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Sidonie Grünwald-Zerkovitz – Doppelehen!

Abhandlung

Sidonie Grünwald-Zerkowitz – Doppelehen!, Verlag von Caesar Schmidt, Zürich, 1900

Wir sind in der Kanzlei eines berühmten Advokaten in Wien.

Er ist Spezialist in Ehescheidungen, aber nicht nur allein der geschickte Operateur, der Ehebündnisse auf dem Gerichtstische mit der scharfen Klinge seiner Argumentik kunstgerecht zu zerschneiden weiß. Noch mehr wird er aufgesucht als Verhütungsarzt in Fällen, wo der eine Teil eine Scheidung vermeiden will.

Vermöge seines scharfen Blickes in das Tiefinnerste der Menschenseele fühlt er bald heraus, daß diese und jene Ehescheidungsklage eine Übereilung, eine That momentaner Aufwallung ist, welche Zeitlebens bereut würde, wenn ihr Folge gegeben wird.

Von den ihm zur Durchführung übergebenen Ehescheidungsklagen hat er in zwei Dritteilen die Ehescheidung zu verhüten gewußt und die betreffenden Ehepaare leben heute noch glücklich mit einander weiter.

Er dringt in die innersten Beweggründe der Eheentzweiung ein und weiß gleich einem vermittelnden Freunde Rat zu schaffen voll Weisheit.

So pilgern denn scharenweise die Eheleute zu ihm mit der beruhigenden Zuversicht: er werde das Richtige treffen unfehlbar.

Lauschen wir einmal hinter dem Thürvorhange den Vorkommnissen eines Nachmittags in seiner Kanzlei. Hören wir von Ehemännern den ehrlichen Bericht über ihre Untreue und ihre Verteidigung, und ziehen wir unsere Schlüsse auf heutiges Eheleben und auf dessen Gesundung.



Erster Teil.

Illegitime Doppelehen.

– Erzählen Sie mir also Ihre Geschichte, Herr Doktor, und zwar rückhaltlos.

– Ich war ein junger Mann und lebte mit meiner Mutter, die ich zärtlich liebte. Sie werden sie ja noch gekannt haben, Herr Doktor. Eine hochbegabte, stolze Frau, die auf Ehrbarkeit hielt.

Ich machte von ungefähr die Bekanntschaft eines adeligen Offiziers, der eine schöne Frau hatte. Zuerst interessierte nur er mich; dann aber galten meine Besuche eigentlich nur seiner Frau.

– Pflegt vorzukommen.

– Ich sah in ihr die Verkörperung des Ideals, welches ich mir von Frauenschönheit gemacht hatte. Eine hohe, schlanke Erscheinung, goldblondes Haar, ein schönes, regelmäßiges Frauenantlitz von blendendem Teint, wie Lilien und Rosen.

– Ja, dieser verführerische, blendende Teint!

– Ich war in meiner Jugend eigentlich ein häßlicher Junge. Wahrscheinlich deshalb wurde ich von Frauengunst nicht gerade überschüttet; ich litt geradezu an einem Liebeshunger.

– Wie alt waren Sie damals, Herr Doktor?

– Dreißig.

– Und die Dame?

– Etwa drei bis vier Jahre jünger als ich. Da kam aber Mathilde meinem Liebeshunger freundlichst entgegen. Sie wurde von ihrem Manne – ein echter Haudegen – nicht gerade mit der größten Zärtlichkeit behandelt. Auch war das Ehepaar kinderlos – Mathilde schwärmte wohl auch nicht für Kinder – und so hatte die Frau Zeit und Lust, sich mit mir mehr zu beschäftigen.

– Als es der ehelichen Treue zuträglich war?

 (Nickt.) – Meine Besuche im Hause des Rittmeisters wurden häufiger. Auch richtete ich sie später nicht immer auf seine Anwesenheit ein . . . . Seit zwei Jahren waren meine Beziehungen zu Mathilde zarter geworden . . . Da blieb der Rittmeister eines Tages ganz fort von seinem Hause unter Zurücklassung eines Briefes an mich.

Er erklärte mir darin ganz einfach, er überlasse mir seine Ehehälfte, die ich ihm entwendete, nun ganz.

Freilich kam mir später öfter der Gedanke, er mag vielleicht nicht gerade unzufrieden gewesen sein, jemand gefunden zu haben, dem er die Gattin –.

– Vielleicht rief auch er: »Der arme Tartar«.

– Mein erster Gedanke war natürlich, Mathilde zu heiraten.

– Das ist nur bei Ehrenmännern »natürlich«.

– Meine Mutter jedoch sträubte sich gegen diese Verbindung. Sie fand Mathilden geistig mir nicht ebenbürtig.

Auch vermißte sie bei ihr, worauf sie vor allem Wert legte, ein warmes, tiefes Gemüt.

– Ja, die Mütter, die haben darin ein schärferes Auge als wir!

– Nicht zum allerwenigsten war der Ehebruch, den Mathilde mit mir begangen, schuld an Mamas Mangel an Sympathie für meine Auserwählte.

So blieb mir denn nichts anderes übrig, als mit Mathilde das Liebesverhältnis fortzusetzen.

– Herr Doktor lebten mit ihr also in wilder Ehe?

– Ja, wenn Sie wollen. Doch wohnte ich mit meiner Mutter, die ich ja abgöttisch liebte. Sie hörte nicht auf, mich vor einer ehelichen Verbindung mit Mathilden zu warnen. Meine Liebe sei eine blos sinnliche, an dem Alabasterteint Mathildens haftend, und sie würde nicht im stande sein, mich seelisch so auszufüllen, um mich dauernd fesseln zu können.

– Wenn einmal der Blütenschmelz von ihren runden Schultern gewichen und das Gold ihres Haares matter wird, werde ihre ganze Vergoldung auch alle sein, und diese läge nur in ihrem Äußeren. Ich würde mich in dieser Ehe angeödet, gelangweilt fühlen, pflegte sie zu sagen.

– Wie lange dauerte das Verhältnis?

– Wir lebten in dieser Weise zehn Jahre zusammen.

– Hatten Sie Kinder?

– Nein, doch lag die Schuld nicht an mir.

– Und?

– Als meine Mutter starb, war freilich Mathildens Reiz für mich so ziemlich verblichen; ich hatte bereits das Bedürfnis nach einem neuen empfunden . . . Doch, war es nicht meine Pflicht, Mathilden vor der Welt Genugthuung zu geben? Ich hatte ihre Ehe zerstört, ihr die Ehre geraubt, indem ich zehn Jahre in einem Liebesverhältnis mit ihr lebte.

– So denken eben Ehrenmänner.

– Da gab es natürlich für mich nur Eines: Sie zu heiraten.

Sie wurde also meine Frau; ich war damals 40 Jahre alt und hatte ein Einkommen von 5000 Gulden.

Als Hausfrau hat sie sich glänzend bewährt. Sie ist geradezu eine Virtuosin in der Führung des Haushaltes! Ohne große Kosten hat sie mir meine Hausführung in einen Stand gesetzt, daß mir an Behaglichkeit, elegantem Komfort nichts zu wünschen übrig bleibt. Dabei ist sie für ihre Person von einer rühmenswerten Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit: an der geringsten Gabe hat sie Freude.

– Da möchte man ja glauben, daß da nichts zu wünschen übrig bleibt.

– Und doch! Der Drang nach Liebe, nach neuer Liebe, nach einem ganz anders gearteten, nach einem interessanten, feurigen, jüngeren Wesen mit einem Worte: nach erneutem Daseinsreize stellte sich bei mir ein.

Die philiströse, bequeme Eintönigkeit, die ruhige Gleichförmigkeit meines Lebens langweilte mich. Der Mangel an reizender Anregung sublimierten Sinnenlebens machte sich auch in meinen Arbeiten fühlbar, wirkte lähmend auf meinen Genius, machte mich oft übelgelaunt und unzufrieden und deshalb mürrisch. Da war ich mir auch schon bewußt geworden, daß meine Frau eigentlich keinen geistigen, keinen seelischen Reiz besitzt. Ihre Nähe der immerwährende Verkehr mit ihr zog mich hinab ins Platte, in die ordinäre Alltäglichkeit des Lebens.

Ich hatte an ihr keinen geistigen Kameraden bei meinem Schaffen, kein Echo für mein Empfinden.

– Merkwürdig! so lange die Sinne in Aufruhr erhalten werden, bemerkt man all dies nicht, erst wann dem Sinnenrausche der Katzenjammer des vernünftigen Schauens folgt!

– Doch wußte sie sich in meine Anerkennung den Weg zu bahnen durch – meinen Magen.

Ja und das ist ein gar verwöhnter Herrscher bei mir. Diesen bewirtet sie aufs Aufmerksamste. Sie weiß auch meinem Hause vorzustehen, und wenn auch nicht als eine Dame von Geist, ist sie meinen Gästen doch angenehm. Man begnügt sich damit, daß ich allein die Kosten der geistigen Unterhaltung bestreite.

Da kam eines Tages – ich war gerade drei Jahre mit Mathilden verheiratet – eine junge Schriftstellerin in mein Redaktions-Bureau.

»Diese ist mein Schicksal!« sprach's in mir mein Blut wallte stürmisch auf, als sie ihr glühendes, schwarzes Auge auf mich heftete. Ihr Blick warf den Zunder in mein Herz, und sie sah, wie es mir durch die Weste brannte, als sie mir, ihre Bitte vortrug um eine Besprechung ihres Romans. In ihrer Art zu sprechen, enthüllte sich die ganze energievolle Lieblichkeit ihres Wesens, die tausend Anker in mein Herz und meine Sinne warf.

– Eine sehr junge Schriftstellerin allenfalls?

– Bei zweiunddreißig. Thun Sie mit mir, mein Fräulein, was Sie wollen, sagte ich ihr. Ich fühlte, ich sei zu allem bereit für dieses Weib, aus dessen Augen eine Seele mich faßte, eine Seele, wie ich sie für mich ersehnt, wie ich sie für mich brauchte, eine flammende, daseinsfeurige Seele!

Unsere Blicke verstanden einander. Ich lud sie gleich zu meinen Empfangsabenden ein, an welchen ich und meine Frau meine Kollegen und Bekannten wöchentlich einmal bei uns sehen.

Sie kam in mein Haus. Heimlich machte ich auch ihr Besuche. Sie wohnte mit ihrer Mutter. Sie wußte aus ihrer ersten Jugend viel Interessantes zu erzählen.

Meine Besuche bei Adrienne waren die seligsten Momente meines Daseins. Mein Verkehr mit ihr regte eine Flut glänzender Zeitungsartikel an, gab meinem Talente neue Flugkraft, neue Schwingen. Meine Leidenschaft für sie blieb nicht ohne Begehren . . .

– Natürlich.

– Das meinige entfachte ihre Neigung zur Glut. Das Ergebnis war bald – ein Kind. Ein Mädchen. Ein liebliches Kind, das die verjüngten Züge meiner seligen Mutter trägt. Ich fühle, ich habe mein Paradies bei Adrienne gefunden, mit ihr führe ich die einzig richtige Ehe, die Ehe, die heilig ist, gesegnet durch Kinder. Demnächst werde ich Vater eines dritten Kindes.

Ziemlich lange war es mir gelungen, meinen Liebesbund vor meiner Frau geheim zu halten. Freilich war ich da tausend mal genötigt, meine Zuflucht zur Lüge zu nehmen, zur Heuchelei. Doch dann kam die Sache durch ein Ungefähr an den Tag. Es waren schreckliche Zeiten. Ich hatte die Hölle im Hause. Meine Frau wütete und tobte. Bald drohte sie mir, sie werde sich das Leben nehmen, bald, sie werde sich von mir scheiden.

– Daß es aber eine junge Dame über sich bringen kann . . .

– Aus Liebe! Liebe ist ja, was uns alle bändigt.

– Doch mit einem verheirateten Manne!

– Ja, Herr Doktor, in solchem Falle schafft sich die Liebe ihre eigenen Gesetze. Adrienne meint: Vermöge unserer seelischen Zusammengehörigkeit sind eigentlich wir beide – sie und ich – Gatten, und nicht die andere sei meine Gattin. Die alleinige Weihe der kirchlichen Zeremonie mache es nicht. Nicht diese giebt der Ehe ihre Heiligkeit, sondern die beiderseits tief empfundene Zusammengehörigkeit, die Unlöslichkeit von einander. Auch denkt sie, meine Frau habe mich 13 Jahre ganz gehabt, in alleinigem Besitz, das sei genug. Eine Frau könne nicht einem Menschen sein ganzes Leben lang für sich allein haben wollen.

– Wohl eine Motivierung, die sonst etwas fraglich ist; doch hat sie in diesem Falle etwas für sich.

– Besonders wenn man berücksichtigt, daß dieser Mann bei seiner Gattin nicht mehr das findet, was ihn befriedigt was ihn ausfüllt, beglückt. Ja, und dann meint Adrienne, die Kinderlosigkeit der Frau gebe dem Manne das Recht, sich an eine andere Frau zu wenden.

– Ja, bei den Juden ist wohl Kinderlosigkeit ein Grund zur Ehescheidung, aber nicht.

– Zum Ehebruch! werden Sie sagen wollen. In dem Momente, wo der Mann sich nach einem anderen Weibe, als dem ihm angetrauten, sehnt, hat er die Ehe eigentlich schon gebrochen. Und wer unter ähnlichen Eheverhältnissen und in der Großstadt besser ist, als ich, werfe einen Stein auf mich.

– Nun, so möge sie sich scheiden! das kann ja nur zum Schaden Ihrer Frau sein.

– Das ist es eben, was ich nicht will, aus Gerechtigkeitsliebe nicht wollen darf.

– Könnten Sie sich denn thatsächlich scheiden und wieder heiraten?

– Jawohl! Ich bin ja Protestant. Meine Frau auch.

– Also, erklären Sie mir, warum Sie sich nicht scheiden wollen, wenn Sie die andere Frau lieben, und von ihr Kinder haben!

– Wenn ich die andere heirate, und mich von meiner Frau scheide, verliert sie vor allem ihre ganze Stellung in der Gesellschaft. Denn, wer kümmert sich dann noch weiter um sie, wenn sie nicht mehr als die Frau des Dr. Fink gilt? An sich ist sie ja nicht eine Individualität, die durch sich selbst als etwas zu gelten vermöchte. Dann ist die vornehme Häuslichkeit, der größere Styl ihrer Hauswirtschaft, ihr Wirkungskreis, darin sie ganz aufgeht, ihr ganz genommen. Ich nähme ihr alles weg, wenn ich ihr nebst mir auch noch die Verwaltung und Regierung dieser schönen gediegenen Häuslichkeit, die ihr Werk ist, aus der Hand nähme. Auch würde ich diese gediegene, vornehme Behaglichkeit in meinem Hause ohne ihr Walten nimmer haben. Denn meine Liebe interessiert sich nicht in diesem Maße dafür: dagegen bedeutet meiner Gattin das Hauswesen die Welt, ihre Welt. Sie würde eine aus ihrem Paradies verjagte, verlassene kleine Frau ohne mich sein, ohne Freude, ohne Halt im Leben, und so viel als gestorben.

– Vielleicht findet sie noch einen anderen Gatten, der ihr für das Verlorene Ersatz bietet?

– Meine Frau?! Mit 47 Jahren, welkenden Wangen, ohne geistigen Reiz, ohne Vermögen! Und ich könnte ihr auch keine rechte Versorgung bieten, da ich kein reicher Mann bin.

– Die Männer kümmern sich gewöhnlich um all das nicht, – sie scheiden sich!

– Das ist ganz einfach gemein. Kann ich so unqualifizierbar roh, gefühllos gegen meine Frau handeln?! Nachdem sie zehn Jahre meine Geliebte gewesen und acht Jahre meine Frau, daß ich sie fast ganz einfach vor die Thür setze?

»Geh, nun gefällst du mir nicht mehr zum Küssen und ich habe eine andere gefunden, die es besser versteht, mich zu beglücken; sieh nur zu, wie du mit dem Leben allein fertig wirst!?«

– Sie sind, Herr Fink, ein Mann von ausgezeichnetem Gerechtigkeitssinn. Übrigens scheinen Sie Ihre Frau gar nicht zu hassen, obgleich Sie eine andere lieben?

– Sie hat mir keinerlei Grund gegeben, sie zu hassen, im Gegenteil, schätze ich sie. Sie ist mir sehr wert. Auch hat sie sehr schätzenswerte Tugenden. Sie war jederzeit von einer musterhaften ehelichen Treue und mir ganz ergeben. Und wie ich schon früher bemerkte, weiß sie meinen Haushalt mit einer wahren Virtuosität zu führen. Dieser habe ich es eben zu danken, daß ich jetzt von meinem Gehalte noch gerade genug erübrigen kann, um mir auch einen zweiten Haushalt mit Adrienne erlauben zu können. Auch wird mir Mathilde bei ihrem geräuschlosen Wesen durch garnichts lästig. Und dann bedenken Sie, Herr Doktor, die Macht der Gewohnheit. Wie schwer fällt es dem Menschen, ein lieb gewordenes und dabei nützliches Möbel zu entbehren. Um wieviel schwerer erst solch eine Frau, mit der man 18 Jahre lang gelebt, die einem seit 18 Jahren sein Dasein behaglich, angenehm, schön macht! Ja, wäre sie nur meine Haushälterin gewesen, wie schwer würde ich sie missen!

– Merkwürdig! Die Frau nicht entbehren können und doch die andere lieben!

– Ja, das sind zwei ganz verschiedene Dinge, ganz verschiedene Gefühle und Bedürfnisse und beide sind berechtigt.

– Nun dann, Herr Doktor, lassen Sie Ihre Ehe nicht auflösen, und leben mit der einen und neben der andern weiter, wenn Ihr Zusammenleben nicht etwa durch eine ewig polternde Eifersucht der Gattin –

– Ach, das Poltern und die Szenen hat sie sich im Laufe der ersten zwei Jahre abgewöhnt. Ihre Drohung, sich von mir scheiden zu lassen, schlug ich damit nieder, indem ich scheinbar darauf einging, ihr aber als selbstverständlich hinstellte, daß dann die andere die Stellung einnehmen werde, die sie – die Gattin – freiwillig verlassen will.

– So hat sie also doch vorgezogen, sich in das Unabänderliche zu fügen?

– Sie bequemt sich sogar zu der fixen Einteilung, die ich getroffen, um beiden Frauen mich widmen zu können.

– Das bedarf aber wirklich einer Einteilung.

– So verbringe ich Winters zweimal wöchentlich den Tag bei meiner Liebe und den Kindern. Ich habe eine kleine Villa in der Umgebung der Hauptstadt. Mathilde ist nun daran gewöhnt, daß ich während des Sommers täglich bei der anderen in der Stadt speise und die Nacht zu Hause in der Villa zubringe. Ebenso mache ich meine weiten Sommerreisen, auf welchen mich früher meine Frau begleitete, jetzt mit meiner Liebe. Unterdessen bereitet Mathilde während ihres Aufenthaltes auf dem Lande in unserer Villa eigenhändig alles Dunstobst, das ich winters mit meiner Freundin verspeise. Auch murrt sie nicht mehr, wenn ich gemeinschaftlich mit Adrienne und den Kindern für einige Wochen eine Sommerfrische aufsuche. Ich ziehe öfter meine Frau sogar zu Rate über Dinge meines anderen Haushaltes. Sie duldet es, daß ich auf meinem Schreibtische vor mir das Bild habe meines ältesten Kindes – von der anderen.

– Merkwürdige Selbstverleugnung!

– Das ist nur ein Ergebnis der Einrichtung und der Gewöhnung.

– Ja freilich, was thun in diesem Falle die Türkinnen?

– Das Gleiche. Jüngst war ich tagelang bettlägerig. Adrienne schmachtete vor Sehnsucht mich zu sehen, und drängte darauf, mich während meiner Krankheit selber zu pflegen. Ich lag zu Hause.

– Im Hause der Gattin?

– Ja. Da erbat sie sich brieflich, ungestört zu mir kommen zu können.

– Und wie ward das möglich?

– Meine Frau zog sich in ihre Zimmer zurück, als sie meine Freundin kommen sah, und ließ sich erst blicken, als Adrienne mein Zimmer verlassen hatte.

– Die Frauen begegneten einander also nicht?

– Nein! Sie wußten eine Begegnung zu vermeiden.

– Doch überließ die Gattin der Geliebten ihren Platz an Ihrem Krankenbett?

– Auf meinen Wunsch.

– Nun, so kann es ja weiter auch bleiben, da es sich so friedlich –

– Ja, aber um Himmelswillen! Welche Genugthuung soll ich nun Adrienne geben, die seit sechs Jahren mein Weib, mein eigentliches Weib ist?

– Sie haben wohl Ihre Kinder sehr lieb, Herr Redakteur?

– Das Vatergefühl macht mich erst zum ganzen, zum frohen Menschen! Meine kleine Lilli auf den Knieen schaukelnd, fühle ich mich so selig, so reich, daß ich für dieses Glück eine Welt nicht nähme!

– Und Ihre Liebe ist von besserer Abkunft als Ihre Gattin?

– Ja, ungleich vornehmer als meine legitime Frau, und eine bedeutende Individualität. Ihr Vater war ein großer Beamter in einer großen Seestadt. Ich habe das Gefühl, als sei ich nie zuvor so recht verheiratet gewesen, als lebte ich ein eheliches Leben erst seit ich meine Adrienne habe. Und bedenken Sie, Herr Doktor, die Qualen, die ich bei dem Gedanken erleide, daß meine Kinder als Bastarde gelten werden! Sie müssen erfahren, daß sie unehelich sind, in dem Momente, da sie in die Schule eintreten. – Für Lilli ist dieser Moment eben bevorstehend. –- Und ich kann ihnen meinen Namen nicht geben! Seinen Kindern seinen Namen nicht geben zu können! Ach! Doch auch seine materiellen Nachteile hat die Sache. Ich bin, so nebenbei bemerkt, Mitglied des Reichsverbandes zur Versorgung der Witwen und Waisen. Weder Adrienne noch meine Kinder können einen Anspruch erheben auf die ihnen von rechtswegen zukommende Versorgung nach meinem Ableben. Und ich habe 35 Jahre umsonst meinen hohen Mitgliedsbeitrag eingezahlt! Und man ist doch Mitglied hauptsächlich, um der Versorgung der Seinen willen. Die mir das Teuerste sind, werden bei dem Genusse solcher Vorteile nicht als die Meinen betrachtet, da ihnen die Legitimität fehlt.

 

– Und wie trägt denn Frau Adrienne ihr Schicksal, vor der Welt als Concubine gelten zu müssen?

– Ach, und Sie fragen noch, Herr Doktor! Doch ist sie aus Liebe jedes Opfers für mich fähig. Sie hat sich von allem gesellschaftlichen Verkehr zurück gezogen und lebt einzig und allein nur mir und unserer Liebe.

– Das bedeutet eine Strafe für Frauen, welche für geselliges Leben geschaffen sind.

– Freilich liegt auf ihrer Seele Grund die Hoffnung, daß sie ja endlich doch als mein Weib vor der Welt in mein Haus einzieht. Denken Sie da meine Lage.

– Armer, frauenreicher Mann!

– An der einen hält mich Dankbarkeit, Pflicht, Mitleid, Gewohnheit; zu der andern zieht mich Liebe, vor allem Liebe, das Glück, der Durst nach dem Glücke, nach des Daseins Sonnenstrahle.

– Da gäb es eigentlich nur einen Ausweg.

– Der wäre?

– Sie müßten Muselmann werden.

– Hab' schon daran gedacht. Ja, wenn das bei uns nicht so viel Aufsehen machte. Denn Christ ist man ja ebenso wenig wie man dann Muselmann wäre. Die Religionsform ist ja unser Einem gleichgültig. Unsere Religion ist ja doch nichts anderes als – Menschenliebe, d. h. Pflichtbewußtsein, Gerechtigkeit. Alles andere machen wir ja nur mit unserer moralischen Selbstkritik ab.

– Ich kenne einen Herrn von Stand in München, der in ähnlicher Lage wie Sie, Herr Redakteur, aus ähnlichen Gründen Türke geworden ist. Er lebt als Türke in München.

– Man zieht es aber doch vor, mit dem Weibe, das man liebt, das einem alles ist, das einem die ganze Welt, das Leben bedeutet, im Concubinat zu leben und sie an sich zu ketten in sogenannter Schande und man wird nicht Muselmann.

– Ja! So ist es, so will es unsere gesellschaftliche, gesetzliche Ordnung. Da steht davor der Fels, der nicht wegzuwälzen ist, das Gesetz der Monogamie, das einem den Riegel vorschiebt vor das Glück, oder einen zwingt zu Härte und Grausamkeit gegen das Eheweib, an dem man kein Gefallen mehr findet. Man muß es hinausstoßen, um dem neuen Weibe Platz zu machen.

– Auch das nur, wenn man kann. Römisch-katholische können nicht und müssen daher im Concubinate leben mit ihrer Liebe. Ich möchte wetten, daß in Wien fast so viele faux ménages bestehen als rechtmäßige Ehen.

– Wir werden über Ihre Angelegenheit noch sprechen.

Der Diener meldet: »Herr Theater-Direktor Engelhardt von Altmann!«

– Ich fange gleich mit der Sache an: Sie wissen, Herr Doktor, ich habe eine prächtige Frau, eine ausgezeichnete Seele.

– Ich habe die Ehre, Ihre Frau Gemahlin zu kennen. Sie ist eine Zierde unserer Gesellschaft.

– Und meine Kinder, die beiden Jungens?

– Die mit meinem Sohne gerade an die Universität eingerückt sind!

– Ja, und eine dreizehnjährige Tochter.

– Ja, ich kenne diese reizende Mädchenknospe.

– Sie werden es nicht glauben, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich seit dreizehn Jahren nicht mehr in ehelicher Gemeinschaft mit meiner Frau lebe.

– Ah! Aus welchem Grunde?

– Meine Frau bekam im letzten Wochenbette ein Frauenleiden, welches ihr ein Nonnenleben auferlegt, wenn sie es nicht mit dem Tode büßen soll!

– Und wie tragen Sie das, Herr Direktor?

– Das können Sie sich ungefähr vorstellen, Herr Doktor. Ein Theater-Direktor kann doch kein Mönch werden bei den täglichen Reizungen . . . . In den ersten Jahren pflückte ich mir Freuden vom Augenblick, der sie gefahrlos darbot.

– Und nun? Ist das anders geworden?

– Ja. Sie kennen ja die Diva meines Theaters?

– Ja. Die unvergleichliche, sie ist Wittwe nach dem Grafen Turka. Also ist an dem Ondit doch etwas Wahres?

– Alles und noch mehr. Dieses reizende Wesen hat den ganzen Vesuv meiner leidenschaftlichen Liebe zum Ausbruch gebracht. Wir haben ein Kind. Und sie drängt, daß ich dem Kinde zu Liebe, ihr zu Liebe unseren Bund durch die Gesetzlichkeit weihe.

– Und dagegen sträubt sich natürlich Ihre Frau Gemahlin?

– Dagegen sträub' ich mich, obgleich es ja auch mein eigener sehnlichster Wunsch wäre. Ich kann ja gegen meine Frau, gegen meine Kinder nicht so herzlos handeln, sie mit ihrer Mutter . . . ihnen das Elternhaus zu zerstören, wegzunehmen! Ich vermag es ja auch nicht, mich von meiner Frau, von meinen Kindern zu trennen, die ich innig liebe! Meine Gretel, die würde sich ja ein Leid anthun, wenn man ihr ihren Papa, ihren »einzigen, süßen Papa« wegnehmen wollte! Und dann bedenken Sie, Herr Doktor, meine Frau, meine arme Frau! Wohl kann sie mir das Eheweib nicht mehr sein! Doch mit ihrer herrlichen Individualität voll tiefer Weisheit und Milde ist sie mir ja unentbehrlich! Sie ist mein Freund, mein Berater, mein Kamerad, mein Beichtiger, mein Tröster. Sie ist die Mutter meiner so ausgezeichnet veranlagten Kinder, die mein Stolz sind. Sie ist das Fundament meiner Existenz.

– Sie weiß in Ihr Verhältnis zur Gräfin Turka?

– Genau.

– Und wie trägt sie es?

– Wie eine Heldin und voll Weisheit: mit ganzer Ergebung in das Unvermeidliche, mit ungeminderter Liebe zu mir.

– Bei den edlen Frauenseelen spielt das Moment der Sinnlichkeit eben die allerkleinste Rolle in ihrer Liebe zum Mann. Das ist vielfach erwiesen.

– So auch hier. Auch der Egoismus ist bei meiner Frau sehr wenig ausgeprägt. Denken Sie nur, Doktor, welche Seelengröße: sie, sie selber hat mir den Vorschlag gemacht, mit ihren Kindern fortziehen zu wollen von mir in eine andere Stadt, in eine Universitätsstadt, damit ich der Gräfin Turka durch eine Eheschließung vor der Gesellschaft ihre Ehre wieder gebe.

– Eine Frau von merkwürdiger Seelengröße!

– Sie stellt dabei nur die Bedingung, daß ich jedes Jahr die Ostern- und Weihnachtsfeiertage in ihrem und der Kinder Kreise verbringe.

– Rührend und herrlich!

– Ich nehme aber das Opfer nicht an. Ich kann nicht. Unter dieser Trennung würde ich ja furchtbar leiden. Meine Frau ist mir ja ein seelisches Bedürfnis! Meine Kinder mit mir bei Tische zu sehen, ist mir Erquickung. Meine Söhne sind mein Stolz, meine Gretel, die knospende Zierde, der Frühling, der Sonnenschein meines Hauses!

– Sie tauschen ja, Herr Direktor, das alles ein gegen etwas, gegen ein junges, neues Glück.

– Das ist aber nicht das. Das ist etwas anderes, wenn es auch etwas ist, wenn es mir auch viel ist. Mich von meiner Frau, die ich verehre, von der ich mich innig geliebt weiß, von meinen Kindern trennen, da geschähe mir wie dem Baum, den man aus dem Grund herausrisse, um ihn umzupflanzen, und ihm dabei seine Wurzel bräche. Und gerade so müßte ja dann meiner Frau sein. Nein! Tausendmal nein! das thue ich nicht.

– Sie sind Israelit und Scheidung und Wiederverehelichung leicht.

– Ja, aber ich lasse mich nicht scheiden.

– Dann müssen Sie, Herr Direktor, die Eheschließung mit Gräfin Turka unterlassen.

– Ach, das kann ich nicht. Sie ist wahnsinnig erpicht darauf, daß ich sie heirate; sonst bricht sie mit mir und dann . . . dann ist mein Liebesleben erwürgt, vernichtet für immer, für immer, denn ich liebe sie. Ich liebe sie mit aller Sommerglut meines Seins. Auch an ihr hänge ich mit allen Fasern.

– Sie sind ein Mann in den besten Jahren, voll Kraft und Feuer.

– Achtundvierzig. Was ist da zu thun? Geben Sie, Weiser, einen Rat.

– Lassen Sie mich nachdenken! Auf Wiedersehen!

– »Herr Zeitungsherausgeber Starkmann!« meldet der eintretende Diener.

– Guten Tag.

– Willkommen, Herr von Starkmann!

– Eigentlich hätte ich es mit einer Ehescheidung nicht so eilig. Habe mir fünfzehn Jahre Zeit dazu gelassen. Alle Welt kennt meine beiden Frauen. Alle Welt weiß, daß ich von meiner ersten Frau prächtige Söhne habe, die reiche Partien gemacht haben, und daß ich seit fünfzehn Jahren in wilder Ehe lebe mit der Witwe Frau Schefer. Freunde und Bekannte – und auch Unbekannte – wissen um meine reizenden vier Kinderchen, die ich von dieser habe. Alle Welt beweist Respekt meinen beiden Frauen der legitimen a. D. und der illegitimen, doch eigentlichen Frau.

– Warum haben Herr von Starkmann seinerzeit –

– Ach Gott! Warum? Weil mir meine Frau nimmer gefallen hat. Das »Warum« zu erörtern hab' ich keine Lust. Auch hab' ich's schon zum Teile längst vergessen. Ich weiß nur das Eine: Meine Frau kann mit mir sehr zufrieden sein. Ich habe aus dem armseligen Dingerl die reiche Frau Starkmann gemacht. Freilich sieht ihr das Niemand an.

– Daß sie das armselige –

– Nein, daß sie die reiche Frau Starkmann ist. Sie war eines armen Setzers Tochter. Ich dummer Kerl hab' mich in das kleine, zarte Dingerl verliebt nur so . . . Der Vater hat mich gerade in flagranti erwischt mit ihr und hat sein Hausrecht geübt gegen mich zwanzigjährigen, jungen Esel wie seinerzeit weiland der schlaue Vater der Philippine Welser. Der hat dem eingeschüchterten Erzherzog auch die Tochter aufgehalst. Sie hat mir vier Kraftjungen geboren. Inzwischen hab' ich mit meinem Kollegen die »Große Zeitung« gegründet.

– Und sind ein reicher Mann geworden.

– Das Leben mit dem schwachen Dingerl wäre wahrlich nicht nach meinem Geschmacke gewesen. Das hat ja sie gut gewußt und auch eingesehen.

– Welche Bescheidenheit!

– So hab' ich denn neben ihr die ganze Tonleiter von Liebschaften durchgespielt. Alles, was für mich, einen Mann von meinem gesellschaftlichen Einflusse, meinen materiellen und moralischen Mitteln nur erreichbar war. Als ich schon zu schwerfällig war, um Liebesabenteuern weiter nachzujagen, trieb mir ein wohlwollender Zufall Frau Schefer in die Schußweite. Ich hatte bald erkannt, was für ein lieber Schatz diese junge Witwe ist, voll Gemüt und Verstand, und wir waren bald einig. Das beweist ihren gesunden Verstand. Obgleich ich mit meiner legitimen Frau weiter Haus führe, schlug ich mein ständiges Zelt doch auch bei Frau Schefer auf. Wir leben seit fünfzehn Jahren in ehelicher Gemeinschaft. Ich habe jedem Kinde, das ich von ihr habe, ein Haus gekauft. Versorgt wären die Kinder.

– Ist es da noch notwendig, die Frau auch zu heiraten?

– Notwendig gerade nicht. Aber in der Ordnung. Das möchte ich nur aus väterlicher Vorsorge. Ich bin nun schon ein alter Knabe, wie Sie, Herr Doktor, sehen. Ich habe meine siebzig vorüber.

– Doch so rüstig noch.

– Auf den Tod meiner Frau kann ich doch nicht warten, um Frau Schefer und meinen Kindern die Legitimität zu geben. Früher kann der Tod ja mich abholen. Und ich soll meine Kinderchen, meine ganze Freude zurücklassen als Bastarde! Und die Frau, die eine so rechtschaffene Seele ist, als Maitresse! Eigentlich war ja sie mein Weib, mein Herzensweib und in der schweren Zeit, wo es mit einem Manne abwärts geht. Mit ihr hab ich bis heute fünfzehn Jahre gelebt; mit meiner legitimen Frau ausschließlich kaum vier Jahre.

– Wäre da die Scheidung von der legitimen Frau nicht natürlich?

– Das hat seine großen Schwierigkeiten. In unserem Ehekontrakt ist ein Passus enthalten, in dem hat mein schlauer Schwiegervater . . . Nein! ich kann an eine Scheidung von meiner Gattin nicht denken! Und meine Söhne! Ach nein! Unmöglich! Schaffen Sie da Rat, Doktor, Sie Allweiser!

– Ich werde nachdenken!

Dr. Vollbruck tritt ein, der Compagnon des Advokaten.

– Graf Rostschwert hatte nicht die Geduld zu warten, bis an ihm die Reihe ist. Und so ließ ich mir seine Angelegenheit von ihm vortragen.

– Wo drückt den der Schuh?

– Wo so manchen Fideikomiß-Inhaber und Majoratsherrn, der seine Güter auf die Nebenlinie übergehen sieht. Er ist nicht so glücklich, direkte männliche Erben zu haben. Seine Frau ist ein Baum, der keine Früchte trägt. Doch erlischt mit ihm auch der ganze Mannesstamm der Rostschwerts und seine Güter übergehen auf die Familie Rosthorn, die er haßt.

– Katholik?

– Natürlich, die Rostschwerts!

– Was doch das Sakrament der Ehe mit ihrer Unlösbarkeit für eine Zwangsjacke ist, aus der einen nichts befreien kann als nur der Tod!

– Der Graf lebt schon seit zehn Jahren getrennt von seiner Frau. Sie ist in Paris. Er hier. Durch eine rechtzeitige Wiederverehelichung könnte sein alter Stammbaum junge Zweige ansetzen, zu neuer Blüte gelangen. Er möchte so gerne die Freude haben, eigenen Kindern die Güter zu hinterlassen, die er durch seine eminente Bewirtschaftung zu solch hoher Ertragsfähigkeit gebracht hat! Doch nein! Weil er römisch-katholisch ist, darf er sich von seiner unfruchtbaren, freud- und hoffnungslosen Ehe nicht befreien!

– Freilich frägt es sich für diesen Fall, ob der Graf überhaupt Kinder bekäme in einer anderen Ehe.

– Darüber ist ja kein Zweifel.

– Ah?

– Sein Söhnchen von der Tochter seines Waldbereiters ist gerade zwei Jahre alt.

A la bonne heure. Er kann ja dieses Kind adoptieren!

– Wenn aber seine Frau es nicht will! Und lassen dies Verwandte zu, die in Erbanwartschaft stehen? Überreden sie nicht die Frau, in eine Adoption nicht zu willigen?

– Armer Graf! Er thut mir leid!

– Nur er unter den oberen Zehntausend? Nicht auch mancher Regent? Wie gut wäre es für so manches Land, dürfte der König ohne seine Ehe zu lösen nach muselmanischer Art eine zweite legitime Gemahlin kooptieren, deren Kinder thronerbberechtigt wären! Da haben Sie beispielsweise einen König im Osten, einen im Norden, die ohne direkte männliche Thronerben sind. Es muß traurig sein, sich mit dem Gedanken tragen zu müssen, daß nicht das eigene Blut auf dem Throne des Reiches ernten wird, was der Regent sein ganzes Leben in seinem reichen Wirken gesät.

– Dann ist hier der Fall des Apothekers in Kostel.

– Nur den Extrakt der Sache, bitte! Es wird einem wirklich ganz schwindlich von der Anhörung ganzer Eheromane.

– Es ist der Bruder des Apothekers aus Kosteletz, Dr. . . .

– Ich komme für meinen Bruder. Er ist Apotheker. Ein reicher Mann. Reichsrats -Abgeordneter. Alle Hände voll zu thun mit seinen Ämtern und Würden. Zehn fünfzehntausend Gulden Einkommen, hat zwei prächtige Söhne, sie studieren. Seine Frau, Morphinistin; sonst ein Weib mit allen bürgerlichen Tugenden, doch ohne Anmut. 47 Jahre alt. Der Mann voll echter Herzensliebenswürdigkeit. Hat trotz dem Mangel bei seiner Gattin niemals einen Schritt vom Wege gewagt aus Herzenstreue. Er ist nahe den fünfzig. Die Johannistriebe spuken ihm in der Seele. Der Zündstoff vorhanden, braucht es nur eines Zünders. Dieser findet sich. Ein neuer Apotheker ersteht die zweite Apotheke der kleinen Landstadt. Er hat eine pikante Frau, jung, chic, interessant, sticht sie von den Landpomeranzen vorteilhaft ab. Sie hat auch die Kunst weg, ihre paar Reize durch geschmackvolle Toiletten ins richtige Licht zu stellen. Eine Gelegenheit. Mein liebeshungriger Bruder verliebt sich in sie. Um seinem öfteren Kommen scheinbaren Grund zu geben, eskomptiert er dem verschuldeten jungen Gatten die Wechsel, die er dann mit eigenem Gelde auch zurücklöst. Um seiner Geliebten willen konsolidiert er die Existenzbasis ihres Gatten. Nacheinander giebt er alle seine Ehrenstellen und Ämter auf, weil er sonst zu wenig Zeit hätte für die Stunden ihrer Liebesnähe; denn ein Blick aus dem Auge des geliebten Weibes ist ihm mehr als die Aussicht auf das höchste Ordensbändchen.

»Ja, die Liebe ist das Seligste. Das einzige, um was es sich der Mühe verlohnt zu leben, des Daseins Sorgen, Nöten und Kümmernisse zu tragen!« denkt er in ihrem Kusse. Und wie viel Zeit ist schon versäumt, ist ungenützt hingegangen an der Seite der würdigen Ehegattin, die schon seit zwanzig Jahren keinen Reiz mehr für ihn hat. Und ach, er ist schon fünfzig! Wie wenig Zeit ist ihm noch für das endlich gefundene Glück der Liebe gegönnt! Er wird ihr dann später, bald alt erscheinen und sie wird ihn nicht mögen! Sie könnte sich abwenden von ihm! Also hastig noch so viel Züge als möglich aus dem keck gestohlenen Becher der Liebe! Das nächste Kind der jungen Apothekerin ist ein Kukuksei, seines . . . Er umgiebt die Frau seines Herzens mit allem erdenklichen Luxus. Er bestreitet ihren reichen Haushalt. Man sieht sie öfter zusammen im Theater in der Hauptstadt. Ihr Verhältnis ist in der kleinen Landstadt nicht länger zu verbergen. Vergeblich fließen vor ihm die Thränen seiner treuen Gattin, der aufopferungsvollen Mutter seiner Söhne; erfolglos sind die häuslichen Szenen, die sie ihm macht. Erfolglos die Vorstellungen seiner besten Freunde, daß er durch sein Liebesverhältnis in allem zurückgehe, daß sein Vermögen schmilzt.

»Ach, wozu hab ich das Geld, wenn ich nicht die Freude haben soll, es auszugeben für sie, die ich liebe! Meinen Erwerb macht sie mir erst wert, weil ich nun einen beglückenden Zweck dafür weiß! Ihr zu schenken, ist mir Freude, ist mir Herzensbedürfnis, für sie zu sorgen, ist mir Ansporn! Lasset mich mit Euren machtlosen Vorstellungen! Sie ist meine Daseinsfreude. Sie ist mein Verhängnis. Ich kann nicht anders. Mir ist, als sei sie der mächtige Magnet und ich das Eisenstückchen, das der Magnet an sich zieht unwiderstehlich und hält. Denn mir ist nur wohl, wann ich sie sehe, wann ich bei ihr bin, wann ich ihre Stimme höre, wann ich ihre Hand in der meinigen fühle!«

– Du sündigst aber gegen deine Frau, die sich abhärmt, sag ich ihm.

»Ich kann nicht anders. Allen Respekt vor meiner Frau. Ich kann sie aber nicht lieben. Ich fühle keine Wonne in ihrer Nähe. Ich habe niemals das Bedürfnis, mit ihr zu sein. Sie ist mir eine werte Hausgenossin, gegen die ich Pflichten der Versorgung habe. Ich habe aber nicht die Pflicht – lebenslänglicher Liebe zu ihr. Liebe kann einem zu lebenslänglicher Pflicht nicht gemacht werden. Denn sie entweicht den Sinnen, dem Herzen, ohne daß man es will, ohne daß man dafür etwas kann, ohne daß man dafür angeklagt werden könnte. Und genötigte Liebe thut Gott leid. Ich kann mich nicht zwingen, sie zu lieben. Man zeige mir unter hundert Fällen nur zehn Fälle, wo der Mann nach dreißig Jahren – was? nach dreißig Jahren! nach fünfzehn Jahren seine Frau so geliebt hat wie am ersten Tage und wo sie allein ihn ganz erfüllt hat«, sagte er mir darauf zu seiner Entschuldigung.« Ich komme mir vor wie die Topfpflanze, die ja verkümmert, wenn sie immer in dem gleichen bischen Erde gelassen wird, welche das Gefäß ausfüllt. Muß man nicht auch diese nach einiger Zeit umsetzen in frische Erde, in vollkräftige Erde, die noch alle Bestandteile hat, welche zur vollkommenen Ernährung der Pflanze notwendig sind? Sonst wird sie nicht gedeihen und nicht von neuem erblühen.«

– Der junge Apotheker hat sich von seiner Frau geschieden. Die vernachlässigte Apothekerin, meine Schwägerin, wußte nicht anders sich zu rächen an der Nebenbuhlerin, als indem sie sich mit allen Frauen der Gesellschaft unseres Städtchens verschwor, die Ehrvergessene aus ihrer Mitte auszuschließen. Mit allgemeiner Verachtung überschüttet, blieb der jungen Frau nichts anderes übrig, als das Städtchen zu verlassen. Sie ging mit ihren zwei Kindern nach Wien. Die Folge war, daß ihr Freund, mein Bruder, Apotheke, Realitäten so rasch als nur möglich verkaufte und auch nach Wien zog. Eine Trennung von dem geliebten Wesen ist ja nicht denkbar bei reifen Menschen. Die klammern sich daran, mit ihrem ganzen Sein, weil es ihnen das Leben, die Lebensfreude selbst bedeutet.

Nun will er sie sogar heiraten, damit sie ihm nicht verloren gehe! Andererseits ist ihm, dem guten, gerechtigkeitsliebenden Menschen peinlich der Gedanke einer Ehescheidung von seiner Frau, der Mutter seiner Kinder. Denn er hat, wie er sagt, dieser Frau gar nichts vorzuwerfen, als daß er sie schon lange nicht mehr liebt.

– Ganz merkwürdig! Heute meistens Fälle, wo die Männer eine andere lieben und heiraten zu müssen meinen und ihnen die Trennung von der Gattin doch sehr schwer fällt.

– Der Direktor der »Vereinigten Brauereigesellschaft«, meldet der Diener.

– Daß Sie in Ehescheidungssachen zu mir kommen werden, das hätte ich niemals geahnt. Wenn ich Sie so mit Ihrer Frau Gemahlin in den geselligen Abenden des Athletenklubs, den Sie gegründet haben, an der Tafel neben einander sah, fröhlich und heiter, dachte ich oft: »Sind die beiden da ein zufriedenes, glückliches Paar!«

– Dem Scheine nach allerdings wie so viele andere Ehepaare.

– Freilich hatte ich, wenn ich Sie, Herr Direktor, ganz devot neben der Frau Gemahlin sah, auch den Eindruck, als ob im Hausregiment die Gemahlin das Szepter schwänge.

Neben der zusehends korpulenter werdenden Dame nahmen Sie sich, zumal seit den letzten Jahren, in Ihrer Schlankheit und jugendlichen Elastizität aus wie so ungefähr der Erbneffe neben seiner reichen Erbtante.

– Ja, meine Frau bemutterte mich thatsächlich viele Jahre, doch nun ist das vorbei seit – Im Anfang unserer Ehe war ja sie die Gesetztere. Und sie stellte sich auf das Piedestal der mir weit Überlegenen.

– Was kann an dieser Frau auszusetzen sein? Sie ist eine gescheite, praktische Frau voll Würde.

– Die es aber niemals einen Augenblick verstand, mich glücklich zu machen, mich auszufüllen, mir Sehnsucht oder auch nur echtes, liebentsprungenes Verlangen nach ihrer Person, nach ihrer Nähe einzuflößen. Bei allem Respekt, den ich ihren Tugenden und ihren ganz vortrefflichen Eigenschaften entgegenbringe.

– Fehlt also etwa das gewisse Fluidum, welches von Wesen zu Wesen überfließt, das Incommensurable der – Liebe etwa? Strömt von ihrer Weiblichkeit kein Zauber aus, der Sie gefangen hält, Herr Direktor?

– Es fehlt eben all dies.

– Seit wie lange?

– Seit jeher. Seit dem Beginne unserer Ehe.

– Wie lange ist seither?

– Sechsundzwanzig Jahre.

– In welchem Alter heirateten Sie Ihre Frau?

– Ich war damals 26 Jahre alt.

– Und Ihre Frau?

– Im selben Alter.

– Dieser Mangel an Altersunterschied zwischen Mann und Frau spielt in vielen Fällen eine große Rolle. Ein gesetztes Mädchen von 26 Jahren hat naturgemäß die geistige Reife für einen Mann von 40 Jahren. Gegen ein Mädchen dieses Alters erscheint ein sechsundzwanzigjähriger Mann von durchschnittlicher Lebenserfahrung und normaler geistiger Entwickelung als ziemlich unreif. Ein solcher entspricht zumeist dem allgemeinen Reifegrade eines sechzehnjährigen Mädchens. Bei der ersten besten Gelegenheit bekundet der Mann seine Unreife im Urteil, im Handeln. Er hört auf der Frau zu imponieren und da ist es mit der Liebe bei ihr aus.

– Dieser Umstand, daß ich innerlich verhältnismäßig viel jünger war, es eigentlich immer bin und es bleiben werde, hat gleich bei Beginn unserer Ehe tiefe äußere und innere Konflikte hervorgerufen und gleichsam mit dem ersten Streite unseren inneren Bruch vorbereitet. Meine Frau ist ja ernst und immer nur ernst und sie faßt das Leben ganz anders auf als ich.

– Sie wird vielleicht nur schwerfällig sein. Sie, Herr Direktor, sind ja doch auch kein »Leichtsinn«! Ein Mann, dessen Name wie der Ihrige mit der Gründung und Führung so tüchtiger, wichtiger Institutionen verknüpft ist, z. B. die Vereinigten Brauereien, die verschiedenen, Körpergymnastik fördernden Klubs, so ein Mann weiß doch, was er will, was er wollen soll, wann er ernst zu sein hat und wann heiter.

– Das Weiterrücken von einander nahm eigentlich schon zwei Tage nach unserer Hochzeit seinen Anfang.

– Das ist allerdings sehr bald.

– Ich war ein Freund allen Bewegungssportes.

– Das sieht man Ihrer schlanken, jugendlich elastischen Gestalt auch an.

– Auch ein firmer Eisläufer. Ich dachte, meine Gattin, mein Weib, müßte teilnehmen an allem, was mich interessiert.

– Das ist auch eine Gewähr für den dauernden Bestand der Zueinandergehörigkeit, für das organische Miteinanderzusammenwachsen.

– Gewiß! Und so forderte ich zwei Tage nach unserer Hochzeit meine Frau auf, mit mir auf die Eisbahn zu gehen. Ich werde ihr das Schlittschuhlaufen beibringen und wir werden dieses gesundheitsfördernde Vergnügen immer mitsam genießen. All mein Bitten, all meine Vorstellungen, alles Aufzählen von Vernunftsgründen, wie vorteilhaft für sie, die schon damals, wie ihre ganze Familie zum Dickwerden neigte, waren vergebens. Sie prallten ab, an ihrem starren Widerwillen »unnütz Zeit zu verlieren«.

So dachte sie darüber in ihrem überkommenen Prinzip von den Zeitersparungspflichten einer fleißigen Hausfrau. Daß dieses hausbackene Prinzip, so vortrefflich es auch sonst sei, nicht in jedem Momente anzuwenden ist, und daß zur Unzeit sparen – verlieren bedeutet, das bedachte die kluge, mir überlegen sich dünkende junge Frau von 26 Jahren nicht. Was war die Folge, daß ich sie nicht bewegen konnte, mit mir Schlittschuh laufen zu gehen? – Daß ich allein ging, immer allein! Immer ohne sie. Also schon da fing ich an, mich abzugewöhnen von ihr. Anfangs freilich ging ich ungern allein fort. Später trachtete ich allein fortzukommen vom Hause; denn es ergaben sich beim Zusammenleben ewige Differenzen in unseren Anschauungen. »In kleinen Dingen nur« dachte ich, so lange ich jünger war. Mein Blick hatte noch nicht die Klarheit und Reife von heute. Heute aber, und seit Jahren schon weiß ich, daß wir in den Hauptsachen des Lebens verschiedener Meinung sind, und nur eben die kleinen Dinge ähnlich betrachten. Ich sprach zu Ihnen, Herr Doktor, vom Schlittschuhlaufen. Das war nur, um gerade bei dem anscheinend geringsten Anlaß und mit dem Anfang vom schleichend kommenden Ende zu beginnen. Meine Frau war an die Anspruchlosigkeit und Sparsamkeit gewöhnt, welche ihre Erziehung in ländlicher Eingezogenheit mit sich brachte. Darum überschüttete sie mich mit Vorwürfen, wenn sie bemerkte, daß ich beispielsweise auf einem Ausfluge weniger knickerte, weniger feilschte, als sie es bei ihren Eltern zu sehen und zu thun gewohnt war.

– Sie betonte hierdurch nur um so nachdrücklicher ihren wirtschaftlichen Sinn, der doch auch Ihnen, Herr Direktor, zu Gute kam, zu Gute kommen sollte.

– Allerdings. Doch mußte sie an mich, als den Mann von größerem Style, einen andern Maßstab anlegen bei dem, was ich verausgabe und wie ich verausgabe, als an sich, der bescheidenen, die Lebensgenüsse nicht kennenden und nicht fordernden Frau. Sie aber schalt mich, machte mir jedesmal die bittersten Vorwürfe, und in welch häßlichen, brutalen Wutausbrüchen! Selbst mit den Wegen, die ich auf einem Ausfluge einschlug, war sie niemals zufrieden. Mit mißbilligenden Mienen und schmälenden Worten begleitete sie mich. Jeder Ausflug in ihrer Gesellschaft wurde mir zur Pein und endete mit einer Verbitterung gegen sie. Denn jedesmal fühlte ich mich durch sie beleidigt und herabgesetzt.

– Die zunehmende Korpulenz Ihrer Frau hat es ihr wahrscheinlich beschwerlich gemacht, dem leichtfüßigen Gatten auf seinen Berg- und anderen Partien zu folgen. Vielleicht daher ihre jedesmalige Verstimmung.

– Nahm ich denn nicht Rücksicht auf ihre Körperschwerfälligkeit? Merkwürdig! Selbst das Gehen, sie am Arme, wurde mir unmöglich. Denn sie geht von jeher in ganz anderem Takte, und kann sich auf meinen Schritt nicht einrichten.

– Nun, das Eheleben und das Glück des Ehelebens gründet sich ja nicht allein auf die Ausflüge, die man mit seiner Frau unternimmt.

– Wie sich auf den Ausflügen ihr Wesen dem meinigen entgegenstellte, so war es aber bei allen wichtigen Lebensfragen ja auch! Wir waren fast niemals einig in einer Sache. Denn sie ist nicht gut; sie ist nicht gütig, nicht milde; sie ist nicht von jener echten, wohlthuenden Güte, die aus dem Herzen kommt, das nicht anders sein kann als gut. Sie ist daher auch unnachsichtig. Sie war es mit meinen Schwächen. In der starren Korrektheit ihres sonnenstrahllosen Wesens hob sie selbst sich auf ein Piedestal über mich, über die anderen. Gebläht von der hohen Selbstmeinung ihrer Überlegenheit blickte sie dünkelhaft herab auf mich. Wie Ihnen, Herr Doktor, bekannt, ist unsere Ehe von Kindern nicht gesegnet. Wir bekamen im ersten Jahre ein Kind, das starb nach wenigen Monaten. Dann kam nichts mehr.

– Ihre Frau ist zu fett.

– Vermutlich! Als kinderloser Mann in guter Stellung fühlte ich denn das Bedürfnis, meinen Verwandten nach Kräften aufzuhelfen. So nahm ich manche arme Nichte oder Base ins Haus und ließ sie in der Großstadt bilden.

– Das ist ja sehr schön von Ihrer Frau, daß sie darein willigte, sich die Last der Erziehung fremder Kinder aufzubürden.

– Freilich, leicht war es nicht für mich, sie dazu zu bewegen. Doch hatte ich gerade da so oft Gelegenheit, den Mangel an Herzensgüte bei ihr zu beobachten. Es kam dann bei solchen Anlässen zu Streitigkeiten zwischen mir und ihr. Wie lieblos war sie oft gegen diese armen Geschöpfe; wie maulte sie, wie nachsichtslos strafte sie ihre kleinsten Vergehen! Und dann dieser unerträgliche Dünkel, dieses ewige von oben herab! In sich zusammengesunken vor Demut und Scheu wandelten diese armen Mädchen in ihrer Nähe vereinsamt einher. Mit keinem Sonnenstrahl liebewarmer, aufmunternder Freundlichkeit fiel es ihr ein, dieselben an sich zu ziehen. Immer ließ sie die Armen ihre bittere Abhängigkeit fühlen, immer das Joch des Gnadenbrotes.

– Und ihre Zärtlichkeiten im ehelichen Leben?

– Für diese hatte sie keinen Sinn, keine Anmut, die sie weckte . . . Die zärtlichen Ausbrüche meines Liebebedürfnisses, wies sie schon kurz nach der Hochzeit ungelenk, anmutlos zurück. Zuerst erklärte ich mir das mit ihrer jungfräulichen Scheu. Doch als ich nach Jahr und Tag keine Änderung in ihrem Verhalten wahrnahm, kam ich zur Einsicht, daß sie eigentlich kein Temperament hat, keine Empfänglichkeit für Liebe, für die auch zarteren seelischen Äußerungen des Liebeslebens.

– Vielleicht fehlt ihr nur jene anmutende, liebliche, bezaubernde, zu sich ziehende, den Mann fesselnde Ausdrucksfähigkeit für ihre zarteren Gefühle?

– Die Ausdrucksfähigkeit und die zarteren Gefühle.

– Allerdings geht bei den meisten dickleibigen Personen alle intensivere, auch geschlechtliche Regungsfähigkeit in Fett über. Sie scheinen mit einem zu massigen Fleischpanzer vor überhaupt zarteren Gefühlsregungen bewahrt zu sein.

– Es scheint so.

– Oder aber verzeihen Sie, Herr Direktor, eine ebenso naheliegende Möglichkeit: vielleicht sind Sie, trotz Ihrer ausgezeichneten körperlichen sowie seelischen und Charakter- Eigenschaften oder gerade wegen derselben denn doch nicht das Ideal dieser Frau. Wer weiß, ob sie nicht mit seligem Behagen an ihr Herz drücken würde lieber irgend einen behäbigen Landbürgermeister, der, nun, der die gleichen spießbürgerlichen Anschauungen im engen Gedankenzirkel hat, ganz wie sie.

– Und doch war ich dieser Frau zehn volle Jahre lang treu, ohne eine einzige Abweichung von meiner ehelichen Pflicht.

– Sie waren eben jung und voller Herzensfrömmigkeit!

– Das Sakrament der Ehe schien mir unantastbar, nicht denkbar, entweiht werden zu dürfen! Als ich etwa nach zehnjähriger Ehe einen Ehemann einmal von seinen Liebesabenteuern erzählen hörte, stand ich entsetzt und entrüstet vom Tische auf und mied von da an den Betreffenden mit Verachtung.

– Ja, Sie waren ein unschuldvolles, reines Gemüt, Herr Direktor!

– Das heißt, noch in der Verpuppung, ein blinder Engerling, dem die Schmetterlingsflügel hinaus noch nicht gewachsen, waren . . .

– Und wuchsen sie Ihnen?

– Alles kommt erst zu seiner Zeit! Langsam, sehr langsam dämmerte dann erst das Bewußtsein in mir auf, daß die Nähe meiner Frau eigentlich ganz reizlos für mich ist und nur von ordinärer Notwendigkeit.

– Und zu dieser Bewußtwerdung brauchten Sie?

– Fast 15 Jahre. Nein, länger. Je mehr die Gedanken auch über die großen Dinge in der Welt sich in mir klärten, je mehr mein Blick sich weitete, desto mehr fühlte ich, ich bin zu Hause auch mit meinen Gedanken - allein. Wenn ich so das Bedürfnis hatte, zu meiner Frau mich auszusprechen über meine religiöse Überzeugung, sagen wir z. B. von dem wunderbaren Zusammenhange zwischen Ursache und Wirkung in allem Geschehen, wenn ich so über die verschlungenen Wege sprach von der Schuld bis zu ihrer Sühne: mußte ich abbrechen. Meine Frau erklärte mich für einen Narren. Langsam kam ich dann zur Überzeugung, daß diese imposante Frau einen sehr winzigen, engen Gesichts- und Gedankenkreis hat. Ich sah ein, daß ich eigentlich mit ihr nicht ein Wort sprechen dürfe, das ihren kleinen, beschränkten Gesichtskreis übersteigt. Sie verstand mich nicht und ward widerhaarig bei solchem Gedankenaustausch. Ich hatte manchmal das Bedürfnis, zu ihrer Belehrung ihr in allem Geschehen Gott zu weisen. Gott zu weisen in der großartigen Gerechtigkeit, die sich mit eherner Unabwendbarkeit im Großen wie im Kleinen vollzieht durch das Gesetz der naturgemäßen Folgerichtigkeit: doch sie wehrte mir schreiend ab. Sie glaubt an keine Gerechtigkeit in der Welt. Sie beurteilt alles kurzsichtig und oberflächlich nach dem Scheine. Sie sucht ihren Gott in den Kirchen, im Besuch der Altäre, auf Wallfahrtsorten, in heiligen Ceremonien. Gott giebt sich mit uns Kleinigkeiten nicht ab, da hätte er viel zu thun! ist ihr geflügeltes Wort. Bei einem strafenden, schrecklichen Familienereignisse, das die Zuschauenden erstarren machte, mit der Frage: »Warum mußte dies geschehen?« wies ich auf den Teppich des Apostels Paulus hin: Der gewöhnliche Mensch sieht nur die rechte Seite, das fertige Muster. Das tiefer blickende Auge besieht sich aber die Kehrseite, verfolgt die vielfach verschlungenen Fäden, die das Gewordene hervorgebracht haben. Sie lachte mich aus. Daß in That umgesetzte Herzensgüte Religion ist, davon will sie nicht hören. Denn sie liebt es, hochmütig und hart zu sein, sich mit Weihwasser zu besprengen, und Jesus täglich mehrere Male die Füße zu küssen. Also auch nicht erquickt, niemals erquickt von einem derartigen Gespräche, suchte ich ihre Nähe von Jahr zu Jahr weniger. Und nach einem Vorwand ausblickend, ihr so viel als möglich ferne sein zu können, dachte ich die verschiedenen Sportklubs aus, – deren Gründung so glänzend ausfiel.

– Surrogate für das Glück, das mir in meinem Hause mangelte.

– Ja, das echte Weib muß den für sie passenden Mann auch halten können, halten durch die Anziehung ihrer warmen Seele, ihres anmutigen Wesens und –

– Sie hat eben auch nicht jenen einschmeichelnden Zauber der echt weiblichen Natur, darin dem Manne so wohlig ist, daß er gar nicht fort will, fort möchte zu einer anderen. Von einem Weibe, bei welchem es mir wohlig ist, möchte ich wahrhaftig nicht fort, denn ich bin von angeborener Treue.

 – Das beweist ja Ihre vieljährige vergehenlose Treue gegen sie.

– Doch immer mehr drängte es mich dann von ihr fort, denn es war mir immer weniger wohl in ihrer Nähe. Da ward ich auch Radfahrer, und zwar so leidenschaftlicher Radfahrer, daß ich an Sonn- und Feiertagen Touren machte, die mich den ganzen Tag von zu Hause fernhielten.

– Und damit war Ihre Frau einverstanden?

– Dagegen hatte sie garnichts.

– Keine Sehnsucht? Keine Eifersucht?

– Nein! Sie wußte, daß ich ihr treu bin. Wie auch nicht? Ihr?! Das Alleinsein schien ihr bequem: sie fühlte sich behaglich dabei. Sie strickte indessen für mich Socken und las die Mühlbach dazu, ja und die Marlitt.

– Und Sie waren da wirklich noch immer von hündischer Treue?

– Ja! Ich war wie viele Männer, die in der Ehe unbefriedigt, verdrossen, mürrisch werden und nicht zum Bewußtsein kommen, daß es eigentlich die Sonne der Liebe ist, die ihnen mangelt. Ich hatte wohl Sehnsucht, jedoch unbestimmt, nach was. Vielleicht wagte ich nicht, über die Sache tiefer nachzudenken, zu grübeln und mir mutig einzugestehen, daß ich eine unendliche, lähmende Sehnsucht hatte nach – Liebe. Übrigens bin ich Frauen gegenüber sehr schüchtern und scheu.

Ich habe aber ein tiefes Bedürfnis nach Zärtlichkeit. Denn ich hatte eine armselige, harte Kindheit an der Seite einer Stiefmutter, die mich nicht mochte.

– Und bei alledem haben Sie wirklich keinerlei Seitensprung? –

– Zehn Jahre keinerlei. Freilich, wenn ich so durch neue Gegenden auf dem Rade dahinjagte, pochte mir oft sehnsuchtsvoll das Herz beim Ausschauen zu irgend einem Mädchenkopf, der so hinter den Gardinen herab auf mich sah. Und da träumte ich dann den ganzen Tag hin von einem ungeahnten, mir noch ungekannten Glück voll Innigkeit und wärmender Zärtlichkeit. Unter den allerlei Surrogaten, die ich mir für das fehlende häusliche Glück suchte, war auch, daß ich mir Gesellschaft ins Haus lud. Denn das Alleinsein mit meiner Frau teils ödete es mich an, teils blödete es mich an und zu oft kam es zu mehr oder weniger aufregenden Wortwechseln, worin meine Frau immer die Rolle der weit überlegenen annahm. Bald galt es, an meinen geschäftlichen Unternehmungen demütigende Kritik zu üben: bald schulmeisterte sie mich wegen meiner leichten Hand im Geldausgeben, bald wegen meiner »Vergnügungssucht«, die sie nicht teilte, wenn ich ab und zu nach den schweren Mühen des Werktages Sommers zu einer Abendmusik ging, zu der sie nicht gehen wollte. Dieser Behandlung widersetzte ich mich, und stellte ich an manchen meiner Mißerfolge sie als Ursache hin, dann geriet sie in schäumende Wut. Wie oft mußte ich sie nachts daran hindern, sich in solchen Momenten aus dem Fenster zu stürzen!

– Eine sehr gemütliche Ehe! Wußte man von solchen Konflikten in der Nachbarschaft, in der Familie?

– Ach nein! Meine Frau ist sehr ehrbar und stolz und hält auf die Wahrung der Dehors. Nicht einmal den allernächsten Familienmitgliedern teilte sie sich diesbezüglich mit. Und ich natürlich auch nicht. Wir machten Besuche bei der Familie mitsammen. Ich begleitete die Frau überallhin. Man sah uns immer zusammen.

– Und so hielt man Sie für ein beneidenswertes, musterhaftes Ehepaar.

– Sie flößte mir auch niemals Mut ein für meine Unternehmungen. Im Gegenteil. Sie war es, die mich in allen Lagen noch entmutigte. Und ich denke, die Frau soll dem Manne Mutgeberin sein.

– So viel ich beobachtet habe, ist die Frau dort nicht Mutgeberin, wo sie den Mann nicht liebt. Übrigens sinkt erfahrungsmäßig in einer Ehe, wo alles nicht klappt, zuerst der Frau der Mut. Und es wird ihr schwer, mit dem ungeliebten Manne das Ungemach zutragen.

– Öde! Mir war es öde zu Hause! In späteren Jahren ließ ich mich manchmal zu einem galanten Abenteuer verlocken. Aber mein Interesse war jedesmal nur von kurzer Dauer. Ich fand keine Befriedigung darin. Und so verlegte ich mich auf den Radfahrsport. Ich fuhr und fuhr aus Mangel an Glück, an innerer Befriedigung. Wie armselig erschien mir mein Leben! Oft dachte ich, wenn ich so über einen gefährlichen Abgrund auf dem Rade dahinsauste: wie wenig wäre mir daran gelegen, da in die Tiefe zu stürzen und meinem inhaltsarmen, unbefriedigenden Dasein ein Ende zu machen!

– So gleichgültig war das Leben Ihnen geworden?

– So gleichgültig, gelebt neben meiner Frau. So wenig bot es mir in dieser Ehe.

– Traurig.

– Ja, traurig.

– Freilich das Radfahren allein füllt den Menschen nicht aus. Doch Ihre großen Unternehmungen? Die Gesellschaft?

– Ich hatte angefangen, mich zu fragen: wofür? Sich sagen zu können für »Weib und Kind« ist ein Ansporn. Hatte ich Kinder? Hatte ich ein Weib, das ich liebte? Das mich ausfüllte, oder das nur einen bedeutsamen Platz in meinem Leben einnahm? Und die Gesellschaften? Mein Gott! Ein Mann von Innerlichkeit kommt doch bald darauf, was die sogenannten Gesellschaften bedeuten, wenn man weder Litterat noch sonst ein Mann der Wissenschaft oder Kunst ist, und sich nicht einen Freundeskreis auserlesener Menschen zu schaffen weiß. Man bietet ihnen auf eigene Kosten im eigenen Hause Unterhaltung und Zerstreuung, man zahlt für sie im Gasthaus; man hält sie auf Ausflügen frei; man ist ihnen durch seine Protektion nützlich. Man hilft ihnen dort und da aus. Näher besehen, man braucht nicht erst eine Loupe dazu, ist es nichts als – Egoismus, was die sogenannten »Freunde« im gemeinen Sinne anzieht und an uns hält. Und wieviel Hohlheit unter ihnen! Wieviel Zeit hab ich da vertrödelt mit den Kartenspielpartien! Es ist nicht das, um was man das Leben lebt, um was es gelebt sein will! Ich hatte mich also krank »gefahren«. Infolge zu vielen anhaltenden Radfahrens litt ich an einer hochgradigen Nervosität, an einer Gereiztheit, die mich quälte. Auch hatte ich hinter mir eine Ischias, die mir Erkältungen durch das Radfahren eingebracht hatten.

Bei ihrer ererbten Veranlagung zum Fettwerden war meine Frau infolge Mangels an zureichender Bewegung und durch zu bequeme Lebensweise so stark geworden, daß sich bei ihr alle Symptome einer Herzverfettung zeigten und man befürchtete einen nahen Herzschlag. Zur Bekämpfung des Übels verordneten ihr die Ärzte Landaufenthalt und anstrengende körperliche Beschäftigung in freier Luft. Ich erwarb also in ihrer Heimat ein Grundstück, ließ ihr darauf eine Villa bauen und legte ihr einen Gemüse- und Obstgarten an, kaufte Acker dazu und trug ihr die Aufsicht und Sorge über Garten- und Feldarbeit auf. So bot ich ihr die richtigen Mittel zur radikalen Bekämpfung des Leidens in einer erwünschten ersprießlichen Weise; in ihrer Heimat, bei den ihrigen.

– Hatte sie denn gegen diese Trennung nichts einzuwenden?

– Ich kam jede Woche auf 2 Tage hinaus zu ihr. Freudig wandte ich Mühe und Kosten auf, um den Besitz meiner Frau nach Möglichkeit auszugestalten, zu verschönern, zu bereichern. Ich interessierte mich für alles in Haus, Garten und Feld. Bei allen Arbeiten legte ich gern selber Hand an, das freute mich, das zerstreute mich. Das half mir ein wenig hinweg über meine innere Unbefriedigtheit, über meinen geheimen Liebeshunger. Da machte ich die Bekanntschaft einer Frau, einer nicht gewöhnlichen Frau. Sie war Wittwe zufällig, nein: durch Fügung.

– Eine junge Frau natürlich?

– Nur um 8- 10 Jahre jünger als meine Frau. Aber um eine ganze Jugend jünger als meine Frau.

– Äußerlich?

– Auch innerlich. Meine Frau, nur die Treue selbst, die Würde selbst, doch nur behäbig, nur gesetzt seit jeher, seit ihren Mädchentagen.

– Es giebt Frauen, die eigentlich niemals jung waren, und diese sind es, die sobald alt erscheinen, weil sie ja innerlich längst alt sind.

– Diese Frau ist das Gegenteil. Ich fand Gelegenheit, mit ihr öfter zu sprechen, ihr Wesen zu beobachten. Da quoll mir eine Seele entgegen, auf die mein Herz zeitlebens unbewußt geharrt hatte, sie mit seiner leeren Ganzheit in sich aufzunehmen. Ich wurde von Tag zu Tag mehr verblüfft über die ungeahnten Seelenschätze dieser reichen Natur, und welcher Gleichklang in unserem Herzen, unserem Gemüte! In ihrer Nähe öffnen sich alle Ventile meiner Seele. Alle Quellen des Herzens beginnen zu rauschen, überstürzen sich, und mein Herz ergießt sich ihr in einem Redefluß. Es drängt mich, mich ihr mitzuteilen, rückhaltlos. Und mir ist, als müßte mein Sein überfließen in das ihrige, der ganze Inhalt meiner Seele überfließen in die ihrige. Bei ihr werde ich redeselig auch schon bei der bloßen Erinnerung an sie und wir haben uns immer etwas zu sagen, und alles, was wir uns sagen, ist so interessant, die Zeit flieht da. Das Gegenteil bei meiner Frau: bleiern, lähmend lastet es da auf mir. Als ob ich ihr nichts zu sagen hätte. Wie die Blume am Abend, so schließt sich mein ganzes Seelisches in ihrer Gegenwart. Ich bin dann einsilbig, mißgelaunt, ja fast dumm, denn ganz ohne jene Elektrizität, die vom Menschen zum Menschen überspringt; dagegen die andere! Täglich offenbarten sich mir neue Überraschungen ungeahnter Schätze in dem Wesen dieser Frau. Ein neuer Daseinsfrühling wehte mir entgegen aus diesem bezaubernden weiblichen Geschöpf. Der Frühling, denn ich hatte diesen nicht gekannt. Ich hatte diesen Frühling nie geschaut, nie geahnt. Ich sah ein, daß ich mein Leben bis dahin vertrödelt hatte, vertrödelt mit meiner Ehe, die keine Ehe ist, und vertrödelt mit mehr oder weniger wertlosen, meist reizlosen, armseligen Menschen männlichen wie weiblichen Geschlechts.

– Wie alt waren Sie damals, Herr Direktor?

– Gerade 49 Jahre. Ich fing an, Vergleiche anzustellen zwischen meiner Frau und dieser Frau, äußere, innere Vergleiche. Da sah ich erst, da begriff ich erst, da erfuhr ich erst, was edle, weibliche Anmut ist, und erkannte, daß einer der Hauptfehler meiner Frau eigentlich der war, daß sie eben diese Anmut ganz entbehrte.

– Und diese ist beim Weibe so ganz unentbehrlich.

– Ja, sie hält den Mann allmächtig fest, wie jene magnetische Kraft, durch welche die Sterne am Himmel festgehalten werden. Und was die oberste Bedingung ist, ein Wesen liebenswert zu machen: Virginie ist gut, von echter, edler Güte, welche das Symptom tiefer Herzensbildung ist. Und diese mangelt meiner Frau.

– Ja, aber Herr Direktor hatten doch nicht Gelegenheit, in das ganze Wesen dieser Frau so zu schauen, wie in das Ihrer Gattin. Das wahre Wesen offenbart sich einem eigentlich erst bei den vielen wichtigen Anlässen im Zusammenleben. Die Geliebte hört man nur überdies und das reden. Zum Thun stellen sich die sogenannten schönen Seelen oft ganz anders und minder schön, als sie reden.

– Diese Frau habe ich eben auch handeln sehen. Ihr Leben ist ein reicheres, bewegteres, als das träge, inhaltsarme Dasein meiner Frau. Sie hat drei Kinder, und ihre Pflichten stellen größere, höhere und schwerer zu erfüllende Anforderungen an sie als an meine Frau. Und die wohlthuende Herzenswärme, die von dieser ganzen Frau, dieser Vollnatur ausströmt!

– Bei kinderlosen Frauen hat das Gemütsleben weniger Gelegenheit, sich zu entfalten. Sie sind von mehr Gefühlshärte und für vieles im Gefühlsleben farbenblind.

– Ich hatte meine Frau früher immer für schön gehalten. Durch die Veredelung meines Geschmackes, meines Gesamturteils durch diese Frau gewann ich erst die Überzeugung, daß sie eigentlich plump, unschön und unsympathisch ist und es auch immer war. Keine Spur von einer edlen Linie in ihrem Antlitze, in ihrem ganzen Körperbau; auch ist sie von wenig gebildetem Geschmack auf allen Gebieten.

– Sie ist eben von derberem Menschenschlage.

– Der Umgang mit meiner angebeteten Freundin wirkte bildend, veredelnd, mäßigend auf mich. Von ihr lernte ich erst Zorn und jede unschöne Aufwallung bändigen. Ich lernte von ihr überhaupt das edle Maß in allem Thun, durch sie bildete sich erst mein Interesse an den höheren geistigen Darbietungen von Kunst, bildete sich mein ästhetischer Sinn.

– Wo nahmen Sie denn die Zeit her, sich auch dieser Frau zu widmen bei den großen Geschäftsunternehmungen, deren Seele, deren Leiter Sie sind?

– Um mit ihr sein zu können, gab ich vor allem das Radfahren auf.

– Das Sie so leidenschaftlich betrieben hatten?

– Es hörte auf, mich zu interessieren in dem Maße, als mein Interesse für diese Frau wuchs. Da ward ich aber auch erst wieder gesund und kräftig. Ich verlor meine Nervosität, die Gereiztheit meines Wesens wich und ich war ein glücklicher Mensch im Vollgenusse echten, wahren Glückes und ungestörter Gesundheit. Jauchzend danke ich Gott täglich und in jedem Atemzuge für die Huld, die er mir erwiesen, indem er mich diese Frau finden ließ. Denn die rechte Frau überhaupt finden ist eine göttliche Gnade. Glauben Sie mir das, Herr Doktor! Ich danke ihm, daß er mir diese letzte Liebe schenkte! Es ist eigentlich meine einzige, meine erste Liebe. Ich schwöre es Ihnen, ich wußte bis dahin nicht, was lieben heißt. Und diese Liebe ist eine große, heilige Sache, glauben Sie mir es, Herr Doktor, ein lebenserfahrener Mann von 55 Jahren sagt Ihnen dies.

– Ja, es ist so, auch ich weiß das.

– Jeder weiß das nicht. Nicht jeder kennt die echte Liebe. Meine Liebe für dieses Weib war zugleich das Scheidewasser, das mich erst erkennen ließ, wie meine Ehe von allem Anbeginn nicht geweiht war von dem echten Gefühl der Liebe. Ich lernte nun einsehen, daß es sich bei einer echten richtigen Ehe nicht mehr darum handelt, ob ein Zusammenleben erträglich oder unerträglich ist, sondern daß es sich darum handelt, ob der eine jenen anderen gefunden hat, mit dem eins zu sein, ihm bis in die feinste Fiber Wonne und Süße ist! Denn die Wesensstoffe müssen sich ganz vereinigen können, sonst scheiden sie sich gänzlich wie Laura Marholm so ganz zutreffend sagt:

– Ja, solche Bedürfnisse sind der Gradmesser höchster Kultur. Doch selbst bei hoher Kultur leben im Durchschnitt die besten Menschen in diesem Punkte in traurigem Mißverhältnisse, will sagen verkrüppelten Beziehungen zu einander. Sie leben nur nebeneinander und nicht wie es sein soll miteinander.

– Das kommt von der Irreparabilität des Mißgriffs, den sie bei ihrer ersten Ehewahl begehen. Ich erkannte denn, daß mir all die Zeit verloren ging, ungeliebt, leer – in einer Scheinehe – sozusagen seelisch unkonsumiert. Um ja keine Zeit mehr zu verlieren, von meinem kargen Lebenszeitreste, trat ich denn auch die Leitung der verschiedenen Klubs an Andere ab.

– Und vernachlässigten Sie dabei Ihre Frau nicht?

– Im Gegenteil! Von dem Moment an, wo mich eine gütige Vorsehung das wahre Glück finden ließ, behandelte ich meine Gattin mit verdoppelter Aufmerksamkeit aller Art.

– Merkwürdig! Sonderbar!

– In stiller Dankbarkeit dafür, daß sie mich in meinem endlich gefundenen Glück nicht behinderte, nicht störte. Ich baute ihr noch eine zweite Villa. Ich richtete unsere Stadtwohnung prunkvoll neu ein. Ich ließ sie kostspielige weite Vergnügungsreisen machen.

– Natürlich allein.

– Selbstverständlich.

– Ja, so pflegt es oft vorzukommen. Wußte sie von ihrem Liebesbunde?

– Sie hatte nicht die leiseste Ahnung davon, daß ich eine andere liebe und nicht sie.

– Daran schon sieht man –. Denn unmöglich kann sich ja ein Mann bis zu diesem Grad verstellen, daß eine feiner oder nur normal empfindende, liebebedürftige Frau die Abnahme in des Gatten Liebestemperatur nicht merken sollte.

– Hatte ich sie denn dann weniger lieb als vordem? Ich hatte ja keine Liebe zu heucheln, ich brachte ihr unverändert die gleichen Gefühle entgegen wie während der ganzen Zeit unserer Ehe bis dahin. In diesen Gefühlen hatte ja meine Liebe zu Virginie keinerlei Veränderung herbeigeführt.

– Merkwürdiger Mangel an feiner Liebesempfindsamkeit, Unempfindlichkeit möchte man sagen!

– Sie verbrachte alljährlich 8 Monate auf ihrem kleinen Landgute. Ich besuchte sie dort nach wie vor regelmäßig einmal jede Woche. Freilich blieb ich später nur einen, dann nur noch einen halben Tag. Denn eine namenlos quälende Eifersucht und Sehnsucht ließen mich fern von meiner Angebeteten keine Ruhe finden. Und war ich bei meiner Gattin, so weilte ich thatsächlich nur körperlich dort, meine Seele war abwesend und befand sich bei meiner Geliebten. In späteren Jahren kam ich wohl immer seltener. Dachte mir immer neue Ausflüge aus, mein Kommen so oft als möglich verschieben zu können. Auch verloren meine Villa, der Garten ihren alten Reiz immer mehr für mich.

– Und die Gattin kümmerte sich darum nicht, was Sie so allein in der Hauptstadt machten? Hatte sie wirklich gar keinen eifersüchtigen Gedanken?

– Nein. Ganz sorglos überließ sie mich mir selber.

– Das war nicht recht von ihr. Man muß auf alles acht geben; am allermeisten hat das von dem Wertvollsten zu gelten, von dem Gatten. Waren Sie vielleicht so zärtlich mit ihr, daß sie sich in dem Gefühle, etwa übergeliebt zu sein, sorglos einwiegte?

– Zärtlich? Eheliche Zärtlichkeit gab es ja niemals zwischen uns, denn sie pflegte sie nicht. Sie hatte keine für mich und forderte keine von mir, sie hatte mir die Zärtlichkeit ja abgewöhnt.

– Und das Weib muß für den Mann eine fruchtbare Wärme ausstrahlen. Es giebt aber leider ähnlich wie bei Ihrer Frau eine Menge Frauen sowie auch Männer, in denen die Sprödigkeit der Seele, die Hölzernheit und Kargheit der Empfindung niemals jene Läuterung der Empfindung zuläßt, welche die Liebe ist.

– Die Zärtlichkeit der sinnlichen Aufwallung war ihr vollends zuwider und lehnte sie es schon seit dem ersten Jahre unserer Ehe ab, wenn ich mir zu einer solchen den Anlauf genommen hatte.

– Eine unglückliche oder auch nur geschlechtlich unpassende Ehe unterdrückt bei einer sittlich reinen Frau sehr häufig das Geschlechtsgefühl.

– Ach, das war doch hier nicht der Fall.

– Wer weiß . . . da müßte man auch die Frau fragen.

Und glaubte sie an Ihre eheliche Treue?

– Sie fand sie selbstverständlich. Schon in dem dünkelhaften Bewußtsein ihrer eigenen, über jede Rivalität erhabenen Vortrefflichkeit, ihrer Unfehlbarkeit und ihrer selbstverständlichen Überlegenheit in jeder Richtung über andere Frauen. Sie ist herrschsüchtig. Trotz ihres alltäglichen, ganz gewöhnlichen Bildungsgrades hat sie das Bedürfnis, zu herrschen, und sei es nur über gewöhnliches Volk, Existenzen geringerer Sorte, Bauern, Dienstleute und dergleichen. Dagegen hält die andere, eine vornehme, durchgeistigt reiche Natur ohne es zu wollen durch ihre hervorragende Individualität geistiges Menschentum in ihrem Banne. Mein Interesse für die Wittwe wuchs organisch allmählich zu einer unentwurzelbaren Liebe. Der Umstand, daß sie drei liebe Kinder hat, befestigt nur noch das Seelenband, das mich mit ihr auf immerdar verknüpft. Denn ich fühle dadurch viel Gelegenheit und eine längst ersehnte, zum Bedürfnis gewordene Gelegenheit: mein zu väterlicher Fürsorge veranlagtes Wesen zu bethätigen. Zu meiner freudigen Genugthuung bethätige ich es da vollauf. Ich habe die Kinder meiner Freundin in mein Herz geschlossen, als wären es meine eigenen. Was ich mein ganzes Leben vermißt habe, da fand ich es: einen Familienkreis, meinen Familienkreis, den ich liebe, der mir teuer ist, der mir gefällt, der mir alles ist, für den ich lebe, für den ich sterbe. Das Haus meiner Angebeteten ist mein Paradies auf Erden. In ihrem Verkehr, im Besitz ihrer Seele finde ich allen Erdenlohn. Ja, sie ist meine ganze Welt. Selig sonne ich mich an der Herzenswärme, die von ihrer reichen Natur ausströmt.

– Sie werden ja poetisch bei der bloßen Erinnerung an diese Frau!

– Ja, die Macht der Liebe treibt selbst im Kaufmanne den Poeten an die Oberfläche. Übrigens habe ich auch schwere, harte Kämpfe zu bestehen gehabt durch diese große, ernste Liebe. Ich habe an mir erfahren: Die Liebe macht traurig. Für die wie ich erotisch veranlagten Naturen ist die Liebe nicht eine Sache, die man nur so nebenher abmacht, und dabei den Kopf oben behält.

– Wie, Sie sollten ihn nicht immer oben behalten haben?

– Nein! Die Liebe nimmt den ganzen Menschen in Beschlag und erst die späte Liebe, die hat mich ergriffen wie ein Schicksal. Diese Liebe ist mir alles, und alles andere ist mir nichts geworden.

– Nur feinere Organismen sind der Liebe – dieser Liebe – fähig. So wie die Liebe der Lebensinhalt des richtig veranlagten Weibes ist, so ist sie beim Manne höchste Läuterung des Geschlechtstriebes. Darum sagte ich ja, daß nur Adelsmenschen einer höheren Kultur dieser Liebe fähig und ohne diese Liebe unbefriedigt sind.

– Sie bringt des Lebens Inhalt erst zum Bewußtsein; ja, sie ist das Leben selbst.

– Dieser Liebe unterordnet der Mensch alles andere.

– Alles andere, aber nicht das Pflichtbewußtsein.

– Wie lange dauert dieser Liebesbund schon?

– Sechs Jahre, Herr Doktor.

– Und so lange waren Sie wirklich im stande, Ihre Liebe zu einer anderen vor Ihrer Frau zu verheimlichen?

– Seit zwei Jahren weiß sie darum.

– Wieso?

– Ich hab' es ihr selbst gestanden in einer Aufwallung seelischen Konflikts. Sie hielt mein verändertes Wesen, die Pein des Zwanges, durch den ich litt, die Foltern der Eifersucht, meine öftere Verstörtheit für Symptome, daß ich ihr etwas geschäftlich Bevorstehendes wie etwa große Verluste, verheimliche. Sie drang in mich, sie sei reif und gefaßt, alles zu hören. Ich, nur eines im Sinne: meine Liebe, bildete mir ein in meiner verliebten Wahnvorstellung, sie müsse schon seit lange den wahren Grund meiner inneren Kämpfe wissen oder zumindest doch ahnen.

– Das hatte man wenigstens vermuten können.

– Und sie werde in ihrer Anspruchlosigkeit auf Liebe die Sache nicht tragisch nehmen. Ich würde durch dieses Bekenntnis von manchem lästigen Zwange befreit werden. Ich dachte, nun werde ich auch von der mir peinlichen Widerwärtigkeit erlöst, mein Fortgehen und Wegbleiben jedesmal lügenhaft vor ihr erklären zu müssen. Meine Gattin werde mir in meinen Nöten als Freundin zur Seite stehen und mir so meine Lage erleichtern, dachte ich naiv.

– Und wie stellt sie sich dazu?

– Obgleich sie nicht den ganzen Umfang meiner Liebe ermessen kann bei ihren unklaren, primitiven Begriffen von Liebe, so habe ich seither doch die Hölle im Hause.

– Sie hatten sich total geirrt, als Sie ihr eine so friedliche Auffassung von Ihrer Liebe zumuteten?

– Der tönerne Götze sieht sich von dem hohen Piedestal gestürzt.

– Das muß furchtbar für sie sein.

– Verblüfft von dem Unwahrscheinlichen, das Ereignis wurde, ist sie im Tiefsten getroffen. Vor allem in ihrer Eitelkeit, in ihrem weiblichen Stolze. Sie, die früher immer hochmütig auf mich herabsah, sie steht nun da als die mindere, die unbedeutende, reizlose Überflüssige!

Der bescheidene, unstudierte Mann, den sie zu sich emporgehoben zu haben glaubte, beweist ihr durch die Wahl einer ihr weit überlegenen, vornehmen Frauenseele, wie unbedeutend sie ist, wie arm zu beglücken. Er beweist ihr, daß sie, die sich einbildete ihm alles zu sein, ihm nur eine Last ist, eine schwere Kette, die ihn an den Zwang fesselt – eine Überflüssige! Eigentlich ging es mir mit ihr, wie dem Bäumchen, neben das man einen Stock in die Erde gesteckt hat, um ihm dadurch einen Halt zu geben, indem man es fest daran bindet. So lange das Bäumchen klein und schwach ist, reicht es mit dem Wipfel kaum zur Höhe des Stockes. Wächst das Bäumchen aber zur Höhe und reicht mit seinem Wipfel weit über den Stock an den es gebunden ist, da schmiegt es sich nimmer an den zurückgebliebenen Pflock an seiner Seite: frei reicht es dann höher.

– Und was hat sie nun unternommen?

– Noch nichts.

– Dann wird sie auch nichts unternehmen.

– Sie ist furchtbar aufbrausend, aber sie ist praktisch klug.

– Und ohne Unbesonnenheit.

– Sie ist meine verschwiegenste Mitwisserin.

– Natürlich aus Eigenliebe, damit die Welt das sie Demütigende nicht erfahre, nicht erfahre, wie unfähig sie ist, sich die Liebe des Gatten zu erhalten.

– Freilich ist sie auch im Unklaren über die Unentwurzelbarkeit meiner Neigung zu meiner Freundin. Und meine Freundin ist mir in meiner Lage seit jeher behilflich.

– Man muß aber voreingenommen sein gegen eine Frau, die mit einem verheirateten Manne ein Liebesverhältnis anknüpft. Das ist ja gewissermaßen auch ein Diebstahl, sie nimmt der Gattin den Mann weg.

– Doch meine Freundin will nicht, daß meine Liebe zu ihr im allergeringsten die Gefühle beeinflusse oder beeinträchtige, welche ich seit jeher für meine Frau gehabt habe, ebenso wenig wie meine Pflichten gegen sie. Sie will der Gattin gar nichts wegnehmen, gar nichts. Sie ist es, die mich im Gegenteile treibt zu der Erfüllung meiner Pflichten gegen meine Gattin, drängte mich das eigene Pflichtgefühl nicht dazu. Sie will nur den in meinem Eheleben unverbrauchbaren Überschuß von mir, meinem seelischen Ich und nichts mehr. Vom höchsten Standpunkt der Menschenliebe und Gerechtigkeit betrachtet, ist das Opfer ihrer Liebe nur ein unermeßlicher Gewinn für zwei Menschen, ohne für den dritten irgend einen Verlust zu bedeuten. Meine Freundin war es auch, die mich dazu drängte, die silberne Hochzeit mit meiner Frau zu feiern.

– Das bringt aber doch nur die Klugheit zu Wege.

– Nicht vielmehr humane Rücksicht und Biedersinn, ein Herz, das selbstlos, ja selbstverleugnend der anderen in solcher Weise Gerechtigkeit widerfahren läßt?

– Freilich ist solch eine silberne Hochzeit dann auch nur eine Komödie. Und zu dieser Komödie gaben Sie, Herr Direktor, sich her? Sie wissen ja, daß Sie von jeher eigentlich nur in einer Scheinehe mit Ihrer Frau leben? Und diese soll nochmals kirchlich eingesegnet werden?

– Ja, meine Freundin überredete mich, ich müsse der armen Frau irgend eine, in ihren Augen wertvolle Genugthuung geben. Und eine solche erblickte sie in einer silbernen Hochzeit. Denn keine silberne Hochzeit mit ihr zu feiern, würde ja eine öffentliche Kränkung für sie gewesen sein, und Feind und Freund würden daraus Verdacht geschöpft haben.

– So werden oft silberne Hochzeiten gefeiert in unserer Zeit der Heuchelei, der Weltlüge!

– Nur die silbernen?

– Und wie feierlich! Alle Bekannte und Verwandte werden dazu eingeladen, wie der Mann am Altar lügt. Da hätte so doch die Gattin eine solche auf Lüge basierte Zumutung stolz zurückweisen müssen.

– Sie faßt ja den Ernst, den Grad meiner Liebe zu Virginie doch nicht ganz. Andererseits nahm sie dieses Opfer von mir aus Eitelkeit an. Es ließen sich dadurch vor der Welt etwaige Vermutungen von einer Erkaltung meinerseits gegen sie entkräften. Vielleicht war es bemerkt worden, daß ich in den letzten Jahren ein immer seltener gesehener Gast auf ihrem Landsitz geworden war. Freilich ging sie nicht mit jenem hoheitsvollen Selbstbewußtsein zu ihrer silbernen Hochzeit, wie 25 Jahre früher zum Altar.

– Und nun?

– Sie dachte, vielleicht hoffte sie, diese silberne Hochzeit, die ich im großen Kreise ihrer Familie mit ihr feierte, bedeute vielleicht den Wendepunkt, das heißt ein Abwenden von der Anderen. Sie kann doch nicht auf drei Wallfahrtsorten vergebens hunderte von Vaterunsern gebetet haben! Auch hatte sie, die nur scheltend einem Bettler einen Kreuzer giebt, ja ein goldenes Herz geweiht der Gnadenreichen!

Und nun, da sie sieht, daß es nach der silbernen Hochzeit auch nicht anders geworden ist, peinigt sie mich und droht mir, sich von mir scheiden zu lassen, doch nicht etwa, weil ich Virginie liebe, sondern weil man es sieht, daß ich sie täglich besuche, und die Welt vielleicht erfahren würde . . .

– Vielleicht fürchtet sie auch um ihr Vermögen?

– Wohl auch das. Doch sie hat nichts zu befürchten für ihren Anteil. Auch hat sie ja gar nicht das Talent, ein größeres Vermögen allein konsumieren zu können; was weiß sie von höheren Bedürfnissen, verfeinertem und gebildeten Geschmack, was weiß sie von Lebenstalent?

– Nun denn, diese ihre Bereitwilligkeit, der eigentlichen Gattin aus dem Wege zu gehen, kann doch Ihnen, Herr Direktor, nur willkommen sein!

– Nicht doch!

– Ach so, Sie sind Katholiken!

– Auch wenn wir Juden oder Protestanten wären. Das muß ich im Gegenteil aus allen Kräften zu verhindern bemüht sein.

– Ich verstehe nicht.

– Was sollte denn nun diese 54jährige Frau allein mit sich anfangen? Ich kann ihr einen Gatten nicht verschaffen und sie findet sich gewiß keinen mehr! Und dann ihre Geltung in der Gesellschaft, alles, worauf sie Wert legt, würde sie verlieren in dem Augenblicke, da sie nicht mehr die Gattin des Reichsrats-Abgeordneten und Generaldirektors der vereinigten Dampfbrauereien u. s. w. ist!

Sie würde ihren Halt, sie würde ihre eigentliche Welt und die Freude am Leben verlieren in dem Momente einer Scheidung. Eine solche würde für sie den moralischen Tod bedeuten. Und das darf ich ja nicht zulassen, wenn sie es jetzt auch noch so energisch fordert in ihrem Ingrimme. Es wäre vor allem auch der gemeinste Undank meinerseits!

Daß ich sie nicht liebe, nicht lieben kann: zur Liebe kann man sich nicht zwingen, und »genötigte Liebe thut Gott leid«, aber zur Pflicht!

– Sie sprechen, Herr Direktor, von Dankbarkeit. Wie soll man das verstehen?

– Nun so. Sie wissen nichts von meinen Anfängen, Herr Doktor. Dabei muß ich zurückgreifen auf meine erste Jugend. Ich kam nämlich als armer Bursche, der nicht studiert hatte, in das Elternhaus meiner Frau. Ihr Vater galt als der reichste Bräuhausbesitzer der ganzen Gegend. Auch war er Eisenhändler zugleich.

– Damals gab es nach heutigen Begriffen nur kleinere Brauereien ohne Dampfbetrieb.

– Mir imponierte die große, robuste Gestalt der jüngsten Tochter meines Chefs. Wir waren in gleichem Alter und ich nahm ja ihr gegenüber eine untergeordnete Stellung des Bediensteten, zuerst des bediensteten Praktikanten im Hause ein. Bald hielt mich der kühne Traum befangen: der Schwiegersohn des reichen Mayer zu werden!

– Aha, der Ehrgeiz!

– Wer ist frei davon, so lange man nicht weise ist und nicht weiß, was man lieber wollen soll. Und im Laufe der Jahre lebte und arbeitete ich mich in dieses damals hohe, ja höchste aller meiner Ziele ganz ein.

– Jedenfalls auch ein praktisches Ziel. Und verband Sie zu jener Zeit mit Ihrer Auserkorenen innige Liebe?

– Nein. Das kann ich nicht sagen. Sondern eine gewisse Verehrung, ein gewisses Aufblicken zu ihr, der »Chefstochter«, machte mir ihre Person interessant und begehrenswert.

– Sonst nichts?

– Sonst nichts. Ja, ich hielt sie nach meinen damaligen knabenhaften Begriffen von Frauenschönheit für sehr schön. Das erklärt sich auch daraus, daß ich bis dahin abseits von der großen Welt im Mühldorfe gelebt hatte und nur den Typus der dortigen Dorfinsassen kannte.

– Und Ihre Auserwählte?

– War immer eine kühle Natur, und daß sie mir keine überschwenglichen Beweise von Liebe gab, meinte ich ihrem im allgemeinen gemessenen, kühlen Wesen aufs Kerbholz setzen zu sollen.

Doch auch Widerwillen zeigte sie nicht gegen mich. Im Gegenteil. Sie hatte ja jahrelang, neben mir im Geschäfte arbeitend, Gelegenheit, mich auf meinen Wert zu prüfen. Sie lernte meine geschäftliche Tüchtigkeit kennen, sowie die Verläßlichkeit meines Charakters. Das sicherte mir ja ihre Achtung und Sympathie.

– Doch Liebe?

– Von Liebe war allerdings wenig oder gar nicht die Rede zwischen uns.

– Und wieso kamen Sie dazu, die Hand der reichen Brauerstochter zu erlangen?

– Ich hatte mich zur wichtigsten Stellung im Hause emporgearbeitet. Mein Chef sah seiner Tochter bereits mehrere Freier den Rücken kehren. Sie war 26 Jahre alt geworden und hatte vermöge ihrer fast zu üppig entfalteten Erscheinung das Aussehen eines noch älteren Mädchens. Weiters war der Mann nicht geneigt, bei seinen Lebzeiten dem Geschäfte eine größere Mitgift zu entnehmen. Ich kam in einem just gelegenen Momente und – sie ward meine Braut. Ob ihr mein Herz zujubelte? Hätte ich einen etwas reiferen inneren Blick gehabt, ich würde mir schon damals bewußt geworden sein, daß ich sie nicht liebe und ich würde sie nicht geheiratet haben.

Denn als ich damals gelegentlich einer Geschäftsreise im Theater einer Hauptstadt war, bemerkte ich in meiner Nähe ein Mädchen, das ich bei der Hand hätte fassen mögen und ihr sagen: »Komm mit mir durchs Leben! Dich und keine andere hat Gott mir gesandt für meinen Lebensweg!« Das Antlitz des Mädchens, die Seele, die hervorleuchtete aus dem ganzen lieblichen Gehaben dieses anmutvollen Geschöpfes, entsprach ganz dem Traumbilde meines Herzens. Ich wandte das Auge nicht von ihr und kämpfte mit mir den ganzen Abend.

– Doch schließlich siegte die reiche Brauerstochter auch ohne Lieblichkeit.

– Ich hatte mich doch mit ihr verlobt.

– Das heißt dem Ziele, der Schwiegersohn des reichen Brauers zu werden . . .

– Ich habe geheiratet. Aus der kleinen Landbrauerei des Schwiegervaters wuchs unter meinen Händen allmählich die große Dampfbrauerei hervor. Jedoch allmählich, wie ich betone.

Meine Frau war im Anfange nicht gerade immer auf Rosen mit mir gebettet. Ich hatte manchen Verlust zuerst.

– Und da verloren Sie Ihr Geld?

– Nein, das Geld meiner Frau. Manche Spekulation ging fehl. Wir mußten einige Zeit einen sehr bescheidenen, ja kärglichen Haushalt führen. Meine Frau verstand es, sich einzuschränken. Ja, das verstand sie vor allem eigentlich am allerbesten.

Doch sie sorgte auch mit mir, sie verhalf mir bei den Mitgliedern ihrer Familie zu dem nötigen Kapital, so daß ich mich aufraffen konnte. Endlich erbte sie nach dem Tode ihres Vaters eine schöne Summe Geldes.

Mit diesem übernahm ich die Brauerei und dank meinem mit Erfolg gekrönten Unternehmungsmut gelang es mir, sie mit der Zeit zu der heutigen Dampf-Brauereigesellschaft auszugestalten.

– Ach so! Die Basis zu Ihrer Karriére legte also die Heirat.

– Wie Sie, Herr Doktor, sehen.

– Und bei einer Scheidung würde die Frau auch ihren Vermögensanteil zurückfordern?

– Bar.

– Das würde Sie schädigen?

– Ganz ohne schädigenden Einfluß auf industrielle Unternehmungen pflegt ja eine solche Kapitalsentnahme niemals zu sein.

– Ich verstehe.

– Übrigens, es ist auch das nicht. Allein, wie kann ich zugeben, daß das Weib, das mit mir die Misére meiner Anfänge geteilt hat, seitwärts stehe, jetzt, da ich die Früchte gemeinschaftlichen Zusammenwirkens ernte! Das kann ich nicht zugeben!

– Nun denn! Trennen Sie sich von Ihrer Freundin!

– Herr Doktor! da trenne ich mich lieber vom Leben.

– Also, was?

– Die eine haben, die andere behalten.

– Die vermögensrechtliche Frage würde sich ja ordnen lassen zur Zufriedenstellung.

– Doch bin ich eigentlich nicht allein darum hier.

– Sie wollen mir wahrscheinlich Ihre Reformidee auch mitteilen, was Sie jüngst nach der Sitzung im Reformenklub mir in Aussicht stellten?

– Ja, auch darum bin ich gekommen.

– Sie müssen mir bei meiner Unkenntnis der Paragraphe dabei ein wenig zu Hilfe kommen.

– Mit Vergnügen!

– Ja, aber, Herr Doktor, haben Sie jetzt Zeit für mich?

– Mein Pensum ist für heute beendet. Sie hatten als Letzter Audienz.

– All right.

– Also sprechen Sie, Herr Direktor.

– Sie werden mich, Herr Doktor, fragen, warum ich erst jüngst das Abgeordnetenmandat des Wahlbezirks meiner Gegend angenommen habe, da ich ja dergleichen Ehrgeiz gar nicht habe? Das sollen Sie eben jetzt erfahren. Ich strebe nämlich eine Reorganisation unserer Ehegesetzgebung an.

– Ja, »da ist manches faul im Staate Dänemark.«

– Im Interesse dieser einen Sache habe ich das für mich enorme Opfer gebracht, ein Mandat anzunehmen.

Ich habe hier gelauscht hinter dem Thürvorhange.

Ich wollte die Ehescheidungskandidaten mit anhören, mich umso mehr bestärkt und bestätigt fühlen in den Gründen meines Vorhabens. Wo kann man das besser als bei unserer ersten Kapazität im Ehescheidungsfache? Und ich bin umsomehr bestärkt worden in meiner Überzeugung, daß unsere Ehegesetze einer Reorganisation unbedingt bedürfen.

Denn wie es besonders in der Großstadt jetzt mit der Ehe beschaffen ist, d. h. zum großen Teile, ist ja so viel morsch. Faule Dippelbäume! Morsch! Neue Zeiten, neue Menschen: anderes Bildungsniveau, neue Lebensbedingungen erfordern auch neue Gesetze.



Zweiter Teil.

Die Ausschaltung des elektrischen Stromes zwischen zwei Menschen.

– Ja, es ist eine ganz merkwürdige, eigene Sache auch das mit dem lieben und nicht mehr lieben, mit der Ausschaltung des elektrischen Stromes zwischen zwei Menschen! Dabei werden die Fundamente des Ehebaues baufällig. Und so häufig kommt die Erscheinung vor, daß unsere Neigung thatsächlich Veränderungen erfährt in dem Maße als die naturgemäßen Veränderungen in unserem eigenen Wesen vorgehen. Nicht allein von den Veränderungen des geliebten Wesens hängt die Veränderung in unseren Gefühlen für dasselbe ab.

Wir werden andere Menschen: wir werden zum Teil neue Menschen, größere Menschen. Wir wachsen. Dann wird unser Geschmack ein anderer, ein neuer, unser Geschmack für Dinge, unser Geschmack für Menschen.

Es geht den Erwachsenen, die noch nicht fertig sind mit ihrer Individualitätsausreifung mit dem Gegenstande ihrer Liebe ähnlich wie den Kindern.

Ich hatte Gelegenheit, dies bei meinem eigenen Knaben zu beobachten. Von seinem achten bis zu seinem dreizehnten Jahre befand er sich in einem Knaben-Internate für Bürgerstände. –

Ich war nämlich damals Witwer. –

Da entfachte sich bei dem Kinde eine rührende Liebe für einen um zwei Jahre älteren Mitschüler, der ihm um zwei Klassen vor war. Der Knabe war sein Ideal. Mit Liebe und Respekt hing er an ihm. Der Knabe blieb der Gegenstand seiner Zärtlichkeit und Sehnsucht auch noch, als mein Junge schon das Institut verlassen hatte.

Ich wußte nicht, warum mein Junge sichs nicht nehmen ließ, Sommer und Winter täglich des Morgens um eine ganze Stunde früher zur Schule zu eilen. Einigemale ging ich ihm dann nach und da beobachtete ich, wie er in das von unserer Wohnung eine halbe Stunde entfernte Knabeninstitut trat. Er holte nämlich seinen Freund Brunner ab.

Die Freude glänzte ihm auf dem Antlitz, als er, bescheiden neben dem Freunde einhergehend, diesen auf dem Schulgange in das Gymnasium begleiten konnte, das sie miteinander besuchten.

Brunner war ein verwaister Knabe von niederer, ärmlicher Herkunft.

Wenn ich meinen Jungen belohnen wollte zu seinem Geburtstage oder sonst bei einer Gelegenheit und um seinen innigsten Wunsch in dieser Richtung fragte, hatte er jedesmal schüchtern die gleiche Bitte: »Laß mich, Papa, mit dem Brunner ins Theater gehen! Laß mich ins Konzert gehen, aber mit dem Brunner! Zahl die Karten für uns beide!«

Selbstverständlich störte ich diese Freundschaft nicht. Ich freute mich inniglich über dieses schöne, edle Gefühl der spendenden Freundschaft meines Knaben.

Mein Junge hat ein frühreifes Interesse an allen Vorgängen im politischen Leben und ein Verständnis von verblüffender Frühreife dafür.

Frug ich ihn, was er denn einmal werden wolle, sagte er: »Ich will Politiker werden, Papa, und dann Minister; doch nur, wenn der Brunner – Ministerpräsident ist. Sonst nicht. Er muß der größere sein.«

So sprach er noch, als er vierzehn Jahre alt war.

Inzwischen hat er sich in das feinere Milieu im elterlichen Hause eingelebt. Er ist nämlich jetzt zu Hause bei mir. Sein Auge bildet sich am verfeinerten Geschmack, an der Harmonie in der ganzen Ausstattung unserer Behausung; er atmet da die geistige Atmosphäre von Menschen, welche höheren Berufsarten zustreben, deren Gedanken und Gespräche sich in einem höheren Interessenkreise bewegen. Er lebt mit ein Leben, das geistige Nahrung zieht aus Quellen, die ihm unbekannt waren, so lange ihn die demokratische Luft der Erziehungsanstalt für meist ärmere Stände umfing.

Auch hat ihm der Besuch des Gymnasiums Knaben aus intelligenten, feineren Familien näher gerückt. Aus deren Wesen strömt der Duft, der Reiz tieferer Gemütsbildung, höheren Intellektsgrades, feinerer Formen.

Seit Monaten hörte ich meinen Jungen seinen Freund Brunner nicht nennen.

– Was ist's, Walter, mit deinem Freunde Brunner? Ich hör' nichts von ihm.

– Ich hab' ihn nicht mehr gern.

– Was hat er dir denn gethan?

– Nichts. Aber er gefällt mir nicht mehr.

– Wie? Der Brunner! Gefallen dir die anderen besser?

– Ja!

– Warum?

– Weil sie ganz anders sind

– Was gefällt dir nicht an ihm?

– Er ist so: . . . so nicht schön . . . so nicht fein. Seine Stimme ist nicht lieb. So roh kommt mir der Bub jetzt vor. Die anderen Knaben sind so anmutig, so fein, so z. B. der Wassner, der Csengery.

– Und er ist nicht anmutig? Ist er es nicht mehr?

– Er ist es nie gewesen.

– Und warum hast Du ihn früher doch geliebt?

Ich hab' das nicht gewußt.

– Er war dir doch so überlegen. Du hieltest ihn für so was Hohes, ihn den –– Ministerpräsidenten.

Damals. Da war ich selber noch so dumm. Er imponiert mir nicht mehr. Jetzt seh' ich erst, die Buben, die viel jünger sind, sind viel geistvoller als er. Er sieht auch so aus, so unbedeutend, so gar nicht interessant.

– Ist er nicht unglücklich darüber, daß du ihn nicht mehr liebst?

– Nein. Er hat mich eigentlich niemals so gern gehabt, wie ich ihn. Das seh' ich erst jetzt, wenn ich mich so an alles erinnere. Er hat meine Liebe nur geduldet. Es hat ihn gefreut, wenn ich ihm immer alles zugesteckt habe, was ich hatte und daß er mit mir ins Theater gehen durfte. Wie sehr ich ihn liebte, daß er mein alles war, das hat er ja auch niemals verstanden oder so recht empfunden.

– So?!

– Aber jetzt seh' ich erst, daß wir eigentlich garnicht zueinander passen. Er interessiert sich ja für ganz andere Dinge als ich. Und jetzt kommt er mir schon vor wie fremd und ich kann es gar nicht begreifen, wie ich den habe vier Jahre so lieben können.

– Sehen Sie, so geht es auch manchem und mancher in der Ehe. Und da soll man für sein ganzes Leben an die eine Person gebunden sein, an der man die Freude verloren hat!

Jüngst las ich dasselbe, dieselbe Erscheinung trefflich dargestellt in einem poetischen Bilde, überschrieben: »Wandlungen des Schmetterlings; Plaidoyer für Untreue«.

Als Raupenlarve noch tief versponnen in die Blindheit der noch unentwickelten Vollkommenheit seiner Individualität noch flügellos, hängt sich der junge Mann, wie die Larve an das grüne Blättchen, an ein weibliches Wesen, das diesem minderen Grade seiner eigenen Entwicklungsstufe eben entspricht.

In diesem Geschöpfchen meint er, zu jener Zeit, alles gefunden zu haben, was zu seinem Glücke notwendig ist. Da wachsen aber der Larve in der Verpuppung – hier dem jungen Mann – die inneren Flügel des Geistes, des Geschmackes, der Fähigkeit klaren, unbefangenen, geläuterten Urteils, und aus der Larve wird ein beschwingter Schmetterling. Blättchen aber bleibt Blättchen und wird höchstens ein Blatt, ein älteres, zäheres. Den Schmetterling aber trägt es dann fort vom Blatte zur Rose, d. h. beim Manne zur Weiblichkeit höheren Grades. Für die Larve das Blättchen, für den Schmetterling mit Flügeln die Rose. Für Faust zuerst nur Gretchen, später aber Helena, die höchste Weiblichkeit.

– Ebenso häufig kommt es auch umgekehrt vor, daß nämlich das Weib – Mädchen sich während der Ehe nach einer und nach vielen Richtungen zur höheren Individualität entwickelt und dann der Ehemann nimmer zu ihr paßt.

– Ganz richtig. Wie manche Ehe ist ein totaler Irrtum, eine Verirrung. Und wie leicht ist eine solche erklärlich, mitunter sogar entschuldbar, heiratet der Mann jung, unerfahren, mit einem Blicke, der in seiner Unreife nur erst die Oberflächen sieht; die Tiefen noch nicht durchdringt. Hier beispielsweise einen allbekannten Fall. Er ein kleiner, subalterner Beamter bei der Polizei, dessen Agenden ganz untergeordneter Natur sind. Sein Schreibtisch mit seinem Tintenfaß darauf und sein Stuhl stehen nur im Vorzimmer. Sein Milieu die Strolche, die er an sich muß vorüberpassieren lassen. Wenig mehr als ein Diurnist und seine Herkunft: Er ist ein Kind aus dem Volke. Zwanzig und wenige Jahre alt erfaßt ihn eine Leidenschaft. Was? Leidenschaft? Genau besehen nur ein Sinnenfieber, wie es in diesem Alter physiologisch eintritt zumeist, und nicht Liebe, zu der Tochter eines anderen Beamten. Ein armseliges Ding sie: aber jung und rosig, also genug Äußeres um solch ein Diurnistenherz höher schlagen zu machen. An wen kann sich überdies solch ein armer Beamter mit fadenscheinigem Rock, dem Geruch aus dem Vorzimmer des Polizeihauses und 30 fl. Gehalt mit seiner Liebe wenden? An eine Bankierstochter doch nicht! Unter Kämpfen, die den Reiz der Auserwählten für ihn steigern, erhält er die Hand des kleinen Dinges. Freilich von ihrem Innern weiß er kaum mehr, als daß auch sie ihn mag. Wie sollte sie auch nicht? Es ist ja ein schöner, groß gewachsener Mann mit einem wunderschönen, langen, blonden Bart und trägt sogar einen Zwicker. Der giebt ihm ein gelehrtes Aussehen. Daß sie ihn mag, das haben ihm mehr ihre Blicke gesagt als Worte. Sie heiraten sich. Sie geht ganz auf in ihrer kleinen, ärmlichen Wirtschaft. Sie macht sich alles allein. Ein ausgezeichneter Dienstbote! Sie kocht und wäscht und bügelt und scheuert das Zimmerchen und ihre Küche und flickt bis in die tiefe Nacht hinein und wartet sorgsam ihre Kinder, die dicht aufeinander kommen, und geht immer in dem einen ausgewaschenen Kleidchen und verlangt sich nichts mehr.

Was weiß sie von Toilette und von höheren Bedürfnissen einer Dame?

Das Zusammenleben der Gatten beschränkt sich eigentlich auch ganz auf diese miteinander geteilte ordinäre Notdurft des Lebens. Doch siehe da, aus dem kleinen Polizeibeamten im Vorzimmer des Polizeihauses entwickelt sich im Laufe der Jahre ein Poet, ein großer Poet! Seine Dramen aus den Volke beherrschen alle Bühnen; sein Name wird gefeiert. Er streckt sich geistig zur Höhe. Der Mensch wächst mit seinen Zwecken: es strecken sich seine Bedürfnisse auf Befriedigung höheren Liebesdurstes, auf ein feineres Milieu in seinem Hause. Er sehnt sich nach einer passenden Gefährtin. Seine Einnahmen steigern sich. Er könnte nun einen seinem Ruhme, seinem gewählten Bekanntenkreise, seinem Geschmacke, seinem entwickelten Schönheitssinne entsprechenden Haushalt führen. Doch was versteht seine Frau von Geschmack, feinerem Haushalte? Sie weiß höchstens die Zitzbettdecken gegen Ripsbettdecken zu vertauschen, rot mit einem großen Rande aus gelben Blumen und braunen Vorhängen aus Jute über die Fenster zu hängen und einen bunten Brüsseler Teppich unter den Tisch zu breiten. Ja, sie nimmt sich sogar ein Dienstmädchen; doch nur, um bei allen Arbeiten mit Hand anzulegen. Bei jeder passenden Gelegenheit sagt sie ihr keifend: »Die Frau bin ich! Verstehen Sie!« trotz welcher Erinnerungen an ihre Stellung und Würde sie dem Dienstmädchen doch nicht zu imponieren vermag. Selbstverständlich: denn überall schlägt bei der Dichtersgattin die eigene Dienstbotennatur durch. Der Mann hat längst die innere Kluft erkannt, die ihn von seiner Gattin trennt. Sie widert ihn längst an. Sein Heim widert ihn an. Er fühlt sich zu Hause nicht zu Hause. Doch seinen Kindern zu Liebe läßt er in Worten nichts davon merken. Sie versteht es nicht, einen Blick in die geistige Werkstätte ihres Mannes zu werfen. Sie nimmt nicht Anteil an seinem Schaffen. Sie interessiert es nicht. Sein ewiges »Geschreibsel«, wie sie sein dichterisches Schaffen nennt, ist ihr lästig und fremd, ja unheimlich. Der wachsende Ruhm des Mannes, den sie garnicht begreift, mit dem sie gar nicht fühlt, die eheliche Vernachlässigung seinerseits entfremden sie dem Manne immer mehr. Sie überkommt der Durst, zu lieben, zu lieben einen Mann, der ihr gefällt, der nach ihrem Geschmacke ist und sie verliebt sich in einen –- Sicherheitswachmann!

Sie hat heimliche Zusammenkünfte mit ihm, tritt in sträfliche Beziehungen zu ihm. Sie wird vor Seligkeit ganz taumelig.

Nach längerer Zeit entdeckt der Dichter die Liebschaft seiner Frau. Er ruft sie zu sich und spricht zu ihr ganz leidenschaftslos, freundlich, gelassen. – Du liebst also? und zwar einen Sicherheitswachmann, wie ich merke. Du hast recht, der paßt zu dir und ich passe garnicht zu Dir. Leb' mit ihm, doch verlaß mein Haus, weil es sich ja nicht schickt, daß meine Frau . . . Du verstehst. Ich setze Dir eine Summe aus, daß Du bequem und sorgenlos mit ihm leben kannst. Die Kinder bleiben bei mir. Diese werde ich erziehen. Leb wohl! Und somit ist alles in Ordnung.

Ohne Wortwechsel, ohne Erregung vollzog sich diese Trennung und schon in den nächsten Stunden. Der Dichter hatte als richtig fühlender Mensch ja erkannt und eingesehen, daß die geistige, moralische Qualität ihres Ichtums, der Grad ihrer Bildung sie thatsächlich befähigte, das Weib nur eines Sicherheitswachmanns zu sein und nicht die Gemahlin eines gottbegnadeten Dichters. Das Vergehen des Mißgriffs war ja auf seiner Seite. Er hatte ja geheiratet, so lange er bei der Polizei nur Diurnist war. Und welches »höhere« Weib würde damals ihn geheiratet haben, da noch niemand ahnte, daß bei ihm der große Dramatiker in der Puppe steckt. Auch er selber nicht.

Die Dichtersgattin lebte einige Zeit mit ihrem Sicherheitswachmanne in Wonne. Da starb aber plötzlich der Dichter, erst 50 Jahre alt.

Das Kuratorium zur Verteilung seines litterarischen Nachlasses an seine Kinder entzog ihr die vom Gatten gewährten Mittel zu ihrer Erhaltung, und der Sicherheitswachmann – schickte sie fort. Ihrem Manne errichtete die Nation Monumente und sie wurde Garderobiére eines Vorstadttheaters in Wien.

In diesem einen Beispiele spiegeln sich tausende und tausende im Wesentlichen ähnliche. Ich kenne z. B. einen gewesenen berühmten, genialen Staatsanwalt, der dann die höchste Rangstufe erreicht hat im Richterstande. Dieser traf seine Ehewahl ähnlich.

Als er heiratete, war ja auch er nur ein kleiner Konzeptsbeamter und froh, daß er sie bekam zur Frau. Er lebt wohl mit der Frau noch zusammen. Was ist sie ihm aber mehr als sein – Dienstbote!

Dagegen giebt es tausende Fälle, wo eine an sich ganz unbedeutende Frau den Mann und zwar den ihr weit überlegenen Mann zeitlebens in ihrem Banne hält, – Ja, aber sie muß ihn beherrschen können mit den Waffen ihrer Anmut und dem ganzen Zauber und Frauenduft echter Weiblichkeit.

– Ja, das ist richtig. Da haben wir z. B. Johann Sobieski, den Polenkönig, gepriesen als den Retter der Christenheit! Dieser war verheiratet mit einer kleinen Französin, der Tochter eines unbedeutenden, wenig begüterten, ja ruinierten und schlecht beleumundeten Edelmannes aus dem Nivernais. Er und seine »Marysienka«, wie er sie kosend nannte, hatten sich in heftiger Neigung zusammengefunden. Doch heiratete sie zuerst den reichen Grafen Zamoyski. Sie war erst einen Tag Wittwe nach diesem, hatte drei Kinder, als sie sich dann mit Sobieski traute. Diese Ehe blieb bis zu Ende eine Liebesheirat. Zur Zeit des Entsatzes von Wien war der Polenkönig 54 Jahre alt, Marysienska auch schon jenseits ihres 40. Sommers. Aber noch immer verkehrte er mit ihr in der galanten, von sublimierter Sinnlichkeit durchwehten Sprache eines jugendlichen Liebhabers. Er war der große Held des Tages, aber mitten im Jubel, der ihn umbrauste, mitten im Getümmel des Feldlagers quälte ihn das ewige Heimweh nach der Kemnate. Während Europa ihn vorhimmelte, sehnte er sich bloß nach dem Himmel, der sich über seinem Ehebette wölbte, und mit Stolz wies er auf seine Gattentreue hin.

Und dabei dürfte Marysienka niemals ein volles Verständnis empfunden haben für die Bedeutung Sobieski's, hatte nie das rechte Bewußtsein seines Wertes. Und doch hat sie sein Verhängnis bestimmt, durch das Liebeshochgefühl, das sie verstand dem großen, starken Manne einzuflößen.

– Ja, Frauen, welche diese Kunst verstehen, welche diesen Zauber haben! Diesen hat aber nur die für den Mann und seine Eigenart richtige Frau.



Dritter Teil.

Wie heute Ehen geschlossen werden.

»In die Tiefe mußt du steigen, soll sich dir das Wesen zeigen.«

Das junge, unreife, unscharfe Schauen des Heiratskandidaten ist noch überdies von einem Sinnenrausche befangen.

– Und nur von einem Rausche der Sinne? Auch von einem ganz anderen Rausche. In unserer Zeit!

– Freilich. Es gilt für den jungen Mann die Befestigung seiner materiellen Lage, ja oft auch Rettung aus Existenzgefahren. Oder es winkt ihm eine mächtige Stütze für die Pläne seines Ehrgeizes durch eine Verheiratung. Wovon auch ich ein Beispiel geliefert habe.

– Allgemach weitet sich aber der Blick des jungen Ehemannes. Er macht neue Entwickelungsphasen durch. Erfahrung und daran geknüpfte Betrachtung ändern seine Lebensanschauungen. Was ihm früher Hauptsache war, wird ihm Nebensache.

Er wächst auch in geistiger Richtung. Sein Gemüt vertieft sich. Sein Geschmack bildet sich erst, veredelt sich, ja wird ein ganz anderer. Es gefällt ihm garnicht mehr, was ihn, den unreif Schauenden einst geradezu entzückte.

– Ja, so ist es.

– Entwickelt sich dann die zu früh gewählte Gattin diametral verschieden, oder bleibt sie nur auf der vorigen Stufe stehen, dann sind die Gatten sich zwei fremde Menschen, die sich nichts zu sagen haben, die eigentlich einander gar nicht gefallen.

Und da soll man für ein ganzes Leben aneinander gebunden sein durch eine unlösbare drückende Kette! Kann denn ein junger Mensch, der ja den soviel anderen Gebieten ebenfalls noch fehlt, noch irregeht, gerade auf diesem schwierigsten Gebiet des Urteils die notwendige Reife des Blickes haben? Vermag er rasch und im Voraus zu beurteilen, ob sich bei dem anderen Wesen auch jene Übereinstimmung seelischer und moralischer Charakter-Eigenschaften findet, oder ob bei demselben jene Eigenschaften zu solcher Entwickelung gelangen werden, wie sie unerläßlich ist, um eine dauernde Harmonie der Seelen, des ganzen gemeinschaftlichen Seelenlebens zu sichern! Und wie viele scheinbar nebensächliche Wesensäußerungen sind bei Menschen höherer Art im stande, bei dem Gefährten die Illussion zu zerstören. Und schon ist wie urplötzlich die elektrische Verbindung zwischen ihnen ausgeschaltet. Man lese darüber nur Ola Hanssons »Sensitiva«.

– Freilich, freilich, welches tausendfach innige Ineinandergreifen des Seelischen beider Individualitäten, aller feinen Anschlußorgane gehört dazu, um zweier Gatten Kohäsion im eigentlichsten Sinne – wie die einzig richtige Ehe gemeint ist – hervorzubringen, zu schärfen, dauernd zu festigen und zu sichern!

Wenn sich wirklich einmal unter Hunderten, ja Tausenden das passende, für einander geschaffene Paar in der ersten Jugend für's Leben gefunden hat, so ist das eine besondere Gnade der Vorsehung. Das sich Finden fürs Leben geschieht ja immer auf wundersam verschlungenen Wegen und die jungen Leute, bei welchen alle Bedingungen vorhanden waren für die Dauerhaftigkeit ihrer gegenseitigen Neigung, wurden doch nur durch Fügung ein Paar für's Leben.

Solch ein Paar sollte ja durch keinerlei Rücksicht von einander getrennt werden!

Durch keinerlei!

– Und gerade die Vereinigung solcher pflegt das Schicksal zu hemmen.

– Was? Schicksal! die tausenderlei Rücksichten auf Standesunterschiede, Vermögensverhältnisse!

– Ja, so ist's.

Bewußt richtig zu wählen versteht erst der Mann von geistiger Vollreife, dem der Sinnenrausch den geistigen Blick nicht zu trüben vermag, der wie Kent im König Lear sagt: »Not so young, sir, to love a woman for singing«.

– Freilich, Heil dem Manne, dem ein gütiges Geschick dann das richtige Weib entgegenschickt auf seinen Weg, und tausendmal Heil dem Manne, der sich dann nicht durch materielle Rücksichten, oder Rücksichten des Ehrgeizes wegdrängen läßt von der richtigen Wahl! Den diese nicht verleiten, sein Herz zu betrügen und seine Sonne zu verkaufen für den Preis einer großen Mitgift, oder für die Aussichten auf Rangerhöhung oder auch nur der Verbesserung seiner materiellen Lage!

– Heil ihm, der gleich beim ersten Mal in seiner Lebensgefährtin die richtige Wahl getroffen hat!

– Ja, Heil ihm, der durchs Leben wandeln darf an der Seite einer geliebten Gattin! Sein ist die größte Seligkeit. Zusammen mit ihr sich freuen, zusammen mit ihr die Bürde des Lebens tragen, Einer für den Anderen da sein, Einer dem Andern eine Welt, die Welt!

– Es ist das höchste Ideal solch ein durch wahrhafte Liebe geheiligtes, geweihtes Menschenpaar zu sein. Diese beiden aber haben das große Los des Lebens gezogen, der Eine in dem Anderen. Instinkt, Fügung, Schicksal ließ sie die richtige Wahl treffen in dem Lebensgefährten, ließ sie das mit einander verwandte zweite Element finden, die sich mit einander unlöslich verbinden.

»Ich glaube, man muß die Ehe gleichsam wie eine Art Wunder betrachten, daß sich die Frau so nach und nach verwandelt und so ihrem Gatten ähnlich wird. Aber ich weiß auch, daß dergleichen nur in einer Ehe geschehen kann, die treu und liebreich und wahrhaft glücklich ist«, sagt Lyngstrand zu Bolette in Ibsens »Frau vom Meere« und so ist es auch.

– Wie rührend, wenn man sie dann beide, mitsammen ergraut, nebeneinander gebrechlich geworden, Arm in Arm innig fest aneinandergeschmiegt über die Straße wanken sieht. Im Blicke die Erinnerung an mitsammen genossene Seligkeit der Jugend und Kraft, die Erinnerung an ein in inniger Verschmelzung gelebtes Leben, das erwärmende Fortwirken der Jugendliebesonne.

– An ein solches von aller Ewigkeit seelisch und körperlich zu einander gehöriges, wahrhaft glückliches Paar denkt ja die klassische Mythe.

Sie stellt in vorweltlichen Zeiten Männchen und Weibchen dar in Einem Körper, in vollständiger Kongruenz übereinander, fest verbunden.

Die neidischen Erdgeister – darunter dürften die allerlei Vermögensrücksichten gemeint sein, welche Liebespaare trennen – rissen dann boshaft voneinander Männchen von Weibchen.

Seither sind die Männchen mit mehr oder minder glühender Sehnsucht auf der Suche nach dem mit ihnen zusammengehörigen Weibchen.

Was Wunder, daß sie bei so manchem unrichtigen Weibchen Halt machen?

Früher oder später den Irrtum erkennend, wandern sie dann weiter, irren sie dann weiter mit ungestillter Sehnsucht nach der richtigen.

– Das nennt man dann Untreue.

– Ja, die Institution der Ehe von heute, wie sie sich auch unter dem Einflusse des alle Ideale der Menschheit verschlingenden Materialismus ausgebildet hat, entspricht thatsächlich nicht mehr den heilbringenden Absichten ihrer Begründer.

– Auf's höchste hinaufgeschraubte Ansprüche auf Daseinsvollgenuß, die Sucht nach Wolleben zieht die Einrichtung der Ehe herab zu einem materiell auszubeutenden Geschäftsbunde. Wirft ihre ewig geltenden Grundlagen um: Liebe, seelische, moralische und auch physische Zueinandergehörigkeit, und entheiligt so die Ehe.

– Zum größten Teile ist die Ehe nicht mehr der heilige Bund, der zwei Menschen in Liebe einen soll, um das sittliche Fundament der Gesellschaftsordnung zu bilden, welcher allen Teilen zu Gute kommen, alle Teile beglücken soll.

Denn zu allererst und als Hauptsache ist die Höhe der materiellen Beisteuer der Frau ausschlaggebend.

Vor allem, ja fast nur werden die materiellen »Verhältnisse« sorgsam geprüft. In welchem Verhältnisse zueinander sich die individuellen Herzensbedürfnisse und Charaktereigenschaften der Beiden für's Leben sich Bindenden befinden, das kommt bei der Eheschließung von heute im Durchschnitt geradezu als Nebensache kaum in Betracht.

Selbst auf die sogenannte Zuchtwahl wird garnicht Rücksicht genommen.

Darin steht diese Rücksicht bei der Zucht der Pferde viel höher als bei jener der Menschen. Unglaublich, aber Thatsache. Bei Pferden weiß man wohl, wie unbezahlbar die edle Herkunft oder Abstammung der Mutter ist im Hinblick auf die Veredelung und Kräftigung der zukünftigen Zuchtrace. Viele Tausende werden verausgabt, um einen gewesenen edlen Renner als Zuchtstute zu erwerben.

Die herrlichsten Mädchen dagegen, durch deren Schönheit, Kraft und Begabung geistig und körperlich degenerierte reiche Familien frisch und kräftig wieder emporblühen würden, werden bei der Heirat unberücksichtigt gelassen, wenn sie arm, vermögenlos sind. Als ob Schönheit, Kraft, Anmut und Begabung nicht auch Reichtum wären! Ach, wie dumm sind doch die Menschen! Wahre Vernunft wohnt thatsächlich nur bei Wenigen, bei Ausnahmsmenschen,

– Ein armseliges Frauenzimmer wird als Stammhalterin vorgezogen, wenn es nur die notwendige oder nur beanspruchte, für reiche Leute ja überflüssige Mitgift hat!

In den Tod gehen heutzutage Liebespaare wohl, doch wird nicht geheiratet aus Liebe. Männer bringen sich um aus Liebe, in der Mehrzahl aber, solange sie eben noch sehr jung sind und unbesonnen. Schon wenige Jahre später und sie sind so klug, sich das Heiraten gut bezahlen zu lassen. Da heißt es in den meisten Fällen: nur, die mehr zubringt!

Die Männer bieten sich auf dem Heiratsmarkte mit einem förmlichen Tarif aus. Man lese nur die Heirats-Inserate derselben.

Aus jedem schreit das Suchen nach nur einer materiell guten Partie. Da heißt oft Alter Nebensache, Konfession Nebensache, körperliche Gebrechen Nebensache, sittliche Flecken Nebensache, alles Nebensache, wenn nur Punkto Mitgift alles stimmt.

Ja, sogar ganz junge Männer wissen schon, haben schon das Prinzip in sich aufgenommen, daß eine Ehe für sie nur eine Bereicherung bedeutet und bedeuten muß und wie eine geschäftliche Unternehmung zu betrachten ist.

Ich beobachtete im vorigen Fasching einen etwa 24jährigen jungen Mann auf den Bällen der Residenz. Er ist der Sohn einer größeren Wiener Firma. Ich wußte, daß er seit längerer Zeit ein wunderliebliches Mädchen liebt, die Tochter einer vermögenlosen Professors Wittwe, die von ihrer Pension lebt und den Stunden, welche die Tochter giebt. Mit krampfhafter Beständigkeit sah ich ihn auf allen Bällen mit einem andern nichts weniger als hübschen und überdies hinkenden Mädchen tanzen. Da wir befreundet waren, interpellierte ich ihn darüber:

– Wie, Herr Sch., warum tanzen Sie denn so auffallend viel mit diesem hinkenden Mädchen? Diese können Sie ja doch nicht lieben?

– Das nicht. Aber sie bekommt 80 Tausend fl. mit.

– Und die Selma Wagner?

– Kann ich nur lieben. Den Luxus, sie zu heiraten, kann ich mir nicht gönnen. Denn sie ist arm wie eine Kirchenmaus. Lieben kann man ja auch später bis man schon verheiratet ist, und die 80 Tausend fl. schon hat.

– Das sind heutige Heiratsprinzipien der jungen Männerwelt.

– Freilich wird dann im Verlauf des Zusammenlebens das sich darin ergebende Mißverhältnis Grund zur inneren Trennung, werdender oder schon gewesener. Da wird die Ehe die Brutstätte der Heuchelei, der Lüge, des gegenseitigen Betruges.

– Um den schnöden Lohn eines Geschäftseinlagekapitals also, oder auch nur um eine sogenannte »Existenz-Verbesserung«, wie sie es heißen, prostituieren sich ja Männer wie Frauen durch solche Ehe! Das ist dann die faule, morsche Ehe; daher dann das überhand nehmende Konkubinat verheirateter Männer als Korrektur des mangelnden Eheglücks.

Welch' großer Prozentteil, der scheinbar anständigsten, friedlichsten Ehen hält eben nur Heuchelei, gegenseitiger Betrug, der Zwang äußerlich und nur scheinbar zusammen!

Entsetzt würden wir zurückweichen, wollten wir einmal genau untersuchen, wie erschreckend viele solcher Scheinehen es unter uns giebt, ein nur Nebeneinanderleben bar allen sittlichen Wertes und kein beglückendes, seelenverschmelzendes Miteinanderleben.

– Und Frauen?

– Der Grund, warum oft die seelische Verschmelzung gehindert wird bei sensitiveren Frauenseelen ist sehr verschieden. Wie beispielsweise Ibsen in seinem Schauspiel »Die Frau vom Meere« zeigt, liegt ein Grund auch in der Art und Weise, wie ein Mädchen in die Ehe eingeht und warum. Wenn sie nämlich nicht in Freiheit und unter eigener Verantwortung, wie er Ellida sagen läßt, sich den Mann wählen darf. Und wie selten steht dem Mädchen die Wahl offen! Nur etwa dem reichen Mädchen und auch dann nicht immer. Und wie oft fehlt auch dieses gerade aus freier Wahl oder trotz freier Wahl!

Steht das Mädchen aber hilflos, verlassen, ohne Vermögen, oder gar mit Eltern, die es zu erhalten hat, da? Ohne Rücksicht, ob es den Mann wird lieben können, und nur mit der Hoffnung auf die Macht der Gewohnheit geht es zumeist unter dem Zwang seiner drückenden Verhältnisse dann den Handel ein, den man Ehe nennt.

Was sieht man dann oft für ungleiche Paare, daß es ein Jammer ist. Ungleich auch schon dem Äußeren nach. Die Frau von herrlichstem Ebenmaße, der Mann, den sie mitführt, verwachsen, klein, häßlich, mitunter auch buckelig. Oder ein Greis mit einer jugendlichen Frau, die dem Alter nach seine Enkelin sein könnte.

Man liest es dann der Frau geradezu vom Gesicht ab, daß sie in die Welt hinausschreien möchte: »Klaget mich nicht an, daß ich mir dieses Ungeheuer genommen habe! Aber was war zu thun? Ich war ein armes Mädchen, hatte alte Eltern zu versorgen, der Vater blind, mein kleiner Erwerb – 30 Gulden monatlich – reichte ja nicht für Alles. Ich mußte mich zusammenkoppeln lassen mit dem Ekel in solcher Ehe!«

– Ja, solche drückende Verhältnisse hebt auch die berufliche Gleichstellung der Frauen nicht auf.

– Das arme Mädchen thut es, um sich auf Lebenszeit zu versorgen. Nicht aus freiem Willen, nicht aus freier Wahl. Oder wie Bolette in Ibsens eben »Die Frau vom Meere« sich entschließt, dem ungeliebten Freier, dem Oberlehrer Arnholm die Hand zu reichen mit dem Gedanken, dem sie Worte giebt: »Dann darf ich mich in der Welt umsehen, darf das Leben mitleben. Es sich nur vorzustellen, sich frei zu wissen, hinauszukommen in die Fremde! Und sich nicht vor der Zukunft ängstigen brauchen, sich nicht um das alberne Auskommen ängstigen müssen! Ja, das ist es wirklich, sagt sie zu sich. Ja, ich fange an, zu –; ich glaube im Grunde, daß es gehen wird, und ja, es geht!« Aber wie! Dann . . . Dann kommt bei Mancher die Erkenntnis, daß sie zu ihm nicht gehört, daß ihr eigenes wahres Leben aus dem Gleise kam als sie auf das Zusammenleben mit ihm einging.

Oft sagt sie sich, ihre Teilnahmslosigkeit an den Interessen des Gatten verzeichnend, sogar: »So vollständig ohne Wurzel bin ich in deinem Hause!« Daß das Leben, das sie miteinander leben, im Grunde genommen keine Ehe ist, dessen wird sich die Frau erst recht bewußt in dem Augenblicke, da ihr die Fügung dann den rechten Mann in den Weg schickt und sie schon gebunden ist durch eine Trauung, welche, wie Ellida sagt, weniger bindend ist, als ein freiwilliges Versprechen. Zu diesem zu spät gekommenen Manne fühlt sie dann die übermächtige Zuihmgehörigkeit, und jede Hingabe an den Gatten empfindet sie als eine Selbstprostituierung.

Welch ekle Marter!

– Ja wie oft sehnt solch Eine nachts den Tod herbei zu ihrer Erlösung!

Dann möchte sie gern den geschlossenen Handel, Ehebund genannt, rückgängig machen. Das geht aber nicht: das Sakrament der Ehe steht da ein Bollwerk gegen die Rückgabe ihrer Person an sich selbst, an das frei gewählte Glück. Und dann erfolgt, wie oft, der Ehebruch von Seiten der Frau.

– Der Liebesdrang in der menschlichen Natur ist eben stärker, impulsiver, als aller Zwang socialer, kirchlicher Gesetze.

Wie die Flut sich selber Wege bahnt, wenn diese ihr nicht geöffnet sind, so durchbricht das fordernde Bewußtsein seines Rechtes auf Glück und Befriedigung dann alle Dämme, die Gesetz und Dogma aufgerichtet haben!

Dann kommen die Ereignisse, die ein Familienärgernis bleiben, oder zum öffentlichen Ärgernis werden.

Die Frau, die der Mann nicht mehr liebt, oder überhaupt nie geliebt hat, sie ganz verläßt, oder wohl weiter lebt neben ihr und im Konkubinate lebt mit einer anderen. Diese beraubt er geradezu durch das heiligste Gefühl, die Liebe, ihrer Achtbarkeit.

Mit welch' quälender Scheu geht er dann mit dem Gegenstand seiner verbotenen Liebe über Stege, wo Menschen sind. Welche nervöse Ängstlichkeit, daß ihn Bekannte sehen könnten zusammen mit einer Frau, die nicht seine Frau ist, und sich dabei »etwas denken könnten«. Durch Nachbarn und Dienstleute aber wird ihr »Verhältnis«, wie man solche natürliche Ehe nennt, dennoch endlich ruchbar und stadtbekannt.

In den seltensten Fällen gelingt es dem ungetreuen Ehemanne, dem Schmuggler gleich, nächtlicherweile den Schatz seiner Liebe ganz heimlich zu dem Weibe zu tragen, das ihm vor dem Gesetze nicht angetraut ist. Oder solche heimliche, verbotene Liebe wird tragisch und sucht, was ihr die Unlöslichkeit der Ehe verwehrte: ewige Vereinigung im – Tode!

Der Doppelselbstmord aus sträflicher Liebe mehrt sich täglich und sucht in letzter Zeit nicht allein die Tiefen, die Wässer; sondern auch die Höhen macht er blutig.



Vierter Teil.

Reform der Ehegesetzgebung!
Lösbarkeit aller Ehe!
Gesetzliche Doppelehe!

Die täglich mehr überhand nehmende Demoralisierung, die Entweihung unseres Ehelebens drängt im Interesse der Sittlichkeit, der individuellen Wohlfahrt wie auch der Wohlanständigkeit zu einer Umgestaltung, zu einer Neulegung ihrer Grundlagen.

Es muß aber auch ein Ende gesetzt werden der Schändung jenes weiblichen Wesens, das geliebt wird von dem an quälende, anödende Ehekette gebundenen Manne, und durch diese Liebe entehrt dasteht!

Sie sei fürder nicht mehr von der Gesellschaft mit dem entehrenden Namen einer »Maitresse«, einer »Konkubine« und dergl. gebrandmarkt, gebrandmarkt, auch weil die nach römisch-katholischem Ritus geschlossene Ehe unlöslich ist und sich der Ehemann mit dem geliebten Wesen gesetzlich nicht vereinigen darf.

Dieses weibliche Wesen, das gewissermaßen für den unglücklichen Ehemann die Korrektur der Ehe bedeutet, verdient ja vor allem vollen Anspruch auf den Namen und die Rechte auch einer Gattin!

Denn zumeist ist ja sie es, ist in Wirklichkeit das, was die erste, die legitime Frau zu sein nur scheint!

Sie ist die eigentliche Gattin. Und ist sie das, so ist der andere mit allen Rechten der Legitimität ausgestattete Bund eigentlich nur eine Scheinehe, in welcher der Mann mit der sogenannten Gattin lebt.

Es sei die Ehescheidung möglich bei allen Konfessionen, ohne Unterschied! Ist sie es ja doch auch bei den orthodoxen Christen!

Doch ist eine Scheidung von der rechtmäßigen Gattin in tausenden Fällen selbst bei Protestanten und Juden undurchführbar. Sie würde ein Unrecht sein, ja oft geradezu ein Mord, den der Mann an der Frau, an den Kindern aus dieser Ehe begehen würde. Mitunter würde es der roheste Akt von Rücksichtslosigkeit, Undankbarkeit, Gefühllosigkeit sein, die, wenn auch ungeliebte Gattin durch eine Ehescheidung hinauszustoßen aus des Gatten Hause, das ihre Heimat geworden, hinauszustoßen aus dem ihr lieb gewordenen Wirkungskreise, namentlich wenn sie Mutter seiner Kinder ist; sie hinauszudrängen aus ihrer Stellung in die Gesellschaft, die ihr verliehen wurde, indem sie seine »Gattin« ward!

Winkt der vorwurfsfreien Frau kein Ersatz mehr im neuen Ehebunde, darf sie der Mann, der durch eine Eheschließung mit ihm erworbenen Vorteile überhaupt nicht berauben, wenn er auch aufgehört hat, sie zu lieben mit jener Glut, die seinem Leben Reiz giebt!

Gerechtigkeit aber für alle Teile würde in diesem Falle bedeuten, die Gattin mit allen ihren ehekontraktlich verbürgten Rechten und Prärogativen, wenn sie es wünscht, unbeeinträchtigt als Herrin im Hause weiter walten zu lassen, und gleichzeitig eine zweite legitime Ehe zu schließen mit dem Weibe, das uns der gereifte Seelenblick gewählt.

Zumeist erst in reiferem Alter wird der Mann empfindungsverfeinert. Zwischen seinem 40. bis 50. Jahre, wo er nämlich anfängt, den Lebensinhalt mit klarem Blick zu übersehen. Da sinkt der Besitzwert materieller Güter und steigt der Wert des Wesens, das ihn ausfüllen, durchsonnen kann. Am allerwenigsten kann der reine Adelsmensch einer hohen Kultur die Liebe entbehren in diesem Alter.

Natürlich ist da das Alter auch individuell. Es giebt ja fünfzigjährige Greise. Von diesen spreche ich nicht. Ich meine unverbrauchte, kraftvolle, normale Männer, die in diesen Jahren im Vollbesitze geistiger und Körperkraft sind.

Horribile dietu! das ist unmöglich! Man wird den Paragraph 111 im bürgerlichen Gesetzbuch niemals ändern!

– Man wird diesen Paragraph ändern, so wie man vieles geändert hat von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Wie in allen anderen Dingen wird man den Zeiterfordernissen, den Forderungen der menschlichen Eigenart und Natur Rechnung tragen müssen, auch in der Ehegesetzgebung.

– Das ist also die Reformidee, die Sie mir –

Das. »Der Mann wird erst in seiner zweiten Frau gelohnt« lautet ein heiliger Spruch, eigentlich ein weiser Spruch der Juden im Talmud.

Wie ist das gemeint, wenn man nicht brutal an den Tod der ersten Frau denken will?

Ohne Zweifel wird darunter gemeint, die zweite Frau, d. h. die andere, die der Jude noch bei Lebzeiten der ersten Frau nehmen durfte, gesetzlich nehmen durfte, als der Jude im Orient in der dort noch heute üblichen Polygamie lebte.

Was ist denn diese »Polygamie«? Warum war sie auch für den Juden?

Warum? Die Weisen der Juden haben schon vor Jahrhunderten eingesehen, daß es Fälle giebt, welche die Lösung der Ehe gebieten, als einen Akt geschlechtlicher und personaler Befreiung beider Teile von unerträglichen Banden naturwidrigen Zusammenlebens, naturwidrigen Zwanges.

Sie aber haben in humaner Erkenntnis der Mannespflichten dem Weibe gegenüber Fälle gefunden, wo der Mann wohl eines neuen Liebes- oder Eheglückes bedarf und es sich zu eigen mache, aber die nicht geliebte Gattin a. D. nicht von sich stoßen dürfe. Das der höhere Grund der gesetzlich erlaubten Polygamie. Denn was thut das arme Weib, wenn es nicht mehr Aussicht hat, sich in neuer, entsprechender Ehe zu trösten und Ersatz zu finden? wenn es mit dem Manne Lebensstellung, Heimat, Heim, alles verliert!

Und es kommt ja am häufigsten vor, daß der Mann die Lust verloren hat an einem Weibe, das abgeblüht ist, und somit auch einem anderen nicht mehr gefallen kann; dem er aber keinerlei Vergehen vorzuwerfen hat, das treu an ihm stets gehangen hat, treu allen Pflichten, das aber nur das Unglück hat, eben keinen Reiz mehr für ihn zu haben.

»Um tiefe, dauernde und anhaltende Regungen in ihm zu erwecken«, sagt L. Marholm, »bedarf überdies das Weib mehr als der bloßen sinnlichen Anziehung. Es bedarf eines seelischen Geschlechtsinhaltes mit dem ganzen dauerhaften Zauber einer unzerstörbaren Inbrunst«. Wenn das nicht wäre, könnte doch ein Mann seine Frau unbedingt lieben und umgekehrt, sobald sie eine hübsche, brave, fleißige, seelengute Frau ist, die für ihn und ihre Kinder lebt?

– Ja, die Liebe läßt sich eben nicht erwerben und nicht verdienen, aber auch nicht entbehren kann sie, der reine Adelsmensch, und am allerwenigsten in der Epoche, in welcher die sogenannten »Johannestriebe« sich in ihm regen.

Für diesen und ähnliche Fälle hat die jüdische Religion zur Zeit des Judenstaates im Orient in deren Tendenz edelster Humanität und Gerechtigkeit nicht verboten gleichzeitig auch zwei legitime Frauen zu haben.

Freilich darf diese Toleranz aus Rücksicht der Humanität einesteils für die zurückgesetzte Frau, andernteils für den in der ersten Ehe unbefriedigten Mann nicht etwa als eine Billigung ausschweifenden Sinnenlebens aufgefaßt werden!

Nicht um der Ausschweifung fröhnen zu können, nicht etwa um willen der Mannigfaltigkeit dargebotener Lust aus dem Becher weiblicher Reize ist bei den Juden, sowie auch bei dem späteren Islam die Monogamie gesetzlicher Zwang nicht gewesen. Sondern eine Licenz aus weiser Gerechtigkeit, humaner Rücksicht war die Polygamie.

In seinem Hausrecht, in seiner bürgerlichen Existenz das Weib zu schützen, von dem sich der Mann mit Unlust abwendet, die Rechte der Kinder zu wahren, allen Kindern eines Vaters Legimität zu verleihen, allen Kindern das Recht auf den Vater zu geben!

Darum nicht nur die Lösbarkeit der Ehe, sondern auch das Ehegesetz, wonach der Mann mehr als Eine legitime Gattin ehelichen konnte.

– Bei den Mohamedanern deren vier.

– Waren jemals die Juden unzüchtig? Sind es die heutigen Mohamedaner etwa? Ist nicht jeder Harem ein Heiligtum?

Hört man etwa von der Ausschweifung bei den Türken, wie bei uns? Die lange Lebensdauer vormaliger Juden und heutiger Mohamedaner ist schon ein Beweis dafür, daß man ihnen Exzesse des Geschlechtslebens nicht vorwerfen kann. Ein zu ausgiebiger Verbrauch der Lebenskraft kürzt ja die Lebensdauer ab.

Macht etwa der Türke einen Mißbrauch von der Erlaubnis, gesetzlich vier Frauen zu haben, oder überhaupt nur einen ausgedehnten Gebrauch? Bei uns haben viel mehr Männer Maitressen neben ihren ehelichen Frauen, als man in Konstantinopel Türken findet, die zwei Frauen haben, nämlich zwei Harems. (Jede Gattin bewohnt nämlich ein besonderes Haus.) Zumeist trifft man nur Einen Harem an, und in diesem wohnen nicht etwa zwei Gattinen, wie hier irrtümlich angenommen wird. Darin wohnt nur alles, was weiblichen Geschlechtes ist, und zum Haushalte der einen Gattin gehört: eine Gattin, die weiblichen Kinder derselben, die Mutter, Großmutter, Schwestern, Erzieherin und alle weiblichen Dienstboten.

Der gutherzige, edlen Regungen erschlossene Türke besinnt sich ja nur im Falle äußersten Zwanges auf die Sure des Korans, die ihm erlaubt, sich in gesetzlicher neuer Eheschließung das Liebesglück zu holen, das er bei seinem bisherigen Eheweibe nicht gefunden oder nicht mehr findet. Er drängt sie aber durch eine ihr aufgezwungene Ehescheidung nicht aus ihrer Stellung in seinem Hause. Er drängt sie nicht hinaus aus ihrer Welt. Er zerschneidet nicht die Bande, welche längeres Zusammenleben, Familienbeziehungen, Gewohnheit geknüpft. Er nimmt ihr die materiellen Vorteile ihrer Stellung nicht weg. Er raubt ihr nicht das liebgewordene Heim an der Seite des Gatten, seiner Verwandtschaft der gemeinschaftlichen Kinder!

– Da fällt mir ein schöner, ja herrlicher Zug Christine Hebbels ein. Kaum hatte sie erfahren, daß ihr Gatte, der Dichter Hebbel, um sie seine Geliebte verlassen hatte, die ihm ein Kind geboren, das starb, erbot sie sich, ja forderte sie ihn auf, die Verlassene in ihrem Hause aufzunehmen und als ebenbürtige Hausgenossin zu betrachten und zu behandeln.

Freilich hatte die geniale Künstlerin die Rivalität der um sie Verlassenen nicht zu fürchten. Sie stachelte aber in ihrem Manne das Bewußtsein der Dankespflicht gegen jene, die ihm durch ihre hingebungsvolle Liebe Jahre seines Lebens verschönt und Anregung zu seinem dichterischen Schaffen gegeben hatte. Und so lebten sie denn in rührender Eintracht zu dreien: der Dichter Hebbel mit seinen zwei Frauen, der großen und der kleinen.

Die Natur hat den Mann eigentlich polygam veranlagt, und die Erkenntnis von der polygamen Natur des Mannes und ihre Würdigung durch das Gesetz ist wohl so alt wie das Menschengeschlecht.

So betrachtet die heilige Schrift es als etwas Selbstverständliches, die polygamen Naturforderungen unserer Erzväter Abraham und Jakob zu achten, und nicht etwa als verwerflich darzustellen.

– Und die Kenntnisnahme von ihrer polygamen Natur hindert nicht, daß uns die beiden als klassische Vorbilder frommer Menschlichkeit vorgeführt werden.

Isaak läßt sich an seinem Weibe Rebekka wohl genügen. Denn Rebekka mit ihrer Überlegenheit an Klugheit und List imponiert dem Isaak und hält ihn das ganze Leben hindurch im süßen Banne ihrer gewaltigen Weib-Persönlichkeit. Zwang und Gebot ist es ja nicht und niemals gewesen, mehr als ein Weib zu nehmen. Ein Müssen gab es nicht; nur ein Dürfen. Das blieb ja dem individuellen Sinnen- und Seelenbedürfnisse überlassen.

So hat Isaak nur eine Frau, die so weise und glücklich durch die Vermittelung Eliesers gewählte anmutige, liebenswürdige, gastfreundliche Kameeltränkerin Rebekka. Abraham dagegen hatte nebst Sarah noch Hagar. Weil von geringerem Stande, nur seine Magd, gekennzeichnet als »Kebsweib«. Doch bekennt sich Abraham zu Ismael, seinem Kinde von dieser Frau.

In Jakob zeigt uns die heilige Schrift, wie ein seelisches Bedürfnis, Sehnsucht nach Liebe, nach durchsonnender, nach edler Liebe den Mann drängt zu seiner ihm angetrauten Gattin Lea, noch Rachel zu nehmen, die er liebt. Noch dient er sieben Jahre um ihren Besitz, da er bereits Leas Gatte ist.

»Ein Schleier verhüllte Lea in der Hochzeitsnacht und Jakob ward getäuscht,« und schon ward die Unrichtige seine Gattin.

Dies biblische Bild zeigt den Wahlirrtum im Sinnenrausche.

Ein solcher Mann sehnt sich dann in seiner unbefriedigten Ehe nach einer Rachel, nach dem Weibe seines Herzens, seines Geschmackes, und er dient um diese lieber noch weitere sieben Jahre und auch noch länger, d. h. er bringt um ihren Besitz die größten Opfer.

Diese Korrektur des Eheglückes war erlaubt, war ein Menschenrecht bei gesitteten Völkern schon der Vorzeit, welche eine Gesetzgebung hatten, und dieses Recht ist durch Mohamed in das Gesetzbuch der Mohamedaner übergegangen.

Die heilige Schrift spricht auch von den beiden Kebsweibern Jakobs, Kebsweiber, denn sie waren nur seine Mägde. Doch die Kinder, die er mit diesen zeugte, werden mitgezählt zu seinen legitimen Söhnen von seinen beiden legitimen Gattinen Lea und Rachel und bilden die zwölf Stämme Jakobs. Freilich sind es dann Stämme verschiedener Geistesart, die Kinder der Mägde haben nicht jene Vornehmheit des Wesens, nicht jenen Adel der Seele, nicht jene hervorragende Begabung im Blute bekommen, wie ein Joseph, wie Rachels Sohn, der Vizekönig von Egypten wird.

Übrigens ist nirgends in den jüdischen Gesetzen der alten Zeit, auch nicht in den für alle Zeiten geltenden Grundgesetzen der Sittlichkeit und Humanität: den zehn Geboten, also der nachpatriarchischen Zeit, die Rede von einem Verbote der Polygamie.

Wohl ist zum Schutze des Eigentums des Nächsten und der Reinheit seiner Genitur dem Manne, bei den Juden im zehnten Gebot, aufgetragen: »Du sollst keine Gelüste haben nach dem Weibe deines Nächsten.« Doch wo ist das Gebot unter den zehn Geboten Gottes: »Du sollst nur Ein Weib dein Eigen nennen oder ehelichen?« Für das Gegenteil spricht ja schon der Segen: »Vermehrt Euch wie der Sand am Meere«.

Wenn das Sichvermehren als Segen aufgefaßt ist, kann ja doch das Mittel, diesen zu erlangen, die Ehe mit mehr als einem Weibe nicht als Vergehen betrachtet werden!

Im 7. Gebote ebenda heißt es wohl: »Du sollst nicht ehebrechen«. Wo ist aber da der Beweis, daß dieses Verbot an den Mann gerichtet ist, und nicht gerade an das Weib?

Es kann ja nur an das Weib adressiert sein: denn König David, der Poet, nahm zu seinen übrigen Weibern auch noch Bathseba, das schöne Weib des Urias, zur Frau.

Der Sohn der beiden, der weise König Salomo, der Erbauer des Tempels zu Jerusalem, hatte einen Harem mit etwa tausend Frauen.

– Dabei soll er auch noch der Königin von Saba den Gefallen gethan haben, ihr zu einem Thronfolger seines eigenen Blutes zu verhelfen.

– Würde demnach in den zehn Geboten das 7. Gebot: »Du sollst nicht ehebrechen« in dem Sinne gemeint sein, der Mann dürfe seiner Gattin die Ehe nicht brechen, also müßte in Monogamie leben: würde so König Salomo der Tempelerbauer, der König des Reiches Juda nicht einen Harem gehalten haben mit so vielen Gattinen und Nebenweibern.

Doch wer wird denken, daß der erhabene Monarch und Philosoph auf dem Throne mit all den tausend Frauen seines Harems eheliche Beziehungen gleichzeitig pflog?

Ihn drängte ein hohes Pflichtbewußtsein, alle Frauen, die ihm in seinem Leben die Freude auch nur einer Umarmung geschenkt hatten, königlich zu lohnen. Er bot ihnen dafür lebenslängliche Versorgung in einem Dasein, würdig der erhabenen Erinnerung: in König Salomos Armen eine Stunde gelegen zu haben.

Geweiht war der Leib, den der König nur einmal berührt hatte. Er wurde dem Hauche der gemeinen Welt fürder entzogen. Nur in Palästen und Zaubergärten durfte der Fuß wandeln, den der König einmal in seiner Hand gehalten.



Fünfter Teil.

Unsere unnatürlichen natürlichen Väter.

Der Türke versorgt die Weiber, die seiner Laune gedient haben. Mitunter bedienstet er sie dann in seinem Hause. Ist einer Laune bloßer Sinnlichkeit ein Kind entsprossen, wird es vom Vater nicht preisgegeben dem Elend eines ungewissen Schicksals, wie es voll roher Unnatur unsere Männer machen mit ihren natürlichen Kindern!

Das Kind wird bei den Türken mit erzogen vom Vater, mit seinen legitimen Kindern, mit versorgt. Freilich hat es einen gesetzlich geringeren Pflichtanteil an seinem Vermögen, wenn nicht der Vater bei Lebzeiten bedacht war, andere Bestimmungen bei der Erbverteilung zu treffen.

Es darf aber seinen Erzeuger nennen mit ebenso viel Recht wie die Kinder der legitimen Frauen.

Was thun dagegen unsere Männer im Westen, die entweder noch frei oder durch das Sakrament der Ehe auf Lebenszeit gebunden sind an den Gegenstand ihres Fehlgriffes bei der Ehewahl?

Für die Kinder, die sie außerehelich mit einer Person niedrigeren Standes haben, bezahlen sie eine Alimentationsgebühr von 6 bis 20fl. monatlich. Und dies zumeist auch dann nur, wenn die verführte Mutter sich entschließt, die Rechte ihres Kindes gerichtlich nachzusuchen.

– Wie viele schamhafte Mädchen scheuen sich, das zu thun! Sie erhalten lieber allein ihr vaterloses Kind, oder es wird vom Geburtslande der Mutter erhalten.

– Wie viele solcher Gefallenen erfahren niemals den wahren Namen des Verführers und finden auch niemals seine Spur! Er entschwindet ihrem Gesichtskreise, sobald er Vater geworden ist.

– Diese Männer haben garnicht den Wunsch, ihre Kinder zu sehen. Sie kennen sie nicht! Vom Findelhause aus kommt solch' ein vaterverlassenes Menschenwürmchen hinaus aufs Land zu bäuerlichen Pflegeeltern, die sich einen Erwerb machen aus dem, was sie dem Kinde an notwendiger Nahrung abkargen. Der Vater bleibt für ein solches Menschenkind zeitlebens eine Nebelfigur.

Dann begegnet man oft draußen im Walde auf der Suche nach Schwämmen und Beeren oder unter der Last von trockenem Reisig gekrümmt, in Lumpen gehüllt, einem Gesichtchen so fein wie das einer Prinzessin.

Wie oft geschieht es, daß ein hochgestellter Mann an einem Taglöhner vorbeigeht, nicht ahnend, daß dieser Taglöhner sein eigener Sohn ist.

Und je höher die gesellschaftliche Rangstufe, auf welcher solch' ein natürlicher Vater, desto unnatürlicher verleugnet er seine natürlichen Kinder!

– Ja, das trifft zu. Wie unzählige Fälle sind mir bekannt, wo Männer, deren Ruhm die Welt erfüllt, von der durch sie sogar gewaltsam verführten Mutter ihres Kindes sich eine Bestätigung ausstellen lassen zum ewigen Gedächtnisse, daß ihr Kind nicht ihr Kind sei gegen die Abfindung einer geringfügigen Summe von 200 bis 300 Gulden und auch weniger!

– Aus vielen will ich Ihnen einen Fall mitteilen, weil der Betreffende, wissen Sie, wer gewesen ist?

– Bitte!

– Professor S.

– Wie, der berühmte Kliniker?

– Ja! er selbst. Vor dreizehn Jahren erzählte mir eine damals ungefähr 40jährige Frau bürgerlichen Standes vom Lande, hübsch, üppig, unter Thränen schluchzend ihre Geschichte. Wie sie als Patientin die Bekanntschaft des Professors S. an der Klinik gemacht hat. Er bezwang sie, die sich verzweifelt wehrte, in seiner Privatordinationsstunde. Sie gebar einen Knaben.

Der Professor ließ sie einige Zeit hierauf zu sich kommen und nötigte sie, eben auch so eine Schrift zu unterfertigen, darin sie eidlich erklärte, mit dem Professor »niemals in intimen Beziehungen gestanden« zu haben und »keinerlei Anspruch an ihn zu haben«. Sie war in drückender Not. Er gab ihr 200 fl. und hiermit hatte er seinem eigenen Kinde den Vater abgekauft. Der Handel war rasch abgemacht. Professor S. hatte sich seine Vaterpflichten für immer vom Halse geschafft für 200 fl.

– Warum ging die Frau nicht gleich damals zu einem Advokaten um Rat fragen?

– Sie schämte sich. Prosessor S. starb nach wenigen Jahren und, wie bekannt, hinterließ er ein großes Vermögen seiner einzigen Tochter.

– Ein Mensch von Herz, ja nur von natürlichem Instinkte, würde den Knaben adoptiert und erzogen haben, beglückt, seinen Namen auch in einem männlichen Nachkommen fortdauern zu sehen. Vielleicht hatte sein Kind auch etwas von des Vaters Talenten.

– Ja, ein Mensch, der auch das Herz auf dem rechten Fleck hat! Hat aber jeder Mensch mit reicher Begabung auch das Herz am rechten Fleck? Und ist denn jeder berühmte Mann auch ein großer Mensch? Wie viele der Leuchten der Wissenschaft und Kunst sind nichts als großartige Werkzeuge, doch als Menschen armselig!

Die arme Frau führte dann das 5jährige Kind, den einzigen Sohn des weltberühmten Professors, zu dessen Tochter. Beim Anblicke des Knaben, betroffen von der verblüffenden Ähnlichkeit desselben mit ihrem verstorbenen Vater, wich die Dame zuerst erschrocken zurück.

Als ihr aber die arme Frau ihre Bitte vorbrachte, sie möge doch etwas, eine Kleinigkeit, von dem ererbten großen Vermögen hergeben für dieses Kind, dieses einzige Brüderchen, schlug die Dame dann polternd die Thüre zu vor der armen Frau mit dem Kinde von ihrem eignen Fleisch und Blut. Der Name der großen Arztes ist wohl unsterblich, stirbt aber nun aus aus der Reihe lebender Namensträger. Er hat es nicht besser verdient.

– Sein Sohn führt den Namen seiner Mutter und wird sich kümmerlich durch das Dasein schlagen. Ich kannte diesen Knaben; ich sah ihn täglich. Er war Praktikant im Geschäftshause eines Verwandten.

Als ich jüngst durch die Arkaden der Universität schritt, blieb ich vor der Marmorbüste des großen Arztes und Gelehrten Professor S. stehen. Welche verblüffende Ähnlichkeit zwischen ihm und dem schwächlichen, kleinen, armen Praktikanten mit dem großen, länglichen Kopfe von damals!

– Die Welt wird nichts von der Existenz dieses Sohnes erfahren. Der Vater hat ihm für 200 fl. abgekauft den Namen, den Vater!

– Wie viele Fälle weiß ich, die diesem ganz gleichen!

– Freilich weist die Chronik der Gesellschaft auch Fälle auf, wo ein natürlicher Vater so natürlich ist, sein uneheliches Kind zu adoptieren, es liebt, es standesgemäß erziehen läßt und versorgt. Bei uns thun das aber nur die Ausnahmsmenschen und solche, die mit der Mutter des Kindes eine dauernde Liebe verbindet.



Sechster Teil.

Ehemarder.

– Das Sakrament der Ehe, das ja ebenso auch die Frau an den ungeliebten Mann auf Lebenszeit zwingt, fördert ferner bei uns eine scheußliche Spezies von Männern, die man »Ehemarder« nennen sollte.

– Diese Männer – meist gehören sie den höheren Gesellschaftsschichten an – bleiben unverheiratet. Von Zeit zu Zeit legen sie in beste Familien ein – Kukuksei. Der betrogene Gatte pflegt ahnungslos, wie in solchem Falle die Bachstelzen, solch' einen jungen Kukuk mehr zu lieben als seine eignen Kinder.

Da jüngst erzählte mir ein solcher Mann – er ist Generalkonsul in einer Seestadt – wie er unlängst mit knapper Not der Gefahr entkommen, daß sich seine eigene sechzehnjährige Tochter wahnsinnig in ihn verliebe.

Nach Jahren hatte er nämlich eine in einer Sommerfrische bei der Hauptstadt weilende Familie wieder aufgesucht. Sein Töchterchen, der Liebling des Pseudo-Papas, indessen zur herrlichen Mädchenblüte entfaltet, verliebte sich sterblich in den Herrn Generalkonsul, der persona grata im Hause des reichen Kommerzienrates. Die Mama mit dem drückend großen Geheimnisse am Herzen, mußte die größte Klugheit anwenden, um die Beiden zu trennen. Sonst würde eine Liebe mit tragischem Ausgange unvermeidlich gewesen sein.

– Warum heiraten Sie nicht?

– Wozu, solange andere Männer Frauen haben?

Das ist ungefähr die Devise dieser Sorte von Schmeißfliegen, die sich auf die Ehe anderer setzen und sie verunreinigen.

Das Ende dieser Sünder ist gewöhnlich der Lohn ihrer Unthaten. Sie verlieren das Vertrauen zur Treue des Weibes und wagen dann nicht mehr zu heiraten. Als einsame Junggesellen, vom Leben angeödet, legen sie in vorgerückten Jahren meistens selbst Hand an sich. Mehrere solcher Ehemarder errichteten jüngst ihr Testament in meiner Kanzlei. Einer hinterließ sein beträchtliches Vermögen zur Gründung von Waisenhäusern für vaterlose Waisen in seiner Vaterstadt in Österreich; ein anderer für Asyle für verlassene Kinder in Frankreich. Warum? frug ich letzteren.

– Weil meine Kinder ein jedes zwei Väter haben. Der eine ist reich und versorgt sie. Der andere – ich – darf nicht sie versorgen, damit nicht der eine erfahre . . . . gab er mir mit cynischem Freimute zur Antwort.

– In dem Heiligtum der Ehe, die gelöst werden kann, wenn man sich nicht mag, wird es weniger Ritzen geben, durch die ein solcher Marder sich durchzwängen könnte.



Siebenter Teil.

Die ethischen, moralischen Vorteile und das Wesen der gesetzlichen Doppelehe.

– Ein kostspieliges Glück aber, solch' eine zweifache Ehe! Die Einweibehe kostet so schon fast Unerschwingliches!

– Ja, Mohamed gestattete sie (siehe Sureh IV, Sunnah oder bürgerliches Gesetztbuch) auch nur jenem Manne, der nachgewiesenermaßen in der Lage ist, die Frauen, die er nimmt und deren Kinder zu ernähren.

Wie Sie schon aus den heutigen in Ihrer Kanzlei vorgekommenen Fällen ersehen konnten, thun es Männer von Gewissen, Klugheit und Herzensgüte auch bei uns den Türken nach, jedoch ungesetzlich.

Wenn sie ihrer Gattin keine Liebe mehr schenken können, nehmen sie ihr wenigstens die materiellen Vorteile ihrer Stellung als Gattin nicht weg. Sie belassen sie in dieser. Doch führen sie einen zweiten Haushalt mit dem Weibe ihrer späteren, ihrer reiferen Herzenswahl.

Im Wesen ist es ja ganz dasselbe. Bei uns aber ist die Form verletzend. Das zweite Weib, das ja in den meisten Fällen der ersten Gattin seelisch übergeordnet ist, wird durch diese Form erniedrigt zur –– Konkubine, zur sogenannten »Maitresse«. Sie läßt gerade den wahren, echten, heiligen, weil eigentlich auf natürlicher Basis ruhenden Bund als »verpönt« als »sträflich« erscheinen. Die einem Bunde der Liebe entstammten Kinder werden als Bastarde behandelt! Sie sind ausgeschlossen von allen Rechten auf den Vater, die ihnen zukommen.

– Da wird ja eine doppelte Vermehrung stattfinden. Das Gesetz der Doppelehe könnte den Franzosen aufhelfen; die Zahl dieser verringert sich sichtlich. Doch was wird man mit so viel Menschen anfangen bei uns?

– Raum genug hat die Erde! Übrigens werden dann auch nicht mehr Menschen geboren werden als jetzt: dagegen weniger – Bastarde, d. h. weniger außereheliche Kinder, Kinder, die einen Vater nicht kennen. Übrigens, vermehren sich denn die mohamedanischen Völker gar so riesig?

Freilich, derartige gesetzwidrige außereheliche »Verhältnisse« oder Nebenehen sind zunächst nur bei Leuten von einer gewissen Wohlhabenheit möglich. Ebenso würde die legitime Doppelehe gestattet werden können nur Männern, welche das Vermögen oder Einkommen nachweisen, für die Kosten eines doppelten Haushaltes aufkommen zu können, unbeschadet der ersten Gattin und den Kindern aus erster Ehe.

Eine zweite Frau wird ja fast nur in den Kreisen der gebildeten Mittel stände und der höheren Stände vorkommen, und zwar dort, wo ein verfeinertes, sensitiveres Gefühlsleben vorwaltet.

– Die Männer selbst werden eine legitime Doppelehe perhorrescieren.

Denn in dem Momente, wo eine »Zweite« aufhören wird, eine verbotene Frucht zu sein, wird sie keinen Reiz mehr haben für den Mann und nur das Gespenst verdoppelter Lasten ihm sein.

– Umso besser.

– Die Männer, die aber doch eine zweite ehelichen, werden gewiß sich erst in eine – dritte verlieben, weil die dritte die Unerlaubte sein wird.

– Für solche Männer ist meine legitime Doppelehe nicht gedacht, auch nicht für jene Männer, welche der Abwechslungs- und der ordinäre Geschlechtstrieb von Weib zu Weib treibt; nicht für jene, deren tierisch sinnliche Natur sie jedem sinnlichen Reize unterliegen macht; nicht für jene, die nur besitzen, nur genießen wollen und einer edlen Liebe nicht fähig sind. Dem Bedürfnisse dieser Polygamen würde ja auch die Doppelehe nicht entgegenkommen. Die Doppelehe wird auch nicht für das Proletariat sein, nicht für die untersten Stände. Dort sind ja die gegenseitigen Bedürfnisse zumeist niedrigerer Natur und bald zu befriedigen. Aus ihrem Kreise hat Ola Hansson wahrlich seine »Sensitiva« nicht gesammelt. »Pack schlägt sich, Pack verträgt sich«.

Auch lassen sich diese Leute in der Mehrzahl bei der Ehewahl weniger von materiellen Besitzrücksichten leiten als es bei den höheren Ständen der Fall ist. Zumeist folgen sie dem Zuge ihres natürlichen Instinktes und finden sich dabei wohl auch da mit Ausnahmen passend zusammen.

Das Gesetz selbst, das eine zweite Frau zu der ersten zu ehelichen erlauben wird, wird vor der Ausführung des Erlaubten schützen. Man sieht dies an dem Beispiele, das darin die Mohammedaner geben. Wie selten hat ein Türke zwei Harems, nämlich zwei Ehegattinnen!

Wird der Ehemann wissen, es droht ihm die berechtigte Forderung einer Liebsten sie zu seiner gesetzmäßigen Gattin ehelich zu kooptieren, wird er es sich auch länger, als es jetzt geschieht, überlegen eine Nebenliebe zu haben.

Vor allem aber wird er bei der ersten Ehewahl weiser und vorsichtiger vorgehen als jetzt.

Eine solche zweite Glücks-Korrektur-Ehe würde dann wirklich nur im äußersten Bedürfnisfalle geschlossen werden.

– Bei sehr vernünftigen Männern wohl. Ich bin aber überzeugt, daß auch bei der Doppelehe die – Mode regieren würde. Dem Einen, der aus wahrem Herzensbedürfnisse eine zweite Ehe einginge, würden eine Schar es nachthun, ohne inneres Bedürfnis, vielleicht nur aus Großmannssucht.

– Auswüchse fördert selbst die beste Sache. Das läßt sich nicht hindern. Alles Gute kann zum Zerrbilde verkehrt werden. Daran sind die Menschen selber schuld, die eine Sache verkehrt fassen, weil sie ihr Wesen nicht erfassen.

Auch Übertreibungen wird es immer geben. Eitle Menschen werden sich immer jeder Gelegenheit bemächtigen, um zu prunken. So wie es Leute giebt, die aus Großmannssucht sich ihren Rennstall und ihre sogenannte Soutenierte und Equipage auf Gummirädern halten zu müssen meinen, um den anderen nicht nachzustehen, wird es verdrehte Köpfe geben, die glauben werden, um den Reichtum würdig zu repräsentieren, müsse man zwei Haushaltungen haben.

– Auf die Gefahr hin aber, daß es auch diese gäbe!

– Die Frauen werden es aber immer noch vorziehen, daß der Mann eine sogenannte »Geliebte« habe, als noch eine rechtmäßige Gattin!

Denn was läßt heute die legitimen Frauen solch eine Nebenliebe oder Konkubinat des Gatten noch ertragen? Der Umstand, daß die andere doch nur als seine Maitresse gilt, während die Gattin die Gattin ist, die vor der Welt als die »Frau Gemahlin«, als die einzig rechtmäßig geltende!

– Nun, dann werden andere Gründe ihnen die Nebengattin des Mannes ertragen helfen. Das Los der Freundin und so vieler anderer Frauen wird das eigene als natürlich, als selbstverständlich erscheinen und ertragen machen. (Tröstet sich denn nicht jetzt manche Gattin über die Nebenliebe des Gatten mit dem gleichen Lose, das dieser und jener unter ihren Bekannten beschieden ist?)

Nur im erstem Momente werden die Frauen des Westens über die Ungeheuerlichkeit einer legitimen Doppelehe sich entsetzen und Zeter und Mordio schreien.

Sie werden auch den, der die Doppelehe anregt, steinigen. Darum hüll' ich mich auch für den ersten Augenblick in Anonymität, aber nur für den ersten Augenblick.

Mit der Zeit aber werden sich die Frauen in diese scheinbare, jedoch nur scheinbare Ungeheuerlichkeit einer möglichen Doppelehe des Gatten ebenso fügen, wie man sich gefügt hat, z. B. in die allgemeine Wehrpflicht, wie sich die gebildeten Frauen des mohammedanischen Ostens fügen in die Ehe. Konstantinopel ist in kaum 30 Stunden von Wien zu erreichen, in wenigen Stunden vom Osten Ungarns.

Und das zum großen Teil von Mohammedanern bevölkerte Bosnien und die Herzegowina? Dort heiratet der Mann ja auch zuweilen zwei Frauen, und unter dem Schutze derselben Krone, die unsere Rechte beschützt.

Und diese Frauen des mohammedanischen Orients, die man im Westen so bedauert, sind gar nicht so bedauernswert darum! Sie sind nicht minder empfänglich für Liebe, nicht minder poetisch empfindend und nicht minder souverän dem Manne gegenüber, von dem sie geliebt werden, nicht minder souverän in ihrem Hause. Was über ihr »Sklavenjoch« bei uns verbreitet ist, ist ja ein Märchen.

Übrigens werden ja obligatorische Heiratsverträge im voraus Bestimmungen festsetzen, in welchem Verhältnis für Frau und Kinder wird gesorgt werden, für den Fall, als der Mann eine zweite Ehe schließen sollte, so wie man sich in Ehekontrakten ebenfalls gegen die Folgen einer event. Scheidung schützt und rechtskräftig sichert.

Übrigens kann – wie es bei Sultanstöchtern der Fall ist – manche Braut im Heiratskontrakt die Bedingung stellen, daß der Mann bei ihren Lebzeiten eine zweite Gattin nicht nehmen dürfe, oder aber nur gegen ein zu vereinbarendes hohes Pönale.

Es wird auch geschehen, daß durch eine zweite Eheschließung mancher Vater gerade seinen Kindern aus erster Ehe aufhelfen kann. Ist dies nicht auch der Fall, wenn Witwer eine vermögende Frau heiraten?

– Da wird ja die erste Gattin immer das Damoklesschwert einer Nebenheirat des Mannes über sich fühlen?

– Fühlen? Nein. Nur wenn sie sich die Liebe des Mannes verscherzt haben wird. Aber »zusammennehmen« werden sich alle Frauen, um dem Manne dauernd zu gefallen. Es wird gerade in diesem Punkte von den Ehegattinnen viel gesündigt. Wenn sie einmal den Mann erliebäugelt, ergattert haben, dann setzen sie sich zur Ruhe, will sagen sie vernachlässigen ihr Äußeres, ihr Inneres, sie lassen sich gehen. Der Mann bekommt sie nur in der Wirtschaftsschürze, ungeschnürt, unfrisiert und nur im Negligé ihres ganzen Wesens zu sehen. Die Musik, die sie trieben, auf die sie so viel Zeit verwendet und oft auch verschwendet hatten, so lange sie ihn noch nicht hatten, wird beim ersten Kinderschrei auf den Nagel gehängt. Dagegen wird das Programm der Gardinenpredigten ins tägliche Repertoire aufgenommen. Unduldsamkeit mit den allergeringsten Schwächen und Vergehungen des Mannes, Mangel an Nachsicht, Vorwürfe, Beleidigungen, Herabzerren seiner Person. Dann kommt gründliche Verstimmung auf beiden Seiten. Da toben dann die Frauen, wenn des Mannes Auge und Schönheitssinn nach neuem Reize, überhaupt nach Reiz schweift, nach einer weiblichen Seele ausschaut, die ihn mit der ersehnten Zärtlichkeit und Verehrung behandelt. Denn Zärtlichkeit und Verehrung oder wenigstens Anerkennung, das heißt Gegenstand derselben zu sein, ist ja dem Mann ebenso Bedürfnis wie dem Weibe.

In der Regel machen sich die Weiber schön, nur für die Männer oder den Mann, der noch nicht ihr Eigen ist. Das wird bei dieser drohenden legitimen Konkurrenz der Doppelehe ganz anders werden. Die Liebe will täglich neu erworben werden, täglich neu entfacht sein, auch in der Ehe.

Das werden die Gattinen begreifen und werden diesem Umstand mehr Rechnung tragen, als dies heute geschieht in Ehen, wo man sich täglich mehr satt wird.



Achter Teil.

Legitime Doppelehe und Frauen-Emancipation.

Wird es dem wohlhabenden Manne oder dem Manne mit genügend großem Einkommen nach Anführung triftiger Gründe – die gerade so gesetzlich näher bestimmt sein müssen wie die Scheidungsgründe – gestattet sein, sich ein zweites, legitimes Eheweib zu nehmen: welche Aussicht eröffnet sich da unseren überzähligen armen Mädchen! Welche Aussicht eröffnet sich den Mädchen, welche keine Mitgift haben, um als erste Gattinnen heimgeführt zu werden, die ja nach heutiger Gesellschaftsordnung dem Manne die Existenz mit begründen.

Diese zweiten Gattinnen werden sich ja gern darein fügen, daß ihnen der zweite Rang ein geräumt werde.

Das neue Ehegesetz, wonach der wohlhabendere Gatte das Eheglück, das er bei der ersten Frau nicht gefunden, in einer gleichzeitigen, zweiten gesetzlichen »Nebenehe« suchen darf, wird also zur Folge haben vor allem:

daß das erschreckend große Kontingent der armen Mädchen verringert wird, die schön, begabt, aus guten, aber vermögenlosen Familien sich im Wettbewerbe mit den Männern um das tägliche Brot – entweiblichen, verringert das enorme Kontingent nämlich jener Mädchen aus den gebildeten Ständen, die mangels einer Mitgift ihrem eigentlichen, von der Natur gewollten und geheiligten Berufe als Gattin und Mutter entrückt werden und – Arbeitsbienen, bloße Arbeitsbienen werden.

Die Zahl der illegitimen, verwahrlosenden Kinder wird verringert werden. Das Familienleben wird inniger, weihevoller werden. Es wird weniger sogenannte, die Nichtachtung des Gesetzes verbreitende ehebrecherische »Verhältnisse« geben und weniger Scheinehen.

So manche der bisher geltenden Institutionen ist nicht mehr lebensfähig, drängt nach neuen Formen, nach neuen Gesetzen.

Die sittlichen Fundamente der heutigen Gesellschaft sind zum Teil gelockert. Die auf diesen basierende Einrichtung der Ehe entbehrt daher in vielen Fällen der festen ethischen Unterlage; auch sie ist in all zu vielen Fällen nur getragen von der Weltlüge.

Die Ehegesetze sind nicht mehr angepaßt der neuen Auffassung der Menschheit, der neuen, der heutigen Menschheit, ihrer Auffassung von Eheglück – nicht angepaßt den Bedürfnissen menschlicher Eigenart und ihrer Wandlungen!

Und ist die Einrichtung der Ehe nicht auch nur ein gewordenes und, ein gesetzt von der Rücksicht, eine feste Familien-Grundlage für den Staatenbau zu schaffen?

Die Ehesetzgebung ist reformbedürftig, weil die Ehe reformbedürftig geworden ist.

Und da giebt es vor allem eine Reform nach zweierlei Richtung: 1. Die Lösbarkeit aller Ehe. Die Eheschließung auf Grund eines obligatorischen Ehe-Kontraktes mit Gesetzeskraft, und 2. eine gesetzlich gestattete Nebenehe in unbefriedigender Ehe oder Scheinehe für den Fall, als die rechtmäßige erste Gattin sich weigert, in eine Scheidung einzugehen und es vorzieht, im Hause des Gatten, im Besitze ihrer durch die Heirat erworbenen Rechte zu bleiben.

– Und wie wollen Sie Ihre Ehereform durchführen?

– Das werden Sie sehen. Wir gehen einer Zeit großer Umwälzungen entgegen!