ngiyaw-eBooks Home

Jenny Zink – Erweckt!

Novelette

Jenny Zink, Erweckt!, Aus: Ein Preisausschreiben, Künstler-Noveletten von Hieronymus Lorm preisgekrönt, Herausgegeben von G. Ramberg, S. Fischer Verlag, Berlin, 1889


Das Märchen von der einen vergessenen Fee, die, erzürnt über ihre Vernachlässigung, durch ein heimtückisches Geschenk alle Gaben ihrer Schwestern werthlos macht, erzählt uns das nicht auch das Alltagsleben immer und immer wieder? Zeigt es uns nicht genug verlorene Existenzen, reich veranlagte Menschen, deren Befähigung ein Freibrief zur Erwerbung des Glückes schien, und die es doch nicht errangen, weil ihnen irgend eine, oft ganz bedeutungslos erscheinende Eigenschaft innewohnte, durch die Alles scheiterte, was sie berechtigterweise erstrebten?

Auch an Ella Verena schien ein mißgünstiger Kobold seine Tücke geübt zu haben, wurden doch bei ihr so herrliche Gaben, wie der ungezügelteste Mutterehrgeiz sie nur für ihr Kind erstehen kann, durch ein Unscheinbares paralysirt und wirkungslos gemacht. Diese Gaben waren eine jener Stimmen, die ein so süßes Echo in Denen, die ihr gelauscht, zurücklassen, daß ihrer auch dann noch begeistert gedacht wird, wenn der entzückende Wohllaut, der ihr innewohnte, längst verklungen ist. Und neben diesem Feengeschenk ein zweites: strahlende, weibliche Schönheit, groß und machtvoll wie der Vollklang von Verena's herrlichem Organ. Sowohl der Körper als die Gesichtszüge zu einem so stolzen, imponirenden Ganzen zusammengefügt, daß das überraschte Auge sich erst an diese üppige Pracht gewöhnen mußte, ehe es sich der Schönheit freuen konnte, die in vornehmen Rhythmus jeder Linie dieser mächtigen Gestalt eingeprägt war.

»Die Verena ist wie die Peterskirche,« hatte bewundernd Jemand von ihr gesagt, »bei ihr, wie dort, muß sich der Blick erst an das Größenverhältniß gewöhnt haben, um von dem zauberischen Ebenmaß darin entzückt sein zu können. Das allein macht uns solche gigantische Größe vertraut, die sonst ein Gefühl der Furcht erwecken müßte.«

Es war das als ein Wort des Lobes gemeint gewesen aber ein paar weibliche Schnörkel, kleine Details, an einem chinesischen Pavillon, Kunstgenossinnen der Gepriesenen, hatten sich dieses Wortes bemächtigt, das Lob weggelassen, und, von dem silbernen Bimbam eines lustigen Lachens begleitet, nur das Prädicat selbst wiederholt. So lange wiederholt, bis es Allen, die die Verena kannten, geläufig geworden war, so daß man sie schließlich weit öfter »die Peterskirche« nannte, als mit ihrem Namen bezeichnete.

Aber nicht das ungewöhnliche Größenverhältniß, in dem Ellas Erscheinung aufgebaut war, ward ihr zu jenem Hinderniß, welches der Entfaltung ihrer reichen Gaben störend in den Weg trat. Nein, dies that eine unbezwingliche Schüchternheit, eine unüberwindliche Angst, die ihr die Kehle zuschnürte und ihre Glieder in ungraziöse Bewegungslosigkeit und Steifheit bannte, sobald sie vor dem Publikum zu erscheinen hatte.

Einer sehr armen Familie entstammend, war es ihr nur durch die Unterstützung wohlthätiger Kunstfreunde möglich geworden, das reiche Edelmetall, das in ihrer Kehle lag, schleifen und formen zu lassen, bis es zu einem Schatz gebildet war, reich genug, um seiner Eigenthümerin goldene Brücken in Königspaläste zu bauen. Wer sie in einem kleinen Kreis hörte, ward hingerissen von der Fülle echtesten Wohlklanges, der aus der Brust des Mädchens quoll, vermißte aber auch schmerzlich das Eine, was ihr fehlte, um sie als den Größten in ihrer Kunst ebenbürtig erscheinen zu lassen – die Beseelung der Zauberstimme, die süß und rein und übermächtig ertönte, die aber nur Ton blieb dem das Empfinden fehlte, und darum auch nur kaltbleibende Bewunderung erregte.

Ebenso bewegungslos – als sei es aus Marmor gemeißelt – blieb das Gesicht der Sängerin, dessen starre Ruhe die Schönheit desselben wie mit einem Schleier verhüllte. Nur durch Leben und Bewegung in den edlen, großen Zügen wäre deren Adel zur Geltung gekommen, während die starre Ruhe, die über dasselbe gebreitet war, dem Antlitz etwas Todtes, Maskenhaftes aufprägte, durch das der Blick des Beschauers förmlich abgestoßen ward.

So, wie eben geschildert, zeigte sich aber Ella noch von ihrer vortheilhaftesten Seite. Weit schlimmer ward es, sobald sie vor einem größeren Publikum singen mußte. Dann umschleierte die Angst sogar den süßen Wohlklang ihrer Stimme mit einem harten, rauhen Klang, ließ sie in unreinen Tonschwankungen zittern und prägte ihrem Antlitz einen hilflosen, komisch wirkenden Ausdruck auf, der das reine Ebenmaß desselben verzerrte und es wie die grotesk ausgeführte Parodie classischer Form erscheinen ließ. Dabei waren die Arme wie an den Körper gemauert, und jede Bewegung derselben löste sich aus den Muskeln, als sei sie durch unsichtbare Stricke gewaltsam erzwungen.

Wie unbehülflich, wie täppisch ließ das den großen Körper erscheinen! Wie sprang das Lachen unwillkürlich über die Lippen der Zuschauer, wenn die steife, ungraziöse Gestalt nach Absingung ihres Parts eilig zu verschwinden trachtete, und, den bergenden Coulissen näher kommend, immer eiliger ihnen zustrebte – zuletzt fast laufend, dabei aber oft über die sich als sehr unbequem erweisenden Füße stolpernd, von denen der eine dem andern stets im Wege zu sein schien!

Und doch ertrug man ihrer Wunderstimme zu Liebe das Alles, schloß die Augen und hörte nur, um sich diesen Genuß durch das Sehen nicht zerstören zu lassen! Was aber hätte Ella ohne jene unselige Angst und Schüchternheit geben – was sein können!

Sie, die Aermste, litt übrigens am meisten durch jenes Unglückselige, das zu besiegen all' ihrer Willenskraft nicht gelang. Mehr noch als man ahnte. Denn in ihr ruhte, heilig und groß, die reinste Kunstbegeisterung, wogte und trieb drängende Sehnsucht, mit ihren reichen Mitteln das Größte und Schönste zu gestalten, das hinauszujubeln in die athemlose Menge, was sie selbst in einsamen Stunden hinaustrug über Zeit und Raum. Was sie konnte, wußte Niemand, als sie allein – nicht einmal ihre Lehrer hatten eine Ahnung, bis zu welcher Höhe der Genius des Mädchens sie tragen konnte, war sie mit diesem und sich allein! so allein, daß kein sterbliches Ohr die Wunderweisen vernahm, die dann nicht mehr nur aus ihrer Kehle, nein, auch aus ihrer Seele quollen. Zu wissen aber, was zu leisten ihr möglich war, und es sich unmöglich gemacht zu sehen, dieses zu leisten, da wo es hätte geschehen sollen – gegen ein solches Geschick rang die stolze, keusche Mädchenseele mit so bitteren Klagen und Selbstvorwürfen, wie kein anderer Mensch sie schärfer hätte formen können.

Und es fehlte wahrhaftig nicht an Vorwürfen, die gegen sie erhoben wurden! Das Wohlwollen ihrer Lehrer, das Geschäftsinteresse ihres Directors, der Neid und das Uebelwollen ihrer Collegen – ja selbst die Thränen, die die Enttäuschung ihrer Mutter erpreßten – das Alles kargte nicht damit, ihr solche in jedweder Form zu Theil werden zu lassen. Und sie litt unter jedem, wenn auch ihr Gesicht seine steinerne Unbeweglichkeit behielt. Am bittersten unter dem Gram ihrer Mutter. Goldene Zukunftsträume hatte diese auf das Talent ihrer Tochter gebaut. Jedes mögliche Opfer war gern und freudig von ihr gebracht worden von dem Moment an, in dem man sie auf die reiche Begabung Ellas aufmerksam gemacht hatte. Ohne Klage hatte sie den Gatten, ihre jüngeren Kinder in dem Provinzstädtchen, das ihre Heimat, verlassen, so schwer ihr das auch gefallen war – einzig an Ellas Zukunft denkend, für die es nöthig war, daß der Unterricht des Mädchens in der Hauptstadt beendet wurde. Bis zu dem zum Leben unumgänglich Nöthigsten war von ihrer Familie Alles geopfert worden, dem einen großen Ziel zu Liebe. Wie gerne hätte Ella den Theuern das vergolten! Und wie leicht wäre dies gewesen ohne jenen Alp, der sich ihr erstickend auf die Brust legte, sie an der Entfaltung ihres Talentes hinderte – ohne jenen Alp, den zu besiegen sie machtlos war!

»Es wird schon anders werden, wenn Du erst an die Bühne gewöhnt bist,« hatte die gute Mama Ella vertröstet, wenn diese bei den öffentlichen Prüfungen zu ihrem Schmerz und ihrer Beschämung sie selbst am allerwenigsten Befriedigendes geleistet hatte und nachher stets darüber verzweifeln wollte.

Und dasselbe glaubte auch der Director, der sie nach Beendigung ihrer Studien engagierte. Aber dem war nicht so. Im Gegentheil. Die tausend Nadelstiche, durch die sie schon während des Ankleidens von den Kolleginnen gepeinigt ward, denen sie ebenso wehrlos gegenüberstand wie der Angst, die sie befiel, sobald sie die Bühne betrat, machten sie von Tag zu Tag noch schüchterner, noch unbeholfener. Statt vorwärts zu kommen ging sie zurück. Früher hatte doch wenigstens freundliches Wohlwollen sie unterstützt und vorwärts gedrängt – jetzt lebte sie in einer Welt, wo ein Jedes im steten Kampf mit dem Anderen begriffen war, wo kleinlichste Eifersucht, erbärmlicher Neid jeden Erfolg, den ein College errang, als eine Schmälerung des eigenen Ruhmes betrachtete.

Daneben gab es dort so Vieles, was ihre keusche, verschlossene Art abstieß, anwiderte, einen Ekel in ihr erweckte, der sie vor der Berührung mit jenen Personen zurückschrecken ließ, gegen die sie vor dem Publikum in der zärtlichsten Weise agiren sollte.

Dazu die Gemeinschaft intimen Zusammenlebens mit fremden Personen. Sie, die kaum vor der eigenen Mutter Hals und Arme entblößt, wußte jetzt beim Ankleiden die spähenden kritisirenden Blicke ihrer Kolleginnen auf sich ruhen, hörte sich ganz offen detailliren, erhielt halb gutmütig, halb spöttisch in ungezwungenster Weise gegebene Rathschläge, wie sie diese oder jene Körperpartie am vortheilhaftesten zur Geltung bringen solle – und ward unbarmherzig ausgelacht und verhöhnt, wenn ihr ängstliches Bestreben, ihre Person so viel als möglich zu verhüllen, zu offen zu Tage trat. Mußte derlei nicht dazu beitragen, sie noch unsicherer und ängstlicher zu machen?

Und dann – der Ton, in dem Director und Regisseur ihren Unwillen über ihre Ungeschicklichkeit äußerten, ihr Vorwürfe machten – wie entflohen vor dieser rauhen Wirklichkeit all die goldenen Träume von Glück und Ruhm, auf deren sicherer Erfüllung sie gerechnet! Welche Enttäuschung! Ach – daß man sie doch ihrem bescheidenen Kreis nie entrissen hätte! Jetzt hatte man ihr ein hohes Ziel vorgespiegelt, das sie nie erreichen würde, ihr ein Ideal in die Brust gepflanzt, dem sie vergebens zustrebte, weil sie sich in Bande geschmiedet fühlte, die sie an Jämmerliches, an Erbärmliches fesselten.

Mit dem Allen noch nicht genug – es kam noch ein Letztes, das peinigender, marternder an sie herantrat als alles übrige Ungemach. Ihre erste Jahresgage war nur äußerst knapp bemessen worden, kaum genügend, um ihren und der Mutter Unterhalt zu bestreiten. Bedeutend höher die des zweiten Jahres. Die unumgänglich nothwendige Theatergarderobe hatte sie auf Credit nehmen müssen, den man ihr bereitwillig gewährt, obwohl sie bekannt, daß sie erst im zweiten Jahre ihres Engagements das Gewählte zahlen könne. »Eine so schöne talentirte Künstlerin brauche sich solcher Bagatellen wegen keine Sorgen zu machen,« hatte man ihr auf diese Erklärung mit vielsagendem Lächeln geschmeidig geantwortet. Und plötzlich, kurz vor Ablauf des ersten Contractjahres, verlangte ihre Hauptgläubigerin ungestüm Zahlung, ihr Verlangen in einer Weise motivirend, die Ella auf's Tiefste verletzen mußte.

Auf's Tiefste. Rührte man doch mit dem, was sie anhören mußte, an das größte Heiligthum ihrer Seele, dort so innig, aber mit so keuscher Heimlichkeit geborgen, daß sie es sich selbst nicht einmal in klaren Gedanken deutlich zu machen wagte, was in ihr so beseligend wogte und trieb. Und dies zart knospende Empfinden, das sie schüchtern vor sich selbst versteckte und in dem Alles gipfelte, was sie fühlte – wie die andächtige Gluth eines gläubigen Herzens im Gebet – dieses unsagbare Liebliche ward von fremder frecher Hand an's Licht gezerrt, in einer Weise beleuchtet und commentirt, daß sie vor zorniger Scham zu vergehen meinte.

Vor Zorn – und Schmerz! unsäglichem, verzweifelndem Schmerz, denn laut und höhnisch enthüllte ihr gleichzeitig die gegen sie geübte Rücksichtslosigkeit, daß, was ihr Trost in all ihrem Leid gewesen war, daß das heimlich stille Glück, daß sie im Herzen trug – geendet!

Wie hatte sich dieses ihr so beseligend erschlossen! Wie sicher sie sich unter der Obhut der guten Augen gefühlt, die sich jetzt von ihr abwendeten – einer Anderen zu! Allerdings berechtigte sie nichts, irgend einen Vorwurf wegen Täuschung oder Aehnlichem erheben zu können. Nicht ein Wort war über die Lippen George Sartori's gekommen, das ihr Rechte an ihm eingeräumt hätte. Ein fanatischer Musikfreund, war der junge, reiche Mann, dessen Fachkenntniß und großmüthig geübte Protection ihm einen beinahe allmächtigen Einfluß in den musikalischen Kreisen verschafft hatten, ihr nie anders, denn als Bewunderer, als Förderer ihrer herrlichen Begabung nahe getreten. Gerade, daß er ihr stets nur mit der unbefangensten Objectivität genaht war, daß er der Einzige war, der nie auch nur mit einem Wort das Thema streifte, welches alle Anderen eindringlichst betonten: »das Aeußere einer Künstlerin sei ebenso wichtig für deren Carriere als ihr Talent«, gerade das hatte sie George vertrauter entgegengeführt, als selbst ihren Lehrern, die sie fortwährend anstachelten, zu bekämpfen, was der Geltendmachung ihrer Schönheit Eintrag that.

George Sartori hingegen – o, der dachte nicht einmal daran, daß sie ein Mädchen sei – für den existirte nur ihre Stimme, und der Wohlklang derselben ließ es ihm gleichgiltig erscheinen, ob deren Eigenthümerin ihre Arme in runden Wellenlinien oder mit scharfen Ellbogenecken jen Himmel streckte – er hörte auch mit den Augen!

Hörte aber leider nicht nur, sprach auch mit ihnen. Es waren eben sehr vielseitig begabte Organe, die dunklen Sterne in dem hübschen Männergesicht, das Ella für ihre Ruhe zu oft zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte. Irgend Jemand hatte dem Mädchen einen Empfehlungsbrief an den einflußreichen Mäcen gegeben und George, bezaubert von der Stimme der jungen Kunstnovize, nahm sich derselben an, so viel er konnte. Während der Unterrichtsstunden im Conservatorium, in dem er so gut wie zu Hause war, in ihrem bescheidenen Daheim, ja selbst auf den Spaziergängen der beiden einsamen Frauen war er stets in Ellas Nähe zu erblicken. Was natürlich ein Geflüster und Gezische! hervorrief, das einzig die nicht hörten, welche die Ursache desselben waren. Aus der officiellen, unbefangenen Art und Weise, in welcher Sartori mit Ella und deren Mutter verkehrte, wollte man ernste, matrimoniale Absichten des jungen Mannes erkennen, und das Prestige, welches diese bald allgemein geglaubte Version Ella verlieh, entfernte manchen Dorn von ihrem Weg, der sie sonst gewiß schmerzlich verwundet haben würde.

Ella hatte keine Ahnung von alledem. Während der ersten Monate ihrer Bekanntschaft mit George war es immer wie ein frisches Aufathmen ihrer armen, gedrückten, scheuen Seele über sie gekommen, wenn sie ihn andächtig ihrem Gesang lauschen sah, wenn seine großen, dunklen Augen, in feuchtem Glanz wie verklärt schimmernd auf ihr ruhten und doch über sie hinwegblickten in einer so unkörperlichen Verzückung, daß ihr durch den Blick das Ziel offenbart ward, nach dem ihr künstlerischer Schaffensdrang vorwärts streben sollte. Was aus den Augen leuchtete, das lebte und webte in seligen weltfernen Regionen, hoch, hoch über dem Alltagsgetriebe, und da hinauf mußte sie sich zu schwingen versuchen, sollte sein Auge nicht mehr über sie hinausfliegen!

Ja, der Wunsch war nach und nach wie eine heiße Flamme in ihr aufgelodert, und in glückseligem Erschrecken hatte sie die Augen geschlossen und die Gluthzeichen nicht zu deuten gewagt, die so unvermuthet hervorgebrochen waren aus ihrem zum Leben erwachenden Herzen.

Seit der Stunde hatte Ella mit der Seele zu singen verstanden.

Aber das verstärkte noch ihre unglückselige Schüchternheit, ließ sie noch ängstlicher werden. Ihr war zu Muthe als ob sie es ihre Seele preisgäbe und etwas unsäglich Keusches entweihe, seines süßesten Zaubers beraube, wenn sie vor Anderen so gesungen hätte.

Sie wußte es, die Welt würde ihr zu Füßen liegen, entschleierte sie vor ihr den Reichthum, zu dem die Liebe ihr das: »Sesam öffne Dich!« gelehrt, die Welt und – George! aber ihr Herzblut stockte bei dem Gedanken, daß er sähe, was in ihr vorging.

Und darum war ihr Reichthum für sie nutzlos – – ihre Schüchternheit, ihre Scham waren stärker als selbst ihr Wille, sie erlaubten nicht, daß sich die Zaubersiegel öffneten, so lange Lauscher in der Nähe weilten!

Aber oh! des heimlich stillen Glückes, daß in ihr seine silbernen Zauberschleier webte, wenn George's Augen auf ihr ruhten!

Dieses Glück ließ sie alles Leid vergessen, das die Verschlossenheit ihres Charakter's, ihre Unfähigkeit aus sich heraus zu gehen, über sie heraufbeschwor.

Und dieses ihr eigenstes Geheimniß, das sie allein zu besitzen wähnte, das warf ihr plötzlich die Welt hohnlachend in's Gesicht! Hohnlachend – weil ihr Glück geendet! George hatte seit Kurzem aufgehört, der treue Begleiter seines Protegées zu sein, war nur selten, nur flüchtig in Ellas Nähe erschienen, auf ihre unbefangenen Fragen Ueberbürdung mit Arbeit vorschützend.

Sie hatte ihm geglaubt und nicht auf den spöttischen Ton geachtet, mit dem ihre Collegen sie nach dem sonst stets in ihrer Nähe weilenden Sartori frugen, dem Umstand keine Bedeutung beigelegt, daß man jedesmal sofort nach ihrer unbefangenen Antwort von der neu engagirten Naiven, Fräulein Irene Bernau, zu sprechen begonnen. Umso weniger als diese Dame momentan den Lieblingsgesprächsstoff bildete, doppelt interessirend durch den Contrast zwischen ihrem Privatleben und der von ihr auf der Bühne mit wahrhafter Meisterschaft agirten Backfischunschuld.

Ella wich dem Anhören derartiger Medisancen aus so gut sie konnte, aber so viel hatte sie doch vernehmen müssen, daß es sie mit einer Art schmerzlichen Befremdens erfüllte, George einige Male in der Loge dieser Dame erscheinen zu sehen.

Und heute hatte ihr ihre Gläubigerin die »Thorheit« vorgeworfen, daß Ella sich »den Goldfisch, den sie schon so gut wie im Netz gehabt«, durch jene Dame habe »wegfischen« lassen. – – –

»Sie waren mir natürlich sicher, so lange Herr Sartori Ihr Verehrer war – das allein sicherte Ihnen ja auch Ihr Engagement – aber Sie werden einsehen, daß jetzt die Sachlage eine ganz andere ist, und können es mir nicht verdenken, wenn ich darauf bestehe, daß Sie Ihren Verpflichtungen gegen mich nachkommen.«

In diesem Ton war Ella's Herzensleben besprochen worden, auf solche Weise hatte sie erfahren, was George von ihr fern hielt und das Alles im Moment in dem sie sich zum Weg nach dem Theater anschickte, angstbebend, weil sie heute eine neue, große Partie zu singen hatte.

Halb bewußtlos kam sie in ihrer Garderobe an. Jetzt verstand sie die spöttischen Blicke, mit denen man sie musterte! Ihnen gegenüber bezwang sie sich mit fast übermenschlicher Anstrengung. Umso schwerer fiel ihr dies, als diejenige, die all' dies Elend über sie gebracht, sich in demselben Zimmer mit Ella ankleidete, weil sie in einem kleinen Lustspiel auftrat, welches der Oper voranging.

Lachend und übermüthig plaudernd saß das bildhübsche Persönchen vor ihrer Toilette und wählte aus einem Carton die Locken und Löckchen, mit denen die Friseurin ihr pikantes Köpfchen besteckte. Dazwischen fuhr sie mit der Puderquaste oder dem Hasenpfötchen in die silbernen und Krystallbüchsen, die auf dem Tisch schimmerten und blitzten, tuschte ein wenig mehr weiß, rosa oder carminroth auf ihr Gesicht, oder bethaute die spitzenbesetzte Battistwäsche, durch die der rosige Körper durchschimmerte, mit dem köstlichen Parfüm, nach dem bereits die ganze Garderobe duftete; wühlte in der Schmuckcassette, die ihr eine der Ankleiderinnen vorhielt, probirte bald dieses, bald jenes Bijou, deren jedes ihren Colleginnen stets bewundernde Ah's und Oh's entriß, und warf die Kostbarkeiten wieder zurück, als seien es werthlose Kieselsteine. Rings um sie her bauschten Spitzen und Seidenstoffe und Stickereien, ein kostbares Durcheinander von Luxus und Eleganz – so recht das Nest für solch' hübschen glitzernden Paradiesvogel!

Als Ella an ihr vorüber zu ihrem Platz schritt, wendete sie nach leichtem Gruß den Blick zu Boden – das feine Gewebe, das Hülle sein sollte, aber mehr verrieth als verbarg, machte sie für Jene erröthen. So schnell und unauffällig als es ging, vertauschte sie ihr Kleid mit einem einfachen Jäckchen, löste und ordnete ihr prachtvolles Haar, und ließ sich von der Garderobiere aus zwei bescheidenen Schächtelchen weiß und roth bemalen – eine Kunst, die selbst auszuüben ihr nicht geläufig werden wollte.

»Hergott, Fräulein – Sie werden ja ohnmächtig,« unterbrach die Frau plötzlich entsetzt ihr harmloses Plaudern während dieser Beschäftigung, »Sie haben Augen, als ob Sie im Sterben lägen – sind sie krank?«

»Nein – nein, Liebe! Es ist mir nur zu heiß hier – bitte machen Sie niemand aufmerksam –«

»Gehen Sie ein wenig hinaus, im Corridor ist es kühl, fertig werden sie noch viel zu früh,« rieth die gutmüthige Frau, die sehr an Ella hing, »gewiß ängstigen Sie sich wieder wegen der neuen Rolle! Ach dieses Lampenfieber ist doch ein rechtes Unglück für Sie! Aber Sie werden's schon noch überwinden!«

Ueberwinden! Das Wort klang in Ella nach, während sie draußen in dem stillen, kühlen Corridor ihr Haupt müde an die leichte Bretterwand lehnte, hinter der die Herrengarderoben lagen, zu denen man auf einer andern Stiege gelangte. Würde sie es überwinden? So schwer trug sie dies Leid, daß ihr die Ueberwindung desselben eine Unmöglichkeit erschien. Wenn sie nur fortgekonnt hätte! In eine Einöde flüchten wie ein verwundet Wildthier, das die Einsamkeit sucht, um dort still zu verbluten! Hier bleiben, ihn sehen – mit Jener sehen – welch' eine Qual!

Aber sie mußte bleiben – mußte, und wenn sie an diesem Bleiben zu Grunde ging. Wie anders wäre es ihr sonst möglich geworden, ihren Verpflichtungen gerecht zu werden und ihre Gläubiger zu befriedigen – sie mußte bleiben!

In schmerzliches Brüten versunken, hatte Ella nicht auf das Gespräch geachtet, das hinter der dünnen Wand, an der sie lehnte, geführt ward. Da erweckte ihr Name, ausgesprochen von der Stimme des Regisseurs, ihre Aufmerksamkeit. Erröthend wollte sie ihren Platz verlassen, da der Gedanke, belauschen zu wollen was man von ihr sprach, ihrem Stolz unerträglich gewesen wäre – als die nächsten Worte, die sie vernahm, sie wider ihren Willen regungslos stehen bleiben ließen. »Sie soll heute selbst ihr Schicksal entscheiden!« hatte Jemand, in dem sie den Director erkannte, geantwortet: »ich habe es satt, mich über die Gans zu ärgern. Natürlich wird sie auch heute wieder ihre Partie verderben, obgleich gerade sie dieselbe singen könnte wie Niemand. Ich bin froh, daß der Sartori sich nicht mehr um sie kümmert. Ihr erstes Contractjahr ist zu Ende, und im zweiten müßte ich ihr eine Gage geben, die der Stock nicht verdient. Wenn sie heute wieder ihre Partie wirft, was so gut wie gewiß ist, kündige ich ihr morgen –«

Allmächtiger!

»Es wäre doch schade, ihre Stimme zu verlieren –«

»Gewiß! Ich werde ihr den Antrag machen, für ihre jetzige, vielleicht für eine noch geringere Gage zu bleiben. Für kleine Partien und im Chor ist sie eine Perle.«

Die Sprechenden entfernten sich – es ward still. Was nun? Das war der Ruin! Von der Gage, die sie jetzt erhielt, konnten sie kaum leben – wie sollte sie die Summen zahlen, die sie schuldete, deretwegen ihr heute Nachmittag so harte Worte gesagt worden waren? Verzweiflung – Angst verwirrten ihr peinvolles Denken. Die Garderobiere, die aus dem Ankleidezimmer nach der Bühne hinabging, rief Ella in die Gegenwart zurück.

»Jetzt aber ist schon Zeit, Fräulein, daß Sie sich fertig machen, das Lustspiel ist sehr kurz!« lautete eine gutgemeinte Mahnung.

Und in dieser verzweifelten Stimmung sollte sie spielen!

Aber es mußte sein. Vor der herabgelassenen Portiére des Ankleidezimmers blieb sie noch einmal stehen, um sich zur Ruhe zu zwingen, damit ihre Colleginnen ihren Seelenzustand nicht erriethen. Ihr Blick überflog die Garderobe.

Auf ihrem, Ellas Platz, stand, vollständig angekleidet, ihre Rivalin. Wie schön sie war – wie elegant! Der Preis nur einer der Ringe, die an der weißen Hand der Dame funkelten, hätte Ella von all ihren Sorgen befreit. Das Blitzen der kostbaren Diamanten hob sich doppelt effectvoll ab von dem ärmlichen Gegenstand, den die Finger, die sie zierten, wie in ängstlicher Scheu sich zu beflecken, mit ihren äußersten Spitzen festhielten – die ärmlichen, dunklen Röckchen, die Ella abgestreift, und die allerdings den ausgesprochensten Contrast bildeten zu der schneeig schimmernden Spitzenpracht, in die die hübsche Naive gehüllt war. Das laute Lachen der anderen Damen verrieth Ella, daß an ihrer bescheidenen Garderobe Kritik geübt worden war.

»Sehen Sie hier den Beweis für meine Behauptung, meine Damen, daß die Peterskirche unter die Schriftsteller geht – da haben sie den Titel des Werkes, mit dem sie in die Oeffentlichkeit treten will – er heißt: »Seife ein Vorurtheil«.

Helllautes Lachen!

Ella biß sich die Lippen blutig. Sie, deren arme Mutter heimlich und versteckt die Wäsche selbst reinigte, weil sie sogar zu arm waren, selbst solche Arbeit durch bezahlte Hände besorgen zu lassen – sie mußte freilich sparen und nur solche dunkle Wollenfähnchen tragen, wie das, dem der eben vernommene Spott galt.

Aber dieses Letzte rüttelte sie auf wie ein erhaltener Peitschenhieb – mit festem Schritt und stolz erhobenem Haupt trat sie durch die Portiére und ging auf ihren Platz, von dem ihr Erscheinen die schimmernde Spötterin fortjagte, als habe ein Windstoß sie davongeweht.

In fieberhafter Eile beendete Ella ihre Toilette, wobei sie niemand mehr störte, da alle Colleginnen bereits die Bühne aufgesucht hatten. Auch sie that das, sobald ihr Anzug geordnet, und suchte hinter den Coulissen ein verstecktes Plätzchen, um die furchtbare Erregung, in der sie sich befand, so viel sie konnte niederzuzwingen.

Das sollte ihr nicht gelingen.

Das Lustspiel schloß eben unter stürmischen Applaus, mit dem man die hübsche Naive herausjubelte. Dann hörte Ella die Stimme der Gefeierten, die lachend auf die Complimente antwortete, mit denen sie von dem Director und den Collegen beglückwünscht ward. Nahe dem Decorationsstück, hinter dem Ella sich niedergelassen hatte, machten die Sprechenden Halt. Und jetzt vernahm sie eine Stimme, bei deren Klang ihr Herz seine ungestümen Schläge aussetzte. Es war George, der sprach – aber so, wie sie es noch nie vernommen. Das, was sie in seinen Augen gelesen, wenn ihn die Musik der Gegenwart entrückte das zitterte jetzt, zu Ton geworden, in seiner Stimme – deren Klang einer Anderen zuflüsterte, was ihre Sehnsucht sich erträumt.

Die Gruppe trennte sich, nur George und die Schauspielerin blieben und flüsterten, Ellas Nähe nicht ahnend, in intimer Vertraulichkeit weiter.

»Ich werde mich geschwind auskleiden, George,« zwitscherte die Dame, »ich muß mir das mitansehen, was die Peterskirche aus ihrer Rolle machen wird. Gehen Sie immer voraus in meine Loge – Sie werden sich den Genuß doch auch nicht entgehen lassen –«

George lachte. »Ich fürchte auch, es wird bös werden,« meinte er dann, »aber was erträgt man nicht in Ihrer Gegenwart! Ja, wenn in Ella etwas von Ihnen steckte – ja dann! Mit einer Seele in der Brust müßte sie hinreißend sein; dem sprühenden Leben gegenüber aber, mit dem Sie bezaubern, verliert selbst solches Prachtmaterial, wie es die Arme in ihren Stimme besitzt, sein ganzes Prestige – –«

Es war gut, daß die Sprechenden während der letzten Rede langsam weiter geschritten waren, sonst hätte der schrille Wehlaut, der über Ellas Lippen klang, ihre Anwesenheit verrathen.

»Fräulein Verena! An ihren Platz – die erste Scene ist kurz –«

Schweigend kam Ella der Weisung der Inspicienten nach.

»Ich hoffe, daß Sie sich heute zusammennehmen und nicht umwerfen! Ich habe Ihnen die große Partie zugewiesen, damit Sie endlich einmal aus sich herausgehen. Wenn Sie das nicht im Stande sind, dann – ich sage es Ihnen ganz offen, mein Kind – dann hat meine Geduld ein Ende. Wenn man nicht leisten kann, zu was man sich verpflichtet, muß man solchen Ansprüchen, wie Sie erheben, entsagen –«

Der Herr Director verlor keine Zeit, um seinen Vorsatz, von dem er vorhin in der Garderobe den Regisseur verständigt, zur Ausführung zu bringen!

Aber an Ella's Ohr rauschte, sein Redestrom fast wirkungslos vorüber. Kaum daß sie vernahm, was die brutale Stimme zu ihr sprach. In ihr rang ein Ungeheures nach Ausdruck, ihr war, als müsse sie mit ihrer Verzweiflung die mitleidlosen Stimmen, die nur Spott, nur Hohn für sie hatten, überschreien und zur Ruhe zwingen. Wie die Instrumente ausdrückten, was in ihr vorging! Aus den Saiten der Geigen klagte es wie aus todwunder Menschenbrust, und wie das Grollen ungezügelten Schmerzes begleiteten die dunkleren Stimmen der anderen Instrumente die erschütternde Weise, in die der Componist, zu einer Melodie verwandelt, unsägliches Weh gebannt hatte.

Und jetzt war der Augenblick da, in dem Ella's Stimme den Geigen diese Melodie nachsingen mußte. Ein leises Rauschen ging durch das Haus, dem athemlose Stille folgte. War das die Verena, die da ruhig und stolz bis an die Rampe geschritten war? Diese edle Gestalt mit den rythmischen Bewegungen, ebenso harmonisch wie die Töne, die sie umwogten – war das die Verena? Und ihr Gesicht! Bild und Klang war auch da eines – solch unsägliches Weh hatte noch keine Künstlerin in ihre Züge zu malen gewußt – durch solch schmerzerfüllten Ausdruck noch kein Auge einen Schauer durch die vielköpfige Menge rieseln lassen!

Und nun sang sie – sang, daß der zusammengeschnürte Athem der Zuhörer wie ein Seufzer durch den Raum wehte, durch den Raum, der, so weit er sich auch dehnte, doch ganz und gar ausgefüllt ward von dem unaussprechlich süßen Klang, in dem, zu Wohllaut verwandelt, verklärtes Leid schluchzte und weinte. War das die Verena?

Nein – nicht sie! Ihre Seele war es, die sich aus dem Bann befreit, mit dem Aeußerliches sie gefesselt hatte, ihre Seele, die von der körperlichen Welt, die für sie nicht mehr existirte, nichts wußte – für die, bis in's Tiefste erschüttert, Zeit und Ort seine Bedeutung verloren hatte und die ihr Empfinden ausströmt, wie eine tödtliche Wunde das Blut ausströmen läßt.

Die Melodie verklang – Ella schwieg. Kein Laut war in dem großen Haus zu hören – wie in einem Zauberbann gefangen, saßen die Anwesenden regungslos da. Aber als die Sängerin sich müde und gebrochen zum Gehen wandte, da erweckte diese Bewegung, die Allen als ein Meisterstück plastischer Kunst erschien, den Beifallssturm, den nur die tiefste Erschütterung einen Moment verzögert hatte. Um so zügelloser tobte und raste er aber jetzt! Das war kein Applaus – das war ein einziger Aufschrei Aller, der an Ella's Ohr tönte und sie in die Gegenwart zurückführte – ein jubelnder Schrei, der ihren Namen nannte, der sie rief – sie, der alle diese begeisterten Gesichter zuwinkten, die zu ihren Füßen einen Regen von Blumen  niederfallen sah, welche die Damen sich von der Brust rissen – – –

Sie blickte um sich, wie aus einem Traum erwachend. Was war denn geschehen? Was bedeutete das? Ihr Blick flog in's Orchester. Auch von dort jubelte man ihr entgegen. Die Instrumente lagen am Boden, und die ganze Capelle, ihr Leiter an der Spitze applaudirte und wehte ihr mit Tüchern zu das ganze Künstlervölkchen war aus Rand und Band gerathen!

Und da kam die Erkenntniß über sie! Sie fand sich wieder. Sie wußte. Die Betäubung, die auf ihr gelegen, war verflogen – und mit ihr die Angst, die Scheu, die sie sonst vor dem vielköpfigen Schreckniß Publikum erfunden hatte. Ah! sie hatte gezeigt, was sie konnte? Ob er jetzt auch noch sagen würde, daß sie keine Seele habe?

Mit einem heiß aufquellenden Triumphgefühl blickte sie in die Loge, in die Jene ihn gesendet – und wieder durchwogte es sie wie ein Schwindel. Er stand vorn an der Brüstung – weit über den Logenrand gebeugt, als ziehe es ihn nach der Bühne, auf der Ella stand, umtobt von dem Beifallssturm, der nicht enden wollte. Er stimmte nicht in denselben ein. Er blickte sie nur an. Die gefalteten Hände streckte er in weltentrissener Verzückung ihr entgegen wie einer Gottheit zu der er bete – und seine Augen redeten eine Sprache, auf die sie mit einem trunkenen Jubelruf hätte antworten mögen. Hinter ihm stand Irene Bernau, und legte eben ihre Hand auf seinen Arm, ihm mit zuckenden Lippen etwas zuflüsternd. Aber er schüttelte ihre Berührung ab als störe ihn ein lästiges Insect, und einen Moment vorzog sich sein Gesicht zu einer Geberde des Widerwillens, die aber bald wieder jenem Ausdruck der begeisterten Bewunderung wich, mit der er zu Ella aufblickte.

Die Bernau verließ die Loge.

Ein seliger, glücklicher Stolz schwellte Ella's Brust. Und als der Kapellmeister an sein Pult klopfte, um die Melodie wiederholen zu lassen, durch die Ella das Publikum hingerissen – da sang sie dieselbe mit der Meisterschaft, die der Schmerz sie gelehrt, aber mit der selbstbewußten inneren Ruhe, die durch ihren Erfolg ihr Eigenthum geworden war. Was sich bei ihr endlich zum Ausbruch durchgerungen hatte, das beugte sich fortan nicht mehr unter die Herrschaft dessen, was so lange dem Genius der Künstlerin die Flügel gefesselt!

Nun aber – der hemmenden Bande ledig – nun trug er sie empor!

Der Abend, ein fortgesetzter Triumph für Ella, war der Anfangspunkt einer ruhmgekrönten Künstlerlaufbahn, während welcher Ella Verena nur kurze Zeit – die von ihrem Gatten angebetete Madame Sartori aber durch eine glückreiche Menschenjugend hindurch die Herzen und die Bewunderung Aller, die sie hörten, gewann!