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Emilie Marie Zanini – Leben für Leben.

Novelle

Aus: Emmy. . . . . [Emilie Marie Zanini], Märzveilchen, Sammlung von Novellen, etc., Verlag von Franz Tendler, Wien, 1834, S. 141 ff.


Mild und freundlich küßte das Sonnenlicht die schottischen Hochlande, in schmeichelnder Glätte lag das Meer, nur leise zogen Silberduftige Wölkchen über das dunkle Himmelblau; wie der weiße Schwan durch helle Fluthen segelt, im Purpur glühender Reise schmückten die würzigen Beeren das Moos am Ufer, einem schmerzlichen Nebel gleich schwirrte der Möven Schwarm durch die klare Luft, stolz umschwebte der prächtige Haubentaucher das Schneebewimpelte Boot, das den grünlich schillernden Wasserspiegel durchschnitt. Und wo sich das Bergschloß mit seinen gewaltigen Ringmauern hoch über den umbüschten Strand erhob, da saß im Burgzwinger den die frische Seeluft kühlte, ein hoher Greis am Marmortisch, noch beugte ihn nicht der Jahre reichgezählte Last, die ihre Lilienblätter auf seinen Scheitel streute. Ein beinahe schwermüthiger Ernst umfloß die majestätische Gestalt, und die bleichen Lippen die des Lächeln's nicht kundig schienen, unverwandt starrte er in tiefes Sinnen verloren in der unberührten Bechers goldne Fülle, als wollte er des Schicksals Fügung lesen in der Traube heißem Blut.

Ihm zur Seite nachläßig auf dem Ruhesitz hingegoßen, strahlte ein jungfräuliches Bild, schön wie die königliche Rose, in ihrer vollen Frühlingspracht, herrlich wie die Sonnenfürstin wenn sie aus den kalten Meereswogen taucht. Die Laute ruhte schwebend in ihren blendenden Armen, aber, leise nur glitten die Finger über das zarte Saitenspiel, und ihrer Augen singender Glanz schien vorüberzugehen an dem anmuthigen Jüngling der vor ihr auf den Knien lag, und tändelnd das Notenblatt der liebreizenden Herrin entgegenhielt.

Sagt an wer war der ritterliche Greis? Wie nannten sich die jugendlichen Gestalten, die schimmernden Blumen gleich sich an den Stamm der ergrauten Helden Eiche schmiegten. Es war Robert Mac Dollan, ein mächtiger Gebieter im Hochlande, und William sein edler Pflegesohn, und Arabella seine blühende Tochter, des Jünglings verlobte Braut, aber jene zarte Jungfrau die zu seinen Füßen saß auf dem Sammtgepolsterten Schemmel und die blauen Wasserlilien, und weiße Haiderosen zum Gewinde flocht, es war die holde Marie des Gewaltherren jüngstes liebliches Kind, wohl prangte sie nicht mit der Schwester siegenden Reizen, doch auf ihren Engelszügen ruhte wie lichter Morgenschein die Milde welche aus dem schönen frommen Herzen strahlte, die himmlische Anmuth welche der Cherub reiner Frömmigkeit und Unschuld auf das Blaßroth ihrer Wange hauchte im leisen Weihekuß. Freundlich wie immer unterbrach auch jetzt die lächelnde Kränzeflechterin das Schweigen welches in dem kleinen Kreise herrschte.

Du bist so still meine Bella sprach sie, die sanften Augen zu der hohen Gestalt erhebend, das Minnelied verstummt auf deinen Lippen, was von der Liebe selbst dir geboten wird. Da umflog ein krauses Nebelwölkchen der Angesprochenen Stirne. Bemüht euch nicht länger Sir, entgegnete sie dem Jüngling zugewandt, auf das Goldverzierte Notenpult weisend, dort sei des Liedes Platz, steht auf setzte sie heftiger hinzu, ich will es so. Und sich rasch erhebend erwiderte der Jüngling von leichten Unmuth überwallt, verschmähst du des Sanges Gabe aus meiner Hand schöne Dorthula so mag die süße Himmelsspende wieder in die Nacht versinken aus der sie emportauchte, bei Ossian's und Fingal's Harfenklängen. Ich verschmähe das lächerliche Spiel bethörter Liebeständeleien versetzte sie bitter. Du bist reizend wie eine Blume Südens, aber kalt und ernst, einer strengen Norne gleich, rief der Jüngling, und preßte die Hand der geliebten Zürnenden an seine Lippen, welche sie ihm unwillig entzog. Wie oft habe ich euch schon geboten das trauliche Duwort zu verbannen aus eurer Rede, erwiderte sie mit finstern Blicken, noch bin ich Sir Williams demüthige Hausfrau nicht, und fordre die Achtung welche mir gebührt als einer Maid aus edlem Stamm.

Vergebung Lady, entgegnete er tief verwundet, ich wähnte der Ring, der als ein Pfand meiner Treue euern Finger schmückt, gäbe auch das Recht zum trauten Liebeswort. Und düster fügte Robert Mac Dollan hinzu, dich umflügelt ein böser Geist meine Tochter, soll deiner Laune Trotz das zarte Band lösen, das der sterbenden Mutter Segen heiligte, soll eines edlen Jünglings treue Liebe und der Verklärten letzter Wunsch, und des Vaters Stolz und Hoffnung untergehn ob eines Mägdleins eiteln Übermuth? Und non einem seltsam heftigen Gefühl bewegt umschlang Marie plötzlich den schwesterlichen Liliennacken und flehte süß und innig, das Lockenköpfchen an die stolze Brust schmiegend, o sei wieder gut, und fröhlich meine Bella; du schöne, geliebte, du Glückliche setzte sie leise hinzu. Aber rasch sich loswindend rief diese, des grollenden Anmuthes bittre Tropfen in den Augen. Wie ihr mich quält, ich gab mein Wort, und will es ja nicht brechen, aber sagt selbst mein edler ritterlicher Vater, vermag ich an der Liebe Kraft zu glauben, die noch nichts für mich ersiegt, und gewagt, die noch nie durch aufopfernden Heldenmuth mich ehrte.

Brasella, rief William im heiß auflodernden Gefühl, bei dem klaren Himmelszelt das sich über uns ausspannt, bei meines Vaters Grab schwöre ich dir, ich will diesen Vorwurf tilgen mit meinem Blut.

Recht mein Sohn, fiel der Alte ein wie vom neuen Jugendfeuer durchglüht, du mußt hinaus, mußt kämpfen und siegen, und dann den Lorber zu des stolzen Bräutleins Füßen legen, daß sie ihn mit der Myrthe zum Kranz flechte, aber horch! die Trompete tönt vom Wartthurm, die Brücke sinkt, ein Herold reitet ins Schloß, sollte das Geschick dir vielleicht schon die Hand bieten, Bewunderung zu erwerben, in eiserner Fehde? doch nein der alte Mac Dollan lebt ja in Frieden mit seinen ergrauten Waffenbrüdern, und der Bote ist bunt geschmückt. Kommt William, Arabella, meine geliebten Kinder, folgt mir, daß ich den Ankömmling empfangen möge in den lieben Kreis, – und von dem schönen Paar begleitet eilte er der Treppe des Rittersales mit jugendlich raschen Schritten zu.

Und nur die arme vergessene Marry blieb einsam zurück. In stiller bangender Sehnsucht, von dem Gefühl begleitet, das Arabellen's ungezügelter launenhafter Stolz den von ihr im tiefsten Grund des jungfräulichen Herzens heiß Geliebten in Tod und Gefahren stürzen sollte, mechanisch ergriff sie die hingeworfene Laute, und in Tönen das Weh des zarten Busens einzuwiegen, rief sie die Saiten kosend wach, und leise wehten die lispelnden Klänge.

Aber überwältigt von unendlicher Wehmuth verklang das Saitenspiel in leisem Schluchzen, und – die holde Gestalt erschien mit der Laute im Arm, mit den glänzenden Perlen, im milden schönbewimperten Auge, wie ein himmlischer trauernder Eherub, und lieblicher umfaßte der Rosenwolken glühende blendende Glorie, hervortauchend aus den dunkelgrünenden Wipfeln das Engelsbild.

Aber hell und fröhlich gestaltete sich das Leben oben im Vaterschloß, denn keine Kund von blutiger Schlachten Würfelspiel hatte der fremde Bote gebracht, als ein heitrer Hochzeitbitter war er gekommen im Feierkleid den Clan und die seinen zu entbieten nach Edinburgh, wo eines edlen sittigen Fräuleins Vermählung mit Ritterspiel und Tanz gefeiert wurde, und beim festlichen Turnier sollte die schöne Arabella den zweiten Preis ertheilen.

Geschmeichelter Stolz verscheuchte schnell die Wolken von des eiteln Kindes Stirn, und munter begann sie mit der trauten Zofe sich über ihren Schmuck zu berathen als die, noch immer stillgeängstigte Marry in den Saal trat, und mit erleichterter Brust vernahm, daß nur ein Freudenfest der gefürchteten Sendung Ziel war.

Freundlich entschwand nun die Zeit unter den Anordnungen zur kleinen fröhlichen Reise, Arabellas schmollende Laune verbannte das Vorgefühl eines neuen glänzenden Sieges ihrer Reize, und mancher holde Blick ward dem übersehnen William, welchem in der seltnen Huld seiner schönen Herrin ein neuer Liebesstern aufzugehen schien.

Und als endlich der Tag der Feier erschien auf seinen Sonnenflügeln, da hielt in den Schranken des Turnierplatzes der Jüngling auf dem schäumenden arabischen Roß das mit seinen schweren sammtnen Goldverbrämten Decken, seinen köstlichen funkelnden Geschirr einem Fürsten des Morgenlandes eigen schien, und sich bäumte wie im Stolz ob dem herrlichen Gebieter, der reich geschmückt in männlicher Schönheit sich nun gegen die Tribune neigte, wo im blühenden Kranze der Damen, zur Rechten und Linken die holde Braut Arabella, und Marie ihm entgegenblickten.

Arabella reizend wie ein Götterkind, wie eine leuchtende Feenkönigin im strahlenden Schmuck, in hellen Irisfarben umflatterte der kunstvoll gewirkte Plaid die schlanke Gestalt, und umspielte schmeichelnd der Gewänder silbernen Stoff, deren reicher Faltenwurf vom prächtigem Gürtel gefesselt erschien, dessen Goldschnürre den zierlichen berosten Schuh küßte, blendend wiegten sich die Juwelen auf der stolzen Brust, und zitterten wie schwere Thautropfen im Kelch der Sonnenblume, durch die üppige Fülle ihrer Locken. Still und anmuthig erschien Marie im weißen Kleid, einen grünenden Zweig um die seidenen Ringeln geflochten, frische Blüthen am schuldlosen Herzen, und manches freundliche Lächeln grüßte die Liebliche, doch die Blicke staunender Bewunderung flogen nur der herrlichen Schwester zu.

Aber auch des Haßes giftiger Pasiliskenpfeil verfolgte sie aus dem Auge verschmähter Liebe. Ein junger Edler, der reiche Erbe tapfrer Ahnen, hatte sich vor Jahresfrist um ihre Hand beworben, und war von Arabellens schnödem Hochmuth tief verletzt abgewiesen worden. Auch er erschien heute am Tag der Feier, und aufs neue entzündete sich des Zornes wilde Glut in seiner Brust, als er die Verhaßte sah in ihrer Anmuth.

Und es nahte sich der Augenblick in dem er sich rächen, die Stolze tief beschämen wollte. Das Kampfspiel war zu Ende, William erhielt den goldnen Schneebefiederten Helm aus den Händen der Braut.

Und langsam nahte nach ihm der Feindliche, die reichgestickte Schärpe als zweiten Preis aus Arabellens Händen zu empfangen, aber als sie mit kaltem Lächeln erzwungner Freundlichkeit ihn mit der Gabe schmücken wollte, da trat er zurück und rief mit lauten Ton, »Ich mag die Spende nicht aus eurer Hand Lady!« und eine weiße Rose aufhebend, welche Marry's Busenstrauß entfallen war, setzte er hinzu, »die Blume welche an frommer Unschuld Herzen blühte, gilt höher als Gold und Seide vom herzlosen Stolz dargeboten«, und entfernte sich rasch mit diesen Worten. Purpurglut, und Leichenbläße, überzog im schnellem Wechsel die Wangen der Gedemüthigten, die Schärpe entsank der krampfhaft, zitternden Hand, und das Leben schien aus dem Busen der Hinsinkenden zu entfliehn. Angstvoll beugte sich Robert über sein geliebtes Kind, weinend umfaßte sie Marry, verzweifelnd kniete William vor der Bewußtlosen, des Festes heitre Wonne war gestört. Als aber endlich die kochende Wuth welche des Lebens Pulse stocken hieß, siedender durch ihre Adern strömte und das Auge sich wieder öffnete im Gemach unter den sorgenden Händen, und das Bangen um ihr Seyn entschwand, da schwor William heilig und theuer die Schmach seiner Liebe blutig zu rächen.

Entbrannt in wilde Zornesflammen suchte er den Frevler auf, und fand ihn im Burghof im tiefen Sinnen auf und nieder wandelnd, und als er ihm nun den Handschuh hinwarf im brausenden Feuer, sprach dieser seine Hand ergreifend, hebe das Fehdezeichen auf William, glaube es mir, es gilt der Mühe nicht sich zu raufen um die Hochmüthige, sie hat mich vor die Thüre gewiesen mit Schmach und Hohn, sie, wird dirs am Ende auch nicht besser machen, wir sind Waffenbrüder, waren stets Freunde, wollen wir uns jetzt beim Kopf nehmen um eines Weibes willen, der die Lehre die ich ihr gegeben bei meinem Schwert nicht geschadet hat, drum laß gut seyn William und traue meinem Wort, die schöne Lady ist deiner Liebe nicht werth, sie ist ein eitles Ding, das auf Erden nichts lieb hat als sich selbst, und ihren Spiegel, bis er ihr nach Jahren sagen wird, daß sie nicht mehr schön sei, dann schlägt sie ihn auch in Trümmer. Aber Elender stürmte William, deine Feigheit vermag nur edle wehrlose Jungfrauen zu kränken, und des Schmaches Wort aus giftigem Mund zu sprudeln, doch du sollst und mußt mir Genugthuung geben für die Beleidigung, so niedriger Sinn meiner Braut zugefügt. Nun, wenn du es durchaus so haben willst, erwiderte dieser ist mirs auch recht, wir sind beide bewaffnet und ich zur Stunde bereit. Nein, hier nicht entgegnete William finster, blutiger Zweikampf soll das heitre Fest nicht entweihen, ich weiß das Gastrecht zu ehren, ich erwarte dich in drei Tagen, Abends im Tannenwäldchen, vor Sir Mac Dollan's Schloß. Trotzig nickte der Gegner, und schweigend trennten sich die Beiden. Voll zarter Besorgniß eilte William zu Arabellen welche in ihrem Groll den Vater, die schuldlose Marry, die ängstlichen Gespielinnen in wildem Ungestüm von sich gewiesen hatte, und der Jüngling, erst noch ein zürnender Leu, ertrug nun –mit Lammsgeduld die Heftigkeit der Geliebten, welche mit stürmischen Unwillen das Schloß zu verlassen begehrte, und ihrem Gebot sich fügend, setzte sich bald der Zug in Bewegung, welcher langsam und lautlos, einer Leichenfeier ähnlich, den Rückweg antrat.

Angelangt in den stillen Gemächern des Bergschloßes, verwandelte sich Arabella's fieberhafter Schmerz in wilden Trotz, und der Dämon quälender böser Laune erwachte mit doppelter Macht in dem verwundeten Busen. Mary umschwebte die ewig-schmollende, leise und schonend, wie ihr guter Engel, der Vater ging mit finstrer Stirn umher, und William war mild, aber ernst und wehmüthig, wußte er doch nicht wie lange ihm das schöne jugendliche Leben noch blühen sollte.

So entschwanden zwei Tage, und als der Abend des dritten hereindämmerte, da saß der Alte im dunkelnden Saale mit seinen Töchtern, Arabella zerriß die Franzen ihres seidenen Gürtelbandes, Robert schwieg im dumpfen Trübsinn, und die jüngere Schwester versuchte fruchtlos mit Harfenspiel und Gesang die trüben Mienen zu erheitern, da ertönte plötzlich lautes Wehgeschrei der Diener im Schloßhof. Ahndungsvoll eilte Robert ans Bogenfenster, aufgeschreckt folgte ihm Arabella, und Marry flog der Thüre zu, da das Getümmel sich schon der Vorhalle nahte, aber noch ein Blick und mit dem Ausruf, William! Barmherziger Gott! sank sie an der Schwelle zu Boden.


* * *


Bleich erhellte der trüben Lampe Flimmer das Gemach, in welchem Marry, einer frommen geduldigen Nonne gleich, am Lager des zum Tod verwundeten Jünglinge wachte, der in seines Lebens heißem Purpurquell Arabellen gerächt hatte, und ausgetilgt den Vorwurf ihres stolzen Mundes. Aber ungerührt sah die kalte Schneeblume den Verblutenden unter der treuen Diener Händen, mit spöttischem Lächeln betrachtete sie die vor Schreck besinnungslose Schwester, welche nun ängstlich zagend jeden Athemhauch des Leidenden belauschte, während die Braut süß und unbekümmert schlief. Arabella! seufzte fest der Erwachende noch vom Fieberwahn befangen, als die zarte Pflegerin ihm den kühlenden Becher reichte, und zog ihre Hand an die heißen Lippen, und ein tiefes Weh durchbebte das arme Herz der Verkannten, nur sie umschwebt ihn, im Wachen wie im Traum zürnte leise ihrer Liebe Schmerz, und sie schlummert während das Licht dieses schönen Leben's verglüht, vergeht für Sie. Aber der Morgen kam, und wieder die Nacht mit ihren Frieden, und mit ihren Sternen, und die belebende Flamme verlosch nicht, von Marryʼs zarter Sorgfalt bewachet, die heiße Stirn ward wieder kühl, und mild und freundlich des Auges wilder Blick, aber er erkannte nun auch klar den guten Engel, der mit himmlischer Treue ihn umschwebte, er hörte Arabellen's Stimme im Vorgemach wie sie fröhlich mit dem Psittich scherzte aber er sah ihr Antlitz nicht. Er sah nur Robert den treuen väterlichen Freund, und die stille sanfte Marry, welche unermüdet jetzt den stärkenden Heiltrank bereitete und dann wieder mit ihrer Harfe Klängen der säumenden Stunde Flügel gab, und in den Nächten als er noch kämpfte mit Leben und Todesweh, flehend auf den Knien lag, und in Thränen verging. Nur dir danke ich es, daß ich noch bin, du liebes Schwesterherz, sprach er oft, als die wiederkehrende Jugendkraft seine bleichen Wangen rosig über-hauchte, deine aufopfernde Milde allein entriß den Freund den dunkeln Mächten und nie wird meine Dankbarkeit erlöschen, und sollte einst dir Gefahr drohen, dann will ich dir vergelten, dann Marry Leben, für Leben.

Aber schon begann der nahende Herbst die Bäume zu entblättern, als William in des Mittagʼs wärmern Sonnenblicken völlig genesen, den Schloßgarten wieder betrat, und See, und Wald, und das klare Himmelblau mit stiller Seligkeit begrüßte; da trat ihm aus dem Laubengang Arabella in ihrer vollen Wunderschöne entgegen. Seid ihr endlich dem Krankenzimmer und Schwester Marry's langweiliger Hut entschlüpft scherzte sie, ich sollte euch danken daß ihr für mich geblutet als wackrer Paladio Sir William, aber ihr habt mir nicht Genüge geleistet, denn der mich so tief beleidigt lebt noch. Von innern Schauer überflogen erwiderte dieser, kann ein weiches Frauenherz so fühlen, wer die Liebe verletzt tödtet den Liebenden, und doch vergab ich ihm als er mir, den schwer Verwundetem die Hand geboten zur Sühne, und ihr fordert grausam des Feindes Leben. Nein schöne Lady, ihn hat des Schicksals Fügung erhalten, wie mich die Pflege des Engels, den ihr Schwester nennt. Das klingt ja sehr erbaulich erwiderte sie spöttisch. Der Tod war mir sehr nahe Arabella, sprach der Jüngling weich, und hätte er mich erfaßt, du würdest mir eine Thräne geweiht haben, nicht wahr meine süße Liebe? Ich hätte euch ja doch nimmer herausgepocht mit meinen Klagen aus dem stillen Kämmerlein, erwiderte sie lachend. Da blickte William starr der Herzlosen tief in das sonnig strahlende Auge, und langsam entgegnete er, ihre Hand fahren lassend, nein Arabella das muß anders werden zwischen uns, so kann es länger nicht mehr bleiben du liebst mich nicht, – aber weil dir mein ganzes Herz gehört, vermag ich das Opfer deines Lebensglückes nicht zu fordern, gib mir den Ring wieder, der dich an mich bindet, nimm dein Wort dafür zurück, das du mir gegeben, ich will dich verlassen, dich nie wiedersehen, du bist frei, Lebe wohl Arabella, und indem er den Reifen schnell von ihrem Finger streifte entfernte er sich in stürmischen Schmerz.

Was hast du mein Sohn, rief Robert erstaunt, als der Glühende zu ihm in den Saal trat. Fort muß ich Vater rief dieser heftig, muß mich auf immer von euch trennen. William was ficht dich an, erwiderte dieser, entzündet sich des Fiebers kaum verbannte Flamme in deinem Gehirn; kaum genesen willst du hinaus, willst Schwester, Braut, und Vater verlassen? Arabella ist meine Braut nicht mehr, entgegnete er dumpf, sie haßt mich, drum mußte ich ihr das Wort zurückgeben, das sie mir verlobte, aber sehen kann ich sie auch nicht mehr, – setzte er wehmüthig hinzu, die schöne Perle die einst mein war, und die ich nun verloren habe auf immer.

Ihr werdet euch wieder versöhnen Kinder fiel der Alte ein. Nimmermehr Vater, erwiderte William schmerzlich, ich muß scheiden von meinem Lebensglück, ich kann die Hand nicht ergreifen, die nur Zwang mir reicht, ich darf das Band nicht knüpfen, das Arabellen eine schwere Sklavenkette scheint. In diesen Augenblick flogen die Thüren auf, und die beiden schwesterlichen Jungfrauen traten ein. Du willst von uns gehen rief Marry klagend, du freundlicher Gefährte meiner schönen Kindheit, die arme Schwester wird den theuern Bruder sehr schwer vermissen.

Sir William, unterbrach sie Arabella, hat euch wahrscheinlich unsern beiderseitigen Entschluß verkündigt mein Vater, das Versprechen das man einst den Kindern abgefordert, als ungültig zu betrachten. Ich habe es mit tiefem Schmerz vernommen entgegnete dieser, es war deiner verklärten Mutter letzter, sehnsuchtsvoller Wunsch, ihr geliebtes Kind mit dem Sohn der theuern Jugendfreundin vereinigt zu wissen. Der Mutter Wunsch war, fiel Arabella rasch ein, den Liebling den sie erzogen, und die Tochter ihres Herzens zu beglücken, aber nimmer vermöchte ich froh zu werden in diesem Bund, nimmer vermöchte ich William's südlich schwärmerischen Sinn zu verstehen, wir gleichen uns wie Sonnenflammen, und Alpenschnee, drum laßt uns Vater, laßt uns gewähren es gestaltet so sich besser, das Schicksal lenkt ja mit dem geheimnißvollen Weberschiffchen, die Zauberfäden unseres Daseins, und wir dürfen in die räthselhafte Arbeit nimmer störend eingreifen.

Ihr habt Recht schöne Lady entgegnete der Jüngling gepreßt, und ihr mein hoher edler Herr, höre meine Bitte, quält euer Kind, dem ich willig entsage, nicht länger. Ich scheide schwer von der schönsten Hoffnung meines sinkenden Lebens erwiderte Robert seufzend, aber ihr wollt es, so sei es denn.

William wird mir stets der theuerste Freund, und Bruder bleiben sprach Arabella mit zauberischen Lächeln und führt er einst ein liebes Bräutlein zum Altare, so sei mein schwesterliches Herz ihr Hochzeitgeschenk. Doch dem Gespräch, das wie tödtende Pfeile verwundend traf, eine andre Wendung zu geben, setzte sie jetzt in leichten Ton übergehend hinzu, zum Pfand aber daß ihr nicht zürnt muß euer Wort mir ein freundliches Versprechen leisten.

Eure Wünsche sind Befehl versetzte William.

Nun wohl, fuhr sie fort, Ihr müßt heute Nachmittag zur freundlichen Abschiedfeier, noch einmal mich und meine Schwester, im kleinen Boot über den See rudern nach den lachenden Inseln, zu den Fischerhütten wo wir so oft als Kinder spielten, da wollen wir recht fröhlich seyn, harmlos, ohne Wunsch, und ohne Groll, und es sei unser Sinn nur der heitern gegenwärtigen Stunde geweiht.

Gib den Gedanken auf bat Marry, im Herbst trügt oft der Wellen Spiegelglätte, und der Sturm ist näher als der Gedanke an Gefahr. Aber schäme dich, du furchtsames Kind, schalt Arabella, kein Funken des Muthes, der einer edlen Schottländerin gebührt, glimmt in deiner Brust, doch Lady Marryʼs Zaghaftigkeit soll mir die gehoffte Freude nicht stören, bleibe daheim beim Vater. Ich verlasse dich nie sprach Marry sanft, und nimmermehr wenn Ahndungsweh meinen Busen erfüllt, denn ereilt dich die Gefahr, möchte ich sie auch mit dir theilen. Wie du willst entgegnete Arabella gleichgültig, und auf freundliches Wiedersehn Sir, fügte sie hinzu, sich an den Jüngling wendend, und verließ mit huldigem Neigen des schönen Hauptes, an Marryʼs Hand den Saal.

William sprach jetzt der Alte, welcher indessen mit starken Schritten auf und nieder gegangen war, suche Arabellen den abenteuerlichen Gedanken an die Lustfahrt auszureden, es kann übel enden, Marry hat Recht, die Flut ist tückisch in diesen Monden euch droht Gefahr. Der Himmel ist hell tröstete der Jüngling, die See ist still, ach stiller Vater als mein Herz, denn da stürmt es heiß und wild, rief er im ausbrechenden Schmerz sich die Augen verhüllend. Und mit einer Thräne im Blick sprach der greise Held, möge Gott die unbegreiflich Verblendete nicht strafen für das Unrecht so sie an dir verübt, du mein armer, edler, geliebter Sohn, und innig schloß er den von seiner Liebe Glück verstossenen, in die väterlichen Arme.

Und als der Mittag verglühte, saß William harrend am Ufer, und sah träumerisch in der Wellen unruhiges Spiel, das die verwelkten Glocken und Moosrosen vom Strand hinabriß in seinen Wirbel, da rauschte es in der Gebüsche röthlich schillerndem Grün, und hervor schwebte Arabella von der sanften Schwester begleitet im idyllischen Gewand, farbige Herbstblume im blonden Haar, das glänzend gescheitelt, die himmelklare Stirn umfaßte. Ihr habt treulich Wort gehalten rief sie ihm lächelnd zu und bot die schöne Hand zum Gruß. Ritterwort ist heilig Lady erwiderte er, aber darf nun auch der Freund warnend euch entgegen treten? Die See geht hohl, der Müden Gekreisch verkündet Sturm, wollt ihr es dennoch wagen? Soll einer Dame Muth euch nicht überstrahlen, entgegnete sie stolz, so kommt, ich fürchte nichts; Bleibe zurück flehte Marry, wenn du mich liebst, habe Mitleid mit meiner Angst geliebte Schwester, mir graut vor der endlosen Wasserfläche wie nimmer sonst, mir ist als flüsterte mir mein Schutzgeist zu, Fürchte, oder du bist verloren. Laß mich du finstre Träumerin schmollte die Unmuthige, habt ihr aber Lust bis zur dunkeln Abendstunde zu zögern, so bin ich zur Heimkehr bereit. Dein guter Engel Marry wird uns beschützen, rief William, du bist ja gut, und fromm, mit diesen Worten eilte er dem Ufer zu, das vom letzten Schimmer verblühender Anmuth umhaucht, von dunkeln Klippenzacken gekrönt, den funkelnden Kristallspiegel begrenzte. Sorglich betraten an seiner Hand die Jungfrauen den Kahn, rasch ergriff er das Ruder, und hin glitt das Fahrzeug auf den kräuselnden Wellen.

Sinnend saß Marry, das Lockenköpfchen in die Hand gestützt und blickte in die neblige Ferne, aber munter koste Arabella mit den goldnen Saiten ihrer Laute, welche am Himmelblauen Band um ihre Schulter hing, doch wider Willen verwandelten sich die fröhlichen Töne- plötzlich in leise klagende Melodien, und angeregt von dem Ziehen der Wolken, den spielenden Wellen, und dem Wiegen des Bootes drang sich ihr unwillkührlich die Weise eines alten Schifferliedes auf, das in sanften Klängen dem rosigen Mund entschwebte.


Es wallt die See, es rauscht der Wind,
Leicht zieht das Schiff dahin,
Es wiegt in seinen engen Raum,
Des Seglers schönen Liebestraum,
Weit von des Ufers Grün.

Der Schiffer spricht, o fürchte nicht,
Von Stürmen, und Gefahr,
Schön Elma bleibt wohl unverletzt,
Und keiner Welle Frevel netzt,
Ihr goldnes Ringelhaar.

Doch leise zagt die blonde Maid,
Vom stillen Weh bewegt,
Horch wie des Stromes wilder Drang
Mit lauter Macht den Felsenhang,
Und unser Schiffchen schlägt.

Und heulend flog der finstre Sturm,
Vom Nebelland heran,
Der Sterne milder Glanz erblich,
Und hoch zu Bergen, thürmte sich
Die Spiegelglatte Bahn.

Das leichtgebaute Schiff verschlang
Die zornempörte Flut,
Den Schiffer trug der Woge Spiel
Doch tief im Grunde still und kühl,
Das arme Bräutlein ruht.


Da schaukelte sich plötzlich heftiger das Fahrzeug, vom Windstoß getrieben, und erschreckt verstummt die Sängerin, denn dichte graue Nebel begannen das helle Gewölke zu umziehen, niedrer umschwirrten die Möven den Kahn, und ferne lag das Land ihren Blicken. Kehre zurück zum Ufer William bat Marry, mir bangt wunderbar, als wollte Arabellas Lied schon ins Leben treten. Fürchte nichts schöne Elma tröstete der Jüngling, und strengte die höchste Kraft an, den schäumenden Wogen zu trotzen, aber weiter ward das Boot hinausgeschleudert in die See, fernes Brausen drang dumpf und hohl zu den Ohren der Zagenden, finster wie ein schwerer dunkler Trauermantel, hing das drohende Ungewitter am Horizont und verhüllte der Felsen riesige Häupter, der Sturm wehte gleich dem nächtlichen Gefieder des Todesengels, dessen bleiches Antlitz aus den Schrecken tauchte, in unendlicher Wehmuth seine Opfer zu küßen mit den kalten athemlosen Lippen. Zitternd umschlang sich das schöne Schwesternpaar, in stummer Angst steuerte William, aber nimmer vermochte er das wüthende Element zu zähmen, das Ruder entsank der ermatteten Hand, und knirschend verschlang das tobende Seeungeheuer die Trümmer, und dröhnend krachte das Boot am tückisch verborgenen Riff. Jetzt rief er in wilder Verzweiflung die beiden blaßen Liliengleichen Jungfrauen umschließend; so wahr mir Gott helfe, und gnädig sei, ich kann nur eine von euch retten, die andre muß zu Grunde gehn. O erhalte mich dir William mein Verlobter, flehte Arabella die schönen himmlischen Augen zu ihm erhebend, rette mein Leben, daß ich dir es weihe in treuer Liebe bis zum Tod. Rette sie seufzte Marry, laß mich sterben und gedenke mein. Reiche mir die Hand du Engel meines Daseins bat die andre ihn umschlingend, verlaß mich nicht. Mein Wirken und Walten ist freudenlos, ich will gerne schlafen im kühlen Schoos der Fluth rief die Schwester, hilf nur ihr und bringe dem Vater seinen Liebling wieder.

Und Liebe und Dankbarkeit rangen im heißen Kampf um ihre heiligen Rechte in des Jünglings Brust: Verschlingt mich ihr Wellen, rief er verzweifelnd, endigt diese ungeheure Qual oder sendet mir ihr Engel des Himmels einen Lichtstrahl von oben, in diese grauenvolle Nacht des Entsetzens. Zögre nicht länger klagte Arabella sonst bin ich verloren, schon netzt die Fluth meine Locken, sie umspült mein Gewand, o weh mir! laß deine Braut nicht untergehn. Und nie war ihm Arabella noch so unendlich reizend erschienen als in der Stunde, da sie ihr schönes jugendliches Leben vom ihm erflehte, aber ein Blick auf die geduldige Marry, welche bleich wie in den Nächten, da sie an des tödtlich Verwundeten Lager wachte, halb zu seinen Füßen lag mit, geschlossenen Augen, und gefalteten Händen, und schnell wie der Blitz die Wolken zerreißt, reifte der Entschluß zur That. Jetzt drehte der Sturm das Boot im brausenden Wirbel und riß es hinunter, in seine Tiefen, fest umfaßte er das zarte schwesterliche Bild, Arabella entglitt seinen Armen, und das tobende Meer verschlang die schöne Beute.

Muthig rettete sich der kühne Schwimmer mit seiner Last an die einsame Insel, und vor der Fischerhütte auf dem sichern Eiland legte er die theuer Erkaufte sanft ins Moos, und kniete hin zu ihr das entschwundene Dasein zurückzurufen, aber als sie die milden Augen aufschlug, sprach er wehmüthig ihre Stirn küßend, du lebst Marry, und Elma schläft im kalten Schoos der Fluth, ich habe dir mein Wort gelöst, Leben für Leben, doch mich umfängt nun sternenlose Dunkelheit, die ihr Blick mir immer erhellt, ich kann nicht sein, getrennt von ihr, dort dämmert mir ein süßes Morgenroth, es heißt Wiedersehn, ich muß fort zu ihr, hörst du die Braut ruft, gute Nacht Marry, tröste den Vater, Arabella ich komme, und hinab stürzte er sich im raschen Schwung von der Klippe in die schäumende See, und über seinen Haupt schlugen die brausenden Wogen zusammen.

Einsam kehrte die Unglückliche zurück ins verödete väterliche Haus mit der Schreckenskunde, und doch vermochte der unendliche Schmerz die kräftige Heldeneiche nicht zu brechen, die zarte Rose nicht zu entblättern, aber der Freude Geist war von ihnen auf ewig gewichen.

Arme Fischer fanden die Leichen von der Fluth ans Ufer gespielt, und mit Blumen geschmückt in silbernen Särgen wurden sie, von heißen Liebesklagen weinender Freunde begleitet, in der Gruft des nahen Klosters bestattet. Oft besuchte die sanfte, schwermüthige Marry im schwarzen Schleier, mit dem Vater die Ruhestätte und suchte Trost im Gebet, aber jeden Morgen von des Frühlings erstem Jugendscheine, bis zum frostigen Herbstesschauer, saß sie an dem Strand und sang in die betrügerische Tiefe starrend, mit leisen Tönen zur Laute.


Das junge Lebensglück verschlang
Die Welle wild, und laut,
Den Segler trug der Woge Spiel,
Doch ruht er jetzt recht still und kühl,
Wie sie seine arme Braut.

Und nur ein bleiches Mägdlein weint,
Am Grab, im heißen Schmerz,
Denn ach die Liebe ist verblüht,
Wie Morgenroth im Thau verglüht,
Brich du mein armes Herz.