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Erich Wulffen – Der Mann mit den sieben Masken

Roman

Erich Wulffen, Der Mann mit den sieben Masken, Roman, Verlag von Carl Reißner, Dresden, 1917
Das in der Ausgabe vom Carl Reißner Verlag fehlende Kapitel 11 wurde nach der Ausgabe: Erich Wulffen, Der Mann mit den sieben Masken, Roman, Ullstein Verlag, Berlin, 1928, transkribiert.


Erstes Kapitel

Der von südlichen Kastanien umpflanzte Kossuthplatz mit dem Denkmal des Freiheitshelden lag in heller Maiensonne. An der Ostseite glänzte die fünfschiffige weiße Basilika mit hoher Kuppel, deren Inneres Altarbilder und Fresken von Lotz schmückten, während im Süden, am Eingange der belebten Szechenystraße, das erste Hotel der Komitatshauptstadt, die im modernen Geschmacke erbaute »Hungaria«, lag.

Gegenüber erhob sich das schon ältere Komitatshaus mit dem angebauten neueren Flügel, der die Dienstzimmer der ersten Beamten enthielt. Der große Beratungssaal befand sich im älteren Gebäudeteile.

Aus dem Portale des Anbaues traten im Gespräche einige Herren; den Torweg des alten Hauses verließen aus Männern und Frauen gemischte Gruppen, die sich auf der Straße allmählich auflösten. Die allmonatliche Sitzung des Verwaltungsausschusses im Komitate hatte soeben geendet.

Der Oberphysikus Talay und der Finanzdirektor von Dobo, zwei Herren in mittleren Jahren, kamen überein, der langen und heißen Beratung eine Nachsitzung in der »Pannonia« folgen zu lassen.

Die übrigen Herren flüchtig grüßend, entfernte sich mit eiligen Schritten der Obernotar von Szirmai, der in seiner Aktenmappe die Protokolle und sonstigen Unterlagen für die Beschlüsse und Berichte mit sich führte, die er zu entwerfen hatte.

Auch der behäbige Schulinspektor Komlossy, der Vater der beiden stadtbekannten Schönheiten, ging allein und gravitätisch nach Hause.

Aus einer Gruppe der Zuhörer zeigte ein älterer Mann von nicht besonders vertrauenerweckendem Äußeren auf einen ernsten schlanken Herrn, der sich schweigend und etwas förmlich vom Oberstuhlrichter Horwath verabschiedete.

»Dem haben sie's heute tüchtig gegeben! » erklärte der fragwürdige Alte. Danach setzte er, lebhaft gestikulierend, den Umstehenden den Sachverhalt auseinander.

Der schlanke Herr mit glattem schwarzen Haar und schwarzem Schnurrbart war der Staatsanwalt Pataky.

Er hatte heute einen schweren Stand gehabt. Zwei Strafgefangene, ein junges Mädchen und ein alter Mann, hatten bei ihm vergeblich über die Behandlung, die das Aufsichtspersonal sich herausnahm, Beschwerde geführt und deshalb sich an die Gefängniskommission gewendet, die der Verwaltungsausschuß entsandt hatte.

Der Berichterstatter der Kommission hatte in der heutigen Sitzung befürwortet, die Beschwerden für begründet anzusehen, und der Ausschuß beschlossen, daß der Staatsanwalt an den Justizminister zu berichten habe.

In dem geschmackvoll ausgestatteten Empfangszimmer des Obergespanes Grafen Batthyany verabschiedete sich soeben der kleine und dicke Vizegespan Boncza unter lebhaften Verbeugungen.

»Wie uns fremde Staatsverwaltungen, die sich allweise dünken«, sagte er wichtig, »›um unsere Munizipalverfassung beneiden sollten!‹ Wo in Europa hat die Selbstverwaltung ein so wirksames Organ, um die berechtigten Wünsche der Bürger unmittelbar zur Kenntnis der obersten Behörden zu bringen –?«

»Und zugleich der Regierung«, fiel der Obergespan zwar mit gutmütigem Lächeln, aber doch mit Nachdruck ein, »eine erhöhte Möglichkeit zu bieten, die Selbstverwaltung zu überwachen, in gewisser Hinsicht aufzufrischen und vielleicht gar zu beeinflussen –«

Graf Batthyany brach ab und bedeutete dem Vizegespan mit einer Handbewegung, daß die Aussprache für heute beendet sei. Boncza unterdrückte auch den Versuch, nochmals zu Worte zu kommen, und machte an der schon geöffneten Türe seine letzte Verbeugung.

Graf Zoltan Batthyany war der reichste Großgrundbesitzer im Komitat und stand schon seit dreißig Jahren an der Spitze der Gespanschaft, die auch sein Vater bereits innegehabt hatte. Sein Schloß lag eine kurze Stunde hinter der Stadt, so daß er die Verwaltungsgeschäfte ohne Schwierigkeit wahrnehmen konnte.

Obwohl er im Ausgange der sechziger Jahre stand und ein Augenleiden ihm zu schaffen machte, hatte er doch noch nicht den Wunsch geäußert, von seinem Amte zurückzutreten, das er beinahe zur gleichen Zufriedenheit der Regierung wie des Komitates führte.

Der Graf war seit fünf Jahren Witwer, eine gleichfalls verwitwete Aristokratin in mittleren Jahren stand seinem reichen Haushalte vor.

Sein einziger Sohn, der junge Graf Desider, hielt sich, um die Welt kennenzulernen, seit zwei Jahren im Ausland, zuerst in Paris und seit einigen Monaten in London auf.

Der Obergespan war ein noch rüstiger Herr, der die Anstrengungen einer langen Sitzung, wenn er, wie heute, in der Verhandlungspause ein vorzügliches Frühstück eingenommen hatte, ohne Beschwerden überwand.

Er besaß auch einen gewissen amtlichen Ehrgeiz und überließ nur ungern den Vorsitz dem Vizegespan, dessen Verwaltungstalente er nicht besonders schätzte.

Eigentlich wollte er noch so lange im Dienst bleiben, bis die sechsjährige Amtszeit des Vize abgelaufen war, und dem Komitate einen anderen gesetzlichen Vertreter zur Wahl stellen.

Auch sonst unterließ es Graf Batthyany nicht, seine Beamten gelegentlich die Macht fühlen zu lassen, die mit seiner Stellung verbunden war. Zwar blieb er im allgemeinen sachlich, auch war er nicht ungerecht. Aber Widerspruch vertrug er nicht, während er seinen eigenen Stimmungen und Launen nicht immer Zügel anlegte.

Persönlich war er eine große stattliche Erscheinung. Sein weißes Haar und der weiße Schnurrbart verliehen ihm etwas Ehrwürdiges und Mildes. Sein blaues Auge blitzte dazwischen oft leuchtend hell. Wenn er bei festlichen Anlässen den Dolman trug, weckte er in seiner Umgebung gelegentlich die Erinnerungen an die ungarischen Heldengestalten der großen Zeit.

Der Graf war eben im Begriffe, sich eine Zigarette anzuzünden, als es an der Türe klopfte.

Auf sein lautes »Herein« trat Herr von Vasvary, ein langaufgeschossener blonder Mann mit abgelebten Gesichtszügen, beinahe lässig in das Zimmer.

Stefan von Vasvary war der jüngste, seit vier Monaten bei der Komitatsbehörde beschäftigte Diurnist.

Früher war er Landwirt gewesen, hatte aber sein ganzes nicht unbeträchtliches Vermögen mit liederlichen Gesellen verzecht und verspielt oder mit Weibern vergeudet. Ein weitläufiger Verwandter erbarmte sich des Verunglückten und zahlte ihm eine monatliche Rente von hundert Kronen.

Gleichzeitig aber wußte dieser einflußreiche Gönner beim Minister des Innern durchzusetzen, daß sein Schützling in der Verwaltung als Diurnist angenommen wurde.

Als sich eine Reihe von Obergespanen aus naheliegenden Gründen gegen den Eindringling ablehnend verhielten, wurde in Budapest ein Machtwort gesprochen und gerade dem Grafen Batthyany unzweideutig nahegelegt, den verarmten ungarischen Edelmann aufzunehmen.

Der alte Herr dachte zwar etwas eigentümlich über diese Gunstbezeugung des ihm befreundeten Ministers, stellte aber aus Menschenfreundlichkeit und Standesgefühl den Fünfunddreißigjährigen als Diurnisten ein.

Nun hatte der hagere Stefan von Vasvary, der die ungewohnten Schreiberarbeiten keineswegs mustergültig erledigte und mit dem Kanzleichef bald in unliebsame Meinungsverschiedenheiten geriet, zwar nicht die Gewißheit, wohl aber die Aussicht, nach Verlauf weiterer acht Monate Wartezeit ein Tagegeld von zwei Kronen fünfzig Heller zu erhalten, das im Höchstfalle bis zu fünf Kronen steigen konnte.

»Was haben Sie hier zu suchen?« herrschte jetzt etwas erstaunt den Eintretenden der Obergespan an, der sich sonst mit Diurnisten nicht abzugeben pflegte.

Vasvary, dessen Anzug eine verblichene Eleganz zeigte, machte eine leichte Verbeugung, als ob er im Salon mit einem Standesgenossen zusammenträfe, und sagte: »Ein Herr wünscht den Herrn Grafen zu sprechen. Er wartet im Vorzimmer – –«

»Was haben Sie damit zu tun?« unterbrach der Obergespan. »Wo ist Reti?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe ihn nirgend gesehen –«

»Der Mann scheint das Trinken wieder anzufangen. Schon neulich war er stundenlang spurlos verschwunden – –«

Reti war der Amtsdiener im Komitatshause.

Der Graf konnte zwar wegen seiner schlechten Augen nicht erkennen, wie entsetzlich übernächtig der Diurnist aussah. Er schien aber die Alkoholsphäre, die ihn umgab, zu spüren und fragte kurz: »Was wollen Sie noch?«

»Der fremde Herr, der empfangen zu werden wünscht –« wendete der Diurnist fast komisch ein und schwenkte dabei in der rechten Hand eine Visitenkarte –

»Mischen Sie sich nicht wieder in Anmeldedienste. Der fremde Herr wird heute nicht empfangen werden. Wir haben eine vierstündige Ausschußsitzung hinter uns. Sagen Sie ihm das. Er soll morgen mittag wiederkommen. Gehen Sie jetzt.«

Der Diurnist ging aber nicht, sondern erkühnte sich sogar, einen Schritt näherzutreten. »Der fremde Herr ist aber besonders aus Wien hierhergekommen –«

Der Obergespan sah auf. »Woher wissen Sie das?« fragte er.

»Ich lese es auf seiner Visitenkarte, Herr Graf.«

Batthyany runzelte die Stirn. »Zeigen Sie her.«

Der Diurnist überreichte die kleine Karte.

Der Graf setzte sein Augenglas auf, um zu lesen. Er hielt die Karte in allen möglichen Entfernungen vor seine Augen, konnte aber den sehr klein gedruckten Namen nicht lesen. Nur vermutungsweise entzifferte er, daß das kurze Wort in der rechten Ecke »Wien« heiße.

»Ich kann diese zu kleinen Schriften nicht mehr lesen!« sagte er fast ärgerlich. »Wie heißt der Name?«

Er hielt dem Diurnisten die Karte hin. Dieser las: »Baron Bela Teleki, Ministerialrat im Königlichen Ministerium a latere, Wien.«

Mit einer heftigen Handbewegung riß der Obergespan dem adligen Schreiber die Karte vor den Augen weg und machte, schnell aufstehend und an das Fenster tretend, nochmals den erfolglosen Versuch, den Namen selbst zu lesen.

»Sie haben falsch gelesen« rief Batthyany, merkwürdig erregt. »Sie können anscheinend nicht richtig lesen, so wenig Sie korrekt schreiben können. Lesen Sie nochmals!«

Herr von Vasvary zupfte empfindlich an seiner Krawatte und las dann denselben Namen und den gleichen Wortlaut.

»Wie sieht der Herr Ministerialrat aus? Große Erscheinung?«

»Jawohl. Blendende Erscheinung, möchte ich sagen.«

»Ganz schwarzes Haar und schwarzen Bart? Das Alter? Mitte der Dreißig?«

»Es kann stimmen.«

»Was sagte der Herr Ministerialrat? Er will mich sprechen? Hier?«

»Er wünscht den Herrn Grafen in einer amtlichen Angelegenheit zu sprechen –«

»In einer amtlichen Angelegenheit?« fragte der Obergespan etwas erblassend. »Und das sagen Sie mir erst jetzt? Herr Diurnist – wissen Sie, wer der Herr Ministerialrat im Königlichen Ministerium a latere Baron Teleki ist –?«

»Ich habe nicht die Ehre, Herr Graf –«

»Sie sollten bessere Kenntnisse haben! Es ist der künftige österreichisch-ungarische Minister des Äußeren –«

Herr Stefan von Vasvary zuckte demütig zusammen.

»Jawohl! Das weiß ich! Das sage ich Ihnen – das heißt im Vertrauen, Herr von Vasvary –«

Der verarmte Edelmann verbeugte sich.

»Und wissen Sie, wer der Herr Baron Bela Teleki, Ministerialrat im Königlichen Ministerium a latere, außerdem ist –? Das sage ich Ihnen auch – das heißt, im Vertrauen, Herr von Vasvary – er ist –«

Der Obergespan sprach seinen Satz nicht zu Ende, er stand vor dem Spiegel, prüfte Haar und Bart und ordnete seine Krawatte.

Dann kehrte er sich nach dem erstaunten Diurnisten um und rief ihm zu: »Also wollen Sie gefälligst den Herrn Baron endlich hereinführen?«

Herr von Vasvary zuckte abermals zusammen und verschwand schattenhaft in der Türe.



Zweites Kapitel

Herr von Vasvary hatte nicht zuviel versprochen. Der Ministerialrat, der hereintrat, war eine außergewöhnliche, überraschende Erscheinung. Er überragte den Obergespan, der ihm zögernd einige Schritte entgegenging, noch um eine halbe Haupteslänge.

Sein in schönen Linien gezeichnetes Gesicht zeigte ein gesundes Braun, zu dem das tiefschwarze, in der Mitte gescheitelte und an den Schläfen etwas gelockte Haar, sowie der dunkle, nur wenig verschnittene Schnurrbart gut stimmten. Die feurigen Augen waren fast schwarz.

»Sie werden vergeblich zu erraten suchen, Herr Graf«, begann der Ministerialrat mit einer leichten Verbeugung in fließendem Ungarisch, »weshalb ich aus Wien direkten Weges zu Ihnen komme –«

Der Obergespan sah den Sprechenden überrascht und erwartungsvoll an.

»Zunächst lassen Sie mich aber, bitte, meiner Reisegrüße entledigen, die mir auf der Fahrt über Budapest an Sie aufgetragen wurden –«

Der Graf bot seinem Besucher wiederholt mit einladender Handbewegung Platz.

»Fürst Kutusow und Graf Palffy saßen mit mir in demselben Coupé«, fuhr der Baron, sich niederlassend, fort. »Wir kamen ins Gespräch und machten uns bekannt. Ich erzählte vom Ziele meiner Reise, die Herren sprachen sehr lebhaft von Ihnen –«

»Hat sich Graf Palffy von der Lähmung seines Armes wieder erholt?« fragte Batthyany mit eigentümlicher Stimme.

»Er läßt Ihnen sagen, er könne die Karten bereits wieder mit der rechten Hand sehr energisch ausspielen!«

Graf Batthyany nickte verständnisvoll und hatte, dem Ministerialrat zuhörend und an seinem Munde hängend, das Augenglas aufgesetzt.

»Also ich komme zur Sache, Herr Graf«, fuhr Teleki lebhaft fort, »ich spreche von meiner Mission. Um nicht länger Ihre Erwartungen in Anspruch zu nehmen, schicke ich den Zweck voraus: ich komme im unmittelbaren Auftrage Seiner Exzellenz des Herrn Ministers, der Ihrer gütig gedenkt –«

Der Obergespan neigte ein wenig sein stolzes Haupt.

»Es handelt sich um die Ihnen zunächst vielleicht nüchtern erscheinende, dem Herrn Minister aber bedeutungsvolle Aufgabe, aus der Ihrer Verwaltung unterstellten berühmten Bibliothek ein wohl älteres Buch bestimmten Inhalts herauszufinden –«

Graf Batthyany machte ein enttäuschtes Gesicht und lehnte sich in seinen Sessel zurück. »Wir hätten Ihnen gern unsere Kataloge übersandt, Herr Baron –«

»Aus den Katalogen haben wir das Buch, dessen Titel wir leider nicht kennen, mit Sicherheit nicht feststellen können – Ihre Kataloge standen uns selbstverständlich zur Verfügung – darüber dürfen Sie sich nicht wundern –«

Der Obergespan sah etwas überrascht auf. »Der Bibliothekar wird sich Ihnen zur Verfügung stellen« sagte er. »Er ist ein sehr gelehrter Herr, der nach meiner Schätzung auf ein bloßes Stichwort von Ihnen das Buch sofort bezeichnen wird –«

Der Baron lächelte verbindlich und sagte: »Ich glaube aber, daß es nicht in meinem Auftrage liegt, dem Herrn Bibliothekar das Stichwort zu geben. Da ich selbst eines einzigen Buches wegen die Reise mache, Herr Graf, werden Sie eine diplomatische Sendung vermuten dürfen –«

Der Obergespan, dessen Gesichtszüge vorübergehend etwas Ernstes, fast Kummervolles angenommen hatten, richtete sich jetzt sichtlich interessiert auf.

Der Baron hatte sich seiner hellgelben Glacéhandschuhe entledigt. An dem Goldfinger seiner schmalen und feinen linken Hand glänzte ein prachtvoller Diamant von seltener Größe.

»Vielleicht ist Ihnen bekannt, Herr Graf«, bemerkte Teleki wie beiläufig, »daß ich im Ministerium des Königlichen Hauses nur formell tätig und vor allem dem Herrn Minister des Äußeren beigegeben bin –«

Der Graf machte sehr ernst eine leichte Verbeugung und antwortete: »Es ist unter Eingeweihten kein Geheimnis, daß Sie sich für die Diplomatie entschieden haben, Herr Baron –«

Telekis freundliche Blicke waren auf den Obergespan interessiert gerichtet. Etwas erschrocken fragte er plötzlich: »Ist Ihnen nicht wohl, Herr Graf? Darf ich Sie morgen in Anspruch nehmen? Ich höre, Sie haben lange Sitzung gehabt –?«

»Es ist nichts von Belang, Herr Baron«, erwiderte Batthyany abwehrend, »es ist wahrhaftig nichts – solche Anwandlungen müssen Sie meinen Jahren schon zugute halten –«

Mit nervöser Geschäftigkeit stellte der Obergespan eine Kassette ägyptischer Zigaretten auf den Tisch und lud zum Rauchen ein. In Zuvorkommenheit bediente der Ministerialrat den alten Herrn.

»Ich will Ihnen auch verraten«, sagte Batthyany, nach kurzem Schweigen mit einem trüben Lächeln das Gespräch wieder aufnehmend, »daß Sie in absehbarer Zeit den österreichischen Botschafter in Petersburg ablösen werden –«

»Die Welt ist klein. Es gibt keine Geheimnisse!« rief der Baron überrascht. »Kennen Sie den Grafen Schlossing? Seine Berichte werden neuerdings von mir beantwortet. Er hegt den Wunsch, Petersburg mit London zu vertauschen. Mir selbst ist Petersburg willkommen –«

Der Graf wurde nach einigen Zügen aus der Zigarette sichtlich ruhiger und nickte zustimmend.

»Ich lebe der Überzeugung«, plauderte der Baron, blaue Ringe in langer Kette vor sich hinblasend, »daß in wenigen Jahren der unvermeidliche Zusammenstoß zwischen Österreich - Ungarn und Rußland erfolgen wird –«

Der Obergespan hatte sich von seiner kleinen Schwäche anscheinend vollkommen erholt und hörte mit Aufmerksamkeit zu.

Er war ein leidenschaftlicher Politiker und hatte in jungen Jahren selbst vorübergehend den Wunsch gehegt, sich der Diplomatie zu widmen.

Er war auf das äußerste gespannt, aus dem Munde des Barons, den er als künftigen Leiter der auswärtigen Politik von mehr als einem Eingeweihten hatte nennen hören, eine Andeutung der nicht unkritischen politischen Lage zu vernehmen.

»Gesunde Staaten«, so nahm Teleki den Faden seiner Gedanken wieder auf, »befinden sich in fortgesetztem räumlichen und völkischen Wachstum auf Kosten absterbender politischer Gebilde. Deshalb sind Kriege unvermeidlich; ja notwendig, und nur die Toren möchten sie abschaffen. Nur die Kriege erzeugen das Große und Größte der Weltgeschichte. Organisch wächst der Staat, wenn die zunehmenden Spannkräfte der Kultur und Volksverdichtung nach Erfüllung natürlich umschlossener Erdräume drängen – in diesem Falle befindet sich unsere Doppelmonarchie im Osten –«

Der Baron sprach ohne Anmaßung und gelehrten Dünkel. Es war leicht und erfreulich, ihm zu folgen.

»Haben Sie schon über das ukrainische Problem nachgedacht, Herr Graf?« fragte Teleki jetzt sehr lebhaft in verändertem Tone. »In Ostgalizien leben annähernd zweiundsechzig Prozent Ukrainer und fünfundzwanzig Prozent Polen«, fuhr er, ohne eine Antwort abzuwarten, schnell fort. »Eine ukrainische nationale Entwicklung, für die schon in der selbständigen Sprache und Literatur sich Unterlagen bieten, vermöchte nach meinem Ermessen den Russophilismus unter dem ukrainischen Volke organisch zu überwinden. Statt dessen trieb die polnische Unterdrückung die schwachen Charaktere gerade in die Arme der russischen Propaganda –«

»Die polnische Partei behauptet die Staatsgefährlichkeit des ukrainischen Volkes und verweist auf die russischen Umtriebe in Galizien –« wandte der Obergespan im Sinne der geläufigen Darstellung, die er kannte, ein.

»Aber die Geschichte«, entgegnete Teleki sehr sicher, »zeigt im Gegenteil einen bisher unüberbrückbaren Gegensatz zwischen der Ukraine und Rußland –«

Batthyanys Mienen verrieten, daß ihm diese Auffassung neu war.

»Vielleicht hätten wir in Galizien durch Zweiteilung eine selbständige ukrainische Provinz schaffen sollen«, fuhr der Ministerialrat fort. »Ich versichere Ihnen, Herr Graf, die Polen haben im Kampfe um die Vorherrschaft in Galizien das Märchen von der Staatsgefährlichkeit der Ruthenen absichtlich genährt –«

»Ich vermag das leider nicht zu beurteilen«, erklärte Batthyany.

»Nun haben Sie aber, bitte, die Güte, einmal an die russische Ukraine zu denken, Herr Graf! Deren Bewohner sind gleichfalls überwiegend Ruthenen. Sie gehört zu den fruchtbarsten Ländern des ganzen Erdballs und ist die Kornkammer Rußlands. Ich habe das Land im vorigen Jahre persönlich gesehen –«

Der Baron sprach lebhaft, mit sympathischem Organ und gehobenem Schwunge der Rede, seinen Worten durch maßvolle Bewegungen Nachdruck verleihend.

»Nun hat die russische Regierung alles getan, um das ukrainische Element, das ihr gefährlich erscheint, nicht zu stärken. Auch die russischen Ruthenen sehnen sich nach einer gewissen politischen Selbständigkeit und wünschen Befreiung von der Fremdherrschaft. Wenn eine politische Vereinigung aller Ukrainer möglich ist, denkbar ist sie nach meiner Überzeugung nur dann, wenn sie als Mitglied der Habsburgischen Völkermonarchie sich fühlen dürften –«

Der Baron tändelte mit dem großen altertümlichen Wappenringe, der an seiner schweren goldenen Uhrkette hing, und zeigte ein bescheidenes, fast verlegenes Lächeln, als er seinen Zuhörer so überrascht sah.

»Ich komme zum Schluß, Herr Graf!« sagte er dann mit der Energie eines großen Kapellmeisters, der sein Orchester durch eine einzige Armbewegung zu machtvoller Steigerung führt. »Wenn die Stunde des großen Entscheidungskampfes gekommen sein wird, müssen wir die Lösung des Problems in der Richtung nach Kiew und zum Schwarzen Meere suchen und finden! Nur auf diese Weise würde der Expansionspolitik des um die Hilfsquellen der Ukraine gebrachten russischen Kolosses und seinem Vormarsche nach Konstantinopel und nach Westen ein jähes Ende bereitet –«

Mit einer elastischen Bewegung hatte sich der Politiker bei seinen letzten Worten erhoben und stand einen Augenblick, von seinen eigenen Gedanken sichtlich bewegt, vor dem Obergespan, der sich erstaunt ebenfalls aufgerichtet hatte. Er schien ihm auch einige Worte sagen zu wollen.

Aber mit der Überraschung; die in seinem Gesicht zu lesen war, mischte sich wieder der kummervolle, betrübte Ausdruck, den seine Züge schon vorher einmal gezeigt hatten.

Als fühle er sich beschämt, einen solchen Aufwand von Gefühl in Anspruch genommen zu haben, lächelte der Baron dem alten Herrn jetzt ins Gesicht, bat ihn, sich selber setzend, nochmals Platz zu nehmen, und sagte: »Und damit wir den Kreis gewissenhaft schließen, Herr Graf, und Sie den gesprächigen Diplomaten begreifen, so füge ich zur Erklärung meiner ruthenischen Exkursion noch an, daß mein archivarisches Anliegen mit der hohen Politik eine Verknüpfung hat –«

Der Graf hatte den Zusammenhang verloren und knüpfte ihn in Gedanken wieder an.

»Das Buch, welches wir zu finden wünschen, ist von einem – freilich unentdeckt und unberühmt gebliebenen – politischen Genius geschrieben und enthält für das ukrainische Problem Österreich-Ungarns die wertvollsten Angaben und Fingerzeige, die sich zu einem einzigartigen politischen Vermächtnisse steigern sollen –«

Der Obergespan sah auf. »In unserer Bibliothek –?« fragte er verwundert.

»So merkte die handschriftliche Bleistiftnotiz eines verstorbenen Staatsmannes in einem geheimen Aktenstücke des Wiener Staatsarchivs an, welches bei meinen Studien in die Hände zu bekommen ich zufällig das Glück hatte –«

»Verfügen Sie über die Bibliothek, Herr Baron! Der Archivar wird ganz zu Ihren Diensten stehen –« erklärte mit plötzlicher Energie der Obergespan, der nun den ganzen Sachverhalt begriff.

»Ich bitte bei der Anweisung nicht zu vergessen, daß der Bibliothekar über die Wünsche Seiner Exzellenz nicht unterrichtet sein soll –« erwähnte Teleki.

»Welchen Zweck kann ich ihm angeben?«

»Der Archivar ist ein Ungar oder Österreicher?«

»Doktor Kowalewski? Nein. Meines Wissens ein Pole –«

»Schauen Sie an! Gerade ein Pole!« lachte Teleki. »Wie gut unsere Vorsicht war! Man soll wirklich immer alles bedenken. Ein fanatischer Pole wäre imstande, das Buch zu beseitigen –«

»Er gilt als gewissenhafter Beamter –«

»Was hat das zu sagen?« bemerkte Teleki achselzuckend. »Erklären Sie ihm, bitte, Herr Graf, daß ich im Auftrage Seiner Exzellenz Studien über eine – sagen wir – in unser Ressort einschlagende Frage

zu machen habe – er kann sich dabei allerlei denken –«

»Wann wünschen Sie die Bibliothek zum ersten Male zu besuchen?«

»Morgen vormittag«, erklärte der Baron.

»Darf ich mir die Ehre geben, Sie zu begleiten?«

»Ich bitte recht sehr, sich keineswegs zu bemühen!« sagte Teleki abwehrend. »Ich bin bei einem kurzen Spaziergange schon an dem Gebäude vorübergegangen –«

»Es wird alles bereit sein –« versicherte anscheinend erleichtert der Obergespan. »Ich werde die Anweisung geben.«

Der Baron brach auf.

»Sie sind in der Hungaria abgestiegen? Sind Sie zufrieden?«

»Ich danke, das Hotel macht Ihrer Stadt alle Ehre –« erklärte der Rat anspruchslos.

»Darf ich fragen«, fuhr Batthyany etwas zögernd fort, »wie lange Sie sich bei uns aufzuhalten gedenken?«

»Vielleicht eine Woche. Aber ich bin nicht gebunden. Ich habe mit der Dienstreise einen kleinen Erholungsurlaub verknüpft, den ich dieses Mal gern in meinem engeren Vaterlande verlebe –« antwortete der Baron heiter und frisch.

Er hatte seinen Zylinder in die Hand genommen und verabschiedete sich.

Langsam ihm ins Gesicht schauend, reichte ihm der Obergespan die Hand und zeigte wiederum eine erst erwartungsvolle, dann enttäuschte Miene.

Teleki hatte sich mit einer Verbeugung entfernt.

Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, stand der Graf einen Augenblick wie benommen im Zimmer. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und schüttelte mehrere Male den Kopf.

Dann setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb, wiederholt absetzend, in seiner charakteristischen großen und runden Handschrift einen Brief an den Bibliothekar.

Nach einigen Minuten meldete der Amtsdiener Reti, der sich wieder zur Stelle gefunden hatte, mit gerötetem Gesicht, daß das Viergespann des Herrn Grafen vorgefahren sei.



Drittes Kapitel

Am nächsten Vormittage von zehn Uhr ab standen der Oberbibliothekar Doktor Johann Kowalewski und sein Gehilfe Doktor Rintelen im schwarzen Rock und mit Zylinder bereit, um den Abgesandten aus dem ungarischen Hause in der Bankgasse zu Wien zu empfangen.

Der Pole Kowalewski, ein nicht großer, untersetzter Herr mit schwarzem Spitzbart, war ein ehrgeiziger Charakter, der endlich die ersehnte Gelegenheit, eine Auszeichnung zu erlangen, gekommen sah.

Beinahe atemlos war er gestern am Spätnachmittag die drei Treppen zu seiner bildschönen Gattin Alexandra emporgestiegen, um ihr die Begebenheit, die der Obergespan ihm schriftlich angezeigt hatte, zu verkünden.

Der blonde Rintelen aus Tirol, ein harmloser blutjunger Philologe, sah in seiner amtlichen Laufbahn diesem ersten Ereignisse ziemlich gelassen entgegen.

Allein von der nahen Dreifaltigkeitskathedrale hatte die Turmuhr schon die elfte Stunde geschlagen, ohne daß der hohe Besuch erschienen war.

Der temperamentvolle Oberbibliothekar fühlte sich, zumal seinem immer lächelnden phlegmatischen Gehilfen gegenüber, durch die ausgedehnte Wartezeit in seiner Würde etwas verletzt und ließ sich die unvorsichtige Bemerkung entschlüpfen, daß es der Herr Ministerialrat mit seinen wichtigen Studien nicht zu eilig zu haben scheine.

Dies sollte sich noch weiter insofern bestätigen, als die Turmuhr auch die Mittagsstunde verkündete. Der Oberbibliothekar wurde zusehends erregter; er fühlte an dem warmen Tage seinen am Morgen so tadellosen Halskragen und die Manschetten immer weicher werden.

Endlich kam der wohlbeleibte Bibliotheksdiener, den man am Eingange als Posten aufgestellt hatte, eilig die Treppe herauf und meldete atemlos: »Er kommt! Der Herr Ministerialrat steigt die Stufen empor –«

»Allein oder in Begleitung?« fragte Doktor Kowalewski noch schnell, den Zylinder glättend.

»Allein – ganz allein!« schnaufte der Kustos.

Der Bibliothekar hatte eigentlich erwartet, daß mindestens der Vizegespan den Rat begleiten würde.

Allein er sollte sich bald davon überzeugen, daß der Baron einer Einführung nicht bedurfte.

Etwas gelassen nahm Teleki im Empfangsraum die Meldung und Vorstellung der beiden Herren entgegen, verabschiedete nach einigen freundlichen, aber gleichgültigen Worten den blonden, noch immer lächelnden Gehilfen und begab sich mit dem schwitzenden Bibliothekar in das Direktorialzimmer.

Hier lehnte er scheinbar in Eile höflich ab, auf dem blauen Samtsofa Platz zu nehmen, und bat sofort, in den ihm zur Verfügung gestellten Raum geführt zu werden, der unmittelbar neben dem Direktorzimmer lag.

Doktor Kowalewski brannte vor Begierde, dem Ministerialrat sich dienstfertig zu erweisen.

Er war nicht nur neugierig, zu erfahren, auf welchem Gebiete sich die Studien des hohen Besuchers bewegen würden, sondern wurde auch von der Eitelkeit gestachelt, dem Ministerialrat womöglich einen Begriff von seinen umfangreichen Kenntnissen zu geben.

So wagte Doktor Kowalewski nach einigen Umschweifen schließlich die Frage, welche Bücher er dem Herrn Baron vorzulegen die Ehre haben dürfe.

Teleki bat lediglich um die Kataloge. Eilfertig zeigte der Bibliothekar auf den Schreibtisch, wo sie schön geordnet lagen, und begann mit Ausführlichkeit ihre Einrichtung zu erklären, auf die er als sein eigenstes Werk nicht wenig stolz war.

Teleki unterbrach ihn sehr bald und erklärte: »Ich danke Ihnen verbindlichst, Herr Bibliothekar. Ich möchte Sie nicht bemühen. Ich bin in Ihren Katalogen vollständig zu Hause. Wir besitzen sie selbst in Wien –«

Doktor Kowalewski machte große Augen.

»Und werde Ihnen gelegentlich zeigen«, fuhr der Ministerialrat mit einem liebenswürdigen Lächeln, welches seine Bemerkung versüßen sollte, fort, »wie nach Auffassung Seiner Exzellenz Ihre Kataloge an einzelnen Stellen an Übersichtlichkeit gewinnen würden –«

Der Pole versteckte seine leichte Verstimmung gleichfalls hinter einem Lächeln.

Der Baron ließ bald erkennen, daß er allein zu sein wünsche, und gab dem Bibliothekar bis zur gemeinsamen Verbindungstür plaudernd das Geleite. Beim Abschiede bemerkte er noch, daß er sehr höflich bitte, von seiner zwar dienstlichen Anwesenheit so geringes Aufsehen als irgend möglich zu machen.

Doktor Kowalewski hatte mit einer Verbeugung die Zwischentüre geschlossen und stand etwas beschämt in seinem Direktorialzimmer.

Er fühlte eine Berechtigung des leisen Vorwurfes, der ihm eben zuletzt fast scherzhaft gemacht worden war, und konnte trotz seines Verdrusses nicht umhin, im stillen das Auftreten des Barons zu bewundern.

Er besaß für Persönlichkeiten eine große Empfänglichkeit und litt doch in seiner Empfindlichkeit dabei selber am meisten, weil ihm, wie er wußte, viele, sehr viele Eigenschaften einer starken Persönlichkeit fehlten.

Nun hatte er einen ganzen Vormittag in der hoffnungsvollen Erwartung des Ministerialrats versäumt. Die eingelaufenen Schriftstücke lagen unerledigt auf seinem Schreibtische, er hatte sie kaum flüchtig angesehen und mußte sie alle nochmals lesen.

Er fühlte sich hierzu nach der kurzen Auseinandersetzung, die seine Erwartungen so schnell herabgestimmt hatte, noch immer nicht imstande. Müßig saß er am Schreibtische und grübelte vor sich hin. Seine weiblichen Züge zeigten ein ausdrucksvolles Mienenspiel.

Mit aufmerksamem Ohre suchte er jedes Geräusch im Nebenzimmer zu erlauschen. Als er lange nichts, gar nichts hörte, wurde er unruhig.

Er stand behutsam auf und näherte sich der Verbindungstüre. Als kein Laut sich regte, legte er vorsichtig das Ohr an die Türe. Er vermochte nicht das geringste zu vernehmen.

Er sah nach der Uhr. Fast eine halbe Stunde war vergangen, seit ihn der Baron verabschiedet hatte.

Er überlegte. Wenn man in Wien die Kataloge so genau kannte, bedurfte es hier nicht so langer Zeit, um sich ihrer zu bedienen.

Die von allem Anfang an geweckte Neugierde des Bibliothekars regte sich von neuem.

Etwas geheimnisvoll hatte schon die kurze Anweisung des Obergespans gelautet. Der Ministerialrat hüllte sich ebenfalls in Schweigen.

Doktor Kowalewski mutmaßte, da er aus einem Staatskalender Telekis dienstliche Stellung kannte; daß es sich um eine politische Angelegenheit handle. Graf Batthyany hatte zwischen den Zeilen auch durchblicken lassen, daß der Rat in seinem besonderen Schutz stehe.

Der Philologe zog wieder die Uhr. Abermals waren zehn Minuten vergangen.

Seine Unruhe gebot ihm, sich dem Baron aufs neue zur Verfügung zu stellen. Es war unmöglich, daß er nunmehr nicht einen Wunsch haben sollte.

Zwar brauchte der Ministerialrat nur in das Direktorialzimmer zu treten. Aber man konnte nicht wissen, welche Erwartungen er selbst hegte.

Der Oberbibliothekar klopfte an die Verbindungstüre. Dabei bemerkte er, wie ihm in seinem eigenen Amtsraume das Herz schlug. Im Nebenzimmer blieb alles still.

Auf die Gefahr hin, aufdringlich zu sein, wagte Kowalewski ein erneutes Anklopfen.

»Herein!« klang es von innen mit sonorer Stimme.

Als der Pole den Baron noch am Schreibtische über die Kataloge gebeugt sitzen sah, blieb er an der Türschwelle stehen und wollte eine Entschuldigung stammeln.

Teleki sah auf. »Nein, kommen Sie nur herein. Herr Doktor!« sagte er heiter. »Sie wundern sich über den stillen Gast, der noch keinen Wunsch geäußert hat –«

An der Türe des Haupteinganges zum Zimmer klopfte es. Der Kustos trat herein und meldete, daß ein Bote des Grafen Batthyany etwas Schriftliches abzugeben habe.

Ein Bedienter in blauer Livree trat herein und überreichte respektvoll einen kleinen Brief.

Der Bibliothekar wollte sich zurückziehen, verblieb aber auf eine freundliche, einladende Handbewegung des Barons, die dem kleinen Polen sehr schmeichelte, im Zimmer.

»Sagen Sie dem Herrn Grafen«, erklärte Teleki, nachdem er den Brief gelesen hatte, »daß ich die Ehre haben werde, heute nachmittag um fünf Uhr seinen Wagen vor dem Hotel zu erwarten.«

Doktor Kowalewski ließ sich keine Silbe dieser Antwort entgehen.

Der Diener verbeugte sich und verließ das Zimmer.

Der Graf hatte dem Ministerialrat geschrieben, daß er ihn für heute nachmittag zu einem Diner im häuslichen Kreise erwarte. Da er Witwer sei, bitte er keinerlei Umstände zu machen.

Teleki warf den Brief des Grafen auf den Schreibtisch. Mit neugierigen Augen verfolgte der Pole jede Bewegung.

»Ahnen Sie, Herr Doktor, womit ich mich jetzt beschäftigt habe?« wandte sich Teleki wieder an den Philologen.

Doktor Kowalewski zuckte höflich die Achseln.

»Ich habe den Übersichtsplan Ihres Bibliotheksgebäudes, den wir in Wien nicht besitzen, studiert. Ich glaube ihn jetzt vollständig im Kopfe zu haben. Die Anordnung ist zweckmäßig und systematisch, sie macht Ihnen Ehre. Erstaunt bin ich, daß Sie es auf vierundzwanzig Torvinahandschriften gebracht haben – die Universitätsbibliothek in Budapest hat, wenn ich nicht irre, ihrer nur fünfunddreißig –«

Der Pole nickte zustimmend. Unter der Lobspendung schien er einige Zentimeter gewachsen zu sein.

»Wie gesagt, ich glaube recht gut im Bilde zu sein. Wünschen Sie eine kleine Probe? In den Zimmern Eins bis Fünf die geographischen Werke. Zimmer Neun die alten Manuskripte. Numero Dreizehn und Vierzehn die Inkunnabeln. Übrigens beglückwünsche ich Sie, daß Sie ein Exemplar von Panzers Annales typographici besitzen –«

Kowalewski bewunderte im stillen die bibliographischen Kenntnisse des Juristen.

Teleki hatte sich schließlich erhoben und sagte sehr lebhaft: »Ich möchte Ihnen noch eine umfassendere, praktische Probe meiner Orientierung geben, Herr Doktor. Ich werde jetzt einen Rundgang durch die Bibliotheksräume machen –«

»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung –«

»O nein, Herr Bibliothekar!« wehrte Teleki ab. »Höchstens könnte ich Ihre Führung übernehmen«, fügte er halb scherzhaft hinzu. »Aber dazu ist Ihre Zeit zu kostbar. Ich sehe da auf Ihrem Schreibtische noch dieselben Stöße von Schriftstücken liegen wie vor einer Stunde –«

Der Baron sagte das lächelnd, indem er in der Verbindungstür lehnte und seine Augen nach dem Schreibtische des Philologen richtete.

Der Pole wurde über die Ablehnung seiner Führung und noch mehr über den Scharfblick betroffen, dem seine heutige amtliche Untätigkeit nicht entgangen war.

»Einige Korridore und Zimmer sind dunkel –« erklärte er beinahe stotternd. »Der Herr Baron werden sich nicht zurechtfinden – darf ich wenigstens den Sekretär mitgeben?«

Teleki schüttelte den Kopf. »Wenn Sie wüßten, wie dunkel die Korridore bei uns in Wien sind, in der Bankgasse Numero 4. Im übrigen bin ich wohl ausgestattet –«

Dabei zog er eine silberne elektrische Taschenlaterne hervor und ließ sie mehrfach aufleuchten.

Dem Bibliothekar trat der Schweiß auf die Stirn, als er nach einigem Zögern erklärte: »Die Zimmer mit den wertvollsten Exemplaren sind verschlossen – es muß jemand wegen der Schlüssel mitgehen –«

»Diese Räume werde ich morgen besichtigen!« warf der Ministerialrat leicht hin. »Also bitte, lassen Sie sich nicht weiter stören. Auf Wiedersehen!«

Damit nahm der Rat seinen Zylinder und den Übersichtsplan in die Hand, grüßte leicht und verließ das Zimmer.

Der ehrgeizige und eitle Kowalewski fühlte sich durch die abermalige Zurückweisung verletzt. Er verwünschte sein Geschick, das ihn die entscheidende Stunde nicht glücklicher nutzen ließ.

Gerade der Rundgang hätte ihm Gelegenheit geboten, seine Kenntnisse zu zeigen. Er verstand sich sogar darauf, mit ihnen zu blenden, das heißt, sie tiefer erscheinen zu lassen, als sie in Wirklichkeit waren.

Vergeblich setzte er sich an den Schreibtisch, um zu arbeiten. Seine Gedanken schweiften immer wieder ab.

Daß er von dieser Führung ausgeschlossen wurde, nagte an seinem Herzen. Gerade bei solchem Rundgange kam man sich äußerlich und innerlich näher.

Plötzlich sprang er auf und horchte zur Tür hinaus. Der Baron stieg die Treppe zum zweiten Stockwerke hinauf.

Der Pole fand seine Mutmaßungen bestätigt. Oben lagen die Zimmer mit den eigentlichen politischen Schriften.

Es war kein Zweifel, daß die Ablehnung seiner persönlichen Führung sachliche Gründe hatte. Der Ministerialrat wollte sich ins Geheimnis hüllen.

Etwas erleichtert atmete der Pole auf, daß die Ablehnung nicht seiner Person galt.

Aber war das möglich, daß der Oberbibliothekar keine Kenntnis davon hatte, welches Buch oder gar welche Bücher von ihrem Platze entfernt wurden? Verstieß das nicht gegen die Bibliotheksordnung? Oder wenn der Rat gar ein oder einige Exemplare aus dem Gebäude mit in sein Hotel zu nehmen beliebte?

Doktor Kowalewski hütete die ihm anvertrauten Bücher wie ein feuriger Drache einen goldenen Schatz. Er hatte ein reizbares Verantwortungsgefühl und konnte manchmal eine ganze Nacht nicht schlafen, wenn er sich bloß vorstellte, daß ein Buch nicht an seinem Platze stehe.

Jetzt hörte er Schritte über sich. Eine Tür war geschlossen worden, eine Fenstergardine wurde zurückgezogen, das Geräusch der klingenden Ringe war ganz deutlich. Er hörte die Schritte, er kannte sie wieder, es war der Baron.

Über dem Direktorialraum lag Zimmer Numero Vierunddreißig. Es enthielt die intimsten politischen Werke seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Die Politik Österreich-Ungarns, die Staatsschriften bildeten hier eine besondere Abteilung.

Der Bibliothekar spitzte die Ohren; er hörte den Baron wiederholt hin und her gehen.

Der kleine Pole war im Grunde selbst ein Freund des Mysteriösen. Am liebsten wäre er Vorstand eines Staatsarchivs. Politik trieb er leidenschaftlich.

Manchmal konnte er in seiner lebhaften Phantasie sich einbilden, eine solche wichtige Stellung zu bekleiden.

In den Büchern im zweiten Stockwerk stand manches gedruckt, was nicht für jedes Auge war. In seinen Mußestunden las Kowalewski mit Vorliebe darin. Da pflegte es ihm, wie er sich gestand, wie Schuppen von den Augen zu fallen. Wenn sie das alles wüßten, die getäuschten Menschen und Völker! Diese Bücher wurden auf seine besondere Anweisung überhaupt nicht vorgelegt; sie waren in den öffentlichen Katalogen nicht verzeichnet.

Ob er das dem Ministerialrat gestehen sollte? Oder ihm selber die Entdeckung überlassen durfte? Den Zweifel entschied Kowalewskis gekränkte Eitelkeit im letzten Sinne.

Welches politische Geheimnis trug der Ministerialrat mit sich? Er sollte in die praktische Diplomatie eintreten, hatte es geheißen. Den Namen Teleki kannte man. Was war im Gange? Wieder etwa ein schwarzes Werk, um die Völker zu täuschen, zu knechten?

In dem Polen stieg es siedend heiß auf; eine unbezähmbare Begierde regte sich, sich dadurch zu rächen, daß er dem Diplomaten sein Geheimnis entriß. Nur für sich selbst, um Genugtuung zu haben, nicht um es anderen preiszugeben. Er wollte mit Alexandra sprechen. So schön sie war, so klug war sie auch. Sie würde vielleicht Rat wissen.

Der Lauscher lächelte boshaft. Ob ein Diplomat nicht doch zu überlisten sei? Er hob die geballte Faust drohend zur Decke.

Ob oben vielleicht ein Sessel zur Lektüre gerückt werde? Kowalewski stieg auf einen Stuhl, um besser zu hören, und hielt den Atem an.

In diesem Augenblick wurden eilige, kurze Schritte auf dem Korridor vernehmbar, die sich näherten und auf die Türe zum Direktorialzimmer zukamen. Der Philologe sprang schnell von seinem Stuhle herab.

Oben im Zimmer Vierunddreißig ging tatsächlich der Baron, den Zylinder auf dem Kopfe und den Katalog in der Hand, auf und ab und musterte die Regale.

Er zog verschiedene Bücher heraus und blies den leichten Staub von ihnen ab.

Er blätterte in Feßlers Geschichte Ungarns und in Mailaths Werk über die Magyaren. Vargyas Geschichte des ungarischen Freiheitskampfes legte er aufgeschlagen auf den Lesetisch. Er verglich die Bücher mit den Katalogeinträgen und schüttelte stutzend wiederholt den Kopf.

Eben hatte er aus seiner Brusttasche eine gedruckte Broschüre in rötlichem Umschlage hervorgezogen, als sich die Türe öffnete und eine junge Dame hereintrat.

Sie trug ein hellgrünes Tuchkostüm und einen schwarzen Strohhut mit lilaer Straußenfeder. Ihr dunkelbraunes Haar war unter dem Hute in prachtvolle Flechten gewunden.

Der Baron hatte ihr Eintreten nicht sofort bemerkt. Als er aufsah, entschlüpfte ihm in der Überraschung »Ah, bitte, wer ist's?«

Die Dame machte den Versuch, sich zurückzuziehen, blieb aber in der Türe stehen. »Ich bitte vielmals, die Störung zu entschuldigen«, sagte sie etwas verlegen, »ich vermutete Herrn Doktor Kowalewski hier oben.«

Der Baron verbeugte sich mit dem Zylinder in der Hand. »Ich bedauere, gnädige Frau, ich glaube, Ihr Herr Gemahl hält sich im Direktorialzimmer unmittelbar unter mir auf –«

»Ich bin Ihnen bekannt?« fragte die junge Frau mit dem Ausdrucke der Verwunderung, leicht errötend.

Teleki trat einige Schritte näher und stellte sich vor. »Seit ich vor einer Stunde auf dem Schreibtische Ihres Herrn Gemahls Ihr Bild zum ersten Male sah, seitdem, gnädige Frau, habe ich allerdings die Ehre, Sie zu kennen.«

Alexandra Kowalewska errötete abermals. Die schönen Linien ihres ovalen Gesichts mit der römischen Nase traten unter dem gehobenen Kolorit noch deutlicher hervor. Sie blieb mit ihrer schlanken, aber vollen Gestalt am Türpfosten lehnend stehen und sagte: »Mein Mann war nicht in seinem Zimmer. Ich hörte über mir Schritte und ging, da der Aufwärter nicht bei der Hand war und ich hier oben niemand anderen vermutete, aufs Geratewohl herauf –«

»Das sind so die Fügungen des Schicksals«, sagte Teleki, »das auch bei der ernstesten Arbeit ein freundliches Intermezzo vergönnt.«

Einen Augenblick stand sich das schöne Paar schweigend gegenüber. Jeder versuchte in den Augen des anderen zu lesen.

»Mein Mann hat mir gestern von Ihrem Besuche erzählt, Herr Baron«, sagte die junge Frau zögernd nach einer Pause. »Ich wünsche Ihren Studien den besten Erfolg –«

»Sie sind Polin, gnädige Frau?« sagte er, ohne auf ihre Anspielung einzugehen.

Sie bestätigte es mit lebhaften Augen. »Ich bin Lembergerin.«

»Fühlen Sie sich hier im südlichen Ungarn wohl? Auch Ihr Herr Gemahl ist Pole?«

»Es ist die Aufgabe der Beamtenfrau, überall ihr engeres Vaterland zu lieben –« erwiderte sie mit Wärme.

»Kennen Sie die Universitätsbibliothek in Krakau? Mit dem prächtigen gotischen Hofe und der Bronzestatue des Kopernikus?«

»Als Mädchen bin ich oft dagewesen; meine Mutter lebte in Krakau –«

»Ich höre zufällig, daß der Direktor zurücktritt –« sagte Teleki, ein Buch aus dem Regale nehmend.

»Doktor Zaleski läßt sich pensionieren?« fragte Alexandra Kowalewska erschrocken.

»Es wurde mir versichert. Man ist mit seiner Amtsführung nicht zufrieden.«

»Wir nahmen gerade das Gegenteil an –« sagte sie hastig.

»Dann müßte ich falsch berichtet worden sein. Es ist ja keine Kleinigkeit, in solchem Reiche Ordnung zu halten: 420 000 Bände und 629 Handschriften –« sagte der Baron nachdenklich.

Alexandra mußte sich unwillkürlich an der Tür anlehnen. Die Ziffern und zugleich die Kenntnisse des Barons machten sie erstaunen. Die hiesige Bibliothek hatte etwas über die Hälfte an Bestand. Krakau war ihres Gatten und ihr eigener geheimer Wunsch.

»Wir wollen uns beide erkundigen, gnädige Frau, und dann sehen, wer recht hat!« sagte Teleki, das Gespräch scherzhaft abbrechend.

Sie war noch immer überrascht und brachte nur die Worte hervor: »Ich danke Ihnen für Ihre Mitteilungen, Herr Baron!«

Dabei reichte sie ihm zum Abschied ihre kleine Hand in weißem Glacehandschuh, die er respektvoll an seine Lippen führte. Dann verließ sie das Zimmer, dessen Türe er hinter sich schloß.



Viertes Kapitel

Schloß Batthyany erhob sich in dem waldreichen Hügellande, das hinter der Komitatshauptstadt allmählich zu einer nicht unbeträchtlichen Höhe anstieg.

Nach den eigenen Plänen des verstorbenen Vorbesitzers auf mäßiger Höhe, zu deren Füßen ein schöner Waldsee lag, in spätgotischem Stil erbaut, beherrschte und zierte es die Gegend.

Es imponierte mit seinen gedrungenen und doch gefälligen Formen und seinen schmucken Türmen, von denen sich eine herrliche Aussicht nach den Bergen und in die nördliche Ebene eröffnete.

An den Herrschaftssitz schlossen sich die ausgedehnten wildreichen Forsten des Grafen, während sich die fruchtbaren, in der Hauptsache mit Mais, Tabak, Zuckerrüben und Wein bebauten Felder und Gärten bis weit in die nördliche Ebene hinein erstreckten.

Hier lagen auch das berühmte Batthyanische Gestüte und ein äußerst ertragreiches Eisenwerk.

Dem ganzen Besitz stand unter der Leitung des Grafen ein Güterdirektor vor, dem ein Forstmeister, ein Gutsverwalter und ein Techniker mit zahlreichen Unterbeamten und viele Arbeiter und Arbeiterinnen beigegeben waren.

Der jährliche Reingewinn der gesamten Verwaltung wurde auf über eine Million geschätzt.

Das Innere des Schlosses, das sich in drei Stockwerken erhob, war glänzend ausgestattet.

Von besonderer Pracht war der Rittersaal mit den Ahnenbildern der Familie, mit kunstvollen Gobelins und altertümlichen Waffengruppen.

Eine schöne, lichte Treppe führte zur Galerie im ersten Stockwerk hinauf, an die sich die Wohn- und Fremdenzimmer reihten.

In dem eichengetäfelten, mit kostbaren Glasfenstern geschmückten Speisezimmer hatten die Herrschaften ein Diner zu drei Gedecken eingenommen, das zwei Diener lautlos servierten.

Die Hausdame des Grafen, eine Frau von Illosvai, eine stattliche und noch hübsche angehende Vierzigerin, machte die Honneurs.

Sie war die Witwe eines Landadligen in der Gegend von Nagy-Körös, der sich dadurch verdient gemacht hatte, daß er seine ausgedehnten Weideplätze größtenteils dem Pflug unterwarf, Weizen, Korn, Gerste, Hafer und Mais, sowie die berühmten Gurken von Nagy-Körös pflanzte und ausgedehnte Weingärten, die man »Weinberge« nannte, anlegte.

Nach dem Tode ihres Mannes fühlte sich die damals noch junge, kinderlose Frau in der großen Landwirtschaft etwas einsam und hatte das Glück, für das Besitztum einen Abkäufer zu finden.

Sie verbrachte dann im angenehmen Bekanntenkreise mehrere Jahre in Nagy-Körös und gedachte eigentlich die dortige, fast sprichwörtlich gewordene lange Lebensdauer von siebzig bis achtzig Jahren zu erreichen, als sie in einem Badeorte mit dem Grafen bekannt wurde und einige Monate später seiner wiederholten Einladung, seiner vereinsamten Häuslichkeit vorzustehen, nicht ohne Zögern Folge leistete.

Frau von Illosvai war eine sehr lebhafte und schnell sprechende goldblonde Dame. Ihre Gesichtszüge waren nicht regelmäßig, erfreuten aber, zumal bei dem noch jugendfrischen Teint, durch ihre Gefälligkeit. Auch ihr Mienenspiel war stark belebt, ihre blauen Augen befanden sich in steter Bewegung. Ihre Toilette war gewählt, aber nicht auffällig.

Vom ersten Blick an hatte der Baron ihre Gunst gewonnen.

Sie hatte schon manchmal den Grafen gelegentlich fühlen lassen, daß sie eine gute Kennerin der aristokratischen Männerwelt Ungarns sei. Aber eine Erscheinung und Persönlichkeit wie Teleki war ihr noch nicht begegnet.

Sie nahm ihn bei der lebhaften Unterhaltung fast ganz allein in Anspruch und ließ den alten Herrn buchstäblich oft kaum zu Worte kommen.

Der Obergespan bemerkte das wohl. Er lächelte aber nur und ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen. Er kannte wohl ihr Temperament, und Eifersucht hatte er sich längst abgewöhnt.

Mit Behagen sprach er den besten Weinen des Landes, die aufgetragen waren, zu, warf gelegentlich beobachtende Blicke nach dem Baron, lächelte dabei wiederholt still vor sich hin und machte eine geheimnisvolle Miene.

Frau von Illosvai sprach unaufhörlich und sprang von einem Gesprächsstoff zum anderen über. Zuletzt redete sie vom Theater und erzählte, daß eine der besten ungarischen Provinzialtruppen heute in Brachvogels »Narziß« ihre Abschiedsvorstellung im städtischen Theater gebe.

Der Ministerialrat fragte interessiert nach dem Namen des Direktors.

»Es ist die Truppe von Koloman Györki –« antwortete die Dame.

»Sie genießt einen sehr guten Ruf!« bestätigte er. »Ein Bruder des Direktors, Matthyas Györki, ist der bekannte Charakterdarsteller – er spielt heute als Gast den Narziß Rameau –«

»Er ist ein guter Richard III. Ich habe ihn im Burgtheater gastieren sehen. Wenn er etwas größere Mittel hätte, wäre er engagiert worden –«

»Die ganze Familie ist schauspielerisch veranlagt, sie sind fast alle – vier oder fünf Brüder – am Theater tätig –«

»Einige Brüder sollen aber an der Bühne auch untergegangen sein« warf der Obergespan, sein Glas schlürfend, recht trocken ein.

»Und doch sind vielleicht gerade diese Brüder«, so wandte sich Teleki jetzt an den Grafen, »oder einer von ihnen die Begabteren gewesen, vielleicht war unter ihnen ein darstellerisches Genie –«

Batthyany zuckte die Achseln und meinte: »So etwas soll vorkommen!«

»Wunderbar ist bei alledem«, bemerkte Frau von Illosvai, die für ihr Leben gern vom Theater sprach, »daß aus solcher Familie so viel schauspielerische Befähigung hervorgehen konnte – wissen Sie, Herr Baron, wer der Vater Györki ist?«

»Nein, gnädige Frau, das ist mir nicht bekannt –«

»Er war, sage und rede, Nachtwächter in Debreczen –«

»Das heißt, so erzählt man!« warf der Obergespan wieder dazwischen. »Die Komödianten lieben es, solche Gerüchte zur Reklame auszustreuen –«

»Man kann doch nicht wissen!« meinte der Baron, der Dame das Hauses galant beipflichtend. »Die magyarische Schauspielkunst hat Debreczen viel zu danken. Die Gräfin Karolyi schenkte der ersten Drebreczener Schauspielertruppe – es war wohl im Jahre 1804 – eine vollständige Theatergarderobe, die den Grundstein zu einer allgemeinen gediegenen Ausstattung des magyarischen Theaters legte –«

Frau von Illosvais Augen hingen an den Lippen des Erzählers.

»Die Schauspieler standen im Solde der Stadt«, fuhr Teleki fort, »das Theater befand sich im Gasthof ›Zum weißen Roß‹, später in der Kürschnerhalle, eine Zeitlang in einem Privattheater, das ein reicher Bürger gebaut hatte. Zur Glanzzeit unserer Schauspielkunst – ich meine etwa um 1861 – entstand das neue prächtige Theater am Eingang der Czegled-Gasse –«

»Ist nicht ein Dramaturg an Ihnen verloren gegangen?« fragte Frau von Illosvai mit scherzhaftem Erstaunen.

Der Obergespan lächelte schon wieder geheimnisvoll in sich hinein.

»Nicht wahr?« erwiderte der Ministerialrat. »Und nun rechnen Sie sich, bitte, selbst aus, ob die Schauspielerbrüder Györki nicht gerade um diese Glanzzeit in Debreczen geboren sind – dann wäre, vielleicht unter Zuhilfenahme der Vererbungslehre, erklärlich, wie die Nachtwächtersgattin solche Bühnenmenschen zur Welt bringen konnte –«

Frau von Illosvai war von den Betrachtungen des Gastes so entzückt, daß sie das Theatergespräch am liebsten fortgesetzt hätte. Namentlich von der Vererbungstheorie hätte sie gern noch etwas gehört.

Allein ein Blick des Grafen, der sie traf, veranlaßte sie, die Tafel aufzuheben.

Die Herrschaften begaben sich in den anstoßenden, mit rosaer Seide tapezierten und im Rokokostil prächtig ausgestatteten Salon, wo Benediktiner und Chartreuse, sowie danach der Mokka gereicht wurden. Die Herren rauchten schwere Importen, Frau von Illosvai bediente sich einer türkischen Zigarette.

Die Dame machte, offenbar um in der Gesellschaft der Herren zu bleiben, den Vorschlag zu einer Partie Macao.

»Gnädige Frau wollen mitspielen?« fragte Teleki überrascht.

»Jawohl! Sie hat sich schon den ganzen Tag darauf gefreut«, bemerkte der Obergespan. »Im übrigen seien Sie auf Ihrer Hut, Herr Baron, Frau von Illosvai hat fabelhaftes Glück –«

»Also dann Glück gegen Glück!« rief der Ministerialrat. »Auch mich hat der Gott des Spieles oft begünstigt. Ich erzählte Ihnen, Herr Graf, daß ich auf der Fahrt über Budapest mit Fürst Kutusow und Graf Palffy zusammen fuhr. Der Fürst wollte durchaus spielen und hielt die Bank. Vielleicht hat er einmal Gelegenheit, Ihnen zu beichten –«

Man begab sich in das in Grün und Gold gehaltene Spielzimmer, wo Frau von Illosvai die beiden Kartenspiele auf dem Spieltische auflegte. Der Graf übernahm aus Gefälligkeit die Bank.

»Ich möchte nochmals höflichst vor mir gewarnt haben!« sagte Teleki mit einer Verbeugung zu der Dame.

Der Graf gab die Karten, die Spieler machten ihre Einsätze.

»Ich glaube, es wird in Ungarn jetzt außerordentlich viel Macao gespielt –« bemerkte die Hausdame, indem sie einige Karten hinzukaufte.

»Wir Ungarn haben ja auch dieses Spiel erfunden –« sagte der Obergespan trocken.

Man deckte die Karten auf, die Dame hatte neun Augen und gewann.

»Was habe ich Ihnen gesagt, Herr Baron!« rief Batthyany.

»Wie sind Sie übrigens mit unserer Bibliothek zufrieden?« fragte er dann beiläufig.

»Ich denke, daß mich unsre Hoffnungen nicht getäuscht haben –«

»Wie gefällt Ihnen der kleine Pole?« forschte der Graf, wieder Karten gebend. »Frau von Illosvai hat in meinem Hause strengste Amtsverschwiegenheit zu üben gelernt.«

Die Karten wurden wieder aufgedeckt. Teleki verlor seinen Einsatz an den Bankier, Frau von Illosvai gewann.

»Der kleine Pole ist ein sehr ehrgeiziger und auch etwas neugieriger Herr!« erzählte der Baron. »Ich bin überzeugt, daß er schlaflose Nächte hat, weil er mir das Werk, das ich studieren will, nicht heraussuchen darf –«

Teleki verdoppelte seinen Einsatz und fuhr fort: »Aber seine Schätze hält er gut verwahrt. Einige gefährliche Bücher hat er vorsichtigerweise im Kataloge ausgelassen und nicht ungeschickt zwischen harmlose geschichtliche und politische Werke aufgestellt –«

Der Diener entkorkte die Sektflaschen und schenkte ein.

Die Karten wurden aufgelegt. Teleki hatte, ohne zu kaufen, neun Augen, das sogenannte große Honneur, und gewann doppelt. Man stieß an und leerte das Glas auf einen Zug.

»Aber was sagen Sie dazu, meine Herrschaften, daß auch Frau Doktor Kowalewska sich beunruhigt fühlt –?«

»Mischt sich die kleine Lembergerin in die Berufsgeschäfte ihres Mannes?« fragte Frau von Illosvai.

»Es scheint so, gnädige Frau!« versicherte der Baron, indem er den dreifachen Einsatz zahlte. Und nun erzählte er scherzhaft, aber mit Galanterie seine Begegnung mit der jungen Frau. Beim Aufdecken der Karten hatte er ein kleines Honneur.

»Diese Intrige sieht ihr ähnlich!« bemerkte Frau von Illosvai. »Einem Diplomaten brauche ich nicht zu sagen, daß die Polin natürlich gewußt hat, daß ihr Mann nicht im oberen Stockwerke weilte – vielleicht hat er sie gar hinaufgeschickt –«

»So etwas kann man nicht sagen –« wendete der Graf ein, indem er über seine Karten einen Blick nach der kritisierenden Freundin warf.

»Der Graf nimmt Frau Doktor Kowalewska immer in Schutz!« bemerkte Frau von Illosvai. »Wir wollen hierüber nicht disputieren, mein Freund, und das Urteil dem Herrn Baron selbst überlassen!« fügte sie hinzu.

»Hält der Herr Graf die Bank bei vierfachem Einsatz?« fragte Teleki nach einer Reihe von Spielen mit unbedeutenden Umsätzen.

»Aber ich bitte, gütigst bedienen zu wollen«, antwortete der Graf, »ich halte die Bank auch bei zehnfachem Einsatze –«

»Es gilt, Herr Graf! Ich zahle zehnfach –«

Man stieß an und trank; der Diener schenkte ein.

»Man erkennt den hohen Politiker, er muß viel auf eine Karte setzen können«, bemerkte Batthyany.

»Vortrefflich gesagt, Herr Graf – er muß können! Ich kann an und für sich für meine eigene bescheidene Person dergleichen nicht. Ich habe mir aus dem Spiele nie etwas gemacht. Ich liebe es auch heute noch nicht. Aber seit ich mich der Politik verschrieben habe, übe ich das Spiel, um meinen Entschluß zu stärken –«

»Um Ihr Glück zu versuchen – nicht wahr? Um Ihr Glück zu stärken?« fragte Frau von Illosvai mit lebhaften Blicken. »Glauben Sie nicht auch, Herr Baron, daß Napoleon und andere nur deshalb Großes erreichten, weil sie Großes wagten?«

»Allerdings, gnädige Frau! In dem kühnen Wagnis liegt das psychologische Geheimnis des Glückserfolges!«

Der Obergespan zollte im stillen der zielbewußten Persönlichkeit Telekis seine Anerkennung und freute sich eigentlich auch über die Bemerkung seiner Freundin. Immerhin hatte er dieses heroische Verständnis an ihr noch nicht entdeckt.

»Gnädige Frau, wollen Sie nicht die Güte haben, Ihren Einsatz zu zahlen?« rief er jetzt scherzhaft. Sie holte hastig nach, was sie im Gespräch mit Teleki vergessen hatte.

»Sind die Herrschaften fertig? Kauft noch jemand?« fragte der Bankhalter mit absichtlich markierter trockener Geschäftsmäßigkeit.

»Wollen Sie nicht kaufen, Herr Baron?« fragte Frau von Illosvai beinahe ängstlich. »Ich möchte Ihnen dazu raten –«

Teleki trank ihr sein Glas zu und rief: »Für Teilnahme an meinem tragischen Schicksal bestens verbunden, gnädigste Frau! Zeihen Sie mich keiner Undankbarkeit! Aber Sie haben es ja soeben selbst so treffend ausgesprochen. Auf den Höhen des Lebens folge ich blindlings nur meinem eigenen Sterne!«

Die Karten wurden aufgedeckt.

»Neun Augen – geborene Neun!« rief der Graf, der seine Karten zuerst gezählt hatte.

»Neun Augen – geborene Neun!« meldete der Baron ebenfalls an. »Ich bitte nochmals zu zählen.«

Lautlose Stille, während die Herren abermals zählten. Die Dame sah gespannt zu ihnen hinüber.

Der Graf warf plötzlich seine Karten hin und stand auf. »Meine verwünschten schlechten Augen! Ich habe mich verzählt. Zehn Augen – die Bank ist gesprengt –«

Er schob Papier und Münzen dem Ministerialrat hin, der das Geld liegen ließ.

»Ich hätte doch besser Ihrem Rate folgen sollen, gnädige Frau –« sagte Teleki beinahe resigniert.

»Unsinn! Nur keine Sentimentalitäten!« rief der Obergespan laut, im Zimmer auf und ab gehend. »Sie haben ganz recht, Herr Baron! In Trumpfsachen keinen weiblichen Einfluß!« Und vor ihm stehenbleibend, fügte er lachend hinzu: »Ich versichere Ihnen, es ist mir ein Vergnügen, verspielt zu haben. Das Geld bleibt ja in der Familie!«

Der Baron machte eine anscheinend zustimmende Verbeugung und blickte zu Boden.

Der Graf streifte abermals mit einem bedeutungsvollen Blicke Frau von Illosvai, welche sich unauffällig in ihr anstoßendes Boudoir zurückzog.



Fünftes Kapitel

Die Herren blieben allein und griffen unwillkürlich gleichzeitig nach den gefüllten Gläsern.

Als sie ausgetrunken hatten, sah der Obergespan dem Baron mit fragenden Blicken in die Augen.

Der Baron schwieg und schien im Innern bewegt.

Der alte Herr atmete schwer und sagte mit leiser, fast zitternder Stimme: »Bela Teleki, weshalb haben Sie mir das getan?«

Der Jüngere zuckte zusammen und zeigte schmerzliche Züge.

»Bela Teleki, weshalb haben Sie Ihren alten Onkel so verleugnet –?«

Der Baron sagte leise: »Ich habe meinen Onkel nie verleugnet –«

»Sie kommen zu mir in rein amtlicher Eigenschaft«, fuhr der Schloßherr bewegt fort, »besuchen mich zuerst im Komitatshause und verhandeln mit mir nur als Amtsperson. Ich bitte Sie hierher; aber auch in Schloß Batthyany, das Sie allerdings zum ersten Male betreten, bleiben Sie sich gleich und verleugnen unsere Verwandtschaft – hier, wo Ihre selige Mutter als Mädchen aufgewachsen ist –«

»Ich habe von meinem ersten Schritte an, den ich in das Schloß setzte, nur an sie gedacht –«

»Aber Sie haben noch nicht mit einem Worte von ihr gesprochen, haben noch nicht das Verlangen geäußert, im Ahnensaale ihr Bild zu sehen –«

»Ich habe lernen müssen, mich zu beherrschen –«

»Ich habe Sarika sehr geliebt, auch als sie die Gattin Ihres Vaters wurde, und dann die Uneinigkeiten mit unserem Vater ausbrachen –«

Teleki nickte vor sich hin.

»Ich will keine trüben Erinnerungen wachrufen, am allerwenigsten gegen Ihre toten Eltern Vorwürfe aussprechen!« erklärte der Graf, im Salon auf und nieder gehend. »Ein eigentümliches Schicksal hat uns auseinander geführt. Noch in der Sterbestunde sprach unser Vater liebevoll von Sarika und bedauerte, daß sie nicht um ihn sein konnte –«

»Aber sie hat es nie erfahren!« sagte der Baron mit dem Tone leisen Vorwurfes –

»Ich weiß es. Meine arme Schwester! Sie wissen, was zwischen Ihrem Vater und mir geschehen war. Ich nehme den größeren Teil der Schuld auf mich. Nun ist er schon fünfzehn Jahre tot – Ferdinand Teleki –«

Der Sohn faltete die Hände: »Wer mir vorausgesagt hätte, daß ich zu dieser Gedächtnisfeier hierher kam –«

»Aber zwischen uns, lieber Teleki, ist doch nie etwas vorgefallen!« erklärte der Graf, vor ihm stehenbleibend. »Es ist richtig, wir gingen uns aus dem Wege. Ich als der bei weitem Ältere hätte mich Ihnen nähern sollen. Mehr als einmal war ich dazu entschlossen. Ein falscher Stolz, eine übertriebene Empfindlichkeit hielt mich jedesmal zurück. Als die Vermögensverhältnisse Ihres Vaters so unglücklich zusammenbrachen –«

Teleki machte eine abwehrende Handbewegung.

»Ich erhebe keine Vorwürfe! Ich wiederhole diese Versicherung. Sehen Sie, da wollte ich mich Ihnen anbieten, obwohl meine Schwester ihr Vermögen voll und bar im voraus ausgezahlt erhalten hatte – Ihnen persönlich wollte ich gern helfen, aber ich fürchtete Ihre Ablehnung –«

Der Baron sah schweigsam, fast finster vor sich hin.

»Ich verfolgte Ihre Laufbahn mit großem Interesse von ihren Anfängen an« fuhr Batthyany mit steigender Wärme fort. »Wo ich Gelegenheit hatte, ließ ich mir über Sie berichten. Als Sie Hilfskonzipist im Ministerium des Innern wurden, sagte ich Ihre Zukunft voraus. Fragen Sie Terka von Illosvai; sie wird es Ihnen bestätigen. Als Sie dann so schnell vorwärts kamen, habe ich mich im Innersten gefreut. Ich glaubte in Ihnen den lebhaften Geist meiner Schwester wiederzuerkennen. Sie wurden Ministerialrat a latere – da war ich in meiner Seele stolz auf Sie – fragen Sie Terka! Als uns dann vor kurzem von gut unterrichteter Seite anvertraut wurde, daß Sie der künftige österreichisch-ungarische Minister des Äußeren sein werden –«

»O bitte – sprechen Sie davon nicht jetzt –«

»Schauen Sie, lieber Teleki, eine innere Stimme hat mir wiederholt gesagt, es werde mir vor meinem Tode noch beschieden sein, den einzigen Sohn meiner Schwester wiederzusehen. Und ich habe mich nicht getäuscht. Zwanzig Jahre sind es her, daß wir uns das letztemal flüchtig auf der Margareteninsel in Budapest sahen – Sie werden sich vielleicht kaum erinnern –«

»O doch – freilich nur dunkel –«

»Sie sahen Ihrem Vater sehr ähnlich – aber die Augen und die Nase haben Sie von Sarika. Wir werden dann Terka fragen; sie hat für solche Dinge einen guten Blick. Nun werden Sie begreifen, welche Erregung sich meiner bemächtigte, als Sie mir dienstlich Ihre Karte hereinschickten. Ich konnte nicht ahnen, weshalb Sie kamen. Stellen Sie sich meine Enttäuschung vor, als Sie sich rein amtlich verhielten –«

»Wie konnte ich anders? War ich nicht der Jüngere, der Ihre Auffassung und Entschließung abzuwarten hatte?« erwiderte Teleki aufrichtig. »Aber wie glauben Sie wohl, daß mir zumute war, als Seine Exzellenz mir den Auftrag gab, hierher zu fahren und Ihre Bibliothek zu besuchen? Nichts sollte schriftlich, alles mündlich erledigt werden. Auch mich ergriffen vorübergehend falsche Vorstellungen, die mir zu einer Ablehnung der Mission rieten, bis ich willig einen höheren Wink in ihr erkannte –«

»Schauen Sie, das freut mich!«

»Und mit ganzem Herzen diese Reise in mein Vaterland, zu meiner Verwandtschaft unternahm! Und wenn Ihre Augen es leider nicht verhinderten, würden Sie mir eine tiefe innere Bewegung angesehen haben, als ich zuerst zu Ihnen hereintrat –«

»Ja – sehen konnte ich Sie nicht – aber ich hörte – oh, ich habe ein sehr feines Gehör! – in Ihrer Stimme ein Etwas, fast möchte ich sagen, etwas Unsicheres, das Ihnen Ihr bewegtes Innere gegeben haben wird –«

»Als Neffe mich Ihnen vorzustellen, war mir versagt. Aber verwandtschaftliche Gefühle lassen sich nicht in Fesseln schlagen. Meine Mutter hat mir immer von Ihnen Gutes erzählt –«

Die Augen des Alten leuchteten in mildem Glanze. »Sarika!« sagte er leise.

»Glauben Sie, daß es Sache eines Politikers gewesen wäre, einem ihm fremden Obergespan bei der ersten Begegnung in großen Zügen sein Programm zu entwickeln –?« fragte der Baron mit Wärme. »Verstehen Sie nun, wie mein politisches Bekenntnis zugleich die freudige Anerkennung unserer verwandtschaftlichen Beziehungen war –?«

Der Graf ergriff die Hand des Jüngeren und drückte sie lebhaft. »Ja, Sie haben recht, Bela Teleki, das Herz sprach aus Ihnen!« sagte er gerührt. »Jetzt verstehen wir uns ganz!«

Ihn noch an der Hand haltend, fuhr er fort: »Und nun lassen Sie es der Worte genug sein. Lassen Sie uns zu Terka gehen. Feierlich heiße ich Sie an dieser Stätte, wo Sarika aufblühte, als meinen lieben Neffen willkommen und schließe dich herzlichst ist meine Arme –«

Der alte Herr umarmte den Jüngeren.

»Lieber Onkel, wie gütig Sie sind –«

»Du sollst mich duzen, lieber Bela – zwischen uns gibt es kein ›Sie‹ mehr –«

»Meine Mutter sollte dich reden hören –!«

»Sie hört mich!« flüsterte der Graf ganz ernsthaft. »Glaube mir, sie hat uns gehört!«

Der Onkel nahm den Neffen erneut bei der Hand und führte ihn in das Boudoir, dessen Tür angelehnt geblieben war.

»Terka, hier bringe ich dir einen Langvermißten«, rief der alte Herr lebhaft, »von dem ich dir, wie du bestätigen wirst, oft erzählt habe –«

Bela küßte die Hand, die ihm Frau von Illosvai in freudiger Erregung reichte.

Sie hatte in atemloser Spannung in ihrem Zimmer gesessen und die Aussprache der Herren abgewartet.

»Ja, Herr Baron, das darf ich der Wahrheit gemäß bekennen!« versicherte sie. »Der Graf hat Ihrer oft und gern gedacht. Es gab, besonders in der letzten Zeit, Abende, wo er immer wieder auf Sie zurückkam –«

Dabei sah die Blondine dem wiedergewonnenen Neffen ihres Freundes seltsam in die Augen.

»Indessen mein Inneres«, erklärte Bela mit Lebhaftigkeit, »sich dazu stimmte, seinem geheimen, mir unhörbaren Rufe zu folgen –«

Das Ereignis sollte selbstverständlich gefeiert werden. Der Diener brachte neue Gläser und schenkte ein.

Terka von Illosyai fühlte sich von der wiedergeknüpften Verwandtschaft der Herren im Innersten berührt. Sie entfaltete, wie von einer Fessel befreit, den ganzen Zauber ihrer frauenhaften Liebenswürdigkeit.

Zu dreien stieß man mit den vergoldeten Sektgläsern an und leerte sie auf einen Zug.

Der Graf war in seinem Wesen in gewissem Sinne wie verwandelt.

Ein inneres Glück über die errungene Versöhnung mit dem Sohne seiner verstorbenen Schwester verklärte sein Gesicht.

»Nun sage du uns, Terka, in welcher Richtung sich in Belas Gesichtszügen die verwandtschaftliche Ähnlichkeit entwickelt hat«, rief Batthyany vergnügt.

Die Witwe sah dem Neffen lange lächelnd und leicht errötend ins Gesicht, um die Ähnlichkeit nochmals zu prüfen.

»Vom ersten Augenblicke an«, erklärte sie dann, »als der Baron hereintrat, sah ich die große Ähnlichkeit mit deiner Schwester –«

»Wirklich?« fragte Bela erfreut.

»Ich werde es euch morgen an ihrem Porträt zeigen. Wenn man selbst malt, sieht man die feinsten Linien –«

»Sie sind Malerin, gnädige Frau?« fragte der Neffe interessiert.

»Sie treibt allerhand Künste!« bemerkte Batthyany gutmütig.

Die blonde Frau lachte.

»Ehe ich es vergesse, Bela«, holte Batthyany noch nach, »dein Quartier in der ›Hungaria‹ mußt du natürlich nun aufgeben. Ich kann nicht gestatten, daß mein Neffe in der Stadt in einem Hotel wohnt. Alles ist hier zu deinem Empfange bereit.«

»Seit gestern!« sagte Terka lächelnd. Dann wendete sie sich schnell um und trat an ihren Schreibtisch.

Unwillkürlich sah Bela ihr nach.

Batthyany klopfte dem Neffen auf die Schulter: »Terka rühmte bei Tisch deine dramaturgischen Talente! Hast deine Rolle mit deinem alten Onkel nicht übel gespielt, du – du großer Komödiant!«

Terka hatte in freudiger Erregung den kleinen Flügel, der in ihrem Boudoir stand, geöffnet und spielte mit guter Technik ein Stück eines leidenschaftlichen Czardas.

Bela war hinter ihren Sessel getreten und sah in die Noten, deren Blätter wendend. Plötzlich brach die Spielerin mit einem Fortissimo ab, stand auf und trat an das Fenster, das sie für einen Augenblick öffnete.

Wie zufällig setzte sich Bela, der, abermals ihr nachsehend, stehengeblieben war, an ihre Stelle und griff einige Akkorde. Er war kein Musiker, hatte aber einen weichen Anschlag.

Allmählich ging er in eine bekannte Melodie über und sang parlando in ungarischer Sprache mit dunkelgefärbtem Tenor das Rakoczylied:


»Schwälblein, flieg an ihre Scheiben,
Pick um Einlaß, dort zu bleiben,
Meld': ich kauf 'nen Silberrahmen,
Schreib mit Gold drein ihren Namen.
Mal ihr Bild aufs Demantplättchen,
Berg es im Rubinenlädchen,
Und ihr Namenstag soll werden
Heiliger Festtag hier auf Erden.«


Schweigend stand er noch einen Augenblick am Flügel, als er ausgesungen und sich erhoben hatte.

Schweigend saß Batthyany in einem Lehnstuhle hinter ihm, träumerisch lehnte Terka von Illosvai am Fensterrahmen.



Sechstes Kapitel

Am anderen Tage machte der Onkel seinem Neffen, der am Vormittag wieder die Bibliothek besucht hatte, den Vorschlag, auf einer Wagenfahrt die schöne Umgebung des Schlosses kennenzulernen.

Vergnügt bestiegen die Herren das Gefährt, der Graf führte selbst die Zügel des Viergespannes. Vom Söller winkte Terka mit einem flatternden Schleierschal den Abfahrenden freundliche Grüße.

Der alte Herr war über die wohlgelungene Aussöhnung mit dem einzigen Sohne seiner Schwester wahrhaft glücklich.

Fast noch tiefer schien der Eindruck auf den Neffen zu sein. Er erwies dem Oheim manche zärtliche Aufmerksamkeiten, übersah seine kleinen Schwächen und zeigte für alle seine Angelegenheiten lebhaftes Interesse.

Eine leichte, am Tage zuvor kaum bemerkbare Schwermut lag vorübergehend in seinen Gesichtszügen, die ihm nach der Versicherung Terkas etwas ungemein Fesselndes verlieh.

Es war ihr nicht zweifelhaft, daß sein unter so eigentümlichen Umständen erfolgter Eintritt in Schloß Batthyany ihn innerlich mehr erschüttert hatte, als er zu erkennen geben wollte.

Der heiteren Freundin seines Onkels erwies der junge Mann jenen mit leichter Galanterie gemischten eigentümlichen Respekt, den reife Frauen so sehr lieben, der sie unter dem Schutze der Sitte im Innersten erregen kann.

Terka von Illosvai entfaltete eine eigentümliche Koketterie. Das Ereignis bot ihr Anlaß, den wiedergewonnenen Neffen zutraulich zu machen.

In die sonstige Stille des großen Schlosses brachte der Besuch eine willkommene Abwechslung, die ihr Batthyany, der sie genügend kannte, in seiner Gutmütigkeit nicht mißgönnte.

Die Herren fuhren in dem sanft ansteigenden Hügellande die schattige Waldstraße aufwärts. Der Graf bemühte sich, dem Fremdling, der zum ersten Male im Komitate weilte, die Besonderheiten der Gegend vor Augen zu führen.

Sie ließen das kleine Dorf hinter sich, das sich zu Füßen des Schlosses angelehnt hatte. Am Ausgange winkte das alte Wirtshaus »Zur schönen Schäferin«, dem schräg gegenüber in dem schmucken neuen Hause »Zur schönen Helena« ein Wettbewerb entstanden war.

Seltsam kontrastierte mit diesen idyllischen Wirtshausschildern die dritte, nicht weit entfernte Schankstätte »Zum Saukopf«.

Der Graf machte seinen Neffen auf dieses »Dreigestirn« aufmerksam und bemerkte lachend, daß er an der eigentümlichen Zusammenstellung seine Freude habe.

Als sie am Kalvarienberg vorüber waren, dehnte das Tal sich in die Breite. Seitwärts stieg aus dem Walde ein schöner Basaltfelsen auf, den ein zerfallenes Kastell krönte.

Der Graf hielt die Pferde an und erklärte, da oben stehe das Stammschloß der Batthyany.

Bela Teleki blickte überrascht hinauf. Wie unwillkürlich lüftete er leicht den Hut zum stummen Gruße.

Vor dem Kastell stand auf einem Felsenvorsprung ein Millenniumsdenkmal in Gestalt eines stattlichen Marmorobelisken.

Der Anblick des Stammschlosses erweckte in dem alten Herrn eine ganze Reihe verwandtschaftlicher Erinnerungen, die er, während die Waldlandschaft nichts Bemerkenswertes bot, im lebhaften Plaudertone auffrischte.

Er fragte beinahe sprunghaft den Neffen nach einer Anzahl von Personen, verstorbenen und lebenden, deren Bekanntschaft ihnen beiden gemeinsam war, und nach ihm selbst vertrauten Verhältnissen und Beziehungen, in die Teleki ebenfalls einen Einblick gewonnen hatte.

Aber so jugendlich lebhaft war heute das Gedächtnis Batthyanys, daß er die Namen gewissermaßen nur als Stichworte äußerte, an die er selbst, ohne die Antworten des Neffen abzuwarten, sofort ausgiebige Berichte ernster und scherzhafter Art, scharf umrissene Charakterbeschreibungen und sehr bestimmte Urteile anschloß.

Teleki hörte lächelnd dem eifrigen Biographen zu, hier und da bekannte Erzählungen bestätigend oder ergänzend und bekannte Persönlichkeiten durch ein Kopfnicken gewissermaßen begrüßend. Es war eine kleine Chronik, die der alte, heute so gesprächige Herr im Fluge abwickelte.

Jetzt zeigte er mit der linken Hand nach der Gebirgswand hinauf. »Siehst du da oben die alte Festung? Sie ist jetzt eines unserer größten Gefängnisse, darin neulich der Amtsmißbrauch aufgedeckt wurde!«

Und nun erzählte der Obergespan die Angelegenheit des Staatsanwalts Pataky.

»Hältst du's für möglich«, bemerkte der Baron dazwischen, »daß ich, der so vieles gesehen hat, noch nie das Innere eines Gefängnisses sah?«

»Ich bin auch nur ein einziges Mal in meinem Leben oben gewesen!« sagte der Onkel.

An der Straße zeigte sich eine Felsenpartie. Der Graf fuhr im Schritt und erklärte, daß hier von türkischen Gefangenen ein über hundert Meter tiefer Brunnen in die Steine gehauen war. »Er heißt der Brunnen der Liebenden!« fügte er lachend hinzu.

Man war in gebirgiger Gegend angelangt und kam an dem blauen und grünen See, zuletzt an dem größeren roten See vorüber, in dessen Wassern sich der sagenumwobene zuckerhutförmige Karfunkelturm spiegelte.

In kurzer Entfernung tauchten weiße Landhäuser in schmucken Gärten auf.

Die Fahrstraße teilte sich und führte in verschiedenen Richtungen durch den reizenden Badeort, der wegen seiner heilkräftigen Quellen schon den alten Römern bekannt war.

An dem geschmackvollen Kurplatz vorüber, der menschenleer war, lenkte der Graf in eine blühende Akazienallee ein, in der das vornehme weiße Kurhaus mit der stattlichen, blinkenden Fensterfront und zahlreichen Veranden und Balkonen sich erhob.

Schon von weitem hörte man ungarische Tanzweisen; in dem mit Frühlingsblumen und Springbrunnen geschmückten Garten spielte eine uniformierte Zigeunerkapelle.

Die Maiensonne hatte schon einzelne Besucher herausgelockt. In der weißen Kolonnade und auch im Garten waren verschiedene Tische besetzt.

»Wollen wir einen Augenblick absteigen und eine Tasse Kaffee trinken?« fragte der Onkel. »Die Badeanlage ist sehenswert –«

Der Neffe nickte sein Einverständnis und schwang sich schon vom Wagen. Der Graf gab dem Diener die Zügel.

Die Herren erregten bei den übrigen Gästen einiges Aufsehen. Der Graf wurde von allen Seiten gegrüßt.

Ehe die Herren sich einen Tisch gewählt hatten, bemerkte Batthyany einen lebhaften Gruß von einem seitwärts stehenden Tische. Als er im Näherkommen die Herrschaften erkannt zu haben glaubte, nickte er freundlich wieder und führte seinen Begleiter an den Tisch.

Zwei Herren, ein älterer und ein sehr junger, erhoben sich und begrüßten ihn.

Batthyany stellte den Ministerialrat Baron Teleki als seinen besuchsweise anwesenden Neffen vor.

»Graf Karolyi, mein freundlicher Nachbar, und sein Sohn« erklärte der Oheim dem Neffen.

Graf Karolyi, eine außerordentlich sympathische Erscheinung im Anfange der Fünfziger, erschien lebhaft überrascht und begrüßte den Neffen besonders zuvorkommend.

»Wollen die Herren bei unseren Damen Platz nehmen?« fragte er einladend.

Batthyany war schon an den Tisch getreten und hatte die Gräfin und die Komtesse sowie eine andere junge Dame begrüßt. Teleki näherte sich mit Karolyi und wurde von ihm vorgestellt.

Der Onkel placierte seinen Neffen wohlgefällig zwischen der Gräfin und dem Fräulein von Bathory, die, wie sich aus der Unterhaltung ergab, bei Karolyis zu Besuch weilte.

Graf Karolyi besaß in der Nähe des Badeortes in den Bergen eine herrliche Besitzung. Das Schloß lag in einem ausgedehnten Wildpark.

Hier verlebten die Herrschaften die schöne Jahreszeit, während sie den Winter, wenn sie ihn nicht zu Reisen nach dem Süden oder nach dem Orient benutzten, in Budapest verbrachten, wo sie einen sehenswerten städtischen Palast besaßen.

Die brünette Gräfin mit dem etwas schmalen Gesicht war von Geburt Italienerin; ihre Heimat war Venedig.

Komtesse Wilma, eine zierliche Erscheinung, war ihrer Mutter ähnlich wie aus den Augen geschnitten, während Graf Alexander Karolyi seinem Vater glich.

Der junge Mann hatte in Budapest das Gymnasium besucht und sollte sich jetzt von den Anstrengungen des Examens erholen.

Klarika von Bathory, die Freundin, stammte aus Kaschau am Fuße der Tatra, wo ihr Vater als Oberst stand. Mit Karolyis war sie bekannt geworden, als sie vor drei Jahren zu ihrer Ausbildung in einem Budapester Pensionat sich aufhielt.

Ihrem schönen, eigenartigen Äußeren nach hätte man die Heimat Klarikas in Jazygien gesucht, also im Mittelpunkte Ungarns, wo in der großen Flut der Völkerwanderung die jazygo-kumanische Welle die letzte bildete.

Klarika war hochgewachsen und breitschultrig; ihr Teint braun, die Augen mandelförmig und dunkel, die dünne Nase leicht geschwungen, wundervoll war der Schnitt des Mundes und herrlich der ebenmäßige Hals.

Als Teleki sich dem Tisch genähert hatte, überflog eine leichte Röte ihr Gesicht. Während er ihr vorgestellt wurde, schlug sie die Augen zu Boden und neigte kaum merklich den schönen Kopf.

Als in fröhlichem Geplauder bei der einschmeichelnden Zigeunermusik eine halbe Stunde vergangen war, machte Graf Batthyany den Vorschlag, daß die jungen Herrschaften seinem Neffen die Sehenswürdigkeiten des Bades zeigen möchten.

Die Anregung fand allgemeinen Beifall.

Teleki ging neben der Komtesse, der junge Graf neben Klarika.

Man promenierte an den Badehäusern vorüber, wo die kohlensäurehaltigen Eisenquellen und die Jodthermen gefaßt wurden.

Über einige hölzerne Brücken gelangte man in eine romantische Felspartie mit mehreren Tropfsteinhöhlen und einer sogenannten Schwitzhöhle, wo Dämpfe aus der Erde stiegen.

Graf Alexander gab die Erklärung, daß sich hier bereits eine römische Kolonie befunden habe. Die sichtbaren Überreste von römischem Mauerwerk stammten von den alten Badehäusern und von einem Mithrastempel.

In der Badeanstalt waren alte römische Votivtafeln, die man hier ausgegraben hatte, in die Wände eingelassen und ermutigten die Heilungsuchenden durch die Erfolge der Quellen in vergangenen Jahrtausenden.

Einige hundert Schritte weiter lagen die Überreste eines Badehauses aus der Türkenzeit.

Die Komtesse zeigte einen Steinhaufen, an dessen Stelle sich dereinst eine türkische Kapelle über dem Grabe eines heiligen Mönches erhoben haben sollte.

Hinter der Ruine führte ein ziemlich steiler Promenadenweg in wenigen Minuten aufwärts in den Forst, in welchem man von einer schönen Lichtung einen Ausblick auf das große romantische Tal genoß, welches im Süden von hohen Bergen, deren höchster der Gemsenberg hieß, eingeschlossen wurde.

In dieser Lichtung war es auch, wo die sehr gesprächige, kleine Komtesse auf das siebzehnsilbige Echo aufmerksam machte, das von hier aus in den zahlreichen Taleinschnitten und Schluchten geweckt werden konnte.

Sofort unternahm man, die langatmige Talnymphe in ihrer romantischen Ruhe zu stören, die auch auf alle die ernsten und lustigen Worte, die ihr zugerufen wurden, unermüdlich und gleichmäßig antwortete.

Zwischen den beiden jungen Damen entstand im Plaudern und Scherzen unwillkürlich und vielleicht auch unbewußt ein anmutiger freundschaftlicher Wettbewerb um die Gunst des interessanten Ankömmlings.

Graf Alexander, in die Rolle eines Zuschauers gedrängt, betätigte die knabenhafte Begeisterung, Fräulein von Bathory ritterlich zu assistieren.

Baron Teleki, offenbar in der Gunst schöner Frauen erzogen, verstand es mit ausgezeichnetem Takte, beiden Mädchen mit Liebenswürdigkeit zu begegnen.

Dabei war doch der Ton, den er anschlug, zuweilen fein unterschieden.

Ernst und Scherz, in denen er sprach, waren nicht immer dieselben.

Geschah es unwillkürlich oder war er ein Meister in diesen Künsten?

»Haben Sie bei den roten Husaren gestanden, Herr Baron?« fragte Fräulein von Bathory plötzlich ganz unvermittelt.

»Bedaure, meine Gnädigste, ich bin Dragoner!«

Sie sah ihn mit ihren schönen Augen an.

»Haben Sie vielleicht das Regiment gewechselt? Wenn ich mich nicht irre, habe ich meinen Vater Ihren Namen nennen hören –« sagte sie.

»Der Herr Oberst wird einen Verwandten von mir gemeint haben; bei den Husaren stehen mehrere Teleki –«

»Verzeihen Sie«, fuhr Klarika mit einem leichten Erröten lebhaft fort, »aber Sie selbst, Herr Baron, sind, glaube ich, als roter Husarenoberleutnant gesehen worden –«

Die Komtesse schaute etwas überrascht zu ihrer Freundin hinüber.

»Wer hat mich gesehen, meine Gnädigste? Wann und wo?« fragte der Baron schalkhaft.

»Vor fünf Jahren sind Sie gesehen worden – in Baden bei Wien – das kennen Sie doch?« Als sie das fragte, hob Klarika sehr siegesgewiß ihr schönes Haupt.

»Wie sollte ich Baden nicht kennen? Ich bin öfter dagewesen. Ich habe sogar eine gewisse Vorliebe für den Ort. Die herrliche Rundsicht von der Moritzruhe werde ich nie vergessen – aber vor fünf Jahren –?«

»Im Juli werden es fünf Jahre –«

Die Komtesse war über den Eifer der Freundin etwas betroffen. Alexander wußte nicht recht, was er sagen sollte.

»Was meinen Sie zu dieser Einvernehmung, Komtesse?« fragte Teleki. Offenbar bereitete es ihm jetzt Vergnügen, die ihm wohlbekannte Lösung des Rätsels zu verzögern.

»Vor fünf Jahren, sagen Sie –? Lassen Sie mich schauen, meine Gnädigste.« Er dachte nach.

Die jungen Herrschaften harrten mit Spannung seiner Antwort.

»Erlauben Sie, vor fünf Jahren war ich noch nicht in Wien, ich kam erst vor drei Jahren ins Ministerium. Baden kenne ich aber erst, seit ich in Wien wohne. Und diesen Juli vor fünf Jahren – verzeihen Sie – war ich in Norderney – am Strande der Nordsee – ich versichere mit voller Bestimmtheit –«

Die gräflichen Geschwister lachten über die Verwirrung der geographischen Begriffe.

»Aber Frau Ferenczy würde nicht glauben, daß Sie ihren Aufenthalt in Baden so schnell vergessen haben –« sagte Fräulein von Bathory schnell und mit einer eigentümlichen Lustigkeit.

Der Baron blieb stehen und erklärte beinahe ernsthaft: »Jetzt, meine Gnädigste, muß ich entschieden protestieren, da Sie eine Dame mit mir in Verbindung bringen wollen, die ich nicht kenne –«

»Aber sie ist doch die Witwe des bekannten Wiener Bankiers –« erwiderte Klarika heiter.

Teleki erhob feierlich die rechte Hand: »Ich schwöre, gnädiges Fräulein!«

»Daß Sie mit Frau Ferenczy nie auf dem Kalvarienberg in den Gartenanlagen mit dem tropischen Blumenflor gewandelt sind?« sagte Klarika, durch seinen Widerspruch leicht gereizt.

»Der Anlagen entsinne ich mich. Aber Frau Ferenczy wandelte dort nicht neben mir –« versicherte er unerschütterlich –

»Und den Föhrenwald, der von der Villa des Erzherzogs Rainer nach der Ruine Rauheneck führt, haben Sie den betreten –?« fragte sie mit lebhaften Augen.

Der Baron dachte wieder einen Augenblick nach. Doch schnell erklärte er: »All Ihre Kunst ist vergebens, meine Gnädigste! Aber für die Empfehlung des Föhrenwaldes bin ich bestens verbunden.«

Wilma und Alexander lachten laut auf.

Fräulein von Bathory zuckte die Achseln und schien sich für überwunden zu erklären.

»Darf ich jetzt zur Abwechslung die Rolle des Inquisitors übernehmen, meine Herrschaften?« fragte der Baron.

»Jawohl!« riefen die gräflichen Geschwister wie aus einem Munde.

Man war in einen weißen Tempel mit vergoldeter Kuppel eingetreten, der in halber Bergeshöhe eine schöne Aussicht gewährte.

»So frage ich jetzt«, fuhr Teleki fort, »auf welche Zeugen stützen Sie Ihre schweren Beschuldigungen, gnädiges Fräulein?«

Die junge Dame zögerte mit der Antwort. »Auf die Angaben von Frau Ferenczy, die ich selbst allerdings nicht kenne«, sagte sie dann, »und auf meine eigenen Wahrnehmungen –«

Die letzten Worte schienen ihr wider Willen entschlüpft zu sein. Sie war über ihre eigene Erklärung einen Augenblick betroffen.

Alle zeigten sich außerordentlich überrascht.

»Warst du vor fünf Jahren in Baden?« fragte Wilma verwundert.

»Aber gewiß. Ich war mit Tante Beroldingen zwei Wochen da!« versicherte Klarika mit leisem Trotz.

Der Baron fand die Situation humoristisch.

»Und wie jung waren Sie damals, meine Gnädigste«, forschte er mit überlegenem Lächeln, »als Sie Ihre so untrüglichen zeugenschaftlichen Wahrnehmungen machten – darf ich so kühn sein, das zu fragen?«

Sie sah ihn einen Augenblick mit großen Augen an. »Fünfzehn gewesen –« antwortete sie dann errötend.

Er neigte enttäuscht seinen Kopf. »Und da glauben Sie den roten Husarenoberleutnant heute im dunkelblauen Flanellanzug mit zweifelloser Sicherheit wiederzuerkennen –?« bemerkte er langsam.

Ein komischer Ernst lag in seinen Zügen, so daß man nicht recht wußte, ob er die Personenverwechslung übel vermerkte.

»Dann müssen Sie einen Doppelgänger gehabt haben!« erklärte Klarika etwas verwirrt, von der Wendung des Gespräches überrascht –

»Oder Fee Delibab hat Sie getäuscht –!« sagte Teleki lebhaft.

»Fee Delibab?« fragten die gräflichen Geschwister wieder fast gleichzeitig.

»Jawohl, meine Herrschaften! Die Fata Morgana pflegt solche Zauberbilder, wie sie Fräulein von Bathory gesehen hat, in zitternde Luftschichten zu weben. Haben Sie noch nie eine Fata Morgana gesehen?«

Die drei jungen Leute verneinten.

Man saß in dem schönen Tempel auf den weißen Bänken. Man war von seiner Delikatesse und Geistesgegenwart entzückt, mit der er Fräulein von Bathory aus der selbstgeschaffenen Situation befreite und dem Gespräche diese Wendung gab.

Er lehnte sich zurück und erzählte mit leichter Schwermut.

»Man muß im mittleren Alföld, in der baumlosen Pußta, Frau Delibab gesehen haben! Wenn die Sonne höher steigt und der kühle Morgenhauch verschwindet, wenn die Luft wärmer und wärmer wird, sind die Voraussetzungen für den Zauber gegeben. Mit einem Schlage glaubt man in ein anderes Land versetzt zu sein. Was uns eben umgab, ist verschwunden. Ein ganzes Meer breitet sich vor uns aus; nicht weit entfernt von uns flutet und wogt es in silberner Farbe dahin. Neckend rückt es uns näher, um sich wieder zu entfernen. Dann schließt es sich auch hinter uns, wo wir eben noch auf trocknem dürren Boden wanderten –«

Er hielt versonnen inne, als erlebe er soeben alles von neuem, und fuhr dann fort:

»Von allen Seiten umringt uns eine zauberhafte See. Aus den seidenfarbigen Wellen tauchen Auen, Kirchen, Dörfer und Städte auf. In den noch ungleich erwärmten Luftschichten spiegeln sich die Abbilder vergrößert und auseinandergezogen wider. Entfernte Baumgruppen, Windmühlen, Schenken und Dörfer, die wir zuvor nicht sehen konnten, tauchen am fernen Horizonte auf, als ob sie auf den seidenfarbigen Gewässern schwimmen. Wir sehen uns trunkenen Auges an diesem Bilde nicht satt. Versuchen wir uns aber den Erscheinungen zu nähern, so nehmen sie wieder ihre natürliche Gestalt an: armselige Gebüsche, eine dornige Distel, ein träumender Storch, ein Brunnenbalken, ein halbverfaultes Haus, eine elende Heideschenke –!«



Siebentes Kapitel

Die jungen Mädchen kehrten mit eigentümlichen Gefühlen nach Schloß Karolyi zurück. Fast schweigsam hatten sie nebeneinander im Wagen gesessen.

Wäre der Graf nicht zu sehr mit seinen eigenen Gedanken befaßt gewesen, so hätte er ihre seltsame Stimmung bemerken müssen.

Die Gräfin, eine etwas eitle Dame, achtete weniger auf das Innenleben ihrer Tochter.

Sie war zart und leidend. Der Ausflug und die Unterhaltung hatten sie angestrengt; sie lehnte sich im Wagen zurück und schloß ermüdet die Augen.

Im Schlosse angekommen, suchte Klarika ihr Zimmer auf, das nach dem Parke zu gelegen war, und schloß sich ein.

Die Hände ringend, am ganzen Körper zitternd, leise Worte vor sich hinsprechend, ging sie erregt im Zimmer auf und ab.

Es klopfte leise an der Tür. Sie hörte es nicht und setzte ihre unruhige Wanderung fort.

Es klopfte wieder, gerade als Klarika sich in der Nähe der Türe befand. Sie stand still und lauschte.

Eine behutsame Stimme rief draußen: »Ich bin es!«

Nach kurzem Zögern entriegelte das Mädchen die Türe und öffnete sie ein Stück.

Wilma stand draußen und schlüpfte herein.

Klarika verschloß unauffällig von neuem.

Die beiden Mädchen sahen sich an und sanken sich schweigend in die Arme.

Klarika zitterte, ein Schluchzen entrang sich ihrer Brust. Aus Wilmas Augen tropften milde Tränen.

»Ist er's, Klarika?« flüsterte endlich die Komtesse, sich sanft aus der Umarmung lösend.

»Ich weiß es nicht!« seufzte die Freundin. »Ich weiß es wahrhaftig nicht! Gerade das quält mich! Ich könnte es nicht beschwören.«

Anscheinend aufatmend, schwieg die Komtesse einen Augenblick, als sinne sie nach. »Kanntest du seinen Namen nicht?« fragte sie dann wie in einer plötzlichen Eingebung.

»Ehe ich dazu kam, ihn zu erfahren, reiste Tante plötzlich ab. Wir sahen uns nicht wieder und trennten uns ohne Abschied –«

»Aber an seinen Augen, seinen Blicken und seiner Stimme, an seinen Bewegungen müßtest du ihn doch wiedererkennen – ich wenigstens –« Die Komtesse sprach nicht weiter.

»Ich möchte nicht für möglich halten, daß zwei Menschen sich so gleichen –«

Die Freundinnen waren an das geschlossene Fenster getreten, wo sie sich ungestörter unterhalten konnten.

»Hast du keinen Anhalt dafür, daß wenigstens er deinen Namen erfahren hat –?« forschte Wilma von neuem.

»Ich weiß es nicht. Ich weiß auch das nicht! Er hätte ihn erfahren können – mit Leichtigkeit – das fällt mir heute erst ein –«

»Er hat dir nie geschrieben? nach Kaschau?« Wilmas Blicke ruhten prüfend auf dem Antlitz der Freundin.

Klarika verneinte unbefangen.

Wieder schwieg die Komtesse einen Augenblick. »Wie tratet ihr euch näher?« fragte sie dann.

»Ich hatte ihn schon wiederholt mit der Witwe gesehen –« begann Klarika von Bathory. »Unsere Blicke begegneten sich. Ich machte mir dabei weiter keine Gedanken. Da trafen wir uns ganz zufällig allein an dem Seerosenteich – er sprach mich an. Er war meine erste Bekanntschaft, du kannst dir denken, wie mir zumute war. Frau Ferenczy schien mir für ihn zu alt und nicht hübsch genug – ich verspürte den Ehrgeiz, ihr den Rang abzulaufen – mit fünfzehn Jahren!«

Die Komtesse schloß einen Augenblick fest ihren kleinen Mund. »Ihr habt euch noch einmal in den Föhren getroffen –?« fragte sie dann zögernd mit merkwürdiger Stimme.

Die Freundin nickte, sich die Augen trocknend.

»Wie konntest du dich in seiner Gegenwart so verraten?« Es klang wie ein Vorwurf –

»Ich wußte nicht, was ich sagte! Ich glaubte, diese Begegnung könnte er nicht verleugnen –«

»Nun?« fragte Wilma mit Spannung.

»Er zuckte nicht mit den Wimpern –«

»Glaubst du ihm –?« fragte sie schnell. »Ich halte ihn für die Aufrichtigkeit selbst« setzte sie ebenso hinzu.

Klarika sah der Freundin in die Augen und nickte. Das Gespräch stockte. – Ein Schweigen trat ein.

»Und – vergessen hast du ihn nicht?« fragte die Komtesse ganz leise.

»Nein, Wilma! nie vergesse ich ihn!« flüsterte Klarika, von neuem zitternd und schluchzend. »Wenn du meinen inneren Zustand von damals kenntest! Ich war krank. Ich litt unsäglich unter unserer Trennung. Die Tante wußte nicht, was sie mit mir anfangen sollte. Sie schickte mich vorzeitig nach Kaschau zurück. Mama war sehr böse, Papa lachte. Vierzehn Tage lag ich zu Bett und war für niemanden zugängig – lache mich nicht aus – aber er war meine erste und letzte Liebe!«

Klarika lehnte sich trostbedürftig an die kleine Freundin, die sie in diesem Augenblicke nicht ansah und ein eigentümliches Gesicht machte.

Leise, langsam, wie mechanisch strich die Komtesse der anderen schweigend das Haar aus der schönen Stirn.

»Ich begreife nur eines nicht«, sagte Wilma mit merkwürdiger Stimme. »Der Beruf drückt sich im Wesen und Auftreten eines Mannes ganz deutlich aus. Ehe der Baron uns heute noch vorgestellt war, wußte ich, daß er ein hoher Beamter war –«

Klarika schüttelte den Kopf. »Ich habe eine so ausgeprägte Offizierserscheinung, wie er war, niemals gesehen. Und ich habe in Kaschau, Budapest und Wien sehr viele Offiziere kennengelernt.« –

»Das wollte ich eben fragen!« versicherte Komtesse Wilma.

»Er erregte allgemeines Aufsehen in Baden. Einmal hörte ich hinter ihm einen Herrn zu einer Dame sagen: ›Der schönste Offizier der österreichisch-ungarischen Armee‹ –«

Die Komtesse sah sinnend zum Fenster hinaus –

»Ich erhielt von ihm«, fuhr Klarika fort, »den Eindruck eines vollendeten Kavallerieoffiziers. Ich verglich ihn im stillen mit meinen Brüdern, die auch passionierte Kavalleristen sind. Ich habe ihn in der Erinnerung als das Ideal eines Kavalleristen, der den Sieg und den Ruhm, der das Glück, die Herrlichkeit der Welt und auch die Liebe erreitet –«

In der Erinnerung röteten sich Klarikas blasse Wangen wieder, ihre getrockneten Augen glänzten.

Die Komtesse hatte ihr aufmerksam zugehört. »Dann darfst du beruhigt sein, Klarika«, sagte sie plötzlich mit sicherer Stimme, »Baron Teleki ist gewiß nicht dein roter Husarenoberleutnant!«

Als sie das gesagt hatte, atmete sie sichtlich auf. Über die Enttäuschung, die sich auch ihrer selbst bemächtigte, wurde Klarika ebenfalls ruhiger.

Die jungen Mädchen hingen ihren Gedanken nach und schwiegen; sie schienen sich vorläufig heute nichts weiter zu sagen zu haben.

Als die Komtesse sich nach einigem Zögern verabschiedete, begegneten die Augen der Freundinnen sich in einem seltsamen Blicke. Sie küßten sich, etwas weniger stürmisch als sonst, und wünschten sich merkwürdig ruhig eine gute Nacht.

Als Klarika allein war, stand sie lange am Kamin und sah mit großen Augen und lauschend nach der Türe, durch welche sich die Komtesse eben entfernt hatte.

Zum Schlafen war es zu früh. So ruhig, als die Freundin sie verlassen hatte, war sie im Innersten doch nicht.

Im Zimmer stand ein zierlicher Bücherschrank, in den sie bisher kaum einen Blick geworfen hatte. Sie öffnete die Glastüren mit den grünseidenen Vorhängen und musterte die zierlichen und prächtigen Einbände.

Auf einem scharlachroten Buchrücken las sie in goldenen Buchstaben: »Alexander Petöfi, Gedichte.«

Sie nahm den Band aus dem Schranke. Der Dichter war ihr wohlbekannt. An seiner Bronzestatue von Huszar auf dem Petöfiplatz in Budapest war sie oft vorübergegangen.

Sie lag auf dem Diwan nachlässig hingestreckt. Ihr in Unordnung geratenes volles Haar hatte sich etwas gelöst; der Kragen ihrer blauseidenen Bluse hatte sich am Halse geöffnet. Ihr Kleid ließ die feinen Füße in Seidenstrümpfen und Lackschuhen frei.

Sie blätterte in dem Buche und las, erst zerstreut, allmählich aufmerksamer. Das epische Gedicht »Schalgo« fesselte ihr Interesse.«

An einer Stelle des Gedichtes blieb sie haften, sie las die Verse noch einmal, las sie immer wieder, sie kam nicht über sie hinweg.

Sie sprang auf, setzte sich auf den Diwan, legte das Buch aufgeschlagen auf den Tisch und las mit halblauter Stimme abermals dieselben Verse:


»Weshalb ist mein Gesicht nicht wie der Himmel
Mit vielen Augen, wie dort Sterne sind,
Daß ich mit allen dich bewundern könnte?
Wer bist, wer bist du nur? Ein jeder Zug
Von deinem Antlitz ist mir wohlbekannt!
Bin ich dir irgendwo begegnet schon?«


Klarika hielt einen Augenblick inne; eine flammende Röte färbte ihre Wangen. Dann fuhr sie fort:


»O jetzt erinnr' ich mich! Ich sah dich einst,
Doch lange, lang ist's her! Da ich als Kind
Umher mich tummelte in Waldesdunkel
Als unschuldsvolles Kind, des Herz geblutet,
Wenn es ein armes Reh verbluten sah
Vom mörderischen Pfeil der Jägerschar.
O damals! damals sah ich dich gar oft!«


Abermals hielt Klarika inne, schlug den Einbanddeckel um, als wollte sie sich überzeugen, daß sie wirklich eine Dichtung lese. Sie fuhr fort:

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»Wenn ich im Tal, am blumigen Rand der Quelle,
Entschlummert war, erschienst du leise mir
In meinen Träumen, zauberhaftes Wesen!
Du kamst und beugtest dich zu mir hernieder.
Wie übers Erdenrund der Regenbogen,
Mir Himmelslaute in die Ohren flüsternd.
Die Arme streckt' ich aus, dich zu umfangen –
Davon erwacht' ich – aber du warst fern.
Dann sah ich oft dein blasses Schattenbild
In eines Urwalds dunkelgrüner Tiefe;
Ich lief dir nach, gleich wie der Abendwind
Dem Schmetterlinge, welcher vor ihm flattert.
Den Berg lief ich hinan – hoch auf dem Gipfel
Stand ich voll Staunen tiefbetrübten Sinns:
Du schwebtest fern von mir, am Himmel droben
Erglänztest du im Bild des Abendsterns –«


Sie las nicht weiter, das Buch blieb offen vor ihr liegen. Die Tränen fielen aus ihren Augen auf das Papier. Sie trocknete sie mit einem Spitzentuche.

Sie stand auf. Sie reckte sich in ihrer vollen herrlichen Gestalt und Größe. Die Arme hob sie aufwärts, die Blicke zum Himmel gerichtet, und rang die Hände.

Ihre Augen glänzten. Eine Verklärung flog über ihre Züge. Sie lächelte. Alles wurde still und mild in ihrem Gesicht. Eine wohlige Weichheit durchfloß ihre Glieder, sie lösten sich wie aus starren Banden.

Dann küßte sie inbrünstig die Verse, die sie eben gelesen hatte. »Ich habe dich verstanden, Dichter!« lispelte sie. »Ich habe ihn schon gesehen! So habe ich ihn gesehen, wie du es beschreibst, Dichter!«



Achtes Kapitel

Am übernächsten Tage schlug Batthyany seinem Neffen ziemlich unvermittelt vor, auf Schloß Karolyi seinen Besuch zu machen.

Bela Teleki antwortete etwas geheimnisvoll, dieser Besuch habe von Anfang an in seinem Reiseplane gelegen.

Der Graf machte eine überraschte Miene und fragte: »Du weißt natürlich, daß euer Ministerialsekretär Zychy der Stiefbruder Karolyis ist?«

»Aber selbstverständlich. Ich weiß viel mehr. Ich weiß alles.«

Der Graf nickte zufrieden. »Also dann können wir näher darüber sprechen. Komm, setze dich zu mir.«

Die Herren saßen im Zimmer des Schloßherrn allein.

»Dieser Stiefbruder«, erklärte Batthyany nach einer Pause, »ist Karolyis Sorgenkind. Er hat ihm schon Hunderttausende gekostet. Er will ihn aber nicht fallen lassen. Der Graf verehrte seine Mutter außerordentlich und hatte auch für seinen Stiefvater Zychy große Sympathien. Nun will er aus dem jungen Manne durchaus etwas machen. Er hat ihm die Stelle in eurem Ministerium vermittelt –«

»Exzellenz ist ihm sichtlich gewogen –«

»Wie sind seine Fähigkeiten?«

»Nicht bedeutend. Das hat aber nicht viel zu sagen. Die Verantwortung ruht auf mir –«

»Das Bedenkliche sind nur seine vielen Schulden. Karolyi lebt in der beständigen Angst, daß ihr ihm einmal den Laufpaß gebt –«

Teleki schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: »Ja, Schulden hat er leider!«

»Neuerdings?«

»Ganz neuerdings!«

»Also hatte Karolyi mit seiner Vermutung recht!« bemerkte der Graf nachdenklich. »Er ließ nämlich durchblicken, daß er gern durch dich über die Verhältnisse seines Stiefbruders etwas erführe –«

Auch der Baron war in Nachdenken vertieft. Endlich sagte er: »Das trifft sich sehr glücklich, lieber Onkel. Ich will dir nur gestehen, der Minister hat mir aufgetragen, meine hiesige Anwesenheit zu einer Aussprache mit dem Grafen zu benutzen –«

»Ihr habt amtlich Kenntnis?«

»Leider.«

»Wie hoch beläuft sich die Summe?«

»Ich kann sie aus dem Gedächtnisse nicht sagen. Ich habe Aufzeichnungen darüber. Zwanzig- bis dreißigtausend –«

»Kronen?«

»Gulden . . .«

»Der Minister ist ungehalten?«

»Ja. Aber er will keine Folgerungen ziehen. Er wünscht nur, daß wieder einmal Ordnung geschaffen wird – bis zum nächsten Male –«

Batthyany schlug mit der Hand auf den Tisch und sagte: »Dazu hat er ein gutes Recht. Also, lieber Bela, fahre zu Karolyi. Er erwartet dich, und du machst es ihm leicht –«

Unerwartet trat Frau von Illosvai lebhaft herein und brachte eine Depesche. »Störe ich die Herren? Vielleicht ist die Mitteilung dringlich. Ich bringe sie sogleich selbst, sie wurde soeben für Herrn Baron abgegeben –«

Dankend empfing Bela aus ihren Händen das Telegramm, dessen Papier, wie er beim Öffnen spürte, ein Parfüm verbreitete.

Frau von Illosvai beobachtete nicht ohne Spannung den Baron, während er las.

Er hatte das Telegramm erbrochen und überflogen. Dann las er es laut vor.

»Aufträge erledigt? Erwarte Sie Anfang nächster Woche. Banffy.«

»Du sollst zurückkehren?« fragte Batthyany enttäuscht, indem er die ihm hingereichte Depesche auf den Tisch legte.

Terka von Illosvai verfärbte sich etwas.

»So verfährt Exzellenz immer. Kaum bin ich drei bis vier Tage fort, fängt er an zu depeschieren. So bleibt man in steter Abhängigkeit und Bewegung, meint er. Dieses erste Telegramm ist nur eine Mahnung. Es kommen deren noch mehr – Sie werden sehen, gnädige Frau – also ich fahre sofort deinem Wunsche gemäß nach Karolyi, lieber Onkel –«

»Ganz so eilig ist also die Rückberufung nicht?« fragte Frau von Illosvai erleichtert.

»Ich gedenke mich mehrfach mahnen zu lassen, gnädige Frau« antwortete Teleki galant.

Ein Blick aus ihren Augen dankte ihm. »Darf ich lesen?« fragte sie, die Depesche vom Tische nehmend.

»Aber ich bitte! Es ist ja keine Chiffreschrift, die Exzellenz sonst so liebt –«

»Ich glaube, ich würde sie auch lieben, solche Chiffreschrift!« erklärte die Witwe. »Ich denke es mir entzückend, mit einer Person nur in einer ihr verständlichen Sprache zu verkehren –« Dabei lachte sie übermütig –

»Was ich sagen wollte –«, unterbrach der Obergespan das Gespräch mit einer gewissen Absichtlichkeit, »ich will dir mit Bezug auf die besprochene Angelegenheit noch etwas verraten – Du entschuldigst, Terka –«

Sie nickte heiter und las das Telegramm.

»Zychy hat vom Grafen«, erklärte Batthyany seinem Neffen, »schon manche Summe zum Bezahlen von Schulden bekommen, ohne diese wirklich zu decken. Karolyi mag dir das Geld überweisen, damit du die Gläubiger befriedigst –«

»An dir ist ein Minister verloren, lieber Onkel« lachte Teleki. »Was sagen Sie dazu, gnädige Frau? Exzellenz machte denselben Vorschlag. Aber ich soll Karolyis Anerbieten abwarten –«

Terka von Illosvai stimmte lebhaft zu.

»Daran wird es nicht fehlen. Er hat mich bereits darauf sondiert« versicherte der Graf.

»Übrigens, lieber Junge, wenn du Lust zum Heiraten hättest –«

Der Onkel hielt inne –

Der Neffe sah ihn überrascht an –

Frau von Illosvai schaute lachend drein.

»Wie gesagt, Bela, wenn du heiraten wolltest, dann befasse dich etwas näher mit Komtesse Wilma. Ich sage dir, ein Prachtmädel. Nicht wahr, Terka? Gar nicht nach der melancholischen Mutter geraten, ein Charakter, versichere ich dir, wie du ihn als Diplomat auf der Höhe deines Lebens dir nur wünschen könntest –«

»Dazu reich – unerschöpflich reich – verzeihe, daß ich so nüchtern spreche –« ahmte Terka den Grafen in sprudelnder Laune nach. »So endet die Empfehlung aus dem Heiratsbureau immer, Herr Baron, die ich heute zum soundsovielten Male höre –« Sie wollte sich ausschütten vor Lachen –

Batthyany gab sich den Anschein, als ob er nichts höre.

Der Neffe drückte ihm in einer plötzlichen Eingebung lange die Hand. »Danke schön, Onkel, für den freundlichen Wink! Unsereiner hat sowieso keine Zeit, der Romantik zu huldigen. Aber verkaufen könnte ich mich nie! Gefühl müßte mit dabei sein!« Dabei legte er die Hand aufs Herz.

Über Terkas Gesicht flog ein beglücktes Lächeln.

»Wirst du auch nötig haben, Junge! Komtesse Wilma hat kein Fischblut! Nicht wahr, Terka? Stille Wasser sind tief –«

Teleki gab Befehl zum Anspannen und verabschiedete sich, um Toilette zu machen.

Der Onkel hielt ihn noch einen Augenblick zurück. »Wie verläuft deine Mission? Will sich das Buch nicht finden lassen?« fragte er.

»Die Verzögerung ist für mich sehr reizvoll! Morgen oder übermorgen entdecke ich es –!« erwiderte Teleki siegesgewiß.

»Was macht der Oberbibliothekar?« forschte der Onkel heiter.

»Er hat schlaflose Nächte und zermartert sich sein wertvolles Gehirn. Wie ein Falter flattert er um das Licht – das Licht bin ich –«

»Und Frau Doktor Kowalewska? Du bist gestern mit ihr in der Szechenystraße gesehen worden –«

Der Baron errötete leicht: »Eine zufällige Begegnung –«

»Unser Vizegespan hat euch beobachtet – er sieht alles, was nicht in sein Amt einschlägt – lieber Bela –«

Frau von Illosvai stand am Fenster und sah nach den Blumen. Batthyany wollte noch etwas fragen – er drohte ihm, sich nach seiner Freundin umsehend, lachend mit dem Finger.

Bela wehrte ab und rief: »Pst, Onkelchen! Kein Wort mehr. Finis Poloniae! Du schickst mich ja auf die Brautschau nach Karolyi!«

Der alte Herr war von seinem Einfalle so entzückt, daß er seinen Neffen einen Augenblick an sich zog und lebhaft umarmte.

»Ich werde nächstens die Herren in einer dieser Stellungen, die jetzt an der Tagesordnung sind, photographieren!« rief Terka mit leichtem Spott.

Teleki löste sich sanft und verabschiedete sich schnell.

»Meinen Gruß an die Damen!« rief ihm Frau von Illosvai nach.

Dann trat sie zu Batthyany und streichelte ihn.

Er schmollte eigentlich mit ihr, weil sie heute in dem prachtvollen rosaen Morgenkleide mit den Brüsseler Spitzen, das er ihr geschenkt hatte, am gemeinsamen Frühstückstische gesessen hatte.

Er verließ sich zwar vollständig auf den künftigen Lenker der auswärtigen Angelegenheiten Österreich-Ungarns. Er war aber doch sehr mit sich zufrieden, daß er ihn auf die Brautschau geschickt hatte.

Mit einem eigentümlichen, fast listigen Lächeln führte er Terkas Hand an seine Lippen.

Als Bela Teleki in Schloß Karolyi sich melden ließ, waren zunächst nur die Damen anwesend. Der Graf und sein Sohn hatten einen Ausritt unternommen, von dem sie aber jeden Augenblick zurückerwartet wurden.

Die Gräfin empfing den Besucher mit einem verbindlichen Lächeln in ihrem schwermütigen Gesicht. Sie war heute gesprächiger als sonst und richtete an ihn mit südländischer Lebhaftigkeit eine ganze Reihe Fragen.

Von der Komtesse empfing Teleki heute einen etwas anderen Eindruck als er ihn seit der ersten Begegnung im Gedächtnis hatte.

Er fragte sich im stillen, ob er sie seit der Empfehlung Batthyanys mit anderen Augen sehe.

In ihren Bewegungen und Mienen, in allem, was sie sprach, lag eine seltsame weiche Ruhe. Sie trug ihr Haupt etwas erhoben, ihre Augen hatten einen gütigen Glanz.

Klarika von Bathory war heute blaß und zeigte nicht die Lebhaftigkeit wie bei der ersten Bekanntschaft. Ihre dunklen Augen liefen unruhig hin und her. Zuweilen warf sie einen Blick nach der verwandelten Freundin.

Die Gräfin hatte, wie sie erzählte, die Salome von Hofmannsthal gelesen, was dem Baron Veranlassung gab, einige Worte über den Impressionismus der österreichischen Dichter zu sagen.

Er sprach fließend und lebhaft; jeder mußte wünschen, ihn auf dem Lehrstuhle der akademischen Jugend oder am Vortragspult zu sehen.

Klarika fragte, ob er Rainer Maria Rilke zu den Impressionisten zähle.

Teleki nickte lebhaft. »Bei ihm haben Sie den Übergang zu stärker bewegtem Ausdrucke des inneren Anteils ganz deutlich –«

Er sann einen Augenblick nach und zitierte dann langsam: »Denn nur im Schlafe schaut man solchen Staat und solche Feste solcher Frauen: ihre kleinste Geste ist eine Falte, fallend in Brokat. Sie bauen Stunden auf aus silbernen Gesprächen –«

Er hielt unwillkürlich wie zögernd inne. Da fuhr Klarika in demselben Tone fort: »Und manchmal haben sie die Hände so und du mußt meinen, daß sie irgendwo, wo du nicht hinreichst, sanfte Rosen brechen, die du nicht siehst –«

Etwas unvermittelt sprang er dann, während die Damen noch schwiegen, auf die Novelle »Fannys Nachlaß« von Karman über und warf die Frage auf, ob die mitgeteilten Briefe oder etwa das ganze Werk Fannys eigene Arbeit seien, die Karman nur redigiert und herausgegeben habe –

»In der Literaturstunde wurde uns gesagt«, meinte Klarika nach kurzem Nachdenken, »aus der Einheit des Stils und der Darstellungsweise in anderen Werken Karmans sei die Frage zu verneinen –«

»Aber Gyulai meint auch«, bemerkte die Komtesse, »daß selbst ein sehr gebildetes Mädchen inmitten der Stürme der Leidenschaften nicht so kunstvoll schreiben könnte –«

Die Gräfin lachte herzlich über diese unerwartete literarische Weisheit ihres Töchterchens –

In diesem Augenblicke traten der Graf und Alexander in den Salon und entschuldigten sich unter lebhafter Begrüßung, daß sie den Baron im Reitanzug empfangen müßten.

Das Gespräch nahm eine andere Wendung und lenkte sich auf politische und dienstliche Angelegenheiten.

Teleki erwähnte hierbei ganz beiläufig den Ministerialsekretär von Zychy.

Der Graf schien das Stichwort aufzufangen und erzählte, daß er diesen jungen Mann, seinen Stiefbruder, als ein heiliges Vermächtnis seiner verehrten Mutter zu betrachten Anlaß habe.

»Ich stehe Ihnen ganz zur Verfügung. Herr Graf« sagte der Baron.

Der Graf dankte durch eine stumme Verneigung und sah zur Gräfin hinüber.

Wilma warf Teleki einen warmen dankbaren Blick zu, während Klarika nicht zu wissen schien, worum es sich bei der Erwähnung Zychys handelte.

Als der Baron aufbrach, fragte die Gräfin, wie lange er noch bei seinem Onkel sich aufhalten werde.

»Wir hoffen Sie noch bei uns zu sehen« sagte sie, während er ihr zum Abschied die Hand küßte.

Als der Baron sich von den jungen Damen verabschiedete, fiel dem Grafen zum ersten Male das veränderte Wesen seiner Tochter auf. Er war betroffen und sah Klarika fragend an. Nun bemerkte er auch deren eigentümliche Stimmung.

Der Baron blieb einige Augenblicke vor der Komtesse stehen und sprach lebhaft auf sie ein. Dann machte er auch Klarika, die etwas abseits stand, seine Verbeugung.



Neuntes Kapitel

Teleki stand in tadellosem Frack mit weißer Binde im Zimmer seines Onkels. Sie waren im Begriff nach Schloß Karolyi zu fahren, von wo die Einladung zu einem Sommernachtsball ergangen war.

Der Obergespan machte ein zufriedenes Gesicht und sagte: »Ich habe dir nicht zu viel versprochen, Bela. Du darfst dieses Fest als zu deinen Ehren veranstaltet betrachten!«

Dann besichtigte der Graf die drei schönen Orden, mit denen die Brust des Ministerialrats geschmückt war, und ließ sich eingehend den Anlaß jeder einzelnen Auszeichnung berichten.

Bela erzählte mit Humor drei kleine Geschichtchen, unter denen die Verleihung des preußischen Roten-Adler-Ordens besonders köstlich wirkte.

Mit gewohnter Bescheidenheit verhüllte der Neffe seine Verdienste und wollte den launenhaften Zufall für die Dekorationen verantwortlich machen.

Der Graf schüttelte den Kopf, als wisse er das alles viel besser.

Wie der elegante Staatsmann hier vor ihm stand, glaubte er eine Vorstellung von dem Eindrucke zu haben, den er auf der Rednerbühne des Parlaments oder im engeren Kabinettsrate machen mußte.

»So sehr ich beklage«, begann der alte Herr, »daß du uns in den nächsten Tagen verlassen willst –«

»Stimme uns nicht wehmütig, lieber Onkel –«

»Wir haben noch zehn Minuten Zeit, Bela, ich habe dir etwas zu sagen – setze dich noch einen Augenblick zu mir –«

Onkel und Neffe saßen im Frack nebeneinander auf dem Sofa –

»Siehst du, mein Junge«, erklärte der Graf etwas tiefatmend, »wir Menschen machen alle unsere Fehler. Das heißt, dich möchte ich beinahe nach allem, was ich höre und sehe, ausnehmen. Sei mir nicht böse, wenn ich vom Gelde spreche. Das ist ein Vorrecht des Alters. Ich habe an dir manches gut zu machen. Es wäre meine Pflicht gewesen, dir in den kritischen Jahren einen Zuschuß anzubieten –«

»Aber, bester Onkel –« wehrte Teleki ab.

»Nein, Bela, wir wollen die Sache besprechen. Ich will natürlich nicht sagen, daß du mit einem Zuschusse noch schneller vorwärts gekommen wärst. Aber vielleicht wäre der Weg dir leichter geworden, wie es deine liebe Mutter gewiß gewünscht haben wird. Glaube mir, ich habe einen vollen Begriff von der glänzenden Laufbahn, die dir bevorsteht, und weiß, daß sie recht kostspielig sein kann –«

»Da magst du recht haben!« ließ sich Bela entschlüpfen.

»Glaube mir, ich kenne Wien und kenne die Ministerialstellungen. Ich will keine langen Worte machen. Noch bist du nicht verheiratet oder verlobt. Auch dein Bräutigamsstand wird kostspielig sein. Durch Zufall habe ich gerade in diesen Tagen einen kleinen Betrag hereinbekommen. Laß mich damit einen Anfang machen. Ich weiß, bei dir sind diese Fünfundzwanzigtausend – nur Kronen, Bela, du brauchst nicht zu erschrecken, nicht Gulden – gut angewendet. Ich kann mir dabei sogar einbilden, dem Staate einen Dienst zu leisten – also vor deiner Abreise werde ich dir den Betrag aushändigen – und nun bin ich fertig – das war's, was ich dir sagen wollte – jetzt müssen wir gleich wegfahren –«

Der alte Herr sprang jetzt auf und wollte sich offenbar den Dankesbezeugungen seines Neffen entziehen.

Auch Bela hatte sich erhoben. Er kämpfte, wie man ihm ansah, mit einer inneren Bewegung, die den Vielgewandten tatsächlich nicht zu Worte kommen ließ. Er trat auf seinen Onkel zu, schloß ihn schweigend in seine Arme und küßte ihn herzhaft auf die Wange.

Als die Herren sich dann zum Gehen wandten, rauschte Terka von Illosvai strahlend herein, um sie abzuholen.

Sie trug unter dem weißen Mantel ein Abendkleid aus königsblauer Seide mit einseitig gerafftem Rock; das Unterkleid war aus gleichfarbiger Seidengaze mit Chinchilla-Umrandung.

Mit beiden Händen den Mantel etwas zurückschlagend, präsentierte sie sich lächelnd den Herren.

Bela war sichtlich überrascht und drückte seine stumme Bewunderung in einer galanten Verbeugung aus.

Der Graf hatte für diesen Toilettenaufwand ein stillvergnügtes Lächeln. Selbst in aller Gutmütigkeit hoffte er, daß die Erfolge, die Bela heute abend bei der Jugend davontragen sollte, seine Freundin etwas abkühlen würden.

Terka schien von dieser kleinen Bosheit des Grafen keine Ahnung zu haben.

Sie hatte wohl in ihrem Spiegel gesehen, daß sie heute einen glänzenden Tag hatte und es in ihren schönen Formen mit mancher mädchenhaften Erscheinung aufnehmen konnte.

Sie war deshalb in ausgezeichneter Stimmung und ausgelassen lustig.

Sie wußte, daß ihr helles Lachen, das ihre vollen Lippen und ihre schönen weißen Zähne zeigte, die Herren entzücken konnte, zumal, wenn sie, wie so oft, mit ihren blauen Augen treuherzig und harmlos dreinzuschauen vermochte.

So gestaltete sich schon die Wagenfahrt zu dreien zu einem für alle Beteiligte belustigenden Vorspiele des vielversprechenden Abends.

Einen gewissen Höhepunkt erreichte es, als Terka in tollem Übermute bei der Fahrt durch das Dorf kleine Geldmünzen unter die gaffenden und grüßenden Landkinder warf, die sich hinter dem dahinrasenden Wagen im aufgewirbelten Straßenstaube darum rauften.

Schloß Karolyi flutete in einem Lichtmeere.

Die entzückenden elektrischen Beleuchtungseffekte im Parke und auf der breiten Estrade, von der die Marmorfreitreppe herabführte, kontrastierten wunderbar mit dem milden Lichte der schönen Sommernacht.

In dem glänzenden, in Blau und Gold gehaltenen Bankettsaale, wo sich die Lichter in Tausenden von Prismen brachen, bewegte sich eine auserwählte Gesellschaft von Damen in Balltoilette und Herren in Frack und Uniform in lebhaftem Geplauder hin und her.

Schöne Frauen mit vollen reifen Formen, die der tiefe Ausschnitt der Taille verriet, sandten lebensfrohe, verlangende, schmachtende Blicke aus ihren dunklen und hellen Augen in Nähe und Ferne.

Junge Mädchen mit anmutiger biegsamer Gestalt scherzten in Harmlosigkeit oder blickten mit neugierigem Erstaunen in den festlichen Glanz.

In den Toiletten herrschte die weiße Farbe in Seide und prächtig gesticktem Batist vor. Rosa, Himmelblau, Meergrün und flammendes Gelb leuchteten dazwischen. Darüber ergoß sich ein immer bewegtes, immer verändertes Bukett von flimmernden Demanten und Brillanten.

Gräfin Karolyi trug ein Kleid von leichtem erdbeerfarbenen Spiegelsamt mit Unterkleid aus Filetspitzen und hängenden Spitzenärmeln, und machte in ihrer gemessenen Ruhe einen wahrhaft fürstlichen Eindruck.

Unter den Herren sah man eine Reihe stattlicher Erscheinungen mit gebräunten männlichen Zügen, feurigen leidenschaftlichen Augen und schwarzem Haar und Bart.

Fast die ganze aristokratische Gesellschaft der Stadt und Umgebung war versammelt.

Da sah man die schöne Frau von Bernolak, die Witwe eines Generals, mit ihren drei reizenden Töchtern.

Der Gutsnachbar von Tesar mit seinem eingebildeten Sohne Arpad, einem leichtfertigen Mädchenjäger, fehlte nicht.

Doktor Ottokar von Bogsch, der einzige adlige Mediziner im Komitat, war mit seiner Frau, einer Bürgerlichen aus Kassa, geladen.

Von Beamten sah man den Finanzdirektor von Doba und den Obernotar von Szirmai mit ihren Frauen und Töchtern.

Der junge Bezirksrichter Roland von Kosma war immer gern gesehen.

Aus der nächsten Garnison waren einige jüngere schneidige Offiziere, die als flotte Tänzer bekannt waren, herübergekommen.

Vorherrschend war der Landadel des Komitats, der auf seinen kleinen Gütern saß und den Erlös der Tabaksernte gern in Budapest verzehrte.

Dazu gehörten die Familien von Sikabory, von Nadadrar und von Kistelek, die teils jüngere Söhne, teils jüngere Töchter hatten, die mit der Komtesse im gleichen Alter waren.

Auch bürgerliche Herren fehlten nicht, unter ihnen die Advokaten Armand Nynoi und Ladislaus Töry, zwei unzertrennliche Junggesellen von sympathischem Äußeren, die als unterhaltende Gesellschafter beliebt waren.

Die Aufmerksamkeit des Abends bildete Baron Bela Teleki, der sich, soviel es möglich war, mit liebenswürdiger Bescheidenheit den lauten und stummen Huldigungen, die ihm mehr unwillkürlich als absichtlich erwiesen wurden, zu entziehen suchte.

Der ungarische Nationalstolz fühlte sich geschmeichelt, daß einer der Seinigen zu dem höchsten Amte in der Monarchie ausersehen war. Ein Zug vaterländischer Begeisterung durchwehte diesen eigenartigen Sommernachtsball.

Als die anfangs auf der Estrade spielende Zigeunerkapelle ihre Geigen von neuem ertönen ließ, fiel dem Baron fast selbstverständlich die Rolle zu, die Polonäse zu führen.

Er engagierte die Komtesse, die in ihrem weißen Kleide von Tüll mit kostbaren Spitzen über rosafarbenem Taft einen lieblichen Eindruck machte, und erklärte galant, daß er als Fremdling in den Räumen des Schlosses nur mit ihrem Beistande seine Aufgabe zu lösen vermöchte.

Einige Paare hinter ihnen folgten Fräulein von Bathory in meergrüner Seide mit Skunksverbrämung und Graf Alexander.

Die unausgesprochene Idee des Barons, die Polonäse durch den Park zu führen, die er mit einer überraschenden Wendung zur Ausführung brachte, löste freudigen Beifall aus.

Einem Elfenreigen vergleichbar, schlang sich die anmutige, farbig blühende Kette der Damen durch das Grün der Wiesen und Bäume.

Schalkhaft ließ Wilma den Baron die unbekannten Pfade und Übergänge erraten, jedoch immer zur rechten Zeit freundlichen Wink erteilend.

Im entlegenen Teile des Parkes hatte Teleki plötzlich die Kühnheit, sich von seiner etwas überraschten Partnerin zu trennen.

Ein helles Lachen der sich ebenfalls trennenden nächsten Paare folgte seinem Entschlusse.

»Verlieren Sie sich nicht im Labyrinth, Herr Baron!« rief ihm Klarika, sich von Alexander scheidend, hinüber.

»Ich halte den Ariadnefaden in fester Hand, meine Gnädigste!« gab Teleki schlagfertig zurück.

Ein Ruf des Beifalls aus der Herrenreihe folgte seiner Äußerung.

Immer weiter entschwand der Elfenreigen der Damen; gedämpft klang der Zigeunermarsch von ferne herüber.

Teleki führte die Herren den schmalen Fußpfad an dem prächtigen Wasserbecken entlang und bog dann in den dunklen von Taxushecken eingeschlossenen Laubengang ein.

Hier brannten keine elektrischen Flammen, das erleuchtete Schloß war nicht mehr sichtbar; die Richtung des Weges blieb unentschieden.

Die Herren sprachen in den ersten Gliedern der Kette kein Wort.

Lautlos folgten sie dem ebenfalls schweigsamen Baron, immer bemüht, den Takt der gedämpften Musik zu markieren.

Man empfand das Reizvolle der romantischen Situation und fühlte unwillkürlich ein seltenes Vertrauen zu dem unbekannten und doch bekannten Führer.

Nur weiter hinten witzelte ein Komiker über den Schleichweg der Rothäute.

Der Heckengang, in welchen Teleki plötzlich nach links einbog, war noch dunkler und schmaler als der zuerst gewählte Weg.

Ein Gemurmel erhob sich in den mittleren Gliedern der Herrenkette.

Teleki wendete sich um und rief: »Meine Herren, ich bitte um unbedingtes Vertrauen!«

Seltsames Schweigen der Weiterziehenden.

Der schier endlose Laubengang mündete auf einem von dichten Bäumen umgebenen Platz mit vier antiken Statuen, die Teleki zum Gelächter der Herren in scherzhaften Windungen mehrfach umkreisen ließ.

Plötzlich stieg er bei der Jagdgöttin Diana mit der Hirschkuh einige steinerne Stufen zu einer Rotunde empor.

Zu ihrem Erstaunen gewahrten die ersten Kavaliere, daß in einer gegenüberliegenden, durch einen weiten Rasenplatz geschiedenen Rotunde die Damenreihe angelangt war.

Die gegenseitige Wahrnehmung löste freudige Begrüßung aus.

Aber der Elfenreigen schwebte, statt näher, ferner und stieg auf der entgegengesetzten Seite der Rotunde hinab.

Verhaltenes und lautes Lachen heller Mädchenstimmen kündete die feindliche Absicht.

Da führte Teleki entschlossen in einen neuen Heckenweg hinein.

Von dessen anderer Seite her – diese Begegnung blieb allen Tänzern lange unvergeßlich – tauchte plötzlich die helle Damenkette unter Führung der Komtesse in der Ferne auf.

Teleki gab die Parole des Schweigens und leisen Schreitens von Tänzer zu Tänzer weiter, bis die sich ebenfalls vorsichtig nähernden Damen unschlüssig an einem breiten Mittelweg anlangten.

Jetzt trat der Baron mit dem Rufe »Hier Theseus! Wo Ariadne?« plötzlich aus dem Schatten und reichte der Komtesse, die kaum fünf Schritte vor ihm stand und vor Überraschung kein Wort sagen konnte, die Hand.

Ohne zu zaudern oder zu fragen, während Hand um Hand sich mit freudigem Erstaunen wieder erfaßte, bog er den Mittelweg nach links ein, aus dem die vereinten Paare alsbald in die beleuchteten Parkgänge und zum Schlosse zurückgelangten.

Als der Baron im Saale die Polonäse zum Walzer auflöste, wurde »der kühne und unerschrockene Führer in das Unbekannte« mit einem jubelnden Beifall, der nicht enden wollte, überschüttet.

Es gab dann während des Tanzes noch ein unaufhörliches Fragen, ob er wirklich keinerlei Ortskenntnis gehabt habe, was er, die Komtesse feierlich zur Kronzeugin anrufend, verneinte.



Zehntes Kapitel

Daß Teleki ein ausgezeichneter Tänzer sein würde, hatte jedermann, ohne sich den zwingenden Grund eingestehen zu können, vorausgesetzt.

Gleichwohl überraschte er doch in dieser Schar vortrefflicher Tänzer noch so sehr, daß die Paare unwillkürlich stehenblieben, beiseite traten und dem schließlich einzig tanzenden Paare – Teleki und der Komtesse – zusahen.

Wilma, die verkörperte Anmut, schwebte an der Seite des Barons, der alle Vorzüge echter Männlichkeit in seinem Äußeren zu vereinigen schien, wie in seligem Traume dahin.

Dem Beobachter fielen ihre glücklichen Züge auf. Der Graf und die Gräfin tauschten unwillkürlich Blicke aus.

Auch Klarika von Bathory, an einer Säule gelehnt, beobachtete sie aus der Ferne; ihre Mienen verfinsterten sich einige Augenblicke.

Bei einem der nächsten Tänze engagierte der Baron sie selbst. Er fragte sie neckend, ob sie sich nun überzeugt habe, daß er der rote Husarenleutnant von Baden bei Wien nicht sei.

»Nein, davon bin ich noch nicht überzeugt!« erklärte sie mit berückendem Trotz. Dabei konnte man aber an dem Tone ihrer Antwort nicht genau feststellen, ob sie ernstlich oder schalkhaft gemeint sei.

Der Tänzer beugte sich etwas nieder und fragte mit gedämpfter Stimme: »Glauben Sie an Visionen, meine Gnädigste?«

Sie sah ihn fragend an.

»Wissen Sie, was Elsa zu Lohengrin sagt?«

Sie machte erwartungsvolle Mienen.

»Doch ich zuvor schon hatte dich gesehn!« zitierte er.

Sie war betroffen. Sie hatte Wagners Lohengrin in Budapest schon zweimal gehört.

Sie war überrascht, von Teleki ihren eigenen innersten Gedanken ausgesprochen zu hören.

Klarika entfaltete heute den ganzen Zauber ihrer verführerischen Reize.

Ihr leidenschaftliches schönes Gesicht voller gesunder Sinnlichkeit war wunderbar belebt. Glücksverlangen und Lebensfreude leuchteten aus ihren Augen. Der Hauch ihres lachenden Mundes war weich und warm.

Entzückt wiegte sie sich in den Rhythmen des Tanzes. Sie glaubte zu fühlen, daß sie sich ohne, ja wider ihren Willen dem Tänzer in die Arme gab; sie glaubte zu fühlen, daß er sie leise an sich zog.

Die Gedanken gingen ihr einen Augenblick wirr durcheinander; so sehr war sie überrascht. Sie hatte gewähnt, der Baron bevorzuge ihre Freundin. Sie hatte sogar gefunden, daß das Paar sehr gut zusammenpasse.

Jetzt glaubte sie zu begreifen, daß Teleki als Gast in Schloß Karolyi der Komtesse gewisse Aufmerksamkeiten schuldig war.

Frau von Illosvai war, wie immer, von einer Anzahl Verehrern umgeben, die sie in ihrer etwas oberflächlichen Art in Atem hielt.

Daß Bela von den jüngeren Damen umschwärmt wurde, hatte sie wohl kaum anders erwartet und tat ihrer fast ausgelassenen Heiterkeit keinen Eintrag.

Ein aufmerksamer Beobachter konnte aber bemerken, daß sie bei allem Plaudern und Scherzen, selbst durch die Federn des Fächers hindurch, den Baron und seine Partnerinnen kaum aus den Augen verlor.

Allein ihre Stimmung blieb eine vortreffliche. Sie lächelte oft stillvergnügt vor sich hin und wußte, daß Teleki auch ihr am heutigen Abend noch seinen Arm bieten werde.

Kaum hatte sie den Wunsch in ihren Gedanken gehegt, als der Baron, wie durch eine geheimnisvolle Verbindung angezogen, vor ihr stand und sie ihren Kavalieren entführte.

Der Zigeunerprimas spielte in vorgerückter Zeit die Melodie eines Walzers als schmelzendes Geigensolo. Der Baron setzte den Tanz mit Klarika, zu der er sich später zurückgefunden hatte, nicht aus.

»Schreiben Sie sich von jenen Bathory her«, fragte er, »deren zerfallene Burg Csethe auf der Fahrt von Preßburg nach Sillein sichtbar ist?«

»Wir gehören zu einer Seitenlinie, die auf diese Bathory zurückführt – behauptet wenigstens mein Vater –«

»Haben Sie von jener Elisabeth Bathory gehört –?«

»Von welcher?«

»Die sich immer blühender Jugend erfreute –«

»Welches Zaubermittels bediente sie sich?« lachte die Tänzerin.

»Eines sehr radikalen –«

»Nun?« fragte Klarika –

»Sie verjüngte sich in dem Blute von dreihundert Jungfrauen, die sie – so behauptet die böse Sage – nach und nach töten ließ –«

Klarika lachte lebhaft. Dann wurde sie mit einem Male ganz still.

»Aber die Geschichte ist bald dreihundert Jahre her –« sagte Teleki im Tone trockener Beruhigung.

»Und weshalb wollte Elisabeth Bathory ewige Jugend genießen?« fragte das junge Mädchen nach einer Pause.

»Man sagt«, berichtete der Partner, »weil sie leidenschaftlich liebte und der steten Gegenliebe versichert sein wollte –«

Klarika schwieg und erinnerte sich im Augenblicke, vor Jahren in einem alten Familienbuche von einer anderen Bathory gelesen zu haben, die gleichfalls ihrer leidenschaftlichen Liebe zum Opfer fiel. Fast gedankenlos fragte sie: »Wie sind aber Elisabeth Bathory ihre Blutbäder bekommen?«

»O das ist eine traurige Geschichte!« erklärte der Baron, nun selber ernst geworden. »Sie starb, wie es heißt, im Gefängnis –«

Das Paar setzte noch immer nicht aus. Wieder stellten sich vereinzelt bewundernde Zuschauer auf.

»Ich höre von der Komtesse, daß Sie abreisen wollen?«

Sie bejahte. »Ich bin nun fast sechs Wochen hier und erhalte von zu Hause Briefe, die mich heim verlangen –«

»Auch meine glücklichen Tage sind hier gezählt – wann reisen Sie, gnädiges Fräulein?«

»Übermorgen – so haben wir geplant –«

»Mit welchem Zuge, wenn ich fragen darf?«

»Vormittags zehn Uhr – ein andrer ist nicht möglich –«

»Sie fahren über Budapest?«

»Gewiß –«

»Darf ich die Ehre haben, bis Budapest Ihr Reisegefährte zu sein?«

Ihre Blicke begegneten sich. Sie schlug die Augen nieder. »Ich kann Sie nicht hindern, mit mir in demselben Zuge zu fahren« antwortete sie leise.

In der großen Tanzpause, die eingetreten war, wurde in verschiedenen Salons Champagner gereicht.

In einem derselben gruppierten sich die Herren um den künftigen Diplomaten und lenkten in höflicher Weise das Gespräch auf politische Gegenstände.

Der Obergespan näherte sich seinem Neffen und flüsterte ihm unbemerkt zu, daß die Gesellschaft von ihm eine politische Erklärung erwarte.

Teleki stand an dem elfenbeinfarbigen Kamin. Er hatte sein Glas auf den Rand gestellt und lehnte seinen rechten Arm auf.

Er schwieg einige Augenblicke, als höre er dem Gespräche der Umstehenden zu.

Dann richtete er sich plötzlich auf und sagte mit fester Stimme folgendes: »Meine hohen Herren!«

Im Augenblick herrschte lautlose Stille.

»Es ist Ihnen allen gegenwärtig«, begann er, »daß es unter der Mitwirkung hervorragender ungarischer Staatsmänner gelang, das segensreiche Zusammenwirken zwischen Krone und Nation sowie zwischen dem ungarischen Staate und den übrigen Königreichen und Ländern auf einer dauernden Grundlage zu sichern und dadurch Mißverständnisse zu beseitigen, die uns Jahrhunderte hindurch beunruhigten –«

Der verheißungsvolle Eingang fesselte aller Aufmerksamkeit an den interessanten Redner –

»Wenn wir jetzt in die Zukunft blicken«, fuhr er fort, »so richten sich unsere Augen unwillkürlich hinüber nach Deutschland –«

Er hielt einen Augenblick inne, als habe er die Bewegung der Überraschung erwartet, die die Gruppen durchlief.

»Deutsche und Ungarn«, sagte er mit erhobener Stimme, »waren seit Jahrhunderten, man kann sagen seit Begründung des ungarischen Königreichs, immer in ihren Interessen aufeinander angewiesen. Schon Stephan der Heilige erkannte die Richtigkeit dieses Grundsatzes. Unter ihm kamen deutsche Ritter, deutsche Mönche ins Land und deutsche Bürger, die hier blühende Städte gründeten. Der Gedanke, daß die Interessen Ungarns mit denen Deutschlands eng verknüpft sind, kam sofort nach Wiederherstellung unserer Verfassung zum Ausdruck. Auch der große Koloman Tisza betonte, daß Österreich sich nicht mehr danach sehnen dürfe, in den deutschen Staatenbund zurückzutreten, wohl aber mit ihm in freundschaftlichen Bundesbeziehungen zu leben.«

Der Name Tisza löste in den Zuhörern freudige Zustimmung aus –

»Es ist das Werk weiland Grafen Julius Andrassys, der sich hierdurch unvergängliche Verdienste um Thron und Vaterland erworben hat, daß er das Bündnis mit Deutschland abschloß –«

Die Beifallskundgebungen steigerten sich –

»Meine hohen Herren« – so kam der Redner zum Schlusse – »am Horizont des politischen Himmels steigen im Osten drohende Gewitterwolken auf. Es ist keine bloße Mutmaßung, von der ich spreche. Es handelt sich um Tatsachen ernster Art, wenn ich sie Ihnen auch nur andeuten darf. Wenn aber, meine geehrten Herren, der Riesenkampf um Europas Kultur – um einen solchen Kampf wird es sich handeln – von Osten her entbrennen wird, dann lassen Sie uns mit der unerschütterlichen Bundestreue zu unseren natürlichen Verbündeten stehen. Nur dann kann der Sieg, der Europas Schicksal entscheidet, errungen werden! In diesem Sinne, meine sehr geehrten hohen Herren!«

Teleki hatte mit einer glücklichen Energie gesprochen. An den Türen des Zimmers hatten sich die jüngeren Herren mit ihren Damen als aufmerksame Zuhörer aufgestellt. Die ganze festliche Versammlung war gruppiert.

Jetzt erhob Teleki das Glas und mit ihm die um ihn versammelten Herren. Ein zündendes Hoch durchbrauste die Räume. Keiner ließ einen Tropfen zurück.

Eine gehobene Stimmung bemächtigte sich der Gemüter. Gedanken und Worte des künftigen Ministers hatten begeistert. Mutig blitzenden Auges blickte man den angekündigten großen Ereignissen entgegen, deren Herannahen schon mancher gefühlt zu haben glaubte.

Während der lebhaften Debatte, welche die Rede auslöste, nahm der Gastgeber unauffällig Gelegenheit, den Baron in sein Zimmer zu ziehen.

Hier dankte er ihm mit warmen Worten für den politischen Fingerzeig, den er ihnen allen gegeben habe, und der, soweit er die maßgebenden Kreise Ungarns kenne, auf tiefe Sympathien rechnen dürfe.

Daran knüpfte Karolyi noch die schmeichelhafte Bemerkung, wie er und ebenso seine Frau sich glücklich schätzten, daß solche Worte in ihrem Hause gesprochen worden seien.

Dann brachte der Graf das Gespräch auf seinen dem Baron unterstellten Stiefbruder Zychy und versicherte, daß er mit Dankbarkeit vom Obergespan vernommen habe, daß Teleki die gewünschte Vermittlung nicht ablehne.

»Mein Onkel hat Ihnen wohl gesagt, daß ich einem Wunsch Seiner Exzellenz nachkomme –?« bemerkte der Diplomat.

Der Graf verbeugte sich. Dann trat er an seinen Schreibtisch, dessen Mittelfach er öffnete, um ihm ein schwarzes Portefeuille zu entnehmen.

»Ich höre, daß Sie in den nächsten Tagen Ihre Tätigkeit hier erfolgreich beenden. Ich weiß nicht, ob ich nochmals Gelegenheit zu näherer Aussprache habe, und möchte die Angelegenheit erledigen. Empfangen Sie, bitte, die bewußte Summe zur gütigen Verwendung –«

Damit überreichte der Graf dem Ministerialrate das Portefeuille.

Der Baron hielt es einen Augenblick in der Hand und sagte bedeutungsvoll: »Ich empfange es zur glücklichen Erledigung der Angelegenheit, über die ich umgehend berichten werde –«

Er steckte das Portefeuille zu sich und fragte dann: »Über welche Summe darf ich quittieren –?«

Der Graf wehrte ab und erklärte, daß es dessen zwischen ihnen nicht bedürfe.

Aber Teleki versicherte mit Bestimmtheit, daß es seine Pflicht sei, Quittung zu geben, da es sich um eine halbamtliche Angelegenheit handle.

Die Herren traten an den Schreibtisch, wo der Graf einen Briefbogen auflegte. Der Baron begann zu schreiben. »Also zweiundzwanzigtausend, Herr Graf?«

Karolyi bestätigte.

Unauffällig mischten sich die Herren wieder in die Gesellschaft.

Nur die Komtesse promenierte zufällig am Arme eines jungen Magnaten vorüber und bemerkte, daß ihr Vater mit dem Baron aus dem Zimmer trat.

Teleki begrüßte das Paar und schloß sich ihm für einige Augenblicke an.

In vorgerückter Stunde wurde der Vorschlag gemacht, sich an den Spieltisch zu setzen.

Die animierte Gesellschaft, Herren wie Damen, stimmte freudig zu. Neigung und Stunde waren dem Wagemut, den das Glücksspiel erfordert, günstig.

Man begab sich in das prachtvolle Spielzimmer, das nach dem Muster berühmter Spielsäle in feurigem Rot und mit allegorischen Fresken ausgestattet war.

Hier stand ein wundervolles großes italienisches Roulette, um welches sich bald fast die ganze Gesellschaft, zum Teil als Spieler, teilweise als Zuschauer, gruppierte.

Die Bank übernahm der alte Baron von Bartha, ein seltsamer Herr mit schwarzer Perücke, in dessen verlebten Gesichtszügen die Spielleidenschaft ihre Zeichen eingeschrieben hatte. Bald klangen die monotonen Rufe des Bankiers und der Croupiers, deren Rolle zwei jüngere Herren markierten, mit Regelmäßigkeit durch den Saal.

Die Einsätze und Umsätze waren anfangs niedrig, steigerten sich aber zusehends schnell, während die Lakaien auch hier Champagner auftrugen.

Nach und nach setzten sich Gewohnheitsspieler, ältere Herren und Damen, an das Roulette und verfolgten, je von Zuschauergruppen umdrängt, mit Berechnung den Lauf der Glückskugel.

Dazwischen wagten Anfänger, junge Damen und Herren in harmlosem Flirt, zaghaft und klopfenden Herzens den Mindestbetrag.

Einzelne Spieler häuften allmählich einen Betrag von Münzen und Scheinen vor sich auf. Aber die alte Erfahrung bewährte sich auch hier, daß der Bankier mit großem endgültigen Gewinn arbeitet. Der Barbetrag, den er sammelte, wuchs immer höher.

Teleki beteiligte sich nicht am Spiele, sondern plauderte angeregt in einem Kreise ihn umgebender Damen und Herren.

Sein Onkel trat zu ihm und fragte ihn, ob er nicht sein Glück versuchen wollte. Der Neffe zeigte keine Neigung.

»Ich weiß nicht«, flüsterte ihm der Obergespan zu, »ob man nicht von dir erwartet –«

Der Baron sah ihn fragend an.

»Der Diplomat muß Mut und Glück zeigen! Du hast das neulich selbst behauptet. Auch Terka stimmte dir bei. Man nimmt es als Vorbedeutung!« sagte der Graf leise, indem er vorüberging.

Nach einigem Zögern trat Teleki an den Spieltisch. Eine Schar junger Herren und Damen folgte ihm auf dem Fuß und hielt sich in seiner Nähe. Er erkannte, daß man sein Glück tatsächlich beobachten wolle.

Er machte einige gleichgültige niedrige Einsätze, die teils verloren gingen, teils gewannen.

Bald setzte er fünfzig und hundert Kronen als Einsatz. Meist verlor er. Aber er erregte die Aufmerksamkeit des Bankiers und der Croupiers.

Seine Beteiligung gab dem Spiel einen neuen Reiz. Die Pointeure erhöhten unwillkürlich ihre Einsätze. Der Bankier türmte immer neue Schätze vor sich hin.

Teleki setzte tausend Kronen auf Noir. Dieser Einsatz überraschte. Man flüsterte. Er verlor.

Der Obergespan trat hinzu und erkundigte sich nach dem Erfolge. Er schüttelte mit dem Kopf und ermutigte seinen Neffen.

In einiger Entfernung spielte heiter Frau von Illosvai, von mehreren Kavalieren umgeben, mit fast immer gleichem Glücke.

Teleki beobachtete eine Zeitlang das Spiel, dann besetzte er abermals Noir mit tausend Kronen. Sie gingen wieder verloren. Mit gleichgültigem Gesicht heimste Baron von Bartha den Gewinn ein.

Die Zuschauer schienen etwas enttäuscht das Spielglück des Diplomaten zu besprechen.

Teleki setzte abermals tausend Kronen, diesmal auf Zero.

Der zunächst sitzende Croupier machte eine Bewegung der Überraschung nach dem Bankier hin, der nicht mit der Wimper zuckte.

Die Kugel lief. Atemlos verfolgten die einzelnen Gruppen ihren Lauf.

Ein Ausruf allgemeiner Überraschung. Die Kugel war in die Null gefallen.

Die jungen Herrschaften beglückwünschten den Gewinner.

Gleichgültig zahlte der Bankier den sechsunddreißigfachen Satz aus. Aber ein Blitz seiner grauen Augen traf den Baron.

Dieser besetzte im folgenden einige Felder und Nummern gleichzeitig mit kleineren Beträgen.

Plötzlich stand die Komtesse rechts von ihm und ließ sich seine Sätze erklären.

Er belegte die Nummer Siebzehn mit tausend Kronen. Die Kugel fiel in das schwarze Feld auf die Neun.

Er zahlte fast seinen ganzen Gewinn zurück.

Komtesse Wilma blieb neben ihm stehen. Er spielte weiter in kleineren und mittleren Sätzen. Er verlor unausgesetzt.

Von dem unteren Ende des Spieltisches schallte das silberhelle Lachen der Frau von Illosvai herüber, die abermals gewonnen hatte.

Die Komtesse war betreten, bedauerte, daß ihre Gegenwart ihm das Unglück bringe, und entfernte sich, obwohl er sie zum Bleiben aufforderte.

Sie ging um das Roulette herum und nahm etwa schräg gegenüber von ihm Aufstellung, sein Spiel unauffällig aus der Ferne beobachtend.

Teleki wollte den Spieltisch verlassen, als plötzlich Klarika von Bathory den Platz der Komtesse eingenommen hatte. Wie aus dem Boden gewachsen stand sie neben ihm.

Ihre Blicke begegneten sich, ohne daß ihr Mund etwas sprach. Er blieb und spielte, ebenfalls schweigsam, weiter. Der Erfolg war geteilt. In einem plötzlichen Entschluß warf er dreitausend Kronen hin und besetzte die Achtzehn.

Der Croupier sah abermals den Bankier fragend an. Dieser nickte, ohne ein Wort zu sagen, und strich die Scheine ein.

Eine große Bewegung hatte sich der Gesellschaft bemächtigt. Klarika, die etwas vom Spiele verstand, fühlte ein gelindes Zittern. Keine Brust wagte zu atmen, als die Kugel rollte.

Sie rollte und rollte. An der Vierzehn und Fünfzehn lief sie vorüber, an der Sechzehn schien sie halt zumachen, aber sie kam noch bis zur Siebzehn, die Teleki bei dem früheren Spiele besetzt hatte.

Schon taumelte die Kugel in die Siebzehn hinein, als sie eine neue geheimnisvolle geringe Bewegung aus sich selbst zu erhalten schien und in die Achtzehn fiel.

Ein Augenblick der Überraschung ließ keinen Laut aufkommen. Dann löste sich das Schweigen in Erstaunen, beifälliges Murmeln und lebhafte Rufe.

Der Baron mit der Perücke erhob sich und erklärte: »Die Bank ist gesprengt!«

Allgemeine Überraschung aufs neue.

Der Bankier zahlte einhundertachttausend Kronen aus, die er zu einem Teile seinem besonderen Portefeuille entnahm.

Teleki strich gleichmütig und langsam das Geld ein, während der Obergespan aufgeregt hinter ihm auf und ab lief.

Das Spiel war beendet.

Teleki und Klarika wechselten einen Blick des Einverständnisses. Niemand außer Wilma hatte ihn gesehen.

Ihr Herz krampfte sich zusammen. Aber sie beherrschte sich und mischte sich in den Strom der Gäste, die aufbrechend und lärmend in den Empfangssalon zurückfluteten. Die Musik schloß mit einer schmetternden Fanfare.



Elftes Kapitel

An einem Oktobermorgen kurz vor acht Uhr traten in ein Haus am Franz-Josephs-Kai in Wien zwei Zivilisten, denen der Kenner einen amtlichen Charakter angemerkt hätte.

Im ersten Stockwerk war an der Tür ein Schild mit dem Namen Zelinka angebracht; hier klingelten sie.

Ein junges, kaum den Kinderschuhen entwachsenes Dienstmädchen mit noch verschlafenen Augen öffnete und fragte durch den Türspalt mürrisch, was gewünscht werde.

Einer der Männer erkundigte sich, ob hier ein Herr, dessen Namen er nannte, wohne.

Die kleine schüttelte den Kopf und wollte die Tür schließen. Da rief der jüngere Mann mit etwas barscher Stimme: »Sie haben doch vermietet? Wer wohnt bei Ihnen?«

Das eingeschüchterte Mädchen hatte die Tür weiter geöffnet, als ein ältliches, hageres Fräulein im violetten Morgenrock herbeigekommen war, das offenbar die unfreundliche Frage verstanden hatte und energisch erklärte, hier wohne nur Herr von Nazmer und sonst außer ihr weiter niemand.

Die beiden Herren machten der Wohnungsinhaberin eine vertrauliche Eröffnung, sie erschrak.

Fräulein Zelinka forderte die Kriminalbeamten, die sich zu erkennen gegeben hatten, auf, ihr in das Zimmer zu folgen. Dem entsprach aber nur der ältere, während der jüngere im Vorsaal verblieb und sich in einen bequemen Korbstuhl setzte.

Der Beamte fragte, seit wann der Herr von Nazmer hier wohne, was er betreibe und von welchen Einkünften er lebe.

Dann ließ er sich seine Person beschreiben, worauf er erklärte, es liege kein Irrtum vor, der angebliche von Nazmer sei der Gesuchte.

Dabei zog er aus seiner Brusttasche ein Notizbuch, dem er eine Photographie in Visitenkartenformat entnahm.

»Da schauen Sie, Fräulein Zelinka,« sagte er gefällig, »ist das nicht Ihr Herr von Nazmer, wie er leibt und lebt? Er wird sich in den paar Jahren wenig verändert haben.«

Das Fräulein schien nicht zu hören und fragte nur mit starren Augen: »was hat er begangen? Gestohlen?«

Wachtmeister Eichlinger schüttelte den Kopf. »Nein, das macht er ganz selten, nur in der Not. Hochstapler ist er.«

Dabei zeigte er nochmal die Photographie: »Schauen Sie, Fräulein Zelinka, hier steht's: Betrüger und Hochstapler! Ist er Ihnen etwas schuldig? Hat er Sie angeborgt?«

»Gott bewahre!« wehrte sie fast beleidigt ab. »Er hat die Miete für den ganzen Monat im voraus bezahlt und für die Auslagen ein reichliches Berechnungsgeld gegeben –«

Eichlinger ließ sich die Zimmer beschreiben, die der angebliche Nazmer innehatte, und erfuhr, daß Schlafzimmer und Wohnzimmer nach dem Vorsaal zu des Nachts von innen verschlossen zu sein pflegten, dagegen die Tür zum Salon zugängig sei, aus dem man durch das Zwischenzimmer in den Schlafraum gelangen könnte.

»Amerling, bleiben Sie hier, bis ich Sie rufe!« erklärte Eichlinger halblaut dem Kriminalbeamten im Vorzimmer und öffnete dann die von Fräulein Zelinka bezeichnete Tür.

Durch den Salon, in dem die roten, zu der ganzen vornehmen Einrichtung gestimmten Seidengardinen vorgezogen waren, trat der Wachtmeister in das Wohnzimmer. Hier stand eine leere Weinflasche und ein Glas mit einem Rest Weißwein.

Er horchte an der Schlafstubentür und vernahm ein Schnarchen. Behutsam öffnete er und trat ein.

Leise ging er über den großen weichen Teppich und näherte sich dem Bett. Er konnte ganz nahe herantreten, da das vernehmliche Atmen nicht unterbrochen wurde.

Im Dämmerlicht des Zimmers, das blaue Gardinen verdunkelten, warf der Beamte einen scharfen Blick nach dem Schläfer, den er mit Sicherheit wiedererkannte.

Der Wachtmeister zog langsam die Gardinen des zweiten, vom Bett entfernten Fensters zurück. Das leise Klirren der Ringe und laufen der Schnüre weckten den Schläfer nicht.

Jetzt setzte sich der Beamte auf den Stuhl neben das Bett und sah dem Ausgestreckten nochmals genau ins Gesicht.

Einige lautlose Augenblicke vergingen. Das Licht vom anderen Fenster ließ einen dunklen Männerkopf mit geschlossenen Augen erkennen.

Der Schläfer regte sich jetzt, bewegte den Körper und streckte den einen Arm. Die Augen öffneten sich einzeln, um sich zunächst sofort wieder zu schließen.

Nach einer Weile wurden sie wieder aufgetan, um offen zu bleiben, und nach der Decke gerichtet, wo im Dämmerlicht des Zimmers eine schöne nackte Mädchengestalt, die Füße in einen durchsichtigen grünen See gestreckt, in einer Rosette gemalt sichtbar war. Hier blieben die Augen lange haften.

Plötzlich wendete sich der Erwachte mit einer schnellen Bewegung nach rechts und bemerkte, offenbar durch die Helligkeit überrascht, daß die eine Gardine zurückgezogen war.

Erstaunt sah er sich um, dabei fielen seine Blicke auf den anwesenden Besucher, der ruhig, ihm ins Gesicht blickend, sitzenblieb.

Der Herr im Bett veränderte, während er die Augen zusehends schärfte, sein Gesicht nur wenig.

Fast mechanisch griff er zur Überraschung des Kriminalbeamten, der sich aber beinahe wider Willen nicht rührte, nach dem neben dem Bette stehenden Nachtschränkchen, faßte eine dort liegende elektrische Taschenlampe und leuchtete dem Wachtmeister einen Augenblick ins Gesicht. Das wiederholte er sofort noch einmal.

Schließlich machte er eine fast gleichgültige Miene und sagte: »Aber, Herr Eichlinger –«

»Guten Morgen Herr Györki – haben Sie ausgeschlafen –? fragte der Beamte.

Der Angeredete gähnte und antwortete: »Wenn Sie noch ein Viertelstündchen warten wollten –«

»Sie wissen ja – ich bin rücksichtsvoll – nehmen Sie sich Zeit – entsinnen Sie sich, das letztemal – vor drei Jahren –?«

»Das war auf der Mariahilferstraße –?«

»Ganz richtig. Da waren Sie gerade ins Bad gestiegen – ich ließ Sie aber erst sich ruhig duschen –«

Der Herr stützte sich mit einem Ellbogen auf das Kopfkissen und sagte ruhig: »Schauen Sie, Herr Eichlinger, Sie sind ein sehr begabter Polizeimann. Ich prophezeie Ihnen eine große Karriere, weil Sie sich auf das Seelenleben verstehen. Darauf legen wir großen Wert. Ich hatte vorhin einen wundervollen Traum – ich sage Ihnen, wundervoll –«

»Den müssen Sie mir später erzählen, Herr Györki –«

»Jawohl später«, sagte der Mann in Gedanken. Dann fragte er plötzlich: »Nicht wahr, Herr Eichlinger, Sie sind gekommen, um mich zu holen –?«

»Sonst würde ich mir die Störung schwerlich erlauben –« bemerkte Eichlinger fast respektvoll.

»Ist die Geschichte schon bekannt geworden –?« fragte Györki langsam und sah dem Beamten scharf ins Gesicht.

»Sie liegt etwas zurück, Herr Györki, denken Sie mal fünf Jahre rückwärts und an Baden hier bei Wien –«

Der Herr im Bette machte etwas große Augen: »Deswegen kommen Sie? Wegen dieser alten Geschichte?«

»Es ist Anzeige erstattet worden –«

»Weshalb haben Sie die Sache nicht vor drei Jahren mit angebracht? Sie müssen doch hübsch der Reihe nach gehen. Man kommt ja ganz aus der Ordnung. Im Übrigen ist sie doch verjährt –«

»Ich glaube, es fehlen noch einige Wochen – die Anzeige stammt aus dem Juni –«

Györki hatte sich im Bette wieder behaglich eingerollt.

»Es lohnt eigentlich nicht, daß Sie gekommen sind und mich geweckt haben«; murmelte er halb unter der Decke. »Wollen wir wetten? Aus der Sache wird nichts – in acht Tagen bin ich wieder frei –«

»Ja, so etwas kann unsereins nicht ahnen!« sagte der Beamte gemütlich. Dann sah er nach seiner Uhr und meinte: »Nun müssen Sie aber aufstehen, Herr Györki –«

»Ich bin schon dabei. Ich weiß, Ihre Zeit ist auch kostbar. Sie sind eigentlich ein recht geplagter Mann. Ausschlafen können Sie, glaube ich, selten –«

Damit erhob sich der Herr im Bett; Eichlinger gab ihm seine Strümpfe und Unterwäsche.

»Haben Sie manchmal an mich gedacht, Herr Eichlinger? fragte er beim Anziehen der feinen Strümpfe.

»O ja!«

»Schauen Sie, das ist schön von Ihnen. Ich habe auch an Sie denken müssen –«

»Wo war denn das?«

Györki lachte verschmitzt. »Wenn Sie das wüßten!« Dabei sah er dem hübschen blonden Wachtmeister mit Interesse ins Gesicht.

Dann schlüpfte er in die violetten Unterbeinkleider und sagte ganz ernsthaft: Bitte, klingeln Sie mal nach warmen Mundwasser – ich habe einen merkwürdigen Geschmack auf der Zunge – von dem Kaviar gestern Abend –«

Der Wachtmeister hatte, wie ihm geheißen war, sofort geklingelt und bestellte an der Tür bei der Kleinen einen Krug warmes Wasser.

»Herr Eichlinger, wenn Sie mal Kaviar essen wollen – nebenan steht die Büchse auf dem Fensterbrett – essen Sie in Gottes Namen –«

»Das darf ich ja nicht, Herr Györki –«

»Dürfen Sie nicht? Sie dürfen keinen Kaviar essen? Armer Mann! Ach, Sie denken, ich will Sie aus dem Zimmer schicken? Gott bewahre! Das war ganz unbeabsichtigt. Bleiben Sie nur. Sehen Sie mal zu, wie ein Kavalier Toilette macht –«

Der Wachtmeister nahm dem Mädchen den Wasserkrug ab und setzte ihn auf den Waschtisch – gleichzeitig bestellte er für »Herrn von Nazmer« das Frühstück.

»Herr Eichlinger, wollen Sie nicht meine goldenen Ringe verwahren, damit nichts liegen bleibt? Sehen Sie sich mal den Brillantring an. Ein Geschenk, nicht selbst gekauft.«

Der Wachtmeister zählte die Ringe: »Vier Stück, Herr Györki!« und nahm sie an sich.

»Jawohl,« versicherte Györki ruhig, »vier Stück«. Dann wusch er sich die Brust mit kaltem Wasser. »Das erfrischt und ermuntert!« sagte er beim Abtrocknen.

Der Polizeimann bewunderte im stillen den schön gebauten und muskulösen Körper Györkis.

»Meine goldene Uhr möchte ich auch einmal wiedersehen!« plauderte dieser weiter. »Glauben Sie, daß mein neuer Frack gut gehalten werden wird? Ein solches Kostüm braucht unsereiner sehr nötig.«

Ohne Übereilung machte Niklas Györki seine Morgentoilette und stand bald in einem tadellosen braunen Anzug fertig da. Dann schlürfte er sein Frühstück mit Behaglichkeit und rauchte eine Zigarette.

»Wollen Sie nicht auch ein paar Züge tun?«

»Danke, darf ich nicht!«

»Rauchen dürfen Sie auch nicht? Armer Mann! Haben Sie noch jemanden mit?« erkundigte er sich.

Eichlinger nickte. Er hatte den Schlüsselbund, der auf dem Nachttische lag, an sich genommen und hielt in der geöffneten Tür zwischen Schlaf- und Wohnzimmer prüfende Umschau nach den Effekten Györkis. Er hatte sie zu beschlagnahmen, weil sich unter ihnen wertvolle Beweismittel finden konnten.

»Schuldig bin ich nichts!« erklärte Györki im Hinausgehen, wobei ihm der Beamte höflich den Vortritt ließ. »Was ich vorausbezahlt habe, soll Fräulein Zelinka behalten –«

Theresia Zelinka wurde nicht sichtbar; sie lag verzweifelt auf ihrem Diwan.

Nur das junge Roserl schaute durch einen Spalt der Küchentür fast wehmütig dem scheidenden Zimmerherrn nach, der in diesen wenigen Tagen schon so freigebig mit Trinkgeldern gewesen war.

Auf der Straße versicherte Györki dem Wachtmeister offenherzig, wie gut er seine Sache gemacht habe. »Schade ist nur, Herr Eichlinger, daß nichts dabei herauskommt für Sie! Wir sprechen uns wieder. Sie verdienten einen besseren Erfolg! Glauben Sie mir, ich wäre imstande, für Sie ein besonderes Ding anzustellen, wobei Sie Karriere machen sollten –«

»Der Zukunft soll man nicht vorgreifen!« lachte der Beamte, als sie in den Schotten-Ring einbogen.



Zwölftes Kapitel

Niklas Györki wurde vor den Staatsanwalt geführt.

Er leugnete nicht, sich in der Uniform eines Oberleutnants der roten Husaren im Sommer vor fünf Jahren in Baden aufgehalten und sich Freiherr von Schachen genannt zu haben. Er gab auch zu, näher mit Frau Ferenczy bekannt geworden zu sein.

»Sie sollen ihr stark den Hof gemacht und um sie angehalten haben?« erklärte der Staatsanwaltssubstitut, ein blonder Herr mit klugem Gesicht.

»Die Sache trug sich etwas anders zu« versicherte der Beschuldigte. »Die vielversprechenden Blicke der nicht mehr ganz jungen Witwe, die mir täglich auf einsamen Promenadenwegen zu begegnen wußte, luden mich freundlichst ein, mich zu nähern –«

»Und der Heiratsantrag –?«

»Daß mich ihre Verliebtheit reizte, ihr den Kopf vollends zu verdrehen und ihr die Erfüllung ihres Herzenswunsches vorzugaukeln, kann ich nicht leugnen –«

»Es scheint mir, als hätten Sie selbst hierbei einen anderen, sehr praktischen Zweck verfolgt« bemerkte der Ankläger, ohne sich durch den selbstgefälligen Ton des Hochstaplers stören zu lassen. »Sie sollen ihr nicht weniger als achttausend Kronen abgelockt haben –«

»Verzeihen Sie, das Geld wurde mir freiwillig angeboten –«

»Nachdem Sie Andeutungen über angebliche Schulden gemacht hatten –«

»Angebliche Schulden? O nein, ich hatte sie leider wirklich, diese Schulden, sogar in weit höherem Betrage –«

»Aber es waren nicht die Schulden eines heiratsfähigen Husarenoberleutnants –« sagte der Substitut sehr bestimmt.

»Allerdings nicht –«

»Sie werden wohl zugeben müssen, daß damit ein maßgebender Unterschied vorlag. Einem verschuldeten Offizier, den sie zu heiraten gedachte, konnte Frau Ferenczy achttausend Kronen zu leihen sich entschließen –«

»Nicht zu leihen, Herr Staatsanwalt! Frau Ferenczy verzichtete ausdrücklich auf jede Rückzahlung – sie zerriß den Schuldschein vor meinen Augen –«

»Offenbar, weil sie der Heirat gewiß war –«

»Ich behaupte, Frau Ferenczy hat mich um meiner selbst willen geliebt. Verzeihen Sie diese Anmaßung. Sie rechnete gar nicht mit einer Eheschließung, ihr genügte die Gegenwart. Sie war eine sehr leidenschaftliche Dame –«

Der Staatsanwalt, eine mittelgroße Erscheinung, war aufgestanden und ging mit verschränkten Armen auf und ab. Jetzt blieb er stehen und dachte nach, ob die Darstellung des Beschuldigten etwa die Anklage wegen Betrugs gefährden könne –

»Sie wollen doch nicht glauben machen –?« wehrte er zu seiner Beruhigung diese Verteidigung ab.

»Da möchte ich zu meiner Rechtfertigung doch noch mehr ausplaudern, Herr Staatsanwalt! In meiner Lage wäre Diskretion, die ich sonst schätze, Selbstmord. Eines Abends saß ich bei ihr am Flügel und sang –«

»Sie singen auch?« warf der Ankläger ein, um Györki zu unterbrechen.

»Jawohl. Ich bin Tenorist. Also ich sang das Lied aus dem Bettelstudenten: ›Ich setz' den Fall, ich wär' durchaus nicht hochgeboren‹ – Sie kennen Text und Melodie . . .?«

»Etwas veraltet!« bemerkte Staatsanwalt Sperl sehr kühl.

»Aber immer noch wirkungsvoll!« parierte der Hochstapler. »Als ich ausgesungen hatte, fiel mir Frau Julia um den Hals und versicherte, sie liebe mich so rasend und werde mich ewig lieben, auch wenn ich selbst, wie es im Liede heiße, ein Schwindler wäre –«

»Das sagte sie?«

»Wörtlich, Herr Staatsanwalt! Sie sagte wörtlich: Schwindler! Ich habe für solche Ausdrücke ein gutes Gedächtnis. Und an dem nämlichen Abend zerriß sie den Schuldschein –«

Der Staatsanwalt zog einen schiefen Mund. »Aber wenn sie gewußt hätte«, sagte er nach kurzem Schweigen, »daß Sie schon dreimal wegen Betrugs und zum Teil empfindlich vorbestraft sind –«

»Man muß die Einzelheiten des Falles würdigen, Herr Staatsanwalt! Das wissen Sie als Jurist am besten –«

Doktor Sperl mußte lächeln über die Unverfrorenheit dieses Betrügers, der ihn wider seinen Willen gegen Frau Ferenczy einnahm.

»Das hob vor drei Jahren Ihr Herr Amtsgenosse in seinem ausgezeichneten Plädoyer ausdrücklich hervor – ich höre ihn noch – er hatte eine sehr klangvolle Stimme. Bei meinen Vorgängen liegen die Umstände ganz eigentümlich – ich glaube, wenn ich sie Frau Ferenczy geschildert hätte –«

»Was glauben Sie?« sagte der Staatsanwalt ungeduldig.

»Sie war außerordentlich vermögend – und aus dem Urteile der Menschen machte sie sich damals nicht das geringste. Sie hat mich ja auch selbst nicht angezeigt. Jetzt liegt, wie ich höre, Denunziation einer ganz Unbeteiligten vor. Also ich behaupte, Frau Ferenczy hätte mich trotz meiner Schicksale geliebt und auch geheiratet – ja sie hätte – sie ist sehr religiös – gemeint, an mir ein frommes Werk zu tun – mich auf den guten Weg zu bringen –«

Der Stellvertreter fühlte mit Verstimmung den sensationellen Fall sich seinen Händen entwinden. »Aber Sie selber«, fiel er nicht ohne Schärfe ein, »dachten doch gar nicht daran, ihr treu zu bleiben oder gar sie zu heiraten –«

»Mit welchen Gründen wollen Sie das behaupten, Herr Staatsanwalt? Ich versichere vielmehr, daß ich mich für das an mir geübte Rettungswerk zweifellos dankbar erwiesen und mich zu einer zum mindesten vorübergehenden gesetzmäßigen Verbindung sehr wohl verstanden hätte – und wer kann sagen, was dann geschehen wäre –?«

Doktor Sperl schloß für heute das Verhör, weil er fühlte, daß er dem Hochstapler, der alle seine Einwände ruhig, ohne Übertreibung und mit einer gewissen Liebenswürdigkeit vortrug, vorläufig wenigstens nicht gewachsen war.

Der Staatsanwaltsvertreter Sperl galt als ein begabter Beamter mit gutem Stil und eindringlicher Redegabe. Man sagte ihm allgemein eine erfolgreiche Laufbahn voraus. Dabei kannte man seine besondere Neigung für kriminalpsychologische Studien, mit welchen er auch literarisch hervorgetreten war.

Mit Leib und Seele Kriminalist, setzte er, wie er selbst sagte, seine Lebensarbeit darein, die Eigentümlichkeiten der Verbrecherseele zu enträtseln, darzulegen und begreiflich zu machen. Er war aber noch zu jung und mußte noch reifen; vor allem fehlte ihm die Erfahrung am lebenden Objekt.

Als ihn der Oberstaatsanwalt Preminger, der ihm wohlwollte, mit dem Fall Györki betraute, fügte er lächelnd hinzu: »Zur Bereicherung Ihrer kriminalpsychologischen Erfahrung, die uns anderen hoffentlich auch zugute kommt!«

Einem älteren Kollegen, Staatsanwalt Doktor Byloff, der den Fall Györki nicht ohne Neid in den Händen des Jüngeren wußte, hatte er vielleicht etwas kühn versichert: »Ich habe die Vorakten Györki studiert. Wenn ich mich nicht täusche, ist er ein seltener Typus des geborenen Hochstaplers. An seiner Person hoffe ich bahnbrechende Entdeckungen in der Verbrecherpsyche zu machen!«

Um so niedergeschlagener war Doktor Sperl nach der ersten Begegnung mit dem Verbrecher.

Was ihm Frau Ferenczy, die er als Zeugin vorgeladen hatte, offenbarte, war wenig dazu angetan, seine gesunkenen Hoffnungen zu beleben.

Die nunmehr fast fünfzigjährige Witwe von etwas hagerer Erscheinung mit hellblonder, auffälliger Perücke und falschen Zähnen bekannte sich tatsächlich als das Opfer einer boshaften weiblichen Rache. Eine Hausbewohnerin, mit der sie sich überworfen hatte, wollte sie öffentlich bloßstellen und aus dem Hause drängen.

Die Bankierswitwe hatte sich in dieser unangenehmen Lage ihrem Rechtsbeistand, dem Hof- und Gerichtsadvokaten Doktor Ricke, offenbart. Sie fragte ihn, ob sie nicht alles ableugnen oder ihr Zeugnis verweigern dürfe.

Er klärte sie über die gesetzlichen Bestimmungen auf und sprach die Befürchtung aus, daß der Tatbestand auch ohne ihre Mitwirkung festgestellt werden könne.

Frau Professor Collina, so hieß die boshafte Angeberin in der Leopold-Ernst-Straße, hatte zweifellos für Namhaftmachung von Zeugen gesorgt. »Und große Hochstapler«, setzte Doktor Ricke bedenklich hinzu, »verblüffen manchmal durch ihren Wahrheitsfanatismus!«

Julia Ferenczy hätte Tausende ihres Vermögens geopfert, wenn sie dieser gerichtlichen Angelegenheit entgehen konnte.

Der kleine Advokat mit dem gewölbten Rücken, den sie, bevor sie selbst beim Staatsanwalt erschien, ins Gefecht schickte, richtete nichts aus. Doktor Sperl witterte etwas und verabschiedete ihn kühl, da er es nur mit der Zeugin selbst zu tun habe.

Aber der kluge und empfindliche Advokat kannte die Rechtsprechung und klärte etwas umständlich und mit aller Vorsicht seine Klientin auf, wie nach seiner Meinung die Erhebung der öffentlichen Klage vielleicht vermieden werden könnte.

Frau Julia Ferenczy geborene Zucker errötete noch unter der Schminke, als sie begriffen hatte, worauf es ankam. Dem Rechtsbeistand sagte sie kein Wort weiter, er war auch so zartfühlend, nicht zu fragen. Er ahnte wohl aber in der Tiefe seines Herzens ihre Entschließung, als sie sichtlich erleichtert davon tänzelte.

Doktor Sperl fiel aus allen kriminalistischen Himmeln, als die Zeugin jeden Einwand des Beschuldigten bestätigte. Sie versicherte lächelnd, daß sie auf eine Heirat wegen des Altersunterschiedes nicht im entferntesten gerechnet und daß sie vor fünf Jahren tatsächlich aus leidenschaftlicher, von praktischen Nebenabsichten ganz unbeeinflußter Neigung gehandelt habe.

Sie gab die Vernichtung der Schuldurkunde zu und mußte auch einräumen, mit welcher Wirkung Györki das Lied aus dem »Bettelstudent« gesungen hatte. »Er hat eine sehr einschmeichelnde, fast schmelzende Stimme!« versicherte sie ganz ernsthaft.

Der Staatsanwalt fragte verzweifelt: »Also Sie würden dem Schwindler die achttausend Kronen gegeben haben, auch wenn Sie sein Vorleben, wie ich es Ihnen eben schilderte, gekannt hätten?«

»Dann wahrscheinlich erst recht, Herr Staatsanwalt«, erklärte die Zeugin theatralisch, »wenn ich ihm ein besseres Fortkommen hätte verschaffen können – ich zahle ansehnliche jährliche Beiträge zur Gefangenenfürsorge. Das tat schon mein seliger Vater – der Hofrat Zucker –«

Doktor Sperl glaubte nicht recht zu hören. »Aber würden Sie wirklich mit diesem vorbestraften Mann überhaupt verkehrt haben –?«

Julia errötete abermals unter der Schminke und senkte den Blick zu Boden: »Ich habe ihn namenlos geliebt, Herr Staatsanwalt!«

»Er behauptet sogar, Sie würden ihn trotz seines Vorlebens geheiratet haben –?« fragte der Substitut nicht ganz höflich.

»Da sagt er wohl die Wahrheit, Herr Staatsanwalt! Und ich wollte, ich hätte mich selber zu diesem Schritte aufgerafft – dann wäre alles anders gekommen –«

Doktor Sperl erstaunte und war um eine kriminalistische Erkenntnis reicher.

»Und nun sagen Sie mir nur noch etwas, gnädige Frau« erklärte er, um sich ein vollständiges Bild zu machen. »Wie war es möglich, daß er Ihnen wochenlang den Offizier vorspiegelte? Ich finde, er hat gar nichts Militärisches an sich –«

»Vielleicht heute nicht mehr, Herr Staatsanwalt. Aber Sie hätten ihn sehen sollen. Glauben Sie mir! Das war nicht meine Meinung allein. Es ließen sich Zeugen stellen, die ihn gesehen haben. Das heißt, ich will natürlich diese Zeugen nicht stellen. Es war eine einzige Stimme in Baden, die ihn für einen vollendeten Kavalier und Husarenoffizier erklärte –«

Julia Ferenczy wurde noch lebhafter, als sie fortfuhr: »Vielleicht ist in solchen Dingen allein das Auge der Frau maßgebend. Und ich hatte viele Neiderinnen; ganz junge, darunter Fünfzehnjährige! Gerade dieser Umstand verleitete mich besonders –«

»Aber ich sollte meinen«, warf der Stellvertreter ein, »daß bei genauerer Bekanntschaft mit ihm sein militärisches Scheinwesen sich enthüllen mußte –«

»Er war auch in seinem näheren Umgange selbst für den Kenner ganz Offizier!« erklärte die Zeugin mit lebhaften Augen. »Er hatte das Natürliche und Frische, das Leichte und Unerfahrene, das Ungelehrte und Ungekünstelte eines jungen Reiteroffiziers. Sein Frohsinn und seine Lebensauffassung erinnerten an die sonnige Landschaft, die dem Reiter gehört, an das Manöverfeld, an das Kasino, an Gesellschaft und Theater –«

»Aber der echte militärische Geist, gnädige Frau? – Sie sprechen, glaub' ich, von Äußerlichkeiten –«

»Er schien auch diesen echten militärischen Geist zu besitzen. Er erzählte von Reitergefechten aus dem Kriege von 1866 und entwickelte mir, welche Aufgabe in einem künftigen Kriege mit Rußland der Kavallerie zufallen würde. Er gab sich als begeisterter ungarischer Offizier mit treuer Anhänglichkeit an Kaiser und Monarchie. Er schwärmte für die Helden der großen ungarischen Zeit und wünschte selbst nichts sehnlicher, als für das Vaterland in den Krieg zu reiten –«

In die Enge getrieben, schloß der Staatsanwaltsvertreter rücksichtsvoll die Vernehmung. Die Zeugin schwebte aus dem Zimmer.

Sie begab sich sofort zu ihrem Advokaten in der Lerchenfelder Straße. Doktor Ricke verdrehte seine grauen Augen über der auf die breite Nase herabgerückten Brille, verzog den bartlosen großen Mund und beglückwünschte sie mit einem merkwürdigen Lächeln zu ihrer Zeugenaussage.



Dreizehntes Kapitel

Staatsanwaltsvertreter Doktor Sperl sah zu seinem Leidwesen sich den interessanten Verbrecher entschlüpfen. Nach dem Geständnisse der Witwe hegte er Bedenken, eine Anklage wegen Betrugs zu erheben.

Schon wollte er die Anweisung zur Haftentlassung unterzeichnen, als Kriminalwachtmeister Eichlinger sich zur Berichterstattung melden ließ.

Gestern war er auf Anruf des Ministeriums am Königlichen Hoflager in das Staatsgebäude auf der Bankgasse beordert worden.

Hier hatte ihn der Ministerialrat Teleki empfangen und ihm unter Vorlegung mehrerer Schriftstücke eine eingehende Eröffnung gemacht.

Was er erfuhr, überbot alle Erfahrungen seiner bisherigen Dienstzeit. Ein sensationeller Fall ohne Beispiel breitete sich vor ihm aus.

Aber der glückliche Zufall machte es ihm leicht, das obwaltende Geheimnis zu lüften. Mit Staunen nahm der Baron den Bericht entgegen, in dessen Richtigkeit er leise Zweifel zu setzen schien.

Nun stand der erfolgreiche Kriminalbeamte vor dem Staatsanwalt, der vor Überraschung seinen Ohren nicht zu trauen glaubte.

Nikolaus Györki, der falsche Husarenoberleutnant, stand im dringenden Verdacht, in einer Komitatshauptstadt Südungarns als Ministerialrat Baron Teleki aufgetreten zu sein und hier seine Rolle als Beamter und Diplomat so verblüffend gespielt zu haben, daß er die dortige aristokratische Gesellschaft geradezu faszinierte und den Obergespan Grafen Batthyany, einen Onkel des Barons, sowie den Grafen Karolyi um viele tausend Kronen schädigen konnte.

Die Ereignisse lagen zwar schon um etwa fünf Monate zurück. Der Betrüger hatte es durch eine geschickt gefälschte Korrespondenz verstanden, die Entdeckung hinauszuzögern.

Aber die nun schriftlich vorliegenden Berichte aus Ungarn und die Erklärung des Barons, daß er im letzten Mai Wien gar nicht verlassen und die Komitatshauptstadt nie gesehen habe, ließen den Tatbestand zweifellos erscheinen.

Die Personalbeschreibung, die von dem falschen Ministerialrat gegeben wurde, paßte auf Niklas Györki ganz genau.

Eichlinger hatte sofort in den Zimmern, die er bei Fräulein Zelinka bewohnt hatte, eine nochmalige Durchsuchung nach Beweismitteln vorgenommen.

Bei einem Griff in die Ecke des Paneelsofas unter das Kopfstück zog er aus der Tiefe des Möbels eine in Zeitungspapier eingeschlagene Brieftasche von rotem Juchtenleder hervor, in der sich unter anderem zierliche Visitenkarten mit dem Namen Baron Bela Teleki, k. k. Ministerialrat in Wien, und einige Aufzeichnungen von Györkis Hand fanden.

Als der Hochstapler im Beisein Eichlingers dem Staatsanwalt erneut vorgeführt wurde, konnte der Kenner ein eigentümliches Leuchten in seinen schwarzen Augen bemerken.

Der junge Doktor Sperl war diesen neueren Ereignissen äußerlich nicht gewachsen. Der Verlauf des Verhörs stand in einem Mißverhältnisse zu den faszinierenden Begebenheiten selbst, die seinen Inhalt bildeten.

Der kluge Staatsanwalt hatte hierfür sehr wohl ein Gefühl.

Selbst der Kriminalbeamte war über diese Nüchternheit innerlich enttäuscht.

Nur der Hochstapler selbst rettete die Situation einigermaßen, indem er beim Anblick seiner Brieftasche, der Visitenkarte und Schriftstücke mit einer leichten Verneigung gegen Eichlinger, als ob er ihn zu seiner Entdeckung beglückwünsche, fast vornehm und lächelnd erklärte: »Jawohl, die Sache ist richtig.«

Einige Tage später erschien der wirkliche Ministerialrat Baron Teleki auf der Staatsanwaltschaft freiwillig als Zeuge.

Er äußerte den begreiflichen Wunsch, den Betrüger von Person kennenzulernen, der die Dreistigkeit besessen hatte, seine amtliche Rolle zu spielen.

Der bürgerliche Staatsanwalt fühlte sich dem aristokratischen Zeugen gegenüber in einiger Verlegenheit und überhäufte ihn mit ausgesuchten Höflichkeiten.

Györki wurde vorgeführt. Er hatte diesen Herrn wohl noch nie gesehen; aber sein Instinkt schien ihm zu sagen, daß er das Urbild seiner Phantasie vor sich hatte.

Es war interessant zu sehen, wie der wahre und der falsche Ministerialrat sich eine Minute schweigend mit den Augen maßen.

Beurteilung und Selbstbeurteilung lagen in ihren Blicken.

Der Beamte, eine vornehme Persönlichkeit, stand an Glanz der Erscheinung und Leichtigkeit der Bewegungen dem Hochstapler nach. Er erschien um einige Jahre älter. Auch die interessante Schönheit des Gesichts besaß er nicht.

Dabei hatte Györki seine Rolle längst aufgegeben und schon fast eine Woche Untersuchungshaft hinter sich.

Der Baron schien zu fühlen, daß der persönliche Vergleich, den auch der Staatsanwalt, ja selbst der Polizeibeamte im stillen anstellte, nicht zu seinen Gunsten ausfiel. Seine Blicke verfinsterten sich vorübergehend.

Beneidete er, in dieser seltsamen Lage zum Vergleichen veranlaßt, den Hochstapler um seine natürlichen Gaben? Würde er mit ihnen die große Laufbahn, die ihm prophezeit wurde, leichter zurücklegen?

Auch Györki schien zu vergleichen. Aber seine Augen trübten sich nicht. Eher spielte ein feines Lächeln um seine Mundwinkel, als habe er zur Kopie dieses vor ihm stehenden Originals, wie er sich nun überzeuge, einen zu hohen Aufwand verschwendet.

Ein Zug des Neides oder der Bitterkeit lag nicht in seinen Mienen, daß er mit seinen natürlichen äußeren Gaben zu keiner solchen glänzenden Laufbahn berufen worden war.

»Sagen Sie mir«, ergriff der Ministerialrat endlich mit eigentümlicher Stimme das Wort, »wie sind Sie auf den unerhörten Gedanken gekommen, Ihre Betrügereien gerade auf meinen Namen zu verüben?«

»O bitte, das sind keine Betrügereien«, sagte der Hochstapler sehr verbindlich.

Der Ministerialrat warf mit einem etwas vorwurfsvollen Lächeln dem Staatsanwalt einen Blick zu und fragte wieder: »Also wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, meine Person zu spielen? Kannten Sie mich von Ansehen oder dem Namen nach?«

»Nicht im geringsten, Herr Baron –«

»Also –? bitte –« wiederholte Teleki.

»Ich blätterte im Staatshandbuche und unter den Namen, die ich zufällig beim Ministerium a latere las, gefiel mir Ihr Name am besten – –«

Über diese Einfachheit der Aufklärung verblüfft, fragte der Baron weiter. »Und ein anderer Beweggrund hat Sie bei der Auswahl nicht geleitet?«

»Ich versichere, nein« sagte Györki ruhig. »Mir gefiel Ihr Name. Er ist ein schöner wohlklingender ungarischer Name. Ich bin in solchen Dingen auch Ästhet. Wenn ich mir schon der besonderen Umstände wegen einen fremden Namen beilegte, so wählte ich einen solchen –«

»Von meiner amtlichen Stellung war Ihnen Näheres nicht bekannt?« forschte der Rat.

»Bei meiner Abreise von Wien nicht das geringste, Herr Baron. Erst auf der Fahrt nach Budapest entnahm ich aus der schmeichelhaften Behandlung durch Fürst Kutosow und Graf Palffy, daß ich zu höheren politischen Dingen ausersehen war –«

So sehr er enttäuscht war, spielte doch bei den letzten Worten um den Mund des Barons ein Lächeln.

»Es war reiner Zufall oder Sache Ihres Geschmackes, daß Sie diesen Namen annahmen? Sie wußten wirklich nicht, daß der Herr Baron der Neffe des Grafen Batthyany ist?« fiel Doktor Sperl mit Nachdruck ein, um sich in seiner amtlichen Eigenschaft zur Geltung zu bringen.

»Ich hatte keine Ahnung, Herr Staatsanwalt –«

»Aber die Briefe aus Ungarn berichten übereinstimmend, mit welcher Natürlichkeit, ja anscheinenden Herzlichkeit Sie die Rolle des Neffen gespielt haben –« wendete Teleki ein.

»Das machte mir der Graf sehr leicht. Er entdeckte sich mir als Onkel unter vier Augen und im Anfluge einer wehmütigen Stimmung – er überhäufte mich mit Zärtlichkeiten – natürlich ging ich auf die mir angewiesene Rolle ein – –«

»Sie sollen das mit großer Sicherheit getan haben und mit den Familienverhältnissen sehr vertraut gewesen sein –«

»Ich wußte gar nichts« erklärte leichthin Györki. »Sie dürfen mir das glauben, Herr Baron! Wenn der Graf mich nach einer Person oder einem Verhältnisse fragte, so antwortete ich mit gleichgültigen Redensarten. Der alte Herr hatte vor allem das Bedürfnis, sich selbst auszusprechen. Ich ließ ihn nach Herzenslust reden. Er erzählte mir sehr vieles –«

»Es wird ausdrücklich bezeugt, daß Sie selbst ausführlich Familienverhältnisse zutreffend geschildert haben –«

»Ganz richtig. Ich habe ein ausgezeichnetes Gedächtnis auf die kurze Zeit, während deren mich die Verhältnisse interessieren. Ich berichtete einfach wieder, was der Graf kurz zuvor mir selbst erzählt hatte –«

»Sie wußten nichts davon, daß der Graf zufolge der eigentümlichen Familienverhältnisse seinen Neffen seit über zwanzig Jahren nicht gesehen hatte –?«

»Gar nichts –«

»Auch davon nichts«, fragte der Staatsanwalt mit Schärfe, »daß der Graf ein Augenleiden hat, das ihn an sicherer Beobachtung hindert –?«

»Kein Wort –«

»Dann hat der Zufall Ihr Abenteuer in seltsamer Weise begünstigt –«

»Dieses Gefühl hatte ich selbst – ich habe immer dieses Glück – vielleicht verleitet es mich – deshalb wuchs ich schnell und sicher in die Verhältnisse hinein –«

Der Baron schien sich eine Überzeugung gebildet zu haben und verabschiedete sich. Dabei galt ein seltsamer Blick dem Verbrecher.

Györki sah ihm bis zur Türe nach, als wolle er noch nachträglich Haltung und Gang eines wirklichen Diplomaten studieren.

Der Staatsanwalt wünschte die kriminalpsychologisch reizvolle Untersuchung in der Hand zu behalten. Er schloß deshalb den Fall der Witwe Ferenczy noch nicht ab und stellte dadurch, um so mehr als Györki in dem auswärtigen Fall geständig war, einen Gerichtsstand in Wien auch für die Ereignisse in Ungarn her.

Die ungarische Staatsanwaltschaft, die nach dem Gesetze zur Verfolgung der Tat zuständig gewesen wäre, machte von ihrem Recht, sie an sich zu ziehen, keinen Gebrauch. Tatsächlich war auch die Anzeige nur in Wien erstattet worden.

Offenbar hatte man in Ungarn kein Interesse, den aufsehenerregenden Fall, in den so viele hochgestellte Persönlichkeiten der Gesellschaft als Zeugen verwickelt waren, an Ort und Stelle in öffentlicher Verhandlung aufzurollen. Diese Beschämung wollte man wohl den aristokratischen Zeugen ersparen. Im entfernten Wien würde der Prozeß weniger von sich reden machen.

Bei dem nächsten Verhöre hielt Doktor Sperl dem Beschuldigten vor, daß er eine politische Persönlichkeit vorgegeben und mit einer angeblichen politischen Mission sich eingeführt habe – hierauf müsse er sich doch vorbereitet haben –«

»Sie meinen die ukrainische Angelegenheit? Darüber hatte ich einen Zeitungsartikel gelesen –«

»Weiter nichts?«

»Den Aufsatz las ich im Kaffee Kremser und schnitt ihn mir aus der Zeitung heraus –«

»Er ist in Ihrer Brieftasche gefunden worden –?« warf der Staatsanwalt ein.

»Derselbe. Ich trug ihn bei mir, las ihn täglich einige Male – er gefiel mir – er interessierte mich – so kam ich auf meine Idee –«

Doktor Sperl wollte nicht glauben, daß Györki seine ukrainische Weisheit, die so imponiert hatte, aus einem einzigen Zeitungsaufsatze geschöpft habe –

»Oh, aus einem Zeitungsartikel läßt sich viel machen« sagte der Hochstapler lächelnd. »Was wären wir ohne die Presse –«

Auf den Fall der Witwe Ferenczy zurückgreifend, fragte Doktor Sperl, ob er seine militärischen Kenntnisse auch aus Zeitungen geschöpft habe.

»Nein, Herr Staatsanwalt! Aber aus einem Dutzend Offiziersgeschichten, die ich damals monatelang als Lektüre verschlungen hatte. Es war eine vorübergehende Passion von mir. Diese Erzählungen, von schriftstellernden ehemaligen Offizieren geschrieben, gaben ganz vorzügliche Bilder und Einfühlungen.«

»Bei dem Fest im Schlosse Karolyi haben Sie eine politische Ansprache gehalten –«

»Über die Bundesgenossenschaft der Monarchie mit dem Deutschen Reich? Ja, die hat vor mir ziemlich wörtlich auch schon ein anderer gehalten – ein Abgeordneter – auch aus der Zeitung herausgeschnitten – im Künstlerkaffee am Franzesring, wo ich mit Vorliebe verkehre –«

»Sie besaßen noch einen gedruckten Artikel über die Geschichte Ungarns – aus einem Konversationslexikon herausgerissen?«

»Es kann sein –« antwortete Györki etwas zögernd.

»Sie müssen also zugeben, daß Sie sich auf Ihre politische Aufgabe vorbereitet haben –?«

»Aber den späteren Verlauf der Ereignisse habe ich nicht im entferntesten beabsichtigt. Ich bin sogar so bescheiden, einzugestehen, daß ich ihn nicht im Traume voraussah –«

»Und hatten doch die Zeitungsausschnitte in Ihrem Portefeuille –?«

»Erst auf der Reise hatte ich Muße, mich in sie zu vertiefen. Dann kamen die aristokratischen Bekanntschaften im Expreßzug. Jetzt erst formte sich mir ein Plan in größeren Umrissen. Sie dürfen uns nicht überschätzen. Wir arbeiten im Grunde mit Kleinigkeiten. Ein großer Plan ist meist zwecklos und führt zu nichts. Das wäre ein falscher Idealismus. Mit den Verhältnissen rechnen, sich ihnen anpassen, sich ihnen, wenn sie günstig sind, willig anvertrauen – das ist alles. Ich konnte ja unmöglich wissen, daß ich einen Onkel finden würde –«

»Aber die Person des Obergespans Grafen Batthyany – wie sind Sie auf die verfallen?«

»Von ihm wußte ich von meinem früheren Aufenthalt in Ungarn. Auf der Reise erfuhr ich, daß man ihn kannte –«

»Und die gefälschten Depeschen vom Minister des Äußeren – welcher Wiener Hausknecht hat sie nach berühmten Mustern aufgegeben –?«

»Kein Hausknecht, Herr Doktor! Eine kleine Verkäuferin in der Josefstadt –«

»Ich meine«, sagte der Ankläger, ohne sich irremachen zu lassen, »mit dem Besuche bei dem Obergespan verfolgten Sie ganz bestimmte materielle und praktische Zwecke –«

»Das möchte ich kaum versichern –«

»Sie reisten nicht nur des Vergnügens wegen zu ihm – Sie suchten dabei Ihren Vorteil und Gewinn. Wenn Sie nun wirklich nicht wußten, daß der Graf der Onkel des Barons Teleki ist –«

»Ich versichere es –« sagte der Hochstapler beinahe verletzt.

»Dann konnten Sie auf das freigebige Angebot der fünfundzwanzigtausend Kronen unmöglich rechnen.«

»Es hat mich selbst beinahe überrascht, obwohl das nicht meine Art ist. Sie sehen, wie sich ein Glied aus andere reihte – die Verhältnisse rissen mich mit fort, nicht ich war ihr Gebieter –«

»Wenn Sie ferner nicht wußten, daß der Ministerialsekretär Graf Zychy der Halbbruder des Grafen Karolyi ist –«

»Der Name Zychy stand nicht im Staatshandbuch –«

»So hatten Sie auch die weiteren zweiundzwanzigtausend Gulden nicht zu erwarten –«

»Nicht im entferntesten. Sie haben ganz recht. Ich traute meinen Ohren kaum, als die Verhältnisse des Grafen Zychy vor mir aufgedeckt wurden – konnte ich etwa damit in Wien rechnen?«

»Triumphieren Sie nicht zu früh! Eine wichtige Frage bleibt offen. Wie wollten Sie bei dem ganzen Abenteuer – wie sage ich? wie wollten Sie gewissermaßen auf Ihre Kosten kommen?«

»Das überlasse ich dem Zufall und meinem Glück, Herr Staatsanwalt! Ich harre der Dinge, die da kommen sollen, ich bin auf vieles gefaßt und vorbereitet –«

»Erklären Sie mir Ihr Glück beim Kartenspiel und am Roulette?« fiel der Stellvertreter ein. »Spielen Sie etwa falsch?« setzte er zögernd hinzu.

»Das würden sich so routinierte Spieler nicht bieten lassen!« verwahrte sich Györki. »Ich spiele nicht mit Glück, Herr Staatsanwalt, letzten Endes spiele ich mit Verlust –«

»Aber Sie haben zweimal die Bank gesprengt – beim Grafen Karolyi mit einer beträchtlichen Summe – wie machten Sie das möglich –?«

»Es ist keine Kunst, beim Spiel zu gewinnen. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung ergibt, daß der Spieler ebenfalls vorübergehend gewinnen kann und gewinnen muß. Waren Sie nie in Monako?«

Doktor Sperl verneinte unwillig.

»Es kommen im Laufe von Viertel- und Halbenstunden oder auch ganzen Stunden gewisse Minuten, da der Spieler gewinnt. Diesen Zeitpunkt zu erkennen, am Verlaufe des Spieles zu berechnen und auszunutzen, alsdann aufzuhören mit Spielen, ist das ganze Spielgeheimnis –«

»Wie machen Sie das?« fragte Sperl ungläubig.

»Ich habe ein instinktives Gefühl, wenn meine Zeit gekommen ist. Dann verdoppele, verdreifache, verzehnfache ich den Einsatz. Nur so kann ich gewinnen. Anders habe ich die Bank nie sprengen können – im Wagemut liegt das psychologische Geheimnis vom großen Erfolg –«

Das war eine Erinnerung an Terka von Illosvai.

Doktor Sperl raffte sich auf. »Ich komme auf meine Frage zurück. Man muß annehmen, daß Sie mit Ihrem Anliegen beim Obergespan, in der berühmten Bibliothek Zutritt zu erhalten, einen Zweck verbanden. Die Polizei vermutet, Sie wollten wertvolle Bücher entwenden –«

Nikolaus Györki protestierte: »Stehlen? Bücher aus Bibliotheken? Ich habe noch nie gestohlen!«

Der Staatsanwalt lächelte. »Da muß ich doch Ihrem vorzüglichen Gedächtnisse aufhelfen! Ihr erstes kriminelles Auftreten war ein Diebstahl. Sie entwendeten mit sechzehn Jahren aus einer Budapester Tabakfabrik Zigarren, Stempel und Billetts –«

Györki zuckte die Achseln. »Das Jugendverbrechen zählt nicht – es ist immer ein Diebstahl –«

»Schon einige Monate später stahlen Sie aus den Garderoben des Nationaltheaters und des Volkstheaters in Budapest den Schauspielern goldene Uhren –«

»Das kann sein – ich erinnere mich dunkel – Das war mein Drang zur Bühne, den meine Brüder gewaltsam unterdrückten –«

»War das auch Drang zur Bühne, als Sie bei dem Budapester Theater ein Empfehlungsschreiben einreichten, aus dem die Namen der berühmtesten Schauspieler von Ihnen gefälscht waren –«

»Ich möchte es glauben – ich weiß nicht – über meine frühe Jugend hat mein Gedächtnis einen Schleier gebreitet – das ist keine Redensart, Herr Staatsanwalt –«

»Sie erreichten damit, daß fast alle Theater Ihnen für jeden Abend Eintrittskarten zur Verfügung stellten, mit denen Sie zu ermäßigten Preisen schwunghaften Handel betrieben –«

»Habe ich das wirklich getan?« fragte der Hochstapler mit einem treuherzigen Gesicht. »Die Idee ist nicht übel –« setzte er sinnend hinzu –

»Also könnte man Ihnen einen Diebstahl wertvoller Bücher doch vielleicht zutrauen –« erklärte Doktor Sperl mit Nachdruck. »Tatsächlich fehlten drei der allerkostbarsten Exemplare bei Ihrem plötzlichen Verschwinden –«

»Aber sie müssen sich wiedergefunden haben –«

»Ja, sie lagen in Ihrem Kleiderschranke bei dem Obergespan! In Ihrer Brieftasche entdeckte die Polizei ein Verzeichnis der berühmtesten europäischen Bibliotheken unter Angabe der je verwahrten besonderen Kostbarkeiten – Sie haben archivarische Kenntnisse verraten –«

»Das will ich nicht leugnen –«

»Es ist auch aufgefallen, wie schnell Sie sich in dem verzweigten Bibliotheksgebäude zurechtgefunden haben – das läßt auf Übung schließen –«

»Ich besitze einen eigentümlichen Orientierungssinn, Herr Staatsanwalt. Ich finde mich ohne Plan in der größten Stadt, die ich nie vorher betreten habe, selbst bei Nacht zurecht –«

»Etwa wie bei der Polonäse im Parke Karolyi –?« fragte der Substitut, um seine Vertrautheit mit den Tatsachen zu beweisen.

»Gewiß, ganz ähnlich« sagte der Hochstapler lebhaft, als erinnere er sich dieses schönen Abends. »Da ging ich stellenweise mit geschlossenen Augen – ich tue dies manchmal – dann bin ich in der Pfadfindung stets glücklich –«

»Nun komme ich zu einem anderen wichtigen Punkte« erklärte der Staatsanwalt, der aufgestanden war und im Zimmer auf und nieder ging. »Woher hatten Sie die Mittel, sich zu Ihrer politischen Mission nach Südungarn auszustatten –?«

»Oh, dazu reichten bescheidene Summen –«

»Das bezweifle ich. Ihr Frackanzug ist eine auf Seide gearbeitete Kostbarkeit, die Sie beim Hofschneider mit vierhundertachzig Kronen bezahlt haben – woher besitzen Sie den Brillantring – ein prächtiges Stück –?«

Györki lächelte. »Frau von Ferenczy hat ihn mir geschenkt –«

»Aber die drei Orden an Ihrem Frack –?« fragte der Ankläger ironisch.

»Sie sind nicht teuer – bei Silcher und Wiedeck in der Kärntnerstraße werden sie an jeden anständigen Menschen verkauft –«

»Beim Macaospiel im Expreßzug Wien–Budapest haben Sie eine Handvoll Hundertkronenscheine besessen – woher stammen diese Tausende?«

Der Hochstapler machte eine verbindliche Handbewegung: »Diesen Nachweis darf ich nach der Strafprozeßordnung wohl von Ihnen erwarten, Herr Staatsanwalt?«

»Dann frage ich«, rief der Substitut mit erhobener Stimme, »was ist mit den neunundsechzigtausend Kronen geschehen, die Sie von den beiden Grafen erhalten haben?«

Györki schwieg einen Augenblick, dann zuckte er leicht die Achseln. »Sie sind aufgebraucht. Ein solcher Betrag reicht nicht auf Jahre hinaus. Die sechshundertsiebzig Kronen, die Sie bei mir vorgefunden haben, sind der Rest –«

»So daß Sie in vier Monaten etwa achtundsechzigtausend Kronen verschwendet hätten – wie war das möglich? Wo haben Sie sich den Sommer über aufgehalten –?«

Györki schwieg einen Augenblick. »In Ostende« sagte er dann. »Ich habe dort große Summen verspielt – das ist mein sogenanntes Spielglück –«

»Waren Sie allein in Ostende?«

Der Beschuldigte sah dem Ankläger ins Gesicht. »Gehört das zur Sache?« fragte er.

»Es gehört zur Sache! Wissen Sie, daß Doktor Kowalewski, ich meine den Direktor der Bibliothek, sich von seiner Frau scheiden lassen will –?«

Györki verzog keine Miene.

»Es liegt eine Zeugenladung an Sie vor. Sie werden vernommen werden. Frau Doktor Kowalewska hat den Ehebruch mit Ihnen zugegeben –«

»Ich werde mein Zeugnis verweigern – das kann ich doch?«

Doktor Sperl gab hierauf keine Antwort. »Wissen Sie weiter«, fuhr er fort, »daß Frau von Illosvai, die Hausdame des Grafen Batthyany, kurz nach Ihrem Verschwinden einen Selbstmordversuch gemacht hat, an dem sie heute noch darniederliegt –?«

»Dazu hat sie keinen Anlaß gehabt – ich kann für solche Torheiten nicht einstehen –«

»Wissen Sie endlich«, fragte Doktor Sperl mit ernster Stimme, »daß Fräulein Klarika von Bathory, die Ihnen bekannte Tochter des Obersten von Kaschau, von ihren Eltern verstoßen worden ist –?«

»Verstoßen?« fragte Györki nicht ohne Überraschung.

»Weil sie nach ihrer Abreise von Karolyi, anstatt zu ihren Eltern zurückzukehren, monatelang angeblich bei ihrer Tante Beroldingen in Wien lebte. Tatsächlich aber weilte sie, wie sich später unter Aufdeckung der über Wien nach Kaschau geschmuggelten Korrespondenz herausstellte, bei dieser Tante nur eine Woche und hielt sich die übrige Zeit bis in den August hinein mit dem angeblichen Baron Teleki, also mit Ihnen, in Ostende auf –«

Der Staatsanwalt hatte in moralischer Entrüstung kraftvoll gesprochen.

Györki war still und blickte träumerisch vor sich hin.

Wurde ihm die Erinnerung an die Stunden, die er mit dem schönen leidenschaftlichen Mädchen auf der Reise und am Gestade des Meeres verbracht hatte, lebendig?

Der Staatsanwalt blieb vor ihm stehen und sah ihm ins Gesicht.

Györki fragte: »Bin ich für heute entlassen, Herr Staatsanwalt?«

»Hat Sie das überrascht, Sie Vielgewandter? Haben Sie so etwas nicht erwartet oder wenigstens nicht vorausgesehen? Schlägt Ihnen bei diesem Erfolge Ihr Gewissen, dessen Regungen sonst zu versagen scheinen? Wie konnten Sie dieses junge Mädchen aus bester Familie, dessen Anstand und Liebenswürdigkeit alle Zeugen rühmen, so schimpflich irreführen?«

Der Hochstapler sagte kein Wort und wandte sich zum Gehen.

»Bleiben Sie, Györki!« rief der Staatsanwalt im Befehlstone. »Ich habe Ihnen noch eine Mitteilung zu machen!«

Györki kehrte kurz vor der Türe um und blieb halbgewendet stehen.

»Das Maß Ihrer Handlungsweise ist noch nicht voll! Komtesse Wilma Karolyi – Sie werden wissen, weshalb? – ist über die Ereignisse in Trübsinn verfallen – die beklagenswerten Eltern haben sie in eine Heilanstalt gebracht – Und nun gehen Sie, Sie vielgewandter, Sie von Glück und von Frauenliebe getragener Abenteurer, gehen Sie in Ihre Zelle zurück und denken Sie über die Erfolge Ihrer aus Zeitungsartikeln und Bücherdiebstählen zusammengeflickten grandiosen politischen Mission nach!«

Jetzt hatte der Staatsanwalt doch den großen Ton getroffen, der solchen Unternehmungen gegenüber am Platze war. Er fühlte sich in seinem Amte gewachsen. In der Übung, erkannte er, steigerten sich geweckte Kräfte.

Wie leicht ihm die Worte von den Lippen kamen! Er hörte sie im Zimmer widerklingen.

Zahlreiche Gedanken schossen ihm durch das Gehirn. Er atmete auf über diese große Aufgabe, die vor ihm lag. Er wußte, daß sie für ihn etwas zu bedeuten hatte. Ein Sieg über den Verbrecher war schon errungen: er verkleinerte dessen Taten durch sein Verhör nicht mehr.

Er konnte nicht sehen, wie in den Augen des Hochstaplers, der sich wieder der Türe zugewandt hatte, ein unheimliches Leuchten glänzte und die Gesichtszüge eine eisige, trotzige Starre angenommen hatten.



Vierzehntes Kapitel

»Ich habe aus Ihren früheren Akten ersehen«, so leitete der Staatsanwaltsvertreter das nächste Verhör ein, »daß ein Bruder von Ihnen der Direktor einer guten Schauspielertruppe und ein anderer Bruder ein begabter Schauspieler ist –«

Györki zuckte die Achseln.

»Sie haben sich auch selbst, aber ohne Erfolg auf der Bühne versucht. Beide Brüder haben Sie für nicht genügend talentiert erklärt –«

Der Beschuldigte lächelte. »Dagegen sprechen doch wohl die Tatsachen –!«

»Wieso?«

Györki lehnte sich in seinem Stuhle zurück und sagte: »Sie haben noch vorgestern Ihr Erstaunen darüber geäußert, daß ich meine Rolle als Husarenleutnant und als Ministerialrat so täuschend durchgeführt habe –«

»Wollen Sie behaupten, daß Sie damit schauspielerisches Talent bekundet haben?«

»Soweit die erfolgreiche Durchführung schwieriger Persönlichkeiten im wirklichen Leben über der Wiedergabe von Dichterrollen auf der Bühne des Scheins steht – –«

Doktor Sperl machte ein erstauntes Gesicht. »Wenn Sie in Ihrem Auftreten schauspielerische Momente erblicken, weshalb kamen Sie in der Kunst nicht vorwärts –?«

»Gerade die stärksten und eigenartigsten Bühnentalente fallen zunächst so sehr aus dem Rahmen des Hergebrachten, daß sie keinen Erfolg haben können!« antwortete der Hochstapler mit leicht gerötetem Gesicht.

»Man ist solche Äußerungen aus Ihren Akten gewöhnt! Sie haben einmal erklärt, Ihr Vater sei ein hoher Staatsbeamter, nach dem in seiner Heimat sogar eine Straße benannt sei. Tatsächlich bekleidete nun Ihr Vater in Debreczen das gewiß nützliche und wichtige Amt eines Nachtwächters – und der Volkswitz nannte die Winkelgasse, in der er wohnte, scherzhaft Györkistraße –«

Der Hochstapler nickte gutmütig.

»Sie haben so vielerlei im Leben angefaßt, daß man nicht immer eine besondere Begabung vermuten kann. Wollen Sie sich vielleicht auch einer besonderen Befähigung zum Priesteramte rühmen? Sie sind vorübergehend auf der Jesuitenschule gewesen –«

»Priester und Schauspieler wohnen nahe beisammen –«

»Weshalb legen Sie, frage ich immer wieder, soviel Wert auf Ihre angebliche schauspielerische Veranlagung –? Ist das wirklich nicht wieder eine jener Eitelkeiten, die sich wie ein roter Faden durch Ihr Aktenleben ziehen –?«

Györki war sehr ernst geworden, als er erwiderte: »Ich deutete Ihnen schon an, Herr Doktor, daß nach meiner Überzeugung meine ganze Lebensführung und Handlungsweise aus meiner schauspielerischen Veranlagung entspringen –«

Doktor Sperl war überrascht von dem sicheren und offenbar aus dem Inneren kommenden Tone des Hochstaplers, der sich seinen Studien so willig darbot. »Also bitte, sprechen Sie von Ihrer schauspielerischen Veranlagung –« erklärte er entgegenkommend.

Györki dachte einen Augenblick nach. »Ich glaube«, begann er dann, »daß Menschen wie ich, die eine einzelne – oder eine Reihe fremder Persönlichkeiten vorzustellen vermögen, ohne eine ihnen von der Natur mitgegebene eigenartige Darstellungsgabe gar nicht auskommen könnten –«

»Weshalb glauben Sie das?«

»Außer durch eigene Erfahrung bin ich in diesem Gedanken durch Beispiele aus der Kriminalgeschichte bestärkt worden –«

»Haben Sie sich um Kriminalgeschichte gekümmert?« warf Sperl erstaunt ein.

»Sehr lebhaft, Herr Staatsanwalt, weil ich – Sie mögen es mir glauben oder nicht – hinter mein eigenes Seelengeheimnis kommen wollte –«

Er hielt einen Augenblick inne. Beide, Experimenteur und Versuchsperson, sahen sich durchdringend an.

»Haben Sie von dem falschen Grafen Gubata gehört, der in Amerika, im Larichement, Orient Point, Greenwich und anderen Kolonien am Sund erfolgreich aufgetreten ist?« fragte Györki. »Er wollte ebenfalls Schauspieler werden. Als ihn aber die Eltern von einem Regisseur unterrichten ließen, wollte er nicht lernen – er war auch Österreicher, Herr Staatsanwalt. Wir Österreicher stellen sehr viele Schauspieler für das Theater. Zweifellos aber haben Sie von dem Rumänen Georges Manolesku gelesen, der sich einen Fürsten der Diebe nannte und seine Memoiren geschrieben hat –«

»Ich erinnere mich. Es ist hier in Wien eine Untersuchung gegen ihn geführt worden –«

»Es war die größte Sehnsucht seines Lebens, mit einer reisenden Schauspielertruppe durch die Welt zu ziehen und nochmals, unter dem Beifall des erstaunten Publikums, seine Abenteuer zum Schein und straflos auf der Bühne zu wiederholen –«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich habe es in einem Buche gelesen. Haben Sie schon einen Giftmischer angeklagt, Herr Doktor? Sie bedürfen einer ausgeprägten, ganz besonderen Darstellungsgabe –«

Doktor Sperl machte eine Bewegung, als sei ihm etwas Unangenehmes widerfahren.

»Ich gehöre nicht zu ihnen!« sagte Györki fast treuherzig, so daß der Substitut lächeln mußte.

»Dieses Verabreichen von Gift, mit freundlichem Gesicht«, fuhr der Hochstapler mit merkwürdiger Sachlichkeit fort, »das bange Abwarten des Erfolges, die zärtliche, hingebende Pflege des Erkrankten, die der Giftmischer fast immer selbst übernimmt, die Heuchelei des Schmerzes, Mitleides und der Trauer, das Geheimnisvolle des Todes und des so schwer zu entdeckenden Mittels, alle diese komödiantenhaften Momente setzen, glauben Sie mir das, geradezu dramatische Begabung voraus –«

»Ich staune« sagte der Staatsanwalt mit unterdrücktem Atem.

»Die bekannte Margarete Gottfried – ich habe viel über sie gelesen –, eine hübsche, fast ätherische Erscheinung, spielte in Gesellschaft erfolgreich auf dem Liebhabertheater –«

Doktor Sperl hatte von dieser Giftmischerin bisher noch nichts gehört.

»In ihren Memoiren sagte sie von sich selbst: ›Ich habe eigentlich nie gelebt, sondern nur Komödie gespielt, mit anderen und mit mir selbst. Nachts im Traum sammeln sich oft junge Mädchen um mein Bett und rufen mir zu: Du Schauspielerin!‹«

Es war erstaunlich, den Hochstapler diese Kriminalgeschichte vortragen und den angeblichen Wortlaut der Gottfried zitieren zu hören.

»Da sie etwas mager war«, fuhr er scherzhaft fort. »trug sie mehrere Korsette übereinander. Bei ihrer Verhaftung fanden sich ihrer dreizehn in ihrem Besitz. Komödiantin blieb sie bis zuletzt auf dem Schafott. Um ihre Waden stärker erscheinen zu lassen, zog sie bei der Hinrichtung zwei Paar Strümpfe übereinander und raffte auf den Stufen ihr Gewand zierlich in die Höhe –«

Doktor Sperl war aufgesprungen und stand vor Györki, der sich langsam ebenfalls erhob. »Wenn Sie einen solchen Einblick in die Verbrecherseele haben«, sagte er fast bewegt, »wie ist es dann möglich –«

»Das wollte ich Ihnen alles auseinandersetzen« antwortete Györki ruhig.

Der Ankläger setzte sich schweigend wieder, der Beschuldigte folgte gelassen seinem Beispiele.

»Jene berüchtigte Grete Beier, die ihren Bräutigam mit Zyankali vergiftete, danach ihm in den Mund schoß und durch den zu Boden geworfenen Revolver einen Selbstmord vortäuschte, war ein dramatisches Talent –«

Von Grete Beier hatte der Stellvertreter flüchtig in den Zeitungen gelesen.

»Auf den Schreibtisch legte sie vor den Toten das von ihr gefälschte Testament, darin sie zu seiner Universalerbin eingesetzt war. Da lagen auch von ihr ebenfalls gefälschte Briefe, in denen sich eine Italienerin als seine angebliche, von ihm verlassene Gattin meldete –«

Doktor Sperl erinnerte sich dieser Einzelheiten.

»Grete Beier war eine leidenschaftliche Romanleserin und hat mit einer gewissen Romantik des Gefühls wahrscheinlich Stücke gelesener Romane triebartig dramatisiert – und selbst dargestellt – so kam sie zu ihrem Verbrechen – langweile ich Sie, Herr Doktor?«

Der junge Kriminalist, der neulich in so gehobener Stimmung gewesen war, saß wie versonnen da und dachte darüber nach, wie wenig, wie gar nichts er bis heute von der Seele des Verbrechers gewußt hatte.

»Fahren Sie fort« sagte er schnell. »Ich höre –«

»Nur von einem will ich noch sprechen, der seine Frauen durch Gift beseitigte. Auch ihm haftete das mimisch - dramatische Talent, freilich in grotesker Form, an. Er trat im Varieté als Fechtkünstler auf. Er legte seinem Gehilfen einen Apfel auf den Hals und schlug, ohne den Mann zu berühren, die Frucht mit einem Säbelhiebe mitten durch. Auch einen ganzen Hammel spaltete er vor den Zuschauern auf einen Hieb.«

»Weshalb bringen Sie nicht dies alles zu Papier – weshalb taten Sie das nicht schon längst –? Sie hätten Geld damit verdienen und auf andere Wege kommen können –« sagte der Substitut fast heftig.

»Ich habe schon immer daran gedacht«, erwiderte der Hochstapler etwas lächelnd. »Von der schriftstellerischen, von der dichterischen Begabung erzähle ich Ihnen ein andermal –«

Doktor Sperl sah ihn fragend an. Der Beschuldigte nickte nur und fuhr fort: »Darf ich erwähnen, Herr Staatsanwalt, bei welcher Gelegenheit ich meiner eigenen Begabung bewußt wurde? Es geschah beim Rollenstudium von Franz Moor und vor allem von Richard III. Sie glauben meinen Brüdern, die mich für talentlos erklärt haben? Wollen Sie mich nur einige Verse deklamieren hören –?«

Damit war der Hochstapler schnell aufgestanden, hatte sich hinter seinen Stuhl in Pose gestellt, das Gesicht in finstere Mienen gelegt und die Arme verschränkt.

Doktor Sperl wollte eigentlich diese ihn überraschende Rollenprobe im Amtszimmer verhindern. Aber eine instinktive Wißbegierde hielt ihn zurück.

Und Nikolaus Györki deklamierte:


»Kann ich doch lächeln und im Lächeln morden
Und rufen – schön! zu dem, was tief mich kränkt;
Die Wangen netzen mit erzwungnen Tränen.
Und mein Gesicht zu jedem Anlaß passen.
Ich will mehr Schiffer als die Nix' ersäufen,
Mehr Gaffer töten als der Basilisk;
Ich will den Redner gut wie Nestor spielen,
Verschmitzter täuschen als Ulyß gekonnt
Und, Sinon gleich, ein zweites Troja nehmen;
Ich leihe Farben dem Chamäleon,
Verwandle mehr als Proteus mich und nehme
Den mörd'rischen Macchiavell in Lehr'!«


Der Hochstapler schien in seinem Wesen wie verändert. Sein schönes Gesicht war kaum wiederzuerkennen. In seinen Zügen lag etwas Dämonisches und zugleich etwas Kaltes. Seine sonst geschmeidige, fast weiche Stimme hatte einen rauhen, scharfen Klang angenommen.

In der Steigerung der Deklamation hatte Györki bei den Schlußversen eine bedrohliche Organfülle verschwendet.

Aus dem Nebenzimmer stürzten ein hagerer Unterbeamter und zur Haupttüre ein kräftiger Gerichtsdiener in der Meinung herein, der Verbrecher habe auf den Staatsanwalt einen tätlichen Angriff gemacht.

In dieser Auffassung wurden sie durch die Stellung, welche die Gegenüberstehenden einnahmen und durch die keuchende Brust und die blitzenden Augen Györkis einen Augenblick noch bestärkt, bis Doktor Sperl sie aufklärte und entließ.

Györki bat, als die Beamten sich entfernt hatten, wegen der unbeabsichtigten Störung sehr höflich um Entschuldigung.

»Als ich den Charakter Richards studierte«, begann er von neuem, »und die Verse lernte, die ich deklamierte, geschah es mir wie eine Offenbarung. Du selbst, rief ich mir zu, bist ein solcher Verwandlungskünstler, mehr als Proteus und Chamäleon!«

Doktor Sperl verlor den Mann nicht aus den Augen – keine Miene entging ihm.

»Nun begriff ich erst – ich war damals dreiundzwanzig und hatte meine abenteuerliche Jugend hinter mir – begriff ich meinen triebartigen Drang nach täuschender Darstellung und faszinierender Verwandlung. Wenn ich nicht Hochstapler werden sollte, mußte ich Schauspieler werden und wandte mich mit allen Kräften diesem Berufe zu –«

»Aber glauben Sie, daß bei anderen Schauspielern auch eine solche persönliche Täuschungsgabe ihrem Talente zugrunde liegen müsse –?« fragte der Staatsanwalt etwas kritisch und nüchtern.

»Nein, keineswegs bei allen, vielleicht nur bei wenigen. Vor allem nicht in solchem Maße. Aber das Persönliche spielt gerade beim Schauspieler eine Rolle. Auch neigt er im Leben leicht zu Ausschmückungen, Übertreibungen und phantastischen Erfindungen. In gewissem Sinne spielt er auch im Leben Komödie –«

Diese Behauptung klang Doktor Sperl nicht unbekannt.

»Ich verglich«, fuhr Györki mit wieder zunehmender Lebhaftigkeit fort, »meine Mißerfolge auf den Brettern, die die Welt bedeuten, mit den Augenblickserfolgen meiner Täuschungsgabe im wirklichen Leben –«

Er war schon wieder in starker Erregung und wollte offenbar abermals einige Verse zitieren.

Aber der Staatsanwalt dankte ihm zuvorkommend mit dem Bemerken, daß er die Verse kenne. »Ist das Ihr Seelengeheimnis?« fragte er dann. »Armer Schauspieler, ich beklage Ihr Schicksal!« sagte er mild.

Györki verzog keine Miene und starrte einen Augenblick in die Ferne.

Seine Augen glänzten seltsam, als zöge im Bilde jene Welt des Schaffens und des Ruhms an ihnen vorüber, nach der er sich so sehr gesehnt hatte.

Doktor Sperl bemerkte, daß der Hochstapler ein fahles Aussehen hatte. Er brach deshalb die Unterredung ab.

Trotz seiner Erschöpfung, die dem starken Manne seltsam anstand, schien der Verbrecher noch nicht enden zu wollen.

»Ich wollte, um Ihnen alles voll begreiflich zu machen, nur noch erklären, wie mit unsereinem die Phantasie ihr tolles Spiel treibt –«

»Sind Sie nicht heute ermüdet?«

»Nein, nein. Sie müssen noch etwas hören. Diese Phantasien halten mich manchmal dauernd in Atem, sie können mich in Schweißzustand versetzen! Es ist eine schöne Empfindung, sich von ihnen umgaukeln und einschläfern zu lassen! Dann stehen sie riesengroß vor mir und zeigen mir eine ganze Kette von Aktionen, an die ich bis dahin nie gedacht habe. Dann peitschen sie mich zu ihrer Verwirklichung an. So machen sie aus mir den ruhelosen Verwandlungskünstler –«

»Halten Sie ein, Györki!« rief der Substitut mit beinahe angstvoller Stimme.

Der Hochstapler hörte ihn nicht. »Neue Fähigkeiten, neue Darstellungsgaben fühle ich in mir wachsen! In der Einsamkeit, im Gefängnisse, wo ich die eine Verwandlung büße, lockt mich die Phantasie schon wieder zu einer neuen – ja, ehe ich gebüßt, ehe ich die vorhergehende Verwandlung noch voll aufgeklärt und gebeichtet habe – wenn ich noch vor dem Staatsanwalt stehe – der mich anklagen soll – in diesem Augenblick – die Bilder kommen heran, sie schweben näher – fort – fort – wollt ihr nicht weichen –? weshalb lachtet ihr denn, als ich sagte: ich habe keine Lust am Mann? Der den König spielt, soll willkommen sein, Seine Majestät soll Tribut von mir empfangen –«

Györki hatte die letzten Sätze aus der Rolle Hamlets abgerissen gesprochen. Seine Knie zitterten, er schwankte und mußte sich an dem Stuhl festhalten, der vor ihm stand. Dann fiel er zu Boden und blieb im Augenblick wie ohne Besinnung liegen.

Doktor Sperl, der kein erneutes Aufsehen erregen wollte, schenkte ein Glas Wasser ein und besprengte Györkis Gesicht, der bald die Augen wieder aufschlug und wie beschämt um sich blickte.

Er richtete sich auf und konnte mit Hilfe Sperls, der selbst ihm die Hand reichte, aufstehen und sich setzen.

»Was habe ich gesagt? Was habe ich Ihnen erzählt, Herr Staatsanwalt?«

»Wir sprechen heute kein Wort weiter. Es hat Sie angestrengt –«

»Das ist mir zum ersten Male geschehen –«

Mit einem Blicke des Dankes nahm Györki von dem Staatsanwalt Abschied, als der Gerichtsdiener auf das Klingelzeichen hereintrat, um ihn in das Untersuchungsgefängnis zurückzuführen.



Fünfzehntes Kapitel

Im zehnten Bezirk Favoriten, nicht weit von dem berühmten Wiener Wahrzeichen, der gotischen Denksäule Spinnerin am Kreuz, betrieb in einem unansehnlichen Hause mit Einfahrt und einem von Mauern umschlossenen Hofe ein eigenartiger Tischlermeister sein Handwerk.

Das Haus lag auf der vernachlässigten Straße in weitem Abstande von den übrigen Wohngebäuden.

Zu seiner Rechten befand sich die schwarzgeräucherte Stätte einer vor vier Jahren niedergebrannten kleinen Bierbrauerei. Die Erben des verstorbenen Eigentümers lagen in Streitigkeiten miteinander und rührten an der Trümmerstätte keine Hand.

Zur linken Seite schloß sich an das Tischlereigrundstück ein kleiner verlassener Zimmerplatz, auf dem alte morsche Bretter und Hölzer aufgeschichtet lagen. Ein Stück weiter stand eine alte halb verfallene Scheune, die aus den Tagen stammte, da hier noch Feldwirtschaft betrieben wurde.

Die Baustelle der Tischlerei gegenüber war noch verkäuflich, wie eine Anzeigetafel verkündete.

So lag das Haus Meister Schreyvogels in einer gewissen geschützten Einsamkeit. Lästige Beobachter konnte man sich fernhalten.

Einen Durchgangsverkehr hatte die schlechte Straße nicht, die Umwohner, zum Teil fragwürdigen Charakters, waren wenig mitteilsam und mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt.

Sylvester Schreyvogel betrieb hier dem äußeren Scheine nach tatsächlich eine Tischlerei.

Nach dem Hofe hinaus lag eine geräumige, sogar freundliche Tischlerwerkstatt, in der an den Wänden halbfertige Schränke, Bettstellen, Kommoden lehnten und mehrere Hobelbänke und Maschinen aufgestellt waren.

Auch in dem Hausflur und in einem kleinen Hintergebäude sah man Schränke, Laden und Kisten. Ja, um dem Orte etwas Grausiges zu geben, lehnte in einer Ecke des dunklen Ganges ein aus rohem Holz gezimmerter Sarg, auf den ein Witzkopf einen grinsenden Totenschädel gezeichnet hatte.

Obwohl Privatkundschaft wenig in das Haus kam, hatte Schreyvogel doch Absatz.

Er lieferte größere Sendungen direkt an Händler, wie die Abfuhr fertiger Stücke bewies.

In Wirklichkeit führte aber der »Meister« unter dem Deckschild einer Tischlerei ein blühendes Hehlergeschäft.

Die Tischlergesellen, die in der Werkstatt arbeiteten, waren nur zu einem geringen Teile gelernte Tischler, im übrigen wurden sie erst angelernt oder faulenzten.

Alle Gehilfen aber, die Schreyvogel überhaupt einstellte, waren gewiegte, zum Teil vorbestrafte Spitzbuben und Betrüger, die hier eine vorübergehende Aufnahme und Beschäftigung fanden.

Dieser eigentümliche Schlupfwinkel lichtscheuer Individuen war der Wiener Polizei jahrelang unbekannt geblieben.

Während in den Vormittags- und Nachmittagsstunden in der Werkstätte die Hobelspäne flogen, bereitete man sich gegen Abend zu namenlosen Werken vor.

Die reiche Diebesbeute, die nächtlicherweile oder im Morgengrauen eingebracht wurde, verwahrte man sicher in den halbfertigen vernagelten Möbelstücken bis zum geeigneten Absatz. Selbst im Sarg in der Hausflur wurden erbeutete Habseligkeiten versteckt.

Mutter Schreyvogel, eine dunkelblonde Frau von etwa fünfundvierzig Jahren, mit einer Stumpfnase, Vergißmeinnichtaugen, sowie einer leisen, heiseren Stimme, hatte in ihren Räumen im ersten Stockwerke ganze Warenlager von fertigen Kleidungsstücken für beiderlei Geschlechter, von Tuch und Baumwolle, Leinewand, selbst Seidenstoffen aufgestapelt.

Vater Schreyvogel brauchte niemals sorgenvoll in seine Tasche zu greifen, um für seine Frau und seine beiden Töchter, die kräftige Pauline und die schlanke Sabine, die Toilette zu bestreiten.

Immer gingen sie nett und geschmackvoll gekleidet, trugen stets saubere, fast feine Wäsche, auch an Schmuckstücken fehlte es nie. Der Vorrat der Mama war unerschöpflich.

Der geistige Leiter und das anerkannte Haupt des geheimnisvollen Betriebes war Sylvester Schreyvogel selbst, der nach jahrelangen erfolgreichen »Studien« in Berlin das dortige berühmte Urbild der »Tischlerei« in der fröhlichen Donaustadt mit seltenem Geschick und Glück nachahmte.

Er war ein großer breitschultriger Mann mit starken Fäusten und gutem Mundwerk. Von diesen Gaben machte er aber in weiser Mäßigung nur spärlichen Gebrauch. Er hatte in seiner Persönlichkeit neben dem Kraftvollen, wenn er wollte, auch etwas Schmiegsames.

Er wußte jeden zu nehmen, wie er geartet war, er war von echt wienerischer Gemütlichkeit, besaß guten Humor und war vor allem nie aus der Ruhe zu bringen und in Verlegenheit zu setzen.

Jeder der sich in seiner Werkstätte »einstellen« ließ, wußte, mit wem er es zu tun hatte. Man konnte sich auf ihn verlassen. Eine ungeschriebene Hausordnung hielt alle zusammen, so daß Unliebsamkeiten oder Störungen kaum vorkamen.

Nur über den Alkoholgenuß gab es strenge Bestimmungen. Bier und Branntwein hatte die Meisterin unter Verschluß. Niemand durfte sonst Alkohol ins Haus bringen.

Seine Frauensleute hielt Schreyvogel gut im Zuge; handgreiflich wurde er höchstens im engeren Familienleben gegen seine Töchter, von denen er Widerspruch nicht gut vertragen konnte. Mutter Ulrike wurde im Guten schon eher mit ihm fertig.

Man hatte den »Meister« schwerlich je von Gewissensbissen über sein Treiben erfüllt gesehen. Er war immer guter Stimmung, immer mitteilsam und hilfreich.

Von seinem Geschäft hatte er eine eigentümliche Auffassung. Er verglich sich mit dem Staate, der seinen Strafgefangenen ebenfalls Arbeit – vielfach Tischlerarbeit – gewährt und einen Teil des Verdienstes für sich behält.

Die »Gesellen« waren bei ihm gut aufgehoben, wohnten gleich im Hause, wurden, wenn sie Mangel litten, neu eingekleidet und erhielten aus der von den drei »Damen« versorgten Küche kräftige Nahrung.

Der Meister besaß eine ganze Sammlung falscher Führungspapiere, auf deren Namen er seine Gesellen polizeilich anmeldete. Dabei verfuhr er derart, daß, obwohl die Gesellen sehr oft wechselten, der Einfachheit und Unauffälligkeit halber die Anmeldungen lange, oft jahrelang aufrechterhalten blieben.

Es stand jedem ganz frei, inwieweit er sich an den Unternehmungen beteiligen wollte. Gezwungen wurde kein Mensch. Die Pläne wurden entworfen und besprochen; wer Lust zur Beteiligung hatte, meldete sich.

Wer von Tischlerei nichts verstand, wurde angelernt. Der Meister gab sich viel Mühe und besaß gutes Lehrtalent. Mancher lernte hier das Handwerk für sein ganzes künftiges Leben und wurde ein brauchbarer Tischler.

Einzelner junger Menschen nahm sich Schreyvogel aus Wohlwollen besonders an. Das nannte er sein »Rettungswerk« an den Jugendlichen. Dann ging er manchmal sogar soweit, daß er ihnen die Teilnahme an den »Fahrten« streng verbot. »Ihr seid zu gut für solche Dinge, überlaßt sie den anderen!« pflegte er dann nicht ohne Wärme zu sagen. Dabei konnten seine blaugrauen Augen eigentümlich aufleuchten.

Die »Gesellen« faßten die Tischlerherberge in dem Sinne auf, wie sie Schreyvogel in seinen vier Mauern eingerichtet hatte. Jeder fühlte, daß ihm hier ein Zwitterverhältnis geboten wurde, wie es auf Zeiten erwünscht war.

Die Unterkunft tat den verfolgten und gescheiterten Gemütern wohl. Jeder bewahrte die Erinnerung als das behagliche Bewußtsein, im Notfall ein sicheres Asyl zu finden.

Nach des Meisters Geheiß war man vorsichtig in Empfehlung der Herberge an unsichere Kunden. Niemals hatte bisher ein Geselle die Zuflucht der Polizei verraten. Deshalb war sie so unbehelligt geblieben.

So erwies sich auch in diesem geschlossenen Kreise, was schon oft sich bewährt hat, daß selbst in der Gesellschaft derer, die das geschriebene Gesetz nicht achten, ein ungeschriebenes Gebot eine geheimnisvolle Geltung besitzt.

Der Werktag war vorüber. Hobelbänke und Maschinen waren beiseitegestellt. Die geräumige Werkstatt diente zugleich zum Aufenthaltsraume der Gesellen, darin sie auch ihre Mahlzeiten einnahmen.

Einige Tische, um die man sich setzte, waren schnell von den Wänden gerückt.

Eine größere Petroleumlampe hing von der Decke herab und verbreitete unter dem ehemals weißen Blechschirm ein gelbes Licht. An einigen Fenstern waren altmodische Rouleaux heruntergelassen.

Der Meister aß mit seiner Familie in einem anstoßenden Raume für sich. Die Mädchen durften auch das Geschirr und das Essen nicht auftragen. Das besorgte der jüngste Geselle, aber Frau Schreyvogel sah dabei mit nach dem Rechten.

Die Männer saßen gruppenweise um die Tische. Einige hatten Bierflasche und Glas vor sich stehen. Zigarren- und Pfeifenqualm erfüllte den Raum.

Der schwarze Alois rauchte eine Zigarette, deren besseren Duft sein Nachbar Franz Schottenhammel einschnupperte.

Der blonde Ferdinand, ein schlankes Bürschchen mit verschmitzten Augen, hielt eine Ziehharmonika im Schoß und spielte versuchsweise Stücke der Melodie »Zu Mantua in Banden«. Fragend schaute er sich nach dem Eindrucke seiner musikalischen Darbietungen im Kreise um.

Der gelockte Ignaz aus Galizien hielt sich die Ohren mit den Händen zu und murmelte, starr vor sich hinblickend, mit bewegten Lippen halblaut einen unverständlichen Text.

Es waren nur wenige dieser Männer, die sich genauer und beim wirklichen Namen kannten. Es stand jedem frei, ein Inkognito zu wahren. Es wurde beim Eintritt gefragt, wie er genannt sein wollte. Und dabei blieb es. Das war für die Sicherheit des Ganzen sehr zweckmäßig.

Die Unterhaltung war heute fachmännischer Art. Es wurden, wie in anderen Berufskreisen »Fälle« zum Besten gegeben. Humoristische Vorgänge hatten den Vorzug.

Vincenz Belzer, ein verwegener Mensch mit einem entsetzlichen Haarwuchs, erzählte von dem Erfolge, den er und Schottenhammel, ein dicker Kerl mit gutmütigem roten Gesicht, gestern bei hellem Tageslicht errungen hatten.

Sie waren zu einer engeren Kompanie zusammengetreten und bildeten sich zu Spezialisten im einträglichen Kollidiebstahle aus.

Schottenhammel spielte die Figur des Rollkutschers und hatte sich ein geeignetes Kostüm, blaues Blusenhemd und Lederschürze, zugelegt.

Er hatte im richtigen Augenblicke, während Belzer als Aufpasser wirkte, eine Kiste vom Rollwagen heruntergeholt, dessen wirklicher Geschirrführer gerade in einen Branntweinladen getreten war.

Die Kiste wurde in einem nahen Hausflur bewahrt und, nachdem der ahnungslose Kutscher mit dem Frachtwagen weggefahren war, in einem Handwagen zu Schreyvogels befördert.

Das alles geschah vormittags in der belebten Gonzagagasse im ersten Bezirk. Die Kiste enthielt gute Konservendosen, die nun wochenlang die Gesellentafel erfreuten.

Schreyvogel, der während des Berichtes, den Belzer mit der nötigen Umständlichkeit erstattete, hereingetreten war, gab mit Vorliebe seine Berliner »Erinnerungen« zum Besten.

Er erzählte, während er in gewohnter Weise fortgesetzt mit den Augen zwinkerte und die dunklen starken Augenbrauen nach der kahlen Stirne hinaufschob, daß die Berliner Polizei, um einige besonders erfolgreiche Kollidiebe zu erwischen, einen präparierten Rollwagen in den Straßen umherfahren und vor Häusern anscheinend unbeaufsichtigt halten ließ.

In einer der aufgeladenen Kisten, welche Löcher zum Ausblicke nach allen Seiten hatte, war ein Kriminalbeamter verborgen, während andere Polizisten den Transport unauffällig begleiteten.

Dieser vorbildliche Fall löste eine ganze Reihe weiterer »Erinnerungen« in der Gesellenrunde aus.

Der Harmonikaspieler, offenbar ein »musikalischer« Mann, erzählte von einem Einbruche in die Kasse eines Restaurateurs, die im Raume neben der Gaststube gestanden hatte.

Um das Geräusch des arbeitenden Genossen zu übertönen, hatte der blonde Ferdinand ohne Unterlaß den Musikautomaten spielen lassen. Das nannte man Diebstahl mit Musikbegleitung.

Hierzu bemerkte der schwarze Alois trocken, daß dieser Trick schon über hundert Jahre alt sei. Bereits damals wäre man beim Gitarreklang eines Ständchens, von zwei Schmierestehern dargebracht, in ein Nachbarhaus eingestiegen. Mit einer gewissen Befriedigung schien die schweigende Runde davon Kenntnis zu nehmen, daß die praktischen Erfahrungen ihrer Zunft nicht der Vergänglichkeit anheimfielen, sondern Jahrhunderte überdauerten.

Florian, ein älterer Mann mit verwittertem Gesicht, dem das Schicksal schon übel mitgespielt hatte, meinte mit einer ernsten Wichtigkeit aus eigener Erfahrung heraus, man dürfe nicht zu verwegen sein. So etwas wollte das »Schicksal« nicht.

»Ich unternahm es einmal«, so erzählte er langsam mit schwerfälliger Stimme, indem er eine Prise nahm, »in einen verlockenden Geschäftsladen in der Marienhilferstraße einzubrechen –«

»Wahrscheinlich bei Raimers –« rief eine Stimme dazwischen.

»Weil das Ding mißlang –« fuhr der Alte, ohne den Schauplatz seiner Taten preiszugeben, fort, »ging ich am anderen Mittag, als nur ein Angestellter anwesend war, in das Geschäft. Ich gab mich als Kriminalbeamten aus und erklärte, ich sei beauftragt, den Fall zu untersuchen und die Örtlichkeiten zu besichtigen. Dabei wollte ich die Hindernisse ausbaldowern, die ich gefunden hatte. Ich war aber in die Falle geraten und kam ins Loch –«

Auch bei diesem Berichte blieb die Runde schweigsam. Einige hüstelten, andere schneuzten sich. Mancher schien mit einem »Rückblick« darüber nachzudenken, ob er auf ähnliche Weise das »Schicksal« schon einmal herausgefordert hatte.



Sechzehntes Kapitel

Man hörte draußen schwere Schritte, die durch den Hausflur in den Hof hinausgingen. Die Hintertüre, die unverschlossen war, wurde aufgetan und ein Mann mit rötlichem Haar und Sommersprossen schwenkte, guten Abend wünschend, herein.

Er legte sorgsam ein Sonderblatt auf den Tisch, klopfte mit der Hand darauf und sagte : »Wedl ist durch! Mit viertausendzweihundertsechzehn Stimmen Mehrheit gewählt!«

Ein beifälliges Gemurmel durchlief den Raum.

Wedl war der sozialdemokratische Kandidat Wiens für das Abgeordnetenhaus. Heute war Stichwahl gewesen.

»Wieder ein Schritt dem großen Ziele näher!« sagte der schwarze Alois, indem er sein Glas auf einen Zug hinunterstürzte und energisch auf den Tisch stellte.

Der Rotbart setzte sich zu ihm, um ein Gespräch anzufangen.

Die Augen richteten sich auf Alois, von dem man anscheinend mehr zu hören verlangte.

Man wußte aus seinen verschiedenen Bemerkungen, daß er für die Lage seiner Standesgenossen ein gutes Verständnis und auch ein Herz hatte.

Sonst kannte ihn eigentlich niemand näher. Er war erst seit acht Tagen in der Werkstatt und ließ sich nicht mit jedermann ein.

Der Meister hielt große Stücke auf ihn und rühmte, er sei der beste Tischler, der ihm je unter die Hände gekommen wäre.

Es war kein Zweifel, wie er den Hobel führte, wie er als Kenner das Holz beurteilte, war er ein gelernter Tischler, vielleicht unter den Anwesenden, vom Meister abgesehen, der einzige.

Heute früh hatte er stundenlang fleißig gearbeitet und dazu in guter Laune gesungen, »das Hobellied«, einen in Wien bekannten Gesang.

Er verstand aber auch noch mehr, als mit dem Holz umzugehen. Er führte geschickt den Zeichenstift und hatte dem Meister in Schnelligkeit einige Verzierungen entworfen, die vielen Beifall fanden.

Dann hatte er ihm auch die Idee zu einem Herrenkleiderschrank auseinandergesetzt, in welchem bei außerordentlicher Ausnutzung des Raumes nicht nur etwa sechs Anzüge und mehrere Überzieher, sondern auch reichlich Wäsche, dazu Hüte, Schirme, Schlipse und Handschuhe, kurz die gesamte Herrengarderobe, in übersichtlicher und handlicher Weise zusammen aufbewahrt werden konnten. Sogar ein Geheimfach fehlte im Boden nicht.

Schreyvogel riß die Augen auf, als Alois ihm die Skizze auf einem Holzbrett entwarf.

Diese Idee gedachte der Meister sich zunutze zu machen und auszuführen. Vielleicht ließ sich ein Patent darauf erwerben.

Ehe es so weit kam, war Alois gewiß schon über alle Berge. Auf ihn brauchte man keine Rücksicht zu nehmen. Er stand auf seinen eigenen Füßen und wußte sich in jeder Lage zu helfen.

Daß er Verschiedenes auf dem Kerbholz hatte, war gewiß, wenn er auch nicht näher mit der Sprache herausging. Vorläufig aber galt es, diesen Mustertischler, wie ihn Schreyvogel nannte, einige Zeit sich zu erhalten.

Alois nahm deshalb im Hause eine gewisse Vorzugsstelle ein, ohne daß er freilich einen besonderen Wert darauf zu legen schien.

Höchstens mit der bildhübschen Sabine scherzte er gelegentlich ein paar Worte, die sich sonst auf strenge Anweisung der Eltern den Gesellen gegenüber sehr zurückhaltend zeigte.

Alois hatte tatsächlich mit dem Rotkopf Hettergott, einem fanatischen Sozialisten, ein politisches Gespräch angeknüpft, dem die Anwesenden mit einer gewissen Aufmerksamkeit folgten.

»Seht ihr nicht ein«, erklärte er, mit energischen Armbewegungen zu den Anwesenden gewendet, »daß es nur auf diesem Wege mit uns armen Menschenkindern besser werden kann? Alles Große kommt von unten herauf, kommt aus dem Volke –«

Hettergott, der auswärts einige Glas Bier getrunken hatte, trommelte mit der Hand auf den Tisch und rief wiederholt lebhaft dazwischen: »Jawohl, das ist richtig!«

»Überlegt euch mal«, fuhr Alois, ihm zur Belustigung der anderen die Hand auf den immer wieder aufgerissenen Mund legend, fort, »bedenkt einmal, Leute, wie alles unter den Menschen zustande gekommen ist. Wer läßt im Kriege sein Blut in den Schlachten? Wer bestellt im Frieden das Ackerfeld, baut die Straßen und Städte, wer erschafft mit seiner Hand die Ware, die er auf Rädern und Schiffen über die ganze Erde führt –?«

»Der Proletarier!« posaunte der rothaarige Sozialist, indem er aufstand, in die schon mehr bewegte Versammlung.

»Um uns zu bändigen und zu ketten«, rief Alois, indem er den Fanatiker mit starken Händen auf seinen Schoß setzte und festhielt, »rüsten die Großen und Reichen die gewaltigen Heere, die sie in den Krieg hetzen, den sie für unbedingt notwendig erklären –«

Mit einem Gemisch von Wut und Lustigkeit sahen die Zuschauer den gebändigten Proletarier vor ihren Augen in den Armen des Starken zappeln.

»Wer schafft in ruhelosem Zeugen und Gebären stetig die markige, hingeschlachtete Volkskraft neu? Wißt ihr's?« fragte jetzt Alois mit nicht gewöhnlicher Kraft in der Rede. »Der Proletarier und sein abgerackertes Weib! Das versteht sich! Und mit den Leibern seiner Töchter und Frauen stillt er außerdem die nimmersatte Gier der Männer seines Volkes –«

Vater Schreyvogel zog eine Grimasse und ballte in den Hosentaschen die Fäuste –

Einige Zuhörer machten merkwürdige Gesichter und wußten nicht, wo sie hinsehen sollten.

»Und was geschieht euch zum Lohne für alle Opfer und alle Entbehrungen der Güter, die ihr selber erst schafft? Wißt ihr das nicht? Schaut ihr mich an? Euch selber schaut an! Mit eurem Leibe und eurer Seele tragt ihr das Verbrechertum der Nation.«

Der schwarze Alois schleuderte diese Worte heraus.

»Das ist die Wahrheit!« schrie Hettergott, den Alois plötzlich von seinem Schoße gehoben und kräftig auf den Boden gestellt hatte. »Deshalb sind wir Verbrecher geworden!«

Ein Gemurmel durchlief die unruhigen Reihen der Anwesenden. Man konnte nicht recht sagen, ob es Zustimmung oder Mißbilligung bedeuten sollte.

Der Rote sprang jetzt wie ein Wahnsinniger im Raume herum, gestikulierte mit den Händen und versuchte, den großen Alois wiederholt zu umarmen, der ihn abschüttelte. »Mich haben sie das letztemal«, schrie Hettergott, »mitten im eiskalten Januar entlassen und kauften mir für fünfzehn Heller ein Billett bis zur nächsten Bahnstation. Da war ich außerhalb ihrer Gemeinde, und sie brauchten für mich nicht weiter zu sorgen! Halberfroren blieb ich auf der Landstraße liegen, bis ein mitleidiger Doktor mich fand und in seiner Kutsche mitnahm –«

Hettergott konnte sehr drastisch schildern. In seinen Grimassen, mit denen er sich im Augenblicke die Beine rieb, schienen sich seine damaligen Schmerzen widerzuspiegeln.

»Was hast du damals bei dir gedacht, Bruder?« fragte der schwarze Alois plötzlich aufspringend mit einer Leidenschaftlichkeit, die man nach seinem sonstigen ruhigen Verhalten kaum erwartet hätte.

Hettergott stürzte ein Glas Bier hinunter und schrie, die Flüssigkeit teilweise wieder herausspritzend: »Rache! Rache!«

Einige Schreier erhoben ihre Stimme. Der blonde Ferdinand spielte mit der Ziehharmonika einige grelle Akkorde. Eine tiefe Stimme im Hintergrunde gebot donnernd Ruhe. Dann tiefe Stille. Grinsend nickte Meister Schreyvogel mehrere Male mit dem Kopfe.

»Rache – an wem?« fragte der Mustertischler mit blitzenden Augen, indem er den Roten am Handgelenk packte.

»An den anderen! An den Menschen, die es besser hatten wie ich und doch nichts für mich taten –«

»An der menschlichen Gesellschaft mit ihren verkehrten Einrichtungen –!« vervollständigte Alois, während Hettergott vor Schmerzen ob des Druckes um sein Handgelenk sich hin und her wand.

Die Umsitzenden zogen finstere Gesichter. Obwohl sie im Augenblicke nicht zum Streiten aufgelegt waren, konnte doch jeder sein Lied singen. Sie glaubten alle die schwere Hand eines unverdienten Schicksals gefühlt zu haben.

Den angetrunkenen Sozialisten packte das Elend. Er fing an zu heulen und zu jammern.

Alois war aufgestanden. Er war ein großer kräftiger Mann und machte einen Eindruck. Er faßte den Verzweifelten nochmals an der Hand, sah ihm ins Gesicht und sagte: »Weißt du, was du bist, Xaver?«

Der Sozialist sah ihm erwartungsvoll in die Augen, die anderen verhielten sich mäuschenstill.

»Märtyrer sind wir! Ein Märtyrer bist du!«

Alois schüttelte dabei den Rotkopf am Arme und machte ihn dadurch wieder etwas munter.

»Märtyrer!« kreischte lallend der Geschüttelte.

Eine heftige Bewegung durchlief die Gruppen der Anwesenden, welche den Reiz der gefährlichen Aufstachelung empfanden.

Schon wieder setzte die Harmonika ein und spielte die Anfänge einer bekannten anfeuernden Marschmelodie, um bald schrill wieder abzubrechen –

»Jawohl, Märtyrer!« lallte Xaver von neuem. »Wie die Gekreuzigten – die Verbrannten – wie die Hei – Heiligen –!«

»Weißt du, was du noch bist?« fragte Alois mit leidenschaftlicher Wut weiter, den Genossen immer noch festhaltend.

»Geiseln sind wir unseres Herrgotts für die erbarmungslosen Menschen!«

Hettergott heulte wie ein Hund. Stimmen schrien dazwischen.

»Die Rächer ihrer Ungerechtigkeiten! Die Vollstrecker eines höheren Schicksals!«

Dabei ließ der keuchende Alois mit einem kräftigen Stoße den Angetrunkenen fahren, so daß dieser Rächer und Schicksalsgestalter der Länge nach auf den Boden fiel.

Dieser Umstand schwächte die Wirkung der flammenden Worte des Starken etwas ab, vielleicht zum Heile der Versammlung.

Alois hatte etwas Aufreizendes in seiner Leidenschaft und Stimme.

Einigen der Anwesenden wurde es siedendheiß in den Köpfen bei seinen Reden.

Wenn er es darauf angelegt hätte, würde er wohl die in ihrem Innersten gepackten Männer zu einer Übereilung mit sich fortgerissen haben.

Das war aber offenbar selbst gar nicht seine Absicht. Er saß schon wieder an seinem Platze und zündete sich eine neue Zigarette an.

Ein unter Ferdinands Führung, der die Marseillaise auf seiner Harmonika spielte, in Bewegung gesetzter Marsch einiger Männer durch die Werkstätte kam bald wieder zum Stillstand und wurde schließlich nur noch am Platze getreten.

Hettergott wurde von einigen Genossen auf seine Beine gestellt und machte zur allgemeinen Heiterkeit Gehversuche wie ein Kind.

Von dem Hausflur traten zwei Ankömmlinge herein, jüngere Männer in Überzieher und Hut. Ihre Augen suchten den Meister, dem sie verständnisvoll zuzwinkerten. Er kam auf sie zu und sprach mit ihnen halblaut an der Türe.

Der eine drückte ihm unauffällig einen Beutel in die Hand und flüsterte: »Fünfhundert! Zum Aufheben für uns beide!«

Schreyvogel nickte und ließ den Beutel verschwinden.

Die Erschienenen, die, da sie auswärts gut gegessen und getrunken hatten, nur kurz verweilten und sich bald in ihre Schlafstelle begaben, waren zwei zusammen eingeübte geriebene Bauernfänger. Sie handhabten ihren Trick wie Varietékünstler ihren Akt.

Aus Antworten, die einzelne neugierige Frager herauslockten, ergab sich, daß sie heute nachmittag einen Lehrling gerupft hatten, der für seinen Prinzipal Geld auf der Post erhoben hatte. Der eine der Bauernfänger hatte sich zu ihm gesellt und ein Gespräch mit ihm angeknüpft. Plötzlich entfiel einem vor ihnen hergehenden Unbekannten – dem anderen Genossen – ein Geldtäschchen, das der Begleiter vor den Augen des überraschten Lehrlings heimlich aufhob und ihm geöffnet mit Geld gefüllt zeigte.

Es war eigentlich eine teuflische, aber einträgliche Komödie.

Es war in Alt-Wien bei der Kirche Maria am Gestade. Sie gingen die alten Stufen herunter. Der Begleiter lud den Lehrling in eine verrufene Wirtschaft ein und versprach, wenn er schweigen wolle, den Fund mit ihm zu teilen. Der junge Mensch ließ sich verlocken.

In der Schankwirtschaft trat aber mit einem Male der Verlustträger an ihren Tisch, nannte sie Gauner und verlangte sein Portemonnaie mit dem Geld zurück. Unter solchem Zwange gab der Begleiter des Lehrlings seinen Fund heraus.

Jetzt erst kam der eigentliche Gaunertrick. Der Verlustträger versicherte, an seinem Gelde fehle ein beträchtlicher Betrag. Der Genosse und auch der Lehrling, der im Lokal kein Aufsehen erregen wollte, mußten ihr Geld vorzeigen. Der Bursche ging in die Falle.

Er holte seinen Beutel hervor, den die beiden Genossen, der Begleiter angeblich im Interesse des Lehrlings, durchsuchten. Dann gab sich der Verlustträger zufrieden und verschwand mit dem Bemerken, er wolle von einer Anzeige absehen. Bald nahm auch der über den Ausgang niedergeschlagene Begleiter des Lehrlings Abschied und überließ ihn seinem Schicksal. Zu spät merkte der Junge, daß aus seinem Beutel die Kassenscheine verschwunden und gegen blaue Papierstücke ausgetauscht worden waren.

Dem Beispiele der Ankömmlinge folgten, als sie ihre Neugierde befriedigt hatten, eine Reihe anderer Gesellen, sagten gute Nacht und verließen die Werkstätte. Die »Handwerker« pflegten zeitig ihr Lager aufzusuchen.

Zwei junge Menschen, kräftige Gestalten, die man eher für Schlosser als für Tischler halten konnte, blieben noch einige Zeit zurück.

Aus einem Schranke holten sie weißgraue Hosen und Jacken, die sie mit Mehl bestreuten. Jeder setzte in eine kleine Laterne eine Stearinkerze und stellte sich einen großen Handkorb zurecht.

Mit einigem Erstaunen verfolgte Alois ihr Gebaren.

Meister Schreyvogel, der ihn beobachtete, zwinkerte schon wieder mit den Augen. »Schau, Alois, auch eine Berliner Spezialität! Die Jungens arbeiten in der dritten und vierten Morgenstunde. Dann kannst du sie, wenn du nicht im Nest liegst, als Bäckerjungen durch die Straßen laufen sehen. Natürlich haben sie, wie richtige Semmeljungen, Schlüssel zu verschiedenen Haustüren! Und ihre Körbe werden immer schwerer statt leichter.« Dabei schmunzelte der Meister.

Die »Bäckerjungen«, von denen die Rede war, sahen sich nach Alois lachend um. Er nickte zum Zeichen, daß er die Aufklärung verstanden hatte.

»Nun legt euch vier Stunden aufs Ohr, Jungens! Sonst seid ihr verschlafen!«

Die Jungens hatten ihre Theaterkostüme in den Korb gepackt, den sie übermütig schwenkten.

Dabei faßten sie sich unter den Arm und sangen: »Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun – drum Brüderchen –«

»Wollt ihr das Maul halten, Jungens!« wetterte Schreyvogel. »Meine Frauensleute schlafen –«

Die Bäckerjungen stürzten davon.

»Was hat mich das für Mühe gekostet, den schwerfälligen Wiener Jungens solche einfache Dinge beizubringen, die sie in Berlin im Handumdrehen erledigen!« seufzte der Meister, indem er den Hut aufsetzte und seinen am Nagel hängenden Überzieher anzog.

Alois nickte.

»Ja, Berlin! Gesegnete Gegend! Einige Dinger habe ich immer noch nicht anstellen können!« fuhr er, sich eine frische Zigarre anzündend, fort. »Eine feine Sache! Denke mal drüber nach, Alois. Mit Hilfe der Dienstmädchen – paß gut auf! – baldowert man aus, ob eine kinderlose Herrschaft abends ausgebeten ist. Das Mädel bestellt man zum Stelldichein ein gutes Stück vom Hause entfernt. Dann kommen die Jungens als geladene Gäste im Überzieher, mit Zylinder, Lackschuhen, weißer Binde und hellen Handschuhen. Sie unterhalten sich in der Wohnung ungezwungen bei erleuchteten Fenstern, spielen auch Klavier. Dabei kann man alle Schränke und Kasten öffnen. Wie gesagt, das habe ich noch nicht in Szene setzen können. Wäre eigentlich was für dich, Alois –«

Der Schwarze lachte gutmütig. »Weißt du, Meister, wie du mir vorkommst –? Es ist eine Schmeichelei –«

Der Meister machte ein spitzes Gesicht.

»Wie ein großer Theaterdirektor kommst du mir vor – der keine Ruhe hat – der immer inszenieren muß –«

»Viel anders ist es auch nicht!« sagte Schreyvogel vergnügt. »Aber in allem Ernst, Alois! In Zylinder, Lackschuhen und weißer Binde müßtest du dich großartig machen. – Gute Nacht für heute. Ich habe noch einen kleinen Gang –«

Alois sah ihn fragend an.

»Ach, du denkst –? Nee, Alois! Heute abend nicht. Heute ist's bloß etwas Weibliches. Aber laß meine Alte nichts merken. Morgen früh wollen wir ans Schrankmodell gehen – gute Nacht – laß die Lampe nicht brennen –«

Damit ging Meister Schreyvogel, seinen Spazierstock zur Hand nehmend, mit wichtigen, etwas tänzelnden Schritten, wie ein Theaterdirektor, zur Türe hinaus. Vorsichtig, kaum hörbar, ging er durch den Hausflur.

Alois, der Mustertischler, war allein in dem großen Raume zurückgeblieben. Er stützte den Kopf auf die Hand und blies nachdenklich blaue Rauchwolken vor sich hin. Eine halbe Flasche Bier stand noch vor ihm.



Siebzehntes Kapitel

Man hörte eine Wanduhr elfmal schlagen. Die Lampe brannte fahler, das Petroleum schien sich zu Ende zu neigen.

Ein leises Geräusch war vernehmbar. Es klang, als ob vorsichtig eine Tür geöffnet würde.

Das geschah tatsächlich oben auf der schmalen Holzgalerie, die an der einen Seitenwand der Werkstätte entlang lief. Man stieg eine Holztreppe hinauf. Die Verbindungstüre oben führte in die Schreyvogelsche Wohnung, die im ersten Stockwerke lag.

Auf der Holzgalerie waren behutsame Schritte vernehmbar. Dann beugte sich eine Mädchengestalt ein Stück vor und flüsterte: »Bist du allein?«

Alois hatte mit Spannung gelauscht, war aufgestanden und hatte sich an einen Tisch unter die Galerie zurückgezogen, wo weder ein unerwartet durch die Tür Hereintretender noch ein Lauscher durch das Fenster ihn sofort bemerken konnte. »Ja!« rief er leise durch den Raum.

Das Mädchen kam vorsichtig die Treppe herunter. Es war Sabine Schreyvogel. Schnell huschte sie zu dem Tischler, der sie in seine Arme schloß. Ihre Lippen begegneten sich in einem langen stillen Kusse.

Sabine war eine frische hübsche Blondine von etwa achtzehn Jahren. Ihre Gesichtszüge hatten, wie man es oft in den unteren Volkskreisen findet, etwas Zartes, fast Vornehmes. Ihre Wangen waren wie rosig angehaucht, ihre braunen Augenbrauen reizend gezogen. Die Linien ihres Profils zeigten seltene Regelmäßigkeit, ihre Augen waren hell, der kleine Mund kirschrot und wahrhaft süß. Eine leichte Sinnlichkeit lag im Gesicht. Die Bewegungen ihrer schlanken Glieder hatten etwas Anmutiges.

»Was gab es so viel zu erzählen? Weshalb ging der Vater nicht –?« fragte Sabine leise, als sie sich aus der Umarmung gelöst hatte.

»Er war sehr gesprächig und gab aus seinen Berliner Erinnerungen zum besten –«

Sabine machte eine geringschätzende Miene.

»Ist Mutter Ulrike zu Bett?«

»Jawohl, Pauline schläft auch schon –«

»Hast du heute an mich gedacht?« fragte der Tischler, das Mädchen wieder an sich ziehend.

»Immer! Den ganzen Tag!« nickte sie mit schelmischen Augen.

»Ich habe dich singen hören, als du arbeitetest –«

»Das war für dich. Du solltest mich hören –«

»Es klang wie auf dem Theater! Da habe ich das Hobellied schon gehört – aber nicht so schön –«

»Das glaube ich!« lachte er, sie liebkosend.

Das Mädchen schlug ihn scherzend auf die Hand, mit der er ihren vollen Arm streichelte.

Er sah ihr genauer in die Augen und bemerkte ihre roten Lider. »Was hat's gegeben?« fragte er. »Du hast wieder geweint? Hat der Vater gescholten?«

Sabine schüttelte ernst den Kopf.

»Oder die Mutter?«

»Auch nicht –«

Er sah sie fragend an. Da sank sie ihm schluchzend an den Hals und flüsterte: »Ach, Dominik, ich bin ja so unglücklich –«

Er drückte sie an sich und sagte zärtlich: »Wir tragen alle unser Geschick –«

Sie schmiegte sich noch immer zitternd an ihn. »Nein!« schluchzte sie. »Ich trag' es nicht mehr –«

Er holte etwas tiefer Atem. »Was willst du nicht mehr tragen, Kind?«

»Mein entsetzliches Leben in dieser väterlichen Räuberhöhle – sei nicht böse – du weißt, wie ich es meine –«

Er strich mit der Hand ihr schönes weiches Haar.

»Ich kann nicht mehr hier hausen, kann hier nicht mehr leben!« erklärte sie gedämpft, aber energisch.

Er sah sie etwas verwundert an, sagte aber nichts.

»Je älter ich werde, je mehr mir die Augen aufgehen, desto furchtbarer wird mein Dasein –«

Der braune Mann blickte an ihr vorüber ins Leere.

»Kannst du dir denken, wie mir zumute war, als ich eines Tages als Vierzehnjährige begriff, was hier um mich vorgeht? Den Vater so ansehen zu müssen – besondere Liebe fühlten wir ja nie zu ihm – aber eine Anhänglichkeit spürt man hier drinnen doch!«

Der Mann nickte still mit ernsten Augen.

»Und ebenso seine Mutter zu erkennen! Freilich, sie ist schwach, hat keinen eigenen Willen und kann gegen seine Tyrannei nicht aufkommen – sie hat sich jahrelang den Mund weggeredet, um ihn abzubringen – davon ist sie chronisch heiser –«

»Wie hilft sich Pauline?« fragte der Tischler ablenkend.

»Wir sind ganz verschiedene Naturen. Sie ist nicht schlecht – aber sie setzt sich mit stumpfsinniger Ergebung darüber hinweg und genießt ihre Jugend –«

»So sieht es aus –«

»Sie ist fünf Jahre älter als ich. Sie ist schlau und lebensklug, der Vater hat Furcht vor ihr –«

»Ja ja!« bestätigte der Mann.

»Sie darf sich viel herausnehmen, ihr wird es nachgesehen. Aber versetze dich in meine Lage! Der Vater legt es darauf an, mich unter seine Fuchtel zu zwingen. Wenn die Mutter mir hilft, treibt er's nur ärger. Hältst du's für möglich? Er predigt mir Moral –«

Dominik sah überrascht auf.

»Ich darf dies nicht und soll jenes nicht. Wenn ich den Mund verziehe, kann er schon handgreiflich werden. Er hat seine Lust, mich zu quälen – seh's ihm an den Augen an, wenn er mich anstiert –«

Von dieser Seite hatte der Geselle den Meister noch nicht kennengelernt. »Vielleicht meint er's gut – er will dich in der – der Räuberhöhle nicht verderben lassen – sie ist nun einmal sein Geschäft –«

»Dominik, die Sachen liegen anders. Du siehst ihn zu günstig an –«

»Was meinst du?« forschte er.

Sie schwieg. Da faßte er ihren Kopf mit beiden Händen und richtete ihn auf, so daß sie ihn ansehen mußte. Sie war ganz blaß. Alles Blut schien aus ihrem Gesicht gewichen.

Da sie nichts sagte, stampfte er mit dem Fuße die Diele.

»Ruhig!« flüsterte sie. »Er will mich für sich selbst aufsparen – glaube ich –« schluchzte sie.

»Dein Vater –? Hast du Beweise?« fragte er erschrocken.

Sie nickte.

»Hund – elender –« Der Tischler ballte die Faust.

Sie legte ihm die Hand auf den Mund. »Pst! Nicht so laut. Siehst du, Dominik, was ist an mir gelegen? Was war an mir gelegen, ehe ich dich kannte –? Aber jetzt –«

Sie schluchzte von neuem.

Er ballte abermals die Faust.

»Nein, Dominik, nicht so! Er ist ja mein Vater. Es muß andere Mittel und Wege geben. Ich habe darüber nachgedacht. Seit ich dich kenne. Es gibt einen Ausweg – rette mich, Dominik, rette du mich –«

Dabei faßte sie ihn zitternd um den Hals.

»Wie kann ich dich retten, Kind –?« fragte er zweifelhaft. »Meine eigenen Schicksale –«

»Das wollte ich dir schon immer vorlegen. Weshalb bist du hier? Was führt dich zu uns?« fragte sie mit fliegendem Atem. »Von Vergangenem wollen wir nicht reden. Ich kann mir's schon denken. Du hast manches durchgemacht. Aber das liegt hinter dir –«

»Nicht alles –« erklärte er schnell.

»Aber im Augenblick bist du außer Gefahr –?«

»Nur in diesem Augenblick bei dir« erwiderte er nicht ohne innere Bewegung.

»Darf ich fragen?« sagte sie hastig und leise, als schäme sie sich ihrer Neugierde. »Bist du im Gefängnis gewesen –?«

Er schwieg und seufzte.

»Lange?« forschte sie weiter. »Jahre?«

Er bejahte.

»Weswegen?« flüsterte sie.

Er machte einige Bewegungen mit der Hand. »Das ist nicht so schnell erzählt – Geldgeschichten –«

»Warst du auch im Zuchthaus?« fragte sie fast tonlos, ohne ihn anzusehen.

»Nein« sagte er sehr bestimmt.

»Weshalb machst du nicht einen Strich hinter die Vergangenheit? Der Mensch kann vieles gut machen. Du bist noch jung genug. Der Vater sagt, du wärst ein außerordentlich geschickter Tischler – wo hast du das gelernt –?«

»Im Gefängnis –«

»Er wundert sich, daß du nicht vorwärts kämst. Von deinem Musterschranke hofft er ein großes Geschäft. Dominik, weshalb lässest du's ihm? Weshalb führst du das nicht selbst durch –?«

»Ich?« fragte er kopfschüttelnd.

»Arbeite – mache dich selbständig –« sagte sie eindringlich und zärtlich zugleich. Es war rührend, zu sehen und zu hören, wie dieses Mädchen aus dem Volke dem Manne, der Schiffbruch gelitten hatte, zusprach.

»Es ist zu schwierig für unsereinen –«

»Wir gehen aus Österreich fort, Dominik –« flüsterte sie.

»Wohin?«

»Wohin du willst! – Nach Deutschland?«

»Dort ist nichts für mich. Ich möchte in Deutschland nicht leben. Dort weht ein unfreier Geist. Alles in Gesetze und Kommandi eingeschnürt. Die Menschen Arbeitstiere ohne Befähigung zur echten Freudigkeit! Da spürt die Polizei alles aus –«

»Also weiter, viel weiter! Wir fahren nach England. Dort sind deutsche Handwerker gesucht, habe ich gehört –«

»Ja, und die Polizei läßt einen in Ruhe –« sagte er nachdenklich und schwieg.

»Nimmst du mich mit, Dominik?« fragte sie ganz leise.

Er lachte bitter. »In die Not? Ins Elend? In England ist das Leben sehr teuer –«

Sie sagte ihm etwas ins Ohr.

Er sah sie überrascht an. »Es reicht nicht« meinte er dann kopfschüttelnd.

»Es reicht!« versicherte sie. »Für dich und mich, für uns beide. Es sind Hunderte – Tausende –«

»Du, Sabine?« fragte er bestürzt.

»Fünftausend und mehr – in meines Vaters Kassette –« zischelte sie mit eigentümlichen Mienen.

Darauf war er nicht gefaßt. Das sah man ihm an.

»Wie kommst du zu dem Gelde?«

»Ich kontrolliere meinen Vater –« erklärte sie, und ein starker Wille sprach seltsam aus der zarten Gestalt.

»Fünftausend, sagst du?«

»Und mehr. Teils in Papier, teils in bar. Er hat es sich zu seiner Sicherheit, zu seiner Flucht zurechtgelegt, wenn er entdeckt wird. Das kann auch uns dienen. Wir können uns eine Existenz gründen. Für die Reise habe ich noch einige Hundert besonders beiseite gebracht –«

Wie eine Heldin stand das junge Mädchen vor dem starken Manne, der wohl die Empfindung hatte, daß hier aus der nervigen Volkskraft ein grünender Sproß trieb.

Er überlegte. Seine Augen leuchteten. Er sah einen Ausweg in eine bessere Zukunft.

Dann schüttelte er den Kopf. »Das sind Redensarten, Sabine! Du solltest mich nicht rebellisch machen, wenn du's nicht ernsthaft meinst –«

»Es ist mein heiliger Ernst – ich schwöre es –« Dabei hob sie feierlich die Hand. Jetzt waren ihre Züge von eigentümlicher Schönheit. Die verkörperte Weiblichkeit aus dem Volke sah er vor sich.

Wieder dachte er einige Augenblicke nach. »Du kannst jederzeit zur Kassette?« fragte er dann.

»Jede Minute – heute nacht –«

»Hast du den Schlüssel?«

»Den Reserveschlüssel habe ich an mich genommen –«

»Du bist vorbereitet?« forschte er.

»Auf alles –«

»Auf die Flucht – heute nacht schon?«

»Ja! Heute nacht!« Sie umarmte ihn stürmisch und küßte ihn auf den Mund.

Die Wanduhr schlug Mitternacht. Unheimlich klangen ihre blechernen Töne durch das Haus. Die Petroleumlampe leuchtete nur noch ganz spärlich.

»Dein Vater kommt vor Morgengrauen nicht heim –«

»Mutter und Pauline schlafen sehr fest –«

»Bist du angezogen zur Reise?«

»In zehn Minuten. Deine Papiere liegen auf Vaters Schreibtisch – Dominik Visontal aus Klausenburg – nicht wahr?«

Er nickte, nahm sie fest an beiden Händen und hielt sie von sich ab, ihr ins Gesicht spähend. »Mädel, du hältst mich nicht zum Narren? Du lockst mich in keine Falle? Du willst dich mir anvertrauen –?«

In ihren Augen blitzte etwas. »Ich muß aus diesem Loche heraus! Du sollst mich retten – das sagte ich dir schon –«

»Retten –? Durch ein Verbrechen – ein neues Verbrechen –?«

»Ich nehme es auf mich – mache dir keine Gedanken –«

»Ich bin beteiligt –«

»Es ist kein Verbrechen – einen solchen Vater zu bestehlen – um seine Zukunft zu retten –!«

»Das bindet keinen Staat und keinen Staatsanwalt – wir werden verurteilt –«

»So setze dich weg über diesen Staat und diesen Staatsanwalt, die dem Menschen so wenig ins Herz sehen – sei größer –«

Es war nicht möglich, daß dieser süße kirschrote, etwas sinnliche Mädchenmund solche freie Worte herausstieß –

»Wenn er uns verfolgen läßt –? Wenn sie uns fassen?«

»Er wird für sich selbst zittern –«

»Einen Verbrecher willst du zum Manne nehmen?«

»Der künftig keiner mehr sein will –«

»Wirst du's mir niemals vorwerfen?«

»Mann! Törichter Mann! Merkst du denn gar nichts? Ich will nichts voraus haben – » sagte sie bedeutungsvoll – »ich will nicht!«

Er war aufgestanden. Eine starke Bewegung hatte seinen ganzen Körper erfaßt. Er sah sie an von oben bis unten. Er konnte nichts sagen. Sie hielt seinen Blick aus. Ein wenig errötete sie. Seine Züge zeigten Entschlossenheit. Ein Freiheitsgefühl schien über ihn zu kommen.

Das Paar drückte sich im stummen Gelöbnis die Hand. Kein Laut war vernehmbar. Nur das Rauschen des Unhörbaren lag in ihren Ohren.

Endlich traten sie auseinander. Sabine entschlüpfte leise über die Galerie, woher sie gekommen war.

Dominik Visontal stieg auf einen Stuhl und verlöschte die Lampe. Dann verließ er, mit einem letzten forschenden Blicke den Raum musternd, behutsam die Werkstatt.

Eine Viertelstunde später huschten in kurzen Zeitabständen zwei Gestalten aus dem Hause. Jede ging für sich ein Stück, bis sie sich nach wenigen hundert Schritten trafen und verschlungen im Nebel der Oktobernacht nach den Bahnhöfen zu verschwanden.



Achtzehntes Kapitel

Gegen Ende November meldete ein Polizeibericht der Wiener Zeitungen, daß den berüchtigten Hochstapler Nikolaus Györki aus Debreczen, der vor vier Wochen aus dem Untersuchungsgefängnis entwichen war, sein Schicksal in Hamburg erreicht hatte.

Im Augenblicke, als er mit einem durch falsche Papiere erlangten Passe den Dampfer nach England betreten wollte, hatte ihn ein Hafenpolizist nach der Photographie erkannt und nahm ihn fest.

In seiner Gesellschaft hatte sich eine junge weibliche Person befunden, die beim Anblicke seiner Verhaftung voll Verzweiflung ins Wasser gesprungen und, weil den Vorgang niemand sofort beobachtet hatte, nur als Leiche geborgen worden war.

Sowohl bei Györki als bei der Toten hatten sich Barschaft und Papiere in österreichischen, deutschen und englischen Werten im Betrage von einigen Tausenden gefunden.

In einem Hamburger Gasthause hatte sich das Paar als Ingenieur Josef Forcher und Frau aus Prag eingeschrieben.

Als Györki nach Wien zurücktransportiert worden war, nahm Doktor Sperl seine jählings unterbrochene Untersuchung wieder auf, nachdem inzwischen durch Vernehmung der Zeugen in Ungarn der Tatbestand weiter aufgeklärt worden war.

Es gab eine kleine Sensation im Justizpalast am Schmerlingplatz, als der Entsprungene zum erstenmal dem Staatsanwalt wieder vorgeführt wurde. Aus verschiedenen Zimmertüren kamen neugierige Gesichter zum Vorschein. Andere Herren machten sich im Korridor Bewegung, um dem interessanten Hochstapler zu begegnen.

Der ältere Staatsanwalt Doktor Byloff, der in letzter Zeit auffällig vergnügt gewesen war, zeigte sich neuerdings merkwürdig verstimmt. Böse Zungen behaupteten, er habe sich ins Fäustchen gelacht, als Györki verschwunden war.

Überhaupt konnte man gelegentlich des Falles Györki in der staatsanwaltschaftlichen Behörde etwas wie Rollenneid beobachten. Vielleicht hätte der Hochstapler auch hier seinen Vergleich vom Theater und Schauspieler angewendet.

Dem Oberstaatsanwalt Preminger wurde der geheime Vorwurf nicht erspart, daß er den bedeutenden Fall gerade einem zwar begabten, aber noch unerfahrenen Jüngeren ohne stichhaltigen Grund übertragen hatte. Andere behaupteten, der Fall gehöre nach Ungarn und würde in Wien überhaupt nicht abgeurteilt werden, wenn ihn nicht Sperls Ehrgeiz krampfhaft festhalte.

Bei Györkis Vorführung wurden besondere Vorsichtsmaßnahmen nicht getroffen. Er ging ebenso frei wie früher einher. Seine Flucht war ja vor allem durch die Fahrlässigkeit eines Aufsichtsbeamten ermöglicht worden, der eine Haupttüre im Gefängnis unverschlossen gelassen hatte. Györki erntete eigentlich sogar noch Bewunderung, weil er es fertiggebracht hatte, ohne Strickleiter die hohe Gefängnismauer zu überklettern. Das war bisher für unmöglich gehalten worden, und der dicke Gefängnisdirektor Stukart gab sich alle Mühe, aus dem Hochstapler herauszubringen, wie er das tatsächliche Meisterkunststück bewerkstelligt hatte.

Er wünschte sogar, Györki möge den Klettersprung, den er lediglich mittels eines wuchtigen Anlaufs und seiner elastischen Sprungfähigkeit ausgeführt haben wollte, wiederholen. Allein der Verbrecher verstand sich hierzu, obwohl man seiner Eitelkeit stark schmeichelte, nicht und erklärte nur, er nehme es mit jedem Akrobaten im Klettern und Springen auf. Die Aufseher, die ihn im Bade gesehen und die Muskeln seiner Arme und Beine bewundert hatten, zweifelten daran nicht.

Der schlaue Hochstapler wußte sich trotz seiner dem Personal unbequemen Flucht für die Zukunft sogar eine angenehme Stellung im Gefängnis zu schaffen, indem er in wohlwollende Aussicht stellte, bei guter Behandlung vor dem gesamten Personal den Meisterklettersprung zu wiederholen.

Als er schließlich kurz vor seiner Verurteilung sich zur Schauproduktion bereit erklärte, kratzte sich Herr Stukart hinter den Ohren und äußerte verlegen, er wolle die Vorführung bis zu Györkis »Freisprechung« aufschieben.

Über sein neuerliches Abenteuer hüllte sich der Verhaftete völlig in Schweigen. Er lehnte jede Auskunft über den Erwerb des vielen Geldes sowie über die Person der Toten ab. Er bestritt, das Geld auf strafbare Weise erlangt zu haben.

Die Tote war in Hamburg beerdigt, aber ihre Kleidungsstücke und Effekten zur Feststellung ihrer Persönlichkeit mit nach Wien geschickt worden. Sie lagen auf der Kriminalpolizei monatelang zur Wiedererkennung aus; die Wäsche zeigte die Buchstaben S. S. Kein Zeuge wollte sich melden.

Die Spuren wiesen zum mindesten bis Prag zurück, wo sich das Paar unter demselben Namen Forcher mehrere Tage aufgehalten hatte. Ihre dortige Ankunft, angeblich aus Linz, fiel etwa zehn Tage nach Györkis Ausbruch aus dem Gefängnis.

Obwohl die Wertpapiere, die bei dem Paare sich gefunden hatten, in einem weiteren Polizeibericht genannt wurden, meldete sich kein Geschädigter. Diese Berichte in den Zeitungen wurden wohl nicht von den Interessenten gelesen.

Sonst Verdächtiges ließ sich in den beschlagnahmten Effekten nicht entdecken. Die vorgefundenen, offenbar gefälschten Papiere lauteten auf Eheleute Forcher; die Frau hieß Sophia Flora geborene Stransky. In Linz waren der Beschuldigte und seine angebliche Frau völlig unbekannt, wie die dortige Polizeibehörde mitteilte.

Im Laufe der aufgenommenen Vernehmungen über die Beweisergebnisse in Ungarn kamen Ankläger und Verbrecher, nachdem sie zueinander wieder Vertrauen gefaßt hatten, allmählich auf ihren früheren kriminalpsychologischen Gesprächsstoff zurück.

Als er sich in der Haft in alter Weise gut behandelt sah, wurde Györki erneut von dem Bedürfnisse erfaßt, sich gegenüber einem Manne, bei dem er Verständnis und Interesse erwarten durfte, über sein eigenartiges Innenleben auszusprechen.

Ebenso konnte Doktor Sperl keine Viertelstunde den Hochstapler vor sich haben, ohne von dem eigentlichen Gegenstande der Untersuchung abzuschweifen und tiefere, die seelische Verfassung Györkis betreffende Fragen zu stellen.

Einen Zuhörer dieser zeugenlosen Vernehmungen hätte das Verhalten beider seltsam berühren müssen.

Halb absichtlich, halb unwillkürlich fühlten sie sich zu ihren eigenartigen Auseinandersetzungen, die dem überlasteten Beamten manche Stunde kosteten und die Untersuchung hinauszogen, immer wieder hingeleitet. Sie glichen zwei Faltern, einem glänzenden und einem dunkelfarbigen, die um dieselbe leuchtende Flamme im zitternden Zickzack flatternd kreisten.

Verdrießlich fragte der ältere Kollege Byloff gelegentlich seinen Funktionär, ob Sperl die Untersuchung Györki noch nicht abgeschlossen habe. »Er wird sich daran noch zugrunde richten!« ließ sich Byloff entschlüpfen. »Ich finde, Doktor Sperl sieht miserabel aus!« Der Funktionär mußte das bestätigen.

Györki suchte, an seine früheren »Enthüllungen« anknüpfend, den Ankläger gelegentlich davon zu überzeugen, daß im Verbrechen sich auch ein schriftstellerischer, ja dichterischer Trieb und Drang zu äußern vermöchten.

»Das nenne ich eben die künstlerischen Momente im Verbrechen« sagte er fast sachlich.

Doktor Sperl schüttelte anfänglich den Kopf und ahnte nicht, wo Györki hinauswollte. Er schenkte ihm aber ein williges und aufmerksames Ohr.

»Ich erlebte eines Tages an mir selber«, begann Györki, »wie leicht die gedachten und gesprochenen Phantasien in schriftliche übergehen können. Es ist schon eine Reihe von Jahren her. Ich wollte damals einem Mädchen, das mich liebte, für immer aus den Augen entschwinden und schrieb ihr deshalb unter dem Namen eines vorgegebenen Bruders, daß ich gestorben sei.«

Doktor Sperl mußte lachen.

»Bei Schilderung der Sterbestunde und des glänzenden Begräbnisses«, fuhr der Hochstapler ernsthaft fort, »riß mich meine Phantasie mit sich. Ich schilderte, wie ich mit dem letzten Gedanken ihrer in Liebe und Treue gedacht habe und im unerschütterlichen Glauben an ein Wiedersehen im Jenseits zu Gott eingegangen sei –«

Es war eine Frivolität und klang doch nicht so.

»Von meiner eigenen lebhaften Schilderung fühlte ich mich so ergriffen, daß mir beim Schreiben und Überlesen die Tränen in die Augen traten – Sie ahnen nicht, Herr Staatsanwalt, wie leicht dies bei mir geschieht! – und ich mir im Augenblicke einbilden konnte – es waren herrliche Gefühle! –, tatsächlich so selbstlos gelebt zu haben, wie ich schilderte, und wirklich so friedlich gestorben und ehrenvoll begraben worden zu sein –«

Doktor Sperl stand bereits wieder im Banne des seltsamen Erzählers und sah neue Seelengründe, in die er nie geschaut hatte, sich öffnen.

»Ich erinnere mich noch der Worte, die ich wiederholt über mich einfließen ließ: ›Denn er war ein Freund der Armen und der Liebling aller, die mit ihm im Verkehre standen!‹ Sie glauben nicht, Herr Doktor, wie das eingebildete Gefühl, ein sozialer Wohltäter gewesen zu sein, mich geradezu beseligte!«

Györki hielt einen Augenblick inne, als wollte er dem Substituten Zeit lassen, der neuen Anregung zu folgen. Dann fragte er fast harmlos, ob er einige Beispiele aus der klassischen Literatur, die er einigermaßen kenne, zum Vergleich stellen dürfe.

Doktor Sperl nickte nur.

Der Delinquent saß bequem auf seinem Stuhle und bat um Entschuldigung, wenn er keine Reihenfolge einhalte und gleich mit Goethe beginne.

»In ›Wahrheit und Dichtung‹ schreibt er, wie er als Siebenjähriger seinen Gespielen Märchen, so den ›neuen Amadis‹ erzählen und hierbei mit Vorliebe in eigener Person sprechen mußte, weil sie anscheinend sich einzubilden wünschten, er selbst habe alle diese wunderlichen Dinge persönlich erlebt. Kennen Sie die Bemerkung, Herr Doktor, die Goethe hieran knüpft? Ich habe sie unwillkürlich auswendig gelernt. ›Wenn ich nicht nach und nach, meinem Naturell gemäß‹, sagt Goethe, ›diese Luftgestalten und Windbeuteleien zu kunstmäßigen Darstellungen hätte verarbeiten lernen, so wären solche aufschneiderische Anfänge gewiß nicht ohne schlimme Folgen für mich geblieben‹.«

Etwas still saß der Staatsanwaltsstellvertreter da, weil er, wie vielleicht mancher seiner Amtsgenossen, diese Stelle in ›Wahrheit und Dichtung‹ bis heute nicht kannte.

»Noch deutlicher wird Gottfried Keller«, erklärte Györki ganz unbekümmert weiter, »in seinem Gedicht ›Der Schulgenosse‹. Der spätere Dichter und der Genosse, so heißt es, haben sich auf der Schulbank gegenseitig treuherzig betrogen sich erfinderisch und schwärmerisch belogen. Gottfried Keller wird der spätere bekannte Dichter, der Genosse ein Vagabund. Und das Gedicht schließt:


›So also wendeten sich unsre Sterne,
Und so hat es gewuchert, unser Pfund?
Du bist ein Schelm geworden – ich Poet‹.«


Eine verhaltene Bewegung schien in der Stimme des Hochstaplers zu zittern, als er die Verse ganz einfach sprach.

Doktor Sperl strich sich die Stirne und sagte nichts.

»Die Bücher des unglücklichen Karl May haben Sie gewiß gelesen, Herr Staatsanwalt?« fragte Györki recht prosaisch, als wolle er gewaltsam eine aufkommende Rührung unterdrücken. »Ich wenigstens habe sie in meiner Jugend geradezu verschlungen. Bei einer seiner Verurteilungen, die er als junger Mensch erlitt, soll sein Advokat in einem Gnadengesuche gesagt haben: ›Karl May besitzt von Natur eine große Gabe, anderen Leuten etwas weiszumachen, hierin liegt die Quelle seiner Verbrechen –‹«

Doktor Sperl erinnerte sich, daß Karl May im letzten Winter in der Wiener »Konkordia« einen Vortrag gehalten hatte und lebhaft gefeiert worden war.

»Später leitete er diese natürliche Quelle seiner Fähigkeiten«, plauderte Györki weiter, »in seine Schriftstellerei und schrieb die vielen Romane, in deren Mittelpunkt immer er selbst als tapferster, weisester, kühnster, wahrhaftigster und edelster Held, zum Teil Wunderdinge verrichtend, steht. Während er in seinen Vorworten und in Briefen allen Ernstes versichert, tatsächlich alle jene fremden Länder, die er beschreibt, selbst gesehen zu haben, war es in Wirklichkeit nicht der Fall.«

Der Staatsanwalt hatte von den Angriffen gegen May gehört und sich ihnen, ohne zu prüfen und prüfen zu können, angeschlossen.

»Ermüde ich Sie, Herr Staatsanwalt?« fragte Györki bescheiden.

Doktor Sperl verneinte.

»Friedrich Nietzsche hat irgendwo gesagt«, fuhr Györki langsam fort, »der große Dichter habe eine ›Nachbarschaft‹ zum Verbrechen. Von Shakespeare behauptet er sogar: ›Die Kraft zur mächtigsten Realität der genialen Vision sei nicht nur verträglich mit der mächtigsten Kraft zur Tat, zum Ungeheuren der Tat, zum Verbrechen – sie setze sie geradezu selbst voraus‹ –«

Doktor Sperl kannte diese Stelle bei Nietzsche nicht.

»Friedrich Hebbel« – der Hochstapler schien unerschöpflich zu sein – »schreibt ungefähr folgendes: ›Daß Shakespeare Mörder schuf, bewahrte ihn davor, daß er nicht selbst zum Mörder zu werden brauchte‹.«

Sperl fuhr unwillkürlich auf seinem Sitze etwas zurück, als wollte er an der Richtigkeit dieses Ausspruchs zweifeln.

»Und nun vergleichen Sie, bitte, Hebbels eigene Dramen, in denen er geradezu durch Verbrechen, Blut und Sexualität schreitet –«

Der Ankläger konnte sich vor Staunen kaum fassen. »Wie ist es möglich«, stieß er beinahe unwillig hervor, »daß ein Mensch von Ihrer Lebensweise solche literische Kenntnisse sammelt?«

Györki zuckte mit den Achseln. »Darf ich nochmals auf Nietzsche zurückkommen? Er kommentiert seinen eigenen erwähnten Ausspruch, wenn er sagt: ›Der Verbrecher ist häufig genug seiner Tat nicht gewachsen – er verkleinert und verleumdet sie‹ –«

Der Substitut stutzte.

»Oder: ›Die Advokaten eines Verbrechers sind selten Artisten genug, um das schöne Schreckliche der Tat zugunsten ihres Täters zu wenden‹ –«

Sperl hörte die seltsamen, nie vernommenen Aussprüche in seinem inneren Ohr nachklingen.

»Auch seine Verherrlichung des Raubtieres, der prachtvollen, nach Beute und Sieg lüstern schweifenden blonden Bestie gehört hierher. – Haben Sie sich mit Lord Francis Bacon befaßt, den manche für Shakespeare halten?« fragte Györki in einem Atem weiter. »Der Kanzler von England war der große Reformator der Wissenschaften. Aber nur weil sein Charakter so praktisch, so nüchtern und so geschmeidig war, konnte er, glaube ich, die Wissenschaft ebenso praktisch, nüchtern und geschmeidig denken lehren –«

Doktor Sperl verstand das nicht sofort.

»Dieselben Charaktereigenschaften verstrickten ihn aber auch in die Schlinge des Verbrechens der richterlichen Bestechlichkeit, die ihn zuletzt ins Gefängnis führte –«

Diesen Ausgang kannte Sperl aus der Geschichte.

»So anpassungsfähig und dehnbar wie seine geniale allumfassende wissenschaftliche Methode war auch seine Moral –«

Der Ankläger hätte am liebsten die Unterredung abgebrochen, aber er rührte sich nicht.

Györki fuhr plötzlich, als wollte er dem Substituten die Sache leicht machen, in verändertem humoristischen Tone fort:

»Soll ich Ihnen nach dem Erfahrungssatz Ben Akibas einen Fall erzählen? Der Konstanzer Hans, ein schwäbischer Straßenräuber, gab in der Gefangenschaft ein Verzeichnis von fünfhundert Namen und Beschreibungen damals noch vagierender Gauner heraus, das den süddeutschen Behörden großen Nutzen gewährte. Hierauf vom Galgen begnadigt, veröffentlichte er einen grammatischen Leitfaden der Gaunersprache nebst Vokabular. Der Straßenräuber war also Sprachforscher und Schriftsteller –«

Staatsanwalt und Hochstapler lächelten.

Der Kanzleibeamte trat herein und brachte eine Polizeianzeige, die wichtig und eilig sei.

Während der Stellvertreter las, schien Györki aus seinen Mienen erraten zu wollen, ob diese Wichtigkeit und Eile seiner eigenen Untersuchung galten.

Kriminalwachtmeister Eichlinger zeigte zu den Akten Györki an, daß die in den ungarischen Erhebungen erwähnte Klarika von Bathory zu Frau Oberst von Beroldingen, ihrer Tante, in der Schumannstraße gemeldet sei. Eine Vernehmung war durch die Polizei noch nicht erfolgt; hierzu wurde der Auftrag der Staatsanwaltschaft abgewartet.

Der Ankläger, von der Eigenart seines Verbrechers bedrückt, atmete auf, daß er selbst wieder in Tätigkeit kommen sollte, und verfügte auf dem Bericht, daß er persönlich die Zeugin vernehmen werde.

Der Kanzlist wurde angewiesen, die Ladung auszufertigen.

Fast lauernd sah Györki dem Beamten nach, dessen Geschäft mit keinem Worte genannt worden war. Fühlte er, daß ihn ein Geheimnis umgab?

»Also wir waren beim sprachforschenden Straßenräuber stehengeblieben –« leitete Sperl lebhaft zu dem Gesprächsstoffe zurück. Die Vernehmung der Zeugin Bathory, so dachte er in diesem Augenblicke bei sich, mußte ja die Untersuchungsergebnisse wunderbar aufhellen. Eine solche Kronzeugin, die den unmittelbaren Eindruck wiedergeben konnte, hatte er sich nicht erwartet.

Der Hochstapler schien mißtrauisch zu sein und ließ sich nochmals nötigen, seinen Gedankengang wieder aufzunehmen. »Von Goethe erwähnte ich schon einige Worte« sagte er nachdenklich. »Was ihn auszeichnete, war wohl das wunderbare Maß von Selbstbeherrschung, das ihm immer treu blieb. Und doch soll er einmal mündlich geäußert haben: ›Es gibt kein Verbrechen, zu dem ich nicht schon einmal den Drang in mir verspürt habe‹ –«

Doktor Sperl schüttelte energisch den Kopf; an diesen Ausspruch wollte er wieder nicht glauben. Daß er die Bathory als Zeugin gegen Györki ausspielen konnte, machte ihn stark und reizte ihn zum Widerspruch.

»Zeigt sich bei Goethe, der sich selbst der Lüge und der Verstellung abgeneigt bezeichnet«, fuhr der Hochstapler wieder unbedenklicher fort, »nicht der typische Verkleidungstrieb des Dichters, der in alle Gestalten sich zu hüllen liebt? Ist er nicht Weißlingen, Clavigo, Werther, Fernando, nicht Egmont, sogar Orest, Tasso, Wilhelm Meister und Faust? Hüllt er sich nicht deutlich in den Schleier von Wahrheit und Dichtung? Nimmt er nicht allerlei äußere Gestalt an, um, innerlich immer derselbe, sich voll und ganz auszuleben? Sind seine Helden nicht Masken und Vortäuschungen?«

Györki bemerkte wohl, daß in dem Staatsanwalt mit einem Male eine Gegenwirkung erwacht war.

»Aber was soll ich erst von Friedrich Schiller sagen?« begann er mit fast gekünstelter Lebhaftigkeit. »Predigt er nicht selbst in unzähligen Variationen die Lehre, daß seine eigene geniale und deshalb vom Zerstörenden nicht freie Kraft vielleicht andere, am Abgrunde hinführende Wege gefunden hätte, wenn sie sich nicht in das Kunstwerk ›Die Räuber‹ hätte projizieren können?«

Bei Schiller glaubte Sperl schon besser als bei Goethe bewandert zu sein –

»Findet er nicht in seinen philosophischen Schriften einen seltsamen, gefährlichen Übergang vom Moralischen zum Ästhetischen? Bemäntelt er nicht zahlreiche Male unwillkürlich und absichtlich das Laster mit dem Ästhetischen?«

»Wer hat Ihnen das gesagt? Wo haben Sie das gelesen?« fragte der Ankläger schnell.

»Es kann sein, daß ich es irgendwo gelesen habe. War Schiller nicht gerade deshalb so hervorragend zum tragischen Dichter geschaffen, weil seine Seele eine angeborene Neigung zu grausamen Phantasien hatte? Hätte er ohne die Verbrechergestalten, die er verherrlicht, überhaupt ein Dichter sein können?«

Doktor Sperl selbst beantwortete unwillkürlich diese Frage stillschweigend mit »Nein« und war dann über sich selbst betroffen, daß er sich durch die Einflüsterungen des Hochstaplers so beeinflussen ließ.

»Den Betrüger Warbeck wollte er zum Helden einer Tragödie machen. Er sollte zu seiner prinzlichen Rolle geboren erscheinen. Sein Betrug sollte ihm nur den Platz einräumen, zu dem die Natur ihn bestimmt hatte – wollte da Schiller nicht einen dem meinigen verwandten Charakter verherrlichen, Herr Staatsanwalt –?«

Györki fragte das mit blitzenden Augen.

Doktor Sperl erschrak fast. So hatte er ihn noch nie gesehen, auch früher nicht.

»Und endlich Richard Wagner?« keuchte Györki. »Ist Ihnen nicht aufgefallen, Herr Staatsanwalt, wie dieser Mann den Erlösungsgedanken zu Tode hetzt?«

Der Substitut fühlte einen gelinden Schwindel. Das war schon wieder ein neuer Gedanke, den dieser unheimliche Geist herausschleuderte.

»Der Holländer von seinem Übermute gegen die Gottheit erlöst! Tannhäuser erlöst von Sinnenlust! Lohengrin ersehnt Erlösung von seiner göttlichen Sendung – Tristan und Isolde, sich gegenseitig erlösend – Wotan, der Weltherrscher, Brunhilde, das entgötterte Weib, der Gralskönig, alle, alle, alle begehren, schreien nach Erlösung. ›Erlösung dem Erlöser!‹ ruft sich Wagner am Schlusse selber zu, der grenzenlos Eigennützige, der Undankbarste aller – der Wahnsüchtige – der Friedlose – Masken – Masken! Nichts anderes – Zaubergestalten, in welche der moderne Proteus sich hüllt –«

Györki hatte zwar angekündigt, enden zu wollen, aber er endete noch nicht. Ein unaufhaltsamer starker Redestrom floß von seinen fortwährend bewegten Lippen.

»Sie glauben, mein Beweismaterial ist erschöpft, Herr Staatsanwalt? Aber ich weiß von noch einem! Der lehrte ein radikal Böses, das er – wie konnte sein Bekenntnis andere Grundlage haben? – vor allem in seinem eigensten Innern fand. Und gegen dieses eigene Urböse, das er zwingen wollte, ersann er ein Mittel, dem er einen Lobgesang widmete. Und die Menschen sangen ihm nach und redeten von Pflicht und kategorischem Imperativ – diesen Masken des verrückten Königsbergers – Masken der Bestien und Lügner – du mußt, denn du sollst!«

Mit hellem Gelächter brach Györki ab; endlich war er tatsächlich erschöpft und wußte für heute wirklich nichts weiter zu sagen.

Wie von einem schweren Alpdrücken erlöst, lehnte sich Doktor Sperl in seinem Sessel zurück und schloß für Minuten die Augen.

In seinen Ohren, die er sich vergebens krampfhaft zuhielt, klangen zahllose Musikinstrumente in einer ungeheuren aufpeitschenden Symphonie wie Posaunen des jüngsten Gerichts durcheinander, und ein gellendes Leitmotiv dröhnte dazwischen: »Du mußt, denn du sollst!«



Neunzehntes Kapitel

Rainer Sperl war so ehrlich, sich selbst zu gestehen, daß ihn die möglich gewordene Vernehmung des Fräulein von Bathory nicht nur aus amtlichen Gründen interessierte.

Gegenüber der ganzen Persönlichkeit Györkis empfand er auch den rein menschlichen Reiz, einen Einblick in das Liebesleben des Hochstaplers zu gewinnen.

Bereits die Beziehungen des Beschuldigten zu Frau Kowalewska hatten dem jungen Kriminalisten hierzu Anregung gegeben.

Der Verhaftete war tatsächlich seinem Vorsatze, sich in den Eheprozeß des Bibliothekars nicht einzumischen, treu geblieben und hatte seine Zeugenaussage verweigert.

Gesprächsweise erklärte er dem Staatsanwalt nicht ohne Humor, daß ihm seine eigenen juristischen Angelegenheiten nachgerade genug zu schaffen machten und er keine Lust verspüre, noch fremde Prozesse zu bedienen.

Er fügte recht offen hinzu, daß es ihm eine gewisse Befriedigung gebe, den ehrgeizigen und eitlen Polen und auch die weisen Eherichter, die dem Geständnisse der Beklagten wohl nicht ohne weiteres folgen zu sollen glaubten, in einem gewissen Dunkel zu lassen.

Er könne sich dabei sogar einbilden, ein gutes Werk zu tun und die gestörte Ehe wieder zusammenzukitten. Denn die kleine Polin, so versicherte er recht bestimmt, die eine entzückende Frau sei, tue ihm aufrichtig leid, da sie lediglich das Opfer ihres Mannes geworden sei.

Doktor Sperl horchte überrascht auf und fragte, was Györki hiermit sagen wolle. Dabei war es eigentlich gar nicht seine Absicht, aus dem Hochstapler etwas herauszubekommen.

Es geschah aber gleichwohl, und es berührte ganz eigentümlich, wie der Verbrecher, der von seinem bürgerlichen Rechte der Zeugnisverweigerung umständlich Gebrauch gemacht hatte, nach und nach, nicht ohne innere Wärme, alles ausplauderte.

Sein seltenes Vertrauen zu Doktor Sperl, der vergeblich abzuwehren versuchte, ging sogar so weit, daß er ihm sein zärtliches Zusammensein mit der jungen schönen Frau bis in die Einzelheiten andeutete.

»Selbst in meinen Armen, ja buchstäblich an meinen Lippen hängend«, erzählte er, »war sie eigentlich doch treu ihrem Manne und darauf bedacht, mir mein Geheimnis zu entreißen –«

Doktor Sperl machte ein ungläubiges Gesicht.

»Ich bin davon überzeugt, daß sie den Auftrag hatte, durch ihre bezaubernde Liebenswürdigkeit mich zu verwirren und mir zu entlocken, welches Werk der Bibliothek ich suche – der Pole wollte es mich dann wahrscheinlich durch einen glücklichen Zufall entdecken lassen –«

Der Ankläger schüttelte den Kopf. »Und dabei wäre sie ihrem Gatten doch untreu geworden? Und er selbst hätte ihr einen so gefährlichen Auftrag gegeben?«

»Ein solche Voraussicht hat er in seinem Ehrgeiz nicht geübt!« lächelte der Hochstapler. »Von ihrer Treue war er felsenfest überzeugt! An den Ausgang habe ich selber nicht denken können –«

»Weshalb haben Sie ihn dann nicht vermieden?« fragte der Staatsanwalt ernst.

»Ich stehe immer im Bann meiner eigenen inneren Ereignisse, Herr Doktor! Es war für mich eine Feuerprobe, ob sie in meiner Umarmung mein anderes, mein wirkliches Geheimnis etwa erraten oder ahnen würde –«

»Nun?« fragte Sperl mit Spannung.

»Was habe ich nicht alles in ihren schönen Augen gelesen! Lebensgenuß, Leidenschaft, Zärtlichkeit! Einmal zog sie die Brauen hoch und sah mich durchdringend, fast kalt an – da hatte sie wohl den blitzartigen Gedanken von meiner wirklichen Existenz – sie kämpfte in meinen Armen den seltsamsten Kampf. Vom Auftrage ihres Mannes ging sie aus, und ihr unbewußtes eigenes Wesen stieg aus ihr herauf, wurde ihr dunkel bewußt und gab sich ohne ihren wirklichen Willen hin –«

»Wie poetisch Sie schildern können!« sagte Doktor Sperl mit einem Anfluge von Spott.

»O ja! So ist zuweilen die Poesie meines Lebens. Selbst im höchsten Entzücken dachte sie an ihren Mann und klammerte sich an seinen Auftrag – das verspürte ich am Druck ihrer weißen Arme –«

Der Staatsanwaltsstellvertreter sagte nichts.

»Ich versichere Ihnen, sie wußte im Augenblicke gewissermaßen nicht, wie ihr geschah. Vielleicht mit Feuer zu spielen gewohnt, hatte sie doch keine Ahnung von einer wirklichen Feuersbrunst. Die geheimen Enttäuschungen ihres Lebens, die in diesem Augenblicke, wie immer in solchem Falle, sich regten, stellten sich auf meine Seite. Ich habe die Überraschung ihrer Seele mit erlebt – deshalb hat sie auch später, ernüchtert, sofort das Geständnis abgelegt –«

Doktor Sperl sah den Hochstapler mit großen Augen an. »Haben Sie sich aus Dankbarkeit Ihr vermeintliches Geheimnis entreißen lassen?« fragte er dann nicht ohne Bitterkeit.

»Ja. Aber der Bibliothekar konnte davon keinen Gebrauch machen, weil er das Buch selbst nicht kannte.«

Györki lächelte.

»Und Sie selber – was fühlten Sie für die junge Frau? Darf ich das wissen?« forschte Sperl.

»Ich stand unter ihrem damaligen Banne. Ich habe ihr mein ganzes Entzücken über ihr Persönliches gezeigt. Ich brauche Zärtlichkeiten nie zu heucheln.«

»Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie Frau Kowalewska liebten?«

Der Hochstapler schüttelte enttäuscht den Kopf. »Die Ereignisse in einer Frauenseele haben für mich einen eigentümlichen Reiz. Glauben Sie mir, ich kann sie nicht ohne Rührung sehen, wenn sie sich mit meiner Person befassen –«

»Und so haben Sie eine anständige Frau unglücklich gemacht –!« rief der Staatsanwalt etwas unwillig über Györkis seltsame Enthüllungen.

»Deshalb verweigere ich nun auch mein Zeugnis. Mehr kann ich leider nach geschehenen Dingen für sie nicht tun. Es ist mein stummer Abschiedsgruß an sie. Ich hoffe, sie wird mich und mein Verhalten begreifen –«

»Was hätte sie davon?«

»Sie kann ihr Geständnis als übereilt widerrufen« erklärte der Hochstapler mit kühnem Gesicht.

»Die Richter sollten ihrem Widerruf glauben –?« Doktor Sperl lachte.

»Das geschähe nicht zum erstenmal! Es ist schon dagewesen, Herr Staatsanwalt –! Genau in einem Eheprozesse!«

Bei einer anderen Gelegenheit brachte Sperl das Gespräch auf Frau von Illosvai. »Gleichzeitig mit Ihrem sträflichen Verhältnis zu der Polin«, so hielt er dem Hochstapler vor, »knüpften Sie Beziehungen mit der Freundin Ihres angeblichen Onkels an –?«

»Das ergab sich alles von selbst!« warf der Hochstapler leicht hin. »Ich habe die Gelegenheit nie vermieden, zwei weibliche Wesen zu gleicher Zeit zu verehren –«

»Eine eigentümliche Ausdrucksweise!« bemerkte Doktor Sperl dazwischen.

»Erst die Ähnlichkeiten und Unterschiede machen das weibliche Geschlecht wahrhaft interessant –«

»Wollen Sie mir verraten, ob auch Frau von Illosvai –« Doktor Sperl sprach nicht zu Ende.

»Ich habe Ihnen nichts zu verschweigen, und Sie, Herr Staatsanwalt, werden das Geheimnis wahren!« antwortete Györki sehr offenherzig. »Ich habe die Kokette in Frau von Illosvai nicht verkannt. Ich will Sie nicht mit allem behelligen, was hinter dem Rücken des Grafen zwischen uns vorging. Ihr abwechselndes oder gleichzeitiges Entgegenkommen und Versagen, ihr angedeutetes, symbolisches, wie aus der Ferne wirkendes Ja- und Neinsagen, ihr Geben und Nichtgeben, die sie gegeneinander spannte und doch zugleich mit einem Schlage fühlen ließ – in diesem Verhalten spürte ich nach meiner ganzen Veranlagung zu deutlich das Nebeneinander und Ineinander von Gewinnen- und Nichtgewinnenkönnen, um nicht den Gewinn als wertvoll und begehrenswert zu erstreben –«

Mit Staunen bemerkte der Kriminalist, daß der Hochstapler sich als ein Erotiker entpuppte. »Weshalb hat sie zum Gift gegriffen, das glücklicherweise nicht tödlich wirkte?« wollte er wissen.

»Ich habe darüber nachgedacht und die Lösung gefunden. Sie wollte nur erobern und locken. Es hätte ihr genügt, mich seelisch an sie gefesselt und unterworfen zu haben. Ich fühlte es, wie sie überrascht war, als ich zudringlicher wurde. Sie wünschte es selbst nicht und versagte, nachdem sie vorher gelockt und gegeben hatte. Ich habe sie in solchen Augenblicken hart und kalt gesehen, so warm sie sonst erschien. Sie war dem Grafen eine ergebene Freundin. Und nun geschah, was sie nicht erwartet hatte. Ich besiegte ihre Koketterie – dieser Sieg war für mich das Problem im ganzen Ereignis – aus Scham und Stolz über die verlorene Partie nahm sie das Arsen –«

Der Staatsanwalt hegte im stillen einige Zweifel, ob nicht Györkis lebhafte Phantasie die Ereignisse färbe. Nicht unauffällig war es, daß die Beziehungen zu beiden »überraschten« Frauen sich in nicht ganz unähnlicher Weise zu einem Triumphe für den Erotiker gestalteten.

In interessanter Weise stellte Györki nun die Bekanntschaft mit Komtesse Wilma zum Vergleich. »Wenn Sie die Komtesse selbst und andere Zeugen hören könnten, Herr Staatsanwalt, so würden sie mir, glaube ich, die höchste Zurückhaltung gern bestätigen!« versicherte Györki. »Von zwei anderen Frauen umgeben, war es mir eine Leichtigkeit, ihr gegenüber die Grenzen zu wahren. Ihre stille und tiefe Anmut war mir das duftende süße Veilchen, das ich neben den Rosen im Bukett so liebe. Diesen Gefühlen mich hinzugeben, bereitete mir ein innerliches Glück, das mich, möchte ich sagen, bei der Polonäse durch die dunklen Taxusgänge im Parke Karolyi so sicher führte.«

»Sagen wir deutlicher: Don Juan –!« lachte Doktor Sperl.

»Es käme darauf an, was Sie unter einem Don Juan verstehen! Wird er nicht mit dem erotischen Genie zu leicht verwechselt, welches das Wesen des anderen Geschlechtes mit instinktivem Verständnisse erfaßt, sich ihm ganz anzuschließen vermag und Ergänzung, Erfüllung, Befreiung des eigenen Willens, ja selbst geheimnisvolle Verschwisterung empfängt –?«

Der Substitut hörte von solchen Dingen zum erstenmal und verstand nicht sofort, was der belesene Verbrecher ihm erklären wollte. »Aber weshalb diese zahlreichen Verkörperungen der Weiblichkeit –?« fragte er deshalb mit großem Mißgeschick.

»Eben weil es sich um Ergänzungen, Erfüllungen, Befreiungen so verschiedener Art handeln kann«, sagte der Hochstapler gelassen, »die nicht alle von einem einzigen, sondern meist nur von verschiedenen Wesen ausströmen können. Das Persönliche ist beim weiblichen Geschlecht weniger deutlich gezeichnet. Deshalb ähneln sich Mädchen und Frauen so sehr. Im Grunde sind sie oft zu verwechselnde Variationen desselben bekannten weiblichen Themas. Der Übergang von einer zur anderen liegt also so nahe: jede ist beinahe dieselbe. Verstehen Sie mich?«

»Wie erklären Sie die unglückliche Gemütsstimmung der Komtesse?« fragte Doktor Sperl unvermittelt, um sich gewaltsam von den seltsamen Theorien des Verbrechers zu befreien.

»Sie ist ein unbeabsichtigter Beweis meines Eindruckes auf das junge Mädchen, dessen ich, wie ich wiederhole, nicht in solcher Zartheit fähig gewesen wäre, wenn ich nicht bereits zwischen den beiden anderen Frauen gestanden hätte –«

Das war ein seltsames Bekenntnis, mit welchem diese wunderliche Unterredung schloß.

Klarika von Bathory leistete der Zeugenvorladung Folge. Sie war ernst und blaß und trug ein schwarzes Kleid.

Der Staatsanwalt drückte sein Bedauern aus, daß er sie behelligen müsse. Aber es handle sich um einige Aufklärungen über nicht unwichtige Tatumstände.

Es sei von Bedeutung, auf welche Weise der Beschuldigte die durch Betrug erlangten hohen Summen ausgegeben habe. Hierüber könne sie die zuverlässigste Auskunft erteilen.

Sie berichtete in abgerissenen und unterbrochenen Sätzen von der Reise über Brüssel nach Ostende, die erster Klasse und unter dem Aufwande allen Komforts zurückgelegt worden war.

In Ostende hatte das Paar im teuersten Hotel gewohnt, – die Zeugin nannte aber den Namen nicht – in welchem die tägliche Pension für die Person vierzig Franken gekostet hatte. Dafür hatte man in der ersten Etage eine kleine Wohnung, bestehend aus Salon, Boudoir und Zimmer mit herrlicher Veranda; nach der See innegehabt.

Fast täglich hatten die jungen Leute mit Wagen oder Motorboot, das meist für einen ganzen Tag gemietet wurde, Ausflüge unternommen. Bei dem Pferderennen hatte man nie gefehlt und hohe Wetteinsätze ohne nennenswerten Gewinn gemacht. Auch in den Spielsälen waren sie regelmäßige Besucher gewesen.

Die Zeugin erzählte in langsamer, monotoner Sprechweise. Ihre Augen waren versonnen. Sie schien die Gelegenheit zu benutzen, den verflogenen Traum noch einmal zu durchleben.

Den Staatsanwalt sah sie kaum an. Sie machte den Eindruck einer eigentümlichen seelischen Abwesenheit. Als er ihr den Namen Nikolaus Györki nannte, zuckte sie mit keiner Miene. Diesen Namen nahm sie nie in den Mund, sie sprach immer nur vom Baron oder Baron Teleki.

Auf Befragen erzählte sie von seinen großen Verlusten in den Spielsälen. Im Alkoholgenuß sei er mäßig, fast vorsichtig gewesen. Freilich habe er nur die teuersten französischen Weine und Champagner getrunken.

»Wie hat er sonst sein Geld ausgegeben?« forschte Doktor Sperl.

»Er war sehr freigebig, nicht nur in Aufmerksamkeiten für mich – täglich erhielt ich die kostbarsten Blumen –, sondern auch in Aufwendungen für andere. Als für eine arme Fischerfamilie gesammelt wurde, deren Vater ertrunken war, gab er mehrere hundert Franken. Für arme durchreisende Künstler und Künstlerinnen hatte er eine besonders offene Hand –«

»Hat er auch Sie selbst in bemerkenswerter Weise beschenkt? Ich muß zu meinem Bedauern diese Frage anregen –«

Klarika dachte nach, als lägen die Ereignisse jahrelang zurück. Es schien ihr nicht leicht zu fallen, sich an Einzelheiten zu erinnern. In ihren Augen lag ein trüber Glanz. Dabei war sie anscheinend zerstreut; sie blickte immer in die Ferne.

»Er hat mir eine wertvolle Seidenbluse, die mir in einem Schaufenster besonders gefiel, und einen kostbaren Brüsseler Spitzenschal geschenkt –«

»Sonst nichts? Keinen Schmuckgegenstand?«

»Eine Brillanthalskette mit Smaragden kaufte er bei einem Hofjuwelier – als ich mich von dem Baron trennte, ließ ich seine Geschenke zurück –«

Der Ankläger schwieg einen Augenblick, währenddessen er die Zeugin prüfend betrachtete, und fragte dann: »Und während der ganzen drei Monate ist Ihnen kein Zweifel gekommen, ob Sie es nicht mit einem Betrüger zu tun hätten –?«

Klarika verneinte, schwer aufatmend, sehr bestimmt mit einer Bewegung ihres Kopfes. Dabei lächelte sie seltsam, wehmütig zugleich und beglückt. Es lag wie ein Geheimnis in ihrem Gesicht. Wer wollte, hätte glauben können, daß sie noch immer nicht zweifelte.

»Das erscheint mir als das Wunderbarste an der Rolle, die er durchgeführt hat!« sagte Sperl. »Ich vermag mir vorzustellen, daß er eine oberflächliche Umgebung täuschte. Aber daß er in einem engeren Zusammenleben sich nie verraten hätte. – Leute seiner Art pflegen von Stimmungen oder Ausbrüchen der Gereiztheit und Willkür nicht frei zu sein – nichts von alledem?«

Klarika verneinte abermals schweigend.

»Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, wenn ich forsche – er war ein aufmerksamer, galanter, ein zartfühlender Gesellschafter?« fragte Sperl jetzt bewegt.

Sie sah ihn etwas befremdet an. »Wie hätte ich sonst mich ihm angeschlossen?«

»Ja, beantworten Sie mir diese von Ihnen selbst angeregte Frage, gnädiges Fräulein!« sagte der Stellvertreter mit Wärme, »wie konnte es geschehen, daß Sie mit ihm reisten? Eine Dame aus bester Familie?«

»Bitte, welche anderen Fragen haben Sie mir noch vorzulegen?« fragte sie fast kühl.

Der Staatsanwalt entschuldigte sich.

»Dann habe ich nur noch eine Frage: Weshalb trennten Sie sich?«

»Ich verließ ihn, ohne daß er es wußte –« weiter sagte sie nichts.

Der Staatsanwalt hatte, ohne daß es die Zeugin bemerkte, auf den Knopf der elektrischen Klingel gedrückt. Der Befehl, den der Diener auszuführen hatte, war vorher in eingehender Weise erteilt worden.

Während Fräulein von Bathory das Protokoll unterschrieb, hatte sich unauffällig die Tür geöffnet und es war jemand hereingetreten.

Die Zeugin verabschiedete sich vom Staatsanwalt und wandte sich zum Gehen. Ein Stück von der Tür entfernt stand ihr der vorgeführte Györki gegenüber.

Es war ein einzigartiger, erschütternder Augenblick, als diese vier Augen sich begegneten.

Klarika blieb eine Minute stehen; sie konnte tatsächlich nicht einen Zoll vorwärtsgehen, eine Lähmung bannte ihre Glieder, sie zitterte am ganzen Körper Ihre Blicke verschleierten sich.

Györki stand gleichfalls wie angewurzelt und verschlang mit großen Augen das dunkle Mädchenbild.

Doktor Sperl bereute im Augenblick, daß er diese Begegnung herbeigeführt hatte. Er fürchtete für die Gesundheit der Zeugin und rief fast angstvoll mit lauter Stimme: »Niklas Györki, kommen Sie hierher!«

Der grelle Ton seiner Stimme löste in Klarika endlich eine Bewegungsfähigkeit aus, sie schwankte zum Zimmer hinaus.

Györki stand noch an seiner Stelle und schien nicht zu hören. Er sah der Entfliehenden unverwandt nach.

Der Staatsanwalt trat zu ihm.

»Weshalb verwenden Sie keinen Blick von dieser unpersönlichen bloßen Vertreterin ihrer Art?« redete er ihn ironisch an. »Was starren Sie versteinert nach dieser Variation des bekannten weiblichen Themas? Der Übergang von ihr zu anderen oder von anderen zu ihr liegt ja so nahe, sie ist ja dieselbe wie jede andere – verwechseln Sie sie nicht schon wieder?«

Der Hochstapler sah den Ankläger mit einem völlig abwesenden Blicke an und griff sich, als schmerze sie, an die Stirn.

Doktor Sperl fand sich endlich wieder in der Lage, über seinen Beschuldigten zu triumphieren. Danach hatte er sich gesehnt, danach hatte er gerungen. Das Experiment war ihm gelungen, das er sich erst nur dunkel in Gedanken vorgestellt hatte. Er sah dem Rätselmanne ein Stück in die Seele hinein.

Das machte ihn übermütig, machte ihn fast toll, machte ihn einen Augenblick roh. »Niklas Györki«, rief er schnell, »in Fräulein von Bathory haben Sie sich ernstlich vergafft. Sie genialer Erotiker! Aber sie hat Sie verlassen!«

Der Hochstapler konnte einen Augenblick gar nichts sagen. Endlich fand er Worte und erklärte mit merkwürdiger Stimme: »Ich wußte, daß sie mich verlassen wollte – ich habe mich unwissend gestellt – und ihr die Flucht erleichtert –!«

Der Staatsanwalt lachte höhnisch laut auf.



Zwanzigstes Kapitel

Am übernächsten Morgen wurde dem Gerichtsarzt Doktor Moers gemeldet, daß der Untersuchungsgefangene Györki sich in der Nacht sehr unruhig verhalten hatte und seit den frühen Morgenstunden eine steigende Erregung zeigte.

Er gehe ruhelos in seiner Zelle auf und ab, gestikuliere mit Armen und Händen, ziehe Grimassen und spreche halblaut vor sich hin. Nahrungsaufnahme verweigere er und antworte den Aufsichtsbeamten, die ihn zur Ordnung verwiesen, mit sinnlosen Redensarten.

Doktor Moers hatte den Hochstapler nur zweimal bei seiner Aufnahme und Wiedereinbringung in das Gefängnis flüchtig gesehen; die Kenntnis von seiner Persönlichkeit beschränkte sich fast auf die gelegentlichen Berichte des Personals, das dem berüchtigten Schwindler ein gewisses Interesse entgegenbrachte.

Der Psychiater, ein kleiner untersetzter Mann mit struppigem, schon ins Grau gehenden dunklen Vollbart, etwas hohlen Augen und starkem Selbstbewußtsein in dem ausdrucksvollen braunen Gesicht, setzte gravitätisch sein kleines, hohes dunkles Hütchen auf, in dem er mit einer gewissen Lächerlichkeit den Eindruck eines Magiers oder Zauberers machte, und begab sich mit wichtigen Schritten in Zelle Nummer 29, darin Györki untergebracht war.

Als ihm der Aufseher die Tür aufgeschlossen hatte, blieb der Magier – er hatte tatsächlich beim Personal diesen Spitznamen – am Eingange stehen und nahm theatralisch das Zauberhütchen ab.

Györki hatte, sich umkehrend, kaum einen flüchtigen Blick auf den Besucher geworfen, als er ihm einige Schritte entgegentrat, eine tiefe Verbeugung machte und mit etwas heiserer Stimme sagte: »Euer Exzellenz erweisen mir zuviel Ehre –«

Das Männchen zog einen etwas schiefen Mund und sagte langsam mit monotoner Stimme: »Ich möchte mich nach Ihrem Befinden erkundigen. Ich höre, Sie sind nicht ganz wohl –«

»Das hat bei einem Manne wie mir nichts zu bedeuten«, sagte der heute blasse Häftling sich aufrichtend, »wenn es sich um eine wichtige Angelegenheit handelt. Bitte, wollen Euer Exzellenz Platz nehmen. Ich bin vollständig vorbereitet. Die telephonische Nachricht aus dem Ministerium erreichte mich vor einer Stunde gerade zur rechten Zeit –«

Damit schob Györki dem Arzt sehr lebhaft den einzigen in der Zelle befindlichen Stuhl hin und stellte sich selbst hinter den Klapptisch.

Der Psychiater warf einen forschenden Blick in Györkis Gesicht, dessen angegriffene Züge und trübe Augen ihm nicht entgingen.

»Wollen Sie mir, bitte, erzählen«, sagte Doktor Moers wieder sehr langsam, »was Ihnen Beschwerden verursacht –«

»Ich war nur etwas unruhig, weil Euer Exzellenz mich ohne Nachricht gelassen hatten. Glauben Sie ja nicht, daß ich krank hin. Ich bin überhaupt noch niemals in meinem Leben krank gewesen. Aber ich halte Sie mit meinem unbedeutenden Persönlichen nur auf und weiß doch, wie kostbar die Zeit eines Geheimen Rates ist. Also gestatten Euer Exzellenz, daß ich sofort zur Sache komme. Es handelt sich in erster Linie, ich weiß, um das von mir erfundene Wettertuch –«

Doktor Moers hatte, gleichsam vorbereitet, ein kleines Notizbuch und einen Tintenstift aus der Tasche gezogen.

»Exzellenz sind sehr gütig«, erklärte Györki, »so fort unsere Vereinbarungen aufzuschreiben. Ich habe bereits nach den Györki-Werken telephoniert und unsere Ankunft angezeigt. Mein Automobil bringt uns in zehn Minuten hinaus. Es ist selbstverständlich, daß Euer Exzellenz einen Versuch mit dem Wettertuche mit ansehen. Ich lege selbst größten Wert darauf. Ich wiederhole die bekannte Tatsache, daß dieses Wettertuch in erster Linie ein von mir erfundener Bergwerksartikel ist, zum erfolgreichen Schutze gegen schlagende Wetter dienend – denkwürdig, ich sage das nur nebenbei, bleibt mir immer die stürmische, von Blitz, Donner und Regen erfüllte Nacht, in welcher Gott selbst mit mir sprach und mir die Idee des Wettertuches in die Seele legte –«

Der Magier schrieb schweigend in sein Büchlein, während Györki in fortwährendem Redeflusse schnell, fast hastig sprach.

»Der erste Versuch in den Kohlenschächten ›Austria‹ verlief glänzend. Exzellenz haben zweifellos davon gehört. Schon seit einigen Tagen hatten stickige Gerüche angezeigt, daß irgendwo giftige Gase entwichen. Vor einigen Jahren hatte im Schachte ein schlagendes Wetter einhundertvierundfünfzig Bergleute getötet. Man befürchtete, eine solche Katastrophe werde sich wiederholen. Ich erbot mich zu meinem Versuche, den ich persönlich mit vier meiner Ingenieure leitete. Furcht darf man natürlich bei solchen Experimenten nicht haben –«

Der Hochstapler hielt unwillkürlich einen einzigen kurzen Augenblick inne, wohl weil der scharf beobachtende Blick des Arztes ihn eigentümlich traf. Sofort sprach er, die Worte beinahe hervorsprudelnd, weiter. .

»Also wir schlugen die gefährdeten Stellen und Orte mit dem Wettertuche aus. Wir benötigten dazu siebenundzwanzig Stück von je ungefähr einhundertneunzig Quadratmetern Inhalt. Man dachte sich das Anbringen an das Gestein schwierig, aber in meiner Imprägnierung steckt eine Masse, die mit Mineral eine sofortige feste, aber doch wieder künstlich lösbare Verbindung eingeht. Das schlagende Wetter ließ nicht auf sich warten. Damals war ich noch nicht so weit, wie heute, da ich mit einer öligen Beimischung den Schall zu dämpfen vermag. Es war eine furchtbare ohrenbetäubende Explosion. Die Belegschaft sank auf die Knie und betete. Meine Ingenieure gingen unruhig auf und ab. Ich saß auf einem kleinen hölzernen Turme, um die Wirkungen in der Höhe, die mir wichtig waren, zu beobachten. Der Erfolg riß alle, am meisten aber den stellvertretenden Bergwerksdirektor – der erste Direktor war leider zufällig erkrankt – zu wahrhaftem Erstaunen hin. Das Tuch war an seiner Außenseite nur wenig beschädigt. Man konnte genau die Stellen sehen, welche die Explosion abgehalten hatten. Ein Nebenschacht, den wir absichtlich ungeschützt gelassen hatten, war vollständig verschüttet –«

Györki hielt wieder inne und schöpfte Atem. Mit seinem Taschentuche trocknete er sich den perlenden Schweiß von der Stirn.

»Es wird Exzellenz bekannt sein«, fuhr er dann etwas langsamer fort, »wie die staatlichen Bergwerke dem Beispiele der Privatschächte folgten und mein Wettertuch einführten. Damals bauten wir draußen in Brigittenau unsere erste Fabrikanlage, nicht ahnend, daß wir in zehn Jahren unsere Anlage auch um das Zehnfache erweitern würden. Mit einigen sechzig Arbeitern fing ich damals an, heute beschäftige ich ihrer zweitausendsiebenhundertunddreiundvierzig. Aber das nur nebenbei –«

Der Psychiater notierte die Ziffern.

Györki lehnte jetzt mit dem Rücken an der Wand, hatte die eine Hand nachlässig in der Hosentasche, während er mit der anderen, große Umrisse und Figuren beschreibend, seine immer anmaßendere Erzählung begleitete.

»Es war eigentlich nur eine Kleinigkeit, daß ich vom schlagenden Wetter der Bergwerke zum Schlachtendonnerwetter des Krieges gelangen mußte. Aber ich glaube doch, ohne unbescheiden zu sein, sagen zu dürfen, daß mein glühender Patriotismus mir den richtigen Weg zeigte. Es war mir klar, daß unter dem Schutze des Wettertuches Festungen, Forts und befestigte Gräben erfolgreich und verlustlos verteidigt werden könnten – eine scherzhafte Episode aus jener Zeit möchte ich nicht unerwähnt lassen – halten es Euer Exzellenz für möglich, daß ich damals drei Tage in Untersuchungshaft saß, weil ein reicher Russe behauptete, ich habe ihn durch gefälschte Rechnungen und Aufträge verlockt, mit drei Millionen Kronen meinem Werke als Sozius beizutreten?«

Doktor Moers verzog keine Miene und notierte stumm wie ein Automat –

»Aber der Gott Österreichs ließ mich diese List des Satans durchschauen, der in der Person eines russischen Spions sich bei mir Eingang zu verschaffen und in mein Geheimnis zu dringen unternahm. Als ob ich damals noch fremden Kapitals bedurft hätte! Ich hatte schon in jenem Jahre einen Reingewinn von fast zwei Millionen. Heute arbeite ich mit achtundvierzig Millionen jährlichem Gewinn und habe damit Krupp in Essen überflügelt. Aber ich lege hierauf keinen besonderen Wert –«

Der Psychiater schrieb Zahlen über Zahlen.

»Die Versuche wurden zuerst auf dem Artillerieschießplatz vorgenommen. Eine Kompanie Infanteristen wurde in einen mit Wettertuch bedeckten Graben geworfen. Schießscharten konnte ich damals nur vereinzelt im Tuche anbringen. Heute helfen wir uns besser. Es war eine spaßhafte Sache. Ich und mein erster Ingenieur waren die einzigen Zivilisten unter den Soldaten, die ein famoser Hauptmann kommandierte. Ein Hagel von Kartätschen und Granaten wurde nun auf uns losgelassen. Schlimmer kann es vor Sebastopol nicht gewesen sein. Die Stücke sausten auf das Wettertuch nieder. Damals gelangen schon die ersten Versuche mit der abstoßenden Imprägnierung, die Stücke rollten vom Tuche glatt herab. Es war ein Jubel. Der Herr Kriegsminister drückte mir die Hand. Jetzt haben wir selbst draußen in Brigittenau einen eigenen riesengroßen Artillerieplatz, wo wir das Wettertuch auf die allerneuesten Geschosse sofort prüfen – aber Sie werden ja sehen – wir sind jetzt dabei, Stücke zu arbeiten, mit denen wir ganze Festungen decken können – ich denke dabei an Psemiczl und Lemberg –, wenn die Russen gegen uns marschieren – Exzellenz staunen, wie wir solche große Flächen Tuch von neuntausend Quadratmeter Inhalt in einem Stücke arbeiten können – das ist natürlich ein kleines Geheimnis –«

Györki nahm sein großes buntes Taschentuch in die Hand, breitete es aus und machte Bewegungen, als zöge er den Stoff künstlich in die Länge und Breite.

»Hier habe ich eine Probe«, sagte er scherzend, »ich benutze nämlich nur Taschentücher aus Wettertuch – man kann nie wissen – wenn auf einem Hause Dacharbeit vorgenommen wird und ich muß vorüber, werfe ich es mir über den Hut – die Leute lachen – aber mein nicht ganz wertloser Schädel ist gesichert – also das Gewebe des Wettertuches besitzt die Fähigkeit, durch eine gewisse mechanische Behandlung fast unerschöpflich in die Breite und Länge gezogen werden zu können – man meint allgemein, ein Stoff gebe aus sich selbst nur eine bestimmte Fläche her – das ist nicht immer richtig – nach meinem Verfahren wird der Stoff durch dieses Auseinanderziehen sogar verdichtet, also in seiner Haltbarkeit gar nicht gefährdet, sondern verbessert – nun können sich Exzellenz auch vorstellen daß wir diese großen Stofflächen, die zum Teil erst an Ort und Stelle erzielt zu werden brauchen – auch befördern können. Ganz abgesehen davon habe ich aber auch eine Presse erfunden, die eine Stofffläche von zwanzigtausend Quadratmetern so zusammendrückt, daß wir fünfzehn solcher Stücke in einem Eisenbahnwagen verladen können –«

Györki hielt inne, trocknete sich abermals die Stirn und fing an zu zittern, so daß er nicht mehr fest auf den Beinen stand.

Doktor Moers hatte sich erhoben und ließ die angeschnallte Bettstelle herab. »Sie sind überanstrengt, Herr Györki, Sie müssen sich einen Augenblick niederlegen –«

»Schickt sich das?« fragte er wehmütig lächelnd. »Darf ich mich in Gegenwart Euer Exzellenz einen Augenblick auf meinen Diwan legen? Ja, Sie haben einen Begriff bekommen, was auf mir lastet –«

Damit legte sich, sank vielmehr Györki auf seine Matratze und streckte sich aus. Er atmete schwer und schloß die Augen.

Doktor Moers drückte die elektrische Klingel; der Aufseher schloß die Zellentüre.

Der Arzt zeigte auf den Gefangenen und gab einige Verhaltungsmaßregeln. Dann verließen sie die enge Zelle, darin der Eingeschlafene allein zurückblieb.



Einundzwanzigstes Kapitel

Eine Woche später hatte Doktor Moers über den Geisteszustand Györkis eine Besprechung mit dem Staatsanwalt.

Der Gerichtsarzt berichtete, daß der Hochstapler als das vierte und letzte Kind eines charakterologisch auffälligen Erzeugers von einer hysterisch veranlagten Mutter geboren wurde, die vierzehn Jahre jünger als der Vater war und zur Zeit der Empfängnis im einundvierzigsten Lebensjahre stand.

Was Niklas Györki von seinem Vater erzählte, kennzeichnete diesen als den eigenartigsten Nachtwächter, den je eine Stadtverwaltung besessen hat. In seinen vielen Streitigkeiten mit dem Magistrat von Debreczen hatte er sich sogar als mit Größenideen behaftet erwiesen, wenn er sich zum Beispiel in seinen Eingaben als den »nächtlichen Lichtspender« der ohne ihn unerleuchteten Bürgerschaft bezeichnete.

»Wie erklären Sie, Herr Doktor, daß aus dieser armseligen Familie so viele schauspielerische Begabung hervorgegangen ist?« fragte Doktor Sperl.

»Nach der allgemeinen Annahme käme die Begabung von der Mutter. Ihre Hysterie könnte das Symptom für die verdrängte, ursprüngliche, unbeachtete schauspielerische Begabung sein. Es genügte schon, daß bei der Mutter etwas Scheinhaftes, Selbstverstelltes, kurz gesagt, Komödiantenhaftes im Gefühls- und Vorstellungsleben vorhanden war, das dann in der Vererbung mehr in die äußerlich künstlerische Erscheinung geleitet wurde –«

»Was sagen Sie zu Györkis Jugend?«

»Sie charakterisiert ihn ganz deutlich als einen Sproß der Entartung« versicherte der Gefängnisarzt. »Er war ein sehr ernster, selten ausgelassener, aber äußerst launenhafter und veränderlicher Knabe, der seinen Eltern und seiner alten schwachen Großmutter, der er zuviel überlassen blieb, manche Sorge bereitet hat. Infolge seiner inneren Unruhe hielt er in keiner Schule aus, aber der eingebildete Vater wollte ja gerade ihm einen besseren Unterricht angedeihen lassen. So kam der Junge auf Kosten des Magistrats in die Lateinschule und auf das Gymnasium. Und das Ergebnis ist nicht ungünstig ausgefallen –«

Der Substitut horchte auf.

»Ich bin erstaunt über seine Kenntnisse in der lateinischen Sprache, die er aus geistlichen Büchern fortgetrieben hat. Dieses Religiöse spielt in seinem Unterbewußtsein eine gewisse Rolle –«

»Glauben Sie, daß Györkis augenblicklich getrübter Zustand mit seiner Gemütsverfassung zur Zeit seiner Straftaten zusammenhängt?« warf der Staatsanwalt ein.

»Nicht in dem Sinne, daß er nicht verantwortlich zu machen wäre. Was wir jetzt an ihm beobachtet haben, ist ein Zustand der Erschöpfung, der in der Ruhe des Gefängnisses nach einem überreizten Leben in der Freiheit über ihn hereingebrochen ist. Er besitzt übrigens eine solchen Charakteren eigene unverwüstliche Natur und befindet sich schon auf dem Wege der Besserung – Sie können Ihre Anklage ruhig erheben –«

»Daß er seinen ganzen Zustand nur simuliert hat, halten Sie für ausgeschlossen?«

Der empfindliche Psychiater hob den sich rötenden Kopf etwas, seine Nasenflügel vibrierten. »Eine echte Simulation ist mir in meiner ganzen Amtstätigkeit noch nicht entgangen. Im übrigen kommt es darauf an, was der Laie Simulation nennt. Györki gehört zu den Menschen, die an sich eine starke Befähigung zum Vorgeben, zum Vortäuschen, zur Simulation besitzen. Auch in der Psychose pflegen solche Naturen noch bewußt zu übertreiben –«

»Wie ist es möglich, daß sich in einem Menschen solche Widersprüche vereinigen – ich habe den Glauben, daß in diesem Schwindler manches Gute steckt –«

»Im Seelenleben der Entarteten sind solche Widersprüche nichts Auffälliges. Momente seltsamer Gefühlsweichheit können bei ihnen unmittelbar und ohne Übergang neben Zuständen der stärksten Gefühlsroheit stehen. Gerade diese Sprunghaftigkeit und Zerrissenheit ihres Gefühlslebens ist solchen Verbrechern eigentümlich und erklärt die scheinbaren Rätsel in ihrem Fühlen, Denken und Handeln.«

Es war wunderbar zu hören, wie fließend und wohllautend Doktor Moers diese Charakterschilderung gab.

Er sprach so klar und ausdrucksvoll, wie er nicht nur seine schriftlichen Gutachten, sondern auch seine in der Fachliteratur berühmten klinischen Fälle analysierte.

Wieder und immer wieder hörte Doktor Sperl heute wie sonst, daß ein Mediziner das Seelenleben eines Verbrechers dem Juristen erklärte, eine Aufgabe, die nach seiner Ansicht von Rechts wegen dem Kriminalisten, dem Staatsanwalt selber zukam und oblag.

»Ist Ihnen nicht auffällig, Herr Doktor«, fragte er dann, »daß in Györkis Vortäuschungen das militärische Moment eine gewisse Rolle spielt?«

»Wir leben in einem bis an die Zähne bewaffneten Frieden steter Kriegsbereitschaft, die auch in der Phantasie des Verbrechers wetterleuchtet –«

»Was halten Sie von Györkis merkwürdiger Auffassung, daß er aus einer unbetätigt gebliebenen schauspielerischen, ja schriftstellerischen Veranlagung zu seinen Schwindeleien gelangt sein will?«

»Eine große, eine vielleicht organisatorische, ja eine geniale Kraft kann sich verschiedenartig objektivieren, in der großen sozialen oder in der großen unsozialen Tat. Denken Sie an den ersten Napoleon! Oft hängt es von kleinen Ursachen ab, welche Richtung die große Anlage nimmt –«

Doktor Sperl hörte mit Überraschung die Darlegungen des Arztes.

»Mancher wurde nur deshalb zum Verbrecher, weil ihm für seinen regen eigenartigen Tätigkeitstrieb ein nützliches Ziel fehlte. In der Jugend besonders, da alle seelischen Eigenschaften noch unfertig sind, kann unter ungünstigen Bedingungen eine Umbiegung großer Kräfte in das Kriminelle erfolgen –«

Doktor Sperl senkte unwillkürlich den Blick.

»Je ausgebreiteter ein Seelenleben ist, je reicher seine Fähigkeiten nach allen Seiten spielen, desto näher liegt die Möglichkeit, daß auch ungünstige Anlagen sich entwickeln. Gedichte, Dramen, Melodien und Harmonien, Gemälde, Skulpturen, wissenschaftliche Theorien, technische Meisterstücke, kommerzielle Unternehmungen, heroische Taten können, ich glaube es wohl, an Stelle verdrängter, in der Seele unterdrückter Verbrechen stehen –«

Doktor Moers hatte längst geendet und sich verabschiedet. Mit seinen eigentümlichen, halb wiegenden, halb tänzelnden Schritten war er hinausgegangen und hatte das Zauberhütchen auf den merkwürdig spitz geformten Kopf gesetzt.

Rainer Sperl war allein zurückgeblieben und starrte in Gedanken versunken vor sich hin. Um seine Mundwinkel zuckte es, seine Lippen schienen sich tonlos zu bewegen.

Seine Brust atmete schwer, seine Augen wurden feucht und glänzten. Bald rang er die Hände, bald bedeckte er mit ihnen sein tränendes Gesicht. Woran dachte er? Hatte er begriffen, weshalb er selber so leidenschaftlich und doch unbewußt den kriminalistischen Beruf ergriffen hatte? War es ihm eine neue Offenbarung, daß er plötzlich an bekannten Persönlichkeiten einsah, wie ein Sadist ein großer Chirurg, ein veranlagter Sittlichkeitsverbrecher ein berühmter Frauenarzt oder strenger Pädagoge und ein von allem Bösen heimgesuchter Sünder ein gefeierter Kanzelredner und Beichtiger geworden war?



Zweiundzwanzigstes Kapitel

Doktor Sperl hatte gelegentlich dem Hochstapler die Frage vorgelegt, ob er gut schlafe und welcher Art Träume er habe.

Györki hatte geheimnisvoll gelächelt und sich bereit erklärt, einen ausführlichen Traum niederzuschreiben. Tatsächlich erhielt er genügend Papier sowie Tinte und Feder in seine Zelle und schickte nach einigen Tagen dem Substituten folgende Niederschrift:

»Ich schlafe sehr tief und weiß deshalb von meinen Träumen nicht immer. Meist habe ich angenehme Traumbilder. Ich hatte vor einigen Tagen einen wundervollen Traum, dessen Glück mich den ganzen Tag erfüllte. Mir träumte, ich fuhr in einer prächtigen Gondel auf einem leichtbewegten himmelblauen Meere hin. Das rhythmische Schaukeln lief als wohlige Bewegung durch meine Glieder weiter. Wir näherten uns einer glänzenden Stadt mit Palästen und Tempeln in herrlichen Farben. Verwundert stieg ich aus und betrat den Hafenplatz. Ich erinnerte mich nicht, auf meinen weiten Reisen an diesem Ort gewesen zu sein. Die Menschen, schöne Männer und Frauen, denen ich begegnete, zeigten alle etwas Festliches in ihren Kleidern und etwas Liebenswürdiges, fast Glückliches in ihren Mienen. Die Straßen durchwandernd, fiel mir die große Zahl der öffentlichen Gebäude und Hallen, der Denkmäler, Säulen, Brunnen und steinernen Bogen auf. Das Ganze erschien mir als eine einzige auserlesene Kunststätte, von der Sonne beleuchtet. Mein Verlangen trieb mich, die Kunstwerke in Augenschein zu nehmen. Ich begann meine Wanderung.

In einer Säulenhalle sah ich eine Reihe Skulpturen. Die Gesichter erschienen mir bekannt. Ich hatte mich nicht getäuscht. Eine Inschrift kündete: Halle des Odysseus. – Ich erkannte die Einzelheiten.

Da ihn ein Orakel vor dem Zuge nach Troja gewarnt hatte, stellte er sich vor der Abfahrt wahnsinnig; aber Palamedes überlistete ihn und entlarvte den Simulanten.

Ein anderes Standbild zeigte ihn als Helden von nimmer verblühender Jugend, die ihm die Göttin zugesagt hatte; ein drittes als den Polyphemblender mit Namen Niemand. Als Meister im Erzählen von Abenteuern und Schicksalen stand er vor Nausikaa, als wahnsinniger Bettler endlich im Kreise der dreisten Freier.

Über den Zweck des Kunstwerkes vergeblich nachsinnend, ging ich weiter. Ich kam an einen turmähnlichen Bau, auf dessen Zinnen eine Bronzefigur leuchtete. Sie stellte einen lorbeergekrönten Helden in Rüstung und Toga vor, den wilden, entzückten Blick in die Ferne gerichtet und mit der Rechten die Leyer in seiner Linken schlagend. ›Nero besingt das brennende Rom‹ las ich am Turmwerke mit metallenen Lettern. Obwohl mir die Worte einfielen: ›Welch ein Künstler stirbt in mir!‹, konnte ich doch nicht einsehen, wie dieses eigenartige Monument an diese Stelle kam.

Kopfschüttelnd ging ich davon. An der Ecke traf ich einen bildschönen blondgelockten Knaben, den ich ansprach und fragte, wie die Stadt heiße, in der ich mich befinde. Er lachte mich lieblich an und sagte: Du weilst in der Stadt des schönen blendenden Scheines! Dann sprang er davon.

Während ich mir die Antwort nachdenklich wiederholte, sah ich über die ganze Stadt vom Himmel her einen wundervollen hellen Glorienschein gebreitet, der mir bisher nicht aufgefallen war.

Plötzlich stand ich vor einer mächtigen Bronzegruppe, in der ein reckenhafter Held mit eigentümlichem Helm und Schwert zu einer auf hohem Felsen schlafenden Jungfrau emporstieg. Lange suchte ich nach der Inschrift, bis ich sie fand und las: ›Siegfried mit der Tarnkappe freit in Gunters Gestalt für diesen seine eigene Braut Brunhilde!‹

Die Darstellung machte mich stutzen. Ich fragte schnell einen des Weges kommenden Mann mit klugem Gesicht nach Zweck und Sinn der verschiedenen Kunstwerke, die ich gesehen hatte. Er schaute mich etwas verwundert an und erwiderte: ›Du weilst in der Stadt des schönen blendenden Scheines. Hier werden alle verherrlicht, denen eine große Täuschung gelang.‹

Ich muß gestehen, daß mich selbst im Traume diese Aufklärung überraschte. Ich wanderte denselben Weg zurück und stand lange vor Nero, am längsten vor Odysseus. Jetzt erst erkannte ich ihn richtig, den Weltensegler, den Helden der überlistenden Erfindungsgabe, den großen klassischen Verwandlungskünstler, der Verkleidung und Verstellung liebte. Ich spürte etwas von seinem Geiste in mir und ging recht glücklich einen anderen Weg in die Stadt hinein –

Ich will mich kurz fassen, Herr Staatsanwalt. Ich kam an ein altertümliches Haus in Nürnberger Bauart. Die Vorderseite zeigte eine Reihe Gemälde mit guten Bekannten. Da sah ich den Müllerssohn Hansjörge alias Graf von Karabas, den Hochstapler im Mönchsgewand mit seinem Helfershelfer, dem gestiefelten Kater, und packende Darstellungen aus den Abenteuern des Reinecke Fuchs.

Ich hatte über diese Märchen nie nachgedacht. Jetzt aber fiel's mir im Traume wie Schuppen von den Augen, und ich erkannte in dem reißenden und gleißnerischen Raubtiere den vielseitigen Komödianten.

Ich gelangte zu einem großen und weiten, von schönen Palästen eingefaßten Plan, der, wie ich deutlich las, den Namen Cagliostroplatz führte. In der Mitte erhob sich das Denkmal dieses Wundermannes. Der Sockel zeigte ein Relief von Palermo, seiner Geburtsstadt, mit ihrem Wappen und die Inschrift: ›Alexander Graf von Cagliostro, der Sendbote des Elias‹.

Von einer Art Pantheon leuchteten nicht weit entfernt in einem Bogengewölbe die Worte ›Napoleon Bonaparte‹. Im Innern stellten in prächtigen Sälen Gemälde und Skulpturen die Lebensgeschichte des großen Korsen dar. Im Traume bildete ich mir ein, wie ich mich lebhaft entsinne, erst in diesen Hallen über Bonapartes Doppelnatur Aufklärung zu empfangen.

Überall an den Wänden waren bedeutsame Worte aus seinem Munde zu lesen. Im Jugendsaale fand ich die Inschrift: ›Mein Dasein ist mir zur Last, weil die Menschen, mit denen ich lebe und immer leben werde, ganz anders geartet sind als ich‹. Da wurde mir klar, daß der Korse selbst als Kaiser von Frankreich nie ein Franzose, daß er immer ein Vaterlandsloser, ein Schauspieler war.

Ein besonderes Zimmer enthielt seine Schriftstellereien. Ich las in seiner Arbeit über die Preisfrage der Lyoner Akademie: ›Die Ehrfurcht mit dem bleichen Antlitz, den verstörten Mienen, dem hastigen Gang, den regellosen Gesten und dem sardonischen Lächeln, ist nicht die Zuflucht des Glückes‹.

In einem anderen Raume waren Ausdrücke über ihn gesammelt. Ich las den Bericht von Malet du Pan: ›Dieser Bonaparte, dieser Knirps mit dem zerrauften Haar, den die Rhetoren der Kammer den jungen Helden, den Eroberer Italiens nennen, er wird seinen Marktschreierruhm, seine schlechte Aufführung, seine Diebstähle, seine Füsilladen, seine unverschämten Pasquille zu büßen haben‹.

Dann wieder Bonapartes eigene Worte zu italienischen Diplomaten: ›Was die Franzosen brauchen, das ist Ruhm, Befriedigung ihrer Eitelkeit. Spielzeug muß man ihnen geben, das genügt ihnen, das unterhält sie, und sie lassen sich willig leiten, wenn man ihnen geschickt verbirgt, wohin man sie führt‹.

Seine aus Italien, Ägypten und Rußland heimgesandten ruhmreichen Schlachtberichte, zur Veröffentlichung in der Pariser Presse bestimmt, waren in einem grotesk gemalten Raume gesammelt. Als Motto zeigte die Anschrift sein eigenes späteres Wort: ›Ein Staatsmann muß vollendet lügen können‹.

Ich möchte Ihnen, Herr Staatsanwalt, noch vieles erzählen, was mich in diesem Pantheon überrascht und ergriffen hat, aber ich eile zum Schluß – –

Ich kam an einen großen Tempel, dessen Innerstes niemand betreten durfte. Die Zugänge hatten an ihren Pfosten messerscharfe blitzende Stahlkanten. In einer sichtbaren vergitterten Vorhalle standen drei schöne gleißende Frauengestalten; sie hießen die Verblendung, die Lüge und die Heuchelei. Ein Bürger erklärte mir, ich sei im Tempel des Krieges, in welchem diese drei Frauen gehalten und verehrt würden. Wenn sie geraubt würden, sagte er, käme das größte Unglück über die Welt; dann wären keine Kriege mehr möglich!

Nie habe ich so viele Denkmäler von Dichtern beisammen gefunden, wie in dieser Stadt des blendenden Scheins.

Shakespeare sah ich auf einem Sockel stehen, den eine Anzahl Masken, die Helden seiner Tragödien, umtürmten; die Maske Richards hielt er in seiner Hand.

Goethe und Schiller, zu ihren Füßen gehäufte Masken, standen in einer Gruppe beisammen; Schiller griff nach dem Lorbeerkranz, den Goethe fest in der Hand hielt.

Im Weitergehen bemerkte ich, daß auch die Namen von Straßen und Gasthäusern ihre Bedeutung hatten.

Eine reiche Verkehrsstraße mit glänzenden Juwelierläden, darin tausende von Diamanten flimmerten, zeigte die Aufschrift: Georges-Manolesku-Straße.

In einer älteren Seitengasse las ich ein buntes Schild: ›Zur Lügenschmiede von Karl May‹.

Einer der größten Fremdenhöfe hieß ›Freiherr von Münchhausen‹; ein anderer, ein prächtiger Wunderbau im orientalischen Stile, ›Tausendundeine Nacht‹.

Der Jakobsbrunnen zeigte den Erzvater im Schäfergewande, wie er zwischen die ihn umspringenden Widder und Schafe Labans bunte selbstgeschnitzte Stäbe warf.

Ich kann nicht alle Einzelheiten, die wie aus der Erde schossen und mein Auge fast verwirrten, heute mehr aufzählen.

Vor den machtvollen Kasernen aus Granit und Basalt sah ich in einem scherzhaft gehaltenen Relief einen guten Bekannten, den preußischen Hauptmann von Köpenick, einen tollen Zuchthäusler in geflickter Offiziersuniform, mit gezücktem Säbel eine Schar mutiger Soldaten anführen.

Schließlich kam ich in einen auf der Höhe gelegenen Stadtteil. Ein zwölfjähriges schönes Mädchen sagte mir, er heiße die Verklärung.

Verwundert machte ich an einem Trümmerhaufen halt, der eine gewisse künstlerische Ordnung zeigte.

Unter gebrochenen Säulen und Bogen lagen Gefäße und Statuen. Eine gebrochene Artemis glaubte ich deutlich zu erkennen. An einem noch nicht gestürzten Bogen las ich in goldenen Buchstaben: ›Herostrat‹. Er hatte den berühmten Tempel von Ephesus in Brand gelegt, nur um seinen Namen auf die Nachwelt zu bringen.

Eine Marmorstatue zeigte in einiger Entfernung den genialen Benvenuto Cellini; er hielt den gezückten tropfenden Dolch in der Hand. Am Sockel prangten die Worte des Papstes: ›Wisset, daß Männer wie Benvenuto, die einzig in ihrer Kunst sind, sich an die Gesetze nicht zu binden brauchen‹.

Die bekannten Gestalten von Orest und Ödipus erhoben sich am Fuße einer hohen blendendweißen Marmortreppe. Orest scheuchte, das Zepter in der Hand haltend, mit machtvoller Gebärde die Erynien von sich. Ödipus, der Rätsellöser und Sphinxbezwinger, der Vatermörder und Mutterschänder, schaute, in eine Felsenspalte sanft zurücksinkend, mit verklärten Blicken zum Himmel.

Ich stieg die Stufen, die nicht enden wollten, hinauf. Die Marmorglätte verlangsamte meine Schritte; ich zählte der Stufen über fünfzehnhundert.

Ganz oben, aus der Tiefe nicht zu bemerken, ragte eine Kolossalfigur – Herakles. Ich erkannte ihn sofort.

Die Wahrzeichen seiner Heldenkraft, die Keule, das Löwenfell, die Schlange, der Höllenhund, der befreite Prometheus, die Äpfel der Hesperiden, Atlas mit der Himmelskugel kündeten seine Taten.

Als ich in seine herrlichen und doch tiefernsten Augen sah – das schmerzhafte Nessusgewand riß er ab, hinter ihm loderte der Scheiterhaufen –, begriff ich mit einem Male die Verklärung seiner Seele.

Dem unsteten Weltenwanderer und Welterlöser malte sich die Auflehnung gegen die Götter auf der hohen Stirn. Daß seine zwölf Arbeiten Aufgaben der Darstellung gewesen waren, in denen er sich ausgelebt hatte, wurde mir ganz klar. Seine Beutestücke lagen wie Masken und Zierrat eines Mummenschanzes um ihn her.

Wie ich ergriffen zu ihm aufsah, wurde die tiefe Stimme eines Unsichtbaren vernehmbar, die sagte: ›Sei willkommen, Niklas Györki, in der Stadt des blendenden Scheins und an der Stätte der Verklärung!‹

Ein Knabenchor jauchzte dazwischen: ›Sei willkommen!‹ und die tiefe Stimme fuhr fort: ›Du bist deinen Weg, den ich dir vorgezeichnet habe, gewandelt! Wirf ab deine irdische Schwere und tritt zu uns Glückseligen ein. Ich löse dich von allem, was die unwissenden Menschen dir vorgeworfen haben. Deine göttliche unsterbliche Seele ist gut und rein, du bist meinem großen Gesetze, das sie nicht verstehen, getreu gewesen – sei gegrüßt!‹« – –

Am Schlusse des langen, teils mit merkwürdig großer, teils mit kleiner Schrift auf zackigen schiefen Zeilen geschriebenen Berichtes fand sich noch die Nachschrift: »Nun bin ich glücklich zu Ende gekommen, Herr Staatsanwalt. Das war mein schönster Traum!«



Dreiundzwanzigstes Kapitel

Der Staatsanwalt hatte seine Anklage erhoben. Der Tag der Hauptverhandlung nahte heran. Györki war eigentlich in vollem Umfange geständig; seine Verurteilung zu einer empfindlichen Strafe konnte nicht ausbleiben.

Daß Fräulein von Bathory sich im letzten Augenblicke ihrer Zeugenschaft entzog, vermochte den Erfolg nicht zu gefährden. Die Polizei meldete, daß sie plötzlich abgereist sei, niemand wußte, wohin.

Gleichwohl kam über Doktor Sperl, je näher die so lange und sorgfältig vorbereitete Entscheidung rückte, eine merkwürdige nervöse Unruhe.

Er machte einen abgearbeiteten Eindruck, sein Gesicht war eingefallen, im Verkehr mit den Kollegen war er zurückhaltend, fast mißtrauisch, im Verhalten gegen die Unterbeamten launisch und gereizt.

Über sein Privatleben verlautete, daß er ganze Nächte nicht nach Hause kam und seine alte Mutter, eine Finanzdirektorswitwe, in Sorge, ja in Bestürzung versetzte, weil sie den zärtlich geliebten einzigen Sohn in seiner Veränderung nicht wiederzuerkennen glaubte.

Heute legte er dem Hochstapler, als er ihn sich zum letztenmal hatte vorführen lassen, etwas unruhig die ihm lange auf den Lippen schwebende Frage vor, ob er über die Verbrechen, die er im Laufe der Jahre verübt hatte, zumal über seine letzten, mit so unglücklichen Folgen für viele gute Menschen verknüpften Handlungen, nicht Gewissensbisse und Reue empfinde und empfunden habe.

Niklas Györki blickte eine Weile still vor sich hin,

dann sah er dem Ankläger seltsam in die Augen und sagte, leicht den Kopf schüttelnd:

»Haben Sie noch nichts gehört von dem Glücke der bösen Tat? Mir fließen aus ihm meine stärksten, meine, wie ich glaube, unbeugsamen Lebenskräfte. Ich glaube, eine den Anlagen entsprechende Tätigkeit verleiht den Nerven die geeignetste An- und Abspannung –«

Der abgezehrte, blasse Staatsanwalt saß dem wieder blühenden, selbst in der Gefangenschaft von Gesundheit strotzenden Angeklagten mit hohlen Augen gegenüber.

»Und niemals«, warf er, mit der Hand auf seinen Schreibtisch schlagend, fast mit Ingrimm ein, »niemals eine Stunde der Ernüchterung, der Einkehr, der energischen Abweisung allen Gaukelspiels, der ehrlichen Selbstbesinnung?«

Györki lächelte fast mit Feinheit. Seine Gesichtszüge nahmen etwas ungemein Geistiges an, als er langsam sagte: »Sie werfen mir meine Sucht, zu glänzen, zu blenden, vor, im Golde zu wühlen, im Lichtmeere von Juwelen zu wandeln, durch äußeren Schein zu täuschen, ohne innere Verdienste hohe Personen und Aufgaben vorzugeben? Bin ich damit nicht ein Kind meiner Zeit? der Welt? der Geschichte? So, wie ich bin, seid ihr alle! Ich halte euch einen Spiegel vor! Die Goldleidenschaft will euch die Sinne verwirren; wahret eure Seelen und eure Vernunft! Niklas Györki hat seine Mission –«

»Weshalb zitieren Sie nicht wieder Hamlet«, rief Doktor Sperl mit sarkastischem Spott, »weshalb seufzen Sie nicht, daß Sie zur Welt, die aus den Fugen ist, kamen, um sie wieder einzurichten –? Schmach und Gram –!«

Der andere schien diese Ironie nicht zu hören und den seltsamen Anblick nicht zu gewahren, den der Staatsanwalt bot. Er sah an ihm eigentümlich vorbei nach der Türe und sagte mit erhobener Stimme:

»Seit Jahrhunderten – seit Jahrtausenden in Welt und Geschichte immer nur Masken, nur Gestalten, die vorgegeben werden! Fürsten und Priester, der Soldat und Beamte, der Arzt und Gelehrte, Künstler und Kaufmann, alle geben sie vor, was sie in Wirklichkeit nicht sind –«

»Das ist nicht wahr!« rief Doktor Sperl überlaut.

Györki sah auf, als bemerke er jetzt erst, daß er nicht allein war.

»Viele geben sich Mühe, es ist wahr, der Verkleidung, die Zwang, Gelegenheit, Zufall, innerer Drang sie wählen ließ, gerecht zu werden. Aber keiner kann mit der Maske einen anderen Menschen anlegen! Jeder verfolgt in der täuschenden Hülle, oft unbewußt, seine eigenen kleinlichen Zwecke! Die Ordnung der Gesellschaft verlangt es –«

Der Substitut schien nicht zu wissen, ob er den Hochstapler weitersprechen lassen sollte.

»Dann gibt es andere, kaleidoskopische Seelen, Vexiergemüter, Proteusgestalten, Chamäleonnaturen! Durch ihre Veranlagung klafft ein Riß. Mit der glänzendsten Darstellungsgabe verbindet sich die Unfähigkeit, auf dem Mummenschanz sich dauernd zu behaupten. Sie reden dazwischen, sie verraten sich selbst, sie gestehen ein, was andere, Minderbegabte, nicht tun. Da reißt ihnen der Marschall die Maske herunter –«

Doktor Sperl befand sich in fieberhafter Erregung. Er wußte, daß seine Amtspflicht gebot, den vermessenen Verbrecher nicht weitersprechen zu lassen. Aber eine fast dämonische Lust zitterte vor der Möglichkeit, daß der Hochstapler das Seelengeheimnis, das er jetzt ganz lüften zu wollen schien, schließlich doch noch für sich behalten könne.

»Als Karikaturen der ganz großen Verwandlungskünstler laufen sie herum!« fuhr Györki mit leichtem Ingrimm fort. »Wäre das Ganze nicht ein Mummenschanz, so machte mich der Verkleidungstrieb rasend! Das Wort ›unmöglich‹ habe ich aus meinem Wörterbuch gestrichen. Ich bin der kühnste Reiteroffizier der Nationen, der Stratege, der Rußland besiegt, der Diplomat, der Europa leitet! Ich bin der Arbeiter in der blauen Bluse, der die Revolutionen macht! Der Kaufmann, der Milliardenunternehmungen aus der Erde stampft, der Techniker, der die Natur bezwingt, der Gelehrte, der die kühnsten Theorien findet, der Dichter mit der nie erschöpften Phantasie! Ich verwandle mich immer. Ich bin nie derselbe. Ich bin alles und jedermann, ich bin die Menschheit in tausend Gestalten. In mir hat sie alle ihre Maskenfähigkeiten vereinigt und erschöpft. Ich trage ihre hunderttausend Seelen in meiner Brust. Ich schreie mit millionenfacher Stimme in die Welt. – Fordern Sie es, ich bin der König auf dem Throne – der Heilige Vater selbst in Rom unter dem Baldachin –«

»Halten Sie ein!« schrie der Substitut, vom Sitze springend, laut auf.

Györki wurde seiner großen Bewegung dieses Mal Herr und hielt sich nur mit zitternder Hand an dem Stuhle fest, von dem er zuletzt aufgestanden war.

Der Ankläger hatte heftig geklingelt und ließ den Häftling in seine Zelle zurückführen.

Dann blieb er allein in seinem Zimmer, zog die verschiedenen Fächer seines Schreibtisches, ordnete die Schriftstücke und vernichtete einige Papiere.

Eine halbe Stunde später hörte der im Nebenraum arbeitende Kanzlist einen lauten Knall.

Beide Türen des Amtszimmers waren von innen verschlossen, so daß erst ein Schlosser geholt werden mußte, um zu öffnen.

Man fand Doktor Sperl in seinem Blute liegend; er hatte sich mit einem Revolver in die Schläfe geschossen. Der Gerichtsarzt konnte nur noch den Tod feststellen.

Niemals hat jemand die Beweggründe erfahren, die den jungen Kriminalisten Hand an sich selber legen ließen. Doktor Moers sprach von einer Überanstrengung und Überreiztheit durch die mit einem gewissen Übereifer betriebene Untersuchung gegen Niklas Györki.



Vierundzwanzigstes Kapitel

Der hochwürdige Bischof Doktor Armspanger ging in dem schattigen Parke seines Palastes, in Nachdenken versunken, langsam auf und ab.

Die Junisonne lag über dem grünen Steiermärker Tale, in welchem an einem freundlichen Flusse die Stadt mit ihren dreiundzwanzig Kirchen sich ausbreitete.

Durch Ausschnitte in der reichlichen Baumkultur des Gartens boten sich an verschiedenen Stellen entzückende Ausblicke auf die umliegenden malerischen Gebirgszüge, hinter welchen die Obersteirischen und Stainzer Alpen hervorlugten.

Der Bischöfliche Palast, ein architektonisch ansehnlicher Renaissancebau, erhob sich auf einem sanft ansteigenden Hügel im Osten der Stadt. Mit ihren schmucken Häusern und prächtigen Villen, zwischen denen nur vereinzelt rauchende Fabrikschornsteine als Obelisken der Arbeit emporragten, lag sie dem Sitze des Episkopats zu Füßen.

Der Bischof, eine stattliche, würdige Priestergestalt, zeigte ein selten mildes, fast rosiges Gesicht mit durchgeistigten Zügen. Das silberweiße Haar verlieh ihm einen ehrfurchtgebietenden Eindruck; seine Augen leuchteten voller Freundlichkeit.

Mit Behagen sog er den würzigen Hauch, der aus Bäumen und Beeten ihn umwehte, und schenkte, während er umherwandelte, der kleinen Pflanzenwelt seines Parkes manchen aufmerksamen Blick.

Er hatte heute nachmittag in einem seltsamen Buche eines Theologieprofessors gelesen, das ein Ungenannter, vermutlich um seine Aufmerksamkeit auf dieses Werk zu lenken, ihm durch die Post hatte zugehen lassen.

Das Büchlein nannte sich eine Untersuchung zum Leben Jesu und behandelte die merkwürdige Frage, ob Christus Ekstatiker gewesen sei.

Die Antwort des Verfassers lautete bejahend. Der Ekstatiker werde, so behauptete er, als Werkzeug eines fremden Geistes tätig; er handle, wenn er von diesem Geiste getrieben werde.

Das offenbare sich in unvermittelt plötzlichem oder in leidenschaftlichem Tun; er rede, was ihm vom Geiste gesagt oder gezeigt werde. Dann greife die Rede des Ekstatikers über seinen sonstigen Anschauungskreis plötzlich unvermittelt hinaus oder sei von einer Kraft oder Gewalt, die seiner natürlichen Art nicht entspreche.

Während ein anderer Priester das Buch vielleicht mit Unwillen, mit Spott, ja mit Zorn von sich gewiesen hätte, verschloß es der gelehrte Diözesan mit Gleichmut in einem Schranke, wo es mit anderen seiner Art eine sichere Verwahrung im Hause fand.

Ein feines Lächeln umspielte den schönen Mund des Greises. Eine geistige Selbstzufriedenheit, ja eine innere Glückseligkeit leuchtete aus den hellen Augen.

So wunderlich fand er das Unternehmen, der geistigen Natur des Gottessohnes auf naturwissenschaftlichem Wege näherzukommen! So selbstverständlich sagte ihm sein Gefühl, daß solche Versuche das wahre Wesen des Heilandes niemals erschließen könnten, das nur mit anderen Augen wahrhaft geschaut werde.

Von der Gartenterrasse des Palais kam langsam Benedikt, der Diener des Bischofs, herab, ein untersetzter Mann in mittleren Jahren mit bartlosem Gesicht, und meldete, daß ein zugereister Dominikanermönch aus Irland bitte, bei dem hochwürdigsten Herrn Bischof vorgelassen zu werden.

Doktor Armspanger wechselte mit seinem Diener einen flüchtigen Blick und zeigte dann nach der schattigen Laube, in der ein Tisch und mehrere bequeme Gartenstühle standen.

Benedikt nickte und trat, etwas schneller, den Rückweg an.

Es währte nicht lange, so kam, von dem Diener geleitet, der Mönch die Stufen der Terrasse in den Park herab.

Der weiße Rock und Skapulier machten den Dominikaner, der den schwarzen Mantel mit Kapuze über dem Arm trug, schon von weitem kenntlich.

Der Konventuale war ein Mann von gegen fünfzig Jahren. Ein hoher schlanker Wuchs, priesterliche, fast feierliche Haltung und vornehmes Auftreten zeichneten ihn aus.

Doktor Armspanger warf einen überraschten Blick auf den herankommenden Fremdling, dessen durchgeistigte Gesichtszüge ihm sofort Sympathie einflößten, und wartete freundlich seine Begrüßung ab.

Der Mönch verbeugte sich und trug in etwas fremdländisch gesprochenem Deutsch sein Anliegen vor.

Er befinde sich auf dem Wege von Irland nach Rom. Sein Abt habe ihn in wichtigen Angelegenheiten des Klosters nach der ewigen Stadt zum Ordensgeneralvikar entsandt. Auf der Reise hätten ihn weitere Nachrichten ereilt und machten an hiesigem Orte einen mehrtägigen Aufenthalt notwendig.

Damit überreichte der Dominikaner ein in lateinischer Sprache verfaßtes Empfehlungsschreiben mit Siegel und Stempel.

Der Bischof las und nahm, indem er in der Laube zum Sitzen einlud, davon Kenntnis, daß der Abt Camille der Dominikanerabtei St. Johannes in Rosecrea, Diözese Cillaloe, in Irland den Mönch und Priester Herkules Egmont von Rohan mit dem Klosternamen Joseph Maria in Geschäften des Klosters nach Rom entsandt hatte.

»Wir empfehlen ihn allen Diözesanbischöfen der römisch-katholischen Kirche und bestätigen, daß keinerlei kirchliche Zensur über ihn verhängt ist. Seine »Klosterbrüder bitten den allmächtigen Gott, er möge ihm in allem gnädig sein.«

Als der Bischof die Urkunde überflog, machte er einmal eine unwillkürliche Bewegung mit dem Munde, dann lächelte er wohlwollend.

Das Schriftstück, das der Episkopal vor sich auf den Tisch legte, trug ein Zelebret des Erzbischofs von Dublin, das dem Mönch und Priester Joseph Maria die Ermächtigung zum Zelebrieren der Messe in der Dubliner Erzdiözese auf unbeschränkte Zeit bis zum Widerrufe erteilte.

Der Dominikaner trug seinen Wunsch vor, auch auf der Reise seine geistlichen Pflichten erfüllen zu können. Er bitte den hochwürdigen Herrn um die Ermächtigung, in der Kathedrale der Bischofsstadt die Messe lesen zu dürfen.

»Ich genieße«, so sagte er ruhig und bescheiden, »ohne Verdienst das besondere Vertrauen meines Abtes und werde von ihm öfters zu auswärtigen Missionen verwendet. Ich war im Auftrage des Klosters schon in Amerika und in Ostindien –«

Doktor Armspanger blickte interessiert auf.

»Wenn mich auch ein innerstes Bedürfnis dem Klosterleben zuführte, so kann ich mich doch diesen Reisen nicht entziehen. Aber ich würde doch meinen priesterlichen Beruf verfehlt zu haben glauben, wenn ich nicht auf den Stationen meiner Reise mein geistliches Amt auszuüben Gelegenheit fände –«

Der Bischof nickte verständnisvoll.

»Ich gestehe gern«, fuhr Bruder Joseph Maria mit leicht bewegter Stimme fort, »daß mir solche Gelegenheiten eine wunderbare, mit Worten kaum auszudrückende Erholung gewähren. An keinen Sprengel gebunden, fühle ich mich, allwärts die Messe spendend und die Beichte hörend, in gewissem Sinne als ein Priester der ganzen Menschheit und ahne, freilich nur in schwachem Abglanz, die Seligkeit der Jünger, denen geboten ward, alle Völker zu lehren –«

Der Kirchenobere sah dem Dominikaner in die dunklen, leuchtenden Augen.

»Ich bin gern bereit«, sagte er dann freundlich, »mein Zelebret zu erteilen. Es hat Gültigkeit für die Dauer einer Woche.«

Der Mönch dankte und erhob sich, um den Oberen nicht weiter in Anspruch zu nehmen. Es schien aber, als habe er noch eine Frage auf den Lippen.

Allein Doktor Armspanger hatte an dem Fremden Gefallen gefunden; er lud ihn ein, noch etwas zu verweilen, und stellte allerlei Fragen nach seiner Reise und nach seiner persönlichen Herkunft.

»Wir stammen von einer Seitenlinie des Hauses Rohan-Guémenee« begann der Dominikaner.

Der Bischof wußte, daß die Linie Rohan-Guémenee-Rochefort in Österreich das Indigenat und die Anerkennung des alten fürstlichen Ranges besaß.

»Und von dem Sohne des Herzogs von Montbazon Linie Rohan-Guémenee führe ich den Vornamen Herkules –«

»Er trug die Waffen gegen die katholische Liga –« warf der belesene Episkopal ein.

Rohan verbeugte sich vor dieser Gelehrsamkeit. »Seine Tochter war die durch Geist, Schönheit und politischen Einfluß berühmte Herzogin von Chevreuse. Unsere Linie wanderte zufolge der Revolution nach dem jungen Königreiche der Niederlande. In der Nähe von Brüssel liegt unser Schloß, das mein älterer Bruder Louis Renée besitzt. Er ist verheiratet und hat Söhne und Töchter. Eine jüngere Schwester von uns, Marguerite, starb in ihren schönsten Jahren. Mich selbst zog die Sehnsucht zeitig nach dem Berufe des Priesters, den ich nicht ohne Widerspruch meiner Familie ergriff –«

Der Bischof lehnte sich zurück.

»Man hatte mich zum Juristen bestimmt. Um Freiheit zu genießen, ging ich ins Ausland. Ich studierte in Dublin und blieb dann in dem eigenartigen Irland, dessen Bewohner meine Teilnahme erweckten. Ich glaubte schließlich, nicht einzig in der Seelsorge, sondern in der klösterlichen Abgeschiedenheit das Ideal meines religiösen Lebens zu finden.«

»Wie setzten Sie sich mit dem väterlichen Vermögen auseinander?« fragte Doktor Armspanger mit Interesse.

»Die Besitzungen fielen nach dem Hausgesetze an meinen Bruder. Ich ließ mich mit einem nicht bedeutenden Kapitale abfinden, das lange aufgezehrt ist.«

Des Bischofs Blicke ruhten wohlwollend auf dem Mönche. »Wie lautete der berühmte und stolze Wahlspruch des alten bretonischen Geschlechtes?« fragte er, sich mit der weißen, feinen Hand nachsinnend an die Stirn greifend.

Der Dominikaner verneigte sich. »Ich bewundere die Bekanntschaft Eurer Hochwürden mit der Geschichte meines Hauses. »Roy ne puys, Duc ne daygne, Rohan suys« zitierte er in wohllautendem Französisch.

Der Episkopal erinnerte sich. »König kann ich nicht sein, Herzog mag ich nicht sein, Rohan bin ich –« übersetzte er langsam und nachdenklich. Dann reichte er dem Gaste über den Tisch die Hand und sagte nicht ohne innere Bewegung: »Ich finde, Sie haben Ihrem Wahlspruch Ehre gemacht!«

»Ich darf vielleicht sagen«, erklärte Joseph Maria einfach, »daß ich dem Geiste meines Gottes ein klares Gefäß geworden bin.«

Während der letzten Worte waren auf der Terrasse Benedikt und ein geistlicher Herr erschienen, die nach der Laube herüberblickten.

Doktor Armspanger erkannte den Ankömmling und winkte ihm mit der Hand.

Der Konventuale nahm aufs neue Gelegenheit, sich zu verabschieden. Aber der Obere sagte sehr lebhaft: »Bruder Joseph Maria, ich möchte Sie nicht ziehen lassen. Ich habe mir heute abend einen beredten Gast, den Pfarrer von der Herz-Jesu-Kirche, einen gelehrten und weitgereisten Herrn, zum Mahle gebeten. Die Küche ist einfach, wie sie Frau Brigitte bietet. Vom Keller kann ich schon mehr versprechen. Sie sind uns als Dritter im Kolloquium willkommen –«

Inzwischen war der Pfarrer Effinger nähergetreten und warf einen prüfenden Blick auf den Dominikaner, mit dem ihn der Diözesan schnell bekannt machte.

Effinger war ein Mann im Ausgange der vierziger Jahre. Er hatte kastanienbraunes Haar, ebensolche Augen, einen etwas kräftigen Mund und in dem verwitterten Gesicht braune Flecken. Er war von hagerer Gestalt, seine Bewegungen waren schnell, seine Stimme hatte etwas Polterndes.

Als er hörte, daß der Dominikaner aus Irland stamme, freute er sich und meinte, das treffe sich gut, da er selbst in Irland wiederholt gereist sei.

Als ihm Rohan sein Kloster St. Johannes in der Diözese Cillaloe nannte, schüttelte ihm Effinger die Hand. »Habe ich vor drei Jahren besucht, lieber Bruder! Wie geht es Ihrem liebenswürdigen Abte Camille?«

Der überraschte Bischof machte ein freudiges Gesicht. »Nun besteht über die Annahme meiner Einladung nicht der leiseste Zweifel, Bruder! Ich verspreche mir einen genußreichen Abend!«

Der Greis gab dem Diener Auftrag, das Abendessen für drei Personen zu decken und Brigitte davon zu verständigen. Dann erhielt Benedikt noch besondere Anweisungen wegen des Weinkellers.

Zuletzt gab der Bischof dem Diener das Empfehlungsschreiben, das Rohan überreicht hatte. Der Dompräbendat, der Vorstand der bischöflichen Kanzlei, sollte das Zelebret auf das Schriftstück setzen.

»Ich bitte auch das bischöfliche Siegel aufzukleben« warf der Mönch bescheiden ein, der die Unterhaltung gehört hatte.

Doktor Armspanger nickte.

Nachdem die Herren noch ein Viertelstündchen in der frischen Abendluft gewandelt waren, saßen sie bald in dem eichengetäfelten geräumigen Speisezimmer mit den schönen bunten Glasfenstern beim Abendessen zusammen.

Benedikt trug die Speisen auf und kredenzte den Wein.

Effinger, der in allem sehr schnell war, schlang nach seiner Art die Bissen hinunter, so daß er die meiste Zeit zum Sprechen behielt und die Kosten der Unterhaltung bestritt.

»Sie werden wissen wollen, Bruder, weshalb es mich wiederholt nach Hibernia zog?« fragte er in seiner unvermittelten Weise. »Ich habe für diese aus Widersprüchen zusammengesetzten Kelten eine gewisse Vorliebe! Ich verkehre gern bei solchen unvermischt gebliebenen Stämmen, bei denen man noch etwas von ursprünglichen Menschen verspürt –«

»Paddy ist gutherzig und träumerisch« erwiderte der Dominikaner. »Sein Vertrauen ist leicht zu gewinnen und seine Freundschaft zu Liebesdiensten der unbesonnensten Art bereit. Seine Fehler und Schwächen sind weniger veranlagt, als unter ungünstigen Verhältnissen erworben, in denen er schon lange lebt.«

»Aber wenn man einen Iren an den Spieß steckt, ist stets ein anderer Ire bereit, denselben zu drehen!« sagte der Pfarrer lachend, sein Glas hinunterstürzend. »Ich habe auch selten soviel Einbildungskraft und Phantasie bei einem nordischen Volke gefunden. Deshalb nehmen sie es mit der Wahrheit auch wenig genau –«

Frau Brigitte, eine stattliche, dunkelblonde Vierzigerin mit steirischem Dialekte, erschien an der Tür und erkundigte sich, ob den Herren ihre Küche gemundet habe.

Effinger erging sich über die vortrefflichen Hühner in humoristischen, mit lateinischen Brocken gewürzten Lobeserhebungen, die der Dominikanerbruder mit einer leichten Verneigung bestätigte.

Als Benedikt abgedeckt hatte, wurde eine neue Weinsorte gereicht, die alle drei Herren sachverständig mit schnalzender Zunge und hochwichtigen Mienen prüften.

Effinger, der immer lebhafter wurde, kam auf Kloster Johannes zurück. Er liebte es, von seinen Reisen zu erzählen und seine gute Beobachtungsgabe in das rechte Licht zu setzen.

Er gab in einem Atem, ohne den erstaunten Bruder zu Worte kommen zu lassen, eine so genaue Beschreibung von der Klosteranlage, daß der Bischof sich ein sehr lebhaftes Bild machen konnte.

»Was macht Ihr großer Nußbaum?« fragte Effinger. »Wie hat er dieses Mal angesetzt?«

»Wie immer, ausgezeichnet –« sagte Bruder Joseph Maria.

»Er steht im Klosterhofe, vor dem Refektorium –«

»Gut gemerkt!« lächelte der Dominikaner.

»Ich versichere Hochwürden, ein seltenes Exemplar. Ich könnte ihn zeichnen. Dabei gibt es meiner Ansicht nach in ganz Irland keine zwei Dutzend Nußbäume –«

Effinger beschrieb den Abt Camille, ahmte seinen Gang und seine Sprechweise nach und erzählte einige Geschichtchen aus seinem Munde wieder, so daß der Bruder aus einem Erstaunen in das andere fiel.

Der Bischof lachte über den drastischen Bericht und sagte: »Was habe ich Ihnen gesagt, Bruder? Ihre Erinnerungen werden geweckt. Hoffentlich bekommen Sie kein Heimweh?«

Pfarrer Effinger fing nach seiner Gewohnheit an, im Zimmer auf und ab zu gehen und unter lebhaften Gebärden einzelne Brüder des Klosters St. Johannes, die ihm im Gedächtnisse geblieben waren, in beinahe theatralischer Weise zu charakterisieren.

»Und mich selber, Herr Pfarrer, erkennen Sie nicht wieder? Soviel ich abwesend bin und manchen Gastfreund versäume – jedoch –«

Effinger sah ihm prüfend ins Gesicht. Plötzlich schien er sich zu besinnen: »Ist's möglich – Bruder – Sie sind –?«

»Aber gewiß –« antwortete der Mönch lächelnd.

Effinger wollte sich schütteln vor Lachen und reichte ihm die Hand. »Also Gott zum Gruße – und nichts für ungut –«

Jetzt wurde aber auch der Dominikaner lebendig und schloß an Effingers Berichte einzelne Erzählungen teils rührender, teils humorvoller Art.

So wurden die Gestalten des edlen Propstes Harry und des etwas weltlich angehauchten Priors William von den beiden Geistlichen scharf umrissen. Eine humoristische Schilderung fand der Bruder Kellermeister Eligius, der zuweilen Wasser in Wein verwandelte.

Der hochwürdige Bischof freute sich der ergötzlichen Stimmung und fragte, einen vollen Zug aus dem Weinglase schlürfend, unter Lachen, wie es im Kloster St. Johannes in der Diözese Cillaloe in Irland mit dem Latein bestellt sei, und wer die schriftlichen Ausfertigungen zu besorgen habe.

Der Dominikaner errötete etwas und nannte ohne Zögern den gelehrten Bruder Theobald.

Doktor Armspanger drohte lachend mit dem Finger und bestellte an Bruder Theobald fröhliche Grüße. Dann zitierte er aus dem Gedächtnisse die Worte des Geleitbriefes: »Omnes sui confrates exorant Deum omnipotentem, ut sit ei in omnibus propitius –«

Effinger wiederholte unter Lachen diese Äußerungen eines verbesserungsbedürftigen Lateiners, und Bruder Joseph Maria bekannte sich schließlich ebenfalls lächelnd zu der gelinden Maßregelung des gelehrten Theobald.

Als der Dominikaner dann von seinen Reisen in Südamerika und Ostindien erzählte, fragte ihn Pfarrer Effinger, ob er auch, wie er selbst, im Auslande gelegentlich Betrügern und Gaunern in die Hände gefallen sei, die ihn gehörig gerupft hätten.

Im Anschlusse daran gab der Pfarrer vom Herzen Jesu in seiner derben Art einige Abenteuer zum besten, die er in Frankreich erlebt hatte, worauf auch der Dominikaner nicht länger hinter dem Berge hielt und etwas zögernd eingestand, daß er gerade auf seiner letzten Fahrt über Prag von einer geriebenen Diebin ausgebeutet worden sei.

Er mußte natürlich erzählen.

In sein Abteil zweiter Klasse, so begann er, sei eine vornehme brünette Dame in Witwenkleidung eingestiegen, die einen völlig in Spitzen gehüllten Säugling auf den Armen trug. Sehr erregt erzählte sie ihm, daß sie ihr Kammermädchen, das sie begleitete, nicht finden könne.

Auf einer Zwischenstation bat sie den Priester, für einen Augenblick ihr Kleines zu behüten, indessen sie den Zug entlang laufen und ihre Zofe entdecken wollte, und legte ihm ganz sorgsam das Kind in seinen Armen zurecht.

Als der Zug danach vom Bahnhof wieder abfuhr, kam sie zu spät auf den Waggon zugestürzt und rief ihm noch zu, ihr Kind auf der nächsten Station ihrem Mädchen zu übergeben.

»Als ich dann«, so schloß der Dominikaner, »aus Neugier das Kindlein besehen wollte, fand ich in meinen Armen eine – was sagen die Herren? – eine künstliche Puppe.«

Pfarrer Effinger schlug fast erbost mit der Hand auf den Tisch.

»Ich selbst aber vermißte alsbald meine goldene Uhr mit Kette und meine Geldtasche mit einer freilich nicht erheblichen Barschaft –«

Auch der Bischof war einen Augenblick sprachlos über diese kecke Spitzbüberei, die ihresgleichen suche.

»Hoffentlich sind Sie nicht in Verlegenheit gekommen?« fragte er dann schnell. »Kann ich Ihnen etwa aushelfen?«

»Ich danke, Hochwürden« erwiderte der Mönch erfreut. »Es handelt sich nur um einen geringen Betrag, da mich mein nächstes Geld in Verona erreicht. Ich lebe sehr einfach und brauche für mich nur wenig. Ich wollte mir deshalb die Freiheit nehmen, um die Bewilligung von Meßintentionen zu bitten, die gewiß zur Verfügung stehen –«

Effinger zwinkerte mit den Augen.

Doktor Armspanger nickte. »Der Ausnahmefall ist gerechtfertigt« erklärte er. »Sonst pflegen wir Intentionen nicht zu übertragen. Ich werde den Dompräbendaten verständigen –«

Der Bruder dankte.

»Haben Sie den Diebstahl zur Anzeige gebracht?« fragte Pfarrer Effinger nicht ohne Ingrimm.

Joseph Maria verneinte und erklärte, er tue dies grundsätzlich nicht.

Die beiden anderen Herren schwiegen. Effinger kratzte sich hinter den Ohren.

Der Dominikaner wurde ernst. »Ich habe lange Plato im Protagoras nicht begriffen«, begann er langsam, fast leise, »wenn er sagt, kein weiser Mann sei der Meinung, irgendein Mensch fehle willig oder vollbringe irgend etwas Böses und Schlechtes willig, vielmehr wisse er wohl, daß alle, welche Böses und Schlechtes tun, es unfreiwillig verüben.«

Die Herren suchten sich dieser Stelle im Protagoras zu erinnern.

»Ich finde«, fuhr der Bruder nachdrücklicher fort, »daß Plato auch hier mit der christlichen Lehre übereinstimmt –«

Erwartungsvoll blickten ihn die Herren an.

»Schreibt Paulus an die Römer dem Sinne nach nicht ganz dasselbe? ›Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich‹ –«

Überrascht sahen die beiden anderen sich an.

»Wer das Böse so begreift«, erklärte Joseph Maria mild, »der hat mit ihm und dem Verbrecher keine Schwierigkeiten weiter – alle Zweifel und Fragen sind gelöst –«

Der Bischof schien zuzustimmen. Effinger machte einige nicht klar verständliche Gesten.

Der Dominikaner wurde immer mitteilsamer. Er sprach über die literarische Tätigkeit der Konventualen. Er zeigte in fast allen Orden Personalkenntnis und kannte alle Ordensregeln und Klostereinrichtungen. Besonders über Kirchenmusik war er vorzüglich unterrichtet.

Er ließ in aller Bescheidenheit die Herren einige Photographien hoher Geistlicher sehen, die er bei sich führte.

Mit freudigem Erstaunen bemerkte der Bischof unter ihnen zwei nähere Bekannte. In der auf das Bild gesetzten Widmung erkannte er sogar die charakteristische Handschrift des Bischofs von Mainz wieder.

Die Bitte des reisenden Klosterbruders, die wertvolle Sammlung durch sein eigenes Bild zu vervollständigen, wurde von dem freundlichen Greise gern erfüllt.

Schließlich kam das Gespräch auf den eigenartigen Geist des Dominikanerordens.

Der Bruder nannte seine berühmtesten Vertreter: Thomas von Aquino, Meister Ekkard, Raimund de Pennaforte, Johann Tauler, Savonerola und andere.

Mit der Bekämpfung der Dominikaner aus den Reihen der Katholiken selbst, so versicherte er, sei die Macht Roms und damit die Sittenzucht in der christlichen Welt gelockert und immer mehr vor eine Entscheidung gestellt worden. Nur in der Umkehr zu dem Geiste jener früheren Jahrhunderte könne Rettung gefunden werden.

Statt der äußerlichen Religionsübung sei auf inbrünstiges Gebet mit Glaubens- und Liebeswerken, sei auf Liebe und Hingebung an Jesus Christus selbst zu dringen.

Die Gebrechen der Politik und in der Religion müßten schonungslos enthüllt und die Freiheit der Völker als göttliches Recht gefordert werden.

Geistliches und Weltliches verknüpfend, müßten Staat und Kirche zu einem auf theokratisch-republikanische Volkssouveränität sich gründenden Gemeinwesen zusammenschmelzen.

Mit flammenden Blicken – er hatte sich im Eifer der Rede von seinem Platze erhoben – stand der Mönch da und schleuderte seine Worte eindringlich, überzeugend, einem zweiten Savonerola vergleichbar, heraus.

Bischof und Pfarrer, sich in vielem, nicht in allem zu seinen Sätzen im stillen bekennend, waren überzeugt, diesen Anblick niemals in ihrem Leben vergessen zu können. Sie empfanden mit Dankbarkeit, daß solche göttliche, im Menschen verkörperte Kraft noch wirke, und ersehnten, daß die angerufene religiöse Erhebung die schlafenden Völker erwecke.



Fünfundzwanzigstes Kapitel

Die Domkathedrale war ein schön gegliederter dreischiffiger Bau hoheitsvoller Spätgotik.

Pfeiler und Halbsäulen von grauem Tiroler Marmor, welche die Bogen und Gewölbe aufnahmen, stiegen mit Kapitälen von kelchförmigen Blütenkronen in klarer Freiheit himmelwärts und setzten ihre Bewegung in den Linien der Gewölbemasse fort, deren Teilung durch feingeschwungene Quer- und Kreuzgurte wundervoll belebt war.

Durch die schönen bunten Glasfenster mit heiligen Darstellungen in der Höhe der Umfassungsmauern flutete das Tageslicht gedämpft herein. Um den mit reichem Goldschmuck übergossenen marmornen Hochaltar, dessen Mitte eine Himmelfahrt Mariä in gesättigten Farben von Meisterhand einnahm, lag ein mystisches Dunkel, durch welches die ewige Lampe und die brennenden Kerzen wie umnebelte Sterne flimmerten.

Ein in wertvollen Kunstdenkmälern blühender Kranz von Kapellen und Altären in den Seitenschiffen schloß das mächtige und breite Mittelschiff ein, das sich nach Westen in halber Höhe geheimnisvoll in den weiten offenen Orgelchor verlor.

Auf der gotischen Kanzel mit kunstvollen Reliefdarstellungen, zu seinen Füßen die andächtige Menge, stand der Priester, stand der Dominikanermönch Joseph Maria und predigte.

Die Unruhe, die sonst zuweilen während der Predigt bemerkbar wurde, war heute atemloser Stille gewichen. Männer und Frauen hielten die Gebetbücher sinnend in den Schoß. Jünglinge blickten erstaunt empor; blühende Mädchen fühlten ein unbekanntes Neues zu ihrem Herzen sprechen.

Joseph Maria war einer jener wirksamen und modernen Prediger, wie sie die katholische Kanzelberedsamkeit hervorbringt. Alle Lehren der Homiletik schien er gleichermaßen vollkommen zu erfüllen.

Er predigte über das siebente Kapitel des Briefes an die Römer.

Er zeigte den gotterschaffenen geistigen Menschen als ein Werk der Vollkommenheit, dem das Böse nimmermehr anhaften könne. Er betonte, wie Gott auch nach der Erschaffung des Menschen sein Werk angesehen und gefunden habe, es sei sehr gut. Der Mensch habe kein Recht, an Gottes Schaffenskraft, Urteil und Güte zu zweifeln.

Dann erklärte der Dominikanerprediger die Sünde und den sündigen Menschen nicht als ein Werk des allgütigen Gottes, sondern als eine Umformung seines eigenen menschlichen Stofflichen, an das er nach dem besonderen Naturgesetz gebunden sei.

Und dann sprach der Prediger die wundervollen Verse: »So tue ich nun dasselbige nicht, sondern die Sünde, die in mir wohnet. Denn ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, wohnet nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber Vollbringen das Gute finde ich nicht. Denn das Gute, das ich will« – der Priester sprach diese Worte mit Sehnsucht und Gewißheit –, »das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will« – er schleuderte diese Ablehnung machtvoll heraus – »das tue ich!«

Die unter ihm saßen, begriffen heute so viel besser wie sonst. Eine ganz neue Sprache klang an ihr Ohr. Es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen.

So hatte es noch keiner verstanden, in einer einzigen kurzen, von Redensarten gänzlich freien Predigt ihnen in Wahrheit das Himmelreich zu erschließen.

Mit stillem Blick saß der Bischof als Zuhörer in seinem Chorstuhl neben dem Hochaltar. Die Unterhaltung des vorgestrigen Abends hatte ihn gelockt, den fremden Prediger zu hören.

Neben ihm saßen auf seine Einladung in ihren Stühlen die Geistlichen der Domkirche sowie der anderen Stadtkirchen mit ernsten, regungslosen, fast starren Gesichtern.

Nicht alle waren dem Predigergast gewogen, der die Kirchenbesucher Vergleiche mit ihren eigenen Seelenhirten anstellen ließ.

Streng und kritisch – wie Charakterköpfe in einem Konzil – blickten sie drein, um selbst kleine Mängel der Auslegung, der Form, des Vortrages zu entdecken.

Allein auch vor diesen Splitterrichtern bestand der Mönch von St. Johannes.

In der Nähe des Haupteinganges saß unerkannt, fast versteckt, Pfarrer Effinger, den die Neugierde herbeigelockt hatte.

Es wurde ihm schwer, lange ruhig auf seinem Platze zu sitzen. Er zuckte mit Händen und Füßen, zog Grimassen und schüttelte wiederholt den Kopf. Schließlich ging er fast geräuschvoll hinaus.

Der Dominikaner stand mit dem Meßdiener am Hochaltar, um die Messe zu zelebrieren.

Im Introitus riß er bei den Wechselgesprächen aus dem zweiundvierzigsten Psalmen den Meßner zu einer ungewohnten gesteigerten Ausdrucksform hin.

Der Dominikaner selber setzte mächtig und ergreifend ein: »Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet, meine Seele, Gott, zu dir.«

Dann folgten die Formel des öffentlichen Schuldbekenntnisses, das Confiteor, die Absolution und die üblichen Bibelverse. Weihevoll segnete der Mönch im Offertorium unter Gebeten Brot und Wein und wusch sich die Hände.

Als strenge Beobachter ließen die Priester in den Chorstühlen sich kein Wort und keine Bewegung entgehen.

Sie hätten gern Anlaß zu Tadel gefunden gegenüber dem reisenden fremden Mönche aus Irland, der Meßintentionen in Anspruch nahm.

Aber auch die Konsekration und die Verlesung des Meßkanons verliefen in ritualer weihevoller Weise.

Bruder Joseph Maria kannte in seinem Eifer, als wandernder Priester die Seelsorge auszuüben, kein Ermüden. Eine halbe Stunde später saß er in der Kathedrale im Beichtstuhle.

Ein kleiner Mann in mittleren Jahren, besser gekleidet, kniete am Gitter nieder.

Er hatte ein kurzes, zusammengedrücktes Gesicht mit einer stumpfen Nase und grünlichen Augen. Sein Haar, auf der Schädeldecke etwas dünn, war wirr, seine Hände, anscheinend von früherer Arbeit, kräftig.

»Mein Gewissen«, flüsterte er, »gibt mir nicht Ruhe. Ich befinde mich auf der Durchreise, ich stamme nicht von hier. Ich habe meine Mitmenschen betrogen –«

Der Priester im Beichtstuhle schien eine unwillkürliche Bewegung zu machen.

»Ich bin ein gelernter Drogist und wurde mit dem Spiritismus bekannt« flüsterte der Beichtende weiter. »Ich redete mir ein, ein fähiges Medium zu sein. Ich konnte mich auf eine Weise in mich selber versenken, die mich in wundersame Stimmungen versetzte, wie wenn man in einem weiten Gotteshause sich ganz allein befindet. Eine Anzahl Anhänger sammelte sich um mich, denen ich meine Kundgebungen offenbarte.«

Der Beichtende hielt einen Augenblick inne.

»Da kam mir eines Tages«, fuhr er dann fort, »ohne mein Zutun der Gedanke, aus meinem Treiben ein Geschäft zu machen. Ich war arm, hatte mich vergeblich geplagt, emporzukommen, und besaß eine starke Familie. Ich erklärte also meinen Freunden, der Geist des Bombastus Paracelsus von Hohenheim bekunde sich in mir und offenbare mir Rezepte für kosmetische Mittel –«

Ein auf Reisen befindliches Ehepaar, das die Domkirche besichtigte, ging etwas geräuschvoll vorüber. Die junge, in Seide rauschende schöne Frau verbreitete einen Duft von Parfüm.

»Ich wußte, daß mit solchen Dingen angesehene Leute Hunderttausende verdienten« sagte der Sünder hastig. »Meine vermögenden Freunde gaben mir Gelder, mit denen ich zuerst einen kleinen Handel, später ein Geschäft, zuletzt ein großes Unternehmen mit Fabrikanlagen begründete. Vor allem hatten meine Familie und ich ein gutes Auskommen. Ich lebte mich in den Geisterverkehr so ein, daß ich manchmal selbst nicht wußte, ob ich daran glaubte oder alles nur vorgab. Ich lebte ein seltsames Traumleben. Der Geist forderte durch mich zur Unterstützung mit Geldmitteln auf, stellte den Helfern reichen Segen und Gewinn in Aussicht und bezeichnete die augenblickliche Geschäftslage, die bisher keinen Pfennig abgeworfen hatte, als eine Prüfung der Freunde –«

Aus einem benachbarten Beichtstuhle trat eine blonde Frau mit verweinten Augen, bekreuzigte sich mit dem Gesicht nach dem Hochaltar zu und entfernte sich schnell.

»Ich wurde in meinen Phantasien immer kühner. Ich ließ den Geist des Bombastus Zeichnungen einer Destilliervorrichtung und eines Fixierverfahrens offenbaren und Beschreibungen dieser Apparate geben. Er enthüllte Ratschläge über Plakate, Reklame und Filialen, diktierte Verträge, kannte die Medizinalgesetze und stand in seinen Rezepten auf modernem wissenschaftlichen Boden. In die Enge getrieben, verstieg ich mich zu der Behauptung, Bombastus habe sich nach seinem Tode wissenschaftlich fortgebildet –«

Der Beichtiger stieß im Beichtstuhle mit dem Fuße an die Holzverkleidung. Durch das Gitter flüsterte es.

»Das viele Geld machte mich schließlich sinnlos. Ich verließ meine Familie und vergeudete es. Jetzt komme ich mit der letzten Barschaft aus Triest. Ich will mich dem Staatsanwalt stellen. Ich finde keine Ruhe. Ich bereue meine Verblendung: Ich kann nicht sagen, wie seelisch wohl mir der Verkehr mit den Geistern tat. Jetzt wünsche ich Versöhnung mit Gott, um die irdische Strafe auf mich zu nehmen –«

Der Kleine, der hastig gesprochen hatte, schwieg. Eine Stille trat ein. Nur in der Ferne nach dem Altar zu hörte man hallende Schritte. Das Ohr des Beichtenden lauschte am Gitter. Der Priester flüsterte. Nach Verlauf einiger Minuten stand der Kniende auf. Er trocknete sich die Schweißtropfen auf der Stirn und schritt langsam davon.

Sein Gang war sicherer, als er gekommen war! Er ging aufrecht. Friede lag in seinen faltigen Gesichtszügen, seine Augen waren heller.

Auf dem Chore um die Orgel wurde es lebendig. Man hörte polternde Schritte. Ein Mann mit langem dunkelblonden Haar warf einige Blicke herab.

Von einer Seitenpforte her trat eine Nonne in den Dom. Die Tracht der Ursulinerinnen umhüllte ihre schlanken Formen. Ein blasses, nicht mehr ganz jugendliches Gesicht, von dunklem Haar umrahmt, zeigte die Züge einstiger Schönheit.

Unsicheren Schrittes, sich nach dem Hochaltar umsehend, glitt sie im Seitenschiffe hin und warf sich schluchzend am Beichtstuhle nieder.

Endlich beruhigte sie sich und flüsterte durch das Gitter.

»Eine unheilige Verblendung und eine Verwirrung in meiner Seele zwingen mich auf die Knie. Schwere geistige Sünde ruht auf mir –«

»Meine Schwester rede!« flüsterte es nach einem Augenblick des Schweigens zurück.

»Seit meiner frühen Jugend straft mich der Himmel für eine Sünde, die ich nicht kenne, durch die immer erneute Begegnung mit demselben Manne.«

Der Organist saß vor der Orgel und spielte einige Akkorde.

»Ich war fast noch ein Kind, als ich ihn zum ersten Male sah. Er entfesselte schon damals eine Leidenschaft in mir, deren Bedeutung ich mir erst später bewußt wurde. Diese erste Bekanntschaft blieb wie ein Traum –«

Die Orgel spielte eine melodische Passage.

»Bei der zweiten Begegnung war ich ein erwachsenes leidenschaftliches Mädchen. Ich bin zuweilen nicht sicher, ob mir derselbe Mann wirklich schon vorher entgegengetreten ist. Eine Freundin wollte mich überzeugen, daß es ganz unmöglich gewesen sei. Man sagte mir auch von Kindheit an eine Neigung zu solchen Einbildungen nach. Ich gestehe, daß ich nachts lebhaft träume und auch am Tage in deutlichen Illusionen lebe. Aber die zweite Begegnung ist einwandsfrei. Und ich liebte ihn, wie jenen, auf den ersten Blick. Er selbst versicherte, daß wir uns noch nie gesehen hätten, und machte mich glauben, daß ich ihn in einer geistigen Erhöhung meines Innern vorausgeahnt habe. Die glühendsten Versicherungen der Gegenliebe flossen von seinen Lippen. Wir verlebten selige Tage, glückliche Wochen, bis mich das Schuldgefühl von seiner Seite riß. Ich kehrte zu meinen betrogenen Eltern zurück –«

Der Orgelspieler probierte einige schrille Dissonanzen.

»Als meine Sünde an den Tag kam, verstießen sie mich aus ihrem Hause. Ich stamme aus bester Familie. Die Eltern starben unversöhnt und schmälerten mein Erbe. Ich erteilte Sprachunterricht, da ich gute Schule genossen hatte. So brachte ich das Kind dürftig durch, bis eine fromme Frau es zu sich nahm. Des Alleinseins müde, – ich brachte es nie übers Herz, mich einem anderen Manne anzuschließen, obwohl Verlockungen nicht fehlten. – trat ich ins Kloster –«

Die Glocke der Kathedrale schlug feierlich an.

»Aber in meiner tiefsten, durch die Gelübde gebundenen Seele schlummerte eine heimliche Sehnsucht und Gewißheit, daß ich ihm noch einmal im Leben begegnen würde –«

Die Glocke schlug zum dritten Male dröhnend an.

»Und gestern – gestern ging ich meinen Sündenweg weiter in neuer Qual! Ich sah ihn wieder, erblickte den Mann meiner Liebe in leibhaftiger Gestalt in hiesiger Stadt, erkannte ihn – im Mönchsgewande. Weiß, lichtvoll, strahlend sah ich ihn. Meine Schritte wurden gelähmt, alles Blut wich aus meinem Antlitz –«

In der Erinnerung schien die Nonne aufs neue mit einer Ohnmacht zu kämpfen.

Alle Kraft zusammennehmend, fuhr sie fort: »Ich erzitterte, als er mich bemerkte. Die Leute blickten dem Dominikaner – ich kenne das Ordenskleid – hinterdrein. Obwohl ich ihn nur aus der Entfernung sah, täuschte ich mich nicht. Unter Hunderten und Tausenden fände ich ihn heraus. Und nun vollendete sich die Sünde. Meine alte unbändige Leidenschaft, die an diese Gestalt, an diese Gesichtszüge gebunden war, loderte aufs neue empor. Eine schlaflose Nacht zwang mich vergebens auf meine Knie. Kaum trugen mich die Schritte hierher, um Vergebung und göttlichen Beistand zu flehen –«

Drüben vom Seitenschiffe hörte man das Klingen metallener Ringe, die auf einer Messingstange geschoben wurden.

Der Kirchner zog den roten Vorhang zurück, der das seltene Werk eines italienischen Meisters, Mariä Verkündigung darstellend, bedeckte. Gedämpft vernahm man die Worte des Führers, der den Besuchern das Kunstwerk erklärte.

Schwester Angelika richtete sich endlich aus ihrer Verzweiflung auf und flüsterte einige Worte ins Gitter, an dem sie dann mit gespannten Mienen und ringenden Händen lauschte.

»Gott will die Himmelsbraut prüfen«, flüsterte der Priester aus dem Beichtstuhle zurück, »und schickte ihr deshalb diese Begegnung. Er weiß, daß das Herz des Menschen ein Kampfplatz ist, er verdammt nicht dieses Kämpfen, welches zur Erläuterung führt –«

»Es führt nicht –« erwiderte die Nonne, den Kopf schüttelnd.

»Wenn meine Schwester den Mann ihrer ehemaligen Neigung im weißen Priestergewande sah«, fuhr der Beichtiger fort, »so war die lichtvolle, strahlende Gestalt nur ein Widerschein des Abbildes, das meine Schwester von ihm im Herzen trägt –«

Angelika sah mit großen hervortretenden Augen wie abwesend vor sich hin.

»Wenn du seit Jahren seine Züge Tag und Nacht mit deinem geistigen Auge sahst, so kannst du sie selbst unwillkürlich verändert haben. Es gibt Ähnlichkeiten; manche Menschen gleichen einander. In hiesiger Stadt tragen die frommen Brüder kein weißes Ordenskleid; hier gibt es keinen Dominikaner –«

»Eine Schwester hat ihn eine Stunde später ebenfalls gesehen – im weißen Rock –«

»Du hast es der Schwester erzählt – sie selber hat ihn nicht gesehen –«

»Alle Menschen blickten ihm nach –«

»Das warst du selbst, die in ihrer Verzückung alle Menschen ihm nachschauen ließ –«

Der Organist, der die Orgel nachsah, versuchte die Register.

Schwester Angelika blickte, wie aus einem langen schweren Traum erwacht, starr vor sich nieder.

»Dein eigenes, dich anklagendes Herz hüllte den Mann in das heilige Gewand, das du selber trägst, um dir deine Sünde sichtbar vor Augen zu führen – wenn du sorgfältig nachdenkst, so weißt du genau, daß er kein Priester sein kann –«

Die Schwester schrak heftig zusammen.

»Wie komme ich los von dieser Verworfenheit?« schluchzte sie.

Eine Frau im schwarzen Kleide mit zwei flachsblonden Kindern, einem Mädchen und einem Buben, trat in eine Kapelle des Seitenschiffes und steckte zu den brennenden Totenlichtern eine neue Kerze, die sie an den anderen entzündete.

»Gott will dich prüfen«, flüsterte es aus dem Beichtstuhl, »und er zeigt mir den Weg, wie es geschehen soll – nimmt meine Schwester die Prüfung auf sich?«

Sie rang die Hände und hauchte fast unhörbar »Ja«.

»Hast du für morgen abend eine Nachtwache übernommen, so verlasse um acht Uhr das Krankenbett. Der dich prüfen will, wird die Krankheit durch tiefen Schlaf bannen –«

Die Nonne horchte mit großen Augen.

»Lege zuvor dein heiliges Kleid ab, das du erst nach der Prüfung wieder zu tragen würdig bist. In der Wohnung der Nachtwache wirst du ein weltliches Kleid finden –« Angelika faltete betend die Hände.

»Gehe hinaus nach dem Rosenberge und harre des Mannes, dessen Bild du noch immer im Herzen trägst. Wenn du geprüft werden sollst, wird er kommen. Schaue ihm ins Gesicht, sprich zu ihm, höre ihn an. Triff die große Entscheidung deines Lebens noch einmal mit innerer Freiheit. Vollbringst du es, so hast du für alle Zeiten gewonnen. Niemals wieder wird dir eine Anfechtung widerfahren. Dein Gemüt wird fromm sein, heilig wird dir dein Leben verfließen –«

In der anschwellenden Orgelmusik verhallten die Worte des Beichtigers.

Vergebens beugte Angelika sich hastig an das Gitter und flüsterte und rief: »Niemals wieder –? Und wenn ich es nicht vollbringe –?«

Es war nichts mehr verständlich. Die Stunde der öffentlichen Beichte war längst vorüber. Alle Worte wurden von den mächtigen Klängen übertönt, die in kunstvoller Steigerung in einen Triumphgesang ausklangen.

Langsam erhob sich die Ursulinerin und schritt aufrecht mit entschlossenen Zügen durch das wundervolle Rosentor aus der Kathedrale.



Sechsundzwanzigstes Kapitel

Der Rosenberg war eine bewaldete Hügelgruppe, die im Osten der Stadt, wo der Fluß in das grüne Tal eintrat, sanft aufstieg und mit gepflegten Promenadenwegen bedeckt war.

Er bildete einen Ausläufer der Gebirgsketten, die hinter ihm sich erhoben und von Süden und Norden kulissenartig sich herschoben. Ein schöner Sommerabend warf sein eigentümliches klares Licht über die Landschaft. Aus den Bergen wehte ein kühler Wind.

Spaziergänger belebten die Wege. Meist kehrten sie aus dem kaum eine Stunde entfernten schmucken Gebirgsbadeorte, einem beliebten Ausflugsziele, zurück. Andere ergingen sich vor dem Einbruche der Nacht ein Stündchen nach des Tages Arbeit und Mühe.

Klarika von Bathory stieg kurz nach acht Uhr einen weniger belebten Seitenpfad hinauf, der oben in den allgemeinen Fußweg einmündete.

Von Zeit zu Zeit blieb sie zögernd stehen; einmal tat sie sogar einige Schritte zurück. Schließlich aber setzte sie die alte Richtung fort.

Sie musterte von weitem die ihr begegnenden Personen; kamen sie näher, heftete sie die Blicke fest auf den Boden.

Klarika trug über einem lila Kleide einen Mantel von schwarzem Taffet und einen kleinen schwarzen Strohhut mit weißer Reiherfeder. Niemand hätte so leicht erraten, daß diese Kleidungsstücke nicht für sie angefertigt worden waren.

Ihre Gesichtszüge waren blaß und angegriffen, aber vom Steigen oder von der inneren Erregung zeigten ihre Wangen stellenweise eine leichte rosa Färbung.

Ziellos ging sie auf dem Höhenwege dahin, dann und wann Blicke rückwärts nach dem westlichen blaugrünen Abendhimmel und dem Stadtbilde werfend.

Vom nahen Karmeliterturme schlug es halb neun; die Dämmerung begann sich herabzusenken.

Wiederholt war Klarika die ebene Strecke des Hauptweges auf und ab gegangen, ihre blassen, vollen Lippen lautlos bewegend.

Auch auf einer der Ruhebänke hatte sie einige Zeit gesessen und die Vorübergehenden unauffällig betrachtet.

Je weiter die Zeit vorschritt, desto mehr verlor sich ihre auch äußerlich erkennbare Unruhe. Ihr Gesicht wurde still, die Spannung in ihren Zügen ließ nach; mit der Enttäuschung, die sich in ihnen malte, paarte sich ein eigentümlicher Friede.

Zum letzten Male beschloß sie umzukehren, als sie an einer Wegebiegung von weitem eine hohe schlanke Männergestalt mit großen Schritten herankommen sah.

Ihr Herz erzitterte, da sie in diesem Augenblicke keinen Menschen in der Nähe bemerkte. Sie wollte umkehren, aber sie fühlte sich wie gelähmt. Langsam ging sie weiter.

Der Fremde, der näher kam, trug einen hellgrauen Sommeranzug und einen Panamahut. Einen braunen Mantel hatte er über seine linke Schulter geworfen.

Er hatte ein bartloses Gesicht und dunkles Haar. Sein elastischer, sich etwas wiegender Schritt, seine aufrechte Haltung, sein freier und stolzer Blick, sein schöngeschnittenes Profil schienen den Bühnenkünstler zu verraten.

Als Klarika seiner in der Nähe ansichtig wurde, zitterte sie am ganzen Körper. Sie wollte umkehren, wollte vorübereilen und blieb beinahe vor ihm stehen.

Ihre Blicke begegneten sich, er faßte sie scharf und voll ins Auge.

Als er vorüber war, blieb sie tatsächlich stehen; ihre Füße trugen sie nicht weiter. Ihr schwindelte, vor ihren Augen wurde es einen Augenblick Nacht; aber die Schwäche ging vorüber.

Der Fremde schien die Anwandlung der Dame bemerkt zu haben. Er sah sich um und blieb ebenfalls stehen.

Als er wahrnahm, daß sie nicht weiterging und schwankte, kehrte er zurück, trat heran und grüßte. »Fühlen Sie sich nicht wohl, gnädiges Fräulein?« fragte er mit sonorer Stimme. »Darf ich Ihnen meinen Beistand anbieten?«

Sie sah mit merkwürdigen Augen an ihm vorüber, lächelte still und sagte nach einigem Schweigen leise: »Ich danke Ihnen, Herr Baron!«

Er zog die Augenbrauen erstaunt etwas in die Höhe, zuckte die Achseln und erwiderte verbindlich lächelnd: »Gnädiges Fräulein verkennen mich.«

Sie sah ihm jetzt nicht ohne Wehmut ins Auge, schüttelte ganz langsam das Haupt und fragte dann: »Sind Sie nicht Herr Baron Teleki aus Wien?«

»Ich habe nicht die Ehre, Baron zu sein« versicherte er. »Ich trage nur einen bürgerlichen, wenn auch nicht ganz unbekannten Namen« setzte er beinahe scherzhaft hinzu.

Als sie in einer offenbaren Benommenheit noch immer nichts zu sagen wußte, fuhr er fort: »Aber es ist schön von Ihnen, meine Gnädigste, daß Sie gekommen sind. Ich danke Ihnen –«

Sie maß ihn mit immer erstaunteren Blicken und fragte zögernd: »Haben Sie mich hier erwartet?«

»Ich gestehe, ja –« versicherte er sehr verbindlich.

»Kennen Sie mich? Haben Sie mich schon gesehen?« Sie erblaßte.

»Gewiß, wir sahen uns vorgestern –«

Sie öffnete weit ihre Augen.

»Bitte, wo?« fragte sie hastig.

»Beim Universitätsgebäude –«

»Wann? Welche Zeit?«

»Vormittags in der elften Stunde. Sie gingen auf der anderen Seite der Jakoministraße. Ich war so vermessen, überzeugt zu sein, von Ihnen gesehen zu werden. Unsere Blicke begegneten sich –«

Einen Augenblick schwieg sie.

»Ich bitte um Entschuldigung«, brachte sie dann verwirrt hervor, »aber da Sie mir diese Mitteilung machen – bitte, wie gingen Sie gekleidet –?«

Er lächelte über den tiefen Ernst, mit dem sie blassen, bebenden Gesichts die Frage stellte. »Sie entsinnen sich, es war vormittags sehr heiß. Gegen Abend hatten wir ein Gewitter. Ich trug einen leichten Flanellanzug – ganz weiß – also kaum verkennbar –«

Sie konnte wieder einen Augenblick nichts sagen und atmete schnell und schwer. »Da wir aber nicht zusammen gesprochen haben«, stieß sie gebrochen hervor, »wie konnten Sie mich heute hier und gerade jetzt erwarten –?«

»Das ist nicht schwer zu sagen« erklärte er. »Als ich Sie vorgestern sah, hegte ich den – Sie verzeihen – vermessenen Wunsch, Ihnen hier in diesen Anlagen, die mir wie keine andere Promenade dieser Stadt dazu geschaffen schienen, freundlichst zu begegnen.« Er äußerte das mit etwas verhaltener Stimme und fuhr dann galant fort: »Ich war schon vorgestern und gestern abend hier, mein holdes Glück zu versuchen –«

»Aber gleichwohl gingen Sie soeben an mir vorüber –«

»Ich wollte prüfen, ob auch Sie mich wiedererkennen würden.«

Sie überlegte einen Augenblick, während beide nebeneinander hergehend den Höhenweg ostwärts weiterschritten. Das schien ihr alles so wunderbar. Aber es umschmeichelte ihre Sinne, sie fühlte, daß sie sich nicht dagegen wehrte.

»Ich zweifle doch«, sagte sie endlich zögernd, »ob Sie mich wirklich gesehen haben. Es gibt hier eine Schwester, eine Ursulinerin, der ich wie aus dem Auge geschnitten ähneln soll –«

»Ich habe die Blicke mit keiner Ursulinerin gewechselt«, sagte er verwundert, »sondern mit einem liebenswürdigen Weltkinde –«

Sie zuckte zusammen. Plötzlich blieb sie stehen und fragte: »Sind Sie nicht Geistlicher? Es ist vorgestern hier ein Dominikaner gesehen worden –«

Er zeigte sich etwas enttäuscht. »Weshalb versuchen Sie aus Ihnen und mir durchaus andere Persönlichkeiten zu machen? Ich bin weder Baron noch Dominikaner.« Dann fuhr er lachend fort: »Für mein Mönchsgewand würde sich die heilige Kirche bedanken! Aber ich kann mir erklären, wie Ihnen vielleicht solche eigentümliche Eingebungen kommen, meine Gnädigste. Ich bin, wie Sie mir vermutlich ansehen, Schauspieler –«

Überrascht blickte sie zu ihm auf.

»Vom Hofschauspiel in Berlin. Vielleicht darf ich mir schmeicheln, daß Sie meinen Namen kennen und mich auf der Bühne gesehen haben« fuhr er fort. »Vor zwei Jahren gastierte ich in Prag und Wien. Ich heiße Adalbert Semper –«

Dabei lüftete er seinen Panamahut und verbeugte sich.

Der Name war ihr geläufig. Sie hatte ihn nennen hören und in den Zeitungen vielfach gelesen. Sie wußte, er war der berühmte Berliner Heldendarsteller, einer der gefeiertsten Schauspieler Deutschlands.

Ihr wurde ganz wunderlich zumute. Für Sekunden mußte sie die Augen schließen, um beim erneuten Öffnen feststellen zu können, daß sie nicht träume. Dann sah sie Semper wiederholt von der Seite an und staunte immer mehr über die Ähnlichkeit mit dem Manne, dessen Bild sie in der Seele trug.

Durfte sie sicher sein, in diesem bartlosen Gesicht die zu wohlbekannten Züge wiederzuerkennen? Aber hörte sie nicht den Gleichklang der Stimme, wenn auch Semper ausdrucksvoller, tiefer und vielleicht etwas deklamatorisch sprach?

Sie nahm sich allen Ernstes zusammen und zitterte bei dem Gedanken, der ihr schon manchmal gekommen war, daß sie von einer beinahe krankhaften Sucht, immer dieselbe Ähnlichkeit zu entdecken, geplagt werde.

Sie gingen, während der Mond hinter den schwarzen Bergen heraufkam, langsam immer weiter. Eine wunderbar milde tannenduftige Nachtluft umkoste ihr Wangen und Mund.

»Nun muß ich aber doch nochmals fragen«, begann sie etwas erleichtert, fast lächelnd, das Schweigen zu brechen: »Wie konnten Sie hoffen, auf Ihren bloßen, sehr kühnen Gedankenwunsch hin mich hier tatsächlich zu treffen?«

»Ich habe schon um Entschuldigung gebeten« antwortete er ernster. »Wir tragen alle sozusagen ein Ideal in uns, dem wir einmal in der Wirklichkeit zu begegnen hoffen. Dem einen widerfährt es, dem anderen nicht. Ich rechne mich zu den Glückskindern.«

Leuchtend fiel in wundervollem Bogen eine Sternschnuppe vom Himmel in die Gebirgswelt.

Der Anblick war so überraschend, daß sie unwillkürlich stehenblieben, als fürchteten sie, den Fall des Weltenkörpers zu stören.

»Als ich Ihnen vorgestern begegnete – ich bin eine halbe Stunde später nochmals in der Herrengasse unbemerkt an Ihnen vorübergegangen –«

Sie errötete leicht.

»Da waren Sie mir, ohne daß Sie gesprochen hatten, so wohlbekannt, so vertraut, als stünden wir seit Jahren miteinander in Verkehr. Vielleicht hat Ihr Anblick mein Urbild unwillkürlich etwas umgeformt.

Wer will diesen feinsten seelischen Regungen in ihrer Verborgenheit folgen –?«

Sie hörte seine Worte wie brandende Wogen und plätschernde Wellen an ihr Ohr schlagen, die Worte schon im nächsten Augenblick vergessend, nur ihren Sinn und die Melodie seiner Rede festhaltend.

Nun hörte sie schon wieder das Wunderbare, für das sie keine Erklärung fand. Aber sie liebte es, in seinem Bereiche fühlte sie sich glücklich. Im Wunderbaren hatte sie als Kind schon geschwelgt, und schließlich hatte es ihre gläubige Seele in das Kloster gelockt.

»Nun habe ich mit Ihnen gesprochen«, sagte er einfach, »und habe das Gefühl verstärkt in mir, daß wir uns lange, lange kennen – ich weiß nicht wie lange – und doch kenne ich nicht Ihren Namen und weiß nicht, wer Sie sind.«

Sie nannte fast unwillkürlich leise ihren Namen.

Er dankte.

Plötzlich, wie von einem Gedanken durchzuckt, wandte sie ihm schnell ihr volles Gesicht zu und fragte: »Wir sind uns sonst noch nie begegnet –?«

Er öffnete vor Überraschung einen Augenblick den schönen Mund, ohne etwas zu sagen. »Wo hätte ich Undankbarer dieses vergessene Glück genossen?« sagte er so warm, daß sie erzitterte.

»In Ungarn –« brachte sie nur hervor.

»Da war ich noch nie –«

»In Wien –« setzte sie hinzu.

»Da war ich vor zwei Jahren zum erstenmal – aber wo, bitte, sagen Sie, wo ich das Glück versäumt habe, Sie zu sehen –?«

»In Wien – im –« Sie brachte nichts weiter über die Lippen. Eine brennende Röte bedeckte ihr Gesicht. Sie schämte sich vor sich selber.

Er sah sie fragend an.

»Es ist ein Irrtum – nein – Sie haben recht – es ist unmöglich – wir sahen uns vorgestern zum erstenmal – Sie sind nicht Baron Teleki –«

Jetzt war sie selbst davon überzeugt, daß sie diesen Mann noch nicht gesehen hatte. Einige Unterschiede zwischen ihm und dem Baron fielen ihr auf.

Haltung und Gang waren ganz andere. In der Stimme entdeckte sie etwas, was sie noch nie gehört hatte. Als sie jetzt sein Gesicht sah, zeigte es einen Ausdruck, den sie nicht kannte. Der Blick seiner Augen erschien ihr fremd. War das möglich, daß das Antlitz zweier Menschen, die Ähnlichkeiten hatten, in so verschiedenen Mienen spielen konnte?

In ihren innersten Gefühlen trat plötzlich eine Verwirrung ein. Schon äußerlich stellte sich ihr die Natur verändert dar. Sie sah mit ihren feuchten Augen die Landschaft wie durch einen Schleier.

Der Mond, der ruhig seines Weges ging, zitterte vor ihren Blicken am Himmel und zitterte in dem regungslosen Weiher, an dem sie jetzt vorüberschritten.

Sie wußte nicht, was sie dazu sagen sollte, daß auch ihr dieser Mann, dessen Namen sie nur gehört hatte und den sie heute zum erstenmal sah, seit langem, langem bekannt erschien, genau so, wie er es eben selber geschildert hatte.

Sie wußte sich keinen Rat, das Geheimnis zu erklären, welches ihr zum drittenmal im Leben dieselbe ähnliche Gestalt begegnen ließ. Sie klammerte sich inbrünstig an das holde Wunder und nahm es mit Sehnsucht an.

Ihre Frage an das Schicksal, weshalb gerade sie mit solchen Prüfungen bedacht wurde, blieb unbeantwortet. Sie erinnerte sich der beiden leidenschaftlichen Bathory aus der Geschichte ihres Geschlechtes und gestand sich, daß auch über ihrem eigenen flammenden Herzen ein verhängnisvoller Stern leuchtete.

Sie schauerte zusammen, wie sie neben ihm ging, und sog mit Wonne die Nachtluft ein, die ihn wie sie umfächelte.

Die Bande, die seit Jahren ihr starres Herz gepreßt hatten, lösten sich. Die ernsten Bilder ihres Lebens versanken. Ihr Busen weitete sich. Sehnsucht nach Welt und Leben, nach Glück und Liebe stieg, wie in ihrer frühen Jugend, lockend und schmeichelnd wieder in ihr auf.

Semper erzählte, wie er nach Steiermark gekommen war.

Das Hoftheater in Berlin hatte für den Sommer auf zwei Monate die Pforten geschlossen. Er befand sich auf einer Erholungsreise ins Gebirge, um zum Herbst im Anschluß an die Theaterferien sich einzuschiffen und mehrere Monate in Amerika zu gastieren.

Er schilderte sein Bedürfnis nach freundlicher Erholung von dem lärmenden und geschäftlich entsetzlich nüchternen Berlin.

Er wollte die kurze Zeit, frei vom Neid der Kollegen, fern von der Unzuverlässigkeit der Kritik, welche den tiefsten künstlerischen Inspirationen nicht zu folgen vermöchte, und der unglaublichen Zudringlichkeit des Publikums ledig, in vollen Zügen genießen.

Dann erzählte er, daß ihn Lebenslust und Ehrgeiz, vielleicht auch – er wollte es nicht verleugnen – sein wirtschaftlicher Sinn nach Amerika ziehe.

Die Amerikaner seien ein eigentümliches Volk, das, vielleicht in etwas grotesker Form, einen wunderbaren Idealismus mit einem starken Realismus vereinige.

Er hoffe, ihnen mit seinem »Othello«, mit seinem »Richard III.« und vor allem mit seinem »Hamlet« einige Überraschung zu bereiten.

Er sehne sich zuweilen hinweg aus diesem alten ausgelebten Europa mit seinen Lächerlichkeiten, hinüber in das Land der Unmöglichkeiten, wo ein kühnes Volk die Irrtümer unserer Vergangenheit übersprungen und, unbeeinflußt von ihnen, ein neues, wenn uns auch nicht immer verständliches Leben gebaut habe.

»Wenn Sie wüßten, wie verzehrend ich mich nach dem Weltmeere sehne, das ich nur an seinem Saume bei Helgoland und Heringsdorf gesehen habe! Ich kann es kaum erwarten, auf dem Riesendampfer nachts unter dem gestirnten Himmel die endlose Wasserfläche hinzufahren. Ich verspreche mir große, unauslöschliche Eindrücke, die auch meine Künstlerschaft, wie ich meine, nicht unbefruchtet lassen werden. Glauben Sie mir, wir Künstler bedürfen zuweilen solcher Ereignisse, die uns machtvoll, beinahe ruckweise in unserem Schaffen vorwärtswerfen – begreifen Sie das? Können Sie das nachfühlen? Möchten Sie das miterleben, um überzeugt zu sein, daß es Wahrheit ist?«

Er hatte mit eindringlicher, einschmeichelnder Stimme geredet und ging nun, zuweilen ihr Gewand streifend, dicht neben ihr her. Sie selber wandelte wie im Traume und wußte nicht, wie ihr geschah.

Die Erinnerung an das Theater weckte verblaßte Bilder ihrer Jugend, da sie während der Pensionszeit in Budapest nach Mädchenart für Bühne und Bühnenkünstler geschwärmt hatte.

Klang ihr deshalb alles so vertraut, was Semper ihr erzählte? War sie darum so heimisch in der wunderlichen Welt, die er vor ihren Augen enthüllte?

Es war ihr so leicht zu folgen und alles zu verstehen, was er ihr von seinem seltsamen Berufe sagte. Sie glaubte zu fühlen, daß sie selbst es war, die unwillkürlich ihm diese Geheimnisse entlockte.

»Wir Schauspieler«, sagte er ernst, »haben keine wahrhaftigen Freunde. Mit einem Berufsgenossen sich auszusprechen, ist völlig unmöglich; andere Menschen begreifen uns erst recht nicht. So stehen wir einsam in der weiten Welt, wir, die großen, unaufhörlichen Schwätzer, die alles, was auf Erden gedacht und gesagt worden ist, laut hinausposaunen. Begreifen Sie diesen Widerspruch?«

Sie nickte nur, Worte kamen nicht über ihre Lippen.

»Und dann die anderen! Es gibt Stunden, da auch der Größte von den nüchternen Widerwärtigkeiten, die seine hohe Kunst begleiten, sich angeekelt fühlt, da er den Flitter, der ihn schmückt, in Fetzen reißen und mit Füßen treten, da er Kollegen, Zuschauer und Kritiker vernichten möchte! Doch kommt er von seiner Stätte des Scheins nicht los! Her da mit Romeos Mantel, mit Othellos Dolch, mit Koriolans Schwert!«

Mit einer elastischen Bewegung warf er den ihm auf den Arm herabgefallenen Mantel wieder über die breite Schulter.

»Er kann ohne Applaus nicht leben! Er ist ihm das, was dem Spieler die berauschende Aufregung, was für den Helden der Kanonendonner der Schlacht, das Stöhnen der Sterbenden, der Triumphgesang der Überlebenden ist. Wir haben so lange und so leidenschaftlich andere Charaktere dargestellt, daß unser eigenes Innenleben verblaßt und uns immer wieder nach den Masken fassen läßt – begreifen Sie das? Verstehen Sie, wie uns die Sehnsucht erfüllen muß nach einem Wesen –«

Das war sie selbst, dieses Wesen! sagte sich Klarika im stillen.

Von ferne klangen Töne einer Musik herüber. Einige Lichter tauchten am Waldesrande auf. Erleuchtete Fenster flimmerten durch die Nachtluft.

Sie hatten nicht bemerkt, daß sie beinahe dreiviertel Stunden gegangen waren und sich dem Gebirgsbadeorte näherten, wo in einigen freundlichen Gartenlokalen noch ein reges Leben zu herrschen schien.

Erschrocken blieb sie stehen, als zögerte sie, mit Semper weiterzugehen.

Schmeichelnd zog er sie mit sich fort, indem er ihr sagte, daß sie ihm noch einigen Aufschluß über sich selber schuldig sei.

Da fühlte sie heiß ein neues Leben durch Nerv und Adern rinnen und grüßte mit innerem Jauchzen dieses nahende Glück.

Hinter ihr verschwanden die Gestalten ihrer frommen Schwestern. Die Klostermauern sanken wie auf der Bühne in eine Versenkung – steckte Sempers Beruf sie an? – lautlos in die Erde.

Die Klänge des Gounodschen Faustwalzers, der aus einem Pavillon herüberklang, umschmeichelten ihr Ohr. Ihren Körper, ihre Seele faßte der unnachahmliche Rhythmus. Sie fühlte sich hingerissen, hingegeben; sie hatte keine Kraft mehr zu widerstehen.

Wohl sah sie in einiger Entfernung eine ernste Mädchenschar mit flehenden Mienen. Das waren ihre Zöglinge, die sie unterrichtete. Einzelne Gesichter ihrer Lieblinge erkannte sie ganz deutlich. Aber die Gestalten und Gesichtszüge wurden undeutlicher, verwischten sich und lösten sich im Nebel auf.

Ein matterleuchtetes Krankenzimmer flimmerte vor ihrem inneren Gesicht. Eine blasse Frau rang die Hände und sah, sich mühevoll stützend, vom Bette aus im ganzen Raume umher. Verzweiflung erfaßte sie. Hinter ihr stand der Mann mit der Sense.

Mit einer heftigen Bewegung verscheuchte Klarika gewaltsam das peinigende Bild und nahm schnell den Arm, den Adalbert Semper ihr darbot. Lebensfreude, unendliches Glücksverlangen und eine starke Kraft nahmen sie ganz gefangen. Die Stunde war da, allem Ungemach, das sie gekostet hatte, die Stirn zu bieten. Erhobenen Hauptes schritt sie an seiner Seite hinein in das Land der Liebe.



Siebenundzwanzigstes Kapitel

Am anderen Vormittag kam der Dompräbendat Aufrichter in erregter Stimmung zum Bischof und setzte ihm in einer etwas weitschweifigen Einleitung auseinander, daß er sich nicht habe helfen können und den Dominikaner von Anfang an mit Mißtrauen angesehen habe.

Der Bischof schüttelte sein Haupt.

»Um ihm auf den Zahn zu fühlen«, fuhr Aufrichter, ein behäbiger Herr mit gerötetem Weingesicht, ziemlich energisch fort, »unterhielt ich mich mit ihm lateinisch. Ich bemerkte sofort, daß der Herr dies unliebsam empfand und alles daran setzte, mir zu entschlüpfen. Aber ich hielt ihn fest und ließ ihn gehörig im Netze zappeln. Da ergab sich bald, daß er außerordentliche Mängel in der Kenntnis der Sprache verriet –«

Doktor Armspanger stutzte und sah auf.

»Gestern holte er sich die Meßstipendien und forderte das Empfehlungsschreiben seines Abtes zurück. Ich gebrauchte einen Vorwand, um das Schriftstück, wie mir im Augenblick durch den Kopf schoß, noch einmal genauer zu prüfen. Auf meinen Vorhalt wurde er ungehalten und anmaßend, ja herrisch. Ich blieb aber bei meinem Willen und habe schöne Entdeckungen gemacht.«

Der Vorstand der bischöflichen Kanzlei legte die Urkunde vor den Bischof hin, der mit eigentümlichen erwartungsvollen Mienen dreinschaute.

»Wollen Hochwürden bemerken, daß das Siegel des Bischofs von Dublin nicht aufgedrückt, sondern aufgeklebt ist –«

Der Bischof machte große Augen und prüfte.

»Allerdings –« sagte er.

»Daß ferner das Papier der Urkunde hier in der Mitte zusammengeklebt war –«

»Wahrhaftig?«

»Um ein Zelebret des Bischofs von Turin zu verdecken, bei dem der angebliche Romreisende vor drei Wochen vorgesprochen hat – vergleichen Hochwürden das Datum –«

Der alte Herr beugte sich nieder und entzifferte. »Ist das möglich?« fragte er mit zitternder Stimme, »wir sind hintergangen worden –?«

»Schmählich getäuscht und betrogen – ein Schwindler hat uns zum besten gehabt!«

Der Bischof war aufgestanden und ging erregt im Zimmer auf und ab.

»Ein Betrüger auf unserer Kanzel – an unserem Hochaltar – in unserem Beichtstuhle! Ich habe ihn aus dem Status generalis der Dominikaner examiniert. Er kannte die Regeln der Zisterzienser und Trappisten. Er wußte, daß sie beim Konfiteor in der Messe den Namen des heiligen Bernardus einflechten. Sein Englisch, Französisch und Holländisch waren vorzüglich.

Hospes, quem cum tanta caritate in ovili nostro fovimus, nihil aliud est, quam fur et latro?

Mit verzweifelter Miene ging der fromme Greis hin und her.

»Sie hätten ihn predigen hören – gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten, sagte ich zu mir selbst – Sie hätten ihn Messe lesen und die Sakramente spenden hören und sehen sollen – munia sapiens obit! – kein Auge vermochte zu entdecken, daß ein Frevler und Betrüger am Altar Spott treibe –! Er besaß eine ganze Sammlung Photographien von Geistlichen, die mir wohlbekannt sind, mit ihren Unterschriften – ich habe ihm mein eigenes Bild dazu gegeben, er wird mit ihm seine pia fraus fortsetzen –«

»Wir müssen ihn daran verhindern!« erklärte der Präbendat. »Ich schicke zur Polizei –«

»Es gibt ein öffentliches Ärgernis« wehrte der Greis ab – »die Presse bemächtigt sich des Falles –«

»Wollen Hochwürden den Schwindler zu neuen Verbrechen entkommen lassen?« fragte Aufrichter empfindlich.

»Nein, nein!« erklärte der Diözesan beruhigend. »Tuen Sie, was Sie für gut halten – ich billige alles – gewähren Sie mir einige Minuten der Ruhe – dieser Schlag trifft mich unsagbar –«

Während der alte Herr erschöpft in seinen Stuhl sank und die Hand vor die geschlossenen Augen hielt, eilte der Behäbige mit fast komischer Geschwindigkeit hinaus, um sich sofort mit der Polizei in Verbindung zu setzen.

Der Dominikaner war im Hotel Daniel, einem der ersten Gasthöfe der Stadt, abgestiegen. Er hatte eines der teuersten Zimmer inne.

Als die Geheimpolizisten eintraten, erfuhren sie, daß der Fremde seit gestern abend noch nicht zurückgekommen war. Vor dem Weggehen hatte er seine Rechnung beglichen und reichliche Trinkgelder gegeben.

Er hatte erzählt, daß er eine Fahrt ins Gebirge mache und möglicherweise nicht zurückkehre. Für diesen Fall werde er telegraphisch über seinen Koffer verfügen.

Beim Weggehen selbst hatte ihn niemand näher beobachtet. Ein Hausbursche versicherte, er habe ihn in einem langen schwarzen Mantel zum Seitentore nach der Heiligen-Geist-Straße hinausgehen sehen.

Eine Verfügung über sein Gepäck hatte er noch nicht getroffen.

An Ort und Stelle wurde in Gegenwart des Dompräbendaten der ziemlich neue Koffer geöffnet. Aufrichter langte den Kriminalbeamten alle einzelnen Stücke heraus und gab eine Erklärung dazu.

Da kamen zum Vorscheine sein weißes Mönchsgewand mit dem Skapulier, der schwarze Mantel mit Kapuze, Rosenkränze, lateinische Gebetbücher, ein Brevier, die Bücher auffällig neu und wenig gebraucht; zahlreiche Photographien von Welt- und Klostergeistlichen aller Grade, Ansichten von Klöstern aller Länder, ein Tagebuch und ein Druckapparat, außerdem noch ein zweiter Geleitsbrief, in dem der Abt des Trappistenklosters Mount Melleray in Irland den Konventualen seines Klosters, Pater Joseph, für seine Romreise allen Bischöfen und Klöstern empfahl und Gottes Segen auf ihn herabrief. Das Schreiben trug mehrere – offenbar echte – Zelebrets belgischer und französischer Bischöfe aus dem letzten Jahre. Zuletzt fand man eine Photographie des Unbekannten selbst in vollem bischöflichen Ornat.

Doktor Aufrichter sah das Bild lange an. Dann zeigte er es den Beamten. »Ist es möglich«, sagte er fast mit Tränen, »daß die Frömmigkeit in einem solchen Gesicht sich malen kann? Würde nicht jeder versichern, er müßte diesen gottesstarken Priester, von dessen Stirne, aus dessen Blick ein Abglanz des Heiligen zu leuchten scheint, von ganzem Herzen lieben, verehren –?«

Der Präbendat durchblätterte das Tagebuch, aus welchem einige Schriftstücke herausfielen. Es enthielt recht genaue Aufzeichnungen über die Reisen und Fahrten, die der Autor unternommen hatte. Er schien zu den »schreibenden Verbrechern« zu gehören.

Der Präbendat überflog eine Stelle im Tagebuche und las sie dann laut vor. Sie trug die Überschrift: »Kleine Unterlagen für meinen künftigen Biographen, von ihm, wenn ich bitten darf, wörtlich zu benutzen –«

Die Stelle lautete: »Ohne jemals Priester geworden zu sein, ohne eine Weihe erhalten zu haben, ohne Recht auf die Tonsur, ohne humanistische Bildung, aber vertraut mit den Einrichtungen der Kirche,

mit ihrem Geiste und ihren Gebräuchen, mit den Gewohnheiten der Geistlichen, habe ich seit Jahren Seelsorge geübt, gepredigt, Beichte gehört, die Sakramente gespendet und unzählige Male das heilige Meßopfer dargebracht –«

Der dicke Herr schöpfte einen Augenblick Atem und las dann weiter.

»Ich reiste im Mönchsgewande die Pfaffenstraße, nahm überall Gastfreundschaft in Anspruch, verschaffte mir bares Geld durch Meßintentionen, nahm Darlehne gegen förmliche Schuldscheine zu Reisezwecken auf, die mein Kloster oder der Ordensgeneral einlösen würde, bot gelegentlich gegen das kanonische Verbot sechs Prozent Zinsen und begnügte mich schlimmstenfalls mit einem Viatikum –«

Der Präbendat bekam einen roten Kopf und ballte die Faust. »Dieser Hohn! Dieser unerträgliche Hohn!«

Die Geheimpolizisten rissen Augen und Ohren auf: Ein solcher Unverschämter war ihnen noch nicht vorgekommen.

Doktor Aufrichter, der bereits anfing heiser zu werden, las gleichwohl mit zorniger Stimme im Tone einer Bußpredigt weiter.

»Bald bin ich Trappist aus Mount Melleray, bald Dominikaner aus Rosecrea oder von St. Esprit oder aus einem der zahllosen Klöster, die ich auf meinen Reisen kennengelernt habe; nach Bedarf auch Zisterzienser oder Angehöriger eines anderen Ordens. Bald bin ich Pater Joseph, bald Pater Stanislaus oder Norbert, hier Bruder Augustus, dort Bruder Robert. Ich bin ein interessanter Gast im Refektorium der Klöster, am Tische des Landpfarrers, ein Zecher in den Wirtshäusern der Städte, wo ich in schöner, leichter Gesellschaft die Meßstipendien bei Sektgelagen durchbringe –«

Der Vorleser hielt inne und reckte die Rechte zum Himmel: »Wehe, wehe!« Dann kam er zum Schluß,

»In Old Monroe und in Troy bin ich Doktor der Theologie, in Alten Offizial, in Quebek Dechant, Visitator der Trappisten in Frankreich, am Strande von Ostende Bischof Alfred de Rohan, Koadjutor des Erzbischofs von St. Franzisko. Um Hunderte und Tausende, die ich vergeude, schädige ich Klöster und Geistliche. Ich besuche Benediktiner, Zisterzienser, Trappisten, Prämonstratenser, Franziskaner, Augustiner, Kapuziner, Karmeliter, Redemptorisien, Alexianer, ja selbst die Schwestern vom armen Kinde Jesu. Die Mitra des Bischofs und die Inful des Abtes sind mir Wegweiser auf meiner Fahrt. Ich täusche Guardiane und Prioren, Großkellner, Superioren, ich überliste Prälaten, Bischöfe, Dechanten, Benefiziaten und Frühmeßner, Kapläne und Vikare, Militärkuraten und Lehrer – ich schröpfe alle diese frommen Betrüger nach Kräften und nach der gleichen Methode und räche an ihnen die seit Jahrtausenden betörte Menschheit –«

Im heiligen Zorn schleuderte jetzt der Präbendat das Buch in den Koffer und bekreuzigte sich. »Anathema! Es ist der Widersacher – Belzebub – Satanas leibhaftiger Gestalt!«

Nirgend aber, so sehr man auch suchte, ergab sich ein Anhaltspunkt für des Entflohenen wirkliche Persönlichkeit.

Während die Polizeibeamten die Beweisstücke wieder im Koffer verwahrten, trat ein Stallknecht des Hotels unauffällig zu dem Kommissar und erklärte, er wolle ihm, wenn er ihn nicht bloßstelle, eine wichtige Eröffnung machen.

Der Beamte gab alle möglichen Zusicherungen.

Da erzählte der Stallknecht, daß er vor vier Jahren in der Fremdenlegion in Algier gedient und wegen militärischer Verbrechen im Zuchthaus zu Berroughia Strafe verbüßt habe. Da sei er dem Unbekannten begegnet, der ebenfalls Sträfling gewesen sei. Er habe ihn genau wiedererkannt und täusche sich nicht. Aber seinen Namen wisse er nicht mehr. Er habe ihn vergessen.

Der Kommissar dankte dem Stallknecht und machte sich seine Notizen.

Als am anderen Tage die Zeitungen den Polizeibericht über den falschen Dominikaner brachten, enthielten sie zugleich eine Mitteilung, daß die Ursulinerschwester Angelika sich gestern abend eigenmächtig unter Mitnahme fremder Kleidungsstücke vom Lager einer Schwerkranken entfernt habe, die infolge der mangelnden Obhut in derselben Nacht unter Qualen verschieden sei.



Achtundzwanzigstes Kapitel

Die »Olympic« befand sich auf der Fahrt von Neuyork nach Southampton.

Sie war eines der schönsten Schiffe der Welt und ein glänzendes Zeugnis britischer Schiffsbaukunst.

Vor sechs Jahren hatte sie mit einer Höchstgeschwindigkeit von sechsundzwanzig Knoten den Ozean von Queenstown bis Neuyork in vier Tagen neunzehn Stunden und dreiundzwanzig Minuten durchquert.

Jubelnd wurde damals von England der Welt verkündet, daß der Dampfer mit dieser Geschwindigkeit den Ozeanrekord gebrochen und das berühmte blaue Band, das von Deutschland mit seinen Schnelldampfern zehn Jahre lang gehalten worden war, endgültig wieder in englischen Besitz zurückgebracht habe.

Das Prachtschiff war im wahren Sinne des Wortes ein schwimmendes Luxushotel, ein Dorado für die amerikanischen Nabobs.

In einem der sieben, zusammen über fünfzehn Meter hohen Decks fand sich eine Galerie von Kaufläden, darin die verwöhnten Dollarprinzessinnen echte Spitzen, Juwelen und andere Kostbarkeiten erstehen konnten. Es gab an Bord einen glänzenden Tanzsaal, ein Theater, eine prächtige Bibliothek, eine Rollschuhbahn, ein Schwimmbassin mit temperiertem Wasser, ein Fischbassin für Angler.

Den Glanzpunkt des Schiffes bildete aber der Garten auf dem Oberdeck, darin man auf knirschendem Silberkies unter blauem Himmel zwischen tropischen Gewächsen, reichem Blumenschmuck und Zierbäumen wandelte.

Restaurants, Cafés und elegant möblierte Empfangssäle waren über das Deck verstreut. Damen ritten auf Kamelen, Radrennen wurden abgehalten und auf einem Tennisplatze Wettspiele ausgefochten.

Ganze Stockwerke waren für Millionäre, die sich auf der Hochzeitsreise befanden, eingerichtet. Eine Kabinenflucht bestand aus zwei Schlafzimmern mit Garderoberaum, einem Wohnzimmer, zwei Salons, Bad, Bedienungszimmer und eigenem Promenadendeck. Für die kleinen Sprößlinge der Kajütenpassagiere war ein entzückendes Kinderzimmer eingerichtet.

Nun flog das geflügelte Schiff seit vierundzwanzig Stunden über die wogende Atlantis. Stilles sonniges Wetter hatte die Fahrt begleitet. Ein schöner frischer Maienabend zündete seine leuchtenden Sterne am klaren Firmament an.

Das Souper in dem in wunderbarem Mattrot gehaltenen Speisesaal der ersten Kajüte war beendet. Die Herrschaften ergingen sich entweder in der frischen Seeluft an Deck oder suchten sofort den prächtigen Salon auf, der mit seinem flutenden Lichtermeere den Eindruck einer schillernden blauen Grotte erweckte.

Hier konzertierte eine künstlerische Kapelle, die ein junger interessanter Kapellmeister, ein Liebling der Damen, temperamentvoll leitete.

Das Schiff, insbesondere die erste Kajüte, war vollbesetzt. Über zweitausend Reisende befanden sich an Bord. Das bunte Gemisch der Nationen bildete eine kleine internationale Welt für sich. Amerikaner und Engländer herrschten vor. Franzosen, Russen, Deutsche und Holländer bildeten Minderheiten.

Wie auf der Lebensreise, so traten sich auch bei dieser Fahrt die hunderte und tausende von Gefährten, obwohl sie dasselbe Ziel hatten, innerhalb der sechs Reisetage innerlich nur weniger näher. Nur äußerlich führten Interessengemeinschaften, Neugierde oder Langeweile kleinere Gruppen zusammen.

Die Reisenden der verschiedenen Kajüten blieben fast völlig geschieden, ja sahen sich kaum. Höchstens daß ein Lebemann gelegentlich die erste Kajüte verließ, um die weiblichen Schönheiten der Tiefe in Augenschein zu nehmen.

Den Mittelpunkt der ersten Gesellschaft bildeten selbstverständlich die beiden fürstlichen Reisepassagiere, die, wie man mutmaßte, genau dasselbe Reiseziel, allerdings auf dem Umwege über England, hatten.

Prinzessin Isabella von Castilien war eine brünette, schlanke Schönheit von zweiunddreißig Jahren. Sie hatte allein, nur von einem Sekretär und ihrer Dienerschaft begleitet, eine Vergnügungsreise nach Amerika unternommen und dort fast ein Jahr in den Familien der vornehmsten Multimillionäre und Milliardäre gelebt.

Besonders im letzten Winter war sie der Stern der Neuyorker Gesellschaft und viel umschwärmt gewesen. Mehr als einmal hatte sich ihr Gelegenheit geboten, sich zu verheiraten.

Mit einem gewissen abenteuerlichen Zuge ihres Charakters, dem in ihrer Familie mancher Tadel widerfuhr, hatte sie sich in den Strudel der amerikanischen Welt gestürzt und deren Genüsse mit vollen Zügen eingesogen.

Allein die angeborenen Grundzüge ihres castilischen Charakters ließen sie zu keiner Entschließung kommen.

Ein unbegrenzter Stolz hielt sie ab, sich mit einem Manne, der den Hauptwert doch schließlich auf seinen unerschöpflichen Geldbeutel legte, zu verbinden. Dabei war sie zu aufrichtig und zu ehrenhaft, um sich selbst und andere für ein halbes Leben zu betrügen. Ein starres Festhalten am Alten und eine Gleichgültigkeit gegen Neuerungen, insbesondere auch gegen die Wunder von Technik und Industrie, ließ sie auf die Dauer an den amerikanischen Verhältnissen doch kein Interesse gewinnen. Obwohl sie liebenswürdig und heiter sein konnte, hatte sie oft mitten im Freudentaumel das ernste, gemessene, förmliche und schweigsame Wesen des castilischen Charakters erfaßt.

Vollends entschieden war für sie der baldige Abschied von Amerika, als im letzten Winter in den Kreis ihrer Gesellschaft der Erzherzog Karl Albrecht von Österreich getreten war, der ebenfalls des Vergnügens halber eine Amerikareise unternommen hatte.

Der Erzherzog, der in der österreichischen Armee bis zum Obersten gedient und dann seinen Abschied genommen hatte, machte den Eindruck eines ausgehenden Vierzigers von verbindlichen Umgangsformen.

Im Hause eines Vanderbilt hatten die Fürstlichkeiten sich kennengelernt. Sehr bald standen beide unter dem Einflusse ihres gegenseitigen Eindruckes und wurden immer zusammen gesehen.

In seiner Gesellschaft entfaltete die Spanierin entzückende Talente. Wiederholt sang sie schwermütige oder leidenschaftliche Nationallieder. Ein einziges Mal verstand sie sich auf sein dringendes Bitten im engsten gewählten Kreise dazu, einen Nationaltanz vorzuführen. Der Sohn des reichsten Hauses von Neuyork begleitete sie mit der Gitarre, sie selbst führte die Kastagnetten.

Es war ein unvergeßlicher Anblick, die anmutige Prinzessin, die sonst so ernst sein konnte, mit ihren feurigen Augen in dem braunen schöngezeichneten Gesicht, tanzen zu sehen. Ihre kleinen zierlichen Füßchen erregten das Entzücken der wenigen zugelassenen Herren, ja selbst der Damen.

Es war nicht zu vermeiden, daß sich in der Gesellschaft auch manche Mißstimmung ergab, weil einige jüngere Heiratskandidaten, die sich gern mit einer spanischen Prinzessin vermählt hätten, über den älteren, aber gefürsteten Freier verdrießlich waren.

Stammte die Prinzessin auch aus keinem regierenden Hause, so war doch ihr Ruf ein tadelloser, während über den Erzherzog das Gerücht umlief, daß er wegen seiner vielen Schulden und seiner Lebensweise dem Kaiserhause entfremdet war. Freilich wollten andere wissen, daß er beim Wegfalle von Zwischenpersonen, wie es im österreichischen Kaiserhause wiederholt vorgekommen war, zu hoher Stellung berufen werden könne.

Karl Albrecht, ein liebenswürdiger Kavalier, machte übrigens aus seiner Verschuldung kein Hehl. Er war ein sehr offener, fast zutraulicher Charakter, der sich nur bei unangemessener Annäherung Dritter auf seine fürstliche Geburt zurückzog.

Selbst der Prinzessin gegenüber verschwieg er nicht, daß er ohne nennenswertes Vermögen sei und etwas anspruchsvoll lebe. Isabella mußte lächeln, als er dieses Geständnis gelegentlich ablegte.

Sie selbst stammte aus einem besonders reichen Hause, das in Castilien große, einträgliche Besitzungen hatte. Sie war die einzige Tochter ihrer verwitweten Mutter, der Vater war seit einigen Jahren tot.

Daß der immer noch stattliche Erzherzog, der ihr viele Aufmerksamkeiten erwies, etwa ein Mitgiftjäger war, mochte sie nicht glauben.

Er bekannte ihr ganz offen, daß er sich bisher sehr wenig um die spanische Genealogie gekümmert und von der Existenz ihrer Linie nichts gewußt habe.

Prinzessin Isabella, die sich von jener durch hohe Vorzüge des Geistes und Herzens ausgezeichneten Königin Isabella von Castilien, der Schwester Heinrichs IV., in einer Seitenlinie ableitete, fühlte eine aufsteigende Neigung zu dem Erzherzog und machte sich, da er sie so sichtlich auszeichnete, mit dem Gedanken, ihm anzugehören, vertraut.

Dabei baute sie in ihrem erwachenden Ehrgeize Luftschlösser in eine unbestimmte Zukunft hinein. Ja, selbst bis in die Nähe des österreichischen Kaiserthrones wagten sich ihre kühnen und phantastischen Gedanken.

Da machte ihr der Erzherzog eines Tages die vertrauliche Mitteilung, daß er überraschende Nachrichten aus Europa erhalten habe.

Die Albanier, die durch die Balkankriege von der türkischen Herrschaft befreit worden waren, seien im Begriffe, sich nach dem Vorbilde benachbarter Völker zu einem selbständigen Staate zusammenzuschließen. Mit Rücksicht auf ihre völkische Eigenart seien die Mächte gewillt, diesem Wunsche zu entsprechen.

Die befreiten Stämme hielten Ausschau nach einem Herrscher, den sie aus ihren Barjaktaren nicht wählen wollten. Vielmehr begehrten sie einen Fürsten nach europäischem Muster.

Nun sei er selbst von seinen Reisen in Albanien her, die er in einem weltbekannten Buche geschildert habe, mit Land und Leuten sehr vertraut und besitze bei den Führern des Volkes einen großen Anhang.

Eine Abordnung maßgebender Albanier sei kürzlich nach Wien gekommen und habe ihm, der einstweilen von seinen Freunden vertreten worden sei, die Krone von Albanien angeboten. Der Ehrgeiz der Führer gehe auf nichts Geringeres als auf die Errichtung eines Königreichs Albanien.

Eine Minderheit habe sich zwar nach Deutschland gewendet und einen deutschen Fürsten zum Herrscher begehrt. Allein die richtige Anschauung, daß der österreichische Charakter für das Volk Albaniens ein besseres Verständnis habe als der deutsche, habe die Mehrheit für sich und werde endgültig die Oberhand gewinnen. Immerhin sei Eile in der Entschließung geboten.

Die Prinzessin die von Albanien so gut wie nichts wußte, ging nach ihrer entschlossenen Art mit sich zu Rate und kam zu dem Ergebnisse, daß es nur auf die Persönlichkeit ankommen werde, ob eine Königin von Albanien an den Höfen Europas eine Rolle spiele.

Der Erzherzog gab ihr – frei nach seinem Reisewerk – eine Schilderung von Land und Leuten, die sie recht anziehend fand.

Es waren unvergeßliche Stunden, wenn er ihr von seinen Abenteuern in Albanien erzählte.

Einem Othello vergleichbar, wußte der beredte Erzähler von Kampf und Gefahr ihr weibliches Herz gefangen zu nehmen, so daß sie mehr und mehr unter seinem Banne stand. So wurde die heroische Losung »Albanien« zur schelmischen Herzensvermittlerin.

Auch der Erzherzog selbst, der von einer Heirat bisher ausdrücklich noch nicht gesprochen hatte, erklärte gelegentlich sehr entschieden, daß er nur dann König von Albanien sein werde, wenn ihn eine Königin zu dem ihm immerhin fremden Volke begleiten wolle.

So kam man, da die Zeit drängte, bald überein, nach Europa zurückzukehren und der albanischen Frage näherzutreten.

Die Heimreise sollte über England gehen, wo die Mutter der Prinzessin sich bei einer dem englischen Königshause befreundeten Herzogin aufhielt. Hier würde der Erzherzog der Mutter der Prinzessin vorgestellt werden. Dann sollte die Weiterreise über Holland und Deutschland nach Österreich erfolgen.

Zum Leidwesen des Erzherzogs stellte sich seiner dringenden Abreise nur das kleine Hindernis entgegen, daß er in Neuyork eine Reihe Verbindlichkeiten eingegangen war, die er nach dem Stande seines Vermögens nicht sofort einlösen konnte, die er aber, um seinen Kredit nicht zu gefährden, nicht unbeglichen lassen wollte.

Allein mit der Energie, die man ihr in geschäftlichen Angelegenheiten kaum zugetraut hätte, erklärte sich Prinzessin Isabella bereit, nach eigener Möglichkeit für den Reisegefährten einzutreten.

Schließlich gelang es dem weltgewandten Österreicher überdies auf seine Verbindung mit der reichen Castilianerin hin – »tu felix Austria, nube« hatte er lächelnd gesagt – bei einem Neuyorker Bankhause einen beträchtlichen Vorschuß aufzunehmen.

Dafür setzte er wohlwollend in Aussicht, daß er die erste Staatsanleihe Albaniens, die nach seiner Krönung nicht lange auf sich warten lassen würde, durch dieses Finanzhaus begeben lassen werde.

Der Bankier Thompson hatte eine tiefe Verbeugung gemacht und gesagt: »Ich danke ehrfurchtsvoll, Majestät.«

So hatte mit einer immerhin mehr stillschweigenden als ausdrücklichen Vereinbarung das fürstliche Paar die Europareise gemeinschaftlich angetreten.

Die Herrschaften hatten die schönsten und teuersten Kabinen genommen.

In Begleitung der Prinzessin befanden sich ihr Sekretär Diego Zurita, ein etwas eigentümlicher Herr mit mittelmäßigen, schriftstellerischen Talenten, ihre nicht mehr junge, echt castilianische, gemessene Kammerfrau Johanna Barcante, sowie ihr Kammerdiener Leandro Mora, der mit seinem Mutterwitze an die komischen Gestalten des spanischen Lustspiels, wie wenigstens Zurita versicherte, zuweilen erinnerte. Zurita selbst konnte einen intriganten Charakter nicht ganz verleugnen. Er führte ein geheimes Tagebuch und hegte den Plan, nach seiner Rückkehr seine interessanten Reiseerlebnisse ohne besondere Diskretion drucken zu lassen, um damit endlich seinen schriftstellerischen Ruhm zu begründen.

Der Erzherzog hatte leider das Unglück gehabt, daß ihm vor einigen Wochen sein aus der Heimat mitgebrachter Diener, ein leichtsinniger Mensch, davongelaufen war. Er hatte deshalb einen tadellosen Deutsch-Amerikaner aus Neuyork in die freigewordene Stelle einrücken lassen.

Das lebenslustige Paar entzückte auf der Überfahrt allgemein durch Liebenswürdigkeit, und der Österreicher überdies durch seine herzerfreuende Leutseligkeit.

An der Tafel saßen die Fürstlichkeiten auf den Ehrenplätzen, wurden vom Kapitän Wilson und von den Schiffsoffizieren, vor allem aber vom Direktor der Schiffahrtsreederei Torridon, der die Reise mitmachte, mit ausnehmender Höflichkeit behandelt. Die Bedienung wetteiferte in Aufmerksamkeiten.

Der einzige, der hierbei zunächst nicht auf seine Rechnung kam, war der kleine Heldentenor, ein deutscher Kammersänger, der mit seiner häßlichen Frau von Neuyork, wo er ein Gastspiel gegeben hatte, zu den Wagnerfestspielen nach London reiste.

Er pflegte sonst der Stern der ersten Kajüte zu sein und Männlein und Weiblein zu begeistern, zumal wenn er beim Abendkonzert das Liebeslied aus der Walküre oder Lohengrins Gralserzählung zum besten gab.

Allein im Kunstsinn der königlichen Herrschaften von Albanien sollte er sich doch geirrt haben. Der Österreicher und die Castilianerin sprachen ihn eines Abends nach dem Diner leutselig an, zogen ihn in ihren Kreis und machten ihn, auch die unerfreuliche Gattin, allseits bekannt.

Karl Albrecht erklärte, daß er in Durazzo eine Oper gründen und den Kammersänger zum Gastspiel einladen werde.

Diese Ehre wirbelte dem kleinen Herrn mit den gebrannten Locken derart durch das Gehirnchen, daß er immer wieder sagte: »Zu Befehl, Euer Majestät.«

Die ersten Tage der Überfahrt verflogen den Reisenden in seltenem Vergnügen. Schließlich entwickelte sich geradezu ein albanischer Enthusiasmus.

Zumal die jungen Mädchen, reizvolle und graziöse Engländerinnen und Amerikanerinnen, huldigten dem Fürstenpaare in allen Formen. Überreichung von kostbaren Blumen gehörte zu den täglichen Erscheinungen.

Der erfindungsreiche Kapellmeister wartete mit einem von ihm komponierten »albanischen Marsche« auf, wie er ein altes unbekanntes Musikstück eines vergessenen Komponisten taufte.

Karl Albrecht nahm die Widmung in Gnaden an und stellte die albanische Medaille für Kunst und Wissenschaft in Aussicht.

Die Auspizien, unter denen auf der »Olympic« das junge Königreich Albanien erhoben wurde, gehörte zu den günstigsten der ganzen neuen Weltgeschichte.

Abends im Salon, wenn die besten Flaschen des Schiffes geleert wurden, bildete das Schicksal des jüngsten Königreichs den Gegenstand lebhaftester Gespräche.

Dann hingen sie alle an des Erzherzogs Lippen, der riesenhafte Oberst Warren Pearl und seine hagere, an Lady Macbeth erinnernde Gattin; der Juwelenhändler Crampton, der Seidenfabrikant Charles Frohmann, Sir Hugh Lane, der schweigende Mann mit dem Monokel; Commander Foster Stackhouse, die bekannte Schauspielerin Ellen Terry, William Hodges mit Gattin, Lady Mackworth, die Gemahlin eines englischen Diplomaten; Miß Jessie Smith, der Schriftsteller Doktor Orr, der Schiffsarzt Doktor Montagu Grant, Lady Allan und andere.

Crampton war nicht der einzige Juwelenhändler an Bord. Die »Olympic« hatte für etwa zwanzig Millionen Dollar Diamanten versicherte Ladung. Aber Crampton spielte eine hervorragende Rolle.

Er war der Besitzer des berühmten geheimnisvollen blauen Diamanten; der einen Wert von vierhunderttausend Dollar hatte.

Dieser Edelstein hatte bisher jedem Unglück gebracht, der ihn besaß. Er gehörte ursprünglich einem türkischen Sultan, der abgesetzt wurde. Dann ging er in den Besitz eines Spaniers namens Halib über, der seinen Tod in den Flammen fand. Später kaufte ihn die unglückliche Königin Marie Antoinette. Hierauf gelangte er in die Hände des Prinzen Bamballe, der von einem Volkshaufen ermordet wurde. Ein Juwelier in Amsterdam, der nachher den Diamanten erwarb, verübte infolge ehelicher Zwistigkeiten Selbstmord.

Crampton, der den Diamanten vor einem halben Jahre gekauft hatte, erzählte selbst alle diese »törichten« Geschichten, über die er lachte. Er meinte, alle die aufgezählten Schicksale könnten ihm nicht widerfahren, er sei vor ihnen gründlich gefeit, da er weder Sultan, noch Prinz oder Spanier, auch nicht Königin und nicht verheiratet sei.

Er hatte nicht weniger als drei Detektive, die nichts voneinander wußten, auf die Europareise mitgenommen.

»Stellen Sie sich vor, meine Herrschaften«, erzählte Karl Albrecht, »daß dieses Volk in zwei Stämme, einen nördlichen und einen südlichen, zerfällt, die sich untereinander schon sprachlich schwer verständigen können, die sich auch in verschiedenen religiösen Bekenntnissen hassen und befehden. Hier wiederholt sich die Stammesurfeindschaft, die Sie selbst in Kulturreichen unterdrückt antreffen –«

Oberst Pearl nickte und dachte vermutlich an die Iren.

»Die Albanier«, fuhr der Erzherzog fort, »waren vergessen und erwachten aus einem vierhundertjährigen Schlummer zu politischem Leben. Selbstsüchtig, meuterisch, unzuverlässig und grausam auf der einen, rührig, unerschrocken, sparsam und zäh auf der anderen Seite. Das Weib teilt oft in verwilderter Weise die männliche Tätigkeit und zieht mit in den Fehdekampf. Verlobung, Hochzeit, Ehe zeigen noch Spuren altbarbarischer Gebräuche –«

Die Damen unter den Zuhörern erröteten leicht.

»Ein abergläubisches Stammesvolk, dessen Phantasie noch in heidnischer Weise Feen und Elfen, Hausgeister, Drachen, Gespenster, Flügelpferde und Geister erfüllen! Hören Sie diese Männer in Mütze und Turbanschal, mit knopfloser weißer Weste, weißer Fustanella, weißen Beinkleidern und bis an die Zähne bewaffnet, hören Sie diese malerisch gekleideten Männer und Frauen in ihren vom Schilfrohr umhegten Gehöften ihre Sagen und Märchen erzählen, ihre schwermütigen Volkslieder zur Mandoline singen – sehen Sie sie die Albanitika tanzen –«

Karl Albrecht hatte alles selber gesehen und gehört. Die Zuhörer bewunderten den Zufall, der diesen Fürsten, ehe noch an eine Selbständigkeit Albaniens hatte gedacht werden können, mit diesem Volke vertraut gemacht hatte.

»Weil ich mein Volk kenne und ganz verstehe«, sagte der Österreicher mit Wärme, »deshalb hoffe ich es aufwärts führen zu können! Gerade diese Aufgabe hat für mich einen wunderlichen Reiz. Sie dünkt mich sogar schwerer, aber dankbarer und verantwortlicher als den angestammten Thron eines Kulturstaates zu besteigen –«

Die Herren, zumal die Offiziere, bewunderten die Kühnheit und Entschlossenheit des Fürsten.

»Wild und kriegerisch veranlagt«, fuhr der Erzherzog immer lebhafter fort, »kam das Volk in blutigen Unterdrückungskriegen nie zur Ruhe; unter Mazedoniern, unter den Römern, unter den Slawen, zuletzt unter den Türken geknechtet, aber immer voll Sehnsucht nach Freiheit und Selbständigkeit! Da konnten sie keine Ackerbauer werden, sondern blieben Hirten, Krieger und Räuber.«

Ein deutscher Professor des Strafrechts aus Berlin, Doktor Ehrhardt Sander, der in Amerika Studien über Strafrechtspflege, besonders über den Strafvollzug gemacht hatte und sie nun in England fortsetzen wollte, bekundete seine lebhafteste Zustimmung zu der Auffassung des Fürsten und fragte nach den Justizeinrichtungen der Albanier.

»Erwägen Sie, Herr Professor«, erklärte Hoheit verbindlich, »daß der Albanier Kultur, Gesetz, Gesellschaft und Staat noch nicht schätzen kann, daß er am Herkommensrecht der Stämme, an Faustrecht und Blutrache hängt, denen er unter dem türkischen Despotismus nachging. Aus diesem Chaos von Anschauungen und Gebräuchen hoffe und wünsche ich mein Volk zu einer höheren Kultur zu führen, aber wenn es möglich ist, unter Vermeidung der vielen Fehler, welche die Kriminalpolitik und die Justiz der europäischen Kulturstaaten angenommen hat –«

»Bravo!« rief der junge Professor begeistert.

»Ich möchte«, sagte der Erzherzog, sich lebhaft erhebend, »dem alternden Europa zeigen, daß der Mensch und ein Volk unter günstigen äußeren Umständen, die ihnen zu bieten sind, immer gut sein und gut bleiben wird –«

»Soviel ich weiß«, sagte der sozialistisch angehauchte Schriftsteller Doktor Orr, »leben die albanischen Stämme in kleinen abgeschlossenen aristokratischen Republiken unter ihren erblichen Barjaktaren, Woiwoden und Ältesten, über welchen die Volksversammlung mit ihrer Entscheidung steht –«

»Wie mit diesen Einrichtungen das Königtum vereinbar ist, möchten Sie wissen, Herr Doktor? In der Erblichkeit der von Ihnen genannten Würden liegt es gewissermaßen eingeboren da. Sie haben selbst die Versammlung, die über allen steht, erwähnt. England, das freie England soll mein Vorbild sein!«

Die Engländer und Amerikaner jubelten dem liberalen König zu, der in liebenswürdigem Geplauder noch über Land und Leute Rede stand und auf Befragen von Lady Mackworth erklärte, daß er in Durazzo auf einem Vorgebirge des Adriatischen Meeres in herrlicher Gegend, von den Ruinen einer byzantinischen Zitadelle überragt, seine Residenz aufschlagen werde.

Durch das Gespräch und den genossenen Wein angeregt, promenierten einige Herrschaften in Gruppen und Paaren noch eine halbe Stunde auf Deck.

Der Mond stand wunderbar über dem ziemlich ruhigen Meere und zeichnete in demselben eine sich kräuselnde hellgrüne Wellenbahn. Das Schiff fuhr in vollster Geschwindigkeit nach Nordost.

Der Erzherzog und die Prinzessin gingen nebeneinander und schienen die Einsamkeit zu suchen.

Man fand das begreiflich und begnügte sich, die Enden der herrlichen schneeweißen Federboa der Prinzessin im Winde flattern zu sehen, die allgemeines Entzücken erregte und in unbeobachteten Augenblicken von den jungen Engländerinnen geliebkost wurde.

»Ich hätte nie gedacht«, brach endlich der Österreicher das längere beglückende Schweigen, »daß eine Königskrone für mich so verlockend werden könnte! Ich führte seit Jahren ein ziemlich beschauliches Leben in dem schönen Linz. Nun erging dieser öffentliche Ruf an mich –«

Sie hing an seinen Lippen.

»Ich staune, wie der Mensch mit seinen Aufgaben wachsen kann. Der Gedanke, König eines Volkes zu werden, wird von außen in die stille Seele geworfen, und bald fühlt sie sich eins mit den Rechten und Pflichten der Majestät – ich möchte sagen, ich bin mit diesem Gedanken ein anderer – ich habe die Worte von Gottes Gnaden nicht begreifen wollen – nun ist es geschehen – mit einem Male – ich fühle es in mir – ich bin ein König –«

Einige schäumende Wellenkämme schlugen plätschernd an das Schiff, dann zeigte sich die Wasserfläche wieder still und ruhig.

»Ahnen Sie, Hoheit, welches Gefühl mich bei Übernahme der Herrscherpflichten ganz ausfüllt? Menschenglück – echtes Menschenglück zu verbreiten – wissen Sie, Hoheit, was Menschenglück ist –?«

»Wenn ich dieses Wort aus Ihrem Munde höre, kaiserliche Hoheit, und ich gestehe, ich höre es so und vielleicht überhaupt zum erstenmal aussprechen –«

Der Wind trug einige abgerissene Takte der Musik vom Salon herüber.

»Fühlen Sie sich befähigt, Hoheit, reines Menschenglück, wie ich es meine, um sich zu verbreiten?«

Sie nickte lebhaft mit schimmernden Augen, ohne etwas sagen zu können.

»Und selber reines Menschenglück, auch wie ich es meine –« er sagte diese Worte bedeutungsvoll – »in sich aufzunehmen –?«

Sie atmete tief und neigte das stolze Haupt.

»Und wollen wir miteinander«, fügte er stiller hinzu, »einen vielversprechenden Anfang machen –?«

Sie sah ihm einen Augenblick schweigend in die Augen, während sie am Kiel standen, wo die Wellen emporschäumten.

Er preßte heiße Küsse auf ihre weiße Hand, die er ergriffen hatte. Kein Mensch war in der Nähe.

»Ich danke Ihnen!« flüsterte er leidenschaftlich.

Um ihre starken Empfindungen zu bemeistern, verabschiedete sich die Prinzessin schnell mit vielsagenden Blicken und ging ihrer castilischen Kammerfrau entgegen, die auf Deck erschienen war, um sie mit ihrer komischen Grandezza zu suchen.

Der Österreicher aber stand hochaufgerichtet mit flatterndem Mantel am Kiel und seine in die Ferne leuchtenden Augen schienen zu fragen: »Steuermann, wohin die Fahrt?« Wie ein Herrscher stand er da, wie ein König, groß und mild, und das Meer lag ihm geschmeidig zu Füßen.



Neunundzwanzigstes Kapitel

Unten in der dritten Kajüte, wo die unbemittelten Passagiere des Dampfers wohnten, saß ein trauriges Weib, dessen welkende Züge Spuren einstiger Schönheit zeigten.

Sie hatte bisher während der Fahrt an dem Leben und Treiben um sie her wenig Anteil genommen und zudringliche Annäherungen abgewiesen. Von Rohheiten, die hier gelegentlich unvermeidlich schienen, hatte sie ihre Blicke abgekehrt.

Dachte sie, wie sie träumend in den undurchdringlichen Nebel starrte, der heute das Schiff begleitete, dachte sie daran, wie sie vor zwei Jahren hoffnungsvoll über den Ozean hinübergefahren war, um eine neue Welt im buchstäblichen Sinne des Wortes zu suchen?

Es waren wunderbare, glückliche Wochen gewesen, als sie damals über Triest Europa verließ.

Der Mann auf den in seltsamer Schicksalsfügung ihre Wahl gefallen war, weckte noch einmal das schon aufgegebene Glück der Liebe in ihrem bereits der Erstarrung verfallenden Herzen.

Er umgab sie mit allen Zärtlichkeiten und mit einer ritterlichen Fürsorge. Sein hoher Beruf zog sie geistig zu ihm empor. In dem Glückstaumel, der ihr leidenschaftliches Gemüt erfaßt hatte, konnte sie sogar die Schuld vergessen, die sie auf sich genommen hatte.

Schuld und Leiden waren dem Menschenherzen beschieden. Das war der Gesang der Welt seit Anfang an. Sie hatte sich nicht im Leichtsinn darüber hinweggesetzt; sie hatte damit gerungen, hatte im stillen gesühnt, gebüßt. Dann aber hatte sie sich dem blühenden Leben zugewendet und hatte das Glück geküßt.

Aber drüben in der sogenannten neuen Welt harrte die Enttäuschung. In dem Hotel, wo sie in Chikago abgestiegen waren, kam ihr eine deutsche Zeitung in die Hand. Da las sie mit Entsetzen die Folgen ihrer geheimen Schuld, die offenbar geworden war. Es war die ausführliche Geschichte einer Klosterschwester Angelika, die im Steiermärkischen nachts heimlich eine Schwerkranke im Stich gelassen und dem Tode überantwortet hatte.

Mit verzweiflungsvollen Blicken las sie ihre gedruckte Schmach und ließ ihre Augen über die toten Buchstaben irren, die so lebendig werden konnten.

Da blieben sie an einer Stelle der Zeitung dicht daneben haften, wo von einem Dominikanermönche berichtet wurde, der in derselben Stadt als Betrüger aufgetreten war und mit dem Heiligsten Spott getrieben hatte.

Der Bericht fuhr ihr durch Mark und Bein. Ihre schon fast vergessene Begegnung mit dem Dominikaner, dessen Erscheinung sie schließlich für eine Einbildung gehalten hatte, die Erklärungen des Beichtigers im Beichtstuhle der Kathedrale fielen ihr ein, und ihre ahnungsvolle Seele suchte eine Verknüpfung der Ereignisse.

Sie wagte nicht, dem Geliebten das Zeitungsblatt, das sie so sehr demütigte, in die Hand zu geben. Aber ein eigentümliches Gefühl beschlich sie in seiner Gegenwart.

Noch einmal wollte ein Glücksstrahl alle Zweifel in ihr auslöschen, als Adalbert Semper ihr ein wundersames und, wie sie gewiß war, tief aus seinem Innersten kommendes Geständnis ablegte.

Klarika konnte sich von dem Gedanken nicht befreien, daß ihr Adalbert schon in anderer Gestalt zweimal begegnet sei. Es war ein Gedankenzauber, der sie gefangen hielt. Mit Zärtlichkeit und einer Ergriffenheit, deren sie ihn kaum für fähig erachtet hätte, flüsterte er ihr in stürmischer Umarmung zu, daß sie sich tatsächlich schon zu eigen gegeben wären.

Als sie aber erstaunt einige Fragen an ihn richten wollte, bedeckte er lächelnd ihren kleinen Mund mit den Fingern und flüsterte weiter: »Still! Begnüge dich! Frage nicht! Zerstöre nicht unser Glück durch gesprochene Worte!«

Weil er so leidenschaftlich und glücklich war, ergab sie sich seinen Wünschen, wenn sie sie auch nicht voll verstand, und lauschte seinem Geflüster, als er sagte: »Glaubst du allein den Zauber zu fühlen, weil du mich wieder, immer wieder siehst, mich wieder, immer wieder in seltsamer Schicksalsführung findest? Meine eigene Seele steht unter demselben Banne – ich kann dir mit Worten nicht sagen, wie? – weil ich dich wieder, immer wieder sehe und finde –«

Wie im Traume hatten ihr seine unbegreiflichen Worte geklungen. Von neuem wollte sie fragen.

»Als ich dich zum ersten Male sah – lange Jahre sind's her und weit liegt der Ort –, zog's mich mit Allgewalt zu dir. Verwandte Seelen, wußte ich, fanden sich beim ersten Blick. Ich gehörte zu dir und du zu mir. Und deshalb, glaube es mir, fanden wir uns wieder, mußten wir uns wiederfinden. Unsere Seelenstoffe zogen sich an, weit über Gebirge und Tal. Und in jenem langen seligen Glückstaumel – weißt du –?«

Sie umfaßte ihn mit zitternden Armen und riß ihn an sich. »Wo? Sage, wo –?« stammelte sie.

Er schüttelte lächelnd den Kopf. »Nirgend – überall – nenne keinen irdischen Ort – sonst flieht uns das Glück – unter vielen, die mich umschwebten, fand ich dich als die einzige heraus, die mir alles gab! Du erschienst mir als Vertreterin deines ganzen Geschlechts, in dir umfange ich das Weib der Erde! Du bist mir beschieden, du sollst mich begleiten auf dieser Märchenfahrt durch das Leben – du sollst mich erlösen – du, du! – Erlöse mich – liebe mich – bleibe bei mir –!«

Und schluchzend wie ein Kind war er in ihre Arme gesunken.

Wieder lauschte sie dem Geheimnisvollen, das sie, wie die Mystik im Dämmerlichte des Domes, mächtig ergriff, und verehrte das Unerforschliche, das ihre Lebenswege umhüllte.

Noch einmal rissen sie Liebe und Leidenschaft zu unbegrenztem Vertrauen hin. Es war kein Zweifel, daß er Bühnenkünstler war. Er hatte ihr den großen Monolog Hamlets vorgesprochen, so überzeugend und überwältigend, wie sie ihn niemals im Theater gehört hatte.

In diesen Augenblicken war er ganz verändert, nichts, aber auch gar nichts erinnerte dabei an den Baron Teleki – sie mußte lächeln, daß sie Ähnlichkeiten mit diesem herausgefunden hatte. Auch sonst zeigte er in seinem Wesen fesselnde Eigenarten und Stimmungen, die sie bei Bela nie wahrgenommen hatte. Es war ganz unmöglich, daß sich ein Mensch in zehn kurzen Jahren so veränderte.

Das waren denkwürdige Stunden, die sie nie vergessen konnte, die sie zu seltsamem Träumen und Grübeln veranlaßten. Als sie in den nächsten Tagen wieder in ihn dringen wollte, wehrte er sie ernst ab. Er schien ihr etwas verstimmt. Die Sorge, die sie an ihm nie gekannt hatte, lag auf seiner Stirn.

Es schien der Geldpunkt zu sein, der ihn mit einemmal drückte. Bisher hatte er auf der ganzen Reise mit verschwenderischer Hand gegeben. Er sagte, sie müßten sich vorübergehend einschränken. Sein Kreditbrief aus Europa sei ausgeblieben. Der Beginn seiner Gastspiele in Neuyork und St. Franzisko schiebe sich unvorhergesehen hinaus.

Da war es wieder ein Zeitungsblatt, das sie aus allen Himmeln stürzte.

Eine Dame, die eben erst im Hotel abgestiegen war, brachte Berliner Zeitungen neuester Wochen mit; neugierig blätterte Klarika und fand den Theaterbericht des Berliner Schauspielhauses. Da las sie, daß am 7. Oktober – das war Anfang voriger Woche gewesen – Adalbert Semper zum ersten Male nach längerer Krankheit als Hamlet aufgetreten und wieder im Vollbesitz seiner genialen Schaffenskraft gewesen war.

Totenbleich ließ sie das Unglücksblatt ihren zitternden Händen entsinken. Ein Tränenstrom entstürzte ihren Augen. Nun war ihr alles klar. Jetzt verstand sie ihn ganz. Sie wußte, was er ihr hatte gestehen wollen.

Oder war auch das ein Gaukelspiel gewesen, daß er bekannte, sie schon früher besessen zu haben?

Er hatte so seltsam, so geheimnisvoll gesprochen. Sie konnte nicht sagen, wie er es gemeint hatte. Es hatte ihre Sinne, ihre Gedanken eingeschläfert. Schon der Ton seiner Stimme machte sie widerstandslos. Wer war er eigentlich? Wie hieß sein wirklicher Name? Nur einmal hatte sie ihn gehört.

Es kamen Tage quälender innerer Kämpfe, durch welche sie sich hindurchringen mußte. Ihrer ganzen Veranlagung, ihrer ganzen Erziehung entsprach es nicht, ihr halbes Leben mit dem Schicksale eines Betrügers zu verknüpfen. Je länger und schärfer sie ihn beobachtete, um so sicherer mußte sie ihn dafür halten. Selbst unbedeutende Umstände sprachen gegen ihn.

Jetzt wurden ihre Erinnerungen an Wien und Ostende lebendig, über die sich als genossenes Glück und erlebtes Leid ein seltsamer Schleier gelegt hatte. Wie eine Benommenheit, wie ein Traum hatte es ihre Sinne gedrückt, darin sie sich nie wieder zurechtgefunden hatte. Schon als Kind hatte sie in ihrer nächsten Umgebung zuweilen so zerstreut, so abwesend gestanden.

Sie sah sich im Geiste im Wiener Landgericht im Zimmer des Staatsanwalts. Da war sie einem Gefangenen begegnet, der dem Manne ihrer Liebe anscheinend glich. Er sollte den Baron gespielt haben. Sie wußte nicht mehr, wie der Name des Betrügers gewesen war. Zehn Jahre waren vergangen. Sie hatte ihn beim Staatsanwalt nur einen Augenblick gesehen. Sie könnte nicht mehr beeiden, daß er der angebliche Baron gewesen war.

Je mehr sie ihr Gehirn anstrengte, desto verwirrter wurden ihre Gedanken, der Kopf schmerzte sie. Nur in einzelnen Augenblicken glaubte sie, der Betrüger, den sie vor dem Staatsanwalt gesehen hatte, sei ihr gegenwärtiger Reisegefährte. Und immer hatte sie den Wunsch, sie möchte sich täuschen. Aber im gegenwärtigen Erlebnis täuschte sie sich nicht.

Nun leitete sie das Gefühl, ihm selbst den entscheidenden Schritt zur Trennung, den sie erwarten mußte, zu ersparen. Vielleicht wollte sie auch nicht die Rolle des verlassenen Weibes spielen. Scham, Stolz und Mitgefühl erfüllten ihre Seele in seltsamem Verein.

Wieder, wie vor zehn Jahren in Ostende, siegte ihre Energie, die sie neben ihrer Leidenschaftlichkeit charakterisierte.

Eines Tages, während er in angeblichen Geschäften einen längeren Ausgang gemacht hatte, verließ sie das Hotel und reiste von Chikago nach Neuyork.

Weil sie fühlte, daß sie in einer längeren Auseinandersetzung bitter werden würde, ließ sie nur wenige Zeilen zurück. »Lebe wohl. Ich weiß, daß wir uns trennen müssen. An meiner Liebe zweifle nicht. Klarika.«

Sie hatte sich – vielleicht ahnungsvoll – von seinen verschwenderischen Spenden einen ansehnlichen Betrag zurückgelegt, von dem sie einige Monate bescheiden leben konnte. Zur Rückreise nach Europa hätte das Geld gereicht, aber sie spürte zu diesem Schritte vorläufig keinen Antrieb.

Ihre Eltern waren beide seit Jahren tot. Vater und Mutter waren starre, spröde Charaktere gewesen, die ihr die Schande, die sie auf die Familie von altem Adel gehäuft hatte, nie vergeben konnten.

Vom Tode des zuerst verstorbenen Vaters hatte sie erst Wochen danach zufällige Kenntnis erlangt, niemand hatte sie an das Sterbelager gerufen. Vom Ableben der Mutter wurde sie zwar benachrichtigt, aber ebenfalls erst nach der Beerdigung. Dann bekam sie ein bescheidenes Erbteil ausgezahlt, das bald aufgezehrt war.

Ihre Brüder waren beide Offiziere in der ungarischen Armee. Sie war ihnen in der Jugend eine gute Kameradin gewesen. Nach dem Hinscheiden der Eltern knüpfte sie mit ihnen einen Briefwechsel an, der sich anfangs recht hoffnungsvoll anließ, aber bald wieder ins Stocken kam.

Die Brüder verlobten sich mit reichen adligen Mädchen und heirateten bald. Eine Einladung zur Teilnahme an den Hochzeitsfeierlichkeiten erging an die Schwester nicht. Dann ließen die jungen Ehemänner ganz selten etwas hören, weil ihre Frauen von der gefallenen Schwägerin nichts wissen wollten.

Nach einigen Jahren starb der kleine Bela, ein süßer Junge, der seinem Vater wie aus den Augen geschnitten ähnelte. Klarika hatte ihn ganz allein durchgebracht und nie daran gedacht, den Erzeuger in Anspruch zu nehmen. Der Tod des Kleinen machte sie frei. Bald danach entschloß sie sich, ins Kloster zu gehen. Dieser Schritt, den sie ihren Brüdern anzeigte, brachte eine Aussöhnung zwischen ihnen zustande. Die Brüder schrieben, daß sie ihren Entschluß billigten, und auch die Schwägerinnen fügten einige freundliche Worte bei.

Schon hatte sich die Hoffnung ergeben, daß die Brüder sie gelegentlich im Kloster besuchen würden, als sie mit jenem verhängnisvollen Schritt die angebahnte Annäherung wieder zunichte machte.

Ihr Fall hatte, wie sie annehmen mußte, in ihren Kreisen einigen Staub aufgewirbelt; sicher war auch ihr bürgerlicher Name durch die Zeitungen gegangen. Aufs neue hatte sie ihre Familie bloßgestellt. Das würden ihr die Brüder, noch weniger deren Frauen, nie verzeihen.

So hatte sie sich von aller Verwandtschaft gelöst. Sie stand ganz allein in der großen weiten Welt.

Ins Vaterland zog sie nichts zurück. Ja, sie hatte allen Anlaß, es zu meiden, da sie zweifellos strafgerichtlich verfolgt wurde. Sie hatte es ja in der Zeitung gelesen, daß ihr der Tod der Kranken zum fahrlässigen Verschulden, so war der Wortlaut, angerechnet wurde.

Sie hatte unter leichtsinniger Außerachtlassung ihrer Berufspflichten als Krankenpflegerin getötet.

Außerdem hatte sie gestohlen! Kleidungsstücke der eigenen Pflegebefohlenen. Sie selber hatte gegen das Strafgesetz verstoßen!

Da sie geprüfte Krankenpflegerin war, wurde es ihr nicht schwer, in einem größeren Hospital Neuyorks Aufnahme zu erhalten.

So fand sie in ihrer Tätigkeit zunächst eine Zerstreuung, um über das Peinliche ihrer letzten Vergangenheit hinwegzukommen, und mit der Zeit innere Ruhe, sich auf sich selbst zu besinnen und über ihre Zukunft nachzudenken.

Im Hospitale machte sie einige nicht uninteressante Bekanntschaften.

Ein junger hübscher Amerikaner, Mortimer Lightholder, den sie pflegte, erzählte ihr, daß er einige Monate die Stelle eines Sekretärs bei einem wunderlichen Herrn bekleidet habe, der sich vor zwei Jahren in St. Louis Baron d'Alonzo und darnach in Neuorleans Baron de Lamoral zu nennen beliebte.

Er hatte in den ersten Gesellschaftskreisen verkehrt und mit dem Gelde verschwenderisch um sich geworfen. Die geheimnisvolle Quelle dieser Einnahmen hatte der reichbesoldete Sekretär aus guter Familie, der sich eine Zeitlang des Wohllebens freute, nie entdecken können. Zuletzt aber war er zu der Überzeugung gekommen, daß der Baron, der ihn sehr für sich einzunehmen verstand, sicher ein Schwindler sei. Um nicht in seine Angelegenheiten verwickelt zu werden, machte er in einer Stunde der Reue sich heimlich aus dem Staube.

Ihm selbst habe das Schicksal diesen uneigennützigen Entschluß freilich wenig entgolten. Während er beim Baron ein sorgenloses Leben geführt habe, sei er bei seiner Ankunft in Neuyork den verdammten wildgewordenen Pferden in den Weg gelaufen und überfahren worden. Nun liege er hier und beklage sein rechtes Bein, das auf immer verkürzt bleiben werde. Um seine im Jugendleichtsinn unvollendeten Studien fortzusetzen, müsse er erneut die Hilfe weitläufiger Verwandten in Anspruch nehmen. Daß aber der falsche Baron entlarvt worden wäre, habe er in der Zeitung noch nicht gelesen.

Klarika ließ sich unauffällig die Persönlichkeit des Barons näher beschreiben und erkannte, wie ihr eine stille Ahnung schon gesagt hatte, in ihm mit voller Bestimmtheit den Mann wieder, von dem sie sich damals geschieden hatte.

So erhielt sie eine neue Bestätigung seines Treibens. Fern von ihm war sie auch wieder Herrin ihrer Gedanken geworden und glaubte nun mit einem Male nicht mehr daran zweifeln zu können, daß der Baron und der Schauspieler derselbe Betrüger war. Es erschien ihr ganz seltsam, daß ihr jetzt die vergangenen Ereignisse so deutlich vor Augen standen, die sie fast traumhaft erlebte und lange nur wie durch einen Schleier gesehen hatte.

Er ging seinen Weg im alten Gleise weiter. Seinen wirklichen Namen hatte auch Mortimer Lightholder nicht erfahren können.

Einige Wochen später kam eines Nachts in der Station der Schwester Anastasia – so nannte sich im Hospital Klarika von Bathory – die Kammerfrau Johanna Barcante der Prinzessin von Castilien für kurze Zeit zur Aufnahme.

Anastasia lernte die Prinzessin auch selber kennen, die sich wiederholt persönlich in sehr teilnehmender Weise nach dem Befinden ihrer getreuen Dienerin erkundigte, die von ihrem Fieberanfall bald genas.

Die interessanten Erzählungen der Spanierin wurden der Schwester eine willkommene Abwechselung in dem sonst einförmigen Hospitalleben.

Über ein Jahr hatte Klarika in aufopfernder Pflichterfüllung, als wolle sie Sühne leisten, dahingelebt, als ihre Seele zu neuem Leben erwachte, und sie sich eine andere umfassendere Tätigkeit wünschte.

Sie hatte Gelegenheit gehabt, in das segensreiche Wirken der großen Heilsarmee einen Einblick zu gewinnen, und beschloß, sich dauernd in ihren Dienst zu stellen.

Es war ihr bei ihren guten Fähigkeiten nicht schwer, Zeugnisse und Empfehlungen zu erhalten, und man gab ihr an maßgebender Stelle den wohlgemeinten Rat, sich nach England, dem Sitze der »Armee der Seligmacher«, zu wenden, wo sie bei ihrem eifrigen Bestreben bald eine Offiziersstelle erlangen werde.

Der Grundgedanke der Sekte, daß die bestehenden Kirchen nicht fähig seien, das geistige und leibliche Wohl besonders der Armen zu fördern und die Seelen wahrhaft zu erwecken und zu erlösen, entsprach ihrer eigenen inneren Erfahrung. Und da sie selbst als Sünderin tief gefallen war, wollte sie es zeit ihres Lebens auf sich nehmen, andere vor ähnlichem Falle zu bewahren.

In der Ruhe, die jetzt ihre Seele umgab, war sie bald zur Klarheit über sich selbst gekommen. Gott hatte ihre heißen nächtlichen Tränen gesehen, die sie um die verlorene Jugend und um ihr verscherztes Lebensglück weinte. Er stand ihr auch in dieser Seelennot bei und legte ihr lindernden Trost ins Herz.

Was hatte sie anderes getan, als was dem Weibe auf dieser Erde auferlegt worden war? Sie hatte sich nicht, wie viele ihrer gefallenen Schwestern, wahllos von einem Manne zu dem anderen gewendet. Sie hatte mit aller Innigkeit, mit aller Treue nur einen einzigen, immer denselben Mann geliebt und ihm alles gegeben. Jetzt wußte sie ganz genau, wer der Husarenoberleutnant in Baden gewesen war.

Gerade das ausgesprochene Frauenschicksal, in Liebe nur einem einzigen Manne zu gehören, hatte sich an ihr in wunderbarer, erschütternder Weise erfüllt. Wenn sie das überdachte, konnten sich ihre Blicke verklären. Ihre Sünde konnte nicht dauernd auf ihr ruhen, sie mußte von ihr genommen werden.

 Er selber hatte es gesagt, er umfange in ihr das Weib der Erde. Er wußte nicht, wie gut er prophezeit hatte. Wohl war sie in ihrer Seligkeit und Sünde die Vertreterin ihres ganzen Geschlechtes! Nie war ihr ein Symbol, wofür sie ein tiefes Verständnis hatte, so leuchtend aufgegangen!

Sie verkaufte ihre noch als Erinnerung an die Tage der Hoffnung aufbewahrten wertvollen Schmuckgegenstände und trat mit dem Erlöse die Reise nach England an.

Mit eigentümlichen wehmütigen Gefühlen nahm sie von der neuen Welt Abschied.

Als die »Olympic« den Anker löste, war es ihr, als ließe sie ein Stück ihres Schicksals hinter sich. Und doch beschlich sie bald wieder auf dem schwankenden Elemente das unheimliche Gefühl, daß sie ihr Schicksal und ihre Schuld immer noch mit sich und nach der alten Welt zurückführe.

Nachdem sie in ihrer dritten Kajüte die ersten Tage in voller Abgeschiedenheit verlebt hatte, glaubte sie eines Vormittags ihren Augen nicht zu trauen, als sie bei einer Wanderung durch das Schiff von weitem ihre ehemalige Patientin, die Kammerfrau Johanna Barcante, erblickte.

Das Bedürfnis, sich auszusprechen, ließ sie in schnellem Entschlusse der Kammerfrau sich nähern, die auch ihrerseits erfreut war, eine Bekannte zu finden.

Bei der gegenseitigen Aussprache erfuhr Schwester Anastasia, wovon sie in der dritten Kajüte noch nichts gehört hatte, daß die Prinzessin von Castilien und Erzherzog Karl Albrecht an Bord seien.

Ein heimatlicher Klang lag in ihrem Ohre, als sie diesen Namen nennen hörte. Als Offizierstochter empfand sie gut österreichisch. Sie konnte sich zwar nicht entsinnen, den Fürsten je gesehen zu haben. Aber jetzt in der Fremde hätte sie ihn gern von Angesicht geschaut, da sie nicht wußte, ob sie je ihr Vaterland wieder betreten werde.

Johanna Barcante machte allerhand wichtige Andeutungen, erzählte, daß Karl Albrecht König von Albanien werde und sich vermählen würde. Dabei machte sie eigentümliche Bewegungen spanischer Grandezza und drehte sich graziös auf dem linken hohen Absatze herum.

Schließlich verriet sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit, daß auf dem Tische ihrer Herrin in der Kabine in kostbarem Rahmen eine Photographie Karl Albrechts stehe, die ihn in Uniform als Erzherzog mit dem Goldenen Vlies darstelle.

Anastasia, erfreut, den Fürsten ihres Vaterlandes wenigstens im Bilde sehen zu können, bat die Kammerfrau inständig, ihr diese Photographie zu zeigen. Nach einigem Zaudern entschloß sich Johanna, sie ihr während des Diners einen Augenblick herunterzubringen.

Sie hielt auch Wort.

Anastasia hielt das Bild in ihren Händen und starrte es an. Die Kammerfrau war gerührt über die schöne Heimatsliebe der Krankenpflegerin, der die Mundwinkel zuckten und helle Tränen aus den Augen fielen.

Von allen Seiten betrachtete sie das Bild, in der Sonne, im Schatten, selbst bei elektrischem Lichte. Ja, auch unter eine Lupe, die sie zur Besichtigung von Wunden unter ihrem Handwerkszeug hatte, nahm sie die Photographie, die sie dann mit verweinten Augen schweigend zurückgab.

Das Bild war eine wundervolle Aufnahme. Die herzgewinnende stattliche Männlichkeit des Österreichers, sein schönes Gesicht mit dem freien freundlichen Blick, die Pracht der gestickten Uniform und der zahlreichen Orden, zumal des Goldenen Vlieses, konnten die Landestochter unter den gegebenen Umständen recht wohl zu Tränen rühren.

Dann bat Schwester Anastasia, ihr Gelegenheit zu geben, die Prinzessin und den Erzherzog wenigstens aus einiger Entfernung zu sehen.

Auch diesem Wunsche willfahrtete Johanna gern und postierte die Schwester fast ungesehen am Nachmittage sehr günstig. Das fürstliche Paar ging in der Entfernung von wenigen Schritten lebhaft plaudernd vorüber.

Die Schwester mußte zu lange gestanden und gewartet haben. So meinte die Kammerfrau.

Als Anastasia das Paar gesehen hatte, verfärbte sie sich, alles Blut wich ihr aus den Wangen, sie schwankte und mußte sich auf Johannas Arm stützen, die sie erschrocken wieder in ihre Kajüte hinabführte und lebhaft bedauerte, daß sie die Prinzessin nicht habe persönlich begrüßen wollen.



Dreißigstes Kapitel

Auf der belebtesten Straße des Weltverkehrs, dem Schiffahrtswege zwischen Europa und Neuyork, fuhr die »Olympic« in den Gewässern südlich der Neufundlandbank dahin.

Wer die Reise schon in dieser Jahreszeit mitgemacht hatte, wußte, daß hier die Gefahr, mit Eisbergen zusammenzustoßen oder von Eisfeldern eingeschlossen zu werden, nicht zu unterschätzen war.

Von anderen Schiffen waren schon gestern der »Olympic« Eisberge gemeldet worden. Der Kapitän Wilson, ein älterer, aber sehr energischer stattlicher Herr mit weißem Haar, hatte für die Warnung höflich gedankt.

Er verminderte zwar die große Geschwindigkeit nicht um ein weniges und lenkte den Kurs auch nicht südlicher, er ließ aber sonst alle erforderlichen Maßnahmen treffen.

Die beständigen Temperaturmessungen wurden vorgenommen, um schmelzendes Süßwasser von Eisbergen, das sich vornehmlich auf der Oberfläche des schwereren salzigen Seewassers ausbreitet, und damit die Nähe von Eiswasser zu beobachten.

Es war auch schon festgestellt worden, daß die Temperatur des Seewassers dauernd sank. Die Nachtwachen wurden verstärkt, bei Nebel und nachts kamen die Scheinwerfer in Tätigkeit. Im Mastkorbe auf dem Ausguck hatte ein Seemann den Auftrag, nach Eis auszuschauen.

Missis Roberts aus Philadelphia fragte den Kapitän, ob nicht angesichts der gemeldeten Eisberge die Fahrtgeschwindigkeit vermindert werde. Der Kapitän lächelte sehr liebenswürdig, erklärte aber: »Im Gegenteil, wir werden schneller als sonst fahren!«

Im allgemeinen war man an Bord eigentlich auch von stolzer Freude erfüllt, daß der Dampfer in der Eisregion mit solcher Geschwindigkeit fahren sollte. In der ersten Klasse gab es den ganzen Tag nur die eine Unterhaltung über den Rekord, den man heute schlagen wolle.

Der Reedereidirektor Torridon, ein eleganter Herr in mittleren Jahren, war überall sichtbar. Man konnte bemerken, daß er sich bei weitem mehr, als der Kapitän selbst, als Herr des Schiffes fühlte.

Einem guten Bekannten erzählte Wilson unter vier Augen von einem Zusammenstoß eines früheren Schiffes, das er geführt hatte. »Hätte ich damals ausweichen wollen, würde ich zwanzig Minuten verloren haben. Wußte die Reederei, daß ich auszuweichen beabsichtigte, obgleich das Gesetz mir erlaubte, geradeaus zu fahren, so können Sie sich denken, was mit mir geschehen wäre.«

Heute morgen hatte man mit guten Ferngläsern bei hellem Sonnenschein einen hohen Eisberg treiben sehen.

Er war in bizarrster Weise zerklüftet und zerrissen, mit Graten und Zacken gekrönt, von Grotten und Toren durchsetzt.

Der Erzherzog zeigte der Prinzessin, wie die Sonne in diesen zahllosen kristallenen Flächen und Fassetten die wunderbarsten Lichteffekte hervorzauberte.

»Sehen Sie dort, Hoheit, den spitzen Obelisk in allen Regenbogenfarben schillern? Und jenen steilen Absturz in tiefem Blau leuchten?«

»Ich sehe tosende Kaskaden die fast senkrechten Wände herabschießen«, rief Prinzessin Isabella überrascht, »und unten in den Schluchten weißen spritzenden Gischt!«

Dann fragte sie, was die zahllosen dunkleren Punkte auf den Eismassen zu bedeuten hätten.

»Es sind Tausende von Vögeln, die auf dem schwimmenden Riesen ausruhen. Wenn wir näher wären, was der Himmel verhüte, würden Sie die Szenerie durch ihr Geschrei effektvoll belebt hören.«

Oberst Warren Pearl gab eine belehrende Erklärung über die Entstehung der Eisberge, die nicht aus dem Meere, sondern von den Niederschlägen in den arktischen Ländern stammen.

»Sie sind Teile polarer Gletscher«, sagte er, »von oft bedeutender Ausdehnung. Der unter Wasser befindliche Teil hat eine etwa fünfmal größere Masse als der sichtbare Gletscher über den Wellen –«

»Wie hoch schätzen Sie den schwimmenden Berg?« fragte die Prinzessin lebhaft, als Südländerin von dem nordischen Naturschauspiele doppelt gefesselt.

Der Oberst sah eine Weile scharf mit dem Glase hinaus. »Ich glaube, daß er tausend Fuß erreichen kann« erklärte er dann.

»Er schwimmt also vielleicht fünftausend Fuß tief unter Wasser?«

»Jawohl. Deshalb bleiben die Eisberge zuweilen auf Untiefen sitzen. Die Bank von Neufundland soll den abgelagerten Schuttmassen solcher Eisberge ihre Entstehung verdanken. Sie schieben sich am Meeresgrunde vorwärts und erstrecken sich meilenweit in die See hinein –«

Am Nachmittage gab Schwester Anastasia der Kammerfrau der Prinzessin bei zufälliger Begegnung von weitem ein Zeichen.

»Ich bin heute bereit, Ihrer Hoheit unter die Augen zu treten. Wenn es Ihnen recht ist, folge ich Ihnen zu ihr.«

Anastasia sagte das mit einer eigentümlichen Bestimmtheit. Es klang fast wie ein Befehl.

Johanna Barcante sah ihr ins Gesicht und bemerkte die leidvollen Züge und die tiefliegenden, vom Weinen geröteten Augen.

»Ich wünschte nur nicht, daß es Sie wieder anstrengte wie neulich –« wendete sie ein.

»O nein. Ich fühle mich heute sehr wohl und fast stark«, versicherte die Schwester, »ich werde Sie sofort begleiten –«

»Es trifft sich ganz gut. Die Prinzessin sitzt mit dem Erzherzog in dem französischen Café –«

»Also gehen wir!« erklärte Anastasia.

Sie traten langsam ihre Wanderung über die verschiedenen Decks an.

Die Sonne, die am Vormittage hell geschienen hatte, war nicht mehr zu sehen. Leichte Nebel, die sich mehr und mehr verdichteten, waren aufgestiegen.

Vor dem französischen Café mit der wundervollen Aussichtsterrasse war ein freier Platz zum Promenieren. Anastasia und Johanna gingen auf und ab, um die Prinzessin zu erwarten.

Im Verlauf der Viertelstunde, die sie hier verbrachten, wurde die Schwester immer gesprächiger und heiterer. Sie machte scherzhafte Bemerkungen und erschien der überraschten Kammerfrau fast ausgelassen.

Endlich kam Prinzessin Isabella aus dem Pavillon; sie war allein.

Ihre Blicke fielen sofort auf die wartenden Frauen, sie erkannte die Schwester, ging lebhaft auf sie zu und erkundigte sich freundlich nach ihrem Ergehen.

Da trat hinter ihr der Erzherzog aus der Türe des Cafés. Die Züge seines schönen Gesichtes zeigten heiterste Laune; seine Augen schienen zu glänzen.

Über dem einen Arm trug er die kostbare Federboa der Prinzessin; in der Hand hielt er einige prachtvolle Rosen, die er ihr vorhin verehrt hatte.

Seine Augen fielen auf die plaudernde Gruppe; Schwester Anastasia trat unwillkürlich einen Schritt zurück und schien, ihm voll zugekehrt, seine Blicke aufzufangen.

Sie gab auf die eben an sie gerichtete Frage der Castilierin keine Antwort.

Der Erzherzog stand einen Augenblick wie unschlüssig da. Er schien vorübergehen zu wollen, endlich trat er einige Schritte näher. Er sagte nichts. Aber aus seinen dunklen Augen kamen fragende Blicke. Die Heiterkeit seines Gesichts blieb fast unverändert.

Die Prinzessin bemerkte das seltsame Gegenüber der beiden und fragte die Schwester: »Die Erinnerung an das Vaterland überwältigt Sie?«

Anastasia antwortete nicht und verwandte kein Auge von dem Fürsten.

»Wenn kaiserliche Hoheit geruhen wollen –« sagte sie ganz langsam.

Die Prinzessin war überrascht, Johanna fast erschrocken.

»Mich wiederzuerkennen –« fügte die Schwester hinzu.

»Sie kennen kaiserliche Hoheit?« fragte Isabella schnell.

Anastasia nickte. »Ich bin Klarika von Bathory, Tochter des ehemaligen Obersten zu Kaschau in Ungarn –«

Der Erzherzog war noch näher gekommen. Er schien nachzusinnen. »Ich erinnere mich«, sagte er freundlich, »vor einer Reihe von Jahren in Kaschau gewesen zu sein. Oberst von Bathory war ein beliebter Offizier. Ich entsinne mich auch seiner Damen –«

Klarika senkte das Haupt. »Ich hatte nicht die Ehre, anwesend zu sein, als kaiserliche Hoheit in Kaschau weilten –«

Die Prinzessin sah den Erzherzog und die Schwester mit fragenden Mienen an.

»Hoheit werden erstaunen«, wandte sich Klarika von Bathory mit auffälliger Lebhaftigkeit an die Prinzessin, »unter welcherlei Gestalten kaiserliche Hoheit mir schon begegnet sind. Zum ersten Male vor fünfzehn Jahren in dem schönen Baden bei Wien – Hoheit trugen rote Husarenuniform –«

Der Erzherzog lächelte eigentümlich und schüttelte das Haupt.

»O doch!« sagte Klarika mit seltsamem Klange in der bewegten Stimme. »Hoheit wollen mir nur die Erinnerung meiner damaligen Verlegenheit ersparen. Dann sah ich Hoheit im Komitate des Grafen Batthyany im Schlosse Karolyi – Hoheit reisten inkognito unter dem Namen eines Barons Teleki in diplomatischer Sendung –«

Die Prinzessin faßte die Schwester fest ins Auge und beobachtete scharf ihr zuckendes Mienenspiel.

Die Kammerfrau bereute, Anastasia hierher geführt zu haben, und rang heimlich die Hände.

Der Erzherzog stand ganz nahe vor Fräulein von Bathory und sah ihr fast mitleidig ins Gesicht.

»Dann werden die Begegnungen immer verwunderlicher, Hoheit« fuhr sie, an die Prinzessin gewendet, fort. »In Steiermark sah ich kaiserliche Hoheit vor zwei Jahren als Dominikanermönch – ich habe ihm selbst in der Domkathedrale gebeichtet –«

Der Erzherzog und die Prinzessin wechselten einen verständnisvollen Blick.

Anastasia stand einen Augenblick nicht mehr fest auf den Füßen, sie schwankte und stürzte einen Schritt nach vor.

Man wußte nicht, ob eine Schiffsbewegung sie beeinflußt hatte. Alle glaubten, in demselben Augenblicke ein leichtes Erzittern des Schiffes gespürt zu haben.

Man stand danach einige Minuten wie angewurzelt an seinen Plätzen und unternahm nichts, dem sonderbaren Gespräche ein Ende zu machen.

»Darf ich noch die letzte Begegnung erwähnen?« fragte Klarika die Prinzessin mit merkwürdigen Augen. »Es war kurz danach. Da fuhren Hoheit auf dem österreichischen Dampfer ›Maria Theresia‹ nach Amerika. Ich befand mich auf demselben Schiff. Hoheit reisten wieder inkognito und hatten dieses Mal beliebt, den Namen eines berühmten deutschen Schauspielers anzunehmen – Adalbert Semper –«

In diesem Augenblicke eilten einige Damen und Herren vorüber. »Ein Eisberg!« rief eine junge Frau, die ein kleines Mädchen an der Hand führte, mit ängstlicher Stimme.

Man blickte unwillkürlich über Bord. Durch den Nebel sah man in einiger Entfernung eine getürmte große Eismasse vorübertreiben.

»Es ist keine Gefahr, Hoheit« sagte Klarika mit beruhigender überzeugender Stimme, als ob sie völlig see- und schiffahrtskundig sei.

Durch die umherlaufenden Passagiere wurde die Gruppe unwillkürlich an ihrem Platze festgehalten.

»Hören Sie mich zu Ende!« fuhr die Schwester dann schneller fort. »Kaiserliche Hoheit reisten immer inkognito. Hoheit waren niemals roter Husarenoberleutnant, niemals Baron Bela Teleki, niemals Dominikaner oder Schauspieler –«

Auf der Kommandobrücke, die bis jetzt leer gewesen war, wurde mit einem Male Kapitän Wilson sichtbar. Durcheinanderklingende Rufe von Stimmen wurden vernommen.

»Aber kaiserliche Hoheit«, so rief jetzt Schwester Anastasia mit scharfer Stimme, »sind auch kein österreichischer Erzherzog – dieser Herr hier, der sich den Titel anmaßt, ist ein Ungenannter – ein Namenloser – nicht Unbekannter –«

Die Prinzessin erbleichte.

»Betrachten Sie seine Photographie auf dem Tische Ihres Salons genauer, Hoheit«, sagte Anastasia dicht an der Seite der Spanierin mit fliegendem Atem, »es ist das Bild eines Erzherzogs mit dem Goldenen Vlies – aber sehen Sie zu, wie ich getan habe – der Kopf des wirklichen Erzherzogs ist herausgeschnitten – dieser Herr hat seinen eigenen kunstvoll hineingeklebt –«

Aus den Kabinen und Salons kamen Passagiere an Deck und fragten, weshalb die Maschinen gestoppt seien.

Schwester Anastasia war vor Überanstrengung zusammengesunken und kauerte am Boden. Ihre letzten Worte waren im Winde verhallt.

Die Anwesenden bemerkten zu ihrer Überraschung, daß die Maschinen nicht mehr arbeiteten.

Man sah über Bord. Das Wasser, das bisher glatt wie Öl gewesen war, kam in Bewegung.

Ängstliche Stimmen riefen durcheinander: »Wir sind mit einem Eisberge zusammengestoßen!«

Der erste Marconibeamte Beaslay hatte seit sieben Stunden unermüdlich am Apparate gearbeitet und endlich den ausgebrannten Teil gefunden. Er schien geahnt zu haben, daß höchste Eile geboten war.

Der Kapitän persönlich kam an die Türe der Kammer und gab ihm den Befehl. »Rufen Sie um Hilfe. Mittschiffs auf einen Eisberg gestoßen!«

Beaslay zuckte kaum mit den Augen und gab die unheilschwangeren verabredeten Zeichen hinaus.

Während draußen in den Kajüten und auf Deck der Lärm immer lauter wurde, arbeitete der starke Mann mit Seelenruhe. Er erreichte mit dem Apparat ein Schiff und meldete die Seenot. Er erreichte weitere Schiffe. Die Antworten gingen ein, daß sie mit Volldampf auf die »Olympic« zusteuerten.

»Alle Passagiere an Deck mit Rettungsgürtel!« donnerte der Kapitän von der Kommandobrücke herab. Die Offiziere und Mannschaften trugen den Befehl in Windeseile durch das ganze Schiff.

Die Passagiere, Männer und Frauen, stürmten auf das Deck mit Rettungsgürteln über den Kleidern. Viele waren nicht vollständig angekleidet, so hatte sie der Schrecken überrascht.

Die Rettungsboote werden klargemacht. Da ergibt sich, daß ihrer nur sechzehn vorhanden sind, die von den dreitausend Passagieren und Mannschaften nicht die knappe Hälfte aufnehmen können. Rufe des Unwillens, Drohungen werden laut.

Die Offiziere suchen die Reisenden durch die Mitteilung zu beschwichtigen, das Ablassen der Rettungsboote sei nur eine Vorsichtsmaßregel. Das Schiff solle untersucht werden, heute abend könne alles wieder an Bord gehen.

Aus dem Raume der Heizer hörte man lustige Lieder; die Stewardkapelle spielte im Salon weiter.

Ein Herr sagte zu seinem Freund: »Ich wäre ein Narr, wenn ich abspränge! Das Schiff kann überhaupt nicht untergehen.«

Der zweite Offizier erklärte einigen ängstlichen Damen lachend: »Das Schiff hat einen Walfisch mitten entzweigeschnitten. Die Sache hat keine Bedeutung.«

»Frauen und Kinder voraus! Kein Mann betritt die Boote!« lauten die gellenden Kommandorufe.

Szenen der Verwirrung spielen sich ab. Erschreckte Frauen und Kinder wollen sich nicht von ihren Gatten und Vätern trennen. Herzzerreißende Abschiedsworte ertönen. Boote werden nur halb gefüllt und stoßen vom sinkenden Dampfer ab.

Die zurückgedrängten Männer schauen sehnsüchtig nach. Einige ballen die Fäuste. Draußen werden die Boote von bewegten Wogen getragen; Frauen müssen zum Ruder greifen. Einzelne Boote versinken und schlagen um. Hilfeschreiend ringen die Frauen im Wasser. Der Erzherzog bewahrt wunderbare Seelenruhe.

Er stellt sich den Schiffsoffizieren zur Seite. Seine volle Kommandostimme klingt weit umher. Er bringt Ordnung und Vertrauen in die Reihen der Verzweifelnden.

Er stürzt fort und holt drei Rettungsgürtel; er zieht sie selbst der zitternden Prinzessin und der Kammerfrau über die Kleider. Er trägt die halb Ohnmächtige mit Hilfe eines Matrosen in das Boot; der bleiche Sekretär und der Kammerdiener müssen zurückbleiben.

Karl Albrecht nimmt Abschied von der Spanierin. »Auf Wiedersehen!« ruft er ihr zu. Sie schlägt die Augen auf und lächelt. Zu sprechen vermag sie nicht mehr. Er unterrichtet die Bemannung des Bootes, die er durch besonderen Befehl verstärkt. Sie wissen, daß Sie eine Prinzessin zu retten haben.

Dann kehrt er an Bord zurück und beteiligt sich auf Deck am Rettungswerke. Frauen und Kinder bringt er in Boote; er hält Umschau, als suche er jemanden.

Zurückgebliebene Männer, die ihre Hoffnung auf Besteigen der Boote sinken sahen, legten Rettungsgürtel um und sprangen über Bord. Man sah sie in den bewegten Wellen rudern. Die Rettungsboote mit den Frauen hielten in einiger Entfernung und schienen zur Aufnahme der schwimmenden Männer zurückzukommen.

Um Plätze in einzelnen Booten begann zwischen den schwimmenden Männern ein heftiger Kampf.

Der Juwelier Crampton, der Besitzer des blauen Diamanten, stand zweifelnd an Deck und konnte sich nicht entschließen, mit dem Rettungsgürtel ins Wasser zu springen. Da kam eine haushohe Welle und spülte ihn wehrlos über Bord.

Hochzeitspaare, die sich nicht voneinander trennen wollten, standen fest umschlungen an den Bordwänden oder sprangen zusammen ins Meer.

Eine große Anzahl von Reisenden kam aus ihren tiefergelegenen Kabinen nicht heraus; die Masse der Zwischendecker war im Raume des Schiffes wie Ratten in der Falle gefangen. Sie wurden vom Tode überrascht, ehe ihnen die Nähe der Gefahr bekannt geworden war.

Einem Teile gelang es, auf Deck zu kommen. Mit Eisenstangen und Messern bewaffnet, versuchten sie sich der Rettungsboote zu bemächtigen.

Die Offiziere zogen die Revolver und trieben die Sinnlosen zurück, die die Rettung aller gefährdeten.

Wie die wilden Tiere kämpften Italiener und Kroaten und versuchten immer wieder, an die Boote heranzukommen.

Ein furchtbares Ringen entspann sich auf dem schlüpfrigen Deck. Wer zu Falle kam, wurde getreten und in die Wellen gestoßen.

Karl Albrecht stellte sich, da der Kapitän an anderer Stelle beschäftigt war, an die Spitze von Offizieren und Mannschaften und schoß mit seinem Revolver ein halbes Dutzend der Wütenden nieder.

Seiner Energie und Unerschrockenheit, seiner Umsicht war es zu danken, daß es gelang, den Ansturm zurückzuschlagen.

Eine Anzahl Chinesen sprangen wie die Katzen über Bord, schwammen nach den Booten, erkletterten sie im Sprunge und verkrochen sich kauernd unter die Sitze.

Furchtbar war das Brüllen der in den Ställen eingeschlossenen Tiere, die den Tod nahe fühlten. Dazwischen klang der helle Ton der brechenden Eisschollen und das Rattern der Marconi-Apparate, an denen der treue Beaslay stehend weiter arbeitete, obwohl das Wasser in den Raum hereinlief.

Als die Frauen und Kinder, soweit sie sich nicht weigerten, geborgen waren, wurden die übrigen Rettungsboote für die Männer freigegeben.

Der Kapitän bot dem Erzherzog an, sich nunmehr zu retten. Er weigerte sich und erklärte, er sei Offizier und werde mit der Besatzung bis zuletzt ausharren.

Um die Boote und Plätze entspann sich zwischen den Männern ein neuer Kampf. Kaum sechs Fahrzeuge waren übrig, nicht fähig, ein Drittel der männlichen Reisenden zu fassen.

Verwünschungen über ungenügende Rettungsmaßnahmen wurden ausgestoßen.

Drohende Fäuste erhoben sich gegen den greisen, besonders bezahlten, bestochenen Kapitän auf der Kommandobrücke, der um jeden Preis den Schnelligkeitsrekord gehalten hatte, der ihm von der Schiffahrtsgesellschaft aufgegeben war.

Eine Gruppe hatte den Reedereidirektor Torridon erkannt und stürmisch umringt. Flüche donnerten ihm ins Gesicht, kräftige Hände faßten nach ihm. In der Verzweiflung sprang er ohne Rettungsgürtel über Bord und versank in den Wellen.

Kapitän Wilson rief seinen Offizieren und Mannschaften zu: »Ihr habt alle eure Pflicht getan, mehr kann nicht geschehen. Es ist Zeit, daß jeder an sich selbst denkt. Ich entbinde euch eurer Pflicht!«

Lautloses Schweigen war die Antwort.

Der erste Offizier trat zum Kapitän und bot ihm an, ein Boot zu besteigen. Der Greis lehnte entschieden ab. »Mein Platz ist hier« sagte er.

Karl Albrecht, der sich selbst mit Rettungsgürtel noch nicht versehen hatte, spähte insbesondere unter den zurückgebliebenen weiblichen Passagieren umher. Er ging von Gruppe zu Gruppe.

Plötzlich blieb er vor einer Treppe stehen, an die sich eine weibliche Person klammerte. Sie war es, die er ahnungsvoll gesucht hatte.

»Weshalb hast du kein Boot bestiegen, Klarika?« fragte er heftig. »Wo hast du deinen Schwimmgürtel?«

Sie sah ihn nicht an. »Ich bleibe auf dem Schiff, bis es sinkt. Ich habe nichts mehr zu hoffen. Aber du –?«

Er richtete sich auf. »Ich bleibe bis zuletzt –«

Ihre Blicke begegneten sich. Sie sahen sich lange schweigend in die Augen.

Ein Schluchzen entrang sich ihrer Brust. Tränen bedeckten ihre Wangen. Sie vermochte sich nicht zu halten und trat schwankend einen Schritt auf ihn zu.

Gerührt, zärtlich schloß er sie plötzlich in seine Arme. Ihr Kopf ruhte an seiner Brust. Eine Riesenwelle stürzte über das Deck und schleuderte den Kapitän von der Kommandobrücke ins Meer.

Entsetzliche Hilferufe drangen von Frauen und Männern jammervoll aus den eiskalten Fluten empor.

Das Paar hielt sich umschlungen und stand fest. Der hochgewachsene Mann schien dem Ozean trotzen zu wollen.

»Es geht zu Ende. Wir werden sterben müssen« stammelte Klarika. »Sage mir noch ein letztes Wort: Wer bist du?«

Er schüttelte den Kopf.

»Wer bist du?« fragte sie nochmals leidenschaftlich und zärtlich zugleich. »Du, an den mich meine Liebe auf Erden gefesselt hat?«

»Frage nicht« rief er. »Was bedeutet jetzt ein Name – laß dir den gemeinschaftlichen Abschied vom Leben genügen –«

Es gab einen furchtbaren Knall. Durch das Zuströmen des eiskalten Wassers explodierte der Kessel.

Die wasserdichten Abteilungen waren zwar geschlossen worden. Aber die Schotten gaben nach, weil das Gegengewicht der Kohlen fehlte, da in den letzten Tagen im Kohlenraum ein Feuer gewütet hatte.

Von der Explosion kochte das Meer auf, in das einzelne Zwischendecker durch die Gewalt des Druckes geschleudert wurden.

Rauch und Flammen fuhren aus den Schornsteinen, danach ganze Ströme Funken wie ein prächtiges Feuerwerk.

Das Schiff tauchte tief ein, gerade wie eine Ente, die kopfüber ins Wasser stößt. Der Bug verschwand zuerst unter dem Wasser, der Spiegel des Dampfers ragte hoch in die Luft.

Ganze Gruppen von Personen stürzten ins Wasser.

Unten schwamm in den Wellen Kapitän Wilson. Der Koch der »Olympic« saß in einem Boot und erkannte ihn. Man versuchte den Greis zu retten. Aber er drehte sich um, streckte die Hände abwehrend aus und versank.

Klarika und der hochgewachsene Mann hielten sich noch immer umschlungen, sie waren auf die Treppe zu fallen gekommen.

Das Schiff sank in rasender Geschwindigkeit.

»Bei dem Gotte, zu dem wir jetzt treten«, stammelte das Mädchen wie im Traume, »sage mir, bekenne mir: Bist du derselbe, dem in so verschiedener Gestalt ich im Leben begegnet bin?«

»Ja, Klarika, ich bin es!« versicherte er leidenschaftlich.

Sie schloß die Augen und atmete tief. Ein glückliches Lächeln glitt über ihre Züge.

Das Schaukeln des untergehenden Schiffes täuschte ihr angenehme Empfindungen vor. Sie konnte sich einbilden, sich im Halbschlafe zu wiegen.

Die treuen Maschinisten standen noch immer an den Schiffspumpen, die Heizer sprangen über Bord. Alle Zurückgebliebenen bereiteten sich auf das letzte Ende vor.

»Und hast du die Wahrheit als Adalbert Semper gesagt«, fragte die Frau wieder, »daß auch dich eine unerklärliche Liebe immer wieder zu mir führte? Sage mir das –«

Da ergriff an den Toren des Todes den seltsamen Mann eine mächtige Erschütterung. Mit einem Male schien er das unendlich Rührende zu begreifen, das in der inbrünstigen Hingabe und unwandelbaren Treue dieses Mädchens lag, das er so oft getäuscht hatte.

Soeben hatte er sich und Klarika auf der Treppe emporgerichtet. Wie ein Schlag zuckte es durch seinen mächtigen Bau, seine breite Brust atmete schwer, seine Lippen bebten.

In seinen Augen lag ein eigentümlicher Glanz, der von innen zu kommen schien, als ob seine Erlösung durch dieses Weib, von der er einmal gesprochen hatte, nahe bevorstehe.

»Ja – ja – ja!« gab er ihr zitternd zur Antwort und verschloß ihren fragenden Mund mit zahllosen Küssen.

Die Wellen spülten um das Paar und hoben es langsam empor.

Die Illusion, die diesen merkwürdigen Mann mit seinen vielfältigen Naturen gepackt hatte, die Illusion, den Todesmut des Heroen zu kosten, hielt in der Umklammerung mit dem Weibe stand, und so geschah es, daß er, wie es in seinen Träumen gelegen hatte, in Wirklichkeit hinüberging als ein sterbender Held.

Das letzte, was ihre Ohren vernahmen, war der Choral »Näher, mein Gott, zu dir«, den die Steward-Kapelle, die in Reih und Glied aufgestellt, sie schon nicht mehr sahen, im Versinken spielte.

Sie hörten nicht mehr die grausen Schreie von Hunderten der Menschen, die in dem Eiswasser um ihr Leben kämpften, die um Hilfe riefen, die, wie sie selber wußten, ihnen niemand mehr bringen konnte.

Boote schlugen um, Männer und Frauen schwammen wehrlos, Leichen trieben umher. Verschlungene Paare hoben sich wie tanzend aus den Wellen.

Aber so fest wie Klarika und Niklas Györki hielt sich kein Paar umschlungen. In solcher Seligkeit der letzten Vereinigung, in so endlosem Kusse sank keines hinunter.