darüber gesprochen. Ein wichtiger Hebel der Willensbildung! Ich weiß nicht, Herr Direktor, sehen Sie nicht auch mit voller Klarheit, daß alles darauf ankommt, schon in der Strafanstalt stufenweise und mit einem gewissen Übergange in die Freiheit die Willenskraft zum Guten, zum Sozialen zu stärken, daß sie dann in der Freiheit standhalten kann?«

Der Anstaltsinspektor Prehm, ein aufgeschossener, fast zum Skelett abgemagerter Mann mit einer großen Habichtsnase, der aus Gesundheitsrücksichten die Offizierslaufbahn aufgegeben hatte, berichtete, daß Erkelenz im letzten Jahre aus seinem Stumpfsinn wieder erwacht sei und, je näher das Ende seiner Strafzeit komme, desto unruhiger werde, damit wären aber auch seine Widersetzlichkeiten und Frivolitäten wieder aufgetreten – er verlasse das Zuchthaus ohne die geringste Hoffnung auf Besserung.

»Er hat den Kreislauf vollendet!« bemerkte Argobast ernst.

Der Inspektor machte eine überraschende, fragende Miene.

Draußen im Schloßhofe hatten die bisherigen Spaziergänger ihre Runden vollendet und rückten zur Aufnahme der Arbeit ein. Eine neue Gruppe derselben einsilbigen Gestalten rollte sich in den Fußwegen zu dem nämlichen Kreislaufe auf.

Schließlich wurde der Anstaltspfarrer Koogelbom berufen, der mit seinen schiefen Achseln mehr einem Schulmeister glich.

»Aussichtslos! Völlig aussichtslos! Schade um jede Bemühung! Höchstens schnöder Undank ist zu erwarten. Ich rate entschieden ab« rief er aus, indem er die Hände wie auf der Kanzel weit von sich streckte.

»Haben Sie sich schon um Unterkunft für ihn bemüht?« fragte der Hüttenbesitzer.

»Lehnt er mit dürren, unverschämten Worten sarkastisch ab! Er kenne unsere Versorgungen und bedanke sich für unseren Bettel! Eher wolle er verhungern, als einen betrunkenen Inspektor des Fürsorgevereins um eine Speisemarke bitten! Er scheint einmal in falsche Hände geraten zu sein. Er pocht auf seine Freiheit. Frei will er sein – von niemandem abhängen, dieser miserablen menschlichen Gesellschaft will er nichts schuldig werden – selber will er sich helfen.«

Der scheltende Geistliche begleitete seine Erklärungen mit drastischen Gebärden und Mienen.

»Da werden Sie schweren Stand haben!« meinte Muskalla etwas enttäuscht zu dem Hüttenbesitzer.

Dieser hatte den Anstaltspfarrer fast mitleidig angehört.

»Jede Besserungsmöglichkeit ausgeschlossen?« fragte er jetzt mit Nachdruck. »Auch in aller Frivolität, in allem Jammer keine noch so versteckte Sehnsucht nach etwas Gutem?«

Der Geistliche blickte überrascht auf. »O ja – so sah er manchmal aus«, lenkte er fast erschrocken und nachdenklich ein, »wer kann in die innerste Seele dringen? Vielleicht – ja – vielleicht – «

»Auf dieses Vielleicht hin, Herr Pfarrer, will ich's versuchen!« erklärte Argobast entschlossen mit erhobener Stimme, als wollte er sich selbst zu seinem zweifelhaften Vorhaben ermutigen.

»Herr Direktor, bitte – ich will den Mann kennenlernen – lassen Sie ihn mir vorführen! Gleich heute – ich warte darauf!«


Sechstes Kapitel

Es waren noch nicht zehn Minuten vergangen, als der Züchtling Robert Erkelenz in Drillhose und schwarzer Jacke, mit nur oberflächlich gereinigten Händen im Direktorialzimmer stand. Mit mißtrauischen Blicken, welcher ihm unbekannte Anlaß ihn so plötzlich von seiner Arbeit weg gerade hierher befahl, sah er die Herren, insbesondere den Hüttenbesitzer an.

Im ersten Augenblicke hatte Argobast den Eindruck, als ob er diesen Mann, in dem er den dämonischen Geigenspieler wiedererkannte, auch sonst schon gesehen haben müsse; das Gesicht wollte ihm bekannt erscheinen.

Bei seinen wiederholten Besuchen in der Anstalt konnte ihm, obwohl er sich nicht erinnerte, Erkelenz, der sehr ausgeprägte, scharfe Züge hatte, schon begegnet sein. Seine kaum hübschen Gesichtslinien waren unregelmäßig, aber kräftig und charakteristisch. Der bartlose Mund, fest geschlossen, zeigte Energie; die Augen irrten unruhig hin und her; die Hautfarbe war fahl.

Der Hüttenbesitzer fand, daß der Erste Staatsanwalt in der Schilderung der Gesichtszüge übertrieben hatte. Aber vielleicht hatte sich Erkelenz früher, bald nach der Tat anders gezeigt. Gewöhnlich jedoch war das Leben im Zuchthause auf die Gesichtszüge des Gefangenen von keiner günstigen Wirkung.

»Ich habe vom Herrn Pfarrer gehört«, nahm der Direktor das Wort, nachdem er den Vorgeführten absichtlich einige Sekunden im Ungewissen gelassen hatte, um in seinem Gesicht zu lesen und lesen zu lassen, »daß du seine Bereitwilligkeit, dir bei deiner bevorstehenden Entlassung eine bürgerliche Unterkunft zu verschaffen, beharrlich zurückgewiesen hast – weshalb tatest du das?«

»Mit solchen Arbeitsstellen habe ich kein Glück gehabt« sagte der Züchtling zögernd nach einem kurzen Schweigen etwas mürrisch.

Er hatte kaum erkannt, daß ihm keine unangenehme Überraschung drohe, so ließ er sich in Erwartung der nahenden Freiheit sichtlich gehen.

»Mit oder ohne deine Schuld?« fragte Muskalla, ohne den Ton des Vorgesetzten hervorzukehren. »Es ist nicht leicht, für jeden von euch den passenden Platz zu finden. Was hast du selber über deine nächste Zukunft beschlossen?«

»Ich? Noch nichts.« Dabei schienen seine Blicke eher das Gegenteil zu sagen.

Argobast mußte an die Warnung des Ersten Staatsanwalts denken, daß Erkelenz im Zuchthaus sicherlich längst einen neuen Plan ausgebrütet habe.

»Das ist wenig und ein Leichtsinn, der dich erneut ins Unglück stürzen kann« bemerkte der Direktor. »Du stehst am Ende der Dreißiger. Wenn du dieses Mal keinen festen Boden gewinnst, Erkelenz, so bist du verloren für dein ganzes Leben – du kommst aus den Strafanstalten nicht mehr heraus.«

»Ich werde mein möglichstes tun« sagte der Gefangene, äußerlich etwas gedrückt. Was er aber in seinem Innersten dachte, trat nicht in seine fast schwarzen Augen.

»Davon läßt du aber noch nichts verspüren! Es macht auf mich auch keinen Eindruck, wenn du dich ins Geheimnis hüllst. Wir begreifen schon, daß du ein gewisses Mißtrauen gegen die menschliche Gesellschaft, wie man zu sagen pflegt, hegst. Damit kommst du aber nicht weiter. Vor allem mußt du selbst dir Vertrauen gewinnen. Dazu gehört eine gewisse Offenheit.«

Erkelenz öffnete seine etwas zusammengekniffenen Augen tatsächlich weiter.

»Vielleicht kommt dir der Zufall entgegen. Dieser Herr hier hat gerade jetzt in seinem großen Hüttenbetriebe am hiesigen Orte eine Arbeitsstelle zu vergeben – er will dich kennenlernen, um sich zu überzeugen, ob du dich eignest.«

»Ich kann keine feste Stelle annehmen« erklärte Erkelenz schnell und abweisend.

Argobast sah überrascht auf.

»Weshalb nicht? Weshalb keine feste Stelle?«

Erkelenz zögerte mit der Antwort.

»Wenn man fünf Jahre hier gewesen ist, sehnt man sich nach seiner Freiheit, Herr Direktor.« Dabei leuchtete tatsächlich in seinem unbeweglichen Gesicht etwas wie Sehnsucht auf.

»Die Freiheit verlierst du durch eine feste Arbeit noch lange nicht, Erkelenz. Da bist du ganz im Irrtum. Jeder ordentliche Mensch hat bei uns eine Anstellung und ist doch frei. Hast du noch immer nicht gelernt, daß gerade dein ungebundenes Leben dir zum Unglück geworden ist?«

Erkelenz machte ein gleichgültiges Gesicht. Pfarrer Koogelbom, der seitwärts stand, bewegte in ersichtlichem Ingrimm lautlos die Lippen.

»Darf ich selber an den Mann einige Worte richten, Herr Direktor?« fragte Argobast, der den Züchtling von der Seite fest ins Auge gefaßt hatte.

»Versuchen Sie's mal mit dem Starrkopf!« nickte Muskalla.

Des Züchtlings Mienen nahmen den Ausdruck mürrischen Trotzes an. Er überhob sich sogar der Mühe, sich nach dem Hüttenbesitzer zuzukehren.

»Wie ich Sie vor mir sehe«, begann Argobast, »sind Sie doch der letzte, der einer Tätigkeit, die Ihnen zusagt, aus dem Wege geht. Hätten Sie von Anfang an das Richtige gefunden, wären Sie vielleicht überhaupt nicht auf Abwege geraten.«

Erkelenz sah auf. »Das könnte stimmen!« erwiderte er im Tone der Bitterkeit nachlässig.

»Also sagen Sie doch selber einmal ganz offen, welche Art Tätigkeit Ihnen zusagen würde – ich will einmal hören – ich beschäftige Hunderte von Leuten« fragte Argobast, ohne sich in seiner Ruhe stören zu lassen.

»Aber eine Stelle für mich haben Sie nicht.« Das klang wieder kurz und abweisend.

»Dann wäre sie vielleicht durch mich zu beschaffen. Ich habe viele Verbindungen. Aber man muß doch erst wissen – «

Der Züchtling machte kein freundliches Gesicht, als er sagte: »Ich habe doch noch gar keine Ahnung, aus welchem Anlasse der Herr, der mich nicht kennt, sich gerade für mich verwenden will.«

»Das wirst du noch erfahren!« bemerkte Muskalla zurechtweisend.

»Ich wüßte schon etwas« erklärte Erkelenz nach einigem Schweigen mißvergnügt.

»Sprechen Sie sich aus.«

Der Gefangene schüttelte den Kopf.

»Der Herr meint es ernsthaft – du hörst ja.«

Koogelbom rang verzweifelt die Hände.

Erkelenz machte einige Bewegungen mit dem Arme und hielt den Kopf zweifelnd auf die Seite. »Sie werden mich wahrscheinlich auslachen! Ich sollte es eigentlich auch nicht sagen« stieß er hervor. »In einem großen Warenhause möchte ich unterkommen – als eine Art geheimer Aufseher – Geschäftsdetektiv – Aufpasser auf Warendiebe – im Publikum und unter den Angestellten – ich habe einen Blick wie ein Luchs.«

Argobast wechselte mit dem Direktor einen verständnisvollen Blick.

»Satanas!« murmelte Koogelbom zwischen den Lippen.

»Ich sagte es ja, daß der Herr lachen würde!« bemerkte Erkelenz fast beleidigt. »Sie glauben's natürlich nicht – aber ich sehe rechts und links, während ich geradeaus schaue – ich habe Augen sozusagen auf dem Rücken – mir entginge nichts – der Prinzipal könnte sich auf mich verlassen – ganz und gar – die Diebstähle würden aufhören.«

Sein Gesicht hatte sich bei seiner Schilderung belebt, seine Augen waren heller geworden. War das der Plan, den er, wie Treuß geweissagt hatte, in der Gefangenschaft ausgedacht hatte? Argobast war überrascht, fand sich aber sofort zurecht. Er zeigte ihm einen Weg. Hier ließ sich anknüpfen. Diese Hoffnung mußte man festhalten.

»Ich kann sehr wohl begreifen, daß eine solche Tätigkeit von Ihnen geleistet werden könnte« antwortete der Hüttenbesitzer. »Sie wollen organisatorische Beschäftigung – rate ich recht? – vermutlich würden Sie mit einer Anzahl Gehilfen das ganze Warenhaus beaufsichtigen wollen – «

»Ja, gewiß«, sagte Erkelenz schon lebhafter, »ich sehe, der Herr versteht mich – ich würde unsichtbar das Ganze gewissermaßen an den Fäden halten – ganz richtig – Organisation nennt man das? – so etwas sagte mir zu.«

»Und Sie würden«, fragte Argobast ernst und mit Nachdruck, »bei solcher Tätigkeit auch die Versuchungen überwinden, sich selber – das wäre doch eine Voraussetzung – an den Waren zu vergreifen – nicht wahr?« Dabei ruhten seine Augen fest auf dem Gefragten.

Dieser sah dem Hüttenbesitzer fast offen ins Gesicht. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht – ich meine, daß ich selber mich an den Waren vergreifen könnte.«

»So sehr waren Sie bei der Sache – bei Ihrem Plane? Nicht wahr?« fragte der Hüttenbesitzer in wärmerem Tone.

Koogelbom lehnte sprachlos an der äußersten Wand.

Eine leichte Röte flog über das fahle Sträflingsgesicht. »Das kann ich wohl sagen – «

Er schien noch etwas hinzufügen zu wollen, unterdrückte es aber. Nur ein fast dankbarer, stummer Blick brachte zum Ausdrucke, daß ihm das soeben bezeugte Vertrauen innerlich wohlgetan hatte.

Muskalla, der, scheinbar mit anderen Dingen an seinem Schreibtische beschäftigt, den Verlauf des Gesprächs mit großer Spannung verfolgt hatte, bewunderte im stillen die Sicherheit und das Verständnis, mit welchem der Hüttenbesitzer schon mit dieser kurzen Auseinandersetzung den Gefangenen für sich gewonnen hatte.

Argobast hatte einen eigentümlichen, warmen Ton, der aber durchaus nicht weich und sentimental klang, gefunden. Man fühlte, man sah gewissermaßen mit Augen, wie sich das spröde Wesen des Züchtlings binnen kurzen Minuten wie aus einer Erstarrung zu lösen begann.

Argobast behielt Mienen, Bewegungen und den ganzen Eindruck des Mannes fest im Auge. Was er da von ihm sah, erschien ihm alles so natürlich und selbstverständlich, so gewissermaßen bekannt, als könnte es gar nicht anders sein. Selbst im Tone der nie gehörten Stimme lag etwas, was ihm nicht fremd lautete, als müßten und könnten die Worte nur so und nicht anders klingen.

»Nun hören Sie mich einmal aufmerksam an« begann er von neuem. »Sie sind selbst zu vernünftig und kennen Menschen und Leben zu gut, als daß Sie erwarten, daß Ihnen sofort bei dem Austritte aus diesem Hause eine solche Stellung, wie Sie sie beschreiben, geboten werden könnte. Aber eins kann ich Ihnen versichern: es wäre durchaus nicht aussichtslos, daß Sie in eine solche oder ähnliche, vielleicht noch angenehmere Stellung gelangen könnten – ich habe auch mit großen Warenhäusern meine Verbindungen.«

Hoffnung und Enttäuschung malten sich in den blassen Zügen des Gefangenen.

»Die Hauptsache bleibt, daß Sie den Übertritt, die Rückkehr in das bürgerliche Leben finden und erfolgreich bestehen. Sie müssen – das wissen Sie ganz genau – sich an geordnete Tätigkeit in der Freiheit gewöhnen – Sie müssen Willen und Entschluß in der Freiheit kräftigen – müssen ein gutes Führungszeugnis verdienen, das Ihnen, wie Sie ohne weiteres einsehen, einzig den weiteren Weg ebnen kann.«

Erkelenz seufzte. »Wie lange soll das dauern?« fragte er, schon wieder entmutigt und düster.

»Das hängt vor allem von Ihnen selber ab – ein Jahr müssen Sie mindestens rechnen – das brauche ich Ihnen gar nicht erst zu sagen.«

»Dann sehe ich keine Hoffnung – so lange halte ich nicht aus« sagte er schroff.

Der Pfarrer trat einige Schritte vor und wollte eingreifen. Aber ein Blick des Hüttenbesitzers hielt ihn zurück.

»Das käme ja erst auf den Versuch und vor allem auf die Ihnen gebotene Arbeit an« erklärte er ganz ruhig. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Arbeiten Sie zunächst einige Monate auf meinem Lager. Sie lernen dabei den Betrieb kennen und führen die Lagerbücher. Dazu gehört Umsicht, ein Teil des Betriebes zieht an Ihnen vorüber. Die Bezahlung ist auskömmlich. Sie kommen in Ruhe, zur Selbstbesinnung. Das ist die Hauptsache. Sie werden selbst sehen, gebunden sind Sie selbstverständlich nicht. Ihre Mitarbeiter werden von Ihrer Vergangenheit nichts, gar nichts – ich verspreche es Ihnen – erfahren. Halten Sie sich selbst vorsichtig zurück. Alles Weitere wird sich finden.«

Erkelenz schüttelte sich gewissermaßen am ganzen Körper. »Das ist alles nicht möglich – das sind nur schöne Worte« stieß er hervor.

»Freilich – wenn Sie sie nicht betätigen.«

»Ich habe Polizeiaufsicht – das kann nicht verborgen bleiben.«

Der Hüttenbesitzer wiegte sein Haupt. »Ich kann der Polizei für Sie Bürge sein.«

Der andere stutzte. »Sie kennen mich ja gar nicht.«

»Ich dachte, wir hätten uns vorhin schon verstanden.« Das klang einfach, zu Herzen gehend.

»Jawohl – Sie meinen es gewiß gut mit mir« antwortete er fast beschämt. »Ich hege keinen Zweifel – aber ich fürchte mich – glauben Sie mir's – ich fürchte mich.«

Man sah ihm an, daß er die Wahrheit sagte. Aber seine Stimme klang nicht mehr so rauh. Woher kam das? Es ging tief in seinem Inneren etwas vor. So hatte es vielleicht lange nicht in ihm gekämpft.

»Vor wem? Vor der Pflichterfüllung?« fragte Argobast ohne Vorwurf, ohne Schärfe, mit Menschenfreundlichkeit.

»Vor der Enttäuschung« erwiderte er leise. »Ich möchte Sie vor mir warnen, Herr – – ich weiß nicht, wie Sie heißen. Hoffentlich kann ich dankbar sein! Hoffentlich kann ich! Wenn meine dunkle Stunde über mich kommt, nützen mir die besten Vorsätze nichts.«

Koogelbom machte im Hintergrund schon wieder Grimassen.

Wie Erkelenz mit sich selbst ringend dastand, gewährte er dem Menschen- und Seelenkenner einen tiefen Einblick.

»Dann wenden Sie sich unmittelbar an mich – kommen Sie zu mir, Sie werden mich finden – stärken Sie das Gefühl in sich, das man Vertrauen zu den Menschen nennt – es ist ein schönes Gefühl, das einen tröstet, erhebt, ungeahnt kräftigt.«

Es geschah etwas Seltsames. Argobasts letzte Worte machten einen fast wunderbaren Eindruck. Er hatte über dieses starre, dieses erstarrte Herz einen großen Sieg errungen. Man sah es dem Manne an, daß er zustimmte. Nur etwas schien er noch auf dem Herzen zu haben«

»Brauchen Sie noch eine Auskunft? – Reden Sie.«

»Würden Sie mir eine – – Geige verschaffen können?« fragte er schnell in einer plötzlichen Eingebung.

Der Direktor trat dazwischen.

»Die Geige, die du hier in der Anstalt seit einigen Monaten spielen darfst«, klärte er ihn auf, »verdankst du schon diesem Herrn, er hat alle Instrumente für unser kleines Orchester zur Verfügung gestellt.«

Der Gefangene sah den Hüttenbesitzer verwundert an und konnte nichts sagen.

Von der Anstaltskirche draußen läutete das Glöckchen die Feierstunde.

»Sie sollen auch eine Geige haben«, fügte Argobast ohne Sentimentalität hinzu, »um in Ihren Mußestunden Ihre Übungen fortzusetzen – vielleicht bietet sich Ihnen auch in der Freiheit Gelegenheit, bei musikalischen Anlässen zu spielen.«

Die trüben Augen des Züchtlings öffneten sich wieder etwas weiter als sonst und zeigten einen eigentümlichen Glanz.

»Das könnte mich sehr verlocken, zu Ihnen zu kommen« sagte er stotternd. »Ich möchte Ihnen in diesem Augenblicke keine endgültige Antwort geben. Ich möchte Ihnen so gern mein gegebenes Wort halten.«

Er schien es aufrichtig zu meinen. Aber das Freiheitsgefühl, von dem er schon gesprochen hatte, packte ihn noch einmal. Fünf volle Jahre in diesem Hause – seit Monaten zählte er die Wochen, die Tage, die Stunden – da war wohl zu begreifen, daß er nicht sofort über seine Zukunft verfügen wollte.

»Meine Freiheit!« sagte er halblaut vor sich hin. »Ich bekomme meine Freiheit nicht wieder – niemals!« Um seine Mundwinkel zuckte es; er sprach nichts weiter.

Argobast gab sich mit seiner Erklärung zufrieden und brach die Verhandlungen ab. »Ich hoffe, wir sehen uns wieder« sagte er zu ihm, ehe er abgeführt wurde.

Der Direktor beglückwünschte in aufrichtigen, warmen Worten den Hüttenbesitzer zu seinem Erfolge. »Es war mir eine Freude, zuzuhören – wir haben gelernt – der Herr Pfarrer und ich – nicht wahr?«

»Ich glaube wohl, ich habe einen Weg zu seinem verschlossenen Herzen gefunden. Wenn mich nicht alles täuscht, wird er sich entschließen.«

Koogelboms Kopf versank völlig in seinen hochgezogenen Schultern. In seinen grauen Augen lag etwas, als ob er diese Hoffnung nicht teilte.

Argobast verabschiedete sich etwas bewegt von Muskalla und trat den Rückweg durch die verschiedenen Gänge an.

Er nahm den Eindruck mit sich, daß man in der Strafanstalt den Menschen doch besser und tiefer kennenlernte, als in den Dienstzimmern der Staatsanwaltschaft.

Es war Abend, die Züchtlinge waren aus den Werkstätten in den Eßsaal geführt worden.

Als Argobast im Torwege stand, hörte er über den großen Hof hinweg den Choral, den die Gefangenen nach der Hausordnung vor dem Abendbrot sangen.

Er hemmte seine Schritte und stand still. Er legte die Hand an das Ohr, um die Worte zu verstehen.

Er lauschte. Was war das? So fein zwischen Gutem und Bösem zu scheiden, lernte das Ohr, lernte die Seele nicht, daß Verbrechergesang ergreifend zum Menschenherzen sprechen konnte?

Der Pförtner in der Torwacht sah aus seinem Glasfenster herab und grüßte.

Ein Trupp Züchtlinge rückte von der Außenarbeit unter Führung mehrerer Aufseher verspätet ein.

Dann wendete sich Michael Argobast zum Gehen. Klirrend fiel das schwere Tor hinter ihm ins Schloß.


Siebentes Kapitel

Die Verlobung von Ottilie Argobast mit Ottokar Custodies war in den Zeitungen veröffentlicht worden. Ungezählte Glückwünsche trafen aus dem Kreise der Verwandten, Freunde und Bekannten der verehrten Familie ein.

Der große Salon schien in eine entzückende Ausstellung der wundervollsten Blumen verwandelt zu sein, die gerade diese Jahreszeit in Fülle bot. Buketts, kostbare Blumenstöcke, liebliche Körbe mit seidenen Bändern und geschmackvolle Arrangements wechselten sich ab. Eine prachtvolle Schale der seltensten Hyazinthen, der letzten des Frühlings, spendete aus den blauen Blüten berauschende Düfte. Sie war die Gabe der mit dem Hause befreundeten Familie Bugger. Wie eine Blume unter Blumen wandelte Ottilie beglückt umher.

Argobast verkehrte in allen guten Gesellschaftskreisen, in der Kaufmannschaft und Beamtenschaft, beim Militär, mit Medizinern und Akademikern, in Zirkeln der Kunst und Wissenschaft. In seiner Eigenschaft als Landtagsabgeordneter und Mitglied der Handelskammer, nicht zuletzt als edler Wohltäter, hatte der Hüttenbesitzer fast unbegrenzte Fühlung.

Seine und seiner Gattin Beliebtheit machte es allen, die ihnen nahe standen, zum Bedürfnisse, bei der Verlobung der einzigen Tochter, die besonders der Vater zärtlich ins Herz geschlossen hatte, ihre Mitfreude zum Ausdrucke zu bringen. Ganze Stöße von Gratulationsbriefen lieferten die Briefträger tagelang ab; selbst aus der Ferne kamen herzliche Wünsche und Grüße. Die Besuche wollten kein Ende nehmen; liebenswürdige, aufrichtige Menschen kamen und gingen, es war ein Ehrentag wie für das junge Paar so auch für die Eltern der Braut.

Ein mit auserlesenem Geschmack veranstaltetes Verlobungsessen bildete die Feier im engeren Kreise.

Um das Brautpaar gruppierte sich eine gewählte Jugend, Freundinnen und Bekannte der Braut, unter ihnen Ilse Bugger und Referendar Barbian, der von seinem Vater an das Hans Argobast empfohlen war.

Ilse saß neben dem Brautpaar, sie hatte den Bräutigam zur Rechten, während Barbian sie zu Tische geführt hatte. In ihrem kostbar gestickten weißen Kleid sah sie entzückend aus und entfaltete zwischen den beiden Juristen alle ihre Munterkeit. Sie hatte kaum von dem Referendar erfahren, daß er ein »gefürchteter« Verteidiger werden wollte, als sie schalkhaft die Herren gegeneinander in Bewegung setzte. Die beiden wußten aber ihrem Einfalle zu begegnen, indem sie sich darüber einigten, die beginnende »Hauptverhandlung« über Fräulein Bugger als Angeklagte zu führen.

Unter den jungen Herrschaften war begreiflicherweise auch von den Kasinofestlichkeiten des letzten Winters lebhaft die Rede, bei welchen sich das Brautpaar im stillen gefunden hatte.

Dabei berührte es vielleicht merkwürdig, daß sich längere Zeit das allgemeine Gespräch – Referendar Barbian hatte es wohl ganz zufällig angeregt – auch mit Helga Helligen befaßte.

Über diese junge Dame, die Tochter des bekannten und beliebten Gymnasialrektors, des Geheimen Studienrates Helligen, herrschte in der Gesellschaft nur eine einzige Stimme.

Jung und alt waren von ihrer Anmut und Liebenswürdigkeit fast gleich begeistert. Sie war schön und interessant, weiblich und bescheiden, geistreich und gemütvoll. Und man rühmte sie als einen ausgeprägten weiblichen Charakter von eigenartiger Abklärung.

Custodies, der eine Reihe von Jahren nicht verkehrt hatte und sie nicht kannte, hörte begreiflicherweise nur mit halbem Ohre zu, bis er schließlich scherzhaft bemerkte, ob man heute – bei seiner Verlobungsfeier! – sich endlich über die »Walküre« beruhigen wolle.

Der Vorwurf fand humoristischen Widerhall, aber Ottilie selbst, die Herrin des Festes, schien Ottokars Einwand überhört zu haben und knüpfte durch eine Lobeserhebung das Gespräch sofort von neuem an, worüber an der Tafel ein schallendes Gelächter ausbrach.

Helgas Eltern stammten aus dem Dithmarschen, einer der vier Landschaften des ehemaligen Herzogtums Holstein, wo sich einst die Sachsen mit den Friesen gemischt hatten.

Dort nahe dem Nordseestrande, etwa gegenüber der friesischen Insel Föhr mit ihrem fruchtbaren Boden, hatte Helgas Großvater seinen alten reichen Bauernsitz gehabt, den jetzt noch der ältere Bruder des Rektors, Onkel Peter Helligen, in patriarchalischer Weise bewirtschaftete.

Der jüngere Sohn Erich hatte gelehrte Neigungen gezeigt und sich, gewissermaßen in angestammter Treue an die heimatliche Scholle, der Germanistik gewidmet, die ihm manche wertvolle Forschung verdankte. Auch seine Frau, eine geborene Ukera aus einem alteingesessenen Geschlecht, hatte er in seiner meerumspülten Heimat gefreit.

Helgas Eltern hatten sich beide etwas von der treuen Anhänglichkeit an die alten Sitten und Freiheiten ihrer Vorfahren, die gegen Markgrafen, Herzöge und Könige mitgekämpft hatten, bewahrt. Aber der alte trotzige Widerstand gegen alles Aristokratische und Dynastische, das starre Festhalten an altertümlichen Gebräuchen und Rechten hatte sich in ihren Charakteren zu einer Offenheit, Aufrichtigkeit und Geradheit, zu einem schönen Gerechtigkeitssinn und wohlwollendem Menschentume, zu einer gesunden germanischen Eigenart gemildert, die mit des Vaters Studium so merkwürdig zusammenstimmte.

In Helga schienen sich diese bei ihnen immerhin noch urwüchsigen Eigenschaften zufolge Abschwächung durch Vererbung und Erziehung nochmals verfeinert zu haben, so daß aus glücklichen Anlagen die weibliche deutsche Eigenart hervorgehen konnte, die in Helgas Erscheinung und Wesen sofort bestechen mußte.

Obwohl von der Herrenwelt lebhaft umschwärmt, war sie frei von Koketterie. Sie bewegte sich mit einer Anmut und Sicherheit, die Entzücken und Respekt zugleich einflößten. Nicht jeder getraute sich, ihr zu nahen. Liebenswürdig war sie immer, aber doch, wie man gelegentlich bemerkte, auch wählerisch. Daß sie schon Heiratsanträge ausgeschlagen hatte, war ein offenes Geheimnis.

So kam es vielleicht auch, daß in der Begeisterung für sie vor allem die junge Damenwelt nicht zurückstand. Sie hatte wohl keine Neiderin. Seit sie die Zwanzig überschritten hatte, schwärmten für sie die Jüngeren.

Als sie letzten Winter in Chamissos Frauenliebe und -leben die Braut im lebenden Bilde dargestellt hatte, erreichte der Eindruck ihres Persönlichen einen Höhepunkt.

Eigentlich hatte sie in einem gewissen Gegensatze zum Dichter und zum Komponisten dem etwas demütigen und schmachtenden deutschen Mädchen eine Gestalt gegeben, die das Wesen der deutschen Frau – der heutigen deutschen Frau! – in ganz anderer, höherer Weise ahnen ließ.

Aber gerade hierin lag das Überraschende und Reizvolle ihrer Wiedergabe, bei welcher der Liedertext, wiewohl von einer geschätzten Sängerin vorgetragen, fast überhört wurde.

Zu Ottiliens Verlobungsfeier, die mit ihrer Episode von Helga Helligen überaus stimmungsvoll verlief, war auch Frau Geheimrat Custodies, die in Bonn lebte, eine liebenswürdige alte Dame, herübergekommen und hatte bei Argobasts auf einige Tage Wohnung genommen.

Sie schloß die anmutige Braut ihres einzigen Sohnes ganz in ihr mütterliches Herz. Diese Zuneigung wurde von Ottilie in fast zärtlicher Weise erwidert.

Das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegereltern versprach das angenehmste zu werden.

Der junge Jurist war musikalisch und besaß damit die beste Gelegenheit, sich Frau Hilde gefällig zu erweisen.

Sie hatte eine zwar nicht große, aber noch immer metallreiche Sopranstimme, die in guter Schulung gebildet war.

Es war kein Geheimnis, daß Hildegard Ilshöfer, einer gutbürgerlichen Familie entstammend, auf dem Konservatorium in Düsseldorf ausgebildet worden war und kurze Zeit dem Stadttheater in Mainz als Opernsängerin angehört hatte.

Noch vor ihrer Verheiratung mit Argobast hatte sie sich von der Bühne zurückgezogen und war in den ersten Jahren der Ehe nur noch als Konzertsängerin aufgetreten.

Mancher erinnerte sich noch der Zeit, da die flotte Blondine im Saale der Harmonie mit schönem Erfolge auf dem Konzertpodium stand, während ihr junger Gatte, ein einfacher Mann mit ganz schwarzem Haar und Bart, im Saale unter dem immer zahlreichen Publikum saß, kein Auge von der Sängerin wendete und selber am unermüdlichsten Beifall klatschte.

Nach dem Konzert sah man ihn ins Künstlerzimmer stürzen, mit rührender Sorgfalt die junge Frau in ihren Pelzmantel hüllen und zur Droschke geleiten, die sie und ihn nach ihrer damals noch einfachen Häuslichkeit brachte.

Da begriff auch mancher, wie es möglich geworden war, daß die Künstlerin, eine ätherische Erscheinung, sich entschlossen hatte, den allerdings energischen und klugen Mann, der aber aus den arbeitenden Kreisen sich vorwärts gebracht hatte, die Hand zu reichen.

Freilich blieb trotzdem im Verhältnisse der beiden für den Dritten manches rätselhaft. Ihre Gegensätze konnten nicht verborgen bleiben.

Sie war ein Weltkind, lebenslustig; wiewohl nicht gerade aus vornehmem Hause, doch auf Formen haltend; elegant, wählerisch in ihren Toiletten, nicht frei von Koketterie, aber ohne jede Auffälligkeit. Das Künstlerblut in ihren Adern machte sie lebhaft, etwas auf den äußeren Effekt berechnend, zuweilen auch launenhaft.

Etwas Unausgeglichenes, ja Sprunghaftes war zuweilen in ihrem sonst wertvollen Charakter nicht zu verkennen. Vielleicht waren es Rückstände ihrer Erziehung und ihrer Bühnenlaufbahn. In ihren Entschließungen war sie, das wußten Gatte und Tochter, nicht immer berechenbar.

Argobast, aus einfachsten Kreisen stammend, war einfach geblieben. Er war kein hübscher Mann, nur sein Kopf war interessant. Wie seine Sprechweise waren seine Bewegungen langsam, nicht gewandt, manchmal schwerfällig. Obwohl man seine idealen Bestrebungen kannte, gab er sich doch immer nüchtern, geschäftig, ohne jede Pose. Eine Rolle zu spielen, daran dachte er kaum. In der Öffentlichkeit liebte er nicht hervorzutreten, er blieb gern im Hintergrunde, auch im Abgeordnetenhause sprach er nur rein sachlich, ohne rednerischen Schmuck, das Pathos war ihm verhaßt.

Gleichwohl lebte das etwas ungleiche Paar, wie alle Welt wußte, in einer harmonischen Ehe. Das zeigte sich nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im Familienkreise, wie viele Augenzeugen bestätigten.

Dabei teilte Frau Hilde ihres Mannes kriminalpolitische Interessen, die sie wohl kaum zu würdigen verstand, eigentlich nicht.

Nur im ersten Anfange seiner Bestrebungen war sie gewissermaßen mitgegangen, aber im Laufe der Jahre wohl enttäuscht davon zurückgetreten. Seit dem nicht gelungenen Versuche mit Döll, zu dem sie sich noch einmal verstanden hatte, wollte sie nicht mehr viel davon wissen. Vielleicht widerstrebte diese nähere Befassung mit kriminellem ihrem ästhetischen Empfinden. Ihre feingestimmten Nerven neigten manchmal zu einer gewissen Überempfindlichkeit.

Aber daß diese hübsche, stattliche Frau an ihrem Manne mit Liebe und Zärtlichkeit hing, war unverkennbar. Selbst in größter Gesellschaft suchten ihn gelegentlich ihre freudigen Blicke. Wenn der Sekt zugetrunken wurde, begegneten sich, falls es die Sitzreihe einigermaßen zuließ, diese vier Augen in vertrautem Gruße. Wurde die Tafel aufgehoben, küßte er ihr zärtlich die Hand. Gerade bei ihm war das keine leere Formsache, der er abhold war.

Es war etwas an und in diesem Manne, das Frau Hilde fesselte. Nur wußte vielleicht niemand so recht zu sagen, was diese schöne Bindung gab.

So umfloß das Ehepaar gewissermaßen eine Glorie des Rätselhaften, des Geheimnisvollen, das es immer und überall interessant erscheinen ließ.

Frau Hilde hatte die Mitte der Dreißiger über schritten und stand, wie man zu sagen pflegt, in ihren schönsten Jahren. Immer frischer, jugendlicher, voller schien sie aufzublühen. Ihr rosiges, rundes Gesicht strahlte in glückverheißendem Begehren.

Neben dieser Mama war es für die zarte Ottilie nicht immer leicht, obwohl sie sehr hübsch war, zur Geltung zu kommen. Aber gerade dadurch machte sich Frau Argobast so sehr beliebt, daß sie nicht im entferntesten nach Art eitler noch junger Mütter mit ihrem Töchterchen wetteifern wollte, sondern in rührender Mutterliebe alles tat, um andere an ihrem Kinde Gefallen finden zu lassen. Hilde war gegenüber der Herrenwelt nicht im geringsten gefallsüchtig, kokett war sie eigentlich nur gegen ihren eigenen Mann.

Als im Fortgange der Jahre Argobasts kleine Fabrikanlage sich mit Hilfe eines später verstorbenen Geschäftsteilhabers mehr und mehr vergrößerte, als er den Hochofen errichtete und bald mit staatlichen Lieferungen von Eisenbahnschienen überhäuft wurde, trat Frau Hilde nicht mehr öffentlich auf. Eine Zeitlang hatte sie noch Gesangsunterricht an junge Mädchen aus der Gesellschaft erteilt. In den letzten Jahren hatte man sie selbst in Wohltätigkeitskonzerten nicht mehr gehört.

Nur im häuslichen Kreise, in den bekannten Soireen, die in dem schönen Saale der Villa Hildburg veranstaltet wurden und die musikalischen Größen der Stadt anzogen, ließ sie sich gelegentlich noch in ihren Glanznummern – »Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?« aus Mignon – vernehmen.

Custodies war ein anschmiegender Begleiter am Flügel und studierte mit seiner Schwiegermama einige ihrer früheren Gesangsstücke wieder ein.

Michael Argobast hatte hieran seine Freude, da er selber zwar ein begeisterter Musikliebhaber, niemals aber ein ausübender Musiker gewesen war. Ottilie spielte vorzüglich Klavier; sie und Ottokar nahmen die großen Opernouvertüren vierhändig vor.

Von Verwandten der Familie Argobast lebte am Orte nur Tante Thekla Ilshöfer, die ältere unverheiratete Schwester von Frau Hilde, eine gutmütige alte Jungfer mit etwas eigenen Gewohnheiten, die sich aber in Villa Hildburg sehr nützlich zu machen wußte und aller Dank verdiente.

Kein gesellschaftliches Unternehmen, keine größere Familienfestlichkeit wurde im Hause ohne ihren Rat oder Beistand vorbereitet. Auch das Programm für die Verlobungsfeier hatte sie im Verein mit Mama zu allgemeiner Zufriedenheit zusammengestellt.

Es war geradezu rührend, welchen Anteil sie an dem jungen Glücke ihrer Nichte nahm. Es hatte sich auch sehr bald herausgestellt, daß Tantchen Thekla zunächst die einzige lebende Seele gewesen war, der Ottilie Andeutungen über das Geheimnis gemacht hatte.

Tantchen hatte mit verklärten Augen genickt und, als sie Namen und Stand des Erwählten erfahren hatte, zustimmend gelächelt, immer den Finger auf den spitzen Mund legend.

An jenem Sonntage, da der junge Bewerber bei den Eltern vorsprach, war sie jedoch ganz bescheiden zu Hause geblieben und hatte gar nichts von sich hören lassen. Aber am nächsten Morgen huschte Ottilie zu ihr hinüber und fiel ihr des Glückes voll um den Hals.

Wer Ottilie früher genauer gekannt hatte mußte gestehen, daß mit ihr in den wenigen Wochen seit ihrer Verlobung eine geradezu wundersame Veränderung vor sich gegangen war.

Niemand nahm das wohl besser wahr, als der zärtliche Vater selbst, der, wie er überhaupt im Leben ein ausgezeichneter Beobachter und Seelenkenner war, vor allem auch im häuslichen Kreise seine stillschweigenden und lauten Betrachtungen machte.

Er verstand es in seltener Weise, mit wenigen treffenden Worten in seiner Umgebung die Seele der Ereignisse, in denen man sorglos dahinlebte, gewissermaßen in stimmungsvollen Akkorden – vielleicht hing das mit seinem Musiksinn zusammen – hervorzukehren und festzuhalten.

Gerade darin schien eine Lebensaufgabe dieses Mannes zu liegen, daß er, ohne Aufdringlichkeit und Pathos, mit Bemerkungen, welche nicht an der Oberfläche schöpften, das flüchtige Leben begleitete. Was auch geschah und gesprochen wurde, er hatte ein seltsames und richtiges Gefühl für die selbst in anscheinend flüchtigen Geschehnissen liegende tiefere Bedeutung.

Einmal in diesen Tagen geschah es, daß er sein Kind, als er mit ihm allein war, an der Hand nahm und ihm lange schweigend in die Augen schaute.

»Wie ich mich freue, Ottilie«, sagte er still, »daß du so glücklich bist! Ich hätte es kaum gedacht, daß man dem Menschen sein Seelenglück äußerlich so sehr ansehen kann. Kannst du mir sagen, kannst du mir vielleicht beschreiben, wie dir's ums Herz ist?«

Sie stand einen Augenblick mit zu Boden gesenkten Blicken vor ihm. Dann hob sie die Augen zu ihm empor und sagte leise: »Vater – liebster Vater – ich fühle, daß ich gut bin!«

Er schien dieses Geständnis mit besonderem Wohlgefallen zu hören. »Ja, an dir hat sich die heilige Macht der Liebe wunderbar erwiesen, mein Kind! Sei dankbar gegen deinen Gott!« Er schloß sie in seine Arme und drückte ihr einen segnenden Kuß auf die weiße Stirn.

Sie lag ihm stillweinend an der Brust.

»Versenke dich ganz darein, was du an Ottokar hast!« fuhr er dann fort. »Ich kenne die Menschen und habe einen Blick für ihr Wesentliches. Er ist, ich muß es zugeben, ein selten edler und guter Mensch, der dich namenlos liebt! Wie du ihn vor dir siehst, wie du ihn hältst, ist er ein lebendiger Zeuge des Guten in der Welt! Neige dich vor ihm! Sei demütig in deinem Herzen!«


Achtes Kapitel

Draußen in Ellerau lag am sogenannten Totenkopf das große Eisenwerk Argobasts mit den beiden Hochöfen. Die Gegend hatte im Volksmunde den eigentümlichen Namen behalten, der von den Morden sich herschrieb, die dort vor Jahrzehnten, als noch ein dichtes Gehölz stand, vorgefallen waren.

Das Hüttenwerk erstreckte sich mit seinen zahlreichen Gebäuden, Maschinenräumen und Kesselhäusern, mit seinen Öfen und Schornsteinen, Anlagen, Schuppen und Lagerplätzen über eine weite, von Eisenbahnschienen durchquerte Strecke und beschäftigte viele Hunderte von Angestellten und Arbeitern.

Die Kuppeln und gewaltigen Gewölbe, die überall aufragten, konnten, wenn man wollte, den Eindruck einer bizarren maurischen Moschee erwecken, wobei die Dampferhitzer ringsherum Vorbauten und Seitenräume darstellten und die schlanken Schornsteine gleich hohen Minaretts emporstiegen.

Der Ruf der Hütte in der Eisenindustrie war ein ausgezeichneter. Mehr als einmal hatten die Banken Argobast in verlockender Weise den Vorschlag unterbreitet, die Firma in ein Aktienunternehmen umzuwandeln.

Er hatte sich hierzu nach reiflicher Erwägung noch nicht entschließen können und war mit Genugtuung erfüllt, weil er die mit bescheidenen Anfängen von ihm selbst gegründete Anlage aus eigener Kraft, wenn auch unter Beistand des verstorbenen Gesellschafters, zu solchem Umfange und zu solcher Bedeutung erhoben hatte und mit Hilfe zweier tüchtiger Direktoren und einer Reihe Techniker im wesentlichen noch selbst leitete.

Mit der Hütte hing seine Lebensarbeit zusammen, fast unlöslich fühlte er sich mit dieser Fläche Erde verbunden. Hier hatte er seine Kraft mit seltenem Erfolge betätigt, in der rastlosen Arbeit war er zu dem geworden, was er war; von hier aus hatte er die Möglichkeit gefunden, sein soziales Wirken zu entfalten und der Menschheit auch auf diese Weise zu dienen.

Da er aber leider keinen Sohn hatte und der Aufschwung der Eisenindustrie immer neue Betriebserweiterungen nötig machte, hatte er sich doch schließlich mit dem Gedanken vertraut gemacht, in den nächsten Jahren dem Aktienunternehmen näherzutreten.

Seit einigen Tagen war in der Materialverwaltung des Betriebes, die dem kränklichen und stark gealterten Inspektor Enatt unterstand, ein neuer Unterbeamter eingestellt worden. Es war Robert Erkelenz.

Bereits wenige Tage nach der Aussprache mit dem Hüttenbesitzer im Direktorialzimmer hatte er sich beim Anstaltspfarrer Koogelbom freiwillig gemeldet und erklärt, daß er bereit sei, bei Herrn Argobast die angebotene Beschäftigung anzunehmen.

Der Geistliche sah ihn etwas ungläubig, ja abweisend an und bemerkte zu seiner Überraschung, daß aus seinen Gesichtszügen die alte lässige, verletzende Teilnahmlosigkeit gewichen zu sein schien. »Dort kannst du für dein ganzes künftiges Leben noch dein Glück machen!« sagte er etwas salbungsvoll, als sei er selber der Vermittler dieser Stelle gewesen.

Der Züchtling bedankte sich bei dieser Gelegenheit für Koogelboms Bemühungen und bat sogar um Entschuldigung, daß er sie früher in unbegreiflichem Leichtsinn abgelehnt hatte.

»Das ist nun erledigt!« bemerkte der besänftigte Geistliche nachdenklich. »Wer weiß, wozu alles gut ist! Wenn du dich schon anderweit gebunden hättest, könntest du wahrscheinlich nicht bei Herrn Argobast eintreten.«

Das leuchtete dem vor der Entlassung stehenden Züchtling, wie man ihm ansehen konnte, ohne weiteres selbst ein.

Auf die Nachricht von der Entschließung kam der Hüttenbesitzer noch einmal persönlich in die Strafanstalt und verhandelte mit Muskalla. Es wurde ihm gestattet, Erkelenz in den letzten Tagen der Strafzeit über seine künftigen Obliegenheiten in großen Zügen zu unterrichten, damit er bei seinem Eintritt in das Werk nicht durch allzu starke Unkenntnisse bei dem Inspektor und seinen Mitarbeitern Verdacht erregte.

Enatt wurde dahin verständigt, daß Erkelenz in einem verwandten Betriebe gearbeitet habe, was ja in gewissem Sinne auch der Wahrheit entsprach.

Argobast war seinem ganzen abgeschlossenen Charakter nach gewohnt, was er zumal persönlich unternahm, nicht halb zu tun. Er ließ sich nicht verdrießen, einen Abdruck der von ihm selbst ausgearbeiteten Hüttenordnung mitzubringen und Erkelenz zum Durchlesen zu überlassen. Ja, er entrollte vor ihm einen übersichtlichen Grundriß des ganzen Hüttenwerkes, in welchem alle Gebäude und Anlagen genau eingezeichnet waren. Dazu gab er ihm in einfacher Weise die nötigen Erklärungen und fand bei dem allen eine Art und einen Ton, mit denen er sich seinem künftigen Arbeiter gegenüber nicht das geringste vergab.

Der Anstaltsdirektor, der dies alles miterlebte, sah mit immer neuem Erstaunen den sichtbaren Erfolg. Nach einem Tage bereits wußte Erkelenz in Gedanken im ganzen Werke nach dem Grundriß recht gut Bescheid. Es bereitete ihm offenbar Lust, sich überall schnell zurechtzufinden.

»Das habe ich zur Anregung seines Organisationssinnes getan!« bemerkte Argobast dem Direktor.

Es war tatsächlich bewundernswürdig, wie erzieherisch er hierbei verfuhr. Auf das gute Vorstellungsvermögen des Erkelenz wirkte das gewissermaßen Geistige in der Hüttenordnung befruchtend, und gar das zeichnerische Bild machte einen belebenden Eindruck auf seine Phantasie. Im stillen schwebte er bereits wie ein Geist über dem Ganzen und übte daran seine Kräfte.

Dann gab es noch eine Viertelstunde der Unterweisung über die fortwährend zu kontrollierenden Rohmaterialien und Erzeugnisse, damit der Neuling auch hiermit etwas vertraut wurde. Er erhielt ein gedrucktes Formular, wie es in den Lagerbüchern verwendet war, vorgelegt, um die Einzelheiten der Einträge zu verstehen. Dem allen unterzog sich Argobast anspruchslos selbst, wobei ihn wohl die Erinnerung an seine eigenen Lehrjahre angenehm begleitete.

Tag und Stunde der Entlassung waren gekommen. Der Direktor sprach in Gegenwart des Abteilungsinspektors Prehm und des Pfarrers im Direktorialzimmer einige kurze, markige Abschiedsworte mit dem Hinweis auf die gütige Fügung, welche die Zukunft des Entlassenen noch in den letzten Wochen sicherstellte. Koogelbom fügte, mit dem verloren gegebenen Manne beinahe ausgesöhnt, einen geistlichen Spruch hinzu.

Erkelenz war etwas aufgeregt, hatte Tränen in den Augen und konnte nicht viel sagen. Der neue Arbeitgeber hatte es abgelehnt, den Entlassenen am Ausgange des Zuchthauses, wie zuweilen geschah, in Empfang nehmen zu lassen. »Ein Stück Selbstvertrauen muß gleich von Anfang an gepflegt werden«, meinte er zu Muskalla, »darauf kommt alles an. Das Gelingen, das wissen Sie besser als ich, muß mit den Schwachen geübt werden!«

Sogar einen passenden Anzug hatte er Erkelenz vorsorglich mit einem Dienstmann ins Zuchthaus geschickt, weil seine eigenen Kleidungsstücke in den Jahren zu stark gelitten hatten. Auch seinen vollen Arbeitsverdienst erhielt er auf ausdrücklichen Wunsch Argobasts bei der Entlassung selbst in die Hände. »Er soll sofort kämpfen, das ganze Leben ist ein Kampf! Wenn er die Stunde Wegs zu mir hinaus nicht findet, verlohnt sich meine Arbeit an ihm überhaupt nicht!«

Argobast hatte in seiner langjährigen Rettungsarbeit eine außerordentliche Erfahrung gesammelt, deren Schatz er in diesem neuen besonders schwierigen Falle ganz verwerten zu wollen schien. Wer alle einzelnen Umstände kannte, mußte gestehen, daß auf die Einstellung eines unbescholtenen Arbeiters kaum je soviel Nachdenken und Sorgfalt verwendet worden sein konnten, wie bei diesem Robert Erkelenz. Aber nach dem Worte, daß mehr Freude im Himmel ist über einen Sünder, der Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte, die ihrer nicht bedürfen, sprach eine tiefe Sittlichkeit für diese Maßnahmen. Diese Seele, die er jetzt zu retten unternahm, schien er nicht wieder verlieren zu wollen; vielleicht hing sein Glaube an die Menschheit und an das Gute mit an dem künftigen Schicksal dieses einen Mannes.

Es war ein sonniger Junimorgen, als die schweren Zuchthauspforten sich vor Robert Erkelenz öffneten und, als er auf der Straße stand, hinter ihm wieder schlossen.

Er ging schnell einige Schritte vom Tore weg, sah nach beiden Seiten der Promenade, ging wieder ein Stück und blieb dann eine Minute wie unschlüssig stehen. Die Rosen in den Vorgärten dufteten bis zu ihm herüber.

Er sog die frische, köstliche Luft ein, es war ihm ganz eigentümlich ums Herz.

Nach fünf langen, hoffnungslosen Jahren war er wieder ein freier Mensch. Freiheit! Wie das Wort klang, als er es, um es tatsächlich zu hören, halblaut vor sich hinsprach.

Zwei Schulbuben blieben stehen und sahen ihm mit freundlichen Augen verwundert ins Gesicht. Er nickte ihnen zu und nahm es als gütige Vorbedeutung, daß ihm Kinder, denen die Zukunft gehört, den ersten Gruß in der Freiheit boten.

Er sah nach der Uhr, die er nach Jahren zum ersten Male wieder trug. Er war dankbar, daß sie ihm erhalten geblieben war. Fast wie ein Schulknabe zog er sie hervor, der die erste Uhr beim Eintritt in eine neue Schulklasse erhalten hat.

In drei Stunden sollte er sich im Kontor der Hütte melden; zwei Stunden hatte er also von diesem Morgen für sich. Nur zwei Stunden? Dann schon wieder eingespannt und gebunden? Nach fünf Jahren so kurze Freiheit? »Still, keine Undankbarkeit!« sagte er zu sich selbst.

Er wanderte durch die Straßen der Stadt, die er nicht genau kannte. Es kam ihm vor, als trete er in eine neue Welt. Ähnlich war es ihm auch früher zumute gewesen, wenn er entlassen wurde. Aber ein wenig anders waren seine Empfindungen doch.

Er sah heute manches mit anderen Augen an als sonst. Er bemerkte, was er stets übersehen hatte, die Schönheiten einzelner Gebäude, die blühenden Gärten, ja er freute sich der geschmackvollen Fensterauslagen, ohne den Reiz der Begierde zu spüren.

Aber er fühlte Appetit. Er hatte den begreiflichen Wunsch, nach der jahrelangen einförmigen Zuchthauskost, die den Magen abstumpfte, ein gutes Stück Fleisch zu frühstücken.

Er bog zufällig in eine Seitengasse ein und las bald über einer Tür: »Schankwirtschaft zum Offenbacher Hof.« Durch die Fenstergardinen lachte ihn ein hübsches, blondes Mädchengesicht an, ein schneeweißes Kätzchen saß auf einem halb entblößten, drallen Arme.

Nach einigem Zögern trat er kurz entschlossen ein. Die Wirtstochter begrüßte ihn, als er an einem mit bunter Decke belegten Tische Platz genommen hatte. Einige Rosen standen in einem Glase, deren Duft er gierig einsog.

Er bestellte ein warmes Frühstück. Leberknödel mit Sauerkraut, wie sie die kleine Speisekarte aufführte, hatte er immer geliebt. Dampfend stieg ihm bald der Wohlgeruch in die Nase.

Lächelnd sah ihm die blonde Gertrud zu, als er der kräftigen Kost zusprach.

»Trinken Sie einen Schoppen Königsbacher oder lieber Bier?« »Erst bringen Sie mir die Portion noch einmal!« sagte er noch kauend.

Sie fragte ihn, ob er von hier sei oder von auswärts komme. Er schien also doch keinen heimischen Eindruck zu machen. Er erzählte, daß er von Mainz herübergefahren sei, um sich hier eine Stelle zu suchen. Mehr verriet er nicht. Er hatte es auf den Lippen, der Kleinen auszuplaudern, daß er mit einem Wochenlohn von dreiundzwanzig Mark in Ellerau bei Herrn Argobast anfange. Aber er schwieg. Solche Angaben wurden oft zu Verrätern. Es sollte ihn vorläufig, das war besprochen worden, niemand kennen.

Er trank ein Glas leichtes helles Bier. Den ungewohnten Wein wollte er vermeiden. Dann ließ er sich auch eine billige Zigarre geben und blies den Rauch vor sich hin.

Er fragte im Laufe der scherzhaften Unterhaltung, ob Gertrud schon einen Schatz habe, was sie lachend verneinte.

»Ich gehe heute nachmittag ganz allein spazieren!« erzählte sie mit unschuldigen Angen.

Er sah wiederholt, gewöhnlich mehrere Male hintereinander, nach der Uhr und überlegte einen Augenblick. Eine der beiden Stunden Freiheit war bereits vorüber. Er ließ sich ein frisches Glas geben und trank einen tüchtigen Schluck.

Gertrud setzte sich zu ihm und plauderte aus freien Stücken, daß sie die einzige Tochter der Witwe Schwinn war, der die kleine Schankwirtschaft gehörte. Der Vater war vor einem Jahre im Krankenhause gestorben. Mutter und Tochter hatten ihr Auskommen, das Häuschen gehörte ebenfalls der Witwe.

»Möchten Sie nicht ein Kino kaufen?« fragte sie plötzlich ganz unvermittelt.

»Ich? Wie kommen Sie darauf?«

»Nebenan ist eines zu vergeben für billiges Geld. Sind Sie nicht im Kino tätig?«

Diese Frage überraschte ihn. Dann glaubte er etwas erschrocken, sein bartloses Gesicht errege diesen Verdacht. Er schüttelte den Kopf.

»Das ist schade!« lachte sie wieder. »Ich möchte so gern einen Kinobesitzer heiraten. Zur Anzahlung geben wir ein paar Tausend dazu. Ich könnte mir nichts Schöneres denken, als fein angezogen, mit frisiertem Haar in der eleganten Kasse zu sitzen.«

Das kannte er alles sehr gut. Ins Kino war er mit Vorliebe gegangen und hatte manchmal den letzten Groschen hingetragen. Die schwermütige Musik, die man dort hörte, kam ihm in den Sinn, die aufregenden Bilder, die vor den Angen flimmernd vorüberzogen, fielen ihm ein. Diese Erinnerung machte ihn unruhig und bang.

Er trank hastig aus, bezahlte und erhob sich. Beim Abschied sah er der Trude genauer ins Gesicht und fand, daß sie wirklich hübsch war. Sie errötete etwas, als er ihr die Hand gab und »Auf Wiedersehen!« sagte.

Er hatte einen plötzlichen Einfall. Sein neuer Herr wußte die Stunde seiner Entlassung sicher ganz genau. Weshalb bestellte er ihn erst drei Stunden später in das Kontor? Hier lag doch eine Absicht klar zutage. Man wollte ihn gleich zu Anfang auf eine Probe stellen. Die galt es zu bestehen! Nicht eine Minute durfte er später kommen!

Als er draußen stand, war er auch mit dieser zweiten menschlichen Begegnung in der neuen Freiheit zufrieden. Die Blonde hatte offenbar Gefallen an ihm gefunden. Sein Glück bei den Frauen hatte ihn also nicht verlassen. Dabei trug er die Haare ganz kurz und keinen Schnurrbart. Wenn sie erst gewachsen waren, würde es ihn besser kleiden. Dann konnte er sich sehen lassen.

Drei Häuser entfernt sah er die Plakate des Lichtspieltheaters. Bleiche, bartlose Gesichter mit verzerrten Mienen und aufgerissenen Augen starrten ihn an. Ein geheimnisvoller Einbruch in einen Juwelierladen bildete den Inhalt des sensationellen Films »Die schwarze Perle!«

Einen Augenblick stand er wie gebannt. Sein Rücktritt in die Freiheit erfolgte unter nicht ungünstigen Aussichten. Eben hatte er eine nicht mißzuverstehende Aufforderung gehört, sich zum Kinobesitzer zu machen. Ob sie ernstlich gemeint war? Wer wollte das wissen? Darüber ließ sich vielleicht später reden. Heute mußte er sein Versprechen halten.

Aus dem Gäßchen trat er wieder in die schöne, belebte Straße. Er wendete sich nach dem großen Kölner Platz, von wo, wie ihm beschrieben worden war, die Straßenbahn nach Ellerau hinausführte.

Die lange Fahrt bereitete ihm viel Vergnügen. Für zehn Pfennige fuhr man eine endlose Strecke. Man sah Gebäude und Gärten, Menschen und Tiere; weiter draußen grünende Kornfelder und Wiesen, einen schmalen Fluß. Man genoß die Welt im Fluge. Er nahm sich vor, öfter auf der Straßenbahn zu fahren.

Fast zu pünktlich auf die Minute klopfte er zaghaft an der Kontortüre des Hüttengebäudes, nachdem ihm Musel, der Pförtner, am Torwege Bescheid gesagt hatte.


Neuntes Kapitel

Niemand konnte den Charakter Ottokars so treffend, so tief erfassen als Argobast, der ihn doch erst seit Wochen kannte, ihn seiner Tochter gedeutet hatte.

Als ernster Knabe war er in einem freundlichen Vaterhause aufgewachsen. Vielleicht durfte er sich rühmen, daß kaum eine Lüge über seine Lippen gekommen war. Zwischen ihm und seinen Eltern hatte jenes glückliche Familienverhältnis des Vertrauens geherrscht, das für Unwahrheiten keine Gelegenheit bot.

Eine reine Jugend lag hinter ihm. Er war kein Mucker, war auch nicht spröde. Es war eine Sicherheit des Gefühls und der Entscheidung in ihm, die ihn mit Anfechtungen fast spielend fertig werden ließ.

Es erschien zunächst etwas merkwürdig, daß gerade dieser Jüngling Jurist werden wollte. Aber vielleicht hielt ihn sein gesundes Verhältnis zum Leben von der Theologie zurück, mit der er sich schon befreunden zu wollen schien. Es war etwas in ihm, das sich gern an das Wirkliche hielt und Überspannungen jeder Art vermied.

Als er dann in der Praxis den kriminalistischen Wissenschaften nähertrat und den kleinen und großen Verbrecher in der Wirklichkeit sah, als er die Vertreter der neuen Kriminalistenschule hörte, die ihm mit Verbrecher und Verbrechen ein seltsames Spiel zu treiben schienen, gerade in dieser Zeit kam sein allmählich erwachsener Entschluß, Staatsanwalt zu werden, zur Reife.

Er brachte dem Rechtsbrecher weder Härte noch Schwäche entgegen. Er überhob sich nicht, er enthielt ihm seine menschliche Teilnahme nicht vor. In seinen großen Schwurgerichtsvorträgen – ein Redner im eigentlichen Sinne war er nicht – leuchtete sein Glaube an die Herrschaft des Guten als tröstlicher Gedanke hindurch, so daß ihm Richter, Geschworene und Zuhörer gern folgten. Von aller staatsanwaltlichen Moralpredigt und Verfolgungslust entfernt, bot er der Öffentlichkeit ein vom Anklagepodium in dieser Weise kaum gehörtes Weltbild des Gerechten.

Eben aus seinem unbedingten Glauben an das Gute – hier klangen doch wohl religiöse Erinnerungen hindurch – , nicht etwa aus übertriebener Sittenstrenge, war er zu der Überzeugung gekommen, daß Verbrechen nicht Kraft, sondern nur Schwäche bedeuten könne, weil echte und wahre menschliche Kraft immer die Richtung zum Guten nehmen müsse.

Daß einem solchen Charakter die Liebe eine schöne Reife bringen mußte, war gewiß.

Seine Beziehungen zu Ottilie Argobast hatten sich ganz allmählich ergeben. Mit einem Male verspürte er, daß unter den nicht wenigen sympathischen Mädchengestalten, die ihm in Gesellschaft und Ballsaal, auf der Eisbahn und beim Tennisspiel in den letzten zwei Jahren begegneten, ihn diese eine sylphenhafte Erscheinung besonders, ja allein fesselte und anzog.

Daß ihr Vater einer weitgehenden Entlassenenfürsorge oblag, stimmte ihn nur kurze Zeit nachdenklich.

Er hatte wohl ein Gefühl dafür, daß am Eingange des Strafprozesses er selber als Ankläger stand, während am Ende desselben der Vater Ottiliens gewisse unvermeidbare Nachteile der staatlichen Strafe am einzelnen Menschen wieder gutzumachen suchte. Mußte sich aber hieraus ein Gegensatz in der Auffassung oder gar in der Gesinnung ergeben? War nicht Argobast dabei in einer viel glücklicheren Stellung als er? Und handelte er vor allem nicht ganz offensichtlich aus genau demselben Glauben an das Gute?

Im übrigen war es schon zu spät, umzukehren; das Mädchen hatte es ihm in aller Zurückhaltung seltsam angetan.

So wurden die ersten verstohlenen Zeichen der gegenseitigen Neigung verstanden und erwidert.

Über den Charakter der Erwählten machte er sich wohl, wie die meisten Liebhaber, zunächst keine besonderen Gedanken. Was er an ihr wahrnahm, erschien ihm sympathisch, freundlich, wertvoll.

Als sie sich nähertraten, und er ihr in Gesicht und Augen lesen durfte, empfand er das Rätselhafte und Geheimnisvolle einer Mädchenseele, die sich gleichwohl unbefangen darbot, so reizvoll, daß er sich ihm nicht wieder entziehen konnte und auch nicht mehr entziehen wollte.

Und was er seit dem Tage der Verlobung äußerlich und innerlich mit ihr erlebt hatte, erfüllte seine Erwartungen so sehr, daß er täglich in ein immer höheres Seelenglück mit ihr hineinzuleben glaubte.

Aber in diesen Tagen der Wonne geschah es, daß ein Schatten das junge Glück trüben wollte.

Ottokar erhielt einen merkwürdigen Brief, anscheinend von verstellter Damenhand geschrieben; die Absenderin nannte sich nicht.

Das Schreiben lautete folgendermaßen: »Sehr geehrter Herr Doktor! Wie kein Mensch im geringsten bezweifelt, sind Sie bei der entschiedenen Wahl dem Zuge Ihres Herzens gefolgt. Deshalb vertraut man auch zuversichtlich darauf, daß Ihre Neigung die kleine Prüfung besteht, welche die eigentümlichen Verhältnisse mit sich bringen.« Custodies stutzte.

»Es handelt sich um einige ganz belanglose Vorgänge aus zurückliegenden Jahren, die Fräulein Argobast zweifellos, um ihre Harmlosigkeit darzulegen, am liebsten selbst gestehen würde, und die deshalb zu ihrer Entlastung Ihnen von dieser Seite mitgeteilt werden.«

Ottokar glaubte nicht recht zu lesen; das Papier zitterte in seiner Hand.

»Fräulein Argobast hatte – eine gerade Ihnen vielleicht begreifliche und entschuldbare Erscheinung – auch in der späteren Schulzeit ihre alte merkwürdige Neigung zu Unaufrichtigkeiten noch nicht abzulegen vermocht.«

Der Bräutigam hörte sein Herz schlagen.

»In den Mittelklassen zog sie nach bekannter Art etwas eigenmächtiger Schulkinder in Entschuldigungsbriefen wegen unterlassener Hausarbeiten oder versäumten Unterrichtes – also aus unbedeutenden, harmlosen Anlässen – den eigenartigen, wahrscheinlich zur Nachahmung anreizenden Namenszug ihres Vaters nach. Auch nahm sie einer Schulkameradin, die hiervon nichts wußte, aus ihrem Bücherschranke Baumbachs »Zlatorog« in einem Prachteinbande aus Übermut fort.«

Ottokar traten in tiefem Schmerze die Tränen in die Augen.

»Bei Ihrer Menschenkenntnis und Neigung zu Fräulein Argobast darf man vertrauen, daß Sie über die kleinen Eigenarten einer mutwilligen Kindheit freundlich hinwegsehen und deren Trägerin, die sich vielleicht instinktiv gerade zu einem Vertreter Ihres Berufes hingezogen fühlt, in Ihren besonderen liebenden Schutz nehmen werden.«

Der Mann, der diese Zeilen gelesen hatte, war in seinem Gesicht nicht wiederzuerkennen; er lehnte sich im Stuhle zurück und schloß die entsetzten Angen.

Einen Augenblick war es, als ob ihm alle Gedanken schwänden; so groß war die in seinem Gehirn hervorgerufene Verwirrung. Als er wieder zu denken vermochte, zuckte sein Herz unter dem Zweifel, in welchem Sinne der Brief geschrieben worden war.

Mit wohlwollenden, fast schmeichelnden Worten und in Ausfluß einer Fürsorge für sein und Ottiliens Glück wurden da Handlungen behauptet und zugleich beschönigt, die, wenn man sie nüchtern betrachtete, ein sehr ernstes und häßliches Gesicht zeigten.

Die außerordentliche Glätte des Ausdruckes ließ den peinlichen Verdacht aufsteigen, daß unter der Maske der Teilnahme und Harmlosigkeit sich eine heuchlerische Lästerung verstecken wollte. In welchen Abgrund einer Seele schaute er dann. Mit welcher teuflischen Ironie sollte der Argwohn in sein Herz geträufelt werden. Es war nicht möglich, daß ein junges Mädchen diese Zeilen entworfen hatte. Er hätte überhaupt eine solche Handlung keinem Menschen zutrauen mögen. Sein Glaube an das Gute ließ es nicht zu.

Er las wörtlich und langsam noch einmal. Die Worte standen untilgbar da, keines hatte er falsch gelesen. Er überflog die Adresse; da standen seine Titel und Namen. Der Poststempel zeigte als Ort der Briefaufgabe Darmstadt. Er hatte keine Ahnung, wie ihm gerade von da eine solche Mitteilung kommen konnte. Er nahm die Schrift unter eine Lupe; sie war nicht ganz regelmäßig, zeigte bald größere, bald kleinere Buchstaben, die Schriftlage war nicht die natürliche, sie schien verstellt, der Neigungswinkel wurde zum Verräter.

Custodies hielt die Schrift für eine jugendliche. Er hatte beruflich in der Beurteilung einige Übung. Buchstabenbildung und Orthographie waren ganz modern; die weibliche Handschrift war nicht zu verkennen.

Briefpapier und Umschlag zeigten elegante, gewählte Ausführung und Farbe.

Ein aufsteigender Kopfschmerz erinnerte ihn plötzlich daran, daß ihn ein eigentümlicher Geruch umgab. Der Brief strömte ein Parfüm von sich; er führte ihn an seine Nase und sog es ein. Sein Kopfschmerz wurde stechender. Er war nicht imstande, den Charakter des Parfüms festzustellen; es schien sich auszubreiten, seine Finger, seine Hände nahmen den Geruch an.

Als er nach einigen Amtsstunden fähig war, vernünftig zu überlegen, versuchte er die geheimnisvolle Sachlage ganz objektiv, wie ein Jurist, zu prüfen.

Enthielt der Brief nur Verleumdungen? Das glaubte er zunächst mit voller Bestimmtheit. Er kannte seine Ottilie nun schon seit Wochen, sie sahen sich fast täglich. Ihr Auge, ihre Mienen hatten etwas Unschuldsvolles. Da glitt kein falscher Zug darüber hinweg. Oder war vielleicht ein Fünkchen harmloser Wahrheit, wie es oft, wie es meist zu geschehen pflegt, in diesem starken Irrtum, in dieser ungeheuren Übertreibung? Das war der weitere Gedankengang, dem sich Ottokar hingab.

Dann ließ sich vielleicht auch annehmen, daß ein eigentümlicher, empfindsamer Charakter nicht aus böser Absicht, sondern aus verworrenem Eingriffe in fremde Beziehungen, aus einer übertriebenen Empfindlichkeit oder aus Überspanntheit diesen törichten Schritt unternommen hatte, ohne sich die Möglichkeit schwerer Folgen klar vor Augen zu halten. Welcher wunderlichen Verwirrungen war nicht ein jugendliches, zumal weibliches Gemüt zu gewissen Zeiten fähig! Er kannte das aus seinen amtlichen Erfahrungen. In diese Auffassung, die seinem Charakter nahe lag, redete er sich gern hinein, er zergliederte sie, um schließlich immer wieder vor einem sphinxartigen Geheimnisse zu stehen.

Auch daran dachte er zur Entlastung der Briefschreiberin, daß sie vielleicht durch seine amtliche Stellung oder durch die bekannte Fürsorgetätigkeit von Ottiliens Vater gewissermaßen in eine kriminelle Sphäre verlockt worden sei. Solche seelische Ansteckungen, hatte er gehört, sollte es zumal bei weiblichen jugendlichen Gemütern geben.

Je länger er überlegte, desto mehr verschwamm ihm ein Ergebnis in unklaren Umrissen. Von dieser Seite konnte er das Rätsel nicht lösen.

Er wollte der frivolen Briefschreiberin auf die Spur kommen. Das war sein nächster Entschluß. Zweifellos stammte sie von hier, wo Ottilie in die Schule gegangen war. Die höhere Töchterschule von Fräulein Niggeloh hatte sie selbst erwähnt.

Dieser Hinterlist, die angewandt worden war, mußte man mit gleicher List begegnen. Das war nur Gerechtigkeit. Die Ehre Ottiliens forderte es.

Als er sich bei diesem Gedanken betraf, zuckte er zusammen. Wie weh wurde ihm ums Herz, da er sich in Angelegenheiten seiner Liebe mit staatsanwaltschaftlichen Erwägungen zu befassen Anlaß sah.

Wie klein war er geworden! Wo blieb sein Glaube an das Gute in der Welt? Hatte er ihn nur in den Angelegenheiten anderer? Nicht in der eigensten Herzenssache? Was war mit ihm auf einmal geschehen?

Hintreten mußte er vor Ottilie, mit Sicherheit und Güte, mußte ihr den Brief zeigen und ihr durch sein volles Vertrauen bekunden, daß er keinen Augenblick an die Verleumdung geglaubt habe! Das war Ottiliens schönste Rechtfertigung.

Sofort traten andere Gedanken vor seine Seele. Sollte, durfte er wirklich die Liebste ohne zureichenden Grund beunruhigen? Bereitete er ihr nicht in jedem Falle einen überflüssigen, ersten Schmerz in ihrer jungen Liebe, wenn er sie der Verleumderin preisgab? Was tat er sonst anderes? Konnte er berechnen, welchen Eindruck diese Verunglimpfung auf ihr Gemüt machen würde?

Kannte er sie wirklich bereits so gut, daß er gar nichts zu befürchten brauchte? Wenn sie in einer naheliegenden Empfindsamkeit der Zweifel erfaßte, ob er selbst nicht doch für Augenblicke der Lüge sein Ohr geliehen habe? Wenn sie ihn auf sein Gewissen fragte, ob dies geschehen sei, wie konnte er vor ihr stehen? Sah er nicht Möglichkeiten, die alles Glück zunichte machten?

Der junge Held kämpfte diesen schweren Kampf nicht zu Ende. Es reizte ihn plötzlich seltsam, die Verleumderin zu entlarven. Das Kriminalistische des Falles begann ihn tatsächlich doch zu fesseln.

Und wenn er sich ganz genau prüfte, verspürte er in sich noch etwas mehr; ein nicht mehr bloß sachliches, ein jetzt auch persönliches Gelüste, über die Anonyma zu triumphieren!

Als er, um sich zu zerstreuen, durch die Frankfurter Straße ging, blieb er vor dem elegantesten Parfümgeschäft der Stadt stehen. Mit einem plötzlichen Entschlusse trat er hinein und sprach – es war um die Mittagszeit – mit dem Geschäftsinhaber Kant unter vier Augen.

Custodies hatte sich eines Falles aus der Praxis erinnert. Eine junge Dame, die sich verheiraten wollte, bat ihre Freundinnen zur Besichtigung der Hochzeitsgeschenke zu sich. Als sie sich wieder entfernt hatten, entdeckte sie, daß ein wertvolles goldenes Armband, das Geschenk eines Onkels, fehlte. Während sie das leere Kästchen emporhält, spürt sie demselben auf einmal einen starken eigenartigen Geruch entströmen; sie weiß, es ist das Lieblingsparfüm einer ihrer Freundinnen und begreift nun, wie die stark duftende Hand, als sie den diebischen Griff ausführte, diese unsichtbare und doch deutliche Spur hinterlassen hat.

Der Staatsanwalt erzählt mit der Bitte um Verschwiegenheit dem Friseur geheimnisvoll lächelnd den Empfang eines Briefes von schöner Hand, der die glühendsten Liebesbeteuerungen enthält. Er ist trotz eifrigen Nachdenkens und innigen Wunsches nicht imstande, die unbekannte Absenderin zu ermitteln. Nur eine einzige Spur verrät sie: ein ganz eigenartiges, ihm unbekanntes Parfüm, mit dem der zarte Brief behaftet ist, und welches die Eigenart zu besitzen scheint, statt sich zu verlieren, sich mit der Zeit sogar mehr und mehr auszubreiten.

Der junge Herr wünscht begreiflicherweise sehnlichst den Namen des Parfüms zu wissen und wagt weiter die naheliegende Frage, ob der Friseur es etwa zufällig selbst führt und etwa gar an eine Dame – an wen? – verkauft hat.

Herr Kant, der mit seinem Königsberger Namensgenossen gar keinen Zusammenhang hat, begreift wohl aus dem Erotischen seines Berufes heraus das Reizvolle des Geheimnisses sofort, macht einen süßlichen Mund und streicht sich die gebrannten Locken aus der Stirn.

Er führt den Brief mit den glühenden Liebesbeteuerungen diskret an seine etwas spitze Nase, die er zuvor respektvoll mit einem Taschentuche bestreicht, und von der er, als wollte er mit ihr die Aufschrift entziffern, das elegante Couvert gar nicht wieder wegbringt. Dabei gelingt es ihm tatsächlich, da er den Brief selbstverständlich von allen Seiten beriechen muß, die zunächst verdeckte Adresse zu entziffern. Er ist auch so kühn, den Brief ans dem Umschlag zu ziehen und, weil er das für nötig hält, besonders zu beriechen. Dabei kichert er im Innern, daß ein so hoher Herr, ein gefürchteter Staatsanwalt, sich von ihm seine Liebesbriefe beschnuppern lassen muß.

Plötzlich aber fällt Herrn Kant ein, daß die Staatsanwälte sich in ganz ähnlicher Weise zur Witterung von verbrecherischen Spuren der Polizeihunde bedienen. Wie von einer Tarantel gestochen, reißt er den Brief von seiner Nase, verfehlt aber nicht, den letzten Geruch vollständig einzuschnüffeln.

Mit wichtiger Miene erklärt er dann: »Ich habe keinen Zweifel, es ist ein Pariser Parfüm . . .« Er nennt eine berühmte französische Firma.

»Und der Name?« fragte der Staatsanwalt.

»Essence des Fleur bleues.«

»Parfüm von blauen Blüten – von welchen blauen Blüten?«

»Das ist Geheimnis des Herrn Houbigaut – so geheimnisvoll fast wie dieser Brief« erklärte der lächelnde Lockenbändiger.

»Und nun die andere Frage? Da Sie das Parfüm kennen, führen Sie es selbst?«

Der Friseur öffnete seinen wundervollen großen Glasschrank und zeigte ein fein etikettiertes Fläschchen. Da stand es in zierlichen blauen Buchstaben:

»Essence des Fleur bleues.«

»Kostenpunkt?«

»Fünfundvierzig Mark« flötete Herr Kant.

Custodies erschrak beinahe. »Ist das möglich? Solche Preise werden bezahlt? Haben Sie es schon verkauft?«

Renatus Kant nickte fast mitleidig, weil ein Staatsanwalt das bezweifeln konnte.

»An wen? Wissen Sie das? An eine Dame?«

»Zuverlässig, Herr Doktor – an eine Dame – an Fräulein – ich kenne den Namen nicht – vor einem Jahre« versicherte der Haarkünstler mit der Unfehlbarkeit des kategorischen Imperativs.

»Können Sie sie nicht beschreiben – wo wohnt sie?« fragte der Jurist schnell.

»Vielleicht fällt mir der Name noch ein – wenn ich sie sehe, würde ich sie wiedererkennen« hüllte sich Kant recht geschickt in ein großes philosophisches Geheimnis.

Dabei ließ er den Staatsanwalt wohlwollend an dem kostbaren Fläschchen riechen.

»Darf ich es Ihnen einschlagen?« fragte er ganz harmlos.

Custodies erschrak. »Mir? Um Gottes willen« verriet er sich.

Der Haarkünstler machte ein merkwürdiges Gesicht. Ottokar stellte fest, daß der Geruch tatsächlich derselbe war. Das heißt, er bildete sich das ein. Eigentlich mußte er sich gestehen, daß er einen besonderen Geruch gar nicht wahrnehmen konnte. Es kam ihm auch zum Bewußtsein, daß er in diesem von Seifen-, Öl- und Parfümdüften geschwängerten Raume schließlich überhaupt keinen besonderen Geruch mehr unterscheiden konnte.

Da sich der stechende Kopfschmerz wieder meldete, bedankte er sich sehr höflich und kaufte zur nicht geringen Enttäuschung Kants eine Flasche Kölnisches Wasser Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichsplatz, mit dem er eiligst das Reich der Düfte verließ.


Zehntes Kapitel

Die Einführung des neuen Mannes in den Betrieb ging ganz unauffällig vor sich. Argobast kümmerte sich, um ihn nicht als seinen Schützling zu erkennen zu geben, äußerlich absichtlich wenig darum.

Der Chef hatte, so verlautete, Erkelenz persönlich angenommen. Das fiel nicht weiter auf, da es öfter vorkam, daß Argobast, der selbst aus dem Handwerkerstande emporgestiegen war, gelegentlich gern mit den Arbeitern verhandelte.

Um seine Absichten ungestört durchzuführen, hatte er an den amtlichen Stellen, wo man seine Bestrebungen kannte, Rücksprache genommen, damit keine unnötigen Anfragen störend eingriffen.

Im übrigen verschwand der einzelne Mann sehr bald in dem Riesenbetriebe.

Die Beschäftigung, die Erkelenz zufiel, war günstig gewählt, weil sie ihn vorläufig nur mit wenigen Angestellten zusammenführte, und der kränkliche Enatt dem einzelnen freie Hand ließ.

Kurz vorher hatte der Chef absichtlich eine neue genaue Aufstellung der Lagerbestände angeordnet, worüber Enatt schon in einige Verlegenheit geraten war. Um so willkommener war ihm der unvorhergesehene zugewiesene Mann, der sich nach einer Rücksprache zur Vornahme der angeordneten Arbeiten ganz geeignet zu erweisen schien.

So hatte der Neuling nicht nur eine umfassende, ihn voll beschäftigende Tätigkeit, sondern vor allem Gelegenheit, den ganzen mächtigen Betrieb in seinen Einzelheiten kennenzulernen.

Beide Umstände zusammen nahmen sein Interesse an den Arbeiten in hohem Maße in Anspruch. Er kam in eine wohltätige, nicht nur körperliche, sondern auch geistige Bewegung, was nach der jahrelangen, im wesentlichen wenig produktiven Zuchthausarbeit seine Lebensenergien anregte und seinen Lebensmut kräftigte.

Die neue Arbeit wirkte auch sichtlich auf seine Persönlichkeit günstig ein. Sein fahles Aussehen wich, da er im Anfange auch viel ins Freie kam, bald einer gesunden Gesichtsfarbe; sein Blut kam nach der langen eingeengten Beschäftigung in Bewegung. Seine etwas starr gewordenen Gesichtszüge wurden belebt; seine glanzlosen Augen mit den mißtrauischen Blicken verloren das Scheue und Düstere.

Als er sein kurzgeschorenes Haar wachsen ließ, zeigte sich, daß er ein tiefschwarzes, leichtgelocktes Haupthaar hatte; den kräftigen Mund bedeckte bald ein dunkler Schnurrbart. Wer ihn so nach einigen Wochen, für Argobast gewissermaßen verwandelt, sah, mußte gestehen, daß er ein intelligentes Gesicht, einen beinahe interessanten Kopf hatte. Wer für wahr halten wollte, daß er in seiner frühen Jugend hatte Musiker werden wollen, konnte mit einigem guten Willen den Künstlerkopf, den Musikerkopf entdecken.

Erkelenz nahm sich seiner Arbeiten mit Eifer an und tat, zumal in den ersten Wochen, eher des Guten zuviel als zu wenig. Er war morgens der erste, der den Torweg passierte, abends der letzte. Im Verkehre war er anfangs bescheiden und zurückhaltend, erst allmählich mit dem Bewußtsein, daß er seine Stelle ausfüllte, fühlte er sich freier.

Ganz eigentümlich war der Eindruck, den der Riesenbetrieb des Hüttenwerkes auf ihn machte.

Wie alle Entlassene mit langer Strafzeit, brachte er in die Freiheit beunruhigte Nerven und eine schwache Willenskraft mit.

In den ersten Tagen fühlte er in dem lauten Betriebe oft seine Nerven erzittern. Der immerhin kräftige Mann konnte zusammenfahren, wenn er die grelle Dampfpfeife, das gewaltige dumpfe Aufschlagen der stampfenden Eisenhämmer, die die glühenden Massen bearbeiteten, wenn er beim Einfüllen einer neuen Wagenladung in die Hochöfen das furchtbare Brausen der den Ventilen entweichenden Gase, wenn er das Rollen und Poltern der ankommenden und abfahrenden Eisenbahnwagen, ja selbst, wenn er lautes Schreien von Menschenstimmen hörte.

Bald aber hatte die Gewöhnung ihre Arbeit an ihm getan, und nun trat eine entgegengesetzte Wirkung ein. Er suchte diese äußeren Eindrücke der harten Arbeit absichtlich auf und freute sich gewissermaßen ihres Einflusses auf ihn.

Wenn er Gelegenheit hatte, blieb er bei den dröhnenden Schlägen der Hämmer stehen, die auf das glühende Eisen niedersausten. Er bezwang sich, dabei nicht mit den Wimpern zu zucken. Ohne eine Miene zu verziehen, suchte er die Schläge auszuhalten. Ja, schließlich glaubte er bei ihnen eine eigenartige Stärkung nicht nur seiner Körperkräfte, als schwinge er selber den Hammer, sondern auch seiner inneren Energien zu verspüren.

Die ungeheure, vom starken Menschenwillen geleistete Arbeit schien auch seine eigene Willenskraft anzutreiben, zu stärken. In Gedanken schwang er den Hammer selber mit und fühlte Kraft durch Nerv und Adern rinnen.

Auch in der Nähe der Schmelzgluten versuchte er zu verweilen. Sah er doch, daß die entblößten muskulösen Arbeiter die sengende, verzehrende Hitze aushielten.

Er stellte sich dabei vor, daß er einsam und verlassen durch eine glühende Sandwüste wandern müßte, und trug geduldig stechende Kopf- und Gesichtsschmerzen.

Des Zusammenhanges von Ursache und Wirkung wurde er sich hierbei seiner Bildung nach nur dunkel bewußt. Aber gefühlsmäßig verspürte er ein neues Leben.

Besser schien seine inneren Vorgänge der Hüttenbesitzer zu beurteilen, der, täglich fast mehrere Stunden im Werke unterwegs, ihn wiederholt in der unmittelbaren Nähe solcher Arbeiten antraf und unbemerkt beobachtete.

Ganz überraschend, zumal in der Nacht, war für Erkelenz der Anblick der aus den Hochöfen fließenden Roheisenmassen, die, wie der schwellende Gebirgsbach in seinem Heimatsdorf, breitflüssig rauschend niederstürzten.

Nachdenklich konnte ihn auch in der Dämmerung oder bei Nacht die hohe lodernde Feuersäule der Hochöfen stimmen. So dachte er sich die Feuersäule, die den Israeliten nächtlich auf ihrem Wege beim Auszuge aus Ägypten, wo sie in Knechtschaft gelegen hatten, vorangeleuchtet hatte. So stellte er sich die Opferflamme auf einem Riesenaltare der Menschheit vor. Er wußte selbst nicht, wie ihm dieser Einfall kam. Er war fast erschrocken, als er diese Vergleiche überdachte.

Schlugen im Dunkel die Hämmer auf die eben gegossenen Eisenbahnschienen, so verglich er das Sprühen der ungezählten Feuerfunken mit dem Feuerregen und den tanzenden Feuergarben, wie er sie zuletzt vor sechs Jahren bei einem Volksfeste gesehen hatte.

Und manchmal fühlte er das Verlangen, auf der schmalen Wendeltreppe an dem gepanzerten Kolosse zu der schwindelnden Höhe emporzusteigen, wo oben die Bühne lag.

Dort beobachtete er mit eigentümlichen Empfindungen das Einfüllen der Erze, der Koks und des Kalks in den gräßlichen Schlund. Dann blickte er von der Plattform zwischen den emporstarrenden Schornsteinen und Zylindern hinunter, wo in der Tiefe alle Anlagen des Riesenwerkes in weiter Verbreitung sich erstreckten.

Da sah er ein immer bewegtes, ruheloses Treiben und Hasten, hörte unzählige verhaltene Laute und Geräusche durcheinanderschwirren und zusammenhallend in dumpfem Brausen zu ihm emporschlagen. Er sah ein buntes, unabsehbares Gewimmel fleißiger, schaffender Menschen.

Verwundert schaute er drein. Aber sein Erstaunen brachte ihm Freude, Befreiung. So dachte er sich das Leben, das Menschenleben auf der Erde, geordnet nach Nützlichkeiten, so dachte er sich, für Zweckmäßigkeiten geschaffen, die ganze Welt.


Elftes Kapitel

Der Bräutigam suchte in Gegenwart Ottiliens zu verbergen, daß er seit Empfang des seltsamen Briefes innerlich nicht mehr so unbefangen war. Allein wenn sie selbst nicht von ihrem jungen Glücke so erfüllt gewesen wäre, hätte sie seine Veränderung, da ihm die Neigung zur Verstellung sehr fern lag, doch bemerken müssen.

Mit tiefem Schmerze stellte er als ehrlicher Selbstbeobachter fest, wie leicht der Mensch unter dem Drucke äußeren Zwanges von offener Wahrhaftigkeit abzuweichen lernt, wenn es sich zunächst auch nur um ein Verschweigen, ein Verbergen handelte.

Bald aber machte er an sich noch andere Wahrnehmungen. Er erschrak tief im Innersten, als er eines Abends, da ganz zufällig die Rede auf die Schulzeit kam, scherzhaft den Wunsch äußerte, einmal die Schulzeugnisse seiner Braut einzusehen, um zu wissen, was sie als kleines herziges Mädel geleistet habe.

Fast sichtbar atmete er auf, als Frau Hilde ihren Gatten fragte, ob er Tillis Schulpapiere aufgehoben habe, und dieser antwortete, daß er das im Augenblicke nicht sagen könne. Er wolle aber gern nachsehen, wenn es auch bei der Fülle verwahrter Schriftstücke eine geraume Zeit in Anspruch nehmen werde und in der nächsten Zeit kaum geschehen könne.

Tatsächlich vergingen die nächsten Wochen, ohne daß von den Schulzeugnissen je wieder ein Wort gesprochen wurde. Die ihm aufgezwungene Unaufrichtigkeit war Ottokar so sehr gegen die Natur, daß sie ihn gelegentlich, selbst in Ottiliens Beisein, verstummen, ja nervös machen konnte.

Dann verlor er zugleich mit seiner Heiterkeit an Liebenswürdigkeit. Es kamen die ersten, wenn auch ganz unbedeutenden Verdrießlichkeiten, die in keinem Brautstande zu fehlen pflegen. Auch Ottilie büßte etwas von ihrer Unbefangenheit ein.

Eines Sonntags, da anhaltender Regen das Brautpaar keinen Schritt aus dem Hause gehen ließ, öffnete das junge Mädchen zufällig ihren kleinen, schön geschnitzten Rokokobücherschrank mit den blauseidenen Vorhängen, um ihren Bücherschatz zu mustern.

Sie kniete anmutig vor dem Schränkchen, nahm hier und da einen Band aus den Fächern heraus, und zeigte ihn dem hinter ihr stehenden Geliebten aufgeschlagen vor, gewissermaßen mit ihren geistigen Interessen harmlos kokettierend.

Ottilie war, wie ihre Mutter, eine große Bücherfreundin, eine Sammlerin. Außer Schiller, Körner und Hauff kamen einige Bände von Goethe, Lessing, Kleist, Hebbel und Grillparzer zum Vorschein; die Gedichte von Chamisso und Lenau, von Rückert und Geibel fehlten nicht. Ottokar war hocherfreut über diesen Grundstock einer klassischen Bibliothek.

Eben hatte sie nach der üblichen Backfischliteratur Wolfs »Wilden Jäger« präsentiert, als sie schon wieder einen schönen, nicht großen Band in Braun und Gold herausnahm, einen Augenblick, ohne ihn aufzuschlagen, wie unschlüssig in der Hand hielt und dann schweigend wieder ins Fach zurückstellen wollte.

»Was hattest du da für ein Buch, Liebling?« fragte Ottokar zufällig.

»Baumbachs Zlatorog« antwortete sie.

Er erbebte im innersten Herzen. »Darf ich sehen?« fragte er hastig. »Ich liebe ihn sehr« setzte er langsamer mit merkwürdiger Stimme hinzu.

Sie schien seine Bitte überhört zu haben und langte Walter Scotts Ivanhoe heraus.

Er übersah dieses Buch, griff selber, ohne etwas zu sagen, in den Schrank und zog das Büchlein in Braun und Gold wieder hervor.

Einen Augenblick machte Ottilie wie scherzhaft den Versuch, ihm den »Zlatorog« aus der Hand zu nehmen. »Du sollst doch nicht!« sagte sie schmollend.

Ottokar hielt aber den Band fast eigensinnig fest und schlug ihn auf. Es war eine Prachtausgabe mit Illustrationen von Künstlerhand. »Eine herrliche Ausgabe«, bemerkte er, »die ich noch nie zu Gesicht bekommen habe.«

»Ich mag ihn nicht!« erklärte sie kurz, indem sie sich von ihren Knien erhob. Dabei hatte sie sich wohl etwas angestrengt, ihr Gesicht war leicht gerötet.

Er blätterte und las, als wollte er sich erinnern.

Sie sah ihn überrascht an, als er so ernst war. Ihr Gesicht und ihre Augen begannen zu zittern, ihr Busen hob und senkte sich lebhaft. Die Tränen kamen gestürzt, sie schluchzte, sie riß ihm das Buch mit einem einzigen Griffe aus der Hand und schleuderte es auf den Tisch.

Er konnte vor Erstaunen nichts sagen.

»Ich liebe das Buch nicht – wie kannst du mir noch daraus vorlesen – solche todunglückliche Verse!«

» Ottilie!« rief er sie beruhigend. Ein Weinkrampf erleichterte ihr das schwere Herz.

Frau Hilde kam hinzu und brachte ihre Tochter mit gütigen und verständigen Worten zur Vernunft.

»Sie ist heute leicht reizbar!« flüsterte sie dem niedergeschlagenen Bräutigam zu.

Ottilie trocknete sich bald die Augen, lächelte wieder und bat wegen ihrer Heftigkeit um Verzeihung. Er schloß sie in seine Arme. »Das Gedicht ist so traurig«, flüsterte sie, »es bringt mich immer zu Tränen.«

Ottokar machte sich im stillen Vorwürfe und begriff nicht, daß er so eigensinnig gewesen war. Er hatte wohl davon gehört, daß junge Mädchen gegen gewisse Bücher eine empfindsame, übertriebene Abneigung fassen können. Nun glaubte er den »Zlatorog« auf einmal auch nicht mehr zu lieben. Als er das sagte, lächelte Tilli.

Vater Argobast bemerkte beim Abendessen die geröteten Augen seiner Tochter nicht; man hielt den Vorgang, den alle gern vergessen wollten, vor ihm verborgen.

Zwar völlig ausgesöhnt, aber doch mit eigentümlichen Gefühlen nahm das Paar an diesem Abend voneinander Abschied.

Das junge Mädchen hatte eine schlaflose Nacht. Die Mutter hörte sie wiederholt weinen.

Die kritischen Tage gingen vorüber. Ottilie bekam ihre Heiterkeit wieder. Auch Ottokar war beim nächsten Male ganz der alte. Einige fröhliche ungetrübte Wochen flogen dahin. Die jungen Leute klammerten sich innig aneinander, um das zwischen ihnen aufgeblühte Glück festzuhalten.

Aber, wie es zu geschehen pflegt, der Dämon der dunklen Stunde kam wieder. Die Vorgänge blieben unvergessen und wurden nach einiger Zeit von neuem lebendig. Unruhe und Reizbarkeit stellten sich gelegentlich ein.

Ottilie stand mit Ottokar neben dem Sofa in ihrem Rokokozimmer. Die Türe war angelehnt; im Nebenzimmer saß die Mama am Fenster, mit einer feinen Stickerei beschäftigt.

Er war im Begriff, sich von ihr zu verabschieden. Er hatte ihr schon einmal Lebewohl gesagt. Ottilie lehnte ihr dunkles Köpfchen am Herzen des Geliebten. Plötzlich fuhr sie zurück.

»Seit wann nimmst du Parfüm?« fragte sie. »Ich habe nie solches bei dir gerochen – du sagst, du liebtest keines.«

»Das ist auch richtig« versicherte er, jetzt selber erblassend.

»Ich rieche aber ganz deutlich – ein starkes, aufdringliches – sehr eigentümliches Parfüm«

»Du irrst dich – Tilli – es ist nichts.« Sein eigenes Gesicht strafte den offenen Mann aber Lügen. Er fühlte das. Sie klammerte sich an ihn fest und wollte ihn nicht loslassen.

Mama hatte soeben für einige Minuten ihr Zimmer verlassen; man hatte sie die Türe schließen hören.

»Ich schwöre dir, du hast nicht den leisesten Grund« flüsterte er.

»Weshalb zeigst du nicht deine Tasche? Ein Tuch – «

»Kein Tuch ist darin.«

»Ein Brief – zeige mir den Brief« sagte sie fast herrisch.

»Du kennst mich, ich bin keiner Unbesonnenheit fähig!«

Ehe sie noch seine Worte gehört hatte, machte er sich sanft aus ihren Armen frei und eilte mit einem letzten »Lebewohl für heute!« zur Türe hinaus.

Sie ließ ihn gehen. Sie machte merkwürdigerweise keinen Versuch, ihm zu folgen. Wie gelähmt blieb sie an derselben Stelle, wo er sie verlassen hatte, stehen. Im Vorübergehen verabschiedete er sich flüchtig von seiner Schwiegermutter und drückte ihr in starker Erregung die Hand.

»Gehen Sie zu Tilli und stehen Sie ihr bei – sie mag Ihnen sagen – was sie zu sagen hat.«

Schuldbewußt eilte er die Treppe hinab. Das untilgbare Parfüm hatte verraten, daß er noch immer zuweilen an der Gemütsart Ottiliens im stillen zweifelte. So seltsam rächte der äußere Zufall eine geheime Schuld. Es war, als ob dieser Mann in der Berührung mit solchen Dingen in seiner reinen glücklichen Kraft versagte.

Frau Hilde war zu ihrer Tochter geeilt, fand sie aber zu ihrer Überraschung, beinahe zu ihrem Bedauern, ganz gefaßt. Sie hatte eine erregte Szene, etwa wie auf der Bühne, hatte einen starken Gefühlsausbruch erwartet und sich im Augenblicke schon mit Worten des Trostes, der Vernunft, wenn es sein mußte, mit Worten der Energie gewappnet. Nun erfuhr sie auch mit keiner Andeutung, was geschehen war.

Ottilie schüttelte den Kopf. »Ottokar ist manchmal zu empfindlich« sagte sie. »Es war nicht der Rede wert. Aber es ist vielleicht gut, daß er gegangen ist. Die Trennung hat eine reinigende Kraft. Ich erzähle es dir ein anderes Mal, Mama. Du brauchst kein so versteinertes Gesicht zu machen. Du siehst wahrhaftig aus, wie eine Theatermama! Komm, ziehe dich an, wir wollen ausgehen. Wir wollen endlich die Muster bei Ehlers besehen. Sie haben schon zweimal angerufen. Wir müssen wirklich an die Ausstattung denken. Und weißt du, Muttel, die damastenen Bettbezüge – – «

Damit zog sie ihre erstaunte Mama zur Türe hinaus.


Zwölftes Kapitel

Die eigentümlichen Betrachtungen, die Erkelenz in der Hütte anstellte, waren nur Begleiterscheinungen seiner unermüdlichen Arbeit, die sie vielleicht gerade deshalb zu Enatts Überraschung so förderten.

Der Neuling war mit den Örtlichkeiten und den Einzelheiten des Werkes recht vertraut, als hätte er hier schon einige Zeit gearbeitet. Der wortkarge Inspektor ließ sich wider seine Gewohnheit eine Äußerung der Zufriedenheit entschlüpfen.

Erkelenz hatte – dies war allerdings eine ihm schon im Zuchthause vom Hüttenbesitzer selbst eingegebene, also fremde Idee, mit der er sich gern schmückte – er hatte den bescheidenen Vorschlag gemacht, eine ganz neue Bestandsaufnahme anzufertigen. Da war in kurzer Zeit ein übersichtliches Buch zusammengestellt, aus dem sich das Vorhandensein von Materialien ergab, von denen kein Mensch mehr Notiz genommen hatte.

Aber Robert Erkelenz entwickelte sehr bald noch eine ganz andere Teilnahme an den Arbeiten des Hüttenwerkes. Gerade darin zeigte sich sein Bedürfnis zu organisatorischer Tätigkeit, das ihn kurz vor seiner Entlassung jenen merkwürdigen Wunsch, in einem großen Warenhause als Geheimdetektiv zu wirken, hatte aussprechen lassen, daß er alles, was er sah, tat und erlebte, miteinander lebendig verknüpfte und innerlich verarbeitete.

So überraschte er eines Tages seinen Arbeitgeber, der ihn einmal in den Feierstunden in seiner Häuslichkeit aufsuchte, mit der Bitte, ihm ein einfaches Buch über die Eisengewinnung zu verschaffen.

Erkelenz hatte verabredungsgemäß bei einer Witwe Schubnell Wohnung genommen, die ihm Argobast zugewiesen hatte. Die Schubnell war langjähriges Dienstmädchen – die treue Lisbeth Braunwarth – gewesen, die in reiferen Jahren den Hüttenmaschinisten Schubnell geheiratet hatte, der vor einigen Jahren verunglückt war.

Die Schubnell, deren Zuverlässigkeit und Verschwiegenheit Argobasts im Laufe von zehn Jahren kennengelernt hatten, war die einzige Person, die in die Vergangenheit von Erkelenz wenigstens oberflächlich eingeweiht war und die Absichten, die der Herr mit ihm hatte, kannte.

Sie war über die Vierzig hinaus und eine ordentliche Frau, der Argobast auf diese Weise manches Gute zuwenden konnte. In ihr hatte er eine nicht verständnislose Mithelferin, sie war von Gemüt gut und hatte von ihrem Herrn gehört, daß nicht alle Verbrecher zu verdammen seien, was ja auch mit den Worten der Bibel übereinstimmte.

Argobast bezahlte nicht etwa die Miete für Erkelenz unmittelbar; er mußte selbst wirtschaften und sie zurücklegen. Er billigte aber der Wirtin über den niedrig bemessenen Mietzins hinaus einen Betrag zu, so daß sie sich gut dabei stand und für ihre Mieter zuweilen ein übriges tun konnte.

Frau Schubnell wohnte in einem kleinen Hause des Vorortes, darin nur noch ein sehr altes Ehepaar zurückgezogen lebte, so daß Erkelenz keinem zudringlichen oder gar gefährlichen Verkehr ausgesetzt war.

Hier hatte er eine nicht große, aber gemütliche und saubere Stube, ein gutes Bett und kräftige, billige Kost. Die Wirtin war freundlich und zugänglich, aber streng religiös und zu Leichtfertigkeiten und Klatschereien nicht gemacht. Die kräftige Frau von mittlerer Gestalt, deren Haar schon ergraute, hatte in ihrem bestimmten Wesen etwas Erzieherisches, das Argobasts auch dem Wildfang Ottilie gegenüber immer so sehr geschätzt hatten. Sie war deshalb die geeignetste Person, welcher der Hüttenbesitzer seine Schützlinge anvertrauen konnte. Auch Döll hatte bei ihr gewohnt und sich anständig geführt.

Bei dieser Vertrauensperson konnte Argobast selbst gelegentlich, wie er heute tat, nach dem Rechten sehen, um sich auch von dem häuslichen Leben des Mannes ein Bild zu machen.

Er hatte ihm vorige Woche aus freien Stücken seinen schon vor der Entlassung geäußerten Wunsch erfüllt und eine recht brauchbare Geige, die er bei seinen guten Verbindungen mit den Instrumentenhändlern leicht ausfindig gemacht hatte, und einige bekannte Notenstücke zunächst leihweise überlassen.

Erkelenz hatte sich hierüber, wie Frau Schubnell berichtete, wie ein Kind gefreut. Er hatte gesungen und war in der Stube, deren Dielen schaukelten, herumgesprungen, ja hatte in seiner Ausgelassenheit sogar die ehrsame Witwe zu umarmen versucht.

Dann hatte er das Instrument gestimmt und gleich am ersten Abend seiner Wirtin das Ave Maria von Gounod, das sich unter den Noten befand und das er schon kannte, vorgespielt.

Er kam nach einer geheimen Vorprobe zu ihr in die Stube hinein, wo sie sich auf das grüne Ripssofa setzen und, wie er scherzte, das »große Publikum« vorstellen mußte. Er veranlaßte sie hierbei auch, ihre große Schürze abzubinden, was die Matrone in der Einsicht, daß sie ja im Konzertsaal saß, auch tat.

Der Konzertgeber hatte Vorhemdchen und Schlips angelegt, kam nach dieser kleinen Vorbesprechung mit der Geige unter dem Arm wie ein richtiger Künstler erneut zur Tür herein und verbeugte sich tief vor der Sofainhaberin.

»Sie müssen klatschen, Mutter Schubnell« rief er ihr leise zu, »das ist so üblich!«

Die Witwe klatschte auch mit ihren dicken Händen, bis die Wände dröhnten, während der Virtuos sich erneut, diesmal nach allen Seiten der großen Wand, verbeugte.

Mit Genugtuung bemerkte die Witwe, daß er seine Verneigungen an die großen photographischen Wandbilder ihrer Verwandtschaft, insbesondere an ihren seligen Anton, richtete. Daß er sich auch vor ihrem Vetter, dem geldgierigen Christian Schilewski, so tief verbeugte, war eigentlich nicht notwendig.

Und dann spielte der Künstler. Gleich nach den ersten Strichen geschah es zwar, daß der etwas wackelige Notenständer – eine dürftige Staffelei aus der Rumpelkammer – geräuschvoll zur Erde fiel. Aber das Konzertpublikum stand gefällig auf, beteiligte sich hilfreich an der Wiederaufrichtung des Gestelles und nahm dann, als sei etwas Selbstverständliches geschehen, wieder gefühlvoll Platz.

Hierauf konnte das Konzert seinen ungehinderten Fortgang nehmen und schloß mit dem üblichen lebhaften Applaus, zu dem der Virtuos die Witwe ebenfalls durch leise Zurufe, die sie erst nicht verstand, veranlaßte.

Erkelenz verbeugte sich wieder sehr ernsthaft. Dann trat er ganz nahe an das Ripssofa heran und entnahm von ihm zur Überraschung der Schubnell ein großes, grünes, mit Blättern besticktes Kissen, mit dem er sich unter Verbeugungen und dem Zurufe: »Das ist der Lorbeerkranz, den Sie mir haben überreichen lassen!« rückwärts nach dem Künstlerzimmer bewegte, wo er über einen klirrenden Scheuereimer stolperte.

Schließlich kam er lachend wieder herein und fragte: »Na, Mutter Schubnell, wie hat Euch mein Spiel gefallen?«

Die Witwe machte eine wichtige Miene und erinnerte an ihre musikalische Erziehung, die sie im Hause Argobast ein Jahrzehnt genossen hatte. Sie müsse aber sagen, daß Herr Erkelenz sehr gefühlvoll gespielt habe. Sie hätte bei seinem Spiel viel an ihren Seligen denken müssen, wobei ihr die Augen feucht geworden seien. Wenn sie vielleicht doch etwas aussetzen dürfte, möchte sie nur fragen, ob nicht Herr Erkelenz ein wenig ruhiger stehen und nicht so grimmig dreinschauen könnte.

Erkelenz setzte sich hin und schrieb an den Herrn für die Beschaffung der Geige einen recht annehmbaren Dankesbrief, weil er sich nicht persönlich bei ihm bedanken durfte.

Manchmal kam es an solchen Abenden mit Mutter Schubnell auch zu ernsten Gesprächen. Er erzählte von seiner freudlosen Jugend, die ihm ein allzu strenger Vater gründlich verleidet hatte. Weil er nicht habe Geige spielen dürfen, sei er schließlich davongelaufen und bei einem Musikdirektor als Lehrling eingetreten.

Diese Stelle sei aber nicht das Richtige gewesen, weil ihn der Meister nur auf Tanzböden mitgenommen und nicht weitergebracht habe. Er sei also auch ihm durchgebrannt und habe eine alte wohlhabende Dame gefunden, die für ihn bescheidenen Unterhalt und Geigenstunde bei einem Theatermusiker bezahlte.

Hier habe ihm aber leider die Liebe einen Streich gespielt – er machte nur geheimnisvolle, etwas hochtönende Andeutungen und schwieg sich im übrigen aus – , bis er aus verschmähter, verratener Liebe – die Schubnell sah ihn etwas ungläubig an – in einem Zustand jugendlicher Verzweiflung Dummheiten gemacht habe. Das hatte zur Folge, daß die Gönnerin ihre Hand von ihm zog, daß er ins Elend und auf den schiefen Weg kam.

»Wäre das alles nicht geschehen«, so schloß er mit einem Seufzer, »dann säße ich heute nicht bei Euch, Mutter Schubnell, sondern wäre ein berühmter Geigenspieler geworden – meinen Sie nicht, daß ich das Zeug dazu gehabt hätte?«

Als nun der Herr tatsächlich eines Abends überraschend in der Wohnung erschien und über die Häuslichkeit sichtlich befriedigt war, wirkte sich Erkelenz etwas zaghaft die Erlaubnis aus, zum Danke für die überlassene Geige etwas vorspielen zu dürfen.

Argobast saß auf dem ehrwürdigen grünen Ripssofa allein, die Schubnell hatte in respektvoller Entfernung am Fenster Platz genommen. Die Türen blieben geschlossen, alle Zeremonien fielen aus.

Erkelenz spielte dasselbe Stück von Brahms, das er schon im Zuchthause vorgetragen, sich aber mit der Zeit viel besser eingeübt hatte.

Argobast hörte sehr aufmerksam zu und bemerkte auch die Fortschritte. Dabei machte er aber merkwürdigerweise genau dieselbe Wahrnehmung wie früher, daß Erkelenz bei den getragenen dunklen Passagen zu stark gesteigerte Kraft und auffallendes Gefühl entwickelte, als wenn er das Düstere, dann das Leidenschaftliche, scheinbar Unharmonische, ja Dämonische, das in der Musik lag, ganz allein aus seinem eigenen Innersten hervorbrächte.

»Man könnte sich vor Ihnen fürchten, wenn Sie so spielen« sagte die Schubnell, als der Herr fort war. »Es sieht sich an, als wenn der Teufel in Ihnen los wäre!«

»Das könnte stimmen!« antwortete er lachend. »Mancher hat eben seinen Satan in sich und muß von Zeit zu Zeit mit ihm sprechen und fertig werden, Mutter Schubnell.«

»Wenn Ihnen aber Ihr Teufel just in der Musik kommt, Herr Erkelenz, da spielen Sie, glaub' ich, besser nicht« meinte die Wittwe recht unverblümt.

Er sah sie einen Augenblick ganz überrascht an. »Das verstehen Sie nicht, Mutterchen« erwiderte er dann.

Erkelenz brachte bei dieser Gelegenheit eben die schon erwähnte Bitte vor, ein einfaches Buch über Eisengewinnung lesen zu können. Argobast überlegte einen Augenblick und erklärte dann, daß er in seiner Bibliothek wohl ein geeignetes Buch finden werde. Tatsächlich kam nach einer Woche ein älteres Buch gewünschten Inhalts ins Haus, in dem Erkelenz, das Geigenspiel etwas unterbrechend, eifrig las.

Es lag wohl in seiner Veranlagung, daß er das, was ihm Lust und Liebe einflößte, mit besonderen Augen, anders als andere Leute seinesgleichen, sah.

So flossen ihm aus dem schlicht geschriebenen Buche Gedanken zu, auf die ein einfacher Hüttenangestellter sonst nicht ohne weiteres kommen möchte.

Schon die Erscheinungsformen des Eisens stimmten ihn nachdenklich. Dieses nützlichste und verbreitetste aller Metalle fand sich in gediegenem Zustande, wie er nun las, nur in den von Himmelskörpern herabgefallenen Meteorsteinen und in der Erdrinde, im übrigen nur in Verbindungen mit Mineralien und Gesteinen. Erst aus diesen mußte es durch umständliche Menschenarbeit gewonnen werden.

Diese Einsicht führte ihm zu Gemüte, wie die Natur das Nützliche – vielleicht auch drinnen im Menschenherzen – sichtlich nicht ohne weiteres gewissermaßen fix und fertig geschaffen hat, sondern daß es zu seiner Gewinnung erst der Erkenntnis und Arbeit bedarf.

Welche Merkwürdigkeiten las er aber weiter! Das chemisch reine Eisen, äußerst schwer herzustellen, war sehr weich und strengflüssig. Deshalb konnte es in der Technik keine Anwendung finden. Erst ein Zusatzgehalt von Kohlenstoff verlieh ihm die Eigenschaften, welche die brauchbare, nützliche, unentbehrliche Härte brachten.

Als er das eines Sonntagsmorgen gelesen hatte und verstanden zu haben glaubte, ging er erregt in seiner Stube auf und ab. Das war ihm eine seltsame Erkenntnis. Nach seiner selbstsüchtigen Art bezog er alles auf den Menschen, alles auf sich. Eine besondere Eigenart allein konnte dem Menschen gar nichts sein, erst eine Vermischung, eine Verbindung, wie es hieß, mit einer anderen Eigenart brachte den unermeßlichen Nutzen.

Das mußte Mutter Schubnell wissen. Wie würde sie staunen! Er ging in die Küche, wo die Wackere gerade Klöße ballte, die heute zu einem saftigen Stück Schweinefleisch gegessen werden sollten.

Erkelenz machte einen großen Gedankenanlauf und trug der Köchin mit umständlichen Worten seine wichtige Entdeckung vor. Er ließ sich von ihr nicht unterbrechen und fragte sie am Schluß: »Haben Sie das auch wirklich verstanden, Mutter?«

Sie war merkwürdigerweise nicht im geringsten erstaunt oder überrascht. Sie hatte nicht einmal innegehalten mit dem Ballen der weißen Mehlklöße. Dabei wäre für sie, meinte sie, gar nichts Neues. Das sei eben in der Küche genau so, wie in der Hütte. Hefenklöße lasse die Natur zum Beispiel auch nicht wachsen, die müßten erst aus Kartoffeln unter Beimischungen hergestellt werden, was auch nicht gerade ein Kinderspiel sei.

Vergeblich wandte der Logismann ein, daß die Sache mit den Klößen doch noch ein wenig anders liege, sofern eben Kartoffeln doch an und für sich nützlich und eßbar seien. Aber die Witwe wollte nichts davon wissen und blieb dabei, die Sache mit den Klößen sei ganz genau so.

Erkelenz lachte schließlich, machte sein Buch für heute zu und ging ein Stück ins Freie, um sich für die Klöße gehörigen Hunger zu machen.

Als er nach einigen Tagen weiterlas, stieß er auf immer neue Merkwürdigkeiten, die ihn in Erstaunen setzten. Dieses Eisen, dieses feste, dauerhafte Metall, wurde auf dem Wege über einen flüssigen Prozeß gewonnen. Das Festeste war vorher weich, war flüssig. Anders konnte es nicht gewonnen werden.

Er konnte wieder nicht anders, er mußte sich hierüber der Schubnell gegenüber aussprechen. Er hatte nun einmal dieses Bedürfnis. Dieses Mal würde sie wohl keinen Vergleich aus der Küche bringen.

Sie hörte ihm aufmerksam zu, dann zeigte sie auf das Brot in der Brotkapsel und fragte gutmütig: »Haben Sie schon mal Bäckerteig gehen sehen, Herr Erkelenz?«

Er schüttelte den Kopf und ging, ohne etwas zu erwidern, hinaus. Dieses Mal wollte er sich seinen Gedankengang nicht verderben lassen. Es blieb dabei: Das Festeste, Härteste war vorher weich und flüssig. Dieses Bild gefiel ihm. An ihm blieb sein inneres Auge haften. Es gab ihm eine gewisse Zuversicht, einen starken Mut, eine Kraft.

Er spürte das alles an sich und in sich selbst. Er war auch jahrelang unfest, weichlich, in seinem Willen beinahe flüssig gewesen, war hierhin und dorthin gelaufen. Ob er nun nach diesen schweren, schweren Lehren seines Lebens nicht auch in seinem Willen gefestigt, fest und nützlich wie das Eisen werden könnte?

Ob das die gute Schubnell auch nicht begreifen würde? Aber er hatte keine Lust, sich seine schönen Illusionen von ihr wieder zerstören zu lassen!

Aber dem Herrn gegenüber, dem er einmal abends ganz allein auf dem Fabrikhofe begegnete und der ihn ansprach, machte er, da sich die Gelegenheit dazu bot, einige Andeutungen über die Gedanken, die ihm beim Lesen des Buches gekommen waren.

Argobast sah ihm mit merkwürdigen Augen ins Gesicht und nickte zustimmend, ohne sich auszusprechen.

Als Erkelenz dann in seinem Buche bei der Darstellung von Schmiedeeisen und Stahl angelangt war, machte er nochmals eine wichtige Entdeckung.

Stahl war, wie es hieß, Eisen, das an Kohlenstoffgehalt zwischen Roheisen und Schmiedeeisen lag. Die Zusatzmenge an Kohlenstoff war also das Entscheidende. Dabei verband guter Stahl mit Härte bedeutende Biegsamkeit und Festigkeit ohne Sprödigkeit.

Was war das für ein wunderbares Gebilde, das der Mensch sich durch Fleiß und Arbeit geschaffen hatte! Wenn das der Mensch innerlich nachahmte? Wenn er da auch fest und biegsam, hart ohne Sprödigkeit wäre? Was würde er mit einem solchen stählernen Willen leisten können?

Erkelenz griff sich an die Stirn, als er diesen Gedanken heraus hatte. Seine Augen leuchteten auf. Dieses Geheimnis behielt er für sich. Er dachte auch nicht im entferntesten daran, zur Mutter Schubnell hinüberzugehen.

Das Seltsamste blieb aber, wie die Eigenschaften des Festen und Biegsamen beim Stahl erzeugt wurden! Er wurde in glühendem Zustande in einer Flüssigkeit abgekühlt, und geriet um so härter, je höher die Erhitzung und je kälter die Ablöschungsflüssigkeit war.

Erkelenz glaubte, daß es ihm wie Schuppen von den Augen falle. Da hatte er das Gleichnis. Die gleichzeitigen Gegensätze von Hitze und Kälte brachten die Wirkung hervor. Konnte er da nicht mitreden? Überlief's ihn nicht heiß, wenn er seine Torheiten beging, seinen Leidenschaften nachgab, und kühlten Verurteilung, Gefängnis und Zuchthaus nicht seinen leidenschaftlichen Dämon stets eiskalt ab? Konnte da schließlich nicht doch etwas Gutes, der stählerne Wille, daraus hervorgehen?

Erkelenz stürmte hinaus ins Freie. Ein großes und starkes Gefühl überkam ihn, daß er einer unerforschlichen Macht innigen heißen Dank schulde, die ihn auf seiner abschüssigen Bahn in den Eisenhammer geführt hatte!

Er preßte in der Natur, wo ihn kein Mensch sehen konnte, die Hände brünstig zusammen und begriff nun erst ganz den Mann, der ihm die Rettungshand geboten hatte.

Wenn er ihm jetzt begegnete, er hätte ihn schluchzend umarmen, hätte vor ihm auf die Knie fallen können!

Wie liebte er dieses Eisenwerk, wie liebte er diese Arbeit in ihm! Er konnte sich nicht sattschauen an den hüpfenden Wellen des hellrot fließenden Erzes, wie es rieselte, rann und in die Kanäle fiel, wie es gleich einem Lavastrom blendendes Licht ausstrahlte und schreckhaft die umgebenden Räume und Menschen erleuchtete, an der härtenden Löschungsarbeit unter den dröhnenden Hämmern hatte er seine jauchzende Lust.

Er ging ganz in seiner Tätigkeit auf und lernte alle Einzelheiten des Betriebes immer genauer kennen, so daß er fühlte, er werde – nun ließ er auch im Geigenspiele nach – bald befähigt sein, in eine höhere technische Stelle aufzurücken, wozu ihm der Herr, wie er schon selber angedeutet hatte, Gelegenheit geben wollte.

Nun wurden ihm die Erzöfen in Wirklichkeit zu lodernden Brandopfersäulen, von denen mit der Flamme sein Dank zum Himmel lohte!


Dreizehntes Kapitel

Der Hochsommer lag über dem Lande. Trotz starker Gewitter war eine reiche, gesegnete Ernte eingebracht worden. Es war gegen Mitte August.

Argobasts unternahmen auch in diesem Jahre ihre gewohnte Sommerreise, die sie dieses Mal nach dem Engadiner Hochtale führen sollte.

Michael Argobast liebte diese mächtigen von Schnee und Gletschern bedeckten Bergketten, die das Tal einschlossen, über alles. In der kräftigen, anregenden Luft spürte er immer, so oft er dagewesen war, seine Lebensgeister verjüngt; diese großartige ernste Landschaft gab seinen Gedanken, die immer, auch in der Muße, Beschäftigung suchten, einen hohen Flug.

Hier, wo nach der Erzählung der Jäger der Steinadler noch in ewigen Paaren die Reviere beherrschte und die stattliche Ohreule flog, ja wo es, wenigstens in den unteren Seitentälern, noch vereinzelte Petze geben sollte, in dieser uralten Naturwerkstätte mit ihren tausend alten Gletschermühlen fühlte sich der Mann wie bei etwas Wahlverwandtem heimisch.

Er liebte auch diese nervigen Männergestalten, die, aus romanischen und germanischen Elementen gemischt, sich in ihrer ernsten Eigenart und Betrachtungsweise der deutschen Kultur näherten. Sie zeigten die äußere Ruhe, die Zurückhaltung gegen Menschen, die sie nicht kannten, die Vorsicht, mit der sie Verpflichtungen eingingen, aber ebenso die Treue an das gegebene Wort und an geschlossene Freundschaft.

Auch Frau Hilde, eine lebhafte Naturfreundin, war von dieser Talsohle entzückt, die wie eine große, fast ganz von Bäumen entblößte Wiese erscheint. Gleich beim ersten Anblick der an den höheren Bergabhängen angelehnten blühenden Wiesen war sie von den tiefen Farbentönen und dem Duft der Pflanzen überrascht.

Die reine Luft ließ die Sonnenwirkung viel kraftvoller zur Geltung kommen als in den tiefergelegenen Gegenden. Frau Hilde, die gelegentlich auch gemalt hatte, spürte sofort, daß sie hier oben in einer wahren Flut des Lichtes wandelte, in einer Durchsichtigkeit der Luft, die Formen und Farben der Ferne, alles näherrückend, in wunderbarer Deutlichkeit sehen ließ. Dieser herrliche Lichtzauber hatte ihren malerischen Sinn wieder angeregt.

Auf der Höhe des Maloja, wo das unvollendete Schloß des Grafen Renesse mit seinen schönen Spaziergängen thront, hatte man in einiger Entfernung von dem großartigen Hotel Kursaal-Maloja wieder die reizende kleine Privatvilla im Schweizerstil gemietet, von deren Veranda aus man außer den Bergesriesen auch den blaugrünen Silser See, märchenhaft im Wiesenland gebettet, vor Augen hatte, in dessen Spiegel sich das schöne Berghaupt der Margna mit seinem Firnenfelde sonnt.

Ottilie, die schon einmal vor drei Jahren mit im Engadin gewesen war, versprach sich von der diesjährigen Reise in das Hochgebirge mit seinen weißen Dörfern und gastlichen Sommerburgen noch eine besondere Freude.

Der Vater hatte versprochen, ihr von dem fein gemaserten und duftenden Holz der berühmten Arven, die hier in immergrünen Wäldern wie dunkle winkende Gestalten die Bergabhänge bedecken, durch einen ansässigen Tischler, der in seiner Art ein kleiner Künstler war, für ihre Ausstattung eine Zimmereinrichtung anfertigen zu lassen.

Auch Ottokars Diensturlaub konnte durch besondere Liebenswürdigkeit des Ersten Staatsanwalts, der für seine Verlobung großes Interesse gezeigt hatte, wenigstens auf drei Wochen mit dem Engadiner Sommeraufenthalt Argobasts zusammenfallen. Der Schwiegervater hatte den Bräutigam eingeladen, sie auf Maloja zu besuchen und ihren Landsitz zu teilen, wo von der vorspringenden schmalen Felsenhalbinsel blühende Alpenrosen in die Fluten des Sees niederhängen.

Im übrigen versprachen sich die Eltern von dem sechswöchentlichen Aufenthalte in der Luft des Hochgebirges für Ottiliens Nerven, die in den letzten Wochen etwas angegriffen schienen, einen besonderen Erfolg.

Jene Auseinandersetzung zwischen dem Bräutigam, welche das geheimnisvolle Parfüm der blauen Blüten veranlaßt hatte, war glücklicherweise ohne weitere Folgen geblieben.

Ottilie hatte sich hinterher ihrer unbegründeten Eifersucht geschämt und war nie mehr mit ausdrücklichen Worten auf den Vorfall zurückgekommen. Stillschweigend bat sie mit ihrem liebevollen Wesen dem Geliebten ab, was sie ihm damals angetan hatte.

Ottokar selbst wurde angesichts dessen von immer tieferer Reue darüber erfüllt, daß ihn ein anonymer Brief hatte Zweifel an der Liebsten einflößen können.

Er schlug sich vor die Stirn, daß er sich dazu hatte verleiten lassen, den Friseur Kant ins Geheimnis zu ziehen. An seinen aufgeputzten Schaufenstern ging er immer schnellen Schrittes vorüber.

Um die Erinnerung an den Vorfall auszulöschen und sein unbedingtes Vertrauen zu Ottilie wenigstens vor sich selbst zu bekunden, gab er den Brief den Flammen preis.

Noch einmal war ihm der Gedanke gekommen, die Absenderin zu ermitteln. Sein Verdacht hatte auch schon, freilich ohne jeden Anhaltspunkt, eine bestimmte Richtung genommen. Jedesmal aber, wenn er Gelegenheit hatte, eine versteckte Frage zu tun, erstarb sie auf seinen Lippen, und immer wieder kam er auf seine erste Meinung zurück, daß es nicht möglich sei, daß ein junges gebildetes Mädchen den Brief geschrieben habe.

Nur dazu konnte er sich nicht entschließen, Ottilie den Brief offen vorzulegen. Er hatte schon zu viel darüber gegrübelt, als daß er noch zu einem frischen, ungetrübten Handeln gekommen wäre. Auch für ihn bedeutete deshalb der Ausflug ins Engadin ein Auslöschen törichter Empfindungen, wie sie wohl, zumal von außen künstlich hervorgerufen, in manchem Brautstande vorkommen mögen, bedeutete ein Auffrischen seiner auch von dem verantwortungsvollen Berufe angestrengten Nerven.

Nach dem Urlaube winkten die Vorbereitungen zur Heirat, die Ottilie bei den Eltern, die eigentlich ihr zartes Kind noch einige Zeit zurückhalten wollten, mit Eifer betrieb. Nach den neuen Ereignissen hatte das Paar auch die Mama zur Fürsprecherin, die den Papa bedeutete und überzeugte, daß die jungen Leute sich ganz angehören sollten. Im zeitigen Frühjahr sollte die Hochzeit stattfinden. Die Hochzeitsreise war nach dem südlichen Italien geplant.

Villa Hildburg lag inzwischen mit geschlossenen Fensterläden und herabgelassenen Jalousien in der Endsdorfer Straße, wie alljährlich um diese Zeit, einsam und verlassen.

Da Argobast auf Wunsch seiner Frau keine Hausmannsfamilie in die Villa genommen hatte, war ihre Beaufsichtigung, zumal während der Reisezeit, der Wach- und Schließgesellschaft übertragen worden.

Einen Tag um den anderen kam die nahe wohnende Frau eines Hüttenangestellten in den Garten, um Gemüse und Blumen zu gießen und bei Trockenheit die Rasenflächen zu sprengen.

Eben hatte an dem schwülen Augustabend, drohende Wetterwolken zogen auf und leichte Blitze leuchteten, der Beamte der Wachgesellschaft das Gartentor geöffnet und hinter sich wieder geschlossen.

Vorsichtig machte er einen Rundgang um das Haus, klinkte an der Vorder- und Hintertüre, deren Schlüssel er nicht zu besitzen schien, warf einen Blick in den dunklen Park und nach den Fenstern hinauf, um langsam auf demselben Wege, wie er gekommen war, das Grundstück wieder zu verlassen.

In demselben Augenblicke, da er das Gartentor hinter sich einklinkte und verschloß, huschte etwa zweihundert Schritte von ihm entfernt an der östlichen Gartenmauer, wo ein leichtes Untergehölz angrenzte, eine geduckte Gestalt hervor.

Mit einem außerordentlichen Anlauf, lediglich durch die Behendigkeit und Muskelkraft ihrer Beine und Füße, schnellte sie sich bis an die Mauerhöhe empor und schwang sich mit einer gewissen Vorsicht, da hier scharfe Glassplitter eingemörtelt waren, in kühnem Bogen über die Mauerkante.

Im Innern des Gartens abgesprungen, blieb die Gestalt, aus Berechnung oder vom eigenen Schwergewicht hingerafft, einen Augenblick am Boden liegen. Dann erhob sie sich langsam, nahm behutsam ein neben ihr liegendes Bündel auf und schlich direkten Wegs nach dem burgähnlichen Eingang zur Villa, wo sie, im Schatten einer Nische stehend, Ausschau durch das Dunkel hielt und lauschte.

Aus der Tasche brachte der Mann lautlos eine Anzahl schlüsselartiger starker Haken, deren mehrere er nacheinander in die Schlüssellöcher der beiden übereinander befindlichen Türschlösser einführte.

Nach einigen Versuchen schob sich der Riegel im unteren Schlosse ziemlich leicht zurück, während er im oberen Schlosse, das der Mann mit einer Flüssigkeit, die er bei sich führte, durch das Schlüsselloch bestrich, erst nach Verlauf von mehreren Minuten nachgab.

Beim Rollen eines anscheinend abgewarteten ersten starken Donners des aufsteigenden Gewitters wurde die in ihren breiten Angelbändern etwas knarrende, mit Eisen beschlagene Tür geöffnet. Der Mann nahm sich mit einer staunenswerten Geschwindigkeit und Sicherheit die Mühe, im Dunkel der Nacht die Angelbänder einzuölen. Dann schloß er im Innern beide Schlösser der Türe hinter sich wieder zu.

Einer elektrischen Taschenlampe sich bedienend, tastete sich der Fremdling die wenigen Stufen empor und stand vor der verschlossenen Wohnungstüre, an der er dieselben geheimnisvollen Künste, abermals mit Erfolg, versuchte.

Er trat in den geräumigen Vorsaal und klinkte die Türe, ohne sie zu verschließen, hinter sich ein. Er leuchtete die hellgelben Wände ab, bis er den Schalter der elektrischen Leitung gefunden hatte und das Licht andrehte.

So stand er im Hellen, warf einige prüfende Blicke umher und unterrichtete sich planmäßig über die Lage der Zimmer, deren Türen, wie er sich durch ein schnelles Drücken der Klinken überzeugte, sämtlich verschlossen waren.

Er wählte die mittlere große Glastüre zu einem neuerlichen Angriffe und hatte sie binnen wenigen Minuten geöffnet.

Jetzt stand er in dem in schönem Blau und Gold gehaltenen großen Salon und konnte sich nicht versagen, ihn einen Augenblick im vollen Glanze aller fünf in der Decke eingelassenen Beleuchtungskörper mit aufgerissenen Augen zu bewundern.

Hastig aber, als habe er einen unerhörten Leichtsinn begangen, schaltete er alle Flammen bis auf eine wieder aus.

Die vom Salon nach den Zimmern rechts und links führenden Türen waren ebenfalls verschlossen. Der Mann sah sich im Raume prüfend um, griff umhergehend mit der Hand zunächst hinter den Kamin, dann auf ein Bord, schüttelte die verschiedenen Vasen und Nippsachen, zuletzt langte er hinter den Spiegel und zog mit einem gewissen verständnisvollen Lächeln vier durch eine Schnure verknüpfte Schlüssel hervor.

Zwei derselben öffneten die Seitentüren, durch die man rechts in den eichengetäfelten und in warmem Rot gehaltenen Speisesaal, daran anstoßend in ein grünes Rauch- und Spielzimmer, auf der linken Seite aber in ein mit hellgelbem Damast tapeziertes Damenzimmer gelangte.

Alle Räume musterte der Mann mit einem kurzen prüfenden Blick im Lichte der eingeschalteten Beleuchtungskörper.

Im Erdgeschosse lagen noch die Küche und andere Wirtschaftsräume, die unverschlossen waren. In der Küche nahm der Mann ein Glas aus dem Gläserschranke und ließ die Wasserleitung behutsam laufen, bis das kühlere Wasser das Glas füllte.

Draußen begann sich das Gewitter zu entladen; der Regen strömte plätschernd nieder. Der Fremde kam an die breite Holztreppe, die im Innern nach dem ersten Stockwerke emporführte. Die ungelüfteten Stufen knarrten unter seinen Schritten.

Oben lagen die Familienwohnräume, die nach dem kleinen Vorsaal zu ebenfalls sämtlich verschlossen waren. Die Hindernisse wurden wie im Erdgeschoß beseitigt.

Der Mann betrat die beiden aneinanderliegenden Damenzimmer, von Frau Hilde und Ottilie bewohnt. Besonders im Zimmer des jungen Mädchens, als solches an der Einrichtung kenntlich, hielt er eingehend Umschau.

Er stand zufällig am Schreibtische von Frau Argobast; das Bild ihres Gatten hielt er einen Augenblick prüfend in der Hand. Dann warf er einen Blick in die nach der Gartenseite gelegenen Schlafräume, die unverschlossen geblieben waren, und begab sich, immer die elektrischen Flammen sorgsam wieder ausschaltend, nach dem Erdgeschosse zurück, wo er einen Ausgang nach den Kellerräumen suchte und bald fand. Eine kurze Treppe führte von der Diele hinab, er leuchtete mit seiner Taschenlampe, bis er auch unten den Lichtschalter entdeckte.

Mit einem kurzen Überblick hatte er gefunden, was er zu suchen schien; er stand vor dem Weinkeller, dessen Vorlegeschloß er mit verblüffender Leichtigkeit öffnete. Ein Gleiches widerfuhr dem vorgehängten Schlosse des eisernen Weinschrankes.

Die Weinmarken an den Flaschen ablesend, wählte er nicht ohne Sorgfalt ein halbes Dutzend Flaschen, die er mit in das Erdgeschoß hinaufnahm und in das an die Küche anschließende Speisegewölbe stellte.

Sein mitgebrachtes Bündel entledigte er des umgeschlagenen Tuches, das ein ganzes Brot, ein Stück Butter, eine unangeschnittene Wurst und einen kleinen Schinken, ja einige Stück Eier sichtbar werden ließ. Eine Besichtigung ergab, daß zwei Eier bei dem Schwung über die Mauer wohl einen Sprung erhalten hatten, aber nicht ausgelaufen waren. Alles wanderte in die fremde Speisekammer, aber zweifellos nicht, um sie auf Vorrat zu füllen.

Eine der Weinflaschen entkorkte der unheimliche Gast, der wenigstens für seine Beköstigung selbst gesorgt hatte, und begab sich mit ihr in das Speisezimmer zurück, wo er dem in dunkler Eiche geschnitzten Büfett einen Römer entnahm.

Er schenkte sich ein Glas voll, stürzte es auf einen Zug hinunter und betrat mit dem wieder gefüllten Römer den anstoßenden Salon.

Hier hielt er erneut neugierig Umschau. Erst saß er in dem mit Gobelinstoff bezogenen Lehnstuhle, dann, als besänne er sich eines Bessern, auf dem blauen Damastsofa, zuletzt, die Unruhe hielt ihn in fortwährender Bewegung, auf dem Musiksessel vor dem großen Konzertflügel.

Dann sprang er abermals auf, leerte das Glas und füllte es im Speisezimmer zum dritten Male. Mit dem Römer in der Hand, ging er im Salon umher und wendete seine Augen dem Wandschmucke zu. Über dem Sofa hing das große Porträt einer jüngeren Dame. Das Kniestück zeigte eine anmutige Gestalt in hellrotem Kostüm. Der schöne Hals war tief ausgeschnitten, von weißer Spitze umsäumt. Eine etwas phantastische Frisur krönte den feinen, blonden Frauenkopf. Die Züge des ovalen Gesichtes zeigten regelmäßige Linien und eine Mischung von Ernst und Freundlichkeit.

Der Fremde stand vor dem Bilde im schweren goldenen Rahmen. Er hob sein Glas und schien es der stummen Blondine übermütig zuzutrinken. Er leerte es und blieb stehen. Er starrte hinauf; seine Augen zwinkerten in dem hellen Licht, das sich in den großen Spiegeln brach.

Endlich hatte er ausgetrunken und die ganze Flasche geleert. Er schaltete das Licht aus und begab sich wieder in das erste Stockwerk.

Hier suchte er die Schlafräume auf. Er betrat das große Ehegemach, das er erst jetzt näher in Augenschein nahm.

Hinter der geschlossenen Jalousie öffnete er einen Fensterflügel; ein kühler würziger Luftzug wehte herein. Der rauschende Regen hatte nachgelassen; nur leise rieselnde Tropfen fielen noch nieder. Der Donner rollte ferner, flammende Blitze zuckten am Horizonte.

Der ungebetene Gast schien tatsächlich die Verwegenheit zu besitzen, hier übernachten zu wollen. Zwei große Betten aus feinem hellen Holze standen nebeneinander an der hinteren Wand, die eine schwebende Engelsgruppe, auf Stoff gemalt, schmückte.

Gegenüber stand ein breiter, heller Schrank mit einem Spiegelglase in Manneshöhe. Der Unbekannte stand davor und betrachtete sich. Er trat einige Schritte zurück und lächelte.

An der Säule, welche die Fenster trennte, stand ein Toilettenspiegel aus demselben hellen Holze. Auch hier verweilte der Gast einen Augenblick. Er zog die zierlichen Kästchen heraus, aus welchen ihm ein Duft von Odeur und Puder entgegenstieg.

Dann schien der Gast unschlüssig zwischen den beiden Betten zu wählen. Er schlug die eine Decke zurück und zog unter ihr ein langes, durchsichtiges Batisthemd mit Spitzenbesatz hervor.

In wenigen Augenblicken, nachdem er die Zimmertüre von innen verschlossen hatte, lag er selbst unter der weichen Bettdecke, seinen dunklen Kopf in die weißen Kissen drückend.

Wohlig, als habe er lange in keinem Bett gelegen, streckte er sich aus. Für Augenblicke schloß er die Augen, um sie bald wieder aufzuschlagen und an dem schönen Deckengemälde, einer farbigen Blumengruppe, haften zu lassen.

Endlich griff er mit der Hand zwischen die Betten, wo er an der Wand den Schalter gefunden hatte, und verlöschte das Licht.

Durch die Schaltung wurde die rote Ampel, die in der Decke eingelassen war, erleuchtet und verbreitete ein magisches Licht.

So lag er im rosigen Scheine eine Zeitlang und träumte vor sich hin. Dann bewegte er den Schalter. Es wurde dunkel.

Bald kündeten regelmäßige Atemzüge, daß der Mann im ruhigsten Schlafe lag. Die Nachtluft trug, den Schläfer umkosend, einen Duft von den Jasminbäumen herauf, die unten in der Nähe der Fenster standen und vom Regen erfrischt worden waren.

Draußen lichteten sich am Himmel die Wolken. Einzelne Sterne glitzerten durch die Nacht.


Vierzehntes Kapitel

Die Sonne stand schon ziemlich hoch am Himmel und eine Lerche schmetterte über dem nahen Wickenfelde ihr Lied, als der Langschläfer am anderen Morgen im Ehegemache der Villa Hildburg erwachte.

Die Glocken läuteten und luden das erstemal zum Sonntagsgottesdienste.

Als sie ausgeklungen hatten, sprang der Mann aus dem Bette und kleidete sich notdürftig an.

Er stieg nach der Küche hinunter, wo er mit der Sachkenntnis eines Kochs aus dem Küchenschranke die Kaffeebüchse, als habe er sie selber gefüllt bereitgestellt, zur Hand nahm und sich über der Gasflamme einen guten Morgentrunk bereitete. Von dem mitgebrachten Brot schnitt er sich zwei kräftige Stullen, die er reichlich mit Wurst belegte, und nahm, diesmal das Speisezimmer verschmähend, in der Küche sein Frühstück ein.

Als er wieder hinaufgestiegen war, öffnete er im Vorübergehen neugierig die Türe neben dem Schlafzimmer, hinter der er ganz richtig den Baderaum vermutet hatte, den er mit einiger Verwunderung betrat.

Da es ihm auf eine möglichst vollständige Ausnutzung der Argobastschen Häuslichkeit anzukommen schien, setzte er den großen Gasbadeofen in Brand und bereitete sich ein Bad.

Der große und hohe Baderaum war, in eine runde Turmverkleidung eingebaut, phantastisch ausgemalt. Der Badende sollte nach den Wandgemälden, die das Gewölbe zeigte, die Vorstellung haben, in einem See zu plätschern, dessen Ufer mit südlichen Pflanzen und Blumen geschmückt waren. Auf Stufen stieg man in das blaugrüne Marmorbassin hinab. Von der Decke lachte ein klarer, nur mit weißen Wölkchen durchzogener Himmel. Das Licht fiel durch bunte Glasfenster von beiden Seiten stimmungsvoll herein.

Eine halbe Stunde später trat der Mann in frischer Wäsche und im Sonntagsanzug – in dem er den Besuch unternommen hatte – in das Arbeitszimmer im ersten Stockwerke. Aus der Kiste leichter Importen, die er auf dem Kassaschranke fand, hatte er sich eine Zigarre genommen und blies nun, im Schreibtischsessel gelehnt, die blauen Rauchwolken nachdenklich vor sich hin. Es kam ihm wohl in diesen nüchternen Morgenstunden selbst etwas wunderlich vor, daß gerade er sich in diesen Räumlichkeiten befand. Eine lange Gedankenreihe zog an ihm vorüber.

Es war ganz richtig. An dem Mutigen und Hoffnungsvollen hatte sich ein unerwarteter Rückschlag vollzogen.

Selten waren die Umstände für einen langjährigen Sträfling, den Übergang und Rücktritt in das geordnete bürgerliche Leben zu finden, so günstige, ja glückliche, wie dieses Mal für ihn, gewesen.

Kein Mensch an seiner Arbeitsstelle hatte bis zum heutigen Tage eine Ahnung von seiner Vergangenheit; so vorsichtig und rücksichtsvoll war der Hüttenbesitzer an der Hand vielfacher Erfahrung zu Werke gegangen.

Er konnte vollkommen sorgenfrei leben. Er hatte sein gutes Auskommen und erübrigte immer noch einige Mark für besondere Ausgaben. Er hatte sich schon eine Kleinigkeit zurückgelegt und wußte, daß die Summe sich vergrößern würde.

Noch vor seiner Abreise hatte der Hüttenbesitzer angedeutet, daß Erkelenz nach seiner Rückkehr vorwärtskommen würde. Er sollte im technischen Betrieb praktisch angelernt werden, er sollte dann auf dem Technikum der Stadt einen Lehrkursus durchmachen.

Er sah die Aussicht vor sich, Hütteninspektor zu werden, ein größeres festes Gehalt zu erlangen und in noch nicht vorgerückten Jahren einen Hausstand, ein Heim, wenn er wollte, eine Familie zu begründen. In diesem gesicherten Hafen hatte er Hoffnung, seine Vergangenheit ganz abzustreifen.

Die Arbeit selber, zu der ihn der Herr berufen hatte, sagte ihm außerordentlich zu; er hatte aus ihr ungeahnte Kräfte in seinem Inneren emporsteigen fühlen.

Nicht nur der Herr, auch alle anderen Menschen waren freundlich zu ihm und erleichterten ihm sein Fortkommen außerordentlich. Mutter Schubnell, eine Seele von Mensch, blieb sich immer gleich. Sie war die einzige in seiner Umgebung, die wußte, woher er kam. Ihr Taktgefühl, mit dem sie auch in gelegentlichem Unmut jede Erinnerung, ja selbst die leiseste, ungewollte Andeutung seiner Vergangenheit vermied, mußte bei ihrem einfachen Bildungsgrade geradezu Bewunderung erregen.

Seine nächsten Vorgesetzten, Bonnert und Enatt, wollten ihm, ohne daß der Chef sie dazu anhielt, wohl. Auch seine Mitarbeiter hatten nichts gegen ihn einzuwenden und ließen ihn, obwohl er sich niemandem näher anschloß, seinen Weg gehen. Keine Mißgunst, keine Niederträchtigkeit machte sich an ihn heran. Er hatte auch hierin ein vielleicht um die Arbeitsgenossen nicht weiter verdientes, aber um so auffälligeres Glück.

Der lange Dutschke, den der Herr vor einer Reihe von Jahren in ähnlicher, nur nicht ganz so geeigneter Weise aus dem Zuchthause in den Hüttenbetrieb übernommen hatte, konnte von solchem Glückssterne nicht sagen.

Seine nächsten Arbeitsgenossen – Argobast hatte den Fehler gemacht, ihn in eine größere Akkordgenossenschaft einzustellen – hatten aus dem etwas geschwätzigen Manne herausgelockt, daß er unmittelbar aus der Strafanstalt kam. Einige leichtsinnige und auch gehässige, aber noch unbestrafte Menschen – Sovade, der boshafteste unter ihnen, war hinterher sofort entlassen worden – hatten sich an den schwachen Dutschke herangemacht und gaben ihm mehr oder minder deutlich zu verstehen, daß er sie gehörig »schmieren« müsse, wenn sie sein übles Geheimnis vor den übrigen Arbeitern, die ihn nicht in der Hütte dulden würden, wahren sollten.

Der Unglückliche begann seine Peiniger mit Bier und Zigarren abzufinden, was sie nur noch begehrlicher und immer unverschämter werden ließ. Schließlich mußte er ihnen beinahe regelmäßige Schmiergelder von seinem Lohne, seiner einzigen Einnahmequelle, zahlen, so daß er in Verlegenheit, in Schulden, ja in Not geriet.

Vergeblich stellte er diesen durch den Biergenuß angestachelten Hyänen seine unglückliche Lage dar und bat um Mitleid. Hohnlachend drohten sie mit seiner Entlarvung. So wurde er von seinesgleichen, die sonst gegen Staatsanwalt und Gericht gehörig wettern konnten, erbarmungslos in das alte Elend zurückgehetzt. Er vergriff sich in der Verzweiflung am Gelde seiner Wirtin, verübte einen Einbruch und kam, von den Bestien ausgestoßen, in das Zuchthaus zurück.

Alle dergleichen, selbst die gelindesten äußeren Anfechtungen, denen der Beste nicht immer aus dem Wege gehen kann, blieben Robert Erkelenz erspart. Er lernte in seiner Umgebung die Menschen eigentlich so recht von der guten Seite kennen. Wenn je ein Gefallener, so konnte gerade er einen schönen Glauben an die Menschheit wiedergewinnen. Er hatte wenig Neigung zum Alkohol; auch hierin war er nicht gefährdet, wie so mancher andere. Sein Magen vertrug keine Mengen an Bier oder Branntwein; auch ein schneller Kopfschmerz spielte den heilsamen Warner.

In ein leichtsinniges Liebesverhältnis hatte er sich bis jetzt nicht eingelassen. Im Offenbacher Hofe war er ein einziges Mal wieder gewesen und hatte ohne alle innere Erregung gesehen, wie die blonde Gertrud, an die er zuweilen gedacht hatte, sich von einem Studenten hatte abküssen lassen. Der Gedanke, Besitzer eines Lichtspieltheaters zu werden, hatte nichts Verlockendes mehr für ihn. Er war keine eigentlich impulsive, leidenschaftliche Natur. Mit den gereiften Jahren war eine innere Beruhigung über ihn gekommen.

So fehlte für sein plötzliches Abweichen vom guten, gerade ihm so leuchtend vorgezeichneten Wege eigentlich jeder äußere Anlaß. Und doch wachte er eines Morgens nach einem schweren peinlichen Traum, dessen Einzelheiten er sich vergeblich in das Gedächtnis zurückzurufen suchte, mißmutig, mit merkwürdigen Gedanken auf.

Gerade darüber dachte er nach, wie alle Umstände für ihn so glücklich und gefahrlos verlaufen, wie ihm die Menschen allseits so freundlich begegnet waren. Hatte er noch vor einigen Tagen in seiner Weise dem Unerforschlichen hierfür gedankt, so fand er an jenem verhängnisvollen Morgen beim mißlaunigen Aufwachen dieses Zusammentreffen günstiger Umstände merkwürdig, höchst merkwürdig. Es dauerte nicht lange, so fand er es verdächtig, und noch im Laufe des Tages verletzend.

Es war einer jener seltsamen Gedankenirrgänge, dem er nachhing, fast mit Wollust nachspürte, wie sie die Menschenseele zuweilen packt, und wie sie die Menschheit schon vor Jahrtausenden gekannt und in ihren Mythen verewigt hat.

Weshalb empfand der schon so sichtbar auf den Weg innerer Besserung geführte Mann in diesen verhängnisvollen Stunden gerade so nachdrücklich die eigene Unwürdigkeit der neueren glücklichen äußeren Schicksalsführung? Eher hätte er sein entdecktes besseres Menschentum preisen sollen! Er hätte ein Recht dazu gehabt! Es war auch mit eigener innerer Kraft errungen worden!

Wie konnte er all dieses Glück, all diese Güte seiner Umgebung so plötzlich verkennen, daß sich in Erinnerung an die Schubnell, an Bonnert und Enatt und manche andere, ja selbst an Argobast seine Mienen verfinsterten?

Weshalb biß er sich die Lippen, wenn er an sie dachte? Was wollte sich in seinem so beruhigten, ja so friedlichen Innern plötzlich wieder aufbäumen? Warum zitterten seine Hände, weshalb ballte er, in der Stube auf und nieder gehend, die Fäuste?

Er lachte höhnisch laut auf, so daß er vor sich selber erschrak. Diese Schubnell – dieser Argobast, sie kannten ja seine Vergangenheit! Sie wußten ganz genau, was sie von ihm zu halten hatten, sie würden ihn für keinen Engel nehmen, sie waren erfahrene Menschenkenner, die ihn schon richtig einschätzten.

Was sie ihm erwiesen, war das wirklich Aufrichtigkeit? War's nicht gekünsteltes Mitleid mit einem großen Sünder, den man einlullen wollte, wie ein willenloses Kind? Um ihn im Innersten zu bessern? Was hatten sie persönlich davon? Sie konnten ja gar nicht in ihn hineinschauen! Der Hüttenbesitzer hatte ja, das war ihm zu Ohren gekommen, seine üblen Erfahrungen hinter sich. Er wollte ihn retten? Das glaubte er selbst nicht!

Nein, es war ganz etwas anderes! Um seine gefährlichen inneren Kräfte, diese Bestien, äußerlich eine Zeitlang zu bändigen, daß sie dieser wohlgeordneten Gesellschaft so lange als möglich keinen Schaden mehr zufügen konnten, deshalb handelten sie!

Immer weiter verirrte er sich in seinem Gedankenkreise. Er sah nicht mehr, was am nächsten lag. Er war verblendet, war schließlich mit Blindheit geschlagen.

Voll Verzweiflung griff er zur Geige. Das gab ihm den Rest.

Er hatte wieder leidlich phantasieren gelernt, indem er Bekanntes, Passagen, Melodien, Akkorde, willkürlich verknüpfte und löste und eigenes hinzufügte.

Die Hauptsache war ihm der Ton, die Kraft und der Rhythmus. Er wühlte sich in seine Gedanken auch musikalisch ein. Er versuchte sie, in Töne umzusetzen. Es steckte ein Stück Komponist in ihm, es gelang ihm, sich auszudrücken.

Argobast der ihn im Zuchthaus gehört hatte, hatte ihn verstanden. »Die ganze Hölle ist in seinen Tönen los!« hätte er wieder gesagt. Selbst der guten Schubnell wurde es zu viel. Sie kam herein und fragte, weshalb er auf dem schönen Instrument so unke und krächze.

Eine Saite sprang unter seinen kraftvollen Strichen. Er warf die Geige auf den Boden und schluchzte. Weshalb hatte ihn Argobast nicht Musiker werden lassen, wozu er sich von Jugend auf berufen fühlte? Er hatte selbst zwar nicht gewagt, eigentlich auch nicht daran gedacht, diese Bitte auszusprechen. Aber Argobast, der Mann, der in die Herzen sehen wollte, mußte das selbst wissen, mußte ihn ermutigen, ihn fragen! Weshalb hatte er ihn in die derbe Arbeit gezwängt? War das menschenfreundlich?

All der schöne innere Segen, den er gerade von dieser Arbeit gewonnen hatte, wurde rücksichtslos und undankbar von ihm selber wieder vernichtet. Was so hoffnungsvoll sich aufgebaut hatte, stürzte so vollständig in Trümmer.

Ha, dieser Argobast! Dieser Michael Argobast! Den sie einen Wohltäter der Menschheit nannten, der sich voll Wohlgefallen mit diesem Namen anrufen ließ!

Er hatte ihn verehrt, hätte vor ihm knien können – noch vorige Woche – welcher Unsinn! Nun schämte er sich seines knechtischen Sinnes – nun trat er seine eigene Verehrung für den Mann mit Füßen – gewaltsam – niederträchtig – eine Wut wollte ihn packen, daß er sich hatte verleiten lassen, an Menschen zu glauben! Das mußte ganz hinaus aus seinem Innern – nichts durfte übrigbleiben – in den Kot mit dem Menschentum – wo es hingehörte!

Mit ganz anderen Zügen, als er ihn sonst gesehen, stand er im Geiste vor ihm da. Es schien, als wäre ihm eine Maske herabgezogen, hinter der er sonst sein wahres Antlitz verborgen hielt.

Daß er ganz selbstlos, aus reiner Menschenliebe handelte, glaubte Erkelenz nicht mehr. Der Mann war ein Mensch wie andere und hatte seine Absichten, seine Pläne. Sein Ehrgeiz war eben, sich vor anderen dadurch auszuzeichnen, daß er Unglücklichen half. Dabei kam er in dieser unvollkommenen Gesellschaft sicher vortrefflich auf seine Kosten.

Was berechtigte ihn, sich auf diese Weise hochmütig wie ein Retter, fast wie ein Erlöser über ihn zu erheben? Er galt als frommer Mann und besuchte die Kirche. Bildete er sich ein, den Erzengel Michael zu spielen der das Böse besiegte? War er so fehlerlos, so sündenrein, daß er den Heiligen vertreten durfte? Das heischte wohl erst des Beweises!

Er hatte erfahren, daß er nicht der erste war, dem Argobast auf diese Weise Gutes erwies. Schon andere hatte er – zum Teil erfolglos – zu retten versucht. Eine ganze Reihe konnte er herzählen. Es lag System also Berechnung darin. Vielleicht waren es nur Experimente die er mit ihnen allen machte? Nüchterne kalte Versuche an der gefallenen Menschenseele? Ein wagehalsiger kitzelnder Sport – ein –

Und von dieser Stunde an stieg in Robert Erkelenz der geheime, ihm selber unklare dunkle Wunsch auf, seinem Wohltäter in die eigene tiefste Seele zu blicken!

Zunächst war es nur ein aufflammender und wieder verlöschender Gedankenblitz. Aber er leuchtete wieder und wieder auf. Er machte sich mehr und mehr mit einem Plane vertraut, der ihm Tag und Nacht in der Seele lag, den er nicht mehr bannen konnte, der ihn packte mit den Teufelskrallen der inneren Hölle.

Der Entschluß war gefaßt unwiderruflich, alle seine Gedanken galten der Verwirklichung. Er wollte wissen – ganz genau wissen, wer dieser seltsame Mann in seinem Innersten, das er in gewissem Sinne verhüllte, eigentlich war.

Weshalb er das zu wissen wünschte, konnte er selbst nicht sagen. Aber das galt gleich viel. Noch mehr! Er sollte sich enthüllen, ganz nackt und seelenbloß, ohne daß er davon wußte. Erkelenz zitterte bei diesem Triumph über seinen Wohltäter, der allein glaubte, einen Einblick in das Menschenherz zu haben. Oh, es gab Mittel, dieser Seele auf den Grund zu sehen. Er, Robert Erkelenz, war der Mann dazu! Auch er war ein Seelenkenner.

So vollzog sich, wie einst im Mythos, der Abfall des bösen Engels von Gott, des bösen Engels, der einmal ein guter war. An der ihn allseits so reich, allzu reich umgebenden Gottesgüte entzündete sich seine fast eingeschlummerte Bosheit aufs neue!


Fünfzehntes Kapitel

Mit einem gewissen Ingrimme, der sich in der plötzlichen Heftigkeit seiner Bewegungen kundgab, machte sich Erkelenz an den Mahagonischreibsekretär seines Wohltäters.

Wer ihn beobachtet hätte, wie er den Drahtschlüssel in das Schlüsselloch des Pultfaches einführte, würde sich der Äußerung des Ersten Staatsanwalts Treuß erinnert haben, der Erkelenz sogar eines Mordes für fähig halten wollte. Er sah aus, als stieße er dem Hüttenbesitzer selber ein Instrument in die Brust.

Als der Riegel im Schlosse nachgab und die Pultklappe sich herabsenkte, zeigten angesichts der vielen kleinen Schubfächer seine Züge innerste Befriedigung.

Der erste Kasten, den er herauszog, enthielt wohlgeordnet häusliche Wirtschaftspapiere, den Wohnungsmeldeschein, die Dienstbücher der Hausmädchen, die Steuerzettel und ähnliches.

Nur flüchtig sah Erkelenz die Steuerpapiere ein und überzeugte sich von den außerordentlichen Summen, die der Hüttenbesitzer an Staat und Gemeinde entrichtete.

Im Kasten höher lagen die Personalpapiere Argobasts und seiner Angehörigen. Aus seinem Taufschein ging hervor, daß er im sechsundvierzigsten Lebensjahre stand. Nach dem Trauschein hatte er mit siebenundzwanzig Jahren als Metallwarenfabrikant geheiratet. Seine Frau Hildegard, geborene Ilshöfer, wurde nächstens achtunddreißig Jahre alt.

Unwillkürlich warf Erkelenz einen Blick auf die Photographie von Frau Argobast, die auf dem Schreibtische ihres Mannes stand. Im Innern herrschte nicht volles Tageslicht, weil er aus Vorsicht die Jalousien nur eine Kleinigkeit aufgeklappt hatte.

Ungeduldig nahm er den dritten Schubkasten vor.

Erinnerungen aus früher Jugend wurden hier verwahrt. Einzelne sehr alte Stammbuchblätter mit verblaßter Schrift fanden sich,

»Dein Leben lang habe Gott vor Augen und im Herzen und hüte Dich, daß Du in keine Sünde willigst noch tust wider Gottes Gebot. Diesen Leitspruch gibt Dir, lieber Michael, für Dein Leben mit auf den Weg Dein alter Lehrer Eversberg.«

Mit Kinderhand hatte ihm seine Schwester Martha einen bekannten Vers geschrieben.

In einem Umschlag lagen alte Briefe. Einige rührten von seiner Mutter her. Sie schrieb ihm, daß der Vater sehr krank und mürrisch sei, daß sie selber auch nicht so recht zugreifen könne; die kleine Martha mache ihnen aber viel Freude. Wenn sie nur etwas reichlicher Nahrung hätten, daß sie nicht so oft hungrig zu Bett gehen müßten, und der Michael zu Hause wäre, würde sie das Leben schon leichter ertragen.

Dann fand sich noch ein rosaes Briefchen von Mädchenhand, unterzeichnet mit »Deine Luise. » Das war wohl seine erste Jugendliebe gewesen, weil er es so sorgsam und lange aufbewahrt hatte. Es waren zärtliche Worte von ewiger Liebe und Treue. Vom letzten Sonntag wurde mit Schwärmerei gesprochen und das nächste Wiedersehen herbeigesehnt.

Langsam schob Erkelenz dieses Fach hinein und schien sich von Gedanken freizumachen, die sein Inhalt erweckt hatte.

Ein oberer Kasten enthielt eine große Anzahl anderer Briefe. Vielfach waren es Dankschreiben von Leuten die Argobast auf die verschiedenste Weise unterstützt hatte. In einzelnen Briefumschlägen lagen Schuldscheine über kleine geliehene Beträge; die Scheine waren sämtlich in der Mitte durchgerissen.

Ein gewisser Blessinger bedankte sich in einem neueren Briefe für Argobasts gütige Vermittlung. Ihr zufolge hatte der Amtsrichter in einer Schöffensache eine weit zurückliegende Vorstrafe des Briefschreibers aus dem Strafregister nicht vorgelesen. Mit fast ähnlichem Inhalt fanden sich noch zwei andere, zeitlich zurückliegende Briefe vor.

Erkelenz las mit großen Augen. Hier war er bei der eigenartigen Tätigkeit Argobasts angelangt. Solche Dankschreiben bewahrte er sich auf.

Der Brief Blessingers zeigte eine Notiz offenbar von Argobasts Hand. »Weit zurückliegende Vorstrafen sollten nicht nur nicht öffentlich vorgelesen werden dürfen, sie müßten auch unter gewissen Umständen zum Beispiel bei guter Führung, im Strafregister vollständig gelöscht werden können. In zwei Jahrzehnten vielleicht annähernd erreichbar.«

Mitten unter den Briefen lag ein loser, anscheinend verlegter Zettel, auf dem folgendes Gedicht geschrieben stand. Es führte die Überschrift »Sühnstätte«.

Es stammt eine Burg aus entschwundener Zeit;

Einst trotzte sie in die Lande weit,

Der Raub und der Mord, hier wurden sie groß,

Und Laster und Schande wandelten bloß.

Doch deren das frevle Geschlecht sich erkühnt,

Nie wurden die Taten dort oben gesühnt.

Und wieder ward eine zur Dirne gemacht;

Da wallte das Schicksal vorüber bei Nacht:

»Kein Fleck deines Bodens. Verruchte blieb rein,

Sühnstätte sollst du mir fürderhin sein!«

Es kam ein Jahrhundert gezogen und schwand,

Verwandelt ragen die Mauern ins Land.

Im Schloßhof, da früher ein Jauchzen war,

Wandelt der Sträflinge schweigende Schar.

Aus naheliegenden Gründen war Erkelenz noch von dem merkwürdigen Eindrucke erfüllt den die einfachen Verse auf ihn machten, die wohl Argobast selber niedergeschrieben hatte – der Zettel trug nur die Jahreszahl 1897 – , als von unten die Hausglocke durch das menschenleere Haus gellte.

Unwillkürlich rückte Erkelenz mit seinem Stuhle ein Stück von dem offenen Sekretär zurück. Dann erhob er sich vorsichtig, als könne man ihn von außen hören und sehen. Die Glocke gellte zum zweiten Male. Er ging zum Fenster und sah durch die Ritze der Jalousienblätter hinunter. Nur eine männliche Kopfbedeckung konnte er wegen der hohen Mauer sehen. Er wartete einige Minuten, alles blieb still.

Die Mütze verschwand für einen Augenblick, dann erschien, langsam über die Straße hinübergehend, eine fragwürdige Mannesgestalt, die sich drüben im Schatten einer Linde aufstellte und hinter dem Stamm mit Spannung herüberlugte.

Erkelenz schien sich nicht im Zweifel zu sein, daß der Unbekannte ein Bettler, wenn nicht Schlimmeres war, und murmelte etwas von einem Störenfried. Als der Aufpasser nicht weichen wollte und nach den herabgelassenen Jalousien heraufsah, als wollte er feststellen, daß das Haus unbewohnt sei, stampfte er mit dem Fuße: »Willst du mir ins Gehege kommen, verfluchter Kerl?«

Endlich schien der Verdächtige sich entfernt zu haben; Erkelenz kehrte zum Sekretär zurück. Aus einem Fache langte er eine Anzahl Heftchen heraus, die sich als die ersten Schulhefte von Ottilie Argobast, sowie als Schulgeld- und Zensurbücher ergaben.

Das hatte gewiß ein zärtlicher Vater alles aufgehoben; der seinige hätte es nicht getan.

Er blätterte. Aus einem der Zensurbücher fiel ein Brief heraus, den die Schulvorsteherin an den Vater geschrieben hatte.

Er stutzte und las von neuem. Es wurde darin begründet, weshalb die Schülerin Ottilie Argobast eine ungünstige Betragenszensur erhalten hatte. »Ottilie lügt leider«, so hieß es wörtlich, »noch immer bei Gelegenheit; im letzten Halbjahre hat sie eine Entschuldigung wegen versäumten Unterrichts gefälscht.«

Erkelenz rechnete nach; damals war die Schülerin zwölf Jahre alt gewesen. Es handelte sich um eine höhere Töchterschule in hiesiger Stadt.

Das kam also auch in solchen Kreisen vor? Er hatte geglaubt, so etwas finde sich nur in den gewöhnlichen Volksschulen. Aber er vergaß, Argobast stammte ja aus den unteren Volksschichten. War an der Tochter etwas haften geblieben? Von wem? Vom Vater? Er hatte im Gerichtssaale manchmal von Vererbung reden hören. Er hielt den Brief wie drohend ein Stück in die Höhe. Hier fand sich ja ein freilich unvorhergesehenes Beweisstück, was einen Einblick gewährte.

Er stöberte – immer mit Vorsicht, um die alte Ordnung wiederherstellen zu können – alle Schubkästen durch. Er fand ein blaues Heft mit Einträgen. Sie lauteten auf besonderen Seiten auf verschiedene Namen. Von einem Richard Döll und einem August Dutschke und einer Reihe anderer war die Rede. Bei jedem fanden sich Zeitangaben – Wochen – Monate – eingetragen; ein Schuldkonto berichtete offenbar von den Zuwendungen, die er ihnen gemacht hatte.

Erkelenz hatte ein peinliches Gefühl. Das waren die Leute seines Schicksals, die bei Argobast in die Schule gegangen waren. Da sah man's, es lag System, Berechnung, Schablone darin. Jede Kleinigkeit hatte er aufgeschrieben. Wie die Buchstaben kalt aussahen! Kleinigkeiten, lächerliche Kleinigkeiten!

Einige Seiten trugen die Überschrift »Arbeit vermittelt« und führten, wie Erkelenz ausdrücklich nachzählte, nicht weniger als achtunddreißig Namen von Arbeitern und Geschäftsfirmen auf. Das waren anscheinend Strafentlassene gewesen, die er untergebracht hatte. Eine kaufmännische Buchung! Jederzeit zum Nachweise der geleisteten Dienste geeignet. Die Daten der Unterbringung waren genau angegeben.

Ein anderes Konto führte die Zuwendungen an den Fürsorgeverein für entlassene Strafgefangene auf. Erkelenz traute seinen Augen kaum, als er die Beträge oberflächlich zusammenzählte und für die letzten fünf Jahre, außer einer einmaligen besonderen »Michael-Argobast-Stiftung« von zwanzigtausend Mark, auf eine weitere Summe von über siebentausend Mark kam.

Eine »Michael-Argobast-Stiftung«, deren Zinsen besonders hoffnungsvollen Entlassenen im ersten Jahre der Freiheit zukommen sollten! Nach außen sollte bei seinen Lebzeiten sein Name nicht genannt werden. Da hieß es Stiftung für würdige Strafentlassene! Aber verewigt hatte er damit seinen Namen doch!

Schließlich entdeckte Erkelenz in dem blauen Hefte ein neu angelegtes Konto, das als Überschrift seinen eigenen Namen führte.

Der unberufene Leser biß sich die Lippen. Da waren schon über hundert Mark für Anschaffungen an Kleidungsstücken, Zuschüsse an die Schubnell – von ihnen wußte er gar nichts – eingetragen. Auch die Geige war mit vierzig Mark notiert. Selbst Kleinigkeiten, die er längst vergessen hatte, waren berechnet.

Erkelenz fühlte sich merkwürdig berührt. Diese Schriftlichkeit, die bei einem sorgsamen Geschäftsmann eigentlich in Ordnung war, mißfiel ihm gleichwohl. Wenn er sich Mühe gab – und er tat es – , konnte er sich über sie empören. Über Wohltaten dürfe man nicht wie ein Handelsmann Buch führen! Das sagte Robert Erkelenz, der vor drei Monaten noch im Zuchthause saß.

Ihm war, als wäre, nachdem er das alles so nüchtern schwarz auf weiß gelesen hatte, auf einmal alle seine Dankbarkeit, die er für den Mann früher empfunden hatte, auf- und davongeflogen. Und das war ihm eigentlich ganz recht.

Zwischen zwei Seiten lag ein Zettel, auf dem abermals Verse, von derselben Hand geschrieben, standen. Erkelenz las:


Schnöder Sklav,
In welchem keine Spur des Guten haftet,
Zu allem Bösen fähig! Ich erbarmte
Mich deiner, gab mir Mühe, zum Sprechen dich
Zu bringen, lehrte jede Stunde dir
Dies oder jenes. Da du, Wilder, selbst
Nicht wußtest, was du wolltest, sondern nur
Höchst viehisch kollertest, versah ich dich
Mit Worten, deine Meinung kundzutun.
Doch deiner niederen Art, obwohl du lerntest,
Hing etwas an, das edlere Naturen
Nicht um sich leiden konnte: Darum wurdest du
Verdienterweis' in diesen Fels gesperrt,
Der du noch mehr verdienst als ein Gefängnis.


Hier befand sich ein Strich unter den merkwürdigen Versen. Etwas betreten las Erkelenz weiter:


Ein Teufel, ein geborner Teufel ist's,
An dessen Art die Pflege nimmer haftet,
An dem die Mühe, die ich menschlich nahm,
Ganz, ganz verloren ist, durchaus verloren.«


Unter diesen Versen, die Erkelenz zweimal las, stand nur das Wort »Kaliban«. Er stutzte und ließ die dicken Lippen hängen. Kaliban? Wer war Kaliban? Das Wort, den Namen hatte er nie gehört.


Sechzehntes Kapitel

Erkelenz stand auf, er schien vorläufig nicht weiterstöbern zu wollen und ging nachdenklich im Zimmer auf und ab.

Die Verse, deren Sinn er erst nach und nach begriff, zu begreifen glaubte, machten ihn zornig, versetzten ihn in Wut. Er machte ein trotziges Gesicht, eine böse Falte wurde zwischen den Augenbrauen sichtbar.

Wie kam der Mann dazu, solche Verse aufzuschreiben und gerade in diesem Kontobuch zu verwahren? Er, dessen eigene Tochter als Kind solche Beurteilungen – –

Er sah nach seiner Uhr, die ihm ebenso wie ein gelinder Hunger die Mittagsstunde anzeigte.

Er begab sich in die Küche hinunter und holte seinen Proviant aus der Speisekammer. Aus den mitgebrachten Eiern und Butter bereitete er sich im Tiegel über der Gasflamme Spiegeleier, deren wundervolle orangefarbigen Dotteraugen kein Koch kunstvoller hingestürzt hätte.

Von seinen Schinkenstücken schnitt er sich drei kräftige Scheiben und trug sich seine Mahlzeit mit Messer und Gabel auf zwei Tellern in das Speisezimmer, wo er sie auf dem ungedeckten eichenen Speisetische einnahm.

Eine Flasche alten Rüdesheimer hatte er vorher unter die fließende Wasserleitung gestellt und den gestern abend benutzten Römer ausgespült.

So hielt Robert Erkelenz im eichengetäfelten Speisesaal von Villa Hildburg einsam, aber mit gutem Appetit Tafel und vertilgte die Mahlzeit, die er sich selbst zugemessen hatte, bis auf die letzte Schinkenfaser.

Dazwischen trank er den köstlichen Tropfen von 1899. Wiederholt hielt er das gefüllte Glas gegen die bunten Fenster lebhaft in die Höhe, als ob er einem Ungenannten zutrinke.

Zuweilen bewegten sich halblaut seine Lippen und verrieten, daß ihm die Vormittagsbeschäftigung eine Fülle von Gedanken gebracht hatte.

Das letzte Glas stürzte er fast gierig auf einen Zug hinunter und stand dann, den schweren eichenen Stuhl weit hinter sich stoßend, geräuschvoll auf.

Aus einem Kasten mit prächtiger Etikette entnahm er eine große dicke Zigarre, zündete sie sich an und legte sich auf den Diwan.

Aber nicht lange vergönnte ihm seine innere Erregung, sich der Ruhe hinzugeben. Er sprang auf und setzte sich oben abermals vor den Sekretär, dessen großen flachen Schieber er jetzt aufzog.

Hier lagen eine ganze Reihe anscheinend ältere Photographien, die er flüchtig durchsah.

Die beiden alten Leute schienen Vater und Mutter Argobasts zu sein; die kleine Martha fehlte nicht. Aber die geliebte Luise fand der Betrachter nicht heraus, dafür aber einige Bilder ehemaliger Arbeitsgenossen.

Dann fanden sich Photographien von Soldaten, schließlich solche bartloser Männer mit starkem gelockten Haarwuchs. Das schienen Schauspieler zu sein.

Erkelenz war überrascht, solche Gesichter hatte er früher in Mainz, als er auf dem Konservatorium gewesen war, auch gesehen. Er las Namen und Unterschriften. Er hätte sich einbilden mögen, daß er sie auch gekannt hätte. Aber diese Herren sahen sich ja alle etwas ähnlich.

Siehe da, Damenbildnisse! Was hatte der ernste Argobast für Bekanntschaften gehabt! Die Unterschrift kündete ihm stolze Namen; Blanda Terfal. Das lag ihm bekannt im Ohre. Er hatte eine Luise – so hieß sie wohl – in »Kabale und Liebe« noch heute in Erinnerung.

Lange hielt er ein anderes Bild still in verschiedenen Richtungen sich vor Augen. Dieses Gesicht sah ihn eigentümlich an, es schien sich unter seinen Blicken zu beleben. Er hätte geglaubt, es erst gestern gesehen zu haben. Wo? fragte er sich, wo?

Er zögerte offenbar, die Rückseite nach einer Widmung nachzusehen, als müsse ihm der Name dieser jungen und hübschen, effektvoll gekleideten Dame nach so manchen Jahren doch noch von selbst einfallen.

Endlich verlor er die Geduld und las die Worte: »Zum Gedächtnisse schöner Stunden. Monika Isolani.«

Er sprang auf und stürzte mit dem Bilde zum Fenster. Wie versteinert sah er die Züge an, die ihm immer bekannter wurden. Er buchstabierte den Namen und hing an den Schriftzügen. Monika Isolani! Diesen Namen gab es kaum zweimal.

Ihre erste Begegnung kam ihm ins Gedächtnis. An einem Januartage, an dem die Sonne aus einem blauen Himmel lachte, ging er in den Rheinanlagen spazieren. Er hatte zwei Unterrichtsstunden hinter sich und erfrischte sich an der reinen Luft.

Da kam sie in ihrem allerliebsten violetten Pelzkostüm daher. Sie trug eine Lederrolle in der Hand. Offenbar wollte sie nach dem Theater. Aber das wußte er damals nicht, er kannte sie gar nicht.

Ihre Blicke hatten sich – war es Zufall gewesen? – begegnet und getroffen. Er schmeichelte sich, einen Eindruck gemacht zu haben, denn es lief ihm siedendheiß über die Wangen. Wenn er recht gesehen hatte, war auch sie errötet.

Er war damals ein voller schwarzer Lockenkopf mit blassem schmalen Gesicht. Er war von übermittler schlanker Gestalt und trug gerade einen neuen braunen Winterüberzieher und einen grauen Künstlerhut. Das verdankte er der alten Wohltäterin.

Er ging der Schönen bis zum Stadttheater nach, wo sie, sich zum ersten Male leicht nach ihm umkehrend, beim Pförtner am Seitengange verschwand. Er hatte die Kühnheit, den Mann nach ihrem Namen zu fragen, der ihn – vorwurfsvoll, als ob er ihn längst kennen müsse – nannte.

Am Abend war dann die denkwürdige Mignon Vorstellung, die er sich vom Parterre aus anhörte. Seine Begeisterung war so groß, daß er ihr einen langen Brief schrieb und um Gelegenheit zur Annäherung bat. Hinterher hatte er nie mehr begreifen können, wie er einen so kühnen Schritt hatte wagen können.

Binnen einer Woche war die reizvolle Bekanntschaft gemacht. Man ging zusammen spazieren und unterhielt sich von der Musik und von der Kunst im allgemeinen, die sie für die einzige des Menschen würdige Beschäftigung erklärten. Sie tauschten oberflächlich ihre Lebensgeschichte aus und hatten beide gemeinsam, daß ihre Eltern sie daran hindern wollten, die Künstlerlaufbahn zu ergreifen.

Er war etwas älter als sie und hatte noch nichts erreicht, war noch Lernender, während sie schon Triumphe zu feiern begann. Von der Mainzer Bühne konnte man bei einigem Glück den Weg zu einer Hofoper finden.

Wie es Anfängern im Bühnenleben zu gehen pflegt, war mit dem nüchternen und ränkereichen Verkehr der Kolleginnen und Kollegen eine innere Vereinsamung über die junge Sängerin gekommen. In diese Leere trat Robert Erkelenz und verdankte es zunächst wohl diesem Umstande, daß er und Monika sich verhältnismäßig schnell näherkamen. Er war damals ein frischer, wenn auch schon verwegener Junge, der durch eine innere Wärme Vertrauen erwecken konnte.

Ein gewisser Unterschied in ihrer Bildung war nicht zu verkennen. Aber auch ihr Schulunterricht, das meinte sie selbst, zeigte Lücken, und ihr Vater hatte sich zu einer wohlhabenden Stellung erst emporgearbeitet. Erkelenz hatte einen dürftigen Unterricht genossen, aber dessen Mängel durch einen gesunden Menschenverstand, wie ihm gesagt worden war, und durch eine gewisse lebhafte Auffassung auszugleichen versucht, mit der er an alles, was ihn näher anging, herantrat. Namentlich hatte er, seit er die Musik trieb, in den Dichtern gelesen und damit ein oberflächliches literarisches Wissen sich angeeignet.

Freilich behandelte sie ihn, wie er zuweilen schon damals fühlte, mit einer gewissen Überlegenheit, worin sie eine ihr eigene Energie unterstützte, mit der sie auch, wie sie gelegentlich bekannte, den entscheidenden Schritt zur Bühne durch einen fast gewaltsamen Austritt aus dem Elternhause unternommen hatte.

Er selbst begrüßte das schnell sich inniger gestaltende Verhältnis zu dem hübschen schlanken Mädchen als eine willkommene Beschränkung seiner inneren und äußeren Unbändigkeit, die ihm in jenen kritischen Jahren, wie er sich dunkel bewußt war, viel zu schaffen machte.

Aber das Liebesglück war nur von kurzer Dauer gewesen.

Als er eines Tages gegen Ostern wie gewöhnlich kam, sie zu besuchen, war der schöne Vogel ausgeflogen, war auf und davon, hatte Mainz verlassen – die Spielzeit war zu Ende – und kein Mensch wollte wissen, wohin sie sich gewandt hatte.

Ihre Wirtin, der er, empfindlich überrascht, wegen des Verrats hart zusetzte, wurde schließlich unangenehm und lachte ihn aus.

Er hätte doch längst begreifen müssen, daß ein grüner Junge wie er – so sagte sie wörtlich! – , der nichts weiter könne, als einigermaßen auf der Geige spielen, für ein Fräulein Isolani auf die Dauer kein Liebhaber gewesen wäre. Da hätten wohl andere Herren den Vorzug.

Schließlich bekam Erkelenz zu erfahren, daß in letzter Zeit ein fremder unbekannter Herr von auswärts Monika wiederholt besucht hätte.

Er war nicht sentimental veranlagt, aber diese Treulosigkeit verstimmte ihn tief. Ohne Abschied war sie gegangen, keiner Erklärung, keiner Zeile hatte sie ihn gewürdigt.

Nach seiner etwas grübelnden Natur suchte er den Grund hierfür in seinem eigensten Innern. Hatte sie im Umgange mit ihm erkannt, daß ihn böse Gedanken so ganz wider seinen Willen heimsuchen konnten?

Das geschah nun in der Folgezeit merkwürdigerweise immer häufiger.

Er besaß keine Anlagen dazu, sich zu einem Märtyrer aufzuspielen. Aber den Gedanken konnte er und wollte er nicht von sich weisen, daß er ohne Monikas Verrat nicht so tief gesunken wäre.

Er hatte an ihr einen Halt gefunden. Nun war er, vereinsamt, der Stütze beraubt.

Er kam in schlechte Gesellschaft. Seine Verwegenheit verleitete ihn zu tollen Streichen, die schließlich unter das Strafgesetz fielen. Einmal gefallen, hatte er sich für die Dauer nicht mehr aufrichten können, ja, er war immer tiefer gesunken.

Nun fand er das Bild dieser Monika Isolani hier. Er machte plötzlich große Augen und sprang auf. Weshalb kam ihm dieser Gedanke erst jetzt? Er lag ja so nahe. Es war eigentlich gar nicht anders möglich. War vielleicht Argobast jener Mann gewesen, der sie ihm entführt hatte?

Er las die Jahreszahl der Widmung wieder und rechnete nach. Es war dasselbe Jahr, das einzige, das er selber in Mainz verbrachte. Es stimmte, er verrechnete sich gewiß nicht. Ihre Bekanntschaft mit Argobast fiel also tatsächlich in die nämliche Zeit. Er erbleichte, er wurde ganz still.

Mit einem Male stand er vor dem großen Ölporträt der jungen blonden Frau im goldenen Rahmen, das im Salon hing, und starrte hinauf.

Er riß in der unvorsichtigsten Weise die Jalousieblätter auf, damit helles, taghelles Licht hereinfiel.

Mit geöffnetem Munde stand er da. War er gestern abend und heute vormittag blind gewesen? Weshalb hatte er sie nicht sofort wiedererkannt? Sie glich sich noch selber. Er irrte sich nicht, sie war es. Das Damenbildnis stellte Monika Isolani dar.

Als er sie anstarrte, wurde er noch bleicher. In einem plötzlichen Einfall eilte er in das Herrenzimmer und nahm die Photographie vom Schreibtische. Wie kam das Porträt der Isolani in Argobasts Salon? Das war doch die nächstliegende Frage! Das war sie wieder, älter, vielleicht zehn Jahre älter! Aber immer noch ganz dieselbe. Hier auf der Photographie.

Er schöpfte Atem, er zitterte am ganzen Leibe. Und er war gewohnt, sich starke Eindrücke fernzuhalten. Nur ein Gedanke erfüllte ihn. Dazu war er hergekommen? So rächte sich seine Undankbarkeit, seine verwegene Tat? Es traf ihn wie ein Donnerschlag. Monika Isolani – es nur zu denken! – war Frau Argobast. Daran war nicht zu zweifeln. Er hatte die Frau seines Wohltäters nie zu Gesicht bekommen. Eine andere Erklärung ließen die Bilder nicht zu.

Er griff sich an die Stirne, wo er einen Schmerz empfand. Wie konnte Monika Isolani Argobasts Frau sein? Das war ja unmöglich. Er irrte sich doch und redete sich in eine Einbildung hinein. Er hatte ja heute morgen den Trauschein in der Hand gehabt, da hatte der Name anders gelautet.

Er riß jenen Schieber mit den Familienpapieren wieder auf und wühlte den Trauschein hervor.

»Hildegard Theodora Ilshöfer, Tochter des Fabrikbesitzers Ilshöfer in Darmstadt.« Er las es wiederholt. Aus Darmstadt? Daß sie aus Darmstadt war, hatte sie erzählt; ebenso von ihrem Vater aus dem Kaufmannsstande. Dessen erinnerte er sich. Aber der Name? Wie kam sie zu dem anderen Namen? Hatte sie, wie das vorkam, einen besonderen Bühnennamen geführt? Er lächelte, hatte er doch selbst seinen Rufnamen Robert verleugnet und sich in zufälliger Laune in Erwartung seiner Künstlerlaufbahn den Vornamen Fred, der ihm, von seinem Vornamen Alfred abgeleitet, »genial« geklungen hatte, angenommen.

Er tastete in der verzierten Muschel des inneren Sekretärs umher, er wußte, daß dahinter Geheimfächer zu liegen pflegen. Er zog eine Papierverkleidung hinweg, die im Aussehen der Mahagonifarbe des inneren Schrankes glich; dahinter, er fühlte es an einigen Metallknöpfen, lagen eine Anzahl verborgener Kästen.

Sie enthielten Briefe, ältere, teils sehr alte Briefe. Ein Päckchen war mit rotem Seidenband verschnürt. Er hatte gleich zuerst einen glücklichen Griff getan. Freundliche, zärtliche Briefe von weiblicher Hand. Es war achtzehn Jahre her, aber er bildete sich ein, Monikas Handschrift wiederzuerkennen.

Er zog die kleinen Bogen aus den Umschlägen und las. Zuerst verglich er die Unterschrift. Da stand es: »Monika, Ihre Monika.«

Er prüfte die Daten. Die Jahreszahl stimmte. Der erste Brief stammte aus dem Anfang März. Da hatten sie sich kennengelernt, sie schrieb es selbst mit ausdrücklichen Worten. Damals hatte der Verrat gegen ihn selber begonnen.

Die gleichgültigen Sätze wurden immer wärmer. Je kühler sie gegen ihn selbst, wie er sich wieder lebhaft erinnerte, geworden war, desto zärtlicher schrieb sie an den anderen. Nun konnte er sich vieles erklären, was er, wie im Traume verschwommen, festgehalten hatte.

Erkelenz öffnete das zweite, mit einem blauen Seidenband umschnürte Päckchen. Dieselbe Handschrift, nicht ganz so groß, gleichmäßiger als früher. Die Unterschrift »Hilde Ilshöfer, Deine Hilde, Deine dich innig liebende Hilde.« Die Verwandlung war vor sich gegangen. Monika Isolani war wieder die bürgerliche Hilde Ilshöfer geworden. Das große Geheimnis war entschleiert, das Rätsel gelöst. Sie wurde Argobasts Frau.


Siebzehntes Kapitel

Die Uhr rückte vorwärts; Stunde um Stunde verrann. Erkelenz merkte es nicht, er las Brief auf Brief, mit ernsten, finsteren Blicken.

Nun hatte er den Einblick in ihr Liebesleben und war doch nicht befriedigt. Von ihm selber – ja gewiß, von ihm! – war in den Briefen, soweit er sie überflogen hatte, mit keinem Worte die Rede. Als wenn er gar nicht in ihr Leben getreten wäre!

Und auch nach etwas anderem hatte er in den Briefen geschnüffelt. Nichts, kein Wort von alledem, stumm, verschwiegen, eine neue geheimnisvolle Welt.

Mechanisch ordnete er die Briefschaften wieder und legte sie, von den Seidenbändern umschlungen, in die Geheimfächer zurück, die er dann sorgfältig verwahrte. Es dämmerte in den Zimmern schon, da die Sonne auf der anderen Seite stand.

Er durchstöberte nochmals den unteren großen flachen Kasten des Mittelpultes. Eine kleine schwarze Brieftasche fiel ihm in die Hand. Ein Notizblock steckte in der einen Tasche mit Aufzeichnungen von Ausgaben auf einer Reise. Auf der anderen Seite, die leer erschien, fand er zusammengefaltet in einem alten gelben Kuvert eine Banknote.

Einen Augenblick hielt er den Schein in seiner Hand. Er entfaltete ihn aber gar nicht. Hastig steckte er ihn in Umschlag und Tasche zurück, die er an ihren Platz legte. Diesen Mann wollte er nicht um einige lumpige Mark bestehlen! Er wollte hier überhaupt nicht stehlen!

Er räumte den Schieber, ebenso die anderen Kästen sorgsam wieder ein. Er schien Wert darauf zu legen, daß niemand seine Neugierde entdeckte. Er beeilte sich und sah öfter nach der Uhr, er schien an seinen Aufbruch zu denken. Die Jalousie hatte er wieder völlig geschlossen, es war dunkel in dem Raume. So verhielt er sich eine halbe Stunde ruhig.

Ein neuer Gedanke schien ihn dann plötzlich erfaßt zu haben. Schnell stand er auf und begab sich in das Damenzimmer. Hier setzte er sich an den zierlichen Schreibtisch und schaltete das Licht ein.

Er musterte die kleinen Kästchen. Welches barg wohl die Geheimnisse von Frau Hilde? Hatte sie überhaupt Geheimnisse? Vielleicht! Wer wollte das sagen? Die Frauenseele ist unergründlich, hatte er irgendwo gelesen.

Den verschmähten Liebhaber gelüstete es, auch dieser Frau in das Herz zu sehen. Er erinnerte sich, ihr zärtliche Briefe geschrieben und Kleinigkeiten verehrt zu haben.

Der Drahtschlüssel, den er wie ein Virtuos handhabte, schob, wie immer, gehorsam den kleinen Riegel zurück. Dem Kästchen entströmte ein Wohlgeruch.

Briefe – er hatte glücklich vermutet – viele Briefe, ältere, aller Art, keine von Michael Argobast, Briefe von ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, Sängern und Schauspielern. Diese Handschrift kam ihm bekannt vor! Etwas eckig, wenig fließend, groß. Wer hatte so geschrieben?

Er las. Er las von vorn noch einmal. Es klang ihm fremd. Aber die Unterschrift war echt. Das hatte er selber geschrieben, am 22. Januar. Da stand es. Die Jahre hatten nichts getilgt. So hatte er sich damals auszudrücken vermocht? Wo hatte er diese Worte, diese Wendungen hergenommen? Heute kannte er sie kaum noch. Wo die Gefühle, um so von Liebe reden zu können? Wie war er in diesen achtzehn Jahren in seinem Ausdrucksvermögen verarmt! Was konnte das Leben, das Schicksal, was konnten die Umstände aus dem Menschen machen!

Er erinnerte sich wohl dunkel, daß er es selber gewesen war, der so gesprochen und geschrieben hatte.

Und doch schien es ihm wieder, als sei aus ihm ein ganz anderes Wesen seitdem geworden. Nur dieselbe unruhige, flatternde Seele, das fühlte er, lebte noch wie damals in ihm. Eine hoffnungsvolle Welt des Werdens war in zwei Jahrzehnten in ihm versunken, unwiederbringlich, das wußte er nun. Kaum hatte er in den letzten bitteren Jahren einen Gruß von ihr verspürt. Aber heute kam ihm aus jener Welt ein Läuten, wie es der Sage nach der Fischer am Ostseestrande an glücklichen Tagen von den Kirchtürmen der versunkenen Stadt vernimmt – ein Läuten – die Sage war ihm in seiner Musikerzeit durch ein Lied bekannt geworden – ein Läuten – er hörte es und die dicken Tränen stürzten ihm aus den Augen.

In dem Briefe lag ein Faden, mit Mühe zog er ihn aus dem Umschlag, in dem er sich verloren hatte. Was war das? Eine Saite, eine Violinsaite. Von wem rührte sie her? Wie war er dazu gekommen? Atemlos las er die Nachschrift seines Briefes. Da kam die Erklärung.

»Ich sende Dir, Liebste, diese Saite, die mir heute gesprungen ist, als ich bei einer schönen Passage an Dich dachte!«

Er zitterte etwas, als er diese Zeilen zum zweiten Male überlas; nur etwas zitterte er. Er hielt sich die volle Hand vor den Mund, als wollte er etwas verbergen.

Er sprang auf und schlug sich vor die Stirn. Wie hatte er das Schicksal so versuchen können? Kannte er nicht von Jugend an, von dem düsteren Vater her die geheimnisvollen Anzeigen und Warnungen in der Umgebung des Menschen?

Der Geliebten eine gesprungene Saite zu senden, welche Torheit, welche Verwegenheit, die nur ihm hatte widerfahren können! Nun wußte er ja, weshalb sein Glück gesprungen war.

Er legte auch diese Briefe wieder sorgfältig zusammen, schob das duftende Kästchen hinein und verschloß es mit dem Drahtschlüssel.

Er verspürte nun keine Lust weiter, Geheimnisse zu enthüllen. Er wurde ruhiger.

Obwohl er sich damit beschäftigte, die gestörte Wohnung in Ordnung zu bringen, um die Spuren seiner Anwesenheit zu verbergen, hatte er das Hastige in seinen Bewegungen verloren.

Was er tat, ging ganz mechanisch vor sich. Es war aber alles sehr zweckmäßig. Er vergaß bei seinen Aufräumungsarbeiten selbst Kleinigkeiten nicht. Aber in Gedanken war er ganz wo anders. Er schien ein doppeltes Bewußtsein zu haben.

Unter den Noten im Salon lag ein Geigenkasten. Er hatte ihn schon heute morgen flüchtig gesehen. Er versuchte ihn, er war nicht verschlossen. Er nahm Geige und Bogen heraus.

Sie war eine Stradivari, gezeichnet von Francesko Stradivari mit der Jahreszahl 1743. Er versuchte am Flügel, ob sie gestimmt war. Sie klang ziemlich rein, er stimmte sie.

Dann verlöschte er das Licht, klappte die Jalousie auf, um den hellen Schein vom Abendhimmel hereinleuchten zu lassen, und spielte.

Er spielte ohne Noten, spielte, was er gerade auswendig konnte, was er sonst im Kopfe, noch mehr im Herzen hatte.

Es war ein wunderliches Konzert dieses Solisten in der einsamen Wohnung.

Er hatte das deutliche Bewußtsein, daß es sehr unvorsichtig war, unter den Umständen, die ihn hierhergeführt hatten, in diesen Räumen, diesem Hause zu spielen, so laut, so klagend, so durchdringend zu spielen, so ohne jede Unterbrechung, ohne zu enden.

Wenn jemand vorüberging, der die Familie Argobast abwesend wußte, und nicht gerade an einen Geisterbesuch glaubte, der in dem verlassenen musikalischen Hause verwehte Klänge wachrief, so konnte ihm die Musik, seine eigene Musik zur Verräterin werden!

Ihm war es gleichviel! Es sollte nur jemand hören und Lärm schlagen! Man sollte Polizei holen und eindringen! Er würde nicht aufhören, sondern lauter und voller spielen. Es sollte ein Ereignis werden. Mit Violine und Bogen wollte er sie empfangen und ihnen sagen: »Wißt ihr, was eine zersprungene Saite zu bedeuten hat?« Hier wollte er gefunden werden, zum Diebe, zum Einbrecher sollte ihn keiner machen!

Einen Augenblick hatte er bei diesen lebhaften Gedanken, um sie ganz zu Ende zu denken, den Bogen abgesetzt. Unter den Fenstern knarrte in der Abendstille eine Tür. Er schaute hinab. Es war der Wächter der Schließgesellschaft, wie gestern abend um dieselbe Zeit, da er selber übergestiegen war.

Der Wächter blieb gleich am Eingange stehen und sah zu dem Fenster herauf. Er lauschte. Er legte die hohle Hand an das Ohr. Dann schüttelte er den Kopf und begann seinen Rundgang.

Robert Erkelenz, weshalb spielst du nicht? Das große Ereignis ist da! Weshalb entsinkt dir die Stradivari, hängt dir der Bogen schlaff herab? So klein, so willenlos ist der Mensch? So leicht verscheuchen nüchterne Tatsachen die kühnsten Gedanken?

Der Wächter ging leise auf den Kieswegen dahin. Er klinkte die Haupttüre. Erkelenz erschrak. Dann ging er um das Hans und versuchte die Hintertüre.

Erkelenz trat in das Schlafzimmer und verfolgte seine Schritte. Er lief im Garten ein ganzes Stück ab. Dabei sah er häufig herauf. Eine Weile setzte er sich auf eine Bank und horchte. Plötzlich stieg er von der Bank in die Äste des Baumes hinauf; behend, lautlos. Er stand fast in der Höhe des ersten Stockes. Erkelenz konnte ihm ins Gesicht sehen. Der Mann hatte Augen wie ein Luchs.

Wenige Meter von ihm, aber im Schutze des Hauses, stand der Eindringling. Er hielt noch die Geige am Kinne, den Bogen in der Hand, er setzte ihn auf. Es gelüstete ihn, den Wächter zu närren. Einige Streiche nur – die Nacht war ganz still. Der Schließer war wieder herabgekrochen. Wie er gekommen war, verließ er das Grundstück.

Erkelenz hatte die Stradivari in den Kasten zurückgelegt. Er schämte sich, noch auf ihr weiter zu spielen.

Seine Stunde war gekommen, das Haus zu verlassen. Morgen frühzeitig mußte er wieder bei der Arbeit sein, der Schubnell hatte er vorgegeben, eine Wanderung in das Rheingebirge zu machen.

Und doch konnte er sich noch nicht trennen. Er sah nach der Uhr. Einige Stunden konnte er noch zugeben. Da es Sonntag war, blieben die Wege belebter. Wenn er gegen drei Uhr entschlüpfte, waren die Umstände günstiger.

Er hatte jegliche Unordnung beseitigt. Im übrigen nahm er sich gleich heute vor, über acht oder vierzehn Tagen noch einmal wiederzukommen.

Von den wunderlichsten Gefühlen und Gedanken erfüllt, legte er sich bis zu seinem verstohlenen Aufbruche auf einen Diwan.

Die Augen fielen ihm wiederholt zu, aber er schlief nicht dauernd ein. Sein Gehirn war wie von Fieberträumen erhitzt, darin allerlei spukhafte Gestalten, Ungeheuer und schöne Frauen, durcheinanderwirbelten.


Achtzehntes Kapitel

In einer kleineren schlesischen Stadt, nahe der russischen Grenze, stand in einer Seitenstraße ein älteres gelbliches Haus. Über dem Geschäftsladen, der sich im Erdgeschoß befand, las man in frischgemalten Buchstaben: »Nikolaus Kurstosch, Messerschmied«. Im Schaufenster lagen Scheren und Messer aller Art mit schön geschliffenen, blanken, haarscharfen Klingen, in denen sich die Strahlen der hellen Herbstsonne lustig spiegelten.

Die beiden Stufen hinauf zur Ladentüre stieg jetzt ein wohlbeleibter uniformierter Mann mit klirrendem Schleppsäbel und betrat den Geschäftsraum, der leer war.

Der schellende Ton der Ladenklingel war in den Hinterräumen vernehmbar, aus denen nach einigen Augenblicken ein kleiner Fünfziger mit ergrauendem Haar hervorkam, der, sich die Hände reibend, angesichts des Besuchers etwas stutzte. Dann zog er den Kopf etwas ein und fragte: »Herr Wachtmeister Krusebaum – womit kann ich dienen?«

»Hören Sie mal, Meister Kurstosch«, begann der Beamte, sich räuspernd, »ich habe eine Sache mit Ihnen zu besprechen.«

»Ist etwas passiert?« fragte der Kleine, indem er seine Augen auf den Polizisten richtete. »Soll ich ein Gutachten – ?«

»Nein, Meister, es handelt sich um etwas anderes« lenkte Krusebaum ab und fuhr dann fort: »Sagen Sie mal, Sie sind doch früher am Rhein gewesen – in der Nähe von – von – «

Dabei nannte der Beamte den Namen einer Stadt in der Rheingegend.

Kurstosch schüttelte den Kopf. »Da bin ich niemals gewesen« und rieb wieder seine Hände.

»Denken Sie mal nach, Meister. Man irrt sich zu leicht. Es sind seitdem auch Jahre vergangen.«

»Ich habe Gott sei Dank, denke ich, ein sehr gutes Gedächtnis. Weshalb sollte ich so etwas vergessen? Mit keinem Schritte habe ich die Stadt betreten.«

»Das sollten Sie nicht verreden! Auf Ihrer Wanderschaft sind Sie als junger Geselle durchgekommen.«

Kurstosch sah ihn an. »Wenn Sie's so meinen, Herr Wachtmeister – als Fechtbruder hat man allerdings manche Stadt gesehen, deren Namen man begreiflicherweise vergessen hat.«

Der Mann war hinter den Ladentisch getreten, der Beamte lehnte sich darüber, machte ein merkwürdiges Gesicht und sagte vorläufig gar nichts.

Da kam auch schon ein Störenfried. Die Ladentür öffnete sich, und ein Mann aus den arbeitenden Kreisen trat herein.

Der Polizeimann kehrte der Ladentafel den Rücken und sah sich die Auslagen im Glasschranke an.

»Was steht Ihnen zu Diensten – Herr?« hatte sich der Messerschmied an den Kunden gewendet.

»Ich möchte – ich hätte gern – « stotterte mit halb nach hinten gewendeten Blicken der Arbeiter. »Ich könnte auch wiederkommen, ich habe noch einen kleinen Weg zu machen.«

Krusebaum warf von der Seite einen Blick auf den zaghaften Käufer.

»Ob Sie Rasierseife haben, wollte ich fragen« brachte der Stotterer endlich sehr schnell heraus.

»Bedaure, die führe ich nicht.«

»Dann entschuldigen Sie«. Wie der Teufel war der Kunde zum Laden hinaus.

»Wer weiß, was der kaufen wollte« sagte der Beamte mit einem Blick nach der Türe.

»Herr Wachtmeister!«

»So muß unsereiner immer denken – – war das nicht Maximilian Paulikat?«

»Ich kenne den Mann nicht.«

»Also bleiben wir bei unserer eigenen Angelegenheit« lenkte der Beamte ein.

»Meister Kurstosch, ich sag's Ihnen auf den Kopf zu – Sie waren tatsächlich wochenlang in der Stadt.«

»Das ist dummes Zeug« lautete die verdrießliche Antwort.

»Sie lobten vorhin Ihr gutes Gedächtnis! Da denken Sie mal nach. Gewisse Dinge vergißt der Mensch nie. Was zum Beispiel? Fällt Ihnen nichts ein? Sie saßen ja dort im Gefängnisse.« Der Beamte erklärte das etwas gereizt.

»Ich? Im Gefängnisse?« sprühte der Kleine fast Feuer. »Das wagen Sie mir zu sagen? Hier in meinem eigenen Laden?« Der Mann wurde glutrot und fuchtelte mit den Händen.

»Das haben Sie wirklich vergessen? Davon wollen Sie gar nichts mehr wissen? Und waren wegen Mordes angeklagt?« zischelte Krusebaum.

Der Kleine schlug mit der geballten Faust auf den Ladentisch. »Ich angeklagt? Ich ein Mörder? Ist das schon dagewesen?«

Aus dem Hinterraum trat, durch das lebhafte Gespräch aufmerksam gemacht, eine kräftige Frau mit energischen Gesichtszügen und stemmte die fleischigen Arme ein. »Wer ist ein Mörder?« fragte sie mit funkelnden Augen in ihrer tiefen Stimme.

»Hältst du's für möglich, Jule?« schrie der Meister und wollte sich ausschütten vor spöttischem Lachen. »Ich bin angeklagt gewesen – ich bin ein Mörder – ich, der ich in Mordsachen als Sachverständiger gehört werde – und laufe seit Jahrzehnten frei herum – wir haben uns geheiratet – wir haben vier Jungen und drei Mädel gehabt – und habe den Kopf noch auf meinem Genick.«

»Mörder, Herr Wachtmeister?« schnarrte die Frau in dem schlumpigen Kleide mit dem starken Busen.

»Wollen Sie mich auch mal reden lassen?« fuhr jetzt Krusebaum barsch dazwischen. »Wer hat gesagt Mörder? Freigesprochen worden sind Sie – damit Sie's wissen«.

»Freigesprochen? Ich danke für das Glück und die Ehre – Jule, ich freigesprochen – seh' ich so aus?«

»Aber angeklagt waren Sie – wegen Mordes – wegen Raubmordes.«

»Raubmord? Immer besser.« Der Kleine fing vor Erregung hinter der Ladentafel zu tänzeln an.

»In Untersuchungshaft haben Sie gesessen – jawohl, wir wissen das – vor dem Schwurgerichte haben Sie gestanden – freigesprochen wurden Sie – wir wissen alles – wegen mangelnden Beweises.«

»Was heißt das: wegen mangelnden Beweises?« fragte die Frau mit durchdringendem Blick und Grabesstimme.«

Meisterin Kurstosch, das heißt – zur Verurteilung hat's nicht ganz gelangt. Lassen Sie mich endlich zu Worte kommen! Jawohl, ich frage im dienstlichen Auftrage der Staatsanwaltschaft.«

Die Meisterin schrie auf: »Nikolaus, sie wollen dich holen.« Dabei trat sie wie zum Schutze vor ihren Mann, von dem kaum etwas zu sehen blieb.

Ein junger, langaufgeschossener Mensch mit blassem Gesicht stürzte herein.

Der Beamte stellte sich breitbeinig hin. »Jetzt reißt mir die Geduld! Die ganze Familie stürzt herbei. Und ich habe nur eine einfache Befragung! Jetzt mache ich Ernst, Leute!«

Er besann sich aber, wurde, während er im Laden auf und ab ging, ruhiger und sagte dann: »Ich will Ihnen noch etwas ins Gedächtnis zurückrufen, Meister – Sie waren angeklagt, einen Handwerksburschen, mit dem Sie auf der Walze waren und der unvorsichtigerweise einen Hundertmarkschein hatte sehen lassen, erstochen – richtig erstochen – totgestochen zu haben.«

»Hast du schon mal gehört, Jule, daß ein armer Handwerksbursche auf der Walze einen Hundertmarkschein bei sich hatte?« wieherte der Meister.

»Das muß ein Prinz gewesen sein – ein richtiger Märchenprinz« höhnte sie in des Basses Grundgewalt zurück.

»Sieben Stiche – tief – zweie ins Herz«, berichtete Krusebaum weiter, ohne sich irremachen zu lassen, »mit einem scharfen Messer – wie – wie sie hier zu Dutzenden liegen – hier in Ihrem Laden – so hab' ich's schriftlich – verstanden?«

Dabei zog er ein großes Schriftstück aus seiner Tasche und entfaltete es.

»Wie können Sie mich vor Weib und Kind, die nichts davon wissen, zum Mörder machen?« fragte Kurstosch, sich die Hände, als wüsche er sie, fortgesetzt nervös reibend. »Meinen Sie vielleicht, weil ich Messerschmied bin, weil in meinem Laden alles sticht und funkelt, weil ich mit den scharfen Dingen täglich hantiere und an ihnen meine Freude habe? Soll das etwa im Berufe stecken? Wozu machen Sie dann den Fleischer Gabrovski? und den Doktor Ludgen, der den Leuten die Beine absägt?«

Der Polizist wußte nicht, was er zu diesem närrischen Zeug sagen sollte.

»Ich wiederhole Ihnen, Ihr Schriftstück lügt – ich bin kein Mörder – ich bin niemals angeklagt gewesen – und erst recht nicht freigesprochen worden.«

Hinter der Türe, die aus dem Laden nach dem Hausflur führte, war ein Geräusch vernehmlich. »Da können Sie Gift darauf nehmen, Herr Wachtmeister«, sagte eine heisere Stimme, »Meister Kurstosch ist kein Raubmörder.«

Die Familie Kurstosch erbleichte, während sich schwere Tritte schleppend entfernten.

»Das war Wendelin Söll!« flüsterte die Frau. »Nun weiß es das Haus, nun weiß es die ganze Straße.«

Der Wachtmeister zuckte die Achseln. »Meine Schuld ist das nicht.«

»Um guten Ruf, um Kundschaft, um alles gebracht – in einer Viertelstunde – im eigenen Laden«, keuchte der Kleine, »durch eine Lüge – das sollen Sie mir büßen – ich verlange Genugtuung.«

»Drohung! Wißt ihr, was das heißt, Leute? Das ist Widerstand gegen die Staatsgewalt!« donnerte Krusebaum, so daß alle erschraken und zurücktaumelten. »Ich bereue, daß ich hierhergekommen bin, um die Sache zu erleichtern, um kein Aufsehen zu machen. Das ist nun vorbei. Jetzt folgen Sie mir zur Polizeiwache.«

»Mit keinem Schritt!« schrie der Messerschmied, sich hinter seine Ladentafel zurückziehend.

»Seid ihr alle des Teufels? Habt ihr den Kopf verloren? Begreift ihr, was daraus wird, wenn mir die Geduld reißt?« Dann lenkte er zum letzten Male ein. »Seien Sie vernünftig, Meister, das ist mein letztes Wort. Schicken Sie Ihre Leute hinaus. Die haben damit nichts zu schaffen. Dann wollen wir uns als Männer ruhig unterhalten. Um weiter handelt es sich nicht. Das konnte längst geschehen sein. Verstanden? Wer will Ihnen ein Haar krümmen? Kein Mensch! Habe ich so was gesagt?«

»Also gut – wir wollen zusammen reden – wir Männer unter uns – ruhig – vernünftig – ihr anderen geht hinaus – vorwärts – macht keine Umstände.« Der Meister war sichtlich verändert.

Mutter und Sohn machten trotzige Mienen und wollten nicht weichen.

»Wer hat euch überhaupt gerufen? Kein Mensch! Mischt euch nicht in meine Angelegenheiten – was kümmert's euch, ob ich freigesprochen worden bin? Damals war ich noch ledig – verstanden?«

Der blonde Kasimir sah seine Mutter fragend an; diese runzelte zwar die Stirn, zog sich aber doch schließlich unter einigen kaum mißzuverstehenden Verwünschungen zurück. Der Meister schloß hinter ihnen energisch die Tür.

Der Wachtmeister nahm einen anderen, gutmütigen Ton an und fragte: »Nun hören Sie mal in Ruhe zu, Meister! Wir haben da recht dummes Zeug gemacht. Beantworten Sie mir ein paar Fragen. Damit ist alles erledigt. Heißen Sie nicht Johannes Eugen Nikolaus Kurstosch?«

Der Meister rieb sich schon wieder die Hände und sagte: »Die Reihenfolge stimmt nicht: Eugen Nikolaus Johannes muß es heißen.«

Der Beamte sah ihn an. »Der Rufname wäre Johannes? Da stände doch in Ihrem Firmenschilde ein falscher Name?«

Der Meister kniff die Augen zusammen.

»Geboren sind Sie am sechzehnten April 1857 in Magdeburg?«

»Bitte siebzehnten April 1856, Herr Wachtmeister.«

Krusebaum stutzte und zog sein Taschenbuch. »Sechzehnten April 1857 – Donnerwetter – ich habe selber nachgesehen – so stehen Sie in unserem Register.«

Der andere lachte fast listig.

»Der am sechzehnten April 1857 in Magdeburg geborene Johannes Eugen Nikolaus Kurstosch wird im Polizeiblatt als Zeuge gesucht.«

»Als Zeuge?« fragte der Messerschmied überrascht. »Wirklich als Zeuge? Nur als Zeuge? Sie sagten doch als Mörder – als Raubmörder?«

»Ist mir nicht eingefallen.« Er hielt ihm ein gedrucktes Blatt in kleinem Format hin. Er las es ihm vor. Er las es dann selber, sogar zweimal.

Kurstosch kratzte sich hinter den Ohren.

»Vielleicht ist Ihr Firmenschild doch nicht unrichtig, Meister« meinte Krusebaum gemütlich.

»Es könnte am Ende sein« sagte er verlegen.

»Und sechzehnter April?«

»1857 – fragten Sie so?«

Einen Augenblick dachte er nach. »Ich besinne mich eben. Wenn Sie wüßten, wie das zugeht. Manchmal kann ich den merkwürdigen Gedanken nicht loswerden, daß ich nicht am sechzehnten April 1857, sondern am siebzehnten April 1856 geboren bin. Ist manchmal sozusagen eine fixe Idee von mir – ich muß es mir immer vorsprechen – das heißt falsch – verstehen Sie? – so lange sage ich es mir her, bis ich das Richtige vergessen habe – ganz vergessen – und das Falsche glaube. Der Teufel plagt mich förmlich dabei. Dann bilde ich mir fest und steif ein – können Sie begreifen, Herr Krusebaum?«

Diese Auseinandersetzung begleitete Kurstosch mit Mienen und Gebärden, so daß dem Beamten etwas unheimlich zumute wurde.

»Ach ja, es kommen merkwürdige Verwechslungen vor. – Also dann sind Sie aber auch der Gesuchte, Meister!«

»Der Zeuge? Der Zeuge!«

»Jetzt der Zeuge – der Freigesprochene.«

»Und wer sucht mich als Zeugen, gegen wen?« wich Kurstosch schon wieder aus.

»Der Staatsanwalt – gegen den wirklichen Mörder und Räuber.«

»Gegen den wirklichen?« fragte Kurstosch mißtrauisch, am Fingernagel kauend.

»Wer ist das? Wie heißt er?«

»Das weiß man noch nicht.«

»Aha!« rief Kurstosch, einen Schritt zurücktretend.

»Es sind ja Ihre eigenen Angaben. Als wirklichen Raubmörder haben Sie damals den Handwerksburschen aus Goslar bezeichnet, der mit Ihnen und dem Ermordeten einige Tage auf der Walze gewesen war.«

»Ich? Als wirklichen Raubmörder – aus Goslar?« fragte Kurstosch mit starren Augen.

»Es wird Ihnen vorgelesen werden – aus den Akten.«

»Vorgelesen? Mir? Aus den Akten? Die Akten sind noch vorhanden? Wer hebt die so lange auf?«

»Der Staatsanwalt.«

Der kleine atmete schwer. »Und wer gräbt diese Sachen wieder aus?«

»Der Staatsanwalt.«

»Immer der Staatsanwalt?«

»Man hat eine Spur vom wirklichen Täter.«

»So? Hat man? Nach fünfundzwanzig Jahren? Das ist ja eine schnelle Justiz, die uns Gott der Herr erhalten möge – in Ewigkeit – Amen.«

Nikolaus Kurstosch war ganz fahl geworden. Seine Hände zitterten, als er sie rieb und fortfuhr: »Und wenn man den wirklichen Mörder wieder nicht findet, habe ich dann nicht zu gewärtigen, daß man auf mich erneut zurückkommt?«

»Das glaube ich nicht« erklärte Krusebaum etwas unvorsichtig.

»Glauben Sie nicht? Weitere Sicherheit können Sie mir nicht geben? Herr Krusebaum – ich bin ein ehrlicher Mann – was ich Ihnen vorhin sagte wegen der Vornamen und des Geburtstages – so wird man, Herr Wachtmeister – ich sage Ihnen, so wird man – wider seinen eigenen Willen – die Gedanken sichern sich einen Versteck – sage ich Ihnen – «

Der Wachtmeister war über den Eindruck, den der Mann machte, überrascht.

»Weshalb haben Sie das nicht gleich gesagt – alles wäre erspart geblieben!«

Kurstosch wackelte mit dem Kopf. »Das kann ich nicht, Herr Wachtmeister – ich kann mich vor Frau und Sohn nicht zum Raubmörder machen lassen – nun ist's doch geschehen. Was ich fünfundzwanzig Jahre lang mit mir herumgeschleppt, worüber ich nie mit einem Menschen ein Sterbenswörtlein gesprochen habe, was ich in meinem Gehirn gewaltsam auszutilgen versuchte, was ich künstlich in meiner Erinnerung – Sie hörten ja – zu verfälschen unternahm – «

Der Wachtmeister faßte ihn beruhigend am Arm.

»Nein – das wissen Sie nicht – das muß ich Ihnen auseinandersetzen – was wißt ihr Polizeimenschen von der Menschenseele? Fünfundzwanzig Jahre – es war im Juli – habe ich nun in der Furcht gelebt, daß ein Tag kommen könnte wie heute. Und nun gerade ganz schlimm, sehr schlimm – Weib und Kind haben's gehört.«

»Die glauben doch nicht daran, Meister – die sind von Ihrer Unschuld felsenfest überzeugt.«

Der Kleine legte den Finger auf den Mund und fuhr leise fort: »Pst! Nicht so laut! Die glauben nicht daran, sagen Sie? Wer kann das wissen? Kennen sich Eheleute so genau? Meine Frau hat mich im Traum oft ächzen und schreien hören – wenn ich im Schlafe wieder vor den Geschworenen stand – wenn sie sich von meiner Unschuld nicht überzeugen lassen wollten – und dem Sohne sagt die Mutter im übereilten Zorn manches, worüber er später sich den Kopf zerbricht – das sind so tiefe Bedenklichkeiten.«

Er hatte starre Augen, als er das in flüsterndem Tone gesagt hatte, und fuhr fort: »Wie will ich armer Mensch sie von meiner Unschuld überzeugen? Ich vermöcht's nicht – wenn sie mir ins Gesicht sähen – verdächtige Glutröte übergießt mich – jawohl! – obwohl ich unschuldig bin, schon im bloßen Gedanken – verstehen Sie? – , daß sie's nicht glauben – kennen Sie das?«

»Also preisen Sie sich doch glücklich, daß Gelegenheit gegeben werden soll, Ihre Unschuld zu erweisen, wenn der wirkliche Täter ermittelt wird – jetzt soll Licht in das Dunkel kommen.«

»Licht in das Dunkel? Wer bringt das? Die Justiz? Das glaube ich nicht. Das kann nie geschehen – ich kann mich dessen nicht freuen – da müßte ich erst die näheren Umstände wissen – die jetzt den Stein wieder ins Rollen bringen sollen. Das gefällt mir nicht. Ich habe eine geheime Furcht. Ich habe kein Glück, Herr Wachtmeister. Ich habe kein Glück und bin doch unschuldig.«

Er richtete sich wild auf. »Wachtmeister Krusebaum, ich bin unschuldig!« rief er laut. »Ich bitte mir aus, daß Sie mir's glauben. Sie müssen mir's glauben! Verstehen Sie mich?«

»Ich glaub's schon!« begütigte der Polizist.

Bimbim! schellte die Ladenklingel. Auf den Stufen kamen schwere Schritte herauf. Der Polier Maximilian Paulikat stand wieder im Laden, er schwitzte, sein Gesicht war über und über rot, seine Augen hatten einen unheimlichen Glanz.

Er ging, ohne den ganz hinten stehenden Wachtmeister zu bemerken, mit zutraulichem Grinsen auf Kurstosch zu, der einen Schritt zurücktrat und ihn anschrie: »Was willst du von mir? Weshalb kommst du zum zweiten Male? Was grinst du mich an? Ich habe keine Mordinstrumente zu verkaufen, keine – hörst du? – keine, wenn's in meinem Schaufenster auch blitzt und glänzt! Verstanden?«

Der Angesprochene taumelte einige Schritte zurück und wurde nun auch den Polizisten gewahr, der sich aber stellte, als gehe ihn die ganze Sache nichts an.

Paulikat stieß einige Flüche aus, riß die Tür wieder auf und torkelte hinab.

Kurstosch warf die Tür hinter ihm zu und fuhr, an den Wachtmeister gewendet, fort: »Weshalb sehen Sie mich so an? Habe ich nicht recht? Habe ich's nicht richtig gemacht? Habe ich den Mann angelockt, sich bei mir einen Dolch zu kaufen? Habe ich's ihm nicht gehörig gesteckt? Das wendet aber nicht meine Sache zum Bessern. Wo war ich? Was sagte ich Ihnen? Sie wundern sich, Herr Krusebaum, daß ich mich Ihnen so zeige? Gekannt haben Sie mich jedenfalls von dieser Seite noch nicht. Wenn Sie wüßten, wie das gekommen ist! Sie hätten mich früher kennen sollen! Ich war ein frischer, lebenslustiger Bursche; ich hatte Mut und hoffte es zu etwas zu bringen. Da kam mir gleich zu Anfang diese Geschichte in die Quere. So in der schönsten Jugend, da man die erste Ausschau hält. Nun kaue ich fünfundzwanzig Jahre daran, immer wieder – «

»Sie sehen zu schwarz, Meister.«

»Ich bin mißtrauisch geworden, kleinlich, klein, ich muß gebückt gehen, wo ich aufrecht stehen sollte, ich habe schmeicheln und heucheln, lügen und leugnen gelernt – gelernt! Früher konnte ich das nicht.«

»Brauchten Sie auch nicht.«

»Wer in der steten Furcht, von neuem gezeichnet zu werden, geduckt gehen muß, der wird giftig und bösartig! Alles, was in der Natur und im Leben geduckt geht und schleicht, ist bösartig, Herr Wachtmeister! Merken Sie sich das. Ich hätte in der Gemeinde an die Öffentlichkeit treten können – ich hatte das Zeug dazu. Eine innere Scheu hielt mich ab. Ich dachte, es könne sich rächen und die Vergangenheit wachrufen. Ich wollte sie so gern schlafen lassen. Und nun bin ich klein, kleinlich, geduckt bin ich geblieben, und ein dunkles Schicksal zerrt die Vergangenheit doch wieder ins Licht.«

»Aber vielleicht zu Ihrem Besten, Meister.«

Der Kleine hörte gar nicht mehr auf diese Einwürfe. »Ich will mich nicht rühmen, will mich nicht besser machen, als ich bin – wer kann für seine Gedanken? Dafür hab' ich's hingenommen – als Strafe für etwas anderes, Ungesühntes – Unsühnbares – nur im Glauben an solche Stellvertretung könnt' ich's überhaupt tragen – sonst wäre ich längst zusammen gebrochen – der Gedanke an diese Stellvertretung kann vor Wahnsinn schützen – glauben Sie mir's – so, nun bin ich zu Ende – nun kennen Sie mich ganz – jetzt will ich von mir selber still sein – was haben Sie mir noch zu sagen?«

Der Wachtmeister stand vor ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Ich habe alles mit angehört, was Sie gesagt haben, Meister Kurstosch, und hab's in meinem dummen Schädel, glaub' ich, auch einigermaßen begriffen. Sie unterschätzen uns Polizeileute, wenn Sie uns so etwas nicht zutrauen. Es steht nicht im Gesetz und in unserer Instruktion, daß wir uns auf solche Sachen einlassen, aber wir sind auch Menschen und wissen was davon. Reden wir also noch zwei vernünftige Worte zusammen – beantworten Sie mir einige Fragen – kennen Sie den Mann hier auf dem Bilde? Ich hätte es Ihnen gleich zeigen sollen.«

Dabei langte Krusebaum eine verblichene altmodische Photographie aus seinem Taschenbuche vor.

Kurstosch starrte sie an, fuhr ein Stück zurück und sagte: »Nein, den Mann kenne ich nicht, ich habe diesen Mann nie gesehen. – Wie kommen Sie zu der Photographie?«

»Der Staatsanwalt schickt sie uns.«

»Schon wieder der Staatsanwalt? Wer ist dieser Mann, der alles tut und kann?«

»Ich soll sie Ihnen vorlegen – ob Sie darin etwa Ihren Walzbruder vor fünfundzwanzig Jahren wiedererkennen.«

»Wiedererkennen? Wer hat das Bild dem Staatsanwalt gegeben?«

»Das weiß ich nicht. Aber sehen Sie, es ist in Goslar gemacht – Sie haben doch damals selbst angegeben, daß Ihr Reisegefährte aus Goslar stammt.«

Der Wachtmeister verglich, vielleicht unwillkürlich, die Photographie mit Kurstoschs eigenen Zügen.

Der Messerschmied sah das und sagte schnell: »Sehe ich dem Manne etwa ähnlich? Finden Sie das? Wollen Sie das etwa berichten? Ich war nie in Goslar, glauben Sie mir's, ich habe mich nie in Goslar photographieren lassen.«

»Das behauptet ja kein Mensch.«

»Wenn ich diesen Mann nicht wiedererkenne – und ich vermag's nicht – , dann wird man argwöhnen – , ja gewiß, ich sehe es kommen – , daß mich selber das Bild darstellt – mich selber! So wird's heißen – in der Jugend sehen sich viele ähnlich. Was wird nun geschehen? Was wird dieser allmächtige Staatsanwalt tun?«

»Ja – er will sich an Sie halten.«

»An mich?«

»Auf Grund neuer Beweismittel.«

»Neue Beweismittel? Wo kommen die plötzlich her?«

»Ich weiß nicht. Aber eins fällt mir eben ein. Ein besonders auffälliges Erkennungszeichen haben Sie damals selber ausdrücklich angegeben.«

»Welches Erkennungszeichen? Wer soll es gehabt haben?«

»Der Walzbruder aus Goslar. Auf seiner Brust soll er eine Tätowierung getragen haben – eine sehr merkwürdige – eine Flamme – entsinnen Sie sich nicht?«

»Eine Flamme? Ich weiß von keiner Flamme – ich weiß nichts – gar nichts.« Der Meister blickte ins Leere.

»Das wird dem Staatsanwalt sehr unangenehm sein. Das kann ich Ihnen sagen. Sie müssen in Ruhe darüber nachdenken, Meister. Heute sind Sie zu aufgeregt. Ich merke, ich habe Sie erschreckt. Der Mensch macht eben seine Fehler. Das nächste Mal geht die Sache gewiß besser. Da vergehen noch Tage. Sie werden ganz eingehend als Zeuge verhört werden – machen Sie sich darauf gefaßt.«

»Als Zeuge? Ich weigere mich.«

»Sie können gezwungen werden.«

»Ich weigere mich!«

Mit einem katzenartigen Satz war Kurstosch an dem Polizeibeamten vorüber, hatte im Sprunge seine an einem Haken hängende Mütze erfaßt und stürzte wie ein Flüchtiger, wie ein Verfolgter durch die nach dem Hausflur führende Tür hinaus und auf die Straße.

Kopfschüttelnd folgte ihm der Wachtmeister und dachte über diese so gänzlich verfehlte und ergebnislose Amtshandlung nach.


Neunzehntes Kapitel

Die schönen Wochen gingen bei günstigem Wetter im Engadin zu Ende. Man näherte sich Mitte September.

Den Abschluß des Aufenthaltes bildete ein Ausflug von Maloja über Chiavenna nach dem Comer See.

Ottilie war noch nie in Italien gewesen, auch Ottokar kannte die oberitalienischen Seen noch nicht. Da das junge Paar seine Hochzeitsreise nach Rom und Neapel machen sollte, wollte ihnen Argobast, der solche Einfälle liebte, von der diesjährigen Schweizreise einen Blick in das gelobte Land, wie er sagte, voraus gewähren.

Die Fahrt bis Chiavenna wurde mittels Zweispänners zurückgelegt. Man fuhr die zwölf Kehren der alten Straße über den zweihundertfünfzig Meter hohen Absturz hinunter und danach durch die großartige Landschaft des Bergeller Tales mit seinen Wasserfällen und Saumpfaden. Immer sichtbarer wurde der Übergang aus dem Schweizerlande nach Italien.

Die jungen Leute genossen das für sie gewissermaßen Symbolische dieses reizvollen Überganges mit vollen Zügen und richteten ihre sehnsuchtsvollen Blicke in die unbekannte, immer südlichere Ferne, wo sie in wenigen Monaten als jungvermähltes Paar weilen sollten.

Auf Ottiliens Nerven hatte die starke Höhenluft eine außerordentlich günstige Wirkung gehabt; sie war entzückend frisch und munter, voller Liebenswürdigkeit und Schalkhaftigkeit.

Papa Argobast hatte sich noch den besonderen Dank des Paares verdient, indem er seinem Versprechen gemäß die Schlafzimmerausstattung aus Arvenholz dem weitbekannten Tischler Maurizio, einem geschickten Schweizer in Sils, in Auftrag gegeben hatte.

Frau Hilde entwarf unter dem Beifall des Brautpaares jedes einzelne Möbelstück in einer Zeichnung mit allen Verzierungen und Maßen, und der Tischler hatte schon an einigen Proben erwiesen, daß er hiernach ausgezeichnet zu arbeiten verstand.

Noch mehr als an dem lieblichen Comer See, wo man die Gebirgskette im Norden gleich einem überwältigenden Hintergrunde des Naturtheaters bewunderte, gewannen die jungen Leute, ehe die Rückfahrt über den Brenner angetreten wurde, an dem Luganer See einen Begriff von der italienischen Landschaft.

Hier sahen sie zum erstenmal die große eigenartige Linienführung der einförmig bewaldeten Uferhöhen, die in ihrer Einfachheit und Natürlichkeit die klassische Landschaft umriß, welche, von einer glücklichen Sonne beleuchtet, den Kunststil, der sie belebte, erst hervorgezaubert hat.

Hier sah man auch bei einem leichten Gewitter eine seltsame Naturerscheinung.

Einer der ersten Blitze, der zur Erde herabschlug, löste sich in einer Reihe von mehr als zwanzig langsam verglimmenden Leuchtpunkten auf. Dieser Perlenschnurblitz, der zufällig von ihnen allen vom Luganer Hotelgarten am See beobachtet wurde, gewährte einen wundersamen, fast märchenhaften Anblick.

Jeder Zuschauer hatte dabei seine besonderen Betrachtungen und Gedanken. Das junge Paar, das Arm in Arm beobachtete, dachte an die kommende Hochzeit, die der reichen Braut vielleicht ein Perlengeschmeide bringen werde. Frau Hilde erinnerte sich ihrer Bühnenlaufbahn, da sie so oft mit unechten Perlen von der Bühne herab Bewunderung erregt hatte. Argobast hatte im stillen, er wußte selbst nicht, wie es kam, ein altes Sprichwort im Sinne: »Perlen bedeuten Tränen«.

Als nach der Heimkehr der junge Jurist mit frischen Kräften schon seit Wochen wieder im liebgewonnenen Dienste war, ließ ihn eines Tages der Erste Staatsanwalt Treuß zu sich kommen. Vor ihm lag ein dickes, ganz altes Aktenstück aufgeschlagen.

»Ich hätte Gelegenheit«, sagte der Vorgesetzte, »Sie mit einem sehr interessanten, freilich schwierigen Ermittelungsverfahren zu betrauen. Der Fall erfordert reifliche Erwägungen und eine volle Arbeitskraft. Ich weiß, daß Sie strebsam sind, und würdige Ihre Fähigkeiten. Sie kennen aus Ihrer Assessorenzeit meine Grundsätze und Arbeitsmethoden – «

Der ehemalige Assessor verneigte sich.

»Ich komme also sofort zur Sache. Der Vorgang ist folgender. Ich skizziere nur. Im vergangenen Juli vor fünfundzwanzig Jahren wurde draußen vor der Stadt ein gewisser Thomas Wrobel, ein reisender Handwerksbursche aus Seeligenstadt, ermordet und beraubt aufgefunden. Er hatte sieben Stiche im Leibe und in der Brust. Seine silberne Taschenuhr und vor allem ein Hundertmarkschein, den er unvorsichtigerweise hatte sehen lassen, fehlten – «

Treuß blätterte in den Akten und fuhr fort: »Es konnte festgestellt werden, daß er mindestens seit dem Tage vor der Ermordung mit zwei jungen Walzbrüdern gewandert war. Der Messerschmied Nikolaus Kurstosch wurde als der eine dieser Genossen ermittelt, da er zu einer Zeit, da dritte Personen von der Tat noch nichts wußten, gar nichts wissen konnten, – die Leiche war noch nicht entdeckt – , in einer Schankwirtschaft verdächtige Einzelheiten ausplauderte. Sie wissen – ein bekanntes Indiz – «

Custodies stimmte zu.

»Auch sonst machte er sich durch seine Unsicherheit auffällig. Dabei war er im Besitze zwar nicht eines Hundertmarkscheines, aber einer größeren Barsumme in Kassenscheinen und Silber. Über den Erwerb konnte er sich nicht ausweisen, er machte widersprechende Angaben. Ein haarscharfes Messer, an dessen Klinge verdächtige Flecken sichtbar waren, wurde bei ihm gefunden. Durch Zeugen ergab sich, daß er kaum zwei Stunden vor der Tat mit Wrobel allein, also ohne Beisein eines Dritten, in einer anrüchigen Wirtschaft vor der Stadt in der Nähe des Tatortes gesehen worden war. Das wären die wesentlichen Ergebnisse – vielleicht habe ich Kleinigkeiten ausgelassen.«

Der Erste Staatsanwalt schlug die lange, ausführliche Anklage auf.

»Dieser Kurstosch beteuerte seine Unschuld, versuchte nicht ohne erneute Widersprüche die verdächtigen Einzelheiten zu erklären und trat sofort mit der Behauptung auf, daß sein Wandergeselle, also der Dritte im Bunde, der Täter gewesen sein müsse. Von diesem wußte er nur, daß er sich Wolf genannt hatte und aus Goslar gebürtig sein wollte. Ein besonderes Merkmal gab er noch an: Dieser Wolf, der Schlosser gewesen sei, habe eine Flamme auf der Brust als Tätowierung getragen. Die Erörterungen nach diesem angeblichen Wolf in hiesiger Stadt und in Goslar blieben völlig erfolglos. So blieb der Verdacht allein auf Kurstosch sitzen, der ihn auf die Anklagebank vor die Geschworenen führte.«

Treuß hatte das Protokoll über die Hauptverhandlung aufgeschlagen, nannte die Namen des Vorsitzenden, der Beisitzer und des Staatsanwaltes und knüpfte daran persönliche Bemerkungen, daß er sich einzelner dieser Herren aus seiner juristischen Vorbereitungszeit noch erinnere.

»Es folgte die ziemlich dramatische Hauptverhandlung vor dem Schwurgericht. Es geschah, daß am Tage derselben der Gerichtsvorsitzende, der Staatsanwalt und die Geschworenen je eine von derselben ungeschulten Hand geschriebene Zuschrift des Inhalts erhielten, daß nicht Kurstosch der Täter, dieser vielmehr vollständig unschuldig, ja nicht einmal Mitwisser sei. Eine unglückliche Kette von Zufällen, so hieß es in dem Schreiben, belaste Kurstosch nur anscheinend. Ob insbesondere der angebliche Wolf oder wer sonst der Täter sei, wurde nicht gesagt. Die Vorsehung – so lautete es sehr merkwürdig – habe sich vorbehalten, den wirklichen Sachverhalt für immer zu verhüllen. Sie müssen diese Schriftstücke eingehend studieren, Herr Kollege, sie sind, wie Sie schon aus diesen wenigen Andeutungen erkennen, kriminalpsychologisch sehr interessant – «

»Ich habe immer gefunden, Herr Erster Staatsanwalt, daß die alten Strafprozesse häufig viel tieferes psychologisches Interesse boten als heutzutage.«

»Ich weiß doch nicht, Herr Kollege« sagte Treuß nachdenklich. »Hören Sie weiter. Der Briefschreiber beteuerte hoch und heilig die Unschuld des Angeklagten und warnte die Geschworenen mit recht bewegten Worten – Sie werden ja lesen – vor einem entsetzlichen Justizmord. Die Briefe waren in Düsseldorf aufgegeben; der Absender hatte sich sehr stolz »der Wissende« unterschrieben. Die Verhandlung wurde einige Tage ausgesetzt, aber die Ermittelungen in Düsseldorf blieben erfolglos. Statt dessen kamen neue Warnungsbriefe von derselben Hand mit immer eindringlicheren Worten aus Elberfeld. Ob sie nun bei dem Wahrspruche der Geschworenen von Einfluß gewesen sind, wissen wir natürlich nicht, Herr Kollege, aber Kurstosch – das ist die Tatsache – wurde, offenbar aus Mangel an hinreichendem Beweis, freigesprochen. – Das ist die Vorgeschichte, Herr Kollege, nun kommen die Überraschungen aus der Gegenwart – «

Custodies sah mit gespannter Erwartung auf.

»Gestern ist hier mit dem Poststempel Leipzig ein an die Staatsanwaltschaft gerichteter Umschlag mit einer Reihe von Papieren eingegangen – hier liegen sie – «

Treuß entnahm dem Kuvert die Schriftstücke. Er zeigte zunächst ein altes Zeitungsblatt. »Hier haben Sie einen ausführlichen Bericht unseres Anzeigers über die damalige Hauptverhandlung, der auch den Eingang und die Verlesung der anonymen Entlastungsschreiben erwähnt. Nun erfährt man auch, wie Gericht und Staatsanwaltschaft sich dazu gestellt haben. Es ist, als lebte die Verhandlung selbst vor einem auf. Herr Kollege, wir pflegen über die Gerichtsberichterstatter gern die Nase zu rümpfen. Ich lasse mich eines Besseren belehren. Hier im Bericht haben Sie ein Bild, das Sie in den Akten vergeblich suchen.«

Custodies nickte.

»Der Gerichtsberichterstatter schreibt doch in seiner Art eine gewisse Rechtsgeschichte! – Aber weiter. Dieser Verhandlungsbericht – also in der alten Zeitung – ist nun am Rande mit einer ganzen Reihe von Notizen versehen, welche verschiedene Tatumstände des Vorganges richtigzustellen suchen. Man gewinnt den Eindruck, daß diese Korrekturen tatsächlich ein Wissender vorgenommen hat. Auch ähnelt die Tintenschrift auf dem Zeitungspapier der Handschrift des Anonymus vor fünfundzwanzig Jahren. Ganz auffällig ist aber diese Handschrift auf zwei anderen mitgeschickten Briefbogen, die sich meiner Ansicht nach ohne weiteres als Entwürfe oder aus irgend welchem Grunde sonst nicht zu Ende geschriebene Mitteilungen des Anonymus an die damaligen Gerichtspersonen darstellen – vergleichen Sie, bitte.«

Treuß legte die Schriftstücke dicht nebeneinander und zeigte die Ähnlichkeit der ziemlich großen Schriftzüge, die ohne jede Kunst und Wissenschaft auch der gebildete Laie für gleichartig halten mußte.

Auch Custodies hegte kaum einen Zweifel.

»Es hat sich also jemand«, erklärte der Vorgesetzte, »diese Papiere – das erscheint auffällig und wunderbar – aus jener Zeit bis jetzt aufgehoben – verstehen Sie?«

Die Briefbogen zeigten dieselbe Größe und wenigstens auf den ersten Blick auch dasselbe Papier. Der Wortlaut war bis auf einige Kleinigkeiten, deren Abänderung wahrscheinlich zur Wiederholung auf einem anderen Briefbogen geführt hatte, derselbe. Das vergilbte Aussehen der Tinte ließ mit einiger Sicherheit auf die Gleichzeitigkeit der Niederschriften schließen.

»Und endlich enthält unsere neueste Sendung ohne jedes Begleitschreiben, das überhaupt fehlt, diese Photographie.«

Treuß legte sie vor. Ein altmodisches Bild, Visitenkartenformat, das einen jungen Menschen im Kniestück darstellte. Das Bild war offenbar sehr alt, es war stark verblichen. Aber das Gesicht war noch deutlich zu erkennen, schmal und lang, mit etwas starrem Ausdruck.

Treuß drehte die Photographie um. »Der Photograph Böhrer in Goslar hat sie gefertigt – das Wort Goslar ist mit Bleistift unterstrichen – ebenso einige Male im Zeitungsberichte – man möchte nach dem ganzen Zusammenhange annehmen, daß dieser Mensch hier der angebliche Wolf aus Goslar – jedenfalls der mutmaßliche Täter – sein soll.«

Staatsanwalt Custodies nahm das Bild in die Hand und versenkte sich in die verblichenen Gesichtszüge, als wolle er sie durch den Blick seiner Augen wieder beleben.

Dann versicherte er, daß er den interessanten Kapitalfall mit besten Kräften bearbeiten werde, und bedankte sich bei dem Chef nach Besprechung der nächsten Schritte für das geschenkte Vertrauen.


Zwanzigstes Kapitel

Mit Energie ging Staatsanwalt Custodies an die Arbeit. Vor allem die Ethik des Falles, die einen so lange verborgenen Missetäter auf so eigentümliche, in der Kriminalgeschichte bisher kaum dagewesener Weise ans Licht ziehen wollte, fesselte ihn.

Nachdem er das alte Bild in verschiedenen Größen hatte photographieren lassen, schickte er das Original an die Goslarer Polizei. Es kam aber mit der Ermittelung zurück, daß der Photograph Böhrer bereits vor fünfzehn Jahren gestorben und das Atelier seitdem bereits in zweiter Hand sei. Bücher waren im Geschäft nicht vorhanden, aus denen der Besteller des Bildes festgestellt werden könnte. Auch die ältesten Polizei- und Ratsbeamten, denen man das Bild vorgezeigt hatte, konnten sich der photographierten Persönlichkeit nicht entsinnen. Auch bei der hiesigen Polizeibehörde war über den Abgebildeten nichts zu erfahren.

Der Schriftvergleicher wies überzeugend nach, daß die Schriftzüge auf den anonymen Briefen und auf den unvollendet gebliebenen Briefbogen von derselben Hand herrührten. Er bestätigte auch aus dem ganzen Charakter der Handschrift eine hohe Wahrscheinlichkeit, daß alle Schriftzüge, auch die auf dem Rande der alten Zeitung, um dieselbe Zeit, ja mit derselben Feder geschrieben worden seien.

Der gerichtliche Chemiker vollendete den Nachweis und erklärte die auf allen Schriftstücken verwendete Tinte nach ihren untersuchten Bestandteilen für die nämliche Zusammensetzung.

Insoweit trafen alle Voraussetzungen, von denen der Erste Staatsanwalt ausgegangen war, zu.

In Magdeburg war über die Persönlichkeit des von dort gebürtigen Messerschmieds Kurstosch gar nichts zu erfahren. Er wurde also vom Staatsanwalt im Polizeiblatt als Zeuge bekanntgegeben. Da die neueste anonyme Sendung, der keinerlei Begleitschreiben beigelegen hatte, in Leipzig aufgegeben war, wurde der kurze Sachverhalt dorthin an Polizei und Staatsanwaltschaft berichtet, ob etwa irgendeine Persönlichkeit der Absendung verdächtigt werden könnte.

Je länger sich Custodies mit dem Falle befaßte, mit desto zäherer Energie arbeitete er. Er ließ den kurzen Tatbericht vervielfältigen und an fast alle Staatsanwaltschaften und größere Polizeibehörden im Deutschen Reiche versenden.

So wurde um den geheimnisvollen Absender der neueren Belastungspapiere ein gefährliches Netz mit immer engeren Maschen ausgeworfen. Wenn so viele Behörden und Beamte von dem seltsamen Sachverhalt Kenntnis erhielten, war schließlich zu hoffen, daß doch vielleicht dem einen oder anderen eine Persönlichkeit bekanntgeworden war, die mit den Vorgängen in Verbindung gebracht werden konnte.

Soviel hatte Custodies in seiner kurzen Praxis bereits gelernt, daß man in solchen ganz verzweifelten und dunklen Fällen immer auf einen glücklichen Zufall angewiesen ist, dem es durch eine umsichtige Bereitung von zahlreichen Möglichkeiten und Gelegenheiten lediglich den Weg zu öffnen gilt.

Die Schriftzüge, welche die Adresse der Leipziger Sendung an die Staatsanwaltschaft bildeten, rührten nach dem äußeren Anschein und auch nach dem Gutachten des Sachverständigen nicht von derselben Hand her, welche die alten Schriftstücke geschrieben hatte.

Als der Zeuge Kurstosch in Schlesien durch das Polizeiblatt ermittelt worden war, wurde die dortige Polizei unter Beifügung der Originalphotographie um seine Befragung ersucht.

Der Bericht, der an die Staatsanwaltschaft zurückgelangte, lautete recht fragwürdig. Er gab die Widersprüche, in die sich Kurstosch verwickelt hatte, und die auffällige Befangenheit, ja Bestürzung, in der ihn der Wachtmeister gesehen hatte, sehr drastisch wieder.

Eine damals sofort bei dem Zeugen vorgenommene Durchsuchung hatte nichts Verdächtiges zutage gefördert; nicht ein einziges Schriftstück oder ein sonstiger Gegenstand konnte gefunden werden, der mit den Ereignissen vor fünfundzwanzig Jahren in Zusammenhang zu bringen war. Alle Erinnerungen aus der Jünglingszeit schienen absichtlich ausgetilgt zu sein.

Es blieb also vorläufig nur übrig, Kurstosch an seinem Wohnorte aufzusuchen und ihn dort durch eine geeignete Behandlung zum Reden zu bringen.

Ottokar Custodies gehörte zu den Juristen, die im Familienkreise über Fälle, die sie, zumal in der Gegenwart, beschäftigen, wenig, fast gar nicht sprechen.

Er legte das Amtsgeheimnis in diesem engbegrenzten Sinne aus und konnte nie begreifen, wenn ein verheirateter Jurist und gar Kriminalist seine Frau gewissermaßen auf dem laufenden erhielt.

Gleichwohl hatte er sich verleiten lassen, gelegentlich Ottilie kurz anzudeuten, welcher interessante Fall ihn beschäftigte.

Sie bemerkte dazu, daß sie es grausam finde, einer so alten Schuld, über die sozusagen Gras gewachsen sei, nach länger als zwei Jahrzehnten wieder nachzugehen.

Ottokar dachte nicht daran, dieses Verfahren zu begründen. Ottiliens Bemerkung schloß ihm tatsächlich den Mund. Er versuchte es zu überwinden, daß ihn ihre Ansicht zunächst etwas verstimmte. Schließlich glaubte er sie in ihrer Erklärung als echte Tochter ihres Vaters wiederzuerkennen.

Merkwürdig war nur, daß er sehr bald den Vorwurf, den Ottilie erhoben hatte, im stillen gegen sich selber geltend machte und dadurch in eine innere Unsicherheit geriet, die seinem Wesen so wenig entsprach.

Fast war es ihm, als ob seine Bedenken ihn in Behandlung der wichtigen Strafsache säumig werden ließen, indem er die Reise nach Schlesien, von welcher der Fortgang der Untersuchung mit abhing, von Tag zu Tag aufschob.

Seine Unruhe machte sich gelegentlich auch im Hause Argobast bemerkbar. Daß er und sein Schwiegervater gerade über Fragen seines Berufes oder wenigstens solche, die damit zusammenhingen, sehr verschiedener Meinung waren, ließ sich im Laufe des Familienverkehrs, da man sich immer nähertrat und gewisse rein äußerliche Förmlichkeiten beiseite ließ, nicht verhehlen.

Argobast hatte eine neue trübe Erfahrung hinter sich, die offenbar die Ursache seiner Verstimmung in den letzten Wochen war. Ottokar erfuhr es nur aus kurzen Andeutungen der Mama, die in solchen Fällen die Vermittlerin spielte.

Robert Erkelenz, der neueste Versuchszögling Argobasts, war eines Tages ohne jeden ersichtlichen Anlaß und ohne Abschied plötzlich verschwunden.

Dabei hatte er sich, während Argobast in der Schweiz weilte und er sich also ohne dessen Aufsicht wußte, so hoffnungsvoll geführt.

Die Hüttenangestellten lobten nach wie vor seinen Fleiß und seine Zuverlässigkeit.

Auch Frau Schubnell wußte nur Gutes zu berichten. Ihr Logismann hatte sein solides Leben, das ihn keine Nacht außer Hause führte, fortgesetzt. Nur zweimal war er Sonnabends abends in das nahe Gebirge ausgeflogen und erst am Montag gegen Morgen heimgekehrt. Die Wirtin freute sich über den Natursinn, den er in den Schilderungen seiner Wanderungen bekundete.

Gerade in den nächsten Wochen sollte Erkelenz, wie der Herr ihm gelegentlich gesagt hatte, in eine höhere Stelle einrücken, in der er seine guten Fähigkeiten betätigen konnte.

Wäre Argobast dabei nicht zu sehr von seinem eigenen Plane erfüllt gewesen, so hätte er bemerken müssen, daß seine Eröffnung den Bedachten nicht mit der freudigen Überraschung erfüllte, die man bei ihm erwarten konnte.

Eine gewisse Veränderung im Wesen des Erkelenz mußten wenigstens hinterher die Schubnell und auch Argobast selbst zugeben.

Was ihn aus der sicheren Zuflucht, die er durch ein gütiges Geschick gefunden hatte, erneut in das wilde, unsichere Leben unwiderstehlich getrieben hatte, war die schmerzliche Entdeckung in Argobasts Schreibsekretär.

Er glaubte die Ursache seines vernichteten Lebensglückes erkannt und gerade in seinem Wohltäter dessen Räuber gefunden zu haben. Dieser geradezu ironischen Schicksalsführung fühlte er sich nicht gewachsen. Seine dämonische Gemütsart erwachte von neuem.

Er machte alles, was er vor zwanzig Jahren erlebt hatte, noch einmal durch. Sein guter Engel verließ ihn, er fühlte, wie er wieder schlecht wurde.

Da packte ihn der Ingrimm noch einmal. Er konnte nicht mehr bleiben, wenn nicht ein Unglück geschehen sollte. Er konnte Argobasts Gesicht nicht mehr sehen, er hätte sich an ihm vergreifen, er hätte ihn töten können. So hoch stieg sein Haß.

Zum Mörder wollte er nicht werden. Wenn ihn lediglich dazu Argobasts Wohltat berufen, aufbewahrt, aufgespart hätte, mußte sie zum Himmel schreien. So beschloß er, ein Vertriebener, ein Gehetzter, zu fliehen.

Argobast war tief niedergeschlagen. Eine Woche lang sagte er kein Wort. Dann machte er seiner Frau, die von Erkelenz nichts wußte, eine ganz flüchtige Andeutung. Daß ihn dieser Mann so ohne allen ersichtlichen Grund bei seiner Rettungsarbeit im Stiche ließ, verletzte ihn im Innersten.

Und noch durch ein anderes Ereignis war sein Empfinden angetastet worden.

Vor einigen Wochen war ein gewisser Rüggeberg, ein Gewohnheitsdieb, der Polizei in die Hände gefallen. In seinem Besitze hatten sich einige Gegenstände befunden, die er, wie er nach langem Leugnen zugab, Ende August oder Anfang September aus einem Schranke, der auf der Diele der Villa Hildburg stand, gestohlen hatte.

Er behauptete, daß er bei der Ausführung durch den Wächter der Schließgesellschaft gestört worden sei, und deshalb von dem beabsichtigten weiteren Eindringen in die Wohnräume abgestanden habe.

Tatsächlich aber hatten sich, wie man sich nun erst erklären konnte, nach der Rückkehr aus der Schweiz einige Zimmertüren schwer aufschließen lassen. In verschiedenen Räumen hatte man Spuren von Unordnung entdeckt. Schließlich meldete auch Moritz, daß im Weinkeller unwillkommener Besuch gewesen sein müsse.

Argobast war diese Art einer Berührung mit dem Gerichte nicht angenehm; es widerstrebte ihm, Belastungszeugen zu stellen; er gab deshalb Anweisung, über die sonstigen verdächtigen Spuren keine Angaben zu machen, so daß die Behörde auf die Geständnisse des Einbrechers angewiesen blieb.

So peinlich berührte ihn innerlich das Ereignis, daß er mit seinem Schwiegersohn kein Wort darüber zu sprechen vermochte.

Der Polizeibeamte hatte nämlich erzählt, daß Rüggeberg nach seinem Geständnisse in der Herberge zur Heimat von einem Unbekannten auf Villa Hildburg als geeigneten Ort für reiche Diebesbeute aufmerksam gemacht worden sein wollte.

»Der Besitzer«, hatte der Unbekannte geäußert, »ist ein humaner Mann. Er zeigt dich überhaupt nicht an, und mußt du zufällig doch brummen, besorgt er dir hinterher, wenn du schön bittest, eine gute Stelle. Es verlohnt sich also auf jeden Fall!«

Diese Auffassung seiner jahrelangen Arbeit hatte Argobast tief geschmerzt. Im Innersten verwundet, zog er sich in sich selbst zurück und wurde verstimmt und verschlossen.


Einundzwanzigstes Kapitel

Mit recht eigentümlichen Gefühlen trat Ottokar Custodies seine Dienstreise nach der russischen Grenze an. Er hatte sich lange genug gegen sie innerlich gesträubt. Nun hatte sogar der Erste Staatsanwalt nachgefragt, wann er sie angesetzt habe.

Vergeblich suchte er dieser inneren Verstimmung Herr zu werden, deren Ursache ihm eigentlich unverständlich war. Das konnte er nicht gelten lassen, was Ottilie neulich leicht hingeworfen hatte. Es war nur eine vorübergehende Beeinflussung gewesen, daß ihn dieses Gedankens Blässe von einer vermeintlichen Härte des Strafprozesses angekränkelt hatte.

Und doch war er kein gutgestimmter Reisender, der die Eindrücke einer langen Eisenbahnfahrt durch schöne Länderstrecken voll Behagen mit der Einförmigkeit des Amtszimmers vertauscht hätte. Ernst, mißtrauisch, fast trübe blickte er in die Landschaft hinter Frankfurt hinaus, obwohl gerade in diesem Spätherbst die Laubfärbung in prächtigem, sonnebeglänzten Altgold die Wälder längs der Bahnlinie schmückte.

Mit Ottilie hatte er über seine Dienstfahrt absichtlich kaum zwei Worte gewechselt. Das fehlte ihm so in seiner merkwürdigen seelischen Bedrängnis, daß er sich nicht hatte aussprechen können.

Es wollte ihm mit einem Male vorkommen, als fahre er als ein Fremder und Heimatloser in die Welt hinaus, den mit dem Zurückgebliebenen nur leichte Beziehungen verknüpften; als lösten sich, je weiter er sich von zu Hause entfernte, auch um so lockerer die stärksten Bande. Waren es diese seltsamen, unerfreulichen und niederdrückenden Gefühle, vor denen er sich, als habe er sie geahnt, so gefürchtet und deshalb die Reise hinausgezögert hatte? Er wußte es nicht und spürte nur die bangen Zweifel mißmutig in seinem Innern.

Die Verschlossenheit, die Argobast seit einigen Wochen ganz allgemein zeigte, richtete sich unwillkürlich auch gegen den Schwiegersohn. Die Meinungsverschiedenheiten, die vor dem Verlöbnis zwischen ihnen unausgesprochen geherrscht hatten und die im Laufe der Monate so freundlich überbrückt worden waren, taten sich, so schien es, unter den eingetretenen Umständen erneut auf. Argobast nahm wohl in einem übertriebenen Mißtrauen an, daß er seine Grundsätze in den Augen des Schwiegersohnes als gescheitert ansehen sollte.

In Bebra stieg in das Nichtraucherabteil zweiter Klasse, in dem Custodies seit Frankfurt zu seiner Genugtuung allein gesessen hatte, eine Dame. Mit einem leichten Neigen des Kopfes grüßte sie schweigend beim Hereintreten und nahm ihm gegenüber am Wagenfenster Platz. Überrascht hatte er sich verbeugt.

Sich gegenübersitzend, nahmen sich beide in der bei solcher Gelegenheit üblichen Weise forschend und prüfend, nachdenklich und kritisch, weder freundlich noch feindlich, in Augenschein. Keiner sprach ein Wort, keiner hatte dazu Gelegenheit, keiner gab dazu Anlaß. Das notwendige Schweigen erhöhte die Spannung.

Wer kennt nicht das eigentümliche Gefühl, das auf Reisen solche ganz fremd hereintretende Personen doch als bekannt erscheinen lassen will, weil sie in engem Raume so nahe sind und unwillkürlich aus einer dem Menschen angeborenen Gewohnheit zum Vergleichen herausfordern? Eine ähnliche Empfindung stieg flüchtig auch in Custodies auf, um sich zunächst in seiner allgemeinen Niedergeschlagenheit wieder zu verlieren.

Die Dame war jung, vielleicht einige zwanzig Jahre, von schlanker und doch voller Erscheinung. Einen großen Reiz verlieh ihr das wundervolle, in starken Flechten unter dem graziösen weißen Federhut geschlungene hellblonde Haar. Unter den feinen seidenen Wimpern schauten zwei blaue Augen mit freundlich-ernsten Blicken drein. Die Hautfarbe des ovalen, in größeren Linien gezeichneten Gesichts war rosig, die ausgeschnittene grüne Seidenbluse verriet einen weißen gemeißelten Hals, die kurzen Ärmel einen schöngeformten Arm.

Beim Ablegen und Nachsehen ihres kleineren Handgepäcks erhob sie sich mehrere Male, so daß sie wiederholt in ihrer stattlichen Erscheinung vor Ottokar stand. Als er seines Mißmutes Herr zu werden versuchte und ihren Eindruck unbefangen zur Geltung kommen ließ, hatte er mit einem Male die seltsame Empfindung, als sei während seiner herbstlichen Fahrt ein Frühlingsgruß hereingeweht. Er konnte nicht sagen, wie er gerade zu diesem Vergleiche kam; aber er fand ihn recht treffend. Draußen lachte der Himmel so blau wie im Lenz, und einen schönen Veilchenstrauß trug sie auch in dem goldenen Gürtel.

Nachdem sie, in das Polster zurückgelehnt, die vorüberfliehenden Landschaftsbilder eine Zeitlang betrachtet hatte, öffnete sie ihre feine, violette Handtasche und entnahm ihr in einer gestickten Lesemappe ein Buch. Sie schlug es auf, blätterte in ihm und las anscheinend mit großem Interesse, in der nächsten halben Stunde kaum einmal aufblickend, eine ganze Reihe Seiten.

Ottokar fühlte sich nicht unglücklich, daß er dazu bestimmt zu sein schien, immer dieses »lesende Mädchen«, wie er das Porträt oder Genrebild vor seinen Augen im stillen nannte, unmittelbar vor sich zu sehen. Die geheime Anziehung, welche schöne Gesichtszüge unwillkürlich auf das Menschenauge auszuüben pflegen, offenbarte sich auch hier. Die lange Fahrt bot ihm rechte Muße, alle Einzelheiten ihrer Erscheinung, sogar, als sei er ein Maler, den Faltenwurf ihres dunkelblauen Rockes und das Farbenspiel ihrer ganzen Erscheinung in der wechselnden Beleuchtung zu studieren.

Ehe der Schnellzug in Gotha einfuhr, ging ein alter Herr im Gange vorüber und blieb, die Dame erblickend, einen Augenblick an der Abteilungstür stehen. Sie sah auf, erkannte ihn und erhob sich.

»Exzellenz – ?«

»Gnädiges Fräulein – ?«

Sie begrüßten sich.

»Was macht der Herr Papa? Kommen Sie von zu Hause?«

»Ich danke – auf Umwegen – ich war auf drei Tage in Kassel bei meiner Tante.«

»Wie geht es Frau Lobenstein? Habe sie leider seit einem Jahre nicht gesehen – ich fahre nach Gotha.«

»Zum Herzog?«

»Auch mit. Der Koburger ist zu Besuch da. Es sollen hohe Festtage werden – wohin geht Ihre Reise?«

»Nach Breslau – nur wenige Tage – einem Patchen zum Geburtstag zu gratulieren.«

»Auch meine herzlichsten Glückwünsche, wenn ich bitten darf – haben Sie schon solche Repräsentationspflichten? Papa hat, wie immer, viel zu tun?«

Sie lachte. »Jawohl, und Mama liebt das Reisen noch immer nicht.«

»Gotha – drei Minuten Aufenthalt – « rief der Schaffner.

»Ich habe mich sehr gefreut – beste Grüße – «

»Darf ich Exzellenz behilflich sein?«

»Zu gütig, meine Gnädigste.«

Sie verließ ihren Platz und trat mit ihm in das benachbarte Abteil erster Klasse.

Custodies, durch das Gespräch aufmerksam geworden, stand ebenfalls auf und trat in den Gang.

Das junge Mädchen sah sich im Nebenabteil sorgsam um, damit die alte Exzellenz nichts von dem zahlreichen Reisegepäck zurücklasse, und trug eine kleine Tasche bis an die Wagentüre, wie sehr er in ritterlicher Weise dies zu verhindern versuchte. Vor dem Wagen plauderte das Paar in ungezwungener Heiterkeit noch zwei Minuten, bis der Bahnschaffner zum Einsteigen aufforderte.

Weshalb fühlte sich Doktor Custodies von diesem harmlosen, an sich gar nicht ungewöhnlichen Vorgange so eigenartig berührt? War es wirklich die höhere gesellschaftliche Umgebung, in der er die alte Exzellenz und vielleicht auch die Unbekannte im Geiste erblickte, die seiner gut bürgerlichen Gesinnung und Erziehung doch etwas schmeichelte? Machten diese vornehmen und ungezwungenen Umgangsformen, diese sehr höflichen Worte auf ihn Eindruck? War ihm das alles etwas Neues, Ungewohntes, Angenehmes? Stellte er im stillen Vergleiche an? Fehlte ihm in seinem Lebenskreise dergleichen? Hatte er es vermißt?

Weshalb war er im stillen so freudig bewegt, als dieser alte stattliche Herr, nach seiner Haltung ein ehemaliger General, beim Abschiede sein schneeweißes Haar vor der jungen Dame so lange entblößte, als sie ihm so treuherzig die Hand schüttelte? Fiel ihm der herzliche und sichere Ton ihrer schönen Sprache auf?

Es schien ihm im Augenblicke, als senkte sich leise ein Schleier vor seinen Augen herab, als blieben seine heimatlichen Verhältnisse immer weiter hinter ihm zurück.

Es gelüstete ihn, wie er sich gestand, die Unbekannte, mit der er vielleicht bis Breslau zusammen reisen sollte, schnell einzuschätzen, das war so seine eigentümliche Art. Aus ihrer Lektüre wollte er sie erkennen.

Ihr Buch, in dem sie gelesen hatte, lag geöffnet auf dem Polstersitze. Als wollte ihm der Zufall lächeln, hatten sich die Seiten umgeblättert, so daß er mit Leichtigkeit das Titelblatt lesen konnte.

»Die Liebe der Freifrau von Herder« hieß der vielversprechende Roman. Der Name des Schriftstellers war ihm unbekannt.

Einen großen Teil des Buches schien die Leserin schon hinter sich zu haben, sie hatte tatsächlich selten eifrig gelesen. Fast hätte er sich durch die unausgesetzte Lektüre verletzt fühlen können. Der Romanstoff schien also ihrem Interesse zu entsprechen. »Die Liebe der Freifrau von Herder«! Ottokar wurde nachdenklich.

Die Dame kehrte zurück. In Erinnerung des gepflogenen Gesprächs umspielte noch eine Heiterkeit ihre Züge. Sie nahm wieder Platz, sah kurze Zeit still lächelnd in die Landschaft hinaus, um dann aufs neue ihr Buch zur Hand zu nehmen und bis Weimar – also ebenfalls beinahe eine Stunde – fast ohne Aufsehen zu lesen.

Ottokar spürte die bei solchen Gelegenheiten bekannte Unzulänglichkeit, schnell einen gesellschaftlichen Anknüpfungspunkt zu einem Gespräch zu finden, die also selbst einen wortgewandten Staatsanwalt befallen konnte. Um so merkwürdiger wurde im weiteren Verlaufe der Fahrt sein Verlangen, die reizvolle Reisebekanntschaft zu machen. Daß die Reise die gesellschaftlichen Annäherungsformen auch in besten Kreisen erleichtert und auch sonstige Bedenken beseitigt, hatte er unwillkürlich im Gefühl. Er konnte sich mit einigem guten Willen auch einbilden, daß sie selber einer Unterhaltung nicht abgeneigt sei.

Aber sie schien nicht im entferntesten daran zu denken, ihm den beabsichtigten Schritt etwa dadurch erleichtern zu wollen, daß sie ihr Täschchen oder gar ihr Buch wie unabsichtlich hinabgleiten ließ. Im Gegenteil glaubte Custodies zu bemerken, daß ihre Hände Tasche und Buch recht fest hielten. Nein, diese weichen und doch bestimmten Züge, diese hellen Augen schienen ihm zu sagen, daß er die Gefahr des Annäherungsversuches als Mann ganz allein zu tragen habe.

In diesem Augenblicke, angesichts der Türme von Naumburg, sah er einen hellglänzenden länglichen Gegenstand am blauen Himmel hinschweben und ließ sich fast unwillkürlich den Ausruf: »Ein Zeppelin!« entschlüpfen.

Er stand auf, um das Luftschiff, das über der Stadt kreiste, genau zu verfolgen. Auch die junge Dame richtete sich auf und beugte sich vor.

Er mußte mit einem »Bitte« zurücktreten, um ihr die Aussicht freizugeben. Sie dankte, erhob sich ebenfalls und verfolgte, neben ihm am Fenster stehend, das blendende schwebende Bild. Es schien sich zu ergeben, daß beide aus Gegenden kamen, wo Zeppeline, die erst seit kurzem die ersten Fahrten unternahmen, zu den Seltenheiten gehörten.

Er machte auf die majestätische Ruhe aufmerksam, mit der das geflügelte Schiff durch die Lüfte zog. Sie bestätigte. Ein Wort gab das andere, bis Naumburg ihren Blicken entschwand. Die Bekanntschaft war gemacht.

Zunächst trat freilich wieder eine Viertelstunde der Lektüre ein, der bei der Annäherung an Leipzig zu Ottokars Leidwesen das Mittagessen im Speisewagen folgte. Er hatte schon am Morgen einen Platz belegt.

In Leipzig mußten sie umsteigen. Ottokar war ihr hierbei behilflich.

Der kurze Aufenthalt auf den Leipziger Bahnhöfen brachte das Paar wieder näher; man stieg auch wieder zusammen in dasselbe Abteil.

Auf der Fahrt nach Dresden kam man unwillkürlich eifriger in das Gespräch.

»Welche interessante Lektüre hat Sie heute schon so sehr gefesselt, gnädiges Fräulein?« fragte er endlich.

Sie lächelte. »Ein sehr eigenartiger Roman von einem noch wenig bekannten, aber hoffnungsvollen Schriftsteller.«

Sie reichte ihm das aufgeschlagene Titelblatt, das er halblaut las.

»Darf man wissen, welcher Art diese Liebe der Freifrau von Herder wohl ist?« fragte er etwas schalkhaft.

Sie dachte einen Augenblick nach und skizzierte dann oberflächlich und kurz Handlung und Charaktere.

»Der Autor will«, sagte sie, »das Verhältnis zwischen Mann und Frau in der Ehe zeigen. Er behauptet, daß in einer harmonischen Ehe die Frau immer die Spenderin und Hüterin der Liebe sein und bleiben müsse. Hierzu soll sie erzogen werden, dazu soll sie sich selbst erziehen. Hierin liege eine der vornehmsten und schönsten Aufgaben der Menschheit.«

»Wie soll sie erfüllt werden?« fragte er interessiert.

»Durch eine gewisse Umwertung von Werten. Die Stellung der Frau soll gehoben werden. Nicht etwa durch Emanzipation, im Gegenteil durch Zurückführung auf ihr Ewig-Weibliches, wie die Heldin Freifrau von Herder selbst ausspricht.«

»Darf man auch Näheres wissen?« fragte er galant.

Sie schien seine Diskretion anzuerkennen, sie sah ihn einen Augenblick an. »Die große Sicherheit des Weiblichen«, sagte sie mit zögernder Bescheidenheit, »liegt nach dem Autor in der Gefühlssphäre, die durch übertriebene geistige Bildung eher beeinträchtigt als gefördert werden kann. Überhaupt müßte dieses Weibliche, meint er, zarter angefaßt werden als es geschieht. Der Hauptanteil liege bei der Männerwelt. Ihr komme die Sicherheit des Weiblichen am meisten zugute, sie vor allem soll sie ihm auch bewahren helfen.«

Nicht bloß was sie sagte – es war nicht ganz neu – , vor allem wie sie es sagte, hielt ihn immer mehr gefangen. Er hätte am liebsten gar nicht gesprochen, wenn er nicht durch Zwischenfragen das Gespräch hätte im Gange halten müssen. Seine eigenen Worte klangen ihm so nüchtern, so nichtssagend. Schon der Klang ihrer Stimme, ihre reine Sprache hatte etwas Besonderes.

»Und wie hätten wir das zu beginnen, meine Gnädigste?« fragte er.

»Die Frau muß, versichert Frau von Herder, in der Lage sein, immer die Spenderin der Liebe zu bleiben, sie muß sich dazu aus sich selber heraus befähigen, aber der Mann muß ihr hierbei helfen.«

Obwohl sie weder zu den emanzipierten noch zu den gelehrten jungen Damen zu gehören schien, sprach sie über die schwierige Frage einem jungen Manne gegenüber mit solcher inneren und äußeren Sicherheit, mit solcher jeden Beigeschmack ausschließenden Feinheit, daß Custodies sich des Eindruckes nicht erwehren konnte, als sei sie selber – bewußt oder unbewußt – eine geborene Vertreterin solcher sicheren Weiblichkeit, der sie das Wort redete.

Er sah sie mit gespannter Miene an und forderte sie damit, wie sie wohl verstand, stillschweigend zur weiteren Entwicklung der Romanidee auf.

»Soll nun alles das geschehen, was unser Schriftsteller für erstrebenswert hält«, fuhr sie nach einigem Überlegen mit schalkhaftem Lächeln, das sie entzückend kleidete, fort, »so muß der Frau – Sie verzeihen, wenn es Sie überrascht – in der Gefühlssphäre der Ehe und in dem, was äußerlich damit zusammenhängt, ein gewisses Übergewicht vom Manne freiwillig wohlwollend, hingebend – eingeräumt werden. Das Unfreiwillige wäre zwecklos.«

Doktor Custodies war in der Tat überrascht.

»Das liefe also darauf hinaus – «

»Daß dem Weiblichen«, fuhr sie noch immer lächelnd fort, »eine gewisse höhere Verehrung, wenn Sie wollen, Unterwerfung im besten Sinne des Wortes erwiesen würde. Der Schriftsteller behauptet, daß gerade hierbei dem Männlichen selber am besten gedient werde, weil seine eigenen Strebungen sich in dieser Richtung bewegten.«

Er war zu sehr ein kraftvoller Vertreter männlicher Eigenart, als daß ihre Behauptung nicht unwillkürlich zunächst einen gewissen Widerspruch in ihm geweckt hätte. »Aber wären solche Verhältnisse in allen Gesellschaftskreisen möglich?« bemerkte er mit einem leichten Erröten.

»Der Roman zeigt sie in einer aristokratischen Ehe«, antwortete sie, »auch Frau von Herder selbst ist von adliger Geburt. Sorgenlose, vornehme Verhältnisse können nach dem Autor den Boden für solche Entwicklung geben.«

Vergeblich suchte er aus dem Ton ihrer Stimme herauszuhören, ob sie hierbei, wenn auch unbewußt, etwa in eigener Sache spräche. Er hielt sie für eine Adlige; aber es fehlte in ihren Worten an jedem Anhalt auch nur für die geringste gesellschaftliche Überhebung; gerade hierin lag ein unbeschreiblicher Reiz.

»Und Frau von Herder kommt nie in Versuchung, mit ihrem Einflusse Mißbrauch zu treiben?« fragte er anscheinend mit gelindem Zweifel.

»In leichte Versuchung kommt sie wohl, aber sie überwindet sie spielend, gerade in diesen Schilderungen ergeht sich ein interessanter Teil des Romans. Sie ist immer die Siegerin über sich selbst.«

»In der Tat, eines der interessantesten Unterhaltungsbücher, das ich mir denken kann!« erklärte er lebhaft. »Und ein Ausnahmefall soll nicht gezeigt werden?«

»Im Gegenteil, ein Typus, der Nachahmung würdig, der Ausbreitung fähig. In der Nebenhandlung werden in schöner Schattierung ähnliche Ansätze in bürgerlichen und auch in arbeitenden Kreisen entworfen, die einer Höherzüchtung zu harren scheinen – gerade deshalb gewinne ich das Buch lieb.«

Er hatte sich in seiner Annahme getäuscht und hörte nun aus ihrer Schlußbemerkung, die sie zu betonen schien, heraus, daß sie eine Bürgerliche war. Daran hatte er im stillen eine gewisse Freude.

Er sah sie immer wieder überrascht an und glaubte im Traume zu hören, was sie sagte. Sie selber kam ihm vor wie ein liebliches Traumgebilde, das nicht von Dauer sein konnte.

Verschiedene Fragen lagen ihm auf den Lippen, mit denen er auf das angeschlagene Thema näher eingehen wollte. Er dachte daran, ob der Autor nicht schließlich die alte Lehre predige, daß die Frau immer die Geliebte ihres Mannes sein und bleiben solle und daß er selber zugleich alles tun müsse, um ihr diese Stellung zu erhalten. Aber nichts von dem kam über seine Lippen. Als er sie aber ansah, lag in seinen Augen das Geständnis, daß er sie selber, die eben gesprochen hatte, dieser Fähigkeit, immer die Geliebte des Gatten zu bleiben, sehr wohl teilhaftig halten würde.

Er wurde nachdenklich und vertiefte sich einige Augenblicke in die männliche Artung, wie er sie zu kennen glaubte.

Endlich kam ihm ein neuer Gedanke des Widerspruches, den er im Innern wider Willen immer noch suchte. »Aber Sie haben noch kein Wort von Herrn von Herder erzählt, meine Gnädigste! Auf ihn kommt natürlich sehr viel an. Was ist er für ein Mann? Ich fürchte – «

»Was fürchten Sie?« lachte sie herzlich.

»Er ist ein Mann – wie sage ich – ?« Er kam in eine gewisse Verlegenheit.

»Sie meinen, er ist ein Schwächling?« lachte sie immer noch.

»Nein!« verwahrte sich Ottokar etwas beschämt.

»Oder ein schwacher Mann?«

Er zuckte die Achseln zum Zeichen der Zustimmung.

Sie lachte nicht mehr. »Sie irren, er ist ein starker Mann, eine Willensnatur, ein Held.«

»Was hat er getan?« fragte er betroffen.

»Er war im Kriege ein tapferer Offizier. Er hat die ererbten, etwas heruntergewirtschafteten Güter durch Umsicht und Arbeit äußerst ertragreich gestaltet. Er ist der erste Landwirt im Großherzogtum. Er verbreitet Segen unter denen, die mit ihm arbeiten. Er fördert die Wohlfahrt des ganzen Landes. Er sieht kriegerische Ereignisse voraus und befürchtet von England eine Absperrungspolitik. Er will sein deutsches Land groß und stark machen, damit es sich auch landwirtschaftlich selbst ernähren kann! Er ist eine durch und durch gesunde Natur, eine kraftvolle Persönlichkeit.«

Sie errötete leicht, als sie den Helden so vorteilhaft schilderte.

Er wußte eigentlich nichts mehr zu erwidern. Er gab sich für besiegt, gab sich gern für besiegt. Was sie an der Hand des Romans gesagt hatte, war alles richtig und überzeugend. Sein Herz war voll. Er hätte so vieles hinzufügen können.

»Und der Roman läuft auch glücklich aus?« fragte er schließlich, um den Faden sich noch nicht entgleiten zu lassen.

»Äußerst glücklich!« antwortete sie. »Es ist ein starkes Buch. Das Geschlecht derer von Herder scheint für alle Zeiten gesichert. Kraftvolle Söhne und echt weibliche Töchter wachsen neben den wunderbaren Eltern heran. Darin gipfelt gerade die Lehre des Autors: er zeigt den Weg zu einer Höherzüchtung des Menschengeschlechtes.«

Er wollte etwas erwidern, schwieg aber, weil er merkte, daß sie noch etwas hinzufügen wollte.

»Um sein Menschheitsideal gewissermaßen zu nationalisieren und zu symbolisieren«, schloß sie mit lebhaften Augen, »läßt der Autor den Helden Freiherrn von Herder einen Nachkommen des großen Herder sein, der der deutschen Eigenart, die er zuerst wieder erkannte, so herrlich das Wort geredet hat!«

Der literarischen Aussprache folgte im weiteren Verlaufe der Fahrt noch eine reizvolle Unterhaltung über allerhand gesellschaftliche Harmlosigkeiten.

Ehe der Schnellzug in Breslau einfuhr, nahmen sie Abschied. Er stellte sich vor, ohne seinen Amtscharakter zu verraten, sie dankte und nannte ihren Namen, freilich so undeutlich, daß er ihn nicht verstand.

Sie gab ihm die Hand, die er einen Augenblick in der seinigen hielt. Sie sahen sich an und sagten beide nichts. Ganz zuletzt entschlüpfte ihm ein leises »Auf Wiedersehen!«

Auf dem Bahnhof in Breslau stand ein junges Ehepaar, das die Reisende abholte. Die junge Frau eilte an den Wagen heran und winkte herauf. »Helga!« rief sie der Freundin zu. »Herzlich willkommen!« Der junge Ehemann nannte bei der Begrüßung den Namen Helligen.

Custodies glaubte nicht recht gehört zu haben.

»Helga Helligen!« sagte er betroffen zu sich selbst und wurde ganz still. Soviel hatte er von ihr gehört, und hatte sie doch nicht erkannt! Und sie hatte sich ihm doch durch einen wunderbaren Zufall so deutlich zu erkennen gegeben!

Lange sah er bei der Ausfahrt aus dem Breslauer Bahnhof noch zum Wagenfenster hinaus, als könne er die Augen von der Stätte nicht wenden, wo er sie zuletzt gesehen hatte.


Zweiundzwanzigstes Kapitel

Als der Messerschmied Kurstosch vor dem Staatsanwalt Custodies im schlesischen Amtsgericht zur Vernehmung erschien, machte er einen nach dem Vorausgegangenen überraschend besonnenen Eindruck.

Der Ankläger traf einen glücklichen Ton, der auch manchem anderen die Zunge gelöst hätte. Nur eine gewisse, anscheinend unüberwindliche Vorsicht und Scheu waren bei dem Zeugen zurückgeblieben.

Als er das Bild des mutmaßlichen Täters wieder zu Gesicht bekam, sah er es lange sinnend an. Dann erklärte er, daß er diese Züge heute mit ganz anderen Augen sehe als kürzlich in seiner ersten Verwirrung. Er habe begreiflicherweise über die Ereignisse viel nachgedacht, da sei die Vergangenheit, die er bisher gewaltsam aus seiner Erinnerung verscheuchte, wieder lebendig geworden und habe immer deutlichere Gestalt angenommen.

Er habe sich im Geiste in jenes unglückliche Wanderjahr zurückversetzt und könne sich heute Örtlichkeiten, Personen und Umstände wieder ziemlich genau vorstellen. Es komme ihm vor, als habe seine Erinnerung in der Zwischenzeit nur geschlafen und sei nun erwacht. Er müsse sagen, so wie der Mann hier auf dem Bilde aussehe, stehe sein damaliger Wandergenosse schon seit einigen Tagen deutlich vor ihm. Je länger er das Bild anschaue, desto bekannter, belebter wollten ihm die Züge erscheinen.

Doktor Custodies, der einige Ahnung von der Unzuverlässigkeit und Einbildungskraft des menschlichen Gedächtnisses hatte, ließ sich durch diesen hoffnungsvollen Anfang des Verhörs zunächst nicht zu überspannten Erwartungen hinreißen.

»Sie haben vor fünfundzwanzig Jahren Angaben darüber gemacht«, begann er, »daß Ihr Wandergenosse aus Goslar auf der Brust als Tätowierung eine Flamme getragen habe – halten Sie das aufrecht – besinnen Sie sich noch?«

»Jawohl, eine lodernde Flamme.«

»Ganz richtig – eine lodernde Flamme – so haben Sie schon damals gesagt – Sie haben sie sogar gezeichnet.«

»Das könnte ich heute wieder.«

»Dann tun Sie es.«

Der Staatsanwalt schob ihm ein Stück Papier und einen Bleistift hin. Der Zeuge setzte sich und zeichnete, erst langsam, bedächtig, zuletzt schneller, fast hastig.

Doktor Custodies hatte die Akten aufgeschlagen und einem Umschlag einen Zettel entnommen.

»Schauen Sie mal an«, sagte er vergleichend, »wie gut sich Ihre Erinnerung, die Sie solange haben schlafen lassen, bewahrt hat. Dieselbe Gefäßform, aus der die Flamme lodert – dieselben Flammenzacken.«

Der Meister war selbst überrascht und traute seinen Augen kaum. »Was habe ich gesagt, Herr Staatsanwalt?«

»Früher haben Sie auch näher erzählt, wie der Goslarer zu seiner Tätowierung kam – wissen Sie das noch?«

»Wir kehrten in einer Penne ein, wo sich ein Fleischergeselle an uns heranmachte und uns beschwatzte, uns gegen einige Groschen tätowieren zu lassen.«

»Sie ebenfalls?«

»Ja.«

»Welches Sinnbild wählten Sie selbst?«

»Eine Schwurhand.«

»Das haben Sie auch vor fünfundzwanzig Jahren schon gesagt – weshalb eine Schwurhand?«

»Als Zeichen der Wahrhaftigkeit – der Treue.«

Der Kleine sagte das sichtlich bewegt.

Der Staatsanwalt nickte. »Es stimmt, Herr Kurstosch. Wie kamen Sie gerade dazu?«

»Weil ich die Lehren meiner alten Mutter im Herzen trug.«

»Ist Ihre Tätowierung heute noch sichtbar?«

»Nein.«

»Haben Sie sie entfernt?«

»Ja – schon lange.«

»Wann?«

»Bald nach meiner Freisprechung.«

»Aus welchem Grunde?«

»Weil ich alles austilgen wollte, was mich an jene schreckliche Zeit erinnerte.«

Doktor Custodies suchte in den Zügen des Mannes durchdringend zu lesen. Der Messerschmied saß mit dem Gesicht nach dem Fenster zu, wie Zeugen und Beschuldigte immer zu sitzen pflegen, so daß das hereinfallende Licht ihn ganz beleuchtete, während es den vernehmenden Beamten mehr von der Seite traf, so daß seine beobachtenden Mienen etwas im Schatten lagen.

»Wie kam der Mann aus Goslar zum Bilde der Flamme?« forschte er nach kurzem Schweigen weiter. »Wissen Sie das vielleicht?«

»Der Fleischer wollte ihm, glaub' ich, ein schönes Mädchen einstechen, er bestand aber auf der Flamme.«

»Sehr gut – bitte – so weiter – weshalb hatte er für die Flamme eine Vorliebe?«

»Eine Flamme muß es sein!« sagte er. »So wie inwendig soll es auch draußen lodern!« So ähnlich waren seine Worte. »Mit der Flamme bin ich befreundet!« Das hat er geäußert.«

»Er wollte Schlossergehilfe sein?«

»Ja – so sagte er – er hatte bei einem Schlosser in Goslar gelernt – mit der Flamme werde er sein Glück machen! erklärte er noch.«

»Hatte er in Goslar nur gelernt oder war er auch von da gebürtig?«

»Er nannte Goslar seine Vaterstadt.«

»Darüber täuschen Sie sich nicht?«

»Schwerlich, Herr Staatsanwalt.«

»Hat er von seinem Vater gesprochen?«

»Er erzählte von zu Hause – die Eltern waren arm – ganz arm – sie hatten ihm keinen Pfennig in den Wandersäckel stecken können – er wollte gern verdienen, um nach Hause zu schicken – sie lebten in bitterster Not – die Mutter war krank auf den Tod – darüber war er oft traurig – einmal verzweifelte er und weinte – er wollte sie retten – er verehrte sie sehr.«

»Welche Krankheit sollte die Mutter haben?«

»Sie litt an der Lunge.«

»Wirklich? Davon haben Sie früher nichts gesagt.«

»Es fällt mir heute auf Ihren Vorhalt ein.«

»Nannte er vielleicht den Vornamen seines Vaters? Schrieb er ihn auf einen Brief in die Heimat?«

Der Zeuge verneinte.

»Oder vielleicht der Mutter?«

»Nein – auch nicht.«

Der Staatsanwalt machte eine Pause. Ein tiefer Ernst lag in seinem Gesicht. Dann sagte er: »Herr Kurstosch, ich will Ihnen zu Ihrer eigenen Beruhigung etwas sagen.«

Der Messerschmied sah ihn wieder an.

»Schon das wenige, was Sie bisher heute ausgesagt haben, stimmt in der Hauptsache so auffällig mit Ihren früheren Angaben überein, die Ihnen seit vielen Jahren nicht wieder vorgehalten worden sind, daß ich kein Bedenken trage, nicht nur Ihre heutige Aussage, sondern auch Ihre Verteidigung von damals für wahr zu halten. Unwahrheiten und Phantasien hätten Sie sich schwerlich über ein Vierteljahrhundert hinweg so im einzelnen gemerkt.«

»Das glaube ich selber nicht« sagte der andere aufatmend und sich die Hände nach seiner Gewohnheit wie beim Waschen reibend.

Kaum hatte Custodies seine Erklärung beendet, als er sie bereuen zu müssen glaubte. Er wollte – sehr zweckmäßigerweise – dem Manne Vertrauen einflößen und wußte doch nicht, ob er seine Angaben nicht in eine ganz falsche Richtung lenkte. So nahe lagen in solchen zweifelhaften Fällen die richtige und die falsche Maßnahme beisammen.

»Kennen Sie dieses Büchlein, Herr Kurstosch?« Dabei zeigte Custodies dem Zeugen ein kleines blaues, ganz altes Heft, das, als er es aufschlug, vergilbte, zerrissene Blätter zeigte.

Kurstosch starrte die Blätter an. »Mein Wanderbuch?« fragte er.

»Jawohl.«

Der Zeuge zauderte es anzufassen und blickte es wie etwas Unheimliches an.

»Hier ist der Eintrag vom einundzwanzigsten Juli, an dem Sie das Stadt- und Meistergeschenk erhalten haben.«

»Das war der Unglückstag.«

»Hatte der Goslarer kein Wanderbuch?«

Kurstosch sah auf. »Freilich.«

»Haben Sie es gesehen?«

»In seiner Hand – wiederholt.«

»Ich meine – darin gelesen – seinen Namen gelesen?«

Der Zeuge zögerte. »Nein – ich erinnere mich nicht – ich war nicht neugierig. – Kann ich dieses Buch zurückerhalten. Herr Staatsanwalt?«

Dabei griff er nach seinem Wanderbuche.

»Später, Herr Kurstosch – heute noch nicht. Wann und wie, glauben Sie, hat wohl der Goslarer den Thomas Wrobel aus Seeligenstadt erstochen?«

»Das kann nur geschehen sein an dem Abende, als er mich und Wrobel unerwartet vor der ›Kanne‹ traf, aus der ich mit dem Seeligenstädter herauskam. Wrobel war angetrunken und wollte durchaus nicht in die Herberge, sondern ins Freie. Da bot ihm der Unbekannte, der wie aus der Erde gewachsen plötzlich dastand, an, ihn ein Stück zu begleiten.«

»Weshalb konnten Sie Ihr Verbleiben in der Zwischenzeit nicht nachweisen?«

»Ich geriet noch in eine andere üble Wirtschaft – kein Mensch wollte mich wiedererkennen – ich hatte auch reichlich genossen.«

»Und seit dem Verlassen der ›Kanne‹ haben Sie Wrobel und den anderen nicht wiedergesehen?«

»Nein.«

»Was dachten Sie über ihr Wegbleiben?«

»Da hatte ich so meine Gedanken.«

»Welche denn?«

»Ich dachte – ja – ich dachte – es sei was passiert.«

»Zwischen den beiden?«

»Jawohl.«

»Aber am nächsten Abend waren Sie nochmals in der ›Kanne‹.«

»Ich glaube.«

»Da haben Sie verdächtige Andeutungen gemacht – Sie wissen ja – wie kamen Sie dazu?«

»Das waren meine – meine eigenen bösen Gedanken.«

Der Meister brach ab und blickte zu Boden; der Staatsanwalt schwieg einen Augenblick.

»Sie waren wieder angetrunken – die Leiche des Ermordeten war da noch gar nicht entdeckt.«

»Das stimmt wohl.«

»Hatten Sie den Hundertmarkschein bei dem Seeligenstädter auch gesehen?«

»Jawohl.«

»Bei welcher Gelegenheit?«

»Wiederholt – er zeigte ihn öfter – er prahlte damit – das ärgerte mich.«

»Weshalb?«

»Nun, ich glaubte – er könnte damit – anderen böse Gedanken machen.«

Der Kleine holte tief Atem. Man hörte es vernehmlich in dem stillen Raume.

»Sie selber hatten viel Papier- und Silbergeld im Besitz – über den Erwerb konnten Sie sich nicht ausweisen – woher stammte es?«

Kurstosch sah den Staatsanwalt mit bittenden Augen an. »Ich weiß nicht mehr.«

»Wirklich nicht?«

»Gefunden, Herr Staatsanwalt« stotterte er.

»Gefunden? Bloß gefunden?«

Der Kleine faßte sich ein Herz. »Also gestohlen, Herr Staatsanwalt – es ist längst verjährt – richtig gestohlen.«

»Wem, wo und wann?«

»In einer Herberge – eine Woche vorher – einem Schlafgenossen – es war schon ungerechtes Gut – er hatte es selbst erst gestohlen – nun wissen Sie alles.«

Custodies war etwas überrascht.

»Weshalb haben Sie das bei Ihrer Verhandlung nicht gesagt? Wie konnten Sie es auf Ihre Verurteilung wegen Mordes ankommen lassen?« fragte er lebhaft. »Wenn Sie den Diebstahl zugestanden und den Erwerb des Geldes nachwiesen, entfiel ja der Verdacht, daß es von der Einwechslung des Hundertmarkscheins herrührte.«

»Das habe ich damals nicht so verstanden, Herr Staatsanwalt. Ich hatte gerade die entgegengesetzte Auffassung. Wenn ich den Diebstahl zugab, dachte ich, traute man mir auch die Mordtat zu. Nur nichts zugeben! hieß es damals in unseren Kreisen. Wer zugibt, ist schon halb verloren! Und ich habe ja eigentlich recht behalten. Und würde mein Vormann sich als Besitzer des gestohlenen Geldes bekannt haben – ?«

Doktor Custodies hatte mehr erfahren, als er erwartet hatte. Ein düsteres Bild aus den Tagen ehemaliger Wanderzeit war lebendig geworden; auch tiefere seelische Einblicke in Beweggründe, ja in bloße Gedanken hatten sich ergeben.

Wie er diesen scheuen Menschen, der schließlich aus sich herausging, in seiner charakteristischen Eigenart vor sich gesehen hatte, erkannte er ihn als einen nicht nur in Gedanken zwischen Gut und Böse schwebenden Menschen, den sein hartes Schicksal noch besonders merkwürdig gemacht hatte.

Nun glaubte er zu wissen, daß die neueren Beweismittel, die von unbekannter Hand den Stein abermals ins Rollen gebracht hatten, von gewichtiger Bedeutung waren.


Dreiundzwanzigstes Kapitel

Der Erste Staatsanwalt Treuß saß in seinem lichten Eckzimmer und arbeitete an einem Berichte an das Justizministerium, in dem er die Ergebnisse über den Rückgang der Verurteilungen Jugendlicher zusammenstellte, der eine Folge der neuen Verordnungen über die Bewilligung von Bewährungsfristen war.

Der Diener trat herein und meldete, daß Kriminalinspektor Skrandies in der alten Mordsache gegen Kurstosch den Herrn Ersten Staatsanwalt zu sprechen wünsche.

»Zu Herrn Staatsanwalt Doktor Custodies!« rief Treuß, mit einem halben Blick über seine Arbeit aufsehend.

»Das sagte ich dem Herrn Inspektor schon. Er wünscht aber ausdrücklich dem Herrn Ersten Staatsanwalt zu berichten.«

»Er soll hereinkommen!« rief Treuß, ohne aufzusehen. »Ich bin außerordentlich mit einem dringlichen Berichte befaßt, ich bitte, recht kurz zu sein« fuhr er, noch einige Zeilen schreibend, fort, als er hörte, daß jemand hereingetreten war.

»Kurz kann ich mich diesmal nicht fassen, Herr Erster Staatsanwalt, der Sachverhalt ist – «

Treuß legte die Feder weg und sah auf. »Was bringen Sie, Herr Inspektor – mit so feierlicher Miene?«

»Ich habe in der Sache Kurstosch Bericht zu erstatten.«

»Das meldete schon der Diener. Weshalb mir und nicht Herrn Doktor Custodies? Also bitte – so kurz als möglich.«

Gleichwohl zögerte der Beamte einen Augenblick.

»Der Kriminalabteilung, Herr Erster Staatsanwalt«, begann er langsam, »liegt viel daran, den alten Mordfall an der Hand der neuen Beweismittel voll aufzuklären. Nach der letzten Vernehmung von Kurstosch haben wir auch die Überzeugung, daß er als Täter nicht in Frage kommt.«

Der Staatsanwalt machte bei dieser Einleitung eine Bewegung der Ungeduld.

»Zweifellos lebt aber noch jemand, der über den Vorgang Auskunft geben kann und von dem aller Wahrscheinlichkeit nach die neuen Beweisstücke herrühren.«

»Das wissen wir doch schon lange. Sie sprechen heute so sonderbar – sind Sie krank?«

»Nein, Herr Erster Staatsanwalt. Es hat sich nur etwas ereignet, was mir als Polizeimann der Stadt etwas nahegeht.«

Treuß sah mit großen Augen auf. »Setzen Sie sich.«

»Ich will so kurz als möglich sein« sagte Skrandies, sich langsam niederlassend. »Auf mich persönlich hat, ich kann selbst nicht sagen, weshalb, in der Kette der Beweise nichts so sehr Eindruck gemacht als das Flammenbild, das der Unbekannte aus Goslar als Tätowierung auf der Brust getragen haben soll. Vielleicht kommt es daher, daß ich mich mit Tätowierungen besonders befaßt habe. Ich habe viel darüber nachgedacht, habe mir die beiden Zeichnungen bei den Akten, die Kurstosch merkwürdig übereinstimmend entworfen hat, eingehend angesehen und ins Gedächtnis geprägt.«

Der Inspektor, ein freundlicher Mann in mittleren Jahren, mit grauem Vollbart, hielt, anscheinend von seinem eigenen Berichte bewegt, einen Augenblick inne, um alsbald fortzufahren.

»Ich gewöhnte mir an, unsere eingelieferten Gefangenen in dem entsprechenden Alter auf Tätowierungen genauer zu besichtigen. Unwillkürlich lenkte ich mein Augenmerk in derselben Richtung auch bei meinen dienstlichen Besuchen der hiesigen Badeanstalten. Vor zwei Wochen begegnete mir nun im Leopoldbad am Schwimmbassin ein Herr, dessen am Arme etwas aufgeknöpfter Badeanzug auf der Brust ziemlich deutlich die Linien einer Tätowierung erkennen ließ.«

Der Erste Staatsanwalt, der bisher zuhörend noch in seinem Bericht gelesen hatte, machte eine Miene lebhafter Überraschung.

»Da mir zu seinem Äußeren eine Tätowierung wenig zu stimmen schien«, fuhr Skrandies fort, »folgte ich ihm unauffällig und konnte im Vorübergehen an der wohl zufällig offen gelassenen Zellentüre genau erkennen, daß auf seiner Brust, als er sich des Badeanzugs entledigt hatte, sich tatsächlich ein tätowiertes Bild befand, das mir im ersten Augenblick merkwürdige Ähnlichkeit mit den gezackten Flammen des Goslarers zu haben schien.«

»Wahrhaftig?«

»Ich war aber so überrascht, daß ich doch meinen Augen nicht völlig trauen und meine Beobachtung wiederholen wollte. Das geschah am letzten Freitag. Ich besetzte die Zelle unmittelbar neben diesem Herrn und wartete die Gelegenheit ab, da er den Badeanzug abstreifte. Er hatte seine Zellentüre wieder angelehnt, so daß ich, als hätte ich mich in der Nummer versehen, seine Zelle betreten konnte.«

»Nun?« fragte Treuß gespannt.

»Er kehrte mir überrascht seine Brust zu – ich stand einen Schritt vor ihm und entschuldigte mein Versehen – er nickte und lachte – ich sah ganz deutlich in blauer Zeichnung das tätowierte Flammenbild – die Zacken in auffälliger Ähnlichkeit mit Kurstoschs Skizzen – es war ganz gewiß keine Augentäuschung, Herr Erster Staatsanwalt.«

»Sie kannten den Herrn?«

»Jawohl, Herr Erster Staatsanwalt.«

»Wer ist's?«

»Herr Erster Staatsanwalt kennen ihn selbst.«

»Ich? In der Tat, Sie machen mich neugierig.«

»Es wird mir schwer, den Namen zu nennen.«

Treuß wurde sehr ernst. »Nun? Immer heraus.«

»Es wird mir wirklich sehr schwer.«

»Also – ?« fragte Treuß fast unruhig.

»Herr – Michael Argobast – « erklärte der Beamte gedämpft mit zitternder Stimme.

Der Staatsanwalt starrte den Kriminalinspektor einen Augenblick an. »Ist das möglich?« fragte er dann, mit der Hand auf den Schreibtisch schlagend.

Skrandies nickte stumm.

»Unser Landtagsabgeordneter? Der Hüttenbesitzer? Unser sozialer und kriminalpolitischer Wohltäter? Sie kennen ihn genau?«

»Ganz genau.«

Treuß schüttelte den Kopf. »Sie müssen sich getäuscht haben« sagte er beinahe heftig.

»Ich habe mich gewiß nicht getäuscht, Herr Erster Staatsanwalt« erklärte der Polizeimann jetzt mit Ruhe. »Ich leiste für meine Wahrnehmung jede Bürgschaft.«

»Sie wollten die tätowierte Flamme sehen. Deshalb haben Sie sie auch gesehen – solche Selbsttäuschungen sind vorgekommen.«

»Ich wollte es gern glauben, Herr Erster Staatsanwalt – aber ich kann nicht – zweimal – «

»Gewiß – eine Tätowierung haben Sie natürlich gesehen – eine ähnliche vielleicht.«

»Es bliebe zum mindesten die Auffälligkeit, daß ein Mann wie Herr Argobast tätowiert ist – das könnte doch wohl nur aus seiner Jugendzeit herrühren – Herr Argobast stammt aus Goslar.«

»Haben Sie nachgesehen?« fragte Treuß schnell.

»In unsern Registern übereinstimmend – er wird sechsundvierzig Jahre, war also damals ungefähr zwanzig alt.«

»Und er ist ja wohl auch gelernter Schlosser?«

»Soviel ich weiß – «

Treuß war in der Erregung aufgestanden und stand hinter seinem Stuhle. »Dieser Mann – der sich des größten Ansehens erfreut – der Wohltäter unserer Stadt – «

»Ja, dieser allgemein beliebte, man kann sagen verehrte Mann – ich war stundenlang nicht fähig, darüber zu sprechen – ich habe ihn hier groß werden sehen – selten hat mich eine Entdeckung so niedergeschmettert.«

»Gewiß – ein merkwürdiger Mann«, sagte Treuß nachdenklich, »in mancher Beziehung – seine Rettungsversuche an entlassenen Strafgefangenen hatten für mich zuweilen etwas Eigentümliches – im Zuchthaus ging er als Berater des Direktors aus und ein – er ist die Seele der Entlassenenfürsorge – dieser Mann – ich muß sagen, man kennt den Menschen nicht aus – was haben Sie nach ihrer Entdeckung getan?« Der Staatsanwalt setzte sich wieder.

»Wir haben uns unauffällig Schriftproben von ihm verschaffen können – er hat häufig Eingaben in Angelegenheiten seiner Schützlinge an uns gerichtet – die Ähnlichkeit ist nicht zu verkennen – der Schriftvergleicher wird sie bestätigen.«

Dabei legte der Beamte einige Schriftsstücke auf den Tisch.

Treuß prüfte oberflächlich und sagte: »Ich habe keine genügende Kenntnis mehr – ich muß erst die Akten einsehen – die Schriftzüge ähneln sich allerdings – täuschend sogar – wer, glauben Sie, ist der geheimnisvolle Absender der neuen Beweisstücke?«

»Auch dieser Zweifel kann als gelöst gelten. Der Einbrecher Rüggeberg, der kürzlich verurteilt wurde, hat zugestanden, im letzten September in Villa Hildburg eingestiegen zu sein.«

»Ich erinnere mich.«

»Er leugnet zwar auch jetzt noch – ich habe ihn im Zuchthause aufgesucht – , sich an den verschlossenen Schränken und Schreibtischen zu schaffen gemacht zu haben, er will gar nicht in die Zimmer eingedrungen sein. Aber Argobasts Leute ließen bei den Ermittelungen damals bereits durchblicken, daß es doch geschehen sein müsse.«

»Hatte Rüggeberg Gelegenheit, die Sendung in Leipzig aufzugeben?«

»Zu solchen Zwecken haben Leute seines Schlages immer Verbindung.«

»Dann müßte aber Rüggeberg von der Wichtigkeit der entdeckten Beweisstücke einen Begriff haben.«

»Einigermaßen – gewiß – er wollte Schicksal spielen – das kennt man – die Polizei auf ihre Unwissenheit aufmerksam machen.«

» Haben Sie sonst noch Vorschläge?« fragte Treuß nach einigem Nachdenken.

»Zunächst möchte ich beiläufig bemerken, daß die Flamme als tätowiertes Bild in der Kriminalistik selten ist – schon deshalb ist der Umstand verdächtig. Wir wollen von dem Goslarer Original eine Vergrößerung herstellen lassen. Bei Hofphotograph Groth habe ich mir unauffällig ein älteres gutes Bild Argobasts verschafft.«

Der Beamte legte eine Photographie auf den Tisch.

»Es ist vor etwa zehn Jahren gemacht. Der Zeitunterschied ist also nicht so groß. Ich habe die Bilder lange verglichen. Wenn man sich Mühe gibt, findet man deutliche Ähnlichkeiten heraus. Man muß den Schädel und Gesichtsumriß, muß alle Einzelheiten, besonders Bildung und Stellung der Ohren, die Augenhöhlen, die Wölbung der Stirn, das Kinn, die Mundbildung und die Nasenlinien vergleichen.«

»Die Vergrößerungen werden das alles viel schärfer zeigen« bestätigte Treuß, die Bilder vergleichend.

»Dann habe ich noch einen Vorschlag. Hat Argobast in so merkwürdiger Weise die alten Zeitungen und die unvollendeten Eingaben an die damaligen Gerichtspersonen aufbewahrt, so besitzt er vielleicht noch ein anderes Beweisstück – ich meine sein Wanderbuch, darin sich, wie im Wanderbuche des Kurstosch bei den Akten, die Auszahlung des hiesigen Meister- und Stadtgeldes vom einundzwanzigsten Juli eingetragen finden wird.«

»Dieser Eintrag würde allerdings die Kette der Beweise beinahe schließen!« bemerkte der Erste Staatsanwalt mit einer gewissen Entschlossenheit und brach dann die Aussprache ab. »Ihre Mitteilungen, Herr Inspektor, überraschen mich. Ich muß nochmals die Akten einsehen und prüfen. Morgen werde ich meine Entschließung gefaßt haben; bis dahin ist in der Sache nichts zu unternehmen.«

Der Polizeibeamte verbeugte sich.

Eine Stunde später ließ sich Treuß die Akten Kurstosch mit allen Beilagen vorlegen. Doktor Custodies, der an seinem Schreibtische in ein anderes Aktenstück vertieft war, zeigte, ohne näher zu fragen, dem Gerichtsdiener die auf einem kleinen Tische gesondert liegenden Aktenhefte und Mappen.

Am anderen Tage erließ Treuß die schriftliche Verfügung, daß Staatsanwalt Doktor Custodies die eilige Schwurgerichtssache gegen den Brandstifter Pierenkemper zu übernehmen habe, während der Erste Staatsanwalt ihn mit dem Falle Kurstosch entlastete.

Ottokar Custodies las etwas verwundert die Anweisung des Vorgesetzten. Es schien ihm, als hätten die Schriftzüge nicht dieselbe Festigkeit wie sonst. Er las die wenigen Zeilen immer wieder, bis die Buchstaben vor seinen Augen zu tanzen begannen.

Die Verfügung machte ihn mit einem Male betreten. Treuß glänzte gern in Brandstiftungen, der Fall Pierenkemper war außerordentlich dankbar. Alle Schwierigkeiten waren, soviel er wußte, schon gehoben, es galt nur noch den äußeren Erfolg bei den Geschworenen zu ernten. Das überließ ihm plötzlich ohne ersichtlichen Grund der Erste Staatsanwalt, dieser gewandte, ausgezeichnete Redner?

Sein alter Sekretär Meierling hatte zu dem überraschenden Tausche kein Wort gesagt, er war wider seine Gewohnheit ganz schweigsam, seine Augen hatten einen merkwürdigen Blick.

Was war geschehen? Was ging um ihn in den nächsten Räumen vor? Staatsanwalt Custodies war aufgestanden und schritt im Zimmer unruhig auf und ab. Er atmete schwer; er rang mit sich selbst, man sah es ihm an, er kämpfte mit einer dunklen Ahnung seines Innersten.

Seit der Rückkehr aus Schlesien war er sichtlich verändert; auch seinen Kollegen fiel er auf.

Der Fall Kurstosch quälte ihn im stillen namenlos. Es lag eine schwere Bangigkeit auf seiner Seele. Er wußte, wer aus Goslar gebürtig war. Es zuckte ihm in den Händen, seinem Schwiegervater die alte Photographie vorzulegen und ihn zu fragen, ob er den Mann, der in seinem Alter sein konnte, etwa zufällig gekannt habe.

Noch mehr. Es zuckte ihm in den Händen, die alte Photographie einmal ganz unvermittelt Frau Hildegard vorzulegen! Wozu?

Heimlich hatte er oft das alte Bild vor sich liegen und starrte es an. Da belebte es sich unter seinen Blicken wunderbar und nahm Züge an, die er kannte, gut kannte.

Es kamen qualvolle Tage. Wohin führte nun diese neue Wendung?

Er dachte über die Persönlichkeit Argobasts nach und über den Eindruck, den er bei der ersten flüchtigen Begegnung auf ihn gemacht hatte. Jetzt wollte es ihm in der Erinnerung erscheinen, als hätte er damals eine verborgene Gegnerschaft in seinen dunklen Augen gelesen.

Der Brief mit dem Dufte der blauen Blüten fiel ihm erneut ein; er entsann sich der Stimmung, als von den Schulzeugnissen Ottiliens die Rede gewesen war; jetzt erschien sie ihm nachträglich etwas eigentümlich. Ihre Aufregung, als er im Zlatorog gelesen hatte, erregte bei ihm Verdacht.

Tiefes Weh packte sein Herz. Mit Gewalt suchte er ihr liebes Bild festzuhalten und sah es doch immer mehr vor seinen Augen zerfließen. Er konnte sich nicht mehr selber täuschen, seine Liebe zu ihr hatte eine Erschütterung erfahren. Er ging nicht mehr täglich zu ihr, er suchte und fand Ausflüchte, um fortzubleiben. Er saß so tief in der Arbeit, das entsprach auch der Wahrheit. Aber sonst hatte er von den Akten immer einen kurzen Weg zu ihr gefunden.

Wenn er bei ihr war, wurde er nicht frei, er war verstimmt, befangen, gleichgültig. Dies teilte sich auch Ottilien mit; sie wurde still und ernst. Zu erregten Auftritten kam es nicht wieder; im Gegenteil, sie erschien ihm zu vernünftig. Infolge der Verschlossenheit Argobasts war die Stimmung im Hause gedrückt.

Die wie eingeschlummerte schöne Kraft, die in Custodies lag, regte sich mächtig und bäumte sich auf gegen etwas Unbekanntes, Feindseliges, das sie in Fesseln schlagen zu wollen schien. Und dazwischen umschwebten seinen sich auf sich selbst besinnenden Geist die Gestalten von Helga Helligen und der Freifrau von Herder.

Wenn ihn in seinen dunklen Ahnungen die plötzliche Entziehung der Akten auch wie ein Donnerschlag traf, so fühlte er diese Entscheidung doch als eine Erlösung von immer wachsender Pein.

In welche entsetzliche Lage war er gekommen? Er konnte sich eines, freilich auf Unterlagen noch nicht gestellten merkwürdigen Verdachtes nicht erwehren und führte doch die Untersuchung, wenn er sie in den letzten Wochen überhaupt vorwärts gebracht hatte, in ganz anderer Richtung!

Wenn er sich befangen fühlte, wußte er, was er nach dem Gesetze zu tun hatte. Sollte er zum Ersten Staatsanwalt gehen und erklären – ja, was sollte er sagen? Wenn er sich irrte, welches entsetzliche Unheil beschwor er herauf! Gegen wen? Und Ottilie – ?

In welchen tragischen Zwiespalt der Pflichten war er mit einem Male geraten? Dieser Zweifel schüttelte ihn, seine Aufrichtigkeit forderte bedingungslos ihre Rechte.

Er fühlte diese Zwitterverhältnisse an sich zehren. Er litt namenlos. Er kannte sich nicht wieder, er war nicht mehr er selbst. Er spürte, daß er, so stark er war, zusammenbrechen werde. Für solche Heimlichkeiten war er nicht gemacht. Wahrheit, unbedingte Wahrheit war Voraussetzung seiner Kraft, ohne die sie in nichts zerfloß.

Nun hatte Treuß selbst das erlösende Wort gesprochen. Es war etwas geschehen, gleichviel was es sein mochte. Er hatte nicht zu handeln brauchen, die Entscheidung war ohne ihn gefallen.

Als er deshalb das erste Entsetzen über die Gewißheit überwunden hatte, gab er sich dem Gefühle der inneren Befreiung hin. Freilich empfand er zugleich, daß sich noch eine andere Loslösung in ihm vollzog, ganz leise, allmählich, aber doch bemerkbar. Auch schmerzlos geschah das nicht. Er hatte die Tränen in den Augen, als er sich darüber klar wurde. Ein Traum lag hinter ihm, ein schöner kurzer Traum.

Nach acht Tagen waren die scharfen Vergrößerungen hergestellt, von denen der Kriminalinspektor gesprochen hatte; sie waren über alles Erwarten gut gelungen.

Der Gerichtsarzt Doktor Velten wurde zur Vergleichung des Signalements hinzugezogen. Er war von den Ähnlichkeiten überrascht und behauptete, daß die photographierten Personen dieselben seien. Er empfahl, nötigenfalls noch einen Universitätsprofessor als Sachverständigen heranzuziehen.

Die Vorladung an Michael Argobast war in verschlossenem Umschlage ergangen. Er leistete ihr Folge.

Ehe seine Vernehmung beendet war, brachte Skrandies atemlos das Wanderbuch.

Frau und Fräulein Argobast waren nicht zu Hause gewesen; die Dienstboten waren zwar etwas verwundert, glaubten aber schließlich an einen Zusammenhang mit dem Einbruche im September.

Die Vermutung des Kriminalbeamten erwies sich als richtig. Das Wanderbuch Argobasts zeigte den wichtigen Eintrag vom einundzwanzigsten Juli auf. Da hatte er, wie Kurstosch, das Stadt- und Meistergeld in Empfang genommen.


Vierundzwanzigstes Kapitel

Der Zuhörerraum in dem von Künstlerhand ausgestatteten Schwurgerichtssaale war bis auf den letzten Platz besetzt.

Die dem deutschen Rechtsleben entlehnten Motive von Burg und Kirche, die das ganze Gerichtshaus durchdrangen, trugen den Raum, der sich, halb Kirchenschiff, halb Burghalle, kraftvoll zugleich und das Gemüt erhebend, darbot.

Der schon anderswo verwirklichte Gedanke, im Schwurgerichtssaale die Malerei zu verwerten, hatte hier Vollendung gefunden.

Die lange und hohe Seitenwand, längs deren die Geschworenenbänke aufgestellt waren, zeigte, der Anklagebank gegenüber, in gedeckten Farben ein großes Freskogemälde, das die Entgegennahme der zehn Tafeln auf dem Sinai durch Moses darstellte.

Mit flammenden Lettern, als wären sie geistige Ausstrahlungen, waren umher die Worte dieses Urbildes aller Strafgesetze zu lesen: Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten! Du sollst nicht töten!

Über der Anklagebank, also zu Gesicht der Geschworenen, belebten die Wand zwei sprechende Vorgänge aus dem Rechtsleben: Das Geständnis des Schuldigen, die Freisprechung eines Unschuldigen.

Von der Gewölbedecke leuchtete sinnvoll, drohend und tröstend, eine gigantische Darstellung des Jüngsten Gerichts.

Der eigentliche Zuhörerraum war, von der Gerichtsstätte getrennt, durch gesonderte Zugänge zu betreten und stieg, im Hintergrunde durch Gardinen abschließbar, amphitheatralisch zu kühner Höhe empor.

Kopf an Kopf gedrängt, harrte hier hinter einer ersten Reihe von Gerichtsberichterstattern bis zu den höchsten Stufen die lauschende Menge, während uniformierte Gerichtsdiener die Zugänge besetzt hielten und die Aufsicht führten.

Bei dem großen Andrange, den die aufsehenerregende Gerichtsverhandlung hervorgerufen hatte, waren ausnahmsweise unten im Saale hinter den Plätzen der Zeugen und Sachverständigen einige Reihen von Sitzen gegen Kartenausweis an Herren und Damen der Gesellschaft überlassen worden.

Hier sah man heute wohlbekannte Gesichter und Gestalten, die sonst nie das Gerichtsgebäude betraten. Herren und Damen der ersten Kreise fanden sich beisammen; einzelne farbige Hüte und Toiletten belebten das sonst dunkel gehaltene Bild.

Durch die Seitenfenster von hellgelbem Glas flutete ein glänzendes Licht auf die ernstgestimmte Versammlung herab und warf gegen die prächtigen Fresken eine wunderbare Beleuchtung.

Der sinnige Künstler, der dieses Haus baute, hatte sich in den Wirkungen, die er sich wünschte, nicht vergriffen.

Von der häßlichen Sensationslust, die das Gerichtspublikum sonst gelegentlich zeigt, war nichts zu spüren. Rücksichtsvoll und schweigsam, als sei man in seinem eigenen Rechtsgefühle geläutert, nahmen die Zuhörer unten im Saale und oben auf den amphitheatralischen Bänken Platz.

Als der Angeklagte Michael Argobast im schwarzen Rocke und mit schwarzer Halsbinde einige Minuten vor Beginn der Verhandlung durch die kleine Seitenpforte neben der Anklagebank hereingeführt wurde und, rechts und links von einem Gerichtsdiener bewacht, sich niederließ, ging nur ein scheues Flüstern durch die Reihen. Aber es entstand kein Drängen, kein Scharren mit den Füßen beim Aufstehen. Keine Zurufe, sitzenzubleiben, wurden nötig, kein Opernglas wurde in Bewegung gesetzt.

Die ganze große Versammlung stand unter dem bangen Eindrucke der ungeheuren Tragik der Ereignisse, die einen geachteten, verehrten, als Mitglied zahlreicher Vereine bekannten, ja als Wohltäter der Armen und Elenden geliebten Mann, den die halbwüchsige Jugend kannte und auf der Straße grüßte, vor die Schranken des Gerichts forderte.

Der als Vorbild rastloser, von schönsten Erfolgen gekrönter Arbeitsamkeit, als Muster frommen Kirchenbesuchs, reinen Familienlebens und persönlicher Herzensgüte ihnen allen vorangeleuchtet hatte, stand unter der Anklage des schwersten aller Verbrechen, des Urverbrechens der Menschheit. Menschenblut sollte er vergossen, er sollte getötet, absichtlich getötet, sollte gemordet haben, um zu rauben!

Fünfundzwanzig Jahre, ein halbes Menschenalter, hatte niemand von seiner Tat gewußt. Solange hatte er seine Schuld heimlich getragen und vor den Augen der Welt zu verbergen verstanden. Mit dem Gesicht der Tugend hatte er die innere Schuld verdeckt. Im letzten Augenblicke irdischer Belangbarkeit war er dem Ankläger verfallen durch sein eigenes seltsames Verhalten, das in einem eigentümlichen Charakter und Gemütszustande zu wurzeln schien.

Läuternd, reinigend atmete dieses Gefühl der Unbestechlichkeit des höchsten und des irdischen Richters in jeder Brust. Es war wohl niemand im Hause, der gegen diesen Mann einen Groll hegte. Eher regten sich heimliche Stimmen zu seinen Gunsten und bangten, ob er unter dem erdrückenden Schuldbeweise, der angekündigt worden war, auch die bisherige Versicherung seiner Unschuld aufrechterhalten werde.

Mancher machte sich im stillen Gedanken über das seltsame, von einem Teile behauptete, vom anderen bestrittene Recht, seine verborgene Schuld leugnen und den Nachweis durch den Ankläger erwarten zu dürfen. Jeder hatte aber das Gefühl, daß er – sei es mit Recht oder mit Unrecht – in gleicher Lage ähnlich handeln werde. Man dachte sich diesen Mann, diesen Kämpfer und Wohltäter, in einem Stande der Notwehr, deren Voraussetzungen und Wesen freilich etwas im unklaren blieben.

Ernst und schweigsam, kaum miteinander flüsternd, saßen sechsundzwanzig Geschworene – ihrer vier waren erkrankt oder beurlaubt – vor der Auslosung auf ihren Stühlen. Ihre Blicke schweiften hinüber nach Argobast, der die Geschworenenbank, die er oft als Obmann zierte, so schnell mit der Anklagebank vertauscht hatte. So plötzlich und tief konnte der Mensch gestürzt werden. Sie wurden ihrer Geschworenenpflicht nicht froh, eine Bangigkeit lag auf ihrer Seele.

Wenn sie im Beginne dieser ernsten inneren Sammlung noch einen Augenblick an Frau und Kinder daheim gedachten, so fielen ihnen auch die Gattin und Tochter Argobasts ein.

Man wußte nicht, ob man das Schicksal der Frau, die zwanzig Jahre mit einem heimlichen Mörder verheiratet gewesen war, oder dasjenige der Tochter düsterer finden sollte, die von diesem Vater stammte und mit einem Staatsanwalt verlobt war. Unverbürgte Gerüchte über das Verhalten dieser Frauen in der augenblicklichen niederdrückenden Lage waren im Umlaufe. Fräulein Argobast sollte ihrem Bräutigam sein Wort zurückgegeben, er sollte beim Justizminister um seine Versetzung in ein auswärtiges Richteramt nachgesucht haben.

Am Tische vor der Anklagebank, außerhalb von deren Schranken, erschien, die Aktenmappe unter dem Arme, ein Herr mit klugem, aber kühlem Gesicht in noch jüngeren Jahren. Eine goldene Brille gab, seine Blicke gewissermaßen verhüllend, den Zügen mit der spitzen Nase und dem bartlosen Mund etwas Formelles, Berechnendes.

Mit einer kurzen Verbeugung gegen die Geschworenen wendete sich der Herr in weißer Krawatte zum Angeklagten, dem er die Hand reichte. Es war der bekannte Rechtsanwalt Doktor Zscherper, ein gesuchter Jurist, dem Argobast seine Verteidigung übertragen hatte. Den Arm auf die Schranke gelehnt, sprach er einige Worte mit seinem Klienten.

Jetzt verkündeten langes Läuten der elektrischen Klingeln außerhalb des Saales und der eilige Schritt der Gerichtsdiener, daß der Gerichtshof erscheinen werde. Oben aus der unmittelbar über dem Richterpodium befindlichen Juristenloge beugten sich dichtgedrängt die Köpfe einiger Herren, unter ihnen Amtsrichter Schierenberg und Referendar Barbian, herab; zurückgelehnt saßen einzelne Juristendamen und deren Bekannte.

Die Ringe an den Metallstangen hinter dem Richtertische klangen, die dunkelgrünen Gardinen wurden etwas zurückgeschlagen. In der Mitte erschien der Gerichtshof, der Schwurgerichtsvorsitzende und zwei Beisitzer, rechts von ihnen der Staatsanwalt, links der Gerichtsschreiber. Alle Beamte trugen Talare und weiße Halsbinde.

Das ganze Haus erhob sich geräuschlos von den Sitzen und begrüßte in feierlichem Schweigen das Gericht. Der Präsident entblößte sein Haupt vom Barett, das er einen Augenblick, gleichsam in Anerkennung der anwesenden Vertreter der Öffentlichkeit, zum Gegengruß ernst in der Hand hielt.

Er nannte, nachdem er sich wieder bedeckt und mit den Richtern Platz genommen hatte, den Straffall, der zur Verhandlung stand, und ließ von dem zu seiner Rechten sitzenden Gerichtsrat die Gründe verlesen, die einen Geschworenen nach dem Gesetze vom Richteramte ausschließen. Bei keinem lagen solche Umstände vor.

Die Namen der erschienenen Geschworenen wurden verlesen und für jeden ein Los in die Urne geworfen. Ein Gerichtsdiener, hinter dem Präsidenten stehend, schüttelte die metallene, künstlerisch gearbeitete Urne lange und kräftig.

Bei der lautlosen Stille hörte man die Lose in der Urne hin- und herschlagen. Jeder Zuhörer verfolgte diesen Vorgang mit Spannung und hatte das beruhigende Gefühl, daß hier die Lose, welche die Berufung zum Geschworenenamte entschieden, völlig der Fügung des frei waltenden Schicksals überlassen waren.

Ohne in die Urne zu sehen, die ihm der Gerichtsdiener seitwärts hinhielt, zog der Präsident langsam der Reihe nach einzeln die Lose, deren Namen er ausrief. Er legte das Los dem ihm zur Rechten sitzenden Beisitzer hin, der, ein feierliches Echo, den Namen wiederholte und danach in eine Liste eintrug.

Monoton oder mit Schärfe ertönten bei einzelnen der gezogenen Namen einige Male aus dem Munde des Staatsanwalts, öfter vom Verteidigungstische her die Worte: »Wird abgelehnt!«

Auch dieser Vorgang wurde von den Zuhörern mit Aufmerksamkeit verfolgt, wenn der »abgelehnte« Geschworene auf seinem Stuhle im Saale sitzenblieb, während der nicht abgelehnte auf der Bank der Geschworenen Platz nahm.

Mancher Zuhörer machte sich über die unausgesprochen gebliebenen Gründe dieser Ablehnungen Gedanken und ahnte nicht, daß der Anlaß zuweilen ein harmloser, mit dem sachlichen Richteramte gar nicht zusammenhängender war.

Er hatte nicht beobachtet, wie dieser oder jener Geschworene durch die Hand des Gerichtsdieners seine Visitenkarte auf den Verteidigungstisch niederlegen ließ, was dem Rechtsanwalt Doktor Zscherper nach der Gepflogenheit ohne weiteres zu erkennen gab, daß der Geschworene, da er eine Beurlaubung vom Präsidenten nicht hatte erwirken können, aus irgendwelchen Gründen privater Art entlassen zu sein wünschte.

Früher pflegten auch die Staatsanwälte solchen Bitten entgegenzukommen und die unbegründete »Ablehnung« zu erklären. Aber in neuerer Zeit hatte der Oberstaatsanwalt dieses Verfahren untersagt.

Als die Bank mit zwölf Laienrichtern besetzt war, wurde die Losziehung für beendet erklärt. Die übrigen Geschworenen wurden entlassen, die ausgelosten Herren beeidigt. Feierlich wanderten die Worte »Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe!« von Mund zu Mund.

Nach dem Aufrufe der Zeugen und Sachverständigen wurde der Anklagebeschluß verlesen. Aus seinen langatmigen und amtlich stilisterten Sätzen hörte doch jeder das Verbrechen heraus, von dem die Rede sein sollte.

»Bekennen Sie sich der Ihnen zur Last gelegten Tat schuldig?« fragte der Vorsitzende mit ernster Stimme. Lautlose Stille im Hause.

»Nein!« klang es nach kurzem Schweigen deutlich von der Anklagebank zurück.

Erneute Stille im Saale; jeder Zuhörer seinen besonderen Gedanken hingegeben.

Die Verhandlung ging vor sich.

Es war, als ob der künstlerisch ausgestattete Innenraum dem Schwurgerichtsvorsitzenden besonders warm ans Herz legte, daß auch das Recht künstlerisch zu schöpfen ist.

Der junge Landgerichtsdirektor Woltering, nicht nur ein begabter Jurist, sondern vor allem auch ein bedeutender Mensch, ein hervorragendes Mitglied der Internationalen kriminalistischen Vereinigung, schien zu wissen, daß das Nachschaffen des vergangenen wirklichen Lebensereignisses im Gerichtssaale eine psychologische Befähigung, eine Gefühlstiefe und eine Gestaltungskraft erfordert, wie sie ähnlich der echte Dichter besitzt.

Seine Kunst, aus dem Angeklagten und den Zeugen, also aus lebendigen Menschen, herauszuholen, was sie in gegebenen Augenblicken wirklich gedacht und gefühlt hatten, stand, wie der Verlauf der Verhandlung zeigte, an psychologischem Werte kaum hinter der anderen Kunst zurück, nur gedachte Charaktere mit einer Geistes- und Empfindungswelt zu erfüllen, die ihren nur ersonnenen Lebensereignissen auf das feinste entspricht.

Argobast räumte ein, daß die Einträge in seinem beschlagnahmten Wanderbuche stimmen könnten, und daß er also tatsächlich an jenem einundzwanzigsten Juli in hiesiger Stadt geweilt haben werde. Alles übrige stellte er in Abrede.

Er bestritt, je mit dem Ermordeten Thomas Wrobel und dem Zeugen Kurstosch zusammen gewandert zu sein; er wollte sie nie gekannt haben.

Die vorliegenden Schriftstücke sowie die Photographie aus Goslar seien nie in seinem Besitze gewesen; die Schriftzüge stammten nicht von seiner Hand, das Bild stelle ihn nicht dar. Die Urteile der Sachverständigen müsse er als wissenschaftlich nicht beweiskräftig bezeichnen. Er habe auf seiner Brust nie eine tätowierte Flamme getragen.

Die Verteidigung Argobasts war ruhig und sachlich. Er vermied es, sich in allgemeinen Redewendungen, Beteuerungen und Klagen zu ergehen.

Weder herausfordernd noch gedrückt stand er da. Eine leichte Schwermut lag über seinem ganzen Wesen, aus der ein verhaltenes Weh über das ihm auf der Höhe seines Lebens widerfahrene Unglück zu sprechen schien.

Die verschiedenen Einwendungen und Vorhalte des Vorsitzenden wies er mit Bezugnahme auf seine gegebene Sachdarstellung, unter Vermeidung von Wiederholungen und Widersprüchen, zurück. Er fand einen besonnenen Ton und zeigte ein gemessenes Gebärdenspiel.

Der Eindruck seiner Verteidigung war günstig. An der Bewegung im Zuhörerkreise und auf der Geschworenenbank war das zu erkennen. Die Stimme des Präsidenten schien bei jedem Vorhalte milder zu klingen.

Wen in der ganzen Art der Verteidigung die Kürze, die Einfachheit, das Anspruchslose überraschen wollte, brauchte nur an den in der Öffentlichkeit bekannten Lebensgang und Charakter dieses Mannes zu denken. In diesen Eigenschaften allein lag wohl auch der Grund, daß Argobast noch nicht den Kommerzienratstitel erhalten hatte, eben weil er sich um ihn tatsächlich niemals bemühte.

Sein Wesen mit den Vorzügen und, wenn man wollte, auch mit den Schattenseiten der Selbsterziehung und der Entwicklung aus eigner Kraft spiegelte sich auch in seiner eigenartigen Verteidigung wider. Wer konnte erwarten, daß dieser Mann sich verteidigte etwa wie ein anderer Angeklagter?

Der auf Antrag des Verteidigers geladene Zeuge Wachtmeister Krusebaum eröffnete die vom Vorsitzenden streng chronologisch, gewissermaßen historisch gestaltete Beweisaufnahme.

Der Eindruck, den sein Bericht über das erste Verhör Kurstoschs hervorrief, war ein unbestimmter. Es war bewundernswürdig, wie der Präsident den Zeugen seine eigene eingehende Niederschrift bis in Kleinigkeiten getreu wiedergeben ließ.

Als nun Krusebaum im Eifer seines Berichtes alle jene menschlichen Fehler seines ersten Angriffs eigentlich ganz wider seinen Willen erzählte, schüttelte man hier die Köpfe, dort flüsterte man. Unter einer leichten Bewegung, die durch den Saal lief, trat er ab.

Der Zeuge Nikolaus Kurstosch wurde aufgerufen. Unter allgemeiner Spannung betrat er den Saal. Das gegen ihn geführte Strafverfahren mit dem freisprechenden Urteil war vorher in seinen Einzelheiten bekanntgegeben worden.

Der Messerschmied zeigte zwar nichts von der Aufregung bei seiner ersten Zeugenvernehmung, er besaß aber auch nicht die Ruhe, die er vor Staatsanwalt Custodies bewahrt hatte.

Schon bei seiner dritten, im Verlaufe der kurzen Voruntersuchung erfolgten Befragung hatte er an Sicherheit eingebüßt. So gab jede seiner vom Gesetze vorgeschriebenen Vernehmungen eigentlich ein anderes Bild, anstatt daß es, wie wohl der Gesetzgeber erwartete, einheitlicher wurde.

Den Sachverhalt über die Bekanntschaft der drei Walzbrüder, über ihr gemeinsames Wandern und Verweilen, über den Akt der Tätowierung erzählte er nicht fließend, sondern unzusammenhängend, mit Wiederholungen, mit kleinen Widersprüchen, die aufgeklärt werden mußten.

Die Vorgänge am Abend der Ermordung und nach der Tat, bei denen er angetrunken gewesen sein wollte, brachte er abgerissen, unklar, unruhig und ängstlich, mit bewegter Stimme vor.

Seine wiederholte Beteuerung, daß er die Untat nicht verübt und keine Mitwissenschaft an ihr habe, riß ihn in der Erinnerung an das erlittene Schicksal zu starkem Pathos, zur Anrufung Gottes, zu Schluchzen hin.

Er mußte die Goslarer Photographie und den Angeklagten, den er heute im Verlaufe der Untersuchung zum erstenmal persönlich sah, genau betrachten. Das tat er lange, ohne eine Antwort zu finden, nachdem er der Aufforderung des Vorsitzenden, dicht an die Anklagebank zu treten, scheinbar nur mit Widerstreben Folge geleistet hatte. Er zuckte die Achseln und machte Bewegungen mit den Armen.

Auf Befragen erklärte er, in sichtlicher Unzufriedenheit mit sich selbst, mit unsicherer Stimme, daß er heute beim besten Willen nicht sagen könne, ob der Angeklagte und der Photographierte der angebliche Schlosser Wolf aus Goslar sei.

Als ihm der Staatsanwalt Nigger, ein gesetzter, nüchterner Herr in mittleren Jahren, der die Anklage in der mündlichen Verhandlung vertrat, unter Hinweis auf seine Erklärungen vor Doktor Custodies arg zusetzte, geriet der Messerschmied in starke Erregung, legte gegen solch scharfes Verhör entschieden Verwahrung ein und erklärte schließlich, daß für ihn die Hauptsache seine heilige Versicherung sei und bleibe, daß er selber der Tat in jeder Beziehung vollständig fernstehe. Das wisse er, das könne er aussagen und beschwören. Das andere gehe ihn nichts an.

Er werde sich hüten, gegen seine Wissenschaft auch nur den Schein einer Behauptung aufzustellen, die einen unschuldigen Mann in Verdacht bringen könnte. Was nütze es, daß er erkläre, er habe ein Gefühl, als ob er den Angeklagten schon gesehen habe. Im Augenblicke, da er dies sage, habe er bereits das Gefühl, daß er sich irre. Je länger man ihn frage, desto unsicherer würde er in seinem Gedächtnisse. Man solle nicht Unmögliches von ihm verlangen und sich gefälligst selber hierherstellen, um eine solche Wiedererkennung nach fünfundzwanzig Jahren zu bekunden.

Die Stimmung im Hause, äußerlich kaum faßbar und nur dem tiefsten Kenner des Menschengeistes und der Menschenseele fühlbar, war entschieden auf der Seite des Zeugen. Jeder meinte im stillen, er würde sich in solchem Falle ganz ähnlich verhalten. Diese praktische Stellungnahme des Messerschmieds zu den beiden wichtigen Fragen hatte etwas für sich, seine einfache gesunde Logik überzeugte.

Befriedigend in gewissem Sinne war das Ergebnis, daß der Zeuge, der früher von den Geschworenen freigesprochen worden war, bei der Beteuerung seiner Unschuld blieb, aber auch den heutigen Angeklagten nicht belastete.

Und an eine Blutschuld Argobasts zu glauben, wurde dieser Laienversammlung noch schwerer; sie wehrte sich gegen eine solche Meinung nach besten Kräften. Sie lehnte sich nach bekannter Erfahrung auch mit einem geheimnisvollen Instinkt gegen den staatlichen Ankläger auf, der gegebenenfalls, wie der Vorgang zeigte, sich auch gegen die Unschuld drohend erhob und dem, um Fehlsprüche zu vermeiden, die Arbeit nicht zu leicht gemacht werden durfte.

Zum Mystischen geneigte Naturen dagegen fühlten sich gern in das Geheimnisvolle und Dunkle, das über den Ereignissen lag, ein und verglichen es, wie es heute diesen Saal beherrschte, mit den großen Geheimnissen draußen im Leben und Weltall.

Vielleicht war auch im Verborgenen ein vereinzeltes Gemüt vertreten, das im anreizenden Zwiespalt der Meinungen eine geheime Lust an der Qual des unglücklichen Opfers empfand und, mochte es schuldig oder nicht schuldig sein, dem immerhin gefürchteten Ankläger den Sieg wünschte, damit zur Beruhigung der kleinen Geister eine große Existenz vernichtet würde.

Noch einmal wurde der Zeuge Kurstosch in seinen Grundfesten erschüttert, als ihm der Vorsitzende die gedruckten und geschriebenen Beweisstücke vorhielt, die namenlos, ohne Unterschrift an die Staatsanwaltschaft gelangt waren.

»Sind Sie nicht selber der Meinung«, fragte er ihn, »daß nur ein Eingeweihter, sei es nun Ihr Goslarer Wandergenosse oder sonst ein Dritter, der der Täter gewesen wäre, an den Zeitungsbericht diejenigen Tatsachen berichtigend geschrieben haben kann, die, wie Sie zum Teil selber bekunden, den wirklichen Vorgängen so genau entsprechen? Und glauben Sie nicht auch, daß der wirkliche Mörder damals diese dringenden Gesuche an das Gericht und die Geschworenen geschrieben hat in einer Anwandlung von Reue, damit Sie selbst nicht als Unschuldiger verurteilt würden?«

Kurstosch zögerte mit der Antwort. Oben im Zuhörerraum entstand aus unersichtlichem Anlaß eine Unruhe; es wurden unverständliche Worte vernehmbar. Die nach oben gerichteten Blicke der Richter und Geschworenen genügten aber, um die Störung zu unterdrücken.

Der Zeuge erklärte, daß er die Fragen nicht recht verstanden habe, die der Vorsitzende deshalb wiederholte und hinzufügte: » Oder soll man annehmen, daß Sie damals, wie es zuweilen zu geschehen pflegt, im Untersuchungsgefängnis Gelegenheit hatten, mit einer Person in der Außenwelt in Verbindung zu treten, die dann durch ihr Schreiben Ihre Entlastung, eben weil Sie wirklich unschuldig waren, unternahm?«

Diesen Vorhalt verstand Kurstosch sofort und wies ihn mit Entschiedenheit zurück. Darüber, ob nur ein Eingeweihter, zumal lediglich der Täter, die Schriftstücke geschrieben haben könne, müsse sich das Gericht selber das Urteil bilden; er sei nicht imstande, so weit zu folgen.

Die alte Auffassung, daß das Tribunal gewisse Einzelheiten mit der Schaubühne gemeinsam hat, bewährte sich auch hier. Die Möglichkeit, Empfindungen und Gedanken aller vorgeführten Personen mit ihren eigentümlichen Abtönungen und Feinheiten zur Geltung zu bringen, kann an der Unzulänglichkeit einzelner Darsteller scheitern.

So war es bei Kurstoschs Persönlichkeit, wie er sich heute gab, nicht möglich, ihn zur Wiederholung seiner früheren Bemerkung zu bringen, daß er am Abende nach der Tat vor deren Bekanntwerden aus eigenen bösen Gedanken heraus in der Trunkenheit verdächtige Reden geführt hatte. Der Zeuge wich geflissentlich aus; in der Trunkenheit, erklärte er nur, rede man Torheiten wie im Traume.

Die schriftlichen Beweisstücke sowie die Photographie aus Goslar und Argobasts Bild mit den zu gehörigen Vergrößerungen wurden den Geschworenen zur Besichtigung ausgehändigt, nachdem der Zeuge Rüggeberg, aus dem Zuchthaus vorgeführt, mit großer Bestimmtheit versichert hatte, daß er bei seinem Einbruche in Villa Hildburg diese Beweisstücke nicht in die Hände bekommen und sie deshalb auch nicht an die Staatsanwaltschaft abgeschickt habe.

Dieses ganze Ereignis, das weniger bekanntgeworden war, kam manchen überraschend und stimmte nachdenklich. Aus der Stille, die Rüggebergs Vernehmung begleitete, fühlte man heraus, wie die Gemüter hier zweifelnd zwischen Trug und Wahrheit schwebten.

Die Sachverständigen blieben mit großer Bestimmtheit bei ihren früheren Behauptungen. Vielleicht ließ unter ihren ausführlichen, nüchternen, zum Teil trockenen Darlegungen technischer Art die Spannung im Hause vorübergehend etwas nach. Ihre den Angeklagten stark belastenden Schlußergebnisse, deren Zerpflückung der Verteidiger freilich schon in Aussicht stellte, machten zwar einen Eindruck. Allein es wiederholte sich auch hier die allgemeine Erfahrung, daß der Laienverstand sich gegen solche leicht mit der Behauptung der Unfehlbarkeit vorgebrachte Meinungen wissenschaftlicher Männer im stillen gern auflehnt.

Der Gerichtsarzt, der zuletzt gehört wurde, erklärte, daß Argobast heute keinerlei Spuren einer ehemaligen Tätowierung auf der Brust mehr aufweise. Aber solche farbige Einstechungen seien nach bekannten Rezepten unschwer entfernbar. Am Tage der Verhaftung habe der Angeklagte deutliche Hautabschürfungen auf der Brust gehabt, die auf eine solche Selbstentfernung sehr wohl schließen ließen und insbesondere Linien wie auf den Zeichnungen der Flammenbilder durch Kurstosch gezeigt hätten.

Polizeiinspektor Skrandies hatte dem Verteidiger gegenüber einen schweren Stand, der auf sein Verhalten in der Badeanstalt, das er als übereifrig bezeichnete, aufmerksam machte. Wenn man wollte, konnte man als Ergebnis dieses Kreuzverhörs annehmen, daß der Polizeibeamte sich tatsächlich, wenn auch gutgläubig, in seiner Wahrnehmung, wenigstens im tätowierten Bilde, getäuscht hatte.

Der Vorsitzende fragte Argobast ob er etwa seine Frau als Zeugin dafür benennen wolle, daß er die tätowierte Flamme niemals auf seiner Brust getragen habe, und fügte hinzu, daß unabhängig hiervon der Gerichtshof sich selbst und den Geschworenen die Entschließung vorbehalte, ob Frau Argobast etwa von Amts wegen als Zeugin vorgeladen werden solle.

Diese eine Frage nämlich hatte der Polizeibeamte nicht über seine Lippen gebracht, als er der überraschten Frau Argobast in einem günstigen Augenblicke die Goslarer Photographie vorlegte, und sie kopfschüttelnd verneinte, sie als Jugendbildnis ihres Mannes zu kennen.

Argobast erklärte mit Ruhe, ja mit Dank, daß er von dem Vorschlag des Herrn Präsidenten keinen Gebrauch machen wolle, da die Tätowierung nach dem Gange der Verhandlung nicht erwiesen sei, und er seiner an sich durch das Unglück hart getroffenen, nach ärztlicher Mitteilung schwer leidenden Frau das peinliche Erscheinen im Gerichtssaale ersparen wolle.

»Wir sind der Meinung«, erklärte den Geschworenen in seiner kühlen, aber sehr klaren Weise der Verteidiger, »daß wir in einer Sache, die vielleicht schon einen Mißgriff vor fünfundzwanzig Jahren aufzuweisen hat, zu keinem allzugroßen Beweisaufwand verpflichtet sind. In solcher Auffassung hat wohl auch Frau Argobast, vom Untersuchungsrichter vorgeladen, an ihn geschrieben, daß sie von ihrem Rechte der Zeugnisverweigerung Gebrauch mache – «

»Auch die Justiz darf sich der Rücksichtnahme auf das Nervensystem einer beklagenswerten Frau befleißigen«, fiel der Staatsanwalt im Tone leichter Schärfe ein, »und bei der Sachlage vielleicht Schlüsse ziehen, wenn sie in solchem folgenschweren Falle weder freiwillig spricht, noch vom Angeklagten benannt wird.«

»Wir für unsere Person«, antwortete der Verteidiger, »dürfen nach der Strafprozeßordnung, an die wir uns wohl halten wollen, den lückenlosen und tatsächlichen, nicht nur durch zweifelhafte wissenschaftliche Theorien und Schlußfolgerungen versuchten Nachweis erwarten, daß die vorliegenden Beweisstücke wirklich aus dem Besitze des Herrn Argobast stammen. Wir sehen auch hierüber der Ansicht der Herren Geschworenen entgegen. Dann erst könnten, dürften wir uns veranlaßt fühlen, weitere Erklärungen zur Entkräftung abzugeben. Wie denken Sie über solchen Nachweis, Herr Staatsanwalt? Wie wollen Sie ihn führen? Wo ist Ihr Kronzeuge?«

Der Staatsanwalt hatte sich eben erneut zu einer Antwort erhoben, als von den höchsten Stufen des Amphitheaters ein vernehmliches, von schriller Stimme gerufenes »Hier, Herr Gerichtshof!« ertönte.

Ein Blitzschlag hätte nicht wirksamer in das Haus treffen können. Nun hatte die Versammlung doch die Sensation, die sie bisher vermieden hatte. Aller Blicke waren hinaufgerichtet, wo unter den Zuhörern eine starke Bewegung, begleitet von Stimmengewirr, entstand.

»Wer stört die Verhandlung durch Zwischenrufe? Was bedeutet der Zuruf ›Hier, Herr Gerichtshof‹?« rief der Präsident hinauf.

Lautlose Stille. Niemand meldete sich. Erneute Unruhe oben auf den Sitzen. Aller Augen schienen sich auf eine Stelle zu richten.

»Er ist es gewesen! Er hat gerufen! ›Hier, Herr Gerichtshof!‹ hat er gesagt!« so schwirrte es oben durcheinander. Sie zeigen auf einen Mann, der sich zunächst zu dem Zurufe nicht bekennen zu wollen scheint, aber schließlich halb ärgerlich, halb lachend sich meldet.

Der Gerichtsdiener, der oben die Aufsicht führt, spricht lebhaft mit ihm. Eine kurze Auseinandersetzung ist unten nicht verständlich. »Dieser Mann«, ruft der Diener endlich herab, »behauptet, in der Sache als Zeuge Auskunft geben zu können.«

»Worüber? Wie kommt er dazu?«

Eine neue kurze Unterhaltung. Man kann den Mann gestikulieren sehen.

»Er will über die Herkunft der Beweisstücke Mitteilung machen können.«

»Wie heißt er?«

Man hört einige Worte.

»Das will er dem Gericht nur selber sagen. Der Angeklagte, behauptet er, kenne ihn gut.«

Unter den drei Richtern am Gerichtstische entsteht eine Bewegung.

»Der Mann soll herab in den Saal kommen!« ruft der Präsident hinauf.

Wieder Unruhe auf den oberen Sitzen, als der Mann seinen Platz verläßt und mit dem Gerichtsdiener verschwindet.

Eine Pause der beklommenen Erwartung entsteht. Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, ehe der Mann über Treppen und Gänge herabkommt.

Endlich betritt er, von allen Augen betrachtet, den Verhandlungsraum. Er macht einen scheuen Eindruck, als habe er seine Handlungsweise bereits bereut. Sein Äußeres ist vernachlässigt; wirr hängt ihm sein schwarzes Haar in die Stirn.

»Wie heißen Sie?« fragte ihn der Vorsitzende.

»Herr Argobast kennt mich« klang es unschlüssig aus seinem Munde.

»Sie müssen dem Gericht über Ihre Person Auskunft geben, ehe Sie zur Sache gehört werden können.«

»Robert Erkelenz« antwortete er, vor dem Zeugentische stehend.

Michael Argobast richtete sich auf.

»Sie wollen in der Sache gegen den Angeklagten als Zeuge auftreten?«

»Jawohl – ich wollte – «

»Worüber? Wie kommen Sie dazu? Woher kennen Sie ihn?«

»Ich muß gegen diese unvorbereitete Einführung eines unbekannten Zeugen in die Beweisaufnahme Verwahrung einlegen« rief Doktor Zscherper dazwischen.

»Das Gericht ist gleichwohl in der Lage, der Vernehmung näherzutreten« antwortete Woltering.

»Herr Argobast kennt mich – fragen Sie ihn« erklärte der Zeuge.

Der Präsident sah den Angeklagten an, der zustimmend nickte.

»Worüber können Sie aussagen?«

»Über die Beweisstücke – über die alten Zeitungen mit den Verhandlungsberichten.« Er stotterte.

»Worüber weiter?«

»Über die unvollendet gebliebenen Eingaben an Gericht und Geschworene – über die Photographie aus Goslar.«

Der Zeuge, der die einzelnen Sätze fast unwillig herausstieß, hielt inne.

»Nun?« fragte Doktor Woltering mit merkwürdigem Gesicht unter allgemeiner Spannung des Hauses.

»Ich – ich habe sie alle auf dem Umwege über Leipzig an die Staatsanwaltschaft geschickt.«

Vielleicht blieb der Eindruck dieser Erklärung hinter den Erwartungen des Zeugen zurück. Man konnte im Augenblick ihre Tragweite nicht fassen.

»Und wie – wie kommen gerade Sie zu diesen Beweisstücken?« fragte der Präsident mit gelinder Herabstimmung seiner Erwartungen.

Einzelne im Zuhörerkreise wollten bereits lächeln.

»Ich habe sie dem Schreibsekretär des Herrn Argobast entnommen.«

»Aus Villa Hildburg?«

»Jawohl.«

»Wann geschah das?«

»Gegen Mitte August vorigen Jahres.«

»Wie kamen Sie in das Haus? In die Zimmer? In den Sekretär?«

Er zögerte mit der Antwort. »Ich bin gewaltsam mit Sperrhaken eingedrungen.«

»Um zu stehlen? Sind Sie vorbestraft?«

»Nicht um zu stehlen.«

Argobast meldete sich zum Wort. »Dieser Mann, meine Herren, wurde von mir im Juni vorigen Jahres«, erklärte er mit bewegter Stimme, »unmittelbar aus dem hiesigen Zuchthause, wo er fünf Jahre verbüßt hatte, in die Freiheit übernommen.«

Der Angeklagte hielt inne, Erkelenz senkte den Blick.

»Ich gab ihm lohnende Arbeit in meinem Werke, verschaffte ihm eine geordnete Häuslichkeit, setzte ihm ein Aufrücken in eine gute Stelle in baldige Aussicht – «

Weiter konnte er zunächst nichts sagen. Der Eindruck war unbeschreiblich. Dieser furchtbare Undank, der vorzuliegen schien, ließ die Zuhörer erbeben; Hände zitterten, Fäuste ballten sich unwillkürlich.

Und nun erzählte Argobast ohne Pathos, ohne Sentimentalität, einfach nach seiner Art weitere Einzelheiten – insbesondere das Geigenspiel – aus der Rettungsarbeit an Robert Erkelenz, und nahm auf Direktor Muskalla, auf Frau Schubnell und andere Bezug.

»Sind die Angaben des Angeklagten richtig, Herr Erkelenz?« fragte Doktor Woltering.

Er nickte mit finsteren Blicken.

»Und trotz dieser Wohltaten, mit denen er Sie überhäuft hatte, wollten Sie ihn bestehlen, haben Sie ihn bestohlen – brachen Sie in seine Häuslichkeit ein – ?«

»Ich habe ihm nichts gestohlen – Wein habe ich aus seinem Keller getrunken – seine Zigarren habe ich geraucht.«

»Sonst nichts?«

»Einen Reichskassenschein, den ich zufällig fand, habe ich liegengelassen – nichts habe ich genommen außer den Beweisstücken – ich wollte ihn auch nicht bestehlen.«

»Vielleicht wird man Ihnen diese Versicherung glauben – denn eine solche Verruchtheit, soviel Güte und Wohltat mit schnödestem Undank zu lohnen, wird man bei einem Menschen kaum für möglich halten.«

Erkelenz schwieg einen Augenblick in starker Befangenheit und fand nicht die richtigen Worte. »In der Villa bin ich gewesen«, sagte er schließlich, »die Beweisstücke stammen von mir – ich habe sie gefunden – das kann ich beschwören.«

»Meine Herren«, so wandte sich der Landgerichtsdirektor mit innerer Bewegung an die Geschworenen, »es scheint dieser Strafsache anzuhaften, daß heute ähnlich wie vor fünfundzwanzig Jahren eine unbefugte Hand von außen in die Fäden der Beweisaufnahme eingreifen will. Daß solche Beispiele ansteckend wirken, ist als Folge der Öffentlichkeit unseres Strafverfahrens leicht zu begreifen. Ich möchte die Frage anregen, ob nicht ein eigentümlicher Charakter, der der heutigen Verhandlung beigewohnt und von dem rätselhaften Eintreffen der neuen Beweisstücke gehört hat, den Anreiz verspüren kann, das große Geheimnis, um dessen Enthüllung wir ringen, äußerst einfach dadurch zu lösen, daß er sich selbst als wichtige ausschlaggebende Mittelperson einschiebt.«

Man atmete auf.

»Auch ich bitte die Herren Geschworenen, diese Erwägung anzustellen«, fügte der Verteidiger hinzu, »und sich dabei gegenwärtig zu halten, was eine verdorbene, eine verbrecherische, vielleicht auch krankhafte Phantasie nach der Gerichtserfahrung der letzten Jahre sich auszusinnen, aufzubauen vermag.«

Erkelenz, dem bei solcher, wohl nicht erwarteten Behandlung die Röte ins Gesicht stieg, wurde vom Staatsanwalt in ein Verhör genommen. Er wurde gefragt, wie er die Beweisstücke über Leipzig an die hiesige Staatsanwaltschaft aufgegeben habe. Er nannte trotzig Namen und Wohnung einer Näherin in Leipzig, mit der er von früher befreundet sei; diese habe ihm den Gefallen der Vermittlung erwiesen.

Die Näherin Werner wurde sofort vom Gericht durch Fernruf an die Leipziger Polizei als Zeugin geladen.

Der Staatsanwalt redete dem unerwarteten Zeugen ins Gewissen. Er solle sich nicht schlechter machen als er vielleicht sei und den vernünftigen Beweggrund angeben, der ihn, ohne die Absicht, zu stehlen, veranlaßt habe, in die Häuslichkeit seines Wohltäters gewaltsam einzudringen – in seinen Papieren zu stöbern.

Erkelenz warf einen finsteren Blick nach Argobast hinüber. »Ich wollte den Mann kennenlernen« murmelte er.

»Weshalb? Sie kannten ihn ja – er hatte Ihnen Gutes getan!« rief ihm der Verteidiger zu.

»Ich kannte ihn doch nicht – nicht richtig – in seinem Innersten kannte ich ihn nicht – vielleicht hatte ich, ohne es zu wissen, eine Ahnung, daß wir zusammengehörten.«

»Wieso?« fragte der Staatsanwalt.

»Daß er war wie ich – schuldbeladener als ich«

»Wollen die Herren Geschworenen diese Erklärung festhalten!« rief der Verteidiger. »Wir Kriminalisten wissen, daß die Verbrecher sich zuweilen als Märtyrer fühlen und gern Schicksal spielen – es wäre nicht der erste Fall.«

Erkelenz sah den Verteidiger hohnlächelnd an.

»Können Sie den unmittelbaren Nachweis erbringen, daß Sie diese Beweisstücke, von denen Sie sprechen, im Schreibsekretär des Angeklagten gefunden haben?« fragte der Staatsanwalt schnell.

»Ja – « schrie Erkelenz in den Saal und stampfte mit dem Fuße.

Ein kurzer Tumult entstand, den der Staatsanwalt beschwichtigte.

»Welche Beweise – reden Sie!«

»Stellen Sie mich auf die Probe. Führen Sie mich nach der Villa. Kommen Sie mit, Herr Advokat, ich lade Sie ein! Ich will Sie durch alle Räumlichkeiten führen, ich werde die Schubfächer bezeichnen, in denen ich die Schriftstücke fand – ich werde Ihnen sagen, welche sonstigen Schriftstücke, Briefe, Photographien und Erinnerungen noch vorhanden sind.«

»Nennen Sie dieselben!« sagte Doktor Woltering, die Verhandlung wieder an sich ziehend.

»Nein, Herr Präsident! Sie könnten, bis wir dort sind, verschwunden sein – Sie sagten etwas von Ansteckungsgefahr.«

»Ich beantrage die Aufnahme dieses angebotenen Beweises« erklärte der Staatsanwalt entschlossen.

Der Verteidiger zuckte die Achseln; er war nach dem Gesetz nicht in der Lage, dem Antrag entgegenzutreten.

Der Präsident verkündete den Beschluß, daß dem Antrag des Staatsanwalts stattgegeben werden sollte.

Ein Beisitzer des Schwurgerichts, ein älterer Landgerichtsrat, der Berichterstatter, wurde mit der Beweisaufnahme betraut. Staatsanwalt und Verteidiger erklärten, beiwohnen zu wollen. Auch einige Geschworene schlossen sich an. Argobast verzichtete auf seine Anwesenheit. Polizeiinspektor Skrandies sollte das Gericht begleiten, um zur Vermeidung einer umständlichen Protokollaufnahme als amtlicher Zeuge über die Vorgänge berichten zu können.

Das Publikum räumte, enttäuscht, daß die Entscheidung hinausgeschoben wurde, zögernd das Haus. Nicht alle hatten ganz genau begriffen, worum es sich handelte. Aber nun sprach es sich weiter von Mund zu Mund. Einer setzte es dem anderen auseinander. Eine müßige Schar stellte sich am Portal auf und folgte den beiden Wagen, in welchen die maßgebenden Personen nach Villa Hildburg fuhren.


Fünfundzwanzigstes Kapitel

Bei Wiederaufnahme der Verhandlung erstattete unter allgemeiner Spannung Skrandies seinen Bericht.

Erkelenz hatte in der Tat in den vielen Räumlichkeiten der großen Villa überraschend genaue Ortskenntnis gezeigt.

Sofort im Vorsaale des Erdgeschosses hatte er den um ihn gruppierten Herren die Lage der einzelnen Zimmer in allen Stockwerken, ja selbst kleiner Nebenräume, wie des Badezimmers und der Kammern und Kämmerchen, erklärt und sie dann mit einer Sicherheit und Eile, daß sie kaum folgen konnten, durch das Haus geführt.

In den größeren Zimmern hatte er mit nur geringfügigen Abweichungen Art und Stellung der hauptsächlichsten Möbelstücke, so des Flügels im Salon – auch den Platz, wo die Stradivari-Geige aufbewahrt wurde – , ferner die an den Wänden aufgehängten Bilder und manches andere genau bezeichnet. Fast alles erwies sich als zutreffend.

Die Einrichtung des ehelichen Schlafzimmers beschrieb er verblüffend genau und zeigte, in welchem Bett Argobast und in welchem seine Frau schlafe.

Schon nach diesen Ortsbeschreibungen, die überdies ein vorzügliches Gedächtnis voraussetzten, hatten die Herren, so berichtete der Polizeibeamte, sich der Auffassung kaum verschließen können, daß Erkelenz tatsächlich, und zwar nicht nur ganz vorübergehend, im Hause sich aufgehalten haben mußte.

Er hatte sie dann in Argobasts Arbeitszimmer im ersten Stockwerke vor den Schreibsekretär geführt. Skrandies öffnete das Mittelpult mit dem mitgebrachten Schlüssel; er wußte hier Bescheid, da er ja selbst zunächst nach dem Wanderbuche, hierauf nach sonstigen Beweisstücken eine Durchsuchung vorgenommen hatte.

Erkelenz zeigte auf den dritten linken Schubkasten und kündigte die vergilbten Stammbuchblätter, den Bibelspruch des alten Lehrers, den Vers der Schwester Martha, die Briefe aus Goslar von Mutterhand und mit der Unterschrift Luise an.

Alle Schriftstücke waren noch so, wie er sie früher vorgefunden hatte, vorhanden; kein einziges fehlte. Die Überraschung war außerordentlich, die Geschworenen flüsterten untereinander. Der merkwürdige Zeuge nickte ihnen zutraulich zu. Aber Staatsanwalt und Verteidiger drängen auf Fortsetzung der Amtshandlung.

Dann kamen in dem oberen Kasten die vielen Dankschreiben, zerrissene Schuldscheine und das Gedicht »Sühnstätte«, dessen Gedanken Erkelenz ungefähr anzugeben vermochte, in einem anderen Fache die merkwürdigen Zensurhefte von Ottilie Argobast und ein Zeitungsausschnitt mit einem Rezept zur Entfernung von Tätowierungen, alles genau nach den Voraussagen des Zeugen zum Vorschein.

Die Herren umstanden ihn dabei mit immer wachsendem Erstaunen wie einen unheimlichen Hexenmeister, der sein Hokuspokus machte und alle möglichen Dinge hervorzauberte.

»Die Gebrauchsanweisung zur Entfernung von Tätowierungen, Herr Inspektor«, bemerkte er mit Ironie, »habe ich damals aus Vergeßlichkeit liegenlassen – heute – vor dem Sekretär stehend – fiel sie mir wieder ein.«

In diesem Fache hatten auch, so versicherte Erkelenz, die alte Zeitung mit dem Verhandlungsberichte und die unvollendeten Schriftstücke gelegen. Mit nervöser Hand stöberte er, gleichsam um es zu veranschaulichen, in den Papieren.

Hierauf kamen in dem flachen breiten Fache die Photographien mit den verschiedenen Widmungen an die Reihe. Erkelenz nannte die Unterschrift Monika Isolani voraus und zeigte dann triumphierend das Bild.

»Monika Isolani«, erklärte er beinahe theatralisch, »ist ein Bühnenname, sie war Sängerin am Mainzer Stadttheater, sang unter anderem die Mignon, jetzt ist sie seine Frau!«

Damit wies er auf die Photographie von Frau Argobast hin, die auf dem Schreibtische stand. Die Anwesenden, über die Kenntnisse eines Einbrechers von Argobasts Familienverhältnissen erstaunt, überzeugten sich von der Ähnlichkeit.

Unter diesen Bildern verborgen wollte Erkelenz auch die alte Photographie Argobasts, die ihn als jungen Menschen darstellte, in Papier eingeschlagen gefunden haben.

»Ich will Ihnen ganz genau beweisen, meine Herren«, hatte er in der Erregung gesagt, »wie Monika Isolani Frau Argobast wurde.« Er zeigte das Geheimfach und nahm die Liebesbriefe heraus. Er entfaltete sie und wies auf die Unterschriften.

Ein Geschworener fragte – wohl ganz beiläufig, – ob Erkelenz etwa selber Monika Isolani gekannt habe, weil er derartiges Interesse für sie gezeigt habe und eigentlich noch zeige.

Erkelenz verfärbte sich, schlug mit der Hand auf die Pultplatte und verlangte in immer steigender Erregung, Frau Argobast, die gewiß im Hause anwesend sei, gegenübergestellt zu werden. Er wolle doch hören, ob sie ihn verleugnen könne. Da wolle er ihr Stichworte ins Gedächtnis zurückrufen –

Hierauf zeigte er das kleine schwarze Notizbuch und in dessen Tasche den Reichskassenschein. »Hier haben Sie den Beweis, meine Herren, daß ich nicht stehlen wollte und auch nicht gestohlen habe – diesen Schein habe ich gefunden und liegengelassen.«

Der Polizeiinspektor entfaltete den zusammengelegten Schein, betrachtete ihn und nahm ihn dann, ohne etwas zu sagen, samt dem alten schwarzen Notizbuch an sich.

»Die Herren scheinen zu bezweifeln«, sagte Erkelenz, sich mißtrauisch im Kreise umsehend, plötzlich sehr ernst, »daß Monika Isolani und ich uns gekannt haben. Durch einen Brief werde ich den Beweis liefern. Bitte, folgen Sie mir.«

Der Landgerichtsrat zögerte, der Aufforderung nachzukommen. »Wir haben mit den privaten Beziehungen von Frau Argobast gar nichts zu tun.«

Auch der Verteidiger erhob Einspruch, zumal Frau Argobast, wie die Dienstboten erklärten, nicht anwesend war.

Der Staatsanwalt erwiderte, daß es vielleicht doch darauf ankomme, um die Glaubwürdigkeit des Zeugen ganz zu beurteilen, die Beweggründe seines Handelns kennenzulernen, die er anscheinend offenbaren wolle.

Erkelenz führte in das Damenzimmer und ersuchte den Polizeibeamten, mit Drahtschlüsseln, die er zur allgemeinen Überraschung selber bei sich führte, das Kästchen des Damenschreibtisches zu öffnen.

»Öffnen Sie selber – machen Sie uns das vor« erklärte der Inspektor.

Mit verblüffender Geschicklichkeit bediente er sich des Drahtschlüssels und schob den Riegel zurück.

»Geben Sie acht, welcher wunderbare Duft Ihnen in die Nase steigen wird.«

Er hatte recht. Und nun bereitete er nochmals ausführlich auf seinen eigenhändigen Brief vom zweiundzwanzigsten Januar mit der eingelegten Violinsaite vor.

Die Herren trauten ihren Augen kaum, als sich alles, aber auch alles, nach der Voraussage bestätigte.

Das Haus hatte diesen eingehenden Bericht mit immer steigender Teilnahme angehört. Man begann diesen Toren oder Undankbarsten aller, dem man die Verworfenheit im Gesicht gelesen hatte, mit etwas anderen Augen anzusehen.

Die Hoffnung sah man schwinden, daß dieser merkwürdige Verbrecher, der als Zeuge ex machina auf den höchsten Stufen des Tribunals erschienen war, Phantasien zum besten gegeben habe.

Auch dadurch wurde die Stimmung für Argobast nicht zuversichtlicher, daß der Präsident die Mitteilung der Leipziger Polizei bekanntgab, die Persönlichkeit der Näherin Paula Werner sei zwar in der gemeldeten Wohnung bekannt gewesen, sie habe dieselbe aber seit acht Tagen aufgegeben, um nach Berlin überzusiedeln.

Michael Argobast hatte von der Anklagebank aus die Mitteilungen Skrandies' aufmerksam verfolgt. Da er auf dem linken Ohre etwas schwer hörte, hatte er sich so gewendet, daß er mit dem rechten die Worte des Beamten auffing und dem Publikum den Rücken zukehrte.

Deshalb sah eigentlich nur der ihm zunächstsitzende Staatsanwalt deutlich, daß er sich im Fortgange des Berichtes verfärbte und, als die einzelnen Schriftstücke genannt wurden, zu zittern anfing und unter den Schranken der Anklagebank leicht die Hände rang.

Als der Name Monika Isolani und ihre Briefe, als der Brief mit der gesprungenen Saite, wenn auch mit einer gewissen Schonung, erwähnt wurden, konnte sich Argobast nicht mehr auf den Füßen halten. Er brach in den Knien zusammen und mußte sich setzen, dabei sank er immer mehr in sich hinein.

Das Publikum war von den Einzelheiten des Berichtes zu sehr fasziniert, als daß es von Argobasts Veränderung viel wahrgenommen hätte. Erst am Schlusse vermißte man die vorher aufrechte Gestalt des Mannes und fragte sich, wohin er plötzlich gekommen sei.

»Was haben Sie zu den Vorgängen in Ihrem Hause zu sagen, die eben der Polizeibeamte berichtet hat?« fragte der Vorsitzende.

Der Angeklagte stieg mit blutleeren Wangen und starrem Blick gleichsam aus der Tiefe herauf, indem er sich wieder erhob. Alle waren entsetzt über seinen Anblick.

»Ich habe nichts zu erklären« antwortete er tonlos.

Der Verteidiger saß unruhig auf seinem Stuhle.

»Geben Sie damit zu, daß der Zeuge Erkelenz heimlich und gewaltsam in Ihre Wohnung eingedrungen ist und dort die vorliegenden Beweisstücke, die von Leipzig aus hierhergelangten, an sich genommen hat?«

»Ja – es kann sein – «

Es war, als ob im Hause jeder Atemzug stillstehe.

»Geben Sie zu«, sagte der Präsident mit erhobener, etwas zitternder Stimme, »daß die Beweisstücke von Ihrer Hand, soweit sie geschrieben sind, herrühren und daß die Photographie aus Goslar Sie selbst als jungen Menschen darstellt?«

Dasselbe tonlose »Ja«. Das Haus geriet in ungeheure Bewegung. Die Richter, die Geschworenen sahen sich entsetzt an.

»Wie kamen Sie dazu«, fuhr Woltering fort, als sich die Bewegung gelegt hatte, »den Verhandlungsbericht in der Zeitung mit Randbemerkungen zu versehen und sich aufzubewahren? Was bestimmte Sie vor fünfundzwanzig Jahren, die Entlastungsschreiben an das Gericht und die Geschworenen zu richten?«

»Um einen Unschuldigen zu retten und die Justiz vor einem Fehlspruche zu bewahren« klang es ziemlich fest von der Anklagebank.

Kurstosch, der von seinem Zeugenplatze aus alles mit gespanntem Ohre anhörte, sprang auf.

»Woher wußten und wissen Sie, daß der damalige Angeklagte Kurstosch an der Ermordung des Thomas Wrobel unschuldig war?«

»Ich wußte es« klang es jetzt wieder stammelnd.

»Wie konnten gerade Sie solche geheime Gewißheit haben, um die das damalige Schwurgericht mit allem Bemühen aufrichtig rang?«

»Weil – weil ich selber – ich habe es selber getan.«

»Sie haben Thomas Wrobel erstochen?«

»Ja.«

Einige Augenblicke konnte der Vorsitzende kein Wort sagen. Auch die Richter saßen wie entgeistert.

Der Staatsanwalt war aufgesprungen. Kurstosch schrie auf und gestikulierte drohend mit den Armen wie ein Irrsinniger nach der Anklagebank zu. Die Geschworenen redeten durcheinander. Im Publikum wogte ein dumpfes Stimmengewirr. »Was hat er gesagt?« klangen Fragen dazwischen.

Als die Unruhe und Erregung sich gelegt hatten, erzählte Michael Argobast. Langsam, stockend begann er, in abgerissenen Sätzen, nach seiner bekannten Art, bis er den Faden seines Berichtes fest in der Gewalt hielt und bis zu Ende mit kurzen, durch innere Bewegungen hervorgerufenen Unterbrechungen abwickelte.

Er erzählte von der Wanderschaft, wie sie sich an einem schönen Sommertag zu dreien trafen, Kurstosch, Wrobel und er selber, der sich, von seiner besorgten Mutter vor bösen Gesellen gewarnt, vorsichtigerweise Wolf genannt hatte.

Er erzählte auch von dem tätowierenden Metzgergehilfen in der Herberge. Er hatte immer ein besonderes Wohlgefallen an der glühenden, lodernden Flamme gehabt; das hatte ihn vielleicht auch zum Schlosserhandwerk getrieben; er glaube, daß seine ganze spätere Berufslaufbahn mit dieser jugendlichen Sympathie Zusammenhang habe.

»Ich fühlte«, erklärte er, »in meinem Innern etwas lodern, das mich mit sich fortriß, das mich mit Kraft erfüllte, es war mächtig wie eine Flamme. Schon als junger Mensch hatte ich den Drang, etwas zu leisten, zu schaffen, aufzubauen – «

Dann schilderte er den verstorbenen, etwas älteren Wrobel als verführerischen, gefährlichen Prahler, dem Trunke und Leichtsinn ergeben, der mit seinem Hundertmarkschein ein Wesen gemacht und wiederholt, als bereite es ihm Lust, sie anzustacheln, erklärt habe: Geld müsse der Mensch haben, viel Geld, dann stehe ihm die Welt offen, für Geld könne man sich alles kaufen. Wie ein Teufel sei er ihm vorgekommen, der es darauf angelegt habe, die Saat des Bösen in ihre Herzen zu streuen. Die tollsten Dinge habe er ihnen vorgeschwatzt und sei verführerisch um sie hergesprungen. In allen möglichen Plänen hatte er sich ergangen, wie er zu Gelde kommen und wie er es dann verwenden wollte.

Kurstosch verfolgte den Bericht des Angeklagten und gab durch Gebärden zu verstehen, daß er diesen Angaben zustimmte.

»Das machte mir im Laufe der drückend heißen Tage die Sinne wirbelig«, schloß Argobast diesen Teil des Berichtes, »zumal wenn ich an meine eigenen ärmlichen Verhältnisse im Elternhause und an die Aussichtslosigkeit dachte, jemals einiges Geld in die Hände zu bekommen. Die Mutter – ich liebte sie sehr – war leidend – todkrank – es fehlte am Nötigsten – wir haben die bitterste Armut geschmeckt – ihre Klagen lagen mir im Ohre – ich war manchmal der Verzweiflung nahe – ich war ein leidenschaftlicher, jähzorniger junger Mensch – erst das Leben machte mich ruhiger. Aber auch für mich selber wollte, brauchte ich Geld – ich lebte damals in dem törichten Glauben, mit hundert Mark lasse sich etwas anfangen – ein Handel – eine Werkstatt – eine Sucht, eine Begierde nach Geld überfiel mich – ich kann nicht beschreiben, wie fest in mir der Vorsatz waltete, etwas zu gründen – zu errichten – schon als Junge verfolgte mich dieser Gedanke.«

Dann ging der Angeklagte langsam auf die Tat ein. Er wußte, daß Wrobel und Kurstosch zusammen in der »Kanne« weilten, und hielt sich, im Innersten zwar vorbereitet und selber durch Alkoholgenuß ermutigt, aber noch unentschlossen, in der Nähe auf. Als dann der stark angeheiterte Wrobel durchaus ins Freie wollte, habe er ihn hinaus nach Ellerau geführt, sich dort mit ihm in ein Gehölz gelagert und schließlich die Tat vollbracht.

»Sie hatten den Vorsatz, ihn zu töten?« fragte der Präsident.

»Jawohl – wenn die Gelegenheit günstig wäre.«

»Das war sie doch?«

»Ja.«

»Sie haben dem Wrobel sieben Stiche versetzt – zwei davon ins Herz?«

»Ich weiß es nicht – es kann sein.«

»Weshalb stachen Sie so oft? Siebenmal! Waren Sie dabei in eine Erregung geraten?«

»Das kam mit dem Stechen selbst – jeder Stich versetzte mich mehr in Wut.«

»Das wissen Sie noch?«

»Ja – sehr genau.«

»Sie wollten Uhr und Geld Wrobels an sich bringen?«

»Ja – vom Gelde wollte ich nach Hause schicken, um die Not zu lindern.«

»Haben Sie das auch wirklich getan?«

»Nein.«

»Weshalb nicht?«

»Weil – weil – « Argobast wurde von einer heftigen Gemütsbewegung erfaßt und konnte nicht sprechen.

»Was haben Sie zu sagen? Beruhigen Sie sich.«

»Am Morgen nach der Tat«, begann Argobast, »machte ich eine furchtbare Entdeckung – « Er schwieg schon wieder.

»Welche Entdeckung?«

»Der Hundertmarkschein, mit dem Wrobel so sehr geprahlt hatte – «

Der Polizeiinspektor Skrandies stand auf, als ob er etwas sagen wollte. »Was war mit dem Scheine?« fragte Woltering.

»Er war keine echte Banknote – « weiter kam er nicht – .

»Wie meinen Sie das?«

»Er war eine Nachahmung – eine sogenannte Blüte.«

Diese Erklärung ging allen Zuhörern durch Mark und Bein. Kurstosch sank mit einem Schrei in seinen Stuhl.

»Ich hatte vergeblich getötet – das Schicksal hatte mich genärrt – der Tote selbst – der Teufel hatte mich nur zum Besten gehabt – meine Seele zu fangen – « In furchtbarem Schmerze brach der Mann zusammen.

»Können Sie hierfür einen Nachweis führen?« fragte der Vorsitzende nach einer Pause in mildem Tone.

»Ja – sie ist noch vorhanden – die Blüte – ich habe sie aufgehoben – «

»Wo ist sie?« Argobast zeigte mit der Hand, als wäre sie ganz nahe. »In einem kleinen schwarzen Notizbuch – in meinem Sekretär.«

Skrandies trat vor und zeigte auf das Notizbuch, das er auf den Gerichtstisch gelegt hatte. »Der hier verwahrte Hundertmarkschein ist tatsächlich nicht echt – ist eine Nachahmung – ich habe das vorhin in meinem Bericht absichtlich nicht erwähnt, Herr Präsident.«

Woltering nickte. Die Geschworenen begriffen den Zusammenhang.

Die blaue Blüte wurde vorgelegt und besichtigt.

Zwei Tage lang nach der Tat hatte sich Argobast, so fuhr er in seinem Berichte fort, auf umliegenden Dörfern verborgen gehalten. Als er von Kurstoschs Verhaftung in der Zeitung las, verließ er die Gegend.

In der Anwandlung eines merkwürdigen Gefühls wagte er sich nach einigen Monaten zurück, suchte wiederholt die Stätte der Untat selber auf und las dann in den Zeitungen, daß die Schwurgerichtsverhandlung gegen Kurstosch stattfand.

Ein mächtiges Gefühl packte ihn. Er hatte zwar den Gedanken, jedoch nicht den Mut, sich selber zu stellen. Er beschloß aber, den Unschuldigen zu retten. Deshalb schrieb er die Entlastungsschreiben an die Justizbehörden und an die Geschworenen.

Er erzählte die Einzelheiten, wo und bei wem er damals gewohnt, wo er sich das Papier gekauft, wie er die Schreibversuche unternommen hatte. Er wußte alles noch sehr genau. Von Düsseldorf und Elberfeld aus, wohin er zu diesem Zwecke fuhr, gab er die Schreiben zur Post. Damals schrieb er auch für sich die berichtigenden Randbemerkungen an den Verhandlungsbericht und hob sich alles sorgfältig auf. Kurstoschs Freisprechung beruhigte ihn etwas. Nach einigen Monaten zog er dann wieder in die Welt.

Dasselbe unbegriffene Gefühl, das ihn schon einmal nach dieser Stadt zurücktrieb, hatte ihn erneut hierhergezogen. Jeder werde sagen und er selber habe es sich auch gestanden, erklärte er, daß er damit sehr unvorsichtig handelte, gleichwohl habe er es gewissermaßen nicht anders über sich vermocht.

Er habe davon erzählen hören, daß der Todesverbrecher unwillkürlich an den Schauplatz seiner Tat zurückgetrieben werde. An ihm habe sich das jedenfalls bewahrheitet. Er könne nicht sagen, wie oft er später an der Mordstelle geweilt habe.

Kein Atemzug war im Hause vernehmbar.

Aus dieser geheimen Ursache, wie ihm heute klar sei, habe er auch ganz in ihrer Nähe in der damaligen kleinen Weckelschen Schlosserei nach Arbeit nachgefragt und solche erhalten. Das sei auch zu seinem Glücke ausgeschlagen. Weckel habe an ihm Gefallen gefunden und ihm, als er einige Jahre später ohne Erben gestorben sei, das Häuschen, die Schlosserei und einiges Bargeld vermacht, damit habe er den Grundstein zu seiner späteren immer vergrößerten Anlage gelegt.

Man vergaß fast, daß man über einem Mörder zu Gericht saß. Man erinnerte sich, die Gegend in der Nähe der ehemaligen Weckelschen Schlosserei hieß heute noch vereinzelt im Volksmunde »am Totenkopfe«.

Nun versuchte Argobast zu schildern, wie seiner vielleicht merkwürdigen, für ihn aber überzeugenden Auffassung nach seine geheime unentdeckte Belastung mit Blutschuld die Hauptquelle seiner späteren Arbeitskraft und Willensenergie geworden sei. Viele im Saale überhörten das wohl, andere verstanden es nicht. Oben aber unter den Zeitungsberichterstattern in der ersten Reihe saß ein kleiner blasser Mann mit dunklen Augen, der atemlos lauschte, fast Wort für Wort niederschrieb und am anderen Morgen zu seiner Genugtuung sah, daß der Redakteur diese Sätze nicht gestrichen hatte.

»Mir war«, sagte Argobast, »als müßte ich auf diese Weise darüber hinwegkommen! Mit jedem Fortschritt in meinem Werke fühlte ich mich leichter. Als ich den Hochofen baute, kam eine seelische Befreiung über mich. Angesichts des lodernden Schlotes sank meine Schuld immer tiefer in sich zusammen!«

Als er dann Gelegenheit hatte, viele Arbeitskräfte einzustellen, brachte er Strafentlassene unter. Er beteiligte sich an der Entlassenenfürsorge praktisch und theoretisch. Er opferte große Beträge. Er ging im Zuchthause aus und ein und gewann Einfluß auf die Behandlung der Gefangenen.

»Die Besuche im Zuchthause«, bemerkte er, »waren für mich seltsame Gänge; innerlich freier trat ich immer heraus.«

Noch unter dem Einflusse anderer Gefühle stand er. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, die alten Zeitungen, die unvollendeten Schreiben, sein Wanderbuch zu vernichten und auch die tätowierte Flamme zu entfernen. Wie oft hatte er sich über seine Unvorsichtigkeit Gedanken gemacht und war doch zu keinem Entschlusse gekommen.

Wie an die Mordstätte, die er später unmittelbar zur Erweiterung seines Hüttenwerkes hinzukaufte – er hatte dort einen steinernen Brunnen errichten lassen – und auf der er nun täglich sozusagen als Wallfahrer wandelte, so hatte es ihn auch an die selbsthergestellten Beweisstücke für seine eigene Schuld unlösbar gefesselt. Er glaubte an einen tiefgeheimen Zusammenhang zwischen den leblosen Dingen und der lebendigen Menschenseele.

Und so hatte er sie bewahrt bis zum Tage ihrer Entdeckung, so hatte er sich für die Besserung der Gefallenen und Unglücklichen eingesetzt, bis er unter seinen eigenen Beweismitteln und an einem Menschen, dem er vor allem seine Rettungsarbeit schenkte, zusammenbrach.

»Wenn ich«, schloß er, zu den Geschworenen gewendet, »mich nicht entschließen konnte, Ihnen die Wahrheit zu gestehen, so wollen Sie das, bitte, aus meiner Ihnen erklärten eigentümlichen Auffassung heraus begreifen, daß ich meine Tat, wie sie eigentlich in fünfundzwanzig Jahren, schon in zwanzig verjährt wäre – mein Herr Verteidiger sagt mir, es fehlten daran nur wenige Tage – , daß ich, sage ich, glaubte, durch ein Leben von fünfundzwanzig Jahren, wie ich es führte, sei meine Tat vor mir selber und auch vor der Welt gesühnt. Jetzt weiß ich es anders, Gott selber hat gesprochen; man soll ihm nicht vorgreifen. Ihm unterwerfe ich mich. Richten Sie mich nach Gesetz und Recht!«

Der Eindruck der Worte Argobasts war groß und tief. Sein Leben und Wirken, das jeder kannte, sprach laut für ihn. Damen hatten ihre Taschentücher gezogen und schnupften sich. Seufzer wurden laut. Männer im Zuhörerraume und einzelne Geschworene fuhren sich mit der Hand über die Augen. Selbst um die Mundwinkel der Richter, die vielleicht ähnliche Auftritte schon erlebt hatten, zuckte es.

Der Verteidiger war aufgestanden und wünschte zu Worte zu kommen. Aber der Staatsanwalt kam ihm zuvor.

Er schien einen Augenblick das Gefühl zu haben, daß seine Anklage gefährdet war.

Zwar hatte der Angeklagte ein volles Geständnis abgelegt. Es konnte auch nicht zweifelhaft sein, daß er vorsätzlich getötet und die Tötung mit Überlegung ausgeführt hatte. Alle Einzelheiten hatte er so deutlich geschildert und seine Absichten und Zwecke ganz offen dargelegt.

Aber die Geschworenen hatten sich schon wiederholt auf den Standpunkt gestellt, daß sie aus eigenem Rechte Gnade üben könnten. Wenn sie die Mordfrage doch verneinten und nur Totschlag annahmen, schloß Verjährung jeden Strafanspruch aus.

»Ich möchte zu den Angaben des Anklagten«, sagte der Staatsanwalt, »eine Bemerkung machen. Er hat uns eine Erklärung gegeben, wie und weshalb er der Fürsorge entlassener Strafgefangenen soviel Zeit und soviel Geld geopfert hat – «

Der Verteidiger schnellte empor und betonte, daß diese Äußerungen des Herrn Staatsanwalts in der noch nicht abgeschlossenen Beweisaufnahme keinen Platz hätten. Seine Einwendung hatte aber keinen Erfolg; vom Richtertisch kam keine Erklärung.

»Wenn jemand durch einen merkwürdigen, übrigens von ihm selbst mit gesetzten Zufall an der schwersten Strafe, die das Gesetz androht, vorübergegangen ist«, fuhr Doktor Nigger fort, »handelt er nicht mit einer inneren Überhebung, wenn er sich in so gehäuften Fällen, fast systematisch, zum Wohltäter und Arbeitgeber, ja zum Lebensordner von Verbrechern in Zuchthaus und Gefängnis aufwirft, die in Art und Maß ihrer Schuld der seinigen bei weitem nicht gleichkommen? War nicht jeder Gang, den er auf diese Weise ins Zuchthaus tat, ein Frevel an dem unsichtbaren Richter, eine Versuchung, eine Herausforderung seines Gottes, der ihm nun in den neuesten Geschehnissen seine Antwort gegeben hat?«

Hier hörte man mit einem Male eine Ansicht, welche ganz im Innersten wohl jemand schon geteilt haben konnte. So befremdend sie zuerst anmutete, etwas hatte sie doch für sich: dasselbe geheimnisvoll waltende Schicksal kam hierbei – vielleicht sogar wuchtiger, ernster – zur Geltung, das der Angeklagte selber schon anerkannt hatte.

Staatsanwalt Nigger, der zu bemerken schien, daß seine Worte Gehör fanden, fuhr nachdrücklich fort: »Mit dieser Überhebung des Angeklagten findet auch seine schuldhafte Mutlosigkeit Zusammenhang, in der er einen Unschuldigen zunächst den getäuschten Gerichten überließ. Denn sein schriftlicher Versuch, Kurstosch zu retten, war ein zweifelhaftes Unternehmen, das als unkontrollierbarer Eingriff in den Justizakt auch einen gegenteiligen Einfluß ausüben konnte. Wir können auch heute nicht mehr feststellen, ob es wirklich die Schreiben Argobasts gewesen sind, die dem damaligen Angeklagten zur Freisprechung verholfen haben.«

Der Staatsanwalt sprach nüchtern und kühl. Aber seine Schlußfolgerungen mußte man gelten lassen.

Der Ankläger kam zum Schluß. »Was den Mörder nach des Angeklagten eigenem Beispiel an die Stätte seiner Untat zurückführt, meine Herren, ist das böse Gewissen, das ihn nicht mehr losläßt, ist ebenso eine seltsame eingeborene Neigung des Verbrechers, sich fort und fort, sei es auch nur in Gedanken oder sonstigem straflosen Tun, mit verbrecherischer Art und Weise zu befassen!

»Der Rachegeist fesselte den Mörder an den Ort seiner Untat! Zuerst ist es eine scheue Neugier, zuweilen ein Übermut, eine Frivolität, ihn wiederzusehen, wo das Verbrechen vielleicht zur eigenen Überraschung des Täters gelang. Ein Mörder wollte die Zimmer mieten, darin er die Pfandleiherin erschlagen hatte; dadurch verriet er sich. Das war zugleich das Bedürfnis, über die Räume zu verfügen, zur eigenen Genugtuung, um ihr Betreten durch andere zu verhindern!

»So trat der Angeklagte bei Schlosser Weckel am Totenkopf in Arbeit, als böte ihm seine nahe Anwesenheit beim Tatorte durch eine Art Aufsicht über sie erhöhte Sicherheit! Dabei möchte man im Gegenteil glauben, er sollte sie fliehen, um nicht erinnert zu werden. Nein! Er will gerade erinnert sein, so oft als möglich, täglich, es entsprach seinem Gefühlsleben! Gerade so nahe dem Tatorte, glaubte er vielleicht niemals Verdacht auf sich zu lenken! So kaufte er später, als er das Grundstück geerbt hatte, die Mordstätte hinzu, um sie ganz zu besitzen. Er hat an der Mordstelle gewissermaßen als Denkmal einen Brunnen errichtet!

»Es ist auch nicht ungewöhnlich, daß er selber in wunderbarer Weise die Beweismittel für seine eigene Schuld bewahrte – aus ähnlichen Empfindungen heraus bewahren mußte! Auch das ist unzähligemal dagewesen. Ein Spengler, der einen Knaben ermordete, benutzte eine Scherbe des Kruges, den das Kind beim Tode in der Hand gehabt hatte, als Farbentopf. So wurde er entdeckt. Auf dem Fensterbrett seiner Wohnstube im Erdgeschoß ließ er sie stehen, der Polizeibeamte erkannte sie von der Straße aus im Vorübergehen. Der große und kleine Verbrecher, sie alle hängen mit oft erschütternder Beharrlichkeit an Gegenständen ihres Verbrechens. Es sieht sich manchmal an wie ein Verhängnis – der heutige Fall ist ein Schulbeispiel – «

Der Verteidiger schnellte erneut von seinem Sitz in die Höhe und beantragte, da der Angeklagte selber soeben die Verjährungsfrage berührt habe, dieselbe nochmals zu prüfen.

Während einer kurzen Unterbrechung, die das Gericht in der Verhandlung eintreten ließ, bat er sich die Gerichtsakten aus, um sie zur eigenen Nachprüfung, die geboten erscheine, nochmals persönlich einzusehen.

Mit den Akten begab er sich in das Anwaltszimmer, wo er ungestört war.

Der Gerichtshof und die Geschworenen waren längst in den Verhandlungssaal zurückgekehrt, nur der Verteidiger mit den Akten fehlte noch. Ein Gerichtsdiener wurde beauftragt, ihn zu holen. Der Diener kam mit dem Bericht zurück, die vom Verteidiger beabsichtigte Nachprüfung ziehe sich aus überraschenden Umständen, die er aufklären werde, noch einige Minuten hin.

Richter und Staatsanwalt schauten etwas verwundert drein. Zehn Minuten vergingen, fast unbehagliche Unruhe entstand im Hause, als endlich der Verteidiger wieder im Saale erschien.

Langsam, fast feierlich, mit merkwürdigen Mienen trat er an den Gerichtstisch und reichte die beiden Aktenbände zurück.

»Ich habe eine Erklärung abzugeben und einen Antrag zu stellen« sagte er, als er an seinen Platz zurückgekehrt war.

Der Präsident machte eine auffordernde Bewegung.

»Ich behaupte, daß bei Berechnung der Verjährungsfrist ein kleiner, aber für die Schuldfrage entscheidender Irrtum untergelaufen ist.«

Richter und Staatsanwalt sahen sich erstaunt und überlegen lächelnd an.

»Die zwanzigjährige Verjährungsfrist«, fuhr Rechtsanwalt Zscherper fast nüchtern fort, »ist verstrichen. Der Angeklagte durfte am dreiundzwanzigsten Oktober vorigen Jahres überhaupt nicht mehr verhaftet, durfte nicht unter Anklage gestellt, das Hauptverfahren nicht eröffnet werden.«

Der Staatsanwalt warf das Strafgesetzbuch auf seinen Tisch. Die Augen der Geschworenen hingen fast ängstlich an den Mienen der Richter. Erkelenz riß die Augen auf, Kurstosch verfiel in ein Zittern.

»Es ist richtig«, erklärte der Rechtsanwalt mit einer gewissen Genugtuung, »daß die erste neue richterliche Verfolgungshandlung gegen meinen Auftraggeber der Haftbefehl vom dreiundzwanzigsten Oktober vorigen Jahres darstellt. Aber die letzte richterliche Handlung gegen ihn datiert nicht, wie angenommen wird, vom siebenundzwanzigsten, sondern bereits vom einundzwanzigsten Oktober 1887.«

Der Vorsitzende blätterte hastig in dem älteren Aktenstücke.

»Wir meinen, Herr Präsident, zwar ganz denselben Beschluß des damaligen Untersuchungsrichters« bemerkte Doktor Zscherper fast verbindlich. »Nur in einer Kleinigkeit gehen wir auseinander. Die Sieben in der Zahl siebenundzwanzig ist keine Sieben, sondern tatsächlich eine Eins. Nicht siebenundzwanzigster, sondern einundzwanzigster Oktober muß es also heißen – am einundzwanzigsten Oktober war die Verjährungsfrist abgelaufen – der Haftbefehl vom dreiundzwanzigsten Oktober kommt um zwei Tage zu spät.«

Der Vorsitzende, mit welchem zugleich der eine Beisitzer in die Akten blickte, schüttelte den Kopf.

»Daß die erwähnte Ziffer nicht als Sieben, sondern als Eins zu lesen ist«, fuhr der Verteidiger unbekümmert fort, »ergeben einzelne Aktenstellen, Ziffern von der Hand desselben Untersuchungsrichters.«

Er nannte die Aktenstellen, die am Richtertische sofort aufgeschlagen und verglichen wurden.

»Herr Landgerichtsrat Eumann, der damals die Untersuchung geführt hat«, wendete sich der Verteidiger aufklärend an die Geschworenen, »schreibt eine etwas verschnörkelte, sehr feine und kleine Handschrift. Die Ziffer Eins im Datum vom einundzwanzigsten Oktober ist von uns als Sieben gelesen worden – auch von mir selbst, meine Herren, bei der ersten Einsicht der Akten – , weil diese Eins einen etwas langen Grundstrich zeigt und an der linken Kopfseite einen Schnörkel trägt, der uns allen den Anstrichbogen einer Sieben vorgetäuscht hat.«

Am Richtertische war die Prüfung noch nicht beendet. Im Hause entstand ein gedrücktes Schweigen.

»Sie werden vielleicht erstaunt sein, meine Herren«, bemerkte Doktor Zscherper, die Stimmung feinfühlig witternd, »daß ein solcher Irrtum entstehen konnte. Es ist eine alte Erfahrung und entspricht auch der Psychologie der menschlichen Denktätigkeit, daß ein der ersten maßgebenden Stelle, also hier der Staatsanwaltschaft – nicht dem amtierenden Herrn Staatsanwalt – untergelaufener formeller Irrtum vereinzelt auch von den weiteren Instanzen unentdeckt übernommen wird. Auch sonst im Leben bestätigt sich diese Erfahrung. Ich wiederhole, ich selber bin dem Irrtum verfallen, sonst hatten wir zum mindesten keine Hauptverhandlung. Ich stelle, falls den Herren Zweifel verbleiben, den Antrag, Landgerichtsrat Eumann als Zeugen zu vernehmen.«

Dem Antrage wurde stattgegeben. Landgerichtsrat Eumann, der Mann mit der Schnörkelschrift, war aus Interesse an der alten Sache im Hause anwesend und bald zur Stelle. Der betagte Herr mit langem, fast weißem Haar und goldner Brille fühlte sich von der ihm aufgebürdeten Zeugenrolle über so weit zurückliegende Vorgänge vor dem vollen Hause wenig angenehm berührt. Wenn ihm selber auch der angebliche Irrtum nicht widerfahren war, so sollte er ihn doch veranlaßt haben.

Er verglich die ihm vorgelegten Aktenstellen lange und eingehend, wobei seinen vor Alter zitternden Händen der schwere dicke Band mehr als einmal entglitt.

Er rückte die Brille und räusperte sich wiederholt, bis er mit leiser Stimme erklärte, es sei für ihn nicht zweifelhaft, daß der fragliche Beschluß nicht vom siebenundzwanzigsten, sondern vom einundzwanzigsten Oktober 1887 datiere. Er fand in seinen Niederschriften mehrere Male die Ziffer Sieben, die, zum Vergleich gestellt, schlagend bewies, daß der Verteidiger recht hatte und tatsächlich Verjährung eingetreten war.

Welcher Aufwand war für eine aussichtslose Sache vertan worden! Ganz vergeblich hatte man einen kostbaren Tag lang hier zugehört.

Wo blieben unbedingte Zuverlässigkeit und Sicherheit, wenn solche Irrtümer unterliefen? Wie leicht hätte ein Todesurteil gefällt, hätte ein Justizmord begangen werden können.

War dieses Gesetz gut, welches schwere Blutschuld schon in fünfundzwanzig, eigentlich schon in zwanzig Jahren dem irdischen Richter entzog? Hier hatten die Behörden noch ein übriges getan und die Verfolgungsfrist durch eine Zwischenhandlung um fünf Jahre verlängert. Waren zwanzig Jahre im Menschenleben nicht eine kurze Frist? Danach war alles getilgt, kein Haar konnte dem Raubmörder gekrümmt werden?

Oder lag in der Festsetzung von Verjährungsfristen nicht auch etwas menschlich Versöhnliches, Erhebendes, daß selbst eine Blutschuld nach zwei Jahrzehnten vom irdischen Richter verziehen war, der darin wohl der Verheißung des ewigen Richters folgte?

Dieser eigentümlichen Schicksalsfügung, diesem Zufall, wenn man so sagen wollte, zollte man ganz im Innern eine gewisse Anerkennung. Die Unschuld eines früher Verdächtigten war erwiesen worden. Ein Großer, ein Verehrter, der tief im Innersten aber ein Schuldiger war, hatte die Maske ablegen und seine Schuld eingestehen müssen. Es gab also doch eine höhere Gerechtigkeit, eine unbestechliche Macht, eine unbedingte Wahrheit in dieser Welt, selbst wenn alle Richter in einem Punkte sich irrten. Deshalb blieb auch kein Vorwurf auf dem silberhaarigen Landgerichtsrat Eumann zurück. Man war mit ihm völlig ausgesöhnt!

Im wunderlichen Gemisch dieser schwankenden Gefühle, welche das Haus bis zum Abschluß der Verhandlung nicht wieder verließen, hörte man, wie den Geschworenen Schuldfragen überhaupt nicht vorgelegt wurden, sondern nur der Gerichtshof die Frage entschied, ob die Strafverfolgung wegen Mordes verjährt war. Seltsam schauten die entbehrlich gewordenen Geschworenen drein.

Der Staatsanwalt war um sein Plädoyer gekommen, der Verteidiger sagte nur wenige Worte. Das Gericht bejahte die Frage der Verjährung und verkündete die Einstellung des Verfahrens.

Schweigend nahm das Haus das Urteil entgegen. Nur einzelne unklare Köpfe, die den Zusammenhang nicht recht begriffen, rissen die Augen auf und fragten, wie es geschehen könne, daß ein geständiger Raubmörder straffrei ausgehe.

Andere erkannten eine Gerechtigkeit darin, daß über Schuld und Nichtschuld gar nicht entschieden worden war. Dieses Zwitterverhältnis nahm der Angeklagte aus dem Gerichtssaal wieder mit ins Leben hinaus. Wären die Geschworenen zum Spruche gekommen, hätten sie den Mörder vielleicht zum Totschläger gemildert. Nun schleppte er den Mord weiter.

Der Abschluß der Verhandlung war still. Das Gericht zog sich hinter die grünen Gardinen zurück.

Einige Geschworene traten zu Doktor Zscherper hinüber und beglückwünschten ihn. Die verweilenden Zuhörer hatten den Eindruck, daß ein Verteidiger in tiefer Not unentbehrlich war. Man hatte sonst nicht immer so über die Rechtsanwälte gedacht. Aber heute hatte es ihnen doch den Atem versetzt.

Doktor Zscherper hatte dem Angeklagten, der den Vorgängen wie im Traume gefolgt zu sein schien, die Hand gedrückt. Argobast wußte erst nicht, wie ihm geschah. Er hatte wohl an einen Irrtum der Juristen am wenigsten geglaubt. Schweigend blieb er noch einige Augenblicke auf der Anklagebank sitzen, bis er sich erhob und dem Verteidiger folgen konnte, der ihn in das Untersuchungsgefängnis begleitete, wo seine sofortige Entlassung zu erfolgen hatte.

Das Publikum enthielt sich jeder Kundgebung. In der Erschütterung, welche die Ereignisse in den Gemütern hervorgerufen hatten, dachte fast niemand mehr an den Haupturheber der Katastrophe, an Robert Erkelenz.

Man wußte wohl, daß oben auf den höchsten Stufen des Gerichts der Rächer der himmlischen Gerechtigkeit erschienen war. Aber ihr trauriges irdisches Werkzeug mit seinen Entschließungen und Beweggründen hatte man vergessen.

Kein Mensch zeigte ein Interesse daran, den Mann zu sehen, welcher der Verhandlung die entscheidende Wendung gegeben hatte.

Niemand kümmerte sich um Erkelenz, niemand sprach ihn an, fragte ihn nach näheren Umständen aus. Darauf schien er zu warten. Alles drängte nach dem Schlusse der Verhandlung an ihm vorüber. Vergessen, verlassen, einsam verließ er das Gerichtsgebäude und stand wie in traumhafter Benommenheit auf der Straße, ohne zu wissen, ob er nach rechts oder links seine Schritte lenken sollte.


Sechsundzwanzigstes Kapitel

Der Januarnachmittag dämmerte, als in Villa Hildburg die Vorsaaltüre leise geschlossen und von außen geöffnet wurde.

Moritz, der Diener, hatte es aber doch gehört und sah überrascht nach, wer komme. Er erschrak fast, als er im Halbdunkel seinen Herrn erkannte.

Er wollte schnell das elektrische Licht einschalten, aber Argobast winkte ihm ab. Er wollte ihm beim Ablegen des Überziehers behilflich sein, aber der Herr schüttelte den Kopf, half sich selbst und bedeutete Moritz, sich nicht um ihn zu kümmern.

Langsam, fast lautlos und einigemal stehenbleibend, stieg Argobast die breite Holztreppe nach dem ersten Stockwerk empor und trat in sein Zimmer.

Nur sieben Wochen war er nicht hier gewesen. Aber alles kam ihm im eigenen Hause so fremd vor, als kehre er von einer langen, langen Reise zurück.

Erschöpft setzte er sich in den großen Polsterstuhl und schloß einige Minuten die Augen, als müsse er sich erst an die frühere Umgebung wieder gewöhnen. Dann starrte er mit wiedergeöffneten Augen ins Leere.

Er erhob sich, trat vorsichtig an die Türe zum Nebenzimmer und lauschte. Von Zeit zu Zeit vernahm er das ihm bekannte Geräusch vom Umschlagen eines Blattes. Es war alles wie früher, es schien sich hier nichts geändert zu haben. Frau Hilde lag in ihrem Zimmer auf dem Diwan und las.

Sie konnte lesen? fragte er sich. Sie hatte die Ruhe, zu lesen, da sie doch aus der Zeitung wissen mußte, daß heute die Entscheidung fiel? Aber er kannte ja ihre Gewohnheit, sich von peinlichen äußeren Ereignissen durch Lektüre abzulenken. Widrige Eindrücke konnten sie manchmal außer Fassung bringen. Und ob sie las? Vielleicht blätterte sie nur. Er kannte auch das an ihr. Sie blätterte so hastig.

Die Eheleute hatten, während Michael in Untersuchungshaft saß, nur wenige Briefe gewechselt. In seinem ersten Schreiben hatte er ihr seine Verhaftung mit dem Hinweis auf die zweifellos in den Zeitungen veröffentlichten Ereignisse mitgeteilt und von einem baldigen glücklichen Wiedersehen gesprochen.

Hilde antwortete im gleichen Sinne und schrieb in beruhigenden und zuversichtlichen Worten, daß im Hause alles seinen regelmäßigen Gang gehe, so daß er sich um sie und um Ottilie nicht zu sorgen brauche.

Auf den Sachverhalt näher einzugehen, verbot sich nach den Vorschriften der Untersuchungshaft von selbst. Einblicke in ihr gegenseitiges Verhältnis zu bieten, entsprach nicht seinem Empfinden. Auch Hilde vermied, ihre Gefühle zu Papier zu bringen.

Offenbar im stillschweigenden Einverständnisse war nie mit einem Worte davon die Rede, daß Hilde oder Ottilie ihn im Gericht besuchen sollten. Er begriff, daß nach seinen kriminalpsychologischen Experimenten ihrer Natur ein solcher Schritt fast unmöglich war. Ottilie selbst schrieb nicht, sie ließ ihre Grüße durch die Mutter ausrichten.

Gefühlsausbrüche, wie man sie sonst in dem Briefwechsel von Untersuchungsgefangenen liest, kamen nicht zum Vorschein. Die gegenseitigen Beziehungen waren wohl auf der Grundlage jahrelangen Vertrauens und treuer Liebe so gefestigt, daß es keiner besonderen Versicherungen bedurfte, die in solchen Briefen meist die Anzeichen vorausgegangener häuslicher Unstimmigkeit zu sein pflegen.

Selbst in den wechselseitigen Weihnachts- und Neujahrsbriefen – unglücklicherweise fielen die Festtage gerade in diese schwere Zeit – ließ sich wohl in der Absicht, sich gegenseitig das Herz nicht noch schwerer zu machen, eine verhaltene Gefühlsbeherrschung erkennen.

Argobast öffnete leise die Verbindungstür. Er hatte sich nicht geirrt; seine Frau lag auf dem Diwan. Aber sie las nicht, die Hand mit dem Buche hing schlaff herab.

»Ottilie?« fragte sie, ohne aufzusehen.

»Ich bin's« antwortete er zögernd.

Sie wendete ihm das Gesicht zu und erhob sich, indem sie das Buch schnell weglegte. »Du bist es?«

»Ja, Hilde.«

Sie sah ihn lange verwundert an. Endlich fragte sie: »Wie kommst du nach Hause? Hat man dich entlassen? Bist du entflohen?« Dabei stand sie wie angewurzelt an derselben Stelle vor dem Diwan; ein großer runder Tisch trennte sie.

»Ich bin nicht entwichen« sagte er mit trübem Lächeln.

Mit halbgeöffnetem Munde sah sie ihn wieder an, ohne ein Wort zu sagen.

»Das Verfahren ist eingestellt worden« setzte er langsam hinzu.

»Dann haben die Zeitungen heute morgen falsch berichtet?« fragte sie lebhaft. Wie ein Sonnenstrahl flog es über ihr vergrämtes Gesicht. »Du hast nicht eingestanden?« Sie trat ganz dicht an den Tisch heran und hing an seinen Mienen.

Er wich unwillkürlich einen Schritt nach der Tür zurück. »Das Geständnis ist richtig.«

Sie beugte sich, als habe sie nicht recht gehört, mit dem Kopf ein Stück nach vorn.

»Die Anklage ist niedergeschlagen worden, weil – weil der Fall verjährt ist« erklärte er ernst.

»Verjährt? Was heißt das?« fragte sie, indem ihre etwas verschleierten Augen immer noch auf ihm ruhten.

»Wenn zwanzig Jahre und mehr vergangen sind, kann man nicht mehr bestraft werden.«

»Obwohl man die Tat begangen hat?«

»Ja« sagte er tonlos.

Einen Augenblick noch sah sie ihn entgeistert an, so wie man einen ganz Fremden ansieht, der plötzlich zu uns hereintritt. Dann sank sie in die Kissen und bedeckte schluchzend ihr Gesicht mit beiden Händen.

Nun war er von der Türe, die er hinter sich schloß, zurückgetreten und stand am Tische.

Plötzlich schreckte sie auf und schien sich überzeugen zu wollen, wo er stand. »In deinem ersten Briefe schriebst du von einem baldigen glücklichen Wiedersehen« sagte sie etwas heiser.

Er nickte.

»Später schriebst du niemals etwas Gegenteiliges.«

Er widersprach nicht.

»Wie konntest du mir solche Hoffnungen machen, wenn du – « Sie vollendete nicht.

»Damals ahnte ich noch nicht, weshalb ich ein Geständnis ablegen würde.«

Sie faßte sich mit der Hand ans Herz. »Bitte, wir wollen uns nicht in solchen juristischen Ausdrücken bewegen«, sagte sie hastig, »die ich vielleicht falsch verstehe. Entspricht das alles der Wahrheit, was du nach dem Zeitungsbericht zugestanden hast – du hast – ?«

Er neigte wieder sein Haupt. »Es ist richtig, Hildegard. Ich will dir alles noch eingehender, als ich vor Gericht getan habe, erklären.«

»Später – vielleicht später!« rief sie nervös, ihr Gesicht wieder in die Kissen verbergend.

Er blieb an seiner Stelle stehen und schien sich mit keinem Schritte näher zu wagen. Er sagte nichts und wartete ab, daß sie sich etwas beruhige.

Endlich fragte er: »Kannst du mich anhören?«

Sie trocknete sich schnell die Augen. »Wie denkst du dir die Zukunft?« fragte sie, auf dem Diwan sitzend, in etwas verändertem Tone.

Er hatte diese Frage erwartet.

»Die Hütte lasse ich in ein Aktienunternehmen umwandeln« antwortete er. »Das hatte ich mir ja immer vorbehalten. Die Nachfrage ist groß; das läßt sich begreifen. Die meisten Aktien fallen mir selbst zu. Ich brauche nicht weiterzuarbeiten. Die Dividenden werden außerordentliche sein – für unsere Zukunft ist gesorgt.«

Sie sah an ihm vorüber und fragte: »Was soll aus Ottilie werden? Weißt du, daß sie Ottokar sein Jawort zurückgegeben, daß er ihren Verzicht angenommen hat?«

»Wann hat er das getan?«

»Vor fünf Wochen schon – es stand in den Zeitungen, er selber hätte zunächst die Untersuchung gegen dich geführt.«

Er seufzte, gleichsam in der Erinnerung. »Das trifft zu – dann wurde sie ihm abgenommen – wie trägt Ottilie ihr Schicksal?«

»Ruhiger, als ich erwartete.«

»Es tut mir leid um unser Kind, Hildegard« sagte er mit bewegter Stimme. »Gerade er war der Charakter, mit dem sie unangefochten hätte durchs Dasein gehen können. Ich habe dir das oft gesagt.«

Hildegard antwortete nichts.

»Er ist eine glücklich veranlagte starke Natur« fuhr er sinnend fort. »Ich hatte gehofft, er werde unser Kind ungefährdet durchs Leben tragen. Nun hat er sich abgewendet. Diese Aufgabe sagte ihm wohl nicht zu. Ich begreife das. Der Reine, der Wahrhafte sollte, dachte ich, die Tochter des Schuldbeladenen in seine Obhut nehmen. Es soll nicht sein. Es gibt Naturen, die sich mit dem Schuldhaften nie – in keiner Weise – verknüpfen können. Vielleicht gehört er zu ihnen.«

Frau Argobast nickte bedeutungsvoll.

»Wie stellt sie sich zu mir?« fragte er wieder.

»Ich weiß nicht – sie hat sich nicht geäußert.«

Er holte tief Atem.

»Hältst du es für möglich«, begann Hildegard zögernd, »daß du hier am Orte bleibst?«

Er dachte einen Augenblick nach. Dann schüttelte er den Kopf »Nein«, sagte er endlich, »davon kann nicht die Rede sein – hast du einen Plan – wo möchtest du leben?«

Sie ließ den Kopf sinken.

»Wir können von unserem Gelde leben, wo wir es wünschen – in Deutschland oder im Auslande – vielleicht zunächst einige Jahre im Auslande. Mein Fleiß hat dieses Vermögen erworben, an dem das Verbrechen keinen Teil hat.«

»In der Zeitung stand es anders – Du sollst gesagt haben – «

»Was?«

»Daß aus deiner geheimen Schuld deine Arbeitskraft erwachsen ist.«

»Hast du das gelesen? Hast du das verstanden? Mein Geld ist ehrlich verdient – das weißt du ja selbst – wo möchtest du leben?«

Sie wendete sich ab. »Ich – ich werde mich später entscheiden.«

Er sah sie an. »Was soll das heißen?«

Sie zuckte die Achseln.

Er ging um den Tisch einige Schritte herum und stand nicht weit von ihr. »Worüber willst du dich später entscheiden? Wo du leben willst? Gewiß – es muß heute nicht sein – einige Tage haben wir Bedenkzeit.«

Er trat langsam wieder einen Schritt näher. Sie sah ihn ängstlich von der Seite an. Plötzlich stand sie auf und entwich vom Diwan an den blauen Kamin.

Er blieb an seiner Stelle wie angewurzelt stehen. »Was muß ich tun, Hilde, um dein altes Vertrauen wiederzugewinnen?« fragte er.

Sie sah ihn ernst an. »Das ist dahin«, flüsterte sie, »das kommt nicht wieder.«

In ihren Zügen lag eine steinerne Ruhe.

Er schwieg; kein Laut war hörbar.

»Laß diese Angelegenheit deine Nerven nicht überempfindlich beeinflussen.«

»Wenn du sie für so überempfindlich hieltest, hättest du sie schonen sollen – «

»Du weißt nicht, sagst du«, begann er wieder, als ob er Unheil ahne, »wie Ottilie sich zu mir stellt? Was hast du selber beschlossen?«

Sie rührte sich nicht.

»Ich kann mir nicht denken, daß dein Vertrauen ganz geschwunden ist« fuhr er zögernd fort. »Ein zwanzigjähriges Zusammenleben kann nicht mit einem Schlage ausgelöscht werden – bitte, sage mir ein einziges Wort.«

Ein tiefer Seufzer entrang sich statt der Antwort ihrem schweratmenden Busen.

»Du hast mein Werden und Steigen – hast mein Glück gesehen – das gibt Kräfte, auch gemeinsames Unglück zu teilen. Ich habe dich auf den Händen getragen – ich habe dir jeden Wunsch erfüllt.«

Einen kleinen Schritt trat er näher und sprach leiser: »Du bist meiner Natur gerecht geworden – wir haben in uns selber eine Quelle höchsten Genusses gefunden – das gibt eine unlösliche Bindekraft.«

»Da wußte ich nicht – « sagte sie errötend.

»Was wußtest du nicht?«

»Daß du – daß du getötet hast – !« stieß sie zwischen den Lippen hervor, ohne ihn anzusehen.

Unwillkürlich trat er wieder einen Schritt zurück. »Ja, du bist allerdings in der Lage, mir diesen Vorhalt zu machen. Ich kann das nicht ändern. Diese Dinge sind geschehen. Wir müssen also über die Dinge hinwegkommen, Hilde, wenn sie nicht über uns kommen sollen. Ich bin stark geworden in der schweren Schule der Schuld, das habe ich sagen wollen. Opfer habe ich genug gebracht. Was mir geblieben ist, halte ich mit Zähigkeit fest – verstehst du?«

Sie sah ihn mit merkwürdigen Blicken an.

»Sieh mich nicht mit solchen Augen an – gib mir die Hand, Hilde – du hast mir – nach sieben Wochen – zum Willkommen wahrhaftig noch nicht die Hand gegeben.«

Er streckte seine Hand verlangend nach ihr aus; zögernd reichte sie ihm ihre weiße Hand.

»Sie ist kalt«, sagte er, »in diesem warmen Zimmer – ich will sie, wie sonst, erwärmen.«

Er preßte ihre Hand an seinen Mund; sie zog sie, als fühle sie einen plötzlichen Schmerz, unter einem leisen Aufschrei zurück.

Er biß sich in die Lippen, seine Blicke verfinsterten sich.

»Beherrsche dich – locke die Leute nicht herbei« flüsterte sie ihm zu.

»Ich finde nicht, daß du mich begrüßest wie einen Wiedererstandenen, wie einen Totgeglaubten!« sagte er bitter. »Weshalb entziehst du deine Hand meinen Lippen? Das war sonst nicht deine Art. Deine Hand – welche – bietest du mir keinen Kuß?«

Er näherte sich – er wartete.

»Nein!« stieß sie fast heftig hervor.

Er erblaßte. Ihr Widerspruch reizte ihn. »Weshalb nicht? Wohl dem Mörder nicht – ?« lachte er unheimlich.

»Vergiß nicht, daß du mir zwanzig Jahre lang dein Geheimnis und damit dein Innerstes verborgen hast« erklärte sie bebend. »Das bedeutet einen Vertrauensbruch über fast ein Vierteljahrhundert hinweg.«

»Sollte ich dir mein Geständnis zum Hochzeitsgeschenke machen?«

»Du hast mir ein ganz anderes Inneres – ein schuldloses, reines, edles vorgegeben – nun breche ich über der großen Enttäuschung zusammen.« Ein Schluchzen erstickte ihre Stimme.

»Du hast meine ununterbrochene Sühne gesehen, ohne meine Sünde zu kennen.«

»Ich habe niemals an dir etwas wahrgenommen, was ich für eine Reue halten könnte – ich habe dich immer ruhig, gleichmäßig, besonnen, ohne Anzeichen von Schuldbewußtsein gesehen – sage mir, ob du Reue empfindest?«

Er zögerte mit der Antwort. »Vielleicht nicht das, was du und die Welt gemeinhin als Reue bezeichnen.«

Sie sah ihn mit großen Augen an. »Also keine Reue« sagte sie tonlos. »Ich habe dich immer für den Mann innersten Friedens gehalten – du hast nie geseufzt – nie geklagt – du warst nie schwermütig, obwohl ernst – nie verriet Blässe oder Röte deines Gesichts innere Verlegenheit – du konntest keine Fliege töten – an keinem Bettler vorübergehen, ohne ihm etwas zu geben – Mitleid war dir ein notwendiges Gefühl – wenn du von Unglücklichen sprachst, glänzten dir die Augen – wirklich keine Reue? Du empfindest keine Reue über das vergossene Blut – ? Sage mir – « Sie hatte mit bittender Stimme gesprochen.

Wie ein Turm von Erz ohne sichtbare Zugänge stand er da und sagte »Nein!«

Sie trat bleich zurück. »Du hast immer ruhig im Schlafe gelegen und niemals im Traume geschrien oder gejammert – was bist du für ein Wesen, wenn eigne Blutschuld dich nicht rührt, den sonst alles rührt?«

»Charaktere wie ich, Hildegard, bereuen nicht in solcher Weise, wie du schilderst. Mein ganzes Dasein, das sagte ich schon, war eine einzige tätige Reue.«

Sie schüttelte das Haupt und wollte das nicht gelten lassen. »Man muß es auch fühlen und aussprechen« sagte sie unter Tränen.

Er war nahe herangekommen und stand mit eigentümlichen Blicken vor ihr. »Wir wollen das ein andermal ausmachen, Hildegard – heute – sei gut – umarme mich.«

Er wollte bitten, aber seine Stimme versagte den bittenden Ton – Sie rührte sich nicht. »Ich kann nicht – kann nicht mehr – « brachte sie hervor und wand sich wie unter Schmerzen.

Er stampfte mit den Füßen. »Schaudert dich vor mir? Ist dein Blut kalt? Ich will es dir warm machen.«

Eine Glutröte überflog ihr bleiches Gesicht. »Weshalb hast du die alten Zeitungen aufgehoben und die anderen Schriftstücke – das Wanderbuch?« wich sie ihm aus.

»Das wollte nun das Verhängnis.«

»Weshalb hast du die garstige Flamme nicht entfernt, wie ich oft dich bat?«

Er wurde ganz ernst. »Im Zeichen der Flamme bin ich groß geworden – sie war mein Talisman, mein Amulett – sie hat mein Leben geleitet – ich würde unter gleichen Verhältnissen immer wieder so handeln – hörst du? genau so! – du hast mir meinen Glauben unterstützt – hast die Flamme oft geküßt – besinne dich nur – erst seit ich sie tilgte, kam mein Lebensschiff dem Scheitern nahe.«

Er stand vor ihr, ganz nahe, er hauchte sie an.

»Die Flamme hat dich verraten!« rief sie. »Weshalb hast du mich nicht als Zeugin benannt?«

»Wofür?«

»Für den Nachweis – « sie sprach nicht weiter.

»Für welchen?« Sie zögerte und wurde glutrot. »Daß du die Flamme – «

»Daß ich die Flamme nicht auf der Brust hatte?«

»Dem Untersuchungsrichter, der dich vorlud, schriebst du, du wolltest nicht aussagen.«

»Da wußte ich nicht – ich fürchtete eine Falle – du hättest mir schreiben – mich auffordern müssen.«

Sie erschien ganz verwirrt.

Er sah sie ungläubig an. Sie machte ein Gesicht, daß man nicht wußte, ob sie ihr Anerbieten im Ernst meine.

Dann lachte er merkwürdig.

»Wie kannst du mich so empfangen? In diesem schweren Kleide? In dieser geschlossenen Taille? Du weißt, wie ich dich liebe – heute ist Festtag, Hilde – ich bin freigesprochen worden – wir wollen tafeln – «

Er trat auf sie zu, um sie an sich zu ziehen; einen Augenblick wußte sie nicht, was sie beginnen sollte.

Er redete sich in seine Aufwallung immer mehr hinein. »Das Blut von meiner Hand ist tausendmal abgewaschen worden im Laufe der Jahrzehnte – das braucht dich nicht zu schrecken – und wenn es vor deinen Blicken wieder sichtbar werden sollte, presse dich an mich – wallendes Blut stillt tropfendes Blut.«

Sie sah ihn entsetzt an. Er war ganz verändert. In seinen dunklen Augen blitzte ein unheimliches Feuer. Er schien diese Veränderung zu fühlen, das brachte ihn zur Verzweiflung.

Er wollte sie an sich reißen, als sie ihn mit einem Überaufgebot von Kräften zurückstieß. Er taumelte.

Kaum war es geschehen, so bereute sie. Aber das war nun zu spät. Auch ihr eigner Trotz war erwacht.

Bleiche Wut malte sich in seinen Zügen. Er war nicht wiederzuerkennen, so hatte sie ihn nie gesehen.

Todesangst überkam sie; ihre Glieder zitterten. Die Sinne schwanden ihr. Sie hatte keine Kräfte zum Umkehren. Sie wußte kaum, was sie tat.

»Du willst mich morden!« kreischte sie. »So mußt du ausgesehen haben, als du siebenmal stachst – siebenmal – « Sie kauerte sich zusammen, als wollte sie ihn um Gnade anflehen.

Er sah sie entgeistert an – lange – durchdringend. Es war, als stände er vor einer ganz fremden Welt, die kalt und leer an ihm vorüberzog. Mit einem Male beherrschte er sich. Seine gespannten Muskeln ließen nach. Er blickte fremd drein. Er sank in sich zusammen und wurde still, ganz still.

»Nun ist es vorbei«, flüsterte er vor sich hin, »nun ist alles vorbei – unwiederbringlich – ich überzeuge mich – du hast recht – jetzt erst weiß ich, was du sagen willst.« Er sank in einen Sessel.

Sie erhob keinen Widerspruch; sie kämpfte mit einer Schwäche. Der Augenblick war peinlich.

Unsagbarer Schmerz packte ihn nochmals für einen Augenblick. »Ich habe dem verlorenen Zuchthäusler, der mir fremd war, die rettende Hand gereicht, und mich, den Freigesprochenen, stößt die eigene Frau zurück«. Markerschütternd klangen seine Worte.

»Das war nun deine Art« sagte sie mit merkwürdigen Augen ganz langsam, als lege sich eine eisige Hülle um ihr Herz. Wie versteinert sah sie aus und versteinert war ihr zumute, wie sehr sie schluchzend nach Atem und Leben rang.

Draußen vor der Türe hörte man Geräusch. Er öffnete und sah hinaus. »Es hat niemand gerufen, Franziska« sagte er zu dem Stubenmädchen, das sich mit verstörten Mienen zu schaffen machte. »Wo ist Fräulein Ottilie?« fragte er noch.

»Sie wollte nur einen kurzen Weg machen.«

»Dann wird sie bald zurück sein – sagen Sie ihr, daß ich da bin – sie soll heraufkommen.«

Damit schloß er die Tür.


Siebenundzwanzigstes Kapitel

Er ging einige Male im Zimmer auf und ab und blieb dann vor seiner Frau stehen.

»Verzeihe, daß ich mich so vergessen konnte, Hilde, und damit die Situation so sehr verkannte« wandte er sich in ganz verändertem Tone, so daß sie erschrak, an sie. »Wir wollen vernünftig zusammen sprechen und unsere Beziehungen ordnen. Alle unsere Angelegenheiten wollen wir ordnen.« Das klang so bedeutungsvoll.

»Sage mir«, fuhr er tiefernst fort, »da wir einmal dabei sind, wie hieß der junge Mann, du weißt, wen ich meine – , dem du vor zwanzig Jahren den Laufpaß gabst, als wir uns in Mainz kennenlernten?«

Sie lehnte mit den Händen auf dem Rücken wieder am Kamin und sah überrascht auf. »Ich habe seinen Vatersnamen vergessen. Du weißt, ich habe kein Namensgedächtnis. Sein Rufname war Fred – so ließ er sich nennen.«

»Er war Geiger und besuchte das Konservatorium?« fragte er weiter.

»Jawohl.«

»Hast du den Bericht über die gestrige Verhandlung gelesen?«

»Eingehend.«

»Hast du gelesen, daß von dem Geiger die Rede war?«

»Kein Wort – dort liegt die Zeitung« erklärte sie errötend.

Er sah in den Verhandlungsbericht. »Es ist richtig – sie haben davon nichts gebracht – sie wollten unser Familienleben schonen.«

Sie horchte auf.

»Du hast – sage mir das – du hast einen Brief dieses Fred nicht vernichtet – «

Sie machte ein gleichgültiges Gesicht.

»Hast ihn aufgehoben, Hilde – « sagte er eindringlicher.

Sie zuckte mit den Achseln.

»In diesem Briefe liegt – ich weiß das erst seit gestern – liegt eine zersprungene Saite – «

Eine Röte übergoß ihre Wangen.

»Angeblich von seiner Geige – «

Sie sah ihn nicht an.

»Sage mir – wie kamst du als meine Frau dazu, Hilde, dieses seltsame Andenken so sorgsam zu bewahren? Fast ein Vierteljahrhundert lang? Du hast mir versichert, deine Neigung zu ihm sei eine vorübergehende gewesen, sie sei in deiner Erinnerung ausgelöscht. Anfangs wolltest du mir seinen Namen nicht nennen, in den späteren Jahren sagtest du, wie heute, du habest ihn vergessen – vergessen, Hilde!«

»Ich weiß ihn tatsächlich nicht mehr – sei versichert – ich kann das beschwören – ein Schleier hat sich über dieses Jugendereignis gelegt.«

Man mußte ihr Glauben schenken.

»Aber seinen Brief und die zersprungene Saite hattest du bewahrt – bis gestern – bis ihn die Polizei in deinem Schreibtische fand.«

Sie fuhr auf. »In meinem Schreibtische? Die Polizei?« Wie schützend stellte sie sich vor ihren Schreibtisch.

»Weißt du das nicht?«

»Ich war nicht zu Hause, Ottilie auch nicht. Wir wurden berichtet, die Polizei habe nur in deinen Behältnissen gesucht.«

»Das haben dir die Dienstboten verschwiegen, um dich zu schonen. Die Polizei hat auch deinen Schreibtisch geöffnet – sieh' nach – überzeuge dich – Spuren der Unordnung werden sich finden – frage die Dienstboten.«

Sie lachte eigentümlich und machte vor dem Kamin einige Schritte. »Es steht dir gut an – steht dir zumal heute – in diesem Augenblicke sehr gut an, mich zur Rede zu stellen« sagte sie.

»Noch sind wir ja Mann und Frau. Noch habe ich ein Recht, zu fragen.«

Sie richtete sich auf. »Du wußtest von ihm, als du mich kennenlerntest. Mit ihm brach ich, um dir zu folgen. Wenn du es heute hören willst – gerade heute – ja – ich habe – wie sage ich? – habe ihn wohl – «

»Siehst du!« Er erhob die rechte Hand und streckte den Zeigefinger in die Höhe.

Diese anscheinende Feierlichkeit reizte sie. »Die Kunst brachte uns nahe – er war ein sonderbarer Mensch – ein großes Talent.«

»Hast du gehört, daß er ein berühmter Geiger geworden ist?«

»Nein.«

»Aber ich habe ihn Geige spielen hören – wiederholt – er hatte eine seltsame Zuhörerschaft.« Es klang wie Hohn.

»Wie standest du mit diesem jungen Manne?« begann er von neuem.

»Wie meinst du das?«

»Wie du es verstehst!«

»Du hast mich zu deiner Frau genommen, ohne mir vorher diese Frage vorzulegen – «

»Aber ich kann sie nachholen.«

»Heute?«

»Gerade heute!« sagte er wieder heftig.

»Du hast kein Recht, mich in diesem Augenblicke zu kränken. Ich verlasse dein Haus – !« rief sie zitternd und machte einige Schritte.

Er stellte sich vor die Türe. »Nach zwanzig Jahren komme ich dahinter. Nur eine ungewisse Ahnung sagte mir manchmal – Ottilie ist – «

Im ersten Augenblicke legte sie mit lebhaften Gebärden Verwahrung ein. Dann wendete sie ihr Gesicht ab.

»Du hast es mich glauben machen – ich glaubte es gerne – die Zeit konnte annähernd stimmen – aber eine Probe versagte – du brachtest mir keinen Sohn – kein zweites Kind.«

»Willst du nicht dankbar sein, daß das Geschick gerade dir die Nachkommen versagte?« flüsterte sie. »Du hast es gewußt – hast es wissen müssen – ich nahm es als unser stillschweigendes Einverständnis an – für mich war es die Bedingung – hörst du? Die Unebenheiten ihres Charakters, die wir erlebten, sind nicht vererbt – «

»Du hast von dem Zeugen Erkelenz gelesen – Robert Erkelenz heißt er – «

Als sie den Namen hörte, fiel ein merkwürdiger Klang in ihre Seele.

»Der mich verraten hat – er ist – höre nur – dein Fred – jawohl – staune nur. Aus dem Zuchthause habe ich ihn übernommen und in meiner Hütte eingestellt – habe ihm fortgeholfen – habe ihm eine Geige überlassen – im Zuchthause habe ich ihn zuerst spielen hören – eine Verbrecherlaufbahn hat er hinter sich – unmittelbar als du von ihm gingst – «

»Das ist nicht wahr – das lügst du!« rief sie verzweifelt, alle Kräfte zusammennehmend.

»Er selber hat sich zu dir bekannt – hat sich letzten Sommer, als wir in der Schweiz waren, eingeschlichen, hat dich auf den Photographien, auf dem Ölporträt wiedererkannt – deinen Schreibtisch geöffnet – seinen Brief mit der zersprungenen Saite gefunden – «

Hilde war starr. Sie blickte entsetzt ins Leere.

»Deshalb hat er mich – seinen Wohltäter – verraten – gestürzt – vernichtet – das war seine Rache. Er ist Ottiliens Vater – nun wirst du ihren Charakter beurteilen – «

Ein Weinkrampf schüttelte sie. Aber er hatte kein Mitleid und schüttete das Maß seines Grimmes voll über sie aus.

»Und du?« endete er. »Wie stehst du nun da? Zwischen zwei Verbrechern hast du deine Neigung geteilt – sankst aus den Armen des einen unmittelbar an die Brust des anderen – wie kam es, daß du gerade Verbrechern so sehr begehrenswert erschienst – daß du gerade Verbrechern deine Liebe schenktest – ? Zogen die Duftstoffe unserer Seelen sich gegenseitig an – weißt du, daß es Frauen gibt, die die Bestimmung haben, Verbrecher unsäglich zu lieben?«

Er konnte nicht weitersprechen, die Tür öffnete sich und Ottilie trat herein. Sie blieb in der Nähe des Einganges stehen und sah verlegen abwechselnd Vater und Mutter an. »Guten Abend!« war alles, was sie schüchtern sagte.

Sie sah blaß und ernst aus, auch sonst erschien ihr Äußeres Argobast verändert. Etwas Fremdes sprach ihn aus ihrem Wesen an.

Er wußte nicht gleich, wie er die Unterhaltung einleiten sollte. Es war ihm peinlich, ihr auseinanderzusetzen, daß er zwar schuldig, aber doch nicht verurteilt sei. Sie fragte auch nicht, zeigte keine Verwunderung, keine Freude, ihn hier zu sehen. Ihr Benehmen schien ihm zu sagen, daß sie unterrichtet war.

Um alle Ungewißheit auszuschließen, kam er sofort auf die Hauptsache zu sprechen. »Deine Mutter«, begann er, »beabsichtigt – wie sage ich? – sich von mir zu trennen. Das weißt du wohl? Ich überrasche dich nicht. Du hast nun die Wahl, wem du folgen willst.«

Sie sah ihn verlegen an und antwortete nichts.

»Du hast die freie Wahl – ich versichere dir – kein Zwang ruht auf dir – erkläre dich ganz offen.«

Sie zögerte noch einen Augenblick.

Daß sie ihm nicht folgen wollte, wußte er schon.

»Dann bleibe ich bei Mama« sagte sie still weinend.

Er nickte, als sei es ihm eine Bestätigung, daß sie nicht sein Fleisch und Blut sei. »Es soll dir an nichts – gar nichts fehlen – was ich zu deinem künftigen Lebensglücke tun kann – soll gern geschehen.«

Hilde blickte auf. Ottilie lächelte trübe vor sich hin.

Er trat einige Schritte näher zu ihr.

»Hast du die Trennung von Ottokar überwunden – hoffst du sie überwinden zu können?« verbesserte er sich mild.

Sie trocknete sich die Augen. »Das liegt ja schon weiter zurück, Vater«, und ist nicht erst durch die neueren Ereignisse erschüttert worden.«

»Wie meinst du das?«

»Es ist etwas geschehen – etwas Furchtbares geschehen – ich weiß nicht, was«, sagte sie, die Hände nervös ringend, »das ihn mir schon, ehe wir nach dem Engadin gingen, abwendig machte – Mutter kann dir's erzählen.«

Hilde nickte.

»Davon weiß ich ja gar nichts.«

»Es ist aber doch geschehen. Als er dann von der schlesischen Reise wiederkam – war er für mich verloren.«

»Das glaube ich wohl« sagte er bedrückt.

»Nicht wie du es vielleicht meinst Vater« antwortete sie gütig. »Ich hätte ihn einer Liebe für fähig gehalten, die über alle Hindernisse hinwegkam. Ich wäre mit ihm nach Afrika, an das Ende der Welt gegangen, wo uns niemand kannte. Ich ging ganz in ihm auf – meine Liebe und die seinige hätten mich über alles hinweggebracht – auch über das Unglück dieser Tage.«

Wie sie das sprach, machte es der rührende Ton ihrer Stimme überzeugend und wahr.

»Mein liebes Kind – « seine Stimme zitterte.

»Ich habe schon die Lösung von allem gefunden, Vater. Ich selber trage die Schuld! Er ist zu gut für mich – «

»Wie kommst du darauf?« fragte er vernichtet.

»Du hast mich selbst auf seinen Wert hingewiesen, und ich habe es in meinem eigenen Innern verspürt. Wir haben ja darüber gesprochen, Vater. Ich versichere dir, die Schuld liegt in mir. Ich lebte so auf, ich streifte so vieles ab, ich hoffte in ihm und mit ihm – «

Sie schluchzte; die Mutter trat zu ihr und strich ihr sanft das weiche Haar.

»Es ist schade – es sollte nicht sein«, fuhr sie gefaßter fort, »nun ist es vorüber. Er hat den Versuch mit mir nicht gewagt – vielleicht hat er an seinem Gelingen gezweifelt – er hat mich erkannt – ich weiß es – er hat die Schwächen meines Inneren empfunden – er hat mir in die Seele gesehen oder es hat mich ihm jemand verraten – «

Argobast vergaß das eigene Leid und schüttelte verwundert den Kopf. Was war aus diesem Kinde geworden? Wie war auch ihm der Schmerz, der tiefe Seelenschmerz zur Erkenntnis geworden!

»Aber ich will versuchen, auch ohne seine Gegenwart gut zu sein – gut zu werden – es ist schwer – ich fühle es schon – aber du bist nicht schuld, Vater – es ist schade – jammerschade – aber Muttel wird mir helfen – sie will mir beistehen – sie hat es mir versprochen – nicht wahr, Muttel?«

Mutter und Tochter hatten sich umschlungen und preßten ihre Wangen aneinander, so daß die Tränen sich mischten. Aber die Mutter war blaß und leblos. Wie ein Fremder, wie ein Ausgestoßener stand Argobast daneben. Er hätte in die Erde versinken mögen vor Scham. Er hätte in Jammer ausbrechen mögen.

»Hast du gehört, wohin er versetzt worden ist?« fragte er.

»Es hat vorgestern in der Zeitung gestanden – nach Halle.«

»Du hast ihm selber sein Wort zurückgegeben?«

»Ja – das gebot mir doch meine Pflicht.«

»Was schrieb er dir, als er deinen Verzicht annahm?«

»Oh, er schrieb mir gütig – wie immer – so gütig – «

Nun war Michael Argobast am Ende seiner Kraft. Er sagte den Frauen Gutenacht und begab sich in sein Zimmer. Hier schloß er sich ein und ordnete bis gegen Morgen seine Papiere. Dann schlief er angekleidet todmüde auf dem Sofa ein.


Achtundzwanzigstes Kapitel

Über die hohen, fast senkrechten Granitfelsen, die eine lange Felsenschlucht bildeten, hatte die Märzsonne gelacht. Jetzt stiegen Nebel über ihnen auf und hüllten die zackigen Kanten in ihren Schleier.

In der Tiefe, kaum sichtbar, toste ein stürzendes Wasser; fernher wurde ein dumpfes Rollen vernehmbar, von dem schrillen Pfeifen der Lokomotive unterbrochen.

Ein Mann im Lodenanzug, einen Rucksack am Rücken, auf kräftigen Stecken gestützt, stieg langsam, aber nie rastend aufwärts. In zahlreichen Kehren wandte sich die Felsenstraße; auf Fußwegen und einem alten Saumpfade konnte man sie abschneiden.

An verfallenen und neueren Stegen vorüber, von rieselnden Felsenwassern umgeben, überschritt er eine aus Granitquadern in einem einzigen Bogen gespannte Brücke, unter der sich der Fluß in die Schlucht stürzte.

Hier blieb er lange stehen, während der schäumende und spritzende Wasserstaub sein Gesicht netzte. Trotz der kalten Luft schien ihm die Kühlung angenehm zu sein, er nahm die Reisemütze ab und ließ sich die Stirn feuchten.

Endlich sah er nach der Uhr und rüstete zum Aufbruch. Einen Blick warf er zurück, einen anderen nach vorwärts. Dann horchte er hinaus in die Ferne. Dumpfes Donnern war vernehmbar, ein leichtes Heulen erhob sich, die Sonne warf keinen Strahl mehr an die Felsenspitzen, es dämmerte.

Im Gasthaus hatte ihn der behäbige Wirt, der ihn aus Neugierde vergeblich in ein Gespräch zu verwickeln suchte, mit bedenklichen Mienen gewarnt, in dieser Jahreszeit die Fußwanderung zu machen. Man begriff nicht auch die Frau Wirtin mischte sich mit teilnehmenden Blicken ein – , weshalb er die bequeme Eisenbahnfahrt nicht vorzog. Aber Michael Argobast ließ sich auf keine Auseinandersetzungen ein, verzehrte sein einfaches Essen und behielt seinen Plan bei.

In dieser Höhe von vierzehnhundert Metern lag der Schnee in den Schöllenen ziemlich hoch. Ganze verwehte Strecken mußte er durchwaten. Oft blieb er mit seinem Stecken im Schnee stecken und mußte sich förmlich herausgraben.

Aber die Anstrengung tat ihm wohl. Kaum suchte er sich die gangbarsten Stellen heraus. Von den Felsen stürzten Schneemassen, die der Sonnenstrahl gelockert hatte. Mehr als einmal wurde er getroffen. Unerschrocken schritt er vorwärts.

Dabei sprach er halblaute Worte vor sich hin, zuweilen stieß er Rufe aus, die von den Felsen seltsam widerklangen. Er schien Zwiesprache zu führen mit der Natur oder mit der Gottheit, die sie erschuf, oder mit sich selbst.

Wer ihn beobachtet hätte – aber kein einziger Mensch begegnete ihm – , konnte wahrnehmen, wie in der Anstrengung seine Brust sich hob, wie seine Züge sich belebten, seine Augen aufleuchteten.

Hier in der gewaltigsten Gottesnatur warf er ab, was seine Seele noch bedrückte.

Fern und klein erschien ihm die Stadt, wo er zwanzig Jahre gelebt und gewirkt und die er nun auf immer verlassen hatte.

Klein und fern erschien ihm sein Hüttenwerk, die Schlote, selbst die Erzöfen sanken in sich zusammen.

Er hatte sich von dem Schauplatze seiner Arbeit getrennt. Das Unternehmen wurde in eine Aktiengesellschaft umgestaltet, eine große Bank hatte die Umwandlung in die Hand genommen. Die Käufer drängten sich an ihn, er hätte alle Aktien an den Mann bringen können.

Über die Felsenschlucht begann ein Wehen und Heulen, eine warme Luft drückte, obwohl die Sonne nicht schien, mit einem Male herab, es wurde fast dunkel.

Schnee und Eismassen stürzten hernieder, Lawinen donnerten, er näherte sich der gefährlichsten Gegend der ganzen diesseitigen Gebirgsstraße.

Sie hatten recht gehabt, die ihn gewarnt und nach den Wolken am Himmel gezeigt hatten. Der Föhn war los.

Mehr als einmal glitt er aus, stürzte er zu Boden. Unmittelbar vor ihm und über ihm wälzte es sich her. Schneemassen umwirbelten ihn, er konnte nicht aus den Augen sehen, er stürzte und versank.

»Nimm mich auf!« hallte es jählings von dem Gestein zurück. Dann blieb er lautlos liegen.

Die Schneewolke stürmte vorüber. Es wurde lichter vor ihm, über ihm, von oben leuchtete es wie klarer Tag.

Aus dem Schneehaufen gruben sich Hände und Arme, ein Kopf, ein Oberkörper wurde sichtbar. Mit aller Anstrengung richtete er sich auf, stand er, schritt er mit zitternden Beinen vorwärts. Eine lange Schutzgalerie, in die Felsen gehauen, nahm ihn auf.

Hier stand er eine Weile still, um Atem zu schöpfen, um Kräfte zu sammeln.

Er empfand doch ein Wohlbehagen, daß er gerettet und nicht im Schneesturm erstickt war, wenn er auf sein Leben auch keinen besonderen Wert gelegt hatte.

Als er aus einem letzten Felsendurchbruch wie aus einem Loche herausschritt, trat er in ein stilles, von hohen, kahlen Schneebergen eingefaßtes Tal, das der Fluß durchströmte. Eine freundliche, klare Winterlandschaft lag vor ihm; hier hatten sich Menschen angesiedelt, aber es gab wohl nur wenige Sommermonate, Getreide konnte nur kärglich gedeihen.

Weiter, rastlos weiter führte ihn sein Weg.

Seine zwanzigjährige Ehe zog an seinem Geiste vorüber. Er mußte dankbar anerkennen, daß sie für ihn zum Segen geworden war. Hatte Hilde auch nicht so, wie er es vielleicht in jugendlichen Träumen erwartete, an seinem Schaffen, an seinem Aufstiege teilgenommen, so hatte doch ihr Gemüt milde über ihm geleuchtet.

Er ging langsamer den immer noch ansteigenden Talweg am Wasser dahin, er blieb plötzlich in Gedanken stehen, als er sich selbst – nicht zum ersten Male – bekannte, daß er Hilde in jener Unterredung am Tage seiner Entlassung Unrecht getan hatte.

Das lag schon lange klar vor ihm. Er konnte sich selber nicht begreifen. Was war da über ihn gekommen? Wie hatte er von ihr einen Kuß, eine stürmische Begrüßung, eine leidenschaftliche Umarmung erwarten können! Wie konnte er sich gerade in dieser zwischen ihr und ihm entscheidenden Stunde so hinreißen lassen!

Nun war es geschehen, unwiderruflich. Sein Herz war so übervoll gewesen. Diese Gerichtsverhandlung, die ihn traf, die ihn stürzte, unter so eigentümlichen Umständen stürzte und nach dem Gesetze eigentlich nicht hätte treffen dürfen, aber doch mit Gerechtigkeit trafs, hatte ihn in diese ungeheure seelische Verwirrung versetzt. Darüber war er sich klar.

Sie hatte die ganze menschliche Grausamkeit, die, ihm selber kaum bewußt, in dem Grundlosen seiner Seele schlief, geweckt und mit einem Male an die Oberfläche geschleudert. Wie töricht, wie klein war sein Beginnen gewesen, sich mit Erkelenz moralisch zu messen! Nicht geläutert, nicht innerlich gereinigt hatte sie ihn, sondern hinabgestoßen in den tiefsten seelischen Verrat, diese Verhandlung vor dem Gericht!

Blitzartig durchzuckte ihn der Gedanke, daß der kluge, nüchterne Verteidiger seine Sache nicht gut gemacht hatte. Wenn er einmal die Verjährungsfrage zunächst übersehen hatte, mußte er die Geschworenen zum Spruche kommen lassen und alles versuchen, daß sie statt Mordes nur Totschlag annahmen. Mißlang es, kam der Verjährungseinwand immer noch zeitig genug. Und der Totschlag war ja in jedem Falle verjährt. Aber als Totschläger in jugendlicher Übereilung – im Affekt – stand er ungleich günstiger da – auch Hildegard gegenüber – ihr gegenüber vor allem – ob sie auch dann – ? Er wagte nicht auszudenken, was er verloren hatte – was geschehen wäre – aber er war damals, als er heimkehrte, nicht imstande, ihr das von sich selber aus auseinanderzusetzen – in Ruhe – er war so verwirrt.

Das war nicht er selber gewesen, der da gesprochen hatte; das durfte er sich ruhig zurufen. So hatte er nie wieder in seinem Leben gefühlt und gedacht, nur damals, als er den Unglücklichen, der sich verzweifelt wehrte und durchaus nicht sterben wollte, in jähem Grimme siebenmal traf. Etwas Ungekanntes, Fremdes war wie damals mit einem Male in seine Seele getreten und hatte ihn vorübergehend jeder Hoffnung beraubt. Ohne Fährlichkeit war er durch die rauhesten Stunden seines Lebens gegangen; jetzt, da es die engsten Bande zu retten galt, hatte er versagt.

War das so überraschend, daß sie den heimgekehrten Mörder nicht küssen, nicht umarmen wollte? Daß sie schauderte, Jahrzehnte es ahnungslos getan zu haben? War das nicht eine natürliche, menschliche, weibliche Regung? Hätte man nicht Hoffnung hegen können, sie zu überwinden – allmählich – langsam – durch Güte – durch Liebe? Ach, er hätte es an nichts fehlen lassen wollen – er hatte die Fähigkeit, zu überreden, zu überzeugen – aber den Übergang, den Anfang fand er nicht – !

Weshalb mußte der Dämon der Stunde ihn zum zweiten Male treffen – unerbittlich – wie er den trunkenen Gesellen? War das aufgerührt worden in ihm – mit der wiedererstandenen Untat – an der Stätte des Gerichtes?

Nun hatte sie die Trennung von ihm vollzogen. Nach jenem Abende hatten sie sich nicht wieder zusammengefunden. Die Versuche – wohl beiderseits unternommen – verliefen lau, ergebnislos, unglücklich. Dann wurde es in beiden ganz still. Eine Scheidewand richtete sich zwischen ihnen auf. Das Vergangene erschien tot. Sie hatte sein Haus verlassen und war nach Wiesbaden übergesiedelt. Er hatte ihr keine Hindernisse mehr bereitet, hatte ihr Mittel in reichem Maße zur Verfügung gestellt. Es war alles auch für seinen Todesfall geordnet.

Was die Zukunft bringen werde? Er glaubte es vorauszusehen. Zu ihrem Verhalten hatte sie ein Recht, weil sie sich in seiner wertvollsten Eigenschaft – seiner Unbescholtenheit – geirrt hatte.

Nun war keine Zeit, sich das mit Hilde durchlebte Liebesglück schwärmerisch zurückzurufen. Es schien ihm im Augenblicke, als könnte er selbst nicht sagen, ob er sie wahrhaft geliebt hatte. Der Beurteilung seiner eigenen Gefühle schien er in diesen Tagen verlustig gegangen zu sein, es war still und leer in seinem Herzen.

Ob sie selbst ihn wahrhaft geliebt hatte? Er konnte es noch weniger sagen. Was war Liebe? Was hieß man Liebe? Einen Hauch in der Seele, der verwehen konnte? Sie hatten zwanzig Jahre zusammen im Frieden gelebt. Und doch erschien sie ihm nun wie ein Rätsel. Das war ihm das Merkwürdigste von allem.

In diesem einen Falle hatte er sich geirrt. Mit den Jahren suchte er sich einzureden, Hilde würde sein Weib bleiben, selbst wenn sie das Schlimmste erführe. Es ihr freiwillig zu gestehen, diesen Gedanken hatte er freilich nie gehabt. Auch auf dem Totenbette hätte er das Geheimnis ungequält in das andere Leben hinübergenommen und wäre doch ruhig eingeschlafen. Vorher hätte er alle Spuren vernichtet So hatte er es beschlossen.

So hatte er sie doch nicht gekannt, wie er sie zu kennen glaubte. Da verspürte er nun an sich selbst, was man den Fluch der menschlichen Individualität nannte, die, so reich sie sich auftun konnte, im letzten Ende an der Fähigkeit der Unenthüllbarkeit litt.

Auch Ottilie hatte er verloren. Sie war nicht sein Kind, das wußte er nun. Die Natur hatte nicht gewollt, daß er sich fortpflanzte. Auch diese Erkenntnis nahm er hin. Der andere hatte die Menschheit mehren helfen dürfen.

Die Wahrheit über ihre Herkunft, das hatte er mit Hildegard vereinbart, sollte ihr für immer verborgen bleiben. An Ottilie hatte er sein schönstes, stilles Werk getan, von dem vielleicht gar niemand etwas wußte. Er hatte von Kindheit an ängstlich ihre Neigungen beobachtet, ob etwa eine ungünstige Vererbung sich verriet. Ein süßeres, wonnigeres Geschöpf konnte nicht sein, als Klein-Otti.

Dann kam die Enttäuschung. Mit zehn Jahren stellten sich die ungünstigen Phantasien ein. Daran hatte er selber gelitten; er wußte es von seinem Vater.

Ihm waren sie mit Härte auszutreiben versucht worden; bei Ottilie unternahm er es mit Schonung, mit Liebe, mit aller erzieherischen Kunst. Indem er alles Unfreundliche aus ihrer Nähe verbannte und in gewissem Sinne sie grenzenlos verwöhnte, lockte er doch schließlich durch Zärtlichkeit das Gute aus der spröden Hülle hervor.

Wenn Hilde als Mutter verzweifelte, baute er auf seine stille Saat. In anderer Hinsicht blieb Ottilie rein; das war ihm eine Bürgschaft, die auch nicht trog.

Seine kühnsten Träume wurden erfüllt. Ihm bebte das Herz, daß es gerade ein Staatsanwalt war. Als Custodies als Freier zuerst erschien, wollte ihn sein Inneres vor dem Späher der Schuld warnen.

Aber nur kurze Zeit stand er ihm innerlich ablehnend gegenüber. Er erblickte ein Schicksal darin, daß gerade er seinem Kinde – dafür hielt er es damals noch – den inneren Frieden gab – dem Kind eines Verbrechers – eine Fügung des Himmels ersah er darin.

Nun war es doch anders gekommen. Er begriff schon, was in Ottokars Innerem vor sich gegangen war. Seinem Naturgesetze war er treu geblieben. Die Stärke, die Kraft hatte sich an die Schwäche – wie er es genannt hatte – dauernd nicht fesseln lassen.

Es gab in solchen Dingen Ahnungen, seelische Witterungen, die keine Wissenschaft beweisen konnte. Schwäche und Kraft stießen sich ab, wie Elemente, die zu keiner Verbindung gelangen können. Oder etwas anderes war zu befürchten gewesen. In seine Kraft wäre von ihr ein auflösendes Element herübergetreten und hätte an ihm gezehrt. Es wäre nicht das erstemal im Leben gewesen.

Es würde Menschen geben, die Custodies verurteilten und schwach nannten, weil er Ottilie fahren ließ. Diese Kritiker hatten von den geheimsten Zusammenhängen keine Ahnung. Vor ihm lag jetzt alles erschlossen; eine Naturnotwendigkeit war geschehen. Eine Erlösernatur hatte Ottokar nicht. Ganz wahrhafte Charaktere waren leicht spröde.

Ehe er abreiste, hatte er zufällig etwas erfahren. Custodies sollte mit Helga Helligen Bekanntschaft gemacht haben. Nicht in der Gesellschaft, wo es früher so leicht hätte geschehen können und doch nicht geschehen war; nein zufällig, ganz zufällig – auf einer Eisenbahnfahrt – auf welcher? Als Custodies nach Schlesien reiste, um Kurstosch zu verhören?

Argobast zitterte. War das auch Schicksal? Argobast hatte sie selbst wiederholt gesehen und kennengelernt. Er kannte auch ihre vorzüglichen Eltern. Er hatte von ihr immer selber den Eindruck einer schönen und starken Weiblichkeit gehabt. Und die Ungleichheit mit Ottilie machte ihn erst recht sehend.

Nun konnte er den Gedanken nicht bannen, daß diese beiden zusammengehörigen Charaktere einander auch anziehen und festhalten würden.

Wenn das geschah, und er hatte immer tief in den Ereignissen und Menschenschicksalen gelesen, dann erfüllte sich auch nur ein waltendes Naturgesetz. So sehr es ihn schmerzte, daß Ottilie ihn durch seine persönliche Schuld – ihre Entschuldigung ließ er nicht gelten – verloren hatte, so lebhaft hatte er vor seinem inneren Gesicht, wie das Paar, das sich gefunden hatte, gemeinsam durchs Leben wanderte. Was war das nur? Wie geschah das? Er sah sie wandeln, sonnig, ruhig, stark, immer dahinwandeln – so deutlich, als hätte er eine Vision. Das waren, dachte er bei sich, zwei Menschen, seltene Menschen, die aus der Wahrheit und nur aus der Wahrheit – sonst kannten sie keine Gemeinschaft – die große Kraft ihres Lebens sogen.

Obwohl ein Luftkurort in geschützter Lage mit seinen zahlreichen Gasthäusern winkte, gönnte sich Michael Argobast keine Rast.

Neben der Dorfkirche kam er an einem Beinhause vorüber, dessen Sims in eigentümlicher Weise mit beschriebenen Schädeln besetzt war. Langsam, betrachtend, ruhig ging er an dem seltsamen, sonst nie gesehenen Anblick vorbei.

Er stieg immer aufwärts, an einem anderen Dorfe vorüber, über dem auf einem Hügel ein alter Turm ragte. Dann klomm die Straße in zahlreichen Windungen in einem öden Tale den Gotthard hinan, den schneebedeckten Gebirgsstock mit seinen zahlreichen Gipfeln, Gletschern und Seen. Er erreichte ein kahles, aussichtloses Hochtal, von jäh abstürzenden, mächtigen Wänden eingeschlossen.

Eine wüste Felsenlandschaft umgab ihn; das Gestein war weithin sichtbar, weil der Wind den Schnee hinweggeweht hatte.

Kein Obdach war weit und breit erkennbar, kein Mensch zeigte sich in dieser Einöde.

Und doch fühlte sich Michael Argobast nicht allein. Er reckte, streckte die Arme, er hob sie, zweitausend Meter den Wolken näher, zum Himmel, seine Brust dehnte, weitete sich.

Sie hatte ihn nicht verstanden, als er ihr geantwortet hatte, daß er seine schwere Blutschuld im Sinne des gewöhnlichen Wortes nicht bereut hatte. Sie war darüber entsetzt gewesen. Vielleicht hatte gerade diese Erklärung sie von ihm völlig geschieden.

Wer fühlte Reue? Wer konnte bereuen? Wer durfte sagen, daß er dieses höchsten seelischen Ereignisses, das vielleicht nur in der Phantasie von Schwärmern wurzelte, fähig war? Mit Worten ließen sich allerlei Begriffe verknüpfen. Gegen sich selbst wollte er ganz ehrlich sein. Er kannte seine Veranlagung, er hatte sie von Jugend an selbst beobachtet.

Er wußte, wovor ihn seine rastlose, endlose Arbeit vielleicht bewahrt hatte.

Mit seinem Gefühle stand er nicht allein. Hunderte – Tausende – Hunderttausende in seinem Vaterlande – Millionen auf Erden empfanden wie er. Eine unsichtbare Armee marschierte mit ihm – er in ihr – vielleicht ein herausgehobener Mann.

Das waren die unzähligen Schaffenden – sie schufen aus ihrer unbereuten Schuld, dieser Erzeugerin großer Kräfte, die Werte der Erde – sie bauten das Leben – bauten die Welt.

Es gab noch andere große Kräfte, die am Leben bauten, wie er sie in Helga Helligen und Ottokar Custodies sah. Es gab verschiedene Kräfte in der Menschenseele und im All. Aber keine kam an Allgewalt derjenigen gleich, die aus menschlicher Schuld herausgeboren wurde. Sie schien bestimmungsgemäß die Urkraft der Menschheit zu sein. Das lehrten Kultur- und Weltgeschichte, darin immer das Größte auf diese Weise geschah. Sie war eine Bahn – ein Umweg – des Guten! Aus der blutüberströmten Völkergeschichte wehte der ewig schaffende Geist des Verbrechens ihn an.

Schmerz war Erkenntnis, aber Verbrechen war es auch – Verbrechen war auch Erkenntnis – die tiefste – sie nahm die Binde von den Augen – machte sie, wenn man der richtige Mann war, sonnenhaft, um in alles Dunkel zu leuchten – sie machte wissend.

Hier aber, der Schöpfung und dem Schöpfer näher, von allen Menschen, die ihm im Leben begegneten, verlassen, in der gewaltigen Einsamkeit der Natur, in der Urschöpfung – unbeschreiblich – unfaßbar – , löste sich Michael Argobast – er fühlte es überzeugend, er täuschte sich nicht selbst – löste er sich – nicht aus eigener Kraft allein, nur mit Hilfe des Unerforschlichen – löste er sich von dem letzten, was seine Tat in ihm noch zurückgelassen hatte.

Nie war sein Herz so unaussprechlich voll des Lobes des Ewigen gewesen. Nie hatten seine zuckenden Lippen so lautlos gestammelt wie heute!

Die Sonne war untergegangen; es dämmerte. Morgen wollte er den Abstieg nach Süden wagen. Er wußte, er war ungleich gefährlicher als der Anstieg.

Er wendete das Gesicht nach Südosten.

Von dorther kam der leuchtende Sonnenball; von dort war alle Kultur der Menschheit erschienen. Es war ihm, als grüßte er sie beide.

Ein leiser Wind umspielte sein Gesicht. Er horchte hinaus.

Aus einiger Entfernung kam ein Läuten vernehmlich zu ihm herüber. Er war in der Nähe der Herberge und des ehemaligen Hospizes.

Dort lag auch die verlassene Totenkapelle – das Glöckchen läutete fort.

Dazwischen donnerte fernab vom Südabhange wie ein großes verhaltenes Geheimnis eine stürzende Lawine.