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Sidonie Grünwald-Zerkovitz – Das Gretchen von heute.

Gedichte

Sidonie Grünwald-Zerkovitz, Das Gretchen von heute, Verlag des Wiener Bestellortes der Pariser illustr. Modezeitung La Mode mit deutscher Übersetzung und Individualisierung, Vierte Auflage, Wien, o. J.

Motto:

(Heinrich.)
Es hat in einem Augenblicke
Zu meinem Herzen eine Brücke
Dein Seelenzauber sich erbaut,
Der aus dem Aug' Dir lockend schaut.

Nun kannst Du aus dem Herzen holen,
Was es für Dich des Süßen hat . . .
Das Nichterlaubte nimm verstohlen . . .

(Gretchen.)
– Wer glitt' nicht aus, wo
es so – glatt!



Vorrede

.

Dieses Buch – – »das Gretchen von heute« – sowie dessen zweiter Teil: »die Lieder der Mormonin«, die schon um drei Jahre früher erschienen, haben den Zweck, zwei brennende, tiefe Wunden bloßzulegen, an denen die moderne Gesellschaft krankt. Vielleicht gesundet ihr Körper, wenn zum Consilium die Ärzte: das Naturrecht in seinen heiligen zarten Herzensregungen und die klare Einsicht menschlicher Vernunft herbeigeholt werden. Diesen deuten die beiden Bücher die zerstörenden Wirkungen dieser immer mehr klaffenden Wunde an, die entkräftet, entadelt, zum – Weltschmerze wird.
Dieses arme »Gretchen von heute« ist der idealisierte Typus von tausend und abertausend bejammernswerten Opfern allerort, eines krankhaften Zuges unserer auf Wohlleben zielenden Zeit des Materialismus, des Egoismus, der Gewissenlosigkeit, der Heuchelei, des Selbstbetrugs.
Unser »Heinrich« ist der in der modernen Gesellschaft heimische Freier Glücksjäger, der bei der Eheschließung zu allerletzt darnach frägt, ob sich das Herz zum Herzen findet . . .
Heinrich liebt, verführt und verläßt das moderne Gretchen, um einen für ihn materiell vorteilhaften Ehebund mit einer Andern zu schließen, die er eben nicht liebt; denn das Gretchen ist nur schön und nur (!) seelisch ganz wie geschaffen, um zu beglücken. Eine reiche Natur, reich an Geistesgaben und Tugenden, ihm in heiliger, treuer Liebe ergeben, ist Gretchen jedoch – arm, ein armes Mädchen! Und all ihre Tugenden und Vorzüge, die er an ihr liebt und preist, bedeuten für Heinrich nicht – Haus, nicht Hof, nicht Mittel zur Gründung einer bequemen oder reichlicheren Existenz! . . . .
Bei Heinrich muß die Schwalbenbraut ihrem Nestgenossen Halme und Erde – recht viel Halme, recht viel Erde – zum Nestbau zubringen, zieht auch mit dem Paar die Liebe nicht mit ein.
Ich war bestrebt, die Photographie der Seelenstimmung Beider in allen Phasen eines solchen modernen Liebesdramas zu geben. So mußte ich denn in der Steigerung zum Höhenpunkte der Handlung auch die entfesselte Leidenschaft in ihren sinnberückenden Formen der Äußerung wiedergeben. Prud' homme und Prude femme werden mit einem »das ist ja Zola-la!« züchtiglich den Stab über das Werk brechen. Was tut's! Je mehr die häßlichen Triebe eines Teils der Gesellschaft von heute hinter dem eleganten Schleier meisterhafter Heuchelei sich bergen: desto drängender tritt an den Dichter die Aufgabe heran, diesen rücksichtslos zu lüften. Übrigens war ich bemüht, dem Gesetze aller Dichtung gemäß, so sehr zu idealisieren, wie es bei dem prosaischen Vorwurfe – einen gewissen Typus modernen Freiertums in einem Liebesverhältnisse zu einem vermögenlosen herrlichen Mädchen darzustellen – der poetischen Verarbeitung nur irgendwie möglich war.
Und nun auf Heinrichs aus Rücksichten auf materiellen Vorteil geschlossene Ehe übergehend: was kann es auch andererseits für ein Eheglück sein, das der betrogenen Gattin an Heinrichs Seite winkt? Diese kann dann wirklich in der Liebe eines solchen Gatten aus moderner Zeit, bei dem der Schnitt vorüber, nur die – »Ährenleserin« sein! (siehe Nr. 1 der Lieder der Mormonin).
Wie sich an Heinrich sonst auch noch das Unrecht rächt, das er an der Geliebten und an der Gattin begeht, davon geben »die Lieder der Mormonin« Kunde. Diese sind das Seelendrama seiner durch ihn um ihr Glück betrogenen Gattin, die zu ihrem Herzensrecht zu gelangen meint, indem sie dann in den Armen unerlaubter Liebe Zuflucht sucht.
Wenn das Buch »das Gretchen von heute« den allerkleinsten Teil der Aufgabe erfüllt, die es sich gestellt hat, wenn es auch nur einen Heinrich bestimmt, sein Gretchen zu – heiraten, obgleich es arm ist: ward es nicht vergeblich geschrieben.

Wien , 1890

Die Verfasserin:
Sidonie Grünwald-Zerkovitz



Und Dir doch vermält, vermält Dir im Liede!


I. Kapitel

Begegnung.


1.

Erste Begegnung Heinrichs mit Gretchen.
Sie entglühen in Sympathie für einander.

»Gewiß, vor tausenden Jahren . . .«

(Heinrich.)

Gewiß, vor tausenden Jahren
Kannt' ich Dich ganz genau:
Ich zog mit den Barbaren –
Du warst eine Griechenfrau. –

Auf dem Nomadenzuge
Ersah ich Dich am Thor,
Da . . . mit der Augen Fluge
Drang mir die Seel' empor!

Da gab's ein Schlachtenrufen!
Da gab's ein Schwertgeklirr!
Du standest an den Stufen, –
Das machte den Sinn mir wirr. –

Von Deinem Anblick trunken,
Versah ich des Feindes Hand –
Da lag ich, zu Boden gesunken,
Bis mir der Sinn entschwand . . .

.    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .

Und jüngst in dämmernder Stunde
Erwacht' ich an fremden Ort –
An der brennenden Freude und Wunde
Erkannt' ich Dich sofort!


Wol rauschten darüber die Zeiten,
Doch nichts hat die Woge entrafft!
Was sind denn Ewigkeiten
Für Leid und Leidenschaft!«


2.

Es muß eine wahre Geschichte sein . . .

(Gretchen.)

Es muß eine wahre Geschichte
Sein, was Dein Lied erzählt:
Daß uns vor tausenden Jahren
Ein einziger Blick hat vermält . . .

Doch haben die neidischen Götter
Dich dann meinen Armen entrückt,
Eh', unsere Liebe zu weihn, uns
Ein seliger Tag hätt' beglückt, –

Und sie wandelten mich zu der Blume,
Die in tausend Jahren einmal
Zum Blühn kann wieder wecken
Ein einziger Sonnenstrahl.

Der wundersam jetzt mich bescheinet,
Und den Kelch mir aufgeküßt,
In dem Strahl ich Dich wieder erkenn', der
Du bestimmt mir Jahrtausende bist!

3.

Wenn ich Dich lieb' . . .

(Gretchen.)

Wenn ich Dich lieb', wirst Du's empfinden
Und danken mir wie Liebe dankt?
Wird nicht Dein Arm nur mich umwinden
Ohn' daß mich auch Dein Herz umrankt?

Ob's mir mit meiner tiefen Liebe
Nicht wie dem Morgenthau ergeht,
Fiel auf den Stein er, – nicht auf Triebe –
Daraus ihm Blüte nie ersteht? . . .

4.

Der Seele Aushängeschild.

(Heinrich.)

Nur Deiner Seele Aufschrift lesen
Im Antlitz Dir, in der Stimme Laut
Und schon hab' ich Dein ganzes Wesen
Mit meinem Herzensaug' erschaut!

Sie sagt, daß alles an Dir echt ist,
Das Wort – die That – daß alles wahr.
Drum, ob's Dir gleich wär', ob's Dir recht ist:
Mein ganzes Herz bringt sich Dir dar!

5.

Herbstlicher Bescheid.

(Gretchen.)

Bin traumversunken hingeschlendert,
– Dein Lieben war's, darob ich sann –
Vorbei an einer Reih' Akazien,
Die trüber Herbsthauch grau umspann.

Nach einem Stenglein Baumgefieder,
Das sich am Zweig schon herbstmatt wiegt,
Zog meine Hand es; sein Orakel
Nie auf des Herzens Frage lügt . . .

Ich löste ab ein Blatt . . . »Er liebt mich . . . »
» Von Herzen« . . . pflückt' ich weiter fort; . . .
Doch, ach, bei »über alle Maßen »,
Da hing das Blättchen – herbstverdorrt!


6.

Zum Lieben sind wir nie zu alt.

(Heinrich.)

Zum Lieben sind wir nie zu alt!
Wohl dem, der drob nicht streitet
Und, so lang er durchs Dasein wallt,
Von Liebe ist geleitet!

Ob jünger, älter um manch Jahr!
Wird Lieb' um das sich kümmern?!
Was thut's, ob hier und dort ein Haar
Am Scheitel grau mag schimmern?!

Frägt Liebeslust, frägt Liebesleid,
Ob Kümmernisse haben
In's Antlitz mit dem Pflug der Zeit
Manch Furche schon gegraben?!

Ohn' Liebe leben wäre arg!
Drum altert nicht die Liebe!
Und so lang Kraft noch webt im Mark,
Besel'gen ihre Triebe!

Es liebt der Mensch, so lang er leibt
Und gleicht darin der Linde,
Die immer junge Triebe treibt
Trotz – tausendjähr'ger Rinde!

7.

Bange Fragen.

(Gretchen.)

Und doch mein Herz Dich zagend frägt:
Ist, was als Blüte Deines trägt,
Dein Lieben, sprich, nicht allzu zart? –
Ist's etwa nicht von gleicher Art

Wie die »Laternenblumen« sind,
Davon bald kahl der Stengel bleibt?
Denn ihre Blüte weicht dem Wind,
Kaum daß sein Hauch darüber treibt . . . . .

Mein Herz voll Bangen zu Dir spricht:
Was Dich an mich knüpft, ist es nicht
Ein Band, den Fäden gleich, – so dünn! –
Die schnelle webt die rasche Spinn',

Wenn sie zwei Eichenstämme umfängt
In Herbststrahls allerletztem Glimmen,
Die reißen, kaum sich daran hängt
Und wär's die kleinste aller – Immen . . . . .?

8.

In der Knospe.

(Gretchen.)

Ich bin ins Freie hinausgegangen,
Wollt' nach dem Frühling sehn.
Der hat sein Werk kaum angefangen
Im Thal und auf den Höhn!

Noch hangt in Knospen keusch verborgen
Am Zweig der Blätter Kranz.
Von heute verschieben sie es auf morgen
Sich zu enthüllen ganz. –

Noch hat die Sonne recht nicht geschienen
Wie sie im Lenze scheint –
Und sie zögern, bis bewiesen sie ihnen,
Daß sie es – ehrlich meint . . .

.    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .

So will mein Herz noch nicht sich wagen
Aus der Knospe heraus vor Dir.
Noch hör' ich's bang, mißtrauisch fragen:
»Wie meint's mein Lieb mit mir?«

9.

Mein Lenz.

(Heinrich.)

Der Frühling ziehet jubelnd ein!
Es schallen schon durch Flur und Hain
Die lustigen Fanfaren
Der frohen Vogelscharen!

Man hört die Blümchen blau und weiß
Schon flüstern unterm Grase leis',
Wie sie in Duftes Fließen
Einander zart begrüßen!

Ich neige in den Frühlingsklang
Hinaus mein Ohr so sehnsuchtsbang!
Möcht' mir ein Wort erlauschen
Das Herz mir zu berauschen, –

Das Wort so voll von Süßigkeit:
»Ich liebe Dich für alle Zeit!«
Erst bis ich das vernommen,
Ist mir mein Lenz gekommen!

10.

Schau erst genau ins Herz . . . .

(Gretchen.)

Schau erst genau ins Herz! dann sprich:
Wie Deine Liebe ist für mich!
Ob nicht Dein Herz sie nur umfängt
Wie der Sturm, der kurz am Himmel hängt,
Der, ausgetobt bald, wieder sich legt,
Da er manche Blüte fortgefegt? – –

Schau erst genau ins Herz! dann sprich:
Wie Deine Liebe ist für mich!
Ob nicht durchs Herz sie Dir flackernd streicht,
Und über dem Sumpfe dem Irrlicht gleicht,
Das, bösem Hauch entglühter Gruß,
Zum Abgrund lockt den irren Fuß –?

Schau erst genau ins Herz! dann sprich:
Was meine Liebe wär' für Dich?
Und wäre sie, was der Sonne Schein
Der Erd' ist: dann will sie Dir sein,
Was der Erd' ist die Sonne in ew'gem Lauf,
Der sie untergeht, und der sie geht auf!

11.

Was frägst Du auch . . .

(Heinrich.)

Was frägst Du auch: »ob's – Liebe ist,«
»Ob's währen wird?« »wie es begründet,«
Wenn Mund den Mund voll Inbrunst küßt
Und Seel' in Seele tosend mündet?!

Und wär' das eine Blume nur,
Die plötzlich aufging im Gemüte,
Duftstreuend in der Seele Flur,
Die Tage nur, ja Stunden blühte?

Und wenn's ein Rausch, ein kurzer wär',
Drein – träumend süß – das Herz versunken!
Hat's nur von Seligkeit ein Meer
Im kurzen Traume rasch getrunken!

Du weißt, nichts währt in Ewigkeit –
Drum, wozu forschend Zeit verschwenden!
Genieß das Stückchen Deiner Zeit;
. . . Wir werden sehn, – ob »es« wird enden!

12.

Ein Schrittchen vor und zwei zurück . . . . . .

(Gretchen.)

Ein Schrittchen vor und zwei zurück . . . . . .
So geh' entgegen ich dem Glück,
Das hold aus Deiner Liebe weht
Und mich in ihre Arme lädt

Ein Schrittchen vor und zwei zurück!
Denn mir zeigt meines Herzens Blick
Und eine inn're Stimme spricht:
Wie Du mich liebst, ist – Liebe nicht!

Und etwas Unnennbares mahnt:
Du gleichst dem Berge ungebahnt!
Umsonst klimm ich den Gletscherhang!
Zu Deiner Lieb' ich nie gelang!

Und wenn mein Fuß, den Lieb' beseelt,
Vom Schwindel wankt, ein Haarbreit fehlt . . . .
Dann ist vollendet mein Geschick:
Ich fall', ich sink' . . . . . kein Schritt zurück!

13.

Eine Leiter hinan.

(Gretchen.)

Vielleicht ist's, was in die Arme
Mich zu schließen, Dich so drängt,
Gar nicht Liebe echte, warme,
Die sich fürs Empfangen schenkt.

Vielleicht, daß Dich, satt gegessen
An der Frucht, die nahe hangt, . .
Jetzt nur Deine – Kunst zu messen,
Nach der Kirsche hoch . . . verlangt?

Solche Kirschen traun, die gleichen
Meiner Liebe, die sich giebt,
Keine Kunst kann die erreichen,
Nur die Seel', die wahr mich liebt!

Und die Leiter, die beim Lesen
Solcher Kirschen man besteigt?
– Ist der Reiz im Geist, im Wesen,
Güte , die im Thun sich zeigt!

14.

Herbstsprießen.

(Gretchen.)

Es ist ach Herbst seit vielen Tagen!
Die Bäume haben abgelegt
Den Blätterschmuck, den sie getragen,
Im Nord, der durch die Luft gefegt!

Und von des Sommers Glühen müde,
Vergessend den entwichnen Traum,
Sie lehnen, Schlummer auf dem Lide,
In Nebellüften Baum um Baum.

Nur Einer, sieh da, kaum entschlafen,
Zu neuem Leben frisch erwacht!
Ob ihn nicht tief die Strahlen trafen
Der Herbstsonn', die ihm zugelacht?

Denn frische Knospen ihm entsprießen!
Blick' ich zum Baum, wie wohl wird mir!
Als wollt' durch ihn der Frühling grüßen,
So maihaft steht im Herbst er hier!

.    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .

Seh' ich den Baum im Herbst erblühen,
Im Herzen mir ein Wunsch entbrennt:
Daß meiner Liebe lenzhaft Glühen
Der Deinen Mai erwecken könnt'!

15.

Die Linde.

(des alten – Jungen Selbstbespiegelung.)
(Heinrich.)

Es heuchelt ja die knorrige Rinde,
Will sie wem sagen, der Baum sei alt!
Wer glaubt's auch von der prächtigen Linde,
Die Zeit hätt' über sie Gewalt!

Wer glaubt's ihr, die mit mächt'ger Krone
Den jungen Sommer duftig schmückt
Die Ahne sammt dem Enkelsohne
Zum Tanz um ihren Stamm berückt!

Glaubt es im Schatten wohl der Schläfer,
Der seine Träume mit ihr tauscht?
Glaubt's ihr etwa der durst'ge Käfer,
Der sich an ihrem Duft berauscht?

Daß es die – Nachtigall wohl glaube,
Die Linde wär' fürs Glück zu alt? –
Umkost von ihrem dichten Laube,
Fänd' sie auf ihr nicht frohen Halt?

16.

Scheucht's meine Lieb . . . .

(Gretchen.)

Scheucht's meine Lieb, wenn Deine Stirn
Umwallte weißer Locken Kranz?
Fällt auf den Schneekrystall der Firn
Nicht lenzhaft doch der Sonnenglanz?

Scheucht's meine Lieb' und wäre auch
Dein Herz längst abgekühlt, erstarrt?
Kein Felsen ragt im Nebelrauch,
Und sei er noch so öd, so hart,

Daß in verborgnem stillen Spalt
Ihm nicht ein Blümchen spröße traut,
Darauf der Frühling hold macht Halt,
Drauf glänzend Thau in Perlen thaut!

Und wär' Dein Herz gleich Felsgestein,
Das fruchtlos Sonnenglut umfließt:
Möchte' ich des Felsen – Blümchen sein,
Das still in seiner Spalte sprießt!

17.

Drohende Vereinsamung.

(Heinrich.)

Ich blüh', ein Blaublümchen, verborgen
Bei Halmen still auf dem Feld –
Bald werden die Ähren geschnitten – . . . .
Trüb' blickt mir entgegen die Welt!

Ich armes Blaublümchen werde
Allein und verlassen stehn,
Wann rauh über kahle Stoppeln
Die herbstlichen Winde wehn!

Wie wohlig könnt' ich mich schmiegen
Ans Mägdlein, das Blumen da pflückt,
Ach, wollt' nur das Mägdlein bemerken
Blaublümchen, wie's nach ihm blickt!

18.

Mein Ave.

(Heinrich.)

Aus dem Schlummer ruft mich heute
Weihevolles Glockengeläute,
Das vom nahen Kirchturm klingt
Und ins Ohr mir weckend dringt.

Mahnen soll es alle Frommen
In die Kirche jetzt zu kommen,
Daß des neuen Tags Beginn
Im Gebete weih' ihr Sinn.

Mich vergeblich Glocken rufen
Hin zu des Altares Stufen!
Kaum schlägt wach mein Lid sich auf,
Weiht sich meines Tages Lauf!

Die Gedanken Dich nur grüßen,
Liebchen, Dich, das sie umschließen!
Der Gruß ist's, der früh und spät
Mir den Tag weiht statt Gebet!

19.

Ein Wort – ein Zunder.

(Gretchen.)

Im Briefe Dein
Das Wörtchen klein:
» Ich liebe Dich!«
Wie fesselt's mich!
Daß ich darauf muß immer sehn,
Bis mir die Augen übergehn!

Das Wort im Brief
Wie warf es tief
Mir seine Glut
In Seel' und Blut!
Vielleicht geschrieben ohne Acht,
Was hat dies Wort in mir entfacht!

20.

Toll?

(Gretchen.)

Durchs Fenster, wo zu Blumen fror der Thau,
Hinaus auf einen Baum ich sinnend schau;
Ganz abgedeckt,
Der Baum sich streckt
Mit nackter Rinde
Im rauhen Winde.

Und doch . . . in seinem ragenden Geäst
Hangt da ein festgefügtes Vogelnest!
Ein Vöglein blickt
Hervor beglückt.
Mir scheint, es glaubt
Den Baum belaubt! –

Ist toll der Vogel, daß er hängt sein Nest
So lenzfroh an des Baums entlaubt Geäst?

Dann wär's auch ich,
Da es mich
Ans Herz Dir zieht,
Das – liebemüd (?)!

21.

. . . Kein – Spatz . . .

(Gretchen.)

Die Spatzen, die hüpfen
Um den kahlen Ast –
Im grünen Laub ist
Die Nachtigall Gast.

Erst wann in der grünen
Laubkron' sie sich sieht,
Entperlt ihrer Kehle
Das süße Lied.

.    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .

– Drum kannst Du kein Ast sein
Kein kahler, mein Schatz!
Es hinge an Dir nicht
Mein Herz, das kein – Spatz!

22.

Wann Du mich finden kannst daheim? . . .

(Gretchen.)

Ich soll Dir's künden
In einem »Reim,«
Wann Du mich finden
Wohl kannst daheim?

– An allen Tagen!
(Ohn' allen Scherz),
Wenn zu mir tragen
Dich wird das – Herz! . . .

Und daß nicht verfehle
Dein Fuß mein Haus,
So send' meine Seele
Ich nach Dir aus!

23.

Mein Herz.

(Gretchen.)

Und bist Du an
Der stillen Klaus',
O klopfe nur:
»Ist die Lieb' zu Haus?«

Am stillen Haus'
Ein eisern Thor,
Ein rostig Schloß
Hängt schwer davor.

Noch drehte sich
Kein Schlüssel drinn –
Die Lieb' ist selbst
Die Pförtnerin.

So eigen ist
Das stolze Ding!
Der Tausendst' ist
Ihr zu gering! –

Harrt lieber bis
Ihr Haus fällt ein . . . . .
Eh' sie, wer ihr
Nicht recht, ließ ein!

Doch klopf nur an!
Vielleicht, . . . . . ich mein' . . . . .
Läßt Dich die Lieb'
Ins Häuschen – ein!

24.

Am Saum mir . . .

(Heinrich.)

Ja, meine Seel' berauscht der Traum mir,
Daß Deine Liebe glänzt am Saum ihr
Wie Sonnenzauber, der sich malt
Im Falterflügel, draus er strahlt!

Und ich wieg' im süßen Wonnetraume
So hoch mich über dem Erdenraume,
Weil mich die hehre Freude trägt,
Daß mir Dein Herz in Liebe schlägt!

25.

Ich danke Dir vieltausendmal.

(Heinrich.)

Ich danke Dir vieltausendmal,
Hat mir Dein Herz sich ergeben!
Wie ist ach, ohne Liebe schaal,
Wie winterlich frostig das Leben!

Mir ist so wohl, mir ist so warm,
Da mich Deine Lieb will umfangen!
Ich sonn' mich in Lieb' wie der Mückenschwarm,
Der im Sommerhauch mag hangen!

Und da mein Herz ein zweites grüßt,
Das edel und rein und groß ist,
Flugs meines sich ihm ganz erschließt,
Weil Gutes zu lieben sein Los ist!

Nicht Reichtum und nicht Ruhm und Ehr'
Ist's, wonach es greift und hastet!
Ein Herz, das ihm am liebsten wär',
Ist's, wonach es sehnsüchtig tastet!

Denn seien sie noch so sehr begehrt
Des Daseins Kostbarkeiten.
Das Leben ist doch des Lebens nur wert,
Weil wert ist ein Herz – einem zweiten!

II. Kapitel.


Heinrich und Gretchen leben ihrer Liebe Frühling.

26.

Liebesfrühling

oder:
Was wir jetzt wollen?
(Heinrich.)

Frägt wohl die Sonne, was sie will,
Blickt lenzhaft sie hinab zur Erde?!
In beiden webet Lieb' erst still
Ohn' allen Kummer, was draus werde . . .

Erst bis des Sonnenstrahls küssender Blick
Sich nach der Erde Schoß gesenkt hat, . . .
Grüßt beide in tausenden Blüten das Glück,
Das Einer dem Andern liebend geschenkt hat! . .

27.

Das Leben ist schön.

(Gretchen.)

Das Leben ist schön!
Und schön ist's für jeden
Im Thal wie auf Höhn!
Die Welt ist ein Eden!

Nicht, weil sie geschmückt wird
Vom Lorbeeren-Baum,
Von dem gepflückt wird
Des Ruhmgeizes Traum!

Das Leben ist schön
Um der Blumen willen,
Die im Thal wie auf Höhn
Uns blühen im Stillen,
Die ein Jeder von Stunden
Von seligen pflückt,
– Unterwegs gefunden, –
Den Weg sich schmückt!

Ganz dar es sich reicht
Dem tiefen Blicke,
Und dem Herzen, das leicht
Sich erschließet dem Glücke! –
Doch was es auch habe
Für der Fühlenden Kreis,
Als herrlichste Gabe
Die – Liebe ich preis'!

Das Leben ist schön!
Ruf ich voll Entzücken
Und hab' es gesehn
Zu Boden mich drücken! –
Doch schlug es auch Wunden,
Die zu Tod mich geschmerzt,
Sie verheilen in Stunden,
Da Liebe mich herzt!

Das Leben ist schön!
Noch will ich so rufen,
Werd' ich mich sehn
An des Grabes Stufen!
Und giebt es ein Träumen
In des Jenseits Flur:
Dann möcht' ich dort träumen
Vom – Leben nur!

28.

Du umwindst mich mit Liebe gleich Blumenranken.

(Gretchen.)

Du umwindst mich mit Lieb' wie mit Blumenranken
Und ich hang an Dir mit allen Gedanken
Wie der Käfer all seinen Daseinstraum
Verbringt an der duftigen Ranke Saum,
An der im Rausch er so lange bebt,
Bis er sich in Seligkeit – ausgelebt!

29.

Der Lenz und – Du.

(Gretchen.)

In Blumen spricht zu ihm die Au,
Der sie küssend umhaucht, zum Lenze;
Der Himmel prangt für ihn in Blau,
Der Käfer hüpft ihm seine Tänze!

Wo eine Knospe noch nicht erschloß
Ihres Daseins duftige Falten:
Erschließt sich all ihren Blühens Schoß
Keusch seinen, nur seinen Gewalten!

In geheimer Zaubermelodei
Die Quellen zu murmeln beginnen –
Urlustig huschen die Vöglein herbei –
In Natur webt neues Minnen!

. . . Und mir hat Natur von all dem geliehn,
Was ihr Lieben dem Lenze kündet:
Hör' nur, wie tausende Melodieen
Um Dich meine Liebe windet!

30.

Johannistriebe.

(Heinrich.)

»Vor meinem Fenster ein Kastanienbaum
Träumt tief im Herbste seinen Frühlingstraum;
Er prangt in Blüten, fördert neue Triebe
Und träumt von jungem Lenz und neuer Liebe . .

– Sag', meint's die Sonne gut mit ihren Strahlen?
Büßt er die Täuschung nicht mit Leid und Qualen?
Dräut ihm kein Frost, vor dem den Blüten graut?
Sag', hat die Sonne Dir nichts anvertraut?«

31.

An den Kastanienbaum vor Deinem – Fenster.

(Gretchen.)

Wem späte Blüten hold entsprießen,
Der träumt im Herbst den Frühlingstraum,
Sag' ihm: ich laß ihn innig grüßen
Vor'm Fenster den – Kastanienbaum!

Sag', nun benagt ihm kein Gewürme
Mehr seine Blüten seltner Art! –
Nicht weh'n sie fort des Herbstes Stürme –
Kein Wandervogel d'rauf sich paart! . ..

Nicht mög' um seinen Schmuck er bangen,
Ob auch der Herbst gar leicht bereift –;
Nur Frost, der kommt im Lenz gegangen,
Vernichtet Blühen, das er streift! –

Und wem die Sonne zaubert Blüten
Im Herbst, als wäre Frühling da,
Dem bleiben sie, wann längst verglühten
Die letzten Rosen, Winter nah! – –

Sag' ihm, . . . daß seine Triebe sprießen,
Das säh' ich mit den . . . Augen gern – . . .
Und daß ich traurig ihn laß grüßen
Dort – den Kastanienbaum so fern!

32.

Wirkungen der Liebe.

(Gretchen.)

Wardst auch Du für Nordwinds Heulen
Und für Rabenkrächzen – taub?
Scheinen Dir auch – Tempelsäulen
All die Bäume ohne Laub?

Meinst auch Du, es sei die – Schwalbe,
Die in würz'ge Luft sich schwang,
Hüpfet still der Spatz die falbe
Rauchumflorte Straß' entlang?

Scheint auch Dir durch trübe Scheiben,
Wann es dichte Flocken schneit,
Daß im Wind die Blüten treiben,
Daß Dir's in die Stube – mait?

33.

Lenzhafter Lebensherbst.

(Heinrich.)

Die Erdbeer blüht wieder
Am Waldesrand.
Es strahlt auf sie nieder
Der Sonnenbrand. –

Wollt' trübe schon senken
Das Haupt auf die Brust
Und nimmermehr denken
An Daseinslust;

Schon hat sie im Moose
Des Frostes geharrt,
Da haben die Lose
Sie glücklich genarrt:

Sie muß sich nun sehen
Im Herbstesstrahl
Neu auferstehen
Ein – Letztesmal!

34.

Kommt mir ein Blättchen, von Dir geschickt . . .

(Heinrich.)

Kommt mir ein Blättchen, von Dir geschickt,
Wie das mich erfreut, wie das mich beglückt!

Ich schlüpfe wie die diebischen Dohlen
Mit Gold – in ein Winkelchen still und verstohlen –

Zuerst mein Auge sich drein senkt,
Zu sehen, wie Dein Herz mein denkt –

Da berauscht mich, was dran haften blieb:
Der Duft der Hand, die hold es schrieb –

Und dann, da all meine Seele dran hangt,
Dann . . . Dich zu küssen mich verlangt –

Und weil mit dem Mund Du nicht bist bei mir,
Küß Deine – Worte ich auf dem Papier!

35.

Guten Morgen!

(Gretchen.)

Was mich so früh denn täglich zwingt
Auf, fort vom weichen Pfühle?
– Das Morgenrot, drin, wann es winkt,
Ich Dich, Lieb, seh' und fühle!

Wann Morgenrot ins Stübchen schlich
Die Lider mir zu erschließen,
Im süßen Morgentraum mein' ich,
Du seist es und kämst, mich zu grüßen!

Dann stürz' ich dem Tag entgegen voll Lust,
Der Dich so früh bracht wieder
Meinem Seelenaug', – und meiner Brust
Entschäumen dann Jubellieder!

36.

O Du gute Nacht!

(Gretchen.)

Ich küsse Deiner Hülle Saum,
O Nacht, die vor die Seele mild
Mir zaubert im barmherz'gen Traum
Des fernen Liebchens lichtes Bild!

Wie süß wär' ach das Sterben mir,
Könnt' in die Ewigkeit ich gehn
Im Hoffen: wie im Traume hier
Mein Lieb im Jenseit auch zu sehn!

37.

Zueinandergehörigkeit.

(Gretchen.)

Entstiegest als Fels Du der Erde Schoß
Und erstünd ich zu Sein erst soeben:
Mir wäre als müßt' ich als grünes Moos
Dein starres Dasein umgeben!

Und wärst Du der Spiegel der weiten See:
Mich würd' aus den Tiefen es drängen,
Daß ich in Dir, See, als Insel ersteh',
Die Deine Wogen umschlängen!

38.

Dein Reich.

(Gretchen.)

Kann mir denken,
Kann mir denken,
Was den Zweifel Dir entfacht,
Was in unsrer
Liebe Helle
Streut des Argwohns düstre Nacht:

Weil Dir dünket,
Daß sich zwischen
Uns fänd' mancher Unterschied –,
Bangt Dir, daß er
Früher, später
Unsre Liebe grausam schied'!

Vor der Liebe
Vor der echten
Ist im Weltall alles gleich;
Denn die Liebe
Macht ja alles
Niedre herrlich, Arme reich.
Eine Krone
Hat die Liebe
Aufgesetzt Dir, Theurer mein,
Und Du bist, Du
Bist mein – König
Und mein Herz: Dein Reich, ja Dein!

39.

Morgengruß im Schneefall.

(Gretchen.)

»Herzlieb, guten Morgen!« hauch' ich leis'
In den Schnee hinaus durch die Scheiben,
Daran die Flöckchen dicht und weiß
In den Lüften vorübertreiben!

Ich dank' dem Schnee, der sich mir lieh
Meinen Gruß Dir zu bringen heute!
Schneit es auf Dich durch Dein alt –Parapluie,
Denk, daß es Küsse schneite!

Guten Morgen! Wann ans Fenster Dir
Den Schnee Du leise hörst schlagen,
Weißt Du, was seine Flöckchen von mir
Dir wollen neidvoll sagen?

Sie wollen Dir sagen: mein Lieben ist rein
Wie der Schnee, der in weißen Krystallen
Hell, blendend leuchtet ins Auge hinein,
Wann frisch er vom Himmel gefallen, –

Und daß meiner Liebe solch Los nicht droht,
Deß der Schnee, der blanke, gewärtig,
Mit dem verfließt der Straßenkot . . .
Befleckend ihn widerwärtig! – –

Mein Lieben ja Dich umfangen hält,
Dich, den es in Reinheit bekränzet
Wie Schnee, der auf die Firne fällt,
Und im Alpenglühen glänzet! . . .

40.

Doch am Ird'schen hangt das Sein.

(Heinrich.)

Lieb mich, lieb mich! doch grüß nimmer
Mich nur so aus – heil'ger Fern'
Wie dem See nur seinen Schimmer
Sendet hold der Abendstern!

Liebe, Mädchen, kann so rein nicht
Sein wie Luft im Gletscherkreis,
Wo trotz Frühlingssonnenschein nicht
Schmilzt der hohen Firne Eis! –

Menschenlieb' ist nicht gewoben
Nur aus dem, was hehr und rein! . . .
Schwingt sich auch der Geist nach oben,
Hangt am Ird'schen Sinn und Sein!

41a.

Liebesbeweise.

(Gretchen.)

Wie? keinen Glauben bei Dir findet
Die Liebe der – Nachtigall,
Weil sich ihr Sehnen herrlich kündet
In holder Sänge Schall?

Wenn sie am Abend süße Klänge
Gießt in den stillen Hain,
Ist's denn, was ihr die Zaubersänge
Entlockt, nicht – Lieb' allein?

An die Liebe der Nachtigall glaube,
Die strömt durch ihren Sang;
Sie ist wahr wie die Liebe der Taube,
Die girrt im Liebesdrang . . .

Und der Nachtigall Liebe preise
Über jene des Fisches im Teich,
Der stumm seine Liebesbeweise
An die Sonne setzt als – Laich! . . .

41b.

»Wasser! Wasser!« (im Blindekuhspiel):

(Gretchen.)

Ein Falter wiegt sich im Sonnengold –
Bald schwebt er nah, bald schwebt er fern
Dem Knaben, der über die Wiese tollt,
Ihn finge gar so gern! –

. . . Jetzt hat er ihn . . . doch hält er ihn
Mit loser unkundiger Hand –
Ich fürcht', der Falter wird ihm entfliehn,
Eh' er ihn zu fassen verstand . . . .

42.

Maiglöckchen des Herzens.

(Gretchen.)

Eine Woche hab' ich wollen
Es versuchen, Dir zu grollen;
– Und mein Groll, er war gerecht –
Doch der Groll behagt mir schlecht!

Fröhlich leb' ich meine Tage
Nur, wann ich im Herzen trage
Deines Wesens schönes Bild
Ohn' daß Groll mir es verhüllt!

Und es ist mir in den bangen
Schmolletagen so ergangen
Wie es Winters geht der Erd',
Die der Sonn' den Rücken kehrt. –

Ach, wie war ums Herz mir öde!
Länger schmollen wäre blöde!
Und ich will Dir rasch verzeihn;
Denn wie süß – Dir gut zu sein!

Wie die Erde läßt im Sprießen
Maiglöckchens die Sonne grüßen,
So sagt Dir dies Herzenslied:
»Lieb, ich bin des Schmollens müd!«

43.

Kann Liebe nicht Winters auch blühen?

(Gretchen.)

Daß der Lenz bricht an, was kümmert's mich?
Kann Lieb' nicht Winters auch blühen?
Aus dem Herzen mir der Lenz nicht wich,
Ob es frieren mochte, ob glühen.

Schienst Du ja ins Herz mir allezeit!
Da ist drin Frühling geblieben,
Der Frühling, der auch im Winter mait,
Der blüht im Herzen voll – Lieben!

44.

»An anderer Sünde teilnehmen.«

(Gretchen.)

Wie oft weilt meine Seele bei Dir
Mit all ihrem Sehnen und Denken!
Wie drängt es zur Flucht sie fort von hier
Sich, Liebster, Dir zu schenken!

Sie läßt sich dann heimlich nieder beglückt
In Deiner einsamen Klause
Und kaum, daß sie Dich hat erblickt,
So fühlt sie sich schon zu Hause!

Sie umschlingt Dich fest und küßt Dich wund
Mit sündigen Küssen und frommen . . .

(Heinrich.)
– Was frommen solch »sündige«, hat Dein Mund
Am Sündigen – teil nicht genommen!

45.

Das Ufer zum Bache.

(Schwanken zwischen frommen Vorsätzen und sündigem Begehren . . .)
(Gretchen.)

Ich lausch', wie die Wellen umkosen
So hold Deines Ufers Saum,
Doch ob Du auch noch so klar seist,
Dein Murmeln versteh' ich kaum!

Bald wiegt sich in Deinem Bette
Die krystallne Flut so sanft,
Als gelobte sie: nie zu erstürmen
Hier Deines Ufers Ranft,

Als wollte sie an den Blüten,
Die duftend am Rande stehn,
Zu entblättern sie nicht, nicht zu brechen,
Nur lind vorübergehn –,

Bald schlägt empor eine Welle,
Lugt aus nach des Mondes Bahn,
Als ob Du ihn ungestüm frügest:
»Darf ich den Blüten schon nahn?

Darf über das Ufer ich fluten,
Da über den blühenden Rain?
Wann endlich ist, was ich umfließe,
Wann endlich ist – Alles mein?« . . .!

46.

Du thöricht Herz, Du arme Maid.

(Heinrich.)

Du thöricht Herz, Du arme Maid,
Die ihre Lieb' verdrießt
Aus Angst, die Liebe – brächte Leid,
Wenn sie sich ihr erschließt!

Die neidet Bächleins ruhigen Lauf,
Das nicht sich leert, nicht häuft
Und Ewigkeiten nie hinauf,
Bequem nur thalwärts läuft!

Die tiefst beneidet auf der Welt
Im Meer das Felsenriff,
Weil Wog' auf Wog' an ihm zerschellt –,
Das Sein nicht an ihn griff!

Du armes Herz, Du thöricht Kind,
Das weist mit engem Blick
Die Reize, die geboten sind,
Vom Dasein – feig zurück!

–     –     –     –     –     –     –     –

Das Glück nicht in der Ruhe liegt,
Nicht darin, daß sich unbewegt
Das Herz auf sichrer Woge wiegt
Und wunschlos süßen Wunsch nicht hegt!

Durch des Herzens Prisma läßt es ein,
Wer weise des Daseins Gabe genießt,
Nicht neidend den regungslosen Stein,
Das Bächlein nicht, das ruhig fließt!

47.

Wie lang schon seh ich Dich langen.

(Gretchen.)

Wie lang schon seh ich Dich langen
Nach meinen Küssen still,
Wie wer Kirschen am Baum sieht hangen
Und gerne sie pflücken will . . .

Und ob auch zum Kuß Du berückest,
Ich laß das Küssen gehn;
Mir bangt, daß den Kuß nur Du pflückest
Und mich wie den Baum – lässest stehn!

48.

Der Liebe willst Du wehren?

(Heinrich.)

Der Liebe willst Du wehren?
Dem Recht auf Hochgenuß?
Es wehren, daß sich Dein Begehren
Verrate: nach einem – Kuß! . . .

Aus dem Auge Dir, aus dem feuchten,
Aus der Rede bebendem Laut
Der Leidenschaft Wetterleuchten
In zuckenden Blitzen ja schaut!

Drum, meinem Mund nicht entweiche,
Kommt Dir entgegen sein Kuß!
. . . . Besinnt, eh' er fährt in die Eiche,
Sich der Blitz, ob er soll? – Nein, – er muß!

49.

Überwinden.

(Heinrich.)

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Willst, arme Thörin Du, Dich feig befrein?!
Da Lieb' den Weg zu Deiner Seele findet,
Schiebst Du den Riegel vor des Herzens Schrein?!

So dünken furchtbar Dir die Allgewalten,
Die uns zur Erd' herab den Himmel ziehn,
Die unsern Fuß mit mächt'gen Zaubern halten
An kahler Erde, die er sonst möcht' fliehn?

Fliehst – weil, vom Liebessturm in Hirnes Grunde
Entwurzelt, mancher »sittige » Grundsatz wankt –
Die Liebe, der ja jede Frühlingsstunde
In Daseins Winteröde ist gedankt!

Du weise Heldin, die zu überwinden
Sich rühmt die Liebe, die ihr Lieben würgt,
Du ahnst nicht, daß in ihrem Glutempfinden
Dein – Glück sich im Visier des Gegners birgt!


50.

Wieder hat es sich ereignet.

(Heinrich.)

Wieder hat es sich ereignet,
Daß Du Deine Lieb' geleugnet
Hundertmal in einer Stund
Mit dem dienstbeflissnen Mund!

Wieder ist's wie stets geschehen,
Daß ich Deine Lieb' gesehen,
Wie sie aus dem Aug' Dir bricht,
Tausendmal Dir – widerspricht!



51.

Die Sehnsucht – ein Schwert.

(Heinrich.)

Dein Lieben kämpft mit dem Verstand,
Der sich ihm feindlich widersetzt?
Bin auf den Ausgang sehr gespannt:
Wer Sieger, wer besiegt zuletzt.

Nicht war es Lieb', so sie erliegt;
Denn nichts ist mächtig wie ihr Schwert:
Die Sehnsucht, die ob allem siegt,
Die heiß erkämpft, was sie begehrt.

52.

Zur Charakteristik meiner Liebe.

(Heinrich.)

Nicht lange darfst meine Liebe Du scheuchen!
Denn viel hat sie von der Flugnatur
Des Vogels, der, im Nu zu erreichen,
Im Nu entschwindet ohne Spur!

Des Geistes Reiz in Wort, in Geberde,
Im Antlitz ein anmutvoller Zug
Lockt sie zu Dir, wie den Vogel zur Erde
Ein Körnchen, das er ersah im Flug . . .

Und wie meine Liebe zu Dir sich getragen,
Weil Süßes sie an Dir ersah:
Ein Ton . . . der ihr nicht mag behagen,
. . . Ein Zug . . . und sie ist nimmer da!

III. Kapitel.


Nun versucht es Heinrich, Gretchen seiner Liebe gefügig zu machen, indem er sie durch Betrachtungen über den Endzweck allen Daseins zu seinen eigenen Anschauungen – jenen eines modernen Materialisten – zu bekehren strebt. Dieser Endzweck ist nach ihm: möglichste Befriedigung der Sehnsucht nach Daseins Vollgenuß. Das arme verblendete Gretchen geht für einige Zeit darauf ein.

53.

Behende fegt die Zeit ach . . .

(Heinrich.)

Behende fegt die Zeit ach fort
Des Leibes und der Seele Blühen!
Wie bald stehn welk wir da, verdorrt,
Ein stumpfes Werkzeug für die Mühen,
Die jede Stunde, die uns schlägt,
Dem Leib, dem Geiste auferlegt!

Fass' Mut zur Lieb', genußbereit,
Vereint mit mir im Liebesbunde,
Laß rasch uns nützen unsre Zeit
Mit kussesdurst'gem rotem Munde!
Daß Freude uns den Becher füllt,
So lang uns Daseinslust noch quillt!

Noch stürzt zur Lippe mir der Kuß,
Wie Lava, die entschäumt Vulkanen!
Und meine Glut drängt zum Erguß
Wie Feueratem von Titanen.
Noch toset mir in tiefster Brust
Ein Meer von blüh'nder Liebeslust!

Du bist dem Schooß des Ackers gleich,
Der harret noch der Saat, der rechten
In seine keuschen Furchen weich –
Daß Ähren ihm entsprießen möchten . . . .
Sät Liebe Dir sich ins Gemüt,
Wie reich die Ernte dann erblüht!

Drum Mut zur Lieb'! Genußbereit,
Mit mir vereint im Liebesbunde,
Laß rasch uns nützen unsre Zeit
Mit kussesdurst'gem rotem Munde!
Daß Freude uns den Becher füllt,
So lang uns Daseinslust noch quillt!

54a.

Dem bald Müden.

(Heinrich.)

O suche nicht, so lange Du atmest,
In des Daseins Gefilden, Du Thor, nach Ruh
Und schließe vor dem Sommertreiben
Des Lebens Deine Läden nicht zu!

Such nicht zu früh das einsame Dunkel,
Und weiche nicht aus dem Sonnenlicht,
Weil's mit sich führt auch Mückenschwärme,
Davon manche Mücke giftig sticht!

Zieh nicht vom Triebrad zurück die Hände,
So lang ein Finger sich Dir regt!
Von wem man Nichts mehr hofft und fürchtet,
Der Lebenden Kreis zu den – Toten legt . . .

Nicht schließ vor dem Leben, nicht schließ vor der Liebe
Unbedacht zu früh die Läden zu!
Und denk nicht an Müdsein, so lange Du atmest!
Gnug früh bringt Tod uns ewige Ruh!

54 b.

Die politische Gesinnung des Kusses.

(Heinrich.)

Da jüngst hat es den Kuß getrieben
Zu eines Munds Korallenthor,
Der ihn mit manchem reizvoll lieben
Wort neckend, süß zu sich beschwor.

Schon hofft der Kuß, es möcht' begegnen
Der Mund ihm hold im Liebesdrang . . .
Da wehrte plötzlich dem Verwegnen
Der Mund voll Hochmut den Empfang.

– Vorerst mußt Du genau erweisen
Mir Deine Herkunft, stürmisch Kind,
Ob Du entstammst Plebejerkreisen,
Ob Deiner Ahnen – sechzehn sind!

Bist Du Franzose? – Russe? Britte?
Bist – Jude Du, bist Du nicht Christ?
Noch Eins: (wärst Du aus unsrer Mitte)
Bist – Deutscher Du oder Panslavist?

Denn ich empfange selbst an Küssen
Nur gleichgesinnte Haute-volée!
Das solltest Du ja selber wissen,
Bist Kuß Du nicht ein Roturier!

Darauf der Kuß:

– Ein Kind bin ich der Liebesflamme,
Die jedes Herz mit Demut nennt,
Die Hohe doch, von der ich stamme,
Die »Unterschiede« da nicht kennt!

Sie züngelt über jede Mauer,
Die Welten Haders Gegenstand! –
Fühlst nicht Du selbst mit Wonneschauer,
Wie nichts ihr leistet Widerstand? . . .

Drum, fühlst Du wie ich, Funke, schnelle
Dir auf die Lippen süß will sprühn,
Empfang' mich anders an der Schwelle!
Ein Narr, wer frägt: wo Rosen blühn!

55.

Was frag' ich nach Unsterblichkeit.

(Heinrich.)

Was frag' ich nach Unsterblichkeit!
Zerstäubt der Unsterbliche nicht? –
Für einen Tag voll Seligkeit
Ich gern auf sie verzicht'!

Laßt lieben mich, wie das Herz es will,
So lang es wollend sich regt!
Frommt ihm »Unsterblichkeit«, wann es still
Vermodert, von Würmern zersägt?

Nach Vollgenuß der Lebenslust
Mein durstend Herz begehrt!
Seht, wie es die Schale glückbewußt,
In langen Zügen leert!

Drum geht mir mit Unsterblichkeit,
Der Zukunft Glorienschein!
Genieß ich nur mein Stückchen Zeit,
Ist nur – das Leben mein!

56.

An den stubenhockenden jungen Gelehrten.

(Heinrich.)

Was kletterst Du mühsam die Stufen
Zur grauen – Unsterblichkeit
Und merkst nicht, daß ungenützt hier
Enteilt Deines Lenzes Zeit?

Vergißt Du, Thor, daß nur Ein Lenz,
Ein einziger Dir beschert,
Der, sind seine Herrlichkeiten
Vorüber, nie wiederkehrt?

Ihnen öffne die Seele!
Mit ihnen tränk' Dir den Sinn,
Eh' Deine Sinne verwelken,
Eh' Dir der Mai schwand hin!

Der Schäferin auf der Wiese
Lege Dein Haupt in den Schoß!
Und erfahr', wie unsterblich schön ist
Des liebenden Sterblichen Los!

Sie bekränzt Dich mit duftigen Blumen,
Und flicht ihre Küsse hinein,
Und beschattet mit ihren Locken
Dich im glühenden Sonnenschein!

Ihr Kuß lehrt Dich begreifen,
Wie wenig Unsterblichkeit ist,
Begreifen, daß der nur ist selig,
Der liebend das Leben durchmißt!

Du lernst auf einem Plätzchen
In einer Spanne Zeit
In einem Zug durchleben
Die süßeste – Ewigkeit!

57.

O leb' Dich aus.

(Heinrich.)

O leb' Dich aus, o lieb' Dich aus,
So Lieb' und Leben winkt!
O trink' Dich satt, so lang Dein Herz,
Noch kräftig-durstig trinkt!
O sing' Dich aus! O jauchz' Dich aus,
So Freud' aus Dir noch dringt!
Durchmiß das All in kühnem Flug,
So noch Dein Flügel schwingt!
Und lausch' im Wald dem frohen Sang,
So lang ein Vöglein singt!
Und freu' Dich jeden frohen Klangs,
So lang ins Ohr es klingt!
Nütz' dankbar aus des Daseins Gut,
So lang es sich Dir bringt!
Denn lange welkt der Sinn, noch eh'
Der Leib zu Grabe sinkt!

58.

Aufforderung.

(Heinrich.)

Komm, ich küß Dich! Komm, ich herz' Dich!
Kommt, verliere keine Zeit!
Komm, genieß'! Nur Der ist glücklich,
Dem kein morgen gilt, nur – heut!
Heiß umfaß das ganze Leben!
Alles nimm, was es will geben!
Dein sei jetzt die ganze Welt!
Denn wie lang und, was gefällt
Heute Deinen trunknen Sinnen,
Siehst als Trugbild Du zerrinnen,
Wann aus sel'ger Rauschesnacht
Du zur Nüchternheit erwacht!
Süß der Rausch auch Einer Stunde!
Trink' ihn Dir von meinem Munde!

59.

Dem Altern seh' entgegen ich verzagt.

(Heinrich.)

Dem Altern seh' entgegen ich verzagt,
Wann mir die Zeit auch einst am Leibe nagt,
Daß ich mit mir zurecht mich nimmer finde,
Weil ich dann vor dem eignen Auge – schwinde!

Dem eignen Anblick aus dem Weg zu gehen,
Um nicht das Zerrbild seiner Selbst zu sehn!
Zu sein die Stoppel ach in Lebens Mitten
Der eignen Ähren, die die Zeit geschnitten!!

Ich mag nicht sterben wie der Herbst vergeht,
Der noch, wann alles Blühen längst verweht,
Muß mitten in der wilden Stürme Beben
Des letzten Blattes Fallen überleben!

Nein nein! nicht laß, o gütige Natur,
Die Zeiten mich erschau'n, da nur als Spur
Von was ich war, ich mich durch Jahre trage,
Ruinengleich ins Dasein fühlend rage!

Laß sterben mich, von Liebe noch durchglüht,
Wann Lust in tausend Formen mir noch blüht!
Wann alle Sinne dem Genuß noch offen,
Wann jede Stunde noch zeugt neues Hoffen!

Ja, sterben wie im blütenduft'gen Hag
Süß stirbt ein sonniger, wonniger Sommertag,
Der küßt die Blumen noch, daraus sich webet
Sein Bahrtuch prächtig und – zur Nacht entschwebet!

60.

Liebe scheucht Alter.

(Gretchen.)

Du kommst mir sagen
Mit bleicher Wang',
Daß vor dem Alter
Dir angst und bang?
Daß es in Herz und Sinn sein Kommen
Auch Dir einst kündet, macht Dich beklommen?

Ich stelle mich in
Deines Herzens Thür
Und lasse das Alter
Nicht ein zu Dir!
Und werde mit meiner Liebe Händen
Seine nahenden Schritte ab von Dir wenden!

Denn meine Liebe
wird streuen treu
Der Jugend Blüten
Dir immer aufs neu
Hinein ins tiefste Fühlen und Schauen,
Daß sich das Alter zu nahn nicht wird trauen!

61.

Wenn ich die stille Auster wäre.

(Gretchen.)

Wenn ich die stille Auster wäre,
Die im geschlossnen Muschelschrein
Birgt Perlen weiß, den Schatz der Meere:
Die Perlen wären alle – Dein!

Wär' ich der Strauch, auf dessen Zweigen
Die schönsten Rosen duftig blühn!
Die Rosen würden all' – Dein Eigen!
Dir auf den Weg streut ich sie hin!

Doch Perlen nicht, noch Rosen auf Zweigen
Ist, was ich hab', was ich Dir biet'!
So nimm das Beste, was mein Eigen:
Ich sing', mein Lieb, Dir all mein Lied!

62.

Was bring' ich Dir als Herzensdank.

(Heinrich.)

»Was bring' ich Dir als Herzensdank
Für herrlich reichen Liedersang?
An die Erde bannt mich Lauf und Ziel –
Zwischen Waffen ruht das Saitenspiel.

Doch blick' ich empor zum Himmelsblau,
Dann grüß' ich Dich, Du hohe Frau!
Und wenn mein Geist zum Flug sich hebt,
Fühl' ich, wie mich Dein Hauch umschwebt!

Die Sterne leuchten in Deinem Licht, –
Das Glück, es trägt Dein Angesicht –
So lang in der Höh' nur ein Himmel ist,
Giebt's keinen Tag, der Dich vergißt!«

63.

Klage der – hohen Frau.

(Gretchen.)

Ich mag nicht sein die – hohe Frau!
Nicht mag ich sein Dir nur Dein – Stern!
Mag sein Dir nicht das – Himmelsblau!
. . . Dein kleines Liebchen wär' ich gern!

Ich mag zu Hohes Dir nicht sein,
Zu dem Du aufblickst nur von fern –,
Das Dir nur scheint ins Aug' hinein –;
. . . Dein kleines Liebchen wär' ich gern.

.    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .   

Das »Himmelsblau« ich gern Dir wäre,
Wärst Du die Sonn', die es umspann'; –
Doch Dich – zu umfassen ich begehre,
Dich, der Du bist ein süßer Mann!

Dein »Stern« ich auch gar gerne wäre,
Wärst Du der Himmel und hing ich dran –;
Doch Dich zu – küssen ich begehre,
Dich, der Du bist ein süßer Mann!

Zur – »hohen Frau« ich auch bereit wär',
Zur Priesterin am Weihaltar,
Wärst Du der Gott, dem ich geweiht wär',
Dem ich mein Leben brächte dar!

64.

Mir will es nicht genügen . . . . .

(Gretchen.)

Mir will es nicht genügen,
Liebt mich mein Lieb verschwiegen . . .
Mein Herz drum wissen muß!
Mein Lieb mich küssen muß!

. . . . Was klag' ich da vergebens
Das Leid all meines Lebens?!
Lieb ja begehren muß,
Was ich – verwehren muß . . . . .

65.

Du willst mir Dank noch für die Lieder sagen?

(Gretchen.)

Du willst mir Dank noch für die Lieder sagen,
Die meiner Seele unbewußt entschäumen,
Wann Deingedenken mich umwebt mit Träumen,
Die mich empor in schön're Welten tragen?!

Dankt denn auch für der Nachtigallen Schlagen
Der Lenz? dankt für das Blühn er auf den Bäumen
Den Blumen, die mit Herrlichkeit umsäumen
Die Erde rings in Fluren, Au'n und Hagen?

Dankt er, der all das selbermacht erstehen,
Wann zauberhaft die Erd' erfaßt sein Wehen?
Tönt nicht von seinem Preise alles wieder?

. . .  So zauberst aus dem Innern Du mir Lieder,
Die meines Herzens Grund Dich lassen sehen –
Und dankbar knie, mein Freund, vor Dir ich nieder!

66.

Traumdeutung.

(Gretchen.)

Eh' Lieder ich sang, eh' ich Dich gekannt,
Da träumte mir einmal nächtlich,
Daß ich auf geheimem Pfade fand
Einen Schatz an Gold beträchtlich.

Ich las ihn auf den glänzenden Schatz
Und barg ihn im Busentuche
Und barg ihn bedächtig, daß an dem Platz
Ihn niemand ahne und suche.

Doch wie ich gewandelt, bei jedem Schritt
Mich peinliche Angst erfüllte:
Mein Busentuch immer und immer entglitt
Und den Schatz den verborgnen enthüllte . . .

Da wacht' ich auf. Ich dachte nach,
Was der seltsame Traum bedeute,
Doch wie ich auch nachsann träumend und wach,
Ich weiß mir die Deutung erst heute:

Der Schatz, den ich fand auf geheimem Steg,
Es ist meines Sanges Gabe,
Die ich auf dornigem Lebensweg
Entdeckt in mir selber habe!

Was enthüllte das flatternde Busentuch,
Was angstvoll ich barg unterm Mieder:
Meine Liebe ist's, die zu verbergen ich such',
Die enthüllen – all meine Lieder!

67.

Pfingstgruß.

(Heinrich.)

Was machen Deine Rosen
In den Gartenbeeten drunten?
Ich denke, liebselig kosen
Mit Faltern sie jetzt, mit bunten.

Den Rosen und Faltern sage,
Daß ich sie von Herzen beneide:
Sie nützen die schönen Tage
Viel weiser als wir Beide! –

68.

Wer wird an mir noch hangen . . .

(Gretchen.)

Der Sommer ist vergangen
Und Hagebutten hangen,
Wo wilde Rosen stachen
In die Finger, die sie brachen. –

.    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .   

Ist einst mein Sommer vergangen,
Wer wird an mir noch hangen?!
Ach, keiner von Denen, die starben
Vor Sehnsucht, als sie mich umwarben!

69.

Der bekehrten Rose Philosophie.

(Gretchen.)

Laßt uns, wann blühend noch auf Zweigen,
Umflattert noch von Faltern bunt,
Hold unsren Kelch dem Zephyr neigen,
Dem heißen Sonnenkuß den Mund!

Denn rasch die wonnige Zeit vergehet,
Da Glück uns unsre Schönheit webt,
Die grausam allzufrüh verwehet,
Noch eh' wir haben – ausgelebt!

70a.

Vielleicht . . .

(Gretchen.)

Ich fühl's, daß es nicht gut ist
Wie ich durchs Dasein ziehn,
Daß es ein toller Mut ist
Das Glück aus Angst zu fliehn
Vor – wie es heißt: der »Sünde«.
Drum, eh' das Haar mir bleicht,
Such ich das Glück auf! – finde
Ich es bei Dir? . . . Vielleicht! . . .

Im wachen Träume seh' ich
Der Liebe Morgenrot;
Natur, die winkt, versteh' ich;
Denn sie zu strafen droht,
Weil ungenützt zu Grabe,
Was reich sie gab, einst schleicht –
. . . Hat meiner Liebe Gabe
Sie Dir bestimmt? . . . Vielleicht! . . .

Will länger nicht verschwenden
Der Jugend reiche Zeit!
Entsagen soll nun enden!
Wem sei meine Lieb' geweiht?
Sie mag nur den beglücken,
Der zu der Höhe reicht . . .
– Hast Edelweiß zu pflücken
Den Mut Du? . . . dann vielleicht! . . .

70b.)

Und das Herz will seinen Traum doch haben.

(Gretchen.)

Guten Morgen, mein Lieb, ich grüße Dich!
Just wach ich auf. Es haben mich
Des sausenden Windes Melodie'n,

Die schaurig durch die Lüfte ziehn,
So früh zum Wachsein aufgerüttelt
Und den Morgentraum von mir geschüttelt!

Guten Morgen, mein Lieb', ich grüße Dich!
So früh erweckt, gemahnt es mich,
Wie mein Los des Lebenskampfes Last
Auf die Seele mir wälzt' mit rauher Hast,
Wie es kein Weilchen mich ließ säumen
Bei der Jugend holden, seligen Träumen!

Guten Morgen, mein Lieb', ich grüße Dich!
Ganz früh entriß mein Schicksal mich
Dem allerersten Liebestraum
Und legte mir an den wuchtigen Zaum
Von Pflichten, die in Fesseln zwängen,
Die man erfüllt ohn' Herzensdrängen! . . .

Guten Morgen, mein Lieb', ich grüße Dich!
In den Traum sangst Du aufs neue mich;
Ich träume nun fort, wo ich stehn einst blieb:
Den Traum, den wachen, besel'gender Lieb'!
Der ist ja der schönste der Lebensgaben,
Und das Herz will seinen Traum doch haben!

IV. Kapitel.


Gretchen ergiebt sich ihrer Liebe.


71.

»Anderer Sünde verteidigen.«

(Gretchen.)

Ja liebst Du mich, wie im All geliebt
Will sein, was dem Andren sich schenke:
Dann Seele und Leib Deinen Küssen sich giebt
Und ich nimmer und nichts bedenke! . . .

Stürz' ich entgegen Dir nicht wie der Fluß
Vom Fels eilt schäumend zum Meere,
Daß sich in ewig erneutem Erguß
Die schwellende Woge drein leere? –

Deine Liebe ist mir, was die Sonne der Flur –
Sie umglüh' mich mit lenzhaftem Weben!
Wie die Fluren blühn dem Sonnenaug' nur,
Werd' all mein Sein ich Dir geben!

Dann fürcht ich der Liebe Sünde nicht!
So nennen die Liebe die Neidigen;
Was beglückt da kreiset im Sonnenlicht,
Ist da – die Sünd' zu verteidigen!

72.

So komm doch ach in meine Nähe.

(Heinrich.)

So komm doch ach in meine Nähe,
Daß Deine Hand ich heiß ergreif', –
Daß ich Dir Aug' in Auge sähe,
Dir durch die weiche Locke streif' –
Dem Klange Deiner Stimme lausche, –
An Deinem Hauche mich berausche!

Mir ist, da mich im Liedestone
Von fern nur Deine Lieb' umfließt,
Wie dem bethörten Wüstensohne,
Wann ihn am Horizonte grüßt,
– Was sich nur malt im Luftgefilde –:
Fata-Morgana's Truggebilde!

73.

Muß ich, Deinen Kuß zu trinken . . .

(Gretchen.)

Muß ich, Deinen Kuß zu trinken,
Dir erst an der Lippen Saum
Mit dem Mund dem Krug gleich sinken,
Der sich neigt zum Wellenschaum?

.    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .    .

Wenn ich mein Aug' in Deins versenke,
Durchströmt mich süßes Liebesglück –;
Es müssen Küsse sein, ich denke,
Die trinkt mein Herz aus Deinem Blick! –

74.

»Denk' an mich.«

(Gretchen.)

Wozu, Liebster, wozu, sprich,
Mahnst Du immer: »denk' an mich!« –?
Mahnt die Blume denn der Grund,
Dran mit aller Würzlein Mund
Blümchen innig hanget,
Nichts sich sonst verlanget? –

Wozu, Liebster, wozu, sprich,
Mahnst Du immer: »denk' an mich!« –?
Ob der gold'ge Sonnenschein
Auch so mahnt das Käferlein,
Das sich regt voll Wonne
Nur in gold'ner Sonne?

Wozu, Liebster, wozu, sprich,
Mahnst du immer: »denk' an mich! –?
Ob der Bach den Fisch auch mahnt,
Der in seiner Flut nicht ahnt,
's könnt' noch etwas geben,
Wo der Fisch könnt' leben?

Bist Du mir zu jeder Stund'
Nicht, was ist der Blum' ihr Grund,
Was dem trunknen Käferlein
Ist der gold'ne Sonnenschein?
Was dem Fisch die Welle:
Meines Glückes – Quelle?

75.

Ob's »Liebe« ist?!

(Gretchen.)

Ob's Liebe ist? Ich weiß es nicht.
Ich wüßt' es nur zu schildern.
Doch arm das Wort; viel besser spricht
Mein Herz zu Dir in Bildern:

Wie's Bächlein über Stock und Stein
Zu seinem Fluß sich windet,
Sucht Herz und Auge Dich allein,
Selig, wenn es Dich findet.

Wenn ich Dich seh', bin ich beglückt
Und fühl's in mir erklingen
Wie Knospen, die den Lenz erblickt,
Vor Frühlingswonnen springen.

Wenn ich Dich seh, so ist mir wie
Der Nacht – könnt' sie empfinden –,
Wenn durch die Nebelschleier sie
Begrüßt des Tages Künden.

Gleich ihr, die an des Tages Brust
Sinkt, ohne langes Werben,
Sänk' ich an Deine voller Lust,
Im Kuß gleich ihr zu – sterben!

Ob's Liebe ist? Ich weiß es nicht.
Vielleicht wüßt' Dir es zu sagen
Ein – Kuß, der besser als Bilder spricht –
. . . So komm, den Kuß befragen!

76.

Wie lange, wie lang sie wird dauern . . .

(Gretchen.)

»Wie lange, wie lang sie wird dauern«
Die Lieb', die mit Gluten, mit Schauern
Durch unsere Seele zieht
Und schillert in klingendem Lied?

– Das werd' ich genau Dir sagen:
Entweder nur Tage sie währt,
Oder sie währt, bis enttragen
Die Seelen werden der Erd'!

Schoß auf ihr wundersam Blühen
Aus der Sinne lockerem Grund,
Dann wird gar bald sie verglühen,
Verwelkt, da noch küsset der Mund . . .

Doch hat sie Wurzel geschlagen
In der Seelen Harmonie,
Dann wird sie der Linde gleich ragen
In die Zeit und – welket nie!

77.

Rückkehr. – Einkehr.

(Heinrich.)

Mich trieb es wie den Vogel
Einst fort und zu den Höhn:
Was nah, war für mich reizlos,
Das Ferne schien mir schön.

So zog ich zu den Höhen
Auf kühnen Schwingen aus –
Wie freudeleer, ach, kehrt' ich
Vom fernen Flug nach Haus'!

Wie lockt mich nun das Pförtchen
Zu einer Hütte hier!
Ich fände meine Welt drin,
Wenn sie zög' ein mit mir!

78.

Was war's?

(Gretchen.)

Was war's? ein Kuß, gehaucht beseelt
Hin auf der Lippen Rand,
Der heil'ge Schwur, daß sich vermält
Hat Seel' der Seel' verwandt?

Was war's? Was war die Seligkeit,
Durch die wird Sein Gewinn?
War's echter Liebe Kuß, der weiht
Die Glut in Herz und Sinn?

Wie, oder war's nur Blitz, der läuft
Durchs Mark in wildem Sein,
Der ohne Wahl schlägt, glutgehäuft,
Drein, was am Weg ihm, ein . . .?

79.

»Zur Sünde schweigen.«

(Gretchen.)

Ich grüß' aus des Herzens Grunde
Das Eiland, blumenumsäumt,
Wo mir zur Dämmerstunde
Manch' sündiger Kuß ist entschäumt!

Und die Blumen, die dort sich wiegen
Im berauschenden Sommerhauch,
Weil sie zur Sünde geschwiegen . . .
Die Blumen grüß' ich auch!

80.

Lenz im Spätherbst.

(Gretchen.)

Schon hör' ich durch die Wipfel ziehen
Des Nordwinds Schauermelodieen!
Reif starrt, wo hell geglänzt der Thau
Und rings gähnt alles grau in grau. –

Und was erhellt vom Sonnenstrahl ist,
Das zeigt nur, wie nun alles kahl ist –
Der Vögel Sang verstummt, verhallt –
Und mir ist bis ins Tiefste kalt!

Könnt' weilen ich jetzt eine Stunde
Im Kuß an Deinem süßen Munde!
Ans Herz gedrückt von Deinem Arm!
Wie schiene Lenz ins Herz mir warm!

81.

Sehnsuchtsseufzer beim Schneefall.

(Gretchen.)

O könnt' ich doch eine Fee sein,
Zu wandeln mich, wie mich's freut!
Dann wollt' ich jetzt der Schnee sein,
Der auf Dich in Flöckchen schneit!

In tausend weichen Krystallen
Aufs Augenlid Dir, an die Brust . . .
Üb'rall hin . . . küssend fallen . . .
Ach, wäre mir das eine Lust!!

82.

Nicht zu klein?

(Gretchen.)

Das Tüchlein, das jetzt mir von Dir kommt,
Ich schickt' es Dir wieder voll Freud',
Drein eingewickelt die Küsse,
Die – ungeküßten von heut'! . .

Und möcht' mit den Küssen binden
Meine Liebe mit hinein –
. . . Was meinst Du? wär' nicht das Tüchlein
Für all das, für all das – zu klein?

83.

Noch heut' geh' ich den Lenz mir holen.

(Heinrich.)

Eisblumen ranken an meinem Fenster,
Bis in die Knochen ist mir kalt –
Die Bäume starren wie Gespenster,
Weiß eingehüllt, im todten Wald. –

Der Rabenschwärme gellend Krächzen,
Das laut durchhallt die öde Flur,
Durchbohrt das Herz mir wie ein Ächzen
Um die gestorbene Natur!

. . . Doch lang wird mir nun nicht mehr dauern
Die Wintersöde, die mich quält,
Und all das Frösteln, all das Schauern
Für mich nur noch nach Stunden zählt!

Noch heut' geh' ich den Lenz mir holen,
Noch heute um die Dämmerstund'!
Still hol' ich mir den Lenz verstolen,
Von Liebchens holdem Küssemund!

Und wann beglückt ich heimwärts wandre,
Nachts durch den winterlichen Plan:
Der Wald und ich, wir sind dann andre –
Das hat die Stund' beim Lieb gethan!

84.

Nach dem Stelldichein.

(Gretchen.)

Ich bring' mir Deines Kusses Spuren
Tief im Gemüte mit nach Haus,
Wie wer vom Gang durch Sommerfluren
Froh heimbringt einen Blumenstrauß.

Und wie des Straußes duftig Blühen
Ins düstre Stübchen Lenzhauch gießt,
So fühl' ich, wie des Kusses Glühen,
Auch fern Dir, mich mit Lust umfließt.

Und wenn ich manchesmal verzage
In meines Daseins Alltagsgraus,
Hol' ich mir Deinen Kuß und trage
In seiner – Spur mir Glück nach Haus!

85.

Sehnsuchtsseufzer.

(Gretchen.)

Wär' ich der Strauch in Frühlingstagen,
Möcht' ich als Blüte Dich auf mir tragen!

Wär' ich die Rose im Morgenprangen,
Möcht' ich Dich sehn als Thau an mir hangen!

Wär' ich die Wolke im Wetterraume,
Möcht' ich, Du hingest als Blitz mir am Saume!

Wär' ich die Woge, die tosend brandet,
Möcht' ich von Dir als Schaum sein berandet!

Da ich voll Demut ein Herz bin, das wagen
Nicht mag sein Sehnen laut Dir zu klagen,

Hauch' ich im Lied es, das leis' ich Dir singe:
»Ach daß Dein – Kuß am Munde mir hinge!«

86.

Gern . . . gern . . . gern.

(Gretchen.)

Aus dem Herzen,
Aus der Kehle,
Nahe Dir und in der Fern'
Zieht ein Lied mir,
Nur das eine:
»Lieb', ich hab' Dich gern, gern, gern!«

Allem, dem mein
Aug' begegnet,
Rose, Vogel, Abendstern,
Sing' ich vor mein
Einzig Liedchen:
»Gern, . . . gern, . . . gern, gern, gern, gern, gern!«

Und mein Liedchen,
»Gern, gern, gern, gern!«
Auch den Schlummer mir durchklingt,
Und ich träume,
Daß mein Liebchen
»» Gern! . . . Gern! . . .«« aus der Fern' mir singt!

87.

Ich möcht' . . . ich möcht' . . . .

(Gretchen.)

Ich möcht' in einem Winkel traut
Ein Blümchen sein, gar nicht geschaut,

Daß Du nur wüßtest ganz allein
Um mein verborgnes stilles Sein! –

Daß Du allein . . . Du zu mir kämst,
Mich zwischen Deine Finger nähmst . . .

Und ich verwelken dürft' beglückt
In – Deiner Hand, die mich gepflückt!

88.

Non consumatum est . . . . .

(Heinrich.)

Im Dasein jene einz'ge Brücke,
Die über alle Klüfte trägt,
Die sich ein Herz im Augenblicke
Zu einem zweiten Herzen schlägt:
Flugs zwischen Dir und mir sich baute,
Da mein Aug' in das Deine schaute . . .

Doch was sich heimlich, süß verstohlen
Auf solchen Brücken sonst geschwind
Ein Herz vom zweiten pflegt zu holen,
Einander wir – noch schuldig sind! . . .
Ich will mich ganz . . . ja ganz . . . Dir reichen,
Willst Deine Schuld auch Du begleichen?

89.

Der Liebe Höchstes.

(Gretchen.)

Ich hab' mich ja Dir nicht verwehrt,
Mag Dir Dein Lieben vergüten;
Was aber Dein Sinn begehrt,
Ich kann es, ich darf es nicht bieten!

Doch will ich das Höchste Dir geben:
Den Kuß, den Lieb' küßt allein,
Fühlst Mund an Mund Du mich beben,
Hauch' ich meine – Seele Dir ein!

90.

Der Kuß.

(Heinrich.)

Dein Kuß allein will mir nicht genügen!
Ein Kuß nicht mein Begehren stillt!
Trankst Du ihn je in vollen Zügen
Und empfandst noch nicht, was aus ihm quillt?

Ein Kuß – ein Blitz unter Sturmes Toben –
Ein süß Gewittern der Sinnenflut
Im tiefsten Mark, das nach unten, nach oben
Das Sein im Zickzack durchrast mit Glut.

Gewitter, das nicht sich löset in Regen . . .
In den Wolken bleibt und wühlend drin schwebt . . .
Und wetterleuchtend auf allen Wegen
Mit peinvollen Schauern uns durchbebt . . .

91a.

. . . Ich könnt' nicht selig sein an mehr . . . zu denken.

(Gretchen.)

Hat Lieb' denn mehr der Seligkeit
Als auf Liebchens Wort zu lauschen,
Darauf des Herzens Quell sich weit
Erschließt unter Plätschern und Rauschen?

Wie? Liebe mehr der Wonnen schenkt,
Wie wenn mit stummem Munde
Sich Aug' in Auge tief versenkt –
Und auf der Seelen Grunde

Der Wunsch, der nicht gesprochne quillt:
In eins sich zu verschlingen –
Und gleiches Sehnen Beide füllt,
Sich küssend zu durchdringen? . . .

Giebt's denn ein Höheres als den Kuß,
Das göttergleiche Genießen,
Wenn heiß zwei Seelen im Erguß
In Eine Seele fließen?!

Und hat die Liebe wirklich mehr
Als was ich weiß zu nennen:
Ich mag, beglückt es noch so sehr,
Ich mag es gar nicht kennen!

Ich hab' genug zum Seligsein
An dem, was mir sie will schenken;
Mir schwindelt . . . ich könnt' nicht selig sein,
An mehr . . . an mehr . . . zu denken!

91b.

Das Küssen ist nicht gesund. . . .

(Heinrich.)

Ich hauch Dir durch die Lippen
Heiß meine Seele ein
Und die meinen trinken und nippen
Von Deiner Seel', die dann mein –
Dein Atem facht Höllengluten
Im Tiefsten an, die der Mund
Mit seinen Küssen soll – löschen!!
. . . Das Küssen ist nicht gesund! . . .

Und streift mir über die Glieder
Glutzitternd Deine Hand,
Ist's, wie wenn sendet hernieder
Ins Thal die Sonn' ihren Brand. –
Mir ist wie den durstigen Wiesen
Mit den Blumen in der Rund:
Mich lähmt ein unnennbares Sehnen –
. . . Das Küssen ist nicht gesund! . . .

Und könntest ins Herz Du erst schauen!
Das ist von Sehnsucht so matt,
Wie eben die blumigen Auen,
Auf die es geregnet nicht hat . . .
Drum mag ich nichts mehr wissen
Von den Küssen, die küßt nur der Mund!
Das Küssen, ja solches Küssen,
Solch Küssen ist nicht gesund! . .

92.

Nicht Perlen, Demanten.

(Gretchen.)

Nicht Perlen, Demanten
Mag ich zum Geschenk,
Mich daran zu mahnen,
Daß Dein ich gedenk!

Nach Perlen, Demanten
Vom Schmuckladen her,
Trägt meine Liebe
Gar kein Begehr!

Frägt Lieb', ob am Hals mir
Als Perlenschnur prangt
Ein Zeichen, wie innig
Dein Herz an mir hangt?!

Und willst Du mir schenken,
Was hoch mich beglückt,
Schenk Blumen, die selber
Mir Du gepflückt!

Ich drück' an den Lippen
Zuerst sie matt
Und leg' ins Gebetbuch
Hinein sie aufs Blatt,

Aufs Blatt, drauf geschrieben
In meinem Gebet:
». . . Du bist die Liebe . . .«
Verheißungsvoll steht.

Mein Auge dann täglich
Drauf betend blickt
Und ich segne die Blumen,
Die Du mir gepflückt!

93.

Auf Wiedersehn ein andermal.

(Gretchen.)


Guten Morgen, Lieb! ich grüße Dich!
Noch grüß' ich aus trauriger Ferne!
Wie möcht' ich meine Grüße Dir
Selbst überbringen so gerne!

Ich hab' mich aufs heutige Wiedersehn
Gefreut, wie im Morgengrauen
Die Lerche – eh' sie empor sich schwingt –
Sich freut auf den Äther, den blauen!

Gleich ihr, an meinem Gefieder geputzt
Mit seligen Vorgefühlen,
Daß es im Strahle Deines Blicks
In der Schönheit Farben wird spielen!

Den süßesten Ton hört' ich voraus
Sich meinem Herzen entwinden
Bei Dir, wo die Luft erfüllt ist rings
Von warmem Frühlingsempfinden!

Doch nun . . . da ich zum Fluge zu Dir
Den Flügel beseelt will heben,
Befällt eine Schwäche mich plötzlich, die
Mich bange macht erbeben.

Und ich sinke zurück ins Nest und will
Dem Glück mich entgegen erst wagen
Bis mich, wie die Lerche zu sonnigen Höhn,
Ein kräftiger Flügel wird tragen!

94.

Verzögerte Mündung.

(Heinrich.)

Ich kann Dich heute, Lieb, nicht sehn!
Der Unhold Zufall will nicht!
Doch könnt' vor Sehnsucht ich vergehn,
Wenn ich sie balde still' nicht!

Mein Herz Dir, Lieb, entgegendrängt
In mächtiger Empfindung
Wie seinen Lauf das Bächlein lenkt
Hin zu des Stromes Mündung!

Doch hält es auch ein Hemmnis auf
Sein Lieben Dir zu künden,
Muß wie der Bach nach längstem Lauf
Mein Herz im – Kuß doch münden!

95.

Gestörtes Küssen.

(Gretchen.)

Wenn mich die Sehnsucht zu Dir trägt,
Dann fühl' ich nur: ich möcht sie stillen!
Ob's auch erlaubt? mein Herz nicht frägt,
Es läßt der Sehnsucht ihren Willen . . .

Und wie die Wolke, glutenschwer,
In der es zuckt und dumpf gewittert,
Zur zweiten in der Lüfte Meer
In mächt'gem Drang hinüberzittert:

So drängt mein Alles hin zu Dir,
In Eins mit Dir mich zu verschlingen!
So angstvoll und so wohl wird mir . . .
Mit Küssen möcht' ich Dich durchdringen!

Und wenn sich dann ein Zufall stemmt,
Ein arger gegen solche Stunde,
Den Kuß, der auf dem Weg' schon, hemmt,
Der blitzgleich führ' von Mund zu Munde:

Scheid' ich von Dir verdüstert nicht!
Nein, wie die Wolke, die verscheuchten
Der Windsbraut Flügel, forteilt licht
Nach kurzem, glühndem Wetterleuchten! . . .

Nicht trag' im Herzen ich Verdruß
Drob, daß der Zufall Dich entrissen
Vom Mund mir, eh' der Liebe Kuß
Ich süß gekonnt zu Ende küssen!

Mir ist, als segne mein Gemüt,
Der Schuld entronnen, Zufalls Unhuld . . .
Trag' Sehnsucht heim, die weiter glüht
Und Seligkeit der . . . der . . . der – Unschuld!

96.

Ich wünsch' den Kuß und – küß Dich nicht!

(Gretchen.)

Deinem Kuß möcht' dar ich bringen
Mehr . . . viel mehr als nur den Mund . . .
Ließe tief in mich ihn dringen
Wie den Sonnenstrahl der Grund . . .

Wie der Grund das glühnde Weben,
Das in seinen Schoß sich gießt . . .
Dem aus diesem Kusse Leben,
Blühen segensreich entsprießt . . . .

Dieser Beiden Liebesthaten,
Daß sich eins dem andern leiht,
Jede Blume darf's verraten,
Jeder Traube Süßigkeit; –

Unser Kuß, er gilt als Sünde
Und Dein Mund, der küßt, er – spricht . . .
Drum – wie sich dies Herz auch winde –
Wünsch' ich ihn und – küß Dich nicht.

97.

Tolles Zaudern.

(Gretchen.)

Nicht zürne mir, daß noch ich zage . . .
Daß Dich mein Mund nur zaudernd küßt!
Ich blick Dir in die Seel' und frage,
Ob doch Du . . . wohl der . . . Rechte bist!

Nicht zürne, siehst Du noch mich kargen
Mit Küssen, ob auch sinnberauscht! . . .
Kannst meinem Herzen Du verargen,
Bangt ihm, ob Lieb' um – Lieb' es tauscht?

Die Sonne dann der Erd' erst spendet
Des Sommers Glühn und Blühn und Glanz,
Bis ihr die Erde zu sich wendet . . .
So wende erst zu mir – Dich ganz!

98.

Den Kuß auf morgen nicht verschieb'.

(Heinrich.)

Den Kuß auf morgen nicht verschieb'!
Küß mir ihn auf der Stelle!
Gepflückt vom Strauch, gepflückt von Lieb'
Muß werden schnelle, schnelle!

Denn weg vom Strauch die Blum' verweht;
Drum pflücke sie im Blühen,
Und nach dem Kuß die Lust vergeht –
Drum küß mich rasch im Glühen!

99.

Alles oder – Nichts.

(Gretchen.)

Das Veilchen spricht mit stolzem Mut:
Bin ich Dir nur zum Pflücken gut,
Mich fortzuwerfen balde:
Laß lieber stehn mich ungepflückt,
Bleib' ich auch fürder unbeglückt
Im tiefen dunklen Walde!

Bin ich an Glück auch nicht gewohnt,
Nicht weiß ich doch, wie Undank lohnt . . .
– Könnt' einmal nur gepflückt sein –
Und hast Du nach mir heiße Lust,
Dann will ich auch an Deine Brust
Tiefinniglich gedrückt sein!

100.

Wille und Liebe.

(Heinrich.)

Gut. Baue der Liebe Ufer
Und dämme ihr Fluten ein!
Ein tücht'ger Geselle der – Wille!
Der zwängt sie in Ufer von Stein!

Weis' ihren Lauf er regelt
Mit Meister Verstand um die Wett',
Daß nicht sie zerstöre die Fluren
Und roll' in der Pflichten Bett –

Daß zwischen den Gardedamen,
Den Weiden sie schlängle voll Ruh,
Nur Blätter mit sich tragend,
Die die alte Weide wirft zu –

Daß sie in der Tiefe nur dulde
Den Krebs, der rückwärts geht
Und auf dem Spiegel Quappen
Und Fischlaich, der sich bäht.

Für Liebe, die solch ein Bächlein,
So schleichend, so seicht, so sanft,
Baut freilich Verstand mit dem Willen
Leicht einen Uferranft;

Doch gleicht sie dem wilden Strome,
Der tosend stürzet daher,
Den übermächtige Urkraft,
Hoch schwellt zum gewaltigen Meer!

Die reißt fort, was ihr im Weg steht –
Der wehrt keine Brücke, kein Damm:
Es stürzen am Ufer die Häuser! –
Sie entwurzelt den ältesten Stamm! –

–    –    –    –    –    –    –    –    –

Erschrick nicht, zaghaftes Mädchen
Vor diesem entsetzlichen Bild;
Dir wird das niemals geschehen;
Wie könntest Du lieben so wild?!

101.

»Zweifel« – »Schatten«.

(Heinrich.)


Fort, Träum'rin, auf sonnigen Matten
Mit Zweifel, daß düsterer Schatten
In unsere Liebe glitt!
. . . Steht nicht sie im Zenith?

Und sollt' sie einst untergehen,
– Weil nichts bleibt ewig bestehen –
Nach langem, wonnigem Tag,
Erst dann – früh g'nug – dann klag'!

Laß voll durchs Herz sie Dir leuchten,
Mit Himmelsthau es befeuchten,
Umwölken das Zauberlicht
Durch düstere Zweifel nicht!

Lenz würde sein Blühen vergessen,
Wollt' er, gleich Dir, ermessen:
Es kommt der herbstliche Nord,
Der fegt alles Blühn wieder fort! . . .

102.

Die Rinde zur Linde.

(Heinrich.)

Treu bleib' ich Dir, was auch des Bösen
Uns träfe, vom Geschick gesandt!
Was könnte mich von Dir denn lösen,
Um die mein Sein so fest sich wand?!

Unlöslich halt' ich Dich umwunden
Vom Wipfel bis zur Wurzel Dein!
Nah bleib' ich Dir in Sturmes Stunden,
Nah Dir, umfließt Dich Sonnenschein!

Umfangend Dich in Lenzestagen,
Wenn reiche Blüte Dir entsproßt,
Werd' ich den Winter mit Dir tragen,
Umhüllen Dich im öden Frost! . . .

Ich bleibe Deine treue – Rinde!
Zu Dir ich – Du zu mir gehörst
Und fällt Dich einst die Axt, o Linde,
Da trifft die Rinde sie – zuerst!

103.

Dem Herrgott nachthun.

(Heinrich.)

In trauter Waldesstille
Ein grünes Plätzchen es giebt,
Wo uns kein Auge sähe,
Nur Gott, der selber liebt. –

Nur Gott, der täglich die Werke
Der Schöpfung neu macht erstehn,
Weil ewig er eins ist in Liebe
Mit dem All; – der darf uns ja sehn!

Der das All liebt Ewigkeiten
Und Eins ist bei Tag und Nacht
Mit ihm, in ew'ger Umarmung . . .
Sonst hätt' er, was ist, nicht vollbracht! . . .

Da möcht' ich Dich fest umschlingen
In der Waldeseinsamkeit –
Ich möcht' es dem Herrgott nachthun
In Liebesseligkeit!

104.

Fromme Wünsche.

(Heinrich.)

Wenn ach dies Gärtchen da so mein wär'!
Und in dem Gärtchen ich so Dein wär'!
Der Himmel stets, wie jetzt, so rein wär'
Und ewig warmer Sonnenschein wär':
Dies Gärtchen dann ein heil'ger Hain wär',
Wo Gott ein Götze nur von Stein wär',
Weil ich im Gärtchen – Gott allein wär'!

105.

Ach wie glatt bleibt doch des Teiches Bahn.

(Gretchen.)

Ach, wie glatt bleibt doch des
Teiches Bahn,
Gleitet leise drüber
Nur der Schwan!

Doch die Wellen schlagen
Himmelan,
Wühlt in ihnen tobend
Der Orkan.

–    –    –    –    –    –    –    –    –

Wie mein Herz doch immer
ruhig schlug,
Als es stilles Lieben
In sich trug!

Wie's mich drängt und treibt mit
Riesenkraft,
Seit drin Liebe wuchs zur
Leidenschaft!

106.

Löschen . . .

(Heinrich.)

Löschen soll ich Dir – helfen
Den lohenden Feuerbrand?
. . . Den haben ja Götterhände
In Deinen Busen gesandt!

Besieh doch näher die Flammen,
Die entfacht sind Dir im Gemüt!
Gemeines, verzehrendes Feuer,
In diesen Farben nicht glüht!

Besieh's doch näher und näher!
Das ist ja Morgenrot,
Das am Himmel der Seele Dir aufsteigt –
Nicht Brunst, nicht Feuer, das droht!

Die Segen spendenden Strahlen
Sind's, deren die Seele harrt
Mit lechzendem Sehnen oft ach
Ein Lebenlang, – hoffend genarrt!

Das ist ja das Licht, das erhellt und
Erwärmt die Seele tief
Und alles zum Blühn drin erwecket,
Was erstarrt, in Träumen noch schlief!

Das ist ja die Sonne der Seele,
Die aufgeht, wenn sich ein Paar
Gefunden zum Lieben, zum Schaffen,
Das – erdacht für einander war!

107.

Meine Sehnsucht Rosen und Schwalben.

(Gretchen.)

Nicht zwischen Mauern, fahlen, falben,
Von Winters Odem rauh umwallt, –
Wo Rosen duften, zwitschern Schwalben,
Ist meiner Seele Aufenthalt!

Könnt' folgen ich des Herzens Zuge!
Nach seiner Heimat möchte' ich fliehn!
Ich schlöß' mich an der Schwalben Fluge,
Trüg' mich dahin, wo Rosen blühn!

Dort möcht' ich mit der Seele trinken
Die Luft, die rosenhauchbestäubt,
Beim Rosenstrauche niedersinken,
Entflohn der Öde – lustbetäubt!

Möcht' knüpfen dort der Liebe Bande
Der Schwalbe gleich so süß und traut,
Die sich in ew'gen Frühlings Lande
Im Rosenduft ihr Nestchen baut!

108.

Komm, zieh mit mir hinaus zur Stadt.

(Heinrich.)

Komm, zieh mit mir hinaus zur Stadt!
Fort aus den starren Mauern,
Wo Liebe tausende Feinde hat,
Die hinter ihnen lauern! . . .

Komm, zieh mit mir hinaus in die Flur,
Wo Triebe mächtig sprießen,
Und im Angesichte der Natur
Sich Liebe frei darf grüßen! . . .

Komm, zieh mit mir, wo das Vogelpaar
In Liebe frei sich begegnet!
Wo seinen Bund, so rein, so wahr
Allein der Himmel segnet!

Komm hin, wo Natur sich Freiheit schafft,
Höhnt menschlicher Satzung Gewalten, –
Frei keimend und sprossend in göttlicher Kraft,
Die nichts kann hemmen und halten!

Hinaus in Gottes Natur mit mir komm,
Vernimm aus ihrem Hauche:
Nicht ward erdacht das Sein, daß es fromm
In der Sitte Zwang sich verbrauche! . . .

109.

»In Andrer Sünde einwilligen.«

(Gretchen.)

Warum sich's küßt auf dem Waldessteig
So mutig im nächtlichen Dunkel,
Wenn durch das gespenstige Waldgezweig
Bricht leise der Sterne Gefunkel?

Der Liebe kommt der Mut zum Kuß
Erst, wird sie belauscht nur von oben –
Und Lieb', die das Menschenaug' scheuen muß,
Sie fühlt sich nachts so erhoben!

Mir ist, wenn ich zu den Sternen blick',
Die verständnisinnig mich grüßen,
Als ob sie mir sagten: »Dein Liebesglück
Nicht zu stören, die Augen wir schließen,

Und wir blicken aus halb nur geöffnetem Lid
Hinab, daß furchtlos sich finde
Die Liebe, die den Tagesstrahl flieht; –
Wir will'gen in ihre – Sünde!«

110.

Im Traum.

(Gretchen.)

Als ich des Abends zur Ruh gegangen,
Besah ich des Liebsten Bildnis bewegt,
Und daß ich davon mich trennen nicht müßte,
Hab' unter das Kissen ich's heimlich gelegt.

Das Bild, das ist aber dort nicht geblieben;
Im Traum ist's mir näher und näher gerückt –
Gewandelt zu meinem leibhaftigen Liebchen,
Hat's Küsse mir überall hin . . . gedrückt.

Das Bild, das ich nachts unterm Kissen geborgen,
Das machte – ob auch der Liebste entfernt–
Daß ich die Küsse der Liebe alle –
Hab' alle . . . im Traume . . . gründlich erlernt . . . .

111.

Wie ich von Dir träume.

(Gretchen.)

Guten Morgen! Dein war, Lieb, die Nacht!
Ich hab' im Traum mit Dir sie verbracht.
Noch hab' ich keinen Tag gesehn
Wie diesen Traum, so himmlisch, so schön!
Ach, daß eine Stunde schlagen mir möchte,
Die solche Wonne wirklich mir brächte!

Der Lenz hat über den Thalesgrund
Einen Teppich gebreitet aus Blumen bunt
Und sandte nach uns den Sonnenschein,
Sandt' aus mit Sang die Vögelein,
Das Heer der zirpenden Cicaden
Unsere Liebe zur Flur zu laden.

Wir zogen Hand in Hand hinaus
Ins offne große Gotteshaus;
Und als die Vögel ich gewahrt,
In holder Freiheit traut gepaart.
Die Blumen sah den Kelch erschließen
Dem Blütenstaub, sich drein zu gießen:

Da zog es zu Dir mich auf den Grund –
Und nahe rückte Mund an Mund
Und immer näher . . . wie war das süß!
Geschah's, weil das Denken mich verließ? . . .
Der Gürtel war entzwei mir gerissen
Und mir kam der Mut: Dich zu küssen . . . zu küssen!

112.

Schamhaftigkeit.

(Gretchen.)

Du schiltst mich: kalt, ohne wahres Empfinden,
Indessen Höllenlohen sich winden
Mir durch den Leib, darin zu ringen
Mit der – Scham, die sie dämpfen möcht' und zu                                                                      bezwingen!

Durchs Innerste wogt mir ein glühendes Drängen
In eines mit Dir mich zu vermengen, –
Mit dem ganzen Sein Dich zu umfassen,
In jede Pore Dich einzulassen!

Wie, nur ihre Schönheit als einzige Hülle,
Die Erde sich bringt in nackter Fülle
Dem glühenden Sonnenstrahl entgegen:
So möcht' ich in Deine Arme mich legen!

. . . Ja, liehe ein Traum mir seine Hände,
Den Gürtel zu lösen mir von der Lende . . .
Zum Werke der Liebe das Kleid mir zu schürzen . . .
Den Kampf mit meiner Scham mir zu kürzen!

Und bettete mich der Traum auf das Kissen . . .
Ohn' daß ich, wie's geschah . . . müßt wissen!
Möcht' Traumes zauberhaftes Walten
Indessen die Seele umfangen mir halten,

Indess, bis ich auf schweigsamem Pfühle
Süß Deinen Odem wirken fühle! –
. . . Der Traum der Scham die Augen verbände
Und ich – im Himmel mich befände! . . .

112b.

Ein komischer Geselle.

(Heinrich.)

Ja, über dem kleinen Fenster
Da steht ein Geselle und lauert,
Als wollt' unsre Lieb' er verraten –;
Doch mir vor ihm nicht schauert.

Verhüll' vor ihm nicht das Fenster!
Er will unsrer Liebe ja dienen;
Es ist der Mond, der Vertraute,
Der zu mancher Kußnacht geschienen. –

Will leuchten zu Deinem Auge, –
Mir leuchten zu Deinem Munde!
Daß ich nicht die Stellen verfehle,
Darauf ich Dir küß' manche Wunde! . . .

Ein komischer Geselle!
Er meint, daß er leuchten müßte!
Als ob ich die süßen Stellen
Im Dunkel zu finden nicht wüßte! . . .

113.

Der Liebe Lagerstätte.

(Gretchen.)

Fort aus den wandbegrenzten Räumen
Sehnt meine Liebe sich hinaus,
Wo über säulengleichen Bäumen
Sich wölbt das weite Gotteshaus!

Hin, wo in Waldes Dämmerdunkel
Sich dreht der Nymphen dichter Kreis
Im Reigen bei des Monds Gefunkel,
Die Liebe zu sich ladend leis',

Mir traulich winkend hin zur Stätte
Im heil'gen tiefen Waldesgrund,
Wo Nymphenhand für Lieb' ein Bette
Gemacht auf tausend Blumen bunt!

Hin! folgen wir der Nymphen Winke!
Solch Lager zauberhaft mich lädt;
Auf solchen Pfühl berauscht ich sinke, –
Dort deucht mir Liebessünd' – Gebet!

114.

Ich komm' zu Dir . . .

(Heinrich.)

Ich komm' zu Dir, beginnt der Tag zu feiern,
Der auf der Liebe Treiben streng hat Acht –
Ich komm', wann zu verhüllen es mit Schleiern,
Der Lieb' Vertraute naht: die dunkle Nacht.

Ich komm' zu Dir, wann in dem lausch'gen Hage
Der Blumen Ruh die Nachtigall nur stört,
Die sehnsuchtskrank läßt tönen ihre Klage
So lang' bis ihre Liebe wird erhört . . .

Ich komm' zu Dir, wann alles, was tags hüpfet
In Unschuld frohgemut von Ast zu Ast,
Die Nacht begrüßend, liebesselig schlüpfet
Paarweis' ins Nest mit heißer Liebeshast . . .

115.

. . . Ist das Hemd mir zerrissen. –

(Gretchen.)

Mitten, mitten im Küssen
Ist das Hemd mir zerrissen,
Ob auch der Gurt nicht hat wollen
Mir von den Lenden rollen . . .

Das Hemd mit dem großen Risse,
Der einließ mir Deine Küsse,
– Zeuge von meinem Schenken –
Bewahr' ich als Angedenken;

Bewahr' es zum Angedenken
An das heilige erste – Michschenken . . .
An die reiche, die selige Stunde
An Deinem Herzen und Munde.

Nicht soll es am Leib mir mehr hangen,
Wird er von Dir nicht umfangen!
Das Hemd mit dem Riß ich verwahre –
Man lege mir's an auf der Bahre!

Daß, sollt' ein Grab mich umgeben,
Wo Du nicht ruhst daneben,
Mich umweh', wo das Hemd zerrissen,
Die Spur von Deinen – Küssen! . . .

116.

Was macht Dein Herr – Verstand?

(Heinrich.)

Was macht Dein Herr, – Verstand?
Ich laß den Alten grüßen!
Daß wir im Schlaf ihn gelullt,
Das soll ihn nicht verdrießen!

Wo sich zwei Herzen treu
Gegen seine Schrullen verbunden,
Da haben ja sie und er
Ihre Rechnung immer gefunden.

. . . Oder hält Dein Herr Verstand
Nur – Siesta, dann zu erwachen?
Herz, das wär' schlimmer als bös',
Das wär' gar nicht zum Lachen –.

117.

Dich hat der Gott nicht geschaffen . . .

(Gretchen.)

Dich hat der Gott nicht geschaffen,
Der die Menschlein gemacht und die Affen,
Und der beschämt sie nun flieht,
Wenn er sein Werk besieht!

Dich konnt' ein Gott nur erdenken,
Der Gewaltiges wußte zu schenken,
Auf daß in seinem All
Ihm selbst es wohl gefall'!

Der Gott, den im Liebesdrängen
Am All Du im Kuß siehst hängen,
Der – ewig zeugend – die Welt,
Nie kußmüd', umschlungen hält,

Der Gott, dessen Liebeszittern
Im Wolkenbruch, im Gewittern
Sich löst –, von dessen Kuß
Die Erde erbeben muß!

Und der Gott, der wahnsinn'ge Wonnen
Und – alle Zauber ersonnen –
Der läßt mit dem Kusse zugleich
Einen Liederquell so reich

Dem glühenden Odem entstürzen
Im Worte, den Kuß zu würzen!
–    –    –    –    –    –    –    –    –
Und der Quell hat berauscht mir den Sinn,
Mein »Verstand« – ertrank mir darin. –

118.

Sakuntalas Vision.

(Gretchen.)

Noch schlich von dannen keine Stunde,
Daß aus der Fessel Dich entließ
Mein Arm; noch haftet mir am Munde
Dein Kusseshauch so zaubersüß –

Der Gürtel, den mir von den Lenden
Zu lösen Deiner Lieb' gelang,
Er liegt noch da . . . wie mit den Händen
Du brachest seine gold'ne Spang' . . .

Noch ist geglättet nicht die Flechte,
Durch die glitt streichelnd Deine Hand –
Die Fackel all der süßen Nächte
Ist noch herunter nicht gebrannt –

Noch tönt das Echo Deiner Worte
Aus allen Lauscherwinkeln hier –
Noch schloß des Brautgemaches Pforte,
Geliebter, sich nicht ganz nach Dir –

Und an dem rosenduft'gen Bette,
Das selbst Du noch verlassen kaum,
Schlägt marternd schon auf seine Stätte
Wie trübe Wirklichkeit ein Traum:

Ich seh', wie ich aus fernem Lande
Gepilgert komm' an Deinen Thron
Mit unsrer Liebe Unterpfande:
Mit dem von Dir gezeugten Sohn.

Ich hör', Du schillst mich toll, besessen,
Nennst meine Worte Trug und List –
Denn Du hast längst schon mein vergessen,
Kennst nicht mehr, die Dein Weib ja ist!

Verleugnest mich, für die entflammt war
Dein Sinn, Dein Herz in Liebesglut –
Erkennst nicht an, was hold entstammt war
Dem Liebesbund: Dein eignes Blut!

Umsonst die Wahrheit ich verfechte;
Du leugnest unser heil'ges Band!
. . . . Was hilft dem Weib zu seinem Rechte:
Der Ring – er fehlt an meiner Hand! . . .

119.

»Behüt' Dich Gott.«

(Gretchen.)

Aus seiner Kammer sieht mich schleichen
Zum erstenmal die dunkle Nacht –
Ich blick' nicht auf, als ob ein Zeichen
Im Aug' verriet', was ich gemacht . . .

Er will allein mich fort nicht lassen,
Weil draußen tobt des Wetters Graus –
Mag mich geleiten durch die Gassen
Zum Dorfesend' bis an mein Haus.

Doch nehm' ich an nicht sein Geleite,
Mag öffentlich mit ihm nicht gehn!
Sonst wüßte man schon aus der Weite,
Was kaum erst . . . zwischen uns geschehn! . . .

– »Behüt' Dich Gott!« ruft in die Gassen
Er leis' mir nach zum Scheidegruß.
– Gott hat von mir ja schon gelassen,
Da ich gesetzt zu Dir den Fuß! . . .

120.

Kurze Reue.

(Gretchen.)

Mich haben mit ihrem Geflimmer
Die Sterne in dieser Nacht,
Die in mein entweihtes Zimmer
Geschaut, um den Schlaf gebracht!

Sie ließen mich Ruhe nicht finden
Die Sterne, die mich geneckt:
Sie wüßten um all meine Sünden,
Sie hätten mein Lieben entdeckt.

. . . Schon dacht' ich von Dir zu lassen,
Gequält von Angst und Reu –
Doch kaum seh' ich sie erblassen:
Lieb' ich Dich heimlich aufs neu!

121.

Die Licitation des Herzens.

(Gretchen.)

Gar mancher Käufer war gekommen,
Der für mein Herz sein Alles bot!
Wie hab' ich's mit dem Preis genommen
Genau! Wie wog ich Lot um Lot!

Es kam ein Dichter, der in Liedern
Sein Lieben köstlich um mich schlang –
Ach, daß, sein Lieben zu erwidern,
Kein Echo in mir leis' erklang!

Es kam ein ruhmbekränzter Krieger,
Zu Füßen legt er mir sein Schwert.
– Wodurch Du wardst zum Schlachtensieger,
Ist meinem Herzen wenig werth!

Es kam ein Fürst, um mir zu bieten
Für meine Liebe Glanz und Macht.
– Kann dies verkauftes Glück vergüten?!
Ist's Glanz und Macht, was Lieb' entfacht?!

Den Lebenslenz und noch darüber
Mein Herz ganz unverkauft so blieb . . .
– Ich gebe keinem Mann mich lieber,
Eh' ich verschleudere meine Lieb'!

Da . . . nahtest Du. Eh' ich konnt' wägen,
Ob hohen Preis Du bot'st dafür:
Flog Dir mein Herz im Sturm entgegen!
. . . Könnt' nun das Wägen frommen mir?!

122.

Im Zufall liegt Fügung.

(Gretchen.)

Kein Flieglein fängt sich im Netz im dünnen,
Das in den Lüften webten Spinnen,
Durch einen Zufall, wie wir meinen!
Denn Fügung webt im Großen und Kleinen.

Kein Wölkchen hat am Himmelsbogen
Zum Wetter je sich zusammengezogen,
Daß, Zufall – wie sie's nennen – hätte
Entfesselt Blitz in der Dünste Bette.

Kein Körnchen wird vom Wind getragen
In ferne Fluren, dort zu ragen
Als Baum, der trotzt der Stürme Rollen,
Ohn' daß es Fügung hätte wollen!

Und wenn auf Wegen, kraus gewunden,
Zwei Seelen sich in Liebe gefunden,
Ließ sie nicht » Zufall« sich begegnen;
Die – Fügung ist darob zu segnen!

123.

Mein Ringlein.

(Gretchen.)

Das Ringlein, das mir für das Leben
Als Amulett
Die Mutter mit hat gegeben
Auf dem Todtenbett,

Das Ringlein in süßen Stunden
Dem Finger entglitt . . .
Es hat sich mein Herz mir entwunden
Und riß es mit . . .

Nun mahnt mich das ringlose Plätzchen
An meiner Hand,
Daß mir mit dem Ringlein das Schätzchen
Mein Alles entwand! . . .

124.

Wenn Edelweiß.

(Gretchen.)

Du klagst, von all' den Frauen, die gewunden
Der Freude Kränze in Dein Erdenwallen,
Erhört hold Deiner Liebe Sehnsuchtslallen,
Beglückt bald kurz Dich, bald für läng're Stunden.

Du hättest gar so wenige gefunden,
Die Dir, wenn alle Schleier erst gefallen
Der Sinnenblendung, dann auch noch von allen
Geblieben wären an das Herz gebunden?

Was willst Du hadern d'rum mit Deinem Lose?
Dir gab die Gänseblum', die Heckenrose,
Gab jede, was sie kann: von flücht'gem Blühen

Ein flüchtig süß Genießen ohne Mühen; –
Ein kühn Beginnen Edelweiß zu pflücken!
Du wagst's . . . Wirst dankbar Du ans Herz es                                                                               drücken?

125.

Überall, wohin ich blicke . . .

(Gretchen.)


Überall, wohin ich blicke,
Möchte' mein Lieb, ich Dich nur seh'n!
Ach wie wär's dann üb'rall lustig,
Ach wie wär's dann üb'rall schön!

In den Blumen auf den Fluren
Wollt' ich sein begrüßt von Dir!
Möcht' im Frühlingssang der Vögel
Hören singen Dich von mir!

Wenn ich an des Baches Rande
Blumen Dir zum Strauße pflück',
Möchte' ich glauben, daß zu Füßen
Du der Bach, darein ich blick'!

In den Sternen, die traut blicken
Ins Gemach, geh' ich zur Ruh',
Säh' ich Dein Aug' heimlich schauen,
Ob das Pförtlein bei mir zu . . .

Nein! Nein! nicht will ich Dich sehn als
Flur, als Bach, als Sternenlicht!
Nein, was frommte Dich nur sehen,
Diese alle – küssen nicht! . .

126.

Der Liebe Sinnestäuschungen?

(Gretchen.)

Narrt nicht mein Sinn mich? Sage doch:
Weht draußen wirklich Frühling noch?
. . . Sie sagen: Winter lagre bleiern
Schon längst auf Höhen, Fluren, Weihern!

Was Deine Hütte hold umschließt,
Ist's Jasmin, der mich duftig grüßt?
. . . Daß kahle Stämme, Andre meinen,
Wie Bettler nackt Dein Haus umweinen!

Und was Dein Hüttlein traut umschwirrt,
Ist doch ein Täubchen, das lieb girrt?
. . . Es seien Raben, die jetzt hungern,
Und krächzend Deine Hütt' umlungern!

Gott leuchtet in den Sternen mir
Gott selbst so hell zu Deiner Thür? . .
. . . Ich gehe nicht auf Pfaden wirr
Zu Dir im Liebeswahne irr? . . .

Und tret' ins Stübchen ich zu Dir,
Grüßt Du Dein einzig Lieb in mir?
Nicht bin ich eine Dirn' verächtlich,
Die Du liebkost und kennst nur – nächtlich?

127.

Herbstbetrachtungen im Prater.

(Gretchen.)

Zum Abschied grüßt der Herbst die Au –
Sie fühlt des Winters Nähe:
Der Himmel lagert auf ihr grau,
Die Lerche wich der Krähe.

Und Blatt um Blatt so traurig hangt
Am Zweig, als ob sie wüßten,
Daß rauh der Sturm nach ihnen langt
Daß bald sie fallen müßten. –

Und auf den hohlen Bäumen dort
Laut krächzen Rabenschwärme,
Frohlockend, daß der Herbst zieht fort,
Daß alles d'rob sich härme!

. . . Was kümmert's meinen Liebestraum,
Ob Winter folgt den Lenzen?!
Wo ich Dich küßt . . an jenem Baum . . .
Wird mir der Frühling glänzen!

128a.

Thörichter Wunsch.

(Gretchen.)

Ach, wollten mich verzaubern Feeen
Sowie ich's wünsch! dann wär' mein Traum:
In Deiner Stube mich zu sehen
Hell prangend als Dein Weihnachtsbaum!

Mit goldnen Gaben reich behangen,
Wollt' hold ich fesseln Deinen Blick,
Daß, wohin Deine Hände langen,
Am Baum Dir spröß' ein Stückchen Glück!

Vergoldend müßte Dir umsäumen
Die Gaben Deines Weihnachtsbaums
Ein Nochmalsleben, Nochmalsträumen
Des längst entschwundnen Jugendtraums!

Und selig möchte Dank ich sagen
Den Feen für jeden Zweig und Ast,
Darauf ich all das Glück darf tragen,
Das Du bei mir gefunden hast!

. . . Doch nein! ich mag das Los nicht haben
Des Baums der heil'gen Weihnachtszeit!
Denn kaum verschenkt sind seine Gaben, –
Wirft man verächtlich ihn bei Seit'!

128b.

Doch was wir gelobt dort, werden wir halten.

(Gretchen.)

Guten Morgen, mein Lieb, ich grüße Dich!
Wie hat der Tag von gestern für mich
So gut geendet! Ich pilgerte hin,
Wo unter dem duftigen Baldachin,
Der sich aus Kastanienwipfeln erbaut hat,
Mein Herz dem Deinen sich angetraut hat.

Wohl trug des Herbstes Wehen fort
Den Baldachin vom heiligen Ort,
Und Baum um Baum, laubabgedeckt,
Zum Himmel wie Tempel-Säulen sich streckt,
Den hat zerstört des Wechsels Walten –;
Doch was wir gelobt dort, werden wir halten!

129.

Willst Du wirklich, daß Dir blieb .

(Heinrich.)

Willst Du wirklich,
Daß Dir blieb'
Treu für immer
Meine Lieb'?

Wenn auch jetzt Dein
Herz so spricht,
Glaub's dem Herzen,
Glaub' ihm's nicht!

Will der Baum denn,
Daß am Ast
Blieb Ein Vogel
Nur sein Gast? –

Will die Rose,
Daß umfing'
Sie ein einz'ger
Schmetterling? –

Frag' den Halm, drauf
Thau hell sinkt,
Ob er eine
Thauperl' trinkt!

Du willst wirklich,
Daß Dir blieb
Treu auf immer
Meine Lieb?

130.

»Logik« . . . »Ziel« in der Liebe.

(Heinrich.)

Die Liebe hat keine Zwecke –
Nach Zielen frägt sie nicht viel –
Der Liebe ist die – Liebe
Einzig Zweck und Ziel.

–    –    –    –    –    –    –    –    –

Ich wandle über die Fluren,
Wo holde Blumen stehn,
Daß sie mit duftigem Hauche
Die Seele mir durchweh'n.

Mich lockt's zu keinem Ziele,
Und ohne daß ich pflück',
Zieh' ich über duftige Fluren,
Daß sich das Herz mir erquick' –

Ich tränk' mit der Blumen Dufte
Mir Herz und Leib und Sinn
Und wandle die Alltagsstraße
Dann froheren Muts dahin!

131.

Zum Angedenken.

(Gretchen.)

Ich weiß nun, warum die Natur
Begehrt und heischt, daß umarme
Die Sonne mit Sommerglut
Die Erde, die braune, die warme!

Denn nimmer löscht sie weg
Von ihren braunen Wangen
Des Sonnenkusses Spur:
Die Früchte, die an ihr hangen.

Und gleich der Erde, die trägt
Die Spur von der Sonne Küssen,
Werd' ich Deiner Küsse Spur
Am Herzen tragen nun müssen! . . .

Du hast mich geküßt mit dem Kuß
Der Sonn', die im Sichversenken
In der Erde Schoß ihr schenkt –
Früchte zum Angedenken! . . .

132.

Meine Treue.

(Gretchen.)

Des Herbstes Stürme, die wild erbraust,
Sie haben an allen Bäumen gezaust,
Daß auch die letzten vergilbten Blätter
Zerstoben spurlos in Wind und Wetter!

Als erwacht' aus dem Traum enttäuscht die Natur,
So öde gähnt sie in Hag und Flur!
Und mocht' auch alles von hinnen wanken,
Um eine Eiche seh' ich doch ranken

Einen Epheu, der frisch geblieben und grün,
Der an sich die Stürme vorbei ließ ziehn –
Und um die Eiche blieb gewoben,
Ob auch im Wind ihre Krone zerstoben!

–    –    –    –    –    –    –    –    –

Was gleichen wird dem Epheu hier,
Weicht Jugendfreude einst von Dir?
Meine Liebe wird dem Epheu gleichen:
Nie wird, meine Eiche, von Dir sie weichen!

133.

Beim Scheiden.

(Gretchen.)

Urplötzlich ist mir geschwunden
Für alles, für alles der Sinn –;
Denn seit ich Dich gefunden,
Für Dich allein ich bin!

Die Zeit ging mir verloren,
Die mir ohn' Dich verging!
Ich fühl' mich nur geboren,
Daß ich an Dir nur hing'!

Mich erfüllt nur ein Empfinden,
Ein Wunsch, in dem ich vergeh:
Könnt' Dir an die Seel' ich mich binden,
Daß ich ohn' Dich mich nicht seh'!

Drum, da wir trennen uns müssen,
Hab' ich an Dich eine Bitt':
Laß todt an Dir mich küssen
Und nimm meine – Seele mit!

V. Kapitel.


Heinrich hat sich auf eine Reise nach Ägypten begeben, um durch Zerstreuungen von seiner Liebesleidenschaft geheilt zu werden.

134.

Nachlese.

(Gretchen.)

Mein Lieb sich ach entfernte;
Vorüber ist die Ernte!
Doch hat auf lang mich beglückt,
Was ich mir hab' gepflückt
Vom Munde sein, dem süßen,
Dem tausende Küsse entsprießen!

Mein Liebchen sich entfernte;
Vorüber ist die Ernte!
Jetzt – Nachles' ich noch halt'
Bei Mondschein hier im Wald:
Denn, wo geküßt wir das meiste,
Küß' ich mein Lieb noch im Geiste!

135.

»Andren zur Sünde raten.«

(Gretchen.)

Es grüßen Dich von den waldigen Höh'n,
Die Hehler unserem Küssen:
Die Föhren, die dicht bei einander stehn
Und um unsere Liebe wissen! –

Und es grüßen die Vögel Dich, fliegend geschart,
Da über den reifenden Saaten,
Die sich vor unsren Augen gepaart,
Und uns zur Sünde – geraten! . . .

136.

Was suchst Du fern dem trauten Heimatlande.

(Gretchen.)

Was suchst Du fern dem trauten Heimatlande
Im heißen Himmelsstrich der starren Sphinx?
Wähnst Du, Dir naht das – Glück im Wüstensande.
Wo öde Fremde Dich umgähnet rings?

Nicht ist das Glück zu Haus' in Pyramiden,
In Riesengräbern ird'scher Herrlichkeit!
Vergebens sucht das Herz den süßen Frieden
Dort auf der Todtenstatt vergang'ner Zeit!

Ob auch Dein Aug' für flücht'ge Augenblicke
Umfang' der Zauber andrer Weltgestalt,
Du liest Dir dort kein Steinchen auf zum Glücke,
Draus sich der Seele baut ein froher Halt! . . .

Ein Dörfchen, das auf schmaler Scholle liege,
Wo Dich als Kind Dein frommes Mütterlein
In kunstlos holzgeschnitzter alter Wiege
Mit süßem Liede sang in Schlummer ein,

Das Dörfchen hier und drinnen Deine Hütte,
Dein Weib, Dein Kind, Dein eigner trauter Herd,
Dein süß Daheim ist – aller Reiche Mitte–
Allein des Lebens Pilgerfahrten wert!

137.

Die Heimat – überall.

(Gretchen.)

Ich möcht' mit Dir durchschweifen
Mit Dir, mit Dir nur gern
Der Erde buntste Streifen,
Sei's auch der Heimat fern!

Von Land zu Lande trüg' ich
Mich wandernd durch die Welt
Und, wo Du wolltest, schlüg' ich
Urfröhlich auf mein Zelt!

Dorthin, wo Palmen lehnen
In heißer Sonne Sprühn,
Wo Wüsten öd' sich dehnen,
Wie gerne folgt' ich Dir hin!

Entsagen wollt' ich dem Glücke,
Das mich hier selig macht:
Daß jedem meiner Blicke
Die Heimat entgegenlacht!

Das Kreuzlein hier, das umfrieden
Die blühenden Äcker rings,
Ich säh's in den Pyramiden
Und der unheimlichen Sphinx!

Mein Bächlein am Wiesenrande
Das rauscht zu Liebe mir still,
Ich hört' es im Nil, wo am Strande
Sich sonnt das Krokodil!

Den Zephyr, der von der Linde
Den Duft in die Seele mir trägt,
Ich grüßt' ihn im Wüstenwinde,
Der wild hinüberfegt!

Und wann die Abendröte
Bestralt den stolzen Ruin,
Dann dächt' ich im Vespergebete:
Der blühenden Heimat sie schien!

Ich möcht' in die Welt, in die weite,
Fort ziehn hinaus mit Dir!
Denn gäbst mir Du das Geleite,
So zöge die Heimat mit mir!

138.

Den Strauch, den niedrigen hier.

(Gretchen.)

Den Strauch, den niedrigen hier,
Den Strauch, den lob' ich mir
Und nicht, wo Sonnen lohen,
Die Palmen dort, die hohen!
Ich lobe den Strauch mir voll Flieder,
Den umtönen Vogellieder,
Darunter so süß sich's ruht –
darunter sich's küßt so gut!

139.

Mein Sonntag.

(Gretchen.)

Sonntag ist's. Für alle Seelen,
Die gemeine Mühen quälen,
Ist heut' Feier, ist heut' Rast,
Winket Ruh von Werktags Last!

Und den Tag auch recht zu weihen,
Knieen sie in dichten Reihen
Im Gebete vor dem Herrn,
Der unsichtbar, nah von fern.

–    –    –    –    –    –    –    –    –

Mir winkt täglich Sonntags-Weihe
Wann ich Zeil' an Zeile reihe! –
Von des Daseins Werktag ruht
Dann die Seel' in heil'ger Glut.

Statt Gebete fließen nieder
Aufs Papier hier all' die Lieder,
Drin mein Herz sich Dir bringt dar,
Der mein Gott ist – unsichtbar!

140.

Du – altern? Altern – mir?!

(Gretchen.)

Sprich nicht von »altern«! Du nenn's nicht
Dies Wort! Nicht ist's erfunden für Liebe!
. . . Wart', bis mein Arm Dich innig umflicht
In meiner Seele Frühlingstriebe!

Wart', bis mein Herz an Deinem ruht
In Wiedersehens wilder Wonne,
Wie auf wintersstarrer Erd' mit Glut
Die verjüngende, weckende Frühlingssonne!

Dann wird's wie der alten Erde Dir gehn,
Erküßt zu Jugend, zu neuem Sprießen:
Erneute Jugendlust fühlst Du dann wehn
In Deinen Küssen, in tausenden süßen!

141.

Lieb' in jedem Wörtlein!

(Gretchen.)

Schreibst Du an mich
Ein Wörtlein nur,
Muß Liebe mir drin winken,
Wie aus dem Gras
Der Frühlingsflur
Die Blumen üb'rall blinken!

Mein Fuß, der trägt
Mich leicht dahin,
Wo Blumen unter ihm sprießen;
Dein Brief beglückt
Nur dann den Sinn
Mir, kömmt mich – Lieb' drin grüßen!

–    –    –    –    –    –    –    –    –

Doch an dem Brief,
Den Du mir jetzt
Da mit dem – Kopf geschrieben,
Hat sich die Seel'
Mir arg verletzt
Wie über – Steine getrieben . . .

142.

Schon?

(Gretchen.)

Mir sagt Dein kühler Herbstgruß heut'
Nach Tagen, nach so schwülen:
Nicht wechselt nur die Jahreszeit,
Es herbstelt auch im – Fühlen!

Wenn sonst ich zwischen den Zeilen las
Von Liebe, die süß sich versteckt hat,
Wie man Veilchen pflückt, die, tief im Gras
Verborgen, am Duft man entdeckt hat:

Ziehn durch Dein heutiges Schreiben hin
Nur höfliche Schmeichelreden, –
Als wöb' über Deine Liebe die Spinn'
Schon ihre – Sommerfäden. . . .

143.

Plaidoyer für Untreue.

(Heinrich.)

Klag' mich nicht an,
Wenn treu nicht sollt'
Mein Lieben dar sich bringen!
Das Herz, das kann
– Auch wenn man wollt' –
Zur Treue man nicht – zwingen!

Wie der Flur entsprießt
Mit der Jahreszeit
Stets andres an Blumen und Trieben:
So das Herz umschließt
Ein andres – heut',
Ein andres – morgen mit Lieben!

144.

Ein Alletags-Schicksal.

(Gretchen.)

Guten Morgen, Lieb! Mir hat geträumt
Von einem düstren Lose:
Ich hing, von schmucker Farb' umsäumt,
An einem Strauch als Rose.

Dir war geglückt, was nicht glückt oft,
Trotz Dornen mich zu pflücken;
Denn ich gab nach, weil ich gehofft,
Du wirst ans Herz mich drücken. –

Doch kaum kam Deine Hand mir nah, –
War schon bestraft mein Dünkel:
Zu Rosen ich geworfen mich sah,
Die welkten zerpflückt im Winkel. – –

145.

Der Liebe Kurzlebigkeit.

(Gretchen.)

Wie sehn' ich mir den Lenz herbei
Auf Berge, in die Thäler!
Die Liebe stiehlt die Küsse frei,
Ist Maiengrün ihr Hehler!

Dann werden Arm in Arm wir gehn
Hin in die grünen Auen,
Wo stille Gänseblümchen stehn,
Die stumm auf Küsse schauen! –

Wir küssen leise dann und laut
Dort bei den grünen Saaten,
Die Lerche, die es hört und schaut,
Die wird uns nicht verraten!

Dein Haupt mir in den Schoß dann fällt,
Am Raine dort, am grünen,
Es läßt das blaue Himmelszelt
Herunter die Gardinen . . .

–    –    –    –    –    –    –    –    –

Indessen seh' ich zu, wie's schneit,
Erhoffend Frühlingsweben;
. . . Doch wird die goldne Frühlingszeit
Dein Lieben wohl – erleben?

146a.

Es kommen die Schwalben.

(Gretchen.)

Es kommen die Schwalben
Schon über das Meer,
Sie brachten den Frühling,
Den grünenden, her.

Doch keine brachte
Mir Grüße von Dir!
Wie winterlich bange,
Wie bange ist mir!

Ich seh' nicht den Tag, der
So hell erwacht
Im Frühlingsstrahl aus
Der Winternacht!

Nicht seh' ich die Blüten
Am Mandelbaum,
Mich hat's nicht erweckt aus
Dem Wintertraum!

Ich seh' nur die Schwalbe,
Die kam über's Meer
Ins harrende Nestchen . . .
Und das Herz wird mir schwer!

146b.

Der Herbst, der war mir lieber.

(Gretchen.)

Der Herbst, der war mir lieber
Als dieser Lenz mir ist!
Das Herz ging so uns über,
Daß wir uns wund geküßt!

Auf jedem stillen Steige
Blieben wir küssend stehn –
Strich Herbst auch durch die Zweige,
Durchs Herz ging Frühlingswehn! –

Wir wanderten umschlungen
Durch Auen im Mondenschein
Und hatten im Herbst gedungen
Den Mai – für uns allein ! . . . .

147.

Da zieh' ich allein die Wege hin.

(Gretchen.)

Da zieh' ich allein die Wege hin,
Wo wir zu Zweien geschlendert,
Als uns'rer Liebe die Sonne schien,
Die gelb den Wald berändert.

Jetzt scheint zum Wald der Mai herein,
Bringt Hoffen den Wesen allen;
Nur ich frag' bange: harrt noch mein
Solch' Glück wie im Blätterfallen? . . .

Wird eine süße Gegenwart
Mir Seligkeit hier schenken,
Ob nicht an Glückes Statt mein harrt
Nur wehmütig – Seingedenken?

148.

Wann? . . .

(Gretchen.)

So lang', seit ich Dich nicht gesehen!
So lang', seit ich Dich nicht geküßt,
Daß ich indessen vergessen konnte,
Wie süß Dein Kuß, wie süß Du bist!

. . . Ist nicht Dein Herz im Waldesfrieden
Der tiefe, frische, klare Quell,
Drein ich so gern die Seele tauche,
Weil ich mein Bild drin seh' so hell?

. . . Ist Deine Stimme nicht Gezwitscher
Der Vögel in des Frühlings Chor?
Trägt ins Gemüt sie mir den Lenz nicht?
Berauscht ihr Klang nicht Herz und Ohr?

Vergaß ich's? . . . Gleichst Du nicht dem Himmel,
Dem blauen, wenn mich Dein Arm umfängt
Und wie der Abendstern am Himmel
Mein Sein im Kuß an Deinem hängt?

Und gleicht der Kuß . . . – Dein Kuß und gleichen?
Ihn merkt' ich mir, der ohn' Vergleich!
Der schließt der Seele zu die Augen
Und schwebt mit ihr ins Himmelreich!

Dem Kuß gilt eine letzte Frage,
Weil ich ihn nicht vergessen kann:
– Wann tritt mit meiner Seele wieder
Die . . . Fahrt er nach dem Himmel an?

149.

Ich hätt' eine Bitt' . . .

(Gretchen.)

Ich hätt' an Dich eine Bitt' . . . eine Bitt',
Einen Wunsch, der noch übrig mir bliebe:
O bring' mir mit, bring' Küsse mir mit,
Wie sie küßt die treue Liebe!

Und gieb sie mir dort, wo der Mond nur sie schaut,
Dort an des Waldes Saume,
Wo unsre Liebe sich ihm hat vertraut
Einst unterm Kastanienbaume! . . .

Und noch eine Bitte, noch eine Bitt'
Hätt' ich neben der Einen:
Bring' Deine Küsse alle mir mit!
In der Fremde – laß ihrer keinen!

150.

Welch' Antwort giebst Du ihnen?

(Gretchen.)

Vorbei der Winter, der sich dehnte!
Der Lenz ist da, der langersehnte!
Und aus dem saft'gen Gras hervor
Die Blumen duftig sprossen,
Die meine Liebe heiß beschwor
Zu ihres Glücks Genossen!

– »Wir sind nun da!« sie freundlich sagen;
Doch . . . scheinen zart sie mich zu fragen:
»Hat Eure Liebe uns – erlebt?«
Mit zweifelvollen Mienen;
Und bang mein Herz dabei erbebt.
. . . Welch' Antwort giebst Du ihnen?

151.

Ist die Geschichte noch wahr?

(Gretchen.)

Ich send' aus dem Walde Dir Grüße,
Aus dem Wald, der gar wohl Dir bekannt,
Wo Stunden liebselige, süße
Wir wandelten Hand in Hand.

Ich lausche da einer Fichte
In Traumversunkenheit;
Die erzählt mir eine Geschichte
Aus schöner, vergangener Zeit.

Sie erzählt, wie in ihrem Schatten
Am Plätzchen, nur spannenbreit,
Zwei Herzen durchkostet hatten
Alle Daseinsseligkeit . . . .

Und in die Erzählung der Fichte,
Die tief durch die Seele mir hallt,
– In Deine und meine Geschichte –
Stimmt ein der ganze Wald.

Doch weil seit den seligen Tagen
Verrauscht ist Tag und Jahr,
Kommt schüchtern mein Herz Dich fragen:
»Ist denn die Geschichte noch – wahr?«

152.

Wieso es kam!

(Gretchen.)

Wieso es kam? frägst Du verstimmt
Jetzt, ach, da Deine Glut verglimmt –,
Was denn den Liebesbrand entfachte,
Daß Keiner, was er that, bedachte . . .?

Was frägst Du auch: woher ein Brand?
Ein Fünkchen, das sich Wege fand,
Wächst jäh empor zu hellen Flammen
Und Riesenbauten stürzen zusammen!

Woher die Liebe kam? Wer frägt?
Ein Funke, der im Blick sich trägt,
Der in der Stimme Klang sich findet,
Er fiel ins – Herz und hat gezündet!

153.

Angstruf.

(Gretchen.)

Schon hast Du, ach, verlernt die Sehnsucht?
Doch ich kann niemals sie verlernen!
Und angstgequält mein Herz nun den sucht,
Den's fühlt sich Schritt um Schritt entfernen. – –

Du, der im Kuß an mir gehangen,
Mach's nicht mit mir wie Wolkenmassen
Den Himmel glühend halten umfangen,
Bis sie – ergossen, von ihm lassen . . .!

154.

Send' mir Rosen.

(Gretchen.)

Send' mir Rosen, send' mir Grüße!
Frische Rosen, Worte süße,

Daß ich an den Mund sie drücke
Und mein Krankenlager schmücke!

Daß mich in der holden Gabe
Deines Herzens Grüßen labe!

Laß mich glauben: in den Rosen
Deine Lippen mit mir kosen!

Wenn ich bald die Stengel fasse,
Bald den Händen sie entlasse,

Laß mich glauben, daß ich Deine
Hand fühl' drücken heiß die meine!

Wenn ich mich am Dorne ritze,
Meinen, 's war an Deinem Witze!

Send' mir Rosen, send' mir Grüße,
Daß ins Herz mir Balsam fließe!

Laß im Gruß mich Liebe lesen
Und ich werde schnell genesen!

155.

Mutterliebe.

(Gretchen.)

Ich bin so schwach, ich bin so matt,
Seit man aus mir genommen hat
Mein Kindlein, das süße, das runde
Mit dem wunderlieblichen Munde,
Den Bäcklein so rosig, den Äuglein voll Glanz,
Darin sich die Welt mir spiegelt ganz!

Mein Kindlein, ich lieb' es so innig, so wahr!
Denn 's ist eine Perle, ganz echt, ganz rar!
Und leid' ich nun auch die gleichen Qualen
Wie die Auster, der man aus den Muschelschalen
Entnommen die Perle, so mag ich denn sterben,
Stolz: meine Perle der Welt zu vererben!

156a.

Schmetterlings Küssen.

(Gretchen.)

Es sagte dort die Blum' im Grunde,
Die erst der Schmetterling hat heiß geküßt,
Er küßte sie, weil – süß das Küssen,
Und daß sein Küssen niemals Liebe ist.

Sagt', daß er, taumelnd noch vom Rausche,
Froh flattert zu der zweiten Blume hin,
So lange Küsse – Blumen – tauschend,
Als ihn sein Flügel trägt und Blumen blühn.

– Sprich, ist es so, wie's sagt die Blume?
War Dein Kuß: Schmetterlinges Kuß, ohn' – Lieb?
. . . Die Blume küßt noch manchen Zweiten . . .;
Doch mir – die Seele an Dir hangen blieb!

156b.

Tragische Geschichte von Alletag.

(Gretchen.)

Gestern stellte meinem sanften
Täubchen nach den ganzen Tag
Wild ein Vogel, bis das arme
Endlich seiner Gier erlag.

Dann flog fort der wilde Vogel
Und mein Täubchen sich verkroch
In den Taubenschlag voll Demut;
Traurig duckt's dort heut' sich noch.

Nun hör' ich das Täubchen girren
Nach dem Vogel, der es zwang –
Und mir geht so tief zu Herzen
Täubchens trüber Sehnsuchtssang!

Gerne wüßt' ich, ob der Vogel
Zu dem Täubchen wiederkehrt,
Oder ob sich in den Lüften
Nun ein – zweites vor ihm wehrt! . . .

VI. Kapitel.


Heinrich, der in seinen Briefen an Gretchen immer kühler geworden ist, sucht nach allerlei Ausflüchten, um eine Lösung des Liebesbundes irgendwie begründen zu können. Er wirft ihr überschäumendes Wesen, ungerechterweise auch einen Überschwang in der Ausstattung ihrer äußeren Erscheinung u. s. w. vor.

157.

Befiehl dem Bach.

(Gretchen.)

Befiehl dem Bach, daß er nicht schäume,
Dem Weidenbaum, daß er nicht träume!
Schreib' Einhalt vor dem Wasserfall,
Den Ton schreib' vor der Nachtigall!
Befiehl der Wolke, was sie trage,
Dem Winde, daß er sie nicht jage . . .
Bestimmt nicht diese inn'res Walten,
Will ich mein Wesen umgestalten!

158.

Ich bin nur wie ich bin.

(Gretchen.)

Ich bin nur, wie ich bin:
Ganz schäumendes Wollen und Fühlen!
Ein Wildbach stürz' ich hin; –
Doch, was meine Wellen bespülen,
Ob's Blume, ob es Stein,
Es bleibt unter ihnen – rein!

159.

Mein Lob.

(Gretchen.)

Glaub' nicht, es wären Schmeichelei'n, die trügen,
So wie die Katze Dir erst leckt die Hände
Und dann sie wund kratzt, hat das Spiel ein Ende –
Preis' ich ins Antlitz wen aus vollen Zügen!

Der Seele, die gerecht ist, macht's Vergnügen,
Was gut, anzuerkennen, wo sie's fände,
– Nicht, wie der Neid thut, daß sie's tadle, schände! –
Zu helfen ihm zu wohlverdienten Siegen!

Bedenk', durch wieviel Mühsal wir uns ringen,
Bis etwas wir erreicht, es gut vollbringen!
Wie sind Erfolg und Anerkennung selten!

Und die wir selbst nach Würd'gung glühend streben,
Wie, sollten wir denn Gleiches nicht auch geben
Dem Nebenmenschen? ihn nicht – lassen gelten?!

160.

Philippika des Paradiesvogels

an die andern Vögel, die seiner glänzenden Erscheinung neidisch spotten.
(Gretchen.)

O spottet nur mein! O spottet nur mein,
Ihr Vögel, ihr vielen, dort unten:
Ihr Dohlen, ihr schwarzen, ihr Papagein
Und auch ihr – Pfauen, ihr bunten,

Wenn in des Morgens Purpurschein
Zur Sonn' empor ich mich trage
Und glätte am seid'gen Gefieder mein,
Eh' vor ihr Aug' ich mich wage!

Lacht über meine Eitelkeit,
Von der Euch erzählen die Strahlen,
Wenn sich mein schillerndes Federnkleid
In ihrem Gold will malen!

Lacht meiner mit bitter-grimmigem Spott,
Daß mein Putz Eurem nicht gleiche!
Ersann ihn für mich nicht selber ein Gott,
Der Arme bekleidet und – Reiche?

Lacht mein, daß mich der Sonne so nah
Mein Flug begeistert sendet –
Da Euer Aug', so empor es sah,
Sich machtlos schloß und geblendet! . . .

Und ob ich Euren Spott auch vernehm',
Den lacht Euer Neid in Chören,
Wird niemals er mir unbequem,
Nie will ich die Freude Euch stören! –

Mich hat ja ein Gott, so wie ich bin,
Nach seiner Idee geschaffen!
. . . Er hatte vielleicht zu sehn mich im Sinn,
Mich neben – Gänsen und Affen!

161.

Liebesdauer.

(Heinrich.)

Wie lange währt's, daß Liebe uns beglückt?
Wie lang', daß ihre Zauber mächtig walten,
Die unser Herz – der Wirklichkeit entrückt –
In sel'gen Rausches Wahn befangen halten?

(Gretchen.)

– Wie lang'? frag' doch die lenzumkoste Erd',
Der duftig jetzt entquellen Blütenmeere,
Wie lang' ihr Lenz, der Wonnen spendet, währt,
Scheint's auch, als ob er ewig, ewig wäre!

Sie giebt in ihren Blüthen Dir Bescheid,
Die schon nach kurzem Atemhauch verwehen,
Begrabend, ach, den Reiz der Lenzeszeit,
Kaum löst sie ab der ersten – Frucht Erstehen!

162.

Flackernde Liebe.

(Gretchen.)

Was ich von Deiner Liebe meine?
Nicht wärmt, nicht währt sie wie die Glut!
Sie gleicht im harten Feuersteine
Dem kleinen Funken, der drin ruht:

Hat sich zum Stein ein Stahl gefunden,
Erwacht der Funke aus starrer Ruh, –
Ein Hauch – ein Blitz – und ist verschwunden
– Kaum hat gezündet er – im Nu!

163.

Thust Du recht daran?

(Gretchen.)

Wie, fühl' ich recht? Wie, seh' ich klar?
Oder täuschen mich Herz und Auge?
Du reißest mich aus, wo selig ich war!
Wär's wahr, daß ich Dir nichts tauge?

Aus dem Herzen reißest Du Stück um Stück
Mich, als ob verwickelt sich hätte
Dein Meingedenken mit Deinem Glück
Wie mit dem Kleide die Klette! . . .

Fandst Du am Weg mich, wo Kletten stehn,
Die man mit dem Kleidsaum streift nur . . .?
Und war nicht all Deiner Seele Flehn:
»Laß pflücken, die mir Du gereift nur!«?

164.

Ist's – dasselbe? . . .

(Gretchen.)

Ob zur Blum' am Wege
Du Dich bückst
Und zum Zeitvertreib Du
Sie zerpflückst –,
Ob's im Beet die edle
Blume ist,
Die in Deiner Hand den
Stolz vergißt . . .:
Ist's – dasselbe?

Ob Dein Arm umfängt den
Schönen Leib,
Den Dir gerne leiht ein
Lockres Weib,
Ob es keusche Lieb', die
Sinnverwirrt
Sich in Deinen Armen
Süß – verirrt . . .:
Ist's – dasselbe?

165.

Lohn.

(Gretchen.)

So demutvoll bückt' ich mich nieder
Reich hinzustreuen Dir zu Füßen
Die Blüten alle, meine Lieder,
Die mir aus tiefster Seele sprießen!

Wie Edelweiß am Felsenrücken
In Demut hingiebt seine Krone –
Den Stengel neigt und beugt zum Knicken
Der Hand, die es erreicht . . . zum Lohne:

So hab' ich Dir mich hingegeben!
Was reichst mir Du dafür zum Lohne?
»Nur einen Gruß!« fleh' ich mit Beben;
Mit – Schweigen grüßt Du mich zum Hohne!

166.

Modernes Lieben.

(Gretchen.)

Ich dank' Dir für Deine Grüße,
Die Du schickst durch ein Botenheer:
»Durch den Mond, die Lüfte, die Blumen«
Und der – wolfeilen Boten noch mehr!

Ich dank' für die »große Liebe,«
Die sich am »Unendlichen« mißt,
Für die wohlfeilen Glutenküsse,
Die sie mit der, »Seele« küßt!

Ich dank' für Dein »Liebes-Sehnen«,
Das sich in – Phrasen ergießt,
Die leichter das Hirn mag schreiben
Als das liebende Herz sie liest! –

Und ich danke für alle Namen
Die süßen, die Du mir giebst,
Und Gott verzeih' Dir die Lüge,
Sprichst Du, daß Du mich – liebst!

Doch Gott verzeiht nicht das Lügen,
Hat es ein Herz bethört!
Gott, der die ewige Wahrheit,
Sich gegen die Lüge empört!

Und wird sich mein Herz auch nicht rächen,
Dies Herz, das nur blutet nur weint:
Es rächt sich selbst die Unthat,
Der Böse ist selbst sich Feind!

. . . »Die Sterne« willst Du mir holen
»Herab vom Himmelszelt«!
Und wärest zu feig zu verzichten
Um mich auf das Truggold der Welt!

»Zu Zeugen unseres Bundes«
Rufst an Du der Vögel Schaar
Und scheust mit Bedacht zu vermälen
Dem Lieb Dich am – Altar!
–    –    –    –    –    –    –    –    –
Du »lieben,« modernes Menschlein,
Das rechnet und wägt und vergleicht!
Dessen Himmel niemals höher
Als ins Greifbare, Zählbare . . . reicht!?

Dich könnte Lieb' nicht beglücken
Im Nestchen arm und traut!
Du wirst mit dem Weibchen Dich paaren,
Das Dir das Nest erbaut!

Und wirst zur Spatzenbraut wählen,
Die bequem Dir's baut und fein –
Viel Halme zuträgt und Erde, –
Zieht auch die Liebe nicht ein ! . . .

Vom Vogel lerne und schäm' Dich!
Der wählt in heiligem Trieb
Die Braut und baut sein Nestchen
Mit der tausendarmigen Lieb'!

Schau, stürzen vom Bergesgrate
Den Quell, der zurück nicht weicht
Und über Gestrüpp, über Felsen
Wildschäumend den Strom doch erreicht!

Und lerne vom ruhigen Bache,
Wann tosende Flut ihn schwellt,
Wie des Ufers Haft er sprenget
Und wild sich ergießt ins Feld! –

O Menschlein, das umgestaltet,
Vom »Verstand« zur Karikatur,
Ermanne Dich doch und lerne
Natur von Gottes Natur!

VII. Kapitel.


Heinrich geht daran Gretchen zu verlassen um, nur von niedrigen Beweggründen seiner materiellen Existenz-Verbesserung bestimmt, – eine »Vernunft-Ehe« mit einer Anderen zu schließen.

167.

Der verirrte Adler.

(Monolog.)
(Heinrich.)


Bau Dir Dein Nest nicht unten im Thale,
In der blättrigen Linde Kron'!
Du bist kein Finke, Du bist ein Adler,
Du bist der Höh'n ureigener Sohn!

Laß nicht berücken Dich von der Linde,
Ob auch in Lenzpracht jetzt sie blüht!
Hoch auf den Bergen ist Deine Heimat,
Wo über Firnen der Lufthauch zieht!

Willst Du die Schwingen, die umfassen
Kühn eine Welt jetzt, weil sie frei,
Willst Du im Wahnwitz sie zwängen ins – Nestchen,
Ängstlich zu brüten dort über dem – Ei?!

Willst Du Dir abmühn Fänge und Schnabel
Mit der alltäglichen kläglichen Jagd
Nach den mageren Immen da drunten,
Weil Deine Brut der Hunger sonst plagt?!

Du bist ein Adler! Dir wurden Schwingen,
Schnabel und Fänge zu Bess'rem verliehn!
Kehre zurück zur winkenden Heimat,
Weise alltägliche Sorge zu fliehn!

168.

Ich kann ihn nicht ertragen den Gedanken.

(Gretchen.)

Ich kann ihn nicht ertragen den Gedanken:
Daß ich Dir wäre nur der Stern der Nacht
Zu leuchten Dir durchs nächtige Indessen,
Bis mit der Sonne Nahn Dein Tag erwacht!

Ich kann ihn nicht ertragen den Gedanken:
Ich sei der Baum nur, der am Irrweg stand,
Bei dem indessen Du ein Weilchen ausruhst,
Eh' sehnsuchtsmatt Dein Fuß den Heimweg fand!

Ich kann ihn nicht ertragen den Gedanken,
Ich wär' indessen nur das schwanke Zelt
Zu bergen Dich, bevor die schmucke Hütte
Auf festem Grunde Du Dir aufgestellt!

Und weil ich nicht ertrage den Gedanken,
Daß für indessen . . . ich Dir alles . . . gab,
Stöhnt unter Deinem Fußtritt meine Seele:
»Barmherzig öffne meiner Schmach Dich, Grab!«

169.

Indessen.

(Gretchen.)

Ich fühl' gedemütigt, daß nur indessen
Dein Herz mich birgt, eh' es sich fest verbunden
Durch Priesters Hand für alle Lebensstunden
Hat einer Andern wohl bedacht . . – In wessen

Macht aber steht es, voraus zu ermessen,
Ob Du die einz'gen Blumen, Dir gewunden,
Die höchsten Wonnen, die Du je empfunden,
Nicht meiner Liebe dankst, die Du besessen?

Ob, was Dir jetzt mag nur »Indessen » scheinen,
Nicht zählenswert, – ob Du's dereinst beweinen
Nicht wirst als Deines Lebens schönste Zeiten,

Die rück Du kaufen magst mit Ewigkeiten?!
Wie leicht dürft' in dem Lebensrest, dem langen,
Dir nach dem schöneren »Indessen« bangen!

170.

Der Segen ist nicht im Besitze gelegen.

(Gretchen.)

Der Segen ist nicht im Besitze gelegen,
Den Du messen kannst und wägen!
Er liegt in Deinem eigenen Blick,
Der bewußt umfaßt, was Dir gab das Glück,
Es zu schätzen weiß nach seinem Wert,
Und nach dem nicht schweift, was Dein Los nicht                                                                     gewährt! –

171.

Dauernde Seligkeit.

(Gretchen.)

Das Leben von Gaben überfließt
Und bietet Jedem, daß er wähle.
Ein Jeder nach seiner Weise genießt;
Die Freude mißt ihm zu die Seele!

Wohl ihm, dem freudendurst'gen, wiegt
Ihn des Reichtums weiche, wohlige Welle!
Wohl ihm, der das Dasein genießend durchfliegt,
Das Leben schöpft aus voller Quelle!

Wohl ihm, dem's glückt, ein treues Lieb
In der Heuchler Mitte für sich zu finden,
Die Stunden ihm zu erhellen, die trüb,
Die Freude ihm ins Dasein zu winden!

Wol ihm, der's erlebt, daß Ruhm bekränzt
Sein Schaffen, der's ahnt, daß in späten Tagen
Sein Geist der Nachwelt voran noch glänzt
Und im Seingedenken die Herzen einst schlagen!

Doch eine Welt voll Seligkeit
Im Herzensfrieden, im frohen Mute,
In der Mitsichselbstzufriedenheit
Trägt in sich nur der – Edle, der Gute!

172.

Alles ist vergänglich.

(Gretchen.)

Und wenn es, Mensch, Dir auch gelang
Dir Hab und Gut zu schaffen
In Kämpfen, die Dein Herz schwer rang, –
. . . Ein Augenblick kann's raffen!

Ob Dein Palast sich auch erhebt
Mit noch so stolzen Zinnen:
Ein Ruck – ein Stoß – und er erbebt
Und schwindet rasch von hinnen!

Und wenn durch Geist und mut'gen Sinn
Du Ehre Dir erworben; –
Ein falscher Schritt, und sie ist hin
Und Du in – Schmach gestorben!

Und wenn Gesundheit Dich beglückt,
Der Leib voll Kraft Dir schwellet:
In einem Nu bist Du geknickt,
Wie man die Eiche fället!

Und was Dein Gut für ewig schien,
Dich macht im Hochmut sünd'gen:
Du hast's vom Schicksal nur geliehn!
Es kann Dir's morgen – künd'gen!

173.

Vorwurf aus empörter Seele.

(Gretchen.)

So? Jetzt ging Deine Lieb' zur Neige?
Und da Du sprichst, Du liebst mich nicht,
Meinst Du, von Dir die Vaterpflicht
Leicht abzuschütteln? Grausam! Feige!

Stellt ich mich Deinem wilden Triebe
Denn nicht mit aller Kraft zur Wehr,
Heiß flehend: »Hab nach mir Begehr
Nur, treibt zu mir Dich wirklich: Liebe!«?

Du warst Dir klar, daß rohem, widrigen
Gelüst ich nie mich werde leihn –
Du kanntest unschuldstolz mich, rein,
Und hatt'st das Herz mich zu erniedrigen!

Ich barg mich scheu vor Dir, voll Beben
Wie die Mimose, manch ein Jahr,
So oft Dein Wunsch genaht mir war:
Mich Dir in Liebe hinzugeben.

Da griffst Du denn durch eine Lüge
In meine gläub'ge Seele ein,
Auf daß, mein keusch Mimosensein,
Dir Lust zu bieten, unterliege:

Wer sich mir voll und ganz ergeben:
O gieb Dich mir! ich hab' Dich lieb!«
– So Deine Hand verlockend schrieb –
»Dem dank ich's tief durchs ganze Leben!«

174.

Dem Glücksjäger.

(Gretchen.)

Wie seh' ich ach Dich fiebrisch streben
Zur eitlen Höh' durch all Dein Leben!
Und um sie sicher zu erreichen,
Muß unter Deinem Fußtritt weichen,
Was sich als Recht entgegenstemmt
Und Deinen Schritt zur Höhe hemmt! . . .
. . . Kommt bei der Glücksjagd Dir kein Mahnen,
Daß kurz nur wallet auf den Bahnen
Des Unrechts schnöder Selbstsucht Knecht,
Weil böse That – ja selbst sich rächt? . . .

VIII. Kapitel.


Heinrich ist von seinen Reisen zurückgekehrt.

175.

Wie wird es sein das Wiedersehn.

(Gretchen.)

Wie wird es sein
Das Wiedersehn?
Wird Liebe mir
Entgegenwehn?

Die Frage wühlt
Im Herzen mir:
Wird Blick und Ton
Mich ziehn zu Dir?

Begrüßest Du mich
Wie der blühende Strauch
Den Käfer begrüßt:
Mit Maienhauch?

–    –    –    –    –    –    –    –    –

Ach daß mein Herz begrüßt nicht werde
Von Dir wie der heiße Odem der Erde
Vom Herbsthauch, drin er erstarrt zu Reif!
Daß Du mich begrüßest nicht – kalt und steif!

176.

Dich laden zu kommen?

(Gretchen.)

Dich laden zu kommen
Dahin, wo ich bin?
. . . Der Schwan kommt geschwommen
Zum Teiche hin.

Und stürzt nicht dem Flusse
Entgegen der Quell
In schäumendem Gusse
Vom Felsengrat schnell?

Und kräuselt die Welle
Sich nicht im Bach,
Daß sie von der Stelle
Der nächsten käm' nach?

Und zieht es das Herz nicht
Die Reihen zu fliehn,
In Wonne, in Schmerz nicht
Zum Zweiten hin?

–    –    –    –    –    –    –    –    –

Dich rufen? Dir sagen
»Will sein mit Dir!«?
Wer liebt, den tragen
Ja – Flügel zu mir!

177.

Bulletin.

(Gretchen.)

Schon hat mich aus seiner Klammer
Entlassen der Krankenpfühl –
Nun ruft's mich schon fort aus der Kammer
In der Arbeit Gedräng und Gewühl.

Mich zieht es und treibt es und schicket
Zu Dir mit Dranges Macht
Wie der Mai den Maikäfer rücket
Zur Sonn' aus der Erde Nacht!

Ich schau mich – und, ach, ich trau mich
Vor Dich nicht mit diesem – Gesicht . . .
Und verstecke vor Dir genau mich
Wie der Engerling vor dem Licht;

Denn noch trag' ich die Spuren
Der großen Krankheit . . . an mir
Wie nach dem Sturm die Fluren,
Die er gezaust an der Zier.

Der Schritt ist noch nicht munter,
Nicht kraftvoll, leicht und schnell;
Nicht eilt er zu Dir noch hinunter
Wie der hüpfende Felsenquell;

Das Antlitz, das braune, das schmale
Noch in den Farben nicht prangt
Wie der Apfel in thaufrischer Schale,
Wann ladend am Zweig er hangt,

Der gequälte Leib seine Rundheit
In der Krankheit Krallen verlor;
In unzerstörter Gesundheit
Pocht nur das Herz wie zuvor!

Und ob's auch in jedem Schlage
Entgegen zu eilen Dir mahnt,
Ich mich vor Dich nicht wage,
Bis sich mein Weg zu Dir bahnt:

. . . Du liebst mich nur mit dem Auge . . .
Und nicht mit dem Gemüt.
Und ich fühl', wie ich Dir nur tauge,
So lange die Wange mir blüht,

Und weil Deine Augen nur kosen
Und nicht Deine Seele mit mir:
Wart' ab ich der Wangen Rosen
Und quäl' mich in Sehnsucht nach Dir!

178.

Des genesenden Schmetterlings Sehnsucht nach dem Strauche.

(Gretchen.)

Seit ich durch Deiner Dolden Spiel,
O Strauch, auf meinen Rücken fiel,
Beweg' ich mich von Ort zu Ort
So mühsam nur im Grase fort.

Der Flügel ist so matt, so schwer,
Als ob es gar kein Flügel wär'!
Und keine Farbe drauf sich malt,
Weil tief ins Gras die Sonn' nicht strahlt! –

Nur fader Thau auf Halme sinkt;
Ach, wie sich dieser schmacklos trinkt,
Wenn man an Blütenmeth gewohnt,
Mit dem Du meinen Kuß gelohnt!

Auf Halmen kriechen bitter Ding
Dem fluggewohnten Schmetterling,
Der ja sein Dasein gar nicht lebt,
Wenn er den Strauch nicht flott umschwebt!

. . . Bah! ist der Flügel lahm mir auch,
Ich muß zu Dir hinauf, mein Strauch!
Und kann ich fliegen nicht: ich geh,
Daß ich Dich endlich wieder seh!

179.

Ein Wiedersehn.

(Gretchen.)

Du siehst mir's an, hörst an das Grauen,
Wie ich mich in des Todes Klauen
So manchen bangen Tag befunden,
Da aus dem Leib sich mir gewunden
Das Sein, das Deiner Lenden Drang
So lüstern in den Schoß mir zwang –

Du frugst ums Weib nicht, ums erkrankte,
Du, dem ich all' mein Leiden dankte!
Dich konnt' mein Stöhnen nicht erreichen!
Nicht hat's vermocht Dich zu erweichen,
Daß Du ein warmes Wort mir schriebst,
Daß Du in treuem Dank mich liebst!

Als wär's gedruckt, so 'ne Geschichte,
Hörst nun bequem Du die Berichte
Von meiner Qual – und wie die Hände
Das Buch weglegen, das zu Ende,
Geleitest kalt Du mich zur Thür:
»Hab' fürder nichts gemein mit Dir!«

IX. Kapitel.


Gretchen mahnt Heinrich an seine Vaterpflicht.

180.

Nicht einmal sehn magst Du Dein Kindlein.

(Gretchen.)

Nicht einmal sehn magst Du Dein Kindlein,
Der Anmut Bild, gehüllt in Windlein?
Nicht mit dem Aug' ins Antlitz scheinen,
Das sich geformt ganz nach dem Deinen?!

Magst in der Form der süßen Glieder
Die Deinen nicht erblicken wieder,
Wie sie verjüngt im Knospenleben
In neuer Daseinslust sich heben!

Natur, die doch gepflanzt die Liebe
Ins All, auf daß in mächt'gem Triebe
Ein jedes Wesen sich mög sehen
Im Selbstgezeugten neu erstehen,

Natur hat Dich entarten lassen:
In Deinem Kind Dich selbst zu hassen,
Dem armen Wesen tief zu grollen,
Das zeugte Deines Blutes Tollen!

Sehnst Du Dich, spurlos zu verdorren
Wie schößlingslose morsche Knorren,
Ohn' Namens-, ohne Leibeserben
Für alle Ewigkeit zu sterben?

181a.

Auch ein Vater.

(Gretchen.)

Dein Thun voll Herzensroheit spricht:
»Was geht das Kind, das ward, mich an?«
. . . Kennst Du denn keine Vaterpflicht
Und bist ein Mensch und heißt ein Mann?

Miß Dich, Du Mensch voll feiner Sitte,
Der laute Wohlthat oft erweist,
Der vorragt aus der Gleichen Mitte
Durch »hohe Bildung«, reichen Geist,

Miß mit den Bestien Dich, den wilden,
– Kannst Du's? – mit ihnen in der Treu,
Die wilden Triebs sich in Gefilden
Begatten, mit dem Tiger, Leu,

Da sie mit Tatz' und Zahn und Rachen,
Das Junge, das ihr Mark gezeugt,
Vor Feindes Angriff treu bewachen,
Liebkosend über es gebeugt?

Kannst Du's? – mit ihnen, die durchjagen
Den Wald, erspähend Beute frisch,
Sie ihren Jungen zuzutragen,
Für sie zu decken reich den Tisch?

Kannst mit dem Vogel, pflichtbeflissen,
Du messen Dich, der seine Brut
Im Nest weich bettet auf das Kissen
Des eignen Flaums mit treuer Hut?

Mit keinem Thier der höh'ren Arten!!
Denn alle treibt der heil'ge Trieb,
Der selbstgezeugten Brut zu warten
Im Drange edler Elternlieb'!

Dir ähnlich mehren sich nur Leben
Aus niedrigster Geschöpfe Kreis;
Gleich Dir sie unbekümmert geben
Ihr Laich – der lieben Sonne preis! –

181b.

Was brachte zu Wege Deine Lieb'!

(Gretchen.)

Liebäugelt mit dem braunen Grund
Die Sonne in tiefem Erwarmen,
Welch' Fülle an Früchten, an Blumen bunt
Zaubert hervor ihr Umarmen!

Und küßt der Zephyr die Blume zart
Vorm Sonnenuntergange,
Der Blume Duft mit den Lüften sich paart
Im Thal und am Bergeshange!

Zieht es die Wolke zur zweiten hin,
Da stoßen sie zusammen,
Daß Gewitter, gewalt'ge ihnen entglühn
Im Donner, in Blitzesflammen!

Und ihrer heißen Umarmung entquillt
In Strömen labender Regen
Und alle geleerten Speicher füllt
Ersehnter reicher Segen!

Und wenn ein Vogel sehnsüchtig singt
Im Frühlingshauch, im lauen,
Bald mit dem Weibchen er sich schwingt
Ins Nest, das vereint sie erbauen!

. . . Doch als es Dich einst drängte und trieb
Schwül glühend in meine Arme,
Was brachte zu Wege Deine »Lieb«,
Menschlein?! – Daß Gott sich erbarme!

X. Kapitel.


Heinrich giebt Gretchen die Zusicherung, daß er trotz seines Ehebündnisses mit einer andern, Gretchen zumindest in treuer Freundschaft werde ergeben bleiben. Gretchen wird von Eifersucht gequält.

182.

Traum oder Wirklichkeit.

(Gretchen.)

Guten Morgen, Lieb, wie süß war die Nacht!
Wie hat sie die Seel' mir gekräftigt!
Ich hab' nicht geschlafen, ich hab' sie durchwacht
Und im Geist mit Dir mich beschäftigt!

Mit offnem Auge träumt ich von Dir
Erinnerungsträume so traute!
Noch einmal durchlebt' ich das Glück, das ich mir
Aus den Stunden mit Dir . . . erbaute!

Doch dann, ach, senkte auf mich sich ein Traum,
Den Wahn mocht der Seele spinnen:
Nein, nein! ich glaub's nicht! Traum ist nur Schaum!
Wozu gequält drob sinnen!

Mein Glück stand wie ein Kartenhaus
Vor andern Lippen roten . . .
Und bliesen hinein die: Dann war's aus . . .
Ich bebte, weil – sie so drohten!

183.

Eine moderne Mythe von der Myrthe.

(Gretchen.)

Wenn ich Dir in das Auge blicke,
Umschwebt mich stets der Traum aufs neu
Von gefundnem und verlornem Glücke,
Den einst ich träumt' in schönem Mai:

Es war in altersgrauen Zeiten,
– So gaukelte mir vor der Traum –
Als Menschensöhne Feen noch freiten,
Daß Du mich ersahst am Waldessaum.

Dort bin ich, vergessen, auf und nieder
Leis' um die alten Föhren geschwebt
Und habe tausend süße Lieder
In stille Abendlüfte gewebt.

Die neiderfüllten lauten Winde
Verrieten Dir meinen stillen Sang;
Sie trugen zu Deinem Ohr geschwinde
Ihn hin den dunklen Wald entlang. –

Mich suchend bist in den Wald Du gedrungen,
In Tiefen zog es Dich, zu den Höhn,
Bis es Dir endlich war gelungen,
Mich, wie ich leibte, nah zu sehn.

Und als sich unsere Blicke fanden,
Da ward uns beiden klar im Nu,
Daß wir nur drum zum Sein erstanden,
Daß ich sei Dein und mein seist – Du!

Wie lerntest Du die Welt vertauschen
Mit meinem duft'gen Reich so bald!
Ich lehrte Dich den Vögeln lauschen,
In keuscher Lieb' durchziehn den Wald –

Doch wenn mit einem Erdensohne
In Liebe je sich einten Feen,
So mußten, hehrer Lieb' zum Hohne,
Sie sich von ihm verlassen sehn!

Auch Dich hat es zurückgetrieben
Von meiner Liebe reichem Mal,
Zurück zum Leben und zum Lieben
Wie es sich beut im Erdenthal.

Und ich? Wie solltest Du auch wissen,
Ein Feeenherz verbluten könnt'?
Du hast mir's aus dem Leib gerissen,
Da Du von mir Dich hast getrennt!

Doch meine Lieb' konnt nicht ermatten,
Ob sie auch Qual unsäglich litt;
Es folgte wie Dein eigner Schatten,
Dir meine Seel' auf jeden Schritt –

Einer Andern reichtest Du die Hände
Am Altar an einem Maientag –
Mit meinen Qualen war's zu Ende –
Gebrochen auf seinen Stufen ich lag . . .

Da plötzlich des Tempels Hallen durchschwirrte
Leis' eine trauernde Feenschar
Und wandelt' die Sterbende zur Myrte –
Die wandst Du Deiner Braut ins Haar!!

–    –    –    –    –    –    –    –    –

Wenn ich Dir in das Auge blicke,
Umschwebt mich jener Traum aufs neu
Von gefundnem und verlornem Glücke,
Den ich geträumt in meinem Mai. –

184.

Sylvana und der Winter.

(Gretchen.)

Aus der Wolkenburg herab zu steigen
Der Mond mir wieder winkt;
Wie licht es von den Hollunderzweigen
Im Haine wieder blinkt!

Doch sind's nicht Blüten, die drauf prangen
Wie einst, . . . es ist kalter Schnee,
Den ich dort auf den Zweigen hangen
Im Mondlicht glitzern seh!

Wo unsre Liebessänge haben
In Maienlüfte geweht,
Vernehm' ich das Krächzen des hungrigen Raben,
Der dort nach Beute späht.

Das Lager, das uns unterm Hollunder
Gebettet Elfenhand,
Mit all der Maiennächte Wunder
Nun spurlos von dort verschwand!

Dich seh' ich mit einer Frau, einer andern,
Dort an dem Hollunderbaum
Traut Hand in Hand vorüber wandern;
Ich – bin ein vergessener Traum!

185.

Mein Ringlein.

(Gretchen.)

Am Finger trägst Du mein Ringlein,
Doch sie, sie trägst Du im Sinn!
Mir schenkst Du süße Worte,
Ihr giebst Dein Herz Du hin!

Nimm's weg mir, wirf's, wohin immer!
Mir ahnt, wie bald es Dich reut,
Wie's reut den erwachten Schlemmer,
Der Alles im Rausch verstreut!

Mög' Dich mein Ringlein begleiten
Auch in des Rausches Glück!
Wie wirst Du, ernüchtert, ihm danken,
Führt's wieder zu mir Dich zurück!

186.

Dein Kind.

(Gretchen.)

Du wollt'st es nicht sehn?
Du wollt'st es nicht lieben?
Und wird es vergehn,
Wird's Dich nicht betrüben!

Du hätt'st nur den Trieb
Dein Gleiches zu zeugen,
Und hätt'st nicht die Lieb'
Für das, was Dein Eigen?

Vom Menschen Dir ward
Nur das gleißende Bildnis,
Und Du wärst von der Art,
Wie der Baum in der Wildnis?

Wie der Baum thätst Du
Mit Deinem Kinde,
Der fühllos wirft zu
Seinen Samen dem Winde –

Ob gediehn, ob verdorrt
Auf des Zufalls Wegen –?
. . . Nein, nein! nicht Mord,
Deine Hand streut Segen!

Denn Du bist gut,
Wirst gut sein dem Kinde –
Du weißt, wie sich's ruht,
Das Herz ohne – Sünde!

187a.

Reminiscenz an Athen.

(Heinrich.)

Am Gipfel der Akropolis ragen
Des Parthenon Säulen stolz und hehr;
Weithin des Tempels Glanz sie tragen
Weit über das blaue Mittelmeer.

Als schämte der Berg sich des Rückens, des nackten,
Der vor dem Heiligtum sich neigt,
Verhüllt er die Blößen mit mächtigen Kakten,
So weit zu den Propyläen er steigt.

Und wo der Tempel der Pallas Athene,
Der heidnische, stolz in die Wolken schaut,
Wollt' gläubiger Sinn, daß an ihn sich lehne:
Ein – Kirchlein, versteckt am Abhang gebaut.

Ja die Akropolis, wo ragen
Des Tempels Säulen, des Heidentums Rest:
Du siehst sie auch ein Kirchlein tragen,
Das blinkt so traut, wie ein Schwalbennest!
–    –    –    –    –    –    –    –    –
Dem Kirchlein, versteckt in des Berges Weichen,
Von dem das Parthenon weithin grüßt,
Wird meine heimliche Liebe gleichen,
Die trotz der andern – Dich umschließt!

187b.

Weiße Rosen und rote.

(Gretchen.)

Ich sah in Sommertagen
Einst einen Rosenstrauch,
Der weiße Rosen getragen,
Doch rote daneben auch.

Und denk' ich und möchte verzagen,
Daß im Sinne Du sie trägst allein:
Fällt glücklich der Strauch, der getragen
zweierlei Rosen, mir ein! . . .

188.

Meine Rivalin.

(Gretchen.)

Daß sich zu einer Zweiten
Dein Mund neigt dann und wann –
Soll ich darob mich grämen?
Was geht's, was geht's mich an?!

Sind eifersüchtig die Blüten,
Zog licht der Lenz heran
Und mag er auch lächeln Vielen:
Ficht das die Blüten an?

Wird sich darob beklagen
Der stolze Fliederstrauch,
Küßt tief im Gras der Frühling
Das – Gänseblümchen auch? . . .

189.

Der Mond hat mir's anvertraut.

(Gretchen.)

Hab' lang am Fenster gelehnt
Und nach dem Lieb mich gesehnt.
Der Mond goß bleichen Schimmer
Mir düster ins einsame Zimmer –

Und wie ich ihn angeschaut,
Hat er mir heimlich vertraut,
Daß er anderswo jetzt müssen
Leuchten zu Liebstens Küssen . . .

Und mitleidig hat er geblickt
Auf mein Lager, das unzerdrückt . . .
Wo treu wacht Seingedenken,
Wann sich seine Küsse verschenken . . .

–    –    –    –    –    –    –    –    –

Und daß ich nicht möge grollen,
Hat der Mond vertrösten mich wollen:
Daß der Liebste mein wieder ist,
Wann dort er hat – ausgeküßt! . . .

190.

Der Oreade Gruß an den scheidenden Freund.

(Gretchen.)

Nimm Abschied nicht von mir auf immer!
Kehr an die treue Brust zurück!
Der fort Dich lockt von mir, der Schimmer,
Nicht führt er Dich zu sichrem Glück!

Zu bleiben ich Dich nicht beschwöre
Bei Elfenleibes Zauberpracht,
Nicht Deine Sinne ich bethöre
Durch Mißbrauch meiner sünd'gen Macht! –

Nicht will zur Tiefe ich Dich ziehen,
Nicht fesseln Dich durch jene Lust,
Die lähmt den Geist, daß nicht entfliehen
Kann, wer berauscht an ihrer Brust! –

Bleib' hier der Vögel Sang zu lauschen,
Den Melodien so süß und rein,
Drein sich verwebt der Wipfel Rauschen,
Drein unsre Liebe mit stimmt ein!

Bleib! ruh bei mir aus vom Getöse,
Das heillos in die Ohren gellt
Da draußen bei der Freudenlese,
Darauf sich stürzt die tolle Welt!

Nein oder geh! trink' von der Schale
Voll Alltagsleiden, Alltagsfreud!
Hab Theil am teu'r bezahlten Male,
Das Dir der Wirt, das Leben, beut!

Begrüß' dort angstvoll jeden Morgen,
Weil aus dem Traum er rauh Dich zieht
Zu hartem Kampf mit Pflicht und Sorgen,
Drin unvermerkt das Dasein flieht!

Verbrauch zu niedrer Last die Seele,
Die Gott zu Hohem hat geweiht!
Daß täglich stündlich sie dort quäle
Entgötternde Mühseligkeit!

Und geh', laß einen Eh'bund schließen
Nicht Liebe nur Dein Hirn allein!
. . . Kann Freude Deine Tage grüßen,
Verkaufst Du ihren – Sonnenschein?!

191.

Liebe und Schneeglöckchen.

(Gretchen.)

Du liebst mich doch, – o sprich, gesteh! –
Nur darfst Du es nicht zeigen,
Wie's Schneeglöckchen verschweigt der Schnee,
Mußt Liebe Du verschweigen?

Ob über Deiner Lieb' auch weht
Manch frost'ger Rede Weise:
Schneeglöckchen sich ja doch verrät
Auch unterm – starren Eise!

192.

Mein Liebster tanzt mit anderen Dirnen . . .

(Gretchen.)

Mein Liebster tanzt mit anderen Dirnen;
Ich bin zu Haus' allein –;
Meint Ihr, ich wäre eifersüchtig?
Das fällt mir gar nicht ein!

Und schaut mein Lieb auch in die Augen
Den Mädchen dort und hier, –
Er bringt zurück die süßen Augen,
Sein Aug' gehört dann mir!

Wird er auch manchen Leib umfassen,
Der schön und jugendlich,
Um Leiber schlingt sich ja sein Arm nur,
Sein Herz schlingt sich um – mich!

Wird meinem Lieb' manch Wort gefallen,
Das witzig, fein und dreist,
Er hört üb'rall zu mit dem Ohr nur,
Auf mich nur horcht sein Geist!

Mein Liebster tanzt mit anderen Dirnen –
Und bin ich auch allein,
Er kommt zurück mir und ist doch nur
Ist doch nur mein, nur mein!

193.

Probates Mittel.

(Gretchen.)

Wie tröstet sich die Ros' im Leid,
Die liebt den Sonnenschein,
Hüllt ihn für lange bange Zeit
Tief eine Wolke ein?

Sie harrt am Strauche in Geduld,
Von Thränenthau getränkt,
Bis sich des Sonnenstrahles Huld
Der Rose wieder schenkt! . . .

194.

Sprich, welche liebst Du von uns Beiden?

(Gretchen.)

Sprich, welche liebst Du von uns Beiden?
Mir küssest Du die Lippen wund,
Indessen Dich der Sehnsucht Leiden
Vielleicht durchwühlt nach ihrem Mund!

Indessen mir die Sinne lauschen,
Denkst etwa ihres Zaubers Du? –
Wie Sehnsucht nach des Meeres Rauschen
Hört Bächleins Murmeln seufzend zu.

Sprich, welche liebst Du von uns Beiden?
Sie, die Dir dünkt die Ros' im Beet,
Ich – armes Röslein auf der Haiden,
Zum Pflücken, weil's am Weg' Dir steht?

XI. Kapitel.


Gretchens Liebe wird Heinrich unbequem und er sähe gern, daß sie in neuer Liebe Tröstung und Ersatz suche.

195.

Die gestürzten Tempel-Säulen in Athen.

(Gretchen.)

O Reste von ehemaligem Ruhm,
Dessen Glanz die Seele erhoben, geblendet!
Einst trugt ihr stolz ein Heiligtum,
Drin Götter sich zu Menschen gewendet!

Doch in dem ewigen Wechsel der Zeit,
Die Neues setzt an Stelle des Alten,
Hat Euch, ihr Heiligen, auch entweiht
Einer neuen Gottheit grimmes Walten!

Da liegt ihr, gestürzt, im Tagesstrahl
Auf grasbewachsner gemeiner Erde!
Und auf Euch verzehrt sein Mittagsmahl
Der Hirt, der da Hüter der Truthahnherde! –
–    –    –    –    –    –    –    –    –
So traurig, fallen die Trümmer mir ein,
Die ich in Hellas' Gefilden gesehen;
. . . – Wird's mir nicht, wann die Andre Dein,
Wie diesen Heiligtümern ergehen? – – –

196.

Drum bin ich froh, solang mich narrt.

(Gretchen.)

Gut' Morgen! die Vögel sind schon wach
Und grüßen herein von den Bäumen!
Hab' keine Lust zum Aufstehn, ach!
Lieg' lieber in gaukelnden Träumen!

Ich wundre mich nicht, daß der Vogel erwacht,
Liegt auch der Tag noch in Nebeln;
Denn ihm, erwacht, entgegenlacht
Ja Liedersingen und Schnäbeln!

Doch was ach meiner, erwach' ich, harrt,
Ist gar so ernst und trübe!
Drum bin ich froh, so lang mich narrt
Der Traum und der Rausch der – Liebe!

197.

Vorbei.

(Gretchen.)

Wie war Dein Auge glückbelebt,
Wie hat gestrahlt es sonnenhaft,
So lange heiß in Dir gewebt
Der Liebe süße Leidenschaft!

Wie lang und heiß war da Dein Kuß!
In Gluten hat er mich getaucht!
Denn Du hast in der Lieb' Erguß
Die Seele mit hineingehaucht!

Vorbei ist's nun mit Deiner Lieb'!
Sagst Du auch nicht das harte Wort,
Doch wie die Uhr, die stehen blieb,
Zeigst stumm Du an: Die Lieb' ist fort!

198.

Einst und Jetzt.

(Gretchen.)

Sah sonst mein Lieb ich von mir gehen,
Blieb nicht verlassen ich zurück;
An der Schwelle sprach: »auf Wiedersehen!«
Sein Scheidekuß, sein Scheideblick.

Am Kuß, am Blick konnt' ich's erkennen,
Daß, mußt' mein Lieb auch fort von hier,
Sein Herz von mir sich nicht kann trennen
Und daß sein Herz treu bleibt bei mir.

Seh jetzt mein Lieb ich von mir gehen,
Folg' ich ihm bang' zur Schwelle hin;
Möcht' stumm nur einen Kuß erflehen!
Doch nicht ans Küssen denkt sein Sinn!

Er eilt geschäftig von mir fort, ach,
Reicht mir die Hand und zieht den Hut,
Spricht , statt zu küssen heiß, das Wort ach:
»Wir bleiben uns doch fürder gut?«

199.

Was soll ich mit den Küssen machen.

(Gretchen.)

Was soll ich mit den Küssen machen,
Die mir im Herzen für Dich glühn?
Du nahst mir nur, sie zu entfachen,
Und ihre Flammen dann zu fliehn!

So folgen denn die Feuerbrände
Dem Fliehenden weit auf dem Fuß –
Und, was im Brief ich Dir jetzt sende,
Ist – ungeküßter Küsse Gruß!

200a.

Sündige Stimmungen.

(Gretchen.)

Wie's der Mond da boshaft meint,
Der mir jetzt . . . ins Stübchen scheint!
Zärtlich läßt er seinen Strahl
An mir hüpfen auf und nieder –
. . . Hüpften jetzt mir ohne Zahl
Deine Küsse um die Glieder!

200b.

Wozu zwei Augen mir und ein Mund.

(Gretchen.)

Süß ist es in der Dämmerstund'
Zu feiern von Tagwerks Lasten,
Wie der Sommertag, der die Blumen bunt
Geküßt, geht abends rasten.

Doch haben zwei Augen und ein Mund
Erst kaum das Süße erfahren,
Den allersüßesten, hehren Grund,
Weshalb sie erschaffen waren, –

Und, kaum zur Thätigkeit gelangt.
Schon feiern, schon feiern, ach, müssen, –
Dich sieht nicht das Aug', das nach Dir verlangt,
Du fern dem Mund, der möcht' küssen:

Wie müßig ist solche Feierstund'
Und welche Qual, das zu wissen!
. . . Wozu zwei Augen mir und ein Mund.
Da ich sehn Dich nicht kann, nicht küssen?!

201.

Schmetterling zum Knaben.

(Gretchen.)

Du, der's verstand, so fest zu fassen,
Willst, spielensmüd', mich los nun lassen?
»Du bist noch jung, kannst leicht verschmerzen
Mein bischen Herzen, Spielen, Scherzen!« –

. . . – Was frommt mir Jugend, da zum Raub ach
Fiel Deiner Hand mein Flügelstaub . . . ach!
Und ich es nimmermehr kann wagen
Zu frischen Blüten mich zu tragen?! –

Was frommt mir Jugend, da ich nimmer
Erprange in der Reinheit Schimmer!
Im Licht – befleckten Flügels schweben
Ist solche Jugend Jugend leben?

202.

Unverzeihlich.

Schmetterling zum Knaben.
(Gretchen.)

Nach mir jagen
In den Hagen,
Nach mir hangen,
Nach mir langen,
Und mich fangen,
Als ich in der Sonne trunken
Mit dem Flügel wollte prunken –
So war's, daß der Schmetterling
Sich in Deinem Netze fing?

Winden, wenden,
Mit den Händen
Mich betupfen,
An mir rupfen,
Aus fast zupfen
Mir den Flügel, ach, den zarten
Auf viel lose, lose Arten! –
. . . Du scheinst nimmer Dir bewußt,
Was Dir's war für süße Lust!

Wirfst Du, Harter,
Nach der Marter
– Wie ich glaube –
Jetzt dem Staube
Mich zum Raube?
Könntest mit dem Menschenherzen
Du Dir selbst verzeihn solch' Scherzen?
. . . Und wer könnt' je dem verzeihn,
Der's vergißt, ein – Mensch zu sein!

XII. Kapitel.


Gretchen verschmäht es, sich in neuer Liebe zu trösten. Mit ganzer Seele Heinrich ergeben, wendet sie, demutsvoll um Liebe flehend, sich an ihn.

203.

Die Nacht und – ich.

(Gretchen.)

O stille Duld'rin, düst're Nacht,
Wie doch Dein Schicksal meinem gleicht!
Trotz Mondesstrahl und Sternenpracht
Die Trauer doch von Dir nicht weicht!

Es huldigt Dir ein Sternenheer,
Das tausendäugig auf Dich blickt;
Doch bietet's nicht, was Dein Begehr:
Die Wärme, die erhellt, beglückt!

Weil weit die Sonne auf der Flucht,
Drum ist Dein Dasein hoffnungsleer –
Dein Atem sehnsuchtsvoll sie sucht
Und da sie naht – bist Du nicht mehr!

204.

Anderer Sünde loben.

(Gretchen.)

Hier auf der Waldeshöh' Ihr Föhren,
Umsonst sagt Eurer Wipfel Rauschen,
Daß niemand käme mich zu stören,
Wollt' Küsse ich hier oben tauschen!

Nur Einer ist es, den ich küsse,
Führt mich zu Euch herauf mein Wandern,
Und diesen Einen, ach, ich misse!
Und ich küß keinen, keinen Andern!

Weil ich verlassen von dem Einen,
Komm' ich gepilgert zu Euch Föhren,
In Eurem Schatten still zu weinen,
Daß niemand meinen Schmerz mög' stören!

Den Kuß mag lieber ich verlernen
Als daß – wie er – ein Andrer oben:
»Einzig Dein Kuß unter den Sternen!«
Meines Kusses Sünd' mög' loben!

205.

Welkende Frauen – lose Blumenkronen.

(Gretchen.)

Fängt zu welken an die Rose,
Werden ihre Blätter lose,
Und wie einst'gem Stolz zum Hohn
Sinkt vom Haupte ihr die Kron, . . .
Die mit Dornen sie verteidigt,
Als sie freche Hand beleidigt.
Wie ein abgetrag'nes Kleid
In den Wind sie dann sie streut
Und ihr letztes Purpurrot
Findet oft sein Grab im – Kot . . .

Nicht will nachthun ich's der Rose!
Nie wird, was mich schmückte, lose! –
Nie streift ab ihr Blütenkleid
Leib und Seel': – Jungfräulichkeit!
Doch die Lieb', die im Gemüte
Stumm in erster Jugend glühte,
Jetzt lös' ich voll Sangeslust
Mir sie von beengter Brust
Und in Liedern – Strauß um Strauß –
Streu ihr letztes Glühn ich aus!

206.

Gieb von Dir mir nur den Überschuß.

(Gretchen.)

Die Mondesnächte hier in Herbstes Auen
Voll Offenbarung der geheimsten Weihen
Der Schöpfung, die sich will den Menschen leihen
Das Herz mit ihren Zaubern zu bethauen,

Sieh doch, wie wenig Augen je sie schauen
Und ungesehen Nacht an Nacht sich reihen!
Gewohnheit läßt genügen sich an Maien,
Läßt nur den Tag entzückt ins Auge blauen.

So findet sich in Deiner Seele eben,
Was huldvoll auch der Erd' Natur gegeben:
Des Maitags und der Mondesnächte Weben . ..

Mög' ihr, der g'nügt Dein Tag fürs Glück im Dasein
Denn Deines Fühlens Tagesstrahl nun nah sein! –
Die – Mondnacht Deiner Seel' verklär' mein Leben!

207.

Potenzierte Liebe.

(Gretchen.)

Es muß ja Hehreres noch geben
Als jene eine Liebesart,
Die, süß zu wecken neues Leben,
Im Rausch der Seligkeiten paart!

Ja, eine Liebe, eine hehre,
Giebt's, die allein der Seel' entquillt,
Die Daseins Schale uns, die leere,
Mit reiner Freude köstlich füllt!

Die Inbrunst ist's, die nicht erkalten
Kann, ob sie auch entsagen muß . . .
Der süß entquellen Allgewalten
Im reinen sel'gen Seelenkuß, –

Die Inbrunst ist's, mit der ich hange
In heil'ger ew'ger Treu' an Dir,
Küßt auch Dein Mund nicht meine Wange,
Gehört auch all Dein Küssen – ihr!

208.

Ich will Dir Kamerade sein.

(Gretchen.)

Ich will Dir Kamerade sein!
– Dein Liebchen wär' ich lieber! –
Und soll es denn nicht anders sein,
Mag ich nicht weinen drüber!

Die Hand, die zitternde nimm hier!
Will sie als Freund Dir reichen!
Möcht' lieber mit ihr zärtlich Dir
Durchs weiche Haar oft streichen! –

Und es gelobt mein blasser Mund
Zum Trost sich Dir zu weihen!
– Er möchte lieber jede Stund'
Sich Deinen Küssen leihen! –

Geleiten will Dich nah und fern
Mein Aug', das Thränen tränken!
– Wie möcht' es sich in Deines gern
Mit meiner Seel' versenken! –

Bezwingen will ich dieses Herz,
Der Liebe zu entsagen,
Und mit dem Liebsten Lust und Schmerz
Als – »Kamerad« zu tragen!

209.

Ein Ausgeding.

(Gretchen.)

Und muß ich denn im Herzen Dein
Verlassen meinen alten Platz,
Weil nun als Herrin ach zieht ein
An meiner Statt ein neuer Schatz,
Gewähr' die eine Bitte mir:
Laß mir im Herzen, dran ich hing
Mit ganzer Seel', – »ein Ausgeding!«

210.

Der Weihnachtsbaum bei den Verlassenen.

(Gretchen.)

Mit Weihnachtsgabe, mit ärmlicher, bunter,
Behing ich den Tannenbaum,
Und seufzte still: O könnt' ich drunter
Noch träumen den Maien-Traum!

Den Traum, darin manch' selige Stunde
Ich mich gefühlt und gesehn
Im heißen Kuß an Deinem Munde
Auf lauschigen Waldeshöhn,

Wenn durch die dunklen Föhren blinkten
Die Sterne mit lockendem Schein,
Als ob sie flüsternd zu mir winkten:
»So küß ihn und sei – sein!«

Der Traum hat nicht in die Stube gefunden,
Er stellte sich nimmer ein,
Als ich auf den Tannenbaum gebunden
Die Nüsse und Kerzelein!

Ich schloß die Augen; vielleicht wird er nahen
Der Traum, der mein Glück erbaut,
Doch durch die geschlossenen Lider sahen
Meine Augen Dich bei der – Braut!

An Deinem Arme sah ich sie hangen,
Wie an der Tanne Geäst
Vergoldete Äpfel und Lichtlein prangen
Am heiligen Weihnachtsfest.

Dann ist, indessen den Baum im Kreise
Mein Kind hat jauchzend umschwirrt.
Von Dir meine wunde Seele leise
Zu einem Kirchhof geirrt.

Zu einem Grab, darauf ein grauer
Stein starrt trüb in die Nacht,
Gemahnend mich, welch' tiefe Trauer,
Wenn nimmer das Vateraug' wacht! –

Dort sah ich im Schnee mich weinend kauern,
Mein Haupt gelehnt auf sein Grab,
Und fühlte mit mir den Vater trauern,
Dem alles geklagt ich hab'! . . .

»Mein Kind, manch' unheilbare Wunde
Das Geschick meinem Herzen schlug –
Du weißt, wie ich zu jeder Stunde
Mein Leid mit Ergebung trug!« . . .
Und von der stillen Friedensstätte
Die Seele weinend schlich
Mit dem Scheidegruß: »ich hoffe, bald bette
Ich, Vater, mich neben Dich!'»
–    –    –    –    –    –    –    –    –
Indessen verglommen die bunten Kerzen –
Das kindliche Jauchzen verstummte geschwind;
Und es frug an meinem vereinsamten Herzen:
»Wo ist der Vater jetzt?« – unser Kind.

XIII. Kapitel.


Heinrich wendet sich von Gretchen ganz ab, heiratet die Andere. Das Kind stirbt und Gretchen wird trübsinnig.

211.

»Lebwohl und sei heiter.«

(Gretchen.)

Du ziehst von mir weiter
Zur Anderen hin:
»Lebwohl und schlag heiter
Dir mich aus dem Sinn!«

Reiß aus die Nelke
Und wirf sie fort
Und sprich: nicht welke
Am öden Ort!

Und schieß nach der Taube
Und triff sie ins Herz
Und sag' ihr: nicht glaube
An Deinen Schmerz!

Und . . . zieh von mir weiter
Zur Anderen dort –
Und sprich: »sei heiter
Und – leb' nun fort!«

212.

Tote Blumen.

(Gretchen.)

Am Sims aus der Vase blicken
Längst welk Deine Rosen und tot,
Die geprangt dem Aug' zum Entzücken
In Weiß und Purpurrot!

Doch schwand auch ihr Farbenschimmer,
Sind auch die Kronen verdorrt,
Es strömte ihr Duft in mein Zimmer
Und webt da belebend fort!

So wird's mit der Liebe kommen,
Die kurz mir nur geblüht,
Mir lebt, ob verwelkt sie, verglommen,
Mir webt sie fort im Gemüt!

213.

Des Weibes Blätterfall.

(Gretchen.)

Du frägst, mein Freund, wie sich wohl künden
»Das Altern« mag in Seel' und Leib,
Was leiden mag und was empfinden,
– Beginnt's zu altern erst – das Weib?

Noch eh' im Spiegel es gewahr wird,
Daß seine Jugend ihm entweicht,
Noch eh' es ihm im Herzen klar wird,
Daß sich das Alter zu ihm schleicht,

Sagt's ihm des Mannes Blick, ich glaube,
Der nach ihm nimmer gierig langt,
Weil – wie die Gais am jungen Laube –
Des Mannes Blick an Jugend hangt!

Noch ist das Weib von Reiz umstrahlet,
Von Kraft und Fülle die Gestalt
Wie sich am ersten Herbsttag malet
Im Sonnenstrahl der Eichenwald;

Doch wie in grüner Blätter Prangen
Sich da und dort ein welkes zeigt,
Zum Zeichen, daß der Lenz vergangen,
Und daß zum Herbst der Sommer neigt:

So kündigt sich der Jugend Weichen
Beim Weib in leiser Spur schon an!.
Ein Haar will da und dort erbleichen –
Und aus der Reihe fehlt ein Zahn, –

Und wenn auch Furchen nicht gegraben
Der Jahre Pflug in Stirn und Kinn:
Die zarten Farben, die drauf haben
Den Lenz gemalt, sie – schwinden hin.

. . . Doch, was im Lied' ich nicht kann sagen,
Weil keinen Reim es dafür giebt:
Das Leid ist's, das ein Herz ertragen
Muß, das zum letztenmal dann – liebt!

214.

Was hab' ich zu erwarten.

(Gretchen.)

Was hab' ich zu erwarten
Im Lebenskampf, im harten,
Wann Lieb' und Jugend schwand,
Durch die ich ihn bestand!

Wie ich die Blume neide
In Flur und Au und Haide,
Die, wann ihr Blühn vergeht,
Im Winde rasch – verweht! . . .

215.

Ich werde mich nicht finden . . .

(Gretchen.)

Ich werde mich nicht finden
In meiner Jugend Schwinden!
Die Blume mir's erzählt,
Die, weil das Welken quält,
Sich leis' vom Stengel hebt
Und selber sich begräbt. . . .

216.

Allein.

(Gretchen.)

Ich hab' für den Mai kein froh Willkommen
Und blüht er mir auch ins Auge herein!
Kann meiner Seele der Mai denn frommen,
Da Du nicht kamst?! – Ich bin allein!

Daß maiengrüne Blätter rauschen,
Von Vogelsängen hallt der Hain?
Kann ich nicht Deiner Stimme lauschen,
Dann hör' ich nichts und bin – allein!

Am Gitter, wo ich ehmals lehnte,
In Ungeduld im Dämmerschein,
Weil sich zu lang die Stunde dehnte,
Die Dich mir brachte, mir allein:

Lehn' jetzt ich traurig ach und starre
In die maierfüllte Luft hinein,
Mir blüht der Mai nicht, denn ich harre
Nun nimmer Dein und bin – allein!

217.

Mai-Betrachtung.

(Gretchen.)

Es war des Blühens müde,
Was die Erde Sprossendes hegt,
Und hat mit geschlossenem Lide
Im Winter sich schlafen gelegt.

Jetzt hat es aus Schlafes Banden
Erweckt der wonnige Mai
Und alles ist auferstanden,
Und blühet und glühet aufs neu!

Doch ich sehn' alle Tage
Herbei den Schlaf der Nacht,
Weil Kummer, den ich trage,
Unsäglich müde mich macht!

Und schließ' ich müde die Lider,
Mein Nachtgebet oft ist:
»Ach daß ich am Morgen wieder
Nimmer erwachen müßt!«

218.

Wiederfinden.

(Bei Rückkehr aufs Land.)
(Gretchen.)

Hab' alles wiedergefunden
Wie es war vor manchem Jahr:
Das Hüttlein, von Epheu umwunden,
Am Simse das Schwalbenpaar,

Das Bänklein dort in der Laube, –
Den Tisch, an dem ich Dir schrieb, –
Auch der – Tintenklex, wie ich glaube,
Aus meiner Feder blieb! . . .

Und unterm Hollunderbaume
Derselbe Rasen grünt,
Der uns im Liebestraume
Als weichster Pfühl gedient –

Noch find' ich aus seligen Zeiten
Alles am selben Ort;
Nur der Liebe Seligkeiten
Sind – fort! . . . sind fort! . . . sind fort!

219.

Nußbaum.

(Gretchen.)

Beim Nußbaum, ja beim Nußbaum,
Da hab' ich Dich geküßt!
O, daß mir dies der Nußbaum
Nun nimmerdar vergißt!

So oft ich vorüberjage,
Mahnt mich sein Blatt, seine Nuß
Im Duft, wie eine Sage,
An den – geküßten Kuß!

Drum nennt mein Herz den Nußbaum,
Wo ich Dich küssend umschlang,
Zur Erinnerung den – Kußbaum
Nun all' mein Lebelang!

220.

Was ich schaffe, was ich treibe.

(Gretchen.)

Möchtest wirklich gern Du wissen,
Was ich schaffe, was ich treibe?
Nichts als von geküßten Küssen
Ist's, daß hier ich träum' und schreibe!

Naht der Mond hier durch die Zweige
Mit verschwiegner Helle Blinken:
Seh' ich – Dich vom Waldessteige
Mir zum Stelldichein still winken . . .

Hör' des Nußbaums Kron' ich rauschen
Hier im frischen Morgenwinde,
Seh' ich mich dort Küsse tauschen,
Heimlich . . . daß uns niemand finde!

Ach, der Kuß, den ich einst habe
Hier geküßt, ist nicht verklungen!
Täglich steigt er aus dem Grabe
Seliger Erinnerungen!

221.

Der Liebe Geisterspuken.

(Gretchen.)

Ja hier . . . ich erkenne die Stelle,
Ersah bei Mondeshelle
Zum erstenmal Dich der Blick . . .
Hier fand ich all mein Glück!
Da hat in wen'gen Sekunden
Dein Ton ins Herz mir gefunden.

Und hier . . . an der Quellenleitung . . .
Da wandelt' in Deiner Begleitung
Ich dann eine Stunde bei Nacht,
Vor Liebe vom Mond nur bewacht. –
Der weiß kein Herz zu behüten!
Denn bald und – Beide wir glühten! . . .

Und hier . . . paar Jahre sind's kaum noch,
Ja, hier . . . ich erkenne den Baum noch,
Wo in der Seelen Drang
Du mich, ich Dich umschlang –
Und, in glühendem Kusse verflochten,
Die Lippen sich lösen nicht mochten! –

Und wo wir waren gemeinsam,
Bin ich nun allein . . . und einsam!
Wo Liebe um Liebe einst warb,
Umschwebt Deine Lieb' mich, die starb, –
Und ich fühl' meine Seele durchzucken
Von ihrem – Geisterspuken!

222.

Zusehn müssen.

(Gretchen.)

Mit Thränen, die nicht versiegen,
Zieh' ich an Äckern vorbei;
Voll Körner die Ähren sich biegen,
Und lustig gemäht wird das Heu.

Falter flattern unzählig
Umher im sonnigen Kreis
Und im stillen Genießen selig,
Küssen die Blumen sie leis'.

Es liegt auf der blühenden Erde
Der Schäfer und bläst die Schalmei
Und denkt an sein Liebchen am Herde,
Ans blühende Liebchen dabei.

Und alles umher ist Treiben
Und alles ohn' Rast, ohn' Ruh!
Nur ich muß müßig bleiben!
Ich seh' dem Glücke nur – zu . . .

Wie sie schlüpfen ins Nest gemeinsam
Die Vögel von gleicher Art –
Und ich seh' zu und bin einsam!
Du, bist auf der – Hochzeitsfahrt!!! . . .

223.

Die verlassene Mutter am Krankenlager ihres Kindes.

(Gretchen.)

Einsam bei des Lämpchens Scheine
Wach' am Bettchen ich und weine –
Alle nächtlichen Gespenster
Grinsen durch das klirrende Fenster –
Heulend pocht daran der Wind.
Auf dem Kissen fieberrot,
Kraftlos ringend mit dem Tod,
Ächzt und stöhnt mein armes Kind!
All mein Atmen ist ein Beten:
»Herr, o nimm mir nicht mein Kind!
Sieh, wie ich hier, angstzertreten,
Mich im Staube vor Dir wind'!
Laß mir meines Lebens Leben,
Das allgütig Du gegeben,
Daß es mich ans Dasein binde,
Wo ich keine Freud' mehr finde!«
. . . Als ob meiner Seel' Verzweifeln
Zum Gespött wär' grausen Teufeln,
Gellt mir tief durch Mark und Bein
– Meinem Flehen als Bescheid –
Von dem morschen Ast nicht weit
Totenvogels Ruf herein!

224.

Ach . . . allein . . . bett' ich's zur Ruh!

(Gretchen.)

Es ist heut' früher Morgen wieder
Wie einst . . . ganz früh . . . in grüner Au;
Blau sieht der Himmel auf mich nieder,
Wie einst erglänzt das Grün im Thau.

Ich zieh' da auf denselben Wegen,
Die ich, mit Dir, beglückt, einst ging,
Als ich im süßen Küsseregen
Bei jedem Schritt am Mund Dir hing . . .

Und wieder auf der Quellenleitung,
Führt's mich wie einst mit Dir ganz früh . . .
Doch was ist's heute für Begleitung,
In der dahin ich mühsam zieh'!

Ich geh' mit dem – Totengräber . . . und weine;
Er trägt in einer kleinen Truh
Zum Friedhof das Kind, das unsre, das Deine
Und ich . . . allein . . . bett' es zur Ruh.

225.

Mein Kindlein.

(Gretchen.)

Unter der blühenden Linde
Saß ich manchen Tag
Mit dem süßen Kinde;
Welk im Arm mir's lag.

Lieblich die Linde umtönte
Fröhlicher Vogelgesang –
Und mein Kind, das stöhnte,
Da es nach Atem rang.

Vögelchen jung sich übte
Flog hinauf, hinab
Und mein Kind, das geliebte,
Legt' ich ins enge – Grab.

226.

Tröstung.

(Gretchen.)

Manche Blüten niederschweben,
Eh' sie sich zur Frucht entfalten,
Von des Sturmes Allgewalten
Mutter Erde rückgegeben.

Weinet um die Blüte nicht,
Weil sie Frucht nicht ist geworden!
Denn zur Frucht der Wurm oft kriecht,
Tückisch – langsam sie zu morden!

227.

Was ich zum Trost mir sage.

(Gretchen.)

Was ich zum Trost mir sage
Für meines Glückes Verlust?
– Du hast, eh' Du es besaßest,
Von keinem Glücke gewußt!

Dein Dasein war ja nicht anders
Als der Strauch im Winter: kahl,
Drauf allen Schmuck erst zaubert
Der goldne Frühlingsstrahl!

Und voller Demut blick' ich
Auf das, was verloren ich hab',
Wie der Strauch, dem der Herbst genommen,
Was ihm der Frühling gab! . . .

228.

Behüt' Euch Gott Euer Glück.

(Gretchen.)

Bist Du bei ihr . . . der Andern, –
Lehnet beisammen Ihr traut
Wie das Schwalbenpaar, das sein Nestchen
Sich hat vereint erbaut. –

Und wann Dein Auge liebend
Auf ihrem Antlitz ruht,
Ist's, wie wann sich bohrt in die Erde
Der Sonnenstrahl voll Glut –

Und wann in Deinen Armen
Sie sich so sorglos wiegt,
Ist's, wie wenn still die Perle
In ihrer Muschel liegt.

Und seh' ich Euch beide so selig,
Dann schleich' ich leise zurück –
In tausenden Qualen hauchend:
Behüt' Euch Gott Euer Glück!

229.

Ich hatt' ein Lieb.

(Gretchen.)

Ich hatt' ein Lieb. Ihm fern zu weilen
War vom Geschick mir auferlegt.
Doch gleich dem Zephyr, der auf Meilen
Des Rosenstrauches Düfte trägt,

War in den tausend süßen Briefen,
Die er mir aus der Ferne schrieb,
Daß froh die Stunden mir verliefen,
Mir immer nahe seine Lieb'.

Und jedes Blättchen war mir heilig,
Weil drüber seine Hand er führt'.
Frug ich, ob wie er schreibt, langweilig?!
Nur daß er schrieb, hat mich gerührt!

Und all die Blättchen, drin gestammelt
Er hat von Lieb, von Lieb' er sang,
Ich hab' sie alle mir gesammelt;
Mein Schatz sind sie mein Lebelang.

Ein Denkmal mir von meinem Lieben,
Birgt sie als Schatz mein Schmuckkästlein;
Den ersten Brief, den er geschrieben,
Nehm' ich mit mir ins – Grab hinein!

230a.

Der Wassermann.

– Meine Geschichte . –
(Gretchen.)

Ich blickte hinab auf die Donau,
Da nahtest leise Du.
Mich zog es, ins Aug' Dir zu schauen –
Ich hört' Deiner Rede zu. –

Und pflückte mir süße Blumen
Von Deiner Seel', die geglüht;
Die haben voll Zauber geduftet
Mir tief hinein ins Gemüt.

Gelauscht hab' ich und geschaut nur,
Und vergaß dabei, was ich wag' –
Und eh' ich mich konnte besinnen,
In Deinen Armen ich lag. –

Und als ich von Dir in die Fluten
Der Donau schaute hinein,
Fiel aus der Kindheit das Mährchen
Vom »Wassermann« mir ein,

Vom Wassermann, der die Kinder,
Die pflücken Blumen am Rand,
Zu sich zieht in die Tiefen . . .
Mit schmeichelnder Zauberhand. –

230b.

Mein Scheiden.

(Gretchen.)

Ich fühl's, daß bald ich werde sagen
Mein Lebewohl der schönen Welt!
Doch müd' nicht, tot nicht zu Grabe getragen,
Von heuchelnden Seufzern nicht umgellt!

Du gehst voran mir Eine Sekunde
Mir winkend: nicht harrt ich vergebens Dein,
Als ich ein Lebenlang Stunde um Stunde
Frug: »wann ach ist er wieder mein?«

Und auf den entseelten Lippen kündet
Ein Lächeln der letzten Freude Spur
Drob, daß Dich nun für ewig findet,
Die hier Dich suchen durfte nur –

Und, die ich Dir sang, all die Lieder
Umtönen mein Ohr, eh's auf immer sich schließt,
Noch einmal, mich zu mahnen wieder,
Wie in jedem Hauch ich Dich gegrüßt!

Und die Blumen, in einander verschlungen,
Sie betten auf ihre Kronen mich leis',
Weil ich im Leben habe gesungen
Vieltausend Lieder zu ihrem Preis'.

Vom Thale fliegen, von den Almen
Die Vögel her zu meiner Bahr'
Und singen mir innige Abschiedspsalmen,
Weil ich ihre Sangesschwester war.

Und die Lüfte werden sich festlich kleiden
Zu Ehren mir in hellen Mai,
Weil ich meine Freuden alle und Leiden
Im Liede ihnen vertraute so treu!

Und hinter mir ziehn, in die Zeit versunken,
Die Stunden der Tage, die Stunden der Nacht,
Aus denen des Daseins Glück ich getrunken,
Als ich, mein Lieb, an Dich gedacht! . . .

Und uns wird kein Grab, kein enges, umgeben,
Daraus der Wind trägt Moder fort!
Vereint mit Dir zu unsterblichem Leben,
Erklingt meiner Liebe Lied allerort!

XIV. Kapitel.


Heinrich schreibt ein Jahr nach seiner Vermählung in sein Tagebuch:

231.

Verhallender Sehnsuchtsseufzer.

(Heinrich.)

Dort nach dem Kastanienbaume,
Der an Deinem Fenster lehnt
In erneutem Frühlingstraume,
Tief und heiß mein Herz sich sehnt!

Könnte ich darauf sein die Meise,
Die so eben kam zurück
Von der langen Winterreise
Und drauf fand ihr altes Glück! . . .

232.

1. Mai.

(Heinrich.)

Bin heut' in den Prater gefahren,
Es ist der erste Mai –;
Ich flog an Kastanienbäumen
Und an tausenden Gaffern vorbei,

Die nimmermüde da standen
Und neidvoll warfen den Blick
Auf den »aufgeputzten«' Wagen,
Auf mein aufgeputztes – Glück.

Ich blickt' auf die Neider lächelnd
Und dacht' meinen Teil mir dabei:
. . . Mit Dir beim – Kastanienbaum einst
Wie schön war der erste Mai!

233.

Zu zweien – vereinsamt.

(Heinrichs Gattin.)

Guten Morgen, Freund, die Sonne steht
Schon hoch und scheint Dir hell aufs Kissen –
Und an Dein Lager leis' ich tret',
Den Schlaf vom Lid Dir fortzuküssen!

Laß mit der Sonne hüpfendem Schein
Dich, Liebster, küssen um die Wette!
Ach, möcht' ihr Kuß der einz'ge sein,
Den ich zum Nebenbuhler hätte!
–    –    –    –    –    –    –    –    –
Das Taubenpaar im Morgenlicht,
Das sich zum Flug begiebt gemeinsam,
Sieht's uns beisammen so, . . . ahnt nicht,
Wie, geküßt von mir, Du bist einsam!

Denn sie, ja sie, ach ist nicht hier,
Der gelten alle Deine Gedanken –
Was gilt mein Kuß, mein Lieben Dir,
Das innig treu Dich will umranken?!

234.

Ein Haus hab' ich, – es ist meines!

(Heinrich.)

Ein Haus hab' ich, – es ist meines!
Viel Schönes und Liebes darin, –
Ein Lager, ein weiches, ein feines, –
Mein Feuer in meinem Kamin!

Im Stalle Rosse, prächt'ge,
Die fahren im Wagen mich aus –
Und geistvolle Freunde, mächt'ge,
Beehren als Gäste mein Haus!

Hab' Rang und Ehrenstellen,
Für den Ehrgeiz Nahrung zu viel –
Und Erfolge reichlich mir quellen
Und erreicht ist so manches Ziel. –

Und Ruhe und Friede wehen
Weithin von meinem Haus;
Für die, – die vorübergehen . . .,
Grüßt Freude zum Fenster hinaus! – –
–    –    –    –    –    –    –    –    –
Viel Tauben ließen sich nieder
In meinem Taubenschlag
Und flattern hin und wieder
Durchs Gehöft den ganzen Tag.

Und wenn ich im Morgennebel,
Erwacht' auf dem weichen Pfühl,
Vernehm' ihr selig Geschnäbel –:
. . . Wer ahnt, wie ich – elend mich fühl'!!

235.

Die Erkenntnis – zu spät.

(Heinrich.)

Ich geh' den Lebensweg zu Zwei'n
Und geh' ihn doch so einsam!
Wie könnt' er von Freude durchleuchtet sein,
Ging ich mit Dir ihn gemeinsam!

Nicht scheint der Weg mit Blumen geschmückt

Zwei'n, die mit einander wandern,
Wenn, was von der Seele des Einen gepflückt,
In die Seele nicht duftet dem Andern.

Nicht grüßt der Himmel ins Herz hinein
Zwei'n, die ihn ungleich fassen,
Ins Herz Gewölk und Sonnenschein
Durchs gleiche Prisma nicht lassen!

Beglückt gehn Zwei durchs Dasein, traun,
Im Weltenraum, im weiten,
Der Erde Kreisen vergnügt sie schau'n
Und der Zeiten wechselndes Schreiten:

Wenn's mächtig den Einen zum Andern zieht,
An ihn bindet mit Zaubergewalten,
Wie Stern an Stern, ob die Zeit auch flieht,
An einander unlöslich halten . . .
–    –    –    –    –    –    –    –    –
Und schön mag sein der Weg dem Schwan,
Der nicht sich gepaart mit der – Henne;
Denn Jenem ist wohl auf des Wassers Bahn,
Und diese scharrt bei der Tenne. – –

Doch solche Sünde begeht nicht das Tier,
Das sich paart nach Naturgesetzen –
So wahnwitz'ge Sünder sind nur wir,
Die im Zwange durchs Dasein wir hetzen!

XV. Kapitel.


Gretchen stirbt aus Gram. Ein Jahr nach ihrem Tode schreibt Heinrich in sein Tagebuch:

236.

Allerseelen.

(Heinrich.)

Im Wogen und Drängen der Leute,
Die scharenweise ziehn
Hinaus zum Friedhof heute,
Trug's mich des Weg's auch hin.

Es wankte einher dicht neben
Mir traumversunken ein Greis,
Daß vorbei sein Kämpfen und Streben,
Erzählten die Locken weiß.

Ein Kränzlein hielten umwunden
Die Hände voll Herzensglühn,
Kunstlos war es gewunden
Aus Blumen und Immergrün.

In des Alten durchfurchtem Gesichte,
Das starr war aufs Kränzlein gebannt,
Las ich die ganze Geschichte,
Die sich um die Blumen da wand . . .

Im dumpfen Blick war zu lesen:
»Da trag' zu dem Grab' ich Dich hin,
Das umschließt, die mein Alles gewesen,
Ohne die ich so elend nun bin!

Statt ihn auf das Grab ihr zu legen
Den Kranz, läg' ich doch bei ihr,
Die ich such' auf all meinen Wegen!
Wann holt sie mich endlich von hier?!

Ich leb', seit sie schied von hinnen,
Im Erinnern vergangener Zeit:
Über sie, ihr Walten sinnen
Ist all meine, all meine Freud'!

. . . Wie ich ihr vom Hagedorne
Zum erstenmal Rosen gepflückt,
Wie mein Kind sie nährte im Korne –
Wie das Aug' ich ihr zugedrückt –

Wie friedlich sind wir geschritten
Den Lebensweg vereint!
Wir haben gekämpft und gelitten –
Zu Zweien gelacht und geweint!

O daß am Wanderstabe
Mein Fuß allein jetzt wallt
Den Weg, den ich vor mir noch habe:
O wär' ich am Ziele doch bald!

Und wie ich den Blick auf ihn richte,
In meinem Auge er sieht:
Ich kenn' seines Kränzleins Geschichte, –
Und Thränen bethauen mein Lid . . .
–    –    –    –    –    –    –    –    –
O daß ich das Glück mir zertreten,
Das Deine Liebe mir gab! . . .
Nicht einmal weinen und beten
Darf ich auf Deinem Grab!